Personalisierte Politik: Wie Algorithmen und KI den Wahlkampf verändern
Der vierte Forschungsmonitor in diesem Jahr beleuchtet das Thema Microtargeting während politischer Wahlkämpfe
- Digitale Plattformen dominieren Wahlkämpfe: Algorithmen und generative KI ermöglichen eine nie dagewesene Geschwindigkeit und Skalierung politischer Botschaften.
- Microtargeting überzeugt nur bedingt: Der wirkliche Einfluss personalisierter Inhalte auf das Wahlverhalten bleibt begrenzt und umstritten.
- Transparenz reicht nicht aus: Regulierungen wie DSA und Warnhinweise mindern Risiken nur teilweise; KI-basierte Strategien verschärfen die Herausforderungen.
Digitale Plattformen sind das Herzstück politischer Kommunikation. Denn was früher über Plakate und Rundfunkspots lief, findet heute insbesondere zu Wahlkampfzeiten überwiegend im Netz statt. Die aktuelle Ausgabe des Forschungsmonitors der Landesanstalt für Medien NRW zeigt, wie Parteien Algorithmen und zunehmend generative Künstliche Intelligenz (KI) einsetzen, um Botschaften gezielt auszuspielen. Ein zentrales Instrument ist dabei das Microtargeting, also die präzise Ansprache kleinerer Zielgruppen mit passgenau zugeschnittenen Botschaften. Die sechs im fyi vorgestellten Studien belegen, dass personalisierte Inhalte oft überzeugender wirken als generische Botschaften. Allerdings bleiben die Effekte begrenzt und ein direkter Einfluss auf das tatsächliche Wahlverhalten ist weiterhin umstritten.
Digitale Plattformen rücken ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen
Mit der Verlagerung politischer Debatten und Wahlwerbung ins Internet entstehen neue Fragen zu Transparenz, Fairness und dem Einfluss von Algorithmen. Das sogenannte Digital Campaigning hat sich zum Zentrum moderner Wahlkämpfe entwickelt. Datengetriebene Strategien versprechen mehr Aufmerksamkeit, genauere Zielgruppenansprache und eine scheinbar effizientere Mobilisierung.
Was für Wahlkämpfer völlig neue Möglichkeiten der politischen Ansprache bringt, birgt jedoch auch zahlreiche Risiken für einen fairen politischen Wettbewerb: Wo politische Werbung immer stärker automatisiert und personalisiert wird, wächst die Gefahr intransparenter Einflussnahme auf demokratische Prozesse. Deutlich formuliert es Dr. Jörg Haßler vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München im fyi-Interview: „Plattformen sind meines Erachtens nicht die neutralen Vermittler von Informationen, die sie lange Zeit vorgegeben haben zu sein.“ Er fordert mehr Transparenz und Verantwortung, nicht nur gegenüber Behörden, sondern auch gegenüber der Wissenschaft.
Algorithmen und generative KI verändern die Spielregeln grundlegend
Im fyi beleuchten die Forschenden, wie Parteien politische Botschaften nicht nur massenhaft an Millionen von Menschen, sondern auch hochgradig personalisiert ausspielen können. So entscheidet beim Algorithmic Targeting ein Algorithmus automatisiert, welche Nutzerinnen und Nutzer welche Inhalte sehen. Eine besonders präzise Form ist das Microtargeting, bei dem Botschaften auf kleine, klar definierte Zielgruppen zugeschnitten werden, etwa nach Interessen, Alter oder politischer Einstellung. Die Forschung zeigt zugleich: Personalisierte Inhalte können einen Effekt auf die Wahlentscheidung haben, wirken aber oft weniger stark und weniger zuverlässig, als es politische Akteure erwarten.
Herausforderungen liegen in der Regulierung
Der neue Forschungsmonitor macht deutlich, dass bisher weder strengere EU-Vorgaben wie der Digital Services Act und die TTPA (EU-Verordnung für Transparenz und Targeting politischer Werbung) noch Warnhinweise zu Microtargeting die strukturellen Herausforderungen vollständig abfedern konnten. Zugleich verschärft generative KI die Dynamik datengetriebener Wahlkampagnen weiter, indem sie personalisierte Botschaften in bislang unerreichter Geschwindigkeit und Skalierbarkeit ermöglicht.
Welche Regulierungsansätze derzeit diskutiert werden, welche Risiken die neuen KI-basierten Strategien mit sich bringen und welche Möglichkeiten es gibt, um digitale Kampagnen verlässlich in demokratischen Bahnen zu halten, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe unseres Forschungsmonitors.
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