Suche
99 Treffer für „unterrichtens“
Forschung
mit dem Social Web: Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen : Das Internet gehört für Jugendliche und junge Erwachsene zum Alltag. Mit Hilfe von Netz- werkplattformen oder via Instant Messaging pflegen sie Selbstpräsentationen und Bezie- hungen in erweiterten sozialen Netzwerken, auf Videoportalen finden sie Unterhaltung und Ablenkung, und in der Wikipedia informieren sie sich über relevante Themen. Die onlinebasierten Kommunikationsräume werden zur Bewältigung von Entwicklungsaufga- ben im Lebensverlauf genutzt, erfordern aber auch eigene Kompetenzen im Umgang mit den neuen Öffentlichkeiten oder riskanten Inhalten und Verhaltensweisen. Die Studie erläutert auf breiter empirischer Basis, wie 12- bis 24-Jährige in Deutschland über die neuen Kommunikationsmöglichkeiten denken, wie sie im Alltag mit ihnen umge- hen und welche Unterschiede sich dabei je nach Alter, Geschlecht und sozialem Kontext zeigen. Damit wird eine Grundlage geschaffen für eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem wichtigen und heute bereits alltäglichen Bestandteil der Medienlandschaft. ❯ Dr. Jan-Hinrik Schmidt Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg ❯ Prof. Dr. Ingrid Paus-Hasebrink Universität Salzburg, Fachbereich Kommunikationswissenschaft ❯ Prof. Dr. Uwe Hasebrink Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,- (D) Heranwachsen mit dem Social Web 62 Sc hm id t/ Pa us -H as eb ri nk /H as eb ri nk ( Hr sg .) He ra nw ac hs en m it d em S oc ia l W eb ❯❯❯ Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 62 Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink (Hrsg.) Ab b. © p ic tu re -a lli an ce /c hr om or an ge , © fo to lia .c om , © c or bi s RZ_LfM-Bd_62:. 03.09.09 13:47 Seite 1 Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink (Hrsg.) Heranwachsen mit dem Social Web Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 62 Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink (Hrsg.) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de 2. unveränderte Auflage, April 2011 Copyright © 2009 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-509-2 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Die Nutzung von SchülerVZ, YouTube, ICQ oder anderen Anwen dungen des sogenannten Web 2.0 gehört heute ganz selbst verständ lich zum Alltag von Jugend lichen. Diese Angebote eröffnen einer seits besondere Chancen: Internet- nutzerinnen und -nutzer bieten nicht nur selbst Inhalte an, sondern können das Netz auch für die ver schiedensten Formen von Beziehungs pflege, Selbst dar- stel lung und Partizipa tion nutzen. Anderer seits ist das Social Web nicht frei von Risiken wie etwa problemati schen Online-Bekannt schaften, dem Miss brauch privater Daten, „Cybermobbing“ oder der Ver brei tung von Hass gruppen. Die vor liegende LfM-Studie gibt Aufschluss darüber, was Jugend liche und junge Erwachsene über die neuen Kommunikations möglich keiten denken, wie sie diese alltäg lich nutzen und wie sich der Umgang je nach Alter, Geschlecht und sozialem Kontext unter scheidet. Neben unproblemati schen und kreativen Nutzungs weisen ver deut lichen die repräsentativen Befra gung ungen und auch die qualitativen Gruppen diskussio- nen, dass viele Jugend liche bereits Bekannt schaft mit Mobbing im Netz ge- macht haben. Zudem bestehen weitere Probleme darin, dass sie für die Ver- öffent lichung von Daten zu wenig sensibilisiert sind und die Langlebig keit von Daten, die einmal online ein gestellt wurden, unter schätzen. Die Befunde der Studie bekräftigen, dass die Anbieter insbesondere von sozialen Netz werken ihre Ver antwor tung deut lich wahrnehmen müssen. Der Nutzer braucht eine größtmög liche Transparenz über die Geschäfts bedin gun- gen und bessere Vorkeh rungen zum Daten schutz. Aber auch den Eltern, der Schule und weiteren pädagogi schen Akteuren stellt sich die Aufgabe, die Heran wachsenden einer seits für die Risiken zu sensibilisieren, sie anderer seits aber auch dahingehend zu unter stützen, die Potenziale des Social Web für die eigenen Bedürfnisse besser nutzen zu können. Die Studie soll eine Grundlage für eine sach liche Auseinander setzung mit diesem alltäg lichen Bestand teil der jugend lichen Medien kultur sowie An re- gun gen für mögliche zu er greifende Maßnahmen bieten. Prof. Dr. Norbert Schneider Frauke Gerlach Direktor der LfM Vorsitzende der Medienkommission der LfM 7 Inhalt 1 Zur Erforschung der Rolle des Social Web im Alltag von Heranwachsenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.1 Hinfüh rung zum Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.2 Heranwachsen im Kontext sozialer Wandlungs prozesse . . . . 14 1.2.1 Zum Zusammen hang medialer und sozialer Wandlungs prozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 1.2.2 Kindheit und Jugend im Kontext sozialer Wandlungs - prozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 1.2.3 Persönlichkeits entwick lung im Kontext der modernen Sozialisations forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 1.2.4 Social Web-Foren als Spiel-Räume im Prozess des Heranwachsens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 1.3 Der Umgang mit dem Social Web . . . . . . . . . . . . . . . 27 1.4 Zum Stand der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 1.5 Leitfragen und Aufbau der Studie . . . . . . . . . . . . . . . 37 2 Vorgehen bei den empiri schen Untersuchungs schritten . . . . . 41 2.1 Angebots analysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 2.2 Qualitative Untersuchungsschritte . . . . . . . . . . . . . . . 43 2.2.1 Zur Erforschung von Alltags kontexten . . . . . . . . . 43 2.2.2 Zum Vorgehen bei den Gruppen diskussionen und Einzelinterviews der qualitativen Studien und zur Logik der Probandenauswahl . . . . . . . . . . . . 43 2.2.3 Zur Auswer tung der Gruppen diskussionen und Einzelinterviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 2.3 Repräsentativbefra gung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 2.4 Ver knüp fungen zwischen den ver schiedenen Untersuchungs - schritten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 8 3 Das Social Web als Ensemble von Kommunikations diensten . . 57 3.1 „Web 2.0“ und „Social Web“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.2 Gängige Social Web-Angebote . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 3.2.1 Platt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 3.2.2 Personal Publis hing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 3.2.3 Wikis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 3.2.4 Instant Messaging . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 3.2.5 Werkzeuge für Informations management . . . . . . . . 67 3.3 Angebots übergreifende Funktionalitäten . . . . . . . . . . . . 68 3.3.1 Profilseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 3.3.2 Artikula tion sozialer Beziehungen . . . . . . . . . . . 73 3.3.3 Publizieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 3.3.4 Gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . 78 3.3.5 Mechanismen zum Erschließen von Informa tionen . . 80 3.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 4 Die Social Web-Nutzung Jugend licher und junger Erwachsener: Nutzungs muster, Vorlieben und Einstel lungen . . . . . . . . . . 83 4.1 Der Rahmen: Nutzung des Internets . . . . . . . . . . . . . . 84 4.1.1 Häufig keit, Dauer und Ort der Internet-Nutzung . . . . 84 4.1.2 Aktivitäten beim Umgang mit dem Internet . . . . . . 85 4.1.3 Lieblings angebote im Internet . . . . . . . . . . . . . . 88 4.1.4 Muster und Typen der Internet-Nutzung . . . . . . . . 90 4.1.5 Einstel lungen gegen über und Erfah rungen mit dem Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 4.2 Nutzung konkreter Social Web-Angebote . . . . . . . . . . . 104 4.3 Nutzung von Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . 106 4.3.1 Häufig keit der Nutzung von Netz werk platt formen in ver schiedenen Teilgruppen . . . . . . . . . . . . . . . 106 4.3.2 Umgang mit eigenen Profilen . . . . . . . . . . . . . . 108 4.3.3 Typen des Umgangs mit SNS . . . . . . . . . . . . . . 116 4.4 Fazit zur Nutzung von Social Web-Angeboten . . . . . . . . 119 9 5 Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen: Soziale Kontexte und Handlungs typen . . . . . . 121 5.1 Zur Rolle soziodemographi scher Merkmale für die Social Web-Nutzung: Ergebnisse der Repräsentativbefra gung . 122 5.1.1 Formale Bildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 5.1.2 Schul besuch und Berufstätig keit . . . . . . . . . . . . 129 5.1.3 Sonstige Faktoren des sozialen Umfelds . . . . . . . . 131 5.2 Zur Bedeu tung sozial-ökologi scher Aspekte im Umgang mit dem Social Web: Ergebnisse der Gruppen diskussionen . . 134 5.2.1 Vorlieben und Umgangsweisen mit dem Social Web . . 136 5.2.2 Einschät zung und Umgang mit Risiken im Social Web . 141 5.2.3 Zur Relevanz der Medienerziehung – Einfluss von Elternhaus, Wohnort und Schule auf den Umgang der Jugendlichen mit Social Web-Angeboten . . . . . . 149 5.3 Zum Identitäts-, Beziehungs- und Informations manage ment mit dem Social Web: die individuellen Perspektiven . . . . . 152 5.3.1 Dimensionen im Umgang mit dem Social Web . . . . 154 5.3.2 Social Web-Handlungs typen . . . . . . . . . . . . . . 158 5.3.3 Fazit: Breites Spektrum an Umgangs weisen mit dem Social Web – die Potenziale werden jedoch selten voll aus geschöpft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 6 Ausgewählte Angebote des Social Web . . . . . . . . . . . . . . 207 6.1 Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 6.1.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 6.1.2 Identitäts- und Beziehungs management . . . . . . . . . 210 6.1.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 6.1.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung . . . 219 6.1.5 Zusammen fassende Diskussion . . . . . . . . . . . . . 219 6.2 Instant Messaging . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 6.2.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 6.2.2 Identitäts- und Beziehungs management . . . . . . . . . 225 6.2.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 6.2.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung . . . 227 6.2.5 Zusammen fassende Diskussion . . . . . . . . . . . . . 228 10 6.3 Videoplatt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 6.3.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 6.3.2 Identitäts- und Beziehungs management . . . . . . . . . 230 6.3.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 6.3.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung . . . 235 6.3.5 Zusammen fassende Diskussion . . . . . . . . . . . . . 236 6.4 Wikipedia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 6.4.1 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 6.4.2 Identitäts- und Beziehungsmanagement . . . . . . . . . 238 6.4.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 6.4.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung . . . 241 6.4.5 Zusammen fassende Diskussion . . . . . . . . . . . . . 241 7 Das Social Web im Kontext über greifender Medien repertoires . 243 7.1 Das Social Web im Kontext medien übergreifender Repertoires öffent licher Kommunika tion . . . . . . . . . . . . 244 7.2 Das Social Web im Kontext anderer Hilfs mittel zur interpersonalen Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . 254 7.3 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 8 Entwicklungs aufgaben im Social Web . . . . . . . . . . . . . . 265 8.1 Selbst auseinander setzung im Social Web . . . . . . . . . . . 265 8.2 Sozial auseinander setzung im Social Web . . . . . . . . . . . 269 8.3 Sachauseinander setzung im Social Web . . . . . . . . . . . . 272 9 Jugend liche und Social Web – Fazit und Handlungs bereiche . 275 9.1 Angebots bezogene Risiken und riskante Ver haltens weisen . . 276 9.2 Partizipa tion und Mitbestim mung im Social Web . . . . . . . 282 9.3 Medien kompetenzförde rung im Social Web . . . . . . . . . . 284 9.4 Transparenz und Ver braucher schutz . . . . . . . . . . . . . . 288 11 9.5 Social Web aus recht licher Perspektive . . . . . . . . . . . . 289 9.5.1 Dienstetypus und recht liche Anknüpfungs punkte . . . 290 9.5.2 Informationelle Selbst bestim mung und Daten schutz . . 291 9.5.3 Allgemeines Persönlichkeits recht . . . . . . . . . . . . 292 9.5.4 Jugendschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 9.5.5 Urheber recht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294 9.5.6 Fazit und Ausblick aus recht licher Perspektive . . . . . 295 9.6 Überle gungen zur Forschung im Social Web . . . . . . . . . 295 10 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 11 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . 313 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317 Anhang A1: Screening-Fragebogen für die qualitative Teilstudie . 317 Anhang A2: Leitfäden für die Gruppendiskussionen und Einzelinterviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320 Anhang A3: Codesystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 Anhang A4: Fragebogen der Repräsentativbefragung . . . . . . . . 337 13 1 Zur Erforschung der Rolle des Social Web im Alltag von Heranwachsenden1 Ingrid Paus-Hasebrink, Jan-Hinrik Schmidt und Uwe Hasebrink 1.1 Hinfüh rung zum Thema Gegen stand dieser Studie ist der Umgang Jugend licher und junger Erwachsener mit dem so genannten Social Web, oft auch Web 2.0 genannt. Diese Begriffe ver weisen auf Internet-Anwen dungen und korrespondierende Praktiken, deren wichtigstes gemeinsames Merkmal die Tatsache ist, dass die Nutzerinnen und Nutzer selbst zu Inhalte anbietern werden können („User-generated Content“) und somit die Unterschei dung zwischen Anbietern und Nutzern von Medien- angeboten ver schwimmt. Zugleich fallen darunter Anwen dungen, die den Austausch zwischen Nutzern in Öffentlich keiten fördern, deren Reichweite zwischen der interpersonalen Kommunika tion einer seits und der massen- medialen Kommunika tion anderer seits liegt. Das Social Web hat in Form von Netz werk platt formen und Weblogs, Video- platt formen und der Wikipedia in den letzten Jahren an Popularität gewonnen und den „Mainstream“ der Internetnut zung er reicht. Den Ausgangs punkt der vor liegenden Studie bildet die Frage, welcher Platz dem Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu gewiesen wird, wie sich diese neuen Angebote mit klassi schen Medien ver binden und welche Ver ände rungen der medien vermittelten Kommunika tion sich daraus ergeben. In dieser Einlei tung werden die Grundlagen für eine solche Untersuchung gelegt. Abschnitt 1.2 setzt sich mit den Bedin gungen des Heranwachsens im Kontext sozialer Wandlungs prozesse auseinander. Abschnitt 1.3 diskutiert ein Modell der Nutzungs praktiken beim Umgang mit dem Social Web, und Ab- 1 Für die Mitarbeit an dem Projekt bedanken sich die hier und in den ver schiedenen Kapiteln genannten Autoren auch bei Stefanie Berger, Hanna Domeyer, Mareike Düssel, Sascha Hölig, Clemens Hornik, Philipp Könighoff, Thorsten Ihler, Helmut Paus, Claudia Till und Stephanie Trümper. 14 schnitt 1.4 stellt den Stand der Forschung zum Thema „Jugend liche und Web 2.0“ vor. Auf der Grundlage dieser vor bereitenden Schritte werden schließ- lich in Abschnitt 1.4 die Fragestel lungen der Untersuchung konkretisiert und die Struktur des vor liegenden Berichts er läutert. 1.2 Heranwachsen im Kontext sozialer Wandlungs prozesse 1.2.1 Zum Zusammen hang medialer und sozialer Wandlungs prozesse Die Sozialisa tion von Jugend lichen findet unter anderen sozialen und tech- nisch-medialen Bedin gungen statt als die früherer Genera tionen. Der soziale Wandel, also die Ver ände rung von gesell schaft lichen Strukturen, Regeln und Regelmäßig keiten und damit einher gehenden Werten und Einstel lungen, ist auf ver schiedenen gesell schaft lichen Ebenen zu beobachten: auf der „Makro- ebene der Sozialstruktur und Kultur, auf der Mesoebene der Institu tionen, korporativen Akteure und Gemein schaften, auf der Mikroebene der Personen und ihrer Lebens läufe“ (Weymann 1998, S. 14 f.). Zu seiner Beschrei bung existieren zahl reiche unter schied liche Etikettie rungen, wie z. B. Multioptions- gesell schaft, Wissens gesell schaft, Informations gesell schaft, Risikogesell schaft oder Netz werk gesell schaft (eine kompakte ver gleichende Darstel lung aktueller soziologi scher Gegenwarts diagnosen findet sich bei Schimank / Volkmann 2007). Mit den gesell schaft lichen Ver ände rungen gehen mediale Wandlungs pro- zesse einher, die im Zusammen hang dieser Studie von besonderem Interesse sind. Sie werden dominiert vom Phänomen der Digitalisie rung und der Kon- vergenz der Medien, dem Zusammen wachsen von PC, Internet, Fernsehen und Mobil kommunika tion in einer „Medien kulturgesell schaft“ (vgl. Steinmaurer 2003, S. 107), die sich in den ver gangenen Jahrzehnten infolge eines steigenden Angebots unter schied licher Medien, Inhalte und Technologien ent wickelt hat. Es er scheint derzeit nahezu aus geschlossen, „außerhalb der Medien zu leben“ (ebd.), denn Medien infiltrieren nahezu sämt liche Alltags kontexte in hohem Maße und prägen die Lebens führung von Menschen. Die „Mediatisie rung“, wie Krotz diesen Metaprozess des sozialen Wandels bezeichnet (vgl. Krotz 2001, 2007), ist dabei Teil wie Treiber der breiteren gesell schaft lichen Ver- ände rungen, es existiert also keine kausale Hierarchie von medialem und ge- sell schaft lichem Wandel, sondern beide Entwick lungen bedingen sich wechsel- seitig (vgl. Schmidt 2003; Münch/Schmidt 2005). Die Konsequenzen dieser Ver ände rungen lassen sich aus unter schied lichen Perspektiven beleuchten. Münch (1995) identifiziert in seiner Analyse der „Dynamik der Kommunikations gesell schaft“ beispiels weise die sich wechsel- 15 seitig ver stärkenden Prozesse der Vermeh rung, Beschleuni gung, Ver dich tung und Globalisie rung von Kommunika tion, die bestimmte Paradoxien moderner Gesell schaften ver stärken; so nimmt durch diese Prozesse einer seits das ver- füg bare Wissen stetig zu, während anderer seits gleichzeitig auch das Wissen um das Nicht-Wissen wächst. Auch der Begriff „Informations gesell schaft“ hebt die gestiegene Bedeu tung von Medien für die Gesell schaft hervor; er bezieht sich jedoch im engeren Sinn auf die Ver ände rungen im Umgang mit Daten und Wissen und stellt „Wachstumsprozesse des Wissens, Einfüh rung der Neuen Medien, Aufbau einer starken Informations wirtschaft, Übergewicht der Informations berufe, Entfal tung globaler Netz werke für grenz über schrei- tende Informa tion und Kommunika tion“ (Spinner 1998, S. 313) als Schlüssel- merkmale dieser Gesellschafts form heraus. Ver ände rungen der mediatisierten Kommunika tion beeinflussen daneben auch die Formen sozialer Organisa tion, die in einer Gesell schaft vorherr schen. Unterschied liche Diagnosen wie „Netz werk gesell schaft“ (Castells 2001), „Netz- werk-Sozialität“ (Wittel 2006) oder „networked individualism“ (Wellman 2001) ver weisen im Kern alle darauf, dass das Netz werk zu einer dominierenden Sozialgestalt geworden ist. Sie ent zieht sich der klassi schen soziologi schen Gegen überstel lung von „Gemein schaft“ und „Gesell schaft“, die Tönnies (1991) zur Analyse des Übergangs von der Vormoderne zur Moderne ent wickelt hat, weil sie weder relativ geschlossene, auf Ver wandt schaft oder räum liche Nähe basierende Gruppen, noch rein auf strategi schem Kalkül oder ver trag licher Bindung beruhende Beziehungen umfasst. Als Metapher ver weist „Netz werk“ vielmehr darauf, dass Menschen Teil eines Beziehungs geflechts sind, in dem sie als „Knoten“ mit anderen Menschen ver bunden sind, wobei Inhalt und Stärke der sozialen Beziehung nicht von vornherein fest gelegt sind. Mit der Sozialgestalt „Netz werk“ korrespondiert der Prozess des „Ver- netzens“, also des Knüpfens oder Pflegens von sozialen Beziehungen;2 dies kann unter Bedin gungen von gesteigerter örtlicher und biographi scher Mobili- tät für den Einzelnen durch aus den Charakter einer Ver pflich tung gewinnen. Augen fällig wird dieser Umstand daran, dass „Networking“ inzwischen als eine beruf liche Schlüsselqualifika tion gilt, was sich nicht zuletzt an einschlägi- ger Ratgeberliteratur mit Titeln wie „Kontakte knüpfen und beruf lich nutzen: Erfolg reiches Netz werken“ (Fey 2007) oder „Erfolgs strategie Networking“ (Scheddin 2009) nieder schlägt. Aber auch weit über die Berufs welt hinaus ist das Knüpfen und Pflegen eines sozialen Netz werks eine wichtige zu er brin- gende Leistung. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Simmel (1992 [1908]) erkannt, dass die Individualität eines Menschen in funktional diffe- 2 Eine alternative Perspektive hat Hepp (2006), der „Netz werk“ als das strukturelle Pendant zum Prozess- begriff des „Flusses“ (im Englischen: „flow“) betrachtet, und beide wiederum als Facetten des über- geordneten Konzepts „Konnektivität“. 16 renzierten Gesell schaften aus seiner jeweils einzigartigen Position im Schnitt- punkt sozialer Kreise ent steht. Das Konzept des Sozial kapitals, das die struk- turalisti sche Netz werktheorie (Granovetter 1973; Burt 1992), aber auch Bourdieu (1982; 1985) aus formuliert haben, beschreibt die Ressourcen wie z. B. sozio- emotionale Hilfestel lung oder Informations fluss, die dem Einzelnen auf grund seiner Position in sozialen Netz werken zur Ver fügung stehen. Dabei ist ins- besondere die Unterschei dung zwischen starken und schwachen Beziehungen von Bedeu tung; erstere („strong ties“) beziehen sich auf enge, oft freund schaft- lich oder ver wandt schaft lich geprägte Beziehungen, letztere („weak ties“) auf die an spezifi sche Rollenkontexte gebundenen, bisweilen flüchtigen Bekannt- schaften (vgl. Jansen 2003). Gerade das Internet erhöht die Optionen, zusätz lich zu den starken Bezie- hungen in Partner schaften, Familie und Freund schaft auch eher lockere, teil- weise auch un verbind liche Beziehungen einzu gehen, die sich zum Beispiel ent lang geteilter Interessen aus richten. In der Frühphase der gesellschafts- weiten Internetdiffusion wurde vor allem der Begriff der „virtual community“ bzw. der „virtuellen Gemein schaft“ benutzt, um die ent stehenden Gruppen zu charakterisieren (vgl. grundlegend Rheingold 1994). Auch wenn aus kommuni- kations soziologi scher Sicht sein Anknüpfen an die (selbst sehr unscharf ge- brauchte) Vorstel lung einer „Gemein schaft“ nicht weit führt, weil diese Aspekte wie Homogenität oder emotionale Bindung der Mitglieder in den Vordergrund stellt (vgl. zur Kritik Stegbauer 2001; Beck 2006, S. 165 f.), lässt sich doch fest halten, dass die onlinebasierte Kommunika tion nicht per se anonym und sozial desintegrierend wirkt, sondern vielmehr ein weiteres Werkzeug für Be- zie hungs pflege und Kommunika tion darstellt.3 Für das Internet im Speziellen gilt daher, was oben für die Medien im Allgemeinen fest gestellt wurde: Es ist Teil wie Treiber gesell schaft licher Ver änderungs prozesse – es unter stützt Menschen, mit ver änderten gesell schaft lichen Anforde rungen und Kontexten umzu gehen, treibt gleichzeitig aber auch die Ver ände rungen der sozialen Orga- nisa tion voran. Soziale Wandlungs prozesse und die darin ein gelagerten medialen Ver ände- rungen haben insgesamt, so lässt sich resümieren, zu einer Zunahme der Be- deu tung von Medien im Alltag von Menschen geführt. Medien durch dringen mittlerweile nahezu sämt liche Alltags kontexte in hohem Maße und prägen die Lebens führung von Menschen mit. 3 Ein genuin kommunikations soziologi sches Ver ständnis von „virtueller Gemein schaft“ stellt dagegen die geteilten Ver wendungs weisen in den Mittelpunkt, also die gemeinsamen Erwar tungen und Routinen an die Kommunikations prozesse, die Inklusion und Partizipa tion regulieren (vgl. Höflich 2003). 17 1.2.2 Kindheit und Jugend im Kontext sozialer Wandlungs prozesse Bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, also noch zu einer ver gleichs- weise frühen Phase in der Diffusion des Internets, fanden sich Diagnosen einer Spaltung zwischen Alters gruppen, die maß geblich auf ungleich ver teilte Nutzungs kompetenzen zurück geführt wurde. Schon 1998 hat die Deutsche Gesell schaft für Erziehungs wissen schaft von einer „Medien-Genera tion“ (vgl. Gogolin / Lenzen 1999) gesprochen und damit die Alters gruppe der Jüngeren bezeichnet, die mit den Neuen Medien und ihrem schnellen Wandel auf wach- sen. Entsprechend der These von Ogburn zum „cultural lag“ (vgl. Berghaus 1986) gehen sie selbst verständ licher mit Medien um als vor herige Genera- tionen: Sie nutzen Medien in vielfältiger Weise als tägliche Begleiter, bauen mit ihrer Hilfe Beziehungs netze auf, pflegen sie und bilden dabei ent sprechend den ihnen im Alltag wichtig er scheinenden Funktionen je spezifi sche Medien- menüs (vgl. Hasebrink /Krotz 1996) bzw. Medien repertoires (vgl. Hasebrink / Popp 2006) aus. Starke Aufmerksam keit, gerade in der öffent lichen Diskussion, er halten populärwissen schaft liche Charakterisie rungen wie „Net Genera tion“ bzw. „Net Kids“ (Tapscott 1998), „Genera tion @“ (Opaschowski 1999), „Gene- ra tion Digital“ (Mont gomery 2007) oder „Genera tion Internet“ (Palfrey/Gasser 2008), insbesondere auch die griffige Gegen überstel lung von „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“, die Prensky erstmals 2001 formulierte. Problematisch sind diese Konzepte dort, wo sie die teil weise gravierenden Unterschiede von Medien nutzungs weisen und Kompetenzen ver nachlässigen bzw. ver schleiern, die innerhalb bestimmter Alters gruppen bestehen.4 Obwohl jede Genera tion ihre eigenen Medien repertoires vor weisen kann und jeweils eine eigene Medien kultur aus bildet, so zeigt sich diese Kultur doch keines falls als homogen, sondern vielmehr nach Merkmalen wie Geschlecht, Milieu und Bildungs grad differenziert (vgl. Fromme 2002; Schulze 1992). Beispiel haft seien hier die Konvergenz-Studien des JFF-Instituts für Medien pädagogik er- wähnt, die für die Alters gruppe der 11- bis 17-Jährigen ver schiedene Muster der konvergenzbezogenen Medien aneig nung heraus gearbeitet haben.5 So können sie belegen, dass es innerhalb der Gruppe der ver meint lichen „Digital Natives“ ein breites Spektrum des Umgangs mit konvergenten Medien (insbesondere Fernsehen und Internet) gibt: Die „Integrierenden“ und die „Außen gelei teten“ eignen sich das konvergente Medien angebot vor allem an, um sich über die eigenen Interessen und Hobbys zu informieren oder mit ver gleichs weise wenig 4 Schulmeister (2008) kritisiert beispiels weise ausführ lich die Genera tionen konzepte, indem er sie mit empi- ri schen Studien konfrontiert. Herring (2008) weist weiter führend darauf hin, dass solche genera tionen- bezogenen Konstrukte die Medien praktiken von Jugend lichen exotisieren und die Rolle ver nachlässigen, die Erwachsene bei der Gestal tung der Angebote und Inhalte sowie der mit ihnen an gestrebten Ver mark- tung von jugend licher Medien nutzung spielen. 5 Vgl. Theunert / Wagner (2002); Wagner u. a. (2004); Wagner/ Theunert (2006). Die Darstel lung hier beruht insbesondere auf Wagner/ Theunert 2006, S. 83 ff. 18 Selektions aufwand Medien angebote zu konsumieren. Die „Expandierenden“ und die „Missionierenden“ gehen in ihrer Nutzungs praxis darüber hinaus, indem sie über mediale Angebote ihren Lebens raum er weitern und beispiels- weise in Fankulturen eintauchen; bei letzteren reicht die Beschäfti gung mit medien basierten Szenen auch in nicht-mediale Situa tionen hinein, beispiels- weise wenn einschlägige Fan-Treffen besucht werden. Die „Kreativen“ schließ- lich gebrauchen insbesondere die digitalen Medien auch aktiv-produzierend, indem sie beispiels weise Filme oder Musikstücke produzieren und mit anderen teilen. Auch die Probanden der vor liegenden Studie lassen deut liche Unterschiede in Bezug auf ihre Nutzungs praktiken und den Stellen wert er kennen, den sie der computer vermittelten Kommunika tion im Ver gleich zu anderen Kanälen der massen medialen und interpersonalen Kommunika tion beimessen. Medien- genera tionen sind also nicht dadurch gekennzeichnet, dass all ihre Angehörigen sich der jeweils verfüg baren Medien auf ähnliche Art und Weise bedienen. Das Ver bindende ist vielmehr, dass sie eine historisch spezifi sche Konstella- tion von Medien angebot und sozialem Kontext miteinander teilen, also „über gemeinsame und spezifi sche Normalitäts erfah rungen und Deutungs muster in Bezug auf die Medien“ (Fromme 2002, S. 157) ver fügen. Diese genera tionen- spezifi sche Konstella tion prägt die Sozialisa tion von Jugend lichen in je spezifi- scher Weise mit. So war Anfang der 1990er Jahre im Zusammen hang mit der Dualisie rung des Fernsehens und der damit ver bundenen nachweis bar gestie- genen Bedeu tung vor allem kommerzieller Medien im Alltag von jungen Men- schen von einem neuen Sozialisations typus (vgl. Neumann-Braun 1992) die Rede. Mit Blick auf das aktuelle Medien angebot und insbesondere die Selbst- verständlich keit des Internets lassen sich folgende Prozesse und Merkmale als Kennzeichen des gegen wärtigen Sozialisations typus kennzeichnen:6 – Prozesse der Enthierarchisie rung: Kindheit und Jugend lassen sich nicht mehr als ein so genannter Schutz- und Schonraum deklarieren, in dem Heranwachsende, mehr oder weniger von ihren Eltern geführt, allmäh lich mit gesell schaft lichen Werten und Normen ver traut gemacht werden. Eltern ver fügen nicht mehr über ein Wissens monopol, denn Medien liefern Welt- wissen in unter schied licher und kaum mehr über schau barer Weise. Gleich- zeitig er weitert der Zugang zu globalisierten Medien angeboten den Hand- lungs spiel raum von Heranwachsenden, eröffnet ihnen Einblicke in (fremde) Lebens bereiche und Kulturen. Infolge des hohen Mediatisierungs grades wer- den die Grenzen zwischen den bisher bestehenden Altersphasen zunehmend unschärfer und ver schwimmen. Damit kommt es auch zu Ver ände rungen 6 Siehe zu den Ver änderungs prozessen von Kindheit auch Neumann-Braun u. a. 2004 sowie Paus-Hasebrink / Bichler 2008. 19 zwischen den Genera tionen und infolgedessen zu Ver ände rungen zwischen Sozialisations agenturen. – Direkte Beteiligungs möglich keiten: Nicht länger fungieren Eltern als die zentrale Filterstelle, durch die alles, was Heranwachsende heute betrifft, was sie sehen, hören oder lesen, womit sie sich beschäftigen, weit gehend kontrolliert werden kann. Der im Kontext von Kommerzialisierungs- und Markt strategien geprägte Begriff des „Prosumers“ (vgl. Toffler 1980; Tap- scott 1995) weist darauf hin: Heranwachsende werden dazu an gehalten, ihre Ideen und Wünsche in die Produk tion von Konsumgütern und Medien- anwen dungen einzu bringen, „so genannte Trendscouts beobachten ihre Alters genossen und berichten der Wirtschaft über neueste mögliche Trends, die diese dann aufzu greifen ver suchen“ (Neumann-Braun u. a. 2004, S. 17). Das aktive Erstellen und Teilen medialer Inhalte, das als eines der Kern- merkmale des gegen wärtigen Internets gilt, ver stärkt diese Entwick lung noch; da die Nutzer dort jedoch nicht aus schließ lich in einer markt förmigen Konsument-Produzent-Beziehung stehen, er scheint der Begriff „Produsage“ (Bruns 2008; vgl. auch Kapitel 3.1) besser geeignet. – Medien zur Selbst- und Fremderfah rung: Medien angebote sind auf spezielle Bedürfnisse von Heranwachsenden ab gestimmt. Gerade das Social Web erfüllt dabei, wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird, zentrale Voraus- set zungen, die für Jugend liche im Rahmen ihrer Identitäts genese7 von hoher Relevanz sind. Seine Anwen dungen bieten ihnen die Chance – selbst- bestimmt und interaktiv – sich selbst kennen zulernen, auszu probieren und wichtige Erfah rungen zu machen – und dies sowohl in Form virtueller Als-ob-Erfah rungen als auch als unmittel bare Realitäts-Verlänge rung sozia- ler Beziehungen ins Netz. Es hält in besonderer Weise einen Erfahrungs- raum für selbst sozialisatori sche Lebens erfah rungen bereit, die Heran wach- sende miteinander teilen können (vgl. Neumann-Braun u. a. 2004, S. 17). – Entschu lung und Entpädagogisie rung: Unter dem Stichwort „Informelles Lernen“ (vgl. Barthelmes/ Düx/Sass 2005) bietet sich das Social Web als Lern-Alternative zum formalen schuli schen Lernen an. Es stellt selbst recherchier bare Informations quellen zur Ver fügung, die ohne das vor herige Bereit stellen, Eingreifen, Bewerten und Kommentieren durch Eltern oder Lehrer in pädagogi schen Situa tionen aus kommen. Social Web-Angebote bieten Heranwachsenden Erfah rungen, die sich tendenziell der sozialen Kontrolle der Sozialisations instanzen Elternhaus und Schule ent ziehen und damit Erfahrungs- und Lernräume jenseits von tradi tionellen, etwa päda- go gi schen Kontrollen und Einschrän kungen ermög lichen. 7 Siehe zur Relevanz von Medien im Kontext der Identitätsgenese Jugendlicher Paus-Haase (2000) sowie Hasebrink / Paus-Hasebrink (2007). 20 Diese Prozesse und Merkmale prägen die Sozialisations prozesse von Heran- wachsenden mit und fordern sie heraus, schon früh ihren eigenen Weg zu gehen. Damit sind junge Menschen zuweilen jedoch auch über fordert – ein weiterer Grund, der sie nach Orientie rung ver langen lässt und Formen des Aneinander-Orientierens von Gleichaltrigen befördert, die ähnliche Erfah run- gen machen wie sie selbst. Heranwachsende werden einander auf diese Weise mehr denn je zu „Entwicklungs genossen“ (Krappmann 1991, S. 362) im Auf- wachsen, d. h. in der Bewälti gung ihrer Entwicklungs aufgaben. 1.2.3 Persönlichkeits entwick lung im Kontext der modernen Sozialisations forschung Aufwachsen findet zum einen im Kontext der Entfal tung individueller An- lagen, der „personalen Individua tion“ (Mansel 1997, S. 9), zum anderen in der Auseinander setzung mit dem Gefüge der Gesell schaft statt, ihren Konven- tionen, Gebräuchen, Normen und sozial definierten Rollen, ihren Werten und Wertdisposi tionen (vgl. ebd.). Im Zentrum dabei steht die „persön liche Identität“,8 die die individuelle Identität des prakti schen Subjekts, die Ich-Identität eines jeden Einzelnen, die persönlichkeits entfaltende Struktur des Subjekts selbst, seiner spezifi schen Mög lich keiten und Grenzen in der Entfal tung und Ausgestal tung des Subjekts meint, kurz die Frage thematisiert: Wer bin ich, wie bin ich, wie werde, wie bleibe ich „Ich“? Zurück greifen lässt sich dabei auf unter schied liche, allerdings eng miteinander ver bundene Konzepte zu Lebens aufgaben und Lebens phasen. Für den Aufbau der Identität, auch der einer changierenden, d. h. sich stets im Kontext von situativen und strukturellen Bedin gungen von Neuem über- prüfenden und neu ver ortenden, gewinnt die Konstituie rung des Selbst bildes eine zentrale Funktion. Im Laufe der – lebens langen – Sozialisa tion, in der Interak tion mit Eltern, Geschwistern, Freunden, Erziehern und Lehrern, mit Lebens partnern und Arbeits kollegen etc. ent wickelt sich im Prozess wachsen- der Selbst wahrneh mung, Selbst bewer tung und Selbstreflexion der individuellen Handlungs kompetenzen und der faktischen eigenen Ver haltens weisen das Selbst bild, das sich darstellt als „Gesamt heit der Vorstel lungen von und Ein- stel lungen zur eigenen Person, in die kognitive, emotionale und motivational- dispositionale Komponenten ein gehen“ (Hurrelmann 1990, S. 169). Dieser sich je nach Lebens phase im Kontext von anstehenden Entwicklungs aufgaben von jungen Menschen – das Konzept der Entwicklungs aufgaben umreißt für be- stimmte Abschnitte des Lebens zentrale Aufgaben, die zur Bewälti gung an- 8 Dieses Ver ständnis von Identität ist zu unter scheiden von der „logischen Identität“, dem Identitäts prinzip als Übereinstim mung von Dingen, Sach verhalten oder Aussagen, sowie der „epistemi schen Identität“, dem Selbst-Bewusstsein des er kennenden Subjekts (vgl. Belgrad 1992). 21 stehen, wie etwa die Errich tung der Geschlechtsidentität9 – vollziehende Aufbau von Identität und Selbst bildung wird geprägt von sozial-ökologi schen Bedin- gungen und umfasst, ledig lich analytisch zu trennende, kognitive, emotionale und motivational-dispositionale bzw. sozial-affektive Komponenten, die die Perspektivendifferenzie rung und -übernahme, Kommunikations fähig keit und Handlungs befähi gung von Menschen in je spezifi scher Art bestimmen. Das in den 1960er und 1970er Jahren von der amerikani schen ökologi- schen Entwicklungs psychologie aus differenzierte Konzept der Entwicklungs- aufgaben von Havighurst (1972 [1953]) ermög licht im Rahmen der Theorie des life-span developments, die Perspektive auf die situations gebundene Aus- einander setzung des Individuums mit den Anforde rungen in seinem Leben zu richten. Danach ist der Mensch im Prozess der Identitäts entwick lung lebens- lang einer Vielzahl von unter schied lichen situativen Gegeben heiten aus gesetzt, in denen er seine Handlungs kompetenz immer wieder neu unter Beweis stellen muss. „Die jeweils aus geprägte Strukturie rung der Handlungs kompetenzen wirkt dabei als Steuerungs instanz für das Handeln und Ver halten in den ver- schiedenen Situa tionen“ (Hurrelmann 1990, S. 163). Havighurst definiert Entwicklungsaufgabe als „task which arises at or about a certain period in the life of the individual, successful achievement of which leads to his happiness and to success with later tasks, while fail leads to un- happiness in the individual, disapproval by the society, and difficulty with later tasks“ (Havighurst 1972, S. 2). Das Konzept der development tasks um- reißt somit für bestimmte Abschnitte des Lebens zentrale Aufgaben, die zur Bewälti gung anstehen; sie sind mit den folgenden drei Komponenten ver bun- den (vgl. Oerter 1995, S. 121): – individueller Leistungs fähig keit, – soziokultureller Entwicklungs norm und – individueller Zielset zung in einzelnen Lebens regionen. Entwicklungs aufgaben ver binden damit Individuum und Umwelt, setzen kul- tu relle Anforde rungen mit individueller Leistungs fähig keit in Beziehung und betonen die „Agency“ von Individuen, indem ihnen eine aktive Rolle bei der Gestal tung der eigenen Entwick lung bei gemessen wird. Entwick lung beinhaltet nach Adler und Havighurst – ähnlich wie bei Erik- son (1970) – ein lebens langes Überwinden von Problemen. Nach Oerter und Montada gelingt dies am besten, „wenn die jeweils voraus gehenden Aufgaben gemeistert wurden“ (Oerter/ Montada 1987, S. 122). Zu einem wichtigen Feld der Auseinander setzung bzw. der Entwicklungs aufgaben im Jugendalter (15 bis 18 Jahre) zählen beispiels weise die Sexualität, die Ablösung von den Eltern 9 Siehe dazu Keuneke (2000). 22 und die Neugestal tung der Beziehung zu ihnen sowie die Berufs entwick lung (vgl. ebd., S. 341). Tabelle 1.1 fasst zusammen, welche Entwicklungs aufgaben für Jugend liche und junge Erwachsene zur Bewälti gung anstehen: Tabelle 1.1: Entwicklungs perioden und Entwicklungs aufgaben Entwicklungs periode Entwicklungs aufgaben von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Adoles zenz (13–17 Jahre) Körper liche Reifung Formale Opera tionen Gemein schaft mit Gleichaltrigen Sexuelle Beziehungen1 Jugend (18–22 Jahre) Autonomie von den Eltern Identität in der Geschlechts rolle Internalisiertes morali sches Bewusstsein Berufs wahl Frühes Erwachsenenalter (23–30 Jahre) Heirat Geburt von Kindern Arbeit /Beruf Lebens stil finden 1 Oerter spricht von heterosexuellen Beziehungen Quelle: Vgl. Oerter 1995, S. 124 Der Aufbau des Selbst bildes im Kontext der Identitäts genese ist also ge- bunden an die im Kontext des life-span developments statt findende Bewälti- gung der jeweils in einer Lebens phase anstehenden Entwicklungs aufgaben. Dieses theoreti sche Konzept kann als Grund verständnis für eine Erforschung der (medialen) Auseinander setzungs weisen Heranwachsender in ihrem Alltag dienen. Zu beachten ist dabei, dass es sich keines falls nur auf Kinder, Jugend- liche oder junge Erwachsene anwenden lässt, sondern insgesamt auf Menschen aller Alters stufen, die in unter schied lichen Lebens phasen heraus gefordert sind, zentrale „Lebens aufgaben“ zu bewältigen (vgl. Paus-Hasebrink 2007). Diese sind als individuelle Entwicklungs aufgaben in einem spezifi schen Kontext von komplexen sozialen und gesell schaft lichen Anforde rungen zu betrachten und nicht länger an fest gefügte, un verrück bare Stufen zu knüpfen. Das Konzept der Entwicklungs aufgaben schafft eine Grundlage dafür, die Wahrneh mungen und Handlun gen, Interpreta tionen und Bedeutungs zuschrei bungen von jungen Menschen im Hineinwachsen in ihre Lebens welt ver stehen zu können. Zielte Krappmann (1969) noch auf Ich-Identität, eine gelungene Balance zwischen persön licher und sozialer Identität, sodass sich ein „Individuum einer- seits trotz der ihm an gesonnenen Einzigartig keit (…) nicht durch Isolie rung aus der Kommunika tion und Interak tion mit anderen aus schließen lässt und anderer seits sich nicht unter die für sie bereit gehaltenen sozialen Erwar tungen in einer Weise subsumieren lässt, die es ihm unmög lich macht, seine eigenen Bedürfnis disposi tionen in die Interak tion einzu bringen“ (ebd., S. 316), steht nunmehr in der Sozialisations forschung eine persön liche Form der Identität 23 im Mittelpunkt, die sich von Identitäts- und Kontrollzwängen zu lösen in der Lage ist und – als „Spiel“ gefasst – zu einer zwang losen und doch gestal teten Subjektivität vor dringt (vgl. Belgrad 1992). Aufwachsen heute bedeutet dann, Identität(en) zu konzipieren, sie wieder fallen lassen zu können, sie neu zu projektieren und zu behaupten, also mit Identitäten „spielen“ zu können. Denn jeder muss seinen persön lichen „Werte- kosmos“ mit der eigenen Lebens situa tion und dem aktuellen Bedingungs gefüge in der Gesell schaft stets aufs Neue ab gleichen und dabei nach eigenen Lösun- gen und dem ganz persön lichen Lebens weg suchen. Das bedeutet dann, dass „Leben können“, wie es in der Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2000 prägnant formuliert worden ist, in der „Akzeptanz von grundlegenden Ungewiss heiten in der eigenen erwart baren Biographie“ (Rosen mayr 1985, S. 296) besteht. Im Zentrum stehen dabei heute häufig gebrauchte Begriffe wie „Patchwork- Identitäten“ oder „fragmentierte Identitäten“; sie beschreiben die subjektive Seite ver änderter Identitäts konzepte und sind ent standen aus dem von Beck / Sopp (1997) proklamierten Spannungs verhältnis von Individualisie rung und Integra tion einer von reflexiven Modernisierungs prozessen gekennzeichneten Gesell schaft. In einer Gesell schaft, die von Individualisierungs prozessen, von relativer Wahlfrei heit einer seits, aber auch von einer ver wirrenden Vielfalt der Lebens- konzepte und Wert systeme anderer seits gekennzeichnet ist, bedeutet es keines- falls eine leichte Aufgabe, zu einem stabilen Selbst konzept zu gelangen. Junge Menschen müssen also mehr denn je „Experten“ sein, in der Gestal tung ihrer Identität, um sich als möglichst eigenständige Menschen heute er fahren und behaupten zu können. Dieser Perspektive ent spricht der zu großen Teilen im Kontext der von Beck formulierten Individualisierungs hypothese anzu siedelnde Ansatz der Selbst sozialisa tion (Müller/ Rhein /Glogner 2004), der von einer hohen Auto- no mie- und Wahlfähig keit von Heranwachsenden aus geht, die Eigen leis tungen der Individuen im Sozialisations prozess akzentuiert und ihre Handlungs- fähigkeit („Agency“) betont. Der Ansatz der Selbst sozialisa tion umfasst nach McDonald (1999) jugendkulturelle Praktiken aller Art und ver steht diese als „struggles for identity“, „in denen es darum geht, unter Bedin gungen einer fragmentierten Sozialität das Gefühl subjektiver Kohärenz und eigener Hand- lungs fähig keit herzu stellen bzw. auf recht zuerhalten“ (Scherr 2004, S. 231). Hintergrund dieser These ist, dass Jugend liche in einer Phase von Ver ände- rungen und Erosionen von Institu tionen (auch politi schen) darum bemüht sind, Unsicher heit zu reduzieren und den vielfältigen Erfah rungen Sinn abzu ge- winnen, um eine „halbwegs kohärente Selbst bildung“ (ebd.) zu er reichen. Auf der Basis des Ansatzes der Selbst sozialisa tion wird allerdings die Kom- ponente der Agency zuweilen über betont und die Frage der jeweiligen sozialen Ressourcen der Jugend lichen nicht aus reichend mitbedacht; diese stehen in 24 engem Zusammen hang mit ihrer lebens welt lichen Ver anke rung, d. h. ihren sozial-ökologi schen Bedin gungen, die in zentraler Weise vom sozialen Milieu10 geprägt wird, in dessen Rahmen sich das Aufwachsen von jungen Menschen vollzieht und unter denen sie auch ihre medialen Erfah rungen machen (siehe dazu ausführ licher Paus-Hasebrink 2009). Behält man dies im Kopf, bietet der Ansatz der Selbst sozialisa tion jedoch eine gute Vorausset zung dafür, die zu- meist selbst gesteuerten Nutzungs- und Umgangs- sowie Produktions weisen von Jugend lichen im Social Web zu er forschen, zu ver stehen und einzu ordnen. Dies gilt umso mehr, wenn man beachtet, dass sich die Sozialisa tion immer in einem spezifi schen sozial-ökologi schen Rahmen vollzieht. Er lässt sich mit- hilfe des sozial-ökologi schen Ansatzes (vgl. Baacke 1989, S. 94 ff.; Paus-Haase 1998, S. 61 ff.) auf spannen, der sowohl die materielle Erscheinungs weise der Umgebung, d. h. die soziale Lage, sowie die jeweilige gegen ständ liche Ausstat- tung (die „tektoni sche Struktur“), die sozialen, mithin familiären oder freund- schaft lichen Beziehungen (die „interaktive Struktur“), als auch über greifende Netz werke, z. B. in Form von gesell schaft lichen Institu tionen (die „Strukturen der Steue rung“), umfasst. Im Rahmen dieser Strukturen erfolgt die alltäg liche Lebens führung des Einzelnen, in deren Kontext sich seine Identitäts genese und die damit ver bundene soziale Positionie rung im „sozialen Raum“ vollzieht. Darin ein gelagert gewinnt auch der Umgang mit Medien und insbesondere mit dem Social Web, das als Kommunikations- und Beziehungs medium eine zentrale Rolle spielt, seinen Sinn. 1.2.4 Social Web-Foren als Spiel-Räume im Prozess des Heranwachsens Leben, Alltags bewälti gung, dies lässt sich konstatieren, ist nicht ohne Identität bzw. das Bewusstsein eines Selbst möglich. Auch das viel proklamierte Spiel mit Identitäten setzt Identität voraus – im Grunde sogar eine besonders starke! Leben kann nicht ohne Ver anke rung, Positionie rung und Ver ortung in der möglichst geglückten Balance von Innen und Außen aus kommen. Das stete 10 Noch bis zu Beginn der 1980er Jahre ging man von Schichten- oder Klassenmodellen aus, die eine Ein- teilung aufgrund von wenigen Dimensionen vornahmen; in neueren Modellen wurden dann andere Begriffe gewählt, um der Vielschichtigkeit und Komplexität an Charakteristika Rechnung zu tragen, die die soziale Situation eines Menschen oder einer Familie im Verhältnis zur Gesellschaft, in der sie lebt, bestimmt (vgl. Burzan 2004, S. 12 f.). Neue Bezeich nungen wie „Lebens stil“, „Milieu“ oder „soziale Lage“ kamen auf, mit denen ver sucht wurde, die unter schied lichen Lebens konstella tionen der Menschen der Wirklich keit besser ent sprechend zu er fassen und abzu bilden. Diese Begriffe sind jedoch nicht synonym zu verstehen, wie Weiß betont (1997). Soziale Milieus sind durch grundlegende Anschauungs weisen geprägt, die sie milie uintern teilen. Darin unter scheiden sich soziale Milieus von jeweils anderen sozialen Milieus (vgl. ebd., S. 259). In sozialen Milieus manifestiert sich der je spezifi sche lebens welt liche Zusammen hang von Lebens lage (soziale Lage) und Lebens entwurf, der individuell geprägten Antwort auf die jeweiligen äußeren Lebens bedin gungen (siehe dazu auch Paus-Hasebrink 2009). Soziale Milieus stellen ein Porträt der sozialen Gliede rung und Struktur der Gesell schaft dar (vgl. Weiß 1997, S. 246). 25 Bemühen darum – und dies in Abhängig keit von den sich stellenden Lebens- aufgaben und Lebens phasen – findet auch mithilfe von Medien statt. Zusam- men fassend lässt sich sagen, dass das erfolg reiche Meistern der Entwick- lungsaufgaben eine zentrale Vorausset zung für den Aufbau der Identität eines Menschen darstellt, um sich an gemessen in die Auseinander setzung mit Ande- ren und mit der Umwelt einbringen zu können (vgl. Zimbardo/Gerrig 2004, S. 449). Jugend liche sind in ihrer Identitäts genese und der damit ver bundenen Be- wäl ti gung ihrer Entwicklungs aufgaben heraus gefordert, sowohl Sach-, Sozial- als auch Selbst auseinander setzung (vgl. Neumann-Braun 1992) zu betreiben. Dies ist nötig, damit sie ihren Standort als Selbst in der Auseinander setzung mit Anderen und mit der Umwelt, in der sie sich in vielfältigen Alltags kontex- ten bewegen, einnehmen und möglichst kohärent halten können. Dazu gehört es auch, im „Spiel“ mit der eigenen Identität und – damit unmittel bar ver- bunden – in der Auseinander setzung mit dem bzw. den Anderen neue Wege auszu probieren, die es ihnen er lauben, Erfah rungen dazu zu sammeln, wo sie sich gerade befinden, d. h., welches Bild sie von sich selbst darstellen und welches sie anderen ver mitteln. Diesem Prozess kommt nach Mead besondere Relevanz zu, da seiner Einschät zung nach Menschen nur über wahrgenommene Reaktionen anderer zur Selbst wahrneh mung gelangen können (vgl. Flammer/ Alsaker 2002). Flammer/Alsaker (2002) unter scheiden mit Rekurs auf Rosen berg drei „Kon zepte des Selbst“: Das Konzept des aktuellen Selbst („extant self“) um- reißt die Einschät zung des eigenen Körpers in der Adoles zenz, das für die globale Selbsteinschät zung Relevanz gewinnt (vgl. ebd., S. 145). Das Konzept des er wünschten Selbst („desired self“) beschreibt, wie sich eine Person gern selbst sehen würde (vgl. ebd.). Das „desired self“ lässt sich in drei weitere Unterkategorien aus differenzieren: Im Konzept des Idealselbst („idealized image“) geht es um idealisierte Vorstel lungen, die der oder die Betroffene nur schwer oder gar nicht er reichen kann; dies bringt oft Stress, über triebene Selbst- kritik und Ver letzlich keit mit sich (vgl. ebd., S. 146). Das ver pflichtete Selbst- konzept („committed image“) beinhaltet das Wünschens werte ent sprechend den realisti schen Vorstel lungen. Das morali sche Selbst bild („moral image“) impliziert dagegen das, „what we feel we must, ought, or should be“ („was wir fühlen, was wir müssen oder tun sollen“) (ebd.). Das Konzept des sich dar- stellenden Selbst („presenting self“) impliziere die Darstel lung einer Person gegen über Anderen. „Dieser Teil des Selbst konzeptes ist in hohem Maße situa- tions abhängig und eng mit den ver schiedenen Rollen ver bunden, die wir in unter schied lichen Kontexten einnehmen“ (Flammer/Alsaker 2002, S. 146). Da Erwachsene Jugendlichen heute, wie bereits die Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2000 (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell 2000) zu bedenken gab, weiterhin nur wenige brauchbare Konzepte zur Identitätsbildung anbieten, 26 greifen Jugendliche auf symbolische – mediale – Welten zurück, die ihnen in hohem Maße eine aktiv bestimmte dynami sche Selbst-, Sozial- und Sach aus- einander setzung er lauben. Hinzu kommt, dass es zur Bewälti gung von Ent- wicklungs aufgaben der Einübung und des (Aus-) Probierens von Identitäts kon- zepten und Handlungs optionen in besonderer Weise bedarf. Denn Jugendliche pflegen in Abhängigkeit von ihren jeweiligen sozial-ökologischen Bedingungen, in denen sie aufwachsen, einen weniger formal-kognitiv geprägten, dafür stärker ästhetisch-erlebnisorientierten Stil11 des Umgangs mit und des Zugangs zu den vielfältigen Foren ihrer symbolischen wie realen Alltagswelten. Um die drei „Selbst-Konzepte“ zu erleben, d. h. für sich selbst – möglichst kohärent – erfahr bar, damit auch (dabei handelt es sich keines falls um einen bewusst wahrgenommenen Reflexions prozess) revidier bar bzw. ver änder bar zu gestal- ten, bedarf es unter schied licher, jeweils adäquater Managementformen und vor allem auch Managementforen, die dazu soziale „Spiel-Räume“ (vgl. Baacke/ Sander/ Vollbrecht 1988, S. 229) zur Verfügung stellen. Anwen dungen des Social Web halten auf unter schied lichen Ebenen und in unter schied lichen Formen und Foren solche symboli schen wie realen Spiel- räume für drei zentrale Handlungs komponenten bereit (vgl. Schmidt / Lampert / Schwinge 2009; Schmidt 2009b): – Identitäts management meint das Zugäng lich-Machen von Aspekten der eigenen Person, zum Beispiel in Form der Schilde rung von Erfah rungen und Erlebnissen, aber auch durch das Selbst inszenieren auf Profilseiten oder das Hochladen von Fotos und Videos. – Beziehungs management zielt auf die Pflege von bestehenden oder das Knüpfen von neuen Beziehungen. Dies kann beispiels weise durch wieder- holte Kommunika tion via Instant Messaging, durch Verlin kung oder Kom- mentieren von Weblog-Beiträgen und YouTube-Videos oder auch durch das explizite „Als-Kontakt-Bestätigen“ auf einer Netz werk platt form geschehen. – Informations management bezieht sich schließ lich auf Aspekte des Filterns, Selektierens und Kanalisierens von Informa tionen aller Art, worunter bei- spiels weise Recherchen mithilfe von Wikipedia, das Ver schlagworten bzw. „Taggen“ von Fotos oder das Bewerten eines beliebten Videos fallen. Diese Handlungs komponenten – die sich oft nur analytisch voneinander unter- scheiden lassen, da sie in den tatsäch lichen Nutzungs praktiken (vgl. Ab- schnitt 1.3) zusammen fallen können – spiegeln sich in den für die Entwick- 11 Wichtig dabei ist anzu merken, dass ästhetisch in diesem Kontext im Sinne von Aisthesis breit als auf die Wahrnehmung bezogen definiert und keinesfalls mit Kategorien des „Schönen“ gleichgesetzt wird. Aisthesis umfasst nach einer Defini tion von Hentigs sowohl die „Fähig keit, die Wahrneh mung und Gestal tung der eigenen Umwelt zu genießen, zu kritisieren, zu ver ändern als auch das Ver ständnis der gesell schaft lichen Bedin gungen und Wirkun gen ästheti scher Phänomene und die Ich-Stärkung durch Sensibilisie rung der Perzep tion“ (von Hentig 1975, S. 29). 27 lung von Heranwachsenden zentralen Prozessen der Selbst-, Sozial-, und Sach auseinander setzung wider (vgl. Tabelle 1.2). Das Social Web ermög licht also zum einen „Als-ob-Spiele“ in der Ausbil dung von Identitäten und in einem spieleri schen Ausprobieren von Handlungs optionen, d. h., es bietet virtuelle Räume zur Selbst(re) präsenta tion. Gleichzeitig, und damit unmittel bar ver- bunden bzw. ver woben, können die Formen und Foren des Social Web die folgenden Prozesse unter stützen: – die Selbst auseinander setzung, also die Erfah rungen mit eigenen Wünschen, Hoffnun gen und Vorstel lungen, mit Gegenwarts- und Zukunfts szenarien zum Selbst bild, mit Möglich keiten des Selbst ausdrucks und der Selbst- präsenta tion; – die Sozial auseinander setzung, also die Bildung und Pflege von Kontakten,12 Freund schaften oder Beziehungen zum anderen Geschlecht, sowie – die Sachauseinander setzung, also die Bildung und Pflege realer Repräsenta- tionen und Präsenta tionen, die Organisa tion und Reflexion des Wissens um die Welt und von eigenen Erfah rungen mit ihr. Tabelle 1.2: Korrespondenz von Entwicklungs aufgaben und Handlungs komponenten im Social Web Entwicklungs aufgabe Kernfrage Handlungs komponente Selbst auseinander setzung Wer bin ich? Identitäts management Sozial auseinander setzung Welche Position habe ich in meinem sozialen Netz werk? Beziehungs management Sachauseinander setzung Wie orientiere ich mich in der Welt? Informations management 1.3 Der Umgang mit dem Social Web Die Selbst-, Sozial- und Sachauseinander setzung von Heranwachsenden äußert sich im Social Web in Episoden des onlinebasierten Identitäts-, Beziehungs- und Informations managements, die unter individuell spezifi schen sozial-öko- logi schen Bedin gungen statt finden. Diese Bedin gungen, unter denen ein Junge bzw. ein Mädchen auf wächst und die eigene individualisierte Ich-Identität 12 Dieser Aspekt spielt insbesondere bei Kindern nach der späten Kindheit eine zentrale Rolle; in dieser Entwicklungsphase richten Heranwachsende ihre sozialen Beziehungen hin zu den Peers neu aus (siehe dazu u. a. Baacke 1995 sowie von Salisch 2000; 2007a, b). Jugendliche nutzen dabei, wie Sander/ Lange (2008) in einer Untersuchung zur Bedeutung virtueller Freundschaften festgestellt haben, Netzwerk platt- formen. In Peer-Groups können Selbstbilder auf die Probe gestellt und Emotionen in die Selbstwahrnehmung und Selbstkontrolle integriert werden (vgl. Krappmann 1991, S. 373 f.). In der Gleichaltrigengruppe müssen zudem „Individualinteressen ausgehandelt und die Fähigkeiten des Einzelnen unter Beweis gestellt werden“ (Grundmann 2000, S. 96). 28 heraus bildet, beeinflussen die Handlungs kompetenzen und Umgangs weisen mit dem Social Web, sodass eine untrenn bare Verbin dung zwischen der Ver- ortung in der „realen“ Welt und dem Tun in der (nur schein bar) „virtuellen“ Welt existiert. Die Varianz von Umgangs weisen lässt sich analytisch mithilfe eines praxis- theoreti schen Begriffs rahmens er fassen, der in ver schiedenen Studien zu Social Web-Anwen dungen ent wickelt und an gewandt wurde und die individuelle Nutzung als Teil von kollektiv geteilten, situations- und anwendungs über grei- fenden Praktiken ver steht (vgl. Schmidt 2006; 2009b). Demnach ist die situative Nutzung von Social Web-Anwen dungen durch drei strukturelle Dimensionen gerahmt, die sich in der Nutzungs praxis teil weise gegen seitig bedingen (vgl. auch Abbil dung 1.1): – Verwendungs regeln bestehen aus geteilten Routinen und Erwar tungen vom Gebrauch einer bestimmten Anwen dung oder eines bestimmten Kommu- nikations kanals. Sie umfassen auf einer analyti schen Ebene zum einen Adäquanzregeln, die fest legen, für welche Zwecke und in welchem Kontext eine spezifi sche Anwen dung geeignet (insbesondere auch im Sinne von „sozial geeignet“) ist, zum anderen prozedurale Regeln, die den tatsäch- lichen Gebrauch einer Anwen dung zur Erfül lung der gesuchten Gratifika- tionen betreffen (vgl. zu dieser Unterschei dung auch Höflich 2003). Auf phänomen ologischer Ebene umfassen Ver wendungs regeln beispiels weise ge teilte Nutzungs routinen, Konven tionen und Normen, aber auch die All- gemeinen Geschäfts bedin gungen von einzelnen Angeboten sowie generelle recht liche Vorgaben, die beispiels weise Aspekte des Urheber- oder Daten- schutz rechts berühren. – Relationen umfassen hypertextuelle und soziale Beziehungen zwischen Texten, Objekten und Personen. Sie bilden die Grundlage einer seits für Öffentlich keiten im Sinne miteinander ver bundener und aufeinander be- zogener Texte sowie anderer seits für soziale Netz werke als Geflecht von mit einander ver bundenen Personen. In diesen Öffentlich keiten und Netz- werken ver breiten sich Informa tionen, und es wird Sozial kapital auf gebaut; zudem bilden sie die Grundlage für Ver wendungs gemein schaften, also Gruppen von Menschen, die sich einer bestimmten Anwen dung auf ähn- liche Art und Weise bedienen und diese Ver wendungs weisen zumindest latent als Kriterium für Inklusion oder Exklusion anderer Personen ver- stehen. – Code umfasst schließ lich die softwaretechni schen Grundlagen einzelner Anwen dungen, darüber hinaus gehend aber auch die Architektur des Inter- nets und seiner Bestand teile; im Kontext des Projekts können dies z. B. Informations aggregatoren (wie Suchmaschinen oder kollaborative Nach rich- ten filter) oder anwendungs übergreifende Authentifizierungs mechanismen 29 Nutzungsepisode Situativer Gebrauch des Social Web zu Zwecken des Identitätsmanagements Beziehungsmanagements Informationsmanagements Verwendungsregeln Adäquanz- & prozedurale Regeln Rechtliche Vorgaben Allg. Geschäftsbedingungen Konventionen & Normen Nutzungsroutinen Relationen Technische und soziale Relationen fundieren Öffentlichkeiten Soziale Netzwerke Affordances Technological spirit Architektur des Internets Code Reproduziert oder ändert Erwartungen und Routinen Rahmen das situative Handeln Stellen Ressourcen zur Verfügung Bestätigt, knüpft oder erneuert Relationen Liefert Feedback für Weiterentwicklung; variiert oder rekombiniert Bestandteile von CodeEröffnet oder beschränkt Nutzungsoptionen Abbil dung 1.1: Analysemodell für Praktiken der Social Web-Nutzung Quelle: Schmidt 2009b, S. 48. 30 sein. Der Code gibt dem situativen Handeln insofern einen Rahmen vor, als er bestimmte Handlungs optionen nahelegt, andere aber aus schließt – er berührt also auch die regel haften Aspekte der Nutzungs praxis. Diese strukturellen Dimensionen rahmen das situative Handeln, ohne es voll- ständig zu determinieren. Vielmehr werden situations-, individuums- und anwendungs übergreifenden Gemeinsam keiten durch die Praxis erst hervor- gebracht und in „structuring moves“ (vgl. Poole/ DeScanctis 1992) reproduziert oder auch ver ändert. Dies kann Nutzungs weisen umfassen, in denen bestehende Erwar tungen und Routinen einer Ver wendungs gemein schaft bestätigt und An- wen dungen auf „legitime“ Art und Weise genutzt werden, aber auch diejenigen Situa tionen einschließen, in denen Konflikte auf treten, weil latente (z. B. Konven tionen) oder manifeste (z. B. Geschäfts bedin gungen) Regeln gebrochen werden. Gerade zu Beginn der Institutionalisie rung einer neuen Anwen dung sind solche Ver wendungs regeln noch ver gleichs weise fluide und müssen oft explizit aus gehandelt werden. Vor dem Hintergrund des geschilderten Modells von Nutzungs praktiken lassen sich auch die im vorigen Abschnitt er läuterten Handlungs komponenten näher charakterisieren: Beim Identitäts-, Beziehungs- und Informations mana- gement handelt es sich um analyti sche Unterschei dungen von drei Aspekten der Nutzungs praktiken, die sich in konkreten Nutzungs episoden äußern, aber über individuell und situations übergreifend ähnlich ab laufen und strukturell gerahmt sind. So ist beispiels weise das Identitäts management, also die Art und Weise der Selbst präsenta tion einer Person, nicht nur von ihren konkreten Eigen schaften ab hängig (wie z. B. Größe oder Gewicht), sondern auch – von Merkmalen des ver wendeten Software-Codes (Enthält die Anwen dung z. B. Profilfelder, in die man Größe und Gewicht eintragen kann?), – von geltenden Ver wendungs regeln (Ist es im Kontext einer bestimmten An- wen dung akzeptiert, bei der Selbst darstel lung unwahre oder unvollständige Aussagen über Größe und Gewicht zu machen, oder wird dies als „un- authentisch“ sanktioniert?) sowie – von den in der Nutzung gepflegten oder geknüpften Beziehungen (Prä sen- tiert der Nutzer sich seinen Freunden, die ohnehin Größe und Gewicht kennen, oder fremden Personen, die diese Informa tionen nicht kennen?). Der letzte Punkt ver weist bereits darauf, dass Identitäts management in enger Verbin dung zu Beziehungs management zu sehen ist, da das Offen legen be- stimmter Informa tionen über die eigene Person vor dem Hintergrund einer (zumindest impliziten) Publikums vorstel lung geschieht. Wie groß das vor ge- stellte Publikum ist, inwiefern es mit dem tatsäch lichen Publikum korres- pondiert, und insbesondere, welche Zusammen setzung es besitzt, kann stark variieren und ist wiederum in Teilen von der Software ab hängig: Netz werk- 31 platt formen wie SchülerVZ oder StudiVZ bilden beispiels weise andere soziale Beziehungen ab als das auf professionelles Networking aus gerichtete Angebot Xing; zudem besitzen sie jeweils unter schied liche Mechanismen und Funk- tionen, um bestimmte Inhalte nur einem ein geschränkten Publikum (beispiels- weise den eigenen Freunden oder nur einer Teilmenge der eigenen Kontakte) zugäng lich zu machen. Bei Instant-Messaging-Diensten wiederum ist klar er- sicht lich und steuer bar, welche Adressaten die Kommunika tion hat, da die Kommunikations partner aus der Liste der eigenen Kontakte aus gewählt werden. Die Architektur der Software lässt also nicht zu, dass Personen unerkannt oder unerwünscht einer Konversa tion folgen.13 Wiederholte Episoden des Identitäts- und Beziehungs managements führen dazu, dass ein Geflecht von miteinander ver bundenen Texten (in einem um- fassenden Sinn ver standen, also auch multimediale Inhalte einschließend) ent- steht und für ein Publikum zugäng lich gemacht wird. Dadurch unter stützen Angebote des Social Web wie Netz werk- und Videoplatt formen, Weblogs oder Podcasts auf je spezifi sche Weise das Entstehen von „persön lichen Öffentlich- keiten“. Diese unter scheiden sich in Reichweite und Anspruch von den etablier- ten medialen Öffentlich keiten, wie sie professionelle Kommunikations berufe (wie der Journalismus, aber auch Marketing oder PR) hervor bringen: Das Kriterium für die Publika tion von Inhalten ist in aller Regel nicht die objektive gesell schaft liche Relevanz von Informa tionen. Vielmehr sollen subjektiv für relevant gehaltene Themen an gesprochen und mit einem über schau baren (also nicht dispersen) Publikum geteilt werden. Im Fall von Netz werk platt formen beispiels weise richten sich die persön lichen Öffentlich keiten der eigenen Profile zwar prinzipiell an das gesamte Publikum der registrierten Nutzer einer gege- benen Anwen dung. Art und Ausmaß der präsentierten Informa tionen werden hier aber durch den Kontext der Anwen dung und der dort repräsentierten Netz werke beeinflusst. Die Diagnose eines „Online-Exhibitionismus“ beim Ver öffent lichen persön licher Daten trifft daher nicht den Kern der tatsäch lich ab laufenden sozialen Prozesse: Aus Sicht der meisten Nutzer sind die bereit- gestellten Informa tionen nicht für jedermann gedacht, sondern auf spezifi sche Rollenkontexte und die daraus er wachsenden Selbst darstellungs zwänge zu- geschnitten. Die so ent stehenden persön lichen Öffentlich keiten treten zu anderen, oft auch professionell produzierten Öffentlich keiten hinzu, sodass sich für den Nutzer die Herausforde rung des Informations managements stellt. Für das Selek tieren von situations spezifisch relevanten Informa tionen, Quellen und Texten werden weiter hin Gatekeeper-Leistun gen des Journalismus, der auf 13 Dies gilt zumindest in der konkreten technisch ver mittelten Kommunikations situa tion. Ob hinter dem Gesprächspartner noch weitere Personen stehen, die ihm über die Schulter schauen, oder ob er die Kon ver- sa tion mitprotokollieren lässt und an Dritte ver sendet, lässt sich natür lich nicht prinzipiell aus schließen. 32 institutionalisierte Weise Informa tionen aus wählt und präsentiert, in Anspruch genommen. Allerdings treten zwei weitere Mechanismen hinzu: Zum einen findet das Filtern von Aufmerksam keit durch die Anwen dungen selbst statt, die (mithilfe spezifi scher Ausprä gungen des Software-Codes) die Aktionen der Nutzer auf den Platt formen aggregieren. So bietet YouTube beispiels weise Übersichten über die besonders populären (d. h. häufig auf gerufenen oder stark diskutierten) Videos der Platt form; auf den Netz werk platt formen werden einzelne Aktionen anderer registrierter Mitglieder an gezeigt oder die zuletzt aktualisierten Profile besonders hervor gehoben. Zum anderen leisten Nutzer selbst Informations management, indem sie innerhalb ihres eigenen sozialen Netz werks Informa tionen ver breiten, also beispiels weise Links zu Videos per Instant Messaging ver schicken oder in ihrem Blog darauf hinweisen. Eine automatisierte Variante beruht auf der RSS-Technologie, die es erlaubt, mit- hilfe spezieller Programme (der „feed reader“) über Aktualisie rungen auf aus- gewählten Seiten auf dem Laufenden zu bleiben, ohne diese Angebote ständig und jeweils einzeln besuchen zu müssen (vgl. auch die Erläute rungen in Ab- schnitt 3.2.5). 1.4 Zum Stand der Forschung Zum Themen bereich „Jugend liche und Web 2.0“ ist in den letzten Jahren eine Reihe von Studien und empiri schen Arbeiten ent standen, die sich unter schied- lichen Facetten des Gegen stands bereichs widmen. Die oben bereits er wähnten generations bezogenen Diagnosen stellen die Nutzung des Social Web in der Regel in einen breiteren Rahmen des ver änderten Medien gebrauchs und dis- kutieren, welche Rolle digitale konvergente Medien im Alltag von Kindern und Jugend lichen haben (vgl. Mont gomery 2007; Palfrey/Gasser 2008). Ent- sprechende empiri sche Daten lassen sich für Deutschland ver schiedenen reprä- sentativen und wieder holt durch geführten Befra gungen zur Medien nutzung ent nehmen. Dabei erlaubt die ARD/ZDF-Onlinestudie (vgl. van Eimeren / Frees 2009; Busemann/Gscheidle 2009) einen Kontrast der ver schiedenen Alters gruppen, während die beiden Basis untersuchungen „Kinder und Medien“ (KIM; vgl. MPFS 2009) sowie „Jugend, Informa tion, (Multi-) Media“ (JIM; vgl. MPFS 2008) des „Medien pädagogi schen Forschungs verbund Südwest“ deut lich spezifi scher auf den Stellen wert von Medien bei den 6- bis 13-Jährigen (KIM) bzw. 12- bis 19-Jährigen (JIM) ein gehen können. In den jüngeren Erhebungs wellen sind auch spezifi sche Fragen zu Web 2.0- Angeboten, insbesondere zu Communities ent halten, die in Kapitel 4.1 auf die Befragungs ergebnisse dieser Studie bezogen werden. Klingler (2008) resümiert in einer ver gleichenden Analyse der JIM-Studien von 1998 bis 2008 mit Blick auf die heutige Nutzungs situa tion: „Ver stärkt lösen nun PC und Internet klassi- 33 sche Nutzungs kontexte auf oder konstruieren sie neu, bieten multiple Zugänge. Das Internet steht gleichermaßen für lineares Fernsehen oder Radio hören, aber auch für Lesen von klassi schen Printprodukten wie von eigenständigen Angeboten (Wikipedia usw.)“ (S. 633 f.). Weitere Befunde lassen sich dem „Medienkon vergenz-Monitoring“ ent neh- men, das seit 2003 von einem Forscherteam der Universität Leipzig durch- geführt wird und Daten zur Medien nutzung von 12- bis 19-Jährigen erhebt, wobei quantitative und qualitative Ver fahren kombiniert werden.14 Die Ergeb- nisse der jüngsten Welle machen deut lich, wie fort geschritten techni sche wie inhalt liche Konvergenz in der Medien nutzung Jugend licher inzwischen ist (vgl. Schorb u. a. 2008): Computer und Internet sind demnach zur multifunktionalen Platt form geworden, die rezipierende und (in geringerem Maße) auch produ- zierende Aktivitäten unter stützt. Hierbei finden sowohl Prozesse des pro- gramm- bzw. zeitunabhängigen Zugriffs auf klassi sche massen mediale Inhalte als auch die Rezep tion spezifi scher nutzer generierter Inhalte statt; die Funktion des Internets als Hybridmedium erlaubt insbesondere auch die interpersonale bzw. gruppen bezogene Anschluss kommunika tion, d. h. das Weiterleiten oder Kommentieren der rezipierten Inhalte. Eine Sonder auswer tung des Medienkon vergenz-Monitoring gibt einen Über- blick zur Nutzung von Videoplatt formen unter 12- bis 19-Jährigen (vgl. Schorb u. a. 2009). Demnach ist YouTube das bei Weitem beliebteste derartige Ange- bot; 82 Prozent der Teilnehmer an der (nicht-repräsentativen) Befra gung gaben an, diese Platt form oft zu nutzen; ver gleich bare deutsch sprachige Angebote wie MyVideo (55 Prozent, zumindest manchmal), Clipfish (21 %) und Seven- load (4 %) folgen deut lich ab geschlagen. Die Mehrheit der befragten Jugend- lichen (56 %) rezipiert nur Videos; unter denjenigen Nutzern, die zumindest ab und zu auch eigene Videos hochladen, sind Jüngere, Personen mit niedriger formaler Bildung sowie Jungen über repräsentiert. Das Medienkon vergenz- Monitoring findet in Abstim mung mit Arbeiten des „Instituts für Medien- pädagogik in Forschung und Praxis“ (JFF) statt, das in einer Analyse von etwa 100 jugendaffinen Internet-Platt formen kommunikative und produktive Praktiken der Nutzung heraus gearbeitet und in Fallstudien zu aus gewähl- ten populären Platt formen die medialen Ausdrucks formen und Selbst darstel- lungen von 14- bis 20-Jährigen unter sucht hat (vgl. Wagner/Brüggen/Gebel 2009). Im internationalen Ver gleich sind insbesondere die quantitativen Studien des „Pew Internet & American Life Project“15 zu nennen, das in den ver- gangenen Jahren eine Reihe von Befra gungen zu unter schied lichen Facetten des Internet gebrauchs durch geführt hat. Ein Ver gleich unter schied licher Gene- 14 Vgl. www. medienkonvergenz-monitoring. de. 15 Vgl. www. pewinternet. org. 34 ra tionen (von den „Online Teens“ der heute 12- bis 17-Jährigen bis zur „G. I. Genera tion“ der über 70-Jährigen) zeigt in groben Zügen die Alters abhängig- keit einer Vielzahl von Internetaktivitäten (vgl. Jones/ Fox 2009). Die innere Differenzie rung der Nutzungs weisen in der jungen Genera tion wird in den Studien „Teens and Social Media“ (Lenhart u. a. 2007) und „Teens, Privacy & Online Social Networks“ (Lenhart / Madden 2007) deut lich. Demnach besaßen im Jahr 2007 mehr als die Hälfte der amerikani schen 12- bis 17-Jährigen (55 %) ein Profil auf einer Netz werk platt form, ein ähnlich hoher Anteil (57 %) nutzt YouTube oder ähnliche Platt formen, um Videos zu schauen. Das aktive Bereit stellen von Inhalten ist weniger ver breitet, doch immerhin 14 Prozent haben bereits selbst ein Video auf eine Platt form hochgeladen, und sogar 28 Prozent geben an, ein eigenes Weblog zu führen. Dabei zeigen sich deut liche Geschlechter unterschiede: Während unter Jungen der Anteil derjeni gen deut lich höher ist, die Videos ansehen oder ins Internet hochladen, sind unter den aktiven Bloggern Mädchen deut lich über repräsentiert (vgl. Lenhart u. a. 2007). Unter den Nutzern von Netz werk platt formen halten sich die Ge schlechter in etwa die Waage, doch es findet sich ein deut licher Alters- unter schied, denn nur 45 Prozent der 12- bis 14-Jährigen, aber 64 Prozent der 15- bis 17-Jährigen gaben an, ein Profil auf einer ent sprechenden Platt- form zu führen. Die älteren Jugend lichen fügen dort auch mehr persön- liche Informa tionen an als die jüngeren; insgesamt haben zwei Drittel aller Jugendlichen den Zugang zu ihrem Profil ein geschränkt. Während es hierbei keine signifi kanten Unterschiede nach Geschlecht oder Alter gibt, ist der Anteil der ein geschränkt sicht baren Profile bei denjenigen Teenagern signifi- kant höher, deren Eltern über die Nutzung der Netz werk platt form informiert sind. Eine Studie der aus trali schen „Communications and Media Authority“ zur Internetnut zung von 8- bis 17-Jährigen zeigt, dass im Übergang vom Kindes- zum Jugendalter soziale Aktivitäten wie Chatten, E-Mail oder Instant Messaging an Bedeu tung gewinnen (vgl. ACMA 2009). Gerade Netz werk platt formen sind dort eben falls weit ver breitet: 80 Prozent der 12- bis 13-Jährigen und sogar 97 Prozent der 16- bis 17-Jährigen haben bereits ent sprechende Angebote ge- nutzt, wobei die Frageformulie rung auch den Instant-Messaging-Dienst MSN einschloss. In eine ähnliche Richtung deuten Zahlen, die das britische „Office of Communications“ vor gelegt hat (vgl. OFCOM 2008). Der Bericht schließt alle Alters gruppen ein; bezogen auf die Zielgruppe der vor liegenden Studie sind Befunde relevant, wonach etwa die Hälfte (49 %) der 8- bis 17-Jährigen in Großbritannien ein Profil auf einer Netz werkseite ein gerichtet hat; betrachtet man die Alters gruppe der 16- bis 24-Jährigen, beträgt der Anteil sogar 54 Pro- zent. Auf Basis einer qualitativen Untersuchung bildete die OFCOM (2008, S. 28 ff.) fünf Typen von Netz werk platt form-Nutzern: 35 – „Alpha socialisers“ finden sich vor rangig unter männ lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen (jünger als 25 Jahre); ihnen geht es um Flirten und das Kennen lernen bisher un bekannter Menschen. – „Atten tion seekers“ sind über wiegend weib lich und bis in die Alters gruppe der Über-30-Jährigen ver treten. Sie nutzen Netz werk platt formen vor rangig zur Selbst darstel lung und Kommunika tion mit anderen. – „Followers“ finden sich in allen Alters gruppen und beiden Geschlechtern; diese Gruppe nutzt Netz werk platt formen für das Kontakt halten mit Be- kann ten und Freunden. – Die „Faithfuls“ und die „Functionals“ sind Gruppen, die vor allem unter den über 20-jährigen Nutzern ver treten sind; sie nutzen Netz werk platt- formen zum Wiederfinden von Bekannten, zu denen der Kontakt ver loren gegangen war, bzw. zum Austausch über Hobbys und geteilte Interessen. Einen qualitativen Zugang zur aktiven Nutzung und den damit ver bundenen Kompetenzanforde rungen des Social Web hat die Forschergruppe „Digital Youth Research“ der Berkeley-Universität gewählt. Sie unter suchte in einem dreijährigen Ver bundprojekt den Umgang Jugend licher mit und in ver netzten Öffentlich keiten unter Zuhilfenahme ethnographi scher Methoden (insbesondere qualitative Befra gungen und teilnehmende Beobach tung) und identifizierte dabei zwei wesent liche Partizipations modi in den neuen ver netzten Öffentlich- keiten der konvergierenden Medien, die jeweils unter schied liche Kompetenzen er fordern (vgl. Ito u. a. 2008, 2009): – „Friendship-driven participa tion“: Onlinebasierte Sozial räume werden in diesem Modus vor rangig auf gesucht, um mit Freunden „abzu hängen“ und gemeinsam (wenn gleich technisch ver mittelt) Medien inhalte wie Musik, Fernsehen oder Spiele zu konsumieren. Diese Art der Medien nutzung findet also im Kontext bereits bestehender sozialer Netz werke der Peer-Group statt, die im Internet ab gebildet und um einen weiteren Kommunikations- kanal ergänzt werden. Aktiv-kreative Medien aneig nung findet in diesem Nutzungs modus auch statt, beschränkt sich allerdings in der Regel auf das „Herumspielen“, z. B. das Modifizieren eines MySpace-Profils oder das Hochladen von Handy-Fotos. – „Interest-driven participa tion“: In diesem Partizipations modus ist die Internet- Nutzung deut lich stärker auf die kreativ-aktive Aneig nung der Tech nologie und spezifi scher Anwen dungen aus gerichtet, um mit Gleichgesinnten die eigenen Interessen und Hobbys zu ver folgen. Zur Pflege bestehender Be- ziehungen tritt das Knüpfen neuer Kontakte und Ausweiten sozialer Be- ziehungen. Auch der Wunsch, breitere Publika zu er reichen, die über den Kreis der bereits bestehenden Netz werke hinaus gehen, ist stärker aus ge- prägt. Interessen getriebene onlinebasierte Gemein schaften können durch- aus komplexe kollaborative Tätig keiten umfassen, für die eine Speziali- 36 sierung innerhalb einer Experten gemein schaft bzw. auf eine spezifi sche Wissens domäne notwendig ist. Neben den bisher genannten Studien, die an gebots übergreifende Befunde zur Social Web-Nutzung von Jugend lichen liefern, liegt eine Reihe von Unter- suchungen zu einzelnen Angeboten bzw. Gattun gen vor, wobei insbesondere Netz werk platt formen im Zentrum der Aufmerksam keit stehen. Nicht immer sind die Studien explizit auf die Gruppe der Jugend lichen und jungen Er- wachsenen zu geschnitten; so haben etwa Maurer, Alpar und Noll (2008) eine Typologie von Netz werk platt form-Nutzern auf Basis einer nicht-repräsentativen Befra gung von n = 361 Personen zwischen 20 und 39 Jahren ent wickelt. Weitere an gebots bezogene Studien, die sich eben falls nicht auf Jugend liche be schränken, unter suchen beispiels weise die Gratifika tionen von Facebook-Nutzern (vgl. Bumgarner 2007), die Zusammen setzung der sozialen Netz werke auf Facebook (Ellison/Steinfield / Lampe 2007) oder die Selbst darstel lung auf StudiVZ (vgl. Krämer/ Winter 2008) und MySpace (vgl. Brake 2008; Jones u. a. 2008). Spezieller auf die Nutzer gruppe der Jugend lichen zu geschnitten sind Unter- suchungen zur Platt form Lokalisten (vgl. Sander/ Lange 2008) oder zu SchülerVZ (vgl. Hoffmann 2008). Sie zeigen, dass diese Platt formen von den jungen Nutzern vor rangig zur Pflege von sozialen Beziehungen genutzt werden, die oft im lokalen Nahraum existieren. Die Selbst darstel lung und der kreative Umgang mit onlinebasierten Inhalten geschieht dabei zunächst mit Bezug auf das eigene soziale Netz werk, doch lässt sich das er reichte Publikum nicht immer eindeutig ab grenzen oder einschätzen. Zu dieser Ver schie bung der Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlich keit tritt der Umstand, dass inner halb der onlinebasierten Kommunikations räume auch Streit und Konflikte aus getragen werden, die im schlimmsten Fall die Form von Mobbing oder Bullying annehmen. Eine Reihe von Studien befasst sich daher explizit mit spezifi schen Risiken der Social Web-Nutzung; auch hier rücken in der Regel die Nutzungs praktiken auf Netz werk platt formen in den Fokus, da diese einen so zentralen Platz im Repertoire der Jugend lichen und jungen Erwachsenen einnehmen. Vor dem Hintergrund von Überle gungen zu Daten schutz und Überwachung diskutiert Fuchs (2009) Ergebnisse einer (nicht-repräsentativen) Befra gung von StudiVZ- Nutzern; er zeigt, dass eine Mehrheit der Nutzer zwar ein Bewusstsein für assoziierte Risiken (wie Daten miss brauch oder Profiling) besitzt, diese aber durch die empfundenen Vorteile bei Kommunika tion und Interak tion auf ge- wogen sieht. Andere Autoren diskutieren kritisch die Optionen von Angebots- betreibern, die im Zuge der Internetnut zung anfallenden Daten von Kindern und Jugend lichen für Markt forschung zu ver wenden (vgl. Chung/Grimes 2005; Röll 2008). Entsprechende Praktiken äußern sich u. a. in den Strategien von Mediaplanern, die Netzwerkplattformen als durch und durch kommerziali sier- 37 bare Räume ansehen: „With more than 70 % of 15- to 34-yearolds involved in social networking communities, and the vast majority of those expressing deep emotional involvement, brands and agencies must integrate social networking within their marketing and media planning immediately“ (Fox Interactive Media 2007, S. 61). Ein zweiter Risikobereich betrifft den Themen komplex „Gewalt“, der so- wohl gewalthaltige Inhalte als auch gewalt tätige Praktiken via Internet umfasst (siehe dazu insbesondere die Studie von Grimm/ Rhein /Clausen-Muradian 2008). Demnach geben 25 Prozent der befragten 12- bis 19-jährigen Jugend- lichen an, bereits Internet seiten mit gewalthaltigen Inhalten gesehen zu haben, auf die sie zu etwa gleichen Anteilen über Freunde bzw. Cliquen mitglieder (70 Prozent der bereits mit Gewaltinhalten Konfrontierten) bzw. über Links (64 %) auf merksam wurden. Etwa ein Drittel der Jugend lichen wurde bereits mit sexuellen Anspie lungen oder Belästi gungen konfrontiert, jeweils etwa ein Viertel berichtet, von anderen Nutzern genervt oder beschimpft worden zu sein. Unter Mädchen ist der Anteil derjenigen, die bereits diese oder andere unangenehme Erfah rungen gemacht haben, deut lich höher als unter Jungen (47 % zu 22 %). Gewalt gegen sich selbst wurde in der Studie nicht explizit gefasst, spielt aber beispiels weise im Zusammen hang mit Pro-Anorexie-Ange- boten (vgl. Rauchfuß 2008) oder autoaggressivem Ver halten, das auf „Ritzer- Seiten“ dargestellt wird, eben falls eine Rolle. In einer Meta-Studie haben Schrock/ Boyd (2008) die vor liegende (englisch- sprachige) Literatur zu Themen wie „Cyberbullying“ oder jugendgefährdenden Inhalte zusammen getragen; diese floss in einen Bericht des Berkman Center for Internet & Society an der Harvard-Universität für das amerikani sche Justiz- ministerium ein (vgl. Internet Safety Technical Task Force 2008). Demnach sind Jugend liche im Internet einer Reihe von Risiken aus gesetzt, die in den meisten Fällen auch ihre Entsprechung außerhalb des Internets haben, gerade wenn Belästi gungen und Mobbing unter Jugend lichen sowohl online wie offline betrieben werden. 1.5 Leitfragen und Aufbau der Studie Auf der Grundlage der zuvor beschriebenen theoreti schen Vorüberle gungen und des Forschungs stands wurden für die Untersuchung Leitfragen ent wickelt, die sich aus drei Perspektiven ergeben: Social Web-Angebote werden 1) als neue Kommunikations dienste mit darauf bezogenen neuen Kommunikations- modi, 2) als Bestand teile des Alltags von Jugend lichen, die mit spezifi schen Chancen und Risiken ver bunden sind, und 3) als neues Element der öffent- lichen Kommunika tion mit hoher Relevanz für die gesell schaft liche Entwick- lung in den Blick genommen. 38 Zu 1): Social Web-Angebote als neue Kommunikations dienste Die Fragestel lungen für die Untersuchung ergeben sich zum einen aus der Tatsache, dass die unter dem Begriff Social Web zusammen gefassten Angebote noch relativ neu und un bekannt sind. Ein erstes Interesse besteht also darin, in einem medien kund lichen Sinne aufzu arbeiten, welche Angebots formen sich hier bisher ent wickelt haben und welche Optionen sie den Nutzern bieten. Die Leitfrage aus dieser Perspektive lautet: – Wodurch ist das Social Web als Kommunikations dienst charakterisiert, d. h. welche Anwendungs gattun gen existieren, welche techni schen Funktio- nalitäten bieten sie und welche Ver wendungs weisen legen diese nahe? Zu 2): Social Web-Angebote im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Die Studie unter sucht die zuvor genannten Fragestel lungen speziell für Jugend- liche und junge Erwachsene. Ausgangs punkt sind die lebens welt lichen Bedin- gungen und die anstehenden Entwicklungs aufgaben, denen sich Heran- wachsende gegen über sehen. Social Web-Angebote werden dazu als potenzielle Instrumente für das Identitäts-, Beziehungs- und Informations management betrachtet, die ihre subjektive Bedeu tung in alltäg lichen Handlungs kontexten von Jugend lichen zu gewiesen bekommen. Die Leitfrage aus dieser Perspektive lautet: – Welche Bedeu tung weisen Jugend liche und junge Erwachsene den ver schie- denen Social Web-Anwen dungen in ihrem Alltag zu? Zu 3): Social Web-Angebote im Medienensemble Die Social Web-Angebote stellen eine Erweite rung des bestehenden Medien- ensembles dar. Ihre gesell schaft liche Etablie rung hat Konsequenzen für die öffent liche Kommunika tion und damit für grundlegende Prozesse gesell schaft- licher Integra tion und Selbst verständi gung. Angesichts der fortschreitenden Konvergenz und der zunehmenden Bedeu tung cross medialer Strategien wird die isolierte Betrach tung von Einzelmedien weder der Realität der Anbieter noch der der Nutzer gerecht. Ein an gemessenes Ver ständnis der Bedeu tung von Social Web-Angeboten er fordert daher die Untersuchung der Frage, welcher Stellen wert ihnen in den Medien repertoires ver schiedener Nutzer gruppen zu- kommt. Aus dieser Perspektive lautet die Leitfrage: – Wie sehen die Medien repertoires von Jugend lichen und jungen Erwachsenen aus, und welche Rolle spielen darin die Social Web-Angebote? 39 Um diese Leitfragen zu beantworten, wurde eine Untersuchung konzipiert, deren Anlage und methodi sche Teilschritte in Kapitel 2 dargestellt werden. Die Darstel lung der Befunde erfolgt integrativ, folgt also nicht den empiri- schen Untersuchungs schritten. Die in Abbil dung 1.2 skizzierte Übersicht über den gesamten Gegen stands bereich soll ver deut lichen, welche Ausschnitte in den einzelnen Kapiteln im Mittelpunkt stehen. Abbil dung 1.2: Übersicht über den Gegen stands bereich Im Kern der Studie geht es um Social Web-Angebote und ihre Nutzung durch junge Erwachsene. Kapitel 3 gilt den Funktionalitäten, welche die ver- schiedenen Anwendungs gattun gen des Social Web, insbesondere die Netz- werk platt formen oder Social Network Sites (SNS) bieten. Kapitel 4 ist der Frage gewidmet, wie diese Angebote von Jugend lichen und jungen Erwach- senen genutzt werden und welche Einstel lungen gegen über den Social Web- Angeboten bestehen. Kapitel 5 geht darüber hinaus und analysiert die Social Web-Nutzung im Rahmen der jeweiligen sozial-ökologi schen Bedin gungen. Kapitel 6 ver bindet die Angebots- und die Nutzungs perspektive, indem für aus gewählte Social Web-Angebote fallstudien haft unter sucht wird, welche kon- kreten Angebots merkmale und Funktionalitäten den Nutzern zur Ver fügung Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen NutzungAngebot 40 stehen und wie sie sich diese aneignen. Kapitel 7 bezieht in die Analyse des Nutzungs verhaltens das gesamte Medienensemble ein und fragt, welcher Stel- len wert dem Social Web in den Medien repertoires der Jugend lichen und jungen Erwachsenen zukommt. Die Befunde dieser Teilschritte werden in Kapitel 8 zusammen fassend darauf hin beleuchtet, welche Bedeu tung dem Social Web für die Selbst-, Sozial- und Sachauseinander setzung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zukommt. Im ab schließenden Kapitel 9 werden die Ergebnisse der Studie im Hinblick auf Handlungs optionen im Bereich der Angebots entwick lung, der Medien kompetenzförde rung und der Medien regulie rung diskutiert. 41 2 Vorgehen bei den empiri schen Untersuchungs schritten Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink und Jan-Hinrik Schmidt Die vor liegende Studie zur Rolle des Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen besteht aus den folgenden Untersuchungs modulen: – einer Analyse des Social Web als Kommunikations dienst anhand einer Charak terisie rung von Anwendungs gattun gen, anwendungs übergreifenden Funktionalitäten sowie fallstudien haft aus gewählter Angebote, Modul 3 Medienkontext Repräsentativbefra- gung von Onlinenutzern Angebote Modul 1 Social Web- Übergreifende und fallstudienhafte Analysen Modul 2 Alltagskontexte Qualitative Einzel- und Gruppeninterviews Modul 4 Zusammenführung Abbil dung 2.1: Übersicht über die Untersuchungs module 42 – einer qualitativen Studie mit Gruppen- und Einzel befra gungen von Jugend- lichen und jungen Erwachsenen zum Umgang mit dem Social Web und seinen subjektiven Bedeu tungen im (Medien-) Alltag sowie – einer Repräsentativbefra gung unter Onlinenutzerinnen und -nutzern im Alter von 12 bis 24 Jahren zu ihrem Umgang mit dem Internet unter besonderer Berücksichti gung von Social Web-Angeboten sowie ihrer Nutzung von und ihren Einstel lungen gegen über anderen Medien. 2.1 Angebots analysen Die Analyse des Social Web als Ensemble von Kommunikationsdiensten hat zum Ziel, die technischen Merkmale einzelner Angebotsgattungen heraus zu- arbeiten, die als Software-Code die Nutzungspraktiken rahmen (vgl. Ab- schnitt 1.3). Dazu wurden in einem ersten Schritt unter Rückgriff auf Literatur und bestehende Analysen das Konzept des Social Web analysiert sowie die gängigen Angebotsgattungen identifiziert und kurz beschrieben, auch um be- griffliche Klärung für die folgenden Kapitel zu leisten, in denen die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Befragungen präsentiert werden. Da für die konkreten Nutzungspraktiken jedoch nicht die Angebotsgattung per se, sondern vielmehr die spezifische Ausprägung bestimmter grundlegender Funktionali- täten (wie z. B. der Aufbau einer Profilseite oder die Mechanismen für die Kontaktaufnahme zu anderen Nutzern) entscheidend ist, umfasste das Modul zusätzlich auch die Charakterisierung solcher angebotsübergreifender Funk- tionen bzw. „affordances“. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus den beiden übrigen Modulen wurden schließlich in einem dritten Schritt die besonders populären An ge- botsgattungen (Netzwerkplattformen, Instant Messaging und Videoplattformen; zusätzlich auch die Wikipedia als einzigen nennenswerten Vertreter der Gattung Wiki) identifiziert sowie die zwei bzw. drei besonders häufig genutzten Ein- zelangebote in Form von vertiefenden Fallstudien näher untersucht. Dabei wurden die in den vorigen Schritten identifizierten Funktionalitäten für die einzelnen Angebote im Detail erfasst und, soweit möglich, kontrastierend gegenübergestellt. Im Zusammenspiel mit den Ergebnissen der Module 2 und 3 konnte so herausgearbeitet werden, wie die Nutzer sich die Vorgaben und Strukturierungen der Software aneignen und in ihre Nutzungspraktiken ein- passen. 43 2.2 Qualitative Untersuchungsschritte 2.2.1 Zur Erforschung von Alltags kontexten Um die komplexen und kontingenten, immer wieder konstruierten Kombina- tionen objektiver und subjektiver Komponenten individueller und sozialer Lebens gestal tung von Menschen – im vor liegenden Fall von Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit Social Web-Angeboten – zu er fassen, ist es wichtig, zu eruieren, wie junge Menschen ihre Wahrneh mungen und Hand- lun gen, ihre Interpreta tionen und Bedeutungs zuschrei bungen von und mit dem Social Web im Alltag konstituieren. Dazu gilt es zu analysieren und ver stehend nach zuvollziehen, wie junge Menschen – Jugend liche und junge Erwachsene – mehr und mehr an eigener Kompetenz gewinnend in ihre Lebens welt hinein- wachsen und sich darin im Kontext ihrer Sach-, Sozial- und Selbst auseinander- setzung behaupten, d. h., wie sie mithilfe von Social Web-Angeboten ihr Informations-, Beziehungs- und Identitäts management betreiben. Eine derartig aus gelegte qualitative Medien forschung kann nicht ohne den Blick auf die Lebens welt Heranwachsender aus kommen, die geprägt wird durch sozial-öko- logi sche Bedin gungen, zu denen auch die Medien umgangs weisen – und darin integriert der je spezifi sche Umgang mit Social Web-Angeboten – gehören; diese Bedin gungen müssen in die Forschung mit ein bezogen werden (vgl. Paus- Hasebrink 2009). 2.2.2 Zum Vorgehen bei den Gruppen diskussionen und Einzelinterviews der qualitativen Studien und zur Logik der Probandenauswahl Im Rahmen der qualitativen Teilstudie wurde mit Gruppen diskussionen und ver tiefenden Einzelinterviews gearbeitet. Ziel der Gruppen diskussionen war es zum einen, über eine hohe Fallzahl von Jugend lichen hinweg – in Abgren zung zu den Einzelinterviews – einen Einblick in die Umgangs weisen Heran wach- sender mit Social Web-Angeboten zu bekommen und zum anderen der Rele- vanz von Peer-Group-Kontakten für die Nutzung und Bewer tung einzelner Angebote nach zugehen. Um tiefer als bei den Gruppen diskussionen möglich in die Bedeutungs zuschrei bungen von Probanden vor dringen zu können, wurden mit aus gewählten Jugend lichen und Erwachsenen aus dem Sample der Grup- pen diskussionen Einzelinterviews geführt. Entsprechend der Methode der Triangula tion konnten auf diese Weise die Aussagen der Probanden aus den Gruppen diskussionen sowie aus den Einzelinterviews miteinander in Verbin- dung gebracht und bei der Auswer tung aufeinander bezogen werden. Zu den qualitativen Studien wurden Jugend liche und junge Erwachsene aus den drei Alters gruppen rekrutiert, um die Rolle von Social Web-Anwen dun- gen im Kontext der mit den jeweiligen Alters stufen ver bundenen unter schied- 44 lichen Entwicklungs stufen und den damit einher gehenden Entwicklungs- bzw. Lebens aufgaben nachspüren zu können. Die erste Alters stufe bezog sich auf Heranwachsende zwischen 12 und 14 Jahren, in der zweiten wurden Jugend- liche zwischen 15 und 17 Jahren berücksichtigt; die dritte Alters stufe innerhalb der qualitativen Studien rekrutierte sich aus jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren, deren Herausforde rungen mit dem Finden bzw. Eingliedern in ihren beruf lichen Alltag bzw. in ein Studium ver bunden sind und deren partner- schaft liche Beziehungen sich in ent sprechenden Netz werken und Lebens partner- schaften bewegen. Daneben spielten die Faktoren Geschlecht, formale Bildung sowie Wohn- ort eine wichtige Rolle bei der Rekrutie rung von Probanden für die Gruppen- diskussionen. Im Hinblick auf den Faktor Wohnort wurde zwischen Probanden aus einer Groß stadt mit einem ab wechslungs reichen Freizeitangebot und guter Ver kehrsinfrastruktur (Hamburg) sowie Probanden aus einer länd lich struk- turierten Gegend (Emsland), die vice versa nicht über ein gleichermaßen gut aus differenziertes Freizeitangebot und eine gut aus gebaute Ver kehrs infra struk- tur ver fügen, unter schieden. Um einen intensiven Einblick in die jeweilige Rolle von Social Web-Ange- boten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen, mithin ihre Be- deutungs zuschrei bungen, die die Probanden ihnen sowohl im Kontext von Schule, Ausbil dung bzw. Studium und Beruf als auch in Peer- und Freund- schafts netz werken sowie Partner schaften beimessen, zu er halten, spielte in der qualitativen Studie zusätz lich die Überle gung eine Rolle, Jugend liche und junge Erwachsene in Bezug auf ihre Differenzen im Umgang mit Social Web-Angeboten zu rekrutieren. Dabei handelte es sich zum einen um die- jenigen Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die als „Konsumenten“ be- zeichnet werden können, die sich also mit Social Web-Anwen dungen be schäf- tigen, diese jedoch über wiegend rezeptiv nutzen. Die zweite Probanden gruppe rekrutierte sich aus Social Web-Kennern, die diese Anwen dungen sowohl re- zeptiv nutzen als auch moderat aktiv-gestaltend tätig sind. Als dritte Gruppe wurden Jugend liche und junge Erwachsene heran gezogen, die zum einen Social Web-Anwen dungen nutzen, zum anderen aber als „aktive Produzenten“ bezeichnet werden können. Diese Jugend lichen und Heranwachsenden schöpfen das Potenzial des Social Web in besonderer Weise aus. Diejenigen Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die ent sprechende Anwen dungen zwar kennen, sich aber nicht oder nur ganz sporadisch mit diesen Anwen dungen beschäftigen, messen ihnen in ihrem Alltag keine oder nur eine sehr geringe Bedeu tung bei; sie wurden bei der Rekrutie rung für die qualitativen Studien nicht berück- sichtigt. 45 Den geschilderten Überle gungen ent sprechend wurden Jugend liche und junge Erwachsene für insgesamt zwölf Gruppen diskussionen rekrutiert. Die Auswahl der Probanden er folgte in Anleh nung an das Theoreti sche Sampling nach Strauss und Corbin (vgl. Lampert 2005) in einem dreistufigen Ver fahren (vgl. auch Abbil dung 2.2): Mittels eines Screening-Fragebogens16 wurden in der Vorphase der Er- hebung von Mai bis Mitte Juni 2008 in Schulen (Haupt-, Real- und Fachschulen sowie Gymnasien), in Fach hochschulen und der Universität sowie in Jugend- zentren nach den harten Kategorien Geschlecht, Alter und formale Bildung und den weichen Kategorien allgemeine Internetnut zung und Nutzung von Social Web-Angeboten ent sprechende Probanden für die Studie rekrutiert; ins- gesamt wurden 450 Screening-Fragebögen aus gegeben (Rücklauf 193). Daraus wurden Gruppen von sechs bis acht Personen gebildet, mit denen eine Grup- pen diskussion durch geführt wurde (vgl. Tabelle 2.1). Diese Gruppen diskus- sionen dienten zum einen dazu, tiefer in das Forschungs feld vorzu dringen und „weiche“ Daten im Sinne subjektiver Bedürfnis posi tionen und Umgangs formen mit Social Web-Angeboten zu er halten. Zum anderen waren sie Basis für die Auswahl einzelner Personen, die mittels ver tiefender Leitfaden interviews („Fall studien interviews“) in einer intimen und ver trauens vollen Gesprächs- situa tion (unter vier Augen mit dem bzw. der Interviewer/-in)17 befragt wurden. Hier standen vor allem die spezifi schen Nutzungs formen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Kontext lebens welt licher Hintergründe im Fokus. In Bezug auf die Einzelinterviews war ursprüng lich geplant, aus jeder Gruppe möglichst mit einer Probandin sowie einem Probanden ein Interview zu führen, die oder der eine in Bezug auf den Gegen stand interessante Per- spektive einbringen konnte; folg lich sollten 24 Einzelinterviews geführt werden. Da aber deut lich mehr Probanden während der Erhebungs phase interessante Perspektiven auf den Forschungs gegen stand zeigten, wurden letztend lich ins- gesamt 28 Einzelinterviews geführt. Diese wurden als so genannte „Fall- studien interviews“ (vgl. Paus-Haase u. a. 1999) an gelegt, in denen die jeweili- gen lebens welt lichen Hintergründe der Probanden eine wichtige Rolle spielen, um die Bedeu tung von Social Web-Angeboten im Kontext der Lebens führung der jungen Menschen und ihrer Alltags gestal tung er fassen zu können. 16 Der Screening-Fragebogen ist unter www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb verfügbar. 17 Dabei wurde weitgehend darauf geachtet, dass die Probanden von einem Interviewer und die Probandinnen von einer Interviewerin befragt wurden. 46 Abbil dung 2.2: Probanden auswahl für die qualitative Teilstudie Tabelle 2.1: Zusammen stel lung der Probanden für die Gruppen diskussionen Gruppen Alter Bildung Geschlecht weiblich männlich G1 Emsland 12–14 Formal niedrige Bildung (Realschule) 4 3 G2 Emsland 12–14 Formal höhere Bildung (Gymnasium) 4 4 G3 Emsland 15–17 Formal niedrigere Bildung (Berufs schule/Lehre) 3 5 G4 Emsland 15–17 Formal höhere Bildung (Gymnasium/Höhere Schule) 3 6 G5 Emsland 18–24 Formal niedrigere Bildung (berufstätig und/oder arbeits los) 3 4 G6 Emsland 18–24 Formal höhere Bildung (Gymnasium/Höhere Schule und Universität /FH) 4 5 G7 Hamburg 12–14 Formal niedrigere Bildung (Haupt schule) 2 4 G8 Hamburg 12–14 Formal höhere Bildung (Gymnasium) 4 4 G9 Hamburg 15–17 Formal niedrigere Bildung (Berufs schule/Lehre) 2 4 G10 Hamburg 15–17 Formal höhere Bildung (Gymnasium/Höhere Schule) 3 3 G11 Hamburg 18–24 Formal niedrigere Bildung (berufstätig und/oder arbeits los) 3 3 G12 Hamburg 18–24 Formal höhere Bildung (Gymnasium/Höhere Schule und Universität /FH) 5 2 Für die Gruppen diskussionen und Einzelinterviews wurden Leitfäden18 ent- wickelt, die die Leitfrage dieses Untersuchungs bausteins, welche Rolle Social Web-Angebote im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen spielen, in ver schiedenen Unteraspekten er fassten. Abgedeckt wurden unter anderem folgende Fragen: 18 Die Leitfäden sind unter www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb dokumentiert. Einzel- Interviews Gruppendiskussionen Screening-Fragebögen 47 – Wie nehmen Jugend liche Social Web-Angebote wahr? Welche Bedeu tung weisen sie ihnen in ihrem Alltag zu und welchen Einfluss gewinnen Social Web-Angebote auf die Konstruk tion der Wirklich keit von Jugend lichen? – Welche Umgangs weisen mit sowie welche Aneignungs formen von Social Web-Angeboten lassen sich fest stellen? Wovon hängen diese ab bzw. wo- durch werden diese beeinflusst (z. B. durch die Nutzung allein, mit Ge- schwistern oder Eltern, mit Freunden etc.)? – Welche spezifi schen Funktions erwar tungen hegen Jugend liche gegen über den ver schiedenen Angeboten des Social Web? Welche Angebote er füllen welche Funktionen für welche Jugend lichen in welchen Situa tionen ihres Alltags? – Stellen Social Web-Angebote für Heranwachsende eine Möglich keit für die Auseinander setzung mit ihren Entwicklungs aufgaben und spezifi schen Fragen des Alltags dar? Welche Rolle spielen die spezifi schen Selbst- bzw. Sozial auseinander setzungs konzepte der Jugend lichen in Familien, Peer- Groups sowie institu tionellen Gruppen für den Umgang mit Social Web- Angeboten (Selbstrepräsenta tion, Identitäts arbeit / Beziehungs bildung, Be- ziehungs management)? – Welche Nutzer typen lassen sich im Umgang der Jugend lichen mit unter- schied lichen Social Web-Angeboten beobachten? Wie hängen diese mit der sozialen Position der Jugend lichen in ihrem Alltag (vor dem Hintergrund ihrer sozialen Milieus) zusammen? – Welche Risiken und Probleme sind mit Social Web-Angeboten ver bunden? Welche Anknüpfungs punkte für die Förde rung von Medien kompetenz er- geben sich aus den Umgangs weisen der Jugend lichen mit Social Web- Angeboten? Die Gruppen diskussionen wurden in der Zeit zwischen dem 30. Juni und dem 11. Juli 2008 jeweils nachmittags oder am frühen Abend geführt; sie dauerten zwischen 90 und maximal 180 Minuten; im Durchschnitt dauerte eine Dis- kussion 120 Minuten. Die Gruppen diskussionen Land (Emsland) fanden in Privaträumen von Hilfs kräften, die an der Durchfüh rung der Rekrutie rung beteiligt waren, in der Zeit vom 30. Juni bis einschließ lich 4. Juli 2008 statt. Die Gruppen diskussionen Stadt (Hamburg)19 wurden in der Zeit vom 7. bis 11. Juni 2008 im Hans-Bredow-Institut bzw. in Jugendzentren geführt. Die Diskussionen wurden in voller Länge auf Tonband mitgeschnitten. Neben dem Interviewer und der Interviewerin war eine dritte Person aus dem Forschungs team anwesend, um in einem Protokoll die Abfolge der Sprechen- 19 In den in Kapitel 5 folgenden Ergebnissen wird der Standort „Hamburg“ mit A und der Standort „Emsland“ mit B bezeichnet. 48 den fest zuhalten. Auf diese Weise ließen sich die Wortbeiträge beim Trans- kribieren den ver schiedenen Diskussions teilnehmern zuordnen. Den Diskussionen ging eine Warm-up-Phase voraus, in der sich das Inter- viewteam vor stellte, den Zweck der Studie er läuterte und darauf hinwies, dass alle Äußerun gen der Befragten wichtig und „richtig“ seien. Ziel war, eine möglichst ent spannte Atmosphäre zu schaffen. Darüber hinaus wurden die Jugend lichen und jungen Erwachsenen auf gefordert, nach Möglich keit unter- einander zu diskutieren. Zu den Einzelinterviews wurden Jugend liche und junge Erwachsene aus- gewählt, die a) im Hinblick auf die Fragestel lung der Studie als besonders interessant und auf schluss reich er schienen und die b) bereit waren, an einem Einzelinterview teilzunehmen. Sie fanden im Rahmen der Erhebungs wochen ent weder im unmittel baren Anschluss an die Gruppen diskussionen bzw. nach Terminwunsch der Probanden an einem der darauf folgenden Tage bei ihnen zu Hause statt. Die Einzelinterviews dauerten zwischen 40 und maximal 90 Minuten. 2.2.3 Zur Auswer tung der Gruppen diskussionen und Einzelinterviews 2.2.3.1 Fokussierende Analyseschritte und Gruppen-Profile Um bei der Analyse der Diskussionen möglichst viele Aspekte differenzieren und dennoch den sich organisch ent wickelnden Gruppen diskussionen gerecht werden zu können, er schien es sinn voll, eine fokussierende Auswer tung des Materials zu leisten (vgl. Paus-Haase u. a. 1999, Paus-Hasebrink 2004b; Paus- Hasebrink u. a. 2004; Paus-Hasebrink / Bichler 2008). Bei der fokussierenden Analyse gilt die Aufmerksam keit bestimmten Aspekten der Diskussionen, die vor dem Hintergrund der Forschungs frage „Wie gehen die Jugend lichen mit Social Web-Angeboten in ihrem Alltag um?“ relevant er scheinen. Auf dieser Auswertungs ebene wurde das Material nach Dimensionen und Kategorien dif- ferenziert, um einzelne Diskussions sequenzen mit jeweils demselben Thema einer ver gleichenden Betrach tung unter ziehen zu können. Es handelte sich um ein quantifizierendes Vorgehen, bei dem die Komplexität der qualitativ er- hobenen Daten zugunsten einer besseren Übersicht reduziert wurde. Für jede Gruppen diskussion wurde zudem ein aus einem kontextuellen Analyseschritt hervor gehendes „Gruppen-Profil“20 er stellt, aus dem die Zu- sammen setzung der Gruppe hervor geht und das gruppen dynamisch relevante Aspekte behandelt, wie etwa, wer der Probanden sich unter einander kennt 20 Die Gruppenprofile sind unter www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb dokumentiert. 49 bzw. in welcher Beziehung sie jeweils zueinander stehen. Im Profil wurden also die inneren Zusammen hänge der Gruppen diskussionen heraus gearbeitet und die Aufmerksam keit vor allem den Fragen gewidmet, wie die Jugend- lichen interaktionistisch ihre Gedanken gänge ent wickeln, ob es einen Wort- führer in der Gruppe gibt bzw. um wen es sich dabei handelt etc. Damit bedingen und er gänzen sich die fokussierende und die kontextuelle Analyse gegen seitig: Während die eine einen Überblick über die typischen Umgangs weisen von jungen Menschen und deren Hintergründe bietet, zeigt die andere spezifi sche Einfluss faktoren auf und widmet sich gruppen dynami- schen Aspekten der Diskussionen. 2.2.3.2 Zur Codie rung des Materials und zur Erstel lung einer Auswertungs matrix Die methodi sche Offen heit der Gruppen diskussionen führte dazu, dass die er hobenen Daten sowohl auf inhalt licher als auch struktureller Ebene eine große Heterogenität auf weisen. Dies bedingt wiederum, dass die Diskussionen nicht ohne Weiteres zueinander in Beziehung gesetzt werden konnten. Viel- mehr musste zu diesem Zweck eine Matrix ent wickelt werden, die – als eine Art Folie über das Material gelegt – die Ver gleich bar keit der Daten gewähr- leistet und somit Antworten auf die Frage er laubte, ob die ver schiedenen Be- fragten gruppen jeweils typische Umgangs weisen mit Social Web-Angeboten er kennen lassen. Um die Fülle des Materials bewältigen zu können, wurde im ersten Schritt auf eine computer gestützte Auswertungs methode zurück gegriffen, wie sie im Bereich der qualitativen Forschung durch das Programm „MaxQda“ geboten wird. Dabei wurden die ein gelesenen Texte in Sinnabschnitte unter teilt und mit Schlagworten ver sehen. Anschließend ließen sich die einzelnen Sequenzen („Codings“) per Computer befehl zusammen stellen, sodass die umständ liche und langwierige „Schneid- und Klebemethode“ ent fiel. Die Schlag- bzw. Codeworte wurden zum Teil induktiv auf Basis der theo- reti schen Prämissen formuliert; zum Teil wurden sie im Laufe des Codierungs- prozesses vom Material selbst ab geleitet. Auf diese Weise ent stand ein hoch aus differenziertes Kategorien system („Codewortbaum“), das einen um fassen- den Blick auf die von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein gebrachten Perspektiven bot. Nach einer ersten Durchsicht der Codings wurde das Kate- gorien system auf diejenigen Dimensionen reduziert, die sich auf grund der Quantität und Qualität der Codings als relevant er wiesen hatten (siehe dazu den Codewortbaum im Anhang A3). Es handelt sich hierbei um die Folgenden: Allgemeiner Medien umgang; Lebenssituation; Bekanntheit des Begriffs Web 2.0; Aktionen nach dem Einschalten des Computers; Internet allgemein; wahrgenommene Unterschiede Internet /Social Web; Nutzung von Social Web-Angeboten wie Netz werk- 50 plattformen, Instant Messaging, Musikplattformen, Videoplattformen, Fotoplatt- formen, Wikis, Blogs und von weiteren Internetangeboten wie Online-Radios/Podcasts, Virtuelle Welt /Second Life; Nutzung anderer Internetangebote wie, E-Mail, Chats, eigene Home page, Onlinespiele, Internet-Telefonie, Foren / Boards, Shopping (allgemeine Bewertung; zugeschriebene Funktion, Motive aktiver Produktion, lebensweltliche Hintergründe); Motive der Social Web-Nutzung anderer; Bewertung von Einzelaspekten (Kommuni kation im Social Web, anonyme Internetnutzung); Nutzung mehrerer Profile; Motive für die Anmeldung für SNS und Instant Messaging; Definition von Privatheit; Internet & Wirklichkeitskonstruktion; Wahrnehmung von Risiken / Herausforderungen in Bezug auf sich selbst sowie andere; Erfahrungen mit Risiken und Herausforderungen für sich selbst sowie in Bezug auf andere; Umgang mit Risiken und Herausforderungen; Zukunfts szenarien; Chancen; Medienregeln in der Familie; Einsatz Internet in Freizeit-/ Bildungseinrichtungen. Die unter diesen Dimensionen codierten Diskussions ausschnitte wurden in einem hermen eutischen Ver fahren weiter aus gewertet; diejenigen, die ähnliche Umgangs weisen der Jugend lichen mit Social Web-Angeboten er kennen ließen, wurden zusammen gefasst und gleichzeitig von denjenigen differenziert, die mehr oder minder konträr dazu stehen. Anschließend er folgte eine Beschrei- bung dieser Gruppen: Welche Merkmale sind der jeweiligen Umgangs weise eigen, und wie lassen sie sich unter einem Oberbegriff zusammen fassen? Ziel war es dabei, zentrale Dimensionen des Umgangs mit Social Web-Angeboten heraus zuarbeiten. Der nächste Auswertungs schritt bestand darin, Einzelfallanalysen zu er- stellen, um auf ihrer Basis eine Typologie von Handlungs weisen Jugend licher und junger Erwachsener mit Social Web-Angeboten zu erarbeiten. Auch die Einzelinterviews wurden einem zweischrittigen Analyse verfahren unter zogen. Im ersten Schritt wurden auch sie mithilfe von MaxQda nach demselben Codewortbaum wie die Gruppen diskussionen codiert; in einem zweiten Schritt wurden diese Codings zu jeder Person kontextuell-hermeneu- tisch aus gewertet und Fall beispiele (n = 9) bzw. Kurz-Profile (n = 19) ge schrie- ben. Alle Einzelfallbeispiele sowie Kurz-Profile sind auf der Projekt-Website dokumentiert.21 Sämtliche Namen der Probanden sind anonymisiert. Die Ent- schei dung, ob zu einem Probanden ein Fall beispiel oder ein Kurz-Profil ge- schrieben wurde, hing mit der Perspektive zusammen, die eine Person in Bezug auf die Fragestel lung bot, d. h. um möglichst viele Perspektiven auf den Untersuchungs gegen stand er fassen zu können, wurden zu den Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die eine neue oder besonders interessante Perspektive im Umgang mit dem Social Web darboten, ausführ liche Fall beispiele ge- schrieben. Zu den anderen Probanden wurden nach denselben Kategorien wie 21 Siehe www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb. 51 bei den Fall beispielen Kurz-Profile er stellt. Die Einzelfall beispiele bieten damit einen umfassenderen Blick auf die Personen als die Kurz-Profile. Für die Einzelfallanalyse wurde eine Grund-Matrix ent wickelt, die den individuellen Daten eine Struktur ver leiht und sie so ver gleich bar gestaltet. Dies war ent scheidende Vorausset zung für den anschließenden Schritt, die Bildung von Handlungs typen im Umgang mit dem Social Web; sie er folgte sowohl auf Basis der Fall beispiele als auch der Kurz-Profile. Die Matrix soll im Folgenden kurz vor gestellt werden, um den Auswertungs- prozess nachvollzieh bar zu gestalten. Sie setzt sich folgender maßen zusammen: 1) zur Person und zu ihren lebens welt lichen Hintergründen: Name, Alter, Schul form, Wohnort, Charakteristika (Wie lässt sich die physische Erschei- nung bzw. die psychi sche Struktur beschreiben?), familiärer Hintergrund (Familien struktur, Wohnsitua tion, Berufe der Eltern,22 familiäres Klima), Stellung in der Peer-Group/ Freund schaften, Ver hältnis zur Schule, Hobbys; 2) Umgangs weisen mit Medien im Alltag im Allgemeinen (auf Basis dafür relevanter Kategorien des Codewortbaums; vgl. Anhang A3); 3) allgemeine Umgangs weisen und Einstel lung zum Internet; 4) Umgangs weisen und Einstel lung zum Social Web (wahrgenommene Hand- lungs weisen im Umgang mit dem Social Web; Nutzung spezieller Angebote etc.); 5) Fazit und Motto23. Diese Matrix24 wurde auf alle Fälle gleichermaßen an gewandt. Der letzte Schritt der Auswer tung bestand darin, auf der Basis aller Einzelfall beispiele Handlungs typen25 von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu bilden, die sich jeweils durch einen spezifi schen Umgang mit Social Web-Angeboten auszeichnen. In diesem Auswertungs schritt wurden zentrale Dimensionen im Umgang mit dem Social Web heraus gearbeitet; da es sich dabei bereits um Ergebnisse handelt, werden sie im Zusammen hang mit den Handlungs typen vor gestellt (siehe dazu Kapitel 5). Zur Bildung der Handlungs typen wurden die Fall beispiele der Probanden miteinander abgeg lichen, genauer gesagt: Die Probanden wurden im Hinblick auf ihre Umgangs weisen miteinander ver- glichen und die einzelnen Fälle von Jugend lichen und jungen Erwachsenen nach ihrer Ähnlich keit zu Gruppen, die sich ein und derselben Handlungs- 22 Nicht in allen Fällen haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dazu Angaben gemacht. 23 Das Motto beinhaltet eine Kurz-Charakteristik des Probanden mit Blick insbesondere auf seinen Umgang mit dem Social Web. 24 Die Matrix weist in ihrer Anlage eine hohe Verwandtschaft zu der von Flick (2003) vorgeschlagenen „thematischen Struktur“ auf. 25 Bei der vorliegenden Typenbildung handelt es sich um empirisch erfasste Typen, mithin „Realtypen“, die sich aus der breit angelegten Materialinterpretation der 28 Einzelfallbeispiele herausgebildet haben (siehe dazu auch Paus-Haase u. a. 1999). 52 weise im Umgang mit Social Web-Angeboten bedienen bzw. die in ihrer Haltung zu den Angeboten über einstimmen, zusammen gestellt und in ihren Gemeinsam keiten beschrieben. Dabei wurde anschließend geprüft, ob be- stimmte Persönlichkeits merkmale und/oder soziale Faktoren der jungen Leute mit tendenzieller Häufung auf treten. 2.3 Repräsentativbefra gung Ziel dieses Untersuchungs schritts war es, auf einer repräsentativen, also auf die Gesamt gruppe der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in Deutschland ver allgemeiner baren Basis, Aussagen darüber zu machen, welche Medien- repertoires sich beobachten lassen und welchen Stellen wert die ver schiedenen Medien, insbesondere Social Web-Anwen dungen, im Rahmen dieser Medien- repertoires einnehmen. Im Einzelnen sollten vor allem folgende Fragestel- lungen beantwortet werden: – Wie hoch ist der Anteil der Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die bestimmte Onlineanwen dungen nutzen? – Welche Nutzer typen lassen sich anhand des Umgangs mit Onlineanwen- dungen unter scheiden? – Wie nutzen diese Onlinenutzer typen andere Medien, d. h. welche über grei- fenden Medien repertoires lassen sich bei den Nutzer typen beobachten? – Welche spezifi schen Nutzen erwar tungen und Einstel lungen haben die Be- fragten gegen über den ver schiedenen Online-Anwen dungen und anderen Medien angeboten? Die zur Beantwor tung dieser Fragen durch geführte Repräsentativbefra gung wurde wie folgt konzipiert. Es wurde ein Fragebogen ent wickelt, der folgende Gegenstände umfasst:26 – Medien nutzung (TV, Radio, Print, Online) – Häufig keit – Dauer – Funktionen – Internet-Nutzung – Orte der Internet-Nutzung – Lieblings seiten im Internet – Nutzungs häufig keit Internet-/Online-Dienste – Erfah rungen mit dem Internet 26 Der vollständige Fragebogen ist unter www. hans-bredow-institut. de/webzweinull /uber-das-projekt abruf bar. 53 – Nutzung von Social Web-Angeboten – Bekanntheit / Nutzung spezieller Social Web-Angebote – Umgang mit Profilen – Handy-Nutzung – Eignung ver schiedener Kommunikations dienste für soziale Funktionen – Themen interessen – Geräte ausstat tung – Soziodemographie Um die Ergebnisse später auf größere und regelmäßig durch geführte Studien beziehen zu können, wurden die Fragen und Antwort kategorien zur Erfas sung der allgemeinen Medien nutzung und zur Nutzung ver schiedener Internet-An- wen dungen an die Erhebungs instrumente der JIM-Studie (MPFS 2008) und der ARD/ZDF-Online-Studie an gelehnt.27 Aus forschungs ökonomi schen Gründen, aber auch um die Ver gleich bar keit mit relevanten Studien wie der JIM zu ermög lichen, wurde die Befra gung telefonisch durch geführt. Grundgesamt heit für die Befra gung waren deutsch- sprechende Onlinenutzerinnen und -nutzer im Alter zwischen 12 und 24 Jahren aus Haushalten mit Telefonfest netz anschluss in Deutschland. Mit der Feldarbeit wurde mit der ENIGMA GfK Medien- und Marketing- forschung GmbH in Wiesbaden ein Institut beauftragt, das über besondere Erfah rungen mit Befra gungen unter Jugend lichen (u. a. durch die dort durch- geführte JIM-Studie) ver fügt. Die Fragebogen inhalte wurden vom Hans- Bredow-Institut vor gegeben, von ENIGMA GfK redaktionell über arbeitet und zur Abstim mung vor gelegt. Die Durchfüh rung der Interviews er folgte in den Telefonstudios der ENIGMA GfK in Wiesbaden/ Mainz.28 Aus der Grundgesamt heit wurde eine repräsentative Stichprobe von 650 Ziel- personen befragt, quotiert nach – Alters stufe, – Bundes land × Wohnort größe und – Schul bildung. Bei der CATI-Befra gung wurden so genannte „wieder befragungs bereite“ Haus- halte mit Kindern und Jugend lichen in der gewünschten Alters gruppe ein- gesetzt. Hierfür steht eine institut sinterne Daten bank zur Ver fügung, die aus bundes weiten Repräsentativ-Zufalls stichproben gespeist wird. Grundlage für diese Stichproben ist die ADM-Auswahlgrundlage für Telefonstichproben, die 27 Wir danken Sabine Feierabend und Albrecht Kutteroff (JIM-Studie) sowie Birgit van Eimeren (ARD/ ZDF-Online-Studie) für ihre Kooperations bereit schaft bei der Entwick lung des Fragebogens. 28 Für die gute Zusammen arbeit bedanken wir uns an dieser Stelle herz lich bei Bettina Klumpe, Geschäfts- führerin, und Petra Kombert, Projekt leiterin und Spezialistin für Befra gungen von Kindern und Jugend- lichen. 54 sowohl im Telefonbuch ein getragene als auch nicht ein getragene Telefon num- mern erfasst. Die Auswahl des Kindes im Haushalt er folgte gemäß den Quoten vorgaben. Pro Haushalt wurde nur ein Interview durch geführt. Zur Steige rung der Aus- schöp fung wurden die Haushalte mindestens 15 mal an ver schiedenen Wochen- tagen zu ver schiedenen Tages zeiten kontaktiert. Terminwün sche der Befragten wurden individuell behandelt. Die Feldzeit der Befra gung dauerte vom 15. Oktober 2008 bis zum 16. No- vem ber 2008. Zur Realisie rung der Interviews wurden insgesamt 29 Interviewer ein gesetzt, die alle speziell für das Projekt geschult und ein gewiesen wurden. Die Stichprobe wurde repräsentativ nach Alter × Geschlecht (Basis: Statisti- sches Bundesamt, Genesis, Stand 31. 12. 2007), Bundes land × Wohnort größe und Bildungs abschluss (Basis jeweils: MA Radio 2008 II) gewichtet. Letzt lich ergaben sich die in Tabelle 2.2 auf geführten Fallzahlen. Tabelle 2.2: Überblick über die Befragten Gesamt n = 650 n in % n in % männlich 332 51,1 Schüler/ in 310 47,7 weiblich 318 48,9 Student/ in 61 9,4 12–14 Jahre 131 20,2 Auszubildende/r 157 24,1 15–17 Jahre 147 22,7 Bundes wehr-/Zivildienst leistender 12 1,8 18–20 Jahre 161 24,7 Berufstätig 92 14,1 21–24 Jahre 211 32,5 Arbeits los 19 2,9 Eine vollständige Dokumenta tion der Grundauszäh lungen dieser Befra gung ist auf der Projekt-Website verfüg bar.29 2.4 Ver knüp fungen zwischen den ver schiedenen Untersuchungs schritten Neben der nicht-reaktiven Angebots analyse sind in dieser Studie mit einer standardisierten Befra gung, Gruppen interviews und Einzelinterviews ver schie- dene reaktive Zugänge gewählt worden, um Aufschluss über die Social Web- Nutzung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu gewinnen. Damit war das Ziel ver bunden, möglichst vielfältige Perspektiven auf den Gegen stand zu er halten und gleichzeitig die jeweiligen Stärken der Erhebungs weisen zu kom- binieren und miteinander zu er gänzen, wie es dem Prinzip der Triangula tion (vgl. Denzin/ Lincoln 1994; Flick 2003; siehe dazu ausführ lich Paus-Hasebrink 2004a) ent spricht. 29 Siehe www. hans-bredow-institut. de/webzweinull /uber-das-projekt /. 55 Die Vorausset zungen für solche Verbin dungen bestehen zum einen auf der konzep tionellen Ebene, indem ein gemeinsamer theoreti scher Rahmen für die Studie formuliert wurde (siehe Kapitel 1.1 und 1.2). Zum anderen waren die Erhebungs instrumente, also die Leitfäden für die qualitativen Interviews sowie der Fragebogen für die Repräsentativbefra gung, im Hinblick auf zentrale Kate- gorien aufeinander ab gestimmt. Die Ergebnisse der Erhebun gen bestimmten zudem die Auswahl der fallstudien haften Angebots analysen. Im Auswertungs- prozess analysierten ver schiedene Mitglieder des Projekt teams die Daten zu- nächst ent lang der Logik der jeweiligen Methode; danach er folgte der Ver- gleich der Befunde im Hinblick auf Übereinstim mungen und Widersprüche. In der Ergebnis darstel lung schlägt sich dies so nieder, dass die folgenden Kapitel jeweils primär auf der Auswer tung einer Daten quelle basieren, dabei jedoch relevante Beobach tungen aus den anderen Untersuchungs schritten ein gear bei- tet werden. Damit ist die Vorausset zung dafür gegeben, in den ab schließenden Kapiteln zu einer Gesamtinterpreta tion der Befunde zu kommen. Bei dem Ver such, die Beobach tungen aus ver schiedenen Daten quellen mit- einander zu ver binden, sind jedoch auch die Grenzen eines solchen Vorgehens zu beachten. Dies betrifft insbesondere die für diese Studie wichtige Ziel- setzung, ver schiedene Typen der Social Web-Nutzung zu identifizieren. Mit Typen bildun gen sollen relevante Unterschiede zwischen Teilgruppen der Grund- gesamt heit sicht bar gemacht werden, da nicht davon auszu gehen ist, dass das Social Web für alle 12- bis 24-Jährigen dieselbe Bedeu tung hat. Wenn in den folgenden Kapiteln sowohl auf der Basis der Repräsentativbefra gung als auch auf der Basis der qualitativen Befra gung Typen gebildet werden, ist zu be- denken, dass diese nicht direkt miteinander verg lichen werden können. Denn die Anhaltspunkte zur sozialen Realität, die sich den beiden Daten quellen ent nehmen lassen, ergeben sich aus unter schied lichen Vorausset zungen für die Befragten, ihre Sicht der Dinge zu artikulieren. Zudem ist zu betonen, dass jegliche Typen bildung im Bereich der Sozial- wissen schaft nicht für sich in Anspruch nehmen kann, die eine und einzige Typologie darzu stellen. Typen bildun gen dienen dazu, die beobacht bare Vielfalt der Erscheinungs formen sozialer Praxis – hier des Umgangs mit dem Social Web – über schau bar zu machen. Es handelt sich also um Konstruk tionen, die sich dadurch zu bewähren haben, dass sie im Hinblick auf die jeweils zugrunde gelegten theoreti schen Kategorien relevante Unterschiede markieren. 57 3 Das Social Web als Ensemble von Kommunikations diensten30 Jan-Hinrik Schmidt Dieses Kapitel ist der an ge- bots bezogenen Darstel lung des Social Web und der ihm zu gerechneten Kom mu ni ka- tions dienste gewidmet. Es legt begriff liche Grundlagen für die anschließende Dar- stel lung und Diskussion der Befragungs ergebnisse. In Ab- schnitt 3.1 wird das Konzept „Web 2.0“ er läutert und ar- gu mentiert, dass die Bezei- ch nung „Social Web“ treffender ist, um das gegen wärtige Internet (insbesondere in seiner Aneig nung durch Jugend liche und junge Erwachsene) zu kenn- zeichnen. Abschnitt 3.2 stellt die gängigsten Ange bots gattun gen des Social Web vor, während Abschnitt 3.3 zentrale Funk tio na litäten des Social Web skizziert, die das onlinebasierte Identitäts-, Beziehungs- und Informations- management unter stützen. 3.1 „Web 2.0“ und „Social Web“ Die Diskussion über Merkmale und gesell schaft liche Konsequenzen des Inter- nets wurde in den ver gangenen Jahren maß geblich durch das Schlagwort „Web 2.0“ geprägt. Der Begriff, erstmals im Zuge einer Softwarekonferenz 2004 ver wendet und vom amerikani schen Ver leger O’Reilly (2005) in einem 30 Dieses Kapitel ist eine in Teilen gekürzte Fassung ent sprechender Abschnitte in Schmidt (2009). Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen Nutzung Social Web SNS Internet Medien insgesamt Angebot Social Web SNS Internet Medien insgesamt 58 Essay näher charakterisiert, bündelt eine Reihe von techni schen, ökonomi- schen und gesell schaft lichen Entwick lungen und Prognosen in Bezug auf das Internet. Die Bezeich nung „2.0“ ist aus der Software-Branche ent lehnt, wo die Ver sionen von Computerprogrammen im Zuge ihrer Weiter entwick lung durch- nummeriert werden und ein Sprung auf eine neue Ver sions stufe in der Regel mit sehr grundlegenden Ver ände rungen in den Funktionen und im Design einher geht. Auf das Internet bzw. World Wide Web über tragen, legt der Begriff also Assozia tionen eines tiefgreifenden, sogar revolutionären Entwicklungs- schrittes nahe. Mit dem Web 2.0 werden techni sche, ökonomi sche und kulturell-gesell- schaft liche Ver ände rungen ver bunden (vgl. ausführ lich Schmidt 2009). In tech- ni scher Hinsicht sind insbesondere innovative Software-Anwen dungen an ge- sprochen, welche die Hürden senken, im Internet Inhalte aller Art (Texte, Videos, Bilder, Musik, o. Ä.) für andere zugäng lich zu machen, mit anderen zu bearbeiten und weiter zuverbreiten (vgl. die Übersicht von Anwendungs gattun- gen und Funktionalitäten in den Abschnitten 3.2 und 3.3). Diese Entwick lung führt dazu, dass sich die vormals deut lich getrennten Rollen zwischen Produ- zenten und Rezipienten, zwischen Anbietern und Nutzern medialer Inhalte, nicht mehr deut lich voneinander trennen lassen, weil „the people formerly known as the audience“ (Rosen 2006) selbst aktiv werden können. Bruns (2008) hat hierfür den Begriff „produsage“ geprägt, um das Zusammen wachsen von „produc tion“ und „usage“ zu beschreiben. Eine zweite Ver ände rung betrifft die Art und Weise, wie Software ent- wickelt und bereit gestellt wird. Software wandelt sich von einem Produkt, das er worben und installiert wird, zu einem Dienst bzw. „Service“, der über das Internet bereit gestellt wird. Indem offene Schnitt stellen („Applica tion Pro- gramming Interfaces“, APIs) an geboten werden, können Daten zwischen An- wen dungen aus getauscht und „mashups“ er stellt werden – Kombina tionen von bestehenden Diensten31. Eine ähnliche Funktion er füllen „Widgets“, worunter Software-Module ver standen werden, mit deren Hilfe Inhalte eines Web ange- bots auf anderen Seiten ein gebunden werden können. Die Weiter entwick lung der Software findet nicht mehr in einer Abfolge von unter scheid baren Ver- sionen statt, sondern während des laufenden Betriebs, in andauernden und schritt weisen Ver ände rungen („perpetual beta“), die Nutzer feedback in deut- lich stärkerem Maße einbeziehen als in früheren Phasen. In ökonomi scher Hinsicht bringt das Web 2.0 eine Ver ände rung in den Geschäfts modellen von Unternehmen mit sich, die im bzw. mit dem Internet Geld ver dienen wollen. Dabei sind zwei Konzepte von besonderer Bedeu tung: 31 So wurde die offene Schnitt stelle von „Google Maps“ im Juli 2009 von über 1.750 Diensten benutzt, um eigene Inhalte auf einer von Google zur Ver fügung gestellten Karte anzeigen zu lassen (vgl. www. programmableweb. com/apis/directory/1?sort= mashups [31. 7. 2009]). 59 Der Gedanke des „long tail“ (vgl. Anderson 2006) bezieht sich auf den Um stand, dass im Internet die Kosten für Lager haltung und Distribu tion digitali sier barer Güter (wie z. B. von Musikstücken) gegen Null gehen. Profit lässt sich deshalb nicht mehr allein dadurch erwirt schaften, dass man besonders populäre Inhalte anbietet, sondern gerade auch, indem man den long tail der Nischen interessen er schließt, die jeweils für sich genommen nur wenig Nach frage er zielen, in der Summe aber ein großes Markt segment darstellen.32 Das Web 2.0 ver stärkt die Bedeu tung dieses Umstands, weil immer mehr Werk zeuge zur Ver fügung stehen, die Nachfrage nach Nischen produkten zu kana lisieren, insbesondere aber auch sehr spezialisierte Angebote zu produzieren und zu ver breiten. Das Angebot gerade in den spezialisierten Nischen weitet sich auch des- wegen aus, weil die oben er wähnten gesunkenen Hürden für das Publizieren und Ver breiten von Inhalten dazu geführt haben, dass immer mehr „User- generated Content“, also von Nutzern selbst er stellte Inhalte, bereit stehen. Ent- sprechende Aktivitäten, beispiels weise das Führen eines privaten Weblogs oder das Hochladen eines Videos auf YouTube, werden mehr heit lich ohne kommer- zielle Motiva tion betrieben, können nichts destotrotz aber monetarisiert wer- den.33 Dabei setzen die populären Platt formen in der Regel auf Werbung, selte- ner auf Mitglieds beiträge oder kosten pflichtige Zusatz dienste. Mit den Diensten AdWords und AdSense34 ist auch Google im Bereich der Werbe vermark tung aktiv und er schließt hier insbesondere den Betreibern von Webangeboten mit ver gleichs weise geringer Reichweite Einnahmemöglich keiten. Schließ lich ver binden sich mit dem Web 2.0 auch Vorstel lungen von kultu- rell-gesell schaft lichen Ver ände rungen, die durch aus unter schied lich bewertet werden: An Phänomene wie die Wikipedia, Folksonomies oder die Blogosphäre wird die Hoffnung geknüpft, dort würde sich eine ver teilte kollektive Intelli- genz manifestieren (vgl. O’Reilly 2005), weil unabhängig von etablierten Gate- kee pern jeder Mensch als produser sein eigenes Wissen und seine eigene Erfah rung einbringen könne.35 Indem unabhängig voneinander ent standene Informa tionen, Selek tionen und Entschei dungen aggregiert würden, äußere 32 Als exemplari scher Fall gilt Amazon, bei dem 30 bis 40 Prozent des Umsatzes auf Titel ent fallen, die nicht (mehr) über den Buch handel erhält lich sind (vgl. Brynjolfsson 2006). 33 Vgl. Bruns 2008, S. 30 ff. für eine Übersicht der unter schied lichen Strategien, nutzer generierte Inhalte bzw. „Produsage-Produkte“ kommerziell zu ver werten. 34 Das „AdWords“-Programm erlaubt es Kunden, eine Anzeige (i. d. R. der als „sponsored link“ gekenn- zeichnete Ver weis auf ein eigenes Webangebot) zu bestimmten Suchbegriffen zu schalten. Das „AdSense“- Programm ver mittelt dagegen das Einblenden von Anzeigen auf fremden Webseiten, sodass Google hier als Makler zwischen Werbetreibenden und Webseiten-Betreibern auf tritt. 35 Implizit knüpft eine solche Vorstel lung an Vorläufer an, die bis in die Anfänge des Internets bzw. des World Wide Web zurück reichen – oder sogar darüber hinaus, denn bereits vor mehr als 60 Jahren formu- lierte Vannevar Bush (1945) in seinem Essay „As we may think“ die Idee einer informations verarbeitenden Maschine, mit der sich Informa tionen ver walten und assoziativ ver knüpfen lassen sollten. Dieser „Memory Extender“ (Memex) wurde nie gebaut, beeinflusste jedoch in den folgenden Jahrzehnten die Entwick lung von ver teilten Computer systemen sehr stark (vgl. Friedewald 2007). 60 sich auf einer kollektiven Ebene die „wisdom of crowds“ (Surowiecki 2004; vgl. auch Sunstein 2006) – die Weisheit der Masse, die mehr Wissen und bessere Einschät zungen zusammentragen könne als einzelne Experten. Kritiker halten diesen Einschät zungen ent gegen, das Web 2.0 fördere einen „Cult of the amateur“ (Keen 2007) bzw. einen „digital maoism“ (Lanier 2006), in dem die Leistun gen und gesell schaft lichen Funktionen professioneller Experten ent- wertet würden und die einzelne Stimme zwar online publiziert werden könne, aber letzt lich kein Gehör finde und in der Masse unter ginge. Die Debatte um das Web 2.0 ist dadurch nicht nur eine rein techni sche oder ökonomi sche, sondern auch eine gesell schaft liche Diskussion um die Kon- sequenzen der ver änderten Nutzungs praktiken im Internet. Die vor liegende Studie widmet sich einem Ausschnitt aus diesem Thema, nämlich dem Stellen- wert dieser Praktiken im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Dass im Folgenden nicht vom „Web 2.0“ gesprochen wird, hat mehrere Gründe. Erstens haben die geschilderten Ver ände rungen und Innova tionen nicht zu einem ab rupten Bruch bzw. „diskreten Ver sions sprung“ geführt, der möglicher- weise auch noch zeit lich klar von früheren Phasen abzu grenzen ist. Vielmehr handelt es sich um inkrementelle, zeit lich ver schobene und gelegent lich auch konfliktär ver laufende Entwick lungen. Diese Einschät zung wird zweitens auch durch die tatsäch liche Diffusion und Aneig nung einschlägiger Anwen dungen gestützt. Ergebnisse der ARD/ ZDF-Onlinestudie zeigen, dass bislang nur eine (wenn gleich wachsende) Min- der heit der deutschen Onliner regelmäßig einschlägige Anwen dungen nutzt (vgl. Tabelle 3.1). Die Praktiken, also Nutzungs weisen, Routinen und geteilten Erwar tungen der Menschen ver ändern sich nicht radikal, wenn neue techni- sche Anwen dungen verfüg bar sind. Vielmehr zeigen sich auch hier eher schritt- weise Ver ände rungen, wenn bestimmte softwaretechni sche Innova tionen in den Alltag der Internetnut zung ein gepasst werden. Tabelle 3.1: Entwick lung der gelegent lichen und regelmäßigen Nutzung von Web 2.0-An- wen dungen (in %) Gelegent lich (zumindest selten) Regelmäßig (zumindest wöchent lich) 2007 2008 2009 2007 2008 2009 Wikipedia 47 60 65 20 25 28 Videoportale 34 51 52 14 21 26 private Netz werk platt formen 15 25 34 6 18 24 Fotosamm lungen 15 23 25 2 4 7 beruf liche Netz werk platt formen 10 6 9 4 2 5 Weblogs 11 6 8 3 2 3 Lesezeichen samm lungen 3 3 4 0 1 2 Basis: Onlinenutzer ab 14 Jahren in Deutschland (2007: n = 1.142, 2008: n = 1.186, 2009: n = 1.212) Quelle: ARD/ ZDF-Onlinestudie 2007–2009; zitiert nach www. ard-zdf-onlinestudie. de/ index. php?id= 165 61 Zudem ist die Nutzung von Web 2.0-Anwen dungen innerhalb der Internet- nutzer schaft sehr ungleich ver teilt, wobei sich das Alter als zentraler Faktor erweist (vgl. Tabelle 3.2): Nahezu bei allen ab gefragten Anwen dungen bzw. Anwendungs gattun gen besteht ein linearer Zusammen hang – je jünger die Gruppe der Befragten, desto höher ist der Anteil der Nutzer unter ihnen. Im Ver gleich dazu hat das Geschlecht keinen so starken Einfluss, sieht man von der Ausnahme der Videoplatt formen ab, die unter den Männern deut lich weiter ver breitet sind als unter den Frauen. Tabelle 3.2: Nutzung von Web 2.0-Anwen dungen nach Alter und Geschlecht (zumindest selten; in %) Gesamt männ- lich weib- lich 14–19 Jahre 20–29 Jahre 30–39 Jahre 40–49 Jahre 50–59 Jahre 60 + Wikipedia 65 67 64 94 77 70 62 50 39 Videoportale 52 58 45 93 79 55 45 27 12 private Netz werk - platt formen 34 32 36 81 67 29 14 12 7 Fotosamm lungen 25 26 25 42 41 20 19 19 14 beruf liche Netz - werkplatt formen 9 11 8 6 16 13 8 7 1 Weblogs 8 10 6 12 16 10 5 4 1 Lesezeichen - sammlungen 4 4 4 9 6 4 2 2 2 Basis: Onlinenutzer ab 14 Jahre in Deutschland (2008: n = 1.212) Quelle: ARD/ ZDF-Onlinestudie 2009; zitiert nach Busemann /Gscheidle 2009, S. 360 Die ARD/ZDF-Onlinestudie erlaubt es auch, eine Differenzie rung der Nutzer schaft hinsicht lich des Aktivitäts grades vorzu nehmen. Große Anteile der Nutzer ent sprechender Anwen dungen ver bleiben in einem eher passiv- rezipierenden Modus, stellen also keine eigenen Inhalte zur Ver fügung (vgl. Busemann/Gscheidle 2008, S. 363). So geben nur vier Prozent der Internet- Nutzer an, bereits einen Eintrag der Wikipedia geändert zu haben; sechs Pro- zent haben bereits Videos auf einer Platt form ein gestellt und zehn Prozent der Onliner bereits Fotos auf einer Fotocommunity hochgeladen.36 Einzig bei den Netz werk platt formen lässt sich ein im Ver hältnis zur Gesamtnutzer schaft nennens werter Anteil aktiver Nutzer fest stellen: 29 Prozent aller Onliner geben an, private Netz werk platt formen auch aktiv zu benutzen. Diese Befunde relati- vieren die mit dem „Web 2.0“ einher gehende Annahme, Nutzer würden auf- grund der techni schen Optionen auch faktisch zu aktiven Produzenten. 36 Diese Anteile bestätigen in etwa die „90-9-1-Regel“, die als Faustregel im Umgang mit Nutzer aktivitäten auf Platt formen gilt: „90 % of users are lurkers who never contribute, 9 % of all users contribute a little, and 1 % of users account for almost all the action“ (Nielsen 2006). 62 Ausgehend von früheren Wellen der ARD/ZDF-Onlinestudie wurde die Nutzung des Web 2.0 in ver tiefenden Untersuchungen noch näher charakterisiert (vgl. Haas u. a. 2007; vgl. auch Gerhards/Klingler/ Trump 2008). So wurden insgesamt sechs Nutzer typen des Web 2.0 er mittelt, die sich auf den beiden Dimensionen „individuelle vs. öffent liche Kommunika tion“ sowie „gestaltend vs. betrachtend“ ver orten lassen (vgl. Abbil dung 3.1). Die Typen sind dabei nicht exklusiv zu sehen; mit jeweils etwa einem Drittel machen die eher passiv partizipierenden Nutzer vom Typ „Unterhaltungs sucher“ (34 %) bzw. „Info- sucher“ (31 %) bereits einen großen Anteil aus. „Kommunikatoren“, die sich in der Regel auf Kommentare zu Inhalten beschränken, stellen mit 34 Prozent eine weitere große Gruppe dar. Nur sehr geringe Anteile gehören zu den aktiven „Produzenten“ (6 %) oder den durch gängig stark involvierten „Profilierten“ (7 %). Abbil dung 3.1: Nutzer typen im Web 2.0 Quelle: Haas u. a. 2007, S. 220. In einem ersten Vorgriff auf die folgenden Kapitel lässt sich somit fest- halten: Gerade die besonders aktive Nutzer gruppe der Jugend lichen und jungen Erwachsenen hat das Internet als selbst verständ lichen Bestand teil in ihren (Medien-) Alltag integriert. Der Begriff „Web 2.0“ ist ihnen jedoch in aller Regel nicht geläufig, auch wenn sie viele der dieser Kategorie zu gerechneten 63 Anwen dungen und Dienste in Anspruch nehmen. Für sie ist es „das Internet“, das als Werkzeug dient, um innerhalb von Freundes- und Bekannten kreisen zu kommunizieren und soziale Beziehungen zu pflegen sowie sich im (schuli- schen, beruf lichen oder persön lichen) Alltag zu orientieren. Aktive Nutzung im Sinne des Bereit stellens von selbst produzierten Inhalten bzw. der „produsage“ ist nicht im gleichen Maße ver breitet; nur relativ kleine Gruppen nehmen ent- sprechende techni sche Optionen auch in Anspruch. Der Begriff „Web 2.0“ er scheint daher nicht geeignet, um die derzeitigen Entwick lungen der onlinebasierten Kommunika tion und Interak tion zusam- men zufassen. Wir ver wenden im Folgenden den Begriff „Social Web“, der auch auf das World Wide Web als universalen Dienst des Internets ver weist, aber keine Unterschei dung diskreter zeit licher Phasen impliziert und dadurch auch ältere Anwen dungen wie beispiels weise Instant Messaging oder Diskus- sions foren, die üblicher weise nicht zum Web 2.0 gezählt werden, mit ein- schließt. Zudem macht er den grundlegenden sozialen Charakter der Inter- netnut zung deut lich, ver weist also auf das aufeinander bezogene Handeln zwischen Nutzern. Nach Ebersbach/Glaser/ Heigl (2008, S. 31) umfasst das Social Web diejenigen „webbasierten Anwen dungen, die für Menschen den Informations austausch, den Beziehungs aufbau und deren Pflege, die Kom- munika tion und die kolla borative Zusammen arbeit in einem gesell schaft lichen oder gemein schaft lichen Kontext unter stützen, sowie den Daten, die dabei ent stehen, und den Be zie hungen zwischen Menschen, die diese Anwen dungen nutzen“. Die gängigsten dieser Anwen dungen werden im folgenden Abschnitt näher beschrieben. 3.2 Gängige Social Web-Angebote Als Phänomen beruht das Social Web darauf, dass sich in den ver gangenen Jahren eine Reihe von neuartigen Software-Angeboten und -Werkzeugen ver- breitet haben, die onlinebasierte Kommunika tion und Interak tion unter stützen und er leichtern. Anders aus gedrückt: Die techni schen Hürden, um selbst In- for ma tionen aller Art im Internet zu ver öffent lichen, mit anderen zu teilen, zu bearbeiten, zu filtern und weiter zuverbreiten, sind weiter gesunken. Dieser Abschnitt stellt einige der gebräuch lichsten Angebots typen vor, um die empiri- schen Ergebnisse der folgenden Abschnitte besser einordnen zu können. Eine konsequente systemati sche Trennung zwischen den ver schiedenen Diensten ist allerdings nicht möglich. Zahl reiche „Hybrid-Angebote“ ver binden Elemente unter schied licher Angebots gattun gen, beispiels weise, indem auf einer Netz- werk platt form auch die Möglich keit besteht, er gänzend zum Profil ein eigenes Weblog zu führen. Insofern soll die folgende Darstel lung eher der Orientie- rung dienen, welche Typen von Angeboten im Social Web vorherr schen, ohne 64 auf spezifi sche Betreiber oder Platt formen einzu gehen. Eine ein gehendere Analyse aus gewählter Fall beispiele erfolgt in Kapitel 6. 3.2.1 Platt formen Als „Platt form“ sollen diejenigen Angebote bezeichnet werden, die einer Viel- zahl von Nutzern eine gemeinsame Infrastruktur für Kommunika tion oder Interak tion bieten – in gewisser Weise also das Gegenstück zu den Werkzeugen des „Personal Publis hing“ (Abschnitt 3.2.2), die stärker an einzelne Personen gebunden sind. Für die aktive Nutzung von Platt formen, also dem Einstellen eigener Inhalte und dem Kommunizieren mit anderen Nutzern, ist in der Regel eine Registrie rung notwendig. Die folgende Differenzie rung von Platt- formen geschieht ent lang der Art der Inhalte, die im Vordergrund des Angebots stehen. Im Mittelpunkt von Netz werk platt formen stehen das Explizit-Machen von sozialen Beziehungen sowie die daran anschließende Interak tion in den ab- gebildeten sozialen Netz werken.37 Boyd/ Ellison (2007) unter scheiden drei zentrale Merkmale von Netz werk platt formen: (1) Die Möglich keit, innerhalb eines durch Registrie rung geschlossenen Raums ein persön liches Profil anzu- legen, (2) davon aus gehend andere Nutzer als „Freunde“, „Kontakte“ o. Ä. zu bestätigen sowie (3) mithilfe dieser sicht bar gemachten Beziehungen auf der Platt form zu navigieren, also beispiels weise die Profilseite eines Freundes oder eines Kontakts dieses Freundes aufzu rufen. Die international bekanntesten Netz werk platt formen sind Facebook und MySpace; im deutsch sprachigen Raum sind vor allem die Platt formen der „VZ-Gruppe“ (SchülerVZ, StudiVZ, MeinVZ) sowie die Angebote Wer-kennt- wen und Lokalisten populär. Neben diesen eher privat-persön lich aus gerich- teten Angeboten gibt es Platt formen, die sich spezifisch auf beruf liches Net- working konzentrieren (LinkedIn sowie Xing sind hier die führenden Angebote). Hinzu kommt eine Vielzahl von spezialisierten Angeboten, die sich auf ein- zelne Zielgruppen oder Facetten von sozialen Beziehungen konzentrieren, beispiels weise für Akademiker (www. academia. edu) oder Vegetarier (www. veggiecommunity. org). Meta-Platt formen wie Ning.com oder mixxt.de er lau- ben es zudem, eigene Communities zu beliebigen Themen anzu legen. Bei Multimedia-Platt formen steht das Publizieren bzw. Rezipieren von multi medialen Inhalten im Vordergrund, auch wenn diese Angebote oft mit 37 In der öffent lichen Diskussion wird gelegent lich schon die Platt form an sich als „soziales Netz werk“ bezeichnet (vgl. z. B. Hamann 2007). Diese Terminologie ist allerdings aus sozialwissen schaft licher Per- spektive nicht akzeptabel, da mit „sozialem Netz werk“ das Geflecht von miteinander ver bundenen Akteuren bezeichnet wird, nicht die mediale oder techni sche Infrastruktur, über die soziale Beziehungen gepflegt bzw. geknüpft werden. Soziale Netz werke existieren also auch außerhalb von Netz werk platt formen. 65 Funktionen von Netz werk platt formen an gereichert sind, also Nutzer profile anlegen und Beziehungen zu anderen Platt form mitgliedern artikulieren zu können. In der Regel konzentrieren sich Multimedia-Platt formen auf spezifi- sche Medien formen, also beispiels weise auf Videos (wie YouTube; vgl. hierzu auch Machill /Zenker 2007), Fotos (wie Flickr) oder Audiodateien (wie last. fm; bei diesem Angebot können allerdings keine Musik dateien hochgeladen werden). In diesem Bereich existieren zusätz lich auch spezialisierte Angebote, beispiels weise die Platt form slides hare.net, auf der Präsenta tionen ein gestellt, oder scribd.net, wo Textdokumente bereit gestellt werden können. 3.2.2 Personal Publis hing Ähnlich wie die im vorigen Abschnitt beschriebenen Platt formen unter stützen auch die Werkzeuge des „Personal Publis hing“ das Ver öffent lichen von Inhal- ten im Internet. Allerdings handelt es sich bei ihnen um Formate, die stärkere Be tonung auf den einzelnen Autoren bzw. Urheber legen – auch wenn wiederum ein zelne dieser Inhalte auf einer Platt form zusammen gefasst werden können. In der Bezeich nung „Personal“ klingt die Abgren zung von professionell-jour- na lis tisch produzierten Inhalten an, die jedoch zunehmend auf weicht, da in- zwischen auch Unternehmen oder Redak tionen eigene Weblogs oder Podcasts betreiben. Weblogs (auch: Blogs) sind relativ regelmäßig aktualisierte Webseiten, auf denen die Beiträge (zumeist Texte, aber auch Fotos, Videos oder Audiodateien) in rück wärts chronologi scher Reihen folge an gezeigt werden. In der Regel sind die einzelnen Beiträge von anderen Nutzern kommentier bar, sodass Weblogs Merkmale der Homepage und des Diskussions forums ver einen (vgl. Schmidt 2006). Viele Weblogs basieren auf „stand-alone“-Software wie Wordpress oder Serendipity, die Nutzer selbst installieren und konfigurieren können. Allerdings können Blogs auch unter Zuhilfenahme eines spezialisierten Providers (wie twoday.net oder blogs pot.com) betrieben werden oder auch eine unter mehreren Funktionen einer umfassenden Platt form sein (so kann man auf MySpace auch ein Blog in seine Profilseite einbinden). Während die Gestal tung und Länge von Blog-Beiträgen keinen Vorgaben unter liegt, er lauben Microblogging-Dienste nur relativ kurze, SMS-artige Einträge – beim derzeit populärsten Dienst Twitter maximal 140 Zeichen –, die nicht kommentiert werden können. Multimediale Varianten des Personal Publis hing existieren in Form von Podcasts (Audio- Inhalte; vgl. Mocigemba 2006) bzw. Videocasts (gelegent lich auch: Video- Podcast; audiovisuelle Inhalte). Da die techni schen Hürden für die Produk tion ent sprechender Episoden höher sind als bei den im Wesent lichen auf Text beruhenden Formaten Weblog und Microblogging, finden sich unter Pod- und Videocasts höhere Anteile von professionell-journalisti schen Inhalten, die über diesen alternativen Kanal ver trieben werden. 66 3.2.3 Wikis Wiki Wiki Webs oder kurz: Wikis sind Anwen dungen, mit denen Hypertext- Dokumente direkt im Browser an gelegt, editiert und über eine spezielle Syntax mit anderen Seiten des Wikis ver linkt werden können (vgl. grundlegend Ebers- bach u. a. 2008). Änderun gen an den einzelnen Seiten können nach verfolgt und gegebenen falls rück gängig gemacht werden. Die ersten Wikis wurden bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre von Programmierern und Soft- ware-Designern ein gesetzt, um die Arbeit in Projekt teams zu koordinieren und zu dokumentieren. Breit bekannt wurde das techni sche Prinzip von Wikis jedoch erst mit dem Erfolg der Wikipedia, einer seit 2001 bestehenden kolla- borativ er stellten Enzyklopädie (http://de. wikipedia. org; vgl. grundlegend zur Wikipedia Pentzold 2007), die inzwischen zu den meist besuchten Web ange- boten welt weit zählt.38 Daneben gibt es eine Reihe von anderen Angeboten, die sich der Wiki-Software bedienen; neben frei zugäng lichen Angeboten wie beispiels weise regionalen Stadt wikis39 setzen zunehmend auch Unternehmen und Organisa tionen Wikis in ihrer internen Organisations kommunika tion ein. 3.2.4 Instant Messaging Anwen dungen für Instant Messaging (Kurzform auch: IM) unter stützen die synchrone Kommunika tion zwischen Nutzern. Sie setzen üblicher weise die Installa tion eines speziellen Programms („Client“) voraus und finden meist textbasiert statt, doch die ent sprechenden Dienste wie AIM, Windows Live Messenger/MSN, ICQ oder Skype bieten inzwischen auch Optionen für Audio- oder Videotelefonie oder Dateitransfer. Die Praxis des Instant Messaging ist vom Kommunikations verhalten dem Chatten ver gleich bar, z. B. im Hinblick auf die Verwen dung von Pseudonymen bzw. „nicknames“ zur Identifizie rung von Personen, auf das Herausbilden spezifi scher sprach licher Konven tionen und Soziolekte oder auf den informellen, an münd liche Kommunika tion er- innernden Sprachstil (vgl. grundlegend Beck 2006, S. 118 ff.). Während das Chatten jedoch meist in einem eigenen „Raum“ statt findet, den mehrere Teil- nehmer gleichzeitig betreten, um zu kommunizieren, ist das Instant Messaging über das „Netz werk“ organisiert: Nutzer müssen sich wechselseitig als Kontakte autorisieren, um miteinander kommunizieren zu können; die Kontakt liste er- mög licht dabei nicht nur die Auswahl von konkreten Kommunikations partnern, sondern stellt auch Sicht bar keit für die Erreich bar keit bzw. „Anwesen heit“ (d. h. das Angemeldet-sein) einer Person her. 38 In Deutschland lag sie Anfang 2009 sogar auf Rang fünf. Vgl. www. alexa. com / topsites/countries/ DE [31. 7. 2009]. 39 Vgl. die Übersicht unter allmende. stadt wiki. info [31. 7. 2009]. 67 3.2.5 Werkzeuge für Informations management Neben den bisher geschilderten Anwen dungen zur Kommunika tion und zur Publika tion von Inhalten existiert im Social Web eine Reihe von Werkzeugen, die insbesondere das Informations management unter stützen. Darunter fallen beispiels weise Feed Reader bzw. Feed-Aggregatoren, mit deren Hilfe man sich über Aktualisie rungen von Webseiten informieren lassen kann, ohne dass man die konkreten Webangebote regelmäßig ab surfen müsste. Technische Grund lage dafür ist das RSS-Format, eine alternative Art der Darstel lung web- basierter Inhalte, die auf den Austausch mit anderen Anwen dungen (und nicht das Anzeigen einer Seite im Browser) aus gerichtet ist. Feed Reader können als eigenständiges Programm oder als webbasierter Dienst (wie z. B. der Google Reader) vor liegen; in jüngerer Zeit werden ent sprechende Funktionen auch in Mail-Programme oder direkt in die Browser integriert.40 Kollektive Ver schlagwortungs systeme wie Delicious oder Mister Wong lassen Nutzer beliebige Internetressourcen ähnlich wie „Favoriten“ oder „Book- marks“ speichern und mit frei wähl baren Schlagworten ver sehen (vgl. auch die Ausfüh rungen zum „Tagging“ im folgenden Kapitel). Aus der Aggrega tion der individuell ver gebenen Schlagworte bzw. „tags“ ent stehen eigene Ord- nungs muster, sogenannte Folksonomies.41 Während bei diesen Angeboten das individuelle Informations management im Vordergrund steht und die Ordnungs- muster auf kollektiver Ebene quasi unintendiert ent stehen, unter stützen Social- News-Dienste wie digg.com oder Yahoo! Buzz von vorneherein das kolla bo- rative Auswählen und Bewerten von Nachrichten, das in drei Schritten abläuft: (a) Nutzer speisen Texte, Meldun gen, Videos oder andere Inhalte aus dem WWW in die Platt form ein. Auf diese initiale Selek tion folgt (b) das kolla- borative Filtern, bei dem andere Nutzer die auf der Platt form auf geführten Inhalte bewerten, also eine Art Votum ab geben, was sie für relevant oder interessant halten. Im dritten Schritt werden schließ lich (c) die Stimmen der einzelnen Nutzer zusammen geführt, sodass eine dynami sche Liste ent steht, welche Inhalte gerade populär sind. 40 Vgl. die Ver weise auf ent sprechende Programme bzw. Dienste unter de. wikipedia. org/wiki /Feedreader [31. 7. 2009]. 41 Dabei handelt es sich um eine Kombina tion der Begriffe „taxonomy“ und „folks“, die den Charakter der ent stehenden Ordnungs systeme betont, „von unten“, also durch die Nutzer selbst auf gebaut zu werden. 68 3.3 Angebots übergreifende Funktionalitäten Während das vorher gehende Kapitel das Social Web anhand populärer Ange- bots gattun gen er schloss, stehen in diesem Abschnitt einzelne Funktionalitäten im Mittelpunkt, die als „affordances“42 (vgl. Graves 2007) das Ver bindungs- glied zwischen den softwaretechni schen Merkmalen eines Angebots und den individuell aus geübten Ver wendungs weisen sowie den gesell schaft lich vor- herrschenden Vorstel lungen über „legitime“ Praktiken darstellen. Technische Funktionalitäten bzw. affordances können mit unter schied- lichem Abstraktions grad erhoben werden. In der Literatur zur computer ver- mittelten Kommunika tion finden sich gängiger weise solche Merkmale, die auf die Strukturie rung des Kommunikations prozesses einwirken: Die Anzahl der Kommunikations partner (one-to-one, one-to-many, many-to-many) oder die zeit liche Dimension (synchrone oder asynchrone Kommunika tion) sind zwei Aspekte, die bereits in der Frühphase der Forschung zu computer vermittelter Kommunika tion genutzt wurden, um Kommunikations dienste zu klassifizieren (vgl. Beck 2006, S. 21 ff.). Eine andere Perspektive, die oft bei Fallstudien zu einzelnen Angeboten ein gesetzt wird, beschreibt Funktionen konkreter Web- seiten, Portale, o. Ä. (vgl. beispiel haft Renz 2007 für die Netz werk platt form Xing). Dieser Abschnitt wählt demgegenüber eine an gebots- und gattungs über- greifende Perspektive; die hier diskutierten Funktionalitäten finden sich in ganz unter schied lichen Angeboten wieder, besitzen dort allerdings zumeist eine spezifi sche Prägung – insofern bereiten die folgenden Überle gungen auch Kapitel 6 vor, wo die konkreten Ausprä gungen der hier diskutierten Funktio- nalitäten an Fallstudien aus gewählter Social Web-Angebote vor gestellt und auf ihre strukturierenden Wirkun gen hin diskutiert werden. Die in vor herigen Abschnitten ent wickelten analyti schen Kategorien werden dabei auf gegriffen, indem heraus gestellt wird, wie die Funktionalitäten das Identitäts-, Beziehungs- und Informations management strukturell rahmen. 3.3.1 Profilseiten Profilseiten sind diejenigen Bereiche, auf denen Informa tionen über einzelne Nutzer einer Platt form oder Anwen dung gebündelt an gezeigt werden, sie stellen also gewissermaßen die Repräsenta tion des Nutzers im jeweiligen kommuni- kativen Raum der Anwen dung dar. Profilseiten werden üblicher weise bei der Registrie rung für eine bestimmte Anwen dung automatisch an gelegt, müssen anschließend aber vom Nutzer mit Inhalt gefüllt werden. Der Stellen wert einer 42 Der Begriff „affordance“ besitzt keine eingängige deutsche Entsprechung; er lässt sich etwa als „Auf for- derungs charakter“ eines techni schen Artefakts über setzen. 69 Profilseite im kommunikativen Gefüge einer Anwen dung kann unter schied- lich sein. Auf Netz werk platt formen sind Profilseiten ein zentrales Element, weil sie als Knoten punkte für Identitäts- und Beziehungs management fungieren und auf ihnen ein Großteil der kommunikativen Aktivitäten wie Selbst prä- senta tion und Austausch statt findet. Demgegenüber sind Profilseiten bei Video- platt formen, Instant-Messaging-Diensten oder (in Form der Benutzer seiten) bei Wikipedia eher eine er gänzende Informa tion, die im Hintergrund der zen- tralen Aktivitäten der ent sprechenden Dienste geschieht (Videos auf rufen und kommentieren; im Nachrichten fenster Nachrichten ver schicken; Artikel abrufen oder bearbeiten). In welchem Umfang welche Daten und Informa tionen ab gefragt werden, variiert bereits zwischen Anwen dungen innerhalb einer Gattung erheb lich (vgl. Kapitel 6), auch weil sich einzelne Angebote auf spezifi sche Zielgruppen kon zentrieren oder spezifi sche inhalt liche Aspekte ab decken. Gängige Infor- ma tionen sind Name, Geschlecht, Alter und Wohnort, oft besteht auch die Mög lich keit, dem Profil ein Foto hinzu zufügen. Vor allem auf den Netz werk- platt formen umfassen die Profilseiten auch Daten wie persön liche Interessen, schuli sche oder beruf liche Ausbil dung, Vorlieben für Bücher, Filme, Musik o. Ä. sowie alternative Kontakt möglich keiten, d. h. zum Beispiel E-Mail- oder IM-Adressen. Wenn es die Anwen dung erlaubt, andere Nutzer zu den eigenen Kontakten hinzu zufügen (s. u.), werden auf der Profilseite üblicher weise auch diese Kontakte des Inhabers dargestellt. Manche Angebote visualisieren zu- sätz lich auch die Ver bindungs pfade zwischen dem Profilinhaber und dem Profil besucher, sodass deut lich wird, welche gemeinsamen Bekannten man hat bzw. „über wie viele Ecken“ man sich kennt. Eine beispiel hafte Profilseite ist in Abbil dung 3.2 (s. nächste Seite) dargestellt. Eine Profilseite wird deshalb immer von zwei Seiten gestaltet: Die Nutzer füllen die Profilfelder mit den eigenen Daten aus, doch die Entschei dung darüber, wie diese Profilmaske gestaltet ist, liegt beim Anbieter, der die ent- sprechenden Vorgaben im Software-Code niederlegt und damit das Identitäts- management der Nutzer vor strukturiert. Diese Gestaltungs leis tung vonseiten der Anbieter bezieht sich erstens auf die Auswahl, welche Informa tionen über- haupt ab gefragt werden, zweitens aber auch auf die Entschei dung, ob für einzelne Merkmale eine Liste von Auswahlmöglich keiten vor gegeben wird oder ob der Nutzer die ent sprechenden Informa tionen im Freitext eintragen kann. Freie Textfelder bieten mehr Spiel raum für die eigene Selbst präsenta- tion, feste Antwort vorgaben er leichtern dagegen spätere Suchabfragen, weil man sich z. B. sich nur Personen anzeigen lassen kann, die als Beziehungs- status „solo“ ein gegeben haben. Auch welche Antwort vorgaben in solchen geschlossenen Listen ent halten sind, ist eine bewusste und durch aus folgen- reiche Entschei dung der Anbieter, da sie den Nutzern ein Kategorien schema der Selbst präsenta tion vorgibt. 70 Abbil dung 3.2: Beispiel hafte Profilseite auf einer Netz werk platt form (meinVZ) 71 Wie Nutzer mit den Vorgaben des Profils tatsäch lich umgehen, wird jedoch nicht durch die Software vorher bestimmt, sondern kann individuell unter- schied lich aus fallen, wobei das Ver halten durch geteilte Regeln und Erwar- tungen mit beeinflusst wird. Diese können wiederum vom Betreiber formuliert werden oder innerhalb von Nutzer gemein schaften ent stehen. Zu den betreiber- seitigen Regeln zählen zum einen die formalisierten Vorgaben der Allgemei- nen Geschäfts bedin gungen (AGB), in denen beispiels weise fest gelegt ist, dass Profil fotos (oder andere hochgeladene Bilder) keine Urheber- oder Persön- lichkeits rechte ver letzen dürfen, nicht pornographisch, rassistisch oder gewalt- verherr lichend sein dürfen, etc. Hinzu kommen eher informelle Vorgaben, beispiels weise der „Ver haltens kodex“ der VZ-Platt formen, in dem es heißt: „Wenn auf der Profilseite ein Profil bild hochgeladen wird, muss der Nutzer darauf erkenn bar sein“ (http://www. meinvz. net / l/rules, Ziffer 7). Nutzer seitige Ver wendungs regeln rahmen ebenso das Ver halten; so kann es in bestimmten Nutzer gemein schaften auf einer Platt form ver pönt sein oder aber dazu er- mutigt werden, nicht-authenti sche Informa tionen in einem Profil einzu tragen. Zudem können Nutzer mit den Profil vorgaben durch aus kreativ umgehen (und damit auch die ver meint liche Determinie rung durch den Software-Code wider- legen), wie in Kapitel 6 an Beispielen demonstriert wird. Neben dem Steck brief mit persön lichen Informa tionen oder Daten, die ein Nutzer direkt und explizit in die vor gegebene Maske einträgt, können Profil- seiten noch weitere Informa tionen ent halten (vgl. Abbil dung 3.3 auf der nächs- ten Seite). Diese können einer seits auf Aktionen des Profilinhabers zurück- gehen, anderer seits aber auch von anderen Nutzern er stellt werden. Zu den fremdgen erierten Inhalten ge hören insbesondere Kommentare, die andere Nutzer auf dem Profil hinter lassen, z. B. in Form von Einträgen in ein Gäste- buch oder auf eine Pinnwand.43 Die Profilseite kann schließ lich auch der Ort sein, an dem Informa tionen über Aktivitäten eines Nutzers an anderer Stelle einer Platt form an gezeigt werden – beispiels weise werden auf dem Profil eines registrierten Nutzers von YouTube nicht nur dessen hochgeladene Videos an gezeigt, sondern auch dessen Kommentare oder Bewer tungen, die zu anderen Videos ab gegeben wurden. Zudem ent wickeln sich gerade die avancierten Netz werk platt formen, allen voran Facebook, derzeit in Richtung einer zentralen Anlaufstelle für zahl- reiche Onlineaktivitäten einer Person. Hier lassen sich inzwischen auch Vor- gänge von außerhalb der Platt form in das Profil einbinden, beispiels weise 43 Experimentalstudien anhand von Facebook legen nahe, dass die Kommentare der Freunde das Bild prägen, das sich Besucher vom Profilinhaber machen (vgl. Walther u. a. 2008): Positive Kommentare auf der Pinnwand erhöhen die wahrgenommene soziale und auf gaben bezogene Attraktivität; negative Kommentare, die dem Profilinhaber z. B. exzessives Trinken, Flirten mit unattraktiven Personen oder Promis kuität nachsagen, wirken sich in Abhängig keit vom Geschlecht des Profileigners unter schied lich aus: Bei Männern er höhten ent sprechende Kommentare die Attraktivität, bei Frauen ver ringerten sie sie. 72 Einträge aus dem eigenen Blog, gespeicherte Bookmarks von Delicious oder Aktivitäten auf Twitter. Der Dienst Friendfeed erfüllt eine ähnliche Funktion; auch hier können Nutzer ihre Aktivitäten aus unter schied lichen Diensten an einer einzigen Stelle (dem eigenen „feed“) bündeln. Abbil dung 3.3: Profildaten und damit ver bundene Nutzer aktionen Quelle: Fraunhofer-Institut für Sichere Informations technologien SIT 2008, S. 19 73 3.3.2 Artikula tion sozialer Beziehungen Eine zweite grundlegende Funktionalität vieler Anwen dungen des Social Web ist, dass Nutzer die sozialen Beziehungen zu anderen Nutzern explizit machen können, also andere registrierte Mitglieder einer Platt form zu den „Freunden“ bzw. „Kontakten“ (die Terminologie variiert zwischen einzelnen Angeboten) hinzu fügen können. Eine Liste der eigenen Kontakte wird üblicher weise auf der Profilseite eines Nutzers an gezeigt, macht also einen Teil des sozialen Netz werks sicht bar. Diese Artikula tion sozialer Beziehungen und Netz werke setzt in der Regel Reziprozität voraus, das heißt, der kontaktierte Nutzer muss die Kontaktanfrage bestätigen, damit die Beziehung an gezeigt wird. Allerdings gibt es auch Platt formen, die einseitig definierte Kontakte unter- stützen, die beispiels weise die Form des „Fans“ oder „Befürworters“ anneh- men können.44 Ein weiteres Merkmal, in dem sich Platt formen bzw. Anwen dungen unter- scheiden können, ist die mögliche Differenzie rung sozialer Beziehungen. Wäh rend manche Platt formen nur binäre Unterschei dungen zulassen – ein anderer Nutzer ist ent weder Freund/Kontakt oder nicht –, bieten andere die Option an, bestätigte Kontakte in Gruppen einzu teilen und damit die soziale Beziehung näher zu qualifizieren. Dieser Spiel raum kann wiederum in relativ engen Grenzen statt finden, wenn nämlich nur eine begrenzte Auswahl an zusätz lichen Kategorien zur Ver fügung steht. Die Fotoplatt form Flickr bietet bei spiels weise nur die Möglich keit, Kontakte zusätz lich als „Friend“ oder „Family“ zu markieren. Andere Platt formen, so zum Beispiel Facebook oder die An wen dungen der VZ-Gruppe, lassen den Nutzer eigene Kategorien er- stellen. Der Umstand, in der Nutzung von Social Web-Anwen dungen soziale Be- ziehungen artikulieren zu können bzw. zu müssen, ist eine wichtige Vorausset- zung für die Regulie rung von Interak tionen in den ent stehenden sozialen Räumen: So schränken manche Angebote die Kommunikations möglich keiten insofern ein, dass nur zwischen bestätigten Kontakten Nachrichten aus ge- tauscht werden können (wie bei internen Chat-Funktionen von Netz werk platt- formen oder beim Instant Messaging). Die artikulierten sozialen Beziehungen können auch als Informations filter dienen, indem Aktivitäten oder Empfeh- lungen innerhalb des eigenen sozialen Netz werks an gezeigt werden. Besonders folgen reich sind sie allerdings in Bezug auf die Grenz ziehung zwischen Privatsphäre und Öffentlich keit: Bei vielen Angeboten kann die Sicht bar keit von Profilinforma tionen, von publizierten Inhalten oder anderen 44 Facebook bietet diese Optionen an; Politiker wie Barack Obama oder Frank-Walter Steinmeier sammeln dort Unterstützer; Produkte wie Nutella oder auch fiktive Charaktere wie „Bernd das Brot“ sammeln Fans. 74 Aktivi täten innerhalb einer Platt form auf bestimmte Personen kreise ein ge- schränkt werden; Nutzer können also beispiels weise ent scheiden, ob sie die eigene Telefon nummer, ein bestimmtes Foto oder auch das gesamte Profil nur für bestimmte Personen sicht bar machen.45 Dabei kann, muss es sich aber nicht nur um die eigenen bestätigten Kontakte handeln; ebenso ist es beispiels- weise denk bar, dass Nutzer bestimmte Informa tionen auch mit Kontakten zweiten Grades (Kontakte der eigenen Kontakte) teilen, mit Mitschülern aus der eigenen Schule oder mit Personen aus der gleichen Stadt (vgl. Abbil- dung 3.4). Fort geschrittene Varianten des privacy management ver wenden Szenarien, um die Konsequenzen bestimmter Einstel lungen zu ver deut lichen (vgl. Abbil dung 3.5). Ob eine solche Differenzie rung möglich ist, hängt allerdings wiederum von dem in den Software-Code ein geschriebenen Differenzierungs vermögen ab – nur wenn die Software die Möglich keit bietet, meine artikulierten sozialen Beziehungen noch näher zu qualifizieren, kann ich diese Informa tionen auch für das „privacy management“ ver wenden; sind Beziehungen dagegen nur binär repräsentiert, sind auch nur sehr grobe Grenz ziehungen möglich. Dieser Umstand ist vor allem für diejenigen Nutzer wichtig, die auf einer Platt form ein diversifiziertes soziales Netz werk pflegen bzw. artikulieren. Je größer die Gruppe der „Kontakte“, desto größer ist auch die Chance, dass es sich um Beziehungen unter schied licher Intensität handelt, also beispiels weise sowohl sehr enge Freunde als auch eher lockere Bekannte oder Kollegen, oder dass möglicher weise auch bislang un bekannte Personen zu den bestätigten Kon- takten gehören. Analog zur obigen Diskussion von Profilseiten lässt sich auch für die Arti- kula tion sozialer Beziehungen im Social Web fest halten, dass die Software zwar einen Rahmen für diese Praxis vorgibt (z. B. indem sie einseitige Be- ziehungen erlaubt oder aus schließt), aber der tatsäch liche Umgang mit diesen Vorgaben durch geteilte Ver wendungs weisen, Routinen und Erwar tungen regu- liert wird, die sich innerhalb bestimmter Ver wendungs gemein schaften stark unter scheiden können.46 Dies betrifft beispiels weise die Entschei dung, unter welchen Umständen eine Kontaktanfrage bestätigt und wie insbesondere mit Anfragen von un bekannten oder nicht geschätzten Personen um gegangen wird. Eine andere Situa tion, die eher durch soziale Übereinkünfte anstatt durch tech ni sche Kriterien bewältigt werden muss, betrifft den Umgang mit bereits be stätigten Kontakten – unter welchen Umständen ist es akzeptabel oder 45 Diese technisch vor gegebenen Möglich keiten eines differenzierten „privacy management“ waren jedoch aus Daten schutz sicht im Jahr 2008 auf den populären Netz werk platt formen noch nicht aus reichend bzw. völlig über zeugend gestaltet (vgl. Fraunhofer-Institut für Sichere Informations technologien SIT 2008). 46 Vgl. Renz 2007 für eine Analyse der „Praktiken des Networking“ auf der Platt form Xing, die vor rangig beruf liche Netz werke ab bilden will. 75 gerecht fertigt, eine andere Person wieder aus der „Buddy List“ von ICQ oder der Freundes liste auf MySpace zu ent fernen? Diese Fragen sind deswegen so rele vant, weil sich der Gehalt einer sozialen Beziehung im Lauf der Zeit wandeln kann, also es zu einer Stärkung, aber auch zum „Ver blassen“ oder zum klaren Bruch von Beziehungen, Freund schaften, Bekannt schaften kom- men kann. Abbil dung 3.4: Beispiel hafte Optionen für Privatsphäre-Einstel lungen (Facebook) Abbil dung 3.5: Beispiel hafte Szenarien im Zusammen hang mit Privatsphären-Einstel lun- gen (Netlog) 76 3.3.3 Publizieren Oben wurde bereits erwähnt, dass eines der Schlüsselmerkmale des gegen- wärtigen Internets die gesunkenen techni schen Hürden sind, Inhalte aller Art im Internet bereit zustellen. Die Möglich keit zum „Publizieren“ von Texten, Videos, Fotos o. Ä. ist daher eine weitere grundlegende Funktionalität des Social Web, wobei hierunter diejenigen Ver öffent lichungen ver standen werden sollen, die zumindest potenziell ein un beschränktes Publikum er reichen kön- nen. Beim Kommentieren einer Profil-Pinnwand auf einer Netz werk platt form oder bei der Kommunika tion über einen Instant-Messaging-Client handelt es sich also nicht um „Publizieren“, da in beiden Fällen das Publikum ein- geschränkt ist – auf Mitglieder der ent sprechenden Platt form oder auf die Interaktions partner beim Chat. Publizieren im hier gebrauchten Sinn findet ent weder auf Platt formen statt, die eine Registrie rung nicht zur Vorausset zung machen, um Informa tionen abrufen zu können (wie beispiels weise YouTube oder Twitter), oder aber be- dient sich der Hilfe von spezifi scher Software, die das Ver breiten der Informa- tionen im World Wide Web ohne Zugangs beschrän kungen unter stützt (wie z. B. die Weblog-Software „Wordpress“). Entsprechende Angebote lassen sich vor allem danach unter scheiden, ob sie sich auf bestimmte mediale Inhalte wie Text, Audio oder Video konzentrieren (und wenn ja, welche) oder ob sie unter schied liche Medialitäten unter stützen. YouTube erlaubt beispiels weise nur das Hochladen von Videodateien, während auf der Platt form Seven load neben Videos auch Bilder ein gestellt werden können. Weblogs sind zwar vor rangig textbasierte Angebote, doch in die jeweiligen Beiträge lassen auch Bilder, Videos oder Audiodateien integrieren; Twitter hingegen ist rein textbasiert. Zudem können sich Anwen dungen darin unter scheiden, ob sie nur zum Bereit stellen von Inhalten dienen, die außerhalb des Internets produziert wer- den (z. B. eine Platt form, auf die Fotos hochgeladen werden), oder sie weitere Bearbeitungs möglich keiten bieten. Diese können wiederum unter schied lich umfang reich sein und beispiels weise das Nachbearbeiten von Inhalten um- fassen (so können Videos auf YouTube mit einem neuen Audiotrack unter legt werden), aber auch das Neu-Kombinieren von Inhalten, die vollständig oder in Teilen selbst gestaltet sind, er lauben (beim Angebot Slide lassen sich aus eigenen sowie vom Betreiber vor gegebenen Fotos Diashows er stellen, die auf anderen Webseiten ein gebettet werden können). Schließ lich umfasst das Social Web neben den „klassi schen“ nutzer generierten Inhalten (wie Videos oder Texten) auch Dienste, bei denen das kontinuier liche Publizieren von Status- meldun gen oder Hinweisen im Mittelpunkt steht: Anstatt ab geschlossener und für sich stehender Inhalte geht es dort vor allem um das Zur-Ver fügung-Stellen eines „Stroms“ von Aktivitäten oder Hinweisen. Unter den eigenständigen Diensten dieser Art ist das Microblogging-Angebot Twitter das derzeit promi- 77 nenteste Beispiel, doch die grundsätz liche Funktionalität ist überall dort ge- geben, wo Nutzer aktivitäten (das Hinterlassen eines Kommentars, das Bewer- ten eines Eintrags, o. Ä.) erfasst und wiederum für andere Nutzer sicht bar gemacht werden. Der Umstand, dass eine Informa tion, ein Text oder ein Video ohne Zu- gangs beschrän kungen im Internet abruf bar ist, bedeutet aber nicht automatisch, dass dieser Inhalt auch ein Publikum findet – typischer weise folgt die Vertei- lung von Aufmerksam keit einer „power law“- bzw. Potenz-Funktion, d. h., dass nur wenige Inhalte relativ hohe Aufmerksam keit (gemessen über Zugriffe, Verlin kungen, RSS-Abonnenten o. Ä.) bekommen. Die Mehrzahl der Angebote wird dagegen nur von wenigen Menschen rezipiert oder ver linkt, er reicht also nur ein kleines Publikum – sie befinden sich im „long tail“ der Auf merk- samkeits vertei lung (vgl. Abbil dung 3.6). Das Senken der Hürden zum Publi- zieren führt also nicht automatisch dazu, dass im Social Web alle Personen gleichermaßen Gehör finden, da nach wie vor Relevanzkriterien darüber be- stimmen, ob eine Informa tion von einer großen Anzahl von Menschen auf- gegriffen wird, oder aber in Nischen öffentlich keiten ver bleibt. Allerdings sind es eben nicht mehr professionelle Gatekeeper, die über diese Relevanz ent- scheiden, sondern das Netz werk miteinander ver bundener Nutzer agiert als Filter. Abbil dung 3.6: Schemati sche Darstel lung der Vertei lung von Aufmerksam keit im Social Web Quelle: Eigene Darstel lung Wenige Angebote erreichen großes Publikum „long tail“: Mehrzahl der Angebote erzielt nur geringe Reichweite A uf m er ks am ke it (z .B . Z ug ri ff e/ V er li nk un g) Rangplatz 78 3.3.4 Gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Während Optionen zum Publizieren von Inhalten wie dargestellt zwar nicht zwingend ein großes Publikum finden, aber zumindest potenziell un beschränkt zugäng lich sind, schränken Funktionalitäten der gruppen bezogenen oder inter- personalen Kommunika tion das Publikum ein. Die Unterschei dung zwischen „Publizieren“ und „gruppen bezogener Kommunika tion“ wird also nicht an- hand der Größe des Publikums per se gezogen, sondern anhand der prinzi- piellen oder ein geschränkten Zugänglich keit der Inhalte. Die faktische Größe des Publikums kann variieren; so ist beispiels weise denk bar, dass in be stimm- ten Foren innerhalb einer populären Netz werk platt form deut lich mehr Kom- munikations partner aktiv sind, als in einem öffent lich zugäng lichen Web log. Interpersonale Kommunika tion im engeren Sinn findet ent weder (asyn chron) über das Ver senden von Nachrichten oder (synchron) durch Instant-Messaging- bzw. Chat-Dienste statt. Neben grundsätz lichen Eigen schaften des zugrunde- liegenden Dienstes (z. B. ob Nachrichten rein textbasiert sind oder auch Bilder o. Ä. ein gebettet bzw. an gehängt werden können) ist in Bezug auf die kommu- nikative Reichweite solcher Dienste insbesondere wichtig, ob Kommunika tion mit un bekannten Personen möglich ist; „un bekannt“ soll in diesem Zusammen- hang bedeuten, dass eine Person nicht zu den bestätigten Kontakten (s. o.) gehört. Bei manchen Angeboten lässt sich beispiels weise fest legen, dass nur Personen aus der eigenen Kontakt liste auch Nachrichten senden können, wäh- rend andere es offen lassen (bzw. über die Einstel lungen zum Schutz der Privat- sphäre regulier bar machen), dass auch fremde Personen Botschaften senden können. Für gruppen bezogene Kommunika tion existiert eine Reihe von gängigen Formaten, die auf vielen Social Web-Angeboten ein gebunden sind: Gruppen- bezogene Kommunika tion im engeren Sinn findet einer seits in Foren statt, die den asynchronen Austausch von Nachrichten unter stützen. Innerhalb eines Forums wird Kommunika tion durch weitere Mechanismen strukturiert; die einzelnen Beiträge der Mitglieder eines Forums sind in der Regel chronologisch in Form von themati schen „threads“ organisiert. Je nach Größe des Forums kann es möglich sein, dass eine Reihe solcher threads in Unterforen organisiert sind. Anderer seits findet sich gruppen bezogene Kommunika tion in Form von Chats, worunter der synchrone Austausch von Botschaften ver standen wird. Chats können in dezidierten „Chaträumen“ statt finden oder aber ad hoc von Teilnehmern einberufen werden, zum Beispiel durch die Nutzung der Gruppen- chat-Funktion bei Instant-Messaging-Diensten. Im Gegensatz zu den eher thematisch strukturierten Foren und Chats sind Pinnwände oder Gästebücher an einzelne Profilseiten, also deut lich stärker an einzelne Personen gebunden. Sie liegen dadurch im Zwischen bereich von gruppen bezogener und interpersonaler Kommunika tion: Explizit wird mit 79 einem Eintrag auf einer Pinnwand in der Regel der Profilinhaber adressiert, doch implizit richtet sich er sich auch an die übrigen Besucher der Profilseite. Strukturell ähnlich sind Kommentare, allerdings sind diese üblicher weise statt an Profilseiten an Medien inhalte (Videos, Fotos, Blogeinträge o. Ä.) gebunden. Strukturierend auf den Ablauf der gruppen bezogenen Kommunika tion wirken sich insbesondere folgende Merkmale aus: Generelle Mechanismen der Zutritts kontrolle, Mechanismen der selektiven Ver gabe von Schreib- bzw. Editier rechten sowie Mechanismen zur Erzeu gung von Sicht bar keit der Kom- munikations partner. In Bezug auf Zutritts kontrolle sind zwei grundsätz liche Mechanismen denk bar, die an die Unterschei dung zwischen flüchtigen und per sistenten Kommunikations räumen47 anknüpfen: Flüchtige Kommunikations- räume regeln die Zutritts kontrolle in der Regel dadurch, dass die Kom mu ni- kations räume ad hoc durch Einla dung anderer Nutzer ent stehen, beispiels- weise im Fall der Initiie rung eines Instant-Messaging-Dialogs oder einer „Kon ferenz“ mit mehreren Teilnehmern. Bei persistenten Kommunikations- räumen wie Foren oder Gästebüchern funktioniert die Zutritts kontrolle dadurch, dass nur registrierte Mitglieder einer Platt form Zugriff darauf haben, und nicht-registrierten Mitgliedern selbst die rezipierende Teilnahme ver wehrt bleibt. Eine zweite Variante ist, dass innerhalb einer solchen Platt form weitere Räume gestaltet sind, die nur einem ein geschränkten Personen kreis offen stehen, z. B. weil die Mitglied schaft in einer thematisch spezialisierten Gruppe von einem Moderator o. Ä. erst bestätigt werden muss. Zur Zutritts kontrolle treten Mechanismen, die den Nutzern eine gewisse Kontrolle über den Ablauf einer Kommunika tion ver schaffen, insbesondere über die Ver gabe von spezifi schen Schreib- und Editierrechten. Sie berühren zum einen die Frage, welche Personen sich aktiv an der Kommunika tion be- teiligen können, d. h. wer beispiels weise ein Forum bzw. eine Gruppe auf einer Platt form eröffnen darf, oder wer innerhalb eines solchen Forums neue Diskussions stränge starten kann. Auch der Umstand, ob neue Beiträge oder Kommentare erst gesichtet und freigeschaltet werden müssen, um auf der Seite zu er scheinen, kann je nach konkreter Kommunikations umge bung oder sogar nach individueller Konfigura tion variieren. Schließ lich kann unter schied lich geregelt sein, welche Personen (neben dem Urheber) die Möglich keit haben, einen bereits ver öffent lichten Kommentar oder Eintrag nachträg lich zu ver- ändern oder wieder zu löschen. Bei wem solche Kontroll möglich keiten liegen, ist unter schied lich geregelt: Foren, gelegent lich auch Chats, besitzen in der 47 Die Unterschei dung zwischen persistenten und flüchtigen Kommunikations räumen ist nicht vollständig deckungs gleich mit der Unterschei dung zwischen asynchroner und synchroner Kommunika tion: Während asynchrone Kommunika tion die Persistenz des Kommunikations raums (zumindest für einen bestimmten Zeitraum) voraus setzt, kann synchrone Kommunika tion sowohl flüchtig (z. B. in Form einer Instant- Messaging-Kommunika tion) als auch persistent sein (z. B. in Form eines Protokolls ebendieser Kommuni- ka tion, das den Kommunikations partnern auch später noch zur Ver fügung steht). 80 Regel Moderatoren bzw. Administratoren, während Einträge in Gästebüchern oder Kommentare zu ver öffent lichten Inhalten auch von den Inhabern reguliert werden können. Computer vermittelte gruppen bezogene Kommunika tion ist durch den Um- stand gekennzeichnet, dass die an der Kommunikations situa tion Beteiligten nicht notwendiger weise für alle übrigen Personen sicht bar sind, sofern sie sich nicht aktiv zu Wort melden, also einen Beitrag oder Kommentar hinterlassen. Inwieweit dieses „Lurking“, also das bloße Rezipieren von Diskussionen, Kom- mentaren oder Pinnwandeinträgen, als problematisch oder ab weichend ein- gestuft wird, hängt in hohem Maße von den sozialen Übereinkünften der kon- kreten Kommunikations situa tion ab – so kann dieses Ver halten negativ als „Trittbrett fahren“ (also Profitieren von Diskussions beiträgen anderer ohne eigene Leistung) oder als „Voyeurismus“ (das Einsehen von Kommunikations- verläufen ohne Offen legen der eigenen „Anwesen heit“) gedeutet werden, aber auch positiv gewendet als notwendige Phase gelten, um sich mit den kom- munikativen Gepflogen heiten einer Kommunikations gemein schaft ver traut zu machen (vgl. Stegbauer/ Rausch 2001). In techni scher Hinsicht berührt das Phänomen des Lurking die Frage, inwie weit die Architektur des Kommunikations raums die Sicht bar keit der Anwesenden erzeugt. Dabei lassen sich drei Mechanismen unter scheiden, die „social translucence“ (Erickson/Kellog 2000) herstellen: – Visibility bezieht sich auf den Umstand, dass Aktionen anderer sicht bar gemacht werden, also Spuren hinterlassen; dies findet sich beispiels weise in der Anzeige, wie viele Personen bereits ein bestimmtes Video auf YouTube auf gerufen haben. – Awareness beschreibt den Umstand, dass auch die Anwesen heit (und nicht nur die Aktivitäten) anderer Nutzer sicht bar gemacht werden; dies findet sich beispiels weise bei Chaträumen, bei denen die Namen der Besucher an gezeigt werden, unabhängig davon, ob sie sich auch direkt am Chat be- teiligen. – Accountability beschreibt schließ lich den Umstand, dass das Wissen um die Sicht bar keit von Aktivitäten und Anwesen heit reziprok ist, also ein Nutzer weiß, dass andere wissen, dass er anwesend und sicht bar ist. Dies berührt weniger die techni schen Grundlagen, sondern vielmehr die Kennt- nis über die Funktions weise und Architektur einer Anwen dung. 3.3.5 Mechanismen zum Erschließen von Informa tionen Eine Konsequenz der gesunkenen Hürden für das onlinebasierte Identitäts- und Beziehungs management, das sich in den geschilderten Varianten von öffent lich zugäng licher oder gruppen bezogener Kommunika tion äußert, ist 81 das explosive Wachstum der verfüg baren Informations menge – von Nutzern geschaffene Inhalte und Kommunika tionen treten neben professionell produ- zierte Inhalte. Die daraus ent stehenden Orientierungs bedürfnisse können auf unter schied lichen Wegen befriedigt werden, wobei der populärste Weg, sich Informa tionen im Internet zu er schließen, die Suchmaschine und insbesondere Google ist. Anwen dungen des Social Web bedienen sich jedoch einer Reihe von weiteren Mechanismen zum Erschließen von Informa tionen. Das Prinzip der Kategorisie rung existierte bereits zu Beginn des World Wide Webs, als Webkataloge wie Yahoo Webseiten thematisch gruppierten. Es findet sich heute noch auf vielen Angeboten, wobei nicht mehr nur speziali- sierte Redakteure Inhalte mithilfe von Kategorien für die Nutzer er schließen. Auf Multimediaplatt formen, aber auch bei manchen Diensten des Personal Publis hing ordnen die Nutzer selbst er stellte, hochgeladene bzw. publizierte Inhalte in die von den Betreibern vor gegebenen Kategorien ein. Teils als Er- gän zung, teils als Alternative ver breitet sich auch das Prinzip des Tagging, worunter die freie Ver gabe von Schlagworten (den „tags“) durch Nutzer ver- standen wird, wobei zwei Varianten zu unter scheiden sind: Die Ver gabe der Schlagworte durch diejenige Person, die Inhalte hochlädt bzw. einstellt, sowie die Ver gabe der Schlagworte durch andere Nutzer (vgl. Smith 2008). Die erste Variante findet sich beispiels weise auf der Fotoplatt form Flickr, der Videoplatt form YouTube oder in ver schiedenen Varianten von Weblog- Software; die zweite Variante vor allem bei kollektiven Ver schlagwortungs- systemen wie Delicious oder Mister Wong. Sie hat den Vorteil, sich an die Informations bedürfnisse der einzelnen Nutzer anzu passen, die im Netz bereit- stehende Inhalte auf ganz unter schied liche Art kennzeichnen können, bei- spiels weise mittels der Art der Ressource (z. B. „Buch“ oder „Video“), der Beschrei bung von Urheber und/oder Quelle (z. B. „ZDF“ oder „stephen king“), dem Ausdrücken der eigenen Meinung (z. B. „lustig“ oder „schön“) oder auch durch das Fest halten von Aufgaben im Zusammen hang mit der Ressource (z. B. „aus drucken“ oder „todo“). Durch das Tagging ent stehen so deut lich reich haltigere Metadaten über onlinebasierte Inhalte, als sie ein wohldefiniertes Kategorien schema bieten kann. Für die Aggrega tion von tags hat sich eine eigene Form der Visualisie rung ein gebürgert – die „Tag Cloud“ ordnet Schlag- worte so an, dass besonders häufig ver gebene Schlagworte größer oder farb- lich hervor gehoben werden (vgl. Abbil dung 3.7). Ein weiteres Prinzip, um Orientie rung in der Informations fülle zu geben, ist das Sicht bar-Machen der Bewer tungen von Inhalten durch die Nutzer. Dies kann explizit geschehen, beispiels weise durch die Ver gabe von Punkten oder Sternen für bestimmte Fotos, Videos oder Texte, aber auch implizit, indem bestimmte Nutzer aktivitäten zu Ranglisten aggregiert werden, beispiels weise von besonders häufig kommentierten Fotos, von häufig ab gerufenen Videos oder von besonders häufig ver linkten Weblogeinträgen. 82 Abbil dung 3.7: Beispiel hafte Tag Cloud (Mister Wong) 3.4 Fazit Dieses Kapitel hatte zum Ziel, das Ensemble von Kommunikations diensten zu charakterisieren, das mit dem Begriff „Web 2.0“ ver bunden wird. Da dieses Konzept einen revolutionären und ab rupten Ver sions sprung des Internets nahe- legt, wurde das Social Web als vorzu ziehender Begriff ein geführt. Es umfasst ver schiedene Angebots gattun gen sowie quer dazu liegende bzw. über greifende Funktionalitäten. Diese werden in den kommenden Abschnitten erneut auf- gegriffen, um die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Befra gung sowie der Fallstudien analysen zu präsentieren. 83 4 Die Social Web-Nutzung Jugend licher und junger Erwachsener: Nutzungs muster, Vorlieben und Einstel lungen Uwe Hasebrink und Wiebke Rohde unter Mitarbeit von Thomas Brüssel Gegen stand dieses Kapitels ist der Umgang Jugend licher und junger Erwach sener mit dem Internet im Allgemeinen und dem Social Web im Be- sonderen. Im Vordergrund stehen relevante Aspekte des Nutzungs verhaltens und deren Ver brei tung in der unter suchten Alters gruppe. Außerdem werden auf das Internet und auf das Social Web bezogene Einstel lungen unter sucht. Basis der Darstel lung ist daher im Wesent lichen die Repräsentativbefra gung; Beobach tungen aus den qualitativen Erhebungs schritten, die einzelne Aussagen stützen oder relativieren, werden im Einzelfall berichtet. Das Kapitel ist wie folgt auf gebaut: Im ersten Teil kapitel werden zunächst allgemeine Kennwerte der Internet-Nutzung dargestellt, auf deren Grundlage ver schiedene Nutzungs typen unter schieden werden. Diese werden in Beziehung gesetzt zu Einstel lungen gegen über dem Internet sowie zu möglichen negativen Erfah rungen im Zusammen hang mit Online-Aktivitäten. Die Auswer tungen stellen den Rahmen dar für die im zweiten Teil kapitel dargestellte Nutzung von Social Web-Anwen dungen im Sinne der in Kapitel 3 vor genommenen Defini tion. Das dritte Teil kapitel fokussiert dann auf die Nutzung von Netz werk platt- formen als wichtigsten Bestand teilen des Social Web. So wird näher be schrie- Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen Nutzung Social Web SNS Medien insgesamt Angebot Social Web SNS Internet Medien insgesamt Internet 84 ben, was Jugend liche und junge Erwachsene mit diesen Angeboten tun, welche Einstel lungen und Erwar tungen mit dem Besuch von Netz werk platt formen ver bunden und welche Typen des Umgangs mit diesen Angeboten zu unter- scheiden sind. 4.1 Der Rahmen: Nutzung des Internets 4.1.1 Häufig keit, Dauer und Ort der Internet-Nutzung Grundgesamt heit der Repräsentativbefra gung waren Jugend liche und junge Erwachsene zwischen 12 und 24 Jahren, die zumindest gelegent lich das Inter- net nutzen. Der aktuellen JIM-Studie zufolge sind damit in der betreffenden Alters gruppe kaum Jugend liche aus geschlossen worden, denn 2008 berich teten 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen, dass sie zumindest selten das Internet nutzen (MPFS 2008, S. 46). Zwei Drittel der Befragten geben an, das Internet täglich zu nutzen, ein weiteres Fünftel schätzt die Häufig keit der Internet-Nutzung als „mehrmals pro Woche“ ein. Dabei finden sich die häufigsten Internet-Nutzer unter den 15- bis 17-Jährigen – mehr als drei Viertel sind täglich online. In der jüngsten Alters gruppe ist die Nutzung noch deut lich geringer; bei den ab 18-Jährigen geht die Häufig keit gegen über den 15- bis 17-Jährigen wieder schritt weise zurück. Die Geschlechter unter scheiden sich in dieser Hinsicht kaum.48 Die mittlere Nutzungs dauer des Internets beträgt für die Gesamt gruppe 127 Minuten pro Tag (montags bis sonntags; siehe Tabelle 4.1). Wieder liegen die 15- bis 17-Jährigen vorn (142 Minuten), gefolgt von den 18- bis 20-Jährigen (130 Minuten), den 21- bis 24-Jährigen (126 Minuten) und den 12- bis 14-Jähri- gen (108 Minuten). Jungen bzw. junge Männer ver bringen mit 139 Minuten pro Tag knapp eine halbe Stunde länger mit dem Internet als Mädchen bzw. junge Frauen (114 Minuten). 48 Eine vollständige tabellari sche Dokumenta tion der Ergebnisse der Repräsentativbefra gung findet sich auf den Websites des Hans-Bredow-Instituts (http://www. hans-bredow-institut. de/webzweinull /uber-das- projekt / ) und des Fachbereichs Kommunikations wissen schaft der Universität Salzburg (http://www. uni- salzburg. at / kowi /av/ forschung/SocialWeb). 85 Tabelle 4.1: Internet-Nutzungs dauer nach Geschlecht und Alter (in Minuten) Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 643 n = 329 n = 315 n = 127 n = 147 n = 160 n = 209 Internet, Mo.–Fr. 140 154 125 114 148 146 146 Internet, Sa. 117 139 93 108 131 110 118 Internet, So. 111 133 88 90 128 106 116 Internet, Mo.–So.1 127 139 114 108 142 130 126 1 Bei der Berech nung des Durchschnitts werts für die ganze Woche wurde eine Ausreißerkontrolle vor genommen, indem einige wenige extrem hohe Angaben auf den Maximalwert 480 Minuten reduziert wurden. Das Internet wird mit großem Abstand am häufigsten von zu Hause ge- nutzt: 92 Prozent sind täglich oder zumindest mehrmals pro Woche online. Demgegenüber spielt die Nutzung an Schule/ Universität /Ausbildungs- bzw. Arbeits platz (33 %), bei Freunden (16 %), in Bibliotheken oder anderen öffent- lichen Einrich tungen (6 %), von unter wegs (5 %) oder in Internet-Cafés (1 %) eine deut lich geringere Rolle. Dies gilt für alle Alters gruppen; allein bei den 21- bis 24-Jährigen ist eine häufigere Online-Nutzung am Arbeits platz fest- stell bar (55 % täglich oder mehrmals pro Woche). In Tabelle 4.2 sind diese Befunde auf der Basis von Mittelwerten über die Angaben zur Häufig keit der Nutzung an den ver schiedenen Orten dokumentiert. Tabelle 4.2: Ort der Internet-Nutzung nach Alters gruppen 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Gesamt n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 n = 650 Internet-Nutzungs ort: zu Hause 1,84 1,29 1,49 1,49 1,51 In der Schule, Universität oder bei der Arbeit 4,47 4,35 4,47 3,52 4,13 Bei Freunden 4,33 4,68 5,02 5,08 4,82 In Internet-Cafés 6,83 6,67 6,83 6,84 6,80 In Bibliotheken/anderen öffent lichen Einrich tungen 6,44 6,41 6,25 6,01 6,24 Unterwegs 6,64 6,29 6,40 6,28 6,38 Mittelwerte über die Antwort kategorien: 1 = täglich, 2 = mehrmals in der Woche, 3 = einmal in der Woche, 4 = einmal in 14 Tagen, 5 = einmal im Monat, 6 = seltener, 7 = nie. 4.1.2 Aktivitäten beim Umgang mit dem Internet Im Hinblick auf konkrete Aktivitäten bei der Internet-Nutzung bestätigen sich die Ergebnisse bisher vor liegenden Studien: Der Umgang mit Suchmaschinen, E-Mails, Instant Messaging sowie der Besuch von Social Networking Sites sind die Aktivitäten, die bei zwei Dritteln und mehr der Befragten täglich oder mehrmals pro Woche vor kommen (Tabelle 4.3). Zwischen 50 und 60 Pro- zent er reichen folgende Aktivitäten: Musik-/Sound dateien anhören, Nachrichten 86 bzw. aktuelle Informa tionen abrufen, einfach so drauf los surfen, nach Infor- ma tionen zu einem bestimmten Thema für sich selbst – also nicht für Schule, Ausbil dung, Studium oder Beruf – suchen, nach Informa tionen für Schule, Ausbil dung, Studium oder Beruf suchen. Tabelle 4.3: Häufig keit der meist genutzten Internetaktivitäten nach Geschlecht (täglich / mehrmals pro Woche, in %) männlich weiblich Gesamt Suchmaschinen nutzen 84 79 81 E-Mails empfangen und senden 66 74 70 Instant-Messenger wie z. B. ICQ oder MSN nutzen 72 67 69 Online-Communities nutzen, wie SchülerVZ, StudiVZ, Facebook, Xing usw. 65 72 69 Musik /Sound dateien anhören 63 52 58 Nachrichten bzw. aktuelle Informa tionen abrufen 63 53 58 Einfach so drauf los surfen 53 51 52 Nach Informa tionen zu einem bestimmten Thema für Dich selbst – also nicht für Schule, Ausbil dung, Studium oder Beruf – suchen 55 47 51 Ein Abgleich mit den Befunden der jüngsten Studie „Jugend – Informa- tion – Medien 2008 (JIM)“ (siehe MPFS 2008) führt zu weit gehend ver gleich- baren Ergebnissen. Für die 12- bis 19-Jährigen, d. h. für die in JIM unter- suchte Alters gruppe, werden in dieser Studie Werte erzielt, die sehr hoch mit den JIM-Werten korrelieren (r = .97). Hinsicht lich der ab soluten Beträge lässt sich allerdings beobachten, dass die Werte der vor liegenden Studie im Durch- schnitt um gut 6 Prozent höher liegen als die Werte der JIM. Dies könnte ein Hinweis sein, dass die ent sprechenden Nutzungs häufig keiten in den fünf Monaten zwischen den beiden Erhebun gen weiter gestiegen sind. Allerdings sind auch einige besonders auf fällige Abweichungen zu ver zeichnen: Die Option „Chatten bzw. Chatrooms besuchen“ wurde in der vor liegenden Studie von 54 Prozent der Befragten als mindestens mehrmals pro Woche aus geübte Tätig keit bezeichnet, während dies in der JIM-Studie, in der enger nach dem „Chatten“ gefragt wurde, nur bei 29 Prozent der Fall war. Dieser deut liche Unterschied könnte darauf zurück zuführen sein, dass im Herbst 2008 (also zwischen den beiden Befra gungen) die populären Netz werk platt formen der VZ-Gruppe eigene Chat-Angebote ein geführt haben. Eben falls deut lich höhere Werte (mehr als 10 Prozentpunkte) ergab die vor liegende Studie bei den Aktivitäten „Musik /Sound dateien anhören“, „Nach- richten abrufen“, „Filme/ Videos anschauen“, „E-Mails empfangen/senden“, „Online-Communities“ und „nach Informa tionen für Schule, Studium und Beruf suchen“. Die einzige um gekehrte Abweichung, in der die JIM-Studie zu deut lich höheren Werten führt, geht auf einen ent scheidenden Unterschied in der Fragestel lung zurück: Während in JIM nach dem Einstellen von Fotos/ 87 Videos gefragt wurde (10 % täglich /mehrmals pro Woche), ging es in der vor liegenden Studie enger um „Filme/ Videos einstellen“ (1,0 %). Dies weist auf die Bedeu tung von Fotos hin, die insbesondere beim Umgang mit den Online-Communities eine große Rolle spielen (siehe dazu unten, Kapitel 4.3). Tabelle 4.4 führt Aktivitäten auf, die im weiteren Sinne (siehe Kapitel 2) dem Social Web zu gerechnet werden.49 Danach gehören Instant Messaging- Dienste und Netz werk platt formen zu den wichtigsten Bestand teilen der Inter- net-Nutzung dieser Alters gruppe. Erstere werden von den männ lichen, Letztere von den weib lichen Befragten etwas häufiger genutzt. Die hohe Attraktivität von Instant Messaging er streckt sich über die drei jüngeren Alters gruppen, nur bei den 21- bis 24-Jährigen fällt diese deut lich ab; hier gewinnt dafür die E-Mail an Bedeu tung. Die Netz werk platt formen spielen offen bar für die 15- bis 17-Jährigen eine besonders große Rolle: mehr als drei Viertel aller Befragten dieser Gruppe besuchen mehrmals pro Woche oder sogar täglich eine Online- Community. Tabelle 4.4: Häufig keit ver schiedener Aktivitäten im Umgang mit dem Social Web (täglich / mehrmals pro Woche; Spalten prozente) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Instant Messaging 69 72 67 72 79 75 58 Online-Communities 69 65 72 63 77 66 68 In Wikis lesen 38 39 36 25 41 45 38 In Wikis schreiben 2 2 2 2 2 2 1 Weblogs lesen 8 11 5 6 12 8 7 Weblogs ver fassen 3 4 3 2 5 4 3 Musik /Sound - dateien anhören 58 63 52 59 75 66 40 Musik /Sound - dateien einstellen 5 7 3 3 11 6 3 Filme/ Videos anschauen 34 45 23 38 46 33 24 Filme/ Videos einstellen 1 2 1 1 1 2 1 Mit Ausnahme der 12- bis 14-Jährigen nutzen die Befragten auch Wikis – was so gut wie aus schließ lich mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia gleich zusetzen ist (siehe unten) – recht häufig. Demgegenüber spielen Weblogs sowie die stärker produktions orientierten Formen der Social Web-Nutzung, 49 Das Anhören von Musik dateien bzw. das Ansehen von Filmen / Videos kann zwar nicht in jedem Fall als eigent licher Bestand teil der Social Web-Nutzung betrachtet werden (siehe Kapitel 2). Aufgrund der hohen Bedeu tung von Video- bzw. Musik platt formen sowie zur Gegen überstel lung mit den jeweiligen Eigen- aktivitäten werden diese hier dennoch auf geführt. 88 etwa das Einstellen von Audio- oder Videodateien, eine deut lich geringere Rolle. Der Medienkon vergenz Monitoring Report (vgl. Schorb u. a. 2009) kommt bezüg lich des Hochladens von Videos zu einem ver gleichs weise hohen Ergebnis: 10 % der dort Befragten stellen Videodateien auf Internet seiten ein; hier ist allerdings zu beachten, dass die auf Selbstselek tion beruhende Stich- probe des Monitorings keine Repräsentativität beanspruchen kann. Dieser Aspekt soll jedoch weiter unten noch näher analysiert werden, denn auf wen- dige Aktivitäten wie das Hochladen von Videos können kaum an gemessen mit denselben Antwort vorgaben erfasst werden wie unaufwändige Aktivitäten wie der Besuch einer Online-Community oder einer Instant Messaging-Site. Im Hinblick auf die Breite der Aktivitäten im Netz unter scheiden sich die Befragten ganz erheb lich: Auf der Grundlage der 30 ab gefragten Internet- Anwen dungen wurde ein Summen wert gebildet, der angibt, wie viele dieser Anwen dungen die Befragten zumindest gelegent lich nutzen. Tabelle 4.5 zeigt die Mittelwerte dieses Indikators für die Alters- und Geschlechts gruppen. Im Mittel gaben die Befragten an, knapp 17 der 30 vor gegebenen Anwen dungen zu nutzen; dabei zeigen Jungen bzw. junge Männer eine signifikant größere Bandbreite als Mädchen bzw. junge Frauen. Den Werten für die Alters gruppen zufolge er zielen die schon mehrfach durch ihre besonders aktive Internet- Nutzung auf gefallenen 15- bis 17-Jährigen auch in dieser Hinsicht einen Höchst- wert, während das Spektrum der genutzten Anwen dungen bei den Jüngsten und den Ältesten der Stichprobe am wenigsten breit ist. Dies spricht für eine Phase des Ausprobierens, in der möglichst alle Optionen, die das Netz bietet, erprobt werden, während sich später eine stärkere Fokussie rung auf diejenigen Anwen dungen heraus bildet, die den individuellen Interessen bzw. den mit der betreffenden Lebens phase ver bundenen Anforde rungen am besten ent sprechen. Tabelle 4.5: Zahl der zumindest gelegent lich genutzten Internet-Anwen dungen Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Zahl der genutzten Dienste 16,9 17,7 16,2 16,4 18,0 17,0 16,5 Erläute rung: Angegeben sind die Mittelwerte eines Summen index aus einer Liste von 30 Antwortop- tionen. 4.1.3 Lieblings angebote im Internet Die Antworten auf die un gestützte Frage nach bis zu drei Lieblings websites ver teilen sich auf eine Fülle unter schied licher Internetangebote; insgesamt wurden von den 650 Befragten 1.824 Antworten gegeben, die auf 390 unter- schied liche Adressen ent fielen. Die große Mehrzahl dieser Adressen wurde 89 allerdings nur jeweils von einer Person genannt, nur 25 Websites wurden von mindestens zehn Befragten genannt. Tabelle 4.6 gibt einen Überblick über die Websites, die in der Gesamt gruppe sowie in den Alters- und Geschlechter- gruppen für mindestens zehn Prozent zu den Lieblings websites gehören. Tabelle 4.6: Lieblings angebote im Internet bei offener Fragestel lung (bis zu drei Antworten möglich; Angaben in % der Fälle) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Google (31) YouTube (33) Google (30) SchülerVZ (45) SchülerVZ (52) Google (38) Google (36) YouTube (29) Google (33) SchülerVZ (27) YouTube (42) YouTube (40) YouTube (25) StudiVZ (34) SchülerVZ (25) SchülerVZ (23) YouTube (25) Google (26) Google (23) Web.de (15) GMX (19) StudiVZ (15) eBay (11) StudiVZ (21) ICQ (11) Wikipedia (11) eBay (15) Web.de (18) Web.de (11) Wikipedia (10) Web.de (17) MyVideo (10) Wikipedia (15) YouTube (16) Wikipedia (11) GMX (11) SchülerVZ (14) eBay (14) Wikipedia (11) StudiVZ (13) Wer-kennt-wen (10) Wer-kennt-wen (10) Erläute rung: Aufgeführt sind die Angebote, die in der jeweiligen Gruppe von mindestens zehn Prozent der Befragten genannt wurden. Abgesehen von der vorn liegenden Suchmaschine Google sind auf den ersten Plätzen dem Social Web zuzu rechnende Angebote zu finden: die Videoplatt- form YouTube, die beiden Netz werk platt formen SchülerVZ und StudiVZ sowie Wikipedia. Daneben spielen die Internetprovider Web.de und GMX sowie eBay eine hervor gehobene Rolle. Männliche und weib liche Befragte sowie die Alters- gruppen unter scheiden sich in dieser Hinsicht nicht gravierend; zwischen den Alters gruppen ist vor allem der Übergang von SchülerVZ zu StudiVZ erkenn- bar, außerdem ist YouTube bei den Älteren nicht mehr ganz so beliebt wie bei den Jüngeren. Um die Fülle der genannten Lieblings websites über sicht licher und mit be- sonderem Augen merk auf das Social Web darstellen zu können, wurden diese einigen Kategorien zu geordnet. Tabelle 4.7 zeigt einen Überblick, wie viele Befragte auf die Frage nach den drei Lieblings websites mindestens eine nann- ten, die den betreffenden Kategorien zu geordnet werden konnte. 90 Tabelle 4.7: Art der Lieblings angebote im Internet (in % aller Befragten) Gesamt männ lich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 SNS 57 47 67 55 70 53 52 Sonstiges 41 43 40 50 43 38 38 Provider 34 24 44 18 25 37 48 Suchmaschinen 31 32 30 26 22 37 36 Video-Communities 31 37 26 46 42 27 18 Journalisti sche Medien 16 19 13 7 8 21 25 Spiele und -platt formen 14 20 8 33 6 11 9 Ein-/ Verkaufen 14 15 13 2 8 19 22 Wikis 11 10 11 9 11 14 9 Sport 7 11 3 4 7 6 10 Instant Messaging 5 2 9 11 8 3 2 Erläute rung: Recodie rung der freien Antworten, darunter fett Social Web-Anwen dungen; Befragte, die mindestens eine Website der betreffenden Art als Lieblings website bezeichnet haben. Für 57 Prozent der Befragten gehört damit mindestens eine Netz werk platt- form zu den Lieblings websites; dieser Wert liegt bei Mädchen und bei den 15- bis 17-Jährigen noch deut lich höher. Vor allem bei den Jüngeren und bei den männ lichen Befragten sind Videoplatt formen beliebt; insgesamt nennt knapp ein Drittel ein solches Lieblings angebot. Wikipedia wird über alle Gruppen hinweg von etwa einem Zehntel der Befragten genannt. Instant Messaging-Dienste (ICQ und MSN) werden von 5 Prozent genannt; dieser Anteil ist bei Mädchen und den beiden jüngeren Alters gruppen deut lich höher. Neben zahl reichen sonstigen Angeboten, die außerhalb der hier zugrunde gelegten Defini tion von Social Web liegen, nannten die Befragten vor allem Internet-Service-Provider und Suchmaschinen – so gut wie aus schließ lich Google. Weitere oft genannte Lieblings angebote lassen sich journalisti schen Medien (Fernseh- und Hörfunksender, Zeitun gen und Zeitschriften sowie Online-Nachrichtendienste), Online-Spielen, Angeboten zum Ein- bzw. Ver- kaufen – so gut wie aus schließ lich eBay – sowie Sportangeboten zuordnen. 4.1.4 Muster und Typen der Internet-Nutzung Auf der Grundlage der skizzierten Merkmale der Internet-Nutzung kann nun weiter gefragt werden, inwieweit sich unter schied liche Nutzungs muster heraus- gebildet haben, anhand derer sich ver schiedene Nutzer typen unter scheiden lassen. Die Antwort auf diese Frage fällt nicht leicht. Denn die Merkmale der Internet-Nutzung hängen unter einander jeweils nur sehr schwach zusammen, sodass sich kaum prägnante Muster er kennen lassen. So beträgt etwa die Kor- re la tion zwischen der einfachen Häufig keit der Internet-Nutzung und der durch schnitt lichen Nutzungs dauer pro Tag ledig lich r = .27; der Zusammen- 91 hang zwischen der allgemeinen Nutzungs häufig keit und der Zahl der min- destens gelegent lich genutzten Internetanwen dungen beträgt immerhin r = .37, worin sich die plausible Tatsache nieder schlägt, dass Personen, die das Netz häufiger nutzen, dabei auch von einer größeren Breite von Anwen dungen Ge- brauch machen. Als weitere Anhaltspunkte zur Art der Internet-Nutzung können die ver- schiedenen Internet-Anwen dungen heran gezogen werden. Diese hängen unter- schied lich stark mit der allgemeinen Internet-Nutzung zusammen: Die höchsten Korrela tionen ergeben sich für E-Mails (r = .43), Instant Messaging (.39), Such- maschinen (.37), Online-Communities (.35), Musik dateien anhören (.30); für die meisten anderen Anwen dungen ergeben sich eben falls signifikant positive Korrela tionen zwischen r = .10 und .30. Die Zusammen hänge zwischen den einzelnen Anwen dungen sind über wie- gend gering. Besonders hohe sind nur dort zu beobachten, wo in der Fragestel- lung zwei unmittel bar aneinander gekoppelte Aktivitäten vor gegeben worden waren, z. B. „In News groups/ Foren lesen“ und „In News groups/ Foren schrei- ben“ (r = .67), oder „Online-Spiele allein“ und „Online-Spiele mit Anderen im Netz“ (.51). Die meisten anderen Zusammen hänge sind schwach aus geprägt. Mithilfe einer explorativen Faktoranalyse50 sollte er kundet werden, ob sich die 30 Anwen dungen auf eine geringere Zahl aus sagekräftiger Anwendungs dimen- sionen reduzieren lassen. Es ließen sich neun Faktoren er mitteln:51 – Informations suche: Nach Informa tionen für Schule/Studium/ Beruf suchen (Ladung: .76), in Wikis lesen (.69), Informa tionen für sich selbst unabhängig von Schule/Studium/ Beruf suchen (.54). – News groups: Beiträge in News groups schreiben (.73), Beiträge in News- groups lesen (.73). – Kommunika tion: Instant Messaging (.62), Chatten (.59), Musik-/Sound- dateien anhören (.57), Online-Communities (.52). – Online Shopping: Bei eBay stöbern (.80), bei eBay etwas (ver-) kaufen (.78). – Spiele: Online-Spiele mit Anderen im Netz (.81), Online-Spiele allein (.77), in virtuellen Welten wie z. B. Second Life unter wegs sein (.55). – Weblogs: In Weblogs etwas ver fassen oder einstellen (.79), Weblogs lesen (.71), in Wikis schreiben (.50). – Video- und Musik austausch: Filme/ Videos einstellen (.77), Musik-/Sound- dateien einstellen (.70). – Internet-Telefonie: Über Internet telefonieren (.68). – Handy-Accessoires: Töne/ Logos für’s Handy herunter laden (.74). 50 Haupt komponenten analyse mit dem Kriterium Eigen wert ≥ 1 und Varimax-Rotation; die neun Faktoren er klären ledig lich 53 Prozent der Varianz; über dies sprechen zahl reiche Doppella dungen dafür, dass die beschriebenen Dimensionen das Nutzungs verhalten nur recht unscharf ab bilden. 51 Aufgelistet sind jeweils alle Anwen dungen mit einer Faktorla dung von mindestens .50. 92 Die Ergebnisse dieser Analyse sind sehr labil: Jeder Faktor wird nur durch wenige Items mit zum Teil niedrigen Ladungen definiert, einige Items er- reichen bei keinem der Faktoren eine Ladung von mindestens .50. Einige Faktoren bestehen über dies aus Einzelitems, die ledig lich zwei Aspekte ein und desselben Dienstes darstellen (z. B. die Faktoren Online-Shopping, Spiele, News groups und Weblogs). Dies deutet darauf hin, dass die ver schiedenen Anwen dungen des Internets sich kaum zu größeren Gruppen bzw. zu Dienste- typen zusammen fassen lassen, mit denen die Nutzer ähnlich umgehen. Angesichts dieser unklaren Struktur wurden, um die Informa tionen über die Nutzung der ver schiedenen Anwen dungen trotzdem für weiter führende Auswer tungen nutzen zu können, einige Indizes bestimmt, die die Häufig keit der Nutzung theoretisch bestimmter Anwendungs typen er fassen. Diese Typen wurden anhand der Merkmale des Dienstes und der zu seiner Nutzung er- forder lichen Eigenaktivität der Nutzer definiert. – Kommunikations anwen dungen: E-Mails senden und empfangen; Instant Messaging; Chatten; Internet-Telefonie. – Informations orientierte Anwen dungen: Informa tionen über Ver anstal tun- gen am Ort suchen; Beiträge in News groups lesen; Informa tionen zu einem bestimmten Thema unabhängig von Schule/Studium/ Beruf suchen; bei eBay stöbern und nichts kaufen; Weblogs lesen; Live-Ticker nutzen; Nach- richten bzw. allgemeine Informa tionen abrufen; Informa tionen für Schule/ Studium/ Beruf suchen; Suchmaschinen nutzen; in Wikis lesen. – Rezeptions orientierte Video-/Audioanwen dungen: Filme/Videos anschauen; Musik-/Sound dateien anhören; über Internet fernsehen, über Internet Radio hören. – Spielorientierte Anwen dungen: Online-Spiele allein; Online-Spiele mit Ande ren; Virtuelle Welten wie Second Life. – User-generated-Content-Anwen dungen: Beiträge in News groups schreiben; Filme/ Videos einstellen; Musik-/Sound dateien einstellen; etwas bei eBay kaufen oder ver kaufen; in Weblogs etwas ver fassen oder einstellen; in Wikis schreiben. – Online-Communities: Für diesen Index wurde nur das eine Item ver wendet, das nach der Häufig keit der SNS-Nutzung fragt. Die Indexbil dung er folgte nach folgender Logik: Über die jeweils zu gehörigen Anwen dungen hinweg wurden die Nutzungs häufig keiten aufad diert; dabei wur- den folgende Konven tionen befolgt: „täglich“ = 1, „mehrmals pro Woche“ = 1/2, „einmal pro Woche“ = 1/7, „einmal in zwei Wochen“ = 1/14, „einmal pro Monat“ = 1/30, „seltener“ = 1/50, „nie“ = 0. Dieser Summen wert wurde an- schließend durch die Zahl der Anwen dungen dividiert. Der sich er gebende Index kann also Werte zwischen 1 und 0 annehmen; dabei bedeutet ein Wert 93 von 1, dass alle berücksichtigten Anwen dungen täglich genutzt werden, ein Wert von 0, dass alle Anwen dungen niemals genutzt werden. Tabelle 4.8: Häufig keit der Nutzung ver schiedener Anwendungs typen nach Geschlecht und Alter Anwendungs typen (Zahl der Anwen dungen) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Online-Communities (1) 0,58 0,56 0,60 0,51 0,67 0,57 0,57 Kommunika tion (4) 0,42 0,42 0,41 0,40 0,49 0,43 0,38 Informa tion (10) 0,28 0,31 0,25 0,20 0,30 0,30 0,30 AV-Rezep tion (4) 0,22 0,27 0,18 0,22 0,29 0,23 0,18 Spiele (3) 0,10 0,14 0,06 0,15 0,10 0,09 0,08 User-generated Content (6) 0,04 0,05 0,03 0,03 0,06 0,04 0,04 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte; ein Wert von 1,0 bedeutet: Alle Anwen dungen des Typs werden täglich genutzt. Ein Wert von 0,0 bedeutet: Alle Anwen dungen des Typs werden niemals ge- nutzt. Tabelle 4.8 führt die durch schnitt lichen Werte nach Alter und Geschlecht auf. Online-Communities und Kommunikations-Anwen dungen stehen danach im Vordergrund, aber auch die zahl reichen informations orientierten Anwen- dungen er reichen im Durchschnitt eine beacht liche Nutzungs häufig keit. In den Indizes schlagen sich die oben bereits an geführten Unterschiede zwischen den Alters gruppen und zwischen männ lichen und weib lichen Befragten nieder: Die 15- bis 17-Jährigen sind bei fast allen Anwendungs typen die häufigsten Nutzer, ledig lich Spiele werden deut lich häufiger in der jüngsten Alters gruppe genutzt. Online-Communities werden häufiger von Mädchen und jungen Frauen besucht, während Jungen und junge Männer häufiger informations orientierte Anwen dungen, rezeptions orientierte Video- und Audio-Angebote sowie Spiele nutzen. Auf der Basis dieser sechs Indikatoren lässt sich die Internet-Nutzung der Befragten nun differenzierter betrachten. Mithilfe einer Cluster analyse52 wur- den vier Gruppen unter schieden, die sich in der Häufig keit, mit der sie die ver schiedenen Anwendungs typen nutzen, deut lich unter scheiden, während die Befragten innerhalb eines Clusters sich in ihrem Umgang mit dem Internet relativ ähnlich sind (siehe Tabelle 4.9). Die vier Cluster und die sie kenn zeich- nenden Merkmale der Internet-Nutzung werden im Folgenden näher beschrie- ben. 52 Berechnet wurde eine K-Means-Cluster analyse mit den standardisierten Werten der sechs Index-Variablen. Die Entschei dung für eine Vier-Cluster-Lösung er folgte aus Gründen der Übersichtlich keit und der Inter- pretier bar keit. 94 Cluster 1: Wenignutzer Die größte der vier Gruppen (41 % der Stichprobe) ist dadurch gekennzeichnet, dass sie bei allen für die Clusterbil dung heran gezogenen Variablen die ge- ringsten Werte auf weist. Es handelt sich um Personen, die das Internet ver- gleichs weise selten und mit einem ein geschränkten Spektrum an Anwen dun- gen nutzen. Alle in Tabelle 4.9 auf gelis teten Anwen dungen werden von dieser Gruppe am seltensten genutzt. Interessant ist, dass gerade diese Gruppe am häufigsten Suchmaschinen (also Google) und Shopping-Websites (also eBay) als Lieblings websites angibt; dies mag darauf hindeuten, dass diese Befragten mit dem Netz recht wenig ver traut sind, sodass ihnen auf die Frage nach Lieb- lings websites am ehesten die bekanntesten Marken des Internets einfallen. In dieser Gruppe sind weib liche Befragte etwas über repräsentiert, außerdem einer seits die jüngste Alters gruppe der 12- bis 14-Jährigen, anderer seits die älteste Gruppe der 21- bis 24-Jährigen. Die geringe Nutzung ergibt sich also vermut lich zum einen daraus, dass das Internet bzw. einige seiner Funktionen noch nicht ent deckt worden sind, zum anderen kann sie dann mit dem Eintritt in das Erwachsenen leben wieder zurück gehen, wenn andere Rahmen bedin- gungen und Anforde rungen den Alltag bestimmen. Cluster 2: Community-Orientierte Die zweit größte Gruppe (38 % der Befragten) zeichnet sich vor allem durch die häufige Nutzung von Online-Communities aus, alle anderen Anwendungs- typen nehmen mittlere Werte ein. Das Internet wird nahezu von allen täglich genutzt, allerdings nicht besonders lang und mit einem mäßig breiten Spektrum an Anwen dungen. Im Ver gleich mit den anderen Gruppen sind sie besonders häufig auf der Suche nach Informa tionen für Schule, Studium oder Beruf, auch E-Mails spielen hier eine relativ große Rolle. Die Orientie rung an Online- Communities kommt auch darin zum Ausdruck, dass im Durchschnitt jedes Mitglied dieser Gruppe mindestens eine Social Networking Site als Lieblings- website bezeichnet. In diesem Cluster sind 12- bis 14-Jährige deut lich unter- und 15- bis 17-Jährige deut lich über repräsentiert; außerdem gehören ihm etwas mehr weib liche als männ liche Befragte an. Cluster 3: Aktive Informations manager Diese kleinere Gruppe (14 % der Befragten) ist durch einen besonders viel- seitigen Umgang mit dem Internet gekennzeichnet: Mit Ausnahme der Online- Communities und der Spiele nutzen sie alle anderen Anwendungs typen am häufigsten. Besonders groß ist der Abstand zu den anderen Gruppen bei den informations orientierten Anwen dungen und vor allem im Bereich des User- generated content: Nur in dieser Gruppe treten die produktiven Formen der Internet-Nutzung in nennens wertem Umfang auf. Auch diese Gruppe nutzt 95 Tabelle 4.9: Beschrei bung der vier Internet-Nutzer typen (Cluster) Gesamt Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 n = 650 n = 268 n = 245 n = 88 n = 45 In Prozent der Befragten 100 41 38 14 7 Häufig keit der Nutzung ver schiedener Anwendungs typen (Clusterbildende Variablen): Online-Communities 0,58 0,23 0,89 0,78 0,55 Kommunikations anwen dungen 0,42 0,22 0,54 0,61 0,55 Informations orientierte Anwen dungen 0,28 0,19 0,30 0,49 0,31 Rezeptions orientierte AV-Angebote 0,22 0,11 0,26 0,40 0,37 Spielorientierte Anwen dungen 0,10 0,05 0,04 0,15 0,58 User-generated Content 0,04 0,01 0,02 0,19 0,05 Allgemeine Merkmale der Internet-Nutzung: Häufig keit der Internet-Nutzung1 1,6 2,2 1,2 1,1 1,2 Dauer der Online-Nutzung (Min./ Tag) 129 89 137 204 175 Zahl der genutzten Anwen dungen 16,9 14,7 17,3 21,3 19,7 Häufig keit der Nutzung aus gewählter Anwen dungen1: Suchmaschinen nutzen 1,9 2,4 1,7 1,3 1,6 Nachrichten abrufen 3,0 3,6 2,6 2,0 2,8 Informa tionen nicht für Schule/Beruf 3,1 3,5 3,0 2,1 3,0 Informa tionen für Schule/Beruf 3,3 3,7 2,8 3,0 3,5 Über Internet fernsehen 6,4 6,7 6,3 6,0 5,5 Über Internet Radio hören 5,8 6,3 5,8 4,7 5,2 E-Mails empfangen oder senden 2,3 3,1 1,7 1,6 2,2 Instant Messaging 2,6 4,0 1,7 1,2 1,9 Beiträge in Foren/News groups lesen 4,5 5,5 4,4 2,2 3,5 Beiträge in Foren/Newsgroups schreiben 5,6 6,4 5,8 2,9 4,8 Filme/ Videos ansehen 4,2 5,1 4,0 3,0 2,8 Musik /Sound dateien 3,1 4,3 2,6 1,6 2,2 Art der Lieblings websites (Zahl der Nennun gen, bis zu drei waren möglich): Zahl der SNS 0,70 0,46 1,04 0,57 0,55 Zahl der Videoplatt formen 0,35 0,33 0,36 0,33 0,44 Zahl der journalisti schen Medien 0,19 0,18 0,19 0,28 0,10 Zahl der Wikis 0,11 0,12 0,08 0,17 0,07 Zahl der Suchmaschinen 0,31 0,40 0,22 0,31 0,32 Zahl der Spiele 0,16 0,18 0,04 0,14 0,68 Zahl der Shopping-Websites 0,08 0,21 0,11 0,16 0,01 Zahl der Sport-Websites 0,08 0,07 0,09 0,15 0,05 Zusammen setzung nach Alter und Geschlecht (in % der Cluster): 12 bis 14 Jahre 20,2 26,5 12,2 14,8 34,7 15 bis 17 Jahre 22,6 14,2 29,0 33,0 18,4 18 bis 20 Jahre 24,6 24,6 25,7 23,9 20,4 21 bis 24 Jahre 32,6 34,7 33,1 28,4 26,5 männlich 51,2 44,9 44,9 68,2 85,7 weiblich 48,8 55,1 55,1 31,8 14,3 1 Antwort format: 1 = täglich, 2 = mehrmals pro Woche, 3 = einmal pro Woche, 4 = einmal in 14 Tagen, 5 = einmal pro Monat, 6 = seltener, 7 = nie 96 das Internet durch weg täglich, sie weist aber mit über 200 Minuten pro Tag die weitaus höchste Nutzungs dauer auf. Das breite Anwendungs spektrum schlägt sich darin nieder, dass diese Gruppe bei fast alle Anwen dungen die höchsten Werte er reicht. Überrepräsentiert sind die 15- bis 17-Jährigen sowie sehr deut lich die Jungen bzw. jungen Männer. Cluster 4: Spieleorientierte Nutzer Diese kleinste Gruppe (8 % der Befragten) ergibt sich aus dem starken Inte resse an Online-Spielen und an virtuellen Welten. Dadurch, dass diese Angebote von dem Großteil der Befragten nur sehr selten genutzt werden, sticht diese Gruppe bei der statisti schen Analyse sehr deut lich heraus; es gibt Hinweise, dass die Mitglieder dieser Gruppe sich im Hinblick auf andere Merkmale durch aus deut lich unter scheiden.53 Neben den Spielen werden auch rezeptions- orientierte AV-Angebote relativ häufig genutzt, wobei der Blick auf die kon- kreten Anwen dungen zeigt, dass es sich dabei in erster Linie um die Video- bzw. Filmangebote handelt, weniger um Musik, die in Cluster 3 auf größeres Interesse stößt. Auch diese Gruppe nutzt nahezu täglich das Internet und liegt hinsicht lich der Nutzungs dauer und der Breite des genutzten Anwendungs- spektrums auf dem zweiten Platz. Naheliegender weise nennt diese Gruppe mit großem Abstand am häufigsten spieleorientierte Angebote als Lieblings website, daneben ist hier die größte Vorliebe für Videoplatt formen (also in der Regel YouTube) fest zustellen. Die hier vor genommene Unterschei dung ver schiedener Muster der Internet- Nutzung ist zwar recht grob, die beschriebenen Unterschiede unter streichen aber die Bedeu tung einer solchen Typen bildung: Das vielfältige Anwendungs- spektrum, welches sich im Internet bietet, wird von Jugend lichen und jungen Erwachsenen in durch aus unter schied licher Art und Weise genutzt, das heißt, dass es die Internet-Nutzung nicht gibt, sondern ein differenzierender Blick er forder lich ist. Die vier Typen und ihre Zusammen setzung weisen zwar auf einige Unterschiede im Hinblick auf Alter und Geschlecht hin; diese sind jedoch nicht so aus geprägt, dass die vier Muster in einigen Gruppen gar nicht anzu treffen wären. Um ein besseres Ver ständnis der Hintergründe für die be- obach teten Muster zu er langen, sollen im folgenden Abschnitt die Einstel lun- gen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen zum Internet sowie die konkre- ten Erfah rungen, die sie bereits im Umgang mit dem Netz gemacht haben, in den Blick genommen werden. 53 Bei der Cluster analyse hätte die Hinzunahme eines weiteren Clusters dazu geführt, dass das Cluster der Spielorientierten nochmals unter teilt worden wäre – in eine Teilgruppe von aus schließ lich Spielorientierten und eine andere Gruppe, die ihr Interesse an Spielen auch mit vielen anderen Anwen dungen kombiniert. 97 4.1.5 Einstel lungen gegen über und Erfah rungen mit dem Internet Um über die Nutzungs muster hinaus auch Anhaltspunkte über die Einstel- lungen der Befragten gegen über dem Internet zu er halten, wurden den Befrag- ten einige Statements vor gegeben, die ver schiedene positive und negative Aus- sagen über Chancen und Risiken des Internets ent hielten. Die Befragten sollten anhand einer vierstufigen Skala an geben, wie stark sie den Aussagen zustim- men. Tabelle 4.10 zeigt die Ergebnisse für die Geschlechts- und Alters gruppen. Die Aussagen, die sich auf mögliche Gefahren im Internet beziehen, lassen auf ein relativ hohes Bewusstsein dieser Risiken schließen. So stimmen die meisten Befragten der Aussage, dass man sich im Internet vor möglichen Ge- fahren im Hinblick auf kosten pflichtige Angebote oder die Sammlung persön- licher Daten hüten muss, voll und ganz zu. Eher Zustim mung findet auch die Einschät zung, dass vielen Informa tionen im Internet nicht zu trauen sei. Die beiden Aspekte, die mögliche Chancen des Internets ansprechen (kreative Akti- vitäten und Beteili gung an Diskussionen) finden eher Zustim mung – in beiden Fällen sind Jungen und junge Männer etwas er wartungs voller als Mädchen und junge Frauen. Mit zwei Aussagen sollten Inhalte erfasst werden, die die Befragten möglicher weise als störend oder belästigend empfinden (Sexualität, Aggressivität); die Ergebnisse liegen im mittleren Bereich, wobei sich die Be- fragten eher durch Sex-Angebote als durch zu hohe Aggressivität belästigt fühlen. Männliche Befragte geben im Ver gleich zu den weib lichen eher an, sich durch Sexangebote belästigt zu fühlen, während weib liche Befragte eher als männ liche äußern, dass ihnen Inhalte zu aggressiv sind. Das Item, das zur Erfas sung der subjektiven Kompetenz im Umgang mit dem Internet im Ver gleich zu Freunden und Bekannten ver wendet wurde, findet exakt mittlere Zustim mung. Jungen schätzen sich als signifikant kompetenter ein als Mädchen. Auch zwischen den Alters gruppen zeigen sich signifikante Unterschiede: Es sind die 15- bis 17-Jährigen, die am ehesten von sich meinen, dass sie besser mit dem Internet umgehen können als die meisten ihrer Freunde und Bekannten, während die älteste Gruppe am wenigsten dieser Meinung ist. Die Kompetenz, im Netz werb liche und nicht-werb liche Inhalte zu unter- scheiden, wird allgemein recht hoch ein geschätzt, ohne dass sich Unterschiede zwischen den Gruppen zeigen. Zwei weitere Fragen sollten er fassen, inwieweit die Befragten sich im Netz risikofreudig bewegen bzw. ob es im Netz bereits Informa tionen über sie gibt, die ihnen pein lich sind. Letzteres Statement wird recht einhellig ab gelehnt; die Jüngsten bejahen dieses Statement noch am ehesten, die Ältesten hingegen lehnen es fast alle gänz lich ab. 98 Tabelle 4.10: Einstel lungen gegen über und Erfah rungen mit dem Internet nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Im Internet muss man auf- passen, dass man nicht „ab gezockt“ wird, z. B. auf Homepages, die kosten- pflichtige Dienste anbieten oder persön liche Daten sammeln, die dann für Wer- bung missbraucht werden. 1,45 1,46 1,44 1,48 1,39 1,33 1,58 Vielen Informa tionen im Internet kann man nicht ver- trauen. 2,02 2,03 2,00 1,93 2,01 1,92 2,14 Das Internet bietet mir Mög- lich keiten, selbst kreativ zu sein. 2,14 2,03 2,25 2,07 2,06 2,19 2,20 Von den vielen Sex-Ange- boten im Internet fühle ich mich belästigt. 2,27 2,18 2,35 2,09 2,39 2,21 2,33 Mithilfe des Internets kann ich mich selbst an wichtigen Diskussionen beteiligen. 2,39 2,19 2,59 2,40 2,19 2,52 2,41 Ich kann mit dem Internet besser umgehen als die meisten meiner Bekannten und Freunde. 2,57 2,45 2,69 2,63 2,39 2,52 2,69 Im Internet sage ich manch- mal Dinge, die ich bei einem persön lichen Treffen nicht sagen würde. 2,82 2,79 2,84 2,59 2,66 2,77 3,10 Vieles, was man im Internet sieht, ist mir zu aggressiv. 2,87 3,06 2,66 2,57 2,90 2,88 3,02 Es fällt mir manchmal schwer zu er kennen, ob es sich bei Informa tionen im Internet um Werbung handelt. 3,08 3,13 3,03 3,01 3,13 2,95 3,19 Einige Inhalte, die im Netz über mich zu finden sind, sind mir pein lich. 3,51 3,51 3,51 3,23 3,47 3,44 3,75 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien „stimme 1 = voll und ganz, 2 = weit gehend, 3 = weniger, 4 = gar nicht zu“. Die Antworten auf die Frage, ob man im Internet Dinge sage, die man bei einem persön lichen Treffen nicht sagen würde, liegen hingegen eher im Bereich der Skalen mitte, das heißt, es ist wird durch aus eine Tendenz sicht bar, dass für Kommunika tion im Internet lockerere Regeln gelten als in der unmittel- baren persön lichen Kommunika tion. Dabei zeigen sich starke Unterschiede zwischen den Alters gruppen: Für die Jüngeren trifft deut lich häufiger als bei 99 den Älteren zu, dass sie sich im Internet anders ver halten als bei persön lichen Begeg nungen. Um die Befragten hinsicht lich ihrer Einstel lungen zu unter scheiden, wurden die genannten zehn Items einer Faktoranalyse unter zogen.54 Es ergaben sich vier Faktoren: – Belästigung/ Unsicher heit: Die diesen Faktor definierenden Items sind „Es fällt mir manchmal schwer zu er kennen, ob es sich bei Informa tionen im Internet um Werbung handelt“ (Ladung .67), „Von den vielen Sex-Ange- boten im Internet fühle ich mich belästigt“ (.59) und „Vieles, was man im Internet sieht, ist mir zu aggressiv“ (.58). Alle Items weisen auf ein Gefühl der Ver unsiche rung gegen über dem Internet hin. Dazu passt, dass es eine negative Doppella dung mit dem Item „Ich kann mit dem Internet besser umgehen als die meisten meiner Bekannten und Freunde“ (–.43) gibt. – Chance zu eigener Aktivität: Dieser Faktor ist klar durch die beiden auf die Chancen des Internets bezogenen Items definiert, nämlich „Das Internet bietet mir Möglich keiten, selbst kreativ zu sein“ (.80) und „Mithilfe des Internets kann ich mich selbst an wichtigen Diskussionen beteiligen“ (.77). – Kritisches Misstrauen: Hohe Faktorla dungen auf dieser Dimension weisen die beiden folgenden Items auf: „Vielen Informa tionen im Internet kann man nicht ver trauen“ (.77) und „Im Internet muss man auf passen, dass man nicht ‚ab gezockt‘ wird, z. B. auf Homepages, die kosten pflichtige Dienste anbieten oder persön liche Daten sammeln, die dann für Werbung miss- braucht werden“ (.60). Beide spiegeln eine kritisch-misstraui sche Haltung gegen über den Angeboten des Internets wider. Hier findet sich die zweite Doppella dung des Items „Ich kann mit dem Internet besser umgehen als die meisten meiner Bekannten und Freunde“ (.47), die anzeigt, dass eine misstrauischere Haltung tendenziell mit höherer subjektiver Kompetenz ein- her geht. – Leicht fertig keit: Die beiden Items „Im Internet sage ich manchmal Dinge, die ich bei einem persön lichen Treffen nicht sagen würde“ (.79) und „Einige Inhalte, die im Netz über mich zu finden sind, sind mir pein lich“ (.65) beziehen sich auf leicht fertige Ver haltens weisen im Netz und die sich daraus möglicher weise er gebenden Konsequenzen. 54 Haupt komponenten analyse mit dem Kriterium Eigen wert ≥ 1 und Varimax-Rotation. Die vier er haltenen Faktoren er klären 53,5 Prozent der Varianz; einige Doppella dungen sowie die nicht allzu aus geprägten Ladungen der für die Faktoren maß geblichen Variablen zeigen an, dass die beschriebenen Dimensionen die bestehenden Einstel lungen nur zum Teil ab bilden. Aufgrund der guten Interpretier bar keit – die Faktor- struktur ent spricht den bei der Formulie rung der Fragen beabsichtigten Aspekten – werden die Ergebnisse der Analyse dem weiteren Auswertungs schritt zugrunde gelegt. 100 Die vier Dimensionen sind zum Teil nach Alter und Geschlecht unter schied- lich aus geprägt (siehe Tabelle 4.11). Weibliche Befragte und die 12- bis 14-Jähri- gen fühlen sich unsicherer und eher belästigt. Dass das Internet Chancen für eigene Aktivitäten bereithält, denken eher die männ lichen Befragten sowie die 15- bis 17-Jährigen. Das kritische Misstrauen steigt zunächst mit dem Alter, bei der ältesten Gruppe liegt es dann aber niedriger als bei allen anderen Gruppen; dies könnte eventuell daran liegen, dass in dieser Alters gruppe seriösere Internetangebote im Vordergrund der Nutzung stehen. Im Hinblick auf die Leicht fertig keit zeigt sich eine kontinuier lich sinkende Tendenz: Die Jüngsten ver halten sich im Netz am ehesten anders als bei persön lichen Treffen und berichten von pein lichen Informa tionen über sich im Netz, während dies bei der ältesten Gruppe am seltensten der Fall ist. Tabelle 4.11: Einstellungs dimensionen zum Internet nach Geschlecht und Alter männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Belästigung/Unsicher heit –0,10 0,11 0,26 –0,14 0,07 –0,12 Chance zu eigener Aktivität 0,22 –0,23 0,01 0,15 –0,11 –0,02 Kritisches Misstrauen –0,02 0,02 0,00 0,09 0,14 –0,17 Leicht fertig keit 0,03 –0,04 0,26 0,14 0,07 –0,31 Erläute rung: Dargestellt sind um gepolte Faktorwerte; positive Werte ent sprechen einer hohen Ausprä- gung des Merkmals. Die oben dargestellten Internet-Nutzer typen unter scheiden sich zum Teil recht deut lich im Hinblick auf diese Einstellungs dimensionen (siehe Tabelle 4.12). So sind die Wenignutzer vor allem durch das Gefühl der Ver unsiche rung ge- prägt, während die anderen Dimensionen gering aus geprägt sind. Die Commu- nity-Orientierten weisen insgesamt wenig profilierte Einstel lungen auf, sie sehen im Internet nur wenige Chancen zu eigener Aktivität und zeigen ein etwas über durchschnitt liches Misstrauen gegen über den Inhalten des Internets. Dem Nutzungs profil ent sprechend sehen die aktiven Informations manager aus- geprägte Chancen, sich im Internet kreativ zu betätigen und an Diskussionen teilzunehmen; demgegenüber fühlen sie sich kaum ver unsichert oder belästigt. Die Gruppe der Spieleorientierten weist in diesen beiden Dimensionen ähn- liche, wenn auch etwas weniger aus geprägte Werte auf, hebt sich aber dadurch von den aktiven Informations managern ab, dass das kritische Misstrauen gegen über den Inhalten des Internets sowie die spieleri sche, manchmal auch leicht fertige und mit pein lichen Konsequenzen ver bundene Haltung gegen über dem Internet stärker aus geprägt sind. Diese Ergebnisse bestätigen, dass die oben gebildeten Nutzer typen sich auch in ihrer Haltung gegen über dem Inter- net unter scheiden: Für die vier Gruppen bedeutet das Internet Unterschied- liches. 101 Tabelle 4.12: Einstellungs dimensionen zum Internet nach Clustern der Internetnut zung Cluster 1 Wenig nutzer Cluster 2 Community- Orientierte Cluster 3 Aktive Informations- manager Cluster 4 Spiele- Orientierte n = 268 n = 245 n = 88 n = 45 Belästigung/Unsicher heit 0,16 –0,05 –0,23 –0,21 Chance zu eigener Aktivität –0,17 –0,11 0,62 0,36 Kritisches Misstrauen –0,21 0,13 0,04 0,45 Leicht fertig keit –0,13 0,01 0,15 0,40 Erläute rung: Dargestellt sind um gepolte Faktorwerte; positive Werte ent sprechen einer hohen Ausprä- gung des Merkmals. Diese Unterschiede sollten sich auch in den konkreten Erfah rungen nieder- schlagen, die die Befragten mit dem Internet gemacht haben. Um Anhaltspunkte über mögliche negative Erfah rungen bei der Internet-Nutzung zu er halten, wurde im Fragebogen für drei konkrete Situa tionen gefragt, ob und, wenn ja, wie häufig die Jugend lichen und jungen Erwachsenen diese bereits erlebt haben. 28 Prozent der Befragten gaben an, im Internet bereits von jemandem be- lästigt worden zu sein (siehe Tabelle 4.13). Dieser Wert ist für weib liche etwas höher als für männ liche Befragte, besonders hoch liegt er allerdings bei den 18- bis 20-Jährigen. Unter den Internet-Nutzer typen sind ent sprechende Er- fah rungen mit Abstand am häufigsten bei den Spieleorientierten anzu treffen, die immerhin zu fast 50 Prozent sagen, dass sie bereits belästigt worden sind (siehe Tabelle 4.14). 13 Prozent hatten bereits erlebt, dass jemand Fotos oder Informa tionen von ihnen ins Internet gestellt hatte, mit denen sie nicht einverstanden waren. Dies ist bei Jungen und jungen Männern etwas häufiger; wieder berichten die 18- bis 20-Jährigen besonders häufig über ent sprechende Erfah rungen. Die Nutzer- typen unter scheiden sich in dieser Hinsicht nicht besonders deut lich, die beiden aktiveren Gruppen haben dies etwas häufiger erlebt. Neun Prozent gaben selbst kritisch an, dass sie selbst schon Dinge ins Netz gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat. Hier liegen die männ- lichen Befragten deut lich vor den weib lichen; und abermals er reichen die 18- bis 20-Jährigen den mit Abstand höchsten Wert. Unter den Nutzer typen gibt es wieder eine Differenz zwischen den beiden weniger aktiven Gruppen einer- seits und den Informations managern und Spieleorientierten anderer seits; die beiden Letzteren haben bereits deut lich öfter Dinge ins Netz gestellt, über die sich dann jemand beschwert hat. 102 Tabelle 4.13: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Geschlecht und Alter (Befragte, die an geben, die betreffenden Erfah rungen bereits gemacht zu haben; in % der Befragten) Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 … die von jemandem im Internet belästigt worden sind 28 27 30 25 25 37 26 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht ein- verstanden waren 13 14 11 7 11 17 14 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand be- schwert hat 9 12 5 6 5 17 6 Tabelle 4.14: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Nutzer typ (in % der Befragten) Befragte, … Cluster 1 Wenignutzer Cluster 2 Community- Orientierte Cluster 3 Aktive Informations- manager Cluster 4 Spiele- Orientierte n = 268 n = 245 n = 88 n = 45 … die von jemandem im Internet belästigt worden sind 24 30 28 47 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht einverstan- den waren 12 11 15 18 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat 4 9 17 14 Die drei Arten von negativen Erfah rungen kommen denjenigen zufolge, die bereits damit zu tun hatten, in der Regel nur selten vor (siehe Tabelle 4.15). Nur wenige geben an, zumindest „gelegent lich“ oder gar „häufig“ belästigt zu werden. Diese 40 Befragten unter scheiden sich von den anderen durch ein signifikant stärkeres Misstrauen gegen über dem Internet; außerdem fühlen sie sich beim Umgang mit dem Internet am ehesten belästigt und ver unsichert – dieser Unterschied ist allerdings nur marginal signifikant. 103 Tabelle 4.15: Häufig keit negativer Erfah rungen mit dem Internet (in % der Befragten, die bereits ent sprechende Erfah rungen hatten) Befragte, … %-Anteil an Gesamt Zahl der Fälle davon (in %) häufig gelegent lich selten … die von jemandem im Internet be- lästigt worden sind 28 184 6 16 78 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren 13 83 8 16 76 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat 9 56 7 14 79 Für eine zusammen fassende Auswer tung im Hinblick auf negative Erfah- rungen wurde aus den drei genannten Items ein Summen index berechnet, in den jedes Item mit den Werten 0 = keine ent sprechende Erfah rung, 1 = seltene Erfah rungen und 2 = gelegent liche/ häufige Erfah rungen dieser Art einging. Männliche Befragte weisen einen tendenziell höheren Wert auf als weib liche, und die Alters gruppen unter scheiden sich signifikant dahingehend, dass die 18- bis 20-Jährigen die mit Abstand höchste Wahrscheinlich keit auf weisen, negative Erfah rungen mit dem Internet gemacht zu haben. Tabelle 4.16: Risiko erfah rung nach Geschlecht und Alter (Mittelwerte) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Summen index Risiko erfah rung 0,61 0,65 0,56 0,45 0,47 0,93 0,56 Erläute rung: Berech nung des Index siehe Text; höhere Werte zeigen eine höhere Wahrscheinlich keit negativer Erfah rungen mit dem Internet an. Es liegt nahe, dass die hier genannten negativen Erfah rungen Zusammen- hänge mit den Einstel lungen gegen über dem Internet auf weisen. Diejenigen, die bereits belästigt wurden, stehen dem Internet signifikant misstraui scher gegen über, und sie zeigen sich tendenziell ver unsicherter; zugleich beschreiben sie sich als tendenziell leicht fertiger. Wer berichtet, dass bereits Fotos ohne Einverständnis ins Netz gestellt worden sind, weist eine signifikant leicht- fertigere Haltung gegen über dem Internet auf. Und auch die, die bereits Anlass zu Beschwerden Anderer gegeben haben, beschreiben ihre Haltung gegen über dem Internet als deut lich leicht fertiger. Diese Befunde deuten auf ein komplexes Wechsel verhältnis zwischen Ein- stel lungen, Nutzungs weisen und Erfah rungen hin: So kann eine leichfertigere Haltung zu ent sprechenden Nutzungs weisen führen, die die Wahrscheinlich keit 104 negativer Erfah rungen und ein Gefühl der Belästi gung erhöhen. Ver unsiche- rung geht eher mit ein geschränkten Formen der Nutzung einher, wodurch sich mögliche Risiken ver mindern, viele Erfah rungen subjektiv aber dennoch als Belästi gung empfunden und zugleich potenzielle Chancen der Internetnut zung nicht genutzt werden. Ein im Hinblick auf die Vorbeu gung möglicher Risiken ambivalenter Befund besteht darin, dass diejenigen, die sich im Ver gleich zu Freunden und Bekannten als kompetenter im Umgang mit dem Internet be- zeichnen, häufiger über negative Erfah rungen berichten – insbesondere haben sie nach eigenen Angaben selbst schon Anlass zu Beschwerden gegeben. 4.2 Nutzung konkreter Social Web-Angebote In der Befra gung wurde für insgesamt 30 Social Web-Angebote im weiteren Sinne direkt nach gefragt, ob sie bekannt sind, ob sie schon besucht wurden und, wenn ja, wie häufig dies der Fall ist. Darunter befinden sich zehn private Netz werk platt formen (SchülerVZ, StudiVZ, MySpace, meinVZ, Lokalisten, Wer- kennt-wen, Knuddels, Facebook, Schüler.cc und Netlog). Immerhin 16,8 Pro- zent der Befragten gaben an, noch keine einzige dieser Sites besucht zu haben, durch schnitt lich wurden knapp zwei ver schiedene Netz werk platt formen be- sucht. Spitzen reiter bei den meist genutzten dem Social Web zuzu rechnenden Web- sites55 sind in der Gesamt gruppe YouTube (88,6 %) und Wikipedia (84,4 %). Es folgen mit klarem Abstand ICQ (69,4 %), MyVideo (63,7 %), SchülerVZ (47,8 %), MSN (42,5 %), Clipfish (41,6 %), StudiVZ (37,2 %) und MySpace (30,4 %). Die übrigen nach gefragten Angebote er reichen weniger als ein Viertel der Befragten. Die beiden meist genutzten Angebote haben diese Position in allen vier Alters gruppen inne, bei den 15- bis 17-Jährigen er reichen beide Werte über 90 Prozent. Ver schie bungen ergeben sich naheliegender weise vor allem hin- sicht lich der Rolle von SchülerVZ (bei den beiden jüngeren Alters gruppen 63 bzw. 76 Prozent Nutzer gegen über 48 bzw. 19 Prozent bei den älteren) und – entsprechend um gekehrt – StudiVZ (8 bzw. 14 Prozent bei den Jüngeren, 47 bzw. 64 Prozent bei den Älteren). Die Daten dokumentieren die enorme Reichweite einzelner Netz werk platt- formen, die in den betreffenden Zielgruppen zwei Drittel bis drei Viertel der Zielgruppe er reichen und dabei auch sehr hohe Nutzungs häufig keiten er zielen. Bei den 12- bis 14-Jährigen er reicht SchülerVZ unter seinen Nutzern den 55 Bei der Abfrage wurde auch Google berücksichtigt, das insgesamt die höchste Reichweite erzielt (94,9 %), aber nicht dem Social Web zu gerechnet wird. 105 höchsten Durchschnitts wert über haupt (arithmeti sches Mittel: 1,93).56 Auch bei den 15- bis 17-Jährigen er reicht SchülerVZ diesen Wert, der aber von Google (1,60) über troffen und von YouTube (1,92) eben falls er reicht wird. Bei den beiden älteren Gruppen ist die Google-Nutzung noch häufiger (1,52 bzw. 1,49), bei den 21- bis 24-Jährigen wird zusätz lich StudiVZ häufiger als „mehr- mals pro Woche“ genutzt (1,97). Tabelle 4.17 gibt einen zusammen fassenden Überblick, wie viele Jugend- liche und junge Erwachsene die reichweiten stärksten Social Web-Angebote mindestens einmal pro Woche besuchen. Deutlich wird die Ausnahmerolle von YouTube, das vor allem bei männ lichen, aber auch bei den weib lichen Befragten sowie in fast allen Alters gruppen die höchste Reichweite erzielt – nur bei den Ältesten wird es knapp von StudiVZ über troffen wird. Es folgen Wikipedia und ICQ mit durch gängig hohen Reichweiten. SchülerVZ ist die zweit wichtigste Anlaufadresse für die unter 18-Jährigen, während StudiVZ wie gesehen bei den 21- bis 24-Jährigen im Vordergrund steht. Die Videoplatt- form MyVideo scheint vor allem für Jungen sowie für die jüngste Alters gruppe attraktiv zu sein. Die beiden einzigen weiteren Social Web-Angebote, die pro Woche von mindestens zehn Prozent der Befragten genutzt werden, sind MSN und MySpace, beide er zielen ihre höchsten Reichweiten bei den 15- bis 17-Jähri gen. Tabelle 4.17: Nutzung der reichweiten stärksten Social Web-Angebote (mindestens einmal pro Woche; in %) Gesamt männ lich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 YouTube 70 81 59 76 83 73 56 Wikipedia 55 61 49 53 61 58 50 ICQ 49 51 47 48 60 57 37 SchülerVZ 39 41 37 58 66 37 11 StudiVZ 30 28 32 2 10 37 57 MyVideo 27 39 15 45 35 24 13 MSN 25 22 27 24 33 28 17 MySpace 14 17 12 7 23 16 12 Die Ergebnisse zur Nutzung konkreter Angebote, die in Kapitel 6 für die wichtigsten Angebote weiter ver tieft werden, unter streichen, wie häufig einzelne Social Web-Angebote von der unter suchten Alters gruppe genutzt werden. Im Hinblick auf das Geschlecht zeigen sich dabei kaum Unterschiede bei Netz- werk platt formen und Instant Messaging-Anbietern; Jungen und junge Männer 56 Angesichts der ver wendeten Skala ent spricht dieser Wert einer Häufig keit, die leicht über dem Wert „mehr- mals pro Woche“ liegt. 106 nutzen hingegen deut lich häufiger Videoplatt formen und auch Wikipedia. Im Hinblick auf das Alter fällt die besondere Stellung der 15- bis 17-Jährigen auf: Diese weisen bei sechs der hier auf gelis teten acht populärsten Angebote die höchsten Reichweiten auf und er weisen sich damit erneut als die Gruppe, die Social Web-Angebote besonders intensiv nutzt. 4.3 Nutzung von Netz werk platt formen Im Folgenden geht es speziell um die Nutzung der meist genutzten Angebote des Social Web, der Netz werk platt formen bzw. Online-Communities bzw. Social Networking Sites (SNS). 4.3.1 Häufig keit der Nutzung von Netz werk platt formen in ver schiedenen Teilgruppen Mit einem Mittelwert von 2,79 gibt die Gesamt gruppe an, etwas mehr als einmal pro Woche Online-Communities zu besuchen. Ver glichen mit anderen Online-Aktivitäten ist dies ein hoher Wert: Nur die Nutzung von Such maschi- nen, das Senden und Empfangen von E-Mails und die Nutzung von Instant Messenger-Diensten er zielen höhere Werte. Es zeigt sich ein steiler Anstieg von der Gruppe der 12- bis 14-Jährigen (M = 3,19) zu den 15- bis 17-Jährigen (M = 2,23). Die beiden älteren Gruppen liegen etwa gleichauf zwischen diesen beiden Gruppen. Im Detail betrachtet sind die 16-Jährigen die mit Abstand intensivsten Nutzer von SNS (siehe Ab- bil dung 4.1). Ein starker Anstieg des Interesses ist zwischen 12 und 13 Jahren zu beobachten. Mädchen nutzen SNS etwas häufiger als Jungen, dieser Unter- schied ist aber nicht signifikant. Die Nutzung von SNS ist in die allgemeine Online-Nutzung ein gebunden; der Zusammen hang zwischen der Häufig keit des Besuchs von Online-Com- mu nities und der allgemeinen Online-Nutzung beträgt für die Gesamtstichprobe r = .35. Dieser Zusammen hang variiert jedoch erheb lich je nach Alters gruppe. So hängt die Online-Nutzung bei den 12- bis 14-Jährigen besonders eng mit der SNS-Nutzung zusammen (r = .52). Bei den 15- bis 17-Jährigen ist der Zusammen hang hingegen deut lich niedriger aus geprägt (r = .16); diese Gruppe nutzt SNS zwar mit Abstand am häufigsten, offensicht lich differenziert sich aber in dieser Alters gruppe die Internet-Nutzung auch stark aus, sodass sich ver schiedene Nutzungs muster heraus bilden. Die beiden älteren Gruppen liegen wiederum zwischen diesen beiden Extremen (r = .30 bzw. r = .32). 107 Abbil dung 4.1: Häufig keit der SNS-Nutzung nach Alter (Mittelwerte über eine Skala von 1 = täglich bis 7 = nie) Die Zusammen hänge der SNS-Nutzung mit der Internet-Nutzungs dauer sind etwas geringer, folgen aber demselben Muster (gesamt: r = .17; 12 bis 14 Jahre: r = .27; 15 bis 17 Jahre: r = .03; 18 bis 20 Jahre: r = .20; 21 bis 24 Jahre: r = .13). Die Korrela tionen der Nutzung von Online-Communities mit den anderen Online-Aktivitäten sind aus schließ lich positiv. Am engsten ist der Zusammen- hang mit der Nutzung von E-Mails (r = .34) und Instant Messenger (r = .34); der Umgang mit Online-Communities ist also auch eng mit anderen kom mu- nikativen Aktivitäten ver bunden. Es folgen Aktivitäten, die auf eine gezielte Informations suche hinweisen: nach Informa tionen für Schule, Studium oder Beruf suchen (r = .28), Beiträge in News groups oder Foren lesen (r = .25) bzw. schreiben (r = .25), in Wikis lesen (r = .24), Nachrichten bzw. aktuelle Infor- ma tionen abrufen (r = .23). Keinerlei Zusammen hang zeigt sich mit der Nutzung von Online-Spielen. Diese Zusammen hänge bleiben in dieser Reihen folge auch weit gehend er- halten, wenn man die Partial korrela tion unter Kontrolle der allgemeinen On- line-Nutzung berechnet, um so erkenn bar zu machen, inwieweit die Zu sam- men hänge Ausdruck einer generell häufigeren oder selten eren Internet-Nutzung sind oder aber die spezifi sche Beziehung zwischen je zwei Aktivitäten wider- spiegeln. Bei dieser Art der Auswer tung werden wieder Unterschiede zwischen den Alters gruppen erkenn bar. Bei den beiden älteren Gruppen ist die Korrela- mehrmals pro Woche einmal pro Woche einmal in 14 Tagen täglich 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Alter 108 tion mit der Suche nach Informa tionen im Zusammen hang mit Beruf, Schule oder Studium deut lich stärker (r = .29 und r = .32) als bei den jüngeren (jeweils r = .10); dasselbe gilt für das Lesen in Wikis. Besonders auf fallend bei den 21- bis 24-Jährigen ist der starke Zusammen hang mit der E-Mail-Nutzung (r = .42). Die damit an gesprochenen Fragen der Einbet tung der SNS-Nutzung in andere Medien- und Kommunikations dienste werden in Kapitel 7 ver tiefend behandelt. 4.3.2 Umgang mit eigenen Profilen Alle Befragten, die ent weder an gegeben hatten, dass sie mindestens „selten“ Online-Communities nutzen, oder mindestens eine der zehn direkt ab gefragten privaten Communities genutzt hatten (n = 578), wurden gefragt, ob sie ein eigenes Profil bei einer Community oder bei mehreren ver schiedenen Com- mu nities ein gerichtet haben. Anhand dieser Indikatoren lässt sich die Gruppe der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in folgende Teilgruppen unter teilen: a) solche, die SNS nie nutzen; b) solche, die zwar an geben, SNS zu nutzen, dort aber kein eigenes Profil ein gerichtet haben; c) Befragte mit einem eigenen Profil auf einer SNS; d) Befragte, die auf mehreren ver schiedenen SNS ein Profil ein gerichtet haben. Abbil dung 4.2 gibt einen Überblick, wie diese Teil- gruppen in den Alters stufen ver treten sind. Abbil dung 4.2: SNS-Nicht-Nutzer, Nutzer ohne eigenes Profil sowie Nutzer mit einem oder mehreren Profilen nach Alters gruppen (in %) 16,9 4,8 9,3 12,8 10,9 14,6 9,5 14,3 12,8 12,8 39,2 44,9 32,9 40,8 39,4 29,2 40,8 43,5 33,6 36,8 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Gesamt Keine SNS-Nutzung SNS-Nutzung ohne Profil Profil bei einer SNS Profile bei mehreren SNS 109 Sich mit Online-Communities zu beschäftigen, indem man dort unter ande- rem ein eigenes Profil anlegt und pflegt, gehört für mehr als drei Viertel der Befragten zum Alltag. Dieser Anteil ist wiederum bei den 15- bis 17-Jährigen am höchsten (85,7 %). Profile bei mehreren Communities einzu richten, ist bei den 18- bis 20-Jährigen am häufigsten (43,5 %) und bei den Jüngsten am seltensten (29,2 %). Die Teilgruppe derjenigen, die die Online-Communities nach eigenen Angaben über haupt nicht besuchen, umfasst insgesamt knapp elf Prozent, bei den 15- bis 17-Jährigen sind es nur fünf, bei den 12- bis 14-Jährigen noch knapp 17 Prozent. Mädchen und junge Frauen benutzen insgesamt häufiger ein eigenes Profil (81,1 %) als Jungen und junge Männer (71,4 %), konzentrieren sich dabei aber stärker auf eine einzige Community (46,1 %) als die männ lichen Befragten (33,0 %), während diese häufiger an- geben, in mehreren Communities Profile anzu legen (38,4 % vs. 35,0 %). Die nachfolgenden Auswer tungen zur Nutzung von SNS basieren nur auf der Gruppe derjenigen, die an gegeben haben, sich ein eigenes Profil ein- gerichtet zu haben; das sind n = 495 Fälle (76,2 % aller Befragten). Ihnen wurden weitere Fragen gestellt, die sich auf das meist genutzte Angebot dieser Art bezogen. Typisch für den Umgang mit den Profilen bei der meist genutzten Community ist, dass sich die Befragten täglich mit ihnen anmelden (57,0 %), insgesamt fast 85 Prozent geben an, sich mindestens mehrmals pro Woche anzu melden. Dabei zeigen sich keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, auch die geringen Unterschiede zwischen den Alters gruppen, die dem ver- trauten Muster ent sprechen (15- bis 17-Jährige melden sich am häufigsten an, 12- bis 14-Jährige am seltensten) sind nicht signifikant. In der meist genutzten Community haben die Befragten im Durchschnitt 131 „Freunde oder Kontakte“57, die 15- bis 17-Jährigen etwas mehr (146), die 21- bis 24-Jährigen weniger (114). In aller Regel (84,8 %) geben die Befragten an, dass sie die meisten dieser Kontakte schon einmal persön lich getroffen haben, nur bei 4,4 Prozent sind dies weniger als die Hälfte. Die Geschlechter unter- scheiden sich in dieser Hinsicht nicht signifikant, sehr wohl allerdings die Alters gruppen: Der Anteil derjenigen, die an geben, dass sie die meisten dieser Kontakte schon persön lich getroffen haben, steigt von den 12- bis 14-Jährigen (71,1 %) über die 15- bis 17-Jährigen (77,0 %), die 18- bis 20-Jährigen (90,2 %) bis zu den 21- bis 24-Jährigen (94,9 %) kontinuier lich an. Danach ist es also gerade bei den Jüngeren am wahrschein lichsten, dass sie die Personen in ihrer Kontakt liste nicht persön lich kennen, also auch am wenigsten einschätzen kön- nen, wie diese mit den dort ein gestellten Informa tionen umgehen werden. Auf die Frage, ob diese Kontakte in der Online-Community zu ihren engen Freunden zählen, sagen 14,7 Prozent „die meisten“, 23,4 Prozent „etwa die 57 Die Frage lautete: „Wenn Du mal an die von Dir am meisten genutzte Community denkst: Wie viele Personen ungefähr sind in der Liste Deiner Freunde oder Kontakte?“ 110 Hälfte“ und die deut liche Mehrheit (58,0 %) „weniger als die Hälfte“. Mit dem Alter nimmt der Anteil der engen Freunde unter den Kontakten signifikant ab: Die beiden Antwort kategorien „die meisten“ und „etwa die Hälfte“ machen bei den 12- bis 14-Jährigen 47,2 Prozent aus; bei den 15- bis 17-Jährigen sind es 45,7 Prozent, bei den 18- bis 20-Jährigen 34,4 Prozent und bei den 21- bis 24-Jährigen 30,0 Prozent. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die beiden jüngeren Alters gruppen den weitesten Begriff von „enger Freund schaft“ haben, der auch weite Teile ihres großen und, wie oben gesehen, nur zum Teil persön- lich bekannten Kontakt netz werks umfasst; damit erhöht sich auch das poten- zielle Risiko, was mit den privaten Informa tionen geschieht, die im Rahmen der Communities ver meint lich „unter Freunden“ zur Ver fügung gestellt wer den. Es ist plausibel anzu nehmen, dass diejenigen, die einen größeren Freundes- bzw. Kontakt kreis an geben, mit größerer Wahrscheinlich keit nicht all diese Kontakte persön lich kennen und auch nicht zu ihren engen Freunden zählen. Dieser Zusammen hang lässt sich bestätigen; gleichwohl haben auch die Befrag- ten, die sagen, dass sie „die meisten ihrer Kontakte zu ihren engen Freunden zählen“, immerhin noch im Schnitt 100 Kontakte. Fasst man die beiden Beschreibungs merkmale der Kontakt netz werke zu- sammen, so lassen sich drei Gruppen bilden (vgl. Tabelle 4.18): – Erstens Befragte, denen die meisten Personen in ihrer Freundes liste persön- lich bekannt sind und die mindestens die Hälfte dieser Personen als enge Freunde bezeichnen; die Kontakt netz werke der betreffenden Personen sind mit durch schnitt lich 105 Kontakten ver gleichs weise klein. Diesem Muster gehört gut ein Drittel der Befragten an, insbesondere bei den 15- bis 17-Jährigen kommt es häufiger vor, bei den 21- bis 24-Jährigen deut lich seltener. – Die zweite Gruppe umfasst Befragte, die mit 140 deut lich mehr Kontakte haben, aber eben falls die meisten dieser Kontakte persön lich kennen; aller- dings bezeichnen sie weniger als die Hälfte von ihnen als enge Freunde. Dieses Muster zeigt die Hälfte der Befragten. Hier sind weib liche Befragte sowie insbesondere die beiden älteren Alters gruppen deut lich über reprä- sentiert: Bei den 21- bis 24-Jährigen fallen zwei Drittel in diese Gruppe, bei den Jüngeren nur ein Drittel. – Die dritte Gruppe schließ lich sind die 15 Prozent der Befragten, die an- gaben, dass sie höchstens die Hälfte ihrer Kontakte auch persön lich kennen. Diese ver fügen plausibler weise mit durch schnitt lich 165 Kontakten über die größten Freundes listen. Das ent sprechende Muster wird von männ lichen häufiger als von weib lichen Befragten beschrieben, es ist aber vor allem ein Kennzeichen der jüngsten Alters gruppen: Fast 30 Prozent der 12- bis 14-Jährigen beschreiben ein in diesem Sinne von sehr schwachen Bindun- gen geprägtes, sehr großes Kontakt netz werk. 111 Tabelle 4.18: Gruppen, die sich in der Zusammen setzung ihrer Kontakt netz werke unter- scheiden (in %) Befragte, … in deren Kontakt - netzwerk … Gesamt männlich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 495 n = 238 n = 257 n = 89 n = 126 n = 123 n = 157 … die meisten persön- lich bekannt sind und mindestens die Hälfte als enge Freunde be- zeichnet werden (durch- schnitt lich 105 Kontakte) 35 35 34 38 43 32 28 … die meisten persön- lich bekannt sind und weniger als die Hälfte als enge Freunde be- zeichnet werden (durch- schnitt lich 140 Kontakte) 50 47 54 33 35 58 67 … höchstens die Hälfte persön lich bekannt sind (durch schnitt lich 165 Kontakte) 15 18 12 29 22 10 10 Die Befunde unter streichen den obigen Befund, dass sich gerade die jünge- ren Nutzer von Online-Communities in sehr ver zweigten Netz werken bewegen, in denen ihnen viele Mitglieder nicht persön lich bekannt, geschweige denn freund schaft lich ver bunden sind. Damit birgt die Öffentlich keit, in der sie sich mit ihrem Profil offen baren, auch mehr Risiken. Dies wird bestätigt durch den Befund, dass sich die drei hier unter schiedenen Gruppen in ihrer Risiko erfah- rung unter scheiden: Es zeigt sich ein linearer Trend dahingehend, dass die Gruppe mit dem engsten Freundes kreis anhand des gebildeten Summen index für Risiko erfah rung (vgl. oben, Tabelle 4.16) den niedrigsten Wert auf weist (Index: 0,51), die mittlere Gruppe einen mittleren (0,66) und die Gruppe mit den schwächsten Bindun gen und dem größten Kontakt netz werk den höchsten Wert (0,72) erzielt. Die eigenen Profile werden wie oben gesehen oft genutzt, im Mittel zwi- schen „mehrmals pro Woche“ und „täglich“. Die häufigste Aktivität beim Besuch von Online-Communities ist es, anderen Nutzern private Nachrichten zu schreiben (vgl. Tabelle 4.19); der Mittelwert von 2,26 zeigt eine Häufig keit von etwas weniger als „mehrmals pro Woche“ an. Diese Tätig keit ist in allen Alters gruppen am häufigsten. Es folgt das Stöbern in Profilen anderer Mit- glieder (dies ist besonders bei den 15- bis 17-Jährigen beliebt) vor Einträgen in Gästebücher oder auf Pinnwänden anderer Nutzer (etwa einmal pro Woche). Die Suche nach Informa tionen, die Aktualisie rung des eigenen Profils sowie das Hochladen eigener Fotos kommen noch deut lich seltener vor. Die beiden letzt genannten Aktivitäten sind bei den beiden jüngeren Alters gruppen deut- lich häufiger als bei den älteren. 112 Tabelle 4.19: Häufig keit von Aktivitäten im Zusammen hang mit dem eigenen Profil auf der meist genutzten Online-Community nach Geschlecht und Alter (Mittelwerte; Basis: Befragte, die ein eigenes Profil ein gerichtet haben) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 495 n = 238 n = 257 n = 89 n = 126 n = 123 n = 157 Nutzungs häufig keit des Profils 1,70 1,71 1,68 1,85 1,60 1,64 1,73 Private Nachrichten an andere Nutzer in der Community 2,26 2,35 2,17 2,21 2,11 2,18 2,47 Stöbern in Profilen anderer Mitglieder 2,75 2,73 2,78 2,99 2,26 2,68 3,07 Einträge auf der Pinn- wand oder in das Gäste- buch von ande- ren Profilen 3,06 3,18 2,95 2,88 2,99 2,87 3,36 Suche nach Kontakten, Bekannten 3,60 3,39 3,79 3,46 3,34 3,29 4,12 Aktualisie rung des eigenen Profils 4,40 4,29 4,50 3,84 3,82 4,62 5,01 Suche nach Informa- tionen 4,82 4,60 5,02 4,62 4,79 4,77 4,99 Eigene Fotos hochladen 4,97 5,08 4,87 4,42 4,74 5,04 5,41 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien 1 = täglich, 2 = mehrmals pro Woche, 3 = einmal pro Woche, 4 = einmal in 14 Tagen, 5 = einmal im Monat, 6 = seltener, 7 = nie. Die hier ab gefragten Aktivitäten sind unter einander allesamt signifikant positiv korreliert; eine explorative Faktoranalyse weist ledig lich einen Faktor aus, der 41 Prozent der Varianz erklärt. Die Befragten folgen also dem Motto „the more the more“, sie unter scheiden sich vor allem in der Häufig keit sämt- licher Aktivitäten in den Communities. Um eventuell doch eine Struktur der ab gefragten Aktivitäten zu er kennen, wurde die allgemein er fragte Häufig keit der Nutzung des Profils aus der Häufig keit der ver schiedenen Aktivitäten heraus gerechnet, indem per Re gres- sions analyse standardisierte Residuen für jede der Aktivitäten bestimmt wur- den. Eine explorative Faktoranalyse über diese Residuen ergibt zwei Faktoren, die 34 bzw. 15 Prozent der Varianz er klären, zwar einige Doppella dungen auf weisen, allerdings plausibel interpretier bar sind: – Faktor 1 lädt vor allem bei den Items, die sich explizit auf andere Nutzer der Communities beziehen, und erfasst daher das „Interesse an Kontakten“. – Faktor 2 lädt vor allem bei den Items, die sich auf die Aktualisie rung des eigenen Profils, das Hochladen von Fotos sowie die Suche nach Informa- tionen beziehen, und erfasst damit das Interesse an „Selbst darstel lung“. Das Interesse an Kontakten wie auch an Selbst darstel lung ist bei den Jüngsten am stärksten aus geprägt und nimmt mit dem Alter kontinuier lich ab; der 113 Effekt ist für beide Faktoren hoch signifikant. Das Interesse an Kontakten ist tendenziell bei Mädchen stärker aus geprägt als bei Jungen, während bei Jungen die Selbst darstel lung signifikant größere Bedeu tung hat. Neben den Aktivitäten wurden auch allgemeine Einstel lungen zum Umgang mit privaten Informa tionen in den Communities erfasst, die der Untersuchung ver schiedener Formen des Identitäts managements dienen. Die Auswer tung (siehe Tabelle 4.20) zeigt zunächst, dass die „politisch korrekten“ und damit möglicher weise auch besonders sozial er wünschten Items „Ich achte darauf, dass keine Inhalte von mir im Internet stehen, die mir schaden könnten“ sowie Tabelle 4.20: Einstel lungen zum Umgang mit privaten Informa tionen beim Umgang mit Online-Communities nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 495 n = 238 n = 257 n = 89 n = 126 n = 123 n = 157 Ich achte darauf, dass keine Inhalte von mir im Internet stehen, die mir schaden könnten. 1,43 1,53 1,35 1,36 1,34 1,45 1,54 Es ist mir wichtig, mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirk lich bin. 1,56 1,57 1,55 1,57 1,38 1,45 1,78 Bestimmte Informa tio- nen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kontakte zugäng lich. 1,87 2,07 1,69 1,61 2,07 1,99 1,76 Es ist mir wichtig, dass Andere im Internet einen möglichst guten Eindruck von mir be- kommen. 2,50 2,32 2,67 2,21 2,42 2,48 2,76 Es ist mir wichtig, dass mein Profil etwas Be- sonderes ist und sich von anderen unter- scheidet. 2,77 2,75 2,78 2,54 2,61 2,89 2,94 Mir ist wichtig zu zeigen, dass ich einen großen Freundes kreis habe. 3,23 3,15 3,32 2,75 3,23 3,33 3,44 Ich hätte gern eine Seite, auf der Angaben über meine Person aus ver- schiedenen Stellen im Internet gebündelt sind. 3,44 3,35 3,52 3,41 3,31 3,32 3,64 Ich habe auch Profile, in denen ich mich ganz anders darstelle, als ich wirk lich bin. 3,83 3,81 3,85 3,67 3,71 3,89 3,96 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien „stimme 1 = voll und ganz, 2 = weit gehend, 3 = weniger, 4 = gar nicht zu“. 114 „Bestimmte Informa tionen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kon- takte zugäng lich“ die stärkste Zustim mung er halten. In beiden Fällen stimmen weib liche Befragte stärker zu als männ liche; bei 15- bis 17-Jährigen spielt der Grundsatz, bestimmte Informa tionen nur für Freunde verfüg bar zu machen, die geringste Rolle. Das am zweit stärksten unter stützte Item „Es ist mir wichtig, mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirk lich bin“ unter streicht den Wunsch nach Authentizität; dazu passt, dass Profile, „in denen ich mich ganz anders dar- stelle, als ich wirk lich bin“ fast einhellig ab gelehnt werden. Mittlere Zustim- mung er halten Items, die sich auf die Erwar tungen an das eigene Profil be- ziehen, so die Wichtig keit, im Internet einen guten Eindruck zu machen und sich mit dem eigenen Profil von Anderen zu unter scheiden. Der gute Eindruck ist männ lichen Befragten wichtiger als weib lichen, vor allem aber zeigt sich, dass die Bedeu tung dieser selbst darstellungs orientierten Haltun gen für die Jüngsten am größten ist und mit dem Alter nachlässt. Die Größe des Freundes- kreises ist eben falls männ lichen Befragten und den Jüngsten wichtiger. Insgesamt weisen die in diesen Ergebnissen zum Ausdruck kommenden Einstel lungen auf ein Spannungs verhältnis zwischen dem hohen Authentizitäts- anspruch einer seits und dem eben falls aus geprägten Wunsch nach Kontrolle über die persön lichen Informa tionen und das eigene Erscheinungs bild im Netz hin: Diese beiden Ziele sind nur begrenzt miteinander verein bar und werden ent sprechend im alltäg lichen Umgang mit dem eigenen Profil mal auf der einen, mal auf der anderen Seite Abstriche er fordern. Auch diese Itembatterie wurde per explorativer Faktoranalyse (Haupt kom- ponenten analyse mit Varimax-Rotation) auf ihre dimensionale Struktur unter- sucht; dabei ergaben sich drei gut interpretier bare Faktoren, die zusammen 52 Prozent der Varianz er klären. – Faktor 1 umfasst die Items, mit denen die Befragten zum Ausdruck bringen, dass sie im Netz einen guten Eindruck machen wollen, dass sie zeigen, wie sie wirk lich sind und dass sie einen großen Freundes kreis haben. Dass hier der gute Eindruck und die authenti sche Selbst darstel lung in einem Faktor zusammen fallen, deutet eine Lösung für das oben genannte Spannungs- verhältnis an: Der Wunsch, sich zu zeigen, wie man wirk lich ist, richtet sich vor allem auf die guten Seiten, mit denen man einen guten Eindruck machen kann. – Faktor 2 zeigt eine gewisse Experimentierfreude an, er umfasst in erster Linie den Aspekt, dass man sich in einigen Profilen auch ganz anders darstellt, als man eigent lich ist; dies geht einher mit der Zustim mung zu der Idee, eine Seite zu haben, auf der Angaben über die Person aus ver- schiedenen Stellen im Internet gebündelt sind. Diese Items er fahren wie gesehen nur ver gleichs weise wenig Zustim mung. Die Bezeich nung Experi- 115 mentierfreude für diese Einstellungs dimension soll ihren ambivalenten Charakter betonen: Sie kombiniert einen spieleri schen, sich aus probierenden Umgang mit den eigenen Profilen mit er höhten Risiken, die daraus im Hinblick auf die Kontrolle über die eigenen Daten sowie auf die Authen- tizität der Kommunika tion er wachsen. – Auf Faktor 3 schließ lich laden die beiden Items, die auf ein Bewusstsein für den Umgang mit privaten Informa tionen schließen lassen, indem darauf geachtet wird, dass keine potenziell schäd lichen Inhalte im Netz stehen und dass bestimmte Informa tionen nur im Freundes kreis publik gemacht werden. Im Hinblick auf das Alter (vgl. Tabelle 4.21) zeigen die ersten beiden Faktoren signifikante Zusammen hänge dahingehend, dass die ent sprechenden Merkmale bei den Jüngsten am stärksten aus geprägt sind und mit dem Alter kontinuier- lich ab nehmen. Auch die vor sichtige Haltung im Hinblick auf private Informa- tionen ist bei den Jüngsten im Ver gleich zu den anderen drei Gruppen am stärksten aus geprägt, dieser Unterschied ist aber nicht signifikant. Tabelle 4.21: Einstellungs dimensionen beim Umgang mit dem eigenen Profil nach Geschlecht und Alter (Mittlere Faktorwerte) Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 495 n = 238 n = 257 n = 89 n = 126 n = 123 n = 157 Wunsch, einen guten Eindruck zu machen 0,00 0,11 –0,10 0,27 0,13 0,04 –0,29 Experimentierfreude 0,00 0,07 –0,07 0,34 0,15 –0,10 –0,23 Bewusster Umgang mit privaten Informa tionen 0,00 –0,17 0,16 0,19 –0,04 –0,09 –0,01 Erläute rung: Umgepolte Werte, d. h. positive Werte zeigen eine hohe Ausprä gung der Dimension an. Zwischen den Geschlechtern zeigen sich signifikante Unterschiede hinsicht- lich des Wunschs, einen guten Eindruck zu machen – dieser ist bei Jungen stärker aus geprägt –, und des bewussten Umgangs mit privaten Informa tionen, auf den die Mädchen stärker achten. Die Tendenz, dass Jungen etwas mehr Experimentierfreude zeigen, ist nicht signifikant. Insgesamt unter streichen die Befunde, dass Jüngere den Online-Commu- nities gegen über deut lich aus geprägtere Einstel lungen haben: Sie er warten mehr von ihnen, und sie nutzen sie ent sprechend vielfältiger und intensiver. 116 4.3.3 Typen des Umgangs mit SNS Ausgehend von der oben (Abbil dung 4.2) vor genommenen Unterschei dung von Teilgruppen, die sich in ihrem Umgang mit SNS unter scheiden, wurde die Gesamt gruppe der Befragten zunächst in drei Gruppen geteilt: – Diejenigen, die an geben, niemals Online-Communities zu nutzen, und bei keiner der zehn ab gefragten SNS an geben, sie genutzt zu haben. Es handelt sich um die Nicht-Nutzer (n = 72, 11 % der Stichprobe). – Diejenigen, die zwar an geben, ab und zu SNS zu besuchen, die aber kein eigenes Profil ein gerichtet haben, also die Randnutzer ohne Profil (n = 83, 12,8 % der Stichprobe). – Diejenigen, die ein Profil ein gerichtet haben und zu den Kern nutzern von SNS gezählt werden können (n = 495, 76,2 % der Stichprobe). Diese Kern nutzer, die ja mehr als drei Viertel der Stichprobe aus machen, sind für die Studie von besonderem Interesse, daher sollen sie auf der Basis der zuvor geschilderten Aktivitäten und Einstel lungen gegen über SNS unter teilt werden. Dazu wurde eine erste explorative Clusterzentren analyse berechnet. In diese flossen folgende Variablen ein: – Die Häufig keit, mit der sich die Befragten mit dem eigenen Profil anmelden (z-standardisiert); – die beiden Faktoren „Interesse an Kontakten“ und „Selbst darstel lung“, die aus den Antworten zu den Aktivitäten beim Besuch von SNS gebildet wurden; – die drei Faktoren, die aus den Einstellungs items gegen über SNS gebildet wurden: der Wunsch, einen guten Eindruck zu machen; die Experimentier- freude; der bewusste Umgang mit privaten Daten; – die Zahl der Freunde und Kontakte im eigenen Netz werk (z-standardisiert); – der Anteil der engen Freunde am eigenen Kontakt netz werk (z-standardisiert). Im Sinne einer möglichst differenzierten Lösung, die als Diskussions grundlage für künftige gezielte Untersuchungen zu den Umgangs weisen mit Netz werk- platt formen dienen kann, wurde anhand des Kriteriums der Interpretier bar keit eine 7-Cluster-Lösung gewählt. Die Cluster lassen sich wie folgt beschreiben (siehe dazu Tabelle 4.22); die Reihen folge der Darstel lung folgt der Größe der Cluster: – Der erste Nutzer typ, der am häufigsten zu beobachten ist, weist keine be- sonders aus geprägten Merkmale auf; am auf fälligsten ist noch das Aus ein- anderklaffen zwischen einem über durchschnitt lich aus geprägten Interesse an Kontakten und einem sehr geringen Interesse an Selbst darstel lung. Die Zahl der Kontakte ist durch schnitt lich, allerdings werden diese seltener als bei allen anderen Gruppen als enge Freunde betrachtet. Die Experimen- tierfreude ist gering aus geprägt. In dieser Gruppe sind Mädchen und junge 117 Frauen sowie die 21- bis 24-Jährigen über repräsentiert, insbesondere die Jüngsten sind unter repräsentiert. Als Kurzcharakteristik für diese Gruppe wird „Routinierte Kontakt pfleger“ gewählt. – Der zweite Nutzer typ rückt bei den Besuchen auf Online-Communities die Selbst darstel lung in den Vordergrund; das ist ver bunden mit dem aus- geprägten Wunsch, im Internet einen guten Eindruck zu machen. Dabei wird zum Teil auch mit ver schiedenen Profilen experimentiert. In dieser Gruppe sind Jungen über repräsentiert, ebenso die beiden jüngeren Alters- gruppen. Nur wenige über 20-Jährige werden diesem Typ zu geordnet. Diese Befragten lassen sich unter der Bezeich nung „Außen orientierte Selbst dar- steller“ zusammen fassen. Tabelle 4.22: Umgang mit SNS in Abhängig keit vom Nutzer typ Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5 Cluster 6 Cluster 7 n = 150 n = 101 n = 65 n = 59 n = 58 n = 42 n = 18 Häufig keit Profil aufruf1 1,43 1,46 1,65 1,49 1,16 4,29 1,76 Anteil mehrere Profile2 49,0 55,9 45,3 36,8 72,9 16,3 44,4 Kontakt netz werk: Zahl Freunde/Kontakte 114 118 90 59 375 55 110 Anteil persön lich be- kannt3 1,14 1,29 1,18 1,06 1,40 1,20 1,30 Anteil enge Freunde4 2,88 2,46 2,83 1,23 2,67 2,37 2,47 Aktivitäten beim Besuch von Netz werk platt formen (Faktorwerte, positive Werte ent sprechen hohen Ausprä gungen des jeweiligen Merkmals): Kontakt suche und -pflege 0,38 0,28 –1,60 –0,39 0,52 0,13 0,00 Selbst darstel lung –0,76 0,99 –0,14 –0,20 0,48 –0,03 0,50 Einstel lungen gegen über dem Umgang mit Netz werk platt formen (Faktorwerte, positive Werte ent sprechen hohen Ausprä gungen des jeweiligen Merkmals): Guten Eindruck machen –0,14 1,01 –0,52 –0,01 0,04 –0,65 –1,23 Experimentierfreude –0,36 0,37 –0,39 –0,29 0,09 –0,20 3,42 Private Daten beachten –0,09 –0,06 –0,02 0,14 0,06 0,21 0,05 Anteil der Geschlechts-/Alters gruppen an den Nutzer gruppen (in %): männlich 42,5 58,4 54,0 42,9 42,4 46,5 55,6 weiblich 57,5 41,6 46,0 57,1 57,6 53,3 44,4 12 bis 14 Jahre 10,5 29,7 12,5 16,1 18,3 20,9 33,3 15 bis 17 Jahre 20,9 29,7 17,2 35,7 26,7 16,3 61,1 18 bis 20 Jahre 24,2 24,8 26,6 25,0 28,3 25,6 5,6 21 bis 24 Jahre 44,4 15,8 43,8 23,2 26,7 37,2 0,0 1 Niedrigere Werte zeigen eine häufigere Nutzung an; Antwort skala: 1 = täglich, 2 = mehrmals pro Woche, 3 = einmal pro Woche, 4 = einmal in 14 Tagen, 5 = einmal im Monat, 6 = seltener, 7 = nie. 2 Anteil der Personen, die Profile auf mehr als einer Netz werk platt form unter halten (in %). Dieses Merkmal wurde bei der Clusterbil dung nicht berücksichtigt, wird hier aber zur differenzierten Beschrei bung der Cluster zusätz lich heran gezogen. 3 Dieses Merkmal wurde bei der Cluster- bil dung auf grund der geringen Varianz – 85 % gaben an, die meisten Kontakte persön lich getroffen zu haben – nicht berücksichtigt; niedrigere Werte zeigen einen höheren Anteil persön lich bekannter Kontakte an; Antwort skala: 1 = die meisten, 2 = etwa die Hälfte, 3 = weniger als die Hälfte, 4 = prak- tisch niemand. 4 Niedrigere Werte zeigen einen höheren Anteil enger Freunde an; Antwort skala: 1 = die meisten, 2 = etwa die Hälfte, 3 = weniger als die Hälfte, 4 = praktisch niemand. 118 – Die dem dritten Nutzer typ zu geordneten Befragten gehen ver gleichs weise zurück haltend mit den SNS um, insbesondere sind sie wenig an Kontakt- pflege interessiert. Dennoch ver fügen sie über ein mittelgroßes Kontakt- netz werk, halten diese Kontakte aber selten für enge Freunde. Wie bei Typ 1 sind auch hier die über 20-Jährigen über repräsentiert. Junge Männer und Frauen sind annähernd gleich ver teilt. Als Kurzcharakteristik wird „Wenig interessierte Routinenutzer“ gewählt. – Der vierte Nutzer typ weist ein ver gleichs weise kleines Kontakt netz werk auf, dieses scheint aber mit Abstand das engste zu sein: Ganz einhellig sagen die Befragten, dass die meisten ihrer Kontakte enge Freunde seien. Die Aktivitäten in den Communities sind zurück haltend, eine experimen- tierfreudige Haltung ist eben falls nicht vor handen. Diesem Typ gehören mehr Mädchen als Jungen an, vor allem 15- bis 17-Jährige sind über- repräsentiert. Die Befragten mit diesem Muster können kurz als „Zurück- haltende Freundschafts orientierte“ bezeichnet werden. – Die im fünften Nutzer typ zusammen gefassten Befragten sind durch die weitaus häufigsten Profil aufrufe, die durch weg täglich er folgen, sowie die enorme Größe des Freundes-/ Kontakt netz werks aus gezeichnet. Mit drei Vierteln dieser Gruppe ist auch der Anteil derjenigen, die Profile auf mehre- ren Platt formen pflegen, mit Abstand am höchsten. Entsprechend ist der Anteil der persön lich Bekannten etwas niedriger als bei den anderen Grup- pen; der Anteil der engen Freunde an diesem Netz werk weicht hingegen nicht deut lich von den anderen Gruppen ab. Den häufigen Profil aufrufen ent sprechend sind beide Aktivitäts dimensionen stark aus geprägt. Im Hin- blick auf die Einstellungs dimensionen zeigen sich hingegen keine besonders aus geprägten Werte. Mädchen und junge Frauen sind über repräsentiert, unter den Alters gruppen sind die 18- bis 21-Jährigen leicht über repräsentiert, dieses Muster zieht sich jedoch relativ gleichmäßig durch alle Alters- gruppen. Als Bezeich nung wird „Intensive Netz werker“ gewählt. – Der sechste Nutzer typ fällt durch seine im Ver gleich extrem seltenen Profil- aufrufe auf, die im Mittel zwischen einmal pro 14 Tagen und einmal im Monat liegt. Deutlich seltener als bei den anderen Gruppen wird mehr als ein Profil gepflegt. Dies geht einher mit einem deut lich kleineren Kontakt- netz werk als bei den anderen Gruppen. Dennoch ist dieses Netz werk nicht durch einen höheren Anteil an engen Freunden geprägt. Die Aktivitäts- dimensionen liegen im durch schnitt lichen Bereich, während offen bar kein Interesse daran besteht, das Profil zu nutzen, um einen guten Eindruck zu machen und ein großes Netz werk aufzu bauen. Auch die Experimentier- freude ist gering aus geprägt. Hingegen reflektieren diese Nutzer am ver- gleichs weise stärksten die Tatsache, dass sie auf Communities private Daten öffent lich machen. Die Zusammen setzung nach Geschlecht und Alter ist 119 unauffällig. Das Muster lässt sich unter dem Begriff „Reflektierte Gelegen- heits nutzer“ zusammen fassen. – Die siebte und kleinste Nutzer gruppe ver sammelt die Befragten, die sich durch eine im Ver gleich zu allen anderen Gruppen stark aus geprägte Expe- ri mentierfreude aus zeichnen. Nutzungs häufig keit und Zahl der Freunde sind durch schnitt lich, ebenso das Interesse an Kontakt suche und Kontakt- pflege. Stark aus geprägt ist hingegen das Interesse an Selbst darstel lung, das aber nichts zu tun hat mit dem Wunsch, einen guten Eindruck zu machen: Im Hinblick auf diese Einstellungs dimension er reichen diese Be- fragten die mit großem Abstand niedrigsten Werte. Jungen sind ganz leicht über repräsentiert, eklatant ist jedoch der Befund, dass es sich fast aus- schließ lich um Befragte der beiden jüngeren Alters gruppen handelt, über 18-Jährige tauchen hier so gut wie nicht auf. Als Kurzbezeich nung bietet sich an „Experimentierende Selbst darsteller“. Die so skizzierten Nutzer typen ver deut lichen, dass es bei der Betrach tung des Umgangs von Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit dem Social Web eines differenzierenden Blicks bedarf. Die sieben Umgangs weisen, die sich ungleich auf die Alters- und Geschlechts gruppen ver teilen, stehen für unter- schied liche Erwar tungen gegen über dem Social Web und geben erste Anhalts- punkte für die im folgenden Kapitel näher zu unter suchenden Unterschiede hinsicht lich der Bedeu tung, die Jugend liche und junge Erwachsene diesen Angeboten in ihrem Alltag zuweisen. Zugleich führen sie vor Augen, dass sich die potenziellen Risiken je nach Umgangs weise unter schied lich darstellen: Aus dem experimentierfreudigen und stark an Selbst darstel lung orientierten Ver halten des siebten Typs, dem vor allem Jüngere an gehören, ergeben sich höhere Risiken im Hinblick auf die Sicher heit der eigenen Daten und die Wahrscheinlich keit, auch unangenehme Erfah rungen zu machen, als bei routi- nierten und eng auf die reine Netz werk funk tion fokussierten Ver haltens weisen, wie sie die beiden über wiegend aus Älteren bestehenden Cluster 1 und 3 an den Tag legen. 4.4 Fazit zur Nutzung von Social Web-Angeboten Dieses Kapitel diente der Beschrei bung der Häufig keit und der Art der Social Web-Nutzung in der hier unter suchten Alters gruppe sowie in ver schiedenen Untergruppen. Wie frühere Studien bereits an gedeutet hatten, haben die ver- schiedenen Angebote des Social Web unter Jugend lichen und jungen Erwach- senen mittlerweile beträcht liche Reichweiten erzielt, die sich zudem sehr stark auf die jeweils wichtigsten Angebote konzentrieren. Es ergibt sich die paradoxe Situa tion, dass aus gerechnet im Internet, das durch die größtmög liche Vielzahl 120 ver schiedener Anbieter und durch die Tatsache, dass jeder leicht zum Anbieter werden kann, eine besonders hohe Konzentra tion der Nutzung und der Lieb- lings angebote auf ganz wenige Angebote erfolgt. Da es beim Social Web um Netz werke geht und jedes Netz werk nur so attraktiv ist wie die Kontakt per- sonen, die ihm an gehören, ist diese Entwick lung ver ständ lich – da sie aller- dings gängigen Vorstel lungen von der Vielfalt der Netzkommunika tion und den damit ver bundenen ver streuten Öffentlich keiten zuwiderläuft, soll sie hier explizit betont werden. Weiter hat sich gezeigt, dass sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen in der Art, wie sie mit dem Internet im Allgemeinen und dem Social Web im Besonderen umgehen, deut lich unter scheiden. Wie häufig die einzelnen An- wen dungen genutzt werden, wie dies geschieht, mit welchen Erwar tungen dies ver bunden ist und im Kontext welcher anderen Nutzungs praktiken dies erfolgt: In allen diesen Aspekten unter scheiden sich die Befragten zum Teil erheb- lich – mit der Konsequenz, dass die Bedeu tung, die Social Web-Angebote im Alltag der Jugend lichen und jungen Erwachsenen gewinnen, sowie die poten- ziellen Risiken, die daraus er wachsen, sehr unter schied lich aus fallen können. Dies soll im folgenden Kapitel ver tiefend unter sucht werden. 121 5 Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen: Soziale Kontexte und Handlungs typen Ingrid Paus-Hasebrink, Christine W. Wijnen, Thomas Brüssel unter Mitarbeit von Ursula Vieider58 Nach dem Überblick über grundlegende Nutzungs wei- sen des Social Web soll in diesem Kapitel unter sucht wer den, wie die ver schie - denen Social Web-An wen- dungen in den Alltag der Jugend lichen und jungen Er- wachsenen ein gebettet wer- den. Im Mittelpunkt stehen also die mit der Nutzung von Netz werk platt formen und ande ren Anwen dungen ver bundenen Einstel lungen und Funktionen sowie insbesondere die sozialen Kontexte, im Rahmen derer die einzelnen Angebote ihre Bedeu tung gewinnen. Die Argumenta tion ist wie folgt auf gebaut: Zunächst wird auf der Grund- lage der Repräsentativbefra gung anhand grober Indikatoren für die soziale Position der Befragten nach gezeichnet, in welchen sozialen Gruppen sich welche Formen der Social Web-Nutzung besonders häufig oder besonders 58 Zu den Autoren: Die Leitung der qualitativen Teilstudie einschließ lich ihrer Konzep tion und Durchfüh- rung lag ebenso wie die Textle gung des vor liegenden Kapitels und die Bildung der Handlungs typen in den Händen von Ingrid Paus-Hasebrink. Christine W. Wijnen und Thomas Brüssel waren sowohl an der Er- hebung als auch – gemeinsam mit Ursula Vieider – an der Auswer tung der Studie beteiligt; Christine W. Wijnen und Ursula Vieider oblag dabei insbesondere die Auswer tung der Einzelinterviews, Thomas Brüssel die Auswer tung der Gruppen diskussionen. Für das Unterkapitel 5.1 zeichnet Uwe Hasebrink ver antwort- lich. Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen Nutzung Social Web SNS Internet Medien insgesamt Angebot Social Web SNS Internet Medien insgesamt 122 selten beobachten lassen. Dann wird – überwiegend auf der Grundlage der Gruppen diskussionen – eine ver tiefende Evidenz dafür auf geführt, wie der Umgang mit dem Social Web mit Alltags bedin gungen ver bunden ist. Und schließ lich werden – auf der Grundlage der Einzelinterviews – umfassende Handlungs typen rekonstruiert, die sich im Hinblick auf den Sinn, den sie den Social Web-Angeboten in ihrem Alltag zuweisen, unter scheiden. 5.1 Zur Rolle soziodemographi scher Merkmale für die Social Web-Nutzung: Ergebnisse der Repräsentativbefra gung In Kapitel 4 sind wichtige Kennwerte der Internet-Nutzung im Allgemeinen und der Social Web-Nutzung im Besonderen ausführ lich im Hinblick auf ihre Ver brei tung nach Alter und Geschlecht dargestellt worden. Dabei stellte sich insbesondere das Alter als maß geblicher Faktor für Ver ände rungen in der Social Web-Nutzung heraus. Wie in Kapitel 1 näher aus geführt, steht das Alter als grober Indikator für die mit ver schiedenen Phasen der Entwick lung und des Hineinwachsens in die Gesell schaft ver bundenen Entwicklungs aufgaben und Alltags anforde rungen, für die an dieser Stelle zusätz liche, differenziertere Indikatoren unter sucht werden sollen. 5.1.1 Formale Bildung Die formale Bildung der Befragten wurde im Rahmen der Repräsentativbefra- gung ver einfacht in drei Stufen unter teilt: Gymnasium, Realschule, Haupt- schule. Für Befragte, die nicht mehr zur Schule gehen, wurde ihr höchster Bildungs abschluss zugrunde gelegt. Im Hinblick auf die allgemeine Internet-Nutzung lassen sich keine Unter- schiede in der Nutzungs dauer beobachten. Die Breite der Internet-Aktivitäten ist allerdings von den 15-Jährigen an auf wärts bei Gymnasiasten und Abitu- rien ten signifikant größer als bei den beiden anderen Bildungs gruppen. Ein- stel lungen gegen über dem Internet59 sind bei den höher Gebildeten seltener von dem Eindruck der Unsicher heit und Belästi gung geprägt. Im Hinblick auf die wahrgenommenen Chancen zu eigener Aktivität und auf das kritische Miss trauen gegen über Internet-Angeboten sind keine Unterschiede zu beobach- ten. Dafür ist über alle Alters gruppen hinweg fest zustellen, dass höher Ge- bildete weniger leicht fertig mit dem Netz umgehen: Sie stimmen der Aussage, dass sie im Internet andere Dinge sagen, als sie sie in persön lichen Situa tionen 59 Hier wird auf die in Kapitel 4 gebildeten Indikatoren Bezug genommen. Siehe die Ausfüh rungen in Kapi- tel 4.1.5. 123 sagen würden, weniger zu, und sie berichten seltener, dass es Informa tionen im Netz über sie gibt, die ihnen pein lich sind. Über negative Erfah rungen mit dem Internet berichten geringer Gebildete deut lich häufiger (vgl. Tabelle 5.1): Immerhin 35 Prozent der Haupt schüler geben an, dass sie bereits von jemandem im Internet belästigt wurden, mehr als unter Realschülern und Gymnasiasten. Hingegen unter scheiden sich die Bildungs gruppen nicht hinsicht lich der Erfah rung, dass jemand Fotos von ihnen ins Netz gestellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren, oder dass sie selbst Inhalte ins Netz gestellt haben, über die sich dann Andere beschwert haben. Der oben (vgl. Tabelle 4.16) gebildete Summen index für Risiko erfah- rung zeigt einen nicht signifikanten Trend, wonach Haupt schüler am häufigsten (0,72) und Realschüler am seltensten (0,54) negative Erfah rungen machen; die Gruppe der Gymnasiasten liegt zwischen diesen Gruppen (0,60). Die formale Bildung steht anhand der hier ver wendeten Indikatoren also nicht in einem linearen Zusammen hang mit wahrgenommenen negativen Erfah rungen mit dem Internet. Tabelle 5.1: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Bildung (in %) Befragte, … Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium n = 650 n = 137 n = 211 n = 303 … die von jemandem im Internet be- lästigt worden sind 28 35 25 28 … von denen jemand Fotos oder Infor- ma tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren 13 13 13 13 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat 9 10 7 9 Die in Kapitel 4.1.4 gebildeten Internet-Nutzer typen sind ent sprechend den bisher berich teten Unterschieden nicht gleichmäßig in den Bildungs gruppen ver teilt. Gymnasiasten/Abiturienten gehören mit geringerer Wahrscheinlich- keit zu den „Wenignutzern“ und „Spielern“, deut lich häufiger hingegen zu den „Netz werkern“. Die Ergebnisse für die beiden anderen Gruppen sind ent spre- chend um gekehrt. Die Zugehörig keit zu den so genannten „Aktiven Informa- tions managern“ wird von der Bildung nicht beeinflusst. Die für die vor liegende Studie ent scheidende Variable der Häufig keit der Nutzung von Online-Communities hängt hingegen signifikant mit der forma- len Bildung zusammen: Für alle Alters stufen gilt, dass Jugend liche und junge Erwachsene, die das Gymnasium besuchen oder die Schule mit dem Abitur ab geschlossen haben, häufiger Online-Communities besuchen als die jeweils Gleichaltrigen mit niedrigerer formaler Bildung (siehe Abbil dung 5.1). Diese Unterschiede sind bei den 15- bis 17-Jährigen, also in der Phase der intensivsten Nutzung von Netz werk platt formen, am geringsten. Während die Attraktivität 124 der ent sprechenden Angebote für die Gymnasiasten und Abiturienten auch nach dem 18. Lebens jahr un gebrochen zu sein scheint, lässt die Nutzung bei den jungen Erwachsenen mit Real- oder Haupt schulabschluss stark nach. Abbil dung 5.1: Häufig keit der Nutzung von Online-Communities nach Alter und formaler Bildung (Mittelwerte über eine Skala von 1 = täglich bis 7 = nie) Ein noch genauerer Indikator für die Häufig keit der Nutzung von Online- Communities wurde aus den Angaben gewonnen, die die Befragten für zehn direkt ab gefragte Netz werk platt formen machten: Die Häufig keiten des Besuchs dieser Platt formen wurden zu einem Indikator aufad diert, bei dem der Wert 1 aussagt, dass die Person pro Tag eine Netz werk platt form (oder alle zwei Tage zwei Platt formen etc.) auf sucht. Ein Wert von 0,5 besagt ent sprechend, dass jeden zweiten Tag eine Platt form auf gesucht wird (siehe Abbil dung 5.2). Bei den 15- bis 17-Jährigen spielt die Bildungs gruppe keine Rolle, es wird durch weg mindestens eine Platt form pro Tag besucht. In den anderen Alters- gruppen klaffen die Werte zwischen den Bildungs gruppen deut lich auseinander; insbesondere die Befragten mit Haupt schul bildung zählen in der jüngsten sowie in der ältesten Gruppe zu den seltenen Nutzern von Online-Communities. mehrmals pro Woche einmal pro Woche einmal in 14 Tagen 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Hauptschule Realschule Gymnasium 125 Abbil dung 5.2: Häufig keit des Besuchs von zehn aus gewählten Online-Communities nach Alter und formaler Bildung Erläute rung: Dargestellt sind Mittelwerte über einen Summen index über die zehn Häufig keiten; siehe auch die Bemer kungen im Text. Ein Blick auf die Nutzung konkreter Netz werk platt formen zeigt in vielen Fällen Bildungs unterschiede, die dem allgemeinen Befund ent sprechen, also eine häufigere Nutzung bei den Gymnasiasten bzw. Abiturienten. Dies ist bei SchülerVZ, besonders aus geprägt bei StudiVZ, MySpace und Facebook der Fall. Signifikante Abweichungen von dieser Regel ergeben sich bei Knuddels (Haupt- vor Realschülern vor Gymnasiasten) und schüler.cc (Realschüler vor Gymnasiasten vor Haupt schülern). Ein leichter Trend zu häufigerer Nutzung durch Haupt- oder Realschüler zeigt sich außerdem bei meinVZ und Wer- kennt-wen. Keine erkenn baren Unterschiede zwischen den Bildungs gruppen ergeben sich bei Lokalisten, Netlog und Xing. Zu beachten ist dabei, dass die Nutzungs häufig keiten der hier an gesprochenen Netz werk platt formen mit Aus- nahme von SchülerVZ und StudiVZ sehr gering sind, die genannten Unter- schiede sich also auf sehr niedrigem Niveau bewegen. Im Hinblick auf die Aktivitäten beim Besuch von Online-Communities60 unter scheiden sich die Bildungs gruppen nicht signifikant in ihrem Interesse an Kontakten (vgl. Tabelle 5.2a); ledig lich ein Trend ist erkenn bar, wonach 60 Siehe zur Erläute rung der hier behandelten Indikatoren Kapitel 4.3.2. Hauptschule Realschule Gymnasium 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1,0 1,1 1,2 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre 126 höher Gebildete weniger Interesse zeigen. Die Aktivitäten, die der Selbst dar- stel lung und der Pflege des eigenen Profils dienen, sind bei den höher Ge- bildeten signifikant geringer aus geprägt. Dies geht allerdings fast aus schließ- lich auf die älteren Jahrgänge zurück, denn unter den 12- bis 14-jährigen Gymnasiasten ist noch ein recht hohes Ausmaß an Selbst darstellungs-Aktivi- täten zu ver zeichnen. Es hat den Anschein, als würde gerade diese gebildete Gruppe in späteren Jahren das Interesse an einer intensiven Pflege des Profils ver lieren. Deutliche Unterschiede zeigen sich auch bei den Einstel lungen gegen über Netz werk platt formen (vgl. Tabelle 5.2b)61: So sind die höher Gebildeten in allen vier Alters gruppen signifikant weniger daran interessiert, im Internet einen guten Eindruck zu machen – was zu den oben skizzierten geringeren Investi tionen in die Selbst darstel lung passt. Keinen systemati schen Einfluss hat die Bildung hingegen auf die Experimentierfreude bei der SNS-Nutzung und auf den bewussten Umgang mit privaten Daten. Tabelle 5.2: Aktivitäts dimensionen bezogen auf das eigene Profil sowie Einstellungs dimen- sionen zum Umgang mit Online-Communities nach formaler Bildung (Mittel- werte über Faktorwerte) Haupt schule Realschule Gymnasium n = 90 n = 153 n = 252 a) Aktivitäten bezogen auf das eigene Profil: Interesse an Kontakten 0,10 0,01 –0,04 Selbst darstel lung 0,29 0,07 –0,14 b) Einstel lungen zum Umgang mit Online-Communities: Wunsch, einen guten Eindruck zu machen 0,28 0,10 –0,16 Experimentierfreude –0,04 0,02 0,00 Bewusster Umgang mit privaten Daten 0,10 –0,18 0,07 Erläute rung: Umgepolte Werte, d. h. positive Werte zeigen eine hohe Ausprä gung der Dimension an. Tabelle 5.3 zeigt die Befunde auch für die Einzelitems, die zur Erfas sung der Einstel lungen zum Umgang mit dem eigenen Profil erfasst wurden. Signi- fikant sind die Unterschiede im Hinblick auf die Haltung, „mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirk lich bin“, die mit zunehmender formaler Bildung abnimmt. Auch die Bedeu tung eines möglichst großen Freundes kreises nimmt mit der formalen Bildung ab. Dass bestimmte Informa tionen nur Freunden verfüg bar gemacht werden, halten hingegen die Haupt schüler und die Gym- nasiasten für wichtiger als die Realschüler. 61 Siehe zur Erläute rung der hier behandelten Indikatoren Kapitel 4.3.2. 127 Tabelle 5.3: Einstel lungen zum Umgang mit Online-Communities nach formaler Bildung (Mittelwerte) Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium n = 495 n = 90 n = 153 n = 252 Ich achte darauf, dass keine Inhalte von mir im Internet stehen, die mir schaden könnten. 1,43 1,35 1,48 1,43 Es ist mir wichtig, mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirk lich bin. 1,56 1,35 1,48 1,68 Bestimmte Informa tionen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kontakte zugäng lich. 1,87 1,76 2,13 1,75 Es ist mir wichtig, dass Andere im Internet einen möglichst guten Eindruck von mir bekommen. 2,50 2,32 2,49 2,58 Es ist mir wichtig, dass mein Profil etwas Besonderes ist und sich von anderen unter scheidet. 2,77 2,69 2,65 2,87 Mir ist wichtig zu zeigen, dass ich einen großen Freundes kreis habe. 3,23 3,02 3,17 3,35 Ich hätte gern eine Seite, auf der Angaben über meine Person aus ver schiede nen Stellen im Internet gebündelt sind. 3,44 3,41 3,44 3,44 Ich habe auch Profile, in denen ich mich ganz anders darstelle, als ich wirk lich bin. 3,83 3,85 3,82 3,82 Erläute rung: Angegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien „stimme 1 = voll und ganz, 2 = weit gehend, 3 = weniger, 4 = gar nicht zu“. Insgesamt sind also die Bildungs unterschiede bei den Einstel lungen zum Umgang mit dem eigenen Profil recht gering. Es zeigt sich ledig lich, dass bei höherer Bildung das Interesse an Selbst darstel lung und damit auch der expli- zite Wunsch, mit dem eigenen Profil einen guten Eindruck zu machen, weniger aus geprägt ist als bei niedrigerer formaler Bildung. Interessanter weise ergibt sich für die auf einen bewussten sichereren Umgang mit den eigenen Profilen bezogenen Items kein linearer Zusammen hang mit der Bildung: Hier fällt die Gruppe der Realschüler bzw. Realschulabsolventen mit den niedrigsten Werten auf. Unter Bezug auf die oben (siehe Kapitel 4.3.3) gebildeten SNS-Nutzer typen ist zu beobachten (vgl. Abbil dung 5.3), dass Haupt schüler über durchschnitt lich oft den „Nicht-Nutzern“ und den „Randnutzern ohne Profil“ an gehören; wenn sie aktiv SNS nutzen, findet man häufiger das Muster der „Außen orientierten Selbst darsteller“. Realschüler finden sich eben falls häufiger in den genannten Gruppen, allerdings nicht so aus geprägt – es handelt sich also auch im Hin- blick auf die Nutzung von Netz werk platt formen um eine „mittlere“ Gruppe. Gymnasiasten und Abiturienten sind hingegen über durchschnitt lich oft in den Gruppen der „Routinierten Kontakt pfleger“ und der „Wenig interessierten Routine nutzer“ wieder zufinden. 128 Abbil dung 5.3: Anteil der Nutzer typen in den drei Bildungs gruppen (in %) Abschließend kann im Hinblick auf den Einfluss der formalen Bildung fest gehalten werden, dass die Netz werk platt formen von höher Gebildeten deut- lich häufiger genutzt werden; dabei liegt der Haupt unterschied darin, dass diese offen bar auch im jungen Erwachsenenalter mit diesen Angeboten um- gehen. Die aktivitäts- und einstellungs bezogenen Indikatoren deuten darauf hin, dass diese Jugend lichen und jungen Erwachsenen um ihren Umgang mit den Online-Communities wenig Aufhebens machen, sondern die Netz werk- platt formen als einen selbst verständ lichen und auch unspektakulären Bestand- teil ihres Alltags ansehen, der in erster Linie der Kontakt pflege dient. Dies ist bei den Haupt- und Realschülern anders: Diese wenden sich in der Phase zwischen 15 und 17 Jahren eben falls sehr häufig Online-Communities zu und nutzen diese dann deut lich ambitionierter und auch experimentierfreudiger; wenn sie älter werden, schwindet offen bar – anders als bei den Gymnasiasten – die Attraktivität der betreffenden Angebote erheb lich. Im Hinblick auf mög- liche Risiken der Social Web-Nutzung deuten die Ergebnisse zwar an, dass geringer Gebildete mit höherer Wahrscheinlich keit Erfah rungen gemacht haben, die sie als Belästi gung empfunden haben; sie lassen hingegen keine eindeutigen Aussagen dahingehend zu, dass höher Gebildete generell stärker auf den Um- gang mit privaten Daten achten. Zu betonen ist allerdings, dass die beschriebenen Unterschiede zwischen den Bildungs gruppen nicht sehr stark aus geprägt sind. In allen Bildungs grup- pen finden sich alle hier unter schiedenen Nutzer typen wieder. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Hauptschule (n = 137) Realschule (n = 211) Gymnasium (n = 302) Nicht-Nutzer Randnutzer ohne eigenes ProfilRoutinierte Kontaktpflege Außenorientierte Selbstdarsteller Wenig interessierte Routinenutzer Zurückhaltende Freundschaftsorientierte Intensive Netzwerker Reflektierte Gelegenheitsnutzer Experimentierende Gelegenheitsnutzer 129 5.1.2 Schul besuch und Berufstätig keit Die soziale Position der Jugend lichen und jungen Erwachsenen wird vor allem dadurch geprägt, ob sie noch zur Schule gehen oder bereits in Ausbil dung sind, ob sie studieren oder einer beruf lichen Tätig keit nach gehen. Diese Unter- schei dung ist zwangs läufig eng mit dem Alter ver bunden, sie liefert – neben den psychi schen und sozialen Entwicklungs prozessen – Anhaltspunkte für die Erklä rung von beobacht baren Alters unterschieden. Ein Blick auf die Ver brei tung der in Kapitel 4 gebildeten SNS-Nutzer typen, die sich jeweils durch einen spezifi schen Umgang mit Netz werk platt formen aus zeichnen (siehe Abbil dung 5.4), zeigt, dass zwar in allen Gruppen fast alle Nutzer typen vor kommen, dass sich aber die Gruppen in der Vertei lung der Nutzer typen deut lich unter scheiden. Die beiden Typen, die von Netz werk platt- formen gar keinen („Nicht-Nutzer“) oder nur einen sehr ein geschränkten Ge- brauch machen („Rand-Nutzer ohne eigenes Profil“) sind unter Studierenden so gut wie gar nicht anzu treffen; hier sind die Netz werk platt formen also offen- bar durch gängiger Bestand teil des Medien- und Kommunikations repertoires. Damit ver bunden ist in dieser Gruppe eine große Selbst verständlich keit und Routine im Umgang mit den betreffenden Angeboten, denn die beiden Nutzer- Nicht-Nutzer Randnutzer ohne eigenes ProfilRoutinierte Kontaktpflege Außenorientierte Selbstdarsteller Wenig interessierte Routinenutzer Zurückhaltende Freundschaftsorientierte Intensive Netzwerker Reflektierte Gelegenheitsnutzer Experimentierende Gelegenheitsnutzer 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Schüler (n = 310) Studenten (n = 62) Aus- zubildende (n = 158) BW-/Zivil- dienst (n = 12) Berufstätig (n = 92) Arbeitslos (n = 20) Abbil dung 5.4: Anteile der SNS-Nutzer typen an den Schul besuchs- bzw. Berufstätigkeits- gruppen 130 typen, die als „Wenig interessierte Routinenutzer“ und als „Routinierte Kon- takt pfleger“ bezeichnet wurden, sind hier stärker ver treten als in allen anderen Gruppen; Selbst darstel lung spielt kaum eine Rolle, und Ver treter eines eher experimentierfreudigen Umgangs mit Netz werk platt formen tauchen hier gar nicht auf. Die Studierenden machen also nicht viel Aufhebens um das Social Web; vielmehr ist dieses eng mit Alltags routinen ver woben, wobei die Funktion der Kontakt pflege im Vordergrund steht. Besonders vielfältig stellt sich das Nutzungs spektrum bei den Schülerinnen und Schülern dar. Die beiden bei den Studierenden dominierenden durch Routine geprägten Typen sind hier ver gleichs weise selten anzu treffen, dafür wird in dieser Gruppe am stärksten mit den Möglich keiten des Social Web experimentiert: Die „Experimentierenden Gelegenheits nutzer“ und die „Außen- orientierten Selbst darsteller“ sind hier stärker ver treten als in allen anderen Gruppen. Dies deutet darauf hin, dass in dieser jüngsten Gruppe Aspekte des Identitäts managements, des Erprobens ver schiedener Rollen- und Selbst bilder die größte Rolle spielen. Während die Auszubildenden in ihrer Zusammen setzung nach Nutzer typen zwischen den Schülern und den Studierenden an gesiedelt sind, liegt die Be- sonder heit der Berufstätigen darin, dass gut 40 Prozent von ihnen kaum Ge- brauch von Netz werk platt formen machen. Die bei den Studierenden domi nie- renden durch Routine geprägten Muster sind hier unter repräsentiert, es gibt aber jeweils gut zehn Prozent an „Intensiven Netz werkern“ und an „Außen- orien tierten Selbst darstellern“, für die das Social Web eine relativ große Be- deu tung hat. Die Gruppen der Bundes wehr- bzw. Zivildienst leistenden und der Arbeits- losen sind zu klein, um sichere Aussagen machen zu können. Die Beobach- tung, dass die Erst genannten neben den Studierenden den höchsten Anteil an „Routinierten Kontakt pflegern“ auf weisen, lässt sich allerdings plausibel inter pretieren: Es handelt sich um die beiden Gruppen, die mit der größten Wahr scheinlich keit ihren Geburtsort und ihre dort auf gebauten persön lichen Netzwerke ver lassen haben und daher das Social Web nutzen, um die alten Verbin dungen zu pflegen. Auch für die Schul besuchs- bzw. Berufstätigkeits gruppen wurde aus ge- wertet, inwiefern sich diese im Hinblick auf negative Erfah rungen mit dem Internet unter scheiden (siehe Tabelle 5.4). Bei allen drei hier ab gefragten nega- tiven Erfah rungen liegen die Schülerinnen und Schüler im mittleren Bereich, Studierende berichten deut lich seltener von Belästi gungen im Netz, die Gruppe der Auszubildenden besonders häufig. Hier bestätigt sich, was sich an gesichts der Unterschiede nach Bildungs gruppen ab zeichnete, dass geringer Gebildete häufiger über Belästi gungen im Netz berichten. 131 Tabelle 5.4: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Schul besuch bzw. Berufstätig keit (in %) Befragte, … Gesamt Schüler Studenten Auszubildende Berufstätige n = 650 n = 311 n = 61 n = 156 n = 91 … die von jemandem im Inter- net belästigt worden sind 28 28 12 36 31 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Internet gestellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren 13 11 13 12 15 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet gestellt haben, über die sich dann jemand beschwert hat 9 9 7 10 5 Die hier behandelten Gruppen, die sich nach Schul besuch und Berufstätig- keit unter scheiden, weisen insgesamt deut lichere Unterschiede im Umgang mit dem Social Web auf als die zuvor dargestellten Bildungs gruppen. Die konkrete Lebens situa tion und die mit ihr ver bundenen spezifi schen Herausforde rungen prägen den Umgang mit dem Internet im Allgemeinen und den Online-Com- munities im Besonderen offen bar stärker als das ab strakte Merkmal der for- ma len Bildung. 5.1.3 Sonstige Faktoren des sozialen Umfelds Der sozial-ökologi sche Rahmen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen wird neben den zuvor behandelten Faktoren auch und besonders durch das unmittel bare soziale Umfeld geprägt. Die Alters spanne, die hier unter sucht wird, umfasst die Phase, in denen die jungen Erwachsenen zunehmend die Familie, die das Umfeld der Kindheit und Jugend geprägt hat, ver lassen und eine eigene Wohnung beziehen. Wie andere Studien gezeigt haben, ist dies allerdings bis in die mittleren Zwanziger Jahre durch aus nicht der Normalfall. In der unter suchten Stichprobe wohnen die Befragten unter 18 Jahren fast aus schließ lich bei den Eltern bzw. einem alleinerziehenden Elternteil. Dieser Anteil geht dann schritt weise zurück, allerdings leben von den 18- bis 20-Jähri- gen immerhin noch gut 90 Prozent und von den 21- bis 24-Jährigen auch noch 73 Prozent zu Hause bei den Eltern. Da der Umstand, ob die Befragten noch bei den Eltern oder bereits in einer eigenen Wohnung bzw. einer Wohngemein schaft leben, eng mit den bereits behandelten Merkmalen des Alters und der Berufstätig keit ver bunden ist, er- geben sich bei der Auswer tung ähnliche Befunde, die somit keinen Hinweis auf einen zusätz lichen Einfluss des Faktors Bei-den-Eltern-Wohnen gibt. Im Hinblick auf die Bildung der Eltern lässt sich beobachten, dass Kinder von formal niedriger gebildeten Eltern seltener Gebrauch von Netz werk platt- 132 formen machen: Von den 85 Befragten, deren Eltern maximal über einen Haupt schulabschluss ver fügen, gehören 43 Prozent zu den Nicht- oder Rand- nutzern von Netz werk platt formen (im Ver gleich zu 23 Prozent in der Gesamt- gruppe und zu 12 Prozent in der Gruppe der Eltern mit Abitur/Studium). Da Bildung der Eltern und Bildung der Kinder zusammen hängen, bestätigt sich hier der obige Befund zum Einfluss des Bildungs niveaus auf die Social Web- Nutzung. Die Gruppe mit den höchst gebildeten Eltern weist die höchsten An- teile an „Routinierten Kontakt pflegern“, „Wenig interessierten Routine nutzern“ und „Reflektierten Gelegenheits nutzern“ auf, also an den Nutzer typen, die vor allem bei Studierenden häufig auf treten. „Außen orientierte Selbst darsteller“ sind vor allem bei Befragten, deren Eltern ein mittleres Bildungs niveau auf- weisen, anzu treffen. Die Tatsache, ob die Befragten in einem Haushalt mit beiden Elternteilen oder einem alleinerziehenden Elternteil auf wachsen, schlägt sich in der Ver- tei lung der Nutzer typen nur unwesent lich nieder; es zeigen sich ledig lich Trends, dass Jugend liche mit alleinerziehenden Eltern eher zu den „Außen- orientierten Selbst darstellern“, den „Zurück haltenden Freundschafts orientier- ten“ und den „Randnutzern ohne eigenes Profil“ gehören – Trends, die dahin- gehend inter pretiert werden können, dass die mit diesem sozialen Kontext ver bundene Belas tung ent weder durch besonders enge Freundschafts bindun- gen oder durch eine besonders aus geprägte Form der Selbst darstel lung kom- pensiert werden soll. Solche Interpreta tionen mögen zwar inhalt lich und vor dem Hintergrund des in Kapitel 1 dargelegten theoreti schen Kontexts plausibel er scheinen; sie können allerdings an gesichts der Fallzahlen und der geringen Unterschiede zwischen den Gruppen keines wegs als gesicherte Befunde an- gesehen werden. Als ein weiterer relevanter Faktor des sozialen Umfelds kann der Migra- tions hintergrund an gesehen werden. 15 Prozent der Befragten (n = 97) weisen einen solchen auf, indem sie selbst und/oder mindestens ein Elternteil nicht über die deutsche Staats angehörig keit ver fügen. Im Hinblick auf negative Er- fah rungen mit dem Internet zeigen sich keinerlei Unterschiede zwischen dieser Gruppe und den Befragten ohne Migrations hintergrund. Im Hinblick auf die Einstel lungen zum Internet im Allgemeinen zeigt sich eine Tendenz, dass das Internet aus der Sicht der Befragten mit Migrations hintergrund weniger mit Chancen ver bunden ist und dass diese Gruppe eine leicht fertigere Haltung auf weist. Im Hinblick auf den Umgang mit dem eigenen Profil in Online- Communities geht die Tendenz dahin, dass die Befragten mit Migrations hinter- grund mehr Interesse an Kontakten zeigen, während sie weniger an Selbst- darstel lung orientiert sind. Die auf den Umgang mit Online-Communities bezogenen Einstellungs dimensionen „Wunsch, einen guten Eindruck zu machen“ und „Experimentierfreude“ weisen keinerlei Besonder heiten auf; in der dritten Dimension, dem bewussten Umgang mit eigenen Daten, er zielen 133 die Befragten mit Migrations hintergrund signifikant geringere Werte, gehen also weniger reflektiert und vor sichtig mit Angaben über ihre eigene Person um. Abbil dung 5.5: Anteile der SNS-Nutzer typen unter Befragten mit und ohne Migrations- hintergrund (in %) Weitere Unterschiede zeigen sich im Hinblick auf die Anteile der ver schie- denen SNS-Nutzer typen: Befragte mit Migrations hintergrund gehören deut lich häufiger zu den „Intensiven Netz werkern“; außerdem finden sich mehr „Nicht- Nutzer“ (vgl. Abbil dung 5.5). Demgegenüber sind „Routinierte Kontakt pfleger“, „Außen orientierte Selbst darsteller“ und „Wenig interessierte Routinenutzer“ unter repräsentiert. Die große Zahl der „Intensiven Netz werker“, die sich durch einen besonders großen Freundes-/Kontakt kreis und durch Profile auf mehre- ren Netz werk platt formen aus zeichnen, mag darauf hindeuten, dass die Jugend- lichen und jungen Erwachsenen mit Migrations hintergrund die besonderen Herausforde rungen im Hinblick auf die Integra tion in die deutsche Gesell- schaft durch besonders intensives Netz werken im Social Web beantworten; dazu gehört neben der Nutzung der üblichen Communities auch die Nutzung von Online-Communities, in denen sich speziell Angehörige einer bestimmten Kultur ver netzen, so z. B. Türk base (vgl. unten, Kap. 5.2.1).62 Die mittlere Zahl 62 Siehe zu dieser Fragestel lung das parallel zu dieser Studie eben falls von der Landes anstalt für Medien in Auftrag gegebene Projekt zur Medien nutzung von Jugend lichen mit Migrations hintergrund. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Ohne Migrationshintergrund (n = 554) Mit Migrationshintergrund (n = 97) Nicht-Nutzer Randnutzer ohne eigenes ProfilRoutinierte Kontaktpflege Außenorientierte Selbstdarsteller Wenig interessierte Routinenutzer Zurückhaltende Freundschaftsorientierte Intensive Netzwerker Reflektierte Gelegenheitsnutzer Experimentierende Gelegenheitsnutzer 134 der Kontakte beträgt bei dieser Gruppe 155, bei den deutschen Befragten sind es ledig lich 127; ent sprechend bestehen diese Kontakt netz werke zu einem größe ren Anteil aus schwachen Bindun gen, der Anteil der engen Freunde und der persön lich Bekannten ist geringer als bei Befragten ohne Migrations hinter- grund. Dieser Unterschied in der Art des Kontakt netz werks scheint allerdings nicht mit höheren Risiken einher zugehen, jeden falls berichten die Befragten mit Migrations hintergrund wie oben gesehen nicht über häufigere negative Erfah rungen; es lässt sich ledig lich beobachten, dass das Bewusstsein für den Umgang mit Daten über die eigene Person etwas geringer aus geprägt ist als bei den Befragten ohne Migrations hintergrund. In Diskussionen um Unterschiede im Umgang mit dem Social Web wird oft auch die Wohnort größe als möglicher relevanter Faktor an gesprochen, da diese mit qualitativen Unterschieden in den persön lichen lokalen Netz werken einher gehen. Den Daten zufolge wirkt sich dieser Faktor aber für sich genom- men so gut wie gar nicht auf die Merkmale der Social Web-Nutzung aus. Ein leichter Trend geht in die Richtung, dass sich von Groß städten über Mittel- und Kleinstädte bis zu länd lichen Regionen eine ab nehmende Häufig keit der SNS-Nutzung beobachten lässt; in länd lichen Regionen sind ent sprechend zu- sam men genommen mehr „Nicht-Nutzer“ und „Randnutzer ohne eigenes Profil“ zu finden. In Groß städten sind die höchsten Anteile an „Routinierten Kontakt- pflegern“, „Reflektierten Gelegenheits nutzern“ und „Experimentierenden Ge- legenheits nutzern“ anzu treffen. Die betreffenden Unterschiede sind aber ins- gesamt gering und statistisch nicht signifikant; der Faktor Wohnort größe scheint also für die Herausbil dung von spezifi schen Formen der SNS-Nutzung keine maß gebliche Rolle zu spielen. Die beschriebenen Zusammen hänge zwischen den in der Repräsentativ- befragung er fassten soziodemographi schen Merkmalen und der Social Web- Nutzung haben erste Anhaltspunkte für die Einbet tung des Social Web in soziale Kontexte geliefert. Diese sollen im Folgenden auf der Basis der quali- tativen Untersuchungs schritte ver tieft werden. 5.2 Zur Bedeu tung sozial-ökologi scher Aspekte im Umgang mit dem Social Web: Ergebnisse der Gruppen diskussionen Der sozial-ökologi sche Rahmen, in dem Jugend liche auf wachsen und in dem sie mit Medien umgehen, gewinnt, wie Ergebnisse der Gruppen diskussionen er kennen lassen, Bedeu tung in der spezifi schen Ausprä gung des Umgangs mit Social Web-Angeboten. Als sozial-ökologisch relevant erwies sich, wie auch schon in der Repräsentativbefra gung, der Bildungs hintergrund bzw. die Schul- form der Heranwachsenden, d. h. welche Schule sie besuchen, ob die Haupt- 135 und Realschule oder das Gymnasium, ob sie eine Lehre absolvieren bzw. bereits im Berufsleben stehen oder an einer Universität oder Fachhochschule studieren. Auch das Elternhaus, in dem die Jugendlichen aufwachsen bzw. die jungen Erwachsenen aufgewachsen sind, gewinnt durch den Stellenwert, den Medien im Alltag der Familien genießen, Bedeutung im Zusammenhang mit ihrer Social Web-Nutzung. Als relevant erweist sich auch das Medien erzie- hungs konzept der Eltern, d. h. ob Eltern ihre Kinder im Umgang mit dem Social Web begleiten, sprich sich für den Umgang ihrer Kinder mit Social Web-Angeboten interessieren, für sie ein offenes Ohr haben, ihren Kindern Vertrauen entgegenbringen, ob sie ihnen Regeln setzen und diese kontrollieren etc. Auch das Eingebundensein in einen spezifischen Kreis von Peers, Freun- den und Freundinnen und die dort gültige Art, das Internet bzw. das Social Web zu nutzen bzw. zu bewerten, ob in einer eher kritischen, sich aufgeklärt gebenden Weise oder stärker sorglos bzw. experimentierend, hat Einfluss auf den Umgang der Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit dem Social Web. In den Gruppendiskussionen, die entlang des Alters und der formalen Bildung und in zwei verschiedenen – einem städtischen, einem ländlichen – Stand orten zusammengesetzt wurden, zeigten sich vor allem die Faktoren Alter (siehe dazu ausführlicher Kapitel 4) und die formale Bildung von hoher Relevanz für den Umgang mit Social Web-Angeboten, weniger das Geschlecht. Zwar lassen sich zwischen den Geschlechtern bedeutsame Unterschiede in Bezug auf den Umgang mit Büchern – Mädchen bevorzugen stärker als Jungen Bücher – sowie mit (Online-) Spielen – eine klare Domäne von Jungen – identifizieren (siehe dazu auch Kapitel 7). Social Web-Angebote nutzen Mäd- chen und Jungen jedoch ähnlich intensiv; sie gewinnen für die Angehörigen beider Geschlechter zudem eine ähnlich hohe Relevanz. Und Jungen wie Mädchen nutzen Social Web-Angebote vor allem zur Kommunikation, mithin zur Beziehungspflege. Unterschiede zeigten sich erst in den Leitfaden-Inter- views mit ausgewählten Probanden. Sie werden evident, wenn man tiefer in die Umgangsweisen der Probanden hineinblickt. So spielt für Mädchen die Selbstdarstellung eine weniger zentrale Rolle als für die Jungen, ein Befund, der sich auch in der Repräsentativbefragung zeigte (siehe Kapitel 4.3.2); ins- besondere jedoch unterscheiden sich die Mädchen in Bezug auf ihren Umgang mit den Gestaltungsmöglichkeiten des Social Web. Hier erweisen sich die Jungen experimentierfreudiger als die Mädchen und sind eher bereit, z. B. eigene Videos zu drehen und diese auf YouTube oder MySpace zu stellen (siehe dazu ausführlich die Ausführungen in Kapitel 5.3 zu den Social Web- Handlungstypen). Im Folgenden gilt die Aufmerksamkeit der Social Web-Nutzung Jugend- licher und junger Erwachsener im Kontext ihres Alltags, mithin den sozial- ökologischen Umgangsweisen mit dem Social Web allgemein sowie mit 136 speziel len Social Web-Angeboten, wie sie sich auf der Grundlage der Gruppen- diskussionen darstellen. In einem ersten Schritt wird danach gefragt, welche Vorlieben Jugendliche und junge Erwachsene haben und welche Funktionen des Social Web für sie besondere Relevanz genießen. In einem zweiten Schritt wird der Schwerpunkt auf die Risiken gelegt, die die Probanden selbst mit dem Social Web verbinden, und darauf, wie sie mit ihnen umgehen; damit wird eine Grundlage dafür geschaffen, dass bei der Beantwortung der Frage nach Möglichkeiten der Förderung von Medienkompetenz auf die Umgangs- weisen und Perspektiven der Jugendlichen selbst Bezug genommen werden kann (siehe dazu Kapitel 9.3). Im dritten Schritt werden Beobachtungen zu- sam mengetragen, die sich auf die Rolle von Eltern und Schule sowie ver- schiedene Formen der Medienerziehung und Medienkompetenzförderung be- ziehen. 5.2.1 Vorlieben und Umgangsweisen mit dem Social Web Über alle Altersgruppen hinweg lassen die formal höher gebildeten Jungen und Mädchen (sie besuchen durchweg das Gymnasium) Unterschiede in der Art, wie sie über ihren Medienumgang bzw. ihre Nutzungsweisen von Social Web-Angeboten sprechen, wie sie in diesem Zusammenhang Chancen bzw. Gefahren und Risiken im Umgang mit dem Social Web thematisieren und wie sie seine Chancen und Risiken für sich selbst wahrnehmen, große Unterschiede im Vergleich zu den Jungen und Mädchen aus den Diskussionsgruppen mit formal niedriger Bildung erkennen. Auch sie geben zwar zu bedenken, dass das Internet ein unverzichtbarer Teil des Alltags ist, und wie die formal nie- driger gebildeten Jugendlichen unterscheiden sie nicht zwischen dem Internet und dem Social Web: Alles was Jugendliche im Netz tun, ist für sie schlicht „Internet“. Da erstaunt es auch nicht, dass kaum jemandem der Begriff „Web 2.0“ bekannt ist. Lediglich ein Fachhochschul-Student wusste mit diesem Begriff etwas anzufangen. Die formal höher gebildeten Jugendlichen und jungen Erwachsenen lassen aber keinen Zweifel daran, dass mit der Nutzung des Social Web auch Risiken und Gefahren verbunden sind; sie bewegen sich insgesamt kritischer und weniger sorglos im Netz. In den Diskussionen ge- winnt – mit zunehmendem Alter verstärkt – die Gefahrendiskussion einen großen Stellenwert; je älter die Jugendlichen sind, um so weniger gehen sie naiv mit den Gefahren des Social Web um bzw. um so mehr ist ihnen bekannt, worauf sie achten sollten und mit welchen Strategien sie sich schützen sollten bzw. könnten. In allen Gruppen diskussionen wird deut lich, dass die weitaus meisten Jugend lichen die Netz werk platt form SchülerVZ kennen und schätzen. Daneben spielten in den befragten Gruppen noch Netlog sowie regionale Communities, wie bei den Jugend lichen in B die Emsland-Community (ELCommunity), eine 137 wichtige Rolle. Dabei nutzen die wenigsten nur ein Angebot. Der 12-jährige Hamid aus A bringt es auf den Punkt: I: (…) Was sind da eigent lich Eure Lieblings seiten? Hamid: Sind mehrere. Dem 17-jährigen Hakan aus A geht es ähnlich, auch er bevor zugt mehrere Angebote, neben Netlog und MSN schätzt er, wie viele türkische Jugend liche, noch Türk base: Hat für Sprach-(…), für sprach lich, so Türk base – ist ’ne türkische Seite (I: Mhm.), kann man sich auch über türkisch ver ständigen, oder halt auch mit, mit so Deutschen. (Gruppen diskussion mit 18- bis 24-Jäh- rigen; formal niedriger gebildet, Stadt) Bei den formal höher Gebildeten fällt auf, dass die 18- bis 24-Jährigen im Gegensatz zu den jüngeren Probanden dieser Bildungs gruppe StudiVZ anstelle von SchülerVZ nutzen und dass sie sich mithilfe von Facebook und MySpace auch international ver netzen (vor allem, um Kontakte, die durch Auslands- semester etc. ent stehen, zu pflegen). Ver einzelt nutzen auch 15- bis 17-Jährige formal höher Gebildete Facebook, um mit aus ländi schen Freunden in Kontakt zu bleiben, die sie durch einen Schüler austausch oder Ähnliches kennen- gelernt haben. Geht es um Netz werk platt formen zeigt sich, dass Jugend liche, die beson- deren Wert auf Gestaltungs möglich keiten legen, Netlog bevor zugen: „Und dann, aber ich find Netlog haben (…) eigent lich mehr Möglich keit hat man. Videos reinstellen, Umfragen reinstellen, Fotos …“. Dennoch genießt – anders als bei den formal niedriger Gebildeten – SchülerVZ einen höheren Stellen wert bei formal höher gebildeten Jugend lichen, wie aus Hendriks Diskussions beitrag hervor geht: „Ja, also bei SchülerVZ, da würd ich schon ’n eigenes Foto reinstellen, weil das hat auch, (…) naja, die Seite ist mir ver trauter als Netlog.“ (Gruppen diskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Land) Auch der 18-jährige Hanno hat klare Gründe, weshalb er SchülerVZ bevor- zugt: „Ich weiß nicht, SchülerVZ ist ein bisschen mehr Privatsphäre, würde ich jetzt sagen. Bei Netlog kann sich jeder einloggen, bei SchülerVZ, da kriegt man ja eine Einladung.“ Vor allem die älteren formal niedriger Gebildeten nutzen dagegen Netlog (und zuweilen auch Lokalisten); zwei eng miteinander zusammen hängende Gründe sind dafür aus schlag gebend: I: Aber was ist der Unterschied, was ist der Reiz an Netlog? Abdul: Ja, bei Netlog sind viel mehr Freunde von mir zum Beispiel. Jim: Bei Netlog kann man auch schon viel mehr machen als bei SchülerVZ. I: Was meinst du so mit machen? Jim: Man kann halt so weiß nich so (Sascha: Umfragen und so) ja Umfragen kann man machen, man kann einfach so seine eigenen Sachen einstellen, Privatsphäre 138 einstellen (Sascha: Videos, Fotos, Blogs) ganz viel reinstellen, ich glaub bei SchülerVZ wär’ das nicht so doll. I: Habt ihr zu SchülerVZ so gar nicht Kontakt gehabt? Sascha: Ich war da noch nie drauf. I: Bei dir auch nich’ Sascha? Sascha: Nö, über haupt gar nicht dieses SchülerVZ. Jim: Aber du gehst doch Netlog. Sascha: Ja, Netlog, ja ist was anderes. I: Aber dann erklär mal, was ist für dich anders daran? Sascha: Wie soll ich das er klären? Allgemein so, da sind viel mehr Freunde und so alles von mir drinnen, in SchülerVZ ist gar keiner von mir drinnen. I: Und das ist schon wichtig, dass Freunde drin sind? Abdul: Netlog kann man mehr so kreativ sein, so kann man so selber (Sascha: Seite gestalten und so alles) Homepage so zum Beispiel. I: Wie gestaltet ihr das so? Abdul: Zum Beispiel kann man Bilder nehmen, so an der Kopflinie so sagen wir, wann auf deine Seite geht so. I: Hm. Profil kann man reinstellen. Abdul: Ja, kann man reinstellen, man kann ja Fotos rein, dann gibt’s noch Clans zum Beispiel (…) (Gruppen diskussion mit 15- bis 17-Jährigen, formal niedriger gebildet, Stadt) Freunde und Freundinnen sind auch der Grund für die Wahl der 18-jährigen Gymnasiastin Sonja aus B. Sie bevor zugt wie ihre Freunde und Freundinnen neben SchülerVZ und Emsland-Community ver stärkt StudiVZ. Die Interviewerin fragt nach: „Fühlt man da auch irgendwie so ’n Druck oder so, ‚Oh, ich hab mich jetzt angemeldet, aber Punkte hab ich noch keine‘ oder wie mach ich das jetzt oder so?“ Daraufhin macht der 20-jährige Stefan – mit kritischem Blick auf jüngere Probanden – deutlich, dass dies in ihrer Altersgruppe keine Rolle mehr spielt: Stefan: Ich glaub aus dem Alter sind wir raus, ne? (Gelächter) Mit 13 noch in der Pubertät oder voraus noch recht unsicher ist, der hat da vielleicht Probleme, vor allem wenn er sowieso immer welche Komplexe, oder (Gelächter), na gut, das ist jetzt der äußerste Fall, aber, es kann natürlich bei jüngeren Leuten bestimmt so sein, dass sie dadurch enorm beeinflusst werden. Mit Blick auf die Anzahl der Freunde auf Netz werk platt formen fällt auf, dass die höher Gebildeten in den Diskussionen häufiger er klären, ihnen sei die Anzahl der Freunde egal; dies bestätigt die Befunde aus der Repräsentativ- befra gung (vgl. Tabelle 5.3). Die formal niedriger gebildeten Jugend lichen betonen dagegen, auf den Netz werk platt formen viele Freunde zu haben. Bei einem genaueren Blick wird jedoch deut lich, dass auch für die Gymnasiasten lange Freundschafts listen sehr wohl von Relevanz sind; sie geben dies im Gegensatz zu den Haupt- und Realschülern jedoch – möglicher weise aus sozia- 139 ler Wünsch barkeit – weniger gern zu, da die Gymnasiasten solche Diskurse aus der Schule oder aus dem Elternhaus kennen.63 Neben den Netzwerkplattformen ist Instant Messaging hoch beliebt. Es wird vor allem von den formal höher gebildeten Jugendlichen als „persön- licher“ wahrgenommen und geeignet für intimere Nachrichten, doch „richtige Geheimnisse“ würden viele von ihnen nur den Freunden in der Realwelt anvertrauen (vgl. zu diesem Befund auch unten, Kapitel 7.2). Die Gymnasiasten beschreiben – anders als die Haupt- und Realschüler – die Kommunika tion im Internet generell als weniger persön lich und un verbind lich – ein Grund, weshalb sie sich aber eher trauen, andere zu kontaktieren. Positiv sei auch, dass man sich online oft den genauen Text einer Botschaft besser über legen könne. Wichtige Dinge besprechen diese Jugend lichen jedoch lieber Face-to- Face. So erwähnt die 14-jährige Gymnasiastin Nadine, dass es trotz Emoticons schwieriger sei, im Netz seine Gefühle und Stimmun gen darzu stellen: Nadine: Man kann ja gar keine Gefühle so (…) zeigen und da ähm Leute sind dann auch schnell genervt, wenn man irgendwas schreibt, aber, das dann eigentlich ganz lieb meint und die dann halt so denken, dass das halt voll böse gemeint ist, dann tickt man auch so voll ab wohl, weil man ja halt nicht weiß, wie das jetzt rüber kommen soll, weil man halt nicht mit der Stimme arbeiten kann oder so. Keine Ahnung (…). Für viele Jugend lichen ist ICQ das erste Programm, das sie am Computer öffnen und das wichtigste Tool zur Kommunika tion, d. h. zur Pflege und zur Herstel lung sozialer Kontakte. Insgesamt stehen die Jugend lichen bei ICQ mit wenigen Freunden in Kontakt, mit denen sie regelmäßig chatten, dafür werden diese Kontakte als intensiver wahrgenommen. ICQ wird als ein echter Dialog wahrgenommen – besser als E-Mails oder auch Nachrichten bei SchülerVZ, da man auf die Antwort dort länger warten müsse. Zuweilen werden auch über ICQ Fotos und Links aus getauscht. MSN spielt vor allem zur Kontakt- pflege mit Freunden im Ausland eine Rolle, da es billiger als Telefonieren ist. Geht es um die Nutzung von Videoplatt formen, zeigt sich, dass nahezu alle Jugend lichen und jungen Erwachsenen YouTube nutzen und dies auch ihre Lieblings platt form ist. Wie schon die Repräsentativbefra gung zeigte, ist YouTube zweifel los die am häufigsten genutzte Videoplatt form; oft dient sie den Jugend lichen zum Anschauen von Musik videos sowie als Musik platt form, weil dort relativ schnell die neuesten Songs zu finden sind: „Wenn man die Lieder selbst nicht auf’m PC hat, dann (…) macht man halt YouTube an und hört die“ (Nadine, 14 Jahre). Ledig lich der 12-jährige Tim erwähnt in der Gruppen diskussion eine spezielle Musik platt form, Music Load, auf der man gegen Gebühr Songs herunter laden könne. Auf YouTube werden auch gerne 63 In der Repräsentativbefra gung ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Bildungs- gruppen hinsicht lich der Zahl der Freunde/ Kontakte in der meist genutzten Netz werk platt form. 140 Spaß videos oder Videos „zum Ver arschen“ geschaut oder Fußballspiele an- gesehen sowie ver passte Folgen von Fernsehserien wie etwa Daily Soaps nach- geholt. Spaß macht YouTube, wenn Videos von Bekannten an geschaut werden können. Insgesamt ist YouTube so beliebt, „weil man dort alles findet“. MySpace stellt insofern einen Sonderfall dar, als dieses Angebot, eigent lich eine Netz werk platt form, von vielen auch als Musik platt form wahrgenommen wird – dies allerdings mehr für Musiker und Künstler selbst; sie bietet vor allem Platz für „Hobbyrapper“. MySpace ist vielen Probanden bekannt, jedoch nicht so beliebt wie YouTube. Der 17-jährige Ron ist Fan von MySpace und hat dort auch sein Profil ein gestellt. Für ihn ist SchülerVZ dagegen eher etwas für „Normalsterb liche“. Insgesamt gesehen ist MySpace jedoch bei den meisten Jugend lichen deut lich weniger beliebt als SchülerVZ, weil sie auch von den Freunden weniger genutzt wird. Platt formen wie Clipfish, MyVideo oder Kino.to sind eben falls bekannt, werden aber nicht so häufig genutzt. Obwohl fast alle Jugend lichen YouTube rezeptiv nutzen, haben nur ver einzelte Jungen schon experimentiert und ein eigenes Video online gestellt; dabei handelt es sich jedoch eher um formal höher gebildete Jungen. Die formal niedriger gebildeten Jugend lichen aus A berichten davon, dass sie Bekannte haben, die Happy-Slapping-Videos online stellen – davon ist bei formal höher gebildeten Jugend lichen kaum die Rede.64 Im Gegensatz zu den formal niedriger Gebildeten greifen formal höher Gebildete zuweilen auch auf YouTube zurück, um sich zielgerichtet zu infor- mieren: Yildiray: Manchmal hat man so ein bestimmtes Ziel im Internet. Wenn man irgendwas eingibt, zum Beispiel, ähm (…): Wie backt man einen Kuchen oder so was. Dass man dann, dann kommt, nein, dann kommt man wirk lich auch auf manchen Seiten, da bekommt man wirk lich Videos, die unter einem anderen Namen ein gespeichert sind. Wie zum Beispiel wenn man will, äh, ähm, ja halt, äh, wie backt man einen Kuchen oder so was, (Gelächter) Nein, ich red jetzt nicht einfach so. (Gruppendiskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird von nahezu allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ähnlicher Weise wie die Suchmaschine Google nur zur Information sowie zur Recherche genutzt, um bequem Schularbeiten oder Arbeiten für die Fachhochschule oder Universität zu erledigen. Wikipedia dient dazu, schnell einen Überblick in ver ständ licher Sprache über ein bestimmtes Thema zu er halten. Je nach formaler Bildung schauen die Jugend lichen danach auf fachspezifi schen Seiten nach oder begnügen sich mit den Angaben von 64 Ein Grund, warum diese Jugend lichen generell kaum Videos online stellen und auch nicht Clips anderer bewerten, mag darin liegen, dass man sich eigent lich erst ab 18 Jahren anmelden kann; denn formal höher gebildete Jugend liche gehen reflexiv mit Social Web-Angeboten um und machen sich Gedanken über AGBs bzw. dort ver ankerte Alters beschrän kungen. Die dort an gegebene Alters hürde bedeutet jedoch keines falls eine tatsäch liche Schranke, da sie durch eine falsche Alters eingabe jederzeit umgangen werden kann. 141 Wikipedia. Kaum jemand stellt selbst etwas hinein (nur ein 18-jähriger Gym- nasiast hat als einziger Proband der Gruppen diskussionen bereits einen Beitrag zu seinem Heimatort ver fasst); das ent spricht der Repräsentativbefra gung, der zufolge 87 Prozent der Befragten noch nie einen eigenen Beitrag geleistet hatten und nur 5 Prozent angaben, mindestens einmal im Monat in Wikis zu schreiben (siehe dazu Kapitel 4.1.2). Wenn Inhalte ver ändert werden, dann zumeist, um Mitschülern einen Streich zu spielen. 5.2.2 Einschät zung und Umgang mit Risiken im Social Web Gravierende Unterschiede markiert die formale Bildung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor allem dann, wenn es um die Einschätzung und den Umgang mit Risiken des Social Web geht. Häufig beziehen dabei formal höher gebildete junge Erwachsene, entsprechend dem Third Person Effect formuliert, die Gefahrendiskussion auf jüngere Geschwister oder insgesamt auf andere jugendliche Nutzer. Luise (unterbricht): Ja, sowas, das ist was anderes, aber so Suchmaschinen und sowas würd ich glaub ich nicht verbieten, aber so, StudiVZ oder oder SchülerVZ, weiß nicht, ob ich das gut finden würde, wenn ich sehe, das kann auch mit der kleinen Schwester oder die ganzen Freunde so, sich da andere irgendwie am Foto und so zeigen, also sowas würd ich glaub ich nicht gut finden. Insgesamt lassen die formal höher Gebildeten einen kritischen Blick erkennen, wie der folgende Diskussionsabschnitt aus der Gruppendiskussion mit formal höher gebildeten jungen Erwachsenen zeigt: Sonja: Das ist einfach, ja, mit dem Videos könnt es einmal schlimm werden, wenn da irgendwer, ’n Freund, ’n Video oder ’n Foto von dir macht, was eigentlich nicht, nicht ins Internet gehört und das da reinstellt, und dann, äh, das gesehen wird und man deswegen die Stelle nicht bekommen, also das wär’ schon hart. Hanno: Ja, man muss halt, ähm, der Personalchef muss dann halt auch wissen, wie er damit umgehen muss, also, wie gesagt, bei diesen YouTube-Videos, mein ich, zum Beispiel, wüsst ich jetzt nicht, wenn ich da jetzt irgendwie auf ’m Video drauf bin und wenn ich das, da, daher deswegen angeklagt werden würde, würd ich das halt schon nicht gut finden, aber, wenn ich jetzt irgendwie früher mal irgendwas vertreten habe, ähm, was ich nicht sagen will, meinetwegen, ja in einem Vorstellungsgespräch, und, ähm, dann denk ich schon, dass es so gut ist, dass er das auch erfährt. Ole: Aber ich find einerseits, dass einerseits kann man natürlich den Arbeitgeber halt verstehen, sodass er das macht, aber andererseits so ’n, also find ich schon zu heftig, so ’n Eingriff in die Privatsphäre, dass man da nachguckt, und außerdem sollte der Chef sich mehr oder weniger gleich von selber ’n ersten Eindruck von dem Menschen verschaffen, bevor der selb- bevor da halt auf die Seite geht und quasi übers Internet, äh, wie ihr auch schon rausgestellt habt, wie äh … ja. Ist es halt sehr unsensibel. 142 Constanze: Aber in dem Moment, wo du das ins Internet stellst und weißt, was es eigentlich ist, also was ist da noch persönlich? Sonja: Ja, das stimmt. (Gruppendiskussion mit 18- bis 24-Jährigen, formal höhere Bildung, Land) Zum anderen lassen sie – deutlich stärker als die formal niedriger gebildeten Diskutanten – sozial erwünschte Diskussionsstränge erkennen. Vor allem die jungen Erwachsenen, die eine Fachhochschule oder die Universität besuchen, bedienen sich dabei medienvermittelter Termini bzw. Diskursstränge. Sie wägen Chancen und Risiken stärker gegeneinander ab und präsentieren sich als verantwortliche Bürger – die folgende längere Passage aus einer Gruppen- diskussion erinnert sehr an einschlägige politische Podiums diskussionen: Klara: Also Chancen haben wir doch auch ganz viele genannt, dass es super viel Informa tion gibt, dass man sich leicht ver netzen kann, gut in Kontakt bleiben kann, ganz viel bekommt, was man sonst auf sehr langem Wege suchen kann, dass viele Fernsehsen dungen fest gehalten werden, das heißt man ist zeit lich nicht mehr ge bun- den. I: Gut, das sind jetzt alles so Sachen … I: Jetzt ab schließend noch ganz, ganz kurz – über wiegen hier die Chancen, oder eher die Gefahren? Vielleicht noch jeder ganz, ganz kurz so, das würde mich noch interes- sieren. Roman: Fazit. I: Fazit genau. Roman. Die Chance der Freiheit, der autonome Bürger, oder doch irgendwie am Ende …? Roman: Jetzt ein total blödes Fazit eigent lich, es ist ziem lich aus gewogen, finde ich, weil ich meine, es gibt ja die Chance vor allem durch diese Blogs, die wir lange besprochen haben, dass unsere Demokratie gestärkt wird dadurch, dass jeder Einzelne, also die Meinung von jedem Einzelnen gehört werden kann, wenn er das will. Gleich- zeitig besteht auch die Gefahr der Diffamie rung von anderen darüber, weil es einfach keine gesicherten Daten sind, die da er scheinen, und das ist wieder ein zweischneidiges Schwert und ähm so ist es, denke ich, mal auch bei YouTube und bei StudiVZ. Es hat alles seine Vorteile und Nachteile, und die Zukunft wird es zeigen, aber ich denke, dass es eher aufs Positive hinaus laufen wird, weil das ja immer so gegangen ist in der Geschichte (Lachen) – letztend lich. I: Natascha? Natascha: Also ich denke, dass es vom Umgang abhängt, wenn jeder einen ver ant- wortungs vollen Umgang damit pflegen würde, würden vermut lich die Chancen über- wiegen. I: Klar. Klara? Klara: Das dachte ich auch, alsodass es auf jeden Fall von der Medien kompetenz abhängt und man … also aber einfach auch auf den individuellen Gebrauch, also ich tu mich da dann doch schwer, so ein generelles Urteil – Internet ist gut, Internet ist schlecht – Internet ist da und geht sicher lich nicht mehr weg, sondern ver breitet sich sicher lich mehr noch, und ähm jetzt kommt es darauf an, dass wir damit lernen umzu- gehen. Also ich meine (lacht). 143 Bertram: Ja, ich würde auch noch mal gerne auf die Notwendig keit der Schulung der Medien kompetenz ver weisen, ich glaube, das ist da wirk lich aus schlag gebend. Im Übrigen dieser Mythos des autonomen Bürgers, der sich im Internet selbst ver wirk- lichen kann oder da publizieren kann, der ist natür lich … ich weiß nicht, war das Enzens berger, der meinte „Am Ende sieht man dann nur, dass die Leute nichts zu sagen haben, wenn sie erst mal die Möglich keit haben.“ (lacht) Klara: Ich glaube, Brecht war das auch. Brecht meinte irgendwann, wenn wir ein Radio haben, was da noch was hin und rück machen kann und dann, wenn nichts kommt, dann sieht man, dass die Bürger eigent lich gar nichts zu sagen haben. (…) I: Ja, dann machen wir doch mal den Part zu Ende. Wenn du jetzt noch mal auf den Punkt kriegen würdest für uns, würdest du sagen, die Entwick lung geht in ’ne positive Richtung, oder in ’ne negative? Bertram: Also wenn ich mich zwischen diesen beiden Varianten ent scheiden müsste und ähm mit in den Entscheidungs prozess einbeziehen lassen müsste, dass ich keiner- lei Maßnahmen sehe, um die Medien kompetenz zu schärfen, geht es eigent lich auf jeden Fall in die negative Richtung. Edith: Ja, ich sehe das auch sehr zweischneidig. Ist halt schwer zu sagen, aber ich denke schon, alsodass es (un verständ lich) dass es halt wirk lich auch schwierig ist, in Zukunft einen ver antwortungs bewussten Umgang mit dem Internet irgendwie zu garan- tieren, und selbst wenn wir, die das jetzt vielleicht alles irgendwie mitbekommen haben von den Anfängen des Internets und dadurch irgendwo so schon vielleicht ’ne eher kritische Einstel lung haben, während ja die folgenden Genera tionen irgendwo ganz anders damit auf wachsen und weiß nicht, ob das positiv ist, so das … also ich denk’ halt, dass das vielleicht auch irgendwie ein bisschen ver blasst oder dass man das vielleicht schon ver mitteln müsste, halt auch wirk lich diese Sensibilisie rung, was es halt bedeutet, Internet zugang zu allem, aber eben auch diese Gefahren, die es irgendwo birgt, was wir jetzt ja heraus gestellt haben, also. Beides halt. I: O. K. und jetzt bringt Karin noch ein Schluss wort. Karin: Ich bin ein optimisti scher Mensch. Ich hoffe einfach, dass die Menschen lernen, ver antwortungs voller mit dem Internet umzu gehen und dass dann auch die Chancen über wiegen werden und das auch allgemein … auch zur Völker verständi gung irgend- wie beitragen kann. (…) Bertram: Ver zeihung. Ver zeihung, dass ich dieses durch breche, aber ich wollte auch noch mal sagen, dass ich es absolut notwendig finde, dass Ver suche gestartet werden, das Internet als rechts freien Raum zu beseitigen, alsodass da irgendeine Form der Regula tion mit reinkommt, weil das ist auch eine Katastrophe. (Gruppen diskussion mit 18- bis 24-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) Formal höher Gebildete üben – anders als ihre formal niedriger gebildeten Altersgenossen – zuweilen auch deutliche Kritik am Social Web, wie etwa Tobias an SchülerVZ: „Diese personalisierte Werbung da, die geht schon ’n bisschen aufn … Senkel (Gelächter). Aber sonst …“. Andere äußern sich kritisch über das Design von SchülerVZ und empfinden „unsinnige Massen- mails als nervend“. 144 Dieser Befund der qualitativen Studie bedeutet allerdings nicht, dass alle formal höher Gebildeten selbst immer kritisch und reflektiert mit dem Social Web umgehen; im Tun vergessen auch sie hin und wieder, was sie – theo- retisch – über Gefahren und Risiken wissen. Dies ist auch ein Grund dafür, dass sich die in der qualitativen Befragung zum Vorschein kommenden deut- lichen Unterschiede zu den formal niedriger Gebildeten in der Einschätzung und Beurteilung von Risiken des Internets anhand der Indikatoren aus der Repräsentativbefragung, die enger am konkreten Umgang mit dem Social Web orientiert sind, nur zum Teil bestätigen lassen. Die qualitativen Befunde machen deutlich, dass alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereits in irgendeiner Weise65 negative Erfahrungen im Social Web gemacht haben, und auch formal höher gebildete Jugendliche vergessen in der Aktion Vorsichtsmaßnahmen. Zudem geraten sie – sich der Gefahren bewusst – zuweilen in eine Dilemma- situation, die mit den Nutzungsgegebenheiten im Social Web zu tun hat. Formal höher Gebildete spielen häufiger als formal niedriger gebildete Jugend liche mit der anonymen Internetnut zung, indem sie sich z. B. unsicht bar machen, um andere Profile zu durch stöbern oder um sich aus Spaß auch einmal als jemand anderer auszu geben (z. B. um sich älter zu machen). Dabei nutzen sie zuweilen ihre Profile unter Nicknames und haben Cartoons als Profil-Fotos. Viele Jugend liche finden diese Form der Nutzung jedoch durch aus nicht optimal, da es ihr eigent liches Anliegen, die Beziehungs pflege etwa zu alten Freunden, unmög lich macht. Sie nutzen die Möglich keit, Profile auf Netz- werk platt formen so einzu stellen, dass fremde Personen sie nicht sehen können, daher nur sehr ungern oder gar nicht: „weil es einen daran hindert, alte Freunde wieder zufinden“. Die formal höher gebildeten Jugend lichen betonen in den Diskussionen, dass sie auf passen, was, wie, wo und wem sie welche Informa tionen preis- geben. Zudem blocken und löschen sie beispiels weise „dumme Kommentare“, un gewollte „Anmache“, un gewünschte Kontakte, schlechte Fotos sowie un- erwünschte Verlin kungen. Ihnen ist bewusst, dass man generell mit persön- lichen Informa tionen vor sichtig sein sollte und dass die Daten im Netz „ewig“ stehen bleiben können. Wie oben (vgl. Tabelle 5.3) gezeigt wurde, lassen sich in dieser Hinsicht in der Repräsentativbefra gung keine signifikanten Unter- schiede fest stellen – die in der qualitativen Studie zu beobachtenden Unter- schiede gehen demnach wohl zum Teil auf unter schied liche Muster, sich im Gespräch zu reflektieren und darzu stellen, zurück und weniger auf Unter- schiede in den konkreten Umgangs weisen. 65 Nach Befunden der repräsentativen Teilstudie geben 28 % aller Befragten an, im Internet bereits selbst einmal belästigt worden zu sein; in der qualitativen Teilstudie wurde allerdings deutlich, dass nahezu alle Jugendlichen, auch wenn sie persönlich selbst noch nicht betroffen waren, jemanden kennen, der negative Erlebnisse gemacht hat. 145 Die Preis gabe persön licher Daten wird unter den formal niedriger Gebil- deten weniger diskutiert. Sie machen sich in den Diskussionen kaum Gedanken darüber, wie man sich im Social Web gegen unliebsame Erlebnisse schützen kann und gehen eher sorg los mit negativen Erfah rungen um bzw. betrachten sie als einen un vermeid lichen Teil der Social Web-Nutzung. Die meisten er- klären sogar recht vehement, dass es bei ihnen keine anonyme Internetnut- zung gebe, da sie bei allen Profilen ihre richtigen Daten an gegeben haben. Sie ver trauen darauf, dass die Angaben der meisten Personen auf den Netz werk- platt formen oder im Instant Messaging stimmen, da sie es auch selbst als eine Frage der Ehre betrachten, keine falschen Informa tionen zu ver breiten. Sie geben oft bereit willig sogar Telefon nummern und Adressen bekannt und rea- gieren eher gelassen auf pein liche Fotos. Die formal höher Gebildeten sind dagegen allgemein wesent lich sensibler in Bezug auf die Ver öffent lichung von Fotos; sie finden es auch nicht in Ord- nung, wenn Mitschüler nicht gefragt werden, wenn man z. B. ein Spaß-Foto auf SchülerVZ stellt. Sie diskutieren ein derartiges Ver halten vehement und hoch emotional und kommen auf mögliche negative Auswir kungen für die Betroffenen in der Zukunft zu sprechen: Yildiray: Aber ich find das auch, ab und an, bei einigen Videos ist es abhängig auch, eigentlich auch von denen, die das machen. Eigentlich auch wirklich blöd auch, weil auf manche Videos, ich hab mal eins gesehen, da macht sich einer unbewusst (…), wie soll ich sagen, so zum Affen einfach. Der spielt, der möchte das eigentlich gar nicht, der will das eigentlich gar nicht und er macht das. Und dann haben die das gefilmt und dann haben sie sich auch noch im Hintergrund tot gelacht und so. Ähm, das kann auch, das kann auch sein, weil wenn die Haare, zum Beispiel morgens immer, man sich vergessen hat zu kämmen oder so, wenn einem die Haare so zu Berge stehen (Linda: Vergessen?), bei manchen sieht das halt etwas witzig aus. Und so was, und mit solchen Sachen machen sie dann, manche filmen das und setzen das ins Video, äh setzen das ins Internet bei YouTube oder MyVideo, und dann äh, dann (…) sind das dann eigentlich ne Sauerei, wenn der so was macht. (Gruppen diskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) Doch auch die formal höher gebildeten Schüler berichten von Schüler- oder Lehrerhass gruppen auf SchülerVZ und sogar von einer Schülerin, die wegen des Uploads eines pein lichen Videos einer Mitschülerin von der Schule ver- wiesen wurde: I: Gibt’s solche Fälle an eurer Schule so? Dass da mal so ’n Video rumgegangen ist? (Judith: Nein.) So: Haha, der von der Klasse 7a oder so? Felix: Ja, bei uns gab’s das mal. Da hat’s da ne Schülerin aus der Parallel klasse ganz bewusst gemacht, die hat heim lich gefilmt, dass (…) weiß ich nicht mehr, die ist dann auch von der Schule geflogen, die war ’n bisschen speziell. (Aria: Ver stehe.) Ja, die hat sich dann mit anderen zusammen getan und hat dann denen auch gemailt: Ah, schaut euch doch mal das Video an, da macht sie sich voll zum Affen, die ist voll 146 dumm. Lasst die mal mobben. Die ist blöd, die ist aus der Klasse und so was. Das war schon ziem lich (…) unfair. Yildiray: Und haben sie es ins Internet gestellt, oder? Felix: Ja. Aber dat wurde dann raus genommen. I: Und was war das für ’n Video? Felix: Das weiß ich nicht mehr. I: Und wer hat da reagiert? Also die Schullei tung? Felix: Ja, ja, genau. Also die, äh Schülerin hat das den Eltern gesagt, und die hat dann mit der Schullei tung gesprochen. Die Schülerin hat wiederum mit dem Klassen- lehrer gesprochen. Die Klassen lehrerin hat dann mit der Schülerin gesprochen, mit deren Eltern und dann mit dem äh, ja Opfer sag ich mal. (Lena: Opfer.) Und auch mit dessen Eltern. (Gelächter) Und äh, ja, dann haben die das halt geregelt, dass das Video wieder raus kommt und die hat ’n Schul verweis gekriegt. (Gruppendiskussion der 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) Sie betrachten eine solche Verhaltensweise jedoch kritisch und lehnen sie ab bzw. machen sich Gedanken, was dahinter stehen könnte: Ole: Also die Leute, die solche Videos auch machen, die …, weiß nicht, die sind, irgendwie, die sind irgendwie, die sind schon bisschen psychisch kaputt. (Gruppendiskussion mit 18- bis 24-Jährigen, formal höhere Bildung, Land) Zwar finden auch formal niedriger gebildete Jugend liche Online-Mobbing nicht in Ordnung. Denn in fast allen Diskussionen waren sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen darin einig, dass sie ein solches Ver halten ab lehnen; sie halten es für „feige“ und bezeichnen es als „Sauerei“. Aber generell messen die formal niedriger Gebildeten dem Online-Mobbing weniger Relevanz bei, da man z. B. negative Fotos „ja jederzeit wieder löschen kann“. Sie diskutieren stärker über Viren, Spyware, Happy Slapping, den Reiz von pein lichen Fotos und Seiten wie rotten.com. In den Diskussionen mit den formal höher Ge- bildeten sind dagegen geänderte Daten schutz richtlinien in StudiVZ häufiger Thema. Geht es um Online-Bekannt schaften, so berichten in den Gruppen dis kus- sionen formal niedriger gebildete Jugend liche häufiger über derartige Erfah- rungen; deut lich mehr niedriger gebildete Mädchen er zählen davon, schon des Öfteren „an gemacht“ worden zu sein. Sie betrachten ein solches Ver halten allerdings öfter als „Spiel“ bzw. „Flirten“ und nicht als etwas, was sie mit ihren Eltern besprechen müssten. Für viele formal niedriger Gebildete haben Online-Bekannt schaften, wie sie er zählen, ihren Reiz; so könnten sich einige Jungen und Mädchen vor stellen, einmal eine Online-Bekannt schaft zu machen, dies allerdings – da sind auch sie sich einig – nicht allein: I: Und Sergei, du triffst die Leute schon gerne, wenn du die im Internet kennengelernt hast? Sergei: Nicht alleine, auf gar keinen Fall alleine. 147 I: Mit wem triffst du die dann? Sergei: Mit meinem besten Freund. Man kann ja nie wissen. Abdul: Man muss die erst mal kennenlernen und so, und dann kann man meist ja, denen können wir vertrauen und so was, und dann gibt man eben Telefonnummer oder so „Ja hier ist meine“ und so danach (unverständlich) ob sicher is’ oder so (…). (Gruppen diskussion mit 15- bis 17-Jährigen, formal niedrige Bildung, Stadt) Auch im Umgang mit Informa tionen zeigen sich deut liche Unterschiede. Dem Thema Urheber recht bzw. Plagiat wurde in den Diskussionen mit formal niedriger Gebildeten keine große Bedeu tung bei gemessen. Was im Netz steht, gehört nach Meinung der meisten allen und darf daher z. B. bei Hausarbeiten un gestraft heran gezogen werden: I: Aber jetzt mal ehrlich: Habt’s ihr vielleicht so für ne Hausaufgabe oder für irgend- wie so ’n Referat dann gesagt, ja so „Ach, das hol ich mir von Wikipedia“? Pascal: Ja. I: Dass man das dann so kopiert? Pascal: Oder einfach … Ernst: Ja, immer das könn’ ma ja. (Alle reden durcheinander) Pascal: Nein, sowas … da drückte man das erste, und dann steht da so zwei, drei Seiten so, kopiert man das in Word und kopiert’s … Hannelore: … dann einfach zusammenfassen, also das Richtigste dann. (Gruppen diskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal niedrigere Bildung, Land) Während die einen Inhalte recht sorg los per Kopieren und Einfügen ver wen- den, wissen die anderen, dass man Quellen an geben muss. Dagegen ist allen Beteiligten bewusst, dass Files haring – also das Downloaden von Songs oder Filmen etc. – illegal ist; dennoch wird in allen Gesprächen deut lich, dass es dennoch hin und wieder gemacht wird. Unabhängig von der jeweiligen Gruppe – die Jugend lichen kennen Strategien bzw. geeignete Portale, die sich zum Downloaden besonders anbieten. Bei den Gesprächen wurde auch deut lich, dass die meisten Jugend lichen wissen, auf welchen Portalen man auf passen muss, um nicht er wischt zu werden. In Bezug auf das Thema Urheber recht lassen sich wieder Differenzen er kennen; formal höher Gebildete er wähnen häufiger, dass man für ein illegales Benutzen z. B. von Bildern aus Google bestraft werden kann. Jugend liche, die eine Haupt- oder Realschule besuchen, halten sie dagegen für frei benutz bar. In Bezug auf die Wahrneh mung von Risiken und Gefahren im Netz lässt sich resümieren, dass bei den meisten an den Gruppen diskussionen beteiligten Jugend lichen und jungen Erwachsenen (mit zunehmendem Alter steigt das Bewusstsein für Risiken und die Kenntnis, wie man damit umgehen kann) zumindest ein rudimentäres Ver ständnis besteht. Bei genauerer Nachfrage wird deut lich, dass es sich dabei um Kenntnisse aus dem von Medien bestimmten Diskurs handelt, d. h. die Jugend lichen haben hier und dort bereits gehört, was man darf oder nicht tun sollte. Fast allen ist bekannt, dass man sich nicht mit 148 Fremden aus Online-Bekannt schaften außerhalb des Social Web treffen sollte und dass man sich vor Viren schützen muss. So spielt bei fast allen Diskutanten in der Diskussion um Risiken der Faktor soziale Erwünscht heit eine Rolle. Die Jugend lichen wissen grob, was sie sagen dürfen bzw. ver schweigen sollten. Erst mit der Zeit, je lebhafter die Diskussion wird, tauen sie auf und sprechen freimütiger über ihre Einschät zungen, Kenntnisse und Erfah rungen. Jugend- liche, die ein Gymnasium besuchen und in besonderer Weise junge Erwach- sene, die bereits studieren, zeigen ein deut licher aus geprägtes Bewusstsein für Risiken; sie ver fügen zudem über genauere Kenntnisse in bestimmten Pro- blem feldern wie etwa dem Urheber recht. Diese Jugend lichen und jungen Er- wach senen gehen insgesamt kritischer und reflektierter mit dem Internet um. Unabhängig von der formalen Bildung zeigen die Jugend lichen, die sich häufig intensiv im Social Web bewegen und für die seine Angebote eine hohe Relevanz er langen, einen deut lich reflektierteren Umgang: Kompetenz scheint mit dem „Tun“ zu wachsen. Doch auch negative Erfah rungen dienen zuweilen dazu, vor sichtiger zu werden, wie das folgende Statement der 17-jährigen Gym- na siastin Steffi aus B zeigt; es macht jedoch auch deut lich, wie wichtig ein gutes, offenes Ver hältnis zu den Eltern ist, wenn es um unliebsame Erlebnisse im Social Web geht: Steffi: Also meine Eltern, mit Internet haben die auch nicht so viel am Hut. Aber ich finde, von uns jetzt die Eltern nicht mehr so, aber vor allem für jüngere Jugendlichen … Also ich hab selber mal Mist gehabt, und zwar hab ich blöderweise als Zehn- oder Elfjährige hab ich meine Telefonnummer weitergegeben im Chat, ja und dachte, ja das war irgendein Junge, der hatte mich angeschrieben, also ich hatte mich da auch ganz normal als Zehnjährige ausgegeben. Und, ähm, der Junge hat sich auch als Elfjähriger ausgegeben; „Ja, lass uns doch mal telefonieren! Schreiben ist so blöd.“ Ich konnte auch nicht so schnell schreiben, ja gut, das habe ich auch meiner Freundin … Erst war ich alleine und dann mit meiner Freundin gemacht, und wir wollten uns da auch eigentlich ein bisschen Spaß draus machen … Aber auf einmal ruft dann wirklich jemand bei mir zu Hause an, und das war dann eine deutlich ältere Stimme als elf Jahre. Also, ganz sicher schon erwachsen. Und, ähm, der hat gesagt: „Ja, wo ist denn Steffi?“ und ich hab nur geschrien. Und ich hab’ da richtig Ärger gekriegt, ich hab auch gar nicht, dass da so was kommt, wiederkommt. Da hatte ich mich so sehr erschrocken, dass ich da nie wieder reingegangen bin. (lacht) Echt, aber ich glaube, man lernt das aus Erfahrungen. Ich hab meinen Eltern da keine Vorwürfe gemacht. Weil die wussten es auch nicht besser. Ich hab denen auch nicht gesagt, dass ich da drin schreibe. Aber ich weiß wohl, dass ich meine Jugendlichen später davon fernhalte, weil ich, man hört soviel Dinge, dass sich da Erwachsene, auch Frauen, die geben sich da als 13-Jährige aus, um das auszutesten; und da melden sich teilweise Männer und sagen: „Ja, ich möcht dich wohl entjungfern!“, und solche Scherze. Und das ist echt heftig, was man da teilweise hört. Also, wenn ich später vielleicht eventuell mal Jugendliche hab’ [als Lehrerin, Anm. d. Verf.], dann sollen die das möglicherweise später nicht machen. Da lass’ ich solche Seiten vielleicht sogar sperren. Wenn es die 149 dann noch gibt. Also, ich finde das drastisch. Ich hab’ mich da auch echt erschrocken, und ich erschreck mich auch immer wieder. Dass auch ich grad’ damit so eine Er- fahrung gemacht hab’. Wenn ich mich jetzt …, wären meine Eltern nicht da gewesen, und meine Freundin und ich wären da noch weitergegangen, und vielleicht: „Ja, soll ich euch mal ins Kino einladen?“ oder solche Scherze – wer weiß, was da noch ge- kommen wäre? Ne. Tja, ist gut gegangen – Gott sei Dank! 5.2.3 Zur Relevanz der Medienerziehung – Einfluss von Elternhaus, Wohnort und Schule auf den Umgang der Jugendlichen mit Social Web-Angeboten Da in der qualitativen Teilstudie die Rekrutie rung der Probanden für die Grup pen diskussion ledig lich nach dem Alter, dem Geschlecht, dem Wohnort und insbesondere der formalen Bildung vor genommen wurde und damit weit- gehend unabhängig von weiteren soziodemographi schen Faktoren wie etwa dem Bildungs hintergrund der Eltern, ihrer Familien form bzw. ihrem Beruf, lassen sich aus den Daten keine unmittel baren Bezüge zwischen dem Umgang der Jugend lichen mit dem Social Web und den sozio-ökonomi schen Hinter- gründen ihrer Familien herstellen. Sehr wohl zeigte sich aber in allen Diskus- sionen, dass dem Medienerziehungsverhalten der Eltern zumindest bei den jüngeren Probanden (unter 18 Jahren) Bedeutung zukommt. Zwar unterscheiden sich auch junge Erwachsene im Hinblick auf ihre Kenntnisse bzw. ihre Kom- pe tenz im Umgang mit Social Web-Angeboten deutlich voneinander, die Rolle der Medienerziehung wurde jedoch in diesen Diskussionen nicht eigens thema- tisiert. In den Fällen, in denen die Medienerziehung zur Sprache kam, wurde sie von den jungen Diskutanten selbst eingebracht; die Aussagen bezogen sich dabei zumeist auf eigene jüngere Geschwister oder generell – im Sinne des Third Person-Effekts – auf Einschätzungen, wie man Jüngere zu kompetenteren Social Web-Nutzern erziehen könne. Von Bedeu tung für den Umgang mit Social Web-Angeboten erwies sich auch der Wohnort, wo die Jugend lichen leben, ob in der Groß stadt (A) oder auf dem Land (B). In diesem Zusammen hang muss jedoch erwähnt werden, dass die auf dem Land rekrutierten formal niedriger gebildeten Diskutanten zu einem über wiegenden Teil in „bürgerlichen“ Elternhäusern leben; sie be- suchen durchweg die Realschule bzw. absolvieren eine Lehre oder arbeiten bereits in ihrem Beruf. Nur einige wenige leben in weniger geordnet erschei- nenden Familien, in denen ein Elternteil oder beide arbeitslos sind bzw. die Familie nur wenig oder gar nicht in die soziale Gemeinschaft der jeweiligen Kleinstadt oder des jeweiligen Dorfes integriert ist. Die formal niedriger ge- bildeten Probanden in der Stadt stammen durchweg aus sozial schwächeren Milieus als die Jugendlichen auf dem Land. Viele Jugendliche in A leben in sozial weniger gut ausgestatteten Migrationsfamilien. So erzählten einige 150 Diskutanten voller Stolz, dass sie – im Gegensatz zu den meisten in ihrer Klasse – ihren „Quali“, d. h. den qualifizierten Hauptschulabschluss anstreben oder bereits geschafft hätten; für andere war die Schule dagegen eher ein „Reizthema“. Die Gymnasiasten bzw. Studierenden unterscheiden sich in Bezug auf ihr Elternhaus nicht wesentlich voneinander. Somit kann für die folgenden Aussagen kein zweifelsfreier Zusammenhang zwischen den Aussagen der Jugend lichen und dem Wohnort hergestellt werden; es handelt sich eher um Zusammenhänge mit dem Bildungshintergrund bzw. Elternhaus der Probanden. Die Wohnortgröße und -lage gewann lediglich in einem Punkt eine eindeutig zuordbare Bedeutung, die Nutzung der regionalen Emsland-Community durch die Probanden aus B als eine für sie sehr wichtige Netzwerkplattform mit hoher identitätsstiftender Relevanz.66 In allen Gruppendiskussionen sind sich die Jugendlichen weitgehend einig, dass ihre Eltern sich kaum oder gar nicht mit dem Internet aus kennen. In der Diskussion werden jedoch große Unterschiede im Verhalten der Eltern offen- kundig. Die Eltern, deren Kinder das Gymnasium in A und B sowie die Realschule in B besuchen, zeigen deutlich mehr Interesse an dem, was ihre Kinder in ihrer Freizeit tun bzw. was sie beschäftigt; sie kontrollieren zwar nur selten explizit den Umgang ihrer Kinder mit Internet- bzw. Social Web-Angeboten, ihre Gesamthaltung lässt sich jedoch als wohlwollend begleitend kennzeichnen. In B erzählte eine Schülerin sogar, dass ihre Eltern ihr nicht erlauben, bei SchülerVZ mitzumachen, da dort zu große Gefahren für Mädchen drohen. Die formal niedriger gebildeten Jugendlichen (aus A) sind deutlich mehr auf sich selbst gestellt; für sie spielen in der Diskussion Einschränkungen und Regeln eine viel geringere Rolle als bei den Jugendlichen vom Land. Dies zeigt sich insbesondere im Umgang mit (Online-) Spielen, die sie nach eigenen Aussagen weitgehend nach eigenem Gutdünken nutzen dürfen: I: Wenn du von Ballerspielen sprichst … Sergei: Also Counter Strike, Call of Duty, ich hab nur zwei Ballerspiele, da spiel ich immer. I: Für wie alt sind die Spiele eigentlich? Sergei: 16 und 18. (I: Hm) Meine Mutter hat nichts dagegen, aber meine Mutter er- laubt’s nicht, jeden Tag zu spielen (…). (Gruppendiskussion mit 12-bis 14-Jährigen, formal niedrigere Bildung, Stadt) 66 Auch Sander/ Lange weisen in ihrer qualitativen Studie (vier Gruppen diskussionen sowie 16 Einzel inter- views) mit 13- bis 16-jährigen Jungen und Mädchen aus dem Groß raum München im Rahmen des Projekts „Unterstützungs leis tungen in Freund schaften und Peer-Beziehungen“ auf die hohe Bedeu tung von lokalen Netz werk beziehungen hin. Mit Rück bezug auf Kammerl diskutieren sie die „‚lokale Färbung‘ von Internet- kommunika tion“ (Sander/ Lange 2008, S. 30). Danach dokumentieren und stabilisieren Aktivitäten im Netz bestehende Kontakte und Freund schaften (vgl. ebd.); siehe dazu auch Kapitel 1.4. 151 So berichten die formal niedriger gebildeten Gleichaltrigen, dass ihre Eltern in der Regel mit ihnen keine Medien gespräche führen, aber genaue zeit liche und inhalt liche Regeln auf stellen. In den Fällen, in denen ihre Eltern Regeln setzen, kontrollieren die Eltern das Einhalten jedoch nur selten; da übernehmen oft die älteren Geschwister Aufgaben der Eltern und schauen zuweilen auf das, was ihre jüngeren Geschwister im Internet tun.67 Zwar ist auch den formal niedriger gebildeten Jugendlichen aus der Stadt z. B. der Besuch von Erotik- seiten verboten, und auch sie werden von ihren Eltern darauf hingewiesen, dass sie keine Kontakte zu Fremden aufbauen sollten. Bereiche wie Urheber- recht oder Downloaden sind bei ihnen aber zumeist kein Thema. In der Gruppe der 12- bis 14-jährigen Hauptschüler in A erzählten einige Kinder sogar, dass sie die Kenntnisse zum Download von illegalem Content von ihren Vätern haben. Abgesehen davon stand die Kostenfrage im Mittelpunkt. Die Eltern belassen es jedoch zumeist, wie ihre Kinder in den Gruppendiskussionen er- zählten, bei Warnungen und kontrollieren nur selten oder gar nicht, was sie tatsächlich tun, bzw. sie suchen mit ihnen kein Gespräch zu ihrem Medien- umgang. Auch die Kinder selbst scheuen sich in diesen Fällen, ihren Eltern von ihren negativen Erlebnissen zu erzählen; wenn sie Problemen begegnen, sind eher die Freunde als Gesprächspartner oder Begleiter wichtig. Auch der Schule kommt, wie die wenigen Aussagen der Probanden in diesem Kontext belegen, eine hohe Relevanz bei der Stärkung des Bewusst- seins von Chancen und Risiken im Umgang mit dem Internet bzw. dem Social Web zu. Zwar wurde der Input der Interviewer, in denen sie den Blick auf die Rolle von Schulen lenkten, ob und wie Schulen mit der Social Web-Nutzung ihrer Schüler umgehen, nur selten von den Probanden – und dabei vor allem von formal höher gebildeten – auf genommen. Doch in zwei Gruppen diskus- sionen mit formal niedriger gebildeten Schülern und Schülerinnen zeigte sich, dass nach anfäng licher Skepsis gerade bei heiklen Punkten wie dem Umgang mit Risiken im Social Web (Themen waren dann u. a. Online-Mobbing, Gewalt oder sexuelle Belästi gungen) die Probanden die Gelegen heit nutzten, um mit den Leitern der Diskussionen über ihre Erfah rungen zu sprechen. Sie schienen geradezu nach Rat und Hilfe zu suchen, denn im Laufe des Gesprächs stellten die Jugend lichen selbst mehr und mehr Fragen, die unter anderem ethische Aspekte im Umgang mit dem Social Web betrafen. Damit wird eine Chance für medien pädagogi sche Projekte offen kundig – Vorausset zung ist, dass die Schüler und Schülerinnen das Gefühl haben, bei Erwachsenen damit auf Ver- trauen zu stoßen und un gestraft über ihre Erlebnisse und Probleme sprechen zu können. 67 Hier zeigt sich ein ähnliches Medienerziehungsverhalten wie in der Studie zur Mediensozialisation sozial benachteiligter Kinder in Österreich (siehe dazu Paus-Hasebrink / Bichler 2008). 152 In den Gymnasien war bereits häufiger als in anderen Schulen über Pro- blembereiche wie das korrekte Zitieren bzw. den Umgang mit Quellen aus dem Netz diskutiert worden: I: Und wie ist das, ihr habt vorhin die Quellen angaben an gesprochen, ist das bei euch auch so in der Schule? Felix: Ja. Judith: Ja, immer mit Quellen. Ich hatte in der sechsten (alle reden durch einander). Ich hatte in der sechsten Klasse mal, da mussten wir in Englisch so ’n Referat über so Tiere machen, und da hat unsere Lehrerin dann auch zu jedem Tier so ’n bisschen ähm, gegoogelt, und bei zwei, drei Leuten hat sie wirk lich den kompletten Text in Englisch im Internet gefunden, und die haben dann dementsprechend auch ne Fünf oder so gekriegt, also. I: Und wie ist das mit den Quellen angaben, wie empfindet ihr das, ist das jetzt eigent- lich nur was, was Lehrer wollen oder ist das irgendwie (…) Ja, gehört sich das einfach, gehört das dazu? Jan: Also ich denk mal, die, ähm, die das schreiben, die haben ja ’n (…) Urheber recht darauf. Also, die haben ja sozu sagen ’n Recht darauf, dass andere dann schreiben, von wem sie es haben. Weil die können ja nicht sagen, das ist Eigentum oder so. Aber wir mussten hier ’n Ver trag unter schreiben, dass wir immer Quellen angaben machen. Und nicht alles immer so aus drucken, wie das ist, das dürfen wir auch irgendwie bei den meisten Referaten nicht. Ich find das ’n bisschen lästig, dass man bei jedem Bild die einzelne Quellen angabe macht. Und dann bei jedem Text, und das ist dann schon ’n bisschen lästig. (Gruppen diskussion mit 12- bis 14-Jährigen, formal höhere Bildung, Stadt) In den Gruppen diskussionen mit formal höher gebildeten Schülern wurde deut- lich, dass die Lehrer an den Gymnasien, die die Probanden besuchen, schon früh darauf auf merksam gemacht haben, dass sie Wikipedia nicht als einzige Informations quelle nutzen, sondern die Angaben immer noch mit anderen Quellen ver gleichen sollten. 5.3 Zum Identitäts-, Beziehungs- und Informations - manage ment mit dem Social Web: die individuellen Perspektiven Der Alltag von jungen Menschen gestaltet sich zunehmend komplizierter und komplexer; sie sind heraus gefordert, ihre Identität auszu bilden, sich als Junge bzw. Mädchen, Mann oder Frau in ihren Peer-Groups selbst zu ver orten, sich in ihren Stärken und Schwächen im Umgang mit anderen kennen- und akzep- tieren zu lernen; sie tun dies in formellen (etwa in Schule, Ausbil dung, Beruf oder Hochschule) wie informellen Lernkontexten, dargeboten vor allem durch Medien. Heranwachsende sind in der Familie, der Schule bzw. Berufs schule, in der Hochschule, der Lehre oder der Ausbil dung sowie ihrer Freizeit ständig 153 neu – und jeweils spezifisch – heraus gefordert, ihre innere Realität mit den äußeren Anforde rungen in Einklang zu bringen. Das bedeutet zum einen, sich in die Familien- bzw. Klassen gemein schaft und auch die Peer-Group adäquat einzu bringen und den eigenen Standort zu er kennen, zu reflektieren und zu ver treten; zum anderen gilt es, ob in Unterricht oder Ausbil dung, Leistungs- anforde rungen gerecht zu werden sowie fest gefügten, ritualisierten, oft genug auch bürokratisierten Formen der Alltags gestal tung standzuhalten und sie, so- weit wie möglich, zu akzeptieren bzw. – der jeweiligen Situa tion an gemessen – neu zu gestalten. Hinzu kommt, dass Jugendalltag nicht nur bedeutet, zahl- reichen Anforde rungen gerecht zu werden, die mit der Notwendig keit der eigenen Biographieschrei bung zusammen hängen; junge Menschen sehen sich auch einer Fülle medial geprägter Angebote und Verloc kungen gegen über: Der Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen bedeutet auch Erlebnis- alltag. Eine Fülle von Angeboten und Anforde rungen lässt den Alltag für Jugend- liche zunehmend „unübersicht lich“ er scheinen. Wie Erwachsene streben auch Heranwachsende nach Zeit vertreib, Entlas tung vom Alltag, nach Unterhal tung und Amüsement. Insbesondere Social Web-Angebote bieten sich ihnen in ihren vielfältigen Erscheinungs formen zur Selbst-, Sozial- und auch Sachauseinander- setzung an; sie dienen den unter schied lichen Interessen und Wünschen in Bezug auf ihr Beziehungs management und ihr Identitäts management (siehe dazu auch Livingstone 2008; Valkenburg/ Peter/Schouten 2005; Valkenburg/ Peter 2008). Livingstone weist darauf hin, dass junge Menschen das Social Web nutzen, „in order to construct, experiment with and present a reflexive project of self in a social context“ (Livingstone 2008, S. 396). Social Web-Angebote, allen voran YouTube bzw. die Netz werk platt form Schüler- und Studi-VZ, taugen in vielfältiger Weise zur Alltags organisa tion und bieten sowohl eine ganz reale als auch eine Als-ob-Welt zum Kennen lernen und Ausprobieren in den für Jugend liche und Heranwachsende zentralen Feldern an. Wie auch eine aktuelle OFCOM-Studie (2008)68 zeigt, bieten sich Netzwerkplattformen an, um in Kontakt mit Freunden, der Familie und anderen Menschen zu bleiben, um Kontakt zu alten Freunden wiederherzustellen und neue kennenzulernen – dazu werden Profile anderer durchstöbert –, um mit der eigenen Identität online zu experimentieren und zu spielen, um sich selbst auszuprobieren und Selbst- bewusstsein aufzubauen (vgl. ebd., S. 38 ff.). Nur sehr selten wird dagegen, wie die Daten der vor liegenden Studie in Bezug auf das Informations management der Probanden er kennen lassen, das Social Web in seinem sozialen Moment – wie etwa durch Social Bookmarking 68 Dabei handelt es sich um eine qualitative und quantitative Studie zu Einstel lungen, Nutzungs- und Um- gangs weisen von Nutzern und Nicht-Nutzern unter jungen Menschen im Alter zwischen 11 und 24 Jahren in Bezug auf Social Networking. 154 etc. – wirk lich genutzt. Zwar informieren sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen häufig mithilfe der Online-Enzyklopädie Wikipedia, die auch zum Social Web gerechnet wird; sie nutzen diese allerdings in ähnlicher Weise wie Google, nämlich im Sinne einer „Such- und Recherchemaschine“. In den Fällen, in denen sie sich etwa Pinnwände oder Profile anderer Jugend licher oder junger Erwachsener ansehen bzw. diese kommentieren oder in deren Web- logs lesen, geht es weniger um den Aspekt der Informa tion als mehr um einen Teilaspekt des Beziehungs managements. Da wollen die Jugend lichen wissen, mit wem sie es zu tun haben, was andere tun oder denken, oder andere ärgern, dissen69 oder auch mobben. In diesen Fällen steht der Beziehungs aspekt im Vordergrund und weniger die Informa tion. Hin und wieder wird z. B. auch, wie etwa bei aus ländi schen Probanden, YouTube zur Informa tion genutzt, wenn diese sich Videos über ihr Heimatland ansehen; im Vordergrund steht hierbei jedoch zumeist der Aspekt der Identitäts pflege. 5.3.1 Dimensionen im Umgang mit dem Social Web Aus dem empiri schen Material der Einzelfall beispiele und Kurz-Profile70 haben sich als ein zentrales Ergebnis der Auswer tung sechs zentrale Dimensionen im Umgang mit dem Social Web heraus kristallisiert, die – je nach Proband – in unter schied lichen Ausprä gungen bzw. mit ver schiedenen Kombina tionen auf treten können. Diese Dimensionen – siehe dazu Tabelle 5.6 zur Übersicht – dienten der Vorsortie rung der Umgangs weisen aller in Einzelinterviews er- fassten Probanden. Einige Dimensionen kommen bei einigen Probanden gar nicht vor (0), andere sind dagegen wieder stark aus geprägt (2). Diese sechs Dimensionen er fassen jedoch nicht den konkreten Umgang der Probanden, sodass es – wie in der Tabelle ersicht lich – zu Überschnei dungen und Über- lappungen kommt, wie etwa zwischen den Handlungs typen 2 und 3 sowie 3 und 6. 69 Unter „Dissen“, einem Begriff aus dem Sprachgebrauch Jugendlicher, ist eine Art „Kabbeln“ zu verstehen; „Dissen“ ist damit zwischen einem eher harmlosen „Ärgern“ und dem ethisch (und gegebenenfalls auch juristisch relevanten) problematischen, andere in ihren Persönlichkeitrechten beeinträchtigenden und diese gegebenenfalls gar verletzenden „Mobben“ anzusiedeln. 70 Siehe dazu die Dokumenta tion der Kurz-Profile unter www. uni-salzburg. at / kowi /av/ forschung/ SocialWeb. 155 Tabelle 5.5: Übersicht über die Auswertungs dimensionen Dimension Leitfrage Beispiel kreativ Werden neue Inhalte geschaf- fen? Publika tion eines eigenen Videos auf YouTube, Schreiben eines Blogs intensiv Wie sieht der zeit liche Umfang der Social Web-Nutzung aus? Lange online sein, auch wenn man andere Medien, wie z. B. TV nebenbei nutzt reflexiv Denkt der Proband über sein Tun nach? Genaues Lesen von AGBs; Hinterfragen von Risiken; Abgleich von Chancen und Risiken des Social Web initiativ Ist der Proband selbst Akteur (z. B. Peer-Group)? Gründung eigener Gruppen in Schüler-VZ, aktive Initiie rung von Kommunika tion über Instant Messaging bzw. Netz werk platt formen relevant Welche Bedeu tung misst der Proband dem Umgang mit Social Web-Angeboten in seinem Alltag bei? Social Web für Beziehungs-, Identitäts- und Infor- mationsmanagement hohen Stellen wert im Alltag beimessen innovativ Weitet der Proband den Handlungs spiel raum nach eigenen Interessen aus? Ausweiten oder Umdeuten eines Angebots über seinen ursprüng lichen Rahmen hinaus, z. B. Netlog als Chance für einen eigenen geheimen Blog nutzen Um eine möglichst klare Typen bildung von Social Web-Handlungs typen vorzu nehmen, war es nötig, weitere Kriterien heran zuziehen, die aus der Inter preta tion des Gesamt zusammen hangs eines Einzelfall beispiels bzw. eines Kurz-Profils der Probanden ab geleitet wurden. Diese Kriterien ergeben sich einer seits daraus, was die Jugend lichen mit Social Web-Angeboten im Alltag jeweils konkret tun und wozu sie sie einsetzen, d. h. ob sie sie z. B. ver stärkt zur Beziehungs pflege oder zur Selbst darstel lung nutzen. Anderer seits sind sie in spezifi schen Anforde rungen des lebens welt lichen Kontexts der Probanden zu ver orten. Damit unter scheidet sich die Bildung der Social Web-Handlungs- typen von der in der Repräsentativstudie gebildeten SNS-Typologie;71 diese beziehen sich aus schließ lich auf die Nutzung von Netz werk platt formen. In die Bildung der Social Web-Handlungs typen, die sich auf den Umgang mit dem Social Web-Angebot insgesamt beziehen, gehen zudem motivationale und emo tio nale Aspekte mit Bezug auf die subjektive Bedeu tung des Umgangs mit dem Social Web ein. Diese Kriterien spiegeln sich nicht in der Tabelle wider, sondern werden in der folgenden Darstel lung der Handlungs typen im Kontext mit einer ent sprechenden Beschrei bung des Einzelfalls deut lich. Aus der jeweils unter schied lichen Kombina tion der Kriterien bzw. ihrer unter schied lichen Ausprä gung sowie den sich aus dem Gesamt zusammen hang des jeweiligen Falles er gebenden Kriterien ließen sich die folgenden sechs Typen von Handlungs weisen Jugend licher und junger Erwachsener mit dem Social Web beschreiben: 71 Siehe dazu die Ausfüh rungen in Kapitel 156 Handlungs typ (1): Die kreativ-engagierte Social Web-Nutzung auf unter schied- lichen Ebenen – der selbst bewusste, neugierig-kompetente Umgang mit Social Web-Angeboten Handlungs typ (2): Der intensive, initiative und kritische, aber konventionelle Umgang mit dem Social Web mit hoher Relevanz für das Beziehungs mana- gement (das Internet allgemein wird intensiv zum Informations management genutzt) Handlungs typ (3): Der intensive und kommunikativ-initiative Umgang mit dem Social Web zur Kontakt pflege und Selbst darstel lung Handlungs typ (4): „Dabei sein ist alles“ – Das Social Web zum Beziehungs- management (SNS relevant, sonst erweist sich die Social Web-Nutzung als unauffällig und eher unspezifisch) Handlungs typ (5): Der kritisch-selektive Umgang mit dem Social Web als „Mittel zum Zweck“ (zur Beziehungs pflege und zur Informa tion) Handlungs typ (6): Das Social Web zur Kompensa tion bei sozialen Problemen – die intensive und initiative Nutzung mit hoher Relevanz in einem problembelas- teten Alltag Die vor liegende Typen bildung erhebt keinen Anspruch auf Vollständig keit. Es er scheint vielmehr wahrschein lich, dass die generierten Typen die Möglich- keiten von Umgangs weisen Jugend licher und junger Erwachsener mit Social Web-Angeboten nicht vollständig ab bilden; andere Probanden gruppen in ande- ren sozialen Konstella tionen sowie die Nutzung anderer Angebots varianten legen prinzipiell andere Handlungs weisen mit dem Social Web nahe. Dennoch er lauben die sechs Handlungs typen im Umgang mit dem Social Web eine Orientie rung bei der Frage, wie Jugend liche und junge Erwachsene mit den von ihnen favorisierten Social Web-Angeboten umgehen und wie sie diese zur Selbst-, Sozial- und Sachauseinander setzung im Alltag einsetzen. Es wird offen- kundig, dass Jugend liche und junge Erwachsene unter schied lich mit Social Web-Angeboten umgehen; ihre Umgangs weise hängt mit ihren spezifi schen Bedürfnissen und Interessen zusammen, um ihren Alltag zu gestalten. Jugend- lichen und jungen Erwachsenen steht, beeinflusst durch ihr Geschlecht, ihr Alter, ihre formale Bildung sowie spezifi sche soziale Kontexte, ein breites Spektrum unter schied licher Handlungs weisen offen. 157 Tabelle 5.6: Übersicht über die Zuord nung zu Handlungs typen Fall Ort Alter Bildung kreativ intensiv reflexiv initiativ relevant innovativ Handlungs typ (1) „Die kreativ-engagierte Social Web-Nutzung auf unterschiedlichen Ebenen“ – der selbstbewusste, neugierig-kompetente Umgang mit Social Web-Angeboten Tim B 12 HB 2 2 2 2 1 1 Hamid A 12 HB 2 2 2 2 2 0 Daniel B 16 HB 2 2 2 2 1 0 (1)1 Sali A 11 NB 2 2 0 2 2 1 Pascal B 13 NB 2 2 0 2 2 0 Alexander B 18 HB 1 2 2 1 (2)2 1 0 Handlungs typ (2) „Der intensive, initiative und kritische, aber konventionelle Umgang mit dem Social Web“ mit hoher Relevanz für das Beziehungsmanagement (das Internet allgemein intensiv zum Informationsmanagement) Anne A 12 HB 0 2 2 2 2 0 Tanja B 16 HB 0 2 2 1 2 0 Karin A 19 HB 0 1 2 2 2 0 Handlungs typ (3) „Der intensive und kommunikativ-initiative Umgang mit Social Web zur Kontakt- pflege und Selbst darstel lung“ Yannik B 16 NB 0 (1 HP)3 2 0 2 2 0 Nina B 13 NB 0 (1 HP) 2 1 2 2 0 Hakan A 19 NB 0 2 2 2 SN/N 2 0 Cem A 12 NB 0 2 0 2 SN/N 2 0 Jim A 17 NB 0 2 (SNS 1) 2 2 SN/N4 1 Handlungs typ (4) „Dabei sein ist alles“ – Social Web zum Beziehungsmanagement (vor allem SNS relevant, sonst erweist sich die Social Web-Nutzung als unauffällig und eher unspezifisch) Sandra B 16 NB 0 2 1 1 2 (SNS) 0 Sabine B 19 NB 0 1 2 1 2 (SNS) 0 Jessica A 17 NB 0 1 0 1 1 (SNS) 0 Lukas A 17 NB 0 2 1 1 2 (SNS) 0 Nadine B 14 HB 0 2 0 1 2 (SNS) 0 Jan B 18 NB 0 2 0 1 2 (SNS) 0 Handlungs typ (5) „Der kritisch-selektive Umgang mit dem Social Web als Mittel zum Zweck“ zur Information und zur Beziehungspflege Katharina A 16 HB 0 1 2 1 1 (SNS 0) 0 Carola A 22 NB 0 1 2 1 1 (SNS 0) 0 Uwe A 17 HB 1 (eh. B)5 1 2 2 1 (SNS 0) 0 Stefan B 20 HB 0 1 2 0 0 0 Sonja B 18 HB 0 1 2 0 0 0 Roman A 21 HB 0 1 2 2 1 berufl. 0 Handlungs typ (6) „Social Web zur Kompensation bei sozialen Problemen“ – die intensive und initiative Nutzung mit hoher Relevanz in einem problembelasteten Alltag Hassan B 16 NB 0 2 0 2 2 0 Viktor B 17 NB 0 2 1 2 2 0 1 Daniel ist innovativ, da er Videos aus Computerspielprogrammen (nicht aus dem Social Web) auf YouTube setzt. 2 Alexander gestaltet selbst ein Online-Radio (2); in Bezug auf das Social Web ist er jedoch weniger initiativ als die anderen Probanden (1). 3 HP = Homepage. 4 SN/N = Bei der Nutzung von Netz werk platt formen wird Netlog wegen größerer Gestaltungs möglich keit bevor zugt. 5 Eh. B = Uwe hat früher für kurze Zeit ein Blog geführt. 158 Um die Operationalisie rung der Typen nachvollzieh bar zu gestalten, wird im Folgenden dargelegt, welche (Social Web-) Handlungs weisen bei den Pro- banden beobachtet werden konnten und welche sozialen bzw. psychi schen Struk turen den Hintergrund bilden. 5.3.2 Social Web-Handlungs typen Handlungs typ (1): Die kreativ-engagierte Social Web-Nutzung auf unter- schied lichen Ebenen – der selbst bewusste, neugierig-kompetente Umgang mit Social Web-Angeboten (6) Beispiele: Tim, 12 Jahre (Gymnasium); Hamid, 12 Jahre (Gymnasium); Pascal, 13 Jahre (Realschule); Daniel, 16 Jahre (Gymnasium); Alexander, 18 Jahre (Gymnasium); Sali, 11 Jahre (Hauptschule) Dieser Social Web-Handlungstyp findet sich nahezu ausschließlich bei Jungen zwischen 12 und 18 Jahren (lediglich ein Mädchen lässt sich unter diesen Typ subsumieren), die sich in einer kreativen, intensiven, initiativen sowie inno va- tiven Weise mit Social Web-Angeboten auseinandersetzen. Für fast alle nimmt die Beschäftigung mit zentralen Angeboten des Social Web einen großen Stellenwert in ihrem Alltag ein. Fast alle schöpfen die Möglichkeiten, die das Social Web bietet, weitgehend aus, wobei vor allem Netzwerk- und Video platt- formen, deutlich weniger aber Foto- und Audioplattformen genutzt werden. Der Faktor formale Bildung spielt bei den sechs Probanden eine eher unter- geordnete Rolle; zwar erweisen sich die drei Gymnasiasten Tim, Hamid und Daniel im Gegensatz zu den formal niedriger Gebildeten, Pascal und Sali, als deutlich reflektierter im Umgang mit Social Web-Angeboten; sie zeigen sich als kritische Nutzer, die auch über die Risiken informiert sind. Im Vordergrund stehen jedoch bei allen sechs Probanden die große Neugier und das große Engagement, mit dem sie intensiv, initiativ und kreativ Social Web-Angebote ausprobieren und für ihre speziellen Anliegen im Alltag einsetzen. Einige wenige, wie Tim oder Sali, zeigen sich in ihrem Umgang mit dem Social Web auch innovativ; sie nutzen Social Web-Angebote nicht allein im vor gegebenen Rahmen, sondern weiten seinen Gestaltungs rahmen nach eigenen Interessen aus. Alle sechs Jugend lichen er weisen sich als sehr auf geweckte und neugierige Heranwachsende – im Alltag allgemein wie speziell auch im Umgang mit Social Web-Angeboten. So auch Tim aus B (12 Jahre), ein über durchschnitt- lich begabter Junge, der sich an allem Neuen sehr interessiert zeigt und gern experimentiert – unabhängig ob off- oder online. Er erzählt z. B. während des Interviews, dass es ihn gereizt habe, sich aus dem Internet eine Anlei tung zum Bau einer Rauchbombe herunter zuladen; er habe auch schon probiert, selbst eine „harm lose Variante eines Computervirus“ zu bauen. Tim ist nicht nur 159 den Gleichaltrigen, sondern sogar einigen älteren Heranwachsenden in vielen Dingen über legen; er genießt seine Überlegen heit – auch während der Gruppen- diskussion freut er sich, wenn er etwas besser weiß als andere. Er schätzt dabei die Herausforde rung, sich mit anderen zu messen. Tim hat ein starkes Selbst bewusstsein und geht sowohl online als auch offline seinen eigenen Weg, ohne sich dabei von seinen Freunden und Schul kollegen beeinflussen zu lassen. Tim hat eine ältere Schwester (19) und einen älteren Bruder (17), den er sehr bewundert und mit dem er sich gut ver steht. Von seinem Bruder und dessen Freunden hat er sich auch vieles im Umgang mit Computer und Internet ab- geschaut. Tim braucht viel Abwechs lung. Dessen sind sich auch seine Eltern (sein Vater ist Landschafts geograf, seine Mutter Antiquitäten händlerin) bewusst, und so unter stützen sie ihn bei unter schied lichen sport lichen Aktivitäten sowie beim Erlernen von zwei Musikinstrumenten. Tim gibt an, viele und sehr unter- schied liche Freunde zu haben. Einer seits ist er stolz, auch von den Freunden seines großen Bruders, die er alle als Computer-Freaks bezeichnet, akzeptiert zu werden. Anderer seits hat er auch viele Freunde in der Schule oder Freunde, mit denen er gemeinsam Sport treibt oder musiziert. Tim ist ein „Multi- Tasker“: Wenn er zu Hause ist, schaltet er gleich seinen Computer ein und schaut zuerst nach seinen E-Mails;72 dabei lässt er zuweilen im Hintergrund Musik laufen. Aber auch hier nutzt er in erster Linie seine Audiofiles, die er am Computer gespeichert hat, oder hört Musik über YouTube. Dort hat er beispiels weise unter einem Pseudonym zwei Videos (mit Bildern unter malte Musik) ein gestellt. Wenn er sich mit seinen Freunden ver abreden will, tut er dies gern über ICQ. Er nutzt dazu auch SchülerVZ, dies aber nicht mehr so regelmäßig, sondern zwischen durch, um zu prüfen, ob sich etwas Neues getan hat. In SchülerVZ hatte er ein zweites Profil an gelegt, in dem er sich als Jimi Blue Ochsen knecht aus gegeben hat, um Schul kollegen einen Streich zu spielen. Er beschäftigt sich jedoch auch sehr ernst haft im SchülerVZ. Dort begibt er sich zuweilen mit Gleichgesinnten auf die Suche nach Profilen, die ihm „nicht passen“, wie etwa jenen mit Sympathie für Nazis. Diese meldet er dann dem Betreiber. Denn er weiß, dass diese Profile gelöscht werden, wenn sie öfter gemeldet werden. Ich find das schon ein bisschen doof, dass man sich da auch noch (…) so richtig rein schreibt: „Äh ich bin Nazi, Nazis sind toll“ und so. Und dann haben wir auch ganz viel auf die Pinnwand geschrieben. Ja, Scheiß-Nazi und so. Und dann haben wir den raus geschmissen. 72 Nicht alle Probanden haben eine Standardeinstel lung zum Einstieg ins Internet bzw. eine Lieblings seite. Wo dies der Fall ist, wird darauf in den Falldarstel lungen Bezug genommen. 160 Geht es um sein Beziehungs management, gibt sich Tim über legen; er hält nicht viel davon, dass viele seiner Schul kollegen und Freunde ihrem Kommu- ni ka tions bedürfnis nahezu ständig nach gehen und damit Zeit vertun. Tim ist vielmehr auch im Internet immer auf der Suche nach neuen Herausforde run- gen. Er nutzt die Kommunikations- und Ver netzungs angebote des Social Web gezielt und generell sehr strategisch. Zwar ist Tim bei SchülerVZ 100 Gruppen bei getreten und erzählt stolz, dass er sogar eine eigene Gruppe gegründet habe, in der sich bereits über 250 Personen an gemeldet hätten; im Gegensatz zu vielen anderen Jugend lichen tut er dies aber nicht in erster Linie, um sich damit zu positionieren und anderen präsentieren zu wollen. Ihm ist es viel wichtiger, etwas auszu probieren. Dabei analysiert er äußerst schnell und gut, was sich mit den jeweiligen Kommunikations diensten realisieren lässt und was nicht. Für ihn spielt es eine wichtige Rolle, ob ihm ein Social Web-Angebot für seine Bedürfnisse zweckmäßig er scheint oder nicht. Falls ein Angebot seinen Anforde rungen nicht mehr ent spricht, nutzt er es auch nicht länger. Dabei ist er – wenn gleich er Bescheid weiß, dass dies nicht ganz in Ordnung ist – z. B. im Umgang mit dem Thema Urheber recht recht offensiv. Er ver- wendet un gehemmt Musik oder Bilder, wenn es ihm Spaß macht, um diese dann in neuen Kombina tionen im Internet zu ver öffent lichen. Außerdem kennt er sich sehr gut im illegalen Download von Musik aus und weiß genau, wie man seine IP-Adresse ändert oder was man tun muss, um dabei nicht ent deckt zu werden. Für seine aktuelle große Leiden schaft, Online-Spiele, vor allem World of Warcraft, nutzt er derzeit fachspezifi sche Foren, um sich zu infor- mieren. Wikipedia er scheint Tim generell, wenn er etwas anderes abseits seines Themas „Spielen“ wissen will, nicht so effektiv wie Google, das ihm in allen Lebens lagen das passende Werkzeug zu sein scheint. Wie Tim probiert auch Hamid (12 Jahre), der bei seiner Mutter, einer Ärztin, in A wohnt, gern Neues aus, und wie Tim ist auch Hamid schnell gelangweilt, wenn sich ihm keine neuen Herausforde rungen stellen. In seiner Freizeit spielt er Basketball und Fußball oder geht mit seinen Freunden schwim- men. Seine große Leiden schaft ist jedoch die Musik. Das Internet steht bei Hamid auf Platz eins seiner Medien-Rankingliste; auch seinen iPod bzw. MP3- Player nutzt er sehr häufig. An dritter Stelle würde Hamid das Handy reihen, um für seine Freunde erreich bar zu sein. Hamid schätzt auch das Fernsehen, dabei sieht er nicht nur deutsche Programme, sondern auch anders sprachige Sender, um sich breit zu informieren. Ab und zu nimmt Hamid auch ein Buch zur Hand, doch das Lesen gehört nicht zu seinen Hobbys. Eine eigene Stereo- anlage besitzt Hamid nicht, daher ver wendet er den Computer, um seine Play- lists (die insgesamt nach eigenen Angaben 2.000 Lieder beinhalten) ab spielen zu können. Das Radio schaltet er eher abends ein, um gezielt eine gewisse Sendung zu hören, die er lustig findet. 161 Seine aus gezeichneten Computerkenntnisse hat das Einzel kind unter ande- rem von seinem Vater, einem Computer-Ingenieur. Das Internet ver wendet Hamid vor allem bei der Informations suche zu bestimmten Themen, um mit seinen Freunden per E-Mail oder Netlog (dient ihm als Standardeinstel lung) und SchülerVZ in Kontakt zu bleiben, Musik und Filme downzuloaden oder Spiele zu spielen. Bei den Netz werk platt formen ist Hamid sehr wählerisch, so zieht er Netlog dem SchülerVZ klar vor, „weil man auf dieser Platt form mehr Gestaltungs möglich keiten hat.“ Daher führt er bei Netlog auch ein eigenes Weblog, mit dem er andere Interessenten über witzige Videos oder Fotos informiert. Die Videoplatt formen YouTube und MyVideo zählen zu Hamids Lieblings seiten, da er hier seine favorisierte Musik anhören und später von anderen Internet seiten downloaden kann. Ebenso ist er an Musik videos und lustigen Clips („Verarschungen“) interessiert, die er auf MyVideo ab und zu bewertet und an seine Freunde weiter leitet. Neben Facebook, wo er registriert ist, nutzt er auch MySpace, um sich Tipps zu neuen Liedern zu holen oder neue Bands aus findig zu machen. Instant Messaging spielt bei Hamid aktuell keine Rolle mehr: Das hat’ ich mal, aber das wurde dann langweilig, und so und dann hab ich’s ge- löscht. Wie Tim nutzt Hamid das illegale Downloaden, um sich mit Musik und Videos „einzu decken“. Er weiß zwar, dass dies eine straf bare Handlung ist, ändert deswegen aber nichts an seinem Ver halten. Seine Eltern haben ihn dafür, wie er erzählt, sogar schon mit einer ein geschränkten inhalt lichen und zeit lichen Nutzung des Internets bestraft. Hamid ist generell sehr aktiv; er beteiligt sich bei Diskussionen in Foren oder schreibt Einträge bei Yahoo! Clever.73 Dazu stöbert er nach Fragen, die er beantworten kann, informiert sich zu interes- santen Themen, um anschließend seine Antworten zu posten. Auf diese Weise sammelt er Punkte und kann ins nächste „Level“ auf steigen. Nachdem er bei Wikipedia eine falsche Informa tion zu seiner Religion Bahia (eine aus Persien stammende multinationale Religions gemein schaft) gefunden hatte, lag ihm daran, den Fehler zu korrigieren. Da er jedoch nicht an gemeldet war, wurde ihm das ver wehrt; eine Anmel dung interessierte ihn jedoch dann nicht mehr. Sein Profil bei Netlog hat er mit vielen Fotos, Designs, Blogs und Videos bestückt. Damit möchte er seine Fähig keiten als aktiver Nutzer unter Beweis stellen; ihm liegt daran, dass andere Personen dadurch auf ihn auf merksam werden. Hamids Plan ist es auch, Videos ins Netz zu stellen; da er jedoch sehr anspruchs voll ist, reicht ihm die Qualität seiner selbst produzierten Videos derzeit noch nicht. 73 Das Portal Yahoo! Clever (http://de. answers. yahoo. com / ) bezeichnet sich selbst als Community; Hamid benutzt es jedoch aus schließ lich als Wissens forum, wenn er Informa tionen benötigt. 162 Auch Pascal (13 Jahre) ist ein intelligenter Junge, der wie Tim und Hamid einen festen Freundes kreis hat. Gemeinsam mit seiner Zwillings schwester lebt Pascal bei seiner Mutter, einer Haus wirtschafterin, und ihrem neuen Lebens- gefährten in B; Pascals Eltern (sein Vater ist Wachmann) sind geschieden. Auch er hört gern Musik, spielt Gitarre und Fußball (in einem Verein) und ist sozial sehr gut integriert. Pascal möchte später gern einmal Mitglied in einer Band werden. Unter den Medien ist ihm sein Handy extrem wichtig. Dabei spielt die Kommunika tion nur eine unter geordnete Rolle; er nutzt es, um im Internet zu surfen, Musik zu hören und Nachrichten zu schreiben. Das Internet möchte Pascal auf keinen Fall missen. Außerdem spielt er noch gern Computer- spiele; und dabei kann es vor kommen, dass er die Zeit ganz ver gisst. Die Fülle der Angebote des Social Web nutzt Pascal mit hohem Engagement; er kennt die Möglich keiten, die das Internet zu bieten hat, auf nahezu allen Ebenen. Pascal nutzt ICQ und ebenso SchülerVZ, dort ist er z. B. sehr aktiv, weil er dort mehr als 200 Freunde hat, mit denen er kommuniziert. Dort gründet er auch selbst Gruppen, die mit seiner Vorliebe für deutsche Fußballmann schaften zu tun haben. Außerdem macht es ihm großen Spaß, auf den Profilen anderer Nutzer zu stöbern und deren Fotoalben anzu sehen und sie auch zu kommen- tieren. Die Videoplatt form YouTube nutzt er zum Anschauen von Musik videos oder privaten Clips. Da er dort auch an gemeldet ist, stellt er sich regelmäßig Playlists zusammen. Pascal interessiert sich zudem für Online-Radios, auch Online-Zeitun gen anstatt von Printmedien findet er interessant, und aktiv be- teiligt er sich bei Forums-Diskussionen. Pascal produziert auch Videos, die er auf YouTube ver öffent licht. Von seinen vielen älteren Freunden hat er den Umgang mit Bildbearbeitungs programmen gelernt, die er nun häufig ver wen- det, um seine Bilder zu „ver schönern“; ihm ist es wichtig, möglichst „cool rüberzukommen“. Auch seine jüngeren Freunde hat Pascal nun für diese Pro- gramme gewinnen können und ihnen bei gebracht, wie man sie richtig nutzt. Daniel (16 Jahre), der mit seinen Eltern – beide arbeiten als Ver waltungs- angestellte – und einem 18-jährigen Bruder in B wohnt, ist im Gegensatz zu den anderen Angehörigen dieses Typs ein eher zurück haltender Mensch, der sich gerne allein beschäftigt und – wie auch Hamid – einen hohen Anspruch an sich selbst stellt. Ein Außen seiter ist er jedoch keines falls; im Gegenteil, er schätzt den Kontakt zu seinen vielen Freunden. Auch Daniels großes Hobby ist der Fußball; auch er spielt in einer Mannschaft. Medien spielen für Daniel eine große Rolle. Sein Computer inklusive des Internet zugangs ist für ihn be- sonders wichtig, da er so mehrere Komponenten miteinander ver binden kann: Er kann fernsehen, Musik hören, sich mit seinen Freunden unter halten und Spiele spielen. So kann es auch schon mal vor kommen, dass er die Zeit ver- gisst und stunden lang vor dem PC sitzt. Wie Tim, Hamid und Pascal schöpft auch Daniel die Möglich keiten des Social Web weit gehend aus. Daniel nutzt Google und Wikipedia als Recherchemedium für die Schule, aber auch privat. 163 Ihm liegt daran, dass er in allem, was er tut, möglichst seriös wirkt. Daher geht er auch sehr reflektiert mit Angeboten des Social Web, wie etwa Google und Wikipedia, um: Erstmal geb’ ich das bei Google ein, und (…) dann guck ich halt die ersten Seiten erstmal an, (…) dann, wenn sich irgendwelche Pop-ups öffnen, irgendwelche Werbe- fenster, dann kann man, dann würd’ ich das auf jeden Fall, auf keinen Fall trauen. Daniel wird auch selbst aktiv, wenn ihm etwas auf fällt oder er etwas richtig stellen möchte; so lässt sich auf Wikipedia ein Eintrag von ihm zu einem ihn sehr interessierenden Thema finden. Auch SchülerVZ ist Daniel wichtig; über die Gruppen, denen er dort an- gehört, möchte er sich als Person beschreiben. Dabei ist es ihm wichtig, wie er „rüberkommt“ und wie andere ihn sehen. Deshalb aktualisiert er diese auch regelmäßig. An den Gruppen-Diskussionen beteiligt er sich aber nicht; dafür er scheint ihm das Produzieren von immerhin schon neun Videos, die alle von Computerspielen handeln und die er mit Windows-Moviemaker selbst er stellt, interessanter; diese lädt er auf YouTube hoch. Daniel ist es dabei wichtig, dass seine Videos wahrgenommen werden und andere sehen, was er leistet; ihm unrecht er scheinende Kritik auf seinem Account bei YouTube an seinen Videos ver trägt er daher nicht gut. Dann lässt er nicht locker, sie wiederum mit Be- mer kungen zu ver sehen. Von sich selbst will er keine Videos ver öffent lichen, da ihm dies zu persön lich er scheint, doch er schaut sich gern witzige Videos anderer auf YouTube an, wie über haupt die Videoplatt form für Daniel ein all- täg licher Begleiter ist. Früher hat er auch auf SchülerVZ Videos hoch geladen; nun nutzt er es vor allem für sein Beziehungs management, zur Kontakt auf- nahme mit anderen Nutzern und zum Stöbern auf diversen Profilseiten, denn heute, wie er sagt, sei ihm Neues und Ausprobieren nicht mehr ganz so wichtig wie früher. Neuerdings nutzt er auch stärker Instant Messaging zur Kontakt- pflege und zum Austausch mit seinen Freunden und Schul kollegen. Durch ICQ hat sich auch sein Kommunikations verhalten geändert: Sein Freundes- kreis hat sich er weitert und die geführten „Gespräche“ im Chat sind länger geworden, zuweilen gar intensiver als in der Face-to-Face-Kommunika tion. So ist ICQ neben SchülerVZ auch seine Standardeinstel lung, auf die er beim Öffnen des Computers zuerst zugreift. Alexander, 18 Jahre, ist ein sehr auf geschlossener und kommunikativer junger Mann, der wie die anderen Angehörigen dieses Handlungs typs gern Neues aus probiert. Er besucht das Gymnasium und lebt zusammen mit seinen Eltern – seine Mutter ist Haus frau, sein Vater Landwirt – und seinen drei jün- geren Brüdern (11, 13 und 15 Jahre) sowie seiner Groß mutter in B. Alexander wird von seinen Freunden sehr geschätzt; da er im Umgang mit techni schen Neuerun gen sehr ver siert ist, wird er von ihnen oft um Hilfe gebeten. Für seine Peer-Group gestaltet und ver antwortet er denn auch eine eigene Homepage 164 (mithilfe des Microsoft Office-Programms Frontpage); darauf aktualisiert er die Fotos, organisiert das Gästebuch und bearbeitet die Profile seiner Freunde. In seiner Freizeit trainiert Alexander dreimal die Woche in einem Fußball- verein und ist im Vorstand der Landjugend seines Heimatortes. Der musik- begeisterte Alexander hat lange Zeit bei einem Online-Radiosender als DJ und Moderator gearbeitet und die Tätig keit sehr genossen; wegen interner Probleme im Sender ist ihm vor Kurzem gekündigt worden. Medien spielen in Alexanders Alltag eine große Rolle, vor allem die, die das Abspielen und Hören von Musik ermög lichen. Ob Bücher (dafür fehlt ihm jedoch oft die nötige Zeit), die Online-Ausgabe einer Tages zeitung, Fernsehen, (Online-) Radio (zum Hören von klassi scher Musik) oder vor allem das Internet – Alexander beschäftigt sich gern und häufig mit ihnen. Unverzicht bar ist für ihn auch das Handy, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Früher nutzte er gern Browser- Games, die in Teams gespielt werden konnten. Auf LAN-Parties war er des Öfteren ein geladen, jetzt hat er dafür jedoch keine Zeit mehr. Das Internet, in dem er sich – vermittelt durch seinen Onkel, einem Com- pu terfachmann – sehr gut aus kennt, erfüllt für Alexander vielfältige Funk- tionen. Seine Start seiten sind StudiVZ und SchülerVZ, die auch beide – neben Stayblue und der Emsland-Community – seine Lieblings seiten darstellen. Wenn er sich schnell, bequem und gezielt Informa tionen beschaffen möchte, startet er zumeist mit Google, mithilfe von Wikipedia setzt er dann meist seine Recherche fort – dies jedoch sehr kritisch. So ver gleicht er die Angaben mit anderen Quellen. Aus eigener negativer Erfah rung mit einem Dial-in-Virus weiß er, wie wichtig es ist, den Besuch unseriöser Webseiten zu ver meiden und mit dem Preis geben seiner persön lichen Daten vor sichtig umzu gehen. Sein Umgang mit dem Internet allgemein wie ebenso mit Social Web-Angeboten ist reflektiert. Netz werk platt formen, vor allem SchülerVZ, StudiVZ sowie die Emsland-Community, spielen für Alexander ebenso wie Instant Messaging eine wichtige Rolle, um mit seinen Freunden zu kommunizieren und sich zudem selbst darzu stellen. Über MySpace informiert Alexander sich über Bands, die seinem Musik geschmack (Rock) ent sprechen. Bei YouTube schaut er sich zumeist Videos zur Belusti gung oder Musikclips an. Dort ist aber auch ein selbst produziertes Video von ihm zu finden. Alexander hat auch mit einem eigenen Weblog experimentiert, ihn dann allerdings wieder ein gestellt: Irgendwie war es mir zu öde, jeden Tag dann oder so was reinzuschreiben, obwohl nix Neues war. Und weil der war nach einer Woche dann auch wieder geschlossen. Wie für Tim sind auch für Alexander Social Web-Angebote ein gutes Experi- mentierfeld und eine Möglichkeit zur Beziehungspflege, doch auch er könnte sich, wie etwa Tim und Daniel, vorstellen, in seinem Alltag ohne diese Ange- bote zurechtzukommen. 165 Auch das einzige Mädchen, die elfjährige Muslimin Sali, die zusammen mit ihren Eltern (Salis Mutter arbeitet als Raumpflegerin, ihr Vater handelt mit Autos) und ihren Geschwistern in einem sozial schwachen Stadt teil in A wohnt, zeigt Handlungs weisen wie die oben genannten sechs Jungen. Sali hat 21-jährige Zwillings brüder sowie einen 22-jährigen Bruder und zwei ältere Schwestern, 24 und 26, von denen die älteste Schwester nicht mehr bei der Familie lebt. Wegen ihres Alters sowie ihrer muslimi schen Herkunft sind Salis Möglich keiten, das Social Web zu nutzen, jedoch recht ein geschränkt; sie kann noch nicht alle seine Möglich keiten so aus schöpfen wie die Jungen. Auch Sali ist wie die Jungen dieses Typs sehr auf geweckt und kommunikativ; auch sie lässt sich nicht so schnell von Älteren unter kriegen und hat ein starkes Bedürfnis, sich mitzu teilen. Sali hat es gelernt, sich gegen ihre älteren Brüder durch zusetzen – so gut sie eben kann. Auch sie zeigt sich wie die männ lichen Probanden dieses Typs an Vielem hoch interessiert; vor allem interessiert sich das fast frühreif zu nennende Mädchen für alles, was mit Sexualität zu tun hat. Da dies in ihrem muslimi schem Familien- und Bekannten kreis aber ein Tabuthema ist, sucht sie sich die ent sprechenden Informa tionen außerhalb: Sie recherchiert dazu intensiv im Internet (dabei hat sie so viele Lieblings seiten, dass sie sie gar nicht alle nennen kann), leiht sich aber auch in der Stadt- bibliothek Bücher über Sexual kunde aus. Auch in der Schule fragt sie bei allem, was ihr wichtig ist, genau nach. Dass sie sich sehr gewissen haft mit ihren Themen – insbesondere dem Thema Sexualität – beschäftigt, zeigt sich darin, dass sie im Interview sogar mit medizini schen Fachbegriffen brillieren kann. Eine von Salis Lieblings seiten im Internet ist www. koerper. sexual- kunde. com; dabei handelt es sich um eine Linksamm lung zu diversen Porno- seiten. Sali gibt an, über diesen Link auch ein einschlägiges Forum gefunden zu haben, über das sie sich regelmäßig informiert. Ja, da kann man eigent lich Fragen stellen, kann lesen, kann man alles drüber wissen und so. Trotz ihres jungen Alters lebt Sali, u. a. mithilfe des Social Web, beinahe schon in einer Parallelwelt, in der andere Werte zählen, als in ihrem sozialen Umfeld. Sie weiß, dass ihre Interessen von den Männern in ihrer Umgebung nicht akzeptiert werden, deshalb bietet ihr das Social Web die Chance, ihren Bedürfnissen nach zugehen und sich dort, so gut es ihr möglich ist, zu ver- wirk lichen: Es bedeutet in ihrem sehr tradi tionellen muslimi schen Umfeld ein Stück Freiheit für sie. Sali muss jedoch bei allem, was sie tut, auf ihre älteren Brüder acht geben; diese passen recht streng auf ihre Schwester auf. Meine Brüder, die gucken immer. I: Die gucken was die kleine Schwester so macht? Sali: Meine Brüder ver trauen mir nicht, weil ich noch so klein bin. 166 Doch Sali hat Wege gefunden, sich durch zusetzen und ihr eigenes Leben zu führen. Mit ihren Freundinnen kommuniziert Sali aus Angst ent deckt zu wer- den häufiger über E-Mail als über Instant Messaging, weil sie auf E-Mails von überall zugreifen kann. Netz werk platt formen kennt Sali nicht explizit; d. h. ihr ist deren Funktion nicht bewusst. Sie gestaltet aber einen geheimen Blog auf Netlog, den sie niemand anderem zugäng lich macht. Sali funktioniert die Platt form Netlog für ihre Bedürfnisse um und nutzt sie – innovativ – als Tagebuch, das sie vor ihrer Familie sowie ihrem Freundes kreis auf diese Weise völlig geheim halten kann, da sie sogar weiß, wie sie ihren Blog ver schlüsseln kann: I: Und wo schreibst du das? Sali: In einem Blog. I: Und wer kann den Blog alles lesen? Sali: Nur ich. Das ist so wie mein Tagebuch. I: Und da können andere Leute sozusagen ins Internet gehen und sich das angucken? Sali: Nein. (…) Ich habe ein Geheimpasswort eingegeben. Obwohl Sali auch von zu Hause aus Zugang zum Internet gewährt wird, geht sie gern in ein Internetcafé, um dort in Ruhe und ohne Gefahr, mit ihrer Familie Probleme zu bekommen, zu recherchieren, zu chatten und Videos anderer im Netz anzu schauen. Über ihre Brüder hat sie auch Erfah rungen mit der aktiven Produk tion von Handyvideos gemacht. Gemeinsam mit ihnen hat sie darauf Filmsequenzen zu Robin Hood und anderen Filmen nach gespielt. Handlungs typ (2): Der intensive, initiative und kritische, aber konven tio- nelle Umgang mit dem Social Web mit hoher Relevanz für das Beziehungs- management (das Internet allgemein wird intensiv zum Informations- management genutzt) (3) Anne, 12 Jahre (Gymnasium); Tanja, 16 Jahre (Gymnasium); Karin, 19 Jahre, (Universität) Bei den Angehörigen dieses Social Web-Handlungstyps handelt es sich um formal höher gebildete Mädchen; für sie nehmen Social Web-Angebote einen sehr hohen Stellenwert im Alltag ein. Sie nutzen sie nicht nur intensiv und zuweilen auch initiativ, sondern auch konsequent reflektiert. Im Vordergrund steht bei ihnen allerdings das Networken, die Beziehungspflege, verbunden mit einem großen Interesse an Identitätsmanagement, sprich Selbstdarstellung. Für ihr Informationsmanagement besitzt weniger das Social Web als vielmehr das Internet insgesamt eine bedeutsame Rolle. Anders aber als die Jugendlichen bei Typ 1 gehen diese Mädchen mit Social Web-Angeboten eher konventionell, wenig kreativ und keinesfalls innovativ um. 167 Die zwölfjährige Anne, ein sehr nachdenk liches, einfühlsam und auf- geschlossen wirkendes, gesprächiges Mädchen, besucht das Gymnasium. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern (ihre Mutter ist Angestellte, ihr Vater Maschinenmeister) und ihrem 16-jährigen Bruder in A; Anne fühlt sich in ihrer Familie und ihrer weiteren Umgebung, auch in der Schule, sehr wohl. In ihrer Freizeit ist sie sehr aktiv: Sie spielt in einem Verein Badminton, fährt mit dem Fahrrad oder trifft sich mit ihren Freunden. Sie liebt auch Computer- Rollen spiele, in denen sie für die Entwick lung der Charaktere ver antwort lich ist. Ihre Eltern haben ihr dafür klare Grenzen auf gezeigt und Regeln er stellt, die sie auch akzeptiert, und die sie später bei ihren Kindern eben falls über- nehmen will. Auch das Organisieren von LAN-Parties würde sie sehr reizen. Anne ist zudem eine begeisterte Köchin; aus dem Internet holt sie sich viele Ideen und Rezepte, um diese Leiden schaft ausüben zu können. Einen wichtigen Platz in ihrem Leben nimmt das Internet ein; ver zichten möchte sie darauf in keinem Fall. Ihr tägliche Internetnut zung folgt dabei einem klaren Ablauf: Wenn sie den Computer einschaltet, ver wendet sie gleich- zeitig zwei Internetbrowser, um mehrere Seiten parallel besuchen zu können, da sie sonst schnell gelangweilt wäre. Danach werden eventuell empfangene E-Mails kontrolliert und das SchülerVZ oder Netlog geöffnet. Diese Platt- formen, ebenso wie Instant Messaging, nutzt Anne in erster Linie zur inten- siven Kommunika tion mit ihren Freunden. Obwohl nicht alle ihrer Freunde bei SchülerVZ oder MSN an gemeldet sind, ist es für sie doch von großer Be- deu tung, dadurch erreich bar zu sein. Bei MSN hat sie auch die Option gewählt, ihre Freunde nach Beliebt heit zu ordnen. Dort fügt sie auch Bekannte zu der Kategorie „Beste Freunde“ hinzu; da es ihr hier – anders als im realen Leben – nicht so wichtig er scheint, zwischen Freunden und Bekannten zu unter schei- den. Insbesondere SchülerVZ genießt bei Anne eine hohe Relevanz; hier prä- sentiert sie sich auch selbst durch die Beschrei bung ihrer Person und durch Fotos, die sie hochgeladen hat sowie durch die Mitglied schaft in ver schiedenen Gruppen. Sie möchte, dass andere Nutzer sie dadurch besser einschätzen lernen. Bei allem ist Anne jedoch sehr vor sichtig mit der Weitergabe ihrer Daten. So gibt sie ihren Benutzer namen von MSN nur den Personen, denen sie ver traut. Fremden gegen über ist sie eher misstrauisch, obwohl es ihr Spaß macht, neue Leute kennen zulernen. Manchmal bedauert sie es, und es ist ihr sogar unangenehm, dass ein Foto von ihr auf der Profilseite von SchülerVZ vor handen ist. Na, ja dann kommen irgendwelche wildfremden Menschen und schreiben irgendwas hin. Das war ja auch schon. Ich hatte einfach so’n lustiges Foto von mir rein gestellt, und die gleich: „Oa, ist das häss lich.“ Diese Erfah rung hat sie gelehrt, vor sichtig mit Angaben zu ihrer Person zu sein. An Diskussionen beteiligt sie sich jedoch nicht; dies er scheint ihr zu 168 auf wändig. Die Produk tion von eigenen Videos reizt sie jedoch sehr; gemein- sam mit einer Freundin plante sie, ein Video zu ver öffent lichen. Dies scheiterte aber bisher zum einen an der geeigneten Ausrüs tung und zum anderen an der mangelnden Übereinstim mung darüber, was sie produzieren sollen. Anne war auch schon einmal auf YouTube an gemeldet, um dort Videoclips zu kommen- tieren. Da sie ihren Benutzer namen und das Pass wort ver gessen hatte, konnte sie jedoch nicht mehr auf ihren Account zugreifen. Über YouTube hört Anne gerne Musik und sieht sich auch lustige Videos an. Sie nutzt es außerdem, um ver passte Serien auf YouTube anzu sehen. Sehr reflektiert ver hält sich Anne auch in ihrem Informations management; Anne ist sich z. B. darüber im Klaren, dass sich an der Online-Enzyklopädie jeder als Autor beteiligen kann. Sie hat auch das Gefühl, dass die Ver fasser „das einfach nur vom Lexikon da reinschreiben. (…) Weil es gibt so viele Themen, und nicht jeder ist jetzt auf alle Themen spezialisiert, und da gibt’s ja auch dann nur wenige, die so richtig wie ’n Professor oder so was da aus- kennen. Die meisten schreiben, denk ich nur, damit sie ja ihre Sachen auf der Seite stehen, einfach von irgendwo nur ab.“ Daher ver traut sie nicht allein den Informa tionen, die bei Wikipedia an gegeben sind, sie über prüft diese an- hand von Internet seiten, die auf das ent sprechende Thema spezialisiert sind. Wenn das ihre Unsicher heit in Bezug auf den Wahrheits gehalt noch nicht aus dem Weg räumt, er kundigt sie sich bei ihrem Bruder. Anne findet es den Ver- fassern gegen über unfair, bei Informa tionen aus dem Internet keine Quelle anzu geben. Trotz ihres Alters wirkt Anne sehr umsichtig im Umgang mit dem Internet, sie weiß über viele Risiken und Gefahren Bescheid. Ihre Kenntnisse er lauben es ihr auch, ohne Gefahren bei eBay mitzu bieten; gerade das Mit- bieten macht Anne vor allem dann großen Spaß, wenn es um Produkte geht, die es in Deutschland nicht zu kaufen gibt. Bis dato konnte sie aber noch nichts er steigern, da sie noch immer über boten wurde. Wenn ihr etwas sehr wichtig ist, so ihre alte Barbie-Sammlung, will sie aber die Hilfe ihrer Eltern in Anspruch nehmen und gemeinsam mit ihnen die Sammlung ver kaufen. Wie Anne ist die 16-jährige Tanja aus B eine intelligente, offene und herz- liche Person, die viele Freunde hat und auch in der Schule sehr beliebt ist; Tanja ist Klassen- und Jahrgangs sprecherin. Ihre fünf besten Freunde und ihr Freund sind ihre Ansprechpartner bei Freuden oder Sorgen des alltäg lichen Lebens. Aber auch ihre Familie (Tanjas Vater arbeitet als Arealmanager, ihre Mutter ist Haus frau; Tanja hat noch einen Zwillings bruder und eine 14-jährige Schwester) ist ihr sehr wichtig. Mit dem Einverständnis ihrer Eltern, die ihr klare Regeln auf gegeben haben, kontrolliert Tanja ver antwortungs voll die Internetnut zung ihrer jüngeren Schwester. In ihrer Freizeit spielt sie Fußball und Handball und ist zudem in zwei Ver einen aktiv. Nebenbei arbeitet sie noch bei einer katholi schen Jugendgruppe mit und organisiert deren Freizeit- aktivitäten wie etwa Zeltlager etc. Tanja ist ihr sehr großer Freundes kreis sehr 169 wichtig. Neben dem Handy er scheint ihr auch das Internet unersetz lich, um mit ihren vielen Freunden in Kontakt zu bleiben. So nutzt Tanja Social Web- Angebote vor allem zur Kommunika tion mit ihren Freunden und ihrem Freund, der in einer anderen Stadt studiert; mit ihm ver abredet sie sich sehr häufig zum Telefonieren über Instant Messaging. Netz werk platt formen dienen ihr zur Kontakt pflege, aber hin und wieder auch, „um zu gucken was die anderen Leute so machen, so in ihrer Freizeit.“ Ebenso sind ICQ und MSN wichtige Bestand teile in ihrem Alltag, zur Beziehungs pflege, aber auch zum Kennen- lernen neuer Leute. Doch dabei ist Tanja sehr vor sichtig, sogar skeptisch, wenn es tatsäch lich um das Hinzufügen von Fremden in ihre Freundes liste bei SchülerVZ oder StudiVZ, ihren Lieblings seiten, geht. Wenn sie jemanden nicht persön lich kennt, befragt sie zuerst ihre Freunde, um sich dann ein Bild über die anfragende Person zu machen. So macht sie bei SchülerVZ und StudiVZ auch Gebrauch von der Einstel lung, das Profil nur ihren Freunden zu zeigen. Wenn sie jedoch ihre Daten preis gibt, so ist sie sehr ehrlich und er wartet auch von ihren Mitmenschen, dass sie sich ver antwortungs voll im Social Web ver- halten. Tanja möchte sich immer so zeigen und so gesehen werden, wie sie ist. Social Web-Angebote dienen Tanja auch als Recherchemedium. Speziell für ihre Haus aufgaben findet sie das Internet sehr praktisch und bequem, um sich schnell und unkompliziert zu einem Thema zu informieren. Dazu ver- wendet sie die Suchmaschinen Google oder Yahoo sowie die Online-Enzyklo- pädie Wikipedia. Dann ver gleicht sie das Gelesene mit anderen Internet seiten oder Fachbüchern. Wenn sie die Informa tionen für die Schule nutzt, gibt Tanja die Quelle immer dann an, wenn der Autor genannt ist und ihr die Internet- seite seriös er scheint. Bei allgemeinen Defini tionen sei sie, wie sie erzählt, jedoch nicht immer so streng. Geht es aber um Probleme in ihrem Leben oder generell um persön lich wichtige Themen, er scheint es ihr zu intim, dazu im Internet zu recherchieren oder auch zu kommunizieren. Daneben schätzt Tanja YouTube, dies jedoch nur, um sich Musik videos und lustige Clips anzu sehen. Online-Radiosendern kann sie dagegen viel ab gewinnen; dort kann sie selbst bestimmen, was sie hören möchte. Tanja mag es auch, die Weblogs anderer Leute zu lesen, um zu sehen, was sie denken und was sie bewegt. Tanja liest aus diesem Grund auch gern die Tages zeitung; sie möchte auf dem Laufenden bleiben. Aus Bequemlich keit und Nicht-Wissen würde sie aber selbst kein Weblog führen wollen. Wie die anderen Angehörigen dieses Typs ist auch die 19-jährige Karin eine sehr kritische, aber dennoch auf geschlossene Person. Wie Anne und Tanja nutzt auch Karin das Social Web vor allem als Kommunikations-, aber auch als Informations medium. Bis vor Kurzem lebte sie mit ihren Eltern (beide sind Apotheker) und ihrem Bruder (13 Jahre) zusammen, nun hat sie ein Apparte ment in einem Wohnheim. Karin studiert in A; sie möchte Journalistin werden. Durch ihren Wegzug von zu Hause hat sie viele Freunde und ihre 170 Familie in ihrem Heimatort zurück gelassen, die sie sehr ver misst. Aus diesem Grund spielen E-Mails, aber vor allem Netz werk platt formen und Instant Messaging in Karins Alltag eine große Rolle; sie sind für sie nicht mehr wegzu denken, um mit ihren Freunden, die auf ganz Deutschland, aber auch darüber hinaus ver streut sind, in Verbin dung zu bleiben, Termine zu machen und jederzeit Neuig keiten auszu tau schen, aber auch um unkompliziert neue Leute kennen zulernen oder alte Bekannte wieder zufinden. Das Treffen von Personen, die man nur über das Internet kennen lernt, hält sie jedoch für sehr problematisch; da wäre sie äußerst skeptisch, erzählt sie. Karin nutzt zudem wie Tanja gern Onlineradiosender; und wie Anne spielt sie gern, vor allem Flash-Games, meistens um Langeweile zu über brücken. Da ent scheidet sie sich je nach Laune für ein witziges oder ein eher strategi- sches Spiel. Karins Anmel dung zu StudiVZ er folgte sehr gezielt, da sie mit der Platt- form MySpace nicht mehr einverstanden war. Mit ihrem Beitritt zu StudiVZ hat Karin auch Freunde und ehemalige Klassen kollegen mit zu StudiVZ ge- nommen: Also es ging so los, dass ich als Erstes von der Schulfreundin MySpace kennen gelernt hab’, und da schon erste Erfah rungen mit Foren gesammelt hab, aber MySpace nicht so toll fand. Und dann StudiVZ ent deckt habe, und mir das viel besser gefiel, und dann, ähm, (…) ich glaub, es war einfach Mode, ich weiß es nicht. Aber es ging halt so rum, und dann meldete sich jeder an und man sammelte seine Freunde, und dann nach dem Abitur ver suchte man, die ganze Klasse zusammen zuhalten. Es gibt eine Gruppe von unserer ehemaligen Klasse und wo Abiturfotos gezeigt und aus getauscht werden. Und es nutzten halt immer mehr, und die das noch nicht nutzten, also noch keine Erfah rungen damit hatten oder ein bisschen scheu mit Internet, die wurden einfach mit reingezogen, weil na, ja „die Fotos hab ich schon auf StudiVZ gestellt, da kannst du sie dir ankucken“ und dann irgendwann haben die halt auch mitgemacht. Bisher nutzt Karin Social Web-Angebote noch recht konventionell; doch sie kann sich gut vor stellen, in Zukunft einen Weblog journalistisch aufzu berei- ten; niemals würde sie jedoch etwas aus ihrem eigenen Leben er zählen. Auf ihrem StudiVZ-Profil finden sich sehr viele Fotoalben, ver linkte Fotos und Gruppen. Das Ver öffent lichen von Fotos findet Karin deshalb wichtig, um sie ihrem breiten Freundes kreis zugängig zu machen. Daneben nutzt sie das Social Web-Angebot Wikipedia sowie das Internet als Recherche- und Informations- Medium: Über Wikipedia oder Spiegel online, diese Seite dient neben StudiVZ als ihre Standardseite, informiert sie sich über für sie relevante Themen. Wei- tere Informa tionen dazu findet sie dann bei Google. Bei YouTube rezipiert sie hin und wieder Musik videos. Im Grunde schätzt Karin Neues und probiert gern etwas aus; dabei kommt es ihr aber sehr darauf an, genau zu prüfen, was wirk lich seriös und was eher suspekt er scheint. So über prüft sie genau Funktionen und Informa tionen, so 171 gut sie kann. Ihre eigenen Angaben im Netz sind wie bei Anne und Tanja jedoch immer „zutreffend“, wie sie es nennt, und zu persön liche Dinge er- wähnt sie einfach nicht. Deshalb ist auch ihr Profil auf StudiVZ für Fremde nur sehr ein geschränkt sicht bar. Von anonymer Internetnut zung hält Karin aber sehr wenig, da sie dem Suchen anderer Personen viel Bedeu tung beimisst. Zu den Daten schutz richtlinien bei StudiVZ hat sie sich sorgfältig informiert und weiß beispiels weise darüber Bescheid, wie man der personalisierten Wer- bung aus dem Weg gehen könnte. Sie akzeptiert die Werbung aber ganz be- wusst, da StudiVZ, wie sie sagt, ein Unternehmen ist, das wie jedes andere auch das Recht habe, für die kosten lose Bereit stel lung etwas ver langen zu können. Karin ist sich der Gefahren im Internet sehr bewusst und geht immer kritisch mit Angeboten um. So weiß sie, dass man Wikipedia bei wissen- schaft lichen Texten nicht als Quelle benutzen sollte. Karin ver traut nur den Informa tionen, die einen Autor bzw. eine Autorin auf weisen können. Vom illegalen Downloaden hält sie nichts; das hat sie auch noch nie ver sucht. Handlungs typ (3): Der intensive und kommunikativ-initiative Umgang mit dem Social Web zur Kontakt pflege und Selbst darstel lung (5) Hakan, 19 Jahre (Haupt schule), Yannik, 16 Jahre (Realschule), Nina, 13 Jahre (Realschule), Cem, 12 Jahre (Haupt schule); Jim, 17 Jahre (Haupt schule) Der Handlungs typ 3 lässt in Bezug auf die Dimensionen „intensiv“, „initiativ“ und „relevant“ Überschnei dungen mit Handlungs typ 2 er kennen; dennoch unter scheiden sich die Umgangs weisen der Jugend lichen des Handlungs typs 3 mit dem Social Web von denen der Angehörigen des Handlungs typs 2. Die Jugend lichen des Handlungs typs 3 sind experimentierfreudiger und neugieriger als die dem Typ 2 zu geordneten Mädchen, für die Social Web-Angebote vor allem deshalb eine hohe Relevanz genießen, weil sie sie für ihre Kontakt pflege nutzen. Für die Jugend lichen des Typs 3 gewinnen im Gegensatz zu denen des Typs 2 neben den Netz werk platt formen auch andere Angebote, wie etwa YouTube oder MySpace, Relevanz. Ihnen ist neben der Kontakt pflege auch die Selbst darstel lung im Social Web wichtig. Der 19-jährige türkisch stämmige Hakan ist ein kommunikativer und aktiver Junge, der Schüler sprecher seiner Berufs fachschule ist, viele Freunde hat und sehr beliebt ist. Obwohl nicht der Klassen beste, ist er dennoch sehr ehrgeizig, da er weiß, dass eine gute Ausbil dung wichtig für seine Jobaussichten ist. Hakan lebt bei seinem Vater, der bereits in Rente ist. Seine jüngeren Geschwis ter (zwei jüngere Schwestern und zwei jüngere Brüder) wohnen bei seiner Mutter, einer Haus frau. Hakan ist sport lich aktiv und es ist ihm wichtig, viel an der frischen Luft zu sein. Medien genießen insgesamt einen hohen Stellen wert in seinem Alltag, insbesondere der Fernseher, den er auf keinen Fall missen möchte. Hakan hat eine Vorliebe für gute Filme. Daher kennt er einige Internet- 172 seiten, auf denen er sich so genannte Block buster ansehen kann. Dass dies eine illegale Handlung ist, davon will er nichts wissen. Die herunter geladene Musik aus dem Internet tauscht er mit seinen Freunden aus. Ebenso ein fester Bestand teil ist sein iPod, um sich Musik anzu hören und dadurch vom Alltag Abstand zu gewinnen. Printmedien spielen nur eine unter geordnete Rolle. Onlinespiele haben für Hakan ebenso einen sehr großen Reiz. Vor allem Flash-Games oder Mini-Spiele, die nur kurze Zeit in Anspruch nehmen, spielt er, um sich seine Langeweile zu ver treiben. Mit seinen Freunden oder auch un bekannten Nutzern aus aller Welt spielt er hin und wieder Counter strike. Durch dieses Spiel lernte er auch andere Personen kennen. Für Hakan ist der aktive Kontakt zu seinen Freunden zentral; dazu dienen ihm das Handy, aber vor allem auch Social Web-Angebote; sie haben einen hohen Stellen wert für ihn, um sich mit seinen Freunden auszu tau schen. Bei SchülerVZ und Netlog ist er registriert und nutzt beide Platt formen zur Kontakt pflege. Er bevor zugt jedoch Netlog, weil es eine Chatfunk tion hat und sich dort mehr Möglich keiten bieten, sich selbst darzu stellen. Hakan ver bringt viel Zeit damit, seine eigene Profilseite und die seiner Freunde ansprechend zu gestalten. Er stellt auch gern lustige Fotos von sich oder seinen Freunden ins Netz und präsentiert sich somit. Die Bewunde rung und Anerken nung durch seine Freunde ist ihm ebenso wichtig wie neue Freunde zu gewinnen und Kontakte zu alten zu pflegen. So liegt Hakan auch daran, selbst Clans (bei Netlog) bzw. Gruppen (bei SchülerVZ) zu gründen; ihm macht die Kommuni- ka tion mit anderen einfach sehr große Freude, daher diskutiert er auch gern in Foren. Aus diesem Grund ist auch Instant Messaging für Hakan von großer Bedeu tung. Mittels MSN chattet er mit seinen Freunden, tauscht sich über sein Alltags leben aus und ver einbart Termine mit ihnen. Auch andere Social Web-Angebote nutzt Hakan in vielfältiger Weise, so etwa die Videoplatt form YouTube, die ihm auch als Standardseite zum Einstieg in das Internet dient, um sich Musik videos (vor allem Rap und Hiphop) und lustige Clips (meist Amateurvideos) anzu sehen. Obwohl er dort nicht an ge- meldet ist, schreibt er hin und wieder Kommentare und Bewer tungen zu den einzelnen Videos. MySpace ver wendet er, um nach neuen Bands zu suchen oder sich Musik anzu hören. Eigene Videos möchte Hakan jedoch nicht pro- duzieren, auch nicht von sich selbst; das wäre ihm pein lich. Ebenso möchte er keine selbst gedrehten Clips ver öffent lichen. Aus Spaß hat Hakan schon einmal „just for fun“ Angaben in Wikipedia ver ändert; daher ist er diesem Angebot bei seiner Informations suche gegen über eher kritisch. Auch der 16-jährige Yannik (er lebt mit seinem Vater, einem Kfz-Mecha- niker, seiner Mutter, die als Steuer fachkraft arbeitet, und einem 21-jährigen Bruder in B), hat eine natür liche und lockere Art, die Dinge zu sehen und damit umzu gehen. Yannik ist wie Hakan recht selbst bewusst; von seinen vielen Freunden – auch Yannik ist in eine sehr aktive Freundes-Clique integriert – 173 wird er vor allem wegen seiner Hilfs bereit schaft geschätzt; mit ihnen gemein- sam gestaltet er auch eine Homepage. In seiner Freizeit geht Yannik seinem Hobby Fußball nach. Auch im Social Web ist Yannik sehr aktiv; so informiert er sich in Foren und über Google über Themen, die ihn interessieren. Für Auskünfte über Fußball entwick lungen und Hintergründe über ver schiedene Bands benutzt er YouTube und MySpace. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ver wendet Yannik vor allem für schuli sche Zwecke. Obwohl ihn einige Lehrer schon darauf hin gewiesen haben, vor sichtig mit den Informa tionen umzu gehen, sieht er kein Problem darin, damit seine Haus aufgaben zu er ledigen. Netz werk platt formen und Instant Messaging benutzt er zur Kontakt pflege und zum Aufbau neuer Freund schaften. Dafür stöbert er auch schon mal in den Fotoalben anderer Mitglieder. Durch seinen Beitritt zu gewissen SchülerVZ- Gruppen stellt er sich selbst aktiv dar und möchte anderen Nutzern zeigen, welche Interessen und Meinun gen er ver tritt. Dazu nutzt er intensiv die Mög- lich keit, seine Profilseite aktiv zu gestalten und Fotoalben hochzuladen. Yannik weiß sehr gut über die Möglich keiten Bescheid, die das Internet zu bieten hat; er ist reflektiert genug, sich über mögliche Risiken Gedanken zu machen, Angst vor Gefahren hat er aber nicht; so stört es ihn im Gegensatz zu Hakan nicht, seine Daten im Netz preis zugeben. Ebenso wie Hakan zeigt er kein Interesse daran, selber Videos zu produzieren oder Fotos zu ver ändern. Die 13-jährige Nina ist ein aufgeschlossenes Mädchen und für ihr Alter schon sehr selbstständig. Sie ist sportlich, hat früher Hiphop getanzt und sich mit Judo beschäftigt; nun möchte sie in einem Verein Fußball spielen, dazu wurde sie vom neuen Lebensgefährten ihrer Mutter animiert. Nina wohnt ge- mein sam mit ihrem behinderten Bruder (15 Jahre) bei ihrer Mutter in B; auch Ninas Großmutter gehört zur Familie. Zudem hat sie zwei Stiefschwestern im Alter von 21 und 17 Jahren und zwei Stiefbrüder im Alter von 10 und 13 Jahren. Ihre Stiefgeschwister und ihr Vater, der als Maschinenschlosser arbeitet, wohnen in einem anderen Dorf, das etwa 15 Minuten entfernt ist. Ninas Mutter ist Filialleiterin in einem Supermarkt, daher sind ihre beiden Kinder tagsüber meistens allein zu Hause. Obwohl Nina nicht in dem Dorf, in dem sie lebt, geboren wurde und vor noch nicht all zu langer Zeit zugezogen ist, scheint sie sehr gut integriert zu sein; Nina hat viele Freunde. Mit ihrer Clique trifft sie sich regelmäßig in einem Wohnwagen; dort haben die Jugend- lichen ihr eigenes Reich. Die wichtigsten Medien für Nina sind das Handy, der Fernseher und das Internet. Sie sieht regelmäßig fern, aber das Internet ist für sie eindeutig das bedeutsamste Medium. Durchschnittlich verbringt sie täglich zwei bis drei Stunden im Internet; am Wochenende kann sie aber auch länger online sein. Wenn Nina ihren Computer einschaltet, schaut sie als Erstes auf ICQ nach, wer gerade online ist, und wendet sich dann den Neuigkeiten auf ihrem SchülerVZ-Profil zu (beides sind für sie Standardeinstellungen auf ihrem PC). 174 Nina nutzt auch Videoplattformen, auf die sie vor allem durch ihre Freundin- nen aufmerksam geworden ist. Dort sieht sie sich manchmal Spaßvideos an, aber größtenteils nutzt sie ihre Lieblingsseite YouTube, die auch gleichzeitig ihre Startseite ist, um Musik zu hören. Bei Clipfish ist Nina sogar angemeldet, und sie würde sich auch gerne bei YouTube anmelden, um Videos auch be wer- ten und Kommentare schreiben zu können, allerdings müsste sie dafür 18 Jahre alt sein. Nina spielt gern unterschiedliche Computerspiele wie beispielsweise Sims 2 und manchmal auch Browser-Games oder Onlinespiele im Multiplayer- Modus. Den Großteil der Zeit, die Nina im Internet verbringt, nutzt sie zur Kom- mu nikation mit Freunden und Schulkollegen. Den Verlust ihrer vielen Freunde durch den zweimaligen Orts wechsel kompensiert sie durch eine starke Nutzung des Social Web. Zudem betreibt sie mit unter schied lichen Freunden acht ver- schiedene Cliquen-Homepages; drei davon hat sie sogar selbst gegründet. Im Social Web bevorzugt sie den Austausch über Instant Messaging und Netz- werk plattformen, weil sie die Social Web-Angebote als unmittelbarer als das E-Mailen empfindet. I: Und E-Mail schreiben? Machst du das auch? Nina: Ja, aber dafür ist ja SVZ, find ich, ein bisschen schneller und ICQ direkter. (…) Weil in ICQ, ist das genau in dem Moment derjenige, der das macht, genau auf die Sekunde, und bei E-Mail-Adresse kommt das erst, was weiß ich, wann an. Ok, ist zwar auch schnell da, aber wer weiß, wann der andere das erst sieht oder so. I: Das heißt, welche Sachen würdest du über ICQ machen? Nina: Na ja, wenn was dringend ist und wenn ich seh’, der ist online, kann ich lieber darüber schreiben oder Dateien verschicken. Ja ok, bei SchülerVZ ist es eigentlich fast genau das gleiche wie ICQ. Nur dass es da nochmals Profile mit Bilder und so gibt. (…) Aber der Vorteil von ICQ gegenüber SchülerVZ ist, dass man direkt sieht, wenn man eine Nachricht bekommen hat, und bei SchülerVZ muss man zuerst auf die Startseite zurückgehen und nachsehen, ob Post da ist. Wenn man aber lange mit Freunden was am Gucken ist, dann merkt man nicht immer sofort, wenn man eine Nachricht bekommen hat. In SchülerVZ sieht sich Nina gern die Profile und Fotos ihrer Freunde an und kommentiert sie auch hin und wieder. Sie begutachtet zudem die Gruppen ihrer Freunde und Bekannten; sie selbst ist derzeit in ca. 60 Gruppen Mitglied. Die Gruppen sind ihr wichtig, um sich mit ihnen selbst zu präsentieren; so sucht Nina beispielsweise auch gezielt Gruppen aus, die bereits viele Mitglieder haben, weil das für sie ein Zeichen von Qualität ist. Ihre SchülerVZ-Kontakte kennt Nina alle persönlich, da diese Personen größtenteils aus ihrer jetzigen Schule oder aus jenen beiden Schulen stammen, die sie zuvor besuchte und wegen des Umzugs ihrer Mutter verlassen musste. Für Nina ist es sehr wichtig, auf diese Weise mit ihren ehemaligen Schulkollegen in Kontakt bleiben zu können bzw. auch alte Freunde wiederzufinden. So macht sie sich auch selbst 175 auf die Suche nach ehemaligen Freunden, die sie durch die Umzüge aus den Augen verloren hat und freut sich, wenn sie von einer ehemaligen Mitschülerin „entdeckt“ wird. Deshalb sind ihre Angaben auf der Plattform SchülerVZ alle wahrheitsgemäß, und ihr ist es auch wichtig, an ihrem Profilbild für andere erkennbar zu sein. Bei YouTube hat sie sich auch schon aktiv gegen die Veröffentlichung eines Videos eingesetzt: Sie hat die Betreiber von YouTube aufgefordert, ein Video, bei dem Gewalt an Tieren verherrlicht wurde, für Minderjährige nicht mehr zugänglich zu machen. I: Also bist du auch schon einmal auf etwas gestoßen, wo du sagst, das gehört hier nicht rein oder das findest du nicht gut, was ins Internet gestellt wurde? Nina: Na ja, schon mal ab und an. I: Und was sind das für Sachen? Nina: Ja, dass die ja nicht jugendfrei sind, oder wie die da umgehen. (…) Da haben die letztens so ein Video gezeigt, wo die so ein Schwein geschlachtet haben – weil meistens kriegen die ja so einen Elektroschocker – aber die haben einfach mit der Motorsäge den Kopf abgenommen, und das war nicht einmal ab 18. (…) I: Und hast du da irgendwas gemacht? Nina: Ja, ich hab denen geschrieben, wieso das nicht ab 18 ist und so – weil mit Blut und mit einer Motorsäge einfach so übern Kopf durch, die haben auch einfach so gezeigt, wie die Männer am Lachen waren, und das Schwein hat noch richtig gezappelt und so. I: Und glaubst du, da passiert dann irgendwas? Also guckt wer, ob die Kommentare negativ sind? Nina: Na ja, ich meine, ich hab auch einmal geguckt, weil manche haben dazu ge- antwortet und gesagt „ja, stimmt“ und so, und das wurde dann auch geändert. Jetzt ist es auch ab 18. Nina geht insgesamt recht kritisch mit Social Web-Angeboten um; so erzählt sie, dass sie ihr Profil auf SchülerVZ so eingestellt habe, dass ihre Fotos nicht von anderen kopiert und erneut irgendwo anders ins Netz gestellt werden können. Ihre reflektierte Umgangsweise hat sich Nina vor allem durch „learning by doing“ angeeignet, denn sie war auch schon mit unterschiedlichen Heraus- forderungen konfrontiert, wie beispielsweise ihr Erlebnis mit unbekannten ICQ-Nutzern zeigt: Und bei ICQ gibt’s auch Probleme, weil zum Beispiel mit Weiterschicken und so passiert das und das, und da kann man auch – die schicken manchmal auch Viren weiter. Oder wenn da ein bestimmter Benutzername, wenn du den nicht kennst, dann lieber ablehnen, weil das kann auch ein Virus sein. Das schicken die extra weiter, damit die bei dir einen Virus draufkriegen. Dann muss nämlich alles gelöscht werden, das ist ja auch dumm, weil nimmt man den an, dann wird die ganze Freundesliste gelöscht. Das hatte ich auch schon mal, da hat mich so ein Typ angebaggert, aber 176 das war zufällig ein Virus. Also muss man auch schon andere darüber warnen. Denn ich schicke jetzt auch nichts mehr weiter und sage es den anderen. Nina hat aber aus ihren Erfahrungen gelernt und ist beispielsweise auch in Bezug auf Verträge oder AGBs sehr vorsichtig und liest sich auch genau das Kleingedruckte durch, um nicht in eine Falle zu tappen. Dennoch ist sie noch immer davon überzeugt, dass sie an der Sprache und der Art und Weise, wie Personen schreiben, erkennen kann, wie alt jemand ist. Für den zwölfjährigen Cem – er wohnt zusammen mit seinen türkisch- stämmigen Eltern und einem jüngeren Bruder (6 Jahre) in einem sozial schwachen Stadt teil in A (zur Schul bildung seiner Eltern konnte Cem keine Angaben machen, er erzählt jedoch im Interview, dass seine Mutter in einem Alters heim arbeitet) ist das Internet ein sehr wichtiges Medium in seinem Alltag – und dies für viele ver schiedene Dinge, etwa um bei eBay Dinge, die er gern haben möchte oder dringend benötigt, zu er steigern. Vor allem ist es aber ein Kommunikations medium für ihn, das er intensiv und initiativ nutzt. Tägliche Begleiter sind in seinem Medienalltag daneben noch der Fernseher und seine Playsta tion. Den Fernseher schaltet er jeden Tag ein, und auch das Spielen auf der Playsta tion ist aus seinem Alltag nicht mehr wegzu denken. Diese Medien helfen Cem, Langeweile zu ver treiben. Und auch das Handy genießt einen sehr hohen Stellen wert, wenn nicht gar den höchsten, um ständig mit Freunden in Kontakt sein zu können; das Handy benutzt er in seltenen Fällen auch für das Hören von Radiosendern. Cem ist ein guter Fußballspieler und trainiert täglich mit seiner Mannschaft. Er hat einige gute, jedoch (wie er erzählt) nicht viele Freunde, mit denen er seine Freizeit ver bringt. Cem ist auf fünf ver schiedenen Netz werk platt formen an gemeldet und nutzt diese regel- mäßig. Jede dieser Platt formen ist für ihn wichtig, um mit allen seinen Freunden in Kontakt bleiben zu können; Cem geht es zudem darum, möglichst viele Freunde zu sammeln und nutzt dazu das Social Web sehr gezielt: Also bei Knuddels74 ist es Öster reich und Schweiz, also diese Seite ist eigent lich für Öster reich und Schweiz gedacht (…). Bei Netlog ist es so, man findet Freunde, die auch einfach da sind. Also da ist eine große Liste, und dann kannst du sagen, ja, den nehm’ ich mir als Freund, und dann musst du draufklicken, und dann kommt bei denen so ein Brief, ja, der möchte mit dir befreundet sein. Ja, und bei den anderen ist es auch so wie bei Knuddels, also die sind von weiter weg und so. Er ver wendet auch Instant Messaging, um sich mit seinen Freunden auszu tau- schen. Dabei werden Probleme besprochen, Termine ver einbart oder über Lösungen von Haus aufgaben diskutiert. Die Nutzung von MSN hat somit das klassi sche Telefonieren fast ver drängt, obwohl Cem die Face-to-Face-Kommu- 74 Bei Knuddels handelt es sich um eine Chatplatt form für Kinder. 177 nika tion dem Chatten vor zieht. Neben dem Beziehungs management spielt das Internet auch für sein Informations management eine Rolle; so nutzt er, wenn er nach Themen für die Schule recherchiert, die Suchmaschine Google und die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Er ist sich zwar nicht sicher, ob er den Informa tionen wirk lich trauen kann, zieht aber keine Fachbücher zurate. Cem surft gern und viel im Social Web und geht dabei großteils wenig selektiv und recht sorg los vor. Wie auch Nina sind Cem die Videoplatt formen YouTube und MyVideo sehr wichtig; sie sind sogar seine Lieblings seiten, um dort Musik- videos, lustige Clips oder ver passte Fußballspiele anzu sehen. Hin und wieder kommentiert und bewertet er auch die Videos anderer. Und wenn er von einem Video besonders begeistert ist, empfiehlt er es seinen Freunden weiter. Ihm liegt daran, von anderen bewundert zu werden, und er plant dazu, selbst ein Video mit seinen Fußballtricks zu ver öffent lichen. Der 17-jährige Jim ist ein intelligenter und auf geschlossener Junge, er ist beliebt und hat viele Freunde. Jims Leiden schaft ist die Musik (Rap); er ver- fasst selbst Texte. Später möchte er daraus Tracks ver öffent lichen, um „seine Geschichte“ zu er zählen, die er als recht unglück lich empfindet. Jim kommt aus schwierigen und diffusen Familien verhältnissen: Er hat zwei jüngere Halb brüder und eine ältere Halbschwester. Trotzdem wohnt nur er mit seiner Mutter, die als Reinigungs kraft arbeitet, und einem seiner Halbbrüder zusam- men in A. Zu seinem Vater macht Jim unklare Angaben; deut lich wird aber, dass er nicht bei der Familie lebt. Jim ist sehr ver antwortungs voll und familien- bewusst; sein Ziel ist es, bald auf eigenen Beinen zu stehen. Medien (vor allem Fernsehen, Zeitun gen, Internet und Online-Radio) sind für Jim sehr wichtig, vor allem um sich zu informieren und seine Musik zu hören. Jim nutzt Social Web-Angebote und plant auch, später selbst (er hat einen hohen Qualitäts anspruch) Musik, z. B. auf YouTube zu ver öffent lichen, um sich selbst zu präsentieren. Bei YouTube stöbert Jim nach guten Musik videos und anderen Bands (die Videoplatt form ist seine Standardseite, wenn er den Computer startet). Um (Musik-) Videos anderer bewerten zu können, loggt er sich bei einem Freund ein, weil er selbst nicht bei YouTube registriert ist. Da Jim ein großer Football-Fan ist, sucht er auf dieser Platt form auch nach Aufzeich- nungen von Footballspielen. Er schaut sich auch gern lustige Clips an; deren Links schickt er an seine Freunde weiter. Hin und wieder nutzt Jim auch Weblogs, dies jedoch nur, um sich über ihm bekannte Personen zu informieren. MySpace, als Platt form für Musikangebote und Bands relevant, schätzt Jim jedoch nicht, obwohl er dadurch seine Lieder anderen Personen zugäng lich machen könnte. Er ist der Meinung, dass diese Musik platt form einem Künstler zu wenig bieten kann: Weil ich finde, MySpace ist einfach wie ein Chatroom. Man geht rein, man zeigt den Leuten, was man schreibt, was man macht, was man hat, und dann, im Endeffekt, kommt doch sowieso nichts dabei raus. 178 Auch für Jim spielt Netlog eine wichtige Rolle, um sich mit seinen Freunden auszu tau schen, Beziehungen zu pflegen, aber auch um neue Freunde kennen- zulernen. Aus einer dieser Internet freund schaften hat sich auch eine Beziehung ent wickelt. Jim ist sich aber dessen bewusst, dass ein zu sorg loses Preis geben seiner persön lichen Daten Probleme ergeben kann. Den Angaben auf Wikipedia traut er nicht so recht, da er weiß, dass nicht alle Informa tionen der Wahrheit ent sprechen müssen. Für seine Haus aufgaben zieht er Wikipedia dennoch heran. Insgesamt nutzt Jim das Internet recht kritisch; er weiß z. B. genau, dass es eine Strafhand lung ist, illegal Dateien herunter zu laden, er tut dies jedoch trotzdem. Das teure Tonstudioprogramm zur Bearbei tung seiner Songs, das er sich nicht leisten kann, lädt er deshalb aus dem Netz herunter. Handlungs typ (4):75 „Dabei sein ist alles“ – Das Social Web zum Be- ziehungs management (SNS relevant, sonst erweist sich die Social Web- Nutzung als unauffällig und eher unspezifisch) (6) Sandra, 16 Jahre (Realschule); Sabine, 19 Jahre (Berufsschule); Jessica, 17 Jahre (Hauptschule); Jan, 18 Jahre (Lehre); Nadine, 14 Jahre (Gymna- sium); Lukas, 17 Jahre (Hauptschule) Bei diesem Handlungstyp finden sich sehr unterschiedliche Jugendliche und junge Erwachsene, Jungen wie Mädchen, formal höher gebildete wie formal niedriger gebildete, ältere ebenso wie jüngere. Netzwerkplattformen sind wie das Handy für sie ein unverzichtbarer Teil ihres Alltags – so wie in früheren Generationen vor allem das Telefon; der Dienst selbst spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle; es geht vielmehr um eine bestimmte Funktion, die des In-Kontakt-Seins. Den Angehörigen dieses Typs liegt schlicht daran, mit anderen verbunden zu sein und sich mit ihnen auch über das Netz verbunden zu fühlen. Für sie zählen vor allem der Austausch mit und der Kontakt zu Gleichaltrigen; die Initiative, etwa indem sie selbst Gruppen gründen, ergreifen sie dabei jedoch nur selten. Für einige ist es dabei wichtig, möglichst viele Kontakte zu haben, um sich anerkannt, beachtet – lebendig – zu fühlen; für andere zählt dagegen nicht so sehr die Menge der Bekanntschaften und Freunde, etwa auf SchülerVZ und StudiVZ (dies ist ihre Lieblingsseite), sondern vor allem das Dabeisein. Auch diese Jugendlichen nutzen andere Social Web- Angebote, etwa YouTube oder MySpace, dies jedoch relativ unspezifisch, etwa um sich aus Langeweile ein Video anzusehen, ein verpasstes Fußballspiel oder die verpasste Daily Soap anzuschauen. Die Jungen unter ihnen spielen zusätz- lich noch gern und intensiv Online-Spiele mit ihren Freunden. 75 Dieser Typ ent spricht dem Nutzer-Typ der „Followers“, der in der OFCOM-Studie identifiziert wurde; den Angehörigen dieses Typs geht es vor allem darum, Netz werk platt formen zu nutzen, weil ihre Peers dies eben falls tun (vgl. OFCOM 2008; siehe dazu auch Abschnitt 1.4). 179 Eine sehr charakteristische Vertreterin dieses Handlungstyps ist die 16-jäh- rige Sandra, die mit ihren Eltern (Sandras Vater betreibt ein Bau- und Pla- nungs büro, ihre Mutter ist Ver waltungs angestellte) und ihrer älteren Schwester (19 Jahre) in B lebt. Für sie hat das Internet einen großen Stellen wert in ihrem Alltag. Sandra ist ein eher unauffälliges, nettes, auf geschlossenes und kontakt- freudiges Mädchen. Im Interview zeigt sie sich gesprächig und un beschwert. Man hat den Eindruck, als könne nichts ihre positive Stimmung trüben; sie wirkt, als habe sie weder mit Problemen, Ängsten oder Stress zu kämpfen. Fußball ist Sandras großes Hobby: Sie spielt selbst in einer Mannschaft und ist sehr interessiert an der deutschen Bundes liga und an unter schied lichen deutschen Teams. Daneben spielt sie aber auch Volleyball und Tennis und singt im örtlichen Kirchen chor. Sandra erzählt, dass sie früher ein eigenes Pferd hatte und dass damals auch das Reiten eines ihrer liebsten Hobbys war. Trotz ihrer vielen sport lichen Aktivitäten findet sie aber noch genügend Zeit, um sich durch Babysitten und der Aushilfe in einem Café etwas Geld dazu- zuverdienen. Sowohl zu Hause als auch in der Schule fühlt sich Sandra sehr wohl. Sie ist eine gewissen hafte Schülerin, die weiß, was sie er reichen kann. Sandra will später Polizistin werden, und ist sich bereits über die Grund voraus- set zungen für diesen Beruf im Klaren. So gibt sie sich – oberfläch lich – recht kritisch; sie erzählt z. B., dass ihr ihre Privatsphäre wichtig sei und sie sich bewusst sei, dass alles, was im Internet publiziert wird, potenziell einer großen Öffentlich keit zugäng lich ist; daher würde sie auch keines ihrer persön lichen Videos ins Internet stellen. Ja, ich weiß nicht. Ich würde … Zum Beispiel, wenn ich so ’n Video machen würde, ich würd’s nie bei YouTube reinstell’n, also weil … das find ich irgendwie, das geht zum Beispiel, wenn, dann nur meinen Freund und mich was an, und das könnt’ ich vielleicht meinem Freundes kreis, meiner Clique mal zeigen. Aber das ist gleich, im Internet, da haben ja Millionen Leute Zugriff und, also das würd’ ich auch nicht machen, jetzt so. Dennoch agiert Sandra un bedacht und zeigt der gesamten Öffentlich keit bereit- willig ihr gesamtes Profil, obwohl sie die Einstel lung, persön liche Angaben nur ihren Freunden und Freundinnen zugäng lich zu machen, kennt. Auch wenn sie sich mit den unter schied lichen Funktionen dieser Netz werk platt form sehr gut aus kennt (z. B. wie man Verlin kungen zu unerwünschten Bildern löschen kann), geht sie damit recht unreflektiert um. Für Sandra ist das Internet nahezu gleichbedeutend mit Beziehungs mana- gement. Neben dem Handy nutzt sie es, um mit ihrem großen Freundes kreis – Sandra ist in unter schied lichen Jugendgruppen integriert – in Kontakt zu bleiben; sie ist ein Typ, der sich einer Gemein schaft anpasst und auch alles mitmacht. Daher hat sich Sandra auch auf SchülerVZ und auf StudiVZ an- gemeldet, denn diese Platt formen werden auch in ihrem Freundes kreis genutzt. 180 Sandra ist kommunikativ und über Pinnwände oder Ähnliches in regem Kon- takt mit ihren Freundinnen und Freunden. Diese Platt formen sowie Instant Messaging (ICQ) (sie nennt alle drei als ihre Lieblings angebote) sind ihr wichtig und dienen nicht nur zum Austausch mit Freundinnen und Freunden, sondern auch dazu, andere Leute kennen zulernen. Nur in SchülerVZ ist das einfach so: Da kommt man, durch andre Leute kommt man wieder auf die Seite. Zum Beispiel, wenn ich jetzt ne Gruppe auf mache, wie zum Beispiel „Ich find FC Bayern München toll“, dann sind da mehrere Leute, und seh’ ich jemanden, klick ich an, und dann kann ich von dem das Profil wieder durch lesen und daher lernt man den zum Beispiel wieder kennen. Dann guckt man bei Bildern und dann sieht man jemanden aufn Bild und klickt den wieder an, dann kommt man halt immer weiter. Und wenn man dann halt, sag ich mal, jemanden toll findet, sag ich mal, dann schreibt man den an und dann schreibt man und dann tauscht man vielleicht ICQ oder so aus. So kommt man halt durch, halt fremde Leute, halt so, dass man in Kontakt kommt. (…) Also, ich hab das mal so gehabt, also ich hab mal jemanden, der hat mich an geschrieben und der wohnt auch nicht so ganz weit weg, der wohnt hier in (…), zwanzig Kilometer ent fernt, und den kannt’ ich vorher auch nicht. Und dann hab ich die ganze Zeit mit dem geschrieben, vielleicht ein halbes Jahr oder so. Hab ich mich ver standen, hab mit ihm auch schon ab und zu so was gemacht und so und jetzt sind wir auch super Freunde, nä, also. Auf diesen Plattformen ist sie, wie sie erzählt, den ganzen Tag über online – auch parallel zu ihrer Nutzung anderer Medien, wie etwa dem Fernsehen. Für sie ist die Online-Kontaktpflege zu ihrem Freundeskreis ein nicht mehr weg- zudenkender Bestandteil ihres Alltags: „Also ich hab schon Probleme, wenn ich ne Woche im Urlaub bin.“ Wie viele andere Jugend liche aus der Gegend, in der Sandra auf wächst, hatte auch ihre Clique eine eigene Homepage, weil „das ist eher so ’n Reiz, weil das jeder hat, irgendwie“. Diese Homepage diente vor allem dazu, um Fotos zu ver öffent lichen, über das Gästebuch zu kommunizieren und für die Clique wichtige Termine bekannt zugeben. Dies wurde nunmehr allerdings durch SchülerVZ ab gelöst; dadurch hat das Interesse von Sandras Clique an der Homepage deut lich nach gelassen und sie wird nicht mehr aktualisiert. Sandra begründet dies damit, dass sich über SchülerVZ ihre wichtigen Daten wesent lich leichter ver walten ließen und alle ihre Freundinnen und Freunde über diese Platt form nun eigene Seiten hätten, die alle unter- einander ver linkt sind. Ebenso wie die Homepage hat in Sandras Freundes- kreis auch das Schreiben von E-Mails durch die einfache Kommunika tion über SchülerVZ ab genommen. In ihrem Identitäts management spielt das Social Web allerdings eine unter geordnete Rolle; ihr ist es beispiels weise nicht wichtig, ihre Profile auf SchülerVZ und StudiVZ ständig zu aktualisieren oder sich dort durch die Mitglied schaft in diversen Gruppen besonders interessant dar- zu stellen. 181 Besonders in schuli schen Kontexten nutzt Sandra das Internet auch zu Re- cherchezwecken und auch privat nutzt sie es zum Informations management, weil sie es in dieser Hinsicht prakti scher findet als Zeitun gen oder Bücher. Die Plattform YouTube besucht Sandra ebenfalls häufig und sehr vielfältig. Zum einen sucht sie dort nach der neuesten Musik sowie nach Trailern aktueller Filme, zum anderen rezipiert sie aber auch gerne selbstgedrehte Videos, die ihre Freundinnen und Freunde dort online gestellt haben. Sie selbst hat aller- dings noch nie ein Video im Internet veröffentlicht, obwohl sie erzählt, manch- mal kleine Handyvideos aufzunehmen. Das Internet dient Sandra aber auch als Informationsquelle. Sie nutzt die Suchmaschine Google, um nach Themen zu recherchieren, die sie interessie- ren. Als Hilfe bei Hausaufgaben und Referaten greift sie gern auf Wikipedia zurück, auch wenn sie sich dessen bewusst ist, dass deren Inhalte für jeden kinderleicht zu manipulieren sind bzw. es keine geprüften Kenntnisse braucht, um sich dort als Autor zu engagieren. Sandra gibt an, nicht allen Informationen aus dem Internet zu glauben und zuweilen auch Inhalte zu vergleichen; den- noch scheint ihr Vertrauen in Google und Wikipedia sehr hoch. Unter anderem nutzt Sandra das Internet auch dazu, um sich mehr Informationen über ihre favorisierten Daily Soaps einzuholen und gegebenenfalls verpasste Folgen an- zuschauen. Selbst zeigt Sandra wenig Initiative, sich aktiv am Social Web zu beteiligen und macht in der Regel einfach nach, was sie bei anderen sieht. Daher wider- spricht sie sich auch in ihrer Aussage, dass sie es eigent lich nicht gut findet, wenn private Videos auf YouTube geladen werden und sie das nicht machen würde. Denn weil sie dies bei Freund(inn) en gesehen hat, wollte sie dies eigent- lich auch mal ver suchen. Allerdings konnte sie sich auf der Platt form YouTube nicht orientieren und hat diesen Gedanken daher auch schnell wieder ver wor- fen; sie sieht sich trotzdem gerne die Videos ihrer Freunde und Freundinnen an. Ähnlich wie Sandra nutzt auch die 19-jährige Sabine, die mit ihren Eltern (ihr Vater ist Techniker, ihre Mutter Einzelhandels kauffrau), einem jüngeren Bruder (7 Jahre) und einer jüngeren Schwester (16 Jahre) in B wohnt, das Internet; sie ist wie Sandra eine sehr offene und kommunikative Frau. Freunde und Familie – zu allen hat sie ein gutes Ver hältnis – sind ihr sehr wichtig. Sabine ist Mitglied in zwei Reit vereinen. Durch die Netz werk platt formen und Instant Messaging hält Sabine Kontakt zu ihren Freunden oder Bekannten, wobei der persön liche Kontakt für sie Vorrang hat. Ebenso wird die eigene Homepage (die von ihrer Clique betrieben wird) dafür genutzt, um sich mit ihren Freunden auszu tau schen. Die Selbst darstel lung spielt dabei aber eine unter geordnete Rolle. So würde Sabine auch nie ein eigenes Video von sich hochladen; das wäre ihr viel zu intim. Sie ist sich auch dessen bewusst, dass fremde Personen (vor allem mögliche Arbeit geber) ihre Angaben im Internet 182 lesen und sie vor schnell „in Schubladen stecken“ könnten. Ihr Profil bild auf StudiVZ soll sie so zeigen, wie sie laut eigenen Angaben ist: als „normale Frau“. Auch für Sandra bedeutet das Social Web vor allem die Möglich keit zur Kommunika tion. Bei StudiVZ hat sie sich wegen ihrer Freundinnen an ge- meldet, schließ lich wollte sie sich nicht aus geschlossen fühlen. Ihre Clique hat zwar eine eigene Homepage, doch ist Sabine nicht für die Gestal tung ver- antwort lich; ihr geht es mehr darum, gemeinsam mit ihren Freunden etwas zu tun. Auch in Foren oder ähnlichen Webseiten ist sie nicht interessiert daran, ihre eigene Meinung kundzutun oder sich an Diskussionen zu beteiligen. Auf StudiVZ informiert sie sich gern über andere Nutzer und stöbert auf deren Profilseiten. Sabine möchte Kranken schwester werden und informiert sich zu- weilen mithilfe von Google über ver schiedene Krank heits bilder. Angaben zu den Quellen, die sie über das Internet nutzt, macht sie bei schuli schen Zwecken jedoch nicht (Sabine besucht eine Berufs schule); sie geht insgesamt eher sorg- los und unreflektiert mit Social Web-Angeboten um. Hin und wieder schaut sie auch in YouTube hinein; doch da beschränkt sich Sabine auf das Rezipieren von Musik, die meist im Hintergrund läuft. Die Videos zur Musik interessieren sie nur, wenn das Lied sie anspricht. Auch für die 17-jährige Jessica, die gerade ihren Haupt schulabschluss nach- gemacht hat, spielt vor allem das „Dabeisein“ eine wichtige Rolle bei ihrer Social Web-Nutzung; im Vordergrund stehen für sie Netz werk platt formen, um mit ihren Freunden und Freundinnen in Kontakt zu bleiben. Generell bringt sie aber für nichts, weder für die Schule noch die Freizeit, viel Aktivität auf. Medien (vor allem das Fernsehen) sind vor allem da, um Langeweile zu kom- pensieren. In Jessicas Leben ist, wie sie im Interview betont, schon vieles schief gelaufen. Wie sie erzählt, lebt ihr Vater, ein Auktionator, nicht mehr bei der Familie; sie wohnt mit ihrer Mutter, einer Diplompädagogin, und ihrer 14-jährigen Schwester in A. Jessica berichtet von ihrer „schwierigen Phase“, in der sie Mitglied einer „halbkriminellen Clique“ war. Ob dies mit der Zeit der Trennung ihrer Eltern zusammen hängt, ist nicht klar. Jessica hat Probleme, ihren Alltag zu organisieren; sie wirkt recht lust los, „ver schlafen“ und nicht sonder lich aktiv, aber offen und freund lich. Wenn Jessica ins Internet geht, dann sieht sie als Erstes nach, ob es auf ihrem Netlog-Profil Neuig keiten gibt und startet den Microsoft-Messenger (MSN). Danach wirft sie auch einen Blick auf die beiden anderen Netz werk- platt formen SchülerVZ und Partyfans, wo sie eben falls jeweils ein Profil hat. Im Wesent lichen geht es Jessica um die Beziehungs pflege zu ihren Freundinnen und Freunden. Jessica nutzt das Social Web aber vor allem, weil es alle machen; sie denkt über ihren Umgang nur wenig nach: 183 I: Und wenn du so viele Seiten [SNS, Anm. d. Verf.] hast, gibt es dann Freunde, die nur in einem drinnen sind? Jessica: Nee, meistens sind alle in allem drinnen, so wie ich. I: Und warum benutzt man dann die verschiedenen Seiten? Jessica: Irgendwie, keine Ahnung, muss man überall angemeldet sein. Weiß ich auch nicht, gehört so dazu. So hat sie auch nur deshalb eine große Freundesliste „weil das besser rüber- kommt“; sie kennt aber nur die Hälfte ihrer Online-Bekanntschaften persön- lich. In der Auswahl ihrer Online-Bekanntschaften geht sie auch eher nach äußerlichen Merkmalen vor (auch bei ihrem eigenen Profil, auch wenn sie es nicht verändert, ist es ihr nicht ganz gleichgültig, wie sie „rüberkommt“ und dort aussieht): Also, es kommt immer darauf an, wie die am Foto rüberkommen, sonst lehn’ ich die auch ab. Wenn ich das schon seh’, da steht so ein Typ, die haben diese Dinger als Anzeige gemacht, die da eigentlich nicht dahin gehören. Die lehn’ ich natürlich ab, aber wenn es ein ganz normales Foto ist, sympathisch, dann nehm’ ich die schon. Auch das Flirten spielt eine Rolle für sie. So knüpft sie manchmal auch Kon- takte mit Unbekannten; einmal hat sie sich schon mit einer Online-Bekannt- schaft getroffen. Sie ist sich aber sehr wohl der potenziellen Gefahren bewusst, die so ein Treffen mit sich bringen kann. Ich hatte zwei Freundinnen dabei, weil, ich treff’ mich niemals alleine mit jemandem. Vielleicht ist es doch so ein 40-Jähriger oder so, ne. Und auch immer dort, wo viel los ist. Negative Erfahrungen hat Jessica vor allem in Chatrooms gesammelt, daher bewegt sie sich mittlerweile bewusst nur noch in Chatrooms und auf Netz- plattformen, auf denen vorwiegend Jugendliche anzutreffen sind. Jessica: Ja, bei dem einen, Flirtfieber heißt das, da hab ich von den Nachrichten her nur schlechte Erfahrungen gemacht. Weil da auch gehäuft über 30- und 40-jährige Typen drinnen sind, und es wird mehr als Worte gesagt. Das sieht man dann schon, und die schreiben auch dann genau das, was man sich bei ihrem Foto erwartet. So eklige Sprüche. I: Und bei den anderen ist man mehr unter sich? Jessica: Ja, da sind natürlich auch Ältere. Aber bei Netlog sind gehäuft Jugendliche, fast nur Jugendliche. Da kommen dann halt auch dumme Sprüche, aber dann denkt man „ja, ok“. Aber wenn das halt echt von 40-Jährigen kommt, also dann ist das echt schon eklig. Zuweilen geht sie auch auf YouTube, sie kann aber wenig mit den Links an- fangen, die an ihrer Schule kursieren, und die zumeist „Saufgelage“ oder „Angebereien“ von männ lichen Jugend lichen ent halten, wie sie erzählt. Wenn Jessica YouTube nutzt, dann eher als Musik platt form, um sich aktuelle Lieder 184 anzu hören. Mit Wikipedia kann sie gar nicht viel anfangen: Einmal wurde sie in der Schule aufgefordert, etwas im Internet zu recherchieren, aber freiwillig würde sie so etwas nicht machen; sie hat erstens keinen Bedarf und zweitens wäre ihr das auch viel zu anstrengend: Also in der Schule, da mussten wir dann so was ’rausfinden. Da haben wir so Fragen gestellt bekommen, über die Tiere und Fleisch, und da mussten wir Fragen beantwor- ten wie „Welches Fleisch ist heller, Rind oder Schwein?“ oder halt wirklich was, wo man suchen musste. Da wird es dann schon benutzt. Zu Hause, wenn ich es nicht machen muss, mach ich es auch nicht, außer es ist meine Pflicht in der Schule. Der unschein bar wirkende 17-jährige Haupt schüler Lukas wohnt zusammen mit einem jüngeren (15) und einem älteren Bruder (20) bei seinen Eltern in A (Lukas Mutter ist Alten pflegerin, zu seinem Vater macht Lukas keine An ga- ben). Er erhält von ihnen wenig Anlei tung, geht zumeist seiner eigenen Wege und tut, was ihm gerade Spaß macht. Lukas muss in seinem Alltag viel Lange- weile kompensieren; sein Freundes kreis ist eher klein. Medien spielen für Lukas daher eine große Rolle; einen besonderen Stellen wert genießt aber das Internet. Seiner Meinung nach ist „das Internet (…) halt vielfältig. Und da kann man viele Sachen machen. (…) Viele Sachen im Internet, man kann machen was man will, eigent lich.“ Dazu gehört das Spielen von Browser- Games. Er schätzt vor allem ein Fußball-Manager-Spiel, das auf der realen deutschen Bundes liga basiert. Lukas bildet dort mit Freunden Gruppen, die dann gemeinsam Punkte sammeln können. Andere Online-Spiele haben für ihn jedoch keinen Reiz. Zudem beschäftigt er sich mit dem Kaufen und Ver- kaufen von Produkten auf eBay; er rezipiert Musik videos oder nutzt zur Recherche die Suchmaschine Google. Für die Erledi gung seiner Schul aufgaben ver wendet Lukas meistens Google oder Wikipedia. Obwohl er sonst nicht so reflektiert mit Internetangeboten umgeht, weiß er, dass bei der Online-Enzyklopädie im Prinzip jeder Autor sein kann. Lukas nutzt auch weitere Social Web-Angebote, wie etwa YouTube, aber nur zum Ansehen lustiger Clips bzw. „Ver arschungen“ oder Musik videos. Wichtiger sind ihm seine Kontakte auf Netlog (Netlog ist Lukas’ Lieblings- seite), Communio76 und bei Knuddels. Alternative Angebote wie MySpace, SchülerVZ oder StudiVZ sind ihm zwar bekannt, registriert ist er jedoch nicht, weil ihm das sonst zu viel Arbeit wäre. Instant Messaging, vor allem MSN, nutzt er dagegen intensiver. Darauf ist er auf Anraten seiner Freunde auf- merksam geworden. Lukas nutzt es vor allem, weil „alle haben MSN“. MSN ist deshalb auch seine Standardseite, wenn er den Computer öffnet. 76 Bei Communio handelt es sich um eine Netz werk platt form. 185 Aus demselben Grund nutzt er auch Netlog, wo er ein eigenes Profil hat. Netlog schätzt er, weil er dort im Prinzip die Möglich keit hätte, sich selbst mithilfe von Fotos, Blogs, Videos etc. darzu stellen; diese Funktionen nutzt Lukas jedoch über haupt nicht. Auch das Diskutieren in Foren oder Bewerten von Videos, Fotos etc. interessiert ihn nicht. Ihm kommt es vor allem darauf an, dabei zu sein, Kontakt zu Freunden zu haben und neue kennen zulernen; so erzählt er stolz, dass die Zahl seiner „Freunde“ bei diversen Platt formen schon auf 400 gestiegen sei. Dabei geht es Lukas auch sehr um den Kontakt und das Kennen lernen von Mädchen; damit hat er, wie er erzählt, gute Erfah- rungen gemacht. Das Thema „Mädchen, Flirten und Sexualität“ spielt bei dem für sein Alter noch sehr jung wirkenden Lukas eine bedeutende Rolle; so gibt er auch zu, gern Pornovideos zu konsumieren; hier kennt er zahl reiche Seiten, die ihm die Rezep tion leicht machen. Für den 18-jährigen Jan, der eine Ausbil dung zum Mechatroniker macht und mit seinen Eltern (sein Vater ist Landmaschinen schlosser, seine Mutter Ver käuferin), seiner Groß mutter und seiner jüngeren Schwester (13 Jahre) in B wohnt, spielt das Internet – ebenso wie für die anderen Angehörigen dieses Handlungs typs – eine große Rolle für sein Beziehungs management. Jan will ständig für seine Freunde, die er noch von der Schule, vom Fußballspielen (dort ist er Mitglied eines Ver eins) und von der Freiwilligen Feuerwehr, bei der er aktiv ist, kennt, erreich bar sein; dazu nutzt er vor allem ICQ. Doch auch Netz werk platt formen sind Jan sehr wichtig, um mit seinen Freunden in Verbin dung zu bleiben oder andere Menschen besser kennen zulernen. Er mag es, wenn es ihm gelingt, viele Freunde zu sammeln. Da viele seiner Freunde schon längere Zeit ICQ hatten, hat auch er sich dort an gemeldet, um „up to date“ zu bleiben. Aus demselben Grund ist er auch der regionalen „Emsland- Community“ bei getreten und hat ein Profil ein gestellt. Mit seinen Freunden gemeinsam betreibt er, wenn auch wenig aktiv, eine eigene Homepage. Auch sie ent stand nicht auf seine Initiative hin, sondern weil diese in seinem Umfeld „jeder hat“. Dabei spielen vor allem das Gästebuch und die ver schiedenen Fotos und Videos eine Rolle. In letzter Zeit wurde die Homepage jedoch sehr ver nachlässigt, da es zu viel Zeit in Anspruch nimmt, sie zu aktualisieren. Selbst in ent sprechenden Foren aktiv zu werden oder ein selbst gedrehtes Video ins Netz zu stellen, käme für ihn jedoch nicht infrage. Netz werk platt- formen findet Jan dagegen für das Flirten sehr interessant. Dafür nutzt er die Profile anderer Nutzerinnen; so kann er sich eine Meinung über sie bilden. Auch YouTube nutzt Jan, zumeist, wenn ihn Freunde auf etwas auf merksam gemacht haben, um sich an „pein lichen Bildern“, amüsanten Unfällen, witzigen Hobbys etc. zu belustigen. Ein wichtiger Bestand teil seiner Internet-Leiden- schaft ist auch das Computerspielen (vor allem Internet-Sportspiele). Dazu informiert er sich hin und wieder auch im Internet über die Bedin gungen und Umgangs weisen dieser Spiele. Gern trifft er sich online mit Freunden, um die 186 neuesten Strategien oder Taktiken auszu tau schen. Das Arrangieren von LAN- Partys ist bei ihm in letzter Zeit jedoch stark zurück gegangen; sie wurden ihm zu auf wändig und nahmen zu viel Zeit in Anspruch. Neuerdings besucht Jan hin und wieder Computerspiel-Veranstal tungen oder Messen, bei denen er sich dann „so richtig aus toben“ kann. Die 14-jährige Gymnasiastin Nadine wohnt gemeinsam mit ihrer Groß- mutter und ihren Eltern, einem älteren (19) und einem jüngeren Bruder (11) sowie einer älteren Schwester (18) in B. Nadines Vater ist Kaufmann und Bürger meister in der Gemeinde, ihre Mutter Künstlerin und Dozentin an einer Kunst hochschule. Auch Nadine ist sehr kommunikativ und in der Schule sowie in ihrem Freundes kreis beliebt. In der Schule fühlt sie sich wohl; da sie dort zuweilen etwas vorlaut ist, hat sie manchmal kleinere Auseinander setzun gen mit ihren Lehrern, die allerdings nie zu großen Konflikten ausarten. Ihr ist es wichtig, für ihre Mitschüler da zu sein; wenn diese Probleme mit Lehrern haben, steht sie ihnen sofort zur Seite. In ihrer Freizeit ist Nadine sehr aktiv und gern mit ihren Freundinnen zusammen, fährt Rad, spielt Tennis, nimmt Gesangs unterricht und ist Mitglied in einer Schul band. Nadine hat ein starkes Bedürfnis, sich anderen mitzu teilen, wirkt intelligent und selbst bewusst; den- noch lässt sie sich gern von anderen mitreißen. So ist sie auch von ihrer Freundin dazu animiert worden, sich eine E-Mail-Adresse zuzu legen, bei ICQ mitzu machen und auf Platt formen wie SchülerVZ sowie der Osnabrücker- Community und der Emsland-Community anzu melden (Schüler VZ und die Emsland-Community sind ihre Lieblings seiten). Dort macht sie alles mit, was auch die anderen tun: sei es Fotos hochzuladen und zu ver linken, nach neuen Kontakten zu stöbern oder über Pinnwände zu kommunizieren. Und sie macht dies, weil das gerade an gesagt ist. Früher hat sie aus demselben Grund toggo.de oder Knuddels genutzt weil das „war ja mal irgendwann früher mal in oder so, aber das macht jetzt auch keiner mehr“. Nadine durch stöbert beispiels weise auch gerne die Profile anderer Nutzer; und dabei kann es durch aus vor kommen, dass sie Personen zu ihren Kontakten hinzu fügt, die sie gar nicht kennt. So ist Nadine einem Treffen mit Personen, die sie nur aus dem Internet kennt, auch keines falls ab geneigt. Sie hat auch schon Bekannte aus dem Internet in der realen Welt getroffen und näher ken- nen gelernt; allerdings handelte es sich hierbei um Freunde ihrer Freunde, die sie dann in der Realität eben falls über ihre Freunde näher kennen gelernt hat. Da findet man, da trifft man auch so ganz schnell eigent lich immer Leute, wenn man sich so durch die Profile klicken kann, sich einfach so ein bisschen was angucken kann. Und dann fängt man einfach – also man kann halt sehen, wenn jemand auf seiner Seite war – und dann fängt man einfach so ein Gespräch an „ja, Spanner, hast dir meine Seite an geguckt“ oder so. Und dann, ja dann schreibt man halt, und dann nimmt man sich auf, und das geht dann immer so weiter. 187 Nadine hat auch nichts dagegen, dass Freundinnen und Schul kollegen Videos (z. B. auf YouTube) und Fotos von ihr ver öffent licht haben, ohne sie zu fragen. Solange sie nicht extrem unvorteil haft dargestellt ist, ist ihr dies relativ egal. Sie findet zwar schon, dass man rein recht lich vorher fragen sollte, wenn man etwas ins Netz stellt, aber eigent lich findet sie das zu auf wändig. Nadine spricht sich aber deut lich dagegen aus, dass bewusst negative Fotos und Videos von Personen ver öffent licht werden, um diese bloß zustellen. Insgesamt ist Nadine, wie die anderen Jugend lichen dieses Handlungs typs, relativ sorg los im Umgang mit dem Social Web. So ver wendet sie beispiels weise immer und überall ihren richtigen Namen, und ihr ist es auch wichtig, dass andere Nutzer sich mit ihrem richtigen Namen im Netz präsentieren. Nadine geht davon aus, dass auch andere im Internet wahre Angaben machen und ver traut darauf. Sie erzählt in der Gruppen diskussion davon, dass es ihr passiert ist, dass sie auf ICQ eine fremde Person als Kontakt an genommen hat, weil sie dachte, dass es eine ehemalige Freundin sei. Diese Person hat Nadine nach Haus num- mer, Adresse und Fotos gefragt, und sie hat bereit willig ihre ganzen Daten preis gegeben und ihren Irrtum erst bemerkt, als ihr diese Person einen Hoax77 geschickt hat und drohte, ihren Laptop für kurze Zeit lahmzulegen. Als sie den Kontakt ab brechen wollte, wurde ihr damit gedroht, dass ihre gesamten Daten zerstört würden. Daraufhin hat sie sich panisch an ihren Bruder ge- wandt, der den fremden Kontakt wieder löschen konnte. Man möchte meinen, dass Nadine durch diese negative Erfah rung wachgerüttelt worden wäre, aber sie betont dennoch, dass sie davon aus gehe, dass andere Internetnutzer sich nicht ver stellen und ihre wahren Daten an geben würden. Ihre Erfah rung be- urteilt sie als Pech, vor dem man sich nicht wirk lich schützen könne. Nadine betont zwar, dass sie nun vor sichtiger geworden sei und nicht mehr unzählige Fotos sowie ihre Telefon nummer an fremde Menschen schickt, dennoch würde sie es wieder tun, wenn sie sicher sein könnte, wer sich am anderen Ende befindet. Trotz ihrer negativen Erfah rung ist Nadine in ihrer Internetnut zung eher leicht gläubig geblieben. Nadine: Ja, das ist ja nicht schwer, aber wenn das halt, äh wirk lich nicht drauf vor- bereitet bist und dann (…) der halt wirk lich deine privaten Nummern hat, und äh keine Ahnung. Er meinte dann, dass, weil ich dem halt dann so Sachen nicht schicken wollte, einfach. Das wollt ich nicht. Dann er so: „Ja, öh nett sein und so. Ich hab deine ganzen Nummern. Ich stell die ins Internet, und so.“ (kichert) Da kriegt man schon irgendwie so ’n Schock. I: Und würdest du jetzt was anders machen? Oder generell jetzt so für die Zukunft, hast du irgendwas gelernt daraus? 77 Das Wort Hoax kommt aus dem Englischen und bedeutet Scherz bzw. Falschmel dung. Es handelt sich dabei um Warnun gen vor Viren, die gar nicht existieren, um Menschen Angst zu machen. 188 Nadine: Ja, gelernt halt, dass so viele komische Leute da sind wohl, aber ich mein, ich kann ja nichts gegen machen. Also wenn ich mich jetzt so ab kapseln würde, dann würd’ mir das ja auch nichts bringen. (…) Ja vielleicht nicht auf nehmen, aber wenn die mich halt anschreiben, schreib ich „wer bist du“ (lacht) und keine Ahnung. Würd’ da ’n bisschen vor sichtig sein, aber nicht sofort ganz ab kapseln. Das find’ ich über- stürzt irgendwie. (…) I: Wenn jetzt z. B. bei ICQ irgendjemand Anonymer kommt, oder ein Name, den du nicht kennst, wie würdest du damit umgehen? Nadine: Normal, denk ich. Ich würd’ ganz normal schreiben, aber mich nicht irgend- wie preis geben. Irgendwie keine Ahnung. I: Würdest du da auch Fotos schicken, wenn da jetzt jemand fragen würde, den du nicht kennst? Nadine: Ja, ein Foto auf jeden Fall. Und auch halt dann nicht mehr, wenn er sagt „schick mehr“, würd’ ich das nicht machen. Sich über die Pflege von Beziehungen und das dazu notwendige Hochladen von Fotos auf Netz werk platt formen hinaus gehend aktiv im Social Web zu bewegen, spielt für Nadine keine Rolle; so zeigt sie kein Interesse, sich als Produzentin zu betätigen. YouTube (hin und wieder auch MyVideo und Clip- fish) nutzt sie beispiels weise gerne, um Musik zu hören oder um sich lustige Videos anzu sehen: Allerdings hat sie keine Lust, eigene Kommentare zu schreiben oder selbst Videos ins Netz zu stellen; es ist ihr auch zu auf wändig, sich dafür extra anzu melden. Für ihre Schul aufgaben nutzt Nadine zusätz lich noch Wikipedia. Da die Online-Enzyklopädie allerdings von den Lehrpersonen bei Schul aufgaben und Referaten häufig auf Plagiate hin kontrolliert und generell in der Schule nicht so gern als Informations quelle gesehen wird, nutzt sie bei ihren Recherchen auch zuweilen Google; sie ver wendet dabei besonders jene Ergebnisse, die sehr weit hinten in der Liste gereiht sind. Ja, weil die Lehrer meistens nicht soweit gucken. (…) Weil die halt äh zwar wissen, na dass, die werden ver steckt da irgendwas raussuchen, aber so Wikipedia ist zu leicht, da sehen sie sofort, dass man das daher hat. Nadine geht davon aus, dass auch diese Suchergebnisse dennoch richtige In- forma tionen ent halten, aber nicht von den Lehrkräften ent deckt werden. Handlungs typ (5): Der kritisch-selektive Umgang mit dem Social Web als Mittel zum Zweck (zur Beziehungs pflege und zur Informa tion) (6) Carola, 22 Jahre (Erzieherinnen-Fachschule); Katharina, 16 Jahre (Gymna- sium); Uwe, 17 Jahre (Gymnasium); Stefan, 20 Jahre (Abitur; will studieren); Sonja, 18 Jahre, (Gymnasium); Roman, 21 (Fachhochschule) Kritisch und reflektiert sowie äußerst selektiv stellt sich die Social Web- Nutzung im Handlungs typ 5 dar; seine Angehörigen schätzen das Internet im 189 Allgemeinen und Social Web-Angebote im Besonderen als nicht mehr wegzu- denkenden Bestand teil der Gesell schaft; für sie selbst spielen sie aber keine zentrale Rolle in ihrem Alltag (mehr), und wenn sie Social Web- bzw. Internet- Angebote nutzen, dann gehen sie damit sehr gezielt um und nutzen sie für ihr Informations-, aber auch für ihr Beziehungs management als schnelles und bequemes, aber keines falls das beste „Mittel zum Zweck“. Für ihr Identitäts- management spielen das Internet bzw. Social Web-Angebote jedoch über haupt keine Rolle. Die meisten Angehörigen dieses Typs sind ältere Jugend liche und junge Erwachsene, die alle das Gymnasium besuchen oder bereits ab geschlos- sen haben, oder wie die 22-jährige Carola aus A die Sozialfachschule besuchen. Carola ist ein sehr natur verbundener und sozial engagierter Mensch. Sie befindet sich gerade in der Ausbil dung zur Erzieherin, und ihr Ziel ist es, wenn sie danach in einem Kindergarten arbeitet, den Kindern den richtigen Umgang mit dem Internet beizu bringen. In ihrem schuli schen Umfeld fühlt sie sich wohl. Schwimmen ist Carolas großes Hobby, seit sie jedoch in der Stadt wohnt und wochen tags in die Schule muss, bringt sie dafür nicht mehr so viel Zeit auf. Carola kennt viele Leute, zählt aber nur zwei zu ihren besten Freunden. Sie wuchs zusammen mit ihren Eltern auf. Obwohl sie einen großen Bruder hat (30 Jahre), ist sie eher wie ein Einzel kind groß geworden. Ihre Eltern (Carolas Vater ist Tischler, ihre Mutter arbeitet als Objektleiterin) waren darauf bedacht, dass Carola eine kritische Medien umgangs weise lernt. Carola schätzt Medien, sie geht jedoch eher konventionell mit ihnen um; so ist der Fernseher für Carola das wichtigste Medium, vor dem sie bis zu drei Stunden täglich – zumeist um Langeweile zu ver treiben oder um sich auszu ruhen – ver bringt. Früher hat sie auch sehr gern Rollen spiele gespielt; mittlerweile stört sie jedoch der damit ver bundene große Zeitaufwand. Second Life hätte sie sehr interessiert, erzählt Carola, wenn dies auch in deutscher Sprache zu- gäng lich gewesen wäre. Handy und Internet sind ihr wichtig, um mit ihren Freunden aus ihrem Heimatort in Verbin dung zu bleiben. Doch hohe Relevanz genießt das Internet in ihrem Leben nicht; auch die Internetnut zung erfolgt zumeist aus Langeweile. Zu ihren Lieblings seiten gehören Technobase.fm (be- nutz bar als Onlineradio), Web.de (wegen des E-Mail-Accounts) und Wikipedia, „weil man sich hier schnell und bequem zu allen möglichen Themen infor- mieren kann“. Die Online-Enzyklopädie nutzt sie lieber als die Suchmaschine Google, weil „das befriedigt mich nicht, was da raus kommt, und dann geh ich bei Wikipedia“. Instant Messaging ver wendet Carola, um mit ihren Freunden oder ihrer Familie in Kontakt zu bleiben. meinVZ nutzt Carola, um sich mit Freunden auszu tau schen oder Freunde von früher wieder zufinden. An den hochgeladenen Fotoalben und Profilseiten hat sie jedoch keinerlei Interesse. Sie ist auch nur deshalb in bestimmten Gruppen ver treten, weil sie über diese viel mit ihren Arbeits kollegen kommunizierte. Sie ist zwar auf Anraten ihrer Freunde bei 190 StudiVZ an gemeldet, jedoch kümmert sie sich nicht um die Aktualisie rung ihrer Profilseite. Generell findet Carola keinen großen Gefallen an Netz werk- platt formen. Sie bevor zugt den persön lichen Kontakt mit ihren Freunden; über SNS könne es schnell zu Miss verständnissen kommen, wie sie erzählt. Hin und wieder ver wendet sie auch die Videoplatt form YouTube zum Hören von Musik im Hintergrund. Das Weblog ihrer Freundin nutzt sie zwar regelmäßig, selbst würde sie jedoch keinen führen wollen. Insgesamt ist Carola dem Social Web wie allgemein auch dem Internet gegen über sehr kritisch ein gestellt; für sie ist es nichts mehr und nichts weniger als ein brauch bares, aber keines falls gefahren loses Mittel zum Zweck, das sie mehr oder weniger lust los sowohl zur Informa tion als auch zur Beziehungs pflege nutzt. Carola ist es sehr wichtig, ihre Sozial kontakte und die Bewegung in der Natur nicht wegen des Internets zu ver nachlässigen. Sie findet es zwar von Berufs wegen sinn voll und wichtig, dass sich Kinder mithilfe einer Lern soft- ware Wissen aneignen, jedoch stört sie, wie sie betont, über mäßiger Konsum an Computerspielen oder wenn Bücher durch das Internet ersetzt werden. Carola weiß über mögliche Gefahren und Risiken Bescheid und kennt auch gewisse Sperren für nicht-kindgerechte Seiten. Ebenso macht sie sich Ge- danken über das Preis geben von Daten oder anonyme Internetnut zung. Ein Bekannter von Carola kam wegen illegalen Downloads von Musik und Filmen mit der Polizei in Kontakt und erhielt dafür eine Geldstrafe. Seitdem will sie mit dem straf baren Downloaden nichts mehr zu tun haben und rät auch anderen davon ab. Sie möchte weder auf Videos noch auf Fotos, die im Internet kursieren, gesehen werden. Daher ver anlasste sie das Löschen eines Event- Shooter-Fotos, auf dem sie ab gebildet war. Sie ist der Meinung, dass ihr das nur dadurch gelang, dass der Fotograf ein Bekannter von ihr war. Ähnlich wie Carola nutzt auch die 16-jährige Katharina, Gymnasiastin aus A, Social Web-Angebote. Auch sie ist eine sehr auf geschlossene Person, die schon an einigen Schüler austausch programmen teilgenommen hat. Daher hat sie auch viele Freunde in allen Teilen der Welt, mit denen sie über Sorgen und Freuden sprechen kann. Katharina hat zwei Halbgeschwister: einen älteren Bruder (32 Jahre), der auch beruf lich mit dem Internet zu tun hat, und eine ältere Schwester (26 Jahre), die studiert. Ihre Mutter arbeitet als Homöopathin, ihr Vater ist Anwalt und hat bereits einige Fälle bearbeitet, in denen Jugend- liche zu Opfern der Internet-Kriminalität wurden. Daher wurde sie von ihren Eltern auch zu einer kritischen Haltung gegen über dem WWW erzogen. Sie fühlt sich in ihrer Familie wohl und hat ein gutes Ver hältnis zu den Mitglie- dern ihrer Familie. Katharina ist sehr musikalisch und spielt in ihrer Freizeit Klarinette und Saxophon in einer Big Band. Auch für Katharina ist der Fernseher nach wie vor das Medium Nummer 1; er hilft ihr dabei, Langeweile zu ver treiben, und läuft oft stunden lang neben- bei. Zwar nutzt sie auch andere Medien – das Handy zum Kontakt halten, vor 191 allem aber auch Bücher und den MP3-Player, zum Musik hören, und ebenso den PC inklusive des Internet zugangs. Eine ent scheidende Rolle spielen Social Web-Angebote für sie aber nicht; sie ist sich sicher, ohne sie leben zu können. Zwar nutzt sie eine Reihe von Angeboten, wie etwa Facebook, ihre Lieblings- seite, SchülerVZ oder StudiVZ, doch sie kommuniziert darüber nur mit Freun- den, die sie alle persön lich kennt. Mit der Preis gabe ihrer persön lichen Daten ist Katharina sehr vor sichtig; es er scheint ihr zu riskant, diese Angaben auf irgendwelchen Seiten zu hinterlassen. Ebenso ist sie achtsam in Bezug auf die Fotos, die sie auf SchülerVZ oder Facebook hochlädt: Diese sollen weder ihren Wohnort noch ihre alltäg lichen Lebens gewohn heiten ver raten. Sie würde sich nie dazu bereit er klären, sich mit fremden Leuten zu treffen. Sie ist misstrauisch den Angaben anderer Personen gegen über und möchte keine öffent liche Kom- munika tion über Netz werk platt formen. Katharina weiß sehr gut über bestimmte Gefahren und Risiken Bescheid; und sie weiß auch, wie man diese umgehen könnte. Auch in ihrem Infor ma- tions management ist Katharina sehr selektiv und achtet auf gewisse Kriterien, damit sie den Informa tionen trauen kann. Für ihre Recherchen ver wendet sie nur sehr selten Wikipedia. Es er scheint ihr zuverlässiger, bestimmte Schlag- wörter in Google, das ihr als Standardseite dient, wenn sie ihren Computer öffnet, einzu geben. Dann sucht sie sich jene Seiten heraus, die speziell für das gesuchte Thema konzipiert wurden und eine gewisse Struktur beinhalten: Aber wenn es doch eher so einen schlichteren Aufbau hat und gut erklärt ist, wirk lich nicht zu viele Fremdwörter, aber auch Fremdwörter benutzt werden, dann ist es doch für mich schon eher seriöser. Ihre Netz-Recherchen kombiniert sie immer mit Fachbüchern. Bei Zitaten aus dem Netz ist sie eben falls sehr vor sichtig und ver meidet es im Regelfall, aus dem Web zu zitieren. Wenn sie jedoch Texte daraus ver wendet, gibt sie die Quelle selbst verständ lich an. Der 17-jährige Gymnasiast Uwe ist ein eher distanzierter und zurück halten- der Typ, der zu jeder Zeit wohl überlegte Antworten gibt. Uwe hat viele Freunde, vor allem aus dem Ruderklub, in dem er Mitglied ist. Seit zwölf Jahren nimmt Uwe auch Klavier unterricht; Uwe möchte einmal Pilot werden. Zusammen mit seinen Eltern (Uwes Vater ist Arzt, seine Mutter Physiotherapeutin) und einer älteren Schwester (19 Jahre) wohnt er in A. Neben Radio, Fernsehen, das er auch zur Informa tion nutzt, und Handy, das er vor allem für das Schreiben von SMS schätzt (Uwe mag es nicht gern, zu telefonieren) genießt das Internet eine hohe Priorität in Uwes Leben. Dabei hat er sich seine Kenntnisse darüber selbst ange eignet. Laut eigener Angabe bietet das WWW die Vorteile, sich einer seits über Themen zu informieren, die ihn interessieren, anderer seits kann er dadurch mit seinen Freunden, die über weite Teile der Welt zerstreut sind, in Kontakt bleiben. Dafür nutzt er vor 192 allem die Möglich keit des E-Mail-Schreibens. Netz werk platt formen spielen bei Uwe keine große Rolle. Er ist zwar auf StudiVZ an gemeldet, nutzt es aber nur, wenn eine neue Nachricht ein geht. Bei SchülerVZ ist Uwe kein Mitglied, obwohl die Mehrheit seiner Klasse dort registriert ist. Instant Messaging, vor allem MSN, hingegen nutzt er sehr oft, um mit seinen Freunden in Verbin dung zu bleiben. Auch wenn ihm diese Art der Kommunika tion oft sinn los er scheint, da selten persön liche Dinge besprochen werden, sieht er Vorteile darin, kurz- fristig Termine zu ver abreden. Während seines Schüler aufenthalts im Ausland hat Uwe auch einen eigenen Weblog geführt; da ihm diese Form der Kom- munika tion jedoch zu auf wändig er schien, hat er sie sehr bald wieder ein- gestellt. Uwe möchte sich nicht anonym im Internet bewegen. Deshalb ist auf seiner StudiVZ-Profil-Seite sein voller Namen zu finden. Es ist aber kein Foto von ihm vor handen, dies jedoch weil „ich grade kein aktuelles hatte und dadurch kein altes reinstellen wollte. (lacht) Und danach bin ich nicht mehr dazu gekommen.“; dennoch ist Uwe sehr vor sichtig in Bezug auf das Preis geben seiner Daten: „weil ich immer dachte: Daten ein geben, das finde ich schon ein bisschen krass und Anschrift und so weiter, kriege ich im schlimmsten Fall Werbung nach Hause.“ Daher lassen sich auch keine Fotoalben von ihm finden, weil ihm das zu persön lich er scheint. Dem Kennen lernen von Fremden über SNS steht er eben falls skeptisch gegen über, da er sich nicht sicher sein könne, wer diese Personen sind. Zwar nutzt Uwe für seine Recherchen, etwa bei allgemeinen Themen, auch Wikipedia: Dann kann man normaler weise schon den Informa tionen trauen, weil sie auch von ganz vielen Leuten an geguckt werden, und dann würde es äh schnell ver schwinden, wenn da etwas Falsches auf tauchen würde. Er ruft dann jedoch auch andere Webseiten auf, um die an gegebenen Informa- tionen zu ver gleichen. Ab und zu nutzt Uwe auch YouTube; dies jedoch nur, um sich lustige Videos (z. B. von Komikern) anzu sehen; YouTube ist dennoch seine Lieblings seite im Social Web. Noch kritischer und ganz konsequent selektiv agiert der 20-jährige Stefan aus B. Auch er ist wie die Mädchen sehr offen und gesprächig. Stefan hat schon früh gelernt, Ver antwor tung für sein Handeln zu über nehmen. Da seine Eltern – beide sind Sozialpädagogen – ein Heim für Pflegekinder führen, wohnt er mit neun Pflegegeschwistern (im Alter von sechs bis achtzehn Jahren) unter einem Dach. So kam er schon früh in Kontakt mit Menschen, die mit schwierigen familiären Ver hältnissen zu kämpfen haben. Er selbst ist außerordent lich hilfs bereit und hat eine „aus geprägte soziale Ader“. Neben all den sport lichen Freizeitaktivitäten spielt er Klarinette in einer Band. Mit seinen Geschwistern (ein älterer Bruder im Alter von 28 Jahren und eine ältere 193 Schwester, 22 Jahre) ver steht er sich aus gesprochen gut. Auch sonst fühlt er sich in seiner eher ungewöhn lichen Umgebung überaus wohl. Stefan weiß, was er will und wie er das bekommt. Da er ein Studium anfangen will, nutzt er das Internet gezielt für seine Studien vorberei tungen. Stefan ist zudem noch ein echter Radio-Fan, und auch das Handy möchte er nicht missen, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Da Stefan das Fernsehen zum Teil als „niveau los“ empfindet, spielt es keine große Rolle in seinem Medienalltag. Das Internet mit all seinen Möglich keiten ist in den letzten Jahren zum wichtigsten Medium avanciert und hat den Fernseher er- setzt. So hat es ihm eine Zeitlang Spaß gemacht, bei Online-„Baller spielen“ „mitzu zocken“, das hat aber für ihn bald den Reiz ver loren. Spaß macht es ihm dagegen, online shoppen zu gehen, wie zum Beispiel um Kleidung zu er werben, die es in seiner Stadt nicht zu kaufen gibt. Außerdem ist er bei eBay registriert, um dort Produkte kosten günstiger zu er steigern. Ver kaufen würde er jedoch nichts, da es ihm zu auf wändig er scheint. Stefan benutzt das Internet aber vor allem als Recherche-Medium. Angebote wie Google, seltener jedoch die Wikipedia, dienen ihm aus schließ lich zur Informa tion; so stöbert er auf ver schiedenen Seiten, um sich Gedanken anstöße zu holen. Der Be zie- hungs pflege über das Social Web steht er dagegen – anders als die Mädchen, die zu diesem Typ gehören – äußerst kritisch gegen über. Bei ICQ und Skype hat er sich wieder ab gemeldet. Mit seinen Freunden pflegt er vor allem die Face-to-Face- und auch die E-Mail-Kommunika tion. Sobald er sein Studium beginnt, möchte er StudiVZ auch zweck gebunden für Informa tionen zum Stu- denten leben benutzen. Stefan gibt sich insgesamt gesellschafts kritisch; er beklagt den Niveau- verlust und die Trivialisie rung der Gesell schaft und bezieht dies auch auf das Internet: Ich hab letztes Mal das Internet mit ’nem Stripclub verg lichen. (…) Wo man hinkommen kann, sich an eine Bar setzt und glotzt, man glotzt natür lich auch schon recht ab- wertend, oder tanzt eben selbst. Ähnlich kritisch wie Stefan steht die 18-jährige Gymnasiastin Sonja dem Internet im Allgemeinen und dem Social Web im Besonderen gegen über. Sonja ist ein freund licher und äußerst modebewusster Teenager; sie unter scheidet sich in ihrem Kleidungs stil deut lich von gleichaltrigen Mädchen. Sonja hat ein aus geprägtes Shoppinginteresse, dem sie auch im Internet nachkommt. Vor allem zu ihrer Mutter hat Sonja, die mit ihren Eltern (ihr Vater ist Bank- kaufmann, ihre Mutter war früher Lehrerin und arbeitet nunmehr als Haus- frau), ihren beiden älteren Brüdern (22-jährige Zwillinge) und ihrem jüngeren Bruder, der gerade 17 geworden ist, in B wohnt, eine enge Beziehung und zieht sie auch als Beraterin in Stil-Fragen heran. Sonja ist sehr sport lich; zwei- mal pro Woche geht sie zum Volleyballtraining; früher hat sie auch Tennis 194 und Fußball gespielt. Da sie seit einem Jahr noch Klavier unterricht nimmt, konzentriert sie sich derzeit nur noch auf Volleyball. Sonja ist sehr gut in ihr soziales Umfeld integriert; sie ver fügt über einen großen Freundes kreis. Der- zeit hat sie eine Beziehung zu einem gleichaltrigen Jungen aus der Nähe. Medien (bis auf Bücher und die Zeitung) spielen für Sonja insgesamt keine große Rolle; ins Internet, geht sie nur, wenn sie etwas recherchieren möchte oder mit ihren Freunden über Instant Messaging Kontakt auf nehmen will. Eine große Leiden schaft stellt für sie jedoch das Online-Shopping dar; dazu nutzt sie die Seiten Frontlines hopper und Planetsports, um das einschränkte Angebot an ihrem Wohnort zu kompensieren: Sonja: Hier in der Nähe findet man halt nicht so gute Läden, und dann kann man halt, bevor man sich erst einmal ins Auto setzt, den Sprit ver jagt und ganz weit weg fährt, eben schnell auch gut im Internet gucken. Das ist super praktisch, und man spart auch ein bisschen Zeit, die man dann für andere Sachen, zum Beispiel Haus- aufgaben, nutzen kann. I: Und wie weit ist die nächste Stadt weg, wo man gut einkaufen kann? Sonja: 17 bis 20 Kilometer und eine andere Stadt ist ungefähr eine Stunde fahren oder eine Dreiviertelstunde. Das geht auch wohl, aber oft find ich dann trotzdem nichts. Dann geh ich auch so gern mal im Internet gucken, weil man da auch so andere Sachen findet als die, die überall sind so. Sonja nutzt Wikipedia sowie Google gezielt für ihr Informations management, z. B. wenn sie etwas für die Schule recherchieren muss oder irgendetwas wissen will; dazu schaut Sonja dann bei Google nach, recherchiert dann jedoch immer noch weiter. Wenn sie nur privat Informa tionen benötigt, begnügt sie sich mit einem Blick in Wikipedia. Dabei geht sie jedoch sehr reflektiert vor und beurteilt die unter schied lichen Informa tionen aus dem Internet sehr kritisch: Sonja: Also das Aussehen der Seite is’ auf jeden Fall schon mal aus schlag gebend, wenn da irgendwie so Schnörkelsachen und all so was ist, und kommt auch immer drauf an, wer das geschrieben hat. Also wenn das jetzt zum Beispiel so’ n Professor war, glaub ich dem schon eher, als wenn das jetzt wer anders is. Ja, manchmal setzen Jugend liche ja auch ihre Haus aufgaben rein oder so. Meistens geht’s, ist ja auch wohl richtig, aber da muss man auch schon auf passen, weil, die wissen ja auch nicht alles. I: Und bei den Jugend lichen, ist das meistens gut, was die so reinstellen? Sonja: Ja, wenn die es selber bereits schon gemacht haben. Manchmal ist das ja so, da lande ich dann auf so einem Forum und dann steht da „Hat jemand die und die oder schon da und da was mal drüber was geschrieben?“ Und dann les’ ich mir das durch und dann – bisschen weiß ich ja dann auch über das Thema – dann kann ich das auch beurteilen, ob das richtig oder falsch ist. Wenn sich das gut anhört, denk ich mir, nehm’ ich mal mit. Auch für ihr Beziehungs management nutzt Sonja Social Web-Angebote; früher hat sie sehr viel über Instant Messaging kommuniziert, weil sie als Austausch- 195 schülerin in Frank reich war und mit ihren dortigen Freunden in Kontakt bleiben wollte. Sie erzählt auch, dass sie im Alter von etwa 16 Jahren oft stunden lang über ICQ gechattet hat. Mittlerweile macht sie das aber nicht mehr so häufig. In ihrem örtlichen Freundes kreis tauscht man sich mittlerweile kaum mehr über Instant Messaging aus; mit Freunden aus dem Nachbarort macht Sonja es jedoch gelegent lich und wenn, dann meistens abends und eher kurz – nur um wichtige Informa tionen (z. B. in welchem Lokal man sich trifft) auszu tau schen. Generell bevor zugt es Sonja inzwischen, über E-Mails zu kom- munizieren, weil sie das persön licher findet. ICQ geht eben schneller, aber E-Mails mag ich lieber, die kann man halt immer wieder auf rufen. (…) E-Mails sind einfach schöner, es ist fast wie ein Brief nur nicht so, dass man ihn in den Händen halten kann. Ja, das find ich eigent lich wohl schön. Als Hanno [Sonjas Freund, Anm. d. A.] in Südafrika war, haben wir uns auch immer E-Mails geschrieben. Die hab ich immer noch gespeichert, die kann man immer so auf rufen und so. Ist auch irgendwie persön licher, oder. Also bei ICQ hat man den Vorteil, dass man direkt seine Gefühle, oder wie’s einem gerade so geht, schreiben kann, aber ich finde E-Mails haben auch schon was an sich. Sonja ist bei der Emsland-Community, bei SchülerVZ und bei StudiVZ an- gemeldet; diese Netz werk platt formen nutzt sie aber recht selten: Meine Freundin zum Beispiel nutzt das ganz viel, schreibt mir irgendwelche Nach- richten, aber ja, wenn ich jemandem ’ne Nachricht schreibe „Hallo, wie geht’s?“, „Was machst du?“, find ich das eher inhalts los, und deswegen mach ich das jetzt nicht so oft. Ich glaub, die macht das halt ziem lich gerne. Ich find das einfach, ich weiß nicht, hat nichts, bisschen dumm, aber okay. Manchmal sieht sich Sonja auf YouTube Videos an, wenn sie von Freunden einen Tipp bekommen hat. Zudem nutzt sie YouTube als Musik platt form, um nach neuen Songs zu suchen. Andere Videoplatt formen kennt sie zwar, nutzt diese aber nicht. Wie auch die anderen Angehörigen dieses Typs, insbesondere Stefan, ist Sonja dem Internet gegen über sehr kritisch ein gestellt; wie die an- gehende Erzieherin Carola macht sie sich vor allem über die Internet-Nutzung von Kindern Gedanken: Also, ich finde es auf jeden Fall, dass da so Sachen an geboten werden, die Kinder eigent lich gar nicht sehen sollten. Das finde ich nicht un bedingt ein Risiko, sondern Risiko ist es alleine schon, dass viele Kinder das Internet halt sehr viel nutzen. (…) Ich glaube, das kann schon sehr gefähr lich werden, wenn man einfach, ähm – Internet heißt ja Kommunika tion überall, aber ich glaube, dass, wenn man zu viel am Computer sitzt (…) auch schnell Freunde ver lieren kann. Oder nicht un bedingt ver lieren, aber dadurch findet man keine richtigen Freunde. Und ich finde auch, man sollte nicht nur über’ s Internet kommunizieren. Und dann gibt’s auch noch Seiten, die man gar nicht sehen sollte. 196 Der 21-jährige Roman ist ein gesprächs bereiter, freund licher junger Mann mit vielen Freunden, der in einer mittelgroßen Stadt an einer Fach hochschule in einem kommunikations bezogenen Studiengang studiert und während der Er- hebungs phase ein Praktikum in A ab solvierte. Neben seinem Studium arbeitet er in einer Network-Marketing-Firma, dessen Website seine Lieblings seite ist. In seiner Freizeit treibt er viel Sport. Außerdem ist er Mitglied in einem Verein, der Live-Rollen spiele ver anstaltet, die das Mittelalter zum Thema haben. Roman hat einen älteren Bruder, seine Mutter ist Psychotherapeutin, sein Vater arbeitet als Manager in einem Pharma unternehmen. In Romans Alltag genießt das Handy den größten Stellen wert, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben; doch auch über E-Mail tauscht er sich mit ihnen aus. Das Fernsehen nutzt Roman zwar zur Unterhal tung; es er scheint ihm jedoch im Prinzip durch das Internet ersetz bar. Roman betreibt ein selektives, aber – auch wegen seines Studiums – intensives Informations management; dazu dienen ihm Printmedien (Zeitun gen und Bücher) sowie Online-Zeitun gen, um über aktuelle Ereignisse Bescheid zu wissen, oder zur Recherche zuweilen auch Wikipedia. Über Social Web-Angebote hat Roman in seinem Studium schon viel er- fahren; sie genießen jedoch in seinem Alltag einen recht geringen Stellen wert. Zwar hat er selbst im Zusammen hang mit seinem Studium eine StudiVZ- Gruppe gegründet, der mittlerweile 270 Personen an gehören; wichtig waren ihm dabei aber der Lerneffekt und die Erfah rung damit, um sich auszu kennen. Er benutzt diese Platt form zwar auch zur Kontakt pflege, um Termine auszu- machen oder kurz Informa tionen auszu tau schen, schätzt dazu jedoch ICQ und vor allem Telefonate als bessere Lösung ein. Die Musik platt form MySpace ver wendet Roman zum Informieren über neue Bands. Über YouTube rezipiert er Musikclips, lustige Videos oder Nachrichten bzw. Reportagen, die auch gemeinsam mit Freunden an gesehen werden. Er findet es beeindruckend, wie viel Videomaterial dort vor handen ist und dass man diese Platt form als Archiv für ver passte Sendun gen ver wenden kann; dies war auch der Haupt grund für seine Registrie rung; außerdem kann er sich dort jederzeit Videos für über 18-Jährige ansehen. Einmal, so erzählt er bei der Gruppen diskussion, habe er sogar über YouTube etwas gelernt: Ja, Krawatte binden. Da hab ich mir das (un verständ lich) an geguckt, weil ich dachte, ich müsste es ja irgendwann mal lernen, weil sonst mach ich die immer zu und häng’ die dann so auch wieder weg. (lacht.) Ähm, das ist einfach anschau licher dann. Insgesamt erweist sich Roman im Umgang mit Social Web-Angeboten jedoch als hoch kritisch; er weiß, dass sich dort jeder als Autor beteiligen kann. Um Gewiss heit zu er langen, ob die Angaben, die er benötigt, stimmen, sucht er daher immer nach weiteren Quellen. Ein wichtiges Kriterium für ihn ist die Seriosität der Angebote. Durch sein Studium ist Roman sehr gut über techni- 197 sche Aspekte (wie Ver schlüsse lungen von Daten, „Kindersiche rungen“ oder die Produk tion von Podcasts), aber auch inhalt liche Aspekte sowie Chancen und Risiken des Social Web informiert. Mit Blick auf jüngere Menschen stellt er wie etwa Sonja und Carola Gefahren wie Cybermobbing, pornographi sche und gewalthaltige Inhalte deut lich heraus und befürwortet wie sie eine medien- pädagogi sche Bildung junger Menschen, um ihnen einen kritischen und kom- petenten Umgang mit dem Social Web und dem Internet allgemein zu ver- mitteln. Handlungs typ (6): Das Social Web zur Kompensa tion bei sozialen Pro- blemen – die intensive und initiative Nutzung mit hoher Relevanz in einem problembelas teten Alltag (2) Hassan, 17 Jahre (Hauptschule); Viktor, 17 Jahre (Realschule) Die beiden Angehörigen des Handlungstyps 6 lassen mit Blick auf die Dimen- sionen intensiv, initiativ sowie relevant Übereinstimmungen mit den Umgangs- weisen des Typs 3 erkennen. Dennoch unterscheiden sich die Handlungsweisen dieser beiden Jugendlichen von denen des Typs 3 in Bezug auf ihre Motive, die deutlich auf die Lebenswelt der Probanden verweisen. Unter diesen Social Web-Handlungstyp lassen sich zwei Jungen subsumieren, die zwar – ähnlich wie die Angehörigen des Typs 3 – Social Web-Angebote mit hoher Intensität nutzen (dies aber weitgehend unreflektiert und unkritisch); das Social Web genießt auch für sie eine sehr große Relevanz im Alltag; ohne die täglich mehrere Stunden in Anspruch nehmende Nutzung können sich die beiden Jungen ihren Alltag gar nicht vorstellen. Für sie ist es jedoch ein zentrales „Lebensmittel“, mit dem sie im Wesentlichen ihr Identitäts- bzw. zum Teil auch ihr Informationsmanagement (Hassan, 17 Jahre) sowie ihr Bezie hungs- management (Viktor, 17 Jahre) betreiben, da sie in ihrer Lebenswelt mit Be- dingungen kämpfen müssen, die sie in besonderer Weise auf Social Web- Angebote „zurückwerfen“. Die beiden Jungen stammen aus Migrationsfamilien und fühlen sich nur schlecht in die Gesellschaft integriert. Jeder von ihnen antwortet auf diese ihnen problematisch, wenn nicht sogar unwirtlich erscheinende lebenswelt- liche Situation in einer ihrem Charakter entsprechenden sehr spezifischen Weise. Bei beiden genießt dabei das Social Web einen überaus großen Stellen- wert: Es dient ihnen zur Kompensation von im realen Leben nur schwer aus- zulebenden Bedürfnissen sowie von Defiziten im Alltag. Hassan, ein 17 Jahre alter Hauptschüler aus B, der vor neun Jahren zusam- men mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist (er hat noch drei jüngere Brüder sowie eine jüngere Schwester) ist kurdischer Ab- stam mung. Seine Familie bezieht Sozialhilfe, da seine Eltern keine Arbeits- erlaubnis haben (über die früheren Berufe seine Eltern gibt Hassan keine Aus- 198 kunft). Hassan ist in seine soziale Umgebung nur sehr schlecht integriert und hat daher mit vielen Problemen zu kämpfen. Diese liegen unter anderem in seinem extremen kurdischen Nationalstolz sowie einer ent sprechend hohen Arroganz gegen über der deutschen bzw. europäi schen Gesell schaft und Men- schen mit einer anderen ethnischen Herkunft als seiner eigenen begründet. Auf die Vorliebe einiger seiner Freunde für pornographi sche Seiten im Internet antwortet Hassan z. B. mit Abscheu: Ich bin Moslem, also ich bin stolzer Moslem. So was mach ich nicht. Hassan geht kaum einem Streit aus dem Weg, besonders viele Raufereien hat er mit türkisch stämmigen Jugend lichen. Dies hat schon fast zu einer Suspen- die rung von der Schule geführt, da er dort Schlägereien an gezettelt hatte (seine schuli schen Schwierig keiten beschränken sich nicht nur auf Differenzen mit Gleichaltrigen, sondern spiegeln sich auch in seinen Noten wider). Hassan sagt selbst: Im Stress bin ich immer so schnell aus gerastet, wenn einer irgendwas gesagt hat. (…) Ich bin nicht der Junge, der redet, ich bin einfach, der sofort draufschlägt. Auch wenn er von manchen Mitschülern und Mitschülerinnen gemobbt und beleidigt wird, wahrschein lich als Reaktion auf seine eigenen Ver haltens- weisen, bezeichnet er dies als völlig „normal“; er selbst agiert und reagiert nicht anders. Um sich sport lich zu betätigen, geht Hassan regelmäßig ins Fitness - studio und spielt mit seinen Freunden (darunter afghani sche und russische wie auch einige deutsche Jugend liche) drei Mal in der Woche Basketball. Weil ihn Hiphop fasziniert, ver sucht er diesen Stil durch eigene Texte und eigenen Gesang zu imitieren. Um dieses Hobby auszu leben, hat er sein Taschen geld in ein Mikro investiert, das seine Stimme ver ändern kann. Aufgrund seiner sprach lichen Probleme ist es ihm bisher aber nicht gelun gen, die richtigen Wortlaute für seine Musik zu finden. Hassans Alltag und seine Lebens gewohn- heiten werden durch seine kurdische Herkunft bestimmt; seine Herkunft ist ihm sehr wichtig; Kurde zu sein bestimmt seine Identität. Um diese zu er- halten, zu pflegen und auch anderen gegenüber ausleben zu können, nutzt er Social Web-Angebote. Sie genießen bei Hassan, je nach Interesse und spe- ziellem Bedürfnis, aus unter schied lichen Gründen einen hohen Stellen wert für sein Informations- und vor allem sein Identitäts management. So ver wendet Hassan z. B. YouTube, um sich über kurdische Musik zu informieren oder diese wie deutschen Hiphop zu genießen; am deutschen Angebot sprechen ihn besonders gewalt verherr lichende Texte an: Ich hör nur deutsche, also diese Gangsta-Lieder und so, also irgendwie massiv, diese Gewalt. Das ist das, was ich hör. 199 Auch gewalthaltige Online-Spiele sind ihm sehr wichtig; sie zählen zu seiner Lieblings beschäfti gung im Internet. Hassan rezipiert ebenso gern die selbst- gedrehten Videos vor allem seiner kurdischen Freunde im Netz, die von kurdischen Lebens gewohn heiten handeln. Es ist ihm wichtig, durch das Ver- senden von Links andere Freunde auf diese Videos auf merksam zu machen. Ein Video selbst zu produzieren, käme für ihn jedoch nicht in Frage, weil er dafür zu viel Zeit investieren müsste. Da Hassan seine ethnische Herkunft extrem wichtig ist, sucht er im Inter- net auch gezielt nach Informa tionen über sein Land und seine Lands leute. Dabei ver wendet er neben Google auch YouTube. Bei der Erledi gung seiner Haus aufgaben bedient er sich unter anderem auch der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Dann ist er bereit, alle Informa tionen zu akzeptieren, die er be- kommt, gleichgültig, ob sie seriös sind oder nicht. Bei SchülerVZ hat sich Hassan vor etwa einem halben Jahr angemeldet. Dabei ist es ihm wichtig, seine Freunde mittels kurzer Nachrichten auf deren Pinnwände schnell erreichen zu können. Da er aber nicht davor zurück ge- schreckt, andere Nutzer durch Beleidigungen auf Pinnwänden zu belästigen, wurde er von den Betreibern bereits sieben Mal gelöscht: I: Was hast du da so geschrieben? Hassan: Ja, ähm, keine Ahnung, weil zwischen uns Kurden und Türken gab’s Stress. Da warn mehrere, die rechtsradikalen Türken, die was gegen uns haben, haben irgend- wie auf meine Seite, da kann man ja bei der Pinnwand irgendwas schreiben, ja, gibt’s so ne Pinnwand. Sagen: „Ach, ihr Scheiß-Kurden“ und so, also beleidigen. Darauf fing ich an, ihre Eltern zu beleidigen, alles Mögliche selber. Und dann hab’n sie mich verpetzt und so oder auf Wikipedia, da kann man ja nix über PKK machen. Da steht ja „sterolis“, ja, ja. Ich hab zum Beispiel meinen Namen [Nickname]78, wurde da öfter wegen Beleidigungen und so gelöscht. I: Und hast du die anderen dann auch verpfiffen? Hassan: Ne, ne. Ich bin nicht so ’ne Petze, also, wenn alle was machen wollen, können’ se ruhig machen. Also petzen und so bin ich nicht. Gern hätte er aber Rückmeldung von den Betreibern, weshalb man ihn gelöscht hat, um sie dann ihrerseits wissen zu lassen, warum er so agiert. Dennoch legt er jedes Mal sorgfältig seine Freundeslisten neu an: Ja, ich hatte ja auch, wurde ich vor zwei, drei Wochen gelöscht wieder. Ich hatte da ungefähr mehr als zweihundert Freunde und jetzt hab ich achtzig. Nur bei die achtzig, jetzt muss ich alle suchen. Die haben ja auch nicht ihre ganzen Namen drinne, eben auch Spitznamen und so. Es ist schwer, dich zu finden. 78 Auch mit seinem Nickname positioniert sich Hassan eindeutig als Kurde. 200 Da ihm die Kontaktpflege sehr wichtig ist, möchte Hassan auch unbedingt in SchülerVZ angemeldet bleiben. Dabei zählt er alle seine Kontakte zu seinen Freunden; er betont dabei aber, dass er nur „richtige Freunde“ habe und ak- zeptiere. Auch auf SchülerVZ ist es Hassan wichtig, seinen Nationalstolz zu präsentieren; und auch dort sucht er die Auseinander setzung mit türkischen Jugend lichen. Sein Profil bild zeigt ihn mit der kurdischen Flagge, und er lässt sich immer wieder neue Spitz namen einfallen, mit denen er als PKK-Anhänger erkenn bar ist. Instant Messaging (besonders ICQ aber auch MSN) nutzt Hasan eben falls, um mit seinen Freunden in Deutschland sowie mit seinen kurdischen Ver wandten und Freunden in Kontakt zu bleiben: Fremde sind ein bisschen für mich langweilig, so weil, wir haben hier Russen, Albaner und so, die meisten, näh? Die labern so auf ihre Sprache, man ver steht nichts. (…) Hab keinen, der auf meine Sprache spricht hier, ja, das ist langweilig und hier gibt’s gar keine Ver wandten, gar nix in der Nähe. Hassan nutzt Netzwerkplattformen sowie Instant Messaging vor allem für sein Identitätsmanagement. SchülerVZ dient ihm zur Kontaktpflege, aber vor allem zur aktiven Selbstdarstellung als Kurde – etwas, was ihm in seinem sozialen Umfeld nicht in der Weise gelingt. Auf SchülerVZ ist er auch nur den Gruppen beigetreten, die ihn mit seinem Migrationshintergrund in Verbindung bringen. Andersdenkende mobbt und beleidigt er dagegen. Auch der 17-jährige deutsch-russische Realschüler Viktor (seine Mutter arbei tet als Raumpflegerin,79 sein Vater im Metall gewerbe) hat in seiner sozia- len Umgebung mit Integrations problemen zu kämpfen. Mehr noch als Hassan ist Viktor ein Außen seiter. Anders als dieser ist er aber von Statur recht klein, schüchtern und intro vertiert, und auf Hänseleien durch andere, etwa auch im Rahmen der Gruppen diskussion, reagiert er eher phlegmatisch und ver sucht sie zu ignorieren. Generell scheint Viktor ein höflicher Junge zu sein; er erweckt dabei den Eindruck, als habe er seinen Platz im Leben noch nicht gefunden. Viktor lebt zusammen mit seiner neunjährigen Schwester zusammen in B. Sein älterer Bruder, sein großes Vorbild, ist vor einiger Zeit durch einen Unfall ums Leben gekommen. Wie seine jüngere Schwester spricht er nicht russisch; so nutzt er auch nur deutsche Medien und nicht, wie seine Eltern, russische. Das Thema Gewalt ist für Viktor ein Reizthema; dabei bleibt unklar, ob dies daran liegt, dass er selbst in irgendeiner Weise ein Opfer von Gewalt ist. So ver abscheut er einer seits alle Gewalt, anderer seits rezipiert er viele 79 Im Interview gibt Viktor an, seine Mutter sei Ärztin und habe in ihrem Beruf mit Computern zu tun. Im Rekrutierungs fragebogen selbst hat Viktor allerdings als höchsten Schulabschluss seiner Mutter Real- schule ein getragen und als ihre beruf liche Tätig keit Raumpflegerin an gegeben. Nachprü fungen vor Ort zeigen, dass seine Informa tion im Interview nicht stimmt. Es scheint Viktor im Interview wichtig gewesen zu sein, seinen sozialen Status mit dem Hinweis auf den ver meint lichen Beruf seiner Mutter höher darzu- stellen als er tatsäch lich ist. 201 Gewaltvideos, die er von anderen auf sein Handy geschickt bekommt, obwohl er deren Unterhaltungs wert für andere nicht nachvollziehen kann. Auch auf YouTube und MyVideo rezipiert er Gewaltvideos. Ab und zu, erzählt er, denke er dann darüber nach, diese Videos bei den Betreibern zu melden, damit sie von der jeweiligen Platt form gelöscht werden, aber es fehlt ihm das nötige Selbst vertrauen dazu. Obwohl Viktor derartige Gewalt szenen offensicht lich sehr bewegen, kann er weder mit seinen Eltern noch in der Schule darüber reden. Viktor gibt zwar an, ein sehr gutes Ver hältnis zu seinen Eltern zu haben, doch auch seine Erfah rungen als Außen seiter kann er nicht mit ihnen be- sprechen. Medien, vor allem das Fernsehen, aber auch das Internet genießen in Viktors Leben eine große Bedeu tung. Das Internet nutzt er für vielfältige Zwecke, so auch um eine Lehrstelle als Groß handels kaufmann zu finden oder um sich über eines seiner Lieblingsthemen, den Fußball zu informieren. Die Videoplatt- formen YouTube und MyVideo sind ihm wichtig, um sich u. a. Fußballvideos anzu sehen. Hin und wieder beteiligt er sich auch aktiv an diesen Platt formen, indem er Kommentare zu einzelnen Videos ver fasst, allerdings hat er noch nie selbst ein Video produziert und ver öffent licht. Wichtig sind ihm vor allem Netz werk platt formen; seine Start seite ist deshalb auch SchülerVZ; noch häufi- ger nutzt er aber ICQ, um mit seinem Freundes kreis in Kontakt zu bleiben: ICQ ist eher für die sehr guten Freunde, die hier, nur hier in B wohnen eigent lich, für mich. SchülerVZ nutz ich für überall. Das ICQ nutz ich mehr als SchülerVZ. Viel mehr, auf jeden Fall. Auf allen Platt formen, die Viktor nutzt, hat er jedoch schon oft negative Er- fah rungen gemacht; er ist schon häufig gemobbt worden. In SchülerVZ sind schon oft beleidigende Bemerkungen auf seine Pinnwand geschrieben und mit unvorteilhaften Fotos verlinkt worden, über die sich andere lustig gemacht haben. Viktor versucht dies zwar herunterzuspielen, aber dennoch bedrückt es ihn, und er kann sich nur wenig dagegen wehren. Ja. (lacht) Wenn die von Freunden sind, sag ich denen: „Ja, tu das mal bitte raus!“ Kann sein, dass mir das nicht so gefällt, aber – mein Gott – ist ja nichts Ernstes, ist ja nur Spaß. Lacht man mal drüber, ja, und verlinkt den anderen auch mal auf ein Foto, was vielleicht nicht besonders gut ist für ihn. Er weiß zwar, dass er solche Aktionen theoretisch bei den Betreibern von SchülerVZ melden und die entsprechenden Nutzer sperren lassen könnte, jedoch hat er bei einem „Freund“ die Erfahrung gemacht, dass sich dieser dann einfach unter einem anderen Namen wieder angemeldet hat. Viktor zeigt sich enttäuscht darüber: 202 Weil was hat man davon? Man wird gemeldet, man meldet sich mal an, dann wird man wieder gemeldet, meldet man sich wieder. Das hat ja keinen Sinn! Dennoch bleiben Netz werk platt formen für Viktor in seinem Alltag als Kom- pen sations mittel für mangelnde Anerken nung und Integra tion hoch bedeutsam; er tut sogar alles und nutzt jede Chance, um „zu den Anderen“ dazu zugehören. Für ihn stellen Social Web-Angebote wichtige Hilfs mittel in seinem Bezie- hungs management dar; vor allem über sie buhlt er um Anerken nung und be- müht sich um Integra tion. Dafür macht er alles mit, was seine Freunde ihm vor machen (z. B. auch die Rezep tion von Gewaltvideos, obwohl er diese ab- lehnt): I: Und gibt’s da so ein bisschen Gruppen zwang? So dass man das muss, weil man sonst gar nicht … Viktor: Würde ich nicht sagen, aber schon eher so, wenn die da sind, will man ja auch natür lich dazu gehören. Und da mitschreiben, wenn die sich da unter einander irgendwie (…). Also ich hab’s auch nur deswegen gemacht. 5.3.3 Fazit: Breites Spektrum an Umgangs weisen mit dem Social Web – die Potenziale werden jedoch selten voll aus geschöpft Beziehungsaufbau und Beziehungspflege gehören zu den zentralen Ent wick- lungsaufgaben Jugendlicher und junger Erwachsener; sie werden gerahmt von sozial-ökologischen Faktoren, wie etwa die formale Bildung. So ist es wichtig, von anderen wahr- und angenommen zu werden; vor allem das Dabeisein in formellen (Schulklassen) und informellen Gruppen (Peer-Groups) gewinnt Relevanz für die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein. Sich mit Anderen – möglichst in ständigem Kontakt und Austausch – über wichtige Themen auseinanderzusetzen oder auch nur, um sich über gemeinsame Inte res- sen und Termine zu verständigen und dabei für Andere ein ernstgenommenes Gegenüber darzustellen, ist für Jugendliche in der Identitätsgenese von hoher Relevanz. Social Web-Angebote bieten Jugendlichen und jungen Erwachsenen für ihre Beziehungs- und Kontaktpflege ein probates Forum und ermöglichen ihnen dabei ein „doing being present“ (vgl. Tipp 2008, S. 183). Die meisten befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, so Ergebnisse der qualita- tiven Teilstudie, nutzen das Social Web „friendship-driven“ (siehe dazu Ito u. a. 2008, S. 9); für sie ist die Chance zum Beziehungsmanagement das wich- tigste Motiv zur Social Web-Nutzung. Je nach Interesse und Kompetenz nutzen Jugendliche und junge Erwachsene Social Web-Angebote initiativ, sie gründen z. B. auf Netzwerkplattformen selber Gruppen und ergreifen die Initiative zur Beziehungspflege oder zur Selbstpräsentation, indem sie Kommentare posten und Bewertungen, etwa von Videos, Anderer vornehmen. Ein weiterer Anteil von Jugendlichen und jungen Erwachsehen nutzt Social Web-Angebote (dabei 203 handelt es sich zumeist um Netzwerkplattformen) jedoch vor allem, um in der Peer-Group nicht abseits zu stehen, um schlicht „dabei zu sein“ bzw. etwas zu tun „was eh alle tun“. Ihnen liegt daran, mit anderen verbunden zu sein und sich mit ihnen auch über das Netz verbunden zu fühlen. Für sie zählen vor allem der Austausch mit und der Kontakt zu Gleichaltrigen; die Initiative, etwa indem sie selbst Gruppen gründen, ergreifen diese Jugendlichen nicht. Für einige ist es dabei wichtig, möglichst viele Kontakte zu haben, um sich anerkannt, beachtet – lebendig – zu fühlen; für andere zählt dagegen nicht so sehr die Menge der Bekanntschaften und Freunde, etwa auf SchülerVZ, son- dern schlicht das Dabeisein und Mittun. Auch diese Jugendlichen nutzen andere Social Web-Angebote, etwa YouTube oder MySpace, dies jedoch, weil sie sich über die Videos dort mit anderen austauschen können; die meisten von ihnen nutzen allerdings die Video-Plattform YouTube als Musik-Plattform. Einige Jugendliche – dabei handelt es sich tendenziell stärker um formal höher gebildete und besonders engagierte Jungen – nutzen das Social Web „interest driven“ (vgl. ebd.); sie lassen einen kreativen Umgang mit dem Social Web erkennen, indem sie eigene Inhalte schaffen (z. B. Videos drehen). Doch auch diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Social Web-Ange- bote in einer kreativen Weise nutzen, folgen eher dem vorgegebenen Rahmen des jeweils bevorzugten Angebots, eine innovative, d. h. eine selbst gesteuerte, über den jeweiligen Gestaltungsrahmen des Angebots hinausgehende Umgangs- weise fand sich nur in sehr wenigen Fällen, wie etwa im Fall der Afghanin Sali, die die Netzwerkplattform Netlog zum Führen eines geheimen Tagebuchs umfunktioniert. Die weitaus meisten befragten Jugendlichen und jungen Er- wachsenen, dies lässt sich zusammenfassend sagen, schöpfen die vielfältigen Potenziale des Social Web nicht aus, sondern bedienen sich seiner Angebote in einer vorgegebenen, man möchte fast sagen: im Rahmen des Angebots- spektrums eher konventionellen Art und Weise, um ihre Anliegen umzusetzen. Allerdings lassen sich auch Nutzungsweisen beobachten, wie etwa die Video- plattform YouTube als eine Art Suchmaschine für unterschiedliche Themen einzusetzen oder um verpasste Serien zu sehen. Social Web-Angebote werden, wie die qualitative Teilstudie zeigt, auch zur Kompensation von großen sozialen Defiziten im Alltag (zum Identitätsmanagement bzw. zur Identitätspflege und zum Beziehungsmanagement bei mangelnder Integration) genutzt, etwa bei Jugendlichen mit Migrationserfahrungen. Blickt man speziell auf Chancen und Risiken der Social Web-Nutzung, so zeigt sich, dass diese Hand in Hand gehen; denn wer die Vorteile des Social Web nutzen will, ist auch gleichzeitig mit Risiken konfrontiert, wie ein Ergeb- nis aus den Gruppen diskussionen eindrucks voll zeigt: Um (wieder) erkenn bar zu sein, geben die meisten jungen Menschen mehr oder weniger sorg los eine Fülle von Angaben zu ihrer Person preis. Auch wenn sie wissen, dass sie sich damit als private Person ver öffent lichen, müssen sie es dennoch tun, um die 204 gewünschten Vorteile der Social Web-Nutzung er reichen zu können. Dieses Ergebnis lässt sich durch eine Studie von Livingstone (2008) bestätigen; auch sie weist auf das oben beschriebene Dilemma in der Nutzung von Netz werk- platt formen hin. Mit Blick auf sozial-ökologische Aspekte von Chancen und Risiken zeigt sich zusammenfassend die hohe Relevanz vor allem der formalen Bildung. Sie gewinnt insbesondere im Hinblick auf einen reflexiven Umgang mit Social Web-Angeboten Bedeutung: Formal höher Gebildete kennen Chancen und Risiken im Umgang mit Social Web-Angeboten bzw. wägen diese zuweilen bewusst gegeneinander ab und richten ihren Umgang danach aus (Vermeiden, eigene Daten preiszugeben, auf Foto- und Profil-Darstellung etc. achten). Formal niedriger Gebildete machen sich dagegen weniger Gedanken darüber, wie man sich z. B. im Social Web gegen unliebsame Erlebnisse schützen kann bzw. sollte. Sie gehen eher sorg los mit negativen Erfah rungen um bzw. be- trachten sie als einen un vermeid lichen Teil der Social Web-Nutzung. Die Tat- sache, dass dieser Unterschied zwischen den Bildungsgruppen in der qualitati- ven Befragung deutlicher zutage tritt als in der Repräsentativbefragung, könnte darauf hindeuten, dass die qualitative Erhebungssituation den Befragten mehr Raum gegeben hat, sich ihrem Selbstverständnis entsprechend zu präsentieren, wodurch sich die klaren Unterschiede zeigen. In der standardisierten Befragung hingegen, die auf möglichst objektivierbare Indikatoren für einen mehr oder weniger kompetenten bzw. mehr oder weniger risikoreichen Umgang mit dem Social Web abzielte, werden diese Reflexionen nicht sichtbar; vielmehr zeigt sich, dass die Unterschiede im konkreten Umgang mit dem Social Web gerin- ger ausfallen, als dies die im qualitativen Interview geäußerten Reflexionen vermuten lassen. Geht es um Online-Mobbing, eines der in der Öffentlichkeit am intensivsten diskutierten Risiken des Social Web, wird deutlich, dass nahezu alle befragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die an den Gruppen diskussionen teil- genommen haben, bereits in irgendeiner Form mit Online-Mobbing konfron- tiert wurden – dies allerdings weniger in Bezug auf ihre eigene Person (dieses Ergebnis korrespondiert mit dem Ergebnis in der Repräsentativstudie, wonach 28 % der Befragten bereits selbst einmal im Internet belästigt worden sind), als vielmehr dadurch, dass sie von Mitschülern und Mitschülerinnen oder ande ren Bekannten etwas über derartige Erfah rungen gehört haben. Zumeist beziehen sich diese Erfah rungen auf „pein liche“ oder „blöde Fotos“. Wie das Fallbeispiel des 17-jährigen Viktor eindringlich zeigt, handelt es sich beim Online-Mobbing jedoch keinesfalls immer – auch wenn dies von den Akteuren zuweilen so gemeint ist – um einen „Schülerstreich“. Viktor ist schon des Öfteren Opfer von Online-Mobbing geworden; in SchülerVZ sind beleidigende Bemerkungen auf seine Pinnwand geschrieben und mit unvorteil- haften Fotos verlinkt worden, über die sich andere lustig gemacht haben. Viktor 205 selbst sieht kaum Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Er weiß zwar, dass er die Aktionen gegen ihn bei den Betreibern von SchülerVZ melden und die entsprechenden Nutzer sperren lassen könnte, jedoch hat er bei einem „Freund“ die Erfahrung gemacht, dass sich dieser dann einfach unter einem anderen Namen wieder angemeldet hat. Nicht immer bleiben derartige Verhaltens- weisen ungeahndet. So war, dies der eindrück lichste Fall in einer Gruppen- diskussion, die Rede von einer Mitschülerin, die einen Schul verweis erhielt, nachdem sie ein beleidigendes Video über eine andere Mitschülerin ins Netz gestellt hatte. Formal höher gebildete und darunter insbesondere ältere Jugendliche und junge Erwachsene beurteilen Online-Mobbing kritisch und lehnen Verhaltens- weisen dieser Art ab. Zwar finden auch formal niedriger gebildete Jugend- liche, die der Repräsentativbefra gung zufolge häufiger Opfer von Belästi gun- gen im Netz werden, Online-Mobbing nicht in Ordnung. Denn in fast allen Diskussionen waren sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen darin einig, dass sie ein solches Ver halten ab lehnen; sie halten es für „feige“ und bezeichnen es als „Sauerei“. Generell messen allerdings die formal niedriger Gebildeten dem Online-Mobbing weniger Relevanz bei, da man z. B. negative Fotos „ja jederzeit wieder löschen kann“. In den Gruppen diskussionen zeigte sich mit Blick auf Online-Bekannt- schaften, dass formal niedriger gebildete Jugend liche häufiger über derartige Erfah rungen berichten als formal höher gebildete; dabei handelt es sich vor allem um niedriger gebildete Mädchen; sie er zählen davon, schon des Öfteren „an gemacht“ worden zu sein. Auch sie betrachten ein solches Ver halten aller- dings zumeist als „Spiel“ bzw. „Flirten“ und nicht als etwas, was sie mit ihren Eltern besprechen müssten. Für viele formal niedriger Gebildete haben Online- Bekannt schaften, wie sie er zählen, sogar ihren Reiz; so könnten sich einige Jungen und Mädchen vor stellen, einmal eine Online-Bekannt schaft zu machen, die sie dann auch offline treffen, dies allerdings – da sind auch sie sich einig – nicht allein, sondern am ehesten in Beglei tung einer Freundin oder eines Freundes. In Bezug auf die Wahrneh mung von Risiken und Gefahren im Netz lässt sich resümieren, dass bei den meisten Jugend lichen und jungen Erwachsenen zumindest ein rudimentäres Ver ständnis besteht. Bei genauerer Nachfrage wird deut lich, dass es sich dabei um Kenntnisse aus dem von Medien bestimmten Diskurs handelt, d. h. die Jugend lichen haben hier und dort bereits gehört, was man darf oder nicht tun sollte. Bei diesen Antworten ist allerdings zu beachten, dass in den Diskussionen um Risiken der Faktor der sozialen Erwünscht heit eine große Rolle spielt: Die Jugend lichen wissen, was sie sagen dürfen bzw. ver schweigen sollten. Unabhängig von der formalen Bildung wird deut lich, dass die Jugend lichen, die sich häufig intensiv im Social Web bewegen und für die seine Angebote 206 eine hohe Relevanz er langen, einen reflektierteren Umgang er kennen lassen: Kompetenz scheint mit dem „Tun“ zu wachsen. Im Zusammen hang mit potenziellen Chancen und Risiken kommt den Eltern bzw. dem Elternhaus und der Schule eine große Bedeu tung zu. Bei den Eltern erweist es sich als ent scheidend, ob diese ihre Kinder bei ihrem Um- gang mit dem Internet begleiten, indem sie Interesse an deren Aktivitäten im Netz zeigen und mit ihnen darüber sprechen, oder ob die Kinder in ihrer Internet-Nutzung weit gehend auf sich gestellt sind bzw. ob sie nur sehr formale Regeln für den Umgang mit dem Netz gesetzt bekommen, wie dies bei Heran- wachsenden in den Gruppen diskussionen mit niedriger formaler Gebildeten häufiger der Fall war. In einigen Fällen berich teten jüngere Befragte auch davon, dass sie risiko reiche bzw. illegale Ver haltens weisen bei ihren Vätern abgeschaut haben. In Bezug auf die Schule ist es relevant, wie die Gruppensdiskussionen zeigten, ob in den Schulen über Chancen und Risiken gesprochen wird oder nicht. In Gymnasien, so die Ergebnisse der Gruppendiskussionen mit formal höher gebildeten Jugendlichen, ist des Öfteren schon über Urheberrecht und Autorenschaft in Bezug auf Wikipedia die Rede gewesen; diese Schüler/ innen wissen – mehr oder weniger gut – wie sie im Internet recherchieren bzw. was sie vermeiden sollten; deutlich wird aber auch, dass die jungen Leute ihre Kenntnisse geschickt einzusetzen verstehen, so unter anderem auch, um Lehr- personen zu täuschen. Für Eltern wie für die Schule gilt, dass ihnen große Bedeutung bei der Stärkung des Bewusstseins für Chancen und Risiken im Umgang mit dem Internet bzw. dem Social Web zukommt. Dies gilt es, in Bezug auf medien pädagogi sche Konzepte und Projekte zu beachten. 207 6 Ausgewählte Angebote des Social Web Jan-Hinrik Schmidt, Julia Gutjahr Dieses Kapitel beschreibt aus gewählte Dienste des Social Web in Form von Fall studien, deren Ziel es ist, die jeweils spezifi schen tech- ni schen Merkmale der An- ge bote zu identifizieren und deren Zusammen hang mit den vor herr schenden Nut- zungs praktiken und öffent- lichen Diskursen über die jeweiligen Anwen dungen zu diskutieren. Auf Grundlage der qualitativen und quantitativen empiri schen Befunde wurden dazu besonders populäre Angebote aus vier Gattun gen aus- gewählt: SchülerVZ, StudiVZ und MySpace für die Netz werk platt formen (Ab- schnitt 6.1), ICQ und MSN für die Instant-Messaging-Dienste (Ab schnitt 6.2), YouTube und MyVideo als Ver treter der Videoplatt formen (Ab schnitt 6.3) sowie die Wikipedia als prototypi sches Beispiel eines Wikis (Ab schnitt 6.4). Die Unterkapitel folgen dabei jeweils einer einheit lichen Gliede rung, die an die Darstel lung der grundlegenden Funktionalitäten von Social Web-Diensten (vgl. Kapitel 3.3) anschließt: Nach einem allgemeinen Überblick, der Ergeb- nisse der quantitativen Befra gung einschließt, werden zunächst diejenigen Angebots aspekte beschrieben, die sich rund um individuelle Profilseiten grup- pieren und das Identitäts- und Beziehungs management im engeren Sinn unter- stützen. Daran anschließend werden Funktionalitäten behandelt, die die Kommunika tion mit Publika unter schied licher Reichweite betreffen (vom un- beschränkten Publizieren über gruppen bezogene bis hin zur interpersonalen Kommunika tion), gefolgt von einer Vorstel lung der Funktionalitäten des In- for mations managements. Im jeweils ab schließenden Abschnitt werden diese Charakterisie rungen zusammen fassend diskutiert, um eine Einschät zung von Sozialer Kontext Einstellungen, Funktionserwartungen Nutzung SNS Internet Medien insgesamt Angebot SNS Internet Medien insgesamt Social Web Social Web 208 Stellen wert und Konsequenzen der genannten Anwen dungen für Jugend liche und junge Erwachsene zu ermög lichen. 6.1 Netz werk platt formen 6.1.1 Überblick Wie in Abschnitt 3.2.1 geschildert, sind Netz werk platt formen Angebote, bei denen Nutzer innerhalb eines durch Registrie rung geschlossenen Raums ein persön liches Profil anlegen, davon aus gehend andere Nutzer als „Freunde“ oder „Kontakte“ bestätigen sowie mithilfe dieser sicht bar gemachten Beziehungen auf der Platt form navigieren können. Die in Deutschland unter Jugend lichen und jungen Erwachsenen beliebtesten Netz werk platt formen sind SchülerVZ und StudiVZ, die inzwischen mehr als zehn Millionen registrierte Nutzer be- sitzen und zu den zugriffs tärksten unter den von der IVW gemessenen Ange- boten gehören (vgl. Tabelle 6.1).80 Tabelle 6.1: Ausgewählte Netz werk platt formen im Überblick Name SchülerVZ StudiVZ MySpace URL www. schuelervz. net www. studivz. net www. myspace. com Betreiber studiVZ Limited, Berlin MySpace Inc, L. A. Eigentümer Verlagsgruppe Georg von Holtz brinck GmbH, Stuttgart News Corp., New York Existiert seit Februar 2007 Oktober 2005 Juli 2003 Registrierte Nutzer etwa 5 Mio. (http://www. schuelervz. net) etwa 6 Mio. (http://www. studivz. net) k. A. Visits (IVW; 06/2009) 159.228.960 176.438.847 55.169.219 Selbst be- schrei bung „SchülerVZ ist Europas größtes Online-Netz werk für Schüler ab 12 Jahren. Es ermög licht ihnen, in einem sicheren Umfeld mit ihren Freunden und Klassen kameraden zu kommunizieren.“ „StudiVZ.net ist das größte Online-Netz werk für Stu- denten im deutsch sprachi- gen Raum. Auf StudiVZ bleiben Studenten mit ihren Freunden und Kommilitonen in Kontakt und tauschen sich unter einander aus.“ „MySpace ist eine On- line-Community, in der du die Freunde deiner Freunde kennen lernen kannst.“ StudiVZ startete im Oktober 2005 und wurde Anfang 2007 von der Holtz- brinck-Gruppe für einen hohen zweistelligen Millionen betrag über nommen. Kurz darauf nahm SchülerVZ seinen Betrieb auf; im Februar 2008 startete die Platt form meinVZ, das sich an Erwachsene richtet. Alle drei Angebote sind sich von der Funktions weise und Anmutung relativ ähnlich; zwischen StudiVZ und meinVZ besteht auch insofern eine Verbin dung, als StudiVZ-Nutzer ihre 80 Ende 2006 gingen lokalisierte Ver sionen von StudiVZ in Frank reich, Italien, Spanien und Polen online, die allerdings Anfang 2009 wieder ein gestellt wurden. 209 Profil- und Netz werk daten in meinVZ über tragen (z. B. nach Beendi gung des Studiums) und Nutzer der einen auch auf Profile der anderen Platt form zu- greifen können. MySpace, das neben Facebook zu den welt weit populärsten Netz werk platt formen gehört, existiert seit Juli 2003 und ist seit 2005 im Besitz der News Corpora tion (Rupert Murdoch). Zur Anzahl der registrierten Nutzer gibt es keine aktuellen ver läss lichen Daten; die von der IVW gemessenen Zugriffs zahlen liegen deut lich niedriger als bei SchülerVZ und StudiVZ. Aus der Repräsentativbefra gung lassen sich weitere Anhaltspunkte über die Popularität der drei Netz werk platt formen unter Jugend lichen und jungen Erwachsenen gewinnen (vgl. Tabelle 6.2). Demnach nutzen unter den 12- bis 24-Jährigen etwa 40 Prozent zumindest einmal pro Woche SchülerVZ, und etwa 30 Prozent StudiVZ. In einzelnen Alters gruppen sind diese Anteile jedoch deut lich höher: Mehr als die Hälfte der 12- bis 14-Jährigen und sogar zwei Drittel der 15- bis 17-Jährigen rufen regelmäßig SchülerVZ auf, während mehr als die Hälfte der 21- bis 24-Jährigen sich zumindest einmal pro Woche bei StudiVZ einloggt. In der Alters gruppe der 18- bis 20-Jährigen, in die bei den meisten Abiturienten der Übergang von Schule zum Studium fällt, er reichen beide Platt formen jeweils etwas mehr als ein Drittel. Der Anteil der regel- mäßigen SchülerVZ-Nutzer liegt bei den Haupt schülern unter dem Durch- schnitt; bei den regelmäßigen StudiVZ-Nutzern sind er wartungs gemäß (der- zeitige oder ehemalige) Gymnasiasten über repräsentiert. Betrachtet man die Internetnutzer typen (vgl. Abschnitt 4.1) wird deut lich, dass etwa die Hälfte der Netz werker und mehr als die Hälfte der Aktiven Informations manager zumindest einmal pro Woche SchülerVZ nutzen. Auch StudiVZ wird von den Netz werkern besonders häufig genutzt. Tabelle 6.2: Regelmäßige Netz werk platt form-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) Name SchülerVZ StudiVZ MySpace Gesamt 39,2 30,2 14,4 Männer 41,7 28,3 16,9 Frauen 36,5 32,4 11,6 12- bis 14-Jährige 57,6 2,3 6,9 15- bis 17-Jährige 66,0 9,5 23,0 18- bis 20-Jährige 36,6 37,3 15,5 21- bis 24-Jährige 10,9 56,9 12,3 Formale Bildung (derzeit oder ehemals besuchter Schultyp) Haupt schule 28,9 12,5 9,9 Realschule 40,7 21,7 8,5 Gymnasium 41,6 41,2 19,4 Internetnutzer typen Wenignutzer 24,3 19,8 5,6 Netz werker 49,8 44,1 17,9 Aktive Informations manager 58,0 30,7 33,0 Spieler 34,7 16,3 12,2 210 MySpace hingegen weist deut lich geringere Nutzungs anteile auf; nur etwa 15 Prozent der gesamten Befragten besuchen die Platt form zumindest einmal pro Woche. Unter Männern, Gymnasiasten sowie Nutzern zwischen 15 und 17 Jahren liegt der Anteil regelmäßiger Nutzer etwas höher als in den übrigen Gruppen. Besonders häufig ist die MySpace-Nutzung bei den Internetnutzer- typen der Netz werker sowie insbesondere der Aktiven Informations manager. Die regelmäßigen Nutzer der drei unter suchten Platt formen lassen sich schließ lich auch unter Zuhilfenahme der SNS-Nutzer typologie (vgl. Ab- schnitt 4.3) charakterisieren (vgl. Tabelle 6.3). Demnach sind die Typen Rand- nutzer ohne Profil und Reflektierte Gelegenheits nutzer unter allen regelmäßigen Platt form-Nutzern unter repräsentiert, Experimentierende Gelegenheits nutzer finden sich bei SchülerVZ etwas häufiger als unter allen Befragten. Bei den übrigen Typen finden sich deut liche Unterschiede vor allem zwischen StudiVZ einer seits und SchülerVZ und MySpace anderer seits: Unter den regelmäßigen Nutzern von StudiVZ sind die Routinierten Kontakt pfleger und die Wenig interessierten Routinenutzer deut lich über repräsentiert, während der Anteil der Außen orientierten Selbst darsteller unter den Nutzern von SchülerVZ und MySpace höher liegt. Hier spiegeln sich die in Kapitel 5.1 beschriebenen Unter- schiede in der SNS-Nutzung zwischen Schülern und Studierenden wider. Auf MySpace findet sich zudem ein deut lich höherer Anteil von Intensiven Netz- werkern. Tabelle 6.3: Anteile der SNS-Nutzer typen (in % der Personen, die die Platt form mind. 1 ×/Woche nutzen) SchülerVZ StudiVZ MySpace Gesamt n = 254 n = 198 n = 93 n = 578 Randnutzer ohne Profil 3,9 2,5 8,6 14,4 Routinierte Kontakt pfleger 25,2 39,4 24,7 26,5 Außen orientierte Selbst darsteller 24,8 15,7 21,5 17,6 Wenig interessierte Routinenutzer 10,6 16,7 11,8 11,0 Zurück haltende Freundschafts orientierte 11,8 9,1 5,4 9,8 Intensive Netz werker 13,4 11,6 22,6 10,2 Reflektierte Gelegenheits nutzer 3,9 4,0 4,3 7,3 Experimentierende Gelegenheits nutzer 6,3 1,0 1,1 3,2 6.1.2 Identitäts- und Beziehungs management Netz werk platt formen sind prototypi sche Umgebun gen für das Identitäts- und Beziehungs management. Dies schlägt sich in den Selbst beschrei bungen der unter suchten Angebote nieder, wo das Kontakt halten, Kommunizieren und Austauschen mit Freunden heraus gestellt wird. Der Ausgangs punkt dieser Praktiken ist die Profilseite, die jeder Nutzer mit der Registrie rung anlegt. Im Aufbau und in den an gezeigten Informa tionen unter scheiden sich die Profil- 211 seiten auf SchülerVZ und StudiVZ von denen auf MySpace, was sich wiederum auf die Nutzungs weisen aus wirkt. Die Profilseiten bei SchülerVZ und StudiVZ (vgl. Abbil dung 6.1) ent halten grundlegende Informa tionen wie den Benutzer namen, das Geschlecht, Geburts- datum und besuchte Schule (SchülerVZ) bzw. Hochschule (StudiVZ). Zusätz- lich stellen Nutzer ein Profilfoto ein, das für andere Nutzer einseh bar ist und zum Beispiel bei Suchanfragen oder Kommentaren auf anderen Profilseiten neben dem eigenen Namen auf taucht. Im Bereich „Informa tion“ hat der Nutzer die Möglich keit, weitere Angaben zu machen; während einige Abfragen wie „Beziehungs status“, „Hobbys“ oder „Lieblings musik“ auf beiden Platt formen vor kommen, sind andere auf die jeweiligen Nutzer gruppen zu geschnitten. So können auf SchülerVZ schul bezogene Informa tionen wie „Lieblings fach“ oder „Hass fach“, auf StudiVZ dagegen Angaben zum Studien fach, zur früher be- suchten Schule oder über Neben jobs gemacht werden. Zudem können dort im Bereich „Lehr veranstal tungen“ die derzeit besuchten Vorle sungen und Seminare an gegeben werden. Durch einen Klick auf die ent sprechende Ver anstal tung wird ersicht lich, welche anderen StudiVZ-Nutzer den Kurs eben falls besuchen. Das Profil ent hält auf beiden Platt formen weitere Bereiche: Unter den per- sön lichen Informa tionen werden alle Gruppen in einer Liste auf geführt, denen der Nutzer bei getreten ist. Darunter folgt die „Pinnwand“, eine Art schwarzes Brett, an der andere Nutzer Nachrichten für den Profilinhaber hinterlassen können. In einer Seiten leiste werden die bestätigten Freunde an gezeigt, die ein Nutzer an der gleichen und an anderen Schulen bzw. Hochschulen hat. Eine Besonder heit von SchülerVZ und StudiVZ ist, dass beim Besuchen des Profils einer anderen Person der Ver bindungs pfad zwischen dem Nutzer und dem jeweiligen Profilinhaber an gezeigt wird. Während die Struktur bzw. Maske der Profilseiten bei SchülerVZ und StudiVZ stark auf den schuli schen bzw. studenti schen Kontext zu geschnitten ist, sind Profilseiten bei MySpace deut lich offener und freier gestalt bar (vgl. Abbil dung 6.2). Ein „typisches“ MySpace-Profil zu identifizieren, ist jedoch insofern schwierig, als Nutzer großen Spiel raum besitzen, ihre Profilseite den eigenen Vorstel lungen anzu passen. Sie können hochgeladene Fotos und Videos, aber auch Inhalte von anderen Angeboten in das eigene Profil einbinden. Zudem können sie das Design ihres Profils, also zum Beispiel die Hintergrundfarbe, das grundlegende Seiten layout oder die Darstel lung von Texten anpassen. Dazu stellt einer seits MySpace eine Reihe von Vorlagen zur Ver fügung, anderer seits lassen sich auch mit der Hilfe gängiger Formatierungs befehle (HTML und CSS) die Vorgaben nach eigenen Wünschen anpassen. Im Internet stehen zahl- reiche Editoren und Hilfeseiten zur Ver fügung, die diese Modifizie rungen er- leichtern bzw. die notwendigen Kompetenzen ver mitteln.81 81 Z. B. unter www. myspace-generator. de oder www. pimp-my-profile. com. 212 Abbil dung 6.1: Profilseite eines SchülerVZ-Nutzers Anmer kung: Es handelt sich hierbei um ein fiktives Profil, das SchülerVZ in der Öffentlichkeits arbeit ver wendet; daher wurde auf eine Anonymisie rung ver zichtet (http: //static. pe. schuelervz. net / 20090331-2/ lp/Pvz//de/press/ img/scre enshots/pvz_ profil_790px. jpg). 213 Abbil dung 6.2: Profilseite eines MySpace-Nutzers 214 Profilseiten auf MySpace sehen dadurch individueller und weniger einheit- lich aus als ihre Pendants auf SchülerVZ bzw. StudiVZ. Auch hier sind Basis- informa tionen wie ein Profilfoto, Alter, Geschlecht oder Wohnort bzw. Region ent halten. Der Name, der im Profil an gezeigt wird, ist ein frei wähl barer „Nick- name“; Vor- und Nachname müssen zwar bei der Registrie rung an gegeben werden, lassen sich jedoch aus blenden. Weitere Profilinforma tionen sind optio- nal und werden ent weder aus Vorgaben aus gewählt (wie z. B. bei „Familien- stand“ oder „Religion“) oder aber in Freitext felder ein getragen. In dieser Hin- sicht existieren weitere Unterschiede zwischen den betrach teten Platt formen (vgl. beispiel haft die Vorgaben zur Kategorisie rung des eigenen Familien- bzw. Beziehungs stands in Tabelle 6.4). Dass solche Vorgaben für manche Nutzer eher einen gend wirken, zeigen die kreativen Wege, mit solchen Beschrän kun- gen umzu gehen: Insbesondere die Mitglieder der Platt formen der VZ-Gruppe nutzen den Umstand, dass die Namen der Gruppen, denen man bei getreten ist, auf dem Profil an gezeigt werden, um ihre Selbst darstel lung über die Vor- gaben der Profilmaske hinaus zu gestalten. Die Beschrän kung auf bestimmte Kategorien bei der Angabe des Beziehungs status wird beispiels weise von manchen Nutzern dadurch umgangen, dass sie Gruppen beitreten wie „Bezie- hungs status: geschädigt“ oder „Beziehungs status: schwer ver mittel bar“. Tabelle 6.4: Kategorien für den Beziehungs status bei Netz werk platt formen SchülerVZ StudiVZ meinVZ MySpace Solo Ver geben Ver liebt Romanze Frisch ver liebt Ver knallt Unklar Problem Gute Frage In Arbeit Gerade getrennt Für alles zu haben Kein Interesse Bloß nicht Unglück lich ver liebt Solo Offene Beziehung Romanze Ver geben Ver lobt Ver heiratet Solo Offene Beziehung Ver geben Ver liebt Ver lobt Ver heiratet Geschieden Endlich wieder frei Schwer zu sagen Single Ver geben Ver lobt Ver heiratet Geschieden Swinger Weitere Elemente eines MySpace-Profils liefern Informa tionen aus dem Freundes netz werk des Nutzers, z. B. in Form einer Auflis tung der bestätigten Freunde, einer Liste der Kommentare, die Profil besucher hinterlassen haben, oder auch mittels Blog-Einträgen und Musikstücken, die der Profilinhaber integriert hat (s. u.). Eine Besonder heit von MySpace ist, dass dort auch Bands, Musiker oder andere Künstler eigene Profilseiten einrichten und dort MP3- Dateien oder Videos ver öffent lichen können. Besucher des Profils können diese Dateien ab spielen oder (sofern der Profilinhaber dies erlaubt) auch herunter- 215 laden. Durch einen Klick auf einen ent sprechenden Song kann ein Besucher diesen auch auf seiner eigenen Profilseite einbinden. Das Knüpfen bzw. Artikulieren von Kontakten ist bei den drei betrach teten Platt formen jeweils ähnlich gestaltet: Nutzer können eine Freundschafts anfrage an andere Nutzer schicken, deren Profil sie besucht oder die sie in einer Suche identifiziert haben. Zusätz lich können auch bislang nicht registrierte Perso- nen auf die Platt form ein geladen werden, wobei MySpace die Option bietet, Adress bücher aus ver schiedenen webbasierten Maildiensten (wie AOL, Web. de, GMX oder Google Mail) zu importieren und automatisch abzu gleichen. Eine Anfrage muss von der kontaktierten Person akzeptiert werden, damit der Kontakt bestätigt ist. Eine automatisierte Differenzie rung der bestätigten Kon- takte findet bei SchülerVZ zwischen Freunden auf der eigenen und Freunden auf anderen Schulen statt, bei StudiVZ werden Freunde aus der eigenen Hoch- schule und die von anderen Hochschulen getrennt auf dem Profil an gezeigt. Bei allen drei Platt formen können Nutzer zusätz lich eigene Listen bzw. Kate- gorien anlegen (z. B. „alte Schulfreunde“), um das ab gebildete soziale Netz- werk nach den eigenen Vorstel lungen zu organisieren. Diese Differenzie rung von bestätigten Kontakten kann allerdings nur ein- geschränkt für ein nuanciertes Regulieren der eigenen Privatsphäre genutzt werden. Auf StudiVZ sind die Profile per Voreinstel lung für alle anderen registrierten Platt form mitglieder zugäng lich, bei SchülerVZ werden Profile von Nutzern unter 16 Jahren bei der Anmel dung standardmäßig so ein gestellt, dass diese nur von Freunden ein gesehen werden können. Nutzer können diesen Zugang weiter einschränken, beispiels weise indem nur die bestätigten Freunde, diese sowie deren Freunde oder zusätz lich alle Personen der eigenen (Hoch-) Schule das Profil einsehen können. Auch bei hochgeladenen Fotos kann fest- gelegt werden, welche Nutzer gruppen Zugangs rechte haben. Nutzer können zudem fest legen, dass sie erst nach vor heriger Zustim mung auf Fotos ver linkt werden bzw. dass nur bestätigte Freunde eine solche Kopplung von Foto und Profil vornehmen dürfen. Schließ lich können Nutzer einstellen, ob ihr Besuch auf fremden Profilseiten dem jeweiligen Inhaber an gezeigt wird. Profile auf MySpace sind dagegen standardmäßig für jeden Internetnutzer (also auch für nicht-registrierte Nutzer) zugäng lich; Mitglieder müssen bewusst ent scheiden, ihr Profil ledig lich für befreundete Nutzer einseh bar zu machen. Eine Ausnahme sind Profile von Nutzern unter 16 Jahren, die aus schließ lich privat (d. h. nur für Freunde sicht bar) geführt werden. Seit einiger Zeit besteht die Möglich keit, auch für bestimmte Profilinhalte bestimmte Daten schutz- optionen fest zulegen, so z. B. welche Nutzer gruppen (d. h. welche der selbst definierten Freundes kategorien) die Freundes liste oder die Kommentare sehen dürfen. Ob bzw. in welchem Ausmaß solche Optionen tatsäch lich genutzt werden, hängt maß geblich von den Voreinstel lungen ab, die die jeweiligen Platt formen 216 bieten. Tabelle 6.5 gibt eine Übersicht einiger Standard- bzw. Default-Werte zu privatsphärerelevanten Einstel lungen, die nach dem Anmelden auf der Platt- form gesetzt sind. Die Übersicht macht zum einen deut lich, dass sich die Platt- formen in den Konfigurations möglich keiten unter scheiden, also bestimmte Optionen nicht ver änder bar sind – bei MySpace beispiels weise das Ver bergen oder Sicht bar-Machen von Kontakt daten, bei SchülerVZ zum Beispiel die Sicht bar keit der aktuellen Status meldun gen. Zum anderen zeigt sie, dass die grundlegenden Einstel lungen nur drei Ebenen der Sicht bar keit vor sehen: für jeden Nutzer, für bestätigte Kontakte sowie für keinen anderen Nutzer. Tabelle 6.5: Standardeinstel lungen für privatsphärerelevante Optionen Einstel lung SchülerVZ StudiVZ/ meinVZ MySpace Unter 14 Jahre Über 14 Jahre Unter 16 Jahre Über 16 Jahre Vollständiges Profil einseh bar1 Nur für Freunde (minimal) Für jeden (maximal) Für jeden (maximal) Nur für Freunde Alle Freundes liste einseh bar Nicht separat konfigurier bar Nicht konfigurier bar Nicht separat konfigurier bar Nur für Freunde Für jeden Fotos einseh bar Nicht separat konfigurier bar Nicht konfigurier bar Nicht separat konfigurier bar Nur für Freunde Für jeden Kontakt daten einseh bar Nur für Freunde (nicht ver änder bar) Nur für Freunde Nicht konfigurier bar „Ich bin gerade“ bzw. Status/Stim- mung einseh bar Nicht konfigurier bar Für jeden (maximal) Nur für Freunde Für jeden Geburts tag einseh- bar Nein (minimal) Nein (minimal) Nur für Freunde Auf Fotos ver link bar Nur durch Freunde nach Zustim mung Nur durch Freunde (maximal) Nur durch Freunde (maximal) Nur durch Freunde Wer darf Nachrich- ten senden? Jeder Jeder Jeder Wer darf gruscheln? Nicht konfigurier bar Jeder Funktion nicht vor handen Auffind bar in detail- lierter Suche (z. B. nach Heimat stadt) Nein Ja Ja Nicht separat konfigurier bar Besuch auf anderen Profilseiten sicht bar? Ja Ja Ja Profil in „Kennst Du schon?“-Empfeh- lung sicht bar? Ja Ja (maximal) Nicht separat konfigurier bar Online-Status sicht- bar? Für jeden (maximal) Für jeden Ja 1 Das vollständige Profil umfasst auch Informa tionen wie Freundes listen, Gruppen zugehörig keiten etc. Während die Standardeinstel lungen für ältere Nutzer bei allen Platt formen die maximal mögliche Offen heit vor sehen – mit Ausnahme des Geburts- datums –, sind die Profilinforma tionen jüngerer Nutzer (bei SchülerVZ unter 14, bei MySpace unter 16 Jahren) standardmäßig ein geschränkter sicht bar, 217 nämlich nur für den bestätigten Freundes kreis. Bei allen Platt formen lässt sich zudem die Sicht bar keit einzelner Profilmodule individuell anpassen. Dazu sind jedoch gesonderte Schritte notwendig: Bei den VZ-Platt formen das Aktivieren des „ein geschränkten Profils“, also das Einschränken der Profil-Sicht bar keit auf Freunde und Freunde der Freunde; bei MySpace das Aktivieren des „Profil 2.0“ in den er weiterten Design-Einstel lungen. Dennoch scheint sich unter Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein Bewusstsein für die problemati schen Aspekte in Hinblick auf die Privatsphäre zu bilden. Aus den qualitativen Untersuchungen geht hervor, dass die Sensi- bilisie rung für die möglichen Gefähr dungen der eigenen Privatsphäre vor allem durch den medialen Diskurs geprägt sind; Jugend liche er zählten beispiels- weise von TV-Sendun gen, in denen über den Missbrauch von Netz werk platt- formen berichtet wurde. Die quantitative Befra gung hat nicht explizit danach gefragt, ob das eigene Profil auf einer Netz werk platt form nur für bestätigte Freunde einseh bar sei, doch der allgemeiner formulierten Aussage „Bestimmte Informa tionen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kontakte zugäng- lich“ stimmten 58 Prozent der Nutzer von Netz werk platt formen voll und ganz, weitere 15 Prozent weit gehend zu. 19 Prozent hingegen gaben an, dass dies gar nicht der Fall sei. Dass die Voreinstel lungen auch in der Nutzung einen Niederschlag finden, zeigt ein Befund aus der Repräsentativbefra gung zu den Befragten, deren meist- genutzte Community SchülerVZ ist: Die 12- bis 14-jährigen Nutzer stimmen der oben genannten Aussage, dass bestimmte Informa tionen nur für Freunde einseh bar sind, zu 87 Prozent voll und ganz oder zumindest weit gehend zu, während dies bei den 15- bis 17-Jährigen nur 65 Prozent sind. Die ent spre- chende Voreinstel lung für bis 14-Jährige und ab 14-Jährige spiegelt sich in diesem Ergebnis wider. 6.1.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Von den drei hier behandelten Platt formen erlaubt nur MySpace das Publizieren im oben (Abschnitt 3.3.3) definierten Sinn: das Zur-Ver fügung-Stellen von Inhalten für ein Publikum, das über die Platt form hinaus reicht. Inhalte auf SchülerVZ und StudiVZ sind nur für registrierte Mitglieder der jeweiligen Platt form sicht bar, sodass es sich stets um gruppen- bzw. netz werk bezogene Kommunika tion handelt. Allen drei Platt formen ist gemeinsam, dass Nutzer Fotos auf die Platt form hochladen, in Alben organisieren und an ihr Profil koppeln können. Zudem ist es möglich, befreundete Personen, die sich auf Bildern des Nutzers befinden, zu ver linken; von dem Foto kann dann direkt auf die Profilseite der ver linkten Person zu gegriffen werden. MySpace bietet weitere Optionen an, Inhalte auf 218 dem eigenen Profil bereit zustellen: Nutzer haben die Möglich keit, einen eige- nen Blog einzu richten, dessen Einträge auf der Profilseite ver linkt sind, sowie Videos oder Musikstücke aus anderen Profilen (insbesondere von Musikern bzw. Bands, s. o.) einzu binden. Eine proaktive Kontrolle der hochgeladenen Inhalte erfolgt nicht, doch Inhalte oder Profile, die gegen die AGBs oder den Ver haltens kodex ver stoßen (z. B. die Ver öffent lichung von Nackt aufnahmen), können gelöscht werden. Beide Platt formen ver trauen dabei auf die Nutzer- gemein schaft, indem sie die Funktion bereit stellen, bestimmte Inhalte oder auch „Betrüger profile“ den Betreibern zu melden. Gruppen bezogene Kommunika tion im engeren Sinn findet auf allen Platt- formen einer seits in Form von Kommentaren auf Profilseiten oder zu hoch- geladenen Fotos, anderer seits in Form der Gruppen statt. Die Nutzer haben die Möglich keit, Gruppen zu allen erdenk lichen Themen und Interessen gebieten (z. B. „Au-pair in Brüssel“) zu gründen und zu ver walten, bzw. in eine solche einzu treten. Innerhalb dieser Gruppen existiert dann eine Forums funk tion, d. h. es können Diskussionen zu ver schiedenen Themen eröffnet, Beiträge er- stellt sowie er gänzend Fotos hochgeladen werden.82 Für die Kommunika tion innerhalb des eigenen Netz werks stehen weitere Möglich keiten zur Ver fügung. MySpace bietet eine „Bulletin“-Funktion an, mit der sich Nachrichten an alle bestätigten Kontakte ver senden lassen; zudem können Bilder oder Videos ein gebunden werden. Der Bulletin-Versender kann auch fest legen, ob andere Nutzer das Bulletin kommentieren können. Die Kommentare sind dann für alle Nutzer sicht bar, die das Bulletin empfangen haben. Alle drei Platt formen sehen auch eine Variante des „Microblogging“ vor: Nutzer können in einem Textfeld eine kurze Nachricht über ihren momen- tanen Zustand bzw. ihre momentane Aktivität ein geben, die auf der Profilseite des Nutzers an gezeigt wird. Zudem ent halten die Start- bzw. Profilseiten eine Übersicht aller Status meldun gen aus dem eigenen Netz werk, sodass auf einen Blick ersicht lich wird, was bestätigte Kontakte gerade tun oder denken. Für die Individual kommunika tion schließ lich stehen auf allen Platt formen Dienste zur Ver fügung, mit denen analog zur E-Mail asynchrone Nachrichten zwischen Nutzern aus getauscht werden können. SchülerVZ und StudiVZ bieten zudem mit dem „Plauderkasten“ eine dem Instant Messaging ver gleich bare Funktion, die die synchrone chatartige Kommunika tion zwischen bereits be- freundeten Nutzern zulässt. MySpace hat keine derartige Funktion integriert, bietet aber in Koopera tion mit Skype einen Instant Messenger an, der gesondert installiert werden muss und die Kommunika tion mit dem Kontakt netz werk 82 Tatsäch lich sind nicht alle Gruppen auch auf themati schen Austausch an gelegt. Nutzer können Gruppen auch einzig deswegen gründen oder ihnen beitreten, um den Gruppen titel im eigenen Profil anzeigen zu lassen und sich so zusätz liche Optionen des Identitäts managements und der Erweite rung von Profil- vorgaben zu eröffnen. In welchem prozentualen Ver hältnis „echte“ Diskussions gruppen zu solchen rein identitäts markierenden Gruppen stehen, lässt sich nicht ab schließend klären. 219 der Platt form unter stützt. Eine Besonder heit der VZ-Platt formen wiederum ist das „Gruscheln“ – ein Neologismus aus „Grüßen“ und „Kuscheln“, der für eine spezifi sche Form des virtuellen Grüßens steht: Wenn ein Nutzer einen anderen gruschelt, er scheint auf dessen persön licher Start seite ein ent spre- chender Hinweis. Diese Form der Kontakt aufnahme ist standardmäßig auch zwischen Nutzern möglich, die einander nicht als Kontakte bestätigt haben, kann aber in den Privatsphäreop tionen auf die eigenen Freunde beschränkt werden. Alle Platt formen bieten zudem die Möglich keit, andere Nutzer explizit zu „ignorieren“, d. h. ihnen keine Möglich keit zu geben, Kontakt aufzu nehmen. 6.1.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung Informations management wird auf den drei Platt formen in unter schied licher Weise unter stützt: Alle bieten die Möglich keit, sich auf der Start seite (SchülerVZ und StudiVZ) bzw. der eigenen Profilseite (MySpace) anzeigen zu lassen, welche Aktivitäten die Mitglieder des eigenen Kontakt netz werkes in jüngerer Zeit getätigt haben. Dadurch wird eine Form von „Awareness“, von Aufmerksam- keit bzw. Transparenz innerhalb eines sozialen Netz werks geschaffen, das die Lebendig keit der Platt form erhöht. Zudem werden dort neu ein gegangene Nach richten oder Kommentare an gezeigt (die man auch per E-Mail abonnieren kann); MySpace bietet zusätz lich die Option, Blogs anderer Nutzer zu abonnie- ren und so über Aktualisie rungen auf dem Laufenden gehalten zu werden. Die Recherche nach anderen Nutzern, Gruppen oder (bei MySpace) nach Musik und Videos wird durch interne Suchfunk tionen unter stützt, wobei auch die Antwort vorgaben der Profilfelder zur Einschrän kung genutzt werden kön- nen (z. B. indem gezielt nach bestimmten Studien fächern oder nach Beziehungs- status gesucht wird). Für die Musik- und Videobereiche bietet MySpace zudem redaktionelle Orientie rung, indem bestimmte Künstler auf den Start seiten der jeweiligen Bereiche gefeaturet werden. Im Videobereich werden die popu- lärsten Videos in Ranglisten bzw. Charts präsentiert, wobei meist gespielte, meist kommentierte und best bewertete Videos jeweils gesondert auf geführt sind. Außerdem hat der Nutzer die Möglich keit, ein Video als positiv oder negativ zu bewerten, sowie den Link zum Video durch einen Klick an andere Nutzer per Bulletin oder an andere Social Web-Angebote wie Delicious oder Digg zu über mitteln. Im Musik bereich stehen Charts getrennt für Künstler ohne Ver- trag, Independent- sowie Major-Künstler zur Ver fügung. 6.1.5 Zusammen fassende Diskussion Im öffent lichen Diskurs gelten Netz werk platt formen wie SchülerVZ, StudiVZ und MySpace als prototypi sche Anwen dungen für die Internetnut zung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen, an denen sich die ver änderten Nutzungs- 220 praktiken, aber auch mögliche Risiken des Social Web besonders ver deut lichen. Die empiri schen Studien haben gezeigt, dass diese Einschät zung gerecht fertigt ist: Netz werk platt formen haben im Online-Repertoire der 12- bis 24-Jährigen eine Schlüsselposi tion inne, weil sie in besonderem Maße auf das Identitäts- und Beziehungs management zu geschnitten sind, das in diesen Alters gruppen eine zentrale Rolle spielt. Die Kommunikations architektur der betrach teten Platt formen weist zahl- reiche Ähnlich keiten, aber auch einige Unterschiede auf, die sich auf die Nut- zungs praktiken und ihre Konsequenzen aus wirken. Gemeinsam ist SchülerVZ, StudiVZ und MySpace, dass sie eine Form der „standardisierten Selbst darstel- lung“ er zwingen, um am sozialen Leben der jeweiligen Platt form über haupt teilhaben zu können. Nutzer müssen bei der Registrie rung ver schiedene Aspekte ihrer Person preis geben, und sie müssen sich dabei zu einem gewissen Grad an den Vorgaben der Profilmasken aus richten, die bestimmte Merkmale ab- fragen bzw. Kategorien für die Selbst darstel lung vor geben. Wie dargestellt, variieren die anzu gebenden Informa tionen im Detail, doch es geht letzt lich darum, das eigene Selbst auf bestimmte Eigen schaften und Profilfelder zu komprimieren. Dieser Aspekt der standardisierten Masken für das Identitäts management kann mit dem Bedürfnis der jugend lichen Nutzer gruppen in Konflikt geraten, ihre eigene, d. h. individuelle, persön liche und spezifi sche Identität auf den Platt formen auszu drücken und sicht bar machen zu wollen. Hier zeigen sich deut liche Unterschiede zwischen den betrach teten Platt formen: Der Software- Code von SchülerVZ und StudiVZ gibt ein ver gleichs weise starres Raster auf den Profilseiten vor, sodass sich der Spiel raum für die individuelle Selbst dar- stel lung insbesondere im Beitritt zu Gruppen äußert, deren Bezeich nungen dem eigenen Profil eine besondere Note geben können. Profilseiten auf MySpace sind demgegenüber deut lich freier gestalt bar. Die Platt form gestattet nicht nur die Nutzung unter Pseudonym, sondern bietet auch eine Reihe von Möglich- keiten, die eigene Profilseite mit unter schied lichen Design vorlagen zu ver- sehen oder sogar die Anord nung der Profilelemente, Hintergrundfarben u. Ä. komplett selbst zu gestalten. Zudem können dort Videos oder Musik dateien ein gebettet werden, was bei SchülerVZ und StudiVZ nicht möglich ist.83 MySpace ist anders als SchülerVZ und StudiVZ deut lich stärker auf den künstleri schen, insbesondere musikali schen Bereich aus gerichtet: Während Letztere in ihren Nutzungs bedin gungen authenti sche und an einzelne Personen gebundene Profile voraus setzen, können auf MySpace auch Musiker und Bands ihre eigenen Seiten einrichten und Audio- oder Videodateien ver öffent lichen. 83 In der qualitativen Befra gung nennen manche Jugend liche statt MySpace die Platt form Netlog, die sie auf grund gestalteri scher Freiheiten dem als starr und unflexibel ein geschätzten Angebot von SchülerVZ bzw. StudiVZ vor ziehen. 221 Somit ent steht dort ein neuer Distributions kanal für künstleri sche Werke, aber auch ein Raum für die Beziehungs pflege zwischen Künstlern und Fans einer- seits sowie unter Fans anderer seits (vgl. Beer 2008). Wie in den Gruppen- diskussionen deut lich geworden ist, nutzen jugend liche MySpace-Anwender die Möglich keit, über die Platt form Musik von favorisierten oder bislang un- bekannten Künstlern zu rezipieren und bei Gefallen auf dem eigenen Profil einzu binden. Aus Sicht der Künstler ist MySpace hingegen eine potenziell sehr wertvolle Platt form, um neue Hörer bzw. Fans zu gewinnen. Eine bedeutsame Spannung existiert zwischen der Privatsphäre bzw. per- sön lichen Sphäre der Nutzer sowie der Öffentlich keit, die mithilfe der Platt- formen hergestellt wird. Für externe Beobachter er scheint oft bereits das Offen legen bestimmter persön licher Merkmale (wie Beziehungs status oder persön licher Vorlieben) auf Netz werk platt formen als Preis geben der eigenen Privatsphäre; dieses Ver halten ist jedoch aus der kommunikativen Situa tion heraus nachvollzieh bar: Nur durch das Ausfüllen eines eigenen Profils können Jugend liche an der Nutzer gemein schaft teilhaben, sich ihrer eigenen Identität und ihres Status innerhalb des Geflechts der online ab gebildeten er weiterten Peer-Group bewusst werden und die Möglich keit der Kommunika tion mit den eigenen Freunden und Bekannten eröffnen. Zu den eher statischen Elementen des eigent lichen Profils treten die eher dynami schen Informa tionen, die sich in „Aktivitäts felder“ eintragen lassen und einen Einblick in momentane Stimmun- gen oder Zustände geben. In der Aggrega tion über das eigene soziale Netz- werk hinweg ent steht so eine sich beständig wandelnde Moment aufnahme, was Freunde und Bekannte gerade denken, fühlen und erleben. Das Problemati sche im Hinblick auf die Privatsphäre ist, dass diese Prak- tiken unter besonderen techni schen Bedin gungen statt finden, da die auf den Netz werk platt formen ab laufenden Kommunika tionen persistent, durch such bar, kopier bar und standardmäßig auch für andere Nutzer sicht bar sind.84 Diese Elemente der Kommunikations situa tion gehen im alltäg lichen Umgang oft unter; insbesondere die Reichweite der eigenen Selbst darstel lung im Profil, der hochgeladenen Fotos oder der Kommentare auf anderen Nutzer profilen wird an gesichts eines „unsicht baren Publikums“ oft unter schätzt: Der Kreis derjenigen Nutzer, die Zugriff auf bestimmte Informa tionen haben, ist nicht wirk lich ab schätz bar, sofern keine Einschrän kung auf bestätigte Kontakte vor- genommen wird. Problematisch er scheint in dieser Hinsicht, dass die betrach- teten Platt formen in ihren Standardeinstel lungen die jeweils weitest gehenden Optionen der Sicht bar keit von Profilelementen bzw. der Kontakt aufnahme vor sehen. Für jüngere Jugend liche sind auf grund von Selbst verpflich tungen die Voreinstel lungen restriktiver gesetzt, doch er scheint es im Hinblick auf 84 Vgl. zu diesen Merkmalen Boyd 2009. 222 den Schutz der Privatsphäre unabhängig vom Alter sinn voller, generell die maximale Privatsphäre als Voreinstel lung zu wählen und die Nutzer selbst ent scheiden zu lassen, welche Bereiche sie freigeben. Privatsphärerelevant ist auch der Umstand, dass sowohl auf MySpace als auch auf SchülerVZ und StudiVZ Nutzer die Einstel lung vornehmen können, dass ihr eigener Besuch auf fremden Profilseiten für den Inhaber nicht an- gezeigt wird. Genau dadurch wird das Publikum unsicht bar – dem Profil- inhaber bleibt ver borgen, wer alles auf das eigene Profil zugreift, sofern sich die Besucher nicht über Kommentare oder persön liche Nachrichten zu er- kennen geben. Speziell bei SchülerVZ täuscht zudem die von Anbieterseite formulierte Vorgabe, dass nur Schüler auf der Platt form registriert sein dürfen, über den wahren Publikums kreis hinweg. Der Anteil von gefälschten Profilen lässt sich zwar nicht quantifizieren, doch ist plausibel anzu nehmen, dass eine Vielzahl von Erwachsenen auf der Platt form ver treten ist, wobei darunter sowohl un bekannte Personen als auch bekannte Personen, also Eltern oder Lehrer ver treten sein können.85 Beim Umgang mit Netz werk platt formen konfligieren somit eine Reihe von Perspektiven, Erwar tungen und Normen. Die Jugend lichen nehmen die per- sön lichen Öffentlich keiten auf Netz werk platt formen als eigenen und selbst- bestimmt ange eigneten Raum wahr, eben als „My Space“. Die Leiterwar tung, unter Umständen auch die soziale Ver pflich tung ist, dort innerhalb eines er- weiterten sozialen Umfelds von Gleichaltrigen präsent zu sein, sich darzu- stellen und zu unter halten. Dem stehen die Bedenken der Erwachsenen welt gegen über, die sich um die Preis gabe persön licher Informa tionen und die Ein- schrän kung der Privatsphäre sorgen. Jugend liche nehmen diese Befürch tungen zum einen über die medialen Diskurse zum „Daten exhibitionismus“, zum ande ren über Interven tionen besorgter Eltern und Lehrer wahr. Diese Proble- matisie rung der eigenen Internetnut zung prägt einer seits das eigene Ver halten, sodass beispiels weise Privatsphäre-Einstel lungen geändert oder unerwünschte Kontakt versuche und problemati sche Inhalte an die Betreiber gemeldet werden. Anderer seits korrespondieren die Warnun gen nicht immer mit der eigenen Wahrneh mung der Kommunikations situa tion, denn der Großteil der alltäg- lichen Nutzungs erfah rung spielt sich innerhalb des er weiterten Freundes- und Bekannten kreises ab. Die Reichweite der eigenen persön lichen Öffentlich keit wird dabei jedoch systematisch unter schätzt, weil nur schwer ab schätz bar ist, 85 Während die Präsenz von Eltern oder Lehrern von den Jugend lichen als Einbruch in ihre Privatsphäre auf gefasst werden mag, gehört die Gefahr, dass Jugend liche im Internet von un bekannten Erwachsenen in missbräuch licher Absicht kontaktiert werden, zu denjenigen Risikobereichen, die auch im öffent lichen Diskurs als besonders dring lich an gesehen werden (vgl. Livingstone/ Haddon 2009). Allerdings ist der Anteil von Erwachsenen, die sich – ob in wohlmeinender oder problemati scher Absicht – in Online- Diensten jünger aus geben, nicht durch belast bare empiri sche Zahlen beziffer bar, da Befra gungen zu starke Ver zerrungs tendenzen auf weisen. 223 wie groß der Personen kreis tatsäch lich ist, der Zugang zu den eigenen Daten, Aktivitäten und Äußerun gen hat – dies betrifft nicht nur andere Nutzer, son- dern auch die Betreiber der Platt formen, die eine buchstäb lich unüberschau bare Menge an persön lichen Daten ihrer Nutzer sammeln. Abschließend sei zur Differenzie rung zwischen konkreten Netz werk platt- formen an gemerkt, dass ver schiedene Platt formen offen bar in unter schied- lichem Maße mit negativen Erfah rungen einher gehen. Anhand des oben (siehe Kap. 4.1.5) gebildeten Summen index für Risiko erfah rung ergibt sich der Be- fund, dass Nutzer von StudiVZ am wenigsten über negative Erfah rungen berichten (Index: 0,30; n = 91), Nutzer von SchülerVZ folgen an zweiter Stelle (0,47; n = 138). Deutlich höher liegen die Werte für die Gruppe derjenigen, für die eine bevor zugte Community nicht auszu machen ist, weil ver schiedene gleich häufig genutzt werden (0,82; n = 146). Weitere Werte lassen sich sinn- voll nur für drei weitere Communities bestimmen, für die Antworten von mindestens 20 Befragten vor liegen: Wer-kennt-wen? (0,70; n = 26), Lokalisten (0,99; n = 23), MySpace (0,81; n = 22). Die hier dokumentierten signifikanten Unterschiede legen nahe, dass diejenigen Nutzer, die sich in den beiden VZ- Communities bewegen, eine geringere Wahrscheinlich keit auf weisen, negative Erfah rungen mit dem Internet zu machen. 6.2 Instant Messaging 6.2.1 Überblick Dieser Abschnitt stellt die beiden Instant-Messaging-Dienste ICQ und Windows Live Messenger/ MSN vor (vgl. Tabelle 6.6). Beide Anwen dungen zur synchro- nen interpersonalen oder gruppen bezogenen Kommunika tion werden schon seit zehn Jahren und länger an geboten: ICQ wurde Mitte 1998 von AOL über- nommen, während der 1999 von Microsoft gestartete Dienst MSN Messenger seit Ende 2005 als Windows Live Messenger weiter geführt wird. Offizielle Nutzer zahlen lassen sich nur schwer ab schätzen; die Anzahl der welt weit regis- trier ten Nutzer liegt bei beiden Angeboten wohl im dreistelligen Millionen- bereich, darunter mehrere Millionen deutscher Nutzer. Allerdings lässt sich daraus nicht auf die tatsäch liche aktive Nutzung schließen, da Mehrfach- registrie rungen üblich sind und eine un bekannte Anzahl inaktiver Konten existiert. 224 Tabelle 6.6: Ausgewählte Instant-Messaging-Dienste im Überblick Name ICQ Windows Live Messenger/MSN URL www. icq. com messenger. live. de Betreiber ICQ LLC Microsoft Corpora tion, Redmond Eigentümer Time Warner/AOL, New York Microsoft Corpora tion, Redmond Existiert seit November 1996 Dezember 2005 (Vorgänger MSN: Juli 1999) Nutzer Aktive Nutzer (05/2008)1 30 Mio. (welt weit), 8,6 Mio. (BRD)1 Registrierte Nutzer (04/2008)2 300 Mio. (welt weit) 7 Mio. (BRD) Selbstbe- schreibung „ICQ is a personal communication tool that allows users to meet and interact through instant messaging services such as text, voice, video and VoIP as well as various entertainment and community products.“ „Mit Windows Live Messenger können Sie einfacher denn je mit den Personen, die Ihnen wichtig sind, in Kontakt bleiben.“ 1 www. prcenter. de/ ICQ-feiert-30-Millionen-aktive-Nutzer-Im-Maerz-2008-wurden-weltweit- fast-12-Milliarden-Nachrichten-durch-ICQ-verschickt-und-empfangen-.19675. html 2 Quelle: http:// de. wikipedia. org/wiki/ Windows_ Live_ Messenger Der Repräsentativbefra gung lässt sich ent nehmen, dass etwa die Hälfte der 12- bis 24-Jährigen zumindest einmal pro Woche ICQ nutzt, etwa ein Viertel gehört zu den regelmäßigen Nutzern von MSN (vgl. Tabelle 6.7).86 Dabei gibt es kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie zwischen Jugend- lichen mit unter schied licher formaler Bildung, sieht man davon ab, dass ein etwas höherer Anteil der Haupt schüler zu den regelmäßigen Nutzern von MSN gehört. Unter den 15- bis 20-Jährigen ist die regelmäßige Nutzung etwas stärker ver breitet, bei den Über-20-Jährigen sinkt der Anteil dagegen deut lich ab. In Bezug auf die einzelnen Internetnutzer typen fällt ins Auge, dass Aktive Informations manager beide Dienste deut lich über proportional häufig nutzen; Netz werker und insbesondere Spieler vor allem zu den sehr aktiven Nutzern von ICQ gehören. 86 Diese beiden Gruppen über lappen sich teil weise; etwa 15 Prozent aller Befragten nutzen beide Dienste zumindest einmal die Woche. 225 Tabelle 6.7: Regelmäßige Instant-Messaging-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) Name ICQ Windows Live Messenger/MSN Gesamt 49,1 24,7 Männer 50,9 22,3 Frauen 47,2 27,4 12- bis 14-Jährige 48,1 24,4 15- bis 17-Jährige 59,5 32,7 18- bis 20-Jährige 56,9 28,1 21- bis 24-Jährige 37,0 16,5 Formale Bildung (derzeit oder ehemals besuchter Schultyp) Haupt schule 50,0 30,8 Realschule 47,6 20,5 Gymnasium 49,7 24,9 Internetnutzer typen Wenignutzer 32,8 15,7 Netz werker 58,9 28,0 Aktive Informations manager 62,5 44,3 Spieler 65,3 22,4 6.2.2 Identitäts- und Beziehungs management Sowohl ICQ als auch MSN sind keine originären webbasierten Dienste, son- dern werden in der Regel über ein eigens zu installierendes Programm – den Instant-Messaging-Client – bedient. Allerdings besteht eine starke Kopplung an die korrespondierenden Webseiten bzw. -portale, weil sich Nutzer dort den Client herunter laden und registrieren können. Zudem wird bei der Registrie- rung eine Profilseite an gelegt, sodass ICQ und MSN auch Elemente von Netz- werk platt formen auf weisen. Die Profilseite eines Nutzers von ICQ ent hält zumindest die eindeutige (und automatisch zu gewiesene) ICQ-Nummer sowie einen frei wähl baren Spitz namen; diese Informa tionen sind grundsätz lich im Netz sicht bar, auch für nicht registrierte Mitglieder. Das Profil kann mit einem Foto und zusätz- lichen Informa tionen gefüllt werden, wobei ver schiedene Kategorien („Persön- liche Details“, „Über“, „Adresse“, „Persön liche Interessen“ und „Arbeit“) vor- gegeben sind. Bei den meisten Kategorien ist es dem Nutzer möglich, einen selbst gewählten Text einzu geben, nur bei einigen (z. B. Geschlecht) ist zwischen vor gegebenen Antwortmöglich keiten zu wählen. Des Weiteren hat der Nutzer die Möglich keit, „Dating-Details“ anzu geben und damit kurze Angaben über seine Vorstel lungen bezüg lich der Partnersuche zu machen. Angezeigt werden auf der Profilseite eben falls die Gruppen, in denen ein Nutzer Mitglied ist sowie die Freunde, die ein Nutzer auf den Platt formseiten hat. Eine grafische Gestal tung bzw. Anpas sung der Profilseiten ist nicht möglich. Mit der Umbenen nung von MSN zu Windows Live Messenger wurde der Instant-Messaging-Dienst von Microsoft mit der Platt form „Windows Live“ 226 ver bunden, die daneben noch zahl reiche weitere Angebote wie einen Web- mailer, einen Kalender oder eine Fotoplatt form ent hält, auf die hier nicht im Einzelnen ein gegangen werden kann. Die Registrie rung erfolgt mittels einer E-Mail-Adresse sowie der Angabe von Vor- und Nachname; Letztere bilden auch den Profilnamen, wobei der Nachname auf Wunsch aus geblendet werden kann. Die Profilseite auf Windows Live ent hält u. a. die Liste der bestätigten Kontakte, Kommentare von anderen Nutzern sowie persön liche Informa tionen. Letztere können teil weise anhand vor gegebener Kategorien aus gewählt, bei den meisten Merkmalen aber frei an gegeben werden. Als Mindestinforma tion wird auf der Profilseite der Vorname eines Nutzers an gezeigt. Eine gesonderte und umfang reichere Variante des Profils ist der „Space“, den Nutzer auf Wunsch aktivieren und z. B. mit einem Blog oder mit Fotoalben bestücken können. Sowohl bei ICQ als auch bei MSN besteht das Beziehungs management im engeren Sinn darin, andere Nutzer in die Kontakt liste des Messengers aufzu- nehmen. Die Suche und das Kontaktieren anderer Nutzer kann ent weder aus dem Messenger-Client selbst oder auf der Webseite geschehen; die Kontakt- anfrage muss vom kontaktierten Nutzer bestätigt werden. Bestätigte Kontakte lassen sich anschließend nach ver schiedenen vor gegebenen oder selbst gewähl- ten Kategorien differenzieren; sie werden in einer Liste an gezeigt, wobei zu- sätz lich die Informa tion einseh bar ist, ob die betreffende Person derzeit gerade online ist oder nicht. Zum Schutz der Privatsphäre lassen sich ver schiedene Einstel lungen vor- nehmen, wobei an gesichts der Kopplung von Profil und Messenger-Client zwischen diesen beiden „privatsphärerelevanten Orten“ zu unter scheiden ist. Bei ICQ können beispiels weise auf der Profilseite bestimmte Bereiche (wie Kommentare oder die Freundes liste) aus geblendet werden; beim Messenger selbst lassen sich drei Stufen der Privatsphäre wählen: (1) Alle Daten sind für alle anderen Nutzer freigegeben; (2) Telefon nummer und E-Mail-Adresse sind geschützt; (3) alle Details sind geschützt und nur von Freunden einseh bar. Zudem lassen sich hier bestimmte Nutzer blockieren, sodass diese keine Nach- richten mehr senden können. Auch auf Windows Live existieren ver schiedene Mechanismen, bestimmte Profilinforma tionen nur für bestimmte Nutzer gruppen freizugeben (z. B. nur die Personen im eigenen Netz werk, bestimmte Kontakt gruppen oder einzeln anzu gebende Kontakte). Der Nutzer kann auch fest legen, welche Nutzer grup- pen den eigenen „Space“ (sofern ein gerichtet) bzw. einzelne seiner Bereiche an gezeigt bekommen. Im Messenger-Client kann an gegeben werden, welche Nutzer aus der eigenen Kontakt liste Nachrichten schicken bzw. den Online- Status einsehen können; zudem lassen sich andere Nutzer blockieren. Beide Messenger-Dienste bieten die Möglich keit, mithilfe einer kurzen Notiz oder einem Icon die aktuelle Stimmung zu beschreiben; diese Informa tion ist für 227 alle anderen Kontakte eines Nutzers sicht bar. Bei MSN lässt sich diese Funk- tion mit externen Anwen dungen wie beispiels weise dem Windows Media Player oder iTunes synchronisieren, sodass das gerade vom Nutzer gehörte Lied an- gezeigt wird. 6.2.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Im Zentrum der beiden Instant-Messaging-Dienste steht die interpersonale Kom munika tion, das heißt der synchrone Austausch von Nachrichten mit ande- ren Nutzern. Neben textbasierten Konversa tionen unter stützen beide Dienste inzwischen auch Voice- und Videochats, sofern die techni sche Ausrüs tung (Headset und/oder Webcam) vor handen ist. Zudem lassen sich Dateien über den Messenger ver schicken. ICQ bietet zusätz lich noch weitere Optionen, beispiels weise kleinere Spiele (wie z. B. Vier Gewinnt) oder das Ver senden von animierten Gruß karten an eigene Kontakte. Sieht man von Gruppen chats ab, an denen mehrere Nutzer in einer Art „Konferenz“ teilnehmen können, sind gruppen bezogene Kommunika tion und das Publizieren von Inhalten bei ICQ über haupt nicht, bei MSN nur auf dem begleitenden webbasierten Portal möglich. Dort bzw. im „Space“ von Windows Live können Nutzer beispiels weise Fotos hochladen, Blogs einrichten, themen- spezifi sche Gruppen gründen oder die Profilseiten anderer Nutzer kommen- tieren. 6.2.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung Da Instant-Messaging-Dienste den Schwerpunkt auf interpersonale Kommuni- ka tion legen, beziehen sich Recherchen in aller Regel auf die Suche nach anderen Nutzern und nicht nach spezifi schen Inhalten. Hierfür stehen sowohl bei ICQ als auch bei MSN Funktionen zur Ver fügung, mit deren Hilfe Nutzer nicht nur in ihrer Kontakt liste, sondern anhand eines Namens, einer ICQ-Num- mer oder anhand bestimmter Profilangaben (z. B. Interessen oder Familien - stand bzw. Beziehungs status) andere Personen aus findig machen können. Die Inhalte der Profilseiten (wie Blogs oder Fotoalben) auf den korrespondierenden Platt formen lassen sich eben falls durch suchen oder mithilfe von Kategorien er schließen. ICQ bietet zusätz liche Filtermechanismen, beispiels weise Listen von populären Blogs oder frei vergeb bare Schlagworte. 228 6.2.5 Zusammen fassende Diskussion Instant-Messaging-Dienste sind in den Nutzungs repertoires der Jugend lichen und jungen Erwachsenen ähnlich zentral wie Netz werk platt formen, werden im öffent lichen Diskurs allerdings nicht annähernd so stark thematisiert. Die vor- genommene Analyse von ICQ und MSN hilft, diese Diskrepanz in der öffent- lichen Wahrneh mung zu er klären: Es handelt sich hierbei im Kern um inter- personale Kommunika tion und nicht um eine platt form- oder internet weit ein seh bare Selbst darstel lung und Austauschaktivität, wie im Fall von SchülerVZ oder MySpace. Zwar sind beide Dienste an webbasierte Portale gekoppelt, wo sie auch Elemente des Identitäts managements bieten; dieses wird allerdings nur dann relevant, wenn über das öffent lich einseh bare Profil neue Leute ken- nen gelernt werden sollen. Dies ist allerdings nicht der Regelfall der IM-Nutzung; der Nutzungs alltag besteht vielmehr darin, mit dem eigenen sozialen Netz- werk ad hoc und synchron interpersonal kommunizieren zu können. Ein zweiter Grund für die geringe Aufmerksam keit, die Instant-Messaging- Diensten in der Öffentlich keit zukommt, liegt möglicher weise darin, dass es sich um einen eigenständigen Dienst handelt, der weder an das World Wide Web noch an die E-Mail gekoppelt ist. Dadurch wird die Kommunika tion tendenziell für die älteren Genera tionen unsicht bar, die über keine eigene IM-Adresse ver fügen und nicht an die kommunikativen Netz werke der Jünge- ren an geschlossen sind. In dieser Hinsicht ver bindet ICQ und MSN mehr als sie trennt. Allerdings hat die fallstudien hafte Analyse auch Unterschiede deut lich gemacht; Micro- soft hat seinen Instant-Messaging-Dienst in ein umfassenderes webbasiertes Angebot integriert, um Nutzer auch über die situations bezogene interpersonale Kommunika tion zu binden und, sofern gewünscht, den eigenen Bekannten- oder Freundes kreis zu er weitern. Der ent scheidende Faktor dafür, welcher der Dienste genutzt wird, scheint aber die Präsenz von Freunden bzw. Kontakten zu sein – als typischer „Netz werk dienst“ wird ein spezifi sches Instant-Messaging- Angebot umso wertvoller, je mehr potenzielle Kommunikations partner einem Nutzer zur Ver fügung stehen. 6.3 Videoplatt formen 6.3.1 Überblick Der unangefochtene Markt führer unter den Videoplatt formen ist das ameri- kani sche Angebot YouTube, das Anfang 2005 startete und Ende 2006 von Google für etwa 1,6 Milliarden US-$ über nommen wurde (vgl. Tabelle 6.8). Genaue Nutzer zahlen sind nicht bekannt, doch Schät zungen gehen davon aus, 229 dass die Platt form Anfang 2009 über 100 Millionen Nutzer pro Monat er- reichte. Den Nutzer statistiken von Alexa.com zufolge ist YouTube nach Google und Yahoo das dritthäufigst genutzte Internetangebot welt weit.87 Im deutsch sprachigen Raum konkurrieren eine Reihe weiterer Platt formen mit YouTube, ohne jedoch dessen Reichweite zu er reichen. Als Ver gleichs fall wird in diesem Abschnitt die Platt form MyVideo vor gestellt, die im April 2006 gegründet wurde und seit Juli 2007 im vollständigen Besitz der SevenOne Media GmbH ist.88 Sie er reichte Ende 2008 etwa sieben Millionen Nutzer pro Monat. Tabelle 6.8: Ausgewählte Videoplatt formen im Überblick Name YouTube MyVideo URL www. youtube. com www. myvideo. de Betreiber YouTube LLC, San Bruno, CA MyVideo Broadband S. R. L., Bukarest Eigentümer Google Inc, Moutain View, CA SevenOne Media GmbH, Unterföhring Existiert seit Februar 2005 April 2006 Nutzer pro Monat USA: 100 Mio. (01/2009)1 D: 16 Mio. (08/2008)2 D: 5,8 Mio. (01/2009)3 Abgerufene Videos pro Monat USA: 6,3 Mrd. (01/2009)1 D: 1,5 Mrd. (08/2008)2 D: 210 Mio.4 Visits (IVW; 06/2009) Nicht erfasst 49.304.052 Selbstbe- schreibung „YouTube provides a forum for people to connect, inform, and inspire others across the globe and acts as a distribution platform for original content creators and advertisers large and small.“ „Jeder kann bei MyVideo zum Regisseur werden und seine selbst gedrehten Videos ins Netz stellen. Das geht ganz einfach und funktioniert mit jedem Videoformat. Die ein- gestellten Videos können an Freunde und Familie weiter geleitet werden.“ 1 www. comscore. com/press/release. asp?press= 2741 2 www. comscore. com/Press_ Events/Press_ Releases/2008/10/German_ YouTube_ Viewers 3 www. agof. de/aktuelle- rankings.586. de. html 4 http:// is2. myvideo. de/bilder/presse/MyVideo-Faktenblatt. pdf Die unter schied liche Popularität der beiden Platt formen schlägt sich auch in den Daten der repräsentativen Befra gung nieder (vgl. Tabelle 6.9): Mehr als zwei Drittel der 12- bis 24-Jährigen besuchen zumindest einmal pro Woche YouTube, nur etwa ein Viertel MyVideo. Beide Platt formen werden über pro- portional von männ lichen Jugend lichen bzw. jungen Erwachsenen, der Alters - gruppe der 15- bis 17-Jährigen (MyVideo zudem auch von 12- bis 14-Jährigen) sowie von Jugend lichen mit niedriger formaler Bildung besucht. Unter den Internetnutzer typen finden sich besonders hohe Nutzer zahlen bei den Spielern und den Aktiven Informations managern. 87 Vgl. www. alexa. com/data /details / traffic_ details /youtube. com [31. 7. 2009]. 88 Der Konkurrent Clipfish ist im Besitz der RTL-Gruppe, während an Seven load u. a. T-Online und Burda beteiligt sind. 230 Tabelle 6.9: Regelmäßige Videoplatt form-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) Name YouTube MyVideo Gesamt 70,1 27,0 Männer 81,1 38,6 Frauen 58,5 14,8 12- bis 14-Jährige 75,6 44,7 15- bis 17-Jährige 83,1 34,5 18- bis 20-Jährige 72,5 24,2 21- bis 24-Jährige 55,7 13,3 Formale Bildung (derzeit oder ehemals besuchter Schultyp) Haupt schule 75,0 35,5 Realschule 63,5 27,5 Gymnasium 71,8 23,8 Internetnutzer typen Wenignutzer 54,3 19,1 Netz werker 78,4 25,7 Aktive Informations manager 83,0 43,2 Spieler 91,8 46,9 6.3.2 Identitäts- und Beziehungs management Während bei Netz werk platt formen einzelne Nutzer im Zentrum der Aktivitäten stehen, er schließen sich die Inhalte von Videoplatt formen vor allem über die Seiten einzelner Videos. Beide hier betrach teten Platt formen er lauben es, auch als nicht registrierter Nutzer solche Videos anzu sehen, doch um eigene Video- dateien auf der Platt form einstellen und weitere Optionen der Kommunika tion und des Informations managements nutzen zu können, ist eine Registrie rung notwendig. Mit der Registrie rung wird automatisch eine Profilseite für den Nutzer an gelegt, wobei die ab gefragten persön lichen Informa tionen nicht über- prüft werden. Dies ist insbesondere in Bezug auf das Alter bzw. den Zugang zu anstößigen Inhalten problematisch (s. u.). Bei der Registrie rung für YouTube müssen Nutzer ihre E-Mail-Adresse, einen Nutzer namen, Herkunfts land, Geschlecht und Geburts datum an geben, wobei bis auf den Nutzer namen keine dieser Informa tionen auf der Profil seite, die bei YouTube als „Kanal“ bezeichnet wird, sicht bar sein muss. Nutzer können ihren Kanal mit einem gesonderten Titel und einer Beschrei bung ver- sehen, ein Profil bild hochladen, eine Selbst beschrei bung an geben, sowie weitere Angaben machen, die dann im Profil an gezeigt werden (z. B. Name, Beruf, Stadt oder eigene Homepage). Neben diesen persön lichen Informa tionen ent hält die Profilseite eine Reihe weiterer Bereiche, in denen die Aktivitäten des Nutzers sicht bar gemacht werden (vgl. Abbil dung 6.3): Zunächst werden hier die vom Nutzer hochgeladenen Videos an gezeigt, wobei die Reihen folge manuell fest gelegt oder anhand der Kriterien „Meist gesehen“ und „heiß diskutiert“ gefiltert werden kann. Eines dieser Videos kann auf dem Profil als 231 Abbil dung 6.3: Profilseite eines YouTube-Nutzers 232 „an gesagtes Video“ in besonders exponierter Lage und größer als die übrigen Videos er scheinen. Daneben kann ein Nutzer seine „Playlists“ auf dem Profil anzeigen lassen; dabei handelt es sich um Zusammen stel lungen von (eigenen oder fremden) Videos, die mit Titeln und Beschrei bungen ver sehen und direkt hintereinander ab gespielt werden können. Eine der Playlists kann zudem als „Videolog“ ver wendet werden, das eben falls gesondert auf dem Profil an gezeigt wird. Weitere Informa tionen auf der Profilseite umfassen die Liste der er haltenen Profil-Kommentare, die Liste der bestätigten Kontakte sowie eine Liste von Abonnenten des eigenen Kanals und der vom Nutzer abonnierten Kanäle. Im Bereich „letzte Aktivitäten“ können die letzten Aktionen des Nutzers nach- verfolgt werden, z. B. Bewer tungen oder Kommentare für andere Videos. Unter dem Punkt „Kanaldesign“ kann der Nutzer ver schiedene Anpas sungen und Einstel lungen bezüg lich des Layouts seines Kanals vornehmen, so z. B. die Hintergrundfarbe ändern, ein spezifi sches Hintergrundbild aus wählen oder bestimmte Bereiche ein- bzw. aus blenden. Bei der Registrie rung für MyVideo müssen Nutzer ihre E-Mail-Adresse, einen Nutzer namen, Land und Post leitzahl, Geschlecht und Geburts datum an geben, wovon im Profil zumindest Alter, Geschlecht und Nutzer name obliga torisch an gezeigt werden (vgl. Abbil dung 6.4). Zusätz lich zu diesen Angaben können Nutzer ein Profil bild hochladen und weitere Informa tionen in der Rubrik „Über mich“ ver öffent lichen, darunter z. B. Angaben zum Be- schäftigungs verhältnis, zum Familien stand oder zu Interessen wie „Musik“, „Bücher“ und „Lieblings filme & TV Shows“. Daneben ent hält die Profilseite Auszüge aus der Liste der vom Nutzer hochgeladenen Videos, aus den be- stätigten Kontakten, den Gruppen, in denen der Nutzer Mitglied ist, sowie dem Gästebuch, in dem andere registrierte Nutzer Kommentare hinterlassen können. Diese Funktionen sind über Navigations reiter am Kopf des Profils gesondert zu er reichen. Anders als YouTube bietet MyVideo keine Möglich- keit, das Erscheinungs bild des Profils individuell zu gestalten oder z. B. die Anord nung und Sicht bar keit von Feldern zu ver ändern. Hinsicht lich des Beziehungs managements bieten beide Platt formen zwei Varianten: die reziproke Beziehung zu anderen Nutzern, die als Freunde hin- zu gefügt werden (wobei die Kontaktanfrage bestätigt werden muss), sowie das einseitige Abonnement, das keine Bestäti gung vor sieht. Letztere Variante dient vor allem dazu, über neu ein gestellte Videos der abonnierten Kanäle benachrichtigt zu werden, während die bestätigten Kontakte auch für Privat- sphäre-Einstel lungen nutz bar gemacht werden können. Sowohl bei YouTube als auch bei MyVideo sind Videos und Profilseiten standardmäßig auch für nicht registrierte Nutzer sicht bar. Allerdings lassen sich einzelne Videos als „privat“ kennzeichnen, sodass nur bestätigte Kontakte Einblick haben können. Zudem können einzelne Nutzer geblockt werden, um 233 ihnen den Zugriff auf das eigene Profil bzw. die eigenen Videos zu ver wehren. Die Kommentarfunk tion zu Videos bzw. auf der eigenen Profilseite im Gäste- buch kann völlig deaktiviert oder auf die bestätigten Kontakte beschränkt werden. YouTube bietet noch zusätz liche detaillierte Einstel lungen für die eigene Privatsphäre; so kann der Zugang zu Videos auch nur aus gewählten Abbil dung 6.4: Profilseite eines MyVideo-Nutzers 234 Freunden aus der Kontakt liste (anstatt der gesamten Liste) ermög licht werden, und nahezu alle Elemente der eigenen Profilseite (z. B. letzte Aktivitäten, Play- lists oder hochgeladene Videos) können auch aus geblendet werden. 6.3.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Das Einstellen von Video-Dateien ist die zentrale Funktion zum Publizieren von Inhalten auf den beiden Platt formen. Beide unter stützen die gängigen Video formate; bei YouTube können mithilfe einer Webcam auch live Videos mitgeschnitten sowie Videos vom Mobiltelefon hochgeladen werden. Die tech- nisch bedingten Beschrän kungen auf Dateien von maximal zehn Minuten Länge sowie 1 GB (YouTube) bzw. 100 MB (MyVideo) lassen sich insofern umgehen, als Nutzer mehrere Videos zu einer Playlist bündeln können. Dadurch ist es möglich, auch längere Videos in einem Stück darzu stellen. Videos lassen sich auch auf externen Seiten (z. B. einer Homepage oder einem Weblog) ein- binden; hierzu stellen beide Platt formen für jeden Clip den ent sprechenden HTML-Code zur Ver fügung; zudem bieten sie die Option an, ein Video auf Knopfdruck auch dem eigenen Profil bei Netz werk platt formen wie Facebook oder bei Ver schlagwortungs diensten wie Delicious hinzu zufügen. Für die Nachbearbei tung von Videos stellt insbesondere YouTube eine Reihe von Werkzeugen zur Ver fügung; so kann der Inhaber beispiels weise die Audio- spur des Videos durch (vor gegebene) Audiodateien er setzen, Anmer kungen an frei wähl baren Stellen im Video einfügen oder auch das Video mit Untertiteln ver sehen. MyVideo bietet einen „Clipgenerator“ an, mit dem die Nutzer eigene Videos er stellen können, indem sie Fotos oder Videodateien hochladen, per Webcam auf nehmen oder von anderen Platt formen im Netz (wie z. B. Flickr) einbinden. Beide Platt formen geben in ihren Allgemeinen Geschäfts bedin gungen Ein- schrän kungen vor, welche Art von Videos nicht ver öffent licht werden dürfen (z. B. pornographi sche, gewalt verherr lichende oder rassisti sche Inhalte), kon- trol lieren allerdings die hochgeladenen Videos vor der Ver öffent lichung nicht, sondern ver lassen sich darauf, dass gegen die AGBs ver stoßende Inhalte von den Nutzern selbst gemeldet werden. Dazu steht bei jedem Video eine Option „Melden“ zur Ver fügung, wobei der genaue Grund (z. B. anstößige Inhalte oder ver letzte Urheber- bzw. Persönlichkeits rechte) spezifiziert werden muss. Urheber rechts verletzende Inhalte werden von der Platt form genommen, wäh- rend anstößige Inhalte dort ver bleiben, allerdings für nicht an gemeldete Nutzer nicht mehr einseh bar sind. Angemeldete Nutzer müssen bestätigen, dass sie volljährig sind; dies geschieht jedoch ohne weitere Alters überprü fung, sodass auch minder jährige Personen Zugriff auf diese Inhalte haben können, wenn sie ein falsches Alter an geben. 235 Insoweit Videos oder Profilseiten auch für nicht-registrierte Nutzer der Platt formen zugäng lich sind, handelt es sich auch bei Kommentaren um öffent liche Kommunika tion, die von jedermann einseh bar ist, allerdings ist es nur an gemeldeten Nutzern möglich, Kommentare zu hinterlassen. Bei YouTube ist es möglich, gezielt einzelne Stellen (sowohl Bild ausschnitte als auch Szenen) eines Videos zu markieren und zu kommentieren sowie ein eigenes Video als Antwort auf ein anderes Video zu deklarieren, sodass es auch auf dessen Seite an gezeigt wird. Dort ist auch die Möglich keit gegeben, die Kommentare unter einem Video selbst als positiv oder negativ zu bewerten. Da sich Kom- mentare nach Anzahl und Art der Bewer tung filtern lassen, wird dadurch eine gewisse Qualitäts kontrolle der Diskussion zu einem Video geleistet. Weitere Optionen der gruppen bezogenen Kommunika tion bieten die themati schen Grup pen, in denen Videos ver öffent licht und foren artig diskutiert werden kön- nen. Zudem lassen sich auf beiden Platt formen private Nachrichten an andere Nutzer schicken, die nicht notwendiger weise zu den bestätigten Kontakten gehören müssen. 6.3.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung YouTube und MyVideo sehen eine Reihe von ähnlichen Mechanismen des Infor mations managements vor, um die Fülle der ent haltenen Inhalte zu er- schließen. Nutzer können beim Hochladen eines Videos dieses in eine von mehreren vor gegebenen inhalt lichen Kategorien einordnen sowie zusätz lich oder alternativ frei wähl bare Schlagwörter ver geben, die wiederum von ande- ren Nutzern für die Suche ver wendet werden können. Weitere Orientie rung bietet die Aggrega tion von Nutzer aktivitäten; beide Platt formen führen Listen mit den am häufigsten auf gerufenen Videos, YouTube zusätz lich auch mit den meist kommentierten und meist per Video beantwor teten Inhalten. Zudem werden auf der Seite eines Videos in einem gesonderten Bereich thematisch ähnliche Videos an gezeigt, was das Surfen durch ver wandte Angebote ohne neue Suchanfrage er leichtert. Angemeldete Nutzer er halten auf der Start seite des jeweiligen Angebots auf grund ihrer (explizit gemachten oder implizit in der Nutzung aus gedrückten) Präferenzen weitere Vorschläge: Bei YouTube ent halten diese zum Beispiel Videos, die den bereits gesehenen ähnlich sind, sowie aktuelle Videos, die platt formweit beliebt sind. Zudem werden dort die neuesten Aktivitäten be- stätigter Kontakte sowie der abonnierten Kanäle und Playlists an gezeigt. Über die Funktion „Active Sharing“, die allerdings standardmäßig deaktiviert ist, können sich Nutzer Videos auch zusammen mit anderen YouTube-Mitgliedern ansehen: Neben dem aktuell betrach teten Video werden dann der eigene Nutzer name sowie die Namen von bis zu 25 anderen Nutzern an gezeigt, die sich das Video auch gerade ansehen. Bei MyVideo beschränken sich die sicht- 236 barkeits erhöhenden Mechanismen auf die Auflis tung von neuen und beliebten Videos auf der Start seite sowie Benachrichti gungen über den Eingang von Nachrichten oder die Anzahl der Besucher auf dem eigenen Profil. Eine An- pas sung der auf der Start seite an gezeigten Info-Module ist nicht vor gesehen. 6.3.5 Zusammen fassende Diskussion Videoplatt formen knüpfen in deut lich stärkerem Maße als Netz werk platt formen und Instant-Messaging-Dienste an massen mediale Kommunika tion an, weil die Rezep tion von audiovisuellen Inhalten im Mittelpunkt steht. YouTube und MyVideo werden dabei durch aus auch als Nebenbei-Medium genutzt, ins beson- dere auch zum Hören von Musik und damit als Alternative zu Radio, Musik- fernsehen oder auch der eigenen MP3-Sammlung. Aufgrund der sehr hohen Nutzer basis steht ein schier unüberschau barer Fundus an Videos zu allen er- denk lichen Themen zur Ver fügung, obwohl nur ein ver gleichs weise kleiner Anteil der Nutzer tatsäch lich aktiv eigene Inhalte hochlädt oder mithilfe der bereit gestellten Werkzeuge nachbearbeitet und neu kombiniert. Videoplatt formen und die auf ihnen abruf baren Inhalte spielen im Identitäts- und Beziehungs management der Nutzer eine wichtige Rolle; dies geschieht jedoch weniger über Profile und explizit gemachte Verbin dungen, sondern vielmehr dadurch, dass Videos als Ausdruck der eigenen Interessen und Vor- lieben mit anderen geteilt werden. Dabei kann es auch zum „Kanalwechsel“ kommen, wenn sich Freunde die Links zu interessanten, lustigen oder sehens- werten Clips via Instant Messenger schicken oder ein Video auf der eigenen Profilseite einer Netz werk platt form einbinden – sofern dies dort technisch möglich ist. Videoplatt formen ver deut lichen dadurch auch, dass das Social Web die Trennung zwischen einzelnen Angeboten bzw. Kommunikations- diensten zu einem gewissen Grad auflöst und Dienste der öffent lichen Kom- munika tion mit der gruppen bezogenen und interpersonalen Kommunika tion ver schmelzen: Inhalte werden in Freundes- und Bekannten kreisen rezipiert, weiter empfohlen, kommentiert, kopiert, möglicher weise auch bearbeitet, ge- remixed und neu zusammen gesetzt. Videoplatt formen sind daher paradigmatisch für den grundlegenden Wandel hin zum aktiven Medien nutzer anzu sehen. Dies gilt allerdings weniger im Hinblick auf die aktive Produk tion, sondern vielmehr auf das aktive Filtern und Ver breiten von medialen Inhalten, das Nutzer innerhalb ihrer sozialen Netz werke betreiben. Diese Entwick lung ist jedoch nicht nur positiv als Schritt hin zu einer stärkeren Teilhabe der Nutzer an öffent licher Kommunika tion zu deuten, sondern birgt wie geschildert auch Probleme, beispiels weise durch die Verfüg bar keit und Ver brei tung von jugendgefährdenden oder urheber recht lich geschützten Inhalten. Gerade professionell produzierte Inhalte (wie Musikclips, Filmtrailer, Ausschnitte aus Fernsehserien o. Ä.) machen aus Sicht der Nutzer 237 einen Gutteil des Reizes von Videoplatt formen aus, weil sich in ihnen Popu- lärkultur aus drückt, die gerade für Heranwachsende eine wichtige Identitäts- ressource darstellt. Für die Anbieter, ob Künstler oder Fernsehsender, kann sich diese Entwick lung daher einer seits als Bedrohung der eigenen Urheber- rechte darstellen, auf die mit Strategien des automati schen Filterns oder der Lizenzie rung reagiert wird (vgl. Cabrera Blázquez 2008 sowie Kapitel 9.5). Anderer seits nutzen Medien anbieter die Platt formen aber auch, um ihr Pub- likum auf anderen Wegen zu er reichen und möglicher weise die Reichweite der eigenen Inhalte zu ver größern. MyVideo wird beispiels weise als er gänzender Kanal für die ProSieben-Show „Germany’s next topmodel“ ein gesetzt; Fans können dort unabhängig von TV-Sendezeiten Clips mit Ausschnitten aus der Sendung ansehen und kommentieren. In dieser Hinsicht sind Videoplatt formen Ausdruck einer techni schen wie einer inhalt lichen Konvergenz. 6.4 Wikipedia 6.4.1 Überblick Die Wikipedia ist das bei Weitem bekannteste Wiki. Die englische Fassung der Online-Enzyklopädie ging im Januar 2001 online, wenige Monate später folgte die deutsch sprachige Variante. Sie ist mit knapp 930.000 Artikeln (Stand Juli 2009) derzeit die zweit größte von insgesamt über 250 Sprach versionen hinter der englischen Wikipedia, die auf etwa 2,9 Millionen Artikel kommt (vgl. Tabelle 6.10).89 In der deutsch sprachigen Fassung sind etwa 800.000 Nutzer registriert; da die Registrie rung aber weder für die ab rufende noch die ge- staltende Nutzung zwingend nötig ist, lässt sich die vollständige Anzahl der Nutzer nicht bestimmen. Mehr als die Hälfte der 12- bis 24-Jährigen greift laut der Repräsentativ- befra gung zumindest einmal die Woche auf die Wikipedia zu, wobei der Anteil unter den Männern höher ist als unter den Frauen (vgl. Tabelle 6.11). Insbesondere die 15- bis 17-Jährigen sowie die Gymnasiasten gehören zu den regelmäßigen Nutzern. Unter den Internetnutzer typen liegt der Anteil der regel- mäßigen Nutzer unter den Netz werkern und insbesondere den Aktiven Infor- ma tions managern über dem Durchschnitt. 89 Vgl. meta. wikimedia. org /wiki / List_ of_ Wikipedias [31. 7. 2009]. 173 davon hatten Ende Juli 2009 mehr als 1.000 Artikel, und 27 wiesen mehr als 100.000 Artikel auf. 238 Tabelle 6.10: Merkmale der Wikipedia im Überblick Name Wikipedia URL de. wikipedia. org Betreiber Wikimedia Deutschland e. V., Berlin Eigentümer Wikimedia Founda tion, San Francisco Existiert seit Januar 2001 (englisch sprachige Variante) März 2001 (deutsch sprachige Variante) Registrierte Nutzer (07/2009) Welt weit: 18,6 Mio. Englische Fassung: 10,1 Mio. Deutsche Fassung: 800.000 Anzahl der Artikel (07/2009) Welt weit: 13,5 Mio. Englische Fassung: 2,9 Mio. Deutsche Fassung: 930.000 Selbst beschrei bung „Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie aus freien Inhalten in allen Sprachen der Welt. Jeder kann mit seinem Wissen beitragen.“ Tabelle 6.11: Regelmäßige Wikipedia-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) Name Wikipedia Gesamt 54,8 Männer 60,5 Frauen 48,9 12- bis 14-Jährige 53,4 15- bis 17-Jährige 60,5 18- bis 20-Jährige 57,5 21- bis 24-Jährige 49,8 Formale Bildung (derzeit oder ehemals besuchter Schultyp) Haupt schule 37,5 Realschule 39,7 Gymnasium 69,5 Internetnutzer typen Wenignutzer 43,8 Netz werker 61,6 Aktive Informations manager 70,5 Spieler 53,1 6.4.2 Identitäts- und Beziehungsmanagement Anders als bei den bisher vor gestellten Fallstudien spielt bei der Wikipedia das Identitäts- und Beziehungs management nur eine sehr unter geordnete Rolle. Profilseiten im engeren Sinne gibt es nicht; jeder registrierte Nutzer erhält allerdings eine „Benutzer seite“ innerhalb der Wikipedia, die selbst als Wiki- Seite ein gerichtet ist und mit beliebigen Inhalten gefüllt werden kann (z. B. welche Sprachen der Nutzer spricht oder an welchen Artikeln er mitgearbeitet hat; vgl. Abbil dung 6.5). Eine Funktion zur expliziten Bestäti gung von sozialen Beziehungen zu anderen Nutzern gibt es nicht; die Benutzer seite kann jedoch 239 optional von anderen Nutzern ergänzt und mit Hinweisen ver sehen oder aber für die Bearbei tung durch andere gesperrt werden. Abbil dung 6.5: Profilseite eines registrierten Wikipedia-Nutzers 6.4.3 Publizieren, gruppen bezogene und interpersonale Kommunika tion Das freie Publizieren von Informa tionen bzw. Artikeln, die von mehreren Nutzern kollaborativ bearbeitet wurden, ist das Herz stück der Wikipedia, die sich des grundsätz lichen Prinzips von Wikis bedient: Einzelne Seiten lassen sich mit einem einfachen Text-Editor und einer spezifi schen Syntax bearbeiten und unter einander ver knüpfen. Dabei können jegliche Änderun gen nach ver- folgt und gegebenen falls wieder rück gängig gemacht werden. Jeder Artikel der Enzyklopädie besitzt zudem eine eigene „Diskussions seite“, auf der weitere Informa tionen ein getragen oder Auseinander setzun gen über Formulie rungen aus getragen werden.90 Neben dieser techni schen Niedrigschwellig keit haben zwei weitere Besonder heiten zum Erfolg der Wikipedia bei getragen: Die Inhalte stehen unter einer Lizenz, die das Modifizieren, Kopieren und Weiter- verbreiten aus drück lich erlaubt, solange die Folgeinhalte eben falls diesen Be- din gungen unter liegen. Zudem steht die Mitarbeit an der Wikipedia prinzipiell für alle Personen offen: Nicht nur anerkannte Experten (z. B. Akademiker oder professionelle Redakteure), sondern alle Interessierten können Beiträge ver fassen oder bestehende Artikel ver ändern und er weitern. 90 Allerdings ist die Diskussions seite nur bei etwa 15 Prozent der Artikel auch tatsäch lich in Gebrauch (vgl. Pentzold 2007, S. 39). 240 Die Qualitäts siche rung der einzelnen publizierten Artikel erfolgt in der Wikipedia mithilfe einer Reihe von Mechanismen, wobei die Aufmerksam keit der Nutzer gemein schaft eine tragende Rolle spielt und die redaktionelle Be- treuung durch professionelle Redakteure ersetzt (vgl. Hammwöhner 2007): Engagierte Autoren nehmen nicht nur Erweite rungen bestehender Artikel oder das Anlegen neuer Beiträge vor, sondern sichten auch Artikel verände rungen, wobei sie u. a. auf die techni sche Option zurück greifen können, einzelne Artikel auf eine „Beobachtungs liste“ zu setzen, um über Ver ände rungen be- nachrichtigt zu werden. Dadurch lassen sich viele qualitäts mindernde Eingriffe, insbesondere Akte des Vandalismus, relativ schnell er kennen und rück gängig machen. Allerdings können diese Mechanismen nicht prinzipiell ver hindern, dass einzelne Artikel Fehler ent halten, seien diese nun intendiert oder nicht.91 Zudem garantieren sie nicht, dass jeder Artikel den gleichen Qualitäts standard besitzt oder auch im Lauf von Überarbei tungen erlangt. Qualitäts bezogene Leitbilder sind in „un veränder lichen Grundsätzen“92 der Wikipedia formuliert, darunter das Prinzip des „neutralen Standpunkts“ bei der Formulie rung von Artikeln, das Publizieren von gesichertem Wissen statt von Originalforschung sowie die Ver ifizier bar keit der Inhalte durch Quellen- angaben. Weitere Richtlinien formulieren zum Beispiel sprach liche Qualitäts- kriterien für gute Artikel93 oder Kriterien für die Relevanz neu an gelegter Artikel.94 Das über greifende Qualitäts ideal der Wikipedia ist, eine umfassende Enzyklopädie frei zur Ver fügung zu stellen, an der die Nutzer mitarbeiten. Diese Qualitäts kriterien werden insbesondere in den Diskussionen zu einzel- nen Artikeln explizit an gerufen, wobei letzt lich auch Machtressourcen darüber bestimmen, ob sich eine bestimmte Formulie rung oder Regel ausle gung durch- setzt. Eine besondere Stellung kommt hierbei den Administratoren zu; sie wer- den aus dem Nutzer kreis gewählt und ver fügen über er weiterte Rechte, können also beispiels weise Artikel löschen oder bestimmte Nutzer blockieren. Neben der öffent lichen Kommunika tion auf den Diskussions seiten zu ein- zelnen Artikeln stehen weitere Kommunikations räume zur Ver fügung, in der die Koordina tion und der Austausch insbesondere unter den aktiven „Wiki- pedianern“ geleistet wird, darunter z. B. Wikipedia-Mailinglisten und eigene Chaträume. Private interpersonale Kommunika tion über das Wiki ist nicht vor gesehen. 91 Schlagzeilen in dieser Hinsicht machte im Februar 2009 der Eintrag zu Wirtschafts minister zu Gutten berg (vgl. Anonym 2009). Einen Tag vor seiner Nominie rung als Minister hatte ein Unbekannter einen zusätz- lichen Vornamen in die Wikipedia ein gefügt, den eine Reihe von Medien über nahmen. Deren Berichterstat- tung galt wiederum für eine gewisse Zeit in der Wikipedia als Beleg, der Vorname sei authentisch, und erst der Abgleich mit einem Genealogi schen Handbuch brachte Klarheit. 92 Vgl. de. wikipedia. org /wiki / Wikipedia:Grundprinzipien [31. 7. 2009]. 93 Vgl. u. a. http: //de. wikipedia. org /wiki / Wikipedia:Wie_ schreibe_ ich_ gute_ Artikel sowie http: //de. wikipedia. org /wiki / Wikipedia:Wie_ sehen_ gute_ Artikel_ aus [31. 7. 2009]. 94 Vgl. de. wikipedia. org /wiki / Wikipedia:Relevanzkriterien [31. 7. 2009]. 241 6.4.4 Informations suche, -erschließung und -bewer tung Um sich die Wikipedia-Inhalte zu er schließen, existieren neben der Suchfunk- tion weitere Formen der themati schen Gliede rung, darunter insbesondere die Kategorien, mit denen Artikel ver schlagwortet werden, um eine inhalt liche Systematik der Wikipedia zu er stellen (z. B. „Komponist“, „Literatur“ oder „Hydro logie“). Themen portale sind redaktionell gepflegte Übersichts seiten der wichtigsten Artikel zu einem Themen gebiet, beispiels weise zu „Siegerland“, „Radartechnik“ oder „Kirchen musik“. Listen schließ lich fassen Artikel zusam men, denen ein bestimmtes Merkmal gemeinsam ist, beispiels weise „Byzan ti ni sche Kaiser“ oder „Torschützen könige der Handball-Bundes liga“. Für Nutzer, die aktiv an der Wikipedia mitarbeiten, stehen weitere Instru- mente zur Ver fügung, die das Bearbeiten bzw. Korrigieren unter stützen. Dazu zählt beispiels weise die „Beobachtungs liste“, die es registrierten Nutzern er- mög licht, sich aktuelle Änderun gen an individuell aus gewählten Seiten an- zeigen zu lassen; diese sind auch per RSS abonnier bar. Darüber hinaus pflegt die Wikipedia auch automatisch er stellte Listen, in denen z. B. ver waiste Seiten (ohne Link von einer anderen Seite) oder neu an gelegte Seiten auf- geführt werden, die von Nutzern dann gezielt bearbeitet werden können. 6.4.5 Zusammen fassende Diskussion Die Wikipedia ist im Ver gleich zu den anderen fallstudien haft analysierten Angeboten insofern ein Sonderfall, als die Online-Enzyklopädie von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen nahezu aus schließ lich rezipierend ver- wendet wird. Aktive Teilhabe über das Ver fassen oder Ver bessern von Ein- trägen spielt so gut wie keine Rolle, obwohl die techni schen Hürden denk bar gering sind. Die Gründe hierfür sind eher sozialer Natur, denn Anmutung und Leitbild der Wikipedia ver mitteln den Eindruck, dass es sich um ein thematisch umfassendes Lexikon handelt, das von Menschen mit spezialisiertem Wissen bereit gestellt wird. Gekoppelt mit dem Umstand, dass Wikipedia-Inhalte bei google-basierten Recherchen oft sehr hoch in den Trefferlisten auf tauchen, wird die Enzyklopädie so zu einer als selbst verständ lich hin genommenen und problem los verfüg baren Wissens quelle, die auch Informa tionen zu ab seitigen oder exotischen Themen bereithält. Die partizipativen Möglich keiten und die prinzipielle Offen heit und Ver- änder barkeit von Wissen, für die die Wikipedia steht, erfährt die Mehrheit der Jugend lichen und jungen Erwachsenen daher vor allem in zwei Kontexten: zum einen in Form von Warnun gen seitens formeller Bildungs institu tionen bzw., wenn Lehrer oder Hochschuldozenten auf die unklare, zumindest kritisch zu hinterfragende Qualität der Beiträge ver weisen oder die un geprüfte Über- nahme von Wikipedia-Artikeln in Schul- oder Hausarbeiten als Plagiat sank- 242 tionieren. Zum anderen er fahren Jugend liche die Modifizier bar keit der Texte in den (insgesamt jedoch eher seltenen) Fällen, wo sie Artikel editieren, um anderen einen Streich zu spielen. Solche Beiträge seitens der Jugend lichen bleiben jedoch nicht nach haltig, sondern werden im Rahmen der Qualitäts- siche rung als Akte des „Schüler vandalismus“ von den Administratoren in der Regel sehr schnell wieder ent fernt (vgl. Stegbauer 2008). 243 7 Das Social Web im Kontext über greifender Medien repertoires Uwe Hasebrink In den voran gegangenen Ka- pi teln ist im Detail heraus ge- arbeitet worden, wie Jugend- liche und junge Erwachsene mit den Angeboten des Social Web um gehen, wie sie diese in ihren Alltag einbetten und welche Rolle dabei be- stimmte Einzelangebote spie- len. Die folgenden Ausfüh- rungen gelten der Frage nach dem Ver hältnis zwischen dem Social Web und den übrigen Medien- und Kommunikations angeboten. Wie immer, wenn neue techni sche oder inhalt liche Innova tionen im Medien- bereich auf treten, so wird auch im Zusammen hang mit der seit gut 15 Jahren er folgenden Ausbrei tung des Internets bzw. der Online-Medien intensiv dis- kutiert, welche Konsequenzen die zunehmende Nutzung der neuen Angebots- op tionen für die etablierten Medien hat. Diese Diskussion ist im Zusammen- hang mit dem Internet sehr weitreichend: Die durch Digitalisie rung an gestoßene Konvergenz zwischen bisher klar getrennten Medien bereichen findet im Inter- net und dort besonders im Social Web ihren deut lichsten Ausdruck. Zuvor noch klar voneinander abgrenz bare Mediengat tungen und darauf bezogene Nutzungs weisen und Funktionen rücken im Zuge dieses Prozesses so eng an- einander heran, dass die Untersuchung des einen Phänomens ohne die Berück- sichti gung des anderen kaum noch möglich ist. Aus diesem Grunde soll in diesem Kapitel ver tiefend unter sucht werden, wie Jugend liche und junge Erwachsene die ver schiedenen medialen Angebots- op tionen für sich kombinieren, das heißt, welche über greifenden Medien- Social Web SNS Internet Medien insgesamt Social Web SNS Internet Medien insgesamt 244 repertoires sie sich zusammen stellen. Das Konzept der Medien repertoires (siehe dazu Hasebrink / Popp 2006) stellt einen Ver such dar, an gesichts zu- nehmender Konvergenz und Cross medialität die bisher stark an Einzelmedien orientierte Nutzungs forschung um die systemati sche Beschrei bung und Erklä- rung medien übergreifender Nutzungs muster zu er weitern. Die Darstel lung erfolgt in zwei Schritten: Zunächst werden (in Abschnitt 7.1) die Medien der öffent lichen Kommunika tion bzw. die klassi schen Massen- medien in den Blick genommen. Daran knüpft sich vor allem die in der Öffentlich keit viel diskutierte Frage, welche Bedeu tung den journalisti schen Medien im Zuge der rasanten Entwick lung von interaktiven, individualisierten und auf nutzer generierten Inhalten basierenden Angeboten künftig noch zu- kommen wird. Im zweiten Schritt (Abschnitt 7.2) wird das Social Web im Kontext der Kommunikations medien im engeren Sinne unter sucht, also der- jenigen techni schen Mittel, die über wiegend der interpersonalen Kommunika- tion dienen. Ein Fazit (Abschnitt 7.3) beschließt dieses Kapitel. 7.1 Das Social Web im Kontext medien übergreifender Repertoires öffent licher Kommunika tion Aus welchen Bestand teilen setzt sich das Medien repertoire Jugend licher und junger Erwachsener zusammen? Tabelle 7.1 zeigt, wie viele Befragte der Re- präsentativbefra gung die ver schiedenen Medien täglich nutzen. Deutlich vorn in der Nutzungs häufig keit liegt das Handy, das zwar bisher über wiegend zum Telefonieren und für SMS ver wendet wird (siehe dazu Kapitel 7.2), sich aber zunehmend zu einer Platt form für die Nutzung ver schiedenster Medien ent- wickelt. Auch der Computer ist in dieser Aufstel lung eher als Platt form für ver schiedene Anwen dungen zu ver stehen. Im Hinblick auf die Medien im engeren Sinne liegt das Internet mittlerweile hinsicht lich der täglichen Nutzung leicht vor dem Fernsehen und dieses wiederum leicht vor dem Hörfunk. Auch MP3-Player haben bei mehr als der Hälfte der hier unter suchten Alters gruppe ihren Platz im täglichen Medien repertoire. Mit einigem Abstand folgen CDs bzw. Kassetten und Zeitun gen sowie Bücher. Nur maximal zehn Prozent dieser Alters gruppe wenden sich täglich Computerspielen, Zeitschriften oder Videos zu. Aus anderen Untersuchungen bekannte Unterschiede zwischen den Ge- schlechtern zeigen sich vor allem im Hinblick auf die Computerspiele, die weitaus häufiger von Jungen und jungen Männern genutzt werden; außerdem nutzen diese häufiger das Internet und MP3s, während Mädchen und junge Frauen häufiger Bücher lesen, Radio hören und Handys nutzen. Zwischen den Alters gruppen ergeben sich eben falls die ver trauten Unterschiede, die doku- mentieren, dass sich in der hier unter suchten Alters spanne starke Ver schie- 245 bungen in der Zusammen setzung von Medien repertoires ergeben. Beim Radio sowie insbesondere bei der Zeitung liegt ein deut licher Zuwachs mit dem Alter vor, während Spiele vor allem für die jüngste Teilgruppe interessant sind. Sowohl das Internet als auch das Fernsehen und MP3s werden am häufigsten von der Gruppe der 15- bis 17-Jährigen genutzt. Tabelle 7.1: Medien bezogene Tätig keiten in der Freizeit (Befragte, die an geben, die be tref- fende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Ein Handy nutzen 78,7 72,1 85,6 61,4 76,9 83,8 87,2 Einen Computer be- nutzen 73,0 76,4 69,5 56,2 78,9 76,3 77,3 Internet bzw. Online- dienste nutzen 67,7 70,3 65,0 49,2 77,4 73,8 68,6 Fernsehen 65,0 65,5 64,5 65,4 73,5 55,0 66,8 Radio hören 59,8 52,9 67,1 46,2 58,8 63,1 66,5 MP3 s hören (Musik oder anderes) 57,9 64,5 51,1 50,8 76,4 63,1 45,5 CDs oder Kassetten anhören 38,9 39,2 38,6 39,7 35,6 44,4 36,5 Tages zeitung/Zei- tung lesen 35,0 38,9 30,9 15,4 30,4 39,0 47,2 Bücher lesen 20,9 16,6 25,5 29,8 20,9 13,1 20,9 Offline-Computer- spiele spielen 10,3 16,2 4,1 19,8 8,1 8,7 7,1 Zeitschriften bzw. Magazine lesen 9,1 9,6 8,5 9,8 9,5 8,8 8,5 Online-Spiele spielen 9,1 15,3 2,5 18,9 8,2 6,9 5,7 Videokassetten oder DVDs ansehen 5,2 6,0 4,4 3,8 3,4 5,0 7,6 Erläute rung: Die Frage lautete: „Jetzt geht es um Freizeittätig keiten. Ich nenne Dir jetzt einige Tätig- keiten. Bitte sage mir jeweils, wie oft Du das in Deiner Freizeit machst: täglich, mehrmals in der Woche, einmal in der Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie?“ Die Reihen folge der Tätig keiten wurde bei der Befra gung rotiert. Die Zusammen hänge zwischen den Nutzungs häufig keiten und -dauern der ver schiedenen Medien sind in aller Regel gering und meist positiv (siehe Tabelle 7.2). Signifikante positive Korrela tionen zeigen sich jeweils zwischen Radio, Zeitun gen und Zeitschriften. Die Lektüre von Büchern hängt mit der Häufig keit der Zeitschriften- und der Radionut zung zusammen; die einzigen signifikanten negativen Korrela tionen zwischen allen hier berücksichtigten Medien zeigen sich zwischen Büchern einer seits und Online- und Konsolen- spielen anderer seits, die wiederum unter einander deut lich positiv zusammen- hängen. Je häufiger das Internet genutzt wird, desto häufiger werden auch Zei- tun gen und Zeitschriften gelesen, Online-Spiele gespielt und Videos bzw. DVDs an gesehen; negativ hängt die Internet-Nutzung hingegen mit der Nutzung von 246 CDs/Kassetten zusammen. Die Häufig keit der Video-/ DVD-Nutzung hängt positiv mit Online- und Konsolen spielen sowie mit der CD-/Kassetten nutzung und der Zeitschriften lektüre zusammen. Diese Befunde, die die Ergebnisse zahl reicher Nutzungs studien bestätigen, weisen darauf hin, dass es im Hinblick auf die Nutzungs häufig keit keine aus- geprägten Negativ-Beziehungen zwischen den Medien gibt; das gilt auch für das Internet und seine Beziehungen zu den anderen Medien. Vielmehr scheinen die Medien unter einander tendenziell positiv miteinander zusammen zuhängen, was bedeutet, dass es Personen gibt, die generell mehr oder weniger Medien nutzen. Tabelle 7.2: Korrela tionen zwischen Nutzungs häufig keiten ver schiedener Medien 1) 2) 3) 4) 5) 6) 7) 8) 9) 10) 11) 1) Fernsehen .09 .09 2) Radio .21 .17 .09 .10 3) Zeitung .21 .19 .09 4) Zeitschrift .09 .17 .19 .13 .09 .09 5) Online-Spiele .34 –.11 .12 6) Konsolen spiele .09 .34 –.15 .14 7) Bücher .09 .13 –.11 –.15 .08 .12 8) Internet .09 .09 .12 .14 –.09 .16 9) Video/DVD .09 .14 .08 .14 .11 .16 10) CD/Kassette .10 .12 –.09 .11 11) MP3 .16 .16 Erläute rung: Berech nung des Korrelations koeffizienten nach Pearson; auf geführt sind ledig lich signifi- kante Korrela tionen, p < .05; n = 650. Für die Medien Fernsehen, Radio, Internet sowie Offline- und Online-Spiele wurde zusätz lich gefragt, wie lange diese genutzt werden (siehe Tabelle 7.3). Fernsehen und Internet liegen jeweils mit gut zwei Stunden täglicher Nutzungs- zeit vorn, es folgen das Radio mit eineinhalb Stunden, Konsolen spiele mit einer Dreiviertelstunde und Online-Spiele mit einer guten halben Stunde. Auch hier sind die Zusammen hänge durch weg positiv (siehe Tabelle 7.4), obwohl auf grund des auf 24 Stunden begrenzten Zeitvolumens eigent lich zu er warten wäre, dass eine höhere Nutzungs dauer bei einem Medium zwangs- läufig mit einer niedrigeren Dauer bei einem anderen Medium einher gehen müsste. Neben der durch die begriff liche Überlappung selbst verständ lichen Korrela tion zwischen Internet-Nutzung und Online-Spielen ist auch der Zu- sammen hang zwischen Online- und Offline-Spielen hoch plausibel. Nicht so selbst verständ lich sind hingegen die positiven Zusammen hänge zwischen Inter- net, Fernsehen und Radio. Mögen diese zum Teil auch daher rühren, dass sich hier bestimmte Formen des Antwort verhaltens nieder schlagen – etwa generelle Tendenzen des Über- oder Unterschätzens von Zeitspannen –, so ist doch 247 mit einiger Sicher heit fest zuhalten, dass diese Befunde gegen die Annahme sprechen, das eine Medium weite seine Nutzungs anteile auf Kosten eines anderen Mediums aus. Tabelle 7.3: Durchschnitt liche Nutzungs dauer für Fernsehen, Radio, Internet, Konsolen- spiele und Online-Spiele (in Minuten pro Tag, Montag bis Sonntag)95 Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Fernsehen 130 131 129 126 137 118 136 Internet 127 139 114 108 142 130 126 Radio 93 93 93 67 91 90 111 Konsolen spiele 47 63 29 70 48 38 38 Online-Spiele 34 50 16 38 40 36 25 Tabelle 7.4: Korrela tionen zwischen den Nutzungs dauern ver schiedener Medien Internet Fernsehen Radio Online-Spiele Konsolenspiele Internet .21 .12 .31 .11 Fernsehen .21 .13 .10 .21 Radio .12 .13 Online-Spiele .31 .10 .20 Konsolen spiele .11 .21 .20 Erläute rung: Berech nung des Korrelations koeffizienten nach Pearson; auf geführt sind ledig lich signifi- kante Korrela tionen, p < .05; n = 650. Für ein genaueres Ver ständnis der Beziehung zwischen den ver schiedenen Medien ist es er forder lich, die Medien repertoires spezifi scher Teilgruppen zu unter suchen. Die bisherige Darstel lung unter schlägt, dass sich die Befragten in der Häufig keit der Nutzung der ver schiedenen Medien zum Teil sehr deut- lich unter scheiden. Um dem Rechnung zu tragen, wurde – im Sinne eines heuristi schen Ver fahrens zur Identifizie rung von Medien repertoires – über die oben dargestellten Häufig keiten der Nutzung ver schiedener Medien eine Cluster zentren analyse berechnet, die die Befragten in Gruppen unter teilt, die sich hinsicht lich ihrer Medien nutzung möglichst klar unter scheiden. Der heu- ris ti schen Zielset zung ent sprechend wurde eine Lösung gewählt, die in ihrer Komplexität noch über schau bar und gut interpretier bar ist. Die sechs gebil- deten Typen werden in Tabelle 7.5 beschrieben; das Muster der Medien nutzung, durch das sich jeder Typ aus zeichnet, kann als das je spezifi sche Medien- repertoire interpretiert werden. 95 In die Auswer tung gingen Befragte, die zuvor an gegeben hatten, das betreffende Medium nie zu nutzen, mit dem Wert 0 ein. Einige wenige Angaben, die über acht Stunden pro Tag für ein Medium hinaus gingen, wurden im Sinne einer Ausreißerkontrolle durch den Wert 480 Minuten ersetzt. 248 – Typ 1, die größte Gruppe, ist durch ein ver gleichs weise printorientiertes Medien repertoire gekennzeichnet: Bücher und Zeitun gen werden fast täglich genutzt, hinzu kommen CDs oder Kassetten. Das Fernsehen wird im Ver- gleich zu den anderen Typen etwas seltener genutzt – aber immer noch mehrmals pro Woche bis täglich. Die Nutzungs dauern von Fernsehen, Inter net und Konsolen- wie auch Online-Spielen sind unter durchschnitt lich. Dieses Repertoire ist eher bei Mädchen und jungen Frauen anzu treffen, es zieht sich durch alle Alters gruppen, ist aber besonders bei den ab 18-Jährigen über repräsentiert. Der formale Bildungs status ist deut lich über- durchschnitt lich. Als Kurzbezeich nung wird „Printorientierte“ gewählt. – Die zweit größte Gruppe, Typ 2, ist vor allem durch die fast über alle Medien hinweg intensive Medien nutzung gekennzeichnet; das Merkmal, das diesen Typ von den anderen am deut lichsten unter scheidet, ist die häufige Nutzung von Computerspielen. Zusätz lich zu den Offline- und Online-Spielen er- reicht diese Gruppe die höchsten Werte beim Fernsehen, bei Zeitschriften, beim Internet sowie bei Video/ DVD. Im Hinblick auf die Nutzungs dauer ist die Fernsehnut zung nur durch schnitt lich, dafür ver bringt dieser Typ mehr Zeit mit dem Internet und mit Spielen als die meisten anderen Gruppen. Jungen und junge Männer sind deut lich über repräsentiert, der Alterseffekt geht, allerdings sehr schwach, dahin, dass Jüngere über repräsentiert sind. Befragte mit niedrigerer formaler Bildung sind leicht über repräsentiert; der Zusammen hang mit der Bildung ist jedoch nicht linear, auch viele Gym- nasiasten bzw. Abiturienten gehören dieser Gruppe an. Als Kurzbezeich- nung wird „Spieleorientierte Vielnutzer“ gewählt. – Typ 3 ist vor allem an Audiomedien orientiert, zu den über durchschnitt lich häufig genutzten Medien gehören das Radio und CDs bzw. Kassetten, außer dem die Zeitung. Die Dauer der Radionut zung liegt weit über der aller anderen Gruppen. Spiele, Bücher und Videos/ DVDs werden seltener genutzt als von den anderen Gruppen. Die Geschlechter sind hier relativ gleich ver treten, es findet sich aber ein starker Alterseffekt: Fast die Hälfte der diesem Typ zu geordneten Befragten ist älter als 21 Jahre. Befragte mit niedrigerem formalem Bildungs niveau sind hier über repräsentiert. Als Kurz- bezeich nung wird „Audio- und Aktualitäts orientierte“ gewählt. – Typ 4 weist Ähnlich keiten zum voran gegangenen Typ auf, indem ebenso häufig – wenn auch nicht so lange – Radio gehört wird und Spiele kaum eine Rolle spielen. Der auf fällige Unterschied besteht darin, dass fast nie CDs oder Kassetten gehört werden, dafür aber umso häufiger MP3s. Die Werte für die übrigen Medien liegen jeweils leicht über dem Durchschnitt. Zugeordnet wurden hier etwas mehr weib liche als männ liche Befragte, die 12- bis 14-Jährigen sind deut lich unter-, die 18- bis 21-Jährigen deut lich über- repräsentiert. Diese Gruppe weist im Durchschnitt das höchste Bil dungs- niveau auf. Als Kurzbezeich nung wird „Mobile Audio orientierte“ ge wählt. 249 Tabelle 7.5: Beschrei bung der Medien repertoires und der soziodemographi schen Merkmale von sechs Nutzer typen Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 Typ 6 Gesamt n = 148 n = 124 n = 111 n = 105 n = 94 n = 68 n = 650 Nutzungs häufig keit der ver schiedenen Medien (Mittelwerte)1: Fernsehen 1,74 1,33 1,51 1,52 1,47 1,63 1,54 Radio 2,22 1,75 1,71 1,68 2,17 5,24 2,27 Zeitung 1,82 2,59 1,77 2,40 6,40 5,64 3,11 Zeitschriften 3,80 3,69 3,88 3,85 4,17 5,16 4,00 Online-Spiele 6,13 2,06 6,17 6,19 6,01 4,88 5,22 Konsolen spiele 5,21 2,48 5,24 5,56 5,56 3,26 4,60 Bücher 1,72 4,15 5,85 3,41 3,28 5,87 3,82 Internet 1,71 1,28 1,55 1,45 1,89 1,71 1,59 Video/DVD 3,68 3,29 4,27 4,06 4,16 4,30 3,90 CDs/Kassetten 1,58 3,01 1,69 6,37 1,63 5,52 3,06 MP3 2,11 2,05 2,26 1,88 2,61 2,35 2,18 Nutzungs dauern in Minuten pro Tag: Fernsehen 118 133 138 125 125 149 130 Radio 96 88 149 74 86 33 93 Internet 115 152 117 114 111 166 127 Konsolen spiele 38 76 36 28 26 87 47 Online-Spiele 16 89 15 14 14 47 34 Zusammen setzung der Repertoiretypen nach Geschlecht, Alter und formaler Bildung (in Prozent): männlich 38,8 76,0 51,4 44,2 25,5 76,5 51,0 weiblich 61,2 24,0 48,6 55,8 74,5 23,5 49,0 12–14 Jahre 14,9 25,0 9,8 12,3 29,8 39,7 20,2 15–17 Jahre 20,3 22,6 21,4 23,6 28,7 20,6 22,7 18–21 Jahre 29,7 21,8 21,4 34,0 17,0 19,1 24,5 22–24 Jahre 35,1 30,6 47,3 30,2 24,5 20,6 32,5 Haupt schule 13,5 30,6 30,4 6,7 19,1 29,9 21,1 Realschule 29,7 26,6 33,9 36,2 37,2 34,3 32,5 Abitur/Studium 56,8 42,7 35,7 57,1 43,6 35,8 46,5 1 Antwort kategorien: 1 = täglich, 2 = mehrmals pro Woche, 3 = einmal pro Woche, 4 = einmal alle 14 Tage, 5 = einmal pro Monat, 6 = seltener, 7 = nie. – Typ 5 ist durch seine extrem seltene Zeitungs lektüre gekennzeichnet, auch das Internet wird seltener genutzt als von allen anderen Gruppen, aber immer noch „mehrmals pro Woche“. Besonders häufig werden CDs und Kassetten gehört. Die Nutzungs dauern sind moderat, insbesondere bei den Spielen. Drei Viertel dieser Gruppe sind weib lich, und die beiden jüngeren Alters gruppen sind deut lich über repräsentiert. Die formale Bildung schlägt sich hier nicht nieder. Als Kurzbezeich nung wird „Zurück haltende Wenig- nutzer“ gewählt. – Typ 6 schließ lich ist neben Typ 2 der einzige, der mit nennens werter Häu- fig keit Computerspiele spielt. Anders als bei Typ 2 lässt sich hier jedoch eine starke Fixie rung auf die Spiele fest stellen: Radio, Zeitun gen, Zeit- schriften, Bücher und Video/ DVD werden seltener genutzt als bei allen 250 anderen Gruppen, auch CDs/Kassetten und MP3s kommen ver gleichs weise selten vor. Dafür sind die Nutzungs dauern für das Fernsehen, das Internet, Offline-Computerspiele und Online-Spiele sehr hoch. Drei Viertel dieser Gruppe sind männ lich, zwei Fünftel sind unter 15 Jahre, es handelt sich um die jüngste Gruppe. Das Bildungs niveau ist ver gleichs weise gering. Als Kurzbezeich nung wird „Spielfixierte“ gewählt. Diese Eintei lung nach Medien repertoires führt vor Augen, dass Heran wach- sende aus dem verfüg baren Medien angebot für sich persön lich ganz unter- schied liche Mischungen zusammen stellen und dass diese, wie der Ver gleich nach Alter, Geschlecht und Bildung zum Ausdruck gebracht hat, offen bar zu- mindest zum Teil anhand der sozialen Position und der Lebens phase erklärt werden können. Kernfrage dieses Kapitels ist nun, wie die Angebote des Social Web in diese Medien repertoires ein gebettet sind bzw. ob sie über haupt mit diesen zusammen hängen. Wie Tabelle 7.6 zeigt, unter scheiden sich die Medien repertoire-Typen zum Teil in der Häufig keit der Nutzung ver schiedener Angebots formen des Social Web. Die „Printorientierten“ (Typ 1) gehören im Ver gleich zu den intensivsten Nutzern von Wikis, während Videoplatt formen und Instant Messaging für sie weniger Bedeu tung hat als für andere Gruppen. Die „Spieleorientierten Viel- nutzer“ (Typ 2), die sich durch ein besonders vielfältiges Medien repertoire aus zeichnen, er weisen sich auch im Social Web als besonders aktiv: Häufiger als alle anderen Gruppen ver wenden sie Instant Messaging, lesen und ver fas- sen sie Blogs, hören sie Musik dateien, schauen sie sich Filme und Videos an und stellen solche selbst ins Netz. Die „Audio- und Aktualitäts orientierten“ (Typ 3) haben im Ver gleich sehr wenig Interesse an Wikis und Blogs. Die „Mobilen Audio orientierten“ (Typ 4) sind die intensivsten Nutzer von Netz- werk platt formen und Wikis, während ihr Interesse an Video- oder Musik platt- formen relativ gering ist. Die „Zurück haltenden Wenignutzer“ (Typ 5) weisen auch bei den hier auf geführten Aktivitäten meist unter durchschnitt liche Werte auf; allerdings kommt es hier mit am ehesten vor, dass Wiki-Einträge ver fasst werden. Die „Spielefixierten“ (Typ 6) fallen dadurch auf, dass sie mit Abstand die geringste Nutzung von Netz werk platt formen auf weisen; demgegenüber spielen Angebote, bei denen Musik oder Filme bzw. Videos an gesehen werden können, hier eine große Rolle. Diese Gruppe stellt am häufigsten auch selbst Musik ins Netz. Dass die allein anhand der Nutzung der ver schiedenen Mediengat tungen unter schiedenen Typen sich auch in der Nutzung von Social Web-Angeboten unter scheiden, ist ein Hinweis darauf, dass das Social Web kein außerhalb der etablierten Medien landschaft stehender Bereich ist, sondern dass sich Muster des Umgangs mit den Medien der öffent lichen Kommunika tion auch auf das Social Web er strecken. 251 Tabelle 7.6: Häufig keit ver schiedener Aktivitäten im Umgang mit dem Social Web bei ver- schiedenen Nutzer typen (täglich /mehrmals pro Woche; in %) Gesamt Typ1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 Typ 6 n = 650 n = 148 n = 124 n = 111 n = 105 n = 94 n = 68 Instant Messaging 69 64 77 66 71 63 73 Online-Communities 69 69 72 71 77 68 49 In Wikis lesen 38 45 37 27 46 37 31 In Wikis schreiben 2 3 1 0 2 3 0 Weblogs lesen 8 9 15 2 8 2 9 Weblogs ver fassen 3 4 6 0 4 1 6 Musik/Sound dateien anhören 58 58 67 52 52 51 62 Musik /Sound dateien einstellen 5 3 7 4 8 1 10 Filme/ Videos anschauen 34 28 51 26 30 26 46 Filme/ Videos einstellen 1 1 3 1 1 0 2 Dieses Argument soll weiter geprüft werden, indem die Medien repertoires mit den in Kapitel 4.3 gebildeten SNS-Typen in Beziehung gesetzt werden. Wie Tabelle 7.7 zeigt, sind die Unterschiede zwar nicht besonders aus geprägt, insgesamt stehen sie aber für einen signifikanten Zusammen hang zwischen den beiden Typen bildun gen, der das oben genannte Argument bekräftigt, dass die ver schiedenen Medien bereiche keine voneinander ab getrennten Sphären darstellen, sondern von den Nutzern in einen Gesamt zusammen hang integriert werden, der ihren individuellen und kontextuellen Bedin gungen ent spricht. Die Konsequenz daraus ist vor allem, dass ein und derselbe Medien- und Kommunikations dienst damit in ganz unter schied lichen Konstella tionen auf- treten kann, im Rahmen derer ihm ent sprechend eine jeweils unter schied liche Bedeu tung zukommt. Tabelle 7.7: Anteile der SNS-Nutzer typen an den Medien repertoire-Typen (in %) Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 Typ 6 Gesamt SNS-Nutzer typen: n = 148 n = 124 n = 111 n = 105 n = 94 n = 68 n = 650 Nicht-Nutzer 12,2 8,8 11,8 8,6 8,6 19,1 11,1 Randnutzer ohne eigenes Profil 10,8 15,2 11,8 9,5 10,8 22,1 12,8 Routinierte Kontakt pflege 29,7 18,4 23,6 29,5 20,4 16,2 23,7 Außen orientierte Selbst - darsteller 10,8 21,6 20,9 12,4 12,9 16,2 15,7 Wenig interessierte Routinenutzer 10,1 12,0 7,3 12,4 5,4 10,3 9,7 Zurück haltende Freund- schafts orientierte 9,5 11,2 6,4 7,6 12,9 2,9 8,8 Intensive Netz werker 8,1 4,0 12,7 12,4 11,8 4,4 8,9 Reflektierte Gelegenheits - nutzer 6,1 4,0 4,5 6,7 11,8 7,4 6,5 Experimentierende Gelegenheits nutzer 2,7 4,8 0,9 1,0 5,4 1,5 2,8 252 Zusätz lich zu den Nutzungs häufig keiten wurde danach gefragt, für wie geeignet die Medien für ver schiedene Funktionen gehalten werden.96 Die dazu vor gegebenen Situa tionen sollten für den Informations bereich ver schiedene Ebenen ab decken, die sich aus unter schied lichen Informations bedürfnissen ergeben. – Mit dem Item „Wenn Du Dich informieren möchtest, was auf der Welt los ist“ soll das un gerichtete Informations bedürfnis ab gedeckt werden, welches darauf aus gerichtet ist, über relevante Neuig keiten informiert zu werden, ohne gezielt nach ihnen zu suchen. Dieses Informations bedürfnis wird vor allem von den journalisti schen Medien bedient. – Das Item „Wenn Du mehr über Themen bereiche er fahren willst, die Dich interessieren“ wird ein Informations bedürfnis an gesprochen, das sich aus persön lichen Interessen ergibt, im Hinblick auf die sich die Menschen unter scheiden und ent sprechend spezifi sches Wissen bilden. Ein solches Bedürfnis wird vor allem von thematisch fokussierten bzw. Special-Interest- Medien bedient. – Das Item „Wenn Du er fahren willst, was gerade ‚in‘ oder ‚out‘ ist“, zielt darauf ab, das Informations bedürfnis abzu decken, das sich auf die jeweilige Bezugs gruppe der Person bezieht, von der die Person wissen möchte, wie sie denkt, was sie für gut und richtig hält. Solche Bedürfnisse können vor allem von Communities und spezifi schen Zielgruppen medien erfüllt wer- den. – Das Item „Wenn Du Informa tionen zu einem konkreten Problem suchst, das Dich beschäftigt“ bezieht sich auf das Bedürfnis, in konkreten Problem- situa tionen konkrete individualisierte Informa tionen zu bekommen, die bei der Problemlö sung helfen. Hier können Massen medien kaum mehr helfen, es bedarf individualisier barer Medien- und Kommunikations dienste. Zusätz lich zu diesen informations orientierten Funktionen wurden einige eher emotions- und stimmungs bezogene Items auf genommen; eines bezieht sich auf eher beruhigende Funktionen („aus ruhen“), eines auf eher positiv-anregende („Spaß haben“), das Dritte schließ lich auf das Bedürfnis, auch einmal für sich allein zu sein. Die Ergebnisse sind auf der Ebene der Gesamt gruppe sehr deut lich (vgl. Tabelle 7.8): Bei den vier informations bezogenen Funktionen wird das Internet am häufigsten als am besten oder zweitbesten geeignetes Medium an gesehen. Während der Vorsp rung vor dem Fernsehen im Hinblick auf das allgemeine, un gerichtete Informations bedürfnis nur knapp ist, sind sich bei den themen- 96 Wortlaut der Frage: „Jetzt geht es um die Medien Fernsehen, Radio, Internet, Zeitun gen und Zeitschriften. Ich nenne Dir nun einige Situa tionen. Bitte sage Du mir jeweils, welches Medium Du da an 1. Stelle nutzen würdest, welches an 2. Stelle und welche Du über haupt nicht nutzen würdest.“ 253 und problembezogenen Informations bedürfnissen nahezu alle Befragten einig, dass das Internet nicht zu über treffen ist. Auffällig ist der Befund für das Item, das das gruppen bezogene Informations bedürfnis auf greifen sollte: Wenn es darum geht zu er fahren, was „in“ und „out“ ist, liegt zwar auch das Internet vorn, aber auch das Fernsehen und die Zeitschrift wird von Vielen als gut geeignet an gesehen. Eine genauere Analyse des Items „Wenn Du Dich informieren möchtest, was auf der Welt los ist“ nach Untergruppen zeigt, dass diese generellen Medien images in ver schiedenen Gruppen durch aus unter schied lich aus geprägt sind. Mädchen und junge Frauen halten vor allem das Fernsehen und gleichauf die Zeitung für die am besten geeigneten Medien (jeweils 31 %), bei Jungen liegt deren Anteil deut lich unter 30 Prozent, dafür meinen 42 Prozent, das Internet sei am besten geeignet (28 % der Mädchen). Tabelle 7.8: Eignung ver schiedener Medien für ver schiedene Funktionen (in % aller Be- fragten, n = 650) Fern- sehen Radio Internet Zeitung Zeit- schrift nichts davon Wenn Du Dich informieren möchtest, was in der Welt los ist. 29,5 4,3 34,8 28,5 2,4 0,4 30,6 12,4 31,4 19,2 5,3 1,1 7,5 31,9 9,2 7,2 35,9 11,3 Wenn Du Dich aus ruhen möchtest. 42,6 27,1 8,7 4,9 10,3 6,4 26,7 21,6 20,6 5,2 14,5 11,4 11,5 15,3 35,7 27,8 17,9 5,6 Wenn Du Informa tionen zu einem konkre- ten Problem suchst, das Dich beschäftigt. 2,5 1,0 90,0 3,1 1,6 1,8 21,1 6,1 3,3 24,0 36,8 8,6 30,8 48,1 1,5 11,4 14,4 3,5 Wenn Du er fahren willst, was gerade „in“ oder „out“ ist. 18,6 2,2 43,6 4,7 27,0 4,0 36,7 6,1 27,7 5,5 18,0 6,0 13,2 44,8 7,0 24,3 11,6 7,6 Wenn Du mehr über Themen bereiche er fahren willst, die Dich interessieren. 6,8 0,5 82,8 4,6 5,0 0,2 35,0 4,9 8,8 19,3 29,6 2,4 20,6 49,7 1,4 12,4 15,2 5,7 Wenn Du Spaß haben willst. 27,9 6,3 59,2 0,5 2,0 4,2 48,3 10,6 24,7 1,4 7,1 7,8 8,0 27,2 1,8 43,5 23,9 5,6 Wenn Du für Dich allein sein willst. 31,7 15,6 31,1 4,9 11,2 5,5 30,9 17,1 24,0 6,3 13,1 8,6 17,9 24,9 21,9 20,5 16,4 7,6 Erläute rung: Für jede Funktion sind in den ersten beiden ersten Zeilen die Anteile der Befragten an- gegeben, die das betreffende Medium als am besten bzw. zweitbesten geeignet ansehen; in der dritten, schattierten Zeile steht der Anteil der Befragten, die das Medium für die betreffende Situa tion für unge eignet halten. Wider gängige Erwar tungen sinkt der Anteil derjenigen, die die Zeitung für gut geeignet halten, mit dem Alter ab (12–14 Jahre: 30 %, 15–17 Jahre: 254 34 %, 18–20 Jahre: 31 %, 21–24 Jahre: 22 %), während der Anteil derer, für die das Internet im Vordergrund steht, steigt (von 28 % über 26 % und 37 % auf 44 %). Die oben beschriebenen Medien repertoire-Typen gehen mit noch aus ge- prägteren Unterschieden in der zu geschriebenen Informations funk tion der Medien einher. Bei den „Zurück haltenden Wenignutzern“ steht eindeutig das Fernsehen an erster Stelle (38 %), und auch das Radio kommt hier auf immer- hin 10 Prozent der Voten. Die „Audio- und Aktualitäts orientierten“, die sich unter anderem durch eine hohe Zeitungs nutzung aus zeichnen, platzieren be- sonders oft die Zeitung nach vorn (36 %). Hingegen steht das Internet bei den „Spielefixierten“ (46 %) und auch bei den „Spieleorientierten Vielnutzern“ (42 %) eindeutig auf Platz 1. Bei den emotions- und stimmungs bezogenen Items sieht das Spektrum zum Teil vielfältiger aus. Um auszu ruhen, ziehen die meisten das Fernsehen vor, es folgen das Radio und die Zeitschrift. Spaß hingegen ist in erster Linie eine Sache des Internets – fast 60 Prozent nannten es als erste Wahl, ein weiteres Viertel als zweite Wahl – und des Fernsehens. Um für sich allein sein zu können, werden Fernsehen und Internet gleichauf als beste Option genannt, hier haben ansonsten das Radio und die Zeitschrift recht viele Anhänger. Sieht man sich für die beiden letzt genannten Funktionen wieder die Unterschiede zwischen den ver schiedenen Gruppen an, dann finden sich klare gegen läufige Trends zu den obigen Beobach tungen zur Informations funk tion: Mit dem Alter nimmt die Einschät zung des Internets als Medium für Spaß und Entspan nung ab, hier tritt stattdessen zunehmend das Fernsehen in den Vordergrund. Die Funktions profile des Internets und der anderen Medien ver schieben sich also mit dem Alter, ent sprechend ändert sich auch ihre Rolle in den jeweiligen Medien repertoires. 7.2 Das Social Web im Kontext anderer Hilfs mittel zur interpersonalen Kommunika tion Während im voran gegangenen Kapitel die Frage im Vordergrund stand, in welchem Ver hältnis das Social Web zu den Medien der öffent lichen Kom mu- nika tion steht, geht es im Folgenden um die Positionie rung im Spektrum der ver schiedenen Optionen für die interpersonale Kommunika tion. Wie ge sehen sind direkte Austauschmöglich keiten mit individuell adressier baren Kontakten integraler Bestand teil vieler Social Web-Angebote, seien dies Netz werk - plattformen, Videoplatt formen oder Wikis – ganz zu schweigen vom Instant Messaging. Ähnlich, wie im Hinblick auf die Medien öffent licher Kommuni- ka tion, wird auch für die individuelle Kommunika tion ver mutet, dass die neuen techni schen Optionen und die ihnen zugrunde liegenden techni schen 255 und organisatori schen Merkmale weitreichende Ver ände rungen des Kommu- ni kations verhaltens nach sich ziehen können. Im Vordergrund steht dabei zum einen die Befürch tung, die technisch leicht gemachte Kontakt aufnahme mit Fremden, mit denen sich möglicher weise über den jeweiligen Online-Dienst rasch eine enge Kommunikations beziehung heraus bilden kann, könne die Wahrscheinlich keit unliebsamer oder sogar ge- fähr licher Begeg nungen in der Realwelt erhöhen – in Kapitel 5.2 wurde ein eindrück liches Beispiel für dieses Risiko geschildert. Zum anderen wird mit Sorge diskutiert, inwieweit die fließenden Grenzen zwischen tatsäch lich auf die beiden Kommunikations partner beschränkten Situa tionen und ver schie- denen Stufen der persön lichen, gruppen bezogenen oder gänz lich uneinge- schränk ten Öffentlich keiten von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (aber durch aus auch von allen anderen Teilen der Bevölke rung) immer bewusst sind und das eigene Kommunikations verhalten ent sprechend an gepasst wird. Und schließ lich wird diskutiert, wie die Nutzer die neu verfüg baren techni schen Optionen domestizieren, wie sie diese also in ihre bestehenden Alltags kontexte einpassen. Ein besonders interessanter Aspekt daran sind die Ver wendungs- regeln, also diejenigen Routinen und Konven tionen, die sich um neue techni- sche Dienste herum bilden und die diesen Diensten ihren je spezifi schen kul- turellen Platz zuweisen. Sie umfassen, wie in Kapitel 1.3 er läutert wurde, Adäquanzregeln und prozedurale Regeln; Erstere bestimmen, in welcher Situa- tion welcher Dienst an gemessen ist, Letztere legen fest, welche konkreten Formen des Umgangs mit diesem Dienst als sozial an gemessen oder aber als unangemessen wahrgenommen werden. Dass die ver schiedenen Dienste des Social Web von Jugend lichen und jungen Erwachsenen intensiv zur Kommunika tion und zur Kontakt pflege genutzt werden, haben die voran gegangenen Kapitel eindrucks voll bestätigt. Die daran anknüpfende Frage in diesem Kapitel lautet, in welchem Ver hältnis die auf dem Social Web basierenden Kommunikations formen zu anderen technisch-vermittelten und direkten Formen der Kommunika tion stehen und welche Konven tionen sich unter Heranwachsenden heraus bilden, wozu einzelne Dienste ver wendet werden können und wozu nicht. Die Auswer tung beginnt mit einem Überblick über die Häufig keit, mit der die Befragten der Repräsentativbefra gung ver schiedene Dienste, die unter ande- rem der interindividuellen Kommunika tion dienen, genutzt werden. Tabelle 7.9 demonstriert die besondere Bedeu tung des Handys97, das von knapp 80 Prozent der unter suchten Alters gruppe täglich genutzt wird. Mädchen und junge Frauen ver wenden das Handy deut lich häufiger, außerdem nimmt die Häufig keit mit dem Alter zu. Die gesondert ab gefragten Optionen Telefonieren und SMS- Verschicken bzw. -Empfangen liegen gleichauf. Die SMS ist bei weib lichen 97 Eine Frage nach der Nutzung eines Fest netz telefons war im Fragebogen nicht ent halten. 256 Befragten besonders beliebt; in den beiden jüngeren Gruppen über trifft die SMS-Nutzung das Telefonieren per Handy, bei den älteren ist es um gekehrt. Wie bereits in Kapitel 4 beschrieben, folgen dann die drei Onlineanwen dungen Instant Messaging, E-Mails und Netz werk platt formen sowie mit etwas Abstand Chats. Direkte Treffen mit Freunden oder anderen Bekannten sind bei gut einem Drittel täglich auf der Tagesord nung, Unterneh mungen mit der Familie sind ver gleichs weise selten. Nur wenige Befragte ver wenden bisher das Internet zum Telefonieren. Tabelle 7.9: Häufig keiten kommunikativer Aktivitäten (Befragte, die an geben, die be tref- fende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Ein Handy nutzen 78,7 72,1 85,6 61,4 76,9 83,8 87,2 Mit dem Handy telefonieren 54,5 53,6 55,5 34,4 48,6 58,8 68,2 SMS senden/ empfangen 54,4 48,2 60,8 43,8 53,1 58,4 58,5 Instant Messaging 51,8 55,1 48,3 45,4 65,5 57,8 41,2 E-Mails senden/ empfangen 47,4 43,7 51,3 26,9 42,6 52,5 59,7 Online-Communities besuchen 45,3 44,7 45,9 37,4 55,4 45,7 43,3 Sich mit Freunden bzw. Leuten treffen 36,9 41,4 32,1 32,8 47,6 44,7 25,8 Chatten 28,9 28,9 28,9 41,2 45,6 22,8 14,7 Etwas mit der Familie unter nehmen 8,0 6,3 9,7 5,3 10,2 5,6 10,3 über Internet telefonieren 6,0 8,7 3,1 4,6 8,2 5,6 5,2 Die Zusammen hänge zwischen diesen kommunikativen Aktivitäten er wei- sen sich als durch weg positiv, das heißt, die Befragten zeigen eine generelle Tendenz, mehr oder weniger zu kommunizieren. Negative Zusammen hänge hätten an gezeigt, dass zwei oder mehr Optionen unter einander in einem direk- ten Konkurrenz verhältnis stehen – in dem Sinne, dass je mehr die eine genutzt wird, desto weniger die andere. Es bietet sich also an, auf der Grundlage der in Tabelle 7.9 auf geführten Aktivitäten einen Summen index zu bilden, der die Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten der betreffenden Person zusammen fasst.98 Im Durchschnitt er reichen die Befragten hier einen 98 Wie bereits in Kapitel 4 anhand analoger Indizes er läutert, ging in den Summen index die „tägliche“ Nutzung eines Diensts mit dem Wert 1 ein, „mehrmals pro Woche“ wurde als 0,5 berechnet. Bei neun Aktivitäten kann dieser Index somit den Maximalwert 9 er reichen – was auch bei einem Befragten der Fall ist –, der dokumentiert, dass alle hier berücksichtigten Dienste täglich genutzt werden. 257 recht hohen Wert von 4,5 (siehe Tabelle 7.10), der anzeigt, dass täglich 4,5 der berücksichtigten Kommunikations optionen genutzt werden. Während sich die Geschlechter in dieser Hinsicht nicht signifikant unter scheiden, ist dies bei den Alters gruppen der Fall: Die höchste Kommunikations intensität besteht bei den 15- bis 17-Jährigen, die geringste bei den 12- bis 14-Jährigen. Tabelle 7.10: Summen index für die Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten (Mittelwerte) Gesamt männlich weiblich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre n = 650 n = 332 n = 319 n = 131 n = 148 n = 161 n = 211 Vielfalt und Häufig keit kommunikativer Aktivitäten 4,52 4,47 4,56 4,03 4,94 4,63 4,44 Es zeigt sich, dass die Nutzung von Netz werk platt formen eng mit den be- obacht baren Unterschieden in der Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten zusammen hängt. Die in Kapitel 4 gebildeten SNS-Nutzer typen unter scheiden sich deut lich in ihrer allgemeinen kommunikativen Aktivität. Aus Abbil dung 7.1 geht hervor, dass die als „Intensive Netz werker“ und als „Außen orientierte Selbst darsteller“ bezeichneten Personen mit Abstand die größte kommunikative Aktivität zeigen. Auf der anderen Seite zeichnen sich die SNS-„Nicht-Nutzer“, die „Nutzer ohne eigenes Profil“ und die „Reflektier- ten Gelegenheits nutzer“ durch die geringste kommunikative Aktivität aus. Abbil dung 7.1: Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten nach SNS-Nutzer- typen Zurückhaltende Freundschaftsorientierte 2,78 3,70 4,94 5,36 4,33 4,78 5,76 3,56 5,00 0 1 2 3 4 5 6 7 Nicht-Nutzer Randnutzer ohne eigenes Profil Routinierte Kontaktpflege Außenorientierte Selbstdarsteller Wenig interessierte Routinenutzer Intensive Netzwerker Reflektierte Gelegenheitsnutzer Experimentierende Gelegenheitsnutzer 258 Der enge Zusammen hang zwischen SNS-Nutzung und kommunikativen Aktivitäten wird noch deut licher, wenn die Nutzer typen auf der Ebene von Einzelaktivitäten betrachtet werden (siehe Tabelle 7.11). Die dem Typ 7 zu- geordneten „Intensiven Netz werker“ er reichen bei den meisten Einzelaktivi- täten den höchsten Wert, es handelt sich also generell um besonders aktive Kommunikatoren. Ein eben falls besonders breites Kommunikations spektrum haben die unter Typ 4 zusammen gefassten „Außen orientierten Selbst darstel- ler“; bei dieser relativ jungen Gruppe sind Chats und direkte Treffen mit Freunden besonders häufig, während E-Mail nur unter durchschnitt lich genutzt wird. Auf der anderen Seite stehen die „Nicht-Nutzer“ von Netz werk platt- formen (Typ 1), die den Ergebnisse zufolge auch die anderen Kommunikations- mittel nur sehr zurück haltend nutzen. Bei der im Typ 2 zusammen gefassten Gruppe der „Randnutzer ohne eigenes Profil“ ist auch eine generell geringe kommunikative Aktivität zu beobachten, allerdings spielt hier zumindest das Telefonieren eine über durchschnitt liche Rolle. Die übrigen Gruppen repräsen- tieren ver schiedene Mischungs verhältnisse der ver schiedenen Kommunikations- Tabelle 7.11: Häufig keiten kommunikativer Aktivitäten bei ver schiedenen SNS-Nutzer typen (Befragte, die an geben, die betreffende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten- prozente) Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 Typ 6 Typ 7 Typ 8 Typ 9 n = 72 n = 83 n = 150 n = 101 n = 65 n = 59 n = 58 n = 42 n = 18 Ein Handy nutzen 62,0 72,0 88,3 83,3 67,2 82,1 89,8 73,8 83,3 Mit dem Handy tele- fonieren 48,6 61,0 57,8 61,2 40,6 45,6 62,7 53,5 36,8 SMS senden/ empfangen 40,3 44,7 65,6 62,1 36,5 46,4 76,7 38,1 61,1 Instant Messaging 26,0 36,1 50,3 72,5 53,1 63,2 72,9 30,2 64,7 E-Mails senden/ empfangen 26,8 34,1 61,7 46,6 50,0 48,2 61,7 33,3 42,1 Online-Communities nutzen 0,0 13,1 61,7 67,3 43,8 50,0 88,1 11,6 44,4 Sich mit Freunden bzw. Leuten treffen 20,8 35,7 28,8 50,5 32,8 44,6 49,2 37,2 47,4 Chatten 8,2 13,3 29,9 52,9 18,8 31,6 50,0 9,3 40,0 Etwas mit der Familie unter nehmen 11,1 7,1 3,9 4,9 12,5 7,1 10,3 14,3 15,8 Über Internet tele- fonieren 4,1 7,2 7,8 5,0 6,3 7,1 3,4 2,4 10,5 Erläute rung: Die hellgraue Unterle gung zeigt an, dass der betreffende Typ die jeweilige Aktivität deut- lich häufiger als der Durchschnitt nutzt; die dunkelgraue zeigt besonders niedrige Werte an. Zur Er- läute rung der SNS-Nutzungs typen: Typ 1: Nicht-Nutzer; Typ 2: Randnutzer ohne eigenes Profil; Typ 3: Routinierte Kontakt pfleger, Typ 4: Außen orientierte Selbst darsteller; Typ 5: Wenig interessierte Routine- nutzer; Typ 6: Zurück haltende Freundschafts orientierte; Typ 7: Intensive Netz werker; Typ 8: Reflektierte Ge legenheits nutzer, Typ 9: Experimentierende Gelegenheits nutzer. 259 medien, deren Eigen heiten zum Teil im Nach hinein die Defini tion der SNS- Typen validieren: So ergeben sich für den Typ 6, der an gesichts seiner Umgangs weisen mit Netz werk platt formen als „Zurück haltende Freundschafts- orientierte“ bezeichnet wurde, durch weg eher durch schnitt liche Werte – mit der einen Ausnahme der relativ häufigen persön lichen Treffen mit Freunden. Die Tatsache, dass die Untertei lung der Befragten nach der Art und Weise, wie sie mit Netz werk platt formen umgehen, mit so drasti schen Unterschieden im Hinblick auf die Häufig keit anderer kommunikativer Aktivitäten einher- geht – die oben dokumentierten Unterschiede nach Alter und Geschlecht (siehe Tabelle 7.9) sind bei Weitem nicht so aus geprägt –, können erstens als Anhaltspunkt dafür gewertet werden, dass mit der Typen bildung tatsäch lich bestehende Unterschiede erfasst wurden. Zweitens unter streichen diese Be- obach tungen, dass die Nutzung von Netz werk platt formen ein integraler Be- stand teil des Kommunikations verhaltens und damit des Beziehungs mana ge- ments von Heranwachsenden ist. Neben der Häufig keit der Nutzung einzelner Kommunikations dienste inte- res siert an dieser Stelle auch die Einschät zung des Funktions spektrums dieser Dienste durch die Heranwachsenden. Dazu wurden zehn soziale Situa tionen vor gegeben, von denen die Befragten jeweils an geben sollten, welches Kom- munikations mittel aus ihrer Sicht in dieser Situa tion am besten und am zweit- besten geeignet und welches ganz unge eignet ist. Tabelle 7.12 unter streicht, dass das persön liche Treffen mit weitem Abstand das am besten geeignete Mittel für die meisten hier behandelten Situa tionen ist. Die einzige Ausnahme sind Ver abre dungen – die ja auch in der Regel erst die Vorausset zung dafür sind, dass es zu einem persön lichen Treffen kommen kann. Je ver bind licher und vor allem je kritischer die Situa tionen werden, desto deut licher wird der Vorsp rung der persön lichen Treffen vor allen Formen der ver mittelten Kommunika tion: In der Ausnahmesitua tion, in der eine Beziehung beendet wird, halten 88 Prozent der Befragten eine persön liche Begeg nung für den an gemessenen Weg, fast ein Fünftel gibt über dies an, dass es dafür aus ihrer Sicht keine zweitbeste Alternative gibt. Diese besondere Rolle der per- sön lichen Treffen kommt auch in einem zusammen fassenden Index zum Aus- druck, der für jedes Kommunikations mittel angibt, für wie viele Situa tionen es als am besten oder zweitbesten geeignet an gesehen wird; die persön lichen Treffen kommen hier auf einen Mittelwert von 7,0 (siehe Tabelle 7.13). 260 Tabelle 7.12: Eignung ver schiedener Kommunikations mittel für konkrete soziale Situa tio- nen (in % aller Befragten, n = 650) Treffen Brief SMS E-Mail Telefon IM SNS HP nichts davon Sich ver abreden 15,8 0,4 19,8 1,0 49,2 12,7 0,8 0,2 0,1 9,7 0,7 29,0 10,1 26,0 19,3 4,5 0,1 0,5 7,9 43,2 4,3 14,3 1,5 8,8 12,4 17,9 6,9 Über Hobbys aus- tau schen 41,2 0,3 3,0 4,1 13,1 26,0 9,5 1,6 1,1 15,9 1,7 8,6 7,4 31,4 22,1 9,5 0,9 2,4 4,8 37,6 17,3 10,8 6,2 6,9 6,4 16,6 6,2 Tratschen und Quatschen 44,0 0,2 2,1 0,6 33,1 17,6 2,0 0,2 0,2 21,3 0,5 6,0 4,8 40,3 19,9 5,8 0,5 0,8 2,2 38,4 18,3 13,3 1,8 8,0 8,9 19,5 5,8 Neue Leute kennen- lernen 45,5 0,4 0,6 2,3 1,6 29,4 17,8 1,3 1,0 15,9 2,6 6,9 5,5 9,3 24,5 21,2 4,1 10,1 7,2 34,1 19,1 12,3 20,2 7,7 6,3 13,9 4,6 Neue Freund schaften schließen 56,6 0,3 2,3 1,9 4,8 20,7 11,8 0,8 0,7 15,5 2,8 6,2 6,1 20,5 25,2 15,6 1,3 6,8 4,1 34,6 17,8 14,6 11,9 9,9 10,7 17,4 5,1 Flirten 59,6 0,6 3,7 1,8 5,3 19,9 6,5 0,2 2,4 9,8 2,5 16,5 5,0 26,1 19,8 12,7 0,8 6,8 4,3 5,5 13,0 12,3 10,9 12,0 10,8 20,2 4,9 Enge Freund schaften pflegen 77,6 1,2 2,7 1,4 12,2 3,8 0,6 0,1 0,4 6,7 3,2 9,9 3,1 53,6 17,9 3,3 0,0 2,3 0,5 32,0 10,8 11,5 2,6 14,4 14,3 24,1 7,2 Einen Streit klären 81,6 0,9 2,7 0,1 10,3 3,5 0,4 0,1 0,4 6,7 4,4 8,2 2,1 60,3 12,0 1,5 0,0 4,6 0,7 27,5 26,2 18,6 3,4 22,1 16,5 18,8 2,8 Beziehungs probleme klären 84,1 1,0 1,3 1,0 8,6 2,3 0,3 0,0 1,3 5,8 6,5 7,5 2,4 60,2 8,1 1,5 0,0 8,0 1,7 25,4 29,3 17,7 4,6 24,8 18,5 23,3 3,7 Eine Beziehung beenden 87,6 2,1 2,8 0,9 5,3 0,4 0,0 0,0 0,9 2,0 13,1 7,4 2,1 50,7 5,2 1,0 0,0 18,5 2,3 22,5 47,8 21,4 12,6 27,0 21,6 21,6 3,6 Erläute rung: Für jede Situa tion sind in den ersten beiden ersten Zeilen die Anteile der Befragten an- gegeben, die das betreffende Medium als am besten bzw. zweibesten geeignet ansehen; in der dritten, schattierten Zeile steht der Anteil der Befragten, die das Medium in der betreffenden Situa tion für un- ge eignet halten. Tabelle 7.13: Durchschnitt liche Zahl der Situa tionen, in denen die Kommunikations mittel für besonders gut oder gar nicht geeignet gehalten werden (Summen wert über zehn Situa tionen) Zahl der Situa tionen, für die das Medium … Treffen Brief SMS E-Mail Telefon IM SNS HP … am besten/zweit- besten geeignet ist 7,0 0,5 1,5 0,6 5,2 3,1 1,3 0,1 … unge eignet ist 0,4 3,3 2,0 1,5 0,8 1,4 1,3 1,9 261 Als Alternative zu persön lichen Treffen gilt in erster Linie das Telefon, das im Durchschnitt bei fünf Situa tionen als geeignet bezeichnet wird; es ist vor allem für Ver abre dungen und zum Tratschen beliebt, wird aber auch in kriti- schen Situa tionen – nach dem persön lichen Treffen – besonders oft als zweit- beste Option an gesehen. An dritter Stelle folgt Instant Messaging mit im Durchschnitt gut drei Situa- tionen; hier liegen die besonderen Stärken in Situa tionen, in denen man neue Leute kennen lernen, neue Freund schaften schließen oder sich über Interessen und Hobbys austau schen möchte. Deutlich weniger geeignet ist dieser Kom mu- nikations dienst für die Pflege enger Freund schaften sowie vor allem für kritische Situa tionen, in denen eindeutig die Meinung über wiegt, Instant Messaging sei hier unge eignet. Mit nochmals erkenn barem Abstand folgt mit 1,5 geeigneten Situa tionen die SMS; dieser Dienst weist eine klare Spezialisie rung auf Ver abre dungen auf. Aufgrund der begrenzten Ausdrucks möglich keiten ist es plausibel, dass die SMS häufiger als alle anderen hier berücksichtigten Dienste nicht für ge- eignet gehalten wird, kritische Situa tionen zu bewältigen. Die Netz werk platt formen weisen eben falls ein klares Profil auf: Sie kommen vor allem zum Einsatz, wenn es darum geht, neue Leute kennen zulernen oder neue Freund schaften zu schließen. Als unge eignet werden die Kommunika- tions möglich keiten auf Netz werk platt formen bei den meisten Situa tionen nur von relativ wenigen Befragten bezeichnet, was für ein im Prinzip breites Funk- tions spektrum spricht. E-Mails spielen bei diesem Ver gleich der Kommunikations mittel eine be- scheidene Rolle; nur selten werden sie als beste oder zweitbeste Lösung in einer Situa tion an gesehen, am ehesten noch für Ver abre dungen und zum Austausch über Interessen und Hobbys. Bei allen im engeren Sinne persön lichen Situa- tionen gehört die E-Mail nicht zur ersten Wahl. Allerdings ist auch zu be- obachten, dass die E-Mail mit im Schnitt 1,5 ab gelehnten Situa tionen im Prinzip für mehr Situa tionen ver wendet werden kann als die SMS (2,0 Situa- tionen). Das Profil der E-Mail ist also weniger scharf als das der SMS. Mit dem Brief wurde ein möglicher weise antiquiert wirkendes Kommu ni- kations mittel in die Befra gung auf genommen. Als asynchrones Medium ist es den anderen Diensten insbesondere in den spontanen Situa tionen unter legen. Das äußert sich darin, dass in diesen Situa tionen besonders viele Befragte an geben, der Brief sei hier unge eignet. Interessant ist, dass allein bei der Situa tion des Flirtens keine so hohen Ablehnungs werte vor liegen: Zwar gibt es dazu aus der Sicht der Befragten bessere Alternativen, aber ein werbender Brief wird offen bar nach wie vor als Option betrachtet. Eine gewisse Bedeu- tung gewinnt der Brief bei den persön lich engeren Beziehungen und bei kritischen Situa tionen. Es fällt allerdings auf, dass immerhin ein Drittel der Befragten sagt, ein Brief sei zur Pflege enger Freund schaften unge eignet – 262 diese Funktion wäre ihm von früheren Genera tionen sicher lich ent schieden zu gesprochen worden; hier zeigt sich also eine erheb liche Ver schie bung in der kulturellen Bedeu tung des Briefs. Die private Homepage oder ein eigenes Weblog wurden in die Liste der möglichen Kommunikations mittel auf genommen, da sie zumindest nah an die interpersonale Kommunika tion heran reichen. Die Ergebnisse zeigen aber, dass diese für die hier vor gegebenen Situa tionen keine Rolle spielen; am ehesten ist dies noch für das Kennen lernen neuer Leute der Fall. Erstaun lich ist, dass auch die Situa tion des Austauschs über Hobbys, der etwa in Form eines Blogs organisiert werden könnte, keine höheren Zustimmungs werte er halten hat. Hierin äußert sich möglicher weise die generell geringe Ver traut heit der Jugend- lichen und jungen Erwachsenen mit diesem Format. 7.3 Fazit In diesem Kapitel wurde unter sucht, wie der Umgang mit Social Web-Ange- boten in die Nutzung anderer Medien- und Kommunikations dienste integriert ist und welche medien übergreifenden Kommunikations muster sich damit unter heutigen Jugend lichen und jungen Erwachsenen zeigen. Da die Social Web- Angebote durch ihren spezifi schen Charakter sowohl in die Sphäre der öffent- lichen Kommunika tion als auch in die Sphäre der interpersonellen Kommu- nika tion hinein reichen, wurden dabei beide Sphären in den Blick genommen. Als über greifendes Ergebnis zu beiden Bereichen ist fest zuhalten, dass der Umgang mit dem Social Web im Allgemeinen und mit Netz werk platt formen im Besonderen eng mit anderen Kommunikations formen ver bunden ist. Dies bedeutet etwa, dass sich Unterschiede im Umgang mit anderen Medien- und Kommunikations diensten auch in Unterschieden im Umgang mit dem Social Web nieder schlagen. Vor allem aber folgt daraus, dass dem Social Web in Gruppen, die sich in ihrem Medien- und Kommunikations repertoire unter- scheiden, eine je spezifi sche Rolle zukommt. Die Unterschiede in der Rolle des Social Web bestehen nicht nur in quantitativer Hinsicht, also darin, ob es sich um mehr oder weniger intensive Nutzer von Netz werk platt formen handelt. Sie bestehen auch und gerade in qualitativer Hinsicht, also darin, welche kon- kreten Funktions erwar tungen die jeweiligen Jugend lichen und jungen Erwach- senen den einzelnen Angeboten gegen über haben. Im Hinblick auf das Spektrum der Medien öffent licher Kommunika tion ist deut lich geworden, dass das Internet in dieser Alters gruppe zum meist ge- nutzten Medium geworden ist, dem zudem auch die vielfältigsten Funktionen zu geschrieben werden. Dabei ist allerdings zu betonen, dass, wie die Auswer- tungen in Kapitel 4.1 gezeigt haben, das Internet längst nicht mehr als ein Medium neben den anderen Medien betrachtet werden kann, sondern als eine 263 Ver breitungs platt form für eine Fülle von Diensten – einschließ lich des Fern- sehens, des Radios und der Zeitung. Dieser Umstand wird künftig auch eine Anpas sung der Untersuchungs ansätze er fordern, mit denen das Zusammen- wirken ver schiedener Medien angebote unter sucht wird. Die intensive Nutzung einer breiten Palette von technisch-vermittelten Kom munikations formen für die interpersonelle Kommunika tion dokumentiert die besondere Bedeu tung dieses Funktions bereichs für Jugend liche und junge Heranwachsende. Sehr klar erkenn bar ist, dass sich die direkte personale Kom munika tion und das persön liche Treffen als die ideale Option für die meisten Kommunikations situa tionen er weisen. Dies ist insbesondere für Situa- tionen mit höherer Ver bindlich keit der Fall. Auch wenn insoweit keine An- zeichen für eine Ver schie bung hin zu technisch ver mittelten Kommunikations- formen zu beobachten sind, muss doch ernst genommen werden, dass die Häufig keit und Intensität des Umgangs mit techni schen Kommunikations- mitteln die Gelegen heiten zur personalen Kommunika tion deut lich über trifft und deshalb auch an Bedeu tung für die sozialen Beziehungen gewinnt. 265 8 Entwicklungs aufgaben im Social Web Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink Dieses Kapitel führt die Befunde der voran gegangenen Abschnitte zusammen und diskutiert sie ent lang der drei zentralen Entwicklungs aufgaben, denen sich insbesondere Jugend liche gegen über sehen, und die sie – unter anderem – mit- hilfe von Angeboten des Social Web zu bewältigen ver suchen: Die Selbstaus- einander setzung, die mit Praktiken des Identitäts managements korres pondiert (Abschnitt 8.1), die Sozial auseinander setzung, die Formen des Beziehungs mana- gements notwendig macht (Abschnitt 8.2) sowie die Sachauseinander setzung, die durch das Informations management unter stützt wird (Abschnitt 8.3). 8.1 Selbst auseinander setzung im Social Web Im Rahmen der Identitäts genese spielt die Selbst auseinander setzung, also die Erfah rung mit eigenen Wünschen, Hoffnun gen und Vorstel lungen, mit Gegen- warts- und Zukunfts szenarien zum Selbst bild, mit Möglich keiten des Selbst- aus drucks und der Selbst präsenta tion, eine wichtige Rolle. Insbesondere Jugend- liche, aber auch junge Erwachsene sind heraus gefordert, ihren Standort in der Welt zu finden und zu behaupten; dazu ist eine möglichst stabile Identität von Nöten. Zur Entwick lung junger Menschen gehört es, sich selbst – auch mit der ent sprechenden Wirkung auf andere – auszu probieren und Rückmel dungen zu sammeln, die wiederum Relevanz für weitere Reflexionen gewinnen und ent- weder zu einer Festi gung oder auch zur Korrektur des Selbst bildes führen können. Das Social Web ermög licht derartige „Als-ob-Spiele“ in der Ausbil dung von Identität(en) und bietet – noch weit gehend un verbind liche – Formen des Ausprobierens von Handlungs optionen zur virtuellen Selbst(re) präsenta tion. Gleichzeitig und damit unmittel bar ver bunden bzw. ver woben unter stützen die Formen und Foren des Social Web Prozesse der Selbst auseinander setzung; sie bieten ein Forum, die eigene Person einer größeren Community gegen über dar- und auszu stellen. 266 Fink und Kammerl (2001) umreißen das Potenzial von Online-Welten, u. a. von Netz werk platt formen, in folgenden Möglich keiten: mit Rollen zu spielen und zu experimentieren, sich mit Selbstidealen und Selbstaspekten aus ein- ander zusetzen sowie Erfahrung mit sich selbst zu sammeln und zu reflektieren, Selbstwert herzustellen bzw. zu stärken, das Gefühl von Einzigartigkeit zu erleben bzw. sogar eine bewusst initiierte Selbsterhöhung zu praktizieren, aber auch Integrationsschwierigkeiten auszuweichen und Online-Angebote, wie z. B. Social Network Sites, zum Rückzug bzw. zur Flucht aus der fordernden und zuweilen überfordernden Realität und zur Kompensierung fehlender Kon- troll erlebnisse in der Realität zu nutzen. Spiegelt man die Ergebnisse der vorliegenden Studie in Bezug auf die Handlungsweisen Jugendlicher und junger Erwachsener im Social Web, so bestätigt sich, dass Social Web-Angebote zum Identitätsmanagement heran- gezogen werden. Im Vordergrund stehen dabei die Netzwerkplattformen, ins- besondere SchülerVZ und StudiVZ sowie mit Abstrichen MySpace, Netlog oder Facebook. Instant Messaging (ICQ und MSN) liegen in Bezug auf Identi- tätsmanagementprozesse dagegen zurück, ebenso Videoplattformen bzw. Musik- plattformen. Außerhalb von Netzwerkplattformen wird mit Social Web-Ange- boten also kaum Identitätsmanagement betrieben; so liegt nur sehr wenigen Jugendlichen und noch weniger den jungen Erwachsenen daran, Fotos von sich, etwa von Partys oder Veranstaltungen, hochzuladen (dies geschieht dann eher von anderen, um sich schlicht einen Spaß zu machen, aber auch, um Online-Mobbing zu betreiben) und sich damit z. B. in Gästebüchern etc. zu (re) präsentieren. Die Fotoplattform Flickr ist, wie die Gruppendiskussionen zeigen, kaum bekannt und wird entsprechend nur sehr selten bzw. gar nicht genutzt. Ebenso wenig werden Video- oder Musikplattformen zur Selbst- präsentation herangezogen. Denn den wenigen Jugendlichen und jungen Er- wachsenen, die Social Web-Angebote tatsächlich kreativ nutzen und z. B. ein Video produzieren und dieses auf YouTube stellen (wie etwa die Jugendlichen des Handlungstyps 1), geht es nicht in erster Linie um den Aspekt der Selbst- (re) präsentation, sich als Person vor- oder auszustellen, sondern vielmehr um das Anliegen, etwas selbst zu produzieren, also eigene Fähigkeiten zu testen, indem sie etwas selbst gestalten, oder – dies weniger kreativ – z. B. den Mit- schnitt eines Live-Konzerts hochzuladen, um ihn Gleichgesinnten zur Kenntnis zu geben. Die Chance aber, Aspekten der eigenen Person, vor allem durch das Aus- füllen von Profilseiten auf Netz werk platt formen inklusive der darin integrier- ten Fotos, Ausdruck zu ver leihen und diese zu ver öffent lichen, wird hingegen von den weitaus meisten Jugend lichen genutzt. Neben der Gestal tung und Pflege eigener Profilseiten auf einer Netz werk platt form – dies ist die wichtigste Form des Identitäts managements im Social Web – nutzen die befragten Jugend- lichen auch die auf Social Network Sites an gebotene Möglich keit, dort Zuge- 267 hörig keiten zu bestimmten Gruppen zu er klären und sich damit anderen gegen- über klar zu positionieren. Über die gewählten Gruppen und die dort beschriebenen Charakteristika beschreiben sich die Jugend lichen selbst bzw. sie repräsentieren und positionieren sich damit gleichzeitig – für andere in der Community gut sicht bar – in dem, was sie sind bzw. sein möchten. Identitäts- management ist dadurch auch untrenn bar mit Beziehungs management ver bun- den, da sich die eigene Identität erst im Wechselspiel mit und der Positionie- rung zum gesell schaft lichen Umfeld bilden kann. Es lassen sich dabei allerdings deut liche Unterschiede zwischen den be- fragten Jugend lichen – für junge Erwachsene spielt das Social Web zum Identitäts management keine Rolle mehr – in Intensität und Ausgestal tung fest- stellen, wie die Handlungs typen zum Umgang mit Social Web-Angeboten zeigen. So spielt etwa die Möglich keit, sich selbst darzu stellen, wie bereits an gesprochen, für die Angehörigen des Handlungs typs 1 („Die kreativ-enga- gierte Social Web-Nutzung auf unterschiedlichen Ebenen“) – dazu zählen Jungen, Gymnasiasten sowie ein Realschüler unterschiedlichen Alters und ledig lich ein jüngeres Mädchen, eine Afghanin mit einem spezifischen lebens- weltlichen Hintergrund – keine zentrale Rolle. Für diese im Umgang mit dem Social Web selbstbewussten und neugierig-kompetenten Nutzer geht es im Wesentlichen darum, selbst kreativ zu werden und Angebote zu bearbeiten und zu gestalten. Im Vordergrund steht bei ihnen – wenn auch unterschwellig damit verbunden – weniger die Selbst-Präsentation in der Öffentlichkeit als mehr der Aspekt der Gestaltung, es geht ihnen also weniger um den eigenen Namen als mehr um das eigene Werk. Für die Angehörigen der Handlungstypen 2 („Der intensive, initiative und kritische, aber konventionelle Umgang mit dem Social Web mit hoher Rele- vanz für das Beziehungsmanagement“) – dabei handelt es sich um formal höher gebildete Mädchen – kommt Social Web-Angeboten für das Identitäts- management eben falls eine unter geordnete Bedeu tung zu. Dies gilt ebenso für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen vom Handlungs typ 4 („Dabei sein ist alles – Social Web zum Beziehungsmanagement“; hierzu zählen ins beson- dere Jungen und Mädchen formal niedriger Bildung) sowie von Typ 5 („Der kritisch-selektive Umgang mit dem Social Web als Mittel zum Zweck“ – zur Information und zur Beziehungspflege); hierunter finden sich vor allem junge formal höher gebildete Erwachsene beiderlei Geschlechts. Für die Jugendlichen des Typs 3 („Der intensive und kommunikativ-initiative Umgang mit dem Social Web zur Kontakt pflege und Selbst darstel lung“) genießen Social Web- Angebote hingegen im Zusammen hang mit Selbst präsenta tionen eine große Rolle. Diesen experimentierfreudigen und neugierigen Jugend lichen (zumeist Jungen zwischen 12 und 19 Jahren, die die Haupt- oder Realschule besuchen) liegt neben der Beziehungs pflege sehr daran, sich mithilfe von Social Web- Angeboten selbst aktiv darzu stellen und sich damit anderen Nutzern zu prä- 268 sen tieren. Dazu nutzen sie z. B. intensiv die Möglich keit, die eigene Profilseite zu gestalten und zu pflegen, zusätz lich eigene Fotoalben hochzuladen etc. Im Zentrum des Identitäts managements mithilfe von Social Web-Angebo- ten, allen voran SchülerVZ und StudiVZ, steht also bei den weitaus meisten Jugend lichen und jungen Erwachsenen das Konzept des „sich darstellenden Selbst“ („presenting self“). Für die meisten Jungen – Mädchen nutzen Social Web-Angebote deut lich weniger zur Selbst darstel lung als Jungen, und auch für junge Erwachsene spielt es in diesem Kontext nur eine sehr geringe Rolle – ist damit schlicht der Wunsch ver bunden, sich zu zeigen, um, je nach aktueller Situa tion und momentanem Bedürfnis, von anderen als potenzieller „Freund“ oder als „Freundin“ wahrgenommen werden zu können. Denn, so ein Ergebnis der Gruppen diskussionen, Jugend liche stöbern vor allem deshalb gern auf den Profilseiten anderer, um sie daraufhin zu prüfen, ob man sie als „Freund“ „adden“ sollte. Doch selbst den Jugend lichen, die keine intensiven Social Web-Nutzer sind oder die Social Web-Angebote – insbesondere Netz werk platt formen – vor allem deshalb nutzen, weil das ihre Peers in der Klasse oder in ihren Freundschafts- beziehungen auch tun, sprich: um „dabei“ zu, ist es selten völlig gleichgültig, wie sie auf ihrer Profilseite aus sehen. Auch sie halten ihre Fotos, wenn auch deut lich weniger aus eigenem Antrieb, möglichst aktuell, und auch ihnen ist es nicht recht, wenn sie dort schlecht „rüberkommen“. Je nach spezieller Situa tion, eigenem Charakter sowie spezifi scher lebens- welt licher Erfah rung liegt den weitaus meisten Jugend lichen somit daran, das „aktuelle Selbst“ („extant self“) – also das, was man ist – im Sinne des Selbst- konzepts öffent lich zu machen, und damit möglichst „cool“ oder seriös oder auch lustig, aber im Kern authentisch „rüberzukommen“. Fake-Profile zu haben wird daher auch von den meisten Jugend lichen und jungen Erwachsenen klar ab gelehnt. Auch mehrere Profile zu haben wird, wie in den Gruppen- diskussionen deut lich wurde, von den meisten negativ bewertet. Zwar „spielen“ einige der Befragten – vor allem formal Höhergebildete – mit alternativen Profilen. Doch auch sie sind letztend lich der Meinung, dass man im Social Web authentisch und wieder erkenn bar sein sollte, da sich nur dann die von den meisten Jugend lichen vor allem geschätzte Funktion des Social Web – die Pflege von bestehenden und die Suche nach neuen oder alten Kontakten mit- hilfe von Netz werk platt formen – realisieren lässt. Dabei geraten sie, wie ins- besondere die formal höher gebildeten Jugend lichen und jungen Erwachsenen er kennen, zuweilen in ein Dilemma: Um (wieder) erkenn bar zu sein, geben die meisten jungen Menschen mehr oder weniger sorg los eine Fülle von Angaben zu ihrer Person preis; wenn sie bestimmte Funktionalitäten nutzen wollen, müssen sie dies sogar. Nur wenige Jugend liche (junge Erwachsene waren in der vor liegenden Popu- la tion darunter nicht zu finden) beschreiben sich ent sprechend dem Konzept 269 des „er wünschten Selbst“ („desired self“) in der Weise, wie sie gern sein und gesehen werden möchten. In diesem Zusammen hang dienen Social Web- Angebote zur Auseinander setzung mit dem „Idealselbst“, also zum Ausstellen von (idealisierten) Vorstel lungen zum Selbst, um so das tatsäch liche Selbst z. B. um eine im Sinne einer im Alltag nur schwer auszu lebenden Wunsch- Identität auszu weiten. Dies ist z. B. bei dem 16-jährigen Kurden Hassan der Fall, der dem Handlungs typ 6 („Social Web zur Kompensation bei sozialen Problemen“ – die intensive und initiative Nutzung mit hoher Relevanz in einem problembelasteten Alltag) zugeordnet ist. Hassan nutzt Social Web-Angebote, um sein Idealselbst – das eines kampfkräftigen Kurden und selbstbewussten Moslems – auf eine deutlich aggressive Weise darzustellen und so gut wie möglich zu leben. Dies funktioniert jedoch auch, um wie z. B. der 17-jährige deutsch-russische, sehr zurückhaltende und sozial nur wenig integrierte Viktor, selbst wahrgenommene oder auch durch andere rück gespiegelte Defizite, wenn- gleich auf eine je spezifi sche, eigene Weise zu kompensieren. 8.2 Sozial auseinander setzung im Social Web In der Schilde rung der Prozesse des Identitäts managements ist bereits deut lich geworden, dass sich diese nicht von Prozessen des Beziehungs managements trennen lassen – Selbst auseinander setzung und Sozial auseinander setzung gehen Hand in Hand. Im Social Web äußert sich dieser Umstand darin, dass die Selbst darstel lung auf Profilseiten, in selten eren Fällen auch das Publizieren von eigenen Inhalten, üblicher weise als Mittel zum Zweck dient, um mit ande- ren in Kontakt treten und kommunizieren zu können. Die konkreten Modi der onlinebasierten Interak tion mit anderen sind dabei so vielfältig wie auch außer- halb des Internets: Es wird „ab gehangen“ und getratscht, geflirtet oder gestrit- ten, in extremen Fällen auch beleidigt oder gemobbt. Entscheidend ist dabei, dass einige Anwen dungen des Social Web inzwischen so tief im Alltag der Jugend lichen und jungen Erwachsenen ver ankert sind, dass eine Teilhabe nahezu Pflicht ist, um Anschluss an die Peer-Group der Freunde, Mitschüler oder Kommilitonen zu halten. Während in der Frühzeit der Internet-Diffusion noch die Befürch tung herrschte, die technisch ver mittelte Kommunika tion würde Menschen isolieren, gilt inzwischen eher das Gegenteil: Isoliert ist, wer nicht auf den Netz werken auf SchülerVZ und StudiVZ oder in den „Buddy Lists“ der Instant-Messenger-Dienste präsent ist. Zum Beziehungsmanagement werden die Praktiken der Social Web-Nutzung aber insbesondere dadurch, dass die ent sprechenden Anwen dungen eine Expli- zie rung von sozialen Beziehungen ver langen. Die Wort komponente Mana ge- ment soll also nicht dazu ver leiten, nur an strategi sches und rationales Handeln 270 im engeren Sinn99 zu denken; vielmehr ist damit das durch aus auch routinisierte oder habitualisierte Handhaben oder Bewerkstelligen von Beziehungs pflege gemeint. Dies findet im Social Web unter techni schen Bedin gungen statt, die eine Artikula tion und Charakterisie rung von sozialen Beziehungen ver langen; andere Nutzer müssen explizit als Kontakt bzw. Freund bestätigt werden, um er weiterte Kommunikations möglich keiten nutzen oder selektiven Zugang zu Informa tionen gewähren zu können. In dieser Hinsicht setzt sich in den Netz- werk funk tionen des Social Web fort, was sich bereits beim Identitäts manage- ment mittels der Profile ab zeichnet: Nutzer sind gezwungen, Aspekte ihrer Selbst sowie ihr soziales Umfeld in Kategorien einzu ordnen, um an den Kom- munikations räumen teilzuhaben. Im Kern läuft diese technisch bedingte Anforde rung jedoch darauf hinaus, dass gewisse Subtilitäten des alltäg lichen sozialen Umgangs mit anderen ein- ge ebnet werden: In der Schule, der Universität oder der U-Bahn müssen wir üblicher weise nicht im Detail fest legen, welche Qualität die Beziehung zu unserem kommunikativen Gegenüber nun genau hat, sondern wir können situa- tions abhängig die Beziehung „aus handeln“, also in der Interak tion gewisse Dinge preis geben oder zurück halten. Dies betrifft sowohl den Beziehungs- status an sich, als auch die Positionie rung einer Beziehung im Gefüge des übrigen Netz werks: Zwar spielen gerade bei Jugend lichen explizite Freund- schafts bekun dungen („Du bist meine beste Freundin“) eine wichtige Rolle, doch müssen diese eben nicht explizit und für andere Personen (möglicher- weise sogar die zweitbeste Freundin, die sich zurück gesetzt fühlt) sicht bar gemacht werden. Social Web-Angebote, insbesondere die Netz werk platt for- men, ordnen diese Nuancen des sozialen Umgangs dem technisch motivierten Wunsch unter, soziale Beziehungen navigier bar und für Algorithmen bzw. Daten banken handhab bar zu machen. Wie Nutzer zwischen solchen techni schen Vorgaben und der dagegen ver- gleichs weise unscharfen sozialen Welt „ver handeln“ müssen, zeigt sich auch an den dynami schen Aspekten des Beziehungs managements, und hier be- sonders deut lich am Umgang mit partner schaft lichen Beziehungen, die für die hier betrachtete Alters gruppe von besonderer Bedeu tung sind. Anfang und Ende von Partner schaften sind in aller Regel eher Phasen bzw. Zeiträume des Kennen lernens oder des sich Trennens, doch bestimmte zeit lich definierte Ereignisse (die erste Ver abre dung, der erste Kuss, das Trennungs gespräch) dienen den beteiligten Personen als Anker, um den Status der Beziehung einzu schätzen. In dem Maße, wie solche Prozesse (auch) in den Teilöffentlich- 99 Eine solche Art des Beziehungs managements findet sich am ehesten noch auf Platt formen wie Xing oder LinkedIn, wo das beruf liche „Networking“, also das gezielt auf Karriere- und Geschäfts erfolge aus ge- richtete Beziehungs handeln im Vordergrund steht. Diese Umgebun gen spielen aber wie gezeigt für die ganz über wiegende Mehrheit der 12- bis 24-Jährigen keine Rolle. 271 keiten des Social Web statt finden, weil sich dort Menschen kennen lernen, flirten oder streiten, kommt dort getroffenen Entschei dungen eine solche „Anker rolle“ zu – beispiels weise das Ändern des Beziehungs status von „Single“ auf „Ver geben“, oder von „Ver geben“ auf „Es ist kompliziert“ und später auf „Single“. Beim Ende einer Beziehung können dagegen das Löschen aus der Freundes liste und das „Aufräumen“ des eigenen Profils (also das Entfernen von Fotos und Kommentaren des Ex-Partners) Rituale sein, um dieses Ende gegen über dem eigenen sozialen Umfeld und dem Ex-Partner zu markieren.100 Hierin, aber auch in den geschilderten innovativen Umdeu tungen von Soft- ware-Funktionen äußert sich die „interpretative Flexibilität“101 der Nutzer, das eigene Handeln von Software-Vorgaben nicht vollständig determinieren zu lassen, sondern sich diese für die eigenen Zwecke und die eigene Lebens situa- tion anzu eignen. Das onlinebasierte Beziehungs management resultiert in sozialen Netz werken unter schied licher Größe und Zusammen setzung, die sich noch dazu über ver- schiedene Anwen dungen hinweg über lappen oder auch unter scheiden können. Die vor liegende Studie hat keine netz werkanalyti schen Ver fahren im engeren Sinn ent halten, sodass beispiels weise über die Zentralität bestimmter Akteure oder auch die Kongruenz zwischen Netz werken auf SchülerVZ und ICQ keine Aussagen getroffen werden können. Doch sowohl die quantitativen als auch die qualitativen Teilstudien liefern Befunde zur Zusammen setzung der im Social Web repräsentierten Beziehungs geflechte. Zentral sind dabei zwei Be- obach tungen: Erstens weisen die online ab gebildeten sozialen Netz werke in aller Regel hohe Überlappung mit denjenigen Beziehungs strukturen auf, die auch außerhalb des Internets existieren. Nutzer spiegeln also ihre Freundes-, Bekannten-, Cliquen- und Klassen strukturen auf den Netz werk platt formen und umgeben sich dort mehr heit lich mit Personen, die sie auch „im realen Leben“ bereits getroffen haben. Zweitens er reichen die online vor liegenden Netz werke eine Größe, die weit über den Freundes kreis im engeren Sinn hinaus geht und vielmehr auch ent fernte Bekannte, ehemalige Schulfreunde oder auch einfach nur solche Personen umfasst, die man auf einer Party oder zu einer anderen Gelegen heit getroffen hat.102 Netz werkanalytisch aus gedrückt resultiert das Beziehungs management im Social Web sowohl in einer Bestär kung der „strong ties“, also der starken und 100 Eine ein gehende Schilde rung des ver änderten Kontextes, in dem partner schaft liche Beziehungen und „mediated breakups“ vonstatten gehen, findet sich bei Pascoe (2009). 101 Der Begriff stammt aus der Techniksoziologie; dort bezieht er sich auf den Umstand, dass Entwickler von Technologien zwar bestimmte Ver wendungs weisen im Sinn haben, die Nutzer sich die techni schen Arte- fakte aber durch aus eigensinnig aneignen können (vgl. Schulz-Schaeffer 2000). 102 Die softwareseitig vor gegebene Bezeich nung „Freund“ könnte dazu ver leiten, von einer Entwer tung des Freundschafts begriffs zu sprechen; faktisch differenzieren die Nutzer jedoch durch aus und geben zu er- kennen, dass zwar all ihre Freunde auf einer Platt form, aber deswegen nicht alle auf einer Platt form auch ihre Freunde sind. 272 engen Beziehungen, die über einen weiteren Kanal gepflegt werden können, als auch in einer Auswei tung der „weak ties“, also den eher schwachen und auf einzelne Rollenkontexte bezogenen Beziehungen (vgl. Jansen 2003). Ins- besondere die Netz werk platt formen er lauben es, den Kontakt zu diesem er- weiterten sozialen Umfeld auf recht zuerhalten, indem schwache Beziehungen ab gebildet werden und sich bei Bedarf aktivieren lassen: Das Kontakt halten mit den Mitschülern aus dem Au-pair-Jahr oder Schul austausch, das Wieder- finden von Kindergarten freunden oder von Klassen kameraden, die in eine andere Stadt gezogen sind, wird von den jugend lichen Nutzern als genauso interessant und bereichernd empfunden, wie es älteren Nutzern geht, die auf Platt formen wie Xing oder Wer-kennt-wen ähnliche Erfah rungen machen. Die Fähig keit, auch eher ent fernte Beziehungen technisch unter stützt auf- recht zuerhalten, wird unter den gegen wärtigen gesell schaft lichen Bedin gungen von steigender beruf licher und biographi scher Mobilität immer wichtiger. Das Pflegen eines möglichst weit gespannten Netz werks erhöht das Sozial kapital, das dem Einzelnen zur Ver fügung steht – Beziehungs management gewinnt dadurch auch den Charakter einer Schlüsselqualifika tion für das Leben in einer Gesell schaft, deren Leitbild die ver netzte Individualität ist. 8.3 Sachauseinander setzung im Social Web Angesichts der über ragenden Bedeu tung, die der Selbst- und Sozial aus einan- der setzung beim Umgang Jugend licher und junger Erwachsener mit dem Social Web zukommt, gerät die Ebene der Sachauseinander setzung eher in den Hintergrund. Kommunika tion und Vernet zung, so der Eindruck, sind für die Medien nutzung im Allgemeinen und die Social Web-Nutzung im Besonderen weitaus wichtiger als Informa tion. Dieser Eindruck muss aber revidiert wer- den, wenn ein etwas weiterer Informations begriff zugrunde gelegt wird. In der hier unter suchten Alters gruppe – zumindest für den jüngeren Teil – steht die Aufgabe, sich ein Bild von der Welt zu machen und dazu eine Position zu ent wickeln, zwar noch nicht so stark im Vordergrund wie die identitäts- und sozial bezogenen Aufgaben. Klassifiziert man aber das Spektrum der Infor- mations bedürfnisse einem Vorschlag von Hasebrink und Domeyer (2008) ent- sprechend in vier Stufen – ungerichtete Informations bedürfnisse, themen- oder bereichs spezifi sche Interessen, gruppen bezogene Bedürfnisse und problem- bezo gene Bedürfnisse –, so kann an genommen werden, dass die gruppen bezo- genen Bedürfnisse für Jugend liche eine besondere Bedeu tung haben; alle Er- gebnisse auch dieser Studie sprechen dafür. Für Jugend liche ist es im Prozess ihrer Selbst- und Sozial auseinander setzung vor allem wichtig zu er fahren, wie ihre Bezugs gruppe bzw. ihre ver schiedenen Bezugs gruppen denken, was sie für relevant, für wichtig und für richtig halten. Dieses besonders aus geprägte 273 Bedürfnis an gruppen bezogenen Informa tionen kommt in dem intensiven Um- gang mit den Netz werk platt formen zum Ausdruck, die wie gesehen nicht nur zur direkten Kommunika tion und Vernet zung, sondern auch nicht zuletzt dazu genutzt werden, sich über Andere und ihre Ansichten und Vorlieben zu informieren. In diesem Sinne ist auch die Sachauseinander setzung auf der Phänomenebene kaum von den beiden anderen zuvor behandelten Ebenen zu unter scheiden. Wie im qualitativen Teil dieser Studie gezeigt werden konnte, geht es Jugend lichen dann, wenn sie sich Pinnwände oder Profile Anderer ansehen bzw. diese kommentieren oder in deren Weblogs lesen, vor allem darum zu wissen, mit wem sie es zu tun haben, um dann zu ent scheiden, ob ein Kontakt hergestellt oder ver tieft werden soll. In diesen Fällen steht also eher der Beziehungs aspekt im Vordergrund und weniger die Informa tion. Im Übergang zum Erwachsenenalter ergeben sich in dieser Hinsicht aller- dings Ver schie bungen: Mit dem Wechsel in eine Berufs ausbil dung, ein Studium oder einen Beruf mehren sich die Anlässe, Schritt für Schritt eine Spezialisie- rung vorzu nehmen, bestimmte Interessen zu ent wickeln und diesen so nach- haltig nach zugehen, dass die sich daraus er gebende spezifi sche Kompetenz für beruf liche Tätig keiten und andere gesell schaft liche Aufgaben qualifiziert. Zugleich wachsen die gesell schaft lichen Erwar tungen an ein gewisses Allge- mein wissen über die Welt. Diese beiden Ver ände rungen führen zu Ver schie- bungen in den Medien repertoires: Die Rolle der Netz werk platt formen, die mit 16 Jahren ihren Höhepunkt hat, sinkt danach ab; zwar werden diese zumindest von den Höhergebildeten immer noch recht häufig genutzt, der Umgang mit ihnen ver schiebt sich jedoch schritt weise zu einer routinierten Kontakt pflege, bei der die gruppen bezogenen Informations bedürfnisse, die auf merksame Be- obach tung der eigenen Bezugs gruppe im Hinblick auf neue Trends, kaum noch eine Rolle spielen. Stattdessen gewinnen journalisti sche Medien an Bedeu- tung; dies äußert sich in dieser Studie in ent sprechenden Vorlieben für nach- richten orientierte Onlineangebote sowie in einer häufigeren Zeitungs nutzung. Das Informations verhalten Jugend licher und junger Erwachsener ist vor allem durch zwei Angebote geprägt: Google und Wikipedia. Trotz des völlig unter schied lichen Grundkonzepts der beiden Angebote – einer allgemeinen Suchmaschine und einer nach dem Wiki-Prinzip auf gebauten Online-Enzyklo- pädie – werden diese von Jugend lichen und jungen Erwachsenen doch recht ähnlich genutzt: Beide stehen für die Möglich keit, zu jedem akut interessant werdenden Begriff ein Angebot zu finden, mit dem die anstehenden Fragen gelöst werden können, beide werden als „Such- und Recherchemaschine“ (siehe Kapitel 5) genutzt. Die Besonder heiten von Wikipedia, die in der Möglich keit zum Mitschreiben und Kommentieren bestehen, spielen für die allermeisten Nutzer keine Rolle. Beide Angebote stehen für eine eher häppchen hafte, de- kontextualisierte Form der Informations suche und Informations verarbei tung, die wenig mit der Einord nung oder Vertie fung von Wissens beständen zu tun 274 hat. Demgegenüber werden die spezifi schen Möglich keiten zum Informations- management, die das Social Web bereithält, also zu einem sozial orientierten bzw. auf Andere bezogenen Filtern, Selektieren und Kanalisieren von Informa- tionen aller Art, etwa durch Social Bookmarking, Tagging oder Bewer tungen von Beiträgen, im Ver gleich zu den Ver netzungs- und Kommunikations funk- tionen ver gleichs weise selten genutzt. 275 9 Jugend liche und Social Web – Fazit und Handlungs bereiche Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Wolfgang Schulz Die vor liegende Studie widmet sich der Frage, was „Heranwachsen im Social Web“ für Jugend liche und junge Erwachsene bedeutet: welche Nutzungs prak- tiken sich im Umgang mit den relativ neuen Anwendungs gattun gen heraus- bilden, wie diese in den Alltag und das Medien repertoire ihrer Nutzer ein- gebettet sind und welche Möglich keiten und welche Risiken sich eröffnen. Als erstes zentrales Ergebnis der Studie lässt sich fest halten: Kaum jemand kennt die Begriffe „Social Web“ oder „Web 2.0“, aber (fast) alle nutzen es. Für die 12- bis 24-Jährigen sind Netz werk platt formen und Instant Messaging, Video- platt formen und die Wikipedia schlicht „das Internet“ und keine neuen oder gar revolutionären Angebote. Die Studie zeigt darüber hinaus, dass – unabhängig von der begriff lichen Etikettie rung – die Angebote des Social Web insbesondere den Bedürfnissen nach Kommunika tion, Selbst darstel lung und Vernet zung ent gegen kommen. Diese werden je nach Anwen dung, Anbieter und Funktionalitäten unter - schiedlich bedient und von den Nutzern auf ganz unter schied liche Weise in Anspruch genommen. Pauschale Genera tionen-Dichotomien wie z. B. zwischen „digital immigrants“ und „digital natives“ (Prensky 2001) greifen daher zu kurz und sind differenzierter zu betrachten; in der Studie wurden dazu ver- schiedene Typen bildun gen vor geschlagen, die auf unter schied lichen Ebenen ansetzen: auf der Ebene der allgemeinen Internetnut zung (vgl. Kapitel 4.1), der Ebene des alltäg lichen Umgangs mit Social Web-Anwen dungen (vgl. Ka- pitel 5.3) sowie der Ebene des Umgangs mit Netz werk platt formen (vgl. Kapi- tel 4.3). Im Einklang mit anderen Studien lässt sich zudem fest halten, dass unter Jugend lichen und jungen Erwachsenen die Nutzung des Social Web vielfach rezeptiv bleibt, auch wenn die techni schen Hürden zur Beteili gung an internet- weiten Öffentlich keiten zum Beispiel auf Videoplatt formen oder in der Wiki- 276 pedia gesunken sind. Auf Netz werk platt formen hingegen stellen Jugend liche und junge Erwachsene eine Vielzahl von persön lichen Informa tionen und Fotos bereit, mit denen sie sich insbesondere an den er weiterten Freundes- und Be- kannten kreis, also die eigene persön liche Öffentlich keit wenden. Im Ver gleich der Alters gruppen stechen vor allem die 15- bis 17-Jährigen hervor; für sie spielen das Social Web und insbesondere die Social Networking Sites eine wichtige Rolle. Lebens phasen spezifi sche Ver ände rungen und Ver- läufe von „Nutzungs karrieren“, aber auch die lang fristigen Wirkun gen, die die Nutzung des Social Web auf die Identitäts bildung, soziale Beziehungen und die Aneig nung von Wissen hat, konnte die vor liegende Studie nicht er fassen; als Moment aufnahme müssen ihr weitere Untersuchungen und insbesondere Langzeit studien folgen. Im Weiteren richtet sich der Blick daher auf aus ge- wählte Handlungs bereiche, in denen sich vor dem Hintergrund der an gebots- und nutzer bezogenen Ergebnisse Diskussions-, Forschungs- und Handlungs- bedarf ab zeichnet. Auf der Grundlage der Befunde aus den empiri schen Kapiteln sollen zunächst die an gebots- und nutzu ngs bezogenen Risiken disku- tiert werden (Abschnitt 9.1), an die weitere Überle gungen zu Partizipa tion und Teilhabe (Abschnitt 9.2), Medien kompetenzförde rung (Abschnitt 9.3), Ver- braucher schutz (Abschnitt 9.4), Regulie rung (Abschnitt 9.5) sowie zur weiteren Forschung im Social Web (Abschnitt 9.6) anschließen. 9.1 Angebots bezogene Risiken und riskante Ver haltens weisen In der öffent lichen Berichterstat tung ist die Diskussion über das Social Web von einer risikozentrierten Perspektive geprägt, beispiels weise durch Warnun- gen vor Cybermobbing, Daten exhibitionismus und Ver unglimp fung von Leh- rern. So folgerte der SPIEGEL unlängst aus der Tatsache, dass viele Menschen sich im Internet präsentieren und Beziehungen online pflegen: „Risiken und Neben wirkun gen sind beträcht lich – auch für den Wert der mensch lichen Be- ziehung“ (Blech u. a. 2009, S. 118). Im Visier der Kritiker stehen vor allem Netz werk platt formen, wobei die Berichterstat tung dazu führt, dass es zu einer Gleichset zung von Social Web und Netz werk platt formen kommt, und poten- zielle Risiken pauschal auf alle Social Web-Angebote über tragen werden; dies wird der Vielfältig keit der Angebote und der mit ihnen ver bundenen Nutzungs- praktiken jedoch nicht gerecht. Um Risiken und Chancen der Onlinenut zung zu systematisieren, wurde im Rahmen eines europäi schen Forschungs projekts zum sicheren Umgang mit dem Internet (EU Kids Online) eine Matrix ent wickelt, die themati sche Felder mit der Rolle des Nutzers in Verbin dung setzt (vgl. Hasebrink / Livingstone/ Haddon 2008, Hasebrink / Lampert 2009). Tabelle 9.1 fasst diese Systematisie- 277 rung zusammen und macht deut lich, dass Jugend liche mit ganz unter schied- lichen problemati schen Inhalten (z. B. Gewalt oder Pornographie etc.) konfron- tiert werden (content) oder un gewollt mit unerwünschten Personen – z. B. mit Fremden im Chat – in Berüh rung kommen (contact) können. Darüber hinaus kann der Nutzer auch selbst zum aktiven Anbieter problemati scher Inhalte bzw. zum aktiven Akteur problemati schen Ver haltens werden (conduct). Analog bieten sich in Bezug auf Inhalte, Interak tionen und aktives Tun jedoch auch Chancen, beispiels weise in Bezug auf Lernprozesse, soziales Engagement oder kreativen Ausdruck der eigenen Interessen. Tabelle 9.1: Kategorisie rung von Chancen und Risiken der Internetnut zung Content Kind als Rezipient Contact Kind als Teilnehmer Conduct Kind als Akteur C H A N C E N Bildung, Lernen und digitale Kompetenz Bildungs ressourcen Kontakt mit Gleich- gesinnten Eigen initiative oder gemeinsames Lernen Teilnahme und sozi- ales Engagement Allgemeine Informa- tionen Austausch in Inte res- sens gruppen Konkrete Formen so- zialen Engagements Kreativität und Selbst darstel lung Ressourcen vielfalt Eingeladen/ inspiriert werden, kreativ zu sein oder mitzu machen Erstel lung von be- nutzer generierten Inhalten Identität und soziale Beziehungen Beratung (Persön- liches/Gesundheit / Sexualleben usw.) Soziale Netz werke, Erfah rungen mit ande- ren teilen Ausdruck eigener Identität R IS IK E N Kommerzielle Interessen Werbung, Spam, Sponsoring Verfolgung/Sammlung von persön lichen Informa tionen Glücks spiel, illegale Downloads, Hacken Aggression/Gewalt Gewalt verherr lichende/ grausame/volks- verhetzende Inhalte Mobbing, Belästi gung oder Stal king Andere mobben oder belästigen Sexualität Pornographische/ schäd liche Inhalte Treffen mit Fremden, missbräuch liche Annäherungs versuche Erstellen/Hochladen von pornographi- schem Material Werte Rassistische/verzerrte Informationen/Rat- schläge (z. B. Drogen) Selbst verlet zung, un gewolltes Zureden/ Überre dung Ratschläge z. B. zu Selbst mord/Mager- sucht geben Quelle: Livingstone/ Haddon 2009, S. 3 Mit der Ver brei tung des Social Web, insbesondere den Angeboten für die interpersonale, gruppen bezogene und öffent liche Kommunika tion, gewinnen die Risikodimensionen contact und conduct an Bedeu tung. Riskante Internet- nut zung besteht nicht mehr allein in der Konfronta tion mit gefährdenden Inhalten, sondern umfasst auch problemati sche Facetten des Umgangs mit ein- ander, bei denen die Jugend lichen selbst als Akteure auf treten, wie beispiels- weise beim Cybermobbing und Cyberbullying oder beim Zur-Ver fügung- Stellen und Ver breiten von problemati schen Inhalten. Auch wenn Risiken der Internetnut zung nicht den zentralen Fokus der vor liegenden Studie darstellten, 278 haben die empiri schen Module doch eine Reihe von Anhaltspunkten zur Ver- brei tung von riskanten Nutzungs weisen er bracht.103 So ist in Bezug auf die Risikodimension content zu konstatieren, dass deut- lich mehr Jugend liche und junge Erwachsene sich durch Sex-Angebote als durch gewalthaltig-aggressive Inhalte belästigt fühlen, wobei Letzteres tenden- ziell eher von weib lichen und jüngeren Nutzern als problematisch empfunden wird. Etwa einem Viertel der Befragten fällt es zudem schwer, Werbung als solche zu er kennen; hier sind Nutzer mit niedriger formaler Bildung höher repräsentiert. Eine gewisse grundlegende Skepsis gegen über den online ver- füg baren Inhalten ist relativ weit ver breitet: 70 Prozent der Befragten stimmen zu, dass man vielen Informa tionen im Internet nicht ver trauen könne, und sogar 90 Prozent stimmen zu, dass man im Internet auf passen müsse, nicht „ab gezockt“ zu werden. In Bezug auf die Risikodimension contact hat sich gezeigt, dass gut ein Viertel der Jugend lichen und jungen Erwachsenen bereits Erfah rung mit Be- lästi gungen im Internet hat machen müssen. Für viele bleibt dies glück licher- weise eine seltene Erfah rung, doch etwa zwei Prozent der Befragten geben an, dass Belästi gungen häufig vor kämen. Den qualitativen Interviews lässt sich zudem ent nehmen, dass durch aus Vorsicht vor dem Kontakt mit un bekannten Personen herrscht; das Kennen lernen oder auch Treffen von neuen Leuten wird in der Regel im er weiterten sozialen Netz werk praktiziert, indem man Freunde von Freunden kontaktiert. Die Risikodimension conduct schließ lich berührt die eigenen Aktivitäten der Nutzer, die in den Befra gungen insbesondere in Bezug auf persön liche Informa tionen und Privatsphäre problematisiert wurden. Nur eine Minder heit der Befragten – aber ver hältnis mäßig mehr formal niedrig gebildete und jüngere Nutzer – stimmt der Aussage zu, dass im Netz pein liche Inhalte über sie zu finden seien. Die über wiegende Mehrheit gibt an, darauf zu achten, welche Inhalte sie preis gibt, und etwa 75 Prozent, darunter signifikant mehr weib liche als männ liche Befragte, schränken den Zugang zumindest zu be- stimmten persön lichen Informa tionen auf den eigenen Freundes- bzw. Bekann- ten kreis ein. Der Anteil derjenigen, die in der Befra gung ein gestehen, selbst bereits Dinge ins Netz gestellt zu haben, über die sich andere beschwert hätten, liegt bei etwa zehn Prozent. In der Zusammen führung der ver schiedenen empiri schen Module lassen sich zudem „Meta-Risiken“ identifizieren (vgl. auch die Übersicht in Tabelle 9.2), die quer zu den Risikodimensionen content, contact und conduct liegen und insbesondere aus den spezifi schen Charakteristika der Kommunikations räume 103 Entsprechend der Anlage dieser Studie wurden die diesbezüg lichen Indikatoren aus der Perspektive der Jugend lichen und jungen Erwachsenen, nicht jedoch als Einschät zungen von er wachsenen Bezugs personen (wie Eltern oder Lehrern) erhoben. 279 resultieren, die persistent, kopier bar und durch such bar sind (vgl. Boyd 2009). Diese Merkmale können erstens dazu führen, dass Nutzer die Reichweite der Onlinekommunika tion unter schätzen: Sie wähnen sich in geschlossenen oder privaten Communities und machen sich daher kaum Gedanken über das Publi- kum, das über das eigene Kontakt netz werk oder auch die Platt form selbst hinaus reichen kann.104 Die Ergebnisse der Gruppen diskussionen zeigen, dass der öffent liche Diskurs bei einigen (insbesondere den formal höher gebildeten) Jugend lichen zu einer gewissen Sensibilisie rung bei getragen hat. Dennoch wird die Reichweite der persön lichen Öffentlich keiten von vielen unter schätzt. Aus Sicht der Jugend lichen ist weniger die Sicht bar keit für Fremde ein Problem, sondern vor allem die potenzielle Sicht bar keit der eigenen Aktivitäten für Bekannte, an die die jeweiligen Inhalte nicht gerichtet sind. Zu diesen „known but inappropriate others“ (Livingstone 2008, S. 405) zählen insbesondere Eltern und Lehrer, deren Einsichtnahme in Netz werk platt formen als unpassend oder gar als Eindringen in die eigene Privatsphäre erlebt wird. Tabelle 9.2: Überblick über situations übergreifende Risikobereiche des Social Web Risiko kann ent stehen durch die Unterschät zung … Beispiele … der Reichweite Nutzer wähnen sich in geschlossenen (privaten) Communities; Personal verantwort liche recherchieren in Online verzeichnissen nach Bewerbern oder Mitarbeitern … der Nach haltig keit „Virtuelle Jugendsünden“ wie (pein liche) Fotos, un bedachte Äußerun gen oder Beteili gungen an Gruppen bleiben auffind bar … der (Eigen-) Dynamik von Interak tionen Fotos oder Videos werden über Platt formgrenzen hinweg an un gewollte Öffentlich keiten ver breitet oder dort ver linkt … der Daten samm lung Persön liche Daten werden missbräuch lich weitergeleitet oder intransparent erhoben … der investierten Zeit Wachsendes Onlinenetz werk erhöht Zeitaufwand für die digitale Beziehungs pflege Neben diesen Problemen auf grund der „sozialen Reichweite“ von persön- lichen Öffentlich keiten birgt zweitens auch die zeit liche Reichweite bzw. Nach- haltig keit der eigenen Selbst darstel lung Risiken. Aufgrund ihrer Persistenz und Durchsuch bar keit können online vor liegende Daten und Informa tionen auch über eine zeit lich begrenzte Kommunikations situa tion hinaus Folgen nach sich ziehen, die ursprüng lich nicht beabsichtigt oder ab schätz bar waren (vgl. Neuss 2008, S. 20). Dies betrifft beispiels weise die Ver öffent lichung von 104 Der mediale Diskurs fokussiert zumeist auf Personal verantwort liche, die Onlineprofile ihrer Bewerber oder Mitarbeiter scannen, nutzt bei bestimmten Anlässen jedoch selbst auch Profile in der öffent lichen Berichterstat tung. Dieses Ver halten von Journalisten wirft seiner seits ethische Fragen über den Umgang mit persön lichen Daten auf, beispiels weise wenn im Nachgang zu Unglücksfällen oder Amokläufen auf Netz werk platt formen recherchiert wird, um Details über Opfer oder Täter präsentieren zu können (vgl. Mrazek 2008 sowie die Anmer kungen in Abschnitt 9.5.3). 280 Fotos und Videos im Netz, aber auch den spontanen, un bedachten Beitritt zu virtuellen „(Nonsens-) Gruppen“ wie z. B. „Fuck a bitsch … respect a woman … love a lady“, „Bisexuell und stolz drauf“ oder „Die Geilen, die trotzdem einsam sind“. Problematisch an dieser Form der Selbst darstel lung im Netz ist, dass Nutzer nicht reflektieren, inwieweit diese Gruppen zugehörig keit sich möglicher weise in Zukunft negativ auf die Wahrneh mung des eigenen Profils aus wirken kann (vgl. Ertelt 2008, S. 54). Damit zusammen hängend wird vielfach schließ lich auch die (Eigen-) Dyna- mik unter schätzt, mit der Informa tionen (z. B. auch Gerüchte) oder Bilder ver- breitet werden. Inhalte im Internet sind kopier bar und lassen sich aus dem ursprüng lichen Kontext lösen; durch diese Ver brei tung und Verlin kung kann Kommunika tion eine Eigendynamik bekommen, auf die der ursprüng liche Urheber kaum mehr Einfluss nehmen kann oder die sich sogar jenseits seiner Aufmerksam keit vollzieht (Ertelt 2008, S. 55). Dies gilt z. B. für Fotos aus einem privaten Kontext, die aus dem Profil kopiert und in Gruppen wie „Die pein lichsten Fotos von SchülerVZ“ ein gestellt werden, aber auch für die Ver- öffent lichung von diffamierenden Texten, Bildern oder Videos (Stichwort: Happy Slapping, Cyberbullying), die bereits ursprüng lich gegen den Willen des Betroffenen ent standen. Besondere Brisanz bekommt dieser Aspekt auch im Zusammen hang mit selbst schädigendem Ver halten (z. B. Ritzen, Essstö rungen, Komas aufen etc.) zu, denn hier kann eine Art Wettbewerbs situa tion ent stehen, in der ver sucht wird, durch möglichst extreme Formen der Selbst schädi gung möglichst viel Anerken nung zu er halten. In einigen Fällen – das zeigen auch einzelne Beispiele aus den qualitativen Interviews – ist davon auszu gehen, dass die Nutzer bewusst provozieren wollen, z. B. um aufzu fallen oder jemanden zu ärgern. Meist ergeben sich die oben genannten Probleme aber auf grund von Unwissen heit oder naiven Vorstel- lungen über die Reichweite und Persistenz von Onlineöffentlich keiten. Damit hängt ein weiterer Risikobereich zusammen, der sich auf das Ausmaß der Daten samm lung bezieht, die dem Social Web zugrunde liegt. Hier sind bewusst ver öffentlichte Informa tionen von un bewusst freigegebenen Daten zu unter- scheiden; hinsicht lich des ersten Falls haben die vor herigen Kapitel gezeigt, dass sich Nutzer von Social Web-Angeboten in einem Dilemma befinden: Selbst wenn sie um die Risiken wissen, die mit der freigiebigen Preis gabe persön licher Daten einher gehen können, er fordert die Teilnahme an den Com- munities doch ein gewisses Maß an Öffnung und Authentizität, insbesondere, wenn die Auswei tung sozialer Kontakte und Beziehungen das vor dring liche Nutzungs motiv ist. In der Regel ver traut der Nutzer darauf, dass die Daten nur diejenigen bekommen, denen er sie preis gibt. Über die Weitergabe von persön lichen Daten machen sich nur die wenigstens Gedanken. In Bezug auf un bewusst auf ge- zeichnete Daten ist das Problembewusstsein noch schwächer aus geprägt. Welche 281 Nutzungs daten im Zuge des Besuchs eines Onlineangebots vom Betreiber auf- gezeichnet werden, und wie diese Daten auch über einzelne Nutzungs vorgänge hinweg aggregiert werden können, ist für den Nutzer kaum abzu schätzen, auch weil sich viele Angebote in dieser Hinsicht sehr intransparent präsentieren. Problematisch bzw. riskant wird dies vor allem dadurch, dass es sich um personen bezogene Daten handelt, die sich mit den bewusst preis gegebenen Informa tionen ver ketten lassen, um unter Umständen einzelne Personen, ihr Ver halten und ihre Eigen schaften zu identifizieren. Schließ lich kann der Zeitaufwand zu einem Problem- bzw. Risikobereich werden, insbesondere wenn die Onlinenut zung sich nicht mehr komplementär, sondern kompensatorisch zu anderen Lebens bereichen ver hält (vgl. Misek- Schneider 2008, S. 179) und die investierte Zeit nicht mehr in einem aus ge- wogenen Ver hältnis zu anderen Aktivitäten steht. Auch wenn die Ergebnisse der Repräsentativbefra gung zeigen, dass der Zusammen hang zwischen der Häufig keit der Internetnut zung und der durch schnitt lichen täglichen Nutzungs- dauer des Social Web eher schwach ist, lässt sich doch ver muten, dass mit der Auswei tung der Onlineaktivitäten und der Beteili gung an sozialen Netz werken bzw. der Pflege sozialer Beziehungen auch eine Erhöhung des zeit lichen Auf- wandes ver bunden ist: „Wer sich auf einen Online-Kanal zur Organisa tion von Bekannt schaften bis hin zu Beziehungen ein gelassen hat, steht unter dem ver- pflichtenden Druck, den Status seiner Kreise abzu fragen, neue Kontakte ‚zu checken‘ und sein Selbst befinden zu signalisieren“ (Ertelt 2008, S. 55). Die Tat sache, dass die Anwen dungen häufig im Hintergrund laufen und nur neben- bei und kurz auf Anfragen reagiert wird, täuscht darüber hinweg, dass sich hohe Nutzungs zeiten summieren. Fehleinschät zungen bezüg lich der Reichweite, Nach haltig keit und Dynamik von Social Web-Angeboten oder Unkenntnis über Möglich keiten der Daten- weitergabe können eine riskante Nutzung von Social Web Angebote be günsti- gen. Das Risiko ent steht jedoch nicht allein durch das Angebot, sondern erst durch die Art und Weise, wie es in alltäg liche Nutzungs praktiken ein gebunden wird. Hierfür wiederum sind die sozialen und medien bezogenen Kompetenzen der Nutzer von besonderer Bedeu tung. Weil die genannten Risikobereiche die Ebenen des Inhaltes, der techni schen Gestal tung eines Angebots sowie der praktizierten Nutzung ver binden, lassen sich Lösungs ansätze nicht nur mit Blick auf die Anbieter und bei ihnen ansetzende recht liche Regulie rung for- mu lieren. Viele Probleme ergeben sich erst durch das Ver halten der Nutzer in der kollektiven Auseinander setzung mit dem techni schen Angebot; erst in der konkreten Nutzungs praxis kommt es zu Unterschät zungen der Reichweite, Nach haltig keit und (Eigen-) Dynamik von Kommunika tion, hier machen sich fehlende Medien kompetenz, fehlende Transparenz seitens der Anbieter oder auch mangelnde soziale Kompetenz bemerk bar. Entsprechend ver weisen die Risikopotenziale auf ver schiedene Handlungs ebenen: die Angebots seite, die 282 auf die Nutzer gerich teten Möglich keiten zur Förde rung eines kompetenten Umgangs sowie den Bereich der recht lichen Regulie rung. 9.2 Partizipa tion und Mitbestim mung im Social Web Seit der frühen Phase der Internetdiffusion wird mit der Technologie die Hoff- nung ver bunden, politi sche Partizipa tion und gesell schaft liche Teilhabe zu erhöhen (vgl. Rogg 2003); im Zuge der Diskussion rund um das „Web 2.0“ wurde auch dieser Topos wieder auf gegriffen und beispiels weise im Zu sam- men hang mit Weblogs als Form der politi schen Gegenöffentlich keit thema- tisiert. Entsprechende Hoffnun gen unter liegen oft einem technik deterministi- schen Fehlschluss, weil sie aus der bloßen Verfüg bar keit von Werkzeugen auf ent sprechende Ver ände rungen in den Nutzungs praktiken und im politi schen Interesse schließen. Ver steht man politi sche Beteili gung relativ eng, wird man an gesichts geringer Nutzer zahlen eher ent täuscht werden. Bei einem er weiter- ten Ver ständnis von gesell schaft licher Teilhabe werden allerdings die Poten- ziale des Social Web deut lich, das drei Facetten des Engagements von Jugend- lichen unter stützen kann (vgl. Wagner/ Brüggen/Gebel 2009): 1. Sich positionieren: Über eigene Blogeinträge, Fotos oder Videos, aber auch durch die Mitglied schaft in spezifi schen Foren oder Diskussions gruppen oder die Angabe der eigenen politi schen Überzeu gung im Profil einer Netz- werk platt form können Jugend liche Stellung beziehen. Solche Selbst darstel- lungen in persön lichen Öffentlich keiten adressieren vor allem das eigene er weiterte Netz werk und signalisieren einem Publikum, das eigene Freunde und ent fernte Bekannte gleichermaßen umfasst, welche Positionen zu gesell- schaft lich relevanten Themen ein genommen werden. 2. Sich einbringen: Online-Platt formen können darüber hinaus als Werkzeug genutzt werden, um selbst Stellung zu beziehen – beispiels weise in Form eines Videos, Blog- oder Forums eintrags – und davon aus gehend mit ande- ren zu diskutieren. Der Austausch über politi sche Überzeu gungen kann sich zudem an der Dokumenta tion der eigenen Aktivitäten im Internet ent- zünden, zum Beispiel, wenn ein Nutzer Fotos von der Teilnahme an einer Demonstra tion online stellt, die anschließend von anderen diskutiert wer- den. 3. Andere aktivieren: Schließ lich können die genannten Formen der politi schen Partizipa tion auch darin münden, dass andere Nutzer gezielt an ge sprochen und zu eigenem Engagement bewegt werden. Neben der Aktivie rung fällt hierunter auch die Weitergabe von eigenen Erfah rungen, beispiels weise, wenn Vorlagen für Protest schreiben an Abgeordnete oder Checklisten für die Organisa tion von Diskussions veranstal tungen mit anderen geteilt werden. 283 Partizipa tion im Social Web kann und sollte allerdings auch weiter ver standen und nicht auf die Teilhabe an politi schen Prozessen und Öffentlich keiten be- schränkt werden. Für die alltäg liche Nutzung ist mindestens ebenso ent schei- dend, ob und in welcher Form Nutzer Gelegen heit und Kompetenzen haben, die Gestal tung der eigenen Kommunikations räume zu beeinflussen. Damit ist weniger das Modifizieren des eigenen Profils gemeint; es werden vielmehr Fragen der Mitbestim mung über die strukturellen Grundlagen von Platt formen und Angeboten sowie der Selbstregulie rung innerhalb der Nutzer gemein schaft an gesprochen. Die Selbstregulie rung der Nutzer wird von den Betreibern bis zu einem gewissen Grad explizit gefördert und sogar voraus gesetzt: Eine Variante ist das Formulieren von Richtlinien oder Ver haltens codizes, die er gänzend zu den Allgemeinen Geschäfts bedin gungen gelten; eine andere Variante das Zur- Ver fügung-Stellen von techni schen Funktionalitäten, die das Melden von pro- blemati schen Inhalten er leichtern.105 Betreiber von Platt formen ver trauen darauf, dass problemati sche Inhalte und Personen, die sich fehl verhalten bzw. die Regeln des Angebots ver letzen, von anderen Nutzern gemeldet werden; Selbst- regulie rung durch die Nutzer dient hier teil weise als Ersatz, zumindest aber als Ergän zung der Kontroll mechanismen der Anbieter. Deutlich ein geschränkter sind dagegen die Mitbestimmungs möglich keiten, wenn es um die Gestal tung der grundlegenden Architektur der Kommuni- kations räume geht. Dies ist insofern relevant, als das Gros der Social Web- Angebote, vor allem die besonders populären Platt formen, in der Hand von kommerziellen Betreibern sind, die nach Wegen suchen, aus den Aktivitäten der Nutzer auch monetären Profit zu ziehen. So sind beispiels weise die Vor- gaben für Profilseiten nicht nur mit Blick auf die Nutzer und ihre Bedürfnisse zur Selbst präsenta tion gestaltet, sondern auch mit Blick auf eine mögliche Verwer tung der Angaben für personalisierte Werbung. Noch deut licher zeigt sich die kommerzielle Orientie rung an dem Umstand, dass die über wiegende Mehrheit der Netz werk platt formen keine Möglich keit vor sieht, Identitäts- und Netz werk daten aus einer Platt form zu exportieren und in eine neue Platt form zu über tragen. Aus Sicht der Betreiber dient diese Form des „lock-in“ dazu, Mitglieder an das Angebot zu binden; aus Sicht der Nutzer ver hindert ein solcher „walled garden“ dagegen, sich beispiels weise beim Übergang zwischen Lebens- oder Entwicklungs phasen in einer anderen Online-Umgebung „einzu- richten“, weil mit einem Wechsel der Platt form relativ hohe Trans ferkosten ver bunden wären. 105 Siehe hierzu die „Safer Social Networking Principles for the EU“ vom 10. 2. 2009 sowie den „Ver haltens- subkodex für Betreiber von Social Communities bei der FSM“ vom 11. 3. 2009, in denen gefordert wird, dass die Anbieter den Nutzern u. a. die (techni sche) Möglich keit einrichten, sich unmittel bar über Inhalte oder das „regelwidrige Ver halten“ anderer im Netz zu beschweren (vgl. auch Abschnitt 9.5.4). 284 Dieser Umstand lässt sich in Anleh nung an die klassi sche Unterschei dung von Hirschman (1970) auch so beschreiben, dass ein „exit“ aus einer ver trau- ten Kommunikations umge bung Ressourcen kostet. Die Variante des „voice“, also des Protests gegen bestimmte Entschei dungen der Betreiber, ist derzeit noch eher selten, und auf Nutzer seite bildet sich erst langsam ein Bewusstsein dafür heraus, dass man durch kollektives Handeln auch Einfluss auf die Ge- stal tung der eigenen Kommunikations räume nehmen kann. Das Social Web stellt den Nutzern hierfür auch die Räume und Werkzeuge zur Ver fügung, um sich zu ver netzen und zu koordinieren: Ende 2007 protestierten beispiels weise die Nutzer von StudiVZ, indem sie kritische Gruppen gründeten, ihre Profile modifizierten und so ihren Widerstand gegen geplante Änderun gen der All- gemeinen Geschäfts bedin gungen aus drückten; die Betreiber nahmen einige der Modifika tionen zurück (vgl. Wieschowski 2007). Ähnliche Prozesse zeigen sich auch auf Facebook, wo sich in den letzten Monaten sowohl bei Änderun gen der Geschäfts bedin gungen als auch bei Modifika tionen des Designs und Layouts der Profilseiten deut licher Protest äußerte. Als Reaktion hat Facebook deliberative Foren ein gerichtet: Nutzer können in eigens ein gerich teten „Town Hall“-Gruppen über Modifika tionen diskutieren; die dort geäußerten Vorschläge sollen gebündelt und in eine Ab- stim mung ein gespeist werden. Dieser Prozess ist zum Zeitpunkt der Fertig- stellung des Manus kripts noch nicht beendet und kann daher nicht ab schlie- ßend beurteilt werden. Er ver deut licht allerdings, dass Platt formbetreiber auch eine Ver antwor tung haben, die Selbst bestim mung ihrer Nutzer zu unter stützen und auf artikulierte Positionen zu reagieren. 9.3 Medien kompetenzförde rung im Social Web Die Angebote des Social Web bieten ihren Nutzern eine Vielzahl neuer kom- munikativer Möglich keiten. Die einfache Zugänglich keit und ver gleichs weise leichte Handha bung sowie die rasante Ver brei tung unter Heranwachsenden ver mittelt den Eindruck, als ver fügten jüngere Nutzer per se schon über die er forder lichen Kompetenzen im Umgang mit dem Social Web. Die in dieser Studie er folgte Auseinander setzung mit den ver schiedenen Anwen dungen und den korrespondierenden Nutzungs praktiken bestärkt jedoch die Forde rung nach einer Medien kompetenzförde rung, die den ver änderten Möglich keiten, aber insbesondere auch der ver änderten Rolle des Nutzers Rechnung trägt. Unab hängig von der Frage, ob es einer „Medien kompetenz 2.0“ bedarf (so z. B. Gapski /Gräßer 2007) stellt sich die Frage, über welche Fähig keiten Heran wachsende ver fügen müssen, um die Potenziale des Social Web aus- schöpfen zu können, also das eigene Informations-, Beziehungs- und Identitäts- manage ment erfolg reich und unter Reflexion der intendierten und nicht inten- 285 dierten Folgen zu bewältigen (vgl. Schmidt / Lampert /Schwinge 2009; Neuss 2008). Insbesondere Jugend liche wollen sich und die sich bietenden Möglich keiten im Netz aus probieren, Kontakte und Beziehungen zu anderen herstellen und sich von Eltern ab grenzen. Das Wissen um potenzielle Risiken kann sicher lich zu deren Minimie rung beitragen, doch die Ergebnisse der Studie zeigen, dass viele Jugend liche ent weder gar nicht risikobewusst handeln oder aber die Risiken zwar benennen, aber ihr eigenes Handeln nicht ent sprechend aus- richten. Hier gilt es, kompetenzförderndere Ansätze zu ent wickeln, die ins- besondere für experimentierende Jugend liche praktikabel sind, ohne dass sich in Risiko szenarien er schöpfen. Vielmehr geht es darum, Heranwachsende (und ihre Eltern!) auch dahingehend zu unter stützen, die sich bietenden Potenziale des Social Web adäquat nutzen können. Insbesondere die Diskussion der Social Web-Handlungs typen hat ver deut licht, dass auf Nutzer seite der Wunsch be- steht, die kreativen Möglich keiten nutzen zu wollen, die Umset zung scheitert jedoch an fehlenden Ideen, techni schen Realisierungs möglich keiten oder auch dem eigenen Anspruch. Auch hier müssten pädagogi sche Bemühungen an- setzen, um den Jugend lichen Möglich keiten und Wege aufzu zeigen, die Ange- bote des Social Web zur Artikula tion eigener Meinun gen und Sicht weisen nutzen zu können. Hier bieten sich insbesondere projektorientierte Ansätze an, in denen sowohl techni sche als auch soziale Kompetenzen er worben und er- probt werden können.106 Anregun gen für die weitere Diskussion und für die Entwick lung konkreter Handlungs konzepte geben insbesondere die Arbeiten der MIT-Forschergruppe um Henry Jenkins sowie das „Good Play Project“ der Harvard Universität. Nach Jenkins (2006) sind ungleiche Partizipations möglich keiten, Kompetenzen und Wissens bestände, fehlende Transparenz im Hinblick auf die Mechanismen und Wirkun gen digitaler Medien auf die Wahrneh mung der Welt sowie ethische Herausforde rungen, die aus den unter schied lichen Rollen (Konsument und Produzent) sowie den zunehmend ver schwimmenden Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlich keit resultieren, die zentralen Punkte, die eine Medien bildung bzw. -kompetenzförde rung er forder lich machen und für die es ent sprechende Konzepte zu ent wickeln gilt (ebd., S. 3). Sein Ansatz knüpft an traditionelle Medien kompetenzkonzepte an, er weitert diese jedoch um eine soziale Komponente, die dem interaktiven Charakter vieler Social Web-An- wen dungen gerecht werden soll: „The new media literacies almost all involve social skills developed through collabora tion and networking. These skills 106 Als ein Beispiel können hier die „Web 2.0 Werkstätten“ des JFF – Institut für Medien pädagogik in For- schung und Praxis genannt werden, in denen (bildungs benachteiligte) Jugend liche die Möglich keiten des Web 2.0 er proben können. Die Erfah rungen aus diesen Werkstätten fließen wiederum in die Entwick lung von weiteren Handlungs ansätzen ein. 286 build on the foundation of traditional literacy, research skills, technical skills, and critical analysis skills taught in the classroom“ (ebd., S. 19 f.). Unter Berücksichti gung vor liegender Kompetenzansätze sowie informeller Lernprozesse benennt Jenkins elf Kompetenzen, die sich Heranwachsende zum einen in der Nutzung des Social Web selbst aneignen und zum anderen im Rahmen initiierter Lernprozesse er werben können sollten (ebd. S. 4):107 – Play – the capacity to experiment with one’s surroundings as a form of problem-solving – Performance – the ability to adopt alternative identities for the purpose of improvisation and discovery – Simulation – the ability to interpret and construct dynamic models of real- world processes – Appropriation – the ability to meaningfully sample and remix media content – Multitasking – the ability to scan one’s environment and shift focus as needed to salient details – Distributed Cognition – the ability to interact meaningfully with tools that expand mental capacities – Collective Intelligence – the ability to pool knowledge and compare notes with others toward a common goal – Judgment – the ability to evaluate the reliability and credibility of different information sources – Transmedia Navigation – the ability to follow the flow of stories and infor- mation across multiple modalities – Networking – the ability to search for, synthesize, and disseminate infor- mation – Negotiation – the ability to travel across diverse communities, discerning and respecting multiple perspectives, and grasping and following alternative norms Der Ansatz er scheint vor allem deshalb gewinn bringend für die weitere Dis- kussion, weil er nicht nur einseitig auf ein Medium, sondern multimedial aus- gerichtet ist und zugleich an ver schiedenen Nutzungs modalitäten ansetzt. Das „Good Play Project“ (James u. a. 2008) befasst sich indes stärker mit der Frage, welche Kompetenzen für eine ver antwortungs bewusste Nutzung des Social Web er forder lich sind. Im Zentrum des Projekts stehen grundlegende Themen wie Identität, Privatsphäre, Autoren schaft, Glaubwürdig keit und Partizipa tion und die Frage nach den er forder lichen Fähig keiten für ver antwortungs volles Handeln im Sinne eines „good play“ – sowohl off- als auch online. „Good 107 Jenkins (2006) begründet in seinem Bericht die einzelnen Kompetenzen ausführ lich und zeigt auch ver- schiedene Optionen auf, wie diese – sowohl formell als auch informell – gefördert werden können (vgl. S. 22–55). 287 play“ wird in diesem Zusammenhang definiert als „online conduct that is both meaningful and engaging to the participant and responsible to others in the community and society in which it is carried out“ (ebd., S. 10). Insbesondere mit Blick auf die Herausforde rungen der Selbst- und Sozial auseinander setzung scheint eine Ver schrän kung der Überle gungen aus beiden Projekten für die Praxis gewinn bringend.108 In Deutschland tragen Initiativen wie z. B. „Respekt im Netz“109 oder „Watch your Web“110 dazu bei, dass Jugend liche für Themen wie Cybermobbing, den respekt vollen Umgang miteinander oder Daten schutz sensibilisiert werden. Die genannten Beispiele ver weisen aber auch darauf, dass Medien kompetenzförde- rung im Zusammen hang mit dem Social Web mehr denn je als Ver netzungs- aufgabe begriffen werden muss, an der sich ver schiedene Akteure, wie z. B. Anbieter, Eltern, Lehrer, Pädagogen der außerschuli schen Jugendarbeit in unter schied licher Weise beteiligen müssen (vgl. auch Jenkins 2006, S. 4). Die Vorausset zungen dafür fallen auf Seiten der ver schiedenen Akteure ganz unter- schied lich aus. Viele Eltern und Pädagogen haben kaum oder keine Erfah- rungen mit dem Social Web und können daher nur wenig zur Medien kom- petenzförde rung beitragen (siehe hierzu auch 5.2.3) – hier bedarf es der Ent wick lung von geeigneten Konzepten zur Förde rung von Medien- sowie medien pädagogi scher Kompetenz, die sich an Erwachsene richtet (vgl. auch Neuss 2008, S. 33). Für den schuli schen Bereich liegen hingegen bereits ver einzelte Ansätze und Erfah rungen vor, wie die Angebote des Social Web in den pädagogi schen Alltag integriert werden und einen Beitrag zur Medien kompetenzförde rung leisten können (vgl. z. B. Ertelt / Röll 2008, Gräßer/ Pohlschmidt 2007, Paus- Hasebrink /Jadin / Wijnen 2007, Paus-Hasebrink / Wijnen/Jadin 2009). Jenkins (2006) plädiert eben falls für eine stärkere Ver anke rung der Medien kom pe- tenzförde rung in der Schule, ohne diese jedoch als zusätz liches Fach bzw. „add-on subject“ einzuführen (vgl. ebd. S. 57). Seine Forderung ist deutlich weitreichender und zielt eher auf einen Paradigmenwechsel dahingehend, wie Themen allgemein in der Schule behandelt werden: „Media change is affecting every aspect of our contemporay experience, and as a consequence, every school discipline needs to take responsibility for helping students to master the skills and knowledge they need to function in a hypermediated environ- ment“ (ebd. S. 57). In ganz ähnliche Richtung weisen die Überle gungen zu 108 Erste Schritte wurden bereits von Henry Jenkins und Howard Gardner unter nommen, vgl. www. henryjen kins. org /2008/04/ethics_ and_ the_ new_ media_ liter. html [31. 7. 2009]. 109 Die Initiative wurde unter stützt von klicksafe, Internauten und SchülerVZ. Für nähere Informa tionen vgl. www. respekt-im-netz. net [31. 7. 2009]. 110 Die Kampagne wurde von der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundes republik Deutschland mit Förde rung u. a. vom Ver braucher schutz- und vom Familien ministerium initiiert. Nähere Informa tionen finden sich unter www. watchyourweb. de [31. 7. 2009]. 288 einer „Pädagogik der Naviga tion“ (Röll 2003), die auf Förde rung selbst ge- steuerter Lernprozesse im Rahmen einer ver änderten Lernkultur zielen. Neben den Eltern und Pädagogen gilt es aber auch, an die Ver antwor tung der Anbieter zu appellieren, die nicht nur darin bestehen sollte, Risiken zu minimieren, sondern Kompetenzen zu fördern, sei es durch die Herstel lung von Transparenz, die Bereit stel lung von Informations material für unter schied- liche Zielgruppen, wie es z. B. SchülerVZ111 tut, oder die Initiie rung von oder Beteili gung an medien pädagogi schen Praxisprojekten wie den oben genannten Kampagnen. 9.4 Transparenz und Ver braucher schutz Im Social Web können Konsumenten zu „Prosumenten“ bzw. „Produsern“ werden, weil sie nicht mehr nur als Empfänger, sondern auch als Produzenten auf treten – wobei an dieser Stelle nicht allein das Schaffen, Zur-Ver fügung- Stellen und Bearbeiten von medialen Inhalten oder von Informa tionen gemeint ist, das (wie in den Abschnitten 3.1 und 4 gezeigt) ja nur ein Teil der Social Web-Nutzer tatsäch lich aktiv betreibt. Vielmehr ist auch zu berücksichtigen, dass Nutzer Daten spuren hinterlassen, ohne aber jederzeit nachvollziehen zu können, welche Daten in welchem Ausmaß gespeichert werden, wenn man sich auf einer Platt form bewegt, an Gewinn spielen o. Ä. teilnimmt oder An- bietern Zugriff auf die eigenen Profildaten gibt. Der Schutz vor Daten miss brauch, die Sicherstel lung eines ver antwortungs- vollen Umgangs mit persön lichen Daten sowie die allgemeine Unterstüt zung von Ver brauchersou veränität sind daher wichtige Aufgaben, die auch mit Blick auf den recht lichen Rahmen diskutiert werden müssen. Der Ver braucher zentrale Bundes verband (VZBV) forderte in diesem Zusammen hang im März 2009:112 – „die Sicherstel lung einer möglichst weit gehenden Anonymität im Internet, sofern dies der Nutzer wünscht, – das Verbot der Erstel lung personen bezogener Nutzer profile ohne aus drück- liche vor herige Zustim mung der Betroffenen, – das Verbot von Kopplungs geschäften, bei denen Online-Anbieter die Nut- zung ihrer Dienste an die Zustim mung der Ver braucher zur Verwen dung ihrer personen bezogenen Daten für Werbezwecke binden, 111 Vgl. http: //www. schuelervz. net / l /security (Jugend liche Nutzer) sowie http: //www. schuelervz. net / l / parents (Eltern und Lehrer) [31. 7. 2009]. 112 Im Juli 2009 ver schickte der VZBV zudem Abmah nungen an Betreiber von Netz werk platt formen, weil deren Geschäfts bedin gungen die Nutzer benachteiligten. Eine Übersicht der in diesem Zusammen hang auf gestellten Forde rungen internationaler Ver braucher schutz zentralen zur Steige rung von Transparenz und Ver braucherrechten findet sich in TACD (2009). 289 – die ver bind liche Ver anke rung des Prinzips der aktiven Zustim mung bei der Einwilli gung zur Daten weitergabe (opt-in), – das Fern meldegeheimnis auf das Internet auszu weiten, damit auch der E-Mail-Verkehr künftig einen besonderen ver fassungs recht lichen Schutz genießt, – Internet-Zugangs anbietern im Falle ver meint lich rechts widrigen Handelns einzelner Nutzer nicht zu Hilfspolizisten der Musik- und Filmindustrie zu machen, – eine Informations pflicht für Online-Dienste anbieter, ihren Nutzern mitzu- teilen, welche Daten erhoben und wie diese ver arbeitet und genutzt werden, – eine Hinweispf licht für Unternehmen der Internet wirtschaft zur Erreich- bar keit der Daten schutz beauftragten des jeweiligen Unternehmens.“ (http://www. vzbv. de/go/presse/1128/8/36/ index. html, 30. 3. 2009) Mit Blick auf die Nutzer scheinen vor allem diejenigen Punkte bedeutsam, die ihre Souveränität unter stützen, also z. B. die Transparenz erhöhen, welche per- sön lichen Daten wann, von wem und für welche Zwecke gespeichert, genutzt oder ggf. auch weiter gegeben werden. Dazu gehört auch, den Nutzern die Ent- scheidungs frei heit einzu räumen, unter Umständen auch anonym zu bleiben. Allerdings geben die Befunde aus der vor liegenden Studie auch Hinweise darauf, dass sich viele Nutzer gar keine Gedanken über ihre Privatsphäre machen und die lang fristigen Folgen ihrer freizügigen Daten preis gabe kaum ab schätzen können. Einige zeigen sich zwar durch aus für das Thema sensi- bilisiert oder haben schon mal davon gehört, beziehen es aber nicht auf sich selbst bzw. ziehen für sich keine Konsequenzen für ihre Nutzungs praxis. Hier geht es darum, das Risikobewusstsein zu schärfen und den Nutzern konkrete Handlungs optionen an die Hand zu geben, wie sie dem Daten miss brauch best- möglich vor beugen können. 9.5 Social Web aus recht licher Perspektive113 Netz werk platt formen, um die es in diesem Abschnitt vor rangig geht, stellen das Medien recht vor besondere Herausforde rungen, bei denen es zu prüfen gilt, inwieweit ihnen durch Anwen dung der geltenden recht lichen Grundlagen begegnet werden kann oder ob, beziehungs weise inwieweit es zumindest der Beobach tung bedarf, ob nicht eine Anpas sung des Rechts rahmens er forder lich wird. Dabei können Platt formen, die von Kindern und Jugend lichen genutzt werden, besondere recht liche Probleme hervor rufen. 113 Für die nachfolgenden recht lichen Ausfüh rungen zeichnet Wolfgang Schulz ver antwort lich. 290 9.5.1 Dienstetypus und recht liche Anknüpfungs punkte Netz werk platt formen sind typischer weise internetbasierte Anwen dungen, bei denen die Nutzer selbst Inhalte und Daten zur Ver fügung stellen (vgl. Ab- schnitt 3.2.1). Insofern werden die mit dem User-generated Content ver bun- denen Probleme auch bei diesen Angeboten virulent. Dazu gehört die Frage, was über haupt der recht lich relevante Dienst ist, ob etwa von Nutzern selber ein gestellte Seiten – beispiels weise zur Beschrei bung ihrer Person – eigene Telemedien und die einstellenden Nutzer dementsprechend Anbieter dieser Medien darstellen bzw. unter welchen Vorausset zungen dies der Fall ist.114 Davon losgelöst ist die Frage zu beantworten, ob bzw. unter welchen Voraus- set zungen (auch) der Anbieter der Platt form für die Inhalte der Nutzer ver- antwort lich ist, und zwar differenziert nach unter schied lichen zivil recht lichen Ansprüchen, jugendschutz recht lich, wettbewerbs recht lich und gegebenen falls auch strafrecht lich.115 Bislang noch wenig in der rechts wissen schaft lichen Literatur beachtet – aber an gesichts der auch in dieser Studie belegten großen Bedeu tung einzelner Platt formen naheliegend – sind mögliche Diskriminie rungen, etwa wenn Platt- formbetreiber Nutzer aus bestimmten Gründen aus schließen. Ob hier das Kartell recht greift, er scheint frag lich, fehlt es doch an einem unmittel baren Leistungs austausch, wenn man es als „Gegen leis tung“ des Nutzers nicht ge- nügen lässt, dass dieser Inhalte auf die Platt form stellt. Zum Teil wird – in Bezug auf Suchmaschinen – davon aus gegangen, dass auch dann von einem Markt im Sinne des Kartell rechts aus gegangen werden kann, wenn es an einem unmittel baren Leistungs austausch fehlt, sofern die Diskriminie rung erheb liche negative ökonomi sche Folgen hat.116 Dies ist bei Netz werk platt formen allen- falls dann denk bar, wenn es um berufs bezogene Netz werke geht. Schließ lich sind die Platt formen, auf denen sich soziale Netz werke bilden, ein gutes Beispiel dafür, dass formales Recht nur einen Bestand teil der zur Ver fügung stehenden „Governance-Struktur“117 darstellt. In der vor liegenden Studie wurde deut lich, dass sich in den Kommunikations räumen Konven tionen und andere soziale Regeln ent wickeln, die formale recht liche Regeln stützen, zu ihnen aber auch konträr stehen, sie unter laufen oder schlicht ignorieren können – man denke an die Ver brei tung von urheber recht lich geschütztem Material über Video- und Netz werk platt formen. Schließ lich spielt die über- wiegend vom Platt formbetreiber definierte Software-Struktur – „der Code“ – 114 Vgl. zu dieser Grundproblematik Lorenz, VuR 2008, S. 321 (S. 323 f.) m. w. N.; mit der Einord nung ein- zelner Nutzer als Anbieter gehen ggf. Informations pflichten, etwa im Hinblick auf die Bereit stel lung eines Impressums oder der Kennzeich nung kommerzieller Kommunika tionen einher; vgl. ebd., S. 321 ff. 115 Zu den zivil- und strafrecht lichen Haftungs fragen s. Jürgens/ Veigel, AfP 2007, S. 181 ff. 116 Vgl. Ott, MMR 2006, S. 195 (197). 117 Zur Internet-Governance etwa Wilson, Journal of Public Policy, 25, S. 29–50. 291 eine zentrale Rolle, weil durch sie definiert wird, welche Optionen etwa zum Schutz der Privatsphäre innerhalb eines Netz werkes bestehen, ob informatio- nelle Öffnun gen gegen über der Öffentlich keit vor gegeben sind oder jeden falls als Grundeinstel lung nahegelegt werden oder ob anders herum die Informa- tionen über eine Person individuell freigeschaltet werden müssen. Auch die Formen und der Zugang zu den Ex-post-Instrumenten des Beschwerde mana- gements oder der Missbrauchs meldun gen werden durch Codes vor gezeichnet, wodurch je nach Ausgestal tung eine schnelle Meldung und effektive Bearbei- tung von (ver meint lichen) Rechts verlet zungen gewährleistet werden kann. 9.5.2 Informationelle Selbst bestim mung und Daten schutz Die eben genannten Aspekte sind vor allem in Hinblick auf das Rechts gut der informa tionellen Selbst bestim mung relevant. Grundsatz ist hier, dass über die Ver arbei tung und Nutzung personen bezogener Daten grundsätz lich die Person, die diese Daten betreffen, ent scheiden soll.118 Die recht lichen Regelun gen sollen hier im Wesent lichen die Autonomie der Person über ihre Daten schützen. Bei Netz werk platt formen, die schwerpunkt mäßig Minderjährige ansprechen, ist zu beachten, dass es für die Einwilli gung auf die Einsichts fähig keit des Nutzers ankommt. Inwieweit eine dem Jugend lichen zurechen bare oder eine von den Eltern getragene Willen serklä rung beim Abschluss eines Nutzungs- vertrags des Minderjährigen mit dem Anbieter ent scheidend für die Bewer- tung einer rechtmäßig ab gegebenen daten schutz recht lichen Einwilli gung ist, ist von der Rechts wissen schaft noch nicht ab schließend geklärt. Die Mehrheit der Literatur geht davon aus, dass bis zu einem Alter von sieben Jahren die Einsichts fähig keit aus geschlossen sei; bis 14 Jahren soll die Einsichts fähig keit grundsätz lich aus geschlossen sein und nur in begründeten Ausnahmefällen vor liegen; ab 14 Jahren seien generell Einzelfallabwä gungen vorzu nehmen; 16- und 17-Jährige sollen grundsätz lich einsichts fähig sein.119 Insgesamt ist die besondere Schutz bedürftig keit von Kindern und Jugend lichen in diesem Bereich auch rechts wissen schaft lich einer weiteren Untersuchung wert. Identitäts- und Beziehungs management auf Netz werk platt formen er fordert auch das Management der eigenen personen bezogenen Daten. Hinzu treten aber weitere Möglich keiten, bei denen personen bezogene Daten Dritter durch Nutzer ver arbeitet werden, etwa wenn auf Gruppen fotos auch erkenn bar Freundinnen oder Kollegen er scheinen und das Foto mit deren Profilseite ver- linkt wird. Der Frage, inwieweit die Softwarearchitektur den Freiraum lässt, 118 Zur ver fassungs recht lichen Grundkonzep tion des deutschen Daten schutz rechtes vgl. Kühling /Seidel / Sivridis, Daten schutz recht, Kapitel 1., Teil C., S. 74 ff. 119 Vgl. Zscherpe, MMR 2004, S. 723–727 (724 f.); Schwenke, Individualisie rung und Daten schutz. Rechts- konformer Umgang mit personen bezogenen Daten im Kontext der Individualisie rung, 2006, S. 182 ff.; Scholz, Daten schutz beim Internet-Einkauf, 2003, S. 279 ff. 292 dass die Nutzer möglichst frei von Zwängen darüber ent scheiden können, wem sie welche personen bezogenen Daten zugäng lich machen und inwieweit Dritte fremde personen bezogene Daten ver arbeiten können, kommt damit auch hier ent scheidende Bedeu tung zu.120 Das Daten schutz recht sieht für den Fall, dass der Nutzer in die Ver arbei- tung ein gewilligt hat, kaum Beschrän kungen vor – von Ausnahmen wie „für Zwecke der Werbung, der Markt forschung oder zur bedarfs gerechten Gestal- tung der Telemedien“ in § 15 Abs. 3 TMG ab gesehen.121 Insofern ist eine Ein- willi gung in die wie auch immer geartete Nutzung grundsätz lich möglich, allerdings treffen den Platt formanbieter hier sehr konkrete Informations pflich- ten hinsicht lich der Unterrich tung der Nutzer in Bezug auf den Zweck und die Tragweite der Daten verarbei tung, sodass die Nutzer eine möglichst selbst- bestimmte Entschei dung treffen können.122 In der anläss lich des Safer Internet Day am 10. 02. 2009 unter zeichneten Selbst verpflichtungs erklä rung von 17 An- bietern sozialer Online-Netz werke in Europa finden sich ent sprechende Punkte wie die Voreinstel lung von Profilen von Unter-18-Jährigen als „privat“ und die leichte Erkenn bar keit für die Nutzer, wer ihr Profil einsehen kann.123 9.5.3 Allgemeines Persönlichkeits recht Neben Informa tionen über sich selbst sind auch Kommunika tionen über Andere typische Bestand teile von Netz werk platt formen. Bezugnahme auf Andere birgt immer das Risiko, dass allgemeine oder besondere (etwa Recht am eigenen Bild) Persönlichkeits rechte betroffen werden.124 Im Bereich der Netz werk platt- formen sind hier neben den typischer weise damit ver bundenen Fragestel lun- gen,125 die natür lich auch in diesem Kontext auf tauchen können, vor allem drei Aspekte bedeutsam: – Da es sich bei den Nutzern um Laien handelt, gibt es grundsätz lich keine Bindung an professionelle Standards, wie man sie etwa im Journalismus – auch im Online-Journalismus – findet. Grundsätz lich ist damit das Risiko einer Verlet zung von fremden Persönlichkeits rechten größer, auf der anderen Seite ist aber die Reichweite derartiger Bezugnahmen und damit auch die 120 Zu daten schutz recht lichen Fragen bei sozialen Netz werken im Hinblick auf Werbung s. Bauer, MMR 2008, S. 435 ff.; bei Suchmaschinen im Hinblick auf Personen s. Ott, MMR 2009, S. 158 ff. 121 Vgl. Bauer, MMR 2008, S. 435 (438). 122 Zu dieser Informations komponente s. Bizer, Johann / Kamp, Meike u. a. (2006): Erhöhung des Daten- schutz niveaus zugunsten der Ver braucher. Studie im Auftrag des BMELV. Kiel. 123 Siehe EU-Kommission, Safer Social Networking Principles for the EU. 124 Vgl. Schnabel, ZUM 2008, S. 657 (658). 125 Dazu gehören vor allem Verlet zungen des allgemeinen Persönlichkeits rechts und des Bildnis schutz rechts durch kränkende oder beleidigende Aussagen und unvorteil hafte oder schlicht nicht er wünschte Abbil- dungen. S. dazu Greve/Schärdel, MMR 2008, S. 644 ff. 293 Intensität möglicher Persönlichkeits rechts verlet zungen eher gering; da aber auch andere Medien dies auf greifen können,126 ist eine tiefer gehende Ver- let zung keines wegs auszu schließen. – Charakteristisch für Netz werk platt formen ist, dass eine neue Ebene von Öffentlich keit ent stehen kann, mit der viele noch keine expliziten Erfah- rungen gemacht haben. Ein gutes Beispiel für die mit den ver schiedenen Ebenen von Öffentlich keit ver bundenen, auch persönlichkeits recht lichen Probleme findet sich bei den Ver fahren über Lehrer bewertungs portale,127 bei denen sich unter anderem die Frage stellte, inwieweit Äußerun gen von Lehrerinnen oder Lehrern aus dem Unterricht auf einer öffent lich zugäng- lichen Platt form wahrheits gemäß wieder gegeben werden dürfen und damit eine größere Öffentlich keit er reicht wird, als die Aussagen ursprüng lich in der Klasse hatten. – Die Gestal tung der Platt formen und die sozialen Regeln sind bei der Be- urtei lung persönlichkeits recht licher Fragen zu berücksichtigen, zum einen als milieuspezifi scher Deutungs kontext, zum anderen wegen der Möglich- keiten, Beeinträchti gungen selbst rasch durch eigene Kommunika tion aus- zu gleichen.128 Hier obliegt es der Rechtsprechung, die aus dem Bereich tradi tioneller Medien stammenden Abwägungs regeln den Bedin gungen des Social Web anzu passen. 9.5.4 Jugendschutz Die Eigendynamik sozialer Netz werke bildet auch für den Jugendmedien schutz eine besondere Umgebung. Zum einen kann eine eigenständig von bestimmten Nutzer gruppen gestaltete „Welt“ ent stehen, in der die soziale Kontrolle durch die Erwachsenen welt außen vor bleibt und in der – möglicher weise als alters- typisch akzeptierte und begrenz bare – Regel übertre tungen auch für jüngere Nutzer sicht bar werden und so eine Entwicklungs beeinträchti gung zur Folge haben können. Auf der Ebene der recht lichen Anknüp fung sind die unter 9.5.1 dargestell- ten allgemeinen Probleme relevant (insbesondere Anbieter begriff und Haftungs- fragen). Darüber hinaus ist eine besondere Flüchtig keit von Inhalten bzw. eine 126 Zur Diskussion um journalisti sche Ethik im Bereich von Berichterstat tung, die auf Informa tionen aus sozialen Netz werken zurück greift, s. Mrazek, journalist 6/2008; Mrazek beschreibt dort den Fall einer er mordeten Studentin, deren StudiVZ-Profil daraufhin Journalisten als Ansatz punkt für teils fragwürdige Recherchen diente. 127 Vgl. LG Köln ZUM 2008, S. 73; OLG Köln ZUM 2008, S. 238; LG Köln ZUM-RD 2008, S. 205; OLG Köln ZUM 2008, S. 869; LG Duisburg ZUM 2008, S. 700; dazu Plog/ Bandehzadeh, K&R 2008, S. 45; Ladeur, RdJB 2008, S. 16 (24, 26); Heller, ZUM 2008, S. 243 (244); Huff, EWiR 2007, S. 713 (714); Peifer/ Kamp, ZUM 2009, S. 185. 128 Ladeur, RdJB 2008, S. 16 ff. 294 Volatilität des Gesamtnetz werks in Rechnung zu stellen, die auf prakti scher Ebene eine Kontrolle schwierig macht. Anknüpfungs punkte für ein jugendschutz recht liches Vorgehen sind zum einen klare gesetz liche Haftungs regeln, die den Platt formbetreibern ihre Ver- pflich tungen deut lich machen. Darüber hinaus kann auch in diesem Bereich Selbst kontrolle wirksam sein, Initiativen auf europäi scher Ebene129 wie auf nationaler Ebene130 sind Anfang 2009 gestartet worden. Schließ lich kann bei Netz werk platt formen, die insgesamt von Jugend lichen unter schied licher Alters- stufe besucht und gestaltet werden, auch die Ver antwor tung älterer Jugend- licher für Jüngere frucht bar gemacht werden; dies ver weist noch einmal auf den unter 9.5.1 genannten Punkt der Unterstüt zung formaler Regeln durch soziale Regeln. 9.5.5 Urheber recht Im Hinblick auf den Schutz fremder Urheber rechte er scheint vor allem als Problem, dass bei einer gewissen Öffnung für Nutzer gruppen eine öffent liche Zugänglichmachung im Sinne des § 19a UrhG vor liegt. Zwar gilt auch für die Verwen dung von Netz werk platt formen, dass es grundsätz lich erlaubt ist, fremde Werke im privaten Bereich zu nutzen. Allerdings wird der Begriff des privaten (nicht-öffent lichen) Bereichs eng definiert. Rein privat dürfte die Ein- beziehung fremder, urheber recht lich geschützter Inhalte in soziale Netz werke nur sein, wenn der Nutzer den Zugriff hierauf nur Personen aus dem engen Freundes- und Familien kreis zugäng lich macht und andere Nutzer aus schließt (was häufig Sinn und Zweck der Nutzung wider sprechen wird). Allein die gemeinsame Nutzung derselben Platt form, das Vorhandensein gleicher oder ähnlicher Interessen oder die Zugehörig keit zu gleichen Foren, Nutzer- oder Interessen gruppen auf einer Platt form reicht hierfür nicht aus.131 Gerade jungen Mitgliedern von Netz werk platt formen fehlt häufig das Rechts- bewusstsein gegen über geistigen Eigentums rechten, geschweige denn, dass sie sich über konkrete Rechts fragen im Klaren wären. Daher werden im Netz massen haft – auch in sozialen Netz werken, etwa zur Illustra tion der kulturellen Vorlieben – Bilder oder Musikstücke, Videos oder andere geschützte Inhalte 129 Vgl. EU-Kommission, Safer Social Networking Principles of the EU. Gegen stand der Selbst verpflich tung sind u. a. eine Meldetaste bei anstößigen Kontakt aufnahmen oder Ver haltens weisen, der Ausschluss der Suchbar keit von privaten Profilen von Nutzern unter 18 Jahren und der Ausschluss zu junger Nutzer von den Angeboten (ab hängig davon, auf welche Alters gruppen das Angebot aus gerichtet ist). 130 Vgl. den Subkodex der Platt formbetreiber bei der FSM sowie die Pressemittei lung hierzu vom 11. 3. 2009, abruf bar unter www. fsm. de/ inhalt. doc/ PM_ Social_ Communities. pdf [31. 7. 2009]. 131 Gericht liche Entschei dungen zu der Frage, ob und unter welchen Umständen eine private Ver bunden heit zwischen Nutzern von sozialen Netz werken, die sich nur hierüber kennen, ent steht, sind ersicht lich bislang nicht er gangen. 295 wider recht lich genutzt. Gerade im Bereich des Urheber rechts ist Aufklä rung ein wichtiger Aspekt.132 Daneben werden urheber recht liche Fragen berührt, wenn (auch minder- jährige) Nutzer eigene Inhalte auf den Platt formen zugäng lich machen (z. B. Fotos, Grafiken, Videos etc.). Die Nutzer sind sich ihrer Rechte oft nicht be- wusst, ebenso wenig wird ihnen bewusst sein, wenn sich die Platt formbetreiber durch AGBs (mehr oder weniger weit gehende) Nutzungs rechte an den Inhalten der Nutzer einräumen lassen, geschweige denn, welche Rechte in welchem Umfang das sind und welche Konsequenzen hierdurch ent stehen. 9.5.6 Fazit und Ausblick aus recht licher Perspektive Wie für derlei soziale und technologi sche Neuentwick lungen erwart bar, er- geben sich bei Netz werk platt formen zahl reiche un geklärte Rechts fragen, von denen die der Haftung für Inhalte – wenn auch eher aus Anbieterperspektive – eine der drängendsten ist. Recht lich interessant an diesen Angeboten ist da- neben ihre Funktion, die mit Selbst- und Fremd darstel lung von Personen eng ver knüpft ist. Rechts verlet zungen ergeben sich daher häufiger in Bezug auf das Entwicklungs- und Persönlichkeits recht der Nutzer, insbesondere im Hin- blick auf die Ausfor mungen Jugendschutz und Daten schutz. Einige der damit ver bundenen Fragen – etwa wie rechts verletzende Inhalte ver mieden und ggf. belegt und ver folgt werden können – werden bereits adressiert, beispiels weise durch selbst verpflichtende Initiativen für ver besserten Daten schutz133 und den beim EU Safer Internet Day134 vor gestellten „Beschwerde-Button“, ver mittels dessen – insbesondere jüngere – Nutzer sofort potenzielle Rechts verlet zungen einem Chat-Moderator o. Ä. melden können. Schließ lich macht es die nieder- schwellige Möglich keit, selbst zu publizieren, nötig, Wissen etwa über die Grenzen zulässiger Privatnut zung urheber recht lich geschützter Werke zu er- werben. 9.6 Überle gungen zur Forschung im Social Web Die techni sche und an gebots bezogene Entwick lung hat in den letzten Jahren an Dynamik zu genommen, was auch für die Forschung nicht ohne Folgen bleibt. Bereits im Ver gleich mit der fünf Monate vor den hier präsentierten Daten er hobenen JIM-Studie 2008 zeigt sich, wie schnell sich das Angebots- 132 Dem hat sich das (Ver braucher-) Portal für „Urheber recht in der digitalen Welt“ (vgl. www. irights. info) ver schrieben, auf dem allgemein verständ lich Informa tionen über das Urheber recht gegeben werden. 133 FSM-Subkodex der sozialen Netz werke, s. o. Fn. 130. 134 Selbst verpflich tung der Platt formanbieter, s. o. Fn. 129. 296 spektrum, die Angebote selbst und die Medien nutzung in diesem Bereich ver- ändern. Nur lang fristig an gelegte Untersuchungen werden ver läss lich Auskunft über die individuellen wie gesell schaft lichen Konsequenzen des Social Web geben können – beispiels weise, inwieweit bestimmte Praktiken des Identitäts-, Beziehungs- und Informations managements im Ver lauf des Heranwachsens stabil bleiben bzw. sich wandeln, oder inwieweit neue Angebote, öffent liche Diskurse oder Instrumente der Medien kompetenzförde rung auch zu ver änder- ten Nutzungs weisen führen. Der Medien pädagogi sche Forschungs verbund Südwest stellt mit den regel- mäßigen KIM- und JIM-Studien für die Alters gruppe der 6- bis 19-Jährigen un verzicht bare Basis daten bereit. Angesichts der Auswei tung des Social Web ist zu über legen, auf welchem Wege eine ähnliche Basis für die Untersuchung der Social Web-Nutzung auf lange Sicht geschaffen werden kann. Vorstell bar wäre u. a. kontinuier liches Monitoring (ähnlich wie das Medienkon vergenz- Monitoring der Universität Leipzig), um möglichst zeitnah neue Entwick lungen und Trends er fassen zu können. Als vorteil haft erweist es sich sicher lich, wenn die Forscher selbst in die digitalen Netz werke ein gebunden sind, denn nur so können auch punktuelle Ver ände rungen des Angebots (z. B. Änderun gen von Geschäfts bedin gungen) und der Einfluss der Nutzer (wie z. B. im Fall von Facebook) zeitnah registriert werden. Probleme ergeben sich in solchen Fällen, in denen das Angebot bestimmten Alters grenzen unter liegt oder einer be- stimmten Zielgruppe vor behalten ist. Die Anmel dung bei SchülerVZ beispiels- weise ist für Erwachsene nur mit einem Ver stoß gegen die Geschäfts be- dingun gen möglich, da ein falsches Alter an gegeben werden muss. Aus forschungs ethischer Perspektive ist eine solche Vorgehens weise problematisch, weil sie sowohl gegen über den Nutzern als auch gegen über den Betreibern Regeln bricht. Aber auch mit Blick auf andere Angebote im Social Web gilt es die Rolle des Forschenden zu reflektieren: Inwieweit muss sich der Forschende, z. B. im Kontext teilnehmender Beobach tungen, in den Communities als solcher zu er kennen geben? Unter welchen Bedin gungen dürfen Daten und Informa tionen, die im Social Web ver öffent licht sind, für Forschungs zwecke (z. B. Inhalts- analysen) genutzt werden? Welcher Grad der Anonymisie rung der Ergebnisse ist notwendig? Im Rahmen ver schiedener wissen schaft licher Organisa tionen, beispiels weise der Deutschen Gesell schaft für Publizistik- und Kommuni ka- tions wissen schaft (DGPuK) oder der Deutschen Gesell schaft für Online- Forschung (DGOF) werden erste Diskussionen über diese Fragen geführt, um in abseh barer Zeit zu forschungs ethischen Richtlinien im Umgang mit den persön lichen Öffentlich keiten des Social Web zu kommen (vgl. Schmidt 2009a). Damit zusammen hängend ist schließ lich auch die Frage zu diskutieren, inwiefern die „participatory culture“ (Jenkins 2006) auch eine stärkere Öffnung der wissen schaft lichen Forschung für die Beforschten mit sich bringen sollte. 297 Eine transparente und fortlaufende Dokumenta tion der Arbeits schritte während eines Projekts erzeugt nicht nur Sicht bar keit gegen über einer interessierten Öffentlich keit, sondern kann gegebenen falls auch zur Validie rung oder Kor- rektur bestimmter Einschät zungen und Forschungs entschei dungen führen – und damit letzt lich die Qualität des gewonnenen Wissens ver bessern.135 135 Eine ent sprechende Möglich keit wurde in diesem Projekt erprobt: Ein begleitendes Weblog (http://www. hans-bredow-institut. de/webzweinull) informierte nicht nur über Hintergründe und Beteiligte des For- schungs vorhabens, sondern stellte auch einschlägige Studien und medien pädagogi sche Materialien vor. Den (allerdings nicht systematisch aus gewer teten) Rückmel dungen über Kommentare, Zugriffe und Ver- lin kungen zufolge er reichte es insbesondere akademi sche Kollegen und andere am Thema Interessierte, jedoch nicht die Zielgruppe der Jugend lichen und jungen Erwachsenen. 299 10 Literatur136 ACMA (2009): Click and connect: Young Australians’ use of online social media. 02: Quantitative research report. Melbourne. Online verfügbar: www.acma.gov. au/webwr/aba/about /recruitment /click_ and_ connect-02_ quantitative_ report.pdf. Anderson, Chris (2006): The long tail. Why the future of business is selling less for more. New York: Hyperion. Anonym (2009): Wie ich Freiherr von Gutten berg zu Wilhelm machte. In: Bildblog, 10. 2. 2009. Online verfüg bar: www.bildblog.de/5704/wie-ich-freiherr-von- gutten berg-zu-wilhelm-machte. Baacke, Dieter (1989): Sozialökologie und Kommunikations forschung. In: Baacke, Dieter/ Kübler, Hans-Dieter (Hrsg.): Qualitative Medien forschung. Konzepte und Erpro bungen. Tübingen: Niemeyer Verlag, S. 87–134. Baacke, Dieter (1995): Die 6- bis 12jährigen. Einfüh rung in Probleme des Kindesalters. 6. Aufl. Weinheim/ Basel: Beltz Verlag. Baacke, Dieter/Sander, Uwe/Voll brecht, Ralf (1988): Sozialökologi sche Jugend forschung und Medien. Rahmen konzept, Perspektiven, erste Ergebnisse. In: Publizistik, Jg. 33, Nr. 2–3, S. 223–242. Barthelmes, Jürgen / Düx, Wiebken /Sass, Erich (2005): Lernen: informell. In: DJI Bulletin 73. DJI Bulletin PLUS. München: Deutsches Jugendinstitut, S. 1–4. Bauer, Stephan (2008): Personalisierte Werbung auf Social Community-Websites – Daten schutz recht liche Zulässig keit der Verwen dung von Bestands daten und Nutzungs- profilen. In: Multimedia und Recht (MMR), S. 435. Beck, Klaus (2006): Computer vermittelte Kommunika tion im Internet. München: Oldenbourg. Beck, Ulrich /Sopp, Peter (1997): Individualisie rung und Integra tion – eine Problem- skizze. In: Beck, Ulrich /Sopp, Peter (Hrsg.): Individualisie rung und Integra tion. Opladen: West deutscher Verlag, S. 9–19. Beer, David (2008): Making friends with Jarvis Cocker: Music Culture in the Context of Web 2.0. In: Cultural Sociology, Vol. 2, Nr. 2, S. 222–241. Belgrad, Jürgen (1992): Identität als Spiel. Eine Kritik des Identitäts konzepts von Jürgen Habermas. Opladen: West deutscher Verlag. Berghaus, Margot (1986): Zur Theorie der Bildrezep tion. Ein anthropologi scher Er- klärungs versuch für die Faszina tion des Fernsehens. In: Publizistik, Jg. 31, Heft 3–4, S. 278–295. 136 Hinweis: Sämtliche Onlinequellen wurden am 31. 7. 2009 geprüft. 300 Bizer, Johann/ Kamp, Meike u. a. (2006): Erhöhung des Daten schutz niveaus zugunsten der Ver braucher. Studie im Auftrag des BMELV. Kiel. Online verfüg bar: http:// www.daten schutz zentrum.de/verbraucherdaten schutz/uld-verbraucher-daten schutz- bmelv.pdf. Blech, Jörg/ Bonstein, Julia / Dworschak, Manfred u. a. (2009): Nackt unter Freunden. In: SPIEGEL, Nr. 10, 2. 3. 2009, S. 118–131. Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesell schaft lichen Urteils- kraft. Frankfurt / Main: Suhrkamp. Bourdieu, Pierre (1985): Sozialer Raum und „Klassen“. Frankfurt / Main: Suhrkamp. Boyd, Danah (2009): Taken Out of Context. American Teen Sociality in Networked Publics. Dissertation an der University of California. Berkeley. Online verfügbar: www.danah. org/papers/ TakenOutOfContext.pdf. Boyd, Danah / Ellison, Nicole (2007): Social network sites: Definition, history, and scholarship. In: Journal of Computer-Mediated Communication, Jg. 13, Nr. 1, Arti- kel 11. Online verfügbar: http:// jcmc.indiana. edu/vol13/ issue1/ boyd.ellison.html. Brake, David (2008): Shaping the ‚Me‘ in Myspace: The Framing of Profiles on a Social Network Site. In: Lundby, Knut (Hrsg.): Digital Storytelling, Mediatized Stories: Self-Representations in New Media. New York: Peter Lang, S. 285–300. Bruns, Axel (2008): Blogs, Wikipedia, Second Life, and Beyond. From Production to Produsage. New York: Peter Lang. Brynjolfsson, Erik / Hu, Jeffrey Yu/Smith, Michael D. (2006): From Niches to Riches: Anatomy of the Long Tail. In: Sloan Management Review, Jg. 47, Nr. 4, S. 67–71. Bumgarner, Brett (2007): You have been poked: Exploring the uses and gratifications of facebook among emerging adults. In: First Monday, Jg. 12, Nr. 11. Online ver- füg bar: http:// firstmonday. org/ htbin /cgiwrap/ bin /ojs/ index. php/fm/article/view/ 2026/ 1897. Burt, Ronald S. (1992): Structural holes. The social structure of competition. Cambridge, Mass.: HUP Burzan, Nicole (2004): Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Busemann, Katrin /Gscheidle, Christoph: Web 2.0: Communitys bei jungen Nutzern beliebt. In: Media Perspektiven, Nr. 7, S. 356–364. Bush, Vannevar (1945): As we may think. In: Atlantic Monthly, July 1945. Online verfügbar: www.theatlantic. com/doc/194507/ bush. Cabrera Blázquez, Francisco Javier (2008): Portale für nutzer generierte Inhalte und das Urheber recht. In: Iris Plus – Recht liche Rundschau der europäi schen audio- visuellen Informations stelle, 2008–05. Straßburg, S. 2–8. Castells, Manuel (2001): Der Aufstieg der Netz werk gesell schaft. Opladen: Leske + Budrich. Chung, Grace/Grimes, Sara M. (2005): Data Mining the Kids: Surveillance and Market Research Strategies in Children’s Online Games. In: Canadian Journal of Com mu- nication, Jg. 30, S. 527–548. Denzin, Norman K./ Lincoln, Yvonna S. (1994): An Introduction: Entering the Field of Qualitative Research. In: Denzin, Norman K./ Lincoln, Yvonna S. (Hrsg.): Hand- book of Qualitative Research. London/ New Delhi: Thousand Oaks, S. 1–17. 301 Döring, Nicola (2003): Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeu tung des Internet für Kommunikations prozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. 2. vollst. über arbeitete und er weiterte Auflage (erstmals 1999). Göttingen/ Bern u. a.: Hof- grefe. Ebers bach, Anja /Glaser, Markus/ Heigl, Richard (2008): Social Web. Konstanz: UVK. Ebers bach, Anja /Glaser, Markus/ Heigl, Richard / Warta, Alexander (2008): Wiki. Ko- operation im Web. 2. Auflage. Berlin / Heidelberg: Springer. Ellison, Nicole/Steinfield, Charles/ Lampe, Cliff (2007): The benefits of Facebook „friends“: Social capital and college students’ use of online social network sites. In: Journal of Computer-Mediated Communication, Jg. 12, Nr. 4, Artikel 1. Online verfügbar: http:// jcmc.indiana. edu/vol12/ issue4/ellison.html. Erickson, Thomas/ Kellog, Wendy A. (2000): Social Translucence: An approach to designing systems that support social processes. In: ACM Transactions of Computer- Human Interaction, Vol. 7, No. 1, S. 59–83. Erikson, Erik Homburger (1970): Jugend und Krise. Die Psychodynamik im sozialen Wandel. Stuttgart: Klett-Cotta. Ertelt, Jürgen (2008): Netzkultur 2.0. Jugend liche im gobalen Dorf. In: Ertelt, Jürgen/ Röll, Franz Josef: Jugend online als pädagogi sche Herausforde rung. Naviga tion durch die digitale Jugendkultur. München: kopaed, S. 50–58. Ertelt, Jürgen/ Röll, Franz Josef (2008): Jugend online als pädagogi sche Herausforde- rung. Naviga tion durch die digitale Jugendkultur. München: kopaed. Europäi sche Kommission (2009): Safer Social Networking Principles for the EU (vom 10. 2. 2009). Online verfüg bar: ec.europa.eu informa tion_ society/activities/ social_ networking/docs/sn_ principles.pdf. Fey, Gudrun (2007): Kontakte knüpfen und beruf lich nutzen: Erfolg reiches Netz werken. 4. Auflage. Regens burg/ Berlin: Walhalla. Fink, Gabriele/ Kammerl, Rudolf (2001): Virtuelle Identitäten. Ein Ausdruck zeit ge- mäßer Identitäts arbeit? In: medien praktisch, Jg. 25, Nr. 1, S. 10–16. Flammer, August /Alsaker, Francoise (2002): Entwicklungs psychologie der Adoles zenz. Die Erschließung innerer und äußerer Welten im Jugendalter. Bern u. a.: Verlag Hans Huber. Flick, Uwe (2003): Triangula tion. In: Bohnsack, Ralf / Marotzki, Winfried / Meuser, Michael (Hrsg.): Haupt begriffe Qualitativer Sozialforschung. Opladen: Leske + Budrich, S. 161–162. Fox Interactive Media (2007): Neverending Friending. A Journey into Social Net- working. Beverly Hills. Online verfüg bar: creative.myspacecdn. com/groups/ _ms/nef/ images/40161_ nef_ onlinebook.pdf. Fraunhofer-Institut für Sichere Informations technologien SIT (2008): Privat sphären- schutz in Soziale-Netz werke-Platt formen. Darmstadt. Online verfüg bar: http:// www.sit.fraunhofer.de/fhg/ Images/SocNetStudie_ Deu_ Final_ tcm105-132111.pdf. Freiwillige Selbst kontrolle Mediendienste (FSM) (2009): Ver haltens kodex für Betreiber von Social Communities bei der FSM (vom 11. 03. 2009). Online verfüg bar: http:// www.fsm.de/ inhalt. doc/ VK_ Social_ Networks.pdf. Friedewald, Michael (2007): Computer Power to the People! Die Ver sprechungen der Computer-Revolu tion, 1968–1973. In: kommunika tion@gesell schaft, Beitrag 9. On- line verfüg bar: www.soz.uni-frank furt.de/ K.G/ B9_2007_Friedewald.pdf. 302 Fromme, Johannes (2002): Mediensozialisa tion und Medien pädagogik: zum Ver hältnis von informellem und organisiertem Lernen mit Computer und Internet. In: Paus- Haase, Ingrid / Lampert, Claudia /Süss, Daniel (Hrsg.): Medien pädagogik in der Kommunikations wissen schaft. Positionen, Perspektiven, Potenziale. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 155–168. Fuchs, Christian (2009): Social Networking Sites and the Surveillance Society. ICT&S Center Research Report. Salzburg: Universität Salzburg. Online verfüg bar: http:// fuchs.icts.sbg. ac.at /SNS_ Surveillance_ Fuchs.pdf. Gapski, Harald /Gräßer, Lars (2007): Medien kompetenz im Web 2.0 – Lebens qualität als Zielperspektive. In: Gräßer, Lars/ Pohlschmidt, Monika (Hrsg.): Praxis Web 2.0. Potenziale für die Entwick lung von Medien kompetenz. München: kopaed, S. 11–34. Gerhards, Maria / Klingler, Walter/ Trump, Thilo (2008): Das Social Web aus Rezi pien- ten sicht: Motiva tion, Nutzung und Nutzer typen. In: Zerfaß, Ansgar/Welker, Martin / Schmidt, Jan (Hrsg.): Kommunika tion, Partizipa tion und Wirkun gen im Social Web. Band 1: Grundlagen und Methoden – Von der Gesell schaft zum Individuum. Köln: Herbert von Halem, S. 129–138. Gogolin, Ingrid / Lenzen, Dieter (Hrsg.) (1999): Medien-Genera tion. Beiträge zum 16. Kon greß der Deutschen Gesell schaft für Erziehungs wissen schaft. Schriften der Deutschen Gesell schaft für Erziehungs wissen schaft. Opladen: Leske + Budrich. Granovetter, Mark (1973): The strength of weak ties. In: American Journal of Socio- logy, Vol. 78, S. 1360–1380. Graves, Lucas (2007): The affordances of blogging. A case study in culture and tech- nological effects. In: Journal of Communication Inquiry, Vol. 31, No. 4, S. 331–346. Gräßer, Lars/ Pohlschmidt, Monika (Hrsg.): Praxis Web 2.0. Potenziale für die Ent- wick lung von Medien kompetenz. Schriften reihe Medien kompetenz des Landes Nord rhein-West falen, Bd. 7. Düsseldorf: kopaed. Greve, Holger/Schärdel, Florian (2008): Der digitale Pranger – Bewertungsportale im Internet. In: Multimedia und Recht (MMR), S. 644. Grimm, Petra /Rhein, Stefanie/Clausen-Muradian, Elisabeth (2008): Gewalt im Web 2.0. Der Umgang Jugend licher mit gewalthaltigen Inhalten und Cyber-Mobbing sowie die recht liche Einord nung der Problematik. Schriften reihe der NLM, Band 23. Berlin: VISTAS. Grundmann, Matthias (2000): Kindheit, Identitäts entwick lung und Generativität. In: Lange, Andreas/ Lauterbach, Wolfgang (Hrsg.): Kinder in Familie und Gesell schaft zu Beginn des 21sten Jahrhunderts. Stuttgart: Lucius & Lucius, S. 87–104. Haas, Sabine/ Trump, Thilo/Gerhard, Maria /Klingler, Walter (2007): Web 2.0: Nutzung und Nutzer typen. In: Media Perspektiven, Nr. 4, S. 215–222. Online verfüg bar: www.media-perspektiven.de/uploads/ tx_ mppublica tions/04-2007_ Haas.pdf. Hamann, Götz (2007): Soziale Netz werke: Ein Schatz für Werbekunden. In: Die Zeit, Nr. 01, 27. 12. 2007. Online verfüg bar: www.zeit.de/online/2007/52/studivz. Hammwöhner, Rainer (2007): Qualitäts aspekte der Wikipedia. In: Stegbauer, Christian/ Schmidt, Jan /Schönberger, Klaus (Hrsg.): Wikis: Diskurse, Theorien und Anwen- dungen. Sonder ausgabe von kommunika tion@gesell schaft, Jg. 8. Online verfüg bar: www.soz.uni-frank furt.de/ K.G/ B3_2007_ Hammwoehner.pdf. 303 Hasebrink, Uwe/ Domeyer, Hanna (2008): Informations bedarf und Informations suche unter den Vorzeichen cross medialer Nutzung und konvergierender Angebote. For- schungs bericht für das Zweite Deutsche Fernsehen. Hamburg: Hans-Bredow-Institut. Hasebrink, Uwe/Krotz, Friedrich (Hrsg.) (1996): Individuelle Nutzungs muster von Fern- sehzuschauern. In: Hasebrink, Uwe/ Krotz, Friedrich (Hrsg.): Die Zuschauer als Fernsehregisseure? Zum Ver ständnis individueller Zuwendungs- und Rezeptions- muster. Baden-Baden / Hamburg: Nomos (Symposien des Hans-Bredow-Instituts; Bd. 14), S. 116–137. Hasebrink, Uwe/ Lampert, Claudia (2009): Online-Nutzung von Kindern und Jugend- lichen in Europa. Ergebnisse aus dem europäi schen Forschungs verbund EU Kids Online. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, Jg. 4, Nr. 1, S. 27–40. Hasebrink, Uwe/ Livingstone, Sonia / Haddon, Leslie (Hrsg.) (2008): Comparing child- ren’s online opportunities and risks across Europe. Cross-national Comparisons for EU Kids Online, a report for the EC Safer Internet Plus Programme. Online ver- fügbar: www.eukidsonline.net. Hasebrink, Uwe/ Paus-Hasebrink, Ingrid (2007): Young people’s identity construction and patterns of media use and participation in Germany and Austria. In: Dahlgren, Peter (Hrsg.): Young Citizens and New Media: Learning Democratic Engagement. New York / London: Routledge, S. 81–101. Hasebrink, Uwe/ Popp, Jutta (2006): Media Repertoires as a result of selective media use. A conceptual approach to the analysis of patterns of exposure. In: Commu ni- cations, Vol. 31, No. 2, S. 369–387. Havighurst, Robert J. (1972): Developmental tasks and education. 3. Aufl. Erstmals 1953. New York: McKay. Heller, Sven (2008): Anmer kung zu OLG Köln, Urteil vom 27. November 2007 – 15 U 142/07 – spickmich. de. In: Zeitschrift für Urheber- und Medien recht (ZUM), S. 243. Hepp, Andreas (2006): Trans lokale Medien kulturen: Netz werke der Medien und Glo- balisie rung. In: Hepp, Andreas/ Krotz, Friedrich / Moores, Shaun/ Winter, Carsten (Hrsg.): Konnektivität, Netz werk und Fluss. Konzepte gegen wärtiger Medien-, Kom- munikations- und Kulturtheorie. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 43–68. Herring, Susan C. (2008): Questioning the Generational Divide: Technological Exoticism and Adult Constructions of Online Youth Identity. In: Buckingham, David (Hrsg.): Youth, identity, and digital media. Cambridge, Mass.: MIT Press, S. 71–92. Hirschman, Albert (1970): Exit, Voice, and Loyalty: Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Cambridge, Mass.: Harvard University Press. Hoffmann, Dagmar (2008): Kult und Kultur, Spaß oder auch Ernst? Inszenie rung und Kommunika tion in sozialen Online-Netz werken. In: medien+er ziehung, Jg. 52, Nr. 3, S. 16–23. Höflich, Joachim R. (2003): Mensch, Computer und Kommunika tion: Theoreti sche Ver ortungen und empiri sche Befunde. Frankfurt / Main: Peter Lang. Huff, Martin W. (2007): Zur Zulässig keit anonymer Lehrer beno tung im Internet. In: Entschei dungen zum Wirtschafts recht (EWiR), S. 713. Hurrelmann, Klaus (1990): Die Einfüh rung in die Sozialisations theorie. Über den Zu- sammen hang von Sozialstruktur und Persönlich keit. 3. unver. Aufl. Weinheim/ Basel: Beltz Verlag. 304 Internet Safety Technical Task Force (2008): Enhancing child safety and online tech- nologies. Final report to the Multi-State working group on social networking of state attorneys general of the United States. Cambridge. Online verfüg bar: http:// cyber.law.harvard. edu/pubrelease/ isttf. Ito, Mizuko u. a. (2008): Living and Learning with New Media. Summary of Findings from the Digital Youth Project. Whitepaper. Online verfügbar: www.macfound. org/atf/cf/%7BB0386CE3-8B29-4162-8098-E466FB856794%7D/ DML_ ETHNOG_ WHITEPAPER.PDF. Ito, Mizuko u. a. (2009): Hanging Out, Messing Around, Geeking Out: Living and Learning with New Media. Cambridge, Mass.: MIT Press. [Im Druck]. James, Carrie/ Davis, Katie/ Flores, Andrea/ Francis, John M. u. a. (2008): Young people, Ethics, and the New Digital Media: A Synthesis form the Good Play Project. In: GoodWork Project Reports Series, No. 54. Online verfügbar: www. pz.harvard. edu/eBookstore/ PDFs/GoodWork54.pdf. Jansen, Dorothea (2003): Einfüh rung in die Netz werkanalyse. 2. Auflage. Opladen: Leske + Budrich. Jenkins, Henry (2006): Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Edu cation for the 21st Century. Online verfüg bar: www.digitallearning. macfound.org /atf /cf /%7B7E45C7E0-A3E0-4B89-AC9C-E807E1B0AE4E%7D/ JENKINS_ WHITE_ PAPER.PDF. Jones, Steve/ Millermaier, Sarah /Goya-Martinez, Mariana /Schuler, Jessica (2008): Whose Space is MySpace? A content analysis of MySpace profiles. In: First Monday, Jg. 13, Nr. 9. Online verfüg bar: www.uic. edu/ htbin /cgiwrap/ bin /ojs/ index. php/fm/article/view/2202/2024. Jones, Sydney/ Fox, Susannah (2009): Generations Online in 2009. Pew Internet Project Data Memo. Washington: Pew. Online verfüg bar: www.pewinternet. org/~/ media // Files/ Reports/2009/ PIP_ Generations _2009.pdf. Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.) 2000: Jugend 2000. 13. Shell-Jugendstudie. Opladen: Leske + Budrich. Jürgens, Uwe/ Veigel, Ricarda (2007): Zur haftungs minimierenden Gestal tung von „User Generated Content“-Angeboten. In: Archiv für Presserecht (AfP), S. 181. Keen, Andrew (2007): The Cult of the Amateur. How Today’s Internet Is Killing Our Culture. New York: Doubleday. Keuneke, Susanne (2000): Geschlechts erwerb und Medien rezep tion. Zur Rolle von Bil der büchern im Prozeß der frühen Geschlechtersozialisa tion. Opladen: Leske + Budrich. Klingler, Walter (2008): Jugend liche und ihre Medien nutzung 1998 bis 2008. In: Media Perspektiven, Nr. 12, S. 625–634. Online verfüg bar: www.media-perspektiven. de/uploads/ tx_ mppublica tions/ Klingler.pdf. Krämer, Nicole C./ Winter, Stephan (2008): Impression Management 2.0. The relation- ship of self-esteem, extraversion, self-efficacy, and self-presentation within social networking sites. In: Journal of Media Psychology, Jg. 20, Nr. 3, S. 106–116. Krappmann, Lothar (1969): Soziologi sche Dimensionen der Identität. Strukturelle Be- din gungen für die Teilnahme an Interaktions prozessen. Stuttgart: Klett. 305 Krappmann, Lothar (1991): Sozialisa tion in der Gruppe der Gleichaltrigen. In: Hurrel- mann, Klaus/ Ulich, Dieter (Hrsg.): Neues Handbuch der Sozialisations forschung. 4. völlig neu bearb. Aufl. Weinheim/ Basel: Beltz Verlag, S. 355–375. Krotz, Friedrich (2001): Die Mediatisie rung kommunikativen Handelns. Der Wandel von Alltag und sozialen Beziehungen, Kultur und Gesell schaft durch die Medien. Opladen: West deutscher Verlag. Krotz, Friedrich (2007): Mediatisie rung: Fallstudien zum Wandel von Kommunika tion. Wiesbaden: VS-Verlag. Kühling, Jürgen/Seidel, Christian/Sivridis, Anastasios (2008): Daten schutz recht. Frank- furt / Main: UTB Verlag Recht und Wirtschaft. Ladeur, Karl-Heinz (2008): Die Zulässig keit von Lehrer bewer tungen im Internet. In: Recht der Jugend und des Bildungs wesens (RdJB), S. 16. Lampert, Claudia (2005): Grounded Theory. In: Mikos, Lothar/ Wegener, Claudia (Hrsg.): Handbuch Qualitative Medien forschung. Konstanz: UVK/ UTB, S. 516–527. Lanier, Jason (2006): Digital Maoism: The hazards of the new online collectivism. In: Edge, 30. 5. 2006. Online verfüg bar: www.edge. org/3rd_ culture/ lanier06/ lanier06_ index.html. Lenhart, Amanda / Madden, Mary (2007): Teens, Privacy & Online Social Networks. Washington: Pew. Online verfüg bar: www.pewinternet. org/~/media // Files/ Reports/2007/ PIP_ Teens_ Privacy_ SNS_ Report_ Final.pdf.pdf. Lenhart, Amanda / Madden, Mary/ Macgill, Alexandra /Smith, Aaron (2007): Teens and Social Media. Washington: Pew. Online verfüg bar: www.pewinternet. org/~/media // Files/ Reports/2007/ PIP_ Teens_ Social_ Media_ Final.pdf.pdf. Livingstone, Sonia (2008): Taking Risky opportunities in Youthful Content Creation: Teenagers’ Use of Social Networking Sites for Intimacy, Privacy and Self-Expres- sion. In: New Media and Society, Vol. 10, No. 3, S. 393–411. Livingstone, Sonia/Haddon, Leslie (2009): Kurzversion von EU Kids Online: Abschluss- bericht. London. Online verfüg bar: www.hans-bredow-institut.de/webfm_ send/373. Lorenz, Bernd (2008): Informations pflichten bei eBay. In: Zeitschrift für Ver braucher und Recht (VuR), S. 321. Machill, Marcel /Zenker, Martin (2007): YouTube, Clipfish und das Ende des Fern- sehens? Problemfelder und Nutzung von Videoportalen. Berlin: Friedrich-Ebert- Stiftung. Online verfüg bar: http:// library.fes.de/pdf-files/stabs abteilung/05044.pdf. Mansel, Jürgen (1997): „Selbst sozialisa tion“ und Medien gebrauch. In: Medien praktisch. Zeitschrift für Medien pädagogik, 21. Jg., Nr. 4, S. 9–11. Maurer, Tina /Alpar, Paul / Noll, Patrick (2008): Nutzer typen junger Erwachsener in sozialen Online-Netz werken in Deutschland. In: Alpar, Pauls/ Blaschke, Steffen (Hrsg.): Web 2.0 – eine empiri sche Bestands aufnahme. Wiesbaden: Vieweg+Teubner, S. 207–232. McDonald, Kevin (1999): Struggles for Subjectivity. Cambridge: University Press. Mocigemba, Dennis (2006): Warum sie selber senden: Eine Typologie von Sendemodi im Podcasting. In: kommunika tion@gesell schaft, Jg. 7, Beitrag 3. Online verfüg bar: www.soz.uni-frank furt.de/ K.G/ B3_2006_ Mocigemba.pdf. Montgomery, Kathry C. (2007): Generation Digital. Politics, Commerce, and Childhood in the Age of the Internet. Cambridge/ London: MIT Press. 306 MPFS (2008): JIM-Studie 2008. Jugend, Informa tion, (Multi-) Media. Stuttgart. Online verfüg bar: www.mpfs.de fileadmin/JIM-pdf08/JIM-Studie_2008.pdf. MPFS (2009): KIM-Studie 2008. Kinder und Medien, Computer und Internet. Stuttgart. Online verfüg bar: www.mpfs.de/fileadmin/ KIM-pdf08/ KIM08.pdf. Mrazek, Thomas (2008): Deckname Moser. In: journalist, Nr. 6. Online verfüg bar: static.twoday. net /netzjournalist / files/deckname_ moser.pdf. Müller, Renate/Rhein, Stefanie/Glogner, Patrick (2004): Das Konzept musikali scher und medialer Selbst sozialisa tion – wider sprüch lich, trivial, über flüssig. In: Hoffmann, Dagmar/ Merkens, Hans (Hrsg.): Jugendsoziologi sche Sozialisations theorie. Impulse für die Jugendforschung. Weinheim/ München: Juventa, S. 237–252. Münch, Richard (1995): Dynamik der Kommunikations gesell schaft. Frankfurt / Main: Suhrkamp. Münch, Richard/Schmidt, Jan (2005): Medien und sozialer Wandel. In: Jäckel, Michael (Hrsg.): Mediensoziologie. Grundlagen und Forschungs felder. Wiesbaden: VS Verlag, S. 201–218. Neumann-Braun, Klaus (1992): Medien welten – Medien kinder. In der Glitzer welt der Erwachsenen unterhal tung. In: TelevIZIon, 5. Jg., Nr. 2, S. 4–7. Neumann-Braun, Klaus/ Paus-Hasebrink, Ingrid / Hasebrink, Uwe/Aufenanger, Stefan (2004): Marken kind heit und Medien marken. Einfüh rung in ein interdis ziplinäres Forschungs projekt. In: Paus-Hasebrink, Ingrid / Neumann-Braun, Klaus/ Hasebrink, Uwe/Aufenanger, Stefan (Hrsg.): Medien kind heit – Marken kind heit. Untersuchung zur multimedialen Verwer tung von Marken zeichen für Kinder. München: kopaed, Schriften reihe der LPR Hessen, Bd. 18, S. 9–25. Neuss, Norbert (2008): Web 2.0 – Mögliche Gewinner und medien pädagogi sche Heraus- forde rungen. In: Lauffer, Jürgen/ Röllecke, Renate (Hrsg.): Berühmt im Netz? Neue Wege in der Jugendhilfe mit Web 2.0. Bielefeld: GMK. Nielsen, Jakob (2006): Participation Inequality: Encouraging more users to contribute. In: Jakob Nielsen’s Alertbox, 9. 10. 2006. Online verfüg bar: www.useit. com/ alertbox/participa tion_ inequality.html. O’Reilly, Timothy (2005): What is Web 2.0. Design Patterns and Business Models for the Next Generation. Online verfüg bar: www.oreilly. com/pub/a/oreilly/ tim/ news/2005/09/30/what-is-web-20.html. Oerter, Rolf (1995): Kultur, Ökologie und Entwick lung. In: Oerter, Rolf/ Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungs psychologie. Ein Lehrbuch. 3. korrigierte Aufl. Weinheim: Beltz, Psychologie Ver lags Union, S. 84–127. Oerter, Rolf/ Montada, Leo (Hrsg.) (1987): Entwicklungs psychologie. Ein Lehrbuch. 2. völlig neubearb. u. erw. Aufl. Weinheim: Beltz, Psychologie Ver lags Union. OFCOM (2008): Social Networking. A quantitative and qualitative research report in to attitudes, behaviours and use. Online verfüg bar: www.ofcom.org.uk/advice/ media_ literacy/medlitpub/medlitpubrss/socialnetworking/report.pdf. Opaschowski, Horst W. (1999): Genera tion @. Die Medien revolu tion ent lässt ihre Kinder. Leben im Informations zeitalter. Hamburg: German Press. Ott, Stephan (2006): Ich will hier rein! Suchmaschinen und das Kartell recht. In: Multimedia und Recht (MMR), S. 195. Ott, Stephan (2009): Das Internet ver gisst nicht – Rechts schutz für Suchobjekte? In: Multimedia und Recht (MMR), S. 158. 307 Palfrey, John/Gasser, Urs (2008): Genera tion Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben – Was sie denken – Wie sie arbeiten. München: Hanser. Pascoe, CJ (2009): Intimacy. In: Ito, Mizuko u. a. (Hrsg.): Hanging Out, Messing Around, Geeking Out: Living and Learning with New Media. Cambridge: MIT Press. [Im Druck]. Paus-Haase, Ingrid (1998): Helden bilder im Fernsehen und ihre Symbolik. Zur Bedeu- tung von Serienfa voriten in Kindergarten, Peer-Group und Kinderfreund schaften. Opladen: West deutscher Verlag. Paus-Haase, Ingrid (2000): Identitäts genese im Jugendalter. Zu den Koordinaten des Aufwachsens vor dem Hintergrund ver änderter gesell schaft licher Bedin gungen – eine Herausforde rung für die Jugendforschung. In: Kleber, Hubert (Hrsg.): Span- nungs feld Medien und Erziehung. Medien pädagogi sche Perspektiven. München: kopaed, S. 55–81. Paus-Haase, Ingrid / Hasebrink, Uwe/ Mattusch, Uwe/ Keuneke, Susanne/ Krotz, Fried- rich (1999): Talks hows im Alltag von Jugend lichen. Der tägliche Balanceakt zwi- schen Orientie rung, Amüsement und Ableh nung. Schriften reihe Medien forschung der Landes anstalt für Rundfunk Nordrhein-West falen (LfR), Bd. 32. Opladen: Leske + Budrich. Paus-Hasebrink, Ingrid (2004a): Eines schickt sich nicht für alles. Zum Modell der Triangula tion. In: Medien Journal, 2 (Themenheft: Ansätze und Problemfelder empi ri scher Sozialforschung), S. 4–10. Paus-Hasebrink, Ingrid (2004b): Inszenierter Alltag. Das Phänomen Taxi Orange. Produkt- und Rezeptions analysen. Wien: Österreichi scher Kunst- und Kultur verlag (unter Mitarbeit von Eva Hammerer und Tanja Jadin sowie Sebastian Bollig, Marco Pointecker, Claudio Ruggieri, Anja Sindermann). Paus-Hasebrink, Ingrid (2007): Lebens-Herausforde rungen: Medien umgang und Ent- wick lungs aufgaben. Vortrag bei der interdis ziplinären Experten- und Expertinnen- Tagung zu Wahl und Abwahl von Medien. 22.–23. 6. 2007 in Lüneburg. Unver- öffentl. Manus kript. Paus-Hasebrink, Ingrid (2009): Zur Relevanz von sozialer Ungleich heit im Kontext der Mediensozialisations forschung. In: Medien Pädagogik, Themenheft Nr. 17: Medien und soziokulturelle Unterschiede. 20. 5. 2009. Online verfüg bar: www. medienpaed.com/17/paus-hasebrink0905.pdf. Paus-Hasebrink, Ingrid / Bichler, Michelle (2008): Mediensozialisations forschung – Theo reti sche Fundie rung und Fall beispiel sozial benachteiligte Kinder. Wien/Inns- bruck: Studien verlag. Paus-Hasebrink, Ingrid /Jadin, Tanja / Wijnen, Christine (2007): Lernen mit Web 2.0. Aktualisierter Bericht zur Evalua tion des Projekts „Web 2.0-Klasse“. Online ver- füg bar: www.telekom.at /Content.Node/verantwortung/sponsoring/projekte/ web20klasse-evaluations bericht.pdf. Paus-Hasebrink, Ingrid / Wijnen, Christine/ Jadin, Tanja (2009): Opportunities of Web 2.0: Potentials of Learning. In: International Journal of Media & Cultural Politics. [Im Druck]. Paus-Hasebrink, Ingrid / Lampert, Claudia / Hammerer, Eva / Pointecker, Marco (2004): Medien, Marken, Merchandising in der Lebenswelt von Kindern. In: Paus- Hasebrink, Ingrid / Neumann-Braun, Klaus/ Hasebrink, Uwe/Aufenanger, Stefan: 308 Medien kind heit – Marken kind heit. Untersuchungen zur multimedialen Verwer tung von Marken zeichen für Kinder. Schriften reihe der LPR Hessen Bd. 18. München: kopaed, S. 35–184. Peifer, Karl-Nikolaus/ Kamp, Johannes (2009): Daten schutz und Persönlichkeits- recht – Anwen dung der Grundsätze über Produkt kritik auf das Bewertungs portal „spickmich. de“. In: Zeitschrift für Urheber- und Medien recht (ZUM), S. 185. Pentzold, Christian (2007): Wikipedia. Diskussions raum und Informations speicher im neuen Netz. München: Reinhard Fischer. Plog, Philipp/ Bandehzadeh, Mona (2008): Anmer kung zum Urteil des OLG Köln, Urteil vom 27. 11. 2007, Az. 15 U 142/07 – Lehrer-Bewer tung im Internet. In: Kom- munikation und Recht (K&R), S. 40. Poole, Marshall Scott / DeSanctis, Gerardine (1992): Microlevel Structuration in Com- puter-Supported Group Decision Making. In: Human Communication Research, Vol. 19, No. 1, S. 5–49. Prensky, Marc (2001): Digital Natives, Digital Immigrants. On the Horizon. NCB University Press, Vol. 9, No. 5, December 2001. Online verfüg bar: www. marcprensky. com /writing / Prensky%20-%20Digital%20Natives,%20Digital%20 Immigrants%20-%20Part1.pdf. Rager, Günther/Sehl, Annika (2008): Chats, Videos und Communities. Wie Jugend- liche das Internet nutzen. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung. Online verfüg bar: http:// library.fes.de/pdf-files/stabs abteilung/06048.pdf. Rauchfuß, Katja (2008): Abschluss bericht der Recherche zu Pro-Anorexie-Angeboten. Mainz. Online verfüg bar: www.jugendschutz. net /pdf/ bericht_ pro-ana.pdf. Renz, Florian (2007): Praktiken des Social Networking: Eine kommunikations sozio- logi sche Studie zum online-basierten Netz werken am Beispiel von openBC (XING). Boizen burg: VWH. Rheingold, Howard (1994): Virtuelle Gemein schaft. Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers. Bonn: Addison Wesley. Rogg, Arne (Hrsg.) (2003): Wie das Internet die Politik ver ändert. Einsatz möglich- keiten und Auswir kungen. Opladen: Leske + Budrich. Röll, Franz Josef (2008): Die coole Jugend. Der Umgang mit Wahrnehmungs gewohn- heiten im digitalen Zeitalter. In: MedienConcret, Juni 2008, S. 14–18. Rosen, Jay (2006): The People Formerly Known as the Audience. In: Press Think, 27. 6. 2006. Online verfüg bar: http: // journalism.nyu. edu /pubzone/weblogs / pressthink /2006/06/27/ppl_frmr.html. Rosen mayr, Leopold (1985): Wege zum Ich vor bedrohter Zukunft. Jugend im Spiegel multidis ziplinärer Forschung und Theorie. In: Soziale Welt, Jg. 36, Nr. 1, S. 274– 298. Salisch, Maria, von (2000): Peer-Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung. In: Amelang, Manfred (Hrsg.): Determinanten individueller Differenzen. Bd. 4 der Reihe Differentielle Psychologie in der Enzyklopädie der Psychologie. Göttingen: Hogrefe, S. 345–405. Salisch, Maria, von (2007a): Welchen Einfluss haben Peers auf Verhaltensauffällig- keiten im Kindes- und Jugendalter? In: Gasteiger-Klicpera, Barbara /Julius, Henri / Klicpera, Christian (Hrsg.): Handbuch der Sonderpädagogik. Band 3, Sonder päda- go gik der sozialen und emotionalen Entwicklung. Göttingen: Hogrefe, S. 98–111. 309 Salisch, Maria, von (2007b): Freundschaften und ihre Folgen. In: Hasselhorn, Marcus/ Schneider, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch der Entwicklungspsychologie. Göttingen: Hogrefe, S. 336–346. Sander, Ekkehard/ Lange, Andreas (2008): „Die Jungs habe ich über die Lokalisten kennen gelernt“. Virtuelle Freund schaften oder Intensivie rung der örtlichen Vernet- zung unter Gleichaltrigen? In: medien+er ziehung, Jg. 52, Nr. 3, S. 24–31. Scheddin, Monika (2009): Erfolgs strategie Networking. 3. Auflage. München: Allitera. Scherr, Albert (2004): Selbst sozialisa tion in der polykontexturalen Gesell schaft. Primat des Objektiven oder Autopoiese psychi scher Probleme? In: Hoffmann, Dagmar/ Merkens, Hans (Hrsg.): Jugendsoziologi sche Sozialisations theorie. Impulse für die Jugendforschung. Weinheim/ München: Juventa, S. 221–235. Schimank, Uwe/ Volkmann Ute, (Hrsg.) (2007): Soziologi sche Gegenwarts diagnosen I. Eine Bestands aufnahme. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag. Schmidt, Jan (2006): Weblogs. Eine kommunikations soziologi sche Studie. Konstanz: UVK. Schmidt, Jan (2009a): Braucht das Web 2.0 eine eigene Forschungs ethik? In: Zeitschrift für Kommunikations ökologie und Medienethik, Nr. 1/2009. [Im Druck]. Schmidt, Jan (2009b): Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0. Konstanz: UVK. [Im Druck]. Schmidt, Jan / Lampert, Claudia /Schwinge, Christiane (2009): Nutzungs praktiken im Social Web – Impulse für die medien pädagogi sche Diskussion. In: Herzig, Bardo et al. (Hrsg.): Jahrbuch Medien pädagogik 8 – Medien kompetenz und Web 2.0. Wies baden. [Im Druck]. Schmidt, Sieg fried (2003): Medien entwick lung und gesell schaft licher Wandel. In: Behmer, Markus (Hrsg.): Medien entwick lung und gesell schaft licher Wandel. Bei- träge zu einer theoreti schen und empiri schen Herausforde rung. Wiesbaden: West- deutscher Verlag, S. 135–152. Schnabel, Christoph (2008): Das Recht am eigenen Bild und der Daten schutz. In: Zeit- schrift für Urheber- und Medien recht (ZUM), S. 657. Scholz, Philipp (2003): Daten schutz beim Internet-Einkauf. Baden-Baden: Nomos. Schorb, Bernd/ Keilhauer, Jan / Würfel, Maren/ Kießling, Matthias (2008): Medienkon- vergenz Monitoring Report 2008. Jugend liche in konvergierenden Medien welten. Leipzig. Online verfüg bar: www.uni-leipzig.de/~umfmed/ Medienkonvergenz_ Monitoring_ Report08.pdf. Schorb, Bernd/ Würfel, Maren/Kießling, Matthias/Keilhauer, Jan (2009): YouTube und Co. – neue Medien räume Jugend licher. Medienkon vergenz Monitoring Videoplatt- formen-Report 2009. Leipzig. Online verfüg bar: www.uni-leipzig.de/%7 Eumfmed/ MeMo_ VP09.pdf. Schrock, Andrew/ Boyd, Danah (2008): Online Threats to Youth: Solicitation, Harass- ment, and Problematic Content. Anhang C zum Bericht der Internet Safety Techni- cal Task Force. Cambridge. Online verfüg bar: cyber.law.harvard. edu/sites/ cyber.law.harvard. edu / files / ISTTF_ Final_ Report-APPENDIX_ C_ Lit_ Review_ 121808.pdf. Schulmeister, Rolf (2008): Gibt es eine „Net-Genera tion“? Ver sion 2.0. Universität Ham- burg. Online verfüg bar: www.zhw.uni-hamburg.de/uploads/schulmeister-net- genera tion_ v2.pdf. 310 Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnis gesell schaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt / New York: Campus. Schulz-Schaeffer, Ingo (2000): Sozialtheorie der Technik. Frankfurt /New York: Cam pus. Schwenke, Matthias Christoph (2006): Individualisie rung und Daten schutz. Rechts- konformer Umgang mit personen bezogenen Daten im Kontext der Individualisie- rung. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag. Simmel, Georg (1992): Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Ver gesell- schaf tung. Erstmals 1908. Frankfurt / Main: Suhrkamp. Smith, Gene (2008): Tagging. People-Powered Metadata for the Social Web. Berkeley: New Riders. Spinner, Helmut F. (1998): Informations gesell schaft. In: Schäfers, Bernhard / Zapf, Wolf gang (Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesell schaft Deutschlands. Opladen: Leske + Budrich, S. 313–325. Stegbauer, Christian (2001): Grenzen virtueller Gemein schaft. Strukturen internet- basier ter Kommunikations foren. Wiesbaden: VS-Verlag. Stegbauer, Christian (2008): Die Bedeu tung des Positionalen. Netz werk und Beteili- gung am Beispiel von Wikipedia. In: Ders. (Hrsg.): Netz werkanalyse und Netz werk- theorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissen schaften. Wiesbaden: VS Verlag. S. 191–200. Stegbauer, Christian/Rausch, Alexander (2001): Die schweigende Mehrheit – „Lurker“ in internetbasierten Diskussions foren. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 30, Nr. 1, S. 47–64. Steinmaurer, Thomas (2003): Medialer und gesell schaft licher Wandel. Skizzen zu einem Modell. In: Behmer, Markus (Hrsg.): Medien entwick lung und gesell schaft- licher Wandel: Beiträge zu einer theoreti schen und empiri schen Herausforde rung. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 103–120. Sunstein, Cass (2006): Infotopia. How many minds produce knowledge. Oxford: OUP. Surowiecki, James (2004): The Wisdom of Crowds. Why the many are smarte than the few and how collective wisdom shapes business, economies, societies and nations. New York: Doubleday. TACD (2009): Resolution on Social networking. Infosoc 39–09. May 2009. London. Online verfügbar: www.tacd. org/index2.php?option= com_ docman&task=doc_ view&gid=208&Itemid=40. Tapscott, Don (1995): The Digital Economy: Promise and Peril In The Age of Net- worked Intelligence. New York: McGraw-Hill. Tapscott, Don (1998): Net Kids. Die digitale Genera tion erobert Wirtschaft und Gesell- schaft. Wiesbaden: Gabler. Theunert, Helga / Wagner, Ulrike (Hrsg.) (2002): Medienkon vergenz: Angebot und Nutzung. Eine Fach diskussion. München: Reinhard Fischer. Tipp, Anika (2008): Doing being present. Instant Messaging aus interaktionssoziologi- scher Perspektive. In: Stegbauer, Christian/Jäckel, Michael (Hrsg.): Social Software. Formen der Koopera tion in computerbasierten Netz werken. Wiesbaden: VS Verlag, S. 175–193. Toffler, Alvin (1980): The Third Wave. New York: Bantam. Tönnies, Ferdinand (1991): Gemeinschaft und Gesellschaft: Grundbegriffe der reinen Soziologie. 8. Aufl. der 1935, 3. unveränderten Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 311 Valken burg, Patti M./ Peter, J./Schouten, Alexander, P. (2005): Friend Networking Sites and their Relations hip to Adolescents. In: CyberPsychology and Behavior, Vol. 9, S. 585–590. Van Eimeren, Birgit / Frees, Beate (2009): der Internetnutzer 2009 – multimedial und total ver netzt? In: Media Perspektiven, Nr. 7, S. 334–348. Von Hentig (1975): Allgemeine Lernziele der Gesamtschule. In: Deutscher Bildungs- rat: Gutachten und Studien der Bildungs kommission Bd. 12. Lernziele der Gesamt- schule. 4. unver. Aufl. Stuttgart: Ernst Klett Verlag. Wagner, Ulrike/ Brüggen, Niels/Gebel, Christa (2009): Das Internet als Rezeptions- und Präsentations platt form: Analyse jugendnaher Platt formen und aus gewählter Selbst darstel lungen von 14- bis 20-Jährigen. Ergebnis bericht zur ersten Projekt- phase. München. Online verfüg bar: www.jff.de/dateien / Bericht_ Web_2.0_ Selbst darstel lungen_JFF_2009.pdf. Wagner, Ulrike/ Theunert, Helga (Hrsg.) (2006): Neue Wege durch die konvergente Medien welt. München: Verlag Reinhard Fischer. Wagner, Ulrike/ Theunert, Helga /Gebel, Christa / Lauber, Achim (2004): Zwischen Ver ein nah mung und Eigensinn – Konvergenz im Medienalltag Heranwachsender. München: Verlag Reinhard Fischer. Walther, Joseph B./ Van der Heide, Brandon / Kim, Sang-Yeon / Westerman, David / Tom Tong, Stephanie (2008): The Role of Friends’ Appearance and Behavior on Evaluations of Individuals on Facebook: Are we Known by the Company We Keep? In: Human Communication Research, Vol. 34, S. 28–49. Weiß, Ralph (1997): Auf der Suche nach kommunikativen Milieus. Plädoyer für eine sozialstrukturell interessierte Fragehaltung der Nutzungsforschung. In: Scherer, Helmut / Brosius, Hans-Bernd (Hrsg.): Zielgruppen, Publikkumssegmente, Nutzer- gruppen. Beiträge aus der Rezeptionsforschung. München: Reinhard Fischer, S. 239–261. Wellman, Barry (2001): Physical Place and Cyber Place: The Rise of Networked Individualism. In: International Journal of Urban and Regional Research, Jg. 25, Nr. 2, S. 227–252. Weymann, Ansgar (1998): Sozialer Wandel. Theorien zur Dynamik der modernen Gesell schaft. Weinheim/ München: Juventa. Wieschowski, Sebastian (2007): Studenten demonstrieren gegen das SchnüffelVZ. In: Spiegel Online, 18. 12. 2007. Online verfüg bar: www.spiegel.de/netzwelt /web/ 0,1518,523906,00.html. Wilson, Ernerst J. (2005): What is Internet Governance and Where does it Come From? In: Journal of Public Policy, No. 1, S. 25. Wittel, Andreas (2006): Auf dem Weg zu einer Netz werk-Sozialität. In: Hepp, Andreas/ Krotz, Friedrich / Moores, Shaun/ Winter, Carsten (Hrsg.): Konnektivität, Netz werk und Fluss. Konzepte gegen wärtiger Medien-, Kommunikations- und Kulturtheorie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissen schaften, S. 163–188. Zimbardo, Philip G./Gerrig, Richard J. (2004): Psychologie. 16. Aufl. München: Pearson Studium. Zscherpe, Kerstin A. (2004): Anforde rungen an die daten schutz recht liche Einwilli gung im Internet. In: Multimedia und Recht (MMR) 2004, S. 723. 313 11 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbil dung 1.1: Analysemodell für Praktiken der Social Web-Nutzung . . . . . 29 Abbil dung 1.2: Übersicht über den Gegen stands bereich . . . . . . . . . . . . . 39 Abbil dung 2.1: Übersicht über die Untersuchungs module . . . . . . . . . . . . 41 Abbil dung 2.2: Probanden auswahl für die qualitative Teilstudie . . . . . . . . . 46 Abbil dung 3.1: Nutzer typen im Web 2.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Abbil dung 3.2: Beispiel hafte Profilseite auf einer Netz werk platt form (meinVZ) 70 Abbil dung 3.3: Profildaten und damit ver bundene Nutzer aktionen . . . . . . . 72 Abbil dung 3.4: Beispiel hafte Optionen für Privatsphäre-Einstel lungen (Facebook) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Abbil dung 3.5: Beispiel hafte Szenarien im Zusammen hang mit Privatsphären- Einstel lun gen (Netlog) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Abbil dung 3.6: Schemati sche Darstel lung der Vertei lung von Aufmerksam keit im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Abbil dung 3.7: Beispiel hafte Tag Cloud (Mister Wong) . . . . . . . . . . . . . 82 Abbil dung 4.1: Häufig keit der SNS-Nutzung nach Alter (Mittelwerte über eine Skala von 1 = täglich bis 7 = nie) . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Abbil dung 4.2: SNS-Nicht-Nutzer, Nutzer ohne eigenes Profil sowie Nutzer mit einem oder mehreren Profilen nach Alters gruppen (in %) 108 Abbil dung 5.1: Häufig keit der Nutzung von Online-Communities nach Alter und formaler Bildung (Mittelwerte über eine Skala von 1 = täglich bis 7 = nie) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Abbil dung 5.2: Häufig keit des Besuchs von zehn aus gewählten Online- Communities nach Alter und formaler Bildung . . . . . . . . . 125 Abbil dung 5.3: Anteil der Nutzer typen in den drei Bildungs gruppen (in %) . . 128 Abbil dung 5.4: Anteile der SNS-Nutzer typen an den Schul besuchs- bzw. Berufstätigkeits gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Abbil dung 5.5: Anteile der SNS-Nutzer typen unter Befragten mit und ohne Migrations hintergrund (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Abbil dung 6.1: Profilseite eines SchülerVZ-Nutzers . . . . . . . . . . . . . . . 212 Abbil dung 6.2: Profilseite eines MySpace-Nutzers . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Abbil dung 6.3: Profilseite eines YouTube-Nutzers . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Abbil dung 6.4: Profilseite eines MyVideo-Nutzers . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Abbil dung 6.5: Profilseite eines registrierten Wikipedia-Nutzers . . . . . . . . 239 314 Abbil dung 7.1: Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten nach SNS-Nutzer typen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Tabellen Tabelle 1.1: Entwicklungs perioden und Entwicklungs aufgaben . . . . . . . . 22 Tabelle 1.2: Korrespondenz von Entwicklungs aufgaben und Handlungs - komponenten im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Tabelle 2.1: Zusammen stel lung der Probanden für die Gruppen diskussionen 46 Tabelle 2.2: Überblick über die Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Tabelle 3.1: Entwick lung der gelegent lichen und regelmäßigen Nutzung von Web 2.0-An wen dungen (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 Tabelle 3.2: Nutzung von Web 2.0-Anwen dungen nach Alter und Geschlecht (zumindest selten; in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Tabelle 4.1: Internet-Nutzungs dauer nach Geschlecht und Alter (in Minuten) 85 Tabelle 4.2: Ort der Internet-Nutzung nach Alters gruppen . . . . . . . . . . . 85 Tabelle 4.3: Häufig keit der meist genutzten Internetaktivitäten nach Geschlecht (täglich /mehrmals pro Woche, in %) . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Tabelle 4.4: Häufig keit ver schiedener Aktivitäten im Umgang mit dem Social Web (täglich /mehrmals pro Woche; Spalten prozente) . . . 87 Tabelle 4.5: Zahl der zumindest gelegent lich genutzten Internet-Anwen dungen 88 Tabelle 4.6: Lieblings angebote im Internet bei offener Fragestel lung (bis zu drei Antworten möglich; Angaben in % der Fälle) . . . . 89 Tabelle 4.7: Art der Lieblings angebote im Internet (in % aller Befragten) . . 90 Tabelle 4.8: Häufig keit der Nutzung ver schiedener Anwendungs typen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Tabelle 4.9: Beschrei bung der vier Internet-Nutzer typen (Cluster) . . . . . . . 95 Tabelle 4.10: Einstel lungen gegen über und Erfah rungen mit dem Internet nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Tabelle 4.11: Einstellungs dimensionen zum Internet nach Geschlecht und Alter 100 Tabelle 4.12: Einstellungs dimensionen zum Internet nach Clustern der Internet- nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Tabelle 4.13: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Geschlecht und Alter (Befragte, die an geben, die betreffenden Erfah rungen bereits gemacht zu haben; in % der Befragten) . . . . . . . . . . 102 Tabelle 4.14: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Nutzer typ (in % der Befragten) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Tabelle 4.15: Häufig keit negativer Erfah rungen mit dem Internet (in % der Befragten, die bereits ent sprechende Erfah rungen hatten) . . . . 103 Tabelle 4.16: Risiko erfah rung nach Geschlecht und Alter (Mittelwerte) . . . . 103 Tabelle 4.17: Nutzung der reichweiten stärksten Social Web-Angebote (mindestens einmal pro Woche; in %) . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tabelle 4.18: Gruppen, die sich in der Zusammen setzung ihrer Kontakt - netz werke unter scheiden (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 315 Tabelle 4.19: Häufig keit von Aktivitäten im Zusammen hang mit dem eigenen Profil auf der meist genutzten Online-Community nach Geschlecht und Alter (Mittelwerte; Basis: Befragte, die ein eigenes Profil ein gerichtet haben) . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Tabelle 4.20: Einstel lungen zum Umgang mit privaten Informa tionen beim Umgang mit Online-Communities nach Geschlecht und Alter . . 113 Tabelle 4.21: Einstellungs dimensionen beim Umgang mit dem eigenen Profil nach Geschlecht und Alter (Mittlere Faktorwerte) . . . . . . . . . 115 Tabelle 4.22: Umgang mit SNS in Abhängig keit vom Nutzer typ . . . . . . . . 117 Tabelle 5.1: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Bildung (in %) . . . 123 Tabelle 5.2: Aktivitäts dimensionen bezogen auf das eigene Profil sowie Einstellungs dimen sionen zum Umgang mit Online-Communities nach formaler Bildung (Mittel werte über Faktorwerte) . . . . . . 126 Tabelle 5.3: Einstel lungen zum Umgang mit Online-Communities nach formaler Bildung (Mittelwerte) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Tabelle 5.4: Negative Erfah rungen mit dem Internet nach Schul besuch bzw. Berufstätig keit (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Tabelle 5.5: Übersicht über die Auswertungs dimensionen . . . . . . . . . . . 155 Tabelle 5.6: Übersicht über die Zuord nung zu Handlungs typen . . . . . . . . 157 Tabelle 6.1: Ausgewählte Netz werk platt formen im Überblick . . . . . . . . . 208 Tabelle 6.2: Regelmäßige Netz werk platt form-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) 209 Tabelle 6.3: Anteile der SNS-Nutzer typen (in % der Personen, die die Platt form mind. 1 ×/Woche nutzen) . . . . . . . . . . . . . . . . 210 Tabelle 6.4: Kategorien für den Beziehungs status bei Netz werk platt formen . . 214 Tabelle 6.5: Standardeinstel lungen für privatsphärerelevante Optionen . . . . 216 Tabelle 6.6: Ausgewählte Instant-Messaging-Dienste im Überblick . . . . . . 224 Tabelle 6.7: Regelmäßige Instant-Messaging-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) 225 Tabelle 6.8: Ausgewählte Videoplatt formen im Überblick . . . . . . . . . . . 229 Tabelle 6.9: Regelmäßige Videoplatt form-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) . . 230 Tabelle 6.10: Merkmale der Wikipedia im Überblick . . . . . . . . . . . . . . 238 Tabelle 6.11: Regelmäßige Wikipedia-Nutzer (mind. 1 ×/ Woche; in %) . . . . 238 Tabelle 7.1: Medien bezogene Tätig keiten in der Freizeit (Befragte, die an geben, die be tref fende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 Tabelle 7.2: Korrela tionen zwischen Nutzungs häufig keiten ver schiedener Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 Tabelle 7.3: Durchschnitt liche Nutzungs dauer für Fernsehen, Radio, Internet, Konsolen spiele und Online-Spiele (in Minuten pro Tag, Montag bis Sonntag) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Tabelle 7.4: Korrela tionen zwischen den Nutzungs dauern ver schiedener Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Tabelle 7.5: Beschrei bung der Medien repertoires und der soziodemographi - schen Merkmale von sechs Nutzer typen . . . . . . . . . . . . . . 249 Tabelle 7.6: Häufig keit ver schiedener Aktivitäten im Umgang mit dem Social Web bei ver schiedenen Nutzer typen (täglich /mehrmals pro Woche; in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 316 Tabelle 7.7: Anteile der SNS-Nutzer typen an den Medien repertoire-Typen (in %) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Tabelle 7.8: Eignung ver schiedener Medien für ver schiedene Funktionen (in % aller Be fragten, n = 650) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 Tabelle 7.9: Häufig keiten kommunikativer Aktivitäten (Befragte, die an geben, die be tref fende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) . . 256 Tabelle 7.10: Summen index für die Vielfalt und Häufig keit der kommunikativen Aktivitäten (Mittelwerte) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Tabelle 7.11: Häufig keiten kommunikativer Aktivitäten bei ver schiedenen SNS-Nutzer typen (Befragte, die an geben, die betreffende Tätig keit „täglich“ auszu üben; Spalten prozente) . . . . . . . . . . 258 Tabelle 7.12: Eignung ver schiedener Kommunikations mittel für konkrete soziale Situa tio nen (in % aller Befragten, n = 650) . . . . . . . . 260 Tabelle 7.13: Durchschnitt liche Zahl der Situa tionen, in denen die Kommuni- kations mittel für besonders gut oder gar nicht geeignet gehalten werden (Summen wert über zehn Situa tionen) . . . . . . . . . . . 260 Tabelle 9.1: Kategorisie rung von Chancen und Risiken der Internetnut zung . 277 Tabelle 9.2: Überblick über situations übergreifende Risikobereiche des Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 317 Anhang Anhang A1: Screening-Fragebogen für die qualitative Teilstudie Straße, Hausnummer: _____________________________________________________________ Postleitzahl, Ort: _________________________________________________________________ Telefonnummer: __________________________________________________________________ 1) Geschlecht: männlich weiblich 2) Alter: __________________ Jahre 3) Staatsangehörigkeit:_____________________________________________________ 4) Gehst Du noch zur Schule? Ja (weiter mit Frage 4a) Nein (weiter mit Frage 4b & c) 4a) Welchen Schultyp besuchst Du (dann weiter mit Frage 5)? Hauptschule Realschule Gymnasium Sonderschule Sonstiges: _____________________ 4b) Welcher Tätigkeit gehst Du zurzeit nach? Auszubildende/r Berufstätig Arbeitslos 4c) Welchen Schulabschluss hast Du gemacht? Hauptschule Realschule Gymnasium Sonderschule Sonstiges:_________________________ 5) Welche Personen leben bei Dir zu Hause? (bitte zutreffendes ankreuzen) Mutter Vater Bruder/Brüder (Alter: ___________) Schwester/n (Alter ____________) Großmutter Großvater 318 Lebenspartner der Mutter (wenn nicht leiblicher Vater) Lebenspartner des Vaters (wenn nicht leibliche Mutter) Stiefgeschwister (Geschlecht, Alter: ___________________________________) Andere Verwandte: ________________________________________________ Sonstige Mitbewohner: _____________________________________________ 6a) Welchen Schulabschluss hat Deine Mutter? Hauptschule Realschule Gymnasium Sonderschule Sonstiges:_____________________________________ Ich weiß es nicht 6b) Welchen Schulabschluss hat Dein Vater? Hauptschule Realschule Gymnasium Sonderschule Sonstiges: _____________________________________ Ich weiß es nicht. 7a) Welchen Beruf übt Deine Mutter (bzw. weibliche Erziehungsperson) aus? _________________________________________________________________________ 7b) Welchen Beruf übt Dein Vater (bzw. männliche Erziehungsperson) aus? __________________________________________________________________________ 8) Hast Du zu Hause Zugang zum Internet? Ja Nein 319 9) Wie oft nutzt Du folgende Internetanwendungen? sehr oft oft manchmal selten nie kenne ich nicht Social Networking Sites (z.B. MySpace, SchülerVZ, StudiVZ) Bilder online zur Verfügung stellen (z.B. auf Flickr) Einen eigenen Weblog führen Weblogs anderer lesen An einer eigenen Homepage arbeiten In Wikis lesen (z.B. in Wikipedia) In Wikis schreiben (z.B. in Wikipedia) Online-Radio hören (z.B. Last.fm; Emap.fm, Surfmusik.de) Eigene Videos online stellen (z.B. auf YouTube, MyVideo, Vodcasts) Videos ansehen bzw. downloaden (z.B. von YouTube, MyVideo, Vodcasts) Eigene Audiobeiträge online zur Verfügung stellen (z.B. Podcasts) Audiobeiträge anhören bzw. downloaden (z.B. Podcasts) Online-Spiele (Single Modus) Online-Spiele (Multiplayer Modus) Chatten Instant Messaging (z.B. MSN, ICQ, AOL, Skype) Übers Internet telefonieren (z.B. mit Skype oder VOIP) An Foren/Boards teilnehmen Einkaufen, Stöbern (z.B. auf eBay, Amazon) Dinge Verkaufen (z.B. auf eBay) Sich in virtuellen Welten bewegen (z.B. Second Life) 320 Anhang A2: Leitfäden für die Gruppendiskussionen und Einzelinterviews Die Leitfäden wurden in der Art ihrer Ansprache auf die jeweiligen Altersgruppen zugeschnitten. 1 Leitfaden für die Gruppendiskussionen Bei den Gruppendiskussionen ist darauf zu achten, ob die Proband(inn)en miteinander befreundet sind, zudem ist eine altersspezifische Ansprache nötig. a) Einstiegsszenarien zu Beginn der Gruppendiskussionen: Stellt Euch einmal vor, wie wäre die Welt, wenn es das Internet nicht geben würde? o Wie würde Euer Alltag ohne Internet aussehen? Was tust Du, nachdem Du den Computer eingeschaltet hast? b) allgemeine Mediennutzung: Wie geht Ihr allgemein mit Medien um (TV, Radio etc.)? o Welche Rolle spielen Medien in Eurem Alltag? o Was ist Euer Lieblingsmedium? o Hat die Wahl Eurer Freunde etwas mit Eurer Mediennutzung zu tun? o Tauscht Ihr Euch mit Euren Freunden über Medien aus? Welche Rolle spielt das Internet in Eurem Alltag? o Welchen Stellenwert hat es im Vergleich zu anderen Medien? Wie nutzt Ihr das Internet / von wo greift Ihr auf das Internet zu? o Nutzt Ihr das Internet auch über das Handy? o Wenn ja, welche Vorteile hat das? o Wenn nein, warum nicht? c) Internetnutzung / Nutzung von Social Web-Anwendungen: Wenn Ihr ins Internet geht, was macht Ihr da so? o Wozu braucht Ihr das Internet? o Was ist für Euch das Wichtigste im Internet? / Welche Funktionen stehen für Euch dabei im Vordergrund? o Was sind Eure Lieblingsseiten im Internet? Wie sieht das aus, wenn es um Kontakte zu Freunden geht? Welche Rolle spielt da das Internet für Euch? Gezielt nachfragen (wenn nicht schon beantwortet) Wenn Ihr etwas wissen wollt, was tut Ihr dann? Welche Rolle spielt da das Internet für Euch? Zeigt Ihr Euch anderen im Internet? Wie macht Ihr das? Wollt Ihr da erkennbar sein? Oder gerade nicht, d.h. stellt Ihr Euch da als jemand Anderer vor? Oder geht Ihr auch anonym vor? Wie findet Ihr das, wenn sich jemand im Internet nicht zu erkennen gibt und anonym bleibt? Hat sich für Euch im Internet in den letzten Jahren etwas verändert? 321 Könnt Ihr Euch noch an die Zeit erinnern, als es solche Seiten wie YouTube oder SchülerVZ/ StudiVZ noch nicht gab? o Was habt Ihr damals im Internet gemacht? o Was war anders als heute? Habt Ihr schon einmal was von Social Web gehört? (Frage auf Probanden anpassen.) o Was glaubt Ihr verbirgt sich dahinter? d) Nutzung von Netzwerkplattformen Ihr nutzt doch SchülerVZ/StudiVZ: Was waren die Gründe für Euch, Euch da anzumelden? (Hinweis für Interviewer eingehen auf Gruppenzwang etc.) Könntet Ihr Euch einen Alltag ohne SchülerVZ/StudiVZ vorstellen? / Was wäre dann anders? Was findet Ihr am besten an SchülerVZ/StudiVZ? / Was ist für Euch das Wichtigste? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um sich mit Freunden auszutauschen? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um sich vor anderen (Schul-/Studienkollegen) präsentieren zu können? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um von Freunden erreicht werden zu können? Habt Ihr über SchülerVZ/StudiVZ Freunde gefunden? Welche Rolle spielen für Euch Einladungen von Freunden oder Bekannten? o Welche Bedeutung hat es, wenn Ihr da ablehnt oder annehmt? o Wann sprecht Ihr selbst, solche Einladungen aus? Was bedeutet für Euch in diesem Kontext „Freundschaft“? (Anm. für Interviewer: Eingehen auf Ernsthaftigkeit der Beziehungen / Qualität von Freundschaften / Verlässlichkeit) o Bedeutet es etwas, viele Freunde auf einer Plattform zu haben? o Hat es für Euch eine Bedeutung, z.B. bei einer Person unter den fünf besten Freunden zu stehen? o Hat es für Euch eine Bedeutung, dies auch auf der Plattform öffentlich zu machen, allen zu zeigen? o Wie sieht das denn mit Freundschaftslisten von Prominenten aus? Was bedeutet es da, auf einer Fanliste zu stehen? Wenn Ihr Euch über SchülerVZ/StudiVZ austauscht, wie ist das für Euch: Ist das eher als ob Ihr Euch im Wohnzimmer unterhalten würdet, oder auf einem Marktplatz, auf dem Schulhof … Habt Ihr mehrere Profile in SchülerVZ/StudiVZ? o Wir findet Ihr das, wenn man mehrere Profile hat? (Anm. für Interviewer: ethische Diskussion) Gibt es da auch etwas, das Ihr in SchülerVZ/StudiVZ nicht so gut findet? (Anm. für Interviewer: Eventuell sensibel auf Themen wie Cyberbullying; HappySlapping; Problembewusstsein/Scham- grenzen eingehen) o Würdet Ihr daran gerne etwas ändern? 322 Kennt Ihr auch andere ähnliche Seiten wie SchülerVZ/StudiVZ (z.B. MySpace, Xing etc.)? o Nutzt Ihr diese Seiten auch? o Was ist daran anders als in SchülerVZ/StudiVZ? e) Nutzung anderer Social Web-Angebote: Kennt Ihr YouTube? o Nutzt Ihr YouTube? o Was macht Ihr in YouTube (Videos anschauen, selber Videos hinaufladen, Videos bewerten)? o Nutzt Ihr YouTube gemeinsam mit Freunden? o Redet Ihr mit Freunden über Videos, die Ihr auf YouTube entdeckt habt? o Bewertet Ihr Videos auf YouTube? o Was gefällt Euch an YouTube? o Gibt es auch etwas, das Euch an YouTube stört (z.B. Inhalte mancher Videos)? Habt Ihr schon einmal ein eigenes Video gemacht und auf YouTube gestellt? o Wenn nein, könntet Ihr Euch vorstellen, einmal ein Video hinaufzuladen? Was wäre das für ein Video (von Euch selbst, von anderen Personen)? o Wenn ja, was war das für ein Video? / Was war der Inhalt des Videos? Wer war in diesem Video zu sehen (Ihr selbst, bekannte/fremde Personen)? Was war Euch an dem Video wichtig (für Euch selbst, in Bezug auf andere)? Wofür war Euch das Video wichtig / was wolltet Ihr damit erreichen? Habt Ihr Eure Freunde auf dieses Video hingewiesen? / Haben Eure Freunde das bewertet? Wurde Euer Video von anderen bewertet? / Wie fandet Ihr das? Kennt Ihr noch andere Internetseiten, wo man Inhalte (z.B. Videos, Bilder, Audio-Files, Podcasts) selber hinaufladen kann? o Welche anderen ähnlichen Internetseiten nutzt Ihr? o Was ist das Tolle an diesen Internetseiten? o Was macht Ihr auf diesen Internetseiten? / Wozu nutzt Ihr die? o Tauscht Ihr Euch mit Freunden über solche Seiten aus? Kennt Ihr Wikipedia? o Habt Ihr schon einmal Wikipedia genutzt? o Wozu nutzt Ihr Wikipedia? o Kann man den Informationen in Wikipedia vertrauen? o Habt Ihr schon einmal selber etwas in Wikipedia geschrieben? Kennt Ihr auch andere Seiten, die so ähnlich sind wie Wikipedia? o Habt Ihr diese Seiten schon einmal genutzt? o Habt Ihr schon einmal etwas auf so eine Seite geschrieben? 323 Ihr kennt sicher Blogs, geht Ihr ab und zu auf solche Internetseiten? o Was gefällt Euch da? o Habt Ihr schon einmal etwas in einem Blog gepostet? o Hat jemand von Euch einen eigenen Blog? Wenn ja, was macht Ihr da so alles in Eurem Blog? Was ist für Euch das Wichtigste in Eurem Blog? Nutzung von Online-Spielen: Welche Online-Spiele kennt Ihr? Nutzt Ihr auch Online-Spiele? o Was spielt Ihr denn für Spiele? o Was ist das Besondere an diesen Spielen? o Was ist Euch bei diesen Spielen wichtig? Spielt Ihr diese Spiele alleine oder mit Freunden? o Habt Ihr über diese Spiele virtuelle Freunde gewonnen? o Spielen Deine realen Freunde auch dieses Spiel? Wart Ihr schon einmal auf einer LAN-Party? o Wie findet ihr solche LAN-Parties? Safer Internet: Wie seht Ihr das, kann man Informationen aus dem Internet trauen? o Woran sieht man Eurer Meinung nach, ob man einer Information aus dem Internet vertrauen kann? Wie ist das so mit den Informationen, die im Internet stehen, wisst Ihr, dass diese von allen Menschen gesehen werden können? (Anm. für Interviewer: Diesen Punkt besonders an das Alter der Probanden anpassen) o Wisst Ihr auch, dass alles, was im Internet steht, für immer online bleiben und von jedem gefunden werden kann? Wenn man sich etwas aus dem Internet holt (z.B. Text oder Foto), darf man das dann weiter- verwenden? / Oder muss man sagen, wo man es her hat? (Anm. für Interviewer: Diesen Punkt besonders an das Alter der Probanden anpassen) o Gehört das, was im Internet steht, jedem? Welchen Rat würdet Ihr einem Jüngeren geben, wenn er sich im Internet bewegen will: o Was sollte er/sie können? o Was sollte er/sie unbedingt wissen bzw. beachten? o Wo kann er/sie Tipps bekommen? 324 Rolle von Social Web-Anwendungen in Schulen (Unterricht)/Jugendzentren: Werden Angebote wie SchülerVZ, YouTube, Wikipedia oder Weblogs in der Schule/im Jugend- zentrum thematisiert? (Anm. für Interviewer: An das Alter der Probanden anpassen) o Sollte dies Eurer Meinung nach in der Schule/in Jugendzentren Thema sein? Werden solche Angebote in der Schule/im Jugendzentrum geblockt? Findet Ihr das okay? (Anm. für Interviewer: An das Alter der Probanden anpassen) Abschluss: Was glaubt Ihr, wie wird sich das Internet in Zukunft entwickeln? o Was wird in fünf bis zehn Jahren alles möglich sein? o Was würdet Ihr Euch wünschen? 325 2 Leitfaden-/Einzelinterviews a) Allgemeine Mediennutzung: Jetzt haben wir ja schon in der Gruppe viel übers Internet diskutiert, nun möchte ich noch gern etwas mehr darüber erfahren, wie Du selbst dazu stehst. Wenn Du auf eine einsame Insel fahren würdest und nur drei Dinge mitnehmen dürftest, was wäre das (nachfragen im Hinblick auf Medien)? Was ist für Dich das wichtigste Medium, was nutzt Du am häufigsten? o Warum nutzt Du dieses Medium am häufigsten? Welchen Stellenwert hat für Dich das Fernsehen? o Welche Bedeutung hat es für Dich im Kontext anderer Medien? Welchen Stellenwert hat für Dich das Radiohören? o Welche Bedeutung hat es für Dich im Kontext anderer Medien? Welchen Stellenwert hat für Dich das Lesen? o Welche Bedeutung hat es für Dich im Kontext anderer Medien? Welchen Stellenwert hat für Dich die Computernutzung im Allgemeinen? o Welche Bedeutung hat sie für Dich im Kontext anderer Medien? b) Internetnutzung Dieser Fragenblock überschneidet sich zum Teil mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppen- diskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (personenspezifische Nachfrage). Was hältst Du allgemein vom Internet? Was machst Du am häufigsten, wenn Du im Internet bist? In welchen Situationen nutzt Du das Internet (Anm. für Interviewer: nachfragen im Bezug auf emotionale Befindlichkeiten …)? Wozu nutzt Du das Internet? Was sind Deine Lieblingsseiten im Internet? Welche Rolle spielt für Dich das Internet, wenn es um Kontakte zu Freunden geht? Wenn Du etwas wissen willst, was tust Du dann? Welche Rolle spielt da das Internet für Dich? Zeigst Du Dich anderen im Internet? o Wie machst Du das? o Willst Du da erkennbar sein? Oder gerade nicht, d.h. stellst Du Dich da als jemand Anderer vor oder gehst Du anonym vor? Wie findest Du das, wenn sich jemand im Internet nicht zu erkennen gibt und anonym bleibt? Hat sich für Dich im Internet in den letzten Jahren etwas verändert? 326 Kannst Du Dich noch an die Zeit erinnern, als es solche Seiten wie YouTube oder SchülerVZ/ StudiVZ noch nicht gab? o Was hast Du damals im Internet gemacht? o Was war anders als heute? Hast Du schon einmal was von Social Web/Web 2.0 gehört? (Frage auf Probanden anpassen.) o Was glaubst Du verbirgt sich dahinter? c) Nutzung von Netzwerkplattformen Dieser Fragenblock überschneidet sich mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppendiskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (perso- nenspezifische Nachfrage). Du nutzt doch SchülerVZ/StudiVZ: Was waren die Gründe für Dich, sich da anzumelden? (Hinweis für Interviewer eingehen auf Gruppenzwang etc.) Könntest Du Dir einen Alltag ohne SchülerVZ/StudiVZ vorstellen? / Was wäre dann anders? Was findest Du am besten an SchülerVZ/StudiVZ? / Was ist für Dich das Wichtigste? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um sich mit Freunden auszutauschen? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um sich vor anderen (Schul-/Studienkollegen) präsentieren zu können? Ist SchülerVZ/StudiVZ wichtig, um von Freunden erreicht werden zu können? Hast Du über SchülerVZ/StudiVZ Freunde gefunden? Welche Rolle spielen für Dich Einladungen von Freunden oder Bekannten? o Welche Bedeutung hat es, wenn Du da ablehnst oder annimmst? o Wann sprichst Du selbst solche Einladungen aus? Was bedeutet für Dich in diesem Kontext „Freundschaft“? (Anm. für Interviewer: Eingehen auf Ernsthaftigkeit der Beziehungen / Qualität von Freundschaften / Verlässlichkeit) o Bedeutet es etwas, viele Freunde auf einer Plattform zu haben? o Hat es für Dich eine Bedeutung, z.B. bei einer Person unter den fünf besten Freunden zu stehen? o Hat es für Dich eine Bedeutung, dies auch auf einer Plattform öffentlich zu machen und allen zu zeigen? Wenn Du Dich mit Freunden über SchülerVZ/StudiVZ austauschst, wie ist das für Dich: Ist das eher als ob Du Dich im Wohnzimmer unterhalten würdet, oder eher auf einem Marktplatz, auf dem Schulhof … Hast Du mehrere Profile in SchülerVZ/StudiVZ? o Wir findest Du das, wenn man mehrere Profile hat? (Anm. für Interviewer: ethische Diskussion) Gibt es da auch etwas, das Du in SchülerVZ/StudiVZ nicht so gut findest? (Anm. für Interviewer: Eventuell sensibel auf Themen wie Cyberbullying; HappySlapping; Problembewusstsein/Scham- grenzen eingehen) o Würdest Du daran gerne etwas ändern? 327 Kennst Du auch andere ähnliche Seiten wie SchülerVZ/StudiVZ (z.B. MySpace, Xing etc.)? o Nutzt Du diese Seiten auch? / Welche Seiten? o Was ist daran anders als in SchülerVZ/StudiVZ? d) Nutzung anderer Social Web-Angebote: Dieser Fragenblock überschneidet sich mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppendiskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (perso- nenspezifische Nachfrage). Nutzt Du YouTube? o Was machst Du in YouTube (Videos anschauen, selber Videos hinaufladen, Videos bewerten)? o Nutzt Du YouTube gemeinsam mit Freunden? o Redest Du mit Freunden über Videos, die Ihr auf YouTube entdeckt habt? o Bewertest Du Videos auf YouTube? o Was gefällt Dir an YouTube? o Gibt es auch etwas, das Dich an YouTube stört (z.B. Inhalte mancher Videos)? Hast Du schon einmal ein eigenes Video gemacht und auf YouTube gestellt? o Wenn nein, könntest Du Dir vorstellen, einmal ein Video hinaufzuladen? Was wäre das für ein Video (von Dir selbst, von anderen Personen)? o Wenn ja, was war das für ein Video? / Was war der Inhalt des Videos? Wer war in diesem Video zu sehen (Ihr selbst, bekannte/fremde Personen)? Was war Dir an dem Video wichtig (für Dich selbst, in Bezug auf andere)? Wofür war Dir das Video wichtig / was wolltest Du damit erreichen? Hast Du Deine Freunde auf dieses Video hingewiesen? / Haben Deine Freunde das bewertet? Wurde Dein Video von anderen bewertet? / Wie fandest Du das? Nutzt Du noch andere Internetseiten, wo man Inhalte (z.B. Videos, Bilder, Audio-Files, Podcasts) selber hinaufladen kann? o Welche anderen ähnlichen Internetseiten nutzt Du? o Was ist das Tolle an diesen Internetseiten? o Was machst Du auf diesen Internetseiten? / Wozu nutzt Du die? o Tauscht Du Dich mit Freunden über solche Seiten aus? Kennst Du Wikipedia? o Hast Du schon einmal Wikipedia genutzt? o Wozu nutzt Du Wikipedia? o Kann man den Informationen in Wikipedia vertrauen? o Hast Du schon einmal selber etwas in Wikipedia geschrieben? 328 Kennst Du auch andere Seiten, die so ähnlich sind wie Wikipedia? o Hast Du diese Seiten schon einmal genutzt? o Hast Du schon einmal etwas auf so eine Seite geschrieben? Schaust Du Dir auch manchmal Blogs an? o Was gefällt Dir da? o Hast Du schon einmal etwas in einem Blog gepostet? Hast Du einen eigenen Blog? o Wenn ja, was machst Du alles in Deinem Blog? o Was ist für Dich das Wichtigste in Deinem Blog? e) Nutzung von Online-Spielen: Dieser Fragenblock überschneidet sich mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppendiskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (perso- nenspezifische Nachfrage). Nutzt Du auch Online-Spiele? o Was spielst Du denn für Spiele? o Was ist das Besondere an diesen Spielen? o Was Dir bei diesen Spielen wichtig? Spielst Du diese Spiele alleine oder mit Freunden? o Hast Du über diese Spiele virtuelle Freunde gewonnen? o Spielen Deine realen Freunde auch dieses Spiel? Warst Du schon einmal auf einer LAN-Party? o Wie findest Du solche LAN-Parties? f) Safer Internet: Dieser Fragenblock überschneidet sich mit jenem aus dem Leitfaden für die Gruppendiskussionen. Ziel ist es hierbei, an die Äußerungen der Probanden in den Gruppendiskussionen anzuschließen (perso- nenspezifische Nachfrage). Wie siehst Du das, kann man Informationen aus dem Internet trauen? o Woran sieht man Deiner Meinung nach, ob man einer Information aus dem Internet vertrauen kann? Wie ist das so mit den Informationen, die im Internet stehen, weißt Du, dass diese von allen Menschen gesehen werden können? (Anm. für Interviewer: Diesen Punkt besonders an das Alter der Probanden anpassen) o Weißt Du auch, dass alles, was im Internet steht, für immer online bleiben und von jedem gefunden werden kann? Wenn man sich etwas aus dem Internet holt (z.B. Text oder Foto), darf man das dann weiter- verwenden? / Oder muss man sagen, wo man es her hat? (Anm. für Interviewer: Diesen Punkt besonders an das Alter der Probanden anpassen) o Gehört das, was im Internet steht, jedem? 329 g) Medienerziehung (nur bei jüngeren Probanden): Gibt es bei Euch zu Hause besondere Regeln für den Medienumgang / die Internetnutzung? Sprechen Deine Eltern Dich darauf an, was Du so im Internet machst? / Sprichst Du von Dir aus mit Deinen Eltern oder anderen Personen darüber? h) Fragen zur Lebenssituation (altersmäßig differenzieren): Tagesablauf / Freizeitbeschäftigungen: Beschreibe doch einmal, wie ein typischer Tag bei Dir so aussieht? Was machst Du speziell in Deiner Freizeit (Hobbys, Vereine, lieber alleine oder mit anderen zusammen etc.)? Wohnsituation Wie wohnst Du (Wohnung/Haus, eigenes Zimmer etc.)? Bist Du mit Deiner Wohnsituation zufrieden? / Fühlst Du Dich zu Hause wohl? Freunde / Peers: Wie groß ist ungefähr Dein Freundeskreis? Habt Ihr eine feste Clique? o Wie viel seid Ihr da? Sind Deine Freunde/Freundinnen gleich alt wie Du, oder eher älter oder eher jünger? Hast Du einen besten Freund/eine beste Freundin? Was machst Du so, wenn Du Dich mit Deinen Freunden/Freundinnen triffst? Kannst Du mit Deinen Freunden/Freundinnen über Probleme reden? Wenn ja, was sind das für Themen, über die Ihr dann sprecht? Hast Du eine feste Freundin/einen festen Freund (Partner/Partnerin)? Wenn nein, hast Du schon einmal einen Freund/eine Freundin gehabt? Kannst Du mit ihm/ihr über Deine Probleme reden? Wenn ja, was sind/waren das dann für Themen? Familie Aus welchen Mitgliedern setzt sich Deine Familie zusammen? Versuche doch einmal Dein Verhältnis zu den einzelnen Familienmitgliedern zu beschreiben (Ausführen lassen! Wo liegen Probleme/Konflikte)? Kannst Du in Deiner Familie über Deine Probleme reden? Schule / Lehre / Uni etc. Gehst Du gerne in die Schule / Uni / zur Lehre? Wie ist Dein Verhältnis zu anderen Schüler(innen) bzw. Kommilitonen und Kommilitoninnen/ Kolleg(innen)? Wie ist Dein Verhältnis zu den Lehrer(innen) bzw. den Dozenten / Vorgesetzten? 330 Anhang A3: Codesystem Allgemeiner Medienumgang Sonstiges Computer/Laptop allgemein Sonstiges Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Intensität Grund/Nutzungssituation Spielkonsole/PC-Spiele Sonstiges Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Intensität Grund/Nutzungssituation Handy - Telefonieren Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Nutzungszeiten Nutzungsdauer Nutzungsorte Nutzungsmotive/Funktionen Sonstiges Intensität Grund/Nutzungssituation Handy-SMS/MMS/Email Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Nutzungszeiten Nutzungsdauer Nutzungsorte Nutzungsmotive/Funktionen Sonstiges Intensität Grund/Nutzungssituation Fernsehen Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Sonstiges Grund/Nutzungssituation Intensität Zeitung/Zeitschriften Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Sonstiges Grund/Nutzungssituation Intensität Audiofiles Sonstiges Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Grund/Nutzungssituation Intensität Radio Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Sonstiges Intensität Grund/Nutzungssituation Bücher Bewertung im eigenen Medienmenü Bewertung allgemein Sonstiges Grund/Nutzungssituation Intensität Lebenssituation Wohnumgebung Umfeld zu Hause/Familie Freizeitbeschäftigung Partnerschaft Freundeskreis/Clique Schule/Lehre/Beruf Aktionen Einschalten Computer Sonstiges Gestartete Programme Internet allgemein Sonstiges Bewertung allgemein Bewertung im eigenen Medienmenü Nutzungsmotive Für andere Für einen selbst Stellenwert im Alltag Nutzungssituationen Intensität Nutzungsort Nutzungszeit Internetzugang Schule Anderswo Zuhause Lieblingsseiten 331 Bekanntheit Begriff Social Web/Web 2.0 Ja, dann Erklärung Nein Wahrgenommene Unterschiede Internet/ Social Web Nutzung von Social Web-Angeboten Netzwerkplattformen Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Musikplattformen Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues Erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Videoplattformen Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Fotoplattformen Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status 332 Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Wikis Allgemeine Bewertung Wikipedia Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Weblogs Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Instant Messaging Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Nutzungsmotive Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Meinungsäußerung Aufbau/Festigung soz. Kontakte Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Nutzung anderer Internetangebote Onlineradios Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Alltagsgestaltung Information 333 Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Virtuelle Welt/Second Life Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe E-Mail Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktionen Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Nutzungsmotive Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Meinungsäußerung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Chats Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Eigene Homepage Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung 334 Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Online-Spiele Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Kommunikation Partizipation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Nutzungsmotive Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Bewertung duch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Internettelefonie Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Nutzungsmotive Neugier/Neues erfahren Selbstdarstellung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Foren/Boards Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktionen Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Herstellung eigener Welt Herstellung/Pflege soz. Kontakte Alltagsgestaltung Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Motive aktiver Produktion Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Meinungsäußerung Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Shopping Allgemeine Bewertung Zugeschriebene Funktion Partizipation Kommunikation Unterhaltung/Zeitvertreib Herstellung von Stimmungen Information Meinungsbildung Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges 335 Motive aktiver Verkauf Entdeckt werden Neugier/Neues erfahren Experimentierfreudigkeit Selbstdarstellung Wahrnehmung als Experte Bewertung durch andere Subkultur/Szene Aufbau/Festigung soz. Status Sonstiges Lebensweltliche Hintergründe Motive der Social Web-Nutzung anderer Irreführung Unterhaltung/Zeitvertreib Selbstdarstellung Exhibitionismus Lösung von Problemen Verständnis für eigene Situation wecken Andere aufklären/warnen Aufklärung finden Allgemeine Informationssuche Sonst nicht zugängliche Infos Meinungsbildung Lebenshilfe Erwerb von Gesprächsstoff Langeweile Gewohnheit Zerstreuung Sich nicht alleine fühlen Erwerb/Sicherung soz. Status Rache Konfrontation Lust an Peinlichkeit Finanzielles Interesse Information was Bekannte/Freunde tun Alltagsgestaltung Soz. Kontakte herstellen/fördern Freunde finden Freundschaften pflegen Große Freundeslisten Wettbewerb Neugier auf Neues Experimentierfreude Lernen Isolation durchbrechen Subkulturelle Praxen leben Sonstiges Bewertung von Einzelaspekten Beurteilung Kommunikation im Social Web Bewertung anonymer Internetnutzung Bewertung Nutzung mehrerer Profile Motive Anmeldung Social Networking & Instant Messaging Sonstiges Freunde Definition von Privatheit Internet & Wirklichkeitskonstruktion Internet als verzerrte Wirklichkeit Internet als Abbild von Wirklichkeit Internet als Dorf Internet als bessere Wirklichkeit Internet als Horrorszenario Internet als Theater/Bühne Internet als säkularisierte Kirche Internet als pädagogische Institution Internet als demokratisches Forum Internet als Kinder- und Jugend- gefährdung Internet als Marktplatz/Kaufhaus Internet als Ersatz für eigenes Leben Internet als Sucht Definition von Freundschaft Wahrnehmung von Risiken/Heraus- forderungen Für sich selbst Plagiat Vertrauen in Information Irreführung Werbung Preisgabe persönlicher Infos Pornografische Inhalte Gewalthaltige Inhalte Online-Mobbing (unerw.) sexuelle Botschaften Treffen mit Online-Bekanntschaften Online-Einkäufe Sonstiges Für andere Plagiat Vertrauen in Information Irreführung Werbung Preisgabe persönlicher Infos Pornografische Inhalte Gewalthaltige Inhalte Online-Mobbing (unerw.) sexuelle Botschaften 336 Treffen mit Online-Bekanntschaften Online-Einkäufe Sonstiges Erfahrungen mit Risiken/Herausforderungen Selbst Vertrauen in Information Irreführung Werbung Plagiat Bekanntgabe persönlicher Infos Pornografische Inhalte Gewalthaltige Inhalte Online-Mobbing (unerw.) sexuelle Botschaften Treffen mit Online-Bekanntschaften Online-Einkäufe Sonstiges Freunde/Bekannte/Familienmitglieder Vertrauen in Information Irreführung Werbung Plagiat Preisgabe persönlicher Infos Pornografische Inhalte Gewalthaltige Inhalte Online-Mobbing (unerw.) sexuelle Botschaften Treffen mit Online-Bekanntschaften Online-Einkäufe Sonstiges Umgang mit Risiken/Herausforderungen Hilflosigkeit Ignorieren Vermeiden Zur Unterlassung auffordern Freunden/Eltern erzählen Vorsicht bei persönlichen Infos Offline gehen Kontakte blocken Fremde nur mit Freunden treffen Keine Fremden treffen Kein Download Filtersoftware Keine Online-Einkäufe Sonstiges Wahrgenommene Chancen des Internets Für sich selbst Kreativität Identität/Soziale Beziehungen Lernen Partizipation Für andere Identität/Soziale Beziehungen Kreativität Lernen Partizipation Zukunftsszenarien Medienregeln in der Familie Allgemeine Medienregeln Zeitliche Beschränkungen Inhaltliche Beschränkungen Über Medieninhalte reden Gemeinsame Mediennutzung Sonstiges Internetregeln Zeitliche Beschränkungen Inhaltliche Beschränkungen Über Onlineinhalte reden Gemeinsame Internetnutzung Sonstiges Einsatz Internet in Freizeit-/Bildungs- einrichtungen Schule Uni/FH Sonstige Freizeit-/Bildungseinrichtungen 337 Anhang A4: Fragebogen der Repräsentativbefragung Burgstraße 3 65183 Wiesbaden (00) (00) (00) Untersuchungs-Nr. ________________________________________________________________________________________________________________________ Thema: Befragung zum Thema Medien und Mediennutzung bei Personen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren. ________________________________________________________________________________________________________________________ 1. Zunächst eine Frage zur Nutzung von Internet und Online- Diensten. Nutzt Du selbst zumindest gelegentlich das Internet, egal ob zu Hause oder am Arbeitsplatz, an der Universität oder Schule oder unterwegs? Ja .............................. 1 Nein........................... 2 () 2 Ende _______________________________________________________________________________________________________________________ 2. Unabhängig vom Internet und Online Diensten. Jetzt geht es um Freizeittätigkeiten. Ich nenne Dir jetzt einige Tätigkeiten. Bitte sage mir jeweils, wie oft Du das in Deiner Freizeit machst: täglich, mehrmals in der Woche, einmal in der Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie? (CATI-Rotation!) Fernsehen, egal ob an einem Fernsehgerät , über das Internet oder über einen anderen Weg 1 2 3 4 5 6 7 () Radio hören, egal ob an einem Radiogerät, über das Internet oder über einen anderen Weg 1 2 3 4 5 6 7 () Tageszeitung/Zeitung lesen, egal, ob die gedruckte Zeitung oder im Internet 1 2 3 4 5 6 7 () Zeitschriften bzw. Magazine lesen 1 2 3 4 5 6 7 () Online-Spiele spielen, egal ob allein oder mit anderen Internet-Nutzern 1 2 3 4 5 6 7 () an einer Spielekonsole, egal ob tragbar oder stationär spielen oder am Computer Spiele spielen, ohne ins Internet zu gehen 1 2 3 4 5 6 7 () Bücher lesen, nicht für die Schule 1 2 3 4 5 6 7 () einen Computer benutzen bzw. am Computer sitzen 1 2 3 4 5 6 7 () Internet bzw. Onlinedienste nutzen, z.B. auch Emails, chatten, Instant Messenger, egal ob an einem PC, über Handy oder über einen anderen Weg 1 2 3 4 5 6 7 () Videokassetten oder DVDs ansehen 1 2 3 4 5 6 7 () CDs oder Kassetten anhören, egal ob Musik oder anderes 1 2 3 4 5 6 7 () MP3s hören, egal ob Musik oder anderes 1 2 3 4 5 6 7 () Sich mit Freunden bzw. Leuten treffen 1 2 3 4 5 6 7 () Etwas mit der Familie unternehmen 1 2 3 4 5 6 7 () Ein Handy nutzen 1 2 3 4 5 6 7 () 3a _______________________________________________________________________________________________________________________ 08 5 458 338 - 2 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 3a) Jetzt geht es darum, wie viel Zeit Du mit verschiedenen Medien, also Fernsehen, Radio, Internet usw. verbringst. Erst geht es immer um die Tage Montag bis Freitag und anschließend um das Wochenende, also Samstag und Sonntag. Zum ... (CATI-Einspielung: Medien!) !"##$ !% ... (CATI-Einspielung: Medien!) nutzt. Wie viel Zeit - ich meine in Stunden und Minuten - verbringst Du normalerweise an einem Tag mit ... (CATI-Einspielung: Medien!)? Falls Du mehrmals am Tag ... (CATI-Einspiel ung: Medien!) nutzt, zähle bitte alle Zeiten zusammen. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) (Direkt fragen) Und wie ist das am Samstag? Wie viel Zeit verbringst Du normalerweise am Samstag mit ... (CATI-Einspielung: Medien!)? ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ c) (Direkt fragen) Wie viel Zeit verbringst Du normalerweise am Sonntag mit ... (CATI-Einspielung: Medien!)? (CATI-Rotation!) Werktage Montag - Freitag Samstag Sonntag Fernsehen, egal ob an einem Fernsehgerät, über das Internet oder über einen anderen Weg () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten Radio hören, egal ob an einem Radiogerät, über das Internet oder über einen anderen Weg () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten Online-Spiele spielen, egal ob allein oder mit anderen Internet-Nutzern () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten an einer Spielekonsole, egal ob tragbar oder stationär spielen oder am Computer Spiele spielen, ohne ins Internet zu gehen () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten Internet bzw. Onlinedienste nutzen, z.B. auch e-mails, chatten, Instant Messenger, egal ob an einem PC, über Handy oder über einen anderen Weg () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten () () () () Stunden Minuten 4 _______________________________________________________________________________________________________________________ 339 - 3 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ 4. Jetzt geht es um die Medien Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen und Zeitschriften. Ich nenne Dir nun einige Situationen. Bitte sage Du mir jeweils, welches Medium Du da an 1. Stelle nutzen würdest, welches an 2. Stelle und welche Du überhaupt nicht nutzen würdest. (CATI-Rotation) 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du Dich informieren möchtest, was in der Welt los ist. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du Dich ausruhen möchtest. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du Informationen zu einem konkreten Problem suchst, das Dich beschäftigt. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du erfahren willst, was ger # # ist. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du mehr über Themenbereiche erfahren willst, die Dich interessieren 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du Spaß haben willst. 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 () Wenn Du für Dich allein sein willst. 5 _______________________________________________________________________________________________________________________ 340 - 4 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 5. Jetzt geht es speziell um das Internet. Das Internet kann man ja an verschiedenen Orten nutzen. Ich nenne Dir mal verschiedene Möglichkeiten, und Du sagst mir bitte jeweils, ob Du das Internet an den verschiedenen Orten täglich, mehrmals in der Woche, einmal in der Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie nutzt. zu Hause 1 2 3 4 5 6 7 () in der Schule, Universität oder bei der Arbeit 1 2 3 4 5 6 7 () bei Freunden 1 2 3 4 5 6 7 () in Internet-Cafés 1 2 3 4 5 6 7 () in Bibliotheken oder anderen öffentlichen Einrichtungen 1 2 3 4 5 6 7 () unterwegs 1 2 3 4 5 6 7 () 6 _______________________________________________________________________________________________________________________ 6 Bitte nenne mir Deine drei Lieblingsseiten im Internet, also die drei Seiten, die Du am liebsten besuchst. (Verbatims) 1. ______________________________________________________________________________________ 2. ______________________________________________________________________________________ 3. ______________________________________________________________________________________ 7 _______________________________________________________________________________________________________________________ 341 - 5 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 7. Im Internet und über Online-Dienste kann man ja verschiedene Dinge tun. Ich nenne Dir mal einige Möglichkeiten, und Du sagst mir bitte jeweils, ob Du das täglich, mehrmals pro Woche, einmal pro Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie machst? (CATI-Rotation!) E-Mails empfangen und senden 1 2 3 4 5 6 7 () Downloaden von Musik-Dateien oder Spielen 1 2 3 4 5 6 7 () Online-Spiele allein spielen 1 2 3 4 5 6 7 () Online-Spiele mit anderen Internet-Nutzern spielen 1 2 3 4 5 6 7 () Instant-Messenger wie z.B. ICQ oder MSN nutzen 1 2 3 4 5 6 7 () "chatten", also Chatrooms besuchen 1 2 3 4 5 6 7 () Informationen über Veranstaltungen am Ort bzw. aus der Gegend, wo Du wohnst, abrufen 1 2 3 4 5 6 7 () Beiträge in Newsgroups/Foren schreiben 1 2 3 4 5 6 7 () Beiträge in Newsgroups/Foren lesen 1 2 3 4 5 6 7 () nach Informationen zu einem bestimmten Thema für Dich selbst also nicht für Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf suchen 1 2 3 4 5 6 7 () Filme/Videos anschauen 1 2 3 4 5 6 7 () Filme/Videos einstellen 1 2 3 4 5 6 7 () Musik/Sounddateien anhören 1 2 3 4 5 6 7 () Musik/Sounddateien einstellen 1 2 3 4 5 6 7 () Etwas selbst bei ebay verkaufen oder kaufen 1 2 3 4 5 6 7 () Einfach bei ebay stöbern und nichts einkaufen oder verkaufen 1 2 3 4 5 6 7 () Weblogs lesen 1 2 3 4 5 6 7 () In Weblogs etwas verfassen oder einstellen 1 2 3 4 5 6 7 () Live-Ticker nutzen, z.B. bei aktuellen Sport- oder anderen Ereignissen 1 2 3 4 5 6 7 () Einfach so drauf los surfen 1 2 3 4 5 6 7 () Nachrichten bzw. aktuelle Informationen abrufen 1 2 3 4 5 6 7 () &'()*## +,-#( # . / 0 1 2 3 nach Informationen für Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf suchen 1 2 3 4 5 6 7 () FORTSETZUNG ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ _______________________________________________________________________________________________________________________ 342 - 6 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ FORTSETZUNG über Internet fernsehen 1 2 3 4 5 6 7 () über Internet Radio hören 1 2 3 4 5 6 7 () über Internet telefonieren 1 2 3 4 5 6 7 () In virtuellen Welten wie z.B. Second Life unterwegs sein 1 2 3 4 5 6 7 () Online Communities nutzen, wie SchülerVZ, StudiVZ, facebook, Xing usw. 1 2 3 4 5 6 7 () Suchmaschinen nutzen 1 2 3 4 5 6 7 () In Wikis lesen, wie z.B. in Wikipedia 1 2 3 4 5 6 7 () In Wikis schreiben, wie z.B. in Wikipedia 1 2 3 4 5 6 7 () 8a _______________________________________________________________________________________________________________________ 8a) Jetzt geht es um spezielle Internetseiten. Bitte sage mir zu den folgenden Internetseiten, ob Du sie schon mal besucht hast, ob Du sie zumindest dem Namen nach kennst oder ob Du heute erstmals von der Internetseite hörst. ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) (Falls schon mal besucht direkt fragen:) Und wie häufig besuchst Du diese Seiten: täglich, mehrmals pro Woche, einmal pro Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat oder seltener? a) b) wie oft besucht (CATI-Rotation!) * = private Communities SchülerVZ * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () StudiVZ * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () MySpace * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Mein VZ * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Lokalisten * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Wer kennt wen? * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Xing 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Knuddels * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Facebook * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Schüler.cc * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Netlog * 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () YouTube 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () FORTSETZUNG ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ _______________________________________________________________________________________________________________________ 343 - 7 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ FORTSETZUNG a) b) wie oft besucht Flickr 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Wikipedia 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () MyVideo 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Clipfish 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Sevenload 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Skype 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () ICQ 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () MSN 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Mr Wong 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Del.icio.us 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () MyBlog 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () LastFM 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Musicload 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () itunes 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Hausarbeiten.de 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Hausaufgaben.de 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Google 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () Second Life 1 2 3 () 1 2 3 4 5 6 () 9a _______________________________________________________________________________________________________________________ 9a) (CATI-Filter:) Nutzt Befragte/r Frage 7/8 private Online-Communities? Ja.............................. 1 Nein .......................... 2 9b 13 -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- b) Nun zu Communities im Internet. Es gibt sowohl berufliche Communities, wie z.B. Xing als auch private Communities, wie z.B. SchülerVZ, StudiVZ, facebook usw. Uns geht es jetzt speziell um private Communities, also z.B. SchülerVZ, StudiVZ, facebook usw. c) Hast Du ein eigenes Profil in einer oder mehreren privaten Online Communities? Ja, in einer Community .................................... 1 Ja, in mehreren Communities .......................... 2 Nein ................................................................. 3 () 9d 13 ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ d) Und wie häufig meldest Du Dich mit diesem Profil in Deiner ... (bei mehreren: meistgenutzten) privaten Community an: ...? - täglich bzw. fast täglich.................................. 1 - mehrmals in der Woche................................. 2 - etwa einmal in der Woche ............................. 3 - mehrmals im Monat ....................................... 4 - etwa einmal im Monat .................................... 5 - seltener als einmal im Monat ......................... 6 () 10 _______________________________________________________________________________________________________________________ 344 - 8 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 10. Was machst Du in solchen privaten Online Communities? Ich nenne Dir einige Möglichkeiten. Bitte sage mir jeweils, wie häufig Du das machst: täglich bzw. fast täglich; mehrmals in der Woche, etwa einmal in der Woche, mehrmals im Monat, etwa einmal im Monat, seltener oder nie. (CATI-Rotation!) Stöbern in Profilen anderer Mitglieder 1 2 3 4 5 6 7 () Suche nach Informationen 1 2 3 4 5 6 7 () Suche nach Kontakten, Bekannten 1 2 3 4 5 6 7 () Aktualisierung des eigenen Profils 1 2 3 4 5 6 7 () Schreiben von Eiträgen auf die Pinnwand oder in das Gästebuch von anderen Profilen 1 2 3 4 5 6 7 () Anderen Nutzern in der Community eine private Nachricht schreiben 1 2 3 4 5 6 7 () eigene Fotos hochladen 1 2 3 4 5 6 7 () 11a _______________________________________________________________________________________________________________________ 11a) (Falls mehrere: Wenn Du mal an die von Dir am meisten genutzte Community denkst): Wie viele Personen ungefähr sind in der Liste Deiner Freunde oder Kontakte? ( ) 11b ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) Wie viele davon hast Du schon mal persönlich getroffen: ...? - die meisten .................................................... 1 - etwa die Hälfte............................................... 2 - weniger als die Hälfte .................................... 3 - praktisch niemand ......................................... 4 (weiß nicht) ...................................................... 5 11c ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ c) Und wie viele Deiner Freunde oder Kontakte bei der Community zählst Du zu Deinen engen Freunden: ...? - die meisten .................................................... 1 - etwa die Hälfte............................................... 2 - weniger als die Hälfte .................................... 3 - praktisch niemand ......................................... 4 (weiß nicht) ...................................................... 5 12 _______________________________________________________________________________________________________________________ 345 - 9 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 12. In Online Communities aber auch sonst im Internet hat man ja verschiedene Möglichkeiten, Informationen über sich selbst zu geben. Wir haben einige Aussagen zu diesem Thema gesammelt. Bitte sage Du mir zu jeder Aussage, ob diese auf Dich voll und ganz, weitgehend, weniger oder gar nicht zu tri fft. trifft zu ... (CATI-Rotation!) voll und ganz weit- gehend weniger gar nicht Es ist mir wichtig, mich im Internet so zu zeigen, wie ich wirklich bin. 1 2 3 4 () Ich achte darauf, dass keine Inhalte von mir im Internet stehen, die mir schaden könnten. 1 2 3 4 () Es ist mir wichtig, dass Andere im Internet einen möglichst guten Eindruck von mir bekommen. 1 2 3 4 () Bestimmte Informationen über mich sind nur für meine Freunde bzw. Kontakte zugänglich. 1 2 3 4 () Es ist mir wichtig, dass mein Profil etwas Besonderes ist und sich von anderen unterscheidet. 1 2 3 4 () Ich hätte gern eine Seite, auf der Angaben über meine Person aus verschiedenen Stellen im Internet gebündelt sind. 1 2 3 4 () Mir ist wichtig zu zeigen, dass ich einen großen Freundeskreis habe. 1 2 3 4 () Ich habe auch Profile, in denen ich mich ganz anders darstelle, als ich wirklich bin. 1 2 3 4 () 13 _______________________________________________________________________________________________________________________ 13. Um sich mit Anderen zu verständigen, hat man ja verschiedene Möglichkeiten: Man kann sich persönlich treffen, einen Brief, eine E-Mail oder eine SMS schreiben, telefonieren, mit ICQ oder MSN chatten, sich in Online Communities wie SchülerVZ aufhalten oder eine eigene Homepage oder einen eigenen Weblog gestalten. Ich nenne Dir jetzt einige Situationen, und Du sagst mir bitte, welche dieser Möglichkeiten Du in dieser Situation an 1. Stelle nutzen würdest, welche an 2. Stelle und welche Du überhaupt nicht nutzen würdest. (CATI-Rotation!) 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man sich verabreden will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () zum Flirten 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () um neue Leute kennen zu lernen FORTSETZUNG ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ _______________________________________________________________________________________________________________________ 346 - 10 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ FORTSETZUNG (CATI-Rotation!) 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () um neue Freundschaften zu schließen 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man sich über Hobbies austauschen will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man tratschen oder quatschen will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man einen Streit mit einem Freund oder einer Freundin klären will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () zum Pflegen von engen Freundschaften 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man Beziehungsprobleme klären will 1. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () 2. Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () überhaupt nicht nutzen (Mfn mögl.) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 () wenn man eine Beziehung beenden will 14a 347 - 11 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 14a) Jetzt geht es um Deine Erfahrungen mit dem Internet. Ich nenne Dir dazu einige Aussagen. Bitte sage mir jeweils, inwieweit Du einer Aussage zustimmst: voll und ganz, weitgehend, weniger oder gar nicht. stimme zu ... (CATI-Rotation!) voll und ganz weitgehend weniger gar nicht Einige Inhalte, die im Netz über mich zu finden sind, sind mir peinlich. 1 2 3 4 () Mit Hilfe des Internets kann ich mich selbst an wichtigen Diskussionen beteiligen. 1 2 3 4 () Vielen Informationen im Internet kann man nicht vertrauen. 1 2 3 4 () Im Internet sage ich manchmal Dinge, die ich bei einem persönlichen Treffen nicht sagen würde. 1 2 3 4 () Von den vielen Sex-Angeboten im Internet fühle ich mich belästigt. 1 2 3 4 () Vieles, was man im Internet sieht, ist mir zu aggressiv. 1 2 3 4 () Das Internet bietet mir Möglichkeiten, selbst kreativ zu sein. 1 2 3 4 () Ich kann mit dem Internet besser umgehen als die meisten meiner Bekannten und Freunde. 1 2 3 4 () Es fällt mir manchmal schwer zu erkennen, ob es sich bei Informationen im Internet um Werbung handelt. 1 2 3 4 () Im Internet muss man aufpassen, dass man nicht '#4!( %)5),#6 !#6 47 Dienste anbieten oder persönliche Daten sammeln, die dann für Werbung missbraucht werden. 1 2 3 4 () 14b ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) Wurdest Du schon mal von jemanden im Internet belästigt? Ja..................................................................... 1 Nein ................................................................. 2 14c 14d ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ c) Und kommt das häufig, gelegentlich oder eher selten vor? häufig............................................................... 1 gelegentlich...................................................... 2 selten ............................................................... 3 14d ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ d) Und hat schon mal jemand Fotos von Dir oder Informationen über Dich ins Internet gestellt, mit denen Du nicht einverstanden warst? Ja..................................................................... 1 Nein ................................................................. 2 14e 14f ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ e) Und kommt das häufig, gelegentlich oder eher selten vor? häufig............................................................... 1 gelegentlich...................................................... 2 selten ............................................................... 3 14f ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ f) Und hast Du selbst schon mal Dinge ins Internet gestellt, über die sich dann jemand beschwert hat? Ja..................................................................... 1 Nein ................................................................. 2 14g 15a ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ g) Und kommt das häufig, gelegentlich oder eher selten vor? häufig............................................................... 1 gelegentlich...................................................... 2 selten ............................................................... 3 15a ________________________________________________________________________________________________________________________ 348 - 12 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 15a) (CATI-Filter:) 85 9 ) Handy? Ja.............................. 1 Nein .......................... 2 15b 16 ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ b) Nun zum Thema Handy. Ich nenne Dir jetzt einige Dinge, die man mit seinem Handy machen kann. 5 + :( %( 7; ,-47; 47%7 #47% Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener oder nie? angerufen werden oder jemanden anrufen 1 2 3 4 5 6 7 () SMS schicken oder bekommen 1 2 3 4 5 6 7 () Fotos oder Filme machen 1 2 3 4 5 6 7 () Fotos oder Filme verschicken 1 2 3 4 5 6 7 () Mit dem Handy im Internet surfen 1 2 3 4 5 6 7 () Handyspiele spielen 1 2 3 4 5 6 7 () MP3s verschicken 1 2 3 4 5 6 7 () Filme oder Videos auf dem Handy ansehen, egal ob ganz oder nur Ausschnitte 1 2 3 4 5 6 7 () Musik hören über das Handy, z.B. MP3s oder über die Radiofunktion 1 2 3 4 5 6 7 () 16 _______________________________________________________________________________________________________________________ 16. Unabhängig von den einzelnen Medien. Ganz generell. Manche Themen interessieren einen ja mehr, andere weniger. Ich nenne Dir jetzt einige Themen. Bitte sage mir jeweils, inwieweit Du daran interessiert bist: sehr, etwas, weniger oder gar nicht. (CATI-Rotation!) Politik und Wirtschaft 1 2 3 4 () Sport 1 2 3 4 () Musik 1 2 3 4 () Andere Menschen 1 2 3 4 () Mode 1 2 3 4 () Wissenschaft und Technik 1 2 3 4 () Geschichte 1 2 3 4 () Medizin und Gesundheit 1 2 3 4 () Umweltschutz 1 2 3 4 () Tiere 1 2 3 4 () Promis und Stars 1 2 3 4 () 17a _______________________________________________________________________________________________________________________ 349 - 13 - 08 5 458 ________________________________________________________________________________________________________________________ Nr. Frage Antwort Code Nächste Frage ________________________________________________________________________________________________________________________ 17a) Wohnst Du bei Deinen Eltern oder in einer Wohngemeinschaft? Ja, Eltern ......................................................... 1 Ja, Wohngemeinschaft .................................... 2 Nein ................................................................. 3 17b --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- b) Nun geht es um die technische Ausstattung des Haushalts in dem Du wohnst. Ich nenne Dir mal einige elektronische Geräte, und Du sagst mir bitte jeweils, wie viele es davon bei Euch zu Hause gibt. --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- b)
Forschung
und Onlinewerbung (LfM-Schriftenreihe Medienforschung Band 75) Stephan Dreyer, ClauDia lampert, anne SChulze Kinder und Onlinewerbung erSCheinungSformen von Werbung im internet, ihre Wahrnehmung DurCh KinDer unD ihr regulatoriSCher Kontext Schriftenreihe medienforschung der landesanstalt für medien nordrhein-Westfalen band 75 Stephan Dreyer ClauDia lampert anne SChulze Kinder und Onlinewerbung erscheinungsfOrmen vOn werbung im internet, ihre wahrnehmung durch Kinder und ihr regulatOrischer KOntext lfm-SChriftenreihe meDienforSChung 75 Bibliografi sche Informa tion der Deutschen National bibliothek Die Deutsche National bibliothek ver zeichnet diese Publika tion in der Deutschen National bibliografie; detaillierte bibliografi sche Daten sind im Internet über dnb.d‑nb. de ab rufbar. Heraus geber: Landes anstalt für Medien Nordrhein‑West falen (LfM) Zoll hof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 77 007 ‑ 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E‑Mail: info@lfm‑nrw. de Internet: www. lfm‑nrw. de Redaktion: Antje vom Berg, LfM Copyright © 2014 by Landes anstalt für Medien Nordrhein‑West falen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag Judith Zimmermann und Thomas Köhler GbR Steinstraße 55 04275 Leipzig Tel.: 0341 / 24 87 20 10 E‑Mail: medienverlag@vistas. de Internet: www.vistas. de Alle Rechte vor behalten ISSN 1862‑1090 ISBN 978‑3‑89158‑606‑8 Umschlag gestal tung: disegno visuelle kommunika tion, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch‑Druck, Landshut vOrwOrt des herausgebers Kinder wachsen in einer Alltags umge bung auf, die von werb lichen Ansprachen ge prägt ist: durch Werbung im öffent lichen Raum, ver mittelt über Fernsehen und Radio und schließ lich auch im Internet. Durch die zunehmende Nutzung des Internets bereits im Kleinkindalter setzt der Kontakt mit Onlinewer bung immer früher ein. Das Spektrum von Werbung im Internet ist jedoch deut lich breiter und differenzierter als bei anderen Medien. Demnach ist es auch für Kinder ver gleichs weise schwierig, diese zu er kennen und einzu schätzen. Dies ist jedoch notwendig, um Kinder in ihrer Ent wick lung zu einer selbst bestimmten Persönlich keit zu unter stützen und zu ver hindern, dass ihre Unerfahren heit kommerziell aus genutzt wird. Vor diesem Hinter grund haben sich die Landes anstalt für Medien Nordrhein‑ West falen (LfM) und das Bundes ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gemeinsam – unter Berücksichti gung ihrer je spezifi schen Perspektiven auf das Thema – auf den Weg ge macht, um die Prämissen, unter denen Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren mit Onlinewer bung in Kontakt kommen, zu unter suchen. Ziel der Studie „Kinder und Onlinewer bung“ war es, Erkennt nisse darüber zu er halten, welche Erschei nungs formen von Werbung im Internet identifiziert werden können, wie diese recht lich einzu ordnen sind und wie Kinder diese Formen – unter Berücksichtigung ihrer ent wick lungs bedingten Kompetenzen – wahrnehmen und ver stehen. Dabei wurden sowohl An gebote in den Blick ge nommen, die sich bewusst an Kinder richten, als auch solche, die Kinder nicht explizit als Zielgruppe adressie ren, jedoch von ihnen ge nutzt werden. Die vom Hans‑Bredow‑Institut für Medien forschung durch geführte Unter‑ suchung leistet dabei im Rahmen ihres qualitativ und quantitativ an gelegten Methoden‑ designs eine enge Ver zahnung von recht licher und pädagogi scher Perspektive. Die Ergeb nisse zeigen, dass es auf vielfälti gen Ebenen Hand lungs bedarf gibt, um Kindern eine deut lich bessere Erkenn bar keit und Einord nung von Werbung im Internet zu er möglichen als bisher und den Ausbau ihrer Werbekompetenz ent sprechend ihres Alters zu unter stützen. Die von den Autoren formulierten Hand lungs optionen adressie‑ ren unter schied liche Akteure, ihre jeweilige Ver antwor tung wahrzunehmen. Wir möch‑ ten mit der vor liegen den Studie Impulse für den weiteren Diskurs mit den Ver antwort‑ lichen geben, der im Interesse der Kinder ge führt werden muss. Dr. Jürgen Brautmeier Direktor der Landes anstalt für Medien NRW (LfM) 7 inhalt 1 Einlei tung 15 2 Strukturelle Merkmale von Onlinewer bung 23 2.1 Heraus forde rungen für kind liche Nutzer 26 2.2 Heraus forde rungen für die Regulie rung 28 2.3 Heraus forde rungen für die Forschung 29 3 Kinder und Onlinewer bung – Über blick über den Stand der Forschung 33 3.1 In welchem Umfang und mit welcher Art von werb licher Kommunika tion kommen Kinder in Berüh rung? 34 3.1.1 Präsenz von Werbung im Internet 36 3.1.2 Fazit und Schluss folge rungen für die An gebots analyse 37 3.2 Wie ver stehen Kinder Onlinewer bung und wie gehen sie mit ihr um? 38 3.2.1 Kognitive Voraus setzungen, um Werbung zu ver stehen 41 3.2.2 Auf merksam keit gegen über Werbung 45 3.2.3 Erkennen von Werbung 47 3.2.4 Ver stehen von Werbung 50 3.2.5 Einstel lung gegen über Werbung 51 3.2.6 Umgang mit persön lichen Daten 52 3.2.7 Werbekompetenz als Schutz faktor? 52 3.2.8 Fazit und Schluss folge rungen für die Rezep tions studie 54 4 Zur Gesamtanlage der Studie 57 4.1 Theoreti scher Ansatz der Studie 59 4.2 Forschungs modul 1 – Analyse aus gewählter Internet seiten 61 4.2.1 Modul 1a – Analyse werb licher An gebots formen 61 4.2.2 Modul 1b – Analyse von Personalisie rungs techniken 64 8 4.3 Forschungs modul 2 – Recht liche Expertise 66 4.4 Forschungs modul 3 – Werberezep tions studie 67 4.5 Forschungs modul 4 – Experten befra gung 73 4.6 Forschungs modul 5 – Inter nationale Expertise 73 4.7 Ver knüp fung der einzelnen Forschungs module 74 5 Welchen Werbeformen be gegnen Kinder? Erschei nungs formen werb licher Inhalte auf von Kindern frequentierten Webseiten 75 5.1 Über blick über die Analyse ebenen 75 5.1.1 Analyseschema 75 5.1.2 Analysezeitraum 80 5.1.3 Archivie rung der Materialien 80 5.2 Über blick über die analysierten An gebote 81 5.2.1 Differenzie rung nach Typen von Webseiten 81 5.2.2 Differenzie rung nach vor rangi ger Zielgruppe von Webangeboten 83 5.3 Häufig keiten werb licher Erschei nungs formen 83 5.4 Gestalteri sche Merkmale werb licher Erschei nungs formen 86 5.4.1 Gestalteri sche Ähnlich keit zum An gebot 87 5.4.2 Kennzeich nung 88 5.4.3 Kontext der Platzie rung 91 5.4.4 Gestalteri sche Ähnlich keit in Kombina tion mit Kennzeich nung 92 5.4.5 Platzie rung in Kombina tion mit Kennzeich nung 94 5.4.6 Merkmale des Werbeformats 96 5.4.7 Sichtebenen, Rotationen und Möglich keiten des Über springens 97 5.5 Inhalt liche Merkmale werb licher Erschei nungs formen 99 5.5.1 Darstel lung konkreter Produkte 99 5.5.2 Inhalt liche Bezüge zur Webseite 102 5.5.3 Inhalt licher Bezug in Kombina tion mit Kennzeich nung 103 5.5.4 Art der Ansprache 105 5.5.5 Einsatz von Medien personen, Medien figuren und Charakte ren 107 5.5.6 Adressaten der Werbebot schaften 109 5.5.7 Einsatz von Anreizen 111 5.5.8 Werbeinhalte mit ent wick lungs bezogenen Aspekten 112 9 inhalt 5.6 Sonstige identifizierte Segmente 114 5.7 Dynamiken werb licher Erschei nungs formen 123 5.8 Wo landen die Kinder? 140 5.9 Personalisie rungs techniken 144 5.10 Zwischen fazit: Welchen Werbeformen be gegnen Kinder? Typische Erschei nungs formen (Inhalt, Gestal tung, Kontext) 150 6 Recht licher Ordnungs rahmen werb licher Inhalte im Netz und mögliche Problemlagen 155 6.1 Gesetz licher und unter gesetz licher Werbeord nungs rahmen: Staat liche Vor schriften und Vor gaben der Selbstregulie rung 155 6.1.1 Das „Werberecht“ als Querschnitts materie 155 6.1.2 Ver fassungs recht licher Rahmen werb licher Kommunika tion 156 6.1.3 Über blick: Gesetz licher Rahmen 158 6.1.4 Über blick: Richtlinien der Landes medien anstalten 160 6.1.5 Über blick: Vor gaben der Selbstregulie rung 163 6.2 Wettbewerbs recht als Werberecht 173 6.2.1 Unzulässig keit unlaute rer Handlun gen nach § 3 UWG 174 6.2.2 Unzulässig keit von Handlun gen der „Schwarzen Liste“ (Anhang zu § 3 Abs. 3 UWG) 175 6.2.3 Unlautere Beispieltatbestände nach § 4 UWG 178 6.2.4 Unlauter keit der Irrefüh rung gem. § 5 UWG 183 6.2.5 Unzulässig keit unzu mutbarer Belästi gungen nach § 7 UWG 185 6.2.6 Formen der Rechts durchset zung und Durch set zungs berechtigte im UWG 187 6.3 Rundfunk‑ und telemedien recht liche Werberegulie rung 187 6.3.1 Ab gren zung der dien stespezifi schen Anwen dungs bereiche der Vor gaben in RStV und TMG 189 6.3.2 Streit um die Anwend bar keit des RStV auf mei nungs irrelevante Telemedien 190 6.3.3 Ab gren zung von einfachen Telemedien und audiovisuellen Mediendiensten auf Abruf 191 6.3.4 Konkretisie rung des „Dienste anbieters“ bei zusammen gesetzten Diensten 192 10 6.3.5 Das Tren nungs gebot in Telemedien nach § 58 Abs. 1 RStV 195 6.3.6 Anforde rungen an kommerzielle Kommunika tion in Telemedien gemäß § 6 Abs. 1 TMG 202 6.4 Jugendschutz recht liche Anforde rungen an Werbung 207 6.4.1 Werbeinhalts bezogene Ver bote gemäß § 6 Abs. 2 JMStV 209 6.4.2 Spezifi sches Tren nungs gebot für ent wick lungs beeinträchtigende Werbung gemäß § 6 Abs. 3 JMStV 214 6.4.3 Verbot der interessen schädi gen den Werbung gemäß § 6 Abs. 4 JMStV 218 6.4.4 Werbung für indizierte Medien gemäß § 6 Abs. 1 JMStV 219 6.4.5 Alkoholwer bung gemäß § 6 Abs. 5 JMStV 220 6.4.6 Rechts folgen bei Ver stößen gegen § 6 JMStV 220 6.5 Exkurs: Daten schutz recht liche Anforde rungen an Daten verarbei tungen im Umfeld von Werbung und Kindern 221 6.5.1 Schutz ziel des Daten schutz rechts 222 6.5.2 Anwen dungs bereich 223 6.5.3 Grundsatz des Ver bots mit Einwilli gungs vorbehalt 225 6.5.4 Elektroni sche Einwilli gung (von Minderjähri gen) und Informa tions pflichten 227 6.5.5 Rechts folgen bei Ver stößen gegen Daten schutz vorschriften 230 6.6 Werberecht als komplexes System von Ent schei dungs maßstäben: Kinder als be sonders schutz bedürftige Personen gruppe 231 6.6.1 Die „Defizite“ Jüngerer und die Begrün dung ihrer Schutz bedürftig keit 232 6.6.2 Mehrdimensionali tät der Beurtei lungs maßstäbe und richter liche Maßstabs findung 236 6.7 Recht liche Einord nung typischer Erschei nungs formen von Onlinewer bung 244 6.7.1 Dienstetypen bezogene Einord nung 246 6.7.2 An gebots bezogene Einord nung 246 6.7.3 Werbebegriffs bezogene Einord nung 248 6.7.4 Gestal tungs bezogene Einord nung 250 6.7.5 Inhalts bezogene Einord nung 252 6.7.6 Daten schutz recht liche Einord nung 254 11 inhalt 6.8 Identifizie rung regulatori scher Problemlagen 255 6.8.1 Rechts bereichs übergreifende Sicht und Hinweise auf strukturelle Problemlagen 255 6.8.2 Mögliche Risiken in Bezug auf das Schutz ziel Hand lungs autonomie 261 6.8.3 Mögliche Risiken in Bezug auf das Schutz ziel der Gewährleis tung informa tio neller Selbst bestim mung 267 6.8.4 Mögliche Risiken in Bezug auf das Schutz ziel der Ent wick lung zu einem ge meinschafts fähigen Individuum 268 6.9 Zwischen fazit: Onlinewer bung als regulatorisch umhegter Bereich 269 7 Wie gehen Kinder mit Werbung um? Zur Rezep tion von Onlinewer bung durch Kinder 273 7.1 Daten basis 274 7.1.1 Quantitative Studie 274 7.1.2 Qualitative Studie 274 7.2 Zur Internetnut zung von Kindern 278 7.2.1 Internet zugang und Nutzungs häufig keit des Internets 278 7.2.2 (Online‑)Werbung im Kontext medien erzieheri scher Maßnahmen 280 7.3 Zum (Online‑)Werbe verständnis von Kindern 284 7.3.1 Bekannt heit von Werbung 284 7.3.2 Wissen um die Inten tion von Werbung 288 7.3.3 Kommunika tion über Werbung in Elternhaus und Schule 294 7.3.4 Einschät zung des Wahr heits gehalts von Werbung 300 7.3.5 Bewer tung von (Online‑)Werbung 303 7.4 Erkennen von Werbung im Onlinekontext 307 7.4.1 Allgemeine Erken nungs merkmale 308 7.4.2 Konkretes Erkennen von Onlinewer bung 318 7.5 Schwierig keiten und Heraus forde rungen im Umgang mit spezifi schen Formen von Onlinewer bung 322 7.5.1 Werbung wird nicht immer und zuverlässig als solche erkannt 323 7.5.2 Ver wechs lung von Werbung und Inhalt bzw. Fehlzuschrei bungen 325 7.5.3 Kind wird in der Ausübung seiner Onlineaktivi täten ge stört bzw. ab gehalten 325 12 7.6 Mehrdimensionales Modell zum Umgang mit Onlinewer bung 326 7.7 Zwischen fazit: Wie be gegnen und ver stehen Kinder Onlinewer bung? 329 8 Zusammen schau der Erkennt nisse und Identifize rung von Problemlagen 333 8.1 Kinder in der Doppel rolle: Umworbene Zielgruppe von Kinder‑ angeboten und faktische Nutzer gruppe von General‑Interest‑Seiten 333 8.1.1 Kinder nutzen vor allem Kinder seiten – aber eben nicht nur 333 8.1.2 Onlinewer bung ist auf allen An geboten präsent 335 8.1.3 Von Kindern ge nutzte Erken nungs merkmale 335 8.1.4 Umfeld der Werbesozialisa tion 336 8.2 Hand lungs autonomiebezogene Problemlagen: Werbegestal tung und starke Anreize 337 8.2.1 Aus gestal tung der Werbekennzeich nung 337 8.2.2 Erschei nungs ort der Werbung 338 8.2.3 Gestalteri sche oder inhalt liche Annähe rung von Werbung und Inhalt 342 8.2.4 Einsatz von Anreizen 344 8.2.5 (Pädagogi sche) Anbieterinforma tionen zu Onlinewer bung 347 8.2.6 Quantität der Werbesegmente und ‑formate 348 8.3 Problemlagen im Hinblick auf die informatio nelle Selbst bestim mung: Informa tions flüsse und Daten verarbei tung 348 8.3.1 Daten schutz hinweise der Inhalte anbieter 348 8.3.2 Bewusste Daten eingabe 349 8.3.3 Un bewusste Daten verarbei tung und Beobacht bar keit 350 8.4 Gemeinschafts fähig keits bezogene Problemlagen: Jugendschutz ‑ relevante Werbeinhalte 352 8.4.1 Gewalt oder Sexuali tät 352 8.4.2 Alkohol und Nahrungs mittel 353 8.4.3 Klischees bei Geschlechter rollen und Körperbild 353 13 inhalt 8.5 Strukturelle und sonstige Problemlagen 354 8.5.1 Strukturelle Ent kopp lung von Werbung und Inhalt und der Anbieter begriff 354 8.5.2 Vollzug gesetz licher und selbstregulativer Vor gaben 354 8.5.3 Selbst verständnis und Handeln nach gesell schaft licher Ver antwor tung 355 8.5.4 Weitere Problemlagen 356 9 Hand lungs optionen 357 9.1 Hand lungs leitende Prämissen bei der Ent wick lung von Hand lungs optionen 357 9.2 Gewährleis tung und Optimie rung von Hand lungs autonomie 361 9.3 Informatio nelle Selbst bestim mung 367 9.4 Jugendschutz relevante Werbeinhalte 369 9.5 Hand lungs optionen auf struktureller Ebene 371 Literatur 375 Abbildungs‑ und Tabellenverzeichnis 385 Anhang 391 Anhang A – An gebots analyse 391 Liste der in der An gebots analyse unter suchten Webseiten 391 Typisie rung der unter suchten Webseiten 396 Kategorien system 398 Vorlage für Steckbrief zur Analyse der Dynamik werblicher Online‑Angebote 410 Vorlage für Beaobachtungsbogen zur Analyse der Dynamik werblicher Online‑Angebote 411 Steckbrief Spezielle Angebotsformen 413 14 Anhang B – Rezeptionsstudie 414 Repräsentativfragebogen (CAPI) 414 Beispiel‑Screenshot (journalistisch‑)redaktionelles Angebot – Startseite toggo.de 427 Beispiel‑Screenshot Plattform – Startseite Youtube.com 428 Beispiel‑Screenshot Service‑/Einstiegsportal – Startseite Spielaffe.de 429 Beispiel‑Screenshot Produkt‑/Herstellerwebseite – Startseite Wasistwas.de 430 Instrumente der Rezep tions analyse 431 Leitfaden Einzelinterview Rezep tions analyse 431 Beobachtungsbogen Einzelinterviews 435 Gedächtnisprotokoll Einzelinterviews 437 Elternfragebogen 438 Leitfaden Lehrer gespräche 445 Die Autoren 447 15 1 einlei tung „Given that Web pages can feature both content and advertisements simultaneously (and perceptually salient elements, such as animation and sound, may accompany either one), children may have trouble identifying relevant content and ignoring peripheral content. In the way, the challenges that television presents may be magnified in an Internet context.“ 1 Nach dem Boom der Forschung zum Thema „Kinder und Fernsehwer bung“ in den 1990er Jahren (vgl. u. a. Hoffmann‑Riem et al. 1995; Kommer 1996; Aufenanger/Neuß 1999; Baacke et al. 1999) schien das wissen schaft liche und öffent liche Interesse an dem Thema vorerst ge stillt. Im Zuge der Ent wick lungen und Möglich keiten im Online‑ bereich wurden auch Formen werb licher Onlinekommunika tion thematisiert, jedoch nicht systematisch und mit Blick auf Kinder unter sucht (vgl. z. B. Feil/Decker/Gieger 2004; Lampert 2009; Paus‑Hasebrink et al. 2004). Mit Aus nahme einer un veröffent‑ lichten Studie von Aufenanger et al. (2008) ist in der deutsch sprachigen Forschung erst seit den letzten zwei Jahren ein ver stärktes Interesse an dem Thema er kenn bar (vgl. Brüggen et al. 2014; LMK 2013; Schulze 2013; Dörr/Klimmt/Daschmann 2011). Die Aktuali tät der Studien ver weist darauf, dass ein breite rer Diskurs noch aus steht. Bei dem Thema Kinder und Werbung handelt es sich von jeher um ein sensibles Themen feld, das Ver treter der Pädagogik, der Medien aufsicht, der Werbeselbstregulie‑ rung, der Werbewirt schaft sowie des Ver braucher schutzes gleichermaßen auf den Plan ruft. Was auf der Seite der Marketingexperten als tolle Idee, erfolg reiche Strategie oder Trend be trachtet wird, gilt aus medien pädagogi scher Sicht oftmals als problematisch. Das span nungs reiche Themen feld kann anhand zentraler Stichworte weiter ab gesteckt werden: Ver frühung Kinder kommen immer früher mit dem Internet in Berüh rung. In Deutschland lag das Einstiegsalter der Internetnut zung 2010 bei neun Jahren, was in etwa dem europäi‑ schen Durch schnitt ent spricht (vgl. Livingstone/Haddon/Görzig/Ólafsson 2011).2 Durch die Bereit stel lung von internet fähigen Geräten mit Touchscreen, die im Ver gleich zu Maus und Tastatur geringere Anforde rungen an die Bedien fähig keit stellen, wird sich die Alters grenze, ab der Kinder digitale Medien und Onlineanwen dungen nutzen, 1 eastin et al. 2006, S. 213. 2 in Schweden lag das durch schnitt liche einstiegsalter 2010 bei sieben Jahren. 16 noch weiter vor verlagern (vgl. Lampert 2013). Ent sprechend kommen Kinder auch schon früher mit Formen werb licher Onlinekommunika tion in Berüh rung. Dies hat wiederum zur Folge, dass sie als zunehmend relevante neue Nutzer‑ und Konsumenten‑ gruppe in den Blick ge nommen werden, für die eigene An gebote ent wickelt werden. Für die Anbieter ergeben sich neue Möglich keiten (und neue Märkte); die An gebote werden von den jungen Nutzern bzw. deren Eltern auch gern an genommen. Unklar bleibt indes die Frage, welche lang fristi gen Folgen eine derartige Medien‑ und Konsum‑ sozialisa tion mit sich bringt, was gerade auf seiten von Pädagoginnen und Pädagogen sowie Eltern oftmals ein ge wisses Un behagen erzeugt. Ver führung Aus Sicht von Marketingexperten gelten Kinder als attraktive Zielgruppe, was ihre zunehmende eigene Kaufkraft und ihren Einfluss auf das Konsum verhalten in der Familie be trifft. Im Fachjargon heißen sie dann ent sprechend Tweens („Inbet weens“, d. h. Heran wachsende, die halb Kind, halb Teenager sind, zwischen 8–12 Jahren) oder Skippies („school kids with income and purchase power“). Als Digital Natives sind sie nicht nur als er reich bare Primärzielgruppe relevant, sondern auch als Multiplikatoren innerhalb ihrer Peergroup. Daneben stellen sie naturgemäß die potenziellen zukünfti‑ gen er wachsenen Kunden dar (vgl. Feil 2003, 71 f.; Norgaard/Bruns/Christensen & Mikkelsen 2007, S. 197). Neben die Ver führung zum Interesse an einem konkreten Produkt tritt so das Motiv zur lang fristi gen, positiv konnotierten Bindung an eine Marke bzw. eine ganze Marken welt. Problematisch daran ist der Umstand, dass Jüngere persuasiven Aus sagen gegen über noch nicht so kritisch sind wie Erwachsene. Kritiker argumentie ren bisweilen, dass es daher unfair sei, über haupt kommerzielle Botschaften an Kinder zu adressie ren. Befürworter hingegen meinen, dass die Unerfahren heit von Kindern häufig über bewertet würde, und dass Produktinforma tionen sowohl für Eltern als auch für Kinder gerade hilf reich seien, reflektiertere Kauf entschei dungen zu treffen als ohne Informa tionen (Moore 2004, S. 161). Ver mark tung Sogenannte Display‑Werbung ist ledig lich eine Facette in einem Spektrum umfang‑ reicher Marketingstrategien. Mit dem Ziel, eine Beziehung zum Kunden aufzu bauen respektive zu festi gen, setzt Marketing vielfältige Kommunika tions kanäle und ‑strategien ein (z. B. Search Engine Marketing, Social Media Marketing, Mobile Advertising, E‑Mail Advertising, Permission Marketing, Online Classified Advertising etc.). Pro‑ dukte – insbesondere auch sogenannte „Medien marken“ (vgl. Paus‑Hasebrink et al. 2004) – werden in der Regel cross medial ver marktet und be worben, z. B. mithilfe von 17 1 einlei tung Advergames, Microsites, Gewinn spielen, Koopera tions geschäften, Sponsoring etc. Hier‑ durch und u. a. auch forciert durch die Möglich keiten der Onlinekommunika tion weichen die Grenzen zwischen eindeutig identifizier barer Werbung und sonsti gen Marketingaktivi täten zunehmend auf. Das Internet bietet durch seine vielfälti gen Anwen dungen zahl reiche Möglich keiten der Marken pflege, z. B. durch spieleri sche An gebote (vgl. z. B. Dörr/Klimmt/Daschmann 2011), durch den Einsatz von Filmen (z. B. bei YouTube) oder Social Media‑Anwen dungen (vgl. Brüggen et al. 2014). Das sogenannte „Native Advertising“ 3 zielt darauf, den ge fühlten Bruch zwischen Inhalt und Werbung zu ver ringern, um das Rezep tions erlebnis auf seiten der Nutzer zu erhöhen. Für Laien sind diese Ver mark tungs strategien oftmals nicht ohne zweima‑ li ges Hinsehen durch schau bar, auch wenn sie selbst – wie etwa im Fall von Social Media – aktiv zum viralen Marketing 4 beitragen, indem sie Produkte, Produkt bewer‑ tungen oder ‑hinweise z. B. in ihren sozialen Netz werken weiter reichen oder „liken“. Noch undurchsichti ger sind die Prozesse, die sich gänz lich der Wahrneh mung der Nutzer ent ziehen, z. B. wenn Profileinstel lungen bzw. nutzer‑ oder nutzu ngs bezogene Daten darüber ent scheiden, welche Werbebot schaften einem Nutzer gegen über an‑ gezeigt werden. Ver antwor tung Die Frage nach Ver antwor tung stellt sich im Zusammen hang mit dem Thema Online‑ wer bung auf ver schiedenen Ebenen: Wer hat die Ver antwor tung für die werb lichen Inhalte, die auf einer Webseite platziert sind? Wer über nimmt die Ver antwor tung dafür, dass Kinder nicht mit Werbeformen oder werb lichen Inhalten in Berüh rung kommen, die sie im Hinblick auf die Ausübung ihrer eigent lichen Onlineaktivi täten stören oder die inhalt lich nicht an gemessen sind? In wessen Ver antwor tung steht die Förde rung von Medien‑ bzw. Werbekompetenz? An gesichts der ver änderten strukturellen Bedin gungen von Onlinewer bung ändern sich auch die Ver antwortlich keiten für die Werbeinhalte. Waren zuvor aus schließ lich die Seiten anbieter für ihre An gebote ver antwort lich, sind mit den Werbenetz werken und Ver marktern neue Akteure (Inter mediäre) hinzu getreten. Hier bedarf es des öffent lichen Diskurses, welchen Akteuren welche Rolle und damit auch der Grad der Ver antwor tung im Gesamt konzert der Onlinewerbekommunika tion zukommt. Dies berührt einer seits die Frage nach der Platzie rung werb licher Inhalte auf einem An gebot 3 Der begriff native advertising bezieht sich auf „hochwertige, von unter nehmen produzierte oder in auftrag ge gebene inhalte, die in das format von Werbeplatt formen weit gehend integriert sind.“ (update, april 2014, ausgabe 3, S. 1). 4 als „viral“ wird eine marketing-Strategie be zeichnet, wenn sich die botschaft epidemienartig über be stehende soziale netz werke aus breitet (vgl. lampert 2009). 18 und anderer seits die Aus spie lung personalisierter Werbung an Kinder. Die Frage stellt sich dabei nicht nur in recht licher, sondern auch in medien‑ und werbe ethischer Hinsicht, wenn es darum geht, wie viel Werbung auf Kinder seiten notwendig (weil sie der Finanzie rung eines An gebots dient) oder ver tret bar ist. Die Frage nach der Ver antwor tung für die Aus bildung und Förde rung kompetenten Handelns in Bezug auf (Online‑)Werbung wird zumeist an die Werbewirt schaft bzw. die Unter nehmen adressiert. Hervor gegangen ist hieraus u. a. die 2004 in Deutschland ge startete Initiative Media Smart e. V., ein Zusammen schluss ver schiedener Unter‑ nehmen, die Informa tionen und (Unter richts‑)Materialien zum Thema Werbung mit dem Ziel bereit stellen, „Kinder zu einem selbst bestimmten und konstruktiven Umgang mit Medien und Werbung als Bestand teil ihrer Lebens wirklich keit anzu leiten.“ 5 Im Bildungs bereich hat das Thema (Online‑)Werbung bislang noch eher wenig Eingang ge funden.6 Wird Werbung thematisiert, dann zumeist im Kontext tradi tio neller Werbe‑ formen. Mit den Materialien des Bayerischen Staats ministeriums für Umwelt und Ver braucher schutz wurde 2014 erstmals umfassen des und zugleich konkretes Material zum Thema Onlinewer bung in sozialen Netz werken bereit gestellt, das allerdings in erster Linie auf die jugend liche Ver braucherweiterbil dung aus gerichtet ist. Das von der LfM initiierte medien pädagogi sche Projekt „Internet‑ABC“ hält in seinem „Surfschein“ auch ein Modul parat, das sich auf den Bereich „Einkaufen im Internet/Werbung“ konzentriert und gängige Werbeformen thematisiert. Weitere medien pädagogi sche An gebote zum Thema Onlinewer bung sind im deutsch sprachigen Raum dagegen rar.7 Ver allgemeine rung Nicht nur einzelne Marketing formen lassen sich zusehends schwerer voneinander trennen; auch die Formen von Display‑Werbung selbst unter scheiden sich hinsicht lich ihrer Modalität (z. B. Film, Bild, Text), ihrer Gestal tung (z. B. dynamisch, statisch, inter aktiv etc.) und ihrer Inhalte, die zunehmend nutzer‑ und nutzu ngs abhängig sind. Das be deutet, dass es die Werbung nicht gibt, genauso wenig wie es die Grundschüler gibt. Ver allgemeine rungen und Pauschalisie rungen er weisen sich für eine konstruktive Debatte als wenig hilf reich. Das Zusammen spiel von Werbung und Kindern bedarf 5 zur Darstel lung der zielstel lung siehe: www.mediasmart.de/verein/ueber-uns. html [28. 07. 2014]. in großbritannien startete die initiative bereits 2002. inzwischen wird das projekt in sieben ländern realisiert. zielgruppe sind Kinder ab dem grundschulalter. 6 zwar wird in den rahmen plänen Werbung z. t. als thema auf gegriffen, dieses aber sehr unter schied lich akzentuiert (z. b. analytisch, reflexiv, kritisch). in einigen rahmen plänen steht das erkennen von Werbung im vordergrund (z. b. baden-Würt temberg), in anderen das ver stehen bzw. die reflexion der werb lichen inten tion bzw. der Wirksam keit von Werbung (z. b. bayern, branden burg, bremen, hamburg, hessen, mecklen burg-vorpommern, nieder sachsen, nordrhein-West falen, Saarland, Sachsen, thüringen). für die konkrete auseinander setzung wird die analyse von Werbeanzeigen und tv-Spots empfohlen (vgl. z. b. rheinland-pfalz, Saarland). in berlin- branden burg wird explizit auf das programm „media Smart“ hin gewiesen. 7 nicht umfasst sind hier elterninforma tionen und hinweise zum thema Werbung im internet. 19 1 einlei tung vielmehr einer differenzie ren den Betrach tungs weise, die den ver schiedenen Facetten werb licher Kommunika tion, aber auch den unter schied lichen Voraus setzungen auf seiten der Kinder an gemessen Rechnung trägt. Vor haben Die nach wie vor weit gehend un geklärte Frage, wie die Werbepraktiken im Internet insbesondere mit Blick auf junge Zielgruppen zu be werten sind, haben die Landes‑ medien anstalt für Medien Nordrhein‑West falen (LfM) und das Bundes ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zum Anlass ge nommen, das Hans‑Bredow‑Institut mit einer Studie zu be auftragen, die das Thema mit Blick auf Grundschul kinder aus einer interdis ziplinären Perspektive unter sucht. Die Studie ver‑ folgte vor allem folgende Ziel rich tungen: 1. Es sollten Daten erhoben werden, in welchem Ausmaß und mit welchen Formen werb licher Kommunika tion Kinder auf den von ihnen bevor zugten Seiten konfron‑ tiert werden, d. h. auf Kinder seiten und auch auf solchen, die nicht primär an Kinder adressiert sind, aber gern von ihnen ge nutzt werden. 2. Es sollte auf gezeigt werden, wie Kinder Werbung wahrnehmen und ver stehen. 3. Es sollte eine recht liche Einschät zung zum Themen feld Onlinewer bung unter be sonde rer Berücksichti gung von Kindern er stellt werden. 4. Auf Basis der Befunde und Erkennt nisse sollten einer seits Hand lungs optionen und anderer seits konkrete Hand lungs empfeh lungen für aus gewählte Stakeholder‑ gruppen (z. B. Anbieter von Kinderinternet seiten) formuliert werden. Das Besondere an der Onlinewelt von heute ist, dass die Grenzen zwischen On‑ und Offline, Träger‑ und elektroni schem Medium, werb licher und nicht‑werb licher Kommu‑ ni ka tion zunehmend durch lässig werden. Welche strukturellen Merkmale Onlinewer‑ bung kennzeichnen und welche Heraus forde rungen sich hieraus für die Kinder, für die Regulie rung und auch für die Forschung ergeben, wird in Kapitel 2 auf gezeigt. Die vor liegende Studie schließt an ver schiedene Unter suchungen an, die sich – oft‑ mals im Auftrag ver schiedener Landes medien anstalten – in unter schied lichen Phasen mit den jeweils an stehen den werb lichen Heraus forde rungen auseinander gesetzt haben (z. B. Aufenanger et al. 2008; Brüggen et al. 2014; Charlton et al. 1995; Dörr/Klimmt/ Daschmann 2011; LMK 2013; Paus‑Hasebrink et al. 2004) sowie an den inter natio‑ nalen Forschungs stand, der in Kapitel 3 dargelegt wird. Jede der ge nannten Studien liefert wichtige Antworten auf die Frage, wie Kinder mit unter schied lichen Facetten werb licher Kommunika tion (z. B. im Kontext von Fernsehwer bung, Advergames, Sender webseiten, cross medial ver markte ter An gebote etc.) umgehen. Die vor liegende Studie ver steht sich insofern als er gänzende Erweite rung mit dem Ziel, ein möglichst 20 umfassen des Bild zu zeichnen, welchen Werbeformen Kinder heute im Internet be‑ gegnen und wie sie mit ihnen umgehen. Die Anlage der Studie sowie ihr theoreti scher Rahmen werden aus führ lich in Kapitel 4 be schrieben. Methodisch orientiert sie sich zum Teil an vor liegen den Unter‑ suchungen, um eine Anschluss fähig keit herzu stellen. Eine Besonder heit besteht darin, dass von Beginn an eine interdis ziplinäre Perspektive auf das Thema ein genommen und bereits bei der Instrumenten erstel lung be rücksichtigt werden konnte. In Kapitel 5 werden die Ergeb nisse der An gebots analyse vor gestellt. Insgesamt wurden 100 An gebote, die laut KIM 2012 von Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren als Lieblings angebote an gegeben wurden, im Hinblick auf werb liche Kommunika tion unter sucht. Das Hauptaugen merk lag auf den Start seiten. Für die Hälfte der An gebote wurden zusätz lich aus gewählte Unter seiten in die Analyse einbezogen. Zehn An gebote wurden mehrfach zu unter schied lichen Zeitpunkten be trachtet, um etwaige Unter‑ schiede hinsicht lich der Dynamik aus machen zu können. Mit dem Blick auf Personali‑ sie rungs strategien wurde zusätz lich für alle 100 An gebote erfasst, inwieweit und wie viele Cookies auf diesen Seiten hinter legt wurden. Des Weiteren wurde anhand von zwei präparierten Computern unter sucht, inwieweit sich die Werbe einblen dungen auf einem Computer mit einem simulierten Kinderprofil von denen auf einem Computer mit einem Erwachsenen profil unter scheiden. In die Konzep tion der An gebots analyse flossen bereits Aspekte ein, die aus recht‑ licher Perspektive relevant sind. Eine aus führ liche Betrach tung des Ordnungs rahmens von Onlinewer bung wird in Kapitel 6 vor genommen, auch im Hinblick auf mögliche regulatori sche Problemlagen. Die Ergeb nisse der Rezep tions studie stehen im Mittelpunkt von Kapitel 7. Diese umfasst zum einen eine Repräsentativbefra gung von 633 Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren und zum anderen eine qualitative Befra gung mit integrierter teilnehmen‑ der Beobach tung von 100 Grundschul kindern in Münster und Hamburg. Ergänzt wer‑ den diese beiden Module durch Befra gungs daten von je einem Elternteil der 100 Kinder, Gruppen interviews in Form von Klassen gesprächen sowie Interviews mit den Lehre‑ rinnen und Lehrern der Kinder. Auf der Basis der empiri schen Befunde und der recht lichen Expertise werden in Kapitel 8 identifizierte Problembereiche auf gezeigt. Den Ab schluss bildet ein Kapitel mit Hand lungs optionen (Kapitel 9). Neben den beiden fördernden Institu tionen sei an dieser Stelle all jenen ge dankt, die mit ihrem Einsatz und ihrer Expertise zu dieser Studie bei getragen haben: Ein be sonde rer Dank geht an Bettina Klumpe und Laura Nöllen burg von ENIGMA GfK für ihre erneut kompetente Beratung und die professio nelle Realisie rung der Repräsen‑ tativ befra gung. Bedanken möchten wir uns eben falls beim Medien pädagogi schen 21 1 einlei tung Forschungs verbund Südwest, der einmal mehr auf kurzem Wege Daten aus der KIM‑ Studie bereit gestellt hat. Den Schul behörden in Hamburg und Münster danken wir für die Genehmi gung für die Durch führung der Studie an Schulen und den Schul‑ lei tungen für ihre Bereit schaft, die Studie zu unter stützen. Ein weiterer Dank für ihre Gesprächs bereit schaft und Offen heit geht zudem an die Expertinnnen und Experten, mit denen wir informelle Hinter grundgespräche führen durften. Auch den Beirats‑ mitgliedern sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Anbieterworks hops sei an dieser Stelle noch einmal für ihre inhalt lichen Impulse ge dankt. Ein Projekt dieser Größen ordnung lässt sich nur mit fleißigen Helferinnen und Helfern realisie ren. Glück licher weise konnten wir sowohl in Hamburg als auch in Münster auf die Unter stüt zung vieler engagierter Studieren der zählen. Tanja Siemens, Michael Voss, Anna Becker, Lena Mußlick, Aline Studemund, Jenny Theobald und Corinna Servais danken wir für die groß artige Unter stüt zung bei der Durch führung der An gebots analyse und der qualitativen Rezep tions studie sowie Anna Katharina Kirsch und Svenja Krause für ihre Unter stüt zung bei der Erstel lung der recht lichen Expertise. Auch dem Team in Münster, nament lich Anne Elshorst, Valerie Hase, Clara‑Maria Henser, Lena Vogel und Nadja Zaynel, sei für ihre Hilfe bei der Realisie‑ rung der qualitativen Interviews vor Ort an dieser Stelle herz lich ge dankt. Ein be‑ sonde rer Dank ge bührt darüber hinaus den Systemadministratoren Sebastian Schieke und Frederik Müller für den unschätz baren techni schen Support. Zu guter Letzt danken wir den Kindern in Hamburg und Münster für die Schilde‑ rung ihrer Sicht der Dinge sowie den Eltern und Lehrerinnen für ihre Teilnahme‑ und Aus kunfts bereit schaft. 23 2 struKturelle merKmale vOn Onlinewer bung Eine Besonder heit des zu unter suchen den Gegen stands bereiches werb licher Kommunika‑ tion besteht darin, dass er sich durch hohe Innova tions kraft aus zeichnet und (dadurch) kurzfristi gen Wand lungs prozessen unter worfen ist. Hinzu kommt, dass sich durch netzbasierte Infrastrukturen paradigmati sche Ver ände rungen ergeben, die auch Aus‑ wirkungen auf das traditio nelle Begriffs verständnis von Werbung haben und insoweit im Rahmen der Unter suchung be rücksichtigt werden müssen. Über blicksartig lassen sich die onlinespezifi schen Strukturen von Werbung anhand folgen der Merkmale be‑ schreiben: 1. Konvergenz der Endgeräte, Multimediali tät und Multimodali tät der Werbung: An‑ gesichts der Konvergenz der Endgeräte ist Werbung im Netz nicht an die Darstel‑ lungs form des Werbeumfelds ge bunden und kann unabhängig von ihrem Kontext ver schiedene mediale Erschei nungs formen haben (Text, grafische Elemente, Bewegt‑ bild, Ton, audiovisuell: Multimediali tät). Durch Nutzung des Rück kanals können daneben unabhängig vom Werbeumfeld unter schied liche Aktivie rungs‑ und Inter‑ aktivi täts formen ge nutzt werden (Multimodali tät). 2. Hypertextuali tät und Divergenz der An gebots strukturen: Durch die Möglich keit, ver schiedenste Inhalte durch Ver weise zu ver binden, bleibt Werbung nicht (mehr) die letzte Kommunika tion vor einem sonst nötigen Medien bruch, um weitere Informa tionen zu einem Produkt zu er halten (Anruf einer Produkt hotline, Begut‑ ach tung des Produkts im Geschäft). Im Internet ist eine Werbefläche der Beginn des Ver braucherkontakts. Ver weise er weitern die Funktion der Display‑Werbung von auf merksam keits heischen den Plakat wänden um unmittel bare Eingangs tore in die Produkt‑ oder Marken welt des Herstellers. Dadurch ver ändert sich auch die Geschwindig keit des Wechsels von nicht‑werb lichen und werb lichen An gebots‑ kontexten: Es kostet einen Klick, um von einer Werbe einblen dung zum kommer‑ ziellen An gebot des Werbetreiben den zu ge langen – oder wieder zurück. Auch die Kommunika tions formen der werbetreiben den Unter nehmen ge stalten sich durch diese Möglich keiten immer weiter aus: Aus Produkt seiten werden unter Einbin‑ dung multimedialer An gebote ganze cross mediale Marken‑ und Erlebnis welten, die neben den Produktinforma tionen immer öfter auch Informa tions services, Unter haltung und Marken‑Communitys bieten und so die ganze Palette eines Marken images ver mitteln. 3. Diversifizie rung der Akteure und strukturelle Ent kopp lung werb licher Inhalte: Die techni schen Möglich keiten der Kombina tion ganz unter schied licher Dienste und An gebote, die auf seiten der Nutzer aber zusammen an gezeigt werden, gehen mit 24 einer Diversifizie rung der Anbieter einher. Häufig ist eine Trennung von Inhalte‑ anbietern und Werbeauss pielern fest zustellen: Der Anbieter einer Seite er möglicht mit der Schaf fung von Werbeflächen im Quell code seines An gebots ledig lich die Möglich keit der externen Einspie lung in sich geschlossener werb licher An gebote Dritter. Aus Sicht des Nutzers er scheint die auf gerufene Seite dagegen als gesamt‑ haftes An gebot. Durch die Möglich keit der Zentralisie rung der Werbeaus spie‑ lung und ent sprechen den Professionalisie rungs‑ und Skalen effekten haben sich neue wirtschaft liche Akteure im Bereich des Onlinemarketings heraus gebildet, die teilweise als vertikal integrierte Full‑Service‑Dienst leister alle werbebezogenen Dienst leis tungen bieten, teils als Nischen anbieter für spezifi sche Einzel aufgaben auf treten, die ganz unter schied liche Geschäfts modelle ver folgen. Auf diese Weise differenziert sich die Onlinemarketing‑Branche immer weiter aus. Dies hat eine Aus weitung und Diversifizie rung der denk baren und vor find baren Akteurs kon‑ stella tionen und Koopera tions formen zur Folge: Die Vielzahl der neuen Akteure im Online marketing, die jeder für sich Einfluss möglich keiten darauf haben können, welcher werb liche Inhalt dem einzelnen Nutzer gegen über aus gespielt und an gezeigt wird, führt wiederum zu einem ge wissen Kontroll verlust der Inhalte anbieter da‑ rüber, was auf den „Werbeplätzen“ ihrer An gebote konkret für den jeweili gen Einzelnutzer er scheint – die Werbeinhalte sind von dem um geben den An gebot zunehmend strukturell ent koppelt. Wo in den letzten Jahren noch der Werbekon‑ text, also die Inhalte und Zielgruppen des um geben den An gebots ein relevantes Kriterium für die Ent schei dung über auszu spielende Werbeinhalte war (semantic targeting), treten ver stärkt Kriterien in den Vordergrund, die an dem jeweili gen Nutzer und seinen Merkmalen und (ver meint lichen) Interessen festmachen (be‑ havioural targeting). 4. Individualisie rung: Der letzt genannte Punkt ver weist auf den Umstand, dass Online‑ wer bung auf grund der netzimmanenten Client‑Server‑Struktur im Unter schied zu tradi tio neller Display‑Werbung über einen Rück kanal ver fügt. Das heißt, dass in die Werbeflächen nicht nur der werb liche Inhalt und der ent sprechende Ver weis auf das weiter führende Werbeangebot ein gespielt werden, sondern die Werbefläche selbst als ein Online‑Angebot fungiert, das über die gleichen techni schen Möglich‑ keiten wie das sie um gebende An gebot ver fügt. Dies führt zu neuen Möglich keiten der direkten und indirekten Beobach tung des Nutzers: Die werb liche Kommunika‑ tion erfolgt nicht einseitig, sondern das Endgerät des Nutzers kommuniziert vor, während und nach der Aus spie lung des Werbeinhalts mit den Diensten, die der Werbeanbieter auf der Werbefläche zusätz lich hinter legt hat. Für das Online‑ marketing bietet diese Technik die Möglich keit der Aus wertung des Nutzer‑ 25 2 struKturelle merKmale vOn Onlinewer bung verhaltens über unter schied liche An gebote hinweg, Möglich keiten der Profil bildung hinsicht lich persön licher Merkmale und Interessen sowie schlussend lich die Option, individualisierte, an den einzelnen Merkmalen des Nutzers orientierte Werbeinhalte auszu liefern („Online Targeting“) 8. Targeting kann so als ein eigener Dienst be‑ trach tet werden, der den Nutzer durch das Netz be gleitet und ihm persön lich zu‑ sammen gestellte Werbeinhalte unabhängig von der jeweils be suchten Seite bietet. 5. Dynamik der Werbung, Dynamik des Marktes: Die Onlinewer bung ist in mehrfacher Hinsicht dynamisch: Auf der Ebene der Werbeinhalte ent steht Dynamik durch die zunehmende Nutzung von animierten Werbeelementen, durch die Aus spie lung unter schied licher Inhalte auf derselben Werbefläche und durch die Integra tion inter aktiver Elemente. Durch wechselnde Platzie rung der Werbeflächen innerhalb eines Gesamtangebots sowie wechselnde werb liche Erschei nungs formen ent steht auch auf Ebene der Einbet tung in das Werbeumfeld eine Dynamik. Schließ lich ist auch der Wirtschafts zweig der Werbung seit jeher von einer hohen Dynamik, großem Innova tions druck und kreativem Erfin dungs geist ge prägt. Die Möglich‑ keiten der netzbasierten Werbekommunika tion haben den ohnehin harten Wett‑ bewerb weiter getrieben und be schleunigt. Die Online‑Werbewirt schaft ist ge‑ kennzeichnet durch eine große Anbieterzahl, die unter schied liche Geschäfts modelle haben und teils schnell wechseln. Immer wieder treten neue, innovative Dienst‑ leister mit neuen techni schen Methoden in den Markt ein. Auch im Hinblick auf die Strukturen der Inhalte anbieter und Nutzer bewe gungen zeigt sich die Realität als hochdynamisch. In der Gesamtschau bleibt fest zustellen, dass das, was traditio nell unter „Werbung“ ver standen wurde bzw. aus Nutzer perspektive teils heute noch als Werbung be trachtet wird, sich aktuell online in unzähli gen, hochgradig diversifizierten Erschei nungs formen wieder findet, hinter denen eine Vielzahl von Akteurs konstella tionen und Koopera‑ tions formen steckt, die ein Interesse an der Nutzung der Beobach tungs möglich keit des Einzelnutzers haben, um Marketingeffekte zu maximie ren. Welche Heraus forde rungen sich damit den kind lichen Nutzern stellen, aber auch der Regulie rung, der Forschung und konkret dem vor liegen den Forschungs projekt, wird im Folgenden skizziert. 8 zu techniken und praxis des online targetings s. greve/hopf/bauer 2011, S. 8 ff. 26 2.1 heraus fOrde rungen für Kind liche nutzer Kinder nutzen in ihrem familiären, schuli schen und freizeit lichen Umfeld zunehmend das Internet als Informa tions‑ und Unter hal tungs quelle (vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2013) und kommen dabei praktisch unaus weich lich mit Internet werbung in Kontakt. Nicht zuletzt durch die Erweite rung des Spektrums an Onlineangeboten für jüngere Kinder – was u. a. auch durch die Ent wick lung und Ver brei tung von Geräten mit Touchscreens forciert wurde – werden zunehmend sehr junge Nutzer gruppen mit werb lichen Botschaften konfrontiert, sei es auf Spieleseiten, journalistisch‑redak tio nellen Seiten oder Image‑ oder Produkt seiten kommerzieller wie abbildung 1: schemati sche darstel lung der akteurs beziehungen im bereich Onlinewer bung (ver einfacht) Quelle: D. Christian, the Display advertising technology landscape, prezi.com/katuvp2rkyk_/the-display-advertising- technology-landscape [24. 07. 2014] 27 2 struKturelle merKmale vOn Onlinewer bung nicht‑kommerzieller Anbieter.9 Werbefrei sind in der Regel nur noch Webseiten von öffent lichen bzw. gemein nützigen Institu tionen mit medien pädagogi schem Anliegen oder von Privatpersonen; die Internet auftritte kommerzieller Anbieter dominie ren die Nutzungs gewohn heiten Jüngerer hingegen. Für die kind lichen Nutzer ergeben sich vor dem Hinter grund der oben ge nannten Merkmale folgende Heraus forde rungen: Da Kinder sich naturgemäß nicht nur auf Kinderinternet seiten bewegen, sondern auch auf An gebote zugreifen, die teils (auch) an Jugend liche und/oder Erwachsene adressiert sind, werden sie mit einem breiten Spektrum an Inhalten und werb lichen Kommunika tionen konfrontiert, häufig auch mit ver schiedenen Formen gleichzeitig. Für Kinder stellt sich dabei die Heraus forde rung, unter schied liche Elemente (z. B. Beitrag, Werbung, Programm hinweis, Spiel) sowie den kommunikativen Kontext eines An gebots (z. B. Kinder seite, Produkt seite) zu er kennen und beides hinsicht lich ihrer Inten tion (z. B. Informa tion, Unter haltung, Persuasion) einzu ordnen, um ent scheiden zu können, wie sie ihr Onlinehandeln aus richten. Auch der Nachvollzug der in der Hypertextuali tät der An gebote be gründeten schnellen Wechsel von Inhalten und Gestal tungs formen stellt eine Heraus forde rung für Jüngere dar: – Für die reflektierte Einord nung benöti gen sie einer seits Wissen darüber, dass es An gebote mit unter schied licher Inten tion gibt, die den Nutzer in unter schied lichen Rollen (z. B. Konsument, Beeinflusser von familiären Kauf entschei dungen, Opinion Leader etc.) an sprechen sowie Kennt nisse über konkrete Anhaltspunkte bzw. Kriterien, anhand derer sie An gebote mit unter schied lichen Inten tionen er kennen können. – Die Vielzahl an möglichen werb lichen Erschei nungs formen sowie die sich ständig und in teils sehr kurzfristi gen Zeiträumen wandelnden An gebote ver langen vom kind lichen Nutzer eine permanente Aktualisie rung, Erweite rung und Anpas sung kognitiver Schemata und Hand lungs strategien. – Darüber hinaus stellen die oben skizzierten Individualisie rungs strategien die Nutzer vor die Heraus forde rung, einer seits zu ver stehen, wie die techni schen Abläufe und Personalisie rungs techniken im Bereich der Onlinewer bung funktionie ren und anderer seits zu antizipie ren, welche (kurz‑ und lang fristi gen) Aus wirkungen das eigene Onlinehandeln darauf hat. Allein die ge nannten Aspekte ver deut lichen, dass Kinder im Rahmen ihrer Online‑ nut zung sehr an spruchs vollen Heraus forde rungen gegen über stehen. In der vor liegen den Studie soll genauer be leuchtet werden, wie sie diesen be gegnen. 9 Daneben gibt es eine reihe von internet seiten für Kinder, die sich durch ver schiedene formen des Sponsorings finanzie ren (s. a. feil/Decker/gieger 2004, S. 42; rosenstock 2005, S. 98). 28 2.2 heraus fOrde rungen für die regulie rung Auch die Regulie rung sieht sich durch die Strukturmerkmale von Onlinewer bung vor neue Heraus forde rungen ge stellt, aus einer steue rungs wissen schaft lichen Sicht ins‑ beson dere auf den Ebenen des Steue rungs bedarfs, des Steue rungs objekts, des Steue‑ rungs subjekts, der Steue rungs wirkung und des Steue rungs instruments (vgl. Dreyer et al. 2013, S. 31 ff.): Im Hinblick auf den Steue rungs bedarf ist gesell schaft lich neu auszu handeln, welche Risiken für die regulatori schen Schutz ziele sich konkret aus den ver änderten Strukturmerkmalen ergeben und welche dieser Risiken tatsäch lich einen Ände rungs‑ bedarf anzeigen. Hier sind empiri sche Ergeb nisse aus der Nutzungs forschung und der Kogni tions psychologie aus einer Risikomanagement‑Perspektive daraufhin zu be werten, an welchen Stellen ggf. nach gesteuert werden muss. Die oben an gesprochene Diversifika tion von An geboten und Anbietern führt zu einer Aus weitung der von der Steue rung be troffenen Rege lungs adressaten (Steue rungs‑ objekte), sowohl im Hinblick auf ihre ab solute Anzahl als auch im Hinblick auf die Vielfalt der von den Akteuren ver folgten Interessen, Strategien und Geschäfts modelle. Das von der Steue rung anvisierte Akteurs netz werk ist immer weniger homogen, auf‑ grund der schwer durch dring baren Akteurs strukturen immer weniger über schau bar und zeichnet sich durch teils ähnliche, teils diametral ent gegen stehende Agenden aus. Ins‑ besondere im Hinblick auf Inter mediäre, die sich bisher nicht von (inhalt licher) Werbe‑ Regulie rung an gesprochen fühlten, gibt es zudem Unter schiede im Selbst verständ nis, was die eigene gesell schaft liche Rolle und Ver antwor tungs übernahme angeht. Die Ebene des Steue rungs subjekts ver weist auf die im Werberecht fast schon als traditio nell zu be zeichnende Situa tion, dass der Werbeselbst kontrolle eine wichtige Rolle bei der Durch setzung gesetz licher Vor gaben und wirtschaft licher Selbst verpflich‑ tungen zukommt. Dort, wo das Steue rungs subjekt Werbeselbst kontrolle ist, muss die Diversifizie rung der Akteure und ihrer Strukturen zur Heraus forde rung für eine kohärente, effiziente Selbst kontrolle werden: Je divergenter die von der Selbst kontrolle umfassten Interessen sind, desto schwieri ger wird es auch, eine Einigung im Hinblick auf (neue) Wirtschafts kodizes herbei zuführen. Auch die Suche nach neuen Koopera‑ tions formen von staat licher Regulie rung und Werbeselbstregulie rung gehört zu den Agenden auf der Ebene der Steue rungs subjekte. Die Perspektive der Steue rungs wirkung kommt – wenig über raschend – zu der Erkenntnis, dass nationale Regulie rungs maßnahmen dort an ihre Grenzen stoßen, wo sowohl die Akteure inter national tätige, teils aus schließ lich im Ausland sitzende Unter‑ nehmen sind, als auch die von Vor gaben umfassten (Werbe‑)Inhalte und Dienst leis‑ 29 2 struKturelle merKmale vOn Onlinewer bung tungen grenz überschreiten den Charakter haben. Dort, wo nationale Alleingänge in ihrer Steue rungs wirkung be grenzt sind, muss sich staat liche Regulie rung und Selbst‑ regulie rung aber auf die Suche machen nach Möglich keiten der „inter‑ und supra‑ nationalen Koopera tion und Koordina tion von Regulie rungs strategien“, „bei denen politi sche, staat liche, wirtschaft liche und gesell schaft liche Akteure zusammen wirken“ (Dreyer et al. 2013, S. 39). Hinsicht lich der Steue rungs instrumente ist auf grund der bisher be schriebenen Heraus forde rungen zu hinter fragen, inwieweit die Mischung aus gesetz lichen Normen und selbstregulativen Vor gaben zu einem aus reichen den Vollzugs druck führt, der die Adressaten zu einem regel konformen Ver halten bringt. Dort, wo Vor gaben zu ledig lich symbol haften Wünschen ver kommen, die mit der Praxis nichts zu tun haben, sinkt die Akzeptanz eines Steue rungs programms so stark, dass das Erreichen der Steue rungs‑ ziele insgesamt in Frage ge stellt ist. Aus dieser Erkenntnis wird insbesondere auch deut lich, wie wichtig eine starke, ver antwor tungs volle, mit ab gestuften Durch griffs‑ möglich keiten aus gestattete Selbst kontrolle für die Akzeptanz und Wirksam keit eines gesamten Regulie rungs systems ist. Auf der Meta‑Ebene rekurrie ren die ge nannten aktuellen Heraus forde rungen auf die vor allem im Bereich der sog. Neuen Ver wal tungs rechts wissen schaften ge führten Dis kussionen um den modell haften „Governance“‑Begriff (vgl. Mayntz 1987; Hoffmann‑ Riem 1993), und die mit einer ent sprechend umfassen den Betrach tung von zu steuern‑ den Lebens sach verhalten einher gehenden Über legungen, wie man Recht in komplexen Steue rungs systemen optimie ren kann, zum Beispiel durch Flexibilisie rung, Temporalisie‑ rung, Reflexivisie rung und Prozeduralisie rung von Ent schei dungs prozessen. 2.3 heraus fOrde rungen für die fOrschung Die oben ge nannten strukturellen Merkmale von Onlinewer bung stellen auch die Forschung in mehrfacher Hinsicht vor Heraus forde rungen, zum einen im Hinblick auf die Erfas sung und Analyse des Gegen standbereichs, zum anderen hinsicht lich der Befra gung von Kindern. Diese werden durch die Spezifika des Internets noch erhöht (vgl. hierzu z. B. Welker et al. 2010, S. 10 f.). Im Folgenden werden einige dieser Heraus forde rungen auf gezeigt; wie diesen im Rahmen dieses Projekts be gegnet wurde, ist Gegen stand von Kapitel 4. Für die Forschung stellt an sich schon die Defini tion und Operationalisie rung von Onlinewer bung eine zentrale Heraus forde rung dar. Zu ent scheiden ist, ob man einen weiten oder engen, ökonomi schen, recht lichen oder subjektiven Werbebegriff 30 zugrunde legt. Gerade weil die Grenzen zwischen werb licher und nicht‑werb licher Kommunika tion zunehmend durch lässiger werden, scheint eine zu enge Defini tion (z. B. im Rahmen einer An gebots analyse) wenig zielführend. Eine zu weite Defini tion kann hingegen eine klare Ab gren zung von werb lichen zu anderen Inhalten verun‑ möglichen. Zur an gemessenen Erfas sung des Gegen stands muss also ein offener, gerade nicht recht lich determinierter Werbebegriff an gesetzt werden. Unabhängig von der definitori schen Eingren zung des Gegen stands bereiches stellt sich zudem die Heraus forde rung, einen dynami schen, flüchti gen und transitori schen Gegen stand zu fixieren bzw. zu dokumentie ren und zu analysie ren. Die Onlineinhalte sind zum Teil animiert und die Werbeflächen werden mit unter schied lichen Inhalten be spielt. Pop‑ups er scheinen in unregelmäßiger Weise und mit eben falls unter schied‑ lichen Inhalten. Hinzu kommt, dass Werbeinhalte zunehmend nutzer‑ bzw. nutzu ngs basiert und personalisiert aus gespielt werden und sich ent sprechend je nach Rechner einstel lungen und Nutzer profil unter scheiden (s. oben). Aus der Kombina tion von browser bezogenen Vor einstel lungen, Such historien und inter aktiven Nutzer eingaben ergeben sich persona‑ lisierte An gebote mit spezifi schen Werbeauss pielun gen, d. h. jede voran gegangene Nutzer entschei dung hat Aus wirkung darauf, welche Werbeinhalte in einer konkreten Situa tion an gezeigt werden. Mit Blick auf an gebots bezogene Forschung stellt sich daher die Frage, auf welche Weise und unter welchen Bedin gungen eine möglichst objektive und reproduzier bare Bestands aufnahme vor find barer Werbeformen realisiert werden kann (z. B. indem der Grad der Personalisie rung so weit wie möglich reduziert wird) und wie sich die Bedin gungen sowie die methodi schen Ent schei dungen auf die Ergeb‑ nisse aus wirken. Darüber hinaus gilt es auch zu be denken, dass sich Webseiten oft in kurzen Ab‑ ständen in ihrer Struktur und damit auch hinsicht lich der Einbet tung von Werbung ver ändern und damit An gebots analysen von Onlineangeboten Bestands aufnahmen mit einer sehr kurzen Halbwerts zeit sind. Die ge nannten an gebots spezifi schen Heraus forde rungen sind auch für die Unter‑ suchung des kind lichen Ver ständ nisses von und des Umgangs mit Onlinewer bung be deutsam und für die Anlage einer Rezep tions studie folgen reich, denn auch hier stellt sich die Frage, wie einer seits ver gleich bare Unter suchungs bedin gungen geschaffen werden können und anderer seits den Nutzungs praktiken und Umgangs weisen von Kindern mit Onlinewer bung an gemessen Rechnung ge tragen werden kann. Die spezifi‑ sche Heraus forde rung für die Rezep tions studien ist also darin zu sehen, in der Inter‑ aktion mit den Kindern die Werbeselbst defini tion der Kinder (das, was Kinder für Werbung halten) an gemessen abzu bilden. 31 2 struKturelle merKmale vOn Onlinewer bung Zusammen fassend lässt sich fest halten, dass es sich bei dem Thema Onlinewer‑ bung um einen sehr an spruchs vollen Gegen stands bereich handelt, der – will man ihn umfassend unter suchen – einige grundlegende Anforde rungen an die Forschung stellt, sowohl was die Unter suchung des Gegen stands bereiches selbst anbelangt, als auch im Hinblick auf die Unter suchung des Werbe verständ nisses Jüngerer. Mit dem Fokus auf Kinder im Grundschulalter erhöhen sich die Anforde rungen, da es sich in der Regel um Onlineanfänger mit sehr unter schied licher Werbesozialisa tion, (Online‑)Werbe‑ erfah rung und Lesekompetenz handelt. Bevor auf gezeigt wird, wie den ge nannten Heraus forde rungen in der vor liegen den Studie be gegnet wurde, wird im folgen den Kapitel ein Über blick über den inter‑ nationalen Forschungs stand zum Thema Kinder und Onlinewer bung ge geben. 33 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung Die Forschung zum Thema Kinder und Werbung kann – sowohl in der kommerziellen Markt forschung als auch in der akademi schen Forschung – inzwischen durch aus auf eine lange Tradi tion zurück blicken. Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre richtete sich der Blick der akademi schen Forschung vor allem auf das Ver ständnis und den Umgang von Kindern mit Fernsehwer bung (vgl. Moore 2004, S. 162). In Deutschland be fassten sich vor allem in den 1990er Jahren diverse Studien mit dem Thema Kinder und Fernsehwer bung, wie z. B. Charlton et al. (1995), Baacke/Sander/Voll brecht (1998), Kommer (1996) und Aufenanger/Neuss (1999). Ende der 1990er Jahre wurden erste Studien zum Thema Internet werbung durch‑ geführt (vgl. Henke 1999). In Deutschland führten Aufenanger et al. 2008 eine der ersten umfassende ren Studien durch, die An gebots analysen mit der Befra gung von Kindern kombinierte. 2013 er schien eine Studie zur Rezep tion von Onlinewer bung durch Grundschüler, in der der Umgang mit Internet werbung systematisch erfasst wurde und ver schiedene Internetnut zungs‑ und Internet werbekompetenz stile iden‑ tifiziert wurden (Schulze 2013). 2014 folgte eine Studie zur Präsenz und Rezep tion von Werbung in Onlineauftritten ver schiedener Fernsehsen der (LMK 2014) sowie schließ lich eine Studie zum Umgang von Jugend lichen mit Werbung im Social Web (Brüggen et al. 2014). Inzwischen liegen auch einige zusammen fassende Über blicks‑ studien zum Themen feld Kinder und Onlinewer bung vor, die zum einen die steigende Zahl der Unter suchungen dokumentie ren und zum anderen auf die über greifen den Befunde und Forschungs lücken ver weisen (vgl. z. B. Clarke 2011; Clarke/Svanaes 2012). Clarke und Svanaes (2012) sich teten beispiels weise systematisch 85 Studien aus 18 Län‑ dern zum Thema „digital marketing and advertising to children“ und stellten fest, dass das Thema über wiegend kritisch be trachtet wird, dass jedoch die Forschungs‑ lage zum Werbe verständnis und zur Frage nach der Beeinträchti gung von Kindern durch kom mer zielle Kommunika tions strategien unein heit lich und inkonsistent ist (ebd., S. 11). Der nach folgende Forschungs überblick stellt eine Zusammen schau der Befunde vor liegen der Studien zum Thema Onlinewer bung und deren Rezep tion durch Kinder dar. Die Darstel lung konzentriert sich zum einen auf die Frage, in welchem Umfang und mit welcher Art werb licher Kommunika tion Kinder im Internet in Berüh rung kommen (Kapitel 3.1). Hierzu wird der Blick auf vor liegende inhalts analyti sche Studien gerichtet, die sich mit kommerzieller Kommunika tion auf Internet seiten be fassen, die 34 von Kindern ge nutzt werden.10 Die Studien bieten Anhaltspunkte für die methodi sche Umset zung der An gebots analyse und zugleich Referenzbefunde für die Einor dung der Befunde der vor liegen den Studie. In Kapitel 3.2 wird die Forschungs lage zum Werbe‑ verständnis von Kindern zusammen fassend dargestellt. Auch hier dienen die Befunde zum einen als Hinweise für die Konzep tion der Rezep tions studie und zum anderen als Folie für die Interpreta tion der Ergeb nisse aus der vor liegen den Studie. 3.1 in welchem umfang und mit welcher art vOn werb licher KOmmuniKa tiOn KOmmen Kinder in berüh rung? Bislang liegen nur wenige empiri sche Studien zum Phänomen Onlinewer bung vor, die inhalts‑ oder an gebots analytisch vor gehen. Die meisten Studien stammen aus den USA, ver einzelt auch aus Großbritannien und Aus tralien. Ledig lich drei Studien be‑ fassen sich mit dem Thema Onlinewer bung in Bezug auf deutsch sprachige Internet‑ seiten (vgl. Aufenanger et al. 2008; Elbrecht/Zinke 2011; LMK 2014).11 Die Studien unter scheiden sich sehr stark hinsicht lich der Fragestel lung, der Zusammen setzung und Größe der Stichprobe, des Instrumentariums und der Analyse einheiten, sodass es kaum möglich ist, ein einheit liches Bild des Forschungs standes zu zeichnen. Fragestel lung: Die Fragestel lungen und Ziel rich tungen der unter suchten Studien unter scheiden sich er heblich. In einigen deskriptiven Studien wurde eine Beschrei bung der Werbe‑ und Marketingpraktiken auf Onlineangeboten, die von Kindern ge nutzt werden, vor genommen (z. B. Aufenanger 2008; Cai/Markiewicz 2003; Cai/Zhao 2010; Cai/Zhao/Botan 2010; Nairn 2008; Nairn/Dew 2007). Andere Studien konzentrierten sich auf die Frage, inwieweit die im jeweili gen Land vor liegen den Empfeh lungen zur Platzie rung von Onlinewer bung auf Internet seiten und zur Erfas sung personen bezogener Daten auf Seiten, die sich an Kinder richten, ein gehalten werden (z. B. Cai 2008; Cai/ Gantz 2000; Cai/Zhao 2010; Nairn 2008). In diesem Zusammen hang wurde u. a. auch erfasst, inwieweit Werbung ge kennzeichnet bzw. klar vom An gebot ab grenz bar 10 Studien zum thema Werbung in (online-)Computer spielen (z. b. advergames, in-game-advertising) sowie in sozialen netz werken werden ledig lich im zusammen hang mit der rezep tion von onlinewer bung be rücksichtigt (vgl. Kapitel 3.2). für einen detaillierten Über blick zum thema „Werbung in Computer spielen“, siehe Dörr/Klimmt/Daschmann (2011). für das thema Werbung in sozialen netz- werken sei auf die Studie von brüggen et al. (2014) sowie von Skaar (2009) ver wiesen. 11 Die Studie von aufenanger et al. (2008) liegt allerdings nur als un veröffentlichter bericht und als präsenta tion vor. 35 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung ist und inwieweit Hinweise zum Ver lassen einer Webseite ein geblendet werden (z. B. Aikat/Debashis 2005; Cai/Zhao 2010; Cai/Zhao/Botan 2010; LMK 2014; Nairn/ Dew 2007). Stichprobe: Die Stichproben, d. h. die Auswahl der unter suchten An gebote, der ver schiedenen Studien sind sehr unter schied lich zusammen gesetzt. Sie reichen von aus gewählten (markt führen den) Kinderwebseiten (Aikat/Debashis 2005; Alvy/Calvert 2007), An geboten von Fernsehsendern (LMK 2014; Lo/Driscoll/Dupagne 2008) oder von Food‑Anbietern (Moore 2006; Moore/Rideout 2007; Henry/Story 2009; Jones/ Reid 2010) über spezielle An gebote, wie Advergames (Cicchirillo/Lin 2011; Dahl/ Eagle/Báez 2009), und des Weiteren über Onlinespielseiten (Elbrecht/Zinke 2011), In‑Game‑Advertising (Klimmt/Dörr/Daschmann 2011), Lieblingskinderwebseiten (Lingas/Dorfman/Bukofzer 2009) bis hin zu Lieblings seiten von Kindern (unter schied‑ licher Alters stufen, Cai/Gantz 2000; Cai/Markiewicz 2003; Cai/Zhao 2010). Teilweise umfasst die Auswahl durch aus auch solche An gebote, die eigent lich nicht für Kinder konzipiert sind (Aufenanger et al. 2008; Bucy et al. 2011; Cai 2008; Cai/Zhao/Botan 2010; Fielder et al. 2007; Nairn 2008; Nairn/Dew 2007). Die Anzahl der jeweils be rücksichtigten Webseiten bewegt sich zwischen vier und 196 Webseiten (Aikat/ Desbashis 2005; Alvy/Calvert 2007 bzw. Cai 2008) bzw. 4.000 einzelnen Webseiten (Moore 2006). Die Anzahl der in der Analyse be rücksichtigten Werbungs elemente fällt in der LMK‑Studie (2014) mit 1.178 am höchsten aus.12 Instrumente: Die empiri schen Studien geben insgesamt ver gleichs weise wenig Anhaltspunkte zu den ver wendeten Instrumentarien und zugrunde ge legten Kategorien‑ systemen. Aus führ lich dargelegt sind die Kategorien ledig lich in Cai/Markiewicz (2003), Moore/Rideout (2007), Lo/Driscoll/Dupagne (2008) sowie Cai/Zhao (2010), Cai/Zhao/Botan (2010). Analyse einheiten: Die empiri schen Studien unter scheiden sich eben falls sehr deut lich hinsicht lich der Analyse einheit, die der jeweili gen Studie zugrunde gelegt wurde. In einigen Studien werden die Werbeplatzie rungen auf den Start seiten in den Blick ge nommen (z. B. Cai/Gantz 2000; Moore 2006; Moore/Rideout 2007), in anderen auch (aus gewählte) Unter seiten, Landing Pages und Werbeseiten (z. B. Cai/ Zhao 2010; Cai/Zhao/Botan 2010; Lingas/Dorfman/Bukofzer 2009). 12 einige Studien nahmen eingren zungen des Daten materials vor, indem sie z. b. nur eine maximale anzahl von Werbun gen pro Seite be rücksichtigten (z. b. fielder et al. 2007). 36 3.1.1 Präsenz vOn werbung im internet Auch wenn die Ergeb nisse der empiri schen Studien aus den ge nannten Gründen nur schwer ver gleich bar sind, lassen sich einige Befunde zusammen fassen, die auch für die vor liegende Studie relevant sind: Werbe aufkommen: Werbung ist auf von Kindern ge nutzten Webseiten in unter‑ schied lichem Ausmaß präsent: In der Studie von Cai/Markiewicz (2003) fanden sich auf 133 be liebten Kinderwebseiten aus dem Jahr 2002 durch schnitt lich fünf Werbun‑ gen auf einer Seite (inklusive Unter seiten). Ledig lich auf einem Viertel der Internet seiten fand sich keine Werbung. 52 Prozent der Werbun gen fanden sich auf der Start seite und 48 Prozent auf einer Unter seite. Durch schnitt lich sechs bzw. (auf den Unter seiten) zwei Werbun gen er mittelte Cai (2008) in ihrer Analyse von 196 be liebten Kinder‑ webseiten pro Seite: 88 Prozent der For‑profit‑ und 49 Prozent der Non‑profit‑Seiten wiesen Werbung auf. Sechs Werbun gen durch schnitt lich pro Seite (inklusive Unter seite) er mittelten auch Cai/Zhao (2010): 75 Prozent der Werbung fanden sich auf den Start‑ seiten und 12 Prozent auf den Unter seiten. In der Studie von Chao/Zhao/Botan (2010) fanden sich auf den 117 unter suchten Kinderwebseiten durch schnitt lich 11,8 Werbun‑ gen pro Seite. Ein be merkens werter Befund in dieser Studie ist, dass es sich bei einem Drittel (34 %) der Werbun gen um Google‑Ads handelt. Kennzeich nung von Werbung: Die Studien erheben teils auch, ob und wie Werbung im Internet ge kennzeichnet wird. In der Studie Nairn/Dew (2007) lag der Anteil der nicht‑gekennzeichneten Werbun gen bei 49 Prozent. Den Ergeb nissen von Nairn (2008) zufolge waren 37 Prozent der Werbun gen als „advert“ oder „ad“ ge‑ kennzeichnet. Bei Aufenanger et al. (2008) lag der Anteil an ge kennzeichneter Werbung bei knapp 20 Prozent, wobei hier be sondere Kennzeich nungs varianten erfasst wurden (z. B. „Anzeige“, „AD“, „Advertisement“). In der Studie von Cai/Zhao/Botan (2010) waren rund 75 Prozent der Werbun gen ge kennzeichnet (70 % mit „ad“ und 18 % mit „advertisement“). Weiterlei tungs hinweise/Hinweise auf Ver lassen eines An gebots (Bridge Pages/ Sites): Nur ein geringer Anteil an Werbelinks ver weist im Falle der Weiter leitung auf das An gebot des Werbenden auf das Ver lassen der Seite (z. B. Ver lassen eines Kinder‑ angebots) hin. Den Ergeb nissen von Nairn/Dew (2007) zufolge wurde in 54 Prozent der Fälle kein Hinweis auf das Ver lassen einer Seite ge geben. In der Studie von Cai (2008) führten nur zwei Prozent der Werbelinks zu einer Weiter lei tungs seite (Bridge‑ page) 13, in der Studie von Cai/Zhao (2010) lag der Anteil bei vier Prozent und bei 13 hier wurden keine unter schiede zwischen Werbun gen auf for-profit- und non-profit-angeboten fest gestellt. 37 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung Cai/Zhao/Botan (2010) bei drei Prozent. Inwieweit die Differenzen zwischen den Studien auf Vor einstel lung des Computers (Aktivie rung von Pop‑up‑Blockern) zurück‑ zuführen ist, die einen Einfluss auf das Erscheinen von Bridgepages haben können, bleibt unklar. Daten erfas sung auf den Internet seiten: Einige Studien unter suchten neben dem Werbe aufkommen die Internet seiten auch im Hinblick darauf, ob persön liche Daten von den Kindern (z. B. Vor‑ und Nachname des Kindes, Postadresse, E‑Mail‑Adresse, vgl. Cai/Zhao 2010) erfragt wurden. Cai und Gantz (2000) zufolge wurden auf 57 Prozent der unter suchten Seiten 14 persön liche Daten von Kindern erhoben. In der Studie von Cai/Zhao (2010) fanden sich auf 87 Prozent der Webseiten Hinweise, dass personen bezogene Daten erfasst werden. Auf 83 Prozent der Webseiten wurde auf die Daten schutz bestim mungen (Privacy Policy) hin gewiesen (vgl. ebd.).15 Pester Power: Ver einzelt fanden sich in den Studien Hinweise auf sogenanntes „Pester Power“. Damit sind solche An gebote ge meint, die ge eignet sind, dass Kinder durch das Erstellen von Wunschlisten etc. Druck auf ihre Eltern ausüben können (Nairn 2008). Als Beispiele wurden die An gebote von Barbie und Diddl an geführt (ebd.). 3.1.2 fazit und schluss fOlge rungen für die an gebOts analyse Zusammen fassend spiegeln die bisheri gen Studien sehr deut lich die Komplexi tät des Gegen stands bereiches wider, die sich u. a. daraus ergibt, dass im Internet redaktio nelle Inhalte und kommerzielle Kommunika tion sowie Informa tion und Unter haltung zunehmend ver schmelzen und analytisch nur noch schwer zu fassen sind. Auf fallend ist, dass in keiner der oben ge nannten An gebots studien eine Defini tion oder Operatio‑ nalisie rung von Onlinewer bung oder kommerzieller Kommunika tion vor genommen wurde. So bleibt frag lich, ob wirk lich alle Formen kommerzieller bzw. werb licher Kommunika tion erfasst und mitunter be sonders gut ge tarnte Formen über sehen wur‑ den – oder anders herum nicht‑werb liche Kommunika tion auf grund der an gewandten Kriterien definitorisch als Werbung mitgezählt worden ist. Der Dynamik des An gebots haben einzelne Studien bereits ver sucht dadurch Rechnung zu tragen, dass sie ein An gebot mehrfach auf riefen (z. B. Cai/Markiewicz 2003; Cai/Zhao 2010, LMK 2014). 14 hierbei handelte es sich um 166 Webseiten aus unter schied lichen empfeh lungs listen. 15 um eine ver gleich bar keit mit der ftC-Studie 2002 herzu stellen, ist hierbei zu be rücksichti gen, dass die analyse aus dem Jahr 2010 stammt. 38 Unklar bleibt, wie die Studien mit den Heraus forde rungen um gegangen sind, die der Gegen stands bereich in techni scher Hinsicht stellt, z. B. welche Vor einstel lungen auf den Computern vor genommen wurden, auf denen die Unter suchung durch geführt wurde. Da die Vor einstel lungen einen maß geblichen Einfluss auf die Inhalte der ein‑ geblendeten Werbung, aber auch auf die Anzeige von z. B. Weiter lei tungs seiten haben (z. B. wenn diese als Pop‑ups an gezeigt werden), müssen diese im Vorfeld sorgfältig mitbedacht werden. Auch wenn einige Studien ein breites Spektrum an von Kindern bevor zugten Seiten be rücksichtigt haben und ver suchten, den Besonder heiten, wie z. B. der Dynamik, Rech nung zu tragen, liefern die bisheri gen Befunde keine zufrieden stellende Basis, in welchem Umfang und in welcher Form Onlinewer bung Kindern im Internet be‑ gegnet. Die vor liegende Studie will diesbezüg lich eine Grundlage schaffen, indem sie von Kindern ge nutzte An gebote sowohl quantitativ als auch qualitativ unter sucht. Da sich Onlineangebote hinsicht lich ihrer Struktur, Ziel rich tung, Finanzie rung und Adressaten‑ gruppe sowie auch im Hinblick auf die Werbeimplementie rung grundlegend unter‑ scheiden, ist es notwendig, einer seits eine hinreichend große Anzahl an An geboten in den Blick zu nehmen und anderer seits auch in die Tiefe zu gehen, um den soeben geschilderten Besonder heiten Rechnung zu tragen. Die Anlage der An gebots analyse wird aus führ lich in Kapitel 4 dargestellt. 3.2 wie ver stehen Kinder Onlinewer bung und wie gehen sie mit ihr um? Der Frage nach dem kind lichen Umgang mit (Online‑)Werbung umfasst zwei zentrale Fragen: 1. inwieweit und ab welchem Alter sind Kinder in der Lage, Werbung zu er‑ kennen und von anderen Inhalten zu unter scheiden? Und 2. inwieweit und ab welchem Alter sind Kinder in der Lage, die kommerzielle und persuasive Inten tion von Werbung zu ver stehen (vgl. z. B. Moore 2004)? Die in den Unter suchungen auszu machen den ent wick lungs psychologi schen Prinzipien des kind lichen Werbe verständ nisses und des Umgangs mit Werbung in klassi schen Medien wie z. B. Fernsehen sind ansatz weise auf das Internet über trag bar. Es scheint jedoch plausibel, dass der kompetente Umgang mit Internet werbung den Kindern wesent lich komplexere kognitive Fähig keiten ab‑ verlangt, als jene, die in den auf gestellten Annahmen be züglich eines fernsehbezogenen Werbe verständ nisses zum Aus druck ge bracht wurden (vgl. z. B. Barth 1995). Haupt‑ grund dafür dürften insbesondere die erhöhte Inter aktivi tät, der schnellere Zugang 39 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung zum be worbenen Produkt bzw. zur be worbenen Dienst leis tung sowie der hohe Anteil der nicht journalistisch‑redak tio nellen An gebote sein, in deren Kontext kommerzielle Kommunika tion er scheint. Insbesondere letzte res Phänomen ist ein Umstand, der die inhalt liche Einbin dung kommerzieller Kommunika tion im Internet strukturell von der bei tradi tio nellen Medien unter scheidet. Daher sind die wissen schaft lich vielfach be rücksichtigten ent wick lungs‑ und sozialisa tions bedingten Einflüsse auf den kind‑ lichen Werbeumgang in Bezug auf Internet werbung zu er weitern, mithin neu zu fassen. Die Inter aktivi tät der Internetnut zung, die Ver flech tung von werb lichen und nicht‑ werb lichen Inhalten, die Dynamik, Multimediali tät, Hypertextuali tät sowie nicht zuletzt die partizipativen Gestal tungs möglich keiten des Social Web ver langen den jungen Nutzern ein Höchstmaß an kognitiven und analyti schen Fähig keiten ab (vgl. Feil/Decker/Gieger 2004, S. 180 ff.) und scheinen ge eignet, das Erkennen, Einordnen und Bewerten kommerzieller Inhalte zu er schwe ren. Die Forschungs lage zum Ver ständnis und zur Rezep tion von Onlinewer bung ist ähnlich heterogen wie die oben skizzierte Forschungs lage zur Präsenz von Werbung im Internet. Ein Gros der Annahmen basiert auf der Forschung zur Fernsehwer bung. Mit Aus nahme der Studie von Henke (1999), die sich bereits Ende der 1990er Jahre mit der Frage be schäftigte, ob das Internet das Potenzial hat, andere Werbemedien, die von Kindern ge nutzt werden, oder auch nicht‑mediale Aktivi täten zu ver drängen und ob Kinder den persuasiven Inhalt der Werbung im Internet ver stehen können, hat die Auseinander setzung mit der Frage, wie Kinder Onlinewer bung ver stehen und mit ihr umgehen, erst seit 2006 an Bedeu tung ge wonnen. Die meisten Studien stammen aus den USA, den Niederlanden und Großbritannien, ver einzelt liegen Studien aus Schweden, Öster reich und Deutschland vor. Bevor die Forschungs lage zu aus gewählten Punkten skizziert wird, wird im Folgenden anhand der bisher vor liegen den Studien ein Über blick über die unter suchten Fragestel lungen, die Stichproben, Methoden und Stimulus materialien ge geben (vgl. u. a. Clarke 2011; Livingstone/Helsper 2006). Fragestel lung: Der Umgang von Kindern mit Onlinewer bung und das dahinter‑ liegende Werbe verständnis werden aus ver schiedenen Perspektiven und unter ver‑ schiedenen Fragestel lungen in den Blick ge nommen. Einige Studien konzentrie ren sich auf die Frage, inwieweit und anhand welcher Kriterien die Kinder Werbung auf den unter suchten Webseiten er kennen (z. B. Ali et al. 2009; Aufenanger et al. 2008; LMK 2014; Schulze 2013). Das Ver ständnis von Onlinewer bung fokussiert interessanter weise ledig lich die Studie von Henke (1999). Andere Studien fragen weiter nach der Akzep‑ tanz, Einschät zung und Bewer tung von Onlinewer bung (z. B. Casu/Weiser 2011; Costa/Damásio 2010; Eastin/Yang/Nathanson 2006; Shin/Huh/Faber 2012). Darüber hinaus liegen einige Studien mit sehr spezifi schen Fragestel lungen vor, z. B. zu der 40 Frage, inwieweit sogenannte „Ad Breaker“ (d. h. Hinweise, die auf den werb lichen Charakter eines Advergames auf merksam machen) 16 oder (medien pädagogi sche) Hin‑ weise zum Thema Werbung ge eignet sind, das kind liche Ver ständnis von Kommerzia‑ li tät zu steigern (vgl. An/Stern 2008; Stern/ An 2009; Stern/ An 2011). Einzelne Studien be fassten sich auch am Beispiel von Advergames mit der Wirksam keit von Online‑ wer bung (vgl. Mallinckrodt/Mizerski 2007; Waiguny/Nelson/Terlutter 2012). Das Thema Privacy im Kontext von Onlinewer bung wurde beispiels weise in der Studie von Shin/ Hu/Faber (2012) unter sucht. Onlinewer bung im Kontext von Social Web‑ Angeboten wurde in den Studien von Brüggen et al. (2014) und Skaar (2009) be rück‑ sichtigt. Stichprobe: Die Stichproben größe variiert über alle Studien hinweg zwischen 23 Kindern (Henke 1999) und 381 Probanden (Shin/Huh/Faber 2012). Nur ver einzelt werden neben den Kindern auch die Eltern mit in die Unter suchung einbezogen (z. B. Schulze 2013; Shin/Huh/Faber 2012). Das Alter der Kinder liegt zwischen fünf und 15 Jahren, wobei die mittlere Alters gruppe der Acht‑ bis Zwölfjähri gen am häufigsten in den Unter suchungen be rücksichtigt wird. Zumeist scheinen die Kinder über Schul‑ klassen rekrutiert worden zu sein. Rezep tions studien mit repräsentativen Stichproben liegen bis dato nicht vor. Methoden/Instrumente: Den oben ge nannten Forschungs fragen ent sprechend finden in den ver schiedenen Studien unter schied liche Methoden Anwen dung, z. B. Experimentalstudien (vgl. Ali et al. 2009; An/Stern 2008; Reijmer sdal/Rozendaal/ Buijzen 2012; Stern/ An 2009; Stern/ An 2011), Beobach tungs tudien in Kombina tionen mit Think aloud‑Verfahren (vgl. LMK 2014; Schulze 2013) oder mit qualitativen Interviews (vgl. ebd.; Aufenanger et al. 2008; Costa/Damásio 2010; Sandberg/Gidlöf/ Holmberg 2011; Waiguny/Nelson/Terlutter 2012), seltener mit standardisierten Instru‑ menten (vgl. Henke 1999; Shin/Huh/Faber 2012; Stern/ An 2011; Waiguny/Nelson/ Terlutter 2012).17 Einige Studien arbeiten auch mit Eyetracking‑Verfahren, die auf‑ zeigen, welche Merkmale von Werbung bei den kind lichen Nutzern be sondere Auf‑ merksam keit erregen (z. B. Casu/Weiser 2011; Gidlöf/Holmberg/Sandberg 2012; LMK 2014; Sandberg/Gidlöf/Holmberg 2011). Ver schiedene Autoren ver weisen darauf, dass (auch) die Wahl der Methode und Instrumente einen Einfluss auf die Einschät zung des kind lichen Werbe verständ nisses hat (vgl. Clarke/Svanaes 2012, S. 25; Shin/ Hu/ Faber 2012), den es bei der Interpreta tion der Befunde zu be rücksichti gen gilt. 16 beispiel: „the game and other activities on this website include messages about products Kraft sells“ (vgl. Stern/ an 2011) aus dem Spiel „be a popstar“ auf der Seite postopia. com (Kraft foods). 17 in einigen Studien wurden standardisierte instrumente ein gesetzt, um basis daten zu er fassen (vgl. z. b. aufenanger et al. 2008). eine be gleitete onlinebefra gung wurde in der Studie von reijmer sdal/rozendaal/buijzen (2012) durch geführt. 41 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung Stimulus material: In einigen Studien wurden die Kinder während der weitest‑ gehend freien Onlinenut zung 18 be obachtet, wie sie mit Werbung umgehen (vgl. z. B. Sandberg/Gidlöf/Holmberg 2011; Schulze 2013). Teilweise wurden Stimuli ein gesetzt, sei es, um die Kinder zum Reden zu animie ren oder um eine ver gleich bare Aus gangs‑ situa tion zu schaffen (vgl. Aufenanger et al. 2008; LMK 2014; Schulze 2013). Die ein gesetzten Stimuli unter schieden sich dabei in ver schiedener Hinsicht: Mal wurden – sofern es Teil des Unter suchungs designs war – die in einer An gebots analyse unter‑ suchten Werbeformen einbezogen; Aufenanger et al. (2008) nutzten beispiels weise Camtasia‑Aufzeich nungen (Auf nahmen des Bildschirmgeschehens) und Screens hots von aus gewählten Webseiten, um zum einen eine ver gleich bare Grundlage zu haben und zum anderen sicher zustellen, dass die Kinder während der Unter suchungs situa tion nicht mit unge eigneten Inhalten in Berüh rung kommen (S. 20).19 In anderen Studien wurden den Kindern aus gewählte An gebote online präsentiert, was die Möglich keit bietet, den dynami schen Charakter von Onlinewer bung mit zu be rücksichti gen (vgl. LMK 2014; im Zusammen hang mit Advergames vgl. An/Stern 2008; Mallinckrodt/ Mizerski 2007; Reijmer sdal/Rozendaal/Buijzen 2012; Stern/ An 2009, 2011; Waiguny/ Nelson/Terlutter 2012). Weitere Studien arbei teten mit aus gedruckten Screens hots bzw. Bildern (vgl. Costa/Damásio 2010). Während in manchen Studien unter schied‑ liche Stimuli (z. B. ver schiedene Webseiten bzw. An gebots formen) vor gegeben wurden, konzentrierten sich andere auf ein konkretes An gebot (z. B. ein be stimmtes Advergame). Zudem unter scheiden sich die ein gesetzten Stimuli dahin gehend, ob es sich – wie beispiels weise im Fall der Advergames – um reale bzw. tatsäch lich vor find bare Werbe‑ formen handelt oder um konstruierte Beispiele, die im Hinblick auf das zu unter‑ suchende Merkmal manipuliert wurden (vgl. Ali et al. 2009). 3.2.1 KOgnitive vOraus setzungen, um werbung zu ver stehen Die Studien zum Erkennen und Ver stehen von Werbung basieren auf ent wick lungs‑ psychologi schen Annahmen, die in der Regel auf die Arbeiten von Piaget (1994) ver‑ weisen. Einzelne Autoren haben den Ansatz auf den Umgang mit werb lichen An geboten – meist bezogen auf Fernsehwer bung – über tragen und weiter aus differenziert (vgl. z. B. Barth 1995; Roedder John 1999). Diesen Ansätzen zufolge haben Kinder im Vor‑ und Grundschulalter ein rudimentäres Ver ständnis von Werbung und können 18 unter forschungs ethischen gesichtspunkten wurde bei den unter suchungen darauf ge achtet, dass Kinder im Kontext der unter- suchungen keinen jugendgefährden den, für sie unge eigneten inhalten aus gesetzt waren. 19 in die auswahl einbezogen waren toggo. de, aol. de, blindekuh. de, amazon. de, kicker. de, knuddels. de, cheats. de und nick. de. 42 noch nicht sicher Werbung von anderen redak tio nellen Inhalten unter scheiden. Erst mit zunehmen dem Alter und der ent sprechen den kognitiven Ent wick lung sind sie in der Lage, Werbung sicher zu er kennen und ihre Inten tion zu ver stehen (vgl. Aufenanger et al. 1995; Aufenanger 1997). Ab welchem Alter diese als „advertising literacy“ (Young 1986, 1990) bezeichnete Kompetenz vollends ausgebildet ist, bleibt unklar: „It is only at adolescence that most children are able to make rational judgements, understand abstract ideas, and question what they are being told, which is needed to make judge‑ ments about the persuasive intent of marketing“ (Clarke/Svanaes 2012, S. 24, mit Bezug auf Roedder John 1999). Roedder John (1999) ent wickelte auf Basis ent wick lungs‑ und sozialisa tions theoreti‑ scher Über legungen ein Modell, demzu folge sich die Konsum‑ und Werbesozialisa tion in drei Stadien gliedern lässt. Sie ver weist explizit darauf, dass die Alters angaben nur un gefähre Annäh rungs werte darstellen, dass sich die Alters gruppen über lappen können und dass die Zuord nungen auch an gesichts der an gebots bezogenen Heraus forde rungen variieren können: „We also note that ages for each stage may be slightly different depending on the specific requirements of the consumer task or situa tion that children face“ (S. 169). Gleichzeitig betont sie, dass die Ent wick lung keines falls in einem Vakuum statt findet, sondern in einem sozialen Kontext, der durch die Familie, Freunde, Medien und Marketing be einflusst wird (S. 170).20 Im Gegen satz zu dem Modell von Piaget, das vier Stadien der kognitiven Ent wick lung unter scheidet, gliedert sich das Werbe‑ sozialisa tions‑Modell von Roedder John in drei Stadien: Perceptual Stage: Dieses Stadium ist charakterisiert durch „a general orientation toward the immediate and readily observable perceptual features of the marketplace.“ (Roedder John 1999, S. 186). Kinder orientie ren sich häufig nur an einzelnen Merk‑ malen. Das Ver ständnis von Markt, Ver kauf und Marken ist noch rudimentär. Ähnlich ver hält es sich mit den konsumenten bezogenen Ent schei dungs findun gen. Roedder John charakterisiert diese als einfach, brauch bar und egozentrisch (S. 169). Ent schei dungen werden oft auf der Basis eines Merkmals ge troffen. Analytic Stage: Laut Roedder John finden im Über gang zu diesem Stadium ent‑ scheidende Ent wick lungen statt, die das Konsumenten wissen be treffen. Das Ver ständnis von Konsumwelten sowie das Wissen über Werbung und Marken werden differenzierter und lösen sich zunehmend von den eigenen Gefühlen und Motiven (S. 169). Kinder sind zudem in der Lage, be wusstere Konsum entschei dungen zu treffen. 20 Sie geht allerdings nicht auf die anderen Sozialisa tions faktoren ein, sondern konzentriert sich auf den faktor alter (hier drei bis 16 Jahre). 43 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung Reflective Stage: Die Konzepte differenzie ren sich weiter aus. Kinder sind zuneh‑ mend in der Lage, reflektierter zu denken und zu argumentie ren. Die Phasen geben Anhaltspunkte zu den grundsätz lichen Voraus setzungen der Werbewahrneh mung/Wahrneh mung kommerzieller Kommunika tion auf seiten der Kinder. Hier zeigt sich, dass die Sieben‑ bis Elfjähri gen eine Art Zwischen stel lung einnehmen. In einigen Punkten sind sie den Kindern aus dem Perceptual Stage bereits voraus (z. B. Lösung von einer egozentri schen Perspektive hin zur Fähig keit, ver‑ schiedene Perspektiven einzu beziehen), aber sie sind vor allem noch nicht dazu in der Lage, die Fähig keiten sicher anzu wenden. Darüber hinaus lassen sich die Kinder im Hinblick auf die Informa tions verarbei‑ tungs prozesse differenzie ren. Roedder John (1999) unter scheidet auf der Basis vor‑ liegen der empiri scher Befunde diesbezüg lich drei Ver arbei tungs typen: Während den sogenannten Limited Processors (jünger als sieben Jahre) noch Strategien zur Speiche rung und Ver arbei tung von Informa tionen weit gehend fehlen, sind diese bei den Cued Processors (sieben bis elf Jahre) schon besser ent wickelt, doch brauchen diese noch unter stützende Hinweise, um die Strategien zur Anwen dung zu bringen. Die Strategic Processors (zwölf Jahre und älter) ver fügen demgegenüber über unter schied liche Strate‑ gien, um Informa tionen zu speichern und zu ver arbeiten. Ent sprechend lassen sich die Limited Processors eher im Perceptual Stage ver ordnen, die Cued Processors im Analy‑ tical Stage und die Strategic Processors im Reflective Stage. Die nach folgende Tabelle (Tab. 1) gibt einen Über blick über aus gewählte Charak‑ teristika und kognitive Fähig keiten in den einzelnen Phasen, ergänzt um Aspekte zum Werbe verständnis. Zu be rücksichti gen ist, dass die Autorin das Modell an der Fernseh‑ nut zung aus gerichtet hat. Eine Adaption an die Fähig keiten im Kontext von Online‑ werbung liegt bislang noch nicht vor. In Bezug auf das Werbewissen und den Umgang mit Werbung wird an genommen, dass auch schon jüngere Kinder – in etwa im Alter von fünf Jahren 21 –, in der Lage sind, Werbung zu er kennen, wobei sie sich an ge stalteri schen Merkmalen orientie ren, wohingegen ältere Kinder (ab ca. sieben Jahre) auch den persuasiven Charakter von Werbung durch schauen (Analytical Stage) und ab ca. elf Jahren auch die Taktiken und Anreize er kennen, mit denen Werbung arbeitet. Hinsicht lich der Glaubwürdig keit 21 Die angaben in der vor liegen den literatur, ab welchem alter Kinder Werbung er kennen und die inten tion ver stehen, unter scheiden sich gering fügig. moore (2004) zufolge sind Kinder ab fünf Jahren in der lage, Werbung von fernsehprogrammen zu unter scheiden. ab ca. acht Jahren seien sie in der lage, die persuasive absicht von Werbung zu er kennen (S. 162). zwischen acht und zwölf Jahren würden sie zwar über die kognitiven voraus setzungen ver fügen, ihr Wissen aber nicht zur anwen dung bringen, sofern sie nicht dazu auf gefordert würden (vgl. ebd., S. 163, mit bezug auf brucks et al. 1988). 44 tabelle 1: ent wick lung werb lichen wissens Characteristics perceptual stage 3–7 years analytical stage 7–11 years reflective stage 11–16 years Knowledge structures orienta tion Concrete ab stract ab stract focus perceptual features functional/underlying features functional/underlying features Complexity unidimensional Simple two or more dimensions contingent („if – then“) multidimensional contingent („if – then“) perspective egocentric (own per- spective) Dual perspectives (own and others) Dual perspectives in social context decision-making and influence strategies orienta tion expedient thoughtful Strategic focus perceptual features Salient features functional/underlying features relevant features functional/underlying features relevant features Complexity Single attributes limited repertoire of strategies two or more attributes expanded repertoire of strategies multiple attributes Complete repertoire of strategies adaptivity emerging moderate fully developed perspective egocentric dual perspectives dual perspectives in social context advertising knowledge Can distinguish ads from programs based on percep- tual features believe ads are truthful, funny, and interesting positive attitudes towards ads Can distinguish ads from programs based on persua- sive intent believe ads lie and contain bias and deception – but do not use these „cogni- tive defenses“ negative attitudes towards ads understand persuasive intent of ads as well as specific ad tactics and appeals believe ads lie and know how to spot specific instances of bias or deception in ads Sceptical attitudes towards ads Quelle: roedder John (1999), table 1 „Consumer socialization stages“ (S. 186) und table 2 „Summary of findings by consumer socialization“ (S. 204) [ausschnitt] 45 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung von Werbung dominiert bei den Jüngeren häufig die Auf fassung, dass alles stimmt, was in der Werbung ge zeigt oder gesagt wird, was auch mit einer positiven Haltung gegen über Werbung korrespondiert, während die Älteren – auch auf grund ihrer Pro‑ dukterfah rungen – diesbezüg lich skepti scher werden. Allerdings sei bei den Kindern in der analyti schen Phase noch zu be obachten, dass sie diese auf keimende Skepsis nicht nutzen, um sich von Werbe versprechen zu distanzie ren. Kinder im Reflective Stage ver fügen zwar über die kognitiven Voraus setzungen, um sich reflexiv mit den werb lichen Botschaften auseinander zusetzen. Allerdings stellt u. a. Moore (2004) fest, dass allein das Vor handensein der kognitiven Voraus setzungen und Fähig keiten für eine reflexive Einord nung noch nichts darüber aussagt, inwieweit diese ge nutzt werden: „Thus, having ‚cognitive and attitudinal defenses‘ is not the same thing as using them.“ (Moore 2004, S. 163). Sie selbst stellte im Rahmen ihrer Forschungs arbeiten fest, dass sich mit den er weiterten kognitiven Fähig keiten auch die Rezep tions möglich keiten er weitern, d. h. dass ältere Kinder nicht nur auf ihren unmittel baren Produkterfah‑ rungen auf bauen können, sondern auch auf ihren medialen Eindrücken. Diese könnten auf grund der unter haltsamen Einbin dung von Werbung durch aus positiv aus fallen, was wiederum auf die Produkt bewer tung Einfluss haben könne. Roedder John (1999) schluss folgert, dass Kinder in diesem Stadium über die notwendi gen kognitiven Voraus‑ setzungen ver fügen, aber ent sprechende Hinweise („cues“) benöti gen, um diese zu aktivie ren. Kinder im Analytical Stage hätten das Wissen demgegenüber stärker ver‑ inner licht und seien grundsätz lich in der Lage, es in ihre Ent schei dungs findung mit‑ ein zubeziehen. Im Folgenden werden die Forschungs ergeb nisse zu einzelnen Fähig keiten von Kindern genauer be trachtet. 3.2.2 auf merKsam Keit gegen über werbung Werbestrategien zielen vor allem darauf ab, Auf merksam keit zu wecken. Auf merksam‑ keit ist zugleich eine zentrale Voraus setzung für weitere Ver arbei tungs prozesse. Studien, die Eyetracking einsetzen, geben Auf schluss darüber, inwieweit die Ver suchspersonen den Werbe einblen dungen Auf merksam keit beimessen. In einer schwedi schen Studie mit 15‑jähri gen Jugend lichen zeigte sich, dass ein Großteil der an gezeigten Werbun gen von den (jugend lichen) Nutzern nicht wahrgenommen wurde (Sandberg/Gidlöf/Holm‑ berg 2011). 46 „The large majority of the online advertisements never receive any attention from the teenagers. The ET study indicates that during the 15‑minute session of free surfing, the average teenager faced 132 potential exposures to advertisements. The number of actual advertisements, with an effective exposure time of 14.5 seconds on average. Compared to the time spent on non‑advertising content, this represents only 1.6 % of the total time for the session (815 minutes) which strongly suggests that teenagers use avoidance strategies.“ (Sandberg/Gidlöf/Holmberg 2011, S. 44) Sandberg et al. (2011) zufolge er werben Jugend liche im Rahmen ihrer Onlinenut zung eine „Internet surfing expertise“ und bilden mit der Zeit eine mentale Vor stel lung der Webseiten strukturen aus, sodass sie wissen, an welchen Stellen sie Werbung zu er warten haben (S. 44). Auf grund dieses Wissens sind sie in der Lage, Werbung zu er kennen, ohne sie genauer anzu sehen, oder sie auch gänz lich auszu blen den. Die Auf merksam‑ keits dauer für eine Werbung belief sich dennoch auf durch schnitt lich 0,5 Sekunden, was im Ver gleich zu den 0,1 Sekunden, die notwendig sind, um Basisinforma tionen (z. B. ein Wort) zu ver arbeiten, ver gleichs weise lang ist. Sandberg et al. (2011) schluss‑ folgern ent sprechend, dass der potenzielle Einfluss von Onlinewer bung auf die Nutzer ver gleichs weise hoch ist. Die schwedi schen Forscher ver weisen jedoch darauf, dass Auf merksam keit (ge messen mit Eyetracking) nichts über die Wirksam keit aussagt. Ihr Befunde zeigen, dass nicht alle Werbun gen, denen nach weis lich Auf merksam keit bei‑ gemessen wurde, auch im Nach hinein erinnert wurden: „To put it briefly, the teenagers in this study seem to be unaware of their exposure to advertising on the Internet.“ (Sandberg/Gidlöf/Holmberg 2011, S. 43). Die Kollegen um Petra Grimm stellten im Rahmen ihrer Unter suchung mit Kindern fest, dass der Werbung nur dann Auf merksam keit bei gemessen wird, wenn sie auf fällig ist, ansonsten richte sich das Interesse der Kinder eher auf andere Inhalte, in diesem Fall auf Spiele oder die Ankündi gung von Sendun gen (vgl. LMK 2014, S. XIII). Als be sondere „Eyecatcher“ er wiesen sich Werbeinhalte, die sich abseits des redak tio nellen Inhalts be fanden sowie animierte Werbeelemente (vgl. ebd.). Moore und Lutz (2000) stellten im Rahmen einer qualitativen Unter suchung mit Kindern im Alter von sieben bis zwölf Jahren fest, dass ältere Kinder (11 bis 12 Jahre) die Werbung auf merksamer zur Kenntnis nehmen als jüngere Kinder (7 bis 8 Jahre). Die Jüngeren wiederum zeigten vor allem Auf merksam keit für Produkte, die eine unmittel bare Relevanz in ihrem Alltag haben (vgl. Moore 2004). Schulze (2013) ver weist darauf, dass die bei gemessene Auf merksam keit auch von der Affinität der Kinder gegen über Werbung und dem jeweili gen Nutzungs kontext ab hängig ist (vgl. S. 233). 47 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung 3.2.3 erKennen vOn werbung „Identifying what is, and what is not an advertisement is the first step in realizing that an advertisement is a marketing message.“ (Ali et al. 2009, S. 71). Das Erkennen von Werbung ist eine zentrale Voraus setzung, um sie als Form der kommerziellen Kommunika tion einordnen zu können. Die Fähig keit, Werbung zu er kennen, sagt allerdings noch nichts darüber aus, ob Kinder den kommerziellen und persuasiven Charakter von Werbung ver stehen (Roedder John 1999). In der Literatur finden sich ver schiedene Annahmen zu Faktoren, die das Werbe verständnis von Kindern be einflussen. Viele Studien be ziehen sich auf das Erkennen und Ver ständnis von Fernsehwerbung, während Studien zum Erkennen von Onlinewer bungen noch ver‑ gleichs weise rar sind (vgl. Clarke/Svanaes 2012; Schulze 2013). Der nach folgende Über blick richtet den Fokus einer seits auf an gebots bezogene Erken nungs merkmale und anderer seits auf die Voraus setzungen auf seiten der Nutzer. 3.2.3.1 an gebOts bezOgene erKen nungs merKmale Bislang gibt es keine umfassende Studie darüber, welche an gebots bezogenen Merkmale für Kinder be sonders ge eignet sind, um Werbung zu er kennen. Einzelne Studien be‑ trachten aus gehend von den Kindern, welche Merkmale sie zum Erkennen von Werbung heran ziehen (z. B. Aufenanger et al. 2008 22; LMK 2014 23), während andere sich auf aus gewählte Erken nungs‑ bzw. Unter schei dungs merkmale, wie z. B. Kennzeich nungen (Cai 2008; Cai/Zhao 2010) oder Preis angaben (Ali et al. 2009) konzentrie ren und unter suchen, inwieweit sich diese als zuverlässige Erken nungs merkmale er weisen. Die explizite Kennzeich nung eines Werbeangebots, z. B. mit dem Begriff „Wer‑ bung“, „Anzeige“ oder anderen Begriffen, stellt ge meinhin das Merkmal dar, von dem an genommen wird, dass es die Erkenn bar keit von Werbung und Unter schei dung vom redak tio nellen Teil am besten gewährleistet. Grimm et al. kommen im Rahmen ihrer qualitativen Befra gung allerdings zu dem Ergebnis, dass die Kennzeich nung „keinen er wähnens werten Einfluss“ auf das Erkennen von Werbung habe (LMK 2014, S. 155). Die Autoren schluss folgern, dass die aktuelle Praxis der Kennzeich nung unzu reichend 22 untersucht wurden 156 Kinder im alter von acht bis neun Jahren. Die Kinder wurden während des ansehens von vorab auf gezeichneten Webseiten (2 aus 8 möglichen) be obachtet und an schließend befragt. 23 Die qualitative rezep tions studie basiert auf 24 Kindern zwischen sieben und 13 Jahren. Die Kinder wurden bei der nutzung aus- gewählter Webseiten von fernsehsendern und -sendun gen (2 aus 10) mittels eyetracking be obachtet und zusätz lich befragt. 48 ist und dass die Kennzeichen zu heterogen und zu wenig auf fällig seien, als dass sie den Kindern auf fallen würden (S. 158). Die Angabe von Preisen hat sich in der Unter suchung von Ali et al. (2009) als wenig zuverlässiges Unter schei dungs kriterium heraus gestellt. In der experimentellen Studie, die Werbesegmente mit und ohne Preis angaben be rücksichtigte, identifizierten die Sechs jähri gen ein Viertel der Werbeanzeigen, die Achtjähri gen die Hälfte und die Zehn‑ bis Zwölfjähri gen dreiviertel der Werbe einblen dungen.24 Die Autoren gehen davon aus, dass Kinder bis sechs Jahre noch Schwierigkeiten haben, Preisangaben zu lesen und als solche zu verstehen: „Therefore, if price provided a cue for identifying an advertisement we expected it would be a more effective cue for older children, who have a better appreciation of the concept of price“ (Ali et al. 2009, S. 73). In anderen Studien stellten sich neben Preis angaben Signalwörter wie „kaufe!“, „kosten los“, „reduziert“ bzw. Hinweise, „die zu kosten pflichti gen An geboten oder zum Erwerb von Produkten führen“ (vgl. LMK 2014, S. 152) als zentrale Erken nungs‑ merkmale heraus. In der Studie von Aufenanger et al. (2008) gaben 30 Prozent der Kinder solche Signalwörter als Merkmal an, was jedoch auch zu Fehleinschät zungen führte (Aufenanger et al. 2008, S. 58). Bilder und Anima tionen stellen ein weiteres Element dar, das Kinder zur Identi‑ fizie rung von Werbung heran ziehen (vgl. Aufenanger et al. 2008; LMK 2014). 20 Pro‑ zent der Kinder gaben dies als Erken nungs merkmal an (Aufenanger et al. 2008). Auch hier kann es im Ver gleich mit dem statischen redak tio nellen An gebot zu Fehleinschät‑ zungen kommen, z. B. wenn Kinder automatisch alle dynami schen Elemente (z. B. auch redaktio nelle Videos) als Werbung identifizie ren.25 Ein weiteres Erken nungs merkmal stellten für 13 Prozent der be fragten Kinder die Produkte dar (vgl. ebd.). Auch hier scheinen die Kinder vor allem auf ihre bisheri gen, meistens fernsehgeprägten Werbe erfah rungen zurück zugreifen. Dies gelte insbesondere bei den Werbeauftritten von Fernsehsendern, bei denen Kinder auf ihre Erfah rung mit Fernsehwer bung im zu gehöri gen Fernsehangebot zurück greifen können. In der Studie von Grimm et al. (LMK 2014) identifizierten die Kinder Werbung zudem in Ab gren zung zum Inhalt des An gebots. Hinsicht lich des Aspekts der Cross mediali tät stellen die Autoren fest, dass die be fragten Kinder Inhalte nicht als Werbung identifizierten, wenn sie Bezüge zu Serien, Sendun gen, Filmen oder Medien charakte‑ ren auf wiesen, jedoch Hinweise auf eigene Produkte des Webseiten anbieters als Wer‑ 24 untersucht wurden 161 Kinder in großbritannien und 240 Kinder in indonesien im alter von sechs bis zwölf Jahren. im rahmen eines experimentellen Settings wurden den Kindern aus drucke von 27 konstruierten Webseiten vor gelegt, von denen einige Werbe- segmente preis angaben ent hielten und andere nicht. 25 aufenanger et al. (2008) nehmen an, dass die Kinder sich dabei auch an ihren fernsehwerbe erfah rungen orientie ren (S. 59). 49 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung bung einordneten (vgl. ebd., S. 153). Hinsicht lich der Farbgestal tung konstatie ren die Autoren, dass es für die Kinder leichter sei, Werbung zu er kennen, wenn sie sich deut lich vom An gebot abhebe (ebd., S. 154). Stern und An unter suchten in ver schiedenen Studien am Beispiel von Advergames, inwieweit sogenannte „Ad Breaker“, d. h. Hinweise, dass es sich bei dem Spiel um ein werb liches An gebot handelt, Kindern helfen, den kommerziellen bzw. werb lichen Charakter von Advergames zu er kennen (An/Stern 2008; Stern/ An 2009, 2011). Die Ergeb nisse der ver schiedenen Experimentalstudien sind insofern er nüchternd, als sie zeigen, dass sich der Ad Breaker – der von ver schiedenen Institu tionen als Best‑Practice‑ Beispiel be trachtet wurde – als wirkungs los erwies, weil er von den Kindern nicht wahrgenommen wurde. Die Autoren ver muten zudem, dass ein weiteres Problem darin bestand, dass die Kinder die Botschaft des Ad Breakers (in diesem Fall, dass das Spiel Hinweise auf Produkte der Firma Kraft ent hält) nicht mit dem Spiel in Ver bindung brachten, weil keine Produkte in dem Spiel ver kauft wurden. Ent sprechend sehen sie in der Ver wendung kindgerechter und ver ständ licher Formulie rungen, der Erhöhung der Sicht bar keit und Größe sowie einer prominenten Platzie rung zentrale Ansatz punkte, um einen be sseren Effekt zu er zielen. Vor dem Hinter grund der ver schiedenen Erken nungs merkmale und Befunde scheint der Hinweis von Aufenanger et al. (2008) ent scheidend, dass Werbung nicht nur anhand eines Merkmals erkannt wird, sondern dass ver schiedene Erken nungs‑ merkmale (z. B. Bilder, Anima tion, Text) auf unter schied liche Weise zusammen gefügt werden (S. 58, vgl. auch Schulze 2013). 3.2.3.2 reziPienten bezOgene vOraus setzungen zum erKennen vOn werbung In der bisheri gen Forschung wurden neben dem Alter der Kinder und ihrer kognitiven Ent wick lung auch die Erfah rung mit dem jeweili gen Medium (vgl. Ali et al. 2009, S. 77 und 80 ff.) sowie das Vor handensein einer (werbebezogenen) Medien kompetenz bzw. „Brand Literacy“ 26 (Costa/Damáso 2010) be rücksichtigt. Ali et al. (2009) stellten in ihrer Experimentalstudie mit britischen und indonesi‑ schen Kindern fest, dass die indonesi schen Kinder trotz ihrer geringe ren Interneterfah‑ 26 „brand literacy“ wird definiert als „the ability of the consumer to decode the strategies used in marketing practices in introducing, maintaining and reformulating brand and brands images, which then, further enables the consumer to engage with these processes within their cultural settings“ (Costa/Damáso 2010, S. 96). 50 rung genauso gut ab schnitten wie die britischen Kinder, was sie schluss folgern ließ, dass das Alter bzw. die kognitive Ent wick lung für das Erkennen von Werbung maß‑ geblicher sei als die Erfah rung mit dem Medium (S. 79).27 3.2.4 ver stehen vOn werbung „The fact that children can identify an advertisement does not mean that they under‑ stand the nature of advertising.“ (Ali et al. 2009, S. 80) An die Frage, inwieweit Kinder in der Lage sind, Werbung zu er kennen, schließt sich die Frage an, inwieweit sie die kommerzielle und persuasive Inten tion von Werbung ver stehen können und be greifen, dass sie als Konsumenten adressiert werden.28 Zumeist wird an genommen, dass insbesondere jüngere Kinder die Inten tion der Werbung oftmals nicht richtig zu deuten wissen (vgl. von Ploetz 1999, S. 84 ff.). Livingstone und Helsper (2006) stellten im Rahmen ihrer Studiensich tung fest, dass Kinder ab acht Jahren durch aus schon die Inten tion von Werbung ver stehen können, dass sie aber erst ab dem Alter von elf Jahren eine kritisch‑reflexive Position gegen über Werbung artikulie ren können (vgl. auch Clarke/Svanaes 2012). Ihrer Ansicht nach ist die Frage, ob Kinder Werbung ver stehen, weniger an dem Alter fest zumachen, sondern vor allem an der vor handenen Medien kompetenz: „Older children, especially teenagers, whose media literacy is greater, are more likely to be persuaded by advertising strategies based on argumenta tion, especially those that contain high‑quality arguments and responses to counter‑arguments“ (Livingstone/Helsper 2006, S. 576; s. a. Schulze 2013). Dies korrespondiert auch mit der Einschät zung von Clarke und Svanaes (2012), die zu dem Ergebnis kommen, dass Kinder eher ver stehen, dass Werbung kommerzielle Ab sichten hat, als dass sie den Ver such der Werbung er kennen, sie als Kunden anzu‑ sprechen: „In other words, children will understand that someone is trying to sell them something before they understand that someone is also trying to persuade them and that this intent influences communica tion.“ (Clarke/Svanaes 2012, S. 47) Beim Ver ständnis von Onlinewer bung kommt hinzu, dass Kinder auch eine Vor‑ stel lung davon haben müssen, wie Werbung im Internet funktioniert. So stellte Schulze (2013) in ihrer Studie fest, dass das Gros der unter suchten Sieben‑ bis Elfjähri gen den 27 Schulze (2013) kam in ihrer Studie hingegen zu dem gegen teili gen befund, dass der kognitive ent wick lungs stand des Kindes keinen maß geblichen einfluss auf die Werbekompetenz hat (S. 229). 28 Die frage wurde bislang zumeist im zusammen hang mit fernsehwer bung unter sucht, ist aber tatsäch lich medien übergreifend. 51 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung werb lichen An geboten des Internets nicht völlig naiv gegen über steht. Allerdings fehle den Kindern häufig ein Ver ständnis für die hypertextuellen Strukturen der Internet‑ werbung, was wiederum die Interpreta tion werb licher An gebots formen er heblich er‑ schwere (vgl. ebd.). In ähnliche Richtung weisen auch andere Studien, die zeigen, dass ein Ver ständnis von Onlinekommunika tion sehr voraus set zungs voll und von Erfah‑ rungs werten, Unsicher heiten und Ängsten ge prägt ist (vgl. Aufenanger et al. 2008). So hatten 15 Prozent der be fragten Kinder keine Vor stel lung, was passie ren könnte, oder be fürch teten, dass man automatisch etwas be stellen oder kaufen würde, und knapp acht Prozent hatten Sorgen, dass personen bezogene Daten an gefragt würden (ebd., S. 57). Einzelne Autoren weisen zudem darauf hin, dass ein Ver ständnis von Werbung nicht automatisch be deutet, dass Kinder problem los Werbung in Onlinekontexten er kennen können. Die Ergeb nisse von Ali et al. (2009) zeigten, dass Zehn‑ bis Zwölf‑ jährige, die eigent lich um die Inten tion von Werbung wissen, keines falls sicher alle Onlinewerbeformen identifizierten: „If children who are old enough to understand the nature of advertising are unable to recognize advertisements this indicates that such children lack the strategies needed to identify what is and what is not a web advertisement.“ (Ali et al. 2009, S. 80 f.) Auch wenn sich Werbekompetenz nur auf Performanzebene ab bilden lässt, gilt es zu be rücksichti gen, dass sich von der Performanzebene keine unmittel baren Schlüsse auf die Werbekompetenz ziehen lassen.29 3.2.5 einstel lung gegen über werbung In einigen Studien zeigte sich, dass jüngere Kinder Werbung positiver gegen über stehen und mit zunehmen dem Alter skepti scher und kritischer ihr gegen über werden (z. B. Charlton et al. 1995). In der Studie von Aufenanger et al. (2008) überwog die negative Einstel lung gegen über Werbung. 36 Prozent der Kinder be werteten Werbung negativ, z. T. weil sie negative Erfah rungen ge macht, Dinge gehört haben, die sie ver unsichern, oder weil sie sich durch Werbung ge stört fühlen. 27 Prozent standen der Onlinewer‑ bung positiv gegen über und fanden sie informativ oder unter haltsam. Ein Drittel der 29 zum ver hältnis von Kompetenz und performanz siehe auch pöttinger (1997) sowie baacke u. a. (1998). 52 Kinder zeigte sich der Werbung gegen über ambivalent, was u. a. auch auf die unter‑ schied lichen Werbeformen zurück zuführen sei (S. 57 f.). Ekström und Sandberg (2010) stellten zudem fest, dass Kinder Onlinewer bung gegen über negativer ein gestellt sind als Werbung in anderen Medien, was sie darauf zurück führen, dass Werbung mehr Einfluss auf die Privatsphäre nimmt (vgl. Sandberg et al. 2011, S. 22). Die Befunde lassen ver muten, dass Kinder einer seits auf grund ihrer allgemeinen Werbe erfah rungen und ihrer wachsen den Medien kompetenz die Werbung mit zu neh‑ men dem Alter kritischer einschätzen. Anderer seits deuten die ambivalenten Einstel‑ lungen gegen über Werbung darauf hin, dass Kinder Onlinewer bung durch aus differen‑ ziert be urteilen, wobei sie unter schied liche Bewer tungs maßstäbe heran ziehen (z. B. Produkterfah rungen, Erwar tungen an ein Onlineangebot, Werbeform). 3.2.6 umgang mit Persön lichen daten Im Kontext von Onlinewer bung hat der Umgang mit persön lichen Daten an Bedeu‑ tung ge wonnen. Bisherige Studien haben vor allem unter sucht, in welchem Ausmaß und auf welche Weise (z. B. mit oder ohne Einverständnis der Eltern) Daten auf Internet seiten ab gefragt bzw. erfasst werden (vgl. z. B. Cai 2008; Cai/Zhao 2010; Kjørstad et al. 2011). Studien zum Wissen über Daten erfassungs techniken im Kontext kommerzieller Kommunika tion liegen bislang noch nicht vor. Der Schwerpunkt der Studien zur Daten erfas sung liegt eher im Bereich von Social Media. Brüggen et al. (2014) be schäftigten sich in einer der ersten Studien mit personalisierten Werbeformen sowie mit Daten schutz im Kontext kommerzieller Prozesse im Social Web. 3.2.7 werbeKOmPetenz als schutz faKtOr? Medien kompetenz wird zum einen als ein relevanter Faktor be trachtet, der das Werbe‑ verständnis be einflusst (vgl. Livingstone/Helsper 2006; Schulze 2013). Zum anderen wird ge meinhin an genommen, dass Medien‑ bzw. eine spezifi sche Werbekompetenz 30, ver bunden mit einer kritischen Haltung gegen über kommerzieller Kommunika tion, als Schutz faktor vor etwaigen Werbe einflüssen fungie ren kann. 30 auch „Commercial media literacy“ (vgl. eagle 2007) oder „advertising literacy“. 53 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung „With internet use becoming more prevalent among young children around the world, cognitions about advertising intent and a greater level of ad skepticism may be the best way to protect children from being unduly influenced by online appeals“ (Shin/ Hu/ Faber 2012, S. 736). Von einigen Forschern wird diese Schutz funk tion von Werbekompetenz allerdings auch in Frage ge stellt (vgl. Livingstone/Helsper 2006; Nairn/Fine 2008; Rozendaal et al. 2011; s. hierzu auch bei Eagle 2007). Livingstone/Helsper (2006) definieren mit Bezug auf Young (2003) Werbe kompe‑ tenz wie folgt: „Advertising literacy, by extension, is understood as the skills of analyzing, evaluating and creating persuasive messages across a variety of contexts and media (Young 2003)“ (Livingstone/Helsper 2006, S. 3). Anhand vor liegen der Studien unter‑ suchten sie den Zusammen hang zwischen Advertising Literacy und Werbewir kung und stellten fest, dass die Forschungs lage auf grund unter schied licher Unter suchungs‑ designs sehr heterogen aus fällt und kein klares Bild zeichnet. Sie kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass die These, dass insbesondere jüngere Kinder mit ent sprechend geringe rer Werbekompetenz stärker von Werbung be einflusst werden, auf der Basis der vor liegen den empiri schen Befunde nicht halt bar sei. Vielmehr würden Kinder jeden Alters gleichermaßen von Werbung be einflusst, doch unter scheiden sie sich im Hinblick auf die werb lichen Merkmale (z. B. ge stalteri sche oder inhalt liche Argumente), die sie an sprechen oder von denen sie sich über zeugen lassen: „Thus, our hypothesis is that, because younger children have lower media (or advertising) literacy, they are more likely to be persuaded by advertising that is based on celebrities, jingles, colorful images, and attractive physical features of a product. Older children, especially teenagers, whose media literacy is greater, are more likely to be persuaded by advertising strategies based on argumentation, especially those that contain high quality arguments and responses to counterarguments.“ (Livingstone/Helsper 2006, S. 13) Die Ergeb nisse von Shin/Huh/Faber (2012) zeigten, dass die selbst wahrgenom‑ mene Medien kompetenz mit einer negativen Einstel lung gegen über Werbung und einer geringe ren Bereit schaft zur Preis gabe persön licher Daten zusammen hängt. Das Wissen um die Inten tion von Werbung könne daher dazu beitragen, sowohl die eigene Online kompetenz zu erhöhen als auch für Daten sparsam keit zu sensibilisie ren (ebd., S. 733). 54 3.2.8 fazit und schluss fOlge rungen für die rezeP tiOns studie Studien zum Thema Kinder und (Online‑)Werbung konzentrierten sich bislang zumeist auf die Fragen, ob Kinder Werbung als solche er kennen und ob sie die persuasive Inten tion von Werbung ver stehen. Wie ge zeigt wurde, wurde dies im Zusammen hang mit Onlinewer bung zumeist in sehr unter schied licher Weise anhand unter schied licher Stimuli (z. B. aus gewählte Internet seiten, Advergames etc.) unter sucht. Ent sprechend heterogen fallen die Befunde aus. Bezugnehmend auf die kognitiven Voraus setzungen zeigt sich, dass Kinder ab ca. fünf Jahren in der Lage sind, (be stimmte) Formen werb‑ licher Kommunika tion zu er kennen. Ab ca. acht Jahren erkennt das Gros der Kinder, dass es sich um kommerzielle Kommunika tion handelt, und ab elf bis zwölf Jahren ver fügen sie über die kognitiven Voraus setzungen, um den persuasiven Charakter zu ver stehen. Diese kognitiven Fähig keiten führen jedoch nicht unweiger lich dazu, dass Kinder immer in der Lage sind, Werbung als solche zu er kennen. Insbesondere wenn sich werb liche und nicht‑werb liche Kommunika tion wie z. B. im Fall von „camouflierter Werbung“ (LMK 2014) oder „Native Advertising“ inhalt lich und ge stalterisch zuneh‑ mend annähern, steigt der Schwierig keits grad, Werbung zuverlässig und eindeutig als solche zu identifizie ren.31 Werbung er kennen und von anderen Inhalten unter scheiden zu können, be deutet um gekehrt auch nicht, dass die kommerzielle und persuasive Inten tion von Werbung per se erkannt wird (vgl. Andronikidis/Lambrianidou 2010) oder dass Kinder Werbung nicht – ähnlich wie Erwachsene – auch unter haltsam finden oder sich durch sie ver‑ führen lassen. Die Befunde zum Werbe verständnis lassen folg lich keine Schluss folge‑ rungen auf die Wirksam keit werb licher Botschaften zu. In den bisheri gen Studien wurde häufig unter sucht, wie Kinder mit spezifi schen Onlinewerbeformen umgehen. Oftmals lassen die Studien dabei un berücksichtigt, dass Onlinewer bung sehr facetten reich ist und dass die einzelnen Werbeformen unter‑ schied liche Heraus forde rungen an die Nutzer stellen. So über rascht, dass bislang nur wenige Studien das breite Spektrum onlinespezifi scher Werbeformen in den Blick nehmen (z. B. Aufenanger et al. 2008; LMK 2014; Schulze 2013). Diese Studien liefern hilf reiche Ansatz punkte, welche spezifi schen Werbeformen Kinder eher er kennen und zeigen auf, mit welchen Formen sie mitunter Probleme haben. Gleichzeitig ver weisen die Studien darauf, dass Werbekompetenzmodelle, wie sie in ver schiedenen Studien mit Blick auf den Umgang mit Fernsehwer bung ent wickelt und unter sucht wurden 31 Der begriff der „camouflierten Werbung“ ist dabei an den im marketingbereich üblichen begriff „Camouflage“ an gelehnt. 55 3 Kinder und Onlinewer bung – über blicK über den stand der fOrschung (vgl. Aufenanger/Neuss 1999; Charlton et al. 1995) im Zusammen hang mit Online‑ wer bung an gesichts der Vielfalt und Heterogeni tät der Werbeformen sowie den Beson‑ der heiten der Onlinekommunika tion im Internet nicht mehr greifen. Im Mittelpunkt der vor liegen den Unter suchung steht daher – an knüpfend an voran gegangene Studien – die Frage, wie Kinder mit den Werbeformen umgehen, die ihnen im Rahmen ihrer Onlinenut zung be gegnen. Um einer seits eine möglichst alltags‑ nahe Onlinenut zungs situa tion herzu stellen und anderer seits den Umgang mit aktuellen Onlinewerbepraktiken zu er fassen, wurde den Kindern im Rahmen der qualitativen Studie die Möglich keit ge geben, im Internet auf aus gewählten Seiten zu surfen. Diese Vor gehens weise er möglicht es, zu be obachten, wie Kinder mit ver schiedensten Formen von Onlinewer bung umgehen, wie sie einzelne Werbeformen be werten und wo sich mitunter Schwierig keiten im Hinblick auf die Identifika tion und den Umgang mit Werbung ergeben. Eine quantitative Ver teilung gängiger Erken nungs merkmale wurde er gänzend im Rahmen der Repräsentativbefra gung erfasst. Auf diese Weise strebt die vor liegende Studie an, die Befundlage einer seits um repräsentative Daten und anderer‑ seits im Hinblick auf neue werbespezifi sche Heraus forde rungen – sowohl aus an gebots‑ bezogener Perspektive als auch aus der Perspektive von Kindern – im Internet zu erweitern. Eine aus führ liche Beschrei bung der Unter suchungs anlage findet sich in Kapitel 4. 57 4 zur gesamtanlage der studie Im Mittelpunkt der Studie steht der Umgang von sechs‑ bis elfjähri gen Kindern mit Werbung im Internet. Um ein möglichst umfassen des und kohärentes Bild zu zeichnen, wurde das Thema nicht nur aus unter schied lichen Perspektiven (Kommunika tions‑ wissen schaft, Regulie rung, Medien pädagogik) be leuchtet, sondern be sonde rer Wert darauf gelegt, dass die ver schiedenen Perspektiven bereits in der konzep tio nellen Phase der empiri schen Umset zung eng miteinander ver schränkt wurden. Im Einzelnen umfasst das Projekt drei empiri sche Kern module, deren Befunde im Mittelpunkt der Aus wer‑ tung und Ergebnis darstel lung stehen, sowie zwei flankierende Module, deren Ergeb nisse als Hinter grundinforma tionen in den Ergebnis bericht einfließen (vgl. Abbil dung 2). Das Projekt hatte eine Laufzeit von 18 Monaten (Dezember 2012 bis Juni 2014). Forschungs modul 1 – Analyse aus gewählter Internet seiten: Im Rahmen der Analyse wurden 100 Lieblings seiten von Kindern im Hinblick auf vor find bare Werbe‑ formen und andere kommerzielle Kommunika tionen, deren Einbet tung in das An gebot sowie Merkmale der Ab gren zung von nicht‑werb lichen Inhalten unter sucht. Durch die Orientie rung an den Lieblings seiten der Kinder konnten sowohl spezielle Kinder‑ internet seiten als auch An gebote, die nicht an Kinder gerichtet sind, von ihnen aber bevor zugt ge nutzt werden, be rücksichtigt werden. Im Rahmen zweier projektergänzen‑ der Module wurde unter sucht, mit welcher Häufig keit Cookies auf den Lieblings seiten der Kinder platziert werden, von welchen Anbietern diese stammen und wie sich unter schied liche Nutzungs profile auf die Einblen dung von Werbung aus wirken. Forschungs modul 2 – Recht liche Expertise: Die recht liche Betrach tung zum Thema Kinder und Onlinewer bung besteht aus einem deskriptiven Über blick über den gesetz lichen und selbstregulativen Ordnungs rahmen und einer juristi schen Ein‑ ord nung der in der An gebots analyse ge fundenen typischen Erschei nungs formen von Onlinewer bung. Im Anschluss wurden mögliche Regulie rungs lücken und potenzielle Risiken für die Erreichung ver fassungs recht licher Schutz ziele identifiziert. Forschungs modul 3 – Werberezep tions studie: Die Rezep tions studie besteht aus mehreren Teilstudien und kombiniert qualitative und quantitative (repräsentative) Instrumente; im Fokus steht die Unter suchung der Werberezep tion von Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren. Rahmendaten zur Werbesozialisa tion und ‑erziehung wurden mittels standardisierter Elternbefra gungen erhoben. Peer‑Analysen in Form von Gruppen interviews geben Auf schluss über die Rolle cross medial be worbener Marken und den Einfluss der Gleichaltri gen auf die Ver brei tung von Marken images. Lehrerinterviews geben Hinweise auf den Stellen wert des Themas Onlinewer bung und die Auseinander setzung mit diesem im schuli schen Kontext. 58 Forschungs modul 4 – Experten befra gung: Für eine er weiterte Einschät zung der Thematik und die Ent wick lung von Hand lungs optionen wurden Interviews mit Ver‑ treterinnen und Ver tretern des Ver braucher schutzes, der Werbeselbst kontrolle, Ver‑ marktern, Anbietern von Kinder seiten etc. in Form von Hinter grundgesprächen durch‑ geführt. Forschungs modul 5 – Inter nationale Expertise: Um den Blick zu er weitern und Good‑practice‑Beispiele im Hinblick auf das Thema Kinder und (Online‑)Werbung zu identifizie ren, wurde eine Onlinebefra gung innerhalb des inter nationalen Experten‑ netz werkes EU Kids Online durch geführt, das sich mit Chancen und Risiken der Onlinenut zung befasst. Kinder und Onlinewerbung Handlungsoptionen für Anbieter von Kinderinternetseiten, Regulierung und Medienpädagogik Forschungsmodul 1: Forschungsmodul 2: Rechtliche Expertise Forschungsmodul 4: Expertenbefragung Forschungsmodul 5: Internationale Expertise Forschungsmodul 3: Analyse der Werberezeption durch Kinder1a) Analyse werblicher Angebots- formen Inhaltsanalyse von Kindern genutzten Internetseiten im Hinblick auf Werbung 1b) Analyse von Personalisierungs- strategien Rechtlicher Ordnungsrahmen werb- licher Inhalte im Netz: Einordnung typischer Erscheinungs- formen und Identifizierung möglicher Problemlagen 3a) Repräsentativbefragung (CAPI) von Kindern (n=633 Kinder im Alter von 6–11 Jahren sowie deren Erziehungs- berechtigten) Erfahrung und Umgang mit Onlinewerbung 3b) Kinder-Leitfadeninterviews und Rezeptionsbeobachtung (n=100) Werbewahrnehmung und Bedeutungs- zuweisungen 3c) Elternbefragung, standarisiert (n=100) Strukturelle Einflüsse seitens der Familie 3d) Gruppeninterviews (n=6) Bedeutung von Marken und Peereinflüssen 3e) Lehrerinterviews (n=4) Stellenwert des Themas (Online -Werbung) in der Schule abbildung 2: über blick über die anlage der studie 59 4 zur gesamtanlage der studie Auf der Basis der in den Forschungs modulen ge nerierten, teils analyti schen, teils empiri schen Befunde wurden be obacht bare Problemlagen identifiziert und vor deren Hinter grund Hand lungs optionen ab geleitet. Darüber hinaus wurden die Hand lungs‑ optionen für aus gewählte Stakeholder gruppen in Form von konkreten Handreichungen auf bereitet. Bevor die Forschungs module hinsicht lich ihrer Anlage vor gestellt werden, wird im Folgenden der forschungs modul übergreifende theoreti sche Ansatz vor gestellt. 4.1 theOreti scher ansatz der studie Der Studie liegt ein theoreti scher Ansatz zugrunde, der die aus recht licher wie aus medien pädagogi scher Perspektive fließen den normativen Zielgehalte kind licher Entwick‑ lung integriert. Schlüsselt man die ab strakten normativen Ziele weiter auf, ergeben sich nicht nur konkrete Fähig keiten, die Kinder ent wickeln sollen, sondern auch Hinweise auf potenzielle Risiken für das Erreichen eines ent sprechen den Ent wick lungs stands. Aus gangs punkt der recht lich fundierten Perspektive bilden dabei die ver fassungs‑ recht lichen Schutz ziele im Bereich Persönlich keits‑ und Jugendschutz, Ver braucher schutz sowie Daten schutz. Die auf diese Weise identifizierten Zielebenen korrespondie ren zugleich mit den Zielstel lungen, die durch allgemeine medien bildende Maßnahmen er reicht werden sollen. Die aus ver fassungs recht licher Sicht ab gelei teten Zielstel lungen finden sich auch in dem Konzept von Medien bildung bzw. von Medien kompetenz als Ziel kategorie medien pädagogi schen Handelns wieder (vgl. z. B. Baacke 1996; vgl. Spanhel 2002). Folgende Zielstel lungen lassen sich hierbei unter scheiden: – Über geordnetes normatives Ziel ist die Gewährleis tung von Hand lungs autono mie.32 Nur wenn ein Kind selbst bestimmtes Handeln er lernen und später zu‑ nehmend auch leben kann, ist dieser Anforde rung ge dient. Werbebezogener Aus‑ fluss daraus ist, dass Kinder den kommerziellen Charakter von Äußerun gen oder Darstel lungen er kennen und die Inten tion bzw. das Motiv der hinter der Werbung stehen den Person ver stehen, um wirtschaft lich motivierten Informa tionen gegen‑ über kritisch bleiben und eigene (Konsum‑)Ent schei dungen treffen zu können. Gefährdet ist die Hand lungs frei heit immer dort, wo das Kind nicht selbst Ent‑ 32 bverfge 80, 137 (152) – Reiten im Walde: „nach den in der rechtsprechung des bundes verfassungs gerichts ent wickelten grundsätzen gewährleistet art. 2 abs. 1 gg die allgemeine hand lungs frei heit im umfassen den Sinne (…). geschützt ist damit nicht nur ein be grenzter bereich der persönlich keits entfal tung, sondern jede form mensch lichen handelns ohne rücksicht darauf, welches gewicht der betäti- gung für die persönlich keits entfal tung zukommt.“; vgl. allgemein zur hand lungs frei heit di fabio in Maunz/Dürig, grundgesetz Kommentar. loseblattsamm lung, 2013, art. 2 rn. 11 ff. (m. w. n.). 60 schei dungen trifft, sondern durch welche Einflüsse auch immer über wiegend fremdbestimmt agiert.33 – Ein weiteres Ziel von Ver fassungs wegen, das eben falls aus medien pädagogi scher Perspektive an gestrebt wird, ist die Gewährleis tung der informa tio nellen Selbst bestim mung.34 Wenn ein zentrales normatives Element des Daten schutz rechts ist, dass auch ein Kind wissen soll, wer was wann über es weiß, so muss das Kind Kenntnis über die Daten verarbei tung und ihre Zwecke haben und ab schätzen können, welche Konsequenzen die Ver arbei tungs prozesse für die informatio nelle Selbst bestim mung haben können – und zwar sowohl in Fällen der vom Kind aktiv ver anlassten Daten verarbei tung (aktive Angabe persön licher Daten) als auch in Situa tionen passiver Daten erfas sung (Tracking und Profiling). – Der dritte große Bereich ver fassungs recht licher und einfach gesetz licher, ebenso wie pädagogi scher Ziel bezüge ist die Entwick lung Jüngerer zu ge meinschafts fähigen Individuen.35 Gefähr dungen dieser Ent wick lung werden aus gemacht in medien induzierten Ent wick lungs risiken, die die Persönlich keits entwick lung im Hinblick auf die Friedfertig keit, ein soziales Miteinander, eine ge meinschafts fähige sexualethi sche Orientie rung oder den Respekt vor anderen Personen gruppen nach‑ haltig be einträchti gen können. Zu einer Beeinträchti gung dieses Schutz zieles können auch die Inhalte von Werbung theoretisch beitragen. Die drei zentralen Ziele im Schnittbereich von kind licher Ent wick lung und Werbung wur den in Unter ziele herunter gebrochen, um Anhaltspunkte für vor gelagerte Einzelziele zu finden, die als Vor bedin gung zur Erreichung des jeweili gen zentralen Ziels er schei‑ nen. Dabei wurde die folgende Ziel übersicht (s. Abb. 3) ent wickelt, deren disziplinen‑ 33 vgl. bverfge 81, 242 (254) – Handels vertreter: „privatautonomie besteht nur im rahmen der gelten den gesetze, und diese sind ihrer seits an die grundrechte ge bunden. (…) Keine bürgerlichrecht liche vor schrift darf in Wider spruch zu den prinzipien stehen, die in den grundrechten zum aus druck kommen. Das gilt vor allem für diejenigen vor schriften des privatrechts, die zwingen des recht ent halten und damit der privatautonomie Schranken setzen (…). Solche Schranken sind unentbehr lich, weil privatautonomie auf dem prinzip der Selbst bestim mung beruht, also voraus setzt, daß auch die bedin gungen freier Selbst bestim mung tatsäch lich ge geben sind. hat einer der ver tragsteile ein so starkes Über gewicht, daß er ver trag liche regelun gen faktisch einseitig setzen kann, bewirkt dies für den anderen ver tragsteil fremdbestim mung. Wo es an einem annähernden Kräftegleich gewicht der beteiligten fehlt, ist mit den mitteln des ver trags rechts allein kein sach gerechter aus gleich der interessen zu gewährleisten. Wenn bei einer solchen Sachlage über grundrecht lich ver bürgte positionen ver fügt wird, müssen staat liche regelun gen aus gleichend eingreifen, um den grundrechts schutz zu sichern.“ 34 bverfge 65, 1 (43) – Volks zählung: „freie ent faltung der persönlich keit setzt unter den modernen bedin gungen der Daten verarbei- tung den Schutz des einzelnen gegen un begrenzte erhebung, Speiche rung, ver wendung und Weiter gabe seiner persön lichen Daten voraus. Dieser Schutz ist daher von dem grundrecht des art. 2 abs. 1 in ver bindung mit art. 1 abs. 1 gg umfaßt. Das grundrecht gewährleistet insoweit die befugnis des einzelnen, grundsätz lich selbst über die preis gabe und ver wendung seiner persön lichen Daten zu be stimmen.“ 35 Siehe hierzu beispiels weise das Konzept von medien mündig keit (Schluder mann 2002, S. 53) sowie ansätze zur aus bildung von „media literacy“, die auf die erziehung reflektierter und engagierter bürger ab zielen (vgl. auf derheide 1993, S. 26). Die gemeinschafts- fähig keit wird recht lich dabei als merkmal einer persönlich keits entwick lung gesehen, welches vom leitbild einer eigen verantwort lichen persönlich keit innerhalb der sozialen Gemein schaft aus geht, vgl. bverfge 47, 46 (72): „Das Kind ist ein Wesen mit eigener menschen würde und eigenem recht auf ent faltung seiner persönlich keit im Sinne der art. 1 abs. 1 und art. 2 abs. 1 gg (…). es bedarf des Schutzes und der hilfe, um sich zu einer eigen verantwort lichen persönlich keit innerhalb der sozialen gemein schaft zu ent wickeln.“ 61 4 zur gesamtanlage der studie übergreifende Zielstel lungen sowohl für die An gebots analyse als auch für die recht liche Risikoanalyse und die Rezep tions studien konzeptio nelle Anhaltspunkte ge boten haben, aber auch für den Endbericht in mehrfacher Hinsicht strukturie ren den Charakter haben. In der An gebots analyse und der recht lichen Betrach tung können Problemlagen struk turiert identifiziert und diese in der Rezep tions analyse auf ihre Risiko verwirk‑ lichung hin über prüft werden. In der Zusammen schau der Befunde aus den einzelnen For schungs modulen können schließ lich vor dem Hinter grund dieser normativen Leit‑ vor stel lungen konkrete Risiken und Lücken auf gezeigt und Hand lungs optionen ab‑ geleitet werden. Auf Basis dieses Unter suchungs ansatzes er folgte die Durch führung der einzel nen Projekt module, deren Methodiken im Folgenden be schrieben werden. 4.2 fOrschungs mOdul 1 – analyse aus gewählter internet seiten Die An gebots analyse gliedert sich in zwei Teile: Im Schwerpunkt wurde eine quanti‑ tativ‑qualitative Inhalts analyse der von Kindern ge nutzten Internet seiten im Hinblick auf Werbung durch geführt (1a), daneben wurden exkursorisch Personalisie rungs‑ strategien und ihre prakti schen Konsequenzen in den Blick ge nommen (1b). 4.2.1 mOdul 1a – analyse werb licher an gebOts fOrmen Ziel der An gebots analyse ist es, aus gewählte Internet seiten im Hinblick auf vor find bare werb liche Segmente, deren jeweilige Einbet tung in das Webseiten angebot sowie Merk‑ male der Ab gren zung von nicht‑werb lichen Inhalten zu unter suchen. Mit Blick auf abbildung 3: zentrale ziele im schnittbereich von kind licher ent wick lung und werbung hand lungs- autonomie Werbung er kennen inten tion ver stehen reflektierter umgang (inkl. Wider stands fähig keit gegen Druck und zwang) informatio nelle Selbst bestim mung bewusstsein der passiven Daten erfas sung bewusstsein der aktiven Daten eingabe gemeinschafts- fähig keit friedfertig keit Soziales miteinander respekt Sexualethi sche orientie rung 62 die geschilderten Strukturmerkmale von Onlinewer bung, die es bei der Analyse von Onlineinhalten bzw. werb lichen Formen im Internet zu be rücksichti gen gilt (vgl. Kapitel 2), sowie aus gehend von den ge nannten normativen Ober‑ und Unter zielen wurde ein mehrdimensionaler Ansatz für die Analyse gängiger Erschei nungs formen werb licher Inhalte in kinder affinen Onlineangeboten ent wickelt: – Um werb liche An gebots formen, denen Kinder im Internet be gegnen, möglichst umfassend zu er fassen, wurde eine systemati sche Analyse der von Kindern gängig ge nutzten Internet seiten über ver schiedene Analyse ebenen hinweg durch geführt. – Um darüber hinaus die Strukturen werb licher Prozesse im Onlinebereich besser nach vollziehen zu können, wurden er gänzend zur Analyse der Erschei nungs formen werb licher An gebote auch strukturelle Analysen durch geführt, die die Flüchtig keit und Dynamik von Onlineinhalten be rücksichti gen, die Spezifika werb licher Er‑ schei nungs formen auf greifen und der Reaktivi tät respektive der Personalisie rung von Onlineinhalten Rechnung tragen. Hier wurden in einem nächsten Schritt zehn aus gewählte An gebote zu unter schied lichen Mess zeitpunkten be trachtet. In einer weiteren Analyse wurde explorativ unter sucht, wie Informa tionen über das Surf verhalten, die auch für ver haltens abhängige Werbezwecke ver wend bar sind, mittels Cookies ge speichert werden (passive Daten erfas sung) und inwieweit sich unter schied liche Nutzungs historien und Surf verläufe auf das individuelle Aus spielen werb licher Inhalte aus wirken. In die An gebots analyse wurden die 100 Lieblings angebote einbezogen, die 2012 im Rahmen der KIM‑Studie von Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren als Lieblings‑ angebot an gegeben wurden.36 Die Liste der einbezogenen An gebote umfasst dabei neben speziell an Kinder adressierte An gebote auch An gebote, die sich auch oder aus schließ lich an ältere Zielgruppen richten, von Kindern aber gern ge nutzt werden. Zugleich bilden die 100 Lieblings seiten ein breites Spektrum unter schiedlichster An‑ gebots typen (z. B. redaktio nelle An gebote, Suchmaschinen, Social Communitys, Spiele‑ platt formen, Produkt seiten), die sich an Kinder, Jugend liche und/oder Erwachsene richten.37 Zu den Top 10 der Lieblings seiten (mehr als zehnmal ge nannt) zählen toggo. de, youtube. com, blinde‑kuh. de, frag finn. de, schuelervz. de 38, kika. de, google. de, bravo. de, knuddels. de sowie spielaffe. de. 36 ergänzend wurden sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen erhebung die lieblings angebote der Kinder erfragt. Die angaben der Kinder zeigten, dass mit der be rücksichtigten auswahl, von einzelnen nungen ab gesehen, die lieblings webseiten der be fragten Kinder sehr gut ab gedeckt wurden. Das einzige von den be fragten Kindern zusätz lich ge nannte an gebot mit insgesamt sechs nennun gen war das onlineportal antolin. de, das jedoch nicht mit in die analyse einbezogen wurde, weil es sich um ein lernangebot handelt und einige bereiche eine registrie rung er fordern. 37 Die vollständige liste der in der an gebots analyse unter suchten Webseiten be findet sich im anhang. 38 Das an gebot von schuelervz. de wurde am 30. 04. 2013 ein gestellt. 63 4 zur gesamtanlage der studie Einige der in der KIM‑Studie er mittelten Lieblings angebote wurden in der An‑ gebots analyse be gründet aus geschlossen. Aus geschlossen wurden in einem ersten Schritt die Nennun gen von Lieblings seiten, die zu wenig Anhaltspunkte auf wiesen (z. B. ge‑ nannte Rubriken, wie „Tierseiten“, „Kinoseiten“) oder die zum Zeitpunkt der Erhebung offline waren bzw. nicht auf gefunden werden konnten. In einem weiteren Schritt wur‑ den individualisierte Dienste‑Angebote (z. B. google. de, facebook. com, hm. com, zalando. de) aus geschlossen. Auf diesen An geboten lassen sich einzelne Werbesegmente nicht per se einordnen, da die werb lichen Strukturen sich an gebots spezifisch unter scheiden.39 An gebote, die auf dieselbe Start seite ver weisen, wurden nur einmal be rücksichtigt.40 Von jeder unter suchten Start seite sowie einzelnen Unter seiten wurde ein 30‑sekün‑ di ges Video er stellt 41. Ergänzt wurden diese durch die gesamte Start seite ab deckende 42 Screens hots der analysierten Seiten, die als Daten grundlage für die weitere Analyse dienten. Um die Webseiten für eine Analyse möglichst ver gleich bar zu halten und zu ver‑ meiden, dass der Besuch der Vor seite im Rahmen der Analyse des nach folgen den An gebots bereits Folgen für die aus gespielten Werbeinhalte hat, wurde ein Ansatz ge wählt, der den Grad an Personalisie rung der Onlinewer bung so neutral wie möglich hält, indem Brows er einstel lungen ver einheit licht und sämt liche Cookies nach der Analyse eines An gebots ge löscht wurden. Die 100 An gebote wurden systematisch im Hinblick auf ihre werb lichen Erschei‑ nungs formen analysiert. Als Analyse einheit wurde für die 100 Webseiten die Start seite fest gelegt. Für die 50 ersten Lieblings‑Webseiten wurden zudem zufällig aus gewählte Unter seiten unter sucht, bei denen ent sprechend die jeweilige Unterseite die Analyse einheit darstellte.43 Für die Analyse der Dynamiken werb licher Onlineangebote sowie der speziellen An gebots formen wurde eine Auswahl aus zehn Webseiten ge troffen, die die Heterogeni‑ tät der An gebote hinsicht lich des An gebots typs, der Inhalte, der Adressaten gruppe 39 bei google folgt das Werbe vorkommen individualisiert dem und orientiert am eigenen Such begriff. in sozialen netz werken wie facebook wird Werbung personalisiert auf die nutzer eingaben aus gerichtet (vgl. hierzu brüggen et al. 2014), Shops dienen um ihrer selbst willen der produkt präsenta tion und sollen informa tionen zu käuf lichen produkte bieten. 40 beispiel: Die Logo-Seite ist eine unter seite von tivi. de, Quarks & Co ist eine unter seite von wdr. de. Da tivi. de und wdr. de bereits in die auswahl einbezogen wurden, sind die unter seiten nicht be rücksichtigt worden. 41 vgl. aufenanger et al. (2008). Die Seite wurde hierzu einmal langsam von oben nach unten gescannt, um sie in ihrer gesamt heit zu er fassen. 42 bei google Chrome gibt es mit Awesome Screen shot die möglich keit, nicht nur den sicht baren Screen, sondern auch die vollständige Seite als bild zu er fassen. 43 eine analyse aus schließ lich auf der ebene der Start seiten er schien nicht aus reichend, da einige anbieter erst auf den Seiten der ersten unter ebene Werbung einbinden. es wurden daher zusätz lich vier unter seiten pro an gebot sowie die landing pages be rücksichtigt. Die auswahl der unter seiten er folgte aus gehend von der Start seite. pro Start seite wurden jeweils vier unter seiten als analyse einheiten aus gewählt, die augen schein lich nicht werb lich anmu teten, sondern auf den ersten blick als Content einzu schätzen waren. 64 (des An gebots) sowie der werb lichen Implementie rungen be sonders gut wider spiegeln.44 Hier wurde jeweils die Webseite (Start‑ und zufällig aus gewählte Unter seiten) als Analyse einheit fest gelegt. 4.2.2 mOdul 1b – analyse vOn PersOnalisie rungs techniKen Im Zuge der Projekt vorarbeiten stellte sich die Praxis der nutzu ngs basierten Online‑ wer bung zusehends als relevanter Aspekt heraus. Im Rahmen der An gebots analyse wurde wie ge zeigt bewusst ein Ansatz ge wählt, der den Grad der Personalisie rung gering halten sollte, um eine möglichst objektive und reproduzier bare Aus gangs basis 44 berücksichtigt wurden: toggo. de, youtube. com, bravo. de, spielaffe. de, knuddels. de, kicker. de, helles-koepfchen. de, gmx. de, barbie. com, geolino. de. abbildung 4: auswahl der untersuchten webseiten 65 4 zur gesamtanlage der studie zu schaffen und die Analyse ergeb nisse nicht durch vor herige Profil‑ oder Nutzungs‑ daten zu ver zerren. In der Praxis legen aber viele An gebote automatisiert Cookies, d. h. kleine Dateien mit text lichen Informa tionen, auf dem Nutzer rechner ab – sowohl solche der Inhalte‑ anbieter als auch solche Dritter („Third Party Cookies“), die teils aus dem Quell code der Inhalts seite stammen und teils aus dem Quell code der extern be spielten Werbe‑ flächen. Diese Cookies können sowohl temporär (also nur für die laufende Nutzungs‑ session) als auch persistent sein, d. h. die Informa tionen bleiben auch über die jeweilige Internet‑ bzw. Browser‑Sitzung hinaus er halten. Viele Anbieter nutzen darüber hinaus weitere Techniken, die in der Lage sind, Informa tionen über den Nutzungs verlauf eines Nutzers auch über An gebote hinweg zu sammeln (z. B. sogenannte Web Bugs, Zählpixel, Java Script Beacons). Diese er möglichen u. a. die Erstel lung von pseudonymen Nutzer‑ profilen (auch von Minderjähri gen). In der Praxis zudem ge nutzte serverseitige Tracking‑ und Profilie rungs techniken (z. B. Session‑IDs, Geo‑Location‑Dienste, Browser‑ oder Canvas‑Finger printing, Unique IDs des Endgeräts) konnten dagegen nicht in die Unter suchung einbezogen werden. Um den Aspekt der Personalisie rung von aus gespielter Werbung in der An gebots‑ analyse zu be rücksichti gen, wurde im Rahmen zweier exkursori scher Zusatz analysen zum einen eine Cookie‑Analyse über die Top‑50‑Angebote durch geführt und zum anderen in einem A/ B‑Test unter sucht, inwieweit sich mit unter schied lichen Nutzungs‑ historien präparierte Rechner auf die aus gespielten Werbeinhalte aus wirken. Die Cookie‑Analyse wurde im November 2013 durch geführt und umfasste zu‑ nächst den Einzel aufruf der Top‑50‑Angebote nach einander, jeweils unter brochen durch die Löschung aller bisheri gen Cookies. Erfasst und ge zählt wurden bei jedem Seiten aufruf der jeweili gen Start seite des An gebots sämt liche Cookies, die dabei auf dem Computer des Nutzers ab gelegt wurden. Diese wurden – soweit zuzu ordnen – nach Anbietern differenziert. Neben dieser reinen Cookie‑bezogenen Zählung wurde daneben notiert, ob das An gebot neben Cookies weitere für das Besuchertracking und Targeting ver wend bare Technologien einsetzte. Die ent sprechen den Analyseinstrumente wurden eben falls erfasst. Durch geführt wurde diese Erhebung mittels der Browser‑ Plugins „Ghostery“ und „Awesome Cookie Manager“ in einem Chrome‑Browser. Eben falls im November 2013 wurden die Top 50 der in die Analyse einbezogenen Seiten gleichzeitig auf zwei unter schied lich präparierten Rechnern auf gerufen. Der eine Rechner („Kind“) wurde komplett neu auf gesetzt und er stmalig ge startet, wies also bisher keinerlei Nutzungs verlauf oder ge speicherte Cookies auf. Der Rechner erhielt für den Internet zugang die IP‑Adresse aus dem Adress raum des lokalen Zugangs‑ providers. Mit dem anderen Rechner („Eltern“) wurden zunächst die zwanzig meist‑ 66 besuchten An gebote mit IVW‑Zählung an gesurft 45, daneben weitere reine Erwach‑ senen angebote aus dem Erotik bereich. Der so präparierte „Elternrechner“ erhielt über die Nutzung eines VPNs eine IP aus dem Raum Frank furt. Die dann zeit gleich auf beiden Rechnern auf gerufenen Top‑50‑Angebote wurden jeweils zu Ende ge laden, dann wurde auf beiden Rechnern ein Screen shot der Seite inkl. der Werbe einblen‑ dungen ge macht. Diese Vor gehens weise sollte Anhaltspunkte für die Relevanz der aus der Nutzungs historie ent stammen den Profilie rung für die aus gespielten Werbeinhalte er bringen. Die Ergeb nisse dieser nutzu ngs basierten werb lichen Dynamiken werden in Kapitel 5.9 dargestellt. 4.3 fOrschungs mOdul 2 – recht liche exPertise Die recht liche Analyse hat auf Grundlage einer Literatur‑ und Dokumenten analyse zunächst den gelten den Ordnungs rahmen er mittelt, wie er sich aus gesetz lichen Vor‑ schriften und Vor gaben der Selbst kontrolle der Werbewirt schaft ergibt. Für eine deskrip‑ tive Darstel lung des recht lichen und selbstregulativen Rahmens wurden hier die jeweili‑ gen Werbebegriffe, die regulatori schen Zielset zungen und die Anforde rungen an rechts konforme Werbung inkl. der in Rechtsprechung und Literatur diskutierten Ab gren zungs kriterien für zulässige und unzu lässige Werbung heraus gearbeitet und zusammen gestellt. In einem ge sonderten Schritt wurden die restriktive ren bzw. er‑ gänzen den Beurtei lungs maßstäbe analysiert, wie sie die Rechtsprechung bei werb licher Kommunika tion, die sich an Kinder richtet, identifizie ren und füllen muss. Im zweiten Schritt wurden die im Rahmen der An gebots analyse ge fundenen typischen Erschei nungs formen vor dem Hinter grund des fragmentierten Rechts rahmens ein geordnet. Schließ lich wurde auf Grundlage der normativen Schutz ziele im Schnitt‑ bereich von Werbung und kind licher Persönlich keits entwick lung eine recht liche Risiko‑ analyse erarbeitet, die anhand von Auf merksam keits punkten aus der An gebots analyse mögliche Risikolagen identifiziert, die sich (theoretisch) bei der kind lichen Online‑ Werberezep tion ergeben können und – wo möglich – ent sprechend im Rahmen der Rezep tions studie auf ihr Potenzial zur Risikorealisie rung hin be trachtet werden. Da eine systemati sche Betrach tung des Ordnungs rahmens daneben auch Hinweise auf steue rungs wissen schaft lich herleit bare strukturelle Probleme er möglicht, wurden diese eben falls im Rahmen der Identifizie rung möglicher Problemlagen be rücksichtigt. 45 ivW-zählung 9/2013: t-online, ebay, bild. de, Spiegel online, yahoo, mSn, wetter. com, mobile. de, kicker online, gutefrage. net, foCuS online, n-tv. de, Sport1, Chip online, Curse, Die Welt, tv Spielfilm online, Süd deutsche. de, Chefkoch. de und rtl. de; http:// ausweisung. ivw-online.de/index. php?i= 11&mz_szm= 201309&pis= 0&filter= 27&sort= vgd [20. 07. 2014]. 67 4 zur gesamtanlage der studie 4.4 fOrschungs mOdul 3 – werberezeP tiOns studie Im Mittelpunkt des dritten Forschungs moduls steht die kind liche Rezep tion werb licher Botschaften des Internets. Ziel dieses Analyseschritts war es, die Werbewahrneh mung von Kindern und die kind lichen Bedeu tungs zuwei sungen zu werb lichen Onlineangebo‑ ten zu er fassen. Das Erkennen werb licher An gebots formen wird dabei gleichermaßen be rücksichtigt wie die Erfas sung kognitiver und affektiver Prozesse und Ver haltens‑ weisen, die das mediale Handeln von Kindern und den Umgang mit den werb lichen An gebots formen be dingen. Schließ lich werden auch cross mediale Bezüge und deren Einfluss auf das Werbe erkennen und ‑verständnis reflektiert. Die Unter suchung der Onlinewerberezep tion von Kindern erfolgt sowohl qualitativ in Form von Interviewstudien und teilnehmen der Beobach tung als auch quantitativ in Form einer repräsentativen Befra gung (s. Abb. 5). Diese Vor gehens weise er möglicht es, den Umgang der Kinder mit Onlinewer bung aus ver schiedenen Perspektiven wahr‑ zunehmen, bspw. die für Kinder schwer erkenn baren Werbeformen zu identifizie ren. Zugleich trägt die Kombina tion von qualitativen Beobach tungs‑ und Befra gungs daten am an gemessens ten den Ver balisie rungs möglich keiten jüngerer Kinder Rechnung (vgl. abbildung 5: rezep tions analyse – qualitativ und quantitativ Q ua nt ita tiv e R ez ep tio ns an al ys e • Werbewahrnehmung und -erkennen (n=633 Einzelinterviews mit Kindern im Alter von 6–11 Jahren, inkl. Angaben eines Erziehungs- berechtigten) • emenfelder • Internetnutzung allgemein • Beobachtungssituation • Werbung auf ausgewählten Angeboten • Allgemeines Werbeverständnis • ematisierung in Elternhaus und Schule Q ua lit at iv e R ez ep tio ns an al ys e • Befragung und teilnehmende Beobachtung zum Umgang mit Onlinewerbung (n=100 Einzelinterviews) • Standardisierte Elternbefragung (n=100 standardisierte Fragebögen) • Gruppeninterviews/Klassen- gespräche zur Relevanz von Werbung und Marken/Produkten innerhalb der Peergroup (n=6 Gruppeninterviews) • Lehrergespräche als Kontext- informationen zum Stellenwert des emas (Online-)Werbung in der Schule (n=4 Lehrergespräche) 68 Schulze 2013). Auch können Limita tionen einzelner Methoden durch die Kombina tion ver schiedener Ver fahren aus geglichen werden. Auf diese Weise ist es möglich, einer seits quantifizierende Aus sagen zum Erkennen von Werbung zu treffen und anderer seits anhand der qualitativen Aus sagen aufzu zeigen, was Kinder unter (Online‑)Werbung ver stehen und woran sich ihr Werbe erkennen im Einzelnen orientiert. Modul 3a – Repräsentativbefra gung Die Repräsentativbefra gung diente in erster Linie dazu, quantifizier bare Daten zur kind‑ lichen Internetnut zung, zum kind lichen Werbe erkennen, Kriterien der Werbeerken nung, affektive Bezüge zu werb lichen An geboten sowie Werbe erken nungs merkmale zu er‑ fassen. Die Befra gung be rücksichtigte ent sprechend folgende Bereiche: – Internetnut zung: Häufig keit der Nutzung; Ort der Nutzung; Endgeräte; Lieblings‑ webseite; – Werbung allgemein: Kenntnis des Begriffs „Werbung“ 46; Wissen, was Werbung ist; Erfah rung mit (anderen Formen von) Werbung; Werbewissen; Einstel lung gegen‑ über Werbung; Gespräche über Werbung in Familie und Schule; – Onlinewer bung: Wahrneh mung von Onlinewer bung; Erken nungs merkmale; Ein‑ stel lung zu Onlinewer bung; – Werbung auf aus gewählten Webseiten: Erkennen von werb lichen Segmenten; Bewer‑ tung von Werbesegmenten; Einschät zung des Werbe aufkommens auf der Lieblings‑ webseite; – Soziodemografie zum be fragten Kind und Elternteil (Alter, Geschlecht, Staats‑ angehörig keit, Anzahl der Geschwister). Die soziodemografi schen Angaben, wie z. B. Angaben zum Bildungs hintergrund oder Familien kontext sowie die Angaben zur Internetnut zung des Kindes, zum Besitz internet fähiger Geräte und zur Kommunika tion über Werbung innerhalb der Familie, wurden, bezogen auf das jeweilige Referenz kind, über die Eltern erfragt. Die Befra gung der Kinder (und ihrer jeweili gen Haupterziehungs berechti gen) wurde von GfK Enigma (Wiesbaden) mittels CAPI‑Verfahren durch geführt und er‑ folgte persön lich (Face‑to‑Face). Persön liche Interviews wurden deshalb ge wählt, weil sie zum einen dem Alter der Kinder an gemessen sind, zum anderen bot das Instrument die Möglich keit, den Kindern Stimulus‑Material vorzu legen, damit sie Bezüge zu den Fragen herstellen konnten. Hierzu wurden Beispiele von Screens hots ver schiedener Webseiten, die auch in der An gebots analyse be rücksichtigt wurden, in das Befra gungs‑ 46 um zu einem be stimmten zeitpunkt der befra gung sicher zustellen, dass die be fragten Kinder nicht nur den begriff „Werbung“ gehört haben, sondern auch eine vage vor stel lung davon haben, was mit Werbung ge meint ist, und um eine gemeinsame basis zu schaffen, bekamen die Kinder eine Defini tion vor gelesen, die in anleh nung an Dörr/Klimmt/Daschmann (2011) er stellt wurde. 69 4 zur gesamtanlage der studie programm integriert. Auf diesen wurden jeweils zwei werb liche sowie nicht‑werb liche Segmente markiert (siehe Anhang), zu denen die Kinder konkret ge fragt wurden, ob es sich um Werbung handelt. Einige Fragen, die Lieblings seiten der Kinder und die Erken nungs merkmale von Onlinewer bung be treffend, konnten nur teilstandardisiert erhoben werden. Die Interviews dauerten ca. 30 Minuten. Die Feldphase fand vom 11. 11. 2013 bis 8. 12. 2013 statt. Die Grundgesamt heit wurde spezifiziert auf Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren, die zumindest ge‑ legent lich das Internet nutzen.47 Weiter hin wurde die Stichprobe hinsicht lich der Merkmale Alter (je ein Drittel 6–7, 8–9 und 10–11 Jahre alt), Geschlecht (hälftig Mädchen und Jungen), Nielsen gebiet (7 Gebiete) und Orts größe (3 Klassen) quotiert. Der Daten satz umfasst insgesamt 633 Interviews mit Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren. Modul 3b – Qualitative Rezep tions studie Da das Werbe verständnis über standardisierte Methoden nur bedingt erfass bar ist, wurde eine umfang reiche qualitative Rezep tions studie mit Grundschul kindern durch‑ geführt, die aus einer Befra gung mit integrierter teilnehmen der Beobach tung bestand. Auf diese Weise konnte unter sucht werden, was Kinder unter dem Begriff „Werbung“ ver stehen bzw. inwieweit sie um die kommerzielle und persuasive Inten tion von Wer‑ bung wissen und diese be greifen, woher ihr Werbe verständnis mitunter rührt (z. B. eigene Erfah rungen, Gespräche mit Eltern oder in der Schule etc.), inwieweit sie Er‑ fah rungen mit Werbung im Internet haben und inwieweit sie welche Werbeformen er kennen etc. Der Leitfaden (siehe Anhang) umfasste folgende Themen felder: – Internetnut zung und ‑ausstat tung zu Hause: Wo, wie, wie viel, mit welchem Gerät wird das Internet ge nutzt; inwieweit wird die Internetnut zung durch Eltern oder Geschwister be gleitet; inwieweit be stehen Regeln zur Onlinenut zung? – Lieblings webseite: Hat das Kind ein Lieblings onlineangebot? Was ge fällt ihm dran be sonders? – Bezug zu konkreten, den Kindern zur Auswahl stehen den An geboten: Bekannt heit der aus gewählten An gebote; Gründe für die Auswahl; Beschrei bung des An gebots; inwieweit wird auf cross mediale Bezüge ver wiesen; Wahrneh mung von Werbung. – Werbewissen: Wissen, was Werbung ist; Defini tion von Werbung 48. 47 vorausset zung für die teilnahme am interview bei den Sechs- und Sieben jähri gen war, dass sie bereits die Schule be suchen. 48 Den Kindern, die angaben, noch nie den begriff „Werbung“ gehört zu haben, wurde eine erläute rung vor gelesen, was Werbung ist (https://www.mediasmart.de/wissen/werbe-abc/warum-gibt-es-werbung. html) [28. 07. 2014]; eine etwas andere Defini tion findet sich bei Dörr/Klimmt/Daschmann 2011, S. 207: „Werbung, das sind zum Beispiel Bilder, die ge macht werden, um Menschen darüber zu informie ren, dass es zum Beispiel ein neues Spielzeug oder einen leckeren Joghurt gibt, um zu zeigen, was das Besondere daran ist und welche Vor teile es hat und um Menschen dazu zu bringen, das Spielzeug oder den Joghurt gut zu finden und es zu kaufen.“ 70 – (Online‑)Werbe erfah rungen: Welche Erfah rungen hat das Kind bereits mit Online‑ wer bung ge macht? Inwieweit ist ihm bewusst, was passiert, wenn es auf Onlinewer‑ bung klickt? – Einfluss von Eltern und Schule: Inwieweit haben Gespräche über Werbung in Elternhaus und Schule statt gefunden? – Reflexion/Bewer tung von Werbung: Affinität zu Onlinewer bung (allgemein/speziell). – Einfluss von Werbung auf Kauf entschei dung: Hat das Kind schon einmal etwas im Internet gesehen, was es dann haben wollte? 49 Die Beobach tung bildete einen zentralen Aspekt im Rahmen der Unter suchung, da sie den Kindern eine Möglich keit bot, ihr Werbe erkennen in der Situa tion zu demonstrie‑ ren und zugleich ihr Werbe verständnis anhand konkreter Beispiele zu er läutern. Vor dem Hinter grund der Befunde in der An gebots analyse wurde den Kindern eine Aus‑ wahl von Internet seiten vor gegeben 50, aus denen sie zwei bis drei Seiten aus wählen konnten.51 Die Kinder wurden ge fragt, ob sie das An gebot kennen und ge beten, zu be schreiben, was sie sehen bzw. was man auf der jeweili gen Seite alles machen kann. Wenn das Kind von sich aus auf Werbung zu sprechen kam, wurde das Thema vom Interviewer auf gegriffen. Wurde es vom Kind nicht erwähnt, wurde vom Interviewer direkt ge fragt, ob es auf der Seite Werbung sehe. In dem an die Beobach tung an‑ schließen den Teil des Leitfaden interviews wurde auf das Werbe verständnis sowie auf Erfah rungen mit Onlinewer bung ein gegangen. Die Analyse der kind lichen Rezep tion werb licher Botschaften im Internet er folgte anhand eines Samples von n = 100 Grundschul kindern der Klassen stufen 2, 3 und 4 aus zwei Bundes ländern (NRW und Hamburg).52 Die Rekrutie rung der Kinder er‑ folgte über Schulen.53 Die notwendige techni sche Aus stat tung (Laptops mit Internet‑ 49 Da den antworten der Kinder nicht immer zweifels frei zu ent nehmen war, ob sie sich in den antworten auf etwas be ziehen, was sie im internet gesehen haben oder ob sie eher darauf bezug nehmen, was sie sich generell wünschen (unabhängig davon, wodurch dieser Wunsch hervor gerufen wurde), wurde von einer aus wertung der antworten auf diese frage ab gesehen. 50 hierzu wurden aus den 100 lieblings seiten, die in der an gebots analyse be rücksichtigt wurden, zehn an gebote aus gewählt, die unter schied liche an gebots typen repräsentie ren, wie z. b. (journalistisch) redaktio nelle an gebote, produkt-/herstellerwebseiten, Service- und einstiegs portale und platt formen. bei der auswahl wurde zudem darauf ge achtet, dass geschlechts spezifi sche präferenzen ab gedeckt wurden und nur kindge eignete an gebote auszu wählen waren. folgende Seiten wurden einbezogen: toggo. de, lego. de, kicker. de, wasist was. de, spielaffe. de, gmx. de, barbie. com, geolino. de und youtube. com. im fall von youtube wurde ent schieden, den Kindern nicht die Start seite, sondern das an gebot vorzu geben, das er scheint, wenn man „harry potter ohrwurmsong“ eingibt. auf diese Weise konnte ver mieden werden, dass die Kinder mit unge eigneten inhalten in berüh rung kamen bzw. durch inhalte auf der youtube-Seite über fordert wurden. allerdings hatte diese ent schei dung den nachteil, dass eine reihe der Kinder das an gebot in der annahme an schauen wollte, es handele sich um ein an gebot zu harry potter. Diese annahme hatte einfluss auf die rahmung des an gebots. Diese problematik konnte allerdings bei der aus wertung der Daten be rücksichtigt werden. 51 auf den Desktops der laptops war ein html-Code „Start“ installiert, der eine Über blicks seite mit den Screens hots aller auszu- wählen den Start seiten anzeigte. 52 von einer befra gung von erst kläss lern wurde ab gesehen, weil hier ein anderer methodi scher zugang er forder lich ge wesen wäre. 53 an dieser Stelle möchten wir uns bei den Schul behörden in nordrhein-West falen und in hamburg für die genehmi gung und ermög- lichung der unter suchung be danken. 71 4 zur gesamtanlage der studie zugang über Surfstick und Router, Maus) wurde von dem Forschungs team mitgebracht, um ver gleich bare Bedin gungen zu schaffen.54 Insgesamt wurden zwei Grundschulen aus jedem Bundes land sowie ein Hort aus Hamburg in die Unter suchung einbezogen. Die Kinder nahmen klassen weise an der Unter suchung teil. Von allen teilnehmen den Schülern und Schülerinnen lagen die Einverständnis erklä rung der Eltern sowie ein Elternfragebogen vor (vgl. Annex zu Modul 3b).55 Die Interviews wurden in einem Raum der pädagogi schen Einrich tung ge führt, wobei durch die Anord nung der Tische darauf ge achtet wurde, dass die Kinder sich möglichst wenig gegen seitig ab lenken.56 Zum Teil konnten bis zu vier Interviews parallel realisiert werden. Die Interviews dauerten zwischen 30 und 40 Minuten. Sie wurden als Audiodateien dokumentiert. Für die Auf zeich nung der Mausaktivi täten auf dem Bildschirm wurde das Programm Camtasia ver wendet, sodass die Surf verläufe der Kinder während der Beobach tungs situa tion im Nach hinein erkenn bar bzw. re‑ konstruier bar waren.57 Auf diese Weise kann nach vollzogen werden, auf welchen Seiten die Kinder sich be wegten, welchen Formen von Onlinewer bung Kinder be gegneten und auf welche konkreten Werbeformen und Erken nungs merkale sie Bezug nahmen. Hieraus lassen sich einer seits Anhaltspunkte zum kind lichen Werbe verständnis und anderer seits potenzielle Schwierig keiten des Werbe erkennens ab leiten. Ergänzend zu den Camtasia‑Aufzeich nungen dokumentierten die Interviewer ihre Beobach tungen und fertigten Gedächtnis protokolle an. Die Interviews wurden sämt lich trans kribiert und alle personen bezogenen Daten vollständig anonymisiert und pseudonymisiert (d. h. alle Kinder er hielten einen Alias‑ namen). Die Aus wertung er folgte in zwei Schritten: In einem ersten Schritt wurde anhand des Interviewleit fadens ein Codewortbaum in MAXQDA 11 er stellt, anhand dessen die Interviews deduktiv‑induktiv codiert wurden, das heißt, dass der Code‑ wort baum im Zuge der Codie rung sukzessive er weitert wurde. Auf diese Weise wurde das Interviewmaterial inventarisiert und für die fall übergreifende Analyse auf‑ berei tet. 54 auf den ge nutzten rechnern wurden vor einstel lungen ge troffen, die eine ver gleich bar keit der beobach tungs situa tionen er- möglichten, bspw. einstel lungen be züglich Cookies und pop-ups oder löschung von persön lichen Seiten einstel lungen und anmelde- informa tionen im browser vor jeder beobach tungs-Session. 55 ledig lich bei vier Kindern lag kein zu gehöri ger elternfragebogen vor. 56 Die Studie konnte in diesem fall auf den erfah rungen von Schulze (2013) auf bauen. 57 mittels Camtasia lässt sich der ver lauf der onlinenut zung, einschließ lich der mausbewe gungen nach zeichnen. zudem werden auch die Kommentare der nutzerinnen und nutzer auf gezeichnet. Diese vor gehens weise erwies sich als sinn voll und geradezu unerläss lich, um nach vollziehen zu können, auf welche bereiche eines onlineangebots sich die Kinder be ziehen. von dem einsatz von eyetracking- Software oder einer video aufzeich nung der Kinder wurde im vorfeld bewusst ab gesehen, weil sie mit blick auf die forschungs fragen in dieser Studie wenig er giebig schienen. 72 In einem zweiten Schritt wurden für alle 100 Kinder Fall beschrei bungen er stellt, in die neben den Angaben zur Internetnut zung und zur Defini tion von Werbung auch die Beobach tungen aus den Camtasia‑Videos einflossen. Auch wenn mit 100 Kindern ein für eine qualitative Unter suchung ver gleichs weise großes Sample ge wählt wurde, liegt der Fokus dieses Moduls auf der qualitativen Aus wertung. Diese zielt vor allem darauf, einer seits die in der Repräsentativbefra‑ gung er mittelten Befunde zu konkretisie ren und anderer seits die Ver stehens weisen und poten ziellen Schwierig keiten von Kindern im Umgang mit Werbung heraus‑ zuarbeiten. Modul 3c – Elternbefra gung Die qualitative Befra gung der Grundschul kinder wurde durch eine quantitative Eltern‑ befra gung ergänzt, die den Eltern mit der Einverständnis erklä rung zuging. Der Eltern‑ fragebogen umfasste neben soziodemografi schen Fragen die Themen komplexe Medien‑ ausstat tung in der Familie und Eigen ausstat tung des Kindes, Umfang und Häufig keit der kind lichen Medien nutzung, von den Eltern wahrgenommene Gefahren der Online‑ nut zung der Kinder, Einschät zungen der Sicher heit des Kindes im Umgang mit Online‑ wer bung, Regeln zum Thema Onlinewer bung sowie Negati verfah rungen be züglich Onlinewer bung. Die Ergeb nisse der Befra gung fließen als Hinter grundinforma tionen in die Ergebnis darstel lung ein. Modul 3d – Gruppen interviews Um zu einer Einschät zung darüber zu ge langen, welchen Einfluss Internet werbung auf potenzielle, werbeinduzierte kind liche Ver haltens inten tionen ausüben, wurden neben den Einzelerhe bungen sechs Gruppen gespräche in Form von Klassen interviews durch geführt. Diese dienten dazu, zu er mitteln, inwieweit die im Internet platzierten werb lichen An gebots formen die Einstel lungen von Kindern be einflussen, und ob sich medien marken spezifi sche Trends oder cross mediale Bezüge er kennen lassen. Der Leit‑ faden be rücksichtigte folgende Themen komplexe: – Internet ausstat tung und Internet zugang zu Hause und in der Schule bzw. der Klasse; – Internetnut zung, Lieblings angebote; – Erfah rungen mit (Online‑)Werbung; – Hinweise im Fernsehen auf weiter führende An gebote im Internet; – durch (Online‑)Werbung evozierte Wünsche. Die Anzahl der Kinder, die an den Gruppen gesprächen teilnahmen, variierte zwischen sieben und 18 Kindern. Die Interviews dauerten im Durch schnitt 37 Minuten. Die 73 4 zur gesamtanlage der studie Ergeb nisse werden nicht ge sondert aus gewiesen, sondern fließen in die Gesamtdarstel‑ lung mit ein. Modul 3e – Lehrer befra gung Die Lehrer befra gungen wurden durch geführt, um Informa tionen zu er fassen, welcher Stellen wert dem Thema (Online‑)Werbung in der Schule bei gemessen wird bzw. ob sie schon einmal thematisiert wurde. Neben Angaben zur Person stehen die Internet‑ ausstat tung und der Internet zugang in der Schule bzw. der Klasse, die Werberezep tion der Schüler im Kontext allgemeiner Internetrezep tion im Unter richt sowie die Einstel‑ lung der Lehrer zur Werberezep tion von Schülern und die Bewer tung der kind lichen Werberezep tion, schuli sche Restrik tionen der kind lichen Internet‑ bzw. Werbenut zung und die Wahrneh mung potenzieller Risiken der kind lichen Werbekonfronta tion im Vordergrund. Insgesamt wurden Interviews mit drei Lehrerinnen und einem Lehrer an den einbezogenen Schulen ge führt. Diese dauerten zwischen 18 und 27 Minuten. Das Alter der Pädagogen lag zwischen 29 und 52 Jahren. 4.5 fOrschungs mOdul 4 – exPerten befra gung Im Rahmen des Projekts fanden zwei Works hops mit Ver treterinnen und Ver tretern aus Forschung und Praxis statt. Diese dienten vor allem dazu, den Blick auf die in der An gebots analyse und in der recht lichen Expertise identifizierten Problemfelder zu schärfen und potenzielle anbieter bezogene Hand lungs möglich keiten zu identifizie ren. Weiter hin wurden mit einzelnen Akteuren aus den Bereichen Ver braucher schutz, Ver‑ mark tung und Selbst kontrolle sowie Anbietern Interviews in Form von Hinter grund‑ gesprächen durch geführt.58 4.6 fOrschungs mOdul 5 – inter natiOnale exPertise Mit dem Ziel, sowohl die empiri schen Befunde als auch die daraus resultie ren den Konsequenzen in einem inter nationalen Kontext zu reflektie ren und darüber hinaus einen Über blick über im inter nationalen Raum realisierte Werbekompetenzprojekte zu er halten, wurde über das europäi sche Forschungs netz werk EU Kids Online, an 58 Die gespräche wurden nicht auf gezeichnet. an dieser Stelle sei allen gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmern noch einmal herz lich für ihre gesprächs bereit schaft und offen heit ge dankt. 74 dem das Hans‑Bredow‑Institut be teiligt ist, eine Onlinebefra gung durch geführt, die aus sechs offenen Fragen bestand. Im Zentrum der Befra gung standen die Fragen, in welcher Weise das Thema Kinder und Werbung aktuell im jeweili gen Land diskutiert wird, inwieweit Studien zu dem Themen feld durch geführt wurden, ob es eine Art „Code of Conduct“ im Zusammen hang mit dem Thema Kinder und (Online‑)Werbung gäbe und welche Best‑Practice‑Beispiele für medien pädagogi sche Projekte und Initiativen im jeweili gen Land vor liegen. Die Ergeb nisse der inter nationalen Experten befra gung nehmen an gesichts der Themen breite kein eigenes Kapitel ein, sondern fließen an ver schiedenen Stellen in die Gesamtbetrach tung ein. 4.7 ver KnüP fung der einzelnen fOrschungs mOdule Durch die enge Koopera tion des Forschungs teams konnten die einzelnen Forschungs‑ module bereits in der Konzep tions phase ver zahnt werden. Auf diese Weise konnten z. B. aus recht licher Perspektive relevante Aspekte in der An gebots analyse und in der Rezep tions studie be rücksichtigt werden. Die Darstel lung der Ergeb nisse erfolgt aus Gründen der Darstell barkeit ent lang der Forschungs module (wobei eine Ver knüp fung der einzelnen Projekt bausteine innerhalb der Module statt findet). Die perspektiven‑ verschränken den, interdis ziplinären Betrach tungen er folgen in Kapitel 8 und 9. 75 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? erschei nungs fOrmen werb licher inhalte auf vOn Kindern frequentierten webseiten Die An gebots analyse zielt darauf, einen möglichst umfassen den und differenzierten Über blick über die Formen von Onlinewer bung zu geben, denen Kinder im Rahmen ihrer Internetnut zung be gegnen. Um die Befunde einordnen zu können, werden zuvor einige Anmer kungen zum Analyseschema ge macht (Kapitel 5.1) sowie die unter suchten Onlineangebote (Kapitel 5.2) vor gestellt. Daran an schließend wird ein Über blick über die werb lichen Erschei nungs formen auf den 100 unter suchten Start seiten ge geben (Kapitel 5.3). Eine tiefer gehende Betrach tung werb licher Erschei nungs formen hinsicht‑ lich ge stalteri scher Merkmale erfolgt in Kapitel 5.4 auf der Grundlage von 50 Webseiten (Start‑ und Unter seiten). Inhalt liche Merkmale stehen im Mittelpunkt von Kapitel 5.5. Eine Besonder heit der Studie besteht darin, dass sie nicht nur die eindeutig als Werbung identifizier baren Elemente in den Blick nimmt, sondern auch die An gebote, bei denen unklar ist, ob es sich um Werbung handelt, denen aber durch aus eine werb liche Funktion unter stellt werden kann. Diese An gebote werden in Kapitel 5.6 genauer be trachtet. Die Dynamiken werb licher Erschei nungs formen stehen im Mittelpunkt von Kapitel 5.7. Neben den werb lichen Erschei nungs formen interessierte zudem, wo die Kinder landen, wenn sie auf werb liche Segmente klicken. Dieser Aspekt wird in Kapitel 5.8 genauer be leuchtet. Da im Kontext von Onlinewer bung Personalisie rungs‑ techniken eine zentrale Bedeu tung zukommt, wurde er gänzend zur Analyse werb licher Erschei nungs formen unter sucht, inwieweit auf den unter suchten An geboten Cookies platziert wurden. Darüber hinaus wurden anhand zweier präparierter Rechner unter‑ sucht, inwieweit sich die Profile auf die Einspie lung von Onlinewer bung aus wirken. Die Ergeb nisse zu den Personalisie rungs techniken werden in Kapitel 5.9 dargestellt. Ein Zwischen fazit wird in Kapitel 5.10 ge zogen. 5.1 über blicK über die analyse ebenen 5.1.1 analyseschema Zur Analyse werb licher Erschei nungs formen auf Internet seiten wurde ein Kategorien‑ system ent wickelt, das eine Einord nung und Differenzie rung auf der Ebene der Start‑ und Unter seiten erlaubt (s. Tab. 2 auf S. 79). Unter schieden wurden folgende Analyse‑ ebenen: 76 Analyse ebene 1a – Codie rung der Start seiten Auf einer ersten Analyse ebene 1a wurden die Start seiten als Analyse einheiten definiert und analysiert. Gegen stand von Analyse ebene 1a ist die Gestal tung des Gesamtangebots. Hier wurden neben formalen Angaben, wie der URL sowie Datum und Uhrzeit des Abrufs, folgende Kategorien erfasst: – Webseitentyp (Webseite von einer Zeitschrift, eines Spiele‑Anbieters, von Ver einen, Spielzeugherstellern etc.); – vor rangige Zielgruppe der Webseite (Kinder, Jugend liche, Erwachsene; als alleinige Zielgruppe oder in Kombina tion) 59; – Vor handensein eines Onlines hops auf der Webseite (integriert auf der Seite, über Ver linkung auf eine externe Seite) 60; – Anbieter der Webseite (z. B. Ver eine, Unter nehmen, öffent liche Einrich tungen, Privat‑/Einzelpersonen); – Hinweise zum Daten schutz sowie Platzie rung der Daten schutz‑Hinweise (Nut‑ zungs bedin gungen, Terms of Service, Daten schutzer klärung etc.) 61; – Vor handensein einer Werbe(selbst‑)er klärung des Webseiten anbieters (Erklä rung, was Werbung ist oder was passiert, wenn man auf die Werbung klickt, und wie man wieder von einer Werbeseite zurück kommt); – Vor handensein von Hinweisen auf Möglich keiten, Werbung auszu blen den (Gibt es einen Hinweis, dass Werbung auf der Internet seite aus geblendet werden kann?). Analyse ebene 1b – Codie rung der Start und Unter seiten Auf Analyse ebene 1b wurden sowohl die Start seiten als auch aus gewählte Unter seiten eines Webangebots analysiert. Als Auf greifkriterium wurden alle potenziell werb lichen Segmente erfasst und hinsicht lich der Art der Werbeform be stimmt. Als explizite werb liche Formen wurden dabei alle Segmente einer Webseite codiert, die offensicht lich und zweifels frei als werb liche Kommunika tion zu identifizie ren waren („explizit werb liche Segmente“). Als Kriterien wurden hierfür die werb liche Kennzeich nung (z. B. als „Werbung“, „Ad“, „Advertising“ etc.) oder die deut lich werb‑ liche Gestal tung des Segments und eindeutige Ab hebung vom übrigen Inhalt einer Seite (z. B. in Form von Bannern) fest gelegt.62 Darüber hinaus wurden Segmente, die nicht zweifelsfrei als werbliche Segmente identifiziert werden konnten, aber von Kindern als (vermeintlich) werblich eingeordnet 59 angaben zu der zielgruppe eines onlineangebots wurden i. d. r. dem impressum ent nommen. 60 in anleh nung an aufenanger et al. (2008), S. 4. 61 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 2, 9 f. 62 Die Codiererinnen und Codierer wurden an gewiesen, die Codie rung aus einer objektiven erwachsenensicht vorzu nehmen. 77 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? werden können, als „sonstige Segmente“ codiert.63 Dieses Vor gehen diente der er‑ weiterten Betrach tung von potenziell kommerziellen Formen der Online‑Kommunika‑ tion und er folgte unab hängig von einer rechts wissen schaft lichen Bewer tung (s. dazu unten Kap. 6.7.3).64 Alle expliziten sowie sonsti gen Segmente wurden auf Analyse ebene 1b im Hinblick auf folgende Kategorien analysiert: – Werbekategorie (Werbung für andere An gebote, Werbung für die gleiche Marke, Sonsti ges); – ge stalteri sche Ähnlich keit zu den übrigen Inhalten (Ähnlich keit der Farbge bung, Typografie, des Layouts, des Gesamt erschei nungs bildes) 65; – Merkmale des Werbeformats (grafisch, animiert, textuell, filmisch) 66; – optische (Sicht‑)Ebene (vor dem Seiten inhalt, hinter dem Seiten inhalt, keine andere Sichtebene); – Rotation des Werbeangebots (wechselt der Inhalt der Werbung?) 67; – Art der Werbekennzeich nung (wört liche Kennzeich nung, die unmittel bar an der Werbung erfolgt); – Platzie rung (Position, Platzie rung in oder außerhalb von Rubriken 68, Varia tion); – Zielgruppe des Werbeangebots (Kinder, Jugend liche, Erwachsene; als alleinige Zielgruppe oder in Kombina tion); – etwaige Darstel lung eines konkreten Produkts/einer konkreten Dienst leis tung (wird ein konkretes Produkt/eine konkrete Dienst leis tung dargestellt?); – Name des Produkts/der Dienst leis tung; – Produkt‑/Dienst leis tungs kategorie; 63 Die anwei sung an die Codiererinnen und Codierer war hier, problemorientiert all jene formen zu be rücksichti gen, die Kinder über die zweifels freien Werbeformen hinaus in kind lich-naiver art für Werbung halten können. Die Codiererinnen und Codierer mussten daher auch sensibel für Segmente sein, die nur potentiell eine werb liche inten tion ver folgen. um im prozess der Codie rung eine möglichst hohe zuverlässig keit der Codezuord nungen zu er reichen, er folgten zum einen regelmäßige Codier besprechungen, zum anderen wurde auf die funktion der „inter-Coder-Übereinstim mung“ im analyse-programm maxQDa zurück gegriffen. Diese be rechnet eine inter coder-Übereinstim mung für das vor handensein von Codes, die häufig keit von Codes und die Über einstim mung von codierten Segmenten (vgl. verbi Software. Consult 2013, S. 129 ff.). 64 Die recht liche bewer tung ist ge bunden an eine vielzahl anzu legen der maßstäbe, die jeweils vom einzelfall ab hängig sind und den auf sichts stellen und gerichten anheimgestellt sind. Die vollständige und ab schließende werberecht liche beurtei lung jedes einzelnen sonsti gen Segments ist für die an gebots analyse insoweit nicht weiter führend (s. aber Kap. 6.7.3). aus der Kinderperspektive hergeleitete Kriterien für die Codie rung als sonstige Segmente waren insbesondere speziell oder un gewöhn lich ge kennzeichnete Segmente, optisch be sonders heraus gestellte inhalte wie z. b. be sondere tipps, hinweise auf gewinn spiele, die im Kontext des Webseiten angebots stehen oder ggf. cross mediale bezüge auf weisen, deut lich erkenn bare marken oder logos, nicht zweifels frei vom übrigen Content ab gehobene Segmente, prominent platzierte partner angebote, logos oder buttons von Sponsoren, förderern oder anbietern, bei denen die inten- tion nicht ohne weiteres erkenn bar ist, produktabbil dungen, ver weise auf Social-media-angebote oder rubriken mit reinen textlinks auf an gebote Dritter. Social-media-buttons, die im inhaltebereich gesichtet wurden, wurden dagegen als „sonstige Segmente“ auf ebene 1b codiert. 65 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 13. 66 ebd., S. 12. 67 in anleh nung an Seibold (2002), S. 49 f. 68 gemeint sind ge stalterisch umschlossene und be titelte inhalts bereiche (z. b. „news“, „Service“, „highlights“). 78 – inhalt licher Bezug zur Webseite (Produkt derselben Dachmarke oder An gebot aus einer thematisch ähnlichen Kategorie); – Art der direkten Ansprache (Imperativ); – „Ver lockung“/Anreiz (Motiv) 69; – inhalt liche Gestal tung der Werbung (Einsatz von fiktiven Medien figuren/Charak‑ te ren, von realen Medien personen, Darstel lung in der realen oder fiktiven Welt, Produkt‑/Dienst leis tungs präsenta tion); – Hinweise auf Problemfälle, mögliche Ent wick lungs beeinträchti gungen (be züglich des Inhalts der Werbung); – Naviga tion – visuelle Ebene (Möglich keiten zum Schließen des Werbesegments). Analyse ebene 2 – Codie rung der Landing Pages Sofern ein werb liches oder sonsti ges Segment auf Analyse ebene 1b be stimmt wurde, wurde dieses – aus gehend von der Start seite bzw. der Unter seite – an geklickt und die jeweilige Landing Page als weitere Analyse einheit auf Analyse ebene 2 codiert. Gegen‑ stand der Analyse auf der zweiten Ebene waren ent sprechend die An gebote, auf die die werb lichen Segmente ver weisen. Diese Analyse ebene umfasst folgende Kategorien: – Vor handensein etwaiger Trenner (Hinweise, dass der Nutzer das An gebot ver lässt); – Format/Inhalt der Landing Page (Gewinn spiel, Produktinforma tion, Kaufmöglich‑ keit, Spiel usw.); – Möglich keiten zur Eingabe persön licher Daten (persön liche Daten abfrage im Rahmen eines Formulars, Art der Abfrage); – Hinweise zur Daten verarbei tung (stehen Hinweise und Links im unmittel baren Umfeld des Formulars?); – Einho lung des elter lichen Einverständ nisses zur Eingabe persön licher Daten (wird nach dem Einverständnis der Eltern ge fragt?) 70; – Art der Ansprache des Users (z. B. Fan, Gewinn spieler, Tester/Experte, Käufer/ Konsument); – Art der Naviga tions möglich keit (Möglich keit, die Landing Page zu schließen bzw. zu ver lassen). Analyse ebene 3 – Aus gewählte Unter seiten auf 50 An geboten Über die Start seiten hinaus wurden im Fall der 50 Lieblings angebote der Kinder auch noch jeweils vier Unter seiten in die Analyse einbezogen. Aus gehend von der Start seite wurden jeweils vier Unter seiten als Analyse einheiten aus gewählt, zwei An gebote „above 69 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 12. 70 in anleh nung an Cai/zhao/botan 2010, S. 2, 9 f. 79 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? the scroll“ 71 und „below the scroll“ an geklickt.72 Ein weiteres Auswahl kriterium für die Unter seiten war, dass sie augen schein lich nicht werb lich anmu teten, sondern auf den ersten Blick als Content einzu schätzen waren. 71 mit dem begriff ist in anleh nung an den dem Webdesign ent stammen den aus druck „above the fold“ die platzie rung einer wichti- gen nachricht in der oberen hälfte der ersten Seite, d. h. oberhalb der falz, ge meint. „above the scroll“ be schreibt ent sprechend den bereich eines bildschirms bzw. einer Webseite, die beim aufruf er scheint. (vgl. www.seolytics.de/lexicon/above-the-fold/ [30. 07. 2014]). hier ist die platzie rung im sicht baren bereich einer Webseite ge meint (ohne zu scrollen). 72 Sowohl „above the Scroll“ als auch „below the Scroll“ wurde jeweils ein optisch auf fälli ges sowie ein optisch nicht be sonders heraus stechen des an gebot aus gewählt. tabelle 2: über blick über die analyse ebenen zur bestim mung werb licher erschei nungs formen analyse ebene 1a: start seite gegen stand: gestal tung eines an gebots analyse einheit: Start seite (ohne weiteres Klicken) anzahl der analyse einheiten: 100 Webseiten ziel: erfas sung von merkmalen des an gebots analyse ebene 1b: werbliche segmente auf start- und unter seiten gegen stand: einbet tung einzelner werb licher Segmente auf Start- oder unter seiten analyse einheit: Start seite/unter seite (ohne weiteres Klicken) anzahl der analyse einheiten: 100 Start seiten und unter seiten von 50 an geboten ziel: betrach tung der einbet tung von Werbung auf der einzelnen Start- oder unter- seite analyse ebene 2: werbliche erschei nungs formen auf der ver linkten webseite (landing Page) gegen stand: konkrete betrach tung von Werbeangeboten analyse einheit: landing page anzahl der analyse einheiten: anklicken aller werb licher Segmente auf einer Start-/unter seite, die zuvor als auf greifkriterium erfasst wurden; die Codie rung erfolgt auf der landing page. ziel: Konkrete betrach tung einzelner, im an gebot integrierter, werb licher Segmente analyse ebene 3: unter seite gegen stand: betrach tung einzelner, weder ge kennzeichneter noch optisch ab gehobener, von der Start seite aus er reich barer unter seiten und darin ent haltener Werbe- elemente ➝ weitere Codie rung gemäß analyse ebene 1b und 2 auf der jeweili gen unter- seite analyse einheit: unter seite anzahl der analyse einheiten: 200 unter seiten, aus gehend von der Start seite von 50 an geboten: 2 angebote „above the scroll“ 2 angebote „below the scroll“ ziel: analyse von werb lichen Segmenten auf inhalt lichen einzelseiten 80 Ziel der Analysen von Unter seiten (Analyse ebene 3) war es, zu er fassen, ob sich Werbeimplementie rungen auf inhalt lichen Einzel‑Web‑ bzw. Unter seiten finden. Die Tabelle 2 gibt einen zusammen fassen den Über blick über die ver schiedenen Analyse ebenen und die be rücksichtigten Kategorien.73 5.1.2 analysezeitraum Die Dokumenta tion und Analyse der Lieblings webseiten der Kinder er folgte über den Zeitraum vom 24. 04. bis 05. 09. 2013. Insgesamt wurden 100 Start seiten, 189 Unter‑ seiten 74 und 813 Landing Pages 75 als Analyse einheiten in die Analyse einbezogen. 5.1.3 archivie rung der materialien Zur Dokumenta tion der zu unter suchen den Onlineinhalte wurde standardmäßig immer der Google Chrome‑Brows er 76 benutzt. Um den Grad an Personalisie rung der Online‑ inhalte im Kontext dieser Analyse bewusst gering zu halten, wurden vor Beginn jeder Einzel‑Archivie rung alle Informa tionen, wie z. B. persön liche Seiten einstel lungen und Anmeldeinforma tionen, im Browser ge löscht. Die Einstel lungen be züglich Cookies und Pop‑ups konnten in Google Chrome standardmäßig vor genommen werden. Pop‑ups wurden gemäß der Standardeinstel lung des Browsers blockiert.77 Damit wurde in Kauf ge nommen, dass im Zuge der Analyse z. B. Trenner bzw. Weiter lei tungs seiten (Bridge‑ pages/‑seiten), die den Rezipienten auf das Ver lassen einer Internet seite hinweisen und technisch teil weise über Pop‑ups realisiert werden, nicht mit erfasst werden.78 Von jeder analysierten Webseite, d. h. von allen unter suchten Start seiten, Landing Pages und Unter seiten, wurde ein Screen shot an gefertigt. Der Screen shot diente bei 73 ein detaillierter Über blick über das Kategorien system findet sich im anhang a. 74 Die im Codehandbuch fest gelegten vier unter seiten pro unter suchter Webseite ließen sich nicht in allen fällen ge nerie ren, da nicht alle Start seiten hinreichend viele unterseiten auf wiesen, der in die analyse auf analyse ebene 3 hätte einbezogen werden können. Somit wurden nur 189 unter seiten analysiert. 75 von den 813 be rücksichtigten landing pages wurden 213 nicht codiert, da ein anderes Segment innerhalb eines an gebots auf dieselbe landing page führte. Weitere 458 landing pages konnten, bedingt durch den fortlaufen den re-Codierprozess, nicht rekonstruiert und somit nicht in die analysen mit einbezogen werden. 76 google Chrome gilt als der meist ge nutzte browser welt weit (vgl. http:// de.statista.com/statistik/daten/studie/158095/umfrage/ meist genutzte-browser-im-internet-welt weit/ [30. 07. 2014]) und bot des Weiteren den vorteil der unmittel baren Dokumenta tion mithilfe des browser-plugins Awesome Screen shot. 77 Die vor genommenen vor einstel lungen orientierten sich soweit wie möglich an dem wahrschein lichen nutzer verhalten. 78 im zuge der hand lungs optionen wurde diskutiert, inwieweit sich trenner als hilfestel lung er weisen, jedoch durch harte pop-up- einstel lungen konterkariert werden (siehe Kapitel 9). 81 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? der computer unterstützten Analyse als Dokument, das in das Programm zur Analyse ein gespeist wurde und die zu analysierende Einheit bildete. Der Screen shot wurde mit Awesome Screen shot (Plugin für Google Chrome) auf genommen.79 Zusätz lich wurde mit‑ hilfe von Camtasia Studio, einer Software zur Bildschirm aufnahme, eine 30‑sekündige Video aufzeich nung von der Start‑ sowie von den Unter seiten eines unter suchten Inter‑ net angebots er stellt.80 Die 30‑sekündige Camtasia‑Aufzeich nung diente dazu, dynami‑ sche Elemente der Webseiten inhalte zu er fassen (z. B. Rotationen, sich be wegende Werbesegmente). Um die Bewegung an gemessen zu dokumentie ren, wurde mit der Camtasia‑Aufzeich nung eben falls die gesamte Seite auf genommen.81 Die Codie rung selbst er folgte anhand der Screens hots. Camtasia‑Aufzeich nungen dienten als Hinter grundinforma tion, um die Werbesegmente insbesondere hinsicht lich ihrer dynami schen Aspekte an gemessen einschätzen zu können. 5.2 über blicK über die analysierten an gebOte 5.2.1 differenzie rung nach tyPen vOn webseiten Die unter suchte Stichprobe umfasst die 100 Lieblings angebote von Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren.82 Da sich Onlineangebote hinsicht lich ihrer Erschei nungs‑ form und ihrer Inten tion gravierend unter scheiden, wurden die analysierten Webseiten in theoretisch‑heuristisch ge nerierte Typen unter teilt. Mit der Differenzie rung ver‑ bunden ist u. a. die Frage, inwieweit ein Onlineangebot ein vornehm lich inhalt liches Anliegen hat oder schwerpunkt mäßig auf den Ver kauf von Produkten oder Dienst‑ leis tungen zielt. Die Rahmung der An gebote scheint nicht nur eine wesent liche Voraus‑ setzung für eine an gemessene Einord nung der werb lichen Segmente im Rahmen der An gebots analyse zu sein, sondern kann sich mitunter auch für das Werbe erkennen aus Kinder sicht als relevant er weisen. Die unter suchten An gebote wurden in folgende Typen unter schieden:83 79 ein vorteil bei diesem programm ist die möglich keit, die gesamte Webseite („entire page“) abzu fotografie ren, auch wenn auf dem bildschirm nur ein teil der Seite zu sehen ist. 80 bei auf fällig keiten (z. b. be sonde ren erschei nungs formen, auf fälli ger gestal tung o. Ä.) wurden zusätz lich 30-sekündige auf nahmen von den landing pages an gefertigt. 81 hierzu wurde innerhalb der 30-sekündi gen auf zeich nung auf einer Webseite einmal von oben nach unten gescrollt. 82 Die informa tionen wurden freund licher weise vom medien pädagogi schen forschungs verbund auf basis der Kim-Studie (2013) zur ver fügung ge stellt. Weitere informa tionen zum aus wahlprozess finden sich in Kapitel 4. 83 eine liste mit der zuord nung der unter suchten Webseiten zu den ge nerierten typen von Webseiten kategorien findet sich im anhang a. 82 (Journalistisch)Redaktio nelle Webseiten: Webseiten, die publizisti sche Auf gaben wahrnehmen und deren Webseiten inhalte redaktio nell er stellt und aus gewählt anmuten. 51 der 100 unter suchten An gebote wurden dieser Kategorie zu geordnet. Dazu zählen z. B. An gebote von Fernsehsendern (z. B. toggo. de, tivi. de), von Zeitschriften (z. B. maedchen. de, bravo. de, geolino. de), aber auch Kinder suchmaschinen, die einen redak‑ tio nellen Inhalt auf weisen oder redaktio nell ge pflegt sind (z. B. blinde‑kuh. de, frag‑ finn. de). Produkt/Herstellerwebseiten: Webseiten, die ein in sich geschlossenes kommer‑ zielles An gebot darstellen. Dies trifft auf 25 der unter suchten An gebote zu. Neben Produkt seiten von Spielzeugherstellern (z. B. barbie. com oder playmobil. de) wurden Webseiten von Spiele‑Anbietern (z. B. playsta tion. com oder myfree farm. de), Webseiten für Ver lags produkte (z. B. wasist was. de 84 oder wendy. de) oder zu konkreten Radio‑ oder Fernsehangeboten/‑sendun gen (z. B. pokemon. de und caillou. com) aus gemacht. Allen diesen An geboten gemein ist, dass sie die Auf merksam keit des Nutzers ent weder auf Produkte oder auf den Hersteller lenken wollen. Auch starwars. com, eine Webseite, die als Fanseite be zeichnet werden kann, sowie nasubia. com, eine Spiele‑ und Chat‑ Webseite, stellen Produkte bzw. Marken in den Vordergrund. Platt formen: Webseiten, die zum über wiegen den Teil auf nutzer generierten Inhal‑ ten ohne oder mit äußerst geringem Anteil redak tio nellen Contents basieren. Diese Gruppe macht den kleinsten Anteil der ge nerierten Webseiten kategorien aus (10 An‑ gebote). Neben An geboten wie knuddels. de oder wuschelchat. de sind dieser Kategorie Videoportale (z. B. youtube. com, myvideo. de, clipfish. de), Internet seiten von Fanclubs/ Künstlern/Stars (z. B. Musik, Sport) und Wikis (wikipedia. org 85, opwiki. org) zu‑ geordnet. Service und Einstiegs portale: Einstiegs seiten, die eine Vielfalt unter schied licher An gebote vor halten oder darauf ver weisen, z. B. Einstiegs seiten von E‑Mail‑Diensten, be triebs systemabhängig vor eingestellte Start seiten oder Spielesamm lungen. Zur Web‑ seiten kategorie der Portale wurden insgesamt 14 An gebote zu geordnet. Diese Kategorie setzt sich zusammen aus Spiele‑Portalen (z. B. spielaffe. de, jetztspielen. de) sowie Nach‑ richten‑, Sport‑, Unter hal tungs‑ oder Wetterportalen (z. B. wetter. de, msn. com). 84 bei wasist was. de handelt es sich um eine Sonderform einer produkt seite, da die produkte Wissens artikel sind, die offensicht lich dem anspruch der objektivi tät folgen. Dennoch lässt sich das an gebot dieser Webseiten kategorie unter ordnen, da sie letztend lich ein produkt in den fokus der auf merksam keit stellt. 85 Wikipedia er scheint insofern als grenzfall, als sich die autoren der einzelnen artikel quasi-redak tio nellen richtlinien unter werfen bzw. eine quasi-redaktio nelle Kontrolle durch die gemeinde der Wikipedia-aktiven statt findet. 83 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? 5.2.2 differenzie rung nach vOr rangi ger zielgruPPe vOn webangebOten Neben der Typisie rung von Webseiten‑Kategorien ist für die Einord nung werb licher Erschei nungs formen ent scheidend, in welchem Zielgruppen‑Kontext sie platziert sind. Werbliche Erschei nungs formen auf Kinder‑ und Jugendwebseiten sind mitunter aus juristi scher und medien pädagogi scher Perspektive anders zu be werten als solche, die auf Webseiten platziert sind, deren Zielgruppe vornehm lich Erwachsene sind. Angaben zu der Zielgruppe eines Webseiten‑Angebots sind i. d. R. dem Impressum zu ent nehmen. Oftmals weisen die Webseiten‑Angebote eine direkte Adressie rung auf, sodass diese eindeutig zu be stimmen sind. In der vor liegen den Unter suchung wurden diese Angaben be rücksichtigt und die unter suchten Webseiten unter teilt nach solchen, die sich aus schließ lich an Kinder (unter 14 Jahren) richten, jene, die sich an Jugend‑ liche (unter 18 Jahren) richten, und Webseiten, die sich (auch) an Erwachsene richten. 48 der 100 unter suchten Webseiten richten sich an Kinder und/oder Jugend liche, 30 davon aus schließ lich an Kinder, 13 aus schließ lich an Jugend liche. Die Adressaten einzelner werb licher Erschei nungs formen sind an gebots analytisch nicht immer eindeutig fest zustellen. Auf Grundlage der Einstu fung der Zielgruppe eines Onlineangebots lassen sich jedoch die auf der Seite befind lichen Einzelelemente an gemessen einordnen, sodass er mittelt werden kann, wie Kinder und Jugend liche dort spezifisch an gesprochen werden. 5.3 häufig Keiten werb licher erschei nungs fOrmen Auf den Start seiten der 100 be liebtesten Webseiten der Kinder konnten insgesamt 193 explizit werb liche Segmente erfasst werden. Darüber hinaus wurden 791 sogenannte „sonstige“ Segmente codiert.86 Im Folgenden wird die Ergebnis darstel lung bezogen auf die zweifels frei werb lichen Segmente zum einen differenziert nach den unter schied‑ lichen An gebots typen und zum anderen nach den unter schied lichen Zielgruppen der Onlineangebote vor genommen: 86 Die anzahl der sonsti gen Segmente fällt ver gleichs weise hoch aus. grund dafür ist der oben be schriebene ansatz, in dieser Kategorie all jene Segmente einzu ordnen, die auf grund ihrer gestal tung oder ihres inhaltes von Kindern als werb lich ein geordnet werden könnten. umfasst sind damit nicht nur erschei nungs formen von Werbung, die für Kinder (möglicher weise) nicht auf den ersten blick identifizier- bar sind, sondern auch erschei nungs formen von nicht-werb lichen Inhalten, die aber als kommerzielle Kommunika tion interpretiert werden könnten. zu den „sonsti gen Segmenten“ s. im einzelnen Kap. 5.6. 84 Exakt die Hälfte der unter suchten Start seiten weist mindestens ein explizit werb‑ liches Segment auf, 14 der unter suchten Start seiten beinhal teten weder explizit werb‑ liche noch sonstige Segmente. Auf den übrigen 36 Start seiten wurden sich aus schließ‑ lich „sonstige Segmente“ codiert. Im Durch schnitt ließen sich auf den Start seiten 1,9 explizit werb liche Segmente fest stellen. Bezieht man nur die Start seiten in die Berech nungen ein, die mindestens ein explizit werb liches Segment auf wiesen, lag der Durch schnitt bei 3,9. Zum Teil wurden bis zu 15 explizit werb liche Segmente pro Start seite eines An gebots er mittelt. Eine Betrach tung nach den ver schiedenen Angebots typen zeigt: Auf den Start‑ seiten der (journalistisch)redak tio nellen Webseiten (n = 51) ließen sich insgesamt 113 explizit werb liche Segmente identifizie ren, das sind im Schnitt 2,2 Segmente pro Start seite. Bezieht man auch hier wieder nur die An gebote mit ein, die mindestens ein explizit werb liches Segment auf der Start seite auf wiesen (26 Start seiten), beläuft sich die durch schnitt liche Werbeimplementie rung pro Seite auf 4,3 explizit werb liche Segmente pro Start seite. Bei den Produkt und Herstellerwebseiten (n = 25) konnten auf den Start seiten nur acht explizit werb liche Segmente identifiziert werden, im Durch schnitt sind das 0,3 explizit werb liche Segmente pro Start seite eines Produkt‑ und Herstellerangebots (zwei Segmente pro Start seite, wenn man nur die vier Start seiten be rücksichtigt, die mindestens ein explizit werb liches Segment auf wiesen). Auf Service und Einstiegs portalen (n = 14) wurden insgesamt 44 und im Durch‑ schnitt 3,1 explizit werb liche Segmente identifiziert (3,7 Segmente pro Start seite, nur be zogen auf die zwölf Start seiten mit mindestens einem explizit werb lichen Segment). Demgegenüber waren auf den Platt formen (n = 10) insgesamt 28 explizit werb liche Segmente auf den Start seiten zu finden und im Durch schnitt 2,8 pro Start seite (3,5 Seg‑ mente pro Start seite, bezogen auf die acht Platt formen, die mindestens ein explizit werb liches Segment auf wiesen). Im Durch schnitt ließen sich also die meisten explizit werb lichen Segmente auf den Start seiten der Service‑ und Einstiegs portale identifizie ren, ge folgt von Platt formen, (journalistisch‑)redak tio nellen An geboten und schließ lich Produkt‑ und Hersteller‑ webseiten. Sofern nur die Webseiten be rücksichtigt werden, die mindestens ein explizit werb liches Segment auf der Start seite auf wiesen, ändert sich die Rang folge dahin‑ gehend, dass die höchste Zahl an explizit werb lichen Segmenten auf die (journalistisch‑) redak tio nellen Webseiten ent fällt, ge folgt von den Service‑ und Einstiegs portalen und den Platt formen und auch hier schließ lich den Produkt‑ und Herstellerwebseiten (s. Tab. 3). 85 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Betrachtet man die Onlineangebote nach Alters gruppen zeigt sich Folgendes: Die An gebote, die sich an Kinder oder Jugend liche richten (n = 48), weisen insgesamt 58 explizit werb liche Segmente auf den Start seiten auf. 28 Segmente finden sich auf Seiten, die sich aus schließ lich an Kinder richten und 30 auf Webseiten, die sich aus‑ schließ lich an Jugend liche richten. Im Durch schnitt finden sich auf den Start seiten von Kinder‑ und/oder Jugendangeboten 1,2 explizit werb liche Segmente (3,6 Seg mente, wenn man nur die Start seiten einbezieht, auf denen grundsätz lich explizit werb liche Segmente aus gemacht werden konnten). Nimmt man nur die aus gewiesenen Kinderwebseiten (n = 35) in den Blick, beläuft sich die durch schnitt liche Anzahl explizit werb licher Segmente auf 0,8 (2,8, wenn man hier nur die zehn Start seiten be rücksichtigt, die mindestens ein explizit werb liches Segment auf weisen). Auf den Jugendwebseiten (n = 13) finden sich durch schnitt lich 2,3 explizit werb‑ liche Segmente pro Start seite (5, wenn man die Berech nungen nur auf die 6 Start seiten bezieht, die mindestens ein explizit werb liches Segment auf wiesen) (s. Tab. 4). Neben explizit werb lichen Segmenten und solchen, die von Kindern als werblich eingeordnet werden könnten, wurden auf den Start seiten ge sondert Sponsoren und Förderer, Partner sowie Social‑Media‑Buttons codiert. Sponsoren und Förderer ver‑ folgen mit der Platzie rung ihres Logos respektive Namens auf einem Onlineangebot nicht zwingend eine werb liche Inten tion. Es soll mit einer derarti gen Platzie rung eher tabelle 3: durch schnitt liche anzahl explizit werb licher segmente auf den start seiten (nach webseiten kategorien) (Journalistisch-) redaktio nelle Webseiten produkt-/ hersteller- webseiten Service-/ einstiegs - portale platt - formen gesamt anzahl Start seiten gesamt 51 25 14 10 100 anzahl explizit werb licher Segmente 113 8 44 28 193 anzahl Start seiten mit mind. 1 explizit werb lichen Segment 26 4 12 8 50 anzahl explizit werb lichen Segmente/ Start seite 2,2 0,3 3,1 2,8 1,9 anzahl explizit werb licher Segmente/ Start seite mit mind. 1 explizit werb- liches Segment 4,3 2,0 3,7 3,5 3,9 86 transparent ge macht werden, wer ein Onlineangebot mitfinanziert oder fördert. Bei Partner verweisen soll der Nutzer auf das jeweilige Partner angebot weiter verwiesen werden. Gleiches gilt für Social‑Media‑Buttons, die auf einem Onlineangebot platziert werden, um die Auf merksam keit des Nutzers auf das ent sprechende Social‑Media‑ Angebot zu lenken. Auf den Start seiten der 100 be liebtesten Webseiten von Kindern konnten 13 Förderer‑ oder Sponsoren hinweise, 43 Partnerhin weise und 174 Social‑ Media‑Buttons fest gestellt werden. Auch wurde erfasst, ob auf den jeweili gen Start seiten der 100 analysierten An‑ gebote Onlines hops integriert oder auf eine andere Seite aus gelagert waren. In 25 Fällen war auf der Start seite ein Onlineshop integriert. In zwölf Fällen war ein Onlineshop ver knüpft, bei Anklicken des Shops wurde man jedoch auf eine andere Second Level Domain weiter geleitet. 5.4 gestalteri sche merKmale werb licher erschei nungs fOrmen Wurde bei der Betrach tung der 100 Start seiten der Fokus auf die schlichte Anzahl werb licher Erschei nungs formen gelegt, richtet sich detailliertere Analyse im Folgenden auf die ge stalteri schen und inhalt lichen Merkmale, die im Hinblick auf die Gewähr‑ leis tung von Hand lungs autonomie be sonders be deutsam sein können (vgl. Kapitel 6). Die Material basis bilden hier die Start seiten der 50 bei Kindern be liebtesten An gebote, jeweils vier aus gewählte Unter seiten sowie die Landing Pages. Auf den 50 analysierten tabelle 4: durch schnitt liche anzahl explizit werb licher segmente auf den start seiten – Kinder- und Jugendwebseiten Kinder- webseiten Jugend- webseiten gesamt anzahl Start seiten gesamt 35 13 48 anzahl explizit werb licher Segmente 28 30 58 anzahl Start seiten mit mind. 1 explizit werb lichen Segment 10 6 16 anzahl explizit werb licher Segmente/Start seite 0,8 2,3 1,2 anzahl explizit werb licher Segmente/Start seite mit mind. 1 explizit werb lichen Segment 2,8 5 3,6 87 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Start‑ und Unter seiten wurden insgesamt 413 explizit werb liche und 858 sonstige Segmente codiert.87 Betrachtet werden im Folgenden die ge stalteri sche Ähnlich keit zum An gebot, die Kennzeich nung, der Kontext der Platzie rung werb licher Segmente, konkrete Merkmale des Werbeformats sowie das Zusammen spiel der ver schiedenen ge stalteri schen Merk‑ male. Auch wurden Sichtebenen, Rotationen und Möglich keiten der Naviga tion (z. B. Über springen oder Schließen von Werbung) be rücksichtigt. 5.4.1 gestalteri sche ähnlich Keit zum an gebOt Da Kinder in ihren Lesarten noch nicht so stark auf ihre Text kenntnis ver trauen können, greifen sie zur Interpreta tion von Informa tionen auf außersprach liche Informa‑ tions quellen, wie Bilder, Kontext und Sinnzusammen hang zurück (vgl. Feil/Decker/ Gieger 2004, S. 146 ff.). Gestalteri sche Merkmale sind daher für das Werbe erkennen in den onlinebasierten Text strukturen be sonders essenziell. Ein grundlegen des Merkmal zur Einord nung werb licher Erschei nungen ist, ob diese eine ge stalteri sche Ähnlich keit zur Webseite auf weisen oder sich ge stalterisch von dieser abheben. Als ge stalterisch ähnlich wurde ein identifiziertes Segment ein geordnet, wenn die Gestal tung sich hinsicht lich Farbge bung, Typografie, Layout oder Gesamt‑ erschei nungs bild des Segments nicht von den Inhalten einer Seite abhebt. Ein fiktives Beispiel: Der Anbieter eines Spieleportals schaltet ein Banner, das für ein Spiel wirbt. Sofern das Banner optische Ähnlich keit zu den präsentierten Spielen auf dem Spieleportal auf weist oder dort animierte Charaktere oder eine fiktive Welt ab gebildet werden, die sich in die Seite einfügen, wurde das ent sprechende Werbe‑ segment als ge stalterisch ähnlich codiert. Tabelle 5 ver anschau licht das Ver hältnis ge stalterisch ähnlicher und ge stalterisch nicht ähnlicher Segmente auf den 50 ganz heit lich er fassten Webseiten von Kindern, unter teilt nach Webseiten kategorien.88 Explizit werb liche Segmente weisen in 175 Fällen Ähnlich keit, in 238 Fällen jedoch keine ge stalteri sche Ähnlich keit auf. Das Ver hältnis ge stalterisch ähnlicher und ge stalterisch ab grenzen der werb licher Segmente innerhalb der unter schied lichen Webseiten kategorien ist nahezu gleich ver teilt. Einzig bei den 87 zur zusammen setzung der er fassten „sonsti gen Segmente“ s. Kap. 5.6; s. a. fußnote 86. 88 Die nach folgen den abbil dungen bilden zum teil ab solute, zum teil relative zahlen ab. Sofern ver hält nisse zwischen den einzelnen Webseiten kategorien dargestellt werden, müssen diese immer unter berücksichti gung der recht heterogenen ver teilung der Webseiten auf die Kategorien bedacht werden. 88 Platt formen ist auf fällig, dass sich explizit werb liche Segmente in ihrer Gestal tung in der Regel vom übrigen Inhalt abheben. 5.4.2 Kennzeich nung Ent scheiden des weiteres Kriterium für die Erkenn bar keit von Werbung im Internet ist die Kennzeich nung. Für jedes Segment wurde erfasst, welche Kennzeich nung es aufwies. Die meisten explizit werb lichen Segmente, nämlich 147 Segmente, waren mit „Anzeige“ ge kennzeichnet. Die Kennzeich nung „Werbung“ war in 53 Fällen ge geben. 38 der identifizierten Werbesegmente waren als „Google‑Anzeige“ 89 aus gewiesen. Weiter hin wurden werb liche Segmente als „Promo tion“ be zeichnet (in 26 Fällen) oder mit einem „Info‑i“ 90 ver sehen (in 15 Fällen). Weitere, nur einzeln ver wendete Kennzeich nungen waren die Bezeich nungen „Werbespots“ 91, „Sponsored by“, „Ad“, „powered by“ oder ein einfaches „W“. Teilweise waren explizit werb liche Segmente auch doppelt ge‑ kennzeichnet (z. B. mit „Anzeige“ und „Werbung“ oder mit „Anzeige“ und „powered by“). 89 bei der Kennzeich nung „google-anzeige“ handelt es sich um einen eigen verweis von Google, dass das Werbeangebot vom Werbedienst- leister Google aus geht. 90 Das „info-i“ stellt keine eigent liche Kennzeich nung, sondern ledig lich eine transparenz mittei lung dar. 91 hierbei handelte es sich vor rangig um sog. in-Stream-anzeigen, die vor, während oder nach einem online-video er scheinen (vgl. bayerisches Staats ministerium für umwelt und ver braucher schutz 2014, S. 82). Über wiegend waren diese in-Stream-anzeigen auf Service- und einstiegs portalen sowie auf platt formen zu finden. tabelle 5: häufigkeit explizit werblicher segmente mit gestalterischer ähnlichkeit (nach webseitenkategorien) (Journalistisch-) redaktio nelle Webseiten (n = 192 auf 53 Start- und unter seiten) produkt-/ hersteller- webseiten (n = 25 auf 11 Start- und unter seiten) Service-/ einstiegs portale (n = 130 auf 25 Start- und unter seiten) platt formen (n = 66 auf 27 Start- und unter seiten) gesamt ge stalteri sche Ähnlich keit 96 (50 %) 7 (28 %) 65 (50 %) 7 (11 %) 175 (42 %) keine ge stalteri sche Ähnlich keit 96 (50 %) 18 (72 %) 65 (50 %) 59 (89 %) 238 (58 %) gesamt 192 (100 %) 25 (100 %) 130 (100 %) 66 (100 %) 413 (100 %) basis: n = 413 Segmente auf 116 Start- und unterseiten, die mindestens ein explizit werbliches Segment enthalten 89 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Auch hier soll eine Betrach tung nach Webseiten kategorien er folgen: Bei den (journalistisch‑)redak tio nellen An geboten dominierte die Bezeich nung „Anzeige“, 105 der 159 ge kennzeichneten explizit werb lichen Segmente wiesen diese Kennzeich nung auf. Auf den Produkt‑ und Herstellerwebseiten war „Werbung“ mit acht Fällen die meist ver breitete Kennzeich nung, in zwei Fällen wurde hier das Wort „Ad“ ver wen‑ det. Auf den Service‑ und Einstiegs portalen dominierten die Begriffe „Werbung“ (in 28 Fällen), „Anzeige“ (in 27 Fällen) und „Promo tion“ (in 25 Fällen). Auch auf den Platt formen war das Wort „Anzeige“ (in 23 Fällen) dominant. Weitere Bezeich nungen waren dort „Google‑Anzeige“ (in 13 Fällen), „Werbespot“ (in 7 Fällen) und „Werbung“ (in 4 Fällen). Betrachtet man nur die Kennzeich nungs bezeich nungen auf den Seiten, die sich an Kinder und/oder Jugend liche richten, lassen sich nicht ganz so heterogene Begriff‑ lich keiten fest stellen wie auf den 50 Webseiten insgesamt: Von 63 explizit werb lichen Segmenten auf den 23 Start‑ und Unter seiten, die sich aus schließ lich an Kinder rich‑ teten, waren 43 Segmente als solche ge kennzeichnet, 20 der Segmente wiesen demgegen‑ über keine Kennzeich nung auf. Sofern eine Kennzeich nung vorlag, bildete wiederum das Wort „Anzeige“ die gängigste Form (in 27 Fällen). Die Bezeich nung „Werbung“ wurde in rund einem Viertel der Fälle (in 15 Fällen) ver wandt. Bei einem explizit werb lichen Segment fand sich der Hinweis „Info‑i“. Auf den 29 Webseiten (43 Start‑ und Unter seiten), die sich an Jugend liche oder an Kinder und Jugend liche richten, konnten insgesamt 129 explizit werb liche Segmente aus gemacht werden. 95 dieser 129 Segmente waren als werb lich ge kennzeichnet, 34 Segmente waren nicht als werb lich ge kennzeichnet, wiesen aber eine deut lich werb‑ liche Gestal tung auf und hoben sich optisch vom übrigen Inhalt der jeweili gen Seite ab. Auch hier fand am häufigsten das Wort „Anzeige“ Ver wendung. In drei Fällen waren explizit werb liche Segmente doppelt ge kennzeichnet (zweimal „Anzeige“ + „powered by“, einmal „Anzeige“ + „Werbung“) (s. Abb. 6). Insgesamt weisen die Kennzeich nungen er heblichen Gestal tungs spiel raum auf (s. Abb. 7): Oft sind die Kennzeich nungen im ent sprechen den Segment platziert, aber optisch vom Segment ab gehoben, beispiels weise in einem farb lich gestal teten Kasten in der Ecke des Segments platziert, teil weise stehen die Kennzeich nungen auch ober‑, unter‑ bzw. außerhalb der eigent lichen Werbefläche. Teilweise sind die Kennzeich‑ nungen in kleine rer als oder in ähnlich großer Schrift größe wie der textuelle Inhalt einer Werbefläche ge halten. Die meisten der identifizierten Werbekennzeich nungen waren in weißer oder schwarzer Schrift, oft in Großbuchstaben ge staltet. Einheit liche ge stalteri sche Merkmale sind also nicht ge geben, oft ist die Bezeich nung und Gestal‑ tung der Kennzeich nungen aber innerhalb einer Webseite konsistent. 90 abbildung 6: Kennzeich nung explizit werb licher segmente auf seiten, die mindestens ein explizit werb liches segment ent halten abbildung 7: Kennzeich nungs bezeich nungen explizit werb licher segmente auf seiten, die mindestens ein explizit werb liches segment ent halten 43 95 298 20 34 115 63 129 413 Webseiten, die sich ausschließlich an Kinder richten (n=63 auf 23 Start- und Unterseiten) Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugend- liche richten (n=129 auf 43 Start- und Unterseiten) 50 Start- und Unterseiten (n=413 auf 116 Start- und Unterseiten) Anzahl nicht gekennzeichnetGesamt gekennzeichnet auf 50 Start- und Unterseiten (n=413 auf 116 Start- und Unterseiten) „-W-“ „powered by“ „sponsored by“ „Ad“ „Werbespot“ „Info-i“ „Promotion“ „Google-Anzeigen“ „Werbung“ „Anzeige“ auf Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugendliche richten (n=129 auf 43 Start- und Unterseiten) auf Webseiten, die sich aus- schließlich an Kinder richten (n=63 auf 23 Start- und Unterseiten) Alle Start- und Unterseiten Auf Kinder-/Jugendseiten Auf Kinderseiten Tripelkennzeichnung Doppelkennzeichnung keine Kennzeichnung 2% 4% 6% 9% 13% 36% 2% 26% 10% 12% 50% 26% 2% 24% 43% 32% 91 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? 5.4.3 KOntext der Platzie rung Maß geblich für Erkenn bar keit und damit auch für die Hand lungs autonomie ist zudem der Kontext der Platzie rung des werb lichen Segments auf der Seite. Am häufigsten sind explizit werb liche Segmente außerhalb des Hauptangebots platziert, beispiels weise als sogenannte Hockeysticks oder Banner. Dies traf auf 251 von 413 explizit werb lichen Segmenten zu. Andere werb liche Segmente sind stärker in das An gebot integriert. Auf den bei Kindern be liebtesten 50 Webseiten konnten 71 explizit werb liche Segmente innerhalb eines mit „Werbung“ ge kennzeichneten bzw. als Rubrik anmuten den Blocks identifi‑ ziert werden. Oft heben sich ent sprechende Blöcke durch farb liche Hinter legung und Rahmung vom übrigen Inhalt ab (s. Abb. 8 und 9). Ein werb liches Segment kann aber auch in thematisch ähnlichen Rubriken platziert sein. Beispiels weise wurden auf bravo. de werb liche Segmente für Tampons in der Rubrik „Dr. Sommer“ identifiziert. In 91 der 413 Fälle waren explizit werb liche Segmente in anderen, zum Teil inhalts nahen und spezifisch ge kennzeichneten Rubriken platziert. abbildung 8: werbeblock auf der start seite von knuddels. de abbildung 9: werbeblock auf der start seite von msn. com 92 5.4.4 gestalteri sche ähnlich Keit in KOmbina tiOn mit Kennzeich nung Der Grad der Erkenn bar keit von werb lichen Segmenten, der im Sinne einer Hand‑ lungs autonomie des Nutzers gewährleistet sein muss, ergibt sich in der Regel durch das Zusammen spiel von ver schiedenen Komponenten, beispiels weise der gestalteri schen Ähnlich keit eines Segments zur Webseite und einer Kennzeich nung des ent sprechen‑ den Werbesegments oder der Platzie rung in einer Rubrik und der Kennzeich nung. Sofern werb liche Segmente zwar ge stalteri sche Ähnlich keit zur Webseite auf weisen, jedoch als Werbung ge kennzeichnet sind, scheint eine Erkenn bar keit für Kinder eher ge geben als wenn die Segmente nicht ge kennzeichnet sind. Von 413 er fassten explizit werb lichen Segmenten auf den 50 bei Kindern be‑ liebtesten Start‑ und Unter seiten konnten insgesamt 165 Segmente identifiziert werden, die zwar eine ge stalteri sche Ähnlich keit zur Webseite auf wiesen, aber eindeutig als abbildung 10: werbung in „anderer“ rubrik auf der start seite von bravo. de 93 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Werbung ge kennzeichnet waren. 91 dieser ent sprechen den Segmente wurden auf (journalistisch‑)redak tio nellen Webseiten identifiziert, sieben auf Produkt‑/Hersteller‑ webseiten, 62 auf Service‑/Einstiegs portalen und fünf auf Platt formen. Demgegenüber konnten nur zehn explizit werb liche Segmente identifiziert werden, die ge stalterisch ähnlich, jedoch nicht ge kennzeichnet waren. Fünf dieser ent sprechen‑ den Segmente wurden auf (journalistisch‑)redak tio nellen Webseiten identifiziert, drei auf Service‑/Einstiegs portalen und zwei auf Platt formen. Leichter zu er kennen dürften werb liche Segmente für Kinder sein, wenn sie ge‑ kennzeichnet sind und keine ge stalteri sche Ähnlich keit zur Webseite auf weisen. Dies traf auf 142 explizit werb liche Segmente zu. 61 dieser Segmente waren auf (journa‑ listisch‑)redak tio nellen Webseiten auszu machen, drei auf Produkt‑ und Hersteller‑ webseiten, 38 auf Service‑/Einstiegs portalen und 40 auf Platt formen. Werbliche Segmente dürften auch dann noch erkenn bar sein, wenn diese zwar nicht als solche ge kennzeichnet sind, sich jedoch von der übrigen Webseiten gestal tung abheben. 96 der identifizierten explizit werb lichen Segmente wiesen weder eine Kenn‑ zeich nung noch ge stalteri sche Ähnlich keit zur Webseite auf. Auf den (journalistisch‑) redak tio nellen Webseiten fanden sich 35 solcher Segmente, auf Produkt‑ und Hersteller‑ webseiten 15, auf Service‑/Einstiegs portalen 27 und auf Platt formen 19 Segmente. Die nach folgende Tabelle (Tab. 6) fasst die Ergeb nisse, einschließ lich der Annahmen im Hinblick auf die Erkenn bar keit durch den Nutzer zusammen. 92 Die werb liche Kennzeich nung befand sich unmittel bar am Segment. tabelle 6: Kontingenz und häufig keit des vor kommens – gestalteri sche ähnlich keit und Kennzeich nung Kontingenz häufig keit des vor kommens auf den … ge stal- terische Ähnlich keit werb liche Kenn- zeichnung 92 an genommene anforde rung an die identifizier- barkeit durch den nutzer … 50 Start- und unter seiten (n = 413 auf 116 Start- und unter seiten) … Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugend liche rich ten (n = 129 auf 43 Start- und unter seiten) … Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder richten (n = 63 auf 23 Start- und unter seiten) – + sehr leicht erkenn bar 142 (34 %) 37 (29 %) 14 (22 %) – – leicht erkenn bar 96 (23 %) 31 (24 %) 19 (30 %) + + noch erkenn bar 165 (40 %) 58 (45 %) 29 (46 %) + – nicht leicht erkenn bar 10 (2 %) 3 (2 %) 1 (2 %) 413 (100 %) 129 (100 %) 63 (100 %) 94 Auch das Zusammen spiel von Kennzeich nung und ge stalteri scher Ähnlich keit von Werbesegmenten wurde in der Unter suchung separat für die Kinder‑ und Jugend‑ webseiten be trachtet. 58 der ge kennzeichneten explizit werb lichen Segmente auf Web‑ seiten, die sich ent weder an Kinder oder Jugend liche rich teten, wiesen eine ge stalteri‑ sche Ähnlich keit zur Webseite auf, 37 nicht.93 29 der ge kennzeichneten explizit werb lichen Segmente auf Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder rich teten, wiesen eine ge stalteri sche Ähnlich keit zur Webseite auf. 14 der ge kennzeichneten explizit werb lichen Segmente wiesen keine ge stalteri sche Ähnlich keit auf und sollten somit leichter identifizier bar sein als die ge stalterisch ähnlichen, ge kennzeichneten Segmente.94 5.4.5 Platzie rung in KOmbina tiOn mit Kennzeich nung Neben der Kombina tion der Merkmale ge stalteri sche Ähnlich keit und Kennzeich nung wird an genommen, dass auch das Zusammen spiel der Platzie rung auf der Webseite und der Kennzeich nung für die Erkenn bar keit von Bedeu tung sein kann. Sind werb liche Segmente in einer mit „Werbung“ ge kennzeichneten Rubrik platziert, sind sie für den Nutzer, so dieser die basalen Schreib‑ und Lesefähig keiten besitzt, zumindest theoretisch bereits durch die Rubrizie rung als werb lich einzu ordnen. Auf den 50 Start‑ und Unter seiten wurden 71 der identifizierten explizit werb lichen Seg‑ mente in einem ent sprechend ge kennzeichneten Block fest gestellt; auf den Kinder‑ webseiten waren es vier, auf den Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugend liche rich teten, wurden 18 derartige Segmente identifiziert. Teilweise waren die einzelnen Segmente zudem noch separat als Werbung ge kennzeichnet. 93 Demgegenüber wiesen drei der nicht ge kennzeichneten explizit werb lichen Segmente ge stalteri sche Ähnlich keit zur jeweili gen Webseite auf, in 31 fällen war keine ge stalteri sche Ähnlich keit auszu machen. 94 von den 20 nicht ge kennzeichneten explizit werb lichen Segmenten auf Kinderwebseiten wies nur eines eine ge stalteri sche Ähnlich- keit zur Webseite auf, die 19 anderen Segmente unter schieden sich in ihrer gestal tung deut lich vom rest des übrigen an gebots. abbildung 11: rubrik „werbung“ auf toggo. de 95 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Auf den 50 Start‑ und Unter seiten fanden sich 65 Beispiele, in denen explizit werb liche Segmente in anderen, nicht mit „Werbung“ ge kennzeichneten Rubriken platziert waren (z. B. bei bravo. de in der Rubrik „Specials“ oder bei gamestar. de in der Rubrik „An gebote“), aber die Segmente an sich mit „Werbung“ ge kennzeichnet waren. Auf den Kinderwebseiten fanden sich sieben und auf den Kinder‑ und/oder Jugend‑ webseiten 22 derartige Fälle. Auch wenn das jeweilige werb liche Segment sich außerhalb einer Rubrik einer Webseite befand, beispiels weise als Hockeystick oder Banner am Seiten rand er schien, war dieses über die 50 Seiten hinweg in zwei Drittel der Fälle (in 171 Fällen), bei den Kinderwebseiten in 32 und bei den Kinder‑ und/oder Jugend‑ webseiten in 55 Fällen klar als werb lich ge kennzeichnet (s. Tab. 7). tabelle 7: Kontingenz – Platzie rung und Kennzeich nung Kontingenz häufig keit des vor kommens auf den … platzie rung (zusätz liche) werb liche Kennzeich- nung unmittel bar am Segment an genommene anforde rung an die identifi- zierbarkeit durch den nutzer … 50 Start- und unter seiten (n = 413 auf 116 Start- und unter seiten) … Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugend- liche richten (n = 129 auf 43 Start- und unter seiten) … Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder richten (n = 63 auf 23 Start- und unter seiten) in einer mit „Werbung“ ge- kennzeichne- ten rubrik + sehr leicht erkenn bar 71 (17 %) 18 (14 %) 4 (6 %) in einer mit „Werbung“ ge- kennzeichne- ten rubrik – noch leicht erkenn bar 0 (0 %) 0 (0 %) 0 (0 %) in einer ande- ren rubrik + noch leicht erkenn bar 65 (16 %) 22 (17 %) 7 (11 %) außerhalb einer rubrik + noch leicht erkenn bar 171 (41 %) 55 (43 %) 32 (51 %) in einer ande- ren rubrik – nicht leicht erkenn bar 26 (6 %) 15 (12 %) 15 (24 %) außerhalb einer rubrik – nicht leicht erkenn bar 80 (19 %) 19 (15 %) 5 (8 %) 413 (100 %) 129 (100 %) 63 (100 %) 96 5.4.6 merKmale des werbefOrmats Zur genaue ren Bestim mung der werb lichen Segmente wurden in der Analyse auch die Merkmale des Werbeformats be stimmt 95. Hier wurde unter schieden, ob ein Segment grafisch (also als statisches Bild oder statische Grafik er schien 96), animiert (bewegte Bilder oder Schriftzüge/Texte im Vordergrund der Darstel lung standen), rein textuell oder filmisch (nicht nur eine Aneinander reihung von Standbildern, sondern fließende Bewegun gen im Sinne von einzelnen Szenen oder Videos darstellten und Narra tion und Storytelling im Vordergrund standen) ge staltet war. Von den 413 explizit werb lichen Segmenten auf den unter suchten Webseiten (Start‑ und Unter seiten) wurden 152 Segmente als grafisch ge staltet codiert. 121 Seg‑ mente waren rein textuell, 109 animiert und 31 Segmente waren als Film ge staltet (s. Tab. 8). Auf Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder rich teten, war das Ver hältnis der Merkmale des Werbeformats nahezu gleich. Insgesamt konnten auf den Start‑ und Unter seiten der Kinder angebote 28 grafische, 13 animierte, 19 textuelle und drei filmische Segmente identifiziert werden. Auf Kinder‑ und Jugendwebseiten zusammen‑ genommen waren die meisten explizit werb lichen Segmente (49 Fälle) textuell ge staltet, ge folgt von grafischen (45 Fälle), animierten (18 Fälle) und filmischen Gestal tungs‑ formen (17 Fälle) (s. Abb. 12). 95 in anleh nung an Cai/zhao/botan 2010, S. 12. 96 auch logos wurden als grafische Segmente codiert. tabelle 8: gestalterische merkmale explizit werblicher segmente nach unterschiedlichen webseitenkategorien (Journalistisch-) redaktio nelle Webseiten (n = 192 auf 53 Start- und unter seiten) produkt-/ hersteller webseiten (n = 25 auf 11 Start- und unter seiten) Service-/ einstiegs portale (n = 130 auf 25 Start- und unter seiten) platt formen (n = 66 auf 27 Start- und unter seiten) gesamt grafisch 62 (32 %) 13 (52 %) 59 (45 %) 18 (27 %) 152 animiert 40 (21 %) 6 (24 %) 34 (26 %) 29 (44 %) 109 textuell 73 (38 %) 5 (20 %) 32 (25 %) 11 (17 %) 121 filmisch 17 (9 %) 1 (4 %) 5 (4 %) 8 (12 %) 31 gesamt 192 (100 %) 25 (100 %) 130 (100 %) 66 (100 %) 413 97 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? 5.4.7 sichtebenen, rOtatiOnen und möglich Keiten des über sPringens Da sich Onlineangebote gegen über anderen Medien angeboten durch ein hohes Maß an Dynamik aus zeichnen, wurde unter sucht, inwiefern die identifizierten Werbe‑ segmente auf den analysierten Webseiten dynamisch integriert waren, d. h. ihre Platzie rung innerhalb der Seite ver änderten. Bei der Analyse der 50 be liebtesten Webseiten konnten insgesamt neun explizit werb liche Segmente identifiziert werden, die dynamisch waren, drei auf (journalistisch‑)redak tio nellen Webseiten, drei auf Service‑ und Ein‑ stiegs portalen und drei auf Platt formen. Zwei der Fälle fanden sich auf An geboten, die sich an Kinder und auch an Jugend liche rich teten. Auf den Seiten, die sich aus‑ schließ lich an Kinder rich teten, fand sich kein Beispiel für Rotation. abbildung 12: gestalterische merkmale explizit werblicher segmente auf webseiten, die mindestens ein expllizit werbliches segment enthalten 3 17 31 19 49 121 13 18 109 28 45 152 63 129 413 auf Webseiten, die sich ausschließlich an Kinder richten (n=63 auf 23 Start- und Unterseiten) auf Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugend- liche richten (n=129 auf 43 Start- und Unterseiten) auf 50 Start- und Unterseiten (n=413 auf 116 Start- und Unterseiten) Anzahl filmischtextuellanimiertgraphischGesamt 98 Ferner wurde er mittelt, inwieweit die identifizierten Werbesegmente optisch dem Seiten inhalt vor gelagert waren (sog. Pop‑ups 97 oder Overlays 98), optisch hinter dem Seiten inhalt er schienen (sog. Pop‑under) oder ob die Sichtebene des Werbesegments identisch mit der Seite war, weil die Werbefläche in das Webseiten angebot integriert war. In fast allen der 413 Fälle war das Werbesegment in die Webseite integriert. Nur in 19 Fällen, fünfmal auf (journalistisch‑)redak tio nellen Webseiten, zehnmal auf Platt‑ formen und viermal auf Portalen, war ein identifiziertes Segment der Seite vor gela gert 99. Zwei Segmente legten sich hinter den Seiten inhalt. Die rest lichen Segmente waren auf einer Sichtebene mit der Webseite. Segmente, die sich auf der Sichtebene optisch vor den Seiten inhalt schoben, konnten auf den Kinder‑ und Jugendwebseiten insgesamt nur in vier Fällen identifiziert werden (einmal auf einer Kinderwebseite, dreimal auf Webseiten, die sich auch an Jugend liche rich teten). Pop‑under wurden auf den Kinder‑ und Jugendwebseiten zum Zeitpunkt der Erhebung nicht fest gestellt. Als weiterer Aspekt wurde erfasst, inwieweit die Werbesegmente eine Möglich keit zum Schließen oder Über springen der Werbung boten. Auf den analysierten Start‑ und Unter seiten war nur in wenigen Fällen (n = 36) eine Option zum Schließen vor han‑ den.100 In 15 Fällen schloss sich das Werbesegment automatisch, in zwölf Fällen war ein Schließen des Tabs oder Fensters er forder lich. Drei der identifizierten explizit werb lichen Segmente wiesen einen „Schließen“‑Button, drei einen „Close“‑Button und zwei einen „X“‑Button auf, in einem Fall war ein „Zurück“‑Button vor handen. Eine Betrach tung der Kinder‑ und Jugendwebseiten zeigte, dass sich diese im Hinblick auf die Schließ‑Optionen nicht von den All‑Age‑Seiten unter schieden. 97 bei pop-ups und pop-unders öffnet sich die Werbung in einem anderen tab oder brows erfenster, dessen bedie nung als teil des betriebs systems klar ist (vgl. Stroer inter active 2014). 98 als overlays sind Werbeformen zu be zeichnen, die sich innerhalb eines geöffneten tabs mit separater benutzer oberfläche über den inhalt einer Webseite legen, sodass der inhalt teil weise ver deckt ist (vgl. bayerisches Staats ministerium für umwelt und ver- braucher schutz 2014, S. 83). 99 Wie eingangs erwähnt, wurden durch die am nutzer orientierten und für die Dokumenta tion vor genommenen brows er einstel lungen pop-ups – genauso wie pop-under – ge blockt, sodass die hier dargestellten zahlen relativiert werden müssen. 100 in 15 fällen war die Schließ option auch bei Segmenten an gegeben, die auf einer Sichtebene mit der Webseite lagen, bspw. banner. auch wenn die Schließ-option de facto nicht bestand, wurde die option als solche mitcodiert. 99 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? 5.5 inhalt liche merKmale werb licher erschei nungs fOrmen Neben den formalen und ge stalteri schen Merkmalen wurden die identifizierten Seg‑ mente auch im Hinblick auf inhalt liche Merkmale be trachtet. Konkret wurde über‑ prüft, für welche Produkt‑ und Dienst leis tungen auf den bei Kindern be liebtesten 50 Webseiten ge worben wurde, inwieweit konkrete Produkte oder Dienst leis tungen dargestellt wurden, ob sich für die ent sprechen den werb lichen Segmente inhalt liche Bezüge zur Webseite aus machen ließen und in welcher Form die Art der Ansprache er folgte. Zudem wurde unter sucht, welche Zielgruppen jeweils an gesprochen werden, inwieweit Medien personen, Medien figuren und Charaktere oder Anreize (z. B. Gewinn‑ spiele) ein gesetzt wurden. Auch wurden Werbeinhalte im Hinblick auf jugendschutz‑ recht liche Relevanz be trachtet. 5.5.1 darstel lung KOnKreter PrOduKte Bei 364 der identifizierten 413 explizit werb lichen Segmente wurde bereits beim Aufruf der Seite (vor dem Anklicken des ent sprechen den Segments) ein konkretes Produkt oder eine konkrete Dienst leis tung dargestellt. Von den 192 auf (journalistisch‑) redak tio nellen Webseiten identifizierten Segmenten stellten 159 ein konkretes Produkt/ eine konkrete Dienst leis tung dar, von den 130 Segmenten auf Service‑ und Einstiegs‑ portalen waren es 119, bei den Platt formen 61 von 66, bei den Produkt‑ und Hersteller‑ webseiten stellten naheliegen der Weise alle identifizierten Segmente ein Produkt/eine Dienst leis tung dar. Die Produkte und Dienst leis tungen, für die auf Webseiten ge worben wurde, waren erwart bar vielfältig. Die einzelnen Produkte und Dienst leis tungen wurden zu 27 101 themati schen Produkt‑ respektive Dienst leis tungs kategorien zusammen gefasst. Am häufigsten (in 65 Fällen) wurde in den identifizierten explizit werb lichen Segmenten für Hi‑Fi‑ und Multimediageräte sowie ‑zubehör ge worben. Mit 38 werb lichen Segmenten standen an zweiter Stelle der meist be worbenen Produkt‑ und Dienst leis tungs kategorien Online‑ angebote aus dem Ent ertainment‑Bereich (z. B. Werbung für Kinofilme, TV‑Serien, Musik). An dritter Stelle standen Produkte und Dienst leis tungen aus der Kategorie „Medien/Unter haltung“, für die in 33 Fällen ge worben wurde und auf Platz vier 101 in tabelle 8 sind ledig lich die 23 Kategorien auf gelistet, die bei den identifizierten 413 explizit werb lichen Segmenten zu geordnet wurden. 100 standen online an gebotene Dienst leis tungen, wie zum Beispiel Online‑Druck, Foto‑ Print oder Online‑Versiche rungen (28‑mal be worben) (s. Tab. 9). So wie für die Betrach tung der ge stalteri schen Merkmale ein Exkurs zu den Merkmalen auf Kinder‑ und Jugendwebseiten er folgte, wurden auch die inhalt lichen Merkmale (be worbene Produkte und Dienst leis tungen, deren Darstel lung, Bezüge zur tabelle 9: Produktkategorien explizit werblicher segmente nach unterschiedlichen webseitenkategorien (Journalistisch-) redaktio nelle Webseiten n = 192 auf 53 Start- und unter seiten produkt-/ hersteller- webseiten n = 25 auf 11 Start- und unter seiten Service-/ein- stiegs portale n = 130 auf 25 Start- und unter seiten platt formen n = 66 auf 27 Start- und unter seiten gesamt autos 8 0 3 0 11 bildung/arbeit 3 0 12 2 17 Community/Social network/blog 2 0 4 9 15 Computer-/Konsolen spiele 8 0 1 1 10 events/Konzerte/ver anstal tungen 2 1 0 0 3 heim(werker)bedarf/hobby 5 0 0 2 7 hi-fi-/multimediageräte/-zubehör 20 0 31 14 65 immobilien 0 0 1 0 1 Kleidung 10 0 4 3 17 Kosmetik-/hygieneartikel 17 0 3 2 22 medien/unter haltung 13 9 6 5 33 nahrungs-/genuss mittel 7 0 2 5 14 non-profit-organisa tionen 1 0 0 0 1 onlineangebote-Dienst leis tung 5 9 10 4 28 onlineangebote-entertainment 17 4 11 6 38 onlineangebote-ratgeber 0 0 0 1 1 onlineangebote-Shop 8 1 8 6 23 reisen 9 0 8 1 18 Spielzeug 1 1 0 0 2 Sport/gesund heit/fitness 3 0 5 0 8 vor sorge/finanzie rung 18 0 8 2 28 Wetten/gewinnen 6 0 5 0 11 Sonsti ges 5 0 3 1 9 Doppelnen nungen 23 0 5 2 30 gesamt 191 25 130 66 412 101 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Webseite und Ansprachen) für Kinder‑ und Jugendwebseiten einer separaten Betrach‑ tung unter zogen. Auch auf Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder rich teten, bildeten die Produkt kategorien „Medien/Unter haltung“ (15‑mal be worben), „Online‑ angebote‑Entertainment“ (14‑mal be worben) und „Onlineangebote‑Dienst leis tung“ (10‑mal be worben) die Spitze der meist be worbenen Kategorien. Insgesamt wurde auf den Kinderwebseiten für weniger Kategorien ge worben als auf den analysierten Web‑ seiten insgesamt (zwölf statt 23 Kategorien). Auf Jugendwebseiten wurde zudem häufig (16‑mal) für Kosmetik‑ und Hygieneartikel ge worben (s. Abb. 13 und 14). Produkte und Dienst leis tungen, von denen man ver muten könnte, dass sie auf‑ seiten für Kinder und Jugend liche be worben werden (z. B. Computer‑ und Konsolen‑ spiele, Nahrungs‑ und Genuss mittel, Spielzeug) wurden nur ver einzelt identifiziert. abbildung 13: Produkt kategorien explizit werb licher segmente auf webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder richten basis: n = 63 Segmente auf 23 Start- und unterseiten, die mind. ein explizit werbliches Segment enthalten 6 4 1 1 1 1 2 2 2 4 10 14 15 53 Doppelnennungen Sonstiges Autos Bildung/Arbeit Community/Social Network/Blog Events/Konzerte/Veranstaltungen Heim(werker)bedarf/Hobby Hi-Fi-/Multimediageräte/-zubehör Reisen Vorsorge/Finanzierung Onlineangebote-Dienstleistung Onlineangebote-Entertainment Medien/Unterhaltung (Film/Kino/TV/Musik/Buch) Gesamt Anzahl 102 abbildung 14: Produkt kategorien explizit werb licher segmente auf seiten, die sich an Kinder und/oder Jugend liche, nicht jedoch an erwachsene richten basis: n = 129 102 Segmente auf 43 Start- und unterseiten, die mind. ein explizit werbliches Segment enthalten 5.5.2 inhalt liche bezüge zur webseite Neben der formalen ge stalteri schen Ähnlich keit (vgl. Kapitel 5.4.4) wurde auch unter‑ sucht, inwieweit die An gebote einen inhalt lichen Bezug bzw. eine inhalt liche Ähnlich‑ keit zum übrigen An gebot der Seite auf wiesen. Es konnte fest gestellt werden, dass 325 102 ein fehlender Wert, da die landing page nicht rekonstruiert werden konnte. 7 5 1 1 1 1 1 2 2 3 4 4 5 6 7 7 9 12 16 17 17 116 Doppelnennungen Sonstiges Events/Konzerte/Veranstaltungen Non-Profit-Organisationen Onlineangebote-Ratgeber Spielzeug Wetten/Gewinnen Autos Kleidung Bildung/Arbeit Community/Social Network/ Blog Heim(werker)bedarf/Hobby Onlineangebote-Shop Nahrungs-/Genussmittel Hi-Fi-/Multimediageräte/-zubehör Reisen Vorsorge/Finanzierung Onlineangebote-Dienstleistung Kosmetik-/Hygieneartikel Medien/Unterhaltung (Film/Kino/TV/Musik/Buch) Onlineangebote-Entertainment Gesamt Anzahl 103 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? der 413 explizit werb lichen Segmente keinen inhalt lichen Bezug zur jeweili gen Web‑ seite auf wiesen. Bei 88 der 413 explizit werb lichen Segmente war ein inhalt licher Bezug zur Seite auszu machen. Haben bei den (journalistisch‑)redak tio nellen Webseiten knapp drei Viertel (150 Segmente) und bei den Service‑ und Einstiegs portalen (115 Segmente) sowie bei den Platt formen (54 Segmente) jeweils mehr als drei Viertel der identifizierten explizit werblichen Segmente keinen inhalt lichen Bezug zur Webseite, wies die Mehrheit der identifizierten Segmente auf Produkt‑ und Herstellerwebseiten inhalt liche Bezüge zur Webseite auf (19 Segmente) (s. Abb. 15). Auch hier lohnt wieder ein Blick auf das Ver hältnis von Kennzeich nung und inhalt lichen Bezügen. 5.5.3 inhalt licher bezug in KOmbina tiOn mit Kennzeich nung 241 der 413 explizit werb lichen Segmente auf den 50 Start‑ und deren jeweili gen Unter seiten wiesen keine inhalt lichen Bezüge zur Webseite auf und waren zudem als werb lich ge kennzeichnet. Hier kann an genommen werden, dass der Nutzer den werb‑ lichen Charakter eines Segments ver gleichs weise leicht erkennt. Anders ver hält es sich abbildung 15: inhaltliche bezüge explizit werblicher segmente zur seite nach unterschiedlichen webseitenkategorien basis: n = 413 Segmente auf 116 Start- und unterseiten, die mind. ein explizit werbliches Segment enthalten 18% (12) 12% (15) 76% (19) 22% (42) 21% (88) 82% (54) 88% (115) 24% (6) 78% (150) 79% (325) Plattformen Service-/Einstiegsportale Produkt-/Herstellerwebseiten (Journalistisch-)Redaktionelle Webseiten Gesamt Häufigkeit inhaltlicher Bezugkein inhaltlicher Bezug 104 mit An geboten, in denen nur ein oder keines der Merkmale vor liegt: 66 der 413 explizit werb lichen Segmente auf den 50 Start‑ und deren jeweili gen Unter seiten wiesen inhalt‑ liche Bezüge zur Webseite auf, waren jedoch mit einer der unter Kapitel 5.4.2 ge nannten Werbebezeich nungen ge kennzeichnet. 22 der 413 explizit werb lichen Segmente wiesen einen inhalt lichen Bezug zur Webseite auf und waren zudem nicht als werb lich ge‑ kennzeichnet. Inhalt liche Bezüge von identifizierten explizit werblichen Segmenten auf Kinder‑ webseiten ließen sich in 34 Fällen aus machen; auf den Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugend liche rich teten, waren es drei weitere. Sofern auf Kinderwebseiten inhalt liche Bezüge vor handen waren, waren die ent sprechen den Segmente in 23 Fällen ge kennzeichnet, was die Erkenn bar keit für Kinder er leichtern dürfte. In 20 Fällen waren Segmente ge kennzeichnet und wiesen keine inhalt lichen Bezüge zur Webseite auf. Keine Kennzeich nung, aber inhalt liche Bezüge fanden sich in elf Fällen. Ähnliche Tendenzen ließen sich fest stellen, wenn man auch die an Jugend liche gerich teten Webseiten hinzu zieht: Die meisten der identifizierten Segmente, nämlich 69, waren ge kennzeichnet und wiesen keine inhalt lichen Bezüge auf. 26 Segmente waren ge kennzeichnet, wiesen jedoch inhalt liche Bezüge auf. Von den 34 Segmenten, die nicht ge kennzeichnet waren, wiesen elf inhalt liche Bezüge zur Webseite auf, 23 taten dies nicht. Auch für das Zusammen spiel der Merkmale inhalt licher Bezug und Kennzeich‑ nung werden die Ergeb nisse, inklusive der Annahmen be züglich der möglichen Identifi‑ zier bar keit zusammen fassend dargestellt (s. Tab. 10). tabelle 10: Kontingenz – inhalt liche bezüge und Kennzeich nung Kontingenz häufig keit des vor kommens auf den … inhalt liche bezüge werb liche Kenn- zeichnung direkt am Segment an genommene anforde rung an die identifizier- barkeit durch den nutzer … 50 Start- und unter seiten (n = 413 auf 116 Start- und unter seiten) … Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugend liche richten (n = 129 auf 43 Start- und unter seiten) … Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder richten (n = 63 auf 23 Start- und unter seiten) – + sehr leicht erkenn bar 241 (58 %) 69 (53 %) 20 (32 %) – – leicht erkenn bar 84 (20 %) 23 (18 %) 9 (14 %) + + noch erkenn bar 66 (16 %) 26 (20 %) 23 (37 %) + – nicht leicht erkenn bar 22 (5 %) 11 (9 %) 11 (17 %) 413 (100 %) 129 (100 %) 63 (100 %) 105 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Auf den Produkt‑ und Herstellerwebseiten wiesen zehn von 25 identifizierten Segmenten inhalt liche Bezüge auf und waren nicht als Werbung ge kennzeichnet. In neun Fällen konnte ein inhalt licher Bezug fest gestellt werden, wobei die werb lichen Segmente als solche ge kennzeichnet waren (nur ein ge kennzeichnetes Segment weist keinen inhalt lichen Bezug auf). 5.5.4 art der ansPrache Werbung im Onlinebereich agiert ver mehrt mit appellativem Charakter. Außerdem spricht sie den aktiven Nutzer an und bietet ihm mitunter die Möglich keit zu Inter‑ aktion. Appelle können auf vier ver schiedenen Ebenen er folgen: Auf der Sachebene wird dem Nutzer respektive Konsumenten die Möglich keit ge geben, mehr über ein Produkt oder eine Dienst leis tung zu er fahren, ohne dass er bereits zum Kauf auf ge‑ fordert wird (z. B. „Erfahre mehr!“). Auf der Beziehungs ebene wird in der persuasiven Botschaft impliziert, dass derjenige, der kommuniziert, (rhetorisch) eine Frage stellt – er tritt in Inter aktion mit dem Nutzer („Hast du kurz Zeit, dir das An gebot anzu‑ sehen?“). Des Weiteren kann der Appell auf die Selbstoffenba rung oder Selbst kritik des Nutzers (nicht auf seine Reaktion) ab zielen (z. B. „Jetzt ab nehmen!“). Eine vierte Art des Appells bildet dann die unmittel bare, über das Informie ren hinaus gehende Aufforde rung zum Handeln, insbesondere der Appell zum Kauf (z. B. „Kaufe!“). Bei Onlineinhalten stellt jedoch mitunter nicht nur die Auf forde rung zum Kauf, sondern beispiels weise auch die Auf forde rung zum „Abonnie ren“ (z. B. einer Zeitschrift), das „Buchen“ (z. B. von Flügen oder Reisen) oder das „Beitreten“ (z. B. zu einer Community) einen direkten Appell im Sinne einer Hand lungs aufforde rung dar. In der Analyse der 50 bei Kindern be liebtesten Webseiten konnten insgesamt 63 explizit werb liche Segmente mit einem derarti gen direkten Appell identifiziert werden. Während der Anteil dieser Appelle auf (journalistisch‑)redak tio nellen Webseiten recht gering aus fällt und bei den unter suchten Produkt‑ und Herstellerwebseiten keine appellative Form der Ansprache zu finden war, fällt der Anteil werb licher Segmente mit direkten Appellen vor allem bei Service‑ und Einstiegs portalen mit 92 Prozent (23 von 25 Segmenten) ver gleichs weise hoch aus (s. Abb. 16). Auf Produkt‑ und Herstellerwebseiten wurden naheliegender weise aus schließ lich explizit werb liche Segmente identifiziert, auf denen für die eigene Marke bzw. das eigene An gebot ge worben wurde. Hier werden über wiegend Produkte mit der Inten‑ tion in den Vordergrund ge stellt, ein positives Image zu den Produkten zu ge nerie ren, was mit dem Ver zicht direkter Hand lungs aufforde rungen korrespondiert. Auf (jour‑ 106 nalistisch‑)redak tio nellen Webseiten, Service‑ und Einstiegs portalen sowie Platt formen wird demgegenüber über wiegend Werbung für Produkte, Dienst leis tungen oder Marken geschaltet, die nicht mit dem An gebot in Ver bindung stehen, sondern für fremde An‑ gebote werben. Sofern fremde Anbieter auf Webseiten werben, stellt die direkte Hand‑ lungs aufforde rung eine Möglich keit dar, die Auf merksam keit auf ein An gebot zu lenken und den Nutzer zum Kaufen, Bestellen oder Anklicken des An gebots bzw. Links zu animie ren. Als weiterer inhalt licher Aspekt wurde die Art der Ansprache unter sucht. Neben Imperativen wurden auch die expliziten Formulie rungen der Kauf‑ oder Bestellappelle, Anreize, wie z. B. kosten lose Zusatz dienste oder Club mitglied schaften, sowie der Einsatz von Testimonials be rücksichtigt. Die als explizit identifizierten Werbun gen ver wenden mehr heit lich, genauer in 245 der 413 Fälle, eine direkte Ansprache (s. Tab. 11). Eine Form der direkten Ansprache konnte auch auf Webseiten, die sich aus schließ‑ lich an Kinder rich teten (hier insgesamt 24‑mal), sowie auf Webseiten, die sich darüber hinaus auch an Jugend liche rich teten (hier insgesamt 39‑mal), fest gestellt werden. Auch Kaufappelle wurden – wenn gleich in geringer Zahl – er mittelt: Auf den Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder rich teten, konnten zwei explizit werb liche Segmente aus gemacht werden, die den Rezipienten direkt an sprachen und die mit einem Imperativ agierten, der eine Kaufaufforde rung implizierte. Die ent sprechen den Segmente fanden sich auf (journalistisch‑)redak tio nellen Webseiten, mit Appellen, wie „Jetzt be stellen“ wurden Handys bzw. Handy verträge be worben. Daneben wurde abbildung 16: Konsumbezogene imperative bei explizit werblichen segmenten nach webseitenkategorien basis: n = 63 Segmente auf 116 Start- und unterseiten, die mind. ein explizit werbliches Segment enthalten 0 14 (22%) 23 (37%) 26 (41%) 63 (100%) Produkt-/Herstellerwebseiten Plattformen Service-/Einstiegsportale (Journalistisch-)Redaktionelle Webseiten Gesamt Häufigkeit 107 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? weniger kinder affin mit „Investie ren Sie“ über Anlagemöglich keiten in der Abfall‑ und Recycling‑Industrie ge worben. Mit „Jetzt günstig drucken“ warb dagegen eine Online‑ Druckerei auf einer unabhängi gen Kinder seite 103. Auf den Webseiten, die sich an Kinder und/oder Jugend liche rich teten (43 Start‑ und Unter seiten), konnten 14 explizit werb liche Segmente mit direkter Ansprache und zum Kauf auf fordernden Appellen aus gemacht werden. Bei den ent sprechend identi‑ fizierten explizit werb lichen Segmenten wurde hier u. a. zum „Sammeln“ von Codes, zum „Shoppen“ oder „Bestellen“ im Onlineshop an geregt oder mit dem Appell „Jetzt sparen“ beispiels weise auf Kosmetik produkte hin gewiesen. Da die Funktionen von Werbung im Onlinebereich viel mehr auf Kenntnis, Marken bildung und nicht auf unmittel bare Kaufabsichten aus gerichtet sind, finden sich hier zum Teil völlig neue Ansprachen an den potenziellen Kunden. 5.5.5 einsatz vOn medien PersOnen, medien figuren und charaKte ren Mit Blick auf Formen emotionaler Ansprache und cross medialer Ver mark tung wurde unter sucht, auf welche Weise Produkte oder Dienst leitun gen in Szene gesetzt und in welchem emotionalen Umfeld sie präsentiert wurden. Im Rahmen der Analyse wurde erhoben, ob mit Figuren oder Charakte ren oder realen Medien personen ge arbeitet wurde, die Kindern cross medial aus anderen Kontexten (Fernsehen, Zeit‑ schriften etc.) bekannt sein könnten. Zu den fiktiven Figuren zählen beispiels weise 103 hierbei handelte es sich um das an gebot von kidsweb. de. tabelle 11: form der ansprache nach webseitenkategorien (Journalistisch-) redaktio nelle Webseiten (n = 192 auf 53 Start- und unter seiten) produkt-/ hersteller- webseiten (n = 25 auf 11 Start- und unter seiten) Service-/ einstiegs portale (n = 130 auf 25 Start- und unter seiten) platt formen (n = 66 auf 27 Start- und unter seiten) gesamt direkte ansprache 109 (57 %) 5 (20 %) 89 (68 %) 42 (64 %) 245 keine direkte ansprache 83 (43 %) 20 (80 %) 41 (32 %) 24 (36 %) 168 gesamt 192 (100 %) 25 (100 %) 130 (100 %) 66 (100 %) 413 108 Zeichen trick figuren und mediale Charaktere (z. B. Hannah Montana). Als reale Medien‑ personen wurden Sportler, Schauspieler und Musiker (z. B. Justin Bieber) erfasst. Des Weiteren wurde codiert, ob die Darstel lung eines Produkts/einer Dienst leis tung in der realen Welt, d. h. im realen Umfeld präsentiert wurde oder ob es sich um eine reine Produkt‑/Dienst leis tungs präsenta tion handelte, bei der Produkte oder Dienst leis tungen bild lich dargestellt oder in Textform be schrieben wurden (z. B. Beschrei bung von Produkteigen schaften, Funktion von Geräten o. Ä.). Die Möglich keit der Kombina tion einzelner Merkmale wurde in der Codie rung be rücksichtigt.104 Die Ergeb nisse zeigen: Die meisten, nämlich 236 der 413 identifizierten explizit werb lichen Segmente beinhal teten aus schließ lich eine bild hafte oder textuelle Präsenta‑ tion des Produkts/der Dienst leis tung. In 25 Fällen wurde eine Darstel lung in der fiktiven Welt ge wählt, in 25 Segmenten kamen fiktive Medien figuren oder ‑charaktere zum Einsatz. Häufig fanden sich auch Kombina tionen ver schiedener Stilmittel: So präsen tierten in 50 Fällen reale Medien figuren ein Produkt oder eine Dienst leis tung, fiktive Figuren wurden in fiktiven Welten (in 25 Fällen) als Stilmittel ein gesetzt, ähnlich wurden reale Personen in realen Welten (in 20 Fällen) ein gesetzt oder eine Produkt‑ und Dienst leis tung in eine realen Welt gerahmt (in 20 Fällen) (s. Tab. 12). tabelle 12: inhaltliche gestaltung explizit werblicher segmente inhalt liche gestal tung einzelnen nungen nur produkt-/Dienst leis tungs präsenta tion 236 (57 %) reale medien personen + produkt-/Dienst leis tungs präsenta tion 50 (12 %) fiktive medien figuren + Darstel lung in der fiktiven Welt 25 (6 %) nur Darstel lung in der fiktiven Welt 25 (6 %) Darstel lung in der realen Welt + produkt-/Dienst leis tungs präsenta tion 20 (5 %) reale medien personen + Darstel lung in der realen Welt 20 (5 %) nur fiktive medien figuren 17 (4 %) nur reale medien personen 9 (2 %) nur Darstel lung in der realen Welt 6 (1 %) fiktive medien figuren + Darstel lung in der realen Welt 2 (0,5 %) reale medien personen + Darstel lung in der realen Welt + produkt-/Dienst leis tungs präsenta tion 1 (0,2 %) fiktive medien figuren + produkt-/Dienst leis tungs präsenta tion 1 (0,2 %) basis: n = 413 Segmente auf 116 Start- und unterseiten, die mind. ein explizites Segment enthalten 104 Die Codie rung basierte hier auf mehrfachnen nungen. 109 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? 5.5.6 adressaten der werbebOt schaften Die Form der Ansprache sowie der Einsatz von Medien figuren geben Anhaltspunkte, an welche Zielgruppe sich die Werbetreiben den in ihren Botschaften richten. In 64 der identifizierten 413 Werbesegmente konnten Kinder oder Jugend liche eindeutig als Zielgruppe identifiziert werden. Häufig wurden Aspekte aus der Lebens welt von Kindern und Jugend lichen auf gegriffen (z. B. aus dem Bereich Schule, be kannte Stars, wie beispiels weise Cro, s. Abb. 17). Es wurden kind liche oder jugend liche Medien‑ figuren ein gesetzt und die Ansprache er folgte häufig in Du‑Form, was ein Gefühl von Nähe und Ver traulich keit ge nerie ren kann (s. Abb. 17–20). abbildung 17: explizit werb liches segment „aOK“ auf bravo. de abbildung 19: explizit werb liches segment „gewinne“ auf barbie. de abbildung 18: explizit werb liches segment „kinder“ auf bravo. de 110 In 190 Fällen richtete sich die Werbung an Erwachsene. In 159 Fällen war die Zielgruppe nicht eindeutig zuzu ordnen. Auch auf Webseiten, die sich nicht aus schließ lich an Kinder und Jugend liche, sondern auch an Erwachsene rich teten, war die Werbung häufig an junge Ziel grup‑ pen adressiert. Beispiels weise wurde auf dem (journalistisch‑)redak tio nellen An gebot kicker. de ein Fußball‑Camp be worben, Kinder wurden hier animiert, am Camp teilzunehmen (s. Abb. 21). Anderer seits er schien auf Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder oder an Kinder und Jugend liche rich teten, Werbung, die sich eindeutig an ältere Zielgruppen richtete. So wurden dort beispiels weise Familien reisen oder Autos be worben (s. Abb. 22 und 23). abbildung 20: explizit werb liches segment „venus“ auf maedchen. de abbildung 21: explizit werb liches segment „Karma camp“ auf kicker. de 111 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Um gekehrt konnten ver einzelt Werbeadressie rungen an Eltern auf Webseiten für Kinder und Jugend liche fest gestellt werden. So wurde beispiels weise auf geolino. de das GEOlino‑Abo be worben, mit dem Ver weis, dass Eltern das Abonnement ab schließen können (s. Abb. 24). 5.5.7 einsatz vOn anreizen In der Analyse wurde des Weiteren über prüft, mit welchen Anreizen – neben der Gestal tung, der Ansprache und den Appellen – die Werbetreiben den ver suchen, auf ihre Produkte und Dienst leis tungen auf merksam zu machen. Am häufigsten (in 109 Fällen) wurden dem Produkt/der Dienst leis tung positive Attribute zu geschrieben. „Neue Features“ wurden heraus gestellt, „Urlaubs paradiese“ an gepriesen, mit „günsti gen, flexi‑ blen, zusätz lichen Leis tungs fähig keiten“ von Handys ge worben oder „günstigste Test‑ abbildung 23: explizit werb liches segment „ford“ auf geolino. de abbildung 22: explizit werb liches segment „urlaubs erlebnis Ostsee“ auf bravo. de abbildung 24: zielgruppe eltern – explizit werb liches segment „geOlino abo“ auf geolino. de 112 sieger“ an geraten. Auch wurde häufig (51‑mal) mit Profiten bzw. Ver günsti gungen, wie „nur 50 €“, „90 % sparen“ oder „20 % Rabatt“ ge worben. Gratis angebote wurden meistens im Fall von Dienst leis tungen betont. 39 solcher An gebote konnten auf den bei Kindern be liebtesten 50 Webseiten (Start‑ und Unter seiten) identifiziert werden. Mit Gewinnen oder Preisen wurde insgesamt 24‑mal ge worben, 9‑mal wurde ein Ver sprechen auf be sondere, un vergess liche Erleb nisse ge geben (z. B. „Un vergess liche Erleb nisse im schönsten Ort der Sloweni schen Küste“ auf element girls. de). Für die Kinder‑ und Jugendwebseiten zeigte sich ein ver gleich bares Bild: So wurde beispiels weise auf der Kinderwebseite kinder campus. de mit „vielen und tollen neuen Möglich keiten“ für die eigene Community ge worben. Auch wurde dort mit Profiten und Ver günsti gungen ge lockt, meistens aber für Produkte und Dienst leis tungen, die an er wachsene Zielgruppen adressiert waren. Auf der Jugendwebseite bravo. de wurde mit Sinalco‑Codes ge worben, die gesammelt werden konnten, mit dem Ver sprechen auf einen Gutschein. Weitere Ver sprechen auf Gewinn auslo bungen ließen sich beispiels‑ weise auf der Kinderwebseite geolino. de identifizie ren. Hier wurden u. a. (vor rangig an Erwachsene adressierte) Fotoreisen aus gelobt. 5.5.8 werbeinhalte mit ent wicK lungs bezOgenen asPeKten In Einzelfällen wurden Inhalte werb licher Segmente identifiziert, die für die Persönlich‑ keits entwick lung jüngerer Kinder abträg lich sein können (z. B. ge waltbezogene Inhalte, Alkoholwer bung, Geschlechter rollenklischees, Körperästhetik). So wurde beispiels weise für Partnerbörsen ge worben oder es wurden fragwürdige Schön heits ideale präsentiert (s. Abb. 25). Unabhängig von der Frage, ob die Einzelinhalte jugendschutz recht lich relevant sind (s. dazu Kap. 6.7.5), weisen sie jeden falls werbe ethische Komponenten auf. In Bezug auf ge walthaltige Werbeinhalte ließen sich eine Reihe von Werbeinhalten fest stellen, die mittel bar Bezüge zu kriegeri schen Auseinander setzun gen, Waffen und Kampftechniken auf wiesen. Meistens traten diese Werbeinhalte auf Webseiten mit Spiel kontexten auf, z. B. auf jetztspielen. de oder auf spieletipps. de (s. Abb. 26, 27). Werbung für Alkohol oder Ver sands hops im Bereich alkoholi scher Getränke ist nicht unüb lich. Insgesamt ließen sich neun explizit werb liche Segmente identifizie ren, auf denen für alkoholi sche Getränke ge worben wurde. In einem Fall fand sich ein ent sprechen des Segment auf einer Webseite, die sich explizit an Kinder und Jugend‑ liche richtete (s. Abb. 28). 113 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Weitere be worbene Produkte aus dem Bereich der Nahrungs‑ und Genuss mittel waren vor allem Schokoladen artikel und Erfrischungs getränke. Sonstige Werbeinhalte, die auf gefallen sind, waren Wettangebote und An gebote, deren ver meint liche Zielgruppe im Miss verhältnis zu der Zielgruppe des um geben den An gebots stand, beispiels weise, wenn auf Jugendwebseiten für Partnerbörsen ge worben wurde (s. Abb. 29). ▲ abbildung 25: banner „bikini-modus“ auf jetztspielen. com (rubrik „mädchen- spiele“) ▲ abbildung 26: explizit werb liches segment „erschieße 3 feinde“ auf jetztspielen. com ▲ abbildung 27: explizit werb liches segment „xbOx“ auf spieletipps. de ▲ abbildung 28: explizit werb liches segment „rotwein“ auf maedchen. de 114 5.6 sOnstige identifizierte segmente Neben den eindeutig als werb lich identifizier baren Segmenten („explizit werb liche Segmente“) wurde eine Vielzahl weiterer Segmente codiert, denen von Kindern eine werb liche Inten tion zu geschrieben werden könnten („sonstige Segmente“). Vor allem vor dem Hinter grund ihrer ver meint lichen persuasiven Wirkung und der oft fehlen den Trenn schärfe zu werb lichen Segmenten dürfen derartige Segmente bei einer Analyse von Onlinewer bung nicht außer Acht ge lassen werden. Im Weiteren soll daher genauer dargestellt werden, warum be stimmte, auf den bei Kindern be liebtesten 50 Webseiten (Start‑ und Unter seiten) identifizierte Segmente Aspekte auf weisen, die von Kindern als werb lich ein geordnet werden könnten. Die Kategorie umfasst damit sowohl Inhalte, die sich bei näherer Betrach tung tatsäch lich als werb lich heraus stellen, als auch nicht‑ werb liche Inhalte, die aber auf grund ihrer Gestal tung oder ihres Inhaltes als werb lich fehlinterpretiert werden können (zur werberecht lichen Einord nung siehe Kap. 6.7.3). abbildung 29: banner „elite Partner“ auf maedchen. de 115 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? In Bezug auf die Top 50 Start‑ und Unter seiten wurden 858 Segmente codiert und (teils mehreren) unter schied lichen Unter kategorien zu geordnet. Die größten Unter‑ kategorien bilden dabei – Segmente, die erkenn bare Marken und Logos ent halten (314 Codie rungen), – Segmente, die werb lich er scheinen, sich aber ge stalterisch nicht deut lich vom übrigen Inhalt abheben (186 Codie rungen), – Segmente mit Hinweisen auf „Partner angebote“ oder andere An gebote, die mit untypi schen Kennzeich nungen ver sehen sind (191 Segmente), – Segmente, die aus Listen mit reinen Textlinks zu An geboten Dritter be stehen (171 Codie rungen), – Segmente, die eigene An gebote, Produkte oder Dienst leis tungen des Seiten anbieters zum Gegen stand haben (157 Codie rungen), – Segmente, die auf Sponsoren und Förderer mit deren Logo ver linken, ohne diese als „Sponsoren“ zu be nennen (72 Codie rungen), – Segmente, die konkrete Produktabbil dungen ent halten (68 Codie rungen), – Segmente, die auf Gewinn spiele hinweisen (54 Codie rungen), – sowie Segmente, in denen der Seiten anbieter Tipps oder be sondere Empfeh lungen aus spricht (33 Codie rungen). Der Umstand, dass diese Segmente im Rahmen der An gebots analyse codiert worden sind, lässt dabei keine Rückschlüsse darauf zu, inwieweit diese tatsäch lich werb licher Natur sind. Im Folgenden sollen zur Ver anschau lichung Erschei nungs formen aus einigen der Unter kategorien auf gezeigt werden. Betrachtet man etwa das bereits unter Kapitel 5.4.2 ge nannte zentrale Merkmal der Kennzeich nung 105, so wiesen be stimmte identifizierte Segmente Kennzeich nungen auf, die ent weder unüb lich von ihrer Begrifflich keit her waren (z. B. „Performance Advertising“) oder wo die Kennzeich nung auf grund der Platzie rung im Segment nicht auf Anhieb er sicht lich war. Beispiels weise wurde innerhalb von Segmenten mit viel Fließtext an einer nicht zentralen Stelle im Fließtext der aus dem Marketing ge läufige Begriff „Promo tion“ platziert. Ab gesehen davon, dass derartige Kennzeich nungen eine ge wisse Lesefähig keit (Anglizismen, Texterkennen) voraus setzen (vgl. Feil/Decker/ Gieger 2004, S. 149 ff.), war nicht klar, ob der Betreiber der Webseite damit werb liche Inhalte kennzeichnen wollte oder nicht. Diese Segmente wurden deshalb nicht als explizit werb lich ein geordnet (s. Abb. 30). 105 ein be sonde res erschei nungs bild sind flächen, auf denen eigene inhalte eines Webseiten anbieters als Werbung ge kennzeichnet werden, wie z. b. zum zeitpunkt der unter suchung auf kidsweb. de oder kinder campus. de fest gestellt. Diese Segmente waren im Codierprozess nicht eindeutig zuzu ordnen. hier ist die werb liche einord nung nicht ohne Weiteres möglich. 116 Auch die Kennzeich nung von Sponsoren, Förderern oder Partnern war nicht immer konsequent und eindeutig. Relativ unproblematisch ließen sich derartige Erwäh‑ nungen einordnen, wenn klar transparent ge macht wurde, dass es sich um einen be‑ stimmten Akteur handelte, der das ent sprechende An gebot mitfinanzierte oder förderte oder dass es sich bei dem Ver weis um eine Sichtbarmachung eines Partner angebots handelte. Wenn jedoch auf Webseiten Logos oder nament liche Erwäh nungen von Marken auf tauchten, von denen nicht klar war, mit welcher Inten tion sie auf der Seite platziert wurden bzw. warum sie auf der Webseite Erwäh nung fanden, wurden diese als sonstige Segmente mitcodiert. Häufig fanden sich derartige Logos und nament liche Erwäh nungen in den Footern der Webseiten. Gerade bei umfang reich gestal teten Webseiten liegen die Footer üblicher weise außerhalb des Haupt betrach tungs feldes des abbildung 30: besondere Kennzeich nung „Promo tion“ – identifiziertes segment auf maedchen. de abbildung 31: sponsoren im footer von kicker. de 117 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? Nutzers. Logos und Nennun gen sind also nicht immer auf Anhieb sicht bar, stechen allerdings teils optisch heraus, wenn sie farb lich oder typografisch ab gehoben sind bzw. sich in ihrer Größe von den übrigen Footer‑Inhalten unter scheiden (s. Abb. 31). Aber auch in einzelnen Webseiten‑Rubriken tauchten Logos und Produkt‑ und Firmennamen auf, teil weise mit, teil weise ohne Kontext zu den übrigen Inhalten. So er schienen auf der Webseite eines Fußball‑Magazins die Namen von Automarken und ‑modellen, auf Service‑ und Einstiegs portalen die Logos von Konsumgüter‑ und Einzel‑ handels unternehmen und auf Spieleportalen die Namen be stimmter Spiele‑Konsolen (s. Abb. 32–34). abbildung 32: markennen nungen auf kicker. de abbildung 33: marken auf spieletipps. de 118 Insbesondere, wenn sowohl die Logos der Förderer als auch gleichzeitig die weiterer Akteure auf der Webseite platziert waren, war die Einord nung der Ab sichten und Interessen der unter schied lichen Akteure nicht mehr eindeutig möglich (s. Abb. 35). Um gekehrt wurde in der An gebots analyse die Bezeich nung „Partner“ auch in einem deut lich persuasive ren Kontext identifiziert: So wurden unter „Partner angebo ten“ teil weise Inhalte präsentiert, die auf konkrete Produkte oder Dienst leis tungen hinwiesen (s. Abb. 36). Vor allem auf Service‑ und Einstiegs portalen fielen derartige „Partner angebote“ auf. Ob der Nutzer von der Bezeich nung „Partner angebot“ automatisch auf werb liche Inhalte schließt und ob dieser Schluss für alle Partner angebote zutrifft, ist frag lich. Fest zustellen ist, dass unter „Partner angebote“ teil weise Inhalte mit persuasiver Absicht dargestellt wurden (s. Abb. 37, 38). abbildung 34: services auf msn. com abbildung 35: logos und förderer im footer von inter nauten. de 119 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? abbildung 36: „Partner angebote“ auf msn. com abbildung 37: „top- und Partner angebote“ auf gmx. de abbildung 38: empfeh lung „top an gebote“ – identifiziertes segment auf yahoo. com 120 Auch sogenannte „Empfehlungen“ oder „Tipps“ können Kindern die werbliche Einordnung entsprechender Segmente erschweren. Besonders auf den analysierten Service‑ und Einstiegs seiten sowie auf Platt formen wurden „Empfeh lungen“ aus‑ gesprochen oder wurden Inhalte dort als „Tipps“ präsentiert. So wurden beispiels weise auf den Platt formen häufig be stimmte (Musik‑)Videos oder auf Spieleportalen Spiele empfohlen. Produkt‑ und Herstellerwebseiten wie disney. de empfahlen (in diesem Fall im Footer der Webseite) auf ihren Webseiten be stimmte eigene Inhalte der Web‑ seite (z. B. zu Disney Superbia oder Phineas und Pherb). Folgte man diesen Links auf disney. de, ge langte man zur jeweili gen Disney‑Themen welt. Auf lego. de fand sich unter den „Emp feh lungen“ ein Ver weis auf den Lego‑Katalog. Auf geolino. de wurden Buch‑, DVD‑ und Spiele‑Tipps ge geben. Derartige Hervorhe bungen eigener An gebote waren nicht ohne Weiteres einzu ordnen. Ver breitet waren auch Hinweise auf Gewinn spiele. Ob auf (journalistisch‑)redak‑ tio nellen Webseiten, Produkt‑ und Herstellerwebseiten oder Service‑ und Einstiegs‑ portalen, es fanden sich diverse Malwettbewerbe, Ver losungen, Quizs, und es konnten Selena Gomez‑Outfits, Fanpakete zum Kinofilm Epic, iPod shuffle, Lillifee‑DVDs, Luxus‑Zahnbürsten von Oral‑B, Beauty‑Pakete von Braun u. v. m. ge wonnen werden. Diese Gewinn spiele intendierten ent weder, den Nutzer an die Webseiten zu binden oder ihn auf be stimmte Produkte und Dienst leis tungen auf merksam zu machen. abbildung 39: Kaufpreis-angaben auf gamestar. de 121 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? In Einzelfällen waren Segmente mit dem Währungs symbol ver sehen oder es wurden „Kaufpreise“ an gezeigt. Die Ähnlich keit zu explizit werb lichen Segmenten war dadurch ge geben. Hier ist anzu nehmen, dass Kinder derarti gen An geboten auf‑ grund dieser Angabe eine Werblich keit zuschreiben könnten, da ihnen unter anderem die Euro‑Angabe als Ab gren zungs merkmal dient (vgl. Schulze 2013, S. 190 ff.) Mitunter wurden auf Webseiten konkrete Produkte ab gebildet. Beispiels weise wurden auf Webseiten von Zeitschriften häufig die eigenen Print ausgaben oder Print‑ ausgaben desselben Ver lags ab gebildet, meist als Ver weis auf die Print ausgabe oder auf ein Abonnement. Auf Webseiten von TV‑Programmanbietern wurden Hinweise auf das eigene Programm ge geben, teil weise wurden auch Merchandising‑Produkte ab‑ gebildet (s. Abb. 40–45). Auch derartige Produkt platzie rungen sind hinsicht lich ihrer Werblich keit nicht klar einzu ordnen, da sich die dahinter liegen den Marketing‑Strate‑ gien (wie Cross‑Promo tion oder Cross‑Marketing) für den Nutzer nicht er kennen ließen. Besonders häufig werden Produkte auf Produkt‑ und Herstellerwebseiten ab‑ gebildet (s. Abb. 44, 45). abbildung 40: Produktabbil dungen auf bravo. de 122 ▲ abbildung 43: merchandising auf wasist was. de ▲ abbildung 44: Produktabbil dung auf playsta tion. de ▲ abbildung 41: Produktabbil dung auf wasist was. de ▲ abbildung 42: Produktabbil dung auf geolino. de 123 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? 5.7 dynamiKen werb licher erschei nungs fOrmen Um die Dynamiken werb licher Inhalte in von Kindern ge nutzten Onlineangeboten zu ver schiedenen Zeitpunkten zu er fassen, wurden zehn aus gewählte An gebote (d. h. die Start seite, aus gewählte Unter seiten, Landing Pages) zu ver schiedenen Mess zeit‑ punkten auf gerufen, dokumentiert und in Form von Steck briefen be schrieben. In diesen Analyseschritt einbezogen wurden die An gebote toggo. de, youtube. de, bravo. de, knuddels. de, spielaffe. de, kicker. de, helles‑koepfchen. de, gmx. net, de.barbie. com und geolino. de.106 Die aus gewählten Webseiten wurden – zu zwei Mess zeitpunkten (Juni und Dezember 2013), – innerhalb einer Woche, – einmal werktags sowie einmal am Wochen ende, – innerhalb von 24 Stunden jeweils zu vier Zeitpunkten, auf gerufen und dokumentiert. Für die Analyse wurden für alle An gebote Steck briefe (s. Anhang A) er stellt, die das jeweilige Internetangebot differenziert be schreiben. Darin wurde u. a. erfasst, seit wann die Webseite online ist und welche Zielgruppe auf der Webseite aus gewiesen ist. Zudem wurde das An gebot im Hinblick auf Struktur/Aufbau, Layout/Gestal tung, 106 Die auswahl der Seiten orientierte sich an der rangliste der lieblings webseiten nach Kim und war darauf aus gelegt, möglichst heterogene Webseitentypen zu be rücksichti gen. abbildung 45: merchandising auf be llasara. de 124 Werbe aufkommen/Werbeflächen, Besonder heiten und Auf fällig keiten in Bezug auf Werbung be schrieben und eine Einschät zung der werbekompetenzbezogenen Heraus‑ forde rungen für Kinder vor genommen. Für die Betrach tung der Dynamiken wurden die werb lichen Segmente auf einer Webseite über die ver schiedenen Mess zeitpunkte hinweg miteinander verg lichen. Die Beobach tung und an schließende Beschrei bung der werb lichen Segmente sowie der Ver ände rungen des Werbe vorkommens und ‑erscheinens auf der be obach teten Internet‑ seite wurde jeweils gegen über dem voran gegangenen Mess zeitpunkt vor genommen. Zur Archivie rung der Materialien wurden zu jedem Mess zeitpunkt von den Start seiten der aus gewählten Webseiten 30‑sekündige Video‑Aufzeich nungen mit „Camtasia“ und ein Screen shot mit „Awesome Screen shot“ er stellt. Auf fällig keiten auf Unter seiten oder Landing Pages wurden eben falls in Form eines Screens hots dokumentiert. In einem Beobach tungs bogen (s. Anhang A) wurden die er fassten Ver ände rungen der werb lichen Segmente gegen über dem vor heri gen Mess zeitpunkt im Screen shot markiert. Die Dokumenta tion und Analyse er folgte in der Zeit vom 01. bis 07. 06. 2013 sowie vom 28. 11. bis 04. 12. 2013. Die Kinderwebseite toggo. de (s. Abb. 46) wies ver schiedene explizit werbliche Segmente auf. Der ge stalteri sche Unter schied zum Content war nicht immer unmittel‑ bar er sicht lich. Eine Besonder heit der Webseite in Bezug auf Onlinewer bung war der Hinweis der Webseiten betreiber, dass jegliche Werbung als solche ge kennzeichnet und mit einem blauen Hinter grund ver sehen sei, damit die Werbung klar erkenn bar sei. Hinsicht lich der Dynamiken der werb lichen Segmente auf toggo. de ließ sich fest‑ stellen, dass a) einzelne Werbeflächen, beispiels weise große Hockeystick werbung (außer‑ halb des Contentbereichs am Rand der Webseite), über den Tages verlauf von einzelnen Anbietern (z. B. Nintendo) belegt waren. Allerdings änderten sich im Beobach tungs‑ zeitraum hier die be worbenen Produkte desselben Anbieters, beispiels weise wurde am Morgen das Spiel Animal Crossing be worben, am Nachmittag Super Mario Bros. 2. Auf einer zweiten Fläche im Contentbereich rotierten Inhalte b) ver schiedener Anbieter. Mal wurden eigene Produkte be worben (z. B. TOGGO Tour), mal wurden An gebote anderer Anbieter geschaltet (z. B. das Spiel Angry Birds). Auf dieser Fläche konnten insgesamt 16 ver schiedene An gebote aus gemacht werden, die wechselnd in gleicher Reihen folge auf der Fläche er schienen. Ferner waren auf der Webseite c) Werbeflächen platziert, deren Inhalt über den Beobach tungs zeitraum zwar gleich blieb, dessen Darstel‑ lungs form sich jedoch ver änderte. Beispiels weise wurden jeweils identi sche Spiele und Videos an immer gleichen Positionen platziert. Diese wurden jedoch im Zeit verlauf unter schied lich be bildert, sodass auf den ersten Blick ein anderes An gebot ver mutet werden konnte. Wurde auf die jeweils ent sprechende Werbefläche ge klickt, wurde 125 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? immer dieselbe Landing Page er reicht. Grundlegende Unter schiede hinsicht lich der Einbet tung von Werbung im Ver gleich von Wochen tagen zu Wochen enden konnten auf der TOGGO‑Webseite nicht fest gestellt werden. Dasselbe gilt für den Ver gleich abbildung 46: screenshot von toggo. de (startseite, 04. 06. 2013, 10:12) 126 der beiden Erhe bungs zeiträume im Juni und Dezember. Es konnten größtenteils Werbun gen derselben Anbieter (z. B. Nintendo) aus gemacht werden. Ledig lich auf einer der Unter seiten konnte eine Werbefläche aus gemacht werden, deren Darstel lungs form sich von den anderen auf der TOGGO‑Webseite unter scheidet. Es handelte sich um eine Tandemwer bung, bei der eine der Werbeflächen sich als Overlay vor dem Seiten‑ inhalt öffnete. Anders als bei der expliziten Kinderwebseite toggo. de, auf der die Werbung klar als solche ge kennzeichnet war, war das bei youtube. com (s. Abb. 47) nicht immer der Fall. Bei diesem An gebot waren ver schiedene Werbeformen zu unter scheiden. Zum Zeitpunkt der Beobach tung wurde, wenn auch nicht kontinuier lich und dauer haft präsent, eine große Bannerwer bung am oberen Webseiten rand geschaltet, die auch als solche ge kennzeichnet war. Zudem gab es weitere werb liche An gebote, die in den Videorubriken platziert waren. Auch waren auf der Webseite kurze Werbeclips zu finden, die in Videos ein gebettet waren oder als sogenannte Pre‑Rolls zeit lich vor ein Video geschaltet wurden. Ein Muster, zu welchem Zeitpunkt und vor welchen Videos diese Werbeclips geschaltet wurden, war in der zeit lichen Analyse nicht er sicht lich. Gravierende Ver ände rungen der Werbe einbet tung über den Tages‑ oder Wochentag‑ verlauf konnten nicht fest gestellt werden. Ebenso konnten keine grundlegen den Ver‑ ände rungen im Ver gleich der beiden Erhe bungs zeiträume aus gemacht werden. Heraus stechend in Bezug auf das Thema Werbung hinsicht lich der Dynamiken war das An gebot bravo. de (s. Abb. 48). Hierbei handelt es sich um ein An gebot, das sich an Kinder und Jugend liche ab zehn Jahren richtet. Auf bravo. de ließen sich ver‑ mehrt Werbe einblen dungen für Pflege‑ und Hygieneartikel für Frauen (beispiels weise o. b.‑Tampons, Carefree und Gillette Venus) finden. Die werb lichen An gebote waren oft‑ mals in den Inhalts bereich der Start seite integriert (häufig als Tandem‑Werbung). Werbe‑ kennzeich nungen, welche häufig in weißer Schrift auf hellem Hinter grund platziert waren, waren leicht zu über sehen. Im Tages verlauf wechselten die Werbeflächen ihren Inhalt, es wurden aber nach wie vor dieselben Produkte be worben. Auf einzelnen Flä‑ chen wechselte die Einspie lung von werb lichen Inhalten und Content. Auch die Position einzelner werb licher Segmente wechselte dynamisch im Tages verlauf. Ferner ließ sich fest stellen, dass inhalt licher Content der Webseite im Tages verlauf teil weise anders an geordnet war. Allgemein waren morgens und innerhalb der Woche mehr werb liche Segmente zu finden als zu späteren Tages zeiten und am Wochen ende. Die Häufig keit wechselnder Inhalte auf den Werbeflächen war im Ver gleich der Erhebungs zeiträume im zweiten Zeitraum etwas geringer. Weitere grundlegende Unter schiede der Werbeein‑ bin dung im Ver gleich der Erhe bungs zeiträume konnten nicht aus gemacht werden. 127 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? abbildung 47: screenshot von youtube. de (startseite, 04. 06. 2013, 10:20) 128 abbildung 48: screen shot von bravo. de (start seite, 06. 06. 2013, 9:32) 129 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? 130 Auf den beiden Webseiten spielaffe. de (s. Abb. 49) sowie knuddels. de (s. Abb. 50), die sich vor allem an Jugend liche und Erwachsene richten und daher auch auf diese Zielgruppen ab gestimmte Werbe einblen dungen auf weisen, wurde in beiden Erhe bungs‑ zeiträumen ver mehrt Werbung aus dem Bereich der Mobilfunk‑ bzw. Handyanbieter geschaltet. Hierbei handelte es sich in der Regel um reine Produkt‑ oder Dienst leis‑ tungs präsenta tionen (ohne be sonde ren Einsatz von Medien personen bzw. ‑figuren). Auf spielaffe. de gab es drei Haupt bereiche für Werbe einblen dungen auf der Start seite. Deren Erschei nungen variierten im Tages verlauf zwischen Hockeystick werbun gen und Bannern, die sich beim Scrollen in Form von sogenannten „Sticky Ads“ 107 mitbewegten. Auf knuddels. de war die Werbung außerhalb der Rubriken klar als solche zu er kennen und ge kennzeichnet. Es gab jedoch beispiels weise einen Ver weis auf facebook. de, der auf fällig werb lich ge staltet war, jedoch nicht ent sprechend werb lich ge kennzeichnet. Werbeflächen blieben auf knuddels. de fix in ihrer Position, nur der Inhalt der Werbung wechselte im Tages verlauf. Oft er schienen die gleichen Werbun gen auf unter schied‑ lichen Werbeflächen. Zum zweiten Erhe bungs zeitpunkt waren auf den Werbeflächen der Webseiten spielaffe. de und knuddels. de weiter hin hauptsäch lich reine Produkt‑ und Dienst leis tungs präsenta tionen platziert. Das ver mehrte Erscheinen von Werbun gen aus einem themati schen Bereich konnte nicht erneut fest gestellt werden. Allerdings fiel auf spielaffe. de ein ver mehrtes Auf kommen von Overlay‑Werbeflächen auf. Bei der Webseite kicker. de (s. Abb. 51), einem An gebot, das sich primär an Er‑ wachsene und vor rangig an Männer zwischen 20 und 49 Jahren richtet, war ein Werbe aufkommen zu be obachten, das der inhalt lich‑redak tio nellen Aus rich tung ent‑ sprechend über wiegend auf das Thema Sport und die männ liche Zielgruppe (vgl. Inter active Media 2013) ab gestimmt war. Außerdem wurden häufig Werbebanner ein geblendet, die thematisch dem Finanz‑ und Invest ment sektor zuzu ordnen waren. Oftmals war kein be stimmter Anbieter er sicht lich, sondern es war ledig lich die Rede von Investi tionen und Anlagen im Allgemeinen. Der Werbeanteil war als recht hoch einzu schätzen, alleine bis zu 17 Werbe einblen dungen waren als „Anzeigen“ ge kenn‑ zeichnet. Neben (explizit) werb lichen Segmenten fanden sich auf der Webseite auch Segmente, welche nicht als eindeutig werb liche An gebote zu identifizie ren waren, die jedoch auf grund der Ver wendung von medien bekannten Personen und Markennamen eine Werblich keit ver muten ließen (z. B. Fanartikel eines be stimmten Fußball‑Clubs). Auf fällig war auch, dass für redaktio nelle Inhalte sowie werb liche Segmente ähnliche ge stalteri sche Elemente ver wendet wurden. Grundsätz lich waren die Bereiche, in denen 107 bei einer Sticky ad handelt es sich um eine Werbefläche (hier: banner), die beim Scrollen der Seite immer mitfließt, sodass sie immer im sicht baren bereich bleibt (vgl. Stroer inter active 2014). 131 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? abbildung 49: screen shot von spielaffe. de (start seite, 04. 06. 2013, 10:17) 132 abbildung 50: screen shot von knuddels. de (start seite, 06. 06. 2013, 9:35) 133 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? abbildung 51: screen shot von kicker. de (start seite, 04. 06. 2013, 10:26) 134 werb liche Segmente er schienen, im Tages verlauf und zwischen Wochentag und Wochen‑ endtag identisch; sie unter schieden sich jedoch be züglich der Inhalte. Gelegent lich wechselten Werbeflächen mit werbefreien Flächen. Ein Beispiel für eine Webseite, bei der zu den Erhe bungs zeitpunkten auf den Unter‑ seiten mehr Werbung geschaltet wurde als auf der Start seite, ist helleskoepfchen. de 108 (s. Abb. 52). Das Internetportal richtet sich an Kinder und Jugend liche. Auf den Unter seiten fanden sich Werbeflächen innerhalb des inhalt lichen Bereichs, die häufig mit einer Google‑Anzeigen‑Kennzeich nung kennt lich ge macht waren. Teilweise schien es, als seien die werb lichen Botschaften auf den Unter seiten auf den Inhalt des An‑ gebots ab gestimmt. Zum Beispiel wurde im ersten Erhe bungs zeitraum bei einem Beitrag über Pablo Picasso eine Werbung für ars mundi, einen europäi schen Kunst‑ versandhandel, be obachtet. Meistens gab es allerdings nur ein Banner außerhalb des Contentbereichs. Im Tages verlauf änderten Werbeflächen, beispiels weise Banner, ihre Position. Andere werb liche Segmente waren stärker in die Seite ein gebunden. Gekenn‑ zeichnete Werbeflächen waren dynamisch im Zeit verlauf, der Anteil der Werbeflächen wechselte. Auch wechselten die Inhalte einzelner Werbun gen. Der Inhalt der Webseite ver änderte sich dabei nicht. Im zweiten Erhe bungs zeitraum konnte ver mehrt die Platzie rung von Tandemwer bungen fest gestellt werden. Auf einer der Unter seiten wurde zu einem Mess zeitpunkt eine Overlay‑Werbefläche identifiziert. Derartige Werbe‑ einblen dungen konnten im ersten Erhe bungs zeitraum nicht aus gemacht werden. Im Dezember‑Erhe bungs zeitraum fiel eine Weihnachts kampagne des Unter nehmens redcoon. de auf, die auf einer Sticky Ad mit in Nikolaus‑Bikinis tanzen den Models für ihren Onlineshop warb. Auffallend bei dem An gebot von gmx. net (s. Abb. 54) war, dass sich die Werbe‑ angebote der Webseite zu ver schiedenen Zeiten, auch an ver schiedenen Tagen, in anderen Rubriken wieder fanden. So befand sich beispiels weise eine Weight Watchers‑ Werbung erst unter der Rubrik „Services“ und zu einem späteren Zeitpunkt unter „Top An gebote“. In einigen Fällen war der Anbieter der Werbeformate innerhalb des Contents nicht erkenn bar. Teilweise wurde kein konkretes Produkt be worben, sondern Kleidung oder Bademode im Allgemeinen, ohne Nennung einer Marke, eines Anbieters oder Onlines hops. Im Tages verlauf wechselte unter der Woche nicht nur der jeweilige Content der ver schiedenen Rubriken, sondern auch die Rubriken wechselten ihre Position. Am Wochen ende war dies nicht zu be obachten. Innerhalb der ersten Beobach‑ tungs woche wurde auf gmx. de eine zusätz liche Werbefläche rechts vom Content 108 für die erhebung wurde auf die von den Seiten betreibern ge gebene möglich keit, Werbung über einen button auf der Start seite auszu schalten, ver zichtet, sodass erhoben wurde, welchen Werbe einblen dungen Kinder be gegnen, sofern sie den „Werbung aus- schalten“-button nicht aktiviert haben. 135 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? ▲ abbildung 52: screen shot von helles- koepfchen. de (start seite, 01. 06. 2013, 18:40) ▲ abbildung 53: sticky ad auf helles- koepfchen. de 136 abbildung 54: screen shot gmx. net (start seite, 01. 06. 2013, 10:55) 137 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? geschaltet, die am Wochen ende nicht vor handen war. Der Werbeplatz beinhaltete wechselnde werb liche An gebote an ver schiedenen Tagen. Innerhalb eines Tages wech‑ selte die Werbung dort nicht. Werbekampagnen konnten über den Unter suchungs‑ zeitraum nicht be obachtet werden. Auch konnten keine gravie ren den Unter schiede im Ver gleich der beiden Erhe bungs zeiträume aus gemacht werden. Eine andere Form der Werbe einbet tung fand sich auf der Webseite de.barbie. com. Die Werbung dieses An gebots bezog sich meistens nur auf die eigene Marke. Die Kennzeich nung der werb lichen Segmente war auf dieser Webseite anders als bei den zuvor be trach teten Beispielen: Zum einen wurde an stelle der Kennzeich nungen „Wer‑ bung“ oder „Anzeige“ die englische Ab kürzung „AD“ ein gesetzt (s. Abb. 55). Zum anderen wiesen beispiels weise Flächen mit gleichen Inhalten heterogene Kennzeich‑ nungen auf. Mal waren diese beispiels weise mit „Ad“ markiert, wenn sie als Banner er schienen, mal er schienen sie in der Mitte der Webseite jedoch als Rubrik „Dreamhouse Puzzle Party“. Beide An gebote ver linkten jedoch auf dieselbe Landing Page. Teilweise ließen sich werb liche Segmente optisch kaum von redak tio nellen Inhalten unter schei‑ abbildung 55: „ad“ auf barbie. com (start seite 01. 06. 2013, 13:40) 138 den. Im Zeit verlauf änderte sich der Inhalt der einzelnen Werbesegmente, durch den Wochentag be dingte Unter schiede wurden indes nicht fest gestellt. Grundlegende Unter schiede im Ver gleich der beiden Erhe bungs zeiträume waren nicht er sicht lich. geolino. de, eine Informa tions webseite für Kinder, beinhaltete ver gleichs weise viele werb liche An gebote für Produkte, die sich vornehm lich an Erwachsene rich teten, wie z. B. Urlaubsorte, Reisen, Autos und Gewinn spiele, bei denen es Gutscheine und Geld zu gewinnen gab. Ver schiedene werb liche Segmente ver wiesen auf das An gebot von geo. de. Im Zeit verlauf änderte sich mehrfach der Inhalt einzelner Werbeflächen. Meist blieb jedoch der themati sche Bezug zum Thema Reisen er halten. Im zweiten Er‑ hebungs zeitraum war keine inhalt liche Ver ände rung der Werbeflächen zwischen den einzelnen Mess zeitpunkten er sicht lich. Es wurde im gesamten Zeitraum dasselbe Produkt be worben, der Bezug zum Thema Reisen blieb auch im zweiten Erhe bungs‑ zeitraum er halten. Zusammen fassend lässt sich fest halten, dass werb liche An gebote auf ver schiedenen Ebenen dynamisch auf Webseiten integriert sind: Auf formaler Ebene konnten – im Hinblick auf die Ver ände rungen im Tages‑ verlauf – insgesamt vier ver schiedene Arten dynami scher Werbe einbet tung be obachtet werden. Die erste Variante der tages bezogenen werb lichen Dynamiken bezieht sich auf einzelne Werbeflächen, z. B. Banner oder Hockeysticks, die im Tages verlauf von einzelnen Anbietern alleine belegt wurden. Beispiels weise warb Nintendo auf toggo. de über vier Beobach tungs zeitpunkte im Tages verlauf für unter schied liche Spiele. Die zweite Variante der werb lichen Dynamiken bezieht sich auf rotierende Werbeflächen. Auf diesen wechselten Werbebot schaften unter schied licher Anbieter, meist in kurzem Abstand und aufeinander folgend. Drittens konnten Werbeflächen identifiziert werden, abbildung 56: anzeige auf geolino. de 139 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? auf denen sich nicht der Inhalt, sondern die Darstel lungs form einzelner werb licher An gebote (beispiels weise die unter schied liche Bebilde rung von Produkten) in kurzen Ab ständen bzw. über vier aufeinander folgende Mess zeitpunkte hinweg änderte. Die vierte Variante bezieht sich auf die Position und Anzahl werb licher Segmente. Beispiels‑ weise wechselten auf bravo. de sowohl werb liche Segmente als auch die inhalt lichen Segmente ihre Position, sodass die Dynamik werb licher Segmente einherging mit der Dynamik der Gesamt struktur der Webseite. Zum anderen waren teil weise Unter schiede hinsicht lich der Anzahl werb licher Segmente zwischen Wochen tagen und Wochen enden fest zustellen. Auf einigen der be obach teten Webseiten (z. B. gmx. net, bravo. de) wurden in den Morgen stunden sowie an Wochen tagen deut lich mehr Werbesegmente erfasst als zu späteren Tages zeiten oder an Wochen enden. Im Ver gleich der beiden Erhe bungs‑ zeiträume (Juni und Dezember) konnten nur ver einzelt Dynamiken in der Struktur der Werbe einbet tung fest gestellt werden. Beispiels weise waren auf spielaffe. de sowie auf geolino. de im Dezember ver mehrt Overlay‑Werbeflächen platziert. Auf inhalt licher Ebene konnten über den Beobach tungs zeitraum auf einigen Webseiten themati sche Schwerpunkte werb licher An gebote fest gestellt werden. Dies äußerte sich zum einen darin, dass auf einzelnen An geboten z. B. gleiche Werbe‑ botschaften auf unter schied lichen Werbeflächen auf traten. So konnten über den Er‑ hebungs zeitraum hinweg z. B. auf geolino. de ver schiedene An gebote zum Thema Reisen fest gestellt werden, während im zweiten Erhe bungs zeitraum dauer haft ein und dasselbe Produkt (ein Reiseobjektiv des Anbieters Tamron) be worben wurde. Auf kicker. de wurde vielfach der Finanz‑ und Invest ment sektor be worben sowie Produkte rund um das Thema Sport (z. B. Sportbeklei dung/‑schuhe). Werbung für Mobilfunk fand sich im ersten Erhe bungs zeitraum (Juni) ver mehrt auf spielaffe. de oder knuddels. de. Teil‑ weise waren die werb lichen Inhalte – wie beispiel weise im ersten Erhe bungs zeitraum bei helles‑koepfchen. de – passend zum Content (Artikel über Picasso – Werbung für ars mundi – Die Welt der Kunst sowie für kunst‑fuer‑alle. de) oder bravo. de (Dr. Sommer Top‑Themen, z. B. Vulven‑Galerie – o. b.‑Werbung). In den Fällen, in denen die Wer‑ bung in den Content integriert er schien, beispiels weise auf youtube. com, war innerhalb des Beobach tungs zeitraumes nicht erkenn bar, welche Dynamiken diesen Erschei nungen zugrunde lagen. Im zweiten Erhe bungs zeitraum (Dezember 2013) konnten ver einzelt Werbe kampag‑ nen identifiziert werden. Beispiels weise war auf toggo. de und helles‑koepfchen. de Werbung für den Disney‑Film „Die Eiskönigin – völlig un verfroren“ fest zustellen, auf helles‑koepfchen. de wurde eine Kampagne des Unter nehmens redcoon. de be obachtet und auf gmx. net wurde intensiv die Weihnachts finanzie rung von Media‑Markt be‑ worben. 140 5.8 wO landen die Kinder? Nicht unmittel bar relevant für die Einord nung werb licher Erschei nungs formen auf Webseiten, aber dennoch ent scheidend für eine Einord nung werb licher Strukturen im Onlinebereich, ist eine genauere Betrach tung der Landing Pages, auf denen Kinder landen, so sie denn Werbung an klicken. Jedes werb liche oder potenziell werb liche Segment wurde im Ver lauf der An gebots analyse (auf Analyse ebene 2) an geklickt, um zu er fassen, auf welchen Landing Pages Kinder landen würden, sofern sie Werbung auf ihren Lieblings webseiten an klicken. In 102 Fällen wurde man beim Anklicken eines der 413 identifizierten explizit werb lichen Segmente 109 auf ent sprechende Produkt‑ informa tionen weiter geleitet. In 71 Fällen ge langte man auf eine Landing Page, auf der unmittel bare Kauf‑ oder Bestell möglich keiten offeriert wurden. In 41 Fällen wurde der (Test‑)Nutzer bei Anklicken des Segments auf gefordert, sich in einer Community, für einen News letter oder in einem Portal anzu melden bzw. zu registrie ren. 22 der identifizierten Segmente leiteten auf ein anderes (inhalt liches) An gebot weiter. 15 der explizit werb lichen Segmente leiteten nicht auf ein anderes An gebot weiter, sondern auf die Start‑ oder auf eine Unter seite desselben An gebots. Auf Gewinn spiele ge langte man in 14 Fällen, auf ein Spiel, bei dem nur das Spielen, nicht die Gewinn auslo bung im Vordergrund stand, in sieben Fällen (s. Abb. 57). 109 in 114 fällen wurde die landing page nicht codiert, da ein anderes explizit werb liches Segment innerhalb eines an gebots auf dieselbe landing page führte. in 27 fällen konnte die landing page nicht rekonstruiert werden. abbildung 57: landing Pages, aus gehend von explizit werb lichen segmenten basis: n = 271 landing pages, ausgehend von explizit werblichen Segmenten. 102 (38%) 71 (26%) 41 (15%) 15 (6%) 14 (5%) 7 (3%) 22 (8%) Produktinformation Kauf-/Bestellmöglichkeit Anmeldung/Registrierung Start-/Unterseite desselben Angebots Gewinnspiel Spiel anderes Webangebot Anzahl 141 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? abbildung 58: mashup auf gmx. net 142 Weiterhin wurde unter sucht, ob mit dem Anklicken eines Werbeangebots die Aus gangsWebseite ver lassen wurde oder sich die Landing Page im gleichen Browser‑ fenster öffnete. In der Regel (in 227 von 413 Fällen) führte das Anklicken eines Werbeangebots dazu, dass sich eine neue Webseite mit anderer URL öffnete. In 32 Fällen öffnete sich keine neue Webseite, sondern werb liche Segmente des Anbieters wurden in das An gebot integriert.110 In drei Fällen er schien die Landing Page als Trailer (dieser wurde dann automatisch ge startet), in einem Fall als Pop‑up (s. Abb. 59). Auch für die Landing Pages wurde er mittelt, wie dort die Art der Ansprache des Nutzers er folgte. Am häufigsten wurde der Nutzer (nach Anklicken eines explizit werb lichen Segments auf der Start‑ oder Unter seite) auf der Landing Page als Käufer oder interessierter Käufer, Konsument oder Ver braucher an gesprochen (n = 123). Weitere Ansprachen waren u. a. die eines Gewinn spielers, eines Testers oder Experten sowie Mitgliedes. Auf 76 der unter suchten Landing Pages, die von explizit werb lichen Seg‑ menten aus gingen, war keine unmittel bare Ansprache auszu machen (s. Abb. 60). Betrachtet man die Landing Pages, die aus gehend von einem explizit werb lichen Segment auf gerufen wurden, wurde auf 58 Landing Pages die Eingabe persön licher Daten ge fordert (z. T. Mehrfachnen nungen). Neben der E‑Mail‑Adresse (in 45 Fällen) wurden häufig die Adresse (in 27 Fällen), der Name (in 24 Fällen), das Geburts datum 110 hierbei handelt es sich bspw. um mashups, d. h. Dienste, die durch Kombina tion von informa tionen aus unter schied lichen Quellen als eigenständige Daten quelle oder Dienst in fremde an gebote ein gebettet sind (vgl. aumüller/thor 2014). mashups wurden als solche codiert, sofern der komplette Contentbereich be troffen war. ein beispiel hierfür wäre Google Maps. Dieser Dienst wird oftmals in Webseiten von institu tionen oder geschäften ein gebunden, um den anfahrtsweg zu er läutern. abbildung 59: format der landing Pages, aus gehend von explizit werb lichen segmenten basis: n = 271 landing pages, ausgehend von explizit werblichen Segmenten. 227 (84%) 32 (12%) 8 (3%) 3 (1%) 1 (0,4%) neue Webseite gleiches Browserfenster fremder Anbieter eingebettet (Mashup) Trailer Pop-up/Pop-under Anzahl 143 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? (in 20 Fällen) sowie das Geschlecht (in 14 Fällen) ab gefragt. Selbst Schuhgröße, Kon‑ fek tions größe und letzter Arztbesuch wurden in Einzelfällen ab gefragt. Zehn dieser 58 Eingabe aufforde rungen ent hielten einen Hinweis auf den Umgang des Webseiten‑ betreibers mit Daten schutz. In keinem Fall wurde vor der Daten eingabe nach dem Einverständnis der Eltern ge fragt. In den meisten Fällen würden die Kinder bei Anklicken eines ent sprechen den Werbesegments direkt auf eine Landing Page weiter geleitet. In der Analyse konnte nur in einem Fall ein Trenner erfasst werden, der auf das Ver lassen der Webseite hinwies.111 Als ein weiterer Aspekt wurde be trachtet, inwieweit sich die geöffneten Landing Pages schließen lassen. 220 der identifizierten und dokumentierten, von einem explizit werb lichen Segment aus gehen den Landing Pages ließen sich durch Schließen des Fensters oder Tabs schließen. 26 Landing Pages konnte man über einen „Zurück“‑ 111 Dem unter suchungs design geschuldet dürfte diese zahl be sonders gering aus gefallen sein, da zur standardisierten Dokumenta- tion die vor einstel lungen des browsers so fest gelegt waren, das pop-ups ge blockt wurden. Die meisten trenner sind jedoch als pop-up programmiert. abbildung 60: art der ansprache auf den landing Pages, aus gehend von explizit werb lichen segmenten basis: n = 271 landing pages, ausgehend von explizit werblichen Segmenten 123 (45%) 14 (5%) 14 (5%) 8 (3%) 7 (3%) 5 (2%) 4 (1%) 3 (1%) 3 (1%) 2 (1%) 2 (1%) 10 (4%) 76 (28%) Käufer/Konsument/Verbraucher/Interessent Tester/Experte Gewinnspieler (Neu-)Mitglied Urlauber Single Fan Neuling/Unerfahrener/Anfänger Wähler Spieler/Spielbegeisterter Autofahrer sonstige Ansprache keine Ansprache Anzahl 144 Button, 21 über einen „X“‑Button und vier über einen „Schließen“‑Button wieder ver lassen. 5.9 PersOnalisie rungs techniKen Angaben zur Erfas sung personen bezogener Daten konnten in der An gebots analyse der bei Kindern be liebtesten 100 Webseiten im Zuge einer ersten Betrach tung ein geordnet werden, nämlich bezogen auf Daten schutz hinweise, die auf den unter suchten Webseiten an gezeigt waren. Auch können Aus sagen zum Vor handensein etwaiger Werbe(selbst) er klärungen der Webseiten anbieter sowie zum Vor handensein von Hinweisen auf eine Werbe ausblen dungs‑Möglich keit ge troffen werden. Hinweise zum Daten schutz gab es auf den analysierten Webseiten in 42 Fällen. In 40 Fällen waren diese gut sicht bar, meist (35‑mal) im Footer der Start seite, viermal am oberen, dreimal am linken Seiten rand und in zwei Fällen im Impressum auf geführt. Weiter hin interessierte die Forscher, ob es auf der Webseite einen Hinweis gibt, der erklärt, was Werbung ist, was passiert wenn man auf die Werbung klickt und wie man wieder von einer Werbeseite/Landing Page auf die eigent liche Webseite zurück kommt. Neun Webseiten ver fügten über einen derarti gen Hinweis. Auf der Webseite inter nauten. de wurde Werbung sogar im Content thematisiert. Bei msn. com und jetztspielen. de tauchte der Hinweis nur ge legent lich auf. Zzzebra. net und helles‑ koepfchen. de waren zum Zeitpunkt der Analyse die einzigen An gebote, die auf ihren Webseiten einen Hinweis platziert hatten, dass Werbung auf der Internet seite aus‑ geblendet werden kann und und einen ent sprechen den Aus wahlschalter vor gehalten haben. Die Ergeb nisse der CookieAnalyse geben Einblicke in die Tracking‑ und Persona‑ lisie rungs praxis im Rahmen von Onlinewer bung; mithilfe von Webtracking‑Techno‑ logien können nutzer bezogene Daten über unter schied liche An gebote hinweg gesammelt und etwa auf auf gerufene Themen, be trachtete Produkte und ver meint liche Interessen hin analysiert werden. Auf Grundlage dieser Daten können Persönlich keits‑ bzw. Kunden‑ oder Interessen profile ge bildet werden. Diese Informa tionen können ent weder für die eigene Auswahl möglichst passen der Werbeinhalte ge nutzt oder aber anderen Werbeanbietern als Dienst leis tung zur Ver fügung ge stellt werden, damit diese möglichst pass genaue und effektive Werbemaßnahmen an den jeweili gen Nutzer aus spielen. Eine bislang weit ver breitete Praxis des Nutzer trackings erfolgt über die nutzer seitige Speiche‑ rung von Informa tionen in Cookies. Mittlerweile mehren sich zwar Tracking‑Methoden, die nicht mehr auf Informa tionen an gewiesen sind, die auf dem Nutzer rechner ab gelegt 145 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? werden, sondern auf der Seite des Werbedienst leisters ge speichert werden 112, zum Zeitpunkt der Cookie‑Analyse (Juni 2013 113) aber sprachen die ge fundenen Cookie‑ Zahlen dafür, dass es noch die vor herrschende Praxis war. Die Untersuchung, Zählung und anbieter bezogene Ver ortung ver wendeter Cookies, die bei Aufruf einer Webseite auf dem Computer des Nutzers ab gelegt werden, wurde mittels des Browser‑Plugins „Awesome Cookie Manager“ für die ersten 50 der unter suchten Webseiten er mittelt. Praktisch alle Seiten legen bei dem Besuch eines Nutzers automatisiert Cookies auf dem Nutzer rechner an, d. h. es werden kleine Dateien mit text lichen Informa tionen ab gelegt. Die Anwei sung zum Anlegen oder Aktualisie ren eines Cookies stammen dabei teils aus dem Quell code der auf gerufenen Seite des Inhalte anbieters, teils aus dem Quell code der extern von Dritten be spielten Werbeflächen. Ent sprechend legen viele Seiten neben den Cookies der Inhalte‑Anbieter auch solche Dritter an (sog. „Third Party Cookies“). Die in den Cookies ge speicherten Informa tionen sind zu einem großen Anteil persistent, d. h. die Cookies bleiben auch dann auf dem Rechner, wenn die jeweilige Computer‑ oder Brows ernut zung beendet wird und stehen ent sprechend bei der nächsten Internet session weiter zur Ver fügung. Ab gelegte Cookies können nur von dem Anbieter, der diese Informa tion auf dem Nutzer rechner ab gelegt hat, auch wieder aus gelesen werden; ist das Ziel des Trackings also die Ver folgung des Nutzers über einen möglichst großen Teil seiner Online nutzung hinweg, so muss der ent sprechende Tracking‑Dienst auf möglichst vielen der auf‑ gerufenen Webseiten oder deren Werbeflächen präsent sein. Neben den Cookies wurden mittels des Browser‑Plugins „Ghostery“ weitere von den be suchten An geboten ge nutzte Techniken ge zählt, die in der Lage sind, Informa‑ tionen über den Nutzer zu sammeln oder diesen über Einzelangebote hinweg zu ver‑ folgen (sog. Beacons, z. B. Web Bugs, Zählpixel, Skripte). Auch diese Techniken er‑ möglichen theoretisch das Nach verfolgen von Nutzern. Serverseitige Tracking‑ und Profilie rungs techniken (Session‑IDs, Geo‑Location‑Dienste, Browser‑Finger printing) können dagegen nicht in die Unter suchung einbezogen werden, da diese nicht ohne Weiteres nach weis bar oder nach vollzieh bar sind. Die Aus wertung der von allen Top 50‑Angeboten insgesamt ab gelegten Cookies beim er stmali gen Aufruf der Webseiten ergab eine Anzahl von insgesamt 620 Cookies auf dem Testrechner, davon kamen 260 von den an gesurften An geboten selbst, bei den 360 übrigen handelte es sich um sog. „Third‑Party‑Cookies“, also von Dritten 112 beispiele dafür sind etwa das sog. browser finger printing, Canvas finger printing, die identifizie rung über Cache-grafiken oder einzigartige iDs des ge nutzten endgeräts oder des ge nutzten betriebs systems. vgl. dazu tillmann, browser finger printing: tracking ohne Spuren zu hinter lassen, berlin 2013, S. 59 ff. 113 Die zählung wurde am 17. und 18. 06. 2013 durch geführt. 146 ab gelegte Informa tions schnipsel. 467 der 620 Cookies waren persistent, wurden also über die jeweilige Internet‑ oder Brows ersession hinaus ge speichert; nach 24 Stunden waren es noch 387. Vier der 50 auf gerufenen Start seiten legten keine eigenen Cookies und 16 keine Cookies externer Anbieter an. Im Durch schnitt legt jede Start seite der übrigen Top 50 damit 5,5 eigene und 13,7 Cookies von externen Anbietern an. Dies ist ein deut licher Hinweis darauf, dass es gängige Praxis werbefinanzierter Seiten ist, mit mehreren Online‑Vermarktern und Werbenetz werken parallel zu arbeiten. So legt die Start seite von spielaffe. de mit 82 ge zählten Cookies die meisten externen Cookies auf dem Nutzer rechner ab. Die meisten eigenen Cookies finden sich bei zylom. de, hier konnten 21 eigene Cookies ge zählt werden. Die Aus wertung in Bezug auf alle der Software „Ghostery“ be kannten Tracker, also neben Tracking‑Cookies auch andere ver wendete Tracking‑Techniken, ergibt, dass 45 der 50 unter suchten Start seiten Tracking‑Technologien nutzen, im Durch schnitt jeweils 4,8 ver schiedene parallel. Grundsätz lich gilt: Auf je mehr Seiten Tracking‑Cookies oder ‑Codes eines be‑ stimmten Anbieters ein gesetzt werden, desto größer ist die Chance für diesen Dienst‑ leister, einen Nutzer über seine gesamte Internet‑Session hinweg zu be gleiten respektive zu ver folgen (s. Abb. 61). Dabei er scheint die Riege der Tracker und Tracking‑Dienst‑ leiter vielfältig: 79 ver schiedene Tracker wurden ge funden, wobei einzelne teils aus dem gleichen Hause kommen (z. B. Google AdSense, Google AdWords, Doubleclick). Auch zeigt sich hier, dass die Funktionen der auf gefundenen Tracker ganz unter schied‑ tabelle 13: über sicht über die zehn start seiten, die die meisten third-Party-cookies auf dem nutzer rechner ablegen name des an gebots anzahl der ab gelegten Cookies von der eigenen tlD (top level Domain) anzahl der ab gelegten Cookies fremder tlDs spielaffe. de 8 82 kicker. de 6 44 knuddels. de 8 34 zylom. de 21 33 Jetztspielen. de 14 31 spieletipps. de 6 31 maedchen. de 5 27 element girls 11 25 bravo. de 5 21 msn. de 9 20 147 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? lich sein können. So werden einzelne Tracker vornehm lich für die Generie rung von Besucherstatistiken ge nutzt (z. B. Piwik), andere für die Messung von Besucherreich‑ weiten (z. B. INFOnline), wiederum andere für das Bannermanagement, das Web‑ tracking, die Personalisie rung, das Re‑Targeting, Conversion Management etc. Inwieweit die er hobenen Daten im Einzelnen anonymisiert oder pseudonymisiert werden, ist aus Perspektive des Nutzers nicht ohne Weiteres er mittel bar. Viele der abbildung 61: häufig keiten der third-Party-cookies auf den 50 start seiten (nach anbieter) basis: n = 233 Cookies von 70 anbietern; absolut 1 3 3 3 3 3 3 4 4 5 5 6 6 7 7 7 8 8 8 9 11 19 19 26 47 Sonstige (Durchschnitt, je Anbieter) Twitter Button Right Media Google AdWord Conversion Flashtalking Facebook Exchange etracker MediaMind Adition MS Atlas Google +1 Piwik Omniture Score Card research Beacon Google Adsense Audience Science Nugg.Ad AppNexus ADTECH Facebook social plugins Facebook connect Google Analytics DoubleClick INFOnline Häufigkeit 148 Cookies ent halten Unique IDs, die einen be stimmten Nutzer theoretisch wieder‑ erkennen können, auch ohne dass der Anbieter den Namen kennen muss. In welcher Form diese ID aber auf der jeweili gen Anbieter seite anonymisiert, pseudonymisiert oder personen bezogen ge nutzt wird, ent zieht sich der Ermittel barkeit der vor liegen den Unter suchung. Eine weitere Analyse, die die Relevanz von Trackingtechniken und dem Aus spielen nutzu ngs basierter Werbung in der Praxis auf zeigen sollte, war ein A/ BTest.114 Dabei wurden die Top 50‑Angebote mit zwei, hinsicht lich ihrer Nutzungs historie unter‑ schied lich präparierten Rechnern gleichzeitig aus unter schied lichen IP‑Netzen auf‑ gerufen und jeweils Screens hots der Start seiten an gefertigt. Während einer der Rechner dabei theoretisch als „Kinder‑Rechner“ dienen sollte, der aus schließ lich die 50 bei Kindern be liebtesten Seiten aufruft, stellte der andere Rechner den „Eltern‑Rechner“ dar, mit dem vor dem Aufruf der Top 50‑Angebote aus schließ lich bei Erwachsenen be liebte An gebote sowie einige Erotik‑Webseiten auf gerufen wurden. Das Ergebnis des A/ B‑Tests war insoweit deut lich, dass auf nur wenigen der Top 50‑Seiten, die Werbung ent hielten, auf beiden Rechnern die gleiche Werbung aus‑ gespielt wurde. Während auf dem Kinder‑Rechner vor allem generi sche Werbeinhalte wie Ver siche rungen, Autower bung oder Handy‑Tarife er schienen, wurden für den Erwachsenen‑Rechner offen bar nutzu ngs basierte Segmente an gelegt, die dem Nutzer 114 Der a/ b-test wurde am 15. 11. 2013 durch geführt. abbildung 62: beispiel für unter schiede in der aus gespielten werbung auf charts. de; links Kinder-rechner, rechts erwachsenen-rechner 149 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? ein ver meint liches Interesse an Produkten aus dem Bereich Schuhe, Beklei dung und Innen einrich tung nahelegten. Inwieweit sich diese automatisierte Einschät zung aus den davor an gesurften Seiten ergab oder ob es sich dabei um Re‑Targeting‑Werbeinhalte ge handelt hat, die einen bereits er folgten Besuch ohne Kauf bei einem ent sprechen den abbildung 63: beispiel für unter schiede in der aus gespielten werbung auf element-girls. de; links Kinder-rechner, rechts erwachsenen-rechner abbildung 64: beispiel für unter schiede in der aus gespielten werbung auf kids zone. de; links Kinder-rechner, rechts erwachsenen-rechner 150 Anbieter er kennen und diesen dann ge zielt zum Wieder besuch des Anbieters hops bringen möchtem, kann nicht ge klärt werden. Insgesamt wurde aber deut lich, dass be stimmte Werbeinhalte weniger in Ver bindung mit dem jeweils auf gerufenen An gebot stehen als vielmehr von den nutzu ngs basierten Informa tionen des konkreten Nutzers ab hängen. Die Beobach tung, dass Werbeinhalte strukturell von dem sie um geben den An gebot ent koppelt sind, wird durch den A/ B‑Test eindrucks voll be stätigt. 5.10 zwischen fazit: welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? tyPische erschei nungs fOrmen (inhalt, gestal tung, KOntext) Werbung ist Bestand teil der meisten Onlineangebote, die Kinder als Lieblings angebote nennen. Dadurch, dass Kinder nicht nur auf Kinderwebseiten surfen, sondern auch „All‑Age‑Webseiten“ nutzen, kommen sie mit sehr unter schied lichen Werbeformen in Berüh rung. Werbliche An gebote weisen unter schied liche ge stalteri sche und inhalt liche Merkmale auf und sind auf ver schiedenen Ebenen dynamisch auf Webseiten integriert. Sie ändern sich im Tages verlauf sowie je nach Tages zeit und Wochentag. Die unter‑ abbildung 65: beispiel für unter schiede in der aus gespielten werbung auf kinder campus. de; links Kinder-rechner, rechts erwachsenen-rechner 151 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? suchten Onlineangebote unter scheiden sich im Hinblick auf die Art der an gebotenen Inhalte und ihre Zielset zung ((journalistisch‑)redaktio nelle Webseiten, Produkt‑ und Herstellerwebseiten, Platt formen, Service‑ und Einstiegs portale), was sich mitunter für die Einord nung von An geboten sowie für das Erkennen kommerzieller Ab sichten als be deutsamer Anhaltspunkt er weisen kann. Die werb lichen Erschei nungs formen wurden auf zwei Ebenen erfasst: Auf der Basis der Start seiten der 100 Lieblings angebote von Kindern wurde der Umfang werblicher Er‑ schei nungs formen er mittelt. Eine ver tiefende Betrach tung, z. B. im Hinblick auf inhalt‑ liche und ge stalteri sche Aspekte, wurde auf Basis von 50 Lieblings angeboten vor genom‑ men, die neben den Start seiten auch (aus gewählte) Unter seiten mit berück sichtigte. Von den 100 untersuchten Startseiten wiesen 50 Angebote Beispiele für werbliche Kommunikation auf, ins‑gesamt wurden 191 explizit werbliche Segmente identifiziert und codiert. Über alle 100 Angebote hinweg liegt das durchschnittliche Werbe auf‑ kommen bei 1,9 explizit werblichen Segmenten pro Startseite.115 Auf Kinder‑ und Jugendwebseiten fällt die durchschnittliche Anzahl explizit werb licher Segmente auf den Start seiten mit 1,1 Segmenten pro Startseite etwas geringer aus.116 Auf Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder richten (Kinder webseiten), liegt die Anzahl bei durch schnitt lich 0,7 explizit werb lichen Segmenten 117. Betrachtet man Webseiten nach Kategorien, so ließen sich auf den (journalistisch‑) redak tio nellen Webseiten durch schnitt lich die meisten explizit werb lichen Segmente pro Start seite er mitteln, was sicher lich auch auf das breitere Spektrum unter schied licher Webseiten angebote zurück zuführen ist.118 Im Ver gleich zu den unter Kapitel 3.1 dargestellten Ergeb nissen anderer Unter‑ suchungen fällt das durch schnitt liche Werbe aufkommen in der vor liegen den An gebots‑ analyse etwas geringer aus. Dies lässt sich u. a. darauf zurück führen, dass in den Studien neben den Start‑ auch Unter seiten mit einbezogen wurden (vgl. hierzu Cai/Markiewicz 2003), nur kommerzielle An gebote be rücksichtigt wurden (vgl. hierzu Cai/Zhao/Botan 2010) oder nur be stimmte Webseitentypen in die Analyse eingingen (vgl. hierzu Cai 2008). In der Studie vom Cai und Zhao (2010) wurde mit zwei identifizierten Wer‑ bun gen pro Start seite ein ähnlich hohes Werbe aufkommen wie im vor liegen den Fall identifiziert. 115 Die anzahl erhöht sich auf 3,9 Segmente, wenn man nur die Start seiten einbezieht, auf denen grundsätz lich explizit werb liche Segmente erfasst werden konnten. 116 bezieht man nur die Start seiten mit ein, die mindestens ein explizit werb liches Segment ent halten, erhöht sich der Durch schnitt auch hier auf 3,8 Segmente. 117 auch wenn man nur die Start seiten der an gebote mit ein bezieht, die mindestens ein explizit werb liches Segment ent halten, fällt die anzahl der werb lichen Segmente auf den Kinderwebseiten mit 2,9 am niedrigsten aus. 118 nur bezogen auf Webseiten, die explizite Werbung ent hielten, findet sich im Durch schnitt die meiste Werbung auf den Start seiten von Service- und einstiegs portalen. 152 Was die Gestal tung von Werbesegmenten anbelangt (er mittelt für 50 Start‑ und Unter seiten), weisen diese zum Teil gleiche Gestal tungs merkmale oder Designs wie das sie um gebende Gesamtangebot auf. Etwa 40 Prozent der in der An gebots analyse identifizierten explizit werb lichen Segmente (175 von 413 Segmenten) wiesen eine ge stalteri sche Ähnlich keit zur Webseite auf und hoben sich dementsprechend nicht eindeutig vom übrigen An gebot ab. Inhalt liche Bezüge eines Werbesegments zur Webseite wurden in rund 20 Prozent der Fälle (88 von 413 Segmenten) fest gestellt. Werbeformen, die sich sowohl inhalt lich als auch ge stalterisch vom An gebot abheben, sind z. B. Banner‑Werbun gen oder Pre‑Rolls. Es ist anzu nehmen, dass diese Werbe‑ formen, die oftmals auch ge kennzeichnet sind, ver gleichs weise einfach als solche identifi‑ ziert werden können. Werbliche Segmente, die zwar explizit ge kennzeichnet sind, die sich aber optisch den übrigen Inhalten an gleichen, weil sie bspw. in themen verwandten Kategorien platziert sind, können unter Umständen vom Nutzer erst auf den zweiten Blick erkannt werden. Als „sonstige Segmente“ wurden in der An gebots analyse solche Segmente codiert, die nicht eindeutig als Werbung identifiziert werden konnten, die von Kindern aber als (vermeintlich) werblich eingeordnet werden könnten. Quasi‑redaktio nelle Heraus‑ stel lungen von Produkten und Marken (bspw. in Gewinn spielen und Ver losungen) oder Hervor hebungen von Content (bspw. Empfeh lungen, Tipps etc.), aber auch Ver‑ weise auf oder Abbil dungen von eigene(n) Produkte(n) oder Produkte(n) der gleichen Dachmarke sind der Kategorie „inhalt lich ähnlich – ge stalterisch ähnlich“ zuzu ordnen. Die Einord nung solcher Segmente setzt bereits ein ge wisses Grund verständnis von Marketingstrategien voraus und ist für Laien bzw. Onlineanfänger eher schwer zu erkennen. Hinsicht lich ihrer inhalt lichen und ge stalteri schen Merkmale unter schieden sich die Segmente mit potenziell werb lichen Inhalten oft nicht von den explizit werb‑ lichen Segmenten. Unter die Kategorie „inhalt lich ähnlich – ge stalterisch unähn lich“ fallen im weitesten Sinne Logos, Markennamen oder Sponsorennen nungen. Diese sind oftmals optisch hervor gehoben, bleiben Kindern im Hinblick auf ihre Intention aber ggf. unklar. Auf den ersten Blick unter scheiden sich die werb lichen Segmente auf Kinder‑ und Jugendwebseiten hinsicht lich inhalt licher oder ge stalteri scher Merkmale nicht gravierend von denen auf „All‑Age‑Webseiten“. Explizit werb liche Segmente auf Kinder‑ und Jugendwebseiten wurden zu gleichen Anteilen ge kennzeichnet wie auf den „All‑Age‑ Webseiten“ (jeweils zu 70 bis 75 %).119 Die Betreiber von Kinderinternet seiten weisen 119 Die Studie er mittelte damit teil weise einen höheren Kennzeich nungs anteil als die unter Kapitel 3.1 dargestellten Studien. Die übrigen Studien be ziehen sich aber beispiels weise auf den inter nationalen raum (etwa die Studien von nairn/Dew 2007, nairn 2008), weswegen eine ver gleich bar keit nicht un bedingt ge geben ist. in der Studie von aufenanger et al. (2008), die eben falls nur deutsche 153 5 welchen werbefOrmen be gegnen Kinder? allerdings ein höheres Bewusstsein für junge Zielgruppen auf, da sie beispiels weise mit weniger heterogenen Kennzeich nungs bezeich nungen arbeiten. Am häufigsten wird auf Bezeich nungen wie „Anzeige“ oder „Werbung“ zurück gegriffen. Hinsicht lich der inhalt lichen Merkmale der Werbesegmente ließen sich ebenfalls keine gravie ren den Unter schiede zwischen ihrer Erschei nung auf Kinder‑ und Jugend‑ seiten und „All‑Age‑Seiten“ fest stellen. In beiden Gruppen wurden dieselben Produkt‑ kate gorien identifiziert.120 Generell wurden aber auf den an die jüngeren Zielgruppen gerich teten Webseiten weniger Produkt kategorien identifiziert als auf den analysierten Webseiten insgesamt.121 Ver einzelt wurden Werbeinhalte identifiziert, die unter werbe ethischen Gesichts‑ punkten mit Blick auf Kinder diskus sions würdig er scheinen. Hierzu zählen beispiels‑ weise Werbung für Partnerbörsen, die Darstel lung fragwürdi ger Schön heits ideale, Bezüge zu kriegeri schen Auseinander setzun gen (wenn gleich in Computer spielen), Waffen und Kampftechniken (bezogen auf Computer spiele), Werbung für Alkohol oder Ver‑ sands hops im Bereich alkoholi scher Getränke. Auf inhalt licher Ebene ver weisen die Ergeb nisse der An gebots analyse zudem darauf, dass sich im Onlinebereich vielfältige, zum Teil neue Ansprachen an den potenziellen Kunden finden. Die er fassten Appelle lassen sich sach lich, inter aktiv, reflexiv‑kritisch oder direkt‑auffordernd charakterisie ren. Der Einsatz von Appellen und Anreizen zur Schaf fung von Auf merksam keit ist vielfältig. Mal erfolgt die Ansprache mit positiv be‑ setzten Attributen (Held, Abenteurer, Forscher), in anderen Fällen werden positive Ziele in Form von Personen eigen schaften in Aus sicht ge stellt (werde reich, werde schön, finde Freunde), zum Teil finden sich direkte Hand lungs aufforde rungen („hier klicken“), die auf An gebote mit weiteren Produktinforma tionen oder Kaufmöglich keiten locken. Auch die Einbin dung werb licher Inhalte in spieleri sche Kontexte sowie der Einsatz von Idolen und Celebrities als Testimonials oder Experten konnte in der An gebots‑ analyse als gängige Praxis be obachtet werden. In rund 16 Prozent der Fälle identifizierter explizit werb licher Segmente richtet sich die Werbung konkret an Kinder oder Jugend‑ liche. Dabei werden Aspekte kind licher Lebens welten aufgegriffen, populäre Medien‑ figuren oder eine persön liche Form der Ansprache ein gesetzt. Teilweise ist auch die Werbung auf „All‑Age“‑Seiten an die jungen Zielgruppen adressiert. Webseiten in ihre analyse einbezogen hat, ist der anteil ge kennzeichneter Werbung mit 20 % deut lich geringer, was darin be gründet liegen dürfte, dass bei aufenanger et al. nur be sondere Kennzeich nungs varianten erfasst wurden. Cai/zhao/botan 2010 er mittelten mit 75 % einen nahezu identi schen anteil ge kennzeichneter Werbun gen. 120 am häufigsten wurden Werbun gen für hi-fi- und multimediageräte, online-entertainment sowie medien- und unter hal tungs- angebote identifiziert. 121 möglicher weise ist dieses ergebnis durch die vor einstel lung der rechner im zuge der an gebots analyse be einflusst, die ein löschen der Cookies vor jeder analyse-Session vorsah, sodass auf den rechnern keine Cookie-historie vorlag, die mitunter die Werbeinhalte be einflusst. 154 Im Hinblick auf die Unter suchung des dynami schen Charakters von Werbung ließ sich anhand der Beobach tung aus gewählter An gebote zu ver schiedenen Zeitpunkten zeigen, dass werb liche An gebote auf ver schiedenen Ebenen dynamisch auf Webseiten integriert sind. Ver ände rungen zeigen sich je nach Tages zeit und Wochentag. Auf einigen Webseiten konnten themati sche Schwerpunkte werb licher An gebote aus gemacht werden, ver einzelt wurden Kampagnen identifiziert. Im Rahmen der An gebots analyse wurden auch die Landing Pages in den Blick ge nommen. Klickt man ein werb liches Segment an, landet man auf Produktinforma‑ tionen, Kauf‑ oder Bestell möglich keiten, Anmelde‑ oder Registrier seiten, anderen Web‑ angeboten, auf Unter seiten desselben An gebots oder auf Gewinn spielen oder Spielen. In der Regel führt das Anklicken eines Werbeangebots dazu, dass sich eine neue Web‑ seite mit anderer URL öffnet. Auf den Landing Pages werden die Nutzer als Käufer, Konsumenten, Ver braucher, Gewinn spieler, Tester, Experte oder Mitglied an gesprochen. In einigen Fällen wurde auf der Landing Page die Eingabe persön licher Daten ge‑ fordert. Nur wenige dieser Eingabe aufforde rungen (insgesamt 10 von 58) lieferten einen Hinweis auf den Umgang des Webseiten betreibers mit Daten schutz. In keinem Fall wurde vor der Daten eingabe nach dem Einverständnis der Eltern ge fragt. Zusammen fassend er mittelte die An gebots analyse, dass werb liche Inhalte auf den von Kindern bevor zugten Seiten gängige Praxis sind. Unmittel bare Unter schiede hinsicht lich der werb lichen Inhalten auf Kinder‑ und Jugendwebseiten im Gegen satz zu All‑Age‑Webseiten ließen sich in der An gebots analyse nicht fest stellen, größtenteils konnten gleiche Werbeformen und teil weise gleiche Inhalte auf All‑Age‑Webseiten und auf Kinder‑ und/oder Jugendwebseiten identifiziert wurden. Allerdings fällt die Anzahl werb licher Erschei nungs formen auf Kinder‑ und Jugendwebseiten geringer aus als auf den All‑Age‑Seiten, und am geringsten auf den Seiten, die sich aus schließ lich an Kinder richten. Für die Kinder seiten konnte zudem fest gestellt werden, dass sowohl die Werbe‑ formen als auch die Kennzeich nungen insgesamt weniger vielfältig und damit leichter zu identifizie ren sind als auf den An geboten, die sich an ältere Zielgruppen richten. 155 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.1 gesetz licher und unter gesetz licher werbeOrd nungs rahmen: staat liche vOr schriften und vOr gaben der selbstregulie rung 6.1.1 das „werberecht“ als querschnitts materie Der für Onlinewer bung geltende Rechts rahmen besteht aus einer Vielzahl einzelner Vor schriften, die unter schied lichen Rechts materien und Gesetzen ent stammen, und wird ergänzt um eine ganze Reihe be reichs‑ und ver bands spezifi scher Richtlinien, Kodizes und Selbst verpflich tungen der Werbeselbst kontrolle und Werbewirt schaft. Die Tatsache, dass werb liche Kommunika tion sich aller denk baren Medien bedient und ihre Inhalte leis tungs‑ und produkt übergreifend sind, führt zu der Anwend bar keit ganz unter schied licher, teils grundlegen der, teils medien spezifi scher, teils inhalts spezifi‑ scher Vor schriften, die sich teil weise an den Werbetreiben den als Rege lungs adressaten richten, teil weise an den Anbieter des werbe vermittelnden Mediums oder Dienstes – und teils an beide. Vielfach setzen die einfach gesetz lichen Vor schriften dabei Vor gaben des EU‑Rechts um oder richtet sich nach dessen Vor gaben.122 Das Kapitel der recht lichen Analysen stellt zunächst den für Onlinewer bung gelten den Ordnungs rahmen dar, wie er sich aus gesetz lichen Vor gaben, behörd lichen Richtlinien und Kodizes der Selbst kontrolle ergibt. Dabei wird insbesondere dargestellt, welche Kriterien und Konsequenzen in der Rechts anwen dung – und hier insbesondere im Hinblick auf den zu wählen den Ent schei dungs maßstab – bei Werbung gesehen werden, die sich an Kinder (und ggf. Jugend liche) richtet. Vor dem Hinter grund der 122 richtlinie 2000/31/ eg des europäi schen parlaments und des rates vom 8. Juni 2000 über be stimmte recht liche aspekte der Dienste der informa tions gesell schaft, insbesondere des elektroni schen geschäfts verkehrs, im binnen markt (richtlinie über den elektroni schen geschäfts verkehr) amtsblatt nr. l 178 vom 17. 07. 2000, S. 1 ff.; richtlinie 2010/13/ eu des europäi schen parlaments und des rates vom 10. märz 2010 zur Koordinie rung be stimmter rechts- und ver wal tungs vorschriften der mitgliedstaaten über die bereit stel lung audiovisueller mediendienste (richtlinie über audiovisuelle mediendienste), amtsblatt nr. l 95 vom 15. 04. 2010, S. 1 ff.; richtlinie 2005/29/ eg des europäi schen parlaments und des rates vom 11. mai 2005 über unlautere geschäfts praktiken im binnen- marktinternen geschäfts verkehr zwischen unter nehmen und ver brauchern und zur Änderung der richtlinie 84/450/eWg des rates, der richtlinien 97/7/ eg, 98/27/ eg und 2002/65/ eg des europäi schen parlaments und des rates sowie der ver ordnung (eg) nr. 2006/2004 des europäi schen parlaments und des rates (richtlinie über unlautere geschäfts praktiken), amtsblatt eg nr. l 149 vom 11. 06. 2005, S. 22 ff.; richtlinie 2009/136/ eg des europäi schen parlaments und des rates vom 25. november 2009 zur Änderung der richtlinie 2002/22/ eg über den universaldienst und nutzer rechte bei elektroni schen Kommunika tions netzen und -diensten, der richtlinie 2002/58/ eg über die ver arbei tung personen bezogener Daten und den Schutz der privatsphäre in der elektroni schen Kommunika tion und der ver ordnung (eg) nr. 2006/2004 über die zusammen arbeit im ver braucher schutz, amtsblatt eg nr. l 337 vom 18. 12. 2009, S. 11 ff. 156 in der An gebots analyse ge machten Erkennt nisse erfolgt in einem zweiten Schritt eine kursori sche recht liche Einord nung und Bewer tung typischer dort vor gefundener werb‑ licher Erschei nungs formen. Im letzten Teil der recht lichen Unter suchungen werden diese Ergeb nisse zusammen gedacht und anhand der eingangs dargestellten, normativen Ziele kind licher Werbekompetenz daraufhin analysiert, wo sich aus Sicht eines solchen schutz zielorientierten Ansatzes ggf. Lücken oder Optimie rungs bedarfe identifizie ren lassen. Daneben werden be obacht bare strukturelle Problemlagen des derzeiti gen Ord‑ nungs rahmens und seiner Umset zung zusammen getragen. Die deskriptive Darstel lung der recht lichen Anforde rungen an Onlinewer bung folgt einzelnen Gesetzes werken und damit regelmäßig einzelnen Rechts gebieten, weist aber bei Über lappungen oder Schnitt stellen darauf hin. Fokus des Forschungs projekts sind Erschei nungs formen werb licher Inhalte, mit denen Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren bei der Nutzung von Internetangeboten in Berüh rung kommen. Die recht‑ liche Darstel lung be schränkt sich vor diesem Hinter grund im Wesent lichen auf für Onlinewer bung allgemein gültige Vor schriften und ver kürzt die inhalts spezifi schen Werbe vorgaben (z. B. für medizini sche Produkte, Finanzprodukte etc.) auf einen reinen Über blick. Im Fokus der recht lichen Betrach tung stehen die sog. „Display Ads“, also werb‑ liche Inhalte, die sich auf Internetangeboten finden. Nicht be rücksichtigt wird der Rechts rahmen, der für andere Formen der Ansprache (z. B. E‑Mail‑Werbung) gilt. An gesichts der in der An gebots analyse unter suchten Internetangebote, die weder lineare Rundfunk dienste noch fernsehähn liche nicht‑lineare audiovisuelle Mediendienste ent‑ halten (s. dazu unten Kapitel 6.3), klammert der Ab schnitt auch die Beschrei bung der spezifi schen werberecht lichen Anforde rungen aus, wie sie sich aus §§ 7 bis 8a, §§ 44 bis 46a RStV (Rundfunk) bzw. § 58 Abs. 3,4 i. V. m. §§ 7 und 8 RStV (audiovisuelle Mediendienste auf Abruf) ergeben. 6.1.2 ver fassungs recht licher rahmen werb licher KOmmuniKa tiOn Für eine recht liche Einord nung und Bewer tung, aber auch als wichtige Kontextinforma‑ tion für die Beschrei bung des derzeiti gen Werberechts ist (kurz) der ver fassungs recht‑ liche Rahmen werb licher Kommunika tion in Erinne rung zu rufen. Denn als Teil der wirtschaft lichen Tätig keit von Unter nehmen und Gewerbetreiben den ist auch die werb liche Kommunika tion ver fassungs recht lich geschützt: Das Bundes verfassungs gericht hat deut lich ge macht, dass das Anpreisen von Produkten und Dienst leis tungen zum Bereich wirtschaft licher Tätig keit zählt und ent sprechend von der Berufs ausü bungs‑ 157 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen frei heit des Art. 12 GG umfasst ist.123 Soweit mit der Werbung auch eine Meinung ver treten wird, unter fällt die werb liche Aussage daneben zusätz lich der Meinungs freiheit aus Art. 5 Abs. 1 S. 1 GG.124 Ein Teil der rechts wissen schaft lichen Literatur geht davon aus, dass eine grundrecht lich geschützte Meinungs äuße rung nicht deswegen aus dem Schutz bereich fallen kann, weil mit ihr (auch) wirtschaft liche Motive ver folgt werden 125, die herrschende Meinung sieht Werbung jeden falls dort als durch Kommu nika tions‑ frei heiten geschützt an, wo diese einen „werten den, mei nungs bilden den Inhalt hat oder Angaben ent hält, die der Meinungs bildung dienen“.126 Soweit sich Werbetreibende für die Ver brei tung ihrer Kommunika tionen eines fremden Mediums be dienen, kann sich der Medien anbieter selbst auch bei staat lichen Eingriffen in werb liche Inhalte auf die Presse‑ bzw. Rundfunk frei heit aus Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG berufen, da die Möglich keit der Ausübung der Medien frei heit bei privaten Anbietern häufig von den Einnahmen aus der Wirtschafts werbung in ihrem An gebot abhängt 127; die Garantie von Presse‑ und Rundfunk frei heit umfasst hier auch die Möglich keit der Grundrechts ausü bung auf Grundlage von Werbefinanzie rung – jeden‑ falls solange die Werbetreiben den keinen inhalt lichen Einfluss auf die redak tio nellen bzw. programm lichen Inhalte des Anbieters nehmen. Der letzte Satz ver deut licht bereits, dass die an gesprochenen Grundrechte nicht schranken los gewährt werden, sondern die Ausübung der werbebezogenen Grundrechte ihrer seits unter dem Vor behalt ver fassungs recht lich vor gesehener Einschrän kungen stehen: Soweit Werberecht in den Schutz bereich der Berufs‑ und Meinungs frei heit eingreift, um Grundrechte Dritter zu schützen, können die Vor schriften auf grund wider streiten der Grundrechte wie dem des Rechts am ein gerich teten und aus geübten Gewerbebetrieb (Art. 14 Abs. 1 GG) oder der Hand lungs‑ und Ent schei dungs autonomie des Einzelnen (Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art 1 Abs. 1 GG) gerecht fertigt sein. Legitima tion er halten Eingriffe in diesem Bereich insoweit durch ver fassungs immanente Schranken. In Bezug auf die Medien frei heiten erfüllt Werberegulie rung wie an gedeutet (auch) die Siche rung journalisti scher Unabhängig keit durch die Abwehr möglicher wirtschaft licher Einflüsse auf die redak tio nellen Inhalte. Hier trifft den Staat ein Aus gestal tungs auftrag mit dem Ziel, die „gegen läufigen kommunikativen Interessen einander optimierend 123 bverfge 85, 248 (256). 124 zur problematik der parallelen anwend bar keit von art. 12 und art. 5 gg bei Wirtschafts werbung s. faßbender, Der grundrecht liche Schutz der Werbefrei heit in Deutschland und europa, grur int 2006, 965 ff. 125 Stern/Sachs/Dietlein, Str brD, bd. iv/1, S. 1396; leibholz/rüsch, gg für die brD, art. 5 rn. 61; Wendt in v. münch/Kunig, gg bd. 1, 6. aufl. 2012, art. 5 rn. 11. 126 leibholz/rüsch, gg für die brD, art. 5 rn. 62; s. auch Clemens in umsbach/Clemens, gg, art. 5 rn. 41; hoffmann-riem, aK-gg, art. 5 rn. 31; Starck in mangoldt/Klein/Starck, gg, bd. 1, 6. aufl., art. 5 rn. 25. 127 zur grundrecht lichen relevanz dieses aspekts s. hoffmann-riem, aK-gg, art. 5 rn. 31. 158 zuzu ordnen“.128 Vor diesem Hinter grund wird an genommen, dass es sich bei funk‑ tions sichernden Werbe vorschriften um Aus gestal tungs gesetze handelt – diese stellen also keinen Eingriff in den Schutz bereich der Presse‑ oder Rundfunk frei heit dar, sondern dienen der Aus gestal tung der positiven Rundfunkord nung. Soweit Werbe‑ vorschriften keine derarti gen struktursichernden Aspekte auf weisen, handelt es sich dagegen um Eingriffs gesetze, die sich an dem allgemeinen Prinzip der Ver hältnis‑ mäßig keit von Grundrechts eingriffen messen lassen müssen. 6.1.3 über blicK: gesetz licher rahmen Formalgesetz liche Vor gaben, die für den Bereich der Onlinewer bung Relevanz ent‑ falten, finden sich im Wettbewerbs recht (UWG 129), im Rundfunk‑ und Telemedien‑ recht (RStV 130, TMG 131), im Jugendmedien schutz recht (JMStV 132) und – soweit personen bezogene Daten ver arbeitet werden – im telemedien spezifi schen und allgemei‑ nen Daten schutz recht (TMG und BDSG 133). Die Anforde rungen, die diese Gesetze an Onlinewer bung stellen, werden im weiteren Ver lauf des Kapitels einzeln dargestellt (s. unten Kapitel 6.2 ff.) Ein weiterer Bereich, der für Onlinewer bung gegen über Kindern jeden falls mittel‑ bare Bedeu tung hat, sind die Vor schriften über die be schränkte Geschäfts fähig keit von Minderjähri gen in §§ 104 ff. BGB 134. Soweit eine Werbemaßnahme eine (rechts‑ geschäft liche) Handlung des Kindes nach sich zieht, machen die zivil recht lichen Vor‑ schriften Vor gaben dafür, inwieweit ein Ver trags schluss zustande ge kommen ist: Ver‑ träge, die von Kindern unter 7 Jahren geschlossen wurden, sind grundsätz lich nichtig; Kinder unter 7 Jahren können gemäß § 105 Abs. 1 BGB keine recht lich wirksamen 128 engels, Das recht der fernsehwer bung für Kinder, S. 155, unter ver weis auf hoffmann-riem, ermög lichung von flexibili tät und innova tions offen heit im ver wal tungs recht, in: hoffmann-riem/Schmidt-aßmann, flexibili tät und innova tions offen heit im ver wal- tungs recht, 1994, S. 9 (46 ff.). 129 gesetz gegen den unlaute ren Wettbewerb in der fassung der bekanntmachung vom 3. märz 2010 (bgbl. i S. 254), zuletzt geändert durch artikel 6 des gesetzes vom 1. oktober 2013 (bgbl. i S. 3714). 130 Staats vertrag für rundfunk und telemedien (rundfunkstaats vertrag) vom 31. 08. 1991 in der fassung des fünfzehnten Staats- vertrages zur Änderung rundfunkrecht licher Staats verträge vom 15./21. Dezember 2010 (z. b. gvbl. berlin 2011 S. 211), in Kraft ge treten am 01. 01. 2013. 131 telemedien gesetz vom 26. februar 2007 (bgbl. i S. 179), zuletzt geändert durch artikel 1 des gesetzes vom 31. mai 2010 (bgbl. i S. 692). 132 Staats vertrag über den Schutz der menschen würde und den Jugendschutz in rundfunk und telemedien (Jugendmedien schutz- Staats vertrag) vom 10. bis 27. September 2002 (z. b. bay. gvbl. nr. 5/2003, S. 147 ff.), zuletzt geändert durch artikel 2 des Dreizehnten rundfunkände rungs staats vertrags vom 30. oktober 2009 (z. b. bay. gvbl. nr. 6/2010, S. 145 ff.), in Kraft ge treten am 1. april 2010. 133 bundes daten schutz gesetz in der fassung der bekanntmachung vom 14. Januar 2003 (bgbl. i S. 66), zuletzt geändert durch artikel 1 des gesetzes vom 14. august 2009 (bgbl. i S. 2814). 134 bürger liches gesetz buch in der fassung der bekanntmachung vom 2. Januar 2002 (bgbl. i S. 42, 2909; 2003 i S. 738), zuletzt geändert durch artikel 4 absatz 5 des gesetzes vom 1. oktober 2013 (bgbl. i S. 3719). 159 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Willen serklä rungen ab geben. Dagegen sind Ver träge, die von Kindern und Jugend‑ lichen zwischen 7 und 18 Jahren ein gegangen worden sind, zunächst schwebend un‑ wirksam, können aber nach träg lich von den Erziehungs berechtigten ge nehmigt werden (§ 108 Abs. 2 BGB). Für eine rechts gültige Willen serklä rung brauchen Kinder und Jugend liche über 7 Jahren regelmäßig die Einwilli gung ihres gesetz lichen Ver treters (§ 107 BGB). Eine wichtige Aus nahme von diesem Grundsatz bildet der sog. Taschen‑ geldparagraph (§ 110 BGB), wonach Rechts geschäfte mit 7‑ bis 18‑Jährigen dort von Anfang an wirksam sind, wo „der Minderjährige die ver trags mäßige Leistung mit Mitteln bewirkt, die ihm zu diesem Zweck oder zu freier Ver fügung von dem Ver treter oder mit dessen Zustim mung von einem Dritten über lassen worden sind.“ 135 Die Aus nahme hat für den Onlinebereich jedoch nur eine be grenzte Bedeu tung, da die h. M. davon aus geht, dass die Leis tungs bewir kung durch den Minderjähri gen in erster Linie unmittel bar durch Bargeld möglich ist und nicht durch Kredit geschäfte.136 Last schrift verfahren oder die Angabe von Kredit karten, wie sie im Rahmen von Bezahl verfahren im Internet gängige Praxis sind, sind daher nicht dazu ge eignet, die Regelung des § 110 BGB zu aktivie ren.137 Ein ggf. daneben für Onlinewer bung relevanter Kontext sind die zivil recht lichen Vor gaben für die Gestal tung rechts geschäft licher Schuld verhält nisse durch Allgemeine Geschäfts bedin gungen (§§ 305 ff. BGB). Da viele der (Dienst‑)Leistun gen im Internet den Endnutzern gegen über auf Grundlage von Allgemeinen Geschäfts bedin gungen er bracht werden, sind inhalt liche Vor gaben des BGB be züglich dieser Bedin gungen für Onlineanbieter und ihre Kunden relevant. Dass ein Ver trag zwischen Werbeanbieter und Nutzer vor liegt, dürfte aber in der Onlinewerbepraxis in nur seltenen Fällen der Fall sein.138 An gesichts der Voraus setzung, dass für die rechtmäßige Einbeziehung von AGB ein wirksamer Ver trag zwischen zwei Parteien vor liegen muss, spielt zudem die zivil recht liche AGB‑Kontrolle bei Ver trägen, die auf grund der be schränkten Ge‑ schäftsfähig keit des Nutzers schwebend unwirksam sind, in der Praxis keine größere Rolle.139 Neben den ge nannten allgemeinen Vor gaben für Onlinewer bung findet sich im deutschen Recht eine Vielzahl werbeinhalts spezifi scher Vor schriften, die in Bezug auf 135 Dazu aus führ lich Knothe in Staudinger, J. von Staudingers Kommentar zum bürger lichen gesetz buch mit einfüh rungs gesetz und neben gesetzen, neubearbei tung 2012 aufl., berlin 2012, § 110 rn 1 ff. 136 Staudinger, bgb, § 110 rn 10 (m. w. n.). 137 vgl. auch Bisges, Schlumpfbee ren für 3.000 euro – recht liche aspekte von in-app-verkäufen an Kinder, nJW 2014, 183 (185). 138 ausnahmen be stehen dort, wo der Werbeanbieter gleichzeitig der betreiber des gesamtangebots ist; ent sprechende Konstella- tionen können etwa bei facebook oder google ent stehen, wenn der Werberezipient von diesen anbietern Werbung aus gespielt bekommt und gleichzeitig ver trags partner als nutzer eines von diesen unternehmen angebotenen Diensten ist. 139 vgl. dazu Jandt/roßnagel, Social networks für Kinder und Jugend liche – besteht ein aus reichen der Daten schutz?, mmr 2011, 637 (639 f.). 160 eng be grenzte Produkt‑, Dienst leis tungs‑ und Lebens bereiche Spezial regeln vor sehen. Die folgende Auswahl zeigt die Bandbreite der be rührten Einzelsach verhalte: – §§ 284, 287 StGB 140 normie ren Werbe verbote für Glücks spiele. – §§ 3a, 8 HWG 141 ver bieten die öffent liche Werbung für in Deutschland nicht zu gelassene und ver schrei bungs pflichtige Arzneimittel; § 3a HWG be trifft die allgemeine Werbung, § 8 HWG be trifft die Werbung für den Einzel bezug von Arzneimitteln. – § 28 WpÜG 142 ent hält eine Werbebeschrän kung für den Wertpapier erwerb, wonach von der zuständi gen Auf sichts behörde „be stimmte Arten von Werbung“ unter sagt werden können, soweit damit Miss ständen be gegnet werden soll. – Für Rechts anwälte und Steuer berater ent hält die Bundes rechts anwaltsord nung Werbe verbote in § 43 BRAO 143, Beschrän kungen für Steuer berater sieht § 8 Abs. 2 StBerG 144 vor. Auch die Bundes notarord nung ent hält in § 29 I BNotO 145 ein Verbot „einer dem öffent lichen Amt wider sprechen den Werbung“. – Tabak werbung ist gem. § 21a Abs. 4 i. V. m. Abs. 3 Vorl TabakG 146 in Diensten der Informa tions gesell schaft ver boten. Für den Rundfunk bereich sieht § 21b Abs. 4 Vorl TabakG ein Werbe verbot vor. – § 12 Abs. 1 LFGB 147 sieht inhalt liche Werbe verbote in Bezug auf krank heits‑ bezogene Werbung für Lebens mittel vor. 6.1.4 über blicK: richtlinien der landes medien anstalten Unter halb der durch den Bundes gesetz geber oder die Landes gesetz geber er lassenen Gesetze und be schlossenen und ratifizierten Staats verträge existie ren norm konkreti‑ sierende Satzun gen und Richtlinien der Landes medien anstalten. 140 Strafgesetz buch in der fassung der bekanntmachung vom 13. november 1998 (bgbl. i S. 3322), zuletzt geändert durch artikel 1 des gesetzes vom 23. april 2014 (bgbl. i S. 410). 141 heilmittelwerbegesetz in der fassung der bekanntmachung vom 19. oktober 1994 (bgbl. i S. 3068), zuletzt geändert durch artikel 1a des gesetzes vom 7. august 2013 (bgbl. i S. 3108). 142 Wertpapier erwerbs- und Über nahmegesetz vom 20. Dezember 2001 (bgbl. i S. 3822), zuletzt geändert durch artikel 4 absatz 53 des gesetzes vom 7. august 2013 (bgbl. i S. 3154). 143 bundes rechts anwaltsord nung in der im bundes gesetz blatt teil iii, gliede rungs nummer 303-8, ver öffent lichten be reinigten fassung, zuletzt geändert durch artikel 7 des gesetzes vom 10. oktober 2013 (bgbl. i S. 3786). 144 Steuer bera tungs gesetz in der fassung der bekanntmachung vom 4. november 1975 (bgbl. i S. 2735), zuletzt geändert durch artikel 18 des gesetzes vom 31. august 2013 (bgbl. i S. 3533). 145 bundes notarord nung in der im bundes gesetz blatt teil iii, gliede rungs nummer 303-1, ver öffent lichten be reinigten fassung, zuletzt geändert durch artikel 14 des gesetzes vom 23. Juli 2013 (bgbl. i S. 2586). 146 vorläufiges tabak gesetz in der fassung der bekanntmachung vom 9. September 1997 (bgbl. i S. 2296), zuletzt geändert durch artikel 1 des gesetzes vom 22. mai 2013 (bgbl. i S. 1318). 147 lebens mittel- und futtermittelgesetz buch in der fassung der bekanntmachung vom 3. Juni 2013 (bgbl. i S. 1426), zuletzt geändert durch artikel 1 der ver ordnung vom 28. mai 2014 (bgbl. i S. 698). 161 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.1.4.1 rstv-satzungs befug nisse der landes medien anstalten im Online-werbebereich Gemäß § 46 RStV können die Landes medien anstalten gemeinsame Satzun gen oder Richtlinien zur Durch führung der Werbe vorschriften im RStV er lassen. Die Vor schrift nennt als zu konkretisierende Vor schriften aus schließ lich die §§ 7, 7a, 8, 8a, 44, 45 und 45a RStV, nicht aber den § 58 RStV. Die Landes medien anstalten haben der Ermächti gung ent sprechend zwei Richtlinien er lassen: – die Gemeinsamen Richtlinien der Landes medien anstalten für die Werbung, die Produkt platzie rung, das Sponsoring und das Tele shopping im Fernsehen (WerbeRL; FERNSEHEN) i. d. F. vom 18. September 2012 148 und – die Gemeinsamen Richtlinien der Landes medien anstalten für die Werbung, zur Durch führung der Trennung von Werbung und Programm und für das Sponsoring sowie Tele shopping im Hörfunk (WerbeRL; HÖRFUNK) i. d. F. vom 23. Februar 2010 149. Eine Richtlinie für die Durch führung von § 58 RStV besteht dagegen auf grund der aus drück lich be grenzten Ermächti gungs grundlage nicht. 6.1.4.2 satzun gen der landes medien anstalten nach § 15 abs. 2 s. 1 Jmstv Neben den werbespezifi schen Vor schriften in § 6 JMStV ent hält § 15 Abs. 2 S. 1 JMStV eine weit gehende Befugnis der Landes medien anstalten, „Satzun gen und Richtlinien zur Durch führung dieses Staats vertrages“ zu er lassen. Damit gewährt der Staats vertrag den Landesinstitu tionen der Medien aufsicht die Möglich keit, gesetz liche Vor gaben weiter zu konkretisie ren und ggf. konkretere Fall beispiele zu be nennen, bei deren Vor‑ liegen die Landes medien anstalten vom Vor liegen eines Tatbestands im JMStV grund‑ sätz lich aus gehen oder eben nicht. Die Landes medien anstalten haben von dieser Ermächti gung Gebrauch ge macht und die „Gemeinsamen Richtlinien der Landes‑ medien anstalten zur Gewährleis tung des Schutzes der Menschen würde und des Jugend‑ schutzes (Jugendschutz richtlinien – JuSchRiL) vom 8./9. März 2005“ er lassen. Zu § 6 JMStV ent hält Punkt 7 JuSchRiLi einige Aus führungen: 148 abruf bar unter www. die-medienanstalten.de/fileadmin/Download/rechtsgrundlagen/richtlinien/2012-09-18_ Werberichtlinien_fernsehen_fließtext. pdf [20. 07. 2014]. 149 abruf bar unter www. die-medienanstalten.de/fileadmin/Download/rechtsgrundlagen/richtlinien/10-05-12_rS_ Werberichtlinien_hÖrfunK-23_2_10-fließtext_final. pdf [20. 07. 2014]. 162 7. Jugendschutz in Werbung und Tele shopping (§ 6 JMStV) Für Werbung in Rundfu nk und in Telemedien gelten die sonsti gen Bestim‑ mungen des Jugendmedien schutz‑Staats vertrages (insbesondere §§ 4 und 5 JMStV), die Bestim mungen des Rundfunkstaats vertrages (insb. § 44 Abs. 1 RStV) und des Mediendienste‑Staats vertrages (§ 13 MDStV). 7.1 Werbung, die sich an Kinder richtet, ist insbesondere unzu lässig, wenn sie direkte Kaufaufforde rungen ent hält. Ihnen sind solche Kaufaufforde rungen gleichzustellen, die ledig lich eine Umschrei bung direkter Kaufaufforde rungen ent halten. Unerfahren heit und Leicht gläubig keit werden bei Kindern ver mutet. Werbung, die sich an Jugend liche richtet, ist insbesondere unzu lässig, wenn sie direkte Kaufaufforde rungen an Jugend liche richtet, die deren Unerfahren‑ heit und Leicht gläubig keit aus nutzen. 7.2 Unter Inhalt im Sinne des § 6 Abs. 3 JMStV sind Produkte und Dienst leis‑ tungen zu ver stehen. 7.3 Werbung, die sich auch an Kinder richtet, ist insbesondere unzu lässig, wenn 1. sie einen Vortrag über be sondere Vor teile oder Eigenarten des Produktes ent hält, die nicht den natür lichen Lebens äuße rungen der Kinder ent‑ sprechen; 2. sie für Produkte, die selbst Gegen stand von Kinder angeboten sind, vor oder nach einer Sendung in einem Werbeblock geschaltet wird; 3. sie im Rundfunk prägende Elemente ent hält, die auch Bestand teil der Kinder sendung vor oder nach dem Werbeblock sind. 7.4 Werbung, die sich auch an Kinder und Jugend liche richtet, ist insbesondere unzu lässig, wenn 1. sie straf bare Handlun gen oder sonsti ges Fehl verhalten, durch das Personen ge fährdet sind oder ihnen geschadet werden kann, als nach ahmens wert oder billigens wert darstellt; 2. sie aleatori sche Werbemittel (z. B. Gratis verlo sungen, Preis ausschreiben und ‑rätsel u. Ä.) in einer Art und Weise einsetzt, die ge eignet ist, die Umworbenen irrezuführen, durch über mäßige Vor teile anzu locken, deren Spielleiden schaft auszu nutzen oder anreißerisch zu be lästi gen. Hier zeigt sich, dass die mit den Richtlinien ver folgte Konkretisie rung der teils un‑ bestimmten Rechts begriffe in § 6 JMStV in erster Linie aus einer fernsehzentrierten Sicht er folgte (s. dazu auch unten Kapitel 6.3.5). Auf grund des Erlass jahrs der Richtlinie (2005) ver weist Punkt 7 auf den nicht mehr in Kraft befind lichen Mediendienste‑ Staats vertrag (MDStV), Anpas sungen an aktuelle Ent wick lungen oder eine spezifi sche 163 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Erweite rung der werbebezogenen Richtlinien auch auf Telemedien er folgten bislang nicht. Für den Unter suchungs gegen stand hier aber ist insbesondere die Auseinander‑ setzung mit der Frage nach der Über trag bar keit der Vor gaben in Punkt 7.3 Nr. 1 und Nr. 2 interessant, da diese über die allgemeinen Anforde rungen in § 6 JMStV hinaus‑ gehen, dem Wortlaut nach aber auf Telemedien bislang keine Anwen dung finden (können), siehe dazu auch unten. 6.1.5 über blicK: vOr gaben der selbstregulie rung Die Werberegulie rung ist traditio nell ein Bereich, in dem Selbstregulie rung eine große Rolle spielt. So haben sich in vielen Ländern oftmals bereits vor gesetz lichen Vor gaben Initiativen der Wirtschaft ent wickelt, die Formen der Selbst kontrolle etablierten. Daneben besteht in Deutschland die Pflicht, einen Jugendschutz beauftragten zu be‑ stellen, falls ein geschäfts mäßiger Anbieter von allgemein zugäng lichen Telemedien ent wick lungs beeinträchtigende oder jugendgefährdende Inhalte oder eine Suchmaschine anbietet (§ 7 Abs. 1 S. 2 JMStV). Unter nehmen, die personen bezogene Daten automati‑ siert ver arbeiten und mehr als neun Personen mit der Ver arbei tung dieser Daten be‑ schäftigt sind, haben einen Daten schutz beauftragten zu be stellen (§ 4f Abs. 1 BDSG). Eine Ebene der Selbstregulie rung ist damit im Jugend‑ oder Daten schutz auch auf Unter nehmens ebene institutionalisiert. In Deutschland ist der zentrale Akteur der wer bungs bezogenen Selbst kontrolle der vom Zentral verband der deutschen Werbewirt schaft (ZAW) ge tragene Deutsche Werbe‑ rat, der im November 1972 seine Arbeit aufnahm.150 Vielfach haben sich seitdem Vor gaben der Selbstregulie rung und gesetz liche Vor schriften ab wechselnd und gegen‑ seitig be fruchtet: Historisch er folgte die gesetz liche Regulie rung von elektroni schen Medien (seinerzeit also aus schließ lich Rundfunk) in Form allgemeiner Prinzipien im RStV, deren Konkretisie rung durch Richtlinien der Landes medien anstalten und öffent‑ lich‑recht lichen Rundfunksendern er folgte, in der Praxis aber in erster Linie durch die Vor gaben der Werbeselbst kontrolle greif bar und auch auf dieser Ebene vollzogen wurden. Seit den 70er Jahren folgte der deutsche Gesetz geber einem ent sprechen den Ansatz: Der Gesetz geber gab grobe Leitlinien vor, die Werbeselbst kontrolle konkreti‑ 150 parallel zu dem werbeinhalt lichen fokus des Werberats existiert auf der ebene der medien verleger das Selbstregulie rungs organ des presserats, der sich um publizisti sche ver öffent lichungen und deren inhalte kümmert. ent sprechend findet sich das erkennbar- keits gebot auf ebene der Selbst kontrolle in art. 7 des pressekodex, für den der presserat zuständig ist, und nicht in den ver haltens- regeln des Werberats. 164 sierte diese Vor gaben in Form von Werberegeln, Kodizes und Richtlinien und setzte die Vor gaben gegen über den Mitgliedern der Selbst kontrolle durch. Mit Inkraft treten des JMStV zentralisierten die Landes gesetz geber die kinder spezi‑ fi schen Werbe vorschriften in § 6 JMStV und formulie ren nunmehr deut lich konkretere Ver bote, Gebote und Anforde rungen an die Rege lungs adressaten. Dies führte zu dem Umstand, dass viele der be stehen den Vor gaben der Werbeselbst kontrolle zu formal‑ gesetz lichen Anforde rungen wurden, um deren Einhal tung sich – aus gesetz licher Sicht – die staat liche Medien aufsicht kümmert.151 Zwar etabliert der JMStV die Möglich keit ko‑regulativer Strukturen, indem eine von der KJM anerkannte Einrich‑ tung der freiwilli gen Selbst kontrolle für ihre Mitglieder eine gesetz liche Schutz schild‑ wir kung gegen staat liche Beanstan dungen zur Folge hat; die Werbeselbst kontrolle mit einem deut lich breiter auf gestellten Tätig keits‑ und Steue rungs bereich passt auf das ver gleichs weise enge Raster einer jugendmedien schutz spezifi schen Medien selbstregu‑ lie rung aber nicht. Ent sprechend haben sich im Bereich der kinder spezifi schen Werbe‑ selbst kontrolle keine Strukturen einer regulierten Selbstregulie rung aus geprägt. Vor dem Hinter grund des be schriebenen Wechsels im Steue rungs ansatz hat sich der Tätig keits bereich der Werbeselbst kontrolle – jeden falls im Hinblick auf Kinder und Werbung – ver lagert: Da die ehemals selbstregulativen Werberegeln nunmehr gesetz lich ver ankert worden waren, ent fiel die spezifi sche Notwendig keit einer selbst‑ regulativen Durch setzung. Dort, wo der Staat reguliert und sich selbst um den Vollzug kümmert, ist die Notwendig keit (und die Motiva tion) einer Werbeselbst kontrolle nach vollzieh bar geschmälert. Bei ver muteten Ver stößen gegen Gesetze leitet der ZAW daher Beschwerden an die jeweils zuständi gen Stellen weiter. Die Themen, über die der Deutsche Werberat zu ent scheiden hatte, ver lagerten sich insoweit weg von den Anwen dungs bereichen der Vor gaben aus § 6 JMStV hin zu inhalt lichen Aspekten von Werbung, für die es keine gesetz lichen Vor schriften gibt, insbesondere solche des Anstands und guten Geschmacks unter halb der Ent wick lungs beeinträchti gung. Wich‑ tige Bereiche der Spruchpraxis der Werbeselbst kontrolle drehen sich insoweit um Fragen der Darstel lung von Geschlechter rollen, insbesondere der diskriminie ren den Darstel lung von Frauen, Ver stöße gegen ethische und morali sche Mindestanforde rungen und mögliche Gefähr dungen von Kindern und Jugend lichen.152 Das derzeitige Selbst‑ verständnis der Werbeselbstregulie rung ist in der folgen den Äußerung des Werberats zusammen gefasst: 151 Kritisch zu diesem Systemwechsel ladeur in hahn/vesting, beck’scher Kommentar zum rundfunkrecht, 3. aufl., münchen 2012, § 6 rn. 8. 152 S. Deutscher Werberat (hg.), Jahrbuch 2014, S. 19 f. 165 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen „Gesetze können nicht alle Lebens bereiche des Bürgers effektiv regeln und die Interessen der Ver braucher effizient schützen; auch recht lich einwandfreie, aber vom Ver braucher nicht akzeptierte Werbung bedarf einer Konfliktrege lung. Kom‑ mer zielle Kommunika tion kann ihre un verzicht bare Aufgabe im System der sozia‑ len Markt wirtschaft aber nur dann er füllen, wenn sie gesell schaft liche Akzeptanz erfährt. Deshalb über nimmt die Werbewirt schaft im Wege der Selbstregulie rung über den Bereich staat licher Rechtset zung hinaus aktiv Ver antwor tung für ein geordnetes Werbe verhalten.“ 153 Ver stöße gegen be stehende UWG‑Normen sind diesem Selbst verständnis ent sprechend kein Bereich der Spruchpraxis des Werberats.154 Der Werberat ent scheidet bei seinen Ver fahren auf der Grundlage einer ganzen Reihe von allgemeinen Grundregeln und be reichs spezifi schen Kodizes 155, die die Werbewirt schaft sich freiwillig ge geben hat. Daneben bietet der ZAW als Service für die Mitglieder ver bandseigene Hinweise, Empfeh lungen, Kriterien, Richtlinien und einheit liche Grundsätze an, die hinsicht lich der Spruchpraxis des Werberats aber keine ver bind liche Wirkung ent falten. Viele dieser ver bind lichen Ver haltens regeln und un‑ verbind lichen Richtlinien und Hinweise streifen das Thema Kinder und Werbung. 6.1.5.1 ver bind liche regeln der werbeselbst KOntrOlle im bereich Kinder und werbung Für die Ent schei dungen des Werberats relevante Vor gaben im Bereich Werbung und Kinder ergeben sich aus folgen den Kodizes: – Grundregeln zur kommerziellen Kommunika tion (Oktober 2007) 156; – Grundsätze des Deutschen Werberats zur Herab würdi gung und Diskriminie rung von Personen (Fassung von 2004) 157; – Ver haltens regeln des Deutschen Werberats für die Werbung mit und vor Kindern in Hörfunk und Fernsehen (Fassung von 1998); 153 homepage des Deutschen Werberats, Stichpunkt auf gaben und ziele, www.werberat.de/aufgaben-und-ziele [29. 07. 2014]. 154 S. Deutscher Werberat (hg.), Jahrbuch 2014, S. 29. 155 eine Über sicht findet sich in Deutscher Werberat (hg.), Jahrbuch 2014, S. 67 ff. und auf www.werberat.de/verhaltensregeln [29. 07. 2014]. 156 Werbung darf „Kindern und Jugend lichen weder körper lichen noch seelischen Schaden zufügen“. 157 Werbung darf „ – gerade gegen über Kindern und Jugend lichen – nicht den eindruck er wecken, dass be stimmte personen minder- wertig seien oder in gesell schaft, beruf und familie willkür lich be handelt werden können.“ 166 – Ver haltens regeln des Deutschen Werberats über die kommerzielle Kommunika tion für Lebens mittel (Fassung von 2009), insb. Punkt 2; – Ver haltens regeln des Deutschen Werberats über die kommerzielle Kommunika tion für alkoholhaltige Getränke (Fassung von 2009), insb. Punkt 2; – Ver haltens regeln des Deutschen Werberats über die kommerzielle Kommunika tion für Glücks spiele (Fassung von 2012), insbes. Punkt 3. Dabei gilt seit 1997 der Grundsatz, dass alle medien unspezifi schen Ver haltens regeln auch für Onlinewer bung gelten.158 Im Umkehrschluss sind Kodizes, die medien spezifi‑ sche Anwen dungs bereiche auf weisen und Telemedien nicht explizit nennen, vom Werberat auch nicht als Ent schei dungs grundlage für Ent schei dungen im Bereich Onlinewer bung heran zieh bar; das be trifft im Hinblick auf obige Auf listung insb. die Ver haltens regeln des Deutschen Werberats für die Werbung mit und vor Kindern in Hörfunk und Fernsehen und damit die einschlägigsten Ver haltens regeln für den hier unter suchten Gegen stands bereich. Hinter grund der Beschrän kung dürfte dabei sein, dass ent sprechende Vor gaben der damali gen EG‑Fernsehrichtlinie eben falls nur auf Fernsehdienste Anwen dung fanden.159 Die Durch setzung der Ver haltens regeln und Kodizes obliegt dem Werberat; kommt dieser im Rahmen eines Ver fahrens zu der Ent schei dung, dass gegen Regeln ver stoßen wurde, be anstandet er die Werbung und fordert den Werbetreiben den zur Änderung oder Unter lassung der relevanten Werbung auf. Folgt dieser der Auf forde rung nicht, kann der Werberat eine öffent liche Rüge aus sprechen. Schwerwiegendere Sanktionen stehen dem Werberat nicht zur Ver fügung. Inwieweit die Vor gaben der Werbeselbst‑ kontrolle mittel bare Relevanz in (wettbewerbs recht lichen) Gerichts verfahren ent falten können und dürfen, ist in der rechts wissen schaft lichen Literatur umstritten 160; soweit Gerichte die Kodizes als Indizien für oder gegen einen Gesetzes verstoß annehmen, können die Ver haltens regeln der Werbeselbst kontrolle allerding eine indirekte Relevanz auch für die gesetz liche Aus legung der Rechts vorschriften ent falten. 158 verlautba rung „Deutscher Werberat und das beschwerde verfahren zur onlinewer bung“ (fassung von 2011), Deutscher Werberat (hg.), Jahrbuch 2014, S. 64 f. oder unter www.werberat.de/sites/default/files/uploads/media/deutscher_werberat_und_ onlinewerbung_zustaendigkeit_beschwerdeverfahren_2011. pdf [29. 07. 2014]. 159 Dies hat sich mit der novellie rung der fernsehrichtlinie in die avmD-richtlinie allerdings insoweit geändert, als von dieser jetzt auch nicht-lineare audiovisuelle mediendienste umfasst werden. „normale“ onlineangebote fallen insoweit nach wie vor nicht in den anwen dungs bereich der richtlinie. 160 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, gesetz gegen den unlaute ren Wettbewerb. Kommentar, 5. aufl., münchen 2010, § 4 rn. 2.10. (m. w. n.). 167 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.1.5.2 richtlinien und aKtivi täten des zaw im bereich Kinder und werbung Daneben zeichnet der ZAW für unter schied liche, recht lich nicht ver bind liche Aktivi‑ täten im Bereich Kinder und Werbung ver antwort lich: – Werbemaßnahmen auf Internet seiten für Kinder; Kriterien katalog für die äußere Gestal tung und Platzie rung 161, mit praxis bezogenen Hinweisen, die die zentralen Anforde rungen der Erkenn bar keit durch ab weichende Gestal tung, Anord nung und räum liche Ab gren zung oder durch Kennzeich nung konkretisie ren; – Seminare im Bereich kindbezogener Werberegulie rung 162; – Posi tions papiere, die in unter schied lichen Bereichen auf die be sondere gesell schaft‑ liche Ver antwor tung der Werbeindustrie rekurrie ren, soweit Kinder die Werbe‑ rezipienten sind 163. Der Bereich Kinder und Werbung ist dabei nur einer der Tätig keits bereiche des ZAW; der Dach verband hat sich parallel dazu mit einer Vielzahl weiterer politisch diskutierter Werbethemen zu be schäfti gen.164 6.1.5.3 selbst verPflich tungen und KOOPera tiOn der werbeselbst KOntrOlle auf inter natiOnaler ebene Die Werbeselbst kontrollen der EU‑Mitgliedstaaten haben sich in der Europäi schen Allianz der Werbeselbst kontrolle (EASA, European Advertising Standards Alliance) in Form eines Europäi schen Selbstregulie rungs netz werks zusammen geschlossen.165 Als „Sprachrohr“ der Werbewirt schaft auf EU‑Ebene sowie als Forum für den Aus tausch von Best Practice im Bereich der Selbstregulie rung wurden hier gemeinsame Erklä‑ rungen, Standards und Richtlinien ver abschiedet. Für den Bereich Onlinewer bung 161 www.zaw.de/doc/29-11-11_zaW-Kriterienkatalog_Werbung_Kinderseiten. pdf [29. 07. 2014]. 162 vgl. zuletzt www.zaw.de/index. php?menuid= 98&reporeid= 840 [29. 07. 2014]. 163 vgl. etwa das zaW posi tions papier „Das frauen bild in der Werbung – Selbst verantwor tung der Werbewirt schaft“, august 2013, S. 2 f., www.zaw.de/doc/zaWposition_frauenbild_in_der_Werbung_30082013. pdf [29. 07. 2014]: „aber ebenso konsequent wird das gremium auch in zukunft bei jeder prüfung die hohen ansprüche des Kinder- und Jugendschutzes be achten, insbesondere für Werbung im öffent lichen raum.“ 164 nachzuvollziehen etwa in der auf listung der Synopse „politik und Werbewirt schaft“ vom november 2013, www.zaw.de doc/Synopse_november_2013. pdf [29. 07. 2014]. 165 in der eaSa sind 25 Selbst kontrolleinrich tungen zusammen geschlossen, vgl. Deutscher Werberat (hg.), Jahrbuch 2014, S. 49; daneben sind weitere ver bände der Werbewirt schaft eaSa-mitglieder. 168 hat die EASA den nationalen Selbst kontrollen 2008 mit der Heraus gabe des „Digital Marketing Communica tions Best Practice“ die Empfeh lung an die Hand ge geben, umfassend Onlinemarketingmaßnahmen in den Bereich ihrer Selbst kontrolle einzu‑ beziehen. Daneben ist der Ver band an der (Fort‑)Ent wick lung weiterer inter nationaler Selbst‑ verpflich tungen der Werbewirt schaft be teiligt, darunter den werberelevanten Codes der Inter nationalen Handels kammer ICC. Insbesondere der Consolidated Code of Advertising and Marketing Communica tion Practice 166 von August 2011 ent hält dabei kinder spezifi sche Werbe vorgaben, vor allem in Artikel 18 („Kinder und Jugend liche“), Artikel 19 (Ab schnitt „Personen bezogene Daten von Kindern“), Artikel D.5 („Digitale Marketingkommunika tion und Kinder“) und Artikel D7.4 (Kinder bezogene Vor gaben zu „Bestim mungen für ver haltens nut zungs basierte Onlinewer bung – Online Behavioural Advertising (OBA)“). Der ZAW ist Mitglied der ICC. Unabhängig von den Ver bänden haben sich daneben große Lebens mittel konzerne einzeln dem „EU Pledge“ 167 im Bereich der Lebens mittelwer bung an geschlossen, in dem die be teiligten Unter nehmen ver sprechen, sich mit ihren Werbemaßnahmen nicht an Kinder unter 12 Jahren zu richten, wenn die be worbenen Lebens mittel und Getränke nicht be stimmte ernäh rungs wertbezogene Kriterien er füllen. 6.1.5.4 selbst KOntrOlle im bereich werbung und Jugendmedien schutz Die im Anwen dungs bereich des JMStV von der KJM anerkannten Selbst kontrolleinrich‑ tungen sind die Freiwillige Selbst kontrolle Fernsehen (FSF), die Freiwillige Selbst‑ kontrolle Multimedia‑Dienste anbieter (FSM), die Freiwillige Selbst kontrolle der Film‑ wirt schaft in der Form der FSK.online sowie die Unter hal tungs software Selbst kontrolle in der Form der USK.online. Alle Selbst kontrollen prüfen für Unter nehmen auf Antrag u. a. ein gereichte Medien inhalte, die in Rundfunk‑ oder Telemediendiensten an geboten werden sollen, auf ihre Rechts konformi tät mit den Vor gaben des JMStV. Zu den ein‑ gereichten Inhalten können auch Werbetrailer ge hören. 166 S. iCC, Consolidated Code of advertising and marketing Communica tion practice v. august 2011, www.iccwbo.org/Data/ policies/2011/iCC-Consolidated-Code-of-advertising-and-marketing-2011-english/ [29. 07. 2014]; auf Deutsch als „Kodex der inter- nationalen handels kammer (iCC) zur praxis der Werbe- und marketingkommunika tion“ ab rufbar unter www. icc-deutschland. de/fileadmin/iCC_Dokumente/marketing/iCC_Kodex_marketing_Deutsch. pdf [29. 07. 2014]. 167 S. www. eu-pledge.eu/content/enhanced-2012-commitments [29. 07. 2014]. 169 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Die Prüfstatuten der Einrich tungen nehmen ver einzelt Bezug auf werbespezifi sche Vor gaben: Die er gänzen den Prüfkriterien der USK.online weisen etwa aus drück lich darauf hin, dass sich die Sichtung auch auf werb liche Inhalte in Spielen bezieht (In‑Game‑Advertising), und stellen die Anforde rungen des § 6 JMStV dar.168 Die FSK‑Grundsätze ent halten spezielle Regelun gen zu Filmtrailern 169, auch die Prüf‑ kriterien für die FSK.online ver weisen auf mögliche Problemlagen in werb lichen Inhalten 170; daneben bietet die FSK Leitfäden für Anbieter von Websites und Online‑ shops an, die Hinweise auf Werbebeschrän kungen ent halten.171 Die Prüfungs ordnung der FSF ent hält keine werbespezifi schen Regelun gen; dass die Stelle werb liche Aspekte bei ihren Prüfun gen be rücksichtigt, zeigt aber etwa die Beschäfti gung mit dem Themen‑ bereich in Aus gaben der von der FSF heraus gegebenen Fachzeitschrift tv diskurs.172 Der von FSM‑Mitgliedern zu unter zeichnende allgemeine Ver haltens kodex der FSM 173 schreibt in Ziffer 6 die Einhal tung der Vor gaben aus § 6 JMStV vor; zudem ver pflichten sich die Mitglieds unternehmen, be stimmte Erschei nungs formen von Wer‑ bung nicht anzu bieten: „Mitglieder ver pflichten sich, es insbesondere zu unter lassen, beim Einsatz von Werbeformen, welche den Content ver decken, vor allem Kindern und Jugend lichen die Nutzung des ursprüng lich auf gerufenen An gebots dadurch zu er schwe ren, dass durch Betäti gen des Schließbuttons weitere werb liche An gebote geöffnet werden.“ 174 Die FSM‑Prüfrichtlinie des Beschwerde ausschusses legt zudem aus drück lich fest, dass die Werbeflächen eines An gebots sowie Pop‑ups u. Ä. zu den zu be rücksichti gen den Inhalten einer Bewer tungs einheit zählen und dass die Beschwerde ausschuss mitglieder spezifisch auch auf Ver stöße gegen § 6 JMStV zu achten haben.175 Die FSM‑Prüf‑ grundsätze ent halten zudem ein ganzes Kapitel zu der jugendmedien schutz recht lichen 168 vgl. ergänzende Kriterien der uSK für den bereich des Jugendmedien schutz-Staats vertrags (JmStv), punk 8.1, www.usk. de/fileadmin/documents/publisher_bereich/uSK_JmStv_Kriterien. pdf [29. 07. 2014]. 169 S. grundsätze der fSK, §§ 27, 2 abs. 2, fsk.de/media_content/422. pdf [29. 07. 2014]. 170 insbesondere pornografi sche Werbe-„rüttel bilder“ werden hier an gesprochen, vgl. Kriterien für die prüfung von fSK.online, S. 14, S. 18, fsk.de/media_content/1671. pdf [29. 07. 2014]. 171 vgl. fSK, leitfaden für anbieter von Websites, fsk.de/media_content/1237. pdf [29. 07. 2014]; fSK, leitfaden für anbieter von online-Shops, fsk.de/media_content/2424. pdf [29. 07. 2014]. 172 vgl. nur tv diskurs 66, 4/2013 – „Werbung. aspekte kommerzieller Kommunika tion“. 173 verhaltens kodex freiwillige Selbst kontrolle multimedia-Dienste anbieter e. v., Stand: 17. 11. 2010, www.fsm.de/ueber-uns/ fSm_verhaltenskodex_20101117_final. pdf [29. 07. 2014]. 174 ebd., S. 5. 175 prüfrichtlinie der freiwilli gen Selbst kontrolle multimedia-Dienste anbieter (fSm e. v.), Stand: 27. 08. 2013, punkte 4.3, 4.4 und 4.9, ab schnitt 13, www.fsm.de/ueber-uns/fSm_prfrichtlinie_27082013.pdf/at_download/file [29. 07. 2014]. 170 Bewer tung von kommerziellen Kommunika tionen in Telemedien.176 Werbebezogene Ent schei dungen des Beschwerde ausschusses werden auf der Webseite der FSM ver‑ öffent licht.177 Im Rahmen ihrer kodexbezogenen Aktivi täten haben jeweils einschlägige FSM‑ Mitglieds unternehmen Ver haltens subkodizes unter dem Dach der Selbst kontrolleinrich‑ tung ver abschiedet. Der Ver haltens subkodex für Suchmaschinen anbieter der FSM (VK‑S) 178 ent hält Bestim mungen, in denen sich Suchmaschinen anbieter zur transparen‑ ten Gestal tung der Suchergebnis seiten ver pflichten und werb liche Inhalte kennzeichnen (§ 2 Nr. 2: „Dies kann insbesondere durch Ver wendung der Begriffe ‚Anzeigen‘, ‚Spon‑ soren‑Links‘, ‚sponsored links‘ oder ‚Gesponserte Websites‘ er folgen.“). Eine kinderspezi‑ fi sche Werberege lung sieht der Subkodex nicht vor. Unter zeichnende Such maschinen‑ anbieter sind Google, ask. de, MSN Deutschland, Suchen. de, T‑Online und Yahoo. de. Auch der Ver haltens subkodex Social Communitys hat einen werbespezifi schen Ab schnitt 179, wonach zielgruppen spezifi sche Werbung unter Nutzung personen bezoge‑ ner Daten nur möglich sein soll, „soweit eine daten schutz recht liche Einwilli gung der Nutzer vor liegt und die Nutzer ent sprechend über die Ver wendung ihrer Daten infor‑ miert werden.“ Werbung ist „klar ver ständ lich (z. B. mit den Worten ‚Werbung‘ oder ‚Anzeige‘) und deut lich zu kennzeichnen, soweit nicht aus der Gestal tung des Werbe‑ formats selbst eindeutig hervor geht, dass es sich hierbei um Werbung handelt (z. B. Werbebanner).“ Für Social Communitys, die eine über wiegend minder jährige Ziel‑ gruppe haben, erinnert der Subkodex aus drück lich an die Einhal tung des § 6 JMStV und an die Unge eignet heit spezifi scher Werbeformen: „Pop‑ups und animierte Banner, die den Inhalt der Webseite über decken und sich nur schwer schließen lassen, sind für Communities mit einer jungen Zielgruppe be sonders unge eignet, da jungen Nutzern oftmals die Erfah rung fehlt, mit solchen Werbeformen umgehen zu können.“ 180 Der Subkodex wurde von lokalisten. de, der VZ‑Gruppe und wer‑kennt‑wen. de unter‑ zeichnet.181 176 fSm (hg.), prüfgrundsätze der fSm, 2. aufl. 2011, Kapitel 11, S. 175 ff. 177 www.fsm.de/beschwerdestelle/praxisentscheidungen/werbung-fuer-kinder-und-jugendliche [29. 07. 2014]. 178 www.fsm.de/selbstverpflichtungen/suchmaschinen/verhaltenssubkodex_Suma_vKS_final_20040221_de. pdf [29. 07. 2014]. 179 S. insbesondere ab schnitt D x., www.fsm.de/selbstverpflichtungen/vK_social_communities_final_09032009. pdf [29. 07. 2014]. 180 ebd., S. 15. 181 Wer-kennt-wen hat seinen betrieb im frühjahr 2014 ein gestellt, die vz-gruppe hat ihre Social Communitys auf die an gebote meinvz und Studivz ein geschränkt. 171 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Neben den über die KJM‑Anerken nung institutionalisierten Selbst kontrollen gibt es individuelle bzw. markt segmentspezifi sche Richtlinien und Anforde rungen etwa für Kinder seiten, die teils faktische Konsequenzen für die teilnehmen den Anbieter und Mitglieder haben können 182. 6.1.5.5 exKurs: selbst KOntrOlle im bereich nutzu ngs basierter werbung Auch im Bereich der Anbieter und Dienst leister nutzu ngs basierter Werbung („online be havioral advertising“, OBA) haben sich in den ver gangenen Jahren Selbst kontroll‑ initiativen ge gründet, die ihre Mitglieder über Industriekodizes zur Einhal tung be‑ stimmter Mindestmaßstäbe ver pflichten. Auf EU‑Ebene bieten zwei Stellen einen Rahmen für kohärente Wirtschafts selbst‑ verpflich tungen an; mit dem „IAB Europe EU Framework for Online Behavioural Advertising“ besteht hier seit April 2011 ein von vielen Unter nehmen und Ver bänden ge tragener Ansatz, der im Bereich der nutzu ngs basierten Werbung eine kinder spezifi‑ sche Vor schrift ent hält: „Companies agree not to create segments for OBA purposes that are specifically designed to target children. For the purposes of this provision, ‚children‘ refers to people age 12 and under.“ 183 Danach dürfen OBA‑Anbieter keine Nutzer segmente bilden (und nutzen), die dazu ge eignet sind, speziell Kinder zu adressie ren. Welche Segmente diese Charakteristik konkret auf weisen, ent zieht sich der Außen perspektive, könnte aber ggf. bei der Seg‑ mentie rung einer Nutzer gruppe anhand der Merkmale „Interesse an Figuren aus Kinder sendun gen“ oder „Pokemon“ vor liegen. Alters übergreifende Konsum‑ und Frei‑ zeit interessen wie „Sport“, „Fahr räder“ oder„Comics“ werden dagegen nicht von der Vor schrift umfasst. Daneben eröffnet das IAB Framework Möglich keiten des Selbst‑ schutzes für Nutzer; auf der Seite youronlinechoices. com können Nutzer das Tracking von an der Initiative be teiligten Unter nehmen ge zielt ab stellen. Anbieter, die ihre 182 hier nimmt „Selbstregulie rung“ ggf. schon aspekte von in diesem fall kinder seiten spezifi scher marktregulie rung an; vgl. etwa den erfurter netcode, www.erfurter-netcode.de/uploads/media/text_des_erfurter_netcodes. pdf [24. 07. 2014] oder die frag- finn-„ver einba rung der rahmen bedin gungen für Webseiten betreiber innerhalb des sicheren Surfraums für Kinder im rahmen der initiative ‚ein netz für Kinder‘“, www.fragfinn.de/download/fragfinn_Kriterienkatalog. pdf [24. 07. 2014]. 183 www.iabeurope.eu/files/5013/8487/2916/2013-11-11_iab_europe_oba_framework. pdf [29. 07. 2014]. 172 Dienste in Über einstim mung mit den Vor gaben anbieten, können das „Info‑i“ der Initiative nutzen.184 Die European Inter active Digital Advertising Alliance (EDAA), die sich um die Implementa tion des Frameworks und die Lizenzie rung und Ver gabe der Icons der Initiative kümmert, ver gibt an zuvor zertifizierte Anbieter, die die Vor‑ gaben einhalten, zudem Ver trauens siegel.185 Die parallel zum IAB Framework er lassene „Best Practice Recommen dation on Online Behavioural Advertising“ der EASA 186 ver weist auf die ent sprechende kinder spezifi sche Vor schrift. In Deutschland hat sich Ende 2012 unter dem Dach des ZAW der „Deutsche Daten schutzrat Onlinewer bung“ (DDOW) etabliert, der auf nationaler Ebene als freiwillige Selbst kontrolleinrich tung der digitalen Werbewirt schaft für nutzu ngs basierte Onlinewer bung agiert und hier die Ziele aus dem IAB Framework umsetzt.187 Zu diesem Zweck hat die Initiative zwei Industriekodizes ver abschiedet, die sich zum einen spezifisch an die Anbieter von An geboten richten, die Werbeflächen für OBA zur Ver fügung stellen 188, und zum anderen für Anbieter von OBA‑Dienst leis tungen gelten 189. Beide Selbst verpflich tungen ent halten die aus dem IAB Framework übernom‑ mene Vor schrift des Ver bots der kinder spezifi schen Segmentbil dung auf Deutsch: „Telemedien anbieter/OBA‑Dienst leister ver pflichten sich, im Rahmen von OBA keine Segmente zu bilden, die sich speziell an Kinder unter 12 Jahren richten.“ 190 Der DDOW sorgt für die Kontrolle und Einhal tung beider Kodizes durch Beobach‑ tung des Markt verhaltens der Unter nehmen sowie durch die Unter haltung einer Nutzer‑ beschwerdestelle. Im Falle eines Unter nehmens verstoßes gegen die Vor gaben kann der DDOW die weitere Unter lassung vom Unter nehmen ver langen, bei Nichtabhilfe eine öffent liche Rüge aus sprechen und dem Unter nehmen die Weiter verwen dung des Pikto‑ gramms und die Teilnahme am An gebot youronlinechoices. com unter sagen. 184 Die art. 29-gruppe, ein ver bund europäi scher Daten schutz stellen, hat dem iab framework die befol gung der vor gaben der eu-Cookie-richtlinie allerdings ab gesprochen, vgl. opinion 16/2011 on eaSa/iab best practice recommen dation on online behavioural advertising, http:// ec.europa.eu/justice/data-protection/article-29/documentation/opinion-recommendation/files/2011/wp188_ en. pdf [30. 07. 2014]. 185 www.edaa.eu/certification-process/trust-seal/ [29. 07. 2014]. 186 www. easa-alliance.org/binarydata. aspx?type= doc/eaSa_bpr_oba_12_april_2011_Clean.pdf/download [29. 07. 2014]. 187 auch auf nationaler ebene ist der opt-out-ansatz nicht unkritisiert ge blieben, vgl. Schröder, Die DDoW-Kodizes – eine alternative?, DSritb 2013, 173 ff. 188 Der Kodex spricht von telemedien anbietern und sog. erst parteien, d. h. von den anbietern der an gebote, die die nutzer (willent- lich) auf rufen; DDoW, Selbstregulie rung der telemedien anbieter im bereich nutzu ngs basierter onlinewer bung – Kodex für telemedien- anbieter (erst parteien), meine-cookies.org/DDoW/dokumente/DDoW_%20oba-Sr_Kodex_1st. pdf [29. 07. 2014]. 189 DDoW, Selbstregulie rung der Dienst leister im bereich nutzu ngs basierter onlinewer bung – Kodex für oba-Dienst leister (Dritt- parteien), meine-cookies.org/DDoW/dokumente/DDoW_%20oba-Sr_Kodex_3rd. pdf [29. 07. 2014]. 190 § 6 Kodex für telemedien anbieter (erst parteien); § 8 Kodex für oba-Dienst leister (Drittparteien). 173 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.2 wettbewerbs recht als werberecht Gegen über den Regeln der Selbst kontrolle ergeben sich zentrale und grundlegende formalgesetz liche Vor gaben für Onlinewer bung aus dem Gesetz gegen den unlaute ren Wettbewerb (UWG), einem zentralen Teil des deutschen Wettbewerbs rechts. Zweck der UWG‑Normen ist der Schutz des Wettbewerbs vor unlaute ren geschäft lichen Handlun gen, das Gesetz definiert in § 1 UWG als zentrale Ziele den Schutz von Wettbewerbern, Ver brauchern und sonsti gen Markt teilnehmern sowie der Allgemein‑ heit und ihrem Interesse an einem un verfälschten Wettbewerb. Im Hinblick auf den Ver braucher besteht der Schutz gedanke des UWG darin, „dass der Ver braucher in seiner rechts geschäft lichen Ent schei dungs frei heit nicht in unzu lässiger (unlaute rer) Weise be einflusst wird“.191 An gesichts der Tatsache, dass Werbung die Beeinflus sung des Konsumenten geradezu be absichtigt, wird deut lich, dass das UWG nicht jede werb liche Beeinflus sung als unzu lässig ansieht, sondern erst dann die Grenze unlaute‑ rer Werbekommunika tion über schritten ist, „wenn die Rationali tät der Kauf entschei‑ dung des Kunden ver drängt wird, d. h. wenn dem Kunden nach Sachlage eine sach‑ gerechte Willens bildung nicht mehr möglich ist“.192 Der Anwen dungs bereich des UWG ist denk bar weit ge fasst, wenn § 2 Abs. 1 Nr. 1 UWG definiert, dass eine „geschäft liche Handlung jedes Ver halten einer Person zugunsten des eigenen oder eines fremden Unter nehmens vor, bei oder nach einem Geschäfts abschluss [ist], das mit der Förde rung des Ab satzes oder des Bezugs von Waren oder Dienst leis‑ tungen oder mit dem Ab schluss oder der Durch führung eines Ver trags über Waren oder Dienst leis tungen objektiv zusammen hängt“. Der Begriff der geschäft lichen Handlung ist weit zu ver stehen 193 und umfasst – unter Rück griff auf die Defini tion der Geschäfts praktiken aus Art. 2 lit d UGP‑Richtlinie 194 – „jede Handlung, Unter lassung, Ver haltens weise oder Erklä rung, kommerzielle Mittei‑ lung einschließ lich Werbung und Marketing eines Gewerbetreiben den, die unmittelbar 191 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 1 rn. 21. 192 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 1 rn. 21; bghz 164, 153 (157); bgh grur 2006, 161 (162); bgh grur 2006, 582 (584). 193 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach/hefermehl, uWg. Kommentar, 31 aufl., münchen 2013, § 2 rn. 8. 194 richtlinie 2005/29/ eg des europäi schen parlaments und des rates vom 11. mai 2005 über unlautere geschäfts praktiken im binnen marktinternen geschäfts verkehr zwischen unter nehmen und ver brauchern und zur Änderung der richtlinie 84/450/eWg des rates, der richtlinien 97/7/ eg, 98/27/ eg und 2002/65/ eg des europäi schen parlaments und des rates sowie der ver ordnung (eg) nr. 2006/2004 des europäi schen parlaments und des rates (richtlinie über unlautere geschäfts praktiken), abl. eg l 149/22 v. 11. 06. 2005. 174 mit der Absatz förde rung, dem Ver kauf oder der Liefe rung eines Produkts zusammen‑ hängt“. Anders als vor herige UWG‑Bestim mungen stellt die jetzige Defini tion beim An‑ wen dungs bereich nicht mehr auf das maß gebliche subjektive Merkmal des Handelns zu Zwecken des Wettbewerbs ab, d. h. das willent liche Ziel der Absatz förde rung, sondern lässt einen objektiven Zusammen hang zwischen dem Ver halten und der Absatz förde‑ rung aus reichen.195 Dafür ist es nötig, dass die Handlung „das Ziel hat, die geschäft‑ lichen Ent schei dungen des Ver brauchers in Bezug auf Produkte zu be einflussen“.196 Ein kausaler Zusammen hang zwischen geschäft licher Handlung und der Absatz förde‑ rung muss dabei nicht hergestellt werden, es reicht etwa auch aus, mittel bar eine Absatz‑ förde rung durch Auf merksam keits werbung („Imagewer bung“) zu be zwecken.197 6.2.1 unzulässig Keit unlaute rer handlun gen nach § 3 uwg Zentrale Grundsatz norm 198 des UWG ist § 3 UWG, der in Absatz 1 den Grundsatz der recht lichen Unzulässig keit für unlautere geschäft liche Handlun gen auf stellt, die „ge eignet sind, die Interessen von Mitbewerbern, Ver brauchern oder sonsti gen Markt‑ teilnehmern spür bar zu be einträchti gen“. Eine der Defini tion des § 2 Abs. 1 Nr. 1 UWG ent sprechende geschäft liche Handlung muss also (a) unlauter, (b) zur Interessen‑ beeinträchti gung ge eignet und (c) spür bar sein, um als unzu lässig zu er scheinen. Unlauter sind nach der amtlichen Begrün dung des UWG „alle Handlun gen, die den an ständi gen Gepflogen heiten in Handel, Gewerbe, Handwerk oder selbst ständi ger be ruflicher Tätig keit zuwiderlaufen“. Eine Legaldefini tion innerhalb des UWG bietet der Gesetz geber nicht an, sodass die Konkretisie rung dieses un bestimmten Rechts‑ begriffs den Gerichten obliegt. Indizien und Konkretisie rungen derjenigen Handlun‑ gen, die unlauter sind, bieten § 3 Abs. 2, der Anhang zu § 3 Abs. 3 sowie die Tatbestände der § 4 Nr. 1 bis 11 sowie §§ 5 bis 7 UWG 199 (s. im Einzelnen unten). Für die Eignung zur Beeinträchti gung der Interessen von Mitbewerbern, Ver brauchern oder sonsti gen Marktbeteiligten kommt es auf eine tatsäch liche Beeinträchti gung nicht an, es müssen aber Umstände erkenn bar sein, die über eine rein ab strakte bzw. hypotheti sche Möglich‑ keit hinaus gehen.200 Die Voraus setzung der Spürbar keit dient ab schließend dazu, 195 bt-Drs. 16/10145, S. 20 f.; s. Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 2 uWg rn. 6. 196 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 2 uWg rn. 45. 197 vgl. die begrün dung zum rege uWg 2008, § 2, bt-Drs. 16/10145, S. 21. 198 S. podszun in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, gesetz gegen den unlaute ren Wettbewerb (uWg). Kommentar, 3 aufl., münchen 2013, § 3 rn. 49. 199 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 3 rn. 9 ff. 200 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 3 rn. 44. 175 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen „echte“ Wettbewerbs verstöße von Bagatell hand lungen abzu grenzen: In Fällen, in denen eine unlautere Handlung praktisch keine Relevanz für das Markt geschehen hat 201, er scheint ein regulatives Eingreifen des Staates ent sprechend un verhältnis mäßig. Inso‑ weit ver langt das Spürbar keits kriterium, dass eine unlautere Handlung ein „nicht nur als belang los einzu stufen des Gewicht für das Wettbewerbs geschehen und die Interessen der be troffenen, von § 1 geschützten Personen kreise“ haben muss.202 Aus geführt wird der Grundsatz des § 3 Abs. 1 UWG speziell im Hinblick auf Ver braucher in § 3 Abs. 2 UWG: Geschäft liche Handlun gen gegen über Ver brauchern sind jeden falls dann unzu‑ lässig, wenn sie nicht der für den Unter nehmer gelten den fach lichen Sorgfalt ent sprechen und dazu ge eignet sind, die Fähig keit des Ver brauchers, sich auf Grund von Informa tionen zu ent scheiden, spür bar zu be einträchti gen und ihn damit zu einer geschäft lichen Ent schei dung zu ver anlassen, die er andernfalls nicht ge troffen hätte. 6.2.2 unzulässig Keit vOn handlun gen der „schwarzen liste“ (anhang zu § 3 abs. 3 uwg) Die im Anhang zu § 3 Abs. 3 UWG auf gezählten Handlun gen definiert die Vor schrift als stets unzu lässig, also auch ohne das Vor liegen einer spür baren Beeinträchti gung. Zu den dort ge nannten unlaute ren Geschäfts praktiken zählen unter anderem: Anhang zu § 3 Absatz 3 UWG (Auszug) Unzulässige geschäft liche Handlun gen im Sinne des § 3 Absatz 3 sind (…) 11. der vom Unter nehmer finanzierte Einsatz redak tio neller Inhalte zu Zwecken der Ver kaufs förde rung, ohne dass sich dieser Zusammen hang aus dem Inhalt oder aus der Art der optischen oder akusti schen Darstel lung eindeutig ergibt (als Informa tion ge tarnte Werbung); (…) 21. das An gebot einer Ware oder Dienst leis tung als „gratis“, „umsonst“, „kosten‑ frei“ oder dergleichen, wenn hierfür gleichwohl Kosten zu tragen sind; dies gilt nicht für Kosten, die im Zusammen hang mit dem Ein gehen auf das Waren‑ oder Dienst leis tungs angebot oder für die Ab holung oder Liefe rung 201 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 3 rn. 47. 202 amtliche begrün dung zum regie rungs entwurf des uWg, b zu § 3, bt-Drucks 15/1487, S. 17. 176 der Ware oder die Inanspruchnahme der Dienst leis tung un vermeid bar sind; (…) 28. die in eine Werbung einbezogene unmittel bare Auf forde rung an Kinder, selbst die be worbene Ware zu er werben oder die be worbene Dienst leis tung in An‑ spruch zu nehmen oder ihre Eltern oder andere Erwachsene dazu zu ver‑ anlassen; (…). Nr. 11 (ge tarnte Werbung) ver weist auf den Tren nungs grundsatz, wie er in der Presse, im Rundfunk und für Telemedien gilt (s. dazu unten Kapitel 6.3.5): Werden redaktio‑ nelle Inhalte ge nutzt, um den Ver kauf eines be stimmten Produkts oder einer Dienst‑ leis tung zu fördern, und hat der Anbieter des redak tio nellen Inhalts vom Unter nehmer dafür eine etwaige Gegen leis tung er halten, dann muss dieser Umstand inhalt lich oder optisch bzw. akustisch deut lich ge macht werden. Fehlt es an der eindeuti gen Erkenn‑ bar keit, so ist eine ent sprechende Handlung unzu lässig. Redaktio nelle Inhalte setzen voraus, dass die Inhalte durch eine Redak tion mit dem Willen aus gewählt oder er stellt wurden, die Nutzer zu unter richten und einen Beitrag zur individuellen und öffent‑ lichen Meinungs bildung zu leisten.203 Etwas anderes kann dagegen gelten, wenn ein Anbieter ledig lich die un veränderten Äußerun gen privater Dritter auf seiner Platt form anbietet (nutzer generierte Inhalte) 204 – hier kommt es darauf an, den vom An gebot suggerierten Informa tions typ zu er mitteln. Kennzeich nungen wie „Anzeige“, „Dies ist ein An gebot von …“, „Werbung“ – nicht aber „Promo tion“ 205 – schließen das Vor liegen einer tatbestand lichen Tarnung aus.206 Dabei muss die Kennzeich nung erkenn bar sein, etwa durch eine aus reichend große Schrift, die Platzie rung der Kennzeich nung sowie einen hinreichend hohen Kontrast. Eine ge stalteri sche Ab hebung kann eben falls auf die kommerzielle Absicht der Kommunika tion hinweisen, nicht aus reichend sind dafür aber leicht über sehbare Ab gren zungen wie reine Trenn striche.207 In der Praxis kommt es hier auf die Einzelfall betrach tung an, wobei die Rechtsprechung nicht immer einheit lich urteilt.208 Nr. 21 (ver meint liche Kosten losig keit) statuiert die Unzulässig keit von Bezeich nungen wie „gratis“, „free“, „umsonst“, „kosten los“, „kosten frei“, „un entgelt lich“, „zum Nulltarif“ 203 vgl. frank in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, uWg anhang zu § 3 abs. 3 nr. 11 rn. 15. 204 vgl. frank in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, uWg anhang zu § 3 abs. 3 nr. 11 rn. 15; zur ab gren zung (journalistisch-)redak tio neller tätig keit und nicht-redak tio neller tätig keiten s. Schulz/heilmann, redaktio nelle ver antwor tung – anmer kungen zu einem zentralen begriff der regulie rung audiovisueller mediendienste, 2008. 205 olg Düsseldorf, Wrp 2011, 127. 206 frank in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, anhang zu § 3 abs. 3 nr. 11 rn. 18. 207 ebd. 208 ebd. 177 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen etc. für An gebote, die tatsäch lich nicht umsonst sind.209 Nur wenn die Annahme des An gebots auf Ver braucherseite zu keinen Kosten führt, sind ent sprechende Aus sagen zulässig. Von dem Kosten begriff aus genommen sind un vermeid bare Kosten, die in unmittel barem Zusammen hang mit der Annahme des An gebots stehen wie z. B. der Ver sand oder die (elektroni sche) Über mitt lung. Mittel bare Kosten oder Folgekosten, wie etwa In‑App‑Käufe oder sogenannte Freemium‑Games mit nach träg lichen Kauf‑ möglich keiten, sind von Nr. 21 nicht umfasst. Fehlende Hinweise auf ent sprechende mittel bare Ent gelte können aber unter be stimmten Voraus setzungen einen Ver stoß gegen § 5 UWG darstellen (s. Kapitel 6.2.4).210 Nr. 28 (unmittel bare Kaufaufforde rungen an Kinder) schreibt die Unzulässig keit der ge zielten Ansprache von Kindern in einer Werbung 211 mit unmittel bar an sie gerich‑ teten Kaufappellen (Eigenerwerb) oder direkten Auf forde rungen, ihre Eltern oder andere Erwachsene zum Erwerb zu ver anlassen (Fremderwerb), fest. Der werb liche Inhalt muss insoweit ge zielt Kinder, d. h. Minderjährige unter 14 Jahren 212, an sprechen und den Eindruck er wecken, sie selbst sollten den Kauf eines be stimmten Produkts oder einer Leistung tätigen 213 oder ihre Eltern dazu ver anlassen. In Bezug auf den Eigenerwerb definiert Art. 2i) UGP‑Richtlinie die Auf forde rung zum Erwerb als „jede kommerzielle Kommunika tion, die die Merkmale des Produkts und den Preis in einer Weise angibt, die den Mitteln der ver wendeten Kommunika tion an gemessen ist und den Ver braucher dadurch in die Lage ver setzt, einen Kauf zu tätigen“. Der Begriff der Unmittel barkeit wird vom UWG nicht weiter konkretisiert. Nach h. M. setzt Unmittel barkeit voraus, dass zwischen dem werb lichen Appell und dem Erwerbs entschluss kein weiterer „gedank lich zu vollziehen der Zwischen schritt“ nötig ist.214 Unmittel barkeit ist daher dort nicht anzu nehmen, wo die Kinder erst aus den Umständen auf eine Kaufaufforde rung schließen können.215 Wichti ges Indiz, aber keine zwingende Voraus setzung für das Vor liegen eines unmittel baren Kaufappells ist die Nutzung des Imperativs, z. B. „Hol dir …“, „Ruf einfach an …“, „Sende einfach 209 bruhn/Weidert in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, anhang zu § 3 abs. 3 nr. 21, rn. 4a. 210 Dazu bruhn/Weidert in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, anhang zu § 3 abs. 3 nr. 21, rn. 7. 211 Der begriff der „Werbung“ wird dabei vom uWg nicht definiert; auch die richtlinie 2005/29/ eg über unlautere geschäfts praktiken ent hält keine rechts defini tion, immerhin macht art. 2d) der ugp-richtlinie deut lich, dass Werbung vom begriff der geschäfts praktiken umfasst sein soll. eine Defini tion im eu-Sekundärrecht findet sich allerdings in art. 2a) der richtlinie 2006/114/ eg über irreführende und ver gleichende Werbung. Danach ist Werbung „jede Äußerung bei der ausübung eines handels, gewerbes, handwerks oder freien berufs mit dem ziel, den absatz von Waren oder die erbrin gung von Dienst leis tungen, einschließ lich un beweg licher Sachen, rechte und ver pflich tungen, zu fördern“. 212 zur Diskussion des Kinder begriffs im uWg vgl. Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anhang zu § 3 abs. 3 rn. 28.5; loschelder in loschelder/erdmann/ahrens/gloy, handbuch des Wettbewerbs rechts, 3 aufl., münchen 2010, § 49 rn. 12. 213 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anhang zu § 3 abs. 3 rn. 28.8. 214 Scherer, „Case law“ in gesetzes form – Die „Schwarze liste“ als neuer uWg-anhang, nJW 2009, 324; Scherer, Kinder als Konsumenten und Kaufmotivatoren, Wrp 2008, 430 (433); bgh, urteil v. 17. 7. 2013 – i zr 34/12, rn. 26 (m. w. n.). 215 Scherer, nJW 2009, 324 (330); Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anhang zu § 3 abs. 3 rn. 28.8. 178 eine SMS an …“.216 Allerdings können auch andere, nicht wört lich auf den Kauf‑ vorgang ab stellende Formulie rungen den Tatbestand des Appells er füllen, z. B. „Wir empfehlen euch …“, „Es lohnt sich für euch …“.217 Die nicht‑auffordernde Informa tion über aktuelle Kaufmöglich keiten reicht hingegen regelmäßig nicht aus (z. B. „Ab sofort erhält lich:“ oder „Jetzt am Kiosk“).218 Neben dem Eigenerwerb umfasst Nr. 28 auch Fälle, in denen Kinder als „Absatz‑ helfer“ ein gesetzt werden (Fremderwerb), indem sie an gestiftet werden, ihre Eltern oder andere Erwachsene zum Kauf eines be stimmten Produktes zu ver anlassen. Nr. 28 schützt in diesen Fällen nicht nur die freie Willens bildung der Kinder, sondern auch die der Erwachsenen, da der Druck zum Kauf durch die kind liche Bitte ggf. größer ist als bei einem (recht lich zulässigen) direkten Kaufappell durch Werbung an Erwach‑ sene.219 6.2.3 unlautere beisPieltatbestände nach § 4 uwg Neben diesen aus drück lichen Fall beispielen, die immer – d. h. ohne Prüfung der oben be schriebenen Spürbar keits vorausset zung – unzu lässig sind, ent halten die §§ 4 bis 6 UWG typische Beispieltatbestände unlaute rer Praktiken, die unzu lässig sind, soweit auch die übrigen Tatbestands merkmale aus § 3 Abs. 1 UWG vor liegen. § 7 UWG sieht darüber hinaus unzu mutbare Belästi gungen als unzu lässig an. § 4 UWG (Auszug) Unlauter handelt insbesondere, wer 1. geschäft liche Handlun gen vornimmt, die ge eignet sind, die Ent schei dungs‑ frei heit der Ver braucher oder sonsti ger Markt teilnehmer durch Ausübung von Druck, in menschen verachten der Weise oder durch sonsti gen unangemessenen unsach lichen Einfluss zu be einträchti gen; 2. geschäft liche Handlun gen vornimmt, die ge eignet sind, geistige oder körper‑ liche Gebrechen, das Alter, die geschäft liche Unerfahren heit, die Leicht gläubig‑ keit, die Angst oder die Zwangs lage von Ver brauchern auszu nutzen; 216 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, anhang (zu § 3 abs. 3), rn. 61; Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anhang zu § 3 abs. 3 uWg rn. 28.8. aus sprachwissen schaft licher Sicht handelt es sich bei imperativen allerdings gerade nicht um auf forde- rungen, sondern um befehle. Der auf forde rungs begriff des uWg wird in der rechts wissen schaft lichen Diskussion insoweit weiter interpretiert als die Sprachwissen schaft dies tut. 217 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anhang zu § 3 abs. 3 uWg rn. 28.8. 218 vgl. Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anhang zu § 3 abs. 3 uWg rn. 28.9. 219 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anhang zu § 3 abs. 3 uWg rn. 28.13. Kritisch zur Systematik des kind lichen Kaufmotivatoren verbots Scherer, nJW 2009, 324 (330). 179 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 3. den Werbecharakter von geschäft lichen Handlun gen ver schleiert; 4. bei Ver kaufs förde rungs maßnahmen wie Preis nachlässen, Zugaben oder Ge‑ schen ken die Bedin gungen für ihre Inanspruchnahme nicht klar und eindeutig angibt; 5. bei Preis ausschreiben oder Gewinn spielen mit Werbecharakter die Teilnahme‑ bedin gungen nicht klar und eindeutig angibt; 6. die Teilnahme von Ver brauchern an einem Preis ausschreiben oder Gewinn spiel von dem Erwerb einer Ware oder der Inanspruchnahme einer Dienst leis tung ab hängig macht, es sei denn, das Preis ausschreiben oder Gewinn spiel ist naturgemäß mit der Ware oder der Dienst leis tung ver bunden; (…) 11. einer gesetz lichen Vor schrift zuwider handelt, die auch dazu be stimmt ist, im Interesse der Markt teilnehmer das Markt verhalten zu regeln. Die Beispieltatbestände sind durch Literatur und Rechtsprechung weiter konkretisiert worden und weisen eine ganze Reihe an Fall gruppen auf, die im Folgenden nur über‑ blicksartig dargestellt werden können. Auf einzelne Sach verhalte können dabei auch zwei oder mehrere Vor schriften der §§ 4 bis 6 UWG anwend bar sein; die Erfül lung mehrerer Tatbestände führt dabei nicht zu einer Gesetzes konkurrenz: Die Fall beispiele konkretisie ren ledig lich den Begriff der Unlauter keit in der General klausel des § 3 Abs. 1 UWG, sodass in diesen Fällen die Unlauter keit der geschäft lichen Handlung ent sprechend mehrfach recht lich ab gesichert ist.220 Die Mehrheit der Gründe für Unlauter keit kann allerdings ein Indiz dafür sein, dass die Voraus setzung der Spürbar‑ keit indiziert ist.221 In Nr. 1 (unangemessene Einfluss nahme) werden Handlun gen als unlauter statuiert, bei denen der Unter nehmer die Ent schei dungs‑ und Ver haltens frei heit des Durch‑ schnitts verbrauchers er heblich be einträchtigt. Unter Ent schei dungs frei heit wird die Freiheit ver standen, „eine andere als die vom Handelnden an gestrebte geschäft liche Ent schei dung zu treffen oder sich anders als vom Handelnden an gestrebt zu ver‑ halten“.222 Fall gruppen, die das Gesetz nennt, sind die Beeinträchti gung durch „Aus‑ übung von Druck“ (Anwen dung oder Androhung körper licher Gewalt oder psychi schen Zwangs), die Beeinträchti gung der Ent schei dungs frei heit „in menschen verachten der Weise“ (Beleidi gungen, Degradie rungen) oder durch „sonsti gen unangemessenen un‑ sach lichen Einfluss“ (Aus nutzung der Autorität, wirtschaft licher oder recht licher Macht, morali scher Macht oder situa tions bedingter Über legen heit). 220 vgl. Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 5. 221 S. Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 0.4. 222 S. Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 1.19. 180 Der Tatbestand des Nr. 2 (Aus nutzung von Schutz bedürfti gen) ist insbesondere im Hinblick auf minder jährige Ver braucher eine praxis relevante Norm: Grundsätz lich soll die Vor schrift alle Ver brauchergruppen umfassen, die be sonde ren Schutzes be dürfen (z. B. auch sprach‑ und geschäfts ungewandte, körper lich oder geistig be hinderte, ggf. auch ältere Personen 223). Auf grund der Voraus setzung, dass der Unter nehmer diese Situa tion aus nutzen muss 224, muss er immer auch Kenntnis der be sonde ren Schutz‑ bedürftig keit des Ver brauchers haben.225 Dies ist in der Praxis bei werb licher Kommu‑ nika tion an Ab wesende regelmäßig nur dort der Fall, wo spezifisch an den Ver‑ braucherkreis jüngerer Menschen kommuniziert wird. Hier kann dem Unter nehmer das Wissen unter stellt werden, dass insbesondere Kinder auf grund ihres Alters un‑ erfahrener, leicht gläubiger und empfäng licher für werb liche Aus sagen sind und stärker Gruppen zwängen unter liegen als Erwachsene.226 Aus fluss der Vor schrift ist aber gerade nicht, dass jede Werbung, die sich ge zielt an Kinder und Jugend liche richtet, zugleich auch ge eignet ist, deren geschäft liche Unerfahren heit auszu nutzen.227 In Fällen, in denen (auch) Kinder und Jugend liche an gesprochen werden, kommt im Hinblick auf Nr. 2 als Anknüp fungs punkt der Vor schrift die geschäft liche Un‑ erfahren heit in Betracht: Geschäft liche Unerfahren heit wird definiert als Mangel „an Lebens erfah rung und das Un vermögen, Bedeu tung und wirtschaft liche Aus wirkungen eines rechts geschäft lichen Handelns sach gerecht so einschätzen zu können, wie das einem ver ständi gen Durch schnitts verbraucher des an gesprochenen Ver kehrs kreises möglich ist“.228 Kinder und Jugend liche sind dann als Teil einer größeren Konsu‑ menten gruppe diejenigen unter der Zielgruppe, die am ehesten geschäft lich uner‑ fahren sind. Es ist also im Einzelfall zu prüfen, ob das An gebot ge eignet ist, dieses „weniger rationale Kauf verhalten von Jugend lichen auszu nutzen“.229 Wenn der Wer‑ bende die be sondere Situa tion dieser Ver brauchergruppe ge zielt aus nutzt, kann ent‑ sprechend ein Fall im Sinne von Nr. 2 vor liegen. Anders ge wendet: Die Vor schrift führt nicht zu einem Komplett verbot der werb lichen Kommunika tion gegen über Jüngeren – auch diese nehmen schließ lich am Geschäfts leben teil (s. etwa § 110 BGB) –, resultiert aber in er höhten Anforde rungen an Gestal tung und Inhalt werb licher Kom‑ 223 begrregentw, b zu § 4 nr. 2, bt-Drucks 15/1487, S. 17; einschränkend in bezug auf ältere personen Stuckel in harte-bavendamm/ henning-bodewig/ahrens, uWg, b. § 4 nr. 2, rn. 21. 224 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 2.4. 225 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 2.18. 226 Stuckel in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, b. § 4 nr. 2, rn. 22; Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 2.8; vgl. olg nürnberg, grur-rr 2003, 315 (316); olg hamburg, grur-rr 2003, 317 (318). 227 olg frank furt a. m. grur 2005, 782 (783); anm. Steinbeck zu bgh grur 2006, 161 (164). 228 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 2.7. 229 anm. Steinbeck zu bgh grur 2006, 161 (164). 181 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen munika tion (zu den restriktive ren Bewer tungs maßstäben bei Kindern s. unten Kapi‑ tel 6.6).230 Im Hinblick auf die Mittel, mit denen eine Aus nutzung der Leicht gläubig keit oder Unerfahren heit er folgen kann, haben sich unter schied liche Fall gruppen in Literatur und Rechtsprechung etabliert, darunter aleatori sche Reize (Kopplung von Gewinn spiel und Produkterwerb), Wertreklame, intransparente An gebote (Täuschung über Entgelt‑ lich keit oder fehlende Über sicht über Kosten folgen), unangemessener Zeitdruck, der Missbrauch von Ver trauen in Autori täts‑ und Ver trauens personen (dazu können auch „Celebrities“ zählen 231) sowie das Auf zwängen eigener Werbekosten, etwa durch den Aufruf zur Nutzung eines kosten pflichti gen An gebots, um mehr Informa tionen über ein Produkt zu er fahren.232 Prinzipiell kann auch die Daten erfas sung zu Werbezwecken im Vorfeld von ver kaufs fördernden Maßnahmen von Nr. 2 umfasst sein, wenn die Unerfahren heit des Ver brauchers dabei aus genutzt wird.233 Indiz für die Relevanz einer unsach lichen Beeinflus sung im Sinne einer Spürbar‑ keit gemäß § 3 Abs. 1, 2 UWG ist das Risiko einer Ver mögensdisposi tion. Dort, wo die Gefahr eines ver mögens recht lich nach teili gen Ver haltens für den be sonders geschütz‑ ten Ver braucher besteht, ist die Spürbar keit indiziert; etwas anderes kann dort gelten, wo ein sich aus der Werbebe einflus sung er geben des Ver halten ent weder keine Ver‑ mögensdisposi tion zur Folge hat oder nur so mittel bar er scheint, dass ein monokausaler Zusammen hang von werb licher Kommunika tion und Ver braucher verhalten nicht deut lich ist. Die „Nähe“ von Werbung und dadurch aus gelöster Transak tion kann insoweit mit aus schlag gebend für die wettbewerbs recht liche Bewer tung einer unsach‑ lichen Beeinflus sung sein. § 4 Nr. 3 UWG (Ver schleie rung) statuiert einmal mehr den Grundsatz der Trennung kommerziell motivierter Inhalte von objektiv neutralen Äußerun gen. Da der Ver‑ braucher ver meint lich objektiven Informa tionen mehr Ver trauen ent gegen bringt und werb lichen Aus sagen tendenziell kritischer gegen über steht 234, ist die Ver schleie rung des Werbecharakters geschäft licher Handlun gen nach Nr. 3 unlauter. Auch hier haben sich in Literatur und Rechtsprechung Fall gruppen ge tarnter Werbung heraus gebildet, die der Vielfältig keit möglicher Ver schleie rungs taktiken geschuldet sind, darunter die 230 So auch Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 2.8. 231 einschränkend: Stuckel in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, b. § 4 nr. 2, rn. 33 für fallkonstella tionen, in denen der Star den eindruck eigener Über zeugung ver mittelt; s. auch benz, Werbung vor Kindern unter lauter keits gesichtspunkten, Wrp 2003, 1160 (1170 ff.). 232 Stuckel in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, b. § 4 nr. 2, rn. 25; s. auch loschelder in loschelder/erdmann/ ahrens/ u. a., Wettbewerbs recht, § 49 rn. 13 ff. 233 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 2.20. 234 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 3.2; Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 3.5. 182 Tarnung von Werbung als wissen schaft liche, fach liche oder private Äußerung, von Werbematerial, des Vor täuschens eines redak tio nellen Beitrages, einer unabhängi gen oder objektiven Berichterstat tung oder der be zahlten Produkt platzie rung in Kino‑ filmen.235 Auch Onlinewer bung, die den nicht‑werb lichen Elementen einer an Kinder gerich teten Seite ähnelt, kann den Werbecharakter ver schleiern und insbesondere Kinder in die Irre führen.236 Zu weiteren Kriterien, die für die Erkenn bar keit werb‑ licher Inhalte heran gezogen werden, siehe im Übrigen unten Kapitel 6.3.5. Nr. 4 (Ver kaufs förde rungs maßnahmen) normiert für die Fälle von Ver kaufs förde‑ rungs maßnahmen, d. h. Rabattak tionen und Preis nachlässe, Zugaben oder Geschenke, hohe Anforde rungen an die Klarheit der Bedin gungen ihrer Inanspruchnahme. Der Ver braucher muss er kennen können, unter welchen Voraus setzungen der Unter nehmer die an gepriesenen Maßnahmen durch führt und welche Folgen daraus für den Ver‑ braucher er wachsen. Diese Bedin gungen müssen gut zugäng lich und leicht ver ständ‑ lich sein.237 Im Internet können die Bedin gungen auch über die Form eines Links zugäng lich ge macht werden – dann muss aber der Link klar erkenn bar sein und dem Ver braucher unzweideutig den Weg zu den Teilnahmebedin gungen weisen, etwa durch die Bezeich nung „Rabattbedin gungen“, „Teilnahmebedin gungen“ etc.238 In Fällen von Gewinn spielen oder Preis ausschrei bungen sieht Nr. 5 ent sprechende Anforde rungen an die Informa tion der Ver braucher über die Teilnahmebedin gungen vor. Der BGH hat in Bezug auf Nr. 5 anerkannt, dass zu den Informa tionen auch die über die Person des Gewinn spiel veranstalters ge hören.239 Nr. 6 (Ver bindung von Kauf und Gewinn spielteilnahme) stellt klar, dass das Ab‑ hängigmachen der Teilnahme an einem Preis ausschreiben bzw. Gewinn spiel 240 von dem Produkterwerb unlauter ist. In Fällen, in denen die Gewinn spielteilnahme sonst recht lich oder faktisch an den Produkt kauf ge koppelt wäre, muss der Unter nehmer jeden falls alternative Teilnahmemöglich keiten für Ver braucher offen halten, die auch ohne Erwerb teilnehmen möchten, um nicht unlauter zu handeln.241 Auf diese Alter‑ nativen muss deut lich erkenn bar hin gewiesen werden. Eben falls in der Praxis relevant ist § 4 Nr. 11 UWG (Ver stoß gegen Markt verhaltens‑ vorschrift), die den vormals wettbewerbs recht lichen „Vor sprung durch Rechts bruch“ als 235 S. aus führ lich zu den fall gruppen Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 3.13 ff. 236 S. lg berlin grur-rr 2011, 332 ff. 237 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 4.8; Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 4.16. 238 vgl. olg Stuttgart mmr 2007, 385 (386); olg Dresden Wrp 2008, 1389 (1390); s. auch bgh grur 2005, 438 (441); bgh grur 2007, 159 (160). 239 bgh Wrp 2008, 1069 tz. 14; Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 5.11. 240 beim gewinn spiel hängt die ent schei dung über den gewinn vom zufall ab, beim preis ausschreiben vom Wissen oder Können der teilnehmer; vgl. Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 1.107. 241 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 6.21. 183 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen unlauter markiert: Hält sich ein Unter nehmer im Rahmen seiner geschäft lichen Hand‑ lun gen, d. h. auch bei seinen werb lichen Äußerun gen, nicht an gesetz liche Normen, und schützen diese Normen (auch) den Wettbewerber, den Ver braucher oder andere Markt teilnehmer, so ist dieses Ver halten gem. Nr. 11 automatisch unlauter. Damit wird die Norm wettbewerbs recht liches Einfallstor für recht liche Vor gaben aus teils ganz anderen Rechts gebieten. So ist etwa anerkannt, dass die medien ord nungs recht lichen Werbe vorschriften in RStV und JMStV 242 sowie die Vor gaben in Bezug auf kommer‑ zielle Kommunika tion in § 6 TMG auch ver braucher schützende Anteile auf weisen (s. dazu im Einzelnen unten Kaptitel 6.3.7).243 Ver stöße gegen ent sprechende Vor schriften im Rundfunk‑ und Telemedien recht er füllen dadurch immer auch den Unlauter keits‑ tatbestand in Nr. 11. Über schreiten die Gesetzes verstöße zudem die wettbewerbs recht‑ liche Spürbar keits schwelle des § 3 Abs. 1, 2 UWG (s. oben), so sind diese auch wett‑ bewerbs recht lich unzu lässig. Inwieweit auch Daten schutz vorschriften den er forder lichen Marktbezug auf weisen, ist umstritten.244 6.2.4 unlauter Keit der irrefüh rung gem. § 5 uwg Eine weitere Konkretisie rung der Unlauter keit ergibt sich aus § 5 UWG: § 5 UWG (Auszug) (1) Unlauter handelt, wer eine irreführende geschäft liche Handlung vornimmt. Eine geschäft liche Handlung ist irreführend, wenn sie unwahre Angaben ent hält oder sonstige zur Täuschung ge eignete Angaben über folgende Um‑ stände ent hält: 1. die wesent lichen Merkmale der Ware oder Dienst leis tung wie Ver fügbar‑ keit, Art, Aus führung, Vor teile, Risiken, Zusammen setzung, Zubehör, Ver fahren oder Zeitpunkt der Herstel lung, Liefe rung oder Erbrin gung, Zwecktauglich keit, Ver wen dungs möglich keit, Menge, Beschaffen heit, 242 S. bghz 173, 188; bgh grur 2008, 534 rn 49 f.; olg Dresden Cr 2007, 662 (665 f.); hefermehl/Köhler/bornkamm § 4 rdn 11.180; müKo/Schaffert § 4 nr. 11 rdn 182. 243 olg hamburg mmr 2003, 105 (106); v. Jagow in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 4 nr. 11 uWg rn. 124. 244 ohly in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 11.79 (m. w. n.); vgl. aber den referenten entwurf des bmJv vom Juni 2014, der eine aus weitung der aktivlegitima tion bei unter lassungs klagen von u. a. ver braucherzentralen bei vor schriften vor sieht, „die für die erhebung, ver arbei tung oder nutzung personen bezogener Daten eines ver brauchers durch einen unter nehmer gelten“; damit wäre ein vor gehen der klageberechtigten Stellen im uKlag auch bei Daten schutz verstößen möglich. vgl. referenten entwurf des bundes- ministeriums der Justiz und für ver braucher schutz, ent wurf eines gesetzes zur ver besse rung der zivil recht lichen Durch setzung von ver braucher schützen den vor schriften des Daten schutz rechts, www.brak.de w/files/newsletter_archiv/berlin/2014/238anlage. pdf [20. 07. 2014]. 184 Kunden dienst und Beschwerde verfahren, geographi sche oder be trieb liche Herkunft, von der Ver wendung zu er wartende Ergeb nisse oder die Ergeb‑ nisse oder wesent lichen Bestand teile von Tests der Waren oder Dienst‑ leis tungen; 2. den Anlass des Ver kaufs wie das Vor handensein eines be sonde ren Preis‑ vorteils, den Preis oder die Art und Weise, in der er be rechnet wird, oder die Bedin gungen, unter denen die Ware ge liefert oder die Dienst leis tung er bracht wird; 3. die Person, Eigen schaften oder Rechte des Unter nehmers wie Identität, Ver mögen einschließ lich der Rechte des geisti gen Eigentums, den Umfang von Ver pflich tungen, Befähi gung, Status, Zulas sung, Mitglied schaften oder Beziehungen, Aus zeich nungen oder Ehrungen, Beweggründe für die geschäft liche Handlung oder die Art des Ver triebs; 4. Aus sagen oder Symbole, die im Zusammen hang mit direktem oder in‑ direktem Sponsoring stehen oder sich auf eine Zulas sung des Unter neh‑ mers oder der Waren oder Dienst leis tungen be ziehen; 5. die Notwendig keit einer Leistung, eines Ersatz teils, eines Aus tauschs oder einer Reparatur; 6. die Einhal tung eines Ver haltens kodexes, auf den sich der Unter nehmer ver bind lich ver pflichtet hat, wenn er auf diese Bindung hinweist, oder 7. Rechte des Ver brauchers, insbesondere solche auf Grund von Garantie‑ versprechen oder Gewährleis tungs rechte bei Leis tungs störun gen. § 5 Abs. 1 statuiert das allgemeine Gebot, dass Irrefüh rung durch geschäft liches Han‑ deln stets unlauter ist und konkretisiert auch damit den Begriff der Unlauter keit aus § 3 Abs. 1 UWG. Das „Hervor rufen eines unrichti gen, der Wirklich keit nicht ent‑ sprechen den Eindrucks, unter dem der Getäuschte seine Ent schei dung in (un bewusster) Unkenntnis vom wahren Sach verhalt trifft“, läuft der grundlegen den Prämisse, sich Wettbewerbs vorteile nicht durch Täuschung zu ver schaffen, zuwider.245 Umfasst von der Vor schrift sind aus schließ lich Angaben in Form von Tatsachen‑ behaup tungen, reine Meinungs äuße rungen ohne über prüf baren Tatsachenkern sind keine Angaben im Sinne von § 5 Abs. 1 UWG.246 In der gericht lichen Spruchpraxis und in der Literatur hat sich eine Vielzahl von Fall gruppen irreführen der Angaben 245 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 5 rn. 8; bghz 13, 244 (253); grur 66, 445 (447); grur 83, 512 (513); grur 91, 852 (854); grur 2005, 877 (879 f.). 246 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 5 rn. 89. 185 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen etabliert, darunter objektiv falsche Angaben, unklare oder allgemein ge haltene Angaben, ver schleiernde oder tarnende Angaben, unvollständige oder mehrdeutige, miss verständ‑ liche Angaben, Über trei bungen und objektiv richtige Angaben, die auf grund ihrer Ver wendung im Einzelfall irreführende Wirkung hervor rufen können oder als reine Selbst verständlich keiten zu be werten sind. Die Falltypen machen deut lich, dass sich die Vor schrift in der Praxis vielfach mit Beispieltatbeständen aus § 4 UWG (s. oben) über schneidet, da die dort ge nannten Falltypen oftmals auch eine Irrefüh rung des Ver brauchers zur Folge haben können.247 Wichti ger Unter schied z. B. im Hinblick auf § 4 Nr. 28 UWG ist, dass das Aus nutzen be stimmter Ver brauchermerkmale für § 5 Abs. 1 UWG nicht er forder lich ist.248 Bei der Bewer tung der Eignung einer geschäft lichen Handlung zur Irrefüh rung kommt es regelmäßig darauf an, die Auf fassung der an gesprochenen Ver kehrs kreise objektiv zu be stimmen („Ver kehrs auffas sung“). Dafür ist neben der jeweili gen Identifi‑ zie rung der be teiligten Ver kehrs kreise, an die sich die Werbung richtet, auch deren objektiver Eindruck von der Werbe aussage – das Ver ständnis – zu er mitteln.249 Erst dann ist eine Bewer tung darüber möglich, ob die auf seiten der be teiligten Ver kehrs‑ kreise er weckte Vor stel lung mit der tatsäch lichen Lage über einstimmt 250 (zu den Kriterien der Ermitt lung von Ver kehrs kreisen und Ver kehrs auffas sung s. unten Kapi‑ tel 6.6.2). 6.2.5 unzulässig Keit unzu mutbarer belästi gungen nach § 7 uwg Unabhängig von dem Unlauter keits begriff des § 3 Abs. 1, 2 UWG und seinen oben be schriebenen Voraus setzungen (Spürbar keits schwelle) und Konkretisie rungen durch § 3 Abs. 3 inkl. Anhang, § 4 und § 5 UWG sieht § 7 Abs. 1 UWG die Unzulässig keit von geschäft lichen Handlun gen vor, die Markt teilnehmer unzu mutbar be lästi gen. § 7 UWG – Unzumut bare Belästi gungen (1) Eine geschäft liche Handlung, durch die ein Markt teilnehmer in unzu mutbarer Weise be lästigt wird, ist unzu lässig. Dies gilt insbesondere für Werbung, 247 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 5 rn. 16. 248 Dreyer in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 5 rn. 16. 249 bghz 13, 244 (253); bgh grur 1961, 193 (196); bgh grur 1987, 171 (172); bgh grur 1991, 852 (854); bgh grur 1995, 612 (614); bgh grur 1996, 910 (912); bghz 156, 250 (252). 250 vgl. bornkamm in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 5 rn. 2.74. 186 obwohl erkenn bar ist, dass der an gesprochene Markt teilnehmer diese Werbung nicht wünscht. (…). Schutz zweck der Norm ist – anders als bei den Unlauter keits tatbeständen – nicht die Ent schei dungs frei heit der Markt teilnehmer (insbesondere der Ver braucher), sondern der Schutz vor Beeinträchti gung ihrer privaten oder geschäft lichen Sphäre.251 Vor diesem Hinter grund ist eine geschäft liche Handlung dann be lästigend, wenn sie „dem Empfänger auf gedrängt wird und dies bereits wegen ihrer Art und Weise unabhängig von ihrem Inhalt als störend empfunden wird“.252 Letzteres weist auf den Umstand hin, dass wegen ihres Inhalts als an stößig empfundene Werbung gerade nicht be lästigend im Sinne von § 7 Abs. 1 UWG ist.253 Dagegen kann auch eine aus drück lich als Werbung ge kennzeichnete Handlung be lästigend im Sinne von § 7 Abs. 1 UWG sein.254 Inwieweit eine Belästi gung für den Markt teilnehmer zumut bar ist, muss dabei im Rahmen einer Interessen abwä gung er mittelt werden; Kriterien bei der Ab wägung sind etwa die Erheblich keit der Störung, der für die Ent gehung nötige Aufwand, die Sphäre, die mit der Belästi gung ge stört wird (privat vs. öffent lich) oder die wirtschaft liche Bedeu tung der Werbeform für den Werbetreiben den und die diesem zur Ver fügung stehen den alternativen Werbeformen.255 Traditio nell richtet sich der Aus sagegehalt von § 7 Abs. 1 UWG gegen Formen des Direktmarketings, also der individuellen oder gar persön lichen Ansprache des Markt teilnehmers. Auf grund der Kommunika tions situa tion bei der Nutzung von Onlineinhalten sind aber auch be stimmte Aspekte von Werbung auf ent sprechen den An geboten in den Anwen dungs fokus der Vor schrift gerückt. Insbesondere die von Pop‑ups aus gehende Belästi gung kann in Einzelfällen die Grenze der Unzumut bar keit über schreiten, etwa wenn sich die vor dem eigent lich er wünschten Inhalt öffnende Werbeform nicht ohne Weiteres schließen lässt, eine (deut lich) ver zögerte Ladezeit zur Folge hat oder die Anzahl der Pop‑ups zu einer Unter brechung der Computernut zung zwingt.256 Auch die aktive Umgehung von auf Nutzer seite installierten Pop‑up‑Blockern kann ein Indiz für eine unzu mutbare Belästi gung sein.257 Der Einsatz von Pop‑ups oder ver wandten Werbeformen (z. B. Inter stitials), mag aus Sicht einzelner Markt teil‑ 251 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 7 rn. 2 f.; ohly in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 7 rn. 1. 252 ohly in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 7 rn. 24; begr rege uWg 2004, bt-Drucks 15/1487, S. 20. 253 S. auch bverfg grur 2001, 170 (173 f.); bverfg grur 2003, 442 (444). 254 Schirmbacher, uWg 2008: aus wirkungen auf den e-Commerce, K&r 2009, 433 (437). 255 ohly in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 7 rn. 25. 256 vgl. ohly in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 7 rn. 95; bornkamm/Seichter Cr 2005, 747 (752). 257 vgl. micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, recht der elektroni schen medien: Kommentar, 2. aufl., münchen 2011, § 6 tmg, rn. 33. 187 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen nehmer lästig er scheinen, wird aber in aller Regel zumut bar sein 258 – jeden falls im Hin‑ blick auf er wachsene Nutzer (zum Maßstab bei Kindern s. unten Kapitel 6.6).259 6.2.6 fOrmen der rechts durchset zung und durch set zungs berechtigte im uwg Grundlagen der Rechts durchset zung im Falle wettbewerbs recht lich unzu lässiger Hand‑ lun gen sind regelmäßig zivil recht liche Ansprüche auf Beseiti gung und Unter lassung (§ 8 UWG) 260, Ansprüche auf Schaden ersatz (bei Ver schulden, § 9 UWG) sowie – seltener – Ansprüche auf Gewinnabschöp fung (bei Vorsatz, § 10 UWG). Das UWG sieht auch strafrecht liche Sanktionen für be stimmte Werbeformen vor, diese spielen aber im Rahmen von Onlinewer bung in der Regel keine Rolle (vgl. §§ 16 bis 19 UWG).261 So bleibt in der Praxis als erster Ab wehranspruch die wettbewerbs recht liche Ab mahnung nach § 8 Abs. 1 UWG und – so der Ab gemahnte eine Unter lassungs‑ verpflich tung nicht abgibt – die Unter lassungs klage vor dem Landgericht das Standard‑ instrument der Durch setzung wettbewerbs recht licher Interessen. Anspruchs berechtigt sind, anders als es die Schutz rich tung des UWG ver muten lässt, gemäß § 8 Abs. 3 UWG die Mitbewerber (Nr. 1), Wirtschafts‑ und Berufs verbände (Nr. 2), qualifizierte Einrich tungen zum Schutz von Ver braucherinteressen (Nr. 3) sowie die Industrie‑ und Handels kammern und Handwerks kammern (Nr. 4). Einzelne Ver braucher sind dagegen nicht klageberechtigt. 6.3 rundfunK- und telemedien recht liche werberegulie rung Neben dem allgemeinen Wettbewerbs recht, dessen Vor gaben regelmäßig durch zivil‑ recht liche Unter lassungs ansprüche von Mitbewerbern, Wettbewerbs zentralen oder Ver braucher schutz verbänden durch gesetzt werden, sieht das Medien ord nungs recht in 258 vgl. lg Düsseldorf, mmr 2003, 486 und lg berlin grur-rr 2011, 332 (334), die ein pop-up, das nach fünf Sekunden geschlossen werden kann, für zumut bar halten. teilweise werden in der literatur auch längere einblen dungen, die nicht vor zeitig schließ bar sind, an gesichts des kosten losen hauptangebots für noch zumut bar ge halten, vgl. rauda grur-rr 2011, 334. 259 zu der frage, inwieweit sich der maßstab der ermitt lung der zumut bar keit bei handlun gen, die sich an Kinder richten, ver schieben kann, s. unten Kapitel 6.6. 260 Die beweis last liegt dabei nach allgemeinen grundsätzen beim Kläger, vgl. Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 3 rn. 134. 261 S. auch lindloff/fromm, ist ge kennzeichnete redaktio nelle Werbung auf Webseiten straf bar? Strafrecht liche relevanz des ver- schleierns von Werbehand lungen, mmr 2011, 359 ff. 188 RStV und TMG dien stespezifi sche Werbe vorschriften vor, deren Einhal tung regelmäßig der Auf sicht durch die Landes medien anstalten unter liegt.262 Die werberecht lichen Vor gaben des RStV ver folgen dabei – wie das UWG – den Schutz der Rezipienten vor der Irrefüh rung durch ge tarnte Werbung und sichern damit die Ent schei dungs autonomie des Ver brauchers. Und auch sie dienen den Interessen des Marktes und der Mitbewerber an der Gleich heit der wettbewerb lichen Aus gangs‑ bedin gungen. Darüber hinaus aber er scheinen die rundfunkrecht lichen Werbe vorschrif‑ ten als Teil der objektiv‑recht lichen Garantie der Rundfunk frei heit 263: Der Schutz der Unabhängig keit der Programm gestal tung, etwa vor den Wünschen wirtschaft licher Geldgeber, dient dabei der Siche rung des ver fassungs recht lichen Ziels der Medien frei‑ heiten, nämlich eines freien individuellen und öffent lichen Meinungs bil dungs prozesses. Ziel von Werberegulie rung ist vor diesem Hinter grund der Aus schluss sachfremder Einflüsse Dritter auf die redaktio nelle Gestal tung von (ver fassungs recht lichem) Rund‑ funk.264 Der Rundfunkstaats vertrag ent hält neben einer Vielzahl werberecht licher Vor gaben für bundes weit ver brei teten Rundfunk auch ab gestufte werberecht liche Vor schriften für Telemedien (§ 58 Abs. 1 RStV) und audiovisuelle Mediendienste auf Abruf (§ 58 Abs. 3 RStV). Während für „traditio nelle“, d. h. lineare Rundfunk programme die Vor‑ gaben aus §§ 7 bis 8a RStV (qualitative Werbe vorschriften) und §§ 44 bis 46a RStV (Produkt platzie rung und quantitative Werbe vorschriften) gelten, sollen auf audiovisuelle Mediendienste auf Abruf – „Telemedien mit Inhalten, die nach Form und Inhalt fernsehähn lich sind und die von einem Anbieter zum individuellen Abruf zu einem vom Nutzer ge wählten Zeitpunkt und aus einem vom Anbieter fest gelegten Inhalte‑ katalog bereit gestellt werden“ – ledig lich die §§ 7 und 8 RStV anwend bar sein. Für die übrigen Telemedien sieht der Rundfunkstaats vertrag dagegen aus schließ lich die Geltung von § 58 Abs. 1 RStV vor. Für alle Formen von Telemedien gelten daneben die Vor gaben aus § 6 TMG. Zur Klärung der Frage, welche „Stufe“ werberecht licher Vor schriften für ein be stimmtes Onlineangebot gilt, ist insoweit die Identifizie rung des jeweils vor liegen den Dienstes nötig. 262 ausnahmen be stehen in den bundes ländern bayern, nieder sachsen, nordrhein-West falen (bis 05. 07. 2014), rheinland-pfalz und Sachsen, wo jeweils eine andere Stelle als die landes medien anstalt zuständige auf sichts behörde ist. 263 ladeur in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 7 rstv rn. 4; vgl. auch hoffmann-riem/Schulz/held, Konvergenz, S. 42; engels, fernsehwer bung, S. 327 f.; herkströter, zum 1992, 395. 264 vgl. Smid in Spindler/Schuster, rdm, § 58 rStv rn. 6 f.; s. zum ganzen auch zimmermann, product placements in den elektroni- schen medien, 2014 (im erscheinen). 189 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.3.1 ab gren zung der dien stesPezifi schen anwen dungs bereiche der vOr gaben in rstv und tmg Wichtig für die Einord nung eines Telemediums unter die unter schied lichen Werbe‑ rechts vorgaben in RStV und TMG ist zunächst § 2 Abs. 1 RStV, der Rundfunk als „linearen Informa tions‑ und Kommunika tions dienst“ definiert, eine „für die Allgemein‑ heit und zum zeit gleichen Empfang be stimmte Ver anstal tung und Ver brei tung von An geboten in Bewegtbild oder Ton ent lang eines Sendeplans unter Benut zung elektro‑ magneti scher Schwin gungen“. Telemedien sind dagegen „alle elektroni schen Informa‑ tions‑ und Kommunika tions dienste, soweit sie nicht Telekommunika tions dienste (…) oder telekommunika tions gestützte Dienste (…) oder Rundfunk (…) sind.“ 265 Die negative Ab gren zung der Telemedien führt in der Praxis der Dienstedifferenzie‑ rung bei Erschei nungs formen von Onlinewer bung dazu, dass An gebote zunächst als Telemedien zu identifizie ren sind – es sei denn, es liegen Umstände vor, die auf eine Einord nung als Rundfunk dienst, Telekommunika tions dienst oder telekommunika‑ tions gestützter Dienst hinweisen. Dass es sich bei einem Dienst um Rundfunk und kein Telemedium handelt, ist nach § 2 Abs. 1 RStV dann der Fall, wenn die zentralen Kriterien der Lineari tät, der Ver brei tung von Bewegtbild oder Ton sowie der Bestim mung für die Allgemein heit (kumulativ) vor liegen. Erfolgt die Ver brei tung der Diensteinhalte ent lang eines Sende‑ plans und für eine unüber schau bare Anzahl von Rezipienten zeit gleich in Form von Bewegtbildern oder Tönen, so handelt es sich regelmäßig um Rundfunk. Typische Beispiele für derartige Dienste sind der herkömm liche Rundfunk, das Live‑Streaming („zusätz liche parallele/zeit gleiche Über tragung herkömm licher Rundfunk programme über das Internet“) und Webcasting („aus schließ liche Über tragung herkömm licher Rundfunk programme über das Internet“).266 Eine Aus nahme davon gilt, wenn die Aus schluss kriterien des § 2 Abs. 3 RStV vor liegen (weniger als 500 gleichzeitige theoreti‑ sche Nutzer, unmittel bare Wieder gabe aus Speichern von Empfangs geräten [Near‑ Video‑on‑Demand], aus schließ lich persön liche oder familiäre Zwecke, keine jour na‑ listisch‑redaktio nelle Gestal tung, Pay‑per‑View).267 265 zur Dienste abgren zung s. aus führ lich holznagel/nolden in hoeren/Sieber/holznagel, handbuch multimedia-recht: rechts fragen des elektroni schen geschäfts verkehrs, 38. ergl. aufl., münchen 2014, teil 5 rn. 82 ff.; alten hain in Joecks/Schmitz, Stgb neben- strafrecht ii, münchen 2010, § 1 tmg rn. 4 ff.; erdemir in Spindler/Schuster, rdm, § 2 JmStv rn. 5 ff. 266 holznagel/ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 1 tmg, rn. 9. 267 zur ab gren zung im einzelnen s. Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 42 ff. und rn. 51 ff. (m. w. n.); gitter in beck’scher Kommentar zum recht der telemediendienste, münchen 2013, § 1 tmg rn. 33 ff., rn. 43 ff. 190 Kriterien, die einen Telekommunika tions dienst aus zeichnen, sind dagegen rein techni sche Infrastruktur‑ und Transportleis tungen 268: Telekommunika tions dienste werden in § 3 Nr. 24 TKG definiert als „in der Regel gegen Ent gelt er brachte Dienste, die ganz oder über wiegend in der Über tragung von Signalen über Telekommunika‑ tions netze be stehen, einschließ lich Über tra gungs dienste in Rundfunknetzen“. Tele‑ kommu nika tions gestützte Dienste sind daneben Dienste, „die keinen räum lich und zeit lich trenn baren Leis tungs fluss aus lösen, sondern bei denen die Inhalts leis tung noch während der Telekommunika tions verbin dung erfüllt wird“ (§ 3 Nr. 25 TKG). Letzteres ist etwa bei telefoni schen Mehrwertdiensten oder Aus kunfts nummern der Fall. 6.3.2 streit um die anwend bar Keit des rstv auf mei nungs irrelevante telemedien Liegen diese rundfunkspezifi schen Kriterien bei Onlineangeboten nicht vor, handelt es sich der Legaldefini tion nach um Telemedien – das TMG und die telemedien recht‑ lichen Vor gaben im RStV und TMG sind dann dem Begriff nach anwend bar. Im Hinblick auf die im RStV auf Telemedien be zogenen Vor schriften (also gemäß § 1 Abs. 1 2. Hs. RStV „nur der IV. bis VI. Ab schnitt sowie § 20 Abs. 2“) besteht allerdings der Streit, inwieweit hier eine ver fassungs konforme Einschrän kung des Anwen dungs‑ bereichs der ent sprechen den Vor schriften aus schließ lich auf solche Telemedien vorzu‑ nehmen ist, denen eine Meinungs bil dungs relevanz zuzu sprechen ist.269 Zum einen folge dies aus der Ent stehungs geschichte der be troffenen RStV‑Vorschriften, die ledig‑ lich die vormals im MDStV ent haltenen Vor gaben für mei nungs bil dungs relevante Mediendienste unter den neuen zentralen Begriff der Telemedien in den RStV über‑ führe 270, zum anderen diene der RStV der Aus gestal tung der ver fassungs recht lichen Rundfunkord nung, und unter den ver fassungs recht lichen Rundfunk begriff fielen aus schließ lich Informa tions‑ und Kommunika tions dienste, die ent sprechen den Einfluss auf die individuelle und öffent liche Meinungs bildung hätten.271 Zudem habe der 268 vgl. bt-Drucks. 16/3078, S. 13; broich in müller-broich, telemedien gesetz, 1. aufl., baden-baden 2012, § 1 rn. 3; holznagel/ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 1 rn. 5 ff., rn. 8. 269 S. holznagel/ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 1 tmg rn. 18 f.; holznagel/nolden in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 5, rn. 73; zur problematik der bedeu tung der einzelnen Dienste für die öffent liche und individuelle meinungs bildung siehe auch Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 20 rStv rn. 20. 270 zur ent stehungs geschichte und den partiell über nommenen normen s. held in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 54 rStv rn. 3 ff. 271 vgl. Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 22 unter ver weis auf trute, vvDStrl 57, 1998, 241, fn. 99; holznagel/ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 1 tmg rn. 19; holznagel/Kibele in Spindler/Schuster, rdm, § 2 rStv rn. 21; holznagel/ nolden in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 5, rn. 60. 191 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Landes gesetz geber als Staats vertrags geber nicht die nötige Gesetz gebungs kompetenz, um Vor gaben für Telemedien zu er lassen, die keinen massen kommunikativen Charakter, sondern aus schließ lich wirtschaft liche Aspekte auf weisen.272 Telemedien, die nicht mei nungs bil dungs relevant sind, unter fielen nach dieser Ansicht aus schließ lich den Regelun gen des TMG, Telemedien mit Meinungs bil dungs relevanz dagegen den Vor‑ schriften des TMG und den auf Telemedien anwend baren Vor schriften des RStV. Soweit die werbebezogenen Vor schriften für Telemedien im RStV restriktivere Vor gaben machen als die des TMG (s. dazu unten Kapitel 6.3.7), käme es dann darauf an, die Meinungs bil dungs relevanz eines Telemediums zu er mitteln, um die konkreten werbe‑ recht lichen Anforde rungen an den jeweili gen Dienst ab schließend zu identifizie ren.273 Der an gesprochene Streit kann im Rahmen dieser Unter suchung nicht ab schließend auf gelöst werden, findet aber ent sprechende Beach tung bei der Ermitt lung von mög‑ lichen Regulie rungs optimie rungen (s. unten Kapitel 6.8). 6.3.3 ab gren zung vOn einfachen telemedien und audiOvisuellen mediendiensten auf abruf Innerhalb der Telemedien (ggf. nur solchen mit Meinungs bil dungs relevanz, s. o.) muss dann innerhalb des RStV erneut ab gegrenzt werden, diesmal zwischen „einfachen“ Telemedien und den von § 58 Abs. 3 RStV ge nannten „audiovisuellen Telemedien auf Abruf“. Die Vor schrift definiert Letztere als „Telemedien mit Inhalten, die nach Form und Inhalt fernsehähn lich sind und die von einem Anbieter zum individuellen Abruf zu einem vom Nutzer ge wählten Zeitpunkt und aus einem vom Anbieter fest gelegten Inhaltekatalog bereit gestellt werden“ (vgl. § 2 Nr. 6 TMG). Die damit im Kern um‑ schriebenen Video‑on‑Demand‑Angebote zeichnen sich dadurch aus, dass der Medien‑ dienste anbieter dem Nutzer einen Empfang zu dem vom Nutzer ge wählten Zeitpunkt und auf dessen individuellen Abruf hin aus einem vom Mediendienste anbieter fest‑ gelegten Programm katalog bereit stellt (vgl. Art. 1 lit. g AVMD‑Richtlinie). „Fernseh‑ ähnlich keit“ soll nach Erwä gungs grund 17 der Richtlinie dort ge geben sein, wo ein Dienst auf das gleiche Publikum herkömm licher, linearer Fernsehsen dungen aus gerichtet ist und der Nutzer auf grund der Art und Weise des Zugangs zu diesen Diensten ver‑ 272 Jaschinski in heise online-recht, 3. ergl. 2011, Kapitel iv. gewinn- und glücks spiele, rn. 112. 273 Dass die landes medien anstalten auch die nach tmg zuständi gen auf sichts behörden der länder sind bzw. sein können, bleibt von dem Streit um die materielle gesetz gebungs kompetenz un berührt; vgl. Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 59 rStv rn. 22. 192 nünftiger weise einen Rege lungs schutz im Rahmen der Richtlinie er warten kann.274 Insbesondere in Bezug auf Video‑Platt formen, die zum größten Teil aus von Dritten ein gestellten Einzelfilmen besteht (z. B. YouTube, MyVideo, Clipfish etc.) stellt sich die Frage, inwieweit diese ggf. unter den Begriff der audiovisuellen Mediendienste auf Abruf zu subsumie ren sind. Hier kann zwar be hauptet werden, bei den an gebotenen Videos handele es sich (jeden falls teils) auch um fernsehähn liche Inhalte – soweit einiger maßen professio nell produzierte Videos Teil des An gebots sind –, die vom jeweili gen Nutzer zu einem, von diesem be stimmten Zeitpunkt ab gerufen werden, doch fällt die Subsum tion ent sprechen der An gebote unter solche, bei denen der Anbieter die Filme „aus einem (…) fest gelegten Inhaltekatalog“ bereit stellt, unter schied lich aus.275 Ausweis lich der Amtlichen Begrün dung kommt es hier darauf an, dass „der Dienste anbieter die wirksame Kontrolle für die Auswahl und Gestal tung der audio‑ visuellen Inhalte des audiovisuellen Mediendienstes ausübt“.276 Diese be wusste Fest‑ legung, Auswahl und Gestal tung ist jeden falls bei solchen Platt formbetreibern, die den Nutzern den Upload eigener Inhalte von vornherein freistellen, gerade nicht vor handen, sodass der unaufhör liche Zustrom nutzer generierter Inhalte auf eine ent‑ sprechende Platt form zu dem Aus schluss einer Fernsehähnlich keit führt, wenn der Anbieter nicht eine weitere Kategorisie rung oder Einord nung vornimmt.277 6.3.4 KOnKretisie rung des „dienste anbieters“ bei zusammen gesetzten diensten Ein weiteres Problem ergibt sich im Hinblick auf die Rege lungs adressaten von RStV und TMG: Beide Gesetzes werke machen bei Telemedien zentral am „Dienste anbieter“ fest, was insbesondere dort problematisiert wird, wo ein Online‑Angebot aus mehreren Dienst segmenten unter schied licher Kommunikatoren zusammen gesetzt ist. So kann ein unter einer be stimmten URL ab rufbares Online‑Angebot etwa aus den vom Anbieter hinter legten Inhalten be stehen (Text, Fotos, Videos), die von vom Anbieter vor gesehenen Werbeplätzen umrahmt sind und dann von externen Werbedienst leistern mit Werbeinhalten ge füllt werden. Der Anbieter selbst hat hier unter schied lich starken 274 erwä gungs grund 17, abl. eg nr. l 332 v. 18. 12. 2007, S. 27, 29. 275 zur restriktiven aus legung der „fernsehähnlich keit“ auf grund von kompetenzrecht lichen Über legungen s. Jaschinski in heise online-recht, 3. ergl. 2011, Kapitel iv. gewinn- und glücks spiele, rn. 112. 276 bt-Drs. 17/718, S. 8. S. auch gitter in beck’scher Kommentar zum recht der telemediendienste, § 2 tmg rn. 18. 277 inwieweit die zurverfü gungs tellung von taggingmöglich keiten oder Kategorisie rungen durch nutzer eine derartige relevante „zusammen stel lung“ sein kann, die dem platt formanbieter zuzu rechnen ist, kann be zweifelt werden. offen ge lassen bei Schulz/ heilmann, redaktio nelle ver antwor tung – anmer kungen zu einem zentralen begriff der regulie rung audiovisueller mediendienste, S. 27. 193 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Einfluss darauf, welche Inhalte auf den Werbeplätzen im Einzelnen zu sehen sind. Hier stellt sich die Frage, wer Dienste anbieter in Bezug auf den Werbeplatzinhalt ist: Der Anbieter des Gesamtangebots, der Werbedienst leister, der die Werbeplätze „be‑ spielt“ – oder beide? Als eine weitere Fallkonstella tion er scheinen durch den Anbieter des Gesamtangebots ein gebettete Inhalte, die aus Inhalten Dritter be stehen und teils von externen Platt formen vor gehalten werden: Bettet ein Anbieter in sein An gebot etwa ein Video von einer Videoplatt form ein, das zudem von einem Dritten ein gespielte Werbung ent hält, so kommen als Dienste anbieter der Werbung innerhalb des ein‑ gebet teten Videos bereits vier Akteure in Betracht: der Anbieter des Gesamtangebots, der Anbieter des Films, der Anbieter der Videoplatt form, auf dem der Film bereit‑ gehalten wird oder der Werbedienst leister des in den Film ein gespielten Werbeinhalts – oder auch hier: alle? Der Begriff des Dienste anbieters wird in der Literatur nach funktionalen Kriterien be stimmt. Zunächst bleibt fest zustellen, dass der Dienste anbieter begriff selbst davon aus geht, dass ein Telemediendienst aus unter schied lichen Teilmengen, Segmenten oder „eigenständig nutz baren Informa tions‑ und Kommunika tions einheiten“ 278 be stehen kann, wenn § 2 S. 1 Nr. 1 TMG davon spricht, dass der Dienste anbieter „eigene oder fremde Telemedien zur Nutzung be reithält oder den Zugang zur Nutzung ver mittelt“: Ein Dienste anbieter (d. h. der Anbieter eines Dienstes) hält einen oder mehrere und eigene oder fremde Telemedien bereit bzw. ver mittelt deren Nutzung.279 Dienste anbieter ist dabei derjenige, der durch seine Weisun gen oder „Herrschafts macht über Rechner und Kommunika tions kanäle Ver brei tung oder Speichern von Informa tionen er möglicht und nach außen als Erbringer von Diensten auf tritt“.280 Dabei spielt es für den Anbieter keine Rolle, wie er „sein An gebot be werkstelligt oder wessen Inhalte, Produkte oder Werbung auf einer Seite an gezeigt werden“.281 Im Zentrum der Anbieteridentifika tion steht seine Funktion als derjenige, der dem Nutzer die Nutzung eines Telemediums im Sinne einer conditio sine qua non er möglicht. Dieser funktionale Ansatz führt dazu, dass in den oben ge nannten Beispielen jeden falls der Anbieter des Gesamtangebots als Dienste anbieter zu identifizie ren ist. Ohne die durch ihn vor genommene Zusammen stel lung der eigenen und fremden Telemedien wäre weder der Zugriff auf seine Inhalte noch auf die Inhalte innerhalb der Werbeplätze möglich. Er ist hier Dienste anbieter sowohl der eigenen als auch der 278 vgl. heilmann, anonymi tät für user-generated Content? ver fassungs recht liche und einfach-gesetz liche analyse der informa- tions pflichten für journalistisch-redaktio nelle an gebote und andere telemedien in §§ 5 tmg, 55 rStv, baden-baden 2013, S. 258 ff. 279 vgl. holznagel/ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 2 tmg, rn. 2, 3. 280 müller-broich, telemedien gesetz, § 2 rn. 1 unter ver weis auf Spindler in Spindler/Schmitz/geis, § 3 tDg, rn. 6; holznagel/ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 2 tmg, rn. 2. 281 müller-broich, telemedien gesetz, § 2 rn. 1. 194 fremden Telemedien (unabhängig von der Frage, ob er sich jeden falls bei den fremden Telemedien innerhalb seines Gesamtangebots auf haf tungs bezogene Privilegie rungs‑ tatbestände der §§ 7 ff. TMG berufen kann).282 In Bezug auf Websites hat das OLG Frank furt vor diesem Hinter grund an genommen, dass Dienste anbieter regelmäßig „das für die Website insgesamt ver antwort liche Unter nehmen oder die ver antwort liche Person“ ist.283 In Bezug auf die externen Zuliefe rer fremder Telemedien im Rahmen des Gesamt‑ angebots eines Anbieters folgt aus der funktionalen Sicht weise prinzipiell, dass diese eben falls die Voraus setzungen des Dienste anbieter begriffs er füllen, allerdings in Bezug auf das von ihnen bereit gehaltene (Teil‑)Telemedium; auch sie setzen eine Bedin gung, die die Nutzung des Telemediums über haupt erst er möglicht.284 Soweit der Anbieter des Gesamtangebots auf seinem An gebot Platz für Einblen dungen oder Einstel lungen Dritter be reithält, ver mittelt er den Zugang zu von diesen Dritten an gebotenen Tele‑ medien. Für die ge nannten Beispiele ergibt sich aus dieser Betrach tungs weise das Bild einer Matrjoschka: Der Anbieter des sich gegen über dem Nutzer als einheit lich ge‑ stalte ter Gesamt auftritt darstellen den An gebots ist Dienste anbieter aller der darauf bzw. darin ent haltenen eigenen und fremden Telemedien; der Zuliefe rer des Inhalts für den zu diesem Zwecke freigehaltenen Werbeplatzes ist parallel Dienste anbieter be züglich des von ihm bereit gestellten Inhalts. Auch für den ein gebet teten Film gilt: Derjenige, der den Film in sein Gesamtangebot einbettet, ist an gesichts der Ver mitt‑ lung fremder Telemedien zur Nutzung Dienste anbieter. Die Videoplatt form hält den Film zur Nutzung bereit und schafft Möglich keiten für Dritte, im Kontext der auf der Platt form vor gehaltenen Filme zu werben; die Platt form ver mittelt den Zugang zu Werbeinhalten in Form von durch Dritte zu gelieferte Telemedien. Derjenige, der den Film auf die Platt form ge laden hat, hält eben falls diesen Film zur Nutzung bereit; dass diese Person keinen eigenen Server oder kein eigenes Gesamtangebot hat, in dessen Rahmen der Film bereit gehalten wird, ist un beacht lich – ein Dienste anbieter kann sich auch fremder Infrastrukturen und Platt formen be dienen.285 Auch der externe Werbezuliefe rer ist Dienste anbieter in Bezug auf die von ihm zur Ver fügung ge stellten werb lichen Inhalte (s. o.). Auch hier folgt die Einord nung unter den Dienste anbieter‑ begriff zunächst einem weiten Ver ständnis, sodass sich Fragen der Ver antwortlich keit erst bei Hinzuziehung der §§ 7 ff. TMG ergeben. 282 hier folgt die Studie einem weiten anbieter begriff, wie er in der literatur vor herrschend ist, s. etwa liesching, beck’scher online- Kommentar JmStv, 12 aufl., 2014, § 3 rn. 7; jetzt auch Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 3 rn. 30 (m. w. n.). 283 olg frank furt, mmr 2007, 379. 284 in diese richtung auch holznagel/ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 2 tmg, rn. 2. 285 holznagel/ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 2 tmg, rn. 2. 195 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Zwischen fazit dieser Aus legung des Dienste anbieter begriffs ist, dass sich die Vor‑ schriften von TMG und RStV insbesondere bei zusammen gesetzten Diensten an mehrere Akteure gleichzeitig richten können.286 Alle Dienste anbieter unter liegen dann gleichzeitig den recht lichen Anforde rungen – also auch den werberecht lichen Vor gaben (zu den sich aus der tradi tio nellen Sicht eines „Gesamt erschei nungs bildes“ aus Nutzer‑ sicht er geben den Problemen, etwa im Hinblick auf Erkenn bar keit und Kennzeich nung s. unten Kapitel 6.6.2). 6.3.5 das tren nungs gebOt in telemedien nach § 58 abs. 1 rstv Die zentrale auf Telemedien anwend bare Werberechts vorschrift des RStV ist das in § 58 Abs. 1 statuierte Tren nungs gebot: § 58 Abs. 1 RStV Werbung muss als solche klar erkenn bar und vom übrigen Inhalt der An gebote eindeutig ge trennt sein. In der Werbung dürfen keine unter schwelli gen Techniken ein gesetzt werden. 6.3.5.1 werbebegriff des rstv in bezug auf telemedien Der Werbebegriff des RStV wird in § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV legaldefiniert: § 2 Abs. 2 Nr. 7 Satz 1 RStV Werbung (ist) jede Äußerung bei der Ausübung eines Handels, Gewerbes, Hand‑ werks oder freien Berufs, die im Rundfunk von einem öffent lich‑recht lichen oder einem privaten Ver anstalter oder einer natür lichen Person ent weder gegen Ent ‑ gelt oder eine ähnliche Gegen leis tung oder als Eigen werbung gesendet wird, mit dem Ziel, den Absatz von Waren oder die Erbrin gung von Dienst leis tungen, einschließ lich un beweg licher Sachen, Rechte und Ver pflich tungen, gegen Ent gelt zu fördern. Der für Telemedien geltende § 58 Abs. 1 RStV nutzt allerdings den Begriff „Werbung“, ohne die er forder liche Anpas sung des aus schließ lich rundfunkrecht lich ver standenen 286 S. auch alten hain in miebach/Joecks, münchener Kommentar zum Stgb. band 6/1, münchen 2010, § 2 tmg, rn. 1 ff. 196 Werbebegriffs in § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV vorzu nehmen. Der Werbebegriff muss insoweit ent sprechend 287 ver standen werden als „jede Äußerung bei der Ausübung eines Handels, Gewerbes, Handwerks oder freien Berufs, die in Telemedien von einem öffent lich‑ recht lichen oder einem privaten Anbieter oder einer natür lichen Person ent weder gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis tung oder als Eigen werbung gesendet oder zum Abruf bereit gehalten wird, mit dem Ziel, den Absatz von Waren oder die Erbrin gung von Dienst leis tungen, einschließ lich un beweg licher Sachen, Rechte und Ver pflich‑ tungen, gegen Ent gelt zu fördern“. Zunächst fällt auf, dass die be griff liche Rundfunkzentrie rung zur Folge hat, dass es auch bei Telemedien immer nur ein (Gesamt‑)An gebot gibt, innerhalb dessen Werbung er bracht wird. Vom Wortlaut her er scheint dabei die Werbung als be sondere Kom‑ munika tions form im Gegen satz zu dem „übrigen Inhalt“ eines An gebots, der – soll der Satz Sinn ergeben – gerade keine Werbung darstellt. Diese Logik scheint aus Sicht einer aus dem Fernsehen und mei nungs bil dungs relevanten Mediendiensten stammen‑ den Sicht weise nach vollzieh bar, und muss ent sprechend für Telemedien gelten, die publizisti sche An gebote machen: Hier er wartet der Nutzer eine objektive und unab‑ hängige Informa tion. Die Grenzen dieses Ver ständ nisses sind aber dort er reicht, wo Werbeplätze in ein werb liches Gesamtangebot integriert sind – hier bezöge sich der Tren nungs grundsatz auch auf die Trennung von Werbung und anderen werb lichen Inhalten und würde dem Schutz zweck nicht mehr gerecht, da der Nutzer ohnehin nicht von der Unabhängig keit der ab gerufenen Informa tionen aus ginge.288 Noch schwieri ger wird die Einord nung von Gesamtangeboten, die aus einer Vielzahl von Einzelelementen be stehen, von denen einige publizisti schen Erstel lungs‑ und Auswahl‑ Programmen folgen, einige Elemente manuell nach nicht‑publizisti schen Kriterien aus gewählt werden, und einige klar einer werb lichen Motiva tion folgen. Den Umstand, dass Gesamtangebote aus mehreren Teil‑Telemedien be stehen können (s. oben), be‑ achtet das geltende Begriffs verständnis insoweit nicht. Insofern er scheint auch hier das Ab stellen auf den Empfänger horizont bei der Klärung der Erwar tungs haltung des Nutzers nicht trivial (s. dazu unten Kapitel 6.6.2). Die Defini tion geht zudem von zwei Alternativen aus: Ent weder ent hält das Telemedium Eigen werbung, d. h. der Telemedien anbieter bewirbt eigene An gebote, Inhalte, Produkte oder Dienst leis tungen, oder aber das An gebot, Produkt oder die Dienst leis tung eines Dritten wird gegen ein Ent gelt im Telemedium des Anbieters 287 vgl. Dörr/Klimmt/Daschmann, Werbung in Computer spielen: heraus forde rungen für regulie rung und medien pädagogik, berlin 2011, S. 83. 288 vgl. Smid in Spindler/Schuster, rdm, § 58 rStv rn. 19. 197 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen be worben. Es bedarf im letzte ren Fall also der aus drück lichen Nennung des Werbe‑ objekts und einer irgendwie ge arteten Gegen leis tung.289 Deutlich wird auch, dass der Wortlaut der Werbedefini tion des RStV – anders als nunmehr das UWG (s. oben) – auch weiter hin von der Voraus setzung einer sub‑ jektiven Werbeinten tion aus geht („Ziel der Absatz förde rung“). Dass der RStV anders als das UWG bei der geschäft lichen Handlung vom Ziel der Absatz förde rung und nicht vom unmittel baren Zusammen hang spricht, kann im Einzelnen unter schied liche Anwen dungs bereich nach sich führen: Zwar werden geschäft liche Aktivi täten, die ein Absatz förde rungs ziel nach RStV ver folgen, immer auch einen unmittel baren Zusam‑ men hang zur Absatz förde rung auf weisen. Anderer seits muss dagegen nicht jede ge‑ schäft liche Handlung, die unmittel bar mit der Absatz förde rung zusammen hängt, immer auch dem Werbebegriff des RStV unter fallen.290 Auf grund der Formulie rung („von einem Anbieter zum Abruf bereit gehalten wird, mit dem Ziel …“) macht auch deut lich, dass die Absatz förde rungs absicht hier je nach Alternative auf unter schied‑ lichen Seiten vor liegen muss: So muss eine Wettbewerbs absicht bei der Eigen werbung naturgemäß auf seiten des Telemedien anbieters vor liegen. Bei der Werbung für Dritte muss jeden falls die Wettbewerbs absicht des Werbenden vor handen bzw. zu unter stellen sein.291 Nun ist regelmäßig das subjektive Motiv für eine Handlung schlecht er mittel‑ bzw. beweis bar, sodass Rechtsprechung und Literatur dazu über gegangen sind, objektive Kriterien herzu leiten, die bei ihrem Vor liegen an die Stelle einer subjektiven Inten tion treten 292; das Vor liegen der objektiven Kriterien impliziert dann das Vor liegen einer subjektiven Absatz förde rungs absicht. So wird aus der rundfunkrecht lichen Schleich‑ werbe defini tion (§ 2 Abs. 2 Nr. 8 RStV) hergeleitet, dass eine Werbeabsicht jeden falls dann vor liegt, wenn der Anbieter eine Gegen leis tung für die Bewer bung er halten hat: Das Ent gelt „fingiert unwieder bring lich“ die Absatz förde rungs absicht.293 Ein weiteres Indiz stellt auf „die Erkenn bar keit des Werbezwecks durch die Zu‑ schauer“ ab.294 Ansätze, die auf die Erkenn bar keit des Ziels der Absatz förde rung ab‑ 289 auf eine be stimmte form der gegen leis tung kommt es nicht an, vgl. Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 91; a. a. liesching/Schuster, Jugendschutz, münchen 2011, § 6 JmStv rn. 4, der auch un entgelt liche Werbung vom Werbebegriff erfasst sieht. 290 vgl. Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 2 rn. 15. 291 hier kann diskutiert werden, ob die absatz förde rungs inten tion auf seiten des medien anbieters und des beworbenen kumulativ vor liegen muss; erhebt der medien anbieter ein ent gelt für die Werbung, so muss man ihm wohl aber jeden falls die annahme unter- stellen, dass die Werbung in seinem an gebot zur absatz förde rung ge eignet ist. Die eignung zur absatz förde rung reicht im Sinne des § 2 abs. 2 nr. 7 rStv auch bereits aus, vgl. Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 95. 292 Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 94 f. 293 platho, Werbung, nichts als Werbung – und wo bleibt der tren nungs grundsatz?, 2000, S. 46 (48); vgl. micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 40 294 vgl. Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 94; s. auch micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 39. 198 stellen, weisen vor dem Hinter grund des Tren nungs gebots allerdings das Risiko eines Paradoxons auf: Ist der Werbezweck erkenn bar, so weist dies auf das Präjudiz der Einhal tung des Tren nungs gebots hin. Ist aber bei Formen ge tarnter Werbung der Werbe zweck nicht ohne Weiteres erkenn bar, so kann dies jeden falls kein Kriterium dafür sein, die (Schleich‑)Werbung aus der Werbedefini tion auf grund des nicht erkenn‑ baren Absatz zwecks auszu nehmen. Eine Lösung für dieses Problem kann der Ansatz sein, der davon aus geht, dass je deut licher der Absatz zweck zutage tritt, die Inten tion der Absatz förde rung jeden falls unter stellt werden kann. In den Fällen, in denen die Wett bewerbs absicht gerade nicht deut lich zutage tritt, er scheinen die objektiven Krite‑ rien ihrer Ermitt lung von Über legungen ge trieben, die aus den Kriterien der aus‑ reichen den Trennung von Werbung und übrigen Inhalten ge wonnen werden. Letzteres ver weist aber auf ein ver gleich bares Paradoxon wie das oben Beschriebene: Kriterien für die Subsum tion unter den Werbebegriff präjudizie ren das Ergebnis der Prüfung des Tren nungs gebots – in beide Richtun gen. Das deut lich weitere und objektivere Begriffs verständnis der geschäft lichen Handlung des UWG (s. oben) weist diese Problematik dagegen nicht auf; eine einfache Über tragung aber führt im Bereich des RStV nicht zu einer Besse rung, da in diesen Fällen die geschäft lichen Handlun gen des Medien anbieters von denen des Beworbenen ab gegrenzt werden müssten, was in der Praxis schwierig sein kann und zu wettbewerbs recht lich doppelt zu be werten den Handlun gen führen könnte. 6.3.5.2 anfOrde rungen des tren nungs gebOts aus § 58 abs. 1 rstv Konkrete Vor gaben, wie die Trennung von Werbung und übrigem Inhalt aus gestaltet sein muss, macht der RStV nicht. Ob der Begriff der „Trennung“ vom Wortlaut restriktivere Anforde rungen an werb liche Inhalte stellt als die in der AVMD‑Richtlinie vor gesehene „leichte Erkenn bar keit“ 295 und „Unter scheid bar keit vom redak tio nellen Inhalt“ 296 spielt aus Perspektive des Schutz zwecks keine Rolle, da das Resultat der Trennung jeden falls sein muss, dass der durch schnitt liche Nutzer des Telemediums die Beweggründe der werb lichen Inhalte aus machen kann.297 295 art. 9 1) a), art. 19 1) avmD-richtlinie. 296 art. 19 1) avmD-richtlinie. 297 zu der nutzung unter schied licher begriffe in avmD-rl, rStv und tmg s. Dörr/Klimmt/Daschmann, Werbung in Computer spielen, S. 77. 199 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Ent sprechende Hinweise auf den Umstand der be zahlten Werbeinhalte im An gebot können aus drück lich, also durch eine ent sprechende Ankündi gung oder Kennzeich‑ nung er folgen oder sich aus ge stalteri schen Aspekten ergeben. Eine Kennzeich nungs‑ pflicht normiert § 58 Abs. 1 RStV grundsätz lich nicht.298 Der Tren nungs grundsatz kann sich aber dort faktisch zu einer Kennzeich nungs pflicht aus wachsen, wo auf grund inhaltsähn licher Gestal tungs merkmale der werb lichen Inhalte nicht mehr ohne Weiteres nach vollzieh bar ist, dass der werb liche Inhalt das Ziel der Absatz förde rung hat. Hieraus er wächst die Leitlinie, dass die aus drück liche Kennzeich nung werb licher Inhalte umso notwendi ger wird, je näher sich ihre Gestal tung an den übrigen Inhalt des An gebots anlehnt. Für die Kennzeich nung selbst gilt, dass nicht zwingend spezifi sche Benen nungen (wie „Anzeige“ im Presserecht) ge nutzt werden müssen – es muss aber aus Nutzer sicht klar sein, dass es sich um werb liche, nicht‑objektive Inhalte handelt.299 Geht dies aus dem in der Kennzeich nung ge nutzten Begriff nicht hervor, so kommt der Anbieter jeden falls mit dieser Form der Kennzeich nung dem Tren nungs gebot nicht nach. Inwieweit ge stalteri sche Aspekte für die erkenn bare Trennung aus reichen, hängt vom jeweili gen Einzelfall ab und kann nicht pauschal ge klärt werden. Kriterien, die bei der aus reichend ab weichen den Gestal tung zum Tragen kommen können, sind neben der Platzie rung, Anord nung, Umran dung, Farbauswahl, Schrift gestal tung auch die Nutzung anderer Darstel lungs formen (z. B. animierte werb liche Inhalte bei statischen An gebots‑ texten). Die im Rahmen von Schleichwer bung im Rundfunk ent wickelten Indizien für eine Werbeabsicht können im Übrigen auch als Maßstab bei der Prüfung nach § 58 Abs. 1 RStV heran gezogen werden (wirtschaft liche Ver flech tungen, pro grammlich‑ dramaturgi sche Gründe für Einbin dung, ungleichmäßige Produkt auswahl, unsach liche Darstel lung etc.).300 Recht liche Vor gaben zu Sponsoren hinweisen fallen bei einfachen Telemedien mangels der Anwend bar keit des § 8 RStV aus, sodass bei der Nennung von Förderern oder Unter stützern jeweils zu fragen ist, inwieweit die Nennung aus Nutzer sicht werb‑ liche Zwecke ver folgt und – ist dies der Fall – inwieweit Kennzeich nung, Platzie rung und Gestal tung dem Tren nungs gebot ent sprechen.301 298 Smid in Spindler/Schuster, rdm, § 58 rStv rn. 12. 299 vgl. Smid in Spindler/Schuster, rdm, § 58 rStv rn. 12, rn. 16. 300 Smid in Spindler/Schuster, rdm, § 58 rStv rn. 12; vgl. dazu Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 111 ff. 301 Smid in Spindler/Schuster, rdm, § 58 rStv rn. 12, rn. 18; mit weiteren aus führungen dazu, wann bei Sponsoren hinweisen produkt- platzie rung und wann Schleichwer bung vor liegt s. Dörr/Klimmt/Daschmann, Werbung in Computer spielen, S. 84, die davon aus gehen, dass sämt liche Defini tionen in § 2 abs. 2 rStv auch für telemedien gelten. 200 6.3.5.3 crOss-mediale ver marK tungs strategien als heraus fOrde rung des tren nungs gebOts Aktuelle Marken strategien, auch und insbesondere im Bereich von Kinder spielzeug und ‑medien marken, nutzen neben herkömm licher Werbung ver mehrt cross‑mediale Ver bünde, um Auf merksam keit für das eigene Produkt oder die eigene Marke zu schaffen. Diese Strategien können unter schied liche Richtun gen auf weisen: Zum einen kann eine etablierte Medien marke bzw. ein Medien produkt durch Merchandising den Weg in den Produkt markt finden, etwa wenn eine be kannte Zeichen trick figur aus Film oder Fernsehen in Form von Comics, Spielfiguren, Hörspielen oder Online‑Games aus gewertet wird (ent weder durch den ursprüng lichen Rechteinhaber selbst oder durch von diesem lizenzierte Unter nehmen). Zum anderen gibt es Beispiele für Marketing‑ auswer tungen, bei denen einem bereits als Ware erhält lichen Produkt nach träg lich eine eigene Fernsehserie oder Online‑Portale „auf den Leib“ geschrieben wurde, um die Auf merksam keit für das Produkt zu steigern.302 Soweit in Telemedien auf spezifi sche Merchandisingprodukte hin gewiesen wird (z. B. eine Spielfigur), muss von einer Werbeinten tion aus gegangen und das Tren nungs‑ gebot be achtet werden.303 Anders muss dagegen das Ergebnis der Bewer tung in Fällen sein, in denen mediale Marken formen (Serie, Online‑Spiel etc.) zwar in der Welt der ent sprechen den Marke spielen und den (fiktionalen) Charakter der Marke einbinden, nicht aber auf spezifi sche einzelne Produkte ver weisen. Die Handlung in der gleichen „Marken welt“ ist zwar immer auch eine Auf merksam keits‑ und ggf. Beliebt heits steige‑ rung bzgl. aller zu der Marken welt ge hören den Produkte, hier ist jedoch oftmals der Werbebegriff auf grund mangelnder Ent geltlich keit der Ver brei tung in dem jeweili gen Medium nicht erfüllt. Im Gegen teil: Üblicher weise stellen Medien anbieter eine Form der Marken auswer tung dar, bei der der Rundfunk‑ oder Telemedien anbieter den ent‑ sprechen den Inhalt gegen ein Ent gelt über haupt erst ver breiten darf; der Geldfluss geht vom Medien anbieter zum Marken anbieter und nicht – wie bei der Werbung – um gekehrt. Kommt es durch die zunehmende Ver brei tung ent sprechen der Marketing‑ strategien allerdings dazu, dass etwa ein Telemedien anbieter ein Online‑Spiel, das in einer be stimmten Marken welt be heimatet ist, nur gegen Ent gelt in sein An gebot auf nimmt, so kippt die Bewer tung erneut in Richtung eines er füllten Werbebegriffs 302 vgl. dazu paus-hasebrink/neumann-braun/hasebrink/aufenanger, medien kind heit – marken kind heit: unter suchungen zur multi- medialen ver wertung von marken zeichen für Kinder, münchen 2004. 303 Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 104. 201 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen mit ent sprechen den Anforde rungen an die Erkenn bar keit der kommerziellen Interessen, die mit der Einblen dung ver folgt werden.304 6.3.5.4 werbung für gewinn sPiele in telemedien Recht liche Anforde rungen an in Telemedien an gebotene Gewinn spiele richten sich nach § 8a RStV, wenn diese „in ver gleich baren Telemedien (Telemedien, die an die Allgemein heit gerichtet sind)“ an geboten werden. § 8a RStV selbst schreibt fest, dass Gewinn spiele grundsätz lich zulässig sind. Sie haben aber dem Gebot der Transparenz, insbesondere im Hinblick auf Teilnahmekosten, Teilnahmeberechti gung, Spielgestal‑ tung und Auf lösung (S. 4), und des Teilnehmer schutzes zu unter liegen (S. 2), dürfen den Teilnehmer nicht irreführen oder seinen Interessen schaden (S. 3) und müssen die Belange des Jugendschutzes wahren (S. 5).305 Ob sich der Anwen dungs bereich des § 58 Abs. 3 RStV auf die im vorher gehenden Absatz (§ 58 Abs. 2 RStV) ge nannten audio‑ visuellen Mediendienste auf Abruf bezieht 306 oder alle vom RStV an gesprochenen Telemedien (die sich an die Allgemein heit richten) umfasst, kann für diese Studie dahin gestellt bleiben, da die inhalt lichen Anforde rungen an die Aus gestal tung von Gewinn spielen aus Ver braucher schutz‑ und Wettbewerbs recht nicht im Mittelpunkt des Werberechts stehen. Allerdings weisen Gewinn spiele immer auch werberelevante Aspekte in zweifacher Hinsicht auf: Zum einen werden die Gewinn spiele an anderen Stellen be worben (im An gebot des Gewinn spielanbieters, aber auch innerhalb von An geboten Dritter), zum anderen kann die Darstel lung der Preise bzw. des Preises werb lichen Charakter haben. Für die Bewer bung von Gewinn spielen gelten insoweit die allgemeinen Vor gaben des Werberechts, wie sie in diesem Kapitel be schrieben sind. Für die Darstel lung von zu gewinnen den Produkten gilt, dass sie – soweit sie im redak tio nellen Teil eines Tele‑ mediums auf tauchen – dramaturgisch gerecht fertigt er scheint; ggf. drängt sich die Notwendig keit der Darstel lung und text lichen Beschrei bung des Gewinns durch die Transparenz pflichten des § 8a RStV geradezu auf. Sowohl die optische wie die text liche Darstel lung muss dabei aber sach lich bleiben – er scheint die Beschrei bung als undiffe‑ renziert werbend oder lobend, so liegt regelmäßig eine Werbung vor, die ohne be sondere 304 im ergebnis Schulz in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 2 rStv rn. 106. 305 S. dazu im einzelnen müller in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 8a rStv rn. 22 ff. 306 So jeden falls das ver ständnis von Jaschinski in heise online-recht, 3. ergl. 2011, Kapitel iv, gewinn- und glücks spiele, rn. 112. 202 Kennzeich nung oder Gestal tung ein Ver stoß gegen das Tren nungs gebot nach § 58 Abs. 1 RStV darstellen kann. Eine Frage, die sich hier erneut stellt, ist die nach Gewinn‑ spielangeboten in kommerziellen, nicht‑publizisti schen Gesamtangeboten (s. dazu oben Kapitel 6.2.3). 6.3.5.5 rechts fOlgen bei ver stössen gegen § 58 abs. 1 rstv Ein Ver stoß gegen das Erkennbar keits gebot in § 58 Abs. 1 RStV ist nicht sank tions‑ bewehrt, die zuständige Stelle kann aber im Rahmen der allgemeinen Telemedien‑ aufsicht gem. § 59 Abs. 3 RStV „die zur Beseiti gung des Ver stoßes er forder lichen Maßnahmen gegen über dem Anbieter“ treffen, d. h. insbesondere die Unter lassung fordern. Daneben stellt ein Ver stoß gegen das Tren nungs gebot in § 58 Abs. 1 RStV immer auch einen Rechts bruch im Sinne des § 4 Nr. 11 UWG dar, der unlauter ist und bei ent sprechen der Relevanz („Spürbar keit“) zur wettbewerbs recht lichen Unzulässig‑ keit der Handlung im Sinne von § 3 Abs. 1 UWG führt (s. dazu oben Kapitel 6.2.3). 6.3.6 anfOrde rungen an KOmmerzielle KOmmuniKa tiOn in telemedien gemäss § 6 abs. 1 tmg Auch das Telemedien gesetz (TMG) ent hält Vor gaben für werb liche Inhalte in Tele‑ medien. Zum Begriff des Telemediums und des Dienste anbieters kann auf die obigen Aus führungen ver wiesen werden (s. oben. Kapitel 6.3.1 ff.). Zentrale Norm im Bundes‑ recht ist § 6 Abs. 1 TMG: § 6 Abs. 1 TMG Dienste anbieter haben bei kommerziellen Kommunika tionen, die Telemedien oder Bestand teile von Telemedien sind, mindestens die folgen den Voraus setzungen zu be achten: 1. Kommerzielle Kommunika tionen müssen klar als solche zu er kennen sein. 2. Die natür liche oder juristi sche Person, in deren Auftrag kommerzielle Kommu‑ nika tionen er folgen, muss klar identifizier bar sein. 3. An gebote zur Ver kaufs förde rung wie Preis nachlässe, Zugaben und Geschenke müssen klar als solche erkenn bar sein, und die Bedin gungen für ihre Inan‑ spruch nahme müssen leicht zugäng lich sein sowie klar und unzweideutig an gegeben werden. 203 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 4. Preis ausschreiben oder Gewinn spiele mit Werbecharakter müssen klar als solche erkenn bar und die Teilnahmebedin gungen leicht zugäng lich sein sowie klar und unzweideutig an gegeben werden. Im Gegen satz zum UWG („geschäft liche Handlung“) und dem RStV („Werbung“) nutzt § 6 Abs. 1 TMG den Begriff der kommerziellen Kommunika tion, um seinen Anwen dungs bereich zu definie ren. Kommerzielle Kommunika tion wird legaldefiniert in § 2 Nr. 5 TMG: § 2 TMG (Auszug) Im Sinne dieses Gesetzes (…) 5. ist kommerzielle Kommunika tion jede Form der Kommunika tion, die der unmittel baren oder mittel baren Förde rung des Ab satzes von Waren, Dienst‑ leis tungen oder des Erschei nungs bilds eines Unter nehmens, einer sonsti gen Organisa tion oder einer natür lichen Person dient, die eine Tätig keit im Handel, Gewerbe oder Handwerk oder einen freien Beruf ausübt; die Über mitt lung der folgen den Angaben stellt als solche keine Form der kommerziellen Kom‑ munika tion dar: a) Angaben, die unmittel baren Zugang zur Tätig keit des Unter nehmens oder der Organisa tion oder Person er möglichen, wie insbesondere ein Domain‑Name oder eine Adresse der elektroni schen Post, b) Angaben in Bezug auf Waren und Dienst leis tungen oder das Erschei‑ nungs bild eines Unter nehmens, einer Organisa tion oder Person, die un‑ abhängig und insbesondere ohne finanzielle Gegen leis tung ge macht wer‑ den. Mit der Defini tion hat der Gesetz geber Art. 2 f) der E‑Commerce‑Richtlinie wort genau um gesetzt. Im Ver gleich zur „geschäft lichen Handlung“ des UWG er scheint der Anwen dungs bereich kleiner, da für eine kommerzielle Kommunika tion jeden falls eine Kommunika tion in Form einer Äußerung vor liegen muss und nicht eine irgendwie ge artete Handlung (oder Unter lassung).307 In der Telemedien praxis führt dies aber nicht zu einer Einschrän kung, da die Kommunika tionen ohnehin in, über oder mit‑ hilfe von Telemedien geäußert werden; umfasst sind insoweit „alle Formen von Werbe‑ nachrichten, Produkt hinweisen, News lettern, (…) Werbebanner, Pop‑up‑Fenster oder 307 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 2 rn. 14. 204 sonstige Einblen dungen“ sowie Hyperlinks.308 Daneben lässt das TMG auch die mittel bare Absatz förde rung aus reichen, wo die geschäft liche Handlung einen unmittel‑ baren Zusammen hang fordert.309 Im Ver gleich zum rundfunkstaats vertrag lichen Werbebegriff er scheint der Begriff der kommerziellen Kommunika tion weiter, da er auch Aktivi täten wie das Sponsoring oder unter nehmeri sche Selbst darstel lungen, aber auch Rabatte, Zugaben, Gewinn spiele und Geschenke umfasst.310 Der ent scheidende Aspekt gegen über der Begriffs konzep tion im RStV ist darüber hinaus der Umstand, dass ein Telemedium an sich eine kommerzielle Kommunika tion darstellen kann.311 So geht die Defini tion an dieser Stelle gerade nicht (zwingend) von einer Dualität von werb licher Äußerung und übrigem Inhalt aus, sondern ver weist prinzipiell auch auf die Möglich keit, dass ein telemediales Gesamtangebot aus unter‑ schied lichen Teil‑Telemedien inhalten besteht, von denen einige, alle oder auch keine den Begriff der kommerziellen Kommunika tion er füllen. § 6 Abs. 1 1. Hs. TMG ver‑ deut licht dies an schau lich, wenn er von kommerziellen Kommunika tionen spricht, „die Telemedien oder Bestand teile von Telemedien sind“. Für zusammen gesetzte Tele‑ medien er leichtert dieses Begriffs verständnis die Anwend bar keit der recht lichen Vor‑ gaben deut lich (s. dazu im Ver gleich die Frage der Anwend bar keit des § 58 Abs. 1 RStV, Kapitel 6.3.4). 6.3.6.1 das erKennbar Keits gebOt nach § 6 abs. 1 nr. 1 tmg Das Erkennbar keits gebot in § 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG schreibt die klare Erkenn bar keit kommerzieller Kommunika tionen vor, um vor einer Täuschung über die fehlende Neutrali tät bzw. Objektivi tät der Informa tion auf Nutzer seite zu schützen 312; anders als § 58 Abs. 1 RStV ent hält die Vor schrift aber nicht auch ein Tren nungs gebot (s. dazu oben Kapitel 6.3.5). Auch hier kommt es – je nach Gestal tung und Platzie rung – nicht zwingend auf eine Kennzeich nung der kommerziellen Kommunika tion als „Wer‑ bung“, „Anzeige“ etc. an, sondern die Erkenn bar keit kann auch durch ge stalteri sche 308 S. müller-broich, telemedien gesetz, § 2 rn. 6 unter ver weis auf Spindler in Spindler/Schuster, rdm, § 3 tDg a. f. rn. 22; holznagel/ ricke in Spindler/Schuster, rdm, § 2 tmg rn. 10 f. 309 zu der dem tmg ent sprechen den weiten aus legung der geschäft lichen handlung im uWg s. Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 2 rn. 14. 310 S. auch micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 16. 311 micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 19. 312 micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 26. 205 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Elemente oder die Platzie rung gewährleistet werden; im Übrigen können die oben be schriebenen Kriterien auch hier heran gezogen werden (s. oben Kapitel 6.2.3 und 6.3.5). In Fällen, in denen das Gesamtangebot als kommerzielle Kommunika tion zu be werten ist, kann sich die Erkenn bar keit aus der Gesamt gestal tung 313, aber auch bereits aus der URL des An gebots ergeben.314 6.3.6.2 das identifizierbar Keits gebOt nach § 6 abs. 1 nr. 2 tmg § 6 Abs. 1 Nr. 2 TMG fordert die eindeutige Identifizier bar keit desjenigen, in dessen Auftrag die kommerzielle Kommunika tion erfolgt. So soll sicher gestellt werden, dass der Nutzer er kennen kann, wer die werb lichen Aus sagen ihm gegen über trifft. Für die Erfül lung der Identifika tions pflicht reicht es nach h. M. aus, dass die kommerzielle Kommunika tion selbst nicht die Identifika tion in Form des Namens der werben den (meist juristi schen) Person beinhalten muss, sondern einen einfachen Weg bietet, die Angaben zur Identifika tion über einen Ver weis zu er reichen, z. B. über einen Link.315 Ganz ent fallen können Informa tionen zur Werber‑Identifika tion, wenn sich eine Identi‑ fizie rung aus Nutzer sicht bereits aus der Gestal tung und den Angaben innerhalb der kommerziellen Kommunika tion selbst ergibt, etwa durch Einblen dung eines be kannten Logos oder des Firmenschrift zuges.316 6.3.6.3 die infOrma tiOns gebOte nach § 6 abs. 1 nr. 3 und nr. 4 tmg § 6 Abs. 1 Nr. 3 TMG ent spricht § 4 Nr. 4 UWG, Nr. 4 ent spricht § 4 Nr. 5 UWG, sodass prinzipiell die obigen Aus führungen auch hierfür gelten. Unter schied im ver‑ meint lichen Neben einander von TMG und UWG bleibt hier allerdings, dass das UWG vom Ansatz her von einem Irrefüh rungsverbot aus geht, § 6 Abs. 1 Nr. 3 und 4 TMG aber von einem Informa tions‑ bzw. Transparenzgebot.317 Dies hat zur Folge, dass – jeden falls theoreti sche – Konstella tionen denk bar sind, in denen ein Telemedien‑ 313 micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 26; Kitz, Das neue recht der elektroni schen medien in Deutschland – sein Charme, seine fallstricke, zum 2007, 368 (372); leitgeb, virales marketing – recht liches umfeld für Werbefilme auf internetportalen wie youtube, zum 2009, 39 (43). 314 Kritisch zur url als klares erkennbar keits merkmal s. micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 28. 315 müller-broich in müller-broich, telemedien gesetz, § 6 rn. 4; micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 49. 316 vgl. micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 48a. 317 So hervor gehoben von micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 10. 206 anbieter den Vor gaben von Nr. 3 und 4 ent spricht und die nötigen Informa tionen anbietet, die konkrete Gestal tung aber dennoch gegen Normen des UWG ver stoßen kann 318; oder ein Anbieter voll führt eine geschäft liche Handlung, die wettbewerbs‑ recht lich nicht zu be anstanden ist, ver säumt aber, rechts konforme Informa tionen nach § 6 Abs. 1 TMG bereit zuhalten. Dies führt faktisch zu einer inhalt lichen Doppel‑ regulie rung, bei der die Rechts konformi tät eines An gebots mit dem einen Rechts bereich kein Präjudiz für die Rechtmäßig keit aus Perspektive des anderen Rechts bereichs darstellt.319 Dies ist an sich unschäd lich, kann aber dort zu Problemen führen, wo die gericht liche Spruchpraxis bei der Kriterien‑ und Maßstabs entwick lung auf den jeweils anderen Rechts bereich ver weist (s. dazu unten Kapitel 6.6.2). 6.3.6.4 rechts fOlgen bei ver stössen gegen § 6 tmg Ver stöße gegen § 6 TMG sind im Rahmen des TMG nicht sanktioniert. Der Voll‑ zug der Bundes vorschrift obliegt den Ländern, sodass hier die allgemeine Telemedien‑ aufsicht über die Einhal tung der Erkennbar keits‑, Identifizie rungs‑ und Informa‑ tionsgebote des § 6 TMG wacht; das sind die nach § 59 Abs. 2 RStV in Ver bindung mit dem jeweili gen zuweisen den Landes recht zuständi gen Stellen, regelmäßig die Landes medien anstalten.320 Bei Ver stößen kann die zuständige Telemedien aufsicht insoweit ein Be anstan dungs‑ bzw. Sperr verfahren nach § 59 Abs. 3 S. 2 RStV einleiten. In Fällen, in denen das Ver fahren gegen den Anbieter nicht durch führ bar ist oder keine Aus sicht auf Erfolg hat, kann die zuständige Stelle gem. § 59 Abs. 3 RStV auch eine Sper rungs anord nung an Dritte einleiten, insbesondere gegen über dem jeweili gen Host provider.321 Ein Ver stoß gegen die Vor gaben in § 6 TMG stellt daneben gleichzeitig einen Rechts bruch einer Markt verhaltens regel gem. § 4 Nr. 11 UWG dar 322 und ist danach unlauter und – wenn die Spürbar keits schwelle über schritten ist – wettbewerbs recht lich nach § 3 Abs. 1 UWG unzu lässig (s. oben Kapitel 6.2.1). Klageberechtigte können ent sprechend Unter lassung ver langen (s. oben Kapitel 6.2.6). 318 micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 59 ff. 319 vgl. micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 12. 320 zu den aus nahmen dieser regel in fünf bundes ländern s. oben fn 260. 321 zur (ver fassungs recht lichen) problematik derarti ger Sper rungs anord nungen gegen über inter mediären s. Sieber/nolde, Sperr- verfü gungen im internet, Schriften reihe des max-planck-instituts für aus ländi sches und inter nationales Strafrecht – Strafrecht liche forschungs berichte, berlin 2008. 322 müller-broich in müller-broich, telemedien gesetz, § 6 rn. 14. 207 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.4 Jugendschutz recht liche anfOrde rungen an werbung In Bezug auf Kinder und Jugend liche macht auch der Jugendmedien schutz‑Staats‑ vertrag (JMStV) in § 6 JMStV werbespezifi sche Vor gaben. § 6 JMStV – Jugendschutz in der Werbung und im Tele shopping (1) Werbung für indizierte An gebote ist nur unter den Bedin gungen zulässig, die auch für die Ver brei tung des An gebotes selbst gelten. Die Liste der jugend‑ gefährden den Medien (§ 18 des Jugendschutz gesetzes) darf nicht zum Zwecke der Werbung ver breitet oder zugäng lich ge macht werden. Bei Werbung darf nicht darauf hin gewiesen werden, dass ein Ver fahren zur Auf nahme eines An gebotes oder eines inhalts gleichen Träger mediums in die Liste nach § 18 des Jugendschutz gesetzes anhängig ist oder ge wesen ist. (2) Werbung darf Kinder und Jugend liche weder körper lich noch seelisch be ein‑ trächti gen, darüber hinaus darf sie nicht 1. direkte Aufrufe zum Kaufen oder Mieten von Waren oder Dienst leis‑ tungen an Minderjährige ent halten, die deren Unerfahren heit und Leicht‑ gläubig keit aus nutzen, 2. Kinder und Jugend liche unmittel bar auf fordern, ihre Eltern oder Dritte zum Kauf der be worbenen Waren oder Dienst leis tungen zu bewegen, 3. das be sondere Ver trauen aus nutzen, das Kinder oder Jugend liche zu Eltern, Lehrern und anderen Ver trauens personen haben, oder 4. Kinder oder Minderjährige ohne be rechtigten Grund in gefähr lichen Situa tionen zeigen. (3) Werbung, deren Inhalt ge eignet ist, die Ent wick lung von Kindern oder Jugend‑ lichen zu einer eigen verantwort lichen und ge meinschafts fähigen Persönlich keit zu be einträchti gen, muss ge trennt von An geboten er folgen, die sich an Kinder oder Jugend liche richten. (4) Werbung, die sich auch an Kinder oder Jugend liche richtet oder bei der Kinder oder Jugend liche als Darsteller ein gesetzt werden, darf nicht den Interessen von Kindern oder Jugend lichen schaden oder deren Unerfahren heit aus nutzen. (5) Werbung für alkoholi sche Getränke darf sich weder an Kinder oder Jugend‑ liche richten noch durch die Art der Darstel lung Kinder und Jugend liche be sonders an sprechen oder diese beim Alkoholgenuss darstellen. (…) Schutz zweck des JMStV ist die möglichst unbe einträchtigte Persönlich keits entwick lung und ‑entfal tung Minderjähri ger, wie sie in Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG ge‑ 208 fordert und den Eltern in Art. 6 Abs. 2 S. 1 GG als Ziel der Erziehungs verantwor tung anheimgestellt ist.323 Traditio nell 324 zielen die Schutzinstrumente des Jugendmedien‑ schutzes dabei auf die Minimie rung medien induzierter Ent wick lungs risiken ab, die sich auch in § 6 Abs. 1, Abs. 2 Hs. 1, Abs. 2 Nr. 4 oder § 6 Abs. 3, Abs. 5 JMStV wieder‑ finden. Soweit die Vor schrift auch den Schutz der Ent schei dungs autonomie von Kindern und Jugend lichen be zweckt, ist eine Hinwen dung zu und Über lappung mit Zielen des allgemeinen Ver braucher schutzes zu er kennen. Als ver fassungs geleite tes Ab gren zungs‑ kriterium zwischen Jugendmedien schutz und Jugend verbraucher schutz kann hier gelten, dass der ver fassungs recht liche Jugendmedien schutz die Entwick lung hin zu einem gesellschafts fähigen, autonomen Ver braucher, der eigene Ent schei dungen zu treffen in der Lage ist, über haupt erst er möglichen soll. Der (Jugend‑)Ver braucher schutz dagegen zielt auf den Schutz der (späteren) Ausübung dieser Ver braucherautonomie ab, soll also unsach liche Beeinflus sungen der mithilfe des Jugendschutzes einmal er langten Ent‑ schei dungs frei heit möglichst ver hindern. Ent sprechende Vor schriften, die eher der letzte ren Schutz rich tung und damit funktional eher dem Ver braucher schutz recht zuzu‑ ordnen sind, finden sich in § 6 Abs. 2 Nr. 1 bis 3 und Abs. 4 JMStV (s. dazu unten Kapitel 6.4.1).325 Im Grundsatz geht der Staats vertrags geber bei § 6 JMStV von der Annahme aus, dass Minderjährige auch im Hinblick auf ihre Werberezep tion be sonders schutz‑ bedürftig sind. Insbesondere Kinder könnten be stimmten Formen der Werbung gegen‑ über nur ver mindert kritik fähig sein.326 An gesichts der ver fassungs recht lichen Schutz‑ pflicht des Gesetz gebers und der auf dem Spiel stehen den Schutz güter darf der Staat dieser Annahme folgen, solange keine hinreichen den gegen teili gen Erkennt nisse vorlie‑ gen. Ihm kommt hier eine weite gesetz geberi sche Einschät zungs prärogative zugute.327 Der JMStV gilt für Rundfunk und Telemedien, sodass die oben dargelegten Aus‑ führungen zu den ab gestuften Dienstetypen und Telemedien formen hier obsolet er‑ 323 S. ladeur in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 6 JmStv rn. 2; engels, Kinder- und Jugendschutz in der ver fassung. ver- anke rung, funktion und ver hältnis zum elternrecht, aör 1997, 212 ff. 324 zu notwendi gen zukünfti gen zielen der Steue rungs programme im Jugendschutz programm s. Dreyer/hasebrink/lampert/Schröder, ent wick lungs- und nutzungs trends im bereich der digitalen medien und damit ver bundene heraus forde rungen für den Jugendmedien- schutz, teil bericht ii, bern 2013. 325 zur ver fassungs recht lichen ab gren zung der ent wick lungs schutz bezogenen vor gaben des Jugendmedien schutzes und der abwehr wirtschaft licher nachteile des ver braucher schutzes vgl. König/börner, erweiterter minderjährigen schutz im rechts geschäft lichen ver kehr? gefahr körper licher und seelischer Schäden als un verzicht bares tatbestands merkmal des § 6 JmStv, mmr 2012, 215 (217 f.). 326 fundamentaler: erdemir in Spindler/Schuster, rdm, § 6 JmStv rn. 1 („der oft manipulativen Wirkung von Werbung nahezu schutz- los aus gesetzt“). 327 vgl. bverfg nJW 1991, 1471 (1472). er muss allerdings im rahmen prakti scher Konkordanz überle gungen be rücksichti gen, dass in erster linie solche Jugendschutz normen ent gegen stehen den grundrechten (er wachsener) Dritter aus reichend tribut zu zollen ist, die spezifisch auf den Schutz von minderjähri gen ab zielen und nicht auch die freiheiten erwachsener un verhältnis mäßig be einträchti gen; kritisch insoweit in bezug auf die anforde rungen an nicht kinder- und jugendspezifi sche Werbe vorschriften in § 6 JmStv ladeur in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 6 JmStv rn. 3. 209 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen scheinen – von dem Anwen dungs bereich des JMStV sind alle relevanten Erschei nungs‑ formen im Netz umfasst.328 Da der JMStV keine Defini tion für „Werbung“ be reithält, ist auf den Werbebegriff des RStV zurück zugreifen; insoweit bleibt auch hier der Hinweis auf die bisher rund‑ funkzentrierte Begriffs bestim mung in § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV, die für eine Anwen dung auf Telemedien nur sinn gemäß heran gezogen werden kann (s. oben Kapitel 6.3.5). Für werb liche Inhalte gelten neben den Spezial vorschriften in § 6 JMStV die allgemeinen jugendschutz recht lichen Vor gaben, darunter insbesondere die in § 4 Abs. 1 JMStV als absolut unzu lässig ge listeten Inhalte, die in § 4 Abs. 2 JMStV nur unter be‑ stimmten Voraus setzungen zulässigen Inhalte sowie die Anforde rungen, die § 5 JMStV an Zugangs beschrän kungen zu ent wick lungs beeinträchti gen den Inhalten stellt.329 Anbieter – also sowohl der Anbieter des werbebeinhalten den Gesamtangebots, als auch der Werbeanbieter und ggf. zur techni schen Ver mitt lung ge nutzte Inter mediäre wie der Ad‑Server‑Anbieter – müssen im Falle jugendschutz relevanter Werbeinhalte ent‑ sprechende Schutz maßnahmen vor sehen, die ein In‑Kontakt‑Kommen Minderjähri ger mit dem Werbeinhalt ver hindern (§ 4 Abs. 2 JMStV) bzw. er schwe ren (§ 5 Abs. 1 JMStV). Voraus geschickt werden muss, dass sich die Vor gaben in § 6 JMStV in erster Linie auf die Inhalte werb licher Kommunika tion be ziehen. Normen, die wie das Tren nungs‑ bzw. Erkennbar keits gebot auch die Gestal tung, Platzie rung und das Werbeumfeld mitberücksichti gen, sieht der JMStV mit Aus nahme des Abs. 3 nicht vor. 6.4.1 werbeinhalts bezOgene ver bOte gemäss § 6 abs. 2 Jmstv § 6 Abs. 2 JMStV stellt den Grundsatz auf, dass Werbung Minderjährige nicht körper‑ lich oder seelisch be einträchti gen darf. Der Beeinträchti gungs begriff umfasst dabei nach haltige Störun gen wie z. B. Traumata, neuroti sche Über reizungen oder Angst‑ zustände. Kurzfristige Ver wirrung oder Orientie rungs störun gen sind nach h. M. keine vom Schutz zweck der Norm umfassten Risiken. Um den Tatbestand zu er füllen, reicht dabei die Geeignet heit der Inhalte zur Beeinträchti gung aus. Ein Erfolg, d. h. eine nach weis bare Beeinträchti gung auf seiten eines oder mehrerer Kinder oder Jugend licher muss nicht erfolgt sein. Es reicht, wenn die hinreichende Wahrscheinlich keit besteht, 328 grenzbereiche der anwend bar keit auf elektronisch über mittelte inhalte sind hier in erster linie inhalte, die einem minder jähri- gen nutzer nicht in form eines „Dienstes“ zur nutzung bereit gehalten werden, vgl. dazu heilmann, anonymi tät für user-generated Content?, S. 229 ff. 329 für den bereich der prostitu tions werbung vgl. liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 6 JmStv rn. 6. 210 dass eine ent sprechende Schädi gung eintreten kann. Die Beeinträchti gung muss dabei von der Werbung aus gehen, nicht von den von der Werbung an gepriesenen Produkten oder Dienst leis tungen. Die Vor schrift nennt in den Nummern 1 bis 4 dann „darüber hinaus“ werbeinhalts‑ bezogene Ver bote. Eine wortlautbezogene Aus legung muss zu dem Ergebnis führen, dass es sich dabei um alternative Tatbestände handelt – eine mögliche Beeinträchti gung nach Satz 1 muss dabei nicht nach gewiesen werden.330 Eine andere Ansicht geht davon aus, dass es sich bei den Nummern 1 bis 4 um Regel beispiele handelt, die den all‑ gemeinen Tatbestand aus Satz 1 konkretisie ren und insoweit eine Beeinträchti gung indizie ren.331 Diese Ansicht ist mit dem Wortlaut „darüber hinaus“ allerdings nicht in Einklang zu bringen. Eine weitere Ansicht sieht die dem Satz 1 ent nommene Gefahr körper licher und seelischer Schäden als zusätz liches „un verzicht bares Tatbestands‑ merkmal“ der Nummern 1 bis 4 und damit kumulativ.332 Als Argument wird an‑ geführt, dass nicht jeder er füllte Tatbestand der Nummern 1 bis 4 automatisch eine Beeinträchti gung nach sich ziehen könne; außerdem ergäbe sich ansonsten eine regula‑ tori sche Deckungs gleich heit mit § 3 Abs. 3 UWG i. V. m. Nummer 28. Beide Argumente können hier aber nicht zählen: Ein reiner Automatismus einer vor liegen den Beeinträchti‑ gung bei Vor liegen einer der Nummern 1 bis 4 würde auch bei Regel beispielen nicht gelten, diese würden vielmehr „nur“ regelmäßig eine Beeinträchti gung darstellen und gerade nicht zwingend in jedem Fall; eine Einzel betrach tung erübrigt sich hier insoweit nicht. Auch der Begrün dung, dass es mit der Ziffer 28 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG bereits einen Tatbestand gäbe, der deckungs gleich sei, kann hier nicht ge folgt werden. So be rücksichtigt die Ansicht hinsicht lich des Schutz zweckes einer möglichst unbe einträchtigten Persönlich keits entwick lung den (ver fassungs recht lichen) Jugend‑ schutz aspekt einer davon umfassten Ent wick lung hin zu einem Ver braucher nicht, der autonom ent scheiden können soll. Ver fassungs recht licher Jugendmedien schutz umfasst insoweit zwar nicht den Schutz vor wirtschaft lichen Nachteilen, wohl aber die Gewähr‑ leis tung der Befähi gung zum Aufbau einer Ver braucherkompetenz, an deren Ende die (werbe‑)kritische Reflexion ent sprechen der Sach verhalte steht. Insoweit gilt auch hier, 330 fSm e. v., prüfgrundsätze der fSm, 2011, S. 181; nikles/roll/Spürck/umbach, Jugendschutz recht. Kommentar zum Jugendschutz- gesetz (JuSchg) und zum Jugendmedien schutz-Staats vertrag (JmStv) mit erläute rungen zur Systematik und praxis des Jugendschutzes, 2 aufl., 2005, § 6 JmStv rn. 11. 331 obert, in: Schwartmann (hg.), praxis handbuch medien-, it- und urheber recht, 2. aufl. 2007, 1.4, fn 92; fechner/Schipanski, Werbung für handyklingeltöne – rechts fragen im Jugendschutz-, telekommunika tions- und Wettbewerbs recht, zum 2006, 898 (901). Das argument er scheint vor dem hinter grund schlüssig, dass art. 16 S. 1 der ehemali gen eg-fernsehrichtlinie und jetzt art. 9 abs. 1 g) avmD-rl davon sprechen, dass Werbung minderjährige nicht schädi gen darf und „daher“ be stimmte ver haltens weisen unzu lässig sind. unter stellt dieser Wortlaut eine Kausalkette, so würde aus dem vor liegen der tatbestände der nummern 1 bis 4 stets der tatbestand des § 6 abs. 2 S. 1 JmStv folgen. 332 König/börner, mmr 2012, 215 (217). 211 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen dass § 3 Abs. 3 UWG i. V. m. Anhang Ziffer 28 die Ausübung der Ver braucherautonomie gewährleisten soll, wo § 6 Abs. 2 JMStV den Ent wick lungs prozess hin zu einem derart be fähigten Ver braucher erst er möglicht (s. oben). Daneben unter scheiden sich die beiden Vor schriften in ihren Tatbeständen wie in ihren anwend baren Maßstäben, soweit es um die be troffenen Nutzer geht: Zunächst umfasst Ziffer 28 aus schließ lich einen Anwen dungs bereich, der dem von § 6 Abs. 2 Nr. 1 JMStV ver gleich bar wäre; die Tatbestände der Nummern 2 bis 4 bildet der Anhang zu § 3 Abs. 3 UWG nicht ab. Außerdem ent hält die Nummer 1 Tatbestands merkmale, die Ziffer 28 nicht vor sieht (Aus nutzen der Unerfahren heit), sodass § 6 Abs. 2 Nr. 1 JMStV zusätz liche Anforde‑ rungen an das Vor liegen der Vor gaben ent hält. Zudem stellt das UWG bei der Bewer‑ tung auf den Nutzer ab: Bei Ziffer 28 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG ist das der durchschnitt liche Empfänger der werb lichen Inhalte.333 Im Rahmen des § 6 Abs. 2 (Nr. 1) JMStV aber ist auch auf den gefähr dungs geneigten Minderjähri gen abzu stellen.334 Die Anwen dungs bereiche der beiden Vor schriften sind insoweit nicht komplett deckungs‑ gleich. Was die Frage nach der Ver einbar keit dieser Sicht weise mit EU‑Recht angeht, so er scheint die hier ver tretene Interpreta tion des alternativen Vor liegens ent weder nur von § 6 Abs. 2 S. 1 JMStV oder einer der § 6 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 JMStV insoweit als europarechts konform, als den Mitgliedstaaten anheimgestellt ist, restriktivere recht liche Vor gaben zu be schließen als von der AVMD‑Richtlinie vor gegeben (vgl. Art. 4 Abs. 1 AVMD‑RL). Das Vor liegen der Tatbestände aus den Nummern 1 bis 4 in § 6 Abs. 2 JMStV allein führt insoweit bereits zu der Unzulässig keit einer ent sprechen den Wer‑ bung.335 6.4.1.1 direKte KaufaPPelle, nr. 1 In Nummer 1 unter sagt § 6 Abs. 2 JMStV den werb lichen Einsatz von direkten Kauf‑ appellen an Minderjährige, die deren Unerfahren heit und Leicht gläubig keit aus nutzen. Obwohl die Vor schrift von direkten Kaufappellen und nicht von „unmittel baren Erwerbs aufforde rungen“ spricht und sich damit rein be griff lich von Nr. 28 Anhang 333 inwieweit ziffer 28 nur dann anwen dung findet, wenn sich eine ent sprechende handlung auch an Kinder richtet, ist in der literatur bisher nicht ab schließend ge klärt; s. aber Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anh. zu § abs. 3 rn. 28.7. 334 bverwge 39, 137 (205); vgl. liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 5 rn. 1 (m. w. n.). 335 erdemir in Spindler/Schuster, rdm, § 6 JmStv rn. 8; alten hain in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 20 Jugendschutz, rn. 136 (fn 3). im ergebnis auch fechner/Schipanski, zum 2006, 898 (901), die die nummern 1 bis 4 dabei allerdings als regel beispiele sehen. 212 zu § 3 Abs. 3 UWG unter scheidet, ergibt die Sichtung der rechts wissen schaft lichen Literatur, dass für beide Begriffe die gleichen Aus legungs kriterien heran gezogen werden. Dies ist insoweit nicht selbst verständ lich, als die Auf forde rung rein sprachwissen schaft‑ lich eine von ver schiedenen Unter gruppen des insoweit deut lich breite ren Appell begriffs darstellt (neben Befehl, Bitte und Über redung; s. oben Kapitel 6.2.2). Im Ergebnis können die oben ge nannten UWG‑Kriterien der Unmittel barkeit und der Auf forde‑ rung 1 : 1 auf die Direkt heit und den Appell im JMStV über tragen werden (s. dazu oben Kapitel 6.2.2). Der Anwen dungs bereich des § 6 Abs. 2 Nr. 1 JMStV unter scheidet sich aber im Hinblick auf zwei weitere Aspekte deut lich von dem des Anhangs Nr. 28 zu § 3 Abs. 3 UWG: Die unmittel bare Erwerbs aufforde rung im UWG muss sich speziell an Kinder, also Personen unter 14 Jahren richten, während der vom JMStV be schriebene Kaufappell an Kinder und Jugend liche gerichtet ist. Insbesondere bei werb lichen Auf forde rungen, die sich an Jugend liche richten, kann also eine Anwend bar keit der UWG‑Vorschrift aus geschlossen sein, wo die Anwend bar keit der Vor schrift im JMStV nach wie vor ge geben ist.336 Eine weitere tatbestand liche Voraus setzung der Nr. 1 ist darüber hinaus, dass der direkte Kaufappell die Unerfahren heit oder Leicht gläubig keit der Minderjähri‑ gen (ge zielt) aus nutzt. Eine ent sprechende Einschrän kung sieht Nr. 28 Anhang zu § 3 Abs. 3 UWG nicht vor, der Tatbestand des Aus nutzens der (geschäft lichen) Unerfahren‑ heit findet sich dort vielmehr unabhängig von direkten Kaufaufforde rungen in § 4 Nr. 2 UWG (s. oben Kapitel 6.2.3). Die dort, d. h. im Hinblick auf § 4 Nr. 2 UWG erarbei teten Kriterien für das Aus nutzen der Unerfahren heit können hier aber eben falls frucht bar ge macht werden. Bei der Bewer tung eines Sach verhalts muss zunächst er mittelt werden, an wen sich die werb liche Aussage richtet und auf welche „Markt kenntnis“ dieser Personen kreis zurück greifen kann.337 Dabei gilt: Je jünger die an gesprochenen Rezipienten der Werbung, als desto unerfahrener und leicht gläubiger muss der Werbetreibende diese be handeln. Nutzt die Werbebot schaft mithilfe zusätz licher Anreize (hohes Einspar‑ potenzial, Zeitdruck, Gewinn möglich keit, Ver trauens person, sozialer Druck, Wert‑ reklame etc.) die geringe Erfah rung bzw. leichte Über zeu gungs fähig keit Jüngerer aus, ist das ver fassungs recht liche Jugendschutz ziel einer möglichst unbe einträchtigten Persön‑ lich keits entwick lung hin zu einem eigen verantwort lichen, autonom handelnden Indivi‑ 336 zum Streit über den Kinder begriff im uWg und mit der forde rung nach einer Klärung durch den eugh Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, anhang zu § 3 abs. 3 rn. 28.5. 337 ladeur in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 6 JmStv, rn. 20. 213 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen duum ge fährdet: Durch das Vor liegen einer solchen Aus nutzung wird das Erlernen von Hand lungs frei heit insoweit unter miniert, als eine Reflexion über das eigene Handeln und mögliche Motive des Werbetreiben den kaum oder gar nicht statt findet. Vor dem Hinter grund dieses Schutz ziels wird deut lich, dass auch „ver braucher schutz nahe“ Rege‑ lun gen wie § 6 Abs. 2 Nr. 1 JMStV einen jugendschutz recht lichen Hinter grund haben; ihr im Ver gleich zu den ver wandten UWG‑Vorgaben engerer Anwen dungs bereich ergibt sich dabei quasi naturwüchsig aus dem ent wick lungs bezogenen Schutz ziel: Wo das UWG die wirtschaft liche Hand lungs autonomie schützt, zielt § 6 Abs. 2 Nr. 2 JMStV auf die Gewährleis tung des Ent wick lungs prozesses hin zu autonomen Markt‑ teilnehmern.338 Deutlich wird vor dem Hinter grund dieses Gedankens auch, dass nicht zwingend der Kaufappell selbst die Unerfahren heit oder Leicht gläubig keit aus nutzen muss. Die eine autonome Ent schei dung ge fährden den Anreize können sich auch aus dem Kontext der Auf forde rung ergeben (z. B. „nur heute“, „alle deine Freunde haben es“, „mit zusätz‑ licher Gewinn möglich keit“ etc.). 6.4.1.2 Kinder als KaufmOtivatOren, nr. 2 Eben falls unzu lässig ist Werbung, die Minderjährige dazu anhält, ihre Eltern oder Dritte zum Kauf eines be stimmten Produkts zu bewegen. Ähnlich wie in Nr. 1 muss die Werbebot schaft einen an das Kind oder den Jugend lichen gerich teten, appellativen Charakter auf weisen – mit dem Unter schied, dass die Auf forde rung nicht auf den Eigenerwerb abzielt, sondern auf Handlun gen des Minderjähri gen, dritte Personen zum Erwerb zu bringen. Ent sprechende Über zeu gungs hand lungen müssen ihrer seits nicht zwingend Kaufaufforde rungen sein, sondern können auch mittel barer Natur sein.339 Auch kommt es bei der Anstif tung von Kindern und Jugend lichen zu Kauf‑ motivatoren nicht auf eine etwaige Aus nutzung der Unerfahren heit und Leicht gläubig‑ keit an. Um gekehrt indiziert auch nicht jedwedes Aus nutzen eine Auf forde rung, sodass es Situa tionen geben kann, in denen die Unerfahren heit von Minderjähri gen dazu aus genutzt werden kann, eine dritt gerichtete Kaufmotiva tion in ihnen herbei zuführen. Ent sprechende Sach verhalte er scheinen aber als von § 6 Abs. 4 2. Alt. JMStV umfasst und finden im Wettbewerbs recht über § 4 Nr. 2 UWG Berücksichti gung. 338 zur ver fassungs recht lichen herlei tung eines engeren anwen dungs bereichs direkter Kaufappelle im JmStv s. auch König/börner, mmr 2012, 215 (217 ff.). 339 enger offen bar liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 6 rn. 9 („auf fordern minderjähri ger zu Kaufappellen“). 214 6.4.1.3 nutzung vOn ver trauens PersOnen, nr. 3 Werbung darf das be sondere Ver trauens verhältnis, das Minderjährige zu be stimmten Personen haben, nicht aus nutzen. Zu den ent sprechen den Personen gruppen ge hören explizit die Eltern und Lehrer, sie umfassen aber darüber hinaus u. a. auch Großeltern und sonstige (engere) Ver wandte, Erziehungs personen, Betreuer und (Freizeit‑)Gruppen‑ leiter. Jeden falls ist von einer Aus nutzung des Ver trauens zu diesen Personen auszu‑ gehen, wo Werbung suggeriert, der Kauf oder Konsum des be worbenen Produkts würde von diesen be sonders positiv be wertet und die „Gunst oder Wertschät zung einer der ge nannten Ver trauens personen“ wäre so zu er fahren.340 6.4.1.4 minderJährige in gefahrens itua tiOnen, nr. 4 In Nr. 4 stellt § 6 JMStV das Verbot von Werbung auf, die Minderjährige in Gefahren‑ situa tionen darstellt. Durch ent sprechende Werbung könnten Kinder und Jugend liche ansonsten Produkte zum Schutz vor oder zur Über windung von Gefahrens itua tionen in einer Weise an gepriesen werden, die die Angst oder Sorge vor dem Aus geliefert sein als unsach gemäßen Anreiz zum Erwerb einsetzt. Aus nahms weise be rechtigt er scheint die Abbil dung von Minderjähri gen in (realen) Notlagen dort, wo es um gemein nützige Auf klä rungs maßnahmen (z. B. Sicher heit im Straßen verkehr) oder Spenden aufrufe geht.341 6.4.2 sPezifi sches tren nungs gebOt für ent wicK lungs- beeinträchtigende werbung gemäss § 6 abs. 3 Jmstv Wie oben ge zeigt, gelten die allgemeinen Anforde rungen an ent wick lungs beeinträch‑ tigende wie jugendgefährdende Inhalte auch für werb liche Inhalte.342 § 6 Abs. 3 JMStV konkretisiert diese Vor gaben und stellt eine systematisch dem § 5 Abs. 5 JMStV ver‑ 340 liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 6 rn. 10. 341 Dies folgt aus der ab wägung der dahinterliegen den rechtsposi tionen des Jugendmedien schutzes aus art. 2 abs. 1 i. v. m. art. 1 abs. 1 gg einer- und des Kinder(gesund heits)schutzes aus art. 2 abs. 2 gg anderer seits. 342 Die h. m. geht davon aus, dass die ent wick lungs beeinträchti gung von den Darstel lungen der Werbung aus gehen muss. ob das be worbene produkt oder die be worbene Dienst leis tung selbst eine ent wick lungs beeinträchti gung auf weisen, wird von § 6 abs. 3 JmStv nicht umfasst. vgl. alten hain in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 20, rn. 147; liesching/Schuster, Jugendschutz, § 6 JmStv rn. 21. anders aus drück lich punkt 7.2 JuSchrili der landes medien anstalten, die die ent wick lungs beeinträchti gung (aus schließ- lich) auf die in der ent sprechen den Werbung be troffenen produkte und Dienst leis tungen be ziehen. Dem ist aus zweierlei hinsicht zu wider sprechen: Der Wortlaut des § 6 abs. 3 JmStv spricht aus drück lich vom Werbeinhalt, nicht von den be worbenen produkten und 215 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen gleich bare werbespezifi sche Vorgabe auf. § 5 Abs. 5 JMStV sieht vor, dass Inhalte, die für Minderjährige unter 14 Jahren ent wick lungs beeinträchtigend sind, von An geboten zu trennen sind, die sich spezifisch an unter‑14‑jährige Nutzer richten – die Vor schrift sieht insoweit regulative Locke rungen der Anforde rungen aus § 5 Abs. 3 JMStV vor, soweit es um ent wick lungs beeinträchtigende Inhalte für Minderjährige unter 14 Jahren geht. Hier reicht die Beach tung des Tren nungs gebots aus § 5 Abs. 5 aus, der Anbieter muss weder Zeit grenzen noch techni sche Mittel vor halten. § 6 Abs. 3 JMStV sieht eben falls ein Tren nungs gebot für ent wick lungs beein‑ trächtigende Werbeinhalte vor, be schränkt dies aber nicht auf Kinder, sondern benennt explizit auch Jugend liche. Werbung mit Inhalten (ab 14), ab 16 oder ab 18 Jahren unter liegt normaler weise aber immer den allgemeinen Anforde rungen von § 5 Abs. 3 JMStV – der Anbieter der Werbeinhalte müsste Zeit grenzen oder techni sche Mittel einsetzen oder den Werbeinhalt gem. § 11 JMStV für ein anerkanntes Jugendschutz‑ programm programmie ren („labeln“). Fraglich ist also, ob § 6 Abs. 3 JMStV diese Werbeinhalte tatsäch lich privilegie ren will, wie Alten hain unter stellt.343 Die Begrün‑ dung zum JMStV bleibt an dieser Stelle unklar und zeigt einmal mehr, dass der Gesetz geber vor dring lich an Rundfunkinhalte dachte: „Absatz 3 ent hält ein Tren nungs gebot für Werbung zu sonsti gen Programminhal‑ ten, die Kinder oder Jugend liche an sprechen. Danach muss der Anbieter sicher‑ stellen, dass im Umfeld seines ansonsten für Kinder oder Jugend liche aus gerich teten Programms keine ent wick lungs beeinträchtigende Werbung ver breitet wird.“ 344 Eine Interpreta tion kann sein, dass der Gesetz geber davon aus gegangen ist, dass Kinder und Jugend liche eine einheit liche Zielgruppe sind. Dann dürfte im Kontext von jeglichen Kinder‑ oder Jugendangeboten keinerlei für Kinder und Jugend liche ent‑ wick lungs beeinträchtigende Werbung er scheinen („ab 0“). Dies wider spräche aber jeden falls im zweiten Satzteil des § 6 Abs. 3 JMStV dem Wortlaut. Das Gebot könnte auch auf alle denk baren Alters stufen einzeln ab zielen: Ist ein werb licher Inhalt für eine Alters stufe ent wick lungs beeinträchtigend, so darf die Wer‑ bung nur außerhalb von An geboten er folgen, die sich an Alters gruppen richten, die Dienst leis tungen; daneben zielt gesetz licher Jugendschutz auf die minimie rung (unmittel barer) medien induzierter ent wick lungs risiken ab, nicht auf fragen der produkt haftung. außerdem würden die JuSchrili ent wick lungs beeinträchtigende Werbeinhalte für nicht- entwick lungs beeinträchtigende be worbene produkte/leistun gen nicht von § 6 abs. 3 JmStv umfasst sehen, was aus Sicht des ver- fassungs recht lichen und gesetz geberi schen auf trags als ein ermessens ausfall er schiene. 343 alten hain in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 20, rn. 147. 344 amtl. begrün dung zum JmStv, S. 16, www. kjm-online.de/fileadmin/Download_KJm/recht/amtliche_begruendung_zum_ JmStv_korrigiert. pdf [31. 07. 2014]. 216 unter halb der jeweils relevanten Alters stufe liegen (also z. B. keine Werbung mit Inhalten ab 16 Jahren im Kontext von An geboten, die sich an Kinder unter 14 oder an Jugend‑ liche unter 16 Jahren richten, keine Werbung mit Inhalten ab 12 Jahren im Kontext von An geboten, die sich an Kinder unter 12 Jahren richten usw.). Für die werbe umge‑ ben den Inhalte gelten weiter hin die Vor schriften des § 5 Abs. 3 (und des § 5 Abs. 5 JMStV). Bindete § 6 Abs. 3 JMStV also jugendschutz relevante Werbeinhalte aus schließ‑ lich an die dem Werbeinhalt ent sprechende Alters einord nung der An gebote im Werbe‑ kontext, so wachsen die Schutz pflichten für die um geben den An gebote mit der Stufe der Ent wick lungs beeinträchti gung: Werbung ab 18 darf nur im Kontext von 18er‑ Inhal ten an geboten werden, auf Inhalts angeboten für andere Alters stufen läge ein Ver stoß gegen § 6 Abs. 3 JMStV vor. Für das 18er‑Angebot aber gelten die anbieter‑ seiti gen Schutz vorgaben aus § 5 Abs. 3 JMStV (Zeit grenzen, techni sches Mittel oder Labeling). Ent sprechend sieht es bei 16er‑Werbeinhalten im Umfeld von Inhalts ange‑ boten aus, die sich mindestens an 16‑Jährige richten. Bei An geboten mit Inhalten ab 12 Jahren oder ab 6 Jahren führte diese Sicht weise aber dazu, dass auch dort nur Werbung mit Inhalten ab 12 bzw. ab 6 Jahren an gezeigt werden dürfte; vor dem Hinter grund der Vorgabe aus § 5 Abs. 5 JMStV er schiene dies aber nicht als Privile‑ gie rung, sondern als restriktivere Anforde rung. Allerdings scheitert diese Sicht weise insgesamt an der Tatsache, dass die Zielgruppen orientie rung nicht zwingend mit der jeweili gen Alters stufe der Ent wick lungs beeinträchti gung einher geht. Es gibt durch aus An gebote, die sich etwa an 12‑Jährige richten, aber keinerlei Ent wick lungs beeinträchti‑ gung oder nur solche für Unter‑6‑Jährige auf weisen. Eine extreme Privilegie rungs sicht be stünde darin, die Vor schrift als Total absage an anbieter seitige Schutz pflichten für Anbieter ent wick lungs beeinträchti gen der Werbe‑ inhalte zu sehen. Solange nur für Kinder oder Jugend liche ent wick lungs beeinträchti‑ gende Werbung ge trennt von den für sie konzipierten An geboten erfolgt, müsste sich der Werbetreibende um nichts weiter kümmern. Dieser Ansicht kann vor dem Hinter‑ grund des ver fassungs recht lichen Schutz auftrags im Jugendmedien schutz aber eben falls nicht ge folgt werden: Es kann keinen Unter scheid für die Schutz höhe machen, ob ein problemati scher Inhalt „Werbung“ oder „Inhalt“ ist. Ist ein Werbeinhalt ge eignet, die Ent wick lung von Kindern und Jugend lichen zu be einträchti gen, so besteht zu dem werb lichen Inhalt und dem davon aus gehen den Risiko keinerlei struktureller Unter‑ schied im Ver gleich zu einem nicht‑werb lichen Inhalt mit ver gleich barer Eignung zur Ent wick lungs beeinträchti gung. Privilegierte man bei dieser Aus legung jegliche Art ent wick lungs beeinträchti gen der Werbeinhalte so weit gehend, dass diese ohne Rücksicht auf die üblichen Anforde rungen an den anbieter seiti gen Schutz an geboten würden, so ergäben sich systemati sche Brüche in der Rege lungs dichte des JMStV und es wären 217 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Situa tionen denk bar, in denen sich 18er‑Werbeinhalte z. B. im Umfeld von jugendschutz‑ recht lich irrelevanten (also nicht‑entwick lungs beeinträchti gen den) An geboten finden könnten, die sich thematisch aber an Erwachsene richten (z. B. An gebote mit Informa‑ tionen für Senioren). Es kann bei § 6 Abs. 3 JMStV also nicht um eine Komplett‑ privilegie rung gehen. Insgesamt er scheint die Vor schrift unklar. Durch den Trialog von Alters stufe des Werbeinhalts, Alters stufe des um geben den An gebots und Alter der intendierten Ziel‑ gruppe sowie der stets gemeinsamen Nennung von „Kindern oder Jugend lichen“ ergibt sich eine Vielzahl von Konstella tionen in der Praxis, für die der Aus sagegehalt der Vor schrift höchst unklar ist. Die einzige erträg liche Lesart – die auch vor dem Hinter‑ grund der rundfunkzentrierten Begrün dung Sinn ergäbe – wäre, „Kinder oder Jugend‑ liche als zweistufiges System“ zu be greifen. Nach dieser Sicht weise ent hielte § 6 Abs. 3 JMStV die Vorgabe, dass in Werbeumfeldern (d. h. Inhalte angeboten), die sich an Kinder unter 14 Jahre richten, auch nur Werbung er scheinen darf, die für Kinder unter 14 Jahren nicht ent wick lungs beeinträchtigend ist. Innerhalb von An geboten, die sich an Jugend liche über 14 Jahre richten, dürften ent sprechend keine Werbeinhalte „ab 18“ zu sehen sein. Für solche Fälle – und nur für diese Sach verhalte – ent hielte § 6 Abs. 3 JMStV eine Privilegie rung: Der Anbieter eines ent wick lungs beeinträchti‑ gen den Werbeinhalts „ab 16“ müsste keinerlei Schutz maßnahmen vor sehen, sondern dürfte die Werbeinhalte in An geboten, die sich an Jugend liche ab 14 richten, zeigen. Dem offen baren Ziel der Regelung, nur dem Werbeumfeld ent sprechende, alters‑ angepasste Werbeinhalte zu sehen, ent spräche diese Sicht weise am ehesten. Für den Bereich von An geboten, die sich an Erwachsene richten, kann die Vor schrift wie oben erklärt vor dem Hinter grund des ver fassungs recht lichen Schutz auftrags keine weitere Privilegie rung ent falten. Erscheint auf einer un geschützten Seite, die sich in recht‑ mäßiger Weise an Erwachsene richtet, ein 18er‑Werbeinhalt, so muss hier ent gegen dem Wortlaut von § 6 Abs. 3 JMStV von einem Ver stoß gegen § 5 Abs. 3 JMStV aus‑ gegangen werden. In diesen Konstella tionen muss der Werbetreibende selbst darauf achten, dass eine an den Anforde rungen der Zugangs erschwe rung des § 5 Abs. 3 JMStV orientierte Schutz maßnahme erfolgt. Der Maßstab der An gebots einord nung muss dabei auf Spezial angebote ab stellen; es reicht nicht aus, dass sich ein An gebot neben Erwachsenen auch an Kinder (und Jugend liche) oder auch an Jugend liche richtet.345 345 Dies ergibt sich insoweit auch aus der begrün dung, die von einem „umfeld seines ansonsten für Kinder oder Jugend liche aus- gerich teten programms“ spricht, s. amtl. begr. JmStv, S. 16, www. kjm-online.de/fileadmin/Download_KJm/recht/amtliche_ begruendung_zum_JmStv_korrigiert. pdf [30. 07. 2014]. 218 6.4.3 verbOt der interessen schädi gen den werbung gemäss § 6 abs. 4 Jmstv Absatz 4 des § 6 JMStV gilt als werberecht liche Auf fangnorm des Jugendschutz rechts, da die übrigen Vor schriften regelmäßig spezieller sind. Danach ist auch an Minder‑ jährige gerichtete Werbung unzu lässig, die deren Interessen schadet (oder – 2. Alter‑ native – ihre Unerfahren heit aus nutzt, worin allerdings in der Regel eine ent sprechende Schädi gung zu er blicken ist 346).347 Auf grund seines Auf fangcharakters wird der Interessen begriff in Abs. 4 weit verstan‑ den: Im Hinblick auf die Jugendschutzinteressen an der unbe einträchtigten Persönlich‑ keits entwick lung werden von der Vor schrift Situa tionen erfasst, in denen Werbeinhalte etwa „straf bare Handlun gen oder unsoziales Ver halten als legitim oder nach ahmens‑ wert er scheinen lassen“ 348, aber auch aleatori sche Werbemittel wie Gewinn spiele, Ver losungen oder Zugaben, die Minderjährige durch über mäßige Vor teile oder Ver‑ sprechen anlocken, zur Teilnahme an stiften oder deren Spielleiden schaft aus nutzen.349 Teils werden rein wirtschaft liche Interessen als nicht von der Vor schrift umfasst an‑ gesehen, da den rechts geschäfts bezogenen Schutzinteressen der Kinder und Jugend lichen durch die §§ 105 ff. BGB hinreichend Rechnung ge tragen würde.350 Danach würde eine Werbung, die die Unerfahren heit von Minderjähri gen aus nutzt und sie dadurch zu einer rechts geschäft lichen Handlung bringt, von der der Minderjährige nicht nur Vor teile hat, nicht von § 6 Abs. 4 JMStV umfasst. Vor dem Hinter grund des oben Gesagten muss aber auch hier differenziert argumentiert werden: Für eine unbe‑ einträchtigte Persönlich keits entwick lung kommt es auf die endgültige zivil recht liche Bewer tung der Rechts lage nicht an. Die faktischen Konsequenzen eines unter Aus‑ nutzung der Unerfahren heit ein gegangenen (nichti gen oder schwebend unwirksamen) Rechts geschäfts wirken unabhängig davon: Der Minderjährige fühlt sich aus getrickst und zu einer Handlung ge bracht, die er ansonsten nicht vollzogen hätte. Die Unruhe oder gar den Ärger, den eine ent sprechende Handlung mit sich führt, kann zu (über‑) großer Vor sicht im wirtschaft lichen Umgang führen und den Haus frieden er heblich stören. Unabhängig vom wirtschaft lichen Ausgang wird das be troffene Kind bzw. der 346 eine aus nahme mag die oben ge nannte Konstella tion des aus nutzens der unerfahren heit zur gewin nung minderjähri ger als Kaufmotivatoren sein: Diese form des aus nutzens schadet nicht unmittel bar den interessen des Kindes bzw. des Jugend lichen, da die wirtschaft lich relevante ver fügungs hand lung von den Dritten (insb. den eltern) vor genommen wird. insofern würde hier aus schließ lich § 6 abs. 4 2. alt. vor liegen. 347 alten hain in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 20, rn. 136. 348 liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 6 rn. 15. 349 alten hain in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 20, rn. 146. 350 liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 6 rn. 15; König/börner, mmr 2012, 215 (219). 219 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen be troffene Jugend liche die Situa tion als be lastend empfinden. Aus Sicht des Schutz‑ gutes des Jugendschutzes muss daher auch die Vor schrift des § 6 Abs. 4 JMStV parallel zu den §§ 104 ff. BGB eröffnet sein. Der Schutz gehalt des JMStV zielt hier aber gerade nicht auf den Schutz der wirtschaft lichen Interessen, sondern die unbe einträchtigte Persönlich keits entwick lung, hier in der Aus prägung der Gewährleis tung der Aus bildung von Hand lungs autonomie. Jede Form des Aus nutzens von Unerfahren heit, die die autonome Ent schei dungs findung des Kindes unter miniert, kann insoweit von § 6 Abs. 4 JMStV umfasst sein. Fälle, in denen kein Aus nutzen zu er blicken ist, der Minderjährige sich also aus freien Stücken zu einer rechts geschäft lichen Handlung ent scheidet, fallen ent sprechend aus dem Schutz bereich des JMStV heraus und werden aus schließ lich zivil recht lich ab gewickelt. 6.4.4 werbung für indizierte medien gemäss § 6 abs. 1 Jmstv Abs. 1 er weitert die Aus stel lungs‑ und Ab gabebeschrän kungen, die für indizierte Medien gem. § 15 Abs. 1 JuSchG gelten, auch auf die Werbung für diese Inhalte. So darf Werbung für jugendgefährdende, indizierte An gebote (Listenteile A und C) aus schließ‑ lich innerhalb geschlossener Benutzer gruppen er folgen, Werbung für strafrecht lich relevante und daher in Listenteilen B und D ent haltene An gebote gar nicht. Auch der Umstand, dass ein Indizie rungs verfahren bei der BPjM läuft oder ge laufen ist, darf die Werbung nicht er wähnen. Schließ lich darf die Liste der indizierten Medien selbst nicht für werb liche Zwecke ge nutzt werden. Dass die Vor schrift aus schließ lich auf aktiv von der BPjM indizierte An gebote ver weist und nicht auch auf die gem. § 15 Abs. 2 JuSchG automatisch indizierten, schwer jugendgefährden den An gebote, ist in der rechts wissen schaft lichen Literatur jeden falls aus systemati scher Sicht nicht unkritisiert ge blieben.351 Mit Blick auf die Praxis bleibt fest zustellen, dass die gelten den strafrecht lichen Werbe verbote gem. § 184 Abs. 1 Nr. 5, Abs. 3 Nr. 3 StGB (Pornografie) und § 131 Abs. 1 Nr. 4 StGB (gewalt‑ verherr lichende Darstel lungen) große Teile relevanter Werbesach verhalte aus diesem Bereich umfassen.352 351 ladeur in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 6 JmStv rn. 8, der eine ent sprechend er weiterte interpreta tion andenkt; ukrow, Jugendschutz recht, 2004, rn. 460; s. aber liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 6 JmStv rn. 3, der eine analoge anwen dung aus schließt. 352 ladeur in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 6 JmStv rn. 8; liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 6 JmStv rn. 3 220 6.4.5 alKOhOlwer bung gemäss § 6 abs. 5 Jmstv § 6 Abs. 5 ist die einzige Vor schrift im JMStV, die sich gegen Werbung für eine spezifi‑ sche Produkt kategorie richtet. Danach darf Werbung für alkoholi sche Getränke sich nicht an Kinder oder Jugend liche richten, diese durch die Art der Darstel lung be sonders an sprechen oder Minderjährige beim Alkoholgenuss zeigen. Die Vor schrift weist darauf hin, dass der Gesetz geber von einer Dualität der werb lichen Aus rich tung an Kinder und Jugend liche aus geht: Werbung kann sich spezifisch an Kinder und Jugend liche richten, ohne diese durch die Art der Darstel lung spezifisch anzu sprechen, und Wer‑ bung kann Kinder und Jugend liche inhalt lich ge zielt an sprechen, ohne aber an diese – etwa bedingt durch ein kinder fernes Werbeumfeld – gerichtet zu sein.353 Diese Erkenntnis ist be deutsam für die Herlei tung von Kriterien, anhand derer die werb liche Aus rich tung spezifisch an Minderjährige oder neben Erwachsenen „nur“ auch an Kinder und Jugend liche er mittelt werden kann (s. unten Kapitel 6.6.2). Werbung für alkoholi‑ sche Getränke in einem für alle Alters gruppen ge dachten Werbeumfeld fällt jeden falls noch nicht unter die Vor schrift, solange sie daneben nicht auch kinder‑ bzw. jugend‑ affine ge stalteri sche Elemente auf weist.354 6.4.6 rechts fOlgen bei ver stössen gegen § 6 Jmstv Die Auf sicht über die Einhal tung der Vor gaben aus § 6 JMStV obliegt gemäß § 20 Abs. 1 JMStV den Landes medien anstalten. Die jeweilige Ent schei dung trifft bei Tele‑ medien die zuständige Landes medien anstalt durch die KJM (§ 20 Abs. 4 JMStV). Bei einem Ver stoß gegen § 6 JMStV kann die zuständige Landes medien anstalt insoweit auf Grundlage einer Prüfung und Ent schei dung durch die KJM ein Beanstan dungs‑ und Unter lassungs verfahren gegen den Anbieter 355 einleiten. Gehört der Anbieter dagegen einer anerkannten Einrich tung der freiwilli gen Selbst kontrolle an (im Tele‑ medien bereich üblicher weise der FSM), so muss die KJM vor ihrer Ent schei dung gemäß § 20 Abs. 5 JMStV zunächst die Selbst kontrolleinrich tung mit den behaup teten Ver stößen be fassen. In diesen Fällen ent scheidet die Selbst kontrolle intern; ein behörd‑ liches Ver fahren ist unzu lässig, solange die Selbst kontrolle bei der Fall bearbei tung nicht ihren Beurtei lungs spiel raum über schreitet. 353 vgl. aus führ lich liesching, alkoholwer bung in rundfunk und telemedien: anforde rungen des § 6 abs. 5 JmStv, mmr 2012, 211 ff. 354 liesching, mmr 2012, 211 (215). 355 zum anbieter begriff bei zusammen gesetzten Diensten s. oben Kapitel 6.3.4. 221 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Die Möglich keit, im Rahmen von staat lichen Beanstan dungs verfahren Buß gelder gegen den Anbieter zu ver hängen, besteht bei Ver stößen gegen § 6 JMStV mit Aus‑ nahme von Ver stößen gegen Abs. 1 nicht; der Ordnungs widrig keiten katalog nennt aus schließ lich Ver letzungen der Werbe verbote für indizierte Medien, die übrigen Bestim mungen in § 6 JMStV sind insoweit nicht buß geldbewehrt.356 Die Vor schriften des Jugendschutz rechts stellen Markt verhaltens rege lungen zum Schutz von Kindern und Jugend lichen als Ver braucher dar und stellen ent sprechend parallel auch einen Ver stoß gegen § 4 Nr. 11 UWG dar.357 Auch können Ver braucher‑ schutz verbände und ähnliche nach dem Unter lassungs klagegesetz (UKlaG) legitimierte Stellen gegen JMStV‑Verstöße vor gehen; das UKlaG nennt den JMStV nicht aus drück‑ lich, der § 6 JMStV stellt aber eine Ver braucher schutz norm im Sinne von § 2 Abs. 1 UKlaG dar 358, da sich die Schutz aspekte auf Situa tionen der Werberezep tion be ziehen, bei denen der Minderjährige als Endverbraucher an gesprochen wird.359 6.5 exKurs: daten schutz recht liche anfOrde rungen an daten verarbei tungen im umfeld vOn werbung und Kindern Die Werberezep tion im Internet unter scheidet sich von der Rezep tion im tradi tio nellen Rundfunk und beim Lesen von Druck werken oder Plakaten dadurch, dass in IP‑basier‑ ten Netz werken immer ein Rück kanal zum Anbieter zur Ver fügung steht (s. oben Kapitel 2). Die Werbeindustrie, und hier insbesondere Werbedienst leister, nutzt diesen Rück kanal unter anderem dafür, das Nutzer verhalten allgemein und die Nutzer ‑ reaktionen auf die aus gespielte Werbung zu protokollie ren, zu aggregie ren und für die Aus wertung in Form von Marktzahlen, Reichweiten und Konver sions raten zu nutzen, aber auch, um ver haltens basierte Vorher sagen im Hinblick auf die Interessen, Vor lieben und Wünsche des einzelnen Nutzers treffen zu können. Für alle diese Aktivi täten müssen die Werbeanbieter und ‑dienst leister zwingend massen haft Daten ver arbeiten; 356 Kritisch dazu erdemir in Spindler/Schuster, § 6 JmStv rn. 4. 357 Dies ent spricht der h. m. in der Kommentarliteratur; einzelne gerichts entschei dungen gehen jedoch von der gegen ansicht aus, sodass etwaige Klagen etwa der ver braucher schutz verbände bei ver stößen gegen § 6 JmStv nicht zwingend erfolg reich sind, wenn nicht ein weiterer ver stoß gegen uWg-vorgaben gerügt werden kann. vgl. ladeur in hahn/vesting, beck’scher Kommentar, § 6 JmStv rn. 30; Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 11.180 (m. w. n.). 358 vgl. olg hamm, urteil vom 19. 10. 2006, az. 4 u 83/06, JmS-report 1/2007, 12 ff. 359 S. Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 11 rn. 11.180 (m. w. n.); vgl. bghz 173, 188; bgh grur 2008, 534 rn 49 f.; a. a. ohly in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 11/81, der davon aus geht, dass das geschützte interesse im Jugendschutz nicht marktbezogen ist; es ist aber hinsicht lich des Schutz ziels der unbe einträchtigten persönlich keits entwick lung gerade auch markt- bezogen – aber eben nicht nur. 222 dabei – auch das wurde oben auf gezeigt – sind eine Vielzahl unter schied licher Stellen in die Daten verarbei tung einbezogen. Für den Bereich personen bezogener Daten existiert hier mit dem allgemeinen Daten schutz recht des BDSG sowie den be reichs spezifi schen Daten schutz vorgaben des TMG ein Ordnungs rahmen, der gleichermaßen für Erwach‑ sene wie für Kinder gilt. Der von den telemedien bezogenen Spezial vorschriften und den subsidiär anwend baren, allgemeinen Vor schriften des BDSG vor gegebene Rechts‑ rahmen ist vor diesem Hinter grund von hoher Relevanz sowohl für die Anbieter von Onlinewer bung als auch für die Minderjähri gen. Die vor liegende Studie ist in erster Linie eine Werberezep tions studie, bei der die Ver arbei tung personen bezogener Daten jeden falls nicht im Mittelpunkt steht. Daher erfolgt die Darstel lung des daten schutz‑ recht lichen Rahmens im Folgenden ledig lich über blicksartig. 6.5.1 schutz ziel des daten schutz rechts Ziel der Daten schutz gesetz gebung ist die Gewährleis tung des Grundrechts auf infor‑ ma tio nelle Selbst bestim mung, wie es sich aus Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG ergibt. Das Grundrecht stellt jedem Menschen die grundsätz liche Befugnis anheim, selbst da rüber zu be stimmen, „wer was wann und bei welcher Gelegen heit über ihn weiß“.360 Bereits hieraus wird deut lich, dass das Grundrecht jedem Menschen unabhängig von seinem Alter gewährt wird; ein spezifi sches, aus dem Grundrecht auf informatio‑ nelle Selbst bestim mung fließen des „Jugend daten schutz recht“ findet sich ent sprechend im TMG und im BDSG nicht.361 Auch endet der Grundrechts schutz dort, wo die be troffene Person ihrer seits freiwillig in den Eingriff in dieses Grundrecht durch einen Dritten ein gewilligt hat. Wo der Einzelne seinen grundrecht lichen Schutz bewusst aufgibt, enden regelmäßig auch be stehende staat liche Schutz pflichten.362 360 bverfge 65, 1 (43). 361 mögliche aus prägungen eines spezifi schen Jugend daten schutz rechts zeigen Jandt/roßnagel, mmr 2011, 637 (641 f.); zur herlei- tung eines ent sprechen den rechts aus dem ver fassungs recht lichen Schutz ziel der freien persönlich keits entwick lung und -entfal tung s. Dreyer, unbequem, sperrig, unaus weich lich – Über die ver fassungs recht liche notwendig keit eines spezifi schen Jugend daten schutzes und seine prakti schen Konsequenzen, vortrag vom 15. 04. 2010, ab rufbar unter prezi.com/x7dveljlcr4o/unbequem-sperrig- unausweichlich/ [30. 07. 2014]. 362 eine aus nahme von dieser regel besteht allerdings für die einwilli gung in die eingriffe der menschen würde, vgl. Schmitt glaeser, big brother is watching you – menschen würde bei rtl 2, zrp 2000, 395 (401 f.). 223 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.5.2 anwen dungs bereich Ein weiterer Aspekt, der sich aus dem Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung ergibt, ist der zwingende Personen bezug der Daten; dort, wo Daten keiner einzelnen Person (mehr) zuzu ordnen sind, besteht auch kein Risiko für die Gewährleis tung des Grundrechts. Die daten schutz bezogenen Vor schriften in TMG und BDSG setzen für ihre Anwend bar keit ent sprechend die Ver arbei tung personen bezogener Daten voraus. § 3 Abs. 1 Nr. 1 BDSG liefert deren Defini tion: Personen bezogene Daten sind Einzelangaben über persön liche oder sach liche Ver‑ hält nisse einer be stimmten oder be stimm baren natür lichen Person (Betroffener). Um in den Anwen dungs bereich der Daten schutz vorschriften zu fallen, müssen die ver arbei teten Daten also die be troffene Person unmittel bar er kennen lassen („be stimmt“) oder aber Hinweise ent halten, die (ggf. unter Zuhilfenahme weiterer Informa tionen) Rückschlüsse auf den Betroffenen zulassen („be stimm bar“). Insbesondere bei der Anhäu fung von (Nutzungs‑)Daten zu einer Person erhöht dies die Rück verfolg bar keit und lässt die Daten zunehmend personen bezogen er scheinen.363 Zu den personen‑ bezogenen Daten ge hören jeden falls der Name, die Adresse, der Nutzer name, die IP‑Adresse 364 und sonstige Identifika tions merkmale (z. B. einmalige Geräten ummern oder Kennzeichen). Dagegen gelten ab gestufte Anforde rungen für pseudonymisierte Daten, d. h. für Daten bei denen der Name oder andere Identifika tions merkmale durch ein Kennzeichen ersetzt werden, um die Bestim mung des Betroffenen auszu schließen oder wesent lich zu er schwe ren (§ 3 Abs. 6a BDSG). Rege lungs adressaten der recht lichen Vor gaben sind dabei gemäß BDSG die daten‑ verarbeiten den sogenannten „ver antwort lichen Stellen“: § 3 Abs. 7 BDSG Ver antwort liche Stelle ist jede Person oder Stelle, die personen bezogene Daten für sich selbst erhebt, ver arbeitet oder nutzt oder dies durch andere im Auftrag vor‑ nehmen lässt. 363 S. ohm, broken promises of privacy: responding to the Surprising failure of anonymization, uCla law rev. 2010, 1701 ff. 364 Die personen bezogen heit von (jeden falls dynamisch zu geteilten) ip-adressen ist umstritten, da die identifizier bar keit eines individuellen nutzers aus Sicht des Dienste anbieters nicht ohne weitere zusatzinforma tionen möglich ist, während der zugangs provider naturgemäß über die für die zuord nung er forder liche Konkordanzinforma tion ver fügt. vor dem hinter grund des oben gesagten fallen ip-adressen aus Sicht des Dienste anbieters auf grund ihrer eignung zur theoreti schen bestimm bar keit einer person aber jeden falls unter den pseudonym-begriff, s. Spindler/nink in Spindler/Schuster, rdm, § 13 tmg rn. 15. vgl. zum Streit stand, jeweils m. w. n., voigt, Daten schutz bei google, mmr 2009, 377 (378 f.). 224 Das TMG macht dagegen an dem Begriff des Dienste anbieters fest, stellt also nicht auf die Stelle ab, bei der die Daten verarbei tung erfolgt, sondern auf den Anbieter des jeweils vom Nutzer nach gefragten Telemediendienstes. Dies hat Relevanz in den Situa‑ tionen, in denen ein Gesamtangebot wie oben ge zeigt ggf. aus mehreren Teilelementen zusammen gesetzt ist, die von unter schied lichen Dienste anbietern an geboten werden (s. dazu oben Kapitel 6.3.4). Anders als im Bereich der werberecht lichen Ver antwor‑ tung für Inhalte, wo der Anbieter des Gesamtangebots parallel zu den Anbietern des Einzelangebots haftet (Ver gleich der Matrjoschka‑Puppen, s. oben), folgt aus der Zusammen schau der dienste anbieter bezogenen Vor gaben des TMG und der Begriffs‑ defini tion der ver antwort lichen Stelle in § 3 Abs. 7 BDSG etwas anderes: Daten schutz‑ recht lich kann der Anbieter eines Gesamtangebots für die Ver arbei tungen personen‑ bezogener Daten durch Dritte, auf die er ab gesehen von seiner Funktion als Vor bereiter einer späteren Werbe einbet tung keinerlei Einfluss hat, gerade nicht ver antwort lich ge macht werden. Der Anbieter des Gesamtangebots ver arbeitet die Daten gerade nicht für sich selbst, und er be auftragt auch nicht Dritte mit der Ver arbei tung gemäß § 11 BDSG 365, sondern schafft mit der techni schen Vor berei tung einer Werbefläche in seinem An gebot nur die Voraus setzung, die den Werbedienst leistern eine eigenständige Daten verarbei tung er möglicht.366 Das ent spricht im Übrigen den dahinterliegen den Daten flüssen, die bei von Dritten ein geblendeter Werbung nur direkt zwischen Werbe‑ dienst leister und Nutzer laufen. Um die Einhal tung der Daten schutz vorgaben bei von ihm „be treuten“ Ver arbei‑ tungs vorgängen muss sich insoweit jeder Dienste anbieter selbst kümmern. Hat der Anbieter des Gesamtangebots konkreten Einfluss auf die Bespie lung der Werbeflächen, z. B. durch konkrete Ver mark tungs verträge, vor herige Abnahme der Werbemaßnahmen oder den eigenständi gen Einbau des Quell codes für die einzu blendende Werbung, oder hält er die auszu spielen den Werbeinhalte auf dem eigenen Server vor, so ist er jeweils (auch) selbst als ver antwort liche Stelle zu sehen. 365 Die annahme einer auf trags daten verarbei tung scheitert im onlinebereich meist bereits an der fehlen den Schriftlich keit des auf trags, vgl. § 11 abs. 2 S. 2 bDSg. S. auch gola/Schomerus, bDSg bundes daten schutz gesetz: Kommentar, 11 aufl., münchen 2012, § 11 rn. 17. 366 Diese Sicht ist nicht unumstritten und ent zündete sich am beispiel der Daten verarbei tung durch facebook, die durch die einbin- dung von facebook-buttons auf Seiten von einzel unternehmen möglich ge macht wurde, vgl. ulD, Daten schutz recht liche bewer tung der reichweiten analyse durch facebook, 2011, ab rufbar unter www.datenschutzzentrum.de/facebook/facebook-ap-20110819. pdf [30. 07. 2014]. Die literatur sieht aber keine daten schutz recht liche ver antwortlich keit der einbinden den unter nehmen, vgl. voigt/ alich, facebook-like-button und Co. Daten schutz recht liche ver antwortlich keit der Webseiten betreiber, nJW 2011, 3541 (3543); pieper/ Krügel, vg Schleswig: facebook-fanpage-betreiber sind daten schutz recht lich nicht ver antwort lich, zD-aktuell 2013, 03831. 225 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.5.3 grundsatz des ver bOts mit einwilli gungs vOrbehalt Das Daten schutz recht geht vom Grundsatz des Ver bots der Daten verarbei tung aus und sieht Aus nahmen von diesem Grundsatz nur dann vor, wenn eine gesetz liche Vor schrift die Daten verarbei tung aus drück lich erlaubt oder der Betroffene in die Daten verarbei tung ein gewilligt hat. § 12 Abs. 2 TMG Der Dienste anbieter darf personen bezogene Daten zur Bereit stel lung von Tele‑ medien nur erheben und ver wenden, soweit dieses Gesetz oder eine andere Rechts‑ vorschrift, die sich aus drück lich auf Telemedien bezieht, es erlaubt oder der Nutzer ein gewilligt hat. § 4 Abs. 1 BDSG Die Erhebung, Ver arbei tung und Nutzung personen bezogener Daten sind nur zulässig, soweit dieses Gesetz oder eine andere Rechts vorschrift dies erlaubt oder anordnet oder der Betroffene ein gewilligt hat. Betrachtet man den Werbedienst leister als den Anbieter eines differenzier baren Tele‑ mediendienstes, ent halten die §§ 14 und 15 gesetz liche Erlaub nisse, nach denen er personen bezogene Daten seiner Nutzer dann ver arbeiten darf, wenn (a) sie „für die Begrün dung, inhalt liche Aus gestal tung oder Änderung eines Ver trags verhält nisses zwischen dem Dienste anbieter und dem Nutzer über die Nutzung von Telemedien er forder lich sind“ (Bestands daten, § 14 Abs. 1 TMG) oder (b) „dies er forder lich ist, um die Inanspruchnahme von Telemedien zu er möglichen und abzu rechnen“ (Nut‑ zungs daten, § 15 Abs. 1 TMG). Nutzungs daten sind gemäß § 15 Abs. 1 S. 2 TMG insbesondere Merkmale zur Identifika tion des Nutzers, Angaben über Beginn und Ende sowie des Umfangs der jeweili gen Nutzung und Angaben über die vom Nutzer in Anspruch ge nommenen Telemedien. Aus der Perspektive eines Werbedienst leisters liegen die Voraus setzungen für die gesetz liche Erlaubnis der Ver arbei tung von Bestands‑ oder Nutzungs daten in der Regel nicht vor: Ein Ver trags verhältnis zwischen Werbeanbieter und Werberezipient liegt nicht vor 367, und für das Einblen den von Werbung – also die „Inanspruchnahme des 367 eine andere Situa tion ergibt sich dort, wo der Werbeanbieter gleichzeitig als Dienste- oder platt formanbieter fungiert und ein ver trags verhältnis zwischen ihm und dem nutzer besteht, das auch formen der Werbung oder inter aktion innerhalb von an geboten Dritter umfasst. 226 Telemediums“ – ist die personen bezogene Daten verarbei tung auch nicht ohne Weiteres er forder lich.368 Letztend lich bleibt dem Werbedienst leister, will er personen bezogene Daten ver arbeiten, also die Option des Einholens der Nutzer einwilli gung. Dies steht im Einklang mit den Anforde rungen an die Ver arbei tung personen‑ bezogener Daten zu Werbezwecken in § 28 Abs. 3 BDSG: Danach dürfen personen‑ bezogene Daten von der ver antwort lichen Stelle ver arbeitet werden, wenn der Betroffene aus drück lich und schrift lich zu gestimmt hat. Abs. 3a sieht vor, dass die Ertei lung einer Einwilli gung auch elektronisch er folgen kann, wenn die Einwilli gung protokolliert wird und die ver antwort liche Stelle dem Betroffenen deren Inhalt jederzeit zum Abruf be reithält. Auch muss der Betroffene die einmal er teilte Einwilli gung jederzeit wider‑ rufen können. Liegt eine wirksame schrift liche oder elektroni sche Einwilli gung dagegen nicht vor, oder ist dem Anbieter das Einholen der Einwilli gung nicht möglich, bleibt dem Anbieter die Ver arbei tung der Daten in pseudonymisierter Form nach § 15 Abs. 3 TMG.369 § 15 Abs. 3 TMG: (3) Der Dienste anbieter darf für Zwecke der Werbung, der Markt forschung oder zur bedarfs gerechten Gestal tung der Telemedien Nutzungs profile bei Ver wendung von Pseudonymen er stellen, sofern der Nutzer dem nicht wider spricht. Der Dienste‑ anbieter hat den Nutzer auf sein Wider spruchs recht im Rahmen der Unter rich tung nach § 13 Abs. 1 hinzu weisen. Diese Nutzungs profile dürfen nicht mit Daten über den Träger des Pseudonyms zusammen geführt werden. Da der Werbedienst leister dem Nutzer gegen über einen ab grenz baren, eigenen Tele‑ medien dienst – also das Aus spielen der Werbung in der bereit gestellten Werbefläche – er bringt, sind die anbieter bezogenen Vor schriften und gesetz lichen Erlaubnis tatbestände grundsätz lich auch auf diesen anwend bar. Sieht der Anbieter also zur Bildung von Nutzungs profilen ein den Anforde rungen des § 3 Abs. 6a BDSG ge nügen des Ver fahren 368 vgl. Spindler/nink in Spindler/Schuster, rdm, § 15 tmg rn. 5 (m. w. n.); rammos in taeger, S. 493, 506; teils wird auch im falle von § 15 abs. 1 tmg das vor liegen eines ver trags als grundlage der Daten verarbei tung voraus gesetzt, vgl. Jandt/roßnagel, mmr 2011, 637 (639). 369 Dafür müsste man im einzelfall allerdings zunächst fest stellen, ob das tmg über haupt auf solche Werbedienst leister anwen dung finden kann, die ledig lich einseitig nutzu ngs bezogene Daten erheben und aus werten und das ergebnis der aus wertung dem Werbetreiben- den so zur ver fügung stellen, dass dieser eine an den nutzerinteressen orientierte Werbung an den nutzer aus spielen kann. Diese frage kann im rahmen dieses gutachtens nicht ent schieden werden. Käme man zu dem Schluss, dass das tmg hier keine anwen dung fände (da der Dienstebegriff, der regelmäßig einen anbieter-nutzer-austausch, jeden falls aber eine Über tragung vom anbieter zum nutzer auf dessen abruf voraus setzt), so wäre eine pseudonymisierte ver arbei tung gem. § 15 abs. 3 tmg nicht möglich. eine Sicht weise könnte dann darauf ab stellen, dass reine oba-Dienst leister regelmäßig über ver trag liche beziehungen zum Werbetreiben den oder zum gesamtanbieter ver fügen und es sich daher um eine auf trags daten verarbei tung im Sinne von § 11 bDSg handelt. 227 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen zur Pseudonymisie rung vor, kann er die anfallen den Nutzungs daten auch ohne Einwilli‑ gung des Betroffenen speichern und weiter verarbeiten. Genutzte Pseudonyme sind in der Praxis häufig einzigartige Cookie‑IDs 370. Er darf die zu dem Pseudonym vor‑ liegen den Daten aber nicht mit weiteren Informa tionen so kombinie ren, dass ein Rückschluss auf den Träger des Pseudonyms möglich ist.371 Für die bei der Nutzung von Telemedien in IP‑Netzen üblicher weise anfallen den IP‑Adressen, Nutzer kennun‑ gen oder einmali gen Geräten ummern be deutet dies, dass der Anbieter ver pflichtet ist, diese personen bezogenen Daten über haupt nicht bei der Profil bildung zu nutzen oder sie soweit unkennt lich zu machen bzw. zu kürzen, dass eine Rück verfolg bar keit oder Wieder herstel lung der Informa tionen wesent lich er schwert ist. Daneben ist der Dienste anbieter ver pflichtet, den Betroffenen auf seine Möglich‑ keit des Wider spruchs vor der Daten verarbei tung hinzu weisen (s. dazu unten). In der Praxis hat sich etabliert, den Nutzern sog. Opt‑out‑Cookies zur Ver fügung zu stellen, anhand derer der Dienste anbieter den Gebrauch des Wider spruchs rechts durch einen Nutzer technisch aus lesen kann.372 6.5.4 eleKtrOni sche einwilli gung (vOn minderJähri gen) und infOrma tiOns Pflichten Im Hinblick auf die Anforde rungen an eine rechtmäßige Einwilli gung stellt § 13 Abs. 2 TMG fest: § 13 Abs. 2 TMG: Die Einwilli gung kann elektronisch erklärt werden, wenn der Dienste anbieter sicherstellt, dass 1. der Nutzer seine Einwilli gung bewusst und eindeutig erteilt hat, 2. die Einwilli gung protokolliert wird, 3. der Nutzer den Inhalt der Einwilli gung jederzeit abrufen kann und 4. der Nutzer die Einwilli gung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft wider‑ rufen kann. 370 lerch/Krause/hotho/roßnagel/Stumme, Social bookmarking-Systeme – die unerkannten Daten sammler. un gewollte personen- bezogene Daten verarbei tung?, mmr 2010, 454 (456). 371 Über das verbot der zusammen führung hinaus sieht § 13 abs. 4 nr. 6 tmg aus drück lich vor, dass der anbieter im vorfeld sogar techni sche vor kehrungen zu treffen hat, die eine theoreti sche zusammen führung ent sprechen der Daten sätze unmög lich machen. Die reine beteue rung, dass der anbieter eine zusammen führung nicht vornehmen wird, reicht ent sprechend nicht aus. vgl. dazu voigt, mmr 2009, 377 (381). 372 vgl. hass/Will brandt, targeting von onlinewer bung: grundlagen, formen und heraus forde rungen, medien Wirtschaft 2011, 12 (19); zur Kritik am opt-out-ansatz s. Schröder, DSritb 2013, 173 ff. 228 Die Einwilli gung ist nach h. M. keine rechts geschäft liche Willen serklä rung, sondern ein Realakt in Form der Gestat tung eines (be grenzten) Eingriffs in ein eigenes Grund‑ recht, hier in das informatio nelle Selbst bestimmungs recht.373 Die zivil recht lichen Vor gaben zu der (be schränkten) Geschäfts fähig keit von Kindern und Jugend lichen in den §§ 104 ff. BGB finden daher keine Anwen dung auf daten schutz recht liche Einwilli‑ gungen. Dennoch: Auch bei der Erlaubnis gegen über Dritten, in eigene Grundrechte eingreifen zu dürfen, wird deut lich, dass der Gestattende über haupt einwilli gen können muss und die Fähig keit zur Einsicht in die damit ver bundenen Konsequenzen für das informatio nelle Selbst bestimmungs recht auf weisen muss. Besitzt er die Einwilli gungs‑ oder die Einsichts fähig keit nicht, kann von einer freiwilli gen Einwilli gung nicht die Rede sein.374 Insbesondere Kindern wird das volle Konsequenzwissen be züglich ihres Handelns nicht zu gestanden, die Einsichts fähig keit steigt ab hängig von der Tragweite der Einwilli gung und der Komplexi tät des Einwilli gungs sach verhalts erst mit zunehmen‑ dem Alter an. Auf diese Weise werden Minderjährige zwar faktisch in ihrer Grund‑ rechts ausü bung ein geschränkt, dies erfolgt aber mit dem Ziel, „sie davor zu schützen, dass sie ihren Grundrechts schutz selbst be schränken, ohne die Konsequenzen über‑ blicken zu können.“ 375 Im Rahmen der Rechts anwen dung müsste vor dem Hinter grund des eben Gesagten die Einsichts fähig keit grundsätz lich im Einzelfall und positiv fest gestellt werden. Dies ginge aber aus Sicht der ver antwort lichen Stellen, die im Bereich der Massen kommuni‑ ka tion auf praktikable Einwilli gungs situa tionen an gewiesen sind, mit einer hohen Rechts unsicher heit einher. In der Praxis haben sich daher Leitlinien heraus gebildet, die jeden falls als grober Rahmen der Einschät zung der Einsichts fähig keit von Minder‑ jähri gen dienen. So ist im Ergebnis davon auszu gehen, dass bei Kindern unter 14 Jahren insbesondere in Bezug auf elektroni sche Einwilli gungen in digitalen, rück kanalfähigen Medien umge bungen regelmäßig die Einsichts fähig keit nicht unter stellt werden kann.376 Bei jüngeren Jugend lichen zwischen 14 und 16 Jahren wird es dagegen auf den Einzel‑ fall, und hier objektiv vor allem auf die Aspekte Breite der Einwilli gung, den oder die Zwecke der Daten verarbei tung und die Tragweite der Speiche rung, Ver arbei tung, Zu‑ sammen fügung und Über mitt lung der personen bezogenen Daten ankommen.377 Bei 373 vgl. Spindler/nink, Spindler/Schuster, rdm, § 4a rn. 2; zscherpe, anforde rungen an die daten schutz recht liche einwilli gung im internet, mmr 2004, 723 (724); a. a. gola/Schomerus, bDSg, § 4a rn. 2. 374 Jandt/roßnagel, mmr 2011, 637 (638). 375 Jandt/roßnagel, mmr 2011, 637 (638); zum Stand der Diskussion vgl. Schwenke, individualisie rung und Daten schutz: rechts- konformer umgang mit personen bezogenen Daten im Kontext der individualisie rung, Wiesbaden 2006, S. 182 ff. 376 als argument nennen Spindler/nink bei Kindern unter 7 Jahren den rechts gedanken des § 828 abs. 1 bgb und § 10 Stgb i. v. m. §§ 1 abs. 2, 3 Jgg, bei Kindern zwischen 7 und 14 Jahren den des § 19 Stgb, vgl. Spindler/nink in Spindler/Schuster, rdm, § 4a bDSg rn. 2a. Weiter führend: zscherpe, mmr 2004, 723 (724). 377 in diese richtung auch zscherpe, mmr 2004, 723 (724). 229 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Jugend lichen zwischen 16 und 18 Jahren ist dagegen die grundsätz liche Unter stel lung der Einsichts fähig keit legitim.378 Dort, wo von einer Einsichts fähig keit nicht auszu‑ gehen ist, soll auch der gesetz liche Ver treter für den Minderjähri gen nicht in den Grundrechts eingriff einwilli gen können.379 Unabhängig davon, ob der Anbieter auf Grundlage eines gesetz lichen Erlaubnis‑ tatbestands oder auf Basis einer Einwilli gung agiert: Er unter liegt bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten grundsätz lich den recht lichen Anforde rungen an vor herige Informa tions pflichten (§ 13 Abs. 1 TMG). § 13 Abs. 1 TMG: Der Dienste anbieter hat den Nutzer zu Beginn des Nutzungs vorgangs über Art, Umfang und Zwecke der Erhebung und Ver wendung personen bezogener Daten (…) in allgemein ver ständ licher Form zu unter richten, sofern eine solche Unter‑ rich tung nicht bereits erfolgt ist. Bei einem automatisierten Ver fahren, das eine spätere Identifizie rung des Nutzers er möglicht und eine Erhebung oder Ver wendung personen bezogener Daten vor bereitet, ist der Nutzer zu Beginn dieses Ver fahrens zu unter richten. Der Inhalt der Unter rich tung muss für den Nutzer jederzeit ab‑ rufbar sein. Die Vor schrift ge staltet den daten schutz recht lichen „Grundsatz der informierten Ein‑ willi gung“ aus, der darauf gerichtet ist, dass dem Einwilli gen den alle relevanten Um‑ stände der ge wünschten Daten verarbei tung bekannt sind, die er für das Abwägen für und wider die Einwilli gung be nötigt. Diese Umstände (insb. „Art, Umfang und Zwecke“) müssen nach vollzieh bar be schrieben und dargelegt werden 380 und sich in ihrem Sprachstil an das anlehnen, was für eine durch schnitt liche Zielperson der an‑ gestrebten Einwilli gungs erklä rung ver ständ lich ist. Letzteres hat zur Folge, dass sich Einwilli gungs erklä rungen, die sich spezifisch an Jugend liche richten, auch an deren Sprach schatz und Ver ständnis horizont auszu richten haben; das Ver ständnis recht licher Fachtermini und techni scher Spezial begriffe kann hier nicht voraus gesetzt werden. 378 Spindler/nink in Spindler/Schuster, rdm, § 4a bDSg rn. 2a. 379 Spindler/nink in Spindler/Schuster, rdm, § 4a bDSg rn. 3; zscherpe, mmr 2004, 723 (725 f.). Diese Sicht weise, die im Übrigen der gängigen praxis von anbietern und eltern diametral wider spricht, ist im hinblick auf die herlei tung der rechts dogmati schen herlei tung der einwilli gung einleuchtend, be rücksichtigt aber gerade nicht die im eltern-Kind-verhältnis be stehende grundrecht liche Sonder situa tion, wie sie sich aus art. 6 abs. 2 S. 1 gg ergibt. Das um das interesse des Kindes Willen be stehende elter liche erziehungs- recht muss in dieser Konstella tion dazu führen, dass die eltern nach ab wägung der vor- und nachteile der einwilli gung in die ver- arbei tung der Daten des Kindes das Kind durch aus in seiner grundrechts ausü bung ver treten können, solange sie dies nicht im eigenen interesse, sondern im interesse des Kindes tun. zur grundrecht lichen Konstella tion vgl. peschel-gutzeit in Staudinger-bgb, § 1626 rn. 16 ff.; Knothe in Staudinger-bgb, §§ vorb 104–115, rn. 104 ff. 380 zu den möglich keiten der anbieter, den durch aus ambivalenten anforde rungen an die breite, tiefe und Über sichtlich keit der informa tion nach zukommen, s. lerch/Krause/hotho/ u. a., mmr 2010, 454 (458). 230 Die gesetz lich ge forderte Eindeutig keit der elektroni schen Einwilli gung be deutet in diesem Zusammen hang, dass der Nutzer seine Einwilli gung nicht aus Ver sehen oder beiläufig ab geben kann.381 Die h. M. geht daher davon aus, dass eine Einwilli‑ gung nur dann eindeutig ist, wenn der Einwilligende sein Einverständnis durch ein aktives Tun zeigt, das von dem üblichen Hand lungs fluss bei der Internetnut zung ab weicht.382 6.5.5 rechts fOlgen bei ver stössen gegen daten schutz vOrschriften Die Über wachung der Einhal tung der Daten schutz vorschriften durch Anbieter von Telemediendiensten obliegt nach § 59 Abs. 1 RStV (für die Regelun gen im TMG) und nach § 38 Abs. 6 BDSG (für die für private Stellen gelten den Regelun gen im BDSG) den zuständi gen Kontroll behörden der Länder, d. h. den Landes daten schutz beauftragten. Die Landes daten schutz beauftragten sind gemäß § 38 Abs. 5 BDSG be rechtigt, „Maß‑ nahmen zur Beseiti gung fest gestellter Ver stöße“ anzu ordnen, also in der Regel Unter‑ lassungs anord nungen oder bei fort gesetzten Ver stößen Zwangs geldanord nungen zu er lassen. Daneben sieht das BDSG die Möglich keit der Buß geld verhän gung vor, wenn ein Anbieter „unbefugt personen bezogene Daten, die nicht allgemein zugäng lich sind, erhebt oder ver arbeitet“ (§ 43 Abs. 2 Nr. 1 BDSG). Auch das TMG sieht Buß geld‑ möglich keiten für die Fälle vor, in denen ein Anbieter ent gegen § 13 Abs. 1 den Nutzer nicht ordent lich informiert, ent gegen § 14 Abs. 1 oder § 15 Abs. 1 personen bezogene Daten ver arbeitet oder ent gegen § 15 Abs. 3 Satz 3 ein pseudonymes Nutzungs profil mit Daten über dessen Träger zusammen führt. Die daten schutz recht lichen Regelun gen stellen in der Regel übrigens keine Markt‑ verhaltens rege lungen dar.383 Bei Ver stößen gegen Daten schutz bestim mungen können Ver braucher schutz stellen daher regelmäßig 384 nicht gegen die Anbieter vor gehen; auch Wettbewerber können, soweit nicht auch eine spezifi sche Ver letzung von UWG‑ Vorschriften vor liegt, nicht die Unter lassung der Ver stöße vom Anbieter fordern. 381 Jandt/Schaar/Schulz in beck’scher Kommentar zum recht der telemediendienste, § 13 tmg rn. 73. 382 ebd. 383 vgl. olg frank furt grur 2005, 785. 384 eine aus nahme kann § 28 bDSg darstellen, der auf grund seines anwen dungs bereichs (Daten verarbei tung zu kommerziellen zwecken) teils als markt verhaltens steuernde norm interpretiert wird; in diesen fällen wären Daten schutz verstöße gleichzeitig ver stöße gegen § 4 nr. 11 uWg und die nach uKlag klageberechtigten Stellen zu recht lichen Schritten legitimiert. vgl. Kg berlin, urt. v. 24. 1. 2014, 5 u 42/12; olg Karls ruhe, urt. v. 09. 05. 2012, 6 u 38/11; olg Köln, urt. v. 17. 01. 2014, 6 u 167/13; olg Stuttgart, urt. v. 22. 02. 2007, 2 u 132/06. Die gegen ansicht sieht den betroffenen durch die Daten schutz normen dagegen gerade nicht in seiner spezifi schen rolle als ver braucher geschützt, vgl. olg münchen, urt. v. 12. 01. 2012, 29 u 3926/11. 231 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.6 werberecht als KOmPlexes system vOn ent schei dungs massstäben: Kinder als be sOnders schutz bedürftige PersOnen gruPPe Der Über blick über den be stehen den Ordnungs rahmen für Onlinewer bung hat ge zeigt, dass bereits eine ganze Reihe einschlägi ger Vor schriften existiert, an die sich die unter‑ schied lichen Akteure halten müssen. Dabei knüpfen viele der Tatbestände an un‑ bestimmte Rechts begriffe an, sodass auf der Ebene der Rechts anwen dung 385 deren Interpreta tion den Behörden und (ab schließend) den Gerichten über lassen ist. Dieser Umstand ist aus (ver fassungs‑)recht licher Sicht nicht zu be anstanden 386, aus Sicht eines sich dynamisch wandelnden Werbemarkts (s. oben Kapitel 2) sogar zu be grüßen, da sich die Offen heit der Formulie rungen positiv auf die Anwend bar keit einer Vor schrift auf vielschichtige Lebens sach verhalte aus wirkt. Dort, wo der Gesetz geber subjektive Tatbestands merkmale nutzt, ent wickelt die Rechts anwen dungs ebene regelmäßig objektive Kriterien, um deren Vor liegen annehmen oder ab lehnen zu können. Diese Objektivie rung erfolgt sowohl für subjektive Merkmale des Rege lungs adressaten als auch in Bezug auf andere Objekte, auf die das Recht Bezug nimmt. Für den Bereich der oben vor gestellten Regelun gen ist auszu machen, dass sich Vor schriften auf seiten des Handelnden auf dessen subjektive Werbeinten tion stützen, auf seiten des Werberezipienten auf eine (unerwünschte Form von) Werbe‑ wirkung. Auf grund der ver braucher‑ bzw. rezipienten bezogenen Schutz ziele der Vor‑ schriften ent scheidet grundsätz lich die Nutzer sicht, sodass sich der einzelfall bezogene Bewer tungs maßstab aus der Perspektive des durch schnitt lich informierten, durch‑ schnitt lich kompetenten Ver brauchers bzw. Nutzers ergibt („Ver kehrs auffas sung“). Richtet sich werb liche Kommunika tion an eine be stimmte Zielgruppe (auch die Ziel‑ gruppen bezo gen heit ist dabei anhand objektiver Kriterien zu er mitteln), so richtet sich die Perspektive nach einem durch schnitt lichen Ver braucher 387 bzw. Nutzer dieser spezifi schen Gruppe, für die der Rechts anwender eben falls einen gruppen spezifi schen Beurtei lungs maßstab finden und fest legen muss. Die bei der Rechts anwen dung dadurch notwendig werdende vielfache Objektivie rung subjektiver Anforde rungen aus Sicht des 385 zur perspektiven verschie bung zwischen rechts setzung und rechts anwen dung vgl. Jestaedt, „Öffent liches recht“ als wissen- schaft liche Disziplin, in engel/Schön, Das proprium der rechts wissen schaft, tübingen 2007, S. 241 (272 f.) 386 Die grenze der be griff lichen offen heit von vor schriften ist dort er reicht, wo dem bestimm theits gebot, wie es sich aus art. 103 abs. 2, art. 20, art. 19 abs. 4 gg ergibt, nicht aus reichend rechnung ge tragen ist; vgl. dazu grzes zick in maunz/Dürig, gg, art. 20 rn. 58 ff. (m. w. n.). 387 Der bgh spricht auch von einem „durch schnitt lich informierten, auf merksamen und ver ständi gen an gehöri gen dieser gruppe“, an dem sich der Werbetreibende zu orientie ren hat, vgl. bgh mmr 2006, 542 (543); bghz 151, 84 (92); 156, 250 (252). 232 Gerichts 388 führt zu einem komplexen System von anzu wenden den Maßstäben und Kriterien. 6.6.1 die „defizite“ Jüngerer und die begrün dung ihrer schutz bedürftig Keit Die Maßstäbe, die an die recht liche Bewer tung von Werbung anzu legen sind, ver engen sich zu Lasten der Werbetreiben den dort, wo sich Werbung auch an Kinder und Jugend liche oder gar spezifisch in diese richtet. Was für durch schnitt liche (er wachsene) Rezipienten recht lich zulässig ist, kann nach diesem engeren Minderjähri gen‑Maßstab einen Rechts verstoß darstellen.389 Begründet wird diese Maßstabs veren gung mit vor allem kognitiven Defiziten 390 Jüngerer. So gehen die rechts wissen schaft liche Literatur und die Spruchpraxis der deutschen Gerichte – im Einklang mit dem Gesetz geber bei den expliziten, kinder bezogenen Werbe vorschriften – davon aus, dass Kinder und Jugend liche be sonders zu schützende Personen gruppen sind, da sie – „nicht in gleichem Maße wie Erwachsene in der Lage (sind), eine Werbung auf ihren Richtig keits gehalt zu unter suchen“ 391, – „typischer weise noch nicht in aus reichen dem Maße in der Lage sind, Waren oder Dienst leis tungs angebote kritisch zu be urteilen“ 392, – „auf grund ihrer geringen Lebens erfah rung in der Regel weniger in der Lage sind, die durch die Werbung an gepriesene Leistung in Bezug auf Bedarf, Preis würdig‑ keit und finanzielle Folgen zu be werten, und dass sie auch noch lernen müssen, mit dem Geld haus zuhalten“ 393, 388 vgl. im hinblick auf die ermitt lung der ver kehrs auffas sung den erwä gungs grund 18 der ugp-richtlinie: „Der begriff des Durch- schnitts verbrauchers beruht dabei nicht auf einer statisti schen grundlage. Die nationalen gerichte und ver wal tungs behörden müssen sich bei der beurtei lung der frage, wie der Durch schnitts verbraucher in einem ge gebenen fall typischer weise reagie ren würde, auf ihre eigene urteils fähig keit unter berücksichti gung der rechtsprechung des gerichts hofs ver lassen.“ zur Diskussion, ob der inhalt der ver- kehrs auffas sung empirisch statt normativ herzu leiten ist s. Dreyer in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 5 rn. 8 ff. 389 Dreyer in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 5 rn. 21; bornkamm in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 5 rn. 2.79. 390 in der literatur wird in bezug auf einen „durch schnitt lich informierten und ver ständi gen ver braucher, der das Werbe verhalten mit einer der Situa tion an gemessenen auf merksam keit ver folgt“ auf die drei ver brauchercharakteristika „auf merksam keit“, „informiert- heit“ und „ver ständig keit“ ver wiesen, vgl. harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 5 rn. 28 ff. (m. w. n.). bei Kindern wird teils auch auf emotionale Defizite rekurriert, wenn Kindern etwa emotionalisierte, starke Kaufimpulse zu geschrieben werden. 391 Dreyer in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 5 rn. 6. 392 bgh mmr 2009, 112 (113); s. auch loschelder in loschelder/erdmann/ahrens/ u. a., Wettbewerbs recht, § 59 rn. 11. 393 bgh grur, 775 (776); zagouras, Werbung für mobilfunkmehrwertdienste und die aus nutzung der geschäft lichen unerfahren heit von Kindern und Jugend lichen nach § 4 nr. 2 uWg, grur 2006, 731 (733). 233 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen – „alters bedingt im Allgemeinen zu kritisch‑rationaler Ab schät zung der wirtschaft‑ lich‑finanziellen Bedeu tung und Tragweite geschäft licher Ent schließungen nicht imstande (sind) und (…) den Risiken und Ver lockungen der Werbung eher als Erwachsene“ er liegen 394 – vor allem dort, wo „sie mit Zugaben oder mit aleatori‑ schen Reizen wie Gewinn spielen u. Ä. umworben werden“ 395, – leichter Miss verständ nissen auf grund von Unerfahren heit unter liegen, die bei Er‑ wachsenen nicht im gleichen Umfang auf treten,396 – für un überlegte Spontanbestel lungen anfällig sind 397 bzw. ge fühlsmäßig und spontan ent scheiden 398, – be sonders in jüngeren Jahren „in aller Regel eine schwächere Auf merksam keits‑ und Lesekompetenz, demgegenüber aber einen stärke ren Spieltrieb, welcher gerade für ‚bewegte Bilder‘ (…) be sonders anfällig ist“ auf weisen 399, – „in be sonde rem Maße Gruppen zwängen aus gesetzt“ sind; „be stimmte Dinge ‚müs‑ sen einfach sein‘, um ‚dazu zu ge hören‘ und nicht als sozialer Außen seiter aus ge‑ grenzt zu werden“,400 und – eine Personen gruppe sind, die „sich durch größere Naivität in Bezug auf die Tücken der Werbung aus zeichnet, meist nicht in der Lage ist, ‚zwischen den Zeilen zu lesen‘, aber anderer seits auch über ‚Sonderwissen‘, z. B. in Bezug auf Dinos aurier, be stimmte Spielfiguren oder Computertechnik, ver fügen kann, das dem durch‑ schnitt lichen Erwachsenen abgeht“.401 Grundsätz lich wird unter stellt, dass Kinder und Jugend liche stets unerfahren sind und weniger rational agieren als Erwachsene.402 Drei wichtige Aspekte, die dabei aber nur selten erwähnt werden, sind erstens die detailliertere Maßstabs findung, wenn es um das konkrete Alter der an gesprochenen Zielgruppe geht. Hier ist „der alterstypi schen Ent wick lung ent sprechend graduell zu differenzie ren“.403 Stuckel äußert einen Ge‑ danken, der in die gleiche Richtung geht: 394 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 2.8.; olg nürnberg grur-rr 2003, 315 (316); olg hamburg grur-rr 2003, 317 (318). 395 Sosnitza in ohly/Sosnitza/piper, uWg, § 4 rn. 2.8. 396 helm in loschelder/erdmann/ahrens/ u. a., Wettbewerbs recht, § 59 rn. 80. 397 ebd. 398 anm. Steinbeck zu bgh grur 2006, 161 (164). 399 Kg berlin mmr 2013, 515. 400 mankowski, Klingeltöne auf dem wettbewerbs recht lichen prüfstand, grur 2007, 1013 (1014). 401 Dreyer in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 5 rn. 22. 402 hier muss allerdings mit zunehmen dem alter eine ab stufung der unerfahren heit an genommen werden, vgl. Köhler in Köhler/ bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 2.24. 403 anm. Steinbeck zu bgh grur 2006, 161 (164). 234 „Bei Kindern und Jugend lichen handelt es sich allerdings um eine heterogene Gruppe, bei der alters‑ und situa tions bedingt unter schied liche Maßstäbe anzu legen sind. Mit Ver allgemeine rungen ist daher eine be sondere Vor sicht ge boten.“ 404 Zweitens muss der Rechts anwender die an genommene An gebots‑ und Werbekompetenz des durch schnitt lichen minder jähri gen Nutzers vorab definie ren. Welches Werbe‑ und An gebots strukturwissen darf dem Durch schnitts nutzer unter stellt werden, wenn es etwa um Erkenn bar keit, Irrefüh rung oder Zumut bar keit geht? Dieser wichtige Aspekt taucht nur selten in Rechtsprechung und Literatur auf. Eine Aus nahme bildet ein Beschluss des KG Berlin, der den Prozess der Werbekompetenzaneig nung in ent schei‑ dungs relevanter Weise vor trägt: Das Gericht stellt in dem Fall nicht auf ein Kind ab, das zum ersten Mal Onlinewer bung sieht, sondern zieht einiger maßen internetaffine Kinder zur Ent schei dungs grundlage heran: „Der Senat teilt die Einschät zung des Landgerichts, dass hier – auch unter Beach‑ tung der vom Internet auftritt an gesprochenen Alters gruppe – eine optisch (noch) hinreichend deut lich erkenn bare Trennung dieser Banner streifen vom ‚redak tio‑ nellen‘ Teil vor liegt und dass jeder Internetnutzer – auch im Kindesalter – ganz von Anfang der ersten Nutzung an sofort daran ge wöhnt wird, dass es solche Trennun gen von ‚eigent lichen‘ Inhalten im optischen Zentrum eines Internet‑ auftritts und Bannerwer bung in dessen Randbereichen gibt. Auch Gemeinsam‑ keiten zwischen Werbeteil und inhalt lichem Teil (hier etwa: Anima tion und inter aktives Spiel) ist den wirtschaft lichen Prinzipien von kosten freien Internet‑ angeboten immanent und gehört spätestens seit Einfüh rung des Suchmaschinen‑ marketings (Keyword‑Advertising) zum Alltag, den Kinder natür lich erst kennen‑ lernen müssen, aber eben auch – davon geht der Senat aus – sehr schnell kennen lernen und sich daran ge wöhnen.“ 405 Diese Sicht weise ist aus zweierlei Gründen für diesen Ab schnitt beacht lich: Zum einen wird die Möglich keit eines einiger maßen ver ständi gen online‑affinen minder jähri gen Nutzers selten explizit thematisiert, was hinsicht lich der Aus drücklich keit der jeweils von Gerichten an gelegten Maßstäbe auf Defizite hinweist. Zum anderen aber negiert 404 Stuckel in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 4 nr. 2, rn. 25. 405 Kg berlin, beschluss vom 24. 01. 2012–5 W 10/12. 235 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen diese Sicht weise (immer noch) das Problem der Varianz der kind lichen Werberezep‑ tion. Nicht jedes Kind eines be stimmten Alters ist gleich (werbe‑ oder internet‑) kompetent. Der Durch schnitts nutzer muss also ggf. nicht auf Ebene eines einiger maßen online‑affinen Kindes fest gemacht werden, sondern ggf. leicht darunter, um die Varianz auszu gleichen. Etwas ganz anderes mag dann im Ver gleich aber dort maßstabs bildend sein, wo die ent schei dungs relevante Norm aus dem JMStV kommt. Im Jugendschutz‑ recht ist – anders als im Wettbewerbs recht – auch der ge fähr dungs geneigte Minder‑ jährige der Ent schei dungs maßstab.406 Dieser Maßstabs unterschied ist insoweit be‑ deutsam, als sich eine einfache Über trag bar keit von Ent schei dungs kriterien des einen Rechts gebiets auf das andere (also solchen des Wettbewerbs rechts auf das Jugendschutz‑ recht und um gekehrt) damit ver bietet, solange das Gericht nicht prüft, inwieweit diese unter anderen Maßstabs vorzeichen ggf. auch zu einem anderen Ent schei dungs ausgang führen. Drittens muss der zur Maßstabs findung auf gerufene Rechts anwender die konkrete Situa tion der Werberezep tion würdi gen, wie Dreyer zu Recht fest stellt: „Der Grad der Auf merksam keit, Ver ständig keit und Informiert heit, den eine durch schnitt liche Zielperson der frag lichen geschäft lichen Handlung an gemessener Weise widmet, variiert situa tions bedingt. Die jeweilige situa tions adäquate Auf‑ merksam keit des Durch schnitts umworbenen ist deshalb auch für die Ermitt lung des Ver kehrs verständ nisses maß gebend. Ent scheidend sind alle Umstände der Situa tion, in der eine durch schnitt liche Zielperson mit der geschäft lichen Handlung konfrontiert wird.“ 407 Auch vor dem Hinter grund dieses Umstands wird deut lich, dass die Über trag bar keit von in einem Fall heran gezogenen ent schei dungs relevanten Kriterien nur dort ohne Weiteres möglich ist, wo die Rezep tions situa tion ver gleich bar ist. Das schließt etwa die analoge Anwen dung von im Pressebereich ent wickelten Kriterien im Bereich der Telemedien werbung (eher) aus, soweit nicht konkret dargelegt wird, warum in einem konkreten Fall die Bewer tung der Konfronta tion eines Minderjähri gen mit einer Werbeform bzw. einem Werbeinhalt ver gleich bar sein soll. 406 bverwge 39, 137 (205); vgl. liesching, beck’scher online-Kommentar JmStv, § 5 rn. 1 (m. w. n.). 407 Dreyer in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 5 rn. 26. 236 6.6.2 mehrdimensiOnali tät der beurtei lungs massstäbe und richter liche massstabs findung Nach dem eben Gesagten muss der Rechts anwender also im Rahmen der Gesetze (und vor dem Hinter grund des ver fassungs recht lichen Schutz zwecks) ent scheiden – und besten falls auch ver deut lichen –, welche Kompetenzen und Defizite er dem minder‑ jähri gen Werbeadressaten einer be stimmten Alters gruppe in der konkreten Situa tion zuschreibt, welche nicht und auf welcher Wissens grundlage er dies tut (zum Spiel raum der spezifi schen richter lichen Tatsachen fest stel lung siehe unten). Im Folgenden sollen die bei der werberecht lichen Beurtei lung zutage treten den Maßstabs entschei dungen kurz auf gezeigt und ihre unter schied lichen Maßstabs dimensionen ver deut licht werden, um die Komplexi tät von Ent schei dungen auf der Ebene der Rechts anwen dung zu ver deut lichen. Neben den werbekompetenzbezogenen Zuschrei bungen im Hinblick auf Minderjährige sind dies vor allem jene, auf deren Grundlage jeweils zu er mitteln ist, ob auf eine ver meint lich kommerziell motivierte Äußerung über haupt werberecht‑ liche Regelun gen Anwen dung finden, in welchem Umfeld eine kommerzielle Kommu‑ nika tion er scheint, und an wen diese sich von ihrer Werbeinten tion her richtet. 6.6.2.1 beurtei lung der KOmmerziellen inten tiOn einer einzelnen KOmmuniKa tiOn Wie oben ge zeigt, geht sowohl der Werbebegriff im Rundfunk,‑ Telemedien‑ und Jugendmedien schutz recht als auch der Begriff der geschäft lichen Handlung im Wett‑ bewerbs recht davon aus, dass mit der Kommunika tion eine geschäft liche Handlung ver folgt wird, die auf Förde rung des (eigenen oder fremden) Ab satzes abzielt (s. oben Kapitel 6.2.2 und 6.4.1.1). Um in den Anwen dungs bereich der werbespezifi schen Vor‑ schriften zu ge langen, muss der Rechts anwender zunächst nach Kriterien Aus schau halten, die auf das Ziel einer Absatz förde rung hinweisen. Das ist bei tradi tio nellen Werbeformen meist unproblematisch der Fall, kann aber insbesondere bei unklaren Geschäfts beziehungen zwischen Inhalte anbieter und Werbetreiben dem oder bei Formen ver schleierter Werbung Probleme be reiten. Unabhängig von der subjektiven Motiva tion des Werbetreiben den be trachtet der Rechts anwender hier den funktionalen Zusammen hang von Handlung und Eignung zur Absatz förde rung: Ist die geschäft liche Handlung bei objektiver Betrach tung darauf gerichtet, „durch Beeinflus sung der geschäft lichen Ent schei dungen der Ver braucher (oder sonsti gen Markt teilnehmer) den Absatz oder Bezug zu fördern“, so kann von 237 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen einer kommerziellen Inten tion aus gegangen werden und Vor schriften des Werberechts finden ent sprechend Anwen dung.408 Maß gebliches Indiz in Zweifels fällen ist, inwieweit dem Werbetreiben den ein wirtschaft liches Interesse an der Beeinflus sung der Ver‑ braucher entschei dung unter stellt werden kann.409 An gewandt auf eine unsach liche redaktio nelle Berichterstat tung, bei dem etwa ein Ent gelt fluss nicht nach weis bar ist, führt diese objektive Betrach tung dazu, dass dort von einem kommerziellen Interesse aus gegangen werden muss, wo ein redak tio neller Beitrag „die Objektivi tät und Unvor‑ ein genommen heit gegen über dem Unter nehmen und seinen Produkten ver missen lässt und einseitig und unkritisch deren Vorzüge heraus streicht“.410 In diesen Fällen legt das Gericht zunächst einen objektiven Empfänger horizont an, um eine mögliche, wirtschaft lich motivierte Ver braucher beeinflus sung zu identifizie‑ ren. Dort, wo sich dies aus den Umständen nicht ohne Weiteres ergibt, muss er tiefer gehen und objektive Auf fällig keiten des ver meint lich redak tio nellen, ggf. werb lichen Inhalts identifizie ren. Dabei muss er mit zunehmen der Fest stel lungs tiefe auf die objek‑ tive Erwar tungs haltung des Nutzers be züglich der Art und Weise einer objektiven Berichterstat tung ab stellen. Nur wenn aus objektiver Sicht der ver ständige Nutzer eine be stimmte Berichterstat tung nicht mehr von der dem Äußernden zu geschriebenen Kommunika tions weise – etwa im Hinblick auf Sachlich keit, An gemessen heit und Neutrali tät der Kritik – umfasst sieht, liegt ein Auseinander fallen vor, das für eine unsach liche Beeinflus sung spricht, die das Element eines unter stell baren Wirtschafts‑ interesses ent hält. Insbesondere bei solchen Zweifels fällen wird dabei klar, dass allein in Bezug auf die Prüfung einer möglichen Inten tion zur Absatz förde rung bereits mehrere Prüfungs maßstäbe zu identifizie ren und fest zulegen sind, darunter die Ein‑ schät zung der objektiven Eignung zur Ver braucher beeinflus sung, die Unter stell barkeit eines dahinterliegen den wirtschaft lichen Interesses sowie in Grenzfällen werben der redak tio neller Berichterstat tung die Heraus stel lung der üblicher weise vor handenen Nutzer erwar tung im Hinblick auf die Art und Weise der Berichterstat tung sowie die Fest stel lung des objektiven Ab weichens von dieser Erwar tungs haltung. 408 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 2 rn. 48; bgh Wrp 2013, 1183 rn. 17, 18; olg hamm mmr 2008, 750 (751); olg Karls ruhe grur-rr 2010, 47 (48); olg Köln Wrp 2012, 725 rn. 20. 409 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 2 rn. 51; bgh grur 1986, 812; olg münchen Wrp 2012, 1145 rn. 8. 410 vgl. Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 2 rn. 67. 238 6.6.2.2 beurtei lung der KOmmerziellen inten tiOn eines gesamtangebOts Vor allem bei der Prüfung der oben dargestellten Tren nungs‑ und Erkennbar keits gebote für kommerzielle Kommunika tion ist für die Maßstabs wahl ent scheidend, welche Inten tion ein Gesamtangebot ver folgt. Suggeriert das Gesamtangebot, objektive oder jeden falls wertneutrale Informa tionen zur Ver fügung zu stellen, so sind die Anforde‑ rungen an die Einbet tung kommerzieller Kommunika tionen in diesem Umfeld höher als wenn sich kommerzielle Kommunika tionen erkenn bar in einem kommerziellen, gerade nicht neutralen Umfeld be finden: Die be sondere Heraus stel lung einzelner Marken oder Produkte im Rahmen einer Hersteller seite er scheint bei der klaren Erkenn‑ bar keit des wirtschaft lich motivierten Gesamtangebots als unproblematisch, im Rahmen eines ver meint lich journalistisch‑redak tio nellen Telemediums stellt dies dagegen regel‑ mäßig einen Ver stoß gegen rundfunkrecht liche Tren nungs‑ und wettbewerbs‑ wie tele medien recht liche Erkennbar keits gebote dar. Bei der Ermitt lung der Inten tion eines Gesamtangebots muss der Rechts anwender dabei wiederum die Perspektive der Ver kehrs auffas sung – und hier wie be schrieben insbesondere die mutmaß liche Erwar tungs haltung des durch schnitt lichen Nutzers bzgl. der An gebot sinten tion (s. oben) – zu Rate ziehen, um mögliche Risiken für die Fehl‑ interpreta tion nicht aus Sicht eines Experten, sondern auch aus Sicht eines durch‑ schnitt lichen Ver brauchers zu er mitteln. Kriterien, die Einfluss auf eine ent sprechend vom Rechts anwender herzu leitende Erwar tungs haltung haben können, sind etwa der Name und die (journalisti sche) Marke des Gesamtangebots, die ge stalteri sche Auf‑ machung wie etwa die nament liche Nennung eines „Redakteurs“ und die konkrete Bezeich nung von Einzel rubriken (z. B. „News“, „Nachrichten“, „Produkt tests“, „Ver‑ braucherinforma tion“). 6.6.2.3 ermitt lung der intendierten zielgruPPe einer KOmmerziellen KOmmuniKa tiOn Um in den Anwen dungs bereich werberecht licher Tatbestände zu ge langen, der nur auf Werbung Bezug nimmt, die sich spezifisch an Kinder, an Kinder und Jugend liche oder zumindest auch an Kinder oder auch an Kinder und Jugend liche richtet, muss der Rechts anwender die intendierte Zielgruppe einer kommerziellen Kommunika tion objektiv er mitteln (s. beispiel haft die Anwen dungs bereiche der Vor schriften in § 6 JMStV, Tab. 14). 239 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen tabelle 14: eröff nung der anwen dungs bereiche der vor gaben in § 6 Jmstv nach intendierter zielgruppe Werbung Werbung, die sich auch an Kinder und Jugend liche richtet Werbung, die sich an Kinder und Jugend liche richtet § 6 abs. 1 – Werbung für indizierte inhalte § 6 abs. 2 S. 1 – Werbung, die Kinder und Jugend liche seelisch oder körper lich be- einträchtigt § 6 abs. 2 nr. 4 – minderjährige in gefahrens itua tionen § 6 abs. 3 – tren nungs gebot bei be- einträchti gen der Werbung § 6 abs. 4 2. alt. – interessen schädigende Werbung bei einsatz von minderjähri gen § 6 abs. 5 2. & 3. alt. – alkoholwer bung, die minderjährige be sonders an spricht oder diese als Darsteller einsetzt § 6 abs. 2 nr. 3 – aus nutzen von ver trauens personen von minderjähri gen § 6 abs. 4 1. alt. – interessen- schädigende Werbung § 6 abs. 5 1. alt – alkohol- werbung, die sich an minder- jährige richtet § 6 abs. 2 nr. 1 – direkte Kaufappelle an minderjährige § 6 abs. 2 nr. 2 – minder- jährige als Kaufmotivatoren Dabei kann er sowohl auf Kriterien der inhalt lichen Gestal tung der in Frage stehen den Werbung als auch auf deren Werbeumfeld ab stellen: – Inhalt liche Kriterien, die für eine an Minderjährige gerichtete Werbung sprechen, sind die optische Gestal tung („Auf machung“), der Sprachstil, die Zielgruppe des be worbenen Produkts sowie „Anspie lungen auf die Lebens welt Minderjähri ger“.411 Bunte, poppige Gestal tung, ein witziger, frecher, provokanter Sprachstil und das Duzen, und kinder‑ bzw. jugendaffine Assozia tionen zu Lebens umständen Jüngerer wie Party, Disco, Games, Cool‑Sein, Aus sehen (bei Jugend lichen) oder Spielen, Aben teuer, Basteln, Bauen (bei Kindern) können dabei als Indizien heran gezogen wer den.412 Auch spezifisch kinder‑ oder jugendaffine Produkte können einen Hinweis auf die Minderjährigen bezogen heit einer Werbung liefern 413 – müssen dies aber nicht zwingend, da auch die Eltern Adressaten ent sprechen der Werbe inhalte sein können. Werbung für Kinderprodukte kann vor diesem Hinter grund eine Wer‑ bung sein, die sich nicht aus schließ lich, aber jeden falls auch an Kinder richtet.414 – Die Einschät zung, an wen sich eine Werbung richtet, muss dabei aus objektiver Sicht vor genommen werden, nicht aus der spezifi schen Sicht eines Minderjähri‑ 411 alten hain in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 20 rn. 146. 412 S. liesching, mmr 2012, 211 (213); alten hain in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 20 rn. 146. 413 zum beispiel alcopops s. olg hamm JmS-report 1/2007, 12 (13). 414 frank/pathe, heise online-recht: der leitfaden für praktiker und Juristen. loseblattsamm lung, 3. ergl aufl., 2011, Kap. v rn. 144. 240 gen.415 Nur wenn diese Betrach tung zu dem Ergebnis führt, dass sich eine Werbung spezifisch an Minderjährige richtet, muss ent sprechend § 3 Abs. 2 S. 2 UWG auf das Ver ständnis des durch schnitt lichen Mitglieds der schutz bedürfti gen Ver brau‑ chergruppe ab gestellt werden.416 – Neben den inhalt lichen Hinweisen können sich auch aus dem Werbekontext Indizien für die intendierte Zielgruppe ergeben. So wird unter stellt, dass sich Werbung, die in kinder spezifi schen Medien er scheint, unabhängig von ihrer inhalt‑ lichen Aus gestal tung jeden falls auch an Kinder richtet – mit ent sprechend hohen Anforde rungen an das Tren nungs‑ und Erkennbar keits gebot.417 Das mediale Wer‑ be umfeld wird so zu einem objektiven Kriterium bei der Ermitt lung der intendier‑ ten Zielgruppe.418 Der BGH be gründet diese Sicht damit, dass die (be wusste?) 419 Wahl des Werbeumfelds selbst als eine Aussage des Werbetreiben den zu be werten ist, nämlich die „Empfeh lung“ gerade an die Rezipienten gruppe dieses Werbe‑ umfelds. Ent sprechend geht das Gericht bei einer Jugendzeitschrift mit über 50 % jugend lichen Lesern davon aus, dass sich Werbung darin an Jugend liche richtet.420 Bei der Herlei tung der intendierten Zielgruppe von Telemedien angeboten gilt inso‑ weit nichts anderes: Ist ein An gebot be sonders kinder affin ge staltet, wird an genom‑ men, dass sich die Werbung darauf ent sprechend (auch) an Kinder rich tet.421 Hinzu weisen bleibt auf das Ver hältnis, in dem die werbeinhalt lichen und werbe umfeld‑ bezogenen Kriterien zueinander stehen. Aus dem eben Gesagten ergibt sich, dass die Wahl eines kinder spezifi schen Werbeumfelds einseitig für die positive Identifizie rung kind licher oder jugend licher Zielgruppen aus schlag gebend ist: Liegt die be wusste Wahl eines Werbeumfelds vor, dass sich größtenteils oder aus schließ lich an Kinder oder Jugend liche wendet, dann kann auch die Aus rich tung der in diesem Umfeld an gezeigten Werbung unabhängig von ihrer Gestal tung als auch an Minderjährige gerichtet gelten. Ist zudem die Gestal tung oder Ansprache der Werbung kinder‑ bzw. jugendaffin, so 415 So wohl auch bgh, urteil vom 12. 12. 2013 – i zr 192/12, rz. 21. 416 olg Köln grur-rr 2013, 168; vgl. jeden falls in dieser hinsicht auch das revi sions urteil des bgh, urteil vom 12. 12. 2013 – i zr 192/12, rz. 21 ff.; Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 3 rn. 13 ff.; Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 3.11.; weiter gehend (wohl) alten hain in hoeren/Sieber/holznagel, multimedia-recht, teil 20 rn. 146, der bereits bei der identifika tion der intendierten zielgruppe aus schließ lich auf die perspektive des durch schnitt lichen minderjähri gen ab stellt. 417 Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 3.21a; Köhler in ahrens, fest schrift für eike ullmann, Saarbrücken 2006, S. 675 (695); olg frank furt Wrp 2010, 156 (159). 418 bgh grur 1994, 304 (305). 419 rechnet man die aktive auswahl des Werbeumfelds durch den Werbetreiben den als werbegruppen spezifi sche inten tion, so kann sich – wie oben dargelegt – im onlineumfeld durch aus eine Situa tion ergeben, in der Werbung nicht auf grundlage bilateraler ab- sprachen von Werbendem und anbieter erfolgt; dadurch können Situa tionen ent stehen, in denen der Werbetreibende von dem Werbeumfeld nichts weiß. Dieser umstand müsste bei der maßstabs findung be rücksichtigt werden. 420 bgh grur 2006, 776 (777). 421 vgl. lg berlin grur-rr 2011, 332 (333); Köhler in Köhler/bornkamm/baumbach u. a., uWg, § 4 rn. 3.11; micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg rn. 23. zur problematik der frage, wie sich zielgruppen spezifi sche unter kategorien von familien- seiten auf die zielgruppen überle gungen des gesamtangebots be ziehen, s. unten. 241 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen liegt eine Werbung vor, die sich ausschließ lich an Kinder bzw. Jugend liche richtet. Erfolgt die Werbe einblen dung dagegen in einem Werbeumfeld, das nicht kinder‑ bzw. jugendspezifisch ist, kann allein aus dem Werbeumfeld aber noch nicht folgen, dass sich Werbung nicht an Kinder richtet. In diesen Fällen kommt es (aus schließ lich) auf die Bewer tung der ge stalteri schen Elemente der Werbung an 422; die inhalt lichen Gestal tungs elemente haben dabei eine über schießende Wirkung und können das wider sprechende Kriterium eines reinen Erwachsenen werbeumfelds gar über ragen.423 Werbung kann sich also auch dann an Kinder richten, wenn das Werbeumfeld gerade nicht für die typische Nutzung von Kindern und Jugend lichen spricht. Insgesamt ergibt sich daraus das folgende Ver hältnis zwischen werbegestalteri schen und werbe‑ umfeld bezogenen Kriterien für die Einord nung von Werbung, die sich aus schließ lich oder jeden falls auch an Minderjährige richtet.424 6.6.2.4 weitere ent schei dungs relevante massstäbe Hat der Rechts anwender mit Blick auf die suggerierte Objektivi tät des Gesamtangebots und die intendierten Zielgruppen des Gesamtangebots einer‑ und des Werbeinhalts anderer seits er mittelt, welche gesetz lichen (ggf. spezifi schen) Anwen dungs bereiche für die weitere werberecht liche Prüfung eröffnet sind, so knüpfen sich ent schei dungs‑ maßstabs relevante Über legungen insbesondere hinsicht lich des Ver ständ nisses – der Werbe kompetenz – eines durch schnitt lichen Nutzers der intendierten Zielgruppe an. 422 S. auch liesching, mmr 2012, 211 (215). 423 vgl. olg hamm JmS-report 2007, 12 (13): „Dabei kann letzt lich dahin stehen, ob sich die Werbung der beklagten aus der ent- scheiden den objektiven Sicht der an gesprochenen ver kehrs kreise zumindest über wiegend an Kinder und Jugend liche richtet. Denn die Werbung spricht jeden falls durch die art der Darstel lung Kinder und Jugend liche im Sinne der oben ge nannten Schutz vorschrift be sonders an.“ 424 zur relevanz der zielgruppen einord nung im rahmen von § 3 abs. 2 uWg s. frank in uWg anhang zu § 3 abs. 3 nr. 11 rn. 15 f. tabelle 15: relevanz von werbeinhalt und werbeumfeld für die bestim mung der intendierten zielgruppe einer werbung Kinder-/jugendaffines Werbeumfeld Kein kinder-/jugendaffines Werbeumfeld inhalt liche aus rich tung auf Kinder/Jugend liche Werbung richtet sich spezifisch an Kinder/Jugend liche Werbung richtet sich (auch) an Kinder/Jugend liche Keine inhalt liche aus rich tung auf Kinder/Jugend liche Werbung richtet sich auch an Kinder/Jugend liche Werbung richtet sich nicht an Kinder/Jugend liche 242 Einschät zungen, die an dieser Stelle vorzu nehmen sind und in die Ent schei dung einfließen, sind je nach konkreter Fall gestal tung die der anzu legen den Maßstäbe hinsicht lich – der anzu nehmen den Erwar tungs haltung bzgl. der Objektivi tät eines An gebots aus Sicht von Minderjähri gen, – der Erkenn bar keit einer kommerziellen Kommunika tion aus der Perspektive junger Nutzer, d. h. Annahmen bzgl. des diesen zu unter stellen den Ver ständ nisses bzgl. – der Erkenn bar keit und des Ver ständ nisses einer etwaigen Kennzeich nung, – oder der ge stalterisch vor genommenen Ab gren zung, – des Grads der Unerfahren heit von Minderjähri gen (insgesamt bzw. spezifisch nach Alters gruppe) und der – damit zusammen hängen den – Wahrscheinlich keit, dass es zu einer Aus nutzung der Unerfahren heit kommt, – wozu auch die Annahme gehört, wie gut ein Minderjähri ger ein spezifi sches Gesamtangebot und bzw. oder eine typische werb liche Erschei nungs form kennt bzw. kennen müsste, – der Zumut bar keit einer Belästi gung, d. h. der Belästi gungs schwelle bei Minderjäh‑ ri gen, – der Spürbar keit einer unlaute ren Wettbewerbs hand lung sowie – der Nach haltig keit oder Schwere einer Ent wick lungs beeinträchti gung. Deutlich wird hier, dass werberecht liche Ent schei dungen immer auch ge prägt sind von mehr oder weniger umfang reichen Ent schei dungen bzgl. der Maßstabs findung und Maßstabs füllung.425 Diese er folgen auf Ebene der Rechts anwen dung üblicher weise auf seiten der Richter schaft im Rahmen von Gerichtsprozessen. Die Tragweite der richter lichen Spiel räume ist hier beacht lich, und dies ist – wie im Folgenden ge zeigt wird – von der rechts wissen schaft lichen Diskussion nicht unkritisiert ge blieben. 6.6.2.5 möglich Keiten und grenzen der richter lichen auswahl und aus füllung vOn ent schei dungs massstäben Den Gerichten wird – jeden falls im Hinblick auf die Ermitt lung der Ver kehrs auffas‑ sung im Wettbewerbs recht – ein weiter Tatsachen fest stel lungs spiel raum zu gestanden.426 Die Kompetenz der Sach verhalts fest stel lung wurde früher dort (und nur dort) bejaht, 425 So muss ein gericht bspw. einschätzen, wie wahrschein lich es ist, dass ein anbieter er kennen konnte, dass die Wahrscheinlich- keit hoch war, dass kind liche nutzer ein element des an gebotes wahrschein lich für werb lich hielten. 426 insbesondere wird der KJm bisher kein gericht lich be grenzt über prüf barer beurtei lungs spiel raum zu gestanden, vgl. § 16 rn. 2 (m. w. n.); das wird teil weise kritisiert, s. nur rossen-Stadt feld, beurtei lungs spiel räume der medien aufsicht, zum 2008, 457 ff.; braml/ 243 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen in denen An gehörige des Gerichts selbst zu den von der Werbung an gesprochenen Zielgruppen ge hörten.427 Seit der Einfüh rung eines EU‑Verbraucherleitbildes ist die Rechtsprechung an dieser Stelle teils an gepasst, teils revidiert worden.428 Der BGH geht nunmehr davon aus, dass Richter über aus reichend Lebens erfah rung und Sach‑ kunde ver fügen, um „über den Streit gegen stand auch außerhalb ihres eigenen unmittel‑ baren Erfah rungs horizontes urteilen zu können.“ 429 Dies stellt eine Aus weitung richter‑ licher Kompetenzen dar, die in der rechts wissen schaft lichen Diskussion teils kritisch gesehen wird, da sie faktisch dazu führt, dass empiri sche Befra gungen von Rezipienten im Rahmen des Prozesses aus bleiben. Außerdem, so die Kritik, ist das Ab stellen auf die ver meint liche Sachkunde des urteilen den Gerichts fehleranfälli ger als eine demo‑ skopisch er mittelte Ent schei dungs grundlage 430: Vor allem die situa tions ferne Beurtei‑ lung der im konkreten Fall zu er mittelnden Rezep tions situa tion sowie die Notwen‑ dig keit des perspektivi schen Rollen wechsels in Fällen, in denen Richter nicht zur intendierten Zielgruppe einer Werbung ge hören, können zu einer Sachferne des Gerichts führen, die in die Fehler trächtig keit der Einschät zung mündet.431 Lubberger ist vor diesem Hinter grund der Ansicht, dass „die Maßstäbe und Instrumente der gericht‑ lichen Fehlerkontrolle be sondere Auf merksam keit“ ver dienen 432, also vor allem die Möglich keiten der revi sions instanz lichen Über prüf bar keit der richter lichen Herlei tung der Ver kehrs auffas sung. Mit seiner Ent schei dung „Markt führer schaft“ stellte der BGH fest, dass die Ver kehrs auffas sung keine gerichts kundige Tatsache (im Sinne von § 291 ZPO) ist, sondern eine gericht liche Anwen dung eines Erfah rungs satzes, der von der Revi sions instanz daraufhin über prüf bar ist, „ob die Vor instanz den Tatsachen stoff ver fahrens fehler frei aus geschöpft und ihre Beurtei lung frei von Wider sprüchen mit Denk gesetzen und Erfah rungs sätzen vor genommen hat“ 433 und die ent sprechende Fest stel lung der Ver kehrs auffas sung recht lich er heblich für das Ent schei dungs ergebnis ist.434 Diese Erfah rungs sätze, auf deren Grundlage das Gericht seine Bestim mung der Ver kehrs auffas sung stützt, können sich dabei neben dem eigenen Erfah rungs wissen auch aus der bisheri gen Spruchpraxis der Gerichte sowie wissen schaft lichen Erkennt‑ hopf, ein geschränkte gericht liche Über prüf bar keit des beurtei lungs spiel raums der Kommission für Jugendmedien schutz (KJm), mmr 2009, 153 ff. 427 bghz 53, 339 (341); bornkamm, Die fest stel lung der ver kehrs auffas sung im Wettbewerbs prozeß, Wrp 2000, 830 (833); lubberger in loschelder/erdmann/ahrens/ u. a., Wettbewerbs recht, § 41 rn. 15. 428 paradigmatisch v. a. bgh grur 2002, 77 (79); bgh grur 2004, 793 (796). 429 lubberger in loschelder/erdmann/ahrens/ u. a., Wettbewerbs recht, § 41 rn. 14 ff.; bornkamm, Wrp 2000, 830 (833) (m. w. n.). 430 vgl. lubberger in loschelder/erdmann/ahrens u. a., Wettbewerbs recht, § 41 rn. 16 f. 431 lubberger in loschelder/erdmann/ahrens u. a., Wettbewerbs recht, § 41 rn. 17. 432 lubberger in loschelder/erdmann/ahrens u. a., Wettbewerbs recht, § 41 rn. 17. 433 bgh grur 2002, 550 (552). 434 S. lubberger in loschelder/erdmann/ahrens u. a., Wettbewerbs recht, § 41 rn. 19 (m. w. n.), der darauf hinweist, dass aus seiner Sicht der bgh hier ledig lich seine eigene lebens erfah rung gegen die des tatrichters aus tauscht. 244 nissen speisen.435 Die Schwierig keit ist hier, dass sich an gesichts der Vielzahl der anzu wenden den Maßstäbe und der relativ geringen Zahl der hoch einschlägi gen Gerichts urteile im Bereich von Kindern und Onlinewer bung – wenn über haupt – erst wenige Erfah rungs sätze ge bildet haben. Die Urteile, die sich finden, sind solche zu Einzelnormen, denen hochgradig vielfältige, einzelfallabhängige Bewer tungen zugrunde liegen, die genau den Makel der individuellen richter lichen Sicht weise auf weisen, den Lubberger wie oben dargestellt kritisiert. Ullmann spricht insoweit auch von einer Ent schei dungs macht, „deren Ausübung hoher Ver antwor tung unter liegt.“ 436 Die aktuell jeden falls im Korridor der Spiel raumfehler lehre anerkannten richter‑ lichen Spiel räume finden jeden falls dort ihre Grenze, wo dem Gericht die Sachkenntnis fehlt. Dies führt zu dem Umstand, dass das Gericht konkret be gründen muss, worauf es in den Fällen konkret seine Sachkenntnis stützt, wo es selbst nicht Teil der inten‑ dierten Zielgruppe einer Werbung ist.437 Kann es diese Begrün dung nicht oder nicht schlüssig liefern, so kann eine Ver kehrs befra gung an gezeigt sein.438 6.7 recht liche einOrd nung tyPischer erschei nungs fOrmen vOn Onlinewer bung Die im Rahmen der An gebots analyse der 100 unter suchten An gebote vor gefundenen Erschei nungs formen von Onlinewer bung sollen im Folgenden vor dem Hinter grund des dargestellten Rechts rahmens ein geordnet werden. Fokus dieser Einord nung ist dabei nicht die recht liche Beurtei lung der Zulässig keit werb licher Segmente im Einzelfall (was im Hinblick auf den Spiel raum richter licher Maßstabs findung auch nicht möglich er scheint, s. oben Kapitel 6.6.2), sondern die kumulierte Sichtung und Bewer tung der aus recht licher Sicht relevanten Einzel‑ oder kombinierten Begrifflich keiten. Ziel dieser Einord nung soll es sein, erste Auf merksam keits punkte für eine schutz ziel bezogene Risikoanalyse zu identifizie ren und Hinweise auf strukturelle Problemlagen zu finden (s. dazu unten Kap. 6.8). 435 Wobei diese erkennt nisse jeweils nur einzelaspekte aus füllen und niemals die gesamt entschei dung vor prägen können; s. Dreyer in harte-bavendamm/henning-bodewig/ahrens, uWg, § 5 rn. 12. 436 ullmann, Das Koordinaten system des rechts des unlaute ren Wettbewerbs im Span nungs feld von europa und Deutschland, grur 2003, 817 (818 f.). 437 beispiel haft olg münchen, urteil vom 10. 12. 2009–29 u 2841/09: „im Übrigen haben sowohl die richter des ersten rechts zugs als auch die mitglieder des Senats durch ihre ständige befas sung mit Wettbewerbs sachen, insbesondere solchen mit bezug zum internet, be sondere Sachkunde er worben, die es ihnen im Streit fall er laubte, das ver kehrs verständnis selbst dann ohne sach verständige hilfe selbst zu be urteilen, wenn sie selbst nicht zu den an gesprochenen ver kehrs kreisen ge hörten“. 438 lubberger in loschelder/erdmann/ahrens/ u. a., Wettbewerbs recht, § 41 rn. 20; bgh grur 1999, 594 (597); bornkamm, Wrp 2000, 830 (833). 245 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Die Struktur der folgen den Einord nungen orientiert sich an den im Rahmen einer werberecht lichen Bewer tung abzu schichten den Prüfungs ebenen (s. Abb. 66). Dafür ist zunächst der jeweilige Dienst zu identifizie ren, um in den Anwen dungs‑ bereich spezifi scher Gesetzes werke und darin ent haltener dien stespezifi scher Vor gaben zu ge langen. Hat man die konkrete Dienst form er mittelt, so ist der Typ des Gesamt‑ angebots zu diskutie ren, je nachdem, welche Inten tionen der Anbieter ver folgt und welche Erwar tungen auf Nutzer seite hinsicht lich der Sachlich keit, Wahrhaftig keit, Neutrali tät und Qualität be züglich des An gebots be stehen. So gelten für journalistisch‑ redaktio nelle, für „nur“ mei nungs bil dungs relevante, für rein informa tions bezogene und für produkt‑ oder marken spezifi sche Kommunika tions angebote unter schied liche Anfor‑ de rungen und Bewer tungs maßstäbe. Für die Anwend bar keit werbespezifi scher Vor‑ schriften muss dann für das jeweils in Frage stehende Segment der Werbebegriff erfüllt abbildung 66: fluss diagramm der recht lichen bewer tung von Onlinewer bung 246 sein (bzw. der der geschäft lichen Handlung oder der der kommerziellen Kommunika‑ tion). Ist diese Einord nung ge geben, gilt es, die jeweils einschlägi gen tatbestand lichen Voraus setzungen zu sichten, die – etwa im Hinblick auf die Erkenn bar keit oder Trennung – nicht ohne den Blick auf Gestal tungs merkmale er folgen kann. Für andere Tatbestände (z. B. bei Appellen) muss zusätz lich der konkrete Werbeinhalt analysiert werden. Ab schließend sind (im Rahmen dieses Projekts) auch daten schutz recht liche Bewer tungen der im Hinter grund laufen den Informa tions flüsse in die Bewer tung einzu beziehen. 6.7.1 dienstetyPen bezOgene einOrd nung Die typische Erschei nungs form von Onlinewer bung ist das eines Telemediums – die in der An gebots analyse codierten Segmente sind unabhängig von ihren konkreten ge stalteri schen Unter schieden sämt lich unter den Telemedien begriff einzu ordnen („alle elektroni schen Informa tions‑ und Kommunika tions dienste, soweit sie nicht Tele kom‑ munika tions dienste, telekommunika tions gestützte Dienste oder Rundfunk sind“). Das Problem der Ab gren zung von werb lichen Telemedien zu nicht‑telemedialen Um gebun‑ gen, wie es sich z. B. bei In‑Game‑Advertising ergeben kann, spielt in einer aus schließ‑ lichen Online‑Umgebung insoweit keine Rolle. Eine be sondere Form von Telemedien können Mediatheken‑Angebote von TV‑Ver‑ anstaltern oder Video‑on‑Demand‑Angebote sein, die als audiovisuelle Mediendienste auf Abruf i. S. v. § 58 Abs. 3 RStV zu qualifizie ren sind. Die Einord nung von Video‑ portalen mit nutzer generierten Inhalten unter den Begriff der audiovisuellen Medien‑ dienste auf Abruf ist dagegen umstritten (s. oben Kapitel 6.3.3). Hier ist im Ergebnis davon auszu gehen, dass diese in ihrer derzeiti gen Aus gestal tung keine audiovisuellen Mediendienste auf Abruf darstellen, da die an gebotenen Filme regelmäßig nicht redak‑ tio nell zu Inhalts katalogen zusammen gestellt werden. Rundfunk dienste, Telekommunika‑ tions dienste oder telekommunika tions gestützte Dienste waren nicht im Unter suchungs‑ sample ent halten. 6.7.2 an gebOts bezOgene einOrd nung Ein wichti ger Aspekt ist die Aus differenzie rung der Erschei nungs formen der die je‑ weilige Werbung um geben den Gesamtangebote in solche, die objektive und unabhän‑ gige Informa tionen anbieten, und solche, bei denen wirtschaft liche Interessen im 247 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Vordergrund stehen. Zum einen ist diese Einord nung der er forder lichen Nutzer‑ sichtperspektive geschuldet, soweit es um die Erwar tungs haltung geht, unabhängige und objektive Informa tionen zu er halten. Nach dieser Erwar tungs haltung be stimmen sich im Nachgang auch die Anforde rungen, die an die Erkenn bar keit werb licher Elemente innerhalb des An gebots zu stellen sind (s. auch Kap. 6.6.2.2). So wird ein Nutzer einem rein produkt bezogenen Gesamtangebot insgesamt auf merksamer bzw. kritischer in Bezug auf werb liche Inhalte gegen über stehen als einem An gebot, dem er sach liche, journalistisch saubere Berichterstat tung und konsumprodukt bezogene Neu‑ trali tät zuschreibt. Aus recht licher Sicht ist eine Einord nung in publizisti sche An gebote einer seits und von reinen Absatz förde rungs interessen ge tragenen An geboten anderer seits Voraus setzung dafür, inwieweit der Rege lungs gedanke des § 58 Abs. 1 RStV Anwen dung finden kann. Im Falle rein werb licher Gesamtangebote muss jeden falls das Tren nungs gebot eine andere (schwächere) Berücksichti gung er fahren als in den Fällen, in denen eine Dualität von Werbung und anderen, nicht‑werb lichen Inhalten besteht, damit der Nutzer persuasive Elemente nicht für objektive Informa tionen hält. Für erstere An gebote gilt dann im Telemedien recht (nur) § 6 TMG. Für die Anwend bar keit des § 6 TMG ist es irrelevant, ob ein Telemedien angebot als Ganzes selbst bereits als kommerzielle Kommunika tion anzu sehen ist. Für die Anwend bar keit der ent sprechen den Normen auf telemediale Gesamtangebote, die aus mehreren zusammen gesetzten Telemedien unter schied licher Anbieter be stehen können, weist § 6 TMG insoweit die Möglich keit flexible rer Anwen dung auf vor find liche An gebote auf. Was allerdings unklar bleibt, ist, welche objektiven Kriterien aus Sicht des ver‑ ständi gen Durch schnitts nutzers auf ein journalistisch‑redak tio nelles, auf ein rein infor‑ matori sches oder auf ein aus schließ lich kommerzielles An gebot hindeuten. Im ersten Fall wäre der strikte Tren nungs grundsatz nach § 58 Abs. 1 RStV zu be achten, bei serviceorientierten An geboten jeden falls das Erkennbar keits gebot des § 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG. Die Frage nach Anknüp fungs kriterien für einen neutralen Inhalt bzw. objektive Informa tionen lässt sich bisher mithilfe von Rechtsprechung und Literatur nicht systematisch be antworten; hier be stehen also derzeit be sonders große Spiel räume der Gerichte. In Bezug auf die dritte Alternative bleibt hier die Frage, inwieweit für ein Gesamtangebot, das bereits an sich als kommerzielle Kommunika tion gesehen werden kann, über haupt noch das Erkennbar keits gebot für kommerzielle Kommunika tionen Dritter oder kommerzielle Kommunika tionen des Anbieters be züglich der Produkte Dritter gelten kann oder muss (s. dazu unten Kapitel 8.5.1). Daneben gerät eine systemati sche Einord nung der An gebots typen auch dort an Grenzen, wo ein Gesamtangebot aus publizisti schen und nicht‑publizisti schen Tele‑ 248 medien inhalten wie z. B. bei multifunktionalen Portalseiten be stehen, die teils jour‑ nalistisch‑redaktio nelle Einzelabschnitte ent halten, teils aber kommerzielle Kommunika‑ tionen darstellen. Hier gerät die gesamtangebots bezogene Regulie rung von RStV und TMG an ihre Grenzen; es bedarf an diesen Stellen ggf. neuer Über legungen zu einem flexible ren An gebots begriff. Der Ansatz des UWG, auf einzelne geschäft liche Hand‑ lun gen abzu stellen, ist dagegen von der Problematik zusammen gesetzter Dienste nicht berührt. 6.7.3 werbebegriffs bezOgene einOrd nung An gesichts der Beobach tung, dass sich die Werbebegriffe von UWG, TMG und RStV jeden falls in der Aus legungs praxis in Bezug auf Onlinewer bung annähern, unter‑ scheiden sich werbebegriffs bezogene Anwen dungs fragen bzgl. der werb lichen Inhalte der unter suchten Seiten regelmäßig nicht. Insbesondere die zunehmende Paralleli tät von Kriterien für die Annahme eines objektiven Zusammen hangs von geschäft licher Handlung und Absatz förde rung im UWG und von objektiven Kriterien der Ermitt‑ lung des Vor liegens eines subjektiven Absatz zwecks (unter Weg lassung der Ent gelt‑ beweis barkeit) in RStV und TMG führt zu einer kohärenten Anwend bar keit aller tabelle 16: Kursori sche sichtung der „sonsti gen segmente“ der an gebots analyse aus werberecht licher Perspektive (n = 858; mehrfachnen nungen möglich) Kategorie der „sonsti gen Segmente“ Codierte Segmente Davon werb liche Segmente anzahl Segmente für anbietereigene an gebote, produkte, Dienst leis tungen marken/logos erkenn bar 314 107 46 an gebotsähn liche Segmente, die werb lich er scheinen 186 31 56 partner angebote und Segmente mit untypi schen Kennzeich nungen 191 56 116 textuelle linklisten mit ver weisen zu Dritt anbietern 171 29 0 „eigen werbung“ 157 0 157 logos mit Sponsoren/förderern 72 35 0 Konkrete produktabbil dungen 68 8 37 hinweise auf gewinn spiele 54 0 0 empfohlener inhalt/tipp 33 3 8 gesamt 1.246 269 420 249 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen werberecht lichen Vor schriften auf Formen der Onlinewer bung. Jeden falls die im Rahmen der An gebots analyse als explizit werbliche Segmente codierten Inhalte unter‑ fallen damit sämt lich den anwend baren Werbe vorschriften. Ein Teil der als „sonstige Segmente“ codierten Elemente kann bei kursori scher Betrach tung aus recht licher Sicht unter werberecht liche Normen fallen, teils sind diese auch auf den zweiten Blick nicht vom Werbebegriff umfasst – etwa, weil es sich um nach vollzieh bar redaktio nelle oder aus werbebegriff licher Sicht irrelevante Inhalte handelt. In Bezug auf die Top 50 Start‑ und Unter seiten wurden wie oben ge zeigt 858 Seg‑ mente codiert und (teils mehreren) unter schied lichen Unter kategorien zu geordnet. In Bezug auf die dort ge nannten größeren Unter kategorien zeigt eine auf Grundlage der oben umrissenen recht lichen Anwen dungs bereiche er folgte Sichtung der codierten Segmente, dass sich in jeder Unter kategorie werb liche und nicht‑werb liche Inhalte finden (s. Tab. 16). Der Blick auf Tabelle 16 führt aus einer recht lichen Perspektive zu der Erkenntnis, dass jeden falls 269 der teils mehrfach codierten Segmente bei recht licher Betrach tung als dem Werberecht unter fallend ein geordnet werden können 439; sie unter liegen damit grundsätz lich den oben be schriebenen werberecht lichen Anforde rungen. Ihre werbe‑ recht liche Zulässig keit be stimmt sich dabei nach den jeweils anzu legen den Maßstäben, wie sie oben dargestellt worden sind. Eine Einord nung dieser Segmente in recht lich zulässige und recht lich unzu lässige Formen ist an dieser Stelle weder möglich noch hilf reich: Zum einen muss eine Zulässig keits prüfung stets alle Aspekte des Einzelfalls be rücksichti gen, was hier aus forschungs ökonomi schen Gründen nicht er folgen kann. Zum anderen obliegt darüber hinaus die Maßstabs wahl dem ent scheiden den Gericht, so dass sich jeden falls eine wissen schaft liche Studie nicht ohne Weiteres an die Stelle des urteilen den Organs der Judikative setzen und eigene Maßstäbe zur Beurtei lung anlegen kann. Deutlich aber wird anhand der Zahlen, dass ein signifikanter Teil der nicht offensicht lichen werb lichen Segmente bei näherer Betrach tung durch aus werb‑ licher Natur sind. Auch Formen von werb lichen Inhalten, die nicht unmittel bar als kommerzielle Kommunika tion erkenn bar sind, sind somit gängige Praxis in der Online‑ wer bung. Eben falls un verkenn bar ist die prakti sche Relevanz des Problems der Einord nung von „Eigen werbung“: Weist ein Anbieter, dessen An gebot insgesamt als kommerzielle Kommunika tion gem. § 6 Abs. 1 TMG einzu ordnen ist, innerhalb dieses Gesamt‑ 439 Durch die mehrfachcodie rung fällt die ab solute anzahl werberecht lich relevanter Segmente ggf. kleiner aus. 250 angebots in einer werb lichen Art und Weise auf eigene An gebote, Produkte oder Dienst leis tungen hin, so kann diese Form der „Eigen werbung“ werberecht lich keine Relevanz ent falten, soweit die werb liche Inten tion des Gesamtangebot bereits er kennbar ist. Anders ver hält es sich dagegen bei Gesamtangeboten, die selbst nicht kommer zielle Kommunika tion sind; hier muss das Erkennbar keits gebot im Hinblick auf Werbung für eigene kommerzielle An gebote und Produkte gewährleistet sein. Dies ver deut licht einmal mehr die Wichtig keit der Einord nung der Inten tion eines Gesamtangebots (s. Kap. 6.6.2.2). In einigen Fällen kann die werb liche Inten tion eines Segments nicht ab schließend ge klärt werden; es sind diese Zweifels fälle, die das grundsätz liche Problem der objektiven Zuschrei bung möglicher kommerzieller Interessen im Hinblick auf Äußerun gen im Einzelfall be treffen: Wie ge zeigt ent scheidet ein Gericht hinsicht lich der Eröff nung werberecht licher Vor schriften aus der Perspektive eines objektiven Nutzers darüber, ob objektive Kriterien vor liegen, aus denen sich die Inten tion der Absatz förde rung bzw. der Absatz zweck der Handlung ergibt. Diese Perspektive muss aber selbst bei An‑ geboten, die sich an Kinder richten, nicht die eines durch schnitt lichen Kindes sein – setzte man den Ver ständnis grad eines Kindes bei der Frage nach der Eröff nung werbe‑ recht licher Vor gaben an, so be stünde die Möglich keit, dass ein Absatz zweck dann nicht erkenn bar wäre, sodass die Tatbestände der Werbe vorschriften mangels Werbung nicht einschlägig wären. Hier ist vielmehr auf das Ver ständnis eines Erwachsenen abzu stellen, um nicht eine systemati sche Schieflage zu er halten. Dies führt zu einer Dualität der Maßstabs anwen dung; zunächst ist das Vor liegen objektiver Kriterien, die auf eine Absatz förde rung deuten, aus Sicht eines ver ständi gen Erwachsenen zu prüfen, erst dann können spezifi sche Zielgruppen er mittelt und deren Durch schnitts sicht als Maßstab im Hinblick auf das Vor liegen weiterer Tatbestands merkmale an genommen werden. Vor dem Hinter grund der oben dargestellten, ohnehin schon komplexen Maßstabs findung (s. oben Kapitel 6.6.2) führt der Wechsel der Perspektiven nicht un bedingt zu einer Ver einfachung der werberecht lichen Über prüfung. 6.7.4 gestal tungs bezOgene einOrd nung In Bezug auf die Gestal tung ver engt sich der Betrach tungs ausschnitt auf diejeni‑ gen werblichen Inhalte, die als einzelne Segmente innerhalb von sie um geben den Gesamt angeboten kodiert wurden. Nur in diesen Fällen ergibt die werbebezogene Betrach tung, insbesondere vor dem Hinter grund von Tren nungs‑ und Erkennbar keits‑ geboten, Sinn. 251 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Die vor gefundenen, tradi tio nellen Formen der Bannerwer bung er füllen dabei regelmäßig das Erkennbar keits gebot – die Platzie rung in den Außen bereichen, das formatabhängige Erschei nungs bild und bzw. oder die optische Ab gren zung sind hier in der Regel hinreichende Ab gren zungs kriterien.440 Dabei ist es – jeden falls aus Sicht be stehen den Rechts – egal, ob hier zusätz lich noch eine Kennzeich nung erfolgt, da sich die Erkenn bar keit bereits aus der Gestal tung ergibt. Eben falls recht lich irrelevant ist die teils praktizierte Praxis, auch Platz halter mit „Werbung“ zu kennzeichnen, wenn diese ledig lich auf das eigene An gebot ver weisen; diese Beurtei lung mag aus medien‑ pädagogi scher Perspektive aber anders aus sehen. Schwieri ger fällt die Einord nung bei komplett redaktio nell gestal teten, aber als „Anzeige“ o. Ä. ge kennzeichneten Inhalten („Native Advertising“) sowie bei als werb‑ lich ge kennzeichneten Segmenten oder Boxen im Inhalts bereich, die sich farb lich und typografisch an den Inhalt der übrigen Inhalte annähern. Hier kommt es bei der Bewer tung der Erkenn bar keit auf die Sicht weise des jeweils durch schnitt lichen Nutzers der intendierten Zielgruppe an, sodass sich für Erwachsene eine andere Bewer tung als für Kinder ergeben mag. Ob dem Gebot der Erkenn bar keit Folge ge leistet wird, kann – nicht nur, aber maß geblich – auch von der jeweili gen Wort wahl und Gestal tung der Kennzeich nung ab hängen. Im Unter suchungs sample finden sich hier neben farb‑ lich kaum ab gehobenen und bzw. oder sehr kleinen Schrift typen z. B. auch für Jüngere mutmaß lich unklarere Kennzeich nungen wie „Promo tion“, „Services“, „Partner angebote“ oder „Koopera tionen“. Ähnliches gilt für die vor gefundenen Sponsoren hinweise, die teils wahrschein lich auch von Kindern nach vollzieh baren Zusatzinforma tionen wie „unter stützt durch“, „ge fördert von“ be gleitet werden 441, teils mit schwieri ger ver ständ‑ lichen Aus drücken wie „powered by“ 442 arbeiten – oder gänz lich ohne Hinweise. Was hier aus ver ständi ger Erwachsenensicht ggf. erkenn bar ist, kann an Jugend‑ liche und gerade an Kinder er heblich größere Heraus forde rungen stellen. Soweit sich ein An gebot hier spezifisch an Kinder oder Jugend liche (oder beide) richtet, sind ent‑ sprechend höhere Anforde rungen an die Wort wahl, Farbe und Schrift größe der Kenn‑ zeich nung jeden falls dort zu stellen, wo die werb lichen Teilelemente sich ge stalterisch an das Werbeumfeld an gleichen.443 Wo ge stal tungs ähnliche Werbung im Umfeld von Kinder‑ und Jugendseiten gar nicht ge kennzeichnet ist, spricht unabhängig vom Werbe‑ inhalt viel für die Rechts widrig keit der Werbeform. 440 micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 33; Woitke, informa tions- und hinweis pflichten im e-Commerce, betr.-berat. 2003, 2469 (2474). 441 micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 36. 442 S. zur unzulässig keit der Kennzeich nung „sponsored by“ bei redak tio nellen beiträgen bgh, urteil vom 06. 02. 2014 – az. i zr 2/11. 443 S. auch oben Kap. 5.4.2. 252 Die in der An gebots analyse ent haltenen Gewinn spiele sind jeden falls aus Durch‑ schnitts verbrauchersicht als kommerzielle Kommunika tionen erkenn bar, wo diese die aus gelobten Preise in be sonde rer Form preisen oder detailliert darstellen. Inwieweit teils wenig objektive Anprei sungen dagegen von Kindern als Werbung und nicht als redaktio nelle Äußerung ver standen werden, ist frag lich. Dynamische, ihre Platzie rung, ihren Umfang oder ihre Form ver ändernde Werbung war nur einzelfallartig Gegen stand der An gebots analyse. Hinsicht lich des Aspekts der Erkenn bar keit ist zu konstatie ren, dass diese Formen gerade auf grund ihrer Dynamik auch von Kindern ggf. noch klarer und schneller als Werbung zu identifizie ren sind. Besonders auf dring liche Werbeformen, die den Tatbestand der Belästi gung im Sinne von § 7 Abs. 1 UWG er füllen – also etwa nicht schließ bare Pop‑ups oder Overlays, un verhältnis mäßig lange Pre‑Rolls oder Inter stitials –, waren dagegen nicht im Unter‑ suchungs sample ent halten. Die ent haltenen Overlays oder Pre‑Rolls ver fügten über einen funktionie ren den Schließen‑ bzw. Skip‑Button in einer der oberen Ecken der Werbe einblen dung. 6.7.5 inhalts bezOgene einOrd nung Werbeinhalts bezogene Einord nungen sind nicht nach Erschei nungs formen möglich, sondern vom Einzelfall ab hängig. Hier weisen die in der An gebots analyse unter suchten Werbeinhalte (s. oben Kap. 5.5) segment übergreifend kaum auf recht lich relevante Auf merksam keits punkte hin; einzelfall bezogen er scheinen folgende Aspekte als recht‑ lich relevant: Die Werbeinhalte weisen teil weise inhalt liche Bezüge zu ihrem Werbeumfeld auf. In diesen Fällen sinkt der Grad der Erkenn bar keit von Werbung, sodass ent sprechend höhere Anforde rungen an die Ver wendung einer Kennzeich nung zu stellen sind, um dem Erkennbar keits gebot zu ent sprechen. Vor dem Hinter grund der oben be schriebenen Ent kopp lung von Inhalte anbieter und Werbetreiben dem ist dies eine Situa tion, in der der Werbetreibende den Umstand eines inhalt lichen Bezugs seiner Werbung zum Werbeumfeld nicht im Voraus kennt oder ab schätzen kann. Über die Hälfte der unter suchten werb lichen Segmente – auch solche, die im Umfeld von Kinder‑ und Jugendseiten er schienen – sprechen die Rezipienten direkt an oder nutzen Imperative (s. oben Kap. 5.5.4). Direkte Kaufappelle sind dabei die Aus nahmen – in wenigen Fällen aber auch im Umfeld von Kinder‑ und Jugendseiten auszu machen, woraus ein starkes Indiz für die Rechts widrig keit dieser Werbung er‑ wächst. Die Mehrzahl der Ansprachen und Befehle ist dagegen auf Inter aktion mit 253 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen der Werbefläche („Klicke jetzt“) oder auf die weitere Beschäfti gung mit dem be‑ worbenen Produkt durch Besuch der Werbeanbieter seite („Hole dir jetzt mehr Infos“) gerichtet. Nicht die direkte Kaufaufforde rung steht im Mittelpunkt der Werbepraxis, sondern die direkte Hand lungs aufforde rung. Diese ist von den bisheri gen recht lichen Vor gaben, soweit sich diese auf Appelle be ziehen, nicht umfasst. Die in der Praxis be obacht baren Appelle zielen auf die Ermuti gung der kind lichen Nutzer ab, die ent‑ sprechende Werbewelt mit weiteren Informa tionen durch einen Maus klick über haupt erst zu be treten. Dritte Auf fällig keit ist die Nutzung von medien bekannten Personen und Figuren (ge zeichneter und fiktionaler, seltener nicht‑fiktionaler Stars oder Prominenten), die als Testimonials dienen und von Kindern ggf. als „neutrale“ Experten wahrgenommen und bei denen Produktempfeh lungen kaum hinter fragt werden. Recht lich ist hier auf das Verbot der Aus nutzung von Ver trauens personen zurück zukommen. Fraglich ist hier, inwieweit die ein gesetzte Medien figur den Eindruck erweckt, dass sie persön lich hinter dem an gepriesenen Produkt stehe und dieses selbst an preise. Das in der An‑ gebots analyse er wähnte Beispiel der AOK, bei der man im Rahmen eines Gewinn spiels den Sänger Cro für einen Auf tritt an seine Schule holen kann, ist ein Beispiel für Fälle, in denen Werbung zwar einen Prominenten benutzt, der aber gerade nicht den Eindruck erweckt, er selbst finde das Produkt oder die Dienst leis tungen eines be‑ stimmten Anbieters am besten oder empfehle dies in be sonde rer Weise. Daneben weisen die unter suchten werb lichen Segmente – zu einem sehr geringen Anteil – jugendschutz recht liche Relevanz auf. In einigen wenigen Fällen ent hielten die Werbun gen gewalt tätige Inhalte, sexualethisch desorientierende Inhalte sowie problema‑ ti sche Rollenklischees oder Schön heits ideale. Unter Hinzuziehung der objektiv er‑ mittelten Zielgruppen der jeweili gen Werbekontexte ist aber davon auszu gehen, dass die Inhalte ledig lich für Kinder unter 14 Jahren ent wick lungs beeinträchtigend sind und (bis auf einen Zweifels fall) ge trennt von An geboten für Kinder erfolgt sind. Klare Ver stöße gegen § 6 Abs. 5 JMStV sind allerdings dort auszu machen, wo im Umfeld von Kinder‑ und Jugendseiten Werbung für alkoholi sche Getränke erfolgt ist (s. oben Kapitel 6.4.5). Inwieweit die ent sprechen den Inhalte anbieter über den Werbeinhalt bzw. die Werbetreiben den über den Umstand des jugendbezogenen Werbe verbots an dieser Stelle Bescheid wussten, ist dabei frag lich. Vielleicht wäre einem Nutzer mit deut lich mehr jugendspezifi schen Segmenten im Rahmen von nutzu ngs basierter Wer‑ bung dieser Werbeinhalt gerade nicht aus gespielt worden. Jeden falls ist dies ein weite‑ rer Hinweis darauf, dass das noch aus Zeiten des Rundfunks kommende Zusammen‑ denken von An gebot und Werbung die gängige Werbepraxis nicht mehr ab bilden kann. 254 6.7.6 daten schutz recht liche einOrd nung Die Schwierig keit einer daten schutz recht lichen Einord nung der un bewussten bzw. automatisierten Daten verarbei tung ist dem Umstand geschuldet, dass aus Nutzer sicht nicht fest gestellt werden kann, ob die ver arbei teten Daten auf Anbieter seite (noch) personen bezogen sind oder nicht. Der Personen bezug aber ist die Voraus setzung der Anwend bar keit daten schutz recht licher Normen. Zu konstatie ren ist an gesichts der Cookie‑Auswer tungen (s. oben Kapitel 5.9) jeden falls, dass bei zusammen gesetzten Diensten mit mehreren (teils vielen) Telemedien‑ anbietern dem Nutzer die einzelnen Dienste anbieter oftmals nicht klar und auch nicht transparent ge macht sind. Für den Fall, dass auf der Gegen seite automatisiert personen‑ bezogene Daten der Nutzer erhoben und ver arbeitet werden, läge eine Einwilli gung in die Erhebung, Speiche rung und Ver arbei tung der personen bezogenen Daten des Nutzers (hier: des Kindes) regelmäßig nicht vor – ent weder mangels einer Einwilli gung über haupt oder aber ihrer Wirksam keit mangels der elter lichen Zustim mung in diese Einwilli gung des Kindes. Soweit die Dienste anbieter die anfallen den Daten in pseudo‑ nymisierter Form ver arbeiten, müssen sie keine Einwilli gung des Nutzers einholen, diesen aber auf sein Wider spruchs recht hinweisen. Selten finden sich Hinweise auf die Wider spruchs möglich keiten direkt an dem werb lichen Segment (so bspw. beim Klick auf das Info‑i des DDOW oder den Schriftzug „Google‑Anzeigen“ bei Google Ads); in der Regel finden sich die Opt‑out‑Möglich keiten für die Sammlung pseudonymer Daten im Rahmen ver haltens basierter Werbung in den Daten schutzer klärun gen des jeweili gen Anbieters. Die Ergeb nisse der An gebots analyse zeigen daneben auf, dass sich in der Praxis die Möglich keiten der be wussten Daten eingabe meist im Rahmen von Gewinn spielen, seltener im Rahmen von Mitglieder‑Registrie rungen ergeben. Bei Gewinn spielen ent‑ halten die üblicher weise im Bereich der Daten eingabe ver linkten Teilnahmebedin gungen jeweils den Hinweis, dass Minderjährige nur mit Zustim mung ihrer Eltern teilnehmen dürfen. Seltener findet sich dieser Hinweis direkt als Text im Umfeld des Teilnahme‑ formulars. Recht lich schwierig sind dagegen die Fälle von Gewinn spielen, bei denen der Teilnahme ein Wissens quiz oder Geschicklich keits spiel vor geschaltet ist. Hier sind die Teilnahmebedin gungen teils aus schließ lich im Umfeld des Quiz bzw. des Spiels zugäng lich – üblicher weise achtet man zu diesem Zeitpunkt nicht auf die Teilnahme‑ bedin gungen. Hat er das Quiz richtig gelöst oder das Spiel be standen, ge langt der Nutzer zum Teilnahmeformular, in dessen Umfeld die Teilnahmebedin gungen dann nicht mehr ohne Weiteres ab rufbar sind. 255 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.8 identifizie rung regulatOri scher PrOblemlagen Aus der über greifen den Betrach tung der werberelevanten gesetz lichen Vor schriften, den Selbst verpflich tungen der Selbst kontrolle und den Erkennt nissen aus der recht‑ lichen Einord nung der in der An gebots analyse vor gefundenen werb lichen Erschei‑ nungs formen auf den bei Kindern 100 be liebtesten Seiten sollen im folgen den Hinweise identifiziert und erörtert werden, die ent weder als eine strukturelle regulatori sche Problemlage er scheinen (Kap. 6.8.1) oder die mögliche konkrete Schutz lücken bei der Erreichung der normativen Ziele im Schnittbereich von Kindern und Werbung offen‑ baren (Kap. 6.8.2–6.8.4). Bei Ersteren müssten in erster Linie die Akteure in Legis lative, Exekutive und Judikative identifizie ren, inwiefern die strukturellen Problemlagen in der Praxis existie ren und einem einheit lichen Schutz niveau abträg lich sind; bei Letzteren wird (auch) die Zusammen schau der Ergeb nisse der Einzelmodule dieser Studie ins‑ besondere unter Einbeziehung der Ergeb nisse aus den Rezep tions analysen Hinweise dafür liefern, welche theoreti schen regulatori schen Risiken sich in der Nutzungs praxis Jüngerer tatsäch lich realisie ren – und welche nicht. 6.8.1 rechts bereichs übergreifende sicht und hinweise auf struKturelle PrOblemlagen Regulie rungs fragen struktureller Art er scheinen immer dort, wo unter schied liche Rechts bereiche ähnliche Ziele ver folgen oder jeden falls im Rahmen ihrer Realisie rung ähnliche Steue rungs folgen ent wickeln. Denn hier ist – trotz eines insgesamt ggf. höheren Ver fol gungs drucks – das Risiko am höchsten, dass es auf grund der unter‑ schied lichen Steue rungs ansätze, der unter schied lichen be teiligten (Vollzugs‑)Akteure und ggf. unter schied lichen Instanzenzüge und ent sprechend unter schied licher Spruch‑ praxis auf der Ebene der Gerichte zu systemati schen Brüchen oder Inkonsistenzen kommt. 6.8.1.1 decKung der werbebegriffe Die Schutz ziele von Wettbewerbs recht, telemedialen Werbe vorschriften und Jugend‑ schutz recht weisen große Parallelen im Hinblick auf kind liche Werberezipienten auf: Sie wollen die autonome Ent schei dungs fähig keit der Kinder gewährleisten, vor Irre‑ füh rung, Täuschung und Aus nutzung schützen und fremde Einfluss nahmen ver ringern. 256 Der gesetz liche Daten schutz hat zwar auch Hand lungs autonomie als mittel bares Schutz‑ ziel – die Nicht gewähr informa tio neller Selbst bestim mung führt ggf. zu einem der ver meint lichen Erwar tungs haltung an gepassten Ver halten – zielt aber nicht auf werb‑ liche Gestal tungs formen und ‑inhalte, sondern die Umstände der damit einher gehenden Daten flüsse ab. Die übrigen Rechts bereiche er scheinen aber schutz ziel bezogen rechts‑ bereichs übergreifend ver gleich bar. Die Anknüp fungs punkte der einzelnen Gesetze weisen dagegen vom Wortlaut und ihren einzelnen Tatbestands vorausset zungen her Unter schiede auf: Wo das UWG auf den Rechts begriff der „geschäft lichen Handlung“, das TMG auf „kommerzielle Kommunika tion“ und der RStV und der JMStV auf „Werbung“ ab stellen, gibt es die ver bindende Gemeinsam keit der Absatz förde rung. Hier reicht im UWG und im TMG ein objektiver Zusammen hang zwischen Handlung und Absatz förde rung aus, im RStV und im JMStV muss dagegen eine (subjektive) Absatz förde rungs absicht vor liegen. In der Praxis wird die subjektive Werbeinten tion dem Anbieter durch Ermitt lung des Vor liegens objektiver Kriterien zu geschrieben. Im Endergebnis führt diese Ver objektivie‑ rung zu ver gleich baren Werbebegriffen. Dennoch er scheint der Werbebegriff des RStV aus zweierlei Sicht optimier bar: Zum einen er scheint das Fest halten an einer subjektiven Werbeinten tion über holt, wenn andere Rechts bereiche und die Rechtspraxis längst auf objektive Kriterien zurück greifen. Zum anderen ver weist die Werbedefini tion im RStV deut lich auf Herkunft und Denk welt des TV‑Bereichs. Nur in aggregierten Diensten wie Presse oder Rundfunk, bei denen ein Anbieter über die gesamten Inhalte „seines“ Mediums ent scheidet, macht es noch Sinn, von einem Anbieter zu sprechen, in dessen Medium ein werben der Inhalt gesendet wird. Im Telemedien bereich zeichnen sich die An gebote gerade nicht mehr durch ihre Gesamthaftig keit aus, sondern sind aus unter‑ schied lichen Teilmedien zusammen gesetzt, die jeweils andere Dienste anbieter haben. Insbesondere im Onlinewerbebereich ist die gesamt hafte Kontrolle eines Inhalte anbieters auch über die an den Nutzer aus gelieferten Werbeinhalte eher die Aus nahme; diese wird vielmehr von Dritten direkt und individuell an den Nutzer aus gespielt. Die Konstella tion Inhalte anbieter – Nutzer – Werbetreiben der bildet das derzeitige Tele‑ medien recht, wie es sich aus RStV und JMStV ergibt, nicht mehr korrekt ab. 6.8.1.2 rege lungs dicKicht aus anbieter sicht Die Vielfalt dien stespezifi scher und allgemeiner recht licher Anknüp fungs punkte wirkt sich auch auf Anbieter seite negativ aus: So zeigt sich das Werberecht insbesondere für kleinere Unter nehmen und Laienanbieter als Rege lungs dickicht, das in Bezug auf 257 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Telemedien schwierig zu über blicken und im Hinblick auf die eigenen Handlun gen anzu wenden ist. Neben dem Dienste anbieter begriff, der bei hybriden Einzeldiensten und der Diversifika tion der Anbieterkonstella tionen heraus gefordert wird, ist ins beson‑ dere der An gebots begriff an gesichts der Vielfältig keit der Telemedien zusammen setzung mit Problemen be haftet. Traditio nelle Grundsätze wie das Tren nungs‑ oder Erkennbar keits gebot gehen von einer einheit lich zu be werten den Gesamtdarstel lung eines An gebots aus, auch wenn dies aus einzelnen Telemedien zusammen gesetzt ist, auf die der Anbieter des Gesamt‑ angebots ganz unter schied liche Einfluss möglich keiten hat (das Ob: immer; das Wie: seltener, einzelfallabhängig). Soweit einzelne werberecht liche Anforde rungen die Zusam‑ men schau mehrerer Teilelemente eines Gesamtangebots notwendig machen, ohne auf die unter schied lichen Einfluss möglich keiten einzu gehen, so können sich daraus regula‑ tori sche Schieflagen oder recht liche Unsicher heiten ergeben. Dort, wo der Anbieter nicht ab schätzen kann, inwieweit er selbst auch für Werbeinhalte zur Rechen schaft ge zogen wird, auf die er keine inhalt lichen Einflüsse hat, führt der derzeitige Rechts‑ rahmen im besten Fall zu Rechts unsicher heit, im schlimmsten Fall zu Finanzie rungs‑ schwierig keiten eines Telemediums. Diese Situa tion be grenzter inhalt licher Kontrolle konkretisiert sich in anderen Bereichen werberecht licher Anforde rungen: Soll etwa eine kommerzielle Kommunika‑ tion stets erkenn bar sein, so kann sich die Erkenn bar keit aus Nutzer sicht aus dem Werbekontext ergeben (ein gespielter Banner auf einer Nachrichten seite). Da das Banner aber selbst ein Telemedium in Form einer kommerziellen Kommunika tion ist, trifft das Erkennbar keits gebot auch den Dienste anbieter, der das Banner einspielt. Dieser kennt aber die Umstände der Erkenn bar keit auf dem um geben den An gebot nicht; die Erkenn bar keit ergibt sich erst aus der Zusammen schau der Werbung im Kontext des Gesamtangebots, über die der Werbetreibende oder Werbedienst leister aber nicht notwendiger weise im Voraus informiert ist. So kann etwa eine ähnliche Farbge bung oder Typografie bei Werbeinhalt und Werbekontext zur Folge haben, dass der kom‑ merzielle Charakter der Werbe einblen dung nicht (mehr) ohne Weiteres erkenn bar ist. Recht liche Risiken aus einer ent sprechen den Konstella tion tragen dann die Dienste‑ anbieter (d. h. der Anbieter des Gesamtangebots, der Werbedienst leister und der Werbe‑ treibende). Bei zufälli gen Gestal tungs ähnlich keiten mag dies dem Umstand der Mehrheit be teiligter Akteure geschuldet sein, die ent sprechende Situa tionen nie ganz aus schließen können. In Fällen, in denen der Werbedienst leister aber vor sätz lich handelt, sieht sich in erster Linie der Anbieter des Gesamtangebots recht lichen Maßnahmen gegen über, auf deren Aus gangs situa tion er selbst aber nur geringen Einfluss hatte. Ähnliches gilt für Fälle, in denen sich das Gesamtangebot nicht an Kinder richtet, 258 aber faktisch auch von diesen ge nutzt wird. Erscheint auf diesem An gebot eine an Kinder gerichtete Werbung, führt dies zu einer deut lich restriktive ren Maßstabs anwen‑ dung, die zu einer werbe‑ und/oder wettbewerbs recht lichen Unzulässig keit führen kann, die auch dem Anbieter des Gesamtangebots an gelastet wird. 6.8.1.3 KOhärenz der massstäbe Auf die Komplexi tät der im Werberecht anzu wenden den Maßstäbe wurde bereits aus‑ führ lich hin gewiesen (s. oben Kapitel 6.6.2). Ergebnis der Betrach tungen ist, dass das Werberecht ein Maßstabsproblem hat, soweit es um die Kohärenz der an gelegten Maßstäbe geht. Auf grund der Zuschrei bung von Sachkompetenz an jedes einzelne Gericht besteht hier die Gefahr, dass eine einheit liche Spruchpraxis, die die anzu legen‑ den Maßstäbe in ver gleich barer Weise füllt, deut lich er schwert ist. Einen theoreti schen Aus blick auf die Möglich keit kohärente rer Rechts anwen dung er möglicht die Anwen‑ dung von Erfah rungs sätzen, wie sie sich etwa im Wettbewerbs recht in Einzel bereichen bereits ent wickelt haben. Einen Dämpfer erhält diese Hoffnung aber dadurch, dass es auf grund der Vielfalt der möglichen Maßstabs kombina tionen nur selten zu gut ver‑ gleich baren Sach verhalts konstella tionen kommt, die die einfache Über nahme von richter lich aus gefüllten Maßstäben auf andere Sach verhalte möglich machten. Vor der einfachen, un bedachten Über nahme der in einer Gerichts entschei dung an gelegten Maßstäbe kann im Gegen teil nur ge warnt werden; die einzelnen Tatbestände weisen Unter schiede auf, die auch auf der Maßstabsebene zu Unter schieden führen können, so etwa im Hinblick auf die Ermitt lung der intendierten Zielgruppe einer Werbung. Auch auf dieser Ebene zeigt sich die Relevanz der Dienstedi versifizie rung: Eine Gesamtangebots betrach tung zur Ermitt lung der intendierten Zielgruppe ist etwa dort er schwert, wo sich ein Familien angebot aus ganz unter schied lichen Kategorien zusam‑ men setzt, die ggf. ihre eigenen Zielgruppen haben. Inwieweit die Maßstabs findung hier auf einzelne dieser Kategorien ab stellen, also den Beurtei lungs gegen stand fall‑ spezifisch einengen darf, ist bisher nicht ab schließend ge klärt.444 444 Das Kg berlin scheint hier einzelne Kategorien eines gesamtangebots als betrach tungs einheit aus reichen zu lassen, vgl. Kg berlin mmr 2013, 515. 259 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.8.1.4 ver gleich bar Keit des gesetzes vOllzugs Der Vollzug der gesetz lichen Regelun gen weist große Unter schiede auf: Auf grund des Umstandes, dass im Werberecht nicht nur unter schied liche Gesetzes werke Anwen dung finden, sondern diese aus unter schied lichen Rechts bereichen stammen (UWG: Zivil‑ recht; RStV/TMG/JMStV/BDSG: Öffent liches Recht), folgt der Vollzug jeweils voll‑ kommen anderen Logiken. Hier agieren auf Vollzugsebene unter schied liche Akteure mit unter schied lichen Rechts grundlagen und rechtsinstitu tio nellen Rück halten, anderen Legitima tions strukturen, unter schied lichen Möglich keiten des recht lichen Vor gehens bei Ver stößen und letztend lich anderen „Regulie rungs kulturen“, z. B. im Hinblick auf Ver hand lungs mandate, Ent schei dungs spiel räume und Vor gehen gegen den Anbieter in der Praxis. Ver braucher‑ und Wettbewerbs zentralen – in der Regel in der Rechts form ein‑ getragener Ver eine – nutzen wettbewerbs recht liche Ab mahnungen bei UWG‑Verstößen, um schnelle Abhilfe und bei Nicht‑Unterwer fung eine kurzfristige einst weilige Ver‑ fügung gegen den Anbieter durch zusetzen. Eigene Interpreta tions spiel räume bleiben den Handelnden hier nur, soweit es um die Ent schei dung geht, ob man gegen einen Ver stoß vor gehen möchte. Was den Akteuren bleibt, ist die Einschät zung der Beweis‑ barkeit der Tatbestands vorausset zungen dort, wo dem Kläger die Beweis last obliegt. Die Ver bände finanzie ren die Gerichts kosten vor und er halten die Kosten im Falle eines recht lichen Erfolges er stattet. Die Strafzah lungen, zu denen der unlautere Wett‑ bewerber ggf. ver urteilt wird, ver bleiben der Staats kasse. Diese Umstände führen zu einer nur geringen Motiva tion, vorab eine Klärung mit den Anbietern zu er reichen; die Legitima tion der Zentralen wird bei klarem, recht lichen Vor gehen gegen Wett‑ bewerbs verstöße, die zu Lasten der Ver braucher gehen, deut licher als bei ver trau lichen Gesprächen, an deren Ende der Ver stoß ggf. ab gestellt wird. Außerdem ist jedes ge‑ wonnene Ver fahren ein Präzedenzfall für ähnlich ge lagerte Sach verhalte, auf dessen Grundlage die Ver braucherzentrale mit gutem Präjudiz vor gehen kann. Die für die Telemedien aufsicht regelmäßig zuständi gen Landes medien anstalten 445 sind dagegen von den Landes medien gesetzen und vom RStV nicht nur als Auf sichts‑ instanz, sondern auch als Regulie rer in ihrem Funk tions bereich konzipiert und ein‑ gesetzt. Aus gestattet mit Satzungs‑ und Richtlinien befug nissen sind die staats fernen Stellen in der Lage, in ihrem Tätig keits bereich nicht nur das Gesetz zu vollziehen, sondern das Rechts gebiet mitzu prägen, etwa durch Richtlinien mit Außen wirkung 445 ausnahmen von der regel be stehen in den bundes ländern bayern, nieder sachsen, rheinland-pfalz und Sachsen, wo vom Jugend- schutz ab gesehen jeweils eine andere Stelle als die landes medien anstalt zuständige auf sichts behörde ist (Stand 20. 07. 2014). 260 oder normkonkretisierende Ver wal tungs vorschriften. Sie ver fügen über ein (be grenztes) Auf greifermessen bei Rechts verstößen. Auch eine eigene Schwerpunkt setzung der Arbeit ist in Teilen möglich. Damit stellen die Landes medien anstalten auch (landes‑)medien‑ politi sche Akteure dar, die ab gestufte Sank tions instrumentarien mit an den Ver hand‑ lungs tisch bringen, wenn sie werberecht liche Rechts verstöße ver folgen. Diese Umstände führen dazu, dass sich eine Regulie rungs kultur ent wickelt hat, bei der in Fällen nicht gravie ren der, eklatanter Ver stöße zunächst vor recht liche Gespräche statt finden, in deren Rahmen eine Abhilfe durch den Anbieter jederzeit ohne weitere Rechts folgen möglich ist. Die per Gesetz etablierten Anstalten unter liegen einem ver gleichs weise geringen Legitima tions druck, solange sie mit ihrer Arbeit effektiv Ver stöße unter binden können; bei der Wahl der Regulie rungs mittel ver fügen sie insoweit über einen größeren Er‑ messens spiel raum, zu dem auch weiche Steue rungs instrumente ge hören können. Dies führt in der Praxis bei Werbe verstößen dazu, dass viele Sach verhalte bereits vor gericht‑ lich ge klärt werden können, sodass in diesem Bereich nur wenige Urteile vor liegen und von einer gericht lichen „Spruchpraxis“ nicht ge sprochen werden kann. Die Anbieter bevor zugen nach vollzieh bar das „weichere“ Modell der Medien aufsicht als das vor vollendete Tatsachen stellende System einst weili ger Ver fügungen. Auf fällig ist schließ lich, dass die am Vollzug be teiligten Akteure unabhängig von dem jeweili gen Rechts bereich bei Ver stößen bisher in erster Linie gegen die Inhalte‑ anbieter, in deren Gesamtangebot recht lich unzu lässige Werbung identifiziert wurde, vor gegangen sind – und damit bisher nicht gegen Dienst leister, obwohl diese über weit zentralere Möglich keiten des Ab stellens eines Rechts verstoßes ver fügen können. 6.8.1.5 relevanz und funK tiOns zuschrei bung der werbeselbst KOntrOlle Die Werbeselbst kontrolle hat aus Sicht des gesetz lichen Werberechts kaum unmittel bare Bedeu tung. Dies hängt mit dem oben be schriebenen Umstand zusammen, dass das derzeitige Werberecht viele Vor gaben der Selbst verpflich tungen in einen gesetz lichen Rahmen über führt hat. Dort aber, wo gesetz liche Vor gaben be stehen, gibt es keine Anreize für Selbstregulie rung mehr, Ver stöße zu ver folgen, da hier der Staat zuständige Auf sichts stelle ist. Der Anreiz zur Einfüh rung und Auf rechterhal tung von Selbstregulie‑ rung ist gerade meist, Diskussionen über und Planun gen von be stimmten gesetz lichen Rege lun gen über flüssig zu machen. Für das Werberecht hat der Deutsche Werberat inso‑ fern vor allem eine werbe ethische Funktion und sorgt für die Durch setzung standes‑ recht licher Anforde rungen, die unter halb oder außerhalb gesetz licher Vor gaben liegen. 261 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Der Umstand, dass die vormals eigenständi gen Vor gaben der Selbst kontrolle in ähnlicher Form (und vor allem auf grund von EU‑Vorgaben) Einzug in den JMStV und später teils in das UWG ge funden haben, führt in der Praxis dazu, dass die be‑ stehen den Selbst kontrollnormen – jeden falls in Bezug auf Werbung und Kinder – viel‑ fach nicht über die gesetz lichen Anforde rungen hinaus gehen; der Werbeselbst kontrolle ver bleibt kaum ein eigenständi ger Hand lungs bereich in diesem Themen segment. Die Themen, die vom Werberat im Bereich Kinder und Werbung ent schieden werden, sind in der Regel unter halb der gesetz lichen Unzulässig keit; bei der Ver mutung, dass gegen gesetz liche Vor gaben ver stoßen wurde, tritt die Selbst kontrolle das Ver fahren an die staat liche Medien aufsicht ab. Gleichzeitig aber werden bei werberecht lichen Ver stößen gern die Sinnhaftigkeit von Selbst kontrolle in diesem Bereich hinter fragt und das mangelnde Vor gehen der Industrie gegen schwarze Schafe an geprangert. An dieser Stelle offenbart sich (offen bar) ein Miss‑ verständnis: Nur weil es eine Werbeselbst kontrolle gibt, wird ihr auch die Über nahme der Auf sicht über gesetz liche Anforde rungen zu geschrieben. Der Grund dafür mag ggf. darin zu sehen sein, dass die Selbst kontrolle ihre vormals „eigenen“, noch nicht gesetz lich fest geschriebenen Ver haltens regeln bis heute beibehalten hat; damit hätte sie jeden falls formal recht lich (auf Basis des Ver eins rechts) noch heute die Möglich keit, auch bei gesetz lichen Ver stößen generell gegen die Anbieter vorzu gehen. Im Bereich von Kindern und Onlinewer bung gilt diese Beobach tung indes nicht, da die einschlägi gen Ver haltens regeln nicht für den Telemedien‑Bereich gelten (s. oben Kapitel 6.1.5). 6.8.2 mögliche risiKen in bezug auf das schutz ziel hand lungs autOnOmie Geht man von dem ver fassungs recht lich ge stützten normativen Ziel aus, dass Kinder und Jugend liche sich zu einer selbst bestimmten, autonom handelnden Person ent wickeln können und diese Autonomie auch ausüben können sollen, so bergen solche Situa tionen Risiken für dieses Ziel, in denen die Hand lungs frei heit und insbesondere die reflektierte Ent schei dung durch ge zieltes Einwirken von außen ein geschränkt wird oder sich an die Stelle autonomer, be wusster Ent schei dungen solche setzen, die un bewusst, auf‑ gedrängt oder auf grund von fehler haften oder falsch be werteten Informa tionen ge troffen werden. Die Unter ziele der Hand lungs autonomie be stehen insoweit in dem Grund‑ verständnis von Werbung, insbesondere in dem Ver ständnis werb licher Inten tion, in dem Erkennen von werb lichen Aus sagen und dem Aus schluss von Ent schei dungen, die unter Zwang auf grund von Täuschung ge troffen werden. 262 Führt man sich diese Ziele vor Augen, so ist vor dem Hinter grund des oben erarbei teten Über blicks das Ergebnis einer recht lichen Risikoanalyse, dass die be stehen‑ den recht lichen Vor gaben (und Richtlinien der Selbst kontrolle) insgesamt einen Ord‑ nungs rahmen auf weisen, der diese Ziele grundsätz lich ver inner licht hat und theoretisch ge eignet ist, die Schutz ziele zu er reichen. Tren nungs‑, Erkennbar keits‑ und Transparenz‑ gebote sowie Irrefüh rungs‑ und Aus nut zungs verbote be züglich werb licher Äußerun gen und Darstel lungen sichern die Hand lungs autonomie von Kindern ab. Durch die Anwen dung restriktive rer Maßstäbe auf werb liche Inhalte, die sich spezifisch an Kinder richten, wird den er höhten Schutz bedürf nissen Rechnung ge tragen. Gesetz geberi sche Annahme be züglich des Grund verständ nisses von Werbung: Was anhand der be stehen den Vor schriften aber deut lich wird, ist, dass die Legis lative stets davon aus geht, dass Kinder ein Grund verständnis von Werbung und den dahinterliegen‑ den Inten tionen haben. Die Erkenn bar keit als wichti ges recht liches Kriterium zeigt insoweit die gesetz geberi sche Grundannahme, dass ein Werbe verständnis bereits vor‑ handen ist. Das ist insoweit nach vollzieh bar, als Kinder ein Grund verständnis von „Werbung“ haben müssen, um über haupt eine kritisch‑reflexive Distanz zu kommerziell motivierten Informa tionen aufzu bauen; sie müssen wissen, dass diese systemimmanent keine unabhängi gen Informa tionen transportiert, sondern darauf gerichtet ist, in dem Kind eine Ver haltens ände rung zu be wirken. Fehlt dieses Grund verständnis für die Motiva tion von Formen der Wirtschafts werbung aber, werden alle übrigen Schutz‑ vorkeh rungen – jeden falls vor dem Hinter grund des normativen Ziels der Hand lungs‑ autonomie – in ihrer Wirkung er heblich geschmälert, wenn nicht nutz los. Anknüp fung von Vor gaben an für Kinder schwierig zu er kennende An gebots typen: Problematisch in Bezug auf den Maßstab des kind lichen Erwar tungs horizonts ist auch die Schwierig keit der Einord nung des Gesamtangebots in An gebote, die publizistisch arbeiten und objektiv und unabhängig informie ren und solche, die von sich aus ein wettbewerb liches Motiv ver folgen. Soweit der Rechts rahmen unter schied liche Anforde‑ rungen an die ver schiedenen Anbieter knüpft, deren Voraus setzungen aber selbst Experten Einord nungs schwierig keiten be reitet, kann nicht von einer leichten Einord‑ nung durch Kinder im Rahmen ihrer Nutzungs praxis aus gegangen werden. Wenn das Gesamtangebot selbst von Kindern zweifels frei als werb liche Webseite erkannt wird, besteht jeden falls kein Risiko mehr, dass ein Nutzer ein zusätz liches Werbeelement auf der Seite für neutral hält. Ein Gedanke, der sich hier aber im Umkehrschluss bilden mag: Es könnte sein, dass sich insbesondere Kinder an einer im Rahmen einer fernsehzentrierten Mediensozialisa tion ge lernten Dichotomie Inhalt/ Werbung als Ab gren zungs kriterium be dienen. Dann könnte ein kommerzielles Gesamt‑ angebot, das zusätz liche Werbeflächen für Werbung Dritter auf weist, von Kindern 263 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen dahin gehend miss verstanden werden, dass die um geben den Teile der erkenn baren oder ge kennzeichneten Werbe einblen dungen dann als gerade nicht‑werb lich, sondern als neutrale Inhalte wahrgenommen werden. In diesen Fällen führte die Einblen dung von Werbung gerade dazu, dass die werb liche Inten tion des Gesamtangebots miss verstanden wird. Dies aber be deutete aus recht licher Sicht, dass die Erkenn bar keit des Gesamt‑ angebots als kommerzielle Kommunika tion gerade nicht mehr gewährleistet wäre. Werbepraxis im Hinblick auf die Kennzeich nung: Ein Problem ergibt sich aus dem Umstand, dass ein recht liches Kennzeich nungs gebot nicht existiert, insbesondere bei Gestal tungs ähnlich keit aber an gezeigt sein kann. Dies führt zu unter schied lichen Kennzeich nungs praktiken (z. B. unter schied lichen Begriffen, aber auch zur Kennzeich‑ nung von Eigen werbung innerhalb von Gesamtangeboten). Kennzeich nung er scheint so zum einen als Instrument, um ge stal tungs ähnliche werb liche Segmente innerhalb von Inhalte angeboten recht lich zu legitimie ren, zum anderen kann die Kennzeich nung von Eigen werbung zur Folge haben, dass Kinder lernen, es handele sich nicht bei allem um Werbung, wo „Werbung“ draufsteht. Eine inkohärente Kennzeich nungs praxis kann dann zu Ver unsiche rungen führen, wenn Kinder die Kennzeich nung als relevantes Erken nungs merkmal nutzen und sich ent weder stets oder in Zweifels fällen anhand einer Kennzeich nung orientie ren. Kommt es hier zu Miss verständ nissen und wird Werbung deswegen miss verstanden, so er wächst daraus ein Risiko für die Hand lungs‑ autonomie. Daneben kann die im Unter suchungs sample teil weise vor genommene explizite Kennzeich nung eigener Inhalte als Werbung – theoretisch – der Vorgabe des RStV ent nommen werden, nachdem das Tren nungs gebot auch für Eigen werbung gilt (§ 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV). Dies kann in Telemedien kontraproduktiv für das Schutz ziel der Hand lungs autonomie sein, da dadurch die deut liche Erkenn bar keit von ge kenn‑ zeichneten werb lichen Inhalten, die nicht Eigen werbung sind, geschmälert wird. Auch kann der Eindruck ent stehen, dass als Werbung ge kennzeichnete Werbung nicht immer Fremdwer bung sein muss, was ggf. die kritische Begeg nung aus höhlt. Annähe rung von werb lichen und „Teaser“‑Inhalten: In Bezug auf die Gestal tungs‑ merkmale ist zu be obachten, dass Anbieter zur Schaf fung von Auf merksam keit für be sonders empfohlene (redaktio nelle) Inhalte, sogenannte „Teaser“ mit ge stalteri schen Hervor hebungen er stellen, die denen werb licher Segmente nicht unähn lich sind (z. B. andere Segment größen, andere Farbge bung, andere Typografie, wechselnde Bildfolgen). Dies kann eine er schwerte Erkenn bar keit der werb lichen Formen zur Folge haben, die ohne den Einsatz ent sprechen der Teaser noch ge geben wäre. Der „Kampf“ von werb‑ lichen und nicht‑werb lichen Inhalten um Auf merksam keit kann jeden falls theoretisch eine Spirale in Gang setzen, die in immer auf fällige ren Gestal tungen beider Segmente gipfelt und die Erkenn bar keit und Differenzier bar keit zwischen werb lichen und redak‑ 264 tio nellen Segmenten insgesamt herunter setzt. Für die Aus bildung von Hand lungs‑ autonomie wäre das hinder lich. Nutzung ge stal tungs ähnlicher Werbe einblen dungen: Soweit in der Praxis Werbe‑ einblen dungen er folgen, die sich ge stalterisch an den nicht‑werb lichen Inhalten orientie‑ ren, werden kritische Fälle auf grund des flexiblen Erkennbar keits grundsatzes bereits recht lich gerahmt. Eine systemati sche Regulie rungs lücke ist hier nicht erkenn bar, aber der Hinweis auf die sich ggf. nicht kohärent ent wickelnden Maßstäbe auf seiten der Gerichte bleibt (s. auch oben Kapitel 6.6.2). Im Hinter kopf be halten werden müssen hier zudem Über legungen, die der Frage der lang fristige ren Folgen der Durch mengung von unabhängi gen und kommerziell motivierten Inhalten nach gehen. Die Dystopie, dass Kinder irgendwann sämt lichen Inhalten grundsätz liches Misstrauen ent gegen‑ bringen 446, führte zwar zu einer Ver besse rung der Werbekompetenz insgesamt, aber gleichzeitig zu einer Schwächung der Inhaltekompetenz, wodurch die Möglich keit einer freien Meinungs bildung der Kinder in Mitleiden schaft ge zogen würde. Direkte Hand lungs aufforde rungen und mittel bare Kaufappelle: Spezifi sche werbe‑ inhalts bezogene Strategien, die für die Zielerreichung ein Risiko darstellen können und weiterer (empiri scher) Betrach tungen be dürfen, sind direkte Hand lungs aufforde‑ rungen. Die Differenzie rung von Aus sagen, die (ledig lich) Auf merksam keits‑ oder Hand lungs appelle an Kinder richten und solchen, die direkte Kaufappelle ent halten, gerät bei Onlinewer bung zunehmend in Graubereiche. In erster Linie geht es den Werbetreiben den online darum, die Nutzer auf die Produkt seite der Werbung zu locken und nicht um einen unmittel baren Kauf entschluss. Die bisherige Begren zung werbe‑ recht licher Normen auf die unmittel bare Kaufaufforde rung muss vor diesem Hinter‑ grund jeden falls als Diskus sions punkt be rücksichtigt werden. Mittel bare Kaufaufforde‑ rungen sowie unmittel bare Hand lungs aufforde rungen werden von dem derzeiti gen Rechts rahmen nicht ohne Weiteres umfasst 447, stellen dabei aber auch nicht zwingend unmittel bare Gefähr dungen im Hinblick auf wirtschaft lich nach teilige Kauf entscheidun‑ gen dar. Vor dem Hinter grund des Schutz ziels der Hand lungs autonomie aber können ent sprechende Praktiken ggf. zu einer unreflektierten Beschäfti gung mit dem Appell und im weiteren Ver lauf auch mit den Inhalten der Landing Page führen, die ohne eine unmittel bare Hand lungs aufforde rung nicht statt gefunden hätte. Gänzlich irrelevant sind daher direkte Inter aktions aufforde rungen aus Schutz zielperspektive nicht. Einsatz von Idolen als Experten: Teils werden Medien stars oder Marken figuren als aus Kinder sicht idolisierte, ver meint lich „objektive“ Experten ein gesetzt, deren Empfeh‑ 446 micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, rdm, § 6 tmg, rn. 27. 447 zu der anwend bar keit des ver bots unmittel barer Kaufaufforde rungen im falle von nur mittel baren appellen s. bgh runes of magic, kritisch dazu Jahn/palzer, Werbung gegen über Kindern – „Dus“ and don’ts, grur 2014, 332 ff. 265 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen lung ggf. weniger kritisch über nommen wird. Über das Verbot der Aus nutzung von Ver trauens personen im JMStV oder von Schutz bedürfti gen im UWG werden ent‑ sprechende Praktiken allerdings regelmäßig umfasst. Hier wird die Schwierig keit in der Spruchpraxis darin liegen, die Schwelle der Aus nutzung objektiv fest zulegen. Nutzung kind lichen Spieltriebs: Spiele, spieleri sche Gestal tungen, inter aktive Werbe‑ formen und wett kampfbetonende Inhalte können einen be sonde ren Reiz zur Auseinan‑ der setzung mit werb lichen Inhalten zur Folge haben, ohne dass es dadurch zu einer Rechts verlet zung kommt. Gestalteri sche „Tricks“ zur Auf merksam keits steige rung oder ver mehrten Auseinander setzung mit den werb lichen Inhalten werden vom Wettbewerbs‑ recht nicht reguliert, soweit es dadurch nicht auch zu einer Motiva tion oder Beeinflus‑ sung einer Kauf entschei dung kommt. Im Jugendmedien schutz kann die Aus nutzung des Spieltriebs von § 6 Abs. 4 JMStV umfasst sein, auch die rechts konkretisie ren den Jugendschutz‑Richtlinien der Landes medien anstalten ver weisen auf diese Fall gruppe; hier wäre allein der Tatbestand der Aus nutzung für einen Rechts verstoß aus reichend, eine recht lich nach teilige Kauf entschei dung o. Ä. ist gerade nicht nötig. Insoweit umfasst der Ordnungs rahmen im Jugendschutz auch Handlun gen, die wettbewerbs recht lich ggf. nicht an greif bar sind. Aufgedrängte Beschäfti gung mit Werbung: Der Zwang zur Werberezep tion ist aus recht licher Sicht dann problematisch, wenn die Kinder dadurch be lästigt werden. Mit § 7 UWG existiert eine recht liche Vor schrift, die (unzu mutbare) Belästi gungen umfasst; bei welchen Erschei nungs formen die Schwelle der Unzumut bar keit aus Sicht von Kindern er reicht ist, ist indes frag lich und von dem im Einzelfall an gelegten Maßstab ab hängig. Sollten sich Overlays oder Inter stitials in der Empirie aus Sicht der Kinder als unzu mutbare Störungs faktoren identifizie ren lassen, wäre dies ein Hinweis auf die Berücksichti gung ent sprechend strenger Maßstäbe bei der recht lichen Beurtei lung. Ein reines Miss fallen würde dagegen diese Schwelle nicht über schreiten. Cross‑mediale Marken verbünde als regulative Heraus forde rung: Über einzelne Medien‑ gat tungen und Produkt typen hinweg aus gewertete Marken, bei denen jeglicher produkt‑ bezogener Medien inhalt unabhängig von der einzelnen Erschei nungs form ein Auf‑ merksam keits anreiz für die Gesamtmarke und die jeweili gen Produkt welten sein kann, sind recht lich derzeit nicht zu fassen. Fraglich ist hier, ob sich daraus spezifi sche Risiken für die Hand lungs autonomie ergeben. Problematisiert werden kann die Integra tion von Informa tion und Unter haltung mit Werbung grundsätz lich, ent sprechende Beobach‑ tungen und Diskurse gibt es etwa im TV‑Bereich.448 Im Fernsehbereich haben die 448 vgl. paus-hasebrink/neumann-braun/hasebrink/aufenanger, medien kind heit – marken kind heit. unter suchungen zur multimedialen ver wertung von marken zeichen für Kinder, münchen 2004. 266 Landes medien anstalten im Rahmen ihrer Richtlinien kompetenz reagiert: So geben die Hinweise in Punkt 7.3 Nr. 1 und Nr. 2 JuSchRiLi Hinweise darauf, wie man im Fern‑ sehen in kinder affinen Programmumge bungen eine inhalt liche und werb liche Ver‑ mengung von Marken und Figuren nicht ver hindern, aber jeden falls ver ringern möchte. Für den Telemedien bereich be stehen ent sprechende Vor gaben nicht, sind aber ggf. dort an gezeigt, wo die Differenzie rung zwischen objektiven Inhalten und kommer ziellen Kommunika tionen aus Sicht von Kindern dadurch er schwert wird, dass beide Segmente die gleichen Marke oder das gleiche Produkt zum Gegen stand haben. Absolute Anzahl der Werbekontakte als Regulie rungs problem? Teilweise wird die Höhe der ab soluten Zahl der Kontakte von Kindern mit werb lichen Kommunika tionen im Netz (aber auch darüber hinaus) problematisiert. Die Masse und Ubiquität werb licher bzw. persuasiver Informa tionen, die auf das Kind „hereinprasseln“, könnte lang fristig nach teilige Effekte haben. Die ständige Rezep tion von Werbung könnte eine vollstän‑ dige Kommerzialisie rung der Auf merksam keit zur Folge haben, die zu Lasten der (gedank lichen) Beschäfti gung mit nicht‑kommerziellen Themen und Gütern ginge.449 Man mag derartige Über legungen und Diskussionen auch auf die (ver meint liche) Werbeflut im Netz über tragen; aus recht licher Sicht stellt sich hier vor allem die Frage, inwieweit ein Risiko, das sich aus der Gesamt heit kommerzieller Kommunika tion ggf. für den Einzelnen ergibt, den einzelnen werbetreiben den Kommunikatoren so konkret zu geschrieben werden kann, dass dies einen regulatori schen Anknüp fungs punkt offen‑ bart. Besonders im Bereich freier und umfassen der Meinungs äuße rung, zu dem werb‑ liche Äußerun gen zählen, er scheinen Formen genereller Werbebeschrän kungen als problematisch. Bei medien politi schen Diskussionen müssen Aspekte der Ver hältnis‑ mäßig keit daher eine be sondere Rolle spielen. Identifizie rung von spür baren, nach halti gen Beeinträchti gungen: Die be stehen den werberecht lichen Vor schriften gehen wie ge zeigt stets von (unter schied lich ge arteten) nach teili gen Effekten auf den Werberezipienten aus. Das UWG fordert (jeden falls für Teile der Vor schriften) das Tatbestands merkmal der „Spürbar keit“ dieser Beeinträchti‑ gung. Auch der JMStV hantiert mit dem Beeinträchti gungs begriff, wobei hier die rechts wissen schaft liche Literatur davon aus geht, dass diese Beeinträchti gung „nach‑ haltig“ sein muss – eine nur kurze Ver unsiche rung oder Orientie rungs schwierig keit soll ent sprechend noch nicht nach haltig genug sein, um Jugendschutz risiken im Sinne des JMStV aus lösen zu können. Der Ordnungs rahmen kann die Antwort auf die Frage, wann eine be stimmte Werbehand lung zu gesetz lich relevanten Beeinträchti gungen führt, nicht konkret geben. 449 vgl. eicke, Die Werbelawine. angriff auf unser bewußt sein, münchen 1991. 267 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen 6.8.3 mögliche risiKen in bezug auf das schutz ziel der gewährleis tung infOrma tiO neller selbst bestim mung Der Über blick über die daten schutz recht liche Rahmung von Onlinewer bung zeigt, dass der Gewährleis tung informa tio neller Selbst bestim mung von Kindern formalgesetz lich Rechnung ge tragen wird. Zwar besteht bislang kein aus drück licher Jugend daten schutz, aber hinsicht lich des Einwilli gungs vorbehalts gilt die Voraus setzung der Ein sichts‑ fähig keit, die bei Kindern grundsätz lich nicht unter stellt werden kann. Der Grundsatz des Daten verarbei tungs verbots mit Aus nahme gesetz lich geregelter Erlaub nisse und bei Kindern so faktisch nicht erteil baren Einwilli gungen gewährleistet, dass personen‑ bezogene Daten nur ver arbeitet werden, soweit es dien stespezifisch absolut notwendig ist (oder die Eltern explizit ein gewilligt haben). Für pseudonymisierte Daten in Tele‑ medien gilt eine um die Pflicht zur Auf klärung über einen möglichen Wider spruch er gänzte gesetz liche Erlaubnis. Dennoch: Der daten schutz recht liche Rechts rahmen im Bereich Onlinewer bung ist umfassen den politi schen und recht lichen Debatten aus gesetzt. Das Problem dabei ist weniger, dass die daten schutz recht lichen Vor gaben zu geringe Anforde rungen stellten, sondern dass sich die Frage der Anwend bar keit der teils aus dem letzten Jahrtausend stammen den Vor schriften auf aktuelle Ent wick lungen insbesondere im Bereich der automatisierten Daten verarbei tung im Netz für Anbieter, Daten schützer und Nutzer als extrem schwierig heraus stellt. Dort, wo mit Expertise die Identifika tion einer einschlägi gen Daten schutz norm ge lungen ist, wird klar, dass die recht lich vor geschrie‑ benen Regelun gen ent weder nichts mit der praktizierten Daten verarbei tung zu tun haben 450 oder aber so hohe Anforde rungen an die Anbieter stellen, dass in anderen (Nicht‑EU‑)Ländern mögliche Geschäfts modelle von Deutschland aus gerade nicht praktikabel er scheinen. Zwar gilt für ver antwort liche Stellen außerhalb der EU das deutsche Daten schutz recht gemäß § 1 Abs. 5 S. 2 BDSG, aber hier stößt die Daten‑ schutz aufsicht auf ein Vollzugs problem, bei dem inländi sche Daten schutz verfü gungen in der Regel nur schwer – wenn über haupt – gegen aus dem Ausland agierende Unter‑ nehmen durch gesetzt werden können.451 Haupt risiken in Bezug auf die informatio nelle Selbst bestim mung liegen insoweit in dem Problem der Schutz gewährleis tung dort, wo personen bezogene Daten theoretisch ohne Kenntnis (und ohne Einwilli gung) des Nutzers gesammelt werden könnten. Hier zählen ohne eine Kontrolle der Prozesse vor Ort allein die Aus sagen der ver arbeiten den 450 zu einem möglichen vollzugs problem s. Kühling/Sivridis/Schwuchow/burghardt, Das daten schutz recht liche vollzugs defizit im bereich der telemedien – ein Schreckens bericht, DuD 2009, 335 ff. 451 S. masing, heraus forde rungen des Daten schutzes, nJW 2012, 2305 (2309 f.). 268 Stellen bzgl. der Pseudonymisie rung oder Anonymisie rung der er hobenen Daten. Das Ver trauen auf die Richtig keit der Angaben der daten verarbeiten den Stelle wird so zum Dreh‑ und An gelpunkt der recht lichen Schutz gewähr. Hier kann allein schon das Gefühl, möglicher weise in einer identifizier baren oder jeden falls auf eine Einzelperson rück führ baren Form in seinem Online‑Nutzungs‑ verhalten be obachtet und über An gebote und Wochen hinweg be obachtet zu werden, zu Ver haltens ände rungen führen, die aus Sicht der Hand lungs autonomie relevant sind. Aus Sicht der Zielerreichung informa tio neller Selbst bestim mung muss hier konstatiert werden, dass das vom Bundes verfassungs gericht vor gegebene Ziel, dass Bürger wissen sollen, „wer was wann und bei welcher Gelegen heit über sie weiß“, an gesichts der Intransparenz der be teiligten Akteure und dem Ver trauen auf laut Anbieter aussagen rechts konforme Prozesse außerordent lich ge fährdet ist.452 Ein (wenn auch extremes) Beispiel ist der Besuch eines An gebots, der inklusive der darüber einbezogenen werbe‑ bezogenen Drittanbieter zu der Ablage von acht anbietereigenen Cookies und 82 Cookies von Dritten führte. Insbesondere bei zusammen gesetzten Diensten mit mehreren (Dritt‑)Anbietern ist insoweit für den Nutzer nicht mehr klar, welche Anbieter welche Daten zu welchen Zwecken ver arbeiten und inwieweit diese einen Personen bezug auf weisen oder bei Aggregie rung auf weisen können. Solange die Tracking‑ und Personalisie rungs praxis anhand von Cookies ungefähr ab geschätzt werden kann, ist die Tragweite dieser Wirtschafts praktiken immerhin noch greif bar. Hier sind aber Ent wick lungen ab sehbar, bei denen ent sprechende Ver fahren ver mehrt ohne nutzer seitige Beteili gung an der Wieder erkenn bar keit aus kommen. Serverseitig vor genommene Tracking verfahren (z. B. über Finger printing oder das Aus lesen von Geräteken nungen) würden auch diese Einschät zung zunehmend er schwe ren. 6.8.4 mögliche risiKen in bezug auf das schutz ziel der ent wicK lung zu einem ge meinschafts fähigen individuum Werbliche Inhalte, die nach teilige Wirkun gen auf eine unbe einträchtigte Persönlich‑ keits entwick lung haben, sind nicht zulässig. Durch das be stehende System des Jugend‑ medien schutzes gewährleistet der Staats vertrags geber dieses Schutz ziel aus reichend. Problemlagen können sich dort ergeben, wo Werbung auf Seiten, die sich an Kinder 452 zu den nötigen reformen, die diese einsicht mit sich führt vgl. Klar, privatsphäre und Daten schutz in zeiten techni schen und legis lativen umbruchs, DÖv 2013, 103 ff. 269 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen oder Jugend liche richten, Geschlechter rollen oder Schön heits ideale transportiert, die von Kindern ggf. noch nicht aus reichend kritisch ein geordnet werden können. Auch die Nutzung von Ironie kann dazu beitragen, dass sich eine an sich harm lose Werbung bei Jüngeren in Richtung einer Ent wick lungs beeinträchti gung ver schieben kann. So‑ lange in dieser Hinsicht relevante Werbeinhalte unter halb des Auf greifniveaus des JMStV liegen, können sie von den Ver haltens regeln des Werberats umfasst sein und sind ent sprechend eben falls regulatorisch umhegt. Ein kontextabhängi ges Risiko kann sich daneben aus dem Umstand ergeben, dass Werbedienst leister, die eine Nutzer profilie rung vornehmen, einen von mehreren Per‑ sonen ge nutzten Browser als Erwachsenen mit ent sprechen den Erwachsenen interessen identifizie ren. Nutzt dann das Kind das gemeinsame Endgerät im Elternhaus, so können sich dadurch ggf. auch jugendschutz relevante Werbe einspie lungen – auch auf an Kinder gerich teten Seiten – ergeben. Die elter lichen Interessen sind insoweit hin‑ reichende Bedin gung für nicht‑kindgerechte Werbe einblen dungen – das Online‑ Nutzungs verhalten des Elternhauses kann hier theoretisch Bedin gungen für risiko‑ behaftete Onlinewer bung setzen. 6.9 zwischen fazit: Onlinewer bung als regulatOrisch umhegter bereich Vor dem Hinter grund der Breite der einschlägi gen gesetz lichen Regelun gen und der Selbst verpflich tungen der Werbewirt schaft ist zunächst fest zustellen, dass der ganz über wiegende Teil problemati scher Hand lungs formen im Bereich Onlinewer bung regulatorisch umhegt ist. Vielerlei Hinweise auf neue, er weiterte werbespezifi sche Regelun gen und Anwen dungs bereiche drängen sich beim formalen Blick auf die Gesetzes lage nicht auf. Es sind vielmehr gesetzes systemati sche Brüche und Unklar‑ heiten, die auf einen Novellie rungs bedarf im Bereich der Dienstedifferenzie rung und der kohärenten gesetz lichen Bezeich nung von An gebots typen hindeuten.453 Auch die gesetz geberi sche Grundannahme, dass Inhalt und Werbung bewusst vom Inhalte‑ anbieter zusammen getragen bzw. zusammen gefügt werden, dass also die Werbung integraler Bestand teil eines inhalt lichen An gebots ist, muss an gesichts der Werbepraxis über dacht werden. Werbung und ihre Auswahl hat immer weniger mit den sie um‑ 453 Das ist aber keine neue erkenntnis, die diese unter suchung zutage fördert, vgl. nur engels/Jürgens/fritz sche, Die ent wick lungen des telemedien rechts im Jahr 2006, K&r 2007, 57; die recht liche analyse konnte aber zeigen, an welchen Stellen des Werberechts die allgemeinen probleme der Dienstedifferenzie rung dann fühl bar werden. letzt lich ist hier einmal mehr das alte problem eines fehlen- den kohärenten rechts rahmens im zeitalter konvergenter (und hybrider) Dienste tangiert. 270 geben den Inhalten zu tun, und immer mehr mit den individuellen Präferenzen des konkreten Nutzers, d. h. Werbeinhalte basieren zunehmend auf ver meint lichen Interes‑ sen profilen. Die Effizienz und die Effektivi tät des gesetz lichen Vollzugs war nicht Gegen stand der Unter suchung. Was allerdings auf fällt, sind die bislang wenigen medien ord nungs‑ recht lichen Ent schei dungen im Bereich von telemedialen Werbe verstößen.454 In der Spruchpraxis des Werberats finden sich hingegen auch Beanstan dungen von Werbe‑ inhalten in Telemedien; auch die Ver braucher schutz zentralen gehen gegen Wettbewerbs‑ verstöße im Netz ge zielt vor.455 Was im Gegen zug an gesichts der recht lichen Analysen aber deut lich ge worden ist, ist die Vielfalt an Maßstäben, an denen sich Gerichte bei der Über prüfung eines werb lichen Inhalts zu orientie ren haben. An gesichts der Komplexi tät der Maßstabs‑ auswahl und ‑findung ist davon auszu gehen, dass es bundes weit ohne weiteres Zutun nicht zu einer kohärenten Spruchpraxis der Gerichte kommt. Daneben konnten oben einige Situa tionen erarbeitet werden, die mit dem derzeiti‑ gen Rechts rahmen nicht, schwierig oder nur im Einzelfall zu er fassen sind, die aber theoretisch ein Risiko für das gesetz geberisch ver folgte Schutz ziel darstellen können. Diese hypotheti schen, bisher nur aus formaler Sicht herleit baren Risiken haben Relevanz für die Aus gestal tung und Bewer tung der Rezep tions studie. Realisiert sich eine der be schriebenen Gefähr dungs lagen in der kind lichen Nutzungs praxis, so ist dies ein Hinweis auf eine mögliche Optimie rung des Ordnungs rahmens oder eine Fehlannahme bzgl. der anzu legen den Maßstäbe. Ist eine ent sprechende Realisie rung in der Praxis dagegen nicht be obacht bar, so kann dies ein erster Hinweis darauf sein, dass eine Schutz lücke an der ent sprechen den Stelle nicht besteht. Auf merksam keits punkte, die die Rezep tions analyse in den Blick zu nehmen hat, sind zum einen Aspekte der Über prüfung der Grundannahmen der Werberegulie rung: Die recht lichen Analysen haben ge zeigt, dass die Werberegulie rung von be stimmten Grundannahmen aus geht, auch in Bezug auf Kinder. So geht die Rechts wissen schaft davon aus, dass Nutzer (auch Kinder) sich kritischer gegen über kommerzieller Kom‑ munika tion ver halten als gegen über ver meint lich objektiven Informa tionen. Über prüft werden müssen insoweit das Begriffs verständnis von Werbung und das Grund ver‑ ständnis für die Motiva tion von Formen der Wirtschafts werbung auf der Seite der Kinder. Nur wenn ein Grund verständnis für „Werbung“ vor liegt, machen weitere hand lungs autonomiebezogene Schutz vorgaben Sinn. 454 ausnahme ist die beanstan dung von Sex-Werbung im teletext, vgl. bayvgh, urteil vom 19. 09. 2013; az. 7 b 12.2358. 455 insbesondere der ver braucherzentrale bundes verband e. v. (vzbv) unter sucht onlineangebote ge zielt nach uWg-verstößen ab. 271 6 recht licher Ordnungs rahmen werb licher inhalte im netz und mögliche PrOblemlagen Als Problematik in Bezug auf den Maßstab des kind lichen Erwar tungs horizonts er scheint daneben zum einen die Schwierig keit der Einord nung des Gesamtangebots in An gebote, die publizistisch arbeiten und objektiv und unabhängig informie ren und solche, die von sich aus ein wettbewerb liches Motiv ver folgen. Diese subjektive Erwar‑ tungs haltung aber ist eine wichtige Voraus setzung für den im Recht anzu wenden den Maßstab im Hinblick auf werb liche und nicht‑werb liche Inhalte in einem Online‑ Angebot. Es wird zu identifizie ren sein, an welchen Kriterien Kinder ihre Erwar tungs‑ haltung be züglich der Unabhängig keit oder der wirtschaft lichen Motiva tion eines Gesamtangebots festmachen. Dort, wo Kinder schon vom Gesamtangebot keine neu‑ tralen Informa tionen er warten, ist zu unter suchen, wie sie mit expliziten Werbeformen, die sich innerhalb des An gebots finden, umgehen. Es wird auch zu be trachten sein, welche Erwar tungs haltung sie bzgl. unabhängi ger Informa tionen bei ge mischten publi‑ zistisch‑kommerziellen Portalen annehmen. In Bezug auf die Annahmen der Eignung werb licher Kommunika tion zur Irre‑ füh rung, Täuschung oder Aus nutzung der Unerfahren heit wird es darum gehen, die in der Rechtspraxis vor herrschen den Maßstabs annahmen auf ihre An gemessen heit im Medienalltag von Kindern zu hinter fragen und eine etwaige be obacht bare alters‑ abhängige Ent wick lung von Werbekompetenz zu identifizie ren. In der konkreten Analyse der Umgangs weisen von Kindern mit einzelnen Werbe‑ formen sind aus recht licher Sicht insbesondere Hinweise mit zu be rücksichti gen, die Rückschlüsse auf die Relevanz von Kennzeich nungen als Erken nungs kriterien für die kind liche Identifika tion von Werbung geben sowie den Umgang mit un gewöhn lichen Werbebezeich nungen. Auch die Bedeu tung von Platzie rungs‑ oder Gestal tungs kriterien sowie die marken bezogene Bekannt heit im Rahmen der Werbeidentifika tion gehört zu diesem Aspekt. Soweit ent sprechende Situa tionen ent stehen, sollten Hinweise auf die Bedeu tungs zumes sung und Erwar tungs haltung im Hinblick auf den werb lichen Einsatz von Medien stars oder Marken figuren aus gewertet werden. Auch die prakti sche Relevanz von spieleri schen oder inter aktiven Anreizen sollte einbezogen werden. 273 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder Im Rahmen der An gebots analyse zeigte sich, dass Kinder theoretisch einer Vielzahl von Werbeformen im Netz be gegnen. Inwieweit sie diese er kennen, ver stehen und wie sie mit ihnen umgehen, ver bleibt Ansätzen empiri scher Analysen. Ent sprechende Fragen wurden daher im Rahmen einer Rezep tions studie unter sucht, die quantitative und qualitative Methoden (Befra gungs‑ und Beobach tungs verfahren) miteinander kombi‑ niert. Die ver schiedenen methodi schen Zugänge er lauben unter schied liche Perspektiven auf und Ver tie fungs grade in das Thema. Während die Repräsentativbefra gung einen Über blick über Häufig keiten und Ver teilungen z. B. von allgemeinen Werbe erkennungs‑ merkmalen gibt, erlaubt die qualitative Rezep tions studie eine Betrach tung des Umgangs mit Werbung im konkreten Einzelfall. Die nach folgende Ergebnis darstel lung erfolgt ent lang ver schiedener Themen bereiche und kombiniert dabei die Daten aus den unter schied lichen Unter suchungs teilen, um ein möglichst umfassen des und zugleich differenziertes Bild zu zeichnen. Wo möglich, werden er gänzend zu Befunden zu den Kindern auch die Ergeb nisse aus der Elternbefra‑ gung und den Lehrerinterviews ein gebunden. Die Darstel lung der Ergeb nisse gliedert sich in sechs Unter kapitel: Nach einem Blick auf die Daten basis (Kapitel 7.1) folgt ein Über blick über die Internetnut zung der Kinder, die Medien ausstat tung und ‑nutzung, inklusive der Regeln zum Umgang mit Onlinewer bung (Kapitel 7.2). Das kind liche (Online‑)Werbe verständnis steht im Mittelpunkt des darauf folgen den Ab schnitts (Kapitel 7.3). Daran an schließend erfolgt die Darstel lung der Ergeb nisse zum Erkennen von Onlinewer bung (Kapitel 7.4) und der identifizierten Schwierig keiten und Heraus forde rungen bei den Umgangs weisen mit Werbung (Kapitel 7.5). Den Ab schluss dieses Kapitels bildet eine zusammen fassende Einschät zung, wie kompetent Kinder mit Onlinewer bung umgehen (Kapitel 7.6) sowie ein Zwischen fazit (Kapitel 7.7). 274 7.1 daten basis 7.1.1 quantitative studie Die repräsentative Befra gung wurde im Zeitraum vom 11. 11. bis 08. 12. 2013 als CAPI‑Befra gung mit insgesamt 633 Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren und deren Haupterziehungs berechtigten 456 durch geführt.457 Zu je einem Drittel wurden Kinder der Alters gruppen sechs bis sieben Jahre, acht bis neun Jahre sowie zehn bis elf Jahre befragt. Das Durch schnitts alter der be fragten Kinder liegt bei 8,5 Jahren. 51 Prozent der be fragten Kinder sind Mädchen, 49 Prozent sind Jungen (s. Abb. 67). 7.1.2 qualitative studie Die qualitative Rezep tions studie setzt sich aus ver schiedenen Teilerhe bungen zusammen (s. Kapitel 4). Im Mittelpunkt steht die Befra gung und Beobach tung von Grundschul‑ kindern. An den Unter suchungen zur Werberezep tion nahmen insgesamt 105 Kinder aus vier ver schiedenen Grundschulen sowie einem Hort in Hamburg und Nordrhein‑ West falen teil, von denen 100 in die Aus wertung einbezogen wurden.458 Die Stichprobe 456 Das durch schnitt liche alter der erziehungs berechtigten lag bei 39 Jahren. etwa 82 prozent der be fragten elternteile waren weib- lich und rund 18 prozent männ lich. 457 Die erhebung wurde von gfK enigma unter der leitung von bettina Klumpe und laura nöllen burg durch geführt. 458 nicht be rücksichtigt wurden fälle, in denen kein Camtasia-video vorlag oder in denen die materialgrundlage als nicht hinreichend ein geschätzt wurde. abbildung 67: stichprobe der Kinder; nach geschlecht und alter basis: alle Kinder, n = 633; angaben in prozent 33 33 34 49 51 10–11 Jahre 8–9 Jahre 6–7 Jahre Jungen Mädchen Prozent 275 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder der an der Unter suchung teilnehmen den Kinder setzt sich zusammen aus 57 Mädchen und 43 Jungen im Alter von sechs bis zehn Jahren (Durch schnitts alter: 8,7 Jahre). Neben den Einzel befra gungen wurden darüber hinaus sechs Gruppen interviews im Klassen verband durch geführt. Die Anzahl der Kinder, die an den Gruppen gesprächen teilnahmen, variierten zwischen sieben und 18 Kindern.459 Zu den 100 be fragten Kindern liegen zudem Daten von 96 Eltern be züglich der Internet ausstat tung und ‑nutzung des Kindes, ihren auf die Onlinenut zung des Kindes be zogenen Sorgen, den Regeln zum Umgang mit Onlinewer bung, ihrer Einschät zung des kind lichen Umgangs mit Onlinewer bung, zu eventuellen negativen Erfah rungen mit Onlinewer bung sowie ihrer Haltung gegen über Onlinewer bung vor.460 Die be‑ fragten Elternteile der Kinder sind über wiegend zwischen 30 und 50 Jahren, etwa ein Viertel aller Eltern ist zwischen 40 und 44 Jahre alt. Knapp ein Drittel der be fragten Elternteile hat als höchsten Bildungs abschluss eine ab geschlossene Berufs ausbil dung an gegeben (28 %), rund 38 Prozent einen Hoch schulabschluss. Nur ein sehr kleiner Teil der Eltern hat keinen Bildungs abschluss (2 %).461 Der Großteil der be fragten Elternteile (88 %) hat bis zu drei Kinder. Jeweils etwa ein Drittel der Befragten haben ein bzw. zwei Kinder. Die meisten der be fragten Elternteile haben die deutsche Staats‑ bürger schaft (84 %). Ergänzend wurden vier Interviews mit drei Lehrerinnen und einem Lehrer an den einbezogenen Schulen ge führt. Das Alter der Lehrkräfte lag zwischen 29 und 52 Jahren. Der Befra gungs zeitraum er streckte sich von September bis zum Dezember 2013. Die für eine qualitative Studie hohe Anzahl an Kindern er schien sinn voll und notwendig, um ein möglichst umfassen des Bild des Umgangs mit Werbung zeichnen zu können. Die Einzelinterviews mit den Grundschülerinnen und ‑schülern wurden in der Schule durch geführt. Parallel wurden bis zu vier Kinder gleichzeitig befragt bzw. be obachtet. Die Befra gung er folgte anhand eines flexibel ein gesetzten Interview‑ Leitfadens. Die Beobach tung wurde anhand einer Auswahl von zehn Webseiten durch‑ geführt 462 und die Mausbewe gungen sowie die Kommentare der Kinder mit Camtasia auf gezeichnet und vom Interviewer protokolliert. 459 Die ergeb nisse werden nicht ge sondert dargestellt, sondern fließen in die gesamtbetrach tung ein. 460 Die eltern von vier teilnehmen den Kindern haben keinen fragebogen ab gegeben. 461 für die partner der be fragten elternteile gilt eine ähnliche ver teilung wie für die elternteile selbst. 462 bei der auswahl wurde darauf ge achtet, dass die onlineangebote ver schiedene an gebots typen und geschlechts spezifi sche präferenzen ab decken. an geboten wurden toggo. de, lego. de, kicker. de, wasist was. de, spielaffe. de, geolino. de, gmx. de, barbie. com, helles-koepfchen. de und youtube. com. im fall von youtube wurde den Kindern nicht die Start seite, sondern das an gebot vor gegeben, das er scheint, wenn man „harry potter ohrwurmsong“ eingibt. auf diese Weise sollte ver mieden werden, dass die Kinder mit unge- eigneten inhalten in berüh rung kamen bzw. durch inhalte auf der youtube-Seite über fordert wurden. allerdings hatte diese ent schei- dung den nachteil, dass eine reihe der Kinder das an gebot in der annahme an schauen wollte, es handele sich um ein an gebot zu harry potter. Diese annahme hatte einfluss auf die rahmung des an gebots. Diese problematik konnte allerdings bei der aus wertung der Daten be rücksichtigt werden. 276 Bei der Auswahl der Onlineangebote orientierten sich die Kinder deut lich an der Bekannt heit und Beliebt heit der jeweili gen Seite oder an den zu gehöri gen Produkten (s. Abb. 68). Von den meisten Kindern (insgesamt 86) wurde die Webseite von spielaffe. de aus gewählt. Einem Großteil der Kinder war das An gebot bereits bekannt, viele gaben an, es regelmäßig zu nutzen. Auch toggo. de wurde mit 55 Mal ver gleichs weise häufig aus gewählt. Hier kannte nur rund die Hälfte der Kinder die Webseite zuvor. Allerdings war den meisten Kindern, die vorher die Webseite noch nie ge nutzt hatten, Toggo aus dem Fernsehen oder aus anderen Kontexten bekannt. Lego. de wurde am dritthäufigsten von den Kindern ge wählt (35‑mal), wobei knapp die Hälfte der Kinder das An gebot selbst nicht, aber die Produkte von Lego kannte oder besaß. Das An gebot von YouTube wurde von gut einem Viertel der Kinder ge wählt, die – ab gesehen von drei Aus nah‑ men – das An gebot bereits kannten.464 Barbie. de wurde von 20 Kindern, wasistwas. de von 15 Kindern und geolino. de von 11 Kindern ge wählt. Auch bei diesen drei An‑ geboten kannten einige Kinder die Internet seite selbst nicht, aber die zu gehöri gen Produkte oder Marken (z. B. Barbie‑Puppen, Geolino‑Hefte, Was‑ist‑Was‑Bücher oder 463 zwei be fragte personen haben ihr geschlecht nicht an gegeben. 464 aufgrund des ge wählten Screens hots, auf dem prominent Harry Potter zu sehen war, dachten einige Kinder, dass es sich um das dazu gehörige onlineangebot handelt. Kinderinterviews n = 100 mädchen 57 Jungen 43 6 Jahre 1 7 Jahre 14 8 Jahre 22 9 Jahre 44 10 Jahre 19 elterninterviews n = 96 geschlecht 73 weib lich, 21 männ lich 463 alter 30–50 Jahre bildungs hintergrund (höchster ab schluss) kein ab schluss ab geschlossene berufs ausbil dung hoch schulabschluss 2 % 28 % 38 % lehrerinterviews n = 4 geschlecht 3 lehrerinnen, 1 lehrer alter 29–52 Jahre tabelle 17: daten basis der qualitativen rezep tions studie im über blick 277 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder ‑DVDs etc.). Deutlich seltener wurden hingegen die Webseiten helles‑koepfchen. de (5‑mal) und gmx. net (4‑mal) aus gewählt. Insgesamt war das Ver hältnis derjenigen Kinder, die die Webseite jeweils kannten, zu denen, denen sie nicht bekannt war, recht aus geglichen. abbildung 68: häufig keit der auswahl einer webseite nach bekannt heit des an gebots (absolut) 1 3 1 3 6 6 21 13 27 74 3 2 6 2 2 7 2 7 7 9 0 0 2 6 7 7 1 15 21 3 gmx.net helles-koepfchen.de kicker.de geolino.de wasistwas.de barbie.de youtube.com lego.de toggo.de spielaffe.de Häufigkeit Häufigkeit der Auswahl einer Webseite bei Bekanntheit der Seite Häufigkeit der Auswahl einer Webseite bei Unbekanntheit der Seite Häufigkeit der Auswahl einer Webseite bei Unbekanntheit der Seite, aber Bekanntheit von Produkten o. Ä. tabelle 18: ver teilung der häufig keit der auswahl einer webseite nach alter (absolut) an gebot 6- bis 7-Jährige 8-Jährige 9-Jährige 10-Jährige gesamt spielaffe. de 15 14 42 15 86 toggo. de 10 10 25 10 55 lego. de 7 4 16 8 35 youtube. com 2 5 11 6 24 barbie. de 5 5 9 1 20 wasist was. de 4 0 8 3 15 geolino. de 1 0 7 3 11 kicker. de 2 1 3 3 9 gmx. net 1 0 3 0 4 helles-koepfchen. de 1 0 2 2 5 278 Die Webseiten toggo. de und barbie. de wurden häufiger von den jüngeren Kindern (6‑ bis 8‑Jährigen) auf gerufen als von den älteren. youtube. com dagegen wurde von den Acht‑ bis Zehnjähri gen deut lich häufiger aus gewählt als von den Sechs‑ bis Sieben‑ jähri gen (s. Tab. 18). 7.2 zur internetnut zung vOn Kindern 7.2.1 internet zugang und nutzungs häufig Keit des internets Rund 60 Prozent der repräsentativ be fragten Kinder gaben an, das Internet mehrmals pro Woche oder täglich zu nutzen. Insbesondere die älteren Kinder nutzen das Internet häufiger, während die Kinder der jüngeren Alters gruppen seltener online sind (Nutzung täglich/mehrmals pro Woche: 48 % der Sechs‑ bis Sieben jähri gen, 52 % der Acht‑ bis Neunjähri gen, 77 % der Zehn‑ bis Elfjähri gen, s. Abb. 69).465 465 in der Kim-Studie 2012 lag der anteil der Kinder, die das internet jeden/fast jeden tag nutzen, bei 36 prozent. 49 prozent nutzten es ein-/mehrmals in der Woche und 16 prozent seltener. Der anteil der Kinder, die das internet seltener nutzen, geht mit zunehmen dem alter zurück, fällt aber im ver gleich zur vor liegen den Studie immer noch doppelt so hoch aus (vgl. mpfS 2013, S. 34). abbildung 69: nutzungs häufig keit des internets; nach geschlecht und alter basis: alle Kinder, n = 633; angaben in prozent 21 9 4 13 10 11 56 43 44 49 46 48 16 27 36 26 27 27 7 21 16 13 17 15 10–11 Jahre 8–9 Jahre 6–7 Jahre Jungen Mädchen Gesamt Prozent jeden Tag mehrmals/Woche einmal/Woche seltener als einmal/Woche 279 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder Die be fragten Kinder gehen am häufigsten über den Laptop (42 % der Kinder) oder den Computer (40 % der Kinder) online. Handys, Smartphones, Tablet‑PCs, iPads oder Konsolen werden von den Kindern noch deut lich weniger zur Onlinenutzug ver wendet (von jeweils 2 bis 9 % der Kinder). Nennens werte Alters unterschiede ließen sich nicht fest stellen. Ledig lich der Zugang über Handy und Smartphone hebt sich mit 14 Prozent bei der ältesten Alters gruppe (10‑ bis 11‑Jährige) etwas gegen über den jüngeren Gruppen ab. Auch die Geschlechts unterschiede sind eher marginal. Bei den Jungen erfolgt der Zugang gering fügig häufiger über Computer und Tablet‑PC bzw. iPad, die Mädchen gehen hingegen eher über Laptop und Handy bzw. Smartphone online (s. Abb. 70). Die Daten aus der Elternbefra gung zeichnen ein ähnliches Bild für die Internet‑ nut zung der in der qualitativen Unter suchung einbezogenen Kinder: Nach Angaben der be fragten Elternteile be sitzen rund 94 Prozent der Haushalte einen Computer mit Internet zugang. Außerdem be findet sich in knapp 80 Prozent der Haushalte mindestens ein Smartphone. Weiter hin sind auch Tablet‑PCs (42 %) und internet fähige Spiele‑ konsolen (29 %) vorzu finden. Jeweils rund 14 Prozent der Eltern geben an, dass sich ein Computer mit Internet zugang oder eine internet fähige Spiel konsole im Zimmer des Kindes be findet. Weitere zwölf Prozent der Kinder können von ihrem Zimmer aus einen Tablet‑PC nutzen, während rund neun Prozent ortsungebunden ein internet‑ abbildung 70: am häufigsten ge nutztes gerät, um ins internet zu gehen basis: alle Kinder, n = 633; angaben in prozent 40 39 43 42 39 40 39 44 43 41 43 42 7 9 6 9 6 7 14 6 6 6 11 9 1 2 2 2 1 2 10–11 Jahre 8–9 Jahre 6–7 Jahre Jungen Mädchen Gesamt Prozent Computer Laptop Tablet-PC/iPad Handy/Smartphone Spielekonsole 280 fähiges Handy nutzen können. Die an der qualitativen Unter suchung teilnehmen den Kinder nutzten das Internet in der voran gegangenen Woche durch schnitt lich an rund zwei Tagen, ein kleiner Teil der Kinder nutzte das Internet täglich (9 %). Mehr als die Hälfte der an der Unter suchung teilnehmen den Kinder nutzt das Internet durch‑ schnitt lich bis zu 30 Minuten täglich (58 % der Kinder), der ver bleibende Teil der Kinder nutzt das Internet noch darüber hinaus (31–60 Min./Tag: 24 % der Kinder, mehr als 60 Min.: 18 % der Kinder). 7.2.2 (Online-)werbung im KOntext medien erzieheri scher massnahmen Das Medien erziehungs verhalten wird u. a. durch die Sorgen der Eltern be einflusst, die sie sich hinsicht lich der Internetnut zung ihres Kindes machen. Der größte Anteil der be fragten Elternteile be fürchtet 466, dass be stimmte Onlineinhalte ihr Kind emotional über fordern könnten (60 %). Außerdem sind viele Eltern besorgt, dass das Kind im Internet hohe Kosten ver ursachen, von anderen be lästigt werden oder mit den falschen Personen in Kontakt treten könnte (jeweils 51 bis 53 %). Der kleinste Anteil der Eltern macht sich Sorgen, dass ihr Kind sich im Internet anderen gegen über schlecht be‑ nehmen könnte (10 %). Weniger besorgt, aber durch aus kritisch zeigt sich ein großer Teil der Eltern im Hinblick auf das Thema Werbung im Internet. 89 Prozent der be fragten Eltern geben an, dass sie Werbung im Internet als störend empfinden. Dennoch ver tritt die Hälfte der Eltern die Ansicht, dass Internet werbung aus Gründen der Finanzie rung des Internets ge duldet werden müsse. 20 Prozent der be fragten Eltern gaben an, dass ein Werbeblocker auf dem vom Kind ge nutzten internet fähigen Gerät installiert sei. In den meisten Familien liegt die Ent schei dung, was das Kind im Internet machen darf, den be fragten Eltern zufolge in erster Linie bei der Mutter oder bei dem Vater (jeweils 95 %). Nur in wenigen Fällen darf ein Kind grundsätz lich selbst be stimmen, was es im Internet macht. Rund 24 Prozent der Eltern haben mit ihren Kindern Regeln zur Internetnut zung und dem Umgang mit Onlinewer bung ver einbart. Die Sorgen der Eltern spiegeln sich 466 Die befunde basieren auf den Daten aus der befra gung der 100 eltern der Kinder aus der qualitativen Studie. Die dargestellten anteile ergeben sich jeweils aus einer zusammen fassung der aus prägungen „ich bin sehr besorgt“ und „ich bin etwas besorgt“. ab gefragt wurden acht items (unge eignete inhalte, Dauer der nutzung, Weckung von Konsumwün schen durch Werbung, belästi gung durch andere, Weiter gabe von persön lichen informa tionen, ver ursachung hoher Kosten, schlechtes benehmen der eigenen Kinder im internet, Kontakt mit falschen leuten). 281 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder teil weise auch in den ver einbarten Regeln wider:467 So geben zwei Eltern an, ihr Kind dürfe nur unter Auf sicht im Internet surfen, fünf Elternteile meinen, das Kind dürfe nur nach Ab sprache ins Internet gehen bzw. nur auf be stimmte Seiten gehen oder zeit lich be grenzt das Internet nutzen. Bei drei Kindern gilt die Regelung, dass un‑ gefragt nichts an geklickt werden darf. Weiter hin geben fünf Eltern an, dass die Kinder ihnen zeigen sollen, wenn sie im Internet etwas interessant finden, bzw. ihnen Bescheid sagen sollen, wenn ihnen merk würdige Werbeinhalte be gegnen (insgesamt 5‑mal ge‑ nannt). Bezogen auf den Umgang mit Onlinewer bung haben zwei Elternteile mit ihren Kindern ver einbart, Werbung zu ignorie ren, während drei weitere ihrem Kind vor gaben, dass ihr Kind Werbung nicht an klicken bzw. sie unmittel bar schließen soll.468 Auch in den qualitativen Interviews be richten nur sehr wenige Kinder, dass sie online tun können, was sie wollen. Die Mehrzahl der Kinder benennt zeit liche oder inhalt liche Regeln bzw. konkrete Ver bote, die auch mit den von den Eltern ge nannten Sorgen korrespondie ren. Die Dauer der Onlinenut zung – ein Thema, das von den Eltern nicht vor rangig als Sorge benannt wurde – scheint den Aus sagen der Kinder zufolge sehr unter schied‑ lich ge handhabt zu werden. Mal werden feste Tage, Tages zeiten oder eine feste Dauer fest gelegt, mal ent scheiden die Eltern in der konkreten Situa tion darüber, wann das Kind genug Zeit am Computer ver bracht hat, mal werden die Kinder in die Fest legung der Regeln einbezogen: „Also meine Mama, mein Papa und ich haben ab gemacht, am Wochen ende, am Samstag und Sonntag darf ich 30 Minuten mir einteilen und jeden Tag 10 Minuten für abends.“ (Emanuel, 7 Jahre) „Ich gehe dann da rein und Papa sagt dann, wann ich aus machen soll.“ (Noemi, 9 Jahre) Zu den inhalt lichen Regeln zählt vor allem, dass die Kinder keine ge walthalti gen Onlineangebote oder An gebote, die nicht für ihre Alters gruppe freigegeben bzw. ge‑ eignet sind, nutzen dürfen. Sexuelle Inhalte werden nur ver einzelt thematisiert. Häufiger geben die Kinder an, dass sie nur Kinder seiten oder nur solche An gebote nutzen dürfen, die die Eltern kennen oder aus gesucht haben. Facebook und YouTube zählen bei einigen Kindern zu den An geboten, die von ihren Eltern explizit ver boten sind (wobei auch 467 Die angaben zu ver einbarten regeln der internetnut zung sind in ab soluten zahlen erfasst, da ledig lich 21 der 96 be fragten eltern solche regeln mit ihren Kindern ver einbart haben (mehrfachnen nungen). 468 Da die items zu den onlineregeln mit dem Kind offen erfasst wurden, ist hier nicht auszu schließen, dass sich diese angaben auf allgemeine internetregeln an statt auf spezielle onlinewerbespezifi sche regeln be ziehen. 282 manche Kinder an geben, Filme auf YouTube sehen zu dürfen). Als weitere Ver bote wurden von den Kindern ge nannt, dass sie z. B. nicht mit Personen chatten sollen, die sie nicht kennen, dass sie sich nicht einfach irgendwo anmelden, dass sie keine persön‑ lichen Daten von sich preis geben, dass sie nicht einfach etwas im Internet an klicken oder dass sie etwas herunter laden. Einige Kinder gaben darüber hinaus an, dass sie keine An gebote nutzen dürfen, die etwas kosten (z. B. kosten pflichtige Spiele) oder wo man etwas kaufen kann: „Also ich darf nicht in Webseiten, die mich nichts an gehen. Ich darf nicht An gebote nehmen, die ganz viel Geld kosten. Und das war’s.“ (Melissa, 8 Jahre) Ver gleichs weise viele Kinder er wähnen in den Interviews, dass die Eltern ihnen ver‑ boten hätten, auf Werbung zu klicken, was ver mutlich aus der Sorge resultiert, dass Kinder un gewollt im Internet Kosten ver ursachen (s. o.): „Meine Mutter sagt, ich soll das nicht an klicken, weil das etwas kostet.“ (Judith, 10 Jahre) „Weil sie nicht wollen, dass ich Werbung an klicke und so. Das mach ich aber auch nie, nur aus Ver sehen manchmal. Und das mach ich auch nicht gern.“ (Franz, 10 Jahre) „Na ja, da steht ‚jetzt kaufen‘, ‚jetzt einkaufen‘ und dann ist das halt Werbung. Also wenn hier steht, kosten loser Ver sand, also man muss ja eigent lich immer etwas ein geben damit das kommt. Aber wenn es dann so ist und da steht dann jetzt kaufen, dann. […] Meine Mama sagt, ich soll so etwas nicht an klicken. […] Sie sagt, die legen einen rein. Die sagt immer, da steht zum Beispiel nur ein Euro oder so und dann kommt irgendwer und man muss viel mehr be zahlen. Sagt sie immer.“ (Ilai, 9 Jahre) „Zur Werbung hat sie gesagt, ähm, falls da jetzt be stellen [steht], nie draufdrücken wegen es kann dann sein, dass man das wirk lich be stellt hat. Man weiß das ja nicht und dann steht da so ein Name und Wohnort und so was damit die das schicken können. Habe ich das alles sofort beendet.“ (Melissa, 10 Jahre) „Also Onlinewer bung, die soll ich nicht an klicken. […] Ja weil, also irgendwie möchte ich die auch nicht – […] Manchmal kommt sie ja so und dann soll man sich registrieren und sowas. Und das darf ich nicht, dafür muss man ja zahlen.“ (Alina, 9 Jahre) Manche Äußerun gen der Kinder deuten jedoch darauf hin, dass sie beispiels weise – ähnlich wie der achtjährige Jaiken – das Verbot zwar zur Kenntnis ge nommen haben, das eigent liche Problem bzw. Risiko aber (noch) nicht ver stehen. 283 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder „INT: Ok. Hast du denn schon mal hier im Internet auf eine Werbung draufgeklickt? J: ((schüttelt den Kopf)) INT: Nee? Warum hast du das noch nicht ge macht? J: Weil ich das nicht darf. INT: Ach so. Warum darfst du das denn nicht? (6) J: Weiß ich nicht.“ (Jaiken, 8 Jahre) Die Beobach tung passt auch zu dem Ergebnis, dass 66 Prozent der Eltern bisher noch nicht mit ihrem Kind über die Werbung ge sprochen haben (vgl. Kapitel 7.3.3).469 In einigen Äußerun gen – insbesondere von jüngeren Kindern – zeigt sich, dass sie im Falle, dass sie Werbung an klicken würden, von diffusen, zum Teil aber schwerwiegen‑ den Konsequenzen aus gehen: „Ja. Das ist gefähr lich, weil wer weiß, was die Leute da machen.“ (Schirin, 7 Jahre) „Ähm, meine Mama sagt ja immer, alles was Geld kostet, ähm, nicht an klicken oder so was. Und dann sagt die ja auch immer diese Gründe. Und dann halte ich mich ja auch daran, weil es kann ja sein, dass meine Mama sich da be stimmt besser aus‑ kennt als ich auf dem Computer und dann muss man sich ja auch dran halten. Dann muss man auch halt darauf hören, weil ähm es könnte wirk lich was Schlimmes sein und so was. Weil man weiß ja nicht, wann das passiert oder wie das passiert oder warum das passiert.“ (Milena, 10 Jahre) Zusammen fassend zeigen sowohl die Befunde aus der Elternbefra gung als auch aus den Kinderinterviews, dass das Thema Onlinewer bung nicht das Thema ist, über das sich die Eltern am meisten Sorgen machen. Vor rangig be fürchten sie, dass Kinder durch Onlineinhalte emotional über fordert werden könnten, dass sie von Fremden be lästigt oder mit falschen Leuten in Kontakt treten könnten oder dass sie durch un‑ bedarftes Handeln im Netz (un gewollt) hohe Kosten ver ursachen. Die Sorgen der Eltern spiegeln sich auch in den wahrgenommenen Regeln der Kinder wider: Neben zeit lichen und inhalt lichen Ver einba rungen wurden von den Kindern auch Regeln an geführt, die die Nutzung kosten pflichti ger An gebote oder das Anklicken von Wer‑ bung be treffen. Nicht immer scheint es den Kindern möglich, die Regeln zu be folgen, z. B. wenn sie aus Ver sehen auf Werbung klicken, und nicht immer scheinen die Kinder zu ver stehen, weshalb sie Werbung nicht an klicken sollen. Bei einigen Kindern zu‑ 469 in der quantitativen repräsentativbefra gung zeigen sich ähnliche ergeb nisse: hier gaben 58 % der be fragten erziehungs- berechtigten an, mit ihrem Kind bereits einmal über Werbung ge sprochen zu haben. basis: alle haupterziehungs berechtigten, n = 633. auf die Kommunika tion über Werbung in elternhaus und Schule wird in Kapitel 7.3.3 aus führ licher ein gegangen. 284 mindest hat sich das Bild fest gesetzt, dass das Anklicken von Werbung schlimme Folgen nach sich ziehen kann. 7.3 zum (Online-)werbe verständnis vOn Kindern Bezogen auf die Werbekompetenz trauen die Eltern ihren Kindern in den meisten Fällen recht viel zu. Ein Großteil der Eltern meint, dass ihr Kind sicher Werbeinhalte von anderen Inhalten auf einer Webseite unter scheiden kann (70 %) und um die Werbeinten tion weiß (63 %). Knapp die Hälfte der Eltern geht davon aus, dass ihr Kind bei der Internetnut zung nicht durch Onlinewer bung be einflusst wird (49 %). 7.3.1 beKannt heit vOn werbung Insgesamt haben rund 98 Prozent der in der Repräsentativbefra gung be fragten Kinder den Begriff „Werbung“ schon einmal gehört (o. Abb.). Dies trifft für die älteren Kinder in gering fügig größerem Maße zu als für die jüngeren. Sechs Prozent der jüngeren Kinder im Alter von sechs bis sieben Jahren, aber nur ein Prozent der Acht‑ bis Neunjähri gen gaben an, diesen Begriff nicht zu kennen oder sich darüber unsicher zu sein. In der Alters gruppe der Zehn‑ bis Elfjähri gen hatten hingegen alle Kinder den Begriff schon einmal gehört. Hinsicht lich des Geschlechts ergaben sich keine gravie‑ ren den Unter schiede in den Antworten der Kinder. Kinder kennen Werbung aus ver schiedenen Medien. Das Medium, dass die Werbe‑ kenntnis am meisten prägt, ist den Ergeb nissen der Repräsentativbefra gung zufolge das Fernsehen. Rund 97 Prozent der Kinder geben an, dass sie Werbung schon einmal im Fernsehen gesehen haben, ge folgt von Plakaten (88 %), Printmedien (80 %) und Kino (78 %). 76 Prozent gaben an, im Internet schon einmal auf Werbung ge stoßen zu sein. Mit rund 71 Prozent ent fällt der geringste Anteil darauf, dass die Kinder Werbung aus dem Radio kennen (s. Abb. 71). Die Ergeb nisse spiegeln sich auch in den qualitativen Interviews wider. Auch hier wurde häufig auf das Fernsehen ver wiesen, zum Teil auch, weil die Kinder sich hier eher an konkrete Beispiele erinnern, auf die sie Bezug nehmen können: „Ähm. Also das ist ja eigent lich wie im Fernsehen. Die suchen passende Musik, ähm, die zum Beispiel in welchem Alter die reingehen gerade. Also passende Werbung gerade. Weil zum Beispiel bei Viva machen die nur so Viva‑Musik halt, also halt nur Viva‑ 285 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder Sachen. Und auf, ähm, zum Beispiel, sag ich jetzt mal, ProSieben, das gucken sich ja fast nur Erwachsene an, da machen die halt andere Sachen.“ (Ahmed, 10 Jahre) Ferner erinnern Kinder Werbung aus Zeitung, Zeitschrift, von mobilen Endgeräten (Handy/Smartphone, Tablet/iPad), aus dem Kino oder aus dem Umfeld von Computer‑ spielen. Auf der einen Seite ver weisen sie auf Werbung in den Spielen, sog. In‑Game‑ Advertising (vgl. hierzu Dörr et al. 2011), auf der anderen Seite be gegnet ihnen Werbung als Vor spann auf Spiele‑CDs und DVDs. „Ja, auch bei Spielen, die nicht im Internet sind sondern, die zeigen dann irgendeine Werbung an oder …“ […] „Ja, die zeigen dann ir‑, einfach Werbung an manchmal. Aber nur ganz selten.“ […] „Nee, kein Video, nur ein so ein Bild und dann ist das. Ich hab so ein Rennautospiel … und dann, das find ich am doofsten, dann klick ich da was an und dann zeigt der erstmal ja oder nein, dann drück ich immer ja, dann kommt immer so eine Spielwer bung für GTA 5 oder GTA 4 oder weiß ich, irgend so ein Spiel wo man auch schießt und das ist nicht so cool.“ (Franz, 10 Jahre) „Im Fernsehen und in Zeitun gen und Kino auch, weil ich war ja schon sehr oft im Kino.“ (Jamie, 10 Jahre) „Ähm, ich hab im Fernsehen schon mal und bei Handys, wenn ich manche Spiele spiele, da kommen auch die manchmal zwischen durch vor. Und auch am Laptop, Computer. Also an sehr vielen elektri schen Dingen. Auch iPod oder Tablets.“ (Natascha, 9 Jahre) abbildung 71: woher kennen Kinder werbung? basis: alle Kinder, n = 633; angaben in prozent 97 88 80 78 76 71 Werbung im Fernsehen gesehen Werbung auf Plakaten gesehen Werbung in Zeitungen oder Zeitschriften gesehen Werbung im Kino gesehen Werbung im Internet gesehen Werbung im Radio gehört Prozent 286 „Und wenn ich iPad also spiele, dann kommt da auch immer zwischen durch Werbung, dass ich mir das neu … dass ich neue Spiele installie ren soll.“ (Melissa, 8 Jahre) In der qualitativen Unter suchung zeigte sich darüber hinaus, dass die Kinder Werbung nicht nur in den (Massen‑)Medien wahrnehmen, sondern auch in öffent lichen Räumen in Form von Schildern, Plakaten oder Litfaßsäulen. Einzelne Kinder ver wiesen auf sogenannte Ver kehrs mittelwer bung (vgl. Kloss 2012, S. 38, S. 372), bspw. in oder an Flugzeugen, Autos oder Bussen. „Auf der Straße auch manchmal. Da sind so runde, also so runde Kästen oder so. […] Ja … Und das sind auch manchmal so Sachen drauf.“ (Lena‑Marie, 8 Jahre) „Ähm … wenn wir manchmal irgendwo hinfahren, dann stehen überall an den Straßen oder so überall Schilder mit Werbung.“ (Esther, 10 Jahre) „Werbung sah’ ich manchmal in der Stadt auf diesen großen Plakaten und auf diesen komischen ähm … auf diesen, diesen komischen Dingern, die da vorne auch an der Schule stehen an der Sa‑Ampel. Diese komischen weißen großen Dinger [INT: Kind meint ver mutlich eine Litfaßsäule], da ist manchmal auch so ein Plakat drauf ge klebt. Das ist manchmal auch Werbung.“ (Klara, 9 Jahre) „So manchmal vor dem Schuleingang. […] Und (7) manchmal bei den Straßen da bei den Ampeln.“ (Anwar, 9 Jahre) „Wie heißt es? Zum Beispiel, wenn da jetzt ein Häuschen ist, da steht da so ein, an der Geisterbahn oder so, Schild und so. Oder an den Straßen, an den Laternen, wie bei der Bundestags wahl oder so. Das war ja auch alles, mit Angela Merkel und so.“ (Simon, 8 Jahre) „Ja auf Plakaten oder so. Oder an, ähm … Haltestellen für Busse. Oder auf Bussen.“ (Ellen, 9 Jahre) „[…] Auf Autos manchmal. Und auf Häusern, da hängen manchmal Plakate. Oder Flugzeuge ziehen das immer. Ja.“ (Peter, 9 Jahre) Die Antworten der Kinder ver weisen darauf, dass sie – ähnlich wie im Internet – auch in öffent lichen Räumen dynami sche bzw. optisch auf fallend ge staltete Werbeformen wahrnehmen, wie z. B. Rollen wechsel systeme oder hinter leuchtete Werbeflächen: „Ja, bei diesem … also auf der Straße. Da hängt immer so was mit einem Metallstück. Bei der Ampel meistens und da sind so Bilder, wo das immer weiter blättert. Und das ist auch Werbung.“ (Saskia, 6 Jahre) 287 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder „Also auf der Straße an so Laternen und an Laternen […] ja, da wo das fest gebunden ist. Oder an den Drehdingern, die die sich drehen. Da ist ganz oft Werbung für Filme.“ (Philis, 9 Jahre) „Auf dem [Name eines Platzes]. Also und ähm. Dann gibt es da auch immer so Automaten, die immer so hoch und runter fahren, dann kommt da auch immer Werbung.“ (Emilia, 10 Jahre) „Weil manchmal finde ich Sachen gut, so draußen hängen auch zum Beispiel so Rollen, die sich immer so drehen. […] Dann an dieser Rolle kann ja auch Werbung daran sein.“ (Joana, 7 Jahre) „[…] man sieht das auch an Laternen, da kleben die manchmal so große Plakate dran. […] Und in der Stadt auch, so auf Wänden, die da stehen. LED oder sowas mit der Werbung aus gestrahlt wird.“ (Liam, 9 Jahre) Andere Kinder assoziie ren mit Werbung insbesondere solche werb lichen Maßnahmen, die ihnen schon einmal in Supermärkten oder Geschäften be gegnet sind (z. B. Ankündi‑ gungen von Sonder angeboten, Sammel aufkleber etc.) oder Prospekte, in denen z. B. An gebote eines Supermarktes an gepriesen werden: „[…] Im Laden, da gibt es auch manchmal so einen Fernseher. Da gibt es auch Wer‑ bung. Oder wenn man in einem Laden ist, dann kommt da so, ähm, Stimmen aus den Mikrofonen.“ (Majbritt, 10 Jahre) „Ähm … in Geschäften manchmal. Bei Edeka gibt es Werbung mit so Auf klebern und die sammele ich. Aber [eine Freundin] sammelt die nicht und die schenkt mir die immer. Wir gehen nicht so oft zu Edeka, wir gehen immer zu Aldi meistens.“ (Esther, 10 Jahre) „Ja, auch in Geschäften. […] Ja, da hängen manchmal Plakate.“ (Florian, 9 Jahre) „Bei KiK auch. […] Da gibt es immer so welche kleinen Zeitschriften. […] Und bei Edeka auch.“ (Maja, 8 Jahre) „Ja, wenn man in Läden geht, dann gibt es manchmal so Hefte und da ist auch ganz viel Werbung drin.“ (Bente, 9 Jahre) „[…] dann steht da manchmal wie in den Prospekten, dass die von 77 auf 40 Euro runter gehandelt hatten, und dann haben die den 77er Preis nach oben getan.“ (Friedo, 9 Jahre) Die Aus sagen der Kinder deuten darauf hin, dass sie ein Bewusstsein für Werbung haben, die ihnen in den Massen medien und/oder in öffent lichen Räumen be gegnet. Die Wahrneh mung der Kinder ist dabei keines falls nur auf einzelne Kontexte gerichtet, 288 sondern kann sich auf ver schiedene Settings be ziehen. Mit Blick auf das Alter zeigte sich, dass selbst die Jüngsten Werbung aus sehr unter schied lichen Kontexten – online wie offline – kennen: „Werbung in der Zeitung gibt es zum Beispiel manchmal. Und im Computer wenn man etwas googeln will und so. Und ja, wenn man im Fernsehen eine Serie guckt, davor kommt Werbung.“ (Shirin, 7 Jahre) „Im Fernsehen, draußen auf Plakaten. Bei Zeitun gen ist auch manchmal Werbung drinnen. Es gibt auch von Supermärkten so Werbung, zum Beispiel jetzt von Edeka Rindfleisch für neun Euro, keine Ahnung. Und das ist da halt und meine Mutter und mein Vater gucken da, das liegt dann manchmal auf der Treppe bei uns im Haus.“ (Velten, 9 Jahre) Sowohl die Befunde aus der Repräsentativbefra gung als auch aus den qualitativen Interviews mit den Kindern zeigen, dass Kinder in kommerzialisierten Lebens welten auf wachsen, in denen sie auf vielfältigste Weise mit werb lichen Botschaften in Berüh‑ rung kommen. Das beginnt im nahen Umfeld (z. B. mit der Werbebeilage in der Post, den An geboten im Supermarkt oder mit der Litfaßsäule gegen über der Schule) und setzt sich in den Medien fort. Fast alle Kinder kennen Werbung aus dem Fernsehen. Dreiviertel der Kinder gaben in der Repräsentativbefra gung an, auch schon mal Wer‑ bung im Internet gesehen zu haben. 7.3.2 wissen um die inten tiOn vOn werbung Nahezu alle Kinder be jahten die Frage, ob ihnen bekannt sei, was Werbung ist; nur ca. fünf Prozent gaben an, dies nicht zu wissen oder sich diesbezüg lich unsicher zu sein. Auch hier sind es tendenziell eher die jüngeren Kinder, die sich darüber noch unsicher zeigen: Etwa zehn Prozent der be fragten Kinder im Alter von sechs bis sieben Jahren wissen nicht, was Werbung ist bzw. sind sich unsicher, bei den acht‑ bis neun‑ jähri gen Kindern sind es rund acht Prozent und etwa zwei Prozent in der Alters gruppe der Zehn‑ bis Elfjähri gen. Der geschlechts spezifi sche Unter schied ist nur marginal (o. Abb.). Die Mehrheit der repräsentativ be fragten Kinder ist der Meinung, dass Werbung ge macht wird, (1.) damit man erfährt, was es Neues gibt (91 %), (2.) damit man mehr Sachen kauft (89 %) oder (3.) dass sie dazu dient, Leute neugierig zu machen (88 %). Dass Werbung ge macht wird, (4.) um Leute zu unter halten, meinen hingegen rund 289 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder 42 Prozent der Kinder, während etwa 50 Prozent der Kinder dieser Aussage nicht zustimmen, acht Prozent waren sich bei dieser Aussage unsicher. Gravierende Alters‑ und Geschlechts unterschiede ließen sich nicht fest stellen (s. Abb. 72). Die in der Repräsentativbefra gung deut lich hervor stechen den Zuschrei bungen der Kinder spiegeln sich – mit Aus nahme der in der Repräsentativbefra gung mit 42 Prozent Zustim mung noch recht be deutsamen Unter hal tungs funk tion („… um Leute zu unter‑ halten“) – auch in den qualitativen Einzelinterviews wider. Richtet sich die Werbedefini tion der Kinder auf den informativen Gehalt von Werbung, dann schreiben sie Werbung die Inten tion des Informierens über Kaufmög‑ lich keiten („Wissen/Zeigen, dass man das kaufen kann“, „Wissen, wo es das gibt“, „Wissen, was es gibt“) oder des Zeigens von Produkten, Dienst leis tungen etc. zu („Zeigen von Neuem“, „Zeigen von Sachen“, „Zeigen, was man zu bieten hat“). Wenn Kinder in ihren Defini tionen auf das „Zeigen“ von Produkten ein gehen, bleiben sie in ihren Formulie rungen recht ab strakt: „Da kann man immer wissen, was das ist. Also. Was es da zum Beispiel gibt oder so. Und sonst irgendwie Sachen.“ (Elias, 9 Jahre) „Damit Leute bei Shops, wenn sie die Shops nicht kennen oder sowas oder das noch nie gesehen haben, hingehen können.“ (Deborah, 9 Jahre) abbildung 72: wissen um die inten tion von werbung basis: n = 633, angaben in prozent Werbung wird gemacht … 42 88 89 91 50 8 9 7 8 5 3 2 … um Leute zu unterhalten … um Leute neugierig zu machen … damit man mehr Sachen kauft … damit man erfährt, was es Neues gibt Prozent stimmt zu stimmt nicht zu ist sich unsicher 290 „Werbung. Da er zählen die Mal. (4) Werbung … ist, ähm, die zeigen dann das immer dass man weiß, dass man … das kaufen kann.“ (Ralf, 10 Jahre) „Ich würde ihnen er klären, dass Werbung anzeigt, was es für andere Sachen in den Läden gibt. Also ich würde irgendwie so sagen zum Beispiel.“ (Bente, 9 Jahre) Die Defini tionen der Kinder werden häufig in einen kommerziellen Kontext gesetzt. Kinder definie ren Werbung dann als Kaufangebote, Kaufmöglich keiten („Sachen kaufen können“). Einige Kinder stellen einen unmittel baren Bezug zwischen Werbung und Kaufen oder Werbung und Bestellen her. Der 10‑jährige Emre bezieht sich bei‑ spiels weise allgemein auf den Aspekt des Kaufens und definiert Werbung wie folgt: „Werbung? So wenn man Werbung drückt, da kommen sofort Sachen, Werbung kaufen so, Handy, Reiten, man gewinnt da Autos. […] Werbung ist so wie Sachen kaufen und … etwas be stellen.“ (Emre, 10 Jahre) Zum Teil sind die auf den kommerziellen Kontext be zogenen Defini tionen der Kinder konkret auf die Inten tion von Werbung aus gerichtet („damit die Geld ver dienen“, „damit andere das kaufen“, „damit man das kauft“). In Einzelfällen wird auch eine Folgen abschät zung seitens der Kinder be trieben („da muss man was be zahlen“). Einzelne Kinder gehen in ihrer Defini tion sogar auf Werbung als Finanzie rungs‑ möglich keit für Webseiten ein. „Hm. Bei Werbung möchten sie glaub ich so viel also wie möglich raus geben. Oder die wollen dann die Seite noch weiter ent wickeln. Die die ent wickelt haben, wollen die weiter entwickeln, dann noch ein paar Sachen dazu machen. Und deswegen. Die be zahlen das, um da Werbung reinzumachen und so und dann über lebt die Seite irgendwie. […] Werbung ist also von denen, die die Seite ent wickelt haben, zum Beispiel eine Wissens seite oder so. Die, die die ent wickelt haben, möchten ja noch, dass da weitere Menschen draufgehen. Deshalb machen die da irgendwelche Werbung hin, glaube ich. Dass das so ähnlich ist.“ (Nuria, 10 Jahre) „Ähm, die Internet seiten finanzie ren sich irgendwie damit.“ (Velten, 9 Jahre) Der persuasive Charakter von Werbung wird in den kind lichen Defini tionen derart auf gegriffen, dass die Kinder hier auf der einen Seite auf die Inten tion der Einfluss‑ nahme auf die Kauf entschei dungen der Konsumenten ver weisen („Menschen dazu bringen, etwas zu kaufen“). 291 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder „Also wenn da zum Beispiel Werbung von Autos oder so sind, dass man dann in den Autoladen geht und die Autos kauft.“ (Fridolin, 9 Jahre) „Ähm, damit Leute sich davon über zeugen lassen und das kaufen.“ (Jette, 8 Jahre) „Hm. Ja. Die wollen damit irgendwie zeigen, wie gut das ist, was sie ver kaufen. Manch mal ist das auch ein bisschen über trieben finde ich. Und es gibt ja Werbung auch in Zeitschriften, dass das noch günsti ger ist und so.“ (Larissa, 9 Jahre) Zum anderen reflektie ren die Kinder teil weise sehr genau, dass Werbung auch die Inten tion haben kann, Menschen zu anderem Handeln zu motivie ren („Menschen dazu bringen, etwas zu machen“, „damit man etwas spielt“). Anne, 7 Jahre, greift in ihrer Werbedefini tion Persuasion allgemein auf und fasst darunter sowohl den Kauf‑ aspekt als auch die Motiva tion zum Handeln: „Ähm, Werbung ist eine Sache … hm, wo Leute möchten, dass man das kauft, oder dass man das macht. Ja.“ (Anne, 7 Jahre) Des Weiteren unter stellen Kinder der Werbung die Inten tion der Über zeugung oder ver weisen auf den ver führeri schen Charakter von Werbung. Die be fragten Kinder sind hier teil weise schon recht ver siert, wenn sie die Begrifflich keiten, wie Ansporn oder Über zeugung, ver wenden. Teilweise drücken sie sich bei der Beschrei bung des persuasi‑ ven Charakters von Werbung noch recht kind lich aus. Einzelne Kinder ver weisen auch auf den strategi schen Einsatz be stimmter Gestal tungs merkmale (z. B., dass etwas als be sonders „toll“ oder „cool“ heraus gestellt wird, Preis reduk tionen etc.): „Da zeigen Erwachsene, die was ver kaufen wollen, was an. Und … die machen das ganz toll, ähm, dass alle das kaufen wollen. Und dann ver kaufen die davon ganz viel.“ (Marleen, 9 Jahre) „Ähm, damit Leute sich davon über zeugen lassen und das kaufen.“ (Jette, 8 Jahre) „Also … ich würde ihm das er klären … dass das einen an spornen sollte … das zu kaufen … und … und … dass man … oder dass man in den Laden geht … so würde ich ihm das er klären.“ (Cedric, 7 Jahre) „Also ich weiß jetzt nicht, ob es stimmt, aber ich glaube, dass Werbung, dass die das, Werbung ist, damit die das hinstellen und dann finden Kinder das cool und können da irgendwas gewinnen oder so. Und dann kaufen die da ein.“ (Ellen, 9 Jahre) „Da zeigen Leute zum Beispiel jetzt … das neue iPhone 5 zum Beispiel. Und dann locken die Leute an, um das zu kaufen und … zeigen das. OH DIESES NEUE 292 IPHONE 5 NUR FÜR 50 … äh 50 PROZENT RUNTERGESETZT.“ (Noemi, 9 Jahre) „Werbung ist, wenn man, also es gibt Werbung für Autos und so was. Und Sachen, die man kaufen kann, das macht dich an und wenn du dann drauf klickst, dann kannst du, dann er fährst du etwas darüber. Und die machen dann, du hast dann das Gefühl, du musst das auch haben und dann kaufst du es. Also die machen Werbung, damit du es kaufst.“ (Özmut, 9 Jahre) Eben falls unter dem Aspekt der Persuasion zu fassen, sind die Erklä rungs versuche der Kinder, die sich auf die Kunden gewin nung bzw. ‑bindung be ziehen. Kinder definie ren hier ge zielt die persuasiven Ab sichten des Anlockens oder der Kunden gewin nung. Die Funktion von Werbung wird von diesen Kindern bereits deut lich reflektiert. Noch reflektierter und ver sierter scheinen die Kinder, die ein Ver ständnis für die Prinzipien der Nutzer gewin nung auf weisen, was insbesondere im Kontext onlinebasierter Kommu‑ nika tion relevant ist: „Ja, da das ist halt, ent weder man kann was kaufen oder die machen Werbung zum Film, damit man ins Kino geht. Und dann, ja so was.“ (Vincent, 9 Jahre) „Ja, da wollen, ähm, so wie bei Spielaffe, da wollten die, ähm, dass, ähm, dass man sich sowas kauft. Und Werbung ist dafür da, dass man sich, dass man das benutzt und dass man das sich kauft.“ (Anne, 7 Jahre) „[…] Werbung ist also von denen, die die Seite ent wickelt haben, zum Beispiel eine Wissens seite oder so. Die, die die ent wickelt haben, möchten ja noch, dass da weitere Menschen draufgehen. Deshalb machen die da irgendwelche Werbung hin, glaube ich. Dass das so ähnlich ist.“ (Nuria, 10 Jahre) Einige Kinder definie ren das Ziel von Werbung als Aufmerksam keits gewin nung. Zum Teil klingt in den Defini tionen an, dass sie dies als notwendi gen und legitimen Zweck von Werbung be trachten, zum Teil wird deut lich, dass Werbung als etwas be‑ trachtet wird, was schlichtweg hinzu nehmen ist. „Äh. Ja, aber, zum Beispiel … wenn die, wenn kein Laden Werbung machen würde, dann würde ja auch niemand den kennen.“ (Lisa, 8 Jahre) „Ja, da zeigen die so Sachen, hm, die man irgendwie machen kann, also da machen ganz viele Läden oder andere Sachen, die man kaufen kann, Werbung, dass man damit ein bisschen auf merksam wird, dass man machen kann.“ (Liam, 9 Jahre) 293 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder „Werbung ist halt für die … die Hose, das T‑Shirt, ist für HM oder so und dafür gibt es vielleicht Werbung und dann zeigen die halt Sachen davon und wer sich dafür interessiert kann ja mal da hingehen.“ (Thorben, 8 Jahre) Einige der be fragten Kinder be greifen auch, dass mit Werbung die Bekannt heit von Produkten (oder Marken) erhöht werden soll und dass bei der Bewer bung bewusst Neuheiten heraus gestellt werden: „Ja, weil damit man auch, weil, wenn jemand noch nicht weiß, dass es sowas gibt. Dann gibt es ja Werbung, damit die Leute wissen, wenn sie Fernsehen gucken, dass es diese, dass es die neuen Sachen gibt. […]“ (Majbritt, 10 Jahre) „Werbung ist von Sachen, dass man sieht, oh das ist aber toll. Denken sich die, die da die Werbung einstellen, oh das ist toll, das will ich jetzt kaufen. Kaufen, darum geht es, kaufen.“ (Velten, 9 Jahre) „Ähm, gute Frage. Ich glaube, ich würde er klären, dass wenn man etwas ver kaufen will und halt dass man dafür, würde jetzt sagen Werbung macht, aber halt dass man das bekannt macht. Über Videos oder über Plakate oder so.“ (Maren, 10 Jahre) Einzelne Kinder berich teten in den Interviews davon, dass ihre Eltern selbst Geschäfte oder Unter nehmen haben. Offensicht lich ist das Thema Werbung dann für die Kinder konkret greif bar, da sie die Bedeutsam keit der Werbung von wirtschaft licher Seite her mitbekommen. Joel, 8 Jahre, be richtete beispiels weise davon, dass sein Vater in der PR‑Branche tätig ist und auch die achtjährige Vanessa kann auf Erfah rungen in der Familie zurück greifen: „Äh, eigent lich ist das ja, um was bekannt zu machen. Weil so was Ähnliches hat ja mein Papa als Job. Der ist PR‑Berater. […] Der macht andere mit Werbung bekannt. […] Also, er guckt, wenn die nicht so, äh, viel Geld ver dienen, weil niemand die so viel kennt, dann macht mein Papa so, dass die wieder ein Ticken heraus kommen, dass sie wieder ein Tick be rühmter werden und damit die mehr Geld kriegen.“ (Joel, 8 Jahre) „Ja eben … so … keine Ahnung. Mein Papa, der macht ziem lich über haupt gar keine Werbung, weil es ihm zu teuer ist. […] Zum Beispiel, die zeigen Sachen. Hier zum Beispiel, wieder Werbung. Die möchten das in der Welt quasi rumzeigen, dass die mehr Geld ver dienen, dass die mehr Leute mehr da drauf kommen. Und eben diese ganzen Sachen.“ (Vanessa, 8 Jahre). 294 Die Zusammen schau des Werbewissens und der Werbedefini tionen der Kinder zeigt, dass die be fragten Kinder teil weise über ein recht reflektiertes Werbewissen ver fügen und zum Teil zwar ab strakte, aber sehr greif bare, durch aus plausible Werbedefini tionen geben können. Der über wiegende Teil der repräsentativ be fragten Kinder kannte den Werbebegriff und gab an zu wissen, was Werbung ist. Informa tion, Kaufangebote/ Kaufmöglich keiten und das Anlocken waren die in der Repräsentativbefra gung heraus‑ stechen den Inten tions zuschrei bungen der Kinder. In ihren Werbedefini tionen setzen sie zum Teil klare Schwerpunkte, was die Ergeb nisse der qualitativen Rezep tions studie zeigten. Sie be ziehen sich mit Aus sagen auf den Informa tions charakter von Werbung, heben z. T. kommerzielle Aspekte von Werbung hervor, ver weisen auf den appellativen Charakter oder auf die auf merksam keits erzeugende Funktion von Werbung. Ver einzelt zeigte sich in den Erklä rungs versuchen der Kinder, dass sie das Thema Werbung mitunter anders rahmen und z. B. nur auf den Bereich Politik be ziehen.470 Andere Kinder waren gar nicht in der Lage, Werbung zu definie ren, was ent weder auf Un‑ kenntnis des Gegen stands bereichs, auf die Komplexi tät des Themas oder die Auf‑ gaben stel lung zurück zuführen ist, die von den Kindern ein sehr hohes Maß an Ab‑ strak tions fähig keit ab verlangt. Einzelne Kinder be halfen sich in der Interviewsitua tion damit, Werbung zu be schreiben und bezogen sich dann meist auf ihnen be kannte Werbung aus anderen Kontexten (z. B. Fernsehen) oder be schrieben die Werbung, die sie zuvor im Internet als solche identifiziert hatten. Alters spezifi sche Unter schiede ließen sich nicht er kennen. 7.3.3 KOmmuniKa tiOn über werbung in elternhaus und schule Im Hinblick auf das kind liche Onlinewerbe verständnis interessierte u. a., woher die Kinder ihr Wissen über Werbung haben bzw. inwieweit mit den Eltern oder in der Schule das Thema schon einmal be sprochen wurde. Den Ergeb nissen der Repräsentativ‑ befra gung zufolge haben 62 Prozent der be fragten Kinder (6–7 Jahre: 59 %, 8–9 Jahre: 64 %, 10–11 Jahre: 63 %) schon einmal mit ihren Eltern über Werbung ge sprochen (s. Abb. 73). Für die Schule traf dies nur für 25 Prozent der Kinder (6–7 Jahre: 16 %, 8–9 Jahre: 25 %, 10–11 Jahre: 35 %) zu 471. Am häufigsten drehen sich die Gespräche 470 tina, 9 Jahre: „Ähm, Werbung, ähm, das ist, so, Werbung, das, vielleicht ein politiker, der macht ja so Werbung, das, ähm, Deutschland jetzt Krise hat, und ähm, dass wir mehr geld brauchen, das ist so, politiker …“ 471 grundlage für die hier dargestellten aus sagen waren jeweils die aus sagen der Kinder be züglich des redens über Werbung in elternhaus und Schule; n = 617. 295 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder darum (1.), dass man im Internet nicht einfach alles an klicken soll (zu Hause: 58 %, in der Schule: 19 %),472 (2.) ge folgt von Erläute rungen, was Werbung ist (zu Hause: 39 %, in der Schule: 19 %), (3.) was man machen kann, wenn man ver sehent lich im Internet Werbung an geklickt hat (zu Hause: 33 %, in der Schule: 11 %), (4.) wie man Werbung im Internet er kennen kann (zu Hause: 25 %, in der Schule: 13 %) und (5.) wer Werbung macht (zu Hause: 25 %, in der Schule: 12 %). Ergänzt wird die Sicht weise der Kinder durch Antworten der vier Grundschul‑ lehrerinnen und ‑lehrer aus Hamburg und NRW, in denen u. a. die Internet ausstat tung und ‑nutzung im schuli schen Unter richt, die Einschät zung von Werbekompetenzen der Schul kinder be züglich Onlinewer bung und die damit möglicher weise einher‑ gehenden Risiken thematisiert wurden. Auch wenn das Internet in den einbezogenen Schulen ver fügbar ist – alle Klassen‑ räume ver fügen über mindestens ein Gerät zur Internetnut zung – und auch für Re‑ 472 Das item „… dass man im Internet nicht alles an klicken soll“ ist zwar weniger werbespezifisch als die anderen, aber auch in den qualitativen interviews erwies sich dieser aspekt als be deutsam für gespräche über Werbung abbildung 73: gespräche über werbung basis: alle Kinder, n = 633; angaben in prozent zu Hause in der Schule 58 39 33 25 25 62 … dass man im Internet nicht alles anklicken soll … was Werbung ist … was man machen kann, wenn Wer- bung versehentlich angeklickt wurde … wie man Werbung im Internet erkennen kann … wer Werbung macht Gesamt Prozent 19 19 11 13 12 25 Prozent 296 cherche aufgaben ge nutzt wird, findet eine Thematisie rung von (Online‑)Werbung im Unter richt im Allgemeinen nicht statt.473 Risiken hinsicht lich der kind lichen Rezep tion von Onlinewer bung sehen die Lehrer/innen vor allem in einem wachsen den Konsumdruck sowie in der Weiter leitung auf unseriöse An gebote. In der qualitativen Rezep tions studie konnte das Spektrum der Gespräche über Werbung in Schule und Elternhaus noch genauer differenziert werden. Etwa die Hälfte der 100 Kinder gab an, bereits mit den Eltern über Werbung ge sprochen zu haben. Rund ein Drittel der Kinder be richtete über Gespräche über Werbung in der Schule. Es wurde beispiels weise über die Funktion, die Inten tion, die Erkenn bar keit sowie die kommerziellen Strukturen geredet. „Werbung, also sonst ver steh, also sonst, sonst kriegen die ja, die die Spiele machen, kriegen eigent lich kein Geld. Das haben wir letztens schon in der Schule be sprochen mit unserer Mathelehrerin und na damit man auch irgendwo hingehen kann.“ (Fabien, 9 Jahre) „Nein, sie [Mutter] sagt, die legen einen rein. Die sagt immer, da steht zum Beispiel nur ein Euro oder so und dann kommt irgendwer und man muss viel mehr be zahlen. Sagt sie immer.“ (Ilai, 9 Jahre) „[…] meine Mama hat mir das nämlich so erklärt, dass manche das da drauf tun, dass alle das sehen und dann ist das vielleicht so ein Club und da können die dann hingehen oder so etwas.“ (Saskia, 6 Jahre) 473 im allgemeinen hamburger bildungs plan für grundschulen wird das thema Werbung nur am rande erwähnt. in der ver sion 2011 des bildungs plans auf gaben gebiete grundschule (aktuelle ver sion) taucht der begriff „Werbung“ nicht mehr auf (in der ver sion von 2004 noch vor handen). indirekt findet sich das thema in den anforde rungen am ende von Klasse 4, im bereich „analyse und reflexion“ wieder: „Erkennen: be nennen Chancen und gefahren, die das internet bietet, und kennen grundlegende Schutz möglich keiten, insbesondere für die eigene person. Bewerten: be werten eigene medienerfah rungen und den einfluss von medien auf ihren alltag. Handeln: be richten über eigene medienerfah rungen anhand von beispielen und be nennen kritische problembereiche der internetnut- zung.“ (http://www.hamburg.de/contentblob/2481804/data/aufgabegebiete-gs. pdf, S. 25 [30. 07. 2014]). Werbung (allgemein) wurde im hamburg bildungs plan Sach unterricht (2011) thematisiert: „… nennen bedürf nisse, ver gleichen diese mit Konsumwün schen und be schreiben beispiel haft, wie eigene Konsumwün sche durch Werbung be einflusst werden …“ (Kompetenzbereich „orientie rung in unserer Welt“; einfache wirtschaft liche zusammen hänge er kennen; regelanforde rung am ende der Jahrgangs stufe 4, www. hamburg.de/contentblob/2481914/data/sachunterricht-gs. pdf, S. 20 [30. 07. 2014]). in nordrhein-West falen findet das thema Werbung im lehrplan Sach unterricht berücksichti gung: „in der auseinander setzung mit eigenen Konsumwün schen, der Werbung und den ent stehen den gruppen zwängen wird den Kindern deut lich, welche beziehungen zwischen eigenen interessen, Wünschen und bedürf nissen und denen anderer personen und gruppen ent stehen …“ (richtlinien und lehrpläne für die grundschule in nordrhein-West falen 2008¸ lehrplan Sach unterricht, www.standardsicherung.schulministerium. nrw.de/lehrplaene/upload/klp_gs/lp_gS_2008. pdf, S. 42 [30. 07. 2014]). Kompetenzerwar tungen in Klasse 4: Die Kinder „formulie ren eigene Konsumbedürf nisse und setzen diese in beziehung zur Werbung …“ und „be schreiben, wie eigene Konsumwün sche durch Werbung be einflusst werden …“ (S. 48). 297 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder Die Kinder ver wiesen oft auf Warnun gen, die die Eltern oder Lehrer/innen an sie aus gesprochen haben. Diese können die Kinder unter schied lich gut reflektie ren, was teil weise darin be gründet ist, dass die Kinder die Warnun gen noch nicht nach vollziehen können.474 Friedo und Alina, beide neun Jahre, haben beispiels weise von ihren Eltern die Warnung bzw. das Verbot be kommen, Werbung anzu klicken. Warum sie das nicht tun sollen, wissen sie allerdings nicht, weil die Eltern ihnen das nicht erklärt haben. Auch andere Kinder be richten von Warnun gen, die ihre Eltern oder Lehrer/innen aus gesprochen haben: „Sie [Mutter] hat auch gesagt, lieber auf passen, nicht auf Werbung klicken, wer weiß, was passiert.“ (Schirin, 7 Jahre) „Zur Werbung hat sie gesagt, ähm, falls man da jetzt be stellen drückt, nie draufdrücken wegen es kann dann sein, dass man das wirk lich be stellt hat. Man weiß das ja nicht und dann steht da so ein Name und Wohnort und sowas, damit die das schicken können. Habe ich das alles sofort beendet.“ (Milena, 10 Jahre) „Werbung im Internet, ja, ich soll [laut Warnung der Eltern] nicht, sozu sagen was an klicken, was ich nicht kenne. […] Oder dann kann es auch ja auch vielleicht auch passie ren, dass dort was ist, was ich nicht sehen sollen. Ja.“ (Emilio, 9 Jahre) „[…] meine Mutter hat nur gesagt, ich soll das nie an klicken.“ (Ozan, 10 Jahre) „Hm. Also so Werbun gen, die für große Leute sind, so zwölf Jahre oder so. Und dann kriege ich auch für Filme so An gebote, dann kann ich nicht schlafen. Dann kriege ich immer Albträume. Darauf soll ich dann nicht gehen.“ (Melissa, 8 Jahre) „Meine Mutter hat auch gesagt, immer, wenn Werbung kommt, muss ich das weg klicken.“ (Maja, 8 Jahre) „Ähm, weiß ich nicht. Ähm, sie hat mir schon erzählt, Mama hat mir schon einmal erzählt, dass man lieber nicht auf Werbung klicken sollte, weil Mama regt Werbung ja auch ein bisschen auf, weil das kommt ja jedes Mal. Und da weiß man nicht, was man machen soll. Mama hat irgendwie sowas an geklickt, damit nicht so komische Werbun gen kommen.“ (Majbritt, 10 Jahre) „Ja. Ich soll nicht so Sachen an klicken, die was kosten. Falls so eins mit 100, also 1.000, 100 Euro kostet, dann haben die nicht das Geld dafür. Dann haben wir ein Problem.“ (Elias, 8 Jahre) 474 Dies äußert sich auch zum teil in diffusen vor stel lungen und Ängsten einiger Kinder, dass man sich mit dem anklicken von Werbung viren auf den Computer laden könnte (z. b. oumar, 7 Jahre) oder dass das endgerät be schädigt würde (Jamie, 10 Jahre). 298 Gespräche über Werbung mit den Eltern be ziehen sich teil weise eben falls auf die Einord nung von Werbung (z. B. wie schwierig es ist, Onlinewer bung einzu ordnen), Ver haltens maßnahmen (was man machen kann, wenn einem Werbung be gegnet) oder die Funktion bzw. Inten tion von Werbung: „Also, er [Vater] weiß manchmal auch nicht selbst, was es ist und dann gehen wir von der Seite runter und ver suchen es nochmal.“ (Ellen, 9 Jahre) „[…] Einmal habe ich so was ge googelt, da habe ich Ritterburgen ge googelt und da wollte ich mir die angucken, so Bilder. Und da kam da so was: Sie sind der eine Millionste Besucher auf unserer Seite. Und dann habe ich Mama ge fragt, ob ich das angucken darf. Und da hatte sie gesagt: Nein, machen wir besser nicht. Und dann haben wir das ab gemacht, also … wieder aus geschaltet. Haben wir das noch mal ge macht und dann kam das dann wieder.“ (Larissa, 9 Jahre) „Bei manchen hat er [Vater] gesagt, drück mal drauf und guck mal, was das ist. […] Und dann manchmal war das gut und bei manchen hat er gesagt, das kann dein Internet weg machen oder so irgendwie so was. Also wenn man spielt und wie irgendwas Falsches drauf klickt, dann ist da so eine Werbung und dann steht da unten auch drauf, ähm, also das ist manchmal so ein Trick.“ (Vincent, 9 Jahre) „Das ist ähm … da zahlen die Geld dafür, dass sie … das das da hinkommt und ein paar Leute klicken dann drauf. Manchmal machen die Werbung auch so, dass man sich das merkt. So Seiten bacher Müsli dann … das ist dann … da lachen sich alle über die Werbung kaputt und dann er zählen die das weiter und dann kennt das schon fast jeder.“ (Peter, 9 Jahre) „Ja, Mama sagt immer, ich soll am besten nirgendwo draufklicken, wo ich nicht weiß, was das ist. Weil nachher wollen die, dass ich irgendwas kaufe oder so.“ (Marleen, 9 Jahre) Im Kontext von Schule be richten die Kinder eher von Möglich keiten der Identifizie‑ rung von Werbung oder vor beugen den Maßnahmen, die sie im Zusammen hang mit Werbung be sprochen haben 475: „Unsere Lehrerin hat auch gesagt, wir sollen das nicht an klicken, weil dann kommt irgendwas und dann steht in kleiner Schrift da, dass das irgendwas kostet.“ (Ellen, 9 Jahre) 475 in vor berei tung auf die unter suchungen hatten einige Klassen das thema (online-)Werbung im unter richt be sprochen. Die ent- sprechen den unter richts einheiten bezogen sich aber eher allgemein auf die aspekte der onlinenut zung sowie Werbung insgesamt. 299 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder „Da sollte man nicht drauf klicken, sondern erst die Mutter holen oder einen Er wach‑ senen. […] Weil da kann irgendwas Ekliges oder so kommen.“ (Özmut, 9 Jahre) „Äh … also das können Betrüger sein. Wir sollen uns das genau angucken. Und dann steht vielleicht oben in der Ecke ganz klein, dass es doch etwas kostete.“ (Peter, 9 Jahre) „Werbung, also sonst ver steh, also sonst, sonst kriegen die ja, die die Spiele machen, kriegen eigent lich kein Geld. Das haben wir letztens schon in der Schule be sprochen mit unserer Mathelehrerin und na damit man auch irgendwo hingehen kann.“ (Fabien, 9 Jahre) Zum Teil finden Gespräche auch mit anderen Personen, bspw. den Peers statt. Einige Kinder ver wiesen auf Geschwister, Cousins oder Cousinen. „INT: Was hat dir denn deine Cousine dazu gesagt? E: Dass es irgendwie gefähr lich ist, wenn man auf Werbung geht, weil da das dann was hochlädt.“ (Ella, 9 Jahre) „INT: Und dein Bruder, mit dem machst du ja ganz viel. Hat der schon mal mit dir über Werbung im Internet ge sprochen? S: Ja. INT: Ok? S: Warten, bis es weg geht, wenn es ungefähr nach einer halben Minute nicht weg geht, dann das Kreuz drücken.“ (Samid, 9 Jahre) Aus den Aus führungen der Kinder ging hervor, dass sie teil weise die Einstel lungen ihrer Eltern zu Werbung (sowohl im Internet, aber auch in anderen Kontexten) mit‑ bekommen und diese adaptie ren: „Also Internet werbung, da sagen die meistens, wenn mein Vater mal mittendrin ist und da kommt jetzt eine Werbung, da ärgert er sich ganz schön. Aber wenn da so gute Werbung kommt, bei der er interessiert ist oder ich, da ruft er einfach die Mama oder mich und wir gucken zusammen, ob uns das auch ge fällt.“ (Nuria, 10 Jahre) „Meine Mutter klickt auch nie auf Werbung und mein Vater auch nicht.“ (Harald, 10 Jahre) „[Eltern sagen,] Dass die Werbung eigent lich ganz praktisch finden, weil die müssen dann nicht erst noch in den Laden fahren und gucken, ob es das da über haupt gibt, und dann im Au‑ ähm, zu einem anderen Laden fahren und dann nochmal gucken, ob es das da gibt. Weil da – die finden das halt ganz praktisch, weil dann kann man direkt da hinfahren, sich das holen und wieder zurück fahren. Dann dauert das nicht 300 so lange. […] [Onlinewer bung] [f]ind ich eigent lich auch ganz praktisch, weil, wenn man dann größer ist und ja also wie Mama halt, dann kann man halt so wie Mama das auch findet. Dann kann man das halt so machen, dass man nicht da überall in der Stadt rumgursch‑ rumgurken muss und diesen Laden finden. Und dann kann man direkt zu einem Geschäft fahren, sich das holen und wieder zurück fahren.“ (Klara, 9 Jahre) „Nein. Aber wir [Eltern und Kind] ärgern uns ganz oft, wenn wir so einen spannen‑ den Film sehen und auf einmal dann Werbung kommt. Gleich geht es weiter mit …“ (Natascha, 9 Jahre) Im Zusammen hang mit der Kommunika tion über (Online‑)Werbung lässt sich fest‑ halten: In Elternhaus und Schule finden durch aus Gespräche über Werbung statt. Rund 60 Prozent der an der Repräsentativbefra gung teilnehmen den Kinder gaben an, mit ihren Eltern bereits über Werbung ge sprochen zu haben, in der Schule (im Unter‑ richt) hat rund ein Viertel der be fragten Kinder schon einmal über Werbung ge‑ sprochen. Neben Hinter grundwissen ver suchen Eltern und Lehrkräfte z. T. präventive Hinweise oder auch Hilfestel lungen im Umgang mit (Online‑)Werbung zu geben. Allerdings scheinen diese häufig als Warnun gen aus gesprochen zu werden („Keine Werbung an klicken!“), die von den Kindern teil weise (noch) nicht ver standen bzw. ein geordnet werden können, weil es ihnen an Hinter grundwissen (u. a. auch Erken‑ nungs merkmalen), Online erfah rungen und ent sprechend auch an Erfah rungen mit Onlinewer bung fehlt, sodass bei einigen Kindern diffuse Ängste ge weckt werden, dass das Anklicken von Werbung Risiken birgt oder Schaden ver ursacht (z. B. un beabsich‑ tigte Käufe, Kosten, Viren, kaputte Endgeräte). 7.3.4 einschät zung des wahr heits gehalts vOn werbung Sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Befra gung wurden die Kinder um ihre Einschät zung ge beten, ob eigent lich immer alles stimme, was in der Werbung gesagt bzw. ge zeigt wird. In der qualitativen Befra gung wurde darüber hinaus der Frage nach gegangen, woran sie ihre Einschät zung festmachen. Die Ergeb nisse zeigen, dass die Kinder tendenziell eher glauben, dass Werbeinhalte stimmen. Zehn Prozent der be fragten Kinder geben an, dass das, was in der Werbung ge zeigt oder gesagt wird, immer stimme. Immerhin noch etwas mehr als die Hälfte aller Kinder (knapp 55 %) schätzen den Wahr heits gehalt von Werbeinhalten als meist stimmend ein. Ein Viertel der Kinder ist schon etwas skepti scher und meint, das meiste 301 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder stimme nicht. Ledig lich ein Prozent der Kinder ist der Meinung, dass das in der Werbung Gezeigte nie stimmt. Neun Prozent aller Kinder konnten den Wahr heits‑ gehalt von Werbung noch nicht klar einschätzen. Als Tendenz zeigt sich, dass die Kinder mit zunehmen dem Alter den Wahr heits‑ gehalt der Werbung in Frage stellen. Zum einen meinen insgesamt weniger Kinder, dass Werbeinhalte immer/meistens stimmen. Zum anderen nehmen die pauschalen Einschät zungen, dass es immer bzw. nie stimme, was in der Werbung gesagt wird, mit zunehmen dem Alters verlauf ab und die relativie ren den Aus sagen zu. Geschlechts‑ spezifi sche Unter schiede lassen sich nicht fest stellen (s. Abb. 74). Die Ergeb nisse der qualitativen Befra gung sind in der Tendenz mit den quantita‑ tiven Befunden ver gleich bar, geben jedoch genauer Auf schluss darüber, worauf die Einschät zung der Kinder basiert. In den qualitativen Interviews dominiert die Einschät zung, dass manches stimme, was in der Werbung ge zeigt wird, und manches nicht.476 Die Kinder stützen sich dabei vor allem auf ihre eigenen Erfah rungen mit Produkten, die nicht die Erwar tun‑ gen erfüllt haben, die sie auf grund der Werbung an das Produkt hatten (Bsp. Amara, 476 Die Differenzie rung in „das meiste stimmt“ und „das meiste stimmt nicht“ wurde in der qualitativen Studie auf gelöst, weil der fokus weniger auf die tendenz der bewer tung gelegt wurde, sondern die frage interessierte, inwieweit die Kinder differenzie ren. abbildung 74: einschät zung des wahr heits gehalts von werbung basis: alle Kinder, n = 633; angaben in prozent 4 11 17 11 10 10 53 59 52 54 55 55 36 23 16 24 25 25 2 1 1 2 1 1 6 6 14 9 9 9 10–11 Jahre 8–9 Jahre 6–7 Jahre Jungen Mädchen Gesamt Prozent das stimmt immer das meiste stimmt das meiste stimmt nicht das stimmt nie weiß nicht 302 9 Jahre; Ralf, 10 Jahre) oder sie ver weisen darauf, dass die Produkte teurer waren als in der Werbung an gekündigt (Bsp. Aymara, 9 Jahre). „Ich habe so Werbung im Internet über einen Joghurt gesehen und da hab ich das einmal und dann hab ich das ge kauft. Und da stand dann ohne Stücke und dann war das mit Stücken.“ (Amara, 9 Jahre) „Ja, aber manchmal, bei solchen Dusch gelen, die sind manchmal nicht so wie sie in der Werbung sind.[…] ja, bei meinem Freund, ähm, die Mutter hatte mal so was ge kauft, das, ähm, ähm, dass das sauber wird ohne schrubben, dann musste sie schrubben aber dazu.“ (Ralf, 10 Jahre) „Weil ein iPhone kostet jetzt zum Beispiel 399. Also das kostet 399 Euro und was sagen die? Wenn Du jetzt anrufst kostet es nur einen Euro und so weiter. Und das ist dann Ver arsche.“ (Aymara, 9 Jahre) Andere Kinder halten einige Dinge, die in der Werbung ge zeigt werden, schlichtweg für unrealistisch (Ahmed, 10 Jahre; Mostafa, 9 Jahre). Orientiert sich der Großteil an eigenen Produkterfah rungen, finden sich daneben auch Kinder, die ihre Einschät zung vor allem auf die Aus sagen anderer (z. B. Eltern, Geschwister, Freunde) stützen, die sich tendenziell eher kritisch zum Thema Werbung äußern.477 „Weil das hat mir auch mein Vater gesagt. Manche machen nur, die sagen, dass es irgendwie eine gute Qualität und obwohl es auch gar keine gute ist.“ (Vincent, 9 Jahre) „Weil Mama sagt einfach, dass die lügen. Mama sagt, die lügen. Also ich glaub Mama.“ (Ilai, 9 Jahre) „Sie hat gesagt, du kannst das nicht kaufen, die ver arschen dich und so.“ (Aymara, 9 Jahre) „Mein Freund sagt, das stimmt irgendwie nicht. Manche … da hat mein Freund gesagt, dass die lügen. Aber ich weiß das nicht, dass die lügen oder nicht.“ (Elias, 9 Jahre) Nur wenige Kinder geben in ihren Aus sagen zu er kennen, dass sie eine sehr positive, zum Teil über triebene (Natascha, 9 Jahre), zum Teil auch manipulierte Darstel lung von Produkten („Weil sie es manchmal nicht so hindrehen“, Anwar, 9 Jahre) als Merkmal 477 nur in einem fall erwähnt ein Kind, dass seine lehrerin ihnen erklärt hätte, dass in fruchts aft mehr zucker als Saft ent halten sei (vgl. Klara, 9 Jahre). 303 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder bzw. Stilmittel von Werbung ver stehen, woraus sie ent sprechende Schluss folge rungen im Hinblick auf den Wahr heits gehalt ziehen können: „Das ist, wenn man will, dass das alles ge kauft wird, aber man – obwohl sie selber wissen, dass es nicht so gut ist, aber da zeigen sie, dass es super super super gut sein soll. Obwohl es das gar nicht ist. Nur dass sie wieder, das hier der Laden nicht leer geht und ja.“ (Martin, 8 Jahre) Insgesamt deuten die Befunde darauf hin, dass das Gros der älteren Kinder keines wegs naiv ist und allen Werbe versprechungen Glauben schenkt, sondern durch aus eine differenzierte Einschät zung vornehmen (kann). Während die Jüngeren – von einigen wenigen Aus nahmen ab gesehen – noch eher globale Einschät zungen vornehmen und eher meinen, dass alles stimmt, was in der Werbung ge zeigt wird, kommen die älteren Kinder auf grund eigener Erfah rung oder der Erfah rungen oder Aus sagen von Eltern, Geschwistern oder Freunden zu einer differenzierte ren und kritische ren Einschät zung. Einzelne Kinder er kennen, dass das in der Werbung Gezeigte nicht immer stimmt, weil sie wissen, dass in der Werbung mit ver schiedenen Strategien ge arbeitet wird, um die Attraktivi tät von Produkten zu erhöhen. 7.3.5 bewer tung vOn (Online-)werbung Sowohl den quantitativen als auch den qualitativen Befunden zufolge be wertet das Gros der Kinder Onlinewer bung negativ: In der Repräsentativbefra gung lag der Anteil der Kinder, die der Onlinewer bung gegen über negativ ein gestellt sind, bei 40 Prozent. Knapp ein Viertel aller be fragten Kinder insgesamt be werteten Onlinewer bung positiv. 35 Prozent stehen Onlinewer bung indifferent, mithin gleichgültig gegen über. Mit dem Alter nehmen die Negativbewer tungen zu. Nennens werte geschlechts spezifi sche Unter‑ schiede können nicht fest gestellt werden (s. Abb. 75). Eine eher negative Einstel lung gegen über (Online‑)Werbung spiegelt sich auch in den qualitativen Interviews wider, wobei nicht alle Kinder Werbung pauschal ab werten, sondern durch aus nach Kontext, Werbeform und Inhalt (be worbene Produkte) differen‑ zie ren. Ein Großteil der negativen Antworten lässt sich einer hand lungs bezogenen Di men sion zuordnen. Viele der be fragten Kinder finden Werbung nervig und störend, insbesondere bei Spielen oder wenn sie sich Filme im Internet ansehen. Sie stört zum einen die Häufig keit von Werbung, aber auch die Unmittel barkeit, mit der Werbung 304 während des Spielens er scheint. Einige fühlen sich durch die Werbung ab gelenkt und meinen, sich nicht richtig auf das Spiel konzentrie ren zu können. „Weil das ja blöd ist, wenn das einen die ganze Zeit ablenkt. Weil das immer so, irgendwie so rumwirbelt und immer wechselt.“ (Jette, 8 Jahre) „Weil wenn man dann Spiele macht, dann ver liert man, weil man da drauf guckt.“ (Harald, 10 Jahre) Andere Kinder ärgern sich vor allem über Werbung vor Filmen oder Computer spielen, die Wartezeiten mit sich bringt bzw. sie daran hindert, direkt zu dem An gebot zu ge langen, das sie eigent lich nutzen wollen. Dabei stört die Kinder nicht nur, dass sie warten müssen, sondern, dass die Zeit auch von ihrem Zeitbudget abgeht, für etwas, was sie gar nicht interessiert: „Weil, ähm, weil am Anfang, weil das dauert dann so richtig lange bis der dann erst mal das Spiel ge startet hat, bevor, und dann kommt dann erst mal die lahme Werbung, und das stört richtig.“ (Anne, 7 Jahre) „Da kann man nicht so gut direkt spielen. Da muss man ganz lange warten bis das vorbei ist. […] Das macht Zeit dann weg.“ (Nedim, 8 Jahre) abbildung 75: bewer tung von Onlinewer bung basis: n = 477; angaben in prozent (ohne die angabe „weiß nicht“, 3 fälle) 15 25 39 26 23 24 37 36 32 33 38 35 48 39 28 41 38 40 10–11 Jahre 8–9 Jahre 6–7 Jahre Jungen Mädchen Gesamt Prozent sehr gut bis gut geht so nicht so gut bis überhaupt nicht gut 305 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder „Weil man dann lange warten muss und vor allen Dingen auf der Seite, das interessiert ja Kinder eigent lich gar nicht die Werbung, darum.“ (Lisa, 8 Jahre) In diesem Zusammen hang wird von den Kindern auch kritisiert, dass man Werbung häufig nicht über springen könne. Auch wenn nicht eindeutig fest zustellen ist, ob die Werbung tatsäch lich eine solche Option nicht vor sieht oder ob die Kinder ledig lich die Möglich keiten des Über springens nicht kennen, ver weisen die Aus sagen darauf, dass sich die Kinder in ihrer Onlinenut zung durch die Werbung ein geschränkt fühlen, sei es, weil sie sich Dinge an schauen müssen, die sie nicht wollen oder weil sie nicht mehr weiter spielen können. „Ja … dann unter bricht es dann und dann muss man es sich einfach angucken und das nervt.“ (Patrick, 8 Jahre) Andere Kinder ver weisen auch auf das Problem, dass man beim Ver such, die Werbung wegzu klicken, manchmal aus Ver sehen auf sie klickt und auf der Werbeseite landet, von der sie mitunter nicht zum eigent lichen An gebot zurück finden. Negativ erwähnt werden auch Pop‑ups, die die Kinder daran hindern, das zu tun, weshalb sie eigent lich auf eine Seite ge gangen sind: „Ähm, also mich stört es eigent lich nicht. Mich stört es aber, wenn hier ein Pop‑up Fenster kommt und der ganz Bildschirm ist und du vielleicht gerade spielst irgendwie ein Spiel. Und dann ver lierst du, weil dieses dicke Fenster davor ist und du nichts siehst. Oder du guckst dir einen Film an und siehst es dann halt nicht.“ (Velten, 9 Jahre) Neben hand lungs hemmen den Aspekten wird von einigen Kindern auch der Inhalt der Werbung moniert, die sie bisweilen uninteressant und langweilig finden, z. B. „wenn es über so blöde Erwachsenen sachen“ geht (Klara, 9 Jahre), generell Produkte für andere Alters gruppen oder für das jeweils andere Geschlecht be worben werden. Aus sagen einzelner Kinder ver weisen zudem darauf, dass sie in der (Online‑)Werbung mit Inhalten konfrontiert werden, die sie nicht ver stehen (z. B. weil sie auf Englisch ist, Ralf 10 Jahre; weil sie die ver wendeten Begriffe nicht kennen oder nicht lesen können, Ahmed 10 Jahre) oder die sie im weitesten Sinne be fremd lich, mithin unan‑ genehm finden:478 478 allerdings wird nicht immer deut lich, ob sich die aus sagen der Kinder tatsäch lich auf Werbung be ziehen oder ob sie allgemein darauf bezug nehmen, dass sie im internet schon mal etwas „ekliges“ (Özmut, 9 Jahre) oder „brutales“ (Cedric, 7 Jahre) oder frauen, „die nicht an gezogen sind“ (ozan, 10 Jahre), gesehen haben. 306 „Ja, manchmal kommen solche Werbun gen von anderen Seiten, wie von Firefox und oder solche nackten Frauen kommen auf einem Bild so rauf, das mag ich gar nicht. Und ich frag mich auch, wieso diese Werbung immer kommt. Da kommen immer so Ballerwer bung auch und das ge fällt mir nicht.“ (Rafik, 9 Jahre) Ein weiterer Aspekt, der offensicht lich im Zusammen hang mit der negativen Bewer‑ tung von Werbung steht, ist die Angst, aus Ver sehen etwas anzu klicken und dadurch un gewollt etwas zu kaufen.479 „Da irritiert das irgendwie und da möchte man irgendwie, da machen die immer Werbung und dann denkt man, man kann das schon kaufen.“ (Erik, 7 Jahre) „Ähm, ja, weil, ähm, wenn ich was Falsches drücke oder wenn ich mal aus Ver sehen da drauf drücke, denk ich, dass ich irgendwas ge kauft habe. Und es nervt mich auch ein bisschen, weil es immer da ist.“ (Leila, 8 Jahre) „[…] Das ist auch nicht so gut, weil wenn man da drückt, dann hat man das auch manchmal ge kauft und so.“ (Velana, 9 Jahre) Positiv be wertet wird Werbung hingegen, wenn sie Produkte zeigt, die für die Kinder interessant sind und die das Kind mag. Nicht wenige Kinder schätzen auch die infor‑ mative und orientie rungs stiftende Funktion von Werbung: „Weil da kann man sogar sehen, was es für coole Sachen es gibt.“ (Elias, 9 Jahre) „Eigent lich ist das gut, weil wenn es gar keine Werbung gibt, dann kann man auch nicht so viel wissen.“ (Schirin, 7 Jahre) „Also manchmal ist es auf Dauer auch sehr nervig, aber wenn es ein paar interessante Sachen sind, dann ist es eigent lich ganz schön. Wenn man sich das dann so angucken kann oder so.“ (Emilio, 9 Jahre) „Gut finde ich daran, dass man darüber auch auf merksam wird ein bisschen. […] Hm, auf andere Sachen irgendwie … was irgendwann ist, oder sowas. Und wenn was ist, und dann weiß man das nicht, und dann wird darüber Werbung ge macht und dann weiß man das mal.“ (Liam, 9 Jahre) „Wenn das zum Beispiel was ist, was man dringend haben, also gerne haben möchte, dann kann man auch mehr Sachen da sehen.“ (Esther, 10 Jahre) 479 zwei Kinder ver weisen zudem auf das risiko, dass man sich durch das anklicken von Werbung viren auf den Computer laden könne (anne, 7 Jahre; ozan, 10 Jahre). 307 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder Einzelne Kinder be werten auch Werbung für soziale Aktivi täten bzw. für einen guten Zweck positiv, wie z. B. „Spenden werbung“ (Rafik, 9 Jahre), Werbung, um Kindern zu helfen (Nuria, 10 Jahre) oder Werbung für den Tierschutz (Pia, 10 Jahre): „Naja, die Werbung, das mit den Kindern. Wenn das so was kommt, mir ge fällt dran, dass die Leute den Kindern helfen wollen.“ (Nuria, 10 Jahre) Die 9‑jährige Klara gewinnt der Werbung zudem noch einen weiteren zeitsparen den Aspekt ab: „Dann kann man das halt so machen, dass man nicht da überall in der Stadt rumgursch‑ rumgurken muss und diesen Laden finden. Und dann kann man direkt zu einem Geschäft fahren, sich das holen und wieder zurück fahren.“ (Klara, 9 Jahre) Zusammen fassend zeigt sich, dass die be fragten Kinder Werbung im Internet zwar kritisch, aber größtenteils nicht undifferenziert be urteilen. Negativ wird vor allem be wertet, wenn Werbung nervt oder bei der eigent lichen Nutzung stört bzw. diese verun möglicht (hand lungs bezogene Dimension) oder wenn sie für Produkte wirbt, die für die Kinder nicht interessant sind (inhalt liche Dimension). Ansonsten wird sie – auch wenn sie inhalt lich langweilig ist – weit gehend toleriert bzw. als ge geben hin‑ genommen nach dem Motto „ich finde schon schön, wenn das weg ist, aber mich stört es nicht wirk lich“ (Lisa, 8 Jahre). Immerhin ein Viertel der Kinder be wertet Werbung durch aus positiv, was vor allem auf inhalt liche Aspekte zurück zuführen ist, d. h. wenn Produkte be worben werden, die sie interessant finden oder die ihre Themen‑ interessen be rühren. Solche Art von Werbung finden Kinder informativ und praktisch zugleich. 7.4 erKennen vOn werbung im OnlineKOntext Die allgemeinen und werten den Aus sagen der Kinder sagen noch nichts darüber aus, inwieweit Kinder in der Lage sind, Werbung im Onlinekontext tatsäch lich als solche zu er kennen. Diese Fähig keit wird jedoch als Grund vorausset zung für einen selbst‑ bestimmten Umgang be trachtet. Im Folgenden wird dargestellt, welche Merkmale zum Erkennen die Kinder be nennen und woran sie sich im konkreten Fall orientie ‑ ren. 308 7.4.1 allgemeine erKen nungs merKmale Kinder haben – je nach Werbeform – Strategien, Werbung im Internet zu er kennen, und greifen dabei auf unter schied liche Erken nungs merkmale zurück. Die Antworten der Kinder in der Repräsentativbefra gung auf die Frage, woran sie Werbung im Internet er kennen (insgesamt 1.037 Nennun gen), konnten auf ins‑ gesamt 20 Erken nungs merkmale ver dichtet werden (s. Abb. 76).480 Kinder er kennen Onlinewer bung vor allem daran, (1.) dass sie anders aus sieht als der Rest der Webseite (27 %) und (2.) dass sie mit den Worten „kaufen“, „Anzeige“ oder „Werbung“ ge kennzeichnet ist (26 %). Jeweils etwa 20 bzw. 21 Prozent der Nennun gen ent fallen auf die Merkmale, (3.) dass die Werbung aus anderen Medien bekannt ist, (4.) dass der Preis an gegeben ist, (5.) dass das „Produkt“ bekannt ist. Für 15 Prozent der be fragten Kinder ist (6.) das „X“ zum Schließen eines An gebots ein Erken nungs merkmal für Werbung. Acht bzw. sechs Prozent greifen auf ihr Erfah‑ rungs wissen zurück, sei es, dass sie (7.) wissen, dass auf einer konkreten Seite immer Werbung er scheint, oder dass sie sich (8.) an der typischen Platzie rung der Werbung auf einem An gebot orientie ren. Rund vier Prozent der Kinder nannten kein Erken‑ nungs merkmal und gaben an, sich unsicher zu sein, woran man Werbung er kennen kann. Mit zunehmen dem Alter ver fügen Kinder über ein differenzierte res Portfolio an Erken nungs merkmalen, was sich deut lich in der steigen den Anzahl an Erken nungs‑ merkmalen wider spiegelt (s. Abb. 77). Allerdings zeigt sich auch, dass ein ver gleichs weise geringer Anteil der Kinder über drei oder mehr Erken nungs merkmale ver fügt. Hinsicht lich der Frage, an welchen Merkmalen die Kinder sich orientie ren, um Onlinewer bung zu er kennen, stößt man mit standardisierten Ver fahren schnell an Grenzen. Kinder machen ihre Merkmale des Werbe erkennens an jenen Werbeformen fest, die ihnen in der jeweili gen Situa tion mental ver fügbar sind oder eingängig er‑ scheinen, ihnen also unter Umständen schon häufiger be gegnet sind. Im Rahmen der qualitativen Rezep tions analyse konnte der Aspekt tiefer gehend be trachtet werden, da zum einen die Gesprächs struktur, zum anderen aber auch der Stimulus Internet den Kindern die Möglich keit gaben, ihre Erken nungs merkmale differenzierter und mit stärke rem Bezug zum Medium herzu leiten bzw. anhand von konkreten Beispielen zu be nennen. 480 Den Kindern wurden neun antwortmöglich keiten vor gegeben. Darüber hinaus konnten sie weitere erken nungs merkmale be nennen, die an schließend in der aus wertung ver dichtet und den be stehen den items zu geordnet bzw. in neuen items zusammen gefasst wurden. 309 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder 481 Dargestellt sind hier nur nennun gen, die mindestens ein prozent der Kinder nannte. Die mit * ge kennzeichneten items sind ver dich tungen der freien Kinder antworten. abbildung 76: merkmale, an denen Kinder werbung er kennen 481 basis: alle Kinder, n = 633; angaben in prozent … weil es sich um etwas Neues handelt* … weil zum Kaufen aufgefordert wird* … weil Werbung auffällig gestaltet ist* … weil es sich bewegt oder blinkt* … weil Produkte präsentiert werden* … weil die Werbung den Inhalt räumlich oder zeitlich überlagert* … weil die Werbung immer an derselben Stelle auf einer Internetseite ist* … weil auf dieser Seite an dieser Stelle immer Werbung ist … weil oben rechts ein „X“ steht, mit dem man das Fenster schließen kann ... weil ich das „Produkt“ schon kenne … weil da manchmal der Preis steht … weil Werbung aus anderen Medien bekannt ist … weil da manchmal „kaufen/Anzeige/ Werbung“ steht … weil sie anders aussieht als der Rest der Internetseite 4 1 1 1 1 2 3 6 8 15 20 21 21 26 27 weiß nicht Prozent 310 In der qualitativen Rezep tions analyse wurden die Kinder zum einen nach all‑ gemeinen Merkmalen ge fragt, anhand derer sie Onlinewer bung er kennen können. Des Weiteren lieferten die Beobach tungen mit den Kindern während der konkreten Online‑ nut zung Anhaltspunkte darüber, anhand welcher Merkmale sie Werbung im Konkreten identifizie ren und von anderen Inhalten unter scheiden. Als allgemeine Erken nungs merkmale nennen Kinder gestalteri sche wie inhalt liche Merkmale. Oft identifizie ren die Kinder Werbung auch über die Abgren zung abbildung 77: anzahl ge nannter erken nungs merkmale nach alter basis: alle Kinder; n = 633; angaben in prozent 15 27 20 20 9 6 2 1 1 33 25 17 14 7 2 1 0 0 49 17 19 11 3 1 1 0 0 kein Erkennungsmerkmal 1 Erkennungsmerkmal 2 Erkennungsmerkmale 3 Erkennungsmerkmale 4 Erkennungsmerkmale 5 Erkennungsmerkmale 6 Erkennungsmerkmale 7 Erkennungsmerkmale 8 Erkennungsmerkmale Prozent 10–11 Jahre8–9 Jahre6–7 Jahre 311 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder zu anderen Inhalten eines An gebots (z. B. Spiele). Teilweise greifen sie dabei auf ihr vor handenes Strukturwissen sowie ihre Erfah rung zurück. Das allgemeingültige Merkmal, anhand dessen Kinder Werbung immer treff sicher und zuverlässig er kennen, lässt sich naheliegen der Weise nicht be stimmen, da das Erkennen von der jeweili gen Werbeform, dem An gebot oder der Bekannt heit der Seite ab hängen kann. Gestalteri sche Merkmale Gestalteri sche Elemente, die Kinder als Merkmale an geben, über die sie Werbung er kennen, sind z. B. Preis‑ oder Prozentangaben, explizite Kennzeich nungen (z. B. „Werbung“), formal‑gestalteri sche (z. B. Töne, Symbole) sowie strukturell‑gestalteri sche Kriterien. Hinsicht lich der Preis‑ und Prozentangaben äußern sich Kinder wie folgt: „Also das hier immer solche ganz neuen Sachen ge zeigt werden und gleich mit der Preis dazu. Aber sie zeigen hier ja zum Beispiel bei der Uhr. Das ist eine richtige … oh ja, da hab ich mich jetzt ver guckt. Da werden manchmal richtig gute Uhren ge zeigt, die richtig gut aus sehen und so und dann steht da der Preis, den man manchmal übersieht, 5 Euro 90 sag ich jetzt einfach. Und dann gehen die sofort kaputt.“ (Martin, 8 Jahre) „[…] und dass da dann immer ein ‚Euro‘ oder ‚Prozent‘ steht.“ (Noemi, 9 Jahre) „Na ja, da steht zum Beispiel ‚kaufen Sie‘, hier ist für so ein Preis oder so.“ (Ilai, 9 Jahre) „Wenn die immer, wenn da zum Beispiel steht ‚kaufen Sie jetzt für einen Euro DAS‘. Oder das, oder das.“ (Benjamin, 7 Jahre) „Das ist immer ein Bild, dass da irgendwas drauf ist, und da stehen ähm, da stehen manchmal die Preise, damit man weiß dann, dass man das kaufen kann.“ (Ralf, 10 Jahre) „Mh, das könnte eine Werbung sein für iPads zum Beispiel. Zwei Euro, nein, aber da steht, das muss Werbung sein, weil da steht 2,69 Euro, das muss Werbung sein.“ (Joana, 7 Jahre) Auch explizite Kennzeich nungen, wie z. B. „Werbung“ oder „Anzeige“, sind ein ge‑ stalteri sches Merkmal, das Kinder be nennen. Teilweise haben die Kinder ganz genaue Vor stel lungen davon, wo die Kennzeich nung platziert sein muss. Andere Kinder ver‑ wiesen erst auf weitere Nachfrage auch auf die Kennzeich nung. „Werbung erkennt man auch daran, dass es … weil Werbung meist auch manchmal drüber steht.“ (Pia, 10 Jahre) „Wenn darunter ‚Werbung‘ steht.“ (Velten, 9 Jahre) 312 „Also wie eben gerade, wenn es da unter steht.“ (Özmut, 9 Jahre) „Ach, die sind so kniffelig. […] Ja, aber die ver stecken das so viele. Dann weiß man, dann guckt man da drauf, aber merkt man nicht, dass das Werbung ist. […] Ah, also eigent lich steht es ja da drunter.[…] Also das steht immer nebenan oder so. […]“ (Lukas, 9 Jahre) „Ähm, Werbung, das er kennst du daran, wenn das nicht zum Spiel oder so gehört oder wenn da ‚Werbung‘ drüber steht. Ja.“ (Verena, 9 Jahre) „Weil das manchmal dann steht.“ (Maja, 8 Jahre) „Äh … (5) Keine Ahnung. Ähm. Zum Beispiel hier steht jetzt ‚Werbung‘ und daran kann man er kennen, dass das Werbung ist.“ (Jamie, 10 Jahre) „Da kommt immer dieses … da steht immer ‚Werbung‘ drauf. Daher weiß ich es.“ (Rafik, 9 Jahre) In den Aus sagen der Kinder zeigt sich, dass einige Kinder sich auf die Kennzeich nung ver lassen, weil sie davon aus gehen, dass Werbung immer derart ge kennzeichnet ist. Andere haben bereits erkannt, dass sie kein zuverlässiges Kriterium darstellt, weil sie nicht immer, sondern nur „manchmal“ an gezeigt wird. Die Kinder nennen auch formalgestalteri sche Merkmale, wie akusti sche Signale, Bilder oder be stimmte Symbole (z. B. Play‑Zeichen oder „X“ zum Schließen eines Fensters). Viele Kinder wissen beispiels weise, dass auf Videoportalen häufig Pre‑Rolls vor kommen und er warten Werbung anhand des in der Ab spielfläche ein geblendeten „Abspiel‑Buttons“: „Weil man merkt, da ist ein Play‑Zeichen und dann … kommt ein Video.“ (Simon, 8 Jahre) „Also wenn da so ein Bild kommt oder so … so ein YouTube‑Zeichen kommt, dann be deutet das, das ist Werbung.“ (Elias, 9 Jahre) „Da ist immer ein X.“ (Amelie, 9 Jahre) Inhalt liche Merkmale Neben ge stalteri schen Merkmalen wurden von den Kindern auch inhalt liche Aspekte als Erken nungs merkmale ge nannt. Die Aus sagen der Kinder sind unter schied lichen Dimensionen zuzu ordnen. Einige Kinder be schreiben allgemeine inhalt liche Merkmale, andere ver weisen eher auf die in den Werbun gen teil weise vor kommen den Appelle. Zum Teil nennen die Kinder auch spezifi sche Inhalte, die ihnen aus Erfah rung mit Werbung bekannt sind. 313 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder Als allgemeine inhalt liche Erken nungs merkmale ver weisen Kinder auf die Darstel‑ lung von Produkten oder Firmennamen, be ziehen sich auf Bestell möglich keiten oder An gebote sowie darauf, dass etwas als kosten los an gepriesen wird. Gewinn spiele und Daten abfragen sind weitere Aspekte, die Kinder als Erken nungs merkmale heran ziehen. „Weil dauernd da … das ist bei uns auch, dass hier irgendwie an der Seite irgendwie HOSEN zeigen oder sowas […]“ (Noemi, 9 Jahre) „Ob die da vielleicht Schuhe ver kaufen, oder … irgendwas ver kaufen.“ (Friedo, 9 Jahre) „Weil man da nix machen konnte und man hat uns nur ge zeigt, dass da Spielzeuge sind, die kann man kaufen.“ (Kiara, 7 Jahre) „Ähm. So ein bisschen, weil da die ganze Zeit so was blinkt und die sagen: Klicken Sie jetzt hier drauf. Da können Sie ganz viel gewinnen.“ (Larissa, 9 Jahre) „Da schreiben die manchmal, wollen sie es be stellen oder Abbruch.“ (Anwar, 9 Jahre) „Also das, die machen zum Beispiel so günstigere Dinge und man kauft die dann.“ (Ilai, 9 Jahre) „[…] manchmal steht das ja da und dann muss man seine Hausnummer ein geben und alles.“ (Vincent, 9 Jahre) „Und das ist ja auch kosten los. Das ist Werbung.“ (Maja, 8 Jahre) „Aber wenn, wenn da manchmal so Sachen drauf sind: Du kannst ähm … das nehmen kosten los, dann muss man das besser nicht glauben.“ (Leila, 8 Jahre) „Da steht zum Beispiel, ähm … wie die Firma heißt oder was es für ein Laden ist.“ (Liam, 9 Jahre) Als weitere Erken nungs merkmale ver wiesen die Kinder auf Hand lungs aufforde rungen (z. B. „Hier Klicken!“, „Jetzt kaufen!“) oder Rabattankündi gungen. Allerdings zeigt sich, dass auch gängige weiter leitende Hinweise, wie z. B. „mehr Infos“, von einigen Kindern als Hinweis auf Werbung ver standen werden: „Weil hier immer, weil ich das ganz oft sehe, dass hier so Handys und so und ‚mehr er fahren‘, das ist so typisch für Werbung.“ (Velten, 9 Jahre) „Na ja, da steht ‚jetzt kaufen‘, ‚jetzt einkaufen‘ und dann ist das halt Werbung. Also wenn hier steht, kosten loser Ver sand, also man muss ja eigent lich immer etwas ein geben damit das kommt. Aber wenn es dann so ist und da steht dann jetzt kaufen, dann.“ (Ilai, 9 Jahre) „Weil … hier steht jetzt klicken und so. Meistens ist das so eine Werbetafel.“ (Nuria, 10 Jahre) 314 „Und dass es ein Kaufprodukt da steht und eben eine Werbung, also wie soll man das heraus finden. Da steht einfach Hörgeräte ge sucht oder eben, dass man es eben kauft mit zum Beispiel Rabatt oder da steht günstig.“ (Lukas, 9 Jahre) „Weil das auch so aus sieht. Da sind auch so Werbungensätze. Wie grad eben jetzt. Bestellen.“ (Saskia, 6 Jahre) „Zum Beispiel be stellen. Dass man das machen muss. Und hier muss man das gerade nicht. Ah. Jetzt geht’s weiter. Ich hab einfach draufgeklickt.“ (Benjamin, 7 Jahre) „Manchmal steht da auch ‚Du kannst dich anmelden‘ oder sowas. Aber das mit anmelden mach ich nicht. […] Manchmal steht das, dass man gewinnen kann, dass man dann zum Beispiel hier: Gewinne ein Wochen ende im Barbie Traumhaus. Da steht das dann, wann man kommen kann und wenn man das gewinnt.“ (Alina, 9 Jahre) Strukturelle Merkmale Ver schiedene Kinder orientie ren sich – auch mit Ver weis auf ge stalteri sche oder inhalt‑ liche Aspekte – an strukturellen Erken nungs merkmalen, über die sie Werbung von anderen Inhalten oder Formaten ab grenzen. Die 9‑jährige Malou meint beispiels weise, Werbung an einem hohen Textaufkommen zu er kennen: „Dass da viel steht.“ (Malou, 9 Jahre) „Weil hier immer ver schiedene Sachen kommen.“ (Simon, 8 Jahre) Auf fallend ist, dass die Identifizie rung häufig in Ab gren zung zu anderen Inhalten bzw. zu dem An gebot der jeweili gen Seite erfolgt, insbesondere wenn es sich um mono‑ thema ti sche oder – wie etwa im Fall von Spieleseiten oder Videoportalen – um struktu‑ rell identi sche An gebote handelt. Häufig gaben die Kinder an, dass sie Werbung daran er kennen, dass sie anders aus sieht als der Rest des An gebots, weil sie inhalt lich nichts mit dem An gebot zu tun hat bzw. „weil sie nicht dazu gehört“: „Bei manchen Seiten gibt es ja … Werbung und dann erkennt man die leicht, weil es erst mal kurze Kästchen sind und eigent lich gar nicht zu der Seite dazu gehören.“ (Denise, 9 Jahre) „Ähm also das erkennt man daran, wenn … wenn das dazu [ge meint: zum Rest der Seite] nicht passt.“ (Harald, 10 Jahre) „Weil das nichts für mich damit zu tun hat, mit diesen Dingern.“ (Malou, 9 Jahre) 315 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder „Also das ist alles, dass irgendwie nicht so zum Spielen oder so gehört, also wenn man jetzt auf so einer Spielseite ist, dann ist das immer Werbung.“ (Emilio, 9 Jahre) „Dass es nicht zur Seite gehört.“ (Hauke, 8 Jahre) „Weil es nicht zum Spiel gehört, was man da macht.“ (Fridolin, 9 Jahre) „Ja, weil ich hab Bayern ein gegeben, also da war Bayern und dann kommen jetzt Schuhe.“ (Vincent, 9 Jahre) „Also wenn du jetzt auf Spielaffe bist, dann weißt du ja auch Spielaffe hat ja nichts mit Druckern zu tun und dann muss man ja eigent lich nicht drauf drücken, weil man weiß ja, du willst Spielaffe spielen und dann weiß ich größtenteils, da brauch ich nicht drauf drücken und das hat nichts mit Spielaffe zu tun.“ (Schirin, 7 Jahre) „Das sieht dann anders aus wie das Spiel. Und ich spiel auch nur immer die Spiele, die ich kenne, bevor ich irgendwas drücke und das dann nicht geht.“ (Zoey, 7 Jahre) „Das weiß man halt einfach, wenn da Toys’R’Us zum Beispiel kommt oder so, das gehört ja nicht dazu zum Film.“ (Emilio, 9 Jahre) „Weil man da nix machen konnte und man hat uns nur ge zeigt, dass da Spielzeuge sind, die kann man kaufen. […] Bei Werbung kann man dann nicht mehr draufgehen, dann ist das einfach so.“ (Kiara, 7 Jahre) Die Kinder greifen hier häufig auf ihre Erfah rungen oder bereits vor handenes Struktur wissen zurück, wozu u. a. auch Wissen über die Platzie rung eines Werbesegments, Naviga tions möglich keiten auf einem An gebot, aber auch fernsehspezifi sches Werbe‑ wissen zählen.482 Je nach Online erfah rung – sei es allgemein oder bezogen auf ein konkretes An gebot – sind sie mehr oder weniger damit ver traut, was inhalt lich zu einem An gebot zählt bzw. an welchen Stellen häufig Werbung platziert ist.483 „Das sind so welche … wenn Filme zu Ende sind, dann kommt das [Spiel].“ (Amir, 7 Jahre) „Wenn man am Anfang da [Videoportal] reingeht, dann kommt am Anfang Werbung.“ (Anwar, 9 Jahre) „Ja, weil, ähm, das kommt manchmal davor. [vor dem Spiel]“ (Leila, 8 Jahre) „Wenn diese … wenn ich ein Video angucke und dann kommt immer die Werbung und so. Das ist dann immer so, wenn das mitten rein kommt. Wenn da so ein kleiner Balken ist, dann kommt da so eine Unter schrift, dann muss ich auf Kreuz drücken. 482 auch bei der konkreten frage nach erken nungs merkmalen von onlinewer bung greifen Kinder häufig auf beschrei bungen von fernsehwer bung zurück. 483 Dies funktioniert selbst verständ lich nur dann, wenn die Werbung auch ge stalterisch und/oder inhalt lich erkenn bar ist, nicht für formen von native advertising oder „camouflierter Werbung“ (lmK 2014). 316 Und sonst kommen da immer so Filme, dann muss ich immer 30 Sekunden oder so warten. Das ist dann immer.“ (Simon, 8 Jahre) „Und wenn der [Spiele auf einem Spieleportal] solange lädt, da kommt dann manchmal die ganze Zeit so eine Werbung. Und das erkennt man daran, dass die dann mitten drin kommt.“ (Nuria, 10 Jahre) Teilweise scheinen die Kinder Werbung an be stimmten Positionen auf Webseiten zu er warten – zumindest auf jenen, die sie kennen: „Weil sonst immer Werbung k…, da unten auch kommt. […] Weil da kommt, ähm, immer an dieser Seite Werbung.“ (Anne, 7 Jahre) „Sofort, wenn man spielaffe. de drückt, sofort kommt da Werbung. So kaufen, kaufen.“ (Emre, 10 Jahre) Werbung wird von einigen Kindern auch daran erkannt, dass sie – wie im Fall von Pop‑ups – un vermittelt und ohne eigenes Zutun auf taucht: „Wenn es einfach so auf ploppt oder wenn man, eigent lich kann man Werbung immer er kennen. Also ich weiß nicht, ob es Werbung ist, aber Werbung kann man meistens weg schalten. […] Dass man es weg klicken kann und weil es meistens nicht dazu gehört.“ (Fridolin, 9 Jahre) „Also wenn man etwas nicht an klickt und es kommt einfach so, dann klick ich das meistens weg und dann erkenne ich es, dass es Werbung ist.“ (Ilai, 9 Jahre) Die Kinder orientie ren sich nicht nur an Online erfah rungen, sondern – wie sich auch sehr deut lich in der Repräsentativbefra gung zeigte – auch an Erfah rungen mit Werbung in anderen Medien 484 (insbesondere Fernsehen) oder cross medial ver mark teten An‑ geboten. Zum Teil kennen die Kinder die im Internet be worbenen Produkte bereits aus der Fernsehwer bung (z. B. Mobilfunkanbieter), zum Teil kennen sie das Produkt (z. B. einen Sender oder eine Sendung) aus einem anderen medialen Kontext.485 „Dann würde ich das auch sehen, weil das … [Werbung für einen Mobilfunkanbieter] das zeigen die auch im Fernsehen immer, wenn Werbung ist.“ (Simon, 8 Jahre) 484 21 prozent der be fragten Kinder gaben an, Werbung auch daran zu er kennen, weil sie ihnen schon mal in anderen medien be gegnet ist. 485 Dadurch, dass viele fernsehangebote auch auf weiter führende onlineangebote ver weisen bzw. dafür werben, ist es nach vollzieh- bar, dass viele Kinder bei der frage nach Werbung auch auf programminforma tionen ver wiesen. 317 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder „Ähm das [An gebote eines TV‑Senders, auf dessen Seite Majbritt sich gerade be findet] hat man erkannt, weil das halt auch im Fernseher in der Werbung läuft.“ (Majbritt, 10 Jahre) „Und ich erkenne es öfters, weil [un verständ lich] und dann, wenn es zum Beispiel Toggo ist, dann erkenne ich es, dass das jetzt Werbung ist, wenn es da nicht ge standen, also wenn da unten jetzt nicht Werbung steht. Dann erkenn ich es trotzdem, weil es nicht ein Film ist, sondern nur eine Werbung von der Serie.“ (Özmut, 9 Jahre) Wenn die Kinder ein konkretes Produkt, z. B. Spielfiguren, kennen oder selber be sitzen, fällt es ihnen ver gleichs weise leicht, einen kommerziellen Bezug zu er kennen, da sie ja wissen, dass man das Produkt käuf lich er werben kann. Sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Studie konnten Kinder eine große Zahl an sehr unter schied lichen Merkmalen be nennen, anhand derer sie Werbung identifizie ren. Am häufigsten wurden ge stalteri sche Merkmale und Kennzeich‑ nungen als Erken nungs merkmale an gegeben, wobei sich in den Antworten der Kinder zeigt, dass Kennzeich nung sich nicht nur auf eine formale Kennzeich nung wie z. B. „Werbung“ oder „Anzeige“ bezieht, sondern die Kinder sich auch an inhalt lichen Kennzeichen orientie ren, z. B. Hinweise wie „kaufen“, „günstig“, „Rabatt“ oder konkrete Preis angaben. Neben ge stalteri schen und inhalt lichen Kriterien stellten sich in der Repräsentativbefra gung die Bekannt heit einer Werbung aus einem anderen Medium bzw. die Bekannt heit eines Produkts als wichtige Erken nungs merkmale heraus. In den qualitativen Interviews wurde be sonders deut lich, dass sich Kinder auf der Basis ihrer Online‑ und allgemeinen Medien‑ und Werbe erfah rung ein ge wisses Strukturwissen aneignen, anhand dessen sie sich orientie ren. Bei der ver gleichs weise hohen Anzahl und auch Vielfalt der ge nannten Merkmale darf jedoch nicht über sehen werden, dass ein großer Teil der Kinder – und hier insbesondere die Jüngeren – gar keine Erken nungs merkmale an geben konnte und ziem lich viele Kinder nur ein oder zwei Erken nungs merkmale nannten. Auch dürfen die Nennun gen der Kinder nicht darüber hinweg täuschen, dass ihnen ihr Portfolio an Erken nungs merkmalen im konkreten Fall nicht immer weiter hilft. Häufig ver lassen sie sich – ver mutlich ähnlich wie Erwachsene – auf ihre Intui tion, was sicher lich auch der Vielfältig keit und der nicht immer eindeutig erkenn baren Werbeformen im Internet geschuldet ist. Die Ergeb nisse der Repräsentativbefra gung ver weisen darauf, dass die Kinder mit zunehmen dem Alter über ein breite res Portfolio von Erken nungs merkmalen ver fügen, das es ihnen – zumindest theoretisch – erlaubt, Werbung leichter als solche zu er kennen, da sie ver schiedene Kriterien anwenden können. Inwieweit die Kinder Werbung im konkreten Fall er kennen, wird im Folgenden be leuchtet. 318 7.4.2 KOnKretes erKennen vOn Onlinewer bung Um ver gleichende Daten darüber zu er halten, inwieweit Kinder konkrete Werbeformen auf Webseiten er kennen, wurden die Kinder im Rahmen der Repräsentativbefra gung ge beten, für jeweils vier ver schiedene Segmente auf vier Webseiten der Webseiten‑ kategorien (journalistisch‑)redaktio nell, Produkt‑ und Herstellerwebseiten, Service‑ und Einstiegs portale sowie Platt formen, ihre Einschät zung abzu geben, ob es sich dabei um Werbung handelt oder nicht. Die jeweili gen Segmente wurden in Anleh nung an die An gebots analyse (vgl. Kapitel 5) im Vor hinein der Befra gung fest gelegt. Sieben der ins‑ gesamt sechzehn Segmente konnte gemäß der An gebots analyse eine eindeutig (explizit) werb liche Inten tion zu geschrieben werden (s. Screens hots im Anhang B). Über alle vier Webseiten hinweg be trachtet, zeigt sich, dass die vor gegebenen explizit werb lichen Segmente von den Kindern recht gut erkannt wurden. 84 Prozent der Kinder er kannten mehr als die Hälfte der werb lichen Segmente als solche, 18 Pro‑ zent dieser Kinder er kannten sogar alle. Ledig lich zwei Prozent der be fragten Kinder machten keines der sieben (explizit) werb lichen Segmente als Werbung aus.486 Mit dem Alter nimmt die Sicher heit im Erkennen von Werbesegmenten zu. Während ledig lich neun Prozent der Sechs‑ bis Sieben jähri gen die Werbesegmente richtig ein‑ schätzten, lag der Anteil in der Gruppe der Zehn‑ bis Elfjähri gen bei 31 Prozent (s. Abb. 78).487 Die Kenntnis der Webseite scheint einen positiven Einfluss auf das Werbe erkennen explizit werb licher Segmente zu haben. Wenn den Kindern eine Webseite bekannt ist, erkennt ein größerer Anteil der Kinder alle aus gewählten Segmente einer Webseite als werb lich, anders als wenn ihnen die Seite un bekannt ist. Die Unter schiede liegen je nach Webseite bei einem Anteil zwischen ca. drei und 15 Prozent. In den qualitativen Rezep tions analysen ließen sich die Erken nungs merkmale der Kinder noch spezifi scher er mitteln als in der Repräsentativbefra gung, weil den Kindern nicht nur Screens hots vor lagen, sondern sie die Einschät zung direkt online am konkre‑ ten Beispiel vornehmen konnten. Die von den Kindern ge nannten Erken nungs merkmale wurden bereits in Kapitel 7.4.1 detailliert be schrieben. Im Folgenden soll anhand der Aus sagen aus den qualitativen Interviews auf gezeigt werden, inwieweit und anhand welcher Merkmale die Kinder spezifi sche Werbeformen er kennen. 486 auf toggo. de, youtube. com und spielaffe. de identifizierten jeweils zwischen 75 bis 80 prozent der Kinder alle explizit werblichen Segmente als Werbung (waren alle ge kennzeichnet); auf wasist was. de (hier waren sie nicht ge kennzeichnet, hoben sich aber optisch eindeutig vom rest der Seite ab) waren es nur 27 prozent. 487 allerdings muss man auch be trachten, inwieweit die Kinder die beispiele für nicht explizit werbliche Segmente als Werbung identifizierten: hier lag der anteil der Kinder, die mindestens ein sonsti ges Segment als Werbung identifizierten, bei wasist was. de bei 72 prozent, bei youtube. de bei 70 prozent, bei spielaffe. de bei 59 prozent und bei toggo. de bei 51 prozent. 319 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder Bannerwer bung: Bei Bannerwer bung handelt es sich in der Regel um Werbe‑ flächen, die außerhalb des eigent lichen An gebots liegen und sich zumeist am rechten und/oder am oberen Seiten rand be finden (s. auch Hockeystick). Bisweilen finden sich auch Formen von Bannerwer bung, die ein An gebot von drei Seiten umgeben (u‑shape). Diese Form von Werbung – insbesondere am rechten Seiten rand platzierte Banner – scheint den Kindern am wenigsten Schwierig keiten zu be reiten.489 Kinder identifizie‑ ren diese sowohl anhand der Inhalte (Produkte), der Gestal tung (auch in Ab gren zung zum übrigen An gebot der Seite), an der Position bzw. Platzie rung sowie an der Kenn‑ zeich nung. „Mmh. Zum Beispiel hier ist wieder Werbung für das neue Edeka‑Album.“ (Vanessa, 8 Jahre) „Ähm. Weil das nicht dazu gehört?“ (Harald, 10 Jahre) „Die Spiel konsole von dem Nintendo.“ (Milena, 10 Jahre) 488 Die anteile be ziehen sich auf die sieben Segmente, die als beispiele für Werbung aus gewählt wurden. 489 eine aus nahme bildet die sechs jährige Saskia, die eher das obere banner als Werbung erkennt und sich beim rechten banner unsicher ist. abbildung 78: anteil der richtig ein geschätzten (explizit) werb lichen segmente 488 basis: alle Kinder, n = 633; angaben in prozent 31 15 9 19 18 18 62 72 61 64 66 66 7 12 24 15 14 15 1 5 2 2 2 10–11 Jahre 8–9 Jahre 6–7 Jahre Jungen Mädchen Gesamt Prozent alle 7 Segmente erkannt = 3 der Segmente erkannt < 3 der Segmente erkannt kein Segment erkannt 320 „Hm, das, da reden die so vom Lotto oder sowas. […] Hm, da steht, oder irgendwie, über was, über Gewinn und so … […].“ (Liam, 9 Jahre) „Das da, da steht wieder Anzeige drüber. Und da steht wieder mehr Informa tionen, und da steht bis 20 % sparen, wenn man das kauft. Und zwei Hemden zum Preis von einem, dass man das wieder kauft.“ (Philis, 9 Jahre) „Weil da Sachen drauf stehen hier und weil da Werbung drauf steht.“ „Ähm … auf der Seite, also auf dieser Seite.“ (Melissa, 8 Jahre) „Weil da auch Werbung steht und außerdem sieht das da nicht wirk lich aus wie, ähm, auf … […] Und weil da drunter Werbung steht.“ (Lisa, 8 Jahre) „Mh, dass da Autos sind und das hier alles mit Fußball zu tun hat und da [un‑ verständ lich].“ (Philis, 9 Jahre) Ein zusätz liches ge stalteri sches Merkmal, das Kinder häufig als Erken nungs merkmal für Banner nannten, ist die Dynamik, beispiels weise wenn Banner oder Hockeysticks von ver schiedenen Werbeanbietern belegt sind und dementsprechend die Bilder und Inhalte wechseln oder die Werbung eines Anbieters an sich sehr dynamisch (z. B. mit schnellen Bildwechseln) ge staltet ist. „Weil da, da, das bewegt sich auch, aber ähm, das ist ähm, das ist ähm, das, äh, da kommen, äh, nur zwei Sachen. Also, da kommen nur, erstmal das da, und … warte, das da. Da kommen nur zwei Sachen. [INT: Es geht darum, dass sich das Bild in der Werbung nur einmal ver ändert, …]“ (Oumar, 10 Jahre) „Weil sich das alles ändert.“ (Tonja, 9 Jahre) „Na dass da andauernd etwas Neues kommt und dass da irgendwas steht.“ (Noemi, 9 Jahre) PreRolls: Werbun gen vor Spielen oder Videos, die meist in Form von Pre‑Rolls 490 er scheinen, kennen Kinder aus ihren eigenen Nutzungs erfah rungen. Pre‑Rolls ähneln sehr stark den Werbeformen, die die Kinder aus dem Fernsehen kennen (auch hier werden manchmal einzelne Spots ein gespielt, bevor das Programm weiter geht). Die Parallelen zur Fernsehwer bung scheinen zumindest das Erkennen von Werbung zu er leichtern. Im Zusammen hang mit Spielen ver weisen einige Kinder darauf, dass sie 490 rund 63 prozent der repräsentativ be fragten Kinder gaben an, schon einmal mit einem pre-roll konfrontiert worden zu sein. etwa 28 prozent äußern, ein solches noch nie gesehen zu haben, rund neun prozent sind sich unsicher. Die gruppe der zehn- bis elfjähri gen gab häufiger an, dass es schon einmal vor gekommen sei, dass ein Werbefilm den Spiel verlauf unter brach als die jüngeren Kinder. bei unter brechen den Werbe einblen dungen handelt es sich um mid-rolls. 321 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder diese Form von Werbung auch daran er kennen, dass sie sich strukturell vom eigent‑ lichen An gebot unter scheidet. Auch auf die Kennzeich nung ver weisen einige Kinder. „[…] Das lädt auf jeden Fall noch. Werbung.“ (Pia, 10 Jahre) „Ja, das kommt da immer. Also wenn das die Werbung lädt, dann fängt das Spiel an, wenn da 100 Prozent steht.“ (Verena, 9 Jahre) „So. Werbung kommt jetzt erst mal.“ (Jamie, 10 Jahre) „Das kommt immer davor … [vor dem Spiel]“ (Denise, 9 Jahre) „Weil das ist ja so wie ein Video und das gehört ja nicht zum Spiel.“ (Robin, 8 Jahre) „Werbung. […] Steht doch hier, weil …“ (Fridolin, 9 Jahre) „Weil das oben stand.“ (Yeliz, 9 Jahre) „Mmh. Ja hier steht doch immer ähm immer draufklicken.“ (Jaiken, 8 Jahre) Teilweise wissen die Kinder – eben falls aus ihren Nutzungs erfah rungen – bei den Werbun gen vor Spielen und Videos, wie sie diese umgehen bzw. über springen können (z. B. durch Drücken des „X“ oder durch einen Link zum Über springen des An gebots, der meist einige Sekunden nach dem Ab spielen des Werbeclips auf taucht) und machen auch gern – sofern dies möglich ist 491 – davon Gebrauch: „Äh … weiß ich nicht. Da drücke ich aber immer, wenn das Spiel fortsetzen soll. Also, dass ich das Spiel machen kann.“ „Da kann man … dann ist die Werbung weg und man kann direkt spielen.“ (Elias, 9 Jahre) „Da stand ‚klick da, wenn Du da spielen willst‘, oder so.“ (Aymara, 9 Jahre) „Man kann hier draufklicken und dann kommt der Film einfach schnell. Guck.“ (Tina, 9 Jahre) „Nee, die kann man nicht weg klicken.“ (Emanuel, 7 Jahre) „Da kommt Werbung.“ […] „Siehst du und jetzt kann man hier, wenn nicht vor‑ spulen, dann muss man die anlassen.“ (Simon, 8 Jahre) „Ich habe die Werbung über sprungen.“ (Ozan, 10 Jahre) „Das ist Werbung. Vor spulen.“ (Franz, 10 Jahre) Popups: Diese Werbeform ist dadurch ge kennzeichnet, dass die Werbe einblen dungen un vermittelt auf tauchen und den Nutzer daran hindern, seine eigent liche Onlinetätig‑ keit weiter auszu üben. Dies macht es insofern für die Kinder ver gleichs weise leicht, 491 aufgeführt sind hier nur zitate, wo ein Weg klicken tatsäch lich nicht möglich war. 322 Pop‑ups als Werbung zu er kennen. Je nach Online erfah rung wissen die Kinder, wie sie diese über einen „X“‑Button oder eine ähnliche Schließ möglich keit beenden können: „Also wenn man etwas nicht an klickt und es kommt einfach so, dann klick ich das meistens weg und dann erkenne ich es, dass es Werbung ist.“ (Ilai, 9 Jahre) „Weil das so plötz lich ge kommen ist und …“ (Emilia, 10 Jahre) „Weil dort plötz lich so eine Sache kommt oder so, weil das, weil dann kommt da so eine Sache und dann wird alles so dunkel ein bisschen.“ (Emilio, 9 Jahre) „Werbetafel. [ge meint: Pop‑up] […] Glaube ich, weil die kommt ja auch schon wieder mal plötz lich. Ich glaube, das ist Werbung oder das ist ein Spiel. Guck mal, das ist eine Werbung, die ver folgt mit.“ (Nuria, 10 Jahre) „Weil da war … weil da war … wenn da so was kommt, ist das meistens Werbung.“ (Elias, 9 Jahre) „Ähm, hier jetzt. Ich mache das mal kurz weg. Hier.“ (Lotta, 7 Jahre) „Ja. Weil da oben ist ein Kreuzchen.“ (Lisa, 8 Jahre) In der Rezep tions situa tion konnte des Öfteren be obachtet werden, dass die Kinder die Pop‑ups (unabhängig vom Inhalt) reflexartig weg klickten bevor der Inhalt an gezeigt wurde. Zum Teil war den Kindern auch gar nicht gegen wärtig, dass es sich dabei um Werbung handelte („[…] ich wusste nicht, was das ist grad eben“, Saskia, 6 Jahre). Betrachtet man zusammen fassend die Befunde zum Erkennen von Werbung anhand der den Kindern vor gegebenen Beispielen (hierbei handelte es sich um explizit werb liche sowie werb lich anmutende Segmente), so zeigen die Ergeb nisse der Repräsen‑ tativbefra gung, dass die Kinder recht gut darin sind, die expliziten werb lichen Segmente richtig als Werbung zu identifizie ren. Auf Basis der qualitativen Interviews lässt sich dies auch zumindest für die Bannerwer bung sowie Pre‑Rolls und Pop‑ups fest stellen. Dennoch zeigen sich in der konkreten Nutzungs praxis ver schiedene Schwierig keiten hinsicht lich des Erkennens von Werbung, die im nach folgen den Kapitel genauer be‑ trachtet werden. 7.5 schwierig Keiten und heraus fOrde rungen im umgang mit sPezifi schen fOrmen vOn Onlinewer bung Um die Schwierig keiten und Heraus forde rungen, die die Werbung an die Kinder stellt, genauer fassen zu können, wurden für alle 100 Kinder auf Basis der Beobach tungs‑ bögen und Gedächtnis protokolle, der Interview‑Trans kripte sowie den Camtasia‑Videos 323 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder zusammen fassende Porträts er stellt. Inhalt lich be rücksichtigte das Porträt Online erfah‑ rungen des Kindes, sein Werbe verständnis sowie die Umstände seiner werbespezifi schen Mediensozialisa tion (Regeln zur Onlinenut zung, Gespräche über Werbung etc.). Den Ab schluss eines Porträts bildete eine ver dichtete Zusammen fassung des kind lichen Werbeschemas unter Berücksichti gung seines Handelns in Bezug auf Onlinewerbe‑ formen, die ihm während der Unter suchungs situa tion be gegnet sind. Auf Basis der Porträts wurde in einem nächsten Schritt genauer be trachtet, wie die Kinder (in der Beobach tungs situa tion) Werbung be gegnen und wo sich eventuell Schwierig keiten im Erkennen oder im Umgang mit einzelnen Werbeformen fest stellen ließen. Die Schwierig keiten lassen sich zu drei Bereichen zusammen führen: Zum einen zeigte sich, dass die Kinder nicht immer und zuverlässig Werbung als solche identifizie‑ ren (Kapitel 7.5.1), zum anderen nahmen sie erkenn bare Fehlzuschrei bungen vor, indem sie Content als Werbung identifizierten (Kapitel 7.5.2). Hand lungs hemmende Werbung stellt einen weiteren Bereich dar, der Kinder vor Heraus forde rungen stellt (Kapitel 7.5.3). 7.5.1 werbung wird nicht immer und zuverlässig als sOlche erKannt Werbung er kennen und von anderen Inhalten unter scheiden zu können, bildet die Grundlage für einen selbst bestimmten Umgang. Un geachtet der ver schiedenen Erken‑ nungs merkmale, die die Kinder präsent haben, zeigte sich in der Beobach tungs situa tion, dass nicht alle Werbeformen erkannt werden, was unter schied liche Gründe haben kann. Einige Kinder sagen von sich aus, dass es ihnen nicht immer leicht falle, Werbung zu er kennen (z. B. Marleen, 9 Jahre; Judith, 10 Jahre). In den Porträts konnten ver‑ schiedene Faktoren identifiziert werden, die Einfluss darauf haben, dass Werbung nicht immer und zuverlässig erkannt wird: – Erken nungs merkmale des Kindes greifen nicht: Das Kind kennt nur einzelne Erken‑ nungs merkmale, oder sein Portfolio lässt sich nicht auf die vor find baren Werbe‑ formen anwenden. Auch kann die Fokussie rung auf einzelne aus gewählte Werbe‑ erken nungs merkmale dazu führen, dass andere Werbeformen, die dieses Merkmal nicht auf weisen, nicht als solche erkannt werden. Orientie ren sich Kinder beispiels‑ weise aus schließ lich an der Kennzeich nung oder alleinig an der dynami schen Gestal tung, haben sie Schwierig keiten, Werbung zu er kennen, wenn diese nicht ge kennzeichnet bzw. nicht dynamisch ist. – Schwierig keit hinsicht lich der Erkenn bar keit der Kennzeich nung: Die Werbekenn‑ zeich nung wird nicht immer erkannt (z. T. durch kleine Schrift, ungünstige Platzie‑ 324 rung oder kontrastarme Gestal tung schwer erkenn bar, manchmal auch nicht im Sicht bereich, Schwierig keiten beim Lesen). Auch haben andere Kennzeichnen, wie z. B. Euro‑Zeichen, für die Kinder teil weise einen deut lich höheren kommer‑ ziellen Bezug und sind für sie leichter erkenn bar, auch wenn natür lich solche Kennzeichen sich nicht für alle Werbeformen als zuverlässiges Erken nungs merkmal er weisen. – Orientie rung an Fernsehwerbeformaten: Bei vielen Kindern – und insbesondere denjenigen, die noch über wenig Online erfah rung ver fügen – ist eine starke Orientie rung an Fernsehwerbeformaten und ent sprechend auch an Fernsehwer bung fest stell bar, was sich sowohl auf die Erken nungs merkmale als auch auf das Werbe‑ verständnis aus wirkt (z. B. Vivian, 8 Jahre; Justus, 7 Jahre; Olga, 10 Jahre; Jamie, 10 Jahre; Franz, 10 Jahre). Onlinewerbeformate, die Parallelen zu Fernseh werbe‑ formaten haben (z. B. Pre‑Rolls), werden ver gleichs weise gut erkannt, Schwierig‑ keiten treten bei genuin onlinespezifi schen Werbeformen auf (vgl. Joel, 8 Jahre) und münden mitunter in einem z. T. recht un bedarften Umgang (vgl. Feline, 8 Jahre). Unsicher heiten zeigten sich u. a. bei der Einord nung von Sendungs‑ empfeh lungen. Einige Kinder ordnen Programm hinweise analog zu den Hinweisen auf Onlinewer bung im Fernsehen als Werbung ein (z. B. Franz, 10 Jahre). – Hohe Anforde rung durch das (z. T. un bekannte) An gebot: Einige Kinder – insbeson‑ dere diejenigen mit wenig Online erfah rung – sind bereits durch die Möglich keiten eines (v. a. neuen und un bekannten An gebots bzw. eines neuen An gebots typs) derart ge fordert, dass sie sich ent weder nicht auf Werbung konzentrie ren können oder dieser orientie rungs los gegen über stehen. Dies gilt insbesondere für komplexere, heterogene, mithin unüber sicht lichere An gebote (z. B. Portale) sowie An gebote, wo sich redaktio nelle Inhalte und Werbung in ihrer Ästhetik zunehmend an‑ gleichen (z. B. durch rotierende, dynami sche Elemente). – Unterschied liche Praktiken je nach An gebots format: Für nicht alle Kinder ist erkenn‑ bar, dass z. B. Produkt‑ und (journalistisch‑)redaktio nelle Seiten mit unter schied‑ lichen Werbepraktiken ver bunden sind. Die Erken nungs merkmale für den einen An gebots typ lassen sich nicht ohne Weiteres auf den anderen über tragen. – Schwierig keiten bei Produkten der eigenen Marke (z. B. wenn Produkte als Gewinne aus gelobt und zugleich als Werbung ge kennzeichnet werden): Einige Kinder fokus‑ sie ren auf das Produkt, andere er kennen, dass es sich insgesamt um ein kommer‑ zielles An gebot handelt). 325 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder 7.5.2 ver wechs lung vOn werbung und inhalt bzw. fehlzuschrei bungen Ein weiteres Problem, das zum Teil auf der Zuverlässig keit des Erkennens aufbaut, kann sich ergeben, wenn das Kind Fehlzuschrei bungen vornimmt und z. B. Content mit Werbung ver wechselt. In der qualitativen Studie konnten ver schiedene Ver wechs‑ lungen und Fehlzuschrei bungen fest gestellt werden, z. B. wenn Video vorschauen, Face‑ book‑Hinweise, animierte Rubriken oder andere (optisch heraus stechende) Hervor‑ hebungen eines An gebots als Werbung identifiziert wurden.492 In den Interviews fanden sich zwei Anhaltspunkte, wie es zu einer Fehlzuschrei‑ bung kommen kann: – Das Kind kennt erstens keine zuverlässigen Erken nungs merkmale, anhand derer es Werbung identifizie ren kann. Dies kann dazu führen, dass das Kind einige Werbeformen nicht erkennt (s. o.), aber auch, dass Content als Werbung definiert wird. – Das Kind ver fügt zweitens zwar über ein Werbeschema, wendet dieses jedoch unreflektiert und pauschalisierend an. In dem Fall, dass Kinder Content als Werbung identifizie ren, kann es be deuten, dass sie sich nicht weiter damit auseinander setzen (z. B. wenn die Eltern gesagt haben, dass sie Werbung meiden sollen). Um gekehrt kann die content‑bezogene Zuschrei bung dazu führen, dass sie eine Werbung eher an klicken.493 Ver wechs lungen bzw. Fehl‑ zuschrei bungen können sich im ungünsti gen Fall nach teilig auf die weitere Aus bildung der kind lichen Werbekompetenz aus wirken. 7.5.3 Kind wird in der ausübung seiner OnlineaKtivi täten ge stört bzw. ab gehalten Ein weiterer Problembereich, der in den Interviews häufig zur Sprache kam und auch unter dem Gesichtspunkt Hand lungs autonomie relevant ist, ist, dass die Kinder durch ver schiedene Werbeformen in der Aus führung ihrer Onlineaktivi täten ge hindert werden. Dies kann bereits dadurch ge geben sein, dass die Kinder durch Werbung vom eigent‑ lichen An gebot ab gelenkt werden. 492 ein solches merkmal stellte beispiels weise das tÜv-Siegel auf der Spielaffe-Seite dar. 493 Diese problematik ergibt sich insbesondere mit blick auf „camouflierte Werbung“ oder „native advertising“. 326 „Weil das ja blöd ist, wenn das einen die ganze Zeit ablenkt. Weil das immer so, irgendwie so rumwirbelt und immer wechselt.“ (Jette, 8 Jahre) „Kann ich nicht so gut. Geht ja nicht dann. Kann ich nicht so gut auf das Spiel achten.“ (Nedim, 8 Jahre) „Ich finde das nicht so gut. […] Weil wenn man dann jetzt aus Ver sehen vielleicht da drauf kommt. Und das lenkt einen auch ab dann.“ (Emilia, 10 Jahre) Als hand lungs hemmend erweist sich Onlinewer bung insbesondere dann, wenn sie sich zeit lich oder visuell vor das eigent liche An gebot schiebt, sodass der Nutzer nicht mehr das tun kann, was er eigent lich tun wollte. Eine Erkenn bar keit ist in der Regel ge‑ geben, sie ist aber nicht ent scheidend dafür, wie Kinder mit dieser Werbeform umgehen, weil sie in den meisten Fällen Pop‑ups oder Pre‑Rolls weg klicken, oft – sofern möglich – bevor der Inhalt im Fenster erkenn bar wird. Klicken die Kinder die Werbung nicht weg, ist das u. a. darauf zurück zuführen, dass sie die Optionen nicht kennen oder dass diese nicht erkenn bar sind (z. B. weil sie außerhalb des Sichtbereichs des Kindes liegen). Einzelne Kinder meinten, die Spots nicht über springen zu können, weil sonst der nach folgende Inhalt nicht richtig an‑ gezeigt würde (Vanessa, 8 Jahre). Gestört oder in der Onlinenut zung unter brochen wird das Kind auch, wenn es z. B. aus Ver sehen etwas an klickt und den Weg nicht zurück findet (Patrick, 8 Jahre). Die Kinder ver weisen auf unter schied liche Strategien (z. B. auf den Zurück pfeil klicken, Rechner/Internet aus machen, Eltern holen, anderes An gebot öffnen etc.). 7.6 mehrdimensiOnales mOdell zum umgang mit Onlinewer bung In der Betrach tung der Problembereiche wird deut lich, dass diese keines falls auf einzelne Faktoren oder Dimensionen zurück zuführen sind. Vielmehr erweist sich der Umgang mit ver schiedenen Formen der Onlinewer bung als von vielen ver schiedenen Faktoren ab hängig (s. Abb. 79). Der Umgang mit Onlinewer bung ist zum einen bedingt durch das Werbe erken nen: Ein umfassende res Portfolio an Werbe erken nungs merkmalen erhöht zunächst die Wahrscheinlich keit, dass das Werbeschema in möglichst vielen Fällen greift. Zu Fehl‑ zuschrei bungen kann es mitunter dennoch kommen, wenn die Erken nungs merkmale unreflektiert und pauschal über tragen werden (z. B. wenn alle dynami schen Elemente als Werbung be trachtet und ein geordnet werden). 327 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder Der Umgang mit Werbung ist weiter hin ab hängig von dem jeweili gen Werbe verständnis. Je nachdem, wie das Kind Werbung definiert und be wertet (z. B. Werbung ist informativ, will mich ver führen, ist uninteressant oder nervig), bringt es ihr eine andere Auf merksam keit ent gegen. Ein weiterer wichti ger Aspekt ist die kontextuelle Rahmung einer Werbung. Gemeint ist hiermit, ob die Werbeform selbst in einem kommerziellen, einem (jour‑ nalistisch‑)redak tio nellen An gebot, auf einem Portal oder einer Platt form er scheint. Die Rahmung des An gebots hat Einfluss auf die Nutzer erwar tungen und (indirekt) auch auf die Erkenn bar keit von Werbung. So zeigte sich in der qualitativen Rezeptions‑ studie, dass einige Kinder in der Lage waren, Produkt‑ und Herstellerwebseiten als kommerzielles An gebot zu er kennen, weil sich das gesamte An gebot um die Produkt‑ welt drehte, und die kommerzielle Kommunika tion innerhalb des An gebots ent spre‑ chend gerahmt wurde.494 Die ge nannten Faktoren werden wiederum durch weitere Kontext faktoren bedingt: Hierzu zählen zum einen die kognitive Ent wick lung des Kindes, z. B. inwiefern es in der Lage ist, die persuasiven Ab sichten Dritter zu er kennen. Bei den Kindern der unter suchten Alters stufe ist die Fähig keit zur Perspektiv übernahme theoretisch vor‑ handen. In der Praxis zeigt sich, dass einige Kinder in ihrer Werbedefini tion mehr auf diesen Aspekt ver weisen als andere, wobei sich innerhalb der Gruppe der unter‑ suchten Grundschul kinder keine weiteren Alters unterschiede aus machen ließen. Zum anderen sind der Umgang mit Onlinewer bung und die Aus bildung werb licher Schemata ab hängig davon, mit welchen An gebots‑ und ent sprechend auch mit welchen Werbe‑ formen die Kinder bereits in Berüh rung ge kommen sind. Kinder, deren Online erfah rungen auf wenigen oder werbefreien An geboten basieren, zeigen ein ein geschränkte‑ res Werbe erkennen auf ihnen un bekannten Seiten als Kinder, die auf vielfältigere Online erfah rungen zurück greifen können. Auf Basis ihrer Online erfah rungen bilden die Kinder ein ge wisses Strukturwissen aus, das ihnen hilft, Werbung zu er kennen und zu antizipie ren (z. B. vor Spielen oder an einer be stimmten Stelle auf der Seite er scheint immer Werbung). Auch sind die Werbe erfah rungen ent scheidend dafür, wie die Kinder ein An gebot rahmen (z. B. als An gebot für Spiele oder als Produktinforma‑ tions angebot). Schließ lich erweist sich die Mediensozialisa tion als be deutsamer Faktor. Diese umfasst auch werbe‑ und konsumsozialisatori sche Aspekte. Hierzu zählen die Einstel lungen der Eltern gegen über Werbung, Einflüsse von Eltern und Geschwistern auf das Werbe verständnis von Kindern, aber auch die Erfah rungen, die Kinder in der gemeinsamen Onlinenut zung mit den Eltern machen. Einige Kinder haben Online‑ 494 So erkennt beispiels weise die sieben jährige Joana, dass auf der barbie-Seite nur produkte der eigenen marke ge zeigt werden. 328 wer bung schon mal im Kontext der elter lichen Onlinenut zung mitbekommen, andere er wähnten, dass ihre Eltern das Internet nutzen, um sich über Produkte zu informie‑ ren oder um etwas zu be stellen, oder dass sie dies auch zum Teil gemeinsam mit ihren Eltern tun. Ver einzelt sind die Eltern der Kinder selbst unter nehmerisch tätig, sodass die Kinder die Onlinewerbepraxis auch aus einer anderen Perspektive mitbekommen. Die Kinder machen ent sprechend die Erfah rung, dass das Internet auch für eigene, sehr unter schied liche kommerzielle Zwecke ge nutzt werden kann, was sich wiederum auf das Ver ständnis von Werbung, die kontextuelle Rahmung von An geboten und ent sprechend auch auf das Erkennen von Werbung aus wirkt. Vor dem Hinter grund des Modells sind ver schiedenste Kombina tionen der Einfluss‑ faktoren denk bar, die zu sehr individuellen Werbeumgangs praktiken führen. Die ver schiedenen Facetten des Modells bieten Ansatz punkte für medien pädagogi sche Hand lungs optionen, auf die in Kapitel 9 ein gegangen wird. abbildung 79: modell zum umgang mit werb lichen erschei nungs formen im internet Onlineerfahrung (allgemein und bezogen auf das konkrete Angebot) Werbliche Erscheinungs- formen im Internet M ed ie ns oz ia lis at io n Kognitive Entw icklung W er be er ke nn en W erbeverständnis Kontextuelle Rahmung des Angebots 329 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder 7.7 zwischen fazit: wie be gegnen und ver stehen Kinder Onlinewer bung? In der Rezep tions studie stand die Frage im Vordergrund, wie Kinder Onlinewer bung ver stehen und wie sie mit ihr umgehen. Das Ver stehen setzt zuvorderst voraus, dass die Kinder das Phänomen kennen, wissen, um was es sich handelt bzw. in diesem Fall, was die Inten tion von Werbung ist. Eine weitere Voraus setzung ist, dass Kinder in der Lage sind, Werbung als solche über haupt zu er kennen. Diese Fragen wurden unter Ver wendung quantitativer und qualitativer Ver fahren unter sucht. Fest halten lässt sich, dass die Kinder in dieser Studie ein für ihr Alter typisches Online verhalten zeigen. Sie nutzen das Internet ge legent lich und vor allem für spieleri‑ sche An gebote oder um etwas zu ihren Hobbys oder für ihre Schule zu recherchie ren. Sofern Regeln zur Onlinenut zung seitens der Eltern vor handen sind, be ziehen sich diese vor dring lich auf zeit liche und inhalt liche Ver einba rungen. Allerdings wurde von vielen Kindern auch erwähnt, dass sie von den Eltern darauf hin gewiesen wurden, kosten pflichtige An gebote oder Werbung zu meiden. Nicht immer scheint es den Kindern möglich, die Regeln zu be folgen, z. B. wenn sie aus Ver sehen auf Werbung klicken, und nicht immer scheinen die Kinder ver standen zu haben, weshalb sie Wer‑ bung nicht an klicken sollen. Bei einigen Kindern zumindest hat sich das Bild fest‑ gesetzt, dass das Anklicken von Werbung schlimme Folgen nach sich ziehen kann. Bezüg lich des Werbewissens und der ‑defini tion gab das Gros der repräsentativ be fragten Kinder an, den Begriff „Werbung“ zu kennen. Konkret kennen sie Werbung aus diversen Kontexten – sowohl offline, als auch online. Sie be gegnet ihnen im nahen Umfeld (z. B. mit der Werbebeilage in der Post, den An geboten im Supermarkt oder mit der Litfaßsäule gegen über der Schule) und auch in den Medien. Fast alle Kinder kennen Werbung aus dem Fernsehen. Dreiviertel der Kinder gaben in der Repräsen‑ tativbefra gung an, auch schon mal Werbung im Internet gesehen zu haben. Nahezu alle Kinder gaben an zu wissen, was Werbung ist und welche Inten tion sie ver folgt. Ledig lich ein kleiner Teil der Kinder – und hier eher die Jüngeren – zeigten sich unsicher. Informa tion, das Offerie ren von Kaufangeboten/Kaufmöglich keiten und Anlocken waren die in der Repräsentativbefra gung heraus stechen den Inten tions zuschrei‑ bungen der Kinder. In ihren selbst formulierten Werbedefini tionen setzten sie zum Teil klare individuelle Schwerpunkte. Sie be ziehen sich auf den Informa tions aspekt von Werbung, heben z. T. kommerzielle Aspekte von Werbung hervor, ver weisen auf den appellativen Charakter oder auf die auf merksam keits erzeugende Funktion von Werbung. Allerdings waren nicht alle Kinder in der Lage, Werbung zu definie ren, was ent weder auf die Unkenntnis des Gegen stands bereichs, auf die Komplexi tät des Themas oder 330 auf die Methode zurück zuführen ist, die es mitunter einigen Kindern er schwert haben mag, ihre Gedanken und Sicht weisen zu artikulie ren. Einzelne Kinder be halfen sich in der Interviewsitua tion damit, Werbung zu be schreiben und bezogen sich dann meist auf ihnen be kannte Werbung aus anderen Kontexten (z. B. Fernsehen) oder sie be‑ schrieben die Werbung, die sie zuvor im Internet als solche identifiziert hatten. Was die Bewer tung von Onlinewer bung anbelangt, urteilen die be fragten Kinder durch aus kritisch, aber nicht undifferenziert. Negativ wird vor allem be wertet, wenn Werbung nervt oder bei der eigent lichen Nutzung stört bzw. diese verun möglicht (hand lungs bezogene Dimension). Ansonsten wird sie – auch wenn sie inhalt lich lang‑ weilig ist – weit gehend toleriert bzw. als ge geben hin genommen. Ein Viertel der Kinder be wertet Werbung durch aus positiv, insbesondere wenn Produkte be worben werden, die sie interessant finden oder die ihre Themen interessen be rühren. Rund 60 Prozent der in der Repräsentativbefra gung be fragten Kinder gaben an, mit ihren Eltern bereits über Werbung ge sprochen zu haben, in der Schule war Werbung bei rund einem Viertel der be fragten Kinder schon einmal Thema. Aus den Gesprächen nahmen die Kinder zum Teil mit, was Werbung ist, welche Meinung die Eltern dazu haben und dass sie vor sichtig sein müssen, wenn sie etwas an klicken. Allerdings scheinen weder die Eltern noch die Lehrer den Kindern Hinweise zu geben, woran sie Werbung im Internet er kennen können. Auf diese Weise bleibt bei manchen Kindern ein diffuses Gefühl zurück, dass auch ein ver sehent licher Klick negative Folgen haben kann. Auf den ersten Blick wirkten die Kinder im Grundschulalter schon recht kompetent im Umgang mit Onlinewer bung. Allerdings zeigte sich erst in der konkreten Nutzungs‑ situa tion, inwieweit die Kinder ihr Werbeschema auf die vor find baren Werbeformen anwenden konnten und wo sich mitunter Schwierig keiten ergaben. In der Beobach tung konnte fest gestellt werden, dass die Kinder – selbst wenn sie über ein umfang reiches Portfolio an Werbe erken nungs merkmalen ver fügen – nicht alle Werbeformen gleicher‑ maßen sicher und zuverlässig identifizie ren können, was u. a. damit zusammen hängt, dass die Werbeformen nicht klar genug vom An gebot ge trennt sind und/oder weil die Kriterien der Kinder nicht greifen. Die Kinder suchen sich zum Teil eigene Anhalts‑ punkte, anhand derer sie ver schiedene An gebots formen unter scheiden können. Dabei kann es zu Ver wechs lungen oder Fehlzuschrei bungen kommen, weil die Werbe erken‑ nungs merkmale der Kinder mitunter auch auf andere An gebote passen, d. h. dass einige Werbeformen nicht erkannt, um gekehrt aber einige inhalt liche An gebote als Werbung identifiziert werden. Häufig wurden von den Kindern Pop‑ups und Pre‑Rolls themati‑ siert, die in den meisten Fällen als Werbung erkannt wurden (u. a. auch daran, dass Kinder Werbespots vor Kino‑ oder Fernsehsen dungen kennen), und die die Kinder 331 7 wie gehen Kinder mit werbung um? zur rezeP tiOn vOn Onlinewer bung durch Kinder als störend und nervend empfanden. In der Praxis zeigte sich, dass viele, aber längst nicht alle Kinder wissen, wie sie derartige – zeit lich oder optisch dem Seiten inhalt vor gelagerte – Werbung über springen oder weg klicken können. Manche Kinder landen bei dem Ver such, das Pop‑up zu schließen, ver sehent lich auf anderen Seiten und wissen mitunter nicht, wie sie auf das Aus gangs angebot zurück gelangen. Zusammen fassend lässt sich fest halten, dass das Werbe verständnis keines falls nur vom Alter und der kognitiven Ent wick lung des Kindes ab hängig ist, sondern dass der Umgang mit werb lichen Erschei nungs formen durch ver schiedene Bedin gungen und Kontext faktoren be einflusst wird, nicht zuletzt auch davon, um was für eine Werbeform es sich konkret handelt. Auf der Basis der Befunde wurde ein mehrdimensionales Modell zum Umgang mit werb lichen Erschei nungs formen ent wickelt. Diesem zufolge ist der Umgang mit Onlinewer bung davon ab hängig, wie vielfältig das Portfolio an Erken nungs merkmalen ist, über welches Werbewissen die Kinder im Allgemeinen ver fügen und inwieweit sie in der Lage sind, den an gebots spezifi schen Kontext einer Werbung (z. B. Produkt seite oder [journalistisch‑]redak tio nelles An gebot) mit zu be‑ rücksichti gen. Aus dem Zusammen spiel dieser Aspekte ergeben sich ver schiedene Umgangs weisen mit jeweils unter schied lichen werb lichen Erschei nungs formen. Das Portfolio werb licher Erken nungs merkmale, das Werbe verständnis sowie die Fähig keit zur kontextuellen Rahmung werden wiederum bedingt durch die kognitive Ent wick‑ lung, die allgemeine Online erfah rung sowie die Erfah rung mit konkreten Online‑ angeboten und die allgemeine Mediensozialisa tion, die sowohl Werbe‑ als auch die Konsumsozialisa tion der Kinder einschließt. Die im Modell skizzierten Faktoren bieten Ansatz punkte für die medien pädagogi‑ sche Praxis, auf die im Zusammen hang mit möglichen Hand lungs optionen in Kapitel 9 ein gegangen wird. 333 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen Im folgen den Kapitel werden die zentralen Ergeb nisse aus den einzelnen Projekt modulen über greifend resümiert und vor dem Hinter grund des Unter suchungs ansatzes, der die ge wünschten normativen Ziele von Werbesozialisa tion zum Aus gangs punkt nimmt, in der Zusammen schau auf Problemlagen hin be trachtet. Normative Ziele im Schnittbereich von Kindern und Werbung sind aus recht licher wie medien pädagogi scher Sicht – wie oben dargestellt – die Gewährleis tung von Hand‑ lungs autonomie bei der Werberezep tion bzw. bei Kauf entschei dungen, die Möglich keit der Ausübung informa tio neller Selbst bestim mung im Hinblick auf die Informa tions‑ flüsse und die Daten verarbei tung durch Dritte im Rahmen von Onlinewer bung sowie die Ermög lichung einer Persönlich keits entwick lung hin zu einer selbst verantwort lichen und ge meinschafts fähigen Person, die möglichst frei von diese Ent wick lung be einträchti‑ gen den Medien‑ und Werbeinhalten ist. Bevor diese Zielwerte als strukturierende Grundlage für die Zusammen schau der Ergeb nisse und die Identifizie rung von Problemlagen ge nutzt werden (Kapitel 8.2 bis 8.4), müssen die be obacht bare Nutzungs praxis durch die heutige Genera tion von Kindern und die von ihnen anzu treffende Werbepraxis, die von ihnen ge nutzten Erken nungs merkmale von Werbung und ihr weiteres Werbesozialisa tions umfeld als wichtige Kontextbedin gungen zusammen gefasst werden. Zu diesem Umfeld gehört auch eine der Haupt herausforde rungen bei der Beurtei lung von Problemlagen im Bereich der Werbepraxis, Werberegulie rung und Werberezep tion: Die Berücksichti gung des Umstands, dass kind liche Onlinenut zung nicht nur die Nutzung an für Kinder ge dachte An gebote umfasst (Kapitel 8.1). 8.1 Kinder in der dOPPel rOlle: umwOrbene zielgruPPe vOn Kinder angebOten und faKtische nutzer gruPPe vOn general-interest-seiten 8.1.1 Kinder nutzen vOr allem Kinder seiten – aber eben nicht nur Die Internetnut zung von Kindern ist ge prägt von quantitativer Aus weitung und Ver‑ jüngung: Kinder ver bringen zunehmend mehr Zeit online bzw. nutzen Onlineangebote, und es lassen sich sowohl in Bezug auf den Nutzungs eintritt als auch auf die regel‑ mäßige Nutzung immer jüngere Zielgruppen er kennen. Zu den An geboten, die von 334 Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren favorisiert werden, zählen v. a. kinder spezifi‑ sche An gebote, Spiel‑ und Videoplatt formen, aber auch Seiten, die ihren persön lichen Themen interessen ent sprechen (z. B. Sport, Tiere etc.). Kinder nutzen also kindgerechte und kindge eignete An gebote, aber auch Seiten, die nicht spezifisch auf sie zu geschnitten sind. In beiden Kommunika tions sphären kommen sie mit Werbeformen und ‑inhalten in Kontakt, die sie vor Heraus forde rungen stellen und die Realisie rung normativer Zielwerte ab schwächen können. Der Aufenthalt von Kindern in Um gebun gen, die werb liche und nicht‑werb liche Kommunika tionen ent halten, die sich an alle Alters gruppen bzw. nicht spezifisch an Kinder richten, ist allerdings auch „offline“ alltäg liche Praxis. Viele Formen von Außen werbung, beispiels weise Litfaßsäulen, Plakat werbung, Digital Signage, aber auch Anzeigen in Zeitun gen und Magazinen, Fernsehwer bung außerhalb des Kinder pro‑ gramms – all das sind Beispiele für ent sprechende „Räume“. Kinder lernen insoweit frühzeitig, in welchen sozialen Räumen welche Arten von werb lichen Äußerun gen üblich sind. Was also unter scheidet Onlineumge bungen von diesen bereits ge lernten Kommunika tions räumen, und warum sind diese Unter schiede relevant? Zum einen kommt es in Onlineumge bungen zu teils schnellen Wechseln unter‑ schied licher sozialer (Kommunika tions‑)Sphären. Mit einem Maus klick kann sich das Kind in einem vollständig andersartig motivierten Umfeld wieder finden. Es sind diese der Hypertextuali tät geschuldeten schnellen Wechsel, die die Erkenn bar keit, in welcher Sphäre man sich gerade be findet, er schwe ren können. Zum anderen finden sich im Internet An gebote mit einer sehr hohen Werbedichte. So kann es zu Situa tionen kommen, in denen das Kind mit einer teils hohen Anzahl gleichzeiti ger Auf merksam keits impulse auf sehr engem Raum konfrontiert wird. Schließ‑ lich kann es in hochmodularisierten An geboten bei von cross‑medial ein gesetzten Marketingprodukten oder bei funktional integrierten An geboten (z. B. Produkt seiten mit Spielen; Unter nehmens blogs mit redak tio nellen Artikeln) teils zu Über lappungen unter schied licher oder unter schied lich wahrgenommener Sphären kommen. Insgesamt ergeben sich daraus deut lich erhöhte Heraus forde rungen an Kinder, in Onlineumge‑ bungen diejenigen Trigger zu er lernen, anhand derer sie die jeweilige Kommunika‑ tions sphäre, aber auch die Motive für einzelne Kommunika tions inhalte schnell identi‑ fizie ren können. 335 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen 8.1.2 Onlinewer bung ist auf allen an gebOten Präsent Onlinewer bung gehört zu den Inhalten, mit denen Kinder selbst verständ lich in Kontakt kommen; einen Ausflug ins Internet mit Kindern zu machen, bei dem man nicht auf werb liche Erschei nungs formen stößt, be dürfte größerer Vor berei tung. Dieser Umstand mag aus mancher Sicht problematisier bar er scheinen, ist aber faktisch vor find bare Praxis und recht lich nicht zu be anstanden. Auch aus medien pädagogi scher Sicht ist eine werbefreie Kindheit nicht zwingender weise der Ansatz, der zu einem frühen Auf‑ und Ausbau von Werbekompetenz beiträgt. Die An gebots analyse zeigte, dass Kinder im Durch schnitt 1,9 Werbesegmenten auf den Start seiten ihrer 100 Lieblings angebote be gegnen. Bezieht man nur die Start‑ seiten in die Berech nungen ein, die mindestens ein explizit werb liches Segment auf‑ wiesen, lag der Durch schnitt explizit werb licher Segmente bei 3,9. Zum Teil wurden bis zu 15 explizit werb liche Segmente pro Start seite eines An gebots er mittelt. Die meisten werb lichen Segmente ent hielten hierbei die Service‑ und Einstiegs portale (3,1) 495, ge folgt von Platt formen (2,8). Die durch schnitt liche Anzahl von Werbun gen auf den Start seiten von Kinder‑ und Jugendwebseiten lag dagegen bei 1,1 Werbe‑ segmenten. Nur auf Kinder seiten bezogen, war der Werbeanteil mit durch schnitt lich 0,7 Werbesegmenten pro Start seite nochmals geringer. Werbliche Kommunika tion ist auf den allermeisten ge nannten Lieblings seiten der Kinder präsent (86 von 100 Start‑ seiten), die Quantität werb licher Formen auf An geboten für Kinder ist aber nicht ver gleich bar mit der Werbemenge auf Seiten, die sich nicht spezifisch an Kinder richten. 8.1.3 vOn Kindern ge nutzte erKen nungs merKmale Die Kinder nutzen eine ganze Reihe von Hinweisen, um Werbung in Onlineumge‑ bungen zu identifizie ren – wobei das nicht immer heißen muss, dass sie wissen, welche Motivlagen und Inten tionen werb liche Kommunika tion aus zeichnet. So ver weisen Kinder bei der Frage, woran sie Werbung im konkreten Fall aus machen, in erster Linie auf die Gestal tung, die sich von ihrem Umfeld abhebt („sieht anders aus“). Auch unter schied liche Features oder Funktionen, die Werbung im Gegen satz zum Inhalt bietet, stellen für Kinder einen nutz baren Hinweis dar („ist etwas anderes“, z. B. kein Spiel). Daneben nutzen die Kinder Kennzeich nungen („Werbung“, „Anzeige“) zur Werbeidentifizie rung – jeden falls dann, wenn diese für sie gut sicht bar und ver ständ‑ 495 Die folgen den angaben in diesem absatz sind jeweils bezogen auf Start seiten insgesamt. 336 lich sind. Weitere ge nutzte Merkmale sind neben der Platzie rung im Außen bereich eines Werbesegments (oben, rechts) solche Hinweise, die sich aus dem Werbeinhalt ergeben: Ist den Kindern das Produkt oder die Marke bzw. das Marken logo aus anderen (Werbe‑ oder Konsum‑)Kontexten bekannt, nutzen sie dies eben falls als „Trigger“. Hier scheinen die Kinder vor allem auf Erfah rungen zurück zugreifen, die sie im Umfeld von Fernsehwer bung oder in Geschäften ge macht haben. Zum Teil ver suchen die Kinder auch, ihre in anderen Kontexten aus gebildeten Werbeschemata auf Onlinewer‑ bung zu über tragen, was nur bedingt funktioniert. Weitere Erken nungs merkmale für Kinder sind Preis nennun gen, das €‑Symbol oder andere Attribute, die etwas mit Kaufen zu tun haben (z. B. Prozent zeichen für günstige An gebote). Kinder ver fügen über sehr unter schied liche Portfolios an Erken nungs merkmalen, die sie unter schied lich kombinie ren. Mit zunehmen dem Alter und er weiterten Online‑ erfah rungen ver größert sich das Portfolio und damit – zumindest theoretisch – die Möglich keiten, auch neue, den Kindern un bekannte Werbeformen zu er kennen. 8.1.4 umfeld der werbesOzialisa tiOn Auch die Familie, die Schule und die Peers spielen im Kontext von Medien‑ und Werbesozialisa tion eine wichtige Rolle. Von den Eltern empfangen die Kinder zum Teil unter schied liche Signale im Hinblick auf Onlinewer bung. Oftmals arbeiten Eltern mit Ver boten und Warnun gen, die sich mit einem „Klick bloß nicht irgendwo drauf!“ zusammen fassen lassen. Zum Teil können die elter lichen Warnun gen von den Kindern nicht ein geordnet werden, weil es ihnen an Hinter grundinforma tion fehlt, sodass bei einigen Kindern diffuse Ängste ent stehen, un beabsichtigte Käufe zu tätigen oder Kosten zu ver ursachen. Gleichzeitig nehmen Kinder aber wahr, dass das Internet eine wichtige Rolle im Konsum verhalten ihrer Eltern spielt: Die Eltern informie ren sich online über Produkte und Preise, teil weise wird auch gleich im Onlineshop be stellt. Dieses zu be obachtende Ver halten ist aus Sicht der Kinder nicht konsistent mit den Warnun gen, die sie selber er halten. Allein derartige Tatsachen können eine Heraus forde rung für die Aus bildung einer reflektierten Werbekompetenz darstellen. Anders ge lagert, aber ver gleich bar heraus fordernd ist die Situa tion, wenn Kinder von Onlinewer bung ferngehalten werden: In den Fällen, in denen Eltern auf den Familien rechnern sogenannte AdBlocker einsetzen, d. h. Software, die werb liche Inhalte anhand von URLs identifiziert und nicht anzeigt, kommen Kinder dagegen praktisch gar nicht in Kontakt mit Onlinewer bung. Aus medien pädagogi scher Sicht ist ein solcher Einsatz allerdings ambivalent: Zwar mag die Software einen guten „Schutz“ 337 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen vor Werbung darstellen, gleichzeitig wird damit aber auch die Möglich keit ver stellt, dass Kinder im Rahmen einer durch Eltern beglei teten Nutzung ihre Medien‑ und Werbekompetenz er weitern („sperren“ statt „darüber sprechen“). Im Hinblick auf die Schule als Sozialisa tions instanz ist be obacht bar, dass das Thema Werbung in den Lehrplänen einzelner Bundes länder be rücksichtigt wird, die Curricula aber kaum die spezifi schen Heraus forde rungen von Onlinewer bung be rücksichti gen. In Schulen scheint es zudem gängige Praxis, dass Schul rechner oder deren Zugangs punkte über aktivierte Werbeblocker ver fügen, was wiederum nicht zu einer beglei teten Exposi‑ tion und Auseinander setzung mit Onlinewer bung führt (Schulze 2013, S. 231). 8.2 hand lungs autOnOmiebezOgene PrOblemlagen: werbegestal tung und starKe anreize In Bezug auf das Erreichen des normativen Ziels der Hand lungs autonomie im Schnitt‑ bereich von Kindern und Onlinewer bung zeigen sich bei der Zusammen schau der Ergeb nisse folgende Problemlagen. 8.2.1 aus gestal tung der werbeKennzeich nung Die An gebots analyse hat ge zeigt, dass Kinder im Internet sehr heterogenen Kennzeichnun‑ gen werb licher Segmente be gegnen – so diese denn über haupt ge kennzeichnet sind. Auf Kinder‑ und Jugendwebseiten sind die Bezeich nungen hier weniger heterogen als auf‑ seiten für alle Alters gruppen, dennoch finden sich auch dort noch diverse Bezeichnungen. Aus recht licher Sicht besteht keine Kennzeich nungs pflicht, solange sich die Werblichkeit aus Sicht des durch schnitt lichen Nutzers bereits aus der sonsti gen Gestal tung ergibt. Insgesamt weisen die Kennzeich nungen eine er hebliche Gestal tungs vielfalt auf. Oft sind die Kennzeich nungen am ent sprechen den Segment platziert und optisch vom Segment ab gehoben (farb lich, in der Ecke des Segments platziert), teil weise stehen die Kennzeich nungen auch ober‑, unter‑ bzw. außerhalb der eigent lichen Werbefläche. Mal sind die Kennzeich nungen in kleine rer, mal in ähnlich großer Schrift größe ge‑ halten, teil weise ist die Schrift größe kleiner als der textuelle Inhalt einer Werbefläche ge halten. Einheit liche ge stalteri sche Merkmale gibt es hier nicht. Der Stand der Forschung und die Rezep tions analyse haben ergeben, dass Kinder Werbekennzeich nungen als Hilfe bei ihrer Einord nung nutzen, wenn diese für sie deut lich wahrnehm bar sind. 338 In der Gesamt sicht führt dies dazu, dass eine unein heit liche Begriffs wahl und eine teils sehr kleine Kennzeich nung den Kindern die Erken nung von werb lichen Inhalten er schwert. Recht lich besteht vor dem Hinter grund restriktive rer Maßstäbe bei Werbung, die sich an Kinder richtet, die Pflicht für Anbieter von Kinder seiten, Werbung umso deut licher zu kennzeichnen, je weniger sich eine Werbung vom Inhalt abhebt. Die Deutlich keit der Kennzeich nung bezieht sich in diesen Fällen sowohl auf den Begriff als auch auf die Kennzeich nungs gestal tung, und kann bei Anbietern von Kinder seiten auch Sponsoren logos umfassen, deren Art der Einblen dung von Kindern ansonsten miss verstanden werden kann. Wenn auf Webseiten Logos oder nament liche Erwäh nungen von Firmen auf tauchen, von denen nicht klar ist, mit welcher Inten tion sie auf der Seite platziert wurden bzw. dort Erwäh nung finden, sind diese auch für Kinder schwer einzu ordnen. Neben Sponsoren logos finden sich häufig auch rein text liche, nament liche Erwäh‑ nungen im Footer von Webseiten. Zwar liegen die Footer häufig außerhalb des Betrach‑ tungs radius des Nutzers und sind damit aus kind licher Sicht mitunter weniger praxis‑ relevant, dennoch kann sich auch hier für Kinder ein ver gleich bares Problem der Einord nung ergeben. Ein weiteres Problemfeld ist die teil weise be obacht bare Praxis, eigene Inhalte eines Webseiten anbieters aus drück lich als „Werbung“ zu kennzeichnen. Ent sprechende Ein‑ blen dungen sind für die ge lernten Werbeschemata von Kindern be sonders ver wirrend. Vor allem, wenn auf Kinderwebseiten eigene Inhalte des Seiten betreibers als werb lich ge kennzeichnet sind, ist die Differenzie rung zwischen werb lichen und nicht werb lichen Inhalten für Kinder deut lich er schwert. Letztend lich trägt eine solche Praxis dazu bei, dass ge lernte Differenzie rungs merkmale ver wässert werden und auch recht lich jeden‑ falls be rücksichtigt werden müssen. 8.2.2 erschei nungs Ort der werbung 8.2.2.1 Platzie rung ausserhalb und innerhalb vOn ge Kennzeichneten rubriKen Ein weiteres maß gebliches Merkmal bei der Identifizie rung eines werb lichen An gebots seitens der Kinder ist die Platzie rung sowie der Kontext der Platzie rung des An gebots auf der Seite. Rund 71 der 413 in der An gebots analyse identifizierten Werbesegmente war in einer als werb lich ge kennzeichneten Rubrik platziert, die sich als Block zudem durch farb liche Hinter legung oder Rahmung vom übrigen Inhalt abhob. Beispiels weise 339 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen gibt es auf einigen Webseiten Rubriken, die klar mit dem Begriff „Werbung“ ge‑ kennzeichnet sind. Es gibt jedoch auch werb liche Inhalte in Rubriken, deren Bezeich‑ nung unspezifi scher ist (bspw. „Partner angebote“, „Partner“). Vor allem auf Service‑ und Einstiegs portalen sind letztere Rubriken bezeich nungen gängige Praxis. Ein werb liches Segment kann aber auch innerhalb von Rubriken platziert sein, die zu den Inhalten des An gebots zählen, und ist dort regelmäßig durch eine Kennzeich‑ nung direkt am Werbesegment selbst oder durch die optische Ab hebung des Werbe‑ segments von den übrigen Rubrikinhalten unter scheid bar. In 91 der 413 analysierten Fälle waren explizit werb liche Segmente innerhalb solcher andersartig ge kennzeichneter Rubriken platziert. Die ge läufigste Platzie rung war und ist aber immer noch die Platzie rung oberhalb oder außerhalb des ge stalteri schen Rahmens um den gesamten Inhalt einer Seite, beispiels weise als sogenannte Hockeysticks oder Banner. Dies traf für rund die Hälfte der Werbesegmente zu. Aus Risikosicht ist fest zustellen, dass Werbung im Content‑Bereich von Kindern schwieri ger einzu ordnen ist. Kinder haben gängige Schemata für die Kennzeich nungs‑ bezeich nungen von Werbung und Werberubriken. Sind Rubriken demgegenüber mit unspezifische ren Bezeich nungen, wie beispiels weise „Partner angebote“ be titelt, ist dies für junge Nutzer schwieri ger, dort automatisch auf werb liche Inhalte zu schließen. Daneben besteht das Risiko, dass durch die Erweite rung derarti ger Kennzeich nungs‑ begriffe die be stehen den kind lichen Erken nungs schemata in Frage ge stellt werden und die kind liche Orientie rung auf dem An gebot insgesamt er schwert ist. Auch bei so ge‑ nannten „Empfeh lungen“ oder „Tipps“ ist die Einord nung der Inten tion schwierig. 8.2.2.2 dynamiK der werbePlatzie rung Werbliche An gebote werden in mehrerlei Hinsicht teils dynamisch auf Webseiten integriert. So ändern sich nach Tages zeit und Wochentag sowohl die Anzahl der platzierten Segmente als auch die Stellen und Größen der Werbeflächen. Tages bezogene werb liche Dynamiken be ziehen sich auf einzelne Werbeflächen, z. B. Banner oder Hockeysticks, die im Tages verlauf von einzelnen Werbeanbietern alleine belegt werden. Die Anbieter schalten dann auf den gleichen Werbeflächen (unter schied liche) Werbung; beispiels weise wirbt ein Hersteller von Videospielen und Spielekonsolen auf einer Kinderwebseite über den Tag ver teilt für unter schied liche Produkte. Die zweite Variante der werb lichen Dynamiken bezieht sich auf rotierende Werbeflächen. Auf diesen wechseln Werbebot schaften unter schied licher Anbieter, meist in kurzem Abstand und aufeinander folgend. Drittens konnten Werbeflächen identifi‑ 340 ziert werden, auf denen sich nicht das be worbene Produkt, sondern die Darstel lungs‑ form einzelner werb licher Segmente (beispiels weise unter schied liche Darstel lungen zu einem Produkt) in kurzen Ab ständen bzw. über vier aufeinander folgende Mess zeit‑ punkte hinweg ändert. Die vierte Variante bezieht sich auf die Position und Anteile werb licher Segmente. Beispiels weise wechseln innerhalb einer Seite sowohl die werb‑ lichen als auch die inhalt lichen Segmente ihre Position, die Gesamtanord nung der Webseite ver ändert sich. Schließ lich sind zum Teil Unter schiede der Anzahl werb licher Segmente zwischen Wochen tagen und Wochen enden fest zustellen. Auf einigen der analysierten Webseiten wurden in den Morgen stunden sowie an Wochen tagen mehr Werbesegmente fest gestellt als zu späteren Tages zeiten oder an Wochen enden. Was bei einer Einzelpunkt betrach tung aus recht licher Sicht unproblematisch ist (solange die Erkenn bar keit der Werbeelemente jeweils ge geben ist), kann aus medien‑ pädagogi scher Sicht ein Problem für die Orientie rung auf Onlineangeboten und die Aus bildung von Strukturwissen sein. Kinder finden sich in be kannten Onlineumge‑ bungen leichter zurecht und kennen die typischen Werbeflächen eines An gebots; ihr Umgang ist hier ver gleichs weise routiniert. Wechseln die Werbeflächen, Umfänge und Erschei nungs formen auf ent sprechen den An geboten, kann dies die Orientie rung und Sicher heit im Umgang mit Onlinewer bung unter minie ren. 8.2.2.3 zeitlich vOr geschaltete werbeinhalte (sOg. Pre-rOlls) Werbung wird nicht immer zeit gleich mit dem auf gerufenen Inhalt an gezeigt; be‑ stimmte Erschei nungs formen von Onlinewer bung werden dem ge wünschten Inhalt zeit lich vor geschaltet, etwa beim Aufruf eines Videoclips oder eines Spiels.496 Während der Einzelinterviews zeigten die Kinder ein routiniertes Ver halten: Größtenteils wussten sie, dass es sich hier um Werbung handelte und klickten – sofern möglich – die Pre‑ Rolls weg, über sprangen sie nach einigen Sekunden oder warteten ab. Unter dem Gesichtspunkt des Erkennens zeigte sich, dass diese (sich auf drängende) Werbeform in der Regel sehr gut von den Kindern erkannt wurde. Zum Teil schien sie den Kindern auch durch ihre Ähnlich keit zu Formen der Fernsehwer bung ver traut. Die Bewer tungen von Pre‑Rolls durch die Kinder waren über wiegend sehr negativ: Wo viele Kinder ge nervt waren, die Pre‑Rolls aber als ge fühltes „notwendi ges Übel“ hinnahmen, argu‑ mentierten andere mit dem be grenzten Zeitlimit, welches ihre Eltern ihnen normaler‑ 496 in der an gebots analyse wurden nur wenige pre-rolls erfasst, da hier die Start- und unter seiten die analyse ebenen bildeten. in den qualitativen rezep tions beobach tungen tauchten pre-rolls hingegen ver mehrt auf, wenn die Kinder z. b. ein Spiel spielen oder einen film ansehen wollten. 341 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen weise für die Internetnut zung zu gestehen. Jedes der Pre‑Rolls mindert dieses Zeit‑ kontingent ohne erkenn baren Nutzen für die be troffenen Kinder. Die Kinder machten keinen Hehl daraus, dass sie sich durch solche Werbeformen ge nervt und in ihrer eigent lichen Onlinenut zung ge stört fühlen. Beide Belästi gungs situa tionen und der Umstand, dass die Kinder zeit weise an der ge wünschten Nutzung ge hindert werden, ge langen aus recht licher Sicht nicht in den Bereich der Unzumut bar keit (was einzelne Gerichte anders sehen können), medien pädagogisch aber er scheinen solche Formen problematisch, da die Kinder das Gefühl der Ohn macht gegen über ent sprechend auf‑ gedrängter Werbung haben können. 8.2.2.4 OPtisch vOr geschaltete werbung (sOg. Overlays, POP-uPs) Neben der zeit lichen Vor schal tung werb licher Inhalte sind auch Werbe einblen dungen möglich, die sich optisch vor die eigent lichen Inhalte des An gebots legen, sogenannte Overlays oder Pop‑ups. Während die tradi tio nellen Pop‑ups auf grund brows erseiti ger Vor einstel lungen von allen Standardbrowsern ab geblockt werden, ist es gängige Praxis, sogenannte Overlays vor den Inhalt zu platzie ren. Anders als Pop‑ups, die sich in einem neuen Browser fenster öffne(te)n, er scheinen Overlays als vor gelagerte Sichtebene im gleichen Browser fenster, ge hören also fest zu der auf gerufenen Seite und führen ihre eigene Benutzer oberfläche, also z. B. Schließen‑Buttons oder Naviga tion mit sich. Derartige Overlays sind im Rahmen der An gebots analyse auf Start seiten selten, auf Unter seiten von All‑Age‑ und Jugendseiten aber durch aus Praxis. Die Overlays „zwingen“ den Nutzer dazu, sich mit dem Werbeelement auseinander zusetzen, da es sich optisch vor die Inhalte schiebt; der Zugang zum er wünschten Inhalt wird so ver‑ wehrt bzw. ver zögert. Der Blick auf die Möglich keiten des Über windens der Overlays auf Kinder‑ und Jugendwebseiten zeigte, dass dort tendenziell die gleichen Naviga‑ tions formen präsent sind wie auf den All‑Age‑Webseiten insgesamt: Sofern die Overlays sich nicht nach kurzer Zeit automatisch schließen, können die Sichtebenen mittels „X“‑, „Schließen“‑ oder „Close“‑Buttons geschlossen werden. Recht lich können be sonders auf dring liche oder zeitraubende Varianten auch von Overlays bereits umfasst werden, wenn die dadurch aus gelöste Belästi gung für Kinder unzu mutbar ist. Auch im Hinblick auf diese Werbeformen zeigen Kinder, die Overlays kennen, einen routinierten Umgang: Sie haben die möglichen Schemata zum Über winden der auf gedrängten Werbeinhalte nicht nur ge lernt, sondern wenden die Schließ möglich keit so automatisiert an, dass ein Overlay oft in der Nutzungs praxis weg geklickt ist, bevor 342 die Inhalte fertig ge laden waren. Auf Werbung an gesprochen, war ihnen teils über‑ haupt nicht bewusst, dass es sich um Werbung handelte. Dort, wo Kinder auf untypi‑ sche Schließ möglich keiten trafen, zeigten sie sich dagegen deut lich irritiert. Aus Sicht der Schutz ziele er scheinen Overlays grundsätz lich als Problem, da sie sich über raschend und unabänder lich vor den vom Kind ge wünschten Inhalt schieben. Das Gefühl der Fremdbestimm theit kann hier insoweit groß sein und das Lernen autonomer Hand lungs entschei dungen im Netz be hindern. An gesichts des be obach teten routinierten Umgangs mit den ent sprechen den Erschei nungs formen be trifft dies aber in erster Linie unerfahrene, jüngere Kinder oder aber Fälle untypi scher Schließ mecha‑ nismen. 8.2.2.5 hinweise auf ver lassen des inhalte angebOts Eine in der An gebots analyse ge machte Beobach tung be trifft eine (seltene) Praxis in Fällen, in denen der Nutzer auf ein werb liches Segment ge klickt hat: Einige der unter‑ suchten An gebote wiesen beim Ver lassen des Inhalts angebots im Rahmen einer vor‑ geschal teten Trenn seite auf den Umstand hin, dass der Nutzer das An gebot ver lässt. Eine ent sprechende Praxis trägt dazu bei, Kindern sehr transparent Aus kunft darüber zu geben, was gerade passiert. Soweit dies im Rahmen einer ent sprechen den Trenn seite erfolgt, wird der Hinweis regelmäßig auch wahrgenommen. Andere Anbieter setzen hier allerdings auf Pop‑up‑Fenster, die einen ent sprechen den Hinweis ent halten. Pro‑ blematisch ist an dieser Hinweis form, dass alle gängigen Browser mittlerweile standard‑ mäßig Pop‑ups blockie ren, sodass der gut ge meinte Hinweis in ab sehbar allen Fällen nicht an gezeigt wird. Aus Sicht der Schutz ziele wäre es für Kinder hilf reich, absehen zu können, bei welchen Klicks sie das An gebot ver lassen. Die Förde rung der Antizipa tions fähig keit und das Wissen um Strategien, wie man zum Ursp rungs angebot zurück gelangt, kann in diesem Kontext weitere Unter stüt zung bieten. 8.2.3 gestalteri sche Oder inhalt liche annähe rung vOn werbung und inhalt Risiken für die Erreichung der Schutz ziele können sich auch dort ergeben, wo die Werbung im Ver gleich zum Inhalt ähnlich ge staltet ist oder die Werbeabbil dungen inhalt liche Bezüge zum Werbeumfeld auf weisen. 343 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen 8.2.3.1 gestalterisch ähnliche werbung Die An gebots analyse hat Werbeformen ge zeigt, die sich hinsicht lich der Farbwahl, Typografie und Anord nung der sie um geben den Gestal tung (stark) annähern. Diese Formen an gelehnter Gestal tung sind in der Unter zahl – es über wiegt die Mehrheit der Fälle, bei denen Werbesegmente keine ge stalteri sche Ähnlich keit zur Webseite auf weisen. Zudem sind die optisch an gelehnten Werbesegmente in der Regel ge‑ kennzeichnet, wenn auch nicht immer mit allgemein verständ lichen Begriffen oder in einer sofort erkenn baren Kennzeich nungs größe und ‑farbe. Recht lich ist in Fällen an gelehnter Werbegestal tung die aus drück liche Kennzeich nung an gezeigt, diese führt aber nur dann zu einer Rechtmäßig keit der Werbeform, wenn die Kennzeich nung vom Durch schnitts nutzer erkannt wird. Zu kleine, vom Kontrast her zu schwache oder vom Begriff her unklare Bezeich nungen sind insoweit reine pro‑forma‑Kennzeich‑ nungen, die gerade nicht die Erkenn bar keit gewährleisten, aus recht licher Sicht eher alibi haft wirken und das Werbe erkennen von Kindern eher schwächen. Insbesondere jüngere Kinder greifen zur Interpreta tion von Informa tionen oftmals auf ge stalteri sche Hinweise beim Werbe erkennen zurück, darunter auch die ge stalteri‑ sche Ab grenz bar keit. Gestalteri sche Merkmale sind daher für das Werbe erkennen in Onlineumge bungen für Jüngere be sonders essenziell. Formen „kaschierter“ oder „camouflierter Werbung“ (LMK 2014) sind daher be sonders anfällig für Miss verständ‑ nisse und Irrefüh rungen bei Kindern und stellen ein Risiko für ihre Hand lungs‑ autonomie dar (vgl. ebd.). 8.2.3.2 inhalt liche bezüge zwischen werbung und seiten inhalt Kinder kommen bei ihrer Onlinenut zung mit werb lichen Inhalten in Kontakt, bei denen die dargestellten Marken oder Produkte einen engen Bezug zu den Inhalten des Gesamtangebots auf weisen. So weist rund ein Viertel der in der An gebots analyse identifizierten Werbesegmente inhalt liche Bezüge zur um geben den Webseite auf. Für Kinder sind solche Werbesegmente, die sich inhalt lich nicht eindeutig vom Inhalt der Kontext‑Webseite ab grenzen, schwerer als Werbung identifizier bar als Werbeinhalte, die Produkte oder Leistun gen aus komplett anderen Lebens bereichen darstellen. Aus recht licher Sicht er scheint Werbung mit einem Bezug zu den sie um geben den Inhalten nur soweit recht lich relevant, wie ihre Erkenn bar keit darunter leidet. Eine Einord nung als Werbung kann hier vor allem Kindern schwerfallen, da sie die in der Werbung ge zeigten Inhalte als Differenzie rungs kriterium nutzen. 344 8.2.3.3 beObach tung: adaPtiOn der werbeästhetiK Mit der Problemlage der ge stalteri schen (aber teils auch inhalt lichen) Ähnlich keit eng zusammen hängt die Beobach tung, dass sich redaktio nell be sonders heraus gestellte An gebot sinhalte (z. B. „Teaser“) zunehmend Gestal tungs formen be dienen, wie sie die Werbeformen nutzen, z. B. schnelle Bildfolgen, Rotation, vom übrigen Inhalt ab gesetzte Boxen, Größen oder Formen. Recht lich kann die Nutzung werbeähn licher redak tio‑ neller Inhalte die Erkenn bar keit der Werbung ver ringern, Spruchpraxis existiert hierzu aber bisher nicht. Aus medien pädagogi scher Sicht ist zu be fürchten, dass der Kampf um Auf merksam keit inhalt licher und werb licher Inhalte zunimmt, was die Differenzie‑ rungs problematik zusätz lich erhöht. 8.2.4 einsatz vOn anreizen Werbung im Netz arbeitet mit unter schied lichen Anreizen, um das Interesse der Werbe rezipienten zu wecken. Neben dem Einsatz zugkräfti ger Testimonials, also etwa Prominenten, be kannten Medien figuren oder kinder affinen Protagonisten, nutzt Online‑ wer bung spieleri sche Anreize, stellt Gewinn möglich keiten in Aus sicht oder richtet Appelle an die Nutzer. 8.2.4.1 idOle Beworbene Produkte oder Dienst leis tungen werden häufig von Testimonials oder in den Kindern aus anderen Kontexten be kannten Welten präsentiert. So werden beispiels‑ weise Figuren oder Charaktere aus Kinder sendun gen ein gesetzt (z. B. der Chima‑Löwe, Hannah Montana) – teils, um ein anderes Produkt zu be werben, teils fungie ren diese Figuren selbst als Marken und sind als Merchandising‑Objekte erhält lich. Recht lich sind ent sprechende Werbeformen bislang nur dort problematisch, wo die ein gesetzten Personen das be sondere Ver trauen der Kinder ge nießen; die reine Schaf fung von er höhter Auf merksam keit, weil ein Kind die ab gebildete Person oder Figur gut findet oder mag, ist dagegen recht lich noch nicht relevant. Das Risiko dieser Anreize besteht unabhängig von dem Ver trauen darin, dass die be worbenen Produkte und Dienst leis tungen für die Kinder per se mit einem höheren Wieder erken nungs wert einher gehen, emotional ge färbt und mit hohem Erlebnis wert ge koppelt sind. Wird ein Produkt oder eine Dienst leis tung durch eine der Zielgruppe 345 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen meist be kannte Person be worben und handelt es sich bei dieser darüber hinaus noch um eine idolisierte Person, kann dies dazu führen, dass die Glaubwürdig keit der Werbebot schaft für den jungen Nutzer erhöht (bzw. über höht) wird. Die Präsenta tion in be kannten Settings kann eine höhere Akzeptanz bzw. eine geringere Refle xions‑ fähig keit in Bezug auf das Beworbene bei den Kindern be wirken und sich so negativ auf die Hand lungs autonomie aus wirken. 8.2.4.2 (gewinn-)sPiele Oder sPieleri sche inhalte Kinder sind spieleri schen Inhalten gegen über sehr auf geschlossen. Werden kommerzielle Inhalte in einen spieleri schen Kontext ein gebunden, wird die Zuwen dung von Kindern zur Werbebot schaft deut lich be günstigt. Im Rahmen der Rezep tions analyse konnten während der Nutzung der Kinder ver schiedene Formen der Einbin dung kommerzieller Kommunika tion in Spielekontexte fest gestellt werden 497: So werden audiovisuelle Werbeformen häufig vor, während oder nach Onlinespielen geschaltet. Hier ist die Motiva tion für Kinder, die Werbung hinzu nehmen und abzu warten, be sonders groß, weil z. B. die Werbeinhalte der letzte Schritt bis zum herbei gesehnten Spielstart sind. Daneben existie ren An gebote auf Hersteller seiten, die be stimmte Marken, einzelne Marken produkte oder Produkt paletten eines Herstellers in spieleri sche An gebote ein‑ binden, bei denen der Nutzer mit den Produkten inter agie ren kann oder in denen die Produkte oder Produkt testimonials und ‑maskottchen als Spielavatare fungie ren (sog. „Advergames“, vgl. Dörr et al. 2011). Als Zugangs anreiz zu derarti gen spieleri schen Pro‑ dukt welten dienen neben klassi scher Onlinewer bung teils offline distribuierte Zugangs‑ codes in Anzeigen oder auf Produkt verpac kungen (cross mediales Marketing). Recht lich sind ent sprechende Handlun gen dort zu greifen, wo insbesondere mithilfe von aleatori schen Mitteln ein über mäßiges Hinein ziehen von Kindern in die spieleri‑ sche Auseinander setzung mit dem Marken produkt erfolgt. Voraus setzung dabei ist, dass die Werbung den Spieltrieb Jüngerer ge zielt aus nutzt, was nicht bei jeder Form spieleri scher Anreize ge geben ist. Das Risiko hier besteht darin, dass bei Kindern ein so starker Hand lungs impuls vom Spielanreiz aus geht, dass das Einnehmen einer kritischen, ggf. auch reflexiven Einstel lung deut lich er schwert ist. 497 im rahmen der an gebots analyse wurden diese formen nicht er mittelt, weil die ent sprechen den inhalte gemäß des analyseschemas nicht auf gerufen wurden. 346 Ähnliches gilt für Gewinn spiele, Ver losungen und das Ver sprechen von Vor teilen. Ob auf (journalistisch‑)redak tio nellen Webseiten, Produkt‑ und Herstellerwebseiten oder Service‑ und Einstiegs portalen – es werden Malwettbewerbe, Preis verlo sungen, Wissens‑Spiele an geboten, es gibt Promi‑Outfits, Fanpakete zum Kinofilm, iPods, Film‑DVDs, Luxus‑Zahnbürsten, Beauty‑Pakete u. v. m. zu gewinnen. Auch über Gewinn spiele können Anreize für Kinder gesetzt werden, sich näher mit der Werbung auseinander zusetzen oder an dem ent sprechen den (Gewinn‑)Spiel teilzunehmen. Ge‑ winn spiele und Wettbewerbe, die von Kinder seiten redak tionen an geboten werden, weisen eben falls regelmäßig einen werb lichen Anteil auf, soweit es um die Darstel lung des zu gewinnen den Produkts geht. Durch die be sonders positive Heraus stel lung der Preise/Gewinne scheinen zwei Problemebenen auf: Zum einen er scheinen Inhalte, die das aus gelobte Produkt be sonders an preisen; an gesichts von Schleichwerbe verboten sind diese Fälle bereits recht lich umhegt. Zum anderen kann aus dem Anreiz ein ver‑ ringerter Refle xions grad im Hinblick auf die meist folgende Daten eingabe folgen. Letzteres ist in erster Linie ein Problem des Daten schutz rechts, nicht des Werberechts – die Methode, an personen bezogene Daten des Kindes zu ge langen, unter scheidet sich strukturell aber nicht von Methoden zur Setzung von Auf merksam keits anreizen. Eine weitere, (noch) selten anzu treffende Praxis im Rahmen von spieleri schen Inhalten oder Gewinn spielen ist das Ver sprechen virtueller Items, be sonde rer Preise, ge steigerter Chancen auf einen Gewinn oder des Zugangs zu exklusiven Inhalten unter der Voraus setzung, dass man zuvor meist audiovisuelle Werbeinhalte vollständig re‑ zipiert. Dieser Trend zu Deals „Gegen leis tung für Werbeaufmerksam keit“ ist risiko‑ behaftet, da es bei Kindern einen schwer abwend baren „Zwang“ zur Werberezep tion zur Folge haben kann. Recht lich besteht hier insoweit ein Graubereich, da unklar ist, inwieweit Kinder hier aus genutzt werden, und zudem das Ziel einer ggf. be stehen den Aus nutzung nicht die Herbei führung eines Kauf entschlusses ist, sondern ledig lich die mehr oder weniger „freiwillige“ Rezep tion des Werbeinhalts. 8.2.4.3 crOss mediales marKeting Cross mediales Marketing wird in zwei Richtun gen ge nutzt. Zum einen werden in bzw. aus Massen medien be kannte Marken und Figuren durch cross mediales Merchandising von einer Sendung in andere Konsum‑ und Produkt bereiche über tragen. Zum anderen werden von am Markt erfolg reichen Produkten auch audiovisuelle Inhalte produziert. In beiden Fällen strahlt die Bekannt heit und positive Konnota tion der einen Seite gleichzeitig auf die Inhalte oder Produkte der anderen Seite aus. 347 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen Werberecht lich ist cross mediales Marketing in der Regel nicht relevant; solange die eine Seite nicht explizit für ein konkretes Produkt der anderen Seite wirbt, ist von einer spezifi schen Absatz förde rungs absicht nicht ohne Weiteres auszu gehen. Aus Sicht von möglichen Risiken für die Schutz ziele ist prinzipiell beiden Strate‑ gien der gleiche Aspekt immanent: Produkt und Medien inhalte sind aus Kinder sicht schwerer trenn bar, die Sendung ist immer auch auf merksam keits steigernd für die Merchandisingartikel, und käuf liche Produkte sind immer gleichzeitig eine Erinne rung an den ver fügbaren Medien inhalt. Anderer seits zeigt sich, dass es den Kindern teils leichter fällt, Werbung zu identifizie ren, wenn sie eine Marke (eine Sendung/eine Figur/ ein Produkt) aus anderen Kontexten (wieder er‑)kennen. 8.2.4.4 ansPrache; aPPelle Die An gebots analyse hat ge zeigt, dass sich im Onlinebereich viele und teils neue Formen der Ansprache finden. Direkte, teils appellative Ansprachen – auch im Umfeld von Kinder‑ und Jugendwebseiten – sind gängige Praxis. Insbesondere auf Service‑ und Einstiegs portalen war der Anteil direkter Appelle hoch. Direkte Ansprachen können dabei sach lich‑informativ, inter aktiv, reflexiv‑kritisch oder direkt‑auffordernd formuliert sein und sind damit sehr facetten reich. Die recht liche Rahmung ist be grenzt auf das Verbot direkter Kaufaufforde rungen an Kinder und umfasst ge zielte Hand lungs‑ aufforde rungen in der Regel nicht. Direkte Appelle, die „nur“ auf eine Auseinander setzung mit dem werb lichen Inhalt oder auf eine be stimmte Handlung (außer dem Kauf) gerichtet sind, können sich aber als problematisch er weisen, wenn sie in ihrer Ansprache intensiv sind und an Emotio‑ nen, Wünsche oder Ängste appellie ren und damit die geringere Refle xions fähig keit von Kindern für ihre Zwecke nutzen. Auch Imperative, die nicht kaufbezogen sind, können sich als problematisch er weisen, insbesondere wenn sie auf dahinter liegende, mittel bare Kaufop tionen ver weisen. 8.2.5 (PädagOgi sche) anbieterinfOrma tiOnen zu Onlinewer bung Die An gebots analyse hat ge zeigt, dass nur wenige An gebote Informa tionen über ihren Einsatz von Werbung und zu Onlinewer bung generell vor halten. Selbst dort, wo Inhalte‑ anbieter ent sprechende Informa tions angebote machen, sind diese Werbe kompe tenz seiten so wenig kinder affin ge staltet und formuliert, dass eine Beschäfti gung durch Kinder (und ver mutlich auch durch Eltern) damit in der Regel aus geschlossen sein dürfte. 348 8.2.6 quantität der werbesegmente und -fOrmate Die meisten der in der An gebots analyse identifizierten Werbesegmente sind grafisch ge staltet. Dies trifft für die All‑Age‑Webseiten genauso zu wie für Kinder‑ und Jugend‑ webseiten. Aber auch textuelle, animierte und filmische Segmente konnten identifiziert werden. Das Problem der Erkenn bar keit liegt hier nicht so sehr in der grafischen, textuellen oder filmischen Gestal tung von Werbesegmenten, sondern in der Gesamt struktur von Internet seiten, die mit den gleichen Elementen arbeiten, für die Inhalte genauso wie für Werbung; einzelne Seiten bieten den Nutzern in ihrer Gesamt heit eine hohe Anzahl auf merksam keits heischen der Segmente mit unter schied lichen Inten tionen. Alles blinkt, bewegt sich oder ist inter aktiv ge staltet. Je mehr unter schied liche Segmente ein An gebot auf weist, und je mehr diese Segmente mit optischen oder ge stalteri schen Kniffen um Auf merksam keit buhlen, desto schwieri ger wird es, unter schied liche Inhalte voneinander abzu grenzen und den Über blick über die Einzelinten tionen der Kommunika tionen zu wahren. Insbesondere bei Kindern kann es hier zu Fehleinschät zungen, Miss verständ nissen oder schlicht ver‑ sehent lichen Klicks kommen. Alle drei Fälle aber stellen ein Risiko für die Handlungs‑ autonomie dar und können die kritische Nutzung des Gesamtangebots hemmen. 8.3 PrOblemlagen im hinblicK auf die infOrmatiO nelle selbst bestim mung: infOrma tiOns flüsse und daten verarbei tung In Bezug auf das Erreichen des normativen Ziels der Ausübung informa tio neller Selbst‑ bestim mung im Schnittbereich von Kindern und Onlinewer bung zeigen sich bei der Zusammen sicht der Ergeb nisse die folgen den Problemlagen. 8.3.1 daten schutz hinweise der inhalte anbieter Die Mehrzahl der Anbieter hält Hinweise auf den Nutzer daten schutz bereit, etwa in Form von Links auf seiten wie „Daten schutz hinweise“, „Daten schutz“ und „Privacy Policy“. Ent sprechende Links finden sich hauptsäch lich im Footer aller Seiten des An‑ gebots, meist in unmittel barer Nähe zu Kontakt‑ oder Impressum‑Verweisen. Möchten Kinder oder Eltern mehr über die an gewandten Daten schutz standards eines Anbieters 349 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen wissen, so bieten diese Texte ent sprechende Hinweise. Der dort ver wendete Sprachstil weist aber teils Rechts begriffe oder komplexe Satzkonstruk tionen auf, und ist vom Sprachstil her insgesamt für Kinder (aber auch für Eltern) schwer ver ständ lich. 8.3.2 bewusste daten eingabe Die Ab fragen von personen bezogenen Daten im Rahmen von Gewinn spielen, Ver‑ losungen oder Registrie rungs abläufen sind kein unmittel bar werbespezifi scher Aspekt, sondern eher dem Bereich Marketing zuzu ordnen. In der An gebots analyse konnte allerdings eine mitunter diffuse Abfrage von Daten fest gestellt werden. Auf 58 Landing Pages gab es die Möglich keit der Eingabe persön licher Daten 498. Neben der E‑Mail‑ Adresse wurden häufig die Adresse, der Name, das Geburts datum sowie das Geschlecht ab gefragt. Selbst Schuhgröße, Konfek tions größe und letzter Arztbesuch waren teils Thema der Formulareingaben. Hier zeigen die Ergeb nisse der An gebots analyse, dass tatsäch liche, gewinn spiel basierte Teilnahmebedin gungen regelmäßig in der unmittel‑ baren Nähe der Daten eingabe ver linkt sind. Bei kinder affinen Fällen erfolgt der Hinweis, dass die Daten eingabe das Einverständnis der Eltern voraus setzt, oft nur innerhalb der Teilnahmebedin gungen und nicht direkt im Rahmen der Daten eingabe. Hier besteht das Risiko, dass Kinder ihre persön lichen Daten ein geben, weil sie den ledig lich ver linkten Hinweis nicht sehen. Soweit die (ver linkten) Teilnahmebedin gungen eine Einwilli gung in die Daten verarbei tung vor sehen, reicht dies für eine rechts wirksame Einwilli gung nicht aus. Die daten schutz recht liche Einwilli gung muss vielmehr von den übrigen Teilnahmebedin gungen ge trennt und aus drück lich er folgen, etwa durch ein bewusst zu aktivie ren des Häkchen auf der Seite des Teilnahmeformulars. Durch Gewinn spiele oder das Ver sprechen von be stimmten Vor teilen bei der Teilnahme, aber auch durch direkte Hand lungs appelle können Kinder teils ge zielt zur Daten eingabe motiviert werden. Im Daten schutz recht besteht hier die Voraus setzung, dass die Einwilli gung (der Eltern) freiwillig er folgen muss, Druckmittel oder das Aus‑ nutzen von kind lichen Trieben würden diese Voraus setzung unter minie ren. Es sind aber Situa tionen denk bar, in denen Kinder durch starke Anreize zur Teilnahme moti‑ viert werden und dann – besten falls unter Einbeziehung ihrer Eltern – die ab gefragten Daten ein geben. Recht lich sind diese Situa tionen kaum zu fassen, eine Ver gleich bar keit zu den Kaufmotivatoren‑Situa tionen drängt sich hier aber auf. 498 zum teil mehrfachnen nungen. 350 Das Risiko einer un bedachten Eingabe personen bezogener Daten von Kindern besteht darin, dass die Daten je nach Tragweite der Einwilli gung auch an Dritte weiter gegeben werden können, das Kind also die Kontrolle darüber ver liert, wer diese Daten zu welchen Zwecken weiter verarbeitet. Gerade eine spätere persön liche Ansprache des Kindes durch Dritte kann eine be sondere Ver trauens würdig keit oder ver meint lichen sozialen Druck auf Kinder auf bauen. Für die Gewährleis tung informa tio neller Selbst‑ bestim mung wären ent sprechende Situa tionen abträg lich. 8.3.3 un bewusste daten verarbei tung und beObacht bar Keit Insbesondere die Cookie‑Analyse hat ge zeigt, dass der Einsatz von Tracking‑Technologie gängige Praxis von Inhalte anbietern und Werbedienst leistern ist. Im Bewusstsein der Nutzer ist die Thematik bisher noch wenig in den Vordergrund ge treten. Selbst aus Experten sicht er scheint Tracking als Blackbox, in die man ohne Anbieterwissen keinen tiefgreifen den Einblick in die Informa tions flüsse, Daten verarbei tungs vorgänge und insbesondere den Grad der Anonymisie rung und Pseudonymisie rung erhält. Für die Gewährleis tung informa tio neller Selbst bestim mung ent steht bei den Kindern so nach und nach ein diffuses Gefühl der Beobachtet heit und damit die Gefahr der Anpas sung der Onlinenut zung an ein ver meint lich konformes Ver halten. Das Ziel einer unbe‑ einträchtigten Persönlich keits entwick lung ist dadurch jeden falls tangiert – auch, wenn konkrete Aus wirkungen solcher panopti schen Um gebun gen bislang wissen schaft lich nicht hinreichend unter sucht wurden.499 Soweit Tracking‑Technologien zur Erstel lung pseudonymer Nutzer profile ge nutzt werden, die nur mit un verhältnis mäßig hohem Aufwand auf eine Einzelperson rück‑ führ bar sind, ist das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung nicht unmittel bar be troffen, da die ver arbei teten Daten gerade nicht mehr personen bezogen bzw. personen‑ bezieh bar sind. Dennoch weisen auch diese Ver fahren Aspekte auf, die eine Schutz‑ ziel relevanz haben können: Durch die Aus wertung großer Daten bestände und der Konsolidie rung auf seiten der inter mediären Anbieter er scheint eine fast lücken lose Beglei tung eines Nutzers während einer oder gar aller Nutzungs ses sions möglich. Einer seits kann es – etwa durch den Umstand, dass mehrere Nutzer ein Endgerät be nutzen – zu der Abände rung, Erweite rung oder Fehlerhaftig keit von Nutzungs profilen 499 vgl. oermann, Das „Kommunika tions panopticon“ als heraus forde rung für die Daten schutz regulie rung von inkludie ren den online- kommunika tions diensten, DSritb 2013, 53 ff. 351 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen kommen, die den tatsäch lichen Interessen des Kindes nicht ent sprechen. Damit kann das Kind (theoretisch) auch solche Werbung er halten, die im besten Fall für das Kind schlicht uninteressant oder belang los ist, im schlechtesten Fall ent wick lungs beein‑ trächtigend sein kann. Außerdem ist dabei der Aspekt nicht zu ver nachlässigen, dass das Anlegen von (pseudonymen) Nutzer‑ oder Interessen profilen Kinder in einem Ent wick lungs stadium zu kategorisie ren ver sucht, das ge kennzeichnet ist durch immer wieder kehren des Aus probie ren unter schied licher Persönlich keits facetten und sozialer wie antisozialer Ver haltens weisen; Kinder und Jugend liche weisen ein hochgradig instabiles Persönlich keits profil auf, das durch Trackingtechnologien artifiziell ein‑ geordnet und fest geschrieben wird. Durch das so be stehende Risiko einer Fehleinord‑ nung und darauf basieren den Aus liefe rung ver meint lich nutzu ngs‑ oder interessen‑ basierter Werbeinhalte können experimentell ein gegangene Interessen oder Themen auf Nutzer seite faktisch zementiert werden, sodass sich neue Interessen ggf. schwieri‑ ger aus bilden können. Die im Rahmen von Onlinenut zung diskutierte „Filter Bubble“ kann hier ent sprechend dadurch ent stehen, dass sich derzeitige Interessen des Kindes und die darauf basierten Werbeinhalte gegen seitig ver festi gen. Aus Sicht einer unbe‑ einträchtigten Persönlich keits entwick lung sind ent sprechende Ent wick lungen aber nicht optimal. In Bezug auf die in der Praxis er teilten Einwilli gungen und Ver arbei tungen perso‑ nen bezogener Daten wurde oben fest gestellt, dass deren Grundlage die Aussage der daten verarbeiten den Stellen ist. Zudem hat die Selbst kontrolle hier jüngst Ver haltens‑ kodizes und Lizenzie rungs verfahren ein geführt, die in der Lage sind, das Über hand‑ nehmen beim Aus spielen kinder spezifi scher Werbung an kind liche Nutzer zu ver‑ hindern. Der ge wählte Ansatz blieb aber nicht ohne Kritik. Zum einen findet in der Praxis auch bei Kindern Tracking grundsätz lich statt, auch das Anlegen von (gemäß der Selbst kontroll vorgaben um kindspezifi sche Interessens egmente ver ringerten) Nutzer‑ profilen erfolgt wie bei Erwachsenen. Zum anderen ver folgt die Werbeindustrie einen Opt‑out‑Ansatz, d. h. das Tracking wird grundsätz lich vor genommen, wenn der Nutzer nicht die Ab wahlmöglich keiten durch anbieter seitig vor gehaltene Opt‑out‑Cookies oder durch die Einstell möglich keiten auf youronlinechoices. eu wahrnimmt. Dies ent‑ spricht zwar der Rechts logik des § 15 Abs. 3 TMG, steht aber aus Sicht von Teilen der Literatur nicht im Einklang mit den Vor gaben der EU‑Cookie‑Richtlinie, die eine vor herige Einwilli gung dort ver langt, wo Informa tionen auf Nutzer seite ge speichert werden.500 500 Schröder, DSritb 2013, 173 ff. 352 8.4 gemeinschafts fähig Keits bezOgene PrOblemlagen: Jugendschutz relevante werbeinhalte Kinder können in Kontakt mit werb lichen Inhalten kommen, die nicht alters gerecht sind bzw. eine freie Persönlich keits entwick lung des Kindes be einträchti gen können. Neben den aus dem Jugendschutz recht be kannten Kategorien können auch weitere aus medien pädagogi scher oder ent wick lungs psychologi scher Sicht relevante Problem‑ felder auf scheinen. In Bezug auf das Erreichen des normativen Ziels der kind lichen Ent wick lung hin zu einer selbst bestimmten und ge meinschafts fähigen Persönlich keit im Schnittbereich von Kindern und Onlinewer bung zeigen sich bei der Zusammen‑ sicht der Ergeb nisse die folgen den Problemlagen. 8.4.1 gewalt Oder sexuali tät Werbung, deren Inhalte für Kinder als unge eignet er scheinen (z. B. gewalt tätige Inhalte, Geschlechter rollenklischees, Chatforen, Partnerschafts börsen), konnte im Rahmen der An gebots analyse als eher seltene Praxis be obachtet werden. Dennoch ist die grundsätz‑ liche Problematik des Erscheinens derarti ger Werbeinhalte bei der Onlinenut zung von Kindern nicht gänz lich von der Hand zu weisen. Dort, wo tatsäch lich ent wick lungs beeinträchtigende Werbeinhalte vor liegen, besteht ein recht lich wie institutio nell gut auf gestellter Rahmen, in dem die staat liche Medien‑ aufsicht sowie die Selbst kontrolle der Wirtschaft in einem System regulierter Selbst‑ regulie rung ver schränkt ist. Diskutier bar wären z. B. Werbun gen für Flirtportale und Partnerbörsen im Kontext von Seiten, die sich zumindest an Jugend liche richten; der ent wick lungs beeinträchtigende Aspekt besteht hier in der möglichen Wahrneh mung, dass es online stets flirt willige, intelligente, gut aus sehende Menschen gibt, was ein Kennen lernen über traditio nelle Wege weniger wichtig er scheinen ließe. Auch eine ge walthaltige Werbung für einen einfachen Online‑Ego‑Shooter tauchte öfter im Kontext von Seiten auf, die sich auch an Kinder und Jugend liche rich teten. Die Werbedarstel lung mit einem auf Gegner gerich teten Gewehr und Faden kreuz sowie dem Befehl „Erschieße drei deiner Feinde!“ kann nach der hier ver tretenen Ansicht für Kinder unter 14 Jahren ggf. ent wick lungs beeinträchtigend sein. Eine auch aus Jugendschutz sicht ent stehende Problemlage sind die oben an ge‑ sprochenen Nutzer profile, die im Rahmen von Tracking anfallen. Nutzen mehrere Personen ein Endgerät oder einen Account, also etwa die Kinder mit Eltern oder älteren Geschwistern zusammen, kann es theoretisch zu Situa tionen kommen, in denen 353 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen nicht alters gerechte Werbeinhalte an das Kind aus geliefert werden, da der Profiling‑ Dienst leister noch das Konsumenten profil des älteren Nutzers „be liefert“. Die Ver‑ gleichs analyse hat ein Szenario er stellt, in dem jeden falls die Möglich keit an gelegt war, ent wick lungs beeinträchtigende Werbung an den Erwachsenen rechner auszu liefern – jugendschutz recht lich problemati sche Werbeinhalte sind dort aber nicht auf gefallen. Das kann ein Hinweis auf die geringe Praxis relevanz sein, aber auch durch die methodi‑ sche Vor gehens weise bedingt sein 501; dennoch sollten Eltern für das Risiko sensibilisiert werden, dem mit der Einrich tung eines eigenen Kinderprofils sehr leicht präventiv be gegnet werden kann. 8.4.2 alKOhOl und nahrungs mittel In der An gebots analyse – vor allem auf General‑Interest‑Seiten und in An geboten, die sich an Jugend liche rich teten – fand sich (selten) Werbung für Alkohol. Recht lich sind derartige Werbeinhalte auf An gebote, die sich an Jugend liche richten, unzu lässig – auch wenn Jugend liche ab 16 Jahren (in Beglei tung der Eltern ab 14) alkoholhaltige Getränke wie Bier, Wein oder Sekt konsumie ren dürfen. Der Eindruck der Allgegen wärtig keit und allgegen wärti gen Ver fügbar keit von Alkohol auch für Kinder und Jugend liche kann hier nach Sicht des Gesetz gebers automatisch eine negative Folge für die Ent‑ wick lung Minderjähri ger haben. In Bezug auf aus Ernäh rungs sicht problemati sche Nahrungs mittel fanden sich in der An gebots analyse bezogen auf Kinder seiten keine Beispielfälle. In diesem Bereich hat sich die Lebens mittel‑ und Werbeindustrie ver‑ gleichs weise restriktiven Selbst verpflich tungen unter worfen, die offen bar ent sprechende Aus wirkungen auf die Praxis haben. 8.4.3 Klischees bei geschlechter rOllen und KörPerbild Unter halb gesetz licher Vor gaben ver fügt die Werbeselbst kontrolle teils über Ver haltens‑ regeln, die auch die Durch setzung von Standes recht und medienethi schen Regeln er möglichen. Die relevanten Fälle der An gebots analyse be rührten vor allem die unter‑ recht liche Ebene, soweit es dabei um die Ver mitt lung fragwürdi ger Schön heits ideale, Diäten und Körperbilder, Partnerbörsen oder klischee hafter Geschlechter rollendarstel‑ 501 eine erklä rung kann sein, dass die be suchten an gebote auf grund ihres guten rufes nur mit Werbenetz werken kooperie ren, bei denen reputa tions schädigende Werbeinhalten aus geschlossen sind. 354 lungen ging. Die ver hältnis mäßige Selten heit von ent sprechen den Werbeformen auf kinder‑ oder jugendaffinen Seiten kann hier eine Erklä rung dafür sein, dass ent‑ sprechende Inhalte nur selten zu einer Beschwerde bei der Selbst kontrolle führen oder anlass los von der Selbst kontrolle ent deckt werden. 8.5 struKturelle und sOnstige PrOblemlagen Neben den schutz ziel bezogenen Problemlagen haben insbesondere die recht liche Analyse sowie die Experten gespräche strukturelle Aspekte zutage ge fördert, die für einen effek‑ tiven Ordnungs rahmen in der Werberegulie rung hinder lich sein können. 8.5.1 struKturelle ent KOPP lung vOn werbung und inhalt und der anbieter begriff Die Aus liefe rung von Werbeinhalten auf Werbeflächen in Gesamtangeboten erfolgt zunehmend individuell nutzer bezogen. Damit einher geht ein schwinden der Einfluss der Inhalte anbieter auf die konkreten Werbeinhalte und deren Gestal tung; gleichzeitig steigen die Einfluss nahmemöglich keiten auf seiten der Werbedienst leister, die je nach Akteurs konstella tion weder der Medien aufsicht noch dem Nutzer bekannt sind und bisher auch nicht in medien politi sche Gesprächsforen einbezogen werden. Recht liche Vor gaben knüpfen hier zentral am Anbieter begriff an, bei hybriden oder modular zusammen gesetzten Diensteformen führt dies dazu, dass es eine Mehrzahl adressier‑ barer Anbieter gibt. Dies haben die (Tele‑)Medien aufsicht und die Ver braucherzentralen bisher nicht aus reichend ver inner licht, die Daten schutz aufsicht jeden falls nicht systema‑ tisch – üblicher weise werden die Inhalte anbieter an gegangen. Mit dieser Vor gehens weise können Einzel verstöße ab gestellt werden, während ggf. die gleiche Werbung auf vielen anderen An geboten weiter läuft. 8.5.2 vOllzug gesetz licher und selbstregulativer vOr gaben Über die tatsäch liche Effizienz des Vollzugs im Bereich der medien ord nungs‑ und daten schutz recht lichen Vor gaben sowie den dadurch auf Anbieter seite ge fühlten ver‑ meint lichen Vollzugs druck kann diese Studie keine Aussage treffen. An gesichts der im Bereich des Jugendmedien schutzes öffent lich diskutierten Themen bleibt aber 355 8 zusammen schau der erKennt nisse und identifize rung vOn PrOblemlagen immerhin fest zustellen, dass Werbung hier kaum eine Rolle spielt 502; im Bereich des Wettbewerbs rechts setzt in erster Linien der Ver braucherzentrale Bundes verband e. V. (vzbv) Akzente durch systemati sche Sichtung ganz konkreter wettbewerbs recht licher Ver stöße mit zahlen mäßig ent sprechend vielen Ab mahnungen und an schließen den Gerichts verfahren. Aus steue rungs wissen schaft licher Sicht fällt dabei auf, dass das Wettbewerbs recht dort einen geringen Anreiz zur Ab mahnung von Wettbewerbern stellt, wo Ab mahnen‑ der und Ab gemahnter ggf. die gleichen Werbeinfrastrukturen be nutzen. Eine wett‑ bewerbs recht liche Klage gegen eine be stimmte Gestal tungs form von Werbung oder gegen die Benut zung eines be stimmten Appells könnte bei Erfolg vor Gericht gleichfalls die eigene Praxis des Klägers be einträchti gen. Die systemati sche Durch setzung von wettbewerbs recht lichen Vor gaben – auch unter gericht licher Konkretisie rung der recht‑ lichen Vor gaben in Bezug auf Onlinewerbe‑Situa tionen bei Kindern – birgt strukturell die Gefahr, dass alle Anbieter be troffen sind und die Onlinewerbeindustrie insgesamt in ihren Möglich keiten be schränkt wird. Ohne die Aktivlegitima tion der Ver braucher‑ zentralen, gegen UWG‑Verstöße vorzu gehen, gäbe es wahrschein lich noch weniger gericht liche Spruchpraxis in diesem Bereich als ohnehin. Auch im Bereich der Werbeselbst kontrolle muss davon aus gegangen werden, dass die Kontrolle und der an schließende Vollzug selbstregulativer Normen insbesondere in Zweifels fällen strukturell ge hemmt ist, da von der konkretisie ren den Aus legung der Ver haltens regeln im Zweifel möglich keits veren gende Folgen aus gehen. Dass die Selbst‑ kontrolle aber die wirtschaft lichen Möglich keiten derjenigen, deren Interessen ver treten werden, über das in den Ver haltens regeln hinaus gehende Maß be schränkt, ist system‑ immanent strukturell aus geschlossen. 8.5.3 selbst verständnis und handeln nach gesell schaft licher ver antwOr tung Im Hinblick auf die neuen Akteure im Bereich Onlinewer bung ist das strukturelle Problem eines (meist noch) fehlen den Selbst verständ nisses zu be obachten, was die Wahrneh mung der eigenen Funktion und der Rolle von Inter mediären insgesamt (Werbenetz werke, Tracking‑Anbieter, Profiling‑Anbieter etc.) angeht. Viele der Anbieter sehen sich als neutrale Infrastrukturdienst leister, die mit Problemen im Bereich von 502 eine aus nahme stellte ein kurzer Diskurs dar, der sich an die vor würfe der Schleichwer bung im youtube-Channel der erfolg reichen deutschen produk tionen von „y-titty“ an schloss. Diese Debatte war dabei von großer unsicher heit ge prägt, welcher rechts rahmen denn eigent lich gilt und welche vor gaben konkret ver letzt sein könnten, vgl. grundsätz lich leitgeb, zum 2009, 39 ff.; Duisburg, gezielt und preis wert – die Soap im internet. Werberecht liche aspekte zu Webisodes, zum 2011, 141 ff. 356 Kindern und Onlinewer bung nichts zu tun haben. Dabei spielen diese Inter mediäre eine für die Werbe auswahl und Werbe ausliefe rung zunehmend zentrale und eine zunehmend von den Inhalte anbietern ent koppelte Rolle. Für den Vollzug (medien‑, jugendschutz‑, daten schutz spezifi scher) ord nungs recht licher Anforde rungen in Berei‑ chen, auf die diese Inter mediäre Einfluss haben, sind die neuen Anbieter daher ggf. (zukünftig) wichtige Adressaten – nicht zuletzt, weil sie massen haft be gangene Rechts‑ verstöße zentral ab stellen können. 8.5.4 weitere PrOblemlagen Weitere Beobach tungen, die auf mögliche Strukturprobleme hinweisen, sind – das mögliche Miss verständnis von Teilen der Medien politik und der Gesell schaft bzgl. der Funktion und des Selbst verständ nisses der Werbeselbst kontrolle. Der Werberat sieht sich aus schließ lich im Bereich unter gesetz licher Sach verhalte als Selbst kontrollinstanz; Ver stöße gegen recht liche Vor gaben prüft er nicht, sondern leitet diese an die Medien aufsicht weiter. Teilweise deuten hier Aus sagen Dritter auf eine andere Erwar tungs haltung hin („Werbe verstöße muss die Werbeselbst‑ kontrolle ahnden“); – dass der Rechts rahmen für Werbung als Flickenteppich auch dort zu Problemen führt, wo in Einzel bereichen Änderun gen, Reformen oder Novellen vor genommen werden sollen. Der Grad der be griff lichen und rechtsinterpretativen Ver schrän kung führte bei einer Aus weitung oder Anpas sung z. B. des Medien ord nungs rahmens auch zu tiefgreifen den Konsequenzen für das Wettbewerbs recht (und ggf. die wettbewerbs recht liche Rechtsprechung) – von den EU‑Vorgaben, die die einzelnen Rechts bereiche dabei zu be rücksichti gen oder auszu füllen haben, ganz ab gesehen. Das Mehr‑Ebenen‑ und Mehr‑Bereichs‑System der Werberegulie rung ist komplex und führt auch zu Mehraufwand im Falle einer Änderung; – dass die Regulie rungs ansätze und Kommunika tions kulturen bei Landes medien‑ anstalten, Daten schutz aufsicht und Ver braucherzentralen durch aus unter schied lich sind. Dies macht es Anbietern schwerer, behörd liche Ver fahren und ihre Aus gänge zu antizipie ren und sich auf das jeweilige Gegen über adäquat einzu stellen; – das Fehlen systemati scher Koopera tions formen zwischen Ver braucherzentralen, Landes medien anstalten, Telemedien‑ und Daten schutz aufsicht, obwohl im Hinblick auf die Steue rungs ziele ver gleich bare Zwecke ver folgt werden, aber auch fehlende institu tionalisierte Foren, in denen die behörd lichen Stellen, die Ver braucherstellen und die Selbst kontrolle in einen kontinuier lichen Aus tausch kommen. 357 9 hand lungs OPtiOnen Im ab schließen den Kapitel der Studie werden vor dem Hinter grund der Ergeb nisse der Einzelmodule, vor allem aber auf Grundlage der in Kapitel 8 identifizierten Risiko‑ und Problemlagen, Hand lungs optionen für den Gesetz geber, staat liche Behörden und Ver braucher schutz stellen sowie für die Selbst kontrolleinrich tungen, Webseiten anbieter und medien pädagogi schen Initiativen ent wickelt, die in der Lage sind, den Werbe‑ rahmen sowie die Praxis auf regulatori scher wie medien pädagogi scher Ebene zu ver‑ bessern bzw. zu optimie ren. Der Darstel lung voran gestellt sind Grundannahmen und hand lungs leitende Prämissen der Autoren, die sowohl für die Herlei tung als auch für die Auswahl einzelner Hand lungs optionen ent schei dungs leitend waren. Daran an‑ schließend werden Hand lungs optionen zur Gewährleis tung der ver schiedenen Schutz‑ ziele auf gezeigt. Die Akteurs gruppen, von denen Impulse zur Realisie rung der Optionen aus gehen könn(t)en, sind jeweils in Klammern [u] an gegeben. An einigen Stellen wer‑ den konkrete Empfeh lungen formuliert; diese sind als solche ge sondert aus gewiesen. 9.1 hand lungs leitende Prämissen bei der ent wicK lung vOn hand lungs OPtiOnen Aus gangs punkt war die generelle Erkenntnis, dass Kinder als Internetnutzer – die hauptsäch lich Kinder angebote, aber eben nicht nur diese nutzen – aus Sicht der Werbung eine Doppel rolle innehaben: Zum einen sind sie umworbene Zielgruppe, die im Umfeld kinder affiner An gebote spezifisch adressiert wird, zum anderen sind sie teils willkommene, teils „ge duldete“ Besucher von An geboten, die sich nicht spezifisch an Jüngere richten. Dadurch kommen sie mit allen gängigen werb lichen Erschei nungs‑ formen in Berüh rung. Durch die schnellen Wechsel unter schied licher An gebots typen und der dahinterliegen den Inten tionen stellt „das Internet“ im Ver gleich zu anderen Kommunika tions‑ und Sozial räumen erhöhte Heraus forde rungen an das Lernen und Ver stehen von Hinweisen, die Rückschlüsse auf die Einord nung der werb lichen Inten‑ tion einzelner Kommunikate er möglichen. Im Ver gleich der An gebots typen sind Unter schiede zwischen All‑Age‑ und spezifi‑ schen Kinder angeboten in Bezug auf die werb lichen Erschei nungs formen vor handen, aber nicht groß. Von einer vollständig anderen Werbewelt, die sich im Segment der Inhalte angebote auftut, die sich an alle Alters gruppen richtet, kann insoweit keine Rede sein. 358 Wichtig keit alters angemessener An gebote (die alters angemessene Werbeformen ent halten können) Die empiri schen Teile haben die Asynchroni tät der beiden Haupt bestand teile von Werbekompetenz ge zeigt: Das Werbebegriffs verständnis und das Werbe erkennen sind Fähig keiten, die bei Kindern unabhängig voneinander be stehen (können). Die Folge dieser Einsicht ist weitreichend: Die Gewährleis tung der eindeuti gen Erkenn bar keit werb licher Inhalte reicht alleine nicht aus. Es bedarf einer spezifi schen Sicherstel lung eines an gemessenen Niveaus hinsicht lich des Werbebegriffs verständ nisses bzw. des Werbeinten tions bewusstseins bei Kindern. Kinder, die heutzutage in (cross‑)mediatisierten und kommerzialisierten Lebens‑ welten auf wachsen, benöti gen daher alters angemessene An gebote, anhand derer sie ihre Online‑, Werbe‑ und Ver braucherkompetenz über haupt erst ent wickeln können. Die Werbefrei heit von Kinder angeboten ist ent sprechend keine Voraus setzung, kann aus medien pädagogi scher oder Elternsicht aber ein Quali täts merkmal darstellen (vgl. auch die Quali täts kriterien des Erfurter Netcode für Werbung auf Internet seiten für Kinder, September 2008). Dass die Omnipräsenz werb licher Kommunika tion im Netz dazu führt bzw. führen kann, dass Kinder, die immer früher online sind, ent sprechend früh mit Werbung sozialisiert werden, mag Anlass für Diskussionen über die allgemeine Kommerzialisie rung kind licher Lebens welten sein, hilft aber an gesichts der be obacht‑ baren Nutzungs praktiken und auch an gesichts anderer kommerzialisierter öffent licher Räume und Medien umge bungen, in denen sich Kinder bewegen, nur bedingt weiter. Um Kindern eine den Schutz zielen ent sprechende Werbekompetenz entwick lung zu er möglichen, müssen sich vielmehr Sozialisa tions agenten und ‑instanzen, aber auch Anbieter und staat liche Stakeholder in der Ver antwor tung sehen und gemeinsam kindgerechte Maßstäbe im Hinblick auf die Menge und Gestal tungs formen von Wer‑ bung sowie Maßnahmen für eine frühzeitig be ginnende und alters angepasste Werbe‑ kompetenzförde rung ent wickeln. Ab gestufte Erwar tungs haltun gen und Anforde rungen an unter schied liche An gebots typen und Zielgruppen Normative Anforde rungen und Nutzer erwar tungen sind ab hängig von der jeweili gen Zielgruppe eines An gebots sowie des Anspruches bzw. der Sugges tion des jeweili gen An gebots typs im Hinblick auf neutrale, objektive Informa tions vermitt lung. Es sind diese beiden Kategorisie rungen, die eine grobe Aussage darüber zulassen, wie restriktiv 359 9 hand lungs OPtiOnen die Anbieter, aber auch die Kontrolleure, die Maßstäbe bei der Implementie rung und Gestal tung von Werbung innerhalb des An gebots auszu füllen haben. Aus der Perspektive der intendierten Zielgruppe eines An gebots richtet sich der höchste Anspruch an diejenigen Anbieter, die sich spezifisch an Kinder wenden; bei Internet seiten, die sich an (Kinder und) Jugend liche richten, er scheinen die Maßstäbe schon etwas offener. Weniger restriktiv sind die normativen Vor gaben und weniger hoch die Erwar tungs haltun gen der Nutzer dagegen bei An geboten, die sich an alle Alters gruppen richten, darunter auch Kinder und Jugend liche (vgl. Abb. 80). Eine ähnlich ab gestufte Maßstabs anwen dung findet sich im Hinblick auf die von einem An gebot suggerierte Neutrali tät, Sachlich keit und Objektivi tät der dort auf‑ find baren Informa tionen (vgl. Abb. 81). Aus dieser Prämisse ergibt sich die Notwendig keit – aber auch die Chance –, den recht lichen und medien pädagogi schen Rahmen als ein ab gestuftes System von Pflichten, Anforde rungen und Best‑Practice‑Möglich keiten zu be trachten, in dem unter schied‑ liche An gebote und An gebots typen unter schied lich restriktiven normativen Ansprüchen ge nügen müssen. abbildung 80: anforde rungen und erwar tungen im hinblick auf die intendierte zielgruppe 360 MultiStakeholderGovernance als alternativer Steue rungs ansatz Der gesellschafts politi sche Bereich „Kinder und Werbung“ ist ge prägt von einer Vielzahl be teiligter Stakeholder, die ganz unter schied liche Interessen, Strategien und Selbst‑ verständ nisse haben. Das Steue rungs system in diesem Umfeld ist komplex. Dies hat gleichermaßen Vor‑ und Nachteile: Wo eine einfache Command and Control‑Regulie‑ rung an gesichts der Vielzahl von „veto points“ kaum möglich er scheint, eröffnen Multi‑Stakeholder‑Governance‑Ansätze Möglich keiten der Teilung von Gewährleis‑ tungs verantwor tung und eine bessere Einbin dung aller – auch gesell schaft licher – Beteiligter. Zudem können so je nach Problemlage und Lösungs option unter schied liche Akteurs gruppen ein gebunden und adressiert werden (z. B. Anbieter, Inter mediäre, Eltern, Pädagogen etc.). Dabei ist jeweils zu be rücksichti gen, welche Stakeholder welche Einfluss nahmemöglich keiten auf eine erfolg reiche/effektive Implementa tion bzw. Um‑ set zung einer Option haben. abbildung 81: anforde rungen und erwar tungen im hinblick auf die suggerierte an gebot sinten tion 361 9 hand lungs OPtiOnen 9.2 gewährleis tung und OPtimie rung vOn hand lungs autOnOmie Normative Unter ziele bei der Siche rung von Hand lungs autonomie umfassen das Werbe‑ erkennen, das Grund verständnis von Werbung und der dahinterliegen den Inten tion sowie der reflektierte Umgang mit werb lichen Inhalten, der insbesondere frei von Druck‑ oder Zwangs situa tionen sein muss (Abb. 82). Die Anforde rungen, die sich daraus für unter schied liche Seiten betreiber und Werbetreibende ergeben, hängen von der intendierten Zielgruppe und der Art der vor gehaltenen Informa tionen ab. An gesichts der identifizierten Problemlagen (Kap. 8.2) er scheinen hier folgende Lösungs optionen ver folg bar: Beurtei lung oder Beurteil barkeit der Neutrali tät des Gesamtangebots Webseiten‑Angebote sind hinsicht lich ihrer Erschei nungs form und der Inten tion ihres Webauftritts unter schied lich. Mit den ab gestuften Anforde rungen an die unter schied‑ lichen An gebots typen ver bunden ist die Frage, ob es aus Perspektive eines Kindes möglich ist zu er kennen, ob ein Webseiten angebot ein vornehm lich inhalt liches Anlie‑ gen hat oder schwerpunkt mäßig auf den Ver kauf von Produkten oder Dienst leis tungen zielt. Eine derartige Ab wägung und Einschät zung der Inten tion eines Online angebots scheint eine wesent liche Voraus setzung dafür zu sein, die auf der Seite befind lichen Einzelelemente an gemessen einordnen, mithin sich werbekompetent im Internet be‑ wegen zu können. Hand lungs optionen: – Vornahme von Über legungen, inwieweit Telemedien, die als Gesamtangebot kom‑ merzielle Kommunika tionen darstellen, explizit auf diesen Umstand hinweisen, soweit sich die An gebote (auch) an Kinder richten [u Selbst kontrolle, Anbieter kinder affiner Produkt‑ oder Marken webseiten] hand lungs- autonomie Werbung er kennen inten tion ver stehen reflektierter umgang (inkl. Wider stands fähig keit gegen Druck und zwang) abbildung 82: zielebene hand lungs- autonomie 362 – Berücksichti gung ver schiedener An gebots typen und ihrer Inten tion im Kontext medienpädagogischer Förderkonzepte [u Medien pädagogi sche Initiativen] – Rechts wissen schaft liche Diskussion der Segmenta tion und Modulari tät von Ge‑ samt angeboten und ihrer Relevanz für die recht liche Einord nung des Gesamt‑ angebots [u Medien politik, Gesetz geber, Rechts wissen schaft] Kennzeich nung Werbliche Kennzeich nung erfolgt inkonsistent, sowohl in Bezug auf das Ob als auch auf den jeweils ge nutzten Begriff. Eine einheit liche Kennzeich nung und Platzie rung der Kennzeich nung würde den jungen Nutzern die Erkenn bar keit von Werbeinhalten er leichtern. Dort, wo Kinder den Werbeinhalt oder die Werbegestal tung nicht als Identifizie rungs merkmal nutzen können, schwächen inkohärente oder undeut liche Kennzeich nungen das Erken nungs merkmal „Kennzeich nung“ für Kinder. Hand lungs empfeh lung: – Selbst verpflich tung von Kinder seiten; Konven tionen über einheit liche Kennzeich‑ nungs bezeich nungen, zumindest auf Kinder‑ und Jugendwebseiten oder aber konsistent innerhalb einer Webseite [u Anbieter von Kinder seiten] Hand lungs optionen: – Kennzeich nungs pflicht werb licher Inhalte auf Kinder seiten [u Anbieter von Kinder‑ seiten] – Kennzeich nungs pflicht werb licher Inhalte auf Kinder‑ und Jugendseiten [u Anbieter von Kinder‑ und Jugendseiten] – Ent wick lung von Mindestanforde rungen an die Kennzeich nungs gestal tung auf Kinder seiten [u Anbieter von Kinder seiten] – Ent wick lung von Mindestanforde rungen an die Kennzeich nungs gestal tung auf Jugendseiten, jeden falls innerhalb eines An gebots [u Anbieter von Kinder‑ und Jugendseiten] – Kohärente Begriffs wahl („Werbung“) bei der Kennzeich nung auf Kinder seiten [u Anbieter von Kinder seiten] – Kohärente Begriffs wahl bei der Kennzeich nung auf Kinder‑/Jugendseiten [u Anbie‑ ter von Kinder‑ und Jugendseiten] – Optionen andenken, bei denen nicht die Inhalte anbieter, sondern die werbetrei‑ bende Industrie (d. h. Werbeagenturen) oder die Inter mediäre (mit der Möglich keit, 363 9 hand lungs OPtiOnen Overlays mit auszu liefern) eine kohärente Kennzeich nung mitliefern [u Anbieter von Kinder seiten, Werbetreibende Industrie] – Diskussionen über Möglich keiten der Inter mediäre (vgl. „Info‑i“ oder „Google‑ Anzeigen“), einheit liche Kennzeich nungen mit auszu liefern [u Werbenetz werke, Anbieter] – Ver besse rung des einheit lichen Vollzugs bei miss verständ lichen Kennzeich nungen (z. B. „Partner“, „Servicetipps“) [u Medien aufsicht, Ver braucherzentralen] – Ver mitt lung von Informa tionen zum Thema Onlinewer bung an Eltern und Kinder auf Kinder seiten [u Anbieter von Kinder seiten] Die Einblen dung von Sponsoren‑ oder Partnerlogos mit oder ohne Kennzeich nungen (z. B. „powered by“, „Partner“ etc.) wird von Kindern nicht ver standen. Hand lungs optionen: – Kohärente, deut liche Kennzeich nung von Sponsoren, Unter stützern und Finan‑ zie rern als „Sponsoren“ auf Kinder seiten [u Anbieter von Kinder seiten, ggf. Selbst‑ kontrolle] – Ver mitt lung ent sprechen der Informa tionen an Eltern und Kinder zur Förde rung von Werbekompetenz [u Anbieter von Kinder seiten, Anbieter von Kinder‑ und Jugendseiten; Medien anstalten] Ein weiterer Aspekt be trifft die werb liche Kennzeich nung von Flächen, deren Inhalt eigent lich Content darstellt; dies er schwert für Kinder die Unter schei dung von Flächen, deren Inhalt tatsäch lich werb lich ist. Hand lungs option: – Berücksichti gung, dass Werbeflächen, die mit „Werbung“ ge kennzeichnet sind, keine nicht‑werb lichen oder an gebots bezogenen Ver weise ent halten [u Anbieter von Kinder seiten] Platzie rung Die Platzie rung von Werbeflächen ist ein von Kindern maß geblich ge nutztes Merkmal zur Einord nung werb licher Inhalte. Dynamische Platzie rungen und die Varianz der Werbeformate stellen eine Heraus forde rung für Kinder dar. 364 Hand lungs optionen: – Absehen von wechselnden Werbeplatzie rungen auf Kinder seiten, um ein Lernen am An gebot zu er möglichen; Beschrän kung der Platzie rungs möglich keiten (z. B. nur außerhalb des An gebots, am rechten Seiten rand etc.) [u Anbieter von Kinder‑ seiten] – Beschrän kung der Werbeformate auf Kinder seiten, auf Formate, die für Kinder leicht erkenn bar sind (z. B. Beschrän kung auf Bannerwer bung) [u Anbieter von Kinder seiten] – Beschränkung der genutzten Werbeformate auf Kinder‑ und Jugendseiten [u Anbie‑ ter von Kinder‑ und Jugendseiten] – Nutzung von (nicht Pop‑up basierten) Trennerseiten mit Hinweis auf Weiter leitung zu einer Werbeseite bei Kinder seiten [u Anbieter von Kinder seiten] Gestalteri sche Ähnlich keit Kinder können Werbung, die sich ge stalterisch dem Inhalt annähert, und Inhalt, der sich ge stalterisch tradi tio nellen Werbeformen annähert (z. B. Teaser), nicht sicher identifizie ren. Hand lungs empfeh lungen: – Vollständi ger Ver zicht auf ge stalterisch ähnliche Werbeinhalte auf Kinder seiten [u Anbieter von Kinder seiten] – Deutliche Kennzeich nungs pflicht bei ge stalterisch ähnlichen Werbeinhalten auf Kinder‑ und Jugendseiten [u Anbieter von Kinder‑ und Jugendseiten] – Ver zicht auf integrierte Werbeformen und „Native Advertising“ auf Kinder seiten [u Anbieter von Kinder seiten] Hand lungs optionen: – Deutliche Kennzeich nung und unmittel barer Zugang zur Erklä rung von „Native Advertising“ auf Kinder‑ und Jugendseiten [u Anbieter von Kinder‑ und Jugend‑ seiten] – Diskussion von Anbietern von Kinder seiten über Ver zicht oder Gestal tung werbe‑ ähn licher redak tio neller Teaser [u Anbieter von Kinder seiten] 365 9 hand lungs OPtiOnen Appelle Direkte Inter aktions‑ oder Hand lungs aufforde rungen können zum Betreten der be‑ worbenen Marken‑ oder Produkt welt einladen. Hand lungs optionen: – Diskussion der Erforderlich keit einer gesetz lichen Aus weitung des Ver bots direkter Kaufappelle auf direkte Hand lungs aufforde rungen, die sich an Kinder richten [u Medien politik, Rechts wissen schaft] – Gericht liche Klärung der Berücksichtigung von direkten Hand lungs appellen, die auf An gebote mit direkter Kaufmöglich keit führen [u Judikative] Anreize Die Nutzung über mäßiger Anreize (wie etwa das Ver sprechen einer Gegen leis tung für Werbeaufmerksam keit) bei werb lichen Kommunika tionen, die sich an Kinder richten, kann als Aus nutzung zur Auseinander setzung mit dem werb lichen Inhalt gesehen werden. Hand lungs optionen: – Gericht liche Klärung der recht lichen Zulässig keit von „View‑to‑Get“ (Formen, bei den der Nutzer für die Rezep tion von Werbung eine Gegen leis tung erhält; ggf. aleatori sche Anreize analog, ggf. Belästi gung analog) [u Judikative] – Aus lotung der Erforderlich keit einer recht lichen Regelung, soweit die Werbung sich an Kinder richtet oder auf Kinder seiten an geboten wird [u Gesetz geber, Medien politik] Idole Kinder können von der Werbung ge nutzte Marken figuren oder persön liche Idole als unabhängige Experten miss verstehen. Hand lungs option: – Ver zicht auf Idole in Werbung, die sich an Kinder richtet, soweit diese den Ein‑ druck er wecken, dass sie das Produkt empfehlen [u Werbeselbst kontrolle] 366 Auf gedrängte Werbung Formen auf gedrängter Werbeinhalte (Pre‑Rolls, Overlays) zwingen Kinder, sich mit werb lichen Inhalten auseinander zusetzen und ver zögern den unmittel baren Zugriff auf die er wünschten Inhalte. Hand lungs empfeh lungen: – Ver zicht auf hand lungs hemmende Werbeformate auf Kinder seiten ohne unmittel‑ bare Schließ möglich keit [u Anbieter von Kinder seiten] – Ver zicht auf hand lungs hemmende Werbeformate ohne unmittel bare Schließ‑ möglich keit auf Kinder‑ und Jugendseiten [u Anbieter von Kinder‑ und Jugend‑ seiten] Hand lungs optionen: – Einigung auf einheit liche Schließ‑ und Über springmechanismen auf allen Seiten [u Werbeselbst kontrolle, Werbedienst leister] – Diskussion über Anzahl und Erschei nungs rhythmus hand lungs hemmen der Werbe‑ formate auf Kinder‑ und Jugendseiten, bspw. auf einem Spiele‑Portal nur zu Beginn des zuerst auf gerufenen Spiels [u Anbieter von Kinder‑ und Jugendseiten] Quantitative Werbebegren zungen im Netz? Zum Teil werden Kinder auf einem An gebot mit einer Fülle werb licher Erschei nungs‑ formen konfrontiert, die einen signifikanten Anteil einnehmen und das eigent liche An gebot in den Hinter grund treten lassen. Hand lungs optionen: – Diskussion des Vor schlags, quantitative (d. h. flächen anteils bezogene) Beschrän‑ kungen (analog zur quantitativen Werbebegren zung im Rundfunk) einzu führen; Berücksichti gung konvergenter Endgeräte und unter schied licher Auf lösungen und Displaygrößen [u Medien politik] – Diskussion über mögliche Selbst verpflich tungen zum Ver zicht auf optische Über‑ reizung von Kindern [u Anbieter von Kinder seiten] 367 9 hand lungs OPtiOnen 9.3 infOrmatiO nelle selbst bestim mung Anforde rungen be züglich der Gewährleis tung informa tio neller Selbst bestim mung Zur Ausübung des Rechts auf informatio nelle Selbst bestim mung müssen Kind und Eltern über die Tragweite der be wussten Einwilli gung in die Ver arbei tung personen‑ bezogener Daten informiert sein, um reflektiert abwägen und ent scheiden zu können. Im Hinblick auf dem Nutzer ver borgene Informa tions flüsse müssen Anbieter trans‑ parente Informa tionen und vor herige Einwilli gungs erklä rungen einholen bzw. nach‑ träg liche Wider spruchs möglich keiten anbieten, um das Bewusstsein für diese Form der Daten verarbei tung zu stärken und dem Nutzer die Ausübung seiner Selbst bestim‑ mungs rechte auch zu er möglichen. Tracking und Profiling (Auch) Kinder werden über ihre Online‑Nutzungs ses sions hinweg von Tracking‑ Diensten be gleitet und be obachtet. Und (auch) für kind liche Nutzer werden – wenn auch ohne kindspezifi sche Interessens segmente – pseudonyme Konsumenten profile an gelegt. Insgesamt stellt sich die Frage nach dem Ob der Profilie rung von jungen Kon‑ sumenten bereits im Kindesalter; neben die Frage der Rechtmäßig keit der Einwilli gung tritt hier vor allem der Hinweis auf eine noch in der Ent wick lung befind liche Persön‑ lich keit, die sich durch immer neues Experimentie ren, Aus probie ren und Evaluie ren in unter schied lichen sozialen Kontexten aus zeichnet. Jede Form der IT‑basierten Ver‑ steti gung ist damit ein Abbild einer „flüchti gen“ Persönlich keit. Hand lungs optionen: – Diskussion über die Grundsatz frage nach der Profilie rung von jungen Konsumen‑ ten und Ab wägung der alternativen Optionen (z. B. systemi sche Blind heit des Werbe systems für Kinder, gesetz liches Verbot der (auch pseudonymen) Ver arbei‑ tung kind licher Profildaten, Aus weitung der Selbst kontroll vorschriften mit dem informatio nelle Selbst bestim mung bewusstsein der passiven Daten erfas sung bewusstsein der aktiven Daten eingabe abbildung 83: zielebene informatio nelle selbst bestim mung 368 Ziel, das Tracking beim Erkennen eines Kindes abzu brechen) [u Werbeselbst‑ kontrolle, ggf. Gesetz geber] – Diskussion der Werbewirt schaft über „Do‑Not‑Track“‑Einstel lung [u Werbeselbst‑ kontrolle; ggf. Gesetz geber] – Erörte rung der Möglich keiten der aktiven Über mitt lung des (an gegebenen) Alters eines Nutzers inkl. darauf auf bauen der Möglich keiten unter schied licher, alters‑ differenzie ren der Darstel lungs‑ und Werbeformen [u Werbeselbst kontrolle] Kinderprofile werden teils durch gemeinsam ge nutzte Endgeräte und Accounts mit Profildaten er wachsener Nutzer ver mengt. Hand lungs optionen: – Medien pädagogi sche Hinweise auf die Einrich tung eigener Accounts für Kinder [u Medien pädagogi sche Initiativen] – Medien pädagogi sche Hinweise auf Selbst schutz möglich keiten und Darstel lung der Vor‑ und Nachteile von AdBlockern und der Aus filte rung von Tracking‑Beacons [u Medien pädagogi sche Initiativen] Daten eingabe Die Abfrage von Teilnehmerdaten im Rahmen von Ver losungen, Gewinn spielen oder Registrie rungs formularen weisen bedenk liche Formen hinsicht lich der Implementa tion elektroni scher Einwilli gungen auf; der Hinweis auf die Notwendig keit des elter lichen Einverständ nisses findet sich teil weise nur ver steckt in den Teilnahmebedin gungen oder ist nicht kindgerecht formuliert. Hand lungs optionen: – Ver besse rung des Vollzugs bei nicht‑rechts konformen Einwilli gungen [u Daten‑ schutz aufsicht] – Diskussion von Richtlinien der Werbeselbst kontrolle zur Formulie rung der Teil‑ nahmebedin gungen in kindgerechter Sprache [u Selbst kontrolle] – Medien politi sche Diskussion der fehlen den Aktivlegitima tion der Ver braucher‑ zentralen nach UKlagG bei Vor gehen auf grund von Daten schutz verstößen (bereits in der politi schen Debatte) [u Medien politik] Teils nutzen Gewinn spiele oder Ver losungen starke Anreize zur Teilnahme und damit zur Eingabe von personen bezogenen Daten. 369 9 hand lungs OPtiOnen Hand lungs optionen: – Diskussion einer der direkten Kaufaufforde rung ent sprechen den Klausel („darf Kinder nicht unmittel bar dazu auf fordern, personen bezogene Daten einzu geben und nicht deren Leicht fertig keit und Unerfahren heit dabei aus nutzen“) [u Medien‑ politik, Selbst kontrolle, ggf. Gesetz geber] – Absehen der Nutzung von Anreizen zur Daten eingabe auf Kinder‑ und Jugend‑ angeboten [u Anbieter von Kinder‑ und Jugendseiten] 9.4 Jugendschutz relevante werbeinhalte Anforde rungen be züglich der Ent wick lung zu einem ge meinschafts fähigen Individuum Ziel des Jugendmedien schutzes ist die Minimie rung medien induzierter Ent wick lungs‑ risiken, um eine möglichst unbe einträchtigte Persönlich keits entwick lung von Kindern und Jugend lichen hin zu einer selbst bestimmten und ge meinschafts fähigen Persönlich‑ keit zu gewährleisten. Unter ziele sind insoweit die Abwehr des In‑Kontakt‑Kommens mit (in diesem Fall Werbe‑)Inhalten, die diese Ent wick lung negativ be einträchti gen könnten. Berücksichtigt werden muss in diesem Bereich, dass Ver bote oder Beschrän kungen, die sich auf be stimmte Kommunika tions inhalte be ziehen, nur unter sehr spezifi schen Voraus setzungen möglich sind. Staat liche Maßnahmen gegen spezifi sche Aus sagen oder Medien inhalte be treffen stets den Kern der Meinungs frei heit und er scheinen daher ent sprechend leicht als un verhältnis mäßig. Insbesondere im Bereich von nutzer autonom zu buchen den Werbeplatt formen können auf grund der strukturellen Ankoppe lung von Inhalte anbietern und Werbenetz‑ werken be einträchtigende Werbeinhalte aus gespielt werden. gemeinschafts- fähig keit friedfertig keit Soziales miteinander respekt Sexualethi sche orientie rung abbildung 84: zielebene gemeinschafts- fähig keit 370 Hand lungs optionen: – Systemati sches Vor halten von Meldemöglich keiten für Werbeinhalts beschwerden [u Selbst kontrolle] – Unter stüt zung der Werbenetz werk betreiber bei der Diskussion über strukturelle Offen heit für Nutzer beschwerden; Einbeziehung der Inter mediäre in die Jugend‑ schutz‑Selbst kontrolle [u Werbetreibende, Inter mediäre, Werbeselbst kontrolle] – Ver besse rung der Selbst kontrolle durch Stichproben und Mitgliederinforma tionen [u Selbst kontrolle] – Diskussion der Auf nahme einer telemedien bezogenen Richtlinien kompetenz für Landes medien anstalten in den RStV [u Gesetz geber, Medien politik] – Diskussion über mögliche Lösungen für anbieter seitige, maschinenles bare Informa‑ tionen über für ihn geltende Werbeinhalts verbote, die er an Werbenetz werke über mitteln kann [u Werbeselbst kontrolle] Ein Vor gehen gegen den Inhalte anbieter, in dessen Gesamtangebot problemati sche Werbung er scheint, ist nach JMStV möglich, stellt aber den Rechts bruch auf anderen werbeauss pielen den Seiten nicht ab. Hand lungs optionen: – Schaf fung von Rechts sicher heit durch exemplari sches Vor gehen gegen Werbenetz‑ werk betreiber zur zentralen Ab stel lung bei Rechts verstößen; Schaf fung von Rechts‑ sicher heit bzgl. des Anbieter begriffs [u Medien aufsicht] – Mittelfristige Neu ausrich tung des jugendschutz recht lichen Anknüp fungs punkts des „Anbieters“; alternativ gesetz geberi sche oder behörd liche Konkretisie rung des Anbieter begriffs [u Gesetz geber] Bei Nutzung eines Endgeräts/Accounts durch Eltern/ältere Geschwister kann es theore‑ tisch dazu kommen, dass nicht alters gerechte Werbeinhalte an das Kind aus geliefert werden. Hand lungs option: – Sensibilisie rung und Bestär kung von Eltern, ihren Kindern eigene Accounts anzu‑ legen [u Medien pädagogi sche Initiativen] Kinder und Jugend liche stoßen auf Werbeinhalte, die sie im Rahmen ihrer sozial‑ kognitiven Ent wick lung be einträchti gen können, z. B. Darstel lung über zogener Rol‑ 371 9 hand lungs OPtiOnen len klischees und Schön heits ideale, Werbung für Flirtportale und Partnerbörsen, Ge‑ walt. Hand lungs optionen: – Ver zicht auf ent wick lungs relevante Werbethemen auf Kinder seiten, z. B. Partner‑ schafts börsen, nicht kinder‑/jugendspezifi sche Chats, Diäten, Gewalt [u Anbieter von Kinder seiten] – Ver steti gung des Aus tausches über aktuelle Themen der Werbe ethik auf Kinder‑ und Jugendseiten (Rollenklischees, fragwürdige Schön heits ideale etc.) [u Anbieter von Kinder‑ und Jugendseiten] – Diskussion der Möglich keiten des Ab sehens der Aus liefe rung von problemati schen Werbeinhalten bei der automatisierten Erken nung einer minder jähri gen Person [u Werbeselbst kontrolle] – Diskussion über eine Reform der Ver haltens regeln der Werbeselbst kontrolle für Werbung an oder mit Kindern und Jugend lichen (Stand 1998); Aus weitung auf Telemedien, Anpas sung an Rechts lage, neue inhalt liche und ge stalteri sche Vor‑ gaben [u Werbeselbst kontrolle] 9.5 hand lungs OPtiOnen auf struKtureller ebene Auch im Hinblick auf schutz zielunabhängige, strukturelle Probleme haben die Einzel‑ module der Studie Erkennt nisse und Hand lungs bedarfe zutage ge fördert, die folgende Lösungs optionen denk bar er scheinen lassen. Neue Inter mediäre als wichtige Steue rungs adressaten Das inhalt liche Gesamtangebot und die an den Nutzer aus gelieferte Werbung sind zu‑ nehmend strukturell ent koppelt. Die systemati sche Einbeziehung von wer bungs bezo‑ genen Inter mediären in Auf sicht und Medien pädagogik ist bisher aber unter blieben. Hand lungs optionen: – Systemati sches Einbeziehen der Werbeintermediäre in den gesell schaft lichen und politi schen Diskurs [u Medien politik, Gesetz geber, Werbeselbst kontrolle] – Schaf fung von Rechts sicher heit durch exemplari sches Vor gehen der Medien aufsicht gegen Werbeintermediäre, die für einen Ver stoß (mit‑)ver antwort lich sind; gericht‑ 372 liche Klärung des Anbieter begriffs (und der Privilegie rungs tatbestände der §§ 7 ff. TMG dabei) [u Medien aufsicht, Ver braucherzentralen] – Berücksichti gung der Funktionen und Rolle von Werbeintermediären in werbe‑ spezifi schen medien pädagogi schen Materialien [u Medien pädagogi sche Initiativen] – Erkun dung von Möglich keiten und Unter stüt zung der Koopera tion von Inhalte‑ anbietern mit Werbedienst leistern zur Adressie rung der Problemlagen, z. B. „Forum/ Runder Tisch Kinder und Onlinewer bung“ [u Medien politik, Werbeselbst kontrolle, Medien pädagogi sche Initiativen] Aus tausch und Koopera tion der „Regulie rer“ Auf seiten von Medien aufsicht, Daten schutz aufsicht und Ver braucherzentralen be stehen unter schied liche Regulie rungs kulturen; eine systemati sche Koopera tion unter einander findet nicht statt. Hand lungs option: – Ver steti gung der Koopera tion der staat lichen Auf sichts‑ und privaten Ver braucher‑ schutz stellen (Werbebündnis); darin: Aus tausch über Selbst verständnis, Heran‑ gehens weise und Streit‑ bzw. Regulie rungs kultur [u Auf sichts stellen, Ver braucher‑ zentralen] Aus tausch zwischen Auf sicht und Selbst kontrolle, Stärkung der Selbst kontrolle Es besteht möglicher weise ein Miss verständnis in Teilen der Medien politik bzgl. des Selbst verständ nisses der Werbeselbst kontrolle. Diese will aus schließ lich über die gesetz‑ lichen Vor gaben hinaus Selbst kontroll vorgaben machen; der Vollzug gesetz licher Vor‑ gaben liegt allein bei staat lichen Akteuren. Die Relevanz der Werbeselbst kontrolle im Bereich Kinder und Onlinewer bung ist dadurch gering. Hand lungs optionen: – Regelmäßiger, besten falls institutionalisierter Dialog zwischen „Regulierern“ und der Selbst kontrolle [u Medien aufsicht, Ver braucherzentralen, Werbeselbst kontrolle] – Systemati sche/institutionalisierte Unter stüt zung der Aus bildung von Selbstregulie‑ rungs maßnahmen, etwa durch institutionalisierte Koopera tionen, Runden Tisch etc. [u Medien politik, Auf sichts stellen, Werbeselbst kontrolle] 373 9 hand lungs OPtiOnen – Interne Diskussion der Werbeselbst kontrolle über die mögliche Aus weitung der Selbstregulie rungs aktivi täten dort, wo Ver haltens regeln bisher Telemedien aus‑ schließen [u Werbeselbst kontrolle] Ver besse rung anbieter seiti ger Kompetenz vermitt lung/Transparenz Die Inhalte anbieter haben kaum Anreize, Werbekompetenz zu ver mitteln. Freiwillige Initiativen im Bereich von Kinder seiten (z. B. medias mart) er fahren kaum (noch) Unter stüt zung durch die Medien regulie rung. Hand lungs optionen: – Diskussion über Anreiz systeme zur optimierten Werbe aufklä rung auf Kinder‑ und Jugendseiten, z. B. Güte‑ oder Quali täts siegel wie etwa der Erfurter Netcode [u Medien politik] – Staat liche Unter stüt zung von Auf klä rungs kampagnen der Industrie [u Gesetz geber, Medien politik, Medien aufsicht] – Diskussion der Formen staat licher oder zivilgesell schaft licher Beglei tung von Industriekampagnen, z. B. durch Jury, Awards, Siegel etc. [u Gesetz geber, Medien‑ politik, Medien aufsicht, Werbeselbst kontrolle] Unter stüt zung kohärenter richter licher Maßstabs entwick lung Die Spruchpraxis der Gerichte ist im Hinblick auf die Identifizie rung und Aus füllung von Bewer tungs maßstäben unein heit lich. Die vom Gericht anzu wendende richter liche Lebens erfah rung sieht teils recht unter schied lich aus und führt mittelfristig nicht zu allgemeinen Erfah rungs sätzen. Hand lungs optionen: – Ver besse rung der Wissens grundlagen bei der richter lichen Maßstabs entwick lung, etwa durch Transfer der Ergeb nisse der Werbe(sozialisa tions‑)Forschung in die Richter schaft [u Wissen schaft, Regulie rungs stellen] – Konkretisie rung des Beeinträchti gungs begriffs im Hinblick auf das recht liche Auf greifermessen, etwa bei kurzer Ver wirrung bzw. Ver unsiche rung [u Judikative, Gesetz geber] 374 Sensibilisie rung für das Thema Kinder und Onlinewer bung erhöhen Das Thema Onlinewer bung ist zwar selbst verständ licher Bestand teil kind licher Lebens‑ welten, aber – ab gesehen von elter lichen Warnun gen – eher selten Thema in Familien und Schule. Hand lungs optionen: – Ver besse rung des Bewusstseins für ver schiedene Formen von Onlinewer bung auf‑ seiten von Pädagogen, Eltern und Kindern; Erstel lung ent sprechen der Materialien [u Anbieter von Kinder seiten, Medien pädagogi sche Initiativen, Schule] – Berücksichti gung des Themas (Online‑)Werbung in den pädagogi schen Rahmen‑ plänen der Grundschule [u Kultus ministerien der Länder] – Ver steti gung der Forschungs aktivi täten und Aus weitung inter nationaler Forschungs‑ netz werke im Bereich Kinder und Onlinewer bung [u Forschung] – Sensibilisie rung von Eltern für Formen des Profiling und des Targeting sowie für die Einrich tung von Kinderprofilen [u Medien pädagogi sche Initiativen, Schule] – Einbeziehung und Ver deut lichung der Relevanz der Daten flüsse bei Onlinewer‑ bung in medien pädagogi schen Materialien [u Medien pädagogi sche Initiativen] 375 literatur Ahrens, Hans‑Jürgen (2006): Fest schrift für Eike Ullmann. Saarbrücken. Aikat, Debashis (2005): „Click Here for Fun, Games, Friends …“. Analyses of Media Content Characteristics of Children’s Web Sites. Conference Paper – International Communication Association. New York. Ali, Moondore; Blades, Mark; Oates, Caroline; Blumberg, Fran (2009): Young Children’s Ability to Recognize Advertisements in Web Page Designs. In: British Journal of Develop‑ mental Psychology, H. 27, S. 71–83. Alvy, Lisa; Calvert, Sandra (2007): Food Marketing on Popular Children’s Websites. A Content Analysis Abstract. Conference Paper – International Communication Association. San Francisco. An, Soontae; Stern, Susannah (2008): Online Advergames and Children’s Understanding of Commercial Contents. Paper Presented at the International Association for Media and Communication Research Conference. Stockholm. Andronikidis, Andreas I.; Lambrianidou, Maria (2010): Children’s Understanding of Television Advertising: A Grounded Theory Approach. In: Psychology & Marketing, Jg. 4, H. 27, S. 299–322. Auf derheide, P. (1993): Media Literacy. A Report of the National Leadership Conference On Media Literacy. Aspen. Aufenanger, Stefan; Neuß, Norbert (1999): Alles Werbung, oder was? Medien pädagogi sche Ansätze zur Ver mitt lung von Werbekompetenz im Kindergarten. Kiel. Aufenanger, Stefan; Woldemichael, Deborah; Bucher, Anna; Heinemann, Nina; Kapat sina‑ Lipnig, Ioanna (2008): Wie ver stehen Kinder Internet werbung? Website analyse und Rezep‑ tions studie zur kind lichen Wahrneh mung von Werbung im Internet. Projekt bericht. Mainz. Universi tät Mainz, Institut für Erziehungs wissen schaft. Aumüller, David; Thor, Andreas (2014): Mashup‑Werkzeuge zur Ad‑hoc Daten integra tion im Web. mashup.pubs.dbs. uni‑leipzig.de/files/Aumueller2008MashupWerkzeugezurAd hocDatenintegrationimWeb. pdf [30. 07. 2014]. Baacke, Dieter (1996): Medien kompetenz? Begrifflich keit und sozialer Wandel. In: Rein, A. von (Hg.): Medien kompetenz als Schlüssel begriff. Bad Heil brunn. Baacke, Dieter; Sander, Uwe; Voll brecht, Ralf et al. (Hg.) (1999): Zielgruppe Kind. Kindliche Lebens welten und Werbe inszenie rungen. Opladen. Barth, Michael (1995): Ent wick lungs stufen des Kinderwerbe verständ nisses – ein schema‑ und wissens basiertes Modell. In: Charlton, Michael; Neumann‑Braun, Klaus; Aufenanger, Stefan; Hoffmann‑Riem, Wolfgang (Hg.): Fernsehwer bung und Kinder. Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen, S. 17–30. Bayerisches Staats ministerium für Umwelt und Ver braucher schutz (2014): Onlinewer bung mit Jugend lichen zum Thema machen. Materialien. München. Beck’scher Kommentar zum Recht der Telemediendienste (2013). München. Benz, Claudia (2003): Werbung vor Kindern unter Lauter keits gesichtspunkten. In: WRP, S. 1160–1174. 376 Bisges, Marcel (2014): Schlumpfbee ren für 3.000 Euro – Recht liche Aspekte von In‑App‑ Verkäufen an Kinder. In: NJW, S. 183–186. Bornkamm, Joachim (2000): Die Fest stel lung der Ver kehrs auffas sung im Wettbewerbs prozeß. In: WRP, S. 830. Braml, Birgit; Hopf, Kristina (2009): Ein geschränkte gericht liche Über prüf bar keit des Beurtei‑ lungs spiel raums der Kommission für Jugendmedien schutz (KJM). In: MMR, S. 153. Brucks, M.; Armstrong, G. M.; Goldberg, M. E. (1988): Children’s Use of Cognitive Defenses Against Television Advertising: A Cognitive Response Approach. In: Journal of Consumer Research 14, S. 471–482. Brüggen, Niels; Dirr, Eva; Schemmerling, Mareike; Wagner, Ulrike (2014): Jugend liche und Onlinewer bung im Social Web. Heraus gegeben vom Bayerischen Staats ministerium für Umwelt und Ver braucher schutz. München. Bucy, Erik Page; Kim, Sojung Claire; Park, Miyeong Cecilia (2011): Host Selling in Cyberspace. Product Personalities and Character Advertising on Popular Children’s Websites. In: New Media and Society, Jg. 13, H. 8, S. 1245–1264. Cai, Xiaomei (2008): Advertisements and Privacy. Comparing For‑Profit and Non‑Profit Web Sites for Children. In: Communication Research Reports, Jg. 25, H. 1, S. 67–75. Cai, Xiaomei; Gantz, Walter (2000): Online Privacy Issues Associated with Web Sites for Children. In: Journal of Broadcasting & Electronic Media, H. 44, S. 197–214. Cai, Xiaomei; Markiewicz, Kristin (2003): Click Here, Kids. Advertising Practices on Popular Children’s Web Sites. Conference Paper – International Communication Association. San Diego. Cai, Xiaomei; Zhao, Xiaoquan (2010): Click Here, Kids! Online Advertising Practices on Popular Children’s Websites. In: Journal of Children & Media, Jg. 4, H. 2, S. 135–154. Cai, Xiaomei; Zhao, Xiaoquan; Botan, Carl (2010): Ads Make Sense! Online Advertising on Popular Children’s Websites. Conference Paper – International Communication Association. Singapore. Casu, Claudia; Weiser, Meike (2011): Alters gerechte Onlinewer bung für Kinder. Wirkung und Akzeptanz von Werbemitteln auf toggo. de. Ver anstal tung von mediascore, IP Deutschland, SuperRTL. Charlton, Michael; Neumann‑Braun, Klaus; Aufenanger, Stefan, et al. (Hg.) (1995): Fernseh‑ wer bung und Kinder. Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. Cheng, Julian; Blankson, Charles; Wang, Edward; Chen, Lily (2009): Consumer Attitudes and Interactive Digital Advertising. In: International Journal of Advertising, Jg. 28, H. 3, S. 501–525. Cicchirillo, Vincent; Lin, Jhih‑Syuan (2011): Stop Playing with Your Food. A Comparison of For‑Profit and Non‑Profit Food‑Related Advergames. In: Journal of Advertising Research, S. 484–498. Clarke, Barbie (2011): Children and Commercial Communications: A literature review. London. Clarke, Barbie (2011): Children and the Commercial World: Exploring the Attitudes of Children and Parents. London. 377 literatur Clarke, Barbie; Svanaes, Siv (2012): Digital Marketing and Advertising to Children: A Literature Review. Advertising Education Forum, www.aeforum.org/gallery/8612144. pdf [31. 07. 2014]. Costa, Conceição; Damásio, Manuel J. (2010): How Media Literate Are We? The Voices of 9 Years Old Children about Brands, Ads and their Online Community Practices. In: Observatorio, Jg. 4, H. 4, S. 93–115. Dahl, Stephan; Eagle, Lynne; Báez, Carlos (2009): Analyzing Advergames: Active Diversions or Actually Deception. An Exploratory Study of Online Advergames Content. In: Young Consumers, Jg. 10, H. 1, S. 46–59. Das Proprium der Rechts wissen schaft (2007). Tübingen. Dörr, Dieter; Klimmt, Christoph; Daschmann, Gregor (2011): Werbung in Computer spielen: Heraus forde rungen für das Medien recht und die Förde rung von Medien kompetenz. Schriften reihe Medien forschung der LfM. Berlin. Duisburg, Hendrik von (2011): Gezielt und preis wert – die Soap im Internet. Werberecht liche Aspekte zu Webisodes. In: ZUM, S. 141–150. Eagle, Lynne (2007): Commercial Media Literacy. What Does It Do, to Whom – and Does It Matter? In: Journal of Advertising, Jg. 36, H. 2, S. 101–110. Eastin, Matthew S.; Yang, Mong‑Shan; Nathanson, Amy I. (2006): Children of the Net: An Empirical Exploration into the Evaluation of Internet Content. In: Journal of Broadcasting & Electronic Media, Jg. 50, H. 2, S. 211–230. Ekström, L.; Sandberg, Helena (2010): „Advertising Does not Work on Me“. Youth, Marketing and the Internet. Herausgegeben von The Nordic Council of Ministers. Copen hagen. Elbrecht, Carola; Zinke, Michaela (2011): Kinder spielportale im Internet. Eine Unter suchung des Projekts „Ver braucherrechte in der digitalen Welt“ des Ver braucherzentrale Bundes‑ verbandes. Heraus gegeben vom Ver braucherzentrale Bundes verband e. V. – vzbv. Berlin. Engels, Stefan (1997): Kinder‑ und Jugendschutz in der Ver fassung. Ver anke rung, Funktion und Ver hältnis zum Elternrecht. In: AöR, S. 212–247. Engels, Stefan; Jürgens, Uwe; Fritz sche, Saskia (2007): Die Ent wick lungen des Telemedien rechts im Jahr 2006. In: K&R, S. 57–68. Faßbender, Kurt (2006): Der grundrecht liche Schutz der Werbefrei heit in Deutschland und Europa. In: GRUR Int., S. 965–978. Fechner, Frank; Schipanski, Tankred (2006): Werbung für Handyklingeltöne – Rechts fragen im Jugendschutz‑, Telekommunika tions‑ und Wettbewerbs recht. In: ZUM, S. 898–907. Feil, Christine (2003): Kinder, Geld und Konsum. Die Kommerzialisie rung der Kindheit. Weinheim/München. Feil, Christine; Decker, Regina; Gieger, Christoph (2004): Wie ent decken Kinder das Internet? Beobach tungen bei 5‑ bis 12‑jähri gen Kindern. Wiesbaden. Fielder, Anna; Gardner, Will; Nairn, Agnes; Pitt, Jillian (2007): Fair Game? Assessing Com‑ mercial Activity on Children’s Favourite Websites and Online Environments. Herausgegeben von National Consumer Council. London. Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Schule und Berufs bildung (Hg.) (2011): Bildungs‑ plan Grundschule. Sach unterricht. www.hamburg.de/contentblob/2481914/data/ sachunterricht‑gs. pdf [31. 07. 2014]. 378 Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Schule und Berufs bildung (Hg.) (2011): Bildungs‑ plan Grundschule. Auf gaben gebiete. www.hamburg.de/contentblob/2481804/data/ aufgabegebiete‑gs. pdf [31. 07. 2014]. FSM e. V. (2011): Prüfgrundsätze der FSM. 2. Aufl. Berlin, www.fsm.de/ueber‑uns/ veroeffentlichungen/Prfgrundstze_2.Auflage. pdf [31. 07. 2104]. Gidlöf, Kerstin; Holmberg, Nils; Sandberg, Helena (2012): The Use of Eye‑Tracking and Retrospective Interviews to Study Teenagers Exposure to Online Advertising. In: Visual Communica tion, Jg. 11, H. 3, S. 329–345. Gola, Peter; Schomerus, Rudolf (2012): BDSG Bundes daten schutz gesetz: Kommentar. 11 Aufl., München. Gottberg, Hans‑Joachim von; Rosenstock, Roland (2009) (Hg.): Werbung aus allen Richtungen. Cross mediale Marken strategien als Heraus forde rung für den Jugendschutz. München. Greve, Goetz; Hopf, Gregor; Bauer, Christoph (2011): Einfüh rung in das Online Targeting. In: Bauer, Christoph; Greve, Goetz; Hopf, Gregor (Hg.): Online Targeting und Controlling. Grundlagen – Anwen dungs felder – Praxis beispiele. Wiesbaden, S. 3–22. Hahn, Werner; Vesting, Thomas (2012): Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht. 3. Aufl., München. Harte‑Bavendamm, Henning; Henning‑Bodewig, Frauke; Ahrens, Hans‑Jürgen (2013): Gesetz gegen den unlaute ren Wettbewerb (UWG). Kommentar. 3 Aufl., München. Hass, Berthold B.; Will brandt, Klaus W. (2011): Targeting von Onlinewer bung: Grundlagen, Formen und Heraus forde rungen. In: Medien Wirtschaft, Nr. 1, S. 12–21. Heilmann, Stefan (2013): Anonymi tät für User‑generated Content? Ver fassungs recht liche und einfach‑gesetz liche Analyse der Informa tions pflichten für journalistisch‑redaktio nelle An‑ gebote und andere Telemedien in §§ 5 TMG, 55 RStV. Baden‑Baden. Heise Online‑Recht: der Leitfaden für Praktiker und Juristen (2011). Loseblattsammlung. 3. ErgL Aufl. Hannover. Henke, Lucy L. (1999): Children, Advertising, and the Internet. An Exploratory Study. In: Schumann, D. W.; Thorson, E. (Hg.): Advertising and the World Wide Web. New Jersey, S. 73–80. Henry, Anna E.; Story, Mary (2009): Food and Beverage Brands That Market to Children and Adolescents on the Internet: A Content Analysis of Branded Web Sites. In: Journal of Nutrition Education and Behavior, Jg. 41, H. 5, S. 353–359. Hoeren, Thomas; Sieber, Ulrich; Holznagel, Bernd (2014): Handbuch Multimedia‑Recht: Rechts fragen des elektroni schen Geschäts verkehrs. 38. ErgL Aufl. München. Inter active Media (2013): Mediadaten. webcache.googleusercontent.com/search= cache: u8BHojeHSHQJ:www.inter activemedia.net/ de/mediadaten‑pdf/kicker_de/+&cd=1&hl=d e&ct=clnk&gl=de&client=firefox‑a [31. 07. 2014]. Jahn, David; Palzer, Christoph (2014): Werbung gegen über Kindern – „Dus“ and don’ts. In: GRUR, S. 332–337. Jandt, Silke; Roßnagel, Alexander (2011): Social Networks für Kinder und Jugend liche – Besteht ein aus reichen der Daten schutz? In: MMR, S. 637–642. Joecks, Wolfgang; Schmitz, Roland (2010): StGB Neben strafrecht II. München. 379 literatur Jones, Sandra C.; Reid, Amanda (2010): Marketing to Children and Teens on Australian Food Company Web Sites. In: Young Consumers, Jg. 11, H. 1, S. 57–66. Kitz, Volker (2007): Das neue Recht der elektroni schen Medien in Deutschland – sein Charme, seine Fallstricke. In: ZUM, Jg. 51, Nr. 5, S. 368–375. Kjørstad, Ingrid; Brusdal, Ragnhild; Ånestad, Siv Elin (2010): Barn som forbrukere av kom‑ mersielle nettsamfunn. En casestudie av Habbo. no. Heraus gegeben vom National Institute for Consumer Research. Oslo. Klar, Manuel (2013): Privatsphäre und Daten schutz in Zeiten techni schen und legis lativen Umbruchs. In: DÖV, S. 103–113. Kloss, Ingmar (2012): Werbung. Handbuch für Studium und Praxis. München. Köhler, Helmut; Bornkamm, Joachim; Baumbach, Adolf; Hefermehl, Wolfgang (2013): UWG. Kommentar. 31 Aufl., München. Kommer, Sven (1996): Kinder im Werbenetz. Eine qualitative Studie zum Werbeangebot und zum Werbe verhalten von Kindern. GMK‑Schriften reihe. Opladen. König, Michael; Börner, Thomas (2012): Erweiterter Minderjährigen schutz im rechts geschäft‑ lichen Ver kehr? Gefahr körper licher und seelischer Schäden als un verzicht bares Tatbestands‑ merkmal des § 6 JMStV. In: MMR, S. 215–219. Kühling, Jürgen; Sivridis, Anastasios; Schwuchow, Mathis; Burghardt, Thorben (2009): Das daten schutz recht liche Vollzugs defizit im Bereich der Telemedien – ein Schreckens bericht. In: DuD, S. 335–342. Lampert, Claudia (2009): Marken als multimediales Brandzeichen? In: Gottberg, Hans‑Joachim von; Rosenstock, Roland (Hg.): Werbung aus allen Richtun gen. Cross mediale Marken‑ strategien als Heraus forde rung für den Jugendschutz. München, S. 13–23. Lampert, Claudia (2014): Kinder und Internet. In: Tillmann, Angela; Fleischer, Sandra; Hugger, Kai‑Uwe (Hg.): Handbuch Kinder und Medien. Wiesbaden, S. 429–440. Landes zentrale für Medien und Kommunika tion Rheinland‑Pfalz (Hg.) (2014): Mit Kindern unter wegs im Internet: Beobach tungen zum Surf verhalten – Heraus forde rungen für die Medien aufsicht (Jugendschutz und Werbung). Unter Mitarbeit von Petra Grimm, Tobias O. Keber und Boris A. Kühnle et al. Schriften reihe der Landes zentrale für Medien und Kommunika tion. Stuttgart. Leitgeb, Stephan (2009): Virales Marketing – Recht liches Umfeld für Werbefilme auf Internet‑ portalen wie YouTube. In: ZUM, S. 39–48. Lerch, Hana; Krause, Beate; Hotho, Andreas; Roßnagel, Alexander; Stumme, Gerd (2010): Social Bookmarking‑Systeme – die unerkannten Daten sammler. Un gewollte personen‑ bezogene Daten verarbei tung? In: MMR, S. 454–458. Liesching, Marc (2012): Alkoholwer bung in Rundfunk und Telemedien: Anforde rungen des § 6 Abs. 5 JMStV. In: MMR, Jg. 15, Nr. 4, S. 211–215. Liesching, Marc (2014): Beck’scher Online‑Kommentar JMStV. 12 Aufl. München. Liesching, Marc; Schuster, Susanne (2011): Jugendschutz. München. Lindloff, Dirk; Fromm, Ingo E. (2011): Ist ge kennzeichnete redaktio nelle Werbung auf Webseiten straf bar? – Strafrecht liche Relevanz des Ver schleierns von Werbehand lungen. In: MMR, S. 359–363. 380 Lingas, Elena O.; Dorfman, Lori; Bukofzer, Eliana (2009): Nutrition Content of Food and Beverage Products on Web Sites Popular With Children. In: American Journal of Public Health, Jg. 99, No. 3, S. 587–592. Livingstone, Sonia; Haddon, Leslie; Görzig, Anke; Ólafsson, Kjartan (2011): Risks and Safety on the Internet: The Perspective of European Children. Full findings. London, http:// www.lse.ac.uk/media%40lse/research/EUKidsOnline/ EU%20Kids%20II%20%282009‑ 11%29/EUKidsOnlineIIReports/D4FullFindings. pdf [30. 07. 2014]. Livingstone, Sonia; Helsper, Ellen (2006): Does Advertising Literacy Mediate the Effects of Advertising on Children? A Critical Examination of Two Linked Research Literatures in Relation to Obesity and Food Choice. In: Journal of Communication, Jg. 56, H. 3, S. 560–584. Lo, Cherish; Driscoll, Paul D.; Dupagne, Michael (2008): Content Analysis of Food Advertising on Children’s Television Websites. In: The Florida Communica tion Journal, Jg. 36, H. 2, S. 74–88. Loschelder, Michael; Erdmann, Willi; Ahrens, Hans‑Jürgen; Gloy, Wolfgang (2010): Handbuch des Wettbewerbs rechts. 3. Aufl., München. Mallinckrodt, Victoria; Mizerski, Dick (2007): The Effects of Playing an Advergame on Young Children’s Perceptions, Preferences, and Requests. In: Journal of Advertising, Jg. 36, H. 2, S. 87–100. Mankowski, Peter (2007): Klingeltöne auf dem wettbewerbs recht lichen Prüfstand. In: GRUR, S. 1013–1022. Masing, Johannes (2012): Heraus forde rungen des Daten schutzes. In: NJW, S. 2305–2312. Maunz, Theodor; Dürig, Günter (2013): Grundgesetz Kommentar. Loseblattsamm lung. Mün‑ chen. Media Smart e. V.: Warum gibt es Werbung? www.mediasmart.de/wissen/werbe‑abc/ warum‑gibt‑es‑werbung. html [30. 07. 2014]. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (2013): KIM‑Studie 2012. Kinder + Medien, Computer + Internet. Basis untersuchung zum Medien umgang 6‑ bis 13‑Jähriger in Deutsch‑ land. www.mpfs.de/fileadmin/KIM‑pdf12/KIM_2012. pdf [31. 07. 2014]. Miebach, Klaus; Joecks, Wolfgang (2010): Münchener Kommentar zum StGB. Band 6/1. München. Ministerium für Schule und Weiter bildung des Landes Nordrhein‑West falen (Hg.) (2008): Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein‑West falen. www. standardsicherung.schulministerium.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_gs/LP_GS_2008. pdf [30. 07. 2014]. Moore, Elizabeth S. (2004): Children and the Changing World of Advertising. In: Journal of Business Ethics, Jg. 52, H. 2, S. 161–167. Moore, Elizabeth S. (2006): It’s Child’s Play. Advergaming and the Online Marketing of Food to children. A Kaiser Family Foundation Report. Herausgegeben von der Kaiser Family Foundation. Menlo Park, Ca. Moore, Elizabeth S.; Lutz, Richard J. (2000): Children, Advertising, and Product Experiences: A Multimethod Inquiry. In: Journal of Consumer Research, Jg. 27, S. 31–48, http:// warrington.ufl.edu/departments/mkt/docs/lutz/Children. pdf [31. 07. 2014]. 381 literatur Moore, Elizabeth S.; Rideout, Victoria J. (2007): The Online Marketing of Food to Children. Is It Just Fun and Games? In: American Marketing Association, Jg. 26, H. 2, S. 202–220. Müller‑Broich, Jan Dominik (2012): Telemedien gesetz. Baden‑Baden. Nairn, Agnes (2008): „It Does my Head In … Buy It, Buy It, Buy It!“ The Commercialisation of UK Children’s Web Sites. In: Young Consumers, Jg. 9, H. 4, S. 239–253. Nairn, Agnes; Dew, Alexander (2007): Pop‑Ups, Pop‑Under, Banners and Buttons: The Ethic of Online Advertising to Primary School Children. In: Journal of Direct, Data and Digital Marketing Practice, Vol. 9, S. 30–46, www.palgrave‑journals.com/dddmp/journal/ v9/n1/pdf/4350076a. pdf [31. 07. 2014]. Nairn, Agnes; Monkgol; Dowsiri (2007): Children and Privacy Online. In: Journal of Direct, Data and Digital Marketing Practise, Vol. 8, S. 294–308, www.palgrave‑journals. com/dddmp/journal/v8/n4/pdf/4350063a. pdf [31. 07. 2014]. Nikles, Bruno W.; Roll, Sigmar; Spürck, Dieter; Umbach, Klaus (2005): Jugendschutz recht. Kom mentar zum Jugendschutz gesetz (JuSchG) und zum Jugendmedien schutz‑Staats vertrag (JMStV) mit Erläute rungen zur Systematik und Praxis des Jugendschutzes. 2. Aufl. Köln. Oermann, Markus (2013): Das „Kommunika tions panopticon“ als Heraus forde rung für die Daten schutz regulie rung von inkludie ren den Onlinekommunika tions diensten. In: DSRITB, S. 53–68. Ohly, Ansgar; Sosnitza, Olaf; Piper, Henning (2010): Gesetz gegen den unlaute ren Wettbewerb. Kommentar. 5. Aufl., München. Ohm, Paul (2010): Broken Promises of Privacy: Responding to the Surprising Failure of Anonymization. In: UCLA Law Review, Vol. 57, S. 1701–1777. Paus‑Hasebrink, Ingrid; Neumann‑Braun, Klaus; Hasebrink, Uwe; Aufenanger, Stefan (2004): Medien kind heit – Marken kind heit: Unter suchungen zur multimedialen Ver wertung von Marken zeichen für Kinder. München. Pieper, Fritz; Krügel, Tina (2013): VG Schleswig: Facebook‑Fanpage‑Betreiber sind daten‑ schutz recht lich nicht ver antwort lich. In: ZD‑Aktuell, S. 03831. Platho, Rolf (2000): Werbung, nichts als Werbung – und wo bleibt der Tren nungs grundsatz? In: Zeitschrift für Urheber‑ und Medien recht Jg. 44, Nr. 1, S. 46–55. Ploetz, Anke von (1999): Werbekompetenz von Kindern im Kindergarten alter. Ein Experiment zum Erkennen von Werbung. München. Pöttinger, Ida (1997): Lernziel Medien kompetenz. Theoreti sche Grundlagen und prakti sche Evalua tion anhand eines Hörspielprojekts. München. Roedder John, Deborah (1999): Consumer Socialization of Children: A Retrospective Look at Twenty‑Five Years of Research. In: Journal of Consumer Research, Jg. 26, S. 183–213. Rosenstock, Roland (2005): Marken und Botschaften. Kinder angebote im Internet und Werte‑ kommunika tion. In: Bayerische Landes zentrale für Neue Medien (Hg.): An gebote für Kinder im Internet. Aus gewählte Beiträge zur Ent wick lung von Quali täts kriterien und zur Schaf fung sicherer Surfräume für Kinder. München, S. 89–102. Rossen‑Stadt feld, Helge (2008): Beurtei lungs spiel räume der Medien aufsicht. In: ZUM, S. 457–475. 382 Rozendaal, Esther (2011): Advertising Literacy and Children’s Susceptibility to Advertising. Chapter 6: Rethinking the Concept of Children’s Advertising Literacy. Dissertation. Amsterdam. Rozendaal, Esther; Lapierre, Matthew; van Reijmersdal, Eva; Buijzen, Moniek (2011): Reconsi‑ dering Advertising Literacy as a Defense Against Advertising Effects. In: Media Psychology, Jg. 14, H. 4, S. 333–354. Sandberg, Helena; Gidlöf, Kerstin; Holmberg, Nils (2011): Children’s Exposure to and Percep‑ tions of Online Advertising. In: Inter national Journal of Communica tion, H. 5, S. 21–50. Scherer, Inge (2008): Kinder als Konsumenten und Kaufmotivatoren. In: WRP, S. 430–437. Scherer, Inge (2009): „Case law“ in Gesetzes form – Die „Schwarze Liste“ als neuer UWG‑ Anhang. In: NJW, Nr. 6, S. 324–331. Schirmbacher, Martin (2009): UWG 2008: Aus wirkungen auf den E‑Commerce. In: K&R, Jg. 12, Nr. 7, S. 433–438. Schluder mann, Walter (2002): Medien mündig keit als gesell schaft liche Heraus forde rung. In: Paus‑Haase, Ingrid; Lampert, Claudia; Süss, Daniel (Hg.): Medien pädagogik in der Kom‑ munika tions wissen schaft. Positionen, Perspektiven, Potenziale. Wiesbaden, S. 49 ff. Schmitt Glaeser, Walter (2000): Big Brother is watching you – Menschen würde bei RTL 2. In: ZRP, S. 395–402. Schröder, Markus (2013): Die DDOW‑Kodizes – Eine Alternative? In: DSRITB, S. 173–180. Schulz, Wolfgang; Heilmann, Stefan (2008): Redaktio nelle Ver antwor tung – Anmer kungen zu einem zentralen Begriff der Regulie rung audiovisueller Mediendienste. IRIS Spezial. Straßburg. Schulze, Anne (2013): Internet werbung und Kinder. Eine Rezep tions studie. Wiesbaden. Schwenke, Matthias Christoph (2006): Individualisie rung und Daten schutz: Rechts konformer Umgang mit personen bezogenen Daten im Kontext der Individualisie rung. Wiesbaden. SEOlytics (2013). www.seolytics.de/lexicon/above‑the‑fold/ [31. 07. 2014]. Shin, Wonsun; Huh, Jisu; Faber, Ronald J. (2012): Developmental Antecedents to Children’s Responses to Online Advertising. In: Inter national Journal of Advertising, Jg. 31, H. 4, S. 719–740. Sieber, Ulrich; Nolde, Malaika (2008): Sperr verfü gungen im Internet. Schriften reihe des Max‑ Planck‑Instituts für aus ländi sches und inter nationales Strafrecht – Strafrechtliche Forschungs‑ berichte. Freiburg i. B., www.mpicc.de ww/ de/pub/forschung/forschungsarbeit/ strafrecht/sperrverfuegungen. htm [31. 07. 2014]. Skaar, Håvard (2009): Branded Selves: How Children in Norway Relate to Marketing on a Social Network Site. In: Journal of Children and Media, Jg. 3, H. 3, S. 249–266. Spanhel, Dieter (2002): Medien kompetenz als Schlüssel begriff in der Medien pädagogik? In: Forum Medienethik, H. 1, S. 48–53. Spindler, Gerald; Schuster, Fabian (2011): Recht der elektroni schen Medien: Kommentar. 2. Aufl. München. Staudinger, Julius J. von (2012): Staudingers Kommentar zum Bürger lichen Gesetz buch mit Einfüh rungs gesetz und Neben gesetzen. Neubearbeitung 2012. Berlin. 383 literatur Stern, Susannah; An, Soontae (2009): Increasing Children’s Understanding of Advergames’ Commercial Nature. Does an Advertising Literacy Lesson or Ad Break Make a Difference? Conference Paper – International Communication Association. Chicago. Stern, Susannah; An, Soontae (2011): Mitigating the Effects of Advergames on Children. Do Advertising Breaks Work? In: Journal of Advertising, Jg. 40, H. 1, S. 43–56. Stroer Interactive (2014). www.stroeerdigitalmedia.de/werbeformen/display [31. 07. 2014]. Ukrow, Jörg (2004): Jugendschutz recht. München. Ullmann, Eike (2003): Das Koordinaten system des Rechts des unlaute ren Wettbewerbs im Span nungs feld von Europa und Deutschland. In: GRUR, S. 817–825. van Reijmersdal, Eva; Rozendaal, Esther; Buijzen, Moniek (2012): Effects of Prominence, Involvement, and Persuasion. Knowledge on Children’s Cognitive and Affective Responses to Advergames. In: Journal of Interactive Marketing, Jg. 26, S. 33–42. VERBI Software Consult Sozialforschung (2013): Maxqda. The Art of Data Analysis. Eine Einfüh rung. Berlin, S. 129 ff. Voigt, Paul (2009): Daten schutz bei Google. In: MMR, S. 377–382. Voigt, Paul; Alich, Stefan (2011): Facebook‑Like‑Button und Co. Daten schutz recht liche Ver‑ antwortlich keit der Webseiten betreiber. In: NJW, S. 3541–3544. Waiguny, M.; Nelson, M. R.; Terlutter, R. (2012): Entertainment Matters! The Relationship between Challenge and Persuasiveness of an Advergame for Children. In: Journal of Marketing Communications, Jg. 18, H. 1, S. 69–89. Welker, Martin; Wünsch, Carsten (Hg.) (2010): Die Online‑Inhalts analyse. Forschungs objekt Internet. Neue Schriften zur Online‑Forschung, 8. Köln. Welker, Martin; Wünsch, Carsten; Böcking, Saskia; Bock, Annekatrin; Friedemann, Anne; Herbers, Martin et al. (2010): Die Online‑Inhalts analyse: methodi sche Heraus forde rung, aber ohne Alternative. In: Welker, Martin; Wünsch, Carsten (Hg.): Die Online‑Inhaltsana‑ lyse. Forschungs objekt Internet. Neue Schriften zur Online‑Forschung, 8. Köln, S. 9–30. Woitke, Thomas (2003): Informa tions‑ und Hinweis pflichten im E‑Commerce. In: Betriebs‑ Berater, Jg. 58, Nr. 47, S. 2469–2476. Young, Brian (1986): New Approaches to Old Problems: The Growth of Advertising Literacy. In: Ward, Scott; Robertson, Tom; Brown, Ray (Hg.): Commercial Television and European Children. Aldershot, S. 67–83. Young, Brian (1990): Children and Television Advertising. Oxford. Young, Brian (2003): Does Food Advertising Influence Children’s Food Choices? A Critical Review of Some of the Recent Literature. In: International Journal of Advertising, Jg. 22, S. 441–459. Zagouras, Georgios (2006): Werbung für Mobilfunkmehrwertdienste und die Aus nutzung der geschäft lichen Unerfahren heit von Kindern und Jugend lichen nach § 4 Nr. 2 UWG. In: GRUR, S. 731–734. Zimmermann, Felix (2014): Product Placements in den elektroni schen Medien. Baden‑Baden. Zscherpe, Kerstin A. (2004): Anforde rungen an die daten schutz recht liche Einwilli gung im Internet. In: MMR, S. 723–727. 385 abbildungs- und tabellenverzeichnis Abbildungen Abbildung 1: Schemati sche Darstel lung der Akteurs beziehungen im Bereich Onlinewer bung (ver einfacht) 26 Abbildung 2: Über blick über die Anlage der Studie 58 Abbildung 3: Zentrale Ziele im Schnittbereich von kind licher Ent wick lung und Werbung 61 Abbildung 4: Auswahl der untersuchten Webseiten 64 Abbildung 5: Rezep tions analyse – qualitativ und quantitativ 67 Abbildung 6: Kennzeich nung explizit werb licher Segmente auf Seiten, die mindestens ein explizit werb liches Segment ent halten 90 Abbildung 7: Kennzeich nungs bezeich nungen explizit werb licher Segmente auf Seiten, die mindestens ein explizit werb liches Segment ent halten 90 Abbildung 8: Werbeblock auf der Start seite von knuddels. de 91 Abbildung 9: Werbeblock auf der Start seite von msn. com 91 Abbildung 10: Werbung in „anderer“ Rubrik auf der Start seite von bravo. de 92 Abbildung 11: Rubrik „Werbung“ auf toggo. de 94 Abbildung 12: Gestalterische Merkmale explizit werblicher Segmente auf Webseiten, die mindestens ein expllizit werbliches Segment enthalten 97 Abbildung 13: Produkt kategorien explizit werb licher Segmente auf Webseiten, die sich aus schließ lich an Kinder richten 101 Abbildung 14: Produkt kategorien explizit werb licher Segmente auf Seiten, die sich an Kinder und/oder Jugend liche, nicht jedoch an Erwachsene richten 102 Abbildung 15: Inhaltliche Bezüge explizit werblicher Segmente zur Seite nach unterschiedlichen Webseitenkategorien 103 Abbildung 16: Konsumbezogene Imperative bei explizit werblichen Segmenten nach Webseitenkategorien 106 Abbildung 17: Explizit werb liches Segment „AOK“ auf bravo. de 109 Abbildung 18: Explizit werb liches Segment „kinder“ auf bravo. de 109 Abbildung 19: Explizit werb liches Segment „Gewinne“ auf barbie. de 109 Abbildung 20: Explizit werb liches Segment „Venus“ auf maedchen. de 110 Abbildung 21: Explizit werb liches Segment „Karma Camp“ auf kicker. de 110 386 Abbildung 22: Explizit werb liches Segment „Urlaubs erlebnis Ostsee“ auf bravo. de 111 Abbildung 23: Explizit werb liches Segment „Ford“ auf geolino. de 111 Abbildung 24: Zielgruppe Eltern – explizit werb liches Segment „GEOlino Abo“ auf geolino. de 111 Abbildung 25: Banner „Bikini‑Modus“ auf jetztspielen. com (Rubrik „Mädchen spiele“) 113 Abbildung 26: Explizit werb liches Segment „Erschieße 3 Feinde“ auf jetztspielen. com 113 Abbildung 27: Explizit werb liches Segment „XBOX“ auf spieletipps. de 113 Abbildung 28: Explizit werb liches Segment „Rotwein“ auf maedchen. de 113 Abbildung 29: Banner „Elite Partner“ auf maedchen. de 114 Abbildung 30: Besondere Kennzeich nung „Promo tion“ – identifiziertes Segment auf maedchen. de 116 Abbildung 31: Sponsoren im Footer von kicker. de 116 Abbildung 32: Markennen nungen auf kicker. de 117 Abbildung 33: Marken auf spieletipps. de 117 Abbildung 34: Services auf msn. com 118 Abbildung 35: Logos und Förderer im Footer von inter nauten. de 118 Abbildung 36: „Partner angebote“ auf msn. com 119 Abbildung 37: „Top‑ und Partner angebote“ auf gmx. de 119 Abbildung 38: Empfeh lung „Top An gebote“ – identifiziertes Segment auf yahoo. com 119 Abbildung 39: Kaufpreis‑Angaben auf gamestar. de 120 Abbildung 40: Produktabbil dungen auf bravo. de 121 Abbildung 41: Produktabbil dung auf wasist was. de 122 Abbildung 42: Produktabbil dung auf geolino. de 122 Abbildung 43: Merchandising auf wasist was. de 122 Abbildung 44: Produktabbil dung auf playsta tion. de 122 Abbildung 45: Merchandising auf be llasara. de 123 Abbildung 46: Screenshot von toggo. de (Startseite, 04. 06. 2013, 10:12) 125 Abbildung 47: Screenshot von youtube. de (Startseite, 04. 06. 2013, 10:20) 127 Abbildung 48: Screen shot von bravo. de (Start seite, 06. 06. 2013, 9:32) 128 Abbildung 49: Screen shot von spielaffe. de (Start seite, 04. 06. 2013, 10:17) 131 Abbildung 50: Screen shot von knuddels. de (Start seite, 06. 06. 2013, 9:35) 132 Abbildung 51: Screen shot von kicker. de (Start seite, 04. 06. 2013, 10:26) 133 387 abbildungs- und tabellenverzeichnis Abbildung 52: Screen shot von helles‑koepfchen. de (Start seite, 01. 06. 2013, 18:40) 135 Abbildung 53: Sticky Ad auf helles‑koepfchen. de 135 Abbildung 54: Screen shot gmx. net (Start seite, 01. 06. 2013, 10:55) 136 Abbildung 55: „Ad“ auf barbie. com (Start seite 01. 06. 2013, 13:40) 137 Abbildung 56: Anzeige auf geolino. de 138 Abbildung 57: Landing Pages, aus gehend von explizit werb lichen Segmenten 140 Abbildung 58: Mashup auf gmx. net 141 Abbildung 59: Format der Landing Pages, aus gehend von explizit werb lichen Segmenten 142 Abbildung 60: Art der Ansprache auf den Landing Pages, aus gehend von explizit werb lichen Segmenten 143 Abbildung 61: Häufig keiten der Third‑Party‑Cookies auf den 50 Start seiten (nach Anbieter) 147 Abbildung 62: Beispiel für Unter schiede in der aus gespielten Werbung auf charts. de; links Kinder‑Rechner, rechts Erwachsenen‑ Rechner 148 Abbildung 63: Beispiel für Unter schiede in der aus gespielten Werbung auf element‑girls. de; links Kinder‑Rechner, rechts Erwachsenen‑ Rechner 149 Abbildung 64: Beispiel für Unter schiede in der aus gespielten Werbung auf kids zone. de; links Kinder‑Rechner, rechts Erwachsenen‑ Rechner 149 Abbildung 65: Beispiel für Unter schiede in der aus gespielten Werbung auf kinder campus. de; links Kinder‑Rechner, rechts Erwachsenen‑ Rechner 150 Abbildung 66: Fluss diagramm der recht lichen Bewer tung von Online‑ wer bung 245 Abbildung 67: Stichprobe der Kinder; nach Geschlecht und Alter 274 Abbildung 68: Häufig keit der Auswahl einer Webseite nach Bekannt heit des An gebots (absolut) 277 Abbildung 69: Nutzungs häufig keit des Internets; nach Geschlecht und Alter 278 Abbildung 70: Am häufigsten ge nutztes Gerät, um ins Internet zu gehen 279 Abbildung 71: Woher kennen Kinder Werbung? 285 Abbildung 72: Wissen um die Inten tion von Werbung 289 Abbildung 73: Gespräche über Werbung 295 Abbildung 74: Einschät zung des Wahr heits gehalts von Werbung 301 388 Abbildung 75: Bewer tung von Onlinewer bung 304 Abbildung 76: Merkmale, an denen Kinder Werbung er kennen 309 Abbildung 77: Anzahl ge nannter Erken nungs merkmale nach Alter 310 Abbildung 78: Anteil der richtig ein geschätzten (explizit) werb lichen Segmente 319 Abbildung 79: Modell zum Umgang mit werb lichen Erschei nungs formen im Internet 328 Abbildung 80: Anforde rungen und Erwar tungen im Hinblick auf die intendierte Zielgruppe 359 Abbildung 81: Anforde rungen und Erwar tungen im Hinblick auf die suggerierte An gebot sinten tion 360 Abbildung 82: Zielebene Hand lungs autonomie 361 Abbildung 83: Zielebene Informatio nelle Selbst bestim mung 367 Abbildung 84: Zielebene Gemeinschafts fähig keit 369 Tabellen Tabelle 1: Ent wick lung werb lichen Wissens 44 Tabelle 2: Über blick über die Analyse ebenen zur Bestim mung werb licher Erschei nungs formen 79 Tabelle 3: Durch schnitt liche Anzahl explizit werb licher Segmente auf den Start seiten (nach Webseiten kategorien) 85 Tabelle 4: Durch schnitt liche Anzahl explizit werb licher Segmente auf den Start seiten – Kinder‑ und Jugendwebseiten 86 Tabelle 5: Häufigkeit explizit werblicher Segmente mit gestalterischer Ähnlichkeit (nach Webseitenkategorien) 88 Tabelle 6: Kontingenz und Häufig keit des Vor kommens – Gestalteri sche Ähnlich keit und Kennzeich nung 93 Tabelle 7: Kontingenz – Platzie rung und Kennzeich nung 95 Tabelle 8: Gestalterische Merkmale explizit werblicher Segmente nach unterschiedlichen Webseitenkategorien 96 Tabelle 9: Produktkategorien explizit werblicher Segmente nach unterschiedlichen Webseitenkategorien 100 Tabelle 10: Kontingenz – Inhalt liche Bezüge und Kennzeich nung 104 Tabelle 11: Form der Ansprache nach Webseitenkategorien 107 Tabelle 12: Inhaltliche Gestaltung explizit werblicher Segmente 108 389 abbildungs- und tabellenverzeichnis Tabelle 13: Über sicht über die zehn Start seiten, die die meisten Third‑Party‑ Cookies auf dem Nutzer rechner ablegen 146 Tabelle 14: Eröff nung der Anwen dungs bereiche der Vor gaben in § 6 JMStV nach intendierter Zielgruppe 239 Tabelle 15: Relevanz von Werbeinhalt und Werbeumfeld für die Bestim mung der intendierten Zielgruppe einer Werbung 241 Tabelle 16: Kursori sche Sichtung der „sonsti gen Segmente“ der An gebots‑ analyse aus werberecht licher Perspektive (n = 858; Mehrfach‑ nen nungen möglich) 248 Tabelle 17: Daten basis der qualitativen Rezep tions studie im Über blick 276 Tabelle 18: Ver teilung der Häufig keit der Auswahl einer Webseite nach Alter (absolut) 277 391 anhang anhang a – an gebOts analyse liste der in der an gebOts analyse unter suchten webseiten Lieblings seiten im Internet Kinder 6–11 Jahre Quelle: KIM‑Studie 2012 (mpfs 2013), Mehrfachnen nungen analyse ebene zielgruppe des an gebots lf d. n um m er name (wie an gegeben) url to p 10 0 to p 50 Dy na m ik Ki nd er Ju ge nd lic he er w ac hs en e 001 toggo. de www.toggo. de 002 youtube www.youtube. com 003 blinde-Kuh www.blinde-kuh. de 004 frag finn. de www.fragfinn. de Schuelervz. de www.schuelervz. net Die Webseite wurde vor Studien beginn ein gestellt. [30. 04. 2013] 005 kika. de www.kika. de google www.google. de Webseite mit be sonde rem Webseiten format 006 bavo. de www.bravo. de 007 Knuddels. de www.knuddels. de 008 Spielaffe. de www.spielaffe. de 009 myvideo www.myvideo. de 010 toggolino. de www.toggolino. de facebook. com www.facebook. com Webseite mit be sonde rem Webseiten format 011 Die maus (die Sendung mit der maus) www.wdrmaus. de Seiten mit online-Spielen (allgemein) angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren 012 kicker. de www.kicker. de 013 helles Köpfchen www.helles-koepfchen. de 014 gmx www.gmx. net 015 barbie www.de.barbie. com 016 Sowieso. de www.sowieso. de 017 Kindernetz www.kindernetz. de 018 Wasist was. de www.wasistwas. de 392 analyse ebene zielgruppe des an gebots lf d. n um m er name (wie an gegeben) url to p 10 0 to p 50 Dy na m ik Ki nd er Ju ge nd lic he er w ac hs en e 019 lego. de www.lego.com/ de-de 020 Chatten-ohne-risiko. de www.chatten-ohne-risiko.net/er wachsene 021 gamestar. de www.gamestar. de 022 Kids ville. de www. kids ville. de 023 mädchen. de www.maedchen. de 024 Clipfish www.clipfish. de 025 geolino. de www.geo.de/geolino 026 internet-abC www.internet-abc.de/kinder 027 tivi. zdf www.tivi. de 028 Wer-kennt-wen. de www. wer-kennt-wen. de 029 Wikipedia. org de.wikipedia. org milkmoon. de zum zeitpunkt der Studie war die Webseite offline. [01. 03. 2013] 030 Kidsweb. de www.kidsweb. de 031 Seiten über fußball-/ bundes liga/Weltmeister- schaft www.bundes liga.de/ de 032 Scoolz www.scoolz. de/ 033 zzzebra. net www.labbe.de/zzzebra/index. asp 034 Checked 4 you www.checked4you. de 035 Jetzt-spielen. com www.jetztspielen. de 036 Kindercampus. de kinder campus. de 037 playsta tion-Seite de.playsta tion. com 038 mSn de.msn. com Sport seiten allgemein angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren ver schiedene fernsehseiten angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren 039 yahoo de.yahoo. com 040 Wuschelchat. de www.wuschelchat. de SchülerCC. de Webseite mit be sonde rem Webseiten format 393 anhang a – an gebOts analyse analyse ebene zielgruppe des an gebots lf d. n um m er name (wie an gegeben) url to p 10 0 to p 50 Dy na m ik Ki nd er Ju ge nd lic he er w ac hs en e 041 pokemon. de www.pokemon.com/ de tierseiten (allgemein) angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren 042 Disney. de www.disney.de/startseite. jsp Kinoseiten angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren 043 Seiten stark. de seiten stark. de Kinder seiten (allgemein) angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren 044 element girls www.element girls. de Spiele. de zum zeitpunkt der Studie war die Webseite offline. [01. 03. 2013] 045 inter nauten www.internauten. de 046 Spieletipps www.spieletipps. de 047 topmodel. biz de. top-model. biz 048 bellasara www.bellasara. com 049 bibernetz www.bibernetz. de 050 netzcheckers www.netzcheckers. de 051 Joy www.joy. de 052 logo www.tivi.de/fernsehen/logo/start/ index. html und www. tk-logo. de Webseite ist eine unter seite von tivi. tivi wurde in der analyse be rücksichtigt. 053 zylom www.zylom.com/ de 054 Superrtl www.superrtl. de 055 Klick-tipps. net www.klick-tipps. net 056 gzSz. de gzsz.rtl.de/cms/home. html musikseiten allgemein angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren 057 Web www.web. de 058 four story/4story www.4story. de 394 analyse ebene zielgruppe des an gebots lf d. n um m er name (wie an gegeben) url to p 10 0 to p 50 Dy na m ik Ki nd er Ju ge nd lic he er w ac hs en e 059 games. de games. de twitter. com Webseite mit be sonde rem Webseiten format Schulseite allgemein angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren google maps maps.google. de google maps ist ein Dienst von google.inc. google (-Suchmaschine) wurde in der analyse be rücksichtigt. Stayfriends. de Webseite mit be sonde rem Webseiten format 060 Star Wars www.starwars. com 061 zalando www.zalando. de Webseite mit be sonde rem Webseiten format 062 playmobil www.playmobil. de 063 Charts www.charts. de 064 Sportbild. de sportbild.bild. de Wauies. de zum zeitpunkt der Studie war die Webseite offline. [01. 03. 2013] 065 farmerama. de www.farmerama. de 066 opwiki4 www.opwiki. de 067 narutopedia www.narutopedia. eu 068 Caillou www.caillou. com 069 Clip Klapp www.juki. de 070 Computerbild www.computerbild. de fairway nicht auf find bar 071 mädchen spiele. de www.maedchen spiele. de 072 häppi www.haeppi.com de 073 pc-games. de www.pcgames. de 074 Kids und co www.kidsundco. de 075 moviestarplanet www.moviestarplanet. de 076 nasubia www.nasubia. com 077 Spox. de www.spox.com/ de/index. html 395 anhang a – an gebOts analyse analyse ebene zielgruppe des an gebots lf d. n um m er name (wie an gegeben) url to p 10 0 to p 50 Dy na m ik Ki nd er Ju ge nd lic he er w ac hs en e 078 tigerenten club. de www.tigerentenclub. de 079 Wetter. de www.wetter. de 080 Wewaii www.wewaii. de 081 Kinder. de www.kinder. de 082 rtl www.rtl.de/cms/index. html 083 prinzessin lillifee www.prinzessinlillifee. de 084 h und m www.hm.com de Webseite mit be sonde rem Webseiten format lernseiten allgemein angabe zu allgemein, um eine be stimmte Webseite zu analysie ren 085 lizzy. net www.lizzynet. de 086 baller spiele. de www.ballerspiele. net 087 Cinderella www.disney.go.com/cinderella 088 Wendy. de www.wendy. de 089 Wiesowes halbwarum www.wiesoweshalbwarum. com 090 play it www.playit-online. de 091 metin2 www.metin2. de 092 my free farm www.myfreefarm. de 093 girls go games www.girlsgogames. de 094 fettspielen. de www.fettspielen. de 095 mandala-bilder www.mandala-bilder. de 096 Jolie www.jolie. de 097 Quarks und Co www.wdr.de/ tv/quarks Webseite ist eine unter seite von WDr. WDr wurde in der Codie rung be rücksichtigt (099). 098 rossipotti www.rossipotti. de 099 WDr. de www1.wdr.de/themen/index. html 100 viva www.viva. tv 101 Splas hkids. de splas hkids. de 102 my free zoo www.myfreezoo. de 103 Justin bieber. de www.universal-music.de/justin-bieber 104 Kids zone www. kids zone. de 396 tyPisie rung der unter suchten webseiten (Journalistisch-) redaktio nelle Webseite (n = 51) produkt-/hersteller- webseiten (n = 25) Service-/einstiegs- portale (n = 14) platt formen (n = 10) 001 toggo. de 015 barbie. com 008 spielaffe. de 002 youtube. com 003 blinde-kuh. de 018 wasist was. de 014 gmx. net 007 knuddels. de 004 fag finn. de 019 lego. de 035 jetztspielen. com 009 myvideo. de 005 kika. de 037 playsta tion. de 038 msn. com 024 clipfish. de 006 bavo. de 041 pokemon. de 039 yahoo. com 028 werkenntwen. de 010 toggolino. de 042 disney. de 053 zylom. com 029 wikipedia. org 011 diemaus. de 047 top-model. biz 057 web. de 040 wuschelchat. de 012 kicker. de 048 be llasara. de 059 games. de 050 netzcheckers. de 013 helles-koepfchen. de 058 4story. de 071 maedchen spiele. de 066 opwiki. org 016 sowieso. de 060 starwars. de 079 wetter. de 067 narutopedia. eu 017 kindernetz. de 062 playmobil. de 086 baller spiele. de 020 chatten-ohne- risiko. de 065 farmerama. de 068 caillou. com 090 playit-online. de 093 gogirls games. de 021 gamestar. de 072 haeppi. com 094 fettspielen. de 022 kids ville. de 075 moviestarplanet. de 023 maedchen. de 076 nasubia. com 025 geolino. de 080 wewaii. de 026 internet-abC. de 083 prinzessin-lillifee. de 027 tivi. de 087 cinderella. com 030 kidsweb. de 088 wendy. de 031 bundes liga. de 032 scoolz. de 089 wiesoweshalb warum. com 033 zzzebra. de 091 metin2. de 034 checked4you. de 092 myfree farm. de 036 kinder campus. de 102 myfreezoo. de 043 seiten stark. de 044 element girls. de 103 universal-music.de/ justin-bieber 397 anhang a – an gebOts analyse (Journalistisch-) redaktio nelle Webseite (n = 51) produkt-/hersteller- webseiten (n = 25) Service-/einstiegs- portale (n = 14) platt formen (n = 10) 045 inter nauten. de 046 spieletipps. de 049 bibernetz. de 051 joy. de 054 superrtl. de 055 klicktipps. de 056 gzsz. de 063 charts. de 064 sportbild. de 069 clipklapp. de 070 computerbild. de 073 pcgames. de 074 kidsundco. de 077 spox. de 078 tigerenten club. de 081 kinder. de 082 rtl. de 085 lizzynet. de 095 mandala-bilder. de 096 jolie. de 098 rossipotti. de 099 wdr. de 100 viva. tv 101 splas hkids. de 104 kids zone. de 398 KategOrien system Analyse ebene 1a: Start seite Gegen stand: Gestal tung eines An gebots Die Variablen werden in MAXQDA als Fallvariablen (im Kategorien system dunkler hinter legt) erfasst. 1 in anleh nung an aufenanger et al. (2008), S. 3. Kategorie aus prägung anwei sung Codierer offen er fassen Kürzel des Codierers url genauer Domain-name Domain-namen mit er fassen Datum des abrufs offen er fassen JJmmDD uhrzeit des abrufs offen er fassen xx:xx Webseitentyp1 internet seite von 1. einer zeitschrift 2. einer radio- bzw. fernseh- sendung/einem rundfunk- bzw. fernsehsender 3. dem Wohnort 4. einem Spiele-anbieter 5. ver einen 6. Spielzeugherstellern 7. fanclubs/Künstlern/Stars (z. b. musik, Sport) 8. pädagogi schen institu- tionen (z. b. lernserver, wie mathe-pirat, antolin) 9. Suchmaschinen 10. portalen (z. b. msn, gmx) 11. video-/musik-plattformen (z. b. youtube, myvideo etc.) 12. [Sonsti ges] einfachcodie rung vor rangige zielgruppe der Webseite 1. Kinder 2. Jugend liche 3. erwachsene 4. Kinder, Jugend liche, er- wachsene 5. Jugend liche und erwachsene 6. Kinder und eltern 7. Kinder und Jugend liche 8. [Sonsti ges] einfachcodie rung Die zielgruppe einer Webseite ist i. d. r. dem im- pressum bzw. den mediadaten zu ent nehmen; im zweifel optische gestal tung und lebens welt. Kinder: unter 14 Jahre Jugend liche: unter 18 Jahre 399 anhang a – an gebOts analyse 2 in anleh nung an aufenanger et al. (2008), S. 4. 3 in anleh nung an aufenanger et al. (2008), S. 4. 4 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 2, 9 f. 5 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 2, 9 f. Kategorie aus prägung anwei sung anzahl der Werbe erschei- nungen Numerisch er fassen Diese Kategorie greift nur für explizite Werbe- formen (s. u.); ge zählt wird jede einzelne Wer- bung. tandemwer bungen werden als zwei Werbun gen codiert. vor handensein eines onlines hops2 1. integriert auf der Webseite 2. über ver linkung auf einer externen Webseite 3. nicht vor handen ein onlineshop gilt als vor handen, wenn a) das eigene Shoppingangebot auf einer anderen Seite mit eigener Second level Domain öffnet oder b) wenn produkte aus partners hops im Content- bereich der unter suchten Website präsentiert werden.3 anbieter der Webseite 1. verein 2. unter nehmen 3. Öffent liche einrich tungen 4. privat-/einzelpersonen 5. nicht er mittel bar 6. [Sonsti ges] mehrfachcodie rungen möglich hier soll gemäß der rechts form im impressum codiert werden. verein: e. v. unter nehmen: ohg, gmbh, Kg, e. K., ag Öffent liche einrich tungen: ministerien, behör- den, Schulen, Kirchen nicht er mittel bar: wenn kein impressum vor- handen ist oder keine rechts form ge nannt ist. gibt es auf der Website hinweise zum Daten- schutz? 4 1. Ja 2. nein hier soll erfasst werden, ob ein an gebot den nutzer über seine Daten schutz richtlinien infor- miert (z. b. über einen link zu „Daten schutzer- klärung“, „Daten schutz“, „privacy policy“). Wo sind diese hinweise zum Daten schutz plat- ziert? 5 1. oberer Seiten rand 2. rechter Seiten rand 3. linker Seiten rand 4. unterer Seiten rand 5. mitte 6. variiert mehrfachcodie rungen möglich im Codier-memo konkretisie ren, z. b.: unterer Seiten rand, unter der rubrik „recht liches“ Werbe(selbst-) er klärung des Webseiten- anbieters 1. Ja 2. nein 3. [Sonsti ges] gibt es auf der Webseite einen hinweis, der er- klärt, was Werbung ist, was passiert wenn man auf die Werbung draufklickt und wie man wieder von einer Werbeseite zurück kommt auf die eigent liche Webseite? hinweis auf Werbe- ausblen dungs-möglich- keit vor handen? 1. Ja 2. nein gibt es einen hinweis oder button, dass Wer- bung auf der internet seite aus geblendet werden kann? 400 Analyse ebene 1b: Werbliche Segmente auf Start und Unter seiten Gegen stand: Einbet tung einzelner werb licher Segmente auf Start‑ oder Unter seiten Die Codie rung erfolgt in MAXQDA anhand der Ebene I b des Codewortbaums. nr. Kategorie aus prägung anwei sung i b 01 art der Werbe- form 1. explizite Segmente 2. Sonstige Segmente 3. förderer/Sponsoren 4. Social media-verweise 1. explizite Segmente: alle Segmente einer Web- seite, die offensicht lich und zweifels frei als werb liche Kommunika tion er schienen; Kriterien: – werb liche Kennzeich nung (z. b. als „Wer- bung“, „ad“, „advertising“ etc.) – deut lich werb liche gestal tung des Seg- ments und eindeutige ab hebung vom übri- gen inhalt einer Seite (z. b. in form von bannern) 2. Segmente, die nicht zweifelsfrei als werbliche Segmente identifiziert, aber von Kindern als (vermeintlich) werblich eingeordnet werden können; mehrfachcodierung Kriterien: – be sondere Kennzeich nungen, die auf grund ihrer Kontextualisie rungen un gewöhn lich sind, – unkonventio nelle Werbekennzeich nungen (z. b. „performance advertising“), – empfohlene inhalte resp. tipps, – produktabbil dung ohne weiteren Kontext, – gewinn spiele, die im Kontext des Webseiten angebots stehen oder cross- mediale bezüge auf weisen, – auf fällige hervor hebungen von Content, – erkenn bare marken oder logos, – nicht klar vom Content ab gehobene Seg- mente, prominent platzierte „partner- angebote“. 3. förderer/Sponsoren: anbieter, bei denen deut lich wird, dass sie das an gebot unter- stützen oder mitfinanzie ren. 4. Social media-verweise: ver weise auf die Social-media-Seiten des an gebots; achtung: Social-media-buttons, die im fließtext stehen, werden als „sonstige Segmente“ auf ebene i b codiert. 401 anhang a – an gebOts analyse 6 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 13. 7 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 12. nr. Kategorie aus prägung anwei sung i b 02 Werbekategorie 1. Werbung für andere an- gebote 2. Werbung für die gleiche marke 3. Doppelwer bung für eigene an gebote 4. Doppelwer bung für andere an gebote 5. [Sonsti ges] einfachcodie rung 1. Werbung für andere an gebote: Werbung für ein produkt/eine Dienst leistung/eine marke, das/die nichts mit dem inhalt der Webseite/ dem an gebot zu tun hat. 2. Werbung für die gleiche marke: Werbung für produkte dergleichen marke (z. b. toggo. de + Super rtl oder Sendung mit der maus und maus-plüschtiere). 3. Doppelwer bung für eigene an gebote: Doppelwer bung ent hält zwei produkte oder Dienst leister, von denen mindestens eins das eigene an gebot ist. 4. Doppelwer bung für andere an gebote: Doppelwer bung ent hält zwei produkte oder Dienst leister, bei denen beide eigene an- gebote darstellen. i b 03 gestalteri sche Ähnlich keit zu den übrigen inhalten6 1. Ja 2. nein einfachcodie rung 1. gestalteri sche Ähnlich keit liegt vor: wenn die gestal tung sich hinsicht lich farbge bung, ty- pografie, layout und gesamt erschei nungs bild des Segments nicht von den inhalten abhebt. beispiel: Der anbieter eines Spieleportals schaltet ein banner, das für ein Spiel wirbt. Sofern das banner optische Ähnlich keit zu den präsentier- ten Spielen auf dem Spieleportal auf weist oder dort animierte Charaktere oder eine fiktive Welt ab gebildet werden, die sich in die Seite ein- fügen, wurde das ent sprechende Werbesegment als ge stalterisch ähnlich codiert. i b 04 merkmale des werb lichen Segments7 1. grafisch 2. animiert 3. textuell 4. filmisch einfachcodie rung hier soll nur das codiert werden, was den grad der auf fällig keit aus macht. 1. grafisch: statisches bild/statische grafik im vordergrund; keine bewegung; auch logos. 2. animiert: bewegte bilder oder Schriftzüge/ texte; bewegung zentral. 3. textuell: nur text/text im vordergrund. 4. filmisch: nicht nur aneinander reihung von Standbildern, sondern fließende bewegun gen im Sinne von einzelnen Szenen oder videos; narra tion und Storytelling stehen hier im vordergrund! 402 8 vgl. Seibold 2002, S. 49 f. mehrfachcodie rung möglich. nr. Kategorie aus prägung anwei sung i b 05 (Sicht-)ebene 1. vor dem Seiten inhalt 2. hinter dem Seiten inhalt 3. Keine andere Sichtebene einfachcodie rung 1. vor dem Seiten inhalt: Segment ist optisch vor gelagert/über lagernd. 2. hinter dem Seiten inhalt: Segment ist optisch hinter lagert. 3. Keine andere Sichtebene: Sichtebene ist identisch mit der Seite, weil das an gebot in die Seite implementiert ist. i b 06 rotation 8 des Werbeangebots: 1. Ja 2. nein einfachcodie rung als ver ände rung gilt: Der Wechsel des inhalts einer Werbung; Darstel lung eines neuen pro- dukts/einer neuen Dienst leis tung. i b 07 art der Werb- kennzeich nung 1. Keine Kennzeich nung 2. ad 3. -W- 4. Werbung 5. anzeige 6. promo tion 7. google-ad 8. Sponsored by 9. powered by 10. [Sonstiges] mehrfachcodie rung möglich hier geht es um die wört liche Kennzeich nung, die unmittel bar an der Werbung erfolgt. i b 08 platzie rung 1. links-oben 2. mitte-oben 3. rechts-oben 4. links-mitte 5. mitte-mitte 6. rechts-mitte 7. links-unten 8. mitte-unten 9. rechts-unten 10. variiert/dynamisch 11. tandem mehrfachcodie rung möglich platzie rung: orientiert sich am „goldenen Schnitt“; ist immer relativ zur größe der gesam- ten internet seite (entire page) zu be stimmen; die gesamte internet seite wird in neun optische felder unter teilt; ist der über wiegende teil der fläche mit Werbung belegt bzw. be findet sich der über wiegende teil der Werbung auf einer fläche, wird ent sprechend codiert. 10. variiert/dynamisch: Segment ver ändert position oder umfang. 11. tandem: wird daran fest gemacht, ob die landing pages identisch sind; dabei sind beispiels weise ver änderte Werbeflächen auf der landing page nicht von bedeu tung; ins- gesamt sollte es sich dennoch um dieselbe Seite handeln; bei der ent schei dung die url be rücksichti gen. 403 anhang a – an gebOts analyse nr. Kategorie aus prägung anwei sung i b 09 platzie rung in einer rubrik der Start seite 1. Werbung in einer/ m mit „Werbung“ ge kenn zeich- neten rubrik/block 2. Werbung in einer/ m nicht mit „Werbung“ ge kennzeich- neten rubrik/block 3. Werbung außerhalb einer/ s rubrik/blocks einfachcodie rung 1. Werbung in einer/ m mit ‚Werbung‘ ge kenn- zeich neten rubrik/block: z. b. rubrik „Wer- bung“ auf toggo. de. 2. Werbung in einer/ m nicht mit „Werbung“ ge- kennzeichneten rubrik/block: z. b. rubrik „Specials“ auf bavo. de. 3. Werbung außerhalb einer/ s rubrik/blocks: z. b. banner, hockeysticks, pop-ups. i b 10 zielgruppe des Werbeangebots 1. Kinder 2. Jugend liche 3. erwachsene 4. Kinder, Jugend liche, er- wachsene 5. Jugend liche und erwachsene 6. Kinder und erwachsene 7. Kinder und Jugend liche 8. [Sonsti ges] einfachcodie rung hier soll codiert werden, sofern und wie die zielgruppe explizit an gesprochen (z. b. „hey Kinder“, „für Kinder“) wird. i b 11 Wird ein kon- kretes produkt/ eine konkrete Dienst leis tung dargestellt? 1. Ja 2. nein einfachcodie rung hier soll codiert werden, was auf dem Screen- shot sicht bar ist. I b 12 Hersteller/Firma Code wurde ge löscht --- i b 13 produkt name 1. [offen codieren] 2. nicht zu er kennen mehrfachcodie rung möglich offen codieren, das heißt, kontinuier lich die liste der Codes er gänzen. hier soll das produkt codiert werden, das auf dem Screen shot/-video sicht bar ist. Der produkt name muss auf der Seite erkenn bar sein, auf der die Werbung geschaltet ist. Das heißt, ist das produkt erst nach Klick auf die Werbung (auf der landing page) zu er kennen, wird „nicht zu er kennen“ codiert. 404 9 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 13. nr. Kategorie aus prägung anwei sung i b 14 produkt-/ Dienst leis- tungskategorie 1. autos 2. bildung/arbeit 3. Community/Social network/blog 4. Computer-/Konsolen spiele 5. events/Konzerte/ver an- stal tungen 6. heim[werker]bedarf/hobby 7. hi-fi-/multimediageräte-/ zubehör 8. immobilien 9. Kleidung 10. Kosmetik-/hygieneartikel 11. medien-unterhal tung (film/Kino/ tv/musik/ buch) 12. nahrungs-/genuss mittel 13. non-profit-organisa tionen 14. onlineangebote-Dienst leis- tungen 15. onlineangebote-entertain- ment 16. onlineangebote-ratgeber/ beratung 17. onlineangebote-Shop 18. reisen 19. Spielzeug 20. Sport/gesund heit/fitness 21. verlag/online verlag 22. vor sorge/finanzie rung 23. Wetten/gewinnen 24. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung möglich Welcher produkt kategorie ist das dargestellte produkt zuzu ordnen? hier wird das codiert, was auf dem Screen shot sicht bar ist. ggf. weitere Codie rungen er gänzen i b 15 inhalt licher bezug zur Web- seite9 1. Ja 2. nein einfachcodie rung inhalt licher bezug: produkt derselben Dach- marke (z. b. die toggo-CD) oder an gebot aus einer thematisch ähnlichen Kategorie (z. b. ein käuf liches Spiel auf Spielaffe. de) dargestellt. 405 anhang a – an gebOts analyse 10 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 12 f. 11 in anleh nung an Cai/gantz (2000), S. 203. 12 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 12. nr. Kategorie aus prägung anwei sung i b 16 Wie werden Kinder direkt an gesprochen bzw. zum an- klicken des Werbelinks auf- gefordert? 10 1. Keine auf forde rung 2. „Klick hier“ 3. „Werde mitglied“ 4. „mitmachen“ 5. „gewinnen“ 6. „registriere dich“ 11 7. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung hier soll die auf forde rung (imperativ) codiert werden. es soll nicht wört lich, sondern zuordnend co- diert werden, z. b: „bitte hier klicken“ = „Klick hier!“. nicht codiert werden soll, wenn der rezipient auf gefordert wird, weiter zulesen (z. b. „mehr …“, „read more …“, „hier geht’s lang …“). i b 17 „ver lockung“/ anreiz12 1. geld 2. geschenke 3. gratis angebote 4. mitglied schaften 5. Keine 6. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung möglich hier soll der anreiz (motiv) codiert werden. i b 18 inhalt liche gestal tung der Werbung 1. einsatz von fiktiven medien- figuren/Charakte ren 2. einsatz von realen medien- personen 3. Darstel lung in der realen Welt 4. Darstel lung in einer fiktiven Welt 5. produkt-/Dienst leis tungs- präsenta tion mehrfachcodie rung möglich Wird das produkt mit be kannten Charakte ren in Szene gesetzt? Wie ist die Werbung im hinblick auf emotionali tät ge staltet? Wird das produkt in einem emotionalen umfeld präsentiert? 1. fiktive medien figuren/Charaktere: figuren/ Charaktere, die Kindern aus anderen Kontex- ten (fernsehen, zeitschriften etc.) bekannt sind (z. b. zeichen trick figuren, aber auch Charaktere, z. b. hannah montana). 2. reale medien personen: personen, die Kindern aus anderen Kontexten bekannt sind (z. b. politiker, Sportler, Schauspieler, musiker, z. b. Justin bieber). 3. Darstel lung in der realen Welt: Codieren, wenn das produkt/die Dienst leis tung in einem realen umfeld dargestellt ist. 4. Darstel lung in der fiktiven Welt: Codieren, wenn das produkt/die Dienst leis tung in einem fiktiven umfeld dargestellt ist. 5. produkt-/Dienst leis tungs präsenta tion: es werden bild lich ab gebildete produkte/Dienst- leis tungen und auch textuell be schriebene produkte/Dienst leis tungen codiert; die produkt präsenta tion geht auf die produkteigen schaften ein. 406 nr. Kategorie aus prägung anwei sung i b 19 hinweise auf problemfälle (bzgl. häufig- keiten und inhalten); mög- liche ent wick- lungs beein- trächti gungen 1. gewalthaltige inhalte 2. alkoholwer bung 3. redaktio nelle empfeh- lungen/Webtipps 4. als Werbung ge kenn zeich- net, obwohl keine Werbung 5. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung möglich problemfälle sollen sich auf den inhalt der Werbung be ziehen. problemfälle sind zunächst offen zu er fassen. i b 20 naviga tion – visuelle ebene: Wie wird die Werbung ge- schlossen? 1. Schließen-button 2. „x“-button 3. „Close“-button 4. Schließen des fensters/tab 5. „zurück“-button 6. Schließt automatisch 7. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung möglich hier soll die art der naviga tions möglich keit codiert werden. i b 21 an gebot wurde für weitere analyse aus- gewählt 1. aus gewählt für analyse- ebene 2 2. aus gewählt für analyse- ebene 3 einfachcodie rung Dient der Vor berei tung der Analysen auf den weiteren Ebenen. 407 anhang a – an gebOts analyse Analyse ebene 2: Werbliche Erschei nungs formen auf der ver linkten Webseite (Landing Page) Gegen stand: Konkrete Betrach tung von Werbeangeboten Die Codie rung erfolgt in Maxqda anhand der Ebene II des Codewortbaums. 13 in anleh nung an Cai/zhao/botan (2010), S. 2, 9 f. nr. Kategorie aus prägung anwei sung ii 01 trenner: Wird darauf hin ge- wiesen, dass man das an- gebot ver lässt? 1. Ja 2. nein einfachcodie rung Wird codiert, wenn explizit auf das ver lassen der Seite hin gewiesen wird. ii 02 Wo landen die Kinder? 1. gewinn spiel 2. produktinforma tion 3. Kauf-/bestell möglich keit 4. Download 5. Spiel 6. abo 7. Über blicks-/rubriken-Seite 8. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung möglich hier soll der inhalt der landing page codiert werden. ii 03 ent hielt land- ing page ein formular zur eingabe persön- licher Daten? 1. Ja 2. nein einfachcodie rung hier soll codiert werden, ob auf der landing page Daten im rahmen eines formulars o. Ä. ab gefragt wurden. ii 04 ent hält das for- mular hinweise zur Daten- verarbei tung? 1. Ja 2. nein einfachcodie rung hinweise und links zur Daten verarbei tung müssen im unmittel baren umfeld des formulars stehen (links auf allgemeine Daten schutz be- stim mungen am ende der Seite nicht codieren). ii 05 Wird nach dem einverständnis der eltern ge- fragt? 13 1. Ja 2. nein einfachcodie rung hier wird codiert, ob nach dem einverständnis der eltern zur abgabe persön licher Daten ge fragt wird. ii 06 Welche Daten werden ab- gefragt? 1. name 2. adresse 3. telefon nummer 4. e-mail-adresse 5. alter 6. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung möglich hier wird codiert, welche Daten ab gefragt werden. 408 14 vgl. aumüller/thor (2014). nr. Kategorie aus prägung anwei sung ii 07 format der land ing page 1. gleiches browserfenster 2. neue Website 3. mashups 4. pop-up; pop-under 5. trailer/film 6. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung möglich hier wird codiert, welches format die landing page hat. 1. gleiches brows erfenster: Die landing page öffnet sich im gleichen brows erfenster. 2. neue Website: Das anklicken des Segments führt dazu, dass sich eine neue Webseite mit anderer Second-level-Domain öffnet. 3. mashups: Werbliche Segmente des anbieters wurden in das an gebot integriert. hinter- grundwissen: mashups sind Dienste, die durch Kombina tion von informa tionen aus unter- schied lichen Quellen als eigenständige Daten- quelle oder Dienst in fremde an gebote ein- gebettet sind.14 beispiel google maps: Dieser Dienst wird oftmals in Webseiten von institu- tionen oder geschäften ein gebunden, um den anfahrtsweg zu er läutern. 4. pop-up/pop-under: Die landing page er- scheint als pop-up bzw. pop-under. 5. trailer/film: Die landing page er scheint als trailer/film. ii 08 art der anspra- che 1. fan 2. gewinn spieler 3. tester/experte 4. Käufer/Konsument 5. Keine direkte ansprache 6. [Sonsti ges] mehrfachcodie rung möglich hier soll codiert werden, welcher „Charakter“ dem beworbenen zu gesprochen wird. ii 09 Wie kann man die Werbung ver lassen? 1. „Schließen“-button 2. „x“-button 3. „Close“-button 4. Schließen des fensters/tab 5. „zurück“-button 6. Schließt automatisch 7. [Sonsti ges] einfachcodie rung hier soll die art der naviga tions möglich keit codiert werden. 409 anhang a – an gebOts analyse Analyse ebene 3: Unter seite Gegen stand: Betrach tung einzelner, weder ge kennzeichneter noch optisch ab gehobener, von der Start seite aus er reich barer Unter seiten und darin ent haltenen Werbeelemente. Von der Start seite aus gehend, werden jeweils 2 inhalt liche An gebote an geklickt, die sich above und below the scroll be finden (d. h. auf dem Bildschirm bzw. unter halb des Bildschirmrandes be finden). Die Codie rung erfolgt in MAXQDA anhand der Ebene III des Codewortbaums, weiter hin gemäß Ebene I b und II auf der jeweili gen Unter seite. 15 in anleh nung an den dem Webdesign ent stammen den aus druck ’above the fold‚(vgl. www.seolytics.de/lexicon/above-the- fold/). hier ist die platzie rung im sicht baren bereich einer Webseite ge meint (ohne zu scrollen). 16 entsprechend wird die platzie rung im bei aufruf der Webseite/während der rezep tion nicht sicht baren bereich einer Webseite als „below the scroll“ be zeichnet. nr. Kategorie aus prägung anwei sung iii 01 platzie rung des an gebots auf dem bildschirm 1. above the scroll15 2. below the scroll16 1. above the scroll: bezieht sich auf den inhalt auf dem Screen, der sicht bar ist, ohne dass der nutzer scrollt. 2. below the scroll: bezieht sich auf den inhalt, der erst durch herunter scrollen zu sehen ist. iii 02 Werbe imple- men tie rung 1. Ja 2. nein einfachcodie rung hier soll codiert werden, ob Werbung auf der unter seite implementiert ist. iii 03 an gebots- kategorie 1. Spiel 2. fernsehangebot 3. Kinofilm 4. basteln (malen) 5. Community 6. [Sonsti ges] einfachcodie rung um welches an gebot handelt es sich? 410 vOrlage für stecKbrief zur analyse der dynamiK werblicher Online-angebOte Lfd. Nr. des Angebots: Name des Angebots: URL der Startseite: Beobachtungszeitraum: Codierer-Kürzel: Allgemeine Informationen zum Onlineangebot Seit wann ist das Angebot online? Zielgruppe des Onlineangebots? (Bitte angeben, ob Zielgruppe ausgewiesen, sonst einschätzen) Deskriptiver Teil Struktur/Aufbau der Internetseite/des Angebots? Juni: Dezember: Layout/Gestaltung des Angebots? Juni: Dezember: Werbevorkommen/Werbeflächen auf dem Angebot? Juni: Dezember: Besonderheiten des Angebots in Bezug auf Werbung? Juni: Dezember: Einschätzung der Geeignetheit für Kinder im Hinblick auf die Werbeimplementierung (Ist die Seite sehr überladen? Wird das Trennungsgebot beachtet? Sind die verwendeten Begrifflichkeiten für Kinder geeignet? Werden pornografische/gewalthaltige Inhalte präsentiert?) Juni: Dezember: Sonstige Auffälligkeiten? Juni: Dezember: 411 anhang a – an gebOts analyse vOrlage für beaObachtungsbOgen zur analyse der dynamiK werblicher Online-angebOte Lfd. Nr. des Angebots: Name des Angebots: URL der Startseite: Beobachtungszeitraum: Codierer-Kürzel: (Hier bitte Screenshots einfügen, mit der jeweiligen URL beschriften; Auffälligkeiten zum zuerst erfassten Angebot beschreiben) WOCHENTAG (Mo-Fr) Wochentag Datum Uhrzeit Screenshot 1 (Startseite) ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. jugendschutzrelevant) Wochentag Datum Uhrzeit Screenshot 2 (Startseite) ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. jugendschutzrelevant) Veränderungen zum vorherigen Erhebungszeitpunkt: … ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. weil jugendschutzrelevant) Wochentag Datum Uhrzeit Screenshot 3 (Startseite) ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. jugendschutzrelevant) Veränderungen zum vorherigen Erhebungszeitpunkt: … Wochentag Datum Uhrzeit Screenshot 4 (Startseite) ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. jugendschutzrelevant) Veränderungen zum vorherigen Erhebungszeitpunkt: … 412 WOCHENTAG (Sa/So) Wochentag Datum Uhrzeit Screenshot 1 (Startseite) ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. weil jugendschutzrelevant) Wochentag Datum Uhrzeit Screenshot 2 (Startseite) ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. weil jugendschutzrelevant) Veränderungen zum vorherigen Erhebungszeitpunkt: Wochentag Datum Uhrzeit Screenshot 3 (Startseite) ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. weil jugendschutzrelevant) Veränderungen zum vorherigen Erhebungszeitpunkt: Wochentag Datum Uhrzeit Screenshot 4 (Startseite) ggf. Screenshot von relevanten Werbeeinblendung (z. B. weil jugendschutzrelevant) Veränderungen zum vorherigen Erhebungszeitpunkt: 413 anhang a – an gebOts analyse stecKbrief sPezielle angebOtsfOrmen Lfd. Nr. des Angebots: Name des Angebots: URL der Startseite: Beobachtungszeitraum: Codierer-Kürzel: Allgemeine Informationen zum Onlineangebot Seit wann ist das Angebot online? Zielgruppe des Onlineangebots? (Bitte angeben, ob Zielgruppe ausgewiesen, sonst einschätzen) Deskriptiver Teil Struktur/Aufbau der Internetseite/des Angebots? Layout/Gestaltung des Angebots? Werbevorkommen/Werbeflächen auf dem Angebot? Besonderheiten des Angebots in Bezug auf Werbung? Einschätzung der Geeignetheit für Kinder im Hinblick auf die Werbeimplementierung (Ist die Seite sehr überladen? Wird das Trennungsgebot beachtet? Sind die verwendeten Begrifflichkeiten für Kinder geeignet? Werden pornografische/gewalthaltige Inhalte präsentiert?) Sonstige Auffälligkeiten? 414 anhang b – rezePtiOnsstudie rePräsentativfragebOgen (caPi) Kinder und Onlinewerbung 2013 Datenträger-Dokumentation Auftraggeber: Hans-Bredow-Institut GfK Enigma GmbH, Burgstraße 3, 65183 Wiesbaden, Telefon: (0611) 999 60-0, Telefax: (0611) 999 60-60, Internet: www.GfK-Enigma.de 415 anhang b – rezePtiOnsstudie - 2 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ GfK Enigma GmbH ∙ Burgstraße 3 ∙ 65183 Wiesbaden Untersuchungs-Nr. _______________________________________________________________________________________________________________________ A. Alter des Kindes (Alter) Jahre Progr.: Beenden, wenn jünger als 6 oder älter als 11 Jahre. B _______________________________________________________________________________________________________________________ B. Geschlecht des Kindes männlich .......................................................... 1 weiblich ............................................................ 2 (Geschl) _______________________________________________________________________________________________________________________ C. Progr.: Frage C nur bei 6-7 Jahre alten Kindern: Gehst du schon zur Schule? ja ...................................................................... 1 nein, noch nicht ................................................ 2 D. Ende _______________________________________________________________________________________________________________________ Progr.: Separater Zwischenbildschirm In der Befragung, die ich jetzt gerne mit dir machen möchte, geht es darum, wie Kinder das Internet nutzen. Uns interessiert, was du im Internet machst, welche Angebote du gut findest und was du nicht so gern magst. Mit Internet meine ich nicht nur das Ansehen von Internet-Seiten, sondern auch Ansehen von Videos z.B. von Youtube, Email- Schreiben, Chatten, Online-Spiele und alles sonstige, was man im Internet machen kann. Wenn du eine Frage nicht verstehst, sag‘ mir bitte Bescheid. _______________________________________________________________________________________________________________________ D. Wie oft gehst du ins Internet? Int.: Antworten vorlesen. Eine Antwort auswählen. jeden Tag ......................................................... 1 mehrere Male in der Woche ............................. 2 einmal in der Woche ........................................ 3 seltener als einmal in der Woche ..................... 4 nie .................................................................... 5 (Qd) I-1. Ende _______________________________________________________________________________________________________________________ I-1. Und gehst du auch bei dir zu Hause ins Internet, egal ob über einen Computer Laptop, Tablet, Smartphone oder über ein anderes Gerät? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 (Qi1 ) I-2a. _______________________________________________________________________________________________________________________ I-2a. Wenn du ins Internet gehst, egal ob zu Hause oder anderswo, welche der Geräte, die du hier siehst, nutzt du dafür? Nutzt du dafür …? (Progr.: Die Antwortoptionen mit Bildern einprogrammieren). Int.: Antworten vorlesen und Bilder zeigen. Alle zutreffenden auswählen. ja nein einen Computer 1 2 (Qi2a.1) einen Laptop 1 2 (Qi2a.2) ein Tablet-PC oder iPad 1 2 (Qi2a.3) ein Handy/Smartphone 1 2 (Qi2a.4) eine Spielekonsole 1 2 (Qi2a.5) _______________________________________________________________________________________________________________________ 13 5 410 416 - 3 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ (CAPI-Filter:) Hat Befragter in I-2a. bei mehr als einem Gerät mit ‚ja‘ geantwortet? Ja .............................. 1 Nein ........................... 2 I-2b. I-2c. -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- I-2b. Und welches dieser Geräte nutzt du am häufigsten, um ins Internet zu gehen? (Progr.: Die laut I-2a. genutzten Geräte einblenden). Int.: Antworten vorlesen und Bilder zeigen. Eine Antwort auswählen. einen Computer ............................................... 1 ein Laptop ........................................................ 2 ein Tablet-PC oder iPad ................................... 3 ein Handy/Smartphone .................................... 4 eine Spielekonsole ........................................... 5 (Qi2b) . -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- I-2c. Progr.: Text, wenn der Befragte laut I-2a. mehrere Geräte nutzt: Du sagtest, dass du am häufigsten < Antwort aus I-2b.> nutzt, um ins Internet zu gehen. Ist das dein eigenes Gerät? Progr.: Text, wenn der Befragte laut I-2a. nur ein Gerät nutzt: Du sagtest, dass du < Antwort aus I-2a.> nutzt, um ins Internet zu gehen. Ist das dein eigenes Gerät? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja, mein eigenes ............................................... 1 nein .................................................................. 2 (Qi2c) -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- I-2d. Darfst du das Gerät < wenn der Befragte mehrere Geräte laut I-2a nutzt: Antwort aus I-2b | wenn der Befragte laut I-2a nur ein Gerät nutzt: Antwort aus I-2a> allein, ohne deine Eltern oder ältere Geschwister nutzen? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 (Qi2d) _______________________________________________________________________________________________________________________ Progr.: Separater Zwischenbildschirm Int.: Achtung, beim nächsten Bildschirm darf das Kind nicht mit auf den Bildschirm schauen! I-3. Was ist deine Lieblingsseite im Internet? (Int.: Falls Kind nichts antworten kann, nochmals nachfassen:) Auf welche Internetseite gehst Du denn öfter mal? Int.: Vorgaben nicht vorlesen! (Int.: Bitte nur eine Lieblingsseite aufschreiben. Hier bitte möglichst ein konkretes Angebot anklicken bzw. notieren, z.B. blinde-kuh.de, möglichst keine Angebotskategorien, z.B. Spieleseiten, Tierseiten, und keine Tätigkeiten, z.B. Suchmaschinen nutzen, Spiele spielen. Falls es aber absolut keine Möglichkeit zu einer konkreten Angabe gibt, bitte die Kategorie unter „Sonstige Nennung„ notieren. Die genannten Seiten werden unabhängig von der Endung (Domain) erfasst, d.h. wenn ein Kind z.B. nur Facebook oder Facebook.de sagt, bitte trotzdem bei Facebook.com eingeben.) Toggo.de ......................................................... 1 Youtube.com ................................................... 2 Blinde-Kuh.de .................................................. 3 FragFinn.de ..................................................... 4 Wasistwas.de ................................................... 5 KiKa.de ............................................................ 6 Google.de ........................................................ 7 Bravo.de .......................................................... 8 Knuddels.de ..................................................... 9 Spielaffe.de ...................................................... 10 Myvideo.de ...................................................... 11 Toggolino.de .................................................... 12 Facebook.com ................................................. 13 Die Maus (die Sendung mit der Maus) bzw. wdrmaus.de .......................................... 14 Kicker.de .......................................................... 15 Helles-Koepfchen.de........................................ 16 Gmx.net ........................................................... 17 Barbie.com....................................................... 18 Sowieso.de ...................................................... 19 Kindernetz.de ................................................... 20 Sonstige Nennung, und zwar ........................... 21 ____________________________________ .. (Qi3S) Weiß nicht/fällt nichts ein ................................. 22 (Qi3) _______________________________________________________________________________________________________________________ 417 anhang b – rezePtiOnsstudie - 4 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ Progr.: Separater Zwischenbildschirm Jetzt hast du ja Einiges darüber erzählt, wie du das Internet nutzt. Kommen wir nun zu einem anderen Thema. Mich interessiert jetzt, was du zum Thema „Werbung“ denkst. -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- W-1. Hast du das Wort „Werbung“ schon mal gehört? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 weiß nicht ....................................................... 3 (W1) W-2 W-3 W-3 -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- W-2. Und weißt du, was Werbung ist? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 weiß nicht ........................................................ 3 (W2) W-4 W-3 W-3 _______________________________________________________________________________________________________________________ W-3. Ich kann dir ja mal kurz sagen, was Werbung ist. (Progr.: den folgenden Satz nur einblenden, wenn in W-1=2 oder 3). Vielleicht kennst du das ja doch. Int: vorlesen: „Werbung, das sind zum Beispiel Texte, Bilder oder Filme, die gemacht werden, um Menschen darüber zu informieren, dass es zum Beispiel ein neues Spielzeug oder einen leckeren Joghurt gibt, um zu zeigen, was das Besondere daran ist und welche Vorteile es hat und um Menschen dazu zu bringen, das Spielzeug oder den Joghurt gut zu finden und es zu kaufen.“ Hast du solche Texte, Bilder oder Filme schon einmal gesehen? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 weiß nicht ........................................................ 3 (W3) W-4 W-5 W-5 _______________________________________________________________________________________________________________________ W-4. Hast du Werbung schon mal ... gesehen (bzw. gehört)? Int.: Die Frage mit jedem Medium vorlesen. Int.: Eine Antwort pro Zeile angeben. ja nein weiß nicht auf Plakaten 1 2 3 (W4.1) im Fernsehen 1 2 3 (W4.2) im Kino 1 2 3 (W4.3) in Zeitungen oder Zeitschriften 1 2 3 (W4.4) im Radio 1 2 3 (W4.5) im Internet 1 2 3 (W4.6) _______________________________________________________________________________________________________________________ 418 - 5 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ W-4a. Was meinst du, weshalb wird Werbung gemacht? Ich lese dir mal einige Möglichkeiten vor und du sagst mir bitte immer, ob du meinst, dass deshalb Werbung gemacht wird. Int.: Eine Antwort pro Zeile angeben. Stimmt das oder nicht? Ja Nein weiß nicht Werbung wird gemacht, damit man erfährt, was es Neues gibt. 1 2 3 (W4a.1) Werbung wird gemacht, damit man mehr Sachen kauft. 1 2 3 (W4a.2) Werbung wird gemacht,um Leute neugierig zu machen. 1 2 3 (W4a.3) Werbung wird gemacht, um Leute zu unterhalten. 1 2 3 (W4a.4) _______________________________________________________________________________________________________________________ W-4b. Und wie findest du Werbung? (Progr.: Skala durch Smilies visualisieren). Int.: Antworten vorlesen und Bilder zeigen. Eine Antwort auswählen. sehr gut ............................................................ 1 gut.................................................................... 2 geht so ............................................................. 3 nicht so gut ...................................................... 4 überhaupt nicht gut .......................................... 5 weiß nicht (Int.: nicht vorlesen) ........................ 6 (W4b) _______________________________________________________________________________________________________________________ W-5. Was meinst du: Stimmt das, was in der Werbung gezeigt oder gesagt wird? Würdest du sagen: ...? Int.: Antworten vorlesen. Int.: Nur eine Antwort auswählen. das stimmt immer ............................................ 1 das meiste stimmt ............................................ 2 das meiste stimmt nicht. .................................. 3 das stimmt nie. ................................................. 4 weiß nicht (Int.: nicht vorlesen) ........................ 5 (W5) _______________________________________________________________________________________________________________________ W-6a. Redet ihr manchmal zu Hause über Werbung? Also z.B. wenn es mal was Lustiges in der Werbung gab oder wenn du etwas nicht verstanden hast oder auch einfach nur so? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 weiß ich nicht/kann mich nicht erinnern ........... 3 (W6a) W-6b W-7a W-7a -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- W-6b. Und über was redet ihr dann so? Ich lese dir mal ein paar Dinge vor, worüber man reden kann. Und du kannst mir dann einfach sagen, ob ihr darüber zu Hause schon mal geredet habt. Int.: Eine Antwort pro Zeile angeben. ja nein weiß nicht (nicht vorlesen) Habt ihr zu Hause schon mal darüber geredet, was Werbung ist? 1 2 3 (W6b.1) Habt ihr zu Hause schon mal darüber geredet, wer Werbung macht? 1 2 3 (W6b.2) Habt ihr zu Hause schon mal darüber geredet, wie man Werbung im Internet erkennen kann? 1 2 3 (W6b.3) Habt ihr zu Hause schon mal darüber geredet, dass man nicht einfach im Internet alles anklicken soll? 1 2 3 (W6b.4) Habt ihr zu Hause schon mal darüber geredet, was man machen kann, wenn man aus Versehen im Internet auf eine Werbung geklickt hat? 1 2 3 (W6b.5) _______________________________________________________________________________________________________________________ 419 anhang b – rezePtiOnsstudie - 6 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ W-7a. Und wie ist das in der Schule? Habt ihr in der Schule im Unterricht schon einmal über Werbung gesprochen? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 weiß ich nicht/kann mich nicht erinnern ........... 3 (W7a) W-7b O-1 O-1 -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- W-7b. Und über was habt Ihr in der Schule geredet? Int.: Eine Antwort pro Zeile angeben. ja nein weiß nicht (nicht vorlesen) Habt ihr schon mal in der Schule darüber geredet, was Werbung ist? 1 2 3 (W7b.1) Habt ihr schon mal in der Schule darüber geredet, wer Werbung macht? 1 2 3 (W7b.2) Habt ihr schon mal in der Schule darüber geredet, wie man Werbung im Internet erkennen kann? 1 2 3 (W7b.3) Habt ihr schon mal in der Schule darüber geredet, dass man nicht einfach im Internet alles anklicken soll? 1 2 3 (W7b.4) Habt ihr schon mal in der Schule darüber geredet, was man machen kann, wenn man aus Versehen im Internet auf eine Werbung geklickt hat? 1 2 3 (W7b.5) _______________________________________________________________________________________________________________________ Neu OX. Jetzt geht es mal nur um Werbung, die es so auf Seiten im Internet gibt. Ist dir schon mal Werbung auf Seiten im Internet aufgefallen? Ja .............................. 1 Nein ........................... 2 (O0) O-1 O-2 -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- O-1. Und wie findest du Werbung im Internet? (Progr.: Skala durch Smilies visualisieren). Int.: Antworten vorlesen und Bilder zeigen. Eine Antwort auswählen. sehr gut ............................................................ 1 gut.................................................................... 2 geht so ............................................................. 3 nicht so gut ...................................................... 4 überhaupt nicht gut .......................................... 5 weiß nicht (Int.: nicht vorlesen) ........................ 6 (O1) _______________________________________________________________________________________________________________________ 420 - 7 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ Progr.: Separater Zwischenbildschirm Int.: Achtung, beim nächsten Bildschirm darf das Kind nicht mit auf den Bildschirm schauen! O-1a. Wenn Du mal an alle Arten von Werbungen denkst, die du im Internet kennst, würdest du mir verraten, woran du Werbung im Internet erkennst? (Mehrfachnennungen möglich) Fällt dir noch was anderes ein, woran du Werbung im Internet erkennst? Int.: Ganz viel Zeit lassen! Die Vorgaben nicht vorlesen, sondern die Antworten des Kindes einsortieren! weil sie anders aussieht als der Rest der Internetseite ..................................................... 1 (O1a.1) weil da manchmal ‚Kaufen/Anzeige/Werbung‘ steht ................................................................. 2 (O1a.2) Ich erkenne das, weil ich das ‚Produkt‘ schon kenne ............................................................... 3 (O1a.3) weil da manchmal der Preis steht .................... 4 (O1a.4) weil ich die Werbung aus dem Fernsehen oder aus dem Radio oder aus der Zeitung kenne ............................................................... 5 (O1a.5) weil die Werbung immer an derselben Stelle auf einer Internetseite ist ................................................ 6 (O1a.6) weil auf dieser Seite an dieser Stelle immer Werbung ist...................................................... 7 (O1a.7) weil oben rechts ein „x“ steht, mit dem man das Fenster schließen kann................ ... 8 (O1a.8) Ich weiß nicht, woran man das erkennen kann 9 (O1a.9) Sonstige Nennung, und zwar ........................... 10 (O1a.10) _____________________________________________ (O1S) _____________________________________________ _____________________________________________ _____________________________________________ _____________________________________________ _____________________________________________ 421 anhang b – rezePtiOnsstudie - 8 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ O-2. Jetzt zeige ich dir ein Foto einer Internetseite. Progr.: Screenshot 1 ohne Kästen einblenden. O-2a. Kennst du die Seite? Int.: Nur eine Antwort auswählen. Variablen: O2a.1 = toggo O2a.2 = YouTube O2a.3 = Spielaffe O2a.4 = Wasistwas ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 weiß ich nicht/kann mich nicht erinnern ........... 3 _______________________________________________________________________________________________________________________ O-3. Progr.: Screenshot 1 mit Kästen einblenden. Wir haben hier vier Dinge auf dieser Internetseite rot eingerahmt. Bitte schau die eingerahmten Stellen mal an. INT: Die vier eingerahmten Stellen zeigen. Bitte sage mir für jeden Kasten, ob du glaubst, dass das Werbung ist oder nicht und wie dir die Werbung gefällt. Starten wir mit Kasten 1: (Anweisung: Jeder Kasten bekommt rechts unten eine kleine Nummer. Nummer für Nummer mit dem Kind durchgehen und die zwei Fragen stellen.) ______________________________________________________________________________________________________________________ O-4a. Int.: Auf Kasten 1 deuten: Was glaubst du: Ist das Werbung oder nicht? Variablen: O4a.1 = toggo O4a.2 = YouTube O4a.3 = Spielaffe O4a.4 = Wasistwas Ja .............................. 1 Nein ........................... 2 O-4b O-4c -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- O-4b. Und wie findest du diese Werbung? (Progr.: Skala durch Smilies visualisieren). Int.: Antworten vorlesen und Bilder zeigen. Eine Antwort auswählen. Variablen: O4b.1 = toggo O4b.2 = YouTube O4b.3 = Spielaffe O4b.4 = Wasistwas sehr gut ............................................................ 1 gut.................................................................... 2 geht so ............................................................. 3 nicht so gut ...................................................... 4 überhaupt nicht gut .......................................... 5 weiß nicht (Int.: nicht vorlesen) ........................ 6 _______________________________________________________________________________________________________________________ 422 - 9 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ O-4c. Nun zu Kasten 2: Int.: Auf Kasten 2 deuten: Was glaubst du: Ist das Werbung oder nicht? Variablen: O4c.1 = toggo O4c.2 = YouTube O4c.3 = Spielaffe O4c.4 = Wasistwas Ja .............................. 1 Nein ........................... 2 O-4d O-4e -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- O-4d. Und wie findest du diese Werbung? (Progr.: Skala durch Smilies visualisieren). Int.: Antworten vorlesen und Bilder zeigen. Eine Antwort auswählen. Variablen: O4d.1 = toggo O4d.2 = YouTube O4d.3 = Spielaffe O4d.4 = Wasistwas sehr gut ............................................................ 1 gut.................................................................... 2 geht so ............................................................. 3 nicht so gut ...................................................... 4 überhaupt nicht gut .......................................... 5 weiß nicht (Int.: nicht vorlesen) ........................ 6 _______________________________________________________________________________________________________________________ O-4e. Nun zu Kasten 3: Int.: Auf Kasten 3 deuten: Was glaubst du: Ist das Werbung oder nicht? Variablen: O4e.1 = toggo O4e.2 = YouTube O4e.3 = Spielaffe O4e.4 = Wasistwas Ja .............................. 1 Nein ........................... 2 (O4e) O-4f O-4g -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- O-4f. Und wie findest du diese Werbung? (Progr.: Skala durch Smilies visualisieren). Int.: Antworten vorlesen und Bilder zeigen. Eine Antwort auswählen. Variablen: O4f.1 = toggo O4f.2 = YouTube O4f.3 = Spielaffe O4f.4 = Wasistwas sehr gut ............................................................ 1 gut.................................................................... 2 geht so ............................................................. 3 nicht so gut ...................................................... 4 überhaupt nicht gut .......................................... 5 weiß nicht (Int.: nicht vorlesen) ........................ 6 (O4f) _______________________________________________________________________________________________________________________ 423 anhang b – rezePtiOnsstudie - 10 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ O-4g. Nun zu Kasten 4: Int.: Auf Kasten 4 deuten: Was glaubst du: Ist das Werbung oder nicht? Variablen: O4g.1 = toggo O4g.2 = YouTube O4g.3 = Spielaffe O4g.4 = Wasistwas Ja .............................. 1 Nein ........................... 2 O-4h O-4i -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- O-4h. Und wie findest du diese Werbung? (Progr.: Skala durch Smilies visualisieren). Int.: Antworten vorlesen und Bilder zeigen. Eine Antwort auswählen. Variablen: O4h.1 = toggo O4h.2 = YouTube O4h.3 = Spielaffe O4h.4 = Wasistwas sehr gut ............................................................ 1 gut.................................................................... 2 geht so ............................................................. 3 nicht so gut ...................................................... 4 überhaupt nicht gut .......................................... 5 weiß nicht (Int.: nicht vorlesen) ........................ 6 _____________________________________________________________________________________________________________________ O-4i. Nun zum nächsten ein Foto. Fragen O-2a. – O4h. für Screenshots 2,3 und 4 wiederholen. _____________________________________________________________________________________________________________________ O-5. Jetzt gibt es ja auch noch andere Arten von Werbung im Internet. Ich würde gern wissen: Ist es schon einmal vorgekommen, dass du etwas im Internet machen wolltest, wie z.B. ein Spiel spielen, und plötzlich ein Werbefilm auftauchte, den du erst einmal abwarten musstest, bevor du weitermachen konntest? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 weiß ich nicht (Int.: nicht vorlesen) ................... 3 (O5) _____________________________________________________________________________________________________________________ O-6. Letzte Frage: Du hast vorhin gesagt, dass Deine Lieblingsseite < Antwort aus I-3> ist. Gibt es denn auf dieser Seite eigentlich auch Werbung? Int.: Nur eine Antwort auswählen. ja ...................................................................... 1 nein .................................................................. 2 weiß ich nicht (Int.: nicht vorlesen) ................... 3 (O6) _____________________________________________________________________________________________________________________ So, das war es schon. Vielen Dank, dass du mitgemacht hast und meine Fragen beantwortet hast! Es war sehr interessant, mit dir zu sprechen. Jetzt hätte ich noch einige Fragen an deine Mutter / deinen Vater (Erziehungsberechtigte Person, die beim Interview dabei ist). Int.: Die nachfolgenden Fragen richten sich nicht mehr an das Kind, sondern an die erziehungsberechtigte Person, die beim Interview dabei ist. _______________________________________________________________________________________________________________________ 424 - 11 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ 1. -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Geschlecht der befragten erwachsenen Person eingeben. männlich .......................................................... 1 weiblich ............................................................ 2 (S1) _______________________________________________________________________________________________________________________ 2. Darf ich fragen, wie alt Sie sind? Jahre (S2) _______________________________________________________________________________________________________________________ 3. -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Welche Staatsangehörigkeit haben Sie? Deutsch ........................................................... 1 andere Staatsangehörigkeit, und zwar ............. 2 __ _________________________________ ..(S3S) (S3) _______________________________________________________________________________________________________________________ 4. -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Welche Position in der Familie haben Sie in Bezug auf das befragte Kind? (Progr.: je nach Geschlecht aus Frage 1 die männlichen bzw. die weiblichen Optionen ein/ausblenden) Mutter .............................................................. 1 Stiefmutter ....................................................... 2 Vater ................................................................ 3 Stiefvater ......................................................... 4 Sonstiges, und zwar:........................................ 5 __ _________________________________ ..(S4S) (S4) _______________________________________________________________________________________________________________________ 5. -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Wie ist Ihr Familienstand? Sie können gegebenenfalls auch mehrere zutreffende angeben. verheiratet ........................................................ 1 in Partnerschaft lebend .................................... 2 ledig/allein stehend .......................................... 3 geschieden ...................................................... 4 verwitwet .......................................................... 5 (S5.1) (S5.2) (S5.3) (S5.4) (S5.5) _______________________________________________________________________________________________________________________ 6a. -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Wie viele Kinder bzw. Jugendliche unter 18 Jahren leben in Ihrem Haushalt? Bitte zählen Sie das Kind, das bei der Untersuchung mitgemacht hat, mit. Kinder unter 18 Jahren (S6a) _______________________________________________________________________________________________________________________ 6b Können Sie mir bitte das genaue Alter aller Kinder bzw. Jugendliche unter 18 Jahren nennen, die in Ihrem Haushalt leben? Fangen Sie bitte mit dem Jüngsten an. 6c. Und ist das ein Mädchen oder ein Junge? _______________________________________________________________________________________________________________________ Programmieranweisung: Anzahl der Kinder aus Frage 6 als Vorgabe programmieren! Alter und Geschlecht des Kindes aus den Fragen A+B vorprogrammieren. b) c) Geschlecht Alter Mädchen Junge 1. Kind (S6b.1) 1 2 (S6c.1) 2. Kind (S6b.2) 1 2 (S6c.2) 3. Kind ( S6b.3) 1 2 (S6c.3) 4. Kind ( S6b.4) 1 2 (S6c.4) 5. Kind ( S6b.5) 1 2 (S6c.5) 6. Kind ( S6b.6) 1 2 (S6c.6) - 12 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ 7. Kind ( S6b.7) 1 2 (S6c.7) _______________________________________________________________________________________________________________________ 425 anhang b – rezePtiOnsstudie - 13 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ 7a. Was ist Ihr höchster Bildungsabschluss? Hauptschulabschluss ....................................... 1 Realschulabschluss ......................................... 2 Abitur/Fachhochschulreife ............................... 3 Polytechnische Oberschule.............................. 4 Hochschulabschluss (FH, Universität) ............. 5 kein Abschluss ................................................. 6 (andere“ - nur wenn sonst absolut nicht einordenbar, z.B. Abschluss im Ausland, den sie selbst nicht einstufen können) ................... 7 (S7a) -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- 7b. Progr.: Nur fragen, wenn lt. Frage 5 verheiratet oder in Partnerschaft lebend Was ist der höchste Bildungsabschluss Ihres Partners/Ihrer Partnerin? Hauptschulabschluss ....................................... 1 Realschulabschluss ......................................... 2 Abitur/Fachhochschulreife ............................... 3 Polytechnische Oberschule.............................. 4 Hochschulabschluss (FH, Universität) ............. 5 kein Abschluss ................................................. 6 (andere“ - nur wenn sonst absolut nicht einordenbar, z.B. Abschluss im Ausland, den sie selbst nicht einstufen können) ................... 7 (S7b) _______________________________________________________________________________________________________________________ 8a. Welche der folgenden Geräte befinden sich in Ihrem Haushalt? Computer mit Internetzugang ........................... 1 internetfähige Spielekonsole, stationär oder tragbar 2 internetfähiges Handy oder Smartphone .......... 3 Tablet-PC, z.B. iPad, Microsoft Surface ........... 4 (S8a.1) (S8a.2) (S8a.3) (S8a.4) _______________________________________________________________________________________________________________________ 8b. Welche der folgenden Geräte besitzt das Kind, das im Interview befragt wurde, allein oder zusammen mit seinen Geschwistern? Progr.: nur Geräte einspielen, die laut 8a im Haushalt vorhanden sind. Computer mit Internetzugang ........................... 1 internetfähige Spielekonsole, stationär oder tragbar 2 internetfähiges Handy oder Smartphone .......... 3 Tablet-PC, z.B. iPad, Microsoft Surface ........... 4 (S8b.1) (S8b.2) (S8b.3) (S8b.4) _______________________________________________________________________________________________________________________ 8c. Welche der folgenden Geräte darf das Kind, das im Interview befragt wurde, allein nutzen, also ohne Begleitung von Erwachsenen oder älteren Geschwistern? Progr.: Geräte einspielen, die laut 8a im Haushalt vorhanden sind. Computer mit Internetzugang .................................... 1 internetfähige Spielekonsole, stationär oder tragbar . 2 internetfähiges Handy oder Smartphone ................... 3 Tablet-PC, z.B. iPad, Microsoft Surface3 .................. 4 (S8c.1) (S8c.2) (S8c.3 (S8c.4 _______________________________________________________________________________________________________________________ 9. Haben Sie mit schon einmal darüber gesprochen, was Onlinewerbung bzw. Werbung im Internet ist? Ja .............................. 1 Nein .......................... 2 (S9) _______________________________________________________________________________________________________________________ 426 - 14 - 13 5 410 _______________________________________________________________________________________________________________________ 10. (INT.: Bundesland) Schleswig-Holstein........................................... 1 Hamburg .......................................................... 2 Niedersachsen ................................................. 3 Bremen ............................................................ 4 Nordrhein-Westfalen ........................................ 5 Hessen ............................................................ 6 Rheinland-Pfalz ............................................... 7 Baden-Württemberg......................................... 8 Bayern ............................................................. 9 Saarland .......................................................... 10 Berlin ............................................................... 11 Brandenburg .................................................... 12 Mecklenburg-Vorpommern .............................. 13 Sachsen ........................................................... 14 Sachsen-Anhalt ............................................... 15 Thüringen ........................................................ 16 (St01) _______________________________________________________________________________________________________________________ 11. (INT.: Ortsgröße) pol bis unter 5.000 Einwohner ............................... 1 5.000 bis unter 20.000 Einwohner ............. 2 20.000 bis unter 50.000 Einwohner ............. 3 50.000 bis unter 100.000 Einwohner ............. 4 100.000 bis unter 500.000 Einwohner ............. 5 500.000 Einwohner und mehr.......................... 6 (St02) _______________________________________________________________________________________________________________________ Vielen Dank für Ihre Teilnahme an unserer Untersuchung! _______________________________________________________________________________________________________________________ 427 anhang b – rezePtiOnsstudie Beispiel‑Screenshot (journalistisch‑)redaktionelles Angebot – Startseite toggo.de [25. 10. 2013]17 17 von den vier markierten Segmenten stellen Segment 1 und Segment 2 die explizit werblichen Segmente dar. 428 Beispiel‑Screenshot Plattform – Startseite Youtube.com [25. 10. 2013]18 18 von den vier markierten Segmenten stellt Segment 2 das explizit werbliche Segment dar. 429 anhang b – rezePtiOnsstudie Beispiel‑Screenshot Service‑/Einstiegsportal – Startseite Spielaffe.de [25. 10. 2013]19 19 von den vier markierten Segmenten stellen Segment 2 und Segment 4 die explizit werblichen Segmente dar. 430 Beispiel‑Screenshot Produkt‑/Herstellerwebseite – Startseite Wasistwas.de [25. 10. 2013]20 20 von den vier markierten Segmenten stellen Segment 1 und Segment 2 die explizit werblichen Segmente dar. 431 anhang b – rezePtiOnsstudie instrumente der rezeP tiOns analyse Leitfaden Einzelinterview Rezep tions analyse thema frageformulie rung vor stel lung Der laptop sollte zu beginn noch halb zu geklappt sein, damit das Kind bei den ersten fragen nicht ab gelenkt wird. Hallo, mein Name ist xy. Wir be fragen zurzeit an Schulen ganz viele Kinder. Uns interes- siert, wie Du und andere Kinder in Deinem Alter be stimmte Internet seiten finden. Dabei geht es nicht um richtige oder falsche Antworten, sondern ganz allein um Deine Sicht weise. Ich würde mir gern mit Dir gemeinsam einige An gebote ansehen und von Dir wissen, was Du an diesen toll findest und was Dir nicht so gut ge fällt. Okay? Unser Gespräch würde ich gern auf zeichnen, damit ich jetzt nicht so viel mitschreiben muss. audio-gerät einschalten Wichtig: Wenn das Kind sehr leise spricht, mikrofon dichter an das Kind heran- schieben, Kind bitten, lauter zu sprechen oder ein externes mikrofon an schließen. einlei tung Bevor wir uns im Internet einige Seiten an schauen, habe ich noch ein paar allgemeine Fragen an Dich. Mich würde interessie ren … 1. internet ausstat tung (zu hause) bist du viel im internet? – Wo nutzt Du denn das internet? – hast Du zu hause die möglich keit ins internet zu gehen? – Kannst Du von Deinem eigenen zimmer aus ins internet gehen? – Welches gerät nutzt Du dafür? 2. internetnut zung (zu hause) gehst Du allein ins internet oder ist immer jemand dabei (z. b. vater, mutter, geschwister etc.)? – Was schaut ihr euch dann im internet an? – Wer ent scheidet, was Du Dir im internet an schauen darfst? – Darfst Du Dir alles im internet an schauen, was Du möchtest? gibt es etwas im internet, was Du nicht machen darfst? – Was darfst Du denn nicht machen? – Warum darfst Du das nicht machen? 3. lieblings angebote hast Du eine lieblings seite im internet? – Wie bist Du auf diese Seite ge kommen/auf merksam ge worden? – Was ge fällt Dir an dieser Seite be sonders gut? – gibt es auch etwas, was Dir daran nicht so gut ge fällt? – Was ge fällt Dir denn daran nicht? gibt es über haupt etwas, was Dich im internet richtig stört? – erzähl doch mal, was Dich daran [hier Antwort des Kindes auf greifen] so sehr stört. betrach tung konkreter onlineangebote Jetzt würde ich mir gern mit Dir gemeinsam einige Internet seiten genauer ansehen. Camtasia-aufzeich nung starten : Überblicks seite mit den Screens hots der aus gewählten 10 Seiten zeigen. Wir haben hier 10 ver schiedene Internet seiten, aus denen Du auswählen kannst. 432 thema frageformulie rung 4. bekannt heit der aus- gewählten an gebote Diese zehn Seiten stehen zur Auswahl. Welche von diesen An geboten kennst Du? ggf. die 10 an gebote mit dem Kind durch gehen, um zu sehen, ob das Kind ein an- gebot (er-)kennt. ggf. Schwierig keiten/auf fällig keiten notieren. – Welche Seite möchtest Du Dir zuerst an schauen? [Kind wählt sich ein An gebot aus] 5. gründe für die auswahl der Seite okay, Du hast Dir [Name der Seite] aus gewählt. u ausgewählte internet seiten im beobach tungs bogen notieren Kommentare oder andere auf fällig keiten im beobach tungs bogen notieren Das Kind muss sich nicht nur auf der Start seite auf halten, sondern darf auf der ganzen internet seite surfen. – Warum hast Du Dir diese Seite aus gewählt? – Wie gut kennst Du die Seite? nutzt Du die Seite häufiger? 6. beschrei bung des an gebots Erzähl mir noch mal, was Du alles auf der Seite siehst. – Was kann man denn alles auf der Seite machen? u Kommentare im beobach tungs bogen notieren Das Kind das an gebot be schreiben lassen Wenn das Kind während der onlinenut zung von sich aus Werbung thematisiert oder auf Werbung reagiert hat (z. b. ein pop-up weg ge klickt hat), wird im folgenden darauf ein gegangen 7. Cross mediale bezüge – Woher kennst Du denn (name der figur, Sendung etc.)? Wenn das Kind an gebote (z. b. figuren, Sendun gen) aus anderen medien kennt, kurz darauf ein gehen. – Wie findest Du das? 8. Wahrneh mung von Werbung a) Wenn Werbung von Kindern während der beobach tung erwähnt oder darauf reagiert wird: Du hast ja auf der Seite [Name des Internetangebots] gesagt [Zitat aus Beobach tungs- bogen]. – Woran hast Du erkannt, dass das Werbung ist? – Was hast Du damit ge meint, als Du das gesagt hast? – oder: Du hast da ja diese Seiten, die auf getaucht sind, wieder weg geklickt. Warum hast Du das ge macht? – Siehst Du noch woanders Werbung? Kinder auf fordern, mit der maus auf die Werbung zu zeigen (ohne zu klicken!). an das von den Kindern ge nannte merkmal an knüpfen (z. b. blinken) und nach anderen Webseiten elementen fragen (z. b. Du hast gesagt, das ist Werbung, weil es blinkt. ist dies hier auch Werbung?) 433 anhang b – rezePtiOnsstudie 21 Den Kindern, die an geben, noch nie den begriff „Werbung“ gehört zu haben, wird eine erläute rung vor gelesen, was Werbung ist (vgl. hierzu www.mediasmart.de/wissen/werbe-abc/warum-gibt-es-werbung. html, eine etwas andere Defini tion auch bei Dörr/ Klimmt/Daschmann 2011, S. 207). thema frageformulie rung b) Wenn Werbung von den Kindern während der beobach tung nicht erwähnt/darauf reagiert wurde: Jetzt hast Du mir ja schon be schrieben, was es auf der Seite alles zu sehen gibt. Auf dieser Seite hat sich außerdem noch Werbung ver steckt. Hast Du sie schon ent deckt? Zeig doch einmal mit der Maus auf alle Werbun gen, die Du auf der Seite findest. Kinder auf fordern, mit der maus auf die Werbung zu zeigen (ohne zu klicken!). – Woran er kennst Du, dass das Werbung ist? – Siehst Du noch woanders Werbung? an das von den Kindern ge nannte merkmal an knüpfen (z. b. blinken) und nach ande- ren Webseiten elementen fragen (z. b. Du hast gesagt, das ist Werbung, weil es blinkt. ist dies hier auch Werbung?) nachdem das Kind aus führ lich auf das an gebot ein gegangen ist, wird zum nächsten an gebot über gegangen. Du hast mir ja jetzt schon ganz viel zu dieser Seite erzählt. Ich würde mir gern mit Dir noch eine weitere Seite an schauen. Welche magst Du Dir als nächstes ansehen? wiederho lung der voran gegangenen schritte 4–8 (mind. 1-mal max. 3-mal) ¸ an dieser stelle gibt der unter suchungs leiter an, wie viel zeit noch bis zum ende des interviews zur ver fügung steht. das interview sollte dann mit den fragen 9 bis 14 fort gesetzt werden. 9. Werbewissen Jetzt haben wir uns ja einige An gebote an gesehen und Du hast mir ja ganz viel dazu erzählt. Mich würde noch folgende Frage interessie ren. und Du hast ja jetzt auch schon ein paar mal das Wort „Werbung“ benutzt/gehört. – Weißt Du, was das ist? – Wie würdest Du anderen Kindern in Deinem alter er klären, was Werbung ist? – Kannst Du noch einmal genauer er klären, was Du damit meinst? Wenn das Kind den begriff nicht kennt: – Was könntest Du Dir denn darunter vor stellen? Was glaubst Du denn, warum gibt es Werbung? hast Du eine idee? immer über prüfen/nach fragen, ob die Kinder sich auf internet- oder tv-Werbung be- ziehen. 10. (online)werbe- erfahrungen Werbung, das sind zum Beispiel Bilder, die ge macht werden, um Menschen darüber zu informie ren, dass es zum Beispiel ein neues Spielzeug oder einen leckeren Joghurt gibt, um zu zeigen, was das Besondere daran ist und welche Vor teile es hat und um Men- schen dazu zu bringen, das Spielzeug oder den Joghurt gut zu finden und es zu kaufen.21 Werbung gibt es zum Beispiel im Fernsehen, in Zeitschriften, im Kino oder im Internet. Wo hast Du denn schon überall Werbung gesehen? nachfragen, ob Kind auch erfah rung mit onlinewer bung hat. – hast Du denn im internet auch schon mal Werbung gesehen? – Was war das für eine Werbung? (be schreiben lassen) 434 22 in anleh nung an Sandberg/gidlöf/holmberg (2011). 23 in anleh nung an Dörr, Klimmt, Daschmann (2011); Schulze (2013). 24 in anleh nung an Schulze (2013). thema frageformulie rung – hast Du schon mal auf Werbung ge klickt? 22 – Was ist dann passiert? Wenn Kinder noch nie auf Werbung im internet ge klickt haben: – hast Du eine idee, was passie ren würde, wenn Du da drauf klickst? – Wieso meinst Du, dass das passie ren würde? 11. einfluss eltern/ Schule haben Deine eltern schon einmal mit Dir über Werbung ge sprochen? – Was haben sie zur Werbung gesagt? – habt ihr euch auch über internet werbung unter halten? – Worum ging es dabei? habt ihr in der schule auch schon mal über Werbung ge sprochen? – Worum ging es dabei? – ging es dabei auch um internet werbung? 12. reflexion/bewer- tung von Werbung Wie findest Du es, dass im internet Werbung vor kommt? – Was findest Du daran gut/nicht so gut? Dem Kind ggf. anregun gen geben, z. b. langweilig, interessant, störend, etc.23 – gibt es eine Werbung im internet, die Dir be sonders gut ge fällt? – Was genau ge fällt Dir daran? hast Du Dich auch schon mal über Werbung im internet geärgert? – erzähl doch mal, wie war das? Was würdest Du sagen: Stimmt das alles, was in der Werbung gesagt wird? – und wieso meinst Du, dass das stimmt/nicht stimmt? – Woher weißt Du das? 13. einfluss von Wer- bung auf Kauf- entschei dung hast Du schon mal etwas im internet gesehen, was Du un bedingt haben wolltest? evtl. unter stüt zungs hilfe, z. b. wenn das Kind geburts tag hat und sich geschenke über legt? oder Weihnachten? 24 – Was war das? – Wo hast Du das denn gesehen? 14. ab schluss frage Jetzt sind wir auch schon am Ende. Du hast mir richtig gut weiter geholfen. Was mich jetzt noch interessie ren würde ist, welche von den Seiten, die wir uns an gesehen haben, Dir am besten ge fallen hat. – Warum hat Dir [Name der Seite] am besten ge fallen? Danke, dass Du mitgemacht hast. Du hast uns sehr ge holfen! 435 anhang b – rezePtiOnsstudie Beobachtungsbogen Einzelinterviews Datum: Name des Kindes: Ort: Beobachter/in: Dauer der Sitzung mit dem Kind: _____________ Minuten Mit welchem Aufnahmegerät wurde das Gespräch aufgenommen? Beobachtung während der ungestützten Internetnutzung Ausgewählte Angebote Kind kommentiert Werbung (Kurzreaktion/Kommentar des Kindes beschreiben Kind klickt Werbung an (Weiteren Verlauf der Internutzung kurz beschreiben) Angebot 1 Angebot 2 Angebot 3 Angebot 4 12 13 14 15 436 Allgemeine Beobachtung Wie sicher navigiert das Kind durch das Internet? Sehr sicher (navigiert selbstständig und ohne Hilfe des Interviewers) Sicher (gelegentliche Fragen an den Interviewer) unsicher (häufige Rückfragen an den Interviewer) Probleme bei der Navigation _________________________________________________________________ _________________________________________________________________ _________________________________________________________________ Allgemeine Auffälligkeiten in Bezug auf das Thema Werbung _________________________________________________________________ _________________________________________________________________ _________________________________________________________________ Sonstige Anmerkungen _________________________________________________________________ _________________________________________________________________ _________________________________________________________________ 437 anhang b – rezePtiOnsstudie Gedächtnisprotokoll Einzelinterviews Name des/der Interviewer/in (Kürzel) Datum und Ort des Interviews Anfangsbuchstabe vom Namen des Kindes Geschlecht Alter Individuelle Faktoren des Kindes Aussehen (z. B. zierlich, klein) Habitus Sprachfähigkeiten Interesse am Thema Individuelle Besonderheiten Gesprächssituation Wo fand das Gespräch statt? Gesprächsatmosphäre Auffälligkeiten in nonverbalen Reaktionen (z. B. schien sich unwohl zu fühlen bei Fragen nach Internet) Störfaktoren/Besonderheiten (z. B. Kind ist abgelenkt durch Anwesenheit anderer) Inhaltliche Stichpunkte Standen bestimmte Themen im Mittelpunkt des Gesprächs? Welche (insbesondere im Hinblick auf Onlinewerbung)? Sonstige Besonderheiten Inhaltliche Besonderheiten (z. B. „Kam immer wieder auf ein bestimmtes Angebot zu sprechen“, „hat wahrscheinlich Frage X nicht richtig verstanden.“) Sonstiges Jede Beobachtung der Interviewer ist wertvoll. 438 ElternfragebogenElternfragebogen Liebe Eltern, vielen Dank für Ihr Einverständnis, dass Ihr Kind an unserer Studie „Kinder und Onlinewerbung“ teilnehmen darf. Um das Thema möglichst umfassend zu untersuchen, benötigen wir von Ihnen noch einige Angaben. In dem Fragebogen geht es vor allem um das Thema Onlinenutzung in der Familie. Ihre Angaben werden alle anonymisiert, selbstverständlich vertraulich behandelt und werden nicht an Dritte weitergeleitet. Angaben zur Person 1. Bitte geben Sie Ihr Geschlecht an: weiblich männlich 2. Wie alt sind Sie? ____________ Jahre 3. Welche Staatsangehörigkeit haben Sie? deutsch andere Staatsangehörigkeit und zwar: ____________________________________ 4. Welche Position in der Familie haben Sie in Bezug auf das befragte Kind? Mutter Stiefmutter Vater Stiefvater Sonstiges ___________________________ 5. Wie ist Ihr Familienstand? (Sie können mehrere Kreuze machen.) verheiratet in Partnerschaft lebend ledig/alleinstehend geschieden verwitwet Zusammensetzung der Familie 6. Bitte tragen Sie Anzahl, Geschlecht und Alter Ihrer Kinder ein: 439 anhang b – rezePtiOnsstudie Achtung: Bitte beachten Sie, wenn mehr als eines Ihrer Kinder an der Untersuchung teilnimmt, füllen Sie bitte für jedes Kind einen separaten Fragebogen aus! Kind Alter Geschlecht Welches Kind nimmt an der Untersuchung teil? (Bitte ankreuzen) 1 2 3 4 Berufliche Situation 7a) Was ist Ihr höchster Bildungsabschluss? 7b) Was ist der höchste Bildungsabschluss Ihres Partners/Ihrer Partnerin? (wenn Sie keine/n Partner/in haben, bitte weiter mit Fragen 8a/8b) Kein Schulabschluss Kein Schulabschluss Hauptschulabschluss Hauptschulabschluss Realschulabschluss Realschulabschluss Abitur/Fachhochschulreife Abitur/Fachhochschulreife Polytechnische Oberschule Polytechnische Oberschule anderer Schulabschluss: _______________________________________ anderer Schulabschluss: ____________________________________ Berufsausbildung Berufsausbildung Hochschulabschluss (FH, Universität) Hochschulabschluss (FH, Universität) Medienausstattung 8a) Welche der folgenden Geräte befinden sich in Ihrem Haushalt? 8b) Welches der folgenden Geräte besitzt das Kind, das im Interview befragt wird, im eigenen Zimmer? Computer mit Internetzugang Computer mit Internetzugang internetfähige Spielekonsole (stationär oder tragbar) internetfähige Spielekonsole (stationär oder tragbar) internetfähiges Handy/Smartphone internetfähiges Handy/Smartphone Tablet-PC (z. B. iPad, Microsoft Surface) Tablet-PC (z. B. iPad, Microsoft Surface) Elternfragebogen Liebe Eltern, vielen Dank für Ihr Einverständnis, dass Ihr Kind an unserer Studie „Kinder und Onlinewerbung“ teilnehmen darf. Um das Thema möglichst umfassend zu untersuchen, benötigen wir von Ihnen noch einige Angaben. In dem Fragebogen geht es vor allem um das Thema Onlinenutzung in der Familie. Ihre Angaben werden alle anonymisiert, selbstverständlich vertraulich behandelt und werden nicht an Dritte weitergeleitet. Angaben zur Person 1. Bitte geben Sie Ihr Geschlecht an: weiblich männlich 2. Wie alt sind Sie? ____________ Jahre 3. Welche Staatsangehörigkeit haben Sie? deutsch andere Staatsangehörigkeit und zwar: ____________________________________ 4. Welche Position in der Familie haben Sie in Bezug auf das befragte Kind? Mutter Stiefmutter Vater Stiefvater Sonstiges ___________________________ 5. Wie ist Ihr Familienstand? (Sie können mehrere Kreuze machen.) verheiratet in Partnerschaft lebend ledig/alleinstehend geschieden verwitwet Zusammensetzung der Familie 6. Bitte tragen Sie Anzahl, Geschlecht und Alter Ihrer Kinder ein: 440 Mediennutzung Achtung: Bitte beantworten Sie alle nachfolgenden Fragen für das Kind, das im Rahmen dieser Studie befragt wird. 9. Seit welchem Lebensjahr nutzt Ihr Kind das Internet? ____________________________________ 10. Was macht Ihr Kind am Computer bzw. im Internet am häufigsten (z. B. sich informieren, E- Mails schreiben, Communities nutzen, spielen etc.)? __________________________________________________________________________________ 11. Nutzt Ihr Kind mit einem Handy/Smartphone das Internet? ja nein 12. An wie vielen Tagen hat Ihr Kind in der letzten Woche das Internet genutzt (egal ob über den Computer, das Handy/Smartphone oder ein Tablet-PC, z. B. iPad, Microsoft Surface)? Gar nicht 1 Tag/ Woche 2 Tage/ Woche 3 Tage/ Woche 4 Tage/ Woche 5 Tage/ Woche 6 Tage/ Woche Täglich Weiß nicht 13. Wenn Ihr Kind an einem normalen Tag das Internet nutzt (egal ob über den Computer, das Handy/Smartphone oder ein Tablet-PC, z. B. iPad, Microsoft Surface), wie lange ist das dann etwa? (Bitte Stunden und Minuten angeben, z. B. 3 Std. und 10 Min.) _____ Std. und _________ Min. 14. Wer bestimmt in Ihrer Familie, was Ihr Kind im Internet macht/spielt? (Sie können mehrere Antworten ankreuzen.) Mutter Vater Das Kind grundsätzlich selbst Andere Personen, und zwar: ____________________________________ 441 anhang b – rezePtiOnsstudie 15. Wie häufig nutzt Ihr Kind die nachfolgenden Internetangebote? (Bitte in jeder Zeile eine Antwort ankreuzen.) sehr oft eher oft eher selten nie Internetseiten von einer Radio- bzw. Fernsehsendung Internetseiten von einer Zeitschrift (z. B. Geolino) Internetseiten von einem Rundfunk- bzw. Fernsehsender Internetseite von der Schule Internetseite von der Stadt/dem Wohnort Spieleseiten (z. B. Spiel-Affe) Internetseiten von Vereinen (z. B. Musikverein, Fußballverein) Internetseiten von Spielzeuganbietern/-marken (z. B. Playmobil, Barbie, Lego) Internetseiten von Fanclubs (z. B. Musik, Sport) Soziale Netzwerke (z. B. Facebook) Internetseiten von pädagogischen Institutionen (z. B. Lernserver, z. B. Mathe-Pirat, Antolin) 16. Welche Internetseiten besucht Ihr Kind regelmäßig? ______________________________________________________________________________________ 17. Welches ist die aktuelle Lieblingsinternetseite Ihres Kindes? ______________________________________________________________________________________ 442 18. Wenn Sie an die Onlinenutzung Ihres Kindes denken, wie besorgt sind Sie in Bezug auf folgende Themen? (Bitte in jeder Zeile eine Antwort ankreuzen.) Ich bin besorgt ... sehr etwas kaum gar nicht betrifft mein Kind nicht ... dass mein Kind mit Inhalten in Berührung kommen könnte, durch die es gefühlsmäßig überfordert wird. ... dass Werbung im Internet bei meinem Kind Konsumwünsche weckt. ... dass mein Kind zu viel Zeit im Internet verbringt. ... dass mein Kind im Internet von anderen belästigt werden könnte. ... dass mein Kind persönliche Informationen weitergeben könnte. ... dass mein Kind Angebote anklickt, die hohe Kosten verursachen können. ... dass mein Kind sich im Internet anderen gegenüber schlecht benehmen könnte. ... dass mein Kind mit falschen Leuten in Kontakt kommen könnte. 19. Welche der folgenden Aussagen treffen auf Ihr Kind zu? (Bitte in jeder Zeile eine Antwort ankreuzen.) Trifft voll und ganz zu Trifft eher zu Trifft eher nicht zu Trifft gar nicht zu Weiß nicht Mein Kind kann Werbung im Internet sicher von anderen Inhalten unterscheiden. Mein Kind weiß, was Onlinewerbung ist. Mein Kind weiß, welche Absichten hinter Werbung stecken. Mein Kind nimmt Werbung im Internet nicht wahr. Sie beeinflusst seine Internetnutzung nicht. Mein Kind lässt sich leicht durch Werbung auf einer Internetseite vom eigentlichen Angebot ablenken. Mein Kind besucht nur Internetseiten, die werbefrei sind und ist noch nicht mit Onlinewerbung in Berührung gekommen. 443 anhang b – rezePtiOnsstudie 20. Wenn Sie nun an Ihre eigene Internetnutzung denken: Welche der folgenden Aussagen treffen auf Sie zu? (Bitte in jeder Zeile eine Antwort ankreuzen.) Trifft voll und ganz zu Trifft eher zu Trifft eher nicht zu Trifft gar nicht zu Weiß nicht Mich stört die Werbung im Internet. Ohne Werbung funktioniert das Internet nicht/ist das Internet nicht finanzierbar. Ich nehmen sie daher in Kauf. Ich stehe der Werbung im Internet kritisch gegenüber. Werbung im Internet ist normal und unbedenklich. Man muss nur wissen, wie man damit umgeht. Onlinewerbung ist größtenteils sehr unterhaltsam. Ich blende Werbung bei meiner Internetnutzung aus. Sie stört mich nicht. 21. Haben Sie mit Ihrem Kind schon einmal über das Thema Onlinewerbung gesprochen? Wenn ja, worüber haben Sie mit Ihrem Kind gesprochen? ja ___________________________________________________________________________________ ___________________________________________________________________________________ nein 22. Haben Sie mit Ihrem Kind spezielle Regeln zum Thema Onlinewerbung vereinbart? Wenn ja, was sind das für Regeln? ja ___________________________________________________________________________________ ___________________________________________________________________________________ nein 23. Hat Ihr Kind schon einmal negative Erfahrungen mit Onlinewerbung gemacht? Wenn ja, bitte kurz beschreiben. ja ___________________________________________________________________________________ ___________________________________________________________________________________ ___________________________________________________________________________________ nein weiß nicht 444 24. Haben Sie auf dem Computer, den Ihr Kind nutzt, einen Werbeblocker installiert? ja nein weiß nicht Vielen herzlichen Dank für Ihre Unterstützung. Wenn Sie noch weitere Anmerkungen, Anregungen oder Wünsche zum Thema Kinder und Werbung haben, können Sie diese hier gern noch notieren. Vielen Dank! 445 anhang b – rezePtiOnsstudie Leitfaden Lehrer gespräche 1. Internet ausstat tung und Internet zugang in der Schule bzw. der Klasse – Inwieweit ver fügt die Schule über Computer mit Internet zugang, die von den Kindern ge nutzt werden können? – Gibt es Computer mit Internet zugang in der Klasse? – Wie sieht die Nutzungs praxis der Kinder aus (wie häufig und zu welchen Zwecken wird das Internet ge nutzt)? – Wie eigenständig nutzen die Kinder das Internet? 2. Werberezep tion der Schüler im Kontext allgemeiner Internetrezep tion im Unter‑ richt – Inwieweit war Onlinewer bung schon einmal Thema in der Klasse? Wenn ja: Was wurde be sprochen bzw. thematisiert? Wie wurde das Thema im Unter‑ richt auf gegriffen? Auf welche Unter lagen haben Sie zurück gegriffen? Sind Ihnen Unter richts materialien zu dem Thema bekannt? – Wie wird mit Onlinewer bung in der Klasse/Schule um gegangen? 3. Einstel lung der Lehrer zur Werberezep tion von Schülern und Bewer tung der kind lichen Werberezep tion – Wie kompetent können die Kinder in Ihrer Klasse Ihrer Einschät zung nach mit Onlinewer bung umgehen? – Wie schätzen Sie das Werbe verständnis (Wissen, was Werbung ist und welches Ziel sie ver folgt) der Kinder ein? – Inwieweit können die Kinder aus Ihrer Sicht Onlinewer bung sicher er kennen bzw. von anderen Inhalten unter scheiden? – Haben Sie schon einmal be obachtet, dass Kinder während der Onlinenut zung auf werb liche An gebote ge stoßen sind? Wie sind die Kinder damit um ge gan‑ gen? 4. Schulische Restrik tionen der kind lichen Internet‑/Werbenut zung – Inwieweit gibt es an Ihrer Schule Regeln zur Internetnut zung? – Gibt es be sondere Regeln für die Internetnut zung in der Klasse? – Wenn ja: Wurde im Zusammen hang mit den Regeln auch über das Thema Onlinewer bung ge sprochen? – Ist auf den Computern eine be sondere Kinder schutz software installiert? – Ist auf den Computern ein Werbeblocker und/oder Pop‑up‑Blocker installiert? 446 5. Wahrneh mung potenzieller Risiken der kind lichen Werbekonfronta tion – Wenn Sie an das Thema Onlinewer bung denken, was sind aus Ihrer Sicht die größten Risikobereiche? Nachfragen: Worin besteht das genaue Risiko? – Welche Werbeformen finden Sie be sonders problematisch? 6. Angaben zur Person – Darf ich er fahren, wie alt Sie sind? – Welche Fächer unter richten Sie in der Klasse? 447 die autOren Stephan Dreyer ist wissen schaft licher Referent am Hans‑Bredow‑Institut für Medien‑ forschung. Das Forschungs interesse des Diplom‑Juristen gilt recht lichen Fragestel lungen im Schnittbereich von Jugendschutz, Daten schutz und Ver braucher schutz sowie den Heraus forde rungen, denen sich recht liche Steue rung an gesichts neuer Technologien, An gebots strukturen und Nutzungs praktiken gegen über sieht. Zudem führt er steue‑ rungs wissen schaft lich orientierte sowie komparative Unter suchungen von Systemen und Instrumenten medien bezogener Governance durch. Er ist juristi scher Sprecher des Beschwerde ausschusses sowie der Gutachterkommission der Freiwilli gen Selbst‑ kontrolle Multimedia‑Dienste anbieter e. V. (FSM) und Grün dungs mitglied des „Center for Social Responsibility in the Digital Age“ (SRDA). Dr. Claudia Lampert ist wissen schaft liche Referentin am Hans‑Bredow‑Institut für Medien forschung und be schäftigt sich im Rahmen ver schiedener Projekte mit der Nutzung digitaler Medien durch Kinder und Jugend liche sowie mit den potenziellen Chancen, Risiken und den daraus resultie ren den Heraus forde rungen für die Medien‑ kompetenzförde rung. Sie ist u. a. Mitglied im europäi schen Forschungs verbund „EUKidsOnline“, Partnerin im eben falls europäi schen Projekt „Net children go mobile“ sowie Mitglied der Fachkommission „Wissen, Forschung, Technik folgen abschät zung“ innerhalb des I‑KiZ – Zentrum für Kinder schutz im Internet. Dr. Anne Schulze ist wissen schaft liche Mitarbeiterin am Hans‑Bredow‑Institut für Medien forschung. Die Forschungs schwerpunkte ihrer Arbeit sind Medien‑ und Werbe‑ kompetenz, Medien‑ und Werbewirkungs forschung und die psychologisch und sozialisa‑ tions theoretisch orientierte Rezipienten forschung. Im Rahmen ihrer Disserta tion zur „Internet werbekompetenz von Kindern“ unter suchte sie unter Ver wendung eines multi‑ methodalen Designs den Umgang sieben‑ bis elfjähri ger Kinder mit Werbung im Internet sowie den Grad der Internet werbekompetenz von Kindern unter Berücksichti‑ gung von Ent wick lungs bedin gungen. 73 70 74 71 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 72 Digitaler Journalismus Dynamik – Teilhabe – Technik von Volker Lilienthal, Stephan Weichert, Dennis Reineck, Annika Sehl, Silvia Worm 460 Seiten, 109 Abb./Tab., DIN A5, 2014 ISBN 978-3-89158-604-4 Euro 26,– (D) Medienintegration in Grundschulen Untersuchung zur Förderung von Medienkompetenz und der unterrichtlichen Mediennutzung in Grundschulen sowie der Rahmenbedingungen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Aufenanger, Ines Averbeck, Stefan Welling, Marc Wedjelek 324 Seiten, 85 Abb./Tab., DIN A5, 2013 ISBN 978-3-89158-587-0 Euro 22,– (D) Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie herausgegeben von Ulrike Wagner, Christa Gebel und Claudia Lampert Mitarbeit: Susanne Eggert, Christiane Schwinge und Achim Lauber 356 Seiten, 50 Abb./Tab., DIN A5, 2013 ISBN 978-3-89158-585-6 Euro 22,– (D) Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netwerkplattformen herausgegeben von Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann und Alexander Roßnagel Mitarbeit: Silke Jandt und Jan-Mathis Schnurr 456 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2012 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,– (D) Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik herausgegeben von Dieter Dörr, Christoph Klimmt und Gregor Maschmann Mitarbeit: Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn 232 Seiten, 17 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,– (D) 69 68 66 63 64 65 Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge von Nadine Klass 148 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-554-2 Euro 12,– (D) Mit Computerspielern ins Spiel kommen Dokumentation von Fallanalysen von Jürgen Fritz und Wiebke Rohde 136 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-548-1 Euro 10,– (D) Kompetenzen und exzessive Nutzung bei Computerspielern: Gefordert, gefördert, gefährdet von Jürgen Fritz, Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Tanja Witting Mitarbeit: Marius Drosselmeier, Wiebke Rohde, Christiane Schwinge und Sheela Teredesai 312 Seiten, 61 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-546-7 Euro 21,– (D) Skandalisierung im Fernsehen Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten von Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler und Claudia Töpper 272 Seiten, 60 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-542-9 Euro 18,– (D) Medienkompetenz in der Schule Integration von Medien in den weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Welling und Björn Eric Stolpmann 352 Seiten, 88 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-539-9 Euro 22,– (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) 62 61 60 55 56 59 58 Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2. unveränderte Auflage, April 2011 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2. Auflage 2010 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) 54 50 49 48 51 53 Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-397-5 Euro 25,– (D) Weitere Details zu allen Bänden in der Schriftenreihe der LfM finden Sie gerne im Internet. VISTAS Verlag J. Zimmermann & T. Köhler GbR Telefon: 03 41/ 24 87 20 10 Steinstraße 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de 04275 Leipzig Internet: www.vistas.de Der Medienverlag
Forschung
im Fernsehen. Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003. : Geschichtssendungen haben eine lange Tradition im deutschen Fernsehen, die sich in den letzten Jahren durch Digitalisierung des Mediums weiterentwickelt hat. Das hat zunehmend zu Diskussionen in der Öffentlichkeit geführt. Dabei spielt die Sorge mit, Geschichtssendungen könnten die „Gefälligkeit“ der medialen Inszenierung höher bewerten als die „Richtigkeit“ historischer Darstellungen. Vor diesem Spannungsfeld, das sich zwischen Ansprüchen der Historiographie und Ansprüchen eines unterhalten- den Massenmediums aufbaut, gibt die vorliegende Studie einen Überblick über die quantitative Breite und ästhetische Vielfalt von historischen Beiträgen im Fernsehen. Die oft einseitig als Auflösung oder Aufweichung bewertete Entwicklung des Genres wird durch die Ergebnisse der Studie nicht bestätigt. Prof. Dr. Edgar Lersch Historisches Archiv des Südwestrundfunks, Stuttgart Prof. Dr. Reinhold Viehoff Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,- (D) Geschichte im Fernsehen 54 Le rs ch /V ie ho ff Ge sc hi ch te im F er ns eh en Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 54 Edgar Lersch, Reinhold Viehoff 20 00 v .C hr . 14 00 n .C hr . 19 00 n .C hr . RZ_LfM-Bd_54 18.04.2007 7:59 Uhr Seite 1 Edgar Lersch, Reinhold Viehoff Geschichte im Fernsehen Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 54 Edgar Lersch, Reinhold Viehoff Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 unter Mitarbeit von Ulrike Kregel, Sabine Pabst, Hans-Jörg Stiehler, Markus Schubert und Anne Uebe Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2007 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-454-5 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Seit in den siebziger Jahren das Geschichtsinteresse in Deutschland zugenom- men hat, wurde auch im Fernsehen der Umfang an Beiträgen zu historischen Themen ausgeweitet. Insbesondere die emotionalen Komponenten der Ver- mittelung von Geschichte haben dazu beigetragen, dass sich das Fernsehen für breite Bevölkerungsschichten als das favorisierte Medium für Geschichtsaneig- nung entwickelt hat. Zugleich ist zu beobachten: Die audiovisuelle Darstellung von Geschichte wird von Geschichtswissenschaftlern nicht selten als eine Qua- litätsminderung der inhaltlichen Aussage gesehen. Mit der vorliegenden Studie „Geschichte im Fernsehen“ hat die LfM das Ziel verfolgt, Anhaltspunkte darüber zu erhalten, inwieweit eher an den breiten Zuschauerinteressen orientierte Präsentationsformen zu Lasten der inhaltlichen Präzision und der Fakten gehen. Im Rahmen der Studie wurden in einer umfang- reichen Programmanalyse mit einem Stichprobenzeitraum von 10 Jahren Inhalte und Formen der Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen untersucht. Dabei wurden in der qualitativen Detailanalyse die Formvarianten und Stilmittel der gewählten Präsentationen betrachtet und das gängige sowie experimentelle Formenrepertoire aufgeschlüsselt. Bezogen auf die Kernfrage kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass eine zuschauer- respektive unterhaltungsorientierte Aufbereitung der Inhalte nicht der „Richtigkeit“ der historischen Ereignisse entgegen steht. Ausgehend von der Erwägung/Einsicht, dass es die historische Wahrheit ohnehin nicht gibt, sondern vielmehr unterschiedliche Perspektiven auf ein historisches Ereignis, wird jedoch die Offenlegung der Dokumentengeschichte als unerlässlich ange- sehen. Wird also dem Zuschauer verdeutlicht, vor welchem Hintergrund und mit welcher Intention das gezeigte Material aufgenommen und verwendet wurde?m Die Studie verdeutlicht das inhaltliche und stilistische Spektrum in der Darstellung von Geschichte im Fernsehen, bietet eine Basis für die Debatte über programmstrukturelle Entwicklungen und formuliert die Relevanz eines transparenten Umgangs mit historischen Quellen und Dokumenten. Prof. Dr. Norbert Schneider Frauke Gerlach Direktor der LfM Vorsitzende der Medienkommission der LfM Inhalt 1 Die Ziele des Projektes: Der historiographische Kontext . . . . . . . . 11 2 Der diskursive Kontext: Geschichte, Erinnerungskultur, Medien . 29 3 Der mediale Kontext: Veränderungen des Fernsehens . . . . . . . . . . 43 3.1 Der ästhetische und der historische Kontext: Gattungsgeschichte der Geschichtssendungen im Fernsehen . . . . 49 3.2 Der historiographische und erkenntnistheoretische Kontext: Der epistemologische Anspruch und die mediale Pragmatik . . . . 59 4 Methodische Orientierungen und methodisches Vorgehen . . . . . . . 77 4.1 Operationalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 4.2 Methodischer Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 4.2.1 Untersuchungsdesign . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 4.2.1.1 Bestimmung des Untersuchungsgegenstands . . . . . 79 4.2.2 Arbeitsmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 4.2.3 Probleme der Quellen und der Datenrekonstruktion . . . . . . 82 4.3 Systematik der Programmbeobachtung – Bestimmung der Untersuchungskorpora . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 4.3.1 Bestimmung der Stichprobe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 4.3.2 Systematik der zeitlichen Auswahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 4.3.2.1 Untersuchungsgegenstand: Das Jahr 2003 gesamt . 85 4.3.2.2 Untersuchungsgegenstand: Vergleich aller drei Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 4.4 Datenaufbereitung und Datenanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 7 5 Darstellung der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 5.1 Quantitativ orientierte Auswertungen und Ergebnisse . . . . . . . . . . 96 5.1.1 Auswertungen 2003 gesamt – Historische Ereignisse in einem weiten Sinne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 5.1.1.1 Programmstrukturelle Sendungsmerkmale . . . . . . . 96 5.1.1.2 Produktionscharakteristik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 5.1.1.3 Zeitliche und thematische Einordnung der einzelnen Sendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 5.1.1.4 Darstellung und Vermittlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 5.1.2 Der Vergleich aller drei Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 5.1.2.1 Programmstrukturelle Sendungsmerkmale . . . . . . . 119 5.1.2.2 Produktionscharakteristik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 5.1.2.3 Zeitliche und regionale Einordnung der einzelnen Sendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 5.1.2.4 Thematische Einordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 5.1.2.5 Darstellung und Vermittlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 5.1.3 Ost-West-Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 5.1.4 Genderaspekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.2 Qualitative Auswertung und Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 5.2.1 Auswertung der ästhetischen Feinanalyse . . . . . . . . . . . . . . 170 5.2.1.1 Stilistische Mittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 5.2.1.2 Dramaturgische Mittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 5.2.1.3 Die Personalisierungsebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 5.2.1.4 Die Bildebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 5.2.1.5 Die Tonebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 5.2.2 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210 5.2.3 Infotainment-Tendenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220 5.2.3.1 Inferenzstatistische Auswertung . . . . . . . . . . . . . . . 220 5.2.3.2 Tendenzen des Infotainment bei Inhalt (Themen und Epochen) und Form (Genres und Beitragslängen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 5.3 Interpretationen der Ergebnisse und Diskussionen . . . . . . . . . . . . 241 5.3.1 Profilierungen zwischen öffentlich-rechtlichen Sendern und privatwirtschaftlichen Fernsehanbietern . . . . . . . . . . . . . . . . 241 5.3.2 Profilierungen zwischen Ost und West . . . . . . . . . . . . . . . . 244 5.3.3 Profilierungen zwischen Männer- und Frauengeschichte . . 245 5.3.4 Authentifizierungs- und Glaubwürdigkeitsstrategien . . . . . . 247 5.4 Die Rolle der Akteure . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 5.4.1 Workshop-Dokumentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 5.4.2 Redaktioneller Alltag in Geschichtsredaktionen – Aus eigener Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 8 5.4.3 Zur näheren Betrachtung der Geschichtsredaktionen . . . . . 268 5.4.4 Verortung der Geschichtsredaktionen in den Organisations- strukturen der Sender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270 5.4.5 Zusammenfassung und Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 5.5 Was ist eine gute Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen – für wen, wann, in welcher historischen Situation und für welches Leitmotiv? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 6 Anhang: Beschreibung der Analysekategorien . . . . . . . . . . . . . . . . 281 6.1 Quantitative Kategorien – Untersuchungsebene 1 . . . . . . . . . . . . . 281 6.1.1 Programmstrukturelle Sendungsmerkmale – Ihre methodische Konstruktion und Erfassung . . . . . . . . . . 283 6.1.2 Kategorien zur Produktionscharakteristik . . . . . . . . . . . . . . 286 6.1.3 Kategorien zur zeitlichen und thematischen Einordnung der einzelnen Sendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 6.1.4 Kategorien zur Erfassung von Darstellungs- und Vermittlungsaspekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 6.2 Qualitative Kategorien – Untersuchungsebene 2 . . . . . . . . . . . . . . 290 6.2.1 Begründung und Vorstrukturierung der Kategorienbildung zur ästhetischen Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 6.2.2 Die ästhetischen Kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 Codeplan „Historische Ereignisse im Fernsehen“ . . . . . . . . . . . . . . . . 315 Ebene 1 – Quantitative Erhebung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 I Sendungstechnische/-beschreibende Daten . . . . . . . . . . . . . . . . 315 II Produktionscharakteristik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316 III Zeitliche und thematische Einordnung der einzelnen Sendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 1. Epoche/Zeitraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 2. Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320 3. Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 4. Region . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 IV Formale Darstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 1. Akteur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 2. Programmästhetik: Formale Gestaltungselemente . . . . . . . . 324 3. Programmtypologie/Formcharakteristik/Sendungsformat . . . 324 9 Ebene 2 – Ästhetische Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 I Stilistische Mittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 II Dramaturgische Mittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 III Personalisierungsebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 IV Bildebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 V Tonebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328 VI Bild-Ton-Verhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Ebene 3 – Strategien des Infotainment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 I Ästhetisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 II Dramatisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 III Personalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 IV Emotionalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 V Anzahl der Akteure . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 Liste 1 – Programmkategorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 Liste 2 – Länderliste (Länder-Koproduktionen) . . . . . . . . . . . . . . . 333 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335 10 1 Die Ziele des Projektes: Der historiographische Kontext Auch nach über zwanzig Jahren, die seit der Einführung des Dualen Rundfunk- systems vergangen sind, werden die mit seiner Einführung in Verbindung gebrachten Konsequenzen für das gesamte Programmangebot noch immer kontrovers diskutiert. Die rundfunkrechtliche Konstruktion der beiden Anbieter- gruppen sieht vor, dass die privatkommerzielle Gruppe ausdrücklich davon befreit ist, die in den Zeiten des öffentlich-rechtlichen Oligopols entwickelten Standards des Programms einzuhalten. Konsequenz dieser Regelung sei – so Kritiker –, dass dies zu Lasten der „Qualität“ im gesamten System gehe. Zu den – für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiterhin gültigen – Standards gehört bekanntlich ein über Jahrzehnte entwickeltes quantitatives Verhältnis zwischen Unterhaltungsangeboten und kulturell anspruchsvollen wie informie- renden Sendungen. Dieses Verhältnis sei – so wieder Kritiker – von den privat- kommerziellen Veranstaltern zugunsten der Unterhaltung einseitig verschoben worden. Diese Unterhaltungsorientierung wirke sich sogar auch dort aus, wo es um die Gestaltungs- bzw. Präsentationsformen in Informations- und – soweit von privaten Veranstaltern überhaupt angeboten – Bildungssendungen gehe, auch hier seien andere, unterhaltungsbezogene Maßstäbe entwickelt worden.m Unter dem Schlagwort „Konvergenz der Systeme“ ist seit Beginn der 90er Jahre zudem eine Anpassung der öffentlich-rechtlichen an diese privatwirt- schaftlichen, an der Quote vollständig orientierten Programmstandards beklagt worden. Spätestens seit die privatkommerziellen Anbieter den Konkurrenz- druck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so erhöhten, dass es in der Folge zu einer Halbierung der jeweiligen Marktanteile kam, sei diese Konver- genz zu beobachten. Das ist aus kritischer Sicht natürlich als Vorwurf gemeint; denn diese Konvergenz wird gesehen als Anpassung des öffentlich-rechtlichen Programms an die Standards einer am Konsum und an Marktmechanismen ausgerichteten Programmstrategie der privatwirtschaftlichen Sender, und nicht umgekehrt. Mit dieser Ausrichtung verliere der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine vormals dominierende Bildungs-, Informations- und Kulturausrichtung. Kritiker beklagen seitdem unisono, es sei die falsche Anpassung und Konver- 11 genz gewesen, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender sich angesichts der ge- sunkenen Marktanteile und der Gefahr, weiter in der Zuschauergunst zu ver- lieren, den Praktiken der privaten Fernsehveranstalter angepasst hätten. Jenseits aller radikalen Systemkritik sind diese Stimmen bei ihrer Kritik von der empirisch begründeten Befürchtung getragen, das demokratische Modell und eine seiner wichtigsten Voraussetzungen, der mündige, selbst bestimmte und aufgeklärte Bürger, würden durch diese Konvergenz nach unten nachhaltig und vielleicht sogar unwiederbringlich beschädigt. Obwohl die öffentlich-recht- lichen Anbieter den verfassungsrechtlich auferlegten Programmauftrag hätten, den Bürgern ein angesichts der sie umgebenden komplexen Wirklichkeit quan- titativ ausreichendes und qualitativ angemessenes Informations- und Orientie- rungsangebot zu machen, geschehe dies immer weniger. Das Kriterium der „Qualität“ (cf. Bolik und Schanze 1997) meint in diesem Fall in der Regel, objektiv und umfassend über diese Wirklichkeit zu berichten, so dass sich der Mediennutzer dank dieser qualifizierten Informationen in ihr selbst bestimmt und nach eigenem Urteil zurecht finden könne. Informationen dieses qualitativen Typs seien aber – weitgehend – unvereinbar mit einer domi- nierenden „Unterhaltungsfunktion“, die sich im Wesentlichen auf den Rezi- pienten als Konsumenten konzentriere. Denn um über diese Wirklichkeit um- fassend und ihrer Komplexität „adäquat“ (nach Standards einer aufgeklärten Rationalität, cf. Enskat 2005) zu informieren, seien auch „langweilige“ und „widerspenstige“ Einblicke nötig, und diese wiederum benötigten ihre eigene Zeit. Zeit sei aber in der Perspektive der privaten Quotenprogramme Geld, also eine sehr knappe Ressource. Wenn Zeit „geopfert“ werde, müsse sich dies rechnen. Da Maßzahl für diese Rechnung die Zuschauerquote sei, werde in- zwischen auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ausreichende Informa- tionszeit immer knapper. Dies gelte auch und gerade für schwierige Berichte und Informationen, die aber andererseits erforderlich seien, um die für ein aufgeklärtes Gemeinwesen notwendigen Zusammenhänge kritisch darzustellen, Wissen über solche Zusammenhänge allgemein verfügbar zu machen und so insgesamt zur Orientierung der Bürger beizutragen. In dieser Diskussion um die Werte und informationellen Grundlagen der Demokratie in der BRD wird meist zwar berücksichtigt, dass nicht jedermann jederzeit und auf gleiche Weise durch solche notwendigen Berichte „informiert“ werden kann, muss und soll. Gleichwohl ist eine „Didaktik“ solcher informa- tionellen Grundlagen noch nicht ausgearbeitet. Meist wird in diesem Zusammen- hang auf das Horaz’sche „prodesse et delectare“ verwiesen, in der Absicht, dass sich das Fernsehprogramm – jedenfalls in diesen grundsätzlichen Infor- mations- und Orientierungsleistungen – zwischen Unterhaltung (delectare) und Information (prodesse) ausbalancieren müsse. Damit ist dann zugleich ein rezeptionstheoretisches Argument vorbereitet. Komplexität des Gegenstandes erfordere zwar eine komplexe Darstellungsweise und -form, gleichwohl dürfe 12 eben die Orientierung an der Komplexität des Gegenstandes nicht dazu führen, den Bezug auf das jeweilige Publikum – und sein imaginiertes Verständnis- vermögen – zu vernachlässigen. Ohne hier diese Diskussion vollständig zu entfalten, die in den Kultur- wissenschaften seit gut 2000 Jahren geführt und die zurecht angesichts der Reichweite und Nutzungsfrequenz und schließlich auch der Nachhaltigkeit von Fernsehprogrammen immer wieder neu aufgegriffen wird, gilt als allgemeine Meinung, dass gerade für wichtig gehaltene Informationen und Berichte so präsentiert werden müssen, dass sie vom Zuschauer auch verstanden werden können und so, dass er sie überhaupt rezipiert, also nicht ausschaltet oder zu einem anderen Programm zappt. Das ist ganz zweifellos eine notwendige Bedingung dafür, dass Informationssendungen überhaupt Orientierungsfunk- tion übernehmen können. Was über die Veränderungen des Fernsehens im Rahmen der Konvergenz- these gesagt und kritisiert worden ist, was an Balance-Problemen diskutiert wird zwischen Unterhaltung und Information, was als Annäherungsproblem von Zuschauerwünschen und den „Anforderungen“ des Informations-„Gegen- standes“ verhandelt wird, all dies trifft in besonderem Maße die Frage der Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen; denn darüber gibt es einen starken und öffentlich kaum angezweifelten Konsens in der Gesellschaft: dass die Gegenwart und vor allem auch die Zukunft dieser Gesellschaft nur „ge- lingen“ kann, wenn die Vergangenheit in dieser Gegenwart und Zukunft sach- lich bekannt und verstanden ist, reflexiv und produktiv verarbeitet wird und so die Bedingungen dafür bereitgestellt sind, eine kollektive Identität über die flüchtige Situation, den einzelnen Augenblick hinweg in der Zeit zu ermög- lichen. Die Frage nach Geschichtssendungen im Fernsehen ist sogar in gewisser Weise als Katalysator all der oben kurz skizzierten Probleme zu verstehen, denn gerade in der Bundesrepublik Deutschland gibt es in den 90er Jahren mit der Selbstauflösung der DDR und ihrem Beitritt zur Bundesrepublik Deutsch- land, mit der 50-jährigen Wiederkehr der letzten Jahre des Zweiten Welt- krieges und seines Endes und schließlich mit dem Millennium eine außer- ordentlich breit gesellschaftlich diskutierte und entsprechend wahrgenommene Gegenwart der Vergangenheit. Natürlich gilt das thematisch auch und gerade für das Fernsehen in der Bundesrepublik, das maßgeblich an dieser gesell- schaftlichen Diskussion beteiligt gewesen ist und die Wahrnehmung von Ge- schichte per Anschauung ermöglicht hat: in seinem ausgestrahlten Informations- und, auch in seinem Unterhaltungsprogramm. Ein allgemeiner Blick auf das Fernsehprogramm gestattet es – und nicht nur speziell auf die Kulturkritik oder auf die historischen Ereignisdarstel- lungen – sich in Bezug auf die quantitativen Dimensionen von Unterhaltungs- und Informationssendungen auf die in regelmäßigen Abständen durchgeführten 13 programmstatistischen Untersuchungen zu stützen. Diese Untersuchungen sind durchaus nicht unangefochten hinsichtlich ihrer Prämissen und Schlussfolge- rungen, gleichwohl machen sie bis jetzt mehrheitlich deutlich, dass sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die überkommene Relation zwischen unter- haltenden und informierenden Sendungen nicht gravierend verschoben hat (Krüger 2001, Krüger 2005). Solche Ergebnisse sagen natürlich nur bedingt etwas darüber aus, ob dieses Angebot den Bedürfnissen und Möglichkeiten der jeweiligen Zuschauergruppen angepasst ist, ob ein Zuviel oder Zuwenig prä- sentiert wird. Noch schwieriger nachzuweisen – und daher umstrittener bei der Interpreta- tion von Untersuchungsergebnissen –, sind mögliche Verschiebungen, die im Detail die inhaltliche Ausrichtung und formalästhetische Gestaltung von Sen- dungen betreffen. Welche Veränderungen sind zum Beispiel eindeutig als Qua- lität mindernd einzustufen? Beklagt wird, dass generell in den informierenden und Wissen vermittelnden Programmgenres des Fernsehens eine Tendenz um sich gegriffen und verschärft habe, mit Rücksicht auf Zuschauerinteresse und -bindung die Sachinformation zugunsten einer starken und damit unangemes- senen Personalisierung und Emotionalisierung, ja Skandalisierung als Mittel der Zuschauerbindung zurückzudrängen. Im Kern bedeutet diese Kritik, zu- schauerorientierte Präsentation gehe auf Kosten objektiver bzw. wirklichkeits- adäquater Darstellung. Darüber mag man streiten, und es wird auch darüber ge- stritten. Aber schon längst vorher fängt die Uneinigkeit an. Es besteht nämlich keineswegs Einigkeit über Grenzkriterien, die dafür herangezogen werden können, um Veränderungen zu immer zuschauerfreundlicheren Dramaturgien eindeutig zu markieren, vor allem dann, wenn dadurch Wahrheit und Klarheit der historischen Aussage nicht mehr gewährleistet erscheinen (Schicha 2002, S. 9 ff.). Erschwert werden entsprechende eindeutige Feststellungen und wissen- schaftliche Werturteile auch dadurch, dass Veränderungen und Wandel im Programmangebot des Fernsehens nicht allein durch den Konkurrenzdruck des Dualen Systems bewirkt worden sind und bewirkt werden. Auch in Zeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunkoligopols waren die Ansichten darüber stets fließend, was als angemessene mediale Konstruktion der Wirklichkeit und damit auch der vergangenen anzusehen sei. Denn angesichts des gesellschaft- lichen und kulturellen Wandels sowie der Verschiebungen in der Zusammen- setzung der Bevölkerung war auch im öffentlich-rechtlichen System stetiger Bedarf vorhanden, darüber nachzudenken, ob und inwieweit das Medienangebot noch akzeptiert wird und akzeptabel ist. Nachlassende Kompetenz der Zuhörer und Zuschauer, sich in tradierten Formen informieren zu lassen, und eine immer stärker durch die Konsumkultur getriggerte Suche nach „Innovationen“ kann nicht einfach ignoriert werden, schon allein deshalb nicht, weil sie ein soziales Faktum ist. Da hilft dann auch nicht einfach, apodiktisch darauf zu 14 bestehen, im Interesse von Wahrheit und Klarheit seien bestimmte historische und aktuelle Aussageformen und -gattungen unerlässlich. Vielmehr ist – überall und immer schon – eine abwägende Anpassungsbereitschaft der Medienmacher an ihr Publikum notwendig. Im Interesse höherer Akzeptanz beim Publikum ist in der Geschichte des Rundfunks in allen Programmsparten immer mit neuen Angebotsformen reagiert worden. In der Regel sind solche „Anpassungs- prozesse“ höchst kontrovers diskutiert worden, nicht erst hier und heute. Solche Anpassungsprozesse haben auch vor 1984, also bereits vor dem Beginn des Dualen Systems, Anlass dafür geboten, vorher selbstverständlich in Geltung befindliche Produktionsroutinen zu hinterfragen. Die überkommenen Standards des Rundfunkprogramms insgesamt und die Standards der historischen Darstel- lung im Fernsehen im Einzelnen sind deshalb immer historisch kontingent. Allerdings gilt, dass – seitdem das Duale System die Medienlandschaft ver- ändert hat – mit größerer Intensität in öffentlichen wie fachbezogenen Diskus- sionskontexten darüber räsoniert und gestritten wird, was unter den gegebenen Voraussetzungen „Programmqualität“ meint. In diesem Kontext fragt der hier vorgelegte Bericht, wie und unter welchen Bedingungen im Fernsehen Wirk- lichkeit angemessen und objektiv vermittelt werden kann und wieweit die Veränderungen bei den privaten wie öffentlich-rechtlichen Veranstaltern solche Vermittlungsversuche verändern? Beeinflusst etwa die Wahl einzelner Gestal- tungsformen diese Vermittlung? Sind Klagen über die negativen Trends im Programmangebot nicht bloß unbewiesene Vermutungen, die sich auf mehr oder weniger subjektive und/oder interessegeleitete, immer jedenfalls auf sehr selektive Eindrücke beziehen? Neben vereinzelten wissenschaftlichen Untersuchungen aus dem Umkreis universitärer Forschung und neben Einzelstudien der ARD/ZDF-Medienfor- schung bestimmen bis jetzt besonders Studien die Forschung zu diesem Pro- blemzusammenhang, die durch Landesmedienanstalten gefördert worden sind. Insbesondere die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) hat sich engagiert, indem sie beispielsweise Untersuchungen zu den Verände- rungen bei Nachrichtensendungen im Fernsehen (Ruhrmann u. a. 2003) bzw. bei Fernsehdokumentationen (Wolf 2003) in Auftrag gegeben und veröffent- licht hat. Anhand dieser Studien wird deutlich, dass die Balance zwischen „angemessener“ medialer Wirklichkeitsvermittlung und den realen Rezeptions- möglichkeiten und Publikumserwartungen auch bei diesen Genres ein grund- sätzlich diskutiertes Problem ist. Gleichwohl zeigen diese Studien auch, dass es methodisch unbefriedigend ist, Beurteilungskriterien für eine „gute Balance“ ausschließlich mit Blick auf traditionell überkommene Angebotsformen zu suchen und zu formulieren. Notwendig erscheint vielmehr, dafür Konzepte der Medien- bzw. Kommunikationswissenschaften systematisch heranzuziehen. Diesen method(olog)ischen Vorbehalt muss man gerade bei dem Gegen- stand „Historische Ereignisse im Fernsehen“ machen; denn hier hat sich in den 15 letzten Jahren der Blickwinkel im öffentlichen Streit und Feuilleton stark ver- engt – gerade so, als sei nur Professor Guido Knopp vom ZDF für dieses Themenfeld im Fernsehen insgesamt verantwortlich und repräsentativ. Angesichts einer solchen Verengung des öffentlichen Streits auf im wesent- lichen einen Anbieter und seinen Präsentationsstil ist es wichtig, die Zielstel- lung des Projektes „Historische Ereignisse im Fernsehen“ selbst im wahrsten Sinne des Wortes ein Stück weit zu entpersonalisieren. Es geht in diesem Projekt auch um Guido Knopp und die Geschichtssendungen des ZDF, aber es geht beileibe nicht nur um dieses kleine Segment der Geschichtsdarstel- lungen im Fernsehen. Das Untersuchungsfeld ist viel weiter, das gesamte An- gebot an Geschichtssendungen im Fernsehen steht – man vergleiche dazu nur einmal die Analyse des Jahres 2003 in der vorliegenden Studie – mit seinen Nuancierungen und Entwicklungstrends längst nicht derart im Blickpunkt einer kritischen Öffentlichkeit wie die durch Knopps Präsentation herausgehobenen Angebote des ZDF. Hier wie in allen anderen Fällen, die im Projekt untersucht werden, geht es darum, eine rationale Grundlage für entsprechende Urteile erst einmal herzustellen. In allen Geschichtssendungen im Fernsehen – natürlich auch bei Guido Knopp – geht es um die Frage, ob eine längst und ohne Bilddokumente ver- gangene historische Wirklichkeit medial angemessen präsentiert wird oder werden kann. „Angemessen“ ist dabei hier Ausdruck für jene zweite Balance – neben der zwischen Medienangebot und Publikumskompetenz – zwischen den dramaturgischen und ästhetischen Anforderungen des Mediums und denen nach historiographischer Genauigkeit und Authentizität. Niemand stellt – aus guten und konventionalisierten Gründen – an einen Hollywood-Film wie „Zurück in die Zukunft“ Ansprüche an historiographische Angemessenheit oder gar Genauigkeit, auch wenn es dort um Zeitreisen zurück in die siebziger Jahre geht. Umgekehrt wird auch niemand das umstandslose Vorlesen einer schriftsprachlichen wissenschaftlichen Buchpublikation von Hans Mommsen über den Ersten Weltkrieg für medial angemessen halten, um das aktuelle Fernsehpublikum über diese Grundkatastrophe der deutschen Geschichte zu informieren. Auf diese Problemlage wird noch häufiger, eigentlich sogar immer wieder zurückzukommen sein. Sie steht wie von selbst im Zentrum der Projekt- fragen. Der Umgang mit der geschichtlichen Vergangenheit stellt besondere Anfor- derungen an das öffentliche Gespräch im Fernsehen und in den Massenmedien überhaupt. Wenn es der Dramaturgie bei einem Fußballspiel nicht gelingt, im richtigen Moment eine Kamera am Tor zu haben, während der Ball einschlägt, ist das vielleicht ärgerlich und beeinträchtigt – wahrscheinlich – das Vergnügen vieler Fußballzuschauer. Wenn bei einem historischen Kontext wie dem vom Frauenprotest in der „Rosenstraße“ während des Nationalsozialismus zugunsten einer schönen traurigen Dramaturgie aber die Hauptdarstellerin sich zum höhe- 16 ren Protestzweck Joseph Goebbels hingibt, der mit diesem Protest wohl nie selbst befasst war, ist allerdings auch das Vergnügen der Historiker und aller historisch interessierten Fernsehzuschauer beeinträchtigt. Warum ist dieses Missvergnügen genauso ernst zu nehmen und vielleicht sogar noch wichtiger als das eingeschränkte Vergnügen bei dem verpassten Torschuss? Grundsätzlich hat Jürgen Habermas dazu vor einiger Zeit Stellung genom- men, als er über den „öffentlichen Gebrauch der Historie“ räsonierte. Wir gehen auf seine Argumente hier zustimmend ein. Wenn historische Ereignisse im Fernsehen dargestellt werden, dann handelt es sich dabei nämlich immer auch um eine Selbstverständigung der Beteiligten über „Formen des erwünsch- ten politischen Zusammenlebens, auch über die Werte, die im politischen Ge- meinwesen Vorrang haben sollen“ (Habermas 1998, S. 49). Weil die nationale Geschichte einen wichtigen Hintergrund dafür bildet, wie wir unsere politische und kulturelle Identität jeweils verstehen, führt der mediale Blick in diese Geschichte immer auch dazu, ein spezifisches historisches Bewusstsein zu formulieren. Da es sich also immer um eine Verbindung von politischer Selbst- verständigung und Ausbildung historischen Bewusstseins handele, wenn Ge- schichte medial inszeniert werde, müsse diese öffentliche Behandlung be- sonders legitimiert sein. Habermas führt in diesem Zusammenhang dann an, dass die moderne Geschichtsschreibung generell zwei Adressaten habe: „die Zunft der Historiker und das allgemeine Publikum“, deshalb müsse „eine gute zeithistorische Darstellung“ immer „gleichzeitig den Maßstäben der Wissen- schaft und den Erwartungen einer interessierten Leserschaft gerecht werden“ (Habermas 1998, S. 51). Dies wiederum könne sie nur – und darin liege dann auch ihre Legitimität –, wenn diejenigen, die über Geschichte öffentlich in den Medien sprechen, nicht gleichzeitig Geschichtspolitik betrieben, also ihren Blick in die Geschichte vom Publikum „dirigieren“ ließen (a. a. O.). Letztes Kriterium für eine legitime Beschäftigung in den Medien mit Geschichte und geschichtlichen Ereignissen und für die darauf bezogenen „erklärenden Zurech- nungen“ (a. a. O., S. 53) ist deshalb, dass eine solche Beschäftigung ihre eigent- liche Funktion erfüllt. Diese Funktion besteht genau darin, den Nachfahren, die nicht dabei waren und deshalb auch keinen moralischen oder rechtlichen Diskurs darüber führen müssen oder gar können, eine ethisch-politische Selbst- verständigung zu ermöglichen; denn erst dieser Prozess der Selbstverständi- gung über die kulturelle Matrix des historischen Traditionshintergrundes für die erinnerten Ereignisse mache es möglich, dass ein Bewusstsein „kollektiver Haftung“ (a. a. O., S. 52) gegenüber der eigenen Geschichte entstehe. Dieses Bewusstsein ist aber nach Habermas die Voraussetzung dafür, dass eine soziale Gemeinschaft beurteilen kann, was an ihren eigenen Traditionen einer Revision bedarf. Dieser Rückgriff auf Habermas’ Gedanken zum öffentlichen Gebrauch der Historie macht hier deutlich, dass die Geschichte aus dieser Sicht eben doch 17 ein anderer Gegenstand des Fernsehprogramms ist als ein aktuelles Fußball- spiel. Fehler bei der Übertragung sind im ersten Fall schwer wiegender. Weil das so ist, muss sich die Öffentlichkeit (der Intellektuellen) auch so intensiv mit dem Fernsehangebot zu historischen Themen beschäftigen, wie dies in den letzten Jahren ja zunehmend geschieht. Das macht eine Eingrenzung und Präzisierung des Fragehorizontes der vorliegenden Studie umso notwendiger. Denn was heißt es konkret, dass sich die Öffentlichkeit intensiv mit dem Fern- sehangebot an historischen Themen beschäftigt? Was genau wird dabei unter historischen Themen verstanden? In einem sehr grundsätzlichen Sinne ist schon darüber zu diskutieren, ob nicht jede „Tagesschau“ und jede andere tagesaktuelle Nachrichtensendung im Fernsehen eigentlich als historische, jedenfalls als historisierende Sendung zu betrachten und zu analysieren ist; denn in gewisser Weise stehen solche aktuel- len Nachrichtensendungen des Fernsehens auf der ersten Stufe eines Prozesses, in dem die Gegenwart stufenweise zu einer medial repräsentierten und dann wieder im Medium repräsentierbaren gemacht wird, einer Stufenleiter also, an deren Spitze dann die medial kanonisierten Bilder und Ereignisse als die medial gültige und geltende Markierung von Geschichte stehen. Es ist im Zusammen- hang dieses Forschungsprojektes natürlich nicht möglich, einen so weiten Begriff von historischen Sendungen wirklich genauer in seiner stufenartigen Entfaltung zu untersuchen (cf. Viehoff 2005a). Historische Themen und Historie insgesamt könnte man im aktuellen Fern- sehprogramm auch da schon sehen, wo ein Rückbezug zum Vergangenen, zum nicht mehr Tagesaktuellen vorliegt. Die öffentlich-rechtlichen wie die privaten Programme sind in diesem Sinne voll von verborgenen und offenen Anspie- lungen auf die geschichtliche Vergangenheit, sie leben sozusagen von implizi- ten wie expliziten Anleihen bei historischen Vorbildern – bei Themen und Personendarstellungen. Solche inklusiven Anspielungen auf Geschichte in aktuellen Sendungen führen zwar auch häufig zu einer latenten produktiven Auseinandersetzung mit Geschichte bzw. vergangenen Ereignissen und Zu- ständen (Hickethier 1993, Bleicher 1993, Bleicher 1999), aber diese Gegen- standsbestimmung ist immer noch deutlich zu weit, um Grundlage für das hier vorliegende Forschungsprojekt bieten zu können und um die Forschungsziele auch erreichbar zu machen. Weder der Umfang noch die Formen dieses alltäg- lichen „historisierenden“ Rückbezugs oder gar die Funktion und Wirkung auf die Zuschauer können deshalb im Kern Gegenstand des vorliegenden Projektes sein. Neben einer solchen extensionalen Perspektive auf die historischen Ereig- nisse im Fernsehen ist eine weitere, die historisierende Dimensionen des Fern- sehprogramms überall dort zu sehen, wo Programmverantwortliche Re-Thema- tisierungen des Vergangenen aus spezifischen tagesaktuellen journalistischen Intentionen heraus für sinnvoll halten und ins Programm hieven. Im Detail 18 können auch solche implizit tagesaktuellen historischen Rückbezüge nicht Gegenstand dieser Untersuchung sein, denn solche Programmbeiträge sind oft nicht in den Programmvorschauen abgedruckt, sondern gelangen aufgrund plötzlicher Entscheidungen und überraschender Ereigniskonstellationen ins Programm, sie sind also nur bei einer systematischen Vollerfassung oder bei einem zufälligen Mitschnitt dann für eine Ansicht vorhanden, was eine Ver- fügbarkeit solcher Sendungen für die Analyse und Forschung praktisch aus- schließt. Gleichwohl ist es grundsätzlich wichtig, auf diese alltäglichen historisieren- den Dimensionen des tagesaktuellen Fernsehprogramms hinzuweisen. Dieser andauernde Blick auf die Geschichte und die alltägliche Integration einer ge- schichtlichen „Perspektive“ des Fernsehprogramms bildet den Rahmen, in dem historische Darstellungen im engeren Sinne ihren „Sitz im Leben“ haben. Das gesamte Ensemble historischer Darstellungen ist in diesen Referenz- rahmen eingebettet, in gewisser Weise stehen alle Einzelsendungen mit ihm durchaus in einem zumindest mittelbaren Zusammenhang. Das trifft auch auf das breite Spektrum unterhaltender Anspielungen auf Geschichte zu. Möglicher- weise sind sogar die außerhalb der eigentlichen Informationssendungen an- gesiedelten Bezüge zur Vergangenheit für das Geschichtslernen und -wissen der Zuschauer und das Bild, das sie sich von der Vergangenheit machen, un- gleich wichtiger als alle explizit und direkt historisches Wissen vermittelnden Programmbeiträge. Historische Dokumentarsendungen, Zeitzeugeninterviews und gelegentlich auch die zur Vermittlung historischer Information konzipierten fiktionalen Geschichtssendungen sind unter diesem Gesichtspunkt vielleicht gar nicht die eigentlichen Baustellen für das populäre Geschichtsbewusstsein. So lange zu diesem weiten Zusammenspiel historisierender Sendungen im Bildungshaushalt des Publikums keine genauen Untersuchungen vorliegen, muss mit einer solchen Relativierung immer gerechnet werden. Vordergründig mag es so aussehen, dass mit den in den vorigen Abschnitten vorgenommenen Abgrenzungen der unwichtigere Teil der Geschichtsvermitt- lung Gegenstand der Untersuchung sei. Rein quantitativ gesehen, haben bil- dungsorientierte Sendungen zur Geschichte am gesamten Programmangebot der privatkommerziellen Veranstalter – wie die empirischen Studien bestätig- ten – in der Tat nur einen geringen, an dem der öffentlich-rechtlichen Fernseh- anbieter – aufs große Ganze gesehen – einen vergleichsweise kleinen Anteil (Krüger 2001). Doch sieht man von den statistischen Berechnungen ab, die sich auf das 24-Stunden-Angebot aller Fernsehkanäle beziehen, ist auch für den „schlichten“ Beobachter augenfällig, dass sich die Zahl der Geschichts- sendungen in der letzten Zeit stark erhöht hat. Schon am Beginn des Jahres 1999 häuften sich gerade im zeitlichen Umfeld so genannter Gedenkjahre und -tage die Geschichtstermine auf allen Kanälen (für das Jubiläumsjahr 1989 ausführlich Quandt 1991, S. 15 ff.). Derzeit ist nachgerade von einem Ge- 19 schichtsboom die Rede, angestoßen etwa durch das Gedenkjahr 2004, in dem 90 Jahre seit Beginn des Ersten Weltkriegs vergangenen waren, und durch 2005, in dem an das Ende des Zweiten Weltkriegs – 60 Jahre danach – zu erinnern war. Wie schon angesprochen, ist es abseits dieser programmstatistischen Über- legungen und Abgrenzungen vor dem Hintergrund der besonderen Bedeutung, die der öffentliche Gebrauch der Historie für die Selbstorientierung der Gesell- schaft hat, allemal begründet, sich mit den Geschichtsangeboten des Fernsehens genauer zu beschäftigen. Das gilt gerade auch für Deutschland, wo unter dem Eindruck der durch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus be- dingten erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Problemlagen beson- dere Sensibilität geboten ist. Deshalb richten die Landesmedienanstalten zu Recht ihre Aufmerksamkeit auf diesen spezifischen Beitrag des Fernsehens, das gesellschaftliche Bild von Geschichte zu formen. Hinter dem Auftrag zu diesem Forschungsprojekt steht ja die Vermutung oder gar der verständliche Argwohn, ob nicht „modische“ Trends und „mediale Performance“ derartige Auswirkungen ästhetischer, dramaturgischer und inhaltlicher Art auf die kul- turelle Matrix der Geschichtsdarstellung haben (können), dass zu dem daraus folgenden medial inszenierten Geschichtsbild Kritik allemal angebracht ist. Die zugrunde liegende kulturelle Angst vor dem medialen Oktroy, den solche „Entwicklungstrends“ auf die Geschichtskultur haben könnten, verbindet sich mit der begründeten Furcht vor möglicherweise fatalen Konsequenzen für den aktuellen Umgang mit Geschichte. Insofern versucht dieses Projekt im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen genau solche Trends und „Performances“ zu beschreiben und zu analysieren. Zugespitzt und festgemacht hat sich derartiger Argwohn seit etwa Mitte der 1990er Jahre an den Beiträgen des ZDF, seitdem in mehreren Serienfolgen aus der Redaktion „Zeitgeschichte“ unter der Leitung von Guido Knopp die Zeit des Nationalsozialismus behandelt wurde. Es war nicht zum ersten Mal, dass dieses Thema in Fernsehsendungen behandelt wurde, gleichwohl hatte das ZDF mit diesen zeitgeschichtlichen Sendungen einen bisher so nicht erreichten Erfolg bei seinem Publikum. Mit „Hitler – Eine Bilanz“ (1995) wurde erstmals das bis heute verwendete Erfolgskonzept bei der Gestaltung der Sendungen angewandt und dann in mehreren Nachfolgeprojekten („Hitlers Helfer“ 1997, „Hitlers Helfer II“ 1998, „Hitlers Krieger“ 1998, „Hitlers Frauen“ 2001) fort- gesetzt. In diesen Geschichtssendungen wurde jeweils das Spitzenpersonal des „Dritten Reiches“ bis hin zu einigen politisch meist einflusslosen Lebens- gefährten bzw. Ehefrauen von Nazigrößen porträtiert. Gleichwohl folgten durchaus nicht alle TV-Serien des ZDF diesem streckenweise aufdringlichen Trend zur Personalisierung. Ausnahmen sind zum Beispiel „Holokaust“ (2000), „Hitlers Kinder“ (2000), „Die große Flucht“ (2001), auch wenn sich in der Regel der spezifische Inszenierungsstil der Redaktion bei der formalen Gestal- 20 tung der Dokumentationen immer durchsetzt: Das sind dann meist sehr kurze Einstellungen und eine durchgängig starke Formatierung der einzelnen Bei- träge – Zeitzeugen vor schwarzer Wand, emotionalisierende Musikbegleitung usw. (Linne 2002). Da auch in früheren Jahrzehnten häufig und vielfältig versucht worden ist, vor allem dokumentarische Geschichtssendungen dramaturgisch und rezep- tionsorientiert aufzulockern, und da diese Veränderungen vor Knopp keines- wegs derartig ins Kreuzfeuer der Kritik geraten sind, erstaunt die ziemlich einhellige, teilweise auch wiederum sehr emotional formulierte Ablehnung der ZDF-Produktionen in den Feuilletons und in der wissenschaftlichen Historio- graphie. Bei näherem Hinsehen drängt sich der Eindruck auf, dass das stark personalisierende Konzept der Serien zum nationalsozialistischen Führungs- personal deshalb kritisiert wird, weil es einen Trend zu perpetuieren, wenn nicht zu verstärken scheint, die deutsche Bevölkerung mit Blick auf die national- sozialistischen Verbrechen „zu entlasten“. Personalisierung hat dann – aus dieser Sicht – die Funktion, eine solche antiaufklärerische Entlastung medien- gerecht durch Montage und Kadrierung, durch Dramaturgie und Nähe so zu visualisieren, dass die Chargen um Hitler, dass Hitler und vor allem seine Paladine die alleinige Verantwortung zu tragen haben für die Verbrechen des Nationalsozialismus – man sieht ja, „aus der Nähe“ und wie mit eigenen Augen, wie sie sich aufgeführt haben (Frahm 2002, Kansteiner 2003, Zimmer- mann 2001). Einer der kritischen Autoren (Kansteiner 2003a, S. 278 ff.) sieht diese Art von Sendungen sogar in einer längeren Traditionslinie, die den Um- gang mit Geschichte im ZDF charakterisiere. Bei aller teilweise wortgewaltigen Polemik entwickelt die nicht von syste- matischer Durchdringung und stringenter Argumentation geprägte Kritik vor allem in den Feuilletons, aber auch in den ausführlicheren Beiträgen in wissen- schaftlichen Zeitschriften, keine genaueren Maßstäbe dafür, welche z. B. der in den ZDF-Beiträgen – aber auch anderswo gezeigten – inkriminierten Grenz- überschreitungen aus welchen medien- oder historisch-wissenschaftlichen Gründen in der audiovisuellen Darstellung von Geschichte nicht, auf keinen Fall und unter keinen Umständen, hinzunehmen seien. Genau darin drückt sich auch die methodische Malaise dieser Kritik aus; denn wenn überhaupt so existiert als „Gegenentwurf“ in den meisten medienkritischen Stellungnahmen zu den ZDF-Geschichtssendungen eben nur die Ablehnung bestimmter oder aller medialen Parameter des Präsentationsstils der ZDF-Sendungen. Und wenn Bezug genommen wird auf faktische Gegenbeispiele – „man kann ja auch anders“ –, dann sind dies nicht selten diffuse, nicht klar ausgesprochene Bezüge auf die traditionell überkommenen Formen der Geschichtsdarstellung im Fern- sehen. Solche Referenzen können im kritischen Diskurs tatsächlich bis heute immer nur punktuell gemacht werden, weil es eine analytische Geschichte der historischen Fernsehdokumentation im deutschen Fernsehen bis jetzt nicht 21 gibt. Kriterien dafür, wie denn historische Dokumentation im Fernsehen bei einer Balance von medialen und historiographischen „Ansprüchen“ auszu- sehen hätte, werden jedenfalls in der Regel nicht genannt. Mit den beschriebenen Kontroversen und offenen Fragen sind einige wesent- liche Kontexte umschrieben, die eine Expertise zu „Geschichtliche[n] Ereig- nisse[n] im Fernsehen“ wissenschaftlich zu berücksichtigen hat. Vor diesem Hintergrund geht es in dem hier vorgestellten Projekt um die Klärung der folgenden zentralen Leitfragen. Erstens geht es darum, auf Basis empirisch gesicherter Daten mehr über das Angebot an Geschichtssendungen im Fernsehen der Bundesrepublik Deutsch- land, ihren Umfang und ihren Wandel sowohl im öffentlich-rechtlichen wie privatkommerziellen Sektor zu erfahren. Welches sind die thematischen Schwer- punkte, wie sind die Geschichtssendungen programmstrukturell verortet auf den verschiedenen Kanälen und innerhalb der jeweiligen Zeitraster? Und schließlich geht es um die Frage, in welchem Umfang sich nicht zuletzt unter dem erwähnten medieninstitutionellen Anpassungsdruck die ästhetische Ge- staltung der Sendungen verändert hat. Um diese Ziele zu erreichen, konzentriert sich das Projekt auf die Ge- schichtsdokumentationen im engeren Sinne und auf ihre Veränderungen; denn nur dieses Genre der Geschichtsdokumentationen ist eigentlich in der – kontro- versen – Diskussion Gegenstand der Reflexion und Kritik. In Bezug auf Ge- schichtsdokumentationen wird gestritten, wieweit es legitim und mit der demo- kratischen Grundverpflichtung der öffentlich-rechtlichen Sender vereinbar sei, Bildungs- und Informationssendungen historiographisch zu dehydrieren und unterhaltsam zu verwässern. Hinsichtlich der überkommenen Sparteneintei- lung und der redaktionellen Verantwortlichkeiten in den großen Rundfunk- anstalten sind Geschichtsdokumentationen in der Regel organisatorisch und institutionell dem Bereich der Informations- und Nachrichtensendungen zuzu- rechnen. Wenn sich – was vorkommt – fiktionale Angebote zur Geschichts- darstellung einer quasi didaktischen Absicht verpflichten, dann können sie doch diesem Diskurs über die Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen nur indirekt zugeschrieben werden, wie noch eingehender zu zeigen ist. Mit Blick auf die oben angedeutete Fülle von Verweisen zur geschicht- lichen Vergangenheit im gesamten Programm ist es nützlich und systematisch sinnvoll, für mindestens ein Referenzjahr im Untersuchungszeitraum alle im Programm präsenten Bezüge auf Geschichte darzustellen und typologisierend zu bewerten; dazu gehören dann auch die fiktional-didaktischen Geschichtsdar- stellungen. Dieser exklusive deskriptive Überblick über das gesamte Spektrum der Präsentation historischer Ereignisse im Fernsehprogramm eines Jahres (2003), den das Projekt bereitstellt, erlaubt zum ersten Mal, alle mit Geschichte in Zusammenhang zu bringenden Sendungen nachzuweisen und dadurch den historisierenden Gesamteindruck des Programms – seinen historiographischen 22 „impact“ für das Publikum – zu präzisieren. Weil sich unter den erfassten Genres dann auch die mehr oder weniger unterhaltungsorientierten wie fiktio- nalen Sendungen befinden, können sie zum ersten Mal umfassend quantitativ mit berücksichtigt werden. Auch für die Geschichtssendungen im weiteren Sinne werden die Themenschwerpunkte erhoben und wird ihre programm- strukturelle Platzierung analysiert, aus der sich dann der Stellenwert von „Ge- schichte“ im jeweiligen Gesamtprogramm näher und beinahe vollständig be- stimmen lässt. In engem Zusammenhang mit der Deskription und Analyse des Angebots an Geschichtssendungen stehen zweitens die institutionellen, d. h. vor allem redaktionellen Rahmenbedingungen, die das Programmsegment „Geschichte“ bestimmen. Bekanntlich ist die Relation zwischen Produktionskosten und zur Verfügung stehendem Produktionsetat und reserviertem Sendeplatz immer eines der möglichen professionellen Kriterien, nach denen Programmangebote über- haupt zur Produktion zugelassen und geplant werden. Der Etat entscheidet auch weitgehend darüber, mit welchen Vorgaben – etwa mit Blick auf ihre Gestaltung – eine Sendung hergestellt und verbreitet werden kann. Alle Zu- sammenhänge zwischen den Produktionsvoraussetzungen und dem konkreten Angebot an Sendungen bzw. ihren Formen sind so ermittelt worden, dass Redakteurinnen und Redakteure aus den öffentlich-rechtlichen wie aus den privatwirtschaftlichen Sendern in einem Gruppengespräch im Rahmen eines Workshops Auskünfte über aktuelle betriebliche Zusammenhänge und Zwänge gegeben haben. Soweit möglich sind diese Expertenmeinungen auf die syste- matischen Ergebnisse der Studie erklärend bezogen worden. Zum dritten hat das Projekt das eindeutige Ziel, die Konfliktlage zu er- klären und zu verstehen, die schon mehrfach als das Kernproblem der Darstel- lung historischer Ereignisse im Fernsehen angesprochen worden ist: das Problem der triadischen Balance zwischen Zuschauererwartungen und -kompetenzen, Medienästhetik und -dramaturgie und der historiographischen Angemessen- heit und Genauigkeit der Geschichts-Inszenierungen. Wie nämlich können im Fernsehen Geschichtssendungen produziert und ausgestrahlt werden, die einer- seits den (wie auch immer geformten) Erwartungen und Rezeptionsfähigkeiten der Zuschauer entsprechend entgegenkommen, die zugleich alle Möglichkeiten der medialen Ästhetik und Dramaturgie des Fernsehens in ihren Gestaltungs- formen ausschöpfen, und die schließlich dennoch gleichzeitig den Anforde- rungen an (wie auch immer konstruierte und begründete) Objektivität und Wahrheit der Historiographie entsprechen. Oder anders ausgedrückt: Gehen „zuschauerfreundliche“ Präsentationsformen auf Dauer zu Lasten der inhalt- lichen Präzision, macht das Fernsehen dann einen nicht mehr legitimen öffent- lichen Gebrauch von der Historie? Nimmt man solche Fragen grundsätzlich und bezieht sie auf eine Fragestel- lung, die implizit und gar apriorisch unterstellt, dass die traditionell über- 23 kommenen Geschichtsdokumentationen gerade eine solche „ausgezeichnete“ triadische Balance geleistet hätten, dann ist eine Antwort schwierig. Denn damit stellt man eigentlich die Frage nach den epistemologischen Bedingungen und Möglichkeiten audiovisueller Geschichtsvermittlung, die so und in der Weise noch nicht gestellt worden ist (Franck 1988). Zwar ist von geschichts- wissenschaftlicher Seite in diesem Zusammenhang, seitdem es Geschichts- dokumentationen im Fernsehen gibt, die mangelnde differenzierte Behandlung der Themen und die immer leicht feststellbare Diskrepanz zwischen den aktuel- len Fernsehsendungen und dem avancierten Stand der Forschung bemängelt worden, aber die oben gestellte Grundsatzfrage wurde nie ernsthaft in Er- wägung gezogen. Dazu fehlten der Geschichtswissenschaft vermutlich bisher auch alle medienwissenschaftlichen Voraussetzungen. Die gefühlte Kluft zwischen dem historiographisch Selbstverständlichen und dem medial Unverständlichen wird im Übrigen heute von Geschichts- wissenschaftlern häufig ignoriert oder – wenn man seinen guten Willen in Bezug auf die televisionäre Vermittlung von Geschichte beweisen will – durch das unwiderlegbare Argument entlastet, dass nur so die Massenrelevanz der Geschichtsvermittlung im Fernsehen erreicht werden könne. Zahlreiche wohl- wollende Veröffentlichungen zum Thema argumentieren dann volkspädago- gisch wie der Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte Guido Knopp, der das komplizierte Balance-Problem auf die Formel reduziert hat: „Aufklärung braucht Quote“. Indem Knopp und andere, die so argumentieren, also grund- sätzlich die Bedürftigkeit vieler Zeitgenossen nach Aufklärung voraussetzen und anerkennen, verhandeln sie diese dann nicht konsequent. Denn auch zu einem solch allgemeinen Konzept von Aufklärung gehört mindestens immer, dass die Zuschauer in die Lage versetzt werden, einen aufgeklärten Gebrauch von ihrem Wissen zu machen. Das aber setzt voraus, dass reflektiert wird und begründet werden kann, welches historische Wissen denn die Aufzuklärenden für ihre Aufklärung benötigen. Und es setzt auch voraus, dass die Aufzuklärenden nicht im Unklaren darüber gelassen werden, wie dieses historische Wissens ihnen medial vermittelt wird oder vermittelt werden kann, so dass die erwünschte und bedürftige Aufklärung thematisch und medial auch sicher eintritt. Wie Sendungen also genau konzipiert und komponiert sein müssen, damit das aufgeklärte Wissen an die der Aufklärung bedürfenden Zuschauer so ver- mittelt wird, dass eben z. B. nicht nur „sensationelle“ Reichweiten per Sensa- tion erzielt werden, sondern historische Aufklärung und Reflexion zustande kommt, bleibt unklar und unbeantwortet. Und welche Medienkompetenz beim Zuschauer zu berücksichtigen ist (oder erst durch den vernünftigen und ver- nünftig angeleiteten Gebrauch des Mediums erworben werden muss), damit durchaus bei entsprechender Reichweite wirklich „Aufklärendes“ erreicht wird, bleibt ebenfalls unklar und unbeantwortet, – unbeantwortet nicht nur durch die Redaktion für Zeitgeschichte beim ZDF! 24 Dass es sich bei diesem Problem dann nicht um eines handelt, das auf das Fernsehen als Medium der Geschichtsdarstellung beschränkt ist, zeigt ein Blick in die Werkstatt der Geschichtswissenschaft. Wenn Historiographen ein Buch schreiben, ist es gemeinhin ein unerwarteter Glücksfall, dass sie dann hingehen und den bestmöglichen Weg suchen, wissenschaftliche Bücher zur Geschichte so zu schreiben, dass die Leser auf angenehme Art aufgeklärt werden. Eine solche Forderung wäre zumindest kontrafaktisch zu allen Erfahrungen in diesem Kommunikationsfeld. Kurz: Wenn also in der kritischen Frage nach dem Ver- lust der historiographischen Unschuld einer reinen und wahren Geschichts- aufklärung durch das Massenmedium Fernsehen das vorausgesetzte Argument verborgen ist, es habe dazu jemals eine optimale mediale Alternative – zu- mindest in der Wissenschaft – gegeben, dann ist das eine Ideologie, die die entsprechende deformation professionelle der Historiographen zu verdecken sucht. Dass sich ein im Vergleich zu allen anderen Vermittlungsformen nach Millionen zählendes Publikum mit Geschichte beschäftigt, dass es schließlich um Größenordnungen von Zuschauerzahlen geht, die sich sonst unter keinen Umständen mit historischen Themen – etwa auf der Basis von Lektüre – be- schäftigten, all das reicht normalerweise als Rechtfertigung für Geschichts- vermittlung im Fernsehen aus. In der Regel wird dann positiv freundlich und einer unterirdischen Pädagogik huldigend unterstellt, ein großer Teil der Zu- schauer werde durch die TV-Rezeption dazu motiviert, auf andere – nämlich konventionell intellektuelle – Weise das geweckte geschichtliche Interesse zu befriedigen, das unvollständige Wissen zu vertiefen, den Aufklärungsprozess selbst (durch Bücher) in die Hand zu nehmen, wenn er denn – irgendwie – durch das Fernsehprogramm erst einmal angestoßen worden sei. „Hinauflesen“ nannte man das in der literarischen Volkspädagogik. Damit sind in etwa die Argumente aufgezählt, die in einer der jüngsten Veröffentlichungen zum Ge- schichtsfernsehen in Großbritannien von prominenten Vertretern der Historiker- zunft sowie Produzenten von hoch gelobten und viel gesehenen Fernsehdoku- mentationen präsentiert werden. Es findet sich allerdings kein Satz über das hier angesprochene epistemologische Grundsatzproblem der Geschichtsdoku- mentation im Fernsehen, also darüber, was unter welchen Voraussetzungen eine historische Fernsehdokumentation für die Aufklärung und den Wissens- zuwachs seiner Zuschauer leisten kann – und was nicht (Cannadine 2004). Die Rede von den Bedingungen und Möglichkeiten „inhaltlicher Präzision“ in der Geschichtsschreibung meint in der Regel – anders und traditionsbewuss- ter formuliert – „Objektivität“ historischer Darstellung und „Wahrheit“ histori- scher Erkenntnis. Diese Rede wäre zu vergleichen mit der über die „szenische Rekonstruktion“ als fiktionale (re-)konstruierte Ergänzung des vorhandenen Bilderfundus’; denn im Kern scheint das Problem in seiner erkenntnistheoreti- schen Grundlegung in beiden Fällen sehr ähnlich zu sein. Das immer wieder 25 an Geschichtsdokumentationen des Fernsehens kritisierte Muster einer per- sonalisierten Perspektive, die dann zur Geschichtsdarstellung führt, in der „Männer, die Geschichte machen“, ist in seiner Grundstruktur den üblichen historiographischen Verfahren und Darstellungsweisen nicht so fern. Diese Nähe kann man auch so verstehen, dass es sinnvoll ist, zur „Lösung“ des Problems der medialen Darstellung Rat bei der geschichtstheoretischen Litera- tur zu holen. Die geschichtstheoretische Literatur beschäftigt sich in erster Linie mit den Bedingungen und Möglichkeiten wissenschaftlicher Erkenntnis der Geschichte und in zweiter Linie aber auch mit den legitimen Methoden, diese Erkenntnis für das gelehrte wie das Laien-Publikum darzustellen. Insofern wird im Folgenden zunächst dargestellt und erörtert werden, welche Kriterien für die wissenschaftliche Historiographie mit Bezug auf inhaltliche Präzision der Dar- stellung, auf Objektivität und Wahrheit entwickelt worden sind. Danach müssen dann Wege gefunden werden, die dort erarbeiteten Einsichten auf Geschichts- darstellungen mit audiovisuellen Mitteln zu übertragen. Damit soll vermieden werden, die jüngeren Tendenzen in der Präsentation von Geschichtsdokumenta- tionen gegen überkommene Vorbilder auszuspielen und verhindert werden, dass eine lediglich historisch gewachsene Form der medialen Geschichtsver- mittlung normativen Charakter erhält. Vier Basiselemente der Fernsehdokumentation (der Sinn vermittelnde Kom- mentar, die Zeitzeugenaussagen, die Bilderpräsentation und die szenische Rekonstruktion), haben sich im historischen Rückblick als die bald nach „Erfindung“ der Geschichtsdokumentation entwickelten Argumentationsträger herausgestellt. In der Kombinatorik dieser Basiselemente liegt die Leistungs- und Funktionsfähigkeit der Geschichtsdokumentation im Fernsehen. Ob und inwieweit die im geschichtstheoretischen Kontext entwickelten Maßstäbe von Objektivität und Wahrheit an eine solche mediale Kombinatorik der Geschichts- dokumentation angelegt werden können, wäre dann zu diskutieren. Abschließend für dieses einführende Kapitel sei in Vertiefung eines bereits oben kurz angesprochenen Arguments darauf hingewiesen, dass sich manche Kontroverse entschärfen ließe, manche auch in dieser Expertise angestellte These oder Empfehlung mit größerer Sicherheit formuliert werden könnte, wenn mehr Klarheit darüber bestünde, in welchem Zusammenhang das Ge- schichtsangebot des Fernsehens mit dem – um es abgekürzt so zu bezeichnen – „kollektiven Geschichtsbewusstsein“ seines Publikums steht. In nahezu jedem Beitrag zum Thema wird festgestellt, dass die „Wirkungen“ der durch das Fernsehen vermittelten Geschichtsbilder kaum überschätzt werden könnten. Diese und vergleichbare Formulierungen gehören zum feststehenden Ritual aller, die sich zum Thema äußern, sei es sorgenvoll wegen beklagenswerter Defizite und Verkürzungen, sei es zur Rechtfertigung der eigenen Sendekon- zepte. Diese Aussagen beruhen im Wesentlichen auf unbewiesenen und un- 26 geprüften Vermutungen. Denn darüber, was die Fernsehzuschauer mit den sie zweifellos häufig durch die Bilder und Töne erst einmal „überwältigenden“ Angeboten an „Geschichte“ tatsächlich anfangen, wie sie sie verarbeiten, in welcher Weise sie sie in ihrem Gedächtnis verankern und in welchem Verhält- nis diese zu anderen, möglicherweise aber ebenso nachhaltigen Vermittlungs- instanzen von Geschichte, etwa dem familiären Diskurs (Welzer u. a. 2002), dem Schulunterricht, der Zeitungs- und Buchlektüre usw. stehen, darüber exis- tieren keine verlässlichen Informationen. Von der unterstellten suggestiven Kraft des visuellen Mediums Fernsehen und den – im Vergleich zu allem, was man über sonstige Rezeptionsweisen weiß – teilweise hohen Nutzungszahlen des Fernsehprogramms bei geschichtlichen Sendungen auf ein engeres Ver- hältnis zur Vergangenheit, gar auf die Übernahme der in den rezipierten Sen- dungen präsentierten „Geschichtsbilder“ zu schließen, kann jedenfalls nicht ohne Weiteres angehen. Als Ausgangspunkt für Fundamentalkritik eignet sich ein solches Argument jedenfalls nicht. Zweifellos wäre es auch mit Blick auf die angeführten Probleme, Kriterien für Programmqualität zu entwickeln und die angesprochenen Grenzmarkie- rungen zu formulieren, durchaus hilfreich, methodisch sogar notwendig, mehr und vor allem Genaueres über die faktische Rezeption von Geschichtsangebo- ten im Fernsehen und ihre Verarbeitung bei den unterschiedlichen Publika der Sender zu erfahren. Dies gilt neben den dokumentarischen auch für den Beitrag der semidokumentarischen, der ausschließlich fiktionalen Angebote und vor allem der gegenwärtig an Beliebtheit gewinnenden so genannten Misch- oder Hybridformen. Generell besteht durchaus Anlass zu vermuten, dass in den klassischen Geschichtsdokumentationen die Text-Bild-Schere Folgen hat wie anderswo auch. Text, d. h. hier die sprachlich vermittelte Mitteilung zum histo- rischen Sachverhalt als „Geschichtserzählung“ durch den, meist Voice-over gesprochenen Kommentar, interferiert mit dem Bild, d. h. hier mit den durch Bilder und Filme vermittelten Informationen zur Geschichte. Dadurch wird das Verstehen und Verarbeiten des geschichtlichen Ereignisses eher behindert (z. B. Borries 1999, S. 221). Es gibt auch begründete Vermutungen dafür, dass durch fiktionale Sendungen vermittelte Informationen und Eindrücke über einen historischen Sachverhalt erheblich nachhaltiger emotional im Gedächtnis verankert werden und zu intensiverer Anschlusskommunikation (Gespräche, vertiefende Lektüre usw.) führen als durch nicht-fiktionale. Unter dieser Per- spektive könnte man – und dies auch jenseits der angesprochenen grundsätz- lichen Fragen – beispielsweise sehr viel engagierter für fiktionale Angebote als „aufklärungsrelevante“ Sendeform der Geschichtsdarstellung im Fernsehen eintreten als dies bisher in der rezenten Diskussion geschieht. Aber auch hier gilt, dass zu solchen Zusammenhängen genaue Spezialforschungen bisher fehlen. Um das Thema Geschichte im Fernsehen systematisch weiter zu ent- wickeln, sind dann allerdings auch genauere Kenntnisse und Präzisierungen 27 zahlreicher begrifflicher und methodischer Probleme notwendig, etwa der Art: Was meint und kann „Geschichtsbewusstsein“ oder „kollektives Erinnern“ meinen, wenn man diese Begriffe im Rahmen der zeitgenössischen Kognitions- forschung zu rekonstruieren versuchte? Und: Wie ist dann „Geschichtsbewusst- sein“ zu konzeptualisieren, so dass es empirisch erfassbar oder gar in „Verände- rungen“ messbar wird, die durch Fernsehsendungen ausgelöst werden? Das sind Forschungsfragen, die sich aus der Anlage, Diskussion und aus den Er- gebnissen des hier vorgelegten Projektberichtes ableiten lassen, die dieser aber nicht selbst beantwortet. 28 2 Der diskursive Kontext: Geschichte, Erinnerungskultur, Medien Mit diesem „Mosaik der Erinnerungen“ visualisiert die ARD auf ihrer website (http://kriegsende.ard.de/pages_idx_lib/0,,SPM6268,00.html) aus Anlass des historischen Jubiläums zum Ende des Nationalsozialismus ihr webspecial. Diese Visualisierung macht ästhetisch sogleich auch die historiographische Idee der website deutlich. Erinnerung an den Nationalsozialismus und sein Ende in Deutschland setzt sich aus vielen Bildern zusammen, sie ist nur als Mosaik begreifbar. Auf der entsprechenden Seite des ZDF (http://zdf.de/ ZDFxt/module/Kriegsende) soll die unten abgebildete Collage aus Bildern und Fotografien das Ende des Zweiten Weltkriegs und das „Schicksalsjahr 1945“ anschaulich machen. Die ästhetische Idee der Collage ist offenbar, die abgebildeten Ereignisse – symbolisch aufgeladen – als unterschiedliche Kon- stellationen des Jahres 1945, als eine Verkettung von gleichzeitig ablaufenden Geschichtsbildern zu verdeutlichen, auf die man wie in einem Panoptikum schauen kann.n 29 Es sind sicher in ihrer gesamten Struktur, in ihrem Aufbau und ihrer Usabi- lity außerordentlich inspirierende websites der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die natürlich mit jeweils aktuellen Verbindungen zum Programm der Anbieter gekoppelt sind. Die Seiten sind inzwischen sogar für den „Prix Europa“ nomi- niert (Wilke und Kusebauch 2005, S. 65). Sie sind Exempel dafür, wie stark der institutionelle Druck ist, Geschichte zu visualisieren. Die Collagen sind dabei zusammengefügt aus Bildern, die den meisten Betrachtern vertraut vor- kommen werden, weil sie in einem relativ kontinuierlichen Verwendungs- zusammenhang der Sender als Momente der Visualisierung von Geschichte schon oft – wie Martin Walser einmal kritisch und kritisiert meinte: zu oft – gesehen worden sind. „Der Untergang“, inzwischen nach dem Kinoerfolg auch als Zweiteiler im Oktober 2005 im Ersten Fernsehprogramm gesendet und dort von einem massenhaften Publikum noch einmal oder zum ersten Mal neu rezipiert, ist sozusagen das mediale Gegenstück zu solchen aufklärenden und informieren- den websites zur Zeitgeschichte. Neben allen anderen Unterschieden – Doku- mentation als Fiktion, Zeitgeschichte als große Unterhaltung, Spielfilmformat als Rahmen konventionalisierter Happyend-Dramaturgie, Emotionalisierung als Tabubruch usw. – ist „Der Untergang“ eben auch ein Beispiel dafür, dass sich noch mit den krudesten Miniaturen nachgestellter Wirklichkeit Geld ver- dienen lässt. Es muss nur gewährleistet sein, dass sich faschistisches Führungs- personal ganz „als Mensch“ mit Vorliebe für Spaghetti und Tierliebe für Blondi darstellen lässt, als rückgratlose Vaterlandsgesellen und irregeleitete General- stäbler, die schließlich zusammen ihre Mutlosigkeit mit Schnaps und Schampus bekämpfen. Nicht von ungefähr ist die erfolgreiche Hauptrollenbesetzung iro- nisch mit „Hitler als Bruno Ganz“ variiert worden, weil die suggestive emotio- nale Kraft der Nachinszenierung, die Bruno Ganz vollständig und natürlich hochsensibel vermitteln kann, die originalen Dokumente mit der traurigen Figur des zitternden Adolf Hitler vor der Reihe der HJ-Jugendlichen „Volks- 30 stürmer“ ästhetisch glatt in den Schatten stellt. Bruno Ganz ist da – visuell inszeniert, ausgeleuchtet, mit der richtigen Kadrierung und Kamerafahrt – einfach besser als Hitler anzusehen. Es ist abzusehen, dass schon bald ein Schulbuchredakteur wegen der besseren Qualität der Bilder Bruno Ganz ab- bildet und nicht mehr Adolf Hitler. Geschichte als Medienereignis bekommt da einen ganz neuen Sinn, nämlich den, die Geschichte zu ersetzen durch ein Medienereignis. Mediengeschichten haben gegenüber der Ereignisgeschichte immer den Vorteil, dass sie in sich abgeschlossen sind und geordnet. So ähnlich sind auch die zahlreichen „historisierenden“, weil kanonisieren- den Verkaufsstrategien der großen überregionalen Zeitungen wie Süddeutsche, FAZ, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung – zu sehen, als Versuch nämlich, das Bedürfnis der Menschen nach Ordnung und chronologisierten Verhältnissen in allen Lebenslagen und für alle Lebensbereiche zu befriedigen. Die Samm- lungen von CDs, Filmen, Büchern, Comics usw., die gegenwärtig so auf dem Markt des interessierten Publikums untergebracht werden, sorgen ja vor allem für eines: für eine historische Ordnung der Dinge im Bücherregal. Wo diese historisierende und Historie zugleich festschreibende und sichernde Strategie dann ihren finish erhält, ist in solchen Aktionen, wie sie die Berliner Morgenpost am 14. Oktober 2005 mit ganzseitigen Anzeigen in eigener Sache begonnen hat. Da heißt es auf der Anzeigenseite – „König Artus bricht sein Schweigen. ‚Geheimnisse der Geschichte‘ – die große Serie. Folge 1: Die Suche nach dem Heiligen Gral“. Beworben wird eine Aktion der Zeitung, Geschichte per DVD – also multimedial – dem Zeitungspublikum anzubieten.m Das Plattencover der Rolling Stones aus den siebziger Jahren zu „Sticky Fingers“ (1971), von dem die Designidee Andy Warhols mit dem Reißver- schluss in die Artus-Anzeige übernommen ist, signalisierte vor dreißig Jahren: Wenn der Reißverschluss geöffnet wird, findet man das, was man hinter Reiß- verschlüssen in Hosen immer findet: SEX. Heute wird nicht mehr mit Sex ein 31 32 Versprechen eröffnet, das zum Konsum anregt, heute ist hinter dem Reiß- verschluss vor König Artus Mund: Geschichte. Man kann diese Beispiele und zahlreiche andere, die – selbst wenn man sich auf die Tagesangebote der Medien beschränken würde – kaum vollständig aufzuzählen wären, als Beispiele einer inzwischen umfassenden Präsenz und vor allem auch visuellen Präsenz der Geschichte und ihrer Bilder in den Medien ansehen. Geschichte scheint heute weit über die „angestammten“ Diskursorte der Historiographie – zwischen den Buchdeckeln dicker Handbücher und Monographien – hinaus und weit ausgreifend in allen Genres der modernen Medien wie ein Katalysator zu wirken. Als ein Katalysator in diesem Fall, der die Interessen der Historiker wie der Laien bündelt und in „Geschichtsbilder“ umformt, die gesellschaftlich gehandelt und verhandelt werden. Diese All- gegenwart des historischen Bezugs, der historischen Reflexion, des historischen Bildes und vor allem auch ihre allgegenwärtige Bedeutung und diskursive Durchdringung des Alltags kann man inzwischen fast, einem Wort Bill Clintons folgend, pointieren: „It’s history, stupid“. Was Clinton damals mit der Anek- dote, aus der dieser Ausruf stammt, an Erfahrungen preisgab, nämlich sehr schnell in seinem politischen Leben gemerkt zu haben, dass die Ökonomie alles zusammenhält und überall wirkt, lässt sich eben heute auf die Geschichte in den Medien münzen. Geschichte scheint die Medien heute zusammenzuhal- ten und sie zeigt Wirkung in alle Themen hinein. Wie diese Beispiele „anschau- lich“ machen: Geschichte ist ein Thema in den Medien nicht erst seit heute, aber heute ist Geschichte zu einem Thema von besonderer Bedeutung und besonderer Wirkung in den Medien geworden. Überall finden sich weitere Beispiele dafür, dass sich eine Medienkultur wie die, in der wir gegenwärtig leben, in besonderer selbstreflexiver Weise mit ihrer Vorgeschichte beschäftigt (Assmann 2003) und beschäftigen muss, weil sich ohne Geschichte keine Gegenwart begründen lässt. Auch wenn die gegen- wärtige Beschäftigung mit Geschichte im Fernsehen und im Film natürlich nicht revolutionär neu ist, sondern in allen Epochen der medialen Evolution ihre Vorläufer gehabt hat – in der Fotografie, im Panorama, in der Malerei, in der darstellenden Kunst –, ist es doch so, dass mit der Integration von Ge- schichte als Thema in den Film, in das elektronische Leitmedium Fernsehen und schließlich auch in multimediale Anwendungen (auf DVD und im Internet) eine neue Qualität der Geschichtsvermittlung erreicht ist. Diese neue Qualität von Geschichte in den Medien ist zugleich der soziale und diskursive Rahmen, in dem die spezielle Beschäftigung mit der aktuellen Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen ihren Platz hat, und auf den sich kritische Fragen beziehen, zum Beispiel darauf, welche gesellschaftlichen Folgen eine solche verstärkte thematische Beschäftigung mit Geschichte in den modernen Massenmedien hat. Diese neue Qualität kann man generell auf verschiedenen Ebenen deutlich markieren. 33 In der Nachkriegszeit war in der Bundesrepublik eine Diskussion lange unter- drückt oder jedenfalls nicht in der Weise präsent wie nach der „Wende“ von 1989/1990, eine Diskussion über die nationale oder soziale, kulturelle Identität. Der Begriff „Wende“ ist erstens vielleicht semantisch am ehesten und ge- nauesten darauf zu beziehen, dass sich der Identitätsdiskurs nach 1989/1990 in der BRD gewendet hat. Bis zu dieser „Wende“ gab es ein manchmal unaus- gesprochenes, aber allzeit präsentes Gefühl der Verankerung in einem verfas- sungsrechtlichen Patriotismus (Jürgen Habermas). Das heißt, es gab zumindest unter den Intellektuellen und Meinungsträgern eine weithin geteilte Überein- stimmung, mit der nationalen Geschichte (und den Belastungen, die sie den Deutschen verursacht) am besten und geschichtlich konsequent durch die prag- matische Auflösung der nationalen Frage „abzuschließen“. Aufgelöst werden sollte die nationale deutsche Frage, indem man sie durch die Integration in ein zusammenwachsendes und zusammengewachsenes Europa obsolet, schließlich überflüssig machte (Assmann und Frevert 1999). Dieses Europa war dabei immer als Bezug für eine offene, pluralistische europäische Identität gedacht. Die europäische Identitätskonstruktion sollte in ihren exklusiven Werten und Maximen an den Standards eines westlichen Liberalismus ausgerichtet sein, eines christlich-abendländischen Menschenbildes, einer durch die Aufklärung definierten Freiheit des Menschen, sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit befreien zu können, einer rational-kritischen Selbstvergewisserung von Kultur und schließlich an den Standards einer kritischen Debatte um Inklusion und Exklusion, die im Kalten Krieg dominierte und gegenwärtig weiter verwurzelt ist in den Debatten um Europa als Festung, als soziales Europa oder auch als christliches Europa (Delanty 1995, Giesen 1999). Als konservative Gegenbewegung etablierte sich zweitens – durchaus auch unter Bezugnahme auf ein vereintes Europa, allerdings ein Europa der Natio- nen – eine Interpretation, die darauf zielte, gerade aus den konkurrierenden Modellen für dieses Zusammenwachsen Europas in der Europäischen Union den Bedarf für eine starke deutsche Identität abzuleiten; denn nur so – mit einer starken eigenen Identitätsbehauptung – könne im Ensemble der anderen nationalen Kulturen und Identitäten Europas die deutsche sich behaupten. In diesem Kontext ist die Frage nach der deutschen Identität historisch wieder virulent geworden, nachdem sie für fast vier Jahrzehnte an die Peripherie der öffentlichen Diskurse gedrängt worden war. Dieser zeitpolitische Europa- Kontext der nationalen Frage wurde dann real und medial außerordentlich dadurch verstärkt, dass durch den Zusammenbruch des „Ostblocks“ und durch die Selbstauflösung der DDR und ihren Beitritt zur Bundesrepublik die Thema- tik der nationalen Identität der Bundesrepublik seit Ende der achtziger Jahre ins Zentrum gerückt ist, sowohl ins Zentrum der kulturellen Auseinander- setzung wie auch ins Zentrum der politischen Diskurse und der ökonomischen Interessen und Entscheidungen. 34 Angesichts dieses neuen Bedarfs nach Identität und Identitätsdiskursen hat die Beschäftigung mit Geschichte über die bloße Exklusions-/ Inklusions- Debatte hinaus in Bezug auf Europa ganz neue Virulenz erhalten, indem der Rekurs auf die deutsche Nationalgeschichte als sein Zentrum definiert wurde. Die Utopie Europas ist in diesem Diskurs abgelöst worden durch die Topo- graphie des nationalen Vergangenen. Nationalgeschichte erscheint vielen nach dem Beitritt der DDR, durch den das Gebiet des ehemaligen deutschen Reiches wieder näher vorstellbar erscheint als nur mit Blick auf das schmale Stück alter Bundesrepublik, eben als eine besonders wichtige, sogar als die zentrale Arena des Identitätsstreits und der Identitätskonstruktion. Seit 1989/1990 sind deshalb Geschichtsdiskurse in den Medien mehrfach semantisch aufgeladen, fast immer aber durch einen direkten Bezug auf die deutsche Vergangenheit. Geschichte ist so zu einem neuen, medialen Wochenbett deutscher Identitäts- geburten geworden – die großen wöchentlichen Journale, allen voran der SPIEGEL, gestalten ihre Titelbilder oft genug mit direktem thematischen Verweis auf Geschichte, was ein klarer Indikator dafür ist, dass gilt: „history sells“ (vgl. SPIEGEL 44/2005 zum Mittelalter und SPIEGEL 25/2004 zu Columbus als fast beliebige Beispiele). Schließlich kann hier nicht ein dritter Zusammenhang unerwähnt bleiben, ein Zusammenhang, der „Heimat“ in diesem Kontext zu einem Begriff mit attraktiver identitärer Anmutung gemacht hat. Die unter der Rubrik „Globalisie- rung“ eröffneten und öffentlich diskutierten neuen Denkformen und Handels- möglichkeiten haben bekanntlich eine beängstigende Rückseite für viele deut- sche und andere Europäer. Auf dieser Rückseite ist zu lesen, dass der Verlust 35 des Überschaubaren, des Eigenen, des Vertrauten und Gewohnten, der Verlust auch von Arbeit und sozialer Lebensqualität, der Verlust von eigenen und auch eigentümlichen Lebensformen droht. Aus dieser Sicht geht die vertraute Kultur des Essens ebenso verloren wie die des Wohnens. Kulturelle Differenz löst sich auf, Sicherheit im eigenen Lande und die Sicherheit in den Touristik- zentren der Welt geht durch jene weltumspannenden Netzwerke von Djihad bis MCWorld (Barber 1992) verloren. Solche Netzwerke beschreiben ihre Aktivitäten selbst als global, und in den Medien werden sie drohend so dar- gestellt. Seit 09/11 ist es in einigen westlichen Kulturen zu einer Art politi- schem Ritual geworden, diese globale Bedrohung als reale Bedrohung der eigenen Lebenswelt darzustellen – oder sie, wie in London, geschäftsmäßig und „cool“ beinahe zu tabuisieren. Es ist ein weit verbreitetes Reaktions- muster, auf solche globalen Entwicklungen, die als Bedrohung empfunden werden, mit lokaler Regression zu antworten: Rückzug aus der gefährlich unstrukturierten offenen Welt in die sicher strukturierte, umschlossene Heimat. Globalisierung befördert insofern zugleich ihr eigenes Gegenteil im sozialen Raum vieler Gesellschaften, indem sie zur Lokalisierung führt und oft genug auch dazu, dann das Ursprüngliche, das Nahe, das Nationale zu überschätzen und überzubetonen. Damit ist durch diesen sehr weiten Kontext der politi- schen, wirtschaftlichen und kulturellen Dynamik weltumspannender Prozesse eine Rückbesinnung auf die nahe Lebenswelt programmiert, eine Rückbesin- nung, die häufig genug eben zur radikalen Abwehr alles „Globalen“ und das heißt, alles Fremden führt. Dass damit auch eine nationale Formatierung von Identität – für diesen Diskurs – wie von selbst einhergeht, muss kaum noch erläutert werden. Dass Geschichte dabei eine zentrale Rolle spielt, noch weni- ger. Die Versessenheit auf Geschichte – wie Assmann und Frevert das im Wort- spiel mit Vergessenheit bezeichnen – hat neben diesen soziopolitischen Kon- texten einer national orientierten Identitätskonstruktion aber weitere systemati- sche Gründe, die hier kurz erwähnt werden müssen; denn all diese Gründe und Motive, die zur institutionalisierten Beschäftigung mit Geschichte in den Medien führen, sind in vermittelter Form auch als Rahmenbedingung des Forschungs- projektes zur Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen zu betrachten.m In einer komplexen und dadurch auch komplizierten Alltagswelt werden die Erfahrungen des Einzelnen immer stärker in den medialen Institutionen und den Diskursen der Öffentlichkeiten reflektiert. Eine der grundlegenden Erfahrungen in diesem Zusammenhang, der durch unser rationales Weltbild seit Descartes und den Enzyklopädisten bestimmt ist, ist die, dass jede Setzung von Voraussetzungen abhängt (Schmidt 2005, S. 29 ff.). Wir tun nichts mehr, ohne dass wir wissen und wissen müssen, dass wir voraussetzungsvoll handeln und dass wir durch unser Handeln die Voraussetzungen für Folgehandlungen schaffen. Mit dieser in den Sozialwissenschaften starken historischen und syste- 36 matischen Argumentationsfigur der Verkettung sozialen Handelns (cf. Esser 1993, S. 245 ff.) ist in den letzten zwanzig Jahren ein Thema ins Zentrum gerückt, das früher – wenn überhaupt – nur Biologen, Neurologen, Psychologen und Kognitionswissenschaftler beschäftigt hat. Es ist dies die Frage des Ge- dächtnisses. Denn ohne Gedächtnis der Akteure (qua Erinnerung) und der Institutionen (qua Konventionen und Traditionen) ist die Sequenz von Handlun- gen weder im Mikro- noch im Makro-Bereich einer Gesellschaft zu modellie- ren und „auf Dauer“ zu erstellen. Kulturelles Gedächtnis wird hier verstanden als kommunikativer kultureller Freiraum zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen Macht und Diskurs, zwi- schen Gestern und Heute, in dem Institutionen thematisiert werden. Haupt- thema dieses gesellschaftlichen Freiraumes ist die Institution Geschichte. Kul- turelles Gedächtnis in diesem Sinne ist – wie Öffentlichkeit (Eder 2003) – ein systematischer Begriff, der beschreibt, dass es eine kulturelle Beobachtungs- instanz und Thematisierungsinstanz von Geschichte gibt, die diskurstheoretisch die Funktion hat, kollektiv geltende diskursive Ordnungen herzustellen, und zwar Ordnungen des Erinnerns und der Kontinuität des Erinnerns. Das kulturelle Gedächtnis ist demnach ein sozialer Handlungsraum, in dem durch spezifische selektierende, archivierende und kanonisierende Kommunikationen Geschichte verbindlich gemacht wird. Das muss nicht immer – unter normativen Gesichts- punkten – eine gelingende und zustimmungsfähige Institutionalisierung von Geschichte sein. Weil das kulturelle Gedächtnis selbst ein Produkt von Dis- kursen und Handlungen in der Gesellschaft ist, ist das kulturelle Gedächtnis unter diesem Blickwinkel in demokratischen Gesellschaften auch weniger ein institutioneller Freiraum, sondern eine Arena des Streits um die „richtige“ oder „passende“ Geschichte. Unter den Regeln, die diskutiert worden sind, um den Streit der Geschichtsdeutungen in demokratischen Gesellschaften dennoch frei zu machen von machtpolitischer Überfremdung, sind zwei handlungs- und diskursethisch besonders einleuchtend und kulturell wirksam. In dieser Arena streiten alle Historiker und historisch arbeitenden Wissenschaftler, alle Autoren und Redakteure von historischen Fernsehsendungen, alle Autoren und Redak- teure von historischen Fachzeitschriften und Verlagen usw. – also alle, die in der Öffentlichkeit und öffentlichkeitswirksam als „Historiker“ nominiert wer- den. Aber sie dürfen nicht stillschweigend in ihrer Sicht auf Geschichte und in ihrer Geschichtsbild-Konstruktion die Perspektive derjenigen übernehmen, die die politische Macht haben, und sie dürfen nicht unvermittelt die Perspek- tive des breiten (Laien-)Publikums übernehmen, an das sich medienvermittelte Kommunikation über Geschichte immer auch richtet. In beiden Fälle betrieben sie nicht den Aufbau des kulturellen Gedächtnisses, sondern machten Gedächt- nispolitik. Die beiden normativen Regeln sichern dem kulturellen Gedächtnis – zumindest in demokratisch verfassten Gesellschaften – eine zentrale Rolle im Identitätsdiskurs; denn was sich im Diskurs des kulturellen Gedächtnisses 37 unter diesen Voraussetzungen stabilisieren kann und Geltung erlangt, kann den sich daraus ergebenden Entwurf von Geschichte kulturell so legitimieren, dass er für Identitätskonstrukte übernommen werden kann. Diese knappe Skizze zum kulturellen Gedächtnis macht deutlich, dass auch aus dem systematischen Zusammenhang der Erörterung zum kulturellen Ge- dächtnis wichtige Bezugsfelder und erklärende Kontexte der Projektfrage abzu- leiten und zu diskutieren sind. Denn es gibt gar keinen vernünftigen Zweifel daran, dass im Ensemble der Konstitutionsdiskurse eines kulturellen Gedächt- nisses die im Leitmedium Fernsehen dargestellten Perspektiven auf Geschichte eine wichtige Rolle spielen, und zwar eine Rolle sowohl auf der Makroebene der Konventionen und Traditionen für den Umgang mit Geschichte wie auch auf der Mikroebene der persönlichen Erinnerungen und moralischen Wertungen.m Diese Zusammenhänge empirisch nachzuweisen, ist aus systematischen Gründen schwierig, gleichwohl aber von dem berechtigten gesellschaftlichen Interesse getragen, im Bereich dieser zentralen Schaltstelle für Geschichts- bilder Genaueres wissen zu wollen. Direkte Zusammenhänge empirisch zu zeigen ist deshalb schwierig, weil neben dieser schon diskutierten kulturellen Dimension das kulturelle Gedächt- nis auch räumlich und zeitlich variabel ist. Das heißt, dass es verschiedene Ebenen des kulturellen Gedächtnisses bzw. seiner historiographischen Gel- tungsbereiche gibt, von einer elitären wissenschaftlichen Interaktionsöffentlich- keit bis hin zu einer populären Geschichtsdebatte auf der Ebene eines generali- sierten Publikums. Sie kann auch zeitlich variieren, also als kurzfristige Mode eines bestimmten Erinnerungsrituals oder Erinnerungsthemas oder als lang- fristige und dauerhafte Bildung eines Geschichtskanons. Sie kann schließlich kulturell variieren; dann nämlich, wenn die oben beschriebenen Regeln nicht oder nur partikular eingehalten werden. Weil die Medien einer Gesellschaft – als Institutionen der öffentlichen Kommunikation – diese räumliche und zeit- liche Variabilität bedienen und dabei häufig zugleich zwischen den Ebenen vermitteln, sind die Effekte kaum einzugrenzen, die z. B. eine einzelne Fernseh- serie bei der Präsentation von Geschichte im Fernsehen hat. Es gibt allerdings ein Beispiel, das hier von besonderem Interesse ist. „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ ist als Mehrteiler in vier Folgen 1979 in den dritten Programmen der ARD ausgestrahlt und mehrmals zuletzt im April 2005 wiederholt worden (vgl. Szenenbild aus: www. lernzeit.de/sendung.phtml). „Holocaust“ ist nach einer Vorlage von Marvin J. Chomsky als Doku-Drama inszeniert, also als fiktionales Spiel mit authenti- schem Anspruch und – im Rahmen einer realistischen Ästhetik – überprüf- baren Referenzen auf die historische Wirklichkeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Das Doku-Drama erzählt von der Verfolgung und Vernichtung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland am Beispiel des Schicksals der Familie Weiss. 38 „Die Serie Holocaust durchbrach gleich zwei ikonografische Tabus. Sie bediente sich der bekannten Mittel der Identifikationsdramaturgie in einer vertrauten filmischen Form- sprache – und sie zeigte den Gang in die Gaskammer. Damit erreichte Holocaust, dass die Juden – im deutschen Unterbewussten noch immer ‚Untermenschen‘ – zu Menschen wurden, über deren Schicksal die Zuschauer weinten, auch wenn sie einst mit eyes wide shut dem Verschwinden der Juden aus der gesellschaftlichen Mitte zugesehen hatten. Damals wurde sichtbar, dass trotz aller offiziellen Schuldbekenntnisse und staat- lichen Feiertage im westlichen Nachkriegsdeutschland eine seelische Kälte geherrscht hatte, die der im Dritten Reich ähnlich gewesen sein musste. Die Erstarrung im Trauma löste die Zwangsemotionalisierung der Serie auf. Das Verbrechen wurde seiner Unfass- barkeit entkleidet und zerfiel in viele einzelne Akte von Grausamkeit. Erst jetzt begann die Empathie mit den Opfern. Eine Flut von Büchern und Filmen setzte ein, in denen jüdische Schicksale so vielfältig geschildert wurden, wie es den Schicksalen angemessen war“ (Brückner 2005). Jutta Brückners Zitat fasst auf den Punkt zusammen, was hier wichtig ist. Dieser Film und sein Erfolg beim deutschen Publikum – Erfolg gemessen an der Zahl der Zuschauer (Magnus 1979, Magnus 1979a, Magnus 1980) und der vielfältigen und über alle Medien verstreuten kulturellen „Anschlusskommuni- kationen“ (Bergmann 1997, Gast 1982, Hackforth 1979) – hatte rhizomartige Bedingungsstrukturen, die bis in die Wurzeln der jeweiligen kulturellen Menta- litäten des deutschen TV-Publikums Ende der siebziger Jahre reichen. Diese Bedingungsstrukturen selbst sind nicht zu verstehen ohne kritischen Rekurs auf die zeitlich und räumlich variablen Erinnerungsdiskurse der damaligen Zeit, ohne Analyse der Grundmuster sozialen Verhaltens im Umgang mit dem Terror des Nationalsozialismus. Sie sind nicht unabhängig davon zu verstehen, wie dieser Umgang mit dem nationalsozialistischen Thema im Fernsehen vor- geprägt war, das ja nicht nur kritisiert, sondern auch das Kritisierte zuvor ver- 39 Aus dem Warschauer Ghetto werden das Ehepaar Levy und Josef und Berta Weiss in ein „Familienlager“ transportiert. breitet hatte. Das fällt unter die oben schon beschriebene Komplexität der Verhältnisse. Der Film zeichnet sich aber darüber hinaus aus – wie Brückner zu Recht betont – durch seine „Zwangsemotionalisierung“. Diese „Zwangsemotionalisie- rung“ meint ein Doppeltes: Sie meint die medienästhetische Präsentations- form, die sich des ganzen Repertoires emotionalisierender Features bedient, um Geschichte vom Zuschauer nicht rational, sondern durch Empathie nach- vollziehbar zu machen. Sie meint darüber hinaus, dass die (deutsche) Aus- einandersetzung mit der deutschen Zeitgeschichte im Genre des zeithistori- schen Films – in Kino und Fernsehen – bis dahin Nähe und Teilhabe nie wirklich ermöglicht hatte, weil man eben den „Gang in die Gaskammer“ so bisher nicht habe miterleben können, wie dies in dem inszenierten Doku-Drama der Familie Weiss zu sehen sei und alle Zuschauer erschüttert habe. Im Kern wird diese „Zwangsemotionalisierung“ als das dispositive Arrangement des Mediums Film verstanden, also als eine spezifische Konsequenz der medialen Präsentation von Geschichte im Film. Und im Zentrum dieses – Aufregung verursachenden – dispositiven Arrangements steht die im ästhetischen Kontext überhaupt nicht überraschende, sondern stabile Erfahrung, dass Wissen auch über fiktionale oder fiktionalisierende Formen der Erzählung vermittelt werden kann (und nicht nur durch sachliche Informationstexte), und dass eine solche Vermittlung – weil sie Emotionen und Affekte anspricht – oft zu einer enga- gierteren Verarbeitung führt, zu mehr „envolvement“. Der Vierteiler hat jedenfalls – wie später dann „Schindlers Liste“ und aktuell 2005 „Der Untergang“ – in der Bundesrepublik eine überaus große Resonanz gehabt, und zwar nicht nur bei den Zuschauern, sondern eben auch bei den intellektuellen Wortführern der Identitäts- und Gedächtnisdebatten in den Me- dien (Marchart, Öhner und Uhl 2003) und selbst bei den Historikern (Broszat 1988, Dahmer 1979, Schoeps 1982, Weiß 2001). Die zentrale und zentral kommunizierte Erfahrung war, dass mit und durch den historisch nicht exakten, sondern teilweise fiktiven Film eine auch von Historikern für wichtig und richtig gehaltene engagierte Auseinandersetzung um den Holocaust begann. Erstaunlich war dabei vor allem, dass diese Auseinandersetzung über alle Ebenen des Gedächtnisdiskurses hinweg stattfand, vom generalisierten Publikum bis hin zu den elitären Kreisen der Sinndeuter in den Medien und in der Wissenschaft. Waren der deutsche Historikerstreit und die Goldhagen-Debatte eigentlich noch innerwissenschaftliche Ereignisse, waren und sind die Diskus- sionen um den Mehrteiler „Holocaust“ (und z. B. um die Spielfilme „Schindlers Liste“, „Das Leben ist schön“ und jetzt „Der Untergang“) Ereignisse, die (fast) in der ganzen Gesellschaft wahrgenommen und besprochen werden. Die Erfah- rung war: Man kann Geschichte also auch über emotionale Veranschaulichung im Film und nicht nur durch rational nachvollziehende Lektüre historiographi- scher Texte verstehen. Und offensichtlich – so die weitere Erfahrung aus 1979 – 40 kann man die Gedächtnisdiskurse in der Gesellschaft durch solche Medien- ereignisse stärker und nachhaltiger beeinflussen als durch historiographische Texte, wissenschaftliche Diskurse und Schulunterricht allein. Eigentlich hätte diese, auf Emotionalität und Unterhaltung gerichtete „Über- raschung“ selbst überraschen müssen. Schon Leo Löwenthal hatte in den dreißiger Jahren bei seiner Analyse der „biographischen Mode“ bei den Büchern (Löwenthal 1981) kritisch bemerkt und analysiert, wie umfassend in dieser literarischen Form und mit welchem Erfolg beim Publikum gerade durch diese unterhaltende Form Geschichte vermittelt werde. Und die Verbindung von literarischer Unterhaltung und Geschichtsdiskurs, die weit zurückreicht in die Mediengeschichte, findet ja bis heute auch sehr erfolgreich im Printbereich statt. Wenn man sich die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste der Belletristik (nicht des Sachbuchs) von November 2005 anschaut, sieht man, dass nach Harry Potter Bücher wie „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann (Platz 2) oder Dan Browns „Sakrileg“ (Platz 3) oder mit Arno Geigers Generationen- roman „Es geht uns gut“ (Platz 4) vor allem historisierende und direkt Historie nacherzählende und dramatisierende Bücher beim Publikum erfolgreich sind.m Das Neue an der Erfahrung von 1979 war also weniger die Erfahrung, dass unterhaltende Geschichte beim Publikum beliebt ist, das Neue war, dass sich 1979 bei einem solchen schwierigen historischen Thema wie dem Holocaust eine Besonderheit des Dispositivs Fernsehen zeigte, die eben bei anderen Me- dien, auch den unterhaltenden Bestsellern im Printbereich, so nicht gegeben ist. Zur gleichen Zeit sehen im Fernsehen Millionen von Menschen ein und denselben Fernsehfilm, sprechen darüber in den Familien, am Arbeitsplatz, in den Schulen, sie wollen darüber in den Zeitungen lesen und Diskussionen da- rüber im Fernsehen sehen, sie beschäftigen sich damit, intensiv und manchmal sehr nachhaltig, indem sie mehr wissen wollen. Sie sind viele und werden des- halb beachtet. Sie werden selbst wieder – in dieser „massenhaften“ Reaktion – Gegenstand der Medienbeobachtung und -berichterstattung. Diese Seite des „Massenmediums“ Fernsehen, die leicht selbst verstärkende Prozesse auslöst, ist notwendig mit der Erfahrung von 1979 und der „Holo- caust“-Ausstrahlung verbunden. Diese Erfahrung von 1979 begründet eigent- lich auch die besondere gesellschaftliche Aufgabe, das Leit- und Massen- medium Fernsehen in seiner Präsentation von Geschichte aufmerksam kritisch zu beobachten und zu erforschen. Dass die öffentlich-rechtlichen Sender einen Mehrteiler wie den von der Familie Weiss Ende der siebziger Jahre ins Pro- gramm genommen haben, weist schon – nicht nur in der Frage der Emotionali- sierung von Geschichte – auf die Veränderungen hin, die dann in den achtziger Jahren das Medium und sein Angebot weitreichend prägen. 41 3 Der mediale Kontext: Veränderungen des Fernsehens An den Veränderungen, die das Fernsehen als technisches Medium, als Institu- tion, als Medienanbieter und als kultureller Sinndeuter in den letzten Jahr- zehnten durchlaufen hat, interessieren hier nur diejenigen, die direkt oder nachhaltig indirekt etwas mit dem Problem der Darstellung historischer Ereig- nisse im Fernsehen zu tun haben. Das sind in erster Linie die mit der Einfüh- rung des Dualen Systems verbundenen Konsequenzen. Diese Konsequenzen sind in den zentralen Bereichen des oben skizzierten Diskurszusammenhangs verankert, der den Rahmen für die historischen Sendungen im Fernsehen bildet: im Bereich der neuen Konkurrenzsituation, der neuen Sinndeutung des Fernseh- programms, der neuen Orientierung am Zuschauer, der Formatierung der Pro- gramme und Genres. Anfang der 80er Jahre wurden bekanntlich technisch durch die Verlegung von Breitbandnetzen und medienpolitisch durch das BVG-Urteil von 1981, die Verkabelungspolitik der CDU/CSU/FDP-Regierung und die Entscheidung der Ministerpräsidenten der Länder die Voraussetzungen für die Einführung von Kabel- und Satellitenfernsehen in Deutschland geschaffen. Als offizielle „Geburtsstunde“ des Dualen Systems in Deutschland, das ein Nebeneinander von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und kommerziellen Anbietern erlaubt, gilt der 1. Januar 1984. ARD und ZDF verloren damit ihre Monopolstellung bei der Fernsehwer- bung und als Programmanbieter im Fernsehen generell. Der quantitative Aus- bau der Programme im Zuge der Verwirklichung des Dualen Rundfunksystems führte faktisch anfangs zu „Programmverknappung“, weil nun auf einmal, das heißt in den wenigen Jahren eines Jahrzehnts, wesentlich mehr Programm aus- gestrahlt werden konnte und musste als jemals zuvor. Eine entsprechende Infrastruktur zum Aufbau solcher Produktionskapazitäten folgte aber erst mit einer gewissen Verzögerung. Die Programmverknappung schlug sich in ver- stärktem Wettbewerb beim Programmeinkauf, höheren Preisen für Filmrechte und insgesamt gestiegenen Preisen im Produktionsbereich nieder. Die Preise für amerikanische Kaufserien verzehnfachten sich trotz kürzerer Lizenzzeiten. Aber auch die Kosten für eigenproduzierte TV-Movies und Serien verdoppelten 43 sich nicht zuletzt angesichts hoher Gagenforderungen von deutschen Schau- spielern. Dennoch verlor das alte Dogma, dass Eigenproduktionen um ein Vielfaches teurer seien als Kaufproduktionen, mehr und mehr an Gültigkeit. In der Folge entstanden vor allem durch Kooperationen von Filmproduzenten mit Fernsehsendern immer mehr Eigenproduktionen. War die Kommerzialisie- rung eine Rahmenbedingung des marktförmigen Verhaltens, das die Rund- funksender nun zur eigentlichen Maxime ihrer Programmplanung und -aus- strahlung machten, so war die Konkurrenzsituation, die Neuproduktionen und Genreerfindungen das Pendant dieser Kommerzialisierung, das direkt zu teils radikalen Veränderungen des Fernsehangebots führte. Der zunehmenden Gleichgültigkeit der Rezipienten gegenüber den allgegen- wärtigen Fernsehangeboten begegneten alle Programmplaner inhaltlich nämlich durch eine verstärkte Anpassung an Zuschauerbedürfnisse. Bei den Privaten war die alleinige Ausrichtung an Zuschauerwünschen offene Programmstrate- gie. Aber auch bei ARD und ZDF war bereits seit den 70er Jahren, und damit quasi dem Dualen System vorgreifend, eine Anpassung der Programme an die Lebensgewohnheiten der Zuschauer zu beobachten. Eine durchgreifende Unter- haltungsorientierung der Programme („Fernsehen als Unterhaltungsdampfer“) löste kulturelle und didaktische Konzeptionen von Fernsehen ab (Bleicher 1997, S. 22). Dieser Wandel im Verhältnis Zuschauer und Fernsehen ist auch als Aufweichung des ehemals als patriarchalisch-autoritär empfundenen Ver- hältnisses des Zuschauers zum Fernsehen und Programm beschrieben worden, womit auf eine, gegenüber dem Zeitraum davor, unterschiedliche kulturelle Codierung der Interaktion von Zuschauern und Fernsehen seit den achtziger Jahren hingewiesen wird. Kulturelle Codierung meint hier, dass die technische Entwicklung und politi- sche Durchsetzung des Dualen Rundfunksystems normativ verbunden gewesen ist mit der Unterstellung, Öffentlichkeit im Allgemeinen und die Konstruktion eines kulturellen Gedächtnisses im Besonderen stellten sich nicht mehr in einem Diskurs her, sondern nach den Mechanismen des Marktes. Statt an einem Modell der konkurrierenden Meinungen und des besseren Arguments, mit dem informierte Bürger in einer demokratisch sich entwickelnden Gesell- schaft die Legitimation politischer und kultureller Institutionen absichern, sollte sich jetzt das Programm am Modell eines TV-Zuschauers als Konsument aus- richten. Durch Konkurrenz um Zuschauer als Konsumenten, durch Selektion und Ausscheiden wirtschaftlich schwacher Konkurrenten, schließlich durch Adaption vorhandener und Entwicklung von neuen finanzstarken Bedürfnissen eines konsumierenden und deshalb für die Werbung interessanten Publikums wurden die Leitlinien des Kulturprogramms (S. J. Schmidt) im Umgang mit dem Fernsehen neu codiert. Es gehört in diesen Kontext der kulturellen Umcodierung des Fernseh- systems, dass besonders die Privaten dazu neigten, die Ansprüche der Öffent- 44 lich-Rechtlichen auf umfassende Weltvermittlung als „Bevormundung des Zu- schauers“ darzustellen und zu denunzieren (Hickethier 1998, S. 433 f.). Gegen ein so als „Bevormundung“ charakterisiertes Fernsehprogramm der öffentlich- rechtlichen Anstalten setzten die privatwirtschaftlichen Gesellschaften auf „Unterhaltung“. Als Handlungsmaxime galt, dass man solche Zuschauerbedürf- nisse vornehmlich durch eine Zunahme der Unterhaltungsproduktionen und stärkere Formatierung der Programme anzupassen habe. Angesichts der hohen Anzahl konkurrierender Angebote wurde es wichtig, den Zuschauern eine Orientierung zu liefern und feste Bezugspunkte zu schaffen. Glichen die Pro- grammstrukturen in den 80er Jahren noch eher einem „Flickenteppich“, gingen die Sender in den 90er Jahren dazu über, ihre Programmstrukturen übersicht- licher zu gestalten und einfacher zu strukturieren. In gewisser Weise spielt in diese zunehmende Formatierung der Fernseh- programme ein weiteres Motiv hinein, das für Geschichtsdokumentationen direkte Folgen hat. Neben dem strategischen Aspekt der Zuschauerbindung führt die Formatierung nämlich auch dazu, die Produktionsplanungen zu „for- matieren“, d. h. möglichst langfristige Planungen vorzunehmen, weil diese unter anderem kostengünstiger sind als kurzfristige. Korrespondierend zu dieser Tendenz hat sich in den Medien als ein wichtiges Element herausgebildet, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erringen, langfristige Planungen an Jahres- und Gedenktage zu koppeln. Solche Jahres- und Gedenktage haben allemal einen gewissen öffentlichen Aufmerksamkeitswert, und den kann sich eine Sendeanstalt natürlich produktiv zu eigen machen, wenn sie ein ent- sprechend prominentes Medienangebot damit öffentlich verbindet. Inzwischen sind Geschichtssendungen und Jahrestage beinahe strukturell gekoppelt, zumal die Entwicklung solcher außerordentlich erfolgreichen Sendeformate wie „Zeit- zeichen“ im Hörfunk des WDR in den siebziger Jahren oder „Rückblende“ im WDR-Fernsehen selbst zu einem Denken hin auf rekurrente Ereignisse geführt hat. Der Versuch, besonders teure und deshalb auch aufwendige Produktionen im Halo solcher Jahrestage zu platzieren, nimmt dann im Kontext von Sendun- gen zur Geschichte, die ja nun ausdrücklich auf Daten fixiert sind, inzwischen skurrile Züge an. Da es unter Gesichtspunkten des Imagemanagements wichtig ist, dass ein besonders wichtiger Jahrestag auch mit der bestimmten Sendung eines bestimmten Senders in Verbindung gebracht wird, platzieren die Sender ihre teuren Produktionen immer früher im Programm. Am Sendetag des Jahres- tages selbst findet dann oft kaum mehr eine bemerkens- und aufmerksamkeits- werte Präsentation von Bezugssendungen statt. „‚Stauffenberg‘ beim Deutschen Fernsehpreis als Bester Film ausgezeich- net“, meldet der SWR stolz auf seiner website und verweist auf eine Seite, die ausschließlich dem Film gewidmet ist (http://www.swr.de/stauffenberg/). Es handelt sich bei diesem Film um eines der herausragenden Beispiele dafür, wie 45 auch große und teure Produktionen zur fiktionalisierten Geschichtsdarstellung genutzt werden, zur „großen Unterhaltung“. Als am 9. Oktober 2004 der Film, eine Koproduktion von Südwestrundfunk, WDR, RBB, Degeto und ORF in der Regie von Jo Baier, den Deutschen Fernsehpreis 2004 als bester Fernseh- film des Jahres erhielt, war eine Platzierungsstrategie erfolgreich abgeschlos- sen, die dem Film neben allem anderen hohe Aufmerksamkeitswerte gesichert hatte. Die Erstsendung fand nämlich nicht am 20. Juni statt, sondern bereits am Mittwoch, dem 25. Februar 2004, um 20:15 Uhr im Ersten Programm, wobei knapp 8 Millionen Zuschauer den Film gesehen haben. Dass der Film vier Monate vor dem Gedenktag ins Programm genommen worden ist, kann man nur dadurch erklären, dass die Verantwortlichen die teure Produktion auch mit entsprechenden Aufmerksamkeitswerten versehen wollten. Das bedeutete, dass man vor den entsprechenden Medienangeboten der Konkurrenten mit seinem Produkt auf dem Markt sein musste, was ja dann auch gelungen ist. Natürlich ist der Winter eine bessere Fernsehzeit als der Sommer, wo schon in einzelnen Bundesländern Schulferien sind und die Fernsehzuwendung da- runter leidet, dass die Leute die Sommerzeit für anderes nutzen als vor dem Fernsehen zu sitzen. Entscheidend im Kontext des Markt- und Konkurrenzmodells ist, dass for- matierte Programme auch dazu beitragen, den Werbekunden Kontinuität in der anvisierten Zielgruppe zu gewährleisten. Schließlich zielen Programm- strukturmodelle auf geringeren Organisationsaufwand, weil Werbung innerhalb eines über längere Zeit gleichen Programmumfeldes leichter geschaltet werden kann. Die Programme der Privaten sind deshalb stärker durchformatiert als die der Öffentlich-Rechtlichen, aber auch ARD und ZDF haben Sendeplatzbeschrei- bungen zur Basis ihrer Produktionen gemacht. Konkret auf die Produktion be- zogen führt Formatierung zur Standardisierung von Sendelängen sowie zu einer Standardisierung von strukturellen Merkmalen der Einzelsendungen, eine Ent- wicklung, die sich für die Geschichtsdokumentation sehr direkt ausgewirkt hat. Der Begriff des „Formats“ stammt aus dem Radio, wo sich Formatierung schon früher durchsetzte. Der Format-Begriff erfasst neben inhaltlichen Aspek- ten alle Strukturelemente einer Sendung – Präsentationsform, Dauer, Dramatur- gie usw. –, die insgesamt auf größtmögliche Zuschauerakzeptanz ausgerichtet ist. Ein formatierter Fernsehtag lässt sich in drei große Blöcke unterteilen: 1. Tagsüber: „Bewegte Tapete“, vergleichbar mit Radioprogramm – Entwick- lung vor allem aus Radioformaten. Charakteristisch sind wortlastige und kostengünstige Formate. 2. Vorabendprogramm/ Primetime: Dieser Block wird dominiert durch die „Werbeschlacht und den Kampf um die Marktführerschaft“. Gekämpft wird mit aufwendigen Eigenproduktionen (Serien, TV-Movies), Moderatoren und Schauspielern als Aushängeschildern. 46 3. Late-Night: Typisch sind Innovationen und anspruchsvolle Formate (Radler 1995, S. 37 f.). Innerhalb dieser drei Blöcke sind eigenproduzierte Geschichtsdokumentationen selten im Vorabendprogramm und in der Primetime, häufiger aber – auch als Wiederholungen – im Late-Night-Block zu finden. Sie gehören also generell, von Highlights abgesehen, nicht zu den teuren, für ein breites Publikum pro- duzierten Sendungen. Die Rahmenbedingungen, die die Geschichtsdokumentationssendung und -vermittlung im Dualen Rundfunksystem im Verlauf dieser neueren Genreent- wicklungen prägten, sind weniger tatsächlich neue Aspekte als Gesichtspunkte, die bislang vernachlässigt wurden und/oder vernachlässigbar erschienen. Phäno- mene wie Programmaustausch und Programmkonkurrenz gab es bereits seit der Einführung des ZDF. Im Dualen Rundfunksystem traten sie mit einer bislang unbekannten Intensität zu Tage. Sie waren die Ursache für veränderte Erwar- tungshaltungen gegenüber Fernsehsendungen, die mit den Worten von Markus Schächter, Programmdirektor beim ZDF, unter die „drei großen R“ subsumiert werden können: 1. Reichweite, 2. Reputation und 3. Repertoirefähigkeit. 1. Reichweite bezieht sich darauf, dass aus marktwirtschaftlicher Perspektive Formate seitens der Programmmacher als auch der Werbung treibenden Industrie vornehmlich an den Einschaltquoten bewertet werden, die die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag von ARD, ZDF, RTL, Sat.1, ProSieben und DSF misst. Es wird unterschieden zwischen der Ein- schaltquote, d. h. der Zahl der Haushalte, die eine Sendung eingeschaltet hat (Angabe in Millionen), und dem Marktanteil, d. h. dem Anteil eines Programms oder einer Sendung im Verhältnis zur Gesamtnutzung (Angabe in Prozent). Zudem werden die Zuschauerbewegungen in so genannten Fünfminutenschritten ermittelt, so dass klar ersichtlich ist, wie viele Zu- schauer eine Sendung zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen und wann sie den Kanal wechseln oder ausschalten. Ein flanierender Zuschauer entschei- det in den ersten null bis fünf Minuten, ob er überhaupt eine Geschichts- dokumentation sehen will. Nach weiteren 15 Minuten entscheidet der Zu- schauer auf der Grundlage des bereits Gesehenen, ob dieses Angebot seine Erwartungen erfüllt und ob er diese Sendung weitersehen will. Danach tritt meist eine gewisse Rezeptionsstabilität ein. Indem diese Daten zum vor- herigen, zum nachfolgenden und zum Programm der anderen Sender in Beziehung gesetzt werden, erlauben solche Analysen die Ableitung von Hypothesen über das Verweilen, Abwandern und Hinzukommen von Zu- schauern in Relation zur Dramaturgie einer Sendung. Obwohl die quantita- tive Messung der Einschaltquoten zahlreiche Validitäts-Probleme aufwirft und zunehmend quantitative durch qualitative Verfahren ergänzt werden, avancierte die Quote zu einer mystischen Größe, die frühere oder alternative 47 Vorstellungen von der Aufgabe des Fernsehens etwa als Bildungsmedium ins Abseits drängte. Die Quote ist Vorgabe, Erfolgsmaßstab und Mess- währung zugleich: Sie dient bei der Produktion und im Vorfeld der Aus- strahlung als Vorgabe, da in den Sendeplatzbeschreibungen neben einem inhaltlichen Rahmen (z. B. Genrezugehörigkeit, Stimmung), die erwünschte Zuschauerstruktur und Reichweiten festgehalten sind. Diese Sendeplatz- beschreibungen helfen der Werbung treibenden Industrie bei ihren Buchun- gen, beeinflussen aber auch die an der Produktion Beteiligten bei ihren ästhetischen Entscheidungen. Vor der Ausstrahlung fungiert die Quote als rhetorisches Damoklesschwert, das die Hierarchien über den Köpfen der Redakteure schwingen, nach der Ausstrahlung ist die Quote der empirische Erfolgsmaßstab, mit dem die Produkte bewertet werden. Die gemessene Zuschauerzahl wird im Nachhinein häufig sogar als Qualitätsmaßstab einer Sendung herangezogen und ist für die zukünftige Auftragsakquirierung teil- weise von größerer Bedeutung als etwa Fernsehpreise. 2. Reputation bezieht sich darauf, dass Sender Qualitätsproduktionen für ein positives Senderimage brauchen, denn hohe Quoten allein sind nicht not- wendigerweise ein Gewinn fürs Senderimage. Doku-Dramen wie der Zwei- teiler „Todesspiel“ (1997) von Heinrich Breloer mit der ARD oder Mehr- teiler wie der „Schattenmann“ (1996) von Dieter Wedel werden in positiver Weise mit dem ZDF assoziiert, quotenstarke Fußballspiele aber zum Bei- spiel nicht, weil die Zuschauer in der Regel den ausstrahlenden Sender nicht identifizieren resp. erinnern. Die Moderationskultur – Stichwort: Günter Netzer – ist in diesem Zusammenhang natürlich zu sehen als der Versuch, auch Fußballereignisse mit dem Image der Sender zu verbinden, die gerade technisch übertragen. Neben Kinofilmen wird eigenproduzierten Serien und TV-Movies erhebliche Bedeutung bei der Konstitution von Senderimages zugeschrieben. In diesem Kontext sind etwa die bekannten Profilierungen der zeitgeschichtlichen Redaktion des ZDF einzuordnen. Sie sind immer auch Versuche, dem Sender eine besondere Reputation im Segment der Geschichtssendungen zu geben, was ja auch gelungen ist. 3. Repertoirefähigkeit schließlich bezieht sich darauf, dass Sender und Produ- zenten aufgrund der Programmverknappung und gestiegener Programm- preise dazu übergehen, Programmvorräte quasi als Kapitalanlage aufzu- bauen. Anders als gekaufte Produktionen, deren Lizenzen nach einem bestimmten Zeitraum wieder an die Originalproduzenten zurückfallen, er- möglichen Eigenproduktionen Mehrfachverwertung: Sie lassen sich un- begrenzt oft wiederholen, und die Lizenzen können an andere Anbieter ver- kauft werden, wodurch sich zusätzliche Einnahmequellen ergeben. Serien und TV-Movies sind – anders als Billig- und Wegwerfproduktionen wie Daily Soaps oder Talkshows – für die Wiederholung und Weiterverwertung auf dem „zweiten Markt“ besonders gut geeignet. 48 Die so notwendig eingeplante Wiederholbarkeit der historischen Filme und Serien hat die dramaturgische Konsequenz, dass solche Filme und Serien nicht zu sehr im jeweiligen Zeitgeist verhaftet sein dürfen: Um repertoirefähig zu sein, sollen Filme oder Serien nämlich nicht übermäßig aktuell sein. Die Ge- schichtsdokumentation scheint unter diesen Prämissen ein Genre zu sein, das die Anforderungen nach Reichweite, Reputation und Repertoirefähigkeit nur bedingt und nur immer in Teilen erfüllen kann. Andererseits gibt es ein institu- tionelles „Schmiermittel“, gibt es eine interne Förderungsbedingung für die Produktion von Geschichtsdokumentationen, auf die bei den öffentlich-recht- lichen Anstalten immer schon gebaut werden konnte, und die – angesichts der oben beschriebenen Konkurrenzsituation – heute neue Valenz erhält. Dieses „Schmiermittel“ sind die Archive der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Die Wiederverwertung des Archivbesitzes an dokumentarischen Bildern und Filmen ist ein Startkapital, das auf dem Markt der Anbieter von vorn- herein ungleich verteilt war und noch ungleich verteilt ist. In diesem Fall ist es die Verteilung von Kapital einmal zu Gunsten der öffentlich-rechtlichen Sender; denn jetzt zeigt sich, dass die kulturelle Codierung, die vor dem Markt- modell galt, nämlich auch Rundfunksendungen als Beitrag zur Kultur der Bundesrepublik zu betrachten und entsprechend sorgfältig solche Sendungen zu archivieren, selbst kapitalisierend wirkt. Weil die öffentlich-rechtlichen Sender hier einen sachlichen und materiellen Vorteil haben, fällt es ihnen naturgemäß leicht, sich auf dem Feld der Geschichtsdokumentationen – dem Vorbild der großen BBC mit ihrem „History Channel“ folgend – ein eigens starkes Profil zuzulegen. Sie haben, wie die Untersuchung zeigt, diesen Vorteil konsequent ausgenutzt. Für die Geschichtsdokumentationen und alle Varianten des Genres ist es sicher eine notwendige Bedingung, auf Archivmaterialien umfangreich und uneingeschränkt zurückgreifen zu können, es ist aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass solche Sendungen überhaupt ins Programm genommen werden. Und diese notwendige Bedingung kann auch nicht voll- ständig erklären, warum mit Geschichte als Thema inzwischen – auch nach „Holocaust“ von 1979 – immer wieder sehr erfolgreiche Fernsehsendungen gemacht werden. 3.1 Der ästhetische und der historische Kontext: Gattungs- geschichte der Geschichtssendungen im Fernsehen Wie die meisten medialen Gattungen geht auch die Geschichtsdokumentation im Fernsehen nicht auf ein von vornherein ausformuliertes Konzept zurück. Gattungsentwicklungen sind nicht deduktiv, sondern induktiv, nicht top down, sondern bottom up. Auch die spezifische Gattungsform der Geschichtsdoku- mentation hat sich erst allmählich herausgebildet, indem aus vorhandenen 49 gattungsgeschichtlichen Vorbildern – besonders aus dem Printbereich und dem direkten Vorbild des Films – neue Genreausprägungen durch Variation ent- wickelt wurden. Sie passten und wurden erfolgreich, wenn sie geeignet waren, bestimmte Produktionsabsichten medial umzusetzen, und sie passten und sind erfolgreich geworden, wenn im Zusammenwirken mit den spezifischen Bedin- gungen des neuen elektronischen Mediums Fernsehen die Erwartungen und Bedürfnisse der Rezipienten nicht enttäuscht wurden. So ist auch die Geschichtsdokumentation als Genre im Fernsehen eigent- lich nur zu verstehen, wenn man es aus den besonderen Bedingungen seines Entstehungszusammenhangs in den fünfziger und sechziger Jahren erklärt. Dazu gehört dann einmal ein Verständnis der langen fünfziger Jahre (Schildt 1995) und der Adenauerzeit. Dazu gehört zweitens ein Verständnis dafür, dass es eigentlich keine „Fernsehredakteure“ gab, als das Fernsehen auf Sendung ging. Zu dem neuen visuellen Medium kamen Pressejournalisten, Rundfunk- redakteure und -mitarbeiter, die ihre „alten“ journalistischen Erfahrungen, Regeln und Grundsätze noch im Gepäck hatten. Dazu gehört dann drittens besonders ein Verständnis über die medieninstitutionellen, -technischen und -ästhetischen Möglichkeiten der damaligen Zeit. Diese waren – im Vergleich zu heute – äußerst beschränkt. Ästhetische Beschränkungen des Genres der Geschichtsdokumentation im Fernsehen hängen direkt mit solchen frühen Be- dingungen zusammen. Medienästhetische Vorbilder hatte die Geschichtsdokumentation im Fern- sehen im historischen Dokumentarfilm. Der historische Dokumentarfilm ist im Übrigen ein spätes Produkt der Audiovision. Im Gegensatz zu früh auftauchen- den Spielfilmen mit historischen Sujets (Becker und Schöll 1995) reüssiert er erst in den fünfziger und sechziger Jahren. Der historische Dokumentarfilm wiederum hatte sich aus dem so genannten propagandistischen „Kompilations- film“ entwickelt, einer Untervariante des allgemeinen Dokumentarfilms, der aus verschiedenen heterogenen Filmmaterialien zusammengestellt ist und mit einem (meist Voice-over gesprochenen) Kommentar versehen in den Propa- gandaoffensiven des Zweiten Weltkriegs eine erste Bewährungsprobe bestand (Roth 1982, S. 119) und in diesen Zusammenhängen auch weiterentwickelt wurde. Bei der Bearbeitung des Fundus an historischen Aufnahmen knüpfte die Genreentwicklung wie selbstverständlich bei solchen Kompilationsfilmen an, als man daran ging, das Genre für eine Auseinandersetzung mit der un- mittelbar vergangenen Vorgeschichte der zweiten Kriegs- und Nachkriegszeit zu nutzen. Ein frühes Beispiel für den historischen Dokumentarfilm in Deutschland ist der in der DDR Mitte der 50er Jahre von Andrew und Anneli Thorndike produzierte DEFA-Beitrag, der sich mit der deutschen Geschichte seit dem auseinandersetzt: „Du und mancher Kamerad“ (1954, vgl. Heimann 1997). Nach Alain Resnais mit „Nacht und Nebel“ (1955), einem der ersten Filme 50 über die Vernichtung der Juden in den nationalsozialistischen Konzentrations- lagern, dessen artifizieller Anspruch nicht bruchlos in die Ahnenreihe der historischen Dokumentation gehört, folgten dann in den frühen 60er Jahren weitere historische Dokumentarfilme. Thematisch verbunden waren diese Filme durch den Bezug zum Nationalsozialismus, mit dem sie sich auseinander- setzten. Dazu gehören „Mein Kampf“ von Erwin Leiser (1959) oder der den weitgehend unkritischen Umgang des Genres mit historischen Filmaufnahmen schon unterlaufende Film des Sowjetrussen Michail Romm: „Der gewöhnliche Faschismus“ (1965) (Roth 1982, S. 122). Diese Filme sind nach dem Genre bildenden Muster des Kompilationsfilms erarbeitet, in dem sie sich der in großen Mengen angesammelten, jeweils zeitgenössischen dokumentarischen Filmaufnahmen wie den Wochenschauen bedienten und sie zu einer Einheit im Film montierten. Bereits die Thorndikes nutzten einerseits überlieferte Filmdokumente, um mit einzelnen Bildern und vor allem Filmsequenzen authentische Tatsachen- behauptungen aufzustellen oder zu belegen, wie dies bei einem Aktenstück – entsprechende Merkmale der Beglaubigung eingeschlossen – konventionell der Fall ist. Sie wandten diese authentifizierende Vorgehensweise programma- tisch in einer Reihe des DDR-Fernsehens an, die den Titel trug: „Archive sagen aus“. Mit Hilfe von Filmausschnitten wurde dort die Verwicklung in Kriegsverbrechen bei Altnazis nachgewiesen, die in der BRD wieder zu Amt und Würden gelangt waren (Steinle 2003, S. 135 ff.). Die Thorndikes unter- stützten ihre Argumentation visuell häufig auch mit Trickgraphiken und setzten im Übrigen in ihrem Film das Bildmaterial häufig illustrativ, d. h. ohne direkten Bezug auf im Kommentar beschriebene Vorgänge ein. Gleiches gilt für Erwin Leisers „Mein Kampf“. Neben Aufnahmen und Filmsequenzen mit Belegcha- rakter bediente sich der Autor beispielsweise der NS-Wochenschauen, um das von einem Sprecher geschilderte und interpretierte Geschehen zu illustrieren.m Seit Beginn der 1960er Jahre wird das Gros der geschichtlichen Dokumen- tarfilme nicht mehr im Kino, sondern im Fernsehen gezeigt. Das „Heimkino“ spielte in seinen ersten Jahren als Medium der Informations- und Bildungs- vermittlung kaum eine Rolle, löste sich in Westdeutschland aber in den 60er Jahren von seiner weitgehenden Orientierung am Vorbild des Kinos und ent- wickelte eigenständige journalistisch-informierende bzw. dokumentarische Formen. Auch Geschichte wurde jenseits der fiktionalen Gattung Gegenstand dieser Sendungen. Um ca. 1960 wurden die ersten Fernsehdokumentationen mit historischen Themen produziert. Redaktionell zuständig für diese Produk- tionen waren meist die mit den aktuellen Dokumentationen betrauten Redak- tionen der Landesrundfunkanstalten. Nahezu zeitgleich zu den erwähnten Doku- mentationen über die Zeit des Nationalsozialismus für das Kino – insbesondere fast parallel zu Leiser – wurde als erste große zeitgeschichtliche Fernseh- dokumentation die 14-teilige Reihe „Das Dritte Reich“ 1960/61 ausgestrahlt 51 (Produktion: SDR und WDR). Die einzelnen Folgen repräsentierten im Fern- sehen erstmals den Typus des aus – fotografierten – schriftlichen Einzeldoku- menten, Fotografien und von Filmausschnitten montierten zeitgeschichtlichen Kompilationsfilms. Das Bildmaterial illustriert über weite Strecken auch hier den von einem unsichtbaren Sprecher vorgetragenen Kommentar. In diesen Jahren, nur 15 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft, dienten zusätzlich sowohl fotografierte Schriftstücke, in denen z. B. entsprechende Formulierungen durch Leuchtschrift hervorgehoben werden, als Beleg für die faktische Wirklichkeit im nationalsozialistischen Deutschland und für die ungeheuerlichen Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft. Daneben spielen auch schon historische Filmausschnitte eine bedeutende Rolle. Die Reihe insgesamt war von dem Impetus getragen, im Fernsehen Beweise für die nationalsozialistischen Verbrechen anzutreten – Beispiele dafür sind die Filme aus den Ghettos. Kurze Zeit später trat das Zweite Deutsche Fernsehen (Programmbeginn: April 1963) mit einer ersten zeitgeschichtlichen, medienästhetisch ähnlich präsentierten mehrteiligen Reihe über die Weimarer Republik, ihren Untergang und ihr Ende an die Öffentlichkeit. In unterschiedlichen Abständen und in den 1980 Jahren auch mit Rückblicken auf die Nachkriegszeit setzte damit eine bis in die Gegenwart fortdauernde permanente Auseinandersetzung mit zeit- geschichtlichen Themen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein. Eine ein- gehendere historisch-medienwissenschaftliche Analyse der im deutschen Fern- sehen in großer Zahl gesendeten Geschichtsdokumentationen steht im Übrigen noch aus (vgl. als Zusammenstellung der Produktionen bis 1967: Feil 1974).m Es gehört zu den Eigentümlichkeiten bereits des frühen historischen Doku- mentarfilms, dass die Beweisfunktion einzelner Bilde und Filmsequenzen ambi- valent aufgelöst wird: Neben der Nähe zu den Ereignissen, die durch die Bilder quasi noch einmal visuell als Ereignisse bestätigt werden, dienen sie in weiten Teilen auch dazu, nur in einem eher assoziativ herzustellenden Zusam- menhang mit dem gesprochenen Kommentar diesem als Illustration zu dienen. Auch damals wurde das einzelne Foto, wurden die Filmausschnitte nur selten ausführlicher quellenkritisch kommentiert und interpretiert. Als historische Dokumente, als Archivaufnahmen – und als solche waren sie erkennbar oder erkennbar gemacht – dienten sie einfach der Beglaubigung, der Authentifizie- rung des Erzählten. Dazu reichte offenbar ihr authentischer Wert schon aus. Sie wurden deshalb filmästhetisch weniger komponiert im Sinne eines einem Sachverhalt präzise zugeordneten Zitats, sondern häufig ohne genauere Referenz zum Text des Kommentars. Beim Bild genügte die Aura des Historischen (Steinle 2005, S. 298 f.). Die älteren zeitgeschichtlichen Fernsehdokumentationen im Stil eines filmi- schen „Quellenkompendiums“, wie sie der Historiker Bösch abweichend von der sonst üblichen Terminologie bezeichnet (Bösch 1999, S. 206), kommen 52 noch – weitgehend – ohne Zeitzeugen aus. Das hatte – wie schon angespro- chen – eben auch medientechnische Gründe, denn der damalige Stand der Aufnahmetechnik für filmische Produktion (Keilbach 2003) erlaubte solche flexiblen Collagen nur schwer. Die zeitgenössische Darstellungsästhetik beför- derte zudem eher eine distanziertere, diskursiver angelegte Machart der frühen Geschichtsdokumentationen (Kansteiner 2003, S. 627). Andererseits wurden in den 60er Jahren im Fernsehen bereits historische Beiträge ausgestrahlt, die wesentlich von der Befragung bzw. dem Gespräch mit Augen- bzw. Zeitzeugen – teilweise im Studio mit der Fernsehkamera auf- genommen – bestimmt sind. Dazu gehört zum Beispiel die in der ersten Hälfte der 60er Jahre beim SDR produzierte Reihe: „Augenzeugen berichten“. In diesen Produktionen spielt einerseits der Belegcharakter von Zeitzeugenaus- sagen eine Rolle, klar erkennbar z. B. bei einer minutiösen Rekonstruktion der Ursachen für die Zeppelin-Katastrophe von Lakehurst (1964). Hier wie in anderen Beiträgen erzählen Miterlebende ihre persönlichen Erfahrungen und stiften damit einen personalen, identifikatorischen Verstehenszugang für die Zuschauer. Ein Beispiel dafür sind auch die Erzählungen einer Überlebenden der größten Schiffskatastrophe aller Zeiten („Der Untergang der Titanic“, 1962) oder das Gespräch über das Ende des Zweiten Weltkriegs „Die letzten Stunden des Krieges“ (1965) (Wagner 2000, S. 31 f.). Es spricht vieles dafür, dass sich der Zeitzeugenfilm parallel zu den anderen Entwicklungen des Dokumentarfilms etablierte. Wie in der selben Zeit das filmästhetisch maßgebliche „Direct cinema“, möglichst unverstellt und nicht inszeniert, Menschen beobachten und zu Wort kommen lassen wollte, die sonst in den Medien, in Film und Fernsehen nicht präsent waren, so erhielten auch im zeitgeschichtlichen Dokumentarfilm die bis dahin meist unbekannten und unbenannten Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungen, aber ebenso Angehörige der unteren sozialen Schichten, Angehörige randständiger Gruppen mit ihren Lebensgeschichten Identität und Stimme (Roth 1982, S. 60 ff. und S. 125 ff.). Häufig beziehen diese Filme ihren historischen Reiz aus der konzentrierten Beschäftigung mit Einzelpersonen, manchmal jedoch aus der hochartifiziellen Montage von Äußerungen vieler, wie in den Filmen von Eberhard Fechner. In solchen mosaikartigen Montagen wird dann zugleich der Prozess der Ge- schichtswerdung veranschaulicht, indem teilweise auch aus widersprüchlichen Mitteilungen die Rekonstruktion eines historischen Ereignisses erarbeitet wird oder die Paradoxien einer Biographie widergespiegelt werden. Mit solchen Darstellungsästhetiken erreicht der historische Film, dass er medial, also dem Medium genuin entsprechend, ein facettenreiches Bild der Vergangenheit dar- stellen kann. Seit den siebziger Jahren werden in zunehmendem Maße Ausschnitte von Zeitzeugenaussagen zum unverzichtbaren Bestandteil nahezu jeder histori- 53 schen Fernsehdokumentation. Zwar blieb einerseits immer noch die Beleg- funktion erhalten, d. h. Zeitzeugen bezeugten bisher unbekannte Details des vorgestellten Themas. Zusätzlich drückt sich darin aber eine Geschichtsauffas- sung aus, die Alltagsphänomene sowie persönliche Erfahrungen der Beteiligten mit in die Darstellung und das Verständnis der Historie einbezieht. Zu einem sehr frühen Zeitpunkt werden so auch die von wissenschaftlicher Geschichts- forschung möglicherweise nicht befragten Sekretärinnen und Chauffeure, Wider- standskämpfer aus den Gewerkschaften usw. als Quelle genutzt. Das Fernsehen und seine Geschichtsdokumentationen nehmen damit zu einer frühen Zeit schon eine methodologische Entwicklung der Geschichtswissenschaften vor- weg, die dann später als „Oral History“ en vogue wurde. Der weiteren Entwicklung bis in 90er Jahre wäre im Einzelnen noch nach- zugehen: Jedenfalls ist in diesem Jahrzehnt bis in die Gegenwart eine weitere Funktion zunehmend wichtiger geworden. Zeitzeugen dienen nun den Authen- tifizierungsstrategien der historischen Dokumentationen (Sachbezug) (Keil- bach 2002, S. 113) und der affektiven Bindung an das geschilderte Geschehen (Publikumsbezug) (Keilbach 2003, S. 300 f.; Fischer 2004, S. 518 f.). Das historische Filmmaterial und die Zeitzeugen werden schließlich ergänzt durch Filmausschnitte, die zur Zeit der Herstellung der Fernsehdokumentation bzw. des Dokumentarfilms an so genannten Originalschauplätzen aufgenom- men wurden. Diese neu produzierten Bilder haben im Wesentlichen folgende Funktionen: Sie stehen häufig ganz pragmatisch als Ersatz für nicht vorhandene historische Filmaufnahmen (Bösch 1999, S. 216). Zusätzlich bedienen sie sich der fortbestehenden Aura des Originalschauplatzes (z. B. des Reichsparteitags- geländes in Nürnberg) und knüpfen damit an das an, was die französischen Theoretiker der Erinnerungskultur als die „Lieux de mémoire“ bezeichnen. Sie stellen durch solche Erinnerungsorte und ihre historische Vergegenwärti- gung im Bild erst kritische Gegenwartsbezüge her, wie dies ausdrücklich in der Gesamtkonzeption der Fernsehserie „Europa unterm Hakenkreuz“ (1983) vorgesehen war (Wagner 2000, S. 35). Inzwischen werden die „Neudrehs“ so gestaltet, dass „viele Zuschauer glauben, unmittelbar Zeugen eines im Moment ablaufenden außergewöhnlichen Geschehens zu sein“ (Fischer 2004, S. 523 f.).n Der Überblick wäre nicht vollständig und die Argumentationskette lücken- haft, wenn nicht kurz auf die Besonderheiten eingegangen würde, die histori- sche Dokumentationen über die Zeitepochen haben, die vor der Erfindung von Fotografie und Film bzw. vor deren massenhafter Dokumentation aktuellen Geschehens liegen. In den 50er Jahren findet man historische Themen abgehandelt nach dem Muster der so genannten „Kulturfilme“. Im Zentrum standen hier Aufnahmen von historischen Gebäuden und Schauplätzen der Geschichte, der Kommentar vermittelte (kultur-)historische, vor allem kunsthistorische Informationen, beliebt waren auch Themen aus der Archäologie. Wer nach Analogien sucht, wird sie 54 in der Gegenwart noch in den Reisefeatures finden und in dem nicht erlahmen- den kultur-archäologischen Interesse an Troja. Augenfällig ist, dass zur selben Zeit, als etwa im SDR und WDR die Fernsehserie „Das Dritte Reich“ konzi- piert und produziert wurde, also die ersten zeitgeschichtlichen Dokumenta- tionen entstanden, etwa beim SDR die Dokumentarabteilung sich auch an die genannten Geschichtsthemen aus „vorfotografischer“ Zeit heranwagte. Dies geschah durchaus in dem Bewusstsein, dass hier etwas bis dahin Unbekanntes in Angriff genommen, eine neue Form ausprobiert wurde. Gleichwohl stand bei diesen ersten Experimenten der zeitgeschichtliche Dokumentarfilm Pate, wie die Unterlagen belegen und die Produktionen an ihrer Machart erkennen lassen. Weil die sich „vorfilmischen“ Sujets widmenden Beiträge im Wesent- lichen nach den gleichen Prinzipien erarbeitet wurden wie die jetzt schon Genre bildenden Kompilationsfilme, stellte das Genre die Fernsehmacher in Bezug auf die Visualisierung dieser „Vorzeiten“ vor Probleme. Die Autoren griffen und greifen bis heute angesichts fehlenden fotografischen Bildmaterials regelmäßig auf „Neudrehs“ mit Filmsequenzen von Originalschauplätzen zurück. Die ersten Gehversuche aber wichen von dieser inzwischen etablierten Konvention ab. Sie setzten – in Anlehnung an die Vorbilder im Printbereich – ausschließlich zeitgenössisches Bildmaterial ein, als man Ende der 1950er Jahre mit Geschichtsdokumentationen begann, die Themen aus der frühen Neuzeit und dem 18. Jahrhundert zu bearbeiten. In den Dokumentation über Karl V. bzw. die Französische Revolution (SDR 1959) wurde der gesprochene Kommentar ausschließlich mit „historischen“ – meist zeitgenössischen – Abbil- dungen von Dokumenten, Gemälden, Zeichnungen, Lithographien usw. illus- triert. Bei Karl V. genügten noch zwei Tiziangemälde – über die kein Wort als „visuelle Quelle“ verloren wird – und einige Kartenausschnitte, um die ästheti- schen und journalistischen Visualisierungsbedürfnisse zu befriedigen. Bei der Schilderung der Ereignisse von 1789 soll ein verwirrender Bilderbogen unter- schiedlicher Machart aus der Bibliothèque Nationale in Paris das Chaos der Revolution belegen und veranschaulichen. Da solche Visualisierungsstrategien nur sehr wenig dem Dispositiv des Fernsehens als Medium bewegter Bilder entsprechen konnten, empfand man sie bald als nicht angemessen und un- genügend. Diese Machart der Bebilderung ähnelte – so die zeitgenössische Kritik – bestenfalls einem Diavortrag. Deshalb probierte z. B. das SDR-Fern- sehen auch andere Formen aus. Bereits 1960 behandelt das SDR-Fernsehen einen Themenausschnitt des- selben Sujets – Französische Revolution – in Form einer stark stilisierten Spielhandlung: In einem fingierten Prozess wird über Ludwig XVI. zu Gericht gesessen und seine Mitschuld an den Bedingungen verhandelt, die zur Franzö- sischen Revolution führten; der Beitrag über Karl V. identifiziert und inszeniert den „Kommentar“ als einen fingierten und vom Kaiser selbst gesprochenen Rechenschaftsbericht. 55 Auf einer vergleichbaren Linie liegt knapp zehn Jahre später eine mehrtei- lige Reihe, die zur 100-jährigen Wiederkehr des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 redaktionell von der Geschichtsredaktion des SDR verantwortet wurde, nicht vom Fernsehspiel. Darin wird versucht, die Behandlung des deutsch-französischen Kriegs durch Spielelemente aufzulockern (englische Vorbilder standen hier Pate). Eine – im 19. Jahrhundert ja technisch nicht mögliche – Fernsehberichterstattung wurde simuliert und damit die Produktion in Spielszenen umgesetzt, in denen über die Kriegsereignisse berichtet, die näheren Umstände und Folgen analysiert und schließlich bewertet wurden. Damit erprobte das Genre sozusagen seine Selbstreflexivität, indem die Multi- perspektivität der Berichterstattung und letztlich auch der historischen Darstel- lung in statu nascendi demonstriert wurde. Mit Blick auf die ansonsten eher als alternativlos vorgetragene Deutung des Geschehens in den Dokumenta- tionen handelt es sich hier um eine mehr als interessante Variante, die aber in der Form nicht fortgesetzt wurde. Wer die große Vielzahl der Dokumentationen betrachtet, die sich der Zeit vor Fotografie und Film widmen, wird im Wesentlichen das folgende drama- turgische Schema vorfinden: Einen leitmotivischen Kommentar, der unterlegt ist mit Aufnahmen von historischen Dokumenten und – durchaus nicht immer zeitgenössischen – Abbildungen, hinzu kommen Filmausschnitte von Original- schauplätzen und Fotografien von Gegenständen aus der gerade behandelten Zeitepoche. Unbefangener und häufiger als in Filmen mit zeitgeschichtlichen Sujets nahmen sich bei Dokumentationen zu „vorfilmischen“ Zeiten Autoren die Freiheit, über dieses Schema hinauszugehen. Stumme Spielszenen werden eingefügt, manchmal Musikdarbietungen als Untermalung arrangiert, auch – fingierte – Streitgespräche von Historikern über kontroverse Themen deut- scher Geschichte eingefügt (exemplarisch: Vernohr 1988; vgl. auch Kröll 1989, S. 112 f.; Bleicher 1993, S. 26). Seit den 90er Jahren bis zum heute aktuellen Angebot ist eine noch stärkere Hinwendung zum Umgang mit fiktionalen oder fiktionalisierenden Elementen in den dokumentarischen Angeboten zu beobach- ten. Unbeeindruckt von der Kritik, dass man historische Ereignisse nicht nach- stellen könne, einer Kritik am so genannten „Reenactment“, operieren Produk- tionen über Antike und Mittelalter sowie über Themen der frühen Neuzeit inzwischen überwiegend mit Spielszenen. Nach der digitalen Wende sind als neue Elemente Computeranimationen hinzugekommen, deren Funktion bis jetzt vor allem darin besteht, bei der Rekonstruktion von zerstörten oder völlig vernichteten Bauwerken und Originalschauplätzen hilfreich zu sein und visuell rezipierbare Ergebnisse zu erbringen. Parallel zu den zeitgeschichtlichen Dokumentationen existierten seit den frühen Tagen des Fernsehens verschiedenste Formen fiktionaler Geschichts- vermittlung: Fernsehspiele und Fernsehfilme, unterschiedliche Formen von 56 Dokumentarspielen, szenisch angelegte Rekonstruktionen von umstrittenen Sachverhalten (bis 1989 umfassend: Kröll 1989), die, was die redaktionelle Verantwortung anging, immer in den Abteilung für Dramaturgie oder ggf. auch Unterhaltung ressortieren. Die Palette dieser Varianten und Stilübungen reicht hin bis zu sehr offenen Formen, zum Beispiel zu historischen Reihen, die im Stile einer Revue inszeniert sind und sich auf die Geschichte der Bundes- republik bzw. der 50er Jahre in Westdeutschland (unter anderem auch mit kabarettistischen Einlagen usw.) beziehen („Was wären wir ohne uns?“ und „Abenteuer Bundesrepublik“) (Wagner 2000, S. 38 f.). Bei diesen Produktionen war der fiktionale Charakter jederzeit erkennbar, für sie galten sicherlich im Sinne des Programmauftrags didaktische Überle- gungen, gleichzeitig aber auch das Bemühen, möglichst korrekt die behandelte Zeit widerzuspiegeln. Natürlich sollte auch das Publikum unterhalten werden, so dass diesem Anspruch im Zweifelsfall Forderungen nach „inhaltlicher Prä- zision“ geopfert wurden. Während bereits in den 80er Jahren eine gewisse Durchlässigkeit zwischen den dokumentarischen und fiktionalen Gattungen für die Sujets aus „vorfilmischer“ Zeit zu beobachten ist, scheinen sich – auch hier fehlen eingehendere Untersuchungen – die zeitgeschichtlichen Dokumenta- tionen auf diesem Sektor bis in die 90er Jahre strikt abstinent verhalten zu haben. Dafür spricht auch die Heftigkeit der Auseinandersetzung um die zuerst und verstärkt in den Beiträgen und Sendungen der ZDF-Redaktion „Zeit- geschichte“ eingesetzten „szenischen Zitate“ und eingefügten „Reenactments“. Der bis dahin geübte Verzicht auf solche filmästhetischen Darstellungsmittel ist von den Autoren und Redakteuren immer damit verteidigt worden, dass das Reenactment die Authentifzierungsstrategie des Genres insgesamt diskreditiere. Als wenig überzeugend sind damals dagegen solche Argumente angesehen worden, die befürchten ließen, dass Reenactments später als dokumentarische Archivbilder verwendet werden würden, die also damals schon auf eine syste- matische Verwechslung von Original und Kopie zielten. Inzwischen haben die meisten Redaktionen aufgegeben und setzen fiktionale Spielszenen in Doku- mentationen umfassend ein, weil die Akzeptanz solcher nachgestellten Szenen beim Publikum groß ist, weil die filmästhetische Integration solcher Szenen immer besser gelingt und weil sich damit insgesamt eine Gattungserwartung etabliert hat, die das legitimiert. Fiktionale Spielszenen in zeitgeschichtliche Dokumentationen einzufügen ist die wesentlichste Ergänzung und Erweiterung des ästhetischen Stilrepertoires von Geschichtssendungen im Fernsehen. Dass sie eingeführt und ständig ver- bessert wurden, liegt in der tatsächlichen oder imaginierten Konkurrenzsitua- tion im Dualen System. Ansonsten hat sich das Repertoire an Darstellungs- mitteln im Prinzip nicht sehr gewandelt. Sowohl in den Beiträgen der von Guido Knopp geleiteten Redaktion wie auch in anderen Produktionen dominiert nach wie vor die Montage von Ton und Bild, d. h. die Inszenierung einer 57 Bildebene, die durch einen gesprochenen oder zu lesenden Kommentar in historische Zusammenhänge erst sinnhaft eingeordnet wird. Die hier durch- gängig feststellbare geringe Referentialität der Bilder zum gesprochenen Kom- mentar (vgl. auch Zimmermann 2000, S. 67; Keilbach 2002, S. 113) scheint das rekurrente Problem aller Geschichtsdokumentation zu sein. Vermutlich ist der Unterschied zu früher – also zu den Dokumentationen der 60er bis 80er Jahre – nur quantitativ. Was die Zeitzeugen-Zitate angeht, so scheint sich der Anteil von Sendezeit, den sie beanspruchen, seit den 60er Jahren dynamisch und kontinuierlich erhöht zu haben. Zeitzeugen werden inzwischen auch weni- ger zur Informationsvermittlung und Authentifizierung bestimmter Wahrneh- mungen geschichtlicher Ereignisse, sondern stärker zur affektiven Stimulierung des Zuschauers eingesetzt, dienen also der Personalisierung und Emotionalisie- rung der Beiträge und ihrer Themen. Diesen Trend bestätigt auch der Ver- antwortliche einer ARD-Geschichtsredaktion, indem er die Entwicklung mit den Worten zusammenfasst: „Aus dem Erklärfernsehen ist ein Erzähl- und Zeitzeugenfernsehen geworden“ (Fischer 2004, S. 518). Im Rahmen des ge- läufigen Umgangs mit den Bildern werden diese in aufwendigen Verfahren bearbeitet, zuweilen eingefärbt, nacheinander aufgerissen usw. Ebenso wird auf die Tonbearbeitung ein größeres Gewicht gelegt, insbesondere auf den Einsatz von Musik. Verändert hat sich auf Basis der beschriebenen Elemente das Tempo der Sendungen: Die Einstellungsdauer der Einzelsequenzen hat sich gegenüber früheren Zeiten verkürzt. Trotz solcher Wandlungen und Veränderungen von Elementen des Genres in den letzten Jahrzehnten – die Gestaltungsroutinen für die Familie der Ge- schichtsdokumentationen liegen anscheinend enger beieinander, als man auf den ersten Blick vermuten kann. Insofern scheint es erlaubt und sogar dring- lich, für das Genre insgesamt die grundsätzliche Frage zu erörtern, ob und inwieweit das überkommene Verfahren der Verschmelzung sprachlicher Dar- stellung und illustrierender Bildervermittlung dem historiographischen Objek- tivitätskriterium, dem Anspruch „inhaltlicher Präzision“ entsprechen kann oder nicht. Diese Frage ist expressiv verbis seit den frühen 60er Jahren in Bezug auf die spezifischen Argumentationsmuster der historischen Dokumentation nicht in adäquater Weise gestellt und somit auch nicht beantwortet worden. Erst wenn man von solchen generalisierenden Aussagen ausgeht und das Genre im Ganzen betrachtet, lässt sich genauer bestimmen, inwieweit es sich durch seine Veränderungen von diesen Ansprüchen entfernt oder nicht. Es gehört notwendig zum zentralen Kontext einer Erforschung von Geschichtsdarstel- lungen im Fernsehen, sich dieses historischen und systematischen Zusammen- hangs bewusst zu sein, um dann die Fragestellungen des Projektes im engeren Sinne darauf beziehen zu können. 58 3.2 Der historiographische und erkenntnistheoretische Kontext: Der epistemologische Anspruch und die mediale Pragmatik Mit dem im Projektauftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen skizzierten Spannungsverhältnis zwischen „inhaltlicher Präzision“ und medien- gerechter Darstellung bzw. zuschauerorientierter Präsentation wird also ein altes Problem angesprochen. Es ist das Problem der Konstruktivität jedes Ge- schichtsdiskurses und das seiner narrativen Darstellungsform. Beide Momente, sowohl das der Konstruktivität wie auch das der Narrativität, sind strukturelle Bedingungen dafür, dass die Geschichtswissenschaft keine exakte nomologische Wissenschaft sein kann, sondern immer eine interpretative Kulturwissenschaft ist. Dieses „Schicksal“ teilt sie nun mit zahlreichen anderen Wissenschaften, gleichwohl ist die Konsequenz dieser methodologischen und wissenschafts- theoretischen Grundlegung geschichtswissenschaftlichen Denkens und Handelns selbst immer besonders problematisch, ja prekär gewesen; denn ihr Geltungs- bereich ist nicht nur bezogen auf den historiographischen Diskurs selbst, son- dern auch auf das – wie auch immer in der Forschung noch zu empirisierende – Geschichtsbild, das sich in der res publica etabliert, in der von ihr untersuchten Realgeschichte eben. Funktional leistet die Geschichtswissenschaft sich einen paradoxen normativen Zirkel, um ihre Geltung auch im nichtwissenschaft- lichen Handlungsfeld zu behaupten. Ihre Angemessenheit und Vertrauens- würdigkeit, ihre Plausibilität und Kohärenz gewinnt sie nämlich gerade dadurch, dass sie ihre Konstruktivität ausblendet, und je mehr ihr das gelingt, um so größer wird ihre soziale Anerkennung und um so extensionaler der Geltungs- bereich ihres Geschichtsbildes, das zur determinierten „Geschichte“ und zur verbindlichen Geschichtsdeutung gerinnt. Auch die um wahrheitsgetreue Konstruktion der Vergangenheit bemühte Geschichtsforschung hatte sich diesem Paradox schon immer stellen müssen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde greifen aktuelle Ausführungen zu diesem Thema auf Texte und Überlegungen zurück, die in der Zeit entstanden sind, als sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Geschichtswissenschaft als solche konstituierte. Die Argumente der Gründerväter der Geschichtswissen- schaft werden heute noch mit guten Gründen bemüht, wenn es um aktuelle wissenschaftstheoretische und -methodologische Fragestellungen geht. Die in der Ausschreibung und im Auftrag des Projektes gewählte Formulie- rung von der „inhaltlichen Präzision“ legt es nahe, dass das Projekt sich analog an Idealen historischer Erkenntnis orientiert, nach denen „Glaubwürdigkeit und Autorität der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung […] gemeinhin auf dem Anspruch [beruhen], ‚faktisches‘ und bis zu seiner Falsifizierung ‚objektiv gültiges‘ Wissen zu produzieren.“ Diese Nähe zu „naturwissenschaftlichen Kriterien der empirischen Nachweisbarkeit und methodischen Rationalität“ 59 (Wachholz 2005, S. 30 ff.) steht bekanntlich in Traditionen, in denen das eigene Tun selbstgewiss ist. Das sind historiographische Denkformen, die insbesondere in der Hochzeit des Historismus und auch noch später sich die häufig zitierte Absicht Leopold von Rankes zu eigen machten, „zu den Sachen selbst“ vor- dringen zu wollen – und zu können. Ein entsprechendes – bisweilen naives – Vertrauen darauf, dass ihre Ergebnisse von großer Wirklichkeitsnähe geprägt seien, hat sich in der normalen Praxis der Geschichtswissenschaft (sensu Kuhn) bis in die Gegenwart erhalten, so dass selbst der „Historischen Sozialwissen- schaft“ mit ihren ausgefeilten Methoden der Quellenkritik, der Tatsachen- ermittlung und deren Komprimierung in imponierenden Theoriegebäuden von berufener Seite heute noch eine Art naiver „Strukturrealismus“ (Goertz 2004, S. 3 ff.) entgegen gehalten wird. Auch aus diesem Grund hatten und haben geschichtstheoretische Reflexionen nicht immer einen leichten Stand, der ge- schichtswissenschaftliche „Alltagsbetrieb“ an den Hochschulen bleibt teilweise unbeeindruckt und unbeeinflusst von der eigentlich selbstverständlichen Grund- satzreflexion darüber, warum Geschichte – als Wissenschaft – „etwas weiß und welcher Modus des Wissens ihr eignet“ (Oexle 2003, S. 8). Insofern begegnet ein Teil der Historiker den historiographischen Bemühun- gen des Fernsehens in der Form, dass er dessen Darstellungen mit „positivem“ Fachwissen konfrontiert und die in der Regel gegenüber der gründlicheren wissenschaftlichen Bearbeitung eintretenden erheblichen Verkürzungen mah- nend oder sogar anklagend benennt. Die verständliche Verunsicherung der Geschichtswissenschaften über den Verlust an gesellschaftlicher Deutungs- macht trägt auch dazu bei, dass nicht gemeinsam mit Redakteuren und Filme- machern über die besonderen epistemologischen Bedingungen und Möglich- keiten eines populären Sprach- und Bildmediums offen und produktiv diskutiert wird. Jedenfalls sind solche Gespräche trotz des vielseitigen Engagements von Historikern als Fachberater bei Fernsehproduktionen kaum bekannt (Ansätze dazu bei Fischer 2004, S. 520 f.). Wenn es doch zum Gespräch kommt, kann sich ein solcher Dialog zwischen Historikern und den „Praktikern“ des Ge- schichtsfernsehens rasch im Streit um Details der „inhaltlichen Präzision“ ver- lieren. Es ist aber nötig, solche Diskussionen gerade unter Einschluss der epistemologischen Probleme der Geschichtswissenschaft zu führen, denn dann lassen sich Argumentationslinien entwickeln, die der Lösung eines gemein- samen Problems dienen. In der Geschichtswissenschaft waren die geschichtstheoretischen Ansätze nie völlig verschüttet. Sie begleiten in der Regel das Alltagsgeschäft des Histo- rikers als mitlaufende Reflexion. Seitdem die postmodernen Theoriekonzepte mit ihren antihermeneutischen bzw. dekonstruktivistischen Ansätzen den geistes- wissenschaftlichen Mainstream der Geschichtswissenschaft kreativ verunsichert haben, hat sich diese mitlaufende Reflexion zu einem Pflichtfach gemausert. Besonders solche Konzepte, die sich gegen die Rekonstruierbarkeit der Inten- 60 tionalität von Handlungen und gegen einen iterativen Annäherungsprozess an Wirklichkeit äußern, sind nicht spurlos an der Geschichtswissenschaft vorüber- gegangen. Sie trafen sie – wie ausgeführt – ja auch nicht völlig unvorbereitet, und so erlebt Geschichtstheorie – nicht nur angesichts dieser Herausforde- rung – gegenwärtig eine Renaissance. Dazu tragen auch die in immer kürzerer Folge für die Kulturwissenschaften erklärten oder ausgerufenen „turns“ ein, der neue Begriff für Paradigmen. Nach dem „linguistic turn“ der siebziger und achtziger Jahre war es in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre der „cultural turn“ und im neuen Jahrhundert der „iconic turn“, der den Weg zum Horizont der Erkenntnis weisen soll. Nach alledem besteht in den Geschichtswissen- schaften ein begründeter Bedarf nach neuer Vergewisserung dessen, was die mit Hilfe der vertrauten wissenschaftlichen Methoden erarbeiten Aussagen noch Wert sind bzw. was denn mit einiger Verbindlichkeit und Präzision – und nicht beliebig oder willkürlich – von der Vergangenheit gewusst werden könne und was nicht. Hier eben, auf dieser Etage der Diskussion und Selbstreflexion, trifft dann die Geschichtswissenschaft auf Akteure, die an analogen Problemen arbeiten und sie zu lösen versuchen: auf die Programmredakteure der Ge- schichtssendungen im Fernsehen. Mit dieser kurzen „Zusammenführung“ der Problemlagen in Historiographie und medialer Geschichtsvermittlung ist eine weitere systematische Vorausset- zung geschaffen, die Leitfragen des Projektes zu präzisieren, wie nämlich historische Wahrheit und mediale Vermittlungsansprüche miteinander versöhnt werden können. Geschichtstheoretische Reflexion in der Geschichtswissenschaft bezieht sich nämlich nahezu ausschließlich auf die sprachliche Vermittlung von Vergangenheit, da der Umgang mit dem Bild in der Geschichtswissenschaft bisher stark vernachlässigt wurde (jetzt aber z. B.: Burke 2003, Roeck 2004). Eine geschichtstheoretische Reflexion darauf, wie Vergangenheit auch mit Hilfe von Bildern konstruiert werden kann, steht auch nach dem „iconic turn“ erst am Anfang (Knoch 2005), erst Recht kann nicht an Überlegungen angeknüpft werden, die die Vermittlung von Geschichte durch Sprache und Bild im Fern- sehen unter wissenschaftlich angemessenen Prämissen betrachten. Bei der Konstruktion von Vergangenheit als Geschichtsschreibung wird – an diese Selbstverständlichkeit muss angesichts des erwähnten, noch traditionell anzutreffenden Verständnisses von „Realität“ und „Wahrheit“ in historischen Darstellungen immer wieder erinnert werden – die vergangene Wirklichkeit als solche nicht wieder evoziert und – nachträglich – authentisch erfahrbar ge- macht. Was in der Geschichtsschreibung (und schließlich allen medialen Formen der geschichtlichen Rekonstruktion) geschieht, ist Vermittlung von Vergange- nem als intentionale, perspektivische Annäherung historischer Ereignisse an die aktuelle Wirklichkeit und ihre Komplexität, die als solche ebenfalls für niemanden unmittelbar erfahrbar ist. Bei dieser Vermittlung ist die Geschichts- wissenschaft – immer schon – auf Medien angewiesen, denn nur über Medien 61 kann sie die Vermittlung selbst und den Diskurs zur Begründung dieser Ver- mittlung organisieren. Dabei kann sie – als Quellen – auf alle materiellen Zeichen und Gegenstände zurückgreifen, also auch auf Texte und Bilder. Ver- schiedene Medien, d. h. Sprache in Schrift und Ton und natürlich Bilder, geben medialisierte Auskunft über eine „Wirklichkeit“, die sie aber – kultürlich – nicht selbst sind. Dies geschieht entsprechend ihrer jeweiligen materiellen Bedingungen und ihrer semantischen Aufladung und Leistungsfähigkeit auf Basis ihrer jeweils durchaus veränderbaren Auswahl-, Begründungs- und Dar- stellungsroutinen, die wiederum in professionelle wissenschaftliche Handlungs- muster der Geschichtserzähler eingebunden sind. Insofern ist Geschichtsschrei- bung immer Konstruktion des Vergangenen in einem anderen „Aggregatzustand“ und nicht Rekonstruktion der realen vergangenen Wirklichkeit. Bei der (Re-) Konstruktion orientiert sich Geschichtsschreibung an – medialen – Zeugnissen aus der Vergangenheit, etwa an semantisch aufgeladenen Sachobjekten, vor allem und in erster Linie aber an jeglicher Form von überlieferten Texten und Zeichen: „Es gibt keine vergangene Wirklichkeit, die nicht primär über Sprache und Bild ver- mittelt wäre, die also nicht auch abhängig wäre von den vorgegebenen, freilich auch variier- oder transformierbaren Formen der Mitteilung, von Darstellung.“ (Hardtwig 1998, S. 169 f.; vgl. auch Crivellari u. a. 2003, S. 637 ff. und 2004, S. 28 f.). Bei der medialen Vermittlung von Wirklichkeit in aktuellen Kontexten wie in Bezug auf die Konstruktion vergangener Kontexte haben die Nutzer der Medien Strategien entwickelt, die die Wirklichkeitsnähe, die Authentizität und damit Objektivität ihrer Darstellungen plausibilisieren. Dazu gehört unter anderem die grundsätzliche Unterscheidung von reiner Erfindung, Fiktion, einerseits, und andererseits von wirklichkeitsgenauer Darstellung, Faktum. Auf solche Regeln und mediales Wissen greifen alle kompetenten Rezipienten bei ihrer Medienrezeption zurück, auch deshalb, weil sie in der Regel selbst kaum durch eigene Erfahrung nachprüfen können, wie der Fall jenseits der Medien- wirklichkeit aussieht. Diese Strategien haben zur Entwicklung der Mediengat- tungen geführt, also auch zu einem solchen Genre wie dem der dokumentari- schen oder fiktionalen Geschichtsdarstellung im Fernsehen. Mediengattungen sind unter diesem Blickwinkel epistemologische Werkzeuge, durch die die Menschen sich über die wichtigen Verhältnisse in ihrer Lebenswelt verständi- gen können – und dabei mit common sense rechnen dürfen. Die geschichtswissenschaftliche Authentifizierung von Aussagen erfolgt dagegen im Wesentlichen durch eine Strategie der abgestuften „Wahrheits- findung“: In einem ersten Schritt werden Tatbestände, Einzelereignisse er- mittelt, und zwar auf Basis der erwähnten Repräsentanten, der Überreste der Vergangenheit. Es gibt verschiedene Methoden im Rahmen der historiographi- schen „Quellenkritik“ zu belegen, ob und unter welcher Voraussetzungen die 62 jeweiligen Zeugnisse authentische Überreste vergangenen Geschehens sind, dass sie z. B. nicht gefälscht sind (wie dies bei zahlreichen Urkunden des Mittelalters der Fall ist) noch dass sie möglicherweise einer anderen Zeit an- gehören als der gerade in Rede stehenden. Durch die wissenschaftlich ge- sicherte Kontextualisierung der Zeugnisse können so, nach Meinung der ent- sprechenden Vertreter des geschichtswissenschaftlichen Paradigmas, zumindest Annäherungen an konsensuelle Gewissheiten formuliert werden. Relative An- näherungen deshalb nur, weil durch perspektivische, einseitige Blicke bestimmte Zeugnisse unterschiedlich auf einen Sachverhalt bezogen werden können, und deshalb unsicher bleibt, welche legitimen Schlüsse unter welcher Voraussetzung daraus gezogen werden können. Alle diese quellenkritischen Überlegungen tragen dazu bei – Irrtümer nicht ausgeschlossen – beispielsweise mit einiger Sicherheit historisch festzustellen, ob Karl der Große – vom Papst überrascht – sich gegen die Kaiserkrönung an Weihnachten des Jahres 800 gesträubt hat oder nicht (vgl. zur grundsätzlichen Problematik: Hardtwig 1998a, S. 252 f.).m Aber dies ist nur eine erste Sicht auf die Arbeit des Historikers. Tatbestände kann auch der Historiker nur erheben, wenn er „Tatbestände“ aufgrund einer bestimmten Idee, oder – moderner formuliert – aufgrund einer Theorie als solche „entdeckt“. Ideen oder Theorien stehen immer vor der Verifizierung einer Tatsache, deren Erhebung dann auf der Basis kritischer Methoden im Sinne einer Forschungsheuristik erfolgt. Erst dann erhalten Tatsachen einen spezifischen argumentativen Stellenwert oder auch nicht. So ist es ja durch- aus denkbar, dass aus einem spezifischen Gesamtzusammenhang betrachtet, die erwähnte Episode vom Weihnachtstag 800 aus verschiedenen Gründen irrelevant ist und an der Deutung der karolingischen Geschichte wenig ändert (zum Grundsätzlichen Jäger 1998, S. 736 f.). Jahrhundertelang war diese Vorgehensweise kein kritisches Thema, da sich das Interesse der Geschichtsschreibung auf einzelne Episoden richtete, die in einer gewissen Beliebigkeit als Beispiele und Vorbilder für ein tugendhaftes Leben dienten. Episoden machen Geschichten, aber noch keinen geschicht- lichen Zusammenhang. Als nach dem Zusammenhang aller historischen Episo- den gefragt wurde, musste Geschichte und ihr Verständnis ganz neu formuliert werden. Dann ist Geschichte als – unabgeschlossenes – Kontinuum von Er- eignissen zu begreifen. Seitdem diese Sicht in der Geschichtswissenschaft dominiert, macht es Sinn, Geschichte als Kollektivsingular zu verwenden. Unter diesen Bedingungen gab und gibt es dann allerdings das neue Problem, die Auswahl der „Gegenstände“, die näher zu erforschen und in einen logischen Zusammenhang zu bringen wären, immer ausführlicher und sinnhafter zu be- gründen (Jäger 1998, S. 743 f.). Als ein Beispiel für die Tragweite dieses Arguments sei auf die Historiker des 19. Jahrhunderts verwiesen, die den Staat als hypostasierte Wesenheit in den Mittelpunkt dessen stellten, was „Geschichte“ und ihren sinnhaften Verlauf 63 ausmache. Konsequenz war, dass Geschichte resp. Geschichtsschreibung vor allem darin bestand, Tatbestände zu verifizieren und Handlungen von Personen zu beschreiben, die an der Entstehung von Staatlichkeit und staatlichen Ein- richtungen sowie an deren innerer und äußerer Entfaltung bzw. Behauptung beteiligt waren. Aus dieser Perspektivierung kamen andere geschichtliche Tat- bestände erst gar nicht in den Blick, etwa soziale, wirtschaftliche und kulturelle Gegebenheiten. Eine andere, in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten in der deutschen Geschichtswissenschaft einflussreich gewordene Perspektivierung auf die geschichtlichen Abläufe besteht entsprechend darin, die sozioökono- mischen Verhältnisse und Veränderungen in den Vordergrund zu stellen, im Wechselspiel zwischen den politischen und kulturellen Prozessen. Natürlich dürfen die sprachlichen und gegenständlichen Überreste bzw. die aus ihnen ab- geleiteten Tatbestände nicht als jeweils wohlfeil verwendbare Argumente für vorgefasste „Ideen“ oder Theorien dienen. Vielmehr betonen die Historiker ein, wenn auch kein absolutes Vetorecht der Quellen. Es kommt bekanntlich auch in der Geschichtswissenschaft immer wieder vor, dass ein und dieselbe Quelle, ein und derselbe Tatbestand gegensätzlich interpretiert und in jeweils verschiedenen argumentativen Zielrichtungen verwendet werden kann (Jäger 1998, S. 740 f.). In der Praxis der Geschichtsschreibung handelt es sich also ebenfalls um ein Ausbalancieren der Herausforderungen, die jeweils neu aufkommende theoretischen Annahmen über den Sinn der Geschichte aufstellen. Von vielen Historikern wird deshalb heute akzeptiert, dass „absolute“ Objektivität und Klarheit über die Vergangenheit nicht erreichbar ist: Das wäre auch das paradoxe Ende aller historischen Forschung. Wissenschaftliche Geschichtsschreibung muss immer versuchen, mit jeweils wechselnden, jeweils wohlbegründeten Perspektivierungen und guten Argumenten die Vielzahl der Deutungsmöglich- keiten zu reduzieren, die sinnvoll möglich sind. Angesichts dieser Sachlage wird sogar dafür plädiert, den Begriff der Objektivität ganz fallen zu lassen (Hockerts 2001, S. 27). Insofern ist Geschichtsschreibung ein offener, unab- geschlossener diskursiver Prozess und können auch die Folgen publikums- orientierter Präsentation nicht einfach mit ein für allemal feststehenden „präzi- sen Inhalten“ verglichen, als zu einfach, als unzureichend, als falsch festgestellt und damit verworfen werden. Fraglich ist allerdings, wie die Offenlegung des Standorts und damit der Kontextualisierung der vorgestellten Ergebnisse in die vertrauten Formen der audiovisuellen Geschichtsvermittlung übertragen werden kann Das ist aber eben gerade kein singuläres Problem der Fernsehmacher. Auch der Historiker unterliegt – wie der Urheber eines audiovisuellen Geschichtswerks – den Not- wendigkeiten einer ständigen ästhetischen und semantisch stimmigen Gestal- tung dessen, was er als seine „Geschichte“ seinem Publikum nahezubringen beabsichtigt. 64 Dabei ist es schon lange Wissen der Profession der Historiker, dass nicht alles, was der Historiker in seiner Darstellung aufführt, auf „glasharter“ Tat- sachenermittlung beruhen kann, – das betonten schon Theoretiker des frühen 19. Jahrhunderts wie Droysen. Angesichts eines Geschichtsbegriffs, der den Verlauf der Ereignisse als ununterbrochenes Kontinuum konstruiert, kann ein „Ausschnitt“ von „Tatsachen“ nur dann vorgestellt, erzählt werden, wenn er auf der Fiktion eines definitiven Anfangs und eines definitiven Endes beruht, wenn er den damit verbundenen Eindruck einer genetischen Entwicklung mit der Illusion einer vollständigen Schilderung absichert, und wenn er alles in allem den Anspruch erhebt, Objektivität zu vermitteln (Wolfrum 2003, S. 37 f.). Mit anderen Worten: Jede historische Perspektive, die einen Ausschnitt not- wendig als Schnitt aus einem großen Zusammenhang darstellt, bedient sich fiktionaler Muster der Argumentation und Darstellung. Es gibt auch noch andere systematische Erfordernisse, sich bei der histori- schen Darstellung der Fiktion zu bedienen: Aus zahlreichen Gründen – und das gilt eher für weiter zurückliegende Epochen, jedoch auch durchaus für die Zeitgeschichte – lassen sich für eine gewählte darstellende Perspektive keine „Tatsachen“ erheben, weil keine Repräsentanten des Vergangenen dafür zu finden sind, weil keine Quellen vorhanden sind oder weil zu keinem Zeitpunkt der Vergangenheit die Voraussetzungen dafür bestanden, dass „Quellen“ als materiale Medien der Überlieferung überhaupt entstehen konnten. Gespräche ohne Zeugen und ohne Zeugnisbeleg sind historisch unsichtbar, selbst wenn eine gewisse Plausibilität besteht, dass sie stattgefunden haben, weil man be- stimmte Folgeereignisse dann besser erklären könnte. In einer Kette von Argu- menten des Historikers fehlen deshalb nur zu oft die „Tatsachen“. In diesem Fall wird der Historiker auf der Basis dessen, was ihm bekannt ist, seine Fantasie bemühen müssen (so schon Wilhelm von Humboldt) und mit Hilfe von Annahmen und Unterstellungen den Zusammenhang vollständiger „aus- malen“ (Hardtwig 1998, S. 172). Wenn er dieses Vorgehen deutlich macht, verstößt er in der Regel nicht gegen die Konventionen seiner scientific com- munity. Da dem so ist, kann aus geschichtstheoretischer Sicht nicht von vorn- herein und schon gar nicht grundsätzlich kritisiert werden, dass auch in audio- visuellen Darstellungen von Geschichte, in dokumentarischen Formen, Fiktion eingeschlossen ist. Warum also, so ist an viele fernsehkritische Historiker zurückzufragen, sollte Fiktion und Fiktionalisierung nicht – vor allem wenn sie als solche erkennbar ist, aus „ästhetischen“ Gründen in die Darstellung von Geschichte im Fernsehen einbezogen werden? Warum sollten Fernsehmacher darauf verzichten, durch Geschichte Spannung zu erzeugen, den Zuschauer zu fesseln, in Spielszenen einen Ereigniszusammenhang verständlicher zu machen? Auf der Ebene der Darstellungsweisen und -formen, die für das Erzählen der Historie benutzt werden können, liegen jedenfalls die Probleme zwischen wissenschaftlicher und medialer Geschichtsdarstellung nicht. 65 Wie im wissenschaftlichen historiographischen Diskurs trägt auch der histo- riographische Fernsehjournalismus bei Geschichtsdokumentationen seine „Bot- schaft“, seinen Sinn, seine Zusammenschau der Ereignisse immer noch durch den sprachlichen Kommentar vor, der je nach Regieeinfall und ästhetischen Ansprüchen auf mehrere Rollen (Voice-over-Kommentar, Experte, Zeitzeuge usw.) verteilt vorkommt. Er – der Kommentator – ist es, der Einzelereignisse und Tatbestände beschreibt, deutet, interpretiert und vor allem: In einen sinn- vollen Gesamtzusammenhang stellt. Zweifellos unterliegt diese „Botschaft“ – wie alle Aussagen zur Vergangenheit – bestimmten Einschränkungen und medienspezifischen Anforderungen. Die fernsehspezifischen Darstellungsmuster sollen daher im Folgenden ausführlicher dargestellt und in Bezug auf die Folgen für die „inhaltliche Präzision“ bewertet werden. Eine nicht zu unterschätzende Beschränkung der Präzision kann nun da- durch eintreten, dass ganz allgemein die Darstellung angesichts der zeitlichen Formatierung stark verkürzt und angesichts des adressierten breiten Zuschauer- kreises notwendigerweise sprachlich vereinfacht wird. Unter der Vorausset- zung, dass eigentlich dem unkundigen Zuschauer die Sachverhalte genauer und ausführlicher erläutert werden müssten, ist je nach Sujet und Zeitfenster einer Sendung dazu kaum die Zeit gegeben: in der Regel sind solche Kommen- tare bemessen auf ca. 15 bis 20 (DIN-A4-)Seiten sprachlicher Kommentare und/oder Zeitzeugenberichte. Exemplarische detaillierte Einzeluntersuchungen von Kommentaren, die Aufschluss darüber gäben, ob und wenn ja, nach welchen spezifischen Mustern auf dem Weg vom Idealtypus zur Praxis ver- kürzt wird, sind jedoch nicht vorhanden. Gerade in Hinblick auf die Etikettie- rung der überkommenen Formen als „Erklärfernsehen“ (Fischer 2004, S. 518) wären gerade Untersuchungen der Textbasis von Voice-over-Kommentaren älterer Fernsehdokumentationen hilfreich. So erst wäre genauer zu erfahren, inwieweit die Texte etwa nur schlicht erzählend vorgehen, möglicherweise komplexere narrative Muster verwenden und je nachdem auch diskursive und analytische Elemente integrieren, wie sie von Historikern eingefordert werden (Hardtwig 1988, S. 240). Stellvertretend für andere Beschränkungen bei der Verarbeitung des histori- schen Stoffes – die angesichts der Zeitvorgaben des Mediums erforderlich sind – können der Umgang mit einem Auswahlprinzip und seinen Konsequen- zen an einem verbreiteten und sehr beliebten dramaturgischen Hilfsmittel studiert werden. Es verbindet in bewährter Manier den Effekt der Aufmerksam- keitssicherung und vor allem Zuschauerbindung an den gerade laufenden Bei- trag mit der Stoffreduktion. Gemeint ist die Präsentationsform, die sich kon- zentriert auf die Darstellung von Personen, deren „stellvertretendes“ Denken und Handeln in der historischen Situation im Wesentlichen den Ablauf der Ereignisse erklärt. 66 Auch ohne genaue programmstatistische Analysen darüber, in welchem Umfang auch vor dem im Projekt untersuchten Zeitraum – also vor 1995 – Fernsehdokumentationen den Zugriff auf Personen bevorzugten, lassen vor- handene Auflistungen (bis 1967 etwa Feil 1974) vermuten, dass auch – wie an den Beispielen aus der Anfangszeit belegt – der personalisierende Zugriff auf die Vergangenheit im Geschichtsfernsehen immer schon sehr beliebt war.m Damit knüpft die Geschichtsdokumentation im Fernsehen an eine Tradition sowohl wissenschaftlicher wie populärer Geschichtsvermittlung an, an die biographische Methode. Diese Methode orientiert sich der ihr zugrunde liegen- den Logik von Geschichte gemäß an den „Männern, die Geschichte machen“ (Frauen taten dies eher seltener, so zumindest die Wahrnehmung der Geschichts- schreibung). Damit ist jedoch nicht zwingend ein autoritäres und deterministi- sches Geschichtsbild verbunden, weil es auch die „kleinen“ Männer und Frauen sein können, die als Agenten der Geschichte vorgestellt werden. Es müssen mit diesem Zugriff nicht notwendig nur die „großen“ Männer gemeint sein.m Wichtiger als der legitimatorische Bezug auf das historiographische Vorbild sind in dem Zusammenhang erhebliche mediendramaturgische Vorteile, die eine Konzentrationen auf das Handeln bzw. die Schicksale von Personen für die Geschichtsdarstellung im Fernsehen bietet. Sie ermöglicht es den Zu- schauern, sich mit den handlungsführenden oder auch vom Gang der Ereignisse betroffenen, auf jeden Fall im Vordergrund stehenden konkreten Personen, mit den hochgestellten wie – was durchaus auch geschieht – mit den Einzelschick- salen von Untertanen und Bürgern zu identifizieren. Schicksale, in denen sich das jeweilige übergreifende Thema spiegelt, der jeweilige Ereigniszusammen- hang zu einem Handlungsknoten wird, fördern das Verständnis und die Bin- dung an das präsentierte Programm. Zweitens kann bei der Zuspitzung der Darstellung auf eine oder mehrere Personen ein erzählender roter Faden entwickelt werden, an dem sich der Zuschauer orientiert, auch wenn er sich in Details verloren glaubt. Ein solcher roter Faden qua Personalisierung ist in seinem dramaturgischen Aufbau vom Zuschauer leichter zu verfolgen als ein Sinn vermittelnder „Kommentar“, der nur gehört, aber nicht nachgelesen werden kann. Die Darstellung struktureller Beziehungen von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, die Veranschaulichung von sozialen und ökonomischen Umständen, die selbst wieder nur als Konzepte oder Mentalitäten greifbar sind, sind ohne Personalisierung sehr viel mühsamer zu verstehen und zu „verarbeiten“, weil ihnen die Komplexitätsreduktion fehlt, die durch die Personalisierung historischer Ereignisse – zumindest vorder- gründig – schon erreicht scheint. Drittens kommt hinzu, dass sich Strukturen und Umstände nur mit Mühe, partiell überhaupt nicht, bebildern lassen: Viel- fach handelt es sich um abstrakte Begriffskonstruktionen der Historiker, die sich einer Visualisierung fast prinzipiell entziehen. Das ist übrigens ein Pro- blem, mit dem auch die aktuelle politische Berichterstattung zu kämpfen hat 67 (als Problemaufriss immer noch Wember 1976). Viertens ist darauf hinzu- weisen, dass der „Bildervorrat“ aus den vergangenen Jahrhunderten gleichfalls auf Personen konzentriert ist, das resultiert in erster Linie aus den Umständen und Anlässen der Entstehung bildlicher Darstellungen (die allemal erst zu rekonstruieren wären) und nicht aus einer kruden Planung oder gar Verschwö- rung, Geschichte durch Individualisierung zu privatisieren und zu trivialisieren. Insofern birgt die personalisierende Perspektive auf die Vergangenheit für die Fernsehdokumentation erhebliche Vorteile, die – wie immer – auch erhebliche Diskussionen und Probleme inkludieren. Wird die personalisierende Perspektive zum alles beherrschenden Ge- staltungs- und Darstellungsprinzip, also zur bloßen Geschichtspolitik im Habermas’schen Sinne, und werden auch nicht die pluralen Möglichkeiten einer Geschichtssendung genutzt, um die Differenz von Deutungen und Ereig- nissen in den unterschiedlichen Zugangs- und Sichtweisen der Zeitzeugen zu verankern, dann muss ein solches Angebot im Sinne einer um konsensuelle Objektivität bemühten Geschichtsbetrachtung als Fehlentwicklung betrachtet und kritisiert werden. Wenn eine solche Brechung auf die kontingente Per- spektivität der Wahrnehmung und Schilderung historischer Ereignisse durch Zeitzeugen unterbleibt, dann wird – subkutan – eine einseitige Interpretation des Geschichtsprozesses propagiert. Einseitig ist diese Interpretation dann deshalb, weil sie den Verlauf eines historisch interessierenden Ereignisses, seine Wendungen und Kehren auf die „Kausalitäten“ des intentionalen Handeln von Akteuren zurückführt. Sie suggeriert damit eine „Geschlossenheit und Überschaubarkeit“ des Ablaufs der geschichtlichen Ereignisse, die eine „Ver- fälschung der vergangenen Wirklichkeit“ darstellt (Hardtwig 1988, 235 f. und 240). Kommen Umstände und Strukturen nicht oder nur in geringem Umfang zur Sprache, werden Handlungsbedingungen und -beschränkungen nicht erwähnt, nicht wenigstens die Möglichkeit erörtert, ob und inwiefern überpersönliche Voraussetzungen, deren sich die Akteure nicht bewusst sind, die Verläufe be- stimmen, kann dies im Sinne einer Ethik „inhaltlicher Präzision und Angemes- senheit“ nicht hingenommen werden. Zwar sind sich im Einzelnen die Historiker nicht einig über das Detail des Zusammenwirkens von intentionalen Handlun- gen einzelner Akteure in der Geschichts-Arena und unpersönlichen, über- persönlichen Verhältnissen und Strukturen, die dazu gehören, damit in dieser Arena Geschichte passiert und nicht nur privates Leben. Von Ausnahmen ab- gesehen geht man heute nach den scharfen Auseinandersetzungen der 70/80er Jahre ziemlich einmütig davon aus, dass beide Aspekte – der der Lebenswelt und der des Systems – immer zusammen gesehen werden müssen (Hockerts 2002, S. 29). Eine einseitige Sichtweise – und Vergleichbares gilt auch für andere Per- spektivierungen – wäre im Übrigen noch in einer Fernsehsendung hinnehmbar, 68 die nicht unter so hohen Explikationsanforderungen steht wie eine historio- graphische Textpublikation, wenn der eingenommene Standpunkt zumindest offen gelegt und in seiner Einseitigkeit erkennbar würde. Wo ein spezifischer Blick auf die Geschichte gerichtet wird, muss deutlich gemacht werden, dass auch nur eine spezifische Deutung der Geschichte erfolgen kann. Denn für Historiker ist es eine ganz zentrale Forderung ethischer Argumentation und moralischer Rechtfertigung ihrer Geschichtsdeutung, dass die „Offenheit der Geschichtskonstruktion […] transportiert“ wird und kein „autoritatives Bild, wie es wirklich war“ (Bösch 1999, S. 219). Darin unterscheiden sich weder ältere noch die Geschichtsdokumentationen, die gegenwärtig in der Regel mit der Autorität eines endgültigen, weil nicht hinterfragten Wahrheitsanspruch auftreten. Das muss als Maxime auch für die Darstellung historischer Ereig- nisse im Fernsehen gelten, denn in der moralischen Verantwortung für den Konstruktionsprozess zur Geschichte sind sich der wissenschaftliche Historiker, der ein Fachpublikum anspricht, und der journalistische Historiker, der ein Fernsehpublikum anspricht, hinreichend ähnlich: dass die Konstruktivität des geschichtlichen Blicks erkennbar ist, und dass diese Konstruktivität, dem Dis- positiv des jeweiligen Mediums entsprechend, auch dargestellt wird. In früheren Jahrzehnten, als das Fernsehen nur öffentlich-rechtlich organi- siert war, war aus Gründen der üblichen und eingefahrenen Präsentations- routinen eine Reflexion des eigenen Standorts in Geschichtsdokumentationen ausgeschlossen, erst recht scheint dies allerdings im Zeitalter verschärfter Medienkonkurrenz der Fall zu sein. Bisher stehen offensichtlich keine nach heutigen Erfordernissen und ästhetischen Präsentationskonzepten mediendrama- turgisch „unschädlichen“ Mittel zur Verfügung, dies dennoch zu ermöglichen (Bösch 1999, S. 220; Borries 2001, S. 223). Nimmt man die Kurzformel ernst, dass „Aufklärung Quote benötige“, dann benötigt sie aber auch Momente der Reflexion und Distanzierung. Momente einer solchen Verlangsamung und Distanzierung könnten, auch angesichts der auch als „Überwältigungsdrama- turgie“ (Zimmermann 2000, S. 60) bezeichneten Präsentationsformen der ZDF- Sendungen zur Zeitgeschichte, einen Beitrag dazu leisten, was im landläufigen Verständnis als „Aufklärung“ bezeichnet wird. Wer sich einer solchen morali- schen Forderung aus welchen Gründen auch immer verweigert, entscheidet sich dazu, das Marktmodell der Reichweite allein zum Maßstab zu machen, nach dem Geschichtsbilder in unserer Gesellschaft verkauft werden sollen. Wer sich einer solchen moralischen Forderung verweigert, verabschiedet sich von der kulturellen Codierung seines Geschichtsbildes, gleichgültig, was im Einzelnen an „Geschichte“ beim Zuschauer zufällig „hängen“ bleibt. Im Übrigen ist darauf hingewiesen worden, dass die personalisierende Be- trachtung im Einzelfall nicht ohne weitreichende geschichtspolitische Brisanz ist. Eine auf (insbesondere Führungs-)Personen konzentrierte Interpretation des Nationalsozialismus zum Beispiel leistet zweifellos nach diesem kritischen 69 Verständnis einer Interpretation der nationalsozialistischen Ära, ihrer Vor- geschichte und ihrer Nachwirkungen Vorschub, die die Verantwortung für die Verbrechen des „Dritten Reiches“ dem Führer und allenfalls einer eng um- grenzten Clique von ihm ergebenen Gefolgsleuten zuschreibt. Die deutsche Bevölkerung scheint in dieser Perspektive bloßes Opfer der Diktatur; es wird dann darauf verzichtet, den „völkischen“ Beitrag am Zustandekommen der Terrorherrschaft zu erklären (vgl. Aly 2005). Es wird dann auch darauf ver- zichtet, Mitwirkung und Versagen des Volkes anzusprechen, das zumindest darin bestand, die Nationalsozialisten an die Macht gebracht zu haben. In einer solchen aufs Führungspersonal konzentrierten Darstellung der Macht kommt ebenfalls nicht zu Sprache, dass ein viel größerer Personenkreis als der im Zentrum der zahlreichen Serien von „Hitlers Helfern“ stehende innere Kreis an den monströsen Verbrechen beteiligt war (Bösch 1999, S. 219 ff.). In gewisser Weise nehmen Zeitzeugen eine Zwitterstellung zwischen der sprachlichen und der bildlichen Ebene ein. Auch wenn das, was Zeitzeugen zu sagen haben, für den argumentativen Duktus der jeweiligen Produktion den Vorrang hat, so wird neben der Form und dem Inhalt der Erzählung auch das äußere Erscheinungsbild die Wahrnehmung ihres Zeugnisses beeinflussen (Fischer 2004, S. 522 f.). Was die Zeitzeugen zur Geschichtserzählung jeweils beitragen, kann sehr unterschiedlich sein. Sie können unabhängig von ihren persönlichen Erfahrungen und dann häufig in sehr allgemeinen Begriffen und Hinweisen über das berichten, was in jedem Geschichtsbuch nachzulesen ist. Aber selbst, wenn der Miterlebende auch über allgemeinere Sachverhalte spricht, erhält das Mitgeteilte für den Zuschauer ein höheres Maß an Glaub- würdigkeit und Authentizität (Bösch 1999, S. 214). Es ist sogar die These auf- gestellt worden, dass die Zeitzeugenaussage inzwischen das Authentizitäts- versprechen der Archivbilder zu ersetzen beginne (Keilbach 2002, S. 113). Diese These wird insbesondere dann bestätigt, wenn an die Stelle von Bildern nur noch die persönliche Betroffenheit durch Geschichte mitgeteilt wird. Wenn dem so ist, und wenn Zeitzeugen nicht einfach nur in die Rolle des Kommentators schlüpfen, dann ist es umso wichtiger, auch die Zeitzeugen- aussagen zu kontextualisieren. Mit anderen Worten: Da Zeitzeugen der Sache nach einen moralischen Rechtfertigungsdiskurs führen, muss ein Zuschauer immer wissen, wie er diesen Diskurs einzuordnen und zu verstehen hat, um sich selbst über die Logik dieses Rechtfertigungsdiskurses zu stellen. D. h. die aussagenden Personen sind selbst näher zu charakterisieren, ihre Nähe zum geschilderten Ereignis und auch der Zeitpunkt und die Umstände des Gesprächs sind kenntlich zu machen, um so erst dem Zuschauer die Chance einzuräumen, sich möglicherweise auch von der in dem Beitrag eingenommenen Perspektive zu distanzieren (Bösch 1999, S. 214 f.). So stiften in der Goebbels-Dokumenta- tion (SWR 2004) zwei nicht in ihrer lebensweltlichen Beziehung zu Goebbels und in ihrer Nähe zu ihm „erklärte“ Zeitzeugen, mit je unterschiedlicher, auf 70 jeden Fall aber positiver Einstellung zum rheinischen Propagandisten des Totalen Krieges, beträchtliche Verwirrung beim Betrachter, weil man nicht beurteilen kann, warum und relativ zu welchen Erfahrungen diese Zeitzeugen Goebbels einschätzen. Indem Zeitzeugenaussagen aus ihrem Zusammenhang heraus- gelöst werden, wird die Präsentation von Geschichte manipulativ. Indem der – unter Umständen notwendig zu kennende – gesamte biographische Hinter- grund ausgeklammert bleibt, der einem Betrachter hilft, Motive für die Äußerun- gen von Zeitzeugen zu verstehen, wird die Präsentation von Geschichte manipu- lativ. Indem so unklar bleibt, wie und aus welchen Gründen bestimmte Aussagen eines Zeugen gemacht werden, jetzt und hier, können solche fehlenden Informa- tionen einen Zeitzeugen schließlich vom Täter zum Opfer stilisieren (Keilbach 2003, S. 305 f.). Es ist nicht so ohne Weiteres möglich, Maßstäbe dafür zu entwickeln, Bilder in Fernsehdokumentationen historiographisch objektiv und präzise einzusetzen. Trotz der seit einigen Jahren intensivierten Auseinandersetzung der Geschichts- wissenschaft mit historischen Bildern konzentrieren sich diese Diskussionen auf das „Bild als Quelle“ (Jäger 2000, Burke 2003). Diese Diskussion wird nicht immer den Anforderungen gerecht, das Bild als vieldeutiges und oft un- bestimmtes Zeichen bzw. Zeichensystem zu verstehen und zu bestimmen. Das Nachdenken über die Bilder in der Historiographie setzt zudem zu einem Zeitpunkt ein, wo das historiographische Argumentieren mit Bildern fast völlig verschwunden ist (Knoch 2004). In diese Situation passt, dass sogar in der nicht geringen wissenschaftlichen Literatur zum Dokumentarfilm und seiner Geschichte eingehendere Untersuchungen dazu fehlen, auf welche Weise histo- risches Foto- und Filmmaterial in den Geschichtsdokumentationen eingesetzt wurde, wird und werden soll (Steinle 2005). Insofern werden hier nur unter Vorbehalt Thesen zur historiographischen „Funktion“ der Bilder in historischen Fernsehdokumentationen formuliert. Diese Thesen gehen aus von einem knappen historischen Rückblick und kriti- schen Beobachtungen zum Bildergebrauch insbesondere in zeitgeschichtlichen Dokumentationen zum Nationalsozialismus (Keilbach 2002, Keilbach 2004, Wiedenmann 2004, Heer 2004). Die Diskussion in der Fachliteratur macht deutlich, dass Ansprüche an inhaltliche Präzision und Objektivität beim Ge- brauch der Bilder in Geschichtsdokumentationen unter den gegenwärtigen Bedingungen nur bedingt sinnvoll behandelt werden können. Es ist keine originelle Feststellung, dass auch die Bilder und Filmsequenzen in Geschichtsdarstellungen nur selten oder nie kontextualisiert werden, dass also kaum jemals erklärt wird, wie der genaue mediale Ort der Entstehung und Verwendung eines Bildes ist, wer es aus welcher Absicht mit welchen Mitteln hergestellt hat, wodurch sich dieses Bild von anderen unterscheidet, oder auch nicht, usw. Auf der Sinn vermittelnden Sprachebene, dem Kommentar, wird in der Regel dem Zuschauer kein Angebot gemacht, das herbeifliegende Bild- 71 material mehr denn nur als visuelle Beigabe und Ornament zu verstehen. Mit dem Kommentar sind die Bilder normalerweise nur in lockerer Weise in Ver- bindung zu bringen. Obwohl die Bilder doch eigentlich im Zentrum einer visualisierenden Geschichtsvermittlung stehen müssten, deutet der Kommentar in der Regel die „korrespondierenden“ Bilder nicht und empfiehlt den Zu- schauern auch nicht, sie in ihrem „Eigenwert“ näher zu beobachten und zu berücksichtigen (Borries 2001, S. 221; Bösch 1999, S. 212 f.). Das hat nicht unerhebliche Folgen für die Rezeption. Dieser systematische Mangel im Um- gang mit den Bildern der Geschichte ist vermutlich Ursache dafür, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers und seine Kompetenz geschwächt werden, verbale und optische Informationen gleichzeitig zu verarbeiten. Dieser Verzicht auf eine medienkritische Kontextualisierung von Bildern in Geschichtssendun- gen des Fernsehens ist Ausdruck eines kulturellen Verlustes. Verloren gegangen ist nämlich die Fähigkeit, im visuellen Medium Fernsehen selbstreflexiv die Spur der Bilder anschaulich und sichtbar zu machen, eine Spur die man braucht, um „Geschichte“ in Bildern zu einem Geschichtsbild fügen zu können. Als das Fernsehen Ende der 50er Jahre begann, sich jenseits von Spielfilmen mit historischen Sujets und intensiver der direkten Vermittlung von Geschichte zuzuwenden, waren die tatsächlich vorhandenen Ansätze in der Historiographie längst verschüttet, Text und Bild bei der Vermittlung von Geschichte miteinan- der zu verbinden und dabei Bilder nicht nur weitgehend illustrativ zu ver- wenden, sondern in den argumentativen Zusammenhang des Textes zu inte- grieren (Österle 2004, Knoch 2005). Kein Wunder, dass sich auch das optische Medium selbst in Bezug auf den Einsatz von Bildern wenig innovativ verhielt. Stattdessen schrieb sich die Gattungsgeschichte der Geschichtsdarstellung erst einmal fort, nämlich als Praxis aus der Gutenberg-Galaxie. Das Modell war, Text und Bild wie im Buch zusammenzuführen, indem der gesprochene histo- riographische Text durch Illustrationen ergänzt wurde. Dieses Modell wurde angewandt, egal ob sich das Sujet einer Dokumentation vor der Entwicklung von Fotografie und Film ereignet hat oder danach, ob also Bilder zur Verfü- gung standen oder nicht. Nur hin und wieder wird in solchen Dokumenta- tionen direkt Bezug auf die Bilder genommen, wenn sie als originärer Beleg herangezogen werden können, etwa wenn eine zeitgenössische Zeichnung oder ein Gemälde eine nicht mehr vorhandene topographische Situation erläutert.m Bilder bebildern einen Ereigniszusammenhang nie so, als wären sie visuelle Protokolle der gerade geschilderten Umstände. Da gerade das aber „simuliert“ werden sollte, wurden in der Regel für Dokumentationen solche Bilder aus- gewählt, die mehr oder weniger eng mit dem im Kommentar Beschriebenen in Zusammenhang gebracht werden können. Für den Zuschauer stellte sich dann regelmäßig die Situation ein, dass ihm eine schnell vorbeiziehende Menge an visuellen Eindrücken zu deren Verarbeitung kaum Zeit ließ. Meist nahm er und wird er immer noch das dargebotene Bildangebot als „Teppich“ wahr- 72 nehmen, der für seine Rezeption des vorgestellten Sujets nur bedingt von Belang ist. Spektakuläre Bilder interessieren und beeindrucken. Wenn der Zuschauer aber nicht über den Entstehungszusammenhang der Bilder, über ihre Dokumen- tengeschichte und über die ihrer Perspektive zugrunde liegende Verwertungs- absicht informiert wird, führen ihn solche Bilder leicht in die Sensationalismus- Falle. Er erliegt dann wie „natürlich“ der Suggestionskraft von Schlüsselbildern (Peter Ludes). Auch wenn solche Bilder in einem engen Zusammenhang mit dem erzählten Ereignis stehen, handelt es sich eben nicht um eine protokollari- sche Aufzeichnung, sondern immer um eine aus einem spezifischen kommuni- kativen und medialen Zusammenhang heraus erstellte Visualisierung eines „Vorgangs“. Der Entstehungs- und Verwertungszusammenhang der Medien- bilder wirkt sich immer und meist unmittelbar auf die eingenommene Perspek- tive und die Tendenzen der „Aussage“ von Bildern aus. Das galt und gilt schon immer für Zeichnung und Malerei, das gilt trivialerweise auch für fotografierte Bilder und Bildfolgen in Filmen. Erst wenn dieser Kontext bekannt ist, kann das Bild angemessen interpretiert, eingeordnet, verstanden werden. Allerdings, würde sich eine Fernsehdokumentation uneingeschränkt auf Kontextualisierungen dieser Art einlassen, müsste der Erzählfluss ständig mit kürzeren oder längeren Ausführungen über die verwendeten Bilder und Bild- sequenzen unterbrochen werden. Es bedarf keiner großen Fantasie sich vorzu- stellen, dass es in einem TV-Beitrag von beschränkter Sendezeit dann normaler- weise nicht mehr zu einer konzisen Beschreibung der Ereignisse selbst käme. Ein solcher Sendebeitrag würde vielmehr zu einem mediengeschichtlichen Essay mutieren, der sich im Wesentlichen mit den Besonderheiten der bild- lichen Überlieferung zu diesem Thema beschäftigte bzw. dieses im Spiegel der vorhandenen Bilder präsentierte. Das kann nicht der übliche Weg der geschicht- lichen Darstellung im Fernsehen sein, auch wenn es von solchen Sendungen viel zu wenige gibt. Historiker und Medienwissenschaftler haben die Kon- textualisierung der Bilder in den Geschichtsdokumentation immer wieder ein- gefordert und auf einem sensibleren Umgang mit den Bilder bestanden, bei möglichen Vorbildern dann jedoch auf derart herausragende Produktionen ver- wiesen – z. B. auf „Shoah“ von Claude Lanzmann –, die soweit abseits des derzeitigen geschichtsdokumentarischen Mainstreams liegen, dass sie nicht als Paradigmen in den redaktionellen Fachkreisen ernsthaft diskutiert werden können. Medienkritisch betrachtet ist die Praxis, den eingesetzten Bilderfundus nicht zu kontextualisieren, darüber hinaus Ursache für eine gewisse Willkür. Beim Umgang mit dem visuellen Materialien führt dies in Dokumentationen aus der „vorfilmischen“ Zeit nämlich oft zu einem Potpourri an beliebigen Abbil- dungen, dann spielt es häufig keine Rolle, aus welcher Zeit die Malerei, die Lithographie, die Zeichnung usw. stammt. Die Hauptsache ist vielmehr, das 73 Bild trägt die Aura des Historischen. Es wird dann weder erklärt, dass wir beispielsweise bei einem Sujet aus dem Mittelalter nur auf Personendarstel- lungen rekurrieren können, die mit lebensnahen Porträts nichts zu tun haben, noch, dass wir deshalb auch keine Rückschlüsse auf individuelle Physiogno- mien vornehmen dürfen. Genauso problematisch ist die kommentarlose Ver- wendung des Historiengemäldes aus dem 19. Jahrhundert, das mehr über die damalige, etwa romantisierende Sicht der Zustände Auskunft gibt als eine Information über den abgebildeten Zeitraum zu vermitteln. Wenig hilfreich ist auch das Einschneiden von (Spiel-)Filmausschnitten, denn auch diese müssen kontextualisiert werden. Zwar weiß der Zuschauer mit Hilfe seiner Medien- kompetenz, dass es sich dabei um Fiktion und eine Nachbildung aus der Gegen- wart handelt, doch welche Differenzen bei einem Sujet aus dem Mittelalter zwischen „Alexander Newskij“ und einer Produktion zu einem vergleichbaren Sujet aus der Gegenwart liegen, muss nicht zum Allgemeinwissen gezählt werden. Auf die Rezeptionskonsequenzen, die eintreten, wenn kontextualisierende Erläuterungen fehlen, wenn Ausschnitte aus NS-Wochenschauen und Doku- mentarfilmen gezeigt werden, ist schon oft hingewiesen worden. Die den Bildsequenzen eingeschriebenen propagandistischen Absichten vermitteln ein falsches „Bild“ von der Wirklichkeit im NS-Staat. Dieser Staat wirkt zum Beispiel bei Aufmärschen und Umzügen durchaus chaotisch, wenn man nicht – wie üblich – die idealisierenden Aufnahmen von Leni Riefenstahl heran- zieht. Es bedarf eines speziellen Vorwissens über das „Dritte Reich“, um die in „Triumph des Willens“ vorgestellte, brillant inszenierte und visualisierte nahtlose Übereinstimmung zwischen Führer und Volk nicht für bare Münze zu nehmen. Solche NS-Produktionen erzielen – unkommentiert und nicht kon- textualisiert – durchaus noch heute ihre suggestive Wirkung. Das gilt vermut- lich für Sequenzen aus dem Parteitagsfilm Riefenstahls ebenso wie, in „Mein Kampf“ von Erwin Leiser, für die dynamischen Aufnahmen aus angreifenden „Stuka“-Bombern. Die Praxis der Geschichtsdokumentation trägt mit dazu bei, dass bei dem bedingt referentiellen Bildergebrauch sich die Bilder und Bildsequenzen ver- selbstständigen, vom historischen Ereigniszusammenhang lösen und zu Symbol- bildern und Ikonen des Medienzeitalters werden (Viehoff 2005a). Das gilt selbst für zahlreiche Aufnahmen von KZ-Häftlingen als den „Ikonen der Ver- nichtung“, aufgenommen in den Baracken des Konzentrationslagers Auschwitz nach der Befreiung (Wiedenmann 2004). Die ursprüngliche Aussageabsicht des angesichts eines Gewehrlaufs mit erhobenen Armen sich ängstlich er- gebenden kleinen Jungen im Warschauer Ghetto bestand darin, die Leistungen der SS bei der Niederschlagung des Ghetto-Aufstands zu dokumentieren. Daraus wurde eine – gewiss eindrucksvolle – zeitlose Ikone für die Grausamkeit und Inhumanität des NS-Regimes. Aber zu diesem Bild gehört auch das Wissen 74 um die ihm eingeschriebene eindeutige Täterperspektive und das Wissen darum, wie der Gebrauch dieses Fotos erst die heute wahrgenommene Opferperspek- tive ermöglicht hat (Hannig 1989, S. 12 ff.). Um es zusammenzufassen: Angesichts der geringen Referentialität der authentischen Bilder in historischen Dokumentationen kann über historio- graphische Objektivitätsansprüche an das jeweils gezeigte Material kaum sinn- voll gesprochen und diskutiert werden. Der parallel zu diesen Beobachtungen anhaltende Streit um die Legitimität des gezielten Einsatzes von Spielszenen in Dokumentationen kann angesichts dieser Sachlage nur unverständlich bleiben. Wenn es eingespielte und kaum mehr auffallende Praxis der Geschichtsdoku- mentation resp. ihrer Macher ist, dokumentarische Bilder relativ beliebig einzu- setzen, dann ist die Grenze zu rekonstruktiven Spielfilmhandlungen allemal unscharf. Wenn es Praxis ist, dass Fotografien, deren Verwendung sich vom Ereigniszusammenhang der ursprünglichen Bildentstehung und möglicher- weise auch -verbreitung gelöst hat, nur noch auf der visuellen Ebene einen beliebig einsetzbaren bildlichen Repräsentanten darstellen, dann können auch nachgespielte reale oder fiktive Handlungen in Geschichtssendungen mit guten Gründen eingefügt werden. Werden solche Handlungszusammenhänge sorg- fältig gestaltet, ist die Nähe zum geschilderten Ereignis größer als die einer sonst beliebig eingesetzten Aufnahme oder Filmsequenz, wenn sie nach den – möglicherweise vorhandenen oder eingesammelten – Quellen gestaltet ist. Unter Umständen kann die sorgfältig auf Basis verlässlicher schriftlicher Zeug- nisse erstellte und nachgespielte Szene besser über den historischen Zusammen- hang „informieren“ als irgendeine Kompilation. Wie erwähnt besteht ja gerade die Aufgabe der Geschichtsschreibung darin, mit Fantasie das für eine zu- sammenhängende Interpretation Fehlende zu ergänzen. Insofern ist über die Schlagzeile in der Medienbeilage von LE MONDE zu reflektieren, wo angesichts des Fehlens von Bildern bei einem brutalen Polizeieinsatz gegen algerische Demonstranten festgestellt wurde: „La fiction nous explique la réalité.“ (LE MONDE). Aus historiographischer Sicht kann und muss also ernsthaft über die Legitimität der fiktionalen Spielszenen in dokumentarischen Fernsehsendungen nachgedacht werden. Den wissenschaftlichen Historiographen muss das allemal leicht fallen, denn die narrative Durchdringung von Ereignissen in geschicht- lichen Handbüchern bietet da schon hinreichende Anknüpfungspunkte. Es war und ist ein Problem vor allem der zeitgeschichtlichen Dokumenta- tion, dass sie als geschlossene Einheit daherkommt, als auktorialer Vermittler historischer Wahrheit. Sie legt dann ihre Perspektive nicht offen, sie kontextua- lisiert dann nicht die benutzten Bilder, um ein bestimmtes Geschichtsbild zu entwerfen, sondern nur ein beliebiges. 75 4 Methodische Orientierungen und methodisches Vorgehen 4.1 Operationalisierung Die Besonderheit des Mediums Fernsehen, über spezifische Vermittlungs- strategien Anteilnahme und Betroffenheit beim Zuschauer zu erzeugen, gehe, so vermuten viele Historiker, zu Lasten übergeordneter historischer Zusammen- hänge und der Genauigkeit geschichtlicher Darstellungen. Kurz, die Kritik ist, dass die Visualisierung von Geschichte negative Effekte auf die inhaltliche Präzision geschichtlicher Darstellungen hat. Diese Kritik ist zu prüfen. Ebenfalls zu prüfen ist der zweite kritische Vorbehalt gegenüber histori- schen Darstellungen im Fernsehen. Die affektive Überformung von Informa- tionsangeboten bzw. deren Durchmischung mit Unterhaltungselementen ist in den letzten Jahren in fast allen Informationsangeboten der Fernsehsender be- obachtet worden. Im Zusammenhang der historischen Geschichtsdarstellung im Fernsehen ist dieser Trend als zunehmende Entgrenzung bzw. Mischung von Fakten und Fiktion zu unterhaltenden Zwecken kritisiert worden. Dabei steht die Vermutung im Hintergrund, dass ein solcher Trend die inhaltlichen Aussagen von historischen Dokumentationen negativ beeinflusst. Es versteht sich von selbst, dass diese Untersuchung nicht als Handlungs- anleitung für eine (einzig) „richtige“ Geschichtsdarstellung zu verstehen ist, das wäre ein Missverständnis. Es wird zwar im Folgenden auf empirischer Basis das Für und Wider bestimmter Darstellungsfragen erörtert, und es werden ästhetische und dramaturgische Konzepte analysiert und kritisiert, aber ins- gesamt kann diese Studie – relativ zu den in den ersten Kapitel dargelegten Positionen – nur tendenziell etwas über Angemessenheit oder Unangemessen- heit bestimmter Mittel aussagen. Die operationale Aufbereitung der LfM-Ausschreibung und der darin ent- haltenen konkreten Fragestellung orientiert sich an der Angebotsseite und dem skizzierten Produktionskontext von Geschichtssendungen. Im Ergebnis soll die Studie Aufschluss über Inhalte und Formen dieses Genres und über den Wandel von Genreelementen über einen Zeitraum von zehn Jahren geben. 77 Auf die detaillierte Operationalisierung des Auftrages soll hier nur kurz eingegangen werden, da dies an den entsprechenden Stellen ausführlicher ge- schieht. Um zu Aussagen über die programmliche Verortung der historischen Beiträge im Programmfluss der untersuchten Sender zu gelangen, wurden die programmstrukturellen Merkmale der historischen Sendungen erfasst, ebenso ihre jeweilige Produktionscharakteristik. Inhaltliche Variablen zu Themen und Epochen, sowie Fragen der Darstellung und Vermittlung wurden ebenfalls bereits auf der quantitativen Ebene erfasst (vgl. die Beschreibung der Analyse- kategorien/Quantitative Kategorien – Untersuchungsebene 1 im Anhang). Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung liegt in der Analyse der verwendeten ästhetischen Gestaltungsmittel (vgl. Beschreibung der Analysekategorien/Qua- litative Kategorien – Untersuchungsebene 2 im Anhang). Sie soll Aufschluss darüber geben, in welchem Umfang und womöglich auch mit welcher Funktion bestimmte ästhetische Gestaltungselemente Eingang in historische Sendungen finden, ob diese eher konventionell gehalten sind oder innovative Tendenzen zeigen, wobei z. B. die Verwendung von Animationen oder szenischen Rekon- struktionen als innovativ bewertet wird. Um Tendenzen zur Unterhaltungs- orientierung der historischen Dokumentation aufzeigen zu können, wird schließ- lich deren Infotainmentanteil ermittelt (vgl. 5.2.3 Infotainment-Tendenzen). Um mehr über den konkreten Produktionskontext der historischen Sendungen erfahren zu können, wurde ein Workshop als Expertenkolloquium veranstaltet, an dem Historiker und programmverantwortliche Redakteure teilnahmen und gemeinsam über das Segment Geschichte im Fernsehen diskutierten. Dieser Workshop ist in den relevanten Dimensionen der Selektions- und Darstellungs- entscheidungen von Redakteuren ausgewertet und in die Darstellung der Er- gebnisse integriert worden (vgl. 5.4.1 Workshop-Dokumentation). 4.2 Methodischer Ansatz 4.2.1 Untersuchungsdesign Das Projekt „Historische Ereignisse im Fernsehen“ widmet sich der Erfor- schung des Programmsegments Geschichtsvermittlung im Fernsehen mit dem Ziel, einen systematischen Zusammenhang zwischen dem Produktionsmilieu, der thematischen Angebotsstruktur und den medienästhetischen Formen der Präsentation von historischen Ereignissen im Fernsehen zu modellieren und zu beschreiben. Bisher fehlen gesicherte Untersuchungen über diesen Teil des Fernsehangebots sowie dessen thematische Breite und formale Gestaltung. Da das Genre der historischen Ereignisdarstellung im Fernsehen in den letzten Jahren zumindest in der öffentlichen Aufmerksamkeit und der öffentlichen Diskussion immer mehr Platz eingenommen hat, ist eine der Leitfragen des 78 Projektes, ob diese überdeutliche Präsenz der Historie auch tatsächlich im Programm der in der Bundesrepublik Deutschland ausgestrahlten Fernseh- programme ihre Entsprechung findet. 4.2.1.1 Bestimmung des Untersuchungsgegenstands Die Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen konkurriert mit der Dar- stellung historischer Ereignisse durch die Geschichtswissenschaft. Bei der Darstellung von Vergangenheit ist die Geschichtswissenschaft im Rahmen eines hypothetischen Realismus immer der Faktentreue verpflichtet. Voraus- setzung der Beschreibung von Ereignissen ist demnach, dass diese tatsächlich stattgefunden haben, und zwar unabhängig vom Beobachter. Diese Bindung an empirische Tatsächlichkeit, authentifiziert durch Indizien (Quellen und Zeug- nisse) und Zeugen ist bestimmendes Kriterium, um innerhalb der Geschichts- wissenschaften von einem historischen Ereignis zu reden. „Die Tatsächlichkeit, die Historizität eines Ereignisses, erfordert einen wirklichen Men- schen, der als Handelnder, Duldender oder Beobachter an ihm teilgenommen hat, und eine Begebenheit, die benennbar, lokalisierbar und datierbar ist. Für die Benennung von historischen Ereignissen verwenden wir zwei Kategorien von Prädikatoren. Es sind zum einen Allgemeinbegriffe wie: Krieg, Begegnung, Feuersbrunst, und zum anderen spezifische Indikatoren wie Personennamen, Orts- und Zeitangaben. Erst diese letzteren individualisierbaren ein Ereignis und verleihen der Aussage darüber historische Quali- tät.“ (Demandt 2003, S. 68) In den einführenden Abschnitten ist schon diskutiert worden, was unter wel- chen Bedingungen als ein historisches Ereignis anzusehen ist. Die damit ver- bundene Diskussion von Ereignis- und Strukturgeschichte, wie sie in den his- torischen Wissenschaften geführt wird (Lagny 2003, Suter und Hettling 2001), muss deshalb hier nicht weiter rekapituliert werden. Ansatzpunkt des methodi- schen Vorgehens ist vor diesem Diskussionshintergrund eine nominalistische Definition. Ein „Historisches Ereignis im Fernsehen“ ist hier dann gegeben, wenn festzustellen ist, dass im Titel oder in der Inhaltsangabe einer Fernseh- sendung ein expliziter Hinweis auf ein geschichtliches Ereignis, auf einen geschichtlichen Prozess oder auf eine/mehrere geschichtliche Person/en vor- kommt/en, und zwar so, dass die jeweilige Fernsehsendung eindeutig als „historisch“ im Fernsehen präsentiert und vermutlich auch rezipiert wird. Die explizite Ankündigung eines Beitrags als historische Sendung verweist eindeutig auf eine intendierte Differenzierung im Programmfluss und eine schnelle Identifizierung einer bestimmten Sendung – hier der historischen – durch den Zuschauer. Eine als „historisch“ spezifisch markierte Sendung wird also nach unserer Annahme aufgrund dieser nominalistischen Markierung auch vom Zuschauer bewusst identifiziert und kann von ihm bewusst aus- 79 gewählt werden, ob anhand einer Programmzeitschrift oder aufgrund eines allgemeinen Genrewissens beim Zappen. Systematisch wird also davon aus- gegangen, dass das Fernsehsystem die Auszeichnung „historische Sendung“ so deutlich macht (immer da, wo es sich um eine historische Sendung handelt), dass die Frage nach dem zugrunde liegenden historischen Ereignis selbst nicht gestellt und auch nicht beantwortet werden muss. Entsprechend und ergänzend zu diesem nominalistischen Selektionsprinzip wurden zudem nur die Beiträge im Fernsehprogramm berücksichtigt, die eine Mindestdauer von 15 Minuten1 hatten. Nun ist das Fernsehen bekanntlich trotz aller historischen Sendungen ein tagesaktuelles Medium der Information, das Nachrichten über Ereignisse der Welt sortiert und präsentiert. Die „Tagesschau“ zeigt ihrem eigenen Anspruch nach tagesaktuelle Nachrichten. Gleichzeitig ist es aber ohne Zweifel so, dass der von der „Tagesschau“ tagein, tagaus weiter geknüpfte Nachrichtenteppich bestimmte Ereignisse aus dem „weißen Rauschen“ der Ereignisse der Welt herausgreift und so auszeichnet, dass sie in den Mechanismus der Reproduk- tion von Fernsehnachrichten geraten (vgl. Viehoff 2003). Irgendwann werden auch tagesaktuelle Nachrichten über tagesaktuelle Ereignisse danach zu beur- teilen sein, ob die Ereignisse als historische verstanden und bezeichnet werden sollen. Zu diesem grundsätzlichen Problem der Abgrenzung zwischen Ereig- nissen, die als historisch eingestuft werden, und aktuellen Ereignissen der Zeit- geschichte, hat es im Rahmen empirischer Untersuchungen unterschiedliche Lösungsvorschläge gegeben. Um die Zeitgeschichte von der Gegenwart zu unterscheiden, geht Quandt (1991) ganz pragmatisch vor. Er bestimmt den Messzeitpunkt seiner Unter- suchung und von diesem Augenblick aus geht er fünf Jahre zurück. Das auf diese Weise gewonnene Intervall definiert er als (noch) nicht zur Historie gehörend und schließt es vollständig aus seiner Untersuchung aus. Bodo von Borries (1983) betrachtet Ereignisse, die vor dem Jahr 1969 stattgefunden haben, als historisch. Er gesteht eine gewisse Willkür dieser Einteilung durch- aus ein, sieht aber für dieses Problem allemal nur pragmatische Entscheidungs- möglichkeiten, neben rein chronologisch-sequenzierenden eben auch solche, die eine gewisse historische Konstruktrelevanz besitzen (eben 1969 als Schwel- lenjahr). Neben solchen Lösungsvorschlägen ist besonders der bei Fischer (2004) zu findende medienbezogene Ansatz interessant. Fischer bezieht sich auf Praktiker aus dem Fernsehen und den Printmedien, die den Ereignisbegriff absteigend nach seinem Neuigkeitswert bis hin zur Geschichte ordnen. Innerhalb der 80 1 Auf Grund dieser Einschränkung blieben z. B. folgende Sendungen unberücksichtigt: „ZEN – Unterwegs nach Santiago de Compostela“, fünfminütig im BR, und der zehnminütige Film „Das Mädchen, das Stalin geküsst hat“ (BR 26. 11. 1995). ersten 24 Stunden nach dem Eintreten eines ereignishaften Geschehens ist es eine „Neuigkeit“, eine „story“, nicht (schon) „history“2. Mit fortschreitendem Zeithorizont, der zwischen zehn und 15 Tagen nach Eintreten variiert, verliert das Ereignis an aktuellem Nachrichtenwert, damit an spontanem Interesse und Aufmerksamkeit der Zuschauer – und wird zur Geschichte.3 Dieses Problem muss hier nicht grundsätzlich, sondern nur methodisch gelöst werden, deshalb gilt der nominalistische Ansatz zur Bestimmung des Gegenstandsbereichs. Die bei Fischer versammelten Definitionsvorschläge zum Ereignisbegriff haben eine überzeugende Nähe zu den in dieser Studie erhobenen empirischen Daten, so dass ebenfalls davon ausgegangen wird, dass mit fortschreitendem Zeit- horizont Ereignisse durch das Fernsehen historisiert werden. „Die implizite Vorstellung, dass sich Geschichte jederzeit und überall ereignen kann, wird dadurch unterstrichen, dass im Fernsehen heute etwas als Geschichte präsentiert wird, das gestern noch ein aktuelles Ereignis war. Diese neue Form von Geschichts- bewusstsein, die von der medialen Simultaneität geprägt ist, unterscheidet sich grund- sätzlich von einem Geschichtsverständnis, das eine ferne Vergangenheit in den Blick nimmt, die es retrospektiv mühsam zu rekonstruieren gilt: […].“ (Hohenberger und Keilbach 2003, S. 16) 4.2.2 Arbeitsmittel Basis für die Erhebung historischer Sendungen sind in dieser Studie die Pro- grammfahnen4 der Programminformationsdatenbank im Deutschen Rundfunk- archiv5 (PIDB). Die Aufnahme der Daten erfolgt rückwärts beginnend mit 81 2 Lt. der Betreiber des History Channels, zit. nach Fischer (2004). 3 Roger de Weck, Chefredakteur der Schweizer Tageszeitung, und Michael Jeismann, Redakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, zit. nach Fischer (2004). 4 Dieses Vorgehen betreibt auch die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung), die von der AGF (Arbeits- gemeinschaft Fernsehforschung) mit der Zuschauerforschung beauftragt ist. Die von der AGF und der GfK gemeinsam durchgeführte Spartencodierung des Vollprogramms erhebt nur formale und keine qualitativen Kriterien der Sendungen mit dem Ziel einer Kombination der Programmangebote mit der Nutzung der Sparten (vgl. Frank und Gerhard 1993). Im Gegensatz dazu erfolgt die Vercodung durch das IFEM-Institut in Köln auf Basis des aufgezeichneten Filmmaterials. 5 Zugang zum Rundfunkarchiv gewährte der MDR Halle im Rahmen einer Projektkooperation. Die Deutsche Mailbox GmbH, Saarlouis (dmb) speichert seit Beginn der 90er Jahre die von den Rundfunkanstalten bereit- gestellten Programminformationen in Form von textbasierten Programmfahnen. Das DRA übernimmt seit Mitte der 90er Jahre diese Daten in das ZHD-Fernsehprogramm, eine ZUN-Datenbank. Die aktuellen Informa- tionen werden zwei bis drei Wochen nach Ablauf einer Woche in ZHD eingespeist. Diese Fernsehprogramm- daten bilden, bis Ende des Jahres 2000, das für die Ausstrahlung geplante Programm ab, wie es sich den Programmfahnen entnehmen lässt, die von den Anbietern einige Wochen im Voraus veröffentlicht wurden und enthält keine späteren Programmänderungen. Die ZHD-Fernsehprogrammdaten ab 2001 schließen zusätz- lich Änderungen noch vom Ausstrahlungstag selbst mit ein. Abschließend ist jedoch anzumerken, dass die Zuverlässigkeit der Angaben nicht mit der eines Sendeprotokolls über das tatsächliche Sendegeschehen zu vergleichen ist (vgl. Dethlefs und Friebel 2003). dem Jahr 2003. Ergänzend zu der Arbeit mit der PIDB6 ist die Fernsehzeit- schrift HÖRZU hinzugezogen worden7, weil bei alleinigem Rückgriff auf die PIDB Fehler aufgetreten sind und deshalb Sendungen übersehen werden konn- ten, die nach dem Selektionskriterium mit zu erfassen waren. Eine ähnliche Er- fahrung, jedoch im Zusammenhang mit Zeitschriften, hat auch Klein berichtet: „Beim Studieren der Programmzeitschriften wurde deutlich, wie verhältnismäßig gering die Zahl der Beiträge ist, die man auf den ersten Blick eindeutig als geschichtliche erkennt. Dabei sei angemerkt, dass sich die Autorin zunächst nur auf die entsprechenden Titel mit den z. T. angefügten Kommentaren verlassen musste. Nicht selten erwies sich der dazugehörige Beitrag auf dem Bildschirm als Überraschung, sei es, dass er der Ankündigung nicht gerecht wurde, oder aber, dass gar mancher ‚ungeschichtliche‘ Titel sich als respektable historische Recherche entfaltete.“ (Klein 1989, S. 64) Wilke stützt sich in seiner Untersuchung ebenfalls auf die in den Programm- zeitschriften enthaltenen Ankündigungen und stellt fest, dass man dabei „nicht immer […] aufgrund des Titels zuverlässig auf den tatsächlichen Inhalt einer Sendung“ (Wilke 1999, S. 261) schließen kann. Die hier praktizierte, allerdings aufwendigere Vorgehensweise vermeidet diese methodischen Mängel. Durch das parallele Vorgehen ist sichergestellt, dass alle Sendungen, denen im wei- testen Sinn eine Vermittlung historischen Wissens zugeschrieben werden kann, Eingang in die Untersuchung finden. 4.2.3 Probleme der Quellen und der Datenrekonstruktion Während der Recherche in der PIDB ist festgestellt worden, dass die Bestände für das Jahr 1995 lückenhaft sind. Für einzelne Sender fehlen zum Teil ganze Wochen, das bedeutet für diese Untersuchung, dass diese Sender nicht doku- mentiert sind. Kompensiert wurde der drohende Verlust der Sendungen, indem die Angaben anhand der HÖRZU8 ergänzend aufgenommen wurden. Diese 82 6 Die Einspeisung in das System erfolgt als formale Überführung der von den Anbietern bereitgestellten Programminformationen in Textform in ein Datenbankformat, ohne Normierungen und Ergänzungen. An diesem Punkt stellt sich dann auch die Frage nach der Qualität und Güte der Daten. „Macht es Sinn, seine Codierentscheidungen von dem elektronisch zugänglichen Indexat des Fernseharchivs abhängig zu machen, welches primär die Wiederverwertbarkeit des ‚Programmvermögens‘ einer Rundfunkanstalt im Auge hat und deshalb seine Dokumentation zum Teil aus Ebenen nährt, die weit unter der ‚oberflächlichen‘ Sicht des Normalzuschauers liegen: wie etwa derjenigen besonderer Kameraperspektiven, Schnittfolgen oder zeit- historisch interessanter Hintergrundsujets einer oberflächlich gar nicht interessierenden Szene? Es hängt gewissermaßen von der ‚Philosophie‘ eines Senders ab, beziehungsweise von derjenigen seiner Redaktionen, seiner Pressestelle, seinem Fernseharchiv oder seiner Sendeleitung, was er wie dokumentiert beziehungsweise codiert und damit mehr oder weniger öffentlich zugänglich gemacht haben möchte. […] Eine ‚richtige‘ Codierung kann es angesichts dieser vielfältigen Brechungsmomente kaum geben.“ (Buscher 1998, S. 845 f.).n 7 Merten (1996) hat bei einem Vergleich zwischen den Ankündigungen in der Fernsehzeitschrift und der tatsächlichen Ausstrahlung der Sendungen nur geringe, vernachlässigbare Unterschiede finden können. 8 Diese Angaben umfassen selten mehr als den Titel, die Sendezeit, die Umgebungssendungen und manchmal das Genre. nachgeschaltete Recherche hat neben dem reinen Informationsgewinn, wie er sich für 2003 darstellt, insbesondere für das Jahr 1995 zur Verifizierung der Aufnahme von Sendungen in das Untersuchungskorpus9 gedient, da bei einigen Sendungen ein geschichtlicher Bezug zunächst nur unterstellt, nicht aber mit Sicherheit etwas über den geschichtlichen Inhalt ausgesagt werden konnte.10 Erschwerend für das Jahr 1995 ist vereinzelt der Umstand hinzu gekommen, dass auch der Fernsehzeitschrift keine Daten zu entnehmen waren, das heißt, dass z. B. der Sender nicht aufgeführt war und deshalb eine eindeutige Zuord- nung nicht möglich erschien. 4.3 Systematik der Programmbeobachtung – Bestimmung der Untersuchungskorpora Die programmanalytische Untersuchung des Geschichtsangebots im Fernsehen umfasst bei dieser Studie einen Zeitraum von nahezu zehn Jahren. Untersucht wird das Geschichtsangebot der öffentlich-rechtlichen Haupt-11 und dritten ARD-Programme12 sowie das der Kulturkanäle 3sat und ARTE und das der privat-kommerziellen Anbieter13 in den Jahren 1995, 1999 und 2003. Nicht berücksichtigt sind Angebote, die nur in einem Teil des Sendegebiets aus- gestrahlt wurden.14 4.3.1 Bestimmung der Stichprobe Da eine Vollerhebung auch nur allein des Geschichtsangebots in den drei aus- gewählten Referenzjahren zu umfangreich für eine Analyse ist, sind Stich- proben gebildet worden, die sich an den Größenordnungen der programm- analytischen Gesamterhebungen orientieren, wie sie seit Jahren in der Bundesrepublik durchgeführt werden. Der Untersuchungszeitraum für eine Vollerhebung des Jahres 2003 wie für die Vergleichsuntersuchung 1999 und 1995 ist eingeschränkt auf jeweils vier Wochen. Die Ergebnisse aus diesen vier ausgewählten Programmwochen werden zu Tendenzaussagen verallgemeinert, 83 9 „Der lange Abschied von Chemnitz“ B1 und MDR 27. 06. 1995. Durch Stichwortsuche konnte die Sendung als Geschichte beinhaltend bestätigt werden, auch wenn dies nicht eindeutig vom Titel her erschlossen werden kann. 10 Andererseits weiß der Zuschauer in diesem Falle ja auch nicht, was ihn erwartet und kann nur eine Vermu- tung über einen möglichen historischen Hintergrund anstellen. Die Sendungen, die im Forschungsinteresse liegen, sind eindeutig – durch den (Unter-)Titel oder den Sendeplatz für Geschichte – identifiziert. 11 ARD, ZDF. 12 BR, HR, MDR, NDR, SWR, WDR, Sender Freies Berlin (SFB/B1/RBB Berlin), ORB/RBB Brandenburg. 13 RTL, Sat.1, ProSieben, VOX. 14 Bspw. „Schätze des Landes“ SWR (15. 03., 19. 07. und 25. 10. 2003), ausgestrahlt nur im Verbreitungsgebiet Baden-Württemberg. die entsprechend auf das Geschichtsprogramm des ganzen Jahres (respektive den Jahresvergleich) übertragen werden. Über die methodischen und sachlichen Vor- und Nachteile dieser Art der Stichprobenziehung gehen die Ansichten weit auseinander.15 Wir haben uns für die vier repräsentativen Wochen der Jahre 1995, 1999 und 200316 ent- schieden, wie sie durch das Institut für Empirische Medienforschung in Köln (IFEM) festgelegt werden und der kontinuierlichen ARD/ZDF-Fernsehpro- grammanalyse zugrunde liegen. Auch Krüger (1992) räumt ein, dass es sich bei der Bestimmung der natürlichen Wochen um keine repräsentative Zufalls- auswahl handelt, sondern um eine bewusste Festlegung. Maßgabe bei der Er- mittlung ist, dass die Zeiträume nicht in die Sommerzeit fallen, keine Feiertage und keine besonderen (Groß-)Ereignisse enthalten. „Durch die Verteilung der Wochen über das ganze Jahr wird weitgehend vermieden, dass sich ein herausragendes Ereignis verzerrend auf die Untersuchungsergebnisse aus- wirken kann.“ (Krüger 1996, S. 362) Schubert und Stiehler (2002a) diskutieren die Frage, ob es ein theoretisches Konstrukt wie die „natürlichen“ oder repräsentativen Wochen überhaupt geben könne, da das Programm Schwankungen unterliege und es zu (kurzfristigen) Änderungen im Sendeablauf kommen kann, die sich verzerrend auswirken können.17 Auf eine weiterführende Diskussion der Repräsentativität der aus- gewählten Wochen muss an dieser Stelle verzichtet werden. Unter Berücksichti- gung möglicher Einwände gegen die ausgewählte Vorgehensweise wird hier aber doch pragmatisch unterstellt, dass angesichts seiner sonstigen Verbreitung und Nutzung in der medienwissenschaftlichen Forschung diesem Verfahren ein gewisses Maß an Angemessenheit und Akzeptanz zugebilligt wird. 4.3.2 Systematik der zeitlichen Auswahl Für die Wahl der drei Jahre 1995, 1999 und 2003 bei der Zeitreihenanalyse sprechen verschiedene Gründe. Das Jahr 1995 markiert den Beginn der Aus- strahlung von Geschichtssendungen „neuen Stils“ durch die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte unter der Leitung von Guido Knopp. Beispielhaft hierfür sind 84 15 So etwa über die Auswahl einer „natürlichen“ Woche als Bestimmung einer zusammenhängenden Woche in einem Quartal. Die Programmtage von so genannten „künstlichen“ Wochen streuen über einen definierten Zeitraum. Beide Verfahren haben den Nachteil, dass hier nicht das Zufallsprinzip zum Tragen kommt (vgl. Schubert und Stiehler 2004). 16 1995: 14. (03.04–09. 04.), 26. (26. 06.–02. 07.), 37. (11. 09.–17. 09.), 47. (20. 11.–26. 11.) Woche. 1999: 12. (22. 03.–28. 03.), 25. (21. 06.–27. 06.), 38. (20. 09.–26. 09.), 49. (06. 12.–12. 12.) Woche. 2003: 11. (10. 03.–16. 03.), 29. (14. 07.–20. 07.), 43. (20. 10.–26. 10.), 48. (24. 11.–30. 11.) Woche. 17 Im Jahr 1996 fiel in eine der vier Wochen die Berichterstattung zu den Europäischen Fußballmeisterschaften (vgl. Weiss 1998). „Hitler – Eine Bilanz“ und „Hitlers Helfer“ zu nennen, in deren Folge zahl- reiche weitere vergleichbare Sendereihen entstanden sind. Im Zusammenhang mit dem Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwechsel 2000 ist im Vorfeld des Ereignisses, also 1999, aus programmhistorischen Erfahrungen heraus eine Zunahme an historischen Sendungen im Fernsehen zu erwarten gewesen. Zudem bot das Jahr 1999 weiteren Anlass für zahlreiche Rückblicke auf die in erster Linie deutsche Geschichte. Neben dem 50. Jahrestag der Grün- dung der BRD jährte sich 1999 die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen zum zehnten Mal, so dass sich auch auf der Basis einer Jahrestag bezogenen Ausstrahlung von Sendungen (Witz 1999) die Wahl des Jahres als besonders geeignet darstellt. Das Jahr 2003 ist deshalb ausgewählt worden, um möglichst zeitnah die aktuelle Situation der Geschichtssendung im Fernsehen untersuchen zu können. Aus arbeitstechnischen Gründen ist darauf verzichtet worden, Fern- sehsendungen in die empirische Programmanalyse aufzunehmen, die während der laufenden Projektarbeit ausgestrahlt worden sind (2004 und 2005), auch wenn dadurch eine noch größere Nähe zu tagesaktuellen Diskussionen über historische Ereignisse im Fernsehen – etwa in den Feuilletons der überregio- nalen Zeitungen – möglich gewesen wäre. Es wird hier systematisch unterstellt, dass durch unsere Auswahl und den damit verbundenen Zeitreihenaspekt repräsentative Aussagen für die ausge- wählten Untersuchungsjahre und für die damit umschlossene Periode der letzten zehn Jahre möglich sind, besonders in Bezug auf formal-quantitative und ästhetisch-qualitative Genremerkmale, ihren Wandel und ihre Ausdifferenzie- rung. Ein besonderes Augenmerk wird dabei den so genannten Gattungsmisch- oder Hybridformen (beispielsweise den Doku-Dramen) geschenkt. Ausgangs- punkt ist die ungerichtete Vermutung, dass es aktuell einen Trend weg von klassischen, Geschichte repräsentierenden Kompilationssendungen hin zu ande- ren alternativen und ästhetisch innovativen Formen der Geschichtsdarstellung gibt. 4.3.2.1 Untersuchungsgegenstand: Das Jahr 2003 gesamt Nach unserer Ansicht hätten wir die wissenschaftliche Argumentationsbasis erheblich verkürzt, wenn wir mit Blick auf die Idee des Untersuchungsauftrages nicht wenigstens für ein Jahr einen allgemeinen Überblick über alle Sendun- gen gegeben hätten, in denen Geschichte, eben „Historische Ereignisse im Fernsehen“, dargestellt und verbreitet werden. Für die Auswahl des Jahres 2003 – statt 1999 oder 1995 – spricht die Überlegung, diesen vollständigen Überblick möglichst dicht an die Gegenwart heranzuführen und damit eine Aussage über den augenblicklichen Stand der Programmentwicklung machen zu können. 85 Der Aufnahme und Analyse der Daten für das Jahr 2003 liegt entsprechend ein weites Verständnis von geschichtlichen Sendungen zugrunde. Das heißt, es sind alle Sendungen aufgenommen worden, die in irgendeiner Weise ein Ge- schichtsthema berühren. Die Aufnahme erfolgt unabhängig davon: – auf welchem Sendeplatz die Sendungen platziert sind, – zu welcher Uhrzeit sie ausgestrahlt werden18, – welchem Genre sie zuzurechnen sind.19 Unter diesen Bedingungen ist eine Vielzahl von Sendungen identifiziert wor- den, die mehr oder weniger als „historisch“ zu bezeichnende Inhalte haben. Einen Einblick in die Breite und Varianz der Themen gibt die folgende – eher willkürliche und gerade deshalb beispielhafte – Aufzählung: – Technikgeschichte: „150 Jahre Schifffahrt am Wörthersee“ (3sat 26. 10. 2003) – (Natur-)Wissenschaft: „Spurensuche in Bayern/Plattenkalk und Urvogel“ (HR 27. 11. 2003) bzw. „Wie aus Affen Menschen wurden/Das Kind von Tauung“ (MDR 17. 05. 2003) – geographische und kunstgeschichtliche Reisebeschreibungen20 (ausgenom- men waren so genannte Kochsendungen, die sich an kulturell interessanten bzw. historischen Orten orientieren21) – Musikgeschichte: „Vladimir Horowitz – A Reminiscence“ (ARTE, 21. 10. 2003); „Geschichte des Rock“ (HR 14. 03. 2003) und zwei Folgen der Reihe „Get up, Stand up!/Die Geschichte von Pop und Politik (6)“ (ARTE 29. 11. 2003) und mehrere Folgen der Reihe „Ein Jahrhundert Jazz“, die im dritten Programm des ORB 2003 ausgestrahlt wurde – Milieu und Zeitgeist: „Mode, Stars und Hits von Gestern“ (3sat 24. 10. 2003); „Beschreibung eines Sommers“ (ORB 25. 11. 2003) – Architektur- bzw. an Bauwerken orientierte Kunstgeschichte: „Donauklöster“ (3sat 19. 07. 2003); „Dome“ (HR 12. 03. 2003); „Faszination und Gewalt / Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände“ (BR 16. 07. 2003) – der klassischen Dokumentation entsprechende Darstellungen: „Geschichte der CIA“ (ARTE 22. 10. 2003) oder „Hitlers braune Bataillone/Der Nieder- gang der SA (2/2)“ (ORB 30. 11. 2003) 86 18 Sendeplatz und Uhrzeit stellen bei dem Vergleich aller drei Jahre Ausschlusskriterien bei der Fokussierung auf den Hauptgegenstand der Untersuchung der historischen Dokumentation dar. 19 Mit der Berücksichtigung von Diskussionen wurde den Empfehlungen des Auftraggebers entsprochen. 20 In „Reisewege zur Kunst /Die Isle of Man“ (HR 26. 10. 2003) wird beispielsweise die Insel porträtiert mit dem Besuch imposanter Burgen und Gräbern aus der Bronzezeit. 21 „Schlemmerreise Südtirol“ (BR; auf dem Sendeplatz „Kulinarisch Reisen“), „Schlemmerreise Deutschland“ (BR), „Schlemmerreise Frankreich/Österreich“ (WDR), „Schlemmerreise Italien/Schweiz/Frankreich“ (NDR,), „Schlemmerreise Frankreich/Europa“ (3sat), „Reisezeit – Rhein kulinarisch“ (NDR), „Eine Weinreise durch das Nordburgenland“ (3sat), „Köstliches Italien“ (3sat), „Zu Tisch in …“ (SWR, ARTE), „Rhein kulinarisch“ (WDR, MDR), „Fürstlich speisen“ (WDR), „Köstliches Deutschland“ (WDR). – historische Überblickdarstellungen von Regionen: „Geschichte Bayerns“ (BR 15. 03. 2003, 3sat 25. 11. 2003), „Geschichte Mitteldeutschlands“ (3sat 12. 03. 2003, MDR am 30. 11. 2003) In diese Aufzählung gehören auch Reihen wie „100 Deutsche Jahre“ (Erst- ausstrahlung 1999, Wiederholung der gesamten Staffel 2003), „Rückblende“ und „Vor 30 Jahren“. Aus solchen Reihen sind alle Folgen22 berücksichtigt, soweit sie in den vier repräsentativen Wochen des Jahres 2003 ausgestrahlt worden sind, weil in ihnen durchgängig bzw. überwiegend Geschichte themati- siert wird. Ebenso finden alle Folgen der Reihen „Bilderbuch Deutschland“, „Schätze der Welt – Erbe der Menschheit“ und „Discovery – die Welt ent- decken“ Aufnahme in das Untersuchungskorpus für das Jahr 2003. Im Unter- schied zu den aufgeführten Sendungen und Sendereihen gibt es unter den Letzteren auch solche mit einem – unter historischem Blickwinkel – hetero- genen Charakter wie z. B. „Albatros“23 und „Abenteuer Erde“. Hier sind nur die Sendungen aufgenommen, die erkennbar ein überwiegend historisches Thema zum Gegenstand haben.24 Für den Gesamtüberblick des Jahres 2003 sind fiktionale Darstellungen historischer Themen ausdrücklich mit aufgenommen worden. Neben dem Voll- ständigkeitsargument liefern diese fiktionalen Sendungen Hinweise darauf, wie im Themenspektrum der Darstellung historischer Ereignisse unterhaltsame Gestaltungselemente solche der Information überlagern und so etwas wie histo- risches „Infotainment“ prägen. Der generelle Unterhaltungsaspekt ist unter anderem aus der fiktionalen Präsentationsform ableitbar, auch wenn „Fiktion“ damit nicht von vornherein jede Wissen und Bildung vermittelnde Funktion abgesprochen werden soll. „Im Zeitalter des ‚Pluralismus‘ ist es schwer zu entscheiden, was ‚Information‘ sein soll oder darf. Der klassische Informationsbegriff, der von öffentlich-rechtlicher Seite ver- treten wurde, ist unausgesprochen mit einer strengen Relevanzentscheidung verbunden. ‚Infotainment‘ ist das Schlagwort, mit dessen Hilfe auch in einer breiteren Öffentlich- keit versucht wird, den klassischen Informationsbegriff zu sprengen. Vorgeblich geschieht dies, weil das öffentliche Interesse an ‚harter‘ Information verloren gegangen sei – auch hier ist wieder zu fragen, inwiefern das Medium ‚Fernsehen‘ an diesem Punkt einem 87 22 Bis auf „Vor 30 Jahren/Musik als Beruf“ (3sat 16. 03. 2003) – es geht um den künstlerischen Nachwuchs – und „Vor 30 Jahren/ Wohngruppe Wimmelstraße“ (3sat 26. 10. 2003) – eine Wohngemeinschaft Körper- behinderter – sind alle Filme dieser Reihe aufgenommen. 23 Die zweiteilige Sendung „Albatros Brasilien/Deutsche Einwanderer in Brasilien (2/2)“ (HR 14. 07. 2003).m 24 Beispielsweise Sendungen aus der Reihe: „Sphinx“ (Erstausstrahlung im ZDF 26. 09. 1999, ARTE 19. 07. 2003), „Terra X“ (Erstausstrahlung im ZDF 26. 11. 1995, ARTE 29. 11. 2003) sowie „Wunder der Erde“. Diese Reihen behandeln nicht durchgängig historische Begebenheiten, kommen also nur mit gegebenenfalls histori- schen Einzelsendungen vor. In der multithematischen Reihe „Zwischen Spessart und Karwendel“ werden jeweils mehrere Themen bearbeitet, neben anderen Themen auch historische, die dann berücksichtigt worden sind, wie zum Beispiel „Autist auf dem Königsthron? – Neue Erkenntnisse zu Ludwig II.“ (BR 29. 11. 2003).n Bedürfnis in der Bevölkerung nachkommt oder vielmehr dieses erst durch sein Angebot schafft.“ (Buscher 1998, S. 848) Aufnahmekriterium für solche fiktionalen Filme ist der ausdrückliche Bezug zu einem tatsächlich stattgefundenen historischen Ereignis oder einer realen historischen Person, die tatsächlich gelebt hat.25 Insgesamt reicht das geschicht- liche Angebotsspektrum von dem mehr an der Unterhaltung orientierten Geschichtsfilm – Namen und Fakten dienen der reinen Illustration der ein- gebetteten Erzählung26 – bis zu problemorientierten historisch bezogenen Ins- zenierungen und Auseinandersetzungen mit speziellen historischen Stoffen und Themen.27 Mit dieser sehr weiten Sicht auf den Geschichts- bzw. Ereignisbegriff soll ein vollständiger Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten von Geschichts- aufbereitung im Fernsehen gegeben werden. Die Formen, in denen Historie dem Zuschauer im untersuchten Zeitraum im Fernsehen begegnet, reichen also von einer explizit als „Geschichte“ ausgewiesenen Sendung bis zur Geschichte als Exkurs innerhalb einer Reisebeschreibung. Auf dieser ersten Ebene der Gesamterfassung historischer Präsenz im Fernsehen ist darauf verzichtet wor- den, bereits Grenzüberschreitungen von Genrekonventionen zu untersuchen. Dies kann erst sinnvoll bei der Sichtung von Filmmaterial mit Blick auf ästheti- sche Gestaltungsmerkmale erfolgen.28 88 25 Deutschland 1933 in „Viehjud Levi“ (ARTE 16. 03. 2003), Jacqueline Kennedy Onassis in „Das Schicksal der Jackie O.“ (ARD 29. 11. 2003). Über Heimkehrer aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg in „Sommersby“ (Sat.1 20. 07. 2003) und der Vietnamkrieg in „Platoon“ (ProSieben 28. 11. 2003). „Das letzte Kommando“ (BR 25. 10. 2003) und „Apache“ (BR 15. 03. 2003) thematisieren den Häuptling Geronimo und damit eine authentische Person. 26 Folgende Filme stellen Beschreibungen einer Epoche oder eines Milieus dar und haben „kostümierenden“ Charakter: Das Historienabenteuer: „Der Graf und die drei Musketiere“ (ORB 15. 03. 2003); Stichworte aus dem Inhalt sind: König Ludwig XIV und König Karl; der Stummfilm „Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna“ (ARTE 14. 03. 2003), der in der Zeit am Zarenhof spielt; Monumentalfilme: „Äneas – Held von Troja“ (MDR 18. 07. 2003), „Held der Gladiatoren“ (RTL 26. 10. 2003), „Die sieben Gladiatoren“ (ZDF 25. 10. 2003), „Last Run – in den Fängen des Verrats“ (VOX 14. 03. 2003). Ausgeschlossen wurden Zeichen- trickfilme wie „Asterix“ (Sat.1 19. 07. 2003) und „Anastacia“ (VOX 27. 11. 2003) sowie mehrere Folgen der Zeichentrickreihe „Es war einmal … Amerika /9. Cortez und die Azteken“ (3sat 20. 11. 1995), die jedoch nur am Rande auf historische Personen und unter einem bestimmten Blickwinkel Bezug nehmen. 27 Der Stummfilm „Joan the Woman“ (ARTE 28. 11. 2003) und die Milieustudie „Beschreibung eines Sommers“ (ORB 10. 03. 2003), die Ende der 50er Jahre in der DDR angesiedelt ist. 28 Diese Hybridformen können auf dieser Ebene nicht bestimmt werden, da sie in der PIDB meist als Doku- mentationen abgelegt sind und die Autoren nur, allerdings auch nicht mit 100-prozentiger Wahrscheinlich- keit, aus den aufgeführten Gestaltungsmitteln auf Mischformen schließen bzw. diese nur vermuten können, durch Hinweise der Art „Spielszenen“ [„Ein Schiff für die Götter/Abenteuerfahrt eines Germanenschatzes“ (NDR 25. 11. 2003)], „dramatische Spielszenen“ in „Hexen/Mythos, Kult und Aberglaube“ (NDR 26. 10. 2003), Augenzeugenberichte und „szenische Episoden“ in „Der Traum von Freiheit /Die Deutsche Revolution 1848/ 49“ (SWR 18. 07. 2003). Buscher (1998) spricht das Problem der Identifizierung von Mischformen in einem anderen Zusammenhang, den der Reality-Shows mit einer Verbindung aus realen und gespielten Szenen bzw. dokumentarischem Anspruch und fiktionalen Hilfsmitteln, an. Ähnlich argumentiert auch Merten (1995). Das auf diese Weise gewonnene Untersuchungskorpus enthält nahezu 700 Sendungen (vgl. Tab. 9: Genres und Beitragslänge) allein in den vier zur näheren Untersuchung ausgewählten repräsentativen Wochen des Jahres 2003. Es dient in der vollständigen Dokumentation dem Nachweis, wie außerordent- lich breit und vielfältig Geschichtsvermittlung im Fernsehen gegenwärtig be- trieben und wie umfassend dieses Programmsegment auch von den Zuschauern nachgefragt wird. 4.3.2.2 Untersuchungsgegenstand: Vergleich aller drei Jahre Neben der Beschreibung des breiten Spektrums von Sendungen, die geschicht- liche Themen behandeln und historisches Wissen vermitteln, steht im Vorder- grund der Untersuchung natürlich das Korpus an Sendungen, das sich im engeren Sinne mit der Absicht an die Zuschauer wendet, über Vergangenheit als Historie zu informieren. Die Funktion von Genredefinitionen für Programm- macher und Zuschauer als Planungsinstrument bzw. als Orientierungshilfe in der Fülle des Angebots29 sowie Hilfsmittel der Verständigung zwischen den beiden Handlungsrollen ist bekannt und prinzipiell unbestritten30. So dass sich bei der Identifizierung von Angeboten für die Vergleichsuntersuchungen im Wesentlichen auf die für geschichtliche Themen vorgesehenen Sendeplätze31 konzentriert wurde. Dort platzierte Dokumentationen, Reportagen, Features und andere Beitragsformen sind in die vergleichende Untersuchungsstichprobe der drei Jahresquerschnitte aufgenommen worden. Vor dem Hintergrund der genauen Materialkenntnis ist es notwendig gewesen, für die Vergleichbarkeit 89 29 „Formate sind ein logisches Resultat der Organisation von Fernsehprogrammen in Sendeschemata. Diese sollen gewährleisten, dass die Zuschauer in der Fülle der Programme bekannte Sendungen wiederfinden. Sie sollen auch sicherstellen, dass Zuschauer beim eingeschalteten Kanal bleiben, weil sie wissen, dass eine bestimmte Sendung auf sie zukommt oder jedenfalls ein bestimmter Sendungstyp in einer erwartbaren Stimmungslage. Formatierung dient auch als Mittel, den audience flow zu sichern.“ (Wolf 2003, S. 60 f.)m 30 „Auf jeden Fall ist mit der Genrebezeichnung auch ein System von sich wandelnden Produktionscodes und Zuschauerzuschreibungen verbunden, […] Die Gattungsbezeichnungen selbst sind als historische (vor allem publizistische) Konstrukte oder Zuschreibungen aufzufassen, die von den Rezipienten wahrgenommen, ergänzt und umgeformt werden. Den Gattungskonstruktionen der Zuschauer entsprechen kognitive Schemata, mit denen Rezipienten für sich das Programm ausstatten, einteilen und ordnen.“ (Schuhmacher 2000, S. 190). Vgl dazu auch die handlungslogische Rekonstruktion dieses Genrezusammenhangs in: Steinmetz und Viehoff 2004, auch: Viehoff 2004. 31 Für die Programme – RTL, Sat.1, ProSieben, VOX und ARTE – lagen keine Programmschemata vor; für die anderen Sender nicht immer vollständig für alle drei Jahre. der einzelnen Jahre eine Reihe von zusätzlichen Auswahl- bzw. Ausschluss- Kriterien32 zu definieren33. Zur Einbeziehung der magazinartigen Sendung SPIEGEL TV in das Unter- suchungskorpus ist noch begründend zu ergänzen, dass in dieser Reihe34 zahl- reiche geschichtliche Sendungen gelaufen sind, allerdings im Wesentlichen im Jahr 1999, sowohl auf VOX wie auf Sat.135. Da die privaten Programm- veranstalter insgesamt wenig geschichtsbezogene Beiträge ausgestrahlt haben und wenn doch, dann häufig eben in einer solchen Magazinform, wurde dieses Format zusätzlich aufgenommen, um für einen Vergleich über alle Sender das historisch bezogene Sendeangebot aus dem privatkommerziellen Bereich nicht gegen Null tendieren zu lassen. Generell sind allerdings Sendungen nicht auf- genommen worden, die typologisch als Journale und Nachrichtensendungen36 identifiziert werden konnten und als solche auch im Programmschema berück- sichtigt sind. Ausgenommen von dieser Regel sind wiederum Wochenschau- Sendungen37 oder auch die Reihe „Vor 30 Jahren“, die – als historischer Rück- blick – zum Teil eine reine Wiederholung von Nachrichtensendungen von vor dreißig Jahren darstellt. Sie sind deshalb berücksichtigt worden, weil sie den Kriterien – Sendeplatz, Ausstrahlungszeit und einer plausibel zu vermutenden Rezeptionserwartung – nach als Beitrag zur historischen Information zu ver- stehen sind. Diese Selektionsweise erklärt im Übrigen auch den Befund, dass 90 32 Sendeplätze für Kirche und Religion wurden ausgeschlossen. Eine Ausnahme betrifft den HR-Sendeplatz „Glaubenssachen“, da hier u. a. „harte Geschichtsdokumentationen“ ausgestrahlt wurden. Der Schwerpunkt der Beiträge liegt auf Zeitgeschichte und thematisiert den Zweiten Weltkrieg: „Alfred Delp/Jesuit – Ver- schwörer – Märtyrer“ (HR 08. 04. 1995), „Wir sind keine Verräter/Deserteure und Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg“ (HR 01. 07. 1995) und „Dem Rad in die Speichen greifen/Zum 50. Todestag von Dietrich Bonhoeffer“ auf dem Sendeplatz „Gott und die Welt“ (ARD 09. 04. 1995) und „Nächte der Ent- scheidung/Die Entdeckung des Martin Luther (2/5)“ (ARD 30. 11. 2003). 33 Aus der Gesamtzahl der für 2003 insgesamt aufgenommenen zahlreichen Reihen, werden nur noch wenige für die Vergleichsuntersuchung ausgewählt, so dass deren Zahl wesentlich eingeschränkt ist. Sendungen wie „Schätze der Welt – Erbe der Menschheit“, „Bilder einer Landschaft“, „Bilderbuch Deutschland“ und Sendungen auf Sendeplätzen mit dem Namen „Länder, Menschen, Abenteuer“, werden insgesamt nicht mehr vergleichend berücksichtigt. Im Bereich des Dreijahresvergleichs sind jedoch noch vollständig enthalten: „Vor 30 Jahren“ und „Rückblende“, außerdem ausgewählte Folgen mit historischen Themen beispielsweise aus solch heterogenen Reihen wie „Discovery – Die Welt entdecken“, „Terra X“ und „Sphinx“ sowie auch die dctp-Reportage und SPIEGEL TV. Beide Reihen variieren insgesamt stark in der Auswahl ihrer Themen. Es werden nur die Sendungen berücksichtigt, die sich historischen Fragen widmen und auf den dafür vor- gesehenen Sendeplätzen ausgestrahlt worden sind. Sendungen, die lediglich als redaktionelles „Füllmaterial“ (in den Randzonen) identifiziert wurden, fanden keinen Eingang in das Sample. 34 Und den verwandten wie „SPIEGEL TV-Magazin“, „SPIEGEL TV-Reportage“ und „SPIEGEL TV-Special“. 35 Für 1995 gab es eine Sendung bei Sat.1, die „SPIEGEL TV-Reportage/Der Todesengel von Auschwitz – die Geschichte des SS-Arztes Josef Mengele“ (12. 09. 1995), die auch nur durch Hinzunahme der HÖRZU identifiziert werden konnte und mehrere Folgen 1999 bei VOX und Sat.1. 36 „Vor 20 Jahren/Die Tagesschau“ im MDR 2003. 37 „Die Woche vor 50 Jahren“ auf ARTE in den Jahren 1995 und 1999, „Paramount News“ und „Pathé Journal“ im HR 1995 und „Bilderbogen“ mit zehn Sendungen im HR 2003. Für das Jahr 2003 wurden Wochen- schauen nur vom SFB ausgestrahlt, hier 19 Sendungen: „Rückblende/Berlin vor 25 Jahren“ und „Damals“ in den Jahren 1995 und 1999. der weit überwiegende Anteil der erfassten bzw. analysierten Sendungen mono- thematisch ausgerichtet ist, da multithematische Sendungen, wie klassische Magazine, keinen Eingang in die Untersuchung gefunden haben. Dezidiert historische Unterhaltungssendungen, die dem Publikum vergan- genen Zeitgeist 38 nahebringen sollen, werden in die Untersuchung ebenfalls aufgenommen. Dazu gehört z. B. die so genannte „Zeitgeistrevue mit Alfred Adabei“. Fernsehrückblicke und Ratespiele mit einem überwiegenden Show- Charakter werden dagegen vernachlässigt,39 wenn Historisches marginal bleibt und der Unterhaltungscharakter auf allen Ebenen – der Produktion, der Pro- grammankündigung und vermutlich auch der Rezeption – nach unserer konser- vativen Einschätzung eindeutig überwiegt. Musiksendungen sind nur dann berücksichtigt worden, wenn sie klar ersichtlich historische Zusammenhänge erläutern und/oder musik- beziehungsweise sozialgeschichtliche Hintergründe von historischem Interesse ausleuchten40; dies im Kontrast zu Sendungen, die sich lediglich auf das Abspielen von Musik aus vergangenen Jahren und Jahr- zehnten – quasi als Oldie-Abspielstätte – beschränken.41 Diskussionsrunden42 finden dann Aufnahme in das Sample, wenn aus den Angaben hervorgeht, dass sie einen direkten und expliziten Bezug zu einem historischen Thema haben. Folgende Programmformate sind nicht erfasst, spielen also auch bei der vergleichenden Betrachtung aller drei Querschnittsjahre keine Rolle: – Sendungen auf Sendeplätzen, die in den Programmschemata als „Schul- fernsehen“43 ausgewiesen sind. Diese sind durch eine klare Zielgruppe und 91 38 Sechs Folgen der Reihe „Das war einmal …/Zeitgeistrevue mit Alfred Adabei“ im NDR, ORB und SFB im Jahr 1995; „Hessen-Illustrierte (1/5)/Matthias Beltz präsentiert die sechziger Jahre“ (HR 16. 09. 1995); „Die siebziger Jahre/ Die Grenzen des Fortschritts. Hessens Weg nach ’45“ (HR 26. 11. 1995) und „Die 70er Show“ (RTL 25. 10. 2003). 39 Die Sendung „Kuli und Co.“ (SWR 14. 07. 2003) bietet eine Rückschau auf fünfzig Jahre Fernsehunterhal- tung, „Uri Geller Life“ (3sat 28. 11. 2003) wurde mit dem Hinweis „50 Jahre Schweizer Fernsehen“ ab- gedruckt und auch „Memories: Höhepunkte aus 30 Jahren Bayerischen Fernsehens: Liedermacher“ (BR 17. 09. 1995) wird nicht aufgenommen. Weiterhin das Ratespiel bzw. die Oldie-Show „Damals war’s“ (MDR 06. 04. 1995). 40 „Ein Jahrhundert Jazz“, davon vier Folgen im ORB 2003, erläutert im Format der Dokumentation die Entwicklung des Jazz seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und geht dabei auf gesellschaftliche Bedingungen ein. 41 „Musikladen – Martin Sexauer präsentiert Hits der 80er Jahre“, „Beat-Club“, „Disco“ und „Hitparade“. Außerdem die Musiksendungen „Kein schöner Land“ vom WDR 2003 und „Lieder, Landschaften und Musikanten“. 42 „Donnerstag-Gespräch/Der Tag an dem die D-Mark kam – Fünf Jahre nach der Währungsunion“ (MDR 29. 06. 1995), „Am Tag als die ständigen Vertretungen eingerichtet wurden“ (ORB 24. 03. 1999), „Sozialismus gestern, heute … und morgen?“ (ARTE 23. 10. 2003), „Bombenkrieg gegen die Deutschen – Die Debatte“ (SWR 13. 03. 2003). 43 Das betrifft drei Sendungen des SWR, die um 06:45 Uhr auf dem Sendeplatz für Schulfernsehen ausgestrahlt wurden: „Orte des Erinnerns“ (21. 10. 2003), „Geschichte der englischen Popmusik“ (24. 11. 2003) und „100 Deutsche Jahre“ (25. 11. 2003). eine dominierende didaktische Absicht44 gekennzeichnet, welche eine eigen- ständige Untersuchung erfordert. – Sendungen auf eindeutig bestimmbaren nicht-historisch ausgewiesenen Sendeplätzen mit der Fokussierung auf „Reise“45 beziehungsweise, die sich den verschiedensten Themen, z. B. aus Wissenschaft und Technik46 zuwen- den und diese dann mit einem kursorischen Bezug zur Historie betrachten. Auch in solchen Fällen ist eine das Historische nur am Rande einbeziehende Genreuntersuchung anderen Zuschnitts erforderlich. – Weiterhin entfallen alle Sendungen, die eindeutig dem Bereich „Fiktion“47 zuzuordnen sind, wie historische Spiel- und Fernsehfilme48, und dies selbst dann, wenn sie in Gänze in einen historischen Ereigniszusammenhang ein- gebettet sind49 und Bezüge zu einer historischen Begebenheit oder Person aufweisen. – Ein weiteres Reduktionskriterium schließt bloße Wiederholungen im Nacht- programm aus.50 4.4 Datenaufbereitung und Datenanalyse Auf Basis der beschriebenen Kriterien ergibt sich folgende quantitative Ver- teilung: 1995: 222 Sendungen 1999: 289 Sendungen 2003: 337 Sendungen. 92 44 Bildungsangebote wie „Planet Wissen“, die in Abständen historische Themen anbieten, z. B. zu den Römern und Germanen, gesendet im SWR 2003. 45 Z. B.: „Weltreisen“, „Erlebnisreisen“ beide im WDR 2003, „Reiselust“ ausgestrahlt von 3sat 2003 und „Reisewege Frankreich“, ebenfalls ausgestrahlt von 3sat 2003. 46 Die Geschichte des Tonfilms in „Als die Bilder sprechen lernten“ (ARTE 03. 04. 1995), die biographische Darstellung über den Forscher Knud Rasmussen in „Knud“ (ARTE 06. 04. 1995), eine Dokumentation des Swing in „Memories of Harlem“ (ARTE 12. 09. 1995) und „Pools – Eine Kulturgeschichte des Schwimm- beckens“ (ARTE 17. 07. 2003). 47 Die Sendung „Der Alte/Fluchthilfe“ (ZDF 03. 04. 1995) thematisiert im Serienformat das Thema Flucht zu DDR-Zeiten. Folgen der Serie „Märkische Chronik“ (B1 04. 04./27. 06. 1995) wurden nicht aufgenommen.m 48 Die Komödie „Mit Himbeergeist geht alles besser“ (ARD 09. 04. 1995) thematisiert die Nachkriegszeit nach 1945, der Abenteuerfilm „Herrscher einer versunkenen Welt“ (NDR 17. 07. 2003) den amerikanischen Bürger- krieg, wenn auch nur am Rande. Die Komödie „Der brave Soldat Schweijk“ (SWR 22. 10. 2003) ist in einer bestimmten Epoche angesiedelt und der Western „Verrat im Fort Bravo“ (WDR 30. 11. 2003) thematisiert Arizona im Bürgerkrieg. 49 In der Serie „Fackeln im Sturm“ (Sat.1 1995) ist der Amerikanische Bürgerkrieg immerfort präsent; das Historiendrama „Nikolaus und Alexandra“ (Sat.1 25. 11. 1995) thematisiert das Zarenpaar. 50 Nachtwiederholungen zwischen 02:00 und 05:00 Uhr. Als Basis bei den Berechnungen wurde das Gesamtsendevolumen51 der Sender verwendet. Für alle drei Jahre werden insgesamt 848 Sendungen codiert. Auf Grund der mangelhaften Auszeichnung in der PIDB und der Fernsehzeitschrift können nicht alle Variablen jeder Sendung codiert werden. Diese werden aus dem Untersuchungskorpus entfernt. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen, hier sind die nicht codierten Fälle in der Tabelle enthalten (vgl. Tab. 23). Alle übrigen Abbildungen und Tabellen sind um die unklaren Fälle bereinigt. Für alle Untersuchungsebenen gilt, dass die Vergleichbarkeit der Daten statistisch gesichert ist. Die Auswertung der Daten ist in Kooperation mit Prof. Dr. Hans- Jörg Stiehler und Markus Schubert erfolgt. Beide sind Mitarbeiter der Ab- teilung Empirische Kommunikations- und Medienforschung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften der Universität Leipzig. Die Korpora auf der ästhetischen Ebene der Untersuchung – Auswahl- kriterium ist die Ausstrahlung auf einem für Geschichtsthemen vorgesehenen Sendeplatz (vgl. Kap. 6.2) – sind für die einzelnen drei Jahre wie folgt bestimmt und umfassen: 1995: 54 Sendungen 1999: 103 Sendungen 2003: 70 Sendungen. Nicht alle Sendungen sind in den Archiven zugänglich gewesen und konnten nur unvollständig in die ästhetische Analyse eingehen. Das erklärt die geringen Fallzahlen in der empirischen Statistik. Die Verteilung auf die drei Jahre ge- staltete sich dementsprechend wie folgt: 1995: 44 Sendungen 1999: 64 Sendungen 2003: 45 Sendungen. 153 Sendungen auf dieser Ebene sind von der Forschergruppe angesehen, kritisch rezipiert und nach dem ästhetischen Kategorienschema bewertet wor- den. Das Filmmaterial stellte Dr. Udo Michael Krüger vom Institut für Empi- rische Medienforschung (IFEM) in Köln im Rahmen einer wissenschaftlichen Kooperation zur Verfügung. 93 51 Wenn man herausbekommen möchte, welchen Anteil eine spezielle Merkmalsausprägung tatsächlich am Geschichtssendevolumen (= codierte Sendeminuten) hat, multipliziert man die Prozentangabe mit einhundert und teilt den Wert anschließend durch die Senderbasis aus Tabelle 1/ Tabelle 22. Dann erhält man den prozentualen Anteil des Merkmals auf Basis der Geschichtssendungen. Der Wert „0,0“ bei einigen Variablenausprägungen ist ein Nebeneffekt der Berechnung auf Basis des Gesamt- sendevolumens und bedeutet, dass das Merkmal auftritt, jedoch nur in einem sehr geringen Umfang. 94 Schematische Darstellung des Untersuchungsaufbaus Quantitative Analyse: Programmstruktur – Ebene 1 2003 gesamt – Geschichtssendungen nach einem weiten Geschichtsbegriff 682 Sendungen Kriterium: Aufnahme aller Sendungen, die einen Bezug zu einem historischen Ereignis oder einer Person haben, unab- hängig vom Format Vergleichende Untersuchung der Jahre 1995, 1999 und 2003 848 Sendungen 1995: 222 1999: 289 2003: 337 Kriterien: historische Sendungen im non-fiktionalen Format, Beiträge auf einem Ge- schichtssendeplatz, Geschichtsreihen, Mischformen Qualitative Analyse: Ästhetik – Ebene 2 153 Sendungen 1995: 44 1999: 64 2003: 45 Kriterien: Ausstrahlung einer histori- schen Sendung auf einem Geschichtssendeplatz, exemplarisch je eine Folge einer Reihe, Mischformen Analyse der Ästhetik 5 Darstellung der Ergebnisse Vorbemerkung zur Lektüre der Tabellen und graphischen Darstellungen Die Bezugsgrößen der nun folgenden Auswertungen variieren. In den Kapiteln „5.1.1 Quantitative Auswertung des Jahres 2003“ und „5.1.2 Quantitative Aus- wertung aller drei Jahre 1995, 1999 und 2003“ werden die erfassten Sendungen auf der Basis des Gesamtsendevolumens (645.120 Minuten = 10.752 Stunden Programm) innerhalb der vier Untersuchungswochen analysiert. Davon ent- fallen im Jahr 2003, unter einem „weiten“ Geschichtsbegriff, 34.606 Minuten (= 576,8 Sunden) auf das Programmsegment Geschichte. Bei einem Gesamt- sendevolumen von 1.935.360 Minuten (= 32.256 Stunden) über die vier Wochen im Verlauf der drei Jahre ergibt sich nach dem „engen“ Geschichtsbegriff ein Anteil von 35.146 Minuten (= 585,8 Stunden) Geschichtssendungen. Die Wahl dieser Basis ermöglicht, die tatsächlichen Anteile des Geschichtsprogramms der einzelnen Sender am Gesamtsendeumfang zu ermitteln. Von einer Quasi- Repräsentativität dieser Bezugsgröße ist auszugehen, obwohl der Untersuchung keine Zufallsauswahl zugrunde liegt, sondern gewichtete und als repräsentativ deklarierte Untersuchungswochen. Um dabei die Vergleichbarkeit aller Sende- anstalten zu gewährleisten, unterstellen wir, dass jeder Sender ein 24-Stunden- Programm anbietet52. In den entsprechenden quantitativen Auswertungstabellen und -abbildungen kann es zu Unterschieden mit den jeweiligen „Basistabellen“ (vgl. Tab. 1 und 22) kommen. Diese Differenzen zu den Grundgesamtheiten in den „Basis- tabellen“ ergeben sich aufgrund der Mehrfachvergabe von Variablenausprä- gungen beziehungsweise dort, wo ein Merkmal nicht codiert werden konnte, weil es weder in der PIDB, noch in der HÖRZU extra ausgewiesen war. Da in zahlreichen Darstellungen diese „unklaren Fälle“/„keine Angabe“ auftauchen, kann die Addition der Prozente nie die Summe der Basistabellen erreichen.m 95 52 Diese Unterstellung muss allerdings nicht notwendigerweise der tatsächlichen Empfangssituation entsprechen (zum Beispiel durch das Teilen von Kabelkanälen unter KiKa und ARTE zu unterschiedlichen Tageszeiten), wirft aber insofern kein Problem auf, da mit der gewählten Basis von 24 Stunden auch die potenzielle Nutzungszeit erfasst wird. In der qualitativ-ästhetischen Analyse (5.2 Qualitative Auswertung aller drei Jahre) wird die Basis auf die tatsächlich analysierten Sendungen reduziert. Diese Reduktion des Analysekorpus ist auf der ästhetischen Ebene aus for- schungspragmatischen Gründen notwendig, da die Erhebung von qualitativen Merkmalen nur auf der Grundlage der tatsächlichen Anschauung erfolgen kann. Die Bezugsgröße aller ästhetischen Auswertungen und Ergebnisse sind dem- zufolge die 153 Sendungen, welche mit dem Kriterienschema (vgl. Reduktion der Untersuchungskorpora der drei Ebenen in Kapitel 4.3.2.1 bis 4.4) ermittelt worden sind. 5.1 Quantitativ orientierte Auswertungen und Ergebnisse 5.1.1 Auswertungen 2003 gesamt – Historische Ereignisse in einem weiten Sinne 5.1.1.1 Programmstrukturelle Sendungsmerkmale In der Tabelle 1 gibt die zweite Spalte den Umfang der für das Jahr 2003 auf- genommenen Sendungen mit historischen Inhalten für die ausgewiesenen Sen- der an. Die dritte Spalte erfasst die gesamte Ausstrahlungskapazität in Minuten der Sender in den vier Wochen und die letzte Spalte enthält schließlich den prozentualen Anteil von Geschichtssendungen am gesamten Ausstrahlungs- volumen. Das 2003 ausgestrahlte Volumen an Sendungen mit historischen Inhalten beträgt für alle Sender 34.606 Minuten und entspricht 5,4 Prozent am Gesamt- programm in den vier repräsentativen Wochen. Den größten Anteil an der Ausstrahlung von Geschichtssendungen im Fernsehen haben der Kulturkanal ARTE und der Bayerische Rundfunk. Jeweils mehr als zehn Prozent ihres Programms werden hier dafür verwendet. Innerhalb der dritten Programme zeigen sich der Hessische und der Norddeutsche Rundfunk ausstrahlungsstark bei Geschichte. Zu berücksichtigen ist hierbei die Tatsache, dass es sich bei den Dritten um acht Sender handelt, die zusammen genommen über ein umfang- reiches Spektrum und Programmvolumen verfügen. Das ZDF zeigt knapp dop- pelt so viele historische Sendungen wie das Erste Programm. Erwartungsgemäß engagieren sich die Privaten auf dem Feld historischer Beiträge in geringerem Umfang.m Die 16 aufgenommenen Sender wurden in der weiteren Auswertung aus Gründen der Übersicht zu vier Sendergruppen zusammengefasst. Für die Zu- sammenlegung sprechen verschiedene Gründe. Bei den privaten Anstalten (RTL, Sat.1, ProSieben und VOX) ist die insgesamt geringe Ausstrahlungs- frequenz von Geschichtssendungen anzuführen, die Spartenkanäle 3sat und ARTE zeichnen sich durch ihr Selbstverständnis als Kultur- und Bildungsalter- 96 nativen in einer besonderen Weise aus und die dritten Programme (BR, HR, MDR, NDR, SWR, WDR und auch der SFB und ORB) füllen ihre Programm- flächen zu einem großen Teil mit Beiträgen aus dem ARD-Hauptprogramm und aus dem Programmpool der Dritten. ARD und ZDF sind überwiegend gemeinsam und nur in Einzelfällen getrennt ausgewiesen, wenn deutliche Diffe- renzen zwischen den Anstalten vermutet werden oder nachzuweisen sind (vor allem im Vergleich der drei Jahre). Um etwas über die mögliche Einbindung der uns interessierenden Sendung in einen Themenabend oder in den Programmfluss aussagen zu können, sind jeweils die unmittelbar davor und danach ausgestrahlte Sendung53 betrachtet worden.54 Bei den Sendungen des Jahres 2003 handelt es sich überwiegend um selbstständige Sendungen, die unverbunden mit den davor und den danach 97 53 Ausgeschlossen sind davon Sendungen wie Werbung oder Nachrichten. 54 Zum Beispiel der Themenabend „Der Nürnberger Prozess“ auf ARTE am 23. 11. 1995 mit vier Sendungen; „Fremde Heimat Westen/Die Eingliederung der Vertriebenen nach 1945“ (3sat 27. 11. 2003), um 13:15– 14:00 Uhr und „Rückblende/ Erste Ernte – Die Bodenreform in der SBZ 1946“ (3sat 27. 11. 2003), um 14:00–14:15 Uhr. 2003 Erfasste Minuten* Sendebasis in Minuten** Sendezeitanteil prozentual*** Gesamt 34.606 645.120 5,4 ARD 1.395 40.320 3,5 ZDF 2.405 40.320 6,0 RTL 340 40.320 0,8 Sat.1 130 40.320 0,3 ProSieben 305 40.320 0,8 VOX 875 40.320 2,2 BR 4.268 40.320 10,6 HR 3.428 40.320 8,5 MDR 2.325 40.320 5,8 NDR 3.210 40.320 8,0 SWR 1.860 40.320 4,6 WDR 2.420 40.320 6,0 ORB/RBB 1.799 40.320 4,5 SFB 2062 40.320 5,1 3sat 3.035 40.320 7,5 ARTE 4.749 40.320 11,8 Tabelle 1: Anteil der Geschichtssendungen am gesamten Sendevolumen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms * Dauer der durch das Kategoriensystem erfassten Geschichtssendungen in Minuten je Sender ** Basis des 24-Stunden-Programms in Minuten über den Zeitraum der Codierung (4 Wochen eines Jahres à 7 Tage = 28 Tage * 24 Stunden * 60 (in Minuten) * Anzahl der Sender in der Sendergruppe) *** Prozentualer Sendezeitanteil der erfassten Geschichtssendungen zur Basis des 24-Stunden-Programms liegenden Sendungen ausgestrahlt worden sind, die also thematisch unabhängig voneinander waren. Themenabende gibt es am ehesten noch in der Sender- gruppe von 3sat und ARTE, wobei ARTE für seine Themenabende bekannt ist und diese ausdrücklich als Programmstruktur pflegt. Alle vier Gruppen senden am Sonntag die meisten Beiträge mit histori- schen Inhalten. Die Kurven von ARD/ZDF, den Dritten sowie 3sat und ARTE verlaufen am Wochenanfang nahezu synchron, was für eine abgestimmte Pro- grammwochenplanung spricht. Die Ausstrahlungspräferenzen für die einzelnen Tage unterscheiden sich jedoch. Während 3sat und ARTE im weiteren Wochen- verlauf Geschichtssendungen auf einem gleich hohen Niveau verteilt zeigen, zwischen neun und fast elf Prozent, fallen sie bei ARD und ZDF sowie den dritten Programmen zum Freitag hin (unterschiedlich stark) ab. Die privaten Anstalten senden eine „halbe“ Woche, ab Donnerstag, historische Beiträge. Insgesamt werden die ersten drei Wochentage und der Sonntag als Ausstrah- lungstage für Geschichtssendungen bevorzugt. Damit deutet sich hier klar an, dass Geschichtssendungen nicht in erster Linie im Programmschema als Unter- haltungssendungen mit großer Publikumsbindung betrachtet und geplant wer- den, sondern eher als spezielle Sendungen für gezielte Publika. 98 0 2 4 6 8 10 12 Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Abbildung 1: Wochentag Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Erstsendungen werden am häufigsten auf 3sat und ARTE ausgestrahlt. Hier zeigt sich, dass die beiden Kulturkanäle das Programmsegment Geschichte im Fernsehen nicht nur häufig ausstrahlen, sondern auch bestrebt sind, dieses durch neuere und neueste Beiträge zu bereichern. Ihr Geschichtsangebot er- schöpft sich nicht in der wiederkehrenden Präsentation von Bekanntem, son- dern es wird ganz klar darauf gesetzt, dem Zuschauer aktuelle Erkenntnisse zu historischen Themen zu unterbreiten. Alle übrigen Sender bestreiten ihr Geschichtsangebot überwiegend mit bereits gezeigten Beiträgen. Erstsendun- gen werden vor allem im Abend- und Spätprogramm gezeigt (vgl. Tab. 3), Wiederholungen überwiegen am Nachmittag und am späten Abend, so dass Erstsendungen tendenziell häufiger in der „Primetime“, der Sendezeit mit der höchsten Frequentierung durch das Publikum, und Wiederholungen eher als kostengünstiges Füllmaterial auch am Nachmittag zu finden sind. Dieser Befund spiegelt sich überdeutlich in den erfassten Sendeminuten. Während Erstaus- strahlungen mit 1.300 Sendeminuten das Abendprogramm dominieren, kenn- zeichnen Wiederholungen den Nachmittag und den Spätabend. Auf diese Tageszeiten entfallen 5.298 bzw. 4.580 Minuten. Wählen wir als Bezugsgröße statt der Gesamtsendezeit (4. Spalte) die tatsächlich erfassten Sendeminuten (6. Spalte), wird neben der schon ersichtlichen Präferenz des Abendprogramms für die Platzierung von Erstsendungen und des Nachmittags für Wiederholun- gen weiterhin deutlich, dass es hinsichtlich der Zeit nach 22:00 Uhr keine Unterschiede gibt. Mehr als ein Drittel aller Erstsendungen, aber auch aller Wiederholungen wird in den späten Abendstunden gezeigt. Dieses Ergebnis trägt der Tatsache Rechnung, dass der Nachmittag eine eher publikumsarme und die Zeit nach 18:00, vor allem jedoch nach 20:00 Uhr, für bestimmte Publika eine nutzungsstarke Fernsehzeit ist. 99 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Erstsendung 0,1 0,1 2,1 0,1 Wiederholung 1,7 2,2 5,0 0,4 Tabelle 2: Erstsendungen und Wiederholungen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms Sendeform Tageszeit 2003 Gesamt Erfasste Minuten Sendebasis Gesamt- programm Minuten Sendezeit- anteil zur Sendebasis in % Sendebasis Codierung Minuten* Sendezeit- anteil auf Codebasis in % Erstsendung Vormittag/Mittags- programm 45 161.280 0,03 2.205 2,0 Erstsendung Nachmittagsprogramm 60 161.280 0,04 2.205 2,7 Erstsendung Abendprogramm 1.300 107.520 1,21 2.205 59,0 Erstsendung Spätprogramm 800 215.040 0,37 2.205 36,3 Wiederholung Vormittag/Mittags- programm 1.865 161.280 1,16 12.948 14,4 Wiederholung Nachmittagsprogramm 5.298 161.280 3,28 12.948 40,9 Wiederholung Abendprogramm 1.205 107.520 1,12 12.948 9,3 Wiederholung Spätprogramm 4.580 215.040 2,13 12.948 35,4 100 Tabelle 3: Erstsendungen und Wiederholungen im tageszeitlichen Verlauf Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms bzw. auf Sendebasis der Codierung * Anzahl der erfassten Sendeminuten je Sendeform, bereinigt um „unklare Fälle“ Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr 0 1 2 3 4 bis 15 Minuten 16 bis 30 Minuten 31 bis 45 Minuten 46 bis 60 Minuten über 60 Minuten ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Abbildung 2: Beitragslänge Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Bis auf die privaten Programme dominiert bei allen übrigen Sendergruppen das 45-Minuten-Format.55 Bei 3sat /ARTE und den Dritten, den beiden Sender- gruppen mit der stärksten Ausstrahlungskapazität, zeichnet sich eine gleich- förmige Entwicklung ab. Während bei kürzeren Sendungen bis 45 Minuten nahezu Deckungsgleichheit56 herrscht, finden die langformatigen Sendungen unterschiedlich starke Verwendung. Die Dritten und 3sat /ARTE erleben einen „Einbruch“ bei den einstündigen Sendungen57 und eine verstärkte Ausstrah- lung von Sendungen mit einer Dauer von mehr als einer Stunde. Das Abfallen der Kurve ist bei 3sat und ARTE geringer, so dass für diese Sendergruppe insgesamt ein Trend zur Ausstrahlung von längerformatigen Beiträgen mit historischen Inhalten festgehalten werden kann. Die privaten Sendeanstalten favorisieren das Ein-Stunden-Format und längere Sendungen. Ein solches Ergebnis belegt, dass sich im Programmfernsehen klare Forma- tierungen durchsetzen, die das 45-Minuten-Format favorisieren, ebenso aber bestätigt es die genrespezifische Zunahme von Beiträgen, die länger als eine Stunde dauern, die dem Genre also Gelegenheit geben, seine „Argumentations- fähigkeit“ zu entfalten. Darin drückt sich auch aus, dass die Genreentwicklung auf eine Formatlänge für Geschichtssendungen zielt, die der Länge des norma- len Spielfilms entspricht. Ein Vergleich der Beitragslängen der jeweiligen Sendergruppen (vgl. Tab. 4), das heißt, eine Gegenüberstellung von kurzen und langen Formaten58, ergibt das folgende Bild: ARD/ZDF und die Dritten senden häufig kürzere Beiträge, die beiden Kulturkanäle dagegen überwiegend längere Formate – ein Ergebnis, das sich bereits in der vorhergehenden Abbildung abzeichnete. 101 55 Nur 3sat und ARTE strahlen noch häufiger länger als eine Stunde dauernde Beiträge aus. 56 Parallel dazu verläuft die Kurve des Ersten und Zweiten Programms, unter Auslassung des dazwischen liegenden Formats. 57 ARD und ZDF bedienen dieses Format gar nicht. 58 Als kurz werden Sendungen mit einer Dauer von einschließlich 45 Minuten eingestuft, lang sind Beiträge ab 46 Minuten. 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private kurz 2,5 4,1 3,7 – lang 2,1 2,5 6,0 1,0 Tabelle 4: Kurze versus lange Formate Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms Der Abbildung 3 ist zu entnehmen, dass Geschichte vorwiegend im Spät- programm nach 22:00 Uhr ausgestrahlt wird. Alle drei öffentlich-rechtlichen Sendergruppen sind hier stark vertreten. Die privaten Programme senden ten- denziell eher im Abend- und Spätprogramm. Abschließend bleibt festzuhalten, dass sich die Ausstrahlungspräferenzen zwischen den genannten drei Gruppen unterscheiden und grundsätzlich für das Genre ein deutlicher Schwerpunkt am späten Abend festzustellen ist. Der Zuschauer kann zwar beinahe59 zu jeder Tageszeit auf Sendungen mit histori- schen Inhalten im Fernsehen zurückgreifen, aber die über alle Sendergruppen hinweg hohe Ausstrahlungsfrequenz nach 22:00 Uhr macht deutlich, dass die Sender eher auf ein erwachsenes Publikum als Zielgruppe setzen. Lediglich die Dritten und 3sat/ARTE senden auch häufig am Nachmittag, Letztere zudem auch am frühen Abend, so dass bei diesen öffentlich-rechtlichen Sendergruppen 102 59 Durch das kleinere Ausstrahlungsvolumen am Vormittag ist die Chance, in dieser Zeit Geschichtssendungen zu sehen, insgesamt geringer. 0 1 2 3 4 Vormittag/ Mittag Nachmittags- programm Abend- programm Spät- programm ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Abbildung 3: Tageszeit Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr auch jüngere Zuschauer die Möglichkeit haben, Geschichte im Fernsehen zu erleben und nachzuvollziehen. Die Dritten strahlen kontinuierlich über den ganzen Tag hinweg Sendungen mit historischen Inhalten in jeder Beitragslänge aus. Ein deutlicher Schwer- punkt liegt hier durchgängig auf dem 45-Minuten-Format. 3sat und ARTE senden Beiträge mit einer Dauer zwischen dreißig und mehr als sechzig Minu- ten häufig im Nachmittags- und Abendprogramm. Die höchste Besetzung hat der 45-Minuten-Beitrag am Nachmittag und der länger als eine Stunde dauernde Film am Abend und Spätabend. Eine Erklärung für die breite Bedienung aller Zeitformate kann sicher in der Tatsache gesehen werden, dass 3sat /ARTE und die Dritten innerhalb des Untersuchungszeitraumes den größten Anteil an ausgestrahlten Sendungen mit historischen Inhalten besitzen, also hier die Bandbreite der Möglichkeiten – Geschichte sowohl in kurzen als auch langen Beiträgen zu verhandeln – auch größer ist; dennoch drückt sich darin offenbar auch eine bestimmte Pro- grammpolitik der öffentlich-rechtlichen Sender aus. 103 60 Die niedrigen Prozentzahlen sind dem Umstand geschuldet, dass die Basis der Berechnungen das Gesamt- sendeprogramm ist. Vormittag Nachmittag Abend Spät ARD/ZDF 16 bis 30 Minuten – 0,1 – 0,6 31 bis 45 Minuten – 3,1 4,0 2,7 über 60 Minuten – 0,4 – 6,1 Dritte bis 15 Minuten 0,4 0,5 0,2 0,2 16 bis 30 Minuten 0,4 1,8 0,4 0,2 31 bis 45 Minuten 2,2 4,5 3,8 2,3 46 bis 60 Minuten 0,4 0,4 0,3 0,9 über 60 Minuten 0,2 2,4 0,9 3,7 3sat/ARTE bis 15 Minuten – 0,6 0,6 – 16 bis 30 Minuten 0,1 1,3 2,1 0,1 31 bis 45 Minuten 0,7 7,7 2,3 0,7 46 bis 60 Minuten – 3,5 3,3 2,9 über 60 Minuten 0,5 2,3 7,6 4,8 Private 46 bis 60 Minuten 0,4 – 0,2 – über 60 Minuten – 0,6 2,1 1,2 Tabelle 5: Beitragslänge und Tageszeit Prozentualer Sendezeitanteil60 der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Der Zusammenhang von Tageszeit und Beitragslänge der jeweils ausge- strahlten Sendungen ist für die vier Sendergruppen ganz unterschiedlich. Wäh- rend sich der Zusammenhang der beiden Gruppen mit der größten Verbreitung (3sat /ARTE, Dritte) an ausgestrahlten Sendungen im Tagesverlauf als hoch- signifikant darstellt und hier die Formel greift – je später der Abend, desto länger die Sendungen –, muss dies für die beiden übrigen Sendergruppen (ARD/ZDF und Private) eher ausgeschlossen werden. Der hochsignifikante Zusammenhang von Tageszeit und Sendungsdauer bei 3sat /ARTE und den Dritten mag auch als Indiz gewertet werden für die Adressierung an ein speziel- les Publikum. Offenbar wird an dieser Stelle ein Zuschauer modelliert und vorausgesetzt, der Interesse für Geschichte mitbringt und bereit ist, sich auf ausführliche Informationen und längere Darstellungen einzulassen. Ein wöchentlicher Ausstrahlungsmodus wird von allen Sendergruppen an- gestrebt, besonders bei den Dritten und bei 3sat und ARTE. Selbst der werk- tägliche Rhythmus wird noch „unregelmäßig“ ausgestrahlten Sendungen vor- gezogen. Das heißt, dass die Gestaltung der Programme über alle Sendergruppen hinweg zu regelmäßigen Ausstrahlungsterminen tendiert, was die Zuschauer- bindung aufgrund der festen Termine erhöht. 104 1,0 1,8 0,1 – – – 1,1 4,7 1,3 5,8 0,1 0,4 0 1 2 3 4 5 6 7 werktäglich wöchentlich unregelmäßig ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Abbildung 4: Sendeplatz Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Die öffentlich-rechtlichen Sender strahlen Sendungen, die unter den er- weiterten Geschichtsbegriff fallen, bevorzugt im Reihenformat aus. Dieses Reihenformat ist zwar bei 3sat und ARTE ebenso hoch besetzt, wird aber dort noch übertroffen vom Ausstrahlungsmodus der „selbstständigen Sendung“. Dieses Ergebnis ist nicht überraschend, da sich beide Sender als Fernseh- anbieter mit alternativen Inhalten und Sendungsformen verstehen. Trotz des überwiegend wöchentlichen Ausstrahlungsrhythmus kann der Zuschauer hier zahlreiche Sendungen finden, denen (noch) nicht der äußere Formcharakter der „Reihe“ übergestülpt worden ist (vgl. Abb. 4). Das kann als positiver Beleg für das hohe kulturelle Selbstverständnis von 3sat und ARTE verstanden wer- den. Auch die Privaten bieten überwiegend selbstständige Beiträge, was aller- dings darauf zurückzuführen ist, dass von den wenigen hier gesendeten Beiträ- gen die meisten fiktional sind, also per se als eigenständig gewertet werden.61 105 61 Von insgesamt 15 aufgenommenen Sendungen waren neun fiktive Beiträge. 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private selbstständig 1,9 3,1 5,7 0,8 Folge einer Reihe/Serie 2,7 3,6 3,8 0,1 Vormittag Nachmittag Abend Spät ARD/ZDF selbstständig – 0,1 0,3 5,4 Folge einer Reihe – 3,1 3,7 3,8 Dritte selbstständig 0,7 4,0 2,0 4,7 Folge einer Reihe 2,9 5,6 3,7 2,5 3sat/ARTE selbstständig 1,3 6,2 10,1 6,4 Folge einer Reihe – 9,2 5,4 1,7 Private selbstständig – 0,4 2,1 1,2 Folge einer Reihe 0,3 0,2 0,2 – Tabelle 6: Ausstrahlungsrhythmus Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Tabelle 7: Ausstrahlungsrhythmus und Tageszeit Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr Die Dritten sowie 3sat /ARTE bedienen nahezu das gesamte tageszeitliche Spektrum (vgl. Tab. 5). Favorisiert erscheint dabei der Nachmittag und Abend mit Schwerpunkten für Reihen. Die Ausstrahlungsfrequenzen für selbstständige Sendungen pendeln sich im Spätabendprogramm wieder (leicht erhöht) auf dem Nachmittagsniveau ein. Während bei den Dritten im dazwischen liegenden Intervall – von 18:00 bis 21:59 Uhr – ein Rückgang der Ausstrahlungshäufig- keit zu bemerken ist, kann bei 3sat und ARTE eine Zunahme verzeichnet werden. Das kann man so interpretieren, dass diese Sender ihre Einzelproduk- tionen häufig in einer durch das Publikum hoch frequentierten Zeit platzieren und sich damit in besonderer Weise vor den übrigen Sendern positionieren.m ARD/ZDF strahlen Reihen mit nahezu gleich bleibenden Werten vom frühen Nachmittag an aus, während selbstständige Sendungen bevorzugt nach 22:00 Uhr gezeigt werden. Bei den Privaten verbergen sich hinter dem Format „selbstständige Sendung“ vor allem Spielfilme, die – wenig überraschend – am Abend und später ausgestrahlt werden. Geschichtssendungen werden bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten und den beiden Kulturkanälen vorrangig im non-fiktionalen Format präsentiert, das sich bei diesen Sendergruppen fest etabliert hat. Anscheinend wird dieser Modus als durchaus adäquat angesehen, was die Vermittlung von Geschichte anbelangt. Die privatwirtschaftlichen Anbieter setzen hingegen deutlicher auf die fiktionale Sendungsform bei der Präsentation von Geschichte im Fernsehen. Hier zeigen sich ganz klar Präferenzen zwischen den Programmen. Der Vorzug, den die Privaten der fiktionalen Aufbereitung historischer Bezüge geben, lässt sich mit Blick auf deren Programmpolitik begründen und interpretieren. Es könnte sein, dass die Privaten dazu tendieren, bei Geschichtssendungen den Zuschauer nicht vorrangig informieren zu wollen, sondern dass sie darauf setzen, mit einer spannungsreichen und unterhaltsamen Inszenierung die Zu- schauer zu binden. Mischformen werden nur von den öffentlich-rechtlichen Anstalten ausgestrahlt, die damit ihre Vielseitigkeit betonen und sich von den privaten Sendern absetzen. Das Format der Wochenschau bedienen nur die dritten Programme, dabei besonders der SFB. 106 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Non-Fiktion 2,9 4,8 7,2 0,1 Fiktion 1,6 1,3 2,1 0,9 Hybride 0,2 0,1 – – Wochenschau – 0,1 – – Tabelle 8: Genre Prozentualer Anteil des fiktionalen, non-fiktionalen Genres und der Mischformen von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms 107 Abbildung 5: Genres der einzelnen Sendergruppe: Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms 0,2 2,6 0,1 1,6 0,0 0,2 0,2 2 2,2 0,0 0,2 0,2 1,2 0,1 0,1 0,1 0,8 6,1 0,1 0,0 0,2 1,5 0,6 0,0 0,1 0,0 0,1 0,6 0,2 0 1 2 3 4 5 6 7 Reportage Dokumentation Diskussion/Talkshow Spielfilm/Historienfilm Sonst. Fiktional Mischformen Magazin Reportage Dokumentation Diskussion/Talkshow (Live-)Bericht Porträt/Gespräch Spielfilm/Historienfilm Fernsehfilm Dokuspiel Wochenschau Reportage Dokumentation Diskussion/Talkshow (Live-)Bericht Porträt/Gespräch Spielfilm/Historienfilm Fernsehfilm Magazin Reportage Dokumentation Sonst. fiktional Spielfilm/Historienfilm Fernsehfilm A R D /Z D F D ri tt e 3s at /A R T E Pr iv at e Trotz der oben beschriebenen Bedeutung fiktionaler Sendungen im Angebot muss dennoch festgestellt werden, dass über alle Sendergruppen hinweg, mit Ausnahme der Privaten, Sendungen mit historischen Inhalten überwiegend im Genre der Dokumentation und des Dokumentarfilms präsentiert werden. An zweiter Stelle der Präsentationsformen steht dann aber der Spiel- und Historien- film (bei ARD/ZDF und 3sat /ARTE), deutlich vor anderen non-fiktionalen Formen wie Diskussionen und Porträts. Nur die Dritten pflegen die spezifische Form der Reportage häufiger. Geschichte im Fernsehen findet also ganz ein- deutig überwiegend im non-fiktionalen, dokumentarischen Modus statt, fiktio- nale Formate wie Spiel- und Historienfilme müssen aber als „weichere“ Aus- prägungen des Segments Geschichtssendung ebenfalls akzeptiert werden. Die Dritten verfügen nicht nur über die zahlenmäßig größte Ausstrahlungs- frequenz von Geschichtssendungen (insgesamt 457 Sendungen), sondern auch über eine ausgeprägte Genrevielfalt. Sie bieten ihr Geschichtsprogramm im untersuchten Zeitraum 2003 in zehn verschiedenen Darstellungsmodi an. Das Format der Reportage und das der Dokumentation beziehungsweise des Doku- mentarfilms macht zusammengenommen mehr als zwei Drittel (312 Sendun- gen) der in den Dritten gezeigten historischen Sendungen aus, bildet also in der Vielfalt einen deutlichen Genreschwerpunkt. ARD und ZDF sowie die privaten Sendeanstalten variieren sechs verschie- dene Darstellungsmöglichkeiten von Geschichte im Fernsehen. Ein direkter Vergleich fällt hier schwer, da die Privaten nur ein Viertel des Volumens an historischen Beiträgen von ARD und ZDF ausstrahlen. Die privaten Programme bieten – und das überraschenderweise – dennoch ein umfangreiches Formen- spektrum an. Fast die Hälfte der Sendungen der Privaten entfällt dabei auf fiktionale Spiel- und Historienfilme (sieben von 15 Sendungen). ARD und ZDF präsentieren Geschichtsvermittlung zu zwei Dritteln im Format der Doku- mentation und des Dokumentarfilms (45 von 65 ausgestrahlten Sendungen).m Betrachtet man die durchschnittlichen Beitragslängen der verschiedenen Genres innerhalb der vier Senderfamilien (vgl. Tab. 9), dann fällt auf, dass die Sendungen der privaten Programme eine durchschnittliche Länge von 110 Minuten haben. Wenn man die Verzerrungen durch Spielfilme heraus- rechnet, liegt die durchschnittliche Ausstrahlungszeit der Geschichtssendungen knapp unter einer Stunde, bei 3sat /ARTE findet außerdem das Dreißig-Minu- ten-Format in Form von Reportagen, Berichten und Porträts Berücksichtigung. Diese deutlichen Unterschiede in Tabelle 9 unterstützen die These von der zunehmenden Formatierung des Genres. „Die Sendelängen lassen sich auch bestimmten Genres zuordnen.“ (Wolf 2003, S. 24) 108 109 62 Ein großer F-Wert zeigt an, dass es Längenunterschiede zwischen den Genres innerhalb jeder Sendergruppe gibt (d. h. dass, sich die Mittelwerte voneinander unterscheiden) und korrespondiert mit einem hohen Signifi- kanz-Niveau (Werte um p = 0,000). Ein geringer F-Wert bedeutet dementsprechend, dass nur marginale Differenzen auftreten. Durchschnittl. Sende- dauer in Minuten Anzahl der Sendungen Standard- abweichung ANOVA Signifikanz ARD/ZDF 58,8 65 28,800 Reportage 45,0 4 0,000 F = 52,262 p = 0,000 Doku/Dokumentarfilm 46,4 45 14,127 Diskussion/Talkshow 45,0 1 – Spiel-/Historienfilm 98,1 13 9,251 Sonstiges fiktional 30,0 1 – Mischformen 180,0 1 – Dritte 46,8 457 28,600 Magazin 33,1 21 4,455 F = 21,7 p = 0,000 Reportage 39,1 164 18,826 Doku/Dokumentarfilm 47,3 148 18,428 Diskussion/Talkshow 60,0 1 – (Live-)Bericht 41,3 12 6,784 Porträt/Gespräch 52,3 15 19,718 Spiel-/Historienfilm 92,9 41 20,062 Fernsehfilm 75,0 5 23,979 Dokumentarspiel 87,5 2 3,536 Wochenschau 14,9 20 0,366 3sat/ARTE 53,7 145 31,200 Reportage 28,4 22 12,285 F = 12,829 p = 0,060 Doku/Dokumentarfilm 53,4 91 29,111 Diskussion/Talkshow 60,0 1 – (Live-)Bericht 30,0 1 – Porträt/Gespräch 33,8 4 14,361 Spiel-/Historienfilm 108,2 11 14,709 Fernsehfilm 81,7 6 18,348 Private 110,0 15 45,500 Magazin 50,0 1 – F = 8,029 p = 0,004 Reportage 57,5 2 3,536 Doku/Dokumentarfilm 75,0 1 – Sonstiges non-fiktional 67,5 2 10,607 Spiel-/Historienfilm 146,4 7 29,257 Fernsehfilm 125,0 2 7,071 Tabelle 9: Genres und Beitragslänge Durchschnittslänge der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtpro- gramms Die Dritten zeigen im gesamten Tagesverlauf in fast allen Formaten Bei- träge, besonders im Spätprogramm werden alle Varianten bedient. Während die Ausstrahlungshäufigkeit von Reportagen beginnend mit dem Nachmittag sinkt, nimmt diese für den Dokumentarfilm zu. ARD und ZDF bevorzugen die Ausstrahlung von Dokumentationen vom Nachmittag an, während bei 3sat / 110 Tabelle 10: Genres und Tageszeit Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms Vormittag Nachmittag Abend Spät ARD/ZDF Reportage – 0,2 0,3 0,3 Doku/Dokumentarfilm – 2,9 3,7 3,8 Spiel-/Historienfilm – 0,4 – 4,4 Sonstiges fiktional – 0,1 – – Diskussion/Talkshow – – – 0,2 Mischformen – – – 0,7 Dritte Magazin 0,0 0,3 0,6 0,1 Reportage 1,6 4,0 2,0 0,8 Doku/Dokumentarfilm 1,4 1,9 1,9 3,1 Diskussion/Talkshow – – – 0,1 (Live-)Bericht 0,1 0,3 0,3 0,0 Spiel-/Historienfilm – 2,3 – 1,8 Fernsehfilm – – 0,2 0,2 Porträt/Gespräch 0,3 – 0,6 0,2 Dokumentarspiel – – – 0,2 Wochenschau 0,1 0,0 0,2 0,1 3sat/ARTE Reportage – 2,1 1,5 – Doku/Dokumentarfilm 0,5 11,1 9,2 4,9 Diskussion/Talkshow – – – 0,2 (Live-)Bericht – 0,1 – – Spiel-/Historienfilm – 1,1 2,3 2,5 Fernsehfilm – 0,2 2,0 0,7 Porträt/Gespräch 0,4 0,1 0,1 – Private Magazin 0,1 – – – Reportage 0,3 – – – Doku/Dokumentarfilm – – – 0,1 Sonstiges non-fiktional – 0,2 0,2 – Spiel-/Historienfilm – 0,4 1,1 1,0 Fernsehfilm – – 0,9 – Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr ARTE der Anteil an Dokumentationen nachmittags am höchsten ist, um zum Spätprogramm hin zu sinken. Die längeren Sendungen (Spiel- und Historien- filme) sind über alle Sendergruppen hinweg eher im Abend- und Spätpro- gramm zu finden. 5.1.1.2 Produktionscharakteristik Den höchsten Anteil an Eigenproduktionen haben 3sat und ARTE, die auch bei der Ausstrahlung von Fremdproduktionen führend sind. Beiträge selbst zu produzieren und in Erstsendungen zu präsentieren deutet dabei, so kann man interpretieren (vgl. Tab. 2), auf ein spezifisches Eigeninteresse hin, sich als Sender mit „Geschichtsprofil“ zu etablieren. Autoren werden fast immer genannt, dem Autor kommt maßgebliche Be- deutung bei der Gestaltung eines Beitrags zu, dem er seine filmische „Hand- schrift“ gibt. Die zweithäufigste Nennung, die des Regisseurs, unterstützt die Vermutung von einer vorwiegend an der „Macher“-Seite orientierten Auszeich- nung der Sendungen. Regisseure werden nur im Zusammenhang mit Spielfilm- 111 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Eigenproduktion 0,4 0,1 2,0 0,1 Fremdproduktion 0,9 1,3 3,7 0,1 Koproduktion 0,1 0,0 0,8 – Sonst. Fremdprod. 1,9 1,8 1,3 0,7 gemischt – 0,4 1,8 0,0 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Autor 3,3 3,6 7,2 0,7 Autorin 0,6 1,6 2,0 – Redakteur 0,1 1,7 0,1 – Redakteurin 0,3 0,7 0,1 – Moderator 0,5 0,4 0,1 0,1 Moderatorin 0,2 0,1 – – Regisseur 1,7 1,4 2,0 0,8 Regisseurin 0,1 0,1 0,2 – Tabelle 11: Produktionsart Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms Tabelle 12: Produzenten Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms, Mehrfachcodierung möglich produktionen genannt. Dies ist auch (meist) die einzige Angabe, die der Fern- sehzeitschrift zur Produzentenseite zu entnehmen ist. Alle anderen Angaben zur spezifischen Autorschaft, vor allem bei non-fiktionalen Sendungen, hat nur die PIDB. Wenn Frauen an der Produktion von Sendungen mit historischen Inhalten beteiligt sind, dann überwiegend als eigenverantwortliche Autorin für einen Beitrag. 5.1.1.3 Zeitliche und thematische Einordnung der einzelnen Sendungen Über alle Sendergruppen hinweg steht das 20. Jahrhundert im Mittelpunkt der Darstellung von historischen Ereignissen im Fernsehen. Zuschauer, die sich 2003 Geschichtssendungen angesehen haben, sind überwiegend mit Themen des vergangenen Jahrhunderts konfrontiert worden, das heißt mit Zeiten und Ereignissen aus dem eigenen Erlebenshorizont oder dem der Elterngenera- tion.n Die Geschichtsdarstellung im Fernsehen thematisiert in der Hauptsache Geschehnisse des 20. Jahrhunderts (23,3 Prozent, ab der Ausprägung „1914 bis 1920“ bis zum Jahr 2000). Alle übrigen Epochen erreichen zusammen- genommen 22,1 Prozent. Das heißt, dass die vergleichsweise „kurze“ Epoche der vergangenen einhundert Jahre – die Zeitgeschichte – (etwas) mehr Raum im Fernsehen einnimmt als alle davor liegenden geschichtlichen Epochen zu- sammen. Innerhalb des 20. Jahrhunderts gibt es zusätzlich deutliche Schwer- punkte, vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Während die Werte für die sechziger und siebziger Jahre und die Gegenwart (2000 bis 2003) annähernd gleich verteilt sind, geht die hohe Besetzung des Zeitraums von 1939 bis 1945 natürlich auf die Thematisierung des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit zurück (vgl. Tab. 16). Dieser Befund überrascht nicht, nimmt doch die Diskussion über die Zeit des Nationalsozialismus, über Schuld und Verantwortung in der Öffentlichkeit einen breiten Raum ein, nicht nur im Fernsehen, auch durch Ausstellungen, Gedenktage, Bücher etc. Dem Kurven- 112 Tabelle 13: Epoche/Global Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Frühgeschichte 0,7 0,3 0,8 0,1 Früh-, Hoch- und Spätmittelalter – 0,2 0,2 – Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 0,0 0,6 0,5 0,3 20. Jahrhundert 1,7 1,1 2,0 0,4 mehrere 0,8 1,5 3,7 0,1 21. Jahrhundert 0,1 0,1 0,2 – verlauf in Abbildung 6 lässt sich entnehmen, dass in den Geschichtssendun- gen des Fernsehens alle Epochen, wenn auch mit unterschiedlicher Schwer- punktsetzung, vorkommen, selbst geschichtliche Ereignisse, die sehr weit in der Vergangenheit zurückliegen (Frühgeschichte, Antike und Mittelalter). 113 Abbildung 6: Epoche/Detail Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms, Mehrfachcodierung möglich 3,8 0,2 1,5 2,5 2,3 0,4 0,1 0,9 1,3 1,5 3,3 2,1 1,3 0,5 1,2 11 3,5 2,5 2,5 0,3 0,5 2,2 0 2 4 6 8 10 12 Frühgeschichte frühe Hochkulturen außereuropäische Hochkulturen Antike Frühmittelalter Spätmittelalter Neuzeit 16. Jahrhundert 17. Jahrhundert 18. Jahrhundert 1800–1870 1870–1914 1914–1920 1920–1930 1930–1939 1939–1945 1945–1960 1960–1970 1970–1980 1980–1990 1990–2000 2000–2003 Betrifft eine Sendung mehr als eine historische Sequenz (z. B. Erster Weltkrieg und die nachfolgenden Jahre) oder ist die Epoche nicht eindeutig feststellbar, ist „mehrere“ als Kategorie vergeben worden. Darstellungen, die einen nationalen Bezug haben, werden am häufigsten thematisiert. Während übernationale Beziehungen lediglich bei 3sat /ARTE von einiger Bedeutung sind, weisen die wenigsten Sendungen regionale Bezüge auf. Dieser Befund ist einigermaßen überraschend, da angesichts der großen Beteiligung der Dritten mit ihrer spezifischen Empfangssituation ein Mehr an regionalen Bezügen denkbar wäre. Dieses Ergebnis ist insofern interessant, weil es bedeutet, dass offensichtlich Geschichte im Fernsehen nationale Ge- schichte ist. Welche Länder – außer dem eigenen – im Einzelnen Gegenstand von Geschichtsdarstellung im Fernsehen sind, zeigt Tabelle 15. Aus der Darstellung wird ein eurozentristischer thematischer Schwerpunkt der Geschichtssendungen deutlich. Bei den genannten Ländern handelt es sich um Nationen, die am Zweiten Weltkrieg beteiligt waren. Weil diesem Ereignis massenmedial eine so große Beachtung geschenkt wird, sind die Beteiligten an diesem Krieg auch häufig in der betreffenden Geschichtsdarstellung inkludiert 114 Tabelle 14: Ebene Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private International 1,6 1,3 2,2 0,6 National 2,7 4,9 6,3 0,3 Regional 0,1 0,1 – – Tabelle 15: Region Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms, Mehrfachcodierung möglich 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Deutschland 2,18 3,51 3,07 0,21 Österreich – 0,15 0,37 – Russland 0,36 0,48 0,71 0,07 CSSR – 0,10 0,34 – Polen 0,18 0,14 0,15 – Frankreich 0,04 0,28 1,59 – Großbritannien 0,38 0,49 0,69 0,22 Italien 0,38 0,32 0,51 0,08 Spanien – 0,07 0,36 – Griechenland 0,26 0,06 0,04 – USA 1,21 0,73 1,08 0,39 Japan 0,43 0,07 0,06 0,11 Sonstige 1,47 1,52 3,42 0,38 (vgl. Abb. 6 und Tab. 16). National ausgerichtete Geschichtsdarstellung domi- niert insgesamt, auch übrigens bei ARTE. Zusammen mit der Variable „Epoche“ (vgl. Abbildung 6) zeigt sich noch einmal sehr deutlich, dass das durchschnittliche historische Ereignis, das im Fernsehen im Jahr 2003 präsentiert wurde, in der zweiten Hälfte des 20. Jahr- hunderts angesiedelt ist (mit Schwerpunkt auf den Jahren nach 1939), einen spezifisch nationalen Schwerpunkt hat und deutsche Bezüge aufweist. Betrachtet man die Thematisierung von Ereignissen, die im Zusammen- hang mit dem Zweiten Weltkrieg – von der Ausprägung „Faschismus“ bis zu „Hitler“ – stehen, zeigt sich, dass diese in den öffentlich-rechtlichen Haupt- programmen (insgesamt 1,9 Prozent) den breitesten Raum einnehmen. Mit der Aufmerksamkeit, die dem Weltkriegsgeschehen gewidmet wird, positionieren sich ARD und ZDF als die „Adresse“ für Sendungen dieser Inhalte. Den größten Anteil hat dabei wohl das ZDF64 mit seinen geschichtlichen Doku- mentationen, die nicht unwesentlich zur Profilbildung des Senders beitragen. Der Zweite Weltkrieg als Thema für Geschichtssendungen hat bei den Privaten und 3sat /ARTE nicht diese herausragende Bedeutung. Hier kommen eher zeitgeschichtliche Themen zum Tragen. Die Werte liegen auf etwa gleichem Niveau, d. h., dass die Darstellung des Weltkriegsgeschehens nicht zu Lasten von Themen mit zeitgeschichtlichen Bezügen geht. Historische Ereignisse der vergangenen 60 Jahre werden gleichberechtigt und gleichmäßig präsentiert, 115 63 Definiert als Zeitraum von den 60er Jahren bis in die Gegenwart. 64 Das ZDF hat 1984 eine eigene Redaktion Zeitgeschichte unter der Leitung von Prof. Guido Knopp ein- gerichtet. 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private 1. Weltkrieg 0,2 0,1 0,4 – Faschismus 0,2 0,4 0,6 – Holocaust 0,5 0,1 0,3 – 2. Weltkrieg 1,1 0,9 0,7 0,2 Hitler 0,1 0,0 – – Nachkriegszeit – 0,3 0,5 0,1 Widerstand 0,3 0,1 – – DDR 0,1 0,3 0,3 – Kommunismus – 0,2 0,3 – Zeitgeschichte63 0,7 0,6 1,7 0,3 andere 2,9 5,3 7,3 0,7 Tabelle 16: Thema Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms, Mehrfachcodierung möglich anders als in den Hauptprogrammen und bei den Dritten, was insgesamt die unterschiedliche Prioritätensetzung bei der Themenauswahl zwischen den öffent- lich-rechtlichen Sendergruppen und 3sat/ARTE und den Privaten unterstreicht.n Frauen und frauenspezifische Themen werden in Sendungen mit historischen Inhalten nur am Rande behandelt. Ein Befund, der sowohl die Darstellungs- praxis in den historischen Wissenschaften, als auch die des Mediums Fernsehen widerspiegelt. Die Präsentation von Geschichte erfolgt immer unter einem Männer zentrierten Präsentationsmodus. Dies ist vermutlich auch der Orientie- rung an der traditionellen Geschichtswissenschaft geschuldet, die Ereignisse in Form von Strukturen und Prozessen schildert(e), die fokussiert sind auf Politik-, Militär- und Diplomatiegeschichte, die also meist mit der „Ausblen- dung“ von Frauen aus der Realgeschichte einher ging (vgl. Frevert 1994). Am ehesten thematisieren noch 3sat und ARTE Frauen und frauenspezifische Themen. Wenn im Programm Sendungen mit einer besonderen Berücksichti- gung frauenspezifischer Themen ausgestrahlt werden, dann tendenziell eher nach 18:00 Uhr. 3sat /ARTE und die Dritten nutzen zudem auch manchmal den Morgen und Nachmittag (vgl. Tab. 18) für solche Sendungen. 116 Tabelle 17: Frauenspezifischer Inhalt Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamt- programms Tabelle 18: Frauenspezifik und Tageszeit Tageszeitabhängiger prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Keine Frauenspezifik 3,9 6,1 8,3 0,8 Frauenspezifik 0,8 0,5 1,4 0,2 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Vormittag/Mittagsprogramm – 0,0 0,4 – Nachmittagsprogramm – 0,2 0,1 – Abendprogramm 0,4 0,1 0,4 – Spätprogramm 0,2 0,3 0,4 0,0 Den größten Anteil an weiblichen Mitarbeitern bei der Produktion von historischen Sendungen gibt es bei den Dritten und 3sat /ARTE, bei den Priva- ten ist er quantitativ nicht nachweisbar. Männliche Produzenten stellen über alle Sender verteilt immer noch das Gros der Beteiligung an der Herstellung von Geschichtssendungen im Fernsehen. 5.1.1.4 Darstellung und Vermittlung Eine personalisierte Darstellung von Geschichte wird über alle Sender- gruppen hinweg deutlich favorisiert. Geschichte wird nicht in abstrakten und dem Zuschauer schwer zugänglichen Schilderungen und Analysen von Doku- menten präsentiert, wie sie in den textbasierten historischen Wissenschaften üblich ist (Stichwort: Quellenkunde). Historie wird im Fernsehen als an Per- sonen geknüpfte visualisierte Geschichte erzählt und nicht in Form einer chro- nologischen Präsentation von („toten“) Zeugnissen und Schriftstücken. 117 2003 ARD/ZDF Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 1,1 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 2,2 Dritte Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 0,8 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 2,9 3sat/ARTE Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 1,8 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 4,9 Private Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 0,2 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 0,6 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Produzent 5,6 7,1 9,4 1,6 Produzentin 1,2 2,5 2,3 – Tabelle 20: Erzählweise Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres 2003 auf Basis des Gesamt- programms Tabelle 19: Produzenten Prozentualer Anteil der Produzenten nach Geschlecht der codierten Sendegenres von 2003 auf Basis des Gesamtprogramms, Mehrfachcodierung möglich Ein historisches Ereignis kann in der Fernsehdarstellung – wie die Tabelle zeigt – sowohl personalisierte Züge tragen als auch gesellschaftliche Teil- bereiche berühren. Mit anderen Worten: In zahlreichen historischen Beiträgen wird das geschilderte Ereignis aus mehr als einer Perspektive betrachtet. Die ursprünglich mehr als 20 Variablenausprägungen zur Beschreibung solcher Perspektiven wurden aus Gründen der Übersichtlichkeit und zur Erhöhung der Aussagekraft zusammengefasst (vgl. Codeplan). Bis auf die Privaten wird von allen Sendergruppen eine gruppenbezogene Erzählform gewählt. In der Mehr- zahl der Sendungen wird das historische Geschehen anhand persönlicher Schick- sale dargestellt, bzw. es folgt einer am Menschen orientierten Darstellungs- weise. Insgesamt kann festgehalten werden, dass es in der Detail-Perspektive aber fast immer personale und nicht-personale Vermittlungsstrategien gibt und sich über alles eine große Vielfalt in der Darstellungspraxis der Sendergruppen zeigt. 5.1.2 Der Vergleich aller drei Jahre Im Unterschied zu der vorangegangenen Analyse des Jahres 2003, die auf der Grundlage eines „weiten“ Geschichtsbegriffs erfolgte, stützt sich der folgende Querschnittsvergleich der Jahre 1995, 1999 und 2003 auf einen „engen“ Begriff von Geschichte, d. h. hier werden nur die Sendungen miteinander verglichen, die auf für geschichtliche Themen vorgesehenen Sendeplätzen stehen und die als historische Beiträge im Format der Dokumentation, der Reportage und des Features vorliegen. Ausgeschlossen sind alle fiktionalen Modi. 118 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Personalisiert 1,4 2,1 4,8 – Gruppen 2,5 2,6 4,4 0,7 Staat und Politik 2,0 2,1 2,5 0,9 Nicht-personalisierte Darstellung 1,3 3,0 3,0 0,1 Gesellschaftliche Teilbereiche 1,8 2,4 5,1 0,6 Tabelle 21: Detail-Perspektive Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres 2003 auf Basis des Gesamt- programms, Mehrfachcodierung möglich 5.1.2.1 Programmstrukturelle Sendungsmerkmale Für den Zeitraum zwischen 1995 und 2003 gibt es eine deutliche Steigerung der Ausstrahlung von Sendungen mit historischen Inhalten. Diese Entwicklung stützt die These von der quantitativen Zunahme dieses Genres vor dem Millen- nium, die sich aus diesem Anlass und im Kontext einer zunehmenden Ver- unsicherung durch Globalisierungsprozesse sowie im Kontext des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik als verstärkte Hinwendung zur „eigenen“ Geschichte interpretieren lässt. Nach dem Jahrtausendwechsel kann sich das Angebot von Geschichtssendungen im Fernsehen nicht nur auf einem höheren Niveau halten als vorher, sondern sogar noch zulegen. Offenbar – wenn man diese Steige- rung nicht als bloßen Selbstläufer der Programmplaner ansieht – besteht beim Publikum ein Bedarf an Sendungen dieses Formats. Selbst wenn wir – im schlechtesten Fall – annehmen würden, dass Sendungen zu geschichtlichen Ereignissen deshalb stärker im Programm vorkommen, weil sie (günstiges) Füllmaterial für sonst leere Programmflächen darstellen und (deshalb) vielleicht eher in den Randzonen des Programms zu finden sind (vgl. Abb. 15), wäre es faktisch doch so, dass es mehr Programmwahlmöglichkeiten für die Zuschauer gibt als jemals zuvor. 119 Abbildung 7: Anteil der Geschichtssendungen am gesamten Sendevolumen Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten am Gesamtprogramm – Sendun- gen aller Sender pro Jahr (n = 848) 222 289 337 0 100 200 300 400 1995 1999 2003 In allen drei Jahren strahlen die Dritten am häufigsten Geschichtssendun- gen aus, gefolgt von 3sat und ARTE. Beide Sendergruppen können die Aus- strahlungsfrequenz im Zeitverlauf der Untersuchung erhöhen, 3sat und ARTE schließlich um fast einhundert Prozent. Die Dritten, die über acht ausstrahlungs- starke Sender verfügen, bedienen ihre breiten Programmflächen, indem sie auf einen Programmpool zurückgreifen. Dabei handelt es sich in der über- wiegenden Anzahl der Fälle um Sendungen, die einerseits vom ARD-Haupt- programm produziert worden sind, und die die Dritten kostengünstig nutzen können, andererseits besteht zwischen den dritten Programmen der ARD eine vertragliche Vereinbarung, dass die selbstproduzierten Beiträge von allen ande- ren Dritten kostenfrei übernommen werden können. Angesichts dieser Tatsche sind die hohen Fallzahlen bei den dritten Programmen immer unter diesem Vorbehalt des „Verwertungspools“ zu betrachten. Die privatwirtschaftlichen Anstalten halten sich mit der Präsentation von Sendungen mit historischen Inhalten „bedeckt“, ein Befund zu dem auch Wilke (1999) in seiner Unter- suchung kommt. 120 Abbildung 8: Anteil der Geschichtssendungen der Sendergruppen im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten am Gesamtprogramm – Sendun- gen aller Sender pro Jahr (n = 848) 26 28 28 148 190 203 41 56 100 7 15 6 0 50 100 150 200 250 1995 1999 2003 1995 1999 2003 1995 1999 2003 1995 1999 2003 A R D /Z D F D ri tt e 3s at /A R T E Pr iv at e Betrachtet man die Sendeanstalten im Einzelnen, zeigt sich Folgendes: Das Zweite Programm strahlt einige Sendungen mehr aus als die ARD, ähnlich führt 3sat vor ARTE, beide auf einem insgesamt hohen Niveau. Eine Art soliden Grundstock für Geschichtssendungen haben bei den Dritten die Sender BR, SWR, WDR, ORB und MDR, während HR, NDR, SFB hier noch stärkere Akzente setzen. Bei den Privaten gab es nur wenige Unterschiede. RTL und Sat.1 liegen etwa auf demselben Niveau, das VOX leicht unter- und ProSieben leicht überschreitet. Der Anteil der geschichtlichen Ereignissen gewidmeten speziellen Sende- zeiten beträgt über den Untersuchungszeitraum 1995 bis 2003 hinweg durch- schnittlich zwei Prozent des Gesamtprogramms. Dabei gibt es erhebliche Unter- schiede zwischen den einzelnen Sendern (vgl. Tab. 22) und auch zwischen den verschiedenen Jahren. 121 Abbildung 9: Anteil der Geschichtssendungen aller Sender (ungruppiert) Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten aller Sender für alle drei Jahre (n = 848) 36 46 7 7 5 9 44 87 51 97 45 55 46 116 106 91 0 20 40 60 80 100 120 140 ARD ZDF RTL Sat.1 ProSieben VOX BR HR MDR NDR SWR WDR ORB/RBB SFB 3sat ARTE Grundsätzlich ist jedoch ein Anstieg über die Jahre hinweg sehr deutlich. Entfallen auf historische Sendungen 1995 1,4 Prozent, so sind es 1999 1,7 Pro- zent und 2003 bereits 2,4 Prozent, also fast eine Verdoppelung. Generell strahlen die öffentlich-rechtlichen Programme mehr geschichtliche Sendungen aus als die privaten Sender, bei denen Sendungen dieser Art eigentlich nur am Rande vorkommen. Da das Millennium insgesamt ein publizistisches Sonderereignis ersten Ranges darstellt, verwundert es nicht, dass die Privaten sich zum Jahr- tausendwechsel hin verstärkt dem Segment Geschichtsfernsehen zuwenden; denn im Kontext des Millenniums ist Geschichte aktuell. Nach der Jahrtausend- wende fallen die Anteile an Geschichtssendungen im Programm der Privaten wieder zurück auf das Niveau von 1995. Der Anstieg zur Jahrtausendwende hat also bei den privatwirtschaftlichen Anbietern – anders als bei den öffent- lich-rechtlichen Sendern – keine nachhaltige Wirkung und führt nicht dazu, dass ein öffentliches Interesse an der (Selbst-)Vergewisserung der (eigenen) Geschichte weiterhin gepflegt und entwickelt wird. Man kann das so inter- pretieren, dass die Privaten auf die „Historien“-Welle aufgesprungen sind, weil 122 Tabelle 22: Anteil der Geschichtssendungen am gesamten Sendevolumen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms 1995 1999 2003 Minuten* Sende- basis** Sende- zeitanteil in %*** Minuten Sende- basis Sende- zeitanteil in % Minuten Sende- basis Sende- zeitanteil in % Gesamt 8.975 645.120 1,4 10.865 645.120 1,7 15.306 645.120 2,4 ARD 352 40.320 0,9 910 40.320 2,3 500 40.320 1,2 ZDF 894 40.320 2,2 255 40.320 0,6 855 40.320 2,1 RTL 55 40.320 0,1 35 40.320 0,1 210 40.320 0,5 Sat.1 115 40.320 0,3 150 40.320 0,4 0 40.320 0,0 ProSieben 0 40.320 0,0 120 40.320 0,3 50 40.320 0,1 VOX 120 40.320 0,3 605 40.320 1,5 115 40.320 0,3 BR 610 40.320 1,5 410 40.320 1,0 985 40.320 2,4 HR 585 40.320 1,5 745 40.320 1,8 1.655 40.320 4,1 MDR 375 40.320 0,9 730 40.320 1,8 1.090 40.320 2,7 NDR 1.165 40.320 2,9 980 40.320 2,4 1.410 40.320 3,5 SWR 535 40.320 1,3 510 40.320 1,3 940 40.320 2,3 WDR 800 40.320 2,0 570 40.320 1,4 840 40.320 2,1 ORB/RBB 270 40.320 0,7 1.055 40.320 2,6 330 40.320 0,8 SFB 1.027 40.320 2,5 1.315 40.320 3,3 1.047 40.320 2,6 3sat 645 40.320 1,6 1.570 40.320 3,9 1985 40.320 4,9 ARTE 1.427 40.320 3,5 905 40.320 2,2 3.294 40.320 8,2 * Dauer der durch das Kategoriensystem erfassten Geschichtssendungen in Minuten je Sender ** Basis des 24-Stunden-Programms in Minuten über den Zeitraum der Codierung (4 Wochen eines Jahres à 7 Tage = 28 Tage * 24 Stunden * 60 (in Minuten) * Anzahl der Sender in der Sendergruppe) *** Prozentualer Sendezeitanteil der erfassten Geschichtssendungen zur Basis des 24-Stunden-Programms das Thema im Publikum durch die umfassende öffentliche Diskussion um das Millennium und seine Bedeutung präsent gewesen ist. Zu überlegen bleibt, warum sie sich aus diesem Programmsegment wieder zurückgezogen haben:m 1. Angesichts der üblichen und bekannten Entscheidungsmechanismen ist davon auszugehen, dass die privatwirtschaftlichen Programmanbieter das Format der Geschichtssendungen für nicht quotenstark genug einschätzen.m 2. Andere Programme sind billiger herzustellen. 3. Die Privaten überlassen in der Konkurrenz zu den öffentlich-rechtlichen Programmangeboten diesen das Feld der Geschichte und konzentrieren sich auf andere Formate und Themen. Entscheidend für die geringe Ausstrahlungskapazität historischer Sendungen auf den privaten Kanälen wird eine Kombination aus den genannten Gründen sein. Der öffentlich-rechtliche Sektor hat also den maßgeblichen Anteil am Zu- wachs des Sendevolumens historischer Ereignisse im Fernsehen der Bundes- republik. Innerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems finden sich die höchsten Anteile bei 3sat /ARTE (von 2,6 Prozent im Jahr 1995 auf 6,5 Prozent am Gesamtprogramm im Jahr 2003) und den dritten Programmen (von 1,7 Prozent 1995 auf 2,6 Prozent am Gesamtprogramm im Jahr 2003). Beträchtliche Schwankungen lassen sich zwischen den beiden Hauptprogrammen finden. Während das ZDF im Anfangs- und Endjahr der Untersuchung historischen Beiträgen rund doppelt so viel Sendezeit zugesteht wie die ARD, fällt sie zum Jahrtausendwechsel auf nur noch ein Viertel herab, weil die ARD exzeptionell zulegt. Ähnlich den Privaten hat das erste Hauptprogramm das Potenzial histo- rischer Inhalte im Jahr 1999 erkannt und sich diesem Segment verstärkt zu- gewandt. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich bei den Sendungen aller drei Jahre um selbstständige und nicht in einen Themenabend eingebundene Sen- dungen. Themenabende sind am häufigsten noch bei 3sat und ARTE zu finden. Ihr Anteil beträgt über alle drei Jahre hinweg verschwindend geringe 0,7 Pro- zent am Gesamtprogramm, was vermutlich nicht der publizistischen Wirkung und Aufmerksamkeit entspricht, die diese Themenabende haben. Die Verteilung von Sendeformaten auf den Wochenspiegel des Programms ist ein wichtiger Indikator für die Programmbewertung durch die Programm- planer und die von ihnen erwartete Nachfrage durch ein spezielles Publikum. Wochenendbesetzungen drücken dabei tendenziell eher aus, dass ein Programm- angebot als attraktiv für ein breites Publikum eingeschätzt wird, Setzungen nach 22:00 Uhr oder 22:30 Uhr, also nach der Primetime, gelten dagegen wieder als Angebote für ein Spezialpublikum. Bei der Platzierung im Wochen- programm ist natürlich auch der Programmfluss zu bewerten, denn die aktuelle Programmplanung der Sender versucht in der Regel, das Publikum über meh- rere aufeinander folgende Sendungen zu binden. 123 1995 sind die ersten beiden Wochentage eher spärlich mit Geschichtssendun- gen besetzt, pendeln sich in den vier folgenden Tagen – Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag – auf einem mittleren Niveau ein, während der Sonntag schließlich eine doppelt so hohe Belegung aufweist und damit als „Historien- Sonntag“ zu gelten hat. Diese Verteilungscharakteristik ist auch für 1999 zu- treffend, nur gestaltet sich der Verlauf über die gesamte Woche hinweg ins- gesamt heterogener. In 2003 sind die drei ersten Tage der Woche hoch besetzt, dann fallen die Quantitäten der geschichtlichen Sendungen etwas, um zum Sonntag hin aufzuholen und einen Höchststand zu erreichen. Über den Unter- 124 Abbildung 10: Wochentag im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848) 19 17 37 30 31 33 55 43 29 41 32 41 39 64 45 57 53 40 35 44 63 0 10 20 30 40 50 60 70 Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So. Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So. Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So. 19 95 19 99 20 03 suchungszeitraum hinweg kann festgehalten werden, dass von 1995 an eine kontinuierliche Zunahme an Sendungen mit historischen Inhalten über alle Wochentage zu beobachten ist. Die Sender arbeiten dabei deutlich auf das Wochenende und speziell auf den Sonntag als Sendetag für Geschichte hin.m Insgesamt zeigt sich, dass in den drei Jahrgängen mit der Platzierung von Sendungen mit historischen Inhalten an den verschiedenen Wochentagen expe- rimentiert worden ist. Es bildet sich über die Jahre eine Präferenz heraus mit Schwerpunkt am Mittwoch (insgesamt 131 Sendungen) und leichtem Anstieg zum Wochenende hin. Der Sonntag bleibt als „Geschichtstag“ dabei immer er- halten (insgesamt 182 Sendungen). Beide Geschichts-Wochentage – der Mitt- woch und der Sonntag – decken schließlich rund ein Drittel des ausgestrahlten Sendevolumens ab. Die dritten Kanäle bedienen das Geschichtsgenre kontinuierlich auf einem mittleren Niveau über die gesamte Woche. Diese Entwicklung wird in paralleler Form vom Zweiten Deutschen Fernsehen begleitet. Die Ausstrahlungshäufig- keit des ZDF liegt immer unter der bei den Dritten, ausgenommen davon sind der Montag und Sonntag, die sich als die Wochentage zur Präsentation von Geschichte im Fernsehen im ZDF etabliert haben. Insgesamt betrachtet, erweisen sich der Mittwoch und Sonntag als die Wochentage, an denen Geschichtsbeiträge am häufigsten ausgestrahlt werden (vgl. ARD und 3sat /ARTE, ebenso die Dritten bei einem sonst gleich bleiben- 125 Abbildung 11: Anteil der Geschichtssendungen nach Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms 0 1 2 3 4 5 6 Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag ARD ZDF Dritte 3sat/ARTE Private den Niveau und das ZDF, das auch auf den Montag abhebt). Wochenmitte und Wochenende etablieren sich über alle Sendergruppen als feste und wieder- kehrende Termine für Sendungen mit historischen Inhalten im Programm- fluss.n An dieser Stelle soll exemplarisch eine methodische Bemerkung zur „Fehler- quote“ resp. „Ausfallquote“ in der Erfassung erfolgen, die für jeden Sender/ jede Sendergruppe an dem Wert „ohne Angabe“ ablesbar ist. Diese fehler- hafte Codierung gründet auf der mangelhaften Auszeichnung in der PIDB und der HÖRZU. In der Folge wurde so verfahren, dass die nicht-codierten Fälle aus den Darstellungen herausgenommen wurden. Es macht keinen Unterschied, ob die nicht-codierten Werte in den Abbildungen und Tabellen enthalten sind, 126 Gesamt 1995 1999 2003 Minuten* Sende- basis** Sende- zeitanteil in %*** Sende- zeitanteil zur Sende- basis Sende- zeitanteil auf Code- basis**** Sende- zeitanteil zur Sende- basis Sende- zeitanteil auf Code- basis**** Sende- zeitanteil zur Sende- basis Sende- zeitanteil auf Code- basis**** ARD Erstsendung 45 120.960 0,04 – – – – 0,11 9,0 Wiederholung 807 120.960 0,67 0,12 13,4 1,25 55,5 0,63 51,0 ohne Angabe 910 120.960 0,75 0,76 86,6 1,00 44,5 0,50 40,0 ZDF Erstsendung 60 120.960 0,05 0,15 6,7 – – – – Wiederholung 354 120.960 0,29 0,39 17,8 – – 0,48 22,8 ohne Angabe 1.590 120.960 1,31 1,67 75,5 0,63 100,0 1,64 77,2 Dritte Erstsendung 195 967.680 0,02 – – – – 0,06 2,4 Wiederholung 7.044 967.680 0,73 0,60 36,1 0,72 36,7 0,86 33,6 ohne Angabe 12.740 967.680 1,32 1,06 63,9 1,24 63,3 1,65 64,1 3sat/ARTE Erstsendung 1.480 241.920 0,61 0,07 2,9 0,24 7,7 1,53 23,3 Wiederholung 3.431 241.920 1,42 0,55 21,3 0,27 8,7 3,44 52,5 ohne Angabe 4.915 241.920 2,03 1,95 75,8 2,57 83,6 1,58 24,2 Private Erstsendung 0 483.840 0 – – – – – – Wiederholung 245 483.840 0,05 0,04 20,7 – – 0,11 49,3 ohne Angabe 1.330 483.840 0,27 0,14 79,3 0,56 100,0 0,12 50,7 Tabelle 23: Erstsendungen und Wiederholungen der Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms * Dauer der durch das Kategoriensystem erfassten Geschichtssendungen in Minuten je Sender ** Basis des 24-Stunden-Programms in Minuten über den Zeitraum der Codierung (4 Wochen eines Jahres à 7 Tage = 28 Tage * 24 Stunden * 60 (in Minuten) * Anzahl der Sender in der Sendergruppe) *** Prozentualer Sendezeitanteil der erfassten Geschichtssendungen zur Basis des 24-Stunden-Programms **** Sendezeitanteil auf Basis der Sendedauer der codierten Geschichtssendungen denn die Anteile der anderen Merkmale bleiben dadurch unverändert. Eine Bereinigung um „unklare Fälle“ ist bei der Rechnung auf Basis des Gesamt- programms nicht möglich, da man die Sendezeit von 24 Stunden nicht um die „unklaren Fälle“ reduzieren darf. Die Basis bleibt eben immer 24 Stunden. Der Abbildung kann man die Ausstrahlungskapazitäten der Sender/-gruppen an Erstausstrahlungen und Wiederholungen entnehmen. Die zweite Spalte gibt Auskunft über die als Erstsendungen bzw. Wiederholung codierten Sende- minuten aller drei Jahre, deren prozentualer Anteil in der vierten Spalte ab- gebildet ist. Wie sich die Verteilung in allen drei Jahren darstellt, können wir den entsprechenden Spalten entnehmen. Aus dem Gesamtüberblick wird ersicht- lich, dass die Sendeanstalten ihr Fernsehprogramm überwiegend mit Sendun- gen ausstatten, die aus der Zweit- und Drittverwertung stammen. Dass sie ein wesentlicher Faktor auch bei der Programmgestaltung sind und in besonderem Maße auch zur Senderprofilierung beitragen, zeigen die Kulturkanäle. Erstaus- strahlungen liegen in der Sendergruppe von 3sat und ARTE am höchsten, weil hier auch zunehmend Sendungen, die anschließend in die Hauptprogramme von ARD und ZDF kommen, zuerst gezeigt werden. Die von Wolf (2003) konstatierte hohe Rate von Übernahmen und Mehrfach-Ausstrahlungen in den dritten Programmen kann hier für die anderen Sender verallgemeinert werden. Das spricht insgesamt für eine hohe Verwertungsquote der historischen Sendun- gen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, die dabei die gesamte Breite und Variationsmöglichkeit ihrer verschiedenen Angebotskanäle nutzen. Mit Ausnahme von 3sat und ARTE, die Erstausstrahlungen auch während des Tagesprogramms präsentieren, werden generell Erstsendungen eher im Abend- und Spätprogramm platziert. Wenn auch im Spätabendprogramm Premieren gezeigt werden, ist damit eine Tendenz markiert, Sendungen mit historischen Inhalten (zunehmend) an den Rand der Programme zu setzen (Lappe 2003). Da mit der Positionierung im Spätprogramm aber nur der Zu- schauer angesprochen wird, der ein Eigeninteresse an Geschichte mitbringt und bereit ist, dafür auch lange auszuharren, gehen die Sendeanstalten offen- bar zurecht von einem stabilen Sonderpublikum für solche Sendungen aus. Betrachtet man die Wiederholungen, dann zeigt sich, dass die dritten Pro- gramme und 3sat /ARTE diese gehäuft am Nachmittag zeigen, während ARD und ZDF deutlich das Zeitfenster nach 22:00 Uhr bevorzugen. Einerseits ist natürlich das Nachmittagsprogramm eine nutzungsschwache Fernsehzeit, deren breite Programmfläche kostengünstig durch Wiederholungen von Geschichts- sendungen ausgefüllt werden kann, andererseits erreichen die öffentlich-recht- lichen Sender durch Ausstrahlungen am Nachmittag eben auch andere Zu- schauergruppen, z. B. Jugendliche und Rentner. Bei den Beitragslängen bildet das 45-Minuten-Format immer schon den Schwerpunkt der Geschichtssendungen, bis 2003 scheint sich diese Format- länge schließlich allgemein durchgesetzt zu haben, mehr als ein Drittel der 127 128 Gesamt ARD/ZDF Erstsendung Vormittag/Mittag – Nachmittag – Abend 0,1 Spät 0,1 Wiederholung Vormittag/Mittag 0,2 Nachmittag – Abend 0,2 Spät 1,1 Dritte Erstsendung Vormittag/Mittag – Nachmittag – Abend 0,1 Spät 0,0 Wiederholung Vormittag/Mittag 0,6 Nachmittag 1,2 Abend 0,4 Spät 0,6 3sat/ARTE Erstsendung Vormittag/Mittag 0,1 Nachmittag 0,1 Abend 2,3 Spät 0,6 Wiederholung Vormittag/Mittag 0,5 Nachmittag 3,8 Abend 1,3 Spät 0,4 Private Erstsendung Vormittag/Mittag – Nachmittag – Abend – Spät – Wiederholung Vormittag/Mittag 0,0 Nachmittag – Abend 0,1 Spät 0,0 Tabelle 24: Tageszeitabhängige Ausstrahlung von Erstsendungen und Wiederholungen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr Sendungen (289) wird in dieser Länge ausgestrahlt.65 Im mittleren Jahr erlebt das kürzeste Format Konjunktur. Zahlreiche Reihen wie „Chronik der Wende“, anlässlich des zehnjährigen Jahrestages des Beitritts der DDR zur Bundes- republik ausgestrahlt, werden als 15-minütige Beiträge gesendet. Diese zahl- reichen Kurzbeiträge haben auch den Einbruch kompensieren können, der bei einstündigen Filmen im Jahr 1999 zu beobachten ist, die in den beiden anderen Jahren das gleiche Niveau gehabt haben. Ein Viertel der Sendungen (204 Sen- dungen) wird im Format von sechzig und mehr Minuten Dauer ausgestrahlt. Dieser Befund stützt die Beobachtung, dass sich der Autorenfilm, wenn auch im geringen Umfang, im Themenfeld der Geschichtssendungen etablieren kann. 129 65 Eine geringe, aber stetige Zunahme erreichten auch die halbstündigen Filme. Abbildung 12: Beitragslänge im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848) 51 45 58 55 13 95 60 86 23 25 37 67 145 55 33 0 20 40 60 80 100 120 140 160 bis 15 Minuten 16 bis 30 Minuten 31 bis 45 Minuten 46 bis 60 Minuten über 60 Minuten bis 15 Minuten 16 bis 30 Minuten 31 bis 45 Minuten 46 bis 60 Minuten über 60 Minuten bis 15 Minuten 16 bis 30 Minuten 31 bis 45 Minuten 46 bis 60 Minuten über 60 Minuten 19 95 19 99 20 03 Wird die Verteilung der verschiedenen Sendeformate über die einzelnen Sendergruppen hinweg betrachtet, zeigt sich folgendes Bild: Das 45-Minuten- Format bedienen die ARD/ZDF-Gruppe und die Dritten sehr häufig. Die Aus- strahlungsfrequenz anderer Formate verringert sich sowohl in Richtung kürzerer als auch längerer Sendungen gleichmäßig. Für das Geschichtsgenre hat sich ein stabiler Präsentationsrahmen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen herausge- bildet. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil des konventionalisierten 45-Minu- ten-Musters ist sicher, dass es im Rahmen des gegenseitigen Austauschs in die Programmflächen „passt“. Da die Dritten in besonderer Weise mit Sendungen aus den Hauptprogrammen und anderen Dritten versorgt werden, ist die Ähn- lichkeit in der Prioritätensetzung wenig überraschend. Auch 3sat und ARTE unterstützen Beiträge mit einer Länge von durchschnittlich einer Dreiviertel- stunde, jedoch ebenso Sendungen von sechzig Minuten und mehr und ins- gesamt am häufigsten Sendungen mit einer Ausstrahlungszeit von einer Stunde. Die Privaten bedienen trotz des geringsten Ausstrahlungsvolumens alle For- mate, mit Schwerpunkt auf dem längsten Sendungstyp. Geschichte im Fern- sehen ist bei den privaten Anstalten bei aller Seltenheit ein besonderes Ereignis, dem entsprechend Programmfläche zugestanden wird. Bei 3sat und ARTE hingegen gehören historische Betrachtungen zum festen Bestandteil des Pro- gramms. Von der Neigung dieser Sendergruppe zu ausführlicher Berichterstat- tung profitieren auch die Geschichtsthemen. 130 Abbildung 13: Beitragslänge der Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms 0 1 2 bis 15 Minuten 16 bis 30 Minuten 31 bis 45 Minuten 46 bis 60 Minuten über 60 Minuten ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Bei nahezu allen Sendern – mit Ausnahme von 3sat /ARTE, die zu allen Zeitpunkten auch längere Sendungen66 anbieten – ist eine Entwicklung zu den 30- bis 45-minütigen Formaten hin zu registrieren. Bei ARD/ZDF nimmt dieser Sendungstyp 1995 erst 0,4 Prozent der Gesamtsendezeit ein, 2003 bereits fast 1,3 Prozent. Bei den dritten Programmen steigt der Anteil dieses Typs von 1,1 Prozent auf 1,8 Prozent, bei 3sat /ARTE von 0,7 Prozent auf 2,8 Prozent. Bei ARD und ZDF ist der Anteil längerer Sendungen (über 45 Minuten) von 1,1 Prozent auf 0,3 Prozent gesunken, so dass es hier und bei den Dritten die zunehmende Tendenz zu Kurzformaten gibt. Bei 3sat /ARTE nehmen sowohl Kurz- als auch Langformate zu. Die hier genannten Entwicklungen sind aber insgesamt nicht auf Kosten von Langformaten gegangen – diese haben ihren absoluten Anteil an der Sendezeit steigern können. Diese Entwicklung inter- pretieren wir insgesamt als Stabilisierung des Formats (vgl. Abb. 13 und 14). 131 66 „Lang“ sind Sendungen mit einer Dauer von mehr als 46 Minuten. Abbildung 14: Beitragslänge der Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil 0,4 1,1 1,1 0,5 0,7 1,9 0,0 0,1 0,8 0,6 1,6 0,3 1,0 2,1 0,2 0,4 1,3 0,3 1,8 0,8 2,8 3,8 0,2 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 Kurz Lang Kurz Lang Kurz Lang Kurz Lang A R D /Z D F D ri tt e 3s at /A R T E Pr iv at e 1995 1999 2003 – Das Spätabendprogramm kann sich in den letzten beiden Jahren weiter vorn etablieren. Geschichtssendungen werden zwar bevorzugt im Nachmittags- programm in Form von (Langzeit-)Reihen gesendet, aber dann auch wieder ab 22:00 Uhr. Der Ausschlag im Vormittagsprogramm für 1999 ist zurückzufüh- ren auf die Wiederholungstendenz der Sender an Jahrestagen, hier mit der in diesem Jahr sich zum zehnten Mal jährenden Öffnung der deutsch-deutschen Grenze. 132 Abbildung 15: Ausstrahlungszeiten im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 23 87 55 57 63 76 39 111 39 135 68 95 0 20 40 60 80 100 120 140 160 Nachmittagsprogramm Abendprogramm Spätprogramm Vormittags-/Mittagsprogramm Vormittags-/Mittagsprogramm Vormittags-/Mittagsprogramm Nachmittagsprogramm Abendprogramm Spätprogramm Nachmittagsprogramm Abendprogramm Spätprogramm 19 95 19 99 20 03 Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr 133 Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr Abbildung 16: Tageszeitliche Ausstrahlungspräferenzen nach Sendergruppen im Zeitverlauf Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms ARD 0 1 2 3 4 5 1995 1999 2003 Dritte 0 1 2 3 4 5 1995 1999 2003 Private 0 1 2 1995 1999 2003 3sat/ARTE 0 2 4 6 8 10 12 14 1995 1999 2003 Vormittag/Mittag Nachmittagsprogramm Abendprogramm Spätprogramm ZDF 0 1 2 3 4 5 1995 1999 2003 Die tageszeitabhängige Ausstrahlung von geschichtlichen Sendungen pendelt bei allen Sendergruppen über die Jahre hinweg mehr oder weniger stark im niedrigen Bereich. Bei den Dritten entwickeln sich das Spätabend- und Vor- mittagsprogramm über den Untersuchungszeitraum stetig aufwärts, während die beiden dazwischen liegenden Tageszeiten 1999 absinken. Dieser „Einbruch“ erfolgt zugunsten des Spätprogramms, das in der Folge die favorisierte Aus- strahlungszeit für Geschichte im Fernsehen ist. 2003 erreichen das Nach- mittags- und Spätabendprogramm Deckungsgleichheit. Bei den Dritten ver- laufen die Ausstrahlungshäufigkeiten im Abend- und Nachmittagsprogramm nahezu parallel. Nach einem Einbruch im mittleren Jahr können sie sich in der Folgezeit wieder auf dem Ausgangsniveau behaupten. Unabhängig von diesem Einbruch bleibt der Abend dennoch die bevorzugte Programmfläche für Ge- schichte im Fernsehen. Von den Einbußen profitiert bei 3sat /ARTE und den Dritten jeweils der Vormittag. Die Ausstrahlungspräferenzen der Privaten sind über die Jahre annähernd identisch. Nur 1999 sind Geschichtssendungen überwiegend im Spätprogramm zu finden. D. h., dass die gestiegene Anzahl ausgestrahlter Geschichtssendun- gen in diesem Jahr (vgl. Abb. 16) auf das Spätprogramm entfällt. Die Privaten haben offenbar das Genre als wichtig und zuschauerträchtig genug erachtet, um es im Zuge der Jahrtausendwende in ihr Programm aufzunehmen. Der Kurvenverlauf am Nachmittag wird beim ZDF im Zeitraum von 1995 bis 1999 vom Abendprogramm begleitet, ab dem Jahrtausendwechsel von der Zeit nach 22:00 Uhr. Parallel dazu finden sich erhöhte Ausstrahlungsfrequenzen vom Spätprogramm 1995 und vom Abendprogramm 2003. Der sich abzeichnende Prioritätenwechsel in der Ausstrahlungszeit korrespondiert mit der veränderten Ausstrahlungshäufigkeit in den drei Jahren (vgl. Abb. 16). Während diese 1999 extreme Einbußen erfährt – hier gibt es auch kaum Unterschiede in der tages- zeitlichen Platzierung – sind die Werte im Anfangs- und Endjahr der Untersu- chung erhöht und nahezu identisch. Während die erhöhte Ausstrahlungsfrequenz 1995 auf die Zeit nach 22:00 Uhr entfällt, ist es 2003 das Abendprogramm zur Primetime, die vom ZDF als geschichtlicher Sendeplatz bevorzugt wird. Dass die Ausstrahlungsfrequenz als Erklärungsfaktor für die veränderten tageszeit- lichen Platzierungen herangezogen werden kann, belegt auch die Situation bei der ARD, die im Zuge des Millenniums verstärkt Sendungen mit historischen Inhalten in ihr Programm nimmt und diese in der Zeit nach 22:00 Uhr präsen- tiert. Die deutliche Steigerung historischer Sendungen hängt auch bei anderen Fernsehanstalten mit einer bestimmten tageszeitlichen Präferenz, im Abend- und Spätprogramm, zusammen (die erhöhten Werte für 3sat /ARTE 2003 ent- fallen dabei auf das Nachmittags- und Abendprogramm, bei den Privaten 1999 insbesondere auf die Zeit nach 22:00 Uhr). Während ARD und ZDF in allen Jahren deutlich auf den Abend/späten Abend setzen, ebenso wie die Privaten, zeigt sich bei den Dritten und 3sat /ARTE, dass sie den Zuschauern über den 134 gesamten Tag verteilt Sendungen zu geschichtlichen Themen anbieten. In diesen beiden Sendergruppen ist die Variabilität der Nutzung am größten. Über die einzelnen Jahre hinweg hat sich hier die Zeit nach 18:00 Uhr67 zur Platzierung historischer Sendungen etabliert, 2003 sind hier die höchsten Werte zu finden. 135 67 Bei den Dritten und 3sat /ARTE, dicht gefolgt vom Nachmittagsprogramm. Abbildung 17: Tageszeitabhängige Beitragslänge Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms 0,3 0,9 0,2 0,9 1,1 0,3 0,9 2,4 0,4 3,0 2,3 0,1 1,8 0,1 1,4 0,4 2,4 6,7 0,4 1,0 1,8 1,4 1,0 0,3 1,9 0,4 0,6 0 1 2 3 4 5 6 7 8 Kurzform Langform Kurzform Langform Kurzform Langform Kurzform Langform A R D /Z D F D ri tt e 3s at /A R T E Pr iv at e Vormittag Nachmittag Abend Spät – – – – – Die von den Sendern jeweils häufig eingesetzten längeren Formate68 nehmen fast durchgängig die größten Sendeanteile am Nachmittag, Abend und im Spätprogramm ein. Die kürzeren Sendungen werden hingegen eher am Vor- und Nachmittag platziert, insbesondere in den dritten Programmen und bei 3sat /ARTE. Ein Hintergrund hierfür ist vermutlich die generelle Umgestal- tung der Tagesprogramme – auch der öffentlich-rechtlichen Programme – zu Programmflächen mit kurzen Intervallen und Magazinformen. In den privaten Programmen dominiert der Einsatz nahezu aller Formate im Spätprogramm. Es bestehen – mit Ausnahme bei den privaten Sendern – leichte Zusammen- hänge zwischen dem Sendezeitpunkt und der Beitragslänge, was als weitere Bestätigung für die These zu gelten hat: Je später der Abend, desto länger die Sendungen.69 136 68 „Lang“ sind Sendungen mit einer Dauer von mehr als 46 Minuten. 69 ARD/ZDF: r = 0,312** (Signifikanz: 0,004), dritte Programme: r = 0,320** (Signifikanz: 0,000) und für 3sat /ARTE: r = 0,351** (Signifikanz: 0,000). Abbildung 18: Sendeplatz im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis der erfassten Sendungen (n = 848*) 31 142 1 68 159 3 65 242 1 0 50 100 150 200 250 300 werktäglich wöchentlich unregelmäßig werktäglich wöchentlich unregelmäßig werktäglich wöchentlich unregelmäßig 19 95 19 99 20 03 * an 100 fehlend „ohne Angabe“ Die Ausstrahlung von drei Viertel aller Sendungen auf festen wöchent- lichen Sendeplätzen erleichtert die Rezeption. Der Zuschauer weiß, wann ihn was erwartet, wenn er zur Fernbedienung greift. Er kann sich und seinen „Fernsehtag“ darauf einstellen. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Sende- anstalten darauf setzen, den Programmfluss durch feste Termine zu strukturie- ren, um die Zuschauerbindung zu festigen. Über die Jahre kann der „wöchent- liche“ Sendplatz seine ohnehin hohe Besetzung noch steigern, was ebenfalls auf eine Stabilisierung des Formats und der Zuschauerbindung hinweist. Während der routinisierte, rhythmische Sendeanteil bei den Dritten und insbesondere bei 3sat /ARTE zunimmt und dieser Gewinn an Regelmäßigkeit vermutlich ein wesentlicher Grund für die Steigerung des Anteils an Sendun- gen mit historischen Themen bei den Dritten und 3sat /ARTE zwischen 1999 und 2003 ist (vgl. Abb. 8), zeigt sich bei den öffentlich-rechtlichen Hauptpro- grammen eine schon angesprochene diskontinuierliche Entwicklung. Während die ARD 1999 einen Anstieg bei allen Ausstrahlungsrhythmen zu verzeichnen hat, ist es beim ZDF genau umgekehrt (vgl. Tab. 22). 137 Tabelle 25: Sendeplatz nach Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD werktäglich 0,10 – 0,30 – wöchentlich 0,84 0,87 1,23 0,41 unregelmäßig 0,22 – 0,47 0,20 ZDF werktäglich 0,22 – 0,11 0,56 wöchentlich 1,25 1,91 0,45 1,38 unregelmäßig – – – – Dritte werktäglich 0,38 0,33 0,40 0,41 wöchentlich 1,48 1,06 1,28 2,10 unregelmäßig 0,02 0,04 0,02 – 3sat/ARTE werktäglich 0,52 0,09 0,32 1,16 wöchentlich 2,31 1,15 1,25 4,54 unregelmäßig – – – – Private werktäglich – – – – wöchentlich 0,10 0,10 0,19 – unregelmäßig – – – – Die Sendeanstalten vermitteln Geschichte bevorzugt eingebunden in einen größeren Programmzusammenhang. Sendungen, die Bestandteil von Serien oder Reihen sind, machen den Großteil der ausgestrahlten Beiträge zur Ge- schichte aus. Der außerordentlich hohe Ausschlag bei den Serienfolgen im Jahr 1999, im Vergleich zu den anderen Formen, ist auf die anlassbezogene Ausstrahlungscharakteristik der Sender zurückzuführen. In Sendungen wie „Chronik der Wende“, 1999 vermehrt ausgestrahlt, wird Geschichte chronolo- gisch als Aufeinanderfolge von Ereignissen geschildert. Im Unterschied zu Reihen, in denen die einzelnen Folgen in keiner festen thematischen Verknüp- fung stehen, ist eine Verknüpfung in Serien zwingend. Der Boom des seriellen Formats im mittleren Jahr 1999 geht auf Kosten selbstständiger Sendungen, die sich 2003 jedoch wieder auf einem hohen Niveau etablieren können. Ten- denziell, so scheinen die Ergebnisse hier interpretierbar, sind die Sender dazu übergegangen, historische Ereignisse aus der Geschichte überwiegend in Form mehrteiliger Sendungen zu präsentieren. Möglicherweise stehen hinter dieser Entwicklung Kostengründe und Formatierungsprozesse: 138 Abbildung 19: Ausstrahlungsrhythmus im Zeitverlauf: Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848*) 86 6 128 66 68 155 138 3 192 0 50 100 150 200 250 selbstständig Folge einer Serie Folge einer Reihe selbstständig Folge einer Serie Folge einer Reihe selbstständig Folge einer Serie Folge einer Reihe 19 95 19 99 20 03 * an 100 fehlend „ohne Angabe“ „Formatierung bedeutet vor allem auch die Schaffung eines gleichbleibenden Standards in der seriellen (oder sequentiellen) Produktion. Formatierung ist also vor allem bei Reihen- oder Serienprodukten zu beobachten, bei dem also, was regelmäßig wiederkehrt und damit durch ein gleichbleibendes Erscheinungsbild Wiedererkennbarkeit gewähr- leisten muss.“ (Hickethier 1999, S. 94) Bei ARD/ZDF und den dritten Programmen nimmt – wie zu sehen – im Untersuchungszeitraum der Anteil der Sendungen zu, die als Teil von Serien und Reihen angeboten werden. Das entspricht den aktuellen Programmierungs- strategien der Serialisierung und des Labeling und spiegelt den Trend zur „Serialisierung der Informationsprogramme“ (Zimmermann 1994, S. 311) wider. Bei 3sat/ARTE ist hingegen im gesamten Untersuchungszeitraum ein annähernd ausgeglichenes Verhältnis von Serien-/Reihensendungen und selbstständigen Sendungen zu finden, was deutlich macht, dass sich diese Sendergruppe dem Druck der Serialisierung etwas entziehen kann. Für ARD/ZDF lässt sich eine Dominanz von Serialisierung und Labeling – mit Ausnahme des späten Abends mit einem hohen Anteil von selbstständigen Einzelsendungen – für den ganzen Tag nachweisen. 139 Tabelle 26: Ausstrahlungsrhythmus nach Sendergruppen im Zeitverlauf Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD selbstständig 0,86 0,56 1,44 0,57 Folge einer Serie 0,09 – 0,26 – Folge einer Reihe 0,51 0,31 0,56 0,67 ZDF selbstständig 0,36 0,77 0,19 0,11 Folge einer Serie – – – – Folge einer Reihe 1,27 1,45 0,45 1,90 Dritte selbstständig 0,92 0,85 0,63 1,27 Folge einer Serie 0,18 0,08 0,40 0,06 Folge einer Reihe 0,96 0,71 0,93 1,24 3sat/ARTE selbstständig 2,02 1,17 1,35 3,55 Folge einer Serie 0,09 – 0,26 – Folge einer Reihe 1,95 1,40 1,46 2,98 Private selbstständig 0,05 0,10 – 0,05 Folge einer Serie 0,03 – 0,08 – Folge einer Reihe 0,24 0,08 0,49 0,15 Die Abbildung 20 zeigt, dass die verschiedenen Genres eine unterschied- liche Entwicklung über den Zeitraum von zehn Jahren durchlaufen haben. Das Format der Dokumentation hat im mittleren Jahr stark zugenommen und konnte sich auch im Abschlussjahr der Untersuchung auf einem hohen Niveau be- haupten. Für die Entwicklung der Ausstrahlungshäufigkeit von Reportagen, die nach Einbußen im Millenniumjahr wieder stark aufholen und schließlich mehr als doppelt so viele Sendungen 2003 aufweisen (relativ zum Anstieg von Geschichtssendungen in diesem Jahr) als zu Untersuchungsbeginn, spricht die gewachsene Nachfrage nach Beiträgen, die einen persönlichen Stil der Betrachtung und Aufbereitung von (historischen) Themen pflegen. Alle anderen Formen zeigen keine tief greifenden Veränderungen über die Jahre, beispiels- weise die non-fiktionalen Formen. Die Dokumentation mit anschließender Diskussion verschwindet gänzlich aus dem Programm und auch die Wochenschauen zeigen eine abnehmende Tendenz über die Jahre, können sich auf niedrigem Niveau jedoch etablieren. Für dieses Genre ist zu vermerken, dass in den beiden ersten Untersuchungs- jahren insgesamt mehr Sender Wochenschauen ausstrahlen, sich dann aber aus diesem Segment zurückziehen und dieses dem SFB überlassen.70 Mischformen 140 70 Wochenschauen senden der HR und der NDR (1995), ARTE 1995 und 1999, die deren Ausstrahlung jedoch im Abschlussjahr unserer Untersuchung einstellen. „Rückblende/Berlin vor 25 Jahren“ sendet der SFB 1995, 1999 und 2003. Tabelle 27: Tageszeitliche Sendungspräferenzen des Ausstrahlungsrhythmus nach Sender- gruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Vormittag Nachmittag Abend Spät ARD/ZDF selbstständig – 0,01 0,04 0,56 Folge einer Serie – – – 0,04 Folge einer Reihe 0,06 0,22 0,28 0,32 Dritte selbstständig 0,06 0,26 0,15 0,45 Folge einer Serie 0,04 0,05 0,04 0,04 Folge einer Reihe 0,17 0,38 0,10 0,32 3sat/ARTE selbstständig 0,15 0,39 0,94 0,55 Folge einer Serie 0,04 0,04 – – Folge einer Reihe 0,30 0,89 0,58 0,18 Private selbstständig – – – 0,05 Folge einer Serie – – – 0,03 Folge einer Reihe 0,03 0,02 0,05 0,14 kommen insgesamt nur in einem geringen Umfang vor. Ihr leichter Anstieg ist der vermehrten Zuwendung zu diesem Segment durch 3sat /ARTE geschuldet (vgl. Tab. 28). Zu berücksichtigen bleibt bei diesen Befunden die ohnehin seltene Ausstrahlungsfrequenz der genannten Formate. 141 Abbildung 20: Genres im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848*) 20 144 3 18 5 25 12 225 14 4 18 47 219 18 8 18 0 50 100 150 200 250 Reportage Dokumentation/Dokumentarfilm Dokumentation mit Diskussion non-fiktional Mischformen Wochenschau Reportage Dokumentation/Dokumentarfilm non-fiktional Mischformen Wochenschau Reportage Dokumentation/Dokumentarfilm non-fiktional Mischformen Wochenschau 19 95 19 99 20 03 * an 100 fehlend „ohne Angabe“ 142 71 In den Vergleich der drei Jahre finden fiktionale Formate keinen Eingang. Für die hybriden Formen werden jedoch kaum Unterschiede in der Bezeichnung gemacht, und so sind diese in den Programmfahnen und der HÖRZU, die die Basis der Codierung bilden, oftmals als „fiktionale Formen“ ausgewiesen. Z. B. wurde der Film „Im Schatten der Macht“ (3sat, 25. 11. 2003; ARTE 23. und 24. 10. 2003) als Fernsehfilm bezeichnet, stellt jedoch eine Besonderheit des Genres der Geschichtssendung dar. Im Gegensatz zum Doku-Drama, das eine Vielzahl unterschiedlicher Gestaltungsmittel verwendet, arbeitet „Im Schatten der Macht“ nur mit einem einzigen, dem der szenischen Rekonstruktion, und ist somit weder ein reines Doku-Drama noch ein Fernseh- film. In einer auf Einzelfälle beschränkten Nachrecherche konnten einige Filme nachträglich als Mischformen qualifiziert werden, wenn wir durch bestimmte Hinweise in den Inhaltsangaben wie „szenisches Nachspielen“ etc. aufmerksam geworden waren. Bspw. wurde der Film „Nächte der Entscheidung/Die Entdeckung des Martin Luther (2/5)“ (ARD 30. 11. 2003) als „Sonstiges fiktional“ gewertet, weil sich aus den Quellen- angaben keine eindeutige Zuordnung entnehmen ließ (zum Problem des undifferenzierten Gebrauchs von Genrebezeichnungen vor allem bei hybriden Formen: vgl. Kap. 6.1.1). Tabelle 28: Genres im Zeitverlauf nach Sendergruppen71 Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD Reportage 0,15 0,34 0,11 – Dokumentation/Dokumentarfilm 1,01 0,53 1,34 1,17 Porträt/Gespräch 0,04 – 0,11 – Mischformen 0,25 – 0,70 0,07 ZDF Reportage 0,08 0,12 – 0,11 Dokumentation/Dokumentarfilm 1,43 1,65 0,63 2,01 Diskussion/Talkshow 0,10 0,30 – – Porträt/Gespräch 0,05 0,15 – – Dritte Magazin 0,00 – – 0,01 Reportage 0,22 0,12 0,10 0,43 Dokumentation/Dokumentarfilm 1,45 1,16 1,55 1,65 Dokumentation mit Diskussion 0,01 0,02 – – Diskussion/Talk show 0,03 0,01 0,07 0,02 (Live-)Bericht 0,03 0,01 0,01 0,07 Porträt/Gespräch 0,04 0,05 – 0,06 Sonstiges non-fiktional 0,02 0,06 – – Mischformen 0,05 0,10 – 0,07 Wochenschau 0,08 0,08 0,07 0,08 3sat/ARTE Reportage 0,15 0,15 – 0,30 Dokumentation/Dokumentarfilm 2,95 1,39 2,11 5,35 Dokumentation mit Diskussion 0,05 0,14 – – Diskussion/Talkshow 0,02 – – 0,07 Porträt/Gespräch 0,24 0,06 0,53 0,13 Mischformen 0,24 0,17 0,13 0,43 Wochenschau 0,27 0,57 0,25 – Private Magazin 0,03 0,07 – 0,03 Reportage 0,05 0,01 0,07 0,07 Dokumentation/Dokumentarfilm 0,20 0,10 0,45 0,05 Sonstiges non-fiktional 0,03 – – 0,08 Schließt man die privaten Programme aufgrund des sehr schmalen Angebots (mit Schwerpunkt im fiktionalen Bereich, vgl. Tab. 9) aus der Betrachtung aus, dann werden historische Stoffe vor allem in Dokumentationen und Doku- mentarfilmen angeboten (vgl. Abb. 20). Bei der ARD sind im gesamten Unter- suchungszeitraum über siebzig Prozent derartiger Sendungen in diesem Genre angesiedelt, beim ZDF sogar 86 Prozent, während lediglich die dritten Pro- gramme eine ausgeprägtere Genrevielfalt erkennen lassen. Mischformen, zu denen auch die Doku-Dramen zählen, strahlen nur die ARD, die Dritten und 3sat /ARTE aus. Es handelt sich bei diesen Sendungen um gestaltungsästheti- sche Besonderheiten, die im Programmfluss insgesamt nur marginal auftreten. Über die Jahre nimmt die Häufigkeit der Präsentation bei den beiden Kultur- kanälen zu, insbesondere 2003, während das Erste (mit Schwerpunkt 1999) und auch die dritten Programme über die Jahre sogar eine abnehmende Tendenz zeigen. Drei Viertel aller aufgenommenen Sendungen werden, unabhängig von ihrem spezifischen Genreformat, mit einer Dauer von bis zu 45 Minuten Länge ausgestrahlt. Dieser Befund stützt die generelle These von Formatierungs- prozessen im Fernsehen. 143 Kurzformat 644 Langformat 204 Abbildung 21: Beitragslänge aller Sendungen Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848) Es differieren die Sendelängen sowohl innerhalb und zwischen den Sendern als auch innerhalb der jeweiligen Genres. Diese Differenzen sind aufgrund kleiner Fallzahlen bei den anderen Anbietern nur bei den Dritten statistisch gesichert. Die teilweise hohen Werte für die Streuung der Sendedauer zeigen an, dass rigide Formatvorgaben nicht die Regel sind (vor allem bei den Dritten und 3sat /ARTE). Da die Programme eine unterschiedliche Genrevielfalt aufweisen, fällt ein generalisierender Vergleich schwer. Über alle Sendergruppen hinweg dominiert – wie schon vorher bestätigt – das Format der Dokumentation und der Repor- tage, deren Werte für die Sendedauer differieren nur wenig zwischen den ver- 144 Durchschnittl. Sende- dauer in Minuten Anzahl der Sendungen Standard- abweichung ANOVA Signifikanz ARD/ZDF 45,9 82 22,7 Reportage 46,2 6 2,0 F = 2,95 p = 0,012 Doku/Dokumentarfilm 43,4 68 22,4 Diskussion/Talkshow 60,0 2 0,0 Porträt/Gespräch 52,5 2 10,6 Mischformen 73,3 4 37,9 Dritte 36,9 541 19,1 Magazin 30,0 1 – F = 12,12 p = 0,000 Reportage 37,9 56 13,0 Doku/Dokumentarfilm 38,8 363 19,2 Doku mit Diskussion 65,0 1 – Diskussion/Talkshow 55,0 6 7,7 (Live-)Bericht 41,3 8 6,9 Porträt/Gespräch 57,5 6 17,5 Sonstiges non-fiktional 30,0 6 0,0 Mischformen 76,9 7 40,1 Wochenschau 14,9 49 0,2 3sat/ARTE 49,9 197 28,6 Reportage 32,7 11 6,1 F = 1,82 p = 0,060 Doku/Dokumentarfilm 49,6 144 31,1 Doku mit Diskussion 55,0 2 0,0 Diskussion/Talkshow 60,0 1 – Porträt/Gespräch 52,3 11 14,4 Sonstiges non-fiktional 60,0 1 – Mischformen 88,8 6 1,8 Wochenschau 55,0 12 4,3 Private 56,3 28 34,9 Magazin 42,5 4 15,0 F = 1,85 p = 0,144 Reportage 39,2 6 16,3 Doku/Dokumentarfilm 73,5 13 41,9 Sonstiges non-fiktional 67,5 2 10,6 Tabelle 29: Durchschnittslänge der codierten Sendegenres Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848) schiedenen Programmen, mit Ausnahme der Privaten, bei denen die Sendedauer mit durchschnittlich 74 Minuten im Vergleich die höchste ist. Die durchschnitt- lichen Längen von Dokumentationen betragen zwischen 38,8 Minuten (bei den Dritten) und um die 45 Minuten (ARD/ZDF und 3sat /ARTE). Der „Aus- reißer“ bei den Privaten ist durch die insgesamt hohe Frequenz von „Doku- mentarfilmen“ erklärbar. Wochenschauen werden von zwei Sendergruppen ausgestrahlt, wobei die Länge stark differiert. Den zwölf von 3sat /ARTE aus- gestrahlten Wochenschauen wird eine durchschnittliche Länge von fast einer Stunde eingeräumt, während die Dritten den 49 Sendungen jeweils eine Viertel- stunde zugestehen. Insgesamt weisen die dritten Programme aufgrund ihrer häufig eingesetzten 40-Minuten-Formate die durchschnittlich kompakteste Senderdauer auf. Für die tageszeitliche Platzierung von Mischformen, die als außerordent- liche Produktionen schon im Vorfeld beim Publikum beworben werden, treten zwischen den Anstalten Unterschiede auf. Während die ARD und die dritten Programme deutlich die Zeit nach 22:00 Uhr bevorzugen, ist es bei den Kultur- kanälen der Vormittag und frühe Abend. Hier wird offenbar auf unterschied- liche Publika gesetzt. 145 Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr Tabelle 30: Tageszeitliche Ausstrahlungspräferenzen der Genres nach Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Vormittag Nachmittag Abend Spät ARD/ZDF Non-Fiktion 0,25 0,89 1,91 2,47 Hybrid – 0,05 – 0,34 Wochenschau – – – – Dritte Non-Fiktion 0,93 2,39 1,53 2,15 Hybrid – 0,02 0,07 0,11 Wochenschau 0,10 0,08 0,09 0,05 3sat/ARTE Non-Fiktion 1,59 4,63 7,17 2,04 Hybrid 0,22 – 0,66 0,17 Wochenschau – 0,40 1,04 – Private Non-Fiktion 0,19 0,06 0,27 0,59 Hybrid – – – – Wochenschau – – – – Eine unterschiedliche Ausstrahlungspräferenz zeigt sich auch bei den Wo- chenschauen. Während die dritten Programme diese ganztägig anbieten, be- schränkt sich die Ausstrahlungszeit für dieses Format bei ARTE auf die Zeit zwischen 17:00 und 20:30 Uhr (vor der Primetime des Kulturkanals 20.40 Uhr). Eine ausgeprägte Genrevielfalt lassen – wie schon mehrfach beobachtet – die Dritten und 3sat /ARTE erkennen, die geringste die Privaten (vgl. Tab. 29). Ein Drittel der insgesamt 588 aufgenommenen Dokumentationen und Doku- mentarfilme wird von drei Sendern ausgestrahlt. Neben dem NDR ist dies die Sendergruppe 3sat und ARTE. Die dritten Programme haben einen Anteil von nahezu zwei Dritteln an diesem Genreformat. Das ist eine Domäne der öffent- lich-rechtlichen Sender, in die privatwirtschaftliche Anbieter sich kaum hinein- 146 27 41 2 4 7 31 45 38 75 34 43 42 55 73 71 0 10 20 30 40 50 60 70 80 ARD ZDF RTL ProSieben VOX BR HR MDR NDR SWR WDR ORB/RBB SFB 3sat ARTE Abbildung 22: Das Genre der Dokumentation nach Sendern (ungruppiert) Anzahl der historischen Dokumentationen von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamt- programms (n = 588) wagen. Ganz offensichtlich versuchen hier die öffentlich-rechtlichen Sender im Rahmen ihres staatlichen Sendeauftrages massiv Sendungen anzubieten und zu wirken – mit Erfolg. Man kann es pointiert auch so ausdrücken: Ohne die öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Geschichtsdokumentationen fände Ge- schichte im Fernsehen der Bundesrepublik nicht statt. Die privaten Programme senden lediglich 1999 mit erhöhter Frequenz histo- rische Dokumentationen. Dabei handelt es sich nicht um spezielle, Anlass bezogene Ausstrahlungen (wie z. B. zum zehnjährigen Jahrestages der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze), sondern um ein gehäuftes Auftreten von Sen- dungen wie SPIEGEL TV, PRIMETIME-Spätausgabe und „History“. Damit bedienen die privatwirtschaftlichen Sender nach unserem Verständnis mehr ein allge- meines, im Jahr 1999 eben auch aktuelles Bedürfnis nach Geschichte. Eine 147 27,9 27,3 16,0 23,1 33,8 41,6 29,2 69,2 38,2 31,1 54,9 7,7 0 10 20 30 40 50 60 70 80 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private 19 95 19 99 20 03 Abbildung 23: Entwicklung des Genres der Dokumentation im Zeitverlauf nach Sender- gruppen Prozentualer Sendezeitanteil historischer Dokumentationen von 1995 bis 2003 auf Basis der erfassten Sendungen ähnliche Entwicklung zeigt sich bei den Dritten mit einer leichten Erhöhung 1999. 3sat und ARTE verstärken im Zeitverlauf historische Dokumentationen und zeigen im Jahr 2003 mehr als doppelt so viele wie zu Beginn der Unter- suchung, sind also vom Millenniumsboom nicht derart affiziert wie die Priva- ten. Die Auszählung nach langen (ab 46 Minuten) und kurzen (bis einschließ- lich 45 Minuten) Beiträgen soll Klarheit über Formatierungsprozesse innerhalb des Genres der Dokumentation bringen. In ARD und ZDF wird der Dokumen- tation ursprünglich eine längere Dauer zugestanden. In den Folgejahren setzen beide Sender dann verstärkt auf Kurzformate. 2003 liegt die Differenz mit 0,9 Prozentpunkten am höchsten. Kurzformate werden über alle Jahre hinweg von den Dritten häufiger gepflegt. Der Anstieg im Jahr 1999 geht offensicht- lich zurück auf die Ausstrahlung kurzer Reihen („Chronik der Wende“, „Rück- blende“). Bei 3sat /ARTE steigen die Anteile beider Formate über die Jahre. Für die Zunahme der langformatigen Dokumentation 1999 bei den Privaten ist VOX verantwortlich, weil hier entsprechend lange Geschichtssendungen im Spätprogramm platziert werden. Bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten setzt sich das 45-Minuten-Modell als die „klassisch“ zu nennende konventionalisierte Form durch. 148 Tabelle 31: Beitragslänge historischer Dokumentationen Prozentualer Sendezeitanteil historischer Dokumentationen von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF Kurzformat 0,7 0,3 0,7 1,2 Langformat 0,5 0,8 0,3 0,3 Dritte Kurzformat 1,0 0,8 1,3 1,0 Langformat 0,4 0,4 0,3 0,6 3sat/ARTE Kurzformat 1,1 0,4 0,9 2,1 Langformat 1,8 1,0 1,2 3,2 Private Kurzformat 0,0 0,0 0,1 – Langformat 0,2 0,1 0,4 0,0 5.1.2.2 Produktionscharakteristik Den höchsten Anteil an allen Produktionsarten von Geschichtssendungen haben Fremdproduktionen. Dieser beträgt 53,2 Prozent im Jahr 1995, steigert sich auf mehr als zwei Drittel im mittleren Jahr (77,2 Prozent) und pendelt sich im Abschlussjahr der Untersuchung wieder auf das Anfangsniveau (52,6 Prozent) ein. Offenbar wird 1999 äußerst pragmatisch verfahren und der erhöhte Bedarf an Geschichtssendungen kostengünstig und effektiv mit Produktionsübernahmen anderer Anstalten gedeckt. Der größte Ausschlag 1999 korrespondiert mit dem niedrigsten Wert für Eigenproduktionen in demselben Jahr. Die Differenz zwischen beiden Produktionsarten ist hier am größten. Tendenziell gehen die Sender dazu über, historische Sendungen eher als fremd produzierte Filme und weniger als Eigenproduktionen auszustrahlen. Die in Koproduktion mit anderen Sendern entstandenen Filme nehmen im Zeitverlauf zu, auf einem jedoch insgesamt niedrigen Niveau. Dieser Befund verwirft die These, dass durch Koproduktionen Kosten gespart werden (können)72. Festzuhalten bleibt, 149 79 201 106 202 0 50 100 150 200 250 Vormittags-/ Mittagsprogramm Nachmittagsprogramm Abendprogramm Spätprogramm Abbildung 24: Tageszeitliche Ausstrahlungspräferenz der historischen Dokumentation Anzahl der historischen Dokumentationen von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamt- programms (n = 848*) * an 100 fehlend „ohne Angabe“ Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr 72 In der PIDB wird häufiger der produzierende Sender, in der Fernsehzeitschrift dagegen nur das Herkunfts- land der Produktion genannt. Dies bedingt die über die Jahre sich abzeichnende Zunahme der Produktions- arten „sonstige Fremdproduktion“ und „gemischte Produktion“. dass die Ausweisung aller Produktionsarten in den drei Jahren um die sechzig Prozent variiert, gemessen an der für die drei Jahre aufgenommenen Zahl der Sendungen73 und sich die sichtbare Steigerung in Abbildung 25 nur als relativ herausstellt. 150 Abbildung 25: Produktionsart im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 (n = 848*) sonstige Fremdproduktion sonstige Fremdproduktion sonstige Fremdproduktion 40 66 1 15 2 13 152 2 19 11 36 110 9 44 10 0 20 40 60 80 100 120 140 160 180 Eigenproduktion Fremdproduktion Koproduktion gemischt Eigenproduktion Fremdproduktion Koproduktion gemischt Eigenproduktion Fremdproduktion Koproduktion gemischt 19 95 19 99 20 03 * an 100 fehlend „ohne Angabe“ 73 Eine Angabe der Produktionsart erfolgt für 55,9 Prozent der für 1995 aufgenommenen 222 Geschichts- sendungen, für 68,2 Prozent historischer Sendungen des Jahres 1999 und 62 Prozent im Abschlussjahr unserer Untersuchung. Während in den beiden ersten Untersuchungsjahren auch ältere Produk- tionen von vor 1980 ausgestrahlt worden sind, präsentieren die Sender im Abschlussjahr keine Produktionen, die aus der Zeit vor 1980 stammen. Im ersten und mittleren Jahr ist jeweils die Spanne zwischen dem aktuellen Aus- strahlungszeitpunkt 1995 beziehungsweise 1999 und dem jüngsten Produktions- jahr am größten. Dieser Abstand schrumpft für das Jahr 2003 auf nur noch 23 Jahre. Dieses Ergebnis stützt die These, dass die Sendeanstalten im Zeit- verlauf immer öfter neuere Produktionen herstellen und damit aktuellere sen- den. 151 5 2 5 47 8 4 120 8 27 108 0 20 40 60 80 100 120 140 vor 1970 1970 bis 1979 1980 bis 1989 1990 bis 1999 vor 1970 1970 bis 1979 1980 bis 1989 1990 bis 1999 vor 1970 1970 bis 1979 1980 bis 1989 1990 bis 1999 19 95 19 99 20 03 – – Abbildung 26: Produktionsjahr im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848*) * an 100 fehlend „ohne Angabe“ 5.1.2.3 Zeitliche und regionale Einordnung der einzelnen Sendungen Die Säulen „20. Jahrhundert“ und „mehrere Jahrhunderte“ sind erkennbar am deutlichsten ausgeprägt. Die Sammelkategorie „mehrere Jahrhunderte“ erreicht eine so hohe Besetzung, da in ihr historische Ereignisse enthalten sind, die nicht auf einen definierten Zeitrahmen beschränkt sind (vgl. Abb. 28), sondern sich über mehrere Epochen erstrecken. Das können beispielsweise mehrere Jahrzehnte im 20. Jahrhundert sein oder auch am Ende des 19. Jahrhunderts. Da das 20. Jahrhundert im Rahmen der vorliegenden Untersuchung die kleinsten analytischen Zeitintervalle aufweist, ergibt sich eine systematische Wahrschein- lichkeit, dass hier Sendungen mit historischen Inhalten in die Kategorie „meh- rere“ fallen, weil mehrere der hier gewählten Zeitfenster thematisiert werden. Jedenfalls legen die Ergebnisse den Schluss nahe, dass der Zuschauer, wenn er auf Geschichte im Fernsehen trifft, vorwiegend die letzten 100 Jahre kennen 152 7 3 19 91 80 4 3 10 148 116 27 8 13 59 112 6 0 25 50 75 100 125 150 175 Frühgeschichte Früh-, Hoch- und Spätmittelalter Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 20. Jahrhundert mehrere Frühgeschichte Früh-, Hoch- und Spätmittelalter Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 20. Jahrhundert mehrere Frühgeschichte Früh-, Hoch- und Spätmittelalter Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 20. Jahrhundert mehrere 21. Jahrhundert 19 95 19 99 20 03 Abbildung 27: Epoche/Global – Zeitebene im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848*) * an 100 fehlend „ohne Angabe“ lernt. Dies wird unterstützt durch den Befund, der im Zusammenhang mit der thematischen Schwerpunktsetzung von Geschichtssendungen gemacht wird. Hier zeigt sich ein klarer Überhang an Inhalten, die im 20. Jahrhundert ver- ankert sind (vgl. Abb. 31). Dieses Ergebnis überrascht nicht, da damit die Geschichte der Mitlebenden (vgl. Möller 1988) thematisiert und reflektiert wird, was Interesse und Aufmerksamkeit bindet. Am stärksten wird also das 20. Jahrhundert thematisiert. Allerdings nehmen auch Sendungen, die Geschichte über mehrere Jahrhunderte verfolgen, in den öffentlich-rechtlichen Programmen großen Raum ein. Das Angebot der privaten Sender ist aufgrund des schmalen Umfangs der Daten dazu inhaltlich schwer zu charakterisieren. 153 Tabelle 32: Epoche/Global – Zeitebene im Zeitverlauf nach Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD Frühgeschichte 0,04 0,12 – – Früh-, Hoch- und Spätmittelalter 0,04 – 0,11 – Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 0,02 – – 0,07 20. Jahrhundert 0,57 – 1,07 0,63 mehrere 0,72 0,76 1,08 0,33 ZDF Frühgeschichte 0,34 0,12 0,11 0,78 Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 0,07 0,11 0,11 – 20. Jahrhundert 0,63 1,04 0,30 0,56 mehrere 0,46 0,80 0,11 0,48 Dritte Frühgeschichte 0,06 0,02 0,02 0,14 Früh-, Hoch- und Spätmittelalter 0,03 0,03 0,02 0,05 Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 0,10 0,14 0,06 0,10 20. Jahrhundert 0,67 0,66 0,94 0,41 mehrere 0,80 0,66 0,86 0,89 21. Jahrhundert 0,04 – – 0,11 3sat/ARTE Frühgeschichte 0,19 0,06 0,06 0,45 Früh-, Hoch- und Spätmittelalter 0,08 0,06 – 0,19 Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 0,12 0,07 0,06 0,24 20. Jahrhundert 1,20 1,19 1,23 1,17 mehrere 1,85 1,06 1,57 2,91 21. Jahrhundert 0,02 – – 0,06 Private Frühgeschichte 0,03 0,07 – 0,03 Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 0,03 – 0,08 – 20. Jahrhundert 0,12 0,07 0,18 0,12 mehrere 0,11 0,04 0,23 0,05 Von den insgesamt 848 aufgenommenen Sendungen (aus den drei Erhe- bungsjahren) sind die historischen Ereignisräume von 1939 bis 1960 und das Jahrzehnt nach 1980 am höchsten besetzt. Sie schwanken zwischen 6,3 und 7,4 Prozentpunkten, zusammengenommen vereinigen die drei Epochen zwanzig Prozent auf sich, das heißt, ein Fünftel der ausgestrahlten Sendeminuten befasst sich mit den zwei Jahrzehnten nach 1939 und den neunziger Jahren des ver- gangenen Jahrhunderts. Dabei handelt es sich thematisch überwiegend um die Kriegs- und Nachkriegszeit und die deutsche Wiedervereinigung (vgl. Abb. 31). Schwerpunkte ergeben sich also, wie die Auswertung zeigt, einmal in der 154 2,4 0,1 0,9 0,9 0,7 0,6 0,5 0,7 0,2 0,8 0,7 0,8 0,8 0,5 0,8 6,3 7,2 3,4 4,6 7,4 2,7 0,7 0 1 2 3 4 5 6 7 8 Frühgeschichte frühe Hochkulturen außereuropäische Hochkulturen Antike Frühmittelalter Spätmittelalter Neuzeit 16. Jahrhundert 17. Jahrhundert 18. Jahrhundert 1800–1870 1870–1914 1914–1920 1920–1930 1930–1939 1939–1945 1945–1960 1960–1970 1970–1980 1980–1990 1990–2000 2000–2003 Abbildung 28: Epoche/Detail – Zeitebenen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms, Mehrfachcodierung möglich nahen Zeitgeschichte und dann wieder in der Frühgeschichte. Alle anderen dazwischen liegenden Epochen werden durch das Fernsehen respektive durch die analysierten Geschichtssendungen nahezu ausgeblendet. 155 2,4 0,1 0,9 0,9 0,7 0,6 0,5 0,7 0,2 0,8 0,7 0,8 0,8 0,5 0,8 6,3 7,2 3,4 4,6 7,4 2,7 0,7 2,4 0,1 1,1 1,0 0,8 0,6 0,5 0,7 0,3 0,9 0,6 0,4 0,5 0,2 1,4 7,2 7,0 3,3 4,3 4,2 2,7 1,1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 Frühgeschichte frühe Hochkulturen außereuropäische Hochkulturen Antike Frühmittelalter Spätmittelalter Neuzeit 16. Jahrhundert 17. Jahrhundert 18. Jahrhundert 1800–1870 1870–1914 1914–1920 1920–1930 1930–1939 1939–1945 1945–1960 1960–1970 1970–1980 1980–1990 1990–2000 2000–2003 Anzahl der Sendungen Sendeminuten Abbildung 29: Epoche/Detail – Zeitebenen (Sendungen und Sendezeit) Prozentualer Anteil der Sendungen auf Basis aller codierten Sendungen (n = 848) im Vergleich mit dem prozentualen Anteil der Sendezeit, Mehrfachcodierung mög- lich Anhand dieser Übersicht ist ein ausgewogenes Verhältnis von Sendezeit und Epochenthematisierung festzustellen. Eine Ausnahme betrifft das Jahrzehnt nach 1980. Dieses Dauerthema begegnet dem Zuschauer zahlenmäßig am häu- figsten, und gleichzeitig sind die dazu gesendeten Beiträge besonders kurz. Symptomatisch ist hier die Serie „Chronik der Wende“. Möglicherweise zeigt sich hier eine Strategie der Zuschauerbindung, die beabsichtigt einem „wankel- mütigen“ Publikum knappe Sendungen zu präsentieren, die nicht überfordern, somit das Zappen verhindern und das Einschalten zukünftig garantieren. Geschichte wird im nationalen Kontext verhandelt. Von den 759 berück- sichtigten Fällen betreffen rund 550 nationale Themen. Zwischenstaatliche Beziehungen nehmen einen geringeren Raum ein, während regional und lokal determinierte Geschehnisse nur am Rande thematisiert werden. Wenn Ge- schichte im Fernsehen präsentiert wird, dann soll offensichtlich Ereignisge- schichte für das ganze (Staats-)Volk visualisiert werden. Im Detail: Internationale und nationale Geschichte nehmen 1995 und 2003 als Thema in Geschichtssendungen stark zu. Die größte Differenz zwischen beiden Ebenen gibt es im Jahr 1999. In dieses Jahr fällt bekanntlich der zehnte Jahrestag des Mauerfalls in der DDR. Da Geschichte überwiegend Anlass 156 61 126 46 229 2 76 212 7 0 50 100 150 200 250 international national international national lokal international national regional 19 95 19 99 20 03 Abbildung 30: Darstellungsebene im Zeitverlauf Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms (n = 848) * an 100 fehlend „ohne Angabe“ bezogen präsentiert wird, kann darin ein Grund für die zahlenmäßig starke Besetzung mit nationaler Thematik vermutet werden (vgl. Tab. 35). Einen großen Anteil an dieser starken Präsenz tragen konkret – wie schon oben beobachtet – „Chronik der Wende“ und „100 Deutsche Jahre“ mit ihrer mehr- fachen Ausstrahlung und ihren Wiederholungen auf verschiedenen Sendern.m In den Geschichtsdarstellungen überwiegt also die Betrachtung der nationa- len Geschichte gegenüber internationalen Perspektivierungen. Der National- geschichte wird in allen drei öffentlich-rechtlichen Programmgruppen ca. drei- mal mehr Sendezeit eingeräumt als übernationalen Themen. Diese Dominanz nimmt im Untersuchungszeitraum sogar noch zu. Diese Zunahme seit 1995 bedeutet vor allem eine Zunahme der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte (vgl. Tab. 35). Dieser Trend ist bei ARD/ZDF zu beobachten, während bei den Dritten und 3sat /ARTE auch analog die Thematisierung internationaler Ge- schichte zunimmt. Interessanterweise ist die regionale Dimension auch in den dritten Programmen nur als Ausnahme zu finden, wo sie doch hier ihren natür- lichen „Sitz im Leben“ hätte. Krölls (1989) Hoffnung, dass mit der Regionali- sierung des Fernsehens wieder verstärkt lokale und regionale Themen präsen- tiert werden, erteilen die Ergebnisse der Untersuchung eine deutliche Absage. Vielmehr wird die Vermutung bestätigt, die Wolf (2003) im Zusammenhang mit Formatierungsprozessen im Fernsehen geäußert hat, dass nämlich auf- grund der internationalen Ausrichtung und der Verkäufe von Produktionen ins Ausland regionale und lokale Themen immer weniger Chancen auf eine Reali- sation haben. 157 Tabelle 33: Darstellungsebene im Zeitverlauf nach Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF International 0,4 0,5 0,4 0,4 National 1,1 1,0 1,0 1,2 Regional 0,0 – – 0,1 Dritte International 0,5 0,4 0,3 0,7 National 1,4 1,0 1,6 1,7 Regional 0,0 – – 0,1 Lokal 0,0 – 0,0 – 3sat/ARTE International 1,1 1,1 0,6 1,6 National 2,5 0,9 2,5 4,1 Private International 0,1 0,0 0,3 0,1 National 0,1 0,2 0,2 0,0 In allen vier Sendergruppen dominiert im Verlauf der drei Jahre Deutschland als Bezugspunkt, im Jahr 1999 mit (leicht) erhöhten Werten. Dies ist – erneut und eindeutig – der Erinnerung an die „Wiedervereinigung“ zuzuschreiben. Dass Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern auf dieser Ebene als Einzelakteur („nationaldeutsch“) erfasst wird, bestätigt die Vermutung nach nationaldeutschen Themen. Die Thematisierung „mehrerer Nationalitäten“ steigt – nach einem „Knick“ im mittleren Jahr – im Zeitverlauf an, insbesondere bei 3sat und ARTE. Wir interpretieren die Daten hier so, dass es keine historische Darstellung aus- schließlich europäischer Bezüge ohne deutsche Beteiligung gibt, auch nicht bei ARTE und 3sat. 3sat und ARTE verzeichnen über die Jahre zwar einen kontinuierlichen Anstieg des Anteils der „außereuropäischen Länder“, nehmen damit andere als spezifisch europäisch ausgerichtete Geschichte wahr. Wenn europäische Geschichte, dann ist dabei auch immer Deutschland inbegriffen.m 158 Tabelle 34: Region/Global im Zeitverlauf nach Sendergruppen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF nationaldeutsch 0,8 0,9 1,0 0,6 nichtdeutsch-außereuropäisch 0,2 0,1 0,1 0,3 mehrere Nationalitäten 0,5 0,5 0,4 0,6 Dritte nationaldeutsch 1,1 0,7 1,4 1,1 nichtdeutsch-außereuropäisch 0,3 0,2 0,1 0,5 mehrere Nationalitäten 0,6 0,6 0,5 0,8 3sat/ARTE nationaldeutsch 1,2 0,6 1,7 1,3 nichtdeutsch-außereuropäisch 0,8 0,2 0,4 1,7 mehrere Nationalitäten 1,5 1,3 0,8 2,5 Private nationaldeutsch 0,1 0,1 0,1 0,1 nichtdeutsch-außereuropäisch 0,1 0,1 0,2 0,1 mehrere Nationalitäten 0,0 – 0,0 – Die in der vorhergehenden Tabellenanalyse gewonnenen Ergebnisse werden an dieser Stelle genauer belegt. 3sat /ARTE verfügen nicht nur über die größte Bandbreite, sondern auch über die höchste Dichte bei der Besetzung der Themen; hervorzuheben sind Russland, Frankreich, Großbritannien und die USA. Fasst man die Befunde zur Aggregatebene historischer Darstellung im Fern- sehen (vgl. Tab. 34) mit der länderspezifischen Beteiligung zusammen (vgl. Tab. 35), wird dadurch Quandt bestätigt: „Das deutsche Fernsehen ist also auf allen Bezugsebenen der Geschichtsdarstellung und historisch-politischen Identität präsent: der regionalen, der nationalen, der europäischen und der übereuropäisch-internationalen. Auf der nationalen Ebene gibt es thematisch und kommunikativ durchaus noch eine gesamtnationale Dimension.“ (Quandt 1988, S. 13)m 5.1.2.4 Thematische Einordnung Betrachtet man Abbildung 31, sticht die hohe Besetzung der Ausprägung „an- dere (Themen)“ ins Auge. Nahezu die Hälfte aller 848 ausgestrahlten Ge- schichtssendungen behandeln auch andere als die genannten Haupt-Punkte.75 Die Zeitgeschichte (in Sample definiert für die Ära ab den sechziger Jahren, 159 74 Die Variablenausprägung „sonstige (Länder)“ erfasst alle anderen im Einzelnen nicht genannten Länder. 75 Da hier die Möglichkeit der Mehrfachvergabe bestand, liegt das Ergebnis der addierten Prozentwerte jenseits der 100-Prozent-Marke. Das bedeutet, dass eine Sendung mehrere thematische Bezüge aufweist, d. h. 14 Pro- zent aller Sendungen haben die Nachkriegszeit behandelt und (möglicherweise) auch die Zeitgeschichte oder die unmittelbare Kriegszeit. Tabelle 35: Region/Detail – Der räumliche Bezug von historischen Sendungen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms, Mehrfachcodierung möglich 1995 bis 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Deutschland 1,1 1,4 1,8 0,1 Österreich – 0,0 0,1 – Russland 0,1 0,2 0,4 0,0 CSSR 0,0 0,0 0,1 – Polen 0,1 0,1 0,2 – Frankreich 0,0 0,1 0,5 0,0 Großbritannien 0,1 0,1 0,3 0,0 Italien 0,1 0,1 0,2 0,0 Spanien 0,0 0,0 0,1 – Griechenland 0,0 0,0 0,0 – USA 0,3 0,2 0,8 0,1 Japan 0,0 0,0 0,0 – Sonstige74 0,4 0,4 1,2 0,1 ohne DDR) dominierte das Feld mit 258 Sendungen (30,5 Prozent), in mehr als 15 Prozent (143 Fälle) wird zusätzlich die DDR behandelt, so dass damit fast die Hälfte des ausgestrahlten Angebots zur Zeitgeschichte abgedeckt ist. Eine eigene Gruppe bilden Sendungen, die den Zweiten Weltkrieg thematisie- ren und damit zusammenhängende Themen wie Faschismus, Holocaust und Nachkriegszeit. Ihre Werte differieren untereinander kaum und belaufen sich auf 41 Prozent am Gesamtsendevolumen Geschichte. Festzuhalten bleibt, dass neunzig Prozent aller Sendungen wenigstens einen der genannten fünf themati- schen Schwerpunkte betreffen. Alle anderen Themenbereiche liegen unter der Fünf-Prozent-Marke. Das prozentuale Übergewicht an Zeitgeschichte schlägt sich auch in den Beitragslängen nieder: Zeitgeschichte 11.047 Minuten, Faschis- mus 5.422 Minuten. Die anderen „großen“ Themen pendeln bei jeweils mehr als 5.000 Minuten.76 160 76 Beiträge über den Zweiten Weltkrieg haben eine Dauer von insgesamt 5.063 Minuten. Auf die Thematisie- rung der Nachkriegszeit entfallen 5.055 Minuten und auf Sendungen zur DDR-Geschichte 5.045 Minuten.m 2,6 14,2 4,4 12,7 2,2 14,0 2,6 16,9 2,7 30,5 49,9 2,3 15,4 5,2 14,4 2,6 14,4 2,5 14,4 3,0 31,5 50,6 0 10 20 30 40 50 60 1. Weltkrieg Faschismus Holocaust 2. Weltkrieg Hitler Nachkriegszeit 2.WK Widerstand DDR Kommunismus Zeitgeschichte anderes Anzahl der Sendungen Sendeminuten Abbildung 31: Themenschwerpunkte Prozentualer Anteil der Sendungen auf Basis aller codierten Sendungen (n = 848) im Vergleich mit dem prozentualen Anteil der Sendezeit, Mehrfachcodierung mög- lich Die von Kröll (1990) erwartete Entwicklung der Schwerpunktverlagerung auf aktuellere, neuere zeitgeschichtliche Themen angesichts des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik ist eingetroffen (vgl. Abb. 29). DDR-Geschichte ist insbesondere im Jahr 1999 in der Reihe „Chronik der Wende“ aufgriffen und bearbeitet worden. Dass diese Entwicklung jedoch zu Lasten der Thematisie- rung der Zeitgeschichte zwischen 1914 bis 1945 gegangen sei, kann in dieser Form nicht belegt werden. Der Zweite Weltkrieg ist nach wie vor ein Schwer- punkt in der Darstellung von Geschichtssendungen im Fernsehen. 5.1.2.5 Darstellung und Vermittlung Wird die Erzählweise der historischen Beiträge betrachtet, zeigt sich im Gesamtüberblick ein heterogenes Bild zwischen einer eher personalisierten und einer eher ereignisorientierten Sichtweise. Während die ARD und die Privaten auf eine unpersönliche Erzählhaltung setzen, wird Geschichte bei 3sat/ ARTE und dem ZDF eher anhand von Personen und individuellen Schicksalen wiedergegeben, bei den Dritten zeigt sich ein nahezu ausgeglichenes Verhältnis. 161 Tabelle 36: Erzählweise historischer Sendungen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 0,88 0,33 1,67 0,63 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 0,44 0,54 0,36 0,41 ZDF Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 0,48 0,53 0,45 0,45 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 0,97 1,47 0,19 1,26 Dritte Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 0,89 0,80 1,42 0,46 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 0,74 0,61 0,36 1,26 3sat/ARTE Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 1,37 1,07 1,50 1,53 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 1,62 0,70 1,24 2,93 Private Ereignis-, strukturbezogene Darstellung des Themas/Handlung 0,25 0,12 0,51 0,11 personalisierte Behandlung des Themas/gruppenzentriert 0,04 0,04 0,06 0,03 Betrachtet man nur die beiden Hauptprogramme, zeigt sich, dass die Werte der ereignisorientierten Aufbereitung im ZDF und die der personalisierten bei der ARD über die Jahre nur geringen Schwankungen unterliegen. Unterschiede zeigen sich bei der jeweils favorisierten Präsentationsform im Jahresvergleich bei beiden Sendern. Während die vom ZDF ganz klar bevorzugten personalen Vermittlungsstrategien im Jahr 1999 stark zurückgehen, geht dies einher mit der Expansion einer strukturorientierten Erzählform der ARD im gleichen Jahr. Das ZDF gibt seine quantitativ (ausstrahlungsstarke) und qualitativ (besondere Erzählform) starke Präsenz im Millenniumsjahr an die ARD ab (vgl. Tab. 22). Beide Hauptprogramme setzen im mittleren Jahr auf nichtpersonalisierte Dar- stellungsweisen bei der Behandlung historischer Themen. Der Boom bei der ereignisfundierten Darstellung auch bei den Dritten ist 1999 zurückzuführen auf die überdurchschnittliche Präsenz der Reihe „Chronik der Wende“ und die ausgestrahlten Wochenschauen bei den Dritten und ARTE. Bei 3sat und ARTE ist der Anteil an einer eher personenbezogenen Erzählhaltung über die Jahre hinweg angewachsen und kann sich auf einem hohen Niveau etablieren und stabilisieren. Bei den beiden Kulturkanälen fehlt außerdem der für die Dritten und das ZDF charakteristische „Knick“ in einer an Personen geschilderten historischen Präsentation im Jahr 1999. Offenbar gestalten die Spartenkanäle ihr Programm in größerer Unabhängigkeit von einer eher Jahrestag abhängigen Ausstrahlung von historischen Geschehen. Staats- und Politikgeschichte hat über alle Sendergruppen hinweg den größten Anteil. Geschichte wird anhand von Strukturen und Prozessen dar- gestellt und auf einer insgesamt komplexen Ebene verhandelt. Die personali- sierte und gruppenbezogene Darstellung gehen gleichberechtigt in die Ver- mittlungsstrategien ein. Beide Darstellungsweisen überrunden zusammen noch die Werte für Politikgeschichte. Es wird deutlich: Geschichte im Fernsehen ist nicht einseitig, sondern neben eine am Individuum (Einzelakteur oder Gruppe) orientierte Erzählhaltung tritt ebenso eine strukturorientierte Darstellungs- weise. 162 Tabelle 37: Detail-Perspektive Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms, Mehrfachcodierung möglich 1995 bis 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Personalisiert 0,7 0,7 2,1 0,0 Staaten und Politik 1,1 1,2 2,3 0,1 Gruppen 0,8 0,9 1,7 0,1 Nicht personalisierte Darstellung 0,3 0,5 0,9 0,0 Gesellschaftliche Teilbereiche 0,5 0,9 1,7 0,1 5.1.3 Ost-West-Vergleich Ausgewertet werden nur die dritten Programme der ARD, die nach ihrer Her- kunft aus den neuen beziehungsweise alten Bundesländern klassifiziert werden können. Der ORB und MDR werden als „Ostprogramm“ zusammengefasst.m Die Landesprogramme der ARD strahlen im Westen etwas mehr Sendun- gen zu historischen Ereignissen aus, wobei der Unterschied bei den beiden am meisten verwendeten Genres (Reportage und Dokumentation) am größten ist. Für diesen Unterschied kann die Geschichte der Programme verantwortlich gemacht werden. Während die dritten Programme im Osten 1992 als regionale Vollprogramme starten, sind sie im Westen ihrer Tradition als Kultur- und Bildungsprogramm verpflichtet. Wochenschauen pflegt nur der SFB über die Jahre hinweg. 163 Tabelle 38: Anteil der Geschichtssendungen von ARD3 am gesamten Sendevolumen Prozentualer Sendezeitanteil der Sendegenres in West und Ost auf Basis des Gesamt- programms Tabelle 39: Wochentag Prozentualer Sendezeitanteil der Sendegenres in West und Ost auf Basis des Tages- programms Dritte West Ost Magazin 0,0 – Reportage 0,8 0,3 Dokumentation/Dokumentarfilm 4,6 3,8 Dokumentation mit Diskussion 0,0 – Diskussion/Talkshow 0,0 0,3 (Live-)Bericht 0,1 0,1 Porträt/personenzentriertes Gespräch 0,1 – Sonstiges non-fiktional 0,1 0,0 Dokumentarspiel/Doku-Drama/Semi-Doku 0,1 0,1 Wochenschau 0,3 – Dritte West Ost Montag 5,7 6,7 Dienstag 4,9 6,9 Mittwoch 7,1 6,2 Donnerstag 6,2 3,4 Freitag 6,8 1,6 Samstag 5,5 2,2 Sonntag 10,4 6,5 Die dritten Programme in Ostdeutschland belegen für historische Darstel- lungen teilweise andere Sendeplätze. Sie setzen historische Sendungen stärker zu Wochenbeginn ein. ARD3-West hingegen zeigt kontinuierlich von Mittwoch bis Freitag Beiträge mit diesen Inhalten. Bei beiden Gruppen kristallisiert sich der Sonntag als bevorzugter Wochentag für die Platzierung des Historischen im Fernsehen heraus. Zusammenfassend kann hier festgestellt werden, dass die dritten Programme in Ostdeutschland ausstrahlungsstark in die Woche starten und in der Wochenmitte ihre Führungsposition an die ARD3-West abgeben.m Die dritten Programme in den alten Bundesländern senden historische Dar- stellungen über den ganzen Tag – mit Schwerpunkten am Nachmittag und am späten Abend. In den Ostprogrammen dominiert hingegen das Spätprogramm als Sendeplatz für Geschichte. Diese Daten stützen die obige Interpretation. Freitag und Samstag sind – insbesondere am Nachmittag und Abend – in den dritten Programmen im Osten eher unterhaltenden Angeboten vorbehalten. 164 77 Bundesrepublik Deutschland und Deutschland vor 1949. Tabelle 40: Tageszeit Prozentualer Sendezeitanteil der Sendegenres in West und Ost auf Basis des Gesamt- programms Tabelle 41: Produktionsland Prozentualer Sendezeitanteil der Sendegenres in West und Ost auf Basis des Gesamt- programms, Mehrfachcodierung möglich Dritte West Ost Vormittag/Mittag 0,9 0,6 Nachmittagsprogramm 2,4 1,2 Abendprogramm 1,0 0,6 Spätprogramm 2,4 2,4 Summe 6,7 4,8 Dritte West Ost BRD77 3,3 2,1 DDR – 0,1 Frankreich – 0,1 SU/Russland – 0,1 Polen – 0,1 Österreich 0,0 – Frankreich 0,0 – USA 0,1 0,1 Sonstige 0,1 – Der überwiegende Anteil an Geschichtssendungen sind deutsche Produk- tionen. Dass die ARD3-Ost zusätzlich Beiträge aus der DDR, der SU/Russ- land und Polen ausstrahlt, spiegelt die politische Vergangenheit wider. Die ehemals besondere Nähe zu ihren osteuropäischen Nachbarn lässt die Sender auch heute noch aus einem über die Jahre angelegten Fundus historischer (Archiv-)Beiträge verfügen. Im Vergleich der beiden Gruppen zeigen sich kaum Unterschiede. Zeitlich sind die meisten Sendungen im 20. Jahrhundert verankert. Auch die Ausprä- gung „mehrere Epochen“ ist bei beiden hoch besetzt. Dies korrespondiert mit Ergebnissen, die der Abbildung 27 – dem Vergleich aller drei Jahre – ent- nommen werden können. Die nationale Geschichtsdarstellung erfährt gegenüber der internationalen eine Bevorzugung bei den dritten Programmen sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. Historische Ereignisse werden in nationalen Bezügen und Kontexten dargestellt, mit Schwerpunkt auf Deutschland (vgl. Tab. 45). Die Darstellung von Ereignissen auf einer niedrigeren Aggregatebene – lokal oder regional – wie sie für die Dritten allgemein unterstellt worden ist, ist ver- schwindend gering und am ehesten noch bei den dritten Westprogrammen zu finden. 165 Tabelle 42: Epoche Prozentualer Sendezeitanteil der Sendegenres in West und Ost auf Basis des Gesamt- programms Tabelle 43: Darstellungsebene Prozentualer Sendezeitanteil der Sendegenres in West und Ost auf Basis des Gesamt- programms Dritte West Ost Frühgeschichte 0,2 0,1 Früh-, Hoch- und Spätmittelalter 0,1 – Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert 0,3 0,3 20. Jahrhundert 2,0 2,0 21. Jahrhundert 0,1 – mehrere 2,6 1,9 Dritte West Ost international 1,5 1,2 national 4,6 3,6 regional 0,1 – lokal 0,0 – Gemessen am jeweiligen Gesamtangebot stimmen die in Ost und West behandelten Epochen (vgl. Tab. 42) und Ebenen (vgl. Tab. 43 und 44) weit- gehend überein. Es dominiert das 20. Jahrhundert auf nationaler Ebene und mit deutschen Bezügen. Dennoch finden sich zwei wichtige Unterschiede. Erstens gibt es themati- sche Nuancierungen. Die DDR (und in Relation zum Gesamtprogramm: auch Faschismus und Nachkriegszeit) wird in den Ostprogrammen ausführlicher behandelt. Dahinter stehen gewiss Grundentscheidungen über das, was als gutes und adäquates Programm für das Publikum in den neuen Bundesländern angesehen und von diesem Publikum auch nachgefragt wird. Zudem liegt die Perspektive dieser Thematisierungen nicht, beziehungsweise nicht allein, auf den im politischen Diskurs beliebten Mustern von Widerstand und Kommunis- mus, sondern ist offenkundig breiter. Zweitens ist der ehemalige Ostblock unter den Produktionsländern etwas stärker vertreten, wenngleich es sich hier auch eher um Ausnahmen des Sendeeinsatzes handelt. 166 Dritte West Ost nationaldeutsch 3,3 2,9 außereuropäisch 0,7 0,6 mehrere Nationalitäten 2,0 1,2 Tabelle 44: Region Prozentualer Sendezeitanteil der Sendegenres in West und Ost auf Basis des Gesamt- programms Tabelle 45: Themenschwerpunkte Prozentualer Sendezeitanteil der Sendegenres in West und Ost auf Basis des Gesamt- programms; Mehrfachcodierung möglich Dritte West Ost Faschismus 1,1 1,3 Holocaust 0,2 0,4 2. Weltkrieg 1,0 0,6 Hitler 0,1 0,2 Nachkriegszeit 0,9 0,9 Widerstand 0,2 0,2 DDR 1,1 1,6 Kommunismus 0,2 0,2 Zeitgeschichte 0,5 0,2 andere 3,6 1,5 5.1.4 Genderaspekt Frauenspezifische Inhalte stellen in allen Sendern und zu allen Sendezeit- punkten die Ausnahme dar. Dieser Befund korrespondiert mit Ergebnissen, die Becker in seiner (anlässlich des 40. Jahrestages des Bestehens der Bundes- republik Deutschland durchgeführten) Untersuchung gewonnen hat. Beckers Ergebnisse können für die vorliegende Untersuchung von Geschichtssendun- gen im Fernsehen im Zeitraum von 1995 bis 2003 in leicht modifizierter Form übernommen resp. verallgemeinert werden: „Weibliche Gesichtspunkte, die weibliche Perspektive, finden in den Fernsehfilmen keine der tatsächlichen Bedeutung der Frau in der Entstehungsgeschichte der Republik entsprechende Berücksichtigung. Das Originelle, die Originalität und Herausforderung läge dabei nicht in einer spezifischen Methode, sondern in Fragestellungen an und Perspektiven auf die allgemeine Geschichte.“ (Becker 1991, S. 40) 167 Tabelle 46: Frauenspezifischer Anteil an Geschichtssendungen Prozentualer Sendezeitanteil der codierten Sendegenres von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF Keine Frauenspezifik 1,4 1,5 1,4 1,3 Frauenspezifik 0,2 0,1 – 0,4 Dritte Keine Frauenspezifik 1,9 1,4 1,9 2,4 Frauenspezifik 0,2 0,2 0,1 0,2 3sat/ARTE Keine Frauenspezifik 3,8 2,5 2,7 6,1 Frauenspezifik 0,3 0,1 0,4 0,5 Private Keine Frauenspezifik 0,3 0,2 0,6 0,2 Frauenspezifik 0,0 0,0 0,0 – Die insgesamt wenigen frauenspezifischen Sendungen werden überwiegend im Abend- und Spätprogramm ausgestrahlt. Nur die Dritten und 3sat /ARTE platzieren frauenspezifische Geschichtssendungen auch zu den beiden anderen Tageszeiten. Während sich bei den Kulturkanälen keine Unterschiede in der Ausstrahlungshäufigkeit über den Tag zeigen, setzen die Dritten deutlich auf den Nachmittag und das Spätprogramm. Dies korrespondiert mit ihrem gene- rellen Sendeverhalten (vgl. Abb. 16). Aufgrund des insgesamt geringen Um- fangs von Sendungen mit diesen Inhalten können die Angaben nur als Tenden- zen bewertet werden. 168 Abbildung 32: Tageszeitliche Ausstrahlungspräferenzen für frauenspezifische Geschichts- sendungen nach Sendergruppen Anzahl der Sendungen mit historischen Inhalten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtprogramms Vormittag/Mittag = 06:00 Uhr bis 11:59 Uhr Nachmittagsprogramm = 12:00 Uhr bis 17:59 Uhr Abendprogramm = 18:00 Uhr bis 21:59 Uhr Spätprogramm = 22:00 Uhr bis 05:59 Uhr 4 4 3 13 5 19 3 3 4 3 2 0 5 10 15 20 25 Abendprogramm Spätprogramm Vormittags-/ Mittagsprogramm Nachmittagsprogramm Abendprogramm Spätprogramm Vormittags-/ Mittagsprogramm Nachmittagsprogramm Abendprogramm Spätprogramm Spätprogramm A R D /Z D F D ri tt e 3s at /A R T E Pr iv at e An dieser Stelle erfolgt die Auszählung aller an der Herstellung einer Ge- schichtssendung beteiligten Akteure. Die Beteiligung von Frauen an der Pro- duktion von Sendungen mit historischen Inhalten ist gering. Den größten Anteil haben sie noch bei ARD/ZDF und den dritten Programmen – im Vergleich zum Anteil ihrer männlichen Kollegen. 5.2 Qualitative Auswertung und Ergebnisse Um die Lesart der folgenden ästhetischen Auswertungen in den Tabellen und graphischen Darstellungen zu erleichtern, hier vorab einige Anmerkungen zu den variierenden Bezugsgrößen. Die der qualitativen Ebene zugrunde liegende Basis bilden die 153 Geschichtssendungen, die aufgrund der Sichtung des Filmmaterials analysiert und nach gestaltungsästhetischen Merkmalen aus- gewertet wurden. Die Abbildung der Häufigkeit der ästhetischen Merkmale erfolgte nach einer Rangskalierung (dominant, manchmal, selten, nie). Zusätzlich wird bei allen Variablen das positive Auftreten des Merkmals erfasst, beispielsweise können in einer Sendung eine unauffällige Kameraführung und schnelle Schnitte beobachtet werden (vgl. Tab. 70, Beispiel 3sat /ARTE 1995). Deshalb kann es innerhalb einer Merkmalsbestimmung zu Mehrfachcodierungen kommen. Die hier angewandte Mehrfachvergabe führt in der Addition der Tabellen zu einem fiktiven Wert von über einhundert Prozent. Das Nicht-Auftreten eines Merk- mals führt dagegen im Umkehrschluss dazu, dass sich die Werte nicht auf 100 Prozent summieren lassen. Die Auswahl und Autopsie der Sendebeiträge für die ästhetische Analyse erfolgte anhand von Sendemitschnitten, die im Institut für Empirische Medien- forschung von Dr. Udo Michael Krüger (IFEM, Köln) eingesehen wurden. 169 1995 bis 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Gesamt- programm Gesamt- programm Gesamt- programm Gesamt- programm Produzent 1,7 1,8 3,8 0,2 Produzentin 0,6 0,7 0,8 0,0 Tabelle 47: Produzenten nach Geschlecht Prozentualer Anteil der Produzenten von 1995 bis 2003 auf Basis des Gesamtpro- gramms; Mehrfachcodierung möglich 5.2.1 Auswertung der ästhetischen Feinanalyse In der nun folgenden ästhetischen Feinanalyse werden die in den verschiedenen ästhetischen Kategorien (vgl. Kap. 6.2) auf qualitativer Ebene erhobenen Daten ausgewertet. Es gilt hier nachzuprüfen, wie sich die Entwicklung des Genres im Hinblick auf einen vermuteten gestaltungsästhetischen Wandel darstellt, wie sich eine verstärkt am Zuschauer orientierte Dramaturgie gestaltet, wie die Verwendung des klassischen Formenrepertoires beurteilt werden kann und schließlich, inwieweit bestimmte Veränderungen des Genremusters zu beobach- ten sind. Ebenso gilt es, den sich aus den Untersuchungsergebnissen möglicher- weise neu eröffnenden Fragestellungen nachzuspüren und diese im Gesamt- kontext der Untersuchung zu deuten. Die Auswertung der auf qualitativer Ebene erhobenen Daten erfolgt in der Chronologie, der im Kapitel 6.2 erläuterten sechs Ebenen der ästhetischen Feinanalyse, in den hier bestimmten Kategorien. Die Reihenfolge gestaltet sich wie folgt: Erstens wird der prozentuale Sendeanteil an Neuproduktionen und Wiederholungen der jeweiligen Sendeanstalten ausgewertet, zweitens die stilistischen Mittel, die in den einzelnen Filmen beobachtet werden konnten, drittens die hier verwendeten dramaturgischen Mittel, viertens die Ebene der Personalisierung, mit allen in den Geschichtssendungen agierenden Personen, fünftens die Gestaltung der Bildebene und schließlich sechstens die Gestaltung der Tonebene. Bei der Darstellung der Wertetabellen wurde so vorgegangen, dass die jeweils fett markierten Zeilen die Sendeminuten des evaluierten Analysegegen- stands in absoluten Zahlen darstellen. Diese Minutenangaben sind dabei immer ins Verhältnis zu einem angenommenen 24-Stunden-Programm der Sender gesetzt worden, woraus sich ergibt, dass von 24 Stunden Sendezeit bei ARD und ZDF in Tabelle 48 im Jahr 1995 185 Minuten auf qualitativ analysierte Geschichtssendungen entfallen. Die übrigen Zeilenwerte bilden Prozentangaben ab, die auf die jeweiligen absoluten Werte bezogen, das heißt, zu einhundert Prozent umgerechnet werden. Im Fall von Tabelle 48 bedeutet dies, dass von 610 Sendeminuten bei ARD und ZDF im Jahr 1999 39,3 Prozent auf Neu- produktionen und 31,1 Prozent auf Sendewiederholungen entfallen78. 170 78 Die fehlenden Restwerte zu einhundert Prozent verteilen sich hier wie in den weiteren Tabellen auf Sendun- gen, bei denen die hier jeweils notwendigen Angaben nicht ermittelbar waren, wie im angegebenen Beispiel, wo keine Angaben zu Neuproduktion/Wiederholung zu evaluieren sind. Die Vermutung, dass Geschichtssendungen im Fernsehen in den letzten Jahren stetig zugenommen haben und heute eines der stärksten kulturellen Programmsegmente des Fernsehangebots in der Bundesrepublik sind, lässt sich anhand der Daten bestätigen. Die Tabelle 48 zeigt noch einmal das Verhältnis von Neuproduktionen und Wiederholungen auf der Basis der Gesamtsende- minuten der qualitativ codierten Sendungen, das heißt auf der Basis aller auf der ästhetischen Ebene analysierten Sendebeiträge mit historischen Inhalten. Die Ergebnisse werden in Tabelle 48 sowohl insgesamt als auch im Verlauf des Untersuchungszeitraumes dokumentiert. Auf dieser Ebene der Untersuchung sind die jeweiligen Sendungen als Neuproduktionen oder aber als Wiederho- lungen erfasst worden, da so gegebenenfalls ein Zusammenhang zwischen den Neuproduktionen und den möglicherweise zu beobachtenden Innovationen des Genres festgestellt werden kann. Die Ausweitung des Angebots und die Vervielfältigung der Präsenz eines Genres sowie seine Stabilisierung im laufenden Programm lässt sich am Ver- hältnis von Neuproduktionen und Wiederholungen besonders deutlich zeigen. Überwiegen die Neuproduktionen, dann drückt sich darin zum einen die Ab- 171 79 Die Kategorie „Neuproduktion“ kann, muss aber nicht bedeuten, dass es sich um eine Erstausstrahlung handelt. Gemeint sind hiermit solche Sendungen, die im jeweils untersuchten Jahr produziert worden sind. Bei Sendungen, die vor dem Untersuchungsjahr produziert wurden, sind wir davon ausgegangen, dass es sich um Wiederholungen handeln muss. Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF **1.095** 185 610 300 Neuproduktion 56,4 100,0 39,3 30,0 Wiederholung 33,7 0,0 31,1 70,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Neuproduktion 41,1 76,0 27,0 20,2 Wiederholung 43,8 24,0 27,4 79,9 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Neuproduktion 34,0 54,8 28,8 18,5 Wiederholung 57,4 45,2 45,6 81,5 Private 750 130 560 60 Neuproduktion 77,9 73,1 60,7 100,0 Wiederholung 18,8 26,9 29,5 – Tabelle 48: Neuproduktionen und Wiederholungen auf der ästhetischen Ebene79 Mögliches innovatives Potenzial (Neuproduktionen) versus traditionelles Potenzial (Wiederholungen)* Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten * an 100 fehlend „ohne Angabe“ ** Senderbasis der codierten Sendeminuten sicht der Programmmacher aus, in diesem Segment durch eine aktuelle Produk- tion das Medienangebot auszuweiten, einen Bedarf dafür zu erzeugen oder zu befriedigen, der als Quote die Neuproduktion dann ökonomisch und kulturell rechtfertigt; zum anderen drückt sich darin eine je normative redaktionelle Entscheidung aus, gerade das Thema und gerade die Genreformatierung für wichtiger zu halten als andere. Stehen die Wiederholungen in einem aus- balancierten Verhältnis zu den Neuproduktionen, spricht dies für eine hohe Stabilisierung und nachhaltige Etablierung des Genres als kulturell und ökono- misch akzeptiertes Angebot-Nachfrage-Modell. Wie die Tabelle 48 zeigt, überwiegen im Ausgangsjahr der Untersuchung bei allen Sendergruppen deutlich die Neuproduktionen von Geschichtssendun- gen gegenüber den Wiederholungen, das heißt, die Programmmacher aller Sender setzen im Jahr 1995 ganz klar auf eine Erweiterung des Segments. Dieses Bild bleibt auch bei fast allen Sendern im Untersuchungsjahr 1999 er- halten, dem Vor-Millenniumsjahr, in dem man insgesamt einen weiteren starken Anstieg beobachten kann. Ausgenommen davon ist nur die Sendergruppe 3sat und ARTE, hier bleibt das Genre schon 1999 auf hohem Niveau stabil. Im Jahr 2003 bilden bei allen öffentlich-rechtlichen Sendern dann Wiederholungen mit siebzig bis achtzig Prozent den Hauptanteil des Programmsegments Geschichte. Das bedeutet nun, dass in dem untersuchten Zeitraum insgesamt zwar in der ersten Phase bis 1999 eine deutliche Zunahme von Geschichtssendungen beob- achtet werden kann, wie aber das Verhältnis von Neuproduktionen zu Wieder- holungen zeigt, geht diese Dynamik in der zweiten Hälfte über in eine Stabili- sierung. 2003 mit einer Dominanz der Wiederholungen zeigt dann nach dieser Interpretation eben die nachhaltige Etablierung des Genres. Eine besondere Rolle in diesem Zusammenhang spielen die erwähnten Vereinbarungen zwi- schen den Landesrundfunkanstalten, Sendungen aus dem gemeinsamen ARD- Hauptprogramm kostengünstig und in ihre dritten Fernsehprogramme über- nehmen zu können. Damit ist bei den Dritten eine wichtige Randbedingung für die hohe Anzahl der im Jahr 2003 ausgestrahlten Wiederholungen gegeben. Ein anderes Bild zeigt sich bei den privaten Sendern, hier dominieren im gesamten Untersuchungszeitraum die Neuproduktionen. Wir können demnach davon ausgehen, dass hier im Kontext eines vergleichsweise geringen Volumens zu Beginn geschichtliche Themen und das dokumentarische Genre relativ an Bedeutung gewinnen. Die Zahlen sprechen jedenfalls dafür, dass auch bei den privaten Anbietern das Genre der Geschichtssendungen auf dem Weg ist, sich fest zu etablieren. 172 5.2.1.1 Stilistische Mittel Zu den stilistischen Mitteln der Geschichtsdarstellung im Fernsehen gehören Dokumente, Quellen und Archivmaterialien. Tabelle 49 zeigt unter der Kate- gorie „Stilistische Mittel“ die quantitative Verteilung dieses ästhetischen Gestal- tungsmittels, das nach wie vor zum klassischen Repertoire von Geschichts- sendungen gehört. Solche Mittel sind zwar nirgendwo dominant eingesetzt, kommen aber eben fast in jeder Sendung vor (zum Gebrauch von Dokumenten, Quellen und Archivmaterialien vgl. Dörfler, Schmitt, Tagsold, Wosching 1998 sowie Quandt 1991). Einen leicht betonten Vorzug erhalten diese Gestaltungs- mittel bei den dritten Programmen sowie bei 3sat und ARTE. Daraus schließen wir, dass in den Geschichtssendungen dieser Programme intendiert ist, durch solche „verwissenschaftlichenden“ Stilmittel die Sendungen zu gestalten. Zudem scheint es plausibel, dass angesichts des Verhältnisses von Neuproduktionen und Wiederholungen zwischen ARD/ZDF-Hauptprogrammen und 3sat /ARTE nur solche Sendungen von 3sat und ARTE übernommen werden, die diesem eher wissenschaftlichen, anspruchsvollen stilistischen Profil entsprechen. 173 Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 nie 10,6 24,3 7,4 – selten 21,5 27,0 7,4 30,0 manchmal 54,2 48,6 59,0 55,0 dominant 13,7 – 26,2 15,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 nie 14,2 28,0 14,6 – selten 10,8 4,4 3,2 24,9 manchmal 54,8 48,3 52,3 63,9 dominant 18,0 19,2 23,5 11,3 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 nie 16,0 13,1 11,9 23,1 selten 5,4 – 16,3 – manchmal 43,0 51,2 36,9 40,8 dominant 33,6 35,7 28,8 36,2 Private 750 130 560 60 nie 4,5 – 13,4 – selten 15,5 – 46,4 – manchmal 46,7 100,0 40,2 100,0 dominant – – – – Tabelle 49: Stilistische Mittel /Dokumente/Quellen/Archivmaterial Prozentualer Anteil auf Basis der Gesamtsendeminuten* * an 100 fehlend „ohne Angabe“ ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Im Zeitfenster von 1995 bis 2003 ergibt sich die folgende Entwicklung: In der ARD und dem ZDF nimmt die Verwendung von Dokumenten und Archiv- materialien als Gestaltungsmittel in Geschichtssendungen im Jahr 1999 zu und fällt im Jahr 2003 wieder leicht ab. Eine Entwicklung, die ganz sicher mit der Zunahme der ausgestrahlten Wiederholungen im Jahr 1999 aus Anlass des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik zu begründen ist. Wir können hier also eine klare und ausgeprägte Kontinuität bei der Verwendung dieses Gestaltungs- mittels über den zu untersuchenden Zeitraum beobachten. Diese Entwicklungs- linie deutet darauf hin, dass die öffentlich-rechtlichen Sender, vor allem die ARD und das ZDF, stark und nachhaltig (auch) auf die eigenen Archive zurück- greifen können und dies auch tun. Vergleicht man die Entwicklung über die zehn Jahre mit dem Anteil der ausgestrahlten Sendeminuten in ihrem Verlauf, dann ergibt sich für die Sender 3sat und ARTE sowie für die privaten Sendeanstalten das folgende Bild: Da bei 3sat und ARTE im Zeitraum von 1995 bis 2003 die Anzahl ausgestrahlter Sendeminuten im Programmsegment Geschichte kontinuierlich gestiegen ist, sich sogar mehr als verdoppelt hat (siehe dazu Abb. 8), dagegen die Verwen- dung von Dokumenten und Archivmaterialien prozentual nur leicht ansteigt, lässt sich schließen, dass es sich bei einigen der zusätzlich ausgestrahlten Sendungen um einen anderen Typus von Geschichtssendung handelt resp. andere Gestaltungsmittel in diesen Sendungen benutzt werden. Im Jahr 2003 setzt sich bei den Dritten ein Trend fort, bei absoluter Dominanz der Wieder- holungen kontinuierlich die hier beschriebenen stilistischen Gestaltungsmittel einzusetzen. Das kann nun darauf hinweisen, dass die dritten Programme stark an dem klassischen Formenrepertoire der Dokumentation orientiert sind, an einem wissenschaftlichen und anspruchsvollen Profil ihrer Sendungen. Zieht man jedoch in Betracht, dass das Verhältnis von Neuproduktionen und Wieder- holungen sich stark in Richtung Wiederholungen entwickelt, dann kann man die Beobachtung auch so deuten, dass ältere Produktionen in der Regel domi- nant vom klassischen Formenrepertoire im Sinne des Kompilationsfilms geprägt sind – und sich dieses „klassische“ Genremuster hier dann verstärkt wieder- findet. Bei den privaten Sendeanstalten wächst das Sendevolumen von 1995 bis 1999 um ein Vierfaches. Gleichzeitig sinkt der prozentuale Anteil jener Ge- schichtssendungen, in denen Dokumente und Archivmaterialien verwendet werden. Das heißt, in diesem Zeitraum werden hier wie bei 3sat und ARTE in den zusätzlich ausgestrahlten Sendungen weniger Dokumente und Archiv- materialien – als ein klassisches Formenelement des dokumentarischen Genres – benutzt. Im Jahr 2003 dagegen gewinnt das ästhetische Gestaltungselement wieder an relativer Bedeutung, was auf den klassischen Formenkanon ver- weist. 174 Graphische Einblendungen gelten bei Geschichtssendungen als Mittel der ästhetischen Gestaltung. Sie dienen üblicherweise einer ergänzenden Verein- fachung oder auch evidenten Verdeutlichung des präsentierten Stoffes. Ins- gesamt kommen diese Stilmittel in den Geschichtssendungen aller Sender sehr häufig vor. Sie nehmen prozentual gesehen einen großen Platz ein, rechnet man die Kategorien „manchmal“ und „dominant“ zusammen. Alles in allem lässt sich sagen, dass solche stilistischen Mittel, die eindeutig der didaktischen Vertiefung und verständnisorientierten Vereinfachung dienen, im untersuchten Zeitraum mehr oder weniger kontinuierlich – bei allen Sendern – benutzt werden, also zum klassischen Repertoire von „Geschichte im Fernsehen“ zählen. Sie bilden eine Art formales Rückgrat der konventionalisierten Erwar- tung an Geschichtssendungen, bei den Programmmachern ebenso wie, so ist zu vermuten, bei den Rezipienten. Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, dass die graphischen Einblendungen zu jenen Elementen der Gestaltung ge- hören, die eine Boulevardisierung und damit den Trend zur Unterhaltung beför- 175 Tabelle 50: Stilistische Mittel /Graphische Einblendungen Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten* Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 nie 20,6 24,3 7,4 30,0 selten 31,1 48,6 14,8 30,0 manchmal 29,5 – 48,4 40,0 dominant 12,3 27,0 9,8 0,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 nie 26,4 9,6 11,7 58,0 selten 19,8 17,7 12,8 28,8 manchmal 44,9 55,7 65,8 13,3 dominant 8,9 17,0 9,6 – 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 nie 19,9 13,1 11,9 34,6 selten 25,5 – 25,0 51,5 manchmal 39,7 70,2 41,9 6,9 dominant 15,0 16,7 21,3 6,9 Private 750 130 560 60 nie 6,3 – 18,8 – selten 1,8 – 5,4 – manchmal 64,0 38,5 53,6 100,0 dominant 12,6 15,4 22,3 – * an 100 fehlend „ohne Angabe“ ** Senderbasis der codierten Sendeminuten dern80, was, wie zu vermuten ist und wie die Daten andeuten, von den privaten Sendeanstalten mehr, von 3sat und ARTE dagegen weniger gewollt wird. Spätestens seit Claude Lanzmann mit seinen Protagonisten die „Orte des Verbrechens“ zu einem zentralen Moment der Erinnerungsmöglichkeit und der Visualisierung von Erinnerung filmästhetisch codiert hat, gehört der „Original- schauplatz“ zum festen Formenrepertoire der Visualisierung von Geschichte. Wie Abbildung 33 zeigt, ist der Originalschauplatz als Gestaltungselement aus den analysierten Geschichtssendungen 1995 bis 2003 nicht wegzudenken, auch wenn es hier im Verlauf des Untersuchungszeitraumes zu einigen Umgewich- tungen und Veränderungen kommt. Bei den privaten Sendeanstalten steigt der prozentuale Anteil der Sendun- gen, in denen Originalschauplätze vorkommen, von über sechzig Prozent 1995 auf knapp neunzig Prozent 1999 und fällt schließlich im Abschlussjahr der Untersuchung auf null Prozent. Demnach verliert innerhalb dieser Sender- gruppe der Originalschauplatz massiv an visueller Bedeutung, weil – so ist zu vermuten – Aufmerksamkeit(sgewinnung) durch Innovation und Überraschung 176 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 1995 1999 2003 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Abbildung 33: Stilistische Mittel /Originalschauplätze Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Senderbasis 80 Nach Witten (1995) gehören die graphischen Einblendungen zu jenen Elementen der Gestaltung, die, wie er sagt, auf der „visuell-verbalen Ebene“ zu den Boulevardisierungsstrategien zählen. Sie befördern in der sprachlichen Visualisierung die Verständlichkeit des Gezeigten und in einer Vertrauen erweckenden, sympathi- schen oder auch spektakulären Präsentation seine Eindringlichkeit. bei den Privaten generell einen hohen ökonomischen Stellenwert hat und Stil- mittel, die sich „verbraucht“ haben, schneller ersetzt werden. Auffällig sind auch die Veränderungen bei den Sendergruppen ARD/ZDF und 3sat /ARTE. Die Verwendung des Originalschauplatzes bei der Visualisie- rung historischer Begebenheiten erfährt generell Einbußen, nur unterscheidet sich bei beiden der zeitliche Verlauf. Während bei den Kulturkanälen eine stetige Abnahme in der Präsentation dieses Stilmittels zu verzeichnen ist, zeigen sich die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme anfangs zögerlicher und schränken den Einsatz von Originalschauplätzen erst 2003 stärker ein. Diese letzte Entwicklung wird von den dritten Programmen mitgetragen. Der Rückgang in der Verwendung von Originalschauplätzen geht vor allem auf das ZDF zurück. Das heißt, dass bei den Programmen des ZDF im Verlauf der zehn untersuchten Jahre andere Gestaltungselemente wichtiger werden. Wir sehen hier einen möglichen Zusammenhang darin, dass die generelle Zu- nahme von Geschichtssendungen den Bedarf nach innovativen Visualisierungen beständig erhöht, dass aber der visuelle Wert der „locations“ – zum Beispiel der Orte nationalsozialistischer Vernichtung von Menschenleben in den Kon- zentrationslagern – durch permanente Wiederholung abgenommen hat und unter dem Aspekt, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu gewinnen, durch andere Visualisierungen ersetzt wird. Festzuhalten bleibt, dass der Originalschauplatz trotz seines zunehmenden Bedeutungsverlustes über alle Sendergruppen hinweg ein wesentlicher Bestand- teil historischer Sendungen im Fernsehen ist. 5.2.1.2 Dramaturgische Mittel81 Eines der besonderen visuell-ästhetischen Gestaltungsmittel, Geschichte im Fernsehen zu „zeigen“, ist die szenische Rekonstruktion. Wie Tabelle 51 zeigt, ist in der ARD und dem ZDF der höchste prozentuale Anteil an szenischen Rekonstruktionen als Gestaltungsmittel zu finden. Bei allen anderen Sende- anstalten erscheint das Stilmittel eher marginal. Fiktionale Anteile an der Gestaltung von Geschichtssendungen finden sich insgesamt am häufigsten bei Sendungen der ARD und des ZDF, gefolgt von den dritten Programmen sowie auch, aber geringer, bei 3sat und ARTE. Am wenigsten finden wir dieses Gestaltungsmittel bei den Sendungen der privaten 177 81 Die szenische Rekonstruktion („Reenactment“) beschreibt das Nachspielen historischer Situationen mit Schauspielern, während sich die Verwendung fiktionaler Anteile ausschließlich auf die Wiederverwendung von Filmmaterial (z. B. Ausschnitte aus dem propagandistischen Film „Panzerkreuzer Potemkin“ ohne Hinweis darauf, dass es sich nicht um authentisches Filmmaterial handelt) bezieht. Mit „sonstiger Veranschaulichung“ werden verschiedene Formen der Aufbereitung von Geschichte erfasst (das Vorlesen überlieferter Briefe historischer Persönlichkeiten). Schließlich finden auch computergenerierte Filme – Animationen – Verwen- dung. Sendeanstalten. Daraus lassen sich einige Schlussfolgerungen ziehen, die auch mit Blick auf die weitere Ergebnisdiskussion der Daten von Interesse sind. Es kann sein, dass die relativ hohen Kosten solcher Gestaltungsmittel bei den privaten Sendeanstalten eher vermieden werden, weil man annimmt, die Zu- schauer auch anders binden zu können, selbst wenn eine solche Fiktionalisie- rung der Sache nach begründet wäre. Womöglich erscheint eine partielle Fiktio- nalisierung den Programmverantwortlichen und Machern bei den Privaten aber auch zu „behäbig“83. Umgekehrt scheint die Darstellungsästhetik der öffentlich- rechtlichen Programmmacher Fiktionalisierungselemente immer konsequenter in das Genre der Geschichtsdarstellung aufzunehmen. Daran zeigt sich, dass vor allem die öffentlich-rechtlichen Sendeangebote dazu beitragen, die Ver- knüpfung fiktionaler und nicht-fiktionaler Genreelemente in den Geschichts- 178 82 Die vier dramaturgischen Merkmale werden jeweils als „vorhanden“ – dies entspricht den Werten in der Tabelle – bzw. „nicht vorhanden“ erfasst. D. h., dass die Addition der Prozentwerte einer Spalte keinen Sinn macht. Bspw. kommt in knapp einem Drittel (27,8 Prozent) aller von uns erfassten Sendeminuten von ARD und ZDF als Strategie der Vermittlung die szenische Rekonstruktion zum Einsatz. Die anderen 72,2 Prozent an ausgestrahlten Sendeminuten kommen ohne dieses Gestaltungselement aus. 83 In diesem Sinne äußerte sich beim Workshop Michael Kloft, der als Filmemacher hauptsächlich Erfahrungen mit privaten Programmanbietern hat (Kap. 5.4 Die Rolle der Akteure). Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 szenische Rekonstruktion 27,8 – 43,4 40,0 fiktionale Anteile 40,2 27,0 38,5 55,0 sonstige Veranschaulichung 39,5 48,6 14,8 55,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 szenische Rekonstruktion 6,4 10,0 5,3 3,9 fiktionale Anteile 17,3 8,9 13,2 29,9 sonstige Veranschaulichung 31,6 38,7 27,8 28,2 Animation 3,6 – 10,7 5,9 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 szenische Rekonstruktion 6,5 – 5,6 13,8 fiktionale Anteile 9,7 – – 29,2 sonstige Veranschaulichung 22,7 3,6 20,6 43,8 Animation 7,0 – 11,9 9,2 Private 750 130 560 60 szenische Rekonstruktion 6,5 – 19,6 – fiktionale Anteile 3,6 – 10,7 – sonstige Veranschaulichung 31,2 11,5 82,1 – Animation 6,3 – 18,8 – Tabelle 51: Dramaturgische Mittel Prozentualer Anteil auf Basis der Gesamtsendeminuten* * an 100 fehlend: dieses Merkmal kommt nicht vor82 ** Senderbasis der codierten Sendeminuten sendungen auszuprobieren. Der Eindruck einer Konstruktivität des geschicht- lichen Blicks, wie des Historischen überhaupt, wird dadurch sicher verstärkt. Dies aber nur, wenn das Reenactment klar als solches erkennbar ist. Deutlich am wenigsten wird dieses Gestaltungsmittel der Veranschaulichung bei der Sendergruppe 3sat und ARTE verwendet. Wenn wir davon ausgehen, dass diesem Mittel der ästhetischen Gestaltung Aspekte der Unterhaltung immanent sind, dann kann dieser Befund ein weiterer Hinweis darauf sein, dass die beiden Kulturkanäle am klassischen Formenkanon festhalten und dass sie ein „wissenschaftliches“ Senderprofil anstreben. Deutlich am häufigsten nutzen dagegen 3sat und ARTE Animationen (in immerhin sieben Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten). Bei ARD/ZDF kommen in den Geschichtssendungen 1995 bis 2003 keine Animationen vor. Betrachten wir die Animationen als ein Gestaltungselement, das für eine inno- vative Veränderung des Genres steht, dann finden solche Innovationen im untersuchten Zeitfenster vornehmlich bei 3sat und ARTE sowie – geringer – bei den privaten Sendeanstalten statt. Die fiktionalen Anteile der Geschichtssendungen nehmen in der ARD und dem ZDF im Verlauf der zehn Jahre kontinuierlich zu und haben sich zum Jahr 2003 mehr als verdoppelt. Das bedeutet, dass sich dieses Gestaltungs- element hier innerhalb des Untersuchungszeitraumes fest etablieren konnte. Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich in den dritten Programmen, was wieder einen Hinweis darauf gibt, dass viele der in der ARD und dem ZDF produzier- ten Sendungen auch in diesen Sendergruppen gezeigt werden. 3sat und ARTE verwenden dieses Stilmittel erst im Abschlussjahr der Untersuchung. Bei den privaten Sendeanstalten ist dieses Gestaltungselement nur im Jahr 1999 zu finden, in jenem Zeitraum also, in dem es innerhalb dieser Sendergruppe zu einem deutlichen Anstieg der ausgestrahlten Geschichtssendungen im Kontext des Millennium-Booms gekommen ist. Das heißt, wir können von einer Konti- nuität und Stabilisierung bei der Verwendung fiktionaler Anteile als Gestal- tungselement von Geschichtssendungen im untersuchten Zeitraum ausgehen. Das alles lässt zumindest im Bereich der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten auf eine Tendenz der Annäherung dokumentarischer und fiktionaler Genres schließen beziehungsweise darauf, dass auch der fiktionale Anteil als ein in- zwischen häufig vorkommendes und damit akzeptiertes Gestaltungselement im dokumentarischen Genre beobachtet werden kann. Die sonstigen Formen der Veranschaulichung werden bei ARD und ZDF über die Jahre unterschiedlich stark genutzt. Bei 3sat und ARTE haben sie als Mittel der Gestaltung kontinuierlich ihr Gewicht gesteigert, bei den Dritten gibt es eine Kontinuität des Gebrauchs. Das spricht dafür, dass solche ästhetischen Mittel der Veranschaulichung grosso modo in den Baukasten der Geschichts- sendungen gehören und je nach Thema auch regelmäßig genutzt werden (siehe dazu Tab. 49, oben). 179 1995 gibt es noch keine Animationen. In der ARD und dem ZDF ändert sich das Bild im Verlauf des weiteren Untersuchungszeitraumes nicht aus- schlaggebend und schon gar nicht nachhaltig. Die privaten Sendeanstalten ver- wenden 1999 Animationen (18 Prozent der Sendeminuten mit historischen Inhalten). In den dritten Programmen kommen Animationen marginal vor, bei 3sat und ARTE werden sie in etwa zehn Prozent aller historischen Sendungs- anteile benutzt. Die privaten Sendeanstalten – mit Unterhaltungsorientierung – und 3sat und ARTE – mit Kulturanspruch – zeigen sich innovativ. Animationen haben, so scheint es, für die zukünftige Dynamik des Genres ein erhebliches Potenzial, weil sie sozusagen unabhängig von den „Intentionen“ der Macher Visualisierungsfunktionen erbringen, die ansonsten in Geschichtssendungen fehlen würden. 5.2.1.3 Die Personalisierungsebene 180 Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Durchschnitt 1,3 1,0 2,0 1,0 nie 65,3 73,0 77,9 45,0 selten 19,9 – 19,7 40,0 manchmal 14,8 27,0 2,5 15,0 dominant 0,0 – – – Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Durchschnitt 1,2 1,0 1,7 1,0 nie 79,9 83,0 71,5 85,3 selten 9,8 7,7 11,4 10,3 manchmal 6,3 4,8 9,6 4,4 dominant 4,7 6,6 7,5 – 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Durchschnitt 1,1 1,3 1,0 1,0 nie 78,0 70,2 93,8 70,0 selten 8,9 3,6 – 23,1 manchmal 6,5 13,1 6,3 – dominant 6,7 13,1 – 6,9 Private 750 130 560 60 Durchschnitt 0,7 1,0 1,0 0,0 nie 53,5 46,2 14,3 100,0 selten 19,1 38,5 18,8 – manchmal 9,5 – 28,6 – dominant 17,9 15,4 38,4 – Tabelle 52: Personalisierungsebene/Moderator Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten* * an 100 fehlend „ohne Angabe“ ** Senderbasis der codierten Sendeminuten (Rangskalierung) Moderatoren84 in Geschichtssendungen einzusetzen hat eine lange Tradi- tion, die – genregeschichtlich – zurückgeht auf den Erzähler, der durch seine Anwesenheit und sein gesprochenes Wort beleumundet, was und wovon er erzählt. Nun gibt es heute neben der Glaubwürdigkeit des Erzählers als Mode- rator noch zahlreiche andere Authentifizierungsverfahren und Verfahren der Beglaubigung, wie die oben beschriebenen Stilmittel verdeutlicht haben. Den- noch kommt traditionell in der Wahrnehmung der Zuschauer dem Moderator immer noch eine Art Ankerfunktion zu. Wie die Daten zeigen, ist der Einsatz eines Moderators in Geschichtssendungen insgesamt über die zehn Jahre hin- weg bei allen Sendergruppen etwa gleich bleibend und stabil, wenn auch auf relativ niedrigem Niveau. Es ergibt sich für die einzelnen Sender folgendes Bild: Bei allen Sendern nehmen im Untersuchungszeitraum die Sendungen ab, in denen ein Moderator durch die Sendung führt. Der prozentuale Anteil ausgestrahlter Sendeminuten fällt bei den Dritten dabei von etwa elf auf knapp über vier Prozent, bei 3sat und ARTE von ehemals 26 Prozent auf knapp sieben Prozent. Bei den privaten Sendern schwankt die Nutzung dieses Stilmittels stark. Das alles deutet deut- lich darauf hin, dass der Moderator als ein klassisches Gestaltungselement und als Form der Personalisierung des Genres mehr und mehr an Bedeutung ver- liert. Es gibt Grund zu der Annahme, dass sich hier ein Trend abzeichnet, nach dem die Bedeutung dieses Formenelements des Dokumentarischen auch zukünftig abnehmen wird. Die Vermutung liegt nahe, dass Personalisierungs- 181 84 Lesebeispiel: Durchschnittlich kommen in einer Geschichtssendung bei ARD und ZDF 1,3 Moderatoren vor. Die Basis für die Berechnung stellen jeweils die Anzahl der Sendungen (82 für ARD/ZDF) und nicht die Sendeminuten (1.095 für ARD/ZDF) dar. Tabelle 53: Personalisierungsebene/Moderator Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten, Mehrfachcodierungen möglich Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 On 34,7 27,0 22,1 55,0 Off – – – – Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 On 16,1 19,2 18,9 10,3 Off – – – – 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 On 18,9 29,8 6,3 20,7 Off 5,4 – – 16,1 Private 750 130 560 60 On 46,5 53,8 85,7 – Off – – – – * Senderbasis der codierten Sendeminuten strategien sich inzwischen auf andere Möglichkeiten der ästhetischen Gestal- tung „verlagert“ haben und noch verlagern, zu denken ist hier besonders an die Funktion der Zeitzeugen. Bei allen Sendern wird der Moderator zwar vorwiegend im On gezeigt, also in Person auch visuell als Zeuge seiner Rede vorgeführt – sozusagen ein Relikt aus der Zeit, als über seine Rolle die Personalisierung der Zuschaueransprache geleistet wurde. Insgesamt aber spielt der Moderator, wie wir gesehen haben, als Gestaltungselement eher eine immer weniger wichtige Rolle. Im Gegensatz zum Moderator, der nur am Anfang oder Ende einer Sendung als direkter persönlicher Ansprechpartner für den Zuschauer fungiert, führt der Kommentator den Zuschauer durch die Sendung und stellt das Gezeigte in seinen historischen Zusammenhang. Der Kommentator gehört, wie Tabelle 54 zeigt, ausnahmslos bei allen Sendeanstalten zu einem dominanten Gestaltungs- mittel der Geschichtssendungen. 182 Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Durchschnitt 1,1 1,0 1,0 1,4 nie 9,0 – 27,0 – selten – – – – manchmal 0,8 – 2,5 – dominant 90,2 100 70,5 100,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Durchschnitt 1,1 1,2 1,1 1,1 nie 6,6 3,3 10,7 5,9 selten 2,7 – 8,2 – manchmal 25,4 12,2 21,0 43,1 dominant 64,0 86,7 60,1 45,2 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Durchschnitt 1,2 1,3 1,2 1,0 nie 13,6 13,1 13,8 13,8 selten 4,6 – – 13,8 manchmal 12,9 – 11,9 26,9 dominant 68,9 86,9 74,4 45,4 Private 750 130 560 60 Durchschnitt 0,7 1,0 1,0 0,0 nie 43,2 15,4 14,3 100,0 selten – – – – manchmal – – – – dominant 56,8 84,6 85,7 – Tabelle 54: Personalisierungsebene/Kommentator Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten* * an 100 fehlend „ohne Angabe“ (Rangskalierung) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten In etwa sechzig bis neunzig Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten wird das historische Geschehen kommentiert. Der Kommentator ist somit das sta- bilste ästhetische Visualisierungselement der historischen Geschichtssendun- gen. Daran ändert auch nichts, dass die Ergebnisse der Tabelle für die Privaten hier eine geringere Nutzung signalisieren. Über die zehn Jahre hinweg bleibt es – auf hohem Niveau – übliche Praxis aller Sender, bei ihren historischen Sendungen einen Kommentator einzu- setzen. Bei allen Sendern agiert er über den gesamten Zeitraum von zehn Jahren dominant aus dem Off heraus und tritt so für den Zuschauer nur über seine Stimme in Erscheinung, das heißt, erläuternd, dozierend, eher als „all- wissender“ denn als perspektivisch beteiligter Kommentator. Von dieser Funk- tion, „vom Feldherrenhügel“ aus, könnte der ins Bild gerückte Kommentator nur ablenken. Das Gewicht des Kommentators wird also durch das klassische Stilmittel der Sprecherrolle abgesichert, die übrigens ein weiteres Signal dafür ist, dass wir traditionell mit einer gewissen Dominanz der akustischen Ebene im Genre der Geschichtsdarstellungen rechnen müssen, eine Ebene, die in den einschlägigen Untersuchungen bisher wenig beachtet worden ist. Resümierend lässt sich hier festhalten, dass der Kommentator als klassi- sches Gestaltungsmittel nach wie vor zum festen Formenrepertoire des doku- mentarischen Genres gehört (zur Verwendung des Kommentators im doku- mentarischen Genre vgl. auch Bleicher (1993) und von Borries (2001)). „Klassisch“ ist neben dem Kommentator auch der „Experte“ im Historie darstellenden Fernsehen. In Geschichtssendungen haben Experten fast immer die Funktion, das historische Geschehen wissenschaftlich einzuordnen, zu deuten und diese Deutung als Standard der historischen Interpretation und 183 Tabelle 55: Personalisierungsebene/Kommentator Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten, Mehrfachcodierungen möglich * Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 On – – – – Off 82,0 73,0 73,0 100,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 On 10,6 17,7 14,2 – Off 79,0 80,1 68,7 88,3 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 On 19,0 57,1 – – Off 75,3 61,9 86,3 77,7 Private 750 130 560 60 On 9,2 – 27,7 – Off 47,5 84,6 58,0 – state of the art zu verbürgen. Sie treten, wie Tabelle 56 zeigt, im Bereich der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in etwa dreißig bis vierzig Prozent aller ausgestrahlten Sendungen auf. Der Experte ist also aus dem Genre nicht weg- zudenken: Sein Auftreten gehört zu den absolut fest konventionalisierten Er- wartungen. Dass die Experten bei privaten Sendeanstalten sogar in über siebzig Prozent der ausgestrahlten Geschichtssendungen vorkommen, kann man dahin- gehend deuten, dass hier davon ausgegangen wird, die wissenschaftliche Be- glaubigungsformel sei für den Zuschauer mit einer besonders hohen Akzeptanz verbunden. Wenn diese Interpretation zutrifft, wäre umgekehrt bei den öffent- lich-rechtlichen Sendern die etwas zurückhaltendere Funktionalisierung der Experten ein Hinweis darauf, dass dort die Redakteure und Redakteurinnen selbst „Experten“ sind (oder sich dafür halten) und deshalb diese Rolle selbst übernehmen. In der Regel haben ja tatsächlich die verantwortlichen Redak- teurinnen und Redakteure bei der ARD, wie der Workshop gezeigt hat (vgl. 5.4.1 Workshop-Dokumentation), durchweg ein fachwissenschaftliches Studium der Geschichte oder angrenzender Disziplinen hinter sich. 184 Tabelle 56: Personalisierungsebene/Experten Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten* * an 100 fehlend „ohne Angabe“ (Rangskalierung) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Durchschnitt 2,2 1,0 2,5 3,0 nie 70,6 51,4 75,4 85,0 selten 2,5 – 7,4 – manchmal 23,7 48,6 7,4 15,0 dominant 3,3 – 9,8 – Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Durchschnitt 2,4 2,6 2,1 2,5 nie 61,3 63,1 66,9 53,9 selten 8,2 4,4 7,5 12,8 manchmal 20,7 24,7 12,8 24,6 dominant 10,5 10,0 12,8 8,8 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Durchschnitt 3,2 3,7 2,4 3,4 nie 57,2 69,0 49,4 53,1 selten 6,5 – 5,6 13,8 manchmal 16,9 – 26,9 23,8 dominant 19,4 31,0 18,1 9,2 Private 750 130 560 60 Durchschnitt 3,8 8,0 2,3 1,0 nie 23,3 42,3 27,7 – selten – – – – manchmal 3,9 – 11,6 – dominant 72,8 57,7 60,7 100,0 Bei allen Sendern ist der Experte fast immer männlich, und er wird stets im Bild – en face – vorgeführt, auch um seine Wichtigkeit und seine Persön- lichkeit für die Interpretation des historischen Ereignisses zu betonen. 185 Tabelle 57: Personalisierungsebene/Experten Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten, Mehrfachcodierungen möglich * Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 Männlich 33,4 75,7 24,6 – Weiblich 1,6 – 4,9 – On 33,4 75,7 24,6 – Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Männlich 33,2 39,1 17,1 43,3 Weiblich 9,0 6,6 3,2 17,2 On 35,2 39,1 20,3 46,2 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Männlich 36,6 31,0 38,8 40,0 Weiblich 11,4 13,1 11,9 9,2 On 42,8 31,0 50,6 46,9 Private 750 130 560 60 Männlich 76,7 57,7 72,3 100,0 Weiblich 15,4 46,2 – – On 76,7 57,7 72,3 100,0 Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 Interview 3,3 – 9,8 – Bericht 26,1 48,6 14,8 15,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Interview 6,4 1,1 6,4 11,8 Bericht 30,0 33,6 16,0 40,3 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Interview 16,4 14,3 12,5 22,3 Bericht 30,6 16,7 30,6 44,6 Private 750 130 560 60 Interview 55,4 – 66,1 100,0 Bericht 21,3 57,7 6,3 – Tabelle 58: Personalisierungsebene/Experten Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten * Senderbasis der codierten Sendeminuten Als Erzählform dominiert bei den öffentlich-rechtlichen Sendern insgesamt der Expertenbericht vor dem Experteninterview, während bei den privatwirt- schaftlichen Anbietern in über fünfzig Prozent aller Sendungen das Experten- interview bevorzugt wird. Ein Interview wirkt nach gängiger journalistischer Anschauung „lebendiger“ und ist „unterhaltender“ als ein bloßes Statement oder ein Bericht. Die Experteninterviews bei den Privaten bedienen diese Ein- schätzung und führen damit in das historische Genrerepertoire Momente ein, die als Elemente der Talkshow codiert sind. Festzuhalten bleibt: Die Experten- sicht auf das historische Geschehen wird dem Zuschauer vorwiegend aus männ- licher Perspektive vorgeführt, also nach Moderation und Kommentar ist auch die Expertise „männlich“. Geschichte im Fernsehen bricht also gewiss keine Konventionen auf, die außerhalb der Institution gesellschaftlich zwar kritisch diskutiert, aber auch nicht grundsätzlich verändert werden. Über den Verlauf der zehn Jahre zeigt sich im Einzelnen folgendes Bild: ARD und ZDF präsentieren im Jahr 1995 in fast der Hälfte aller analysierten Sendeminuten einen Experten. In den Jahren 1999 und 2003 dagegen treten Experten nur noch in 15 Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten dieses Programmsegments auf, also eher selten. Das bedeutet, dass bei dieser Sender- gruppe der Experte nachhaltig an Bedeutung verliert. In den dritten Program- men zeigt sich hier eine gewisse traditionelle Kontinuität. Bei den Sendern 3sat und ARTE gibt es Schwankungen auf einem recht hohen Niveau. Die privaten Sendeanstalten zeigen einen deutlichen Anstieg der Experten-Sendun- gen im Zehnjahresverlauf, womit auch hier einer konventionalisierten Zu- schauererwartung entsprochen und der Experte als eine Form der Beglaubi- gung des gezeigten Geschehens genutzt wird. Insgesamt lässt sich für den Untersuchungszeitraum feststellen, dass der Experte zwar zum festen Formenrepertoire des dokumentarischen Genres zu zählen ist, aber sein Auftritt eher zurückhaltend geplant wird. Die Form, ihn und sein Wissen zu präsentieren, ist allerdings zwischen den öffentlich-recht- lichen und den privatwirtschaftlichen Sendern deutlich unterschiedlich. Es lässt sich zudem bestätigen, dass nach Quandt (1991) nicht mehr nur Historiker, die sich durch ihr besonderes Fachwissen auszeichnen, als Experten in histori- schen Sendungen herangezogen werden, sondern zunehmend auch Journalisten und andere. Der Zeitzeuge ist für den Historiker ein schwieriger Zeuge, eine problemati- sche „Quelle“. Als Beteiligter steht er meist unter dem (subjektiven) Eindruck des Geschehens, er hat keinen distanzierten Standpunkt, er weiß meist wenig über das interessierende Ereignis zu sagen, außer dem, was ihn persönlich daran betroffen hat. Häufig erinnert sich der Zeitzeuge sehr subjektiv, was zur Folge hat, dass seine Erinnerungen nicht mit Informationen aus anderen, ge- sicherten Quellen übereinstimmen. Zudem spricht der Zeitzeuge in einer be- stimmten Äußerungssituation (vor einer Kamera), die notwendig seine Aus- 186 sagen färbt und überlagert. Und schließlich wissen die Historiker, dass der Zeitzeuge besonders dann, wenn er schon mehrfach seine Zeugenschaft erzählt hat, in der Regel dazu neigt, seinem Zeugenbericht eine Erzähldramaturgie zu geben, die dann immer mehr ein Moment der Erzählung ist und nicht mehr seiner Erinnerung. Aus solchen Gesichtspunkten heraus ist es verständlich, dass sich Historiker schwer tun mit Aussagen lebender Zeitzeugen. Gleichwohl – oder gerade deshalb – scheint der Zeitzeuge die nahe liegende Idee zu sein, wenn im Fernsehen Historisches verhandelt und sichtbar gemacht werden soll. Das liegt ganz offensichtlich daran, dass beinahe alle Argumente, die den Historiker sich mit Schrecken vom Zeitzeugen ab- (und nur mit großer metho- discher Vorsicht sich ihm wieder zu-)wenden lassen, den Fernsehmacher – um- gekehrt – geradezu glücklich machen: Endlich ist da jemand, der etwas, was die Zuschauer nicht selbst erlebt haben, authentisch erlebt hat; endlich ist da jemand, der nicht distanziert berichtet, sondern persönlich erzählt; endlich ist da jemand, der aus einer bestimmten Stimmung heraus erzählt; endlich sagt 187 Tabelle 59: Personalisierungsebene/Zeitzeugen Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten* * an 100 fehlend „ohne Angabe“ (Rangskalierung) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Durchschnitt 12,2 14,0 8,9 13,8 nie 15,7 – 32,0 15,0 selten – – – – manchmal – – – – dominant 79,3 100,0 68,0 70,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Durchschnitt 9,5 7,5 12,6 8,4 nie 11,8 7,7 18,9 8,8 selten 3,4 – 4,3 5,9 manchmal 10,5 14,8 6,4 10,3 dominant 75,1 79,7 70,5 75,0 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Durchschnitt 7,4 8,3 5,4 8,4 nie 31,4 14,3 31,3 48,5 selten 0,8 – – 2,3 manchmal 2,6 – 5,6 2,3 dominant 62,4 85,7 63,1 38,5 Private 750 130 560 60 Durchschnitt 7,9 17,0 6,7 0,0 nie 73,8 88,5 33,0 100,0 selten 2,1 – 6,3 – manchmal – – – – dominant 24,1 11,5 60,7 – jemand etwas aus einer Perspektive der Betroffenheit, die jeder Zuschauer nachvollziehen kann, der Empathie gelernt hat. Die Tabelle 59 hält als Ergebnis fest: Bei fast allen Sendern tritt der Zeit- zeuge mit knapp siebzig bis fast neunzig Prozent als dominantes Gestaltungs- element bei der Vermittlung von historischem Wissen im Fernsehen auf. Ein anderes Bild zeigt sich lediglich bei den privaten Sendeanstalten. Insgesamt kann man ein recht ausgewogenes Verhältnis männlicher sowie weiblicher Zeitzeugen beobachten, mit einer leichten Dominanz männlicher Zeitzeugen. In fast allen Fällen erscheinen die Zeitzeugen im On, als Person sichtbar, häufig in Nahaufnahme. 188 Tabelle 60: Personalisierungsebene/Zeitzeugen Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten, Mehrfachcodierungen möglich * Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 Männlich 84,3 100,0 68,0 85,0 Weiblich 67,5 75,7 41,8 85,0 On 84,3 100,0 68,0 85,0 Off 5,7 – 17,2 – Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Männlich 80,4 84,5 71,5 85,3 Weiblich 73,2 76,8 66,2 76,5 On 85,8 90,4 75,8 91,3 Off 22,5 20,3 27,0 20,2 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Männlich 56,5 85,7 53,8 30,0 Weiblich 41,9 45,2 44,4 36,2 On 64,0 85,7 63,1 43,1 Off 0,0 – – – Private 750 130 560 60 Männlich 26,2 11,5 67,0 – Weiblich 14,8 11,5 33,0 – On 26,2 11,5 67,0 – Off 7,4 – 22,3 – In den Geschichtssendungen der ARD und des ZDF sowie der dritten Pro- grammen dominiert in dem untersuchten Zeitraum ganz klar der Zeitzeugen- bericht gegenüber dem Zeitzeugeninterview, was die Intention unterstreicht, durch Zeitzeugen der historischen Darstellung eine persönliche Note zu geben. Bei den Sendern 3sat und ARTE kann man von einem fast ausgewogenen Verhältnis der präsentierten Erzählformen der Zeitzeugen sprechen. Ein ganz anderes Bild zeigt sich bei den privaten Sendeanstalten, sie bevorzugen deut- lich das Zeitzeugeninterview. Interessant ist die Entwicklung bei 3sat und ARTE. Hier können wir im Verlauf der zehn Jahre eine prozentuale Abnahme der Sendungen beobachten, die Zeitzeugen präsentieren. Ausgehend von einem Prozentsatz von 85,7 Pro- zent im Jahr 1995, fällt dieser auf etwa vierzig Prozent der ausgestrahlten Sendeminuten in diesem Bereich im Jahr 2003. Als mögliche Erklärung kann gelten, dass 3sat und ARTE sich entweder bewusst gegen etwas richten, das sie als „trendige Mode“ der Zeitzeugenschaft bei historischen Sendungen ver- stehen und sich davon absetzen wollen, oder, dass sie alternative Gestaltungs- möglichkeiten gesucht haben, um die mit den Zeitzeugen in der Regel verbun- dene Subjektivierung, Identifizierung und Emotionalisierung der historischen Ereignisse zu vermeiden. Bei allen Sendern entwickelt sich ein mehr oder weniger vollkommen aus- gewogenes Verhältnis männlicher und weiblicher Zeitzeugen, was natürlich nicht unabhängig davon gesehen werden darf, dass im Jahr 2003 generell – vor allem bei ARD und ZDF – Zeitzeugen weniger vorkommen. Grundsätzlich sind alle Zeitzeugen, in allen analysierten Sendungen, bei allen Sendern über die zehn Jahre hinweg dominant immer im On zu sehen, das heißt, sie werden 189 Tabelle 61: Personalisierungsebene/Zeitzeugen Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten * Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 Interview 14,5 – 43,4 – Bericht 69,9 100,0 24,6 85,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Interview 18,3 15,1 20,6 19,1 Bericht 74,7 91,1 52,0 80,9 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Interview 37,8 58,3 27,5 27,7 Bericht 33,9 40,5 41,3 20,0 Private 750 130 560 60 Interview 20,2 – 60,7 – Bericht 5,9 11,5 6,3 – dem Zuschauer in Ton und Bild persönlich und authentisch vorgeführt. Daraus spricht – im Sinne der oben gegebenen Vorstrukturierung – die klare Absicht der Fernsehmacher, den Zeitzeugen, wenn man ihn oder sie hat, auch nach „allen Regeln der Kunst“ ins Bild zu setzen. Dabei spielt offensichtlich bei allen Sendern – bis auf die Kultursender 3sat und ARTE – die Problematik kaum eine Rolle, dadurch die Konstruktion eines Geschichtsbildes in ganz wesentlichen Momenten einer doppelten Subjektivierung (und damit Relativie- rung) zu unterwerfen; denn einerseits wird das historische Geschehen durch den Zeitzeugen bekundet, zum anderen kann sich der Zuschauer aus den Per- spektiven solcher Zeitzeugen diejenige heraussuchen und für verbindlich er- klären, die ihm am meisten Identifikation erlaubt. In den Geschichtssendungen der Sender 3sat und ARTE werden die Zeit- zeugen ausschließlich im On präsentiert. Bei allen anderen Sendern gibt es 190 Tabelle 62: Personalisierungsebene/Zeitzeugen/Erlebnisperspektive Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Senderbasis, Mehr- fachcodierungen möglich * Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 Erlebnisperspektive 74,0 100,0 36,9 85,0 Erste Generation 74,0 100,0 36,9 85,0 Zweite Generation 10,0 – – 30,0 Beobachterperspektive 66,0 100,0 68,0 30,0 Erste Generation 52,0 73,0 68,0 15,0 Zweite Generation 23,8 51,4 4,9 15,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Erlebnisperspektive 77,9 80,8 61,9 91,1 Erste Generation 75,9 78,6 61,9 87,2 Zweite Generation 7,1 – 3,2 18,2 Beobachterperspektive 56,2 57,9 63,0 47,6 Erste Generation 35,6 41,3 56,6 8,8 Zweite Generation 23,8 19,9 12,8 38,8 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Erlebnisperspektive 64,0 85,7 59,4 46,9 Erste Generation 64,0 85,7 59,4 46,9 Zweite Generation 6,5 – 5,6 13,8 Beobachterperspektive 25,7 13,1 19,4 44,7 Erste Generation 23,0 13,1 27,5 28,5 Zweite Generation 14,9 – – 44,7 Private 750 130 560 60 Erlebnisperspektive 55,9 11,5 56,3 100,0 Erste Generation 22,6 11,5 56,3 – Zweite Generation – – – – Beobachterperspektive 59,5 11,5 67,0 100,0 Erste Generation 24,1 11,5 60,7 – Zweite Generation 46,7 11,5 28,6 100,0 parallel dazu auch das Voice-over-Verfahren als Präsentationsform, in der die Zeitzeugen aus dem Off heraus agieren: Ihre Stimme ist zu hören, während andere Bilder zu sehen sind. In solchen Situationen übernehmen Zeitzeugen die Funktion, die Bilder mit einer gewissen Suggestivkraft „authentisch“ zu interpretieren. Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Zeitzeuge zum klassischen Formen- repertoire des Genres gehört und nach wie vor zu den dominanten Gestaltungs- elementen der historischen Darstellung im Fernsehen zählt.85 Tabelle 62 dokumentiert die Perspektive, aus der heraus die auftretenden Zeitzeugen berichten. Wir haben die Perspektive unterschieden nach „Erlebnis- perspektive“ und „Beobachterperspektive“, damit bei der Präsentation des Zeit- zeugens die Tendenz deutlich herausgearbeitet werden kann, mit der er/sie präsentiert wird, nämlich einmal, um dem Zuschauer jenes Miterleben qua identifikatorischer Rezeption zu erlauben, wie wir es oben diskutiert haben, oder aber, um ihm ein mehr distanziertes Erleben zu ermöglichen, das Brechun- gen gestattet und Reflexionen über den Standpunkt des Zeitzeugens. Interes- santerweise überwiegt nur bei den privaten Sendeanstalten leicht die Beobach- terperspektive, sonst dominiert eindeutig die Erlebnisperspektive. Die aus der Erlebnisperspektive berichtenden Zeitzeugen gehören bei allen Sendern noch immer vorwiegend der ersten Generation von Zeitzeugen an (zur Unterscheidung von erster und zweiter Generation: vgl. Kap. 6.2.2). 191 85 Zur Bedeutung des Zeitzeugens in der Geschichtssendung vgl. auch Keilbach (2003a) und Bleicher (1993).m Tabelle 63: Personalisierungsebene/Zeitzeugen/Erlebnisperspektive Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Senderbasis, Mehr- fachcodierungen möglich * Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 Erlebnisperspektive Opfer 40,2 48,6 32,0 40,0 Erlebnisperspektive Täter 45,8 51,4 45,9 40,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Erlebnisperspektive Opfer 37,4 36,9 35,6 39,7 Erlebnisperspektive Täter 19,8 – 40,9 18,6 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Erlebnisperspektive Opfer 28,2 23,8 29,4 31,5 Erlebnisperspektive Täter 17,2 16,7 35,0 0,0 Private 750 130 560 60 Erlebnisperspektive Opfer 16,6 11,5 38,4 – Erlebnisperspektive Täter 20,5 11,5 50,0 – Bei ARD und ZDF werden insgesamt betrachtet etwas mehr Zeitzeugen präsentiert, die aus der Perspektive der Täter (zur Unterscheidung von Opfern und Tätern: vgl. Kap. 6.2.2) von ihrem Erleben berichten. Ebenso dominiert auch bei den privaten Sendern leicht die Perspektive der Täter. Dagegen ist in den dritten Programmen sowie bei 3sat und ARTE eine ganz klare Dominanz der Opferperspektive zu finden. Das halten wir zwar für ein Detail, aber eines, das dennoch interessant ist. Die Täterperspektive ist die Perspektive des Subjekts, der Aktion, des Han- delns, auch die der Macht und der Gewalt, während die Opferperspektive dies alles nicht bietet. Opfer sind die Objekte von Gewalt, sie sind als Opfer passiv und leidend, ohnmächtig und vergewaltigt. Sich mit Tätern zu identifizieren hat – unabhängig von der Tat – eine völlig andere emotionale Qualität, als mit den Opfern zu leiden. Die Täterperspektive zu präsentieren ist eine dramaturgi- sche Entscheidung, die das Rezeptionsverhalten des Publikums in eine andere Richtung führt als die Präsentation der Opferperspektive. Auf der Basis der Jahresschnitte können wir nicht die Frage prüfen, ob sich in den letzten Jahr- zehnten nach Ende des Zweiten Weltkrieges oder seit Anfang der 70er Jahre ein Wandel vollzogen hat, der die Täterperspektive bei der Präsentation von Zeitgeschichte – denn nur die kann auf Zeitzeugen zurückgreifen – immer stärker in den Vordergrund gespielt hat. Die beiden Perspektiven mit ihren unterschiedlichen Konnotationen und Geschichtsinterpretationen jedenfalls sind in der zeitgeschichtlichen Diskussion kontrovers, die Verteilung der Perspek- tivendramaturgie zwischen den untersuchten Sendern kann als ein Reflex auf diese Kontroverse verstanden werden.86 Die insgesamt größere Anzahl der Zeitzeugen, die als diejenigen zu Wort kommen, die das Geschehen erlebt haben, gehören in den meisten aller Fälle der ersten Generation von Zeitzeugen an, was dafür spricht, dass die Fern- sehmacher auch auf dieser Erlebnisebene besonders an der Unmittelbarkeit und Authentizität des persönlichen Erlebens interessiert sind. Innerhalb der zehn Jahre der Jahresschnitte ist bei der ARD und dem ZDF der Zeitzeuge im Jahr 2003 etwas weniger präsent als im Ausgangsjahr der Untersuchung. Sein dramaturgischer Einsatz sinkt bei einer etwa gleich blei- benden Anzahl der Sendungen von einhundert Prozent auf etwa siebzig Prozent der hier ausgestrahlten Sendeminuten im Programmsegment Geschichte. Dieser Rückgang betrifft aber vor allem den Zeitzeugen als Beobachter; der Zeitzeuge dagegen, der von seinem Erleben berichtet, erscheint weiter konstant in den insgesamt weniger Sendungen, in denen Zeitzeugen auftreten. In den dritten Programmen sind im Verlauf des Untersuchungszeitraumes beide Perspektiven kontinuierlich zu finden. Bei der Beobachterperspektive sind über den gesamten Zeitraum hinweg beide Generationen vertreten. Dominiert hier bis zum Unter- 192 86 Zur Darstellung der Opfer- und Täterperspektive in Geschichtssendungen vgl. auch Frevert (2003). suchungsjahr 1999 noch eindeutig die erste Generation, finden wir im Jahr 2003 dann aber eine deutliche Dominanz der zweiten Generation. Bei der Erlebnisperspektive überwiegt deutlich die erste Generation von Zeitzeugen, doch im Zeitraum bis 2003 gewinnt auch hier die zweite Generation leicht an Bedeutung und tritt überhaupt erst im Jahr 1999 in Erscheinung. Bei den Sendern 3sat und ARTE ist auf beiden Ebenen in fast allen Jahren die erste Generation von Zeitzeugen dominant vertreten. Nur im Untersuchungs- jahr 2003 wird innerhalb der Beobachterperspektive die zweite Generation von Zeitzeugen präsentiert. Auf der Ebene des Erlebnisberichtes tritt die zweite Generation erst im Jahr 1999 auf und zum Jahr 2003 vergrößert sich der prozentuale Anteil, der aus dieser Generation berichtenden Zeitzeugen. Der Beobachter der zweiten Generation ist erst im Jahr 2003 zu finden, was der „natürlichen“ Gegebenheit entspricht, dass auch zeitgeschichtliche Zeugen an die Altersgrenze kommen und sterben. Wieweit allerdings noch die Zeugen der zweiten Generation irgendetwas – außer subjektiv gebrochenen subjektiven Eindrücken – wiedergeben können, die sie von den Zeugen der ersten Genera- tion „geerbt“ haben, mag dahingestellt sein. Wir beurteilen generell die Ein- beziehung von Zeugen der zweiten Generation als nur noch fernsehdramatur- gisch zu rechtfertigen, nicht mehr durch den Charakter ihrer Zeugenschaft, die tendenziell ins Privatissime absinkt. Bei den privaten Sendeanstalten nimmt der Einsatz des Zeitzeugen innerhalb des Untersuchungszeitraumes deutlich zu, und damit auch die Strategie der Personalisierung des gezeigten historischen Geschehens. Dies ist im Zeitraum bis zum Jahr 1999 auf beiden Ebenen in einem ausgewogenen Verhältnis zu beobachten, doch werden Erlebnisberichte in den Jahren von 1995 bis 1999 ausschließlich von Zeitzeugen erster Generation gegeben. Die Beobachter- perspektive gewinnt im gesamten Untersuchungszeitraum an Bedeutung und zeigt in den im Jahr 2003 aufgenommenen zwei Sendungen nur Zeitzeugen zweiter Generation. Zusammenfassend lässt sich auf den Untersuchungszeitraum bezogen sagen, dass der Einsatz von Zeitzeugen als klassisches Gestaltungselement des Genres nach wie vor ein dominantes Formenelement ist. Dabei werden fast in gleicher Weise Zeitzeugen präsentiert, die von ihrem Erleben berichten, wie solche, die als Beobachter zu Wort kommen, mit einer leichten Dominanz der Erlebnis- perspektive. Die erste Generation von Zeitzeugen dominiert, doch gewinnt bei allen Sendern, vor allem in den letzten Jahren des untersuchten Zeitraumes, die zweite Generation von Zeitzeugen an Bedeutung, was wir als einen deut- lichen Hinweis auf das Überschreiten einer Art Epochenschwelle ansehen, nach der die direkte Zeitzeugenschaft nicht mehr möglich ist. Das sich langsam vollziehende Nachrücken einer zweiten Generation von Zeitzeugen etwa für die Zeit des Nationalsozialismus muss aber historiographisch als problematisch bewertet werden und lässt sich nur noch mediendramaturgisch und -ästhetisch 193 begründen. Ebenso schwierig ist die Frage einer Balance zwischen Opfer- und Täterperspektive, die – jede für sich – dramaturgisch eine eigene Geschichts- deutung befürworten kann. Wie Tabelle 64 zeigt, ist der Interviewer kein klassisches Gestaltungsele- ment des untersuchten Genres. Wo es noch als Gestaltungselement von Ge- schichtssendungen zu beobachten ist, verliert es tendenziell im Untersuchungs- zeitraum an Bedeutung. 194 Tabelle 64: Personalisierungsebene/ Interviewer Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten* * an 100 fehlend „ohne Angabe“ (Rangskalierung) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Durchschnitt 0,5 0,0 1,5 0,0 nie 79,7 100,0 54,1 85,0 selten 2,5 – 7,4 – manchmal 4,9 – 14,8 – dominant 7,9 – 23,8 – Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Durchschnitt 1,2 1,0 1,6 1,0 nie 62,5 64,2 47,7 75,5 selten 13,8 17,3 17,1 6,9 manchmal 11,8 13,3 14,6 7,4 dominant 11,3 7,4 20,6 5,9 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Durchschnitt 1,2 1,5 1,0 1,2 nie 52,7 27,4 64,4 66,2 selten 11,3 13,1 – 20,8 manchmal 16,0 27,4 7,5 13,1 dominant 20,1 32,1 28,1 – Private 750 130 560 60 Durchschnitt 0,7 0,0 1,0 1,0 nie 63,1 100,0 89,3 – selten – – – – manchmal 33,3 – – 100,0 dominant 3,6 – 10,7 – Wenn der Interviewer jedoch in Erscheinung tritt, dann ist dies in den meisten aller Fälle ein männlicher Interviewer. Das heißt, auch an dieser Stelle der analysierten Personalisierungsebene können wir feststellen, dass dem Zu- schauer dominant eine männliche Präsentationsform dargeboten wird. Zum Wandel der Interviewerfigur lässt sich kaum Weiterführendes an- merken, es scheint lediglich so, dass die öffentlich-rechtlichen Sender grosso modo (bis auf das Ausnahmejahr 1999) dem Interviewer immer weniger Be- deutung beimessen, sei es in seiner Rolle als Vermittler, als stellvertretender Fragender des Publikums, als nachsetzender und bohrender Advokat einer unterdrückten Perspektive oder in einer der anderen eher journalistischen Rollen, die er einnehmen kann. In der Sendergruppe 3sat und ARTE ver- mindert sich die Anzahl der gezeigten Interviewer in den Geschichtssendun- gen über die Jahre hin kontinuierlich. Von anfänglich in fast sechzig Prozent aller Sendungen 1995 fällt der Anteil auf etwa ein Drittel 1999 und 2003. Ganz ähnliche Entwicklungen zeigen sich bei ARD und ZDF sowie den dritten Programmen. Bei den privatwirtschaftlichen Programmanbietern scheinen um- gekehrt das Interview und der Interviewer etwas größere Bedeutung zu haben, die Zahlen zeigen dazu aber keine schlüssige Tendenz. 195 Tabelle 65: Personalisierungsebene/ Interviewer Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten, Mehrfachcodierungen möglich * Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 Männlich 15,3 – 45,9 – Weiblich 2,5 – 7,4 – On 10,4 – 31,1 – Off 7,4 – 22,1 – Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Männlich 31,4 38,0 35,9 20,2 Weiblich 5,8 – 17,4 – On 18,3 28,4 20,6 5,9 Off 23,2 17,0 38,4 14,3 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Männlich 40,5 59,5 28,1 33,8 Weiblich 8,4 13,1 7,5 4,6 On 36,3 46,4 35,6 26,9 Off 16,2 26,2 – 22,3 Private 750 130 560 60 Männlich 36,9 – 10,7 100,0 Weiblich – – – – On 2,7 – 8,0 – Off 34,2 – 2,7 100,0 Insgesamt lässt sich über die Verwendung des Interviewers als medienästhe- tisches Gestaltungselement in den Geschichtssendungen sagen, dass er von einigen Ausnahmen abgesehen eher wenig bis selten in Erscheinung tritt und als Formenelement des Genres, wie die Daten vermuten lassen, in Zukunft vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Anbietern wohl weiter an Bedeutung ver- lieren wird. 5.2.1.4 Die Bildebene Fernsehsendungen, die sich geschichtlichen Themen zuwenden, kommen eigent- lich nur dann ins Programm, wenn zu einem sehr frühen Zeitpunkt ihrer Pla- nung bei den verantwortlichen Redakteuren, Dramaturgen und Regisseuren eine Visualisierungsidee vorhanden ist87. Diese Visualisierungsidee ist meistens, wenn auch nicht immer, daran gebunden, dass etwaiges „Bildmaterial“ vorliegt und im Rahmen des immer beschränkten Budgets zugänglich gemacht werden kann. Natürlich kann bei fehlendem Bildmaterial auch zum Beispiel durch Nachinszenierung oder durch Computeranimation eine Visualisierung erreicht werden, aber der Königsweg der Planung einer historischen Fernsehsendung scheint immer noch der zu sein, originales und originelles Bildmaterial präsen- tieren zu können (vgl. Expertengespräch). Analog der Historiographie setzen die Fernsehmacher also grundsätzlich auf die Bildquelle als zentralen Gestus des Zeigens, der interpretative Zustimmung erwarten kann. Dabei ist zu unter- scheiden, ob es sich um Bildmaterial handelt, das unter irgendeinem histori- schen Aspekt als authentisches, originales, das heißt, primäres Bildmaterial zu einem historischen Ereignis beurteilt wird, oder ob – etwa aus Anlass einer Sendereihe über die geschichtliche Bedeutung Mitteldeutschlands – solche Bilder von den Fernsehmachern erst produziert werden, indem Originaldoku- mente, Originalschauplätze, Originalbilder beteiligter Personen usw. abgefilmt werden. Solches Bildmaterial gilt dann nur als sekundär authentisch. Diese Re-Produktion kann dann selbst wieder als sekundär authentische Quelle in den historischen Sendungen vorkommen, wenn – z. B. unter dem Motiv der Spurensuche – die Rekonstruktion solcher Bildquellen primäres Thema der Sendung ist. Dazu sind noch zahlreiche weitere dramaturgische Varianten mög- lich und erprobt, die hier nicht alle abgehandelt werden müssen, um zu sehen und zu verstehen, dass mit den Originalaufnahmen in historischen Fernsehsen- dungen das Kernstück auch des Genres im Blick ist. Die auf der Bildebene als klassisches Formenelement verwendeten Original- aufnahmen können, wie Tabelle 66 zeigt, bei allen Sendern vorwiegend mit den Kategorien „dominant“ und „manchmal“ bewertet werden, sie haben als 196 87 Vgl. dazu die Dokumentation des Workshops unter 5.4 Die Rolle der Akteure. das visuell dominante ästhetische Mittel der Gestaltung zu gelten: Bei ARD und ZDF sowie den dritten Programmen in achtzig bis neunzig Prozent aller gezeigten Sendeminuten mit historischen Inhalten, bei 3sat und ARTE in etwas über sechzig Prozent sowie bei den privaten Anbietern in etwa der Hälfte aller Sendeminuten. Die prozentual höchsten Anteile an integriertem Filmmaterial und Wochen- schauen88 zeigen die Sendergruppen 3sat und ARTE sowie die dritten Pro- 197 88 Die Werte für Wochenschauen belegen nur, ob diese vorkommen oder nicht. Lesebeispiel: In 27,8 Prozent der von ARD und ZDF gesendeten Geschichtsminuten kommen Wochenschauen vor, in den übrigen 72,2 Pro- zent werden keine Wochenschauen gezeigt. Ebenso verhält es sich mit der Indizierung. Tabelle 66: Bildebene/Originalaufnahmen Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten* * an 100 fehlend „ohne Angabe“ (Rangskalierung) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Wochenschauen 27,8 – 43,4 40,0 indiziert 38,6 – 45,9 70,0 nie 4,9 – 14,8 – selten – – – – manchmal 24,3 73,0 – – dominant 70,7 27,0 85,2 100,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Wochenschauen 41,8 48,0 33,8 43,5 indiziert 30,1 36,2 22,1 31,9 nie 12,3 13,3 23,5 – selten 7,1 4,4 9,6 7,4 manchmal 20,8 14,4 10,7 37,4 dominant 59,6 70,1 56,2 52,4 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Wochenschauen 37,6 40,5 36,3 36,1 indiziert 22,7 14,3 20,0 33,8 nie 33,8 16,7 46,3 38,5 selten 4,6 – – 13,8 manchmal 13,0 – 20,6 18,5 dominant 48,5 83,3 33,1 29,2 Private 750 130 560 60 Wochenschauen 31,0 26,9 66,1 – indiziert 10,1 – 30,4 – nie 15,4 46,2 – – selten 33,3 – – 100,0 manchmal 9,9 26,9 2,7 – dominant 41,4 26,9 97,3 – gramme mit über zwanzig bis dreißig Prozent. Die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme liegen bei der Indizierung der eingespielten originalen Film- aufnahmen mit vierzig Prozent etwas höher. Deutlich am geringsten ist der prozentuale Anteil indizierter Originalaufnahmen bei den privaten Sendern (nur zehn Prozent). Die Originalaufnahme ist das dominante Gestaltungselement der Geschichts- sendung. Bevorzugt wird bei zeithistorischen Sendungen auf vorliegendes Nachrichtenmaterial, z. B. Wochenschauen, zurückgegriffen. Dabei wird aller- dings nicht immer oder sogar selten für den Zuschauer verdeutlicht (indiziert), aus welcher Quelle die benutzten und gezeigten Bilder stammen. Das halten wir für ein zentrales Problem, weil auch die Verwendung dieser Art von Bild- material prägnant in den untersuchten Geschichtssendungen ist. Das Problem besteht darin, dass jedes originale Bildmaterial in einer spezifischen Ent- stehungssituation produziert worden ist, die auch als eine Art Begründungs- situation für die Perspektive und Wahrnehmung des Bildmaterials zu denken ist. Um Bilder beurteilen und als historische Dokumente „verstehen“ zu können, muss man notwendigerweise diesen Entstehungs- und Begründungszusammen- hang kennen. Kennt man ihn als Zuschauer nicht und erhält auch keinen Hin- weis auf diesen Kontext, leisten solche Originalaufnahmen eigentlich nur das, was ein bunter Bilderbogen leistet, eine Bebilderung eben, die dann original sein kann, aber auch täuschend echt nachgemacht original. An der Art und dem Umfang, in dem Zuschauer über den Entstehungs- und Begründungs- zusammenhang der originalen Bilder informiert werden, kann man die Art und den Umfang abschätzen, mit dem die Fernsehmacher den Zuschauer ernst nehmen und ihn als Co-Konstrukteur des Geschichtsbildes akzeptieren. Entsprechend ihrer überragenden Bedeutung findet man dieses ästhetische Stilmittel in allen Jahren des Untersuchungszeitraumes auf einem gleich blei- bend sehr hohen Niveau. Der leichte Rückgang, der bei der Verwendung dieses Gestaltungselementes 1999 bei ARD und ZDF beobachtet werden kann, ist marginal. Bei den dritten Programmen gewinnt die Originalaufnahme in der Geschichtssendung zwischen 1995 und 1999 sogar noch an Bedeutung. Ist sie 1995 in über achtzig Prozent aller analysierten Fälle zu finden, verringert sich dieser Prozentsatz im Jahr 1999 leicht auf etwa siebzig Prozent und steigt im Jahr 2003 auf sogar neunzig Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten in diesem Programmsegment wieder an, wovon ca. ein Drittel indiziert ist. Bei 3sat und ARTE ist im Verlauf der Jahre zu beobachten, dass dieses Gestaltungs- element an Bedeutung verliert. War es 1995 noch in über achtzig Prozent aller gezeigten Sendeminuten mit historischen Inhalten zu sehen, so erscheint es 2003 nur noch in nicht einmal der Hälfte. Ein ähnliches Bild bieten die privaten Sender, auch hier verlieren originale Filmaufnahmen als Gestaltungselemente von Geschichtssendungen innerhalb des Untersuchungszeitraumes an Bedeu- tung (von über neunzig Prozent auf null). 198 Wochenschauen werden in den Geschichtssendungen von ARD und ZDF 1995 überhaupt nicht gezeigt, im Zeitraum 1999–2003 dagegen in fast der Hälfte aller aufgenommenen Sendungen. Das heißt, die Wochenschau gewinnt bei dieser Sendergruppe im Untersuchungszeitraum leicht an Bedeutung. Ebenso gewinnt deutlich die Indizierung der verwendeten filmischen Szenen an Ge- wicht. Werden im Jahr 1995 keine, im Jahr 1999 etwa fünfzig Prozent der aus- gestrahlten Sendeminuten indiziert, so sind es im Jahr 2003 schon siebzig Prozent. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass man sich innerhalb dieser Sendergruppe der Bedeutung bewusst ist, die es für die Wahrnehmung und Verarbeitung der Bilder hat, Indizierung transparent zu machen. Bei den dritten Programmen sowie der Sendergruppe 3sat und ARTE können wir eine Konti- nuität der Verwendung der Wochenschau als Gestaltungselement beobachten, bleibt doch der Prozentsatz der ausgestrahlten Sendeminuten in diesem Pro- grammsegment über die Jahre hinweg in etwa gleich und bewegt sich um vierzig Prozent. Deutlich nimmt dabei die Anzahl der indizierten Wochen- schauen bei den Sendern 3sat und ARTE zu: Beträgt sie 1995 nur 14 Prozent, steigt sie 2003 auf über dreißig Prozent an. Bei den dritten Programmen bewegt sich der Anteil des indizierten Filmmaterials 1995 und 2003 um die 30-Prozent- Marke, das heißt, mit einer gewissen Kontinuität, wenn auch auf eher niedri- gem Niveau. Bei ARD und ZDF setzt sich der Gesamtumfang der gezeigten Original- aufnahmen – prozentual gesehen – aus fast den gleichen Anteilen an Schwarz- Weiß- und Farbaufnahmen zusammen. Bei allen anderen Sendeanstalten über- 199 Tabelle 67: Bildebene/Originalaufnahmen Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten*, Mehrfachcodierungen möglich * an 100 fehlend: das Merkmal ist nicht ausgeprägt (Originalaufnahme schwarz-weiß und farbige Originalauf- nahme) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Originalaufnahmen schwarz-weiß 79,5 75,7 77,9 85,0 Originalaufnahmen farbig 70,4 75,7 65,6 70,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Originalaufnahmen schwarz-weiß 84,0 81,9 70,1 100,0 Originalaufnahmen farbig 46,3 48,3 34,2 56,3 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Originalaufnahmen schwarz-weiß 69,7 51,2 58,1 99,9 Originalaufnahmen farbig 31,3 45,2 15,0 33,8 Private 750 130 560 60 Originalaufnahmen schwarz-weiß 79,2 53,8 83,9 100,0 Originalaufnahmen farbig 31,5 11,5 83,0 – wiegen dagegen deutlich die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die den „historischen“ Blick besonders bedienen. Dieses Bild bleibt auch im Verlauf des Untersuchungszeitraumes erhalten. ARD und ZDF verwenden in allen Jahren originale Schwarz-Weiß- und Farb- aufnahmen in einem sehr ausgewogenen Verhältnis. Die Ursachen für einen solch hohen Anteil an farbigen Originalaufnahmen bei dieser Sendergruppe könnten nun zum einen darin begründet sein, dass man hier vermehrt auf neuere und darum farbige Originalaufnahmen zurückgreift, was aber gleich- zeitig bedeuten würde, dass man sich innerhalb dieser Sendergruppe inhaltlich auch verstärkt jüngeren historischen Themen zuwendet. Da, wie die Ergebnisse zeigen, dies aber nicht unbedingt der Fall ist, kann es andererseits auch be- deuten, dass man hier auf die Technik der Kolorierung zurückgreift und damit an einer zuschauerorientierten, weil zeitgemäßen Ästhetik der Darstellung interessiert ist.89 Vielleicht deutet sich hier auch der Versuch an, einen neuen Formenkanon zu etablieren, in dem die Differenz schwarz-weiß versus bunt als Indizierung von Aufnahmen aus heutiger und vergangener Zeit aufgehoben wird. Man würde dann eine ästhetisch fragwürdige Integration alten Film- materials in die gegenwärtige bunte Bildwelt beobachten können. In den dritten Programmen sowie bei 3sat und ARTE dominiert im Verlauf des gesamten untersuchten Zeitraumes ganz deutlich die originale Schwarz- Weiß-Aufnahme und damit die klassische Ästhetik des Genres. Auch bei den privaten Sendeanstalten zeigt sich ein ähnliches Bild. In den wenigen für das Jahr 2003 analysierten Sendungen nimmt die Schwarz-Weiß-Aufnahme gar hundert Prozent der gezeigten Originalaufnahmen ein. Resümierend lässt sich feststellen, dass die Originalaufnahme, schwarz-weiß wie farbig, sowie die Wochenschauen nach wie vor zum festen Kernbestand und Formenrepertoire der Geschichtssendung gehören. Sie sind dominantes Gestaltungselement: Ohne Originalaufnahmen könnte die Genrezuordnung sogar schwer fallen. Auffallend ist, dass die Indizierung der Filmaufnahmen bei der Sendergruppe ARD und ZDF deutlich auf relativ hohem Niveau rangiert, während sie ansonsten – trotz ihrer Bedeutung – in der Regel eher selten erfolgt. Das Interesse der Sender, die Inszenierung der Geschichtssendung in allen „Bausteinen“ für den Zuschauer transparent werden zu lassen und ihn zum gleichberechtigten Co-Konstrukteur des Geschichtsentwurfs zu machen, ist nur marginal ausgeprägt. Es liegt nahe, darin eine traditionelle Haltung zu sehen, die sich aus der Zeit vor der Entwicklung des Fernsehens zum Konsum- fernsehen ableitet, als zumindest die öffentlich-rechtlichen Sender sich noch selbst als Bildungs- und Kulturfernsehen verstanden. 200 89 Wir vermuten, dass dieser hohe Anteil besonders auf die ZDF-Sendungen zurückgeht, bei denen es eine klare Tendenz zum kolorierten Dokument gibt. In historischen Dokumentationen ist es eine Konvention, die Historizität des Bildmaterials auch durch seine „Materialität“ deutlich werden zu lassen. Mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen wird im Zeitalter des Farbfernsehens und des Technicolor-Films schon per se eine historisierende Markierung gesetzt, die vom Zuschauer auch so verstanden wird; denn für den Zuschauer verbürgt die Schwarz-Weiß-Aufnahme in der Tradition des Genres die Wahrheit des ge- zeigten Bildes als historisches Bild. Aus diesem Grund ist es nicht verwun- derlich, dass die originale Schwarz-Weiß-Aufnahme bei allen Sendern im gesamten Zeitraum dominant ist, in über siebzig bis achtzig Prozent aller Sendeminuten. Da es als eine Genrekonvention zu gelten hat, dass Schwarz-Weiß-Auf- nahmen als historisierende Markierung verstanden werden, adaptieren die Fern- sehmacher diese Aufnahmetechnik für bestimmte „historische“ Filmaufnahmen innerhalb der Geschichtssendungen, auch wenn sie erst heute in der Zeit der farbigen Fernsehbilder gedreht werden. In der ARD und dem ZDF sind in über dreißig Prozent der ausgestrahlten Sendeminuten, in den dritten Programmen bis zu zwanzig Prozent, bei 3sat und ARTE in nur etwa acht Prozent und bei den privaten Sendern in keinem der analysierten Fälle Schwarz-Weiß-Aufnahmen solchen Typs zu finden. Damit verliert dieses Gestaltungselement, das an einer klassischen Ästhetik des Genres orientiert ist, im Verlauf des Untersuchungszeitraumes bei allen Sendern deut- lich an Gewicht. Das kann daran liegen, dass sich die Ästhetik der Farbe inzwischen so als mediale Grundkonstellation der Visualisierung im Fernsehen 201 Tabelle 68: Bildebene/Filmaufnahmen und Umgebung der Präsentation der Zeitzeugen Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten*, Mehrfachcodierungen möglich * an 100 fehlend: das Merkmal ist nicht ausgeprägt (Filmaufnahme schwarz-weiß und farbige Filmaufnahme) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Filmaufnahmen (heute) schwarz-weiß 35,8 51,4 41,0 15,0 Filmaufnahmen (heute) farbig 93,4 100,0 80,3 100,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Filmaufnahmen (heute) schwarz-weiß 19,5 10,7 35,9 11,8 Filmaufnahmen (heute) farbig 77,8 89,3 66,2 77,9 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Filmaufnahmen (heute)schwarz-weiß 7,9 23,8 – – Filmaufnahmen (heute) farbig 84,4 86,9 95,6 70,6 Private 750 130 560 60 Filmaufnahmen (heute)schwarz-weiß – – – – Filmaufnahmen (heute) farbig 60,4 100,0 81,3 – durchgesetzt hat, dass die Fernsehmacher zugunsten dieser Generalerwartung der Zuschauer auf Irritationen durch Schwarz-Weiß-Aufnahmen eher verzichten. Im Verlauf der zehn Jahre zeigt sich folgende Entwicklung: Bei ARD und ZDF werden 1995 in der Hälfte aller Filme, im Jahr 1999 in vierzig Prozent und im Jahr 2003 nur noch in 15 Prozent aller analysierten Fälle schwarz- weiße Filmaufnahmen gezeigt, das heißt, wir können hier im Verlauf des Unter- suchungszeitraumes beobachten, dass dieses Gestaltungselement an Bedeu- tung verliert. Ein bestätigendes Bild zeigt sich bei den privaten Sendeanstalten, hier werden über den gesamten Zeitraum hinweg nur farbige Filmaufnahmen verwendet. Die Dominanz der farbigen Filmaufnahmen ist inzwischen un- strittig, dennoch gehört die Schwarz-Weiß-Ästhetik bei den heute produzierten Filmaufnahmen als Mittel der ästhetischen Gestaltung noch weiterhin zum Repertoire der Geschichtssendungen. 202 Tabelle 69: Bildebene/Filmaufnahmen und Umgebung der Präsentation der Zeitzeugen Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten, Mehrfachcodierungen möglich * Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095* 185 610 300 Umgebung individuell 35,2 48,6 27,0 30,0 Umgebung vereinheitlicht 29,7 27,0 32,0 30,0 Umgebung sonstige 21,3 – 23,8 40,0 Umgebung Bluescreen – – – – Umgebung schwarz-weiß 27,3 27,0 – 55,0 Originalschauplätze 31,2 48,6 4,9 40,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Umgebung individuell 69,1 81,5 48,0 77,7 Umgebung vereinheitlicht 13,7 – 27,8 13,3 Umgebung sonstige 11,8 – 10,7 24,8 Umgebung Bluescreen 2,0 – 3,2 2,9 Umgebung schwarz-weiß 5,8 – – 17,4 Originalschauplätze 23,3 22,9 18,5 28,4 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Umgebung individuell 53,7 40,5 64,4 56,1 Umgebung vereinheitlicht 8,7 13,1 13,1 0,0 Umgebung sonstige 6,6 3,6 – 16,1 Umgebung Bluescreen – – – – Umgebung schwarz-weiß 8,8 13,1 6,3 6,9 Originalschauplätze 21,2 32,1 13,1 18,4 Private 750 130 560 60 Umgebung individuell 19,3 11,5 46,4 – Umgebung vereinheitlicht 6,8 11,5 8,9 – Umgebung sonstige – – – – Umgebung Bluescreen 7,4 – 22,3 – Umgebung schwarz-weiß 3,8 11,5 – – Originalschauplätze 36,0 – 8,0 100,0 Der Wissenschaftler sitzt vor einer Bücherwand, der Ingenieur vor seiner technischen Konstruktion, der Pilot steht vor seinem Flugzeug, der Zeuge am Tatort – es ist eingespielte Visualisierungskonvention im Fernsehen, dass die Präsentation von Zeitzeugen und Experten so – oder anders – semantisch durch einen jeweils persönlichen Hintergrund „aufgeladen“ wird. Und natür- lich gelten dabei auch die filmästhetischen Konventionen von der Halbtotale bis hin zur detaillierten Nahaufnahme, also die Konventionen von Distanz und Nähe, von Reflexion und Emotion. Bei der Präsentation von Zeitzeugen und Experten dominiert bei fast allen Sendeanstalten für den gesamten Unter- suchungszeitraum die individuelle Umgebung, in der diese dem Zuschauer innerhalb von Geschichtssendungen gezeigt werden. Bei den privaten Sende- anstalten spielt dagegen der Originalschauplatz in insgesamt 36 Prozent der gezeigten Sendeminuten als dominante Präsentationsform eine korrespondie- rende Rolle. Bei allen anderen Sendergruppen nimmt der Originalhandlungs- platz mindestens den zweiten Platz in der Rangskala der am meisten ver- wendeten Präsentationsformen ein. Dies ist ebenfalls in der ARD und beim ZDF zu beobachten, wobei hier fast gleichrangig der schwarz-weiße und ver- einheitlichte Hintergrund, vor dem die Zeitzeugen gezeigt werden, zu finden ist. Bei allen anderen Sendeanstalten erscheint der schwarz-weiße Hintergrund nur bei einer sehr geringen Anzahl aller aufgenommenen Filme. Ebenso sind die sonstigen Präsentationsformen und ein Bluescreen-Hintergrund insgesamt nur gering vertreten. Das heißt, die Präsentation der Zeitzeugen und Experten erfolgt in dem untersuchten Zeitraum der zehn Jahre vorwiegend in einer individuellen und demzufolge sehr persönlichen und privaten Atmosphäre, was ganz deutlich als Strategie der Personalisierung und Emotionalisierung zu bewerten ist. Auch die Präsentation am Originalschauplatz, der als Ort und Gedenkort ein bestimmtes Geschehen bezeugt, wird dieser Intention unter- geordnet. An dritter Stelle der bevorzugt verwendeten Umgebungen, in denen Zeitzeugen und Experten dem Zuschauer präsentiert werden, rangiert, vor allem bei ARD und ZDF der vereinheitlichte schwarz-weiße Hintergrund, was wir als Versuch verstehen, den Zuschauer visuell nicht „abzulenken“, sondern völlig auf die Präsenz des Zeitzeugen zu konzentrieren. Übrigens scheint die Erfahrung der Macher mit dieser Inszenierungsform positiv zu sein, denn 2003 dominiert der schwarz-weiße Hintergrund neben dem Originalschauplatz und den sonstigen Umgebungen bei ARD und ZDF eindeutig. Zweifellos wird mit einer solchen Präsentationsform eine Objektivierung und damit eine eher nüchterne Beglaubigung des Gezeigten bewirkt. Die privaten Sendeanstalten zeigen dominant die individuelle Umgebung sowie – zunehmend – den Originalschauplatz als Präsentationsform für die Zeitzeugen und Experten. Zusammenfassend lässt sich für die Präsentationsformen der Zeitzeugen und Experten im untersuchten Zeitraum sagen, dass hier die individuelle Um- 203 gebung bei allen Sendern als probates Mittel der Personalisierung und Emo- tionalisierung genutzt wird, gefolgt vom re-inszenierten Originalschauplatz und den sonstigen Formen der Präsentation sowie dem neutralen schwarz- weißen Hintergrund. Vielleicht drückt sich in der etwas zunehmenden Neigung zur Präsentation vor einem neutralen Hintergrund die vorsichtige Erkenntnis der Fernsehmacher aus, dass der Zuschauer gerade in Fällen einer emotiona- lisierenden Konfrontation mit Zeitzeugen wieder distanzierende Hilfen braucht, um sich dem suggestiven Druck solcher Inszenierungen zu entziehen. 204 Tabelle 70: Bildebene/Visuelle Effekte und Kamera Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten*, Mehrfachcodierungen möglich * an 100 fehlend „ohne Angabe“ (Rangskalierung) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 visuelle Effekte – nie 42,2 48,6 77,9 – visuelle Effekte – selten 50,4 51,4 14,8 85,0 visuelle Effekte – manchmal 7,5 – 7,4 15,0 Kamera – lange Einstellungen 19,8 – 44,3 15,0 Kamera – unauffällig 80,2 100,0 55,7 85,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 visuelle Effekte – nie 55,4 73,8 55,9 36,4 visuelle Effekte – selten 31,9 19,6 27,0 49,0 visuelle Effekte – manchmal 9,9 6,6 12,8 10,3 visuelle Effekte – dominant 3,6 2,2 4,3 4,4 Kamera – schnelle Schnitte 2,2 2,2 – 4,4 Kamera – lange Einstellungen 30,4 21,8 57,7 11,8 Kamera – unauffällig 73,6 100,0 42,7 78,0 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 visuelle Effekte – nie 60,5 85,7 58,8 36,9 visuelle Effekte – selten 23,7 – 21,9 49,2 visuelle Effekte – manchmal 15,8 14,3 19,4 13,8 Kamera – schnelle Schnitte 6,2 13,1 5,6 – Kamera – lange Einstellungen 24,0 – 51,3 20,7 Kamera – unauffällig 78,9 100,0 57,5 79,2 Private 750 130 560 60 visuelle Effekte – nie 36,9 38,5 72,3 – visuelle Effekte – selten 39,6 – 18,8 100,0 visuelle Effekte – manchmal 17,2 46,2 5,4 – visuelle Effekte – dominant 6,3 15,4 3,6 – Kamera – schnelle Schnitte 6,9 15,4 5,4 – Kamera – lange Einstellungen 48,0 15,4 28,6 100,0 Kamera – unauffällig 50,2 84,6 66,1 – Innovative visuelle Effekte digitalisierter Bilder und Animationen, die bisher nicht gewohnte oder erprobte ästhetische Gestaltungsmöglichkeiten bieten, werden insgesamt, wie in Tabelle 13 zu sehen, im Untersuchungszeitraum in den Kategorien „dominant“ und „manchmal“ am häufigsten von den privaten Sendeanstalten mit 23,5 Prozent eingesetzt, gefolgt von 3sat und ARTE mit 15,8 Prozent, den dritten Programmen mit etwa 13,5 Prozent und schließlich der ARD und dem ZDF mit nur 7,5 Prozent. Im Verlauf der zehn Jahre zeigt sich folgende Entwicklung: In der ARD und dem ZDF kommen visuelle Effekte im Untersuchungsjahr 1995 in den Kategorien „manchmal“ und „dominant“ gar nicht vor, im Jahr 1999 schon in gut sieben Prozent und im Jahr 2003 in diesen Kategorien in 15 Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten. Das heißt, wir können hier eine leichte, aber stetige Bedeutungszunahme dieses Gestaltungselementes beobachten, ein Expe- rimentieren mit den neuen technischen Möglichkeiten und Genreinnovationen. In den dritten Programmen sowie bei 3sat und ARTE werden im Untersuchungs- zeitraum in fast zehn bis zwanzig Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten mit historischen Inhalten visuelle Effekte dominant verwendet. Das heißt auch, bei diesen Sendergruppen werden sie schon mit einer gewissen Kontinuität genutzt. Bei den privaten Sendeanstalten wird das Innovationspotenzial digita- lisierter Medien ebenfalls gesehen und – mit Schwankungen innerhalb des Beobachtungszeitraumes – eingesetzt. Zusammenfassend fällt auf, dass visuelle Effekte mit einer gewissen zu- nehmenden Kontinuität genutzt werden, aber mit leicht fallender Tendenz, so dass sich „digitale Inszenierungen“ als Gestaltungsmittel von Geschichtssen- dungen nicht in dem Maße profilieren können. Die Entwicklung wäre aber durch Beobachtungen weiter zu prüfen. Die Kameraführung ist nach unserer Einschätzung über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg bei fast allen Sendergruppen vorwiegend pro- fessionell unauffällig; historische Sendungen können generell nicht als filmische Avantgarde gelten, sondern eher als solide Genrearbeit. Das macht auch Sinn innerhalb des relativ fest abgesteckten Erwartungshorizontes, in dem diese Sendungen produziert und rezipiert werden. Wenn überhaupt, dann können die Daten eine Differenz andeuten im Bereich der langen Einstellungen und kurzen Schnitte, denn bei den privaten Sendern sind in fast der Hälfte aller im Programmsegment Geschichte ausgestrahlten Sendeminuten lange Einstellun- gen zu finden: Ein Gestaltungselement, das bei der ARD und dem ZDF in nur knapp zwanzig Prozent aller Filme vorkommt, in den dritten Programmen bei knapp über dreißig Prozent und das bei 3sat und ARTE ebenfalls bei gut über zwanzig Prozent aller Fälle zu beobachten ist. Wegen der geringen Fallzahlen bei den Privaten kann sich in den relativ hohen prozentualen Anteilen einer abweichenden Kameraästhetik aber auch lediglich eine persönliche Ästhetik der jeweiligen Filmemacher ausdrücken. Eine abweichende Kameraführung, 205 lange Einstellungen, kurze Schnitte, ein innovativer Umgang mit dem Bild in den Geschichtssendungen des untersuchten Zeitraumes ist zwar kontinuierlich zu beobachten, tritt aber insgesamt eher marginal in Erscheinung und ist keine „Besonderheit“ historischer Sendungen. 5.2.1.5 Die Tonebene Eine nicht-deutsche Originalsprache eines Filmdokuments wird, wie in Tabelle 71 zu sehen, dominant von allen Sendern innerhalb der zehn Jahre durch eine Stimme aus dem Off übersetzt, meist per voice-over, damit also in 206 Tabelle 71: Tonebene/Sprache und Geräusche Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten*, Mehrfachcodierungen möglich * an 100 fehlend: das Merkmal ist nicht ausgeprägt (Sprache, O-Ton, Geräusche) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 Off-Stimme 77,9 73,0 60,7 100,0 Untertitel 31,4 24,3 – 70,0 Originalton – in Verbindung mit originalem Bildmaterial 82,6 100,0 77,9 70,0 Originalton – alleinige Verwendung 16,5 – 34,4 15,0 Originalton – indiziert 27,3 27,0 – 55,0 Geräusche 22,1 24,3 27,0 15,0 Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 Off-Stimme 41,3 32,5 43,4 48,1 Untertitel 13,3 3,3 14,6 22,1 Originalton – in Verbindung mit originalem Bildmaterial 67,2 74,2 59,4 68,0 Originalton – alleinige Verwendung 17,8 7,7 33,8 11,8 Originalton – indiziert 12,6 11,8 4,3 21,6 Geräusche 28,4 22,1 44,5 18,6 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 Off-Stimme 60,1 86,9 55,0 38,5 Untertitel 32,2 40,5 26,9 29,2 Originalton – in Verbindung mit originalem Bildmaterial 55,2 83,3 39,4 43,0 Originalton – alleinige Verwendung 1,9 – 5,6 0,0 Originalton – indiziert 2,3 – – 6,9 Geräusche 17,5 27,4 25,0 – Private 750 130 560 60 Off-Stimme 48,7 84,6 61,6 – Originalton – in Verbindung mit originalem Bildmaterial 38,7 38,5 77,7 – Originalton – alleinige Verwendung 15,1 11,5 33,9 – Originalton – indiziert 15,1 11,5 33,9 – Geräusche 66,9 73,1 27,7 100,0 ganz klassischer Form filmästhetisch umgesetzt. Untertitel werden bei fast allen Sender nur selten genutzt. Nur in der ARD und dem ZDF sowie bei 3sat und ARTE wird die Originalsprache immerhin in etwa dreißig Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten mit historischen Inhalten durch Untertitel gezeigt. Das spricht vor allem dafür, dass man hier mehr auf die Authentizität des Ge- zeigten setzt als bei anderen Sendern, da man den fremdsprachigen O-Ton auch hörbar belassen will. Auch bei den dritten Programmen dominiert die Stimme aus dem Off als Übersetzer. Der Untertitel, mit dem die zu hörende Original- sprache im Bild durch ein Sprachband übersetzt wird, findet hier jedoch im Verlauf des gesamten Zeitraumes mit einer steigenden Tendenz Verwendung. War der O-Ton im Jahr 1995 nur in knapp über drei Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten zu hören und ein Untertitel im Bild zu sehen, so ist dies im Jahr 2003 schon in über zwanzig Prozent aller aufgenommenen Fälle so; eine Ent- wicklung, die wieder auf die Übernahme vieler von ARD und ZDF produzier- ten Geschichtssendungen hinweist. Bei den privaten Sendeanstalten sind keine Untertitel als Gestaltungselement von Geschichtssendungen zu finden, hier wird ausschließlich die Stimme aus dem Off als Übersetzer verwendet. Dominant erscheint der Originalton in den Geschichtssendungen aller Sen- der im untersuchten Zeitraum in Verbindung mit dem originalen Bildmaterial. Originalton wird eher selten allein stehend als Gestaltungselement verwendet. Indiziert werden die Aufnahmen dabei insgesamt auch eher sehr selten. Am häufigsten geschieht dies noch mit fast dreißig Prozent bei der ARD und dem ZDF, gefolgt von den privaten Sendeanstalten mit knapp über 15 Prozent und den dritten Programmen mit zwölf Prozent. Deutlich am wenigsten erscheint der Originalton bei der Sendergruppe von 3sat und ARTE mit nur knapp über zwei Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten indiziert. ARD und ZDF zeigen nach diesen Daten allerdings eine gewisse Experimentierfreudigkeit mit dem vorhandenen Material. Die Indizierung des verwendeten Originalton-Materials gewinnt bei dieser Sendergruppe im Untersuchungszeitraum entsprechend deut- lich an Bedeutung und liegt 2003 bei 55 Prozent aller ausgestrahlten Sende- minuten. Bei 3sat und ARTE wird die Verwendung von originalem Tonmaterial in Verbindung mit originalem Filmmaterial im Verlauf der Jahre geringer und sinkt von über achtzig Prozent aller ausgestrahlten Sendminuten im Jahr 1995, auf etwa vierzig Prozent im Untersuchungsjahr 2003, was auch hier eine ge- wisse Experimentierfreudigkeit bezeugt. Indizierungen finden wir bei dieser Sendergruppe nur 2003. Bei den privaten Sendeanstalten nimmt in der Zeit von 1995 bis 1999 die Anzahl der Sendungen, in denen originale Tonaufnahmen in Verbindung mit originalem Filmmaterial gezeigt werden sowie jene, die originale Tonaufnah- men allein stehend nutzen, mit der Zunahme des Gesamtumfanges von Ge- schichtssendungen prozentual zu. Bei allen in diesem Zeitraum aufgenomme- nen Sendungen erscheinen die Tonaufnahmen indiziert. 207 Resümierend heißt das, dass die originalen Tonaufnahmen in dem unter- suchten Zeitraum bei den einzelnen Sendern zum festen Bestand von Ge- schichtssendungen gehören und hier vorwiegend in Verbindung mit originalem Filmmaterial erscheinen. Die Indizierung des gezeigten Materials erfolgt dabei in eher geringem Umfang, ausgenommen von einer solchen Einschätzung sind nur die Sendergruppen von ARD und ZDF sowie die privaten Sendeanstalten, mit einer insgesamt aber sehr geringen Anzahl ausgestrahlter Geschichtssen- dungen. Am weitesten verbreitet scheint die Umsetzung fremdsprachiger Sequenzen durch ein deutsches Voice-over aus dem Off zu sein. Von allen Sendern werden weiterhin auf der Tonebene Geräusche als Ge- staltungselement von Geschichtssendungen verwendet. Zusammenfassend lässt sich zu diesem filmischen Gestaltungselement aber sagen, dass Geräusche kaum in Erscheinung treten. Eine gewisse Dominanz als Mittel der Gestaltung erreicht die Verwendung von Geräuschen nur bei den privaten Sendeanstalten in fast siebzig Prozent aller Sendungen. Auf dieser Ebene der Gestaltung des Tones spricht das für einen innovativen Umgang mit dem Genre, der sich teilweise außerhalb eines konventionellen Formenrepertoires bewegt. Hier deutet sich ebenfalls eine Genreentwicklung an, die weiter verfolgt werden kann. Die Verwendung von Musik zählt zu den klassischen ästhetischen Gestal- tungselementen des Films und also auch von Geschichtssendungen im Fern- sehen. Grundlegend ist die Codierungsfunktion der Musik für den Spielfilm: Indem visuelle Sequenzen durch Musik begleitet /unterlegt werden, ergibt sich immer eine doppelte sensorische Wahrnehmung, die inzwischen zwar durch Konventionalisierung weitgehend eingeschliffen ist, gerade deshalb aber Span- nung, Angst, Freude oder andere grundlegende Affekte und Emotionen im Film so deutlich codiert, dass ihr Fehlen zur Irritation führen kann. Auch das Genre des Dokumentarischen setzt auf diese synästhetischen Effekte beim Zuschauer, die durch das Einspielen von Musik erreicht werden, nämlich genau dann, wenn sich visuelle und akustische Wahrnehmungen gegenseitig – in Harmonie oder Dissonanz – bestätigen.90 Andererseits kann bekanntlich auch das Fehlen von Musik (das aber das Wissen um dieses Fehlen voraussetzt) oder auch ihre konträre Verwendung, die eine sich gegenseitig bestätigende sinnliche Wahrnehmung stört, ganz bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt werden und zu einer großen Bandbreite von gestalterischen Variationen füh- ren.j Wie Tabelle 72 zeigt, ist diese grundlegende Funktion der Musik zwar auch bei den historischen Sendungen gegeben, aber sie spielt keine wirklich bedeu- tende Rolle. Wenn Musik vorkommt, dann ist dies bei allen Sendern in deut- 208 90 Der Hirnforscher Wolf Singer (2004) geht davon aus, dass Wahrnehmungen besonders große Überzeugungs- kraft haben, wenn sie durch andere Sinnesmodalitäten vergewissert werden können. lich überwiegendem Maße Musik aus der „Konserve“, die, in einer den Film stützenden, seine Aussage interpretierenden Weise verwendet wird. Eine kon- träre Verwendung von Musik ist bei allen Sendeanstalten eher selten zu finden. Ein sehr ausgewogenes Bild zeigt sich dabei zwischen den dramatischen und unterhaltenden Musikformen, sie können bei allen Sendern, mit einem leichten Überhang zur unterhaltenden Musik, beobachtet werden. Ausgenommen davon 209 Tabelle 72: Tonebene/Musik und Stille Prozentualer Sendezeitanteil der qualitativ codierten Sendungen auf Basis der Gesamt- sendeminuten*, Mehrfachcodierungen möglich * an 100 fehlend: das Merkmal ist nicht ausgeprägt (Musik, konträr/stützend, dramatisch/ leicht, Stille) ** Senderbasis der codierten Sendeminuten Gesamt 1995 1999 2003 ARD/ZDF 1.095** 185 610 300 keine Musik 2,5 – 7,4 – Live-Musik 24,3 73,0 – – Konserve 92,5 100,0 92,6 85,0 konträre Verwendung 6,6 – 19,7 – stützende Verwendung 90,1 100,0 85,2 85,0 dramatisch 45,8 27,0 80,3 30,0 leicht und unterhaltend 77,0 73,0 73,0 85,0 Stille 9,0 – 27,0 – Dritte 3.777 1.355 1.405 1.017 keine Musik 13,6 – 20,3 20,5 Live-Musik 13,8 – 41,3 – Konserve 82,8 96,7 72,2 79,6 konträre Verwendung 1,1 3,3 – – stützende Verwendung 83,6 100,0 71,2 79,6 dramatisch 52,7 70,1 49,1 38,8 leicht und unterhaltend 60,5 96,7 55,2 29,5 Stille 7,5 16,2 6,4 – 3sat/ARTE 1.870 420 800 650 keine Musik 23,4 35,7 23,1 11,5 Live-Musik 10,4 – 31,3 – Konserve 71,1 64,3 60,6 88,4 stützende Verwendung 77,4 64,3 72,5 95,3 dramatisch 46,5 64,3 47,5 27,7 leicht und unterhaltend 50,9 36,9 54,4 61,5 Stille 7,7 – 23,1 – Private 750 130 560 60 keine Musik 33,3 – – 100,0 Live-Musik 9,0 26,9 – – Konserve 66,7 100,0 100,0 – stützende Verwendung 65,5 100,0 96,4 – dramatisch 54,1 73,1 89,3 – leicht und unterhaltend 51,8 100,0 55,4 – Stille 3,8 11,5 – – sind nur die privaten Sender – hier ist eine leichte Dominanz der dramatischen Musik zu verzeichnen. Auch Stille als Gestaltungselement ist bei allen Sendeanstalten, wenn auch marginal, als ästhetischer Baustein der Geschichtssendung zu beobachten: Bei Sendungen von ARD und ZDF in neun Prozent aller ausgestrahlten Sende- minuten mit historischen Inhalten, bei 3sat und ARTE sowie den dritten Pro- grammen zwischen sieben und acht Prozent, bei den privaten Sendeanstalten etwa drei Prozent. Das heißt, wir können für den Untersuchungszeitraum der zehn Jahre feststellen, dass Musik nicht nur ein klassisches Gestaltungsmittel innerhalb von Geschichtssendungen darstellt, sondern nach wie vor zu einem festen Formenelement des Genres bei allen Sendern gehört. In den meisten Fällen bedeutet das, dass in Geschichtssendungen Musik vom Band zu hören ist, die in der Regel eine den Film konventionell untermalende, stützende und interpretierende Funktion hat, wobei die unterhaltenden Musikformen leicht dominieren. Neben der Musik als Gestaltungsmittel wird offensichtlich auch ganz bewusst auf Musik verzichtet, immerhin in einem großen Teil aller Fälle. 5.2.2 Zusammenfassung Die Auswertung der ästhetischen Feinanalyse ergibt zusammenfassend, dass zu den dominanten bis häufig erscheinenden Gestaltungselementen der Ge- schichtssendungen, also zum klassischen und festen Repertoire, die folgenden Gestaltungselemente gehören: 1. Zeitzeugen bestimmen das Genremuster, eine historische Sendung ohne Zeitzeugen kommt nur selten vor. In siebzig bis neunzig Prozent aller aus- gestrahlten Sendeminuten im Bereich der öffentlich-rechtlichen Sende- anstalten sind die historischen Sendungen durch die tragende Rolle von Zeitzeugen geprägt. An diesem Muster ändert auch nichts, dass bei den Privaten Zeitzeugen etwas seltener vorkommen. Die Zeitzeugen beglaubigen mit ihrer Person die Wahrheit eines bestimmten historischen Geschehens, stehen für ein „So ist es gewesen!“, und damit für ein Authentizitätsver- sprechen der Visualisierung von Geschichte, die offensichtlich das Interesse der Macher ebenso zu binden vermag wie das der Zuschauer. Darüber hinaus agieren Zeitzeugen als Teil von Personalisierungs- und Emotiona- lisierungsstrategien, sie sind die zentralen Figuren der visuellen (Re-) Inszenierung von historischen Ereignissen, und schließlich sind Zeitzeugen offensichtlich ein dominantes und probates Mittel der dramatischen Dar- stellung. Der Zeitzeuge kann von einem historischen Geschehen nicht nur berichten, sondern dabei – zumindest bei seinem Bericht und den Mühen des Erinnerns – selbst auch gezeigt werden. Er wird so für den Filmemacher zu einem „Bild“, das er dem Zuschauer anbieten kann, um vergangene, 210 bildlose Geschichte im Fernsehen sichtbar und erlebbar zu machen. Aus diesem Grund treten die Zeitzeugen, wie diese Studie zeigt, auch fast aus- schließlich im On auf. Das heißt, sie werden in Bild und Ton für den Zuschauer hautnah in Szene gesetzt und berichten in dieser medial her- gestellten „Nähe“ quasi intim von ihrem Erleben. Geschichte wird so zur persönlich erzählten Geschichte. Von den privaten Sendeanstalten sowie der Sendergruppe 3sat und ARTE wird das Zeitzeugeninterview, in dem der Zeuge als befragter Zeuge zu Wort kommt, für die Präsentation bevorzugt. Dem Interview im Fernsehen sind durch die Interaktionen und diskursiven Spannungen zwischen Fragen- dem und Befragten immer auch unterhaltende Aspekte gemein, die an Ele- mente der Talkshow erinnern. Der Zeitzeuge muss dem Zuschauer, vertreten durch einen Interviewer, der für ihn die Fragen stellt, Rede und Antwort stehen. Grundsätzlich aber vermindert der von den Zeitzeugen dargelegte subjektive Eindruck des Geschehens, die sehr persönliche Erinnerung, nicht nur die Distanz zwischen dem Zuschauer und dem Gezeigtem, sondern dieser Eindruck bietet zusätzlich vielfältige Identifikationsmöglichkeiten für den Zuschauer. Persönlich und damit authentisch – und mit der ganzen suggestiven Kraft der visuellen Präsenz – wird der Zeitzeuge in Bild und Ton dem empathischen Zuschauer vorgeführt. In den meisten aller analy- sierten Fälle erscheint er in einer individuellen Umgebung, das heißt, einer sehr persönlichen und privaten Atmosphäre, was ganz deutlich im Kontext der Strategien der Personalisierung und Emotionalisierung zu beurteilen ist. An Bedeutung gewonnen hat auch die Präsentation des Zeitzeugens vor einem schwarz-weißen, vereinheitlichten Hintergrund, wie sie in der ARD und dem ZDF dominant zu finden ist. Das suggeriert dem Zuschauer einen Raum von Distanz und Neutralität, der aber nur medial der Raum des Zeitzeugen ist. Manche dieser Inszenierungen erinnern an eine Laborsitua- tion, womit in unserer Kultur Prüfung und Objektivität codiert ist. Aus der geschichtswissenschaftlichen Diskussion um die Logik, methodisch mit Zeitzeugen als „Quelle“ historischer Zeugenschaft umzugehen, ist die Problematik hinreichend bekannt, die mit der Trias von Erinnerungssitua- tion, Äußerungssituation und Interaktionssituation für den Zeugen und seine Zeugenschaft verbunden sind. Andererseits bedarf das Fernsehen der Visua- lisierung. Von Interesse ist deshalb die Entwicklung, die wir bei 3sat und ARTE beobachten. Hier nimmt die Anzahl der Sendungen, in denen Zeit- zeugen präsentiert werden, im untersuchten Zeitraum deutlich ab. Auch bei der Sendergruppe von ARD und ZDF ist im Untersuchungszeitraum ten- denziell eine leichte Abnahme dieses Gestaltungselementes zu verzeichnen. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass man innerhalb dieser Sendergruppen versucht, sich von der medialen Leichtigkeit im Umgang mit Zeitzeugen zu entfernen und sich eher auf die Suche nach alternativen Gestaltungsmög- 211 lichkeiten begibt. Wie auch immer diese Suche weitergeht, es muss zur professionellen Ethik der Geschichtsdarstellungen im Fernsehen gehören, Zeitzeugen, wenn man sie zu Wort kommen lässt und ins Bild setzt, auch in einen verstehbaren lebensgeschichtlichen Kontext zu stellen, so dass es dem Zuschauer möglich ist, die Subjektivität der Zeitzeugenschaft zu trans- zendieren, wenn er das will. Diese Forderung ist leicht nachzuvollziehen – problematisch ist nämlich in diesem Zusammenhang ein bestimmter Aspekt der Präsentation von Zeit- zeugen: Die gleichrangig vorgeführte Opfer- und Täterperspektive. Wenn dem Zuschauer hier kein verstehbarer Kontext angeboten wird, wird Auf- klärung unmöglich. Die Studie hat gezeigt, dass bei ARD und ZDF und den privaten Sendeanstalten die Perspektive der Täter häufiger vorkommt als die der Opfer, bei 3sat und ARTE sowie den dritten Programmen dagegen die Perspektive der Opfer. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind die Perspektiven der Geschichte, die dann in Wort und Bild bezeugt wird. Und diesen unterschiedlichen Perspektiven entsprechen auch verschiedene Dra- maturgien, die die gesamte Präsentation bestimmen. Das muss der Zu- schauer durchschauen (können), um einen kritischen, aufgeklärten Blick auf Geschichte zu gewinnen. Das gilt auch angesichts des „Quotenarguments“. Kritisch muss schließlich beurteilt werden, dass nun von der ersten in die zweite Generation der Zeitzeugen vorgerückt wird. Die Probleme ver- doppeln sich dann nicht nur, sie haben auch immer weniger mit historischer Zeugenschaft zu tun. 2. Der Kommentator ist ausnahmslos über den gesamten Untersuchungszeit- raum, in sechzig bis zu neunzig Prozent der Sendeminuten aller analysierten Geschichtssendungen, ein dominantes Gestaltungselement. Das heißt, der Kommentator ist nicht zu übersehen und zu überhören: Wenn Geschichte präsentiert wird, dann wird sie ganz wesentlich durch die Perspektivierung des Kommentators erfahrbar und verstehbar. Es gehört bei der Vermittlung historischen Wissens nach wie vor zu der üblichen genrespezifischen Praxis, einen Kommentator als Leitfigur zu etablieren. Leichte Abweichungen von diesem Gesamtbild deuten sich lediglich im letzten Jahr des Untersuchungs- zeitraumes 2003 an, was in Einzelfällen offenbar ein Hinweis darauf ist, dass einige Sendergruppen (3sat /ARTE) nicht sklavisch am klassischen Formenrepertoire festhalten. In der Regel wird das historische Geschehen männlich kommentiert, durch eine Stimme, die – aus dem Off dozierend und in einer allwissenden Rolle – das Geschehen erläutert. Das große Gewicht, das dem Kommentator inner- halb der Geschichtssendung zukommt, wird in der Regel durch das klassi- sche Stilmittel der professionellen Sprecherrolle abgesichert. Im Formen- repertoire der Geschichtssendungen im Fernsehen erhält so, durch die zentrale Rolle des Kommentators, Sprache ein gewisses Übergewicht vor 212 der Visualität, vor dem Bild. Geschichte wird eben erzählt, Bilder haben in diesem Kontext dann oft einen bloß illustrativen Charakter. Im Genreschema scheint sich hier noch keine Alternative zu entwickeln, man kann sich aber – nach neuesten Beispielen außerhalb des hier untersuchten Samples – vor- stellen, dass zum Beispiel durch eine digital simulierte und aktiv ausgestal- tete Miterlebensperspektive des Zuschauers diese Leitfunktion des Kom- mentators irgendwann partiell ersetzt wird. 3. Auch die Musik gehört zu einem Gestaltungselement, das in den meisten Geschichtssendungen prominent ist. Als ein klassisches Formenelement des Films ist Musik und musikalische Begleitung des Bildes Teil unserer kon- ventionalisierten Wahrnehmung audiovisueller Medien. Bei den untersuchten Geschichtssendungen spielt vor allem die Emotionalisierung der Wahrneh- mung eine Rolle beim Einsatz von Musik. Die Programmverantwortlichen setzen hier offensichtlich im Rahmen filmästhetischer Konventionen auf die synästhetischen Effekte, damit die sinnlichen Wahrnehmungen auf ver- schiedenen Ebenen (visuell-akustisch) erfolgen und dadurch intensiver und nachhaltiger wirken. So können wir beobachten, dass bei allen Sendern ganz deutlich das Abspielen solcher Musik überwiegt, die eine den Film und seine intendierte „Botschaft“ unterstützende Funktion übernimmt. Das Spektrum reicht dabei von dramatisch bis unterhaltend, mit einer leichten Dominanz der unterhaltenden Musik. Manchmal – bei 3sat und ARTE – wird auch mit ästhetischen Irritationen gearbeitet, indem Musik gerade dann fehlt, wenn man sie konventionsgemäß erwartet. 4. Die originalen Filmaufnahmen sowie die Wochenschauen sind als Gestal- tungselemente und Bauelemente einer Geschichtssendung regelmäßig im Gebrauch, sie gehören ebenfalls zum Kern des Gattungsschemas. Um das originale Bildmaterial herum entwickeln die Redakteure, die Dramaturgen und Regisseure oft erst die Idee für eine Sendung. So stellt dieses Material nicht nur ein Visualisierungsangebot dar, das dem Zuschauer präsentiert werden kann, sondern bildet oftmals den Ausgangspunkt und Ansatzpunkt für den Inhalt und die Ästhetik der gesamten geschichtlichen Dokumenta- tion. Innerhalb der Traditionen und Konventionen des Genres steht die schwarz-weiße Originalaufnahme für die historische Markierung des Ge- zeigten, das heißt, der Schwarz-Weiß-Modus steht hier gleichsam auch für die historische Wahrheit des gezeigten Bildes und kann auch als Authentifi- zierungsstrategie und gleichsam als ein Festhalten am klassischen Formen- kanon bewertet werden. Problematisch erscheint, dass die Indizierung des verwendeten Bildmaterials, trotz seiner großen Bedeutung, bei den einzelnen Sendern nicht regelmäßig und fest etabliert ist. Zwar findet man bei ARD und ZDF in fast vierzig Prozent aller Fälle schon entsprechende Quellenhinweise und Erläuterungen, was ausdrück- lich sehr positiv bewertet wird. Denn die Indizierung ist eines der Kern- 213 stücke medialer Aufklärung und Emanzipation, weil die Indizierung des gezeigten historischen Bildmaterials die historische Geschichtssendung erst für den Zuschauer transparent macht und ihm ermöglicht, an der Konstruk- tion des offerierten Geschichtsentwurfs gewissermaßen in Co-Autorschaft mitzuwirken. Wird versäumt, wie eben immer noch in den meisten Fällen zu beobachten ist, den Zuschauer über den jeweiligen Entstehungszusam- menhang aufzuklären, in dem das originale Bild produziert worden ist, dann fehlt ihm auch die Einsicht in die Begründung der Perspektive des gezeigten Bildmaterials, was allein ihm die Möglichkeit einräumen würde, das Bild als Dokument und historisches Quellenmaterial angemessen be- urteilen und verstehen zu können. Ohne diese Informationen stellen die originalen Bilder für den Zuschauer oft nur eine Art Bebilderung des Er- zählten dar und erhalten einen bloß illustrativen Charakter. In ähnlicher Weise wird mit den originalen Tonaufnahmen verfahren, auch sie werden in den meisten Fällen nicht indiziert, obwohl sie eine wichtige Strategie zur Authentifizierung des gezeigten Bildes darstellen. 5. Dokumente, Quellen, Archivmaterialien und die graphischen Einblendungen sind allfällige Bausteine der Geschichtssendung im Fernsehen, auch wenn sie nicht zu den hinreichenden Bedingungen des Genres gehören. Erwar- tungsgemäß gehören sie zum Repertoire, sie verbinden den Formenkanon der Fernsehsendungen mit den Traditionen der Buchkultur. Dokumente, Quellen und Archivmaterialien bezeugen die Authentizität des Gezeigten und stehen damit für ein anspruchsvolles und wissenschaftliches Profil der Sendung. Die graphischen Einblendungen sind vor allem in ihrer Funk- tion der ergänzenden und verstehensorientierten visuellen Vereinfachung zu sehen, sie transportieren aber auch Momente der Boulevardisierung. Auf diesem Gebiet des Genreschemas scheinen sich nach den Ergebnissen dieser Studie aber langsam neue Präsentationsideen durchzusetzen, die stärker auf Rekonstruktion setzen als auf das historische Dokument. Eine deutliche Zunahme der graphischen Einblendung ist bei den privaten Sendern zu beobachten, damit deutet sich hier und auf dieser Ebene auch ein gewisser Trend zum Infotainment an, den es anhand der anderen Krite- rien von Infotainmentstrategien zu überprüfen gilt. 6. Der Originalschauplatz ist als Ort des Geschehens und Möglichkeit der Visualisierung aus den analysierten Geschichtssendungen nicht wegzu- denken, er gehört zum klassischen Repertoire des Genres und seiner Visua- lisierungsstrategien. Es ist allerdings zu vermuten, dass der visuelle Wert immer wieder gezeigter Orte abnimmt, dass es also immer schwieriger wird, Orte als Orte der Geschichte und nicht als Orte des Zeigens von Geschichte im Fernsehen wahrnehmbar zu machen. Vermutlich ist das die Ursache dafür, dass in der vorliegenden Studie dieses Stilmittel leicht an Bedeutung verliert. Dennoch bleibt festzustellen, dass der Originalschau- 214 platz aus den Geschichtssendungen nicht wegzudenken ist und z. B. 2003 in immerhin noch etwa fünfzig bis siebzig Prozent der ausgestrahlten Sende- minuten eine Rolle als ästhetisches Medium der Geschichtssendung spielt.m Die hier aufgezählten sechs Gestaltungselemente sind für den untersuchten Zeitraum der Jahre 1995 bis 2003 dominant innerhalb des Formenkanons des dokumentarischen Genres und in fast jeder Geschichtssendung zu finden. Not- wendige Kernstücke der Präsentation von Geschichte im Fernsehen sind weiter- hin zweifellos das originale Bildmaterial und der Zeitzeuge, während die anderen hier aufgelisteten Elemente hinreichende Gattungsmerkmale sind. Beide Bauelemente des Genres stellen nicht nur für den Filmemacher ein Visualisierungsangebot dar, das er als Ausgangs- und Ansatzpunkt seiner Ge- staltung verwendet, sondern sie stehen darüber hinaus für die Authentizität des gezeigten Geschehens, was einer konventionalisierten Zuschauererwartung ent- spricht und den Zuschauer an das Genre bindet. Weitere Gestaltungselemente, denen wir im untersuchten Zeitraum mit einer gewissen Kontinuität, das heißt in etwa zehn bis dreißig Prozent aller analy- sierten Sendungen, nicht aber häufig oder gar dominant begegnen, sind: 1. Können auf der Ebene der dramaturgischen Mittel die szenischen Rekon- struktionen sowie die fiktionalen Anteile auf die Tendenz einer Annäherung von dokumentarischem und fiktionalen Genre hinweisen, dann zeigt sich, dass es vor allem die öffentlich-rechtlichen Sendeangebote sind, die fiktio- nale und nicht-fiktionale Genreelemente in den Geschichtssendungen inner- halb der Mischformen verknüpfen. Dafür stehen in diesem Senderbereich beispielsweise die so genannten Doku-Dramen des Filmemachers Heinrich Breloer. Breloers Arbeiten machen exemplarisch die Konstruktivität des historischen Zeigens und Inszenierens im Fernsehen für den Zuschauer transparent. Die privaten Sendeanstalten sind hier eher zurückhaltend, was vielleicht an den hohen Kosten liegt, die mit solchen Mischformen und Fiktionalisierungen verbunden sind. Sehr viel offener zeigen sich 3sat und ARTE, aber auch die privaten Sendeanstalten dabei, Animationen zur Ge- schichtsdarstellung zu nutzen. Vor allem digitale Animationen sind eine neue technische Möglichkeit der Präsentation und können in Zukunft in den Kernbestand des Genreschemas hineinwachsen. Jedenfalls sind einige Sendergruppen in dieser Hinsicht durchaus experimentierfreudig. Digitale Animationen können schon bald zu den sonstigen Formen der Veranschau- lichung gehören, die weiterhin als traditionelle Gestaltungselemente bei allen Sendeanstalten zu finden sind. 2. Der Experte ist als Element und Baustein des Schemas der Geschichts- sendungen insgesamt etwas „auf dem Rückzug“, auch wenn er weiterhin systematisch in fast allen Geschichtssendungen vorkommt. Seine primäre (didaktische) Funktion, das visuell vorgeführte historische Geschehen (wis- 215 senschaftlich) einzuordnen und zu deuten, wird auch in Zukunft kaum er- setzbar sein. Dort, wo Experten sogar zu dominanten Gestaltungselementen einer Geschichtssendung werden, wird vermutlich die Aura des „richtigen“ Expertengestus in Anspruch genommen, um Geschichte kohärent zu machen. Unter bestimmten Bedingungen kann ein Publikum die dadurch ermöglichte Eindeutigkeit der geschichtlichen Perspektive besonders akzeptieren oder – gerade umgekehrt – bei der Präsentation unterschiedlicher Expertenmei- nungen die Last des eigenen Gedankens schätzen. Interessant ist dabei, dass teilweise Interviewsituationen mit Experten inszeniert werden, so dass Expertenmeinungen deutlicher auf die spezifische Äußerungssituation rela- tiviert werden können. Vorherrschend ist aber der Experte als souveräner Interpret von Geschichte. Sein Auftreten kann insgesamt zu einem festen Bestandteil der Geschichtssendung gezählt werden, er verkoppelt Genre- muster mit konventionalisierten Zuschauererwartungen. Der Moderator, der mit seinem Erscheinen das von ihm präsentierte Ge- schehen beglaubigt, sowie der Interviewer, der als Fragender die Perspektive des Publikums vertritt, verlieren insgesamt betrachtet innerhalb des Unter- suchungszeitraumes als Elemente von Personalisierungsstrategien an Gewicht und sind in der Regel eher selten in den Geschichtssendungen zu finden. Anzunehmen ist, dass sie durch andere Elemente, wie beispielsweise den dominanten Kommentator oder die Dominanz des Zeitzeugens und seines Erlebnisberichtes ersetzt werden. Etwas häufiger noch treten sie bei den privaten Sendern auf, was ganz sicher dem unterhaltenden Wert geschuldet ist, den sie als Elemente der Gestaltung mit sich bringen. 3. Digitale visuelle Effekte auf der Bildebene – als einer neuen ästhetischen Gestaltungsmöglichkeit – sind alles in allem betrachtet, trotz ihres großen gestalterischen Potenzials, noch eher marginal vertreten. Am häufigsten werden sie in den Geschichtssendungen der privaten Sendeanstalten genutzt. Aber auch hier können sie innerhalb des untersuchten Zeitfensters kaum an Bedeutung gewinnen. Das kann darauf hindeuten, dass solche visuellen Effekte für das Publikum der Geschichtssendungen noch zu ungewohnt und deshalb irritierend sind. In der nachwachsenden Generation, der digitale Welten und ihre Möglichkeiten der Visualisierung schon lange vertraut sind, wird das auf beiden Seiten, auf der Produzentenseite wie auf der Seite der Rezipienten, aber auf andere Akzeptanz stoßen. Hier deuten sich jeden- falls noch neue und innovative Gestaltungselemente des Genres an, deren journalistische Profilierung und Professionalisierung weiterhin beobachtet und in ihrem Wert für historische Ereignisdarstellungen kritisch beurteilt werden muss. Die Kameraführung in den Geschichtssendungen und alle damit zusammen- hängenden filmästhetischen Möglichkeiten werden völlig unauffällig ge- nutzt, vorherrschend ist eine hohe Professionalität, avantgardistische Vor- 216 stellungen und Realisationen gibt es nicht. Interessant ist zu beobachten, dass die privaten Sender mit fast fünfzig Prozent der ausgestrahlten Sende- minuten lange Einstellungen gegenüber kurzen, schnellen Schnitten bevor- zugen. Solche Ästhetiken der Inszenierung sind aber nicht systematisch zu bewerten, sondern nach den Ergebnissen der Studie eher als Idiosynkrasie einzelner Kameraleute oder Regisseure zu interpretieren. Überwiegend ist jedenfalls in den historischen Sendungen eine unauffällige Kameraführung zu beobachten, die traditionell das Genre prägt und auch der konventiona- lisierten Zuschauererwartung entspricht. 4. Auf der Ebene der Tongestaltung wurde die Originalsprache, die als Ge- staltungselement insgesamt nicht sehr häufig vorkommt, bei allen Sende- anstalten vorwiegend durch eine Stimme aus dem Off übersetzt, was einem sehr traditionellen Umgang mit diesem Mittel der Gestaltung entspricht. Nur die Sender 3sat und ARTE sowie die Sendergruppe ARD und ZDF untertiteln häufiger, offenbar im Bemühen, die Authentizität des zu Hören- den zu bewahren. Geräusche werden von allen Sendern im gesamten Untersuchungszeitraum als Gestaltungselement auf der Tonebene genutzt, jedoch eher marginal und unspektakulär. Wenn wir die avancierte Verwendung dieses Gestaltungs- elementes als Moment einer gewissen innovativen Ästhetik der Geschichts- sendung im Fernsehen beurteilen, dann sind es hier die wenigen von den privaten Sendeanstalten angebotenen Beispiele, die erwähnenswert sind. Auch das Aussparen von Musik wird als Mittel der Gestaltung von allen Sendern eher selten genutzt, ist jedoch insgesamt noch als ästhetisches Stilmittel am häufigsten bei den privaten Sendern sowie bei 3sat und ARTE zu beobachten, was ebenso für eine innovative Gestaltung auf der Tonebene steht und für eine Dynamik des Genres. Ähnliches gilt für Stille, die eben- falls nur sehr selten „zu hören“ ist. Grundsätzlich lässt sich über das Genre der Geschichtssendung im Fernsehen für den untersuchten Zeitraum sagen, dass sich der überwiegende und größte Teil in den konventionellen Bahnen eines vorgegebenen und traditionellen Formenrepertoires bewegt. Dazu gehören das Auftreten von Zeitzeugen und das Verwenden von originalem Bildmaterial als Kernstücke, die in den meisten Fällen die Ausgangssituation sowie den Ansatzpunkt begründen, aus dem heraus eine Geschichtssendung im Fernsehen entsteht. Des Weiteren gehören zum gängigen Formenkanon des Genres das Einspielen von Musik, der Kommen- tator, das Zeigen von Dokumenten, Quellen, Archivmaterialien und graphi- schen Einblendungen sowie der gezeigte Originalschauplatz als Elemente der Gestaltung von visualisierter Geschichte. Neben diesen Grundfesten des Genres, dem Kern des Gattungsmusters, zeigen sich bei allen Sendern leichte innovative Tendenzen in der ästhetischen 217 Gestaltung sowie eine gewisse Experimentierfreudigkeit, wenn auch mit ganz unterschiedlichen Gewichtungen. Deutlich, da im Untersuchungszeitraum am häufigsten zu beobachten, stehen die privaten Sendeanstalten sowie 3sat und ARTE für einen innovativen Umgang mit den einzelnen Elementen der Gestal- tung. Die Sendergruppe 3sat und ARTE zeigt sich an den Stellen für Innova- tionen des Genres offen, wo diese dazu dienen, das gängige Senderprofil sowie das jeweils adressierte Publikum in seinem (weit gefassten) Kulturanspruch zu bestätigen. Von größtem Interesse sind hier die Wissenschaftlichkeit und Authentizität des Gezeigten sowie eine „flexible“ Genrestabilität. Man setzt ganz bewusst auf das Genremuster des Dokumentarischen und hält, in Abgren- zung zu den Tendenzen der Vermischung non-fiktionaler und fiktionaler Prä- sentationsformen, die hier nur in ganz geringer Anzahl zu finden sind, an dem tradierten klassischen Formenrepertoire fest. In Konsequenz dieser traditions- bewussten Grundhaltung gegenüber dem Genremuster und seiner visuellen Logik wird das in den einzelnen Sendungen verwendete Bild- und Tonmaterial im Verlauf der Jahre zunehmend indiziert, damit der Zuschauer die Möglich- keit hat, das gezeigte Material auch als Dokument und historische Quelle, das heißt, als immer zu relativierenden Baustein der Geschichte rezipieren zu können. Hier dienen die Experten auch vorwiegend einer Art wissenschaft- lichen Profilierung der Geschichtssendungen, was bei den beiden Kulturkanä- len, im Gegensatz zu allen anderen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, am häufigsten daran zu beobachten ist, dass unterschiedliche Expertenmeinungen präsentiert werden. Zu den innovativen Elementen, die hier verwendet werden, gehören die Animationen, das Aussparen von Musik sowie auch die Vernach- lässigung so klassischer Formenelemente wie das Verwenden eines Kommen- tators oder von Dokumenten, Quellen und Archivmaterialien – alles in allem eine Adressierung, die im Hinblick auf das hier bevorzugte bildungsorientierte Profil der Geschichtssendung auch ein bestimmtes Zuschauerklientel voraus- setzt. Die privaten Sender zeigen sich ästhetischen Innovationen gegenüber nach allen Seiten hin offen, offener jedenfalls als die Hauptprogramme von ARD und ZDF. Vornehmliches Ziel scheint hier allerdings zu sein, das Publikum an das Genre der Geschichtssendungen erst zu binden, das heißt, hier ist zu beobachten, dass ästhetische Stilmittel des Genremusters bedürfnisorientiert modernisiert werden. Die Präsentation der Zeitzeugen erfolgt zum Beispiel im Sinne eines „Pro“ und „Kontra“, Variationen der Perspektive der Opfer und Täter entstehen, indem Genremuster von Schemata der Unterhaltungskultur adaptiert werden. Bei der Präsentation der Zeitzeugen und Experten wird zum Beispiel vorwiegend die Interviewsituation genutzt, denn Interviewsituationen sind wegen ihres Gesprächscharakters eher im Muster der Talkshow zu rezi- pieren als die En-face-Expertenäußerung. Deutlich am innovativsten zeigen 218 sich diese Sender beim Umgang mit den einzelnen Gestaltungselementen auf der Bild- und Tonebene, aber auch bei der Vermischung von fiktionalen und non-fiktionalen Sendeanteilen, demnach insgesamt bei der Verwendung neuerer gestalterischer Mittel. Dieses Bild muss jedoch ganz deutlich dadurch relativiert werden, dass es sich bei dem hier vorgefundenen und untersuchten Material um eine sehr geringe Anzahl von Geschichtssendungen handelt, die nicht nur im Gesamtprogramm dieser Sender einen verschwindend geringen Anteil ein- nehmen, sondern auch in ihrer Experimentierfreudigkeit vor allem (vermut- lich) für die Handschrift einzelner Autoren stehen. Wenn die privaten Anbieter auf diesem Niveau aber die Sendungen zur Geschichte ausbauen und gar mit den öffentlich-rechtlichen Anbietern quantitativ gleichziehen würden, könnte dieses Potenzial die Darstellung von Geschichte im Fernsehen nachhaltig be- reichern. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ARD und ZDF sowie die dritten Programme stellen insgesamt betrachtet den größten Anteil ausgestrahlter Ge- schichtssendungen im Gesamtprogramm aller Fernsehanbieter. Ohne die öffent- lich-rechtlichen Programme fände Geschichte im Fernsehen eigentlich nicht statt. Sie zeichnen sich, wie wir beobachten können, im Hinblick auf Innova- tionen des Genres besonders bei der Verknüpfung fiktionaler und non-fiktiona- ler Genreelemente in den Geschichtssendungen aus. Hier haben die Öffentlich- Rechtlichen eine lange Tradition zu verteidigen, weil sie dieses Genre eigentlich erst entwickelt und begründet haben. Ganz bewusst stellt man sich innerhalb dieser Sendergruppe gegen die oft geäußerte Kritik, die Präsentation des ge- zeigten historischen Geschehens sei nicht transparent genug, ARD und ZDF sind im untersuchten Zeitraum von allen Sendern diejenigen, die das gezeigte Bild- und Tonmaterial am häufigsten indizieren. Deutlich zu beobachten sind in dieser Sendergruppe Strategien der Personalisierung und Emotionalisierung durch eine möglichst authentische Präsentation, bei dieser Sendergruppe treten prozentual betrachtet die meisten Zeitzeugen auf, werden am häufigsten origi- nale Bild- und Tonaufnahmen eingespielt. Eine gewisse Infotainment-Tendenz sowie eine inzwischen auch am imaginierten (oder konkret erforschten) Zu- schauer orientierte Präsentation von Geschichte ist gleichfalls zu beobachten, was zum Beispiel angedeutet wird durch eine leicht dominante Präsentation der Zeitzeugen aus der Opferperspektive. Ein solcher Befund gibt keine Veranlassung dazu, von einem gestaltungs- ästhetischen Wandel des Genres der Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen zu sprechen. Was beobachtet werden kann ist, dass die Grenzen des Genres aufweichen, dass Bausteine und Muster anderer Genres adaptiert sowie fiktionale und non-fiktionale Inszenierungen vermischt werden und so eine leichte mediale Auflösung traditioneller Formsprache des historiographischen Sprechens erfolgt. Neue Gestaltungselemente und kleine Experimente zeigen, dass die Sender und Fernsehmacher aber aktiv nach neuen ästhetischen Aus- 219 drucksformen suchen. Man kann das als vorsichtige Dynamisierung des Genres bezeichnen. Erst die neuen medialen Möglichkeiten der Digitalisierung, die aber mit wichtigen Beispielen erst nach 2003 realisiert worden sind, bieten das Potenzial für mehr Veränderung. Einen kritischen Umgang mit dem Bild bei der Vermittlung von Geschichte im Fernsehen, der einem kritischen Umgang mit der Quelle in der historio- graphischen Forschung entspricht, können wir im Prozess der Indizierung des gezeigten Materials am deutlichsten bei den Sendeanstalten ARD und ZDF finden. Paradox ist aber, dass auch im Fernsehen und obwohl wir inzwischen in einer „Welt der Bilder“ leben, Geschichtsvermittlung immer noch eigent- lich durch das Wort erfolgt. Noch immer wird Geschichte vornehmlich im Modus der Erzählung dargeboten, und Bilder erfüllen hauptsächlich eine illus- trative Funktion. Ansätze zu einem anderen Gebrauch des Bildes, das heißt, zu einem ausgewogenen Verhältnis der Bilder und Töne oder gar einer Domi- nanz des „für sich sprechenden“ Bildes, sind nur vereinzelt und das wieder bei den privaten Sendeanstalten sowie bei den Kulturkanälen 3sat und ARTE zu beobachten. 5.2.3 Infotainment-Tendenzen 5.2.3.1 Inferenzstatistische Auswertung Eine zentrale Fragestellung des Forschungsprojektes ist es zu untersuchen, ob sich die ästhetischen Gestaltungsmittel tatsächlich auf das viel zitierte Edutain- ment oder auch Infotainment hinbewegen. Zu dieser Frage gehört, ob Ver- mischungen non-fiktionaler und fiktionaler Formate das Genre zu einem der Unterhaltung machen. Und auch dazu gehört die Frage, ob denn festgestellt werden kann, dass Information zur Geschichte so stark affektiv überformt wird, dass die Funktion der Geschichtssendungen sich grundlegend verändert. Als Merkmale, die auf einen solchen Prozess der affektiven Überformung und einer unter dem Aspekt der Unterhaltung dargebrachten Information hinweisen, sind Strategien der Ästhetisierung, der Dramatisierung, der Personalisierung sowie der Emotionalisierung anzusehen, die im Kontext der Untersuchung auch die verschiedenen Ebenen der ästhetischen Analyse darstellen (vgl. Klein 1998, Schütte 1997, Wittwen 1995). Um nun die Frage nach zu beobachtenden Infotainment-Tendenzen beant- worten zu können, werden die auf der ästhetischen Ebene erhobenen Daten einer inferenzstatistischen Auswertung unterzogen. Dazu werden zunächst so genannte Summenindizes gebildet, die sich aus den jeweiligen Variablen zu- sammensetzen, die in ihrer Summe die einzelnen Merkmalsebenen der Info- tainment-Tendenzen kennzeichnen. Das bedeutet, es werden zunächst Sum- menindizes für eine in den jeweiligen Geschichtssendungen zu beobachtende 220 Ästhetisierung, Dramatisierung, Personalisierung und Emotionalisierung gebil- det. Des Weiteren wird eine Trennung zwischen der Anzahl der Akteure, dem Merkmal der Emotionalisierung und dem Merkmal der Personalisierung vor- genommen und hierzu jeweils ein Index gebildet, wodurch es möglich wird, sowohl das Vorkommen, die Art und Weise ihres Erscheinens, als auch die Häufigkeit, mit der die einzelnen Personengruppen in den Dokumentationen auftreten, zu analysieren. Nach Bildung aller Indizes werden diese perzentiert, das heißt, in fünf nahezu gleich große Kategorien aufgeteilt. Dabei bedeutet die 1 eine sehr geringe Ausprägung des jeweiligen Index, die 5 eine sehr hohe. Die Werte streuen dazwischen. Diese Methodik erlaubt, die eigentlich skalen- invarianten Indizes miteinander zu vergleichen. Zugleich wird aus allen Einzel- indizes auch ein Gesamtindex errechnet, der den hier vorzufindenden Infotain- mentanteil aller analysierten Merkmalsebenen (zwischen 1 und 5) angibt. Die einzelnen Indizes werden einem Mittelwertsvergleich (ANOVA) unter- zogen, um so die Entwicklung von Infotainmentanteilen über die Jahre hinweg feststellen zu können. Da der Gesamtmittelwert die durchschnittliche Entwick- lung aller Sendungen angibt, werden darüber die Mittelwerte für jede Sender- gruppe ausgegeben. Daran ist zu sehen, wie sich Ästhetisierung, Dramatisierung, Personalisierung und Emotionalisierung als Untermengen einer „Infotainisie- rung“ auf die jeweiligen Sender bezogen im Untersuchungszeitraum entwickelt haben. In der Tabelle 73 wird das Merkmal der Ästhetisierung von Geschichts- sendungen als ein Hinweis auf hier zu beobachtende Infotainmentstrategien näher untersucht. Dabei werden unter dem Ästhetisierungsindex die folgenden, auf der ästhetischen Ebene der Untersuchung erhobenen Variablen zusammen- gefasst: graphische Einblendungen, visuelle Effekte, schnelle Schnitte, lange 221 91 Auch an dieser Stelle gilt: Ein hoher F-Wert korrespondiert mit einem hohen Signifikanz-Niveau. (Werte um p = 0,000). Tabelle 73: ANOVA der Ästhetisierung* * Ästhetisierungsindex = SUM (v162,v194,v195_1_s,v195_2_l,v204_3_k,v204_4_k,v204_5_s,v204_6_d,v204_7_u), Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch) Gesamt 1995 1999 2003 F-Wert91 Signifikanz ARD/ZDF 3,35 2,75 3,73 3,00 Dritte 3,01 3,72 3,14 2,00 3sat/ARTE 3,06 3,14 3,43 2,67 Private 3,67 3,75 3,80 2,00 Gesamtmittelwert 3,13 3,55 3,41 2,33 10,047 ,000 N 153 44 64 45 Standardabweichung 1,512 1,405 1,540 1,279 Einstellungen, Musik aus der Konserve, Musik in konträrer Verwendung, Musik in stützender Verwendung, dramatische Musik sowie leichte und unterhaltende Musik. Der hier angegebene Mittelwert zeigt dabei insgesamt betrachtet, mit einem Wert über 3, innerhalb der Rangskala zwischen 1 und 5, eine über dem mitt- leren Niveau liegende Ausprägung an. Das heißt, man kann alles in allem davon ausgehen, dass die Ästhetisierung von Geschichtssendungen auf etwa mittlerem Niveau zu beobachten ist. Im Verlauf der Jahre sticht dabei jedoch eine ganz eindeutig fallende Tendenz des Ästhetisierungsindex ins Auge. Ver- gleicht man diesen Befund mit den bisherigen Untersuchungsergebnissen, dann ist klar, dass diese abfallende Tendenz zum einen mit einer Abnahme der Verwendung von graphischen Einblendungen als Gestaltungselement zu be- gründen ist, vor allem aber mit der deutlichen Verringerung des Einsatzes von visuellen Effekten. Das kann – wie oben schon vermutet – ein Hinweis darauf sein, dass sich dieses den neuen medialen Möglichkeiten geschuldete Gestal- tungselement innerhalb des Genres nicht einer nachhaltigen Zustimmung er- freuen konnte. Im Vergleich der Mittelwerte für die einzelnen Sender zeigen sich für die privaten Sendeanstalten sowie für die Sendergruppe von ARD und ZDF deut- lich die höchsten Werte. Dies ist im Zusammenhang mit bestimmten Autoren und ihren ästhetischen Konzepten zu beurteilen. Vor allem bei den wenigen Geschichtssendungen der Privaten stehen diese hohen Werte der Ästhetisie- rung für spezielle, auch namhaft zu machende Autorenarbeit. Alexander Kluge und seine Reihe dctp sowie die Reihe SPIEGEL TV mit dem Autor Michael Kloft zeigen sich – jeder für sich – bei der Gestaltung der Sendungen experi- mentierfreudig und innovativ. Doch auch in der Sendergruppe von ARD und ZDF ist damit die Ästhetik bestimmter Autoren verbunden. Es sind hier die Reihen von Guido Knopp, die einen höheren Wert des Ästhetisierungsindex erzeugen, was auch der Vergleich der errechneten Mittelwerte der einzelnen Sendergruppen im Verlauf der Jahre bestätigt. Zeigen alle anderen Sende- anstalten hier eine Abnahme des Index der Ästhetisierung und bestätigen damit im Einzelnen die schon beschriebene Tendenz, so steigt die Ästhetisierung bei ARD und ZDF im Zeitraum von 1995 bis 1999, mit der signifikanten Zunahme ausgestrahlter Geschichtssendungen im Kontext des Millennium-Booms, stark an, wie das bei allen Sendern zu beobachten ist, fällt dann aber im Jahr 2003 im Gegensatz zu allen anderen Sendergruppen deutlich weniger ab und stellt im Endjahr der Untersuchung mit dem Wert drei den höchsten Ästhetisierungs- index. Dieser jedoch ist noch nicht so hoch wie der Wert bei den privaten Sendeanstalten (= 3,75), den wir im Ausgangsjahr der Untersuchung ermitteln können. Das heißt, der zu beobachtende Einstiegswert der Ästhetisierung bei den Privaten war im Jahr 1995 deutlich höher als der in der Sendergruppe von ARD und ZDF, liegt im Jahr 2003 aber ebenso signifikant unter dem dieser 222 Sender, die in diesem Jahr dagegen die Ebene der Ästhetisierung dominieren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ästhetisierung bei allen Sendern im untersuchten Zeitfenster signifikant schwankt und letztlich abgenommen hat, ausgenommen von einer solchen Einschätzung ist lediglich die Sender- gruppe von ARD und ZDF, die eine stetig steigende Tendenz dieses Index auf- weist. Die Tabelle 74 zeigt die Dramatisierung von Geschichtssendungen in dem untersuchten Zeitfenster 1995 bis 2003 an. Unter dem Dramatisierungsindex sind dabei die folgenden, auf der ästhetischen Ebene der Untersuchung er- hobenen Variablen zusammengefasst: Szenische Rekonstruktionen, fiktionale Anteile, sonstige Formen der Veranschaulichung und Animationen. Der Durchschnittswert der Dramatisierung über alle Jahre und alle Sender liegt mit 2,89 innerhalb einer Rangskala von 1 bis 5 auf einem mittleren Niveau der Ausprägung. Im Verlauf der Jahre steigt er zunächst im ersten Untersuchungsabschnitt von 1995 bis 1999 mit der Zunahme ausgestrahlter Geschichtssendungen deutlich an, fällt im Jahr 2003 dagegen wieder auf einen Wert ab, der mit 2,92 jedoch immer noch deutlich höher liegt als der Wert des Ausgangsjahres (2,38). Das bedeutet, man kann im Verlauf des Untersuchungs- zeitraumes eine leicht steigende Tendenz der Dramatisierung von Geschichts- sendungen im Fernsehen beobachten, die freilich nicht die Signifikanz auf- weist, die im Rahmen der Fragestellung erwartet worden ist. Ein Vergleich der Gesamtmittelwerte für die einzelnen Sendergruppen zeigt, dass im Bereich der Dramatisierung ganz deutlich ARD und ZDF vor den Privaten dominieren. Das ist sicher ein Effekt, der auf szenische Rekonstruk- tionen und die starken Fiktionalisierungsanteile bei ARD und ZDF zurück- zuführen ist. Das bestätigt auch ein Vergleich der Mittelwerte. So lässt sich 2003 ein mehr als doppelt so hoher Wert der Dramatisierung finden, der mit 5,00 innerhalb dieser Kategorisierung das höchste Niveau angibt. Filme be- stimmter Autoren, allen voran Heinrich Breloer, beispielsweise mit seinem 223 Tabelle 74: ANOVA der Dramatisierung* * Dramatisierungsindex = SUM (v171_1_s, v172_1_a, v173_son, v174_ani), Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch) ** Filmmaterial war auf dieser Ebene nicht zu analysieren Gesamt 1995 1999 2003 F-Wert Signifikanz ARD/ZDF 3,64 2,00 4,00 5,00 Dritte 2,67 2,55 2,69 2,75 3sat/ARTE 2,67 2,00 2,60 2,75 Private 3,33 2,00 3,50 ** –** Gesamtmittelwert 2,89 2,38 3,13 2,92 1,611 ,207 N 74 16 32 26 Standardabweichung 1,381 1,025 1,476 1,412 Film „Todesspiel“, aber auch die hier produzierten historischen Dokumenta- tionen von Guido Knopp und Reihen wie „100 Deutsche Jahre“ oder „Sphinx – Geheimnisse der Geschichte“ sind konkret zu nennen – alles Beispiele für Sendungen, in denen die systematische Verwendung von szenischen Rekon- struktionen und fiktionalen Anteilen zu beobachten ist. Bei den Privaten rührt der relativ hohe Wert für Dramatisierung von den Animationen und den sonsti- gen Formen der Veranschaulichung als Mittel der Gestaltung. Die Tabelle 75 gibt Auskunft über die Personalisierung von Geschichts- sendungen der einzelnen Sendeanstalten. Unter dem Personalisierungsindex werden die folgenden, auf der ästhetischen Ebene der Untersuchung konstruier- ten Variablen zusammengefasst: Das Auftreten von Moderatoren, von Kom- mentatoren, von Experten und von Zeitzeugen. Der ermittelte Gesamtdurchschnitt liegt mit 3,00 über dem mittleren Niveau. Das bedeutet, die Personalisierung von Geschichtssendungen ist bei allen Sen- dern im untersuchten Zeitraum konstant und sicher zu beobachten, jedoch mit einer insgesamt leicht fallenden Tendenz. Dies bestätigt auch der Blick auf die Entwicklung im Bereich der einzelnen Sendergruppen im Zeitraum von 1995 bis 2003. Bei allen Sendern fällt der Wert der Personalisierung in dieser Zeit, wobei ARD und ZDF nicht nur mit 4,50 den deutlich höchsten Ausgangswert stellen, sondern mit 3,00 auch den höchsten Endwert, woraus zu schließen ist, dass hier die Personalisierung von Geschichtssendungen am stärksten aus- geprägt ist. Die Tabelle 76 gibt Auskunft über das Ausmaß der Emotionalisierung in den Geschichtssendungen. Der Emotionalisierungsindex umfasst dabei die folgenden, auf der ästhetischen Ebene der Untersuchung erhobenen Variablen: Den Zeitzeugenbericht, die Erlebnisperspektive, die Perspektive der Opfer und die Perspektive der Täter, jene Variablen also, die im Kontext des Auftretens von Zeitzeugen in besonderer Weise für eine spezifisch Emotionen erzeugende Präsentation stehen. 224 Tabelle 75: ANOVA der Personalisierung* * Personalisierungsindex = SUM (v181,v182,v183,v184), Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch) Gesamt 1995 1999 2003 F-Wert Signifikanz ARD/ZDF 3,15 4,50 2,73 3,00 Dritte 3,04 3,34 2,86 2,88 3sat/ARTE 2,78 3,57 2,79 2,40 Private 3,13 2,75 3,50 1,00 Gesamtmittelwert 3,00 3,43 2,92 2,69 3,360 ,037 N 153 44 64 45 Standardabweichung 1,410 1,437 1,395 1,328 Der errechnete Gesamtmittelwert der Emotionalisierung der Geschichts- sendungen liegt mit 2,77 auf einem knapp über dem mittleren Wert liegenden Niveau. Im Verlauf der Jahre zeigt sich von 1995 bis 1999 eine leicht fallende Tendenz, die jedoch 2003 wieder auf etwa den Wert des Ausgangsjahres an- steigt. Das heißt, dass insgesamt betrachtet eine Kontinuität der Emotionalisie- rung von Geschichtssendungen auf einem mittleren Niveau der Ausprägung zu beobachten ist. Der deutlich höchste Gesamtmittelwert im Vergleich der einzelnen Sender zeigt sich mit 3,00 bei ARD und ZDF, der niedrigste bei den privaten Sende- anstalten. Beide Sendergruppen weisen im Ausgangsjahr der Untersuchung mit 4,00 und 5,00 Werte der Emotionalisierung auf, die auf höchstem Niveau liegen, dann aber im Verlauf der zehn Jahre deutlich abfallen, immer noch aber zumindest bei ARD und ZDF auf einem mittleren bis leicht darüber liegenden Niveau. Eine leicht fallende Tendenz der Emotionalisierung ist auch in der Sendergruppe von 3sat und ARTE zu beobachten. Ein solcher Befund erklärt sich mit der leicht sinkenden Verwendung des Zeitzeugen und andererseits auch mit der vor allem 2003 zunehmenden Bedeutung solcher Zeitzeugen, die aus der Beobachter- und nicht mehr aus der Erlebnisperspektive berichten. Diese Entwicklung wiederum ist im Kontext des Nachrückens der Genera- tionen respektive dem Überschreiten der Epochenschwelle zu beurteilen. 225 Tabelle 76: ANOVA der Emotionalisierung* * Emotionalisierungsindex = SUM (v184_11_,v184_12_,v184_13_,v184_14_), Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch) ** Filmmaterial war auf dieser Ebene nicht zu analysieren Gesamt 1995 1999 2003 F-Wert Signifikanz ARD/ZDF 3,00 4,00 2,63 2,75 Dritte 2,76 2,52 2,86 2,95 3sat/ARTE 2,70 3,00 2,60 2,57 Private 2,57 5,00 2,17 ** –** Gesamtmittelwert 2,77 2,83 2,67 2,84 ,202 ,817 N 113 36 45 32 Standardabweichung 1,395 1,363 1,462 1,370 Tabelle 77: ANOVA der Anzahl der Akteure* Gesamt 1995 1999 2003 F-Wert Signifikanz ARD/ZDF 3,40 4,25 2,82 4,00 Dritte 3,15 3,00 3,15 3,33 3sat/ARTE 2,60 3,43 2,21 2,57 Private 2,43 2,25 2,67 1,00 Gesamtmittelwert 2,99 3,11 2,80 3,11 ,841 ,433 N 148 44 60 44 Standardabweichung 1,443 1,351 1,538 1,401 * Anzahlindex = SUM (v181_1_a,v182_1_a,v183_1_a,v184_1_a), Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch) Interaktionen von Akteuren vor der Kamera zählen wir zu den Infotainment- Tendenzen, es ist deshalb systematisch sinnvoll, die Anzahl der jeweils auf- tretenden Akteure zu erheben, wie dies in Tabelle 77 wiedergegeben ist. Der Anzahlindex setzt sich dabei aus den folgenden Variablen zusammen: Der Anzahl der in den Geschichtssendungen auftretenden Moderatoren, der Anzahl der Kommentatoren, der Anzahl der Experten sowie der Anzahl auftretender Zeitzeugen. 2,99 signalisiert hier ebenfalls einen mittleren Wert. Dieses Bild verändert sich auch im Verlauf der Jahre nicht wesentlich, es lässt sich konti- nuierlich über den Zeitraum der zehn Jahre hinweg ein relativ hoher Wert dieses Indikators beobachten. Im Vergleich der Sender zeigen ARD und ZDF mit 3,40 deutlich den höchsten Gesamtmittelwert dieses Merkmals, was auch im Verlauf weiter zu beobachten ist. Dies ist damit eindeutig die Sendergruppe mit der stärksten Akteurspräsenz in den Geschichtssendungen. Auch bei den Dritten sind relativ viele Akteure präsent. Da hier zahlreiche Wiederholungen aus den Haupt- programmen laufen, ist das ein Folgeeffekt. Bei den Sendergruppen 3sat und ARTE sowie den privaten Sendeanstalten ist eine leicht fallende Tendenz dieses Items zu beobachten, das heißt, hier sinkt die Anzahl der in Geschichtssendungen auftretenden Akteure. Ein solcher Befund korrespondiert mit den an anderer Stelle ausgeführten Ergebnissen, dass man innerhalb dieser Sendergruppen nach alternativen Gestaltungsmög- lichkeiten sucht und die Personalisierung sich hier eher rückläufig entwickelt.m Um nun insgesamt Aussagen über Infotainment-Tendenzen innerhalb der Geschichtssendungen der einzelnen Sender treffen zu können, werden die auf den verschiedenen Merkmalsebenen erhobenen Indizes zusammengefasst. Der Infotainmentindex der Untersuchung setzt sich aus den folgenden Variablen zusammen: – dem Ästhetisierungsindex, – dem Dramatisierungsindex, 226 Tabelle 78: ANOVA des Gesamtinfotainmentindex* * Infotainmentindex = SUM (info01,info02,info03,info04,info05), Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch) Gesamt 1995 1999 2003 F-Wert Signifikanz ARD/ZDF 3,45 4,50 3,00 3,60 Dritte 3,15 3,28 3,10 3,04 3sat/ARTE 2,69 3,43 2,57 2,47 Private 2,73 2,50 3,00 1,00 Gesamtmittelwert 3,04 3,34 2,95 2,87 1,436 ,241 N 153 44 64 45 Standardabweichung 1,428 1,328 1,506 1,392 – dem Personalisierungsindex, – dem Emotionalisierungsindex und schließlich – dem Anzahlindex. Der hier errechnete Gesamtmittelwert liegt mit 3,04 auf einem relativ hohen Niveau, zeigt jedoch im Verlauf des Untersuchungszeitraumes eine leicht fal- lende Tendenz der Ausprägung, die sich auch im Vergleich der einzelnen Sender durchgängig bestätigt, jedoch nicht signifikant ist. Die deutlich höchsten Werte von Infotainment-Tendenzen innerhalb der Geschichtssendungen zeigt die Sendergruppe von ARD und ZDF, und das im gesamten Zeitraum. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den dritten Programmen, wo das Niveau der Ausprägung zwar insgesamt niedriger ist als bei ARD und ZDF, innerhalb der getroffenen Kategorisierung jedoch immer noch einen hohen Wert anzeigt. Weniger ausgeprägt sind Infotainment-Tendenzen, wie es entsprechend der Adressierung des Publikums hier auch zu erwarten war, bei der Sendergruppe von 3sat und ARTE. Eine ebenfalls niedrige Ausprägung einer „Infotainisierung“ zeigt sich bei den privaten Sendeanstalten, was in diesem privatwirtschaftlichen Bereich des Fernsehens etwas überrascht. Wie repräsen- tativ dieses Ergebnis allerdings ist, kann innerhalb dieses Projektes angesichts der geringen Fallzahlen bei den Privaten nicht seriös beantwortet werden. Es sei an dieser Stelle nochmals darauf verwiesen, dass bei ARD und ZDF das Genre quantitativ und qualitativ auf sehr hohem Niveau etabliert ist, dass Geschichtssendungen bei den privaten Sendeanstalten dagegen im Rahmen des Gesamtprogramms einen verschwindend kleinen Anteil ausmachen. Das be- deutet, dass für die Programmmacher dieser Sender Geschichtssendungen weni- ger Relevanz haben als dies vergleichsweise für das dokumentarische Genre bei ARD und ZDF gilt. Hier bei den Öffentlich-Rechtlichen nehmen Geschichts- sendungen einen viel größeren Raum ein und haben ein größeres Gewicht. Das heißt, die ermittelten Ergebnisse sind immer im Kontext und der Relation zu diesen grundsätzlichen Befunden der jeweiligen Sendergruppen zu bewerten.m Die Abbildung 34 fasst alle auf den verschiedenen Merkmalsebenen er- mittelten und bisher tabellarisch erfassten Werte sowie den Gesamtwert aller Indizes der Infotainment-Tendenzen in einer Graphik zusammen. Auf einen Blick kann man hier signifikante Entwicklungen der verschiedenen Indizes erkennen. Eine deutliche Abnahme lässt sich bei den Merkmalen der Ästheti- sierung sowie der Personalisierung beobachten. Sichtlich zu nimmt dagegen im Verlauf der Jahre die Dramatisierung von Geschichtssendungen. Bei der Emotionalisierung sowie der Anzahl der Akteure können wir eine Kontinuität in der Ausprägung feststellen, die nur 1999 einen leichten Einbruch erfährt. Das heißt, Emotionalisierungsstrategien sowie eine relativ große Anzahl von auftretenden Akteuren sind im untersuchten Zeitfenster in den Geschichts- sendungen aller Sendeanstalten kontinuierlich und in einer etwas über dem 227 mittleren Wert liegenden Ausprägung vorzufinden. Bewegungen und Verände- rungen im Verlauf sind nur bei Ästhetisierung und Personalisierung sowie der Dramatisierung zu ermitteln, hier aber signifikant. Das bedeutet, die Personali- sierung der Geschichtssendungen hat innerhalb des Untersuchungszeitraumes leicht abgenommen, was vor allem auf den Rückgang von Zeitzeugen sowie darauf zurückzuführen ist, dass sich die Beobachterperspektive bei den Zeit- zeugen immer stärker durchsetzt. Die Ästhetisierung dagegen hat, wie die Graphik deutlich zeigt, signifikant abgenommen: Visuelle Effekte und ab- weichende Kameraführung (lange Einstellungen und kurze Schnitte) haben sich nicht etablieren können. Ebenso deutlich sichtbar wird die Zunahme der Dramatisierung, was vor allem bedeutet, dass die Anzahl jener Geschichts- sendungen angestiegen ist, in denen szenische Rekonstruktionen oder fiktionale Anteile dazu dienen, dem Zuschauer ein historisches Geschehen lebhaft und quasi „authentisch“ zu präsentieren. Anders gesagt bedeutet dies auch, dass damit der Anteil von Geschichtssendungen zugenommen hat, in denen eine Annäherung oder gar Mischung non-fiktionaler und fiktionaler Genremuster zu beobachten ist. Die folgende Abbildung 35 zeigt den Mittelwertsvergleich der auf der Ebene aller Infotainment-Merkmale errechneten Infotainmentindizes im Vergleich der einzelnen Sender. Deutlich erkennbar wird in diesem Balkendiagramm, dass fast auf allen Merkmalsebenen die Sendergruppe von ARD und ZDF die höchs- ten Werte anzeigt, was schließlich auch dazu führt, dass der Gesamtwert für die Infotainment-Tendenzen bei dieser Sendergruppe am höchsten ist. Ledig- lich im Bereich der Ästhetisierung werden diese Sender von den privaten 228 2 3 4 1995 1999 2003 Ästhetisierung Dramatisierung Personalisierung Emotionalisierung Anzahl Akteure Gesamtinfotainment Abbildung 34: Mittelwertsvergleich der Infotainmentindizes Sendeanstalten überboten. Wie in Abbildung 35 nochmals deutlich zu sehen ist, sind es die dritten Programme, die neben der ARD und dem ZDF die stärksten Infotainment-Tendenzen zeigen. Den niedrigsten Wert haben hier er- wartungsgemäß 3sat und ARTE. Die in Tabelle 79 dargestellten Ergebnisse der Korrelationsanalyse zeigen die zwischen den Indizes der verschiedenen Merkmalsebenen existierenden Zusammenhänge an. Interpretationsfähig erscheint hier die Korrelation zwi- schen einer hohen Personalisierung und einer hohen Emotionalisierung von Geschichtssendungen. Die Ergebnisse der Korrelationsanalyse zeigen dagegen keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Dramatisierung und ande- 229 0 1 2 3 4 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private Ästhetisierung Dramatisierung Personalisierung Emotionalisierung Anzahl Akteure Gesamtinfotainment Abbildung 35: Mittelwertsvergleich der Infotainmentindizes der Sendergruppen Tabelle 79: Korrelationsanalyse* Ästhetisierung Dramatisierung Personalisierung Emotionali- sierung Dramatisierung Korrelation ,001 – – – Signifikanz ,993 – – – Personalisierung Korrelation ,065 -,019 – – Signifikanz ,426 -,870 – – Emotionalisierung Korrelation ,122 -,007 ,107 – Signifikanz ,199 -,964 ,260 – Anzahl Akteure Korrelation ,020 -,054 **,498** **,430** Signifikanz ,812 -,656 ,000 ,000 * nach Pearson ** Die Korrelation ist auf dem Niveau von 0,01 (2-seitig) signifikant. ren Variablen. Personalisierung und Emotionalisierung der Geschichtsdar- stellung im Fernsehen werden vielmehr, wie die Ergebnisse erkennen lassen, vornehmlich durch die Zeitzeugen, die Experten, die Kommentatoren und Moderatoren erreicht. 230 Clusterzentren der endgültigen Lösung Wenig Emotion, wenig Akteure, wenig Ästhetik und Personalisierung Wenig Emotion, wenig Akteure, viel Ästhetik und Personalisierung Viel Emotion, viele Akteure, viel Ästhetik und Personalisierung Emotion und Akteure REGR factor score -,55781 -,37146 ,99504 Ästhetik und Personali- sierung REGR factor score -,67298 1,24710 ,10355 Anzahl der Sendungen in den Clustern Anzahl der Sendungen in den Clustern im Verlauf der 3 Jahre Prozentuale Verteilung der Sendungen der Cluster in den Sender- gruppen Abbildung 36: Clusteranalyse 0 10 20 30 1 2 3 0 2 4 6 8 10 1 2 3 1995 1999 2003 11 45 4344 38 57 83 44 17 17 0 20 40 60 80 100 ARD/ZDF Dritte 3sat/ARTE Private 1 2 3 – – Abbildung 36 stellt die Ergebnisse der Clusteranalyse graphisch dar. Die Clusterung ergibt zwei Hauptfaktoren: Zum einen den Faktor „Emotion und Akteure“ (mit ein wenig Dramatisierung) und zum anderen den Faktor „Ästhe- tik und Personalisierung“. Aus diesen zwei Faktoren können in der nach- folgenden Clusteranalyse, wie die Abbildung zeigt, drei Gruppen von Sendun- gen gebildet werden: Sendungen mit wenig Emotion, wenig Akteuren, wenig Ästhetik und wenig Personalisierung, Sendungen mit wenig Emotion, wenig Akteuren, viel Ästhetik und viel Personalisierung sowie Sendungen mit viel Emotion, vielen Akteuren, viel Ästhetik und viel Personalisierung. Das erste Balkendiagramm zeigt die Anzahl der Sendungen in den einzelnen Clustern. Insgesamt betrachtet machen Sendungen, in denen wenig Emotionen, wenig Akteure, dagegen aber viel Ästhetik und viel Personalisierung vor- kommen, den größten Anteil aus. Das heißt, dass von den Filmemachern im dokumentarischen Genre der Geschichtssendung vor allem auf Zeitzeugen und auf die ästhetische Gestaltung der Bild- und Tonebene gesetzt wird. Den ge- ringsten Ausschlag zeigen die Ergebnisse im dritten Cluster, wo alle Faktoren dominant erscheinen, das heißt, sich eine deutliche Ausprägung der Infotain- mentmerkmale zeigt. Im Verlauf des Untersuchungszeitraumes zeigt sich dabei eine Umgewich- tung, wie das im zweiten Balkendiagramm zu sehen ist. So liegt 1999 noch deutlich der prozentuale Anteil der Sendungen am höchsten, die viel Ästhetisie- rung und viel Personalisierung, dagegen wenig Akteure und wenig Emotiona- lisierung nutzen, 2003 sind es dagegen die Sendungen, in denen wenig Emo- tionalisierung, wenig Akteure, wenig Ästhetik und wenig Personalisierung zu finden ist. Damit bestätigt sich noch einmal die Einschätzung, dass es einen leichten Trend zur Abnahme des Infotainmentindex gibt. Das dritte Balkendiagramm zeigt die prozentuale Verteilung der jeweiligen Faktoren innerhalb der einzelnen Sendergruppen. Kategorisieren wir die Cluster von 1 bis 3 in der Art, dass Cluster 1 die geringsten, Cluster 3 dagegen die meisten Merkmale für Infotainment-Tendenzen in sich vereint beziehungs- weise die stärkste Ausprägung hat, dann wird auch hier wieder deutlich, dass ARD und ZDF viele Sendungen ausstrahlen, in denen viel Emotion, viele Akteure, viel Ästhetik und viel Personalisierung enthalten sind, das heißt, dass dies insgesamt betrachtet auch die Sendergruppe ist, die die höchsten Infotain- ment-Tendenzen aufzuweisen hat. Zusammenfassend ist festzustellen, dass es ist die Sendergruppe von ARD und ZDF ist, die auf allen Merkmalsebenen und somit auch insgesamt gesehen die höchsten Infotainment-Tendenzen zeigt. Wenn wir dieses Untersuchungs- ergebnis nun im Hinblick auf die Tatsache hinterfragen, dass es auch die ARD und das ZDF sind, die innerhalb der Fernsehlandschaft quantitativ und quali- tativ mit ihren Sendungen Geschichte transportieren, das heißt, hier auch ein sehr breites Publikum angesprochen wird, dann kann der ermittelte Befund das 231 Bemühen der Programmmacher widerspiegeln, ganz im Sinne der Forderung Guido Knopps – „Aufklärung braucht Quote“ –, ein möglichst breites Publi- kum auch zu erreichen. Bei den privaten Sendern nimmt die Geschichtsdoku- mentation einen verschwindend kleinen Anteil am Gesamtprogramm ein (ge- hört sie doch zu dem Teil des ausgestrahlten Programms, dem die Privaten gesetzlich vorgeschriebenen Sendeplatz einräumen müssen). Sie ist aus diesem Grund weder bei der Planung des Gesamtprogramms von Gewicht, noch bezüg- lich der Zuschauerresonanz von so großer Bedeutung, wie das beispielsweise in der ARD und dem ZDF der Fall ist. Die wenigen hierfür vorgesehenen Sendeplätze, die zumeist im Spätprogramm liegen, stehen dann jedoch Filme- machern zur Verfügung, die sehr innovativ und experimentierfreudig mit dem Genre umgehen, alles in allem betrachtet, mit ihren Filmen (vermutlich) aber auch nicht ein für diese Sendergruppe typisches Publikum erreichen. Von 1995 bis 2003 kommt es insgesamt gesehen zu einem signifikanten Rückgang des Index für Ästhetisierung von Geschichtssendungen, was vor allem ein Hinweis darauf ist, dass die den neuen Medien geschuldeten ästhetischen Möglich- keiten sich im dokumentarischen Genre nicht in der Form etablieren konnten, wie es zunächst bei ihrem Aufkommen vermutet worden ist. 5.2.3.2 Tendenzen des Infotainment bei Inhalt (Themen und Epochen) und Form (Genres und Beitragslängen) In Kapitel 5.2.3 wurden die Zusammenhänge zwischen Infotainment-Tenden- zen und den ausstrahlenden Sendern untersucht und der Frage nachgegangen, inwieweit die verschiedenen Sendergruppen bestimmte gestaltungsästhetische Konzepte favorisieren und bedienen. An dieser Stelle soll nun geprüft werden, in welcher Beziehung die Strategien des Infotainment zu verschiedenen inhalt- lich und formal ausgerichteten Variablen stehen. Das Interesse richtet sich hier darauf herauszufinden, ob gewisse ästhetische Gestaltungsmittel eine besondere Affinität zu bestimmten Themen haben, es genrespezifische Besonderheiten gibt oder Unterschiede in der formalen Gestaltung zwischen eher kurzen oder langen Sendungen existieren. Dazu wurden die fünf Summenindizes mit vier bereits auf der quantitativen Ebene erhobenen Variablen (vgl. Kap. 5.1.2) in Beziehung gesetzt. Die Summenindizes entsprechen denen, die der Analyse der Infotainment-Tendenzen zugrunde liegen (vgl. Kap. 5.2.3 Infotainment- Tendenzen – Inferenzstatistische Auswertung). Der Gesamtinfotainmentindex wird wiederum gebildet aus den fünf einzelnen Summenindizes. In den der ästhetischen Analyse zugrunde liegenden Beiträgen handelt es sich um historische Ereignisse aus dem 20. Jahrhundert. Dieser Zeitraum lässt sich noch einmal eingrenzen: Bis auf den Ersten Weltkrieg sind alle anderen thematischen Bezüge in den vergangenen fünfzig Jahren angesiedelt. Seit den 60er Jahren wird in bevorzugter Weise mit dem (Zeit-)Zeugen bei der Darstel- 232 lung von Geschichte gearbeitet, die diese authentisch schildern können. Dem- entsprechend hoch sind die Werte des Emotionalisierungsindexes, vereinigt er doch die Einzelvariabeln Zeitzeugenbericht, die Erlebnisperspektive der Zeugen und die Opfer- und Täterperspektive, die allesamt auf die unmittelbare Be- troffenheit der Personen, die das Geschehen erzählen, referieren. Die Höhe des Indexes resultiert aus der Tatsache, dass die darin enthaltenen Variablenausprägungen in großer Zahl vergeben wurden, dass also in diesen Sendungen historische Ereignisse über persönliche Erlebnishorizonte abgebildet werden. Der Erfolg dieser Erzähldramaturgie basiert auf dem Umstand, dass Zeitzeugen für die Wahrhaftigkeit der Aussagen stehen und die Authentizität des Inhalts garantieren. So überraschen die konstant hohen Werte – jenseits von drei Punkten – nicht, da die genannten Themen, bis auf eine Ausnahme, in einer Zeit verankert sind, für die es heute noch lebende Zeugen gibt, die Auskunft geben können. Dass es vor allem der Zeitzeuge ist, der in zeit- geschichtlichen Beiträgen zu Wort kommt, findet seine Bestätigung im Um- kehrschluss auch darin, dass es bei der Thematisierung des Ersten Weltkrieges zu einem geringeren Wert beim Emotionalisierungsindex kommt, der wiederum mit einem kleinen Wert für die Anzahl der Akteure korrespondiert. D. h., dass in diesen Sendungen überwiegend Historiker mit ihrem Wissen zu Wort kom- men und Strategien der Emotionalisierung – über das persönliche Betroffensein/ Erleben – hier nicht oder kaum zum Tragen kommen. Dies wird angezeigt durch die niedrigen Werte des Personalisierungsindex und die Anzahl der Akteure. Während der erste Index Auskunft über das Auftreten von Modera- toren, Kommentatoren, Experten und Zeitzeugen gibt, referiert die Anzahl der Akteure auf deren zahlenmäßigen Umfang. Der Wert 2,25 für Personalisierung zeigt, dass die Palette an „Funktionen“ häufiger besetzt war, bei insgesamt weniger Akteuren (1,25). Bei allen Themen, bis auf zwei Ausnahmen, fällt der Ästhetisierungsindex hoch aus. Dieser hebt auf die formale Gestaltungsweise jedes Beitrags ab und setzt sich zusammen aus der Art der Kameraführung, dem Einsatz visueller Effekte, der Verwendung graphischer Einblendungen und von Musik. In Bei- trägen, die den Holocaust oder die DDR-Geschichte behandeln, kommen die genannten Merkmale nicht in großem Umfang vor, man beschränkt sich hier eher auf eine überwiegend unauffällige Kameraführung, Effekte auf visueller Ebene werden minimiert und auch die musikalische/ tonale Untermalung der Sendungen ist eingeschränkt, jedenfalls werden sie in ihrer möglichen Anwen- dungsbreite nicht ausgeschöpft. Bei der Vermittlung dieser Art von Geschichte wird eher auf Zeitzeugen gesetzt. Bei der televisuellen Aufarbeitung der Gräuel des Holocaust kommt weiterhin dazu, dass eine auf visuelle und musikalische Abwechslung und Farbigkeit setzende Dramaturgie für nicht angemessen ge- halten wird. 233 Für die erhöhten Werte des Dramatisierungsindex bei den Themen „Hitler“ und „Widerstand“ spricht zum einen die Verwendung sonstiger Formen der Veranschaulichung und zum anderen der verstärkte Einsatz der szenischen Rekonstruktion. Durch das Nachspielen historischer Ereignisse erhält die Dar- stellung nach allgemeinem Verständnis ein hohes Maß an Anschaulichkeit. Erzähldramaturgisch nähert sich die szenische Rekonstruktion an eine histori- sche – oft dramatisch zugespitzte – Situation im Sinne „So hat es sich zu- getragen“ an. Die beiden Themen werden dadurch besonders eindringlich dar- gestellt. Es wird überwiegend auf Strategien der Personalisierung und Emotionali- sierung bei der Vermittlung historischen Wissens gesetzt. Das ist nicht außer- gewöhnlich, da es sich bei den genannten Themen um Bezüge aus der jüngsten und unmittelbaren Vergangenheit handelt, für die es bezeugende Personen gibt. Der Gesamtinfotainmentindex bewegt sich über alle Thematiken hinweg um einen leicht erhöhten Mittelwert von drei. 234 92 In unserer Untersuchung definiert als Zeitraum beginnend von den 60er Jahren bis in die Gegenwart. Tabelle 80: Mittelwerte der Infotainmentindizes nach Sendethemen* Mittelwerte und Sendeanzahl N, Mehrfachcodierung möglich * Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch). Themen Ästheti- sierung Dramati- sierung Personali- sierung Emotionali- sierung Anzahl Akteure Gesamt- infotainment 1. Weltkrieg Mittelwert 3,00 2,00 2,25 1,33 1,25 3,00 N 4 1 4 3 4 4 Faschismus Mittelwert 3,17 2,55 3,26 3,16 3,09 3,13 N 23 11 23 19 22 23 Holocaust Mittelwert 2,33 2,00 3,00 3,60 3,50 3,33 N 6 4 6 5 6 6 2. Weltkrieg Mittelwert 3,23 2,67 3,19 3,65 2,92 2,88 N 26 9 26 17 24 26 Hitler Mittelwert 3,67 3,50 3,67 3,33 3,33 3,67 N 3 2 3 3 3 3 Nachkriegszeit 2. Weltkrieg Mittelwert 3,43 2,38 2,89 2,73 2,44 2,68 N 28 8 28 22 27 28 Widerstand Mittelwert 3,50 3,50 3,33 3,50 3,50 3,50 N 6 6 6 6 6 6 DDR Mittelwert 2,72 2,00 2,72 2,69 3,35 3,17 N 18 5 18 16 17 18 Kommunismus Mittelwert 3,25 2,00 3,25 2,33 3,33 2,75 N 4 1 4 3 3 4 Zeitgeschichte92 Mittelwert 3,06 2,82 3,38 2,75 3,45 3,44 N 50 22 50 44 47 50 Die einzelnen Summenindizes von „20. Jahrhundert“ und „mehrere Epochen“ unterscheiden sich kaum. Der Gesamtinfotainmentindex ist sogar identisch. Das heißt, dass in den analysierten Sendungen die in den Summenindizes ver- sammelten Variablen gleichmäßig besetzt sind und insgesamt ähnliche Ge- staltungsmittel bei der Realisation von Geschichte im Fernsehen angewandt werden. Das spricht insgesamt sicher für den Schluss, dass das Genreschema der Geschichtssendung im Fernsehen sehr stabil ist. Sendungen zum Zeitraum von der Frühen Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert setzen bei der Gestaltung überwiegend auf eine ästhetische, dramatisierende (dieser Wert ist über alle Epochen hinweg am höchsten) und personalisierte Veranschaulichung, wie sich den entsprechenden Summenindizes entnehmen lässt. Jeder einzelne Index wird aus verschiedenen Variablen gebildet, die in die Beitragsgestaltung eingehen oder auch nicht. Ein hoher Summenindex ver- weist auf eine ausgeprägte Vielfalt und Nutzung der Darstellungsmöglichkeiten, ein kleiner auf eine weniger vielfältige Nutzung der gegebenen gestalterischen Mittel. Der hohe Ästhetisierungsindex zeigt an, dass die hier versammelten gestalterischen Mittel, wie die Verwendung visueller Effekte, eine besondere Form der Kameraführung und Musik allesamt zum Einsatz kommen. Dagegen verweist der niedrige Wert für Personalisierung darauf, dass Moderatoren/ Kommentatoren und Experten zwar auftreten, jedoch nur vereinzelt, das heißt, nicht alle kommen in einer Sendung gemeinsam vor. Dies schlägt sich auch nieder in der Anzahl der Akteure. Dessen niedriger Wert resultiert aus dem Umstand, dass es sich um einen Wissenschaftler und/oder einen Sprecher in 235 Tabelle 81: Mittelwerte der Infotainmentindizes nach Epoche/Global* Mittelwerte und Sendeanzahl N * Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch). Epoche allgemein Ästheti- sierung Dramati- sierung Personali- sierung Emotionali- sierung Anzahl Akteure Gesamt- infotainment Frühgeschichte Mittelwert 3,00 2,00 2,33 – 2,33 2,33 N 3 2 3 – 3 3 Früh-, Hoch- und Spätmittelalter Mittelwert 4,00 2,00 4,00 – 5,00 5,00 N 1 1 1 – 1 1 Frühe Neuzeit bis 19. Jahrhundert Mittelwert 4,67 3,20 2,00 – 1,33 2,00 N 6 5 6 – 6 6 20. Jahrhundert Mittelwert 3,27 2,72 3,12 2,63 2,91 3,07 N 59 25 59 43 57 59 mehrere Mittelwert 3,14 2,65 3,05 2,91 3,09 3,07 N 56 23 56 46 53 56 21. Jahrhundert Mittelwert 2,00 – 4,00 – 3,00 2,00 N 1 – 1 – 1 1 der Sendung handelt93, der sich zum Thema äußert. Dass der Emotionalisie- rungsaspekt unbesetzt ist, muss als Konsequenz betrachtet werden. In Bezug auf den Emotionalisierungsindex gilt ähnliches für die Zeit des Mittelalters. Weiterhin verweisen hier die hohen Indizes auf eine Frequentie- rung aller einzelnen Variablen, hier wird die gesamte Palette der Darstellungs- möglichkeiten genutzt. Bei der Veranschaulichung kommt der visuellen Ebene besondere Bedeutung zu. Die im Ästhetisierungsindex zusammengefassten Variablen werden in vollem Umfang genutzt, Strategien der Dramatisierung, wie Animationen und szenisches Nachspielen, kommen in der Darstellung dieser Epoche nur in geringem Umfang vor. Auch hier hängt eng zusammen, dass als Akteure Historiker und/oder Kommentatoren vorkommen und dass entsprechend der Emotionalisierungsindex gegen Null tendiert. Die historisch am längsten zurückliegende Epoche und die kürzeste nutzen ebenfalls nicht alle der zur Verfügung stehenden Vermittlungsstrategien im Fernsehen, das heißt, sie verzichten auch auf emotionalisierende Elemente, das 21. Jahrhundert – gilt nur für die Sendungen des Jahres 2003 der Unter- suchung – weiterhin auch auf Dramatisierung. Für diesen Zeitabschnitt wird auf keines der Elemente zur Veranschaulichung von Geschichte (szenische Rekonstruktion und Animation) zurückgegriffen, wie bei weiter zurückliegen- den Epochen. Für diesen Zeitraum ist auch der Ästhetisierungsindex am ge- ringsten ausgeprägt. Das heißt, dass es bei der Thematisierung dieses Zeit- abschnitts nur in geringem Umfang musikalische Vielfalt gibt, visuelle Effekte oder eine auffällige Kameraführung eingesetzt werden, stattdessen vielmehr auf eine personale Aufbereitung gesetzt wird (jedoch ist auch hier die geringe Besetzung des 21. Jahrhunderts zu berücksichtigen, die die Aussagekraft ein- schränkt). Dass Strategien der Emotionalisierung fehlen, liegt auch hier daran, dass dazu auf die Perspektive von Zeugen rekurriert werden muss, die es für die Frühgeschichte zwangsläufig nicht mehr geben kann. In allen historischen Zeiträumen setzen die Redaktionen auf ästhetisierte und personalisierte Erzählweisen (vgl. auch die Spalte „Anzahl der Akteure“) bei der Veranschaulichung von Geschichte im Fernsehen94, wobei der Ästheti- sierungsindex mit Blick auf die Gegenwart immer kleiner ausfällt (am höchsten beim Mittelalter und bei der Frühen Neuzeit, am geringsten beim 21. Jahrhun- dert). Das kann damit erklärt werden, dass bei der Thematisierung der vergan- genen einhundert Jahre verstärkt auch auf andere Elemente bei der Veranschau- 236 93 Der höhere Index von 2,00 in der Spalte der „Personalisierung“ verweist darauf, dass es mehr „Funktionen“ in den sechs Beiträgen auszuüben gab, die insgesamt weniger Personen übernahmen, es also zu einer Über- schneidung kam: Beispielsweise kann ein Experte auch kommentierende Aufgaben übernehmen. Daher der geringere Wert von 1,33 bei gleicher Fallzahl in der Spalte „Anzahl der Akteure“. 94 Zusätzlich finden sich dramatisierende Elemente in nahezu allen Beiträgen von der Neuzeit bis zum 19. Jahr- hundert und auch in den Sendungen, die die vergangenen 100 Jahre thematisieren (20. Jahrhundert und den Zeitraum von „mehreren Epochen“). lichung von Geschichte zurückgegriffen wird, beispielsweise auf Zeitzeugen. Dass dies so ist, lässt sich an dem hohen Emotionalisierungsgrad ablesen, den Sendungen zum 20. Jahrhundert (und die Variablenausprägung „mehrere“) haben. Bei den Genres Reportage sowie Dokumentation/Dokumentarfilm unter- scheiden sich die Spaltenwerte der einzelnen Summenindizes nur wenig von- einander. Beide schildern Geschichte vor allem anhand einer personalen Erzähl- weise, wie sich dem hohen Personalisierungsindex und der Anzahl der Akteure entnehmen lässt. Neben Moderatoren, Kommentatoren und Experten kommt auch der Zeitzeuge, der das Dargestellte authentifiziert, in den genannten For- maten vor. Bei sonst ähnlichem Einsatz der verwendeten Gestaltungsmittel zeigt sich eine größere Differenz nur bei der Ästhetik, von deren Möglichkeiten in Reportagen eher weniger Gebrauch gemacht wird. Einzelne Gestaltungs- elemente, wie visuelle Effekte, besondere (auffällige) Kameraeinstellungen und die musikalische Untermalung der Sendungen sind eher Merkmale von Dokumentationen, die diese vermehrt einsetzen, um die Handlung/Erzählung vielfältig zu gestalten. Betrachtet man die Tabelle 82, dann fällt weiterhin auf, 237 Tabelle 82: Mittelwerte der Infotainmentindizes nach Sendegenres* Mittelwerte und Sendeanzahl N * Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch). Genre Ästheti- sierung Dramati- sierung Personali- sierung Emotionali- sierung Anzahl Akteure Gesamt- infotainment Magazin Mittelwert 2,33 3,50 2,67 4,50 3,33 3,33 N 3 2 3 2 3 3 Reportage Mittelwert 2,20 2,64 3,05 2,69 3,16 2,95 N 20 14 20 16 19 20 Dokumentation/ Dokumentarfilm Mittelwert 3,38 2,81 3,15 2,91 3,13 3,21 N 99 48 99 74 96 99 Dokumentation mit Diskussion Mittelwert 5,00 2,00 4,00 1,00 2,00 3,00 N 1 1 1 1 1 1 Diskussion/Talkshow Mittelwert 2,50 – 3,00 1,50 1,50 2,50 N 2 – 2 2 2 2 (Live-)Bericht Mittelwert 1,00 – 3,00 2,00 5,00 5,00 N 1 – 1 1 1 1 Porträt/personen- zentriertes Gespräch Mittelwert 1,67 – 2,50 1,50 2,17 2,00 N 6 – 6 6 6 6 Sonstiges non-fiktional Mittelwert 5,00 – 1,00 – 1,00 2,00 N 1 – 1 – 1 1 Mischformen Mittelwert 3,14 5,00 2,43 1,83 2,86 3,00 N 7 5 7 6 7 7 Wochenschau Mittelwert 4,20 2,00 2,60 1,00 1,40 1,80 N 5 1 5 1 5 5 dass die Spalte „Dramatisierung“ für einige Genres keine Besetzung aufweist. Es handelt sich dabei um non-fiktionale Arten der Aufbereitung von Geschichte für das Fernsehen und zwar in Form von eher am (persönlichen) Interview orientierten Präsentationsformen (vgl. den hohen Grad an Personalisierung resp. Anzahl der Akteure). Hier finden sich keine Anteile an szenischer Re- konstruktion, Fiktion, sonstiger Veranschaulichung und Animation.95 Ähnlich wie in den zuvor betrachteten non-fiktionalen Gattungen, setzen auch die Mischformen auf einen personalen Vermittlungsmodus. Diese Sendun- gen beschreiben Highlights des Sendeprogramms, die durch eine ausgefeilte ästhetische Komponente auffallen. Dies schlägt sich im dazugehörigen Summen- index nieder. Herausragendes Gestaltungselement der hybriden Formen ist jedoch deren dramatisierende Gestaltung. Dessen Prototyp ist das Doku-Drama mit der Vermischung fiktionaler und non-fiktionaler Anteile. Magazine setzen insbesondere auf Strategien der Emotionalisierung des Handlungsgeschehens, die auf Anteilnahme zielen und Betroffenheit beim Zuschauer wecken sollen. Der hohe Emotionalisierungsindex verweist darauf, dass die in ihm versammelten Variablen (der Zeitzeugenbericht, die Erlebnis- perspektive, die Perspektive der Opfer und die Perspektive der Täter) durch- gängig besetzt sind und es somit eine große Vielfalt in der Beschreibung gibt. Der persönliche Erlebnishorizont der zu Wort kommenden Personen ist äußerst weit und reicht von Menschen der ersten Generation, die durch das eigene Erleben die geschilderte Erzählung bezeugen können, bis hin zu den Nach- geborenen. Weiterhin wird der Fokus der Darstellung erweitert, indem neben den Opfern historischer Ereignisse auch die ausführenden Täter in den Blick- punkt geraten und damit insgesamt eine Situation perspektivisch gebrochen wird. Der Dramatisierungsindex von 3,5 für das Genre Magazin fällt im Ver- gleich zu allen anderen besonders hoch aus. Dramaturgische Mittel wie die szenische Rekonstruktion, Animationen und sonstige Veranschaulichung kom- men in diesem Format nicht nur vereinzelt, sondern besonders gehäuft vor. Hier wird die gesamte Palette an Darstellungsmöglichkeiten genutzt. Dass sie nur hier in ausgeprägter Weise vorkommen, lässt den Schluss zu, dass das Magazin als besonders innovative Genreausdifferenzierung innerhalb der Ge- schichtssendungen qualifiziert werden kann. Die gesendeten Wochenschauen hingegen entfalten ganz andere Möglich- keiten der Vermittlung historischen Geschehens. Deren Ausstrahlung geht stets mit einem präsentierenden Moderator einher, der auch die Funktion über- nimmt, die gezeigten (Kriegs-)berichte in ihren Kontext zu stellen, und parallel dazu diese mit einem Gast-Experten zu kommentieren. Ihr hoher Ästhetisie- 238 95 Die Ausprägung „sonstige non-fiktionale Formen“ erreicht bei den Ästhetisierungselementen den höchsten Wert. In dieser Form wird, neben Strategien der Personalisierung, nahezu ausschließlich auf eine vielfältige Palette in der visuellen und auditiven Gestaltung gesetzt. rungsindex resultiert aus der den Zuschauer in Zeit und Raum orientierenden Schrifteinblendungen und der Musikdramatik. Resümierend kann gesagt werden, dass entsprechend der verwendeten Genres auch die ihnen klassisch zugeschriebenen Gestaltungsmerkmale gebraucht wer- den. Diskussionen, Berichte und Interviews setzen traditionell auf eine eher personenorientierte Darstellungshaltung. In der dctp-Reportage „Strategie von unten – Jörg Friedrich über Menschen im Bombenkrieg“ (VOX 15. 03. 2003) wird das Interview mit dem Historiker aufgelockert durch, insgesamt wenige, jedoch auffällige Einblendungen. Die Diskussion zum Film „Willy Brandt – Mensch und Mythos/30 Jahre nach dem Kanzler-Rücktritt“ (SWR 25. 10. 2003) mit zahlreichen Gästen, erfährt ebenso Unterbrechungen des eher wortdomi- nanten Elements. Den Befund von der genreimmanenten Gestaltungsweise stützen die Werte der Personalisierung und der Anzahl der zu Wort kommenden Akteure. Neben der personenbezogenen Darstellungsweise fallen bei den Reportagen und Dokumentationen die hohen Werte in der Spalte „Emotionalisierung“ auf. Das heißt, dass in fast allen Sendungen dieser Formate auch Menschen auftreten, die das geschilderte Ereignis selbst bezeugen können. Der Zeitzeuge ist seit den 60er Jahren ein fester Bestandteil zeitgeschichtlicher Dokumentationen. Dies korrespondiert mit den Befunden aus Tabelle 81, in der nur die Zeiträume „20. Jahrhundert“ und „mehrere Epochen“ über einen Wert für den Emotiona- lisierungsindex verfügen. Auch die Mischformen setzen auf Strategien der Personalisierung, wie in „Deutschland im Herbst“ (WDR 16. 09. 1995), aber ganz besonders auf die Dramatisierung der Handlung, also auf Elemente wie das Nachspielen histori- scher Situationen und den Einsatz fiktionaler Filmausschnitte und Anima- tionen, wobei Letztere für alle drei Jahre insgesamt relativ wenig auftreten. In dem gebildeten Summenindex dominiert vor allem die szenische Rekonstruk- tion, die dabei facettenreich zur Anwendung kommt. Sie variiert vom Nach- ahmen zeitgenössischer Gegebenheiten (eine gedeckte Tafel als Sinnbild der Heimkehr in „Johann Wolfgang von Goethe/ Von Frankfurt nach Weimar 1749–1786 (1/2)“, 3sat 22. 03. 1999), bis zum Nachspielen historischer Situa- tionen durch Schauspieler in „Der Traum von der Freiheit / Die Deutsche Revolution 1848/49“ (SWR 18. 07. 2003). Abschließend kann festgehalten werden, dass die verwendeten Vermittlungsstrategien im Ganzen gesehen den Gattungskonventionen entsprechen und sich als jeweils Genre stabilisierend darstellen. 239 Mit zunehmender Sendedauer fällt auch der jeweilige Gesamtinfotainment- index höher aus. Das bedeutet, dass, je mehr Zeit einer Sendung eingeräumt wird, auch die Darstellungsweise insgesamt vielfältiger wird und die in den fünf Indizes versammelten Einzelvariablen durchgängig besetzt sind. Der Ästhetisierungsindex beträgt bei den länger als 60 Minuten dauernden Beiträgen 3,48, im Gegensatz dazu weisen die beiden kürzesten Formate einen Ästhetisierungsindex von 3,0 auf. Dieser Index wird gebildet aus den Einzel- variablen: Graphische Einblendungen, visuelle Effekte, eine auffällige Kamera- führung und musikalische Gestaltung. Bei den kürzeren Sendungen fließen diese nicht so umfangreich in die Gestaltung der Beiträge ein. Dies ist sicher eben der Kürze der Sendungen geschuldet, die durch ein Übermaß an visueller Stimulanz sonst überfrachtet werden. Der Ästhetisierungsindex liegt unabhän- gig von der jeweiligen Dauer immer jenseits von drei, während bei allen anderen Indizes die Werte auch darunter fallen. Das verweist darauf, dass hier ins- besondere auf die visuelle Gestaltung ein Schwerpunkt in der Gestaltung der Beiträge gelegt wird. In allen Beitragslängen kommen Moderatoren, Kommentatoren, Experten und auch Zeitzeugen vor. Die Werte für den Personalisierungsindex zeigen keine großen Unterschiede und sind bei allen Sendelängen hoch ausgeprägt. Den kleinsten finden wir in den 15-minütigen Sendungen, was jedoch nicht überrascht, da sie aufgrund ihrer Kürze nicht alle Strategien der Personalisie- rung anwenden können. Der Wert 2,07 für die Anzahl der Akteure zeigt an, dass zahlenmäßig nicht viele Personen in diesen Sendungen zu Wort kommen (kleinster Wert im Vergleich zu den übrigen Sendelängen) und es sich bei den Interviewten um Zeitzeugen handelt, die eigenes Erleben schildern. Darauf verweist der hohe Emotionalisierungsindex von 3,00. Dieser liegt bei den 240 Tabelle 83: Mittelwerte der Infotainmentindizes nach Sendelängen* Mittelwerte und Sendeanzahl N * Kategorisierung zwischen 1 (sehr niedrig) bis 5 (sehr hoch). Beitragslänge Ästheti- sierung Dramati- sierung Personali- sierung Emotionali- sierung Anzahl Akteure Gesamt- infotainment bis 15 Minuten Mittelwert 3,00 2,43 2,79 3,00 2,07 2,43 N 14 7 14 7 14 14 16 bis 30 Minuten Mittelwert 3,00 3,75 3,10 2,64 2,68 2,81 N 21 12 21 14 19 21 31 bis 45 Minuten Mittelwert 3,03 2,71 2,96 2,76 3,14 3,10 N 72 34 72 55 70 72 46 bis 60 Minuten Mittelwert 3,32 2,30 3,04 2,75 2,92 3,12 N 25 10 25 20 25 25 über 60 Minuten Mittelwert 3,48 3,36 3,14 2,82 3,45 3,38 N 21 11 21 17 20 21 anderen Sendelängen unter diesem Wert. Das heißt, dass es sich bei den in den kürzesten Sendungen auftretenden insgesamt wenigen Personen vermehrt um Zeugen handelt. Bei allen länger als eine Viertelstunde dauernden Beiträgen kommen auch Strategien der Emotionalisierung, über das Erwecken von Anteil- nahme durch die Präsentation von Menschen, die das geschilderte Ereignis selbst erlebt haben, ebenfalls vor, jedoch ergreifen auch andere Akteure (Kom- mentatoren, Experten) das Wort, die aus einer eher distanzierenden Perspektive das Geschehen beurteilen (vgl. den Personalisierungsindex). Dramatisierende Elemente wie szenisches Nachspielen, Animationen und fiktionale Anteile kommen gehäuft in 30-minütigen und länger als eine Stunde dauernden Bei- trägen vor, die insgesamt für eine spannungsreiche und vielfältige Gestaltung stehen. Ganz offensichtlich wird Historie bevorzugt in personalisierender Weise vermittelt, anhand von Experten, Zeitzeugen und auch Moderatoren. Darauf weisen die hohen Werte bei „Personalisierung“ und „Anzahl der Akteure“ hin. Dies geht jedoch nicht mit der Vernachlässigung der ästhetischen Gestaltungs- weise einher (vgl. den entsprechenden Summenindex). Alle ausgestrahlten Beiträge nutzen unabhängig von ihrer jeweiligen Dauer die drei besprochenen Strategien der Vermittlung. Abschließend bleibt für alle vier untersuchten Zusammenhänge festzuhalten, dass sich ein fester Gestaltungskanon in der Darstellungsweise herausgebildet hat. Ihm gehören die Ästhetisierung und die Personalisierung an (die Anzahl der Akteure gibt nur Auskunft über den Anteil der Personen in einer Sendung, jedoch nicht über die Bandbreite der verschiedenartigen Funktionen). Offen- bar bedingen diese Elemente einander: Kommt ein Element vor, dann fast zwangsläufig auch das andere. Jenseits von spezifischen Inhalten (Epochen und Themen) und Formen (Genres und Dauer) haben sich diese Modi bei der Vermittlung historischen Geschehens im Fernsehen durchgesetzt. Da sie als universal einsetzbar qualifiziert werden, sind sie in (nahezu) jeder Art von medialer Geschichtsbetrachtung anzutreffen. 5.3 Interpretationen der Ergebnisse und Diskussionen 5.3.1 Profilierungen zwischen öffentlich-rechtlichen Sendern und privat- wirtschaftlichen Fernsehanbietern Die vorgestellten Untersuchungen und Analysen belegen, dass nach wie vor die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter den weitaus größten Anteil des Gesamtangebotes von Sendungen mit historischen Themen im Fernsehen be- streiten. In den untersuchten Beispieljahren 1995, 1999 und 2003 wird ins- gesamt ein deutlicher Anstieg von Geschichtssendungen im Fernsehen er- 241 mittelt, ein Anstieg, der ausschließlich auf die Vermehrung des Angebots seitens des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zurückzuführen ist und sich hier vor allem bei den dritten Programmen der Landesrundfunkanstalten sowie bei 3sat und ARTE feststellen lässt (vgl. Abb. 8). Die privatwirtschaftlichen Programm- anbieter reagieren lediglich 1999 mit einer Verdoppelung der ausgestrahlten Geschichtssendungen auf die bevorstehende Jahrtausendwende. Danach fällt die Anzahl der ausgestrahlten Geschichtssendungen wieder auf das Niveau von 1995 zurück. Die öffentlich-rechtlichen Sender „bedienen“ alle Sendeformate bei der Vermittlung von Geschichte im Fernsehen; es gibt jedoch einen deutlichen Schwerpunkt auf dem 45-minütigen Zeitformat. Ausgenommen davon sind 3sat und ARTE, die bei der Ausstrahlung von Geschichte die längeren Sende- formate bevorzugen, das heißt, die klassischen Dokumentationen. Auch die kommerziellen Programmanbieter präsentieren Geschichtssendungen in allen Zeitformaten, jedoch mit Schwerpunkt auf längeren Beiträgen (vgl. Abb. 13).m Zusammenfassend ist festzustellen, dass es bei der Vermittlung von Ge- schichte im Fernsehen insgesamt einen Trend zu kürzeren Formaten (30 und 45 Minuten) gibt und damit die schon in der Expertise von Wolf (2003) diag- nostizierten Formatierungsprozesse durch diese Untersuchung nochmals be- stätigt werden. Die Ausnahmen bei 3sat und ARTE sowie bei den privat- kommerziellen Veranstaltern lassen möglicherweise auf größere Freiräume für die jeweiligen Redaktionen schließen (vgl. Abb. 14). Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind zu allen Tageszeiten Geschichts- sendungen zu sehen. Als Hauptsendezeit historischer Beiträge kristallisiert sich für die dritten Programme und 3sat /ARTE der Nachmittag heraus, in kurzem Abstand folgt der Abend. D. h. in der Zeit von 12:00 Uhr bis 22:00 Uhr wird hier die überwiegende Zahl der Sendungen mit geschichtlichen Themen präsentiert. Erklärt werden kann die Bedeutung des Nachmittags in der Statistik damit, dass insbesondere bei den dritten Programmen der ARD Geschichts- sendungen zum Wiederholungsprogramm gehören, mit dessen Hilfe bei der tagesweiten Bildschirmpräsenz die Programmflächen gefüllt werden. Ebenso verwundert es nicht, dass angesichts des spezifischen Programmauftrags bzw. der Zielgruppen bei 3sat und ARTE Geschichtssendungen hauptsächlich im Abendprogramm, das heißt, in der Primetime gezeigt werden, darüber hinaus auch im Spätprogramm. Eine ähnliche Verteilung zeigt sich auch im ARD- Hauptprogramm und beim ZDF, nur das hier – wie nicht anders zu erwarten – der prozentuale Anteil der Geschichtssendungen am Gesamtprogramm geringer ausfällt. Insgesamt kann im Verlauf des Untersuchungszeitraumes bei den öffentlich-rechtlichen Programmanbietern beobachtet werden, dass sie Ge- schichtssendungen vermehrt im Spätabendprogramm nach 22:00 Uhr platzie- ren. Die privatwirtschaftlichen Anbieter bevorzugen durchgehend das Spät- programm für die Ausstrahlung von Geschichtssendungen, wobei im Jahr 2003 242 derartige Angebote auch gelegentlich im Vormittagsprogramm und vereinzelt im frühen Abendprogramm zu finden sind (vgl. Abb. 16). Setzt man nun das Sendeformat in Beziehung zur jeweiligen Sendezeit (vgl. Abb. 17), dann ergibt sich beim Vergleich öffentlich-rechtlicher und privat- wirtschaftlicher Sender das folgende Bild: Im Programmangebot der öffent- lich-rechtlichen Sender sind Geschichtssendungen zu allen Tageszeiten zu finden, kurze Sendeformate dabei hauptsächlich am Vormittag, Nachmittag, mit dem Schwerpunkt auf den dritten Programmen sowie im Abendprogramm von ARD und ZDF. Längere Sendeformate finden sich in der Primetime, haupt- sächlich bei 3sat und ARTE sowie hier und da in der ARD, dem ZDF und den Dritten im Spätprogramm. Die von den privatwirtschaftlichen Sendeanstalten ausgestrahlten langformatigen Beiträge werden zu allen Tageszeiten gesendet, tendenziell häufiger im Abend- und Spätprogramm. Die wenigen kurzen Filme werden ausschließlich nach 22:00 Uhr platziert. Ein großer Teil der gezeigten Geschichtssendungen im öffentlich-recht- lichen Fernsehen wird in der ARD, dem ZDF und den dritten Programmen, mit Ausnahme des Abendprogramms und einem hier zu beobachtenden hohen Anteil an selbstständigen Einzelsendungen, in Reihen präsentiert (vgl. Tab. 27). Das heißt, dass bei der Präsentation von Geschichte ein Trend zur Serialisie- rung sowie zum Labeling beobachtbar ist, als dominierende Strategie bei der Angebotspräsentation. Bei 3sat und ARTE werden Reihen und Serien eher im Vormittags- und Nachmittagsprogramm gesendet, selbstständige Geschichts- sendungen dagegen im Abend- und Spätprogramm, man kann hier von einem ausgewogenen Verhältnis beider Präsentationsformen für den zu untersuchen- den Zeitraum sprechen. Auch bei den privatwirtschaftlichen Sendern dominie- ren im Rahmen des geringen Anteils, den die Vermittlung von Geschichte dort am Gesamtprogramm hat, jene Geschichtssendungen, die innerhalb von Reihen gezeigt werden. Die favorisierte Form der Präsentation von Geschichte ist sowohl bei den öffentlich-rechtlichen als auch bei den privatwirtschaftlichen Sendern die Doku- mentation und der Dokumentarfilm, lässt man, wie in der vergleichenden Unter- suchung über die drei ausgewählten Jahre geschehen, die fiktionalen Beiträge unberücksichtigt (vgl. Tab. 29). Denn wie die Erhebung der Sendungen aller Gattungen mit Bezug zur historischen Vergangenheit für das Jahr 2003 deut- lich zeigt, überwiegen bei den privaten Sendern in der Regel sonst in diesem Programmsegment die fiktionalen Sendungen wie Spiel- und Historienfilme (vgl. Abb. 5). Eine vollständige vergleichende Untersuchung solcher Formate wäre aber eine neue Aufgabe. In dem untersuchten Zeitraum von zehn Jahren ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von einem Anstieg der Sendungen dokumentarischen Charakters in der ARD, dem ZDF und in besonders starkem Ausmaß bei 3sat und ARTE auszugehen. Auch bei den dritten Programmen der ARD und den privat- 243 wirtschaftlichen Sendern ist eine Steigerung bis zum Jahr 1999 zu verzeichnen, die danach aber wieder in den Dritten leicht und bei den privaten Sendern auf etwa die Hälfte der Beiträge des Ausgangsjahres 1995 zurückgeht. Ein Anstieg an historischen Dokumentationen ist hier nur solange zu verzeichnen, wie er innerhalb der Programmgestaltung aus dem gegebenen Anlass, dem Millen- nium, opportun erscheint. Dennoch kann für den Untersuchungszeitraum davon gesprochen werden, dass die Dokumentation als das klassische Genre der Vermittlung von Geschichte im Fernsehen ihre Stellung behauptet bzw. ausbaut und keineswegs an Bedeutung verliert (vgl. Tab. 28). Die einzelnen Programme weisen eine unterschiedliche Genrevielfalt auf. Eine ausgeprägte Vielfalt ist in der ARD und dem ZDF – allerdings erst im Spätprogramm – zu finden, bei den Dritten und 3sat /ARTE auf allen Pro- grammplätzen (vgl. Tab. 30). Die Zahl der so genannten Hybrid- oder Mischformen unter den Geschichts- sendungen ist im untersuchten Zeitraum bei den einzelnen Programmanbietern insgesamt gering. Innerhalb des öffentlich-rechtlichen Fernsehens offenbaren sich hier die vermuteten Innovationen des dokumentarischen Genres. Im Ge- samtbild des Programmsegments jedoch bleiben sie, in dem Zeitfenster zwi- schen 1995 und 2003, als Modus der Vermittlung von Geschichte im Fernsehen immer noch eher eine Randerscheinung, die in Verbindung mit bestimmten Autoren, wie beispielsweise Heinrich Breloer steht. Bei den privatwirtschaft- lichen Programmanbietern lassen sich bei den insgesamt nur wenigen der Ver- mittlung von Geschichte gewidmeten Sendungen häufiger innovative Ansätze entdecken, wie beispielsweise bei Sendungen der Reihen dctp-Reportage sowie SPIEGEL TV und hier insbesondere bei den Sendungen von Alexander Kluge und Michael Kloft. Bestimmte Autoren stehen auch bei den privatkommer- ziellen Programmanbietern für innovative Gestaltungsformen bei der Vermitt- lung historischen Wissens. 5.3.2 Profilierungen zwischen Ost und West Im Vergleich der dritten Programme zeigt sich folgendes Bild: Die west- deutschen Sender strahlen insgesamt mehr Sendungen mit historischen Inhalten (6,1 Prozent) aus. Zu berücksichtigen ist dabei der Umstand, dass sie sechs Einzelsender auf sich vereinigen, während die zwei ostdeutschen Sender 4,6 Prozent Geschichtssendungen präsentieren (vgl. Tab. 39). Unterschiede zeigen sich weiterhin bei der wöchentlichen Platzierung im Programm. Wäh- rend die ostdeutsche Sendergruppe dem Publikum ein größeres Sendevolumen am Anfang der Woche offeriert, zeigen die westdeutschen Sender mehrheitlich zum Ende der Woche Geschichtssendungen (vgl. Tab. 40). Das Publikum am Sonntag wird sowohl von ARD3-West als auch ARD3-Ost mit Geschichte bedient. 244 Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass sie deutlich die Genres Reportage und Dokumentation/Dokumentarfilm und als Ausstrahlungszeiten das Spät- programm (nach 22:00 Uhr) und – an zweiter Stelle – die Zeit zwischen 12:00 Uhr und 18:00 Uhr bevorzugen (vgl. Tab. 38 und 40). Werden die präsentierten Inhalte betrachtet, zeigen sich nur minimale Unter- schiede. Das Gewicht der Darstellung liegt auf dem 20. Jahrhundert, ist über- wiegend national ausgerichtet und hat deutsche Bezugspunkte. Bei der Zu- sammenfassung der mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen Ausprägungen (Faschismus, Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Hitler), die gemeinsam das Feld beherrschen, zeigt sich annähernd eine Gleichverteilung. DDR-Geschichte wird etwas häufiger von den ostdeutschen Sendern thematisiert. 5.3.3 Profilierungen zwischen Männer- und Frauengeschichte Medien sind durch ihre Themensetzung und Darstellungsweise an der Kon- struktion von Geschlechterrollen beteiligt und spielen als Instrumente bei der Herstellung öffentlichen Konsenses eine Rolle. Sie spiegeln nicht die Wirklich- keit, sondern sie bilden Ideale ab und präsentieren, was als „Realität“ akzeptiert werden soll. Der Gender-Aspekt ist in der Untersuchung auf der inhaltlichen Ebene berücksichtigt worden, indem danach gefragt worden ist, ob Frauen oder frauenspezifische Inhalte in Sendungen zu historischen Ereignissen vor- kommen. Die spezifische Darstellungsweise und ästhetische Bearbeitung der Sendungen ist an dieser Stelle nicht weiter untersucht worden, da Aussagen nur über die Analyse einzelner Fallbeispiele getroffen werden können. Die Begriffe „Öffentlichkeit“ und „Privatheit“ sind historisch geprägt. Mit ihrer Unterscheidung gehen (geschlechtsspezifische) Mechanismen der Aus- grenzung und Hierarchisierung einher, die die Gesellschaft teilen. In der öffentlichen Sphäre, vor allem von Politik und staatlichen Institutionen, sind vorwiegend Männer zu finden. Frauen sind dem privaten Bereich, der als nicht-politisch qualifiziert wird, zugeordnet und damit aus einer gesellschaft- lichen Betrachtungsweise ausgeblendet (vgl. Prenner 1995). Die Marginalisie- rung von Frauen findet sich aufgrund ihrer spezifischen Arbeitsweise auch in den historischen Wissenschaften: „Frauen wurden in der bisherigen Geschichtsschreibung nicht aufgrund übel wollender Verschwörungen seitens der Männer im Allgemeinen und der Historiker im Besonderen ignoriert, sondern weil Geschichte nur in männerzentrierten Begriffen dargestellt worden, über sie nur in solchen Begriffen nachgedacht worden ist. Wir haben an den Frauen und ihren Aktivitäten vorbeigeforscht, weil wir an die Geschichte Fragen gerichtet haben, die dem, was Frauen betrifft, nicht angemessen ist.“ (Lerner 1995, S. 172) „Dabei siedelt man die Gründe für die bisherige Ausgrenzung der Frauengeschichte auf zweierlei Ebenen an. Zum einen wird auf die traditionelle Auffassung der Historie als Geschichte von Staaten, Regierungen und Kriegen verwiesen, innerhalb derer die Ver- 245 gangenheit traditional weiblicher Wirkungsbereiche keinen Platz finden konnte. Zum anderen präformiert der auf allen gesellschaftlichen Ebenen anzutreffenden Androzen- trismus des Geschlechterverhältnisses, demzufolge Frauen lediglich als ‚Sonderfall‘ der männlichen Species ‚Menschheit‘ gelten, auch die Perspektivierung der Geschichte der Frauen. Insofern diese überhaupt thematisiert wird, kommt sie allenfalls als ‚Sonder- problem‘ einer – wie auch immer verstandenen – ‚Allgemeingeschichte‘ in den Blick.“ (Zeidler-Johnson 1988, S. 189) Der Begriff Geschichte hat nach Perrot (1989) zwei Dimensionen. Erstens beschreibt er Ereignisse, die tatsächlich geschehen sind, und zweitens bezieht er sich auf die schriftliche Fixierung, die schließlich die Grundlage der Ge- schichtswissenschaft bildet. Dieser zweite Aspekt konzentriert sich auf die Frage nach der Möglichkeit einer weiblichen Geschichtsschreibung. Perrot wid- met sich der Frage, ob sich Ereignisse zugetragen haben, die sich als frauen- spezifische qualifizieren lassen, da sie sich in besonderer Weise an Frauen wen- den oder Frauen betreffen. Sie geht damit über die bloße Wiederentdeckung vergangener Frauenleben und der damit einhergehenden kompensatorischen Wirkung hinaus, in dem sie den Fokus auf die Ursachen des Ausblendens von Frauen aus der Geschichtsschreibung lenkt. Frauen fanden auf zweierlei Wegen Eingang in die Geschichtsschreibung. Erstens in Form der Beschreibung des Lebens und Wirkens bedeutender Frauen. Dieser Darstellungsweise begegnen wir bereits bei Plutarch und auch im Mittel- alter bei Boccacio, sie waren in besonderer Absicht geschrieben und richteten sich an ein bestimmtes Publikum. Sie zielten auf die Beschreibung von Fähig- keiten, die Frauen bei Zuteilwerden gleicher Erziehung, wie sie Männern ge- währt wurde, entwickeln könnten. Die zweite Form von Frauengeschichte stellen Biographien dar. Der Vorteil dieser individuellen Lebensbeschreibungen gegenüber der ersten Form, war eine sorgsame Einbeziehung des kulturellen und gesellschaftlichen Kontextes in die Betrachtung (Davis 1989 und Opitz 1996). In welcher Form auch immer auf Frauen Bezug genommen wurde, alle diese Formen sind innerhalb der Historiographie randständig. Die in Tabellen 17 bis 19 (das Überblicksjahr 2003 insgesamt) und unter Punkt 5.1.4 erhobenen Befunde – erstens der Unterrepräsentanz von frauens- pezifischen96 Darstellungen und zweitens des Abdrängens vor allem in das Spätprogramm – sind angesichts der bisher referierten Darstellungsweisen in den historischen Wissenschaften und den Medien nicht überraschend. Da Frauenfragen allgemein, unabhängig vom Format, wenig in den Massenmedien thematisiert werden, konnte prima facie ein positiver Befund bei der Verschrän- kung des medialen und des historischen Diskurses nicht erwartet werden. 246 96 Es gibt so wenig „frauenspezifische“ wie es „männerspezifische“ Belange gibt. Beide sind gesellschaftlich bedingt und vermittelt. Dieses Ergebnis lenkt jedoch die Aufmerksamkeit auf die Akteure hinter den Kulissen. Wir wissen, dass die Kommunikatoren – besonders hier die Redakteure und Abteilungs- und Hauptabteilungsleiter – als „gatekeeper“ fun- gieren, die selektieren und darüber entscheiden, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Eine einfache Rückrechnung von weiblichen Produzenten auf die mögliche Thematisierung von frauenspezifischen Belangen verbietet sich jedoch, weil die Selektionsmechanismen komplexer sind als dass sie nur durch diese eine Variable zu erklären wären. Die Entstehung von Medienprodukten ist in einen Produktionskontext eingebettet, der eben nicht auf nur einen Einfluss- faktor reduziert werden kann (vgl. Carter und Steiner 2004). Die Arbeit der Produzentinnen ereignet sich in historisch gewachsenen Institutionen und Struk- turen, mit der Anerkennung der dort geltenden Sitten, Regeln, Konventionen und professionelle Standards, die sich selbstreflexiv bestätigen und stabilisie- ren – kurz, sie unterliegen den Zwängen der Sendeanstalten. Außerdem spielen immer auch Fragen der finanziellen Ausstattung, der Orientierung an Einschalt- quoten und Zuschauergunst (Unterhaltung) und nicht zuletzt auch die indivi- duellen Dispositionen bzw. Befindlichkeiten der weiblichen Kommunikatoren, die sie aufgrund ihrer Sozialisation etc. mitbringen, eine Rolle bei den tatsäch- lichen Selektionen. Das Ergebnis der Gegenüberstellung von männlichen und weiblichen Mitarbeitern97 korrespondiert mit der frauenspezifischen Themen- setzung. Beide weisen eine geringe Besetzung auf und fallen insgesamt nicht ins Gewicht. 5.3.4 Authentifizierungs- und Glaubwürdigkeitsstrategien Strategien der Authentifizierung und Beglaubigung werden im dokumentari- schen Genre über all jene Elemente der ästhetischen Gestaltung realisiert, die als eine Form oder Möglichkeit der audiovisuellen Präsentation, vor allem aber des Vorzeigens, die Echtheit des Präsentierten verbürgen können. So gibt es verschiedene Gestaltungselemente von Dokumentationen, die traditionell innerhalb des Genres einer solchen Konnotation unterliegen und hier gewisser- maßen Signalcharakter im Sinne einer authentischen und somit glaubwürdigen Darstellung respektive der Wahrheit und Historizität des so Dargebotenen tragen. Zu diesen Elementen gehören die originalen Bild- und Tonaufnahmen, der Originalschauplatz, das Zeigen von Dokumenten, Archivmaterialien und Quellen sowie die Zeitzeugen und die jeweilige Form ihrer Präsentation. Diese vier Elemente fungieren, wie wir beobachten können, im untersuchten Zeitraum in den Geschichtssendungen aller Sendeanstalten als Strategien der Authentifi- 247 97 Pläne zur Gleichstellung existieren, bis auf den Bayerischen Rundfunk, im HR, MDR, NDR, ORB, SDR, SFB, SR, WDR und im ZDF (Holtz-Bacha 1995). zierung und Beglaubigung. Wie im gegenwärtigen Diskurs hinlänglich disku- tiert (vgl. dazu: Adelmann; Keilbach 2000), können wir hierbei eine leichte Veränderung in der Gewichtung jener Gestaltungsmittel bestätigen, die von den Filmemachern eingesetzt werden, um für den Zuschauer einen authenti- schen Eindruck des gezeigten Geschehens zu erzeugen. Waren es traditionell dominant die originalen Bild- und Tonaufnahmen, im Sinne eines Vorzeigens, hier vor allem die Originalbilder, die für die Markierung des Historischen und damit der Wahrheit des Gezeigten standen, so sind es heute dominant die Zeitzeugen, auf die der Filmemacher des dokumentarischen Genres im Hinblick auf die Authentizität des Präsentierten setzt. Das originale Bild- und Ton- material, der Originalschauplatz sowie die Dokumente, Archivmaterialien und Quellen erfüllen in der Dokumentation noch immer die Funktion der Beglaubi- gung des Gezeigten, erscheinen unserer Ansicht nach aber insgesamt betrachtet der Dominanz des Zeitzeugens und einer durch diesen vorgeführten erlebten Geschichte untergeordnet. Die Präsentation eines individuell erlebten Ge- schichtsausschnitts, mit welchem sich das objektive historische Geschehen dem Zuschauer personalisiert darbietet, wird dem Dokument übergeordnet, womit eine Emotionalisierung des Gezeigten erreicht wird und sich so die Nachhaltigkeit des Eindrucks und gleichzeitig die Identifikationsmöglichkeiten für den Zuschauer erhöhen. Die Bedeutung, die der Zeitzeuge im Kontext von Authentifizierungs- und Beglaubigungsstrategien innerhalb des dokumentarischen Genres in den letzten Jahren, so auch in dem untersuchten Zeitfenster, erlangt, steht im Zusammen- hang mit der in den historischen Wissenschaften etablierten Methode der „Oral History“, das heißt, einer im Ganzen zu beobachtenden Aufwertung der Funk- tion des Zeitzeugens im historiographischen Diskurs. Die individuelle münd- liche Zeugenaussage wird in den Geschichtswissenschaften zum technischen Hilfsmittel historischer Forschung. Mit ihr hat die „Dimension des Alltäg- lichen“ (Niethammer 1985) in die Geschichte Einzug gehalten und fragt nach der Subjektivität derer, die bisher als Objekte der Geschichte gesehen wurden. Aus der Perspektive „von unten“ – aus der Sicht des Einzelnen und seiner Lebensgeschichte betrachtet – zerfallen die abstrakten, politischen und gesell- schaftlichen Kategorien, von denen wir umgeben sind, und das menschliche Leben offenbart sich als sehr viel komplexer, als dies in den bisherigen theoreti- schen Hypothesen vorgesehen war. Gleichzeitig verlieren mit der Hinwendung zum individuellen Lebensbericht politische und ökonomische Paradigmen der modernen Gesellschaft ihre Be- deutung und werden in die Rolle von Rahmengrößen zurückgedrängt. So er- scheinen historische Begebenheiten in den Erinnerungsinterviews weitestgehend losgelöst von den Faktoren, die Macht konstituieren, und es ist dieser Umstand, der in sich die Möglichkeit birgt, die Geschichte zu demokratisieren (a. a. O., S. 8 ff.). Einhergehend mit einer solchen Entwicklung innerhalb der histori- 248 schen Wissenschaften, sind die Zeugenaussage und das Erinnerungsinterview in den audiovisuellen Medien respektive der historischen Dokumentation im Fernsehen zu einer gängigen Methode geworden, Geschichte zu rekonstruieren, die dabei auf vergleichbare Möglichkeiten, aber auch Grenzen stößt, wie sie in der Oral History als Forschungsmethode der Geschichtswissenschaft zu beobachten sind. Mit all den ihr immanenten Schwächen, der Ungenauigkeit und Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses, des selektiven, vorstrukturierten und subjektiven Charakters der Aussagen, besitzt diese Methode eine ganz eigene Authentizität, die die verborgenen Ebenen zu Tage treten lässt und so der „Wahrheit“ etwas näher rückt. So bezieht sich die Dominanz der Verwendung des Zeitzeugens in der historischen Dokumentation auf die Leistungsfähigkeit der Zeugenaussage und des biographischen Lebensberichtes bei der Rekon- struktion von Geschichte in audiovisuellen Medien im Hinblick auf eine Authentifizierung des so vorgeführten Geschehens, erreicht durch dessen Per- sonalisierung und Emotionalisierung sowie ein Identifikationsangebot für den Zuschauer. Aus diesem Grund ist es auch nicht verwunderlich, dass der Zeitzeuge in siebzig bis neunzig Prozent aller ausgestrahlten Sendeminuten innerhalb des Untersuchungszeitraumes fast aller Sendeanstalten zu sehen ist. Mit seiner Person beglaubigt der Zeitzeuge die Glaubwürdigkeit eines bestimmten histori- schen Geschehens, steht innerhalb des Gestaltungskonzeptes einer historischen Dokumentation für ein – „So ist es gewesen!“ – und damit für ein Authentizi- tätsversprechen, welches das Zuschauerinteresse zu binden vermag. Als Person, die von einem historischen Geschehen aus individueller und damit authenti- scher Perspektive berichtet, stellt der Zeitzeuge für den Zuschauer nicht nur ein Identifikationsangebot dar, sondern wird dabei für den Filmemacher ebenso zu einem Bildangebot, mit dem es ihm gelingen kann, Geschichte im Fernsehen sichtbar und für den Zuschauer (nach)erlebbar zu machen. Der Aspekt des „Nacherlebens“ der „großen“ Geschichte in der Erzählung des Einzelnen wird hier zur zentralen Schlüsselfigur der Präsentation von Geschichte im Fernsehen. In Bild und Ton, für den Zuschauer hautnah, wird der Zeitzeuge in der Ge- schichtssendung in Szene gesetzt und erscheint hier vornehmlich im On. Was der Zuschauer so multisensuell (auditiv und visuell) erlebt, trägt den Charakter des Unmittelbaren und steht damit für seine Glaubwürdigkeit. Dem Zuschauer wird, im audiovisuellen Modus doppelt verbürgt, die Möglichkeit geboten, die hier erzählte Geschichte als „echt“ zu erleben – zum einen durch alle dem augenblicklichen Moment der Erzählung innewohnenden Eigenschaften sowie andererseits durch die Möglichkeiten, die das Bild an zusätzlichen Sinnes- wahrnehmungen bietet. Dabei können die Aussagen der auftretenden Zeugen durch die Unmittelbarkeit der vorgeführten Situation entweder bestätigt oder konterkariert werden, was im Erleben des Zuschauers aber in jedem Falle den Eindruck des Authentischen hinterlässt. 249 Grundsätzlich sind sowohl das Zeitzeugeninterview, als auch der Zeit- zeugenbericht dem Modus des Narrativen eigen, und es lassen sich hier jene signifikanten Veränderungen in der Konstitution der medialen Zeugenfigur beobachten sowie die Transformation der Funktion, die sie innerhalb von histo- rischen Dokumentationen zu erfüllen haben, wie sie Judith Keilbach beschreibt. Sie geht davon aus, dass es seit den 60er Jahren mit dem zu verzeichnenden deutlichen Anstieg der Anzahl historischer Sendungen in den Programmen der einzelnen Sender, eine Veränderung innerhalb der Darstellungskonvention und der Präsentation von Zeitzeugen zu beobachten gibt. War die Funktion des Zeitzeugens zunächst im Sinne eines juristischen Zeugen gedacht und ins Fernsehen übernommen worden (Keilbach 2003a), so dominiert er gegen- wärtig in der Funktion des individuellen Erzählers von erlebter Geschichte, um diese für das Publikum nacherlebbar zu machen. Für einen solchen Be- fund spricht auch die im Untersuchungszeitraum beobachtete Dominanz des Zeitzeugenberichtes bei fast allen Sendeanstalten, was dem Vorgebrachten eine besonders persönliche Note gibt. Lediglich von den privaten Sende- anstalten sowie der Sendergruppe 3sat und ARTE wurde das Zeitzeugen- interview als Modus, in dem der Zeuge zu Wort kommt, bevorzugt und somit erscheint er hier in der innerhalb der Geschichtswissenschaften gepflegten Art und Weise, der Zeitzeugenbefragung, der allerdings im audiovisuellen Modus auch unterhaltende Elemente, beispielsweise Elemente der Talkshow, zu eigen sind. Die Präsentation der Zeitzeugen geschieht in den meisten aller analysierten Fälle in einer individuellen Umgebung, das heißt, einer sehr persönlichen und privaten Atmosphäre, was ganz deutlich im Kontext der Strategien der Perso- nalisierung und Emotionalisierung und einer damit einhergehenden Authentifi- zierung der vorgeführten Person zu beurteilen ist. An Bedeutung gewonnen hat auch die Präsentation des Zeitzeugens vor einem schwarz-weißen oder auch vereinheitlichten Hintergrund, wie sie in der ARD und dem ZDF dominant zu finden ist. Hier setzt man mit einer entgegengesetzt ausgerichteten Strategie der Präsentation, die dem Zuschauer einen neutralen Raum suggeriert, der mit der Vorstellung von einem Laboratorium oder einer Lehranstalt korrespondiert, dagegen auf die Verbürgtheit, die Objektivität und Authentizität des Berich- teten. Mittelbar oder unmittelbar dienen diese beiden, im Untersuchungszeit- raum überwiegend vorgefundenen Präsentationsformen der Zeitzeugen in den Geschichtssendungen im Fernsehen, der Authentifizierung eines dominant im Modus des Narrativen dargebotenen historischen Geschehens. Parallel zu der gewachsenen Bedeutung des Einsatzes von Zeitzeugen in historischen Dokumentationen und deren gewandelter Funktion in den letzten Jahren hat das „klassische“ Element des Dokumentes seine Bedeutung als wichtiges Mittel der Veranschaulichung historischer Zusammenhänge behaup- ten können. Schriftliche Überlieferungen beziehen ihren Wert nicht unwesent- 250 lich aus der Tatsache, dass sie auch Grundlage der historischen Wissenschaften sind. Das Ansehen, und damit Echtheit und Glaubwürdigkeit, erfährt das Doku- ment durch seine Versicherung innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses, die auch auf das Medium Fernsehen abfärbt und Gültigkeit hat. Historiker stützen sich bei ihrer Arbeit und Argumentation auf die schriftlich fixierte, verbürgte Echtheit des Geschehens. Diese Orientierung am Wort schlägt sich in historischen Beiträgen auf der Ebene des Kommentars nieder, dem didakti- sche Funktion zukommt. Das Gesagte wird durch das demonstrative Zeigen von originalen Dokumenten als Spuren von tatsächlich Gewesenem in histori- schen Beiträgen untermauert. Die Authentizität der Dokumente entspringt ihrer Niederschrift, die dem Publikum als Beglaubigung des Gesagten unterbreitet wird. Archivarische Unterlagen und Quellen erfahren in der Untersuchung über den gesamten Zeitraum von nahezu zehn Jahren einen kontinuierlichen Einsatz. Insgesamt schwankt ihre Verwendung zwischen knapp fünfzig Prozent bei den Privaten bis zu mehr als zwei Dritteln bei allen öffentlich-rechtlichen Anstalten. Im Hinblick auf Zeitgeschichte und der mit ihr auftretenden filmischen Dokumente tritt das bewegte Bild neben die Schriftdokumente. Der besondere Reiz liegt sicher in der visuellen Stärke des Mediums, welches elementar auf dieser Ebene wirksam ist. Die Bilder werden durch Musik, Montage und ins- besondere den Off-Kommentar in einen Kontext gestellt. Der dokumentari- sche Charakter des Originalfilms verleiht dem Off-Kommentar Authentizität. Wiederholt ist festgestellt worden, dass es sich bei den in historischen Fern- sehsendungen gezeigten Bildern oft um immer dieselben Bilder handelt. Die Zweit- und Drittverwertung von Bildern führt beim Zuschauer zur Fixierung eines Bilderkanons, der bei bestimmten Ereignissen aufgerufen wird und prä- sent ist (Viehoff 2005). Diese Bilder sind jedoch bereits mit gewissen Vorstel- lungen verknüpft und nicht mehr uneingeschränkt für neue Inhalte verfügbar, auch wenn die bekannten Bilder vielfach neu zusammengeschnitten und mit einem neuen Kommentar versehen werden (Keilbach 2002). Die an bestimmte Bilder bereits angelagerten Assoziationen zusammen mit der Tendenz, auf die in den Archiven gelagerten Filmdokumente zurückzugreifen, kann dazu führen, dass Bilder, die in einem bestimmten Kontext entstanden sind, nun willkürlich, unter Ausblendung ihres Entstehungszusammenhangs, zur Bebilderung eines anderen (Themen-)Beitrags genutzt werden. Beispielsweise die oft unreflektiert ausgestrahlte Sequenz der brennenden Synagoge von Riga (Loewy 2002), Sinnbild der Verfolgung der Juden. Hier stellt sich dann die Frage nach der vermeintlichen Authentizität des Filmmaterials, aufgrund seines dokumentari- schen Charakters, und dem Entstehungszusammenhang der Bilder (vgl. das Interview mit Michael Kloft, in: Wolf 2005). Um diesem Recycling und der Abnutzung der Bilder und den mit ihnen assoziierten Konnotationen zu ent- gehen, werden neue und kostspielige Wege beschritten. Zum einen wird nach 251 noch unbekanntem oder unentdecktem Filmmaterial gefahndet (vgl. Beate Schlanstein 5.4.1 Workshop-Dokumentation), wobei sich die Suche nach un- verbrauchten Beständen weltweit auch auf andere Archive ausdehnen kann (Knopp 2003). Zum anderen werden auch private Filme von Amateurfilmern (Blümlinger 2003) oder farbige Originalaufnahmen, die vor allem auch das jüngere Publikum ansprechen (sollen), gesucht und verwendet. Die Bedeutung, die Originalaufnahmen für zeitgeschichtliche Dokumenta- tionen haben, ist in allen vier Sendergruppen über die Jahre hinweg kontinuier- lich hoch. Schwarz-Weiß-Aufnahmen haben einen Anteil von rund achtzig Prozent am ausgestrahlten Sendevolumen von Geschichtsfernsehen. Und auch die farbigen Originalfilme sind fester Bestandteil historischer Beiträge, wenn auch in geringerem Umfang. Über die Herkunft der filmischen Elemente wird nicht sonderlich häufig Auskunft gegeben und auch die Indizierung nicht stan- dardisiert, sondern im Gegenteil unterschiedlich gehandhabt (vgl. Tab. 66 und 67). Anzumerken ist hierbei, dass eine Indizierung meint, dass es Angaben zu bestimmten verwendeten Quellen gab; es schließt aber nicht automatisch ein, dass alle filmischen Dokumente ausgewiesen wurden. Der Originalschauplatz gewinnt seine Authentizität dadurch, dass sich ein historischer Vorgang an dieser Stelle tatsächlich zugetragen hat und dieser Platz auch heute noch „erfahrbar“ ist. Fernsehmacher wie Zuschauer spekulie- ren auf eine „geschichtsträchtige“ Stimmung vor Ort, die ein Ereignis der Historie in der Nacherzählung (visuell) wiederbeleben. Schauplätze dienen in Dokumentationen der Veranschaulichung und, besonders wenn es sich bei der Darstellung um längst vergangene Epochen handelt, dem sich Hineinversetzens in Zeiten und Milieus. Zusätzlich bringen sie Abwechslung und Vielfältigkeit in die Darstellung, indem sie neben die herkömmliche, eher statische Abbil- dung von Briefen und Urkunden treten. Das, was auf der verbalen Ebene dem Zuschauer zu Gehör kommt, findet sein visuelles Pendant im Besuch von Stätten, die vielfach nichts mehr mit den ursprünglichen Gegebenheiten zu tun haben und nur noch Überreste von Einsti- gem sind (Lanzmanns Film „Shoah“, Frankreich 1985). Mit dem Aufkommen der Oral History und dem Einsatz von Zeitzeugen erfährt diese Art der Schau- platzbesichtigung eine neue Qualität. Das Begleiten von Menschen, die die Ereignisse selbst erlebt haben, an Orte der Vergangenheit (vgl. Tab. 69) drama- tisiert das Ganze in eigentümlicher Weise. Die ganz eigene Authentizität des Ortes und die des Zeugen verschränken sich auf visueller und verbaler Ebene, die Beglaubigungsstrategien überschneiden sich und erhöhen die Glaubwürdig- keit des Gezeigten und Gehörten. Letztlich verstärkt der Zeuge die Wirkung des Schauplatzes mit seiner physischen und/oder verbalen Gegenwart. Die Distanz zu historischen Ereignissen, die durch das pure Zeigen der Stätte(n) ohne Referenz auf ein Individuum, das über seine eigenen Erlebnisse berichten kann, wird aufgehoben und wirkt dadurch emotionalisierend. 252 Die Besichtigung von Orten, an denen historische Gegebenheiten statt- fanden, gehört zum festen Repertoire aller Sendergruppen (vgl. Abb. 33). Min- destens in der Hälfte aller Sendungen jeder Sendergruppe wird wenigstens eine Stätte der Vergangenheit bemüht. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass alle Elemente der ästhetischen Gestaltung, die innerhalb von Authentifizierungs- und Beglaubigungsstrategien fungieren, dem Modus von Geschichte als „Erzählung“ untergeordnet sind. Der individuelle Zeitzeugenbericht oder auch das ebenso individuelle Zeit- zeugeninterview personalisieren und emotionalisieren die erzählte Geschichte, die als Vergangenheit eines Einzelnen für den Zuschauer nacherlebbar wird und gleichermaßen so ein Identifikationsangebot darstellt. Das originale Bild- und Tonmaterial, der Originalschauplatz sowie die Dokumente, Archivmateria- lien und Quellen sind Bildangebote, die im Voice-over-Verfahren aus dem Off durch einen allwissenden Kommentator oder auch einen Zeitzeugen kommen- tiert werden, das heißt, auch als Dokumente einer übergeordneten Dramaturgie der Erzählung dienen, die sowohl die historischen Wissenschaften, als auch das Genre der audiovisuellen Vermittlung historischen Wissens dominiert. 5.4 Die Rolle der Akteure 5.4.1 Workshop-Dokumentation Am 3. und 4. März 2005 führte das Projekt einen zweitägigen Experten-Work- shop zum Thema „Historische Ereignisse im Fernsehen“ durch. Geladen waren Forscher, die sich im akademischen Kontext der Beschäftigung mit Geschichte zuwenden, und Redakteure der verschiedenen Fernsehanstalten, die innerhalb der jeweiligen Geschichtsredaktionen, das heißt, von der praktischen Seite her, der Vermittlung von Geschichte professionell nachgehen. Die anwesenden Historiker waren: – Dr. Frank Bösch, Ruhr-Universität Bochum – Prof. Bodo von Borries, Universität Hamburg – Dr. des. Judith Keilbach, Freie Universität Berlin – Dr. Habbo Knoch, Georg-August-Universität Göttingen – Prof. Gerhard Paul, Universität Flensburg – Prof. Karl Prümm, Philipps-Universität Marburg – Prof. Wolfram Siemann, Ludwig-Maximilians-Universität München. Um von vornherein eine möglichst große Bandbreite an Diskussionsthemen und Argumentationsgrundlagen zu stellen, die den Kontext der Vermittlung von historischem Wissen im Medium Fernsehen kennzeichnen, wurde bei dem Workshop auf eine kontroverse Gegenüberstellung der vorrangig theoretisch 253 arbeitenden Experten und der Spezialisten aus dem praktischen Arbeitsfeld gesetzt. Von den kontaktierten Fernsehvertretern der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten konnten alle bis auf Esther Schapira vom Hessischen Rund- funk und Guido Knopp vom ZDF der Einladung nachkommen. Ein Mitarbeiter einer privaten Anstalt konnte ebenfalls gewonnen werden. Dieser Redakteur, der SPIEGEL TV-History-Sparte, konnte allerdings durchaus für mehrere private Sender sprechen, da das geschichtliche Programmsegment von SPIEGEL TV sowohl auf dem Sender RTL, als auch bei VOX und Sat.1 ausgestrahlt wird. Auch im Untersuchungskorpus erscheint SPIEGEL TV auf den genannten priva- ten Sendern (z. B. 12. 09. 1995, Sat.1: SPIEGEL TV-Reportage „Der Todesengel von Auschwitz – die Geschichte des SS-Arztes Josef Mengele“; 25. 06. 1999, VOX: SPIEGEL TV-Themenabend „Die Eroberung des Weltraumes – 30 Jahre Mondlandung“). Zu den anwesenden Gästen aus den geschichtlichen Fernseh- redaktionen gehörten: – Dr. Ulrich Brochhagen (MDR, Redaktion Zeitgeschehen) – Michael Kloft (Leiter bei SPIEGEL TV-History) – Beate Schlanstein (WDR, Redakteurin in der Programmgruppe Geschichte) – Dr. Meggy Steffens (BR, Redaktion Zeitgeschichte). Des Weiteren nahmen die Projektmitglieder Edgar Lersch, Ulrike Kregel, Sabine Pabst und Reinhold Viehoff teil. Um sich dem Thema „Historische Ereignisse im Fernsehen“ diskursiv zu nähern und auch die bisherigen Ergebnisse der Projektforschung zu reflektie- ren, bildeten kurze Projektberichte zur Kernfrage des Projektes und dem Zwi- schenstand der Forschung, die von den Mitarbeiterinnen Kregel und Pabst sowie von Prof. Lersch vorgetragen wurden, den Auftakt des Workshops am 3. März 2004. Die fundamentale Aufgabenstellung der Abbildung der propor- tionalen Verteilung geschichtlicher Fernsehsendungen im Gesamtprogramm der öffentlichen-rechtlichen sowie der privaten Sendeanstalten wurde dabei von Sabine Pabst in einem expliziten ersten Darstellungsrahmen vorgestellt. Im Anschluss an diesen methodischen und inhaltlichen Überblick zum Forschungs- projekt der LfM „HEiF“ entfaltete sich unter allen Teilnehmern, insbesondere hier den Programmmachern des Fernsehens, eine rege Diskussion zu den grundlegenden Begrifflichkeiten von „Geschichte“ im Fernsehen sowie den problematischen zeitlichen Eingrenzungen des theoretischen, aber auch prak- tisch angewandten Begriffes. Zentrale Fragen waren hier etwa: Wie weit muss ein Ereignis zeitlich zurückliegen, um als „historisch“ zu gelten? Woran koppelt sich die Bedeutsamkeit eines Ereignisses, damit es für eine mediale Vermitt- lung historisch relevant wird? Mit dem Ausblick auf eine tiefer gehende Er- örterung eben jener Kernpunkte während des Kolloquiums konnten Antworten mit Verweis auf den vorgegebenen Geschichtsbegriff aus der Ausschreibung gegeben werden. Die Fernsehvertreter stellten übereinstimmend fest, dass 254 gerade bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehinstitutionen eine klare Definition existiere, was als „Geschichte“, „Zeitgeschichte“ und „Zeitgeschehen“ dekla- riert wird und wie diese inhaltlich fixierten Themengebiete auf die einzelnen Redaktionen aufzuteilen sind. Dem zweiten Diskussionstag des Workshops lagen fünf große Diskussions- punkte zugrunde, die zwischen den Experten aus Praxis und Theorie bespro- chen wurden. Der erste Punkt der Debatte handelte von dem Problembezug „Unterhaltung und Erleben“ sowie davon, ob und wie sich eine solche Dyade im Kontext von Geschichtsdarstellung im Fernsehen darstellt. Insbesondere von den Programmmachern wurden hierzu die veränderten Ansprüche des Publikums heute und der inhärente Zwang zur spannenden und bindenden Gestaltung (den Zuschauer an das Programm binden, an den Sender, an das präsentierte Thema etc.) betont, die sich dann wiederum auch auf die Redak- tions-Budgets niederschlagen, mit denen ein Programmmacher über einen Zeit- raum von häufig 12 bis 24 Monaten „haushalten“ muss: Schlanstein (WDR)98: „Es kann sein, dass ich innerhalb von drei Monaten mehr Geld ausgebe, als bei einem anderen Projekt in sechs Monaten oder zweieinhalb Jahren. Der Trend geht auch dahin, dass sowohl die Zuschauer, als auch die Geschäftsführung der Sender erwarten, dass gelegentlich so etwas wie ‚Hochglanz‘ ins Programm gebracht wird. Das hat in der Regel auch etwas mit einem sehr hohen, spezifizierten technischen Aufwand zu tun. Dahinter stehen zum Teil andere technische Produktionsverfahren als bei einem üblichen, video-produzierten Fernsehstück. […] Die adäquate Frage, die sich hier stellt, lautet: Ist der Aufwand, gemessen am Ergebnis angemessen, das heißt, für den Zuschauer sichtbar, spürbar, erfahrbar gewesen? Manchmal ist es eine ganz preiswerte Produktion, die den Zuschauer am meisten mitreißt.“ Der Bezug auf finanzielle und institutionsinterne Restriktionen der Entschei- dungshierarchie in einem Sender stellt einen zentralen Dreh- und Orientierungs- punkt für die Redakteure der öffentlichen-rechtlichen Sendeanstalten dar, auch in Anbetracht dessen, was sich an geschichtlichen Inhalten visuell ansprechend realisieren lässt und was eben nicht. Dies wurde in der allgemeinen Diskussion immer wieder betont. Schlanstein (WDR): „Wir haben immer ein bestimmtes Zeit- und Geldbudget und sind gehalten mit diesem Geld, nach bestem Wissen und Gewissen, das Seriöseste, das Interessanteste und das Packendste anzubieten, was dann auch wirklich immer sehr exakt überprüft wird. In diesem Zusammenhang sind uns manchmal die Gedenktage ganz hilfreich, da kann 255 98 Alle im Folgenden genannten Zitate sind das Ergebnis der Verschriftlichung der Diskussionsbeiträge des Workshops und werden mit Genehmigung der Teilnehmer abgedruckt. In einem Fall haben wir diese Genehmigung nicht erhalten, die entsprechenden Beiträge fehlen deshalb hier. Das Material, die Videobänder und deren Transkription sind im Besitz des Institutes für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. man nichts falsch machen. Spätestens drei Monate vor einem solchen werden wir ge- fragt: ‚Was macht das Fernsehen zur Befreiung von Auschwitz, zum sechzigsten Jahres- tag, zu Einstein?‘ usw.“ Auf die anschließende Zwischenfrage, wer denn genau diese Anforderungen an die Fernsehredaktionen stelle, folgte: „Die Gremien, die die Sender kontrollieren. Die Anfragen kommen ganz klar. Der Rundfunkrat des WDR hat sich irgendwann einmal eine große Liste vorlegen lassen, was Hörfunk und Fernsehen zum Kriegsende im heutigen Sendegebiet machen. Am Anfang war es noch nicht genug und dann wird man darum gebeten, es bitte noch ein bisschen mehr zu differenzieren. Das ist die eine Seite, eine andere: Wir erhalten unend- lich viele Vorschläge von Menschen, die davon leben, dass sie Filme machen. Und wir haben als Redaktion, und das geht quer durch alle Systeme, den Ehrgeiz, selber Themen zu setzen und zu entwickeln. Und da auch mitunter an der Spitze der Entwicklung zu sein und sei es dadurch, dass wir, im Unterschied zu den textorientierten Geschichts- wissenschaftlern, manchmal als erste eine Bildquelle zeigen und auswerten können.“m Michael Kloft (SPIEGEL TV) sagt über die Auswahlkriterien beim Privatfern- sehen, bei welchem die Zuschauerzahl – die „Quote“ – noch mehr als bei den Anstalten von ARD und ZDF als einziges Entscheidungskriterium über Erfolg oder Misserfolg einer Sendung/Sendereihe entscheidet und somit letztendlich die Themenauswahl und die Gestaltungsweise von Geschichtssendungen im Fernsehen beeinflusst: „Ich produziere fürs Privatfernsehen. In der Regel produzieren wir für die Sender Sat.1, RTL, VOX […] und natürlich schaut man, ob ein Film eine entsprechende Quote gehabt hat oder nicht. Das heißt aber nicht, dass man nicht sagen kann: ‚Dieses Thema ist uns so wichtig und gefällt uns so sehr, dieses wird unserer Ansicht nach nicht laufen‘ und meistens ist man doch überrascht, dass es läuft. Aber man kann auch sagen ‚Das ist so interessant, das ist so wichtig, wir machen es trotzdem‘. Also der Quotendruck ist so groß dann auch wieder nicht.“ Neben den erstgenannten Unterhaltungs- und Erlebens-Bezügen von Geschichts- sendungen wurden im weiteren Verlauf vier zusätzliche Faktoren in die Debatte integriert, die das Spannungsfeld zwischen einem theoretisch-wissenschaft- lichen Zugang zur Historie und dem primär visuellen Zugang der Fernsehbilder beschreiben. Der zweite Schwerpunkt der Debatte entsprach dem Problem des zulässigen oder unzulässigen Vergleichs von historiographischem Text der Historiker und audio-visuell aufbereitetem Fernsehbild eines geschichtlichen Ereignisses. Hierbei ging es ebenfalls um die Einbindung von Zeitzeugen und generell die Verwendung von Archivmaterialien für die Präsentation sowie um die Frage, wie sehr die Programmmacher den „Vorwurf“ einer manipulierenden und stark emotionalisierenden Bilderpräferenz reflektieren. Im dritten Diskus- sionspunkt wurde das Problem eines Qualitätsmaßstabes für geschichtliche 256 Sendungen im Fernsehen aufgeworfen und wie eine entsprechende Bewertung „guter“ und „schlechter“ Geschichtssendungen gestaltet werden könnte. Eine Erörterung von jeweils individuell gewählten Beispielen „guter“ und „weniger guter“ Geschichtsdarstellungen, wie sie die Redakteure und Wissenschaftler aus eigener Arbeit oder Rezeptionserfahrung einschätzten, half dabei, ungefähre Kriterien entlang einer Achse von Wahrheitstreue, Materialtreue und spannend aufbereiteter Information zu bestimmen. Der vierte und fünfte Schwerpunkt schlossen sich nahtlos an die Dar- stellungsfrage und deren Bedingungen an, sind die gewählten Diskussions- komplexe doch alle theoretisch auseinander dividierte Faktoren, die in der praktischen Betrachtung zu komplex ineinander verwoben sind, um sie als Einzelkomponenten der Fernseharbeit herauszulösen. So waren also die „Emo- tionalisierung“ geschichtlicher Darstellungen (vierter Schwerpunkt) sowie die „Produktionsbedingungen“ und das mögliche „Innovationspotenzial“ (fünfter Schwerpunkt) Themen, die immer wieder in die Gespräche mit einflossen. Einzelne, besonders aufschlussreiche Statements sollen an dieser Stelle ver- suchen, den Kern der Diskussion ansatzweise zusammenzufassen: [Thema: Geschichtliche Darstellungen im Fernsehen vs. in der Wissenschaft] Kloft (SPIEGEL TV): „Was ich sehr aufschlussreich finde ist, dass das Fernsehen eigentlich immer im Mittel- punkt der Kritik steht. Unlängst gab es ein Interview mit einem Kollegen, einem Profes- sor, der mit Zeitzeugen sprach und behauptete, dass die Zuschauer permanent unter- fordert sind und von uns, den Redakteuren, alle möglichen Dinge verlangte, die wir sowie das Fernsehen leisten sollen. Ich finde, das ist eigentlich der falsche Ansatz. Das Fernsehen kann das alles gar nicht leisten, was da so von den Kollegen verlangt wird. Das Fernsehen kann nicht der verlängerte Arm der Geschichtswissenschaft zum Zu- schauer sein, nur weil es die Möglichkeit hat, auch größere Schichten, Konsumenten zu erreichen. […] Ich finde, dass es eigentlich ein Nebeneinanderleben von Geschichts- wissenschaft und Geschichte im Fernsehen gibt und noch mehr geben sollte, in dem sich beide gegenseitig befruchten können. Das geschieht im Übrigen auch schon viel häufiger, als das in der Öffentlichkeit dargestellt wird. […] Ich bewege mich nun nicht in einem luftleeren Raum, sondern ich muss natürlich ver- suchen, alle mögliche Information, die zu dem Thema gehören, auch bestmöglich zu- sammenzutragen […]. Aber ich glaube, da kann ich auch für alle Kollegen sprechen, das ist sehr, sehr viel Arbeit und Zeit, die wir investieren, das möglichst gut zu machen. […]“ [Thema: ‚Holocaust‘ (amerikanische Spielreihe im Fernsehen) und Aufmerksamkeit] „Wenn man über Aufmerksamkeit spricht, kommen wir zum Thema Unterhaltung. Da hat sich sicherlich durch die Einführung der Quote ins Fernsehen, in den letzten zwanzig Jahren […], eine stärkere Anbindung an die Unterhaltung bei der Vermittlung von 257 Geschichte im Fernsehen ergeben und die Quoten haben dem ja auch Recht gegeben. Da kann man lange darüber streiten, ob man das darf oder nicht darf, ich stehe auf dem Standpunkt, so lange es gut recherchiert ist, so lange es in Zusammenarbeit mit der historischen Wissenschaft gemacht ist, ist meines Erachtens alles erlaubt. Ich glaube nicht, dass man die Geschichte im Fernsehen einem Erziehungsnetzwerk unterziehen muss, also es gibt ja immer die Forderung, dass alles muss abgesichert sein von Histori- kern, es darf nichts Eigenständiges passieren […]. Ich glaube, dass Journalisten oder die Historiker, die im Fernsehen arbeiten durchaus in der Lage sind, selber entscheiden zu können, was sie machen und was sie nicht machen können. […] Die einzige Sorge ist natürlich, dass wissenschaftliche Diskussionen, das heißt unter- schiedliche Standpunkte nicht mehr klar werden. Ich finde, das sollten die Filmemacher oder Dokumentaristen oder Featuremacher beachten und den Diskurs fördern. Ich halte das für besonders wichtig.“ [Thema: Themenfindung und spezifischer Arbeitsaufwand in Fernsehredaktionen] Kloft (SPIEGEL TV): „Da gibt es keine Regel. […] Die Themen kommen nicht immer von uns selbst, manch- mal ist es eine Buchveröffentlichung, die wir mit einem Film begleiten. Wir beschäftigen uns natürlich damit, wenn es die Zuschauer interessiert und das ist der wichtigste Punkt. Es ist nicht so, dass wir im stillen Kämmerlein sitzen und überlegen, wie können wir jetzt den Zuschauer dazu bringen, sich dies oder jenes anzuschauen. Das kann man gar nicht vorher planen. Das kann ich jetzt als Beispiel nehmen: ‚Wie setzt man das um im Film?‘. Also wir haben die Erfahrung gemacht: Serien laufen nicht, Serien sind etwas, was gut läuft bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Das ist natürlich auch nicht richtig, was Sie sagen [Herr Paul, Anm. d. A.], dass Filme in drei Monaten entstehen. Natürlich gibt es das auch in bestimmten Segmenten, in denen die finanziellen Mittel gering sind, dass man nicht viel Zeit hat, um einen Film zu produzieren. Aber ich glaube, bei den wichtigen großen Sendungen sind ein, zwei, drei Jahre keine Seltenheit. Das heißt ja nicht, dass ich diese Sendungen drei Jahre lang ausschließlich produziere, aber bei den großen, lang angelegten Projekten ist das überhaupt keine Seltenheit. […] Es geht nicht immer nur darum, womit man die größte Quote erreicht. Es geht schon in erster Linie darum, dass wir uns Gedanken machen, was könnte für den Zuschauer interessant sein und da erlebt man doch immer wieder Überraschungen, was gut läuft und was nicht läuft. Das ist eigentlich der beste Beweis, dass wir nicht diejenigen sind, die die Themen setzen und dominieren und den Zuschauern eine Sichtweise verordnen.“ Schlanstein (WDR): „Ich habe parallel immer so im Schnitt 25 Projekte auf meinem Schreibtisch liegen – parallel! Das geht von der Originalton-Archiv-Collage bis hin zur Dokumentation mit Spielszenen und […] Dialog. Da ist eine Bandbreite, da lässt sich kaum eine Sendung mit der anderen vergleichen. Das geht von Produktionszeiten von vier Wochen bis zu zweieinhalb Jahren. Klar gibt es so einen Durchschnittsfall – den Kompilationsfilm: Zeitzeuge, Schauplatz, Archivaufnahmen – wenn das Archivmaterial nicht zu schwierig zu suchen ist, dann findet das im Zeitraum zwischen drei und sechs Monaten statt. 258 Auch bei den Projekten, die zweieinhalb Jahre laufen, ist es nicht so, dass wir Leute auf pure Luxusreisen schicken.“ [Thema: Zielgruppe und Vorkenntnisse beim Zuschauer] Schlanstein (WDR): „Wir haben ja nun noch zusätzlich die Situation, das Publikum, das wir zusätzlich er- reichen wollen, bezahlt auch das, was wir da tun, mit den Gebühren. Es gibt unter- schiedliche Publika. Wir haben es mit dem ganz normalen Menschen zu tun, der abends, aus welchem Grund auch immer, vor dem Fernseher sitzt, guckt, was ihm angeboten wird und dann mit der Fernbedienung entscheidet, ob er dranbleibt oder nicht. Es ist kein interessierter, kein speziell vorgebildeter oder vorgewarnter Zuschauer, den wir da vorfinden. […] Das heißt, die Herangehensweise muss zwangsläufig eine ganz andere sein. Wir können nicht darauf setzen, dass wir irgendjemanden mit sozusagen Fach- diskussionen über den Charakter von Quellen fesseln können. Der Griff zur Fernbedie- nung ist […] immer schneller geworden und die Leute haben ganz andere Sehgewohn- heiten. Sie sind auch sehr viel kompetenter geworden […] in der Unterscheidung von Darstellungsformen. […] Innerhalb von den zwei Minuten, die ich maximal habe, um einen Zuschauer zu überzeugen, muss ich klar machen, auf welcher Ebene der Darstel- lung ich mich bewege. […] Ich denke, was sich da in den letzten Jahren wahrscheinlich verändert hat, gegenüber der Generation, die vor uns in den Redaktionen gesessen hat, ist, dass wir permanent gefordert sind, uns mit den Sehgewohnheiten der Zuschauer und ihren Veränderungen auseinander zu setzen und das dann auch noch auf dem Spagat, dass es noch eine junge Generation gibt, die unendlich viel kompetenter ist, als wir es noch im gleichen Alter waren und dass aber die große Menge der Zuschauerschaft immer noch etwas älter ist als wir. Das alles müssen wir erreichen.“ Kloft (SPIEGEL TV): „Kurzfristige Produktionen sind manchmal besonders teuer. Wenn zum Beispiel eine öffentliche Diskussion stattfindet über den Bombenkrieg, dann ist es natürlich besonders aufwendig, dazu in kurzer Zeit eine Dokumentation herzustellen. Auf der anderen Seite kann man dann natürlich in sehr vielen Fällen auch auf vorher schon gesammelte Erkenntnisse, Materialien, Kontakte usw. zurückgreifen.“ [Thema: Produktionsbedingungen, Arbeitsweise freier und fest angestellter Mitarbeiter] Schlanstein (WDR): „Der Autor oder die Autorin, die alles selbst und im Alleingang macht, ist längst nicht mehr das Mehrheitsmodell. Es wird auf Dauer wohl auch ein Auslaufmodell werden. Ich denke, dass dies eine typische Ausprägung der 70er und 80er Jahre war. Heute ent- steht der allergrößte Teil von dokumentarischen Programmen eben nicht mehr durch frei für einen Sender herumflitzende Mitarbeiter, sondern durch Filmproduktionsfirmen, die zum Teil hoch spezialisiert sind und einen festen Mitarbeiterstamm haben. Dabei machen einzelne beispielsweise nichts anderes, als zu recherchieren. Die einen machen nur Materialrecherche, die anderen machen ausschließlich Drehortrecherche, dritte ent- wickeln Stoffe, die sie den Sendern antragen zur weiteren Entwicklung. […] Heute 259 greifen die Sender aus guten Gründen natürlich auf diese sehr spezialisierten, sehr kompletten und sehr professionellen Angebote von Firmen zurück. […] Ich kann Geld für lange Recherchen, für teures Archivmaterial, für sehr aufwendige Drehreisen, für Inszenierungen mit einem hohen Ausstattungsaufwand und für computergenerierte Re- konstruktionen und Bilder ausgeben. Es muss aber immer am Thema, am Stoff und an der gewählten Erzählweise plausibel bleiben.“ [Thema: Inszenierungsmöglichkeiten und fehlende Kennzeichnung von Nachstellungen] Schlanstein (WDR): „Vor drei Jahren gab es in der ARD noch das ganz klare Diktum: ‚In Dokumentationen der ARD wird nicht inszeniert.‘ Das hat sich so natürlich nicht halten lassen, einfach weil der internationale Markt sich anders verhält. Die Ansage ist jetzt: ‚Es kann, wenn es aus dem Stoff, aus der Erzählung gut begründbar ist, auch inszeniert werden.‘ Es muss aber an jeder Stelle für den Zuschauer erkennbar bleiben. Das heißt, dieses Ver- schränken von Schnitt zu Schnitt – ich ergänze einfach ein bisschen selbst hergestelltes Archivmaterial durch die Bilder, die eben die Originale nicht hergeben – ist nicht erlaubt, weil es einfach historisch absolut nicht integer ist. Damit würde ich ja etwas Falsches vorspielen. Aber mit einer Szene, die handelnden Menschen, ob sie nun spre- chen oder nicht, ins Bild zu setzen, was einen Sachverhalt nachstellt, wie er sich ab- gespielt haben kann (von dem wir aber kein anderes Bild haben), das bleibt erlaubt, solange es formal für den Zuschauer immer erkennbar bleibt, in welcher Ebene wir uns da gerade befinden. […] Ich will ein Beispiel zur Verfahrensweise nennen. Im Prinzip ist klassisch: Zeitzeugen plus Archivmaterial. Es wurde dort [das Beispiel einer Dokumentation „Die Schlacht von Montecasino“, Anm. d. A.] aber so verfahren, dass das Archivmaterial jeweils auf einem Soldaten endete, der groß im Bild ist und unter diesem Teil des Archivbilds begann ein O-Ton im Off. Die so genannte Bauchbinde, die sagt, wer da redet, war auf das Archivbild gestanzt und nicht auf den Zeitzeugen. Was natürlich nahe legt – ‚Die haben Archivmaterial gefunden, auf denen dieser Mensch, der heute als Überlebender und Zeitzeuge auftritt, im Bild von damals zu sehen ist‘ – das stimmt natürlich über- haupt nicht. […] Da war im Grunde genommen die Regel verletzt, dass der Zuschauer zu jedem Zeitpunkt wissen soll, wo er sich befindet. […] Es gibt dann auch den anderen Fall. Ich erinnere mich, es erzählte ein Kollege von der BBC, nachgestellte Szenen sind mittlerweile so überzeugend, dass auf einmal ein paar Jahre später jüngere Kollegen hingehen und sie als authentisches Archivmaterial verwenden. Und da ist der Punkt, da beginnt man zu fälschen.“ Kloft (SPIEGEL TV): „Ich finde aber, dass man trotzdem nicht so rigoros sein darf und etwa feststeht, das darf ich jetzt nicht machen oder diese Grenze darf ich nicht überschreiten. Wenn es gut gemacht ist oder einen Sinn hat, dass die Grenze bewusst überschritten wird, sollte man es im Sinne der Inszenierung tun. Ich denke da an eine Dokumentation […] über George Orwell. Es gibt nicht eine Sekunde Archivmaterial von George Orwell, kein bekanntes Filmmaterial. Der Autor oder die Autoren des Films haben sich dann ent- schlossen, das komplette Archivmaterial mit einem Schauspieler nachzustellen und das 260 Archivmaterial in ihrem Film einzusetzen. Aber der ganze Film besteht nur aus ‚ge- fälschtem‘ Material und das finde ich wieder gut, wenn es gut gemacht ist. […] Ich finde es legitim, so etwas zu machen. Das bedeutet aber, dass man trotzdem vorsichtig sein muss.“ [Thema: Qualität von Geschichtsdokumentationen] Steffens (BR): „Den Dreiteiler ‚Offiziere gegen Hitler‘ halte ich für eine gelungene Produktion. Es gibt da zwar Einschränkungen von meiner Seite, aber die [Einschränkungen; Anm. d. A.] liegen bei mir persönlich im Musikeinsatz, der war mir zu stark, zu überbildlich.“ Kloft (SPIEGEL TV): „Eine Produktion, die ich besonders gut fand, war ein Film über ein U-Boot, das 1987 vor der Küste von New Jersey von einem Fischer gefunden wurde. Ein deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg. […] Das war eine große Co-Produktion mit dem amerikani- schen Fernsehen und ein gelungener Film, weil er alle Elemente enthielt. Er hatte nicht nur die reine Kriegsgeschichte des U-Bootes […], sondern war auch verbunden mit einer Reportage über zwei Extremtaucher, die versuchten, das Rätsel des U-Bootes zu lösen. Das dritte war die emotionale Dimension, die der Film geliefert hat […]. Man konnte wunderbar die Details, die die Geschichtswissenschaft herausgearbeitet hatte, einarbeiten in diese Mischung aus Reportage, Dokumentation und emotionalen Darstel- lungen. […] Nicht besonders gut gefallen hat mir die Dokumentarreihe ‚Goebbels‘, von 2004. Eine Historikerin, Elke Fröhlich fungiert als eine Art ‚Host‘ dieser Sendung, als Erzählerin dieser Geschichte. Goebbels wird interpretiert, psychologisierend, aus den Tagebüchern. […] ich fand es nicht richtig, der Frau Fröhlich […] diese Funktion der psychologi- sierenden Erzählerin zu geben. Und dann kamen noch ein paar andere Sachen dazu, beispielsweise dass da Interviews eingespielt wurden, die alt waren, von anderen ge- macht worden waren. Es war ein Sammelsurium von Materialien und es ging von vornherein bloß darum, den bösen, bösen Goebbels darzustellen. Das reicht mir nicht, um dieser Figur nah zu kommen.“ Schlanstein (WDR): „Dieser Dreiteiler [der angesprochene Goebbels-Film; Anm. d. A.] ist ja auch intern unglaublich strittig diskutiert worden. Was man ungut wahrnimmt, hat natürlich einen ganz klar zu benennenden Ausgangspunkt: Es sind keine kritisch geführten journalisti- schen Interviews, die dem zugrunde liegen. Es sind sozusagen fertig vorgefundene Bekenntnisse, die vor einem vollständig anderen Hintergrund abgegeben worden sind. Das heißt, man hat eigentlich nur fertig vorgefundene Aussagen genommen und ein- geschnitten. Da war es natürlich offen Fake, man hat die Aussagen der Historikerin Fröhlich in einer ganz anderen und Sinn verfremdenden Form verwendet, als sie im Interview entstanden sind. Sie hat etwas getan, was natürlich Ausdruck ihrer hohen professionellen Beschäftigung mit den Tagebüchern ist. Sie hat interpretiert bis hinein ins Einfühlen in den Tagebuchschreiber und sie kommt nur damit vor, an keiner Stelle mit ihrer kritisch distanzierten Haltung als Historikerin. Und da stellt man sich natür- lich schon die Frage: […] ‚Warum erklärt die mir jetzt, dass dem armen Herrn Goebbels 261 manchmal ganz weh ums Herz war? Das gehört da doch gar nicht hin!‘ Und das mit dem Absender eines sehr ernst zu nehmenden historischen Instituts. Das, was ich erwarte von einem historischen Experten, ist natürlich wirklich die Vermittlung, die erklärende, aber auch die kritisch distanzierte Haltung.“ [Thema: Verpflichtung dem Zuschauer gegenüber und Reflexion der Wirkung] Kloft (SPIEGEL TV): „Ich glaube, man darf die Wirkung auch nicht überschätzen. Die Leute haben auch ein Interesse an bestimmten Dingen. Du musst jetzt nicht die allein selig machende histori- sche Darstellung liefern, die Leute, die sich dafür interessieren, informieren sich aus vielen verschiedenen Medien. Klar gibt es immer Leute, die das vielleicht nur konsu- mieren. […] Daran kann ich nichts ändern, dass die Leute das aufsaugen und vielleicht halbgar wieder ausspucken, indem sie das weitertragen. Deswegen glaube ich auch, dass unsere Einflussmöglichkeiten geringer sind als allgemein vermutet.“ [Thema: Ausrichtung dramaturgischer Muster an Zuschauerquoten] Kloft (SPIEGEL TV): „Natürlich kommt das vor. […] Ich arbeite für das kommerzielle Fernsehen, da ist das vielleicht auch noch ein bisschen anders. Wir haben sogar in der Sendung einen Werbe- break. Das heißt, da werden etwa sechs bis sieben Minuten Werbung dazwischen ge- sendet. Das heißt, ich muss die Zuschauer immer wieder dazu bringen, dass sie dran- bleiben. Das kann man natürlich nicht mit dem Thema machen. […] Wenn ich eine Quotenkurve sehe, die zur Werbung stark ansteigt und nach der Werbung wieder […], dann habe ich es dramaturgisch gesehen richtig gemacht. Das heißt aber noch lange nicht, dass es ein wirklich guter Film war, das ist ein anderes Kriterium.“ [Thema: Die mögliche Klassifizierung von Authentisierungs- bzw. Beglaubigungsstrate- gien bei Spielfilmen] Kloft (SPIEGEL TV): „Ich finde, das [die Wirkung von Beglaubigungsstrategien in Spielfilmen; Anm. d. A.] wird total überbewertet. Die Zuschauer kriegen das schon mit, dass das ein Spielfilm ist, den sie sich ansehen. Manchmal werden da eben diese Leute erfunden, manchmal muss man sie sich erfinden. In diesem Fall [„Der Untergang“ von B. Eichinger; Anm. d. A.] Traudl Junge, die kann sich nicht mehr wehren. Ich finde das legitim, es hat mit Dokumentarfilmen nichts zu tun. Egal, wo ich diese Versatzstücke einsetze, es bleibt im Wesentlichen für meine Begriffe fiktional.“ Schlanstein (WDR): „Ich glaube, an dem Punkt sind die Vorgehensweisen diametral entgegengesetzt. Insze- nierung oder Dramatisierung in einer Dokumentation passiert nach unserem allgemeinen Verständnis dann, wenn ein Sachverhalt oder eine Szene im Prinzip dokumentiert und geklärt ist, es nur kein Abbild von ihr gibt. Niemand würde in einer Dokumentation hingehen und ausgerechnet das nachinszenieren, worüber es keine gesicherten Auskünfte 262 gibt. Das ist aber genau die Freiheit, die der Dramaturg oder der Drehbuchautor hat, wenn er sich in irgendeiner Form auf ein historisches Setting zurückzieht, da kann er natürlich alles das benutzen, was wirklich authentisch belegt ist. Aber es wird immer weiße Flecken geben, wo er dann natürlich die Freiheit der Fiktion hat. […] Damit wird man immer dort umgehen müssen, wo Spielfilme sich auf historische Ereignisse und Räume beziehen. Natürlich bewegen diese sich vor einer historischen Folie. Es wäre un- verzeihlich, wenn die Filmemacher nicht versuchen würden, bis ins kleinste Ausstat- tungsdetail sozusagen das Zeitkolorit, das Zeitbild so authentisch wie möglich herzu- stellen.“ [Thema: Gibt es so etwas wie eine natürliche Dramaturgie in der Geschichte? Genannt wird das Beispiel Stalingrad. Wenn ja, gäbe es aber doch Ähnlichkeiten zwischen Fakt und Fiktion und, daraus resultierend, Probleme der Differenzierung?] Schlanstein (WDR): „Die Ähnlichkeit liegt darin, dass letzten Endes doch immer die Bedürfnisse einer Erzählung befriedigt werden wollen. Etwas muss einen Anfang haben, eine Entwick- lung, möglichst eine dramatische Steigerung und irgendeine Auflösung. Und da bieten sich natürlich bestimmte Ereignisse eher an als andere. Strukturen sind in der Regel furchtbar schwer so zu verdichten, dass man daraus eine richtig packende Geschichte machen kann. Man fragt sich immer: ‚Welche historiographischen Diskurse lassen sich denn am einfachsten übersetzen in Filme?‘ Wenn einem Ereignis schon tatsächlich dieser dramatische Verlauf zugrunde liegt, dann liegt die Dramatisierung, egal ob fiktio- nal oder dokumentarisch, ja irgendwie auf der Hand.“ [Thema: Personalisierung, Erzeugung von Betroffenheit in Film- und Fernsehgeschichts- darstellungen] Steffens (BR): „Eichinger würde es nie einfallen [einen Dokumentarfilm zu machen; Anm. d. A.]. Er sagt ganz einfach: Das ist eine gute Story und historische Bezüge liefern mir gutes Grundmaterial. Er hat sich von uns, von unserer Redaktion, historisches Material, Zeit- geschichts-Dokumentationen kommen lassen. Er sucht sich diese Elemente zusammen, weil er es für eine spannende Geschichte hält. Nichts anderes! Die Dramaturgie macht Spannung. Und das haben die Spielfilmmacher gelernt.“ Schlanstein (WDR): „Genauso, wenn ich eine Geschichte in einem KZ ansiedle, wo natürlich die zentralen Fragen nach Schuld und Verantwortung gestellt werden. Wenn ich da mit der Fiktion so weit gehe, dass ich auf einmal zu völlig anderen Deutungen komme, als denen, die ja ohnehin schon schwer genug zu ertragen sind, die aber auch auf der Basis der von Historikern gestellten Dokumentenlage zu akzeptieren sind, auch da gäbe es einen gewaltigen Aufschrei. […] Man muss auch immer sehen, wie sehr berührt einen der Gegenstand, wie sehr ist man im Grunde von den implizit angelegten Fragestellungen und den implizit angebotenen Antworten ethisch und moralisch betroffen als Zuschauer. Daran machen sich dann auch letzten Endes, denke ich, zum Teil diese Authentifizie- rungsstrategien fest, wie intensiv sie sein müssen.“ 263 [Thema: Verwendung „ikonischer“ Bilder im Film, soziales Gedächtnis und Medien] Schlanstein (WDR): „Da spielen natürlich ganz zentral die Produktionsbedingungen eine Rolle. Eine Mög- lichkeit, die wir haben, ist eine sorgfältige Materialrecherche durchzuführen. Das heißt, irgendwo gibt es ein Stück Archivmaterial, was man ‚abklammern‘ und dann neu ver- wenden könnte. Das wird ja auch häufig genug gemacht, wenn entweder der Zeitdruck sehr groß ist oder einfach kein Geld für Reisen oder zusätzliche Recherchen zur Verfü- gung gestellt werden kann. In aller Regel bemühen sich ja jetzt neue Produktionen schon darum, dass man nicht immer in der Zweit- und Drittverwertungsschleife stecken bleibt, sondern dass man irgendetwas Neues und Frisches hinzufügen kann. Dahinter steckt ja dieses Unbehagen an dem multifunktionalen Archivbild, was einfach aus einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Zusammenhang stammt, für alles herhalten muss, was in die Nähe fällt. […] Man hat natürlich einen sehr weit reichenden Referenz- zirkel, wo immer ein Film auf den je älteren zurückverweist. Und wenn einmal ein Fehler drin steckt, dann wird dieser Fehler unendlich weiter transportiert. […] Das kann dann auch eine Leistung gut gemachter historischer Dokumentationen sein, dass wir den Bestand an historischem Archivmaterial sowohl erweitern, als auch diffe- renzieren. Also, was wir akquirieren, wird dann in aktueller Berichterstattung, in Kultur- magazinbeiträgen, wo es eben weder Zeit noch Geld gibt, sozusagen die Recherche an den Quellen zu betreiben, da wird es dann vielleicht auch differenzierter und möglicher- weise ‚richtiger‘ im historischen Sinne auftauchen können, wenn es auf der Ebene der in den Sendern archivierten Dokumentationen auch präziser und vielfältiger angelegt ist.“ [Frage nach dem Innovationsdruck, wenn nur alte, „verbrauchte“ Bilder vorhanden sind] Schlanstein (WDR): „Man kann das vielleicht mit Blick auf ‚Damals in der DDR‘ beantworten. Da war ganz klar, wenn der 17. Juni vorkommt, dann sicherlich nicht in Berlin. Das war natürlich genau aufgrund dieser Wahrnehmung: Das ist so übererzählt, da kann man eigentlich nur an einen gewissen Gähnreflex anknüpfen. Etwas Neues, etwas Überraschendes, etwas, was dann merkwürdigerweise auch als authentischer empfunden wird, kann man dann nur liefern, wenn man mindestens den Schauplatz wechselt. Damit ist man dann auf einem Terrain, was bislang noch nicht erzählt und dargestellt wurde. Und da hat man dann eine Chance, tatsächlich an den Gestus der Ersterzählung heranzukommen.“ [Thema: Geschichtsredaktionen als Mitgestalter des öffentlichen Gedächtnisses] Kloft (SPIEGEL TV): „Ich will schon einen Beitrag leisten, eine besondere Sichtweise oder ein Thema den Zuschauern nah zu bringen, es wäre falsch, das zu leugnen. […] Und ich bemühe mich auf meine Weise, das zu tun und habe mich ein bisschen darauf verlegt, mit Archiv- material zu arbeiten und das als Dokument ernst zu nehmen. […] (Beispiel Erlanger Institut für Volkheitskunde; Anm. d. A.) Die haben Riten, Feste und Volkskunst gedreht in Thüringen und Sachsen zum Teil. Es sind ganz erstaunliche 264 Dokumente über das einfache Leben im Nationalsozialismus. Und die zugängig zu machen, fand ich eine ganz unglaubliche Möglichkeit, etwas über diese Zeit zu er- fahren. Man muss es aber gleichzeitig dabei in den Kontext stellen, in dem es gedreht worden ist, nämlich, obwohl es Amateurfilme sind, ist es in gewisser Weise Propaganda. Aber wenn man das klar macht, erhält man einen neuen Baustein über diese Zeit.“ Schlanstein (WDR): „Es ist aber schlicht und ergreifend so: Es gibt unglaublich viele Bildquellen, die noch nicht erschlossen sind. [Bsp. Dokumentation über den 1. Weltkrieg] Selbst da, wo vorher klar war, dass es Bildmaterial gibt, ist, zum Beispiel einfach aus Zeitgründen, das Material immer nur bis zu einem bestimmten Punkt gesichtet worden. Konkret war es so: Im Bundesarchiv lagen eine ganze Reihe von Filmrollen. […] da lagen mehrere Filmrollen, da waren immer noch die alten Klammerzettel drin, die gingen immer exakt ungefähr bis zum Ende des ersten Viertels. Das heißt, bis dahin waren bestimmte Fund- stellen markiert und dann hatte es gereicht, dann hatte derjenige oder diejenige genug gefunden. Dann haben wir einfach mal den Luxus investiert und haben die Rollen zu Ende geguckt und wahnsinnig spannende Dinge gefunden. Die sind jetzt nicht wichtiger oder wertvoller als die anderen, aber da war es tatsächlich so, man sieht einen Zwölf- jährigen an einer Maschine im Rüstungsbetrieb oder genau das Bild, das in einem Tagebuch oder einem Brief beschrieben wird und hat auf einmal tatsächlich die bild- liche Entsprechung, was es natürlich reizvoll macht. […] Es gibt nicht immer diese Motivation, tatsächlich etwas ganz Neues zu machen. Manch- mal ist es sehr viel bescheidener. Ich denke mal, wenn man keine Haltung und keine Absicht hinter einer Dokumentation hat, dann wird sie in aller Regel auch nicht beson- ders gut.“ 5.4.2 Redaktioneller Alltag in Geschichtsredaktionen – Aus eigener Sicht Im Anschluss an den Workshop wurde eine Einzelbefragung (per Fragebogen) der Teilnehmer durchgeführt, um eine genauere Aufschlüsselung der Produk- tions- und generellen Arbeitsbedingungen in den Geschichtsredaktionen zu erhalten. Ein acht Fragen umfassender Fragebogen zu den Gebieten Mitarbei- terzahlen (freie und fest Angestellte), Themenauswahl/Themenfindung, Ver- änderung von Produktions- und Bearbeitungszeiten innerhalb der letzten zehn Jahre und zur Budgetierung der Redaktionen ging an alle teilnehmenden Re- dakteure des HEiF-Workshops. Außerdem versandten wir diesen kurzen Er- hebungsbogen auch an Fernsehredaktionen anderer Sender, welche nicht an der Expertenrunde hatten teilnehmen können. Zu unserem großen Bedauern hielt sich der entsprechende Rücklauf an senderinternen Informationen stark in Grenzen, er tendierte gegen null. Zu unserer Freude kam von Esther Schapira, Redakteurin und Ressortleiterin der Abteilung Zeitgeschichte des Hessischen Rundfunks, auch ein Schreiben, obwohl sie am 3. und 4. März 2004 leider nicht anwesend sein konnte. Es wurde so also möglich, auch zuvor nicht erreichbare Informationen in die Untersuchung mit aufzunehmen. Diese sehr 265 unbefriedigende Rücklaufquote lässt sich einerseits auf eine hohe Auslastungs- quote der leitenden Redakteure in den Fernsehredaktionen zurückführen – ein durchaus erfreulicher Tatbestand. Andererseits kann hierbei sicherlich aber auch eine generelle Skepsis und mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der theoretischen Fernsehforschung als Erklärung herangezogen werden.m Die nachfolgend dargestellten Angaben zur Redaktion „Zeitgeschichte“ beim BR und der gleichnamigen Abteilung beim HR stehen in engem Zusam- menhang zu den bereits während der Diskussionen des Workshops festgestell- ten Rahmenbedingungen. Die Redaktionsleiter befinden sich demnach in einem immerwährenden Spannungsfeld zwischen den Forderungen der vorgesetzten Instanzen des Sen- ders nach guten und besonders „gut laufenden“ (in Bezug auf eine hohe Ein- schaltquote und also Akzeptanz des Publikums) Geschichtsbeiträgen einerseits, andererseits müssen sie aber auch den Spagat zu ihrem eigenen journalisti- schen Selbstverständnis, ihren Ansprüchen nach Innovationen und möglicher- weise „unbeliebten“ wichtigen Themen und Protagonisten bewältigen. Immer mit Blick auf die entsprechende Zielgruppe des Senders, das jeweilige Format (Einzel-Dokumentation, Mehrteiler, Reihe etc.), das Thema und die Vorgaben des Sendeplatzes (Dauer, Ausstrahlungszeit, Rahmenprogramm) müssen sie täglich Entscheidungen für oder gegen Themen, für oder gegen Autoren, für oder gegen einzelne Darstellungsstrategien in einem geschichtlichen Beitrag treffen und dabei zusätzlich stets auf das zur Verfügung stehende Budget und die simultan laufenden Produktionen, die geplanten und in der Recherche-Phase befindlichen Beiträge achten. Dieses komplexe Geflecht aus eigenständiger Verantwortung für die Sendung und die Mitarbeiter sowie der Rechenschafts- pflicht „nach oben“ stellt sich als professionelle Belastung dar, die täglich von den Redakteuren gemeistert werden muss. Exemplarisch werden hier die Zeitgeschichtsredaktionen der beiden ARD- Sender, Hessischer Rundfunk und Bayerischer Rundfunk, vorgestellt. Die Ge- samtmitarbeiterzahl bewegt sich in beiden Redaktionen in einem ähnlichen Rahmen. Allein die Anstellungsverträge sind stark ungleich verteilt. So sind beim BR 28 Mitarbeiter für „Zeitgeschichte“ tätig (16 fest Angestellte und zwölf Freie), beim HR hingegen 23 Mitarbeiter mit nur zwei fest Angestellten und 21 Freien. In beiden Reaktionen ist mit der Bearbeitung eines Beitrages jeweils ein Autor beschäftigt. Der BR leistet sich zusätzlich dazu einen Redak- teur. Das Ausmaß des freien Gestaltungsraums und der eigenverantwortlichen Bearbeitungszeit eröffnet sich mit der durchschnittlichen Zahl von Besprechun- gen zwischen Redaktion und Autor während einer spezifischen Realisierungs- phase eines Beitrages. Bei einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit von drei Monaten99 bis zum sendefertigen Geschichtsbeitrag treffen sich die beauftrag- 266 99 Siehe dazu auch das Statement von Beate Schlanstein im Workshop oben. ten Autoren ca. sechs Mal mit der Zeitgeschichtsredaktion, um Exposé, Fort- schritte und Endabnahmen zu besprechen. Bei Bedarf können diese klärenden Sitzungen immer auch häufiger stattfinden, doch hat sich in beiden Sende- anstalten die Anzahl bei einem halben Dutzend Meetings eingependelt. Im Bereich der Themenfindung für neue Beiträge des Geschichtsprogramms treten die Abhängigkeiten der jeweiligen Instanzen in der Sendehierarchie deutlich hervor. So gibt Dr. Meggy Steffens an, die Themenfindung beim BR finde hauptsächlich ereignisorientiert statt, das heißt, dass Jubiläen des Kriegs- endes oder besonders auch regionale Jahrestage den Anlass zu entsprechenden Geschichtsbeiträgen geben. Esther Schapira vom HR ergänzte zu diesem Punkt, dass sich die Präferenz jahrestagsorientierter Themen aus der besseren Platzier- barkeit solcher Beiträge im ARD-Programm ergebe. Dabei würden die Ent- scheidungen für ein Thema zwar zunächst durch die Abteilung für Zeit- geschichte getroffen, danach gehe der Vorschlag jedoch noch den Weg durch die Hierarchie zum Chefredakteur und dem Programmdirektor, nachfolgend zum „Geschichtlichen Arbeitskreis der ARD“ und schließlich zur Chefredak- teurskonferenz. Erst wenn alle diese Stellen ein Thema akzeptiert haben, kann ein Vorschlag als Film realisiert werden. Einen Einblick in die Entscheidungs- findung aller genannten Instanzen gewähren die Aussagen zu den die Befür- wortung eines Beitrages beeinflussenden Kriterien. Insbesondere beim BR stehen in letzter Zeit die Kosten eines zu realisierenden Films (für Recherche, Archivmaterial, Personalkosten etc.) an vorderster Position, wenn über die Realisierung entschieden wird. Unter den weiter genannten Kriterien wie unter- stelltem Zuschauerinteresse, spezifischem Arbeitsaufwand eines Themas oder Qualität der Vor-Konzeption, betont Schapira, in ihrer Redaktion sei insbeson- dere ein guter Protagonist für die „Story“ von Bedeutung. Mit der Qualität der Dramaturgie stehe und falle ein Beitrag. Die Übersetzung eines Themas in eine dramaturgisch spannend erzählte Geschichte zeigt sich damit als primäre Bedingung der Realisation. Daneben seien weiterhin die Qualität des Archiv- materials entscheidend, die politische und inhaltliche Brisanz des gewählten Ausschnittes aus der Historie sowie eine gute „Handschrift“ des Autors. Inhalts- nahe und inhaltsferne Faktoren scheinen auch hier wieder in enger Inter- dependenz auf die Entscheidungsfindung einzuwirken. Relativierend auf den Punkt des Zuschauerinteresses bezogen („Schielen auf die Quote“), spricht Schapira von einer „nicht bestimmenden Bedeutung“. Die Antizipation dessen, was von den Zuschauern als interessant eingeschätzt würde, sei nicht immer richtig, vielmehr werde man oft überrascht, was „gut läuft“. Der ansteigende Druck durch die Kosten einer Realisation schlägt auf die durchschnittliche Realisationsdauer durch. So hätten sich die Spannen, von der Bewilligung eines Themenbeitrags bis zu dessen Sendung in den letzten Jahren (Steffens) verkürzt. Dies hänge vor allem mit den gestiegenen Kosten zusammen, welche durch straffe Realisationszeiten möglichst gering gehalten 267 werden sollen. Wie beim BR hat auch die Zeitgeschichtsredaktion beim HR ein jährlich vergebenes Budget zur Verfügung, um damit alle Beiträge zu produzieren. Esther Schapira meint im Gegensatz zu Meggy Steffens, dass die Produktionszeiten sich nicht verändert hätten, jedenfalls nicht im Hinblick auf die letzten zehn Jahre. Jedoch dauert heute ihrer Ansicht nach die Beantragung für Finanzierungen von Realisationen, welche außerhalb der etablierten „Stan- dard-Budgets“ liegen, sehr viel länger, weil der ebenfalls gestiegene Anspruch (der Zuschauer und des Senders) auf „Hochglanz“-Produktionen und teure Trickverfahren mit immens erhöhten Kosten einhergehe. 5.4.3 Zur näheren Betrachtung der Geschichtsredaktionen Wie Christian Lappe in einem Aufsatz über die geschichtliche Sektion des BR erläutert, gab es in den letzten Jahren einen Trend zur Veränderung der öffent- lichen-rechtlichen Anstalten in Hinblick auf die Prämissen der institutionellen Organisation der Sendeinhalte. So wurden aufgrund stark unternehmerischer Vorgaben vor allem Sendeplätze für Geschichte reduziert oder an die Rand- zonen des täglichen Programms verlegt, etablierte Geschichtsredaktionen auf- gelöst und umgestaltet sowie insgesamt das Themenspektrum eingeengt, so dass Geschichte in der ARD fast nur noch als „Zeitgeschichte“ auftaucht (vgl. Lappe 2003, S. 97). Den Gegebenheiten des Mediums entsprechend müssen sich auch die Informationssparten den Regeln der „Reduktion und Pointierung der Aussage“ (a. a. O.) unterwerfen. Diese Feststellung bestätigen die Bezeich- nungen der zuständigen Ressorts: So sind nicht nur beim Bayerischen Rundfunk, sondern ebenso beim Hessischen Rundfunk und selbst beim ARD-Partner- sender ZDF die geschichtlichen Sektionen auf „Zeitgeschichte“ orientiert (vgl. die websites der genannten Sender). Beim WDR heißt die zuständige Redak- tionsgruppe von Beate Schlanstein hingegen weiterhin „Geschichte/Zeitge- schichte“, womit eine breitere Orientierung offen gehalten wird. Beim Mittel- deutschen Rundfunk erreicht der Status von Geschichte eine stark aktuelle Färbung. Hier existiert keine explizite Redaktion „Geschichte/Zeitgeschichte“, sondern das Geschichtsprogramm findet, zweigeteilt, einerseits unter dem Namen „Zeitgeschehen“ statt und blendet dabei eine historische Verortung der Inhalte scheinbar gänzlich aus. Andererseits besteht die Zweiteilung in einer weiteren, eher kulturell geprägten Redaktion „Geschichte und Gesellschaft“ im Programmbereich „Kultur und Wissenschaft“. Im Vergleich dazu haben die privaten Sender generell keine eigenen Redaktionen, welche geschichtliche Inhalte medial aufarbeiten. Dem privatwirtschaftlichen Geschäftsprinzip fol- gend werden hier Mitarbeiter der kaum gewinnbringenden Informationspro- gramme aus ökonomischen Gründen eingespart und die entsprechenden Sen- dungen, die außerdem nur aufgrund staatlicher Auflagen gesendet werden müssen, von Produktionsfirmen (dctp oder SPIEGEL TV-GmbH) eingekauft. 268 Eine Abteilung der Mediengruppe SPIEGEL, SPIEGEL TV-History ist eine dieser Produktionsfirmen, die Geschichtsbeiträge im Rahmen der SPIEGEL TV-Formate herstellt und an verschiedene Privatsender verkauft.100 „Für das SPIEGEL TV MAGAZIN erstellt History aktuelle Beiträge mit zeithistorischem Bezug, für die REPORTAGE und das SPECIAL recherchiert und produziert das Team um Michael Kloft Aufsehen erregende Dokumentationen. History beteiligt sich an inter- nationalen Co-Produktionen und vermarktet seine Programme weltweit.“101 Wie Fritz Wolf in einer aktuellen Untersuchung zur Form des Dokumentari- schen im Fernsehen belegte, sieht der Leiter Michael Kloft seine Arbeitssitua- tion als relativ frei von jedem Quotendruck an, da die Informationsfenster der Privaten geschützte Sendeplätze seien. Eine Orientierung am vermuteten Zu- schauerinteresse erfolge dennoch ganz selbstverständlich.102 So z. B. bei dem Format SPIEGEL TV-Reportage, die am Montag auf Sat.1 „nur 24 Minuten Nettolänge“ hätte und an dieser Stelle die Zielgruppe „mehr auf Unterhaltung, denn auf Information“ aus sei und somit die „Gefahr der Überfrachtung“103 entstünde. Je nach Sendeplatz und zur Verfügung stehender Sendedauer könne er auch ein mehr oder weniger an Information interessiertes Publikum er- warten. „Zeitgeschichtliche Dokumentationen kommen bei den älteren Zuschauern meist besser an. […] Bei den Farbdokumentationen [hier: farbiges Material aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges; Anm. d. A.] ist es umgekehrt. Wir erreichen damit vor allem jüngere Zu- schauer, und das merken wir auch an den Rückmeldungen.“104 Auch Wolf beschreibt den bereits erwähnten Trend zur „Hochglanz“-Doku- mentation. Sonstige Vorgaben der ankaufenden Sender würden allerdings nicht an ihn gestellt, so Kloft, weder zu einer präferierten Darstellungsweise, noch zur inhaltlichen Dramaturgie der Beiträge. Man arbeitet eigenverantwortlich vor „dem Hintergrund des journalistischen Anspruchs aus dem Hause ‚SPIEGEL‘.“105 Zum neuralgischen Punkt der Zuschauerorientierung (und unterstelltem Qualitätsabzug) lassen sich auch Aussagen von Guido Knopp, dem Leiter der seit 1984 existierenden Abteilung „Zeitgeschichte“ des ZDF zitieren. So sieht er seine Arbeitsweise als gesamtgesellschaftlich orientiert an, das heißt, nicht einzelne Bildungsmilieus sollen angesprochen werden durch seine Sendungen, 269 100 Siehe dazu die Selbstaussage Klofts in der Workshop-Zusammenfassung. 101 Vgl. website der SPIEGEL-Gruppe Unter: www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/home.nsf/Navigation/ 3D9BC2D2318B2785C1256F5F00350B81?OpenDocument [Stand: 15. 09. 2005]. 102 Wolf, Fritz (2005). Trends und Perspektiven für die dokumentarische Form im Fernsehen. Düsseldorf (un- veröffentlichtes Skript). Unter: www.dokville.de. S. 44 [Stand: 15. 05. 2005]. 103 Ebd., S. 46. 104 Ebd., S. 47. 105 Ebd., S. 46. sondern im Gegenteil: Das von ihm erstellte Geschichtsprogramm soll „für alle Zuschauerschichten interessant sein“.106 5.4.4 Verortung der Geschichtsredaktionen in den Organisationsstrukturen der Sender Um die Verortung der Geschichtsredaktionen in ihren Sendehäusern noch genauer darstellen zu können und damit ansatzweise Einblick in die bestehen- den Abhängigkeiten der Redaktionen von sendeinternen Hierarchien zu er- halten, werden Organigramme der öffentlich-rechtlichen Sender zu Rate ge- zogen. Solche Organisationsschemata aller Instanzen eines Fernsehsenders können Aufschluss darüber geben, welchen inhaltlichen Bereichen Redak- tionen zugeordnet sind. Wie bereits festgestellt wurde, sind die meisten heute bestehenden Geschichtsredaktionen „nur noch“ der Zeitgeschichte verpflichtet und bewegen sich demzufolge also thematisch im Bereich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Alle früheren Epochen der Welt- und Nationalgeschichte würden dementsprechend von anderen, dokumentarischen Programmbereichen abgedeckt. Beim WDR findet sich die „Redaktionsgruppe Geschichte und Zeitge- schichte“ von Beate Schlanstein in der WDR-Programmgruppe „Gesellschaft und Dokumentation“ als ein Teilbereich des übergeordneten „Programm- bereichs II – Kultur und Wissenschaft“. Andere Programmgruppen in diesem Segment sind „Kultur“, „Religion und Bildung“, „Wissenschaft“ und „Service“. Hierbei fällt auf, dass die Zeitgeschichte explizit nicht „Politik und Zeit- geschehen“ (einem weiteren Programmbereich) untergeordnet wurde, sondern dem stärker auf Bildung, Wissenschaft und Kultur konzentrierten Sendezweig. Die oberste Instanz der insgesamt vier Fernseh-Programmbereiche des WDR (Landesprogramme, Politik und Zeitgeschehen, Kultur und Wissenschaft, Fern- sehfilm, Unterhaltung und Familie) wird durch den Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf vertreten. Auch beim Südwest-Rundfunk (SWR) ist die Redaktion „Bildung und Zeitgeschehen“, aus der Geschichtssendungen hervorgehen, der Abteilung „Wissenschaft und Bildung“ zugeordnet. Ähnlich wie beim WDR ist die nächst höhere Hauptabteilung „Kultur“, und die oberste Stufe bildet in diesem Organisationsstrang der Fernsehdirektor Bernhard Neilessen. Die neuesten strukturellen Umgliederungen des Bayerischen Rundfunks (BR) Ende 2004 bilden die beschriebenen Konzentrationsbestrebungen der Sendeanstalten ab. Hier wurden ab Dezember 2004 im Programmbereich „Wis- senschaft, Bildung, Geschichte“ vier Redaktionen zu einer fusioniert, genannt „Geschichte und Gesellschaft“. Die das historische Feld weit auffächernden 270 106 Knopp, Guido (1987). Zeitgeschichte und Geschichtsbewusstsein. In: Zweites Deutsches Fernsehen: ZDF- Jahrbuch 1986. Bd. 23. Mainz, S. 72. Redaktionen, welche nach der Strukturreform entfielen, waren: „Geschichte“, „Kulturgeschichte“, „Zeitgeschichte“ und „Besondere Aufgaben“. Der neu gestaltete Programmbereich „Wissenschaft, Bildung, Geschichte“ ist neben dem zweiten Bereich „Kultur und Familie“ dem Fernsehdirektor Gerhard Fuchs zugeteilt. Die Redaktion „Zeitgeschichte“ des BR leitet Dr. Meggy Steffens.m Der Hessische Rundfunk (HR) ordnet sich vom Fernsehdirektor H.-W. Conrad absteigend in das Programm-Management und die Herstellungsleitung. Unter dem Programm-Management befindet sich der Programmbereich „Politik und Zeitgeschehen“, darunter wiederum die einzelnen Fernsehbereiche. Die fünf werden aus den Bereichen „Aktuelles“, „Wirtschaft“, „Börse“, „Sport Radio & TV“ gebildet und der Abteilung „Politik und Gesellschaft“ unter- geordnet, der wiederum die Redaktion „Zeitgeschichte“ von Esther Schapira zugeordnet ist. Bei dieser Sendeanstalt findet sich das Geschichtssegment also im Unterschied zu den anderen Sendern explizit in einem aktuell-politischen Kontext, der weniger auf Wissenschaft und Kultur abhebt. Das ZDF strukturiert sich auf oberster Ebene in Fernsehrat, Verwaltungs- rat und Intendanz. Auf der nächst tieferen Hierarchieebene befinden sich die Gruppen Direktor Europäische Satellitenprogramme, die Gruppe Programm- direktor sowie eine Gruppe Chefredakteur. Neben den fünf Hauptredaktionen unter dem Chefredakteur ist „Zeitgeschichte/Zeitgeschehen“ einer von drei weiteren Programmbereichen. Die eher an aktuellen Inhalten arbeitende Redak- tion „Zeitgeschehen“ steht in enger personeller Verbindung zur Redaktion „Zeitgeschichte“ von Guido Knopp. 5.4.5 Zusammenfassung und Fazit Versucht man die dargelegten Arbeitsweisen und das Handlungsfeld der die geschichtlichen Fernsehredaktionen begleitenden Problemstellungen zusammen- zufassen, so lässt sich aus den Aussagen der Redakteure zunächst eine Tendenz zur professionell hochwertig produzierten Geschichtssendung/Dokumentation erkennen. Hier kommen computerbasierte Trickverfahren und Nachspiel-Szenen historischer Sujets („Reenactment“) zum Tragen wie gleichfalls eine insgesamt aufwendigere „Optik“ produzierter Filme, die beispielsweise durch bildtech- nische Nachbearbeitung von Archivmaterialien und die Nach-Kolorierung schwarz-weißer Original-Aufnahmen erreicht wird. Die zunehmende Präferenz für neue, „unverbrauchte“ Archivbilder ist ebenfalls ein Merkmal des gestie- genen Anspruchsniveaus, um das Publikum mit dem Neuigkeitswert der Bilder für historische Themen begeistern zu können. Der erhöhte Arbeitsaufwand schlägt sich auch in einem gestiegenen Kostenfaktor nieder, so dass eine Dis- sonanz zwischen dem Anspruch auf hochwertige Produktion und den finan- ziellen Grenzen des Budgets zum täglichen Spannungsfeld der Fernsehredak- tionen gehört. 271 Zu der Thematik der vermuteten externen Einflussnahme auf redaktions- interne Themensetzungen ließ sich weder in den Gesprächen während des Workshops noch aus den Interviews eine Bestätigung für hierarchisch struktu- rierte Vorgaben ermitteln. Den Angaben der praktisch arbeitenden Geschichts- experten folgend liegt die Themensetzung für Beiträge im Fernsehprogramm der Öffentlich-Rechtlichen und der Privaten zu weiten Teilen in den Redak- tionsteams selbst. Eine Orientierung erfolge laut übereinstimmenden Aussagen vor allem an nationalen wie regionalen Jahrestagen historischer Ereignisse, an thematischen Bezügen aus dem aktuellen historiographischen Diskurs und ebenso entspringen Themenvorschläge den vorgesetzten Gremien in den Fern- sehanstalten sowie externen Autorenangeboten. Ein explizites Übermaß an Einflussmöglichkeiten der Gremien der Fernsehräte auf die Redakteure besteht insbesondere in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht. Die privat- wirtschaftlichen Sender arbeiten an dieser Stelle nach freieren und eher an finanziellem Erfolg ausgerichteten Entscheidungsmechanismen. Die Einschalt- quote als „Erfolgsmaß“ eines geschichtlichen Formats im Fernsehen wird von den Redakteuren eher ambivalent beurteilt, führe doch eine unbedingte Aus- richtung von Beitragsthemen am vermuteten Zuschauerinteresse häufig auch zu Überraschungen, welche Themen auf wenig oder viel Resonanz beim Publikum stoßen. So gebe es durchaus häufig Themenkomplexe, die im Vorhinein in der Redaktion als eher wenig Erfolg versprechend eingestuft wurden, bei denen die Sendungen aber empirisch eine hohe Zuschauerquote erzielten. 5.5 Was ist eine gute Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen – für wen, wann, in welcher historischen Situation und für welches Leitmotiv? Ziel der vorliegenden Studie war es, kritisch die fernsehästhetischen, fernseh- institutionellen und vor allem auch programmgeschichtlichen Bedingungen zu klären, die maßgeblich beeinflussen, wie historische Ereignisse – und das Wissen über sie – im Fernsehen vermittelt werden. Dabei stand – aus er- kenntniskritischen wie medienwissenschaftlichen Voraussetzungen – nicht im Vordergrund, die vor allem in der Presse oft geführten Diskussionen um die „richtige“ Darstellung von Geschichte erneut aufzuarbeiten und in ihren Argu- menten zu wiederholen. Es sollte vielmehr durch dieses Projekt eine empirische Grundlage geschaffen werden, vor deren Hintergrund die mediale Inszenierung von Geschichte in den aktuellen Fernsehprogrammen fundiert verhandelt und beurteilt werden kann. Dabei war von vornherein klar, dass ein solches Projekt sich nicht auf die hot spots konzentrieren kann und darf. Es geht eben bei einer solchen systematischen Aufarbeitung nicht (nur) um jene punktuellen historischen Sendungen, die häufig zu hitzig geführten Besprechungen und 272 Diskussionen im Feuilleton führen. Es geht nicht allein um Sendungen, die – selbst wieder häufig – aus Anlass bestimmter Jahrestage geplant und gesendet werden. Es geht eben auch nicht (nur) um die meist kostenintensiven Einzel- produktionen mit Spielfilmlänge. Es geht schon gar nicht nur um die nach einem inzwischen bekannten Muster immer wieder aufflammenden kontro- versen Diskussionen um Geschichte im Fernsehen und ihre Anlässe, die histori- schen Filme aus der Werkstatt Guido Knopp. Denn solche, gewiss aktuellen und öffentlich beachteten Einzelfälle und Diskussionen blenden aus oder lenken davon ab, dass es einen umfangreichen und relativ stabilen, festen Programm- baustein „Geschichtsvermittlung“ im Fernsehen gibt. Diesem umfangreichen Programmbaustein galt das eigentliche Interesse des Projektes. Von der Konzeption und Anlage der Studie her wird dieser Programm- baustein über einen Zeitraum von rund 10 Jahren in seiner Substanz, seinen maßgeblichen Konventionen, seinen Tendenzen und Veränderungen beschrie- ben und bewertet. Im Ergebnis stellt sich in einem Punkt – vor aller im Fol- genden noch zusammenfassend beschriebenen Differenziertheit – absolute Klarheit her: Ohne die öffentlich-rechtlichen Programme – ARD mit dem ersten und dritten Programm, ZDF, ARTE, 3sat – und ihre beständige Arbeit an der Geschichte, an der Erinnerung und an ihrer medialen Inszenierung gäbe es diesen Programmbaustein Geschichte im Fernsehen so gut wie gar nicht. Die öffentlich-rechtlichen Programme bestimmen durch ihre Fernsehsendungen zu geschichtlichen Ereignissen, was in diesem Medium Standard des Zeigens und Sehens ist, was die medienöffentlichen Themen sind und natürlich auch, in welcher Erinnerungskultur die so dargestellte und aufgezeichnete Geschichte beheimatet wird. Die Ausstrahlung historischer Sendungen hat sich insgesamt, wie die Studie zeigt, über die untersuchte Zeit kontinuierlich gesteigert (neben der rein zahlen- mäßigen Steigerung auch im Umfang an Sendeminuten), die dauerhafte Platzie- rung dieses Programmbausteins im Fernsehen scheint heute mehr gefestigt als je zuvor. Vergleicht man die Ergebnisse resümierend, lassen sich allerdings Gemeinsamkeiten und Unterschiede z. B. in der Art und Weise der Präsenta- tion von Geschichte im Fernsehen zwischen den verschiedenen Anstalten fest- halten. Geschichte als Gegenstand und Thema von Einzelsendungen wie Serien stellt ein festes Element im Programmfluss des Fernsehens dar – ausdrücklich und relativ prominent bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten (ZDF, ARD- Dritte und 3sat /ARTE). Die privaten Sender berücksichtigen dieses Programm- segment zwar auch, jedoch sind hier Sendungen zur Geschichte viel (!) seltener und auch unregelmäßiger im Programm. Tendenzielle und weit reichende Ge- meinsamkeiten fallen bei der thematischen Schwerpunktsetzung der Sender auf. Als wichtiges und nicht überraschendes Ergebnis gilt hier: Die dargestell- ten geschichtlichen Inhalte und Themen sind meist in der nahen Gegenwart – 273 also im gerade vergangenen 20. Jahrhundert – angesiedelt. Es scheint auf- grund der Untersuchung aber nachweisbar, dass sich bei den öffentlich-recht- lichen und den privaten Sendern eine unterschiedliche Perspektive auf das Publikum herauskristallisiert hat: die Öffentlich-Rechtlichen setzen den „akti- ven“ Geschichtskonsumenten voraus und wollen dadurch einen Zuschauer „definieren“, der sich bewusst für eine historische Sendung entscheidet und diese interessiert und aufgeschlossen verfolgt. Die privaten Sender konzipieren eher ein anderes Publikum, nämlich eines, dass man durch „modernere“ Stil- mittel der Präsentation an historische Themen heranführen muss. Entsprechend organisieren die beiden Anbieterfraktionen ihre historischen Sendungen und Dokumentationen mit leichten Unterschieden. Beiträge werden generell so gestaltet, dass es zu einer Art festem Formen- kanon der historischen Dokumentationen und Geschichtssendungen gehört, Originale – Gemälde, Fotografien etc. – als visuelle Belegstücke und authenti- sche historische „Quellen“ einzublenden. Während dieses stilistische Element aber z. B. bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten regelmäßig benutzt wird, um historische Sendungen zu „historisieren“, setzen die Privaten häufig auf andere Mittel der Präsentation und andere Strategien der Vermittlung, z. B. vermehrt auf graphische Elemente, die ein leichteres Zurechtfinden ermöglichen und schnell über wichtige Kontexte informieren. Solche Unterschiede fallen auch bei den szenischen Rekonstruktionen auf: Doku-Dramen im Spielfilmformat sind eine Spezialität von ARD und ZDF (z. B. Heinrich Breloer), Animationen und computergenerierte Bilder eher der innovative Beitrag der Privaten zur Darstellung historischer Inhalte. Die Öffentlich-Rechtlichen haben insgesamt hier die wirkmächtige Darstellungstradition auf ihrer Seite, die sich in der Vergangenheit und durch die Gegenwart dieses Genres im Programm bewährt hat, ihre Stärke liegt eher im Reenactment als in der Animation. Insgesamt formt sich anhand der detaillierten Untersuchung ein Stil- und Genremuster für die historischen Sendungen im Fernsehen heraus, das kontu- riert wird durch ein bestimmtes mixtum compositum von Visualisierungs- und Präsentationsstrategien. Fester Bestandteil ist immer, visuelle Belegstücke und authentische historische „Quellen“, Ausschnitte aus Originalfilmen und Nach- richtensendungen usw. einzublenden, sie durch einen Moderator und/oder Experten distanziert, einordnend „historisch kommentieren“ zu lassen, durch Zeitzeugen die historische Gewissheit und Glaubwürdigkeit des Themas und Ereignisses individuell vorstellbar und – emotional – nacherlebbar zu machen, sozusagen um den „betroffenen“ Blick in die Geschichte zu ermöglichen. Durch diese personalisierten Formen der Vermittlung wird das Abstrakte des geschichtlichen Prozesses, werden überindividuelle historische Zusammen- hänge auf ein verstehbares Maß reduziert und transformiert. Experten und Moderatoren werden dabei meist im offenen, dialogischen Interview präsentiert, Frage und Befragter werden in ihrer wechselseitigen Kommunikation abgebil- 274 det, so dass die Gesprächssituation – dem Medium angemessen – dadurch eine eigene Dynamik erhält, je nach Schuss-Gegenschuss-Dramaturgie. Exper- ten und Zeitzeugen sich frei äußern zu lassen – ohne zwischengeschaltetes oder lenkendes Fragen und Drängen durch einen sichtbaren Interviewer – ist bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten beliebt. Es scheint oft so, dass man den Zeugen gewähren und seinen eigenen Rhythmus bei der Schilderung des Erlebten finden lassen will. Zum Genremuster gehört kaum ein ausgefeiltes Musik- und Geräuschar- rangement. Die Darstellung historischer Ereignisse konzentriert sich deutlich auf Visualisierung, nicht auf auditive Präsentationsvarianten. Das gilt allerdings dann nicht mehr, wenn die Inszenierung des Themas sensationalistische Züge annimmt, wie man sie aus TV-Movies kennt. Alle Sender konzipieren die historischen Sendungen als Gattung im Kontext von Infotainment, also als ein Genre, das als unterhaltende, spannende Darstel- lung eines geschichtlichen Themas inszeniert wird, von dem die Produzenten der Auffassung sind, seine Kenntnis sei kulturell nötig, durch einen aktuellen gesellschaftlichen Diskussionszusammenhang gewünscht oder als Anstoß zum Nachdenken über die Vor-Geschichte unserer Gegenwart generell sinnvoll. Die Untersuchung hat deutlich gemacht, dass hier – im Zusammenspiel von „Ästhe- tik“ und „Didaktik“ – die öffentlich-rechtlichen Sender insgesamt die größten Mühen investieren und auch Erfolge realisieren; gerade nicht, wie man (einem gängigen Vorurteil nach) vielleicht erwartet hätte, durch eine Über-Didaktisie- rung, sondern durch ein hohes Maß an ästhetischer Vielfalt und Qualität. Die deutlichsten Genrekonvergenzen zwischen den unterschiedlichen Pro- grammanbietern – den öffentlich-rechtlichen und den privaten – haben wir dort gefunden, wo die Bewegung des Genres auf den Zuschauer hin zu beob- achten ist: Dazu zählen solche Stilelemente wie die Nachinszenierung histori- scher Ereignisse und die thematische Konzentration auf das 20. Jahrhundert als Bezug auf den Erlebnishorizont der drei gegenwärtig lebenden Generationen.m Für die Präsentation von Geschichte im Fernsehen gilt: Es gibt in der unter- suchten Genreentwicklung kein schlichtes „entweder – oder“, unabhängig davon, ob es sich um programmstrukturelle Merkmale historischer Geschichts- sendungen, die Thematisierung bestimmter Inhalte (Epochen etc.) oder um den Einsatz der gestalterischen Mittel handelt, sondern es gibt eigentlich nur ein „mehr oder weniger“, ein „besser oder schlechter“. Es hat sich sehr stabil ein Formenkanon herausgebildet, der über alle Sendergruppen hinweg gepflegt wird: mit Dokumenten, Originalfilm und -ton, Experten und Zeitzeugen und einem die einzelnen Elemente verbindenden Off-Kommentar. Jenseits dieser konventionalisierten Stilmittel bricht das Genre am Rande auf und zeigt sich experimentierfreudig. Das betrifft insbesondere die ästheti- schen Gestaltungsmittel – Animationen, Genremerkmale aus dem Krimi oder der „großen Show“ –, die aus anderen Genres übernommen und kreativ in das 275 Programmsegment „Geschichte“ transportiert und integriert werden. Dabei werden die Übergänge fließend: War zum Beispiel die szenische Rekonstruk- tion zuerst ein zentrales innovatives Element des Doku-Dramas, findet sich heute kaum mehr eine historische Dokumentation ohne solche Rekonstruktions- stücke. Damit deutet sich auch für die Geschichtssendungen im Fernsehen eine Tendenz zur Universalisierung an. Wie andere ehemals mit scharfen Gren- zen versehenen und deshalb deutlich unterscheidbaren Genres entwickelt auch das Genre der Geschichtsdarstellungen eine so breite Vielfalt der Präsentations- formen und Themen, dass heute über Nitribit- oder den Profumo-Skandal, über die Fußballweltmeisterschaft von 1954 oder über den Weinbau an der Mosel ebenso eine historische Sendung möglich erscheint wie über das Ober- kommando der Wehrmacht bei der Exekution von „Barbarossa“, über Stalin- grad oder die V2 im Anflug auf London. Diese Entwicklung steht unseres Erachtens für ein langsames Aufweichen der starren Form resp. für eine Erweiterung des tradierten Formenkanons der Vermittlung von Geschichte im Fernsehen und für eine kreative Brechung von Erwartungen und Konventionen. Die manchmal gewöhnungsbedürftige Zu- lässigkeit solcher Gestaltungstendenzen hat die Gemüter in der öffentlichen Diskussion schon hinreichend erregt, die Gewöhnung an solche offenen Genre- strukturen ist aber eine allgemeine Tendenz des Fernsehens und deshalb auch nicht mehr wirklich überraschend. Was allerdings weiterhin nach den Unter- suchungen und Bewertungen kritisch beobachtet werden muss, ist die in diesem Kontext der offenen Struktur häufig unterbleibende Kontextualisierung der ein- gesetzten Medien, im Besonderen der Materialien aus Spielfilmen und Fernseh- archiven. Allzu häufig finden sich historische Sendungen, in denen dem Zu- schauer für sein Verständnis des Gezeigten wichtige Informationen vorenthalten werden: Informationen darüber, was wir die Dokumentengeschichte nennen, also Informationen darüber, was man gerade sieht, wer diese Bilder warum und in welcher Situation mit welchen Interessen hergestellt und verbreitet hat, warum sie archiviert wurden und welche Wirkungsgeschichte sie schon mit sich tragen. Der unreflektierte Einsatz solchen visuellen Materials gleicht ohne diese Informationen oft einer willkürlichen, manchmal auch direkt irreführen- den Bebilderung. Hier sind die Standards der Medienaufklärung im direkten Sinne in Zukunft deutlich zu verbessern. Eine der Gefahren, die sonst unausweichlich ist, und deren Vorläufer schon heute das eine oder andere Vergnügen an historischen Sendungen trüben, ist ja diese: Durch die Art der permutativen Präsentation werden immer dieselben Filmausschnitte, Bilder und Töne benutzt, so dass sich der Eindruck beinahe notwendig verfestigt, es handelte sich um die einzig mögliche – oder, was noch schlimmer ist, um eine beliebige – Deutung des Geschehens, die sich aus diesen Bilden und diesen Ausschnitten perspektivisch ableiten lässt. Gerade bei solchen Konstellationen, wo ikonische Bilder und Filmausschnitte immer 276 wieder benutzt werden, muss stärker als bisher die Dokumentengeschichte ein integrativer Teil der historischen Darstellung im Fernsehen werden. Dass das Genre der Fernsehdokumentation dazu neigt, einem allzu objekti- vistischen Geschichtsverständnis zu huldigen, war eines der Ergebnisse der empirischen Analysen. Dafür gibt es zahlreiche und unterschiedliche Ursachen, prominent gehört die historiographische Ausbildung der meisten Redakteurin- nen und Redakteure als ein Faktor dazu. Wichtig ist hier sicher auch die sug- gestive Macht der dokumentarischen Bilder zu berücksichtigen, die – nach einem alten, aber seit der Erfindung der Fotografie gut tradierten Missver- ständnis – die „Wirklichkeit“ zeigen, wie sie unverstellt und tatsächlich ge- wesen ist. Zu berücksichtigen ist schließlich auch die Erwartung der Zuschauer an das öffentlich-rechtliche Fernsehen, von dem man noch am ehesten „objek- tive“, d. h. eigentlich im Alltagsverständnis richtige Informationen erwartet. Aus diesen und weiteren Gründen heraus ist unseres Erachtens die weit ver- breitete Neigung zur Objektivität in den klassischen geschichtsdokumentari- schen Formen zu erklären. Diese Objektivitätssucht beeinträchtigt paradoxer- weise die „inhaltliche Präzision“ des Dargebotenen eher als – wie häufig unterstellt – die personalisierende oder emotionalisierende Zuspitzung der jeweiligen Themen oder der Einsatz szenischer Rekonstruktionen. Dieses Monitum betrifft nicht die – unbedingt einzufordernde – geschichtswissen- schaftliche Faktentreue. Allerdings kann eben nach dem Stand der historiogra- phischen Diskussion der letzten zwanzig Jahre eine solche wissenschaftliche Konvention zur Faktentreue nicht ausblenden, dass die Geschichtsdarstellungen im Fernsehen nicht schlichtweg an wissenschaftlichen Standardwerken im Buchformat gemessen werden können. Jenseits aller Konstruktivität der jewei- ligen geschichtlichen Perspektive haben geschichtliche Sendungen im Fern- sehen mit dem Medienwechsel und mit der anderen dispositiven „Perspektivi- tät“ der medialen Quellen zu arbeiten und deshalb andere historiographische Darstellungsprobleme und Lösungsmöglichkeiten. Auch viele historiographi- sche Standardwerke würden schlecht abschneiden, wenn man sie nach den Maß- stäben der medialen Möglichkeiten und Konventionen des Fernsehens beurteilte. Nun muss allerdings zugegeben werden, dass über diese medialen Möglich- keiten des Fernsehens und ihre jeweilige Genreangemessenheit bisher keine wirkliche Einigkeit besteht. Welche Kriterien für inhaltliche Präzision gelten sollen, dazu haben bisher weder Fernsehpraktiker noch die oben apostrophier- ten feuilletonistischen Fernsehkritiker noch die Medienwissenschaft oder gar die Geschichtswissenschaft bis in die Gegenwart eine klare Position gefunden und formuliert. In der Studie haben wir versucht, aus dem Fundus geschichtstheoretischer Überlegungen zu Begriffen wie „Wirklichkeit“ und „Objektivität“, „Fakten“ und „Fiktionen“, einige klare Positionen abzuleiten und Verdeutlichungen und Konsequenzen für die Geschichtsdarstellung im Fernsehen zu begründen. Was 277 die historiographischen Wahrheitsansprüche angeht, so hat sich bekanntlich inzwischen ein großer Teil der Geschichtswissenschaft von den Idealen quasi empirisch-naturwissenschaftlicher Objektivitätsnormen verabschiedet. Denn Geschichtswissenschaft vermag nicht „zu den Sachen selbst“ (Ranke) vorzu- dringen, vergangene Tatbestände können gar nicht als solche wieder im ge- schichtlichen Diskurs „hergestellt“ werden, sondern Vergangenheit wird auf Basis meist (aber keineswegs ausschließlich) medialer Repräsentanten des Vergangenen in sprachlicher Form (re-)konstruiert, in Bildern und in anderen Zeugnissen der Vergangenheit. Dabei geben die mit den bekannten quellen- kritischen Methoden bewerteten Repräsentanten konventionalisierte Sicherheit, dass diese Konstruktion nicht beliebig und willkürlich ist, sondern sich der Wirklichkeit annähert. Was den Konstruktionscharakter angeht, so kommt hinzu, dass die unübersehbare Vielfalt von Einzeltatbeständen etwa in einem be- stimmten Zeitraum nicht Gegenstand historiographischer Anstrengungen sein kann. Vielmehr wird immer vor der Tatsachenermittlung darüber befunden, nach welcher „Idee“, nach welchem Konzept „Fakten“ in einen sinnstiftenden Zusammenhang gebracht werden, beispielsweise nach einem personalistisch- politikgeschichtlichen oder nach gesellschafts- und strukturgeschichtlichem Zusammenhang. Ohne einen solchen Sinnhorizont, da sind sich alle Wissen- schaftler mehr oder weniger einig, sind die Tatsachen und Fakten gar keine. Wenn man diese Voraussetzung teilt, dann ist ein wichtiger Schluss zwingend: Für die Begründung des jeweiligen Sinnhorizontes müssen andere Kriterien herangezogen werden als solche aus dem Raum der Fakten und Tatsachen. Damit stehen aber immer unterschiedliche Sichtweisen in Konkurrenz zu- einander, damit konkurrieren immer bei geschichtlichen Darstellungen auch die Interessen und Motive, die zu gerade einem solchen wie dem vorgestellten Sinnhorizont geführt haben. Ausschließliche Geltung kann deshalb heute keine Sichtweise für sich beanspruchen, angesichts zahlreicher Forschungsrichtungen präsentiert sich Geschichtswissenschaft deshalb auch konsequent als multi- perspektivischer Diskurs, in dem sich die jeweils unterschiedlichen Sicht- weisen auf Dauer (vielleicht) ergänzen, (vielleicht) argumentativ überlagern. Dies wiederum setzt mindestens voraus, dass jede Perspektivierung ihre Prä- missen offenlegt, damit ihren Standort und so die Relativität ihrer Vergangen- heitskonstruktion markiert. Schließlich unterstellt jede sich nicht in reiner Strukturbeschreibung er- schöpfende historische Abhandlung einen sinnhaften Handlungszusammen- hang, den schon die Geschichtstheorie des 19. Jahrhunderts als Fiktion bezeich- nete, aber eben als notwendige fiktive Unterschiebung von Handlungsmotiven und Interessen bei den historischen Akteuren. Angesichts einer derartigen Differenzierung und Differenziertheit der historiographischen Begriffe und Pro- blemzusammenhänge sollten Fernsehdokumentationen den Zuschauern nicht suggerieren, dass sie zeigten, „wie es wirklich gewesen ist.“ (Guido Knopp in 278 der Eingangsmoderation einer „History“-Sendung Ende 2005). Insofern müssen sie – bei allem medialen Engagement – von ihrem Gegenstand ein Stück weit Abstand nehmen und versuchen, bei der Darstellung den multiperspektivischen Konstruktionscharakter der Vergangenheitsbeschreibung und der Sicht auf den Gegenstand aufscheinen zu lassen. Dass dies in einem Medium schwierig ist, das bei seinen Zuschauern mit Wirklichkeitsvermittlung konnotiert wird, und in dem wenig Spielraum für reflexive Programmformen besteht, sei ohne Wei- teres eingeräumt. Das ist unseres Erachtens aber kein letztes Gegenargument gegen eine solche Forderung an die Profession. Gleichwohl, Ansätze sind durchaus vorhanden, das klassische Formenreper- toire mit seiner tradierten Verknüpfung der immer gleichen Elemente aufzu- weichen, gerade in der Untersuchungsphase (2004/2005) war eine allmähliche Genredynamisierung nicht zu übersehen. Sie zeigt sich etwa bei Rand-Sendun- gen wie zum Beispiel den dctp-Reportagen und teilweise in den Geschichts- dokumentation bei SPIEGEL TV. Wenn Alexander Kluge mit seinem Pflicht- Fernsehen bei den Privaten spielt, dann nimmt er dort manchmal ästhetische Innovationen vorweg, die sich erst langsam bis zur Prime-Time-Tauglichkeit entwickeln, gegenwärtig aber noch ihr Nischendasein im Spätprogramm fristen. Aber gerade bei solchen Sendungen wie denen von Alexander Kluge wird deut- lich, dass die historischen Sendungen im Fernsehen immer auf einem schmalen Grad zwischen Ästhetik und Didaktik, zwischen dem klassischen prodesse et delectare balancieren müssen. Diese Balance muss nämlich austariert werden nicht nur zwischen solchen sich manchmal widersprechenden Leitlinien der Macher, sondern auch zwischen den Intentionen der Macher insgesamt und dem Wunsch des Publikums. Selbst wenn von diesem Publikum nichts bekannt ist, gilt beim Fernsehen die Grundüberzeugung, dass das Publikum immer auch unterhalten werden will. Das ist das sicher richtige Motiv für den be- kannten Spruch, der Guido Knopp zugeschrieben wird: Aufklärung braucht Quote. Eine langweilige Sendung, die niemand sieht und sehen will, nutzt tat- sächlich auch niemandem, auch nicht dem Macher und seiner Institution, auch nicht der Vermittlung von Geschichte und geschichtlichem Bewusstsein. Das Fernsehen als Bildmedium bietet ganz andere Möglichkeiten der Dar- stellung und Vermittlung historischen Wissens als jedes Buch, sei es nun wissen- schaftlich oder populär geschrieben. Die Stärke des Mediums Fernsehen liegt – bei aller Genauigkeit und Korrektheit der historischen Darstellungen – in der Fähigkeit, Personen zu zeigen und dem Zuschauer so Anteilnahme und Identifikation zu ermöglichen. Dabei bietet das Fernsehen alle Möglichkeiten, vom fast klassischen aristotelischen Theaterkonzept, das mit Furcht und Mitleid die Kluft zum Zuschauer überspringt, bis hin zum nicht-aristotelischen Theater der Moderne, seinen Verfremdungen, Distanzierungen und Affekten. Unseres Erachtens drückt sich darin – positiv – die Vielfalt der historischen Bericht- erstattung im Fernsehen aus. Michael Kloft, einer der Teilnehmer des Work- 279 shops, sieht gerade darin die besondere Leistung der Geschichtssendungen im Fernsehen, dass sie nämlich durch diese Vielfalt den Zuschauer auch über die einzelne Sendung hinaus für Geschichte zu interessieren vermögen. Die Produzenten in den Fernsehanstalten versuchen alle, mit dem verfüg- baren Budget und den ihnen zur Verfügung stehenden gestalterischen Mitteln das „Beste“ aus den historischen Stoffen herauszuholen. Dass sie dabei andere Standards anlegen als die fachwissenschaftliche Disziplin, bedeutet nicht auto- matisch einen Qualitätsverlust bei der Transformation der Inhalte vom Buch ins Fernsehen; denn der damit verbundene Medienwechsel ist grundsätzlich. Die oft zu hörende These einer „Verflachung“ der historischen Inhalte bei der Aufbereitung für das Fernsehen kann nicht bestätigt werden. Dagegen spricht neben den Untersuchungen am Material auch, dass die Sendeanstalten es zu ihrem Image zählen, kompetent bei der Behandlung historischer Stoffe zu sein Die Sender sind deshalb aus eigennützigen Motiven – Imagemanagement – daran interessiert, sich auf dem prestigeträchtigen Feld der Geschichtsdarstel- lung zu etablieren und positiv zu präsentieren. Mit Geschichte kann man Quote machen. Schließlich entscheidet die Quote – als Akzeptanz beim Publikum – darüber, ob die Mittel zu Recht ausgegeben worden sind. Aber Quote darf nicht das Maß aller Dinge sein, und bei den untersuchten Sendungen ist das auch mehrheitlich nicht der Fall. Kennzeichen einer guten Darstellung von Geschichte im Fernsehen ist eine erzählerisch stimmige und wissenschaftlich fehlerfreie Wiedergabe der abgebildeten histori- schen Ereignisse. Priorität bei der medialen Geschichtsvermittlung kommt immer der an wissenschaftlichen Standards und Diskursen gemessenen histori- schen „Richtigkeit“ zu. Das bildet die Grundlage für die ästhetische Ausgestal- tung des Beitrags. Dazu gehört es im Medium Fernsehen besonders, mediale Transparenz zu gewährleisten, das heißt die Entstehungsbedingungen des verwendeten Film- materials zu reflektieren, dieses nicht willkürlich zu verwenden, sondern kon- textgebunden. Nachgedrehte Szenen unter der Hand, implizit und für den nicht kompetenten Zuschauer als authentisches historisches Material zu verwenden, ist unethisch und muss unseres Erachtens streng vermieden werden. Ebenso wenig kann immer und immer wieder ein bestimmtes Bild oder eine bestimmte Filmsequenz als „Beleg“ für eine historische Situation genutzt werden, ohne zu reflektieren, dass gerade diese Passage schon in dutzenden anderen Doku- mentationen benutzt worden ist und das kollektive Bildgedächtnis des Publi- kums überlagert ist von diesen früheren Verwendungen. Insgesamt geht es darum die verwendeten Fragmente – Film- und Textmaterial – nicht aus ihrem Entstehungs- und Sinnzusammenhang zu reißen und losgelöst zu verwenden. Geschichtssendungen im Fernsehen müssen, wenn sie gut sind, auch die Ge- schichtlichkeit ihrer Materialien und deren mediale Geschichte – die Doku- mentengeschichte – visuell mit aufarbeiten. 280 6 Anhang: Beschreibung der Analysekategorien 6.1 Quantitative Kategorien – Untersuchungsebene 1 Eine Untersuchung in dieser Größenordnung und Anlage107 zur Frage der Darstellung historischer Ereignisse im Fernsehen hat es bisher unseres Wissens noch nicht gegeben, so dass auch auf keine unmittelbaren Vorgänger referiert werden konnte, um gegebenenfalls methodische Wege zu adaptieren oder um die eigenen Untersuchungen methodisch anderen vergleichbar zu machen: „Gesicherte Daten über das genrespezifische Sendevolumen liegen aber bislang ebenso wenig vor wie hinreichende Kriterien zur Differenzierung der wichtigsten Genres des Fernseh-Dokumentarismus, und man ist daher vorerst auf Mutmaßungen angewiesen.“ (Zimmermann 1994, S. 318) Ergänzungen und Anregungen aus anderen, thematisch verwandten Untersu- chungen108 sind kritisch berücksichtigt und, wenn der Sache und dem Argu- 281 107 Zum Thema Geschichtssendungen im Fernsehen existieren verschiedene Studien mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Classens (1999) quantitative Untersuchung verdeutlichte, dass angesichts der Fülle von Thematisierungen der Vergangenheit im Programmangebot entsprechende Untersuchungen fehlen. Georg Feil (1974) untersuchte quantitativ die Darstellung von Zeitgeschichte im deutschen Fernsehen von 1957 bis 1967. Schörken (1981) untersuchte das Fernsehangebot mit geschichtlichem Inhalt von ARD, ZDF, WDR und dem SWF für vier Wochen des Jahres 1979. Einen Gesamtüberblick über das thematische Feld gibt der Sammelband von Knopp und Quandt (1988). Klein (1989) gibt einen Überblick über die bis zu diesem Zeitpunkt erschienene Literatur zur Geschichtsdarstellung im audiovisuellen Medium und einzelne Fall- beispieluntersuchungen. Weiter gibt es anlässlich des vierzigjährigen Bestehens der Bundesrepublik Deutsch- land eine beispielhafte Erhebung von Geschichtssendungen (vgl. Becker, Quandt 1991) und zum 50-jährigen Jubiläum zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Hier lag das Augenmerk – unter Vernachlässigung des fiktio- nalen – auf dem dokumentarischen Genre (vgl. Wilke 1999). Eine Analyse aus Rezipientensicht gaben Grajczyk, Klingler und Roters (1998) auf Grundlage der GfK-Daten. Schröter und Zöllner (1998) führten eine qualitative Analyse, eine Gruppendiskussion, anhand der Sendung „100 Deutsche Jahre“ durch. Kansteiner (2003a) analysierte zeitgeschichtliche Sendungen des fiktionalen und dokumentarischen Genres des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zwischen 1963 und 1993 mit Schwerpunkt auf dem ZDF. 108 Insbesondere die empirischen Untersuchungen zur Programmanalyse von Udo Michael Krüger (1992), Kölner Institut für empirische Medienforschung – IFEM. Die Codierregeln wurden ausschnitthaft über- nommen und dem Forschungsauftrag des Projektes angepasst. Da keine Erfassung des gesamten Programms erfolgte, konnten feinste Abstufungen, wie sie sich bei Krüger darstellen, unberücksichtigt bleiben. Weiterhin Quandt (1991), Buscher (1998, S. 842 ff.) und Classen (1999, S. 233). ment nach geboten, an entsprechenden Stellen aufgegriffen und auch aus- gewiesen. Das Kategorienschema109 zur Erfassung und Bewertung der Geschichts- sendungen wird aus der Forschungsfrage heraus entwickelt, wie sie in der Projektausschreibung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen im Umriss vorgegeben ist. Die Entwicklung und der unterstellte Genrewandel „Geschichte im Fernsehen“ beziehungsweise dessen Ausdehnung im Jahr 1999 sowie der Rückgang nach 1999 sollten gegebenenfalls dokumentiert und inter- pretiert werden.110 Die Erhebung konzentriert sich auf das Programmsegment „Geschichte“ in seinen vielfältigen Ausprägungen. Demzufolge orientiert sich die Entwicklung des Kategorienschemas111 an der Produktseite. Es wird keine Rezipienten orientierte Studie durchgeführt, weil dazu weder die Fragestellung noch die Mittel der Ausschreibung eine veritable Grundlage geboten hätten. Die Frage nach dem Publikum wird modifiziert; sie spielt in- direkt eine Rolle in den Fragen, die klären, welche Sender, welche Thematiken, Epochen und Darstellungsweisen ihrem – relativ genau bekannten – Publikum bevorzugt präsentiert wurden. Dabei wird der Differenz zwischen ost- und westdeutschen Programmen der öffentlich-rechtlichen Anstalten ein eigenes Gewicht gegeben, weil diese Differenz auch in anderen Untersuchungen schon deutliche Ergebnisse erbracht hatte (vgl. Kap. 5.1.3). Zum Problem der Geschichtsdarstellung im Fernsehen und des dafür relevanten Produktionskontextes wurde im März 2005 ein Workshop an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg veranstaltet, zu dem Historiker und Rundfunkmitarbeiter eingeladen waren, um gemeinsam über das Genre der historischen Dokumentation und seine vielfältigen Ausprägungen zu disku- tieren. Im Rahmen des themenzentrierten Workshops wurden auch Einzel- interviews mit Redakteurinnen durchgeführt, um die Produktionsbedingungen für Geschichtssendungen umfassender zu rekonstruieren und zu verstehen. Die Ergebnisse dieser Interviews und des Workshops insgesamt sind in Kapitel 5.4 dokumentiert. Der gesamte methodische Aufbau der Studie ist in drei Stufen konzipiert, die in ihrer Forschungslogik als Engführung der Fragestellung und Eingren- 282 109 Methodische Probleme im Zusammenhang mit der Erstellung eines adäquaten Kategoriensystems und von Überlappungstendenzen referiert Hohlfeld (1998, S. 214): „Grundsätzlich gilt: Je differenzierter das Katego- riensystem, desto unwahrscheinlicher die Überschneidung, aber desto größer das Darstellungsproblem. Wenn viele Kategorien verwendet werden, sinkt automatisch das Abstraktionsniveau. […] Je undifferenzierter dagegen die Klassifikation, desto geringer der Informationsgewinn, aber desto höher der Abstraktionsgrad.“m 110 Einen Überblick über die Entwicklung dieses Programmsegments von den 50er Jahren bis in die 80er Jahre hinein gibt Kröll (1989). 111 „Mit dieser Festlegung verzichten wir bewusst auf jede Möglichkeit der Inferenz auf Publikumsreaktionen. Inferenzen sind zwar in aller Regel ohnehin nur mehr oder weniger plausible Interpretationen, aber seriöser- weise können wir unsere späteren Befunde nicht einmal vorsichtig dahingehend interpretieren, dass das Publikum die Sendungsfunktion auch in der codierten Weise wahrgenommen habe.“ (Früh 1998, S. 200). zung des Gegenstands zu verstehen sind. Die einzelnen methodischen Schritte dieser Eingrenzung sind dabei so begründet, dass die beiden ersten methodi- schen Schritte112 Daten auf eher quantitativem Vergleichsniveau generieren, die letzte – feinste – Erhebungsstufe dagegen im Kern auf eine Analyse und den Vergleich ästhetisch-qualitativer Daten113 zielt. 6.1.1 Programmstrukturelle Sendungsmerkmale – Ihre methodische Konstruktion und Erfassung Auf der ersten der drei oben beschriebenen Untersuchungsebenen ist jeder Beitrag des Programmsegments „historische Sendung“ mehrdimensional114 erfasst worden. Die Fragen auf dieser Ebene sind: Welche Sender strahlen zu welchen Tageszeiten und an welchen Wochentagen Geschichtssendungen im Fernsehen aus und mit welcher Dauer? Um zu diesen Fragen einen ersten Überblick über Sendungen mit historischen Inhalten zu bekommen, ist deren Auftreten im Programmfluss rein quantitativ erfasst und deren Verteilung über die Woche vollständig dokumentiert worden. Zuerst wird dokumentiert, ob Sendungen aus dem Sample erstmals aus- gestrahlt oder wiederholt wurden. Angaben über Wiederholungen von Sendun- gen sind allerdings in der PIDB eher unsystematisch vermerkt. Angaben dazu differieren zudem auch zwischen der PIDB und der HÖRZU. Wenn in der PIDB dazu Angaben vorlagen, waren diese in der Regel zwar ausführlicher als in der HÖRZU115, dafür aber seltener. Zu diesem Problem schreibt Wolf: „Viele Sender informieren in ihren Programmfahnen mittlerweile nicht mehr darüber, ob eine Sendung wiederholt wurde oder ob es sich um eine Erstausstrahlung handelt.“ (Wolf 2003, S. 17). Wir haben das Problem methodisch nach der jeweils besten Wahl gelöst. Mögliche Formatierungsprozesse im Fernsehen lassen sich durch die Erfas- sung des Ausstrahlungscharakters der Sendungen (selbstständige Sendung oder Folge einer Reihe/Serie) und die Beitragslänge belegen. Solche Formatierungs- prozesse korrelieren bekanntlich mit der Zeitachse des Programms, also mit 283 112 Der erste Schritt zielt auf die Erfassung aller geschichtsvermittelnden Genreformen für das Jahr 2003 und gibt einen Gesamtüberblick. Der zweite Schritt umfasst die drei Vergleichsjahre, deren Ermittlung ein „engeres“ Verständnis von historischen Sendungen zugrunde liegt. 113 Untersucht werden die genreästhetischen Gestaltungsmerkmale von Sendungen mit historischen Inhalten. 114 Der Vorschlag von Merten (1995, S. 320) zur Erstellung einer Codieranweisung für eine Themenanalyse umfasst Identifikatoren, die auf die technische Komponente der Untersuchungseinheit abheben (Anbieter, Sendungstag und -datum). Die Angaben werden für alle Filme, unabhängig von ihrem Inhalt erhoben. Zu den formalen Variablen gehören die Platzierung (Sendeplatz und Senderhythmus) im Programm und der Umfang (Sendungsbeginn, -ende und -dauer) der Untersuchungseinheit und schließlich deren inhaltliche Variablen (Epoche, thematischer Bezug, Ebene, Region, Akteur und Perspektive). 115 Hier erfolgte eine Angabe kürzerer Zeitintervalle, Wiederholung vom Vortag oder der Vorwoche, und nicht bloß „Wiederholung“ (wie in der HÖRZU). Konsequenz daraus ist, dass alle Arten von Wiederholungen zusammengefasst und den Erstausstrahlungen gegenübergestellt wurden. der Tageszeit, zu der eine Sendung ausgestrahlt wird. Unter programmanalyti- schen Gesichtspunkten ist deshalb zu prüfen, zu welchen bevorzugten Zeiten die Sendeanstalten ihrem Publikum Geschichtssendungen offerieren. Durch eine solche Fokussierung auf den Programmplatz lässt sich auch ein stabiles Angebot-Nachfrage-Muster plausibel für historische Sendungen modellieren und argumentieren. Nicht zuletzt sind solche Überlegungen auch Planungs- grundlage in den Sendeanstalten selbst, und die Pläne werden geändert, wenn sie ein bestimmtes Angebot-Nachfrage-Muster verfehlen. Auskunft über den genauen Sendeplatz116 geben die Programmschemata der einzelnen Sendeanstalten. Der Sendeplatz gibt mehrheitlich darüber Auskunft, welches Format an dieser Stelle ausgestrahlt wird. Die Codierung „wöchent- lich“ in den Programmschemata bedeutet nicht automatisch „wöchentlich Ge- schichte“, sondern lediglich, dass eine Programmfläche für ein bestimmtes Format (wöchentlich z. B. Reportage oder Feature) oder eine Reihe (werktäg- lich z. B. „Discovery“) reserviert ist. Weiterhin werden die ausgestrahlten Sen- dungen nach ihrer Präsentationsform, als beispielsweise selbstständige Sendung oder Folge einer Reihe, qualifiziert. Das Format „Serie“ tritt am wenigsten auf. Um genauere Aussagen zur Programmtypologie treffen zu können, sind alle Genremerkmale möglichst detailliert erfasst. Wir unterscheiden nach non- fiktionalen, fiktionalen und hybriden Formen, wobei jede Kategorie weiter untergliedert wird. Bei der Zuordnung einer Sendung zu einem bestimmten Genremerkmal wird weitgehend der eine Gattung kennzeichnende Sprach- und Auszeichnungsgebrauch der HÖRZU genutzt, auch deshalb, weil durch die journalistische Konkurrenz die HÖRZU sich jeweils um eine journalistisch passende Ansprache des Publikums bemüht, und weil die Zuschauer – wenn sie eine Programmzeitschrift nutzen – auf solche Gattungsbezeichnungen selektiv bei ihren Programmentscheidungen zurückgreifen. Wenn Wolf moniert: „Programmzeitschriften kümmern sich nicht um herkömmliche Genres, unterscheiden kaum zwischen Reportage oder Dokumentation, Essay, Collage oder gar Dokumentar- film. Für das Publikum sind solche Differenzierungen ohnehin nicht wichtig. Aber selbst in den Sendern geht man inzwischen mit den Begriffen für die eigene Ware recht lax um, jedenfalls in der Außendarstellung.“ (a. a. O., S. 15) dann verkennt er gerade diese nominalistische Funktion der Gattungsorientie- rung durch die Programmzeitschriften. Buscher bezeichnet die nominalistische Funktion der Programmkennzeichnung einer Fernsehsendung als „Präkoordina- tion“ (1998, S. 847)117. Damit macht er darauf aufmerksam, dass in der Angabe 284 116 Mit den Ausprägungen „werktäglicher Sendeplatz“ (für Sendungen, die an mindesten vier Wochentagen aus- gestrahlt wurden), „wöchentlicher Sendeplatz“, „unregelmäßig“ und „nicht zu entscheiden“. 117 Die Ausweisung „Doku-Soap“ meint eine Dokumentation (= Genre) in Form einer Serie (= Format) (vgl. Buscher 1998). der Gattungsform immer mehrere Informationen über die Art der Darstellung beziehungsweise die Bearbeitungsweise des Inhalts und seiner angemessenen Rezeption mit angelegt sind. Non-fiktionale Genres zum Thema „Historische Ereignisse im Fernsehen“ werden beispielsweise in Gesprächen (Diskussionen und Talkshows) und Por- träts (auch personenzentriertes Gespräch) realisiert. Diese Formen sind in der Untersuchung dann berücksichtigt, wenn die Inhalte historische Bedeutung hatten.118 Zwischen den einzelnen Ausprägungen im non-fiktionalen Bereich, namentlich zwischen „Diskussion/ Talkshow“119, „Interview“ und „Porträt / personenzentriertes Gespräch“120 sind die nominellen Angaben der Quellen ausschlaggebend. Weitere non-fiktionale Genres sind Magazine121, mono- thematische Features, Reportagen122 und Dokumentationen123 und Dokumen- tarfilme mit historischen Inhalten. „Dokumentation“ als Kategorie wird ver- geben, wenn es sich um eine Sendung auf einem Dokumentarfilmsendeplatz handelt oder die Sendung in einer Dokumentationsreihe lief (z. B. „WDR- dok“124). Das fiktionale Genre umfasst in der Untersuchung Spielfilme (Historien- filme), Fernsehfilme und originale Fernsehspiele (gemeint sind hier Filme, die in einem historisch vergangenen Zeitraum entstanden sind). In einer Rest- kategorie sonstige fiktionale Filme werden andere Formen und Grenzfälle gefasst.125 Unter dem hybriden Genre verstehen wir Dokumentarspiele und so genannte Doku-Dramen. Unter dieser Kategorie werden dann auch sonstige Mischformen subsumiert, damit sind hier alle Formen der Präsentation gemeint, die sowohl fiktionale als auch non-fiktionale Merkmale und Elemente enthalten. Unabhängig von den drei genannten Grobkategorien – Fiktion, Non-Fiktion und hybride Formen – sind zahlreiche Wochenschauen126 erfasst worden. 285 118 Bspw. in der Reihe „Biographien“ wurden die Beiträge „Der Chef – Alice Schwarzer“ (ARTE 16. 03. 2003) und „Gore Vidal: Mein Leben“ (ARTE 20. 07. 2003) aufgenommen. 119 „Irak am Abgrund/Peter Scholl-Latour in Saddams Reich“ (ZDF 12. 03. 2003), „Bombenkrieg gegen die Deutschen – Die Debatte“ (SWR 13. 03. 2003) und die Diskussion „Sozialismus gestern, heute … und morgen?“ (ARTE 23. 10. 2003). 120 Porträts: „Zeugen des Jahrhunderts“ (3sat 21. 10. 2003), „Lebensläufe/Ruth Hohmann – ein Leben für den Jazz“ (3sat 22. 10. 2003) und „Lorenzo, der Prächtige/Porträt des Staatsmannes, Mäzens und Dichters“ (BR 26. 06. 1995). 121 „Abenteuer Erde“, „Bilderbogen“ und „Zwischen Spessart und Karwendel“. 122 Sendungen mit geographischen Inhalten wurden – da sie nie über eine Auszeichnung verfügten – als Repor- tagen gewertet: „Länder – Menschen – Abenteuer“, „Schätze der Welt – Erbe der Menschheit“, „Bilderbuch Deutschland“, „Bilder einer Landschaft“ und „Schätze des Landes“. 123 Dokumentationen: „100 Deutsche Jahre“, „20. Tage im 20. Jahrhundert“, „Chronik der Wende“, „Rück- blende“, „Terra X“ und „Sphinx“. 124 Die Sendung „Legenden – John F. Kennedy“ (WDR 24. 11. 2003). 125 „Nächte der Entscheidung/Die Entdeckung des Martin Luther (2/5)“ (ARD 03. 11. 2003). 126 „Vor 40 Jahren“ (NDR 1995), „Die Woche vor 50 Jahren“ (ARTE 1995 und 1999) und „Rückblende/Berlin vor 25 Jahren“ (SFB 1995, 1999 und 2003). Angaben zur Altersfreigabe der im Fernsehen gezeigten historischen Sen- dungen sind in den Quellen eher spärlich vertreten. Im Zusammenhang mit Spielfilmen kommen solche Angaben noch am ehesten in der HÖRZU vor. Aussagen über die Zielgruppen der einzelnen historischen Sendungen werden aus den Ausstrahlungsterminen, den Sende- respektive Programmprofilen und aus den allgemeinen Kenntnissen über die Zuschauerpopulationen abgeleitet. Ob ein Film im Abend- oder im Nachmittagsprogramm läuft, lässt schon einen Rückschluss auf das anvisierte und damit mögliche Publikum der Sendung zu. 6.1.2 Kategorien zur Produktionscharakteristik Auf der Produktionsseite sind alle Informationen systematisch erfasst, die mit der Herstellung der Fernsehsendung verbunden und anhand der Angaben aus dem Rundfunkarchiv und der HÖRZU rekonstruierbar sind. Dementsprechend ermitteln wir für die jeweiligen Sendungen die Produktionsart, das Produktions- jahr und die Produzenten und werten diese Daten aus. Bei den Produktions- arten wird unterschieden zwischen: – Eigenproduktionen (wenn der ausstrahlende Sender auch der produzierende Sender war), – Fremdproduktionen (wenn der ausstrahlende Sender nicht der produzie- rende Sender war), – Koproduktion (wenn mehrere Sender an der Produktion beteiligt waren),m – sonstige Fremdproduktionen (eine reine Länderangabe) und gemischte Pro- duktionen (sowohl der ausstrahlende Sender als auch eine Länderkennung) – sowie nicht eindeutig bestimmbare Sendungen. Die genderspezifische Differenzierung und Bewertung der Daten wird von uns dadurch vorbereitet, dass wir neben der bloßen Erhebung der Produktions- daten auch alle Daten einer Sendung erfassen, die eine funktionale Bewertung der sozialen Geschlechtsrolle erlauben: Autor oder Autorin, Redakteur oder Redakteurin, Regisseur oder Regisseurin. Die Form dieser Quelldaten sieht für gewöhnlich so aus, dass angegeben wird: „Ein Film von: Vorname Nach- name“. Sehr häufig werden in den Quellen keine weiteren Aussagen gemacht, zum Beispiel darüber, in welcher Handlungsrolle der genannte Akteur wirk- lich engagiert war, ob in der Rolle des Autors oder des Regisseurs. So kommt es vor, dass im Abstract – in der Inhaltsangabe der Programmfahne – vom „Filmemacher“ gesprochen wird, der in Personalunion eine Dokumentation als Produzent verantwortet hatte. Wir erfassen ihn in solchen Fällen unter „Autor“, weil das Schema keine feinere Differenzierung zwischen Drehbuch- autor und Buchautor kennt. 286 6.1.3 Kategorien zur zeitlichen und thematischen Einordnung der einzelnen Sendungen Für die Beschreibung der inhaltlichen Komponenten der Geschichtssendungen liefert die Vorgehensweise von von Borries (1985) gute Hinweise. Er schlägt vor, bei der systematischen Betrachtung von Historie im Fernsehen insgesamt von vier unterschiedlichen historiographischen Zugangs- und Darstellungs- weisen auszugehen. Er unterscheidet dabei: – Getane und erlittene Geschichte/„Res gestae“127, – Erzählte und erinnerte Geschichte/„Saga“, „Story“128, – Erforschte und gedeutete Geschichte/„Historie“129, – Beurteilte und verpflichtende Geschichte/„Tradition“130, die er jeweils mit weiteren Untergruppen versieht.131 Einige der in den Unter- gruppen genannten Punkte dienen als Orientierung und fließen in die Unter- suchung ein. Die Zuordnung des Inhalts einer historischen Fernsehsendung zu der Kate- gorie Epoche erfolgt nach einer Doppelcodierung mit Rangordnung in der Form: globaler und detaillierter Bezug. Innerhalb des zeitlichen Horizonts wird vermerkt, in welchem Zeitraum sich das historische Ereignis abgespielt hat. Die Epochenzuordnung (global/detail) ergibt sich aus den Angaben in der PIDB und der Fernsehzeitschrift HÖRZU. Für Epoche/Global kann auch der Wert „mehrere (Epochen)“ vergeben werden, wenn das Ereignis über mehrere definierte Zeiträume dargestellt war. Auf der Ebene Epoche/ Detail werden die entsprechenden Zeiten ergänzt.132 Gab es keine ausdrücklichen Zeitangaben zum „Ereignis“ der jeweiligen Sendung, werden, wenn es aufgrund von inter- pretationsfähigen Indizien möglich ist, solche Festlegungen getroffen. Bei per- sonenbezogenen Darstellungen sind beispielsweise die Lebensdaten zugrunde gelegt worden (jedoch nur, wenn es im Abstract hieß: „Lebensbeschreibung“, „Leben“ etc.).133 Wenn es heißt „… die Geschichte der Stadt in den letzten fünfzig Jahren …“ und kein Produktionsjahr angegeben ist, wird fünfzig Jahre vom Ausstrahlungszeitpunkt zurückgerechnet. Die Kategorie „keine Angabe“ 287 127 Epoche, Region und Akteur. 128 Perspektive (personalisierte Erzählweise), Handlungsverlauf (berühmte Person, Gruppen, Biographie), Gattung. 129 Erkenntnismethoden, Erklärungen, Bedeutungen und Schlussfolgerungen. 130 Vorkenntnisse und Anforderungen, Interesse, Identifikation, Sinngebung. 131 Die Untersuchung von zwei Wochen Geschichtsfernsehen durch Klein (1989) orientierte sich an dessen Analysekonzept. Sie prognostizierte die Möglichkeit einer Vergleichbarkeit von Ergebnissen, wenn das Kategoriensystem in Zukunft in anderen Untersuchungen Verwendung finden sollte. 132 Bsp.: „100 Deutsche Jahre. Notlagen – Soziale Sicherheit in Deutschland (47/52)“ (SWR 09. 12. 1999). 133 Bsp.: „Mr. Behrmann – Leben, Traum, Tod“ (3sat 17. 09. 1995), „Im Windschatten der Mauer/Günter de Bruyn – Chronist seiner Zeit“ (BR 11. 09. 1995). wird vergeben, wenn aus der Inhaltsangabe nicht hervorgeht, auf welcher Zeit der Schwerpunkt der Darstellung liegt. Die Chronologie der Epochen erlaubt besonders im frühen Bereich nur sehr grobe Zuordnungen, hier umfasst eine einzelne Epoche mehrere Jahrhunderte, manchmal auch mehr. Die Einteilung ist mit Blick auf die Gegenwart immer detaillierter geworden, weil wir aus Kenntnis des Programms erwarten, dass in dieser Zeit von den Sendeanstalten generell auch detailliertere Sendungen produziert und ausgestrahlt wurden. Mit der Kategorie der Ebene wird die Größenordnung oder die Aggregat- ebene erfasst, auf der das historische Geschehen geschildert wurde. Unter- schieden wird hier zwischen einer internationalen (die jeweiligen Staaten betreffend), einer nationalen (z. B. allein auf Deutschland bezogen), einer regionalen (auf die jeweilige Region bezogen) und einer lokalen (auf einen bestimmten Ort bezogen) Bedeutung der jeweiligen Handlung. Die Erwartung ist dabei, dass sich ein Überhang an internationalen und nationalen, also ins- gesamt eine Schilderung von Ereignissen auf einer höheren Aggregatebene zeigt – nicht zuletzt auch aufgrund der Formatierungsprozesse, die gegen- wärtig im Fernsehen zu beobachten sind, aus denen Wolf folgert: „Formatieren bedeutet auch, etwas auszuschließen. Besonders deutlich wird dies bei Formaten, die auf internationalen Verkauf zielen. Regionale oder lokale Themen, auch spezifische soziale und kulturelle Stoffe scheiden für den internationalen Markt in der Regel von vornherein aus.“ (Wolf 2003, S. 63) Die Nennung der Region zielt auf die räumlich involvierten Nationen ab und erlaubte einen detaillierten Zugriff auf Beteiligungsmuster. Im Vergleich der drei Jahre ist wieder unterschieden zwischen globalen und detaillierten Be- ziehungen des historischen Ereignisses. Wird auf der ersten Ebene „national- deutsch“ vergeben, rekurriert dies auf Deutschland als Einzelakteur. Ist Deutsch- land hingegen neben anderen Nationen am historischen Geschehen beteiligt, wird „mehrere Nationen“ vergeben. Die zweite Angabe – Region/ Detail – gibt Auskunft über die im Einzelnen involvierten nationalen Akteure. Mit der Einordnung nach thematischen Gesichtspunkten soll der inhaltliche Bezug zu der auf der epochalen Ebene erhobenen Zeitangabe hergestellt wer- den.134 Da die Inhalte meist relational angelegt sind, bietet sich hier eine Mehr- fachnennung an (Merten 1995, S. 102). Die Gestaltung der Variablen hat einen (nahezu ausschließlichen) zeitgeschichtlichen Schwerpunkt, das heißt, es er- scheinen überwiegend Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Damit korrespondierte die Erwartung, dass ein Schwerpunkt der Darstellung von historischen Gescheh- nissen im Fernsehen sich der Generation der Mitlebenden zuwendet. Die 288 134 Ein Ereignis, das zwischen 1939 und 1945 angesiedelt ist, muss nicht zwangsläufig einen Bezug zum Zweiten Weltkrieg haben. Ausprägung „Zeitgeschichte“ bezieht sich nicht auf den von Historikern ver- wendeten zeitlichen Horizont (ab 1914 resp. 1918), sondern beschreibt in der Untersuchung historische Sendungen, die einen inhaltlichen Bezug zu der Zeit zwischen den sechziger Jahren bis in die Gegenwart135 haben. Die Kategorie „andere Themen“ stellt auf andere historische Bezüge als die angegebenen ab.m Mit der Kategorie frauenspezifischer Inhalt werden Sendungen erfasst, in denen ausdrücklich und überwiegend auf (eine) Frau(en) und/oder den weib- lichen Lebenszusammenhang Bezug genommen wurde, sei es im Titel oder im Textkorpus.136 Wir schließen uns damit Weiderer (1993) an, die pragmatisch vorgeschlagen hat, dass mit „frauenspezifischen Belangen […] alle Beitragsinhalte bezeichnet [werden], die sich mit den besonderen Bedingungen und Problematiken von Frauen in unserer Gesellschaft auseinandersetzen“ (a. a. O., S. 249). 6.1.4 Kategorien zur Erfassung von Darstellungs- und Vermittlungsaspekten Bei der formalen Gestaltung geht es um die Erzählhaltung und Präsentations- weise der Sendungen. Die Kategorie des Akteurs verschafft Klarheit über den Blickwinkel der Geschichte, das heißt, aus welcher Perspektive der jeweilige Inhalt dargestellt wird, ob er also eher an der Struktur eines Ereignisses oder an der individuellen Perspektive einer einzelnen Person orientiert ist. Wir unterscheiden hier demzufolge zwischen: einer personalisierten137 Darstellung (das betrifft sowohl die Darstellung, die eine Person in den Mittelpunkt rückt, als auch jene, die eine Gruppe zeigt), einer ereignisorientierten Darstellung138 (hier steht ein Ereignis im Mittelpunkt) oder einer prozess- bzw. struktur- orientierten139 Darstellung (mit der eine bestimmte Entwicklung aufgezeigt wird) (vgl. Quandt 1991, S. 19). Während der Arbeit haben wir festgestellt, dass eine feine Unterscheidung zwischen Ereignis und Prozess nicht immer zu treffen ist. Konsequenz dieser Erfahrung ist die Zusammenlegung beider Kate- gorien, so dass an dieser Stelle schließlich nur interessiert, ob die Darstellung der Geschichte personalisiert erzählt wurde oder eben nicht. Während dies eine allgemeine Form des Zugriffs auf das Objekt darstellt, lässt sich mit der Detail-Perspektive der Inhalt der Sendung feiner aufgliedern. Unterschieden wird hier zwischen: 289 135 Stichworte: Kalter Krieg, Kennedys Ermordung 1963, Che Guevaras Tod 1967, die Mondlandung 1969. 136 Bsp.: „Mütter, Töchter, Trümmerfrauen“ (3sat 26. 10. 2003). 137 Bsp.: „Ich will mich nicht verstecken – Ralph Giordano zum 80. Geburtstag am 20. März“ (3sat 16. 03. 2003). 138 Beispiele hierfür sind die Reihen: „Vor 40 Jahren“, „Vor 50 Jahren“ oder auch „Rückblende“ sowie Wochen- schauen allgemein. 139 Bsp.: „Mode, Stars und Hits von Gestern“ (3sat 24. 10. 2003). – einer personalisierten140, – einer eher gruppenbezogenen141 und – einer nicht personalisierten142 Darstellung historischer Ereignisse. Weiterhin ist unterschieden worden zwischen: – Staats- und Politikgeschichte143 und der – Thematisierung gesellschaftlicher Teilbereiche144. 6.2 Qualitative Kategorien – Untersuchungsebene 2 6.2.1 Begründung und Vorstrukturierung der Kategorienbildung zur ästhetischen Analyse Auf der Ebene der ästhetischen Analyse werden die verschiedenen Präsenta- tionsformen audiovisueller Darstellung von historischen Ereignissen im Fern- sehen identifiziert, beschrieben und analysiert. Das Projekt geht davon aus, dass die ästhetischen Ausdrucksformen gegenwärtig einem Wandel unterliegen, der sich, eingebettet in allgemeine Wandlungsprozesse innerhalb der Gesell- schaft, respektive den gesellschaftlichen Diskursen, vollzieht. Die Ebene der ästhetischen Analyse ist an der Wie-Frage orientiert und damit an der Tatsache, dass die Form, neben dem Inhalt, ein ganz wesentliches Kriterium bei der audiovisuellen Vermittlung historischen Wissens im Medium Fernsehen ist. Die Fragen, die auf dieser Ebene innerhalb der Untersuchung zu beantworten sind, lauten demgemäß: – Gibt es den vermuteten gestaltungsästhetischen Wandel im audiovisuellen Genre der Darstellung historischer Ereignisse für den zu untersuchenden Zeitraum? – Wie sieht eine am Zuschauer orientierte Dramaturgie aus? – Verändern sich die ästhetischen Gestaltungsmittel wirklich auf das viel zitierte „Edutainment“ oder auch „Infotainment“ hin? – Bewegten sich die in die Untersuchung einbezogenen Sendungen in den konventionellen Bahnen eines vorgegebenen und tradierten Formenrepertoi- res? 290 140 Berühmte Personen, Biographie/Porträt /Lebensbeschreibung, Geschlechtergeschichte (Dynastien, Herrscher- familien). 141 Ideenträger, Interessensgruppen, Altersgruppen, Oberschichten, Unterdrückte, Frauen, Religionsgemein- schaften. 142 Bauwerke/Architektur, Orte/Regionen, Organisationen. 143 Staatsnationen, philosophisch-theoretische Ebene, (politische) Ideologien, Diktatur. 144 Kultur (Kunst, Literatur, Musik), Milieubeschreibung/Epoche, Sonstiges (Sport, Technik, Wissenschaft). – Wie weit ist das Genremuster unter dem Einfluss der Möglichkeiten der neuen Medien, einem veränderten Geschichtsbegriff, dem Druck der Quote sowie den neuen medialen Möglichkeiten in dem zu betrachtenden Unter- suchungszeitraum tatsächlich dynamisiert worden? Methodische Grundlage der auf Untersuchungsebene 2 durchgeführten ästheti- schen Analyse ist ein Scanning, das heißt, eine auf das Thema Geschichte bezogene Identifizierung von Einzelsendungen und eine Reduzierung des Ge- samtumfanges der bis zu diesem Zeitpunkt145 ermittelten Daten, anhand von gegenstandsrelevanten Merkmalen. Das bis dahin, anhand aller Sendeplätze für Dokumentationen, Features und Reportagen, ermittelte Korpus zu untersuchen- der Sendungen ist in seiner Struktur und seinem Umfang nicht geeignet, eine vertiefende ästhetische Analyse zu erlauben. Das Selektionskriterium für die erneute Überarbeitung und relative Reduk- tion des Korpus ist der ausgewiesene „Sendeplatz für Geschichte“. Das heißt, auf der Ebene der ästhetischen Analyse berücksichtigen wir fast ausschließ- lich Filme, die auf den Sendeplätzen gelaufen sind, die von den einzelnen Sendern explizit für die Vermittlung von Geschichte vorgesehen sind. Aus- genommen von einer solchen Handhabung sind jene Sendungen, die als Reihen in das Untersuchungskorpus Eingang gefunden haben, und die aufgrund der Häufigkeit ihres Vorkommens exemplarisch analysiert werden, sowie solche Sendebeiträge, die ausdrücklich als Sendungen mit historischen Inhalten be- stimmt werden konnten, aber auf anderen Sendeplätzen als den fixierten Programmplätzen für historische Sendungen liefen. Reihen sind auf der ästheti- schen Ebene mit jeweils mindestens einem Exemplar in das Untersuchungs- korpus eingegangen. Grundsätzlich sind auf der Ebene 2, also im Bereich der ästhetischen Ana- lyse, ausschließlich Genrebeispiele des Dokumentarischen sowie der Misch- formen fokussiert; der fiktionale Historienfilm ist – wie oben erläutert – aus- geklammert. Als Medium der Vermittlung von Geschichte wird der Dokumentarfilm zum einen durch seinen spezifisch audiovisuellen Modus bestimmt, das heißt, durch Bilder und Töne. Daraus ergibt sich für die ästhetische Analyse, dass die zu untersuchenden Sendungen sowohl auf der Bildebene als auch auf der Tonebene explizit und differenziert, das heißt, in Bezug auf die hier jeweils bestimmenden Gestaltungsmittel hin, untersucht werden müssen. Ebenfalls zu analysieren ist der Umgang mit den Dokumenten, den Quellen und den Archivmaterialien, die als stilistische Mittel in die ästhetische Gestal- tung eingehen. 291 145 Gemeint sind hier die Daten, die für die quantitative Ebene der Untersuchung erhoben wurden. In den beiden Genres, dem Dokumentarfilm und der so genannten Misch- form, auf denen das Hauptaugenmerk der Untersuchung auf ästhetischer Ebene liegt, treffen wir auf Formen der medial konstruierten Vergangenheit aus der Perspektive des Gegenwärtigen. Vergangenheit und Gegenwart sind dabei keine direkten Gegensätze oder Oppositionspaare, sondern kennzeichnen sozusagen nur unterschiedliche Konstruktionsprinzipien. Die kulturelle Konstitution jeder dieser Perspektiven ist dabei unbestreitbar, ihre Differenz muss als spezifi- sches qualifizierendes Merkmal verstanden werden, als Funktionsmerkmal für den Umgang mit Gegenwart oder Vergangenheit. Unseres Erachtens nach ist es deshalb eine Frage der Qualität historischer Sendungen im Fernsehen, wenn sie selbst die Prinzipien der Perspektivierung und der Konstitution ihrer je- weiligen Perspektive deutlich machen. Das gilt dann sowohl als Qualitäts- forderung an die historiographische Darstellung von Ereignissen in der Wissen- schaft, wie an die, die sich der Mittel des fiktionalen oder dokumentarischen Films bedient. Auch um die so verstandene Inszenierung des Historischen im Fernsehen als Qualität in den Mittelpunkt zu rücken, sind die verschiedenen ästhetischen Gestaltungsmittel zu untersuchen, die dafür geeignet erscheinen und benutzt werden. So werden auf der ästhetischen Ebene der Untersuchung die dramaturgischen Mittel, wie szenische Rekonstruktionen, die fiktionalen Anteile, die Animationen aber auch die Transparenz der Inszenierung des Gezeigten anhand der Indizierung des Ton- und Bildmaterials analysiert. Wenn über den Wandel der medialen Präsentationsformen von Geschichte gegenwärtig in den Feuilletons räsoniert wird, dann geschieht dies meist in der Absicht, diesen Wandel als Abstieg von den Höhen der historischen Bildung in die Niederungen der Unterhaltung durch Geschichte zu beschreiben und abzuwerten. Dieser Abstieg wird meist zugleich als Anpassung an den Ge- schmack oder gar an das geringere historische Verständnis der Zuschauer gesehen. In diesem Kontext ist es ein fester Topos, Personalisierung von histori- schen Ereignissen beinahe reflexhaft mit der emotionalisierenden und identi- fikatorischen Präsentation von Personen in historischen Sendungen zu ver- binden – und zu verurteilen. Dabei wird allerdings unterschlagen, dass nicht nur „durchschnittliche“ Zuschauer, sondern in der Regel auch Historiker ein eher personenorientiertes Interesse haben, Personalisierung also nicht per se schon abzulehnen ist. Es handelt sich dabei um ein genuines und auch be- rechtigtes Interesse, Geschichte nicht als die Geschichte der anderen oder die Geschichte anonymer Mächte zu verstehen, sondern als Vergangenheit, die als solche immer auch die Vergangenheit einzelner Personen repräsentiert wie sie es gleichsam vermag, die Gegenwart jedes einzelnen zu prägen. Dass über Per- sonalisierung von Geschichtssendungen auch die Unterhaltungsaspekte solcher Sendungen zugenommen haben, ist dann zu prüfen. Im Blick auf die Unter- suchung gilt es deshalb, Personalisierungsstrategien als eine Verbindung von subjektiver Geschichte mit Zeit-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, realisiert 292 durch klassische Gestaltungsmittel des dokumentarischen Genres wie den Zeit- zeugen, den Moderator, den Kommentator und den Experten in einer Bericht- oder Interviewsituation, auf der Ebene der ästhetischen Analyse genauer zu untersuchen. Der Zeitzeuge als strategisch eingesetztes Element der Personalisierung und Beglaubigung eines Geschehens, verspricht im Prozess der Darstellung histori- scher Ereignisse im Fernsehen Authentizität. Wir können auf eine lange Tradi- tion des Einsatzes von Zeitzeugen als ästhetisches Formenelement sowie auf die Zeugenbefragung als Methode im dokumentarischen Genre zurückblicken, und übrigens auf eine noch längere im Kontext der wissenschaftlichen Histo- riographie. Gegenwärtig gerät die Funktion des Zeitzeugen – beziehungsweise gerät seine Verwendung in historischen Dokumentationen – unter den Druck einer allgemeinen Quellenkritik, weil für den Zeitzeugen dieselbe Regel gilt wie für Quellen jeglicher Art, dass sich ihr Wert nicht abstrakt, sondern nur in Relation auf das jeweilige Interesse an der Vergangenheit ermessen lässt. Dies wiederum hat zur Folge, dass man Zeugenaussagen, wie grundsätzlich jeder Quellenüberlieferung, mit einem methodisch kontrollierten Abstand – einer quasi historisierenden Distanzierung – gegenübertreten muss. Anhand der ästhetischen Gestaltung historischer Sendungen im Fernsehen ist deshalb zu prüfen, ob eine solche grundsätzlich skeptische Haltung Zeitzeugen gegenüber als Darstellungsprinzip deutlich wird, ob dieses für die zustimmungsfähige Konstituierung einer historischen Perspektive notwendig ist, oder ob der Zeit- zeuge nicht vielmehr als Authentizitätsversprechen eingesetzt wird, das er – auf sich gestellt – nicht halten kann. Das Bild erscheint bei der Darstellung historischer Ereignisse im Medium Fernsehen zum einen im dominant visuellen Modus des Mediums selbst und zum anderen als Quelle. Bilder werden so nicht nur zu Mitteln der ästheti- schen Gestaltung medialer Geschichtsvermittlung, sondern zu eigenständigen Beglaubigungsverfahren. Ihre Rolle als historische Quellen ließe sich generell unter dem Begriff der „stillen Augenzeugenschaft“ (Burke 2003, S. 15) sub- sumieren. Innerhalb einer solchen Augenzeugenschaft stellen sie nicht nur eine wichtige Form historischen Quellenmaterials dar, sondern sind – wie alle Quellen – einer systematischen Quellenkritik zu unterwerfen. Ob und in welcher Form gegenwärtig einem so fundierten kritischen Umgang mit dem Bild bei der Vermittlung von Geschichte im Fernsehen entsprochen wird, ist eine der Fragen, die es im Rahmen der Untersuchung auf der Ebene der ästhetischen Analyse zu klären gilt. Es ist deshalb zu prüfen, ob die vielfach unter Propagie- rung eines eigenen visual turn berufene gesellschaftliche Dominanz des Bildes auch im Prozess der Geschichtsvermittlung im Fernsehen vorliegt – und mit welchen Folgen. Dabei kann man neben avantgardistischer Innovation auch erwarten, dass Bilder in Fernsehsendungen zur Geschichte noch immer als Illustration nur den Hintergrund bilden, während im Vordergrund solcher Sen- 293 dungen das Wort steht. In diesem Spektrum ist den laufenden Tendenzen nach- zuspüren. 6.2.2 Die ästhetischen Kategorien Der Kriterienkatalog für die ästhetische Analyse ist auf fünf verschiedenen Ebenen erarbeitet worden. Charakterisiert werden erstens die stilistischen und zweitens die dramaturgischen Mittel. Drittens werden die Gestaltung der Per- sonalisierungsebene, viertens der Bildebene, fünftens der Tonebene analysiert und schließlich sechstens das Verhältnis von Ton und Bild. Quantitativ werden die verschiedenen Kategorien auf einer Skala von domi- nant – manchmal – selten – nie – eingeschätzt. Zur Untersuchungsebene 1, den stilistischen Mitteln, gehört es, die Verwen- dung von Dokumenten, von Quellen- und Archivmaterialien sowie von graphi- schen Einblendungen als Gestaltungsmittel in der Häufigkeit ihres Vorkom- mens innerhalb des gesamten Sendeverlaufs zu bestimmen. Das erlaubt es zu beurteilen, wie dominant diese Mittel der ästhetischen Gestaltung sind. Zu den Dokumenten, Quellen- und Archivmaterialien zählten: Bilddokumente (Fotos, Gemälde/Porträts, Plakate, Karikaturen, Graphiken, Stiche und Radie- rungen, Skizzen, Zeichnungen)146, Zeitschriften/Zeitungen, Urkunden, Briefe, Tagebücher, Modelle (von Städten), originäre museale Gegenstände (Schul- zimmer mit Bank und Tafel), Plastiken (Büsten, Grabplatten, Reliefs); auch Orte, an denen Dokumente zusammengetragen und bewahrt werden wie bei- spielsweise Bibliotheken, Museen und Kirchen (mit Grüften u. Sarkophagen)147, weiterhin andere museale Gegenstände (Rüstungen, Münzen, Ausgrabungs- funde148, ebenso z. B. stillgelegte U-Boote und Flugzeuge149 oder Bomben). Unter graphischen Einblendungen wollten wir Kartenmaterialien, Dia- gramme, Schrift150 (z. B. Schlagworteinblendung und Wortgruppen151), Orts- und Zeitangaben sowie Datumsangaben verstehen. Daneben ist auf dieser Ebene 2 auch bestimmt worden, ob das historische Geschehen und die neueren Filmaufnahmen Originalschauplätze zeigen. Unter Originalschauplatz verstehen wir den Ort, an dem sich das historische Ge- schehen tatsächlich ereignet hat. 294 146 Bsp.: „Die schönen Gesellschaften. Reisewege zur Kunst“ (SFB 17. 09. 1995) und „Das Schlachtengemälde“ (SFB 02. 07. 1995). 147 Bsp.: „Mittelalter – Zwischen Altertum und Neuzeit. Welfenstolz und Welfentrotz. Vor 800 Jahren starb Heinrich der Löwe.“ (3sat 20. 10. 2003). 148 Bsp.: „Geschichten um Tutanchamun“ (SFB 11. 09. 1995). 149 Bsp.: „Operation Gomorra“ (ARD 20. 07. 2003). 150 Bsp.: Vornehmlich in Reihen wie „Die Woche vor 50 Jahren“, „Rückblende – Berlin vor 25 Jahren“, „Damals vor 40 Jahren“. 151 Bsp.: PRIMETIME „Rosa Luxemburg“ (RTL 26. 11. 1995). Die im Kategorienschema aufgenommenen stilistischen Mittel gehören zu den klassischen Mitteln der Gestaltung im dokumentarischen Genre, das heißt, wenn sie fehlen, kann man darauf schließen, dass es eine Tendenz gibt, dieses klassische Formenrepertoire zu verlassen. Bei der ästhetischen Analyse der Ebene 2 werden die dramaturgischen Mittel der Gestaltung untersucht und weiter, ob es szenische Rekonstruktionen innerhalb der Sendung gibt und ob diese als solche – das heißt: als Rekonstruk- tion – sichtbar oder nicht sichtbar sind. Ebenso wird bestimmt, ob es fiktionale Anteile gibt, das heißt, ob beispielsweise Szenen aus Spielfilmen in die Gestal- tung eingegangen sind und ob diese als solche Medienimplantate ausgewiesen oder nicht ausgewiesen sind. Des Weiteren wird bestimmt, ob Animationen152 oder sonstige Formen der Veranschaulichung als dramaturgische Mittel Ver- wendung finden. Eine szenische Rekonstruktionen liegt dann vor, wenn anhand einiger aus- gesuchter Szenen ein historisches Geschehen nachgestellt wird.153 Von fiktionalen Anteilen sprechen wir – wie oben angedeutet – dann, wenn in den jeweiligen Sendungen Ausschnitte aus zeitgenössischen Filmen Verwen- dung finden.154 Unter sonstigen Formen der Veranschaulichung kategorisieren und erfassen wir: Das Vorlesen von Geschichten /Gedichten oder Briefen155, das Nach- stellen156 beispielsweise von Ritterturnieren etc. durch Laiengruppen, die ver- gangenes Leben vorführen, aber auch Ausschnitte aus Theateraufführungen/ -proben und Einlagen mit Show- und Eventcharakter157 (Aufmärsche/Appelle) und anderes, wie beispielsweise Auto- oder Zugfahrten, Spaziergänge etc., um etwa historische Wege zu veranschaulichen. Die auf dieser Ebene bestimmten Gestaltungsmittel gehören nicht zum klassischen Repertoire des Dokumentarfilmes, gerade deshalb können sie aber verstanden werden als Hinweise darauf, dass die klassischen Genregrenzen aufweichen oder sich das Genre mit anderen Genres – der Unterhaltung etwa – vermischt. Auf der dritten, der Personalisierungsebene ist untersucht worden, welche Personen als Mittel der ästhetischen Gestaltung in eine Sendung integriert werden. Zunächst haben wir bestimmt, ob es einen Moderator, einen Inter- 295 152 Bsp.: „Hitlers Kampf mit Roosevelt /Ein Weltmachtstraum scheitert“ (BR 21. 10. 2003) und als Kamerafahrt durch einen imaginären Katakombentunnel in „Toledo“ (WDR 21. 11. 1995). 153 Bsp.: „Operation Gomorra – Hamburg im Feuersturm“ (ARD 20. 07. 2003), „Hitlers braune Bataillone/Der Niedergang der SA (2/2)“ (ORB/RBB 30. 11. 2003) und „Im Schatten der Macht (1/2)“ (3sat 20. 07. 2003). 154 Bsp.: „Toledo“ (WDR 21. 11. 1995) oder „Millennium. Das 17. Jahrhundert“ (3sat 21. 10. 2003). 155 Bsp.: „Millennium. Das 17. Jahrhundert“ (3sat 21. 10. 2003) oder „Das Schlachtengemälde“ (SFB 02. 07. 1995). 156 Bsp.: „Mittelalter – zwischen Altertum und Neuzeit / Welfenstolz und Welfentrotz. Vor 800 Jahren starb Heinrich der Löwe.“ (3sat 20. 10. 2003) oder „Das Mittelalter ruft /Die Burgmannschaft zu Eckartsberga“ (MDR 26. 11. 1995). 157 Bsp.: „Schauplatz Geschichte – Bukarest“ (ARD 03. 11. 1995). viewer und einen Kommentator gibt, der die Sendung begleitet. Als weitere relevante Kategorie der Personalisierung haben wir erfasst, ob Experten und Zeitzeugen in der Sendung auftreten. Die Anzahl und die Häufigkeit des Auf- tretens aller in Erscheinung tretenden Personen ist erfasst worden, um so Aussagen über ihre Bedeutung als Mittel der personalisierenden Gestaltung treffen zu können. Die Geschlechtsvariable der jeweiligen Personen ist ebenso miterfasst, um unter anderem zu prüfen, ob es eine relative Ausgewogenheit des Modus der Geschichtspräsentation und -inszenierung gibt. Schließlich haben wir festgehalten, ob Akteure der Fernsehsendung aus dem On oder dem Off heraus agieren, das heißt, entweder ausschließlich über die Stimme und das Wort in Erscheinung treten – und somit im Hintergrund bleiben – oder aber in Bild und Ton erscheinen und demnach von visuellem Eindruck für die Geschichtspräsentation sind. Eine im Film auftretende Person bezeichnen wir dann als Moderator158, wenn sie in der Funktion auftritt, den Zuschauer zu begrüßen und ihn durch die Sendung zu führen. Von einem Interviewer und einer Interviewsituation sprechen wir dann, wenn die Zeitzeugen und Experten auf konkrete Fragen antworteten, die ihnen von einem Gegenüber (männlich/weiblich) im On159 oder aus dem Off 160 gestellt werden und wir die mediale Inszenierung einer Gesprächssituation beobachten können. Das heißt, es wird auf dieser Ebene unterschieden, ob die Experten und die Zeitzeugen einen eigenständigen Bericht oder eine Stellung- nahme abgeben oder in einer Interviewsituation von einem Interviewer gezielt befragt werden und darauf antworten. Eine im Film auftretende Person ist dann als Kommentator161 bestimmt, wenn sie, aus dem On oder Off, das gezeigte Geschehen andauernd oder zeit- weise kommentiert. Die Unterscheidung von Zeitzeuge und Experte162 haben wir daran orien- tiert, was die auftretenden Akteure in den Sendungen zeigen oder zeigen sollen: Fach- und Sachkenntnisse oder persönliche Erinnerungen. Angesichts der oben skizzierten Kontexte halten wir Zeitzeugen als ein Element der ästhetischen Gestaltung für ein besonders wichtiges Merkmal, das in der Analyse differenzierte Betrachtungen und Schlussfolgerungen er- 296 158 Bsp.: Die Reihe „50 Jahre Hessen. Hessen-Illustrierte (1/5)/Matthias Beltz präsentiert die sechziger Jahre“ (HR 16. 09. 1995) oder „History. Anschlag auf das World Trade Center 1993“ (ProSieben 22. 06. 1999). 159 Bsp.: „Günter Guillaume. Der Spion im Kanzleramt“ (SWR 02. 07. 1995). 160 Bsp.: PRIMETIME-Spätausgabe „Wer weiß denn schon, wo Lemberg liegt? Alexej Leporc über eine tausend- jährige Metropole“ (RTL 27. 06. 1999). 161 Bsp.: hierfür sind alle Reihen von Guido Knopp: „Hitler eine Bilanz“ (ZDF 13. 09. 1995), „Hitlers Frauen/ Zarah Leander“ (ZDF 15. 07. 2003). 162 Bsp.: „Versunkene Welten – Die Geschichte der Archäologie/Auf der Spur nach Gold und Mumien (2/6)“ (3sat 16. 03. 2003) und dctp-Reportage „Strategien von unten – Jörg Friedrichs über Menschen im Bomben- krieg“ (SWR 13. 03. 2003). möglicht. Zunächst haben wir deshalb die Perspektive, aus der heraus der jeweilige Zeitzeuge berichtet, als Kategorie erhoben. Dabei wird unterschieden zwischen einer Erlebnis-163 und einer Beobachterperspektive164, die jeweils den Abstand bestimmt, in der der Zeitzeuge zu dem von ihm bezeugten Ge- schehen steht. Das heißt, wir unterscheiden zwischen einem Zeitzeugen, der aus seinem eigenen und direkten Erleben berichtet und einem solchen, der ein bestimmtes Geschehen nur beobachtet hat und lediglich seine Beobachtungen darlegt. Ebenso sind wir mit der Klassifizierung der Zeitzeugen in eine erste (unmittelbar vom historischen Geschehen selbst Betroffene)165 und eine zweite/ nachfolgende (Töchter und Söhne)166 Generation verfahren. Auch hier wird die Differenz der aufgestellten Kategorien durch den Abstand bestimmt, in dem der Zeitzeuge zum Geschilderten steht, das heißt, hat er es noch selbst erlebt oder weiß er davon nur aus Berichten unmittelbar oder mittelbar Betroffener. Schließlich ist auf der Erlebnisperspektive noch eine weitere Differenzie- rung vorgenommen und zwischen der Opfer- und der Täterperspektive unter- schieden worden. Als Opfer werden Menschen betrachtet, die der physischen oder psychischen Gewalt anderer ausgesetzt waren bzw. in einer Position sind, die durch Hilflosigkeit gekennzeichnet ist167. Den Tätern werden diejenigen zugeordnet, die Macht über andere ausüben. Es gibt jedoch einige Beispiele, bei denen hier eine klare Zuordnung innerhalb dieser Kategorien nicht möglich ist168, was in den meisten aller Fälle durch die Themen und Inhalte der jeweili- gen Sendungen begründet ist. Die Identifizierung der Täterperspektive wird er- leichtert durch Bildunterschriften169. Die Gestaltungselemente auf der Personalisierungsebene gehören alle zu den klassischen des Dokumentarfilmes. Von Interesse ist demnach hier grund- sätzlich, im Sinne eines sich vollziehenden Wandels auf der Ebene der ästheti- 297 163 Ausschließlich aus der Erlebnisperspektive wird in den folgenden Filmen erzählt: „Der Gulag (2)“ (ARTE 10. 03. 2003) und „Willy Brandt – Eine Jahrhundertgestalt“ (ARTE 23. 10. 2003). 164 Bsp.: „Versunkene Welten – Die Geschichte der Archäologie (6)“ (3sat 16. 03. 2003), „Mittelalter – zwischen Altertum und Neuzeit / Welfenstolz und Welfentrotz. Vor 800 Jahren starb Heinrich der Löwe.“ (3sat 20. 10. 2003), gemischt in: „Hitlers Kampf mit Roosevelt“ (BR 20. 10. 2003), „Soldaten hinter Stacheldraht (3)“ (SWR 20. 07. 2003). 165 Sendungen, die ausschließlich Zeitzeugen der ersten Generation zu Wort kommen lassen: „Die Juden von Königswinter“ (3sat 14. 03. 2003), „Fremde Heimat Westen“ (3sat 27. 11. 2003). 166 Zeitzeugen ausschließlich zweiter Generation kommen nicht vor, dagegen gemischt in: „Protokoll einer Katastrophe/Menschen wie brennende Fackeln – Das Inferno von Baikonur“ (ARD 10. 03. 2003). 167 Von Arbeitslosigkeit betroffene Demonstranten der Kruppwerke („WDR-dok: Industrie-Dynastien in NRW: Der Krupp-Komplex (1/2)“ (WDR 24. 10. 2003). In „Hitlers braune Bataillone/Der Niedergang der SA (2/2)“ (ORB 30. 11. 2003) kommen sowohl von der SA misshandelte Opfer als auch ehemalige SA-Angehörige, die nicht unmittelbar selbst an den Verbrechen gegen die interviewten Opfer beteiligt waren, zu Wort. 168 Beispiele, bei denen nur aus der Täterperspektive erzählt wird, kommen im Korpus nicht vor, dagegen gibt es Sendungen, bei denen ausschließlich aus der Opferperspektive erzählt wird, wie: „Die Juden von Königs- winter“ (3sat 14. 03. 2003) und „Ich will mich nicht verstecken“ (3sat 16. 03. 2003). 169 Bildunterschrift „Täter“ bei einem Zeitzeugen, „Die Waffen-SS/Hitlers letztes Aufgebot (3/3)“ (MDR 21. 10. 2003). schen Gestaltung, gerade auch das zu entdecken, was nicht vorkommt, worauf in Ablehnung eines traditionellen Formenkanons bewusst verzichtet wurde. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, ob es noch immer den Kommentator des klassischen Dokumentarfilmes oder mehrheitlich einen Moderator als Element der unterhaltenden Gestaltung gibt, der den Zuschauer durch die Sendung führt, oder ob es daneben nicht Präsentationsformen einer Personalisierung gibt, die weder das eine, noch das andere sind. Oder ob wir vielmehr von einem ausgewogenen Verhältnis männlicher und weiblicher Zeitzeugen aus- gehen können und ob Zeitzeugen mehr aus der Opfer- oder der Täterperspek- tive in Erscheinung treten, ob es noch immer der Zeitzeuge der ersten Genera- tion ist – und damit ein noch unmittelbar am Erleben Beteiligter, der uns im Fernsehen historisches Geschehen bezeugt – oder ob wir schon mehr den Zeitzeugen zweiter und dritter Generation vorgeführt bekommen, die ja dann eigentlich nur mehr Zeitzeugen der medialen Erinnerungskultur sind, von der sie dann zugleich ein Teil werden. Die vierte zu untersuchende Ebene ist die Bildebene. Hier geht es zunächst um die Originalaufnahmen, die in den Sendungen Verwendung finden. Sie werden nach der Häufigkeit ihres Vorkommens, innerhalb des festgelegten Spektrums bestimmt. Es erfolgt eine Zuordnung in Schwarz-Weiß- und Farb- aufnahmen, eine Klassifizierung als Wochenschau und schließlich, ob sie als solche in der Fernsehsendung selbst indiziert oder nicht indiziert sind. Unter originalen Filmaufnahmen verstehen wir ausschließlich altes Film- material, das als Quelle und Dokument ein vergangenes Geschehen bezeugen kann und entsprechend seines Alters als Schwarz-Weiß- oder (vereinzelt auch als) Farbaufnahme eingesetzt worden ist. Wochenschauen stellen eine spezielle Form des originalen Filmmaterials dar, das im Gegensatz zu anderen Filmmaterialien meist indiziert verwendet wird.170 Weiterhin werden die gesamten aktuellen Filmaufnahmen der jeweiligen Sendungen alternativ als entweder farbig (Normalfall) oder schwarz-weiß (wenn aktuelle farbige Aufnahmen zu Schwarz-Weiß-Aufnahmen „verfälscht“ wurden oder Aufnahmen im Modus schwarz-weiß entstehen171) klassifiziert, um den ästhetischen Umgang mit diesem Filmmaterial beurteilbar zu machen.n Wir codieren, um den Grad der Personalisierung zu beurteilen, in welcher Umgebung Zeitzeugen und Experten präsentiert werden, alternativ als indivi- duell (in privater Atmosphäre) oder vereinheitlicht (durch gemeinsamen Hinter- grund aller auftretenden Personen), an Originalschauplätzen (an den originalen 298 170 Bsp.: „Die Aktuelle Kamera“ in: „In die Wende gespuckt (3/4)“ (MDR 12. 03. 2003), die DEFA-Sonder- wochenschau in: „WDR-dok: Stalin auf Deutsch – Der Diktator und die DDR“ (WDR 10. 03. 2003). 171 Schwarz-Weiß-Aufnahmen allein kommen nicht vor, jedoch gemischt mit Farbaufnahmen, wie in: „Der Gulag (2)“ (ARTE 10. 03. 2003) und „Mord auf Kephallonia“ (NDR 16. 07. 2003). Schauplätzen des geschilderten Geschehens)172 oder sonstigen Möglichkeiten der Präsentation: etwa vor Bluescreen (Bewegt- oder Standbild im Hinter- grund)173, vor einem schwarz-weißen Hintergrund (vor schwarzem Hintergrund mit verschiedenen weißen Lichtkegeln)174 usw. Visuelle Effekte verifizieren wir entsprechend der Häufigkeit ihres Vor- kommens als einen Hinweis auf die Einflüsse neuer medialer Möglichkeiten, das heißt, als ästhetische Innovation. Gemeint sind hier beispielsweise: Über- blendungen (wie Buchumblättern; Schwarz- und Weiß-Blenden), visuelle Ver- fremdungen (Blaufilter)175, Bildmontagen176, Morphing, Simulation, Switching, Zeitraffer/Zeitlupe/Zoomen/Fokussierungen, spezielle Effekte („Einfrieren“ von Bildern, feuerumflammte Schrift /Jahresangaben177, sich bewegende Ele- mente, Einblendung von Originaldokumenten mit Hervorhebung bestimmter Stellen, Unschärfen, Verwendung des Negativs eines Bildes/Filmes178 usw.).m Schließlich ist im Beobachtungsraster auch die Kameraführung grob erfasst, in den Merkmalen eher unauffällig (im Fluss befindlich, der Zuschauer wird nicht aufmerksam auf die Montage), schnelle Schnitte179 und lange Einstel- lungen180, wobei die beiden letzten Kriterien einen Hinweis auf Abweichungen vom klassischen Genre geben. Die fünfte Ebene der ästhetischen Untersuchung ist die Tonebene. Hier sind auch zunächst die originalen Tonaufnahmen kategorisiert, in allein stehend 181, in Verbindung mit originalem Bildmaterial182 erscheinend und indiziert183 oder nicht indiziert. Damit soll in der Auswertung deutlich werden, wie transparent die Inszenierung der Sendungen für den Zuschauer gestaltet wird. Auf der Ebene der sprachlichen Gestaltung unterscheiden wir, ob die vor- kommende Originalsprache durch eine Stimme aus dem Off 184 übersetzt wird, ob es deutsche Untertitel oder ein Sprachband im Bild 185 gibt. Schließlich wird die Verwendung von Musik innerhalb der jeweiligen Sen- dung untersucht und erfasst. Kommt Musik vor oder nicht,186 ist es Live- 299 172 Bsp.: „Schauplatz Geschichte – Bukarest“ (ARD 23. 11. 1995). 173 Bsp.: „General bei Hitler und Ulbricht“ (SFB 25. 11. 2003). 174 Bsp.: in Guido Knopps Reihen wie „Hitler – eine Bilanz“ (ZDF 26. 11. 1995). 175 Bsp.: „Hitlers Frauen/Zarah Leander“ (ZDF 15. 07. 2003). 176 Bsp.: PRIMETIME „Rosa Luxemburg und der Reichskanzler“ (RTL 26. 11. 1995). 177 Bsp.: „Geschichten um Tutanchamun (5)“ (NDR 11. 09. 1995). 178 Beispielhaft für die Verwendung der genannten visuellen Effekte sind die dctp-Reportagen. 179 Bsp.: „Orte des Erinnerns (5)/Friedrichshafen und Zeppelin-Industrie (1/5)“ (NDR 15. 07. 2003). 180 Bsp.: „Julias Wahn“ (MDR 16. 07. 2003) und die dctp-Reportage „Strategie von unten – Jörg Friedrich über Menschen im Bombenkrieg“ (VOX 15. 03. 2003). 181 Bsp.: „Mord auf Kephallonia“ (NDR 16. 07. 2003), „Legenden/Osho, genannt Bhagwan“ (ARD 20. 10. 2003). 182 Bsp.: „Fremde Heimat Westen“ (3sat 27. 11. 2003). 183 Bsp.: „Flucht und Vertreibung (3)“ (SWR 26. 11. 1995). 184 Bsp.: „Die Verbrechen der Wehrmacht /Das Ende einer Legende“ (3sat 05. 04. 1995). 185 Bsp.: „Polen nach der Wende“ (ARTE 22. 11. 1995). 186 Bsp.: „Die Verbrechen der Wehrmacht“ (3sat 22. 11. 1995), „Angeklagt: Lee Harvey Oswald (2/3)“ (3sat 17. 09. 1995). Musik187 oder Musik aus der „Konserve“188, findet die Musik eine zum Ge- samtbild der Sendung eher unterstützende189 oder konträre Verwendung190; ist sie als eher dramatisch191 oder leicht und unterhaltend192 zu charakterisieren.m Letztlich gehen wir noch der Frage nach, ob innerhalb der Sendung Ge- räusche193 oder auch Stille194 als Gestaltungselemente Verwendung finden, weil dies zum klassischen Repertoire der Gestaltung von hörintensiven Medien- angeboten gehört. Die sechste Ebene der ästhetischen Analyse ist die Ebene, auf der das Verhältnis von Bild- und Tonebene einer groben Charakterisierung unterzogen wird, gestützt auf die Kategorien: Dominanz der Bilder195 (wenn der Ton nur dazu dient, das Bild näher zu erläutern) oder Dominanz des Tones196, wo das Bild eine bloß illustrative Funktion hat und lediglich das gesprochene Wort unterstützt, oder schließlich ein ausgewogenes197 Verhältnis von Bild und Ton. Wir gehen davon aus, dass die erste und die letzte Kategorie auf Verände- rungen der ästhetischen Gestaltung innerhalb des dokumentarischen Genres verweisen können, weil eine Dominanz des Wortes in der zweiten Kategorie eigentlich den traditionellen Dokumentarfilm kennzeichnet. 300 187 Bsp.: „Goliath, gefesselt“ (ARD 29. 06. 1995), „Rasputin“ (HR 09. 04. 1995). 188 Bsp.: „Saint Jean – Fremd im eigenen Land“ (ARTE 28. 06. 1995) und „Der lange Abschied von Chemnitz“ (MDR 27. 06. 1995). 189 Bsp.: „Das Mittelalter ruft“ (MDR 26. 11. 1995) und „Begraben in fremder Erde/Russische Ehrenmale im Osten Deutschlands“ (MDR 26. 11. 1995). 190 Bsp.: „Vietnam“ (NDR 13. 09. 1995). 191 Bsp.: „Geschichten um Tutanchamun (5)“ (NDR 28. 06. 1995). 192 Bsp.: „Von Null auf Fünfzig (1/10)“ in der Reihe „50 Jahre Hessen“ (HR 17. 09. 1995). 193 Bsp.: dctp-Reportage „Rosa Luxemburg und der Reichskanzler“ (RTL 26. 11. 1995) und die SPIEGEL TV- Reportage „Der Todesengel von Auschwitz – die Geschichte des SS-Arztes Josef Mengele“ (Sat.1 12. 09. 1995). 194 Bsp.: „Neues in Wittstock“ (MDR 11. 09. 1995) und „Deutschland im Herbst“ (WDR 16. 09. 1995). 195 Kommt nicht vor, nur in Verbindung mit einer ebenso vorherrschenden Dominanz des Tons. Bsp.: „Neues in Wittstock“ (MDR 11. 09. 1995) und die dctp-Reportage „Rosa Luxemburg und der Reichskanzler“ (RTL 26. 11. 1995). 196 Bsp.: „Angeklagt: Lee Harvey Oswald (2/3)“ (3sat 17. 09. 1995) und „Geheimoperation Blaue Wüsten- springmaus“ (NDR 13. 09. 1995). 197 Bsp.: „Kanal 4 Dokumentation – Das Jahr 1945/Die letzten Tage des Krieges in Europa“ (RTL 09. 04. 1995), „Deutschland im Herbst“ (WDR 16. 09. 1995). Literatur Adelmann, Ralf und Keilbach, Judith (2000). Ikonographie der Nazizeit: Visualisierun- gen des Nationalsozialismus. In: Heller, Heinz-B., Kraus, Matthias, Meder, Thomas, Prümm, Karl und Winkler, Hartmut (Hrsg.). Über Bilder sprechen: Positionen und Perspektiven der Medienwissenschaft. [Schriftenreihe der Gesellschaft für Film- und Fernsehwissenschaft: GFF; Bd. 8] Marburg: Schüren, S. 137–150. Altendorfer, Otto (2001). Das Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland. Opladen: Westdeutscher Verlag. Assmann, Aleida (2003). Erinnerungsräume. München: Beck. Assmann, Aleida und Frevert, Ute (1999). Geschichtsvergessenheit – Geschichtsverses- senheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Stuttgart: DVA.m Barber, Benjamin R. (1992). Jihad Vs. McWorld. In: The Atlantic Monthly; März 1992. Jg. 269. H. 3, S. 53–65. Bartsch, Anne und Hübner, Susanne (2004). Emotionale Kommunikation – ein integra- tives Modell. Zugl.: Halle, Univ., Diss. 2004. Becker, Wolfgang (1991). Fiktion und Unterhaltsamkeit: Instanzen historischen Lernens. In: ders. und Quandt, Siegfried (Hrsg.). Das Fernsehen als Vermittler von Geschichts- bewusstsein. [Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung; Bd. 297] Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 35–73. Becker, Wolfgang und Quandt, Siegfried (1991). Das Fernsehen als Vermittler von Geschichtsbewusstsein. [Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung; Bd. 297] Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Becker, Wolfgang und Schöll, Norbert (1995). In jenen Tagen … Wie der deutsche Nachkriegsfilm die Vergangenheit bewältigte. Opladen: Westdeutscher Verlag. Berg, Nicolas; Jochimsen, Jess und Stiegler, Bernd (Hrsg.) (1996). Shoa – Formen der Erinnerung: Geschichte – Philosophie – Literatur – Kunst. München: Fink. Bergmann, Werner (1997). Die TV-Serie „Holocaust“ als Medienereignis. In: ders. Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1949–1989. [Schriftenreihe des Zentrums für Antisemitis- musforschung Berlin; Bd. 4] Frankfurt /M., New York: Campus, S. 351–381. Zugl.: Berlin, Freie Univ., Habil.-Schr., 1995–1996 u. d. T.: Bergmann, Werner. Öffentliche Konflikte und kollektive Lernprozesse. Bleicher, Joan Kristin (1999). Fernsehen als Mythos: Poetik eines narrativen Erkenntnis- systems. Opladen und Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Zugl.: Hamburg, Univ., Habil.-Schrift, 1999. 301 Bleicher, Joan Kristin (1997). Programmprofile kommerzieller Anbieter seit 1984. In: dies. (Hrsg.). Programmprofile kommerzieller Anbieter. Analysen zur Entwicklung von Fernsehsendern seit 1984. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 9–40. Bleicher, Joan Kristin (1997a). „Zum Raum wird hier die Zeit.“ (Richard Wagner) An- merkungen zum Verschwinden der Vergangenheit im Fernsehprogramm. In: Hicke- thier, Knut, Müller, Eggo und Rother, Rainer (Hrsg.). Der Film in der Geschichte: Dokumentation der GFF-Tagung. [Sigma-Medienwissenschaft; Bd. 23/Schriften der Gesellschaft für Film- und Fernsehwissenschaft; Bd. 6] Berlin: Ed. Sigma, S. 56–62.e Bleicher, Joan Kristin (1993). Geschichte im Fernsehen: Zwischen Dokumentation und Identifikation. In: TheaterZeitSchrift: TZS. Beiträge zu Theater, Medien und Kultur- politik. H. 33/34, S. 23–34. Blümlinger, Christa (2003). Sichtbares und Sagbares. Modalitäten historischer Diskur- sivität im Archivkunstfilm. In: Hohenberger, Eva und Keilbach, Judith (Hrsg.). Die Gegenwart der Vergangenheit. Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. [Texte zum Dokumentarfilm; Bd. 9]. Berlin: Vorwerk 8, S. 82–97. Bolik, Sibylle und Schanze, Helmut (Hrsg.) (1997). Qualitätsfernsehen – Fernsehquali- täten. [Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien: Arbeitshefte Bild- schirmmedien; Bd. 67] Siegen: DFG-Sonderforschungsbereich 240. Borries, Bodo von (2001). Was ist dokumentarisch am Dokumentarfilm? Eine Anfrage aus geschichtsdidaktischer Sicht. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht: GWU. Jg. 52. H. 4, S. 220–227. Borries, Bodo von (1996). Imaginierte Geschichte. Die biographische Bedeutung histori- scher Fiktionen und Phantasien. Köln u. a.: Böhlau. Borries, Bodo von (1994). „Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, ist verurteilt, es noch einmal zu erleben“: Zu Möglichkeiten und Grenzen historischen Lernens. [Schriftenreihe Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung; Bd. 11] Han- nover: Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, S. 7–32. Borries, Bodo von (1990). Geschichtsbewusstsein als Identitätsgewinn?: Fachdidakti- sche Programmatik und Tatsachenforschung. Hagen: Rottmann. Borries, Bodo von (1986). Geschichte im Spiel- und Dokumentarfilm: Fach- und medien- didaktische Überlegungen. In: Medien und Kommunikation als Lernfeld. [Schriften- reihe der Bundeszentrale für politische Bildung; Bd. 236] Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Wiederabdruck 1990. Bd. 287. Borries, Bodo von (1985). Geschichtslernen am Fernsehschirm: Analysemethoden, Fall- beispiele, Praxiserfahrungen. In: Pandel, Hans-Jürgen und Schneider, Gerhard (Hrsg.). Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. [Geschichtsdidaktik; Studien, Materia- lien; Bd. 24] Düsseldorf: Schwann, S. 537–555. Borries, Bodo von (1983). Geschichte im Fernsehen und Geschichtsfernsehen in der Schule. In: Geschichte in den Massenmedien. Geschichtsdidaktik. Jg. 8. H. 3, S. 221–238. Borries, Bodo von; Pandel, Hans-Jürgen und Rüsen, Jörn (Hrsg.) (1991). Geschichts- bewusstsein empirisch. Pfaffenweiler: Centaurus Verlags-Gesellschaft. Bösch, Frank (1999). Das „Dritte Reich“ ferngesehen. Geschichtsvermittlung in der historischen Dokumentation. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht: GWU. Jg. 50. H. 4, S. 204–220. 302 Bracher, Karl Dietrich (1980). Geschichte und Medium: Gedanken zum Verhältnis von Fernsehen und Geschichtsbewusstsein. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: APUZ. B. 8, S. 3–9. Broszat, Martin (1988). „Holocaust“ und die Geschichtswissenschaft. In: ders. Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte. [DTV; Bd. 4474] München: Deutscher Taschenbuch-Verl., S. 102–118. (zuerst 1979). Rev. Ausg. Brückner, Jutta (2005). Hitler im Vorstadtkino. Tabuzonen: Wie der populäre Film die Distanz zur Vergangenheit verkürzt und uns fühlen lässt, was geschehen ist. In: Freitag. Die Ost-West-Wochenzeitung, 43, vom 28. 10. 2005. Burke, Peter (2003). Augenzeugenschaft: Bilder als historische Quellen. Berlin: Wagen- bach. Buscher, Marduk (1998). Die Entwicklung der AGF-Sendungscodierung aus dokumen- tarischer Sicht. In: Klingler, Walter, Roters, Gunnar und Zöllner, Oliver (Hrsg.). Fernsehforschung in Deutschland: Themen – Akteure – Methoden. [Südwestrundfunk- Schriftenreihe: Medienforschung; Bd. 1] Baden-Baden: Nomos. 1. Aufl., S. 839–852. Cannadine, David (2004) (Hrsg.). History and the Media: Conference „History and Media 2002“. Basingstoke, New York: Palgrave Macmillan. Carter, Cynthia und Steiner, Linda (2004). Mapping the contested terrain of media and gender research. In: dies. (Hrsg.). Critical Readings: Media and Gender. [Issues in Cultural and Media Studies] Maidenhead: Open Univ. Press, S. 11–35. Classen, Christoph (1999). Bilder der Vergangenheit: Die Zeit des Nationalsozialismus im Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland 1955–1965. [Medien in Geschichte und Gegenwart; Bd. 13] Köln: Böhlau. Crivellari, Fabio; Kirchmann, Kay; Sandl, Marcus und Schlögl, Rudolf (Hrsg.) (2004). Die Medien der Geschichte. Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspek- tive. [Historische Kulturwissenschaft; Bd. 4] Konstanz: UVK. Crivellari, Fabio und Sandl, Marcus (2003). Die Medialität der Geschichte: Forschungs- stand und Perspektiven einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Geschichts- und Medienwissenschaften. In: Historische Zeitschrift. Bd. 277, S. 619–654. Dahmer, Helmut (1979). „Holocaust“ und die Amnesie. In: Aus Politik und Zeitge- schichte: APUZ. B. 22, S. 33–37. Davis, Natalie Zemon (1989). Gesellschaft und Geschlechter: Vorschläge für eine neue Frauengeschichte. In: dies. Frauen und Gesellschaft am Beginn der Neuzeit: Studien über Familie, Religion und die Wandlungsfähigkeit des sozialen Körpers. Frank- furt /M.: Fischer, S. 117–132. Delanty, Gerard (1995). Inventing Europe. Idea, Identity, Reality. London: Macmillan. Demandt, Alexander (2003). Was ist ein historisches Ereignis? In: Müller-Schöll, Niko- laus (Hrsg.). Ereignis: Eine fundamentale Kategorie der Zeiterfahrung. Anspruch und Aporien. Bielefeld: transcript, S. 63–76. Dethlefs, Friedrich und Friebel, Michael (2003). Programminformationen Fernsehen in der ZUN-Datenbank ZHD-Fernsehprogramm (unveröffentlicht). Dörfler, Hans-Dieter; Schmitt, Jutta; Tagsold, Christian und Wosching, Delf (1998). Bildergeschichten – Geschichtsbilder. Zur Rolle der Fotografie im Geschichtsdiskurs. In: Medien + Erziehung: MERZ. Jg. 42, S. 343–354. 303 Eder, Klaus (2003). Öffentlichkeit und Demokratie. In: Jachtenfuchs, Markus und Kohler- Koch, Beate (Hrsg.). Europäische Integration. Opladen: Leske und Budrich, S. 85–120. 2. Aufl. Enskat, Rainer (2005). Authentisches Wissen: Prolegomena zur Erkenntnistheorie in praktischer Hinsicht. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. Esser, Hartmut (1993). Soziologie. Allgemeine Grundlagen. Frankfurt /M., New York: Campus. Feil, Georg (1974). Zeitgeschichte im Deutschen Fernsehen: Analyse von Fernsehsen- dungen mit historischen Themen (1957–1967). [DIALOGOS; Bd. 7] Osnabrück: Fromm. Fischer, Thomas (2004). Geschichte als Ereignis: Das Format Zeitgeschichte im Fern- sehen. In: Crivellari, Fabio, Kirchmann, Kay, Sandl, Marcus und Schlögl, Rudolf (Hrsg.). Die Medien der Geschichte: Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive. [Historische Kulturwissenschaft; Bd. 4] Konstanz: UVK, S. 511–541.m Flusser, Vilém (1993). Nachgeschichte: eine korrigierte Geschichtsschreibung. In: ders. Schriften; Bd. 2. (hrsg. v. Stefan Bollmann und Edith Flusser). Bensheim, Mannheim: Bollmann. Frahm, Ole (2002). Von Holocaust zu Holokaust: Guido Knopps Aneignung der Ver- nichtung der europäischen Juden. In: 1999: Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts; Bd. 17. H. 2, S. 128–138. Franck, Dieter (1988). Die historische Dokumentation. In: Knopp, Guido und Quandt, Siegfried (Hrsg.). Geschichte im Fernsehen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buch- gesellschaft, S. 49–53. Frank, Bernhard und Gerhard, Heinz (1993). Programmcodierung in der GfK-Fernseh- forschung. Angebot und Nutzung von Fernsehprogrammen. In: Schriftenreihe Media Perspektiven. Bd. 10. Baden-Baden: Nomos, S. 471–478. Frevert, Ute (2003). Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit revisited: Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: APUZ. B. 40–41, S. 6–13. Frevert, Ute (1994). Historische Frauenforschung. In: Deutsche Forschungsgemeinschaft/ Senatskommission für Frauenforschung (Hrsg.). Sozialwissenschaftliche Frauen- forschung in der Bundesrepublik Deutschland: Bestandsaufnahme und forschungs- politische Konsequenzen. [Mitteilung 1] Berlin: Akademie, S. 157–167. Fritsche, Christiane (2003). Vergangenheitsbewältigung im Fernsehen. Westdeutsche Filme über den Nationalsozialismus in den 1950er und 1960er Jahren. München: Meidenbauer. Früh, Werner (1998). Inhaltsanalyse: Theorie und Praxis. [Reihe Uni-Papers; Bd. 3] Konstanz: UVK. 4. überarb. Aufl. Füssmann, Klaus (1987). Geschichte in bewegten und bewegenden Bildern: Zeitge- schichte im ZDF. In: Geschichtsdidaktik. Jg. 12. H. 3, S. 306–310. Gast, Wolfgang (1982). „Holocaust“ und die Presse. In: Rundfunk und Fernsehen. Jg. 30, S. 355–362. Giesen, Bernhard (1999). Europa als Konstruktion der Intellektuellen. In: Viehoff, Reinhold und Segers, Rien T. (Hrsg.). Kultur, Identität, Europa: über die Schwierig- keiten und Möglichkeiten einer Konstruktion. [Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; Bd. 1330] Frankfurt /M.: Suhrkamp, S. 130–146. 304 Goertz, Hans Jürgen (2004). Abschied von „historischer Wirklichkeit“: das Realis- musproblem in der Geschichtswissenschaft. In: Schröter, Jens und Eddelbüttel, Antje (Hrsg.). Konstruktion von Wirklichkeit. Beiträge aus geschichtstheoretischer, philo- sophischer und theologischer Perspektive [Symposium: „Deutungen von Wirklich- keit – Erkenntnistheoretische Voraussetzungen und Geltungsansprüche Religiöser und Philosophischer Interpretationsmodelle“ vom 04. bis 06. Oktober 2002 in der Evangelischen Akademie Loccum]. Berlin, New York: de Gruyter, S. 1–18. Grajczyk, Andreas; Klingler, Walter und Roters, Gunnar (1998). Erinnerungsinteresse an zeitgeschichtlichen Ereignissen im Spiegel der Fernsehforschung. In: Klingler, Walter, Roters, Gunnar und Zöllner, Oliver (Hrsg.). Fernsehforschung in Deutsch- land: Themen – Akteure – Methoden. [Südwestrundfunk-Schriftenreihe: Medien- forschung; Bd. 1] Baden-Baden: Nomos, S. 365–384. Grewenig, Adi (1993). Geschichte als Medienrealität: der Jahrestag des Golfkrieges zwischen Infotainment und Erinnerungsarbeit. In: dies. (Hrsg.). Inszenierte Informa- tion. Politik und strategische Kommunikation in den Medien. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 231–268. Gries, Rainer; Ilgen, Volker und Schindelbeck, Dirk (1989). Gestylte Geschichte: vom alltäglichen Umgang mit Geschichtsbildern. Münster: Westfälisches Dampfboot. Habermas, Jürgen (1998). Über den öffentlichen Gebrauch der Historie. In: ders. Die postnationale Konstellation. Politische Essays. Frankfurt /M.: Suhrkamp, S. 47–61.m Hackforth, Josef (1979). Nationalsozialismus und Fernsehen. „Holocaust“, die Funk- tionen der Massenmedien und Erkenntnisse der publizistischen Wirkungsforschung. In: Mannzmann, Anneliese (Hrsg.). Historie Heute 1. Hitlerwelle und historische Fakten. Königstein i. Ts.: Scriptor, S. 95–104. Hannig, Jürgen (1989). Bilder, die Geschichte machen. Anmerkungen zum Umgang mit „Dokumentarfotos“ in Geschichtslehrbüchern. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht: GWU. Jg. 40, S. 10–32. Hardtwig, Wolfgang (1998). Formen der Geschichtsschreibung: Varianten des histori- schen Erzählens. In: Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.). Geschichte: Ein Grundkurs. Ham- burg: Rowohlt, S. 169–188. Hardtwig, Wolfgang (1998a). Die Verwissenschaftlichung der neueren Geschichtsschrei- bung. In: Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.). Geschichte: Ein Grundkurs. Hamburg: Rowohlt, S. 245–260. Hardtwig, Wolfgang (1988). Personalisierung als Darstellungsprinzip. In: Knopp, Guido und Quandt, Siegfried (Hrsg.). Geschichte im Fernsehen. Darmstadt: Wissenschaft- liche Buchgesellschaft, S. 234–241. Hattendorf, Manfred (1999). Dokumentarfilm und Authentizität: Ästhetik und Pragmatik einer Gattung. [Schriften aus dem Haus des Dokumentarfilms: Close up; Bd. 4] Konstanz: UVK. Zugl.: München, Univ., Diss., 1993. Heimann, Thomas (1997). „Lehren aus der deutschen Geschichte“: Wahrheitstreue und Propaganda im DEFA-Dokumentarfilm „Du und mancher Kamerad“. In: Sabrow, Martin (Hrsg.). Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitima- tion in der DDR. Leipzig: Akadem. Verlagsanstalt, S. 185–215. Heller, Heinz-B.; Kraus, Matthias; Meder, Thomas; Prümm, Karl und Winkler, Hartmut (Hrsg.) (2000). Über Bilder sprechen: Positionen und Perspektiven der Medien- wissenschaft. Marburg: Schüren. 305 Hickethier, Knut (1999). Formatierung der Programme: Trends der Programmentwick- lung im öffentlichen und privaten Fernsehen. In: Schröder, Hermann-Dieter (Hrsg.). Entwicklung und Perspektiven der Programmindustrie. [Symposium des Hans- Bredow-Instituts; Bd. 17] Baden-Baden, Hamburg: Nomos, S. 89–103. Hickethier, Knut (1998). Geschichte des deutschen Fernsehens. Stuttgart: Metzler. Hickethier, Knut (1997). „Bleiben Sie dran!“ Programmverbindungen und Programm – Zum Entstehen einer Ästhetik des Übergangs im Fernsehen. In: Hickethier, Knut und Bleicher, Joan Kristin (Hrsg.). Trailer, Teaser, Appetizer. Zu Ästhetik und Design der Programmverbindungen im Fernsehen. Hamburg: LIT, S. 15–57. Hickethier, Knut (1993a). Dispositiv Fernsehen. Programm und Programmstrukturen in der Bundesrepublik Deutschland. In: ders. (Hrsg.). Institution, Technik und Pro- gramm. Rahmenaspekte der Programmgeschichte des Fernsehens. [Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland; Bd. 1] München: Fink, S. 171–243.m Hickethier, Knut (1993b). Das Programm als imaginäres Museum. Geschichte und Gegen- wart im Kino und im Fernsehen. In: TheaterZeitschrift: TZS; Beiträge zu Theater, Medien und Kulturpolitik. H. 33/34, S. 9–22. Hickethier, Knut und Bock, Gabriele (Hrsg.) (1991). Medien – Kultur: Schnittstellen zwischen Medienwissenschaft, Medienpraxis und gesellschaftlicher Kommunika- tion. Berlin: Spiess. Hockerts, Hans Günter (2001). Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinne- rungskultur, Geschichtswissenschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: APUZ. B. 28, S. 15–30. Hoffmann, Kay (Hrsg.) (1997). Trau – Schau – Wem: Digitalisierung und dokumentari- sche Form. Konstanz: UVK. Hohenberger, Eva und Keilbach, Judith (Hrsg.) (2003). Die Gegenwart der Vergangen- heit: Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. [Texte zum Dokumentarfilm; Bd. 9]. Berlin: Vorwerk 8. Hohenberger, Eva und Keilbach, Judith (2003a). Die Gegenwart der Vergangenheit: Zum Verhältnis von Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. In: dies. (Hrsg.). Die Gegenwart der Vergangenheit: Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. [Texte zum Dokumentarfilm; Bd. 9]. Berlin: Vorwerk 8, S. 8–23. Hohenberger, Eva und Keilbach, Judith (2003b). Vorwort. In: dies. (Hrsg.). Die Gegen- wart der Vergangenheit: Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. [Texte zum Dokumentarfilm; Bd. 9]. Berlin: Vorwerk 8, S. 7. Hohlfeld, Ralf (1998). Fernsehprogrammanalyse: Formen, Einsatzmöglichkeiten und Reichweite. In: Grajczyk, Andreas, Klingler, Walter und Roters, Gunnar (Hrsg.). Fernsehforschung in Deutschland: Themen – Akteure – Methoden. [Südwestrundfunk- Schriftenreihe: Medienforschung; Bd. 1] Baden-Baden: Nomos, S. 197–224. Holtz-Bacha, Christina (1995). Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern in den Medien In: Fröhlich, Romy und Holtz-Bacha, Christina (Hrsg.). Frauen und Medien: eine Synopse der deutschen Forschung. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 41–91. Jäger, Friedrich (1998). Geschichtstheorie. In: Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.). Geschichte. Ein Grundkurs. Hamburg: Rowohlt, S. 724–758. Jäger, Jens (2000). Photographien: Bilder der Neuzeit. [Historische Einführungen; Bd. 7] Tübingen: Ed. Diskord. 306 Kansteiner, Wulf (2003). Die Radikalisierung des deutschen Gedächtnisses im Zeitalter seiner kommerziellen Reproduktion: Hitler und das „Dritte Reich“ in den Fernseh- dokumentationen von Guido Knopp. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 51. Heft 7, Berlin: Verlag der Wissenschaften, S. 626–648. Kansteiner, Wulf (2003a). Ein Völkermord ohne Täter?: Die Darstellung der „Endlö- sung“ in den Sendungen des Zweiten Deutschen Fernsehens. In: Zuckermann, Moshe (Hrsg.). Medien – Politik – Geschichte. [Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Ge- schichte; Bd. 31] Göttingen: Wallstein, S. 253–286. Keilbach, Judith (2004). „Neue Bilder“ im Geschichtsfernsehen: über Einsatz und Ver- wertung von Laufbildern aus der Zeit des Nationalsozialismus. In: Crivellari, Fabio, Kirchmann, Kay, Sandl, Marcus und Schlögl, Rudolf (Hrsg.). Die Medien der Ge- schichte: Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive. [Historische Kulturwissenschaft; Bd. 4] Konstanz: UVK, S. 543–568. Keilbach, Judith (2003). Zeugen, deutsche Opfer und traumatisierte Täter – Zur Ins- zenierung von Zeitzeugen in bundesdeutschen Fernsehdokumentationen über den Nationalsozialismus. In: Zuckermann, Moshe (Hrsg.). Medien – Politik – Ge- schichte. [Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte; Bd. 31]. Göttingen: Wallstein, S. 287–307. Keilbach, Judith (2003a). Zeugen der Vernichtung: Zur Inszenierung von Zeitzeugen in bundesdeutschen Fernsehdokumentationen. In: Hohenberger, Eva und Keilbach, Judith (Hrsg.). Die Gegenwart der Vergangenheit: Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. [Texte zum Dokumentarfilm; Bd. 9] Vorwerk 8, S. 155–174. Keilbach, Judith (2002). Fernsehbilder der Geschichte. Anmerkung zur Darstellung des Nationalsozialismus in den Geschichtssendungen des ZDF. In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts; Bd. 17. H. 2, S. 102–113. Klein, Gabriele (1989). Geschichte oder Geschichten?: Zahlen und Analysen zu zwei Wochen Historie im Fernsehen. In: Kröll, Ullrich (Hrsg.). Massenmedien und Ge- schichte: Presse, Rundfunk und Fernsehen als Geschichtsvermittler. [Forum Ge- schichtsdidaktik; Bd. 6] Münster: Regensburg, S. 63–88. Klein, Josef (1998). Boulevardisierung in TV-Kulturmagazinen? In: Holly, Werner und Biere, Bernd Ulrich (Hrsg.). Medien im Wandel. Opladen, Wiesbaden: Westdeutscher Verl., S. 103–111. Knopp, Guido F. (2003). „Zeitgeschichte im ZDF – Aufklärung braucht Reichweite“: Eröffnungsvortrag der Frühjahrstagung Mainz 2003. In: Info 7. Jg. 18. H. 2, S. 76–80. Knopp, Guido F. (1987). Zeitgeschichte und Geschichtsbewusstsein. In: Zweites Deut- sches Fernsehen: ZDF-Jahrbuch 1986; Bd. 23. Mainz, S. 70–74. Knopp, Guido F. und Quandt, Siegfried (Hrsg.) (1988). Geschichte im Fernsehen: ein Handbuch. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Koch, Gertrud (1983). Zum Verhältnis von Dichtung und Geschichtsschreibung: Theorie und Analyse. Frankfurt /M. u. a.: Peter Lang. Koselleck, Reinhart und Stempel, Wolf-Dieter (1990). Geschichte: Ereignis und Erzäh- lung. München: Fink. Kröll, Ulrich (1990). Geschichtsfernsehen im Wandel. In: Leidinger, Paul und Metzler, Dieter (Hrsg.). Geschichte und Geschichtsbewusstsein. [Festschrift für Karl-Ernst Jeismann zum 65. Geburtstag] Münster: Institut für Didaktik der Geschichte, S. 742–777. 307 Kröll, Ulrich (1989). Geschichte im Fernsehen der Bundesrepublik: Durchbruch zum massenhaften Geschichts-Konsum. In: ders. (Hrsg.). Massenmedien und Geschichte: Presse, Rundfunk und Fernsehen als Geschichtsvermittler. [Forum Geschichtsdidaktik; Bd. 6] Münster: Regensburg, S. 103–128. Krüger, Udo Michael (2005). Sparten, Sendungsformen und Inhalte im deutschen Fern- sehangebot: Programmanalyse 2004 von ARD/ Das Erste, ZDF, RTL, Sat.1 und ProSieben. In: Media Perspektiven. H. 5, S. 194–204. Krüger, Udo Michael (2001). Programmprofile im dualen Rundfunksystem 1991–2000: eine Studie der ARD/ZDF-Medienkommission. [Media Perspektiven; Bd. 15] Baden- Baden: Nomos. Krüger, Udo Michael (1998). Zum Stand der Konvergenzforschung im Dualen Rund- funksystem. In: Fernsehforschung in Deutschland: Themen – Akteure – Methoden. [Südwestrundfunk-Schriftenreihe: Medienforschung; Bd. 1] Baden-Baden: Nomos, S. 151–184. Krüger, Udo Michael (1996). Boulevardisierung von Information im Privatfernsehen. In: Media Perspektiven. H. 7, S. 362–374. Krüger, Udo Michael (1992). Programmprofile im dualen Fernsehsystem 1985–1990: eine Studie der ARD-ZDF-Medienkommission. [Media Perspektiven; Bd. 10]. Baden- Baden: Nomos. 1. Aufl. Krüger, Udo Michael (1988). Infos – Infotainment – Entertainment: Programmanalyse 1988. In: Media Perspektiven. H. 10, S. 637–663. Lagny, Michèle (2003). Historischer Film und Geschichtsdarstellung im Fernsehen. In: Hohenberger, Eva und Keilbach, Judith (Hrsg.). Die Gegenwart der Vergangenheit: Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte. [Texte zum Dokumentarfilm; Bd. 9]. Berlin: Vorwerk 8, S. 115–128. Lappe, Christian (2003). Im Gestern nichts Neues?: Geschichte im Bayerischen Fern- sehen. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht: GWU. Jg. 54. H. 2, S. 96–103. Le Goff, Jacques (1992). Geschichte und Gedächtnis, Frankfurt /M.: Campus. Lerner, Gerda (1995). Frauen finden ihre Vergangenheit: Grundlagen der Frauenge- schichte. Frankfurt /M.: Campus. Linne, Karsten (2002). Hitler als Quotenbringer: Guido Knopps mediale Erfolge. In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts; Bd. 17. H. 2, S. 90–101. Loewy, Hanno (2002). Bei Vollmond: Holokaust: genretheoretische Bemerkungen zu einer Dokumentation des ZDF. In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts; Bd. 17. Heft 2, S. 114–127. Lorenz, Chris (2004). Wozu noch Theorie der Geschichte? In: Depkat, Volker, Müller, Matthias und Sommer, Andreas Urs (Hrsg.). Wozu Geschichte(n)? Geschichtswissen- schaft und Geschichtsphilosophie im Widerstreit. Stuttgart: Steiner, S. 117–144. Löwenthal, Leo (1981). Die biographische Mode. In: Viehoff, Reinhold (Hrsg.). Alter- native Traditionen. [Konzeption empirische Literaturwissenschaft; Bd. 10] Braun- schweig, Wiesbaden: Vieweg, S. 71–88 (zuerst 1933). Magnus, Uwe (1980). „Holocaust“ in der Bundesrepublik. Zentrale Ergebnisse der Begleituntersuchungen aus der Sicht der Rundfunkanstalten. In: Rundfunk und Fern- sehen: Forum der Medienwissenschaft und Medienpraxis. Jg. 28. H. 4, S. 534–542. 308 Magnus, Uwe (1979). „Holocaust“ im Spiegel der Teleskopie-Zahlen. Einschaltquoten und Sehbeteiligung. In: Media Perspektiven. H. 2, S. 77–80. Magnus, Uwe (1979a). Die Reaktionen auf „Holocaust“. Ergebnisse der Begleitstudien des WDR und der Bundeszentrale für politische Bildung. In: Media Perspektiven. H. 4, S. 226–240. Marchart, Oliver; Öhner, Vrääth und Uhl, Heidemarie (2003). Holocaust revisited – Lesarten eines Medienereignisses zwischen globaler Erinnerungskultur und nationaler Vergangenheitsbewältigung. In: Zuckermann, Moshe (Hrsg.). Medien – Politik – Geschichte. [Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte; Bd. 31] Göttingen: Wall- stein, S. 307–334. Merten, Klaus (1996). Konvergenz der Fernsehprogramme im dualen Rundfunk. In: Hömberg, Walter und Pürer, Heinz (Hrsg.). Medien-Transformation: zehn Jahre dualer Rundfunk in Deutschland. [Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft; Bd. 22] Konstanz: UVK, S. 152–171. Merten, Klaus (1995). Inhaltsanalyse: Einführung in Theorie, Methode und Praxis. Opladen: Westdeutscher Verlag. 2. verb. Aufl. Möller, Horst (1988). Neuere Geschichte im Fernsehen. In: Knopp, Guido und Quandt, Siegfried (Hrsg.). Geschichte im Fernsehen: ein Handbuch. Darmstadt: Wissen- schaftliche Buchgesellschaft, S. 265–272. Münch, Dieter (2001). Geschichtlichkeit als Grundkategorie der Bildwissenschaft. In: Sachs-Hombach, Klaus (Hrsg.). Bildhandeln: interdisziplinäre Forschungen zur Pragmatik bildhafter Darstellungsformen. Magdeburg: Scriptum. Nieland, Jörg Uwe et al. (1996). Die medienökonomische Dimension. In: Schatz, Heribert (Hrsg.). Fernsehen als Objekt und Moment des sozialen Wandels. Faktoren und Folgen der aktuellen Veränderungen des Fernsehens. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 75–123. Niethammer, Lutz (1985) (Hrsg.). Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“. Frankfurt /M.: Suhrkamp. Oesterle, Günter (2004). Dialogizität und Paragone zwischen verschrifteter und bebil- derter Geschichtsdarstellung: Franz Kugler/Adolf Menzel: Geschichte Friedrichs des Großen. In: Crivellari, Fabio, Kirchmann, Kay, Sandl, Marcus und Schlögl, Rudolf (Hrsg.). Die Medien der Geschichte. Historizität und Medialität in historischer Per- spektive. [Historische Kulturwissenschaft; Bd. 4] Konstanz: UVK, S. 263–295. Oexle, Otto Gerhard (2003). Von Fakten und Fiktionen: zu einigen Grundsatzfragen der historischen Erkenntnis. In: Laudage, Johannes (Hrsg.). Von Fakten und Fiktionen. Mittelalterliche Geschichtsdarstellungen und ihre kritische Aufarbeitung. [Europäi- sche Geschichtsdarstellungen; Bd. 1] Köln: Böhlau, S. 1–42. Opitz, Claudia (1996). Eine Heldin des weiblichen Geschlechts: zum Bild der Jeanne d’Arc in der frühneuzeitlichen „querelle des femmes“. In: Röckelein, Hedwig, Schoell-Glass, Charlotte und Müller, Maria E. (Hrsg.). Jeanne d’Arc oder wie Ge- schichte eine Figur konstruiert. [Frauen – Kultur – Geschichte; Bd. 4] Freiburg/B.: Herder, S. 111–136. Perrot, Michelle (1989). Vorwort. In: Corbin, Alain, Farge, Arlette und Perrot, Michelle (Hrsg.). Geschlecht und Geschichte: ist eine weibliche Geschichtsschreibung möglich? Frankfurt /M.: Fischer, S. 15–27. 309 Prenner, Andrea (1995). Die Konstruktion von Männerrealität in den Nachrichten- medien: eine theoretisch-empirische Untersuchung anhand eines Beispiels. [Frauen und Massenmedien; Bd. 4] Bochum: Universitätsverlag Brockmeyer. Quandt, Siegfried (1991). 40 Jahre Bundesrepublik Deutschland im Fernsehen – doku- mentarische Rückblicke 1989. Eine Programmanalyse. In: Becker, Wolfgang und Quandt, Siegfried (Hrsg.). Das Fernsehen als Vermittler von Geschichtsbewusstsein. [Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung; Bd. 297] Bonn: Bundes- zentrale für politische Bildung, S. 15–33. Quandt, Siegfried (1988). Geschichte im Fernsehen: Perspektiven der Wissenschaft. In: Knopp, Guido und Quandt, Siegfried (Hrsg.). Geschichte im Fernsehen: ein Hand- buch. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 10–20. Ricoeur, Paul (2002). Geschichtsschreibung und Repräsentation der Vergangenheit. Hamburg: Lit. Riederer, Günter (2003). Den Bilderschatz heben: vom schwierigen Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und Film. In: Zuckermann, Moshe (Hrsg.). Medien – Politik – Geschichte. [Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte; Bd. 31] Göttingen: Wall- stein, S. 15–39. Rippl, Gabriele (2004). „Frauen und Männer in Deutschland“: Bemerkungen zur Kon- struktion von Geschlecht und Nationalität im TV-Jahrhundertrückblick 100 Deutsche Jahre. In: Crivellari, Fabio, Kirchmann, Kay, Sandl, Marcus und Schlögl, Rudolf (Hrsg.). Die Medien der Geschichte: Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive. [Historische Kulturwissenschaft; Bd. 4] Konstanz: UVK, S. 531–541.m Roeck, Bernd (2004). Das historische Auge. Kunstwerke als Zeugen ihrer Zeit. Von der Renaissance zur Revolution. Göttingen: Vandenhoeck Ruprecht. Roth, Wilhelm (1982). Der Dokumentarfilm seit 1960. München: Bucher. Rother, Rainer (Hrsg.) (1991). Bilder schreiben Geschichte: der Historiker im Kino. Berlin: Wagenbach. Ruhrmann, Georg; Woelke, Jens; Meier, Michaela und Diehlmann, Nicole (2003). Der Wert von Nachrichten im deutschen Fernsehen: ein Modell zur Validierung von Nachrichten (LfM-Schriftenreihe: Medienforschung; Bd. 45). Opladen: Leske und Budrich. Schicha, Christian und Brosda, Carsten (2002). Politikvermittlung zwischen Informa- tion und Unterhaltung: eine Einführung. In: dies. (Hrsg.). Politikvermittlung in Unterhaltungsformaten: Medieninszenierungen zwischen Popularität und Populismus. [lkö-Publikationen; Bd. 3] Münster: LIT, S. 7–37. Schildt, Axel (1995). Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und „Zeitgeist“ in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Hamburg: Christians. Schmidt, Siegfried J. (2005). Lernen, Wissen, Kompetenz, Kultur. Vorschläge zur Be- stimmung von vier Unbekannten. Heidelberg: Auer. Schoeps, Julius H. (1982). Kein Ausweg aus der Schuld? Ein Medienereignis als Lehr- stück. Die „Holocaust“-Serie und ihre Wirkung auf die Deutschen. In: Die ZEIT vom 19. November 1982, S. 15. Schörken, Rolf (1995). Begegnungen mit Geschichte: vom außerwissenschaftlichen Umgang mit der Historie in Literatur und Medien. Stuttgart: Klett-Cotta. Schörken, Rolf (1981). Geschichte in der Alltagswelt: wie uns Geschichte begegnet und was wir mit ihr machen. Stuttgart: Klett-Cotta. 310 Schröter, Christian und Zöllner, Oliver (1998). Geschichte verstehen: Qualitative Fern- sehforschung zur Rezeption der Geschichtsreihe „100 Deutsche Jahre“. In: Klingler, Walter, Roters, Gunnar und Zöllner, Oliver (Hrsg.). Fernsehforschung in Deutsch- land: Themen – Akteure – Methoden. [Südwestrundfunk-Schriftenreihe: Medien- forschung; Bd. 1] Baden-Baden: Nomos, S. 385–398. Schubert, Markus und Stiehler, Hans-Jörg (2004). Programmentwicklung im DDR- Fernsehen zwischen 1980 und 1985. Programmstrukturanalytische Betrachtungen zur zweiten Programmreform. In: Dittmar, Claudia und Vollberg, Susanne (Hrsg.). Alternativen im DDR-Fernsehen?: die Programmentwicklung 1981 bis 1985. [Mate- rialien – Analysen – Zusammenhänge, MAZ; Bd. 13) Leipzig: Leipziger Universitäts- verlag, S. 21–79. Schubert, Markus und Stiehler, Hans-Jörg (2002). Codesystem zur Programmstruktur- analyse des ost- und westdeutschen Fernsehens zwischen 1956 und 1991. (unver- öffentlichtes Manuskript). Schubert, Markus und Stiehler, Hans-Jörg (2002a). Programmentwicklung im DDR- Fernsehen zwischen 1968 und 1974. Eine Programmstrukturanalyse. In: Dittmar, Claudia und Vollberg, Susanne (Hrsg.). Die Überwindung der Langeweile? Zur Programmentwicklung des DDR-Fernsehens 1968 bis 1974. [Materialien – Analy- sen – Zusammenhänge: MAZ; Bd. 4] Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 19–57. Schütte, Georg (1997). Infotainment – Unterhaltungslust statt Informationsmühe? In: Schneider, Irmela und Thomsen, Christian W. (Hrsg.). Hybridkultur: Medien, Netze, Künste. Köln: Wienand, S. 158–176. Schuhmacher, Heidemarie (2000). Fernsehen fernsehen: Modelle der Medien- und Fern- sehtheorie. Köln: DuMont. Singer, Wolf (2004). Das Bild in uns: vom Bild zur Wahrnehmung. In: Burda, Hubert und Maar, Christa (Hrsg.). Iconic turn: die neue Macht der Bilder. Köln: DuMont. 1. Aufl., S. 56–76. SPIEGEL (2005). Nr. 44. SPIEGEL (2004). Nr. 25. Steinle, Matthias (2005). Das Archivbild. Archivbilder als Palimpseste zwischen Monu- ment und Dokument im audiovisuellen Gemischtwarenladen. In: Medienwissen- schaft: Rezensionen. Reviews. Jg. 2005. H. 3, S. 295–309. Steinle, Matthias (2003). Vom Feindbild zum Fremdbild: die gegenseitige Darstellung von BRD und DDR im Dokumentarfilm (Schriften aus dem Haus des Dokumentar- films: Close up; Bd. 18). Konstanz: UVK. Zugl.: Marburg und Paris, Univ., Diss., 2002. Steinmetz, Rüdiger und Viehoff, Reinhold (2004). Entertaining Genres in GDR TV-Pro- grammes. In: Steinmetz, Rüdiger (Hrsg.). Special Issue: East German Television History. Historical Journal of Film, Radio and Television IAMHIST 24. Nr. 3, S. 317–326. Suter, Andreas und Hettling, Manfred (2001). Struktur und Ereignis: Wege zu einer Sozialgeschichte des Ereignisses. In: dies. (Hrsg). Struktur und Ereignis. [Geschichte und Gesellschaft: Sonderheft 19] Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, S. 7–32.m Urbe, Wilfried (2005). Die Geschichtsversessenen. Der History-Boom in den Medien. In: epd medien vom 25. 05. 2005, S. 4–7. 311 Venohr, Wolfgang (1988). Der Weg zur Mischform. In: Knopp, Guido und Quandt, Siegfried (Hrsg.). Geschichte im Fernsehen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buch- gesellschaft, S. 82–87. Viehoff, Reinhold (2005). Literatur – Kultur – Identität. In: Cha, Bonghi und Schmidt, Siegfried J. (Hrsg.). Interkulturalität: Theorie und Praxis. Deutschland und Korea. [Kultur: Forschung und Wissenschaft; Bd. 1] Münster: Lit-Verlag, S. 19–35. Viehoff, Reinhold (2005a). Programmierte Bilder. Gedanken zur ritualisierten Zirkel- struktur von Wahrnehmung und Inszenierung durch die Bild(schirm)medien. In: Fischer, Ludwig (Hrsg.). Programm und Programmatik. Kultur- und medienwissen- schaftliche Analysen. Konstanz: UVK, S. 113–131. Viehoff, Reinhold (2004). Zu einer Programmgeschichte des Fernsehens der DDR. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 5/2003. Hrsg. von Holger Böning, Arnulf Kutsch und Rudolf Stöber, S. 195–218. Viehoff, Reinhold (2003). Mechanismen der „Ikonisierung“ in der Mediengesellschaft: Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Medien am Beispiel der „Saddam- Statue“. In: Fahlenbrach, Kathrin (Hrsg.). Medien – Macht – Wahrnehmung: mediale Dispositive des Sehens und Hörens. [Siegener Periodicum zur Internationalen Empi- rischen Literaturwissenschaft: SPIEL] Jg. 22. H. 1, S. 96–118. Vierhaus, Rolf (1988). Historische Wahrheit. In: Knopp, Guido und Quandt, Siegfried (Hrsg.). Geschichte im Fernsehen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 163–167. Wachholz, Michael (2005). Entgrenzung der Geschichte: eine Untersuchung zum histori- schen Denken der amerikanischen Postmoderne [American Studies – A Monograph Series; Bd. 122]. Heidelberg: Winter. Zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss. Wagner, Rainer C. M. (2000). Geschichtsdarstellungen in Film und Fernsehen zwischen Dokumentation und Dramatisierung, In: Zimmermann, Peter und Moldenhauer, Gebhard (Hrsg.). Der geteilte Himmel: Arbeit, Alltag und Geschichte im ost- und westdeutschen Film. [Schriften aus dem Haus des Dokumentarfilms: Close up; Bd. 13]. Konstanz: UVK, S. 19–42. Weiderer, Monika (1993). Das Frauen- und Männerbild im Deutschen Fernsehen: eine inhaltsanalytische Untersuchung der Programme von ARD, ZDF und RTL plus. [Medienforschung; Bd. 4] Regensburg: Roderer. Zugl.: Regensburg, Univ., Diss., 1992. Weiß, Matthias (2001). Sinnliche Erinnerung. Die Filme „Holocaust“ und „Schindlers Liste“ in der bundesdeutschen Vergegenwärtigung der NS-Zeit. In: Frei, Norbert und Steinbacher, Sybille (Hrsg.). Beschweigen und Bekennen: die deutsche Nach- kriegsgesellschaft und der Holocaust. [Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte; Bd. 1] Göttingen: Wallstein, S. 71–102. Weiss, Hans-Jürgen (1998). Auf dem Weg zu einer kontinuierlichen Fernsehprogramm- forschung der Landesmedienanstalten: eine Evaluations- und Machbarkeitsstudie [Schriftenreihe der Landesmedienanstalten; Bd. 12]. Berlin: VISTAS. Weiss, Hans-Jürgen (1996). Programmnormen, Programmrealität und Programmfor- schung. In: Hömberg, Walter und Pürer, Heinz (Hrsg.). Medien-Transformation: zehn Jahre dualer Rundfunk in Deutschland. [Schriftenreihe der Deutschen Gesell- schaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft; Bd. 22] Konstanz: UVK, S. 227–243. 312 Welzer, Harald (Hrsg.) (1995). Das Gedächtnis der Bilder: Ästhetik und National- sozialismus. Tübingen: Ed. Diskord. Welzer, Harald; Moller, Sabine und Tschuggnall, Karoline (2002). „Opa war kein Nazi“: Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt /M.: Fischer.m Wiedenmann, Nicole (2004). „So ist das, was das Bild dokumentiert, das Gegenteil dessen, was es symbolisiert.“ Holocaustfotografie im Spannungsfeld zwischen Ge- schichtswissenschaft und Kulturellem Gedächtnis. In: Crivellari, Fabio, Kirchmann, Kay, Sandl, Marcus und Schlögl, Rudolf (Hrsg.). Die Medien der Geschichte. Histo- rizität und Medialität in historischer Perspektive. [Historische Kulturwissenschaft; Bd. 4] Konstanz: UVK, S. 317–348. Wilke, Jürgen (1999). Fünfzig Jahre nach Kriegsende: die Rethematisierung im deutschen Fernsehen 1995. In: ders. (Hrsg.). Massenmedien und Zeitgeschichte. [Schriften- reihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft; Bd. 26] Konstanz: UVK, S. 260–276. Wilke, Thomas und Kusebauch, Claudia (2005). Der Klick zur Geschichte. Die Web- Angebote von ARD und ZDF zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa. In: Rundfunk und Geschichte. Jg. 31. Nr. 1–2, S. 65–67. Wittwen, Andreas (1995). Infotainment: Fernsehnachrichten zwischen Information und Unterhaltung. [Zürcher Germanistische Studien; Bd. 43] Bern: Peter Lang. Zugl.: Zürich, Univ., Diss. Witz, Rainer (1999). Erinnern im Fernsehen: „100 Jahre Deutsche Geschichte“. In: Koziol, Klaus und Hunold, Gerfried W. (Hrsg.). Lob des Vergessens – Kunst des Erinnerns. [Forum Medienethik. H. 2] München: KoPäd-Verl., S. 79–83. Wolf, Fritz (2004). Der Weitererzähler. Fernsehen und Geschichtserzählung. In: Adolf- Grimme-Institut (Hrsg.). Jahrbuch Fernsehen 2004. Marl: AGI, S. 28–44. Wolf, Fritz (2003). Alles Doku – oder was?: über die Ausdifferenzierung des Dokumen- tarischen im Fernsehen. [LfM-Dokumentation; Bd. 25] Düsseldorf: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Wolfrum, Edgar (2003). Erinnerungskultur? Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: APUZ. B. 40–41, S. 33–39. Zeidler-Johnson, Elisabeth (1988). Die Aufteilung der Menschheitsgeschichte: Christoph Meiners und die Geschichte des anderen Geschlechts als Gegenstand der Geschichts- schreibung in der Spätaufklärung. In: Becher, Ursula A. J. und Rüsen, Jörn (Hrsg,). Weiblichkeit in geschichtlicher Perspektive: Fallstudien und Reflexionen zu Grund- problemen der historischen Frauenforschung. [Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; Bd. 725] Frankfurt /M.: Suhrkamp, S. 189–216. Zimmermann, Peter (2000). „Vergangenheitsbewältigung“: das „Dritte Reich“ in Doku- mentarfilmen und Fernsehdokumentationen der BRD. In: Zimmermann, Peter und Moldenhauer, Gebhard (Hrsg.). Der geteilte Himmel: Arbeit, Alltag und Geschichte im ost- und westdeutschen Film. [Schriften aus dem Haus des Dokumentarfilms: Close up; Bd. 13]. Konstanz: UVK, S. 57–75. Zimmermann, Peter (1994). Geschichte von Dokumentarfilm und Reportage von der Adenauer-Ära zur Gegenwart. In: Ludes, Peter, Schuhmacher, Heidemarie und Zim- mermann, Peter (Hrsg.). Informations- und Dokumentarsendungen. [Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland; Bd. 3] München: Fink, S. 213–324. 313 Zweites Deutsches Fernsehen (Hrsg.) (1992). Staatsvertrag über den Rundfunk im ver- einten Deutschland (ZDF-Schriftenreihe; H. 44: Medienrecht) Mainz: Zweites Deut- sches Fernsehen. Internetquellen: – Knoch, Habbo (2005): Renaissance der Bildanalyse in der Neuen Kulturgeschichte. In: Sichtbarkeit der Geschichte. Beiträge zu einer Historiografie der Bilder. Hrsg. für H-ArtHist und H-Soz- uud Kult von Matthias Bruhn und Karsten Borgmann. Unter: http.//edoc.hu-berlin.de/e_histfor/5 [Stand: 15. 09. 2005]. – website der ARD. Unter: kriegsende.ard.de und kriegsende.ard.de pages_idx_lib/0,,SPM6268,00.html [Stand: 02. 11. 2005]. – website der SPIEGEL-Gruppe. Unter: www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/ home.nsf/Navigation/3D9BC2D2318B2785C1256F5F00350B81?OpenDocument [Stand: 15. 09. 2005]. – website des Bayrischen Rundfunks. Unter: www.br-online.de [Stand: 15. 09. 2005]. – website des Hessischen Rundfunks. Unter: www.hr-online.de [Stand: 15. 09. 2005]. – website des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Unter: www.wdr.de [Stand: 15. 09. 2005]. – website des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Unter: www.zdf.de und zdf.de/ZDFxt/module/Kriegsende [Stand: 15. 09. 2005]. – Wolf, Fritz (2005). Trends und Perspektiven für die dokumentarische Form im Fernsehen. Düsseldorf (unveröffentlichtes Skript). Unter: www.dokville.de. [Stand: 15. 09. 2005]. – ZDF-Jahrbuch 2004. Unter: www.zdf-jahrbuch.de/2004/ index.html [Stand: 15. 09. 2005]. 314 Codeplan „Historische Ereignisse im Fernsehen“ Ebene 1 – Quantitative Erhebung I Sendungstechnische/-beschreibende Daten Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V00 Sendungsnummer (automatisch) Zahl V01a Titel/Originaltitel Text V01b Untertitel Text V01c Reihen-/Serientitel Text V02 Kanal/Anbieter (ja = 1; nein = 0) 01 ARD 02 ZDF 03 RTL 04 Sat.1 05 ProSieben 06 BR 07 HR 08 NDR 09 SWR 10 WDR 11 ORB/RBB Brandenburg 12 SFB/B1/RBB Berlin 13 VOX 14 3sat 15 ARTE 16 MDR V03a Sendedatum TT.MM.JJ 315 V03b Sendungstag (ja = 1; nein = 0) 1 Montag 2 Dienstag 3 Mittwoch 4 Donnerstag 5 Freitag 6 Samstag 7 Sonntag V04 Sendungsbeginn HH:MM V05 Ende der Sendung HH:MM V06 Sendedauer (automatisch) HH:MM V07 Umgebungssendung (davor) V07a Titel Text V07b Sendungsbeginn HH:MM V07c Sendungsende HH:MM V07d Programmkategorie (vgl. Liste 1) V07e Themenabend (ja = 1; nein = 0) V08 Umgebungssendung (danach) V08a Titel Text V08b Sendungsbeginn HH:MM V08c Sendungsende HH:MM V08d Programmkategorie (vgl. Liste 1) V08e Themenabend (ja = 1; nein = 0) II Produktionscharakteristik Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V10 Produktionsart (ja = 1; nein = 0) 1 Eigenproduktion 2 Fremdproduktion/Übernahme 3 Koproduktion 4 sonstige Fremdproduktion198 5 gemischt199 8 nicht eindeutig 9 k. A. 316 198 Eine reine Länderangabe, ohne die Nennung eines produzierenden Senders. 199 Sowohl der ausstrahlende/produzierende Sender als auch andere Länder sind an der Produktion beteiligt. V11 KoproduktionMehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) ARD ZDF RTL Sat.1 ProSieben BR HR NDR SWR WDR ORB/RBB Brandenburg SFB/B1/RBB Berlin VOX 3sat ARTE MDR Sonstige (ORF) nicht zu ermitteln V12a Produktionsland 1 (→ siehe Liste 2) V12b Produktionsland 2 V12c Produktionsland 3 V12d Produktionsland 4 V12e Produktionsland 5 V13 Produktionsjahr Format: JJJJ V14 Wiederholung (ja = 1; nein = 0) 1 Erstsendung 2 Wiederholung 3 Wiederholung vom gleichen Tag 4 Wiederholung vom Vortag/-woche200 5 Wiederholung von Vormonaten/-jahren 6 zeitgleich in anderem Programm 7 mehrfach wiederholt 9 nicht erwähnt V15 Datum der Erstsendung Sender → V02 Datum TT.MM.JJ Uhrzeit HH:MM ggf.: weitere Ausstrahlung(en) (Sender, Datum, Uhrzeit) 317 200 Vorwoche(n) wird auch dann angekreuzt, wenn die Sendung zwei Wochen zuvor gelaufen ist. V16 Sendeplatz (ja = 1; nein = 0) 1 Werktägl. Sendeplatz (mind. 4 Wochentage) 2 Wöchentl. Sendeplatz 3 Größere Zeitspanne/regelmäßig 4 Unregelmäßig/Einzelsendung 9 Nicht zu entscheiden V17 Senderhythmus (ja = 1; nein = 0) 1 Selbstständige Sendung: Fester Sendeplatz 2 Folge einer Serie 3 Folge einer Reihe 4 Selbstständige Sendung: Einzelsendung 9 Nicht zu ermitteln V19 Thema der Sendung (ja = 1; nein = 0) monothematisch/eigenständiger Beitrag multithematisch V20 Zielgruppenspezifik (ja = 1; nein = 0) 1 keine Zielgruppe formuliert, allg. Adressierung 2 Kinder bis 14 Jahre 3 Jugendliche ab 14 Jahre 4 Erwachsene ab 18 Jahren 5 ab 6 6 ab 12 7 ab 16 8 Sonstige 9 Nicht ersichtlich V21 Inhalt/abstract: … Text V22 Frauenspezifischer Inhalt (ja = 1; nein = 0) (ja /mit hohem Anteil/überwiegend = 1; nein/nicht ausschließlich/gemischt = 0) III Zeitliche und thematische Einordnung der einzelnen Sendungen 1. Epoche/Zeitraum Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V30 Epoche/Global (ja = 1; nein = 0) Zusammengefasste Variablenausprägungen aufgrund der Übersichtlichkeit und Trennung von V30 und V31 318 Ursprünglich: (ja = 1; nein = 0) V30 1 Vor- und Frühgeschichte 2 Frühe Hochkulturen 3 Außereuropäische Hochkulturen 4 Antike (griechisch-römisch) 5 Früh- und Hochmittelalter (500–1250) 6 Spätmittelalter (1250–1450) 7 Frühe Neuzeit und Renaissance (1450–1500) 8 16. Jahrhundert 9 17. Jahrhundert 10 18. Jahrhundert 11 1800 bis 1870 12 1870 bis 1914 (Kaiserreich) 13 1914 bis 1920 (Erster Weltkrieg und die Folgen) 14 1920 bis 1930 (bis zur Weltwirtschaftskrise 1929) 15 1930 bis 1939 (Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, 1930 bis 1939 Vorabend des Zweiten Weltkriegs) 16 1939 bis 1945 (Zweiter Weltkrieg) 17 1945 bis 1960 18 1960 bis 1970 19 1970 bis 1980 20 1980 bis 1990 21 1990 bis 2000 22 2000 bis 2003 23 mehrere 24 keine Angabe Neu: Vor- und Frühgeschichte/Hochkulturen/Antike (ja = 1; nein = 0) V30.1, V30.2, V30.3, V30.4 Mittelalter/Frühe Neuzeit und Renaissance (500–1500) (ja = 1; nein = 0) V30.5, V30.6, V30.7 Neuere Geschichte (ab 1500) (ja = 1; nein = 0) V30.8, V30.9, V30.10 Neueste Geschichte (ab ca. 1798)/Kaiserreich (ja = 1; nein = 0) V30.11, V30.12 Erster Weltkrieg und die Folgen/Bis Weltwirtschaftskrise 1929 (ja = 1; nein = 0) V30.13, V30.14 Weltwirtschaftskrise/Nationalsozialismus/ Vorabend 2. Weltkrieg/2. Weltkrieg/Nachkriegszeit (ja = 1; nein = 0) V30.15, V30.16, V30.17 319 Zeitgeschichte (ja = 1; nein = 0) V30.18, V30.19, V30.20, V30.21, V30.22 Mehrere (ja = 1; nein = 0) V30.23 Unklar (ja = 1; nein = 0) V30.24 V31 Epoche/DetailMehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) 1 Vor- und Frühgeschichte 2 Frühe Hochkulturen 3 Außereuropäische Hochkulturen 4 Antike (griechisch-römisch) 5 Früh- und Hochmittelalter (500–1250) 6 Spätmittelalter (1250–1450) 7 Frühe Neuzeit und Renaissance (1450–1500) 8 16. Jahrhundert 9 17. Jahrhundert 10 18. Jahrhundert 11 1800 bis 1870 12 1870 bis 1914 (Kaiserreich) 13 1914 bis 1920 (Erster Weltkrieg und die Folgen) 14 1920 bis 1930 (bis zur Weltwirtschaftskrise 1929) 15 1930 bis 1939 (Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, 1930 bis 1939 Vorabend des Zweiten Weltkriegs) 16 1939 bis 1945 (Zweiter Weltkrieg) 17 1945 bis 1960 18 1960 bis 1970 19 1970 bis 1980 20 1980 bis 1990 21 1990 bis 2000 22 2000 bis 2003 23 keine Angabe 2. Thema V32 Thematischer BezugMehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) Kategorienzusammenfassung aufgrund geringer Frequenz: Die Kategorien V32.7, V32.8 wurden „Zeitgeschichte“ zugeordnet und V32.13 zu „andere“. 320 V32 1 Faschismus 2 Holocaust 3 Zweiter Weltkrieg 4 Widerstand 5 Hitler 6 DDR 7 Golfkrieg 1991 8 Vietnamkrieg 10 Erster Weltkrieg 11 Zeitgeschichte 12 Nachkriegszeit (Zweiter Weltkrieg) 13 Französische Revolution 14 Kommunismus 15 andere 16 keine Angabe 3. Ebene V40 Ebene/Global (ja = 1; nein = 0) 1 international 2 national 3 regional 4 lokal 9 unklar V41 Ebene/DetailMehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) international national regional lokal unklar 4. Region V50 Region/Global (ja = 1; nein = 0) 1 nationaldeutsche Geschichte 2 nichtdeutsch-europäische Geschichte 3 nichtdeutsch-außereuropäische Geschichte 4 mehrere Nationen201 5 Sonstige 6 unklar 321 201 Wenn Deutschland und eine andere Nation(en) bzw. europäische und nicht-europäische Nationen am Ge- schehen beteiligt sind. V51 Region/DetailMehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) 1 Deutschland 2 Österreich 3 SU/Russland 4 CSSR/Tschechien/Slowakei 5 Polen 6 Frankreich 7 Großbritannien 8 Italien 9 Spanien 10 Griechenland 11 USA 12 Japan 13 Sonstige IV Formale Darstellung 1. Akteur Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V60 Akteur/Global (ja = 1; nein = 0) 1 personalisierte Behandlung des Themas/ gruppenzentriert 2 ereignisorientierte Darstellung des Themas/ Handlung 3 Prozess/Struktur 4 unklar V61 Akteur/DetailMehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) 1 personalisierte Behandlung des Themas (männlich) 2 personalisierte Behandlung des Themas (weiblich) 3 gruppenzentrierte Behandlung des Themas (männlich) 4 gruppenzentrierte Behandlung des Themas (weiblich) 5 ereignisorientierte Darstellung des Themas/Handlung 6 Prozess/Struktur 7 keine Angabe/unbestimmt V71 Detail-PerspektiveMehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) Zusammengefasste Variablenausprägungen (aufgrund der geringen Frequenz): 322 Ursprünglich: (ja = 1; nein = 0) V71 1 Helden/berühmte Personen 2 Klassen/Gruppen 3 Ideenträger 4 Interessengruppen 5 Altersgruppen 6 Geschlechter 7 Frauen 8 Staatsnationen 9 Oberschichten 10 Unterdrückte 11 Religionsgemeinschaften 12 philosophisch-theoretische Ebene 13 (politische) Ideologien 14 Bauwerk/Architektur 15 Orte/Regionen/Reise 16 Sonstige (Sport, Technik, Wissenschaft, Objekte) 17 Biographie/Porträt /Leben 18 Kultur (Kunst, Literatur, Musik) 19 (unbenutzt) 20 (unbenutzt) 21 Diktatur 22 Organisation 23 Milieubeschreibung/Epoche 25 keine Angabe Neu: Personalisiert (ja = 1; nein = 0) V71.1, V71.6, V71.17 Staaten und Politik (ja = 1; nein = 0) V71.8, V71.12, V71.13, V71.21 Gruppen (ja = 1; nein = 0) V71.2, V71.3, V71.4, V71.5, V71.7, V71.9, V71.10, V71.11 Allgemein/nicht personalisierte Darstellung (ja = 1; nein = 0) V71.14, V71.15, V71.22 Gesellschaftliche Teilbereiche (ja = 1; nein = 0) V71.16, V71.18, V71.23 keine Angabe (ja = 1; nein = 0) V71.25 323 2. Programmästhetik: Formale Gestaltungselemente V90b Kommentar 2Mehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) 1 Autor(en) 2 Autorin(en) 3 Redakteur(e) 4 Redakteurin(en) 5 Moderator(en) 6 Moderatorin(en) 7 Regisseur 8 Regisseurin 9 keine Angabe 10 unklar 3. Programmtypologie/Formcharakteristik/Sendungsformat V100 Genre (ja = 1; nein = 0) 1 Magazin 2 Reportage 3 Dokumentation/Dokumentarfilm 4 Dokumentation mit Diskussion 5 Diskussion/Talkshow 6 (Live-)Bericht 7 Porträt /Gespräch 8 Sonstiges non-fiktional 9 Spiel-/Historienfilm 10 Fernsehfilm 11 Fernsehspiel 12 Sonstiges fiktional 13 Dokumentarspiel/Doku-Drama/Semi-Doku 14 Mischformen 15 keine Angabe/nicht entscheidbar 16 nonfiction 17 fiction 18 hybrid 19 Film allgemein V120 GestaltungselementeMehrfachcodierung möglich (ja = 1; nein = 0) 1 Zeitzeugen 2 Experte(n) 3 Expertin(innen) 4 historische Stätten heute/heutige Aufnahmen von Originalschauplätzen 5 Archivmaterial/Dokumente 6 Originaldokumente/Filmsequenzen 324 7 Originaldokumente/Fotos und Bilder 8 Originaldokumente/O-Ton 9 Graphiken/Karten 10 Spielfilmelemente/Drama 11 Reenactment/szenische Rekonstruktion 12 Schrifteinblendung 13 Animation Ebene 2 – Ästhetische Analyse Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V150 1 Neuproduktion (ja = 1; nein = 0) 2 Wiederholung V151 Gewichtung I Stilistische Mittel Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V161 Dokumente/Quellen/Archivmaterial (ja = 1; nein = 0) 1 dominant 2 manchmal 3 selten 4 nie V162 Graphische Einblendungen (ja = 1; nein = 0) 1 dominant 2 manchmal 3 selten 4 nie V163 Originalschauplätze (ja = 1; nein = 0) II Dramaturgische Mittel Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V171 Szenische Rekonstruktion (ja = 1; nein = 0) V172 Fiktionale Rekonstruktion/Anteile (ja = 1; nein = 0) V173 Sonstige Veranschaulichung (ja = 1; nein = 0) V174 Animationen (ja = 1; nein = 0) 325 III Personalisierungsebene Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V181 Moderator (ja = 1; nein = 0) 1 Anzahl Anzahl 2 dominant 3 manchmal 4 selten 5 nie 6 männlich 7 weiblich 8 off 9 on V182 Kommentator/Sprecher (ja = 1; nein = 0) 1 Anzahl Anzahl 2 dominant 3 manchmal 4 selten 5 nie 6 männlich 7 weiblich 8 off 9 on V183 Experten (ja = 1; nein = 0) 1 Anzahl Anzahl 2 dominant 3 manchmal 4 selten 5 nie 6 männlich 7 weiblich 8 off 9 on 10 Interview 11 (freie) Erzählung/Bericht V184 (Zeit-)Zeugen (ja = 1; nein = 0) 1 Anzahl Anzahl 2 dominant 3 manchmal 4 selten 5 nie 6 männlich 7 weiblich 8 off 326 9 on 10 Interview 11 (freie) Erzählung/Bericht Erlebnis- und Beobachterperspektive (für Experten und Zeugen) (ja = 1; nein = 0) V184 12 Erlebnisperspektive 13 Erlebnisperspektive/Opfer 14 Erlebnisperspektive/Täter 15 Erlebnisperspektive/Erste Generation 16 Erlebnisperspektive/Zweite (und nachfolgende) Generation(en) 17 Beobachterperspektive 18 Beobachterperspektive/Erste Generation 19 Beobachterperspektive/Zweite (und nachfolgende) Generation(en) V185 Interviewer (ja = 1; nein = 0) 1 Anzahl Anzahl 2 dominant 3 manchmal 4 selten 5 nie 6 männlich 7 weiblich 8 off 9 on IV Bildebene Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V191 Originalaufnahmen (ja = 1; nein = 0) 1 schwarz-weiß 2 farbig 3 Wochenschauen 4 indiziert 5 dominant 6 manchmal 7 selten 8 nie V192 Filmausnahmen von heute (ja = 1; nein = 0) 1 schwarz-weiß 2 farbig 327 V193 Umgebung der Präsentation (ja = 1; nein = 0) von Zeitzeugen und Experten 1 individuell 2 vereinheitlicht 3 sonstige/unspezifisch/beliebig 4 Bluescreen 5 schwarz-weiß 6 an Originalschauplätzen V194 Visuelle Effekte (ja = 1; nein = 0) 1 dominant 2 manchmal 3 selten 4 nie V195 Kamera (ja = 1; nein = 0) 1 schnelle Schnitte 2 lange Einstellungen 3 unauffällig V Tonebene Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V201 Sprache (ja = 1; nein = 0) 1 Off-Stimme (Originalsprache – Übersetzung – Stimme aus dem Off) 2 Untertitel (Originalsprache – Übersetzung – deutsche Untertitel/Schriftbild/Sprachband) V202 Originaltonaufnahmen (ja = 1; nein = 0) 1 O-Tonaufnahmen in Verbindung mit originalem Bildmaterial 2 alleinstehend 3 indiziert V203 Geräusche (ja = 1; nein = 0) V204 Musik (ja = 1; nein = 0) 1 keine 2 live 3 Konserve (Schlager, heutige Musik zur Untermalung) 4 konträr 5 stützend 6 dramatisch 7 leicht und unterhaltend V205 Stille (ja = 1; nein = 0) 328 VI Bild-Ton-Verhältnis Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V211 Bild-Ton-Verhältnis (ja = 1; nein = 0) 1 Dominanz der Bilder 2 Dominanz des Tones 3 ausgewogenes Verhältnis zwischen Bild und Ton V220 Ergänzungsfeld (Bemerkungen) Ebene 3 – Strategien des Infotainment Die Bildung der fünf Summenindizes erfolgte auf Grundlage der Zusammenfassung verschiedener Variabeln (vgl. Kap. 6.2). Der Gesamtinfotainmentindex wurde aus allen fünf Einzelsummenindizes gebildet. I Ästhetisierung Variable Code Variablenbezeichnung Ausprägung V162 graphische Einblendungen Auswahlfeld V194 visuelle Effekte Auswahlfeld V195 1 Kamera /schnelle Schnitte (ja = 1; nein = 0) 2 Kamera / lange Einstellungen V204 3 Musik/Konserve (ja = 1; nein = 0) 4 Musik/konträr 5 Musik/stützend 6 Musik/dramatisch 7 Musik/ leicht und unterhaltend II Dramatisierung V171 szenische Rekonstruktion (ja = 1; nein = 0) V172 fiktionale Anteile V173 sonstige Veranschaulichung V174 Animation 329 III Personalisierung V181 Moderator (ja = 1; nein = 0) V182 Kommentator V183 Experten V184 Zeitzeugen IV Emotionalisierung V184 11 Zeitzeugenbericht (ja = 1; nein = 0) V184 12 Erlebnisperspektive V184 13 Erlebnisperspektive/Opfer V184 14 Erlebnisperspektive/Täter V Anzahl der Akteure V181 1 Anzahl Moderator Anzahl V182 1 Anzahl Kommentator V183 1 Anzahl Experten V184 1 Anzahl Zeitzeugen Liste 1 – Programmkategorie 1 - allgemeines Magazin [ist eine Sendung, die in der Programmkategorie als „Magazin“ ausgezeichnet ist oder dieses Wort im Titel führt: „unverblümt – Familienmagazin“, „Metropolis“, „Brisant“, „ZAK“, SPIEGEL TV-Magazin, „Buten & Binnen“, (das Wirtschafts- magazin) „Wochenmarkt“, „Windrose“, „KurzSchluss – Das Magazin“, „zibb“, „Zeitspiegel“, „Profile“, „Report“, „MnX – Das Marktmagazin“, „Abenteuer Erde“, „Frontal 21“, „Kino Kino“, „Frau-TV“, „Sehen statt hören“, „Polylux“, „Kultur- zeit“, „Horizonte“] 2 - Alltags-Informationssendung/unterhaltende Information [ist jede Sendung, die Ratgebercharakter hat (ARD-Ratgeber: Technik) bzw. fol- gende Themen bedient: Gesundheit („Praxis – Das Gesundheitsmagazin“, „Quivive“, „Visite“), Reise („100 % Urlaub“, „Wolkenlos“, „Reiselust“), Mode („tips & trends mode“), Service („Service: Wohnen“), Koch- („Alfredissimo“, „Hessen à la carte“), Spiel- („Herzklopfen“, „Wenn der Groschen fällt“) und Quizsendungen („Ich trage einen großen Namen“), allgemein Tipps („Biblio/Buch Tipps“, „TV-Tipps“), außer- dem „Hobbythek“] 3 - Dokumentarfilm [Die Kategorie umfasst die Ausprägungen Dokumentation, Reportage und Film- erzählung: „N3 Reportage“, „360° – Die Geo-Reportage“, die Doku-Reihe „37° “, „WDR-dok“, „Chronik der Wende“, „Reportage am Sonntag“, „hitec. die doku- mentation“, die Sendungen „Relief in Anchor“, „Lieder der Verführung“, „Tod im 330 Kreml“, „Mütter – Töchter – Trümmerfrauen“, „Männer hinter Gittern“ und die Reportage „Männlich/Weiblich spezial“] 4 - Fernsehfilm/TV-Film [„Der Mann, der Angst vor Frauen hatte“ (Fernsehkomödie), „Polizeiruf 110“, „Im Schatten der Macht“, „Tatort“, „Barbara Wood: Traumzeit“, Filme nach Romanen von Rosamunde Pilcher] 5 - Film, allgemein: [allgemein Sendungen, die nur als „Film“ bzw. in keiner Weise ausgewiesen sind: „Bilderbuch Deutschland“, „Rückblende“, die Reihen „Länder – Menschen – Abenteuer“ und „Schätze der Welt – Erbe der Menschheit“, sowie Kurzfilme] 6 - (Fernseh-)Serie [„Die Rosenheim-Cops“, „Liebling Kreuzberg“, „O Gott, Herr Pfarrer“, „Linden- straße“, „Flamingo Road“, „Die Verschwörer“, „Derrick“, „Graf Yoster gibt sich die Ehre“, „Monaco-Franze“, „Die besten Jahre“, „In der Hitze der Nacht“, „The Munsters“, „Lady Cops“ (Krimi-Serie), „Der Kommissar“, „Großstadtrevier“, „Die Fallers“, „Das Haus am Eaton Place“, „Ein Schloss am Wörthersee“, „Praxis Bülowbogen“, „Zahn um Zahn“, „Julia – Eine ungewöhnliche Frau“] 7 - Frühstücksfernsehen [Das „ARD-“ und „ZDF-Morgenmagazin“, allgemein Frühprogramme] 8 - Kinder- und Jugendsendung [Alle Sendungen, die für Kinder bestimmt sind, unabhängig vom Format: „Käpt’n Blaubär Club“, „Sesamstraße“, „Hallo Spencer“, „Pumuckl TV“, „Die Pfefferkörner“, „Mörmel TV“, die „Sendung mit der Maus“, die Fernsehserie „Pan Tau“, die Jugendserie „fabrixx“, das Infomagazin „Schlawiner Club“ und „Schlawi- nerplatz“, der Kinderspielfilm „Hurra, ihm nach“, sowie Sendungen, die mit einem Reihentitel versehen sind: „Kinderfernsehen“ und „KinderZeit“ (ORB)] 9 - Kurs- und Lernprogramme [„Playtime“, „Telekolleg II“, „Youth Hostel“, „I’ve forgotten it“, „Adelswelt und Bürgertum im Drama des 18. Jahrhunderts“, „Markets in London“, „Chemische Verbindungen“, „Follow me“, „The city“ (Schulfernsehen), „Schöne deutsche Balla- den“, „Englisch für Anfänger“, „Fast Track English“, „Physik“, „Bon Courage“, „Suenos – Weltsprache Spanisch“] 10 - Musiksendung [sowohl gehobene Unterhaltungsformate wie Ballett, Oper und Theater als auch „leichtere“ Formate: das Ballett „Der verlorene Sohn“ (ARTE, 12. 03. 2003), die Oper „Orphée und Eurydice“ (ARTE, 26. 11. 2003), die Oper „Lulu“ (3sat, 19. 07. 2003), „Musik – Kontakte“, „Geblendeter Augenblick“, die Musikvideo- Show „Hit Clip“, „Musikschau der Nationen“, „Rockarchiv“, „Europakonzert der Berliner Philharmoniker“, „Pop 2000“, „Disco“, „Music Planet 2Nite“, Mozart „Sinfonie B-Dur. KV 137“, „Rockpalast“, „Voices – a musical celebration“, „Country Roads“, „The World of Duke Ellington“, „Crossroads“, „Beat-Club“, „Hitparade“] 331 11 - Nachrichtensendungen/-journal [Sendungen, die täglich und wöchentlich ausgestrahlt werden: „ARD-Nachtjournal“, „Tagesthemen“, „Tagesschau“, „RTL-Nachrichtenjournal“, „Brandenburg aktuell“, „Hessen aktuell“, „Aktuell“ (SWR), „WDR aktuell“, „MDR aktuell“, „3 Aktuell Telegramm“ (HR), „Aktuelles“ (ORB), „Südwest aktuell“, „MDR-Spot“, „Zeit im Bild“ (3sat), „8 ½ Nachrichten“ (ARTE), „Top News“ (Sat.1), „ZDF heute (Sport /Wetter/ in Europa)“, „ARTE info“, das Nachrichten- magazin „Journal“ (B1)] 12 - Politische Informationssendungen [„Berlin direkt“] 13 - Sendepause 14 - Show: Unterhaltung/Konzert/Musik [„Alles Gute“, „Karl-Heinz Böhm!“, „Echo der Stars“, „Star Search“, „Kochshow“, „Alex – Die aktuelle Live-Show“, „Fängt ja gut an“, „Aus Winterberg/Hochs- auerland: Lustige Musikanten“, „Live aus dem Alabama“, „Latelounge: Show/ Serie/Movie/Club“, „Rudis Tagesshow Extra“, „vip-Show“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Basler Fasnacht 2003“, „Donauinselfest 2003“, „Deutscher Um- weltpreis 2003“, „Festliche Musik aus dem Aalto-Theater essen“ (Unicef-Gala), „webcamnights.tv“, „Festliche Aids-Gala mit Loriot“] 15 - Sonstiges [Sendungen, die sich keiner der oben genannten Kategorien zuordnen lassen, ins- gesamt bei Unklarheiten, keine Angabe] 16 - Spielfilm [Wir unterstellen, dass es sich bei Angaben der Art: Komödie/Drama/Kriminal- film/Horror/Thriller/Abenteuer/Musik/Science Fiction/Krieg/Monumental/Erotik, weiterhin Western, Melodram und Filmdrama um Spielfilme handelt (Fernsehfilme werden speziell ausgewiesen): „08/15 in der Heimat“, „Bitte lasst die Blumen leben“, „La Habanera“, „Kampf der Titanen“, „No Panic“, „Nightmare on Elm- street“, „Der letzte Seitensprung“, „Die Französische Revolution“, „Blutiger Schnee“, „Die Brücke von Remagen“, „Die drei von der Tankstelle“, „Eine Couch in New York“, „Kundun“, „Die siebente Saite“, „Kampf um Rom“, „Malcom X“, „Der Adler ist gelandet“, „Der Schwur“, „Ardennen 1944“, „Die Wacht am Rhein“, „Der Graf und die drei Musketiere“] 17 - Sport-Sendung [„ZDF SPORTextra“, „Sport 3“, „Sport im Westen“, „Sport im Osten extra“, „Sport- kalender“, „Sportpalast extra“, „Rock’n Roll: WM-Paare“, „Formel 1 – Rennen“, „Weltstars on Ice“, „Eishockey-WM“, „Blickpunkt Sport“, „SportPalast extra“, „Sport regional“, „Tour de france“, „hessen sport extra“, „Sport am Samstag“] 18 - Talkshow/Gespräch/Diskussion [„Der ganz normale Wahnsinn“, „Wortwechsel“ (SWR), „B. trifft …“, „Riverboat“, „Fliege“, „Wat is!?“, „Boulevard Bio“, „Profile“, „Literatur im Foyer“, „Nacht- studio“, „Talk vor Mitternacht“, „Bombenkrieg gegen die Deutschen – Die Debatte“, 332 „Magdeburger Gespräch“, „Dresdner Gespräch“, „Berliner Platz“, „Beckmann“, „Sabine Christiansen“, „Münchner Runde“, „Jetzt red i“ (Bürgerforum), „Kultur- gespräch“, „Domian“] 19 - Unterhaltungssendung: Sitcom/Comedy/Kabarett: [„Der kleine Mönch“, „Ladykracher“, die Magazine „Wa(h)re Liebe“ und „Playboy Latenight“, „Allein unter Nachbarn“, „Die Nanny“, „Kabarett & Co.“, „Stuttgarter Kabarett-Festival 2003“, „Mitternachtsspitzen“, „Durchgehend warme Küche“, „Familie Heinz Becker“, „10 Minuten-Satire“, „Blauer Dunst“, „Hey Dad“, „Haller- vordens Spott-High-Light“, „Pleiten, Pech und Pannen“, „Satireclub“, „SatireFest“, „Mit einem Bein im Grab“, „TV-Total“, „Hinterm Mond gleich links“] 20 - Werbung 21 - Wetter [„3sat-Wetter“, das „Wetter im Ersten“, das „MDR-Wetter“] 22 - Wissenschaft und Technik [Das Magazin „Nano“, das Forschungs- und Technik-Magazin „Prisma“, „Quarks & Co.“, „EinSteins Erben“ und „neues.special“] Liste 2 – Länderliste (Länder-Koproduktionen) 01 – BRD bzw. Deutschland vor 1949 02 – DDR 03 – Österreich 04 – Großbritannien 05 – Frankreich 06 – Spanien 07 – CSSR/Tschechien/Slowakei 08 – SU/Russland 09 – Polen 10 – USA 98 – Sonstige 99 – keine Angabe 333 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Abbildungen 1 Quantitative Auswertung Das Jahr 2003 – historische Ereignisse in einem weiten Sinne Abbildung 1: Wochentag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Abbildung 2: Beitragslänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Abbildung 3: Tageszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Abbildung 4: Sendeplatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Abbildung 5: Genres der einzelnen Sendergruppe: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Abbildung 6: Epoche/Detail . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Der Vergleich aller drei Jahre Abbildung 7: Anteil der Geschichtssendungen am gesamten Sendevolumen . . . 119 Abbildung 8: Anteil der Geschichtssendungen der Sendergruppen im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 Abbildung 9: Anteil der Geschichtssendungen aller Sender (ungruppiert) . . . . . 121 Abbildung 10: Wochentag im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Abbildung 11: Anteil der Geschichtssendungen nach Sendergruppen . . . . . . . . . . 125 Abbildung 12: Beitragslänge im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Abbildung 13: Beitragslänge der Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Abbildung 14: Beitragslänge der Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Abbildung 15: Ausstrahlungszeiten im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Abbildung 16: Tageszeitliche Ausstrahlungspräferenzen nach Sendergruppen im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Abbildung 17: Tageszeitabhängige Beitragslänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Abbildung 18: Sendeplatz im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Abbildung 19: Ausstrahlungsrhythmus im Zeitverlauf: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Abbildung 20: Genres im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Abbildung 21: Beitragslänge aller Sendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Abbildung 22: Das Genre der Dokumentation nach Sendern (ungruppiert) . . . . . 146 Abbildung 23: Entwicklung des Genres der Dokumentation im Zeitverlauf nach Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 335 Abbildung 24: Tageszeitliche Ausstrahlungspräferenz der historischen Dokumentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Abbildung 25: Produktionsart im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Abbildung 26: Produktionsjahr im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Abbildung 27: Epoche/Global – Zeitebene im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 Abbildung 28: Epoche/Detail – Zeitebenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 Abbildung 29: Epoche/Detail – Zeitebenen (Sendungen und Sendezeit) . . . . . . . 155 Abbildung 30: Darstellungsebene im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Abbildung 31: Themenschwerpunkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Abbildung 32: Tageszeitliche Ausstrahlungspräferenzen für frauenspezifische Geschichtssendungen nach Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 2 Qualitative Auswertung aller drei Jahre Abbildung 33: Stilistische Mittel/Originalschauplätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Infotainment-Tendenzen Abbildung 34: Mittelwertsvergleich der Infotainmentindizes . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 Abbildung 35: Mittelwertsvergleich der Infotainmentindizes der Sendergruppen . 229 Abbildung 36: Clusteranalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 Tabellen 1 Quantitative Auswertung Das Jahr 2003 – historische Ereignisse in einem weiten Sinne Tabelle 1: Anteil der Geschichtssendungen am gesamten Sendevolumen . . . . . . 97 Tabelle 2: Erstsendungen und Wiederholungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Tabelle 3: Erstsendungen und Wiederholungen im tageszeitlichen Verlauf . . . . 100 Tabelle 4: Kurze versus lange Formate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Tabelle 5: Beitragslänge und Tageszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Tabelle 6: Ausstrahlungsrhythmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tabelle 7: Ausstrahlungsrhythmus und Tageszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tabelle 8: Genre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Tabelle 9: Genres und Beitragslänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Tabelle 10: Genres und Tageszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Tabelle 11: Produktionsart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Tabelle 12: Produzenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Tabelle 13: Epoche/Global . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Tabelle 14: Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Tabelle 15: Region . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Tabelle 16: Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 336 Tabelle 17: Frauenspezifischer Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Tabelle 18: Frauenspezifik und Tageszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Tabelle 19: Produzenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Tabelle 20: Erzählweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Tabelle 21: Detail-Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 Der Vergleich aller drei Jahre Tabelle 22: Anteil der Geschichtssendungen am gesamten Sendevolumen . . . . . . 122 Tabelle 23: Erstsendungen und Wiederholungen der Sendergruppen . . . . . . . . . . 126 Tabelle 24: Tageszeitabhängige Ausstrahlung von Erstsendungen und Wiederholungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 Tabelle 25: Sendeplatz nach Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Tabelle 26: Ausstrahlungsrhythmus nach Sendergruppen im Zeitverlauf . . . . . . . 139 Tabelle 27: Tageszeitliche Sendungspräferenzen des Ausstrahlungsrhythmus nach Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 Tabelle 28: Genres im Zeitverlauf nach Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Tabelle 29: Durchschnittslänge der codierten Sendegenres . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Tabelle 30: Tageszeitliche Ausstrahlungspräferenzen der Genres nach Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Tabelle 31: Beitragslänge historischer Dokumentationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Tabelle 32: Epoche/Global – Zeitebene im Zeitverlauf nach Sendergruppen . . . . 153 Tabelle 33: Darstellungsebene im Zeitverlauf nach Sendergruppen . . . . . . . . . . . 157 Tabelle 34: Region/Global im Zeitverlauf nach Sendergruppen . . . . . . . . . . . . . . 158 Tabelle 35: Region/Detail – Der räumliche Bezug von historischen Sendungen . 159 Tabelle 36: Erzählweise historischer Sendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Tabelle 37: Detail-Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 Tabelle 38: Anteil der Geschichtssendungen von ARD3 am gesamten Sendevolumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Tabelle 39: Wochentag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Tabelle 40: Tageszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 Tabelle 41: Produktionsland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 Tabelle 42: Epoche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Tabelle 43: Darstellungsebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Tabelle 44: Region . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Tabelle 45: Themenschwerpunkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Tabelle 46: Frauenspezifischer Anteil an Geschichtssendungen . . . . . . . . . . . . . . 167 Tabelle 47: Produzenten nach Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 2 Qualitative Auswertung aller drei Jahre Tabelle 48: Neuproduktionen und Wiederholungen auf der ästhetischen Ebene – Mögliches innovatives Potenzial (Neuproduktionen) versus traditionelles Potenzial (Wiederholungen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Tabelle 49: Stilistische Mittel/Dokumente/Quellen/Archivmaterial . . . . . . . . . . . . 173 337 Tabelle 50: Stilistische Mittel/Graphische Einblendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Tabelle 51: Dramaturgische Mittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 Tabelle 52: Personalisierungsebene/Moderator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 Tabelle 53: Personalisierungsebene/Moderator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 Tabelle 54: Personalisierungsebene/Kommentator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 Tabelle 55: Personalisierungsebene/Kommentator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Tabelle 56: Personalisierungsebene/Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Tabelle 57: Personalisierungsebene/Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Tabelle 58: Personalisierungsebene/Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Tabelle 59: Personalisierungsebene/Zeitzeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Tabelle 60: Personalisierungsebene/Zeitzeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 Tabelle 61: Personalisierungsebene/Zeitzeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Tabelle 62: Personalisierungsebene/Zeitzeugen/Erlebnisperspektive . . . . . . . . . . . 190 Tabelle 63: Personalisierungsebene/Zeitzeugen/Erlebnisperspektive . . . . . . . . . . . 191 Tabelle 64: Personalisierungsebene/Interviewer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 Tabelle 65: Personalisierungsebene/Interviewer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Tabelle 66: Bildebene/Originalaufnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 Tabelle 67: Bildebene/Originalaufnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Tabelle 68: Bildebene/Filmaufnahmen und Umgebung der Präsentation der Zeitzeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Tabelle 69: Bildebene/Filmaufnahmen und Umgebung der Präsentation der Zeitzeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 Tabelle 70: Bildebene/Visuelle Effekte und Kamera . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 Tabelle 71: Tonebene/Sprache und Geräusche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 Tabelle 72: Tonebene/Musik und Stille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Infotainment-Tendenzen Tabelle 73: ANOVA der Ästhetisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 Tabelle 74: ANOVA der Dramatisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 Tabelle 75: ANOVA der Personalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 Tabelle 76: ANOVA der Emotionalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Tabelle 77: ANOVA der Anzahl der Akteure . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Tabelle 78: ANOVA des Gesamtinfotainmentindex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 Tabelle 79: Korrelationsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 Tabelle 80: Mittelwerte der Infotainmentindizes nach Sendethemen . . . . . . . . . . 234 Tabelle 81: Mittelwerte der Infotainmentindizes nach Epoche/Global . . . . . . . . . 235 Tabelle 82: Mittelwerte der Infotainmentindizes nach Sendegenres . . . . . . . . . . . 237 Tabelle 83: Mittelwerte der Infotainmentindizes nach Sendelängen . . . . . . . . . . . 240 338 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 56 55 54 53 57 Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung von Ulrike Six und Roland Gimmler 368 Seiten, 53 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-459-0 Euro 21,– (D) Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) 52 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 49 48 Videoclips und Musikfernsehen Eine problemorientierte Kommentierung der aktuellen Forschungsliteratur von Klaus Neumann-Braun und Lothar Mikos 164 Seiten, 22 Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-426-2 Euro 10,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-397-5 Euro 25,– (D) : Geschichtssendungen haben eine lange Tradition im deutschen Fernsehen, die sich in den letzten Jahren durch Digitalisierung des Mediums weiterentwickelt hat. Das hat zunehmend zu Diskussionen in der Öffentlichkeit geführt. Dabei spielt die Sorge mit, Geschichtssendungen könnten die „Gefälligkeit“ der medialen Inszenierung höher bewerten als die „Richtigkeit“ historischer Darstellungen. Vor diesem Spannungsfeld, das sich zwischen Ansprüchen der Historiographie und Ansprüchen eines unterhalten- den Massenmediums aufbaut, gibt die vorliegende Studie einen Überblick über die quantitative Breite und ästhetische Vielfalt von historischen Beiträgen im Fernsehen. Die oft einseitig als Auflösung oder Aufweichung bewertete Entwicklung des Genres wird durch die Ergebnisse der Studie nicht bestätigt. Prof. Dr. Edgar Lersch Historisches Archiv des Südwestrundfunks, Stuttgart Prof. Dr. Reinhold Viehoff Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,- (D) Geschichte im Fernsehen 54 Le rs ch /V ie ho ff Ge sc hi ch te im F er ns eh en Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 54 Edgar Lersch, Reinhold Viehoff 20 00 v .C hr . 14 00 n .C hr . 19 00 n .C hr . RZ_LfM-Bd_54 18.04.2007 7:59 Uhr Seite 1
Forschung
Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa : Die Studie steht im Kontext der Revision der EG-Fernsehrichtlinie. Sie stellt den Reform- bedarf in Folge des Wandels im IT- und Mediensektor dar. Der existierende europäische Rechtsrahmen sowie der Kommissionsvorschlag vom Dezember 2005 werden ebenso analysiert wie die jüngsten Reformen der Medienordnungen in Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich. Das geltende EG-Medienrecht und die aktuelle Rechtslage in den untersuchten Ländern werden verglichen; aus nationaler Perspektive wird betrachtet, welche Anforderungen an die Richtlinie gestellt werden könnten. Hierbei ziehen die Autoren anhand der aktuellen medienpolitischen Positio- nen Rückschlüsse auf den zu erwartenden Diskussionsverlauf auf EG-Ebene. Prof. Dr. Alexander Roßnagel Institut für Europäisches Medienrecht (EMR), Saarbrücken/Brüssel Thomas Kleist Institut für Europäisches Medienrecht (EMR), Saarbrücken/Brüssel Alexander Scheuer Institut für Europäisches Medienrecht (EMR), Saarbrücken/Brüssel ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,- (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa 53 Ro ßn ag el /K le is t/ Sc he ue r Di e Re fo rm d er R eg ul ie ru ng el ek tr on is ch er M ed ie n in E ur op a Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa Dargestellt am Beispiel der EG, Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Italiens und des Vereinigten Königreichs Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 53 Alexander Roßnagel/Thomas Kleist/Alexander Scheuer Alexander Roßnagel, Thomas Kleist, Alexander Scheuer Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 53 Alexander Roßnagel, Thomas Kleist, Alexander Scheuer Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa Dargestellt am Beispiel der EG, Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Italiens und des Vereinigten Königreichs unter Mitarbeit von Thorsten Ader und Max Schoenthal Gutachten des Instituts für Europäisches Medienrecht e. V. (EMR) im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2007 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-445-3 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: TYPOLINE – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers In der derzeit geltenden EG-Fernsehrichtlinie steht vor allem noch die analoge Verbreitung von Fernsehen im Mittelpunkt. Vor dem Hintergrund, dass die generelle Umstellung auf digitale Technologie für die Fernsehübertragung in der EU bereits bis zum Jahr 2010 abgeschlossen sein soll, ist eine Anpassung der Rechtsordnungen erforderlich. Geht es doch nicht zuletzt um den Erhalt kultureller Vielfalt und Wettbewerbsfähigkeit auf diesem Sektor. Diesem Erfordernis will die von der Europäischen Kommission vorgeschla- gene umfassende Änderung der Fernsehrichtlinie Rechnung tragen. Der Ent- wurf sieht die Schaffung eines Rechtsrahmens mit technologieneutralem Ansatz für alle audiovisuellen Mediendienste vor. Künftig soll demnach eine inhalts- bezogene Betrachtung und Regulierung der Angebote anstatt einer Orientierung an der Art der Verbreitung audiovisueller Inhalte erfolgen. Als Problem erweisen sich jedoch in diesem Zusammenhang die unter- schiedlichen, sich teilweise widersprechenden nationalen Rechtsordnungen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Vor dem Hintergrund der daraus resultierenden Fragen nach dem Harmoniesierungsbedarf hat die LfM eine rechtsvergleichende Betrachtung der gegenwärtigen Entwicklung der Medienordnung und -politik in ausgewählten EU-Mitgliedsstaaten in Auftrag gegeben. Die Studie soll dazu beitragen, die unterschiedlichen Ausgangslagen zu systematisieren und den Blickwinkel auf die derzeitigen Reformvorschläge für die EG-Fernsehrichtlinie zu erweitern. Prof. Dr. Norbert Schneider Frauke Gerlach Direktor der LfM Vorsitzende der Medienkommission der LfM Inhalt A Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 B Hintergrund der medienrechtlichen Reformen . . . . . . . . . . . . . . . . 25 I. Digitalisierung der Inhalte, Übertragungswege und Endgeräte . . 25 II. Konvergenz in ihren verschiedenen Ausprägungen . . . . . . . . . . . 26 1. Von der technischen Konvergenz zum „Triple Play“ . . . . . . . . 27 2. Konvergenz der Dienstleistungs-Angebote oder Konvergenz der Inhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3. Konvergenz des Nutzungsverhaltens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 4. Konvergenz der Märkte und Industrien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 III. Reformbedarf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 C Europäische Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 I. Beschreibung des existierenden Rechtsrahmens und dessen Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 1. Kompetenzen und Handlungsansätze der Europäischen Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 a) Kompetenztitel der Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 aa) Binnenmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 (1) Dienstleistungsfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 (2) Niederlassungsfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 (3) Waren- und Kapitalverkehrsfreiheit . . . . . . . . . . . . 35 bb) Wettbewerb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 cc) Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 b) Schutzpflichten der Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 aa) Medienfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 bb) Informationsfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 cc) Persönlichkeitsrechte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 7 dd) Verbraucherschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 ee) Eigentumsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 c) Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2. Einzelne Rechtsinstrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 a) Fernsehrichtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . . . . 41 cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 ee) Fazit (Bewertung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 b) eCommerce-Richtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . . . . 44 cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 ee) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 c) Richtlinienpaket zur elektronischen Kommunikation . . . . . 48 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . . . . 49 cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 (1) Betreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 (2) Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 (3) Weitere Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 ee) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 d) Rechtsinstrumente zum Schutz des Urheberrechts . . . . . . . 54 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 (1) Richtlinie zum Urheberrechtsschutz in der Informationsgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 (2) Kabel- und Satellitenrichtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . 55 bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . . . . 55 (1) Urheberrecht in der Informationsgesellschaft . . . . 55 (2) Kabel- und Satellitenrichtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . 56 cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 8 (1) Urheberrecht in der Informationsgesellschaft . . . . 56 (2) Kabel- und Satellitenrichtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . 56 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 (1) Urheberrecht in der Informationsgesellschaft . . . . 57 (2) Kabel- und Satellitenrichtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . 58 ee) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 e) Sechste Mehrwertsteuerrichtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . . . . 60 cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 ee) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 f) Dienste und Anbieter im europäischen Medienrecht . . . . . 62 3. Zwischenergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 II. Beispiele für Anwendungsprobleme des Medienrechtsrahmens . . 63 1. Probleme innerhalb bestimmter Rechtsinstrumente . . . . . . . . . 63 a) Begriff des Fernsehveranstalters und Rechtshoheit . . . . . . 63 aa) Faktischer Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 bb) Merkmal der „redaktionellen Verantwortung“ . . . . . . . 65 cc) Lösungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 (1) Tatsächliche Zusammensetzung der Programme . 66 (2) Kompetenz zur Letztentscheidung . . . . . . . . . . . . 66 (3) Verantwortung des Eigentümers . . . . . . . . . . . . . . 67 (4) Verortung der Verantwortung in anderen Rechtsinstrumenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 dd) Vermittelnde Lösung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 b) Anwendung des Systems kollektiver Rechtewahrnehmung auf Satellitenbetreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 2. Abgrenzung des Anwendungsbereichs verschiedener Rechtsinstrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 a) Abgrenzungsprobleme zwischen Fernseh- und eCommerce-Richtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 b) Abgrenzungsprobleme zwischen Fernsehrichtlinie und neuem Rahmen zur elektronischen Kommunikation . . . . . 72 c) Anwendungsprobleme im Zusammenhang mit dem neuen Rechtsrahmen zur elektronischen Kommunikation . . . . . . . 72 aa) Plattformbetreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 bb) Navigatoren und EPGs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 9 III. Ausblick: Lösungsansätze in Bezug auf audiovisuelle Inhaltedienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 1. Stand der Vorbereitungsarbeiten der Kommission . . . . . . . . . . 73 a) Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 b) Adressatenkreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 aa)Anbieter und Veranstalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 bb) Weitere Akteure und Beispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 (1) Eingrenzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 (2) Erweiterung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 cc) Einschluss des Multiplex-Betreibers . . . . . . . . . . . . . . 81 2. Alternativen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 IV. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 D Länderberichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 I. Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 1. Digitalisierung und Konvergenz in Deutschland . . . . . . . . . . . 85 a) Digitalisierung der Übertragungswege . . . . . . . . . . . . . . . . 85 aa) Kabel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 bb) Satellit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 cc) Terrestrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 dd) Breitbandige Internetzugänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 ee) Internettelefonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 ff) UMTS-Start . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 gg) DMB, DVB-H . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 b) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 2. Übergreifendes Konzept der Regulierung . . . . . . . . . . . . . . . . 91 a) Sicherung der Meinungsvielfalt als Leitgedanke des deutschen Rundfunkrechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 b) Entstehung des geltenden Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 3. Verfassungsrechtliche Vorgaben für das Medienrecht . . . . . . . 96 a) Kompetenzverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 b) Bundesverfassungsgerichtlicher Begriff der „dienenden Rundfunkfreiheit“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 c) „Positive Ordnung“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 d) Presse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 e) Wirtschaftsgrundrechte (Art. 12 und 14 GG) . . . . . . . . . . . 100 f) Schutzpflichten des Staates . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 4. Staatsvertragliche und einfachgesetzliche Regelungen . . . . . . 102 a) Rundfunkstaatsvertrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 10 bb) Inhaltliche Vorgaben und Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . 102 cc) Rechtsaufsicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 dd) Sachlicher Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 (1) Rundfunk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 (2) Mediendienste, die dem Rundfunk zuzuordnen sind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 (3) Dem Rundfunk vergleichbares Telemedium . . . . . 108 (4) Navigatoren und Zugangsberechtigungssysteme . 109 ee) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten . . . . . . . . . 111 (1) Veranstalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 (2) „Anbieter von Mediendiensten, welche dem Rundfunk zuzuordnen sind“ . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 (3) Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 (4) Betreiber von Kabelnetzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 (5) Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen 113 ff) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 b) Mediendienstestaatsvertrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 bb) Inhaltliche Vorgaben und Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . 116 (1) Für alle Mediendienste geltende Vorschriften . . . 117 (2) Sondervorschriften für die sog. „elektronische Presse“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 cc) Rechtsaufsicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 dd) Sachlicher Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 ee) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten . . . . . . . . . 121 ff) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 c) Teledienstegesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 bb) Inhaltliche Vorgaben, Rechtsfolgen und Rechtsaufsicht 123 cc) Sachlicher Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 dd) Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 ee) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 d) Jugendmedienschutz-Staatsvertrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 bb) Inhaltliche Vorgaben, Rechtsfolgen und Rechtsaufsicht 127 cc) Sachlicher Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten . . . . . . . . . 128 ee) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 e) Telekommunikationsgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 bb) Inhaltliche Vorgaben, Rechtsfolgen und Rechtsaufsicht 129 cc) Sachlicher Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 11 dd) Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 ee) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 f) Presserecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 aa) Ziele der Rechtssetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 bb) Inhaltliche Vorgaben und Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . 130 cc) Sachlicher Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten . . . . . . . . . 133 (1) Herausgeber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 (2) Verleger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 (3) Verantwortlicher Redakteur . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 (4) Verantwortlicher für den Anzeigenteil . . . . . . . . . 134 (5) Drucker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 (6) Sonstige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 ee) Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 g) Zwischenergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 aa) Sachlicher Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 bb) Normadressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 5. Übersichtstabelle – Dienstekategorien/Wesentliche Anforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 6. Reaktionen auf Einordnungsprobleme bei bestimmten (neuen) Erscheinungsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 7. Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 a) Fernsehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 b) Dienste der Informationsgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 c) Elektronische Kommunikationsdienste . . . . . . . . . . . . . . . . 141 8. Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 a) Weitere Änderungsvorhaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 b) Positionen zur Revision der Fernsehrichtlinie . . . . . . . . . . . 144 9. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 II. Belgien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 1. Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 a) Die technische und wirtschaftliche Entwicklung in Belgien 148 b) Übergreifendes Konzept der Regulierung . . . . . . . . . . . . . . 154 c) Überblick über die Verteilung der Kompetenzen für Rundfunk und Telekommunikation in Belgien sowie die einschlägige Rechtsprechung des Verfassungsgerichts . . . . 155 aa) Ratio dieses Unterkapitels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 bb) Grundlegendes zur föderalen Struktur Belgiens . . . . . 155 cc) Divergente Zuständigkeiten für konvergierende Medien und Telekommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 12 dd) Rechtsprechung des Verfassungsgerichts . . . . . . . . . . . 158 (1) 1990–1991: Die Übertragung der Programme ist ein integraler Teil der Rundfunkkompetenzen der Gemeinschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 (2) 2000–2002: Interaktive Radio- und Fernseh- programme sind Rundfunkdienste . . . . . . . . . . . . . 160 (3) 2004–2005: Pflicht zur Kooperation bei der Regulierung der Infrastruktur für die elektronische Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . 163 2. Die frühere Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienste- kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 aa) Zwei weit gefasste Kategorien: Rundfunk gegenüber Telekommunikationsdiensten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 bb) Kategorien von Rundfunkdiensten . . . . . . . . . . . . . . . . 166 (1) Flämische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 (2) Französische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 cc) Kategorien von Telekommunikationsdiensten . . . . . . . 173 b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 c) Definition der Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 aa) Flämische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 (1) Allgemeine Bemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 (2) Verschiedene Kategorien von Fernsehveranstaltern 175 bb) Französische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 (1) Im Allgemeinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 (2) Verschiedene Kategorien von Fernsehveranstaltern 177 d) Horizontale Regelungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 e) Beispiele für Anwendungsprobleme des nationalen Rechtsrahmens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 f) Tabellarischer Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 3. Die geltende Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienste- kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 aa) Die wichtigsten Unterschiede zur alten Rechtslage . . 181 (1) Definition des Rundfunkbegriffs . . . . . . . . . . . . . . 181 (2) Dienste der Informationsgesellschaft . . . . . . . . . . 182 (3) Abstufung der verantwortlichen Akteure . . . . . . . 182 bb) Die derzeit geltenden Rechtsquellen . . . . . . . . . . . . . . 184 cc) Detaillierter Überblick über die verschiedenen Kategorien von Diensten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 (1) Flämische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 13 (2) Französische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 (3) Auf bundesstaatlicher Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 c) Definition der Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 aa) Neue Adressaten: Reform des Rundfunkrechts in der französischen Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 bb) Verhältnis zum Begriff des „Fernsehveranstalters“ im Sinne der Fernsehrichtlinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 cc) Neue Adressaten: Rechtliche Einordnung von EPG-Anbietern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 d) Horizontale Regelungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 e) Beispiele für Anwendungsprobleme des nationalen Rechtsrahmens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 f) Tabellarischer Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 aa) Flämische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 bb) Französische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 4. Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 a) Künftige Reformvorhaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 b) Die belgische Position zur Revision der Fernsehrichtlinie . 211 5. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 a) Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 b) Geltende Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 aa) Dienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 (1) Flämische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 (2) Französische Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 (3) Bundesstaat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 bb) Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 c) Vereinbarkeit mit europäischem Recht . . . . . . . . . . . . . . . . 217 d) Künftige Reformvorhaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 e) Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218 III. Frankreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 1. Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 a) Technische und wirtschaftliche Entwicklung der Medien in Frankreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 aa) Digitalfernsehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 (1) Satellit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 (2) Kabelübertragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220 (3) Digitales terrestrisches Fernsehen . . . . . . . . . . . . . 220 (4) Fernsehen über ADSL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220 bb) Breitbandiger Internetzugang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 14 cc) Mobiltelefonie der dritten Generation . . . . . . . . . . . . . 221 dd) Computer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 b) Übergreifendes Konzept der Regulierung . . . . . . . . . . . . . . 222 2. Frühere Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienste- kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 aa) Allgemeine Darstellung der Rechtslage vor den Gesetzen vom 21. Juni 2004 und 9. Juli 2004 . . . . . . 224 (1) Entwicklung der Medienregulierung . . . . . . . . . . . 224 (2) Allgemeiner Rechtsrahmen für Hörfunk- und Fernsehveranstalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 (3) Rechtsrahmen für den Betrieb von Kabelnetzen . 227 (4) Andere audiovisuelle Dienste . . . . . . . . . . . . . . . . 227 (5) Conditional-Access-Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 (6) Telekommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 bb) Definitionen und Betreiber unter der alten Gesetzes- lage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 (1) Definitionen für Medieninhalte . . . . . . . . . . . . . . . 230 (2) Definitionen zur Telekommunikation . . . . . . . . . . 232 b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 c) Definition der Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 aa) Rundfunkveranstalter (Herausgeber von Fernseh- und Hörfunkdiensten) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 bb) Diensteanbieter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 cc) Multiplexbetreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 dd) EPGs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 d) Tabellarischer Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 3. Geltende Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienste- kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 aa) Darstellung des geltenden Rechtsrahmens . . . . . . . . . . 236 (1) Gesetz vom 21. Juni 2004 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 (2) Gesetz vom 9. Juli 2004 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 (3) Telekommunikationsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 (4) Audiovisueller Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 bb) Definitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 (1) „Elektronische Kommunikation“, „Kommunika- tion gegenüber der Allgemeinheit mit elektroni- schen Mitteln“, „Elektronische Kommunikations- netze“, „Elektronische Kommunikationsdienste“ . 239 15 (2) „Audiovisuelle Kommunikation“, „audiovisuelle Dienste“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 (3) Öffentliche Online-Kommunikation . . . . . . . . . . . 242 b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 c) Definition der Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 aa) Erbringer von Fernseh- und Hörfunkdiensten . . . . . . . 243 bb) Plattformbetreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 cc) Multiplexbetreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 dd) EPGs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 d) Tabellarischer Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 4. Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 a) Weitere Änderungen des geltenden Rechtsrahmens . . . . . . 244 b) Positionen zur Revision der Fernsehrichtlinie . . . . . . . . . . . 245 5. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 a) Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 b) Inhaltedienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 c) Signalübertragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 d) Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 IV. Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 1. Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 a) Technische und wirtschaftliche Entwicklung der Medien in Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 b) Übergreifendes Konzept der Regulierung . . . . . . . . . . . . . . 253 2. Frühere Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienste- kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 aa) Rundfunk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 (1) Hörfunk und Fernsehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 (2) Pay-TV . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258 (3) Kabelübertragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258 (4) Satellitenübertragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 bb) Telekommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 (1) Mobiltelefonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 (2) Festnetztelefonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 b) Vereinbarkeit mit europäischem Recht . . . . . . . . . . . . . . . . 260 aa) Rundfunk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 bb) Telekommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 c) Definition der Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 d) Horizontale Regulierungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 16 e) Beispiele für Anwendungsprobleme des nationalen Rechtsrahmens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 f) Tabellarischer Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 3. Geltende Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienste- kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 c) Definition der Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 d) Horizontale Regulierungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 e) Beispiele für Anwendungsprobleme des nationalen Rechtsrahmens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 f) Tabellarischer Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 4. Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 a) Weitere Änderungen des gegenwärtigen Rechtsrahmens . . 271 b) Positionen zur Revision der Fernsehrichtlinie . . . . . . . . . . . 271 5. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 a) Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 b) Inhaltedienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 c) Signalübertragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274 d) Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 V. Vereinigtes Königreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 1. Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 a) Technische und wirtschaftliche Entwicklung im Vereinigten Königreich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 b) Übergreifendes Konzept der Regulierung . . . . . . . . . . . . . . 277 2. Der frühere Rechtsrahmen im Vergleich zur geltenden Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienste- kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 c) Definition der Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 d) Horizontale Regulierungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 aa) Regelung des Wettbewerbs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 bb) Werbebestimmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 e) Tabellarischer Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 3. Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 4. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 a) Geltende Rechtslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 b) Vereinbarkeit mit europäischem Recht . . . . . . . . . . . . . . . . 305 17 c) Künftige Reformvorhaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 d) Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 VI. Vergleichende Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 2. Vergleichende Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 a) Rundfunkbegriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 b) Anwendungsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 aa) Einordnung von Video-on-Demand und Near-Video-on-Demand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 bb) Simulcast . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 cc) Begleitdienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314 c) Adressaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316 d) Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 E Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 I. Status quo im Vergleich des EG-Rechts mit den mitglied- staatlichen Rechtsordnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 II. Spiegelung der nationalen Medienordnungen an den Konzepten für die Revision . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326 III. Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338 18 A Einführung Die Europäische Kommission hat eine umfassende Änderung der Fernseh- richtlinie, die erstmals 1989 verabschiedet und 1997 revidiert wurde, vor- geschlagen. Damit steht ein wesentliches Element der Medienordnung auf europäischer Ebene auf dem Prüfstand, das für die Medienordnungen in den EU-Mitgliedstaaten von großer Relevanz ist. Die Bedeutung der EG-Fernseh- richtlinie reicht in mehrfacher Hinsicht auch über den Kreis der EU-25 hinaus: erstens, in Anbetracht der bevorstehenden Erweiterung um mindestens zwei südosteuropäische Länder sowie mit Blick auf die weiteren Mitglieder des EWR, zweitens wegen der bisherigen und wohl auch zukünftigen Parallelität der Fortentwicklung des EG-Rechtsrahmens für die audiovisuellen Medien und des entsprechenden Instrumentariums des Europarates, der Europäischen Konvention über das grenzüberschreitende Fernsehen in der Fassung des Ände- rungsprotokolls aus dem Jahre 1998. Die EG-Fernsehrichtlinie ist ein Element des europäischen Medienrechts, daneben treten vor allem der neue Rechtsrahmen über die elektronische Kom- munikation aus dem Jahre 2002, die Bestimmungen zum Urheberrecht sowie zu den Diensten der Informationsgesellschaft, für die ebenfalls bereits Revisio- nen angekündigt wurden bzw. derzeit stattfinden. Durch das Richtlinienpaket zu elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten hat die Europäische Gemeinschaft, basierend auf dem Grünbuch zur Konvergenz von 1997, erste Konsequenzen aus der Digitalisierung der IT-, TK- und Medienbranche sowie der „Verschmelzung“ von Technik, Wirtschaft, Inhalten und Nutzerverhalten in diesem Sektor gezogen. Hierbei stand ein dezidiert technikneutraler Ansatz im Vordergrund; die bisher faktisch und regulatorisch vorherrschende Verbindung eines bestimmten Netzes mit einem bestimmten Dienst wurde aufgegeben, so dass ein einheitlicher, horizontaler Rechtsrahmen geschaffen wurde. Aktuell gilt es, die Frage zu beantworten, ob auch hinsichtlich der Bestim- mungen zu den audiovisuellen Inhalten eine eingeschränkte Abkehr von der geltenden, sektorspezifischen Gesetzgebung das geeignete Mittel ist, um den wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen des Mediensektors Rechnung zu tragen. Seit Anfang 2000 wird in diesem Zusammenhang stets auf das 19 Schlagwort „Content-Richtlinie“ verwiesen. Damit kommt zum Ausdruck, dass in Zukunft keine Orientierung mehr an der Art der Verbreitung von audio- visuellen Inhalten sowie der Zusammenfassung verschiedener Angebote in einem Programm erfolgt, um den Regelungsrahmen der bisherigen Fernseh- richtlinie zur Anwendung zu bringen; vielmehr soll eine inhaltsbezogene Be- trachtung und Regulierung der Angebote stattfinden. Diese kann sich grund- sätzlich nicht deshalb anders darstellen, weil in dem einen Fall das Angebot über eine klassische Fernsehplattform, wie Terrestrik, Kabel oder Satellit, im Wege des Punkt-zu-Mehrpunkt-Verfahrens ausgestrahlt wird, in dem anderen Fall ein Internet- oder Mobilfunkdienst zur Übertragung genutzt wird und hier, basierend auf dem IP-Protokoll, eine Einzelverbindung (Punkt-zu-Punkt) zwi- schen Zuschauer und Anbieter etabliert wird, die sich auf ein bestimmtes Einzelangebot bezieht. Von unterschiedlicher Seite wurde die Erweiterung des Anwendungsbereichs einer zukünftigen Richtlinie mit der Forderung verbunden, eine abgestufte Regelungsdichte vorzusehen. Darunter versteht man eine Binnendifferenzie- rung des neuen Rechtsinstruments danach, welche Bedeutung, vor allem vor dem Hintergrund der demokratiepolitischen Funktion der Medien, der Sonder- stellung des Rundfunks als „Leitmedium“ sowie seiner Rolle für die Ausübung der kommunikativen Freiheiten, einem bestimmten Medium auch im Meinungs- bildungs-, -äußerungs- und Informationsbeschaffungsprozess zukommt. Vorbild hierfür war sicherlich auch die Orientierung vieler nationaler Medienordnun- gen an dem Gedanken, der Meinungsbildungsrelevanz eines Mediums beson- deres Gewicht dafür beizumessen, welche Regelungen auf dieses Anwendung finden und wie spezifisch die Rechte und Pflichten der Betroffenen ausgestaltet werden. In Deutschland ist diese Sichtweise vertraut; ausgehend von einem weit verstandenen verfassungsrechtlichen Rundfunkbegriff findet eine einfach- gesetzliche Abstufung in Rundfunk (Fernsehen und Hörfunk) und Medien- dienste statt. Daneben bestehen Regelungen zu den Telediensten, der Telekom- munikation sowie der Presse. Mag der Topos „Meinungsbildungsrelevanz“ für die gemeinschaftliche Ebene auch relativ neu sein, Überlegungen dahin gehend, welche Dienste einem bestimmten Rechtsrahmen unterfallen sollen und welche nicht, sind keineswegs erst seit der Einführung von Fernsehen über das Internet oder von mobilem Fernsehen angestellt worden. Vielmehr wurde bereits bei der letzten Revision der Fernsehrichtlinie, in den Jahren zwischen 1995 und 1997, in Ansehung auf die bevorstehende Einführung neuer Dienste eine lebhafte Diskussion darüber geführt, ob bspw. Video-on-Demand-Angebote auch vom Anwendungsbereich der Richtlinie erfasst werden sollten. Das Ergebnis der Auseinandersetzungen in dieser Frage, hauptsächlich zwischen Europäischem Parlament und der Kommission der Europäischen Gemeinschaft geführt, ist weitgehend bekannt: Near-Video-on-Demand wurde der Anwendung der neuen 20 Richtlinie unterworfen, der echte Videoabruf hingegen nicht. Ähnlich „willkür- lich“ wirkte im Zusammenhang mit der Fortentwicklung der digitalen Technik auch die für mittels Internet als Plattform verbreiteten audiovisuellen Dienste getroffene Abgrenzung: Während auf Simulcast und Webstreaming der Rege- lungsgehalt der Fernsehrichtlinie anwendbar sein sollte, wurde dies in Bezug auf abgerufene Videoinhalte ausgeschlossen. Diese Festlegungen haben sich als wenig praktikabel erwiesen. Das aktuell festzustellende Vorhaben der Kom- mission speist sich aber nicht nur aus dieser Erkenntnis. Auf weitere Aspekte ist im Folgenden hinzuweisen. Die eCommerce-Richtlinie aus dem Jahre 2000 führte erstmalig einen Rechtsrahmen für die sog. Dienste der Informationsgesellschaft ein. Die dort festgelegten Regelungen zu Inhalt und Aufmachung von Abrufdiensten weichen sichtlich von den detaillierten Vorschriften für Fernsehsendungen ab. So finden sich nur rudimentäre Bestimmungen in Bezug auf die kommerzielle Kommu- nikation, in Form des Erkennbarkeitsgebots, hingegen fehlen Maßgaben für die Förderung der europäischen Produktion, den Zugang zu Ereignissen von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung und das Gegendarstellungsrecht, alle- samt Gegenstände der Fernsehrichtlinie. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass eine Debatte über die Einordnung bestimmter elektroni- scher Angebote entbrannte, die bis heute nicht abschließend geklärt ist. Zu- mindest lässt sich aber festhalten, dass durch die Existenz der beiden Richt- linien bereits eine gewisse Abstufung des Regelungsrahmens stattgefunden hat, wenngleich unter dem Blickwinkel gemeinsamer Grundsätze für die ver- schiedenen Dienstetypen Defizite verblieben. Es bleibt zu erwähnen, dass mit der Verabschiedung der Ratsempfehlung aus dem Jahre 1998 zum Jugendschutz und dem Schutz der Menschenwürde in audiovisuellen und Diensten der Infor- mationsgesellschaft eine gewisse Lückenschließung und Annäherung der ein- schlägigen Grundsatzbestimmungen bezweckt wurde. Allerdings zeigt bereits die Wahl des Rechtsakttypus für diese Maßnahme, dass damit kein vergleich- bar verbindliches Regelungssystem mit erkennbarer Harmonisierungsfunktion wie bei der Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“ intendiert war. Die EU-Mitgliedstaaten haben parallel zur Diskussion auf europäischer Ebene frühzeitig damit begonnen, Ansätze für eine geeignete Regulierung der neuen, konvergenten Medien zu entwickeln. Der bereits erwähnte Medien- dienstestaatsvertrag, einhergehend mit dem Erlass des Informations- und Kom- munikationsdienstegesetzes des Bundes, aus dem Jahre 1997, ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Gleichwohl verdient dieses besondere Hervorhebung, da bei den Beratungen auf europäischer Ebene wiederholt der Modellcharakter der Regelungen, beispielsweise in Bezug auf die Richtlinie zum elektronischen Handel oder die Richtlinie zu den elektronischen Signaturen, hervorgehoben wurde. Im Vereinigten Königreich stellte die Verabschiedung des Broadcasting Act 1996 die schrittweise Abkehr von der klassischen Regulierung der elek- 21 tronischen Medien dar. Es wurde ein Rahmen geschaffen, der den Einzug der Digitalisierung im Rundfunk anleiten soll. Zugleich wurde der veränderten technischen und wirtschaftlichen Struktur in den Medienmärkten die Aufmerk- samkeit des Gesetzgebers zuteil, gerade auch in Anbetracht der darauf folgen- den neuen Regulierungsthemen, wie Multiplexing, Conditional Access und dem Fernsehen zugehörige digitale Zusatzdienste. Weitere Beispiele legislativer Reaktionen auf die Entwicklungen im Rundfunksektor lassen sich zwanglos anfügen: in Frankreich, Griechenland und Schweden entstanden neue Rechts- rahmen spezifisch für die Einführung des digitalen (terrestrischen) Rundfunks; die allgemeinen Mediengesetze in Dänemark und Litauen wurden so modifi- ziert, dass sie auch auf über das Internet bereit gestellte Angebote Anwendung fanden, und es entstanden sog. „konvergente“ Aufsichtsbehörden, die das Zu- sammenwachsen von Telekommunikation und Medien sowohl dokumentierten als auch regulatorisch begleiteten. Verglichen mit der Ebene der Gemeinschaft, taten sich die einzelnen Mit- gliedstaaten mit den notwendigen Anpassungen an die Veränderungen im Mediensektor eher leicht. Auch die Fristen, innerhalb derer die neuen Gesetze erlassen wurden, erscheinen häufig doch sehr überschaubar. Es ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass bei den Aktivitäten der europäischen Länder ein Aspekt weitgehend ausgeklammert bleiben kann, der für gesetzgeberische Aktivitäten der Gemeinschaft geradezu prägend, wenn nicht Voraussetzung für diese ist. Angesprochen ist damit die Perspektive auf die Unterschiede in den Rechtsordnungen der Mitgliedstaaten, die zu Hemmnissen bei der Erbringung von Dienstleistungen oder bei der Niederlassung im Binnenmarkt führen kön- nen. Die Europäische Kommission hat ein besonderes Augenmerk auf diese Problematik zu richten, und es wird in den jüngsten politischen Äußerungen auch immer stärker betont, dass sich ein Flickenteppich an unterschiedlichen nationalen Regelungen entwickelt habe, der ein harmonisierendes Eingreifen der Gemeinschaft erforderlich mache. Ein Befund, der angesichts der in den Transparenzrichtlinien aus dem Jahre 1998 vorgesehenen Notifizierungsverfah- ren für Gesetzgebungsvorhaben der Mitgliedstaaten in Bezug auf Dienste der Informationsgesellschaft allerdings erstaunt. Damit wird deutlich, wie dringlich die rechtsvergleichende Betrachtung der aktuellen Änderungen der Medienordnung in verschiedenen Mitgliedstaaten erscheint. Wie bereits bei erstmaligem Erlass der Fernsehrichtlinie, aber auch im vorskizzierten Kontext der eCommerce-Richtlinie, wird sich der Blick der Kommission unter anderem auf die vorzufindenden neuen Ansätze in den nationalen Rechtsordnungen und die dabei verfolgte Medienpolitik richten. Vor diesem Hintergrund hat die Landesanstalt für Medien Nordrhein-West- falen (LfM) das Institut für Europäisches Medienrecht (EMR) im Juli 2005 damit beauftragt, ein Gutachten zu „Anwendungsbereich und Adressaten der neueren Mediengesetzgebung in ausgewählten EU-Mitgliedstaaten“ zu erstellen. 22 Das Gutachten gliedert sich in drei Hauptteile. Eingangs wird der technologische Hintergrund der Digitalisierung für die aktuellen Entwicklungen im IT- und Mediensektor dargestellt und erläutert, welcher Reformbedarf durch Änderun- gen in Folge von Konvergenz erzeugten Wandels entstanden ist. Sodann erfolgt eine ausführliche Beschreibung und Analyse des existierenden Rechtsrahmens auf europäischer Ebene sowie des aktuellen Vorschlags zur Revision der Fern- sehrichtlinie. Daran schließt sich eine konzentrierte Darstellung der Rechtslage in Deutschland an sowie die Herausarbeitung der wesentlichen Charakteristika der Reformen der Medienordnungen in Belgien, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich, um so zu einem aktuellen Befund im Hinblick auf die nationalen Ausgangslagen im Revisionsprozess zu gelangen. Hierbei wurde das EMR maßgeblich durch die renommierten Korrespondenten aus dem EMR Media Network unterstützt, die als nationale Experten agieren und sicherstellen, dass neben der reinen Betrachtung der Gesetzgebung auch die Entscheidungs- praxis, die Sicht der Wissenschaft und der (politische) Kontext des geltenden Status quo abgebildet wird. Abschließend erfolgt ein zweifacher Abgleich zwischen der supranationalen Ebene der EG und den Mitgliedstaaten: Zuerst wird der europäische Blickwinkel eingenommen und ein Vergleich zwischen dem bestehenden Rechtsrahmen und der aktuellen Rechtslage in den unter- suchten Ländern angestellt. Außerdem wird aus der nationalen Perspektive heraus betrachtet, welche Anforderungen an die zukünftigen Vorschriften der Gemeinschaft gestellt werden könnten, wobei insbesondere der Versuch unter- nommen wird, auf der Grundlage sowohl des nationalen Rechts als auch der jeweiligen medienpolitischen Positionen, wie sie im Revisionsprozess bislang eingenommen wurden, Rückschlüsse auf den zu erwartenden Diskussions- verlauf auf europäischer Ebene zu ziehen. Daraus leiten sich Schlussfolgerun- gen für weitere Schritte bei der Behandlung des Mitte Dezember 2005 ver- öffentlichten Richtlinienvorschlags der Kommission ab. 23 B Hintergrund der medienrechtlichen Reformen Einleitend soll in der gebotenen Kürze auf die allgemein als bedeutsam für die Überarbeitung der Medienordnungen herangezogenen Faktoren eingegangen werden, namentlich die Digitalisierung und die wesentlich durch diese ein- geleitete Konvergenz. I. Digitalisierung der Inhalte, Übertragungswege und Endgeräte Die allgemeine technische Entwicklung der Digitalisierung hat auch Auswir- kungen auf die Technik, die im IT-, TK- und Mediensektor zunehmend zum Einsatz kommt und der Ablösung der analogen Aufbereitung von (Fernseh-) Inhalten durch die Digitalisierung. Beim analogen Signal handelt es sich um eine Wechselspannung, die verschiedene Werte zwischen Null und bestimmten Ober- oder Untergrenzen annehmen kann. Es wird durch die Variablen Frequenz (Ausschläge pro Zeiteinheit), Amplitude (Stärke des Signals) und Phase (Rich- tung) gekennzeichnet. Im Gegensatz hierzu kann ein digitales Signal nur zwei Werte annehmen, nämlich 1 oder 0. Digitale Informationen werden also in Binärziffern wiedergegeben. Dementsprechend spricht man von „bits“ (binary digits). Acht Bits formen ein so genanntes „byte“. Die Umwandlung analoger in digitale Signale erfolgt durch das Verfahren der Pulse-Code-Modulation (PCM). Dabei wird das analoge Signal in festen Zeitabständen (zeitdiskret) ab- getastet, und es werden den Abtastwerten binäre Codeworte zugeordnet.1 Da das analoge Signal bei farbigen Bildern aus mehreren Komponenten besteht, welche die Helligkeit (Luminanz) und die Farbigkeit (Chrominanz) angeben, müssen die beim Codieren entstehenden Komponenten noch zu einem einheit- lichen seriellen Signal verwandelt werden. Dies erfolgt durch das Hinzufügen einer digitalen Information zur Synchronisierung. Dem Datenstrom werden schließlich noch die Toninformationen hinzugefügt, so dass schließlich ein 25 1 Scheuer/Knopp, Glossar des digitalen Fernsehens, Straßburg 2004, S. 5. einheitlicher, später wieder trennbarer Datenstrom, der so genannte Studio- multiplex vorliegt. Digitale Datenströme haben den unschätzbaren Vorteil, dass sie aufgrund dieser einfachen und einheitlichen Struktur über jeden beliebigen Übertragungs- weg verbreitet oder übertragen werden können. So können digitale Inhalte über terrestrische Sendernetze (DVB-T oder DVB-H), Kabel, Satellit, oder mithilfe des Internetprotokolls über die internetüblichen Wege wie DSL, ISDN, WIMAX etc. zu den Rezipienten gelangen.2 Ebenso können digitale Daten im Grundsatz mit allen Arten von Endgeräten empfangen werden. Ob Fernseh- geräte, Computer, Festnetztelefone oder Mobilfunkgeräte – digitale Daten- ströme können, mit einigen Anpassungen unter Berücksichtigung etwa der Speicher- oder Akkukapazität des betreffenden Gerätetypus, nahezu in jeder Lebenslage empfangen werden. Von entscheidender Bedeutung sind dabei zudem die MPEG-Standards3 für die Zusammenstellung und Komprimierung der durch die digitale Codierung bewegter Bilder entstandenen Datenströme, die die Übermittlung von Inhalten über beliebige Übertragungswege zusätzlich erleichtern. II. Konvergenz in ihren verschiedenen Ausprägungen Unter dem Begriff der Konvergenz werden gemeinhin zweierlei Sachverhalte verstanden: Zum einen ist Konvergenz die Möglichkeit, über verschiedene Netzplattformen im Wesentlichen ähnliche Inhalte zu übertragen, zum anderen versteht man darunter die Zusammenführung zwischen Endgeräten wie dem (Mobil-)Telefon, dem Fernseher und dem PC.4 Der erstgenannte Aspekt ist ein seit längerem anhaltender Prozess. Seine Ursache liegt vor allem in der Digitalisierung der Übertragungswege und der Inhalte, die dafür sorgt, dass zu übertragende Inhalte binär dargestellt werden und damit gleichsam in einem Format zur Verfügung stehen, das für alle digi- talen Übertragungswege gilt. In jüngster Zeit hat auch der Gesichtspunkt der Zusammenführung der Endgeräte zunehmend an Bedeutung gewonnen. Praktisches Beispiel hierfür ist die Internettelefonie (sog. Voice over IP/VoIP), die den heimischen Computer auch als Telefon verwenden lässt. Umgekehrt sind bereits Telefongeräte erhält- lich, die ohne den „Umweg“ über einen PC direkt Sprachtelefonie über das 26 2 Vgl. zu Einzelheiten unten unter II.1. 3 MPEG bedeutet Motion Picture Expert Group. Der am weitesten verbreitete Standard ist MPEG-2, allerdings kommt teilweise bereits der Standard MPEG-4 zum Einsatz, vgl. insoweit auch Schoenthal, Frankreich: DVB-T gestartet, MMR 6/2005, S. XVIII. 4 Grünbuch zur Konvergenz der Branchen Telekommunikation, Medien und Informationstechnologie und ihre ordnungspolitischen Auswirkungen, KOM(97)632 endg., S. 1 (im Folgenden: Konvergenz-Grünbuch). weltweite Netz ermöglichen. Auch bieten Mobiltelefone inzwischen so viele verschiedene Funktionen, dass die Bezeichnung „Telefon“ eher anachronistisch erscheint.5 Im 1997 veröffentlichten Grünbuch der Europäischen Kommission zur Konvergenz6, auf welches der Begriff der Konvergenz als Bezeichnung für die Gesamtheit der in der letzten Zeit entstandenen oder sich abzeichnenden Herausforderungen im Medienbereich zurückgeht, ist eine genaue Definition des Terminus nicht zu finden. Gleichwohl wurde aber im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Grünbuches darauf hingewiesen, dass eine Untertei- lung des Phänomens in verschiedene Ebenen sachgerecht erscheine. Hoffmann- Riem/Schulz /Held haben eine solche Kategorisierung in der Folge vorge- nommen.7 Es werden folgende Kategorien festgelegt: Erstens die technische Konvergenz, zweitens die Konvergenz der Dienstleistungsangebote oder der Inhalte8 und drittens die Konvergenz im Nutzungsverhalten. Dörr9 sieht die Konvergenz der Märkte und Industrien als zusätzliche Kategorie an. Bei den genannten Kategorien handelt es sich um eine Einteilung nach Problemstellun- gen. Ziel einer rechtlichen Auseinandersetzung mit diesen Erscheinungsformen der Konvergenz wird gegebenenfalls eine Konvergenz des Rechts bzw. eine Konvergenz der Regulierung sein.10 Allerdings kann den Konvergenzphänome- nen nicht einfach durch eine Zusammenführung von Rechtsakten Rechnung getragen werden. Vielmehr ist stets einzeln zu prüfen, welche tatsächlichen Phänomene sich im Ergebnis so darstellen, dass eine rechtliche Gleichbehand- lung geboten ist. 1. Von der technischen Konvergenz zum „Triple Play“ Während die Kommission wie bereits dargelegt im Rahmen des Konvergenz- Grünbuches im Hinblick auf eine Definition des Grundbegriffes noch Zurück- haltung geübt hatte, findet sich im Kommunikationsbericht aus dem Jahr 1999 eine Beschreibung des Phänomens der Konvergenz. Dieser Bericht fasst die Ergebnisse der auf der Basis des Grünbuchs von 1997 durchgeführten Konsulta- 27 5 Vgl. dazu auch Berger/Schoenthal, Die zukünftige Verbreitung audiovisueller Dienste, IRIS Spezial, Straßburg 2005, S. 1. 6 Grünbuch zur Konvergenz der Branchen Telekommunikation, Medien und Informationstechnologie und ihre ordnungspolitischen Auswirkungen, KOM(97)623, vom 3. Dezember 1997. 7 Hoffmann-Riem/Schulz /Held, Konvergenz und Regulierung, Baden-Baden 2000, S. 19 ff. 8 Der Begriff der Konvergenz der Inhalte findet sich bei Dörr, Der Zugang zu den digitalen Kabelnetzen und die Regelungen des europäischen Rechts, Berlin 2002, S. 64. 9 Dörr, a. a. O., S. 66. 10 Vgl. dazu umfassend: Roßnagel (Hrsg.), Neuordnung des Medienrechts – Neuer rechtlicher Rahmen für eine konvergente Technik, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 30, Baden-Baden 2005, sowie EMR (Hrsg.), Digitale Breitband-Dienste in Europa – Geschäftsmodelle und ihr europäischer und nationaler Rechtsrahmen, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 27, Baden- Baden 2003. tionen zusammen und skizziert die geplante Vorgehensweise der Kommission, er ist insbesondere Grundlage für das Telekommunikations-Richtlinienpaket von 2002. Konvergenz wird dort beschrieben als die technische Möglichkeit der Erbringung ein und desselben Dienstes über beliebige Übertragungsnetze, seien es Fest- oder Mobilfunk-, Telekommunikations- oder Kabelfernseh-, Satelliten- oder terrestrische Netze.11 Es wird deutlich, dass hier vor allem auf die technische Konvergenz Bezug genommen wird. Maßgeblich ist hierbei die Loslösung bestimmter Arten von Inhalten von bestimmten Übertragungswegen. Durch den Binärcode und die oben angeführ- ten Standards lässt sich jegliche Form von Inhalten auf allen vorhandenen Wegen zum Rezipienten transportieren. Ein Spielfilm etwa kann nicht nur terrestrisch oder über Kabel oder Satellit an die Empfänger transportiert wer- den, sondern dies kann auch per Internet-Protokoll über DSL erfolgen. Inhalte können über Funknetze wie WLAN oder WIMAX (Worldwide Interoperability for Microwave Access) übertragen werden, über Mobilfunknetze der zweiten, dritten (UMTS) und bald der vierten Generation, auch wird die Nutzung der Stromnetze für die Übermittlung von audiovisuellen Inhalten in Angriff genom- men.12 Entscheidende technische Neuerung im Vergleich zu vergangenen Jahr- zehnten ist dabei die Möglichkeit der Nutzung von so genannten Rückkanälen, die im Gegensatz zur unidirektionalen Verteilung der Inhalte auch Interaktio- nen der Rezipienten ermöglichen. Solche Rückkanäle können dem Übertra- gungsmedium immanent sein, wie dies etwa bei DSL der Fall ist, sie können aber auch durch Kombinationen verschiedener Übertragungsmodi geschaffen werden. So ist etwa bei terrestrischer Übertragung (DVB-T oder DVB-H) grund- sätzlich keine Rückkanalfähigkeit gegeben, allerdings kann durch Kopplung etwa mit telefonischen bzw. Mobilfunkverbindungen oder mit einer Internet- verbindung die Möglichkeit der Kommunikation des Rezipienten mit dem Diensteanbieter geschaffen werden. Mobilfunkendgeräte können also beispiels- weise Verteildienste kostengünstig und mit geringem technischen Aufwand über DVB-H empfangen und nur bei Bedarf, d. h. wenn der Nutzer seinerseits mit dem Anbieter kommunizieren will, eine dafür geeignete Verbindung auf- bauen, etwa über das UMTS-Netz. Das mögliche Komplettangebot eines Medien- und Kommunikationsdienst- leisters im Zeitalter der technischen Konvergenz wird neuerdings auch mit dem gegenüber dem sperrigen Terminus „Konvergenz“ deutlich marketing-taug- licheren Schlagwort „Triple Play“ belegt. „Triple Play“ bedeutet, dass durch eine Kombination von Telefonie, Breitband und Unterhaltungsangeboten wie 28 11 Kommunikationsbericht 1999, KOM(99)539, S. vii. Der Bericht ist in deutscher Sprache abrufbar unter: www.europa.eu.int / ISPO/infosoc/ telecompolicy/review99/review99de.pdf. 12 Vgl. dazu Schoenthal, Empfehlungen der Kommission zu Kommunikationsdiensten über Stromleitungen, MMR 6/2005, S. XVI. Fernsehen oder Video-on-Demand eine Vollversorgung des Kunden mit media- len Angeboten ermöglicht werden soll,13 aus Sicht der Anbieter natürlich aus einer Hand. Die konvergierende Entwicklung innerhalb dieser drei Medien- sparten lässt sich in zwei Hauptströme unterteilen: Zum einen die Annäherung zwischen herkömmlichem Fernsehen und dem Internet, im Zuge derer klassi- sche Fernsehinhalte immer stärker über das Netz verfügbar gemacht werden und das Fernsehprogramm mit Hilfe des Internets in das Zeitalter der Inter- aktivität eintritt. So hat etwa der britische Pay-TV-Veranstalter BSkyB jüngst durch ein Übernahmeangebot für eine Telekommunikations-Gesellschaft die Weichen dafür gestellt, künftig seine Programme über das Internet verbreiten zu können.14 Umgekehrt kündigte die spanische Telefonica an, durch die Über- nahme des Mobilfunkanbieters O2 insbesondere Zugang zum britischen und deutschen Markt erlangen zu wollen, um auf diesem Wege auch ihre reich- haltigen audiovisuellen Angebote mittels eines anderen Übertragungswegs ver- breiten zu können. Die zweite Entwicklung, die in jüngster Zeit an Fahrt gewonnen hat, ist die Annäherung von Internet und Telefondiensten. Wurde in der Vergangenheit stets nach Wegen gesucht, das Telefonkabel als Übertra- gungsmedium für andere Medien nutzbar zu machen, so wird jetzt das Internet zur Übertragung von Sprachtelefonie genutzt. Die Ursachen für diesen Trend sind vielfältig. Zum einen wittern Anbieter, denen bisher die geeignete Infra- struktur nicht zur Verfügung stand, ihre Chance. Dies gilt sowohl für Medien- unternehmen, die an den Verbindungsentgelten verdienen wollen, als auch für kleinere Anbieter, die werbefinanziert kostenlose Sprachtelefonie ermöglichen. Motor für diese Entwicklung ist aber das rasante Anwachsen der Zahl der breitbandigen Internetanschlüsse. Dies hat zwei wesentliche Folgen. Zum einen steht erstmals einem signifikanten Teil der Bevölkerung ein Internetanschluss zur Verfügung, der ausreichend hohe Übertragungsraten für Sprachtelefonie bietet. Zum anderen steigen mit einem Breitbandanschluss die Fixkosten für Online-Kommunikation des Endnutzers erheblich, wobei die meisten Geschäfts- modelle „Flatrates“ oder zumindest bestimmte Datenmengen gewissermaßen als pauschal zu bezahlendes Paket vorsehen. Damit entsteht erstens der Wunsch, die höheren Kosten an anderer Stelle – also beispielsweise bei den Telefon- kosten – wieder (teilweise) einzusparen, und zum Zweiten führen insbesondere die „Flatrates“ dazu, dass die Online-Zeit als solche keinen Kostenfaktor mehr darstellt. Die wachsende Bedeutung der Internettelefonie zeigte sich deutlich an einem tragischen Fall, der zuletzt in den USA Anlass für Diskussionen bot. Dort ver- suchte eine Mutter, einen Notarzt für ihre lebensbedrohlich erkrankte Tochter 29 13 Werden in das „Bündel“ aus Telefonie, Breitband- und Unterhaltungsangeboten noch Elemente aus dem Mobilfunkbereich integriert, so spricht man von „Quadruple Play“. 14 Vgl. dazu Süddeutsche Zeitung vom 22./23. 10. 2005, S. 26. zu alarmieren, konnte dies aber nicht rechtzeitig bewerkstelligen, weil es sich bei ihrem Telefonanschluss nur um einen Voice-over-IP-Anschluss handelte, der die amerikanische Notrufnummer 911 nicht unterstützte.15 Seither bemühen sich Regulierungsbehörden wie die US-amerikanische FCC, aber auch die deutsche Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen (vormals RegTP), darum, die Unterstützung der Notrufnummern durch VoIP-Dienste sicherzustellen. Ein vollständiger Abschluss der technischen Konvergenzentwicklung wäre eingetreten, wenn ein Haushalt oder Arbeitsplatz nur noch mit einem Daten- anschluss versehen wäre, über den sämtliche Daten für Individual- und Massen- kommunikation, für Nachrichten, Unterhaltung, Information und Organisation des Alltagslebens mittels eines Übertragungsstandards, etwa des Internetproto- kolls, übertragen werden könnten. Technisch stehen einer solchen Entwicklung keine Hindernisse entgegen. Auf absehbare Zeit wird noch eine Unterteilung zwischen mobiler und ortsgebundener Mediennutzung erfolgen. Die derzeit schon technisch möglichen Datenübertragungsraten in der mobilen Kommuni- kation machen allerdings bereits jetzt deutlich, dass in Zukunft eine universelle mediale Versorgung ohne Weiteres auch „kabellos“ möglich sein wird. 2. Konvergenz der Dienstleistungs-Angebote oder Konvergenz der Inhalte Die mögliche Konvergenz der Inhalte ist direkte Folge der technischen Konver- genz. Die Digitalisierung lässt den Empfang unterschiedlicher Dienste über alle Übertragungswege zu.16 Von echter Konvergenz der inhaltlichen Angebote kann aber erst die Rede sein, wenn über die parallele Empfangssituation hinaus durch eine wechselseitige Verknüpfung verschiedener Dienste, wie z. B. Inter- net und Fernsehen, ein neuartiger Dienstetyp entsteht.17 Durch technische Kon- vergenz werden die Voraussetzungen für ein Zusammenwachsen von Dienst- leistungsangeboten über die klassische Unterteilung nach Übertragungswegen hinaus geschaffen. Dies muss aber nicht zwangsläufig dazu führen, dass sämt- liche Grenzen zwischen den existierenden Mediengattungen verschwimmen. In welchen Bereichen die neuen Möglichkeiten tatsächlich zu neuen Dienst- leistungen führen werden, bleibt vielmehr abzuwarten.18 30 15 Vergleiche dazu die diesbezügliche Meldung von SPIEGEL ONLINE vom 24. 5. 2005, abrufbar unter http:// www.spiegel.de. 16 Gelegentlich wird mit „Konvergenz der Inhalte“ auch die Behauptung bezeichnet, dass eine qualitative Annäherung zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk stattfinde; ohne diese rundfunkpolitische Diskussion bewerten zu wollen, kann festgehalten werden, dass dieser Aspekt vorliegend keine Rolle spielt. 17 Dörr, a. a. O., S. 64 18 Vgl. dazu Hoffmann-Riem/Schulz /Held, a. a. O., S. 21. Ein Beispiel für neue Angebotsformen aufgrund technischer Entwicklungen ist die Möglichkeit der Einbindung von Rückkanälen in Dienste, die bisher lediglich als reine Verteildienste angeboten werden konnten. So kann, ent- weder durch eine dem Übertragungsweg immanente Rückkanalfähigkeit oder durch die Verknüpfung verschiedener Übertragungstechniken, etwa im DVB-T- oder DVB-H-Standard für die Übertragung der Inhalte zum Nutzer und im UMTS-Standard für Interaktionen des Nutzers, aus einem vormaligen Verteil- medium ein interaktives Medium werden.19 3. Konvergenz des Nutzungsverhaltens Die durch die beschriebenen Entwicklungen bedingten Veränderungen im Verhalten von Mediennutzern werden als Konvergenz der Nutzung oder des Nutzungsverhaltens beschrieben. In diesem Zusammenhang wird untersucht, inwieweit ein Wechsel der Rezipienten zu anderen Medien stattfindet.20 Mit fortschreitender Konvergenz der Übertragungstechnik und der Angebote wird allerdings der Wert der Erkenntnis, welches Übertragungsweges sich der Rezi- pient bedient, geringer. Entscheidend ist vielmehr, welche inhaltlichen Dienste die Nutzer in Anspruch nehmen, wie sich etwa die Nachfrage nach On-Demand- Angeboten gegenüber in festen Tagesprogrammen angebotenen Diensten ent- wickelt etc. Die Konvergenz im Nutzerverhalten zeitigt dabei auch Folgen für Medien und Dienstleister, die, beispielsweise weil es sich nicht um elektronische Medien handelt, von der technischen Konvergenz nicht unmittelbar betroffen sind. So wie sich die Verbreitung von E-Mail-Diensten auf die Anbieter von Postdienstleistungen ausgewirkt hat (eine Entwicklung, welche umgekehrt durch den Boom des Internet-Versandhandels aus Sicht von Logistikunternehmen durchaus kompensiert worden ist), und Reisebüros Kunden an Online-Anbieter verlieren, könnten im Zuge der technischen und inhaltlichen Konvergenz der audiovisuellen Medien Anbieter verkörperter Medien wie etwa Verkäufer und Vermieter von Spielfilm- und Video-(spiele-)DVDs Marktanteile an On- Demand-Anbieter abgeben oder langfristig ihre Absatzmärkte ganz verlieren.m 4. Konvergenz der Märkte und Industrien Die Konvergenz der Medien führt nicht notwendigerweise dazu, dass im Medienbereich tätige Unternehmen ihre Aktivitäten nunmehr im Gleichschritt mit den oben beschriebenen Entwicklungen auf alle Arten der Dienstangebote 31 19 Vgl. dazu auch Berger/Schoenthal, Die zukünftige Verbreitung audiovisueller Dienste; IRIS Spezial, Straßburg 2005, S. 14. 20 Vgl. dazu Held/Schulz, Europarechtliche Beurteilung von Online-Angeboten öffentlich-rechtlicher Rundfunk- anstalten, Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2004, S. 15 ff. ausdehnen. Es lassen sich vielmehr zwei gegenläufige Tendenzen erkennen. Zum einen wird das Bestreben zahlreicher Akteure deutlich, an möglichst vielen Gliedern der Wertschöpfungskette zu partizipieren. Zum anderen lässt sich eine erhebliche Ausweitung und Ausdifferenzierung der Dienstleistungs- angebote ausmachen,21 welche wiederum auch kleineren (Nischen-)Anbietern Chancen am Markt einräumt. Auch sollten nicht vorschnell Zusammenhänge zwischen technischer und inhaltlicher Konvergenz und den Beteiligungsverhält- nissen in der Medienbranche hergestellt werden. Diese unterliegen Schwan- kungen, die aber nicht zwingend und/oder primär durch neue Entwicklungs- stadien der Konvergenz, sondern oft durch die jeweilige gesamtwirtschaftliche oder unternehmensspezifische Situation bedingt sind.22 III. Reformbedarf Die aufgezeigten Einflussfaktoren auf die Medienordnungen auf europäischer und nationaler Ebene haben nach überwiegender Auffassung zur Folge, dass die bestehenden Rechtsrahmen einer Überprüfung zugeführt werden müssen. Dabei geht es einerseits um eine Anpassung der geltenden Rechtsordnung an die technischen, wirtschaftlichen, inhaltlichen und nutzerseitigen Veränderun- gen, andererseits aber auch um die Schaffung neuer Regelungen, die sich mit bisher nicht oder wenig bekannten, durch die Digitalisierung und Konvergenz bedingten Fragestellungen befassen müssen. 32 21 Dörr, a. a. O., S. 67, Hoffmann-Riem/Schulz /Held, a. a. O., S. 22 f. 22 Vgl. eingehend zur Marktentwicklung im Mediensektor und deren wettbewerbsrechtliche Behandlung EMR, Media Market Definitions, Comparative Legal Analysis, 2003; dass., Media Market Definitions – Comparative Legal Analysis, 2005, sowie zu den Beteiligungsverhältnissen im Mediensektor in Europa: Kevin/Ader/ Fueg/Pertzinidou/Schoenthal, Die Information des Bürgers in der EU: Pflichten der Medien und der Institu- tionen im Hinblick auf das Recht des Bürgers auf umfassende und objektive Information, Studie des Euro- päischen Medieninstituts im Auftrag des Europäischen Parlaments. C Europäische Ebene I. Beschreibung des existierenden Rechtsrahmens und dessen Entwicklung 1. Kompetenzen und Handlungsansätze der Europäischen Gemeinschaft Derzeit besteht für die Medienordnung im engeren Sinne noch ein, zumindest auch, technologieorientierter Ansatz: Neben der Frage, ob es sich um eine Fernsehsendung, d. h. die zum Empfang durch die Allgemeinheit bestimmte (Erst-)Sendung von Fernsehprogrammen, oder einen (schlichten) individuellen Abrufdienst der Informationsgesellschaft, mithin ein sonstiges elektronisches Medium, handelt, wird die Abgrenzung innerhalb des bestehenden Rechts- rahmens aus der Richtlinie zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwal- tungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit23 (Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“/„Fernsehrichtlinie“) und der Richtlinie über bestimmte rechtliche Aspekte der Dienste der Informationsgesellschaft, insbesondere des elektronischen Geschäftsverkehrs, im Binnenmarkt („Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr“/„eCommerce-Richtlinie“)24 (auch) anhand der Art der Übertragung, also danach, ob eine Point-to-Multipoint- oder eine Point-to-Point-Kommunikation zugrunde liegt, getroffen. Im Bereich der Signalübertragung wird nunmehr ein horizontaler Ansatz verfolgt – verwiesen sei hier auf das Telekom-Paket aus dem Jahre 2002, insbesondere die Rahmenrichtlinie 2002/21/EG –, während bei der Regulie- rung von Inhalten die besagte Zweiteilung zwischen Fernsehen und anderen 33 23 Richtlinie 89/552/EWG des Rates vom 3. Oktober 1989 zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Ver- waltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit, ABl. L 298 vom 17. 10. 1989, S. 23, in der Fassung der Richtlinie 97/36/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. Juni 1997, ABl. L 202 30. 7. 1997, S. 60 („Fernsehrichtlinie“). 24 Richtlinie 2000/31/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2000 über bestimmte recht- liche Aspekte der Dienste der Informationsgesellschaft, insbesondere des elektronischen Geschäftsverkehrs, im Binnenmarkt („Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr“) ABl. L 178 vom 17. 7. 2000, S. 1 (eCommerce-Richtlinie). Diensten stattfindet. Damit wird die Einstufung der Dienste im Rahmen der Inhalteregulierung anhand der Übertragungstechnik vorgenommen, es kommt also das so genannte technische Kriterium zum Einsatz. Bei der letzten Revision der Fernsehrichtlinie wurde bewusst dafür optiert, Near-Video-on-Demand- Dienste unter die Definition der Fernsehsendung zu fassen, reine Video-on- Demand-Dienste dagegen auszuschließen. Hieraus lässt sich aber kein übergeordnetes Regelungskonzept ableiten. Vielmehr ist es erforderlich, den skizzierten Befund in den Zusammenhang der Entwicklung einer europäischen Medienordnung zu stellen. a) Kompetenztitel der Gemeinschaft Die „Konzeption“ des Rechtsrahmens ist vor allem durch die der Gemeinschaft zustehenden Kompetenzen geprägt. Für deren Begründung ist das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung zu beachten, für das zudem das Subsidiaritäts- prinzip in Bezug auf die Ausgestaltung der Kompetenzordnung zwischen EU und Mitgliedstaaten eine wichtige (einschränkende) Maßgabe bereithält. aa) Binnenmarkt Die Europäische Gemeinschaft wurde als Wirtschaftsgemeinschaft konzipiert. Ziel ist insbesondere die Schaffung bzw. der Erhalt eines funktionierenden europäischen Binnenmarktes. Im Gegensatz zu den Rechtsinstrumenten des Europarates, welche vor- wiegend menschenrechtliche und kulturelle Zielsetzungen verfolgen, beruhen medienrechtliche Instrumente der Gemeinschaft vor allem auf Kompetenz- grundlagen, die sich aus den Bestimmungen zu den wirtschaftsorientierten Grundfreiheiten des EG-Vertrages ableiten. So wird die Fernsehrichtlinie in Er- wägungsgrund 1 explizit auf die Vorschriften des EG-Vertrages und insbeson- dere die Dienstleistungsfreiheit gestützt. Dementsprechend wird die Veranstal- tung von Fernsehprogrammen auf europäischer Ebene, zumindest in einem Schwerpunkt, unter ökonomischen Aspekten betrachtet. (1) Dienstleistungsfreiheit Die in den Art. 49–55 EGV geregelte Dienstleistungsfreiheit soll Unternehmen und freien Berufen auf einfache Weise Zugang zu einem erweiterten europäi- schen Dienstleistungsmarkt ermöglichen, ohne dass es dafür Gesellschafts- neugründungen, Agentureinrichtungen oder ähnlicher Niederlassungen bedarf.n Die Dienstleistungsfreiheit ist also das Recht, unbehindert von einem Mit- gliedstaat aus einzelne Dienstleistungstätigkeiten in einem anderen Land zu er- bringen, ohne dort eine ständige Niederlassung zu unterhalten.25 Dienstleistun- 34 25 Roßnagel/Strothmann, Die duale Rundfunkordnung in Europa, 2004, S. 63. gen sind nach Art. 50 Abs. 1 EGV Leistungen, die in der Regel gegen Entgelt erbracht werden, soweit sie nicht den Vorschriften über den freien Waren- und Kapitalverkehr unterliegen. Der Europäische Gerichtshof fasst in ständiger Rechtsprechung grenzüber- schreitende Rundfunk- und Fernsehsendungen einschließlich der Übertragung von Programmen in Kabelnetzen als Dienstleistungen im Sinne des Art. 49 EGV auf.26 (2) Niederlassungsfreiheit Die Niederlassungsfreiheit aus Art. 43 ff. EGV schützt die Freizügigkeit der Selbstständigen, wobei gemäß den Art. 43 Abs. 2, 48 EGV auch Unternehmen und Gesellschaften vom Schutzbereich erfasst sind. Gemeinsam mit der Arbeit- nehmerfreizügigkeit konstituiert sie die für die europäische Wirtschaftsunion elementare Freiheit des Personenverkehrs. In der Vergangenheit kam der Niederlassungsfreiheit im Hinblick auf den Rundfunk eine etwas geringere Bedeutung zu als der Dienstleistungsfreiheit, da bei knappen terrestrischen Übertragungskapazitäten eine Satellitenausstrah- lung oder eine Kabelweiterverbreitung für Rundfunkunternehmen eher die Möglichkeit versprach, im Zielland (zusätzliche) Hörer oder Zuschauer zu gewinnen.27 Mit der bedingt durch die oben dargelegten technischen Verände- rungen einher gehenden Steigerung der Übertragungskapazitäten könnte sich dies aber ändern. Die Niederlassungsfreiheit gewinnt an Relevanz im Hinblick auf Fälle, in denen sich ausländische Rundfunkveranstalter um eine nationale (digitale) Lizenz bewerben, und damit Planungen verbunden werden können, eine Zweigniederlassung in dem betreffenden Mitgliedstaat zu gründen. (3) Waren- und Kapitalverkehrsfreiheit Die Freiheit des innergemeinschaftlichen Warenverkehrs nach Art. 28 EGV ist im Medienbereich dann einschlägig, wenn es um den Handel mit Materialien und Geräten geht, die für die Ausstrahlung von Rundfunksendungen benutzt werden, außerdem beim Inhalt von Presseerzeugnissen oder bei Fragen des Umfangs oder des Inhalts von Produktwerbung.28 Die Bedeutung der Kapitalverkehrsfreiheit aus Art. 56 ff. EGV für den Me- dienbereich ist gering. Berührungen ergeben sich allenfalls etwa bei Verboten 35 26 EuGH, C-23/93, TV 10 SA/Commissariaat voor de Media, Slg. 1994, I-4; EuGH, C-288/89, Stichting Collectieve Antennevoorziening Gouda u. a./Commissariaat voor de Media, Slg 1991, I-4007; EuGH Rs. 352/85, Bond van Adverteerders u. a./Niederlande, Slg 1988, 2085; EuGH, Rs. 52/79, Debauve, Slg 1974, 409; EuGH, Rs. 155/73, Sacchi, Slg. 1974, 409 Rn. 6. 27 Dörr, AfP 2003, 202 (206). 28 Roßnagel/Strothmann, Die duale Rundfunkordnung in Europa, 2004, S. 72. grenzüberschreitender Kapitalbeteiligungen,29 wobei allerdings in der Regel auch die Niederlassungsfreiheit betroffen sein wird.30 bb) Wettbewerb Das europäische Wettbewerbsrecht ist neben den Grundfreiheiten der zweite Bereich, der erhebliche Auswirkungen auf die Medientätigkeit in den Mitglied- staaten zeitigt. Nach Art. 3 lit. g) EGV soll die Europäische Gemeinschaft den Wettbewerb innerhalb des Binnenmarktes vor Verfälschungen schützen. Dieses Ziel wird in den Art. 81 bis 89 EGV konkretisiert. Art. 81 EGV enthält ein Verbot wett- bewerbsbeschränkender Vereinbarungen, Art. 82 EGV ein Verbot des Miss- brauchs marktbeherrschender Stellungen, in Art. 86 EGV finden sich Sonder- regelungen für öffentliche und monopolartige Unternehmen und Art. 87 EGV enthält Vorschriften für staatliche Beihilfen. Ein wichtiges Regelungsinstrument ist daneben die auf Art. 82 und 308 EGV gestützte Fusionskontrollverordnung 139/2004, die den ausschließlichen Maßstab für die Prüfung von Unternehmenszusammenschlüssen durch die Europäische Kommission darstellt. Besondere Beachtung verdient hierbei die in Art. 21 Abs. 4 Fusionskontroll- verordnung enthaltene, medienbezogene Sonderregelung. Danach können die Mitgliedstaaten trotz der ausschließlichen Anwendbarkeit der Fusionskontroll- verordnung geeignete Maßnahmen zum Schutz anderer berechtigter Interessen als derjenigen treffen, die in der Verordnung berücksichtigt werden. Hierunter fallen beispielsweise Maßnahmen zum Schutz der Medienvielfalt. Dies er- scheint auch sachgerecht, da, selbst wenn einige Regelungen etwa in der Fern- sehrichtlinie auch der Vielfaltssicherung dienen, kein besonderes europäisches Medienkonzentrationsrecht existiert, welches die Eigentums- und Beteiligungs- verhältnisse31 nicht nur allgemein unter dem Gesichtspunkt funktionierender Märkte, sondern speziell und sektorspezifisch im Hinblick auf die Gewährleis- tung von Meinungsvielfalt und Medienpluralismus reguliert. 36 29 Roßnagel/Strothmann, Die duale Rundfunkordnung in Europa, 2004, S. 63. 30 Vgl. Roßnagel/Strothmann, a. a. O. Siehe allerdings Scheuer, Kommission erweitert Prüfung des griechischen Medienrechts, MMR 9/2005, S. XXV; und ders., Verfahren gegen Griechenland wegen Gesetz zu öffent- lichen Aufträgen, MMR 5/2005, S. XIV. 31 Vgl. umfassend zur Medienkonzentration in Europa und zu möglichen Maßnahmen auf Gemeinschaftsebene: Kevin/Ader/Fueg/Pertzinidou/Schoenthal, Die Information der Bürger in der EU: Pflichten der Medien und der Institutionen im Hinblick auf das Recht des Bürgers auf umfassende und objektive Information, Studie im Auftrag des Europäischen Parlaments, 2004. cc) Kultur Die Tätigkeit der Gemeinschaft umfasst nach Art. 3 Abs. 1 lit. q) EGV auch einen Beitrag zur Entfaltung des Kulturlebens32 in den Mitgliedstaaten.33 In seinen Einzelheiten wird dieser Beitrag insbesondere34 durch Art. 151 EGV ausgeführt.35 Der Gemeinschaft wird durch diese Vorschrift ein Auftrag zur Kulturförderung auf europäischer Ebene unter Wahrung des Kompetenzbereichs der Mitgliedstaaten gegeben.36 Damit verfügt die Gemeinschaft über eine aus- drückliche, eigene Kulturkompetenz, die jedoch mit starken Einschränkungen versehen ist.37 Aus Art. 151 Abs. 2, 4. Gedankenstrich EGV ergibt sich dabei, dass auch künstlerisches Schaffen im audiovisuellen Bereich als zur Kultur gehörig ver- standen wird. Der audiovisuelle Bereich ist dabei weiter zu verstehen als allein der Bereich des Rundfunks. Er umfasst grundsätzlich die mediale Verbreitung geistiger Werke, so neben Hörfunk und Fernsehen auch den Video- und Film- bereich.38 Aus einem Umkehrschluss zu Art. 149 Abs. 1 EGV ergibt sich, dass die Gemeinschaft bei ihrem ergänzenden Handeln im Rahmen des Art. 151 Abs. 2 EGV auch eigene kulturpolitische Ziele verfolgen darf.39 Dabei eröffnet die Kompetenz zu ergänzendem Handeln weder die Möglichkeit zu einer um- fassenden und eigenständigen Kulturpolitik der EG, noch darf die kulturelle 37 32 Der grundlegende Begriff der „Kultur“ wird in Art. 151 EGV nicht legal definiert. Die vielfältige Verwen- dung des Begriffs allein im Rahmen des Art. 151 EGV legt es nahe, den Begriff nicht als einen Gemeinschafts- rechtsbegriff anzusehen. Der Begriff stellt daher auf die verschiedenen Kulturbegriffe und -ausprägungen der Mitgliedstaaten ab, die als Ausdruck der nationalen Identität im Sinn des Art. 6 Abs. 3 EUV von der Gemein- schaft geachtet und geschützt werden. Demnach ist anzunehmen, dass es sich im Sinn der gemeinschaftlichen Regelungen um einen autonomen Begriff handelt, dessen Bedeutungsfacetten vom Gerichtshof heraus- gearbeitet werden können. 33 Vgl. umfassend zu den Maßgaben aus dem Kulturauftrag: Roßnagel/Strothmann, Die duale Rundfunkord- nung in Europa, 2004, S. 150 ff.; Weber/Roßnagel/Osterwalder/Scheuer/ Wüst, Kulturquoten im Rundfunk, 2006, S. 103 ff. 34 Weitere Vorschriften, die kulturelle Anknüpfungspunkte aufweisen, sind die Art. 30 und 94 Abs. 4 EGV („nationales Kulturgut als Reservat für die Gesetzgebung der Mitgliedstaaten“, s. Lenz/Borchardt-Fischer, Art. 151 Rn. 2), Art. 149 EGV, der den Erhalt der Vielfalt der Kulturen der Mitgliedstaaten im Bereich der allgemeinen Bildung statuiert, und Art. 87 Abs. 3 lit. d), wonach staatliche Beihilfen zur Förderung der Kultur und der Erhaltung des kulturellen Erbes als mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar angesehen werden können. 35 Art. 151 verdrängt andere Handlungsermächtigungen der EG nicht, stellt insofern keine Spezialvorschrift dar. Der Umstand, dass gemeinschaftliche Regelungen kulturelle Ziele (mit-)verfolgen, im Schwerpunkt jedoch andere Politikbereiche betreffen, schließt es angesichts der Gestaltung des Art. 151 EGV als Querschnitts- kompetenz nicht aus, diese unabhängig von Art. 151 EGV auf entsprechende Bestimmungen des EGV zu stützen. Zur Wahl der richtigen Rechtsgrundlage kommt es auf das mit der Regelung verfolgte Hauptziel an. 36 Calliess/Ruffert-Blanke, Art. 151, Rn. 1. 37 Schwarze, ZUM 2000, 779, 794. 38 Eberle, AfP 1993, 422, 425; Dörr, K&R 1999, 97, 98; Lenz/Borchardt-Fischer, Art. 151 Rn. 5; Schwarze, ZUM 2000, 779, 795. 39 Callies/Ruffert-Blanke, Art. 151 Rn. 5; Grabitz /Hilf-Ress/Ukrow, Art. 151 Rn. 43. Vielfalt in den Mitgliedstaaten berührt werden. Hierin läge ein unzulässiger Eingriff in die den Mitgliedstaaten vorbehaltenen Kompetenzen.40 Nach der so genannten Querschnittsklausel des Art. 151 Abs. 4 EGV trägt die EG bei ihrer Tätigkeit nach anderen vertraglichen Vorschriften den kulturel- len Aspekten41 Rechnung, insbesondere zur Wahrung und Förderung der Viel- falt ihrer Kulturen. Die Klausel begründet aber auch keine neuen Kompetenzen der Gemeinschaft und stellt keine eigenständige Rechtsgrundlage dar.42 Viel- mehr statuiert sie das rechtlich bindende, zwingend zu erfüllende Gebot zur Rücksichtnahme auf kulturelle Aspekte bei anderen Tätigkeiten der EG.43 Allerdings formuliert die Klausel auf der anderen Seite keinen die Zuständig- keiten der Gemeinschaft einschränkenden „Kulturvorbehalt“ der Mitglied- staaten. Eine besondere Bedeutung gewinnt die Querschnittswirkung auf der Ebene des Primärrechts für die Auslegung insbesondere des Art. 87 Abs. 3 lit. d) EGV. Nach der Norm können Beihilfen zur Förderung der Kultur unter bestimmten Bedingungen als mit dem Gemeinsamen Markt vereinbar angesehen werden. b) Schutzpflichten der Gemeinschaft aa) Medienfreiheit Art. 11 Abs. 2 der EU-Charta der Grundrechte44 fordert, „die Freiheit der Medien und ihre Pluralität“ zu achten. Die Medienfreiheit hat damit als Teil der Meinungsäußerungsfreiheit des Art. 11 Abs. 1 der Charta explizit Berück- sichtigung gefunden und ist bei der Ausgestaltung der europäischen Medien- ordnung maßgeblich zu berücksichtigen. bb) Informationsfreiheit Die Informationsfreiheit wird in Art. 11 Abs. 1 der EU-Charta der Grundrechte geschützt, der lautet: 38 40 Callies/Ruffert-Blanke, Art. 151 Rn. 5; Lenz/Borchardt-Fischer, Art. 151 Rn. 9. 41 Unter kulturellen Aspekten sind dabei die Kulturen der Mitgliedstaaten und das gemeinsame kulturelle Erbe im Sinn von Abs. 1, wie auch darüber hinausgehende kulturelle Belange zu verstehen. 42 Calliess/Ruffert-Blanke, Art. 151, Rn. 14; Dörr, AfP 2003, 202; Fischl, Wettbewerbsaufsicht, S. 42; Nettes- heim, JZ 2002, 157, 162. 43 Lenz/Borchardt-Fischer, Art. 151 Rn. 13; Grabitz /Hilf-Ress/Ukrow, Art. 151 Rn. 70. 44 Die Grundrechtecharta der Europäischen Union hat zwar nach wie vor keine unmittelbare Bindungswirkung, ist aber als Bestandteil der gemeinsamen Verfassungsüberlieferung der Mitgliedstaaten anerkannt (vgl. Geiger, Art. 6 EGV, Rn. 9; Stock, K&R 2001, 289) und wird in Gerichtsverfahren angewendet (vgl. etwa die Schluss- anträge des Generalanwalts Tizzano vom 18. 2. 2001 in der Rechtssache C-173/99, BECTU, Rz. 26: „Noch bedeutsamer scheint mir jedoch die Tatsache, dass dieser Anspruch in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union feierlich bestätigt worden ist, die am 7. 12. 2000 vom Europäischen Parlament, vom Rat und der Kommission proklamiert wurde.“ 1. Jede Person hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieses Recht schließt die Meinungsfreiheit und die Freiheit ein, Informationen und Ideen ohne behördliche Ein- griffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen zu empfangen und weiterzugeben. Im medienrechtlich relevanten Sekundärrecht der Gemeinschaft findet sich bspw. in Art. 3a der Fernsehrichtlinie eine Vorschrift, welche die Mitglied- staaten in die Lage versetzt, Maßnahmen zu ergreifen, um das Recht auf Infor- mationen zu schützen. Art. 3a der Fernsehrichtlinie eröffnet den Mitgliedstaaten die Möglichkeit, eine Liste der gesellschaftlich bedeutenden Ereignisse zu er- stellen, die in frei empfangbaren Programmen zu empfangen sein müssen, um der Öffentlichkeit auf diese Weise einen breiten Zugang zur Fernsehbericht- erstattung über nationale oder nicht-nationale Ereignisse von erheblicher Be- deutung zu verschaffen.45 In diesem Kontext sind auch die Überlegungen zur Aufnahme eines Rechts auf Kurzberichterstattung in die Fernsehrichtlinie zu erwähnen.46 cc) Persönlichkeitsrechte Auch der Schutz der Persönlichkeitsrechte auf EU-Ebene, der über Art. 6 Abs. 2 EU-Vertrag in Verbindung mit Art. 8 der Europäischen Menschenrechts- konvention gewährleistet wird,47 ist Antriebsfeder für legislative Maßnahmen mit Bezug zum Mediensektor. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise der Vorschlag zu einer zweiten Empfehlung zum Jugendschutz und Schutz der Menschenwürde48 anzuführen, welcher den Persönlichkeitsrechtsschutz durch ein medienübergreifendes Recht auf Gegendarstellung stärken will. dd) Verbraucherschutz Die Förderung der Interessen der Verbraucher und die Gewährleistung eines hohen Verbraucherschutzniveaus sind die erklärten Regelungsziele des Art. 153 EGV. Auf dem Gebiet des Verbraucherschutzes sind vor allem zwei Interessen zu vereinbaren: Den auf dem Binnenmarkt agierenden Unternehmen ist an einer effektiven Vermarktung ihrer Produkte gelegen, während der Verbraucher vor solchen Praktiken zu schützen ist, die ihn zu übervorteilen suchen oder auf unfaire Mittel zurückgreifen. Im Medienbereich spielen in dieser Hinsicht vor allem die Vorschriften zur Regulierung der Werbung und zum Schutz der Verbraucher vor unlauteren Geschäftspraktiken eine Rolle.49 39 45 Erwägungsgrund 18 der Fernsehrichtlinie. 46 Vgl. hierzu bspw. den Vierten Bericht zur Anwendung der Fernsehrichtlinie der Europäischen Kommission KOM(2002)778 endg. vom 6. 1. 2003, S. 40. 47 In Deutschland werden die Persönlichkeitsrechte aus der Menschenwürdegarantie (Art. 1 Abs. 1 GG) und Art. 2 Abs. 1 GG abgeleitet. Die Menschenwürde ist in der Grundrechtecharta der EU ausdrücklich in Art. 1 als Eingangsbestimmung des Grundrechtekatalogs verankert. 48 Vorschlag der Kommission KOM(2004)341 endg. [2004/0117{COD]. 49 Vgl. auch Roßnagel/Scheuer, Das europäische Medienrecht, MMR 2005, 271 (275). ee) Eigentumsrecht Die Urheber- und Verwertungsrechte sind durch das Recht auf Eigentum ge- schützt. Art. 17 Abs. 2 der EU-Charta der Grundrechte legt dies ausdrücklich fest – dort heißt es: „Geistiges Eigentum wird geschützt.“ Die rechtlich geschützte Möglichkeit des Urhebers, andere von der Nutzung seiner Schöpfung auszuschließen, ist die Grundlage eines Handels mit immate- riellen Gütern. Gerade die Exklusivität von Rechten macht deren wirtschaft- lichen Wert für den Urheber aus. Die Ausschließlichkeit von Nutzungsrechten hat daher große Bedeutung für die Investitionssicherung der Kulturindustrie.50 c) Zusammenfassung Wie im Vorstehenden aufgezeigt wurde, lässt sich für die Mediengesetzgebung auf Gemeinschaftsebene ein übergreifendes Konzept nur dann feststellen, wenn man ein weit gefasstes Verständnis zugrunde legt. Trotz der zahlreichen Hand- lungsfelder, die dem „europäischen Medienrecht“ zugeordnet werden können, werden einige gewichtige Aspekte nicht behandelt. Hierzu zählt z. B. die Rundfunkorganisation im engeren Sinne oder auch das Medienkonzentrations- recht. Grund für diesen Befund und ebenso für die Schwierigkeit, eine einheit- liche Konzeption der Regulierung auszumachen, ist zum einen die Tatsache, dass die EG wegen der grundlegenden Prinzipien, die deren Rechtsetzungs- befugnisse determinieren, namentlich das Prinzip der begrenzten Einzelermäch- tigung und das Subsidiaritätsprinzip, im hier zu untersuchenden Bereich in der Hauptsache auf die Binnenmarktkompetenzen verwiesen ist. Daraus folgt, dass der Blickwinkel auf die Erfordernisse, die bei der Mediengesetzgebung bestehen, grundsätzlich aus den Grundfreiheiten resultiert, sowie wirtschaftlich geprägt und durch die unmittelbaren Handlungsbefugnisse im Wettbewerbs- recht ergänzt ist. Dies gilt es bei der folgenden Betrachtung von Definitionen des Anwendungsbereichs der Rechtsakte und der ihnen unterworfenen Norm- adressaten zu bedenken. Gleichwohl soll daraus nicht ein Indiz dafür hergeleitet werden, dass die Gemeinschaft nicht in hohem Maße um die Herstellung konsistenter und miteinander korrespondierender Regelungen bemüht ist. 2. Einzelne Rechtsinstrumente Mangels eines detaillierten übergreifenden Konzeptes für das europäische Recht sollen daher die einzelnen, teilweise ineinander greifenden Rechtsinstrumente mit Medienbezug dargestellt werden und dabei auch die diesen jeweils zu- 40 50 Ebd., S. 274. grunde liegenden Einzelkonzepte einer Betrachtung unterzogen werden. Sodann werden inhaltliche Vorgaben, sachlicher und personaler Anwendungsbereich, also die Umsetzung der Regelungsziele und die ins Visier genommenen Adres- saten der Regelungen, untersucht und schließlich einer Bewertung unterzogen. a) Fernsehrichtlinie aa) Ziele der Rechtssetzung Die Fernsehrichtlinie dient der Sicherung der Dienstleistungsfreiheit (Art. 49 EGV) im Binnenmarkt, da Fernsehsendungen als Dienstleistungen51 ohne dieses Rechtsinstrument auf Probleme bei der grenzüberschreitenden Vermarktung stoßen würden. Zur Erreichung dieses Ziels hat die Fernsehrichtlinie gewisse Mindeststandards (z. B. in Bezug auf Werbung, Jugendschutz etc.) etabliert, die von allen Fernsehveranstaltern innerhalb der Gemeinschaft einzuhalten sind. Gleichzeitig bleibt es den Mitgliedstaaten gemäß Art. 3 der Richtlinie un- benommen, für die Veranstalter, die ihrer Rechtshoheit unterfallen, strengere Vorschriften zu erlassen. bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen Die Fernsehrichtlinie legt zur Förderung des freien Dienstleistungsverkehrs eine Reihe von Mindeststandards fest, denen die Fernsehsendungen zu genügen haben. Diese Harmonisierungsmaßnahmen betreffen folgende Bereiche: – die Quotenregelungen (Art. 4–6 der Fernsehrichtlinie) sollen der Förderung europäischer Werke und unabhängiger Produktionen dienen; – die Werbebestimmungen sehen neben inhaltlichen Vorgaben (Trennungs- grundsatz, Sponsoring, Eigenwerbung) auch quantitative Beschränkungen für die Ausstrahlung von Werbung im Fernsehen vor, Art. 10–20 der Fern- sehrichtlinie; – die Übertragung von Ereignissen von gesellschaftlicher Bedeutung wird gemäß Art. 3a der Fernsehrichtlinie geschützt. Diese Vorschrift eröffnet den Mitgliedstaaten die Möglichkeit, eine Liste der gesellschaftlich bedeutenden Ereignisse zu erstellen, die in frei empfangbaren Programmen zu empfangen sein müssen; – der Jugend- und Menschenwürdeschutz wird verpflichtend vorgeschrieben: Nach Art. 22 der Fernsehrichtlinie haben die Mitgliedstaaten dafür Sorge zu tragen, dass in Fernsehsendungen keine Programme enthalten sind, die „die körperliche, geistige und sittliche Entwicklung von Minderjährigen ernst- haft beeinträchtigen können, insbesondere solche, die Pornografie oder 41 51 EuGH, Rs. 155/73 (Sacchi), Slg. 1974, 409, Rz. 6. grundlose Gewalttätigkeiten zeigen.“ Sendungen dürfen nicht zum Rassen- hass aufstacheln, Art. 22a der Fernsehrichtlinie; – das Recht auf Gegendarstellung ist einzuräumen (Art. 23 der Fernsehricht- linie). cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) Genau genommen spricht die Fernsehrichtlinie von der „Fernsehsendung“, welche in Art. 1 lit. a) definiert wird als: „die drahtlose oder drahtgebundene, erdgebundene oder durch Satelliten vermittelte, unverschlüsselte oder verschlüsselte Erstsendung von Fernsehprogrammen, die zum Empfang durch die Allgemeinheit bestimmt ist. Der Begriff schließt die Übermittlung an andere Veranstalter zur Weiterverbreitung an die Allgemeinheit ein. Nicht einge- schlossen sind Kommunikationsdienste, die auf individuellen Abruf Informationen oder andere Inhalte übermitteln, wie Fernkopierdienste, elektronische Datenbanken und andere ähnliche Dienste“. Der Begriff der Fernsehsendung im Sinne der Fernsehrichtlinie ist zunächst insofern erklärungsbedürftig, als er offensichtlich etwas beschreibt, was im deutschen Sprachgebrauch eher als „Fernsehprogramm“ oder „Fernsehsender“ (z. B. ARD, ZDF, RTL etc.) bezeichnet würde.52 Die Richtlinie trifft keine Unterscheidung dahingehend, ob es sich um öffent- lich-rechtliche oder kommerzielle Fernsehsender handelt, d. h. alle Fernseh- veranstalter fallen in ihren Anwendungsbereich. Auf die Art der Übertragungs- plattform kommt es für die Einordnung als Fernsehsendung nicht an, wie sich aus der Aufzählung im ersten Satz der Definition ergibt. Auch verschlüsselte Dienste, wie sie in der Regel bei Pay-TV-Sendern angeboten werden, unter- fallen dem Anwendungsbereich der Richtlinie. Ebenso unterliegt die Übermitt- lung an andere Veranstalter zur Weiterverbreitung an die Allgemeinheit dem Anwendungsbereich der Richtlinie. Demgegenüber erstreckt sich die Richtlinie ausdrücklich nicht auf Kommunikationsdienste, die Informationen oder andere Inhalte auf individuellen Abruf übermitteln, wie Fernkopierdienste, elektroni- sche Datenbanken und andere ähnliche Dienste. An dieser Stelle findet sich das entscheidende Abgrenzungsmerkmal zu den sog. Diensten der Informa- tionsgesellschaft – während Fernsehsendungen an die Allgemeinheit gerichtet sind, werden Letztere auf individuellen Abruf des Nutzers erbracht.53 42 52 Vgl. ausführlicher hierzu: unten unter C II a) aa). 53 Näheres zur Abgrenzung unten unter b) cc). dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) Wer ist als „Fernsehveranstalter“ im Sinne der Fernsehrichtlinie anzusehen? Die Richtlinie bestimmt in Art. 2 Abs. 1, dass die Mitgliedstaaten die Ein- haltung der rundfunkrechtlichen Vorschriften durch Fernsehveranstalter, die ihrer Rechtshoheit unterworfen sind, zu überwachen haben. Dies führt bei der korrekten Anwendung des Sendestaatsprinzips zu einer zweistufigen Prüfung: Zunächst ist danach zu fragen, wer überhaupt als Veranstalter eines Fernseh- programms in Betracht kommt, um dann im zweiten Schritt zu klären, welcher Staat die Rechtshoheit über eben diesen Veranstalter innehat. Nun mag die Frage nach dem Veranstalter auf den ersten Blick leicht zu beantworten sein, zumal die Richtlinie in Art. 1 lit. b) mit einer Legaldefinition des Fernsehveranstalters aufwartet. Demnach ist ein Fernsehveranstalter: „die natürliche oder juristische Person, die die redaktionelle Verantwortung für die Zusammensetzung von Fernsehprogrammen im Sinne von Buchstabe a trägt und die diese Fernsehprogramme sendet oder von Dritten senden lässt“. Bei genauerem Hinsehen wirft diese Legaldefinition allerdings ihrerseits schwie- rige Fragen auf, die sich aus den einzelnen Tatbestandsmerkmalen ergeben. Hierauf wird im Folgenden näher einzugehen sein.54 ee) Fazit (Bewertung) Die Fernsehrichtlinie schafft durch einheitliche Mindeststandards die Voraus- setzungen für den freien Dienstleistungsverkehr in den Fernsehmärkten. Die Tatsache, dass dort nicht, wie in vielen anderen Dienstleistungs- oder Waren- märkten, im Zeitalter der Globalisierung wirklich ein europaweiter Binnen- markt entsteht, hat weniger rechtliche als vielmehr tatsächliche Gründe. Medien- angebote weisen einen hohen Bezug zu der Gesellschaft auf, aus der sie hervorgehen, und haben daher auch im 21. Jahrhundert in der Regel lokalen, regionalen oder nationalen, nicht aber europäischen Charakter. So gibt es für den Rundfunk auch im digitalen Zeitalter (mit Ausnahme etwa der Sender Euronews und Eurosport sowie Arte) kaum Angebote, die europaweit oder in größeren Teilen Europas empfangbar wären und die – wenn auch in den einzel- nen Ländern den jeweiligen Bedürfnissen angepasst – auf einem einheitlichen europäischen Markt miteinander konkurrierten.55 Dieser nationale Bezug lässt sich nicht allein auf Sprachbarrieren zurückführen. Das Fehlen eines einheit- lichen Sprachraumes stellt für „europäische“ Angebote zweifelsohne ein Hinder- nis dar. Dennoch lässt sich nicht einmal dort, wo ein solcher gemeinsamer 43 54 Siehe unten C II 1 a). 55 Berger/Schoenthal, Die zukünftige Verbreitung audiovisueller Dienste; IRIS Spezial, Straßburg 2005, S. 29. Sprachraum existiert, eine spürbar zunehmende Tendenz zu einer länderüber- greifenden Zusammenarbeit ausmachen.56 Die Angleichung der mitgliedstaatlichen Rechtsordnungen wurde durch die Fernsehrichtlinie erfolgreich vollzogen, wobei die Regelungen zu einzelnen Sachgebieten, wie etwa die Grenzen für Werbezeit, naturgemäß von den Akteuren im Medienbereich unterschiedlich bewertet werden. Aus dem sachlichen wie personalen Anwendungsbereich ergibt sich eine ausschließliche Konzentration auf das Fernsehen. Diesem wird eine besondere Bedeutung unter den Medien zugesprochen und dementsprechend ein heraus- gehobenes Niveau an Inhalteregulierung zugewiesen. Mit zunehmender Ver- breitung und Bedeutung anderer Dienste muss diese Sonderstellung stets daraufhin überprüft werden, ob sie die Medienwirklichkeit noch zutreffend abbildet.57 Regelungsziele wie der Jugendschutz, der Schutz der Menschenwürde und die Förderung europäischer und unabhängiger Werke werden für den der- zeitigen Anwendungsbereich der Richtlinie also verwirklicht. Die Frage, die sich stellt, ist daher weniger die nach der Wirksamkeit der Maßnahmen be- zogen auf den Fernsehbereich. Zu fragen ist vielmehr, ob die Beschränkung auf den Fernsehbereich als solche nicht der Verwirklichung der Ziele abträg- lich ist. b) eCommerce-Richtlinie aa) Ziele der Rechtssetzung Ziel der eCommerce-Richtlinie58 ist es, die Entwicklung des elektronischen Geschäftsverkehrs in der Informationsgesellschaft zu fördern und bestehende Hemmnisse im europäischen Binnenmarkt abzubauen.59 bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen Die Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr will Dienste des elek- tronischen Geschäftsverkehrs vor allem dadurch fördern, dass sie für diese eine umfassende Zulassungsfreiheit festlegt. Darüber hinaus harmonisiert sie die Vorgaben zu einzelnen Aspekten dieser Wirtschaftstätigkeit, nämlich die kommerzielle Kommunikation, Informationspflichten der Anbieter, die Zu- lässigkeit elektronischer Verträge und die Verantwortlichkeit bei elektronischen 44 56 Ibid. 57 Vgl. zu den konkreten Anwendungsproblemen den diesbezüglichen Abschnitt unten unter C I. 58 Richtlinie 2000/31/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2000 über bestimmte recht- liche Aspekte der Dienste der Informationsgesellschaft, insbesondere des elektronischen Geschäftsverkehrs, im Binnenmarkt („Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr“ oder „eCommerce-Richtlinie“) ABl. L 178 vom 17. 7. 2000, S. 1. 59 Vgl. die Erwägungsgründe 2–6 der Richtlinie. Angeboten. Ansonsten erklärt sie die Regelungen für anwendbar, die in dem Mitgliedstaat gelten, in dem der Diensteanbieter seinen Sitz hat.60 cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) Vorschriften betreffend die sog. „Dienste der Informationsgesellschaft“ finden sich v. a. in der eCommerce-Richtlinie. Diese enthält jedoch keine eigene Definition dieser Dienste, sondern verweist insofern auf die technische Trans- parenzrichtlinie61 in der Fassung der Richtlinie 98/48/EG62. Art. 1 Ziff. 2 der durch die Richtlinie 98/48/EG in die Richtlinie 98/34/EG eingefügt wurde, lautet: „‚Dienst‘: eine Dienstleistung der Informationsgesellschaft, d. h. jede in der Regel gegen Entgelt elektronisch im Fernabsatz und auf individuellen Abruf eines Empfängers er- brachte Dienstleistung. Im Sinne dieser Definition bezeichnet der Ausdruck – ‚im Fernabsatz erbrachte Dienstleistung‘ eine Dienstleistung, die ohne gleichzeitige physische Anwesenheit der Vertragsparteien erbracht wird; – ‚elektronisch erbrachte Dienstleistung‘ eine Dienstleistung, die mittels Geräten für die elektronische Verarbeitung (einschließlich digitaler Kompression) und Speiche- rung von Daten am Ausgangspunkt gesendet und am Endpunkt empfangen wird und die vollständig über Draht, über Funk, auf optischem oder anderem elektromagneti- schem Wege gesendet, weitergeleitet und empfangen wird; – ‚auf individuellen Abruf eines Empfängers erbrachte Dienstleistung‘ eine Dienst- leistung, die durch die Übertragung von Daten auf individuelle Anforderung erbracht wird.“ Die im ebenfalls durch die Änderungsrichtlinie 98/48/EG eingefügten An- hang V, auf den in Art. 1 Ziff. 2 verwiesen wird, enthaltene Beispielliste führt unter Ziffer 3 nochmals diejenigen Dienste auf, die deshalb nicht unter die hier maßgebliche Dienstedefinition fallen, weil sie das Tatbestandsmerkmal „auf individuellen Abruf“ nicht erfüllen. Die Vorschrift lautet: „3. Nicht ‚auf individuellen Abruf erbrachte‘ Dienste Dienste, die im Wege einer Übertragung von Daten ohne individuellen Abruf gleich- zeitig für eine unbegrenzte Anzahl von einzelnen Empfängern erbracht werden (Punkt- zu-Mehrpunkt-Übertragung): a) Fernsehdienste (einschließlich zeitversetzter Video-Abruf) nach Art. 1 Buchstabe a) der Richtlinie 89/552/EWG b) Hörfunkdienste c) Teletext (über Fernsehsignal)“ 45 60 Roßnagel/Scheuer, Das europäische Medienrecht, MMR 2005, 271 (273). 61 Richtlinie 98/34/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. Juni 1998 über ein Informations- verfahren auf dem Gebiet der Normen und technischen Vorschriften, ABl. L 204 vom 21. 7. 1998, S. 37. 62 Richtlinie 98/48/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Juli 1998 zur Änderung der Richtlinie 98/34/ EG über ein Informationsverfahren auf dem Gebiet der Normen und technischen Vor- schriften, ABl. L 217 vom 5. 8. 1998, S. 18. Daraus folgt: Unter Diensten der Informationsgesellschaft werden ausschließ- lich Abrufdienste verstanden. Zur problematischen Abgrenzung der Fernseh- dienste von Diensten der Informationsgesellschaft hat der EuGH erst kürzlich in seiner Entscheidung in der Rechtssache Mediakabel63 Stellung bezogen. Dies wird nachfolgend im Einzelnen darzustellen sein.64 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) Art. 2 lit. b) der eCommerce-Richtlinie benennt den Adressaten, an den die Regelungen anknüpfen, und definiert diesen wie folgt: „(…) ‚Diensteanbieter‘ jede natürliche oder juristische Person, die einen Dienst der Informationsgesellschaft anbietet“; Damit bestimmen sich die Normadressaten unter Rückgriff auf den Begriff des Dienstes der Informationsgesellschaft, der sich wiederum gemäß Art. 2 lit. a) aus einem Verweis auf Dienste im Sinne von Art. 1 Nummer 2 der Richtlinie 98/34/EG in der Fassung der Richtlinie 98/48/EG ergibt. Eine Dienstleistung der Informationsgesellschaft ist danach jede in der Regel gegen Entgelt elek- tronisch im Fernabsatz und auf individuellen Abruf eines Empfängers erbrachte Dienstleistung. Im Übrigen sei auf die oben65 gemachten Ausführungen zum Begriff des Dienstes der Informationsgesellschaft verwiesen. Die Richtlinie verwendet mithin einen sehr weit gefassten Adressatenbegriff, der eine Vielzahl unterschiedlichster Akteure erfasst. Diesem weiten Adressaten- kreis setzt die Richtlinie jedoch eine Binnendifferenzierung bezüglich der Verantwortlichkeit des Diensteanbieters entgegen, die sich an der Tätigkeit des jeweiligen Anbieters orientiert. So regelt der vierte Abschnitt der Richtlinie unter der Überschrift „Verant- wortlichkeit der Vermittler“, dass unter bestimmten Voraussetzungen eine ge- minderte Verantwortlichkeit der Diensteanbieter bzgl. vermittelter Informatio- nen besteht. Der Anbieter soll grundsätzlich keine Verantwortung tragen für Informationen, die er selbst nicht beeinflusst, sondern deren bloße Übermittlung oder Weiterübertragung er bewerkstelligt. Hinter dieser spezifischen Haftungs- ausgestaltung durch den Gesetzgeber steht der Gedanke, dass bestimmten Diensteanbietern in Bezug auf die Inhalte zwar eine Handlungsmacht beizu- messen ist, d. h. die Vermittler sind in der Regel in der Lage, den Zugang zu bestimmten Inhalten zu sperren. Jedoch gebietet andererseits das Prinzip der Zumutbarkeit, dass angesichts der Tätigkeiten bestimmter Diensteanbieter diesen 46 63 EuGH, Urteil in der Rechtssache C-89/04 (Mediakabel BV/Commissariaat voor de Media) vom 2. 6. 2005, abgedruckt in ZUM 2005, 549; abrufbar unter: www.curia.eu.int. 64 Siehe unten C II. 2 a). 65 Siehe oben unter cc). keine generelle Überwachungspflicht auferlegt wird, aber dass Sperrungen bspw. dann vorgenommen werden müssen, wenn der Vermittler auf unzu- lässige Inhalte (von gerichtlicher oder behördlicher Seite) hingewiesen wird.m Dies gilt gemäß Art. 12 der Richtlinie für die reine Durchleitung von Infor- mationen, die darin besteht, von einem Nutzer eingegebene Informationen in einem Kommunikationsnetz zu übermitteln oder Zugang zu einem Kommuni- kationsnetz zu vermitteln. Der Diensteanbieter soll dann nicht verantwortlich für die vermittelten Informationen sein, sofern er die Übermittlung nicht ver- anlasst, den Adressaten der übermittelten Informationen nicht auswählt und die übermittelten Informationen nicht auswählt oder verändert. Ebenso begünstigt wird gemäß Art. 13 der Richtlinie derjenige, der ein bloßes Caching der vermittelten Informationen vornimmt, d.h eine automati- sche, zeitlich begrenzte Zwischenspeicherung, die dem alleinigen Zweck dient, die Übermittlung der Information an andere Nutzer auf deren Anfrage effizien- ter zu gestalten. Der Anbieter darf hierbei in keiner Weise mit der übermittelten Information in Verbindung stehen. Dies bedeutet unter anderem, dass er die von ihm übermittelte Information nicht verändert. Unter diese Anforderung fallen nicht Eingriffe technischer Art im Verlauf der Übermittlung, da sie die Integrität der übermittelten Informationen nicht verändern.66 In Art. 14 der Richtlinie wird schließlich das sog. Hosting, d. h. die bloße Speicherung von durch einen Nutzer eingegebenen Informationen, privilegiert. Der Anbieter darf in solchen Fällen keine Kenntnis von den rechtswidrigen Informationen haben und muss solche Informationen bei Kenntnis unverzüg- lich entfernen bzw. den Zugang hierzu sperren. Gemeinsam ist diesen drei Privilegierungsfällen, dass die jeweilige Tätig- keit rein technischer, automatischer und passiver Art ist, was bedeutet, dass der Anbieter eines Dienstes der Informationsgesellschaft weder Kenntnis noch Kontrolle über die weitergeleitete oder gespeicherte Information besitzt67 und auch nicht von sich aus zur Überwachung der Inhalte und deren Sperrung ver- pflichtet ist. Eine Verpflichtung zur Sperrung kann jedoch dann enstehen, wenn die entsprechenden Informationen von Gerichten oder Verwaltungsbehörden an den Anbieter herangetragen werden. ee) Fazit Es wird deutlich, dass sich die eCommerce-Richtlinie hinsichtlich ihrer Rege- lungsziele signifikant von der Fernsehrichtlinie unterscheidet. Die Regelungs- dichte ist erheblich geringer und es finden sich weniger inhaltliche Vorgaben für die Dienste. Der regulatorische Akzent liegt stärker auf der Förderung der Entwicklung der erfassten Dienste und auf dem Abbau von Markthemmnissen. 47 66 Vgl. Erwägungsgrund 43 der eCommerce-Richtlinie. 67 Vgl. Erwägungsgrund 42 der eCommerce-Richtlinie. Entsprechend wird nur ein Minimalprogramm an Einschränkungen vorgegeben, zentrale Regelungen, wie das Erfordernis der Zulassungsfreiheit, dienen gerade dem Schutz der Dienste vor staatlichen Eingriffen und nicht etwa der Er- möglichung oder Förderung solcher Eingriffe. Daraus ergibt sich, dass die Einstufung eines Dienstes für den Anbieter von entscheidender Bedeutung ist. Unterfällt dieser der eCommerce-Richtlinie und nicht der Fernsehrichtlinie, so findet ein wesentlich liberaleres Regime Anwendung. Mit dem weit gefassten Anbieterbegriff adressiert die Richtlinie eine Vielzahl von Akteuren, die somit von dem eher zurückhaltenden Regulierungsansatz gegenüber Diensten der Informationsgesellschaft profitieren können. Die interne Differenzierung von Diensteanbietern anhand der ausgeübten Tätigkeiten erlaubt in angemessener Weise, solche Anbieter von bestimmten Verpflichtungen auszunehmen, die keinen Einfluss auf die vermittelten Informationen nehmen. Es lässt sich an- gesichts der Wachstumsraten in diesem Bereich feststellen, dass das Regulie- rungsziel, durch liberale Vorgaben für einen weiten Adressatenkreis ein frucht- bares Umfeld für die Verbreitung des elektronischen Geschäftsverkehrs in der Informationsgesellschaft zu schaffen, in der Verwirklichung begriffen ist. Ins- besondere die Durchsetzung der Zulassungsfreiheit für alle Dienste der Infor- mationsgesellschaft und damit für einen Großteil der „Neuen Dienste“ kann als erfolgreiche Eliminierung eines zentralen Binnenmarkthemmnisses be- zeichnet werden.68 c) Richtlinienpaket zur elektronischen Kommunikation aa) Ziele der Rechtssetzung Das Richtlinienpaket für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste, welches aus der Rahmenrichtlinie,69 der Zugangsrichtlinie,70 der Geneh- migungsrichtlinie,71 der Universaldienstrichtlinie,72 der Wettbewerbsricht- 48 68 Vgl. auch Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Wirtschafts- und Sozial- ausschuss und den Ausschuss der Regionen, Erster Bericht über die Anwendung der Richtlinie 2000/31/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2000 über bestimmte rechtliche Aspekte der Dienste der Informationsgesellschaft, insbesondere des elektronischen Geschäftsverkehrs, im Binnenmarkt (Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr) vom 21. 11. 2003, KOM(2003)702 endg. 69 Richtlinie 2002/21/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 7. März 2002 über einen gemein- samen Rechtsrahmen für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste („Rahmenrichtlinie“), ABl. L 108 vom 24. 4. 2002, S. 33. 70 Richtlinie 2002/19/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 7. März 2002 über den Zugang zu elektronischen Kommunikationsnetzen und zugehörigen Einrichtungen sowie deren Zusammenschaltung, ABl. L 108 vom 24. 4. 2002, S. 7 („Zugangsrichtlinie“). 71 Richtlinie 2002/20/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 7. März 2002 über die Genehmi- gung elektronischer Kommunikationsnetze und -dienste („Genehmigungsrichtlinie“), ABl. L 108 vom 24. 4. 2002, S. 21. 72 Richtlinie 2002/22/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 7. März 2002 über den Uni- versaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten („Universaldienst- richtlinie“), ABl. L 108 vom 24. 4. 2002, S. 51. linie73 und der Kommunikations-Datenschutzrichtlinie74 besteht, will die Grund- lage für eine wirtschaftliche Entwicklung aller Kommunikationsinfrastrukturen legen und für das Angebot von Kommunikationsdiensten einen fairen gemein- schaftsweiten Wettbewerb ermöglichen sowie den Zugang zu diesen Infra- strukturen und ihre Nutzung regeln. Der Erlass des Richtlinienpaketes diente zum einen der weiteren Harmonisierung der nationalen Regelungen, aber auch der weiteren Angleichung des TK-Sektors an andere Wirtschaftsbereiche. Vor- nehmliches Regelungsziel war es, einen einfachen, technologisch neutralen Rechtsrahmen zu schaffen, der einerseits bürokratische Hemmnisse abbaut und sich andererseits als hinreichend flexibel gegenüber den sich rasch verändern- den Märkten der elektronischen Kommunikation erweist.75 bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen Das Richtlinienpaket stellt ein umfassendes Regulierungsregime für die Signal- übertragung bereit. Die Rahmenrichtlinie legt die Aufgaben der nationalen Regulierungsbehörden sowie eine Reihe von Verfahren fest, die die gemein- schaftsweit harmonisierte Anwendung des Rechtsrahmens gewährleisten. Die Zugangsrichtlinie ist der Harmonisierung des Zugangs zu elektronischen Kommunikationsnetzen und zugehörigen Einrichtungen sowie deren Zusammen- schaltung gewidmet. Sie enthält Diskriminierungsverbote und Vorgaben hin- sichtlich der Interoperabilität von Schnittstellen und Navigatoren. Die Geneh- migungsrichtlinie harmonisiert und vereinfacht die Genehmigungsvorschriften für elektronische Kommunikationsnetze. Die Universaldienstrichtlinie begrün- det Rechte von Endnutzern und die entsprechenden Pflichten von Unter- nehmen, die öffentlich zugängliche elektronische Kommunikationsnetze und -dienste bereitstellen. Sie legt das Mindestangebot an Diensten mit definierter Qualität fest, zu denen alle Endnutzer unter Berücksichtigung der spezifischen nationalen Gegebenheiten zu einem erschwinglichen Preis und unter Vermei- dung von Wettbewerbsverzerrungen Zugang haben, und enthält Verpflichtun- gen bezüglich bestimmter Pflichtdienste wie der Bereitstellung von Mietleitun- gen für Endnutzer. Die Wettbewerbsrichtlinie regelt wettbewerbsrechtliche Fragen der Telekommunikationsinfrastruktur, so ist etwa vorgesehen, dass die Mitgliedstaaten keine ausschließlichen oder besonderen Rechte für die Errich- tung bzw. die Bereitstellung elektronischer Kommunikationsnetze oder die Erbringung öffentlich zugänglicher elektronischer Kommunikationsdienste ge- 49 73 Richtlinie 2002/77/EG der Kommission vom 16. September 2002 über den Wettbewerb auf den Märkten für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste („Wettbewerbsrichtlinie“), ABl. L 249 vom 17. 9. 2002, S. 21. 74 Richtlinie 2002/58/EG des europäischen Parlaments und des Rates vom 12. Juli 2002 über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation („Daten- schutzrichtlinie für elektronische Kommunikation“) ABl. L 201 vom 31. 7. 2002, S. 37. 75 Roßnagel/Scheuer, Das europäische Medienrecht, MMR 2005, 271 (277). währen, für die Aufhebung derartiger Rechte sorgen und sicherstellen, dass jedes Unternehmen das Recht zur Erbringung elektronischer Kommunikations- dienste bzw. zur Errichtung, zum Ausbau und zur Bereitstellung elektronischer Kommunikationsnetze erhält. Die Kommunikations-Datenschutzrichtlinie dient der Harmonisierung der Vorschriften der Mitgliedstaaten, die erforderlich sind, um einen gleichwertigen Schutz der Grundrechte und Grundfreiheiten, ins- besondere des Rechts auf Privatsphäre, in Bezug auf die Verarbeitung personen- bezogener Daten im Bereich der elektronischen Kommunikation sowie den freien Verkehr dieser Daten und von elektronischen Kommunikationsgeräten und -diensten in der Gemeinschaft zu gewährleisten. cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) Die Rahmenrichtlinie legt den Geltungsbereich des gesamten Telekommunika- tionsrichtlinienpaketes fest und definiert grundlegende Begriffe. Sie enthält Anforderungen an die nationalen Regulierungsbehörden sowie Regeln zur Zu- sammenarbeit untereinander und mit der Kommission und ferner Vorschriften zur Bestimmung „beträchtlicher Marktmacht“.76 In der Rahmenrichtlinie sind in Art. 2 lit. c) elektronische Kommunikations- dienste definiert als: „gewöhnlich gegen Entgelt erbrachte Dienste, die ganz oder überwiegend in der Über- tragung von Signalen über elektronische Kommunikationsnetze bestehen, einschließlich Telekommunikations- und Übertragungsdienste in Rundfunknetzen, jedoch ausgenom- men Dienste, die Inhalte über elektronische Kommunikationsnetze und -dienste anbieten oder eine redaktionelle Kontrolle über sie ausüben; nicht dazu gehören die Dienste der Informationsgesellschaft im Sinne von Art. 1 der Richtlinie 98/34/EG, die nicht ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kommunikations- netze bestehen“. Elektronische Kommunikationsnetze wiederum sind gemäß Art. 2 lit. a) der Rahmenrichtlinie: „Übertragungssysteme und gegebenenfalls Vermittlungs- und Leitwegeinrichtungen sowie anderweitige Ressourcen, die die Übertragung von Signalen über Kabel, Funk, optische oder andere elektromagnetische Einrichtungen ermöglichen, einschließlich Satelliten- netze, feste (leitungs- und paketvermittelte, einschließlich Internet) und mobile terrestri- sche Netze, Stromleitungssysteme, soweit sie zur Signalübertragung genutzt werden, Netze für Hör- und Fernsehfunk sowie Kabelfernsehnetze, unabhängig von der Art der übertragenen Informationen;“ Die Zugangsrichtlinie behandelt die Beziehungen zwischen Netzbetreiber und Diensteanbieter und legt fest, unter welchen Voraussetzungen diese durch die nationalen Behörden reguliert werden können; zudem umfasst die Richtlinie 50 76 Vgl. Roßnagel/Sosalla /Kleist, Der Zugang zur digitalen Satellitenverbreitung, Berlin 2004, S. 90. Befugnisse der Regulierungsbehörden gegenüber Unternehmen mit beträcht- licher Marktmacht.77 In Art. 5 Abs. 1 in Verbindung mit Anhang I Teil II der Zugangsrichtlinie sind Regelungen enthalten, welche für Anwendungsprogrammierschnittstellen (Application Programming Interfaces – APIs) und elektronische Programm- führer (Electronic Programme Guides – EPGs) von Bedeutung sind. Danach haben die nationalen Regulierungsbehörden einen angemessenen Zugang und eine geeignete Zusammenschaltung sowie die Interoperabilität von APIs zu fördern und gegebenenfalls zu garantieren. Im Hinblick auf APIs bleibt der Kommission dabei das Recht vorbehalten, unter bestimmten Voraussetzungen selbst Standards zu setzen, wohingegen die Regulierung des Zugangs zu EPGs gänzlich den Mitgliedstaaten überlassen bleibt. Nach Art. 18 Abs. 1 der Rahmenrichtlinie haben sich die Mitgliedstaaten dafür einzusetzen, dass die Anbieter digitaler interaktiver Fernsehdienste und die Geräteanbieter eine offene API verwenden. Darüber hinaus tragen sie nach Art. 18 Abs. 2 der Rahmenrichtlinie dafür Sorge, dass die API-Eigentümer alle Informationen, die es den Anbietern von digitalen interaktiven Fernsehdiensten ermöglichen, ihre API-unterstützten Dienste voll funktionsfähig anzubieten, auf faire, angemessene und nicht diskriminierende Weise und gegen angemessene Vergütung zur Verfügung stellen. Conditional-Access-Systeme (CA) unterliegen einer Ex-Ante-Zugangsver- pflichtung aus Art. 6 Abs. 1 der Zugangsrichtlinie. Danach müssen die Anbieter solcher Systeme ihren Dienst diskriminierungsfrei anbieten. Die Mitglied- staaten müssen sicherstellen, dass in Bezug auf die Zugangsberechtigung für digitale Fernseh- und Hörfunkdienste, die an Zuschauer und Hörer in der Gemeinschaft ausgestrahlt werden, unabhängig von der Art der Übertragung die in Anhang I Teil 1 festgelegten Konditionen gelten. Dort ist die Verpflich- tung enthalten, technische Dienste zu fairen, angemessenen und nicht diskrimi- nierenden Bedingungen anzubieten. Eine ausdrücklich vorgesehene Möglich- keit zur Erreichung dieses Ziels stellt die Integration einer gemeinsamen Schnittstelle zur Zusammenschaltung mit anderen Zugangsberechtigungs- systemen. dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) Das Richtlinienpaket zur elektronischen Kommunikation aus dem Jahre 2002 führt eine ganze Reihe von Bestimmungen ein bzw. übernimmt oder modifiziert die im alten Rechtsrahmen enthaltenen Vorschriften, die für die verschiedenen handelnden Akteure Legaldefinitionen enthalten. 51 77 Vgl. Roßnagel/Sosalla /Kleist, Der Zugang zur digitalen Satellitenverbreitung, Berlin 2004, S. 90. (1) Betreiber Die Zugangsrichtlinie enthält in Art. 2 lit. c) folgende Definition: „Betreiber“: ein Unternehmen, das ein öffentliches Kommunikationsnetz oder eine zu- gehörige Einrichtung bereitstellt, oder zur Bereitstellung hiervon befugt ist. (2) Unternehmen Den Unternehmen als Adressaten der Zugangsrichtlinie werden als solchen sowohl Rechte zugestanden, als auch Pflichten auferlegt, vgl. beispielsweise Art. 4. Mitgliedstaaten müssen von Unternehmen bestimmte Sorgfaltspflichten im Umgang mit Informationen verlangen, die diese von anderen Unternehmen erhalten haben. Besondere Vorschriften existieren für „vertikal integrierte Unter- nehmen“, vgl. Art. 11 Abs. 1. So können nationale Regulierungsbehörden von diesen verlangen, ihre Großkundenpreise und internen Kostentransfers trans- parent zu gestalten, unter anderem um sicherzustellen, dass eine etwaige Gleich- behandlungsverpflichtung befolgt wird, oder um gegebenenfalls eine unlautere Quersubventionierung zu verhindern. Auch die Genehmigungsrichtlinie richtet sich an Unternehmen als Träger von Rechten und Pflichten. (3) Weitere Adressaten (a) Eigentümer von Anwendungsprogrammierschnittstellen Nach Art. 18 Abs. 2 der Rahmenrichtlinie tragen die Mitgliedstaaten dafür Sorge, dass API-Eigentümer alle Informationen, die es den Anbietern von digi- talen interaktiven Fernsehdiensten ermöglichen, ihre API-unterstützten Dienste voll funktionsfähig anzubieten, auf faire, angemessene und nicht diskriminie- rende Weise und gegen angemessene Vergütung zur Verfügung stellen. Art. 2 lit. p) der Rahmenrichtlinie definiert dabei „API (Schnittstelle für Anwendungsprogramme)“ als die Software-Schnittstelle zwischen Anwendun- gen, die von Sendeanstalten oder Diensteanbietern zur Verfügung gestellt wird, und den Anschlüssen in den erweiterten digitalen Fernsehgeräten für digitale Fernseh- und Rundfunkdienste. (b) Anbieter von Zugangsberechtigungssystemen Anhang I Teil I der Zugangsrichtlinie, auf den in Art. 5 Abs. 1 verwiesen wird, sieht vor, dass die Mitgliedstaaten sicherstellen, dass für die Zugangsberechti- gung für digitale Fernseh- und Rundfunkdienste bestimmte Bedingungen gelten. Als Adressaten finden sich dort die Anbieter in der Gemeinschaft betriebener Zugangsberechtigungssysteme. So müssen in der Gemeinschaft betriebene Zugangsberechtigungssysteme technisch so ausgelegt sein, dass sie die kostengünstige Kontrollübergabe ge- statten und damit Netzbetreibern auf lokaler oder regionaler Ebene die voll- ständige Kontrolle der Dienste ermöglichen, die solche Zugangsberechtigungs- systeme nutzen. 52 Überdies sind alle Anbieter von Zugangsberechtigungsdiensten, die Zugangs- dienste für das digitale Fernsehen und den digitalen Rundfunk bereitstellen und auf deren Zugangsdienste die Sendeanstalten angewiesen sind, um jegliche Gruppe möglicher Zuschauer oder Hörer zu erreichen, unabhängig von der Art der Übertragung verpflichtet: – allen Sendeanstalten zu fairen, angemessenen und nicht diskriminierenden Bedingungen und unter Einhaltung des gemeinschaftlichen Wettbewerbs- rechts technische Dienste anzubieten, die es ermöglichen, dass die digital übertragenen Dienste der Sendeanstalt von Zuschauern oder Hörern empfan- gen werden können, die über vom Diensteanbieter bereitgestellte Decoder verfügen und damit empfangsberechtigt sind; – über ihre Tätigkeit als Anbieter von Zugangsberechtigungsdiensten getrennt Buch zu führen. Ferner stellen die Inhaber gewerblicher Schutzrechte an Zugangsberechtigungs- produkten und -systemen bei der Lizenzvergabe an Hersteller von Verbraucher- geräten sicher, dass die Vergabe zu fairen, angemessenen und nicht diskrimi- nierenden Bedingungen erfolgt. Die Inhaber gewerblicher Schutzrechte machen unter Berücksichtigung technischer und wirtschaftlicher Faktoren die Lizenz- vergabe nicht von Bedingungen abhängig, die die Integration – einer gemeinsamen Schnittstelle zur Zusammenschaltung mit diversen ande- ren Zugangssystemen in ein bestimmtes Produkt unterbinden, behindern oder erschweren, oder – spezifischer Mittel eines anderen Zugangssystems in ein bestimmtes Produkt unterbinden, behindern oder erschweren, sofern der Lizenznehmer die ent- sprechenden angemessenen Bedingungen einhält, die – soweit er selbst betroffen ist – die Sicherheit von Transaktionen der Betreiber von Zugangs- berechtigungssystemen gewährleisten. Zugang ist dabei gemäß Art. 2 lit. a) der Zugangsrichtlinie definiert als „die ausschließliche oder nicht ausschließliche Bereitstellung von Einrichtungen und/ oder Diensten für ein anderes Unternehmen unter bestimmten Bedingungen, zur Erbrin- gung elektronischer Kommunikationsdienste. Darunter fallen unter anderem: Zugang zu Netzkomponenten und zugehörigen Einrichtungen, wozu auch der feste oder nicht feste Anschluss von Einrichtungen gehören kann (dies beinhaltet insbesondere den Zugang zum Teilnehmeranschluss sowie zu Einrichtungen und Diensten, die erforderlich sind, um Dienste über den Teilnehmeranschluss zu erbringen); Zugang zu physischen Infra- strukturen wie Gebäuden, Leitungen und Masten; Zugang zu einschlägigen Software- systemen, einschließlich Systemen für die Betriebsunterstützung; Zugang zur Nummern- umsetzung oder zu Systemen, die eine gleichwertige Funktion bieten; Zugang zu Fest- und Mobilfunknetzen, insbesondere um Roaming zu ermöglichen; Zugang zu Zugangs- 53 berechtigungssystemen für Digitalfernsehdienste und Zugang zu Diensten für virtuelle Netze.“ ee) Fazit Mit der Verabschiedung des Telekommunikations-Richtlinienpaketes aus dem Jahr 2002 wurde ein einheitlicher und technologieneutraler Rechtsrahmen für die Telekommunikation geschaffen. In den vormals von staatlichen Monopo- listen kontrollierten Telekommunikationsmärkten kehrt zunehmend wettbewerb- liche Normalität ein, die Marktzutrittshindernisse für Unternehmen, die nicht aus staatlichen Behörden hervorgegangen sind, sind deutlich verringert wor- den.78 Die angestrebte zunehmende Angleichung des Telekommunikations- sektors an andere Wirtschaftsbereiche wird daher sukzessive erreicht. Das Medienrecht ist auf Gemeinschaftsebene klar zweigeteilt in die Regulierung der Infrastruktur einerseits und die Regulierung der Inhalte andererseits. Wäh- rend aber für die Inhalte, wie bereits dargelegt, kein einheitlicher Rahmen aus vollständig aufeinander abgestimmten Regelungen existiert, besteht das Regel- werk für die Signalübertragung „aus einem Guss“, d. h. aus sechs aufeinander abgestimmten und ineinander greifenden Richtlinien, die gleichzeitig erarbeitet wurden und als Gesamtpaket in Kraft traten. Der Anwendungsbereich wird maßgeblich durch den Begriff der elektronischen Kommunikationsnetze und -dienste bestimmt. Dieser ist so weit gefasst, dass alle Netze erfasst werden, die zum Transport elektronischer Kommunikation genutzt werden können, und sämtliche relevanten Dienste. Infrastrukturseitig ist somit echte Technologie- neutralität zu konstatieren. Hinsichtlich der Signalübertragung ist die Konver- genz der Regulierung Realität. d) Rechtsinstrumente zum Schutz des Urheberrechts Ein Grund dafür, den Blick an dieser Stelle auf das europäische Urheberrecht zu richten, liegt darin, dass diese Rechtsmaterie – jedenfalls in Bezug auf die Verbreitung mittels Satellit oder Kabel – ursprünglich in der Fernsehrichtlinie geregelt werden sollte. Das Urheberrecht ist für die Ziele der Studie einerseits hinsichtlich der Zuordnung der (spezifisch urheberrechtlichen) Verantwortlich- keit interessant, andererseits auch aufgrund der teilweise privilegierenden Vor- schriften zugunsten bestimmter Adressaten – hier sind insbesondere die Internet- Service-Provider zu nennen. Von Relevanz für die Ziele dieser Untersuchung ist hierbei einerseits die Richtlinie zur Harmonisierung bestimmter Aspekte 54 78 Zum Beleg hierfür lässt sich etwa die Tatsache anführen, dass die Deutsche Telekom inzwischen ihre markt- beherrschende Stellung auf den Auslandsgesprächsmärkten verloren hat, vgl. die diesbezügliche Meldung der Bundesnetzagentur unter: www.bundesnetzagentur.de/enid/24a67148b6e11e0d250ead8d77d6a006,0/ Presse/Pressemitteilungen_d2.html#2005-11-22. des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesell- schaft79 und andererseits die sog. Kabel- und Satellitenrichtlinie.80 aa) Ziele der Rechtssetzung (1) Richtlinie zum Urheberrechtsschutz in der Informationsgesellschaft In Art. 1 Abs. 1 der Richtlinie 2001/29/EG wird der Geltungsbereich der Richt- linie festgelegt und zugleich eine Aussage zu ihrer Zielsetzung getroffen: „Gegenstand dieser Richtlinie ist der rechtliche Schutz des Urheberrechts und der ver- wandten Schutzrechte im Rahmen des Binnenmarkts, insbesondere in Bezug auf die Informationsgesellschaft.“ Durch eine Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über das Urheberrecht und die verwandten Schutzrechte will die Richtlinie Wett- bewerbsverzerrungen und Hemmnisse für das reibungslose Funktionieren des Binnenmarktes für Dienstleistungen und Produkte mit urheberrechtlichem Ge- halt abbauen.81 (2) Kabel- und Satellitenrichtlinie Rundfunksatelliten und die Kabelweiterverbreitung erlauben die grenzüber- schreitende Übertragung von Rundfunksendungen innerhalb der Gemeinschaft und dienen damit der Verwirklichung des Binnenmarkts. Jedoch bestanden in den Mitgliedstaaten noch eine Reihe unterschiedlicher nationaler Urheberrechts- vorschriften sowie gewisse Rechtsunsicherheiten, die Hemmnisse für den freien Verkehr der Programme innerhalb der Gemeinschaft darstellten. Zudem seien die Rechtsinhaber aufgrund dieser Situation der Gefahr ausgesetzt, „dass ihre Werke ohne entsprechende Vergütung verwertet werden oder dass einzelne In- haber ausschließlicher Rechte in verschiedenen Mitgliedstaaten die Verwertung ihrer Werke blockieren.“ Dieser Situation soll die Richtlinie entgegenwirken.82 bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen (1) Urheberrecht in der Informationsgesellschaft Die Richtlinie „Urheberrecht in der Informationsgesellschaft“ sieht in Art. 2 ein ausschließliches Vervielfältigungsrecht für Urheber in Bezug auf ihre Werke, für ausübende Künstler in Bezug auf die Aufzeichnungen ihrer Darbietungen, 55 79 Richtlinie 2001/29/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. Mai 2001 zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesellschaft, ABl. L 167 vom 22. 6. 2001, S. 10; Berichtigung der deutschen Fassung, ABl. L 6 vom 10. 1. 2002, S. 71.m 80 Richtlinie 93/83/ EWG des Rates vom 27. September 1993 zur Koordinierung bestimmter urheber- und leistungsschutzrechtlicher Vorschriften betreffend Satellitenrundfunk und Kabelweiterverbreitung, ABl. L 248 vom 6. 10. 1993, S. 15. 81 Vgl. die Erwägungsgründe 1–7 der Richtlinie 2001/29/EG. 82 Vgl. Erwägungsgrund 5 der Richtlinie 93/83/EWG des Rates vom 27. September 1993. für Tonträgerhersteller in Bezug auf ihre Tonträger, für Hersteller der erst- maligen Aufzeichnungen von Filmen in Bezug auf das Original und die Ver- vielfältigungsstücke ihrer Filme und für Sendeunternehmen in Bezug auf die Aufzeichnungen ihrer Sendungen vor. Des Weiteren müssen die Mitgliedstaaten Urhebern, ausübenden Künstlern, Tonträgerherstellern, Filmherstellern und Sendeunternehmen die Rechte der öffentliche Wiedergabe von Werken und der öffentlichen Zugänglichmachung sonstiger Schutzgegenstände einräumen (Art. 3). Überdies müssen sie gemäß Art. 4 vorsehen, dass Urhebern in Bezug auf das Original ihrer Werke oder auf Vervielfältigungsstücke davon das aus- schließliche Recht zusteht, die Verbreitung an die Öffentlichkeit in beliebiger Form durch Verkauf oder auf sonstige Weise zu erlauben oder zu verbieten.m (2) Kabel- und Satellitenrichtlinie Die Kabel- und Satellitenrichtlinie schreibt den Mitgliedstaaten vor, Urhebern das ausschließliche Recht zur Gestattung der öffentlichen Wiedergabe von urheberrechtlich geschützten Werken über Satellit einzuräumen (Art. 2). Dabei kann auch vorgesehen werden, dass unter bestimmten Voraussetzun- gen ein kollektiver Vertrag, den eine Verwertungsgesellschaft mit einem Sende- unternehmen für eine bestimmte Gruppe von Werken geschlossen hat, auf Rechtsinhaber derselben Gruppe, die nicht durch die Verwertungsgesellschaft vertreten sind, ausgedehnt wird. Bei der Kabelweiterverbreitung von Rundfunksendungen aus anderen Mit- gliedstaaten müssen die Mitgliedstaaten dafür Sorge tragen, dass diese unter Beachtung der anwendbaren Urheberrechte und verwandten Schutzrechte und auf der Grundlage individueller und kollektiver Verträge zwischen den Urheber- rechtsinhabern, den Leistungsschutzberechtigten und den Kabelunternehmen erfolgt. cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) (1) Urheberrecht in der Informationsgesellschaft Gegenstand der Richtlinie ist der rechtliche Schutz des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte im Rahmen des Binnenmarkts, insbesondere in Bezug auf die Informationsgesellschaft. Das Urheberrecht wird dabei in ein Verbrei- tungsrecht und ein Vervielfältigungsrecht aufgeschlüsselt. (2) Kabel- und Satellitenrichtlinie Die Kabel- und Satellitenrichtlinie dient dem rechtlichen Schutz der Urheber bei der Verbreitung von Sendungen über Kabel und Satellit. Gegenstand der Vorschriften ist also zum einen die öffentliche Wiedergabe über Satellit, die in Art. 1 Abs. 2 lit. d) definiert wird als: 56 „die Handlung, mit der unter der Kontrolle des Sendeunternehmens und auf dessen Verantwortung die programmtragenden Signale, die für den öffentlichen Empfang be- stimmt sind, in eine ununterbrochene Kommunikationskette, die zum Satelliten und zurück zur Erde führt, eingegeben werden“. Dabei bedeutet „Satellit“ nach Art. 1 Abs. 1: „einen Satelliten, der auf Frequenzbändern arbeitet, die fernmelderechtlich dem Aus- senden von Signalen zum öffentlichen Empfang oder der nicht öffentlichen Individual- kommunikation vorbehalten sind. Im letzteren Fall muss jedoch der Individualempfang der Signale unter Bedingungen erfolgen, die den Bedingungen im ersteren Fall ver- gleichbar sind“. Kabelweiterverbreitung ist gemäß Art. 1 Abs. 3: „die zeitgleiche, unveränderte und vollständige Weiterverbreitung einer drahtlosen oder drahtgebundenen, erdgebundenen oder durch Satellit übermittelten Erstsendung von Fernseh- oder Hörfunkprogrammen, die zum öffentlichen Empfang bestimmt sind, aus einem anderen Mitgliedstaat durch Kabel- oder Mikrowellensysteme.“ dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) (1) Urheberrecht in der Informationsgesellschaft (a) „Vermittler“ Der Begriff des „Vermittlers“ wird in der Richtlinie 2001/29/EG nicht explizit definiert. Seine Tätigkeit wird in der genannten Vorschrift privilegiert, indem bestimmte Vervielfältigungshandlungen vom ausschließlichen Vervielfältigungs- recht ausgenommen werden. Es muss sich dabei um vorübergehende Verviel- fältigungen handeln, die flüchtig oder begleitend sind und einen integralen und wesentlichen Teil eines technischen Verfahrens darstellen und deren allei- niger Zweck es ist, eine Übertragung in einem Netz zwischen Dritten durch einen Vermittler zu ermöglichen. Soweit diese Voraussetzungen erfüllt sind, erfasst diese Privilegierung nach dem 33. Erwägungsgrund auch Handlungen, die das „Browsing“ sowie Handlungen des „Caching“ ermöglichen. Dies schließt Handlungen ein, die das effiziente Funktionieren der Übertragungs- systeme ermöglichen. Wichtig ist die Aussage im 33. Erwägungsgrund, dass die Ausnahme in Art. 5 Abs. 1 nur greift, sofern der Vermittler die Informa- tion nicht verändert. (b) Kabelnetzbetreiber Wie sich aus dem 23. Erwägungsgrund der Richtlinie ergibt, stellt die Kabel- weiterverbreitung eine „öffentliche Wiedergabe“ dar und begründet damit eine urheberrechtliche Verantwortung der Kabelnetzbetreiber. Demgegenüber wird im 27. Erwägungsgrund ausgeführt, dass „die bloße Bereitstellung der Einrich- 57 tungen, die eine Wiedergabe ermöglichen oder bewirken, selbst keine Wieder- gabe im Sinne dieser Richtlinie“ darstellt. Zwar ist diese Formulierung wohl recht eindeutig auf Internet-Service-Provider gemünzt, jedoch hat sie die Frage provoziert, ob nicht der Vorgang der Kabelweiterverbreitung genau der in diesem Erwägungsgrund beschriebenen Tätigkeit entspreche, insbesondere, wenn die Betreiber Must-Carry-Verpflichtungen unterliegen.83 In diese Rich- tung argumentieren auch die Kabelnetzbetreiber selbst, wenn sie sich in der Funktion als sog. „Common Carrier“ darstellen, die letztlich nur gebündelte Inhalte weitertransportieren.84 (2) Kabel- und Satellitenrichtlinie (a) Verantwortlicher der Satellitenübertragung Art. 1 Abs. 2 lit. b) der Richtlinie 93/83/ EWG besagt, dass die öffentliche Wiedergabe über Satellit nur in dem Mitgliedstaat stattfindet, in dem die programmtragenden Signale unter der Kontrolle des Sendeunternehmens und auf dessen Verantwortung in eine ununterbrochene Kommunikationskette ein- gegeben werden, die zum Satelliten und zurück zur Erde führt. Die Richtlinie verankert damit die urheberrechtliche Verantwortung bei demjenigen, der mit der Einspeisung am Anfang einer ununterbrochenen Sendekette zum Satelliten und zurück zur Erde steht. Alle weiteren Glieder der Sendekette sind ihrer urheberrechtlichen Verantwortlichkeit enthoben, solange sie keine Veränderung bzw. Unterbrechung der Kommunikationskette im Sinne des Art. 1 Abs. 2 lit. a) der Richtlinie vornehmen, die eine eigene Verantwor- tung begründen würde. Gemäß Art. 1 Abs. 2 lit. d) (i) kann der Urheber seine Rechte in bestimmten Situationen gegenüber der „Person, die die aussendende Erdfunkstation be- treibt“ geltend machen. Die Richtlinie greift unter bestimmten Voraussetzungen also auf ein technisches Kriterium zur Bestimmung des Verpflichteten zurück.n In Art. 10 der Richtlinie findet sich wiederum eine Vorschrift, welche die Sendeunternehmen im Rahmen der Wahrnehmung ihrer Urheberrechte privile- giert. Nach dieser Bestimmung sind Sendeunternehmen nicht – wie sonstige Rechteinhaber – dazu verpflichtet, ihr Recht der Erlaubnis zur Kabelweiter- verbreitung durch Verwertungsgesellschaften wahrzunehmen, sondern können dieses Recht in eigener Verantwortung geltend machen. Dabei ist es unerheb- lich, ob die betreffenden Rechte eigene Rechte des Unternehmens sind oder ihm durch andere Urheberrechtsinhaber und/oder Inhaber verwandter Schutz- 58 83 Hugenholtz, Copyright without Frontiers – Is there a future for the Satellite and Cable Directive?, in: Die Zukunft der Fernsehrichtlinie, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 29, Baden- Baden 2005, S. 65 (72). 84 Vgl. bspw. die Stellungnahme der European Cable Communications Association (ECCA) im Rahmen der Konsultation zur Schaffung eines neuen Rechtsrahmens für die elektronische Kommunikation, abrufbar unter: europa.eu.int / ISPO/infosoc/ telecompolicy/review99/comments/ecca24b.htm. rechte übertragen worden sind. Diese Sonderregelung zugunsten der Sende- unternehmen erfährt ihre Rechtfertigung durch den Umstand, dass die Sende- unternehmen als Rechteinhaber leicht zu identifizieren sind und damit kein Anlass zu einer „Kanalisierung“ ihrer Urheberrechtsansprüche über Verwer- tungsgesellschaften besteht.85 (b) Verantwortlicher der Kabelweiterverbreitung Die Kabelbetreiber trifft nach den Vorgaben der Richtlinie 93/83/EWG die vollständige (direkte) urheberrechtliche Verantwortlichkeit. Die Kabelweiter- verbreitung von Programmen aus anderen Mitgliedstaaten stellt nach dem 27. Erwägungsgrund der Richtlinie eine Handlung dar, die in den Bereich des Urheberrechts und gegebenenfalls der Leistungsschutzrechte fällt. Daher be- nötigt ein Kabelnetzbetreiber für jeden weiterverbreiteten Programmteil die Genehmigung sämtlicher Rechtsinhaber. ee) Fazit Die Richtlinie Urheberrecht in der Informationsgesellschaft schützt Urheber- rechte technologieneutral, um diese auch im Hinblick auf neue Dienste zu gewährleisten. Im Gegensatz dazu stellt die Kabel- und Satellitenrichtlinie ein spezifisches Instrument für zwei konkrete Verbreitungswege dar. Bei der Kabel- und der Satellitenübertragung handelte es sich im Zeitpunkt der Entstehung dieses Rechtsaktes im Wesentlichen um die einzigen existierenden Arten der grenzüberschreitenden Verbreitung audiovisueller Werke. e) Sechste Mehrwertsteuerrichtlinie Auch in einem Instrument der Gemeinschaft zu den indirekten Steuern, der sog. Sechsten Mehrwertsteuerrichtlinie86, finden sich Vorschriften und Begriffs- bestimmungen zu (medienrelevanten) Diensten. aa) Ziele der Rechtssetzung Der vierte Erwägungsgrund der Richtlinie nennt als deren Zweck: „die Besteuerung der Einfuhr und die steuerliche Entlastung der Ausfuhr im Handels- verkehr zwischen den Mitgliedstaaten zu beseitigen und zugleich die Neutralität des 59 85 Hugenholtz, Copyright without Frontiers – Is there a future for the Satellite and Cable Directive?, in: Die Zukunft der Fernsehrichtlinie, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 29, Baden- Baden 2005, S. 65 (68). 86 Sechste Richtlinie des Rates vom 17. Mai 1977 zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitglied- staaten über die Umsatzsteuern – Gemeinsames Mehrwertsteuersystem: einheitliche steuerliche Bemessungs- grundlage, 77/388/ EWG, ABl. L 145 vom 13. 6. 1977, S. 1; mehrfach geändert – konsolidierte Fassung abrufbar unter: europa.eu.int/eur-lex/de/consleg/pdf/1977/de_1977L0388_do_001.pdf („Sechste Mehr- wertsteuerrichtlinie“). gemeinsamen Umsatzsteuersystems in Bezug auf den Ursprung der Gegenstände und Dienstleistungen zu wahren, damit schließlich ein gemeinsamer Markt verwirklicht wird, auf dem ein gesunder Wettbewerb herrscht und der mit einem echten Binnenmarkt vergleichbare Merkmale aufweist.“ bb) Inhaltliche Vorgaben/Rechtsfolgen Die Mehrwertsteuerrichtlinie enthält Vorschriften zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Umsatzsteuern, sie schafft ein gemeinsames Mehrwertsteuersystem mit gemeinschaftsweit einheitlicher steuerpflichtiger Bemessungsgrundlage. Dazu enthält sie u. a. detaillierte Vor- schriften zum Steueranwendungsbereich, zur Territorialität und zur Bestim- mung der Steuerpflichtigen. cc) Sachlicher Anwendungsbereich (Umsetzung der Regelungsziele) Für Dienstleistungen im Sinne der Mehrwertsteuer-Richtlinie gilt die Nieder- lassung oder der übliche Aufenthaltsort des Kunden als Leistungsort, was auch als „Empfängerortprinzip“ bezeichnet wird. Art. 9 Abs. 2 lit. e) definiert Telekommunikationsdienstleistungen: „Als Telekommunikationsdienstleistungen gelten solche Dienstleistungen, mit denen die Übertragung, die Ausstrahlung oder der Empfang von Signalen, Schrift, Bild und Ton oder Informationen jeglicher Art über Draht, Funk, optische oder sonstige elektro- magnetische Medien ermöglicht werden, einschließlich der damit im Zusammenhang stehenden Abtretung oder Einräumung von Nutzungsrechten an Einrichtungen zur Über- tragung, Ausstrahlung oder zum Empfang. Zu den Telekommunikationsdienstleistungen im Sinne dieser Vorschrift gehört auch die Bereitstellung des Zugangs zu globalen Informationsnetzen.“ Ebenfalls nimmt Art. 9 Abs. 2 lit. e) der Mehrwertsteuer-Richtlinie auf Rund- funk- und Fernsehdienstleistungen Bezug, ohne dass sich jedoch eine Defini- tion dieser beiden Begriffe findet. Auffällig ist allerdings, dass die Richtlinie Fernsehdienstleistungen alternativ neben den Rundfunkdienstleistungen auf- führt. Jedenfalls nach deutschem Medienrecht wird der Begriff „Rundfunk“ (auf einfachgesetzlicher Ebene) als Oberbegriff für Fernsehen und Hörfunk verwendet (vgl. Länderbericht Deutschland). Man kann aber festhalten, dass auch eine Reihe von anderen Gemeinschaftsinstrumenten von dieser Terminolo- gie geprägt ist, so dass unproblematisch unterstellt werden kann, dass mit „Rundfunkdienstleistungen“ der Hörfunk angesprochen ist. Ferner führt die Mehrwertsteuerrichtlinie in derselben Vorschrift „auf elek- tronischem Wege erbrachte Dienstleistungen wie unter anderem die in Anhang L aufgeführten Dienstleistungen“ an. Der entsprechende Anhang L wurde durch die Richtlinie 2002/38/EG eingeführt und nennt folgende Beispiele: 60 „1. Bereitstellung von Websites, Webhosting, Fernwartung von Programmen und Aus- rüstungen. „2. Bereitstellung von Software und deren Aktualisierung. „3. Bereitstellung von Bildern, Texten und Informationen sowie Bereitstellung von Datenbanken. „4. Bereitstellung von Musik, Filmen und Spielen, einschließlich Glücksspielen und Lotterien sowie von Sendungen und Veranstaltungen aus den Bereichen Politik, Kultur, Kunst, Sport, Wissenschaft und Unterhaltung. „5. Erbringung von Fernunterrichtsleistungen.“ Die Leistung selbst muss hierbei elektronisch erbracht werden. Die Kommuni- kation per E-Mail reicht nicht zur Einstufung als „auf elektronischem Wege erbrachte Leistung“ aus. Auch in der Mehrwertsteuerrichtlinie spiegelt sich folglich die grundlegende Einteilung der Mediendienste in Signalübertragung (Telekommunikation) auf der einen und Rundfunk sowie andere elektronische Inhaltsdienste auf der anderen Seite wider. dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (Umsetzung der Regelungsziele) Als Adressaten der Vorschriften der Richtlinie definiert diese in Art. 4 den „Steuerpflichtigen“: (1) Als Steuerpflichtiger gilt, wer eine der in Absatz 2 genannten wirtschaftlichen Tätigkeiten selbstständig und unabhängig von ihrem Ort ausübt, gleichgültig zu welchem Zweck und mit welchem Ergebnis. (2) Die in Absatz 1 genannten wirtschaftlichen Tätigkeiten sind alle Tätigkeiten eines Erzeugers, Händlers oder Dienstleistenden einschließlich der Tätigkeiten der Ur- produzenten, der Landwirte sowie der freien Berufe und der diesen gleichgestellten Berufe. Als wirtschaftliche Tätigkeit gilt auch eine Leistung, die die Nutzung von körperlichen oder nicht körperlichen Gegenständen zur nachhaltigen Erzielung von Einnahmen umfasst. Da die es sich bei den im vorigen Abschnitt erwähnten Angeboten allesamt um Dienstleistungen handelt, sind ihre jeweiligen Anbieter unter den von der Richtlinie ebenfalls verwendeten Begriff des Dienstleistenden zu subsumie- ren. ee) Fazit Bei der Sechsten Mehrwertsteuerrichtlinie handelt es sich um ein Instrument zur Harmonisierung des Umsatzsteuerrechts der Mitgliedstaaten. Soweit Medien- dienste Erwähnung finden, dient dies im Wesentlichen der Festlegung des Dienstleistungsbegriffes und des Besteuerungsortes. Es handelt sich also um steuerrechtliche, nicht um medienrechtliche Bestimmungen. Auch in dieser Richtlinie kommt die aus dem Kommunikationsrecht bekannte Unterteilung in 61 Telekommunikation (Signalübertragung) und Inhaltedienste (Rundfunk bzw. elektronisch erbrachte Dienstleistungen) zum Tragen. f) Dienste und Anbieter im europäischen Medienrecht Das europäische Medienrecht kennt damit im Wesentlichen drei maßgebliche Kategorien von Diensten, die Fernsehsendungen, die Dienste der Informations- gesellschaft und die elektronischen Kommunikationsdienste. Als praktische Beispiele für die jeweilige Kategorie können hier für die erstgenannte die Programme klassischer privater oder öffentlich-rechtlicher Rundfunkveranstal- ter angeführt werden. Dienste der Informationsgesellschaft sind beispielsweise elektronische Videotheken (Video-on-Demand) oder Angebote des elektroni- schen Geschäftsverkehrs (eCommerce), typische Beispiele für einen elektroni- schen Kommunikationsdienst sind die Vermittlung von Sprachtelefonie oder die reine Dienstleistung der Übertragung von Daten (etwa Fernsehprogrammen) im Kabel. Es findet eine Zweiteilung statt zwischen der Regulierung von Inhalten (Fernsehsendungen und Dienste der Informationsgesellschaft) und der Regulierung der Datenübertragung bzw. der Telekommunikationsinfrastruktur (elektronische Kommunikationsdienste bzw. -netze). Die Adressaten der jeweiligen Normen bestimmen sich nach gänzlich unter- schiedlichen Kriterien. Bei der Fernsehrichtlinie und der Kabel- und Satelliten- richtlinie wird an die Verantwortlichkeit angeknüpft, in einem Fall an die redaktionelle Verantwortlichkeit und im anderen an die Verantwortlichkeit für die Weiterverbreitung der Inhalte. Häufig ist die Anbietereigenschaft maß- gebend, d. h. die Norm richtet sich an denjenigen, der die betreffenden Dienste kommerziell vermarktet. Dies ist der Fall bei den Anbietern von Zugangs- berechtigungssystemen nach der Zugangsrichtlinie und den Diensteanbietern aus der eCommerce-Richtlinie. In der Richtlinie Urheberrecht in der Informa- tionsgesellschaft wird unter anderem an die Netzbetreibertätigkeit angeknüpft. Die Rahmenrichtlinie wendet sich auch an die Eigentümer von Anwendungs- programmierschnittstellen, in der Zugangsrichtlinie finden sich „Unternehmen“ als Adressaten. 3. Zwischenergebnis Der europäische Rechtsrahmen sieht mit dem Telekommunikations-Richtlinien- paket ein einheitliches Regelungsgefüge für die wesentlichen Aspekte der Signalübertragung vor. Dieses ist insofern technologieneutral, als es die Über- tragung über alle elektronischen Kommunikationsnetze erfasst. Deutlich weniger homogen stellt sich die Lage im Hinblick auf die Regulie- rung von Inhalten dar. Hier existiert kein abgestimmtes Richtlinienpaket, viel- mehr rücken einzelne Richtlinien bestimmte Mediengattungen (Fernsehricht- 62 linie) oder bestimmte rechtliche Aspekte wie das Urheberrecht (Richtlinie „Urheberrecht in der Informationsgesellschaft“, Satelliten- und Kabelrichtlinie) in den Mittelpunkt. II. Beispiele für Anwendungsprobleme des Medienrechtsrahmens 1. Probleme innerhalb bestimmter Rechtsinstrumente a) Begriff des Fernsehveranstalters und Rechtshoheit aa) Faktischer Hintergrund Wie bereits angedeutet, kann die Bestimmung des Fernsehveranstalters, auf den sich die Rechtshoheit eines Mitgliedstaats erstreckt – trotz der Definition des Fernsehveranstalters in Art. 1 lit. b) der Fernsehrichtlinie – mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein. Derartige Schwierigkeiten haben bspw. zu Streitigkeiten zwischen den Niederlanden und Luxemburg über die rechtliche Zuständigkeit für die Fernsehkanäle RTL4 und RTL5 geführt. Das luxemburgi- sche Medienunternehmen CLT-UFA strahlte diese, auf ein holländisches Publi- kum ausgerichteten Sender unter luxemburgischer Zulassung aus. Die CLT- UFA gründete später mit niederländischen Unternehmen das Joint Venture HMG SA (Holland Media Group), welches in Luxemburg niedergelassen war und die Sender RTL4 und RTL5 weiterhin unter luxemburgischer Zulassung ausstrahlte. Die niederländische Regulierungsbehörde Commissariaat voor de Media beanspruchte die rechtliche Zuständigkeit für diese Sender für sich. Die Behörde begründete dies damit, dass die Funktionen des Chefredakteurs, des Redakteurs, des Programmdirektors und des Generalprogrammdirektors alle- samt in der Niederlassung der HMG in den Niederlanden (Hilversum) ausgeübt würden. Ferner würden die redaktionellen Entscheidungen über die Zusammen- setzung der Programme in den Niederlanden getroffen, wo auch der wesent- liche Teil des Sendepersonals beschäftigt sei. Die Streitigkeit wurde mit einer Entscheidung des höchsten niederländischen Verwaltungsgerichtes, die der niederländischen Behörde die Ausübung regulatorischer Tätigkeiten gegenüber den Sendern untersagte, da die Fernsehrichtlinie die Ausübung einer Doppel- zuständigkeit verbiete, beendet.87 Zum besseren Verständnis sei an dieser Stelle nochmals die Definition aus Art. 1 lit. b) der Richtlinie angeführt. Ein Fernsehveranstalter ist demnach: 63 87 Vgl. Scheuer, „Niederlande: Streit um Rechtshoheit über RTL4 und RTL5 erreicht vorläufigen Schlusspunkt“, MMR 2003, Heft 10, S. VII. „die natürliche oder juristische Person, die die redaktionelle Verantwortung für die Zusammensetzung von Fernsehprogrammen im Sinne von Buchstabe a trägt und die diese Fernsehprogramme sendet oder von Dritten senden lässt“. Noch relativ eindeutig ergibt die Wortlautauslegung, dass der technische Sende- vorgang nicht zu den konstituierenden Eigenschaften eines Fernsehveranstalters zu zählen ist. Dieser kann Fernsehprogramme selbst senden oder diese Dienst- leistung durch – ansonsten unbeteiligte – Dritte durchführen lassen. Für die Einstufung als Fernsehveranstalter ist dies allerdings ohne Belang. Gegenstand der von Fernsehveranstaltern erbrachten Dienstleistung sind gem. Art. 1 lit. b) „Fernsehprogramme“. Eine Legaldefinition dieses Begriffs enthält die Richtlinie nicht, wohl aber eine Definition des Begriffs der Fernseh- sendung in Art. 1 lit. a). Diese ist: „die drahtlose oder drahtgebundene, erdgebundene oder durch Satelliten vermittelte, unverschlüsselte oder verschlüsselte Erstsendung von Fernsehprogrammen, die zum Empfang durch die Allgemeinheit bestimmt ist. (…)“ Während im allgemeinen (deutschen) Sprachgebrauch unter einem „Fernseh- programm“ in der Regel die einzelnen Fernsehsender oder „Kanäle“ (ARD, RTL usw.) bzw. die örtlich verfügbare Gesamtheit der Fernsehsender88 ver- standen werden, geht die Fernsehrichtlinie offensichtlich von einem anderen Verständnis dieses Begriffs aus. Hier stellt sich das Fernsehprogramm als Untereinheit des Begriffs der „Fernsehsendung“ dar. Unter Letzterer werden hingegen nach deutschem allgemeinen Sprachgebrauch die einzelnen themati- schen Abschnitte innerhalb eines Programms gefasst, so folgt beispielsweise innerhalb eines Vollprogramms „eine Kindersendung“ auf „eine Sportsendung“, und so kann ein „Nachrichtenprogramm“ (wie z. B. „CNN“ oder „n-tv“) von einer „Nachrichtensendung“ („die tagesschau“) in einem Vollprogramm unter- schieden werden. Dieser Sprachgebrauch hat sich in Deutschland auch im Gesetz niedergeschlagen. So spricht der Rundfunkstaatsvertrag bspw. von „Sen- dungen zum politischen Zeitgeschehen“, die nicht gesponsert werden dürfen (§ 8 Abs. 6 RStV), oder der Zulässigkeit virtueller Werbung, „wenn am Anfang und am Ende der betreffenden Sendung darauf hingewiesen wird“ (§ 7 Abs. 6 Nr. 1 RStV). Die Definitionen der Begriffe „Vollprogramm“ (§ 2 Abs. 2 Nr. 1 RStV) und „Spartenprogramm“ (§ 2 Abs. 2 Nr. 2 RStV) im Rundfunkstaats- vertrag ergeben eindeutig, dass der Gesetzgeber mit dem Begriff „Programm“ auf die einzelnen Fernsehsender abzielt, während er mit dem Begriff der „Sen- dung“ einzelne Bestandteile des (Gesamt-)Programms erfassen will. Jedoch bereitet nicht allein die offenbar gegenläufige Verwendung der Begriffe Schwie- rigkeiten, sondern darüber hinaus der Umstand, dass der zentrale Begriff des 64 88 de.wikipedia.org/wiki/Fernsehprogramm. Fernsehprogramms in der Richtlinie zwar mehrfach verwendet, aber nicht definiert wird. bb) Merkmal der „redaktionellen Verantwortung“ Auch der zur Bestimmung des Fernsehveranstalters verwendete Begriff der redaktionellen Verantwortung wirft erhebliche Fragen auf (vgl. RTL-4- und -5-Fall). Eindeutig bestimmen lässt sich der Verantwortliche für die Zusammen- setzung von Fernsehprogrammen anhand dieses Kriteriums nur dann, wenn die Verantwortung klar konzentriert ist. Die tatsächlichen Verhältnisse im Rund- funksektor sind jedoch bei weitem nicht stets von einer solchen Eindeutigkeit. Die Verantwortung wird vielfach vertikal auf verschiedene Ebenen verteilt, d. h. auf Mutter- und Tochtergesellschaften, sowie horizontal nach Teilen der Fernsehsendungen, so dass verschiedene natürliche und juristische Personen Verantwortung übernehmen. Ferner werden von den Sendeunternehmen immer häufiger fremdgestaltete Inhalte eingekauft, was mit einem Teil-Verlust redak- tioneller Kontrolle einhergeht. Auch das (mögliche) Auseinanderfallen fakti- scher und rechtlicher Verantwortung ist in diesem Zusammenhang zu proble- matisieren. Das Kriterium der redaktionellen Verantwortung wird auch zur Beurteilung des Niederlassungsortes verwendet und in diesem Zusammenhang in Erwä- gungsgrund 12 der Richtlinie erwähnt, ohne eine wesentliche Konkretisierung zu erfahren. Dort wird die redaktionelle Verantwortung umschrieben mit dem „Ort, an dem gewöhnlich die Entscheidungen über die Programmgestaltung getroffen werden“. Der Ort der Endregie (d. h. der Ort, an dem die zu sendenden Programme abschließend zusammengestellt werden) findet ebenfalls als Nieder- lassungskriterium Verwendung, allerdings lässt sich wohl auch die Endregie als Kriterium für die Verortung von redaktioneller Verantwortung heranziehen. Das könnte darauf hindeuten, dass bezüglich der ortsabhängigen Bestimmung der Aufsichtsverantwortlichkeit also eher auf den faktischen Entscheidungsort abgestellt wird, nicht auf die abstrakte Verantwortung. Mit dem Begriff ab- strakter Verantwortung soll hier die Verantwortung eines bspw. Vetoberechtig- ten gekennzeichnet werden, der in der Regel keine Entscheidungen trifft, jedoch theoretisch jederzeit eingreifen könnte. Es stellt sich ferner die Frage, was genau der Gegenstand sein soll, auf den sich die redaktionelle Verantwortung bezieht. Sind hier eher Entscheidungen des Tagesgeschäfts angesprochen („Soll dieser oder jener Beitrag in die aktuelle Sendung aufgenommen werden?“) oder vielmehr die strategische Ausrichtung eines Senders („der Bereich Kultur muss deutlich mehr Sendeanteil haben als Sportbeiträge“). In diesem Zusammenhang ist die oft komplizierte Organisa- tionsstruktur von Rundfunkunternehmen zu beachten, die möglicherweise vom Gesetzgeber nicht (hinreichend) bedacht wurde. 65 cc) Lösungsansätze (1) Tatsächliche Zusammensetzung der Programme Als Erstes käme eine sehr an der tatsächlich gestaltenden Tätigkeit orientierte Auslegung in Betracht. Die Veranstaltereigenschaft wäre dann daran geknüpft, wer über den Vorgang des Zusammensetzens der Programme – möglicher- weise bis auf die Ebene des jeweiligen Tagesprogrammes herab – entscheidet, die Reihenfolge festlegt und Schnittentscheidungen für die einzelnen Beiträge kontrolliert. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass diese Tätigkeit angesichts heutiger Technik und der Möglichkeit, im weiten Umfang fremde Beiträge und eingekauftes Material zu verwenden, von begrenztem Umfang sein kann. In letzter Konsequenz könnte bei einem Spielfilmkanal ein Filmehändler oder -produzent, bei einem Musiksender eine Produzentenfirma zum Veranstalter werden, wenn sich die Sendung auf das lückenlose Aneinanderreihen dieser Inhalte in der gelieferten Reihenfolge beschränken würde. Ein solches Ergebnis würde jedoch dem Zweck der Veranstalterbestimmung nicht gerecht, denn spätestens bei den Letztgenannten würde es sich nicht um die Personen handeln, die bezüglich der bei der Veranstaltung von Fernsehen einzuhaltenden Regeln wie Jugendschutz, Werbezeitbeschränkungen usw. sinnvoll heranzuziehen wären. Zudem wird die Gestaltung eines Vollprogramms meist das Delegieren von Aufgaben erfordern, es kann also „nur“ um die Verortung des gemeinsamen Verantwortungsträgers für alle redaktionell-inhaltlichen Vorgänge gehen. Doch auch dies lässt noch weite Spielräume. Zu denken wäre zum einen an die Chefredaktion. Für die Details des Tagesprogramms hätte eine Veror- tung hier sicher ihre Berechtigung. Zu bedenken wäre hierbei dann noch, dass in der Regel nicht der Chefredakteur in eigener Person Veranstalter sein kann und soll, sondern diejenige juristische Person, für die er steht. Im Ergebnis er- scheint daher eine Anlehnung an den Vorgang der Endregie, ja selbst an den Chefredakteur für sich allein genommen, als zu kurz gegriffen, um die redak- tionelle Verantwortung und damit den Veranstalter zu bestimmen. (2) Kompetenz zur Letztentscheidung Bereits der Gedanke an die Chefredaktion knüpft an die abstraktere Idee der Letztentscheidung an, denn kein Chefredakteur könnte sich alle Programme einzeln ansehen. Die Hierarchie der Entscheidungskompetenz wird sich häufig nach der Chefredaktion noch weiter, hin zu über dem Chefredakteur stehenden Entscheidungsträgern, verfolgen lassen. Bei Gemeinschaftsprogrammen etwa wäre an eine übergeordnete Programmkonferenz zu denken, die lediglich den Rahmen bestimmt. Allerdings wird hier zu beachten sein, dass nur eine juristi- sche oder natürliche Person Veranstalter sein kann. Einer Programmkonferenz, die sich aus gleichberechtigten Partnern eines Gemeinschaftsprogramms zusam- mensetzt, muss keine Rechtspersönlichkeit zukommen. Zumindest in diesem 66 Fall könnte die Veranstaltereigenschaft nur eine Ebene tiefer angesiedelt wer- den. Das Kriterium der Letztentscheidung hat jedoch noch einen weiteren Aspekt, den es zu beachten gilt. Gerade bei dem Zusammenwirken mehrerer Partner werden die Mitspracherechte letztlich vertraglich geregelt. Fragt man also nach der Letztentscheidungskompetenz, so wird sich diese für gewöhnlich aus den vertraglichen Regelungen ergeben. Damit lässt sich auch eine rechtliche Fiktion der Verantwortung – nach Wahl – begründen. Den Gegensatz dazu bildet eine mehr an den tatsächlichen Entscheidungsvorgängen orientierte Auslegung, die fingierende (vertragliche) Konstruktionen in Zweifelsfällen relativieren könnte oder gänzlich unberücksichtigt ließe. (3) Verantwortung des Eigentümers Man könnte daran denken, bei der Frage nach der redaktionellen Verantwor- tung auch das Eigentum an einem Rundfunkunternehmen und die damit einher- gehende Kontrolle über dieses in die Betrachtungen einzubeziehen. Gegen diesen Ansatz spricht jedoch, dass sich herausstellen könnte, dass eine Vielzahl der so ermittelten „Veranstalter“ der – häufig international aufgestellten – Rundfunkunternehmen nicht in Europa ansässig sind.89 Zudem könnte durch das Abstellen auf die Eigentümerstellung quasi „durch die Hintertür“ eine Art europäisches Medienkonzentrationsrecht geschaffen werden. Es bestehen jedoch gewichtige Bedenken dahingehend, ob die Europäische Gemeinschaft über- haupt über eine Ermächtigungsgrundlage zum Tätigwerden in diesem Bereich verfügt.90 (4) Verortung der Verantwortung in anderen Rechtsinstrumenten Die Frage nach der Bestimmung des Veranstalters hat bislang – soweit ersicht- lich – nicht im Zentrum der Bemühungen um eine Revision der Fernsehricht- linie und der damit verbundenen wissenschaftlichen Diskussion gestanden. Angesichts der absehbaren Integration sog. „nicht-linearer Dienste“91 in den Anwendungsbereich der neuen Richtlinie wird sich diese Frage vermutlich noch in verschärfter Form stellen. Die nationalen Aufsichtsbehörden werden sich angesichts der großen Vielfalt verschiedenster Angebote auch einer Viel- zahl von Operatoren gegenüber sehen, die bei der Herstellung, Distribution und Vermarktung der neuen Angebote jeweils eine bestimmte Rolle einnehmen. Insofern bedarf die Exekutive hier klarer rechtlicher Vorgaben, wer Adressat der inhaltlichen Verpflichtungen der Richtlinie und damit möglicher behörd- 67 89 McGonagle/van Loon, IRIS Spezial 2002, S. 13. 90 Roßnagel/Scheuer, Das europäische Medienrecht, MMR 2005, 271 (277). 91 Nicht-lineare Dienste sind Dienste, bei denen nicht der Anbieter einen festgelegten Programmablauf vorgibt, sondern der Nutzer den gewünschten Inhalt zu jedem beliebigen Zeitpunkt individuell abrufen kann. Beispiele sind Video-on-Demand oder Internetnachrichtendienste. licher Maßnahmen ist. Gerade im Hinblick auf diese neueren Dienste dürfte es sich lohnen, den Blick auf die der Fernsehrichtlinie zeitlich nachfolgenden europäischen Rechtsinstrumente für den Kommunikationssektor zu wenden: Von Interesse sind in diesem Zusammenhang die Ansätze zur Bestimmung der „Verantwortung“ in der Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr. In deren Art. 12 bis 14 wird festgelegt, dass Anbieter des Übertragungsweges nicht für die übermittelten Informationen verantwortlich seien und auch nicht verantwortlich gemacht werden sollten, selbst wenn der Inhalt zwischengespei- chert oder sogar auf einem Speichermedium für den Nutzer gespeichert und bereitgehalten wird. Auch hier soll also die Verantwortung nicht durch das Ausführen des Verbreitungsvorgangs begründet werden, sondern durch das Ver- anlassen der Verbreitung gerade des Inhalts, der dann auch verbreitet wird. Derselbe Ansatz wird auch im Richtlinienpaket zur elektronischen Kommu- nikation verfolgt. Die zentrale Definition der Kommunikationsdienste in Art. 2 lit. c) der Rahmenrichtlinie erfasst nur solche Dienste der Informationsgesell- schaft, die allein im Signaltransport bestehen. Entscheidend für die Qualifizie- rung als Kommunikationsdienst ist der Transportcharakter der Dienstleistung. Nicht erfasst sind die transportierten Inhalte. Das Richtlinienpaket lässt alle Maßnahmen unberührt, die auf Gemeinschaftsebene in Bezug auf diese inhalt- lichen Dienste getroffen werden, um die kulturelle und sprachliche Vielfalt und den Medienpluralismus zu fördern. Um eine Kohärenz der Rechtsinstrumente der europäischen Medienordnung zu gewährleisten, sollte sich dieser Ansatz auch in der revidierten Fernseh- richtlinie wiederfinden. dd) Vermittelnde Lösung Eine praktikable Lösung muss sich zwischen den aufgezeigten Extremen be- wegen. Dabei wird sowohl der Aspekt der Letztentscheidung zu berücksichti- gen sein – gegebenenfalls unter Rückgriff auf vertragliche Bestimmungen –, doch ist dabei zu beachten, ob diese Entscheidungsstrukturen in der praktischen Ausführung auch ihre Entsprechung finden. b) Anwendung des Systems kollektiver Rechtewahrnehmung auf Satellitenbetreiber In ihrem Anwendungsbericht zur Richtlinie 93/83/EWG vom 26. Juli 200292 setzt sich die Kommission mit dem Vorschlag auseinander, das System der obligatorischen kollektiven Wahrnehmung von Urheberrechten auf die Weiter- 68 92 Bericht der Europäischen Kommission zur Anwendung der Richtlinie 93/83/EWG des Rates vom 27. Sep- tember 1993 zur Koordinierung bestimmter urheber- und leistungsschutzrechtlicher Vorschriften betreffend Satellitenrundfunk und Kabelweiterverbreitung, KOM(2002)430 endg. vom 26. 7. 2002. verbreitung über Satellit auszudehnen. Hintergrund dieses Vorschlags ist, dass in den letzten Jahren in ganz Europa eine zunehmende Anzahl von Satelliten- betreibern (satellite services), sog. „Bouquets“ neugebündelter Programme (repackaged programs) anbiete. Einige Marktteilnehmer befürworten daher eine Ausdehnung des Systems kollektiver Rechtewahrnehmung, um Kabel- und Satellitenbetreibern die gleichen Ausgangsbedingungen zu bieten. Die Kommission steht diesem Vorschlag allerdings eher skeptisch gegenüber, da sie hierin u. a. eine zu deutliche Schwächung der Position der Rechteinhaber sieht. 2. Abgrenzung des Anwendungsbereichs verschiedener Rechtsinstrumente a) Abgrenzungsprobleme zwischen Fernseh- und eCommerce-Richtlinie Ein niederländisches Gericht (Raad van State) hatte dem Gerichtshof im Rah- men eines Vorabentscheidungsverfahrens die Frage vorgelegt, ob der zeit- versetzte Videoabruf (sog. Near-Video-on-Demand/NVoD) als Fernsehdienst i. S. d. Fernsehrichtlinie oder als Dienst der Informationsgesellschaft insbeson- dere i. S. d. Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr einzustufen sei. Beim zeitversetzten Videoabruf werden vom Anbieter einzelne Filme mehr- mals zu nahe beieinander liegenden Zeiten übertragen, welche der Zuschauer über seine Fernbedienung oder Telefon getrennt anfordern kann. Der Zuschauer erhält sodann einen individuellen Schlüssel, der es ihm erlaubt, ein Angebot zu den auf dem Fernsehbildschirm oder im Programmführer angegebenen Zeiten freizuschalten und zu betrachten. Der EuGH hat in seiner Entscheidung festgestellt, dass derartige Dienste unter den Begriff der Fernsehsendung gemäß Art. 1 lit. a) der Fernsehrichtlinie zu subsumieren sind. Zu diesem Ergebnis gelange man, so der Gerichtshof, allein durch die Auslegung der o. a. Vorschrift der Fernsehrichtlinie, in welcher der Begriff Fernsehsendung autonom definiert werde. Mit diesem Ansatz weicht der Gerichtshof von den Ausführungen des Generalanwalts Tizzano ab, der NVoD zwar auch als Fernsehsendung einstuft, die Interpretation dieses Begriffs jedoch maßgeblich auf Vorschriften der sog. Transparenzrichtlinie stützt. Dagegen führt der Gerichtshof auf, dass mit dem Erlass dieser Richtlinie der Gemeinschaftsrechtsgeber nicht die Vorgaben der Fernsehrichtlinie ändern wollte, die weniger als ein Jahr zuvor revidiert worden sei. Entscheidend für die Einordnung eines Dienstes als Fernsehsendung sei, dass das Angebot zum Empfang durch die Allgemeinheit bestimmt sei, d. h. durch eine unbestimmte Zahl möglicher Fernsehzuschauer, an die dieselben Bilder gleichzeitig übertragen werden. Auch mit dieser Aussage weicht der Gerichtshof ein Stück weit vom Votum des Generalanwalts ab. Dieser hatte 69 – ausgehend von der Transparenzrichtlinie – die Art der Übertragung als ent- scheidendes Abgrenzungskriterium in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt. Erfolge diese über eine separate Verbindung zwischen Anbieter und Nutzer – also eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung (Point-to-Point) –, so sei das Angebot als Dienst der Informationsgesellschaft anzusehen. Werde der Dienst hingegen durch den Anbieter an eine unbestimmte Vielzahl möglicher Nutzer verteilt (Punkt-zu-Mehrpunkt oder Point-to-Multipoint), so handele es sich nicht um einen Dienst der Informationsgesellschaft im Sinne der Richtlinie 98/34/EG in der Fassung der Richtlinie 98/48/EG. Der Gerichtshof hingegen sieht in der Technik der Bildübertragung nicht das maßgebliche Abgrenzungskriterium. Diese spiele lediglich bei der Abgren- zung zu Diensten auf individuellen Abruf eine Rolle.93 Ein individueller Abruf liege jedoch nicht deshalb vor, weil die NVoD-Angebote nur einem beschränk- ten Abonnentenkreis zugänglich seien und durch einen persönlichen Schlüssel freigeschaltet werden müssten. Denn den Nutzern dieses Angebots stünden nur vom Verbreiter ausgewählte Programme zur Verfügung, die zu von diesem festgelegten Zeiten gesendet würden. Alle Abonnenten empfangen die ent- sprechenden Filme damit zum selben Zeitpunkt. Zur Einordnung der – ebenfalls unter der Bezeichnung Near-Video-on-Demand angebotenen – Dienste, bei denen Filme nachts via Satellit auf Digitalreceiver von Abonnenten übertragen werden94 und der Rezipient dann von dort nur diejenigen nach Bezahlung ab- ruft, die er auch tatsächlich ansehen möchte, hat der Gerichtshof nicht Stellung bezogen.95 Aus Sicht des Rezipienten lassen sich die unterschiedlichen Regelungen teilweise kaum mehr nachvollziehen. Scheinbar sind es Marginalien, die über die Frage entscheiden, ob ein Dienst der Definition der Fernsehsendung unter- fällt oder nicht. Die Konsequenz einer unterschiedlichen Einstufung ist aber die Zuordnung zu gänzlich anderen Regelungsregimen. So wird Near-Video- on-Demand als Fernsehen behandelt, Video-on-Demand dagegen nicht. Gleich- wohl dienen beide demselben Zweck, nämlich dem Betrachten einzelner Filme zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dies macht eines deutlich: Die derzeitige Abgrenzung zwischen Fernsehen auf der einen Seite und den übrigen Multi- mediadiensten auf der anderen erscheint angesichts der fortschreitenden Tech- nik zunehmend fragwürdig. Ähnliche Schwierigkeiten bei der Einordnung in das geltende Gemein- schaftsrecht ergeben sich auch hinsichtlich der Verbreitung von „Internet-Rund- funk“. Die Kommission verfolgte hier zunächst den Ansatz, dass bei einer 70 93 Der Generalanwalt Tizzano hatte hingegen das technische Kriterium in seinen Ausführungen in den Vorder- grund gestellt, vgl. Scheuer, epd medien 2005, Heft 29, S. 4 (7). 94 Ein solcher Dienst wird beispielsweise von Premiere angeboten. 95 Vgl. dazu auch Schreier, MMR 2005, S. 519 (520). zeitgleichen Übertragung einer im TV ausgestrahlten Sendung im Internet (sog. „Simulcast-Ausstrahlung“ oder Live-Video-Streaming) kein Dienst der Informationsgesellschaft vorliege, sondern die Vorschriften der Fernsehricht- linie anzuwenden seien.96 In den Bestimmungen der Fernsehrichtlinie hat sich dieser Ansatz jedoch nicht niedergeschlagen, sondern es wird allein darauf abgestellt, ob es sich um einen Abruf- oder einen Verteildienst handelt. Mit der Ausbreitung des digitalen Fernsehens ergibt sich die Möglichkeit, IP-basierte Internetdienste in Programmangebote zu integrieren. Steht hierbei ein Rückkanal zur Verfügung, kann zudem eine interaktive Einbindung des Zuschauers erfolgen („interaktives Fernsehen“). Im Hinblick auf das Phänomen „interaktive Werbung“ sah sich die Kommission veranlasst, in einer interpretie- renden Mitteilung97 für mehr Rechtssicherheit zu sorgen. Die Fernsehrichtlinie selbst enthält für diese neuen Angebotsformen offensichtlich keine eindeutigen Vorgaben. Es ist mithin bereits heute zu konstatieren, dass die geltenden Rechts- vorschriften für einige der neuen Erscheinungsformen im audiovisuellen Sektor keine klaren Antworten bereit halten. Diese Schwierigkeiten dürften sich auf- grund der fortschreitenden technischen Entwicklung, insbesondere im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung, künftig noch verschärfen. Im Ergebnis führt diese zu einer größeren Unabhängigkeit der Inhalte von bestimmten Infrastrukturen oder Netzen. Die Grenzen zwischen den traditionell unterschie- denen Formen der elektronischen Medien verschwimmen also zusehends.98 Die bisherige Unterscheidung entlang der Trennlinie zwischen Abruf- und Verteildiensten lässt sich jedenfalls dann nicht mehr aufrechterhalten, wenn die Sicht des Betrachters der elektronischen Angebote bzw. des Nutzers zugrunde gelegt wird. So ergibt sich beispielsweise für den am Computer-Bildschirm agierenden Nutzer kein anderer Eindruck von einem inhaltlichen Angebot, wenn er sich einerseits über das Internet in einen Fernsehprogramm-Stream einwählt oder aber andererseits die TV-Karte zum Abruf des entsprechenden Programms nutzt.99 Wenn dem so ist, dann ist es auch kaum mehr nachvollzieh- bar, warum das eine Angebot einschneidenden inhaltlichen Bestimmungen – man denke hier insbesondere an die strikten Werberegelungen und Pro- grammquoten – unterworfen ist, während das andere ohne nähere inhaltliche Regulierung auskommen kann. Hier zeigt sich das nicht unbekannte Phänomen, dass die technische Entwicklung Fakten setzt, auf die das gesetzte Recht nach- 71 96 Vgl. noch die Begründung der Kommission zum Entwurf der eCommerce-Richtlinie, KOM(1998)596 endg. 97 Mitteilung der Kommission zu Auslegungsfragen in Bezug auf bestimmte Aspekte der Bestimmungen der Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“ über die Fernsehwerbung. KOM(2004)1450 vom 23. 4. 2004, S. 16 ff.m 98 Roßnagel, Der künftige Anwendungsbereich der Fernsehrichtlinie – Welche Medien können erfasst werden?, in: EMR-Schriftenreihe, Band 29, S. 35 ff., 38. 99 Scheuer, Content oder Commerce? Plädoyer: maßvolle Revision der Fernsehrichtlinie, in: epd medien 38/2002, S. 3 ff., 4. vollziehbare Antworten geben muss, will es weiterhin vom rechtsunterworfenen Anwender ernst genommen werden. Außerdem zeigt dieses Beispiel, dass das technische Abgrenzungskriterium nicht mit einer effektiven Verwirklichung der Regelungsziele der verschiedenen Rechtsinstrumente des europäischen Medienrechts in Einklang zu bringen ist. b) Abgrenzungsprobleme zwischen Fernsehrichtlinie und neuem Rahmen zur elektronischen Kommunikation Das Multiplexing, d. h. der Vorgang des Zusammenführens von Programmen verschiedener Veranstalter sowie von Zusatzdiensten in einer digitalen Aufwärts- strecke zum Satelliten, scheint zunächst eindeutig dem Bereich der elektroni- schen Kommunikation zuzuordnen zu sein. Dieser Vorgang kann aber durch die neue Zusammenstellung von Inhalten auch Fragen aufwerfen, die die Inhalte- regulierung berühren. Es ist angedacht, diesen Prozess bei der Revision der Fernsehrichtlinie zumindest insoweit näher zu betrachten, als er für die Be- stimmung der Rechtshoheit von Bedeutung ist.100 c) Anwendungsprobleme im Zusammenhang mit dem neuen Rechtsrahmen zur elektronischen Kommunikation aa) Plattformbetreiber Nicht in den Anwendungsbereich des Telekommunikationsrichtlinienpaketes fallen Plattformbetreiber bzw. Bündler von Diensten. Dies wird in Erwägungs- grund Nr. 45 der Universaldienstrichtlinie klargestellt. Dieser lautet: „Dienste, die die Bereitstellung von Inhalten wie das Angebot des Verkaufs eines Bündels von Hörfunk- oder Fernsehinhalten umfassen, fallen nicht unter den gemeinsamen Rechts- rahmen für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste. Die Anbieter dieser Dienste sollten in Bezug auf diese Tätigkeiten keiner Universaldienstverpflichtung unterliegen. Mit dem Gemeinschaftsrecht zu vereinbarende einzelstaatliche Maßnahmen in Bezug auf diese Dienste bleiben von dieser Richtlinie unberührt.“ bb) Navigatoren und EPGs Problematisch ist zudem die Einordnung der im digitalisierten Medienumfeld zunehmend an Bedeutung gewinnenden Navigatoren und EPGs. Für Schwie- rigkeiten sorgt insbesondere deren Doppelnatur als technische Dienste und Inhaltedienste. Dadurch berühren sie verschiedene Felder der Regulierung.101 72 100 Vgl dazu die Ausführungen unten unter III 1. b) cc). 101 Vgl. Schulz, in: Die Regulierung des Zugangs zum digitalen Fernsehen, IRIS Spezial, Straßburg 2004, S. 51 ff. Nach Art. 5 Abs. 1 lit. b) in Verbindung mit Anhang I Teil II lit. b) der Zugangs- richtlinie können die nationalen Regulierungsbehörden zur Gewährleistung des Zugangs von Endnutzern zu digitalen Rundfunk- und Fernsehdiensten die Betreiber dazu verpflichten, den Zugang zu EPGs zu fairen, ausgewogenen und nicht diskriminierenden Bedingungen zu ermöglichen. Da das Telekommu- nikations-Richtlinienpaket, wie aus Art. 1 Abs. 2 der Rahmenrichtlinie folgt, nur die Signalübertragung, also die technischen Dienste regelt, stellt sich die Frage, wie die inhaltlichen Aspekte dieser Dienste zu behandeln sind. Art. 6 der Zugangsrichtlinie stellt klar, dass den Mitgliedstaaten die Möglichkeit, Ver- pflichtungen in Bezug auf die Darstellungsaspekte elektronischer Programm- führer und ähnlicher Anzeige- und Orientierungshilfen festzulegen, unbenom- men bleibt. Damit ist allerdings noch keine Aussage über die Natur solcher Dienste getroffen. In Betracht kommt dafür die Einstufung als Fernsehsendung oder Dienst der Informationsgesellschaft. An dieser Stelle wäre de lege ferenda eine Klarstellung wünschenswert. III. Ausblick: Lösungsansätze in Bezug auf audiovisuelle Inhaltedienste 1. Stand der Vorbereitungsarbeiten der Kommission Im Rahmen des gesamten Konsultationsverfahrens zur Revision der Fernseh- richtlinie ergab sich eine große Übereinstimmung hinsichtlich der Notwendig- keit eines abgestuften, technologieneutralen Regulierungsrahmens für die Be- reitstellung audiovisueller Inhalte an die breite Öffentlichkeit. Dieser Konsultationsprozess mündete schließlich in der Annahme des Vor- schlags für die Abänderung der Richtlinie durch die Kommission am 13. De- zember 2005.102 Demnach sind in einem abgestuften Regelungssystem zum einen generelle Vorschriften vorgesehen, welche sich auf alle Formen der Verbreitung audiovisueller Dienste beziehen. Diese regeln den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor schädlichen Inhalten, die klare Erkennbarkeit kommerzieller Kommunikation sowie weitergehende qualitative Vorgaben be- züglich der Werbung für Alkohol und Tabak sowie für Werbung, die sich an Minderjährige richtet. Ferner soll eine Pflicht der Diensteanbieter begründet werden, Angaben über ihre Identität zu machen, die leicht, unmittelbar und dauerhaft zugänglich sind. Neben diesen generellen Vorschriften, die für alle 73 102 Europäische Kommission, Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 89/552/EWG des Rates zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungs- vorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit, abrufbar unter: www.europa. eu.int /comm/avpolicy/regul/newtwf_de.pdf. audiovisuellen Dienste gelten, sollen spezifische Regelungen geschaffen wer- den, die nur auf die traditionellen „linearen“ Fernsehprogramme Anwendung finden. Dies betrifft beispielsweise quantitative Regelungen zur Werbung, die allerdings im Vergleich zur geltenden Fernsehrichtlinie weniger restriktiv aus- gestaltet sein sollen. Die Unterscheidung der verschiedenen Dienste findet demnach nur anhand des Kriteriums „linear“ oder „nicht-linear“ statt. Linearen Programmen, wie beispielsweise den traditionellen Fernsehprogrammen, bei denen kein Rück- kanal zur Verfügung steht, wird dabei ein höheres Beeinflussungspotenzial zugemessen, als wenn sich der Nutzer in einer interaktiven, d. h. nicht-linearen Umgebung bewegt. Der zuvor verfolgte Ansatz einer zusätzlichen Abstufung, welche sich an der Wirkungsintensität eines Dienstes orientiert („high-impact“ oder „low-impact“), wird von der Kommission offensichtlich nicht mehr weiter verfolgt. In den Fokusgruppen war insofern noch eine Unterscheidung der Dienste hinsichtlich ihrer Wirkung diskutiert worden. Hierbei könne zwischen High-impact- und Low-impact-Angeboten unterschieden werden, was wiederum abhängig sei von der Anzahl der Nutzer und der Meinungsbildungsrelevanz eines Mediums. Diesem Vorschlag lag eindeutig eine Orientierung am deut- schen Regulierungsmodell zugrunde, das eine Abstufung der Regulierungs- dichte ebenfalls anhand der jeweiligen Meinungsbildungsrelevanz vornimmt. Von diesem Ansatz rückte die Kommission aber bereits in ihren im Juli 2005 veröffentlichten sog. Themenpapieren, welche die in den Fokusgruppen und im Konsultationsprozess gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassten, ab. Zu diesen Themenpapieren, welche der Vorbereitung einer Konferenz in Liverpool dienen sollten, erbat die Kommission erneut die Stellungnahmen interessierter Kreise. Eine Unterscheidung zwischen High-impact- und Low-impact Ange- boten fand sich in den Thesenpapieren nicht mehr, sondern es wurde unmiss- verständlich das zuvor beschriebene Zwei-Stufen-Modell favorisiert. Die Gründe für diese Neuorientierung der Kommission können zum aktuellen Zeitpunkt nur vermutet werden und könnten mit den praktischen Schwierigkeiten zusam- menhängen, die sich bei der Feststellung der Meinungsbildungsrelevanz eines Dienstes ergeben würden. Die schon zuvor zu verzeichnende Abkehr der Kommission vom deutschen Regelungsansatz hat sich mithin auch in ihrem endgültigen Vorschlag nieder- geschlagen. Eine Ausnahme bildet hier jedoch die Neuregelung des Art. 20 der Fernsehrichtlinie. Nach dieser Vorschrift kann wie bisher von den Werbe- bestimmungen der Richtlinie zugunsten von Fernsehveranstaltern, die lediglich im Hoheitsgebiet des zuständigen Mitgliedstaats zu empfangen sind, abge- wichen werden. Diese Möglichkeit soll allerdings künftig auch zugunsten von Veranstaltern bestehen, die keinen bedeutenden Zuschaueranteil erreichen. Es wird also in diesen Fällen nicht auf den Aspekt der Grenzüberschreitung ab- gestellt, sondern auf die Bedeutung bestimmter Veranstalter – anders formuliert: 74 Bei Low-impact-Angeboten kann von den Werbebestimmungen der Richtlinie abgewichen werden. An dieser einen Stelle im Vorschlag der Kommission hat sich folglich der Ansatz des deutschen Medienrechts doch durchsetzen können, was angesichts der vorausgegangenen Äußerungen der Kommission als über- raschend bezeichnet werden kann. Die im Kommissionsvorschlag vorgenommenen Definitionen, die sich einer- seits auf den Anwendungsbereich der künftigen Richtlinie (d. h. die ihr unter- fallenden Dienstekategorien) und zum anderen auf den anvisierten Adressaten- kreis beziehen, sollen im Folgenden beleuchtet werden. a) Anwendungsbereich Gegenstand der Regelungen der künftigen Fernsehrichtlinie sollen die sog. „audiovisuellen Mediendienste“ sein. Diese Dienste werden in Art. 1 lit. a) des Vorschlags wie folgt definiert: „audiovisueller Mediendienst“: eine Dienstleistung im Sinne von Artikel 49 und 50 EG-Vertrag, deren Hauptzweck in dem Angebot bewegter Bilder mit oder ohne Ton zur Information, Unterhaltung oder Bildung der allgemeinen Öffentlichkeit über elektroni- sche Kommunikationsnetze im Sinne von Artikel 2 Buchstabe a der Rahmenrichtlinie 2002/21/EG besteht. Die Bezugnahme auf die Vorschriften zur Dienstleistungsfreiheit im EG-Vertrag soll dabei dazu dienen, alle Arten nicht-kommerzieller Kommunikation vom Anwendungsbereich der künftigen Richtlinie auszuschließen.103 Erfasst werden sollen nur Dienstleistungen, wie sie im EG-Vertrag festgelegt sind, und daher alle Arten wirtschaftlicher Tätigkeiten, auch die öffentlich-rechtlicher Unter- nehmen. Fraglich ist mithin, welche Angebotsformen als nicht-wirtschaftliche Tätigkeiten künftig aus dem Anwendungsbereich der Richtlinie herausfallen sollen. Ausdrücklich nennt die Richtlinie hier im 13. Erwägungsgrund „rein private Webseiten.“ Vorstellbar wäre es auch, künftig unter den Begriff der nicht-kommerziellen Kommunikation die sog. „Bürgerkanäle“ zu subsumieren, die bislang allerdings vom Anwendungsbereich der Richtlinie erfasst werden.n Ferner sind audiovisuelle Mediendienste nach ihrer Definition an die allge- meine Öffentlichkeit gerichtet, womit der Bereich der Individualkommunika- tion nicht der künftigen Richtlinie unterfällt. Der 14. Erwägungsgrund ver- wendet in diesem Zusammenhang das Gegensatzpaar „Massenmedien“ und „private Korrespondenz“. Nur die audiovisuellen Massenmedien sollen vom Anwendungsbereich der Richtlinie erfasst werden, während alle Formen der privaten Korrespondenz ausgeschlossen sein sollen. Mit privater Korrespondenz 75 103 Themenpapier „Regeln für audiovisuelle Inhaltsdienste“, S. 2; Erwägungsgrund 13 des Kommissionsvor- schlags. ist bspw. E-Mail gemeint, allerdings nur, solange sich deren Aussendung an eine begrenzte Anzahl von Empfängern richtet.104 Das Merkmal „privat“ dient daher weniger der Abgrenzung zu kommerziellen Angeboten, sondern meint vielmehr einen gewissen Grad an Vertraulichkeit, welcher der Kommunikation zugrunde liegen muss. Die Verbreitung der audiovisuellen Dienste erfolgt nach der Definition über elektronische Kommunikationsnetze, wie sie in Art. 2 lit. a) der Rahmenricht- linie 2002/21/EG beschrieben werden. Die Presse ist von den Regelungen der geplanten Richtlinie folglich nicht betroffen – was allerdings auch zu keiner Zeit zu den (ernsthaften) Überlegungen des Revisionsverfahrens gezählt hat.105 Angesichts der oben zitierten Begriffsbestimmung soll der Hörfunk – wie auch unter der derzeit geltenden Fernsehrichtlinie – nicht zum Gegen- stand gemeinschaftsrechtlicher Regelungen gemacht werden. Denn als konsti- tutives Element der audiovisuellen Mediendienste erfordert die Definition die Übertragung bewegter Bilder – ob diese zusätzlich vertont sind oder nicht, wird als zweitrangig angesehen.106 Allerdings korrespondiert die Definition insoweit nicht unbedingt mit den erläuternden Ausführungen der Kommission im Themenpapier. Dort wird vielmehr dargestellt, dass zu der Frage, ob der Hörfunk in den Anwendungsbereich einbezogen werden soll, unterschiedliche Positionen vertreten wurden.107 Ihre eigene Haltung zu dieser Frage äußert die Kommission hingegen nicht explizit, der vorgeschlagene Definitionsansatz lässt jedoch klar den Schluss zu, dass sie den Hörfunk nicht dem neuen Rechts- rahmen unterwerfen will. Das Erfordernis der Übertragung bewegter Bilder dürfte zudem solche Dienste ausschließen, die – wenn auch in geringem zeit- lichen Abstand – statische Bilder übertragen, wie dies beispielsweise bei den sog. Webcams häufig der Fall ist.108 Allerdings bringt es u. a. die technische Entwicklung, insbesondere die zunehmende Verfügbarkeit von Breitbandzugängen mit sich, dass auf Internet- seiten immer häufiger bewegte Bilder bzw. Animationen (z. B. animierte Werbe- banner) verwendet werden. In welchem Umfang müssen solche Features auf 76 104 Vgl. Erwägungsgrund 14 des Kommissionsvorschlags. 105 In der Ergebnisniederschrift der Besprechung der AG Europa der Rundfunkreferenten der Länder am 13. 6. 2005 in Berlin heißt es, dass nach „derzeitiger Auffassung“ (auch) Online-Zeitschriften nicht dem Anwendungs- bereich der geplanten Richtlinie unterfielen. Gründe für diese Einschätzung werden nicht angegeben. Nach dem jetzt vorliegenden Definitionsentwurf ist diese Ansicht nicht ohne weitere Differenzierung zu begründen, sie findet aber eine explizite Stütze in Erwägungsgrund 15 des Vorschlags. 106 Diese Betonung visueller Aspekte geht nicht zwingend aus dem Begriff „audiovisuell“ hervor. Als audio- visuelle Medien (AV-Medien) bezeichnet man synchrone technische Kommunikationsmittel, die die visuellen (Bild) und/oder auditiven Sinne (Ton) des Menschen bedienen, vgl. z. B.: de.wikipedia.org/wiki/ Audiovisuelle_Medien. 107 Themenpapier „Regeln für audiovisuelle Inhaltsdienste“, S. 3. Vgl. allerdings Erwägungsgrund 16 des Kom- missionsvorschlags, der klarstellt, dass Radioübertragungen und Hörfunk nicht erfasst werden. 108 Vgl. z. B. die auf den Burgplatz in Düsseldorf gerichtete Webcam, abrufbar unter: www.duesseldorf. de/cam/index2.shtml. Das angezeigte (statische) Bild wird alle 15 Sekunden automatisch aktualisiert. einer Website vorhanden sein, damit diese als ein audiovisueller Dienst im Sinne der geplanten Richtlinie anzusehen ist? Oder ist es richtiger danach zu fragen, ob allein die einer Animation unterliegenden Elemente einer Webpage dem neuen Rechtsrahmen, andere Teile jedoch z. B. der eCommerce-Richtlinie unterfallen sollen? Nach den Erwägungsgründen des Vorschlags der Kommis- sion für die Änderungsrichtlinie sollen Dienste, deren Zweck nicht in der Verteilung audiovisueller Inhalte besteht, nicht unter den Anwendungsbereich fallen, selbst wenn sie einigen audiovisuellen Inhalt beinhalten. Dies setzt jedoch voraus, dass dieser Inhalt von untergeordneter Bedeutung ist. Spezifisch zu Websites, die nur begleitend audiovisuellen Inhalt beinhalten, wird dies dahingehend definiert, dass animierte grafische Elemente, kleine Werbespots oder Informationen, die sich auf eine Ware oder einen nicht-audiovisuellen Dienst beziehen, unter solche begleitenden Bestandteile fallen und daher nicht als audiovisueller Mediendienst im Sinne der künftigen Richtlinie anzusehen sind.109 Der Richtlinienbestimmung selbst kann diese Einschränkung nicht ent- nommen werden. Einen normierten Unterfall der audiovisuellen Dienste stellen die sog. „linearen Dienste“ dar, die im Zwei-Stufen-Modell der Regelungsstufe zu- gewiesen werden, für die detailliertere und strengere Vorschriften gelten. Diese Dienste definiert die Kommission in Art. 1 lit. b) desVorschlags wie folgt: „Fernsehsendung“: „ein linearer audiovisueller Mediendienst, bei dem ein Medien- diensteanbieter über den Zeitpunkt, zu dem eine bestimmte Sendung ausgestrahlt wird, entscheidet und die Programmabfolgen festlegt.“ Im Vergleich zur Definition der Fernsehsendung steht also weniger die Technik der Übertragung als Abgrenzungsmerkmal im Vordergrund als vielmehr die Verortung der Entscheidungsbefugnis über Zeitpunkt und Ablauf eines Pro- grammes. Liegt diese beim Anbieter und nicht beim Nutzer des Dienstes, so handelt es sich um einen linearen Dienst. Der Kommissionsvorschlag benennt erstmals ausdrücklich den nicht-linea- ren Dienst als weitere Kategorie des audiovisuellen Mediendienstes. Dieser wird in Art. 1 lit. e) des Vorschlags definiert als „ein audiovisueller Mediendienst, bei dem der Nutzer aufgrund eines vom Medien- diensteanbieter ausgewählten Inhaltsangebots den Zeitpunkt festlegt, zu dem ein be- stimmtes Programm übertragen wird.“ Nachdem die Kommission zuvor offensichtlich davon ausgegangen war, dass die alleinige Definition des linearen Dienstes (Fernsehen) ausreiche, wird man der Aufnahme dieser weiteren Begriffsbestimmung vor allem klarstellende Funktion beimessen können. 77 109 Vgl. Erwägungsgrund 14 des Kommissionsvorschlags. b) Adressatenkreis Nach der Untersuchung des sachlichen Anwendungsbereichs ist im Folgenden auf die Normadressaten einzugehen. Hierbei soll der Blick insbesondere darauf gerichtet werden, ob und inwiefern die sich entwickelnden Vorschläge der Kommission eine Kongruenz zur Ausdehnung des sachlichen Anwendungs- bereichs der neuen Richtlinie erkennen lassen. aa) Anbieter und Veranstalter Im Vorschlag der Kommission stehen zwei Definitionsansätze im Vordergrund, die sich zum einen auf den Grundbestand an Vorschriften für die audiovisuellen Mediendienste (insgesamt) beziehen, zum anderen eine spezielle Regelung für lineare Dienste vorsehen. Die Definitionsvorschläge für beide Kategorien lauten wie folgt: „Mediendienstanbieter“ ist die natürliche oder juristische Person, welche die redaktio- nelle Verantwortung für die Auswahl der audiovisuellen Inhalte eines audiovisuellen Mediendienstes trägt und bestimmt, wie diese organisiert werden (Art. 1 lit. b) des Vorschlags). „Fernsehveranstalter“ bezeichnet den Anbieter linearer audiovisueller Mediendienste (Art. 1 lit. d) des Vorschlags). Der Veranstalter ist nach dieser Definition kein aliud zum Mediendienstanbie- ter, sondern ein in besonderer Weise qualifizierter Anbieter. Das zusätzliche Merkmal, das den Unterschied zum „gewöhnlichen“ Mediendienstanbieter kenntlich macht, liegt darin, dass der Veranstalter lineare audiovisuelle Dienste anbietet. Die Veranstalterdefinition umfasst folglich alle Tatbestandsmerkmale der Definition des Mediendienstanbieters, d. h. es muss sich um eine natürliche oder juristische Person handeln, welche die redaktionelle Verantwortung für die Auswahl der Inhalte des audiovisuellen Mediendienstes trägt. Das Tat- bestandsmerkmal der redaktionellen Verantwortung erfährt in Bezug auf Ver- anstalter keine Präzisierung. Im Gegensatz zum aktuellen Vorschlag der Kom- mission war bisher folgender Zusatz vorgesehen: Die redaktionelle Verantwortung schließt die Verantwortung für die Zusammensetzung der Sendepläne ein. Diese Präzisierung des Begriffs der redaktionellen Verantwortung im Wege einer Verweisung auf die Definition des Mediendienstanbieters erscheint letzt- lich verzichtbar, da es zwar bei Letzterem nicht auf die Erstellung einer Programmstruktur ankommt, aber bereits der Begriff des linearen Dienstes verlangt, dass der Mediendienstanbieter über den Zeitpunkt und die Zusammen- setzung bzw. Ordnung der Sendungen entscheidet. Jedoch setzen sich die derzeit bestehenden Probleme bei der Bestimmung des Fernsehveranstalters auch unter Geltung der nunmehr vorgeschlagenen 78 Definition des Veranstalters fort. So stellt sich nach wie vor die Frage, ob mit der redaktionellen Verantwortung für die Auswahl der audiovisuellen Inhalte des audiovisuellen Mediendienstes das gesamte Angebot oder vielmehr der einzelne Inhalt in Bezug genommen wird. Auch dem Umstand, dass sich Medienunternehmen zunehmend dezentral organisieren und redaktionelle Ver- antwortung oftmals vertikal und horizontal auf verschiedene Ebenen verteilt ist, trägt der Richtlinienvorschlag nicht in größerem Umfang Rechnung als die geltende Fassung der Fernsehrichtlinie. Die Verwendung der Begriffe „Sendung“ und „Programm“ entgegen des üblichen deutschen Sprachgebrauchs ist auch im neuen Richtlinienvorschlag zu konstatieren, wobei die Begriffe weiterhin (z. B. in Art. 11 des Vorschlags) z. T. synonym gebraucht werden, was nicht zur Rechtsklarheit beiträgt. Ferner lässt der Vorschlag weiterhin eine Legaldefini- tion des Begriffs „Programm“ vermissen. bb) Weitere Akteure und Beispiele Die Einbeziehung weiterer Personen, über die des „Veranstalters“ im Sinne der derzeit geltenden Fassung der Fernsehrichtlinie hinaus, scheint noch nicht ab- schließend festzustehen. So ergeben sich aus den im Definitionsansatz zum „Anbieter“ enthaltenen Alternativen verschiedene Steuerungsmöglichkeiten, den Adressatenkreis zu erweitern oder einzugrenzen. (1) Eingrenzung Wird allein auf die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt eines audio- visuellen Mediendienstes abgestellt, so ist zu überlegen, dass in einem stark arbeitsteilig und vertikal organisierten Mediensektor auch ein Programmzulie- ferer in den Regelungsrahmen einbezogen werden könnte. Dies jedenfalls dann, wenn sich die Funktion anderer Beteiligter eher auf die Verbreitung und Vermarktung, gegebenenfalls die Kundenbeziehung und Abrechnung, be- schränkt. Beispielsweise ist nicht recht ersichtlich, wie ein Mobilfunkbetreiber als Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste (und u. U. von Netzen) bei der reinen Durchleitung von audiovisuellen Inhalten, für deren Übertra- gung ein anderer die Rechte erworben hat und die dieser abrufbar hält oder „streamt“ (Konstellation eines Premium-Service-Dienstes durch Dritte), eine redaktionelle Kontrolle ausüben könnte. Dies würde man beim Kabelfernseh- netzbetreiber hinsichtlich der bloßen von ihm angebotenen Transportleistung auch nicht annehmen können. Durch die angedachte Hinzufügung der Worte „Auswahl der“ (Inhalte des audiovisuellen Mediendienstes) wird stärker der Bezug zu den klassischen Funktionen des Veranstalters eines Fernsehprogramms hergestellt. Daraus ergibt sich eine gewisse Eingrenzung. 79 (2) Erweiterung Folgt man der soeben (unter (1)) angebotenen Erläuterung, worin allgemein die redaktionelle Verantwortung eines Anbieters gesehen werden kann, nicht, so stellt sich natürlich die Frage, ob eine Reihe von Akteuren vom Anwen- dungsbereich der Richtlinie erfasst würde, an deren Funktion traditionell keine weitere inhaltliche Verantwortung anknüpfte. Auch außerhalb der „Fernseh“-Tätigkeit im engeren Sinne, die eine deut- liche Verbindung zu der inhaltlichen Gestaltung von Angeboten aufweist, gera- ten Akteure in das Blickfeld, die gemischt technisch-inhaltliche Aufgaben wahrnehmen (Anbieter von Navigatoren, EPGs, Bündelung von Programmen/ Paketierung) oder denen technisch-wirtschaftliche bzw. administrative Funk- tionen zukommen (Bündelung oder Weiterverkauf von Inhalten/Multiplexing, Bereitstellung von Abrechnungssystemen, Anbieter von Zugangskontrolldiens- ten) – wobei hier jeweils keine trennscharfe Zuordnung getroffen werden soll, da z. B. ebenso argumentiert werden kann, dass der Weiterverkauf von Pro- grammen eine eher technisch-inhaltliche Tätigkeit darstellt. Da beispielsweise sowohl bei Near-Video-on-Demand als auch bei Video- on-Demand ein Angebot von bewegten Bildern mit oder ohne Ton an die Allgemeinheit mittels elektronischer Kommunikationsnetzwerke, mithin ein audiovisueller Mediendienst, vorliegt, muss die Zuordnung innerhalb der neuen Richtlinie nach anderen Kriterien erfolgen. Zunächst ist aber festzuhalten, dass die Anbieter von Video-on-Demand vom Anwendungsbereich erfasst würden, so dass eine Erweiterung des Adressatenkreises stattfindet. Hinsichtlich Video- on-Demand erscheint „nur“ fraglich, ob dies ein linearer Dienst sein kann, da hierbei nicht die Entscheidung des Anbieters im Vordergrund steht, zu welchem Zeitpunkt eine bestimmte Sendung angeboten wird und in welcher Abfolge die Sendungen bereitgestellt werden. In Bezug auf Near-Video-on-Demand scheint der Rückgriff auf die Definition des linearen Dienstes, also die Bestimmung des sachlichen Anwendungsbereichs, allein nicht ausreichend, um eine Zuord- nung zu den allgemeinen Regeln oder zu den spezifischen Vorschriften vor- nehmen zu können. Schließlich wird man begründen können, dass eine gewisse Struktur der Abfolge von Sendungen gegeben ist, denn der Nutzer kann nicht auf jeden beliebigen Inhalt zugreifen. Auch ist er auf die Zeitpunkte ver- wiesen, zu denen der Anbieter den Zugriff auf die Sendungen einrichtet. Hier kommt es also offenbar darauf an, dass zugleich auch die beiden Definitionen zu Anbieter und Veranstalter betrachtet werden, mithin der persönliche Anwen- dungsbereich. Versteht man unter „Verantwortung für die Zusammensetzung der Sendepläne“ in Verbindung mit den Merkmalen „Zeitpunkt“ und „Fest- legung des Programmplans“ eine Tätigkeit, die sich wie im klassischen Fern- sehen auf die genaue Abbildung der Linearität des Programmes bezieht, so wäre NVoD nicht (mehr) dem spezifischen Rechtsrahmen zuzuordnen, mithin 80 der Anbieter eines solchen Dienstes nicht Veranstalter. Verlangt man dies nicht, so wäre nunmehr jedenfalls (explizit) festgehalten, dass der NVoD-Anbieter ein Veranstalter ist; das ist dann der Zustand, der nach dem Mediakabel-Urteil des EuGH auch für die aktuelle Fernsehrichtlinie gilt. Offensichtlich führt die Hinzufügung allgemeiner Regeln für audiovisuelle Mediendienste von „normalen“ Anbietern zur Hereinnahme von Akteuren aus „dem Internetsektor“, damit zu einer Erweiterung über VoD, das auch über „das Internet“ als Übertragungsweg angeboten werden kann, hinaus. Anbieter von Websites, also diejenigen, die „das Internet“ als Inhalteplattform nutzen, wären von der neuen Richtlinie erfasst, sofern sie audiovisuelle Mediendienste anbieten, die nicht lediglich untergeordneten Charakter haben. Das Gleiche gilt hinsichtlich der Verbreitung von bewegten Bildern an die Allgemeinheit über Mobilfunknetze, in jedem Fall deshalb, weil der technische Charakter der Übertragung (Point-to-Point oder Point-to-Multipoint) nach dem neuen Recht noch weniger maßgeblich sein würde. cc) Einschluss des Multiplex-Betreibers Im Hinblick auf den von der künftigen Richtlinie angesprochenen Adressaten- kreis machte Kommissarin Reding eine interessante Aussage im Zusammen- hang mit der Feststellung der rechtlichen Zuständigkeit der Mitgliedstaaten:m „Außerdem sollte die Richtlinie nach Ansicht der Sachverständigen an die neuen tech- nischen Entwicklungen angepasst werden und damit die Rolle des ‚Multiplex-Betreibers‘ berücksichtigen, der die Programme verschiedener Sender in einer digitalen Aufwärts- strecke zum Satelliten zusammenführt.“110 Bei der Suche nach geeigneten Kriterien zur Bestimmung des Mitgliedstaats, dem nach dem Sendestaatsprinzip die Rechtshoheit über einen bestimmten Fernsehsender obliegen soll, ist nunmehr der Vorgang des sog. „Multiplexing“ als möglicher Anknüpfungspunkt in das Blickfeld der Kommission geraten. Multiplexing bedeutet, dass über einen Kanal, also den Frequenzbereich, über den im analogen Zeitalter nur ein Programm verbreitet wurde, jetzt mehrere Programme in einem Datenstrom übertragen werden können.111 Die Zusammen- fassung dieser Programme zu einem Datenstrom wird als Multiplex bezeich- net.112 Im Falle des Übertragungsweges Satellit versteht man unter Multiplexing die Zusammenführung von Signalen aus unterschiedlichen Quellen zur Satelli- tenübertragung. Dies kann auf verschiedenen Produktionsstufen durch unter- schiedliche Unternehmen in unterschiedlichen Ländern erfolgen. Der Multiplex- 81 110 Die Rede der Kommissarin anlässlich eines Seminars zur Fernsehrichtlinie in Luxemburg am 30. 5. 2005 ist abrufbar unter: europa.eu.int /comm/avpolicy/ legis/speeches/speech_tvsf_lux_de.pdf. 111 Berger/Schoenthal, Die zukünftige Verbreitung audiovisueller Dienste; IRIS Spezial, Straßburg 2005, S. 14. Vgl. dazu auch umfassend Scheuer/Knopp, Glossar des digitalen Fernsehens, Straßburg 2004, S. 5 ff. 112 Ebd. betrieb dient der Steigerung der Effizienz und einer besseren Ausnutzung der Kanal- bzw. Transponderkapazität. Multiplexing kann sogar nach der Sendung von der Erdstation noch im Satelliten erfolgen, wo die Signale zusammen- geführt und als ein einheitlicher Dienst an den Empfänger auf der Erde aus- gestrahlt werden.113 Die Eignung des Multiplexvorgangs als Anknüpfungskriterium zur Bestim- mung der rechtlichen Zuständigkeit wird von einigen Branchenvertretern, ins- besondere Satellitenbetreibern, in Frage gestellt. Zum einen gebe es bei der Multiplextechnik keinen einzigen oder eindeutigen Standort und zum anderen könne ein Multiplex-Betreiber direkte vertragliche Verbindungen mit dem Inhaltsanbieter haben, müsse dies aber nicht. Mit diesem Sonderaspekt, der eine bestimmte Person bzw. die von dieser wahrgenommene Funktion zwar nur in einem spezifischen Kontext, nämlich der Bestimmung desjenigen Mitglied- staats, der die Rechtshoheit über den Veranstalter ausübt, thematisiert und dem daher nur eine eingeschränkte Aussagekraft für die grundlegende Konstruktion zukommt, ist jedenfalls ein (weiterer) Beleg dafür vorhanden, dass bei der Revision der Richtlinie auf die Veränderungen durch die Digitalisierung ein- gegangen wird. 2. Alternativen Aus den vorgenannten Beispielen lässt sich ersehen, dass insbesondere die Hereinnahme der „neuen Medien“ in den Anwendungsbereich einer Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, und damit einhergehend die Begründung von Pflichten für andere als die bisherigen Normunterworfenen der Fernseh- richtlinie, ein neuralgischer Punkt ist. Dies bestätigen auch die Reaktionen der (Fach-)Öffentlichkeit. In den Medien, vor allem den britischen (und dort ins- besondere der Boulevardpresse), ist ohne Differenzierung die Rede davon, die Kommission wolle „das Internet“ regulieren. Dabei wird unbeirrt so getan, als sei das Internet bislang ein rechtsfreier Raum und außerdem schlechthin nicht zu regulieren. Beide Vorstellungen entsprechen bekanntlich nicht den recht- lichen Gegebenheiten. Außerdem wird die Reichweite der vorgeschlagenen Änderungen ignoriert. Wie sich im Rahmen der Diskussionen auf der Liver- pooler Konferenz Ende September des Jahres 2005 gezeigt hat, ist auch von Seiten der Interessenvertreter Widerstand angekündigt und sind eine Reihe von Vorbehalten und Gegenargumenten vorgebracht worden. Hier stehen die Tele- kommunikationsanbieter, vor allem Internet(zugangs-)anbieter und Mobilfunk- betreiber, hauptsächlich in ihrer Eigenschaft als technische Dienstleister, in einer gemeinsamen Front mit den Anbietern von Video-on-Demand oder den 82 113 Issue Paper, p. 7. Presseunternehmen, die auch eine ausgedehnte Internetpräsenz und -tätigkeit entfalten. Es entsteht dabei der Eindruck, dass sich der hier skizzierte Personenkreis im Rechtsrahmen der eCommerce-Richtlinie gut aufgehoben sieht. Es wird also nicht allein darum gerungen, wie die Binnendifferenzierung in einer neuen Richtlinie ausgestaltet werden sollte, sondern auch darum, wie die Abgrenzung des neuen Rechtsaktes nach außen bewerkstelligt wird. Hinsichtlich einer Reihe von Politikzielen, die die Fernsehrichtlinie verfolgt, z. B. Jugendmedienschutz, Regelung der kommerziellen Kommunikation, teil- weise auch in Bezug auf das Gegendarstellungsrecht, wird argumentiert, dass die bestehenden sektorspezifischen Regelungen vollends ausreichten bzw. die allgemeinen Bestimmungen, vor allem des Straf- und Zivilrechts, einen an- gemessenen Schutz der betroffenen Rechtsgüter ermöglichten. Der deutliche Hinweis darauf, dass die mit der Festlegung von Mindest- standards und der Regelungsdichte der Fernsehrichtlinie einhergehende, größere Rechtssicherheit – im Vergleich zur eCommerce-Richtlinie oder allgemeinen Regelungen – eine klare Verbesserung für die Binnenmarktfähigkeit der Dienst- leistungen der Anbieter mit sich bringe, überzeugt offenbar nicht wirklich. So wird denn auch vor allem die Besorgnis geäußert, die Anwendung der Quoten- bestimmungen auf „normale“ audiovisuelle Inhaltsdienste werde die Entwick- lung des entstehenden Marktes erheblich beeinträchtigen.114 Von dieser Position aus sprechen sich die Betreffenden, zum Teil unterstützt durch die nationalen Regierungen, gegen eine derartige Überarbeitung des Rechtsrahmens aus. IV. Zusammenfassung Der europäische Rechtsrahmen für audiovisuelle Medien bedarf einer Anpas- sung an die durch technischen Fortschritt und Konvergenz veränderten Reali- täten. Selbst wenn man die dargestellten Anwendungsprobleme noch nicht als gravierend ansähe, so wird zumindest deutlich, dass von einem ausreichend zukunftsoffenen und zukunftstauglichen Regelungsregime nicht mehr die Rede sein kann. Allerdings wurden diese Entwicklungen früh erkannt. Die Europäi- sche Kommission beschäftigt sich bereits seit geraumer Zeit mit der Konvergenz und ihren Auswirkungen.115 Die Bemühungen um eine Anpassung der Richt- linie halten mit den tatsächlichen Entwicklungen weitgehend Schritt. Die genaue Ausgestaltung dieser Anpassung ist nunmehr abzusehen, sie knüpft an die 83 114 Vgl. dazu etwa Indepen, Ovum and fathom, „Extension of the Television Without Frontiers Directive – An Impact Assessment“, Final report for Ofcom, September 2005, abrufbar unter: ofcom.org.uk/research/ tv/ twf/ twfreport / twf.pdf. 115 Vgl. dazu etwa das Grünbuch zur Konvergenz der Branchen Telekommunikation, Medien und Informations- technologie und ihre ordnungspolitischen Auswirkungen, KOM(97)632 endg. Linearität oder Nicht-Linearität der Dienste an und sieht einen erweiterten Anwendungsbereich und eine in zwei Stufen unterteilte Regulierungsdichte vor. Insbesondere in Anbetracht dieses Verfahrensstands lohnt ein Blick auf ent- sprechende Erfahrungen in den Mitgliedstaaten. Hieraus lassen sich möglicher- weise Erkenntnisse gewinnen, die für die europäische Ebene und für die ande- ren Mitgliedstaaten von Nutzen sein können. 84 D Länderberichte I. Deutschland 1. Digitalisierung und Konvergenz in Deutschland a) Digitalisierung der Übertragungswege 6,6 Millionen (17,5 %) von 37,6 Millionen deutschen Fernsehhaushalten (bzw. 7,1 Millionen von 38 Millionen Haushalten,116 d. h. ca 19 %) verfügen über digitalen Empfang117. aa) Kabel Von den insgesamt 33,72 Millionen Fernsehhaushalten in Deutschland empfan- gen gemäß der Media Perspektiven Basisdaten 19,31 Millionen Haushalte Fernsehen über Kabel.118 Dem SES Astra German Satellite Monitor zufolge, der von TNS Infratest durchgeführt wird und der von 38 Millionen TV-Haus- halten ausgeht, belief sich die Zahl der Kabelhaushalte zum Jahresende 2004 auf 19,35 Millionen (ca. 51 % der TV-Haushalte).119 Kabelhaushalte sind dabei definiert als Haushalte, die via Kabel versorgt werden, aber über keinen zusätz- lichen Satellitenanschluss verfügen. Über digitalen Kabelempfang verfügen 1,98 Millionen (also ca. 28 %) der Haushalte von insgesamt 7,10 Millionen digital empfangenden Haushalten.120 Das Jahrbuch der Europäischen Audio- visuellen Informationsstelle weist (für Ende 2004) folgende Zahlen aus: Aus- gehend von 37,6 Mio. Fernsehhaushalten sind 22,2 Mio. Haushalte (ca. 59 %) 85 116 Zahlen nach dem SES Astra German Satellite Monitor, abrufbar unter www.ses-astra.com/press-info/ news/press-releases/05/20050224_d.shtml. 117 Zahlen nach: Jahrbuch der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, Band 2, Straßburg 2005, S. 35.m 118 Quelle: AGF/GfK Fernsehforschung, Media Perspektiven Basisdaten, abrufbar unter: www.ard.de intern/basisdaten/empfangssituation/ technische_20reichweiten/-/ id=54848/1hwge2l/ index.html. 119 Zahlen nach dem SES Astra German Satellite Monitor, abrufbar unter www.ses-astra.com/press-info/ news/press-releases/05/20050224_d.shtml. 120 Zahlen nach dem SES Astra German Satellite Monitor, abrufbar unter www.ses-astra.com/press-info/ news/press-releases/05/20050224_d.shtml. ans Kabel angeschlossen, davon 2,05 Mio. (ca. 9 % der Kabelhaushalte) ans digitale.121 bb) Satellit Über Satellitenempfang verfügen 12,39 Millionen Haushalte (ca. 37 % der TV- Haushalte) (Media Perspektiven Basisdaten).122 Zahlen des SES Astra German Satellite Monitor gehen von 15,47 Millionen Satellitenhaushalten aus, davon sind 4,51 Millionen (ca. 29 %) digital.123 Dem Jahrbuch der EAI zufolge lag die Zahl der Haushalte mit Satellitendirekt-(DTH) oder -gemeinschaftsempfang im Jahr 2004 bei 14,3 Mio., davon waren 1,6 Mio. (über 10 %) digitale Rezi- pienten.124 Der Satellitenempfang wird heute von einem erheblichen Anteil der deut- schen Fernsehhaushalte genutzt. Dies ist insofern nicht selbstverständlich, als der private Rundfunk in Deutschland vor allem als Kabelrundfunk eingeführt wurde. So erfolgte der Start des Privatfernsehens am 1. Januar 1984 mit dem Kabel-Pilotprojekt Ludwigshafen. Erst 1985 gab die Deutsche Bundespost den privaten Individualempfang der Signale von Fernmeldesatelliten mit einigen Einschränkungen frei. In den ersten Jahren wurde diese Möglichkeit von den Bundesbürgern allerdings kaum wahrgenommen. Hauptgrund hierfür war, dass für den Direktempfang nur die verhältnismäßig schwachen Abstrahlungen der ersten Generation der Eutelsat-Satelliten sowie der Intelsat-Satelliten in Frage kamen. Für den Empfang wurden daher aufwändige Parabolantennen mit sehr großem Durchmesser benötigt, so dass der Satellitenempfang für Privathaus- halte wenig reizvoll blieb. Bis zum Jahr 1988 waren daher lediglich 30.000 An- tennenanlagen verkauft, die Zahl der privaten Fernsehhaushalte mit Satelliten- empfang lag dementsprechend noch deutlich darunter. Entscheidende Bedeutung für den Erfolg des Satellitendirektempfangs hatte die Inbetriebnahme der Satelliten DFS Kopernikus 1 und TV-Sat 2 im Jahr 1989, in deren Zuge sich Deutschland zum zweitgrößten europäischen Markt für Satellitendirektempfang nach Großbritannien entwickelte.125 86 121 Zahlen nach: Jahrbuch der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, Band 2, Straßburg 2005, S. 26 und 35. 122 Quelle: AGF/GfK Fernsehforschung, Media Perspektiven Basisdaten, abrufbar unter: www.ard.de intern/basisdaten/empfangssituation/ technische_20reichweiten/-/ id=54848/1hwge2l/ index.html. 123 Zahlen nach dem SES Astra German Satellite Monitor, abrufbar unter www.ses-astra.com/press-info/ news/press-releases/05/20050224_d.shtml. 124 Zahlen nach: Jahrbuch der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, Band 2, Straßburg 2005, S. 34 und 35. 125 Vgl. eingehend zur Satellitenverbreitung in Europa: Roßnagel/Sosalla /Kleist, Der Zugang zur digitalen Satellitenverbreitung, Berlin 2004, S. 29 ff. cc) Terrestrik Die Anzahl der Fernsehhaushalte, die terrestrisch empfangen, beläuft sich in Deutschland auf 2,02 Millionen oder ca. 6 % (Media Perspektiven Basis- daten).126 SES Astra geht demgegenüber von 1,37 Millionen Haushalten aus, davon 0,62 Millionen digital.127 Nach dem Jahrbuch der Europäischen Audio- visuellen Informationsstelle gab es im September 2005 in Deutschland 3 Millio- nen Haushalte mit digital terrestrischem Empfang.128 Das digitale terrestrische Fernsehen wird in Deutschland über so genannte Versorgungsinseln eingeführt, das heißt, es erfolgt keine flächendeckende Ver- sorgung, sondern es wird zunächst nur in einzelnen Ballungsräumen mit der digitalen Übertragung begonnen (und der analoge Sendebetrieb beendet). Eine flächendeckende Versorgung wird in Deutschland in absehbarer Zeit nicht er- reicht werden. Allerdings zeichnet sich ab, dass entgegen anfänglicher pessi- mistischer Einschätzungen, die nur bei einer kleinen Minderheit von möglichen Empfängern und vor allem bei sozialen Randgruppen Potenzial für den digitalen terrestrischen Empfang sahen,129 das digitale terrestrische Fernsehen durchaus von den Empfängern angenommen wird. Trotz der im Vergleich zu anderen Ländern ungünstigen Startbedingungen, d. h. des äußerst hohen Grades an Kabel- und Satellitenversorgung – in anderen Ländern wie etwa Frankreich (dort empfangen ca. Zwei Drittel der Haushalte Fernsehen über Antenne) oder Finnland waren zu Beginn des Umstiegs auf digitales terrestrisches Fernsehen noch große Teile der Bevölkerung auf terrestrischen Empfang angewiesen – werden zahlreiche Set-Top-Boxen verkauft. Dies liegt darin begründet, dass das digital-terrestrisch zu empfangende Programmangebot in etwa demjenigen des analogen Kabels entspricht oder jedenfalls durch die Möglichkeit der Über- tragung von 24–30 Programmen in den Augen vieler Rezipienten die wich- tigsten Fernsehsender übertragen werden können. Darüber hinaus entstehen bei diesem Empfangsweg über die Anschaffungskosten der Set-Top-Box und die ohnehin zu entrichtenden Rundfunkgebühren hinaus keine weiteren Kosten. Ferner eignet sich DVB-T insbesondere zum Empfang auf Zweit- und Dritt- geräten für Rezipienten, welche grundsätzlich über Kabel oder Satellit emp- fangen, etwa zum Fernsehempfang in Räumen ohne Kabelbuchse oder zur portablen Nutzung. 87 126 Quelle: AGF/GfK Fernsehforschung, Media Perspektiven Basisdaten, abrufbar unter: www.ard.de intern/basisdaten/empfangssituation/ technische_20reichweiten/-/ id=54848/1hwge2l/ index.html. 127 Zahlen nach dem SES Astra German Satellite Monitor, abrufbar unter www.ses-astra.com/press-info/ news/press-releases/05/20050224_d.shtml. 128 Zahlen nach: Jahrbuch der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, Band 2, Straßburg 2005, S. 35.m 129 Vgl. dazu Berger/Schoenthal: Die zukünftige Verbreitung audiovisueller Dienste; IRIS Spezial, Straßburg 2005, S. 23. dd) Breitbandige Internetzugänge Die Zahl der Breitbandanschlüsse wächst stetig; sie soll sich von 4,2 Millionen im Jahr 2003 auf ca. 17 Millionen im Jahr 2010 erhöhen, im gleichen Zeitraum soll das gesamte Breitband-Marktvolumen von 2 Milliarden Euro auf 10 Milliar- den Euro steigen und sich die durchschnittliche tägliche Internet-Nutzungs- dauer der Breitband-Nutzer von 40 Minuten im Jahr 2004 auf 118 Minuten im Jahr 2010 beinahe verdreifachen.130 Auch noch höhere Wachstumsraten sind denkbar. So existieren Berechnungen, die das Erreichen der Marke von 10 Millionen Anschlüssen bereits für das Ende des Jahres 2005 voraussagen.131 Derzeit werden Anschlüsse mit Übertragungsraten von 6 Megabit pro Sekunde (Mbit /s) bundesweit angeboten und die ersten ADSL 2+ Anschlüsse mit Über- tragungsraten von bis zu 16 Megabit eingeführt, ebenso die VDSL-Technologie mit Raten von bis zu 25 Mbit /s. Eine Änderung für bisher unversorgte Gebiete könnte sich aus der Erprobung der WiMAX-Technologie ergeben. WiMAX (Worldwide Interoperability for Microwave Access) ist eine Funktechnologie, mit deren Hilfe Breitbandkommunikation dann flächendeckend mit Über- tragungsraten von derzeit 1 Mbit /s möglich sein soll. Im Dezember 2005 führt die zuständige Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen das Vergabeverfahren der für WiMAX erforderlichen Funkfrequenzen durch.132 ee) Internettelefonie Nach einer aktuellen Studie133 wird Internettelefonie (Voice over IP/ VoIP) bereits von rund 500.000 Kunden in Deutschland, die über geeignete Hard- und Software verfügen, regelmäßig genutzt. Über 12 Prozent aller internationa- len Gespräche aus Deutschland liefen bereits im vergangenen Jahr über VoIP. Überdies nutzen etwa 14 Prozent der deutschen Unternehmen VoIP. Prognosen zufolge soll das Marktvolumen für VoIP-Lösungen in Deutschland bis zum Jahr 2007 auf 528 Mio. Euro ansteigen und im gleichen Zug den Betreibern des klassischen Telefondienstes Umsatzausfälle in Milliardenhöhe bescheren. ff) UMTS-Start Nach einer Marktanalyse der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ent- wickelt sich die Nachfrage im Bereich der UMTS-Übertragung in Deutschland eher schleppend. An die Einführung der neuen Übertragungstechnologie, die 88 130 Zahlen nach der Studie „Deutschland online 2“, abrufbar unter www.studie-deutschland-online.de/.m 131 Zahlen des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V (BITKOM), abrufbar unter: www.bitkom.org/Default_34501.aspx. 132 Die diesbezügliche Pressemitteilung ist abrufbar unter: www.bundesnetzagen-tur.de/enid/e0aefe909 d66efad2ca5450f969d21bc,0/Archiv_Pressemitteilungen/PM_2__4_-_Juli-Dez_ts.html#4780. 133 Studie der Unternehmensberatung Deloitte, abrufbar unter: www.deloitte.com/dtt /press_re-lease/ 0,1014,sid%253D6272%2526cid%253D89959,00.html. durch wesentlich höhere Datenübertragungsraten unter anderem Videotelefonie, umfassende Internetnutzung über das Mobilfunkgerät, Online-Banking und eCommerce und die Nutzung des Endgerätes als Navigationsgerät ermög- lichen soll, waren in Deutschland hohe Erwartungen geknüpft worden, die sich auch in astronomischen Erlösen der Frequenzversteigerungen widergespie- gelt hatten.134 Die UMTS-Anbieter T-Mobile, E-Plus und 02 haben danach bis April 2005 nur 151.000 UMTS-fähige Mobilfunkgeräte verkauft, Vodafone 300.000. Bezogen auf 27 Millionen deutsche Mobilfunkkunden und auch verg- lichen mit der UMTS-Nutzung etwa in Großbritannien und Italien135 ist damit die UMTS-Nutzung marginal. UMTS-Datenkarten für tragbare Computer wer- den hingegen in steigender Zahl verkauft, bis dato wurden etwa 350.000 Stück durch T-Mobile und Vodafone abgesetzt. gg) DMB, DVB-H Das Europäische Institut für Telekommunikationsnormen (European Telecom- munications Standards Institut /ETSI) hat mittlerweile auch DMB als europäi- schen Standard anerkannt. DMB (Digital Multimedia Broadcasting) ist ein digitales Daten- und TV-Übertragungssystem für mobil genutzte Endgeräte. Die Übertragung kann dabei terrestrisch (T– DMB) oder via Satellit (S– DMB) erfolgen. DMB setzt auf dem DAB-Standard (Digital Audio Broadcasting) auf, der zur Übertragung digitalen Hörfunks dient, und erweitert diesen dahin- gehend, dass auch Videodaten übermittelt werden können. Technisch wird dies durch eine Kodierung im MPEG-4-Standard und durch höhere Datenüber- tragungsraten erreicht. DMB steht in Konkurrenz zu dem – ebenfalls anerkannten – Standard DVB-H der Digital-Video-Broadcasting-Gruppe für die Übertragung von Fern- sehsignalen auf mobile Empfangsgeräte. Ein Vorteil von DMB liegt darin, dass die in Europa bereits weit verbreitete DAB-Infrastruktur zur Übertragung ge- nutzt werden kann und das größere Frequenzressourcen bereit stehen. DVB-H (Digital Video Broadcasting: Handhelds) wird wie das digitale terrestrische Fernsehen DVB-T über Antenne verbreitet und baut auf dessen Technik auf.m Das heißt, dass die Übertragung über dieselben Frequenzen erfolgt, die durch die Umwandlung von analogen in digitale Fernsehkanäle verfügbar wer- den. Der DVB-H-Standard ist allerdings den besonderen Bedürfnissen, die sich aus dem Empfang auf mobilen Endgeräten ergeben, angepasst. Dies wird unter anderem durch das so genannte Time-Slicing-Verfahren (Zeitmultiplex- verfahren) erreicht, welches die Versendung der zu einem Programm gehörigen Pakete zu vorhersehbaren Zeitpunkten erlaubt. Dadurch muss das Empfänger- modul im Endgerät (in der Regel ein Mobiltelefon) jeweils nur für Sekunden- 89 134 Die Gesamterlöse der deutschen Bundesregierung betrugen über 49 Milliarden Euro. 135 Siehe dazu die Länderberichte Italien und Vereinigtes Königreich unter D. IV. 1. a) und D. V. 1. a). bruchteile aktiv sein und kann ansonsten abgeschaltet bleiben. Nur so ist es möglich, den Stromverbrauch beim Empfang von DVB-H auf einem Niveau zu halten, das die Energieversorgung über die derzeit erhältlichen Mobiltelefon- akkus gestattet. Aufgrund modernerer Kompressionsverfahren und der gerin- geren Displaygröße der Empfangsgeräte wird für die Datenübertragung im DVB-H-Standard nur ein Bruchteil der Kapazität eines DVB-T-Multiplexes benötigt, so dass über einen solchen Multiplex bis zu 80 Video-Streams gleich- zeitig übertragen werden können. In Deutschland wird DVB-H, wie zuvor auch DVB-T, in so genannten Start- inseln eingeführt, das heißt, in einzelnen Ballungsgebieten senden „Pioniere“ in dem neuen Standard und andere Regionen ziehen später nach, wobei dann bereits auf die gemachten Erfahrungen zurückgegriffen werden kann. DVB-H- Aussendungen können auch in bestehenden DVB-T-Multiplexen erfolgen. Wie auch bei DVB-T fungiert die Region Berlin-Brandenburg bei DVB-H als Vorreiter. So sind im Februar 2005 auf den Berliner Fernsehtürmen Alexan- derplatz und Schäferberg zwei leistungsstarke Sender für DVB-H in Betrieb genommen worden. Sie senden auf dem Fernsehkanal 39, auf dem vor der Einstellung der analogen terrestrischen Fernsehübertragung das Fernsehen des SFB übertragen wurde, nachdem das bmco-Konsortium der Unternehmen Nokia, Vodafone, Philips und Universal bereits 2004 ein Pilotprojekt auf dem leistungsschwächeren Kanal 59 durchgeführt hatte. Vergleichbare Versuche wurden in Europa auch in Finnland und jüngst in der Schweiz136 gestartet. b) Fazit Der Prozess der Konvergenz ist in Deutschland im Gange. Die Umstellung auf das digitale Fernsehen hat durch die erfolgreiche Einführung von DVB-T in mehreren Ballungsräumen einen Schub erhalten. Die Erfahrungen zeigen, dass nicht nur die wenigen ehemaligen Nutzer des analog-terrestrischen Fernsehens auf DVB-T umsteigen, sondern dass dieses auch als Alternative zu anderen Übertragungswegen gesehen wird. Eine Verschmelzung der Angebote im Sinne eines „Triple Play“ ist noch nicht in dem Maße zu beobachten wie etwa in den USA.137 Vielversprechende Pilotprojekte im Bereich des mobilen Fernsehens (insbesondere DVB-H) lassen auch insoweit mittelfristig die Marktreife neuer Angebote erwarten. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass UMTS sich so wenig durchsetzt, dass es durch die technische Entwicklung gleichsam „über- sprungen“ wird, dass also der überwiegende Teil der Mobilfunkkunden so lange Mobiltelefone der zweiten Generation nutzt, bis ein Umstieg auf die übernächste Generation möglich wird. 90 136 Vgl. die diesbezügliche Meldung von Heise online unter www.heise.de/newsticker/meldung/65632.m 137 Vgl. dazu Clark: US-Kabelbetreiber auf dem Weg zum „Triple Play“, abrufbar unter www.lfm-nrw.de. 2. Übergreifendes Konzept der Regulierung Die Regulierung der Medien in Deutschland lässt sich im Wesentlichen in drei große Teilbereiche untergliedern: Rundfunk, Telemedien (Mediendienste, Tele- dienste) und Telekommunikationsdienste. Die Ratio der Regulierung ist für jeden Sektor eine andere. Dem Rundfunk wird ein erheblicher Einfluss auf die Meinungsbildung attestiert, dementsprechend verfolgt das Medienrecht vorwiegend das Ziel, Mei- nungsvielfalt zu sichern.138 Infolgedessen gibt es weitgehende Vorschriften im Hinblick auf Rundfunkinhalte. Die Differenzierung der verschiedenen Dienste erfolgt demnach in Deutschland nicht anhand der Distributionsmodi (Verteil- oder Abrufdienst) oder der Nutzungsweise, sondern nach Art des vermuteten Einflusses einzelner Angebote auf die öffentliche Meinungsbildung (sog. funk- tionaler Rundfunkbegriff139). Auch auf die Bezeichnung eines Dienstes, etwa als „Mediendienst“, kommt es für dessen Einstufung nicht maßgeblich an. Das deutsche Medienrecht ist durch eine abgestufte Regelungsdichte gekennzeich- net, mit den detailliertesten Regelungen für den Bereich des traditionellen Rundfunks (Fernsehen und mit gewissen Abstrichen auch der Hörfunk), dem eine gewichtige Rolle für die öffentliche Meinungsbildung zuerkannt wird. Die zweite Kategorie bilden die neuerdings auch unter dem Begriff der Telemedien zusammengefassten140 Mediendienste und Teledienste. Diese unter- liegen weder Maßnahmen zur Vielfaltssicherung noch besonderen wettbewerbs- rechtlichen Vorschriften. Regulierungsziel ist hier, einer sich entwickelnden Technologie und einem sich entwickelnden Segment einen Rechtsrahmen zur Verfügung zu stellen, welcher einen möglichst großen Freiraum gewährt. Die Gewährleistung größtmöglicher Marktfreiheit als Ziel der Regulierung solcher Dienste verwirklicht der Gesetzgeber u. a. durch den Verzicht auf ein Zu- lassungserfordernis. Daneben zielen die entsprechenden Gesetze allerdings auch auf die Herstellung eines gewissen Maßes an Transparenz für die Nutzer der Dienste ab, wozu den Anbietern bestimmte Kennzeichnungspflichten auf- erlegt werden. Das Kriterium der Meinungsbildungsrelevanz spielt bei diesen Angeboten im Rahmen der derzeit noch erforderlichen Abgrenzung zwischen Mediendiensten (Massenkommunikation mit keinem bzw. geringerem Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung),141 und Telediensten (Individualkommu- nikation ohne Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung) eine Rolle. 91 138 BVerfGE 57, 295, 319 f. 139 Der funktionale Rundfunkbegriff wurde durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts geprägt, insbesondere in der Entscheidung vom 24. 3. 1987 (1 BvR 147, 478/86). 140 Vgl dazu eingehend unter 4. a) dd) (3), 4. d) cc) und 8. a). 141 Vgl. Roßnagel, Der künftige Anwendungsbereich der Fernsehrichtlinie, in: Die Zukunft der Fernsehrichtlinie, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 29, Baden-Baden 2005, S. 35 (43 ff.); Kleist, Die Richtlinie Fernsehen ohne Grenzen, in: Roßnagel/Metze-Mangold/Schulz (Hrsg.), Jahrbuch Medien, Ordnung und Innovation, 2005. Neben den vorgenannten drei Dienstetypen (Rundfunk, Mediendienste und Teledienste) sind allerdings u. a. noch einige Zwischenstufen zu verzeichnen, wie beispielsweise die sog. „Mediendienste, die dem Rundfunk zuzuordnen sind“. Auf die entsprechenden Besonderheiten wird später noch detaillierter eingegangen. Dem Telekommunikationsrecht liegt ein gänzlich anderer Ansatz zugrunde. Hier geht es um die Etablierung eines funktionierenden wirtschaftlichen Wett- bewerbs in einem zuvor von staatlichen Monopolbetrieben abgedeckten Seg- ment. Telekommunikationsrecht ist sektorspezifisches Wettbewerbsrecht. Es soll idealerweise den Übergang zu einem Markt bewerkstelligen helfen, der ohne Sonderregeln, also mit dem allgemeinen Wettbewerbsrecht, auskommt. Vom Begriff der Telekommunikation erfasst ist dabei nur der technische Vor- gang des Aussendens, Übermittelns und Empfangens von Signalen mittels Telekommunikationsanlagen (§ 3 Ziffer 22 TKG). a) Sicherung der Meinungsvielfalt als Leitgedanke des deutschen Rundfunkrechts Zum Verständnis des deutschen Regulierungsansatzes ist zunächst auf die Unterscheidung des in Art. 5 Abs. 1 S. 2 des Grundgesetzes verankerten, ver- fassungsrechtlichen Rundfunkbegriffes von der Definition des Rundfunks im einfachen Recht einzugehen. Der verfassungsrechtliche Rundfunkbegriff reicht dabei nach h. M. weiter, als die Rundfunkdefinition im einfachen Recht d. h. im RStV und in den jeweiligen Landesgesetzen bzw. Staatsverträgen zum öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Unter den Rundfunkbegriff des Grundgesetzes fallen mithin auch die sog. Mediendienste, welche der Gesetz- geber im Mediendienste-Staatsvertrag (MDStV) einer geringeren Regulierungs- dichte unterworfen hat, als den einfachgesetzlich definierten Rundfunk, was mit den Vorgaben des Grundgesetzes durchaus zu vereinbaren ist.142 Denn die Verfassung gebietet es nicht, dass alle dem Rundfunk nach Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG zuzuordnenden Dienste in gleicher Weise restriktiv zu reglementieren sind.143 Wohl aber ist aus Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG ein besonders detaillierter Ausgestaltungsvorbehalt bzw. eine Freiheitsgewährungspflicht für die beson- ders meinungsrelevante Form des einfachgesetzlich geregelten traditionellen Rundfunks abzuleiten. Diese verlangt u. a. Maßnahmen zur Sicherung der Meinungsvielfalt und Konzentrationskontrolle im Rundfunkbereich, aber auch die Absicherung der Staatsfreiheit der Rundfunkveranstalter.144 Diese ver- fassungsrechtlichen Vorgaben werden aus der dienenden Funktion des Rund- 92 142 Jarass, Rundfunkbegriffe im Zeitalter des Internet, AfP 1998, 133 (140). 143 Ory, EMR-Schriftenreihe, Bd. 30, 144 Schulz in FES-Gutachten, S. 34. funks145 abgeleitet, die diesem in einem demokratischen Gemeinwesen im Rahmen der öffentlichen Meinungsbildung zugesprochen wird.146 Neben dem allgemeinen Wettbewerbsrecht, welches auch für Medienunter- nehmen gilt, existiert in Deutschland ein spezielles Medienkonzentrationsrecht. Dieses ist für den Rundfunkbereich in den §§ 26 bis 34 RStV geregelt, die ver- fahrensrechtlichen Aspekte sind in den §§ 35–37 und 20–25 sowie 29 RStV enthalten. Adressaten des Medienkonzentrationsrechts sind nach § 26 RStV Unternehmen. Im Hinblick auf die Differenzierung zwischen verschiedenen Diensten sind hier allerdings weniger die Normadressaten von Interesse als vielmehr die Definitionen derjenigen Sektoren, in denen die Beteiligungen dieser Unternehmen erfolgen. Gemäß § 26 Rundfunkstaatsvertrag darf jedes Unternehmen bundesweit im Fernsehen eine unbegrenzte Anzahl von Program- men veranstalten, sofern es dadurch keine vorherrschende Meinungsmacht erlangt. Damit sucht das Medienkonzentrationsrecht also nicht das Funktionie- ren des Marktes als solches zu gewährleisten, dies bleibt Aufgabe des Wett- bewerbsrechts. Ziel der medienkonzentrationsrechtlichen Vorgaben ist die Garantie eines vielfältigen Meinungsspektrums. Allerdings dienen dennoch Marktanteile zur Bestimmung des Grades an Meinungsmacht, die einem Unter- nehmen zukommt. Gemäß § 26 Abs. 2 Satz 1 RStV wird das Vorliegen von vorherrschender Meinungsmacht vermutet, wenn die einem Unternehmen zu- rechenbaren Programme im Durchschnitt eines Jahres einen Zuschaueranteil von 30 % erreichen oder, wenn ein Zuschaueranteil von 25 % erreicht ist und das Unternehmen auf einem medienrelevanten verwandten Markt eine markt- beherrschende Stellung inne hat oder eine Gesamtbeurteilung seiner Aktivitäten im Fernsehen und auf medienrelevanten verwandten Märkten den Schluss zulässt, dass der dadurch erreichte Meinungseinfluss dem eines Unternehmens mit einem Zuschaueranteil von 30 % im Fernsehen entspricht. Anhand welcher Kriterien diese Schlussfolgerung zu ziehen ist, ist nicht näher geregelt und deshalb umstritten. Ebenso umstritten ist, ob der Anteil von 25 % eine verbind- liche Grenze darstellt, ab der ein medienkonzentrationsrechtliches Einschreiten (erst) erfolgen kann, oder ob dies auch bei einem geringeren Anteil möglich wäre, wenn eine Gesamtbetrachtung mit den Aktivitäten auf den medien- relevanten verwandten Märkten dies nahe legt. So sind die medienrelevanten verwandten Märkte nach ständiger Spruchpraxis der Kommission zur Ermitt- lung der Konzentration im Medienbereich (KEK) bei der Prüfung des Grund- tatbestands des § 26 Abs. 1 RStV zu berücksichtigen. Auffällig ist die weit gefasste Formulierung des seinerseits nicht weiter definierten Begriffes „medienrelevante verwandte Märkte“. Da nicht etwa von 93 145 Grundlegend zur dienenden Funktion des Rundfunks: BVerfGE 57, 295, 319 f. 146 Nähere Informationen bei Weber/Roßnagel/Osterwalder/Scheuer/ Wüst, Kulturquoten im Rundfunkrecht, Gutachten für das BAKOM, S. 240 ff. „fernsehrelevanten“ Märkten die Rede ist, sollen explizit auch andere Medien- gattungen einbezogen werden. Auch wenn der Gesetzgeber dabei u. a. den Printbereich und vor- wie nachgelagerte Märkte im Auge gehabt haben mag – die amtliche Begründung zu § 26 RStV führt exemplarisch Werbung, Hör- funk, Presse, Rechte und Produktion auf – legt die Wendung doch gerade auch die Einbeziehung neuer Medien nahe. Die KEK sieht mit Blick auf die Ver- anstaltung von bundesweitem Fernsehen jedenfalls folgende Medienmärkte als relevant an:147 Ballungsraumfernsehen, Fernsehwerbung, Fictionrechte, Hör- funk, Markt für Übertragungswege in Deutschland, Mediendienste, Nachrichten- material, Online-Medien, Programmzeitschriften, Publikumszeitschriften, Sport- rechte, Tageszeitungen und technische und administrative Dienstleistungen für digitales und Pay-TV, für die Bestimmung von Meinungsmacht. Festhalten lässt sich also, dass im audiovisuellen Bereich sämtliche neuen Medien für die Bestimmung von Meinungsmacht Berücksichtigung finden. Der Blickwinkel, unter dem die Frage der Konzentration beurteilt wird, bleibt allerdings bis auf weiteres ein rundfunkbezogener. b) Entstehung des geltenden Systems Im Folgenden soll ein kurzer Blick auf die technischen und rechtlichen Ent- wicklungen in der Vergangenheit geworfen werden, um ein besseres Verständ- nis des zuvor erläuterten übergreifenden Konzepts zu erleichtern. Maßgeblich für die bestehende Rundfunkordnung in Deutschland war die Einführung des Privatrundfunks Anfang der 80er Jahre des zwanzigsten Jahr- hunderts. Zuvor waren nur die öffentlich-rechtlichen Anstalten als Rundfunk- veranstalter gesetzlich zugelassen. Die Zulässigkeit der Veranstaltung privaten Rundfunks war zunächst umstritten, bis eine Entscheidung des Bundesverfas- sungsgerichts aus dem Jahre 1981 (das sog. FRAG-Urteil)148 für Klarheit sorgte, indem sie die Voraussetzungen aufzeigte, welche der Gesetzgeber bei der Veranstaltung privaten Rundfunks zu berücksichtigen habe. Dementsprechend hat der Gesetzgeber vor allem wirksame gesetzliche Vorkehrungen dafür zu schaffen, dass alle gesellschaftlich relevanten Gruppen zu Wort kommen kön- nen. Ferner muss er Leitgrundsätze verbindlich machen, die ein Mindestmaß an inhaltlicher Ausgewogenheit, Sachlichkeit und gegenseitiger Achtung ge- währleisten. Er müsse eine begrenzte Staatsaufsicht vorsehen, den Zugang zur Veranstaltung privater Rundfunksendungen regeln und, solange dieser nicht jedem Bewerber eröffnet werden kann, Auswahlregelungen treffen. In der Folge hatte das Bundesverfassungsgericht im Widerstreit der Interessen zwi- schen der öffentlich-rechtlichen und der privaten Seite sowie zwischen dem 94 147 Internetseite der KEK: www.kek-online.de Inhalte/medienrelevante_verwandte_maerkte.htm 148 BVerfGE 57, 295. Bund und den Ländern noch mehrfach Entscheidungen zu treffen, durch die ein Rundfunksystem zumindest in den Grundzügen festgelegt wurde. Durch diese Rechtsprechung und die ihr folgende Gesetzgebung wurde die duale Rundfunkordnung geschaffen, in der private Anbieter unter genau festgelegten gesetzgeberischen Anforderungen zugelassen sind. Auf dieser Grundlage wurde 1987 der Staatsvertrag zur Neuordnung des Rundfunkwesens zwischen den Bundesländern abgeschlossen.149 Mit dem Aufkommen der ersten Multimedia-Dienste in den 1990er-Jahren entstand ein Bedürfnis nach Rechtssicherheit bietenden Rahmenregelungen. Multimediadienste ermöglichen es dem Einzelnen, im Zwischenbereich zwi- schen Rundfunk und individueller Telekommunikation, jederzeit Informatio- nen für jedermann zur individuellen Auswahl anzubieten oder aufzusuchen und dabei mehrere technische oder inhaltliche Mittel überindividueller wie individueller Kommunikation zu verknüpfen oder im Wechsel zu nutzen.150 Zur Beantwortung der Frage, wer unter welchen Voraussetzungen Multimedia- dienste anbieten durfte, bot sich bis dahin nur das Rundfunkrecht (bzw. das Presserecht) an, welches sich jedoch zunehmend als hierzu ungeeignet heraus- stellte, da die Multimediadienste, die Elemente verschiedener Informations- arten verbinden, etwas qualitativ Neues darstellten, auf das alte Regeln nicht einfach übertragen werden konnten. Unter Multimediadiensten wurden die- jenigen neuen Dienste verstanden, die sich mangels eindeutiger Zuordnungs- möglichkeit in einer rechtlichen Grauzone zwischen Rundfunk und Individual- kommunikation bewegten. In den entsprechenden Gesetzesvorhaben, mit denen dieser Situation be- gegnet werden sollte, stand zunächst die Frage der Gesetzgebungskompetenz im Mittelpunkt der Diskussionen zwischen Bund und Ländern. Am 1. Juli 1996 konnte in diesem Punkt folgender Kompromiss erzielt werden: Beide Seiten sollten in ihrem Kompetenzbereich eigenständige Regelungen erlassen. Die an die Allgemeinheit gerichteten Dienste sollten die Länder, die Dienste für Individualkommunikation der Bund regeln. Inhaltlich sollten die Regelungen wortgleich oder zumindest aufeinander abgestimmt sein. Aufgrund der end- gültigen Einigung zwischen Bund und Ländern am 18. Dezember 1996 konnten am 1. August 1997 der Mediendienste-Staatsvertrag151 der Länder und das Informations- und Kommunikationsdienste-Gesetz des Bundes zeitgleich in Kraft treten.152 Es ist an dieser Stelle nochmals darauf hinzuweisen, dass die Regelung in zwei verschiedenen Gesetzeswerken nicht etwa sachlich (etwa 95 149 Herrmann/Lausen, Rundfunkrecht, § 4, Rn. 109. 150 Bullinger/Mestmäcker, Multimediadienste, Baden-Baden 1997, S. 31. 151 Dessen Vorläufer, der sog. Btx-Staatsvertrag, war technisch und wirtschaftlich überholt, Roßnagel, in ders., Recht der Multimedia-Dienste, Einführung, Rz. 19. 152 Ausführlich zur Entstehungsgeschichte dieser Rechtsinstrumente, Roßnagel, in ders., Recht der Multimedia- Dienste, Einführung, Rz. 13–39. durch technische Gegebenheiten) begründet, sondern allein der Kompetenz- verteilung im Bundesstaat – also politischen Bedingungen – geschuldet war.m 3. Verfassungsrechtliche Vorgaben für das Medienrecht Das Rundfunkrecht, aber auch das sonstige Medienrecht, ist konkretisiertes Verfassungsrecht.153 Für das Verständnis der deutschen Medienrechtsordnung ist daher eine Betrachtung der verfassungsrechtlichen Vorgaben unerlässlich. Die bundesstaatliche Kompetenzverteilung und insbesondere die materiellen Vorgaben der Grundrechte – vor allem, aber nicht ausschließlich des Art. 5 GG – prägen die medienrechtliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland.n a) Kompetenzverteilung Mit der föderalen Struktur der Bundesrepublik Deutschland mit ihren 16 Bun- desländern geht eine Teilung der Gesetzgebungskompetenzen zwischen Bund und Ländern einher. Gem. Art. 70 GG steht den Ländern hierbei grundsätzlich die Gesetzgebungskompetenz zu, soweit das Grundgesetz nicht dem Bund eine entsprechende Kompetenz zuweist. Der Rundfunk wird in den Art. 70 ff. GG nicht erwähnt, womit die Zuständigkeit für diesen Bereich den Ländern zu- kommt. Zuständigkeiten des Bundes bestehen bezüglich der Telekommunika- tion, des Wettbewerbsrechts und anderer Bereiche, die im Rahmen der Medien- regulierung von Relevanz sein können. Wie noch im Einzelnen aufzuzeigen sein wird, hat diese Aufteilung der Kompetenzen – insbesondere angesichts des technologischen Fortschritts im Mediensektor – wiederholt zu Konflikten zwischen Bund und Ländern geführt. b) Bundesverfassungsgerichtlicher Begriff der „dienenden Rundfunkfreiheit“ Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG lautet: „Die Pressefreiheit und die Freiheit der Bericht- erstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet.“ Mit diesem Satz beschreibt das Grundgesetz die Rundfunkfreiheit. Wegen der knappen Worte, die einer Konkretisierung und Ausfüllung bedürfen, ist das deutsche Rundfunk- recht von der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts geprägt. Die Ent- scheidungen des Bundesverfassungsgerichtes – als „Hüter der Verfassung“154 – binden alle übrigen Staatsorgane und haben in bestimmten Fällen Gesetzes- kraft155. 96 153 Vgl. Herrmann/Lausen, Rundfunkrecht, München 2004, S. 149. 154 Schneider Hans-Peter, Die Vollstreckungskompetenz nach § 35 BVerfGG – ein Notverordnungsrecht des Bundesverfassungsgerichts?, NJW 1994, 2590, 2594. 155 § 31 BVerfGG. Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren „Grundsatzentscheidungen“ den Begriff der Rundfunkfreiheit definiert und – entsprechend der technischen und tatsächlichen Entwicklungen nach der Einführung des dualen Systems – fortgeschrieben156. Dabei ist maßgebend und folgenreich die vom Bundes- verfassungsgericht festgestellte Rolle des Rundfunks als „Medium und Faktor“ des verfassungsrechtlich geschützten Prozesses der freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung und der damit einhergehenden objektiv-recht- lichen Ausprägung des Grundrechts. Demnach bildet die Rundfunkfreiheit unter den Bedingungen der modernen Massenkommunikation eine notwendige Ergänzung der in Art. 5 Abs. 1 S. 1 GG normierten Meinungsfreiheit und für die demokratische Grundordnung „schlechthin konstituierend“157. Sie ist also im Sinne einer condicio sine qua non für einen freien Willens- und Meinungs- bildungsprozess zu verstehen158. Die Rundfunkfreiheit dient damit (primär159) der Aufgabe, die freie und umfassende Meinungsbildung durch den Rundfunk zu gewährleisten160, und ist, im Unterschied zu anderen Freiheitsrechten, kein Grundrecht, das seinem Träger zum Zweck der Persönlichkeitsentfaltung oder Interessenverfolgung eingeräumt ist161. Der grundrechtliche Schutz der Vermittlungsfunktion des Rundfunks bildet daher eine unerlässliche Voraussetzung der Erreichung des Normziels von Art. 5 Abs. 1 GG162. Diese dem Rundfunk zukommende – staats- fremde – „öffentlich-rechtliche Aufgabe“163 bestimmt danach auch die Eigenart und die Bedeutung der Rundfunkfreiheit: Neben dem Abwehrcharakter eines klassischen Freiheitsrechts, der die Freiheit des Rundfunks von staatlicher Einflussnahme verlangt, muss der Gesetzgeber dem dienenden Charakter in- soweit Rechnung tragen, dass er eine positive Ordnung schafft. Diese muss sicherstellen, dass die Vielfalt der bestehenden Meinungen im Rundfunk „in möglichster Breite und Vollständigkeit Ausdruck findet und dass auf diese Weise umfassende Information geboten wird“164. 97 156 BVerfG 12, 205 ff.; 31, 314 ff.; 35, 202 ff.; 57, 295 ff.; 73, 118. 157 St. Rspr., vgl. BVerfGE 35, 202, 221; 57, 295, 321; 73, 118, 152 f.; 74, 297, 325 f. Das Bundesverfassungs- gericht beschreibt die Meinungsfreiheit in seiner Lüth-Entscheidung als „eines der vornehmsten Menschen- rechte überhaupt“ (un des droits les plus precieux de l’homme, nach Art. 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789). Für eine freiheitlich-demokratische Staatsordnung ist es schlechthin konstituie- rend, denn es ermöglicht erst die ständige geistige Auseinandersetzung, den Kampf der Meinungen, der ihr Lebenselement ist (BVerfGE 5, 85 [205]). Es ist in gewissem Sinn die Grundlage jeder Freiheit überhaupt, „the matrix, the indispensable condition of nearly every other form of freedom“ (Cardozo); BVerfGE 7, 198, 208. 158 So Libertus (1991), S. 25. 159 BVerfGE 74, 297, 323. 160 BVerfGE 57, 295, 319. 161 BVerfGE 87, 181, 197; kritisch hierzu: Klein (1981), S. 190; Engel (1994), S. 185 ff.; Degenhart (1991), S. 511; Kull (1981), S. 378. 162 BVerfGE 83, 238, 296. 163 BVerfGE 31, 314, 337. 164 BVerfGE 57, 295, 320; 83, 238, 296. Mit der Einführung des privaten Rundfunks in Deutschland und der somit seit den 80er Jahren bestehenden dualen Rundfunkordnung „teilt“ sich der dienende Charakter der Freiheit: Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk obliegt die „unerlässliche Grundversorgung“. Diese umfasst die „essenziellen Funk- tionen des Rundfunks für die demokratische Ordnung ebenso wie für das kulturelle Leben in der Bundesrepublik“. Solange und soweit die Wahrneh- mung dieser Aufgaben durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wirksam gesichert sei, könnten von Seiten des Gesetzgebers an die Breite des Pro- grammangebots und die Vielfaltssicherung im Privatrundfunk weniger hohe Anforderungen gestellt werden. Trotzdem müssten die getroffenen Maßnahmen geeignet sein, ein möglichst hohes Maß gleichgewichtiger Vielfalt im privaten Rundfunk zu erreichen und zu sichern165. Dies gilt, nach den Vorgaben des Gerichts, jedenfalls solange und soweit wirksam sichergestellt ist, dass die unerlässliche Grundversorgung der Bevölkerung im öffentlich-rechtlichen Rund- funk ohne Einbuße erfüllt wird166. Diese „Teilung“ der Rundfunkfreiheit gilt nach der Vorgabe des Gerichts auch nach dem Ende der Knappheit an den ver- schiedenen Übertragungswegen167. c) „Positive Ordnung“ Freie und individuelle öffentliche Meinungsbildung durch den Rundfunk ver- langt nach der Auffassung des Gerichts zunächst die Freiheit von staatlicher Beherrschung: Insoweit ist dem abwehrenden Charakter der Rundfunkfreiheit als klassisches Freiheitsrecht Rechnung zu tragen. Eine rein negatorische Ge- staltung des Grundrechts gewährleiste jedoch nicht die zur Aufgabe „Meinungs- bildung“ notwendige Vielfaltssicherung. Dazu bedürfe es einer positiven Ord- nung, welche sicherstelle, dass die Vielfalt der bestehenden Meinungen im Rundfunk in möglichster Breite und Vollständigkeit Ausdruck finde. Unter einer positiven Ordnung versteht das Gericht materielle, organisatorische und verfahrensrechtliche Regelungen, die sich an der Aufgabe der Rundfunkfrei- heit orientieren, diese „in geeigneter Weise ausgestalten und sichern“168 und unter (Landes-)Parlamentsvorbehalt stehen169. Da die Rundfunkfreiheit nicht nur vor unmittelbaren Einflussnahmen auf das Programm schütze, sondern auch mittelbaren Programmeinflüssen entgegenstehe (vor allem im Wege der Festsetzung von Art und Höhe der Finanzierungsmittel)170, dürfe der Gesetz- geber dabei dem Staat aber keinen Einfluss auf Auswahl, Inhalt und Gestal- 98 165 BVerfGE 73, 118, 118 (Leitsätze). 166 BVerfGE 83, 238, 297. 167 BVerfGE 57, 295, 322. 168 BVerfGE 83, 238, 322 f. 169 BVerfGE 57, 295, 320. 170 BVerfGE 83, 238, 323. tung der Programme geben. Ziel des zu schaffenden rechtlichen Rahmens muss nach Ansicht des Gerichtes sein, sicherzustellen, dass der Rundfunk weder einer einzelnen gesellschaftlichen Gruppe noch einer vorherrschenden Meinungsmacht ausgeliefert wird171 und dass – angesichts des technischen Fortschrittes – das grundgesetzlich geforderte Mindestmaß an Ausgewogenheit des Gesamtprogrammes erhalten bleibt. Dieses Erfordernis einer positiven Ordnung ergibt sich jedoch nicht in gleichem Maße für die sog. „rundfunkähnlichen Kommunikationsdienste“. Von solchen „rundfunkähnlichen Kommunikationsdiensten“ spricht das Bundes- verfassungsgericht in dem sog. 6. Rundfunkurteil172 (Baden-Württemberg- Entscheidung). Damit die in Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG garantierte Rundfunkfrei- heit ihre Funktion auch in Zeiten, die vom technologischen Wandel geprägt sind, bewahren könne, dürfe sich ihre Anwendbarkeit nicht auf eine ältere Technik (den „klassischen Rundfunk“) beschränken. Anderenfalls würden weite Bereiche, in denen die Rundfunkfreiheit ihre Funktion auch angesichts der neuen technischen Möglichkeiten durchaus erfüllen könnte, ihrem Anwen- dungsbereich entzogen. Daher sollen sich die Schutzwirkungen des Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG auch auf die sog. „rundfunkähnlichen Kommunikationsdienste“ erstrecken. Während diese Dienste also dem Schutz von Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG unter- liegen sollen, wird für sie eine positive Ordnung, wie sie das Bundesverfas- sungsgericht für den „klassischen Rundfunk“ verlangt, nicht in der gleichen Weise für notwendig erachtet. Das Erfordernis besonderer gesetzlicher Sicherungsmechanismen für den Rundfunk begründet das Verfassungsgericht mit Argumenten wie „Suggestiv- kraft“, „Vermachtungstendenzen“ und der bestehenden Frequenzknappheit. Diese Prämissen treffen jedoch nur auf den klassischen Rundfunk zu, weshalb die rundfunkähnlichen Kommunikationsdienste keiner so umfassenden positi- ven Ordnung zur Vielfaltssicherung bedürfen. Die Schlussfolgerung des Gesetz- gebers hieraus besteht darin, die Regelungsdichte bei Rundfunk und rundfunk- ähnlichen Diensten unterschiedlich auszugestalten.173 d) Presse Für die Presse streitet zunächst das klassische Recht aus Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG, das allerdings, anders als für den Rundfunk, nicht die Schaffung einer positiven Ordnung verlangt. Gleichwohl ist anerkannt, dass auch die Presse 99 171 BVerfGE 73, 118, 153 u. 175 ff. 172 BVerfGE 74, 297, 350. 173 Castendyk, in v. Hartlieb/Schwarz, Handbuch des Film-, Fernseh- und Videorechts, 4. Aufl., 2004, Kap. 237, Rdnr. 8 ff. eine öffentliche Aufgabe wahrnimmt. Dies wird, wenngleich auch in einfach- rechtlichem Kontext, deutlich einerseits durch die Sonderbestimmungen des GWB zur Fusionskontrolle und kommt ferner darin zum Ausdruck, dass der Bund die Selbstkontrolle des Pressesektors finanziell fördert. Andererseits wird durch Regelung im Landesrecht eine besondere (inhaltliche) Sorgfalt bei der Pressetätigkeit verlangt und zudem beispielsweise durch das Recht auf Gegendarstellung hervorgehoben, dass mit der massenkommunikativen Aus- drucksform der Presse bestimmte Verpflichtungen einhergehen. Ferner sind für die Presse, wie auch für die weiteren wirtschaftlich tätigen Personen im Mediensektor die Wirtschaftsgrundrechte zu beachten. e) Wirtschaftsgrundrechte (Art. 12 und 14 GG) Seit der endgültigen Abschaffung des Fernmeldemonopols im Jahre 1998 ist der Telekommunikationssektor ebenso wie andere Wirtschaftszweige von den Grundrechten der Art. 12 und 14 GG geprägt. Damit besteht auch in diesem Bereich eine an der Berufsfreiheit und dem Recht auf Eigentum bzw. dem Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb orientierte Wirtschafts- ordnung. Dies gilt allerdings nicht nur für die Signalübertragung. Auch die Entwicklung der Märkte für Telemedien fand auf dieser verfassungsrechtlichen Grundlage statt. Die Grundrechte sind selbstverständlich auch in Bezug auf die Presse und die Rundfunkunternehmen zu beachten. f) Schutzpflichten des Staates Die Grundrechte als Abwehrrechte gegen den Staat verpflichten diesen zu- nächst hauptsächlich zum Unterlassen rechtswidriger Eingriffe in den jeweili- gen Schutzbereich. Allerdings gebieten sie überdies nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes auch die vorbeugende Verhinderung drohender Grundrechtsverletzungen durch Dritte oder durch den Staat.174 Aus dem objek- tiv-rechtlichen Gehalt des Grundrechts wird eine Pflicht der staatlichen Organe abgeleitet, sich schützend und fördernd vor die betreffenden Rechtsgüter zu stellen und sie insbesondere vor rechtswidrigen Eingriffen von Seiten anderer zu bewahren. Der Grad der Schutzverpflichtung richtet sich dabei nach dem Rang des Grundrechtes innerhalb der Werteordnung des Grundgesetzes175 In diesem Kontext ist die Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG in zweierlei Hinsicht von Bedeutung. Zum einen spielt sie eine wichtige Rolle bei der allgemeinen Herleitung staatlicher Schutzpflichten im Bereich der Grundrechte. In Art. 1 Abs. 1 Satz 1 wird nämlich der öffentlichen Gewalt auf- 100 174 BVerfGE 53, 30, 57. 175 BVerfGE 39, 1, 42. gegeben, die Menschenwürde nicht nur zu achten, sondern auch zu schützen. Zum anderen ist das Spannungsverhältnis zwischen der Pflicht zum Schutze der Menschenwürde und den Freiheiten der Medienschaffenden wie etwa der Programmfreiheit der Rundfunkanstalten zu berücksichtigen.176 Da das Grund- gesetz einen staatsfreien Rundfunk vorschreibt, sind hier staatliche Eingriffe – auch zum Schutze der Menschenwürde – als besonders problematisch anzu- sehen. Deshalb ist die Annahme einer Beeinträchtigung der Menschenwürde unter Berücksichtigung der Gesamtumstände genau zu prüfen.177 Dennoch ist das Schutzgebot des Art. 1 Abs. 1 Satz 2 umfassend und ausnahmslos gültig und die Menschenwürde nicht abwägungsfähig, so dass die Medien keinen Raum darstellen können, der von der Schutzpflicht der Menschenwürde frei- gestellt ist.178 Auch im Bereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts, welches sich auf Art. 2 Abs. 1 GG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG stützt, treffen den Staat Schutzpflichten mit Medienrelevanz, die etwa durch die Garantie eines Rechtes auf Gegendarstellung wahrgenommen werden. Besondere Schutzpflichten bestehen im Bereich des Jugendschutzes. Dies ergibt sich zum einen aus der Schutzpflicht im Hinblick auf die Menschen- würde der Minderjährigen, zum anderen aus dem allgemeinen Persönlichkeits- recht und aus Art. 6 Abs. 1 und 2 GG. Aus unterschiedlichen staatlichen Schutzpflichten speist sich die Rechts- materie des Verbraucherschutzes. Ein Schutzbedürfnis der Verbraucher resul- tiert aus ihrer strukturellen Unterlegenheit gegenüber Herstellern von Waren sowie Dienstleistungsanbietern aufgrund geringer Sachkenntnis und Erfahrung im Geschäftsverkehr. Zu nennen ist hier die körperliche Unversehrtheit des Art. 2. Abs. 2 für den Gesundheitsbereich, aber es spielen auch Rechtsweg- garantien und die Wirtschaftsgrundrechte eine Rolle. Verfassungsrechtliche Grundlage des Datenschutzrechtes ist das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, welches das Bundesverfassungsgericht im sog. Volkszählungsurteil179 als besondere Ausprägung des allgemeinen Per- sönlichkeitsrechtes aus Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG hergeleitet und erstmals anerkannt hat. Dieses Grundrecht gewährleistet die Befugnis des Ein- zelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persön- lichen Daten zu bestimmen. Einschränkungen dieses Rechts sind nur im über- wiegenden Allgemein- oder Individualinteresse zulässig. Damit ist der einzelne Bürger gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung und Nutzung seiner persön- lichen Daten geschützt. 101 176 Vgl. Dörr, Das Menschenbild des Grundgesetzes und seine Bedeutung für die Medien, 2001, S. 7, abrufbar unter www.mainzer-medieninstitut.de/menschenbild.pdf. 177 Ibid. 178 Dörr, a. a. O. 179 BVverfGE 65, 1. Art. 87 f. Abs. 1 GG statuiert überdies eine Pflicht des Bundes, im Bereich des Postwesens und der Telekommunikation flächendeckend angemessene und ausreichende Dienstleistungen zu gewähren. Zu Zeiten des Post- und Fern- meldemonopols kam der Staat dieser Verpflichtung nach, indem er solche Dienstleitungen durch staatliche Behörden erbrachte. Seit der Abschaffung des Monopols werden diese gemäß des Art. 87 f. Abs. 2 privatwirtschaftlich er- bracht; an die Stelle der Pflicht zur Erbringung der Dienste ist die Infrastruktur- vorsorgeverpflichtung getreten. Die Vorgaben des Art. 87 f. Abs. 1 GG werden somit erfüllt, indem der Bund nicht mehr selbst Telekommunikationsleistun- gen anbietet, sondern für das Vorhandensein der erforderlichen Netze sorgt, innerhalb derer private Unternehmen ihre Leistungen anbieten. 4. Staatsvertragliche und einfachgesetzliche Regelungen a) Rundfunkstaatsvertrag aa) Ziele der Rechtssetzung Die politischen Zielsetzungen des Rundfunkstaatsvertrages werden (z. T.) in dessen Präambel umrissen. Diese schreibt zunächst das sog. „duale Rundfunk- system“ im Rundfunkstaatsvertrag fest, d. h. die Koexistenz von öffentlich- rechtlichem und privatem Rundfunk. Dieses System soll für den öffentlich- rechtlichen Rundfunk Bestand und Entwicklung gewährleisten und den privaten Veranstaltern Ausbau und Fortentwicklung eines privaten Rundfunksystems, vor allem in technischer und programmlicher Hinsicht, ermöglichen. Beide Rundfunksysteme sind der freien individuellen und öffentlichen Meinungs- bildung sowie der Meinungsvielfalt verpflichtet und müssen in der Lage sein, den Anforderungen des nationalen und des internationalen Wettbewerbs zu entsprechen. Der Staatsvertrag soll der europäischen Entwicklung des Rund- funks Rechnung tragen, u. a. durch die nachhaltige Unterstützung der Herstel- lung neuer europäischer Fernsehproduktionen. Hiermit sind lediglich die Grundlinien des Rundfunkstaatsvertrages skizziert, auf die sich jedoch eine Vielzahl seiner Detailregelungen zurückführen lassen.n bb) Inhaltliche Vorgaben und Rechtsfolgen Ist ein bestimmtes Angebot dem Rundfunk zuzuordnen, so unterliegt es den weitreichendsten rechtlichen Anforderungen, die in der deutschen Medienord- nung an audiovisuelle Dienste gestellt werden. Hierbei differenziert der Rund- funkstaatsvertrag zwischen Regelungen, die auf sämtliche Veranstalter anzuwen- den sind, und solchen, die entweder nur gegenüber den öffentlich-rechtlichen oder den privaten Veranstaltern Geltung beanspruchen. Zu den für alle Veranstalter geltenden Verpflichtungen zählen die allgemei- nen Programmgrundsätze (Schutz der Menschenwürde, Achtung der sittlichen 102 und religiösen Überzeugungen etc.), die Vorschriften zur Übertragung von Großereignissen und zur Förderung von Eigenproduktionen und europäischen Werken. Daneben gibt es allgemein geltende Regelungen zu Werbung und Sponsoring, wie z. B. das Trennungsgebot und das Schleichwerbeverbot. Auch der Bereich des Jugendschutzes war für den Rundfunk originär im Rundfunk- staatsvertrag geregelt. Mit Erlass des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages wurde jedoch in § 4 RStV ein Verweis auf dessen Regelungen eingefügt. Im Bereich des Jugendschutzes sind demnach die Vorgaben des Jugendmedien- schutz-Staatsvertrages zu beachten, die sich auch an Rundfunkangebote richten und diesen solche Privilegierungen, wie dort für Telemedien vorgesehen, nicht einräumen.180 Im Abschnitt über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk enthält der Rund- funkstaatsvertrag wichtige Vorschriften über den Auftrag und die Finanzie- rung der öffentlich-rechtlichen Veranstalter. Die Werberegelungen sind teil- weise strenger ausgestaltet als gegenüber kommerziellen Veranstaltern – so gilt bspw. ein Ausstrahlungsverbot nach 20.00 Uhr. Der dritte Abschnitt des Rundfunkstaatsvertrages enthält spezielle Vor- schriften für private Veranstalter. Zur Sicherung der Meinungsvielfalt als dem wichtigsten Schutzgut der deutschen Medienrechtsordnung sind hier an erster Stelle die Vorschriften zur Verhinderung einer ungewollt starken Medienkon- zentration zu nennen, welche den Unternehmen (bundesweit verbreitetes Privat- fernsehen) hinsichtlich ihres Wachstums gewisse Grenzen setzen.181 Daneben enthält der Abschnitt die für die privaten Veranstalter geltenden Werbevor- schriften, nach denen bspw. auch die Veranstaltung von Teleshopping zulässig ist, was dem öffentlich-rechtlichen Veranstaltern verwehrt bleibt. Im vierten Abschnitt mit der Überschrift „Übertragungskapazitäten“ nimmt der Rundfunkstaatsvertrag schließlich andere als die vorgenannten Adressaten in den Blick. Die Vorschrift des § 53 RStV richtet bestimmte Anforderungen an die Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen hinsichtlich der von ihnen eingesetzten Technik, um auf diese Weise ein vielfältiges Angebot zu ermöglichen bzw. die Meinungsvielfalt abzusichern. Betroffen von dieser Vor- schrift sind jedoch nur solche Telekommunikationsanbieter, die Rundfunk oder vergleichbare Telemedien verbreiten. In § 52 RStV, welcher die Weiterverbrei- tungspflichten von Kabelanlagenbetreibern betrifft, werden in Absatz 2 be- stimmte Rechtsfolgen begründet, soweit in einer Kabelanlage „Fernsehpro- gramme oder vergleichbare Telemedien“ zusätzlich oder ausschließlich digital verbreitet werden. 103 180 Vgl. hierzu unten unter dd) (2). 181 Vgl. zum Medienkonzentrationsrecht, Abschnitt 2 a). cc) Rechtsaufsicht Die Aufsicht über Rundfunkangebote ist für den öffentlich-rechtlichen Rund- funk und die privaten Rundfunkveranstalter unterschiedlich ausgestaltet. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern überwachen anstaltsinterne Gremien, die „Rundfunkräte“ und „Verwaltungsräte“,182 die Einhaltung der entsprechenden Vorschriften. Daneben tritt eine „eingeschränkte“ Rechtsaufsicht durch die jeweilige(n) Landesregierung(en). Gegenüber den privaten Veranstaltern wird die Rechtsaufsicht durch die zuständige Landesmedienanstalt wahrgenommen; darüber hinaus besteht gegenüber den Landesmedienanstalten die Rundfunk- aufsicht der jeweiligen Landesregierung (vgl. etwa §§ 88, 117 Landesmedien- gesetz NRW, §§ 55, 62 Saarländisches Mediengesetz). Zuständig für Fragestellungen der Sicherung der Meinungsfreiheit, ins- besondere im Zusammenhang mit Entscheidungen über eine Zulassung oder Änderung einer Zulassung privater Veranstalter oder bei Veränderungen der Beteiligungsverhältnisse an privaten Rundfunkunternehmen, ist gemäß § 36 Abs. 1 RStV die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medien- bereich (KEK). Die Entscheidungen der KEK können allerdings gemäß § 37 Abs. 2 und 3 RStV durch eine Mehrheit von drei Vierteln durch die Konferenz der Direktoren der Landemedienanstalten (KDLM) aufgehoben werden. Zuständig für die Überprüfung der für die Anbieter geltenden Bestimmun- gen nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag ist gem. § 14 Abs. 2 JMStV die Kommission für Jugendmedienschutz, die in dieser Funktion der jeweils zuständigen Landesmedienanstalt als Erfüllungsorgan dient. Über einen Verstoß gegen die Vorgaben des § 53 RStV entscheidet gemäß dessen Absatz 4 die zuständige Landesmedienanstalt im Benehmen mit der Bundesnetzagentur (BNetzA). Gemäß § 53 Abs. 6 steht den Landesmedien- anstalten die Kompetenz zu, durch übereinstimmende Satzungen Einzelheiten zur inhaltlichen und verfahrensmäßigen Konkretisierung der in § 53 RStV ent- haltenen Vorschriften zu regeln. Auf dieser Grundlage wurde insbesondere die Satzung über die Zugangsfreiheit zu digitalen Diensten der Landesmedien- anstalten vom 1. November 2000 erlassen, mit der auch die Gemeinsame Stelle Digitaler Zugang der Landesmedienanstalten (GSDZ) eingerichtet wurde. Diese bearbeitet und koordiniert bundesweit Fragen des digitalen Zugangs. Eine Neufassung der Satzung befindet sich zur Zeit in der Abstimmung. 104 182 Bzw. „Fernsehrat“ beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF). dd) Sachlicher Anwendungsbereich (1) Rundfunk Gemäß § 2 Abs. 1 RStV ist Rundfunk die für die Allgemeinheit bestimmte Veranstaltung und Verbreitung von Darbietungen aller Art in Wort, in Ton und in Bild unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen ohne Verbindungsleitung oder längs oder mittels eines Leiters. Der Begriff schließt Darbietungen ein, die verschlüsselt verbreitet werden oder gegen beson- deres Entgelt empfangbar sind. An die Allgemeinheit gerichtet im Sinne dieser Vorschrift ist ein Angebot dann, wenn der Adressatenkreis bei Ausstrahlung nicht feststeht.183 Richten sich die Angebote an einen Personenkreis, welcher durch persönliche oder geschäftliche Beziehungen verbunden ist („closed user group“ – so etwa Mit- arbeiter einer Firma, die für diese ein eigenes Fernsehprogramm veranstaltet, sog. Business-TV), unterfallen sie nicht dem einfachgesetzlichen Rundfunk- begriff.184 Anders verhält es sich hingegen beim sog. „Kunden-TV“, welches über einen festgelegten Personenkreis hinaus an sämtliche tatsächlichen oder potenziellen Kunden des jeweiligen Unternehmens gerichtet ist. Anders als Business-TV-Veranstaltungen im originären Sinn richten sich solche Sendun- gen somit nicht an geschlossene Personengruppen. Von daher weisen Kunden- TV-Veranstaltungen nach Ansicht der Landesmedienanstalten185 den im RStV geforderten Allgemeinheitsbezug auf Vom Anwendungsbereich des RStV grundsätzlich ausgenommen sind Abrufdienste, welche gem. § 2 Abs. 1 i. V. m. § 2 Abs. 2 Nr. 4 MDStV als Mediendienste einzustufen sind186 (sofern nicht der individuelle Leistungsaustausch oder die reine Übermittlung von Daten im Vordergrund steht – bei solchen Abrufdiensten handelt es sich um Tele- dienste).187 Ein zentrales Element der Rundfunkdefinition ist der Begriff der „Darbie- tung“. Das Angebot muss demnach redaktionell gestaltete Inhalte enthalten, die zur öffentlichen Meinungsbildung geeignet sind. Es handelt sich bei dem Begriff der Darbietung um das einzige Merkmal, anhand dessen der Rundfunk von den weniger detailliert geregelten Mediendiensten abzugrenzen ist.188 Entscheidend für die Einstufung eines Angebots als Rundfunk oder als 105 183 Vgl. zu den Adressatenkreisen bestimmter Dienste wie „Business-TV“ und „Kunden-TV“ den „Leitfaden: Medienrechtliche Aspekte von Business-TV“ der Landesanstalt für Medien NRW, abrufbar unter: http:// www.lfm-nrw.de/downloads/btv-leitfaden.doc. 184 Castendyk, in v. Hartlieb/Schwarz, Handbuch des Film-, Fernseh- und Videorechts, 4. Aufl., 2004, Kap. 237, Rdnr. 4. 185 Vgl. hierzu die gemeinsame Vorlage zur 129. Sitzung der DLM am 14./15. 11. 2000, abrufbar unter: http:// www.alm.de/fileadmin/user_upload/kundtv.doc. 186 Jarras, Rundfunkbegriffe im Zeitalter des Internets, AfP 1998, 133 (140). 187 Siehe unten, in Abschnitt 4 b) und d). 188 Schulz, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 2003, § 20, Rz. 25. Mediendienst ist dabei der Grad an Meinungsbildungsrelevanz, welches dieses erreicht.189 Ein von den Landesmedienanstalten hierzu erstelltes Abgrenzungs- papier190 geht davon aus, dass es für den Rundfunk keine (starre) Definition geben könne, sondern dass hier im Wege einer Typologie vorzugehen sei.191 Hierbei orientieren sich die Landesmedienanstalten an der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts192, wonach sich die Wirkungsintensität der jeweili- gen Angebote an den Kriterien „Breitenwirkung“, „Aktualität“ und „Suggestiv- kraft“ messen lasse. Das Strukturpapier wendet diese Kriterien in der folgenden Weise an: Eine Breitenwirkung entfalte der Rundfunk herkömmlicherweise durch die zeitgleiche Vermittlung von Tatsachen und Meinungen an eine unüberschau- bare Vielzahl von Empfängern, wodurch in kurzer Zeit auf einen großen Rezi- pientenkreis Einfluss genommen werde. Diese Wirkung beschränke sich jedoch keineswegs auf die klassischen Verteildienste, sondern sei vielmehr grundsätz- lich jedem (Online-)Dienst zuzuschreiben, sofern er aufgrund der technischen Gegebenheiten in vergleichbarer Weise wie klassische Verteildienste einen hinreichend großen Personenkreis erreichen kann. Die technischen Entwick- lungen der letzten Jahre haben insoweit zu einem Abrücken von einem rein technischen Blickwinkel geführt. Die besondere Aktualität der vermittelten Inhalte werde durch die Produk- tions- und Verbreitungstechnik des Rundfunks und von rundfunkähnlichen Diensten ermöglicht. Sie erzeuge beim Empfänger den Eindruck der Teilhabe am Geschehen und motiviere ihn, sich meinungsbildend damit auseinander zu setzen. Die Suggestivkraft, d. h. die besondere Wirkmacht einer Rundfunkdarbie- tung, beruhe auf dem Eindruck der Authentizität einer audiovisuellen Darstel- lung, die unter anderem durch die Kombination von Ton und Bewegtbild ent- stehe und bei der Live-Berichterstattung besonders intensiv sei. Der Rezipient neigt im Allgemeinen dazu, Gesehenes und Gehörtes zunächst einmal für bare Münze zu nehmen. Das Bewegtbild biete in dieser Hinsicht mehr dramaturgi- sche Möglichkeiten als das geschriebene Wort. Selbst das Bundesverfassungsgericht räume allerdings ein, so die Auffas- sung der Landesmedienanstalten in o. g. Strukturpapier, dass eine trennscharfe Definition anhand dieser drei Merkmale nicht vorgenommen werden kann. Das Strukturpapier der DLM führt daher zusätzliche Kriterien auf, die bei der 106 189 Castendyk, in v. Hartlieb/Schwarz, Handbuch des Film-, Fernseh- und Videorechts, 4. Aufl., 2004, Kap. 237, Rdnr. 5. 190 Drittes Strukturpapier der DLM zur Abgrenzung von Rundfunk- und Mediendiensten vom 6. 11. 2003, abruf- bar unter: www.alm.de/bibliothek/download/3.Strukturpapier.pdf. 191 Dieser Ansatz steht in gewisser Weise im Einklang mit der amtlichen Begründung zum RStV 1991, wonach der Rundfunkbegriff dynamisch und für technische Entwicklungen offen zu interpretieren ist. 192 BVerfGE 90, 60 (87). Typisierung der Dienste herangezogen werden können. Hierzu zählen u. a. der Umfang der redaktionellen Gestaltung des Inhalts, die Realitätsnähe der Prä- sentation der Inhalte, die tatsächliche Reichweite und die gleichzeitige Rezep- tionsmöglichkeit und Nutzung eines Dienstes. Ein Dienst könne als desto rund- funktypischer angesehen werden, je stärker diese Elemente vorhanden seien. Ein hohes Maß an Interaktivität des Nutzers beim Empfangsvorgang sei hin- gegen eher als ein Indiz gegen eine Typisierung als Rundfunk heranzuziehen.n Das Merkmal der Darbietung wird von anderen allerdings als wenig ge- eignet für eine scharfe Abgrenzung zwischen Mediendiensten und Rundfunk erachtet.193 Der als bruchhaft empfundene Übergang zwischen Regelungs- regimen des Rundfunks und der Mediendienste werde den Anforderungen an eine von Konvergenz der Technik und Diversifizierung der Dienste geprägten Realität immer weniger gerecht.194 Insbesondere das Fehlen materieller Krite- rien, anhand derer entschieden werden kann, wann ein Mediendienst eine „Dar- bietung“ im Sinne des RStV ist und somit in Rundfunk „umschlägt“, ist auf Kritik gestoßen. Dass diese Entscheidung den Landesmedienanstalten (durch die Möglichkeit von Unbedenklichkeitsentscheidungen) überlassen werde, sei im Hinblick auf das rechtsstaatliche Gebot der Bestimmtheit nicht unproble- matisch.195 (2) Mediendienste, die dem Rundfunk zuzuordnen sind In § 20 Abs. 2 RStV findet sich eine besondere Vorschrift für Dienste, die im Grenzbereich zwischen Rundfunk und Mediendiensten anzusiedeln sind. Diese sog. „Mediendienste, die dem Rundfunk zuzuordnen sind,“ bedürfen gem. § 20 Abs. 2 RStV einer Zulassung durch die zuständige Landesmedienanstalt. Diese Vorschrift ist Ausdruck des funktionalen Rundfunkbegriffs des Bundesverfas- sungsgerichts, wonach es für die Einstufung eines Dienstes als Rundfunk weder auf dessen Verbreitungsart noch auf seine Bezeichnung, etwa als „Medien- dienst“, ankommt. Die Einstufung eines Mediendienstes kann gem. § 20 Abs. 2 RStV zum einen von Amts wegen durch die zuständige Landesmedienanstalt erfolgen. Der Anbieter eines Dienstes kann jedoch auch bei der zuständigen Landesmedienanstalt gem. § 20 Abs. 2 S. 3 einen Antrag auf rundfunkrecht- liche Unbedenklichkeit stellen, um Rechtssicherheit (und damit Planungs- sicherheit) über die rechtliche Einstufung seines Angebots zu erlangen. Die Entscheidung über diesen Antrag wird in der Folge einvernehmlich zwischen allen Landesmedienanstalten getroffen, um eine einheitliche Auslegung und Anwendung der gesetzlichen Bestimmungen zu gewährleisten. 107 193 Ory, Band 30; Vesting, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 2003, Einf., Rz. 23; Kröger/Moss, ZUM 1997, 462, (470 f.). 194 Bumke/Schulz, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 2003, § 20, Rz. 8, 139–141. 195 Kröger/Moos, Regelungsansätze für Multimediadienste, ZUM 1997, 462 (465). Diese Einstufung bestimmter Angebote als Mediendienst hat beispielsweise schon dann eine Rolle gespielt, wenn es um die Zulässigkeit pornografischer Inhalte ging. Handelt es sich bei solchen Angeboten um Fernsehen, so sind pornografische Inhalte – auch wegen der entsprechenden Vorschrift in der Fernsehrichtlinie (Art. 22) – unzulässig. Dies gilt auch dann, wenn sie ledig- lich geschlossenen Benutzergruppen zugänglich sind. Für Telemedien sieht demgegenüber der JMStV in § 4 Abs. 2 die Zulässigkeit solcher Inhalte vor, wenn sichergestellt ist, dass sie nur Erwachsenen zugänglich gemacht werden. Die DLM hat insofern zugunsten zweier Veranstalter deren Angebote als Mediendienste eingestuft, wobei es sich um pornografischen Pay-per-View- Content handelte, der auf digitalen Plattformen angeboten werden sollte.196 (3) Dem Rundfunk vergleichbares Telemedium Die Verwendung des Begriffs der Telemedien in den §§ 52 und 53 RStV ver- mag ein wenig zu überraschen, denn der Rundfunkstaatsvertrag enthält weder eine eigene Definition des Begriffs „Telemedien“, noch verweist er auf die entsprechende Definition im JMStV. Ebensowenig findet sich eine Aussage dazu, wann ein Telemedium als dem Rundfunk oder einem Fernsehprogramm vergleichbar anzusehen ist. Offensichtlich sollen von den vorgenannten Vor- schriften jedoch nicht sämtliche Telemedien erfasst werden, sondern nur jene, die eine gewisse Verwandtschaft zum Rundfunk bzw. zu Fernsehprogrammen aufweisen. Man kann sich die Frage stellen, inwiefern eine Beziehung dieser Vorschriften zu § 20 Abs. 2 RStV besteht, welcher die Behandlung von Medien- diensten, welche dem Rundfunk zuzuordnen sind, regelt. Ein Verweis auf § 20 Abs. 2 RStV findet sich in den §§ 52 und 53 RStV jedenfalls nicht. Erst aus der Begründung zum 8. RÄndStV ergibt sich, dass der Begriff „vergleichbare Telemedien“ in Übereinstimmung mit dem gleichlautenden Begriff in § 2 des Telekommunikationsgesetzes verwendet werde, welcher auf Forderung der Länder im Bundesratsverfahren in das Telekommunikationsgesetz eingefügt worden sei. Dabei handele es sich „um solche Telemedien, die dem Schutz- bereich von Art. 5 des Grundgesetzes unterfallen.“ Auch dieser Hinweis in der Gesetzesbegründung erscheint allerdings neben der wenig präzisen Formulie- rung im Gesetzestext selbst kaum dazu geeignet, der Praxis ein brauchbares Unterscheidungskriterium dafür zu liefern, welche Telemedien dem Rundfunk vergleichbar sind und für welche dies nicht zutrifft.197 108 196 Die Pressemeldung 16/2003 der DLM ist abrufbar unter: www.alm.de. 197 Auch nach Ansicht von König/Kösling, Die digitale Zugangsfreiheit im 8. RÄStV – Nur Anpassung an das TKG oder materielle Änderungen beabsichtigt?, ZUM 2005, 289 (294), ist der Begriff „vergleichbare Tele- medien“ nur schwer einzugrenzen. Die Trennlinie dürfte hier ähnlich verlaufen wie bei der Abgrenzung zwi- schen Rundfunk und Mediendiensten.198 Insofern bietet es sich im Sinne einer für die Praxis vorhersehbaren Rechtsanwendung an, die Unterscheidungs- kriterien heranzuziehen, welche die DLM in ihrem Dritten Strukturpapier zur Unterscheidung zwischen Rundfunk und Mediendiensten herausgearbeitet hat. Zur Feststellung einer Vergleichbarkeit mit dem Rundfunk wären die ent- sprechenden Angebote diesem Auslegungsansatz zufolge an den Kategorien „Breitenwirkung“, „Aktualität“ und „Suggestivkraft“ und den hierzu entwickel- ten Hilfskriterien zu messen. (4) Navigatoren und Zugangsberechtigungssysteme Jedes digitale Empfangsgerät besitzt einen Navigator, der dem Zuschauer eine Übersicht über die verfügbaren Dienste und das Leistungsspektrum des Gerätes ermöglicht. Als Navigatoren bezeichnet das Gesetz „Systeme (…), die auch die Auswahl von Fernsehprogrammen steuern und die als übergeordnete Benutzeroberfläche für alle über das System angebotenen Dienste verwendet werden“ (§ 53 Abs. 2 S. 1 RStV). Erfasst sind alle „Dienste, die (…) als Naviga- tionssystem den Zuschauern angeboten werden (…)“ (Amtl. Begründung zum 3. Rundfunkänderungsstaatsvertrag) „und die (…) zunächst vom Zuschauer anwählbaren Benutzeroberflächen (…)“.199 Zentral ist die Funktion als Pro- grammauswahlhilfe im TV-Bereich. Zweck der Vorschrift ist die Sicherung des chancengleichen Zugangs der Programmanbieter auf der einen und die Gewährleistung der weitgehend selbstbestimmten Programmauswahl der Zu- schauer auf der anderen Seite.200 Navigatoren gestatten die Anwahl eines oder mehrerer Dienste. Ein Electronic Program Guide (EPG) ermöglicht dem Zu- schauer, ein Programm oder eine Sendung anzuwählen. Wenn diese Sendung zum Zeitpunkt der Anwahl läuft, so beendet sich der EPG und schaltet auf die Sendung bzw. initialisiert den Dienst. Läuft die Sendung zum Zeitpunkt der Auswahl nicht, so kann der EPG weitere Funktionsschritte anbieten, wie z. B. weiterführende Informationen anzeigen oder eine Erinnerungs-Funktion ein- stellen Die Daten für einen EPG und deren Format werden vom Anbieter eines EPGs definiert. EPGs können daher auch als elektronische Programmzeit- schriften bezeichnet werden. Der EPG ist neben der Programmliste, der Anzeige von Datum und Uhrzeit, dem Programmstatus einem Timer, einer Anwendungsleiste für mögliche Zusatzfunktionen, Teletext, und ggf. Radio 109 198 Vgl. dazu oben, Abschnitt 4 a) aa). 199 Amtliche Begründung zum 4. Rundfunkänderungsstaatsvertrag. 200 Anforderungen an Navigatoren, Diskussionspapier der Gemeinsamen Stelle Digitaler Zugang der Landes- medienanstalten; Version 1.0; Stand: 4. Mai 2004, abrufbar unter: www.alm.de/fileadmin/Dateien/ Anforderungen_an_Navigatoren_V1.pdf. eine der Grundfunktionen des Navigators.201 Mit dem Begriff EPGs werden also im weitesten Sinne alle elektronischen Auswahlhilfen für Rundfunkpro- gramme bezeichnet.202 EPGs werden als hybride Dienste, welche sowohl zur Ansteuerung von Rundfunkprogrammen dienen, als auch selbst Inhalte präsentieren, nicht voll- ständig durch eine Regelungsmaterie erfasst, sondern tangieren unterschied- liche Rechtsbereiche.203 Zugangsberechtigungssystem, Zugangskontrolle oder Conditional Access ist jede technische Maßnahme und/oder Vorrichtung, die den Zugang zu einem geschützten Dienst in verständlicher Form von einer vorherigen individuellen Erlaubnis abhängig macht.204 Solche Systeme dienen vor allem der Auswahl berechtigter Rezipienten sowie der Erfassung und Abrechnung der Gebühren für Pay-TV-Programme. Aber auch im Free-TV-Bereich gibt es Gründe, grund- sätzlich alle Inhalte zu verschlüsseln (so genannte Grundverschlüsselung), wie etwa die Sicherung gegen unautorisierten Zugang zum jeweiligen Übertragungs- medium, die Möglichkeit der Identifizierung von Kunden oder die Reichweiten- kontrolle zur Sicherung regionaler Senderechte.205 Grundlage der zugangs- kontrollierten Dienste ist die Verschlüsselung, also die Veränderung der zu übertragenden Daten mittels eines kryptografischen Schlüssels. Auf einfachgesetzlicher Ebene ist im Hinblick auf Navigatoren bzw. EPGs und Zugangsberechtigungssysteme vor allem § 53 Rundfunkstaatsvertrag ein- schlägig. Danach haben Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen, die Rundfunk oder vergleichbare Telemedien verbreiten,206 zu gewährleisten, dass die eingesetzte Technik ein vielfältiges Angebot ermöglicht. Anbieter von Rundfunk oder Telemedien dürfen nicht durch Zugangsberechtigungssysteme, Schnittstellen für Anwendungsprogramme, übergeordnete Benutzeroberflächen oder aufgrund der Ausgestaltung von Entgelten behindert oder diskriminiert werden. Aufsichtsbehörde ist die örtlich zuständige Landesmedienanstalt, § 53 Absätze 3–5. Das Multiplexing hingegen ist von § 53 RStV nicht erfasst.207 110 201 Deutsche TV-Plattform, Unterarbeitsgruppe Systemmanagement der Arbeitsgruppe Markteinführung Multi- media Home Platform (AG ME-MHP): Navigatoren für digitale Fernseh- und MHP-Empfänger Grundlagen- papier aller Marktbeteiligten, September 2004, S. 14. Das Papier ist abrufbar unter: www.tv-plattform. de/. 202 Hans-Bredow-Institut, DocuWatch Digitales Fernsehen 2/2005, S. 5. Vgl. auch Berger/Schoenthal, Die zukünftige Regulierung audiovisueller Dienste, IRIS Spezial, Straßburg 2005, S 29 ff.; Scheuer/Knopp, Glossar des digitalen Fernsehens, S. 22 ff. 203 Hans-Bredow-Institut, DocuWatch Digitales Fernsehen 2/2005, S. 23. 204 Siehe Richtlinie 98/84/EG über den rechtlichen Schutz von zugangskontrollierten Diensten und Zugangs- kontrolldiensten; sowie: www.dvb.org index.php?id=50§sid=4. 205 Hartstein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, Kommentar zum Rundfunkstaatsvertrag, § 53 Rn. 8. 206 Vgl. zu den Adressaten dieser Norm die Ausführungen unten unter ee) (5). 207 Hartstein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, RStV, § 53, Rn. 23; Holznagel, MMR 2000, 480, 484. ee) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (1) Veranstalter Der RStV ist einerseits an die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten adres- siert (s. bspw. § 3 RStV), andererseits richtet er sich jedoch auch an die „priva- ten Veranstalter“ (s. bspw. § 20 Abs. 1 S. 1 RStV). Soweit sich die Vorschriften des ersten Abschnitts des Staatsvertrages zugleich an beide o. a. Adressaten richten (wie z. B. die Quotenregelung zugunsten europäischer Produktionen in § 6 RStV208), ist auch vom „Fernsehveranstalter“ die Rede. Der Rundfunk- veranstalterbegriff wird im RStV nicht definiert. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts209 ist Veranstalter eines Rundfunkprogramms, „wer seine Struktur festlegt, seine Abfolge plant, die Sendungen zusammen- stellt und unter einer einheitlichen Bezeichnung dem Publikum anbietet“. Hier- bei setzte der Begriff des „Anbietens“ nicht voraus, dass der Veranstalter das Programm selbst ausstrahlt oder die einzelnen Sendungen selbst produziert.210 Dem Merkmal des „Anbietens unter einheitlicher Bezeichnung“ wird hierbei jedoch eher eine deskriptive als eine konstitutive Funktion beigemessen.211 Zu beachten ist, dass dem Begriff des Veranstalters nicht in jeder Vorschrift des RStV die gleiche Bedeutung zukommen muss. So ist z. B. der zulassungs- rechtliche Veranstalterbegriff nicht unbedingt deckungsgleich mit dem werbe- rechtlichen Veranstalterbegriff des § 45 Abs. 3 RStV.212 In Bezug auf die Eigen- werbung wird hinsichtlich der letztgenannten Vorschrift vertreten, dass als Rundfunkveranstalter in deren Sinne nicht lediglich das einzelne Sendeunter- nehmen anzusehen sei, sondern eine gesamte Senderfamilie (privater Fernseh- sender).213 Dies hätte zur Folge, dass die in unterschiedlichen Sendern gezeig- ten Hinweise auf Programme der zur eigenen Senderfamilie gehörenden anderen Kanäle nicht auf das Werbezeitenkontingent angerechnet werden dürften. Nach der Gegenauffassung kann die Privilegierung aus § 45 Abs. 3 RSStV nur für solche privaten TV-Programme gelten, deren Zulassungen auf dieselben natür- lichen oder juristischen Personen lauten.214 Angesichts der Tatsache, dass sich die Einheit von Programmproduktion, -distribution und -vermarktung zunehmend auflöst, und angesichts der wirt- schaftlichen Integration der (privaten) Rundfunkveranstalter in immer komple- xere, an Multimedia-Bedingungen angepasste Wertschöpfungsketten gerät der 111 208 Kröber, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 2003, § 6, Rz. 30. 209 BVerfGE 97 (298), 310. 210 ebd. 211 Bornemann, Cross-Promotion in Fernsehprogrammen von Senderfamilien, K&R, 2001, 302 (307), m. w. N.m 212 Bumke, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, § 20, Rz. 33. 213 Bornemann, Cross-Promotion in Fernsehprogrammen von Senderfamilien, K&R, 2001, 302 (308). 214 Platho, Cross-Promotion in TV-Senderfamilien, MMR 2002, 21 (25). veranstalterbezogene Ausgangspunkt des RStV vor allem unter medienkonzen- trationsrechtlichen Gesichtspunkten immer mehr unter Druck.215 (2) „Anbieter von Mediendiensten, welche dem Rundfunk zuzuordnen sind“ Als ein Anbieter im Sinne dieser Vorschrift kann nur angesehen werden, wer inhaltlich Einfluss auf den Mediendienst hat, was im Einzelfall zu Abweichun- gen vom Anbieterbegriff des § 3 Nr. 1 MDStV führen kann.216 (3) Unternehmen Zum Adressatenkreis der medienkonzentrationsrechtlichen Regelungen des RStV (§§ 25 ff.) zählen „Unternehmen“. Gemäß § 26 Abs. 1 RStV darf ein „Unternehmen (natürliche oder juristische Person oder Personenvereinigung) (…) in der Bundesrepublik Deutschland selbst oder durch ihm zurechenbare Unternehmen bundesweit im Fernsehen eine unbegrenzte Anzahl von Program- men veranstalten, es sei denn, es erlangt dadurch vorherrschende Meinungs- macht (…)“. (4) Betreiber von Kabelnetzen Den „Betreibern (zumindest teilweise) digitalisierter Kabelanlagen“ werden in § 52 RStV besondere Übertragungspflichten auferlegt (Must-Carry). § 52 Abs. 2 bis 5 RStV sehen vor, dass der Betreiber einer Kabelanlage sicherzustellen hat, dass die erforderlichen Übertragungskapazitäten für öffent- lich-rechtliche Rundfunkprogramme einschließlich der Programmbouquets zur Verfügung stehen. Außerdem müssen bestimmte Kapazitäten für regionale und lokale Fernsehprogramme und offene Kanäle bereitgestellt werden, ferner gelten Offenlegungspflichten, und vor allem muss der Betreiber die verbleibende Kapazität nach näher spezifizierten Kriterien vergeben, also etwa ein vielfälti- ges Programmangebot garantieren und Mediendienste angemessen berücksich- tigen. Adressaten der Norm sind also die Betreiber von Kabelanlagen. Damit wird die telekommunikationsrechtliche Terminologie aufgegriffen. Das „Betreiben von Übertragungswegen“ ist in § 3 Nr. 1 TKG legaldefiniert als das: „Ausüben der rechtlichen und tatsächlichen Kontrolle (Funktionsherrschaft) über die Gesamtheit der Funktionen, die zur Realisierung der Informationsübertragung unabding- bar erbracht werden müssen.“ Durch den Begriff der Kabelanlage ist der Adressatenkreis der Norm weit gefasst. Diese offene Formulierung, die die Art der erfassten Netze nicht näher spezifiziert, ermöglicht die Einbeziehung aller Netze, die für die Übertragung 112 215 Vesting, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, Einführung, Rz. 34. 216 Schulz, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, § 20, Rz. 90. von Rundfunk und Mediendiensten geeignet sind217. Es wird also ausdrücklich nicht nach der physikalischen Beschaffenheit der Netze, nach der verwendeten Übertragungstechnik oder den verwendeten Übertragungsprotokollen differen- ziert.218 Damit ist der Anwendungsbereich im Grundsatz zukunftsoffen gestal- tet; sofern sich die Übertragung von Inhaltediensten im Zuge der Konvergenz auf IP-basierte Netze verlagert, dürfte die Norm auch auf diese Anwendung finden. Grundsätzlich verlieren nämlich die Argumente, die für Transportverpflich- tungen sprechen, in der digitalen und konvergenten Medienwelt nicht ihre Geltung. Allerdings ist § 52 Abs. 2 bis 5 RStV nicht im Hinblick auf seinen Adressatenkreis, sondern unter dem Gesichtspunkt der Ausgestaltung der Rege- lung noch stark an den Gegebenheiten des klassischen Kabelfernsehens orien- tiert, indem noch weitgehend von einer bestimmten, in Kanäle unterteilten Gesamtübertragungskapazität ausgegangen wird. In einer IP-basierten Um- gebung, in der Daten in Pakete zerlegt übersandt werden und damit die vor- handene Bandbreite optimal genutzt und letztlich all das übertragen werden kann, was nutzerseitig Abnehmer findet, können Must-Carry-Regeln sinn- vollerweise nur Pflichten zur Übertragung bestimmter Programme enthalten, nicht aber ein nahezu vollständiges Regime der Vergabe vorhandener Über- tragungskapazitäten. Auch sind die Betreiber von Kabelanlagen zwar denk- bare Adressaten von Transportverpflichtungen, bei fortschreitender Konvergenz stellt sich aber zunehmend die Frage, ob nicht andere Kriterien wie etwa der Betrieb einer Plattform geeignetere Anknüpfungspunkte darstellen, da die Ver- fügbarkeit von Übertragungskapazitäten gegenüber der Frage der Verfügbarkeit und Auffindbarkeit bestimmter Inhalte über Portale an Bedeutung verlieren wird.m (5) Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen § 53 RStV richtet sich an die „Anbieter von Telekommunikationsdienstleistun- gen, die Rundfunk oder vergleichbare Telemedien verbreiten“. Diese haben allen Anbieter von Rundfunk oder Telemedien zu nicht-diskriminierenden Bedingungen den Zugang zu ihren Systemen zu ermöglichen. Im Zuge des Achten Rundfunkänderungsstaatsvertrages vom Oktober 2004 wurde hinsichtlich der Formulierung des Adressatenkreises von § 53 RStV eine Änderung vorgenommen. Nach der alten Fassung wurden drei Adressatengruppen unterschieden. Die in § 53 RStV enthaltenen Pflichten trafen Anbieter von Diensten mit Zugangs- berechtigung, die Zugangsdienste herstellen oder vermarkten, Anbieter von Navigatoren sowie Anbieter, die bei der Bündelung und Vermarktung von 113 217 Wille/Schulz /Fach-Petersen, in: Beck’scher Kommentar § 52 Rn 69. 218 Ibid. Programmen eine marktbeherrschende Stellung inne haben. In der jetzt gültigen Fassung findet sich hingegen der Begriff „Anbieter von Telekommunikations- dienstleistungen, die Rundfunk oder vergleichbare Telemedien verbreiten“. In der Wendung „Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen“ wird man, trotz einer nicht vollständigen Übereinstimmung mit den dortigen Begrif- fen, einen Verweis auf das Telekommunikationsgesetz zu sehen haben. Dort ist in Art. 1 Ziff. 6 „Diensteanbieter“ definiert als „jeder, der ganz oder teil- weise geschäftsmäßig Telekommunikationsdienste erbringt oder an der Erbrin- gung solcher Dienste mitwirkt“; und in Art. 1 Ziff. 24 „Telekommunikations- dienste“ als „in der Regel gegen Entgelt erbrachte Dienste, die ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über Telekommunikationsnetze bestehen, einschließlich Übertragungsdienste in Rundfunknetzen“. Gemäß § 3 Ziffer 10 des Telekommunikationsgesetzes ist „geschäftsmäßiges Erbringen von Telekommunikationsdiensten“ das nachhaltige Angebot von Telekommunikation einschließlich des Angebots von Übertragungswegen für Dritte mit oder ohne Gewinnerzielungsabsicht. Selbst das Betreiben von Über- tragungswegen, die von Dritten genutzt werden, stellt eine Telekommunika- tionsdienstleistung für die Öffentlichkeit dar. Ausweislich der amtlichen Begründung zum Achten Rundfunkänderungs- staatsvertrag unterliegen der Kontrolle alle Unternehmen, die Rundfunk oder vergleichbare Telemedien über ein eigenes Netz oder über angemietete Kapa- zitäten an den Kunden weitergeben oder von einem Infrastrukturunternehmen zur Vermarktung einsetzen. Diese Unternehmen haben entsprechende Ver- pflichtungen auch bei ihrer Vertragsgestaltung mit Dritten zu beachten. Der Adressatenkreis ist damit erheblich weiter gefasst als in der bisherigen Fassung, die nur Teilaspekte (Zugangsberechtigung, Navigatoren) betraf bzw. auf be- sondere Anforderungen („marktbeherrschende Stellung“) abstellte. Die weite Formulierung der Norm führt allerdings zu Auslegungsproblemen.219 Problematisch ist insbesondere, ob § 53 Abs. 1 Satz 2 RStV auf Satz 1 dergestalt bezogen ist, dass die in Satz 2 aufgeführten Adressaten zugleich die in Satz 1 enthaltenen Kriterien erfüllen müssen. Dann müssten die Anbieter der in Satz 2 genannten Systeme gleichzeitig Anbieter von Telekommunika- tionsdienstleistungen sein. Das wäre aber beispielsweise im Hinblick auf die von Ziffer 3 betroffenen Anbieter von Benutzeroberflächen für Fernseh- programme in der Regel nicht der Fall.220 Dies ändert jedoch nichts daran, dass die Formulierung des § 53 Abs. 1 RStV nahe legt, dass in Satz 1 die Adressaten des gesamten Absatzes benannt werden, zumal in Satz 2 nur Vor- gänge angesprochen sind, bei denen Anbieter von Rundfunk oder Telemedien nicht diskriminiert werden dürfen; die durch die Norm Verpflichteten werden 114 219 Vgl. eingehend König/Kösling, ZUM 2005, 289 (298). 220 Schulz, DocuWatch Digitales Fernsehen, 4/2003, S. 25. hingegen nicht erwähnt. Eine Trennung hätte durch einen neuen Absatz pro- blemlos deutlich gemacht werden können. Auch die amtliche Begründung stellt klar, dass Satz 2 eine Präzisierung des in Satz 1 niedergelegten Grund- satzes darstellt. ff) Fazit Die besondere Bedeutung, welche das Grundgesetz und die hieraus abgeleitete Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts dem Rundfunk als Faktor für den Meinungsbildungsprozess im demokratischen Gemeinwesen beimisst, spiegelt sich in den sehr detailliert ausgestalteten rechtlichen Vorgaben für den Rundfunk im Rundfunkstaatsvertrag wider. Aufgrund der Meinungsbildungs- relevanz des Rundfunks ist der Gesetzgeber hier zur Schaffung einer positiven Ordnung und damit in wesentlich größerem Umfang zur Ausgestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen aufgerufen, als dies bei anderen Medien- angeboten der Fall ist. Dies zeigt sich zuallererst am Zulassungserfordernis für Rundfunkangebote. Eine Vielzahl der Vorschriften ist auf die Pflicht des Gesetzgebers zur Siche- rung der Medienvielfalt zurückzuführen. Hierzu zählen u. a. die medienkon- zentrationsrechtlichen Vorschriften sowie die Vorschriften über den diskrimi- nierungsfreien Zugang. Das in der Präambel des Vertrages festgelegte duale System manifestiert sich bereits in der Struktur des Staatsvertrages, welcher unterschiedliche Abschnitte mit differenzierenden Verpflichtungen für öffent- lich-rechtliche Anstalten und private Anbieter vorsieht. Der Absicherung der Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dienen unter anderem die an Kabel- netzbetreiber gerichteten Must-Carry-Vorschriften, welche zur Weiterverbrei- tung öffentlich-rechtlicher Sender verpflichten. Die bspw. im Vergleich zu den Mediendiensten sehr ausdifferenzierten Werbebestimmungen dienen dem Schutz des Verbrauchers in einem Umfeld, in dem er auf Zeitpunkt und Ab- folge der ausgestrahlten Inhalte (nahezu) keinen Einfluss hat. In großem Um- fang setzt der Staatsvertrag auch Vorgaben der europäischen Fernsehrichtlinie um, wie die Quoten zugunsten europäischer und unabhängiger Produzenten, die Vorschriften zu Ereignissen von gesellschaftlicher Bedeutung etc. Die „Darbietung“ stellt das zentrale Merkmal des Rundfunkbegriffs dar, an dem die für die Meinungsbildungsrelevanz dieses Mediums maßgeblichen Kriterien festgemacht werden. Was allerdings konkret unter dem Merkmal der „Darbietung“ zu verstehen sein soll, ist dem Rundfunkstaatsvertrag nicht zu entnehmen. Die Zurückhaltung des Gesetzgebers hat hier einerseits zu einer recht detaillierten Rechtsprechung des Verfassungsgerichts geführt und anderer- seits den Regulierungsbehörden einen – z. T. als unangemessen angesehenen – weiten Ermessensspielraum eingeräumt. Letztere Kritik hat sicherlich einige Berechtigung, jedoch ist eine ins Detail gehende gesetzliche Bestimmung eines an der Meinungsbildungsrelevanz orientierten Rundfunkbegriffs letztlich nur 115 schwer umzusetzen, wenn die entsprechende Regelung zugleich einigermaßen zukunftsoffen sein soll. Die Vielzahl der Regelungsziele des Staatsvertrages schlägt sich auch in einer Reihe unterschiedlicher Adressaten nieder. Zentraler Begriff ist hierbei sicherlich der Veranstalter, der allerdings gesetzlich nicht definiert wird und auch – je nach Regelungszusammenhang – innerhalb des Staatsvertrages eine unterschiedliche Bedeutung annehmen kann. Festzuhalten ist jedoch auch, dass der Veranstalterbegriff angesichts der wirtschaftlichen Integration von Medienunternehmen in immer komplexere Wertschöpfungsketten zunehmend unter Druck gerät. Neben dem Veranstalter zielen die Vorschriften des Rund- funkstaatsvertrag noch auf eine Reihe anderer Adressaten ab, die auf den ersten Blick keinen unmittelbaren Bezug zum Rundfunk aufweisen: „Unternehmen“, „Betreiber von Kabelnetzen“, „Anbieter von Telekommunikationsdienstleistun- gen“. Hiermit werden in zutreffender Weise Akteure in den Blick genommen, die für einen ganz bestimmten Regelungsbereich die entsprechende Handlungs- macht aufweisen, um die jeweiligen Regelungsziele in der Praxis umzusetzen. So behandelt das Medienkonzentrationsrecht die Stellung eines Unternehmens auf dem Zuschauermarkt, die sich durch Übernahme von anderen Medien- unternehmen oder durch internes Wachstum verändern kann. Der Begriff des Unternehmens ist nicht in jedem Falle mit demjenigen des Veranstalters gleich- zusetzen. Die Betreiber von Kabelnetzen sind zwar nicht notwendig selbst Veranstalter von Rundfunk, verfügen jedoch im Bereich der Verbreitung über eine Machtstellung, die gesetzliche Rahmenbedingungen zur Absicherung der Meinungsvielfalt erfordert. b) Mediendienstestaatsvertrag aa) Ziele der Rechtssetzung Zweck des Staatsvertrages ist es gemäß § 1 MDStV, „in allen Ländern einheit- liche Rahmenbedingungen für die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten der im Folgenden geregelten elektronischen Informations- und Kommunikations- dienste zu schaffen.“ Bei diesen Diensten handelt es sich um die in § 2 MDStV definierten „Mediendienste“.221 bb) Inhaltliche Vorgaben und Rechtsfolgen Der Mediendienste-Staatsvertrag enthält einerseits Regelungen, die für alle Mediendienste gelten. Diese sind zu großen Teilen vergleichbar mit den für Teledienste geltenden Vorschriften nach dem Teledienstegesetz. Daneben nor- miert der Mediendienste-Staatsvertrag ein Sonderrecht für die sog. „elektro- 116 221 Siehe unten, dd). nische Presse“ (journalistisch-redaktionell bearbeitete Dienste, § 10 Abs. 3 MDStV). (1) Für alle Mediendienste geltende Vorschriften Im Gegensatz zu Rundfunkangeboten bedürfen Mediendienste gem. § 4 MDStV grundsätzlich keiner Zulassung oder Anmeldung. Zu den allgemeinen Anforderungen zählt gemäß § 10 MDStV die Pflicht der Anbieter zur Angabe bestimmter Daten, welche ihre Identifizierung ermög- lichen. Gemäß § 12 MDStV finden die für Mediendienste geltenden Bestimmun- gen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages Anwendung. Zu den auf kommerzielle Kommunikation anwendbaren Verpflichtungen treten gemäß § 10 Abs. 4 MDStV weitergehende Mitteilungspflichten. So müs- sen u. a. kommerzielle Kommunikationen klar als solche zu erkennen sein; die natürliche oder juristische Person oder Personenvereinigung, in deren Auftrag kommerzielle Kommunikationen erfolgen, muss klar identifizierbar und An- gebote zur Verkaufsförderung, Preisausschreiben oder Gewinnspiele müssen klar als solche erkennbar sein. Die Werbung in Mediendiensten unterliegt gem. § 13 Abs. 1 MDStV dem Trennungsgebot, der Einsatz unterschwelliger Techniken ist untersagt. Einer speziellen Regelung unterliegt gem. § 12 i. V. m. § 6 JMStV Werbung, welche sich an Kinder und Jugendliche richtet. Diese darf Kindern und Jugendlichen weder körperliche noch seelische Schäden zufügen noch deren Interessen schaden oder ihre Unerfahrenheit ausnutzen. Für Verteildienste findet sich in § 13 Abs. 2 ein Verweis auf bestimmte Vorschriften des RStV. Viele der für den Rundfunk geltenden Werberegelungen – insbesondere die zeitlichen Vor- gaben betreffend – finden auf Mediendienste keine Anwendung, womit diese insgesamt wesentlich weniger restriktiven Werbevorschriften ausgesetzt sind.m (2) Sondervorschriften für die sog. „elektronische Presse“ Besondere Vorschriften enthält der Mediendienste-Staatsvertrag zur Regelung der sog. „elektronischen Presse“. In § 14 MDStV ist die Pflicht der Anbieter von Mediendiensten zur Gegendarstellung normiert, soweit die Dienste jour- nalistisch-redaktionell bearbeitet sind. Journalistisch-redaktionell gestaltet sind zum einen alle Angebote in Mediendiensten, in denen vollständig oder teil- weise Inhalte periodischer Druckerzeugnisse in Text oder Bild wiedergegeben werden. Erfasst werden zum Zweiten alle Angebote in Mediendiensten, in denen in periodischer Weise Texte verbreitet werden, die redaktionell gestaltet sind oder die als Beitrag zur Meinungsbildung oder Berichterstattung an- gesehen werden können.222 Bestimmte Verteildienste sowie journalistisch- 117 222 Ukrow, in: Roßnagel (Hrsg.), Recht der Multimedia-Dienste, MDStV, § 10 Rz. 128. redaktionell gestaltete Angebote haben gem. § 11 Abs. 2 MDStV, soweit sie der Berichterstattung dienen und Informationsangebote enthalten, den anerkannten journalistischen Grundsätzen zu entsprechen. Hierzu zählen beispielsweise die deutliche Trennung zwischen Kommentar und Berichterstattung und die sorg- fältige Überprüfung der Informationsquellen. Kritisiert wird an den besonderen Ordnungsvorschriften für journalistisch-redaktionell gestaltete Mediendienste, dass die Anknüpfung an die Verbreitung oder Wiedergabe von Texten erstaun- lich eindimensional sei, da es sich schließlich um die Regelung eines „Multi- mediums“ handele. Auch die Verwendung moderner journalistischer Gestal- tungsformen wie Ton oder Bild – sei es statisch (im JPG-Format) oder bewegt (im MPG-Format) – hätte nach dieser Ansicht in die entsprechenden Vor- schriften einbezogen werden sollen.223 cc) Rechtsaufsicht Gemäß § 22 MDStV unterliegen Mediendienste der Aufsicht staatlicher Behör- den. Diese Aufsichtsfunktion wird nicht insgesamt von einer einheitlichen Behörde wahrgenommen, sondern unterteilt sich nach Sachgebieten. So über- wachen gem. § 14 die Landesmedienanstalten gemeinsam mit der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) die Einhaltung der Jugendschutzbestimmun- gen. Die datenschutzrechtliche Aufsicht übernehmen die Behörden, die nach den allgemeinen Datenschutzgesetzen des Bundes und der Länder zuständig sind. Die übrigen Bestimmungen des MDStV sind gem. § 22 Abs. 1 Satz 2 durch eine nach Landesrecht zu bestimmende Aufsichtsbehörde zu überwachen. Ein besonderes Konzentrationsrecht für Mediendienste existiert nicht. dd) Sachlicher Anwendungsbereich Bei Mediendiensten handelt es sich gem. § 2 Abs. 1 MDStV um an die Allgemeinheit gerichtete Informations- und Kommunikationsdienste in Text, Ton oder Bild, die unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen ohne Verbindungs- leitung oder längs oder mittels eines Leiters verbreitet werden. Auf die physikalische Form der Verbreitung kommt es nach dieser Definition wie beim klassischen Rundfunk nicht an. Es werden damit sowohl breitbandige Abrufdienste wie „Video-on-Demand“, als auch schmalbandige, d. h. über das Telefonnetz verbreitete „Online-Dienste“ wie elektronische Presse und andere an die Allgemeinheit gerichtete Informations- und Unterhaltungsangebote er- fasst. Das Tatbestandsmerkmal der „Allgemeinheit“ dient generell der Abgren- zung der Mediendienste zu den Telediensten, welche für eine individuelle Nutzung bestimmt sind (siehe unten). Die Erforderlichkeit dieser Abgrenzung 118 223 Ory, Neue Ordnung für elektronische Medien, in: EMR-Schriftenreihe, Band 30, S. 53 ff., 69. wird mit dem geplanten Erlass eines Telemediengesetzes, das die Regeln für Mediendienste und Teledienste zusammenfasst, entfallen.224 Diese Definition der Mediendienste unterscheidet sich mithin von der ein- fachgesetzlichen Definition des Rundfunks lediglich dadurch, dass bei Letzterer das zusätzliche Merkmal der „Darbietung“ verlangt wird, durch das die beson- dere Rolle des Rundfunks als Medium und Faktor der öffentlichen Meinungs- bildung gekennzeichnet wird (siehe oben). In diesem Zusammenhang ist eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin225 (bestätigt durch das Ober- verwaltungsgericht Berlin226) erwähnenswert, in der das Gericht eine recht- liche Einordnung des Programms des Fernsehsenders n-tv vorzunehmen hatte. Die Besonderheit lag hierbei darin, dass zeitgleich unterhalb der eigentlichen Nachrichtensendung ein Laufband mit Börsenkursen und Werbebotschaften eingeblendet wurde (sog. „Split-Screen“). Das Gericht entschied, dass das Nachrichtenprogramm den Vorschriften des RStV unterliege, die Laufband- werbung hingegen als „vergleichbarer Textdienst“ im Sinne des § 2 Abs. 2 Nr. 3 MDStV ausschließlich den Regelungen des Mediendienstestaatsvertrages (und damit nicht den strengeren Vorgaben des RStV) zu entsprechen habe. Die rechtliche Bewertung derartiger Angebote anhand verschiedener Gesetze wurde in der Folge aufgrund des technischen Fortschritts vom Gesetzgeber als nicht mehr angemessen angesehen. Dies führte zu einer Neuregelung in § 7 Abs. 4 RStV bezüglich der Teilbelegung des Fernsehbildes mit Werbung, welche seitdem allein rundfunkrechtlich geregelt ist und nicht mehr als eigenständiger Mediendienst angesehen werden kann.227 Es gibt im MDStV eine – nicht abschließende – Aufzählung von Diensten, die gemäß § 2 Abs. 2 MDStV als Mediendienste anzusehen sind: „1. Verteildienste in Form von direkten Angeboten an die Öffentlichkeit für den Absatz von Waren oder Erbringung von Dienstleistungen, einschließlich unbeweglicher Sachen, Rechte und Verpflichtungen, gegen Entgelt (Teleshopping), „2. Verteildienste, in denen Messergebnisse und Datenermittlungen in Text oder Bild mit oder ohne Begleitton verbreitet werden, „3. Verteildienste in Form von Fernsehtext, Radiotext und vergleichbaren Textdiensten,n „4. Abrufdienste, bei denen Text-, Ton- oder Bilddarbietungen auf Anforderung aus elektronischen Speichern zur Nutzung übermittelt werden, mit Ausnahme von sol- chen Diensten, bei denen der individuelle Leistungsaustausch oder die reine Über- mittlung von Daten im Vordergrund steht, ferner von Telespielen.“ Wie sich aus dieser Aufzählung ergibt, werden vom Begriff der Mediendienste sowohl Verteildienste (Nummern 1–3) als auch Abrufdienste (Nummer 4) er- 119 224 Vgl. unten unter 8 a). 225 VG Berlin, MMR 1999, 165. 226 OVG Berlin, ZUM 1999, 500. 227 Ladeur, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 2003, § 7, Rz. 39. fasst. Bei den hier exemplarisch aufgelisteten Diensten würde das Merkmal der Darbietung zu verneinen sein, entweder weil sie nur in geringem Maße der öffentlichen Meinungsbildung dienen (Nummern 1 und 2) oder weil ihnen die Suggestivkraft der bewegten Bilder fehlt (Nummer 3). Einen recht innovativen Ansatz zur rechtlichen Einordnung und Regulie- rung „rundfunkähnlicher Kommunikationsdienste“ wählte zu einem vergleichs- weise frühem Zeitpunkt der Gesetzgeber in Baden-Württemberg. In der noch bis Juli 1999 geltenden Fassung des baden-württembergischen Mediengesetzes fand sich in § 1 Abs. 2 Nr. 2 folgende Definition rundfunkähn- licher Kommunikationsdienste: Eine Veranstaltung und Verbreitung von Darbietungen aller Art in Wort, in Ton und in Bild unter Benutzung elektro-magnetischer Schwingungen ohne Verbindungsleitung oder längs oder mittels eines Leiters ist (…) 2. rundfunkähnliche Kommunikation, wenn sie weder Rundfunk noch Individualkom- munikation darstellt. Beachtlich ist hierbei, das die Vorschriften zur rundfunkähnlichen Kommunika- tion aus den 80er Jahren stammen. Sie waren bereits im ersten Landesmedien- gesetz vom 16. 12. 1985228 enthalten und sind erst mit Inkrafttreten des bis heute gültigen Landesmediengesetzes vom 19. 7. 1999 (zuletzt geändert durch Gesetz vom 17. 3. 2005, in Kraft getreten am 1. 4. 2005229) entfallen, da das In-Kraft-Treten des Mediendienstestaatsvertrags im Jahre 1997 die Regelun- gen weitgehend obsolet werden ließ. Hierzu zählte die Typisierung in Abs. 3 sowohl Abruf- als auch Zugriffs- dienste, die wie folgt definiert wurden: (3) Zur rundfunkähnlichen Kommunikation gehört insbesondere die Veranstaltung und Verbreitung von Sendungen mit Texten, stehenden Bildern, Bewegtbildern, Musik- und Sprechdarbietungen, die 1. von einem elektronischen Speicher selbsttätig an jeden Beliebigen übermittelt werden, der sie mit nachrichtentechnischen Mitteln angewählt hat, unabhängig davon, ob die Übermittlung alsbald oder zu einem geeigneten späteren Zeitpunkt vorgenommen wird (Sendungen auf Abruf), oder 2. in raschem Wechsel so verbreitet werden, dass jedermann jederzeit oder zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens jede einzelne Informa- tion auswählen und sofort oder mit einer Wartezeit sichtbar oder hörbar machen kann (Sendungen auf Zugriff). § 42 LMG stellte (einen Teil der) Dienste der rundfunkähnlichen Kommunika- tion in einen publizistischen Kontext: 120 228 GBl. des Landes Baden Württemberg 1985, S. 539. 229 GBl. des Landes Baden-Württemberg 2005, S. 189. § 42 Öffentliche Aufgabe Der Veranstalter eines rundfunkähnlichen Kommunikationsdienstes erfüllt eine öffent- liche Aufgabe, wenn er in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt. Während gemäß § 40 LMG des Gesetzes grundsätzlich eine Zulassungsfreiheit für derartige Dienste galt, bedurfte der „Veranstalter eines Ton- und Bewegt- bilddienstes auf Zugriff“ der Zulassung, § 52 Abs. 1 LMG. Nach § 2 Nr. 2 lit. b) LMG lag ein solcher vor, wenn Ton- oder Bewegtbildsendungen angeboten werden, wobei unter diesen verstanden wurde „die einzelne, in sich geschlos- sene Ton- und Bewegtbilddarbietung, die zum gesonderten (…) Zugriff an- geboten wird“, § 2 Nr. 3 lit. c) LMG. Einen Veranstalter kennzeichnete gemäß Ziff. 6 der Vorschrift, dass [er] „ein Rundfunkprogramm, einen rundfunkähn- lichen Kommunikationsdienst oder einzelne Sendungen unter eigener inhalt- licher Verantwortung verbreitet“. Auf die Veranstalter eines Ton- und Bewegt- bilddienstes auf Zugriff fand eine Vielzahl von Bestimmungen über den privaten Rundfunk Anwendung. Das LMG stellte in allgemeiner Form grundsätzliche Anforderungen an „Sendungen“ auf, so dass auch Zugriffsdienste von solchen Bestimmungen erfasst wurden, es sei denn, deren Anwendung auf diese wurde in der spezifischen Regelung ausgeschlossen. Man wird in diesen Regelungen einen Vorläufer der Bestimmungen zu Mediendiensten in der Form von Verteildiensten erblicken können. Zugleich zeigt sich, dass auf einfachgesetzlicher Ebene eine starke Annäherung an die Bestimmungen, die für den Rundfunk gelten, stattgefunden hatte. Darin ist das Bemühen erkennbar, rundfunkähnliche Kommunikationsdienste gemäß den verfassungsgerichtlichen Vorgaben in die Ausgestaltung des Schutzbereiches von Art. 5 GG, wie er für den Rundfunk zuvor schon konkretisiert wurde, einzubeziehen und gleichzeitig den Besonderheiten dieser Dienste Rechnung zu tragen. Vergleichbar der gesteigerten Regelungsdichte für solche Dienste auf Zugriff steht heute die Zuordnung von Mediendiensten zum Rundfunk gemäß § 20 Abs. 2 RfStV zur Verfügung.230 Damit einher geht jedoch der vollständige Verlust von Differenzierungsmöglichkeiten, d. h. einer abgestuften Regulierungsdichte, da die einmal dem Rundfunk zugeordneten Mediendienste den gesamten Kanon des für Letzteren geltenden Rechts zu beachten haben.m ee) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten Adressat der Vorschriften des MDStV sind die „Diensteanbieter“ worunter gem. § 3 Abs. 1 MDStV „jede natürliche oder juristische Person, die eigene oder fremde Mediendienste zur Nutzung bereit hält oder den Zugang zur Nutzung vermittelt“ zu verstehen ist. Der Anbieterbegriff des MDStV ist in 121 230 Vgl. oben unter 4 a) dd) (2). drei Grundfunktionen aufzuspalten: Erfasst von § 3 Abs. 1 MDStV werden zunächst sog. Content-Provider, welche eigene Mediendienste bereithalten, die also selbst deren Urheber i. S. d. §§ 7 ff. UrhG oder Ersteller sind, oder wenn sie von Dritten erstellte Inhalte bewusst auswählen und in ihr Angebot integrieren. Hiervon sind die sog. Service-Provider zu unterscheiden, welche fremde Mediendienste bereithalten. Zuletzt sind die sog. Access-Provider231 zu nennen, die den Zugang zu Mediendiensten vermitteln; diese sind ebenfalls als Zugangsvermittler unter den Anbieterbegriff des § 3 Abs. 1 MDStV zu subsu- mieren. Auch gegen Access-Provider können damit staatliche Maßnahmen wie beispielsweise Sperrungsverfügungen gerichtet werden, wenn sich Maßnahmen gegen Content- oder Service-Provider als nicht durchführbar erweisen.232 Es werden allerdings unter bestimmten Voraussetzungen geringere Anforderungen an die Diensteanbieter gestellt, wenn diese fremde Informationen lediglich durchleiten (§ 7 MDStV), zwischenspeichern (§ 8 MDStV) oder speichern (§ 9 MDStV). Hinsichtlich der Informationspflicht, welche die Diensteanbieter gem. § 10 MDStV trifft, hat der Gesetzgeber ebenfalls weiter differenziert. So treffen die Diensteanbieter weiterreichende Informationspflichten, soweit sie geschäfts- mäßig233 Mediendienste anbieten. Eine Sondervorschrift für Anbieter jour- nalistisch-redaktionell gestalteter Mediendienste findet sich in § 10 Abs. 3 MDStV, wonach die Angabe eines Verantwortlichen erforderlich ist. Nur für journalistisch-redaktionell bearbeitete Angebote gilt auch die Pflicht zur Gegen- darstellung. Die Wahrung anerkannter journalistischer Grundsätze obliegt da- neben gem. § 11 Abs. 2 MDStV auch bestimmten Verteildiensten. ff) Fazit Der Mediendienste-Staatsvertrag will in allen Ländern einheitliche Rahmen- bedingungen für Mediendienste schaffen und dient damit vor allem auch der Errichtung eines Umfelds mit günstigen Marktbedingungen für derartige Dienste. In diesem Sinne bietet die Zulassungsfreiheit für Mediendienste den Anbietern sicherlich einen großen Vorteil. Auch im Übrigen zeichnet sich der Mediendienste-Staatsvertrag durch einen wesentlich liberaleren Regelungs- ansatz gegenüber der Regulierung des Rundfunks aus. So treffen die Anbieter lediglich bestimmte Informationspflichten, die nach der Art der bereitgestellten 122 231 Von den Access-Providern, welche zusätzlich zum Netzzugang auch die zur Nutzung des Netzes erforder- lichen Protokollfunktionen (IP-Adresse, Name-Service, Routing) anbieten, sind die sog. Network-Provider zu unterscheiden, die lediglich die Nutzung von Übertragungskapazitäten anbieten, vgl. z. B. Hoeren, Recht der Access-Provider, 2004 Rz. 635. 232 Entscheidung des VG Düsseldorf vom 10. 5. 2005, Az. 27 K 5968/02. 233 „Geschäftsmäßig“ umfasst hierbei nicht nur entgeltliche, sondern auch solche Mediendienste, die aufgrund einer nachhaltigen, regelmäßigen Tätigkeit auch ohne Einnahme- oder Gewinnerzielungsabsicht angeboten werden, vgl. Ukrow in Roßnagel, Recht der Multimedia-Dienste, MDStV, § 10 Rz. 81. Information noch differenziert wird. Auch die Frage der Verantwortlichkeit für die jeweiligen Informationen erlaubt eine Differenzierung nach der Art der jeweils ausgeübten Tätigkeit des Diensteanbieters. Die Werbebestimmungen für Mediendienste sind im Vergleich zum Rundfunk wesentlich weniger streng. Als schwieriges Abgrenzungsproblem erweist sich allerdings die Trennung von Mediendiensten von Rundfunkangeboten anhand des Merkmals der Dar- bietung. Der personale Anwendungsbereich erfasst mit Content-, Service- und Access-Providern alle Akteure, die zur Erreichung der Regelungsziele des Mediendienste-Staatsvertrages beizutragen imstande sind. Dabei haben sich Behörden bspw. bei Sperrungsverfügungen an der Tätigkeit des jeweiligen Anbieters zu orientieren, wie am Beispiel des (subsidiären) Vorgehens gegen einen Access-Providers im Falle der Nichterreichbarkeit des Content-Providers gezeigt wurde. Der Mediendienste-Staatsvertrag enthält mit den besonderen Sorgfaltspflichten, der Verpflichtung zur Gegendarstellung und dem Auskunfts- recht gegenüber Behörden Sondervorschriften für die elektronische Presse. Hierbei ist der Kritik zuzustimmen, dass die fehlende Anwendbarkeit auf multi- mediale Angebotsformen (Flash-Animation oder ein in die Website integriertes Video) nicht zeitgemäß erscheint. c) Teledienstegesetz aa) Ziele der Rechtssetzung Zweck des Gesetzes ist es gemäß § 1 TDG, „einheitliche wirtschaftliche Rah- menbedingungen für die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten der elektroni- schen Informations- und Kommunikationsdienste zu schaffen.“ Entgegen dem Wortlaut der Vorschrift ist das Teledienstegesetz nicht auf alle Informations- und Kommunikationsdienste, sondern nur auf Teledienste anwendbar.234 Dies ergibt sich aus § 2 Abs. 1 TDG, welcher den Geltungsbereich des Gesetzes festlegt. Regelungsziel ist folglich die Schaffung einheitlicher wirtschaftlicher Rahmenbedingungen für Teledienste. bb) Inhaltliche Vorgaben, Rechtsfolgen und Rechtsaufsicht Gemäß § 5 TDG sind Teledienste im Rahmen der Gesetze zulassungs- und anmeldefrei. Eine staatliche Aufsicht über die Teledienste findet – anders als bei den Mediendiensten – nicht statt. Die Teledienste unterliegen keinen spezial- gesetzlichen Anforderungen hinsichtlich Werbung, Gegendarstellungsrecht oder der Wahrung journalistischer Sorgfaltspflichten. Ihre Kontrolle erfolgt – ähnlich 123 234 Waldenberger, in: Roßnagel, Recht der Multimedia-Dienste, TDG, § 1 Rz. 3. Zum sachlichen Anwendungs- bereich und zur Definition der Teledienste siehe unten, cc). wie im Bereich der Presse – nur durch die Öffentlichkeit, die publizistische Konkurrenz, das Wettbewerbsrecht und das allgemeine Zivil- und Strafrecht.235 cc) Sachlicher Anwendungsbereich Unter Telediensten versteht man gem. § 2 Abs. 1 TDG elektronische Informations- und Kommunikationsdienste, die für eine individuelle Nut- zung von kombinierbaren Daten wie Zeichen, Bilder oder Töne bestimmt sind und denen eine Übermittlung mittels Telekommunikation zugrunde liegt. Teledienste sind nicht wie Mediendienste an die Allgemeinheit (im Sinne einer beliebigen Öffentlichkeit) gerichtet, sondern „zur individuellen Nutzung“ be- stimmt, d. h. bei ihnen steht die Individualkommunikation im Vordergrund. Als Regelbeispiele für Teledienste werden in § 2 TDG aufgeführt: „(2) Teledienste im Sinne von Absatz 1 sind insbesondere: 1. Angebote im Bereich der Individualkommunikation (zum Beispiel Telebanking, Daten- austausch), 2. Angebote zur Information oder Kommunikation, soweit nicht die redaktionelle Ge- staltung zur Meinungsbildung für die Allgemeinheit im Vordergrund steht (Daten- dienste, zum Beispiel Verkehrs-, Wetter-, Umwelt- und Börsendaten, Verbreitung von Informationen über Waren und Dienstleistungsangebote), 3. Angebote zur Nutzung des Internets oder weiterer Netze, 4. Angebote zur Nutzung von Telespielen, 5. Angebote von Waren und Dienstleistungen in elektronisch abrufbaren Datenbanken mit interaktivem Zugriff und unmittelbarer Bestellmöglichkeit.“ Schwer fällt die Abgrenzung der Teledienste von den Mediendiensten ins- besondere im Bereich der Abrufdienste, da sich die Anwendungsbereiche des Mediendienstestaatsvertrages und des Teldienstegesetzes im Hinblick auf diese Angebote überschneiden. Nicht als Teledienst einzustufen sind gemäß der Regelbeispiele in § 2 Abs. 2, Abs. 4 Nr. 3 TDG Angebote, bei denen die redaktionelle Gestaltung zur Meinungsbildung für die Allgemeinheit im Vorder- grund steht. Unter redaktioneller Gestaltung ist das Sammeln und Aufbereiten von verschiedenen Informationen oder Meinungen mit Blick auf den poten- ziellen Empfänger zu verstehen. Die inhaltliche, sprachliche, grafische oder akustische Bearbeitung eines Angebotes muss zur Einwirkung auf die öffent- liche Meinungsbildung bestimmt sein, und diese Bestimmung zur Meinungs- bildung darf nicht bloßes Beiwerk sein, sondern muss die Seite prägen.236 In der Praxis der Rechtsanwendung, so eine Auffassung, verlaufe also die Ab- grenzung zwischen Telediensten und Mediendiensten (im Hinblick auf Abruf- 124 235 Castendyk, in: v. Hartlieb/Schwarz, Handbuch des Film-, Fernseh- und Videorechts, 4. Aufl., 2004, Kap. 238, Rdnr. 8. 236 VG Köln, Urteil vom 3. 3. 2005., Az. 6 K 7151/02 m. w. N.; vgl. zur Abgrenzung auch Castendyk, in: v. Hartlieb/Schwarz, Handbuch des Film-, Fernseh- und Videorechts, 4. Aufl., 2004, Kap. 238, Rdnr. 9. dienste „irgendwo innerhalb des Anwendungsbereichs“ des Mediendienste- staatsvertrages, indem nur die „journalistisch-redaktionell gestalteten“ Angebote hierunter subsumiert werden, die sonstigen von der Allgemeinheit im Web auffindbaren Inhalte hingegen nicht.237 Diese Vorschriften sind allerdings ein- schränkend so auszulegen, dass es für die Einstufung eines Dienstes als Medien- dienst nicht darauf ankommt, dass dieser redaktionell gestaltet ist. Dem Bund fehlt die Zuständigkeit für sämtliche an die Allgemeinheit gerichteten und elektromagnetisch übertragenen Dienste, zumindest soweit ihnen nicht jegliche Bedeutung für die Meinungsbildung fehle – daher kann eine Zuordnung zum Mediendienstestaatsvertrag nicht konstitutiv von einer redaktionellen Bearbei- tung der Angebote abhängen.238 Die Unterscheidung zwischen Mediendiensten und Telediensten wird nicht etwa anhand eines technischen Kriteriums vollzogen, sondern orientiert sich vielmehr an der Zwecksetzung der jeweiligen Dienste. Nicht ganz unproble- matisch ist hierbei, dass der Mediendienste-Staatsvertrag und das Teledienste- gesetz verschiedene Blickwinkel einnehmen – während Mediendienste aus dem Blickwinkel des Anbieters beschrieben werden („an die Allgemeinheit gerichtet“), nimmt die Definition der Teledienste die Perspektive der Nutzer ein („für eine individuelle Nutzung (…) bestimmt“). Aufgrund dieses unter- schiedlichen Blickwinkels sind Informations- und Kommunikationsdienste denk- bar, die sowohl an eine beliebige Öffentlichkeit gerichtet sind, als auch vom jeweiligen Nutzer individuell genutzt werden. Die unterschiedliche Blickrich- tung kann zu einer gewissen Rechtsunsicherheit beitragen.239 dd) Adressaten Als Adressat der Vorschriften des Teledienstegesetzes nennt § 3 Nr. 1 die „Diensteanbieter“ d. h. „natürliche oder juristische Personen, die eigene oder fremde Teledienste zur Nutzung bereithalten oder den Zugang zur Nutzung vermitteln“. Die drei in der Norm aufgeführten Tätigkeiten können auch zugleich durch ein und dieselbe Person ausgeführt werden. Eigene Teledienste hält ein An- bieter dann bereit, wenn er die Dienstleistung selbst erbringt und über die dafür erforderliche Technik verfügen kann.240 Bietet bspw. eine Bank dem Nutzer die Möglichkeit, Online-Überweisungen vorzunehmen, hält sie einen eigenen Teledienst bereit.241 Fremde Teledienste hält ein Anbieter dann bereit, 125 237 Ory, Neue Ordnung für elektronische Medien, in: EMR-Schriftenreihe, Band 30, S. 53 ff., 68 ff. versteht unter redaktioneller Gestaltung einen professionell journalistischen Ansatz. 238 Schulz, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 2003, § 20, Rz. 63, der zusätzlich damit argumentiert, dass es sich anders nicht erklären lasse, dass der Mediendienstestaatsvertrag Sondervorschriften für jour- nalistisch-redaktionell gestaltete Angebote enthalte. 239 Roßnagel, in ders., Recht der Multimedia-Dienste, Einführung, Rz. 44. 240 Waldenberger, in: Roßnagel, Recht der Multimedia-Dienste, TDG, § 3 Rz. 22. 241 Kröger/Moos, ZUM 1997, 462, (468). wenn er Teledienste, die von Dritten angeboten und erbracht werden, speichert und damit zur Nutzung vorhält. Damit sind zum einen die Anbieter von Hosting- Diensten angesprochen, also Service-Provider, die dauerhaft fremde Angebote vorhalten. Zum anderen sind auch Diensteanbieter erfasst, die Caching-Dienste, z. B. auf sog. Proxy-Servern, anbieten.242 Die in § 3 Nr. 1 TDG angesprochene Zugangsvermittlung erfasst einerseits die sog. Access-Provider. Diese ermög- lichen dem Nutzer den technischen Zugang zum Internet (durch Bereitstellung von Einwahlknoten) und seinen Diensten. Jedoch stellt andererseits auch das Betreiben einer Suchmaschine eine Zugangsvermittlung im Sinne dieser Vor- schrift dar. Denn der Suchmaschinenanbieter hält einen eigenen Teledienst (die Suchmaschine selbst) bereit. Bei der Auflistung von Links nach Eingabe eines Suchworts beschränkt sich die Leistung des Diensteanbieters hingegen auf die Ermöglichung des Zugangs zu fremden Telediensten.243 Von dieser Regelung erfasst werden somit auch Anbieter wie AOL oder T-Online, welche sowohl als Netzbetreiber als auch als Dienstevermittler fun- gieren. Auch sie werden in ihrer Funktion als Vermittler und somit in der Schlüsselposition als Zugangsverschaffer im Internet ausdrücklich durch § 3 Nr. 1 TDG erfasst. Die Zuordnung der Providertätigkeit erfolgt im Zusammen- hang mit dem vermittelten Dienst. Besteht der Dienst beispielsweise im Tele- banking, das ausschließlich dem TDG unterfällt, so ist in diesem Zusammen- hang dann auch das TDG auf den Provider als Anbieter anzuwenden.244 Es werden gemäß den §§ 9–11 TDG allerdings unter bestimmten Vorausset- zungen geringere Anforderungen an die Diensteanbieter gestellt, wenn diese fremde Informationen lediglich durchleiten (§ 9 TDG), zwischenspeichern (§ 10 TDG) oder speichern (§ 11 TDG). Das TDG unterscheidet zwischen einer allgemeinen Informationspflicht (§ 6 TDG), soweit Diensteanbieter geschäftsmäßig Dienste245 anbieten, und besonderen Informationspflichten (§ 7 TDG) bei kommerziellen Kommunika- tionen, die Bestandteil eines Teledienstes sind oder die einen solchen darstellen. § 3 Nr. 5 TDG definiert „kommerzielle Kommunikation“ als „jede Form der Kommunikation, die der unmittelbaren oder mittelbaren Förderung des Absatzes von Waren, Dienstleistungen oder des Erscheinungsbilds eines Unternehmens, einer sonstigen Organisation oder einer natürlichen Person dient, die eine Tätigkeit im Handel, Gewerbe oder Handwerk oder einen freien Beruf aus- übt;“. Während die Anbieter „bloß“ geschäftsmäßiger Dienste gemäß § 6 TDG lediglich ihren Namen und ihre Anschrift (ggf. Namen und Anschrift des 126 242 Waldenberger, in: Roßnagel, Recht der Multimedia-Dienste, TDG, § 3 Rz. 24. 243 Waldenberger, in: Roßnagel, Recht der Multimedia-Dienste, TDG, § 3 Rz. 25. 244 Kröger/Moos, ZUM 1997, 462, (486). 245 Geschäftsmäßig ist ein Angebot nach der Gesetzesbegründung dann, wenn es auf einer „nachhaltigen Tätig- keit“ beruht. Eine Gewinnerzielungsabsicht wird ausdrücklich nicht vorausgesetzt, vgl. Brönneke, in: Roß- nagel, Recht der Multimedia-Dienste, TDG, § 6 Rz. 35 ff. Vertretungsberechtigten) anzugeben haben, sind die Kennzeichnungspflichten für kommerzielle Kommunikation gemäß § 7 TDG strenger. Kommerzielle Kommunikation muss klar als solche zu erkennen und die Person, in deren Auftrag sie erfolgt, klar zu identifizieren sein. Angebote zur Verkaufsförde- rung sowie Preisausschreiben und Gewinnspiele mit Werbecharakter müssen klar als solche erkennbar sein. Diese strengeren Vorgaben dienen augenschein- lich dem Schutz der Verbraucher bei der Nutzung kommerzieller Teledienste.n ee) Fazit Das Teledienstegesetz schafft mit der Zulassungsfreiheit für Teledienste und seinem zurückhaltenden Regulierungsansatz einen Rechtsrahmen, welcher dem Regelungsziel einheitlicher, wirtschaftlicher Rahmenbedingungen für Tele- dienste in angemessener Weise gerecht wird. Das Gesetz erfasst hierbei mit den Access-Providern und Service-Providern auch die richtigen Adressaten, wobei jedoch auf die dargestellten Abgrenzungsschwierigkeiten zu den Medien- diensten hinzuweisen ist. Die Unterscheidung bezüglich der Informations- pflichten der Anbieter anhand der Art der übermittelten Information und be- züglich der Verantwortlichkeit anhand der jeweils ausgeübten Tätigkeit des Diensteanbieters erlauben dem Grunde nach eine flexible und sachgerechte Anwendung der jeweiligen Vorschriften. d) Jugendmedienschutz-Staatsvertrag aa) Ziele der Rechtssetzung Zweck des Staatsvertrages ist gemäß dessen Art. 1 der einheitliche Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Angeboten in elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien, die deren Entwicklung oder Erziehung beeinträchti- gen oder gefährden, sowie der Schutz vor solchen Angeboten in elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien, die die Menschenwürde oder sonstige durch das Strafgesetzbuch geschützte Rechtsgüter verletzen. bb) Inhaltliche Vorgaben, Rechtsfolgen und Rechtsaufsicht Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag enthält detaillierte Vorschriften zum Schutze Minderjähriger, etwa Verbote von Angeboten, die Gewalt verharmlosen oder verherrlichen oder die zum Rassenhass aufstacheln, den Krieg verherr- lichen oder geeignet sind, Kinder und Jugendliche sittlich schwer zu gefährden, und ein Verbot der Verbreitung von Pornografie. Überdies sind Sendezeit- beschränkungen für Programme vorgesehen, die Kinder und Jugendliche be- stimmter Altersgruppen beeinträchtigen können. Die Einhaltung der Bestimmungen des JMStV durch die Anbieter wird gem. § 14 Abs. 1 JMStV durch die jeweils zuständige Landesmedienanstalt überwacht. Die Kommission für Jugendmedienschutz dient der jeweils zu- 127 ständigen Landesmedienanstalt dabei gemäß § 14 Abs. 2 als Organ zur Erfül- lung dieser Aufgabe. Neben den öffentlich-rechtlichen Sendern können die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) oder von dieser hierfür anerkannte Einrichtungen der Freiwilligen Selbstkontrolle gem. § 8 Abs. 1 JMStV jeweils in Richtlinien oder für den Einzelfall für Filme (und gem. Abs. 2 für sonstige Sendeformate), auf die das Jugendschutzgesetz keine Anwendung findet, zeit- liche Beschränkungen vorsehen. cc) Sachlicher Anwendungsbereich Mit Erlass des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags im September 2002 wurde der Begriff der Telemedien geschaffen, welcher Teledienste und Mediendienste zusammenführt. Dabei werden die Telemedien in § 2 Abs. 1, der den Anwen- dungsbereich des JMStV definiert, dem Oberbegriff der elektronischen Infor- mations- und Kommunikationsmedien untergeordnet, welcher wiederum den Rundfunk und die Telemedien einschließt. Gemäß § 3 Abs. 2 Nr. 1 JMStV sind Telemedien demnach Teledienste im Sinne des Teledienstegesetzes und Medien- dienste im Sinne des Mediendienste-Staatsvertrages, soweit sie nicht Rundfunk im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages sind. Zudem findet sich eine Unterschei- dung zwischen besagten Telemedien und Trägermedien, wie z. B. Büchern, Musik, CDs, Videokassetten, CD-Roms, DVDs. Diese im JMStV bereits vollzogene Abwendung von der Trennung zwischen Mediendiensten und Telediensten soll als Vorbild für eine Neuausrichtung des deutschen Medienrechts dienen. Insofern sind die Pläne zu einer Zusammen- führung von Telediensten und Mediendiensten in einem künftigen Telemedien- gesetz sowie der Überführung von Regelungen aus dem MDStV in den RStV bereits weit fortgeschritten.246 dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten Adressat der Vorschriften des JMStV ist gem. § 3 Abs. 2 Ziff. 3: der „Anbieter“, womit Rundfunkveranstalter oder Anbieter von Telemedien gemeint sind. ee) Fazit Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag verfolgt einen am Regulierungsziel orientierten Ansatz. Er stellt ein einheitliches Regelungssystem für den Jugend- schutz dar und verwirklicht insofern ein diensteübergreifendes Konzept, ohne dabei aber die Besonderheiten einzelner erfasster Dienste außer Acht zu lassen. Insofern kann man ihn als eine Art Prototyp zukünftiger Rechtsinstrumente der Inhalteregulierung mit abgestufter Regulierungsdichte bezeichnen. 128 246 Vgl. unten unter 8 a). e) Telekommunikationsgesetz aa) Ziele der Rechtssetzung Zweck des Telekommunikationsgesetzes ist es gemäß § 1 TKG, durch techno- logieneutrale Regulierung den Wettbewerb im Bereich der Telekommunikation und leistungsfähige Telekommunikationsinfrastrukturen zu fördern und flächen- deckend angemessene und ausreichende Dienstleistungen zu gewährleisten. Im Gegensatz etwa zum Rundfunkrecht steht also nicht die Regulierung von Inhalten im Vordergrund; Regelungsmaterie ist vielmehr ausschließlich die Signalübertragung über dazu bestimmte Einrichtungen. bb) Inhaltliche Vorgaben, Rechtsfolgen und Rechtsaufsicht Die inhaltlichen Anforderungen ergeben sich aus dem Gesetzeszweck. Im Hinblick auf die Zielsetzung, in einem zunächst durch den (aus der vormaligen Fernmeldeverwaltung hervorgegangenen) Monopolisten (Incumbent) beherrsch- ten Markt einen funktionierenden Wettbewerb herzustellen, enthält das Gesetz spezielle Vorschriften für marktbeherrschende Unternehmen. So bedürfen etwa deren Entgelte in der Regel der Genehmigung der Aufsichtsbehörde. Ansonsten ist das Erbringen von Telekommunikationsleistungen frei und lediglich an- meldepflichtig. Eine Genehmigung ist nicht erforderlich (§ 4). Die Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen, kurz Bundesnetzagentur (BNetzA), ist die zuständige obere Bun- desbehörde. Ihre Aufgaben bestehen in der Aufrechterhaltung und der Förde- rung des Wettbewerbs in so genannten Netzmärkten, also neben der Tele- kommunikation auch in den Sektoren Strom, Gas, Post und Eisenbahnen. cc) Sachlicher Anwendungsbereich Telekommunikation ist gemäß § 3 Ziffer 22 TKG der technische Vorgang des Aussendens, Übermittelns und Empfangens von Signalen mittels Telekommu- nikationsanlagen. „Telekommunikationsdienste“ sind dabei definiert als in der Regel gegen Geld erbrachte Dienste, die ganz oder überwiegend in der Über- tragung von Signalen über Telekommunikationsnetze bestehen, einschließlich Übertragungsdienste in Rundfunknetzen (§ 3 Ziffer 24). dd) Adressaten Nach § 3 Ziffer 6 TKG ist „Diensteanbieter“ jeder, der ganz oder teilweise geschäftsmäßig – Telekommunikationsdienste erbringt oder – an der Erbringung solcher Dienste mitwirkt. Gemäß § 3 Ziffer 10 des Telekommunikationsgesetzes ist „geschäftsmäßiges Erbringen von Telekommunikationsdiensten“ das nachhaltige Angebot von 129 Telekommunikation einschließlich des Angebots von Übertragungswegen für Dritte mit oder ohne Gewinnerzielungsabsicht. ee) Fazit Im deutschen Telekommunikationsrecht ist entsprechend den Vorgaben des europäischen Telekommunikations-Richtlinienpaketes das Konzept der techno- logieneutralen Regulierung verwirklicht. Die durch die technische Konvergenz erforderlich gewordenen Anpassungen sind dabei im Gegensatz zum Medien- recht entsprechend dem derzeitigen Stand der Technik vollständig vollzogen.m f) Presserecht Im Mittelpunkt dieser Studie stehen, angesichts der bevorstehenden Revision der Fernsehrichtlinie, die audiovisuellen Medien. Nichtsdestotrotz lohnt eine Beschäftigung mit den gesetzlichen Vorgaben für die (körperliche) Presse, denn zum einen wurde die moderne Mediengesetzgebung teilweise aus den für die Presse geltenden Vorschriften heraus entwickelt und zum anderen lassen sich aus diesen Vorschriften durchaus weiterhin Erkenntnisse für den Um- gang mit moderneren Medienformen gewinnen. Dass Presse und audiovisuelle Medien nicht etwa „Welten trennen“, sondern im Gegenteil sehr enge Bezüge zueinander aufweisen, zeigt auch der Umstand, dass Landesgesetzgeber, z. B. im Saarland oder in Rheinland-Pfalz, diese Bereiche in letzter Zeit in einheit- lichen Gesetzen zusammengeführt haben. aa) Ziele der Rechtssetzung Das Presserecht ist ein Sonderrecht gemischter Natur, das reine Ordnungs- bestimmungen sowie öffentlich-rechtliche, privatrechtliche und sozialrechtliche Elemente enthält.247 Dementsprechend sind die Ziele der Presserechtssetzung nicht einheitlich, sondern weisen in Abhängigkeit vom konkreten Regelungs- bereich erhebliche Unterschiede auf. So dienen Vorschriften über die Ver- antwortlichkeit und den Impressumszwang der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, wohingegen andere Bestimmungen, wie diejenigen über die grund- gesetzliche oder gewerberechtliche Pressefreiheit oder den Ausschluss von Sonderbesteuerungen, die Presse vor staatlichen Eingriffen schützen sollen.248 bb) Inhaltliche Vorgaben und Rechtsfolgen Gemäß Art. 75 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 2 des Grundgesetzes steht dem Bund hin- sichtlich der „allgemeinen Rechtsverhältnisse der Presse“ eine Zuständigkeit zur Rahmengesetzgebung zu, von welcher dieser jedoch bisher keinen Gebrauch 130 247 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage 2000, S. 3. 248 Vgl. Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage 2000, S. 3. gemacht hat. Die Länder haben daher in ihren Landespressegesetzen sog. Voll- regelungen vorgenommen, durch die nicht nur das Ordnungsrecht der Presse (z. B. die Impressumsvorschrift), sondern auch so wichtige presserechtliche Kernfragen wie das Recht auf Gegendarstellung, die Pressebeschlagnahme, die Verjährung presserechtlicher Delikte, ferner die Anerkennung der öffent- lichen Aufgabe der Presse und ihres Informationsanspruchs gegenüber den Behörden gesetzlich geregelt wurden.249 An die Unterscheidung zwischen „Druckwerken“ und „periodischen Druck- werke“ knüpft das Gesetz bestimmte Rechtsfolgen. So ist gemäß § 8 Abs. 2 Landespressegesetz (LPG) NRW im Impressum periodischer Druckwerke zu- sätzlich zu den in Druckwerken anzugebenden Daten auch der Name und die Anschrift des verantwortlichen Redakteurs und für den Anzeigenteil ein Ver- antwortlicher anzugeben. Zeitungen und Anschlusszeitungen, die regelmäßig ganze Seiten des redaktionellen Teils fertig übernehmen, haben gemäß § 8 Abs. 3 LPG NRW im Impressum den für den übernommenen Teil verantwort- lichen Redakteur und den Verleger zu benennen. In periodischen Druckwerken hat der Verleger entgeltliche Veröffentlichungen gemäß § 10 LPG NRW mit dem Wort „Anzeige“ zu kennzeichnen. Der Gegendarstellungsanspruch gemäß § 11 LPG NRW betrifft ebenso ausschließlich periodische Druckwerke. Die strafrechtliche Verantwortung für die Publikation trägt bei periodischen Druck- werken gemäß § 21 Abs. 2 Nr. 1 LPG NRW der verantwortliche Redakteur, bei sonstigen Druckwerken der Verleger (§ 21 Abs. 2 Nr. 2 LPG NRW). Aus der in Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG garantierten Pressefreiheit wird die sog. Zulassungsfreiheit abgeleitet, welche die freie Gründung von Presseunter- nehmen und den freien Zugang zu den Presseberufen garantiert. Die ungehin- derte Tätigkeit der Presse wird ferner abgesichert durch das Verbot des Eingreifens der Verwaltung in die freie Betätigung der Presse und durch die Gewährleistung der Zensurfreiheit.250 Als Organ der freiwilligen Selbstkontrolle wacht der Deutsche Presserat über die Einhaltung der im Pressekodex251 ver- ankerten publizistischen Grundsätze. Hierzu zählen u. a. die Wahrung der Aus- gewogenheit und Wahrhaftigkeit der Berichterstattung, Kenntlichmachung der genutzten Quellen sowie eine angemessene Wahrung der Anonymität jeglicher Informationsquellen; Achtung des Redaktionsgeheimnisses; Richtigstellung verbreiteter Informationen, die sich nachträglich als falsch erweisen; klare Trennung zwischen journalistischen Inhalten und Werbung; Achtung des Privat- lebens und der Intimsphäre des Menschen; Berücksichtigung des Jugendschutzes innerhalb der Berichterstattung usw. Im Fall eines Verstoßes gegen die publi- 131 249 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 9. 250 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 46. 251 Der Pressekodex in der Fassung vom 2. 3. 2005 ist abrufbar unter: www.presserat.de/uploads/media / Kodex_03.pdf. zistischen Grundsätze hat der Presserat die Möglichkeit zur Veröffentlichung eines Widerrufs, zur Aussprache einer Missbilligung sowie zum Erlass einer nichtöffentlichen oder öffentlichen Rüge. Letztere verpflichtet den Herausgeber zur Veröffentlichung einer Gegendarstellung. Es ist mithin festzustellen, dass die Presse – im Vergleich zu anderen Medien mit hoher Meinungsbildungsrelevanz – in großem Umfang einem Selbstregu- lierungssystem unterworfen ist, während insbesondere inhaltliche Aspekte kaum gesetzgeberischen Vorgaben unterliegen. cc) Sachlicher Anwendungsbereich Der wichtige Begriff „Presse“ ist weder in der Verfassung noch in den Presse- gesetzen definiert.252 Es handelt sich hierbei um einen Sammelbegriff, welcher das Pressewesen in seiner Gesamtheit umfasst. Ihm unterfallen sowohl die in der Presse tätigen Personen wie auch der technische, wirtschaftliche und organisatorische Apparat der einzelnen Presse-Unternehmen, vor allem aber das Presseerzeugnis (Zeitungen, Zeitschriften, Bücher usw.) selbst.253 Beispielhaft sollen hier die entsprechenden Vorschriften des nordrhein- westfälischen Landespressegesetzes herangezogen werden, um die verschiede- nen „Angebotsformen“ darzustellen, welche das Presserecht unterscheidet. „Druckwerke“ § 7 Begriffsbestimmungen (1) Druckwerke im Sinne dieses Gesetzes sind alle mittels der Buchdruckerpresse oder eines sonstigen zur Massenherstellung geeigneten Vervielfältigungsverfahrens hergestell- ten und zur Verbreitung bestimmten Schriften, besprochenen Tonträger, bildlichen Dar- stellungen mit und ohne Schrift, Bildträger und Musikalien mit Text oder Erläuterun- gen. (2) Zu den Druckwerken gehören auch die vervielfältigten Mitteilungen, mit denen Nachrichtenagenturen, Pressekorrespondenzen, Materndienste und ähnliche Unterneh- mungen die Presse mit Beiträgen in Wort, Bild oder ähnlicher Weise versorgen. Als Druckwerke gelten ferner die von einem presseredaktionellen Hilfsunternehmen ge- lieferten Mitteilungen ohne Rücksicht auf die technische Form in der sie geliefert werden. (3) Den Bestimmungen dieses Gesetzes über Druckwerke unterliegen nicht 1. amtliche Druckwerke, soweit sie ausschließlich amtliche Mitteilungen enthalten, 2. die nur Zwecken des Gewerbes und Verkehrs, des häuslichen und geselligen Lebens dienenden Druckwerke, wie Formulare, Preislisten, Werbedrucksachen, Familien- anzeigen, Geschäfts-, Jahres- und Verwaltungsberichte und dergleichen, sowie Stimm- zettel für Wahlen. 132 252 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 2. 253 Ebd. „Periodische Druckwerke“ § 7 (4) Periodische Druckwerke sind Zeitungen, Zeitschriften und andere in ständiger, wenn auch unregelmäßiger Folge und im Abstand von nicht mehr als sechs Monaten er- scheinende Druckwerke. dd) Personaler Anwendungsbereich/Adressaten (1) Herausgeber Der Herausgeber wird nach einer üblichen Charakteristik als „Inhaber der geistigen Oberleitung“ und „Träger der publizistischen Richtlinienkompetenz“ bezeichnet. Diese bestimmende Einflussmöglichkeit auf den redaktionellen Inhalt der Publikation begründet die darauf bezogene Verantwortlichkeit und presserechtliche Haftung des Herausgebers. Als Inhaber der geistigen Oberlei- tung kann der Herausgeber (anders als der Drucker oder Verleger) eines Presse- erzeugnisses grundsätzlich nur eine natürliche Person sein.254 (2) Verleger Verleger ist jeder Unternehmer, der das Erscheinen und Verbreiten von Druck- werken bewirkt. Ihn trifft sowohl die zivilrechtliche als auch die strafrechtliche Haftung für die veröffentlichten Texte. Auf dem Gebiet des Strafrechts besteht für den Verleger nicht periodischer Druckwerke eine berufsbedingte Sonder- haftung, wenn er seine Aufsichtspflicht vorsätzlich oder fahrlässig verletzt und die rechtswidrige Tat darauf beruht. Die Adresse des Verlegers ist im Im- pressum stets anzugeben. Dem Verleger obliegt die Impressumspflicht und er ist neben dem verantwortlichen Redakteur Verpflichteter möglicher Gegen- darstellungsansprüche.255 (3) Verantwortlicher Redakteur Der sog. verantwortliche Redakteur steht im Zentrum des presserechtlichen Haftungssystems. Den Verleger eines periodischen Druckwerks trifft die Pflicht, einen verantwortlichen Redakteur zu bestellen und ihn in jeder Ausgabe im Impressum mit voller Adresse zu benennen. Die Hauptaufgabe des verantwort- lichen Redakteurs liegt in der Überprüfung des zu publizierenden Stoffes hin- sichtlich seiner Strafbarkeit und ggf. darin, strafbare Texte vor dem Erscheinen des Druckwerks auszuscheiden. Eine zivilrechtliche Haftung des verantwort- lichen Redakteurs kommt darüber hinaus nur in Betracht, wenn er sich über seine presserechtliche Funktion hinaus verpflichtet hat, in weitergehendem Umfang über Inhalt und Gestaltung der Zeitung zu entscheiden. Dem ver- 133 254 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 100. 255 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 99. antwortlichen Redakteur obliegt die Impressumspflicht und er ist neben dem Verleger Verpflichteter möglicher Gegendarstellungsansprüche.256 (4) Verantwortlicher für den Anzeigenteil Da erfahrungsgemäß auch vom Anzeigenteil eines Druckerzeugnisses Gefahren ausgehen können, erstrecken sich die der Presse obliegenden Pflichten auch auf diesen. Die Landespressegesetze sehen daher die Bestimmung eines Ver- antwortlichen für den Anzeigenteil vor, für welchen die Vorschriften für den verantwortlichen Redakteur entsprechend gelten. Der Verantwortliche haftet für den Anzeigenteil in straf- und presserechtlicher Hinsicht. Die zivilrecht- liche Haftung hingegen bestimmt sich nur nach den für jede Person geltenden allgemeinen Grundsätzen des bürgerlichen Rechts.257 (5) Drucker Neben dem Verleger und Verfasser ist der Drucker die maßgebliche Person für die Herstellung eines Druckwerkes, wobei dieser in der Regel nur für die technische Seite der Herstellung des Werkes verantwortlich ist. Den Drucker kann auch eine zivil- oder strafrechtliche Haftung für die von ihm hergestellten Texte treffen, allerdings darf diese Haftung wegen seines vorwiegend techni- schen Beitrags zur Herstellung nicht überspannt werden. So kommt beispiels- weise eine Strafbarkeit des Druckers als Gehilfe nur bei offensichtlich straf- baren Texten in Betracht.258 (6) Sonstige (a) Grossist Unter den Schutz der Pressefreiheit fällt auch die Tätigkeit des Presse- Grossisten. Der Grossist ist selbstständiger Gewerbetreibender; er kauft die zur Versorgung der von ihm belieferten Einzelhänder benötigten Druckschriften bei dem Verleger ein und verkauft diese in eigenem Namen und auf eigene Rechnung an die Abnehmer in seinem Bezirk.259 Der Grossist hat ein Gebiets- monopol bei der Belieferung der betreffenden Vertriebsstellen seines Gebietes inne. Das Presse-Grosso bietet den Vorteil, durch und zusammen mit den auflagenstarken Blättern, Zeitschriften mit kleinerem Kundenkreis verbreiten zu können, deren Auslieferung sich andernfalls nicht lohnen würde („Quer- subventionierung“).260 Die Tätigkeit des Presse-Grossisten, die im Zusammen- hang mit dem Pressevertrieb steht, wurde vom Bundesverfassungsgericht nur 134 256 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 102. 257 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 106. 258 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 98. 259 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 404 f. 260 Fechner, Medienrecht, 1. Auflage, 2000, S. 151. ausnahmsweise der Pressefreiheit unterstellt. Sie ist jener nur dann zuzu- rechnen, wenn sie in enger organisatorischer Bindung an die Presse erfolgt, für das Funktionieren einer freien Presse notwendig ist und wenn sich die staat- liche Regulierung dieser Tätigkeit zugleich einschränkend auf die Meinungs- verbreitung auswirkt.261 Eine (zivilrechtliche) Gehilfenhaftung kommt auch für die Grossisten in Betracht, sofern sie überhaupt mitverantwortlich gemacht werden können. Eine Prüfungspflicht wird man ihnen nur dort auferlegen können, wo von vornherein Anlass zu Bedenken bestand. Anders ist die Rechtslage, wenn sie nicht auf Schadensersatz, wohl aber auf Unterlassung der Verbreitung einer Druckschrift in Anspruch genommen werden. Hier kommt es nicht auf ein Verschulden, sondern nur auf die Mitwirkung bei einer objektiv widerrecht- lichen Veröffentlichung an.262 (b) Redakteur Eine Definition des Begriffs „Redakteur“ kennt das Presserecht nicht. Die das Berufsbild des Redakteurs prägende Tätigkeit ist das „Redigieren“, d. h. das Sammeln, Sichten und Ordnen des zur Veröffentlichung in der Presse be- stimmten Stoffes. Dem Redakteur muss in seinem Ressort eine, wenn auch begrenzte, Entscheidungsbefugnis zustehen. Das Verfassen eigener Artikel ist kein wesentliches Charakteristikum des Redakteursberufs. Die Haftung des Redakteurs ergibt sich aus den allgemeinen zivil- und strafrechtlichen Vor- schriften – eine Sonderhaftung trifft ihn nicht. Allerdings hat der Redakteur die der Presse auferlegte Sorgfaltspflicht zu beachten. Im Impressum muss der Redakteur nicht aufgeführt werden.263 ee) Fazit Das Pressewesen ist nicht in dem Maße von den jüngsten Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung und der technischen Konvergenz betroffen. Die Internetseiten der Printmedien, jedenfalls soweit diese gebührenfrei angeboten werden und nicht als ePaper einen zur Printausgabe identischen Inhalt präsen- tieren, sind klar vom Hauptmedium abgrenzbar. Ein Verschwimmen verschie- dener Mediendienste ist daher im Pressebereich nicht zu erkennen. Eine Zeitung hat im Wesentlichen mindestens seit Jahrzehnten die gleiche Gestalt, wenn auch – mit Blick auf die jüngste Einführung der Tabloid-Ausgaben – nicht notwendig die gleiche Größe. Die oben genannten Gründe spiegeln sich auch im Presserecht wider. Im Hinblick auf den Gegenstand dieser Untersuchung gibt es im Presserecht keine vergleichbaren Umwälzungen wie in anderen 135 261 BVerfGE 77, 346, 353 ff. 262 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 326 f. 263 Löffler/Ricker, Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, 2000, S. 101. Gebieten, die gegebenenfalls eine Neuausrichtung dieser Regelungsmaterie nahe legen würden. g) Zwischenergebnisse aa) Sachlicher Anwendungsbereich Prägendes Charakteristikum des deutschen Medienrechts ist neben der beson- deren Kompetenzverteilung innerhalb des Bundesstaates das Abstellen auf die Meinungsbildungsrelevanz der verschiedenen Angebote und die hieran an- knüpfende Zuordnung zu verschiedenen Regelwerken mit jeweils unterschied- licher Regelungsdichte. So sinnvoll das Kriterium der Meinungsbildungsrelevanz zur Sicherung der Meinungsvielfalt auch ist, so bringt es für den Rechts- anwender, wie an einer Reihe von Beispielen dargestellt wurde, aufgrund seiner relativen Unbestimmtheit doch eine Reihe von Abgrenzungsschwierigkeiten mit sich. Diese zeigt sich insbesondere an der schwierig zu ziehenden Grenz- linie zwischen Rundfunk und Mediendiensten, denn hier steht kein (zusätz- liches) technisches Abgrenzungskriterium zur Verfügung, da der einzige Unter- schied dieser beiden Angebotsformen am Darbietungscharakter (d. h. der besonderen Meinungsbildungsrelevanz) des Rundfunks festzumachen ist. Ande- rerseits bietet der deutsche Ansatz somit die Möglichkeit, in größerer Unab- hängigkeit von technischen Vorgaben, die durch den stetigen technischen Wan- del durchaus schnell an Aussagekraft verlieren, auf das Wirkungspotenzial des eingesetzten Mediums abstellen zu können und diesem mit dem entsprechenden Regulierungsniveau zu begegnen. Der sachliche Anwendungsbereich des Presse- rechts als Sonderrecht für den gesamten Pressebereich erfasst Druckwerke und periodische Druckwerke. Weder hinsichtlich seines Umfangs noch seiner inhalt- lichen Ausdifferenzierung ist der Anwendungsbereich des Presserechts durch den technologischen Wandel einem Anpassungsdruck unterworfen, wie dies im Bereich der elektronischen Medien der Fall ist. Für das Telekommunika- tionsrecht gilt die strikte Beschränkung des Anwendungsbereichs auf die mit der Übertragung von (Rundfunk-)Signalen (überwiegend) zusammenhängenden technischen Vorgänge. Das mit der Umsetzung des europäischen Telekommu- nikations-Richtlinienpaketes im deutschen Telekommunikationsrecht verwirk- lichte Konzept der technologieneutralen Regulierung hat die durch die tech- nische Konvergenz erforderlich gewordenen Anpassungen entsprechend dem derzeitigen Stand der Technik annähernd vollständig nachvollzogen. bb) Normadressaten Der dargestellte gesetzliche Rahmen für die einzelnen Mediensektoren unter- scheidet sich mithin auch in der Auswahl der jeweiligen Normadressaten. Hierbei lassen sich zwei unterschiedliche Herangehensweisen des Gesetzgebers erkennen: Das Presserecht kennt eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure, die 136 bei der Produktion und Verbreitung eines Presseerzeugnisses eine ganz be- stimmte Funktion einnehmen. Die Verantwortlichkeit dieser Akteure richtet sich hier nach der redaktionellen Gestaltungsfreiheit und der Möglichkeit zur Einflussnahme auf diese. Sie ist gestaffelt, wenngleich nicht kaskadenhaft aus- gestaltet wie z. B. in Frankreich, d. h. es gilt keine Subsidiarität der Haftung. Demgegenüber kommen der Mediendienstestaatsvertrag, des Teledienstegesetz, der Jugendmedienschutz-Staatsvertag und das Telekommunikationsgesetz zwar mit einem einzigen Normadressaten, dem „Diensteanbieter“ bzw. „Anbieter“ aus. Hier findet gleichwohl eine Ausdifferenzierung der gesetzlichen Ver- pflichtungen anhand der vom Normadressaten vollzogenen Tätigkeiten statt. Den Diensteanbieter nach dem Mediendienstestaatsvertrag, der eigene Inhalte vorhält, treffen bspw. strengere Regeln als den, der fremde Informationen lediglich durchleitet. Ein und dieselbe Adressatendefinition umfasst somit Tätigkeiten im Rahmen der Produktion und/oder Verbreitung audiovisueller oder elektronischer Inhalte, die sich erheblich voneinander unterscheiden. Oft- mals werden diese Tätigkeiten und Dienstleistungen auch von unterschied- lichen Akteuren erbracht – wie gezeigt wurde, qualifiziert sich jedoch auch häufig ein einzelnes Unternehmen zugleich in mehrfacher Hinsicht als Dienste- anbieter im Sinne der jeweiligen Vorschriften. Der Rundfunkstaatsvertrag kennt, insofern dem Presserecht vergleichbar, neben der zentralen Figur des „Ver- anstalters“ weitere Normadressaten, die für ganz bestimmte Regelungsziele des Rundfunkrechts besonderen Bestimmungen unterworfen werden – wie die „Unternehmen“ im Bereich des Medienkonzentrationsrechts und die Anbieter (bestimmter) Telekommunikationsdienstleistungen, soweit es um den diskrimi- nierungsfreien Zugang geht. Dennoch konzentriert sich der Rechtsrahmen für den Rundfunk auf den Veranstalter und erscheint daher monolithischer als die Pressegesetze. Im Unterschied zum Presserecht wird die gesamte Verantwor- tung, z. B. im Falle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, in der Person des Intendanten gebündelt. Da sich dies allerdings dem Innenbereich der Rundfunk- veranstaltung zuordnen lässt, ist es nicht ausgeschlossen, wie die aufgezeigten Beispiele etwa in Bezug auf den Anbieter von Navigatoren belegen, im Außen- bereich der Zuführung der Rundfunkinhalte zum Rezipienten weitere Akteure in das Blickfeld zu nehmen. Damit bildet dieser gesetzgeberische Ansatz in gewisser Weise die Lebenswirklichkeit in der Medienwelt ab. 137 5. Übersichtstabelle – Dienstekategorien/ Wesentliche Anforderungen 6. Reaktionen auf Einordnungsprobleme bei bestimmten (neuen) Erscheinungsformen Die Abgrenzung zwischen Mediendiensten und Rundfunkangeboten anhand des einzigen Unterscheidungsmerkmals der Darbietung führt häufig zu Schwie- rigkeiten. Sicherlich nicht zuletzt wegen der höheren Regulierungsdichte bei Rundfunkangeboten und den damit verbundenen Belastungen für deren An- bieter ist die Einordnung einzelner Angebote als Mediendienst oder Rundfunk in der Regel stark umstritten. Veranschaulichen lässt sich dies anhand des „klassischen“ Abgrenzungsfalls – NVoD: NVoD-Angebote wurden von den Landesmedienanstalten zunächst aus- schließlich dem Rundfunk zugeordnet (so noch in den ersten beiden Struktur- papieren der DLM aus den Jahren 1997 und 1998). Diesen Standpunkt änderten die Landesmedienanstalten jedoch in der Folge: Im Dritten Strukturpapier aus dem Jahre 2003 wird der Festlegung auf eine Dienstekategorie eine Einzelfall- prüfung vorgezogen, anhand derer festgestellt werden soll, ob das NVoD-An- gebot als Fernsehen oder Mediendienst einzuordnen sei. Nach den Kategorien des deutschen Medienrechts erscheint eine Einord- nung derartiger Angebote als Mediendienst plausibel, da von ihnen allenfalls eine sehr geringe Gefahr für die Meinungsvielfalt ausgeht. Insbesondere wenn die Sicht der Nutzer in den Blick gerückt wird, stellt man fest, dass sich die Dienst Zulassung/ Anmeldung Staatl. Aufsicht Wer- bung Jugend- schutz Gegen- darstel- lungs- recht Quoten Spezielles Konzen- trations- recht Anbieter- angaben Rundfunk Fernsehen Ja Ja Ja Ja Ja Ja Ja Ja Hörfunk Ja Ja Ja Ja Ja Nein Ja Mediendienste Nein, aber § 20 Abs. 2 RStV Ja Ja Ja Ja/ggf. Nein Nein Ja Teledienste Nein Nein Nein Ja Nein Nein Nein Ja Telekommunika- tionsdienste Anmeldung Ja Nein Nein Nein Nein Nein Presse Nein Nein (Selbstre- gulierung) Ja Ja Ja Nein Nein Ja 138 Nutzung von NVoD vom Ausleihen in der Videothek nur geringfügig unter- scheidet.264 Die ersten Erfahrungen mit dem am 1. April 2003 in Kraft getretenen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag sind überwiegend positiv.265 So werden eine erhöhte Akzeptanz und damit eine Stärkung der Selbstkontrolleinrichtungen ebenso als positive Faktoren genannt wie eine erfolgreiche Anpassung des Jugendmedienschutzes an die technischen Realitäten. 7. Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben a) Fernsehen Auf die sprachlichen Divergenzen bei der Verwendung des Begriffs „Fernseh- programm“ im deutschen Rundfunkrecht einerseits und in der Fernsehrichtlinie andererseits wurde im Abschnitt zur Europäischen Union ausführlich ein- gegangen (s. o.). Das deutsche Rundfunkrecht begreift das Wort „Programm“ als eine übergeordnete Einheit, die sich aus verschiedenen „Sendungen“ zu- sammensetzt (synonym könnte der Begriff „Fernsehkanal“ verwendet werden), während das europäische Medienrecht die Begriffe „Programm“ und „Sen- dung“ in umgekehrter Weise verwendet. Angesichts der neuesten Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs zur rechtlichen Einordnung von NVoD-Angeboten, erscheint es fraglich, ob sich die in Deutschland vertretene Einordnung von NVoD als Mediendienst oder Teledienst noch halten lässt.266 In seiner Mediakabel-Entscheidung267 hat der Gerichtshof derartige Dienste ausdrücklich als Fernsehsendungen im Sinne von Art. 1 lit. a) der Fernsehrichtlinie qualifiziert. Damit haben solche Angebote den geltenden Bestimmungen der Fernsehrichtlinie zu genügen, also u. a. dem Quotenregime der Art. 4 und 5. Als Mitgliedstaat der EU trifft Deutschland eine Umsetzungspflicht hinsichtlich der Vorgaben der Fernsehrichtlinie. Der deutsche Gesetzgeber hat dafür Sorge zu tragen, dass alle Dienste, die von der Fernsehrichtlinie als Fernsehsendungen eingeordnet werden, auch dem RStV unterfallen, also auch im Sinne des deutschen Rechts Rundfunk darstellen.268 139 264 Castendyk, in v. Hartlieb/Schwarz, Handbuch des Film-, Fernseh- und Videorechts, 4. Aufl., 2004, Kap. 238, Rdnr. 10; Schreier, MMR 2005, 517 (519) m. w. N. Zur Frage der Vereinbarkeit dieser Sichtweise mit den Vorgaben des europäischen Medienrechts s. nachfolgend unter 7. a) aa). 265 Vgl. eingehend Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e. V., Jahresbericht 2004. Deutlich kritischer formuliert ist die Haltung der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia, vgl. Frank, in: tv diskurs 3/2005, S. 29 ff. 266 Kritisch hierzu auch Schreier, MMR 2005, 517 (519 f.). 267 EuGH, Urteil in der Rechtssache C-89/04 (Mediakabel BV/Commissariaat voor de Media) vom 2. Juni 2005, abgedruckt in ZUM 2005, 549; abrufbar unter: www.curia.eu.int; vgl. auch die Ausführungen oben in Teil C. 268 Schreier, MMR 2005, 517 (519 f.). Angesichts dieser neuesten Entwicklungen in der Judikatur zum europäischen Medienrecht erscheint die in Deutschland vertretene Position zur Behandlung von NVoD – jedenfalls in Anbetracht der derzeit geltenden Fassung der Fern- sehrichtlinie – als bedenklich. b) Dienste der Informationsgesellschaft Der im europäischen Medienrecht verwendete Begriff der „Dienste der Infor- mationsgesellschaft“ wird in Deutschland nicht verwendet. Hier finden sich neben dem einfachgesetzlich normierten Rundfunk noch die Dienstekategorien „Mediendienste“ und „Teledienste“, deren jeweils eigenständige Regelung auf die Gesetzgebungskompetenzen von Bund und Ländern zurückzuführen ist. Es schließt sich nunmehr die Frage an, ob die geplante Zusammenführung von Medien- und Telediensten zum Begriff der Telemedien einen Begriff erzeugt, der den „Diensten der Informationsgesellschaft“ entspricht. Die Begriffe „Medien- dienst“ und „Teledienst“ sind jedoch, wie oben dargelegt, so stark ausdifferen- ziert, dass man nicht durch eine einfache „Addition“ der beiden zu „Diensten der Informationsgesellschaft“ gelangt. Da der Begriff der Mediendienste – anders als die Dienste der Informationsgesellschaft, welche nur auf indivi- duellen Abruf erbracht werden – auch Verteildienste umfasst, wie bspw. be- stimmte Fernsehdienste, die keinen relevanten Beitrag zur Meinungsbildung leisten, kann von einer Kongruenz der Begriffe „Telemedien“ und „Dienste der Informationsgesellschaft“ mithin nicht die Rede sein. Diskutiert wurde in Deutschland die Frage, ob die Möglichkeit der Zuord- nung von Online-Angeboten (wobei es sich regelmäßig um Mediendienste handelt) zum einfachgesetzlichen Rundfunk gemäß § 20 Abs. 2 RStV mit dem in der eCommerce-Richtlinie verankerten Grundsatz der Zulassungsfreiheit zu vereinbaren sei.269 Unproblematisch ist die Zuordnung von Angeboten zum Rundfunk, soweit es sich bei diesen um Fernsehdienste im Sinne von Art. 1 lit. a) der Fernsehrichtlinie handelt, da solche Dienste vom Anwendungs- bereich der eCommerce-Richtlinie ausgenommen sind. Abrufdienste hingegen werden von der Fernsehrichtlinie nicht umfasst und sind damit grundsätzlich als Dienste der Informationsgesellschaft gemäß Art. 4 Abs. 1 der eCommerce- Richtlinie nicht zulassungspflichtig. Allerdings ist bei der Auslegung dieser Vorschrift zu beachten, dass die eCommerce-Richtlinie gemäß Art. 1 Abs. 6 Maßnahmen der Mitgliedstaaten, welche der Förderung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt und dem Schutz des Pluralismus dienen, unberührt lässt. Dient die Zuordnung eines Online-Angebots zum Rundfunk diesen kommuni- kativen Zielen, so ist Art. 4 Abs. 1 der eCommerce-Richtlinie so auszulegen, 140 269 Bumke/Schulz, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 2003, § 20, Rz. 28–31. dass er dem Zulassungserfordernis nicht im Wege steht. Anderenfalls läge ein unzulässiger Eingriff der EU in die Kulturkompetenz der Mitgliedstaaten vor.270 c) Elektronische Kommunikationsdienste Das TKG ist unter dem Gesichtspunkt der Umsetzung europäischen Gemein- schaftsrechts auch Gegenstand eines Vertragsverletzungsverfahrens gegen die Bundesrepublik Deutschland.271 Die Umsetzung des Richtlinienpakets für die elektronischen Kommunikationsmärkte durch das TKG 2004 ist in den Augen der Europäischen Kommission nur in unzureichendem Maße erfolgt. Nach deren Meinung genügen wichtige TKG-Vorschriften über die Entgeltregulierung von Unternehmen mit beträchtlicher Marktmacht (Significant Market Power, SMP) nicht den gemeinschaftsrechtlichen Vorgaben. So beschränke die Vorschrift des § 30 TKG den Ermessensspielraum der Bundesnetzagentur in unzulässiger Weise. Ansonsten bestehen hinsichtlich der korrekten Umsetzung des Tele- kommunikations-Richtlinienpaketes in deutsches Recht keine Bedenken. 8. Ausblick a) Weitere Änderungsvorhaben Geplant ist eine Zusammenführung von Mediendiensten und Telediensten unter dem neuen Begriff der „Telemedien“, wie bereits im Jugendmedienschutz- Staatsvertrag geschehen, der am 1. April 2003 in Kraft getreten ist. Die Gesetz- gebungszuständigkeiten sollen im Rahmen einer Reform der Medienordnung zwischen Bund und Ländern neu verteilt werden. Künftig soll die Gesetz- gebungskompetenz damit unabhängig vom Verbreitungsweg nach den inhalt- lichen Zielen der Regelungen verteilt werden (Jugendschutz, Datenschutz, eCommerce, Telekommunikation). Dieser Neuordnung der Kompetenzverteilung liegt eine Art „Deal“272 zwi- schen Bund und Ländern zugrunde. Mit dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag wurde die Kompetenz zur Regelung jugendschutzrelevanter Fragen in Rund- funk und Telemedien insgesamt auf die Länderebene verlagert. Im Gegenzug soll u. a. der (medienbezogene) Datenschutz für Telemedien und den Rundfunk einheitlich im Telemedien- und im Bundesdatenschutzgesetz geregelt werden. Hierzu soll durch den Neunten Rundfunkänderungsstaatsvertrag in § 47 Abs. 1 eine dynamische Verweisung auf die datenschutzrechtlichen Vorschriften des 141 270 Dörr, K&R 1999, 97 (97 ff.). 271 Die diesbezügliche Pressemitteilung der Kommission ist abrufbar unter: europa.eu.int / rapid/press ReleasesAction.do?reference=IP/05/430&format=PDF&aged=0&language=DE&guiLanguage=en. 272 Roßnagel, Neuordnung des Medienrechts – Anregungen und Möglichkeiten, in: EMR-Schriftenreihe, Band 30, S. 15 ff., 25; Ader, Telemedienrecht soll Neuordnung erfahren, MMR 2/2005, S. X. Telemediengesetzes in den künftigen Staatsvertrag für Rundfunk und Tele- medien aufgenommen werden. Das TMG sieht ferner einheitliche Regelungen zur Zugangsfreiheit, zum Herkunftslandsprinzip, zur Verantwortlichkeit und zu Kennzeichnungspflichten der Anbieter vor. Inhaltliche Anforderungen an Rund- funk und Telemedien werden hingegen der Länderebene zugeordnet und im künftigen Staatsvertrag über Rundfunk und Telemedien geregelt. Die mit diesem Rechtsvorhaben angestrebte Zusammenführung bestimmter Regelungsmaterien – insbesondere des Datenschutzes – in einem einheitlichen Gesetz ist bislang auf breite Zustimmung gestoßen. Ob hiermit jedoch auch eine Entschärfung der zur Zeit bestehenden Abgrenzungsfragen einhergeht, ist fraglich. Entfallen wird durch die neue Kategorie „Telemedien“ jedenfalls die, von vielen als überflüssig empfundene, Trennung zwischen Mediendiensten und Telediensten. Das Erfordernis einer Abgrenzung bleibt allerdings bestehen an den Schnittstellen zum Rundfunk einerseits und zur Telekommunikation auf der anderen Seite des Dienstespektrums. Hier wurde im Rahmen einer vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) gemeinsam mit der Staatskanzlei des Landes Rheinland-Pfalz am 13. Mai 2005 durchgeführten Anhörung interessierter Kreise bereits in mehrfacher Hinsicht Klärungs- und Nachbesserungsbedarf angemeldet. Die Kritik richtete sich zum einen gegen die Definition der Telemedien in § 1 Abs. 1 Satz 1 TMG-E, welche keine positive Begriffsbestimmung vornimmt, sondern die Telemedien lediglich in einer Abgrenzung zur Telekommunikation und zum Rundfunk bestimmt: § 1 Anwendungsbereich (1) Dieses Gesetz gilt für alle elektronischen Informations- und Kommunikationsdienste, soweit sie nicht ausschließlich Telekommunikation nach § 3 Nr. 22 des Telekommunika- tionsgesetzes oder Rundfunk im Sinne von § 2 des Rundfunkstaatsvertrages sind (Tele- medien). Bemerkenswert an dieser Definition ist zunächst die Verwendung des Ober- begriffs elektronische Informations- und Kommunikationsdienste. Dieser Begriff wird zwar nicht ausdrücklich definiert, aber ein Umkehrschluss ergibt, dass er (wenigstens) Telekommunikation, Telemedien und auch Rundfunk umfasst. Derselbe Begriff wird auch in § 1 des TDG verwendet, auch dort jedoch ohne näher definiert zu werden. Aus der Bestimmung des Geltungsbereichs des TDG ergibt sich wiederum, dass der Liste der unter die Informations- und Kommunikationsdienste fallenden Angebote auch die Teledienste hinzuzufügen sind. Fraglich wirkt in diesem Zusammenhang, inwiefern die Verwendung des Begriffs Informations- und Kommunikationsdienste sinnvoll ist, wenn sein Anwendungsbereich nicht explizit definiert wird und allenfalls durch die Zu- sammenschau verschiedener Regelwerke erahnt werden kann. Etwas verwirrend erscheint die Belegung des Begriffs elektronische Informations- und Kommuni- kationsdienste zudem im Hinblick auf § 2 des Jugendmedienschutz-Staatsver- 142 trages, der unter die elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien Telemedien und den Rundfunk fasst (§ 2 Abs. 1) und die Telekommunikations- dienstleistungen und das geschäftsmäßige Erbringen von Telekommunikations- diensten ausdrücklich vom Anwendungsbereich des Jugendmedienschutz-Staats- vertrages ausnimmt (§ 2 Abs. 2). Da jedenfalls im TMG keine nähere Bestimmung dieses Begriffs vorge- nommen wird, lassen sich aus dessen Verwendung nur schwer Anhaltspunkte dafür gewinnen, was unter Telemedien zu verstehen ist. Die Forderung nach einer genaueren Bestimmung des Begriffs Telemedien sowie die Aufnahme von Regelbeispielen wurden als Möglichkeit angesehen, diesen Schwierigkei- ten zu begegnen. An der Schnittstelle zum Rundfunkrecht stellen sich möglicherweise auf- grund des Fehlens einer positiven Bestimmung des Begriffs „Telemedien“ nach wie vor die bekannten Abgrenzungsfragen. Mancher befürchtet hier eine Verwässerung und möglicherweise eine Ausdehnung der (restriktiven) Rund- funkregulierung, insbesondere wenn in der Begründung zum TMG-E bei den Ausführungen zum Rundfunkbegriff sehr vage von „vergleichbaren Angebo- ten“ die Rede ist. Auf Bedenken stieß auch eine andere Formulierung der Begründung, wonach offenbar auch Dienste wie die Übertragung von E-Mail und Internettelefonie (VoIP) dem Anwendungsbereich des TMG unterfallen sollen. Insbesondere beim VoIP wurde dies als verfrühte Regulierung einer sich noch im Entwicklungsstadium befindlichen Technologie angesehen. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Umstand, dass bestimmte Dienste nach den der- zeitigen Planungen sowohl den (datenschutzrechtlichen) Regelungen des TMG als auch des TKG unterfallen sollen. Dies trifft nach den §§ 14 Abs. 2 und 15 Abs. 1 TMG-E solche Anbieter, deren Tätigkeit überwiegend in der Über- tragung von Signalen besteht, und damit insbesondere Access-Provider. Hier wurde aus Gründen der Rechtssicherheit und Vereinfachung gefordert, solche Anbieter ausschließlich den Regelungen des TKG zu unterwerfen. Im November 2005 legte das BMWA dann einen geänderten Entwurf für das Telemediengesetz vor, der gemäß den Vorgaben der Transparenz-Richtlinie 98/34/EG i. d. F. der Richtlinie 98/48/EG bei der Europäischen Kommission notifiziert wurde. Der Anwendungsbereich des Gesetzes wird in § 1 Abs. 1 Satz 1 TMG-E nunmehr wie folgt festgelegt: Dieses Gesetz gilt für alle elektronischen Informations- und Kommunikationsdienste, so- weit sie nicht Telekommunikationsdienste nach § 3 Nr. 24 des Telekommunikationsgeset- zes, die ganz in der Übertragung von Signalen über Telekommunikationsnetze bestehen, oder telekommunikationsgestützte Dienste nach § 3 Nr. 25 des Telekommunikationsge- setzes oder Rundfunk im Sinne von § 2 des Rundfunkstaatsvertrages sind (Telemedien).n Nach wie vor findet die Bestimmung des Begriffs „Telemedien“ also nicht über eine positive Definition, sondern über eine negative Abgrenzung zur 143 Telekommunikation und zum Rundfunk statt. Regelbeispiele für Telemedien wurden auch in den neuen Entwurf nicht aufgenommen. Das Ministerium begründet diesen Ansatz mit dem nicht von der Hand zu weisenden Argument, dass die Telekommunikationsdienste aus dem Telekommunikationsgesetz und der Rundfunk aus dem Länderrecht her definiert sind. Es sei daher zwingend, dass Telemedien nur über die negative Abgrenzung zu diesen Diensten bestimmt werden könnten. Wie sich aus der eingeschränkten Verweisung auf § 3 Nr. 24 TKG ergibt, sollen Telekommunikationsdienste, die lediglich überwiegend in der Übertragung von Signalen bestehen, weiterhin vom Anwendungsbereich des Gesetzes erfasst werden. Bezüglich sog. „telekommunikationsgestützter Dienste“ (§ 3 Nr. 25 TKG) stellt § 1 Abs. 1 Satz 1 TMG-E klar, dass diese vom Anwendungsbereich ausgenommen sind, was das Ministerium damit begründet, dass es sich hierbei weder um Abruf- noch um Verteildienste handelt. Während Dienste zur Übertragung von E-Mail nach der Begründung weiter- hin unter das Gesetz fallen sollen, gilt dieses – entgegen der Ausführungen im Vorentwurf – nicht mehr für die bloße Internet-Telefonie. Das bloße Telefo- nieren über das Internet weise keinen äußerlich erkennbaren Unterschied zur herkömmlichen leitungsgebundenen Telefonie auf. Insoweit handele es sich um einen einheitlichen Lebensvorgang, der keiner anderen rechtlichen Bewer- tung als die herkömmliche Sprachtelefonie unterliege und damit als eine reine TK-Dienstleistung anzusehen sei, die ganz in der Übertragung von Signalen über Kommunikationsnetze bestehe und daher ausschließlich nach dem TKG zu bewerten sei. Für Telekommunikationsdienste, die überwiegend in der Übertragung von Signalen bestehen, bleibt es bei der (kritisierten) gleichzeitigen Anwendbar- keit der datenschutzrechtlichen Vorschriften sowohl des Telemediengesetzes als auch des Telekommunikationsgesetzes. Allerdings werden in § 10 Abs. 3 TMG-E nunmehr explizit jene datenschutzrechtlichen Vorschriften des Tele- mediengesetzes aufgezählt, die auf derartige Dienste Anwendung finden sollen. Zusammenfassend ist damit festzustellen, dass die geplante Neuordnung des deutschen Medienrechts zwar die Schwierigkeiten bei der Abgrenzung zwischen Mediendiensten und Telediensten einebnen wird, dass die derzeitigen Probleme bei der Grenzziehung zum Rundfunk und zur Telekommunikation aber (mindestens) in gleichem Maße fortzubestehen drohen. b) Positionen zur Revision der Fernsehrichtlinie In Deutschland haben sich die betroffenen Interessengruppen umfassend zu den unterschiedlichen Aspekten der Revision der Fernsehrichtlinie geäußert.273 Interessanterweise wird in der deutschen Medienöffentlichkeit diese Revision 144 273 Eine Dokumentation findet sich etwa in epd medien 74/2005, S. 3 ff. nahezu ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der möglicherweise ins Haus stehenden Legalisierung von Product Placement diskutiert, und auch in Fach- kreisen scheint dies im Vordergrund zu stehen. Verständlich wird dies vor dem Hintergrund des Skandals um massiven Einsatz von Schleichwerbung im deut- schen Fernsehen, insbesondere in Daily Soaps, in jüngster Zeit. Dennoch ge- raten dadurch einige der wichtigsten Themen aus dem Blickwinkel. Die Bundesregierung hat sich dahingehend geäußert, dass sie die Einfüh- rung einer abgestuften Regelungsdichte gutheißt und mit den Begriffsdefini- tionen im Bereich der Dienste im Wesentlichen einverstanden ist. Sie geht davon aus, dass mit der Definition der Inhaltsdiensteanbieter an die Meinungs- bildungsrelevanz des Dienstes angeknüpft werden soll und hält das Kriterium der redaktionellen Verantwortung insoweit für eine Eingrenzung geeignet. Des Weiteren wird vorgeschlagen, die Umgehungsrechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes zum Sendestaatsprinzip zu kodifizieren. Auch wird bei Groß- ereignissen ein Recht auf Zugang von Programmausschnitten, die als Nach- richten genutzt werden, als erforderlich erachtet und es werden Vorschläge unterbreitet, wie der betreffende Artikel formuliert werden sollte. Die Bundes- regierung spricht sich gegen eine weitere Harmonisierung der nationalen Vor- schriften zur Medienvielfalt aus, begrüßt aber die seitens der Kommission vor- geschlagenen Maßnahmen, die auf mehr Datentransparenz hinsichtlich der Besitzverhältnisse und Marktanteile abzielen. Zudem finden sich in der Stellung- nahme Änderungsvorschläge bezüglich des Jugendschutzes und der Aufstache- lung zum Hass. Die Bundesregierung tritt dafür ein, bei den Vorschriften über Werbung die Definitionen der Fernsehrichtlinie beizubehalten. Zudem soll ihrer Auffassung nach das Gebot der Trennung von Werbung und Inhalten aufrechterhalten bleiben, allerdings sollen neue Werbeformen wie Split-Screen und virtuelle Werbung in der Richtlinie selbst ausdrücklich zugelassen werden, und es soll im Bereich der linearen Dienste eine Deregulierung der quantita- tiven Werberegelungen erfolgen. Die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) befürwortet zwar einen umfassenden Rahmen mit abgestufter Regulierungsdichte für alle Formen der elektronischen Bereitstellung audiovisueller Inhalte, spricht sich aber dafür aus, die Regulierungsdichte nach inhaltlichen Kriterien wie dem der Meinungsbildungsrelevanz auszurichten und mahnt eine präzise und zukunfts- fähige Definition der linearen und nicht-linearen Dienste an, sofern die Kom- mission an dieser Unterscheidung festhält. Außerdem hält die Direktoren- konferenz die Kennzeichnung kommerzieller Inhalte in allen audiovisuellen Inhaltsdiensten für zwingend erforderlich. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF befürworten die Pläne, den Anwendungsbereich der Fernsehrichtlinie hin zu einer Rahmen- oder Inhalterichtlinie zu erweitern. Dabei soll besonderer Wert auf die Klärung des Verhältnisses zu benachbarten Regelungswerken, insbesondere der Richt- 145 linie zum elektronischen Geschäftsverkehr, gelegt werden. Als zusätzliches Ab- grenzungskriterium zwischen den zu erfassenden und den nicht zu erfassenden Diensten wird die gesellschaftliche Bedeutung der Dienste (der sog. „impact“) ins Spiel gebracht. ARD und ZDF sprechen sich für die Beibehaltung des Grundsatzes der Trennung von redaktionellen und kommerziellen Inhalten und des Verbots der Schleichwerbung aus; außerdem lehnen sie die förmliche Zu- lassung von Product Placement rundweg ab. Der Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) fordert eine „Beschränkung auf das absolut notwendige Minimum an Vorgaben“ als Maxime für die zukünftige Regulierung audiovisueller Dienste und als Grund- voraussetzung für eine Ausdehnung des Anwendungsbereiches der Richtlinie. Im Einzelnen sollen Werbevorgaben, Quoten und Listenregelungen gestrichen werden und im Falle einer Ausweitung des Anwendungsbereiches nur noch Grundregeln zur Anwendung kommen; Detailregelungen des Jugendschutzes oder der Werbung sollen mitgliedstaatlichen Regelungen überlassen bleiben.m 9. Zusammenfassung Das Medienrecht ist in Deutschland in hohem Maße verfassungsrechtlich deter- miniert. Jede Forderung nach einer „modernen, zukunftsgerichteten Medien- gesetzgebung“, jeder wohlgemeinte innovative Vorschlag zur rechtlichen Be- wältigung des Phänomens der Konvergenz muss sich letztlich an der eingangs geschilderten verfassungsrechtlichen Ausgangssituation messen lassen, deren innere Rechtfertigung im Rahmen dieses Gutachtens nicht in Frage gestellt wird. Der (Medien-)Gesetzgeber sieht sich insofern zuallererst mit der Kom- petenzverteilung zwischen Bund und Ländern konfrontiert, die jedoch kein unüberwindbares Hindernis für ein zukunftsoffenes Medienrecht darstellen muss, soweit sich beide Seiten hinreichend kompromissbereit zeigen. Dies haben Bund und Länder zuletzt mit dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag unter Beweis gestellt. Daneben sind die Gestaltungsmöglichkeiten des Gesetz- gebers durch die oben dargestellten Grundrechte der Akteure und der Nutzer im Medienbereich sowie durch die Schutzpflichten für verschiedenste Rechts- güter verfassungsrechtlich vorgeprägt. In der Verfassung begründet liegt u. a. auch die grundsätzliche Orientierung des deutschen Medienrechts an der Meinungsbildungsrelevanz: Diese führt zwar einerseits zu Schwierigkeiten bei der Abgrenzung der einzelnen Dienste- kategorien und es bestehen in gewissen Umfang „Grauzonen“, bei denen sich gute Argumente sowohl für die Zuordnung zur einer oder auch einer anderen Kategorie anführen lassen. Nichtsdestotrotz erlaubt es das deutsche System in erheblichem Umfang – wie am Beispiel NVoD aufgezeigt – auf die Perspektive des Nutzers abzustellen, auf dessen Wohl oder Schutz letztendlich eine Vielzahl der Vorschriften im Mediensektor abzielen. Will man von dieser Flexibilität und 146 den damit verbundenen Vorteilen profitieren, so sind gewisse Abgrenzungs- schwierigkeiten, die ein rechtlich so schwer zu fassender Begriff wie die „Mei- nungsbildungsrelevanz“ mit sich bringt, letztlich wohl in Kauf zu nehmen. Zu begrüßen ist ferner das Vorhaben von Bund und Ländern, die Vorschrif- ten des Mediendienstestaatsvertrages und des Teledienstegesetzes im Tele- mediengesetz zusammenzuführen. Eine schwierige Abgrenzungsfrage (Medien- dienst oder Teledienst) würde damit entfallen. Allerdings bleibt es bei der komplizierten Abgrenzung zwischen Telemedien und Rundfunk – sowie bislang zwischen Mediendiensten und Rundfunk. Bei der Verwendung und Schaffung neuer Rechtsbegriffe sollte der Gesetzgeber allerdings auf ein Höchstmaß an Klarheit bedacht sein, um den Rechtsanwender in diesem komplizierten Rechtsgebiet nicht unnötig zu verwirren. Fehlen zugunsten einer vermeint- lichen Zukunftsoffenheit eines Gesetzes in diesem klare Definitionen bzw. tauchen dort Begriffe auf, deren Bedeutung und Nutzen sich kaum erschließen lässt, so wird damit eine schwierige Rechtsmaterie zusätzlich verkompliziert. Dieser Einwand hat auch gegenüber der Neuregelung des § 53 RStV durch den 8. RÄStV Gültigkeit. Die Offenheit und die Verwendung neuer, mehrdeutiger Begrifflichkeiten geht zu Lasten der Klarheit von Regulierungssachverhalten und -adressaten.274 147 274 König/Kösling, Die digitale Zugangsfreiheit im 8. RÄStV – Nur Anpassung an das TKG oder materielle Änderungen beabsichtigt?, ZUM 2005, 289 (298). II. Belgien Der Beitrag basiert auf einem von PROF. DR. PEGGY VALCKE (Katholische Uni- versität Löwen) unter Mitarbeit von EVA LIEVENS und DAVID STEVENS (Wissen- schaftliche Mitarbeiter, Interdisziplinäres Zentrum für Recht und IT (ICRI) der KU Leuven/ Interdisziplinäres Forschungszentrum für Breitbandtechnologie (IBBT)) im Auftrag der Autoren verfassten Länderbericht. 1. Hintergrund Dieser Bericht behandelt die Fragen des materiellen Anwendungsbereichs von Rundfunkgesetzen in Belgien (insbesondere im Lichte neu entstehender audio- visueller Dienste), die Definitionen der Adressaten der rundfunkrechtlichen Vorschriften und die Vereinbarkeit der entsprechenden Regelungen mit der Fernsehrichtlinie. Da der Rundfunk den „kulturellen Belangen“ zugeordnet wird, welche in den Zuständigkeitsbereich der Sprachgemeinschaften (Flämische Gemeinschaft, Französische Gemeinschaft und deutschsprachige Gemeinschaft) fallen, existie- ren mehrere Rundfunkgesetze, die von den verschiedenen Sprachgemeinschaf- ten erlassen wurden. Zudem werden bi-linguale Rundfunkaktivitäten in der Re- gion Brüssel-Hauptstadt von einem vierten Gesetz (auf bundesstaatlicher Ebene) abgedeckt. Die Kompetenzverteilung zwischen Rundfunk und Telekommunika- tion im föderalen Staat Belgien wird im Abschnitt 1 c) ausführlich dargestellt.n a) Die technische und wirtschaftliche Entwicklung in Belgien Die belgische Medienlandschaft hat sich in den vergangenen 15 Jahren deut- lich verändert, jedoch sind die Entwicklungen hierbei eher als evolutionär denn als revolutionär zu charakterisieren. Zu Beginn dieses Zeitraumes wurde das kommerzielle Fernsehen in den flämisch- und französischsprachigen Regionen eingeführt, und seitdem wuchs die Zahl der Fernsehveranstalter kontinuierlich an.275 Diese bieten Voll- und Spartenprogramme, Pay-TV und seit kurzem auch Abrufdienste (on demand) an. 148 275 Als kleines Land mit drei Amtssprachen hat sich Belgien stets seinen Nachbarn zugewendet. Dies gilt insbesondere für die kleine deutschsprachige Gemeinschaft (weniger als 70.000 Personen), die ihren Blick nach Deutschland richtet, jedoch auch für die französische Gemeinschaft (etwa 4.500.000 Einwohner), die eng mit Frankreich verbunden ist. Vor der Einführung des Privatfernsehens waren die niederländischen Sender in Flandern sehr populär. Aber da sich die niederländische und flämische Sprache nicht völlig gleichen (Verwendung unterschiedlicher Worte und Akzentuierungen), wendete sich die flämische Öffentlich- keit massiv ihren eigenen Privatsendern zu, sobald diese eingeführt worden waren (VTM und regionale Fernsehsender im Jahr 1989, Kanaal2 und VT4 1995). Zudem schrieb das ursprünglich geltende Recht eine obligatorische Beteiligung der lokalen Presse an kommerziellen Fernsehsendern vor. Dies mag erklären, warum es in Flandern einige recht erfolgreiche lokale Sender gibt, während die französische Gemeinschaft eher durch eine starke Präsenz des Hörfunks und v. a. von Fernsehunternehmen aus Frankreich gekennzeichnet ist, siehe unten. Zudem machen die Veranstalter zunehmend von neuen Vertriebswegen wie dem Internet oder den Mobilfunknetzen Gebrauch. Einige Beispiele: Im April 2003 (kurz vor den Wahlen im Mai des Jahres) startete der flämische öffent- lich-rechtliche Veranstalter VRT seinen Multimedia-Nachrichtenkanal, der Text- nachrichten, Bilder, Töne und bewegte Bilder der präsentierten Inhalte kombi- niert, im Internet (www.vrtnieuws.net) und auf seiner DVB-T-Testplattform. Etwa zur selben Zeit begann der private Sender VTM sein neues Angebot „breaking news“ über SMS – und kurz darauf per MMS – zu verbreiten. In den letzten 10 Jahren sind neue Typen von Hörfunkstationen entstanden, da mehr Frequenzen für private Veranstalter zur Verfügung gestellt wurden. In Flandern gibt es beispielsweise bereits seit den sechziger Jahren Lokalradio- sender, jedoch führte der Gesetzgeber erst im Jahr 2001 einen rechtlichen Rahmen für die Veranstaltung privaten Hörfunks, der sich an die gesamte flämische Gemeinschaft richtet, ein,276 der dann in einen Wettbewerb mit dem öffentlich-rechtlichen Veranstalter, VRT277, treten konnte. Zwei private Radio- sender erhielten eine Zulassung zur landesweiten Veranstaltung von Rundfunk: Q-music (VMMa) und 4FM (Talpa Radio International). Im Jahr 2002 er- setzten regionale Hörfunkstationen, welche jeweils mehr oder weniger das Gebiet einer Provinz abdecken, die sog. Stadtradios, die in den Ballungsräumen Brüssel, Gent oder Antwerpen verbreitet wurden. Neben diesen terrestrisch verbreiteten Sendern haben in den letzten Jahren auch Kabelradiosender (über das Kabelnetzwerk verbreitet) und Internet-Radiosender (rechtlich einzuordnen als „Radio-Dienste“, siehe unten) Einzug auf dem Hörfunkmarkt gehalten. Nicht nur die audiovisuellen Medien, sondern auch die Printmedien haben in den letzten fünf Jahren Multimedia-Produkte gestartet. Heute haben alle Zeitungen ihr elektronisches Gegenstück, über welches zusätzliche Inhalte und Dienstleistungen angeboten werden, wie etwa Eilmeldungen, Umfragen, Web- logs, Preisausschreiben, interaktive Diskussionsforen etc.278 Unter den verschiedenen Verbreitungsarten nimmt das Kabel immer noch die Spitzenstellung bei der Übertragung von Rundfunksignalen ein.279 Die bel- 149 276 Der Begriff ‚privat‘ wird in diesem Text als Gegenbegriff zu den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Belgien verwendet, d. h. VRT in Flandern (Vlaamse Radio en Televisie; www.vrt.be); RTBF in der französischen Gemeinschaft (Radio-Télévision belge de la Communauté française, www.rtbf.be) und BRF in der deutschsprachigen Gemeinschaft (Belgisches Rundfunk- und Fernsehzentrum; www.brf.be).j 277 VRT betreibt fünf analoge Radiosender: Radio1 (Schwerpunkt Nachrichten und Informationen), Radio2 (Vollprogramm/Familiensender), Klara (klassische Musik, Jazz), Donna (Hits), Studio Brussel (alternative, Jugendsender). Diese Kanäle werden auch digital verbreitet (DAB), gemeinsam mit den non-stop Musik- sendern Donna Hitbits und Klara continuo, einem non-stop Nachrichtensender nieuws+ und dem Sportkanal Sporza. Schließlich sendet VRT einen internationalen Sender via Satellit, genannt RVi (Radio Vlaanderen Internationaal). Weitere Informationen sind abrufbar unter: www.vrt.be. 278 Siehe bspw.: www.standaard.be; www.demorgen.be oder www.lesoir.be. 279 Alle privaten Fernsehveranstalter, die von der flämischen oder französischen Gemeinschaft zugelassen sind, werden direkt über die Kabelnetzwerke übertragen. Nur die öffentlich-rechtlichen Veranstalter VRT und RTBF senden Fernseh- und Radioprogramme terrestrisch. Terrestrische Frequenzen wurden auch privaten Radiostationen zugewiesen. gische Medienlandschaft ist nach wie vor durch eine sehr hohe Kabelver- breitungsrate gekennzeichnet, die bei etwa 94 % liegt. Demgegenüber erreichen die Übertragung über Satellit und die (analoge) terrestrische Verbreitung ledig- lich Anteile von 4 % bzw. 2 %. Erst vor kurzer Zeit haben sich Interessenten für die Entwicklung eines DVB-T-Netzwerks gefunden. Die Regierungen auf beiden Seiten der Sprachgrenzen sind jedoch noch immer mit der Konzeption der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Vergabe der Frequenzen und Zulassungen befasst. Während die Kabelindustrie im nördlichen Teil Belgiens als konsolidiert bezeichnet werden kann, ist sie in den Regionen Brüssel und Wallonien immer noch stark fragmentiert. In Flandern hat das Unternehmen Telenet in erheb- lichem Umfang in die Modernisierung und Zusammenschaltung existierender Kabelnetzwerke investiert. Telenet bietet seit 1997 den Zugang zum Internet via Kabel und seit der vollständigen Liberalisierung des Marktes für Tele- kommunikation am 1. Januar 1998 auch Sprachtelefonie über das Kabel an. Anfangs erhielt Telenet ein ausschließliches Nutzungsrecht an den Kabelnetz- werken, während die Eigentumsrechte bei den sog. „intercommunales“ (Kom- munalverbände) verblieben – es handelt sich hierbei um Kommunalverbände, die „gemischte Kommunalverbände“ („mixed intercommunales“) genannt wer- den, soweit ein privater Partner dem Verband angehört – in casu Electrabel – und „reine Kommunalverbände“ („pure intercommunales“), wenn dem Verband ausschließlich Kommunen angehören. Im Jahr 2001 entschlossen sich die ge- mischten Kommunalverbände, ihre Kabelnetzwerke, welche zwei Drittel der gesamten Kabelnetzwerke in Flandern darstellten, und Fernsehverbreitungs- Aktivitäten an das Unternehmen Telenet zu veräußern. Dieses kann seitdem als „Triple-Play“-Anbieter bezeichnet werden.280 Die vier „reinen Kommunal- verbände“ (PBE, WVEM, Integan und Interelectra) sind nach wie vor Eigen- tümer und Betreiber ihrer Kabelnetzwerke. Im vergangenen Jahr riefen diese Betreiber eine digitale (nicht-interaktive) Fernsehplattform ins Leben („IN.DI“, siehe unten). Die Kabelunternehmen in Wallonien haben kürzlich angekündigt, ihre Kräfte bündeln zu wollen, um künftig Telefonie und Breitbanddienste anbieten zu können; bislang kooperierten diese Unternehmen nur bei bestimmten, zeitlich begrenzten Projekten, wie bspw. beim digitalen Pay-TV. Der Unternehmens- berater McKinsey untersucht derzeit die strategischen Optionen und die Ent- wicklungsfähigkeit eines mit Telenet vergleichbaren Kabelunternehmens in Wallonien.281 150 280 Die gemischten Kommunalverbände blieben jedoch die stärksten Anteilsinhaber an Telenet bis zur Einfüh- rung des Unternehmens an der Börse Euronext (am 11. Oktober 2005) und halten seit diesem Zeitpunkt noch immer einen erheblichen Anteil. Weitere Informationen sind abrufbar unter: www.telenet.be/nl/ overtelenet /wiezijnwe/aandeelhouders/ index.page. 281 „Waals Telenet moet begin 2006 uit startblokken“, De Tijd, 4 März 2005. Die hohe Qualität des bestehenden Angebots im analogen Kabel droht die Entwicklung digitaler Dienste zu verlangsamen. Für monatlich etwa 12,50 Euro empfangen die Abonnenten der analogen Kabelangebote in guter Qualität durchschnittlich 30 Fernsehsender und 20 Radiosender, darunter alle landes- weit zu empfangenden, welche die meisten Zuschauer anziehen282. Dies erklärt, warum sich die Kabelbetreiber – anders als im Vereinigten Königreich oder anderen Ländern mit hauptsächlich terrestrischem Empfang – bei der Einfüh- rung des digitalen Fernsehens zögerlich verhielten – wir bezeichnen dies als die „Dialektik des Fortschritts“.283 Sie befürchten, dass sich die Haushalte nicht als sehr bereitwillig zum digitalen Umstieg erweisen werden: Worin sollten hierfür Anreize liegen? Im Zugang zu 100 Kanälen anstatt zu „ledig- lich“ 40, von denen sie allerdings nur fünf tatsächlich sehen wollen? In der Steigerung der bereits jetzt sehr zufrieden stellenden Bild- und Tonqualität? Aus denselben Gründen hat auch das Pay-TV in Belgien bislang keine größeren Erfolge erzielen können.284 Im Dezember 2004 starteten vier „reine Kommunalverbände“, die ein Drittel des flämischen Kabelmarktes oder 790.000 Abonnenten repräsentieren und sich unter dem Namen „Interkabel“ zusammengeschlossen haben, ihr eigenes digitales TV-Angebot „IN.DI“ – womit sie Telenet zuvorkamen. Die Abonnen- ten des analogen Kabelangebots, welche einen Decoder zum Preis von etwa 179 Euro und eine Smart Card für ungefähr 20 Euro erwerben, empfangen durchschnittlich 40 digitale Kanäle. Dabei handelt es sich um die gleichen wie im analogen Fernsehen und drei zusätzliche Sender285 sowie einen elektro- nischen Programmführer (EPG)286. Telenet hat sich hingegen entschieden, die Phase des digitalen Fernsehens zu überspringen und am 3. September 2005 das „interaktive digitale Fernsehen“ (iDTV) einzuführen. Zwischenzeitlich hat der Telekommunikationsanbieter Belgacom – dem es interessanterweise gelang, 151 282 Im Norden Belgiens haben die fünf flämischen Sender TV1 (VRT), Ketnet /Canvas (VRT), VTM (VMMa), Kanaal2 (VMMa) und VT4 (SBS) einen Zuschaueranteil von über 70 %; im französischsprachigen Teil Belgiens sind die „landesweiten“ Sender La1 (RTBF), La2 (RTBF), RTL-TVI und Club-RTL populär (mit einem gemeinsamen Zuschaueranteil von 40 %), stehen jedoch im Wettbewerb mit den französischen Sendern TF1, FR2 und FR3 (die gemeinsam einen Zuschaueranteil von ±30 % erreichen). Entsprechende Zuschauer- zahlen und weitere Daten können abgerufen werden unter: www.audimetrie.be. 283 Vgl. VALCKE, „The Analogue Switch Off: Chances and Challenges of Digitising the CATV Infrastructure – Case Study of Flanders (Belgium): The Dialectics of Progress? (Das Gesetz des bremsenden Vorsprungs?)“, ITS Workshop, Berlin, 3.–4. Februar 2005; userpage.fu-berlin.de/~jmueller/ its/wrkshp/cat/cat-Dateien/ presentations/valcke.pdf. 284 In Flandern hatte Canal+ (derzeit Prime) Ende 2004 lediglich 140.000 Abonnenten (von denen 90.000 das digitale Abonnement und etwa 50.000 das analoge Abonnement bezogen) von einer Gesamtzahl von 2.240.000 potenziellen Abonnenten (d. h. der Gesamtzahl der Kabelhaushalte). 285 Dieses Angebot soll in der nahen Zukunft erweitert werden. 286 Weiter Informationen (in niederländischer Sprache) sind abrufbar unter: www.interelectra.be inter- electra / ie-website-v2.nsf/ lview_pages/9A66705FFE0A36F3C1256F5F0035405F!opendocument. die Rechte an der belgischen Fußballliga bis 2008 zu erwerben287 – schon im Juni 2005 das Angebot IPTV via ADSL auf den Markt gebracht und damit Telenet überholt. Es wird gleichwohl davon ausgegangen, dass aufgrund techni- scher Schwierigkeiten lediglich 50 % der Haushalte als Abonnenten dieses Angebots in Betracht kommen; die Markteinführung von VDSL, mit der diese Schwierigkeiten behoben würden, wird nicht vor Ende 2006 abgeschlossen sein. Während sich Belgacom hauptsächlich auf die Vermarktung seines digitalen Fernsehangebots „Belgacom TV“ stützt, versucht sich Telenet an einem neu- artigen Geschäftsmodell, das nicht auf herkömmliche Ideen wie zusätzliche Sender oder Premium-Inhalte setzt.288 Stattdessen stellt Telenet die zusätz- lichen Dienste und nützlichen Funktionalitäten in den Vordergrund, wie etwa E-Mail, value-added-services (eBanking, eCommerce, eGovernment289) und Abrufdienste (On-Demand-Programme – „watch what you want, whenever you want“), die zur Angebotspalette von iDTV zählen. Nachdem der Start der iDTV-Plattform von der Presse zunächst äußerst kritisch begeleitet worden war („Telenet nimmt acht Kanäle aus dem analogen Angebot“, „Telenet bittet seine Kunden zur Kasse“ etc.), sehen die ersten Geschäftszahlen doch recht vielversprechend aus. So konnte Telenet allein in Flandern 15.000 Abonnenten gewinnen, während Belgacom derzeit 4.000 Abonnenten verzeichnet, wozu auch die Gruppe der 800 Testkandidaten der Startphase zählt. Mitte Oktober 2005 zählte Telenet bereits 40.000 Abonnenten im digitalen Kabel und er- wartet einen weiteren Anstieg aufgrund eines Abkommens mit VRT, welches den Start neuer Abrufdienste vorsieht („Sehen Sie die VRT-Nachrichten und andere Sendungen, die Sie ‚gerade verpasst‘ haben, bis zu sieben Tage nach der ersten Ausstrahlung, bestellen Sie Serienfolgen aus dem VRT-Archiv ‚à la 152 287 Die (behauptete) Partnerschaft zwischen Belgacom und dem flämischen öffentlich-rechtlichem Veranstalter VRT beim Ausschreibungsverfahren und bei der Produktion von Fußballprogrammen hat für Aufruhr in politischen Kreisen und der Medienszene geführt. Die belgische Wettbewerbsbehörde hat eine Untersuchung zum gemeinsamen Verkauf von Fußballrechten durch die belgische Profiliga Liga Beroepsvoetbal durch- geführt, konnte jedoch keine Anhaltspunkte für ein wettbewerbverzerrendes Verhalten finden (RAAD VOOR DE MEDEDINGING, Decision no. 2005-I /O-40 vom 29. Juli 2005, B. S./Moniteur 20. Oktober 2005; die Berufung, welche Telenet gegen diese Entscheidung eingelegt hat, ist noch vor dem Brüsseler Berufungsgericht (Brussels Court of Appeal) anhängig. 288 In der Entstehungsphase dieser Plattformen werden dennoch neue Voll- und Spartenprogramme durch die bestehenden und neue Teilnehmer auf dem Rundfunkmarkt entwickelt. (bspw. der Fußballsender „11 TV“ von Belgacom Skynet, der HDTV-Kanal „Euro 1080“, der politische Nachrichtensender „Actua TV“, das Spartenprogramm zu Netzwerken und ICT „Netwerk Televisie“ etc.; ein Überblick über in der flämischen Gemeinschaft zugelassene Veranstalter ist abrufbar unter: www2.vlaanderen.be/ned/sites/media / overzicht%20televisie-omroepen.htm). 289 Die geringe Verbreitung von PCs in Belgien wird als eine Ursache für die Verhinderung eines weiteren Wachstums des Internets angesehen (Januar 2004: 51 % – der Durchschnitt in den 15 alten Mitgliedstaaten der EU lag zu dieser Zeit bei 53 %). Das digitale Fernsehen wird daher von den Behörden als Maßnahme zur Förderung von eGovernment angesehen, da es den Bürgern den Zugang zu öffentlichen Informations- und Kommunikationsdiensten über ihr Fernsehgerät ermöglichen würde. carte‘, spielen Sie bei interaktiven Programmen mit“, etc.).290 Beide Betreiber wollen ihre Werbekampagnen gegen Ende des Jahres intensivieren. Belgien zählt zu den drei Ländern in Europa mit der stärksten Verbreitung von Breitbandanschlüssen. Nur Dänemark und die Niederlande übertreffen Belgien in dieser Hinsicht (Breitbandanschlüsse pro 100 Haushalte). Der Zu- gang zum Internet über Breitbandverbindung ist damit mittlerweile zum Stan- dard geworden. Ende 2004 waren bereits 79,6 % aller Zugänge zum Internet Breitbandverbindungen (ADSL und Kabel).291 In absoluten Zahlen sind dies 1.617.185 Breitbandverbindungen, davon 62 % ADSL-Verbindungen und 38 % Kabelinternetanschlüsse.292 Der starke Anstieg der Breitbandverbindungen ist einerseits auf den heftigen Wettbewerb zwischen ADSL (Belgacom) und Kabel (Telenet) im Norden Belgiens zurückzuführen sowie andererseits auf die Ein- führung neuer ADSL-Angebote im Jahr 2004 (sowie das günstigere „ADSL light“-Abonnement, Flatrate-Angebote, die Breitbandzugang und Festnetz- und/oder Mobiltelefonie kombinieren etc.). Die Hauptakteure auf dem belgischen Breitbandmarkt sind Belgacom (45 %) und Telenet (31 %). Belgacom erreicht mit seinen ADSL-Zugängen zum Inter- net 98 % des belgischen Staatsgebiets, während Telenet lediglich in Flandern und Brüssel aktiv ist. In diesen Regionen stehen 98 % und in Wallonien 75 % der Bevölkerung Breitbandzugänge über das Kabel zur Verfügung.293 Alle anderen Internet Service Provider (ISPs), die Breitbandzugänge entweder über DSL oder Kabel anbieten, halten lediglich kleinere Marktanteile. Unter diesen kleineren Anbietern ist es Scarlet gelungen, seinen Marktanteil nach der Über- nahme von Tiscali Belgien deutlich auszubauen (bis auf 8 %). Auf dem Mobilfunkmarkt ist der Telekommunikationsbetreiber Belgacom mit einem Marktanteil von 65 % der Hauptakteur. Mobistar (Orange group) und KPN sind die beiden anderen wichtigen Wettbewerber auf diesem Markt.n Das Übertragungsprotokoll WAP (Wireless Application Protocol) hat auf- grund seiner geringen Übertragungsgeschwindigkeit in Belgien keinen großen Erfolg gehabt. In den Jahren 2001–2002 wurde es durch das System GPRS 153 290 „Telenet en VRT tekenen uitgebreide digitale overeenkomst“, De Standaard, 15 Oktober 2005, 35; „Open- bare omroep introduceert aanbod video-op-aanvraag“, De Tijd, 15 Oktober 2005, 10; „VRT in zee met Telenet voor digital tv tot 2009“, Gazet van Antwerpen, 15 Oktober 2005. Es wird erwartet, dass die flämi- schen kommerziellen Fernsehsender der Einführung interaktiver audiovisueller Dienste über digitale Fernseh- plattformen folgen werden. 291 Bei Ortsnetzen liegt diese Zahl bei 71 %. Siehe: www.ispa.be („English“; „Internet Market Study“); ISPA ist der belgische Verband der Internet Service Providers. Seit November 1998 veröffentlicht ISPA alle vier Monate Statistiken zur Nutzung des Internet in Belgien. Diese Statistiken finden in den Medien weite Verbreitung und werden von der Regierung in die eigenen Datenbestände aufgenommen. 292 Raadgevend Comité voor de Telecommunicatie/Comité Consultatif pour les Télécommunications, Elfde Jaarverslag (2004), 110; www.bipt.be IBPT/Comitesconsultatifs/ rapport_2004_nl.pdf (für die franzö- sische Fassung am Ende der Adresse ‚rapport_2004_fr.pdf‘ eingeben). 293 ING, Broadband Belgium, S. 6, Oktober 2004. (General Packet Radio Services), auch 2,5G genannt, ersetzt, welches die Ver- wendung von MMS-Diensten erlaubte (Multimedia Messaging). Gegen Ende 2004 verzeichneten die drei Mobilfunkbetreiber gemeinsam 165.235 GPRS- Nutzer. Im Oktober 2003 startete Base den Dienst I-Mode. Ende 2004 hatte dieser Dienst 28.000 Kunden und damit eine bedeutend geringere Zahl als die 660.000 I-Mode Kunden von KPN in den Niederlanden und den 1,1 Millionen Kunden von E-plus in Deutschland.294 Seit Juni 2004 steht Base mit seinem Dienst I-Mode im Wettbewerb mit Proximus, dem Multimedia-Dienst „Vodafone Life!“ und Mobistar mit „Orange World“. Belgacom Mobile (Proximus), Mobistar und Base erhielten im Jahr 2001 eine Zulassung für UMTS (Universal Mobile Telecommunication System). Jedoch erst am 8. April 2004 kündigte Proximus sein erstes kommerzielles Angebot für den 3G-Betrieb an, welches im Mai 2004 für Geschäftskunden gestartet wurde (Vodafone Mobile Connect 3G/GPRS datacard). Base hat seinen Einstieg in die UMTS-gestützte Kommunikation für das Jahr 2006 vor- gesehen. Zusammenfassend können die wichtigsten Parameter des belgischen Marktes wie folgt dargestellt werden: – Eine sehr hohe Kabelverbreitung, welche die Chancen anderer Verbreitungs- mechanismen einschränkt; – eine hoch entwickelte Industrie für die Produktion von Inhalten in der Region Flandern – der kommerzielle Veranstalter VMMa ist ein dort an- sässiges Unternehmen – und eine in dieser Hinsicht wesentlich weniger entwickelte Region Wallonien – der kommerzielle Veranstalter RTL ist Teil eines pan-europäischen Unternehmens; – ein sehr großes Angebot frei-empfangbarer Sender, womit das Potenzial für Pay-TV-Angebote und Premium-Inhaltedienste eingeschränkt wird. b) Übergreifendes Konzept der Regulierung Soweit die Regulierung audiovisueller Inhalte, die über elektronische Kommu- nikationsnetzwerke verbreitet werden, betroffen ist, kann man in weiten Teilen durchaus von einem übergreifenden Konzept sprechen, welches dieser Regulie- rung zugrunde liegt. Dies hängt mit der Rechtsprechung des belgischen Ver- fassungsgerichts zusammen, das eine recht weit greifende Definition des Be- griffs Rundfunk vorgenommen hat, welche auch nicht-lineare Fernsehdienste und über das Internet verbreitete audiovisuelle Dienste umfasst. 154 294 „BASE biedt pas volgend jaar eerste UMTS-diensten aan – Aantal gebruikers i-mode in België moet omhoog“, De Tijd 11. März 2005, S. 10. Bei der Integration dieses übergreifenden Konzepts ist die französische Gemeinschaft am Weitesten gegangen. Im Jahr 2003 wurde dort ein sog. „hori- zontaler Ansatz“ in das Rundfunkgesetz eingeführt. Die Vorschriften dieses Gesetzes orientieren sich nunmehr an den drei verschiedenen Teilnehmern in der Wertschöpfungskette: „Verleger/Herausgeber von Rundfunkprogrammen“, „Verbreiter von Rundfunkdiensten“ und „Netzwerbetreiber“, anstatt wie bisher an lediglich zwei Kategorien – „Rundfunkveranstalter“ und „Kabelbetreiber“ (siehe unten). c) Überblick über die Verteilung der Kompetenzen für Rundfunk und Telekommunikation in Belgien sowie die einschlägige Rechtsprechung des Verfassungsgerichts aa) Ratio dieses Unterkapitels Vor der Beschäftigung mit den Leitfragen dieses Berichts hinsichtlich des früheren und derzeitigen rechtlichen Rahmens für den audiovisuellen Sektor ist es erforderlich, die verfassungsrechtliche Situation in Belgien zu beleuchten. Aufgrund der föderalen Struktur des belgischen Staates und der damit verbun- denen internen Kompetenzverteilung sind die Zuständigkeiten für die Regulie- rung der verschiedenen Medien und der hiermit zusammenhängenden Sektoren, wie die Telekommunikation, zwischen dem Bundesstaat und den Gemeinschaf- ten unterschiedlich verteilt. Folglich ist ein Überblick über die wichtigsten verfassungsrechtlichen Vorgaben und die Rechtsprechung des Verfassungs- gerichts (Arbitragehof/Court d’Arbitrage)295 zum Rundfunkbegriff unerläss- lich für das Verständnis der Folgenden Kapitel dieses Berichts. bb) Grundlegendes zur föderalen Struktur Belgiens Belgien zeichnet sich durch eine relativ komplizierte föderale Struktur aus.296 Der Staat besteht aus drei Gemeinschaften (der flämischen, der französischen und der deutschsprachigen Gemeinschaft) sowie aus drei Regionen (Flandern, Wallonien und der Region Brüssel-Hauptstadt). Die Sprachgemeinschaften haben hauptsächlich Kompetenzen in den Bereichen Kultur (Theater, Biblio- theken, audiovisuelle Medien etc.), Bildung, Gesundheitswesen, Sozialfürsorge und Jugendschutz; die Regionen sind zuständig für ökonomische Belange (Landwirtschaft, Energie, Beschäftigung, Städteplanung und Nahverkehr) und 155 295 Website: www.arbitrage.be. 296 Hintergrundinformationen zu den verschiedenen aufeinander folgenden Reformen bieten: VALCKE/HINS/ ELLGER, Fernsehen im Breitbandkabel: Ein Rechtsvergleich – Die Regulierung in Belgien, Großbritannien, den Niederlanden und den USA (Vier Rechtsgutachten im Auftrag der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich), in Schriftenreihe der Landesmedienanstalten, Nr. 27, Berlin, VISTAS, 2003, 24 ff. ferner für Umweltbelange und Tourismus. Das Verfassungsrecht behält einige wichtige Zuständigkeiten dem Bundesstaat vor (bspw. die Außenpolitik, das Justizwesen, die soziale Sicherheit, die Finanzplanung, die Wettbewerbspolitik etc.) und auch die übrigen Kompetenzen verbleiben beim Bundesstaat.297 Der Bundesstaat, die Gemeinschaften und Regionen üben ihre jeweiligen Kompetenzen, die entweder ausschließlicher, konkurrierender oder hierarchi- scher Natur sein können, in sich teilweise überlappenden Gebieten aus. Dies sei an einigen Beispielen veranschaulicht: Die Gebiete der Region Wallonien und der französischsprachigen Gemeinschaft überschneiden sich fast vollständig, mit dem jedoch entscheidenden Unterschied, dass die Region Wallonien die deutschsprachigen Kommunen in Ostbelgien (Eupen, Sankt-Vith, Bütgen- bach)298 umfasst, während die französische Sprachgemeinschaft über keine Zuständigkeiten in dem deutschsprachigen Gebiet verfügt. Die deutschsprachige Gemeinschaft übt dort ihre Zuständigkeit für kulturelle Belange aus. Eine weitere Unterscheidung ist bezüglich des bilingualen Gebiets Brüssel-Haupt- stadt zu treffen. Die französische Gemeinschaft kann ihre (kulturellen) Zustän- digkeiten über die französischsprachigen Institutionen und Organisationen in Brüssel-Hauptstadt ausüben, während die wallonische Region über gar keine (ökonomischen) Zuständigkeiten in Brüssel verfügt; diese stehen der Region Brüssel-Hauptstadt zu. In ähnlicher Weise ist die flämische Gemeinschaft nur zur Regulierung der flämischsprachigen Institutionen und Organisationen in dem bilingualen Gebiet Brüssel-Hauptstadt berufen. Dies hat zur Folge, dass die bilingualen Institutionen und Organisationen – oder um die Terminologie der belgischen Verfassung zu verwenden: die Einrichtungen, die auf der Grund- lage ihrer Sprache weder ausschließlich der französischen oder der flämischen Gemeinschaft zugeordnet werden können – bspw. auf den Gebieten Rundfunk, Kabelnetzwerke oder türkische Radiostationen der (auffangenden) Reserve- zuständigkeit des Bundesstaates unterfallen. cc) Divergente Zuständigkeiten für konvergierende Medien und Telekommunikation Seit der ersten Staatsreform (1970–1971) wird der Bereich „Hörfunk und Fernsehen“ als dem Kulturbereich zugehörig klassifiziert und unterliegt damit der Zuständigkeit der Gemeinschaften.299 Im Jahr 1988 erhielten die Gemein- schaften darüber hinaus die Zuständigkeit für Fördermittel im Pressebereich. Andere Aspekte der Presseregulierung (bspw. das Gegendarstellungsrecht und 156 297 Art. 1–7; Art. 127–140 der belgischen Verfassung. Weitere Informationen: www.belgium.be (unter „about Belgium“, „the State“. 298 Malmédy gehört zur französischen Gemeinschaft. 299 Derzeit: Art. 127 und 130 der belgischen Verfassung und Art. 4 Nr. 6 Special Act on Institutional Reform vom 8. August 1980 (B. S./Moniteur 15. August 1980, mehrfach geändert). die Verantwortlichkeit von Journalisten) sowie solche in Bezug auf Film300 und Telekommunikation verblieben hingegen in der Zuständigkeit des Bundes- staates. Der Bundesstaat hat außerdem wichtige „horizontale Befugnisse“, d. h. sektorübergreifende Kompetenzen, welche auch für den Mediensektor relevant sind. Die wichtigsten Beispiele sind hier das Wettbewerbsrecht, das Handels- recht, das Verbraucherschutzrecht sowie das Recht zum Schutze der Urheber und des geistigen Eigentums. Diese Bereiche sind dem Bundesstaat ausschließ- lich vorbehalten,301 jedoch stehen auch hier den Gemeinschaften (marginale) Handlungsbefugnisse auf der Grundlage der „implied powers“-Doktrin zu.302 Auf den ersten Blick mögen die Kompetenzen des Bundesstaates in den Berei- chen Medien und Telekommunikation eindrucksvoller erscheinen als die der Gemeinschaften (vgl. Abbildung 5). Hierbei sollte jedoch nicht der Umfang des Begriffs „Hörfunk und Fernsehen“ unterschätzt werden, der über die Jahre 157 300 Mehrere Jahre haben der Bundesstaat und die Gemeinschaften bezüglich der Kennzeichnung von Filmen kooperiert (was zur Einrichtung einer „Inter-Community Film Commission“ geführt hat), wobei sich die Gemeinschaften auf ihre Kompetenz im Bereich des Jugendschutzes stützen. Im November 2004 hat das oberste belgische Verwaltungsgericht (Raad van State/Conseil d’Etat/Staatsrat) jedoch eine Entscheidung der Inter-Community Film Commission für nichtig erklärt, da die Kennzeichnung von Filmen nicht dem Bereich des Jugendschutzes zuzuordnen sei. Die Inter-Community Film Commission sowie die von ihr getroffenen Entscheidungen seien somit verfassungswidrig; www.raadvst-consetat.be. 301 Art. 6, § 1, VI, Abs. 5, Nr. 4, 5 und 7 Special Act on Institutional Reform vom 8. August 1980. 302 Art. 10 Special Act on Institutional Reform vom 8. August 1980. Bundesstaat Gemeinschaften Telekommunikation Hörfunk und Fernsehen Presse (außer Beihilfen) Beihilfen für die Presse „bilinguale“ (oder fremdsprachige) Rundfunkaktivitäten in Brüssel-Hauptstadt Film Dienste der Informationsgesellschaft „Horizontale Zuständigkeiten“: Urheberrecht, Wettbewerbsrecht, Verbraucherschutz ABER: Der Kompetenztitel „Hörfunk und Fernsehen“ ist weit auszulegen: – Er umfasst übertragungsbezogene und technische Aspekte der Rundfunkveranstaltung (anders als in Deutschland). – Er umfasst bestimmte Dienste der Informationsgesellschaft (entgegen der europäischen Definition von „Fernsehveranstaltung“). – Er umfasst „akzessorische“ Aspekte, wie die wirtschaftliche Regulierung oder Rechte am geistigen Eigentum, wenn diese für eine effiziente Ausübung der Rundfunk- kompetenz erforderlich ist (bspw. Kontrolle des Marktes, Regulierung von Conditional- Access-Systemen)=„implied powers“-Lehre. Schematischer Überblick über die Verteilung der Kompetenzen für den Bereich „Medien- politik“ im weiteren Sinne kontinuierlich ausgeweitet wurde. Das belgische Verfassungsgericht hat bei dieser Entwicklung eine tragende Rolle gespielt, wie in den folgenden Ab- schnitten zu zeigen sein wird. dd) Rechtsprechung des Verfassungsgerichts Da in Belgien jeweils die flämische, französische und deutsche Sprachgemein- schaft für den Rundfunk zuständig ist, während der bundesstaatliche Gesetz- geber den Bereich der Telekommunikation reguliert, ist die exakte Abgrenzung des Anwendungsbereichs des Begriffs Rundfunk von enormer Bedeutung für die Frage, welcher Körperschaft jeweils die Kompetenz für die einzelnen Aspekte im Bereich der Information und Kommunikation zukommt. Daher mag es wenig überraschen, dass die Rundfunkdefinition in den letzten 15 Jahren Gegenstand intensiver Diskussionen und fortgesetzter Rechtsstreitigkeiten ge- wesen ist – zumal die verfassungsrechtlichen Vorschriften selbst keinerlei nähere Beschreibung der Begriffe beinhalten. Insbesondere angesichts der Konvergenz der Bereiche Telekommunikation, Rundfunk und Informations- technologie wird es zunehmend schwieriger, klare Trennlinien zwischen den Zuständigkeiten der Gemeinschaften und denen des Bundesstaates zu ziehen – da diese auf eine möglichst weitgreifende Auslegung ihrer jeweiligen Kompe- tenzen bedacht sind. In mehreren Fällen war das Verfassungsgericht dazu berufen,303 die Frage des Anwendungsbereichs des Begriffs „Hörfunk und Fernsehen“ näher zu beleuchten. Die Leitentscheidungen des Verfassungsgerichts können in drei Zeitab- schnitte und drei (eng zusammenhängende, aber doch unterscheidbare) Themen- felder eingeordnet werden: – 1990–1991: Das Verfassungsgericht anerkennt die Zuständigkeit der Ge- meinschaften, nicht lediglich die inhaltlichen Fragen, sondern auch die mit der Übertragung von Rundfunkprogrammen zusammenhängenden (techni- schen) Aspekte zu regeln; – 2000–2002: Das Gericht erweitert den Anwendungsbereich des Rundfunks auf neue, interaktive Mediendienste; – 2004–2005: Das Gericht verpflichtet den Bundesstaat und die Gemein- schaften zur Zusammenarbeit bei der Regulierung der elektronischen Kom- munikationsinfrastruktur und stellt dabei darauf ab, dass die entsprechenden Zuständigkeiten für diese Bereiche aufgrund der Konvergenz von Rundfunk und Telekommunikation ineinander greifen. 158 303 Das Verfassungsgericht ist zuständig für Verfahren, in denen die (teilweise) Nichtigerklärung von Gesetzen begehrt wird, und trifft Vorabentscheidungen. In den Folgenden Abschnitten wird kurz auf die drei Leitentscheidungen ein- gegangen, wobei der Schwerpunkt auf der zweiten Kategorie liegen soll (welche im Zusammenhang dieses Berichts als die Wichtigste erscheint). (1) 1990–1991: Die Übertragung der Programme ist ein integraler Teil der Rundfunkkompetenzen der Gemeinschaften Ursprünglich wurde von allen Beteiligten anerkannt, dass sich der Begriff „Hörfunk und Fernsehen“ hauptsächlich auf die Möglichkeit der Gemeinschaf- ten bezog, ihre eigene öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt zu organisieren und zu regulieren sowie die Inhalte von Radio- und Fernsehprogrammen zu beaufsichtigen. Man ging davon aus, dass das Management und die Zulassungs- verfahren bezüglich der Frequenzen im Kompetenzbereich des Bundesstaats verblieben waren. In der Praxis hatte diese Kompetenzaufteilung zur Folge, dass sich neue Radiostationen einerseits bei den Gemeinschaften um eine (kulturelle) Zulas- sung und bei den Bundesbehörden um eine (technische) Genehmigung zur Nutzung der Frequenz bemühen mussten. Mit seinen Entscheidungen vom 25. Januar 1990 (Vorabentscheidung) und vom 7. Februar 1991 (teilweise Nichtigerklärung des bundesstaatlichen Radio Messaging Act 1979) beendete das Verfassungsgericht diese Praxis einer „dualen Zulassung des Rundfunks“. Dem Gericht zufolge haben die Gemein- schaften die umfassende Kompetenz, den Bereich des Rundfunks zu regeln, was auch die technischen Aspekte einbeziehe. Sowohl die inhaltsbezogene als auch die übertragungsbezogene Regulierung sei integraler Bestandteil der Ge- meinschaftskompetenz für „Hörfunk und Fernsehen“. Demzufolge liege die Zuständigkeit für die Zuweisung von Frequenzen bei den Gemeinschaften und nicht beim Bundesstaat. Das Gericht machte hierbei nur eine Ausnahme im Hinblick auf die nationale Koordinierung des Frequenzmanagements. Um nach- teiligen Überschneidungen vorzubeugen, sollte die Entscheidung über gemein- same Standards und die Koordinierung der Frequenzpläne der Gemeinschaften im Aufgabenbereich der Bundesbehörden verbleiben. Diese Auslegung des Gerichts stieß auf große Überraschung und Beobachter bezeichneten sie als „Erdrutsch“ im Gefüge der Kompetenzverteilung. Die „revolutionären“ Schlussfolgerungen des Verfassungsgerichts sind vermutlich auf sein Bestreben zurückzuführen, Situationen zu vermeiden, die es dem Bundesstaat erlauben könnten, in die Rundfunkpolitik der Gemeinschaften einzugreifen – da nach der ursprünglichen Auslegung die Bundesbehörden die Zulassung einer Radiostation durch eine Gemeinschaft stets blockieren konn- ten, indem sie kein Recht zur Frequenznutzung erteilten. Kurz nach diesen Entscheidungen erließen die Gemeinschaften ihre eigenen Vorschriften für die Zuweisung von Frequenzen an Rundfunkveranstalter und 159 – was sie im Wege der Analogie begründeten – für den Betrieb von Kabelnetz- werken. (2) 2000–2002: Interaktive Radio- und Fernsehprogramme sind Rundfunkdienste In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre erließen die Gemeinschaften Vor- schriften für sog. „andere Dienste via Kabelnetzwerke“ (französische Gemein- schaft) oder „Fernsehdienste“ (flämische Gemeinschaft). Ihre Intention war die Regulierung innovativer, interaktiver audiovisueller Dienste, deren Entwicklung für die nähere Zukunft erwartet wurde, wie etwa Pay-per-View, NVoD, Web- TV, Spartenkanäle für geschlossene Benutzergruppen (z. B. für Ärzte oder Landwirte) etc. Diese neuen Regelungen rechtfertigten die Gemeinschaften mit einer weiten Auslegung ihrer Rundfunkkompetenzen. Die französische Gemeinschaft führte Video-on-Demand ausdrücklich als einen „anderen Dienst via Kabelnetz“ auf. Für den Bundesstaat ging dies einen Schritt zu weit und er begehrte sowohl vor dem obersten Verwaltungsgericht als auch vor dem Verfassungsgericht eine Nichtigerklärung dieser Vorschriften der französischen Gemeinschaft. In einer ersten Entscheidung vom 31. Oktober 2000 ging das Verfassungs- gericht einen umsichtigen Schritt in Richtung einer rechtlichen Einordnung interaktiver Dienste unter die Überschrift „Rundfunk“. Zur Abgrenzung von Rundfunk und (anderen Formen) der Telekommunikation im Zeitalter der Konvergenz zwischen diesen beiden Bereichen gab das Gericht die folgende Definition des Begriffs „Hörfunk und Fernsehen“: „Der Rundfunk, der das Fernsehen umfasst, unterscheidet sich von den anderen Arten der Telekommunikation insbesondere durch folgende Merkmale: – Rundfunk bezieht sich naturgemäß auf die Ausstrahlung von Hörfunk- und Fernseh- programmen. – Ein Rundfunkprogramm ist für die gesamte Öffentlichkeit im Allgemeinen oder einen Teil davon bestimmt, selbst wenn auf individuellen Abruf hin ausgestrahlt wird. Weder die Kommunikation von einem Sender zu einem individualisierten Empfänger („Point to Point“), ungeachtet dessen, ob sie durch eine Sendestation oder durch einen Fernsehzuschauer oder einen Zuhörer zustande gebracht wird, noch ein Dienst, der eine individualisierte Information auf Abruf liefert, fällt unter den Begriff des Rundfunks. Die Ausstrahlung über Funk ist nicht vertraulich. Um zum Bereich der Normsetzungsbefugnis der Gemeinschaften zu gehören, muss die durch einen Rundfunk angebotene Dienstleistung sich in jedem Fall in die Tätigkeit der Ausstrahlung einordnen lassen können. Es geht bei dieser Tätigkeit in erster Linie um die Erstsendung von Programmen durch codierte oder nicht codierte Signale, die dazu bestimmt sind, von der Öffentlichkeit direkt empfangen zu werden. Die Tätigkeiten der Ausstrahlung verlieren jedoch nicht dadurch ihre Beschaffenheit, dass dem Fernseh- zuschauer oder dem Zuhörer infolge der Entwicklung der Techniken umfassendere Wahlmöglichkeiten geboten würden.“ 160 Diese Begriffsbestimmung war jedoch – zumindest – mehrdeutig und bot nicht die erwünschte Klarheit.304 Einerseits erkannte das Gericht, dass ein Dienst als Rundfunk klassifiziert werden konnte, selbst wenn die Übertragung auf indivi- duellen Abruf erfolgte („a broadcasting programme is intended for reception by the public at large or part thereof, even when it is transmitted at individual request“). Insoweit schien das Gericht einen recht fortschrittlichen Standpunkt einzunehmen. Andererseits aber schloss es Kommunikation, die über Punkt- zu-Punkt-Verbindungen erfolgt, vom Anwendungsbereich des Rundfunks aus („neither messages from a sender to an individualised receiver (point-to-point) (…) fall within the scope of the notion of broadcasting“). Diese Klarstellung engte den Anwendungsbereich des Rundfunkbegriffs wiederum erheblich ein. Ein Dienst, der audiovisuelle Inhalte auf Abruf über eine Punkt-zu-Mehrpunkt- Verbindung zur Verfügung stellt, ist nur schwerlich vorstellbar. Nach unserer Auffassung ist NVoD nicht als ein solcher Dienst anzusehen, da die Übertra- gung auch ohne einen Abruf erfolgt; selbst wenn also niemand die erforder- lichen Codes zur Entschlüsselung der Signale anforderte, würden die Pro- gramme dennoch vom Anbieter in regelmäßigen Intervallen übertragen werden. Dies unterscheidet es vom „echten“ Video-on-Demand, bei dem die Programme auf dem Server des Anbieters abgelegt sind und nur nach einer Anfrage des Endnutzers auf das Home-Terminal bzw. den heimischen PC übertragen werden. Die Rechtswissenschaft kritisierte an der Entscheidung des Gerichts, dass dieses immer noch auf ein technisches Kriterium (Punkt-zu-Punkt gegenüber Punkt-zu-Mehrpunkt) zurückgriff, um zwischen Telekommunikation und Rund- funk abzugrenzen. Dieser Kritik ist insofern zuzustimmen, als der Rückgriff auf ein technologisches Kriterium in Zeiten technologischer Konvergenz weder als besonders effizient noch als zukunftssicher erscheint. Zwei Jahre später jedoch hatte das Gericht in einem ähnlich gelagerten Fall zu entscheiden (Entscheidung Nr. 156/2002 vom 6. November 2002). Dies nahm das Gericht zum Anlass, seine Entscheidung aus dem Jahre 2000 zu revidieren, indem es ausdrücklich feststellte, dass die technischen Mittel der Übertragung keinen entscheidenden Faktor bei der Einordnung eines Dienstes als Rundfunk darstellen. Seine Definition des Begriffs Rundfunk änderte das Gericht wie folgt: „Der Rundfunk, der das Fernsehen umfasst, kann von den anderen Arten der Tele- kommunikation insbesondere anhand folgender Merkmale unterschieden werden: – Rundfunk bezieht sich auf das Ausstrahlen von Hörfunk- und Fernsehprogrammen mittels verschlüsselter oder nicht verschlüsselter Signale; – ein Rundfunkprogramm ist, vom Standpunkt des betreffenden Senders, für das Publi- kum im Allgemeinen oder für einen Teil davon bestimmt und hat keinen vertrau- 161 304 UYTTENDAELE/VAN NIEUWENHOVE/VALCKE, De aanzet van het Arbitragehof tot een klaardere definitie van omroep: een vingerwijzing voor verdere audiovisuele ontwikkelingen? (noot onder Arbitragehof nr. 109/ 2000, 31 Oktober 2000), Auteurs & Media 2001, Nr. 1, 130–139. lichen Charakter, selbst wenn es auf individuellen Wunsch hin ausgestrahlt wird und ungeachtet der für seine Ausstrahlung angewandten Technik, einschließlich der sog. Point-to-Point-Technik, die früher für den Rundfunk nicht angewandt wurde. Eine Dienstleistung, die individualisierte und durch eine Form der Vertraulichkeit gekenn- zeichnete Information liefert, gehört hingegen nicht zum Rundfunk.“ Nach dieser Definition können Dienste wie interaktive Fernsehprogramme, VoD, nicht-lineare audiovisuelle Dienste, im Internet angebotene Radio- oder Fernsehprogramme etc. als Rundfunk qualifiziert werden und unterliegen damit der Zuständigkeit der Gemeinschaften. Nicht die verwendete Technologie, sondern sowohl die Intention des Sen- ders als auch der Grad der Vertraulichkeit der angebotenen Information sind die ausschlaggebenden Faktoren: – sobald der Inhalteanbieter die Information der Öffentlichkeit zugänglich machen will (oder Teilen derselben, z. B. nur solchen Personen, die eine Gebühr entrichten) – und wenn der Inhalt nicht vertraulichen Charakters ist, – ist sein Dienst als Rundfunkdienst anzusehen, sogar wenn er auf einen individuellen Abruf des Zuschauers erfolgt oder (wie bei Punkt-zu-Punkt- Verbindungen) auf eine Weise übermittelt wird, die früher nicht für die Verbreitung von Rundfunkprogrammen genutzt wurde. Diese Definition ist sicherlich schlüssiger und zukunftsoffener als die in der Entscheidung vom Oktober 2000 vom Verfassungsgericht vorgenommene.305 Dennoch bleiben einige Fragen ungelöst.306 Was versteht das Gericht bspw. unter einem „Rundfunkprogramm“? Die Rundfunkgesetze der Gemeinschaften beinhalten in der Regel eine recht weit gefasste Definition des Begriffs „Pro- gramm“ als „the aggregate of sounds, images or other signals, in whatever form, that is offered by a broadcaster under a separate title“, ein Rundfunk- programm wird dann definiert als „the aggregate of programmes offered by a broadcaster on the same channel“.307 162 305 Und greift eindeutig weiter als die europäische Bestimmung des Begriffs „Fernsehveranstaltung“ wie sie kürzlich vom Gerichtshof im Fall Mediakabel vorgenommen wurde (EuGH, C-89/04 (Mediakabel), 2. Juni 2005, ABl. C 182, vom 23. Juli 2005, S. 16); vgl. VALCKE, Television broadcasting or information society service: can the ECJ learn something from a small but complex country as Belgium?, OfcomWatch 3. April 2005, www.ofcomwatch.co.uk/2005/04/ television-broadcasting-or-information. 306 VALCKE/UYTTENDAELE, De kwalificatie van interactieve informatiediensten als omroep: loopt het Belgische Arbitragehof voor op Europa?, (noot onder Arbitragehof Nr. 156/2002, 6 November 2002), Mediaforum 2003, Nr. 3, 112–116. 307 Vgl. Art. 2, Nr. 7 und 10 des flämischen Rundfunkgesetzes 2005. Mit dem Begriff „Rundfunkprogramm“ ist der Sender gemeint, den eine Rundfunkorganisation anbietet (wie bspw. „VTM“, „Kanaal2“, „JimTV“, die alle Sender des kommerziellen flämischen Rundfunkunternehmens VMMa sind). „Programmes“ (Sendun- gen) sind die konstitutiven Elemente eines Rundfunkprogramms, namentlich die verschiedenen Sport-, Informations-, Unterhaltungs- und Kindersendungen etc. Man kann berechtigterweise behaupten, dass Websites eine Zusammenstel- lung von Tönen, Bildern und anderen Signalen darstellen, die Informationen wiedergeben, welche für den Empfang durch die Öffentlichkeit bestimmt sind. Fallen damit alle Internetseiten in den Anwendungsbereich der Rundfunk- gesetze der Gemeinschaften? Oder sind vielmehr nur diejenigen erfasst, die von Rundfunkveranstaltern bereitgestellt werden (da ein Programm – seiner Definition gemäß – von Rundfunkveranstaltern angeboten wird)? Und was zeichnet wiederum einen Rundfunkveranstalter aus? Ein Blick in die Rund- funkgesetze308 zeigt, dass ein Rundfunkveranstalter eine natürliche oder juristi- sche Person ist, welche die redaktionelle Verantwortung für die Zusammen- stellung von – in der Tat – Programmen trägt! Es muss hier nicht betont werden, dass dieser Zirkelschluss künftig Raum für interessante Diskussionen bieten wird. (3) 2004–2005: Pflicht zur Kooperation bei der Regulierung der Infrastruktur für die elektronische Kommunikation Mitte 2004 schockte das Verfassungsgericht die Kommunikationsszene ein weiteres Mal. In seiner Entscheidung vom 14. Juli 2004 erklärte das Gericht Art. 14 des bundesstaatlichen BIPT-Act für nichtig. Dieser Artikel enthielt die zentralen Vorschriften des Gesetzes, welche die verschiedenen Aufgaben der bundesstaatlichen Regulierungsbehörde für Telekommunikation, der BIPT (Belgian Institute for Postal services and Telecommunications), auflistete. Obwohl die Verfassung keine (Form der) Zusammenarbeit der bundesstaat- lichen Behörden mit denen der Gemeinschaften in den Bereichen Rundfunk und Telekommunikation vorsieht, vertrat das Gericht den Standpunkt, die tech- nologische Konvergenz habe die verschiedenen Zuständigkeiten mit Bezug zur elektronischen Kommunikationsinfrastruktur derart miteinander verbunden, dass sie nur bei gegenseitiger Konsultation ausgeübt werden könnten. Somit habe der Bundesgesetzgeber verfassungswidrig gehandelt, als er die Bestim- mungen zur BIPT einseitig festlegte. Um den beteiligten Parteien ausreichend Zeit zur Diskussion und Erarbei- tung einer geeigneten Lösung einzuräumen, entschied das Gericht, die annulier- ten Vorschriften bis zum In-Kraft-Treten einer gemeinsamen Regelung, jedoch längstens bis zum 31. Dezember 2005, aufrecht zu erhalten. Ein Jahr später bekräftigte das Gericht seinen Standpunkt in einem Ver- fahren, in welchem die BIPT gegen das flämische Dekret vom 7. Mai 2004 163 308 Siehe unten, Abschnitte 2 und 3 des Berichts. vorging, welches die Richtlinien zur elektronischen Kommunikation309 in das flämische Rundfunkgesetz implementierte. Das Gericht erklärte die auf die ex-ante Regulierung der Märkte (Verfahren bei beträchtlicher Marktmacht) bezogenen Vorschriften sowie die Regelungen für Rundfunk-Netzwerke für nichtig.310 Das Gericht begründete seine Entscheidung wiederum damit, dass diese Vorschriften einseitig durch den flämischen Gesetzgeber in Kraft gesetzt wurden, obwohl auch der Bundesstaat für die Regelung der Infrastruktur zur elektronischen Kommunikation zuständig sei. Kürzlich hat der sog. „Gemeinsame Ausschuss“ (Concert Committee) sich auf den Text eines Kooperationsabkommens zwischen dem Bundesstaat und den Gemeinschaften verständigt. Dieses sieht Verfahren für die gegenseitige Konsultation und Konsensbildung einerseits zwischen den Regulierungsbehör- den, wenn sie Entscheidungen im Zusammenhang mit der Marktanalyse treffen, und andererseits zwischen den Gesetzgebungsorganen, wenn sie die Regeln für die elektronische Kommunikationsinfrastruktur festlegen, vor. Der Text muss nun von den zuständigen Ministern unterzeichnet311 und danach von den Parlamenten des Bundes und der Gemeinschaften bestätigt werden, bevor das Abkommen in Kraft treten kann. 2. Die frühere Rechtslage Unter dem früheren Rechtsrahmen verstehen wir die Rechtslage, wie sie vor der vorgenannten Entscheidung Nr. 156/2002 des Verfassungsgerichts und den Kommunikationsrichtlinien aus dem Jahre 2002 bestand. Sowohl die Gerichts- entscheidung als auch die Richtlinien führten zu einer erheblichen Umgestaltung der verschiedenen Rundfunkgesetze in Belgien: Die französische Gemeinschaft führte mit dem Rundfunkgesetz vom Februar 2003 einen neuen Rechtsrahmen ein; die flämische Gemeinschaft setzte die Richtlinien durch das Gesetz vom 164 309 Das Richtlinienpaket umfasst die folgenden (Rechts-)Instrumente: 1. die Richtlinie über einen gemeinsamen Rechtsrahmen für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste (Rahmenrichtlinie), 2. die Genehmigungs- richtlinie, 3. die Zugangs- und Zusammenschaltungsrichtlinie, 4. die Richtlinie über den Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten, 5. die Entscheidung über einen Rechts- rahmen für die Frequenzpolitik, 6. die (Kommissions-)Richtlinie über den Wettbewerb bei elektronischen Kommunikationsdiensten und -netzen, 7. die Empfehlung der Kommission über relevante Produkt- und Dienstmärkte des elektronischen Kommunikationssektors, 8. Leitlinien der Kommission zur Marktanalyse und Ermittlung beträchtlicher Marktmacht, 9. die Richtlinie über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation. 310 Einschließlich Vorschriften zu CAS, API und EPG. Es bleibt unklar, ob es in der Absicht des Gerichts lag, seine Rechtsprechung von 2000 zu revidieren, indem es die „implied powers“-Doktrin zur Bestätigung der Zuständigkeit der Gemeinschaften für die Regelung von CAS heranzog, obwohl dies bundesstaatliche Ange- legenheiten berührte wie das Recht zum geistigen Eigentum und das Wettbewerbsrecht (Urteil vom 31. Okto- ber 2000, siehe oben). 311 Die Verzögerung ist auf einen anhaltenden Konflikt der flämischen Gemeinschaft mit der französischen Gemeinschaft und dem Bundesstaat im Bereich des Frequenzmanagements zurückzuführen, der zu erheb- lichen Problemen für Lokalradios in Flandern geführt hat; vgl. unten in Abschnitt 2 e). 7. Mai 2004 um.312 In dieser Zeit wurde ferner die eCommerce-Richtlinie im bundesstaatlichen eCommerce-Gesetz umgesetzt, womit der Begriff „Dienste der Informationsgesellschaft“ in das belgische Recht aufgenommen wurde. Folglich wird mit dem „früheren Rechtsrahmen“ der bis 2002 geltende und mit „derzeitiger Rechtsrahmen“ der seit 2003 (in der französischen Gemeinschaft) und 2004 (in der flämischen Gemeinschaft) geltende bezeichnet. a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienstekategorien aa) Zwei weit gefasste Kategorien: Rundfunk gegenüber Telekommunikationsdiensten Vereinfacht gesagt gab es bei der elektronischen Bereitstellung audiovisueller Inhalte zunächst nur zwei weit gefasste Kategorien: Rundfunkdienste auf der einen Seite und Telekommunikationsdienste auf der anderen. Dies hing mit den verfassungsrechtlichen Vorschriften zusammen, die im Abschnitt I.3 beschrieben wurden. Die Rundfunkdienste wurden im Sinne von Art. 1 lit. a) der Fernsehrichtlinie definiert und in den Rundfunkgesetzen der Gemeinschaften geregelt. Hierbei handelte es sich um die folgenden Gesetze: – Flämische Gemeinschaft: verschiedene „Dekrete“, die 1995 koordiniert wurden. Dieser koordinierte Text wird hiernach bezeichnet als: Flämisches Rundfunkgesetz 1995; „Decreten betreffende de radio-omroep en de tele- visie, gecoördineerd bij Besluit van de Vlaamse Regering van 25 januari 1995“,313 – Französische Gemeinschaft: Das Gesetz der französischen Gemeinschaft betreffend Audiovisuelles 1987 („Décret du 17 juillet 1987 sur l’audio- visuel“314) und das CSA- und Radio-Gesetz von 1997 („Décret du 24 juillet 1997 relatif au Conseil supérieur de l’audiovisuel et aux services privés de radiodiffusion sonore de la Communauté française“),315 – Deutschsprachige Gemeinschaft: Gesetz vom 6. Februar 1987 über Radio- und Fernsehnetzwerke und Werbung in Radio und Fernsehen, ersetzt durch das Mediengesetz 1999 („Mediendekret vom 26. April 1999“);316 165 312 Offiziell werden Legislativakte der Parlamente der Gemeinschaften als „Dekrete“ bezeichnet. Ungeachtet dieser terminologischen Bezeichnung haben sie jedoch dieselbe rechtliche Bindungswirkung wie die „Gesetze“ des bundesstaatlichen Parlaments. Daher werden sie in diesem Text auch als „Gesetze“ bezeichnet. 313 B. S./Moniteur 30. Mai 1995 (ratifiziert durch „Decreet van de Vlaamse Raad van 8 maart 1995“, B. S./ Moniteur 31. Mai 1995, err. B. S./Moniteur 31. Oktober 1995. 314 B. S./Moniteur 22. August 1987. 315 B. S./Moniteur 29. August 1997. 316 B. S./Moniteur 17. Juli 1999. Eine Ausnahme gilt für die bilinguale Region Brüssel-Hauptstadt, wo Rund- funkaktivitäten (einschließlich der Kabelverbreitung), die weder ausschließ- lich flämisch noch ausschließlich französisch sind, durch ein bundesstaatliches Gesetz geregelt werden: – Das bundesstaatliche Gesetz vom 30. März 1995 („Wet 30 maart 1995 betreffende de netten voor distributie voor omroepuitzendingen en de uitoe- fening van televisieomroepactiviteiten in het tweetalig gebied Brussel- Hoofdstad“317). Die Telekommunikationsdienste unterfielen dem bundesstaatlichen Gesetz vom 21. März 1991 über die Reform bestimmter öffentlicher Unternehmen („Wet 21 maart 1991 betreffende de hervorming van sommige economische overheids- bedrijven“318). Hierzu zählen alle Dienste, die ganz oder teilweise in der Über- tragung von Signalen über Telekommunikationsnetzwerke bestehen, mit Aus- nahme von Hörfunk- und Fernsehdiensten (Art. 68, 19° federal Act of 21 March 1991).319 bb) Kategorien von Rundfunkdiensten In den folgenden Unterabschnitten soll der Blick ausschließlich auf die Rund- funkgesetze der zwei größten Sprachgemeinschaften (der flämischen und der französischen) gerichtet werden. Dieses soll unnötige Überschneidungen und Wiederholungen vermeiden sowie dem begrenzten Umfang dieses Berichts Rechnung tragen. Gelegentliche Verweise auf das Rundfunkrecht der deutsch- sprachigen Gemeinschaft oder die bilingualen Aktivitäten in Brüssel sind hier- durch jedoch nicht ausgeschlossen, soweit sich erhebliche Abweichungen von den flämischen und wallonischen Regelungen ergeben. (1) Flämische Gemeinschaft Das flämische Rundfunkgesetz von 1995 enthielt die folgende Definition des Begriffs Rundfunk: „the initial transmission by wire or over the air, via terrestrial transmitters or via satellite, in unencoded or encoded form, of programmes intended for reception by the public. These programmes can consist of radio, television or other forms of programmes. It includes the communication of programmes between undertakings with a view to their being relayed to the public. It does not include communication services providing items 166 317 B. S./Moniteur 22. Februar 1996, err. B. S./Moniteur 30. März 1996. 318 B. S./Moniteur 27. März 1991, err. B. S./Moniteur 20. Juli 1991. 319 Hierbei ist zu beachten, dass alle diese Gesetze wiederholt geändert worden sind; die nachfolgenden Textfas- sungen der Gesetze sind abrufbar unter: www.juridat.be/cgi_loi/wetgeving.pl (oder www. moniteur.be unter „Rechtsbronnen: Geconsolideerde wetgeving“, „Sources du droit: Législation consolidée“ oder „Rechtsquellen: Konsolidierte Rechtsakte“, i. e. „Legal sources: Consolidated legislation“). of information or other messages on individual demand such as telecopying, electronic data banks and other similar services“ (Art. 2, 1°).320 Zur Zeit der Verfassungsgerichtentscheidung aus dem Jahre 2002 kannte das flämische Rundfunkgesetz von 1995 vier Kategorien privater Hörfunkorganisa- tionen und sechs verschiedene Kategorien privater Fernsehveranstalter321: Kategorien privater Hörfunkdienste 167 320 Übersetzung des offiziellen niederländischen Textes durch den Verfasser: „1° omroepen: het oorspronkelijk uitzenden via de kabel of draadloos, via zendapparatuur op aarde of aan boord van een satelliet, al dan niet in gecodeerde vorm, van voor ontvangst door het publiek bestemde programma’s. Die programma’s kunnen bestaan uit radio-, televisie- of andere soorten van programma’s. Hieronder is ook begrepen het overdragen van programma’s tussen ondernemingen met het oog op het doorgeven daarvan aan het publiek. Hieronder zijn niet begrepen communicatiediensten die informatieve gegevens of andere prestaties op individueel ver- zoek verstrekken zoals telekopiediensten, elektronische databanken en andere soortgelijke diensten“. 321 Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wurden in die folgenden schematischen Darstellungen nicht aufgenommen. Typ 1. Lokalradios 2. Regionale Radiosender 3. „Landesweite“ Radiosender 4. Kabelradio- sender Definition/Beschreibung Terrestrische Hörfunkdienste, deren geografische Reichweite auf eine Stadt, einen Stadtteil, eine Gemeinde oder eine beschränkte Anzahl benachbarter Gemeinden beschränkt ist. Terrestrische Hörfunkdienste, deren geografische Reichweite auf das Gebiet höchstens einer Provinz (z. B. Antwerpen oder West-Flan- dern) beschränkt ist. Terrestrische Hörfunkdienste, welche die gesamte flämische Ge- meinschaft abdecken. Hörfunkdienste, die innerhalb der flämischen Gemeinschaft (aus- schließlich) über Kabelnetzwerke verbreitet werden. Gesetzesvorschriften Definiert in Art. 28, § 2, 3°; reguliert in Art. 28–36 und Art. 380cties-38decies des flämischen Rund- funkgesetzes von 1995 Definiert in Art. 28, § 2, 2°; reguliert in Art. 28–36 und Art. 38quater-38septies des flämischen Rund- funkgesetzes von 1995 Definiert in Art. 28, § 2, 1°; reguliert in Art. 28–36 und Art. 37–38ter des flämischen Rundfunk- gesetzes von 1995 Definiert in Art. 28, § 2, 4°; reguliert in Art. 28–36 und Art. 38undecies-38ter- decies des flämischen Rundfunkgesetzes von 1995 Kategorien privater Fernsehdienste 168 322 Die zweite Spalte enthält die Hauptmerkmale für jede Kategorie und die grundlegenden Bedingungen, welche diese erfüllen sollten. Die anwendbaren Vorschriften werden in Abschnitt 3, welche sich auf die geltende Rechtslage bezieht, näher beschrieben. Da der Inhalt der Regelungen (Jugendschutz und Schutz der Menschenwürde, Diskriminierungsfreiheit, Werbebestimmungen etc.) über die Jahre größtenteils unverändert blieb, gelten die Erläuterungen in Abschnitt 3 mutatis mutandis für die entsprechenden Kategorien unter der alten Rechtslage. Typ 1. Voll- programme 2. Regionale Fernseh- stationen 3. Sparten- programme Gesetzesvorschriften322 Definiert in Art. 41, 1°; reguliert in Art. 39–43; Art. 44– 49; Art. 71 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 1995 Definiert in Art. 41, 2°; reguliert in Art. 39–43; Art. 51– 60; Art. 71 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 1995 Definiert in Art. 41, 3°; reguliert in Art. 39–43; Art. 61– 64; Art. 71 ff. des Definition/Beschreibung Fernsehdienste, die ein breites Spektrum von Sendungen aus den Bereichen Nachrichten, Informa- tion, Unterhaltung, Kultur, Sport, Meinung etc. für ein breites Ziel- publikum (Erwachsene und Kinder, männliche und weibliche Zu- schauer, Familien und Einzelperso- nen) in der gesamten flämischen Gemeinschaft anbieten. Fernsehdienste, die lokale Nach- richten, Informationen und Unter- haltung bei einer beschränkten – regionalen – Reichweite anbieten (es gibt ungefähr zwei solcher Sender je Provinz, die in ihrem jeweiligen Gebiet eine Monopol- stellung haben). Angesichts ihres im öffentlichen Interesse stehenden Auftrags, der Förderung der lokalen Kultur und der Stärkung des sozia- len Zusammenhalts, haben sie sich als gemeinnützige Einrichtung zu organisieren. Jedoch erhalten sie keine öffentlichen Zuwendungen (abgesehen von der Vergütung für behördliche Verlautbarungen), sondern finanzieren sich über Werbung und Sponsorship. Fernsehdienste, die Programme in der ganzen flämischen Gemein- schaft für eine bestimmte Ziel- gruppe (z. B. Kinder) anbieten oder (2) Französische Gemeinschaft Obwohl die französische Gemeinschaft der Rundfunkdefinition auf europäi- scher Ebene nicht buchstabengetreu folgte, wurden Rundfunkdienste auch definiert als Dienste, die für den Empfang durch die Allgemeinheit bestimmt sind: 169 323 „Besluit van de Vlaamse regering van 24 juli 1996 betreffende de erkenning van de televisiediensten“, B. S./ Moniteur 28. September 1996; dieser Beschluss wurde durch das Dekret des flämischen Parlaments vom 20. Dezember 1996 bestätigt, B. S./Moniteur 4. Februar 1997. 4. Pay-TV- Kanäle 5. Teleshopping- Sender 6. Fernsehdienste flämischen Rund- funkgesetzes von 1995 Definiert in Art. 41, 4°; reguliert in Art. 39–43; Art. 64– 69; Art. 71 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 1995 Definiert in Art. 41, 6°; reguliert in Art. 39–43; Art. 70–70 quinquies; Art. 71 ff. des flämischen Rund- funkgesetzes von 1995 Definiert in Art. 41, 5°; reguliert in Art. 39–43; Art. 70; Art. 78 ff. des flämi- schen Rundfunk- gesetzes von 1995; detaillierte Zulassungs- voraussetzungen und besondere Verpflich- tungen wurden durch Beschluss der flämi- schen Regierung vom 24. Juli 1996 fest- gelegt.323 sich auf ein spezifisches Thema konzentrieren (z. B. Musik). Fernsehdienste, die Premium- Inhalte (Sport, Filme, Dokumenta- tionen, Cartoons, Erwachsenenpro- gramme, etc.) für eine zusätzliche Abonnementgebühr anbieten. Fernsehdienste die ausschließlich Teleshopping-Sendungen aus- strahlen. Fernsehdienste, die der Allgemein- heit (oder einem Teil derselben) in verschlüsselter oder unverschlüssel- ter Form eine „andere Art“ von Diensten anbieten (d. h. anders als die traditionellen, linearen Rund- funkdienste der anderen Katego- rien). „Broadcasting service: radio communication service, the emissions of which are intended for direct reception by the public at large. This service can include radio, television or other emissions. For broadcasting services via satellite, the expression „intended for direct reception by the public at large“ refers both to the reception through cable net- works and to the reception via a collective or individual antenna“(Art. 1, 6° French Audiovisual Act 1987).324 Es war eindeutig, dass interaktive Dienste nicht in den Anwendungsbereich dieser Definition fielen. 1991 änderte die französische Gemeinschaft diese Definition leicht, indem der Satzteil „zum direkten Empfang durch die Allgemeinheit bestimmt“ („in- tended for direct reception by the public at large“) durch die Passage „oder einen Teil dieser“ („or part thereof“) ergänzt wurde.325 Hiermit demonstrierte die französische Gemeinschaft die Absicht, die Definition dahingehend auszu- weiten, dass sie auch neue audiovisuelle Dienste erfasste, welche sich in der Zukunft entwickeln könnten (die bspw. Programme auf Abruf oder für be- stimmte Zielgruppen wie Lehrer oder Ärzte bieten). Gleichzeitig wurde ein neuer Art. 19 in das Gesetz betreffend Audiovisuelles von 1987 eingeführt, der sich auf „andere Dienste via Kabel“ bezog und Ausgangspunkt der heftigen Diskussion zwischen der Gemeinschaft und dem Bundesstaat über den An- wendungsbereich von Rundfunkdiensten im Sinne des Verfassungsrechts wurde und zu den Verfassungsgerichtsentscheidungen von 2000 und 2002 führte, die in Abschnitt 1 c) ausführlich beschrieben worden sind. 2002 unterschied das Gesetz betreffend Audiovisuelles von 1987 vier Kate- gorien privater Fernsehorganisationen, während die verschiedenen Formen privater Hörfunkstationen (insgesamt drei) vom CSA und Radiogesetz von 1997 reguliert wurden. 170 324 Übersetzung des offiziellen französischen Textes durch den Verfasser: „Service de radiodiffusion: service de radiocommunication dont les émissions sont destinées à être reçues directement par le public en général. Ce service peut comprendre des émissions sonores, des émissions de télévision ou d’autres genres d’émissions. Pour le service de radiodiffusion par satellite, l’expression ‚destinées à être reçues directement par le public en général‘ s’applique aussi bien à la réception par l’intermédiaire d’un réseau de radiodistribution ou de télédistribution qu’à la réception au moyen d’une antenne collective ou d’une antenne individuelle.“ 325 „Service de radiodiffusion: service de radiocommunication dont les émissions sont destinées à être reçues directement par le public en général ou par une partie de celui-ci. Ce service peut comprendre des émissions sonores, des émissions de télévision ou d’autres genres d’émissions. Pour le service de radiodiffusion par satellite, l’expression ‚destinées à être reçues directement par le public en général ou par une partie de celui- ci‘ s’applique aussi bien à la réception par l’intermédiaire d’un réseau de radiodistribution ou de télé- distribution qu’à la réception au moyen d’une antenne collective ou d’une antenne individuelle“; Art. 1, Nr. 6 des Gesetzes betreffend Audiovisuelles 1987, in der Fassung des Dekrets vom 19. Juli 1991, B. S./ Moniteur 2. Oktober 1991. Kategorien privater Hörfunkdienste 171 326 Art. 28 Nr. 6 des CSA und Radiogesetzes 1997: „le réseau: le service privé de radiodiffusion sonore émettant le même programme, comportant éventuellement des décrochages locaux ou régionaux, sur un réseau de fréquences couvrant tout ou partie de la région de langue française ou de la Région bilingue de Bruxelles- Capitale ou des deux.“ 327 Art. 28 Nr. 7 des CSA und Radiogesetzes 1997: „la radio indépendante: le service privé de radiodiffusion sonore d’audience localisée couvrant le territoire de tout ou partie d’une ou plusieurs communes situées en région de langue française ou en Région bilingue de Bruxelles-Capitale.“ 328 Art. 28, Nr. 10 des CSA und Radiogesetzes 1997: „la radio d’école: la radio organisée par un établissement d’enseignement primaire ou secondaire organisé ou subventionné par la Communauté française.“ Typ 1. Radio- Netzwerke 2. Unabhängige Radiosender 3. Schul-Radios Gesetzesvorschriften CSA- und Radioge- setz von 1997: Art. 28, 6° und 32, 1°; Art. 29 ff. (analog); Art. 43 ff. (digital) CSA- und Radioge- setz von 1997: Art. 28, 7° und 32, 2°; Art. 29 ff. (analog); Art. 43 ff. (digital) CSA- und Radio- gesetz von 1997: Art. 28, 10° und 42 Definition/Beschreibung Hörfunkdienste, welche mehrere terrestrische Radiostationen zusam- menfassen, die dasselbe Programm (ausgenommen zeitlich beschränkte, spezifisch lokale oder regionale Sendungen) in der gesamten fran- zösischen Gemeinschaft und/oder der bilingualen Region Brüssel- Hauptstadt anbieten326 (analog oder digital). Hörfunkdienste (terrestrisch), die das Gebiet einer oder mehrerer Gemeinden in der französischen Gemeinschaft und/oder der bilin- gualen Region Brüssel-Hauptstadt abdecken327 (analog oder digital). Hörfunkdienste, die von Grund- schulen oder weiterführenden Schulen organisiert werden oder von der französischen Gemein- schaft subventioniert werden328 (analog). Kategorien privater Fernsehdienste 172 Typ 1. Vollprogramm 2. Lokale und regionale Fernsehsender 3. Pay-TV- Sender 4. Andere Dienste Gesetzesvorschriften Art. 15 ff. des Gesetzes betreffend Audio- visuelles von 1987 Art. 2 ff. des Gesetzes betreffend Audio- visuelles von 1987 Art. 19–19ter des Gesetzes betreffend Audiovisuelles von 1987 Art. 1, 23° und Art. 19quater-19quin- quies des Gesetzes betreffend Audio- visuelles von 1987; detaillierte Regelungen wurden durch den Regierungsbeschluss vom 25 November 1996330 in Kraft gesetzt Definition/Beschreibung Die sog. „privaten Fernsehsender der französischen Gemeinschaft“: Fernsehdienste, deren Programm an die gesamte französische Gemein- schaft gerichtet ist (hinsichtlich der Zuschauerzusammensetzung und der geografischen Abdeckung). Fernsehdienste, die in einer be- stimmten Region agieren und lokale Nachrichten-, Kultur- und Unterhaltungsprogramme senden. Nur ein regionaler und lokaler Fernsehsender kann in einem bestimmten Bezirk zugelassen werden. Wie in Flandern sind diese Sender mit der öffentlichen Aufgabe betraut, lokale Kultur und sozialen Zusammenhalt in der Region zu fördern, und sie müssen die Rechtsform der gemeinnützigen Einrichtung annehmen. Anders als in Flandern erhalten sie öffentliche Zuwendungen. Fernsehdienste, die Premium- Inhalte (Sport, Filme, Cartoons, Erwachsenenprogramme, etc.) für eine zusätzliche Abonnementgebühr anbieten. Dienste, die sich von den traditio- nellen, linearen Radio- und Fern- sehprogrammen unterscheiden und für die Allgemeinheit oder einen Teil derselben bestimmt sind und vom RTBF oder einer Rundfunk- organisation an die Allgemeinheit, einen Teil derselben oder spezifi- sche Kategorien der Öffentlichkeit übertragen werden, um Texte, Bil- der, Ton, Signale oder Botschaften cc) Kategorien von Telekommunikationsdiensten Wie bereits erwähnt, bilden die Telekommunikationsdienste (im Sinne der Vor- schriften der Verfassung) die verbleibende Kategorie und wurden im Bundes- gesetz vom 21. März 1991 weitgefasst definiert als „all services consisting wholly or partially of the transmission of signals over telecommunications networks (with the exception of radio and television broadcasting services)“. Hieraus folgt, dass zu den Telekommunikationsdiensten alle Dienste zählten, die aus der Übertragung audiovisueller Inhalte über elektronische Kommuni- kationsdienste bestehen, soweit diese nicht als Hörfunk- und Fernsehdienste im Sinne der Definition des Verfassungsgerichts aus dem Jahr 2000 anzusehen waren, welche die Bereitstellung interaktiver Dienste vom Rundfunk ausnahm, d. h. die Punkt-zu-Punkt-Übertragung. Dies hatte zur Folge, dass nicht-lineare audiovisuelle Dienste, wie die im Folgenden aufgeführten, als Telekommunikationsdienste anzusehen waren,331 die der Zuständigkeit des Bundesstaates unterfielen, jedenfalls insoweit, als der Inhalteanbieter auch (einen Teil der) Übertragung bewerkstelligte: – Video-on-Demand – Nachrichtendienste oder andere audiovisuelle Dienste über Mobilfunknetz- werke (WAP, GPRS, 3G) – Webstreaming, die Bereitstellung von Radio- und Fernsehprogrammen über das Internet im Allgemeinen („PCTV“ oder „IPTV“ genannt) 173 329 Art. 1 Nr. 23 des Gesetzes betreffend Audiovisuelles 1987: „Autres services: les services, autres que les programmes sonores et de télévision à destination du public en général ou d’une partie de celui-ci, émis par la RTBF ou un organisme de radiodiffusion, visant à la mise à la disposition, concomitante ou non à de tels programmes, de signes, de signaux, de textes, d’images, de sons ou de messages de toute nature, destinés indifféremment au public en général, à une partie de celui-ci ou à des catégories de public, lorsque le contenu du message ne constitue pas une correspondance privée.“ 330 Arrêté du 25 novembre 1996 du Gouvernement de la Communauté française relatif à la mise en oeuvre d’autres services sur le câble, B. S./Moniteur 14. Februar 1997; zurückgenommen durch Regierungsbeschluss vom 9. Juni 2004 (B. S./Moniteur 6. September 2004). 331 Genauer: „andere Telekommunikationsdienste“ im Sinne von Art. 90 des Bundesgesetzes vom 21. März 1991, für die potenzielle Betreiber nur eine Notifizierung beim BIPT einreichen mussten und für die der König spezifische Bedingungen vorsehen konnte. Ein königliches Dekret vom 20. April 1999 führte die Kategorien „andere Telekommunikationsdienste“ auf, für welche der Minister für Telekommunikation zum Erlass detaillierter Bedingungen ermächtigt wurde. Theoretisch konnte der Begriff „Datendienst“ in dem könig- lichen Dekret – definiert als „a service consisting of the transmission, routing or processing of data intended to be distributed over a telecommunications network“ – so ausgelegt werden, dass er die elektronische Verbreitung audiovisueller Dienste über Punkt-zu-Punkt-Verbindungen erfasste. Die praktische Umsetzung dieser Vorschriften blieb jedoch hauptsächlich auf Internetzugangs- und Hostingdienste beschränkt. jedweder Art anzubieten (begleitend zu traditionellen Programmen oder nicht), solange der Inhalt nicht pri- vate Kommunikation darstellt.329 – Andere Dienste der Informationsgesellschaft, welche in der Bereitstellung audiovisueller Inhalte über elektronische Kommunikationsdienste bestehen, wobei eine Point-to-Point-Technologie verwendet wird. Obwohl der Bundesstaat in mehreren Verfahren vor dem Verfassungsgericht vehement für die Zuständigkeit zur Regelung dieser Dienste gestritten hat (siehe oben), hat er für diese niemals spezifische Vorschriften erlassen. Somit waren nur allgemeine Regeln anwendbar, wie die Verbote rassistischer Äuße- rungen oder von Verstößen gegen die öffentlichen Sittenvorstellungen (public decency). b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben Vor der Entscheidung des Verfassungsgerichts vom 2. November 2002 (siehe oben) stimmte die Rundfunkdefinition in Belgien mit der europäischen Begriffs- bestimmung überein. Es gibt eine verblüffende Ähnlichkeit der verfassungs- gerichtlichen Auslegung des Begriffs „Hörfunk und Fernsehen“ mit der Aus- legung des Begriffs „Fernsehveranstaltung“, welche der EuGH in seiner Entscheidung vom 2. Juni 2005 im Fall Mediakabel vorgenommen hat.332 Ein Vergleich der Entscheidungen zeigt, dass beide Gerichte eine technologie- neutrale Auslegung befürworten, d. h. dass die zugrunde liegende Technologie nicht als entscheidendes Kriterium zur Abgrenzung zwischen Rundfunk- diensten und anderen Diensten dienen soll.333 Letztlich folgen beide Entschei- dungen jedoch eher der traditionellen Linie, da sie jeweils nicht-lineare Dienste vom Anwendungsbereich des Begriffs Rundfunk ausschließen.334 Erst im November 2002 distanzierte sich das belgische Verfassungsgericht von dieser Auslegung des Rundfunkbegriffs, indem es seinen Anwendungs- bereich auf nicht-lineare, interaktive audiovisuelle Dienste erweiterte (Point- to-Point; siehe oben).335 174 332 Siehe oben, Fn. 305. 333 Im belgischen Fall hatte das Gericht Rundfunkdienste und Telekommunikationsdienste voneinander abzu- grenzen; im europäischen Fall Mediakabel ging es um die Abgrenzung von Fernsehdiensten und Diensten der Informationsgesellschaft. 334 Das belgische Verfassungsgericht, indem es Punkt-zu-Punkt-Dienste vom Rundfunkbegriff ausschloss, der EuGH, indem er die Tätigkeit der „Fernsehveranstaltung“ auf die Verbreitung von Fernsehprogrammen, die gleichzeitig an die Öffentlichkeit übertragen werden (mit anderen Worten: auf einer Punkt-zu-Mehrpunkt- Basis), beschränkte (Hervorhebung durch den Verfasser). 335 VALCKE, Television broadcasting or information society service: can the ECJ learn something from a small but complex country as Belgium?, OfcomWatch 3 April 2005, www.ofcomwatch.co.uk/2005/04/ television-broadcasting-or-information. c) Definition der Adressaten aa) Flämische Gemeinschaft (1) Allgemeine Bemerkungen Art. 2, 2 des flämischen Rundfunkgesetzes von 1995 definiert den „Rundfunk- veranstalter“ („omroep“336) als: „the natural or legal person who has editorial responsibility for the provision of pro- grammes within the meaning of 1° [i. e. definition of broadcasting; cf. supra]. The provision of programmes is understood to mean the production of programmes – either by the broadcaster itself or by third parties – or the acquisition of programmes, the composition of schedules of programmes and the transmission of these programmes via own infrastructures or via third parties“.337 Diese Definition wurde inspiriert durch die Definition des Begriffs „Fernseh- veranstalter“ in Art. in Art. 1 lit. b) der Fernsehrichtlinie, war jedoch insoweit weiter gefasst als diese, als sie sowohl Hörfunk- als auch Fernsehveranstalter einschloss. Da die ältere Auslegung des Rundfunkbegriffs durch das belgische Verfassungsgericht der des EuGH im Mediakabel-Fall entsprach (vgl. oben),338 stimmte die flämische Auslegung im Gesetz von 1995 mit der europäischen überein. Das Gleiche lässt sich zu den Beschreibungen der verschiedenen Kategorien von Radio- und Fernsehveranstaltern sagen (siehe unten), da diese im Lichte der Definitionen in Art. 2, 1° und 2° des flämischen Rundfunk- gesetzes von 1995 auszulegen waren. (2) Verschiedene Kategorien von Fernsehveranstaltern 175 336 Hierbei ist zu beachten, dass die amtliche niederländische Übersetzung der Fernsehrichtlinie den Begriff „omroeporganisatie“ („Rundfunkorganisation“) verwendet. Das Wort „omroep“, welches im flämischen Rundfunkgesetz von 1995 gebraucht wird, stimmt mit dem englischen Begriff „broadcaster“ überein. 337 Nicht-amtliche Übersetzung des niederländischen Textes: „2° omroep: de natuurlijke persoon of rechtspersoon die de redactionele verantwoordelijkheid draagt voor het verzorgen van programma’s in de zin van 1°. Onder verzorgen van programma’s wordt verstaan het produceren, laten produceren of verwerven van programma’s, het samenstellen van het programma-aanbod en het omroepen of laten omroepen ervan“. 338 Selbstverständlich unterscheiden sich die Definitionen insofern, als der europäische Begriff „Fernseh- veranstaltung“ in der Fernsehrichtlinie – anders als die entsprechende flämische Definition – keine Hörfunk- veranstaltung erfasst. Typ 1. Voll- programme Veranstalter im Sinne von Art. 1 lit. b) Fernsehrichtlinie Ja Adressaten „privater Rundfunkveranstalter, der sich an die gesamte flämische Gemeinschaft richtet“ bb) Französische Gemeinschaft (1) Im Allgemeinen Das Gesetz betreffend Audiovisuelles von 1987 enthielt eine Bestimmung des Begriffs „organisme de radiodiffusion“ (Rundfunkveranstalter oder Rundfunk- organisation), die wörtlich mit der Definition auf europäischer Ebene über- einstimmte; allerdings mit dem Unterschied, dass sie auch den Hörfunk ein- schloss. Art. 1, 7 des Gesetzes beschrieb den Rundfunkveranstalter als: „the natural or legal person who has editorial responsibility for the composition of schedules of radio or television programmes and who transmits them or has them transmitted by third parties“.339 176 339 Nicht-amtliche Übersetzung des französischen Textes: „organisme de radiodiffusion: la personne physique ou morale qui a la responsabilité éditoriale de la composition des grilles des programmes sonores ou de télévision et qui les transmet ou les fait transmettre par une tierce personne“; cf. Art. 1, lit. b TVWF Directive (French version): „organisme de radiodiffusion télévisuelle: la personne physique ou morale qui a la responsabilité éditoriale de la composition des grilles de programmes télévisés au sens du point a) et qui les transmet ou les fait transmettre par une tierce partie“. 2. Regionale Fernsehsender 3. Sparten- programme 4. Pay-TV- Sender 5. Teleshopping- Sender 6. Fernsehdienste Ja Ja Ja Ja Ja (da die frühere Aus- legung des Begriffs „Rundfunk“ durch das Verfassungsgericht nur Point-to-Multipoint- Dienste erfasste (z. B. NVoD) „privater Rundfunkveranstalter, der sich an die Öffentlichkeit in einem regionalen Rundfunkgebiet richtet“ „private Rundfunkveranstalter, die sich mit Programmen für ein spe- zifisches Publikum oder zu einem spezifischen Thema an die gesamte flämische Gemeinschaft richten“ „private Pay-TV-Veranstalter“ „private Rundfunkveranstalter, die nur Teleshopping-Sendungen über- tragen“ „private Rundfunkveranstalter, welche sich mit anderen Arten von Diensten an die Allgemeinheit oder einen Teil derselben richten.“ Hinsichtlich der Adressaten des Gesetzes (im Hinblick auf die Vorgaben der Fernsehrichtlinie) verhält es sich wie bei der flämischen Gemeinschaft (vgl. oben). (2) Verschiedene Kategorien von Fernsehveranstaltern d) Horizontale Regelungsansätze Außer bestimmten strafrechtlichen Vorschriften (bspw. das Verbot von Kinder- pornografie, Verleumdung und übler Nachrede, Hasspropaganda und rassisti- scher Äußerungen) gab es keine Vorschriften, die alle Medien abdeckten (ein- schließlich Presse, Rundfunk, Film, Online-Dienste etc.). Natürlich enthielten die Rundfunkgesetze einige „allgemeine Vorschriften“, die auf alle Radio- und Fernsehveranstalter anwendbar waren, wie z. B. die Normen zum Jugendschutz (siehe z. B. Art. 78 des flämischen Rundfunkgesetzes von 1995). Aufgrund der Besonderheiten der föderalen Struktur des belgischen Staates, in dem die Zuständigkeiten für die Medien zwischen dem Bundesstaat und den Gemein- schaften aufgeteilt sind, können weder der Bundesstaat (zuständig für Presse, Film und Dienste der Informationsgesellschaft) noch die Gemeinschaften (zu- ständig für Hörfunk und Fernsehen) ein umfassendes Gesetz zur Medien- 177 Typ 1. Voll- programme 2. Lokale und regionale Fernsehsender 3. Pay-TV- Sender 4. Andere Dienste Fernsehveranstalter im Sinne von Art. 1, lit. b der Fernsehrichtlinie Ja Ja Ja Ja (da die frühere Aus- legung des Begriffs „Rundfunk“ durch das Verfassungsgericht nur Point-to-Multipoint- Dienste erfasste (z. B. NVoD) Adressaten „private Fernsehsender der französischen Gemeinschaft“ „lokale und regionale Fernseh- sender“ „Pay-TV-Organisationen“ konzentration erlassen. Ein Wille zur Zusammenarbeit, um solche Vorschriften zur Regulierung cross-medialer Beteiligungsverhältnisse zu schaffen, zeichnet sich bislang nicht ab. Größtenteils ist dies auf die geringe Größe der flämischen und wallonischen Medienmärkte zurückzuführen – angesichts der Sprach- barrieren besteht kein einheitlicher belgischer Medienmarkt –, welche die Gesetzgebungsorgane von der Einführung stringenter Konzentrationsvorschrif- ten abhält.340 e) Beispiele für Anwendungsprobleme des nationalen Rechtsrahmens Die im Zusammenhang mit der alten Rechtslage entstandenen Schwierigkei- ten hängen hauptsächlich mit der Kompetenzverteilung zwischen Bundesstaat und Gemeinschaften zusammen, was sich zunehmend zu einer unendlichen Ge- schichte von Streitigkeiten und gerichtlichen Verfahren zu entwickeln scheint. Die Ausgangssituation schien noch recht überschaubar zu sein: Unter Tele- kommunikation verstand man die bidirektionale, private (one-to-one) Kommu- nikation, welche über das Telefonnetzwerk von Belgacom übermittelt wurde. Rundfunk war die (one-way/lineare) Ausstrahlung von Radio- und Fernseh- programmen an die Allgemeinheit (one-to-many) auf terrestrischem Wege oder über Kabelnetze (CATV). Die technologische Konvergenz hat ein Verschwimmen der Grenzen zwi- schen Rundfunk und Telekommunikation zur Folge. Heutzutage werden die Kabelnetze für Telefondienste oder den Internetzugang genutzt, das Telefon- netz wird aufgerüstet, um den Haushalten digitales Fernsehen via DSL zu liefern, die Menschen können neue Dienste über ihr Mobiltelefon abrufen etc. Hybride Multimediadienste mit Merkmalen sowohl der Telekommunikation als auch des Rundfunks (die bspw. audiovisuelle Dienste zum Empfang durch die Allgemeinheit, jedoch nur auf individuelle Anfrage oder unter Benutzung einer Punkt-zu-Punkt-Verbindung anbieten) sind Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden. Sowohl der Bundesstaat als auch die Gemeinschaften haben, wie eingangs beschrieben, die Zuständigkeit für diese „Grauzone“ interaktiver audiovisueller Dienste jeweils für sich reklamiert und kontinuierlich die Gesetzgebung der anderen Seite attackiert. Abgesehen von diesen diversen Rechtsstreitigkeiten waren erhebliche Probleme aufgrund von Inkonsistenzen in den Gesetzen auf Bundes- oder Gemeinschaftsebene nicht zu verzeichnen. – Audiovisuelle/Inhaltedienste: Obwohl der Bundesstaat die Nichtigerklärung der Vorschriften auf Gemeinschaftsebene zu „anderen Diensten“ oder „Fern- 178 340 Nur innerhalb einer bestimmten Kategorie von Rundfunkdiensten finden Vorschriften zur Konzentrations- beschränkung Anwendung (bspw. das Verbot, mehr als eine landesweite Hörfunkstation oder mehr als einen regionalen Fernsehsender zu kontrollieren). sehdiensten“ begehrte, erließ er keine eigenen Regeln für diese Dienste – jedenfalls nicht bis zur Umsetzung der eCommerce-Richtlinie. Diese er- folgte durch das eCommerce-Gesetz von 2003, d. h. nach der Entscheidung des Verfassungsgerichts vom 6. November 2002. Die flämische Gemein- schaft berief sich auf diese Entscheidung und rief das Verfassungsgericht an, da der Bundesstaat seine Befugnisse überschritten habe, indem er alle Dienste der Informationsgesellschaft im Sinne der eCommerce-Richtlinie regelte.341 Das Gericht hielt an seiner weiten Auslegung des Rundfunk- begriffs fest und stellte klar, dass der Begriff „Dienste der Informations- gesellschaft“ im Sinne des eCommerce-Gesetzes so auszulegen sei, dass er Rundfunkdienste, welche der Zuständigkeit der Gemeinschaften unterliegen, nicht erfasse (wie bspw. VoD). – Übertragungsnetzwerke/Übertragungsdienste: Es bestanden einige (nicht sehr gravierende) Unstimmigkeiten zwischen den bundesstaatlichen Vor- schriften zur Telekommunikation und den Regelungen der Gemeinschaften zu Rundfunknetzwerken, beispielsweise im Hinblick auf Wegerechte.342 Aber obwohl Netzwerkbetreiber, die zugleich Telekommunikation und Rundfunksignale über ihre Netzwerke übertrugen, damit zwei – sich teil- weise widersprechenden – Regelwerken unterworfen waren, führte dies in der Praxis zu keinen erheblichen Problemen. Seit der Umsetzung der Kom- munikationsrichtlinien durch den Bundesstaat und die Gemeinschaften (siehe unten, „derzeitiger Rechtsrahmen“) sind die jeweiligen Vorschriften zur Übertragung von Signalen nahezu identisch. Ein größerer Konflikt zwischen der flämischen Gemeinschaft und dem Bundes- staat und der französischen Gemeinschaft ist auf das Fehlen eines effizienten, durchsetzbaren Koordinierungs- und Kontrollmechanismus für das Frequenz- management im Bereich des Hörfunks zurückzuführen (der Gerichtshof hatte dies zu einer föderalen Verpflichtung erklärt, siehe oben, Entscheidungen 1990–1991). Aufgrund der abweichenden Rundfunknormen in Flandern und Wallonien stören Radiostationen im Süden Belgiens flämische Radiosender. 179 341 Die Definition der Dienste der Informationsgesellschaft im belgischen eCommerce-Gesetz ist identisch mit der europäischen Definition in Art. 2 lit. a) der eCommerce-Richtlinie (die sich auf Art. 1 Abs. 2 der Richtlinie 98/34/EG, in der Fassung der Richtlinie 98/48/EG, bezieht). 342 Bspw. schrieb das Bundesgesetz vom 21. Mai 1991 (Art. 98 § 2) ausdrücklich vor, dass die Behörden Wege- rechte nicht von Steuern, Entgelten oder Vergütungen abhängig machen durften (anders ausgedrückt: Wege- rechte hatten unentgeltlich zu sein), während eine ähnliche Vorschrift nicht in den Regelungen der Ge- meinschaften zum Wegerecht im Rundfunksektor aufgenommen wurde (z. B. Art. 110 des flämischen Rundfunkgesetzes von 1995). Ein anderer Unterschied betraf die Fristen, welche im Verfahren bei der Ausübung des Wegerechts durch die Betreiber zu beachten waren. Das entscheidende Element fand sich jedoch sowohl im Telekommunikationssektor als auch im Rundfunksektor: ein gesetzlich verankertes Wege- recht, welches zur Folge hatte, dass die Betreiber nicht vom Wohlwollen der lokalen und regionalen Behörden abhängig waren, um Einrichtungen auf, über oder unter öffentlichem Eigentum zu errichten; sie konnten ein Wegerecht direkt aus dem bundesstaatlichen Telekommunikationsgesetz bzw. aus den Rundfunkgesetzen der Gemeinschaften ableiten. Über viele Jahre fehlte der politische Wille, dieses Problem zu lösen, jedoch könnte die Erfordernis eines Kooperationsabkommens für die elektronische Kommunikation (vgl. oben, in Abschnitt 1 c dd) in den kommenden Monaten hier zu einem Durchbruch führen. f) Tabellarischer Überblick Um Überschneidungen zu vermeiden, sind die genauen rechtlichen Anforde- rungen im Detail im entsprechenden Unterabschnitt in Abschnitt 3 beschrieben. 180 Dienst /Anforderungen Zulassung erforderlich Jugendschutz Werberegulierung Verbot von Hass- propaganda Redaktionelle Unabhän- gigkeit, journalistische Deontologie Eigentumsbeschränkungen Unabhängigkeit von poli- tischen Parteien, Berufs- verbänden und anderen Medienunternehmen Quotenregelungen (im Fernsehen) Telekommunikation Nein Nur die allgemeinen strafrechtlichen Vor- schriften (z. B. das Verbot von Kinder- pornografie) Ja (allgemeine bundes- staatliche Vorschriften) Nur die allgemeinen strafrechtlichen Vor- schriften (Anti-Rassis- mus-, Anti-Negationis- mus- und Anti-Diskri- minierungsgesetze) Nein Nein Nein Nein Rundfunk Ja Ja Ja (allgemeine Vorschriften + spezielle Vorschriften in den Rundfunkgesetzen) Ja Ja Ja, in begrenztem Umfang Ja, regionale Fernsehsender (in beiden Gemeinschaften) und Fernsehdienste (flämi- sche Gemeinschaft) Ja, ausgenommen: -regio- nale Fernsehsender (in beiden Gemeinschaften)- 3. Die geltende Rechtslage a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienstekategorien aa) Die wichtigsten Unterschiede zur alten Rechtslage Der derzeit geltende Rechtsrahmen ist im Vergleich zur alten Rechtslage durch die drei folgenden Besonderheiten charakterisiert: – Eine extensive Auslegung des Begriffs „Rundfunkdienste“ (welche inter- aktive audiovisuelle Dienste einschließt); – die Einführung des Begriffs „Dienste der Informationsgesellschaft“; – die Reform des Rundfunkgesetzes der französischen Gemeinschaft im Jahr 2003, welche dem sog. „horizontalen oder geschichteten Modell“ der Kom- munikationsregulierung folgt und zwischen „Verlegern /Herausgebern“ (editors), „Verbreitern“ (distributors) und „Netzwerkbetreibern“ (operators) unterscheidet. (1) Definition des Rundfunkbegriffs Auf den ersten Aspekt wurde bereits in Abschnitt 1 c) dieses Berichtes aus- führlich eingegangen. Kurz nach der Entscheidung des Verfassungsgerichts vom 6. November 2002 änderte die flämische Gemeinschaft ihre Rundfunk- definition wie folgt: 181 Förderung der lokalen Sprache und Kultur: Verpflichtung, in der lokalen Sprache zu senden Förderung der lokalen Sprache und Kultur: In- vestitionsquote für lokale Produktion (eigene Pro- duktionen und Koproduk- tionen in der lokalen Sprache) Spezifische Vorschrift zum Urheberschutz (vgl. Art. 7 der Fernsehrichtlinie) Nein Nein Nein Teleshopping-Sender (flämische Gemeinschaft) Ja, regionale Fernsehsender und Fernsehdienste (flämi- sche Gemeinschaft) Ja (französische Gemein- schaft) Ja „Broadcasting: the initial transmission via electronic communications networks, in encoded or unencoded form, of radio and television programmes or other forms of programmes, intended for reception by the public at large or part thereof. It includes programmes that are transmitted at individual request, irrespective of the technology used for the transmission, including the so-called point-to-point technique, as well as the communication of programmes between undertakings with a view to their being relayed to the public. It excludes services providing individualised information characte- rised by a certain level of confidentiality.“ (Hervorhebungen durch den Verfasser) Das neue Rundfunkgesetz der französischen Gemeinschaft von 2003 enthält überhaupt keine Rundfunkdefinition. Dies ist natürlich die flexibelste Lösung, wenn ein vorausschauender Ansatz verfolgt wird. (2) Dienste der Informationsgesellschaft Seit der Einführung des eCommerce-Gesetzes im Jahr 2003343 ist den elektro- nischen Informations- und Kommunikationsdiensten – neben den Rundfunk- diensten und Telekommunikationsdiensten (nunmehr „elektronische Kommu- nikationsdienste“ genannt)344 – eine weitere Kategorie hinzuzufügen: die „Dienste der Informationsgesellschaft“. Wie bereits erwähnt, gab es eine Dis- kussion um den Anwendungsbereich dieser Dienste. Das Verfassungsgericht stellte klar, dass der Begriff „Dienste der Informationsgesellschaft“ im Sinne des eCommerce-Gesetzes so auszulegen sei, dass er Rundfunkdienste im Sinne der verfassungsrechtlichen Vorschriften nicht umschließt. Dies hat zur Folge, dass bestimmte Dienste nach belgischem Recht als Rundfunkdienste einzustufen, jedoch nach der europäischen Rechtslage als Dienste der Informationsgesellschaft zu qualifizieren sind, siehe unten in Unterabschnitt 3. b). (3) Abstufung der verantwortlichen Akteure In den Jahren 2002 und 2003 wurde das Rundfunkgesetz der französischen Gemeinschaft einer gründlichen Überprüfung unterzogen. Neue Rechtsbegriffe wurden eingeführt, die sich auf die verschiedenen Kategorien von Teilnehmern am Wertschöpfungsprozess im Rundfunk bezogen, um den Rechtsrahmen zu- kunftsoffener zu gestalten und an die konvergente Wirklichkeit anzupassen. Das neue Rundfunkgesetz von 2003 ist „horizontal“345 in verschiedene Rege- 182 343 Bundesgesetz(e) vom 11. März 2003 über bestimmte rechtliche Aspekte der Dienste der Informations- gesellschaft, B. S./Moniteur 17. März 2003. 344 Die Letztgenannten werden derzeit vom Bundesgesetz über elektronische Kommunikation vom 13. Juni 2005 geregelt, B. S./Moniteur 20. Juni 2005 (vgl. unten). 345 Zu diesem „horizontalen Modell“ vgl.: VALCKE/STEVENS/LIEVENS, The Future of Must Carry – From Must Carry to a Concept of Universal Service in the Info-Communications Sector, IRIS Spezial, Oktober 2005 (im Erscheinen). lungsabschnitte unterteilt, die auf eine der folgenden Kategorien von Teil- nehmern angewendet werden: – die Verleger/Herausgeber von Rundfunkdiensten (oder Inhalteanbieter); – die Verbreiter von Rundfunkdiensten (oder Diensteanbieter); – die Netzwerkbetreiber (oder Netzwerkanbieter).346 Hiermit wird dem europäischen Umstieg von einer vertikalen Unterteilung der rechtlichen Rahmenbedingungen, d. h. entlang der Trennlinien zwischen den verschiedenen Sektoren: Rundfunkregulierung gegenüber Regulierung der Tele- kommunikation, zu einem horizontalen Ansatz, d. h. einer Abgrenzung zwischen Regulierung der Inhalte und der Übertragung, gefolgt.347 Der wichtigste Unter- schied zwischen der Entwicklung in Europa und der in Belgien liegt darin, dass die horizontale Unterteilung in Belgien nicht als Ersatz, sondern als Er- gänzung des vertikalen Ansatzes fungieren soll. Solange das Verfassungsrecht bei der Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Bundesstaat und Gemein- schaften an den Sektorengrenzen zwischen Rundfunk und Telekommunikation anknüpft, werden sich die Teilnehmer auf dem belgischen Markt für elektroni- sche Kommunikation auch einer vertikalen Aufteilung der rechtlichen Rahmen- bedingungen ausgesetzt sehen. Ungeachtet der neuen Terminologie, welche im französischen Rundfunk- gesetz von 2003 für die Adressaten der Vorschriften verwendet wird, ent- sprechen die Dienstekategorien mehr oder weniger denen des alten Gesetzes von 1987. Unter der Überschrift „private Hörfunkdienste“ trifft das Rundfunk- gesetz 2003 bspw. noch immer die Unterscheidung zwischen Netzwerkradios, unabhängigen Radios und Schulradios (diese Kategorien beziehen sich jetzt ausschließlich auf den analogen Hörfunk und werden durch die neue Kategorie „andere Hörfunkdienste“ ersetzt, welche über digitale Netzwerke verbreitete Hörfunkdienste einschließt). Eine detaillierte Übersicht über die verschiedenen Dienstekategorien ist unter 1.2.b. zu finden. 183 346 Genauere Informationen finden sich in Abschnitt 3 c). 347 Dies zeigt sich einerseits an den Richtlinien zu elektronischen Kommunikationsnetzwerken und -diensten und andererseits an der Richtung, welche der Revisionsprozess der Fernsehrichtlinie einzuschlagen scheint. Die Kommunikationsrichtlinien sind auf alle Arten von Netzwerken anwendbar – Festnetze sowie Mobilfunknetze, terrestrische oder kabel- oder satellitengestützte Rundfunknetzwerke, IP-Netzwerke, sogar Elektrizitätsnetz- werke – die für die Übertragung elektronischer Kommunikationssignale genutzt werden, unabhängig von ihrer technischen Struktur oder vorherrschenden Nutzung. Damit kann der Anwendungsbereich dieser Richt- linien gut mit dem Begriff „Übertragungsebene“ („transmission layer“) umschrieben werden. Die Kommission beabsichtigt, den Anwendungsbereich der Fernsehrichtlinie auszudehnen, um alle audiovisuellen Dienste zu erfassen. Mit anderen Worten soll die neue Richtlinie die gesamte „inhaltliche Ebene“ („content layer“) ab- decken und damit zum Gegenstück der Übertragungsregelungen in den Kommunikationsrichtlinien avancieren. (vgl.: Issues Paper for the Liverpool Audiovisual Conference: Rules applicable to Audiovisual Content Services, Juli 2005, www.europa.eu.int /comm/avpolicy/revision-tvwf2005/ispa_scope_en.pdf). bb) Die derzeit geltenden Rechtsquellen Die französische und deutschsprachige Gemeinschaft haben ihre früheren Rundfunkgesetze in den Jahren 2003 und 2005 jeweils durch vollständig neue Gesetze ersetzt. Auch die flämische Gemeinschaft hat ihre „koordinierten Gesetze von 1995“ in den letzten Jahren in erheblichem Umfang geändert (bspw. durch das Gesetz vom 7. Mai 2004 zur Implementierung der Richtlinien zur elektronischen Kommunikation in Flandern) und hat daher eine Aktualisie- rung der Koordinierung im Jahr 2005 durchgeführt. Überblick über die geltenden Rechtsquellen für den Rundfunk in Belgien: – Flämische Gemeinschaft: Die 1995 durchgeführte Koordination der ver- schiedenen rundfunkbezogenen Regelungen wurde durch den Beschluss der flämischen Regierung vom 4. März 2005 aktualisiert, was zum Erlass des flämischen Rundfunkgesetzes von 2005 führte („Decreten betreffende de radio-omroep en de televisie, gecoördineerd op 4 maart 2005“)348; – Französische Gemeinschaft: Das Rundfunkgesetz 2003 („Décret du 27 février 2003 sur la radiodiffusion“)349 hat das Gesetz betreffend Audio- visuelles von 1987 und das CSA- und Radiogesetz von 1997 aufgehoben.m – Deutschsprachige Gemeinschaft: Das Rundfunkgesetz vom 27. Juni 2005 („Dekret 27. Juni 2005 über den Rundfunk und die Kinovorstellungen“) hat das „Mediendekret“ von 1999 ersetzt.350 – Bilinguale Region Brüssel-Hauptstadt: Ein neues bundesstaatliches Gesetz zur Regelung der Rundfunkaktivitäten in der bilingualen Region Brüssel- Hauptstadt, welches das bundesstaatliche Gesetz vom 30. März 1995 er- setzen wird, befindet sich in Vorbereitung. Die Vorschriften zur Telekommunikation finden sich derzeit im Bundesgesetz zur elektronischen Kommunikation vom 13. Juni 2005,351 welches die vor- herigen Regelungen zur Telekommunikation im Gesetz vom 21. März 1991 sowie das Gesetz über funkgestützte Kommunikation von 1979 aufgehoben hat. 184 348 B. S./Moniteur 8. April 2005; abrufbar unter: www2.vlaanderen.be/ned/sites/media /media /decreten4 maart05.pdf. 349 B. S./Moniteur 17. April 2003; Rechtsquellen für den Rundfunkbereich in der französischen Gemeinschaft sind auf der Website des CSA abrufbar: www.csa.be/documentations/ textes_decrets.asp. 350 B. S./Moniteur 6. September 2005. 351 B. S./Moniteur 20. Juni 2005. Aus Verfahrensgründen wurden die Vorschriften zur Streitbeilegung im elek- tronischen Kommunikationssektor in einem separaten (kurzen) Gesetz erlassen: Gesetz vom 6. Juli 2005 betreffend bestimmte Vorschriften bezüglich der elektronischen Kommunikation, B. S./Moniteur 11. August 2005. cc) Detaillierter Überblick über die verschiedenen Kategorien von Diensten (1) Flämische Gemeinschaft Kategorien privater Hörfunkdienste 185 Typ 1. Lokalradios 2. Regionale Radiosender 3. „Landesweite“ Radiosender 4. Kabelradios 5. Radiodienste Gesetzesvorschriften Definiert in Art. 31, § 2, 3°; reguliert in Art. 31–39 and Art. 48–50 des flämi- schen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definiert in Art. 31, § 2, 2°; reguliert in Art. 31–39 und Art. 44–47 des flämi- schen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definiert in Art. 31, § 2, 1°; reguliert in Art. 31–39 und Art. 40–43 des flämi- schen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definiert in Art. 31, § 2, 4°; reguliert in Art. 31–39 und Art. 51–53 des flämi- schen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definiert in Art. 31, § 4; reguliert in Art. 34–38 und Art. 54–55 des flämi- schen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definition/Beschreibung Terrestrische Hörfunkdienste, deren geografische Reichweite auf eine Stadt, einen Stadtteil, eine Gemeinde oder eine beschränkte Anzahl benachbarter Gemeinden beschränkt ist. Terrestrische Hörfunkdienste, deren geografische Reichweite auf das Gebiet höchstens einer Provinz (z. B. Antwerpen oder West- Flandern) beschränkt ist. Terrestrische Hörfunkdienste, welche sich an die gesamte flämische Gemeinschaft richten. Hörfunkdienste, die innerhalb der flämischen Gemeinschaft (aus- schließlich) über Kabelnetzwerke verbreitet werden. „Andere“ Radiodienste, die für den Empfang durch die Allgemeinheit oder eines Teils derselben bestimmt sind,* oder Internet-Radiosender. (*) z. B. Radio-on-Demand (derzeit noch nicht kommerziell angeboten) Kategorien privater Fernsehdienste Inhalteanbieter, welche auf dem flämischen Markt für Fernsehveranstalter tätig werden wollen, sollten die Form einer der folgenden Kategorien wählen: 1. Vollprogramme 2. Regionale Fernsehsender 3. Zielgruppenorientierte/Spartenprogramme 4. Pay-TV-Sender 5. Teleshopping-Kanäle 6. Fernsehdienste (interaktive audiovisuelle Dienste, wie Video-on-Demand, und EPG-Dienste) In der folgenden Tabelle sind die anwendbaren Vorschriften des flämischen Rundfunkgesetzes von 2005 ohne weitere Ausführungen aufgelistet. Weitere Erläuterungen zum Inhalt dieser Vorschriften finden sich in Abschnitt 3. f). 186 Typ 1. Vollpro- gramme Gesetzes- vorschriften Definiert in Art. 58, 1°; reguliert in Art. 56–64; Art. 65–70; Art. 96 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definition/Beschreibung Fernsehdienste, die ein breites Spektrum von Sendungen aus den Bereichen Nachrichten, In- formation, Unterhaltung, Kultur, Sport, Meinung etc. für ein breites Zielpublikum (Erwachsene und Kinder, männliche und weibliche Zu- schauer, Familien und Einzelpersonen) in der gesamten flämischen Gemeinschaft anbieten. Beispiele: – VTM, Kanaal 2 und JIM (Sender der VMMa (Vlaamse Media Maatschappij)). – VT4 und VijfTV (Sender der SBS-group – seit dem 1. März 2002 ist der zuvor britische Privatsender VT4 Inhaber einer flämischen Rundfunklizenz; im Oktober 2005 startete SBS einen zweiten flämischen Sender, VijfTV) – Liberty TV.com (Event TV Vlaanderen NV – konzentriert auf Reisen und touristische Informationen) – Kanaal Z (Belgian Business Television NV – konzentriert auf Wirtschaftsnachrichten und Business-Informationen) – TMF (MTV Networks Belgium BVBA – Musiksender) – Vitaya (Media ad Infinitum NV – Lifestyle- Sendungen)352 187 352 Auf den ersten Blick mag es sonderbar erscheinen, dass diese Liste von „Vollprogrammen“ Sender enthält, die sich an bestimmte Zuschauergruppen wenden oder die sich auf bestimmte Themen konzentrieren. Diese Situation ist auf die frühere Rechtslage zurückzuführen, nach der allen Vollprogrammen automatisch ein Must-Carry-Status zuerkannt wurde (womit Kabelbetreiber diesen Sendern Zugang zu ihren Netzwerken gewähren mussten). Dies erklärt, warum potenzielle Rundfunkveranstalter geneigt waren, eher eine Voll- programm-Zulassung als eine Zulassung für Spartenprogramme zu beantragen (denen das flämische Rund- funkgesetz keinen Must-Carry-Status verlieh). Da die Voraussetzungen zur Erlangung einer Vollprogramm- Zulassung nicht besonders streng waren (und sind), waren die Chancen recht hoch, dass die flämische Regulierungsbehörde, Vlaams Commissariaat voor de Media, eine solche Zulassung erteilt. 353 See supra, footnote 352. 2. Regionale Fernseh- stationen 3. Sparten- programme 4. Pay-TV- Sender Definiert in Art. 58, 2°; reguliert in Art. 56–64; Art. 71–80; Art. 96 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definiert in Art. 58, 3°; reguliert in Art. 56–64; Art. 81–84; Art. 96 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definiert in Art. 58, 4°; reguliert in Art. 56–64; Fernsehdienste, die lokale Nachrichten, Infor- mationen und Unterhaltung bei einer beschränk- ten – regionalen – Reichweite anbieten (es gibt ungefähr zwei solcher Sender je Provinz, die in ihrem jeweiligen Gebiet eine Monopolstellung haben). Angesichts ihres im öffentlichen Inte- resse stehenden Auftrags, der Förderung der lokalen Kultur und der Stärkung des sozialen Zusammenhalts, haben sie sich als gemein- nützige Einrichtung zu organisieren. Jedoch erhalten sie keine öffentlichen Zuwendungen (abgesehen von der Vergütung für behördliche Verlautbarungen), sondern finanzieren sich über Werbung und Sponsorship. Beispiele: – ATV (Antwerpen) – TVL (Limburg) – TV Brussel (Brüssel) Fernsehdienste, die Programme in der ganzen flämischen Gemeinschaft für eine bestimmte Zielgruppe (z. B. Kinder) anbieten oder sich auf ein spezifisches Thema konzentrieren (z. B. Musik). Beispiele: – Euro 1080 (noch nicht in Betrieb) – Es ist darauf hinzuweisen, dass viele Sparten- programme derzeit unter einer Zulassung für Vollprogramme betrieben werden (z. B. Liberty.TV.com, Kanaal Z, Vitaya und TMF)353 Fernsehdienste, die Premium-Inhalte (Sport, Filme, Dokumentationen, Cartoons, Erwach- senenprogramme, etc.) für eine zusätzliche Abonnementgebühr anbieten. (2) Französische Gemeinschaft354 Seit der Reform von 2003 orientiert sich das Rundfunkrecht in der französi- schen Gemeinschaft an den drei Hauptkategorien der Marktteilnehmer: Ver- leger/Herausgeber von Rundfunkdiensten, Verbreiter von Rundfunkdiensten und Netzwerkbetreiber. Eine ausführliche Beschreibung dieser Kategorien er- folgt in Abschnitt 3 c). Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die verschiedenen Unter- kategorien, die im Rundfunkgesetz der französischen Gemeinschaft von 2003 unterhalb der Oberbegriffe Verleger/Herausgeber, Verbreiter und Netzwerk- betreiber unterschieden werden können. Die Übersicht enthält zudem Kurz- beschreibungen dieser Unterkategorien sowie Verweise auf die jeweils anwend- 188 354 Die Struktur des folgenden Überblicks basiert auf dem Schema, welches der CSA auf seiner Website anbietet. Weitere Einzelheiten unter: www.csa.be/autorisations/autorisations.asp. 5. Tele- shopping- Sender 6. Fernseh- dienste Art. 85–89; Art. 96 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definiert in Art. 58, 5°; reguliert in Art. 56–64; Art. 92–95; Art. 96 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 2005 Definiert in Art. 60; reguliert in Art. 56–64; Art. 90–91; Art. 96 ff. des flämischen Rundfunk- gesetzes von 2005 Beispiele: – Prime One, Prime Action, Prime Movies, Prime Sport, Carrousel (Telenet – Prime war vorher unter dem Namen „Canal+“ bekannt) – 11 TV und 11 TV PPV (Belgacom Skynet – Fußballsender) Fernsehdienste, die nur aus Teleshopping- Sendungen bestehen. Beispiele: – H. O. T. Thuis Winkelen (Home Shopping Europe Belgium) hatte eine Zulassung, die jedoch wegen Insolvenz des Senders zurück- genommen wurde Fernsehdienste, die der Allgemeinheit (oder einem Teil derselben) in verschlüsselter oder unverschlüsselter Form eine „andere Art“ von Diensten anbieten (d. h. anders als die traditio- nellen, linearen Rundfunkdienste der anderen Kategorien – bspw. (Near-)Video-on-Demand, Pay-per-View, EPGs, Fernunterrichtsprogramme, Webcasting). Beispiele: – Belgacom Skynet baren Vorschriften. Genauere Ausführungen zu den Inhalten dieser Vorschriften und Erläuterungen der wichtigsten Verpflichtungen der verschiedenen Markt- teilnehmer finden sich in Abschnitt 3 f). A. Redaktionelle Gestaltung von Rundfunkdiensten („l’édition de services de radiodiffusion“) A.1. Hörfunkdienste 189 355 Art. 1 Nr. 32 des französischen Rundfunkgesetzes von 2003: „radio en réseau: le service privé de radio- diffusion sonore qui dispose d’un réseau de radiofréquences“. 356 Art. 1 Nr. 33 des französischen Rundfunkgesetzes von 2003: „radio indépendante: le service privé de radiodiffusion sonore qui dispose d’une seule radiofréquence“. 357 Art. 28 Nr. 10 des CSA- und Radiogesetzes von 1997: „la radio d’école: la radio organisée par un établisse- ment d’enseignement primaire ou secondaire organisé ou subventionné par la Communauté française“. Typ 1. Radio- Netzwerke 2. Unabhängiger Radiosender 3. Schulradios Gesetzesvorschriften Art. 1, 32°; 53, 1°; 54 ff. des Rundfunkgesetzes der fran- zösischen Gemeinschaft von 2003; siehe auch die all- gemeinen Vorschriften in Art. 3–36 des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 Art. 1, 33°; 53, 2°; 54 ff. des Rundfunkgesetzes der fran- zösischen Gemeinschaft von 2003; siehe auch die all- gemeinen Vorschriften in Art. 3–36 des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 Art. 62 des Rundfunkgesetzes der französischen Gemein- schaft von 2003; siehe auch die allgemeinen Vorschriften in Art. 3–36 des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 Definition/Beschreibung Privater Hörfunkdienst, der ein Netzwerk von Frequen- zen nutzt (analog).355 Privater Hörfunkdienst, der lediglich eine einzelne Frequenz nutzt (analog).356 Hörfunkdienste, die von Grundschulen oder weiter- führenden Schulen organi- siert werden oder von der französischen Gemeinschaft subventioniert werden (analog).357 A.2. Fernsehdienste 190 358 „En dérogation aux articles 104 et 105, le Collège d’autorisation et de contrôle peut assigner des radio- fréquences à titre provisoire à des personnes physiques ou morales pour une durée de maximum trois mois, après examen des possibilités techniques par les services du Gouvernement. Seules les radiofréquences proposées par les services du Gouvernement peuvent être assignées.“ 4. Andere Hörfunk- dienste 5. [Temporäre Radiosender] Art. 58–61 des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003; siehe auch die allgemeinen Vorschriften in Art. 3–36 des Rundfunkgesetzes der fran- zösischen Gemeinschaft von 2003 Hörfunkdienste, die nicht über analoge terrestrische Netzwerke übertragen werden (z. B. über DAB) (analog oder digital). Art. 107 des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 gibt dem CSA die Möglich- keit, einer natürlichen oder juristischen Person eine Frequenz für maximal 3 Monate zuzuweisen, um Versuche durchzuführen (analog).358 Typ 1. Fernsehdienste 2. Lokale Fernsehdienste Gesetzesvorschriften Art. 37 ff. des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003; siehe auch die allgemeinen Vorschriften in Art. 3–36 des Rundfunkgesetzes der fran- zösischen Gemeinschaft von 2003 Art. 63–74 ff. des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003; siehe auch die allgemeinen Definition/Beschreibung Keine exakte Definition/ Beschreibung; es handelt sich um die allgemeine, übergreifende Kategorie, der alle Dienste zuzurechnen sind, die nicht einen speziel- len Typ eines Fernsehdiens- tes darstellen (Kategorien 2 und 3). EPG-Dienste fallen bspw. in diese Kategorie. Fernsehdienste, die zur Übertragung in einer be- stimmten Region bestimmt sind und die öffentlich- B. Verbreitung von Rundfunkdiensten („l’offre de services“) 191 359 Art. 1 Nr. 38: „service de télé-achat: un service de radiodiffusion télévisuelle constitué uniquement de programmes de télé-achat“. 3. Teleshopping- Dienste Vorschriften in Art. 3–31; 36; 43; 44 und 46 des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 Art. 1, 38° and Art. 52 des Rundfunkgesetzes der fran- zösischen Gemeinschaft von 2003; siehe auch die all- gemeinen Vorschriften in Art. 3–51 des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 rechtliche Aufgabe der Förderung der lokalen Kultur und Stärkung des sozialen Zusammenhalts in der Region wahrnehmen (gemeinnützige Organisa- tionen). Fernsehdienste, die nur aus Teleshopping-Sendungen bestehen.359 Typ 1. Verbreitung von Diensten via Kabel 2. Verbreitung von Diensten via Satellit Gesetzesvorschriften Art. 1, 12° and Art. 81–83 des Rundfunkgesetzes der fran- zösischen Gemeinschaft von 2003; siehe auch die all- gemeinen Vorschriften in Art. 75–80 und 89 des Rund- funkgesetzes der französi- schen Gemeinschaft von 2003 Art. 1, 12° und Art. 88 des Rundfunkgesetzes der fran- zösischen Gemeinschaft von 2003; siehe auch die all- gemeinen Vorschriften in Art. 75–80 und 89 des Rund- funkgesetzes der französi- schen Gemeinschaft von 2003 Definition/Beschreibung Dienste, die in der Zufüh- rung von Rundfunkpro- grammen an die Öffentlich- keit via Kabel bestehen (analog oder digital). Dienste, die in der Zufüh- rung von Rundfunkpro- grammen an die Öffentlich- keit via Satellit bestehen (analog oder digital). C. Netzwerke und zugehörige Einrichtungen („des réseaux de radiodiffusion et services associés“) 192 360 „Réseau de télédistribution: réseau de radiodiffusion mis en œuvre par un même opérateur de réseau dans le but de transmettre au public par câble coaxial des signaux porteurs de services de radiodiffusion“. Typ 1. Kabelnetz- werke 2. Satellitennetz- werke 3. Terrestrische Netzwerke Gesetzesvorschriften Art. 1, 36360 und Art. 97–98 des Rundfunkgesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 (siehe auch die all- gemeinen Vorschriften in Art. 90–96) Art. 120–122 des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 (siehe auch die allgemeinen Vorschriften in Art. 90–96) Art. 99–102 (allgemeine Vorschriften); Art. 103–108 (terrestrische Netzwerke für analoge Radioprogramme); Art. 109–112 (terrestrische Netzwerke für digitale Radio- programme); Art. 113–116 (terrestrische Netzwerke für Definition/Beschreibung Elektronische Kommunikationsnetzwerke, die Rundfunkdienste über Koaxialkabel übertragen. Elektronische Kommunika- tionsnetzwerke, die Rund- funkdienste über Satellit übertragen. Elektronische Kommunika- tionsnetzwerke, die Rund- funkdienste über terrestri- sche Frequenzen übertragen. 3. Verbreitung von Diensten über terrestri- sche Netz- werke Art. 1, 12° and Art. 84–87 des Rundfunkgesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 (nur anwendbar auf die Verbreitung über digitale terrestrische Netzwerke); siehe auch die allgemeinen Vorschriften in Art. 75–80 und 89 des Rundfunkgesetzes der französischen Gemein- schaft von 2003 (anwendbar auf die Verbreitung über analoge und digitale terrestri- sche Netzwerke) Dienste, die in der Zufüh- rung von Rundfunkpro- grammen an die Öffentlich- keit über terrestrische Netzwerke bestehen (analog oder digital). (3) Auf bundesstaatlicher Ebene 193 361 Hierzu sind die Ausführungen in Abschnitt 3 c) cc) zu beachten. 362 Übersetzung des Verfassers des Begriffs „Dienste der Informationsgesellschaft“ in Art. 2 Nr. 1 des bundes- staatlichen eCommerce-Gesetzes vom 11. März 2003 (siehe oben). 4. Zugehörige Einrichtungen analoge Fernsehprogramme); Art. 117–119 (terrestrische Netzwerke für digitale Fern- sehprogramme) des Rund- funkgesetzes der französi- schen Gemeinschaft von 2003 (siehe auch die allgemeinen Vorschriften in Art. 90–96) Art. 1, 41° und Art. 123–126 (CAS); Art. 127–129 (EPG und andere zugehörige Ein- richtungen) des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 – Conditional-Access- Systeme und Dienste – EPGs361 und andere zu- gehörige Einrichtungen Typ 1. Dienste der Informations- gesellschaft 2. Elektronische Kommunika- tionsdienste Gesetzes- vorschriften eCommerce- Gesetz vom 11. März 2003 Gesetz zur elektronischen Kommunika- tion vom 13. Juni 2005 Definition/Beschreibung „any service normally provided for remune- ration, at a distance, by electronic means and at the individual request of a recipient of services“362 „any service normally provided for remune- ration which consists wholly or mainly in the conveyance (including switching and routing) of signals on electronic communica- tions networks, excluding (a) services provi- ding, or exercising editorial control over, content transmitted using electronic commu- nications networks and services, (b) informa- tion society services as defined by Art. 2 of the Act of 11 March 2003 on certain legal aspects of information society services, which do not consist wholly or mainly in the conveyance of signals on electronic commu- b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben Seit dem Urteil des belgischen Verfassungsgerichts von 2002 stimmt der Be- griff der Veranstaltung von Fernsehen im nationalen Kontext nicht mehr mit dem auf europäischer Ebene überein. Er umfasst bestimmte Dienste, die aus europäischer Sicht als Dienste der Informationsgesellschaft einzuordnen wären. Als Beispiele sind hier Video-on-Demand oder die Verbreitung von Fernseh- programmen über das Internet anzuführen: Da die audiovisuellen Inhalte über eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung übertragen werden (d. h. nicht zum simultanen Empfang durch die Allgemeinheit), fallen diese Dienste in den Anwendungs- bereich der eCommerce-Richtlinie, obwohl sie in Belgien als Rundfunkdienste eingestuft werden (genauer formuliert als „Fernsehdienste“ in der flämischen Gemeinschaft und als „Fernsehrundfunkdienste“ bzw. Fernsehen in der fran- zösischen Gemeinschaft; siehe oben). Somit erfassen die Begriffe „Fernsehdienste“ in der flämischen Gemein- schaft und „Fernsehrundfunkdienste“ in der französischen Gemeinschaft je- weils Dienste, die Rundfunkdienste im Sinne der Fernsehrichtlinie (hiernach als „TV-Dienste-RF“ bezeichnet, z. B. Near-Video-on-Demand) und Dienste, welche Dienste der Informationsgesellschaft im Sinne der eCommerce-Richt- linie sind (hiernach als „TV-Dienste-IG“ bezeichnet, z. B. Video-on-Demand).n Die flämische Gemeinschaft verzichtete im Gesetz vom 7. Mai 2004 auf das Erfordernis einer Zulassung für Fernsehdienste. Dieser Schritt sollte aus- drücklich die Entwicklung und Kommerzialisierung innovativer Dienste be- günstigen, argumentierte der Gesetzgeber und berief sich hierbei ausdrücklich auch auf die eCommerce-Richtlinie.364 Die Werbebestimmungen des flämi- schen Rundfunkgesetzes von 2005 (welche die Vorgaben der Fernsehrichtlinie umsetzen) sind derzeit nicht auf Fernsehdienste anwendbar.365 Da es sich bei Fernsehdiensten um eine gemischte Kategorie handelt (die sowohl „TV-Dienste- 194 363 Übersetzung des Verfassers des Begriffs „elektronischer Kommunikationsdienst“ in Art. 2 Nr. 5 des bundes- staatlichen Gesetzes zur Elektronischen Kommunikation vom 13. Juni 2005 (siehe oben). 364 Siehe Art. 4 Abs. 1 der eCommerce-Richtlinie, welcher Zulassungsverfahren für Dienste der Informations- gesellschaft verbietet: „Member States shall ensure that the taking up and pursuit of the activity of an information society service provider may not be made subject to prior authorisation or any other requirement having equivalent effect.“ 365 Art. 90, § 3 des flämischen Rundfunkgesetzes von 2005 weist der flämischen Regierung die Aufgabe zu, detaillierte Regelungen für die Anbieter von Fernsehdiensten festzulegen. Bislang hat die Regierung in dieser Hinsicht noch keine Initiative ergriffen. nications networks and (c) radio broadcast- ing and television“363 RF“ als auch „TV-Dienste-IG“ umfasst), könnte man argumentieren, dass die Nichtanwendbarkeit der Werbebestimmungen gegen die Fernsehrichtlinie ver- stößt, soweit „TV-Dienste-RF“ betroffen sind. Diese Unstimmigkeit muss je- doch im größeren Zusammenhang betrachtet werden: Einerseits stimmen die allgemeinen Werbevorschriften auf bundesstaatlicher Ebene366 größtenteils mit den Vorgaben der Fernsehrichtlinie überein oder sind sogar strenger (bspw. das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medizin, Zigaretten und Tabak, im Bereich des Jugendschutzes etc.). Daher scheinen sich in der Praxis hier keine Probleme zu ergeben. In der französischen Gemeinschaft bedürfen alle Fernsehrundfunkdienste, einschließlich der „TV-Dienste-IG“, einer vorherigen Genehmigung. Art. 33 des Rundfunkgesetzes besagt, dass jeder Verleger/Herausgeber eines Fernseh- rundfunkdienstes für jeden seiner Dienste eine Zulassung zu beantragen hat, die vom CSA vergeben wird (genauer: vom „Collège d’autorisation et de contrôle“).367 Diese Verpflichtung scheint Art. 4 der eCommerce-Richtlinie zu widersprechen. Jedoch halten wir die Regelung mit Art. 4 Absatz 2 für verein- bar, weil sie Bestandteil eines Zulassungsverfahrens ist, das nicht speziell und ausschließlich Dienste der Informationsgesellschaft betrifft.368 Anders als in der flämischen Gemeinschaft sind alle Fernsehdienste (ein- schließlich der „TV-Dienste-IG“) den Werbebestimmungen des Rundfunk- gesetzes der französischen Gemeinschaft von 2003 unterworfen. Jedoch scheint sich auch hier kein wirklicher Konflikt mit den europäischen Vorgaben abzu- zeichnen, da nur nationale Fernsehdienste (also nicht solche Dienste von An- bietern, die in anderen Mitgliedstaaten niedergelassen sind) den Regelungen der französischen Gemeinschaft unterliegen.369 195 366 Z. B. das Bundesgesetz zu Arzneien vom 25. März 1964 (B. S./Moniteur 17. April 1964, mehrfach geändert), das Bundesgesetz vom 14. Juli 1991 über unlauteren Handel und Verbraucherschutz (B. S./Moniteur 29. August 1991, mehrfach geändert), das Bundesgesetz vom 10. Dezember 1997 über das Werbeverbot für Tabakprodukte (B. S./Moniteur 11. Februar 1998, in der Fassung des Gesetzes vom 26. August 2003, B. S./ Moniteur 26. September 2003) und das Bundesgesetz vom 23. Januar 2002 zur Werbung für Motorfahrzeuge (B. S./Moniteur 24. Februar 2002). 367 Art. 33 des Rundfunkgesetzes der französischen Gemeinschaft: „L’éditeur de services doit faire l’objet d’une autorisation délivrée par le Collège d’autorisation et de contrôle pour chacun des services édités.“ 368 Art. 4 Abs. 2 der eCommerce-Richtlinie besagt: „Absatz 1 gilt unbeschadet der Zulassungsverfahren, die nicht speziell und ausschließlich Dienste der Informationsgesellschaft betreffen oder die in den Anwendungs- bereich der Richtlinie 97/13/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 10. April 1997 über einen gemeinsamen Rahmen für Allgemein- und Einzelgenehmigungen für Telekommunikationsdienste fallen.“ 369 Selbst wenn sie auf alle Fernsehdienste anwendbar wären, einschließlich derer, die von in anderen Mitglied- staaten niedergelassenen Anbietern stammen, ist ein Eingreifen der „rule of reason“-Doktrin (Rechtfertigung nicht-diskriminierender und verhältnismäßiger Eingriffe in die Dienstleistungsfreiheit zur Verfolgung legitimer und nicht-wirtschaftlicher Allgemeininteressen) für einen Großteil dieser Regelungen wahrscheinlich; siehe auch Art. 1 Abs 3 der eCommerce-Richtlinie: „Diese Richtlinie ergänzt das auf die Dienste der Informations- gesellschaft anwendbare Gemeinschaftsrecht und läßt dabei das Schutzniveau insbesondere für die öffent- liche Gesundheit und den Verbraucherschutz, wie es sich aus Gemeinschaftsrechtsakten und einzelstaatlichen Rechtsvorschriften zu deren Umsetzung ergibt, unberührt, soweit die Freiheit, Dienste der Informations- gesellschaft anzubieten, dadurch nicht eingeschränkt wird.“ c) Definition der Adressaten aa) Neue Adressaten: Reform des Rundfunkrechts in der französischen Gemeinschaft Mit der Reform des Rundfunkrechts von 2003 wurden neue Kategorien der verschiedenen Teilnehmer an der Wertschöpfungskette im Rundfunk eingeführt. Die rechtlichen Vorgaben richten sich horizontal an den folgenden drei Rechts- begriffen aus: – Die „Verleger/Herausgeber von Rundfunkdiensten“ (oder „Inhalteanbieter“) sind diejenigen, welche Radio- oder Fernsehkanäle oder andere Informa- tionsdienste produzieren, d. h. die redaktionelle Verantwortung über diese tragen.370 Diese Kategorie von Marktteilnehmern bedarf einer Zulassung durch den CSA und ist den Werbebestimmungen, der inhaltlichen Regulie- rung (Jugendschutz, Verbot von Hasspropaganda und Rassismus) usw. unter- worfen. – Die „Verbreiter von Rundfunkdiensten“ (oder „Diensteanbieter“) sind die- jenigen, welche Kanäle und Dienste in verschiedenen Bouquets bündeln, zusammenführen oder paketieren – entweder ihre eigenen Produktionen oder von Dritten erworbene – und diese den Endnutzern anbieten.371 Diese Anbieter haben lediglich eine vorherige Notifizierung beim CSA einzu- reichen. – Die „Netzwerkbetreiber“ (oder „Netzwerkanbieter“) sind diejenigen, welche den technischen Gebrauch der Rundfunknetzwerke kontrollieren und Über- tragungskapazitäten für die Verbreitung von Radio- und Fernsehprogrammen und anderen Informationsdiensten anbieten. Dieser Kategorie sind auch die Anbieter von Mehrwert-Netzwerkdiensten wie Verschlüsselung, Decoder- Systemen, etc. zuzurechnen.372 Die Betreiber von Kabelnetzwerken haben eine vorherige Notifizierung einzureichen (bloße Erklärung), die Betreiber terrestrischer Netzwerke müssen ein persönliches Nutzungsrecht für eine spezifische Frequenz beantragen (Genehmigung). 196 370 „Editeur de services: la personne morale qui assume la responsabilité éditoriale d’un ou de plusieurs services de radiodiffusion en vue de les diffuser ou de les faire diffuser“; Art. 1 Nr. 13 des Rundfunkgesetzes von 2003 der französischen Gemeinschaft. 371 „Distributeur de services: toute personne morale qui met à disposition du public un ou des services de radiodiffusion de quelle que manière que ce soit et notamment par voie hertzienne terrestre, par satellite ou par le biais d’un réseau de télédistribution. L’offre de services peut comprendre des services édités par la personne elle-même et des services édités par des tiers avec lesquels elle établit des relations contractuelles. Est également considérée comme distributeur de services, toute personne morale qui constitue une offre de services en établissant des relations contractuelles avec d’autres distributeurs“; Art. 1 Nr. 12 des Rundfunk- gesetzes von 2003 der französischen Gemeinschaft. 372 „Opérateur de réseau: toute personne morale qui assure les opérations techniques d’un réseau de radio- diffusion nécessaires à la transmission et la diffusion auprès du public de services de radiodiffusion“; Art. 1 Nr. 22 des Rundfunkgesetzes von 2003 der französischen Gemeinschaft. In der Praxis üben Marktteilnehmer häufig mehrere der zuvor beschriebenen Funktionen gleichzeitig aus, so dass sie mehr als einer der drei Kategorien unterfallen. Eine Radiostation, die auf terrestrischem Wege sendet, fungiert bspw. gleichzeitig als Inhalteanbieter, der sein eigenes Hörfunkprogramm her- stellt, Diensteanbieter, der seine Programme den Hörern anbietet, und Netz- werkanbieter, der seine eigene Sendeausstattung betreibt. Der flämische Privat- fernsehsender VMMa ist zugleich Verleger/Herausgeber und Anbieter von Rundfunkdiensten (Verbreiter), aber kein Netzwerkbetreiber, da er keine eige- nen Übertragungseinrichtungen besitzt; seine Kanäle werden nur über die Kabelnetzwerke von Telenet und der Kommunalverbände verbreitet. Im Falle des britischen Kabelnetzbetreibers NTL stellen sich Verbreiter und Netzwerkbetreiber als eine Einheit dar: NTL betreibt das Netzwerk und bündelt die Kanäle Dritter (d. h. Verleger/Herausgeber von Rundfunkdiensten) in ver- schiedene Bouquets, um sie seinen Kabelabonnenten zu verkaufen (bspw. „Base Pack“, „Family Pack“, Abrufsender, zusätzliche Dienste etc.).373 Nichtsdestotrotz sind der Netzwerkbetrieb und das Angebot von Programm- paketen an die Endkunden unterschiedliche Tätigkeiten, die auch von unter- schiedlichen (juristischen) Personen durchgeführt werden können. Am Beispiel der Kabelverbreitung kann dies am Sender Canal+ in Belgien illustriert werden – derzeit unter den Namen Prime in Flandern und BeTV in Wallonien be- kannt374 –, der seine Premiumpakete an die Abonnenten belgischer Kabelnetz- betreiber veräußert375, ohne diese Kabelnetzwerke selbst zu betreiben.376 bb) Verhältnis zum Begriff des „Fernsehveranstalters“ im Sinne der Fernsehrichtlinie Genau genommen kann nur die der ersten der vorgenannten Kategorien zuzu- rechnende Person – d. h. „der Verleger/Herausgeber von Rundfunkdiensten“ – als „Fernsehveranstalter“ im Sinne von Art. 1 lit. b) der Fernsehrichtlinie an- gesehen werden. Das entscheidende Merkmal zur Qualifizierung als Fernseh- veranstalter im Sinne der Richtlinie ist die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt, welcher der Öffentlichkeit angeboten wird – und nicht der eigentliche Übertragungsvorgang, der gemäß der Definition des Fernsehveranstalters in Art. 1 lit. b) auch Dritten überlassen werden kann. Nur die Kategorie der Inhalteanbieter (Verleger/Herausgeber) stellt – in ihrer Definition – auf diese redaktionelle Kontrolle ab. 197 373 Siehe: www.ntl.com. 374 Vgl. www.canalplus.be; hier werden Links zu www.prime.be oder www.betv.be angeboten. 375 Jedoch sollte erwähnt werden, dass Canal+ in gewissem Umfang die Rolle eines Netzwerkbetreibers ausübt, da Canal+ ein eigenes Conditional-Access-System betreibt (und den Kabelabonnenten seine eigenen Decoder anbietet). 376 Diese Unterscheidung wurde in Flandern mit der Übernahme (der flämischen Niederlassung) von Canal+ durch Telenet im Jahr 2003 verwischt. cc) Neue Adressaten: Rechtliche Einordnung von EPG-Anbietern Die Anbieter von elektronischen Programmführern (EPGs) und anderen Navi- gationstools sind hinsichtlich ihrer rechtlichen Einordnung aus zwei verschie- denen Blickwinkeln zu betrachten: Einerseits sind sie Anbieter zugehöriger Einrichtungen im Sinne der Richtlinien zur elektronischen Kommunikation,378 aber zugleich sind sie Verleger/Herausgeber eines Inhaltedienstes. In der Tat steuert ein elektronischer Programmführer nicht lediglich den Zugang zu den verfügbaren Programmen und Diensten, sondern listet diese auch in einer bestimmten Ordnung auf und enthält ferner redaktionelle Inhalte wie Informa- tionen über die Programme und Dienste. 198 377 Jedoch wird weiterhin über die Vor- und Nachteile einer gesetzlichen Zuerkennung eines gewissen Grads redaktioneller Verantwortung der Verbreiter diskutiert. 378 Art. 2 lit. e) der Rahmenrichtlinie definiert „zugehörige Einrichtungen“ als „diejenigen mit einem elektroni- schen Kommunikationsnetz und/oder einem elektronischen Kommunikationsdienst verbundenen Einrichtun- gen, welche die Bereitstellung von Diensten über dieses Netz und/oder diesen Dienst ermöglichen und/oder unterstützen. Dieser Begriff schließt auch Zugangsberechtigungssysteme und elektronische Programmführer ein“. Typ 1. Verleger/ Herausgeber von Rundfunk- diensten 2. Verbreiter von Rundfunk- diensten 3. Netzwerk- betreiber Fernsehveranstalter im Sinne von Art. 1, lit. b) der Fernseh- richtlinie? Ja Nein Nein Adressaten Trägt die redaktionelle Verantwortung für die Zusammensetzung von Fernsehprogrammen und sendet diese (d. h. ist auch Verbreiter) oder lässt von Dritten senden lässt (d. h. der Verbreiter ist vom Inhalteanbieter zu unter- scheiden). Trägt keine redaktionelle Verantwortung für die Inhalte, die er zusammen- stellt, um sie der Öffent- lichkeit anzubieten.377 Ist nur im Bereich der Übertragung aktiv. Diese Dualität hat sich auch in den Rundfunkgesetzen der flämischen und französischen Gemeinschaft niedergeschlagen. Beide enthalten Vorschriften, die sich einerseits auf die übertragungsrelevanten und andererseits auf die inhaltlichen Aspekte von EPGs beziehen. Schon in der Definition des Begriffs „EPG“ wird auf diese beiden Funk- tionen Bezug genommen: – Art. 145 des flämischen Rundfunkdekrets 2005 definiert einen EPG als „a service consisting of the presentation of the programmes of broadcasters, belonging to the same or a different entity as the provider of the EPG, and of the provision of access to the listed programmes or services“.379 – Das französische Rundfunkgesetz enthält keine Definition des Begriffs EPG, aber der Conseil supérieur de l’audiovisuel hat diesen Dienst in seiner Entscheidung vom 8. September 2004 in der gleichen Weise beschrieben: „the EPG is a service that consists of the presentation of the programmes offered by editors of broadcasting services and of providing access to these broadcasting services“.380 In der Flämischen Gemeinschaft haben die Anbieter von EPG-Diensten diese als „Fernsehdienste“ zu notifizieren.381 Demzufolge sind alle inhaltsbezogenen Vorschriften zu Jugend- und Menschenwürdeschutz, Nichtdiskriminierung und Werbung382, die auf Fernsehdienste Anwendung finden, auch auf EPG-Dienste anwendbar. Art. 124 des flämischen Rundfunkgesetzes 2005 behandelt die Zugangs- verpflichtungen im Zusammenhang mit EPGs und APIs. Die Vorschrift besagt, dass: „providers of electronic communications networks can be obliged by the Commissariaat, to the extent that is necessary to ensure accessibility for end-users to specified digital radio and television broadcasting services, to provide access to the application programme 199 379 Übersetzung des niederländischen Textes durch den Verfasser: „4° elektronische programmagids: dienst die bestaat uit het weergeven van het programma-aanbod van omroepen die al dan niet onderscheiden zijn van de aanbieder van de elektronische programmagids, en uit het verschaffen van gehele of gedeeltelijke toegang tot de opgelijste programma’s of diensten“. 380 CSA (Collège d’autorisation et de contrôle du Conseil de l’audiovisuel), Entscheidung vom 8. September 2004, Brutélé – Verbot der Ausstrahlung von Werbung auf dem Sender für technische Informationen, www. csa.be/pdf/Décision%202004-13%20(Brutélé%20pub).pdf: „Le guide électronique de programmes est un service qui consiste à reproduire l’offre des éditeurs de services et à fournir un accès total ou partiel aux services de radiodiffusion.“ 381 Vgl. oben, in Abschnitt 3 a) cc) (1), Kategorie 6 privaten Fernsehens (television broadcasting services). 382 D. h. nur die grundlegenden Werbebestimmungen auf bundesstaatlicher Ebene und nicht die spezifischen Werbebestimmungen in den Rundfunkgesetzen der Gemeinschaften; siehe oben (im Text), sowie unten in Fn. 391. interfaces and the electronic programme guides, mentioned in Art. 145, on fair, reasonable and non-discriminatory terms“.383 Schließlich bestimmt Art. 155 im Gesetzestitel über technische Standards (Titel VII des flämischen Rundfunkgesetzes 2005), dass die flämische Regierung Bedingungen bezüglich der Installation, des Zugangs zu und der Darstellung von EPGs, die bei digitalen Rundfunkprogrammen verwendet werden, erlassen kann, soweit dies für den Zugang der Endnutzer zu bestimmten, in der flämi- schen Gemeinschaft verfügbaren, digitalen Rundfunkdiensten notwendig ist. Die Gesetzesmaterialien verdeutlichen, dass es bei diesen Bedingungen bspw. um die Verfügbarkeit einer EPG-Basisversion auf allen digitalen Receivern, den Schutz eines freien und fairen Wettbewerbs, die Reservierung angemessener Programmplätze für Programme mit Must-Carry-Status, die Achtung des Plu- ralismus oder die nicht-diskriminierende Vorgehensweise bei der Darstellung der im EPG verfügbaren Programme geht.384 In der Französischen Gemeinschaft bestehen für die Anbieter von EPGs zwei Optionen: – Entweder betätigt sich der Anbieter als Verbreiter eines Rundfunkdienstes (und hat diese Tätigkeit beim CSA notifiziert) und stellt den EPG als mit den Verbreitungstätigkeiten zusammenhängenden Dienst zur Verfügung. In diesem Fall hat der Anbieter kein besonderes Verfahren einzuhalten oder eine Zulassung beim CSA für seinen EPG-Dienst zu beantragen. Er kann sich vielmehr auf Art. 83, § 5 des Rundfunkgesetzes 2003 (Kabel) oder auf Art. 85, § 4 (DVB-T) berufen, die eine Ausnahme von dem Grundsatz dar- stellen, der besagt, dass die Verleger/Herausgeber von Rundfunkdiensten eine individuelle Zulassung vom CSA erhalten müssen (Art. 33). Die vor- genannten Vorschriften besagen, dass „distributors of broadcasting services [via cable/ DVB-T] are allowed to distribute on two channels non-stop music, a technical information service and an EPG“.385 Jedoch besteht der 200 383 Diese Vorschrift setzt Art. 5, Abs. 1, § 2, lit. b) der Zugangsrichtlinie um. Der amtliche niederländische Text von Art. 124 lautet: „Aanbieders van elektronische communicatienetwerken kunnen door het Commissariaat verplicht worden, als dat noodzakelijk is om de toegang van eindgebruikers tot gespecificeerde digitale radio- en televisieomroepdiensten te waarborgen, toegang tot de in artikel 145 bedoelde applicatieprogramma- interfaces en elektronische programmagidsen aan te bieden tegen billijke, redelijke en niet-discriminerende voorwaarden.“ 384 Parl. St. Vl. Parl. 2003–2004, no. 2156/1, 20. Art. 124 setzt Art. 5, Abs. 1, § 2, lit. b) der Zugangsrichtlinie um („Bedingungen für den Zugang“), in Verbindung mit Art. 6 Abs. 4, welcher den Mitgliedstaaten die Möglichkeit belässt, „Verpflichtungen in Bezug auf die Darstellungsaspekte elektronischer Programmführer und ähnlicher Anzeige- und Orientierungshilfen festzulegen“. 385 Der offizielle französische Text der Artikel 83, § 5 und 85, § 4 lautet: „Les distributeurs de services visés à l’article [81, § 1er, 2e alinéa]/[84], peuvent distribuer sur deux canaux de la musique en continu, un service d’informations techniques, et un guide électronique de programmes.“ Nachteil dieser Option in dem Verbot, kommerzielle Kommunikation (Wer- bung, Sponsoring, Teleshopping, Eigenwerbung) in diese Musik- oder tech- nischen Informationskanäle bzw. EPGs einzufügen. Der CSA hat dies aus- drücklich bezüglich des technischen Informationskanals Brutélé bestätigt (Kabelbetreiber in Wallonien und Brüssel).386 – Oder der Anbieter hat die Möglichkeit, eine individuelle Zulassung nach dem System für Verleger/Herausgeber von Rundfunkdiensten zu beantragen (Art. 33). In diesem Fall wird er allen für Verleger/Herausgeber geltenden Regeln unterworfen, wie bspw. den Vorschriften zu Jugendschutz und Schutz der Menschenwürde, Beitrag zur audiovisuellen Produktion usw. Jedoch wird es ihm – anders als im erstgenannten Szenario – automatisch gestattet, kommerzielle Kommunikation einzufügen, soweit diese im Einklang mit den Werbebestimmungen des französischen Rundfunkgesetzes von 2003 steht (Art. 10 ff.). Die Möglichkeit der Regierung der französischen Gemeinschaft (beraten vom CSA), Bedingungen für EPGs zu erlassen, besteht unabhängig von der recht- lichen Einordnung des Anbieters (als Verbreiter oder Inhalteanbieter). Diese Bedingungen beziehen sich auf die Installation, den Zugang zu und die Dar- stellung von EPGs, die bei digitalen Rundfunkprogrammen verwendet werden, die die Regierung erlassen kann, soweit dies für den Zugang der Endnutzer zum gesamten Angebot digitaler Rundfunkdienste in der französischen Gemein- schaft notwendig ist.387 Art. 127 des Rundfunkgesetzes konkretisiert weiter, worauf sich diese Bedingungen beziehen können: 1. Die Installation einer EPG-Basisversion auf allen digitalen Receivern, welche das Gesamtangebot der Rundfunkdienste nicht-diskriminierend durchsuchen kann, 2. der Schutz des freien und fairen Wettbewerbs im Hinblick auf den Zugang zu EPG’s für Inhalteanbieter 201 386 CSA (Collège d’autorisation et de contrôle du Conseil de l’audiovisuel), Entscheidung vom 8. September 2004, Brutélé – Verbot der Ausstrahlung von Werbung auf dem Sender für technische Informationen, www. csa.be/pdf/Décision%202004-13%20(Brutélé%20pub).pdf und Entscheidung vom 26. Januar 2005, Brutélé – Verbot der Einfügung von Eigenwerbung auf einem Sender für technische Informationen, www.csa. be/pdf/CAC_DECISION_2005_01_BRUTELE_AUTOPROMOTION.pdf. Der CSA beruft sich auf die Gesetzesmaterialien zum Rundfunkgesetz der französischen Gemeinschaft von 2003, um seine Entscheidung zu begründen (Trav. Prép. Parl. Comm. Fr. 2002–2003, no. 357–1, 36). Brutélé erhielt in zwei Fällen eine Verwarnung wegen der Ausstrahlung von Werbung und Eigenwerbung auf seinem Sender für technische Informationen. 387 Es ist zu beachten, dass dieser Bezug zum „Gesamtangebot verfügbarer digitaler Rundfunkdienste“ nicht im Einklang zu stehen scheint mit der Maßgabe in Art. 5, Abs. 1, § 2, lit. b) der Zugangsrichtlinie, wonach die Programme zu spezifizieren sind, für die der Zugang sicherzustellen ist. 3. und die Achtung des Pluralismus und der Diskriminierungsfreiheit bei der Darstellung der verfügbaren Programme in EPGs.388 d) Horizontale Regelungsansätze In diesem Zusammenhang sind ähnliche Anmerkungen zu machen, wie bereits zur früheren Rechtslage, siehe oben. Allerdings gibt es eine Neuerung, auf die aufmerksam gemacht werden sollte. In ihrem neuen Rundfunkgesetz von 2003 hat die französische Gemein- schaft ein Überwachungssystem zum Schutz des Pluralismus eingeführt. Da der Anwendungsbereich dieses Mechanismus allerdings auf den audiovisuellen Sektor beschränkt ist, kann von einer wirklich cross-medialen Regulierung der Beteiligungsverhältnisse jedoch nicht die Rede sein. Das Überwachungssystem wird durch Art. 7 des Rundfunkgesetzes eingeführt. Diese Vorschrift verbietet den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung eines Inhalteanbieters oder Verbreiters im audiovisuellen Sektor, „if this would harm people’s right to have access to a pluralist offer of broadcasting services“. Ein vielfältiges Angebot „pluralist offer“ wird dabei beschrieben als eine breite Spanne von Medienprodukten, die von einer Vielzahl unabhängiger und selbstständiger Marktteilnehmer angeboten werden, welche die größtmögliche Vielfalt an Mei- nungen und Ideen repräsentieren. Eine marktbeherrschende Stellung eines Inhalteanbieters oder Verbreiters wird unter den folgenden Bedingungen vermutet:389 1. dieselbe Person hält mehr als 24 % zweier (oder mehrerer) Hörfunk-Inhalte- anbieter; 202 388 Art. 127 gehört zum Titel VI „Kommunikationsnetzwerke und zugehörige Einrichtungen“, Kapitel IV „Zu- gehörige Einrichtungen und Dienste“ des Rundfunkgesetzes von 2003 der französichen Gemeinschaft: „Après avis du CSA et dans la mesure de ce qui est nécessaire en vue d’assurer l’accessibilité des utilisateurs finaux à l’ensemble des services de radiodiffusion numérique disponibles en Communauté française, le Gouvernement peut fixer des conditions relatives à l’installation, l’accès et la présentation des guides de programmes électroniques utilisés dans le cadre de la radiodiffusion numérique. Ces conditions peuvent porter sur les exigences suivantes: 1° l’installation sur les récepteurs de radiodiffusion numérique d’un guide électronique de programmes de base capable de rechercher un service sur l’ensemble des services disponibles sans exercer de discrimination; 2° la sauvegarde d’une concurrence loyale et effective en ce qui concerne l’accès des éditeurs de services aux guides électroniques de programmes; 3° le respect du pluralisme et du principe de non-discrimination en ce qui concerne la présentation des services disponibles par les guides électroniques de programmes.“ 389 Diese Bedingungen sind in Art. 7 des Rundfunkgesetzes von 2003 explizit aufgeführt. Die Parlamentaria besagen jedoch, dass der CSA eigene Kriterien zur Feststellung einer marktbeherrschenden Stellung ent- wickeln kann, wie etwa den Umsatzanteil des Anbieters. Damit könnte der CSA wahrscheinlich – sollte dies für seine Einschätzung Bedeutung haben – die Verbindungen eines Inhalteanbieters/Verbreiters zu anderen Medien oder den Grad vertikaler Integration berücksichtigen. 2. dieselbe Person hält mehr als 24 % zweier (oder mehrerer) Fernseh-Inhalte- anbieter; 3. der akkumulierte Zuschaueranteil zweier oder mehrerer Hörfunk-Inhalte- anbieter erreicht 20 % oder mehr des gesamten Hörfunkproduktionsmarkts und liegt in der Hand einer Person; 4. der akkumulierte Zuschaueranteil zweier oder mehrerer Fernseh-Inhalte- anbieter erreicht 20 % oder mehr des gesamten Fernsehproduktionsmarkts und liegt in der Hand einer Person. Sollte ein solcher Fall eintreten, wird der CSA ein Verfahren starten, um mög- liche Gegenmaßnahmen zur Wiederherstellung der Vielfalt zu verhandeln. Sollten der Inhalteanbieter und der CSA nicht innerhalb von sechs Monaten einen Kompromiss erzielen, kann die Regulierungsbehörde Sanktionen ver- hängen, wie etwa Geldbußen oder den Entzug der Zulassung. e) Beispiele für Anwendungsprobleme des nationalen Rechtsrahmens Obwohl es im Nachklang zu der Verfassungsgerichtsentscheidung im Jahr 2002 einige Verwirrung hinsichtlich des exakten Anwendungsbereichs des Begriffs der Fernsehdienste in der neuen Gesetzgebung der Gemeinschaften gegeben haben mag, so gewöhnten sich die Anbieter interaktiver Inhaltedienste doch schrittweise an das Verfahren einer vorherigen Notifizierung in der flämischen Gemeinschaft (Telenet hat bspw. eine Notifizierung seiner PCTV- Plattform eingereicht) und das Verfahren einer vorherigen Zulassung in der französischen Gemeinschaft; obwohl es bislang keine Beispiele für wirklich interaktive Inhaltedienste gibt, so ist in diesem Zusammenhang bspw. „Be à la séance“, ein Near-Video-on-Demand-Dienst, zu erwähnen. Zwar werden in der flämischen Gemeinschaft nur sehr geringe Anforderungen an eine vor- herige Notifizierung als Hörfunkdienst gestellt, doch hat bislang kein Internet- Radiosender seine Aktivitäten beim Vlaams Commissariaat voor de Media notifiziert. Als Kritikpunkt gegenüber dem flämischen Rundfunkgesetz 2005 lässt sich anbringen, dass es keine spezifischen Kriterien zur Bestimmung seines geografischen Anwendungsbereichs enthält, soweit Hörfunkdienste be- troffen sind. Sowohl für Hörfunk- als auch für Fernsehdienste bestimmt das Gesetz, dass die einschlägigen Vorschriften anzuwenden sind gegenüber „Orga- nisationen, die der Zuständigkeit der flämischen Gemeinschaft unterliegen.“ Es ist eindeutig, dass sich die Kriterien in Art. 2 der Fernsehrichtlinie auf Fernsehveranstalter beziehen. Demgegenüber existieren für Hörfunkdienste keine vergleichbaren, klaren Vorschriften im Recht der Europäischen Gemein- schaft. Demzufolge ist das Risiko der Entstehung von Streitigkeiten über die Frage, unter welchen Umständen ein Internet-Radiosender der flämischen Rechtshoheit unterliegt, keineswegs bloß hypothetisch. 203 In der französischen Gemeinschaft gibt es eine Vorschrift, die gegenüber bestimmten Marktteilnehmern als abschreckend hinsichtlich der Entfaltung von Aktivitäten auf dem Markt für (Kabel-)Rundfunkübertragung gilt. Art. 77 des Rundfunkgesetzes von 2003 der französischen Gemeinschaft begründet eine Verpflichtung zur separaten Buchführung, wenn ein Verbreiter von Rund- funkdiensten zugleich Netzwerkbetreiber ist, was der Fall ist, wenn im digitalen Zeitalter ein Kabelbetreiber seine eigenen Programmbündel (besser: Bouquets) paketiert. Die als Verbreiter erzielten Einkünfte und Kosten sind getrennt auf- zuführen von den Einkünften und Kosten, die durch den Netzwerkbetrieb und die Übertragungsdienste zu verzeichnen waren. Einige Kabelbetreiber sehen hierin eine ungerechtfertigte Belastung, da ihre derzeitigen Abrechnungssysteme einerseits nicht für eine solche getrennte Buchführung zwischen Dienstever- breitung und Übertragungsleistungen ausgelegt sowie zwischen Groß- und Einzelhandel andererseits getrennt seien. f) Tabellarischer Überblick Telekommunikationsdienste sind in der Tabelle nicht mehr aufgeführt, da es sich bei ihnen nach der geltenden Rechtslage um bloße Übertragungsdienste handelt; Inhaltedienste sind jetzt entweder als Rundfunkdienste oder Dienste der Informationsgesellschaft zu qualifizieren. 204 Dienst /An- forderungen Zulassung erforderlich Jugendschutz Traditionelle Rundfunk- dienste Ja Ja Radio-/Fernsehdienste (einschließlich einiger Dienste, die auf europäi- scher Ebene als Dienste der Informationsgesell- schaft angesehen werden) – Nein (flämische Ge- meinschaft) – Ja (französische Ge- meinschaft) Ja Dienste der Informations- gesellschaft Nein (d. h. nicht nach dem Rundfunkrecht; in einigen Sektoren, z. B. beim Banking, sind u. U. spezielle Vorschriften anwend- bar) Nur die allgemeinen strafrechtlichen Vorschriften (z. B. Verbot von Kinder- pornografie) 205 390 Jedoch ist hier auf die Bemerkungen unten in Fn. 392 zu verweisen. Verbot von Hass- propaganda Redaktionelle Unabhängig- keit, jour- nalistische Deontologie Werbe- regulierung Eigentums- beschrän- kungen Unabhängig- keit von politischen Parteien und Berufs- verbänden Quotenrege- lungen (im Fernsehen) Ja Ja Ja (all- gemeine + spezielle Vorschriften) Nur in begrenztem Umfang Ja, regionale Fernseh- sender Ja Ja Ja – Flämische Gemein- schaft: Nur allgemeine Vorschriften in bundes- staatlichen Gesetzen – Französische Gemein- schaft: Ja (allgemeine + spezielle Vorschrif- ten) Nur in begrenztem Umfang Ja – Flämische Gemein- schaft: Nein390 – Französische Gemein- schaft: Ja (alle Inhalte- anbieter unterliegen den europäischen Quotenvorgaben und Investitionsquoten für Produktionen; Art. 41–42) Nur die allgemeinen strafrechtlichen Vorschriften (Anti- Rassismus-, Anti- Negationismus- und Anti-Diskriminie- rungsgesetze) Nein Ja (allgemeine Vor- schriften in den Bundesgesetzen) Nein Nein Nein aa) Flämische Gemeinschaft Alle Kategorien unterfallen grundlegenden Regeln, u. a.: – das Verbot der Ausstrahlung von Programmen, die öffentliche Moralvorstel- lungen (decency standards), die öffentliche Ordnung oder Sicherheit ver- letzen oder den Glauben anderer oder andere Staaten beleidigen (Art. 62 des flämischen Rundfunkgesetzes 2005); – die Verpflichtung, Nachrichten- und Informationsprogramme in unabhän- giger Weise anzubieten, die journalistischen Grundsätze einzuhalten und redaktionelle Unabhängigkeit zu gewährleisten (Art. 64 des flämischen Rundfunkgesetzes 2005); – das Verbot aller Formen der Diskriminierung (Art. 64 des flämischen Rund- funkgesetzes 2005); – das Verbot von Hasspropaganda (Art. 96, § 2 des flämischen Rundfunk- gesetzes 2005, welcher Art. 22a der Fernsehrichtlinie umsetzt); – der Jugendschutz (Art. 96, § 2 des flämischen Rundfunkgesetzes 2005, welcher Art. 22 der Fernsehrichtlinie umsetzt); – Werbebestimmungen (die größtenteils mit den Vorschriften der Fernseh- richtlinie übereinstimmen), ausgenommen hiervon ist die Kategorie der Fernsehdienste;391 206 391 Zu beachten ist, dass Art. 90, § 3 des flämischen Rundfunkgesetzes die Aufgabe zum Erlass detaillierter Regeln für Fernsehdienste der flämischen Regierung zuweist – was zumindestens die ethischen und deonto- logischen Regeln umfasst, die traditionell für Nachrichtendienste gelten, wie sich den Gesetzesmaterialien entnehmen lässt. Solange ein solcher Beschluss fehlt, sind lediglich die grundlegenden (bundesstaatlichen) Vorschriften bezüglich der Werbung auf Fernsehdienste anwendbar. Förderung der lokalen Sprache und Kultur – Flämische Gemein- schaft: regionale Fernseh- sender (Verpflich- tung auf niederlän- disch zu senden) – Französi- sche Ge- meinschaft: Ja (Sprach- quote) – Flämische Gemein- schaft: Ja (Verpflich- tung auf niederländisch zu senden) – Französische Gemeinschaft: Ja (Sprachquote) Nein – Kulturquoten (vgl. Art. 4–6 der Fernsehrichtlinie), ausgenommen hiervon sind regionale Fernsehdienste und Teleshopping-Kanäle/Fernsehdienste392 (Art. 115–116 des flämischen Rundfunkgesetzes 2005); – die Verpflichtung zur Einhaltung von Vorschriften zum Urheberschutz (ge- nauer – das Verbot der Ausstrahlung von Kinofilmen außerhalb der mit den Rechteinhabern vereinbarten Zeiträume – Art. 113 des flämischen Rund- funkgesetzes 2005; vgl. Art. 7 der Fernsehrichtlinie). Besondere Vorschriften finden auf die Kategorie der Fernsehdienste Anwen- dung: – Vollprogramme sind zum Angebot einer Vielfalt verschiedener Sendungen verpflichtet, insbesondere in den Bereichen Information und Unterhaltung (Art. 69) und sollten täglich mindestens zwei Nachrichtensendungen aus- strahlen, die von internen Redaktionsmitarbeitern produziert wurden, d. h. es soll sich nicht um eine bloße Sammlung von Agenturmeldungen handeln, sondern um eine Nachrichtensendung, die von den eigenen Journalisten editiert und erstellt wurde (Art. 70). – Regionalen Fernsehsendern kommt die im öffentlichen Interesse stehende Aufgabe zu, regionalbezogene Informationen bereitzustellen, um die Inter- aktion und Kommunikation der Einwohner der Region anzuregen und die soziale und kulturelle Entwicklung der Region zu befördern (Art. 71). Es sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, um eine Zulassung vom „Vlaams Commissariaat voor de Media“ zu erlangen, zu deren wichtigsten zählen (Art. 73): – Regionale Fernsehsender sollen die Rechtsform einer nicht-gewinnorien- tierten Vereinigung wählen („vereniging zonder winstoogmerk“); – sie müssen unabhängig von politischen Parteien, Berufsverbänden oder kommerziellen Unternehmen sein; – sie müssen in niederländischer Sprache senden (die flämische Regierung kann hiervon eine Ausnahmen zulassen); – sie müssen „eigene“ Produktionen senden, d. h. intern produzierte Bei- träge oder solche, gegenüber denen die Mitarbeiter des Regionalsenders die redaktionelle Verantwortung ausüben; – keine nicht-gewinnorientierte Vereinigung darf gleichzeitig mehr als einen regionalen Fernsehsender besitzen oder leiten; 207 392 Früher bezogen sich die Vorschriften, welche bestimmte Rundfunkdienste von den Quotenverpflichtungen ausnahmen, indem sie nicht als in dieser Hinsicht verpflichtete Dienste aufgeführt wurden, auf regionale Fernsehsender und die Fernsehdienste. Nichts in den Gesetzesmaterialien zum flämischen Dekret vom 7. Mai 2004 gibt jedoch Anhaltspunkte dafür, dass der Gesetzgeber die Absicht hatte, an dieser Rechtslage etwas zu ändern, d. h. lediglich regionale Fernsehsender und Teleshopping-Sender – nicht aber Fernseh- dienste – von der Quotenverpflichtung auszunehmen. Somit können wir annehmen, dass der Wechsel der Kategorien auf ein Redaktionsversehen und nicht auf eine explizite Entscheidung des Gesetzgebers zurück- zuführen ist (und wahrscheinlich bei nächster Gelegenheit korrigiert wird). – die verschiedenen politischen, sozialen, kulturellen, ideologischen und regionalen Gruppierungen müssen sowohl in der Mitgliederversamm- lung (Art. 76), als auch im Vorstand repräsentiert sein. Maximal ein Fünftel der Vorstandsmitglieder kann seine Funktion mit einer der fol- genden Positionen verbinden (Art. 77): * einer politischen Funktion, * einer leitenden Funktion in einer Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerver- tretung, * einer leitenden Position in einem Presse- oder Werbeunternehmen, einer flämischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt oder einem kommerziellen Vollprogramm, einer leitenden Funktionen bei einem Kabelbetreiber. Nicht vereinbar ist die Vorstandstätigkeit mit der Zugehörigkeit zur Bun- desregierung, zur Regierung der Region Brüssel-Hauptstadt oder einer der Gemeinschaften (i. e. level of a commune or city or of a province);m – alle regionalen Fernsehsender haben einen beratenden Ausschuss einzu- setzen, welcher die verschiedenen politischen, sozialen, kulturellen, ideologischen, ethnischen und geografischen Gruppierungen abbildet und der den Schutz des pluralistischen und unabhängigen Charakters des Senders durch seine beratende Tätigkeit hinsichtlich der Programm- inhalte und -pläne gewährleisten soll. (Art. 79). – Pay-TV-Sender haben ihre Programme grundsätzlich in verschlüsselter Form zu senden; unverschlüsselte Ausstrahlungen sollen täglich nicht mehr als drei Stunden Sendezeit einnehmen, nicht zwischen 19.00 und 22.00 Uhr fallen und beim „Vlaams Commissariaat voor de Media“ notifiziert werden. Pay-TV-Sendern ist die Ausstrahlung von Ereignissen von überragender gesellschaftlicher Bedeutung („important events“) in unverschlüsselter Form untersagt, d. h. sie sollen dieses Feld den frei empfangbaren Sendern über- lassen (Art. 87). – Fernsehdienste haben ebenfalls bestimmten Voraussetzungen im Rahmen ihrer allgemeinen Zulassung zu genügen, deren Wichtigste die Folgenden sind (Art. 90): – Maximal ein Fünftel der Vorstandsmitglieder kann seine Funktion mit einer der folgenden Positionen verbinden: * einer politischen Funktion, * einer leitenden Funktion in einer Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerver- tretung, * kein Vorstandsmitglied darf zugleich der flämischen Regierung, der Bundesregierung oder der Regierung der Region Brüssel-Hauptstadt an- gehören (diese Bedingung ähnelt der für regionale Fernsehsender, ist jedoch weniger streng ausgestaltet); 208 – sie müssen von politischen Parteien unabhängig sein (vgl. regionale Sender); – die Sendungen müssen unter der redaktionellen Verantwortung der Be- schäftigten des Fernsehdienstes erfolgen (vgl. regionale Sender); – sie müssen in niederländischer Sprache senden (außer die flämische Regierung erteilt eine ausdrückliche Ausnahme, vgl. Regionalsender); – der Fernsehdienst muss sich von den traditionellen (linearen) Rundfunk- programmen der öffentlich-rechtlichen oder privaten Veranstalter in Flan- dern unterscheiden. bb) Französische Gemeinschaft Auch in der französischen Gemeinschaft kann zwischen grundsätzlichen Vor- schriften, die für alle Inhalteanbieter gelten, und spezifischen Regelungen, die nur auf bestimmte Unterkategorien anwendbar sind, unterschieden werden. Alle Inhalteanbieter (für Radio und Fernsehen) unterliegen den folgenden (grundlegenden) Vorschriften: – Transparenz- und Informationspflichten zur Sicherung des Medienpluralis- mus (Art. 6 des Rundfunkgesetzes 2003);393 – Achtung der Menschenwürde, Verbot von Diskriminierung und Hasspropa- ganda (Art. 9, 1° des Rundfunkgesetzes 2003, welcher Art. 22a der Fernseh- richtlinie umsetzt und zusätzliche grundlegende Anforderungen festlegt);m – Jugendschutz (Art. 9, 2° des Rundfunkgesetzes 2003, welcher Art. 22 der Fernsehrichtlinie umsetzt); – Das Verbot der Verbreitung von Programmen, welche Meinungen oder Überzeugungen bevorzugen, die eine Bedrohung der in der Europäischen Menschenrechtskonvention verankerten Menschenrechte und Freiheiten dar- stellen oder die die Leichtgläubigkeit der Menschen ausnutzen (Art. 9, 3° des Rundfunkgesetzes 2003); – Werbebestimmungen (die größtenteils mit den Vorgaben der Fernsehricht- linie übereinstimmen); – soweit einschlägig, die Verpflichtung zur Bereitstellung von Nachrichten und Informationsprogrammen, die von intern beschäftigten, professionellen Journalisten erstellt wurden (Art. 35, 4° des Rundfunkgesetzes 2003); – der Entwurf und die Achtung eines internen Kodex zur Objektivität bei der Informationsverarbeitung (Art. 35, 5° des Rundfunkgesetzes 2003); – die Garantie der Unabhängigkeit von jeglicher Regierung, politischer Partei, Arbeitgeber- oder Arbeitnehmervertretung (Art. 35, 7° des Rundfunkgesetzes 2003). 209 393 Vgl oben, in Abschnitt 3 d). Alle Fernseh-Inhalteanbieter sind verpflichtet: – Zur Schaffung audiovisueller Produktionen beizutragen, entweder über Ko- produktionen oder den Voraberwerb von Senderechten oder durch Zuwen- dungen zum „Zentrum für den Film und den audiovisuellen Sektor“ („Centre du cinéma et de l’audiovisuel“); die finanziellen Zuwendungen werden hierbei als Prozentsatz des jährlichen Umsatzes berechnet (Art. 41 des Rund- funkgesetzes 2003); – Einhaltung der Kultur-/Sprachquoten, die weitgefasster sind als die der Fernsehrichtlinie. Sie umfassen bspw. auch die Verpflichtung, mindestens 4,5 % der Musikprogramme „lokalen“ Werken zu reservieren, d. h. Krea- tionen, die von natürlichen oder juristischen Personen komponiert, produ- ziert oder dargeboten werden, welche ihren Wohnsitz oder ihre Haupt- niederlassung in der französischen Gemeinschaft haben (Art. 42–43 des Rundfunkgesetzes 2003);394 – die Verpflichtung zur Einhaltung der Vorschriften zum Urheberschutz (ge- nauer: das Verbot der Ausstrahlung von Kinofilmen außerhalb der mit den Rechteinhabern abgestimmten Zeiträume – Art. 44 des Rundfunkgesetzes 2003; vgl. Art. 7 der Fernsehrichtlinie); – Die Möglichkeit, ein Recht auf obligatorische Verbreitung zu erlangen, d. h. das Recht, – mit allen Programmen oder nur spezifischen Inhalten – in den Must-Carry-Katalog eines Kabelverbreiters aufgenommen zu werden (Art. 48 ff. des Rundfunkgesetzes 2003).395 Einige spezifische Verpflichtungen finden auf bestimmte Unterkategorien von Inhalteanbietern Anwendung, z. B.: – Verleger/Herausgeber von Pay-TV-Sendern dürfen nicht mehr als drei Stun- den täglich in unverschlüsselter Form senden (Art. 47 des Rundfunkgesetzes 2003); – lokale Fernsehsender sind einer Reihe von besonderen Regelungen unter- worfen, die sich auf ihren öffentlich-rechtlichen Auftrag, ihre Rechtsform, die Zusammensetzung des Vorstands, ihre Unabhängigkeit und eigene Pro- duktionen beziehen (Art. 63 ff. des Rundfunkgesetzes 2003). Diese Vor- schriften sind nahezu identisch mit den Regelungen für lokale Fernsehsender in der flämischen Gemeinschaft (siehe oben). 210 394 Es ist zu beachten, dass die Kulturquoten, welche auf die Fernsehrichtlinie zurückzuführen sind, nicht auf lokale Fernsehdienste anwendbar sind (was im Einklang mit Art. 9 der Fernsehrichtlinie steht). 395 Vgl. für eine detaillierte Analyse dieses neuen Must-Carry-Systems in der französischen Gemeinschaft: VALCKE/STEVENS/LIEVENS, The Future of Must Carry – From Must Carry to a Concept of Universal Service in the Info-Communications Sector, Iris Spezial, Oktober 2005 (im Erscheinen). 4. Ausblick a) Künftige Reformvorhaben Die flämische Gemeinschaft plant eine tiefgreifende Überarbeitung ihres Rund- funkrechts. Angedacht ist der Entwurf eines umfassendes Regelungskonzepts für „jede Form der elektronischen Verbreitung audiovisueller Inhalte“ – in diesem Sinne beschreibt die Gemeinschaft auch oft ihre Zuständigkeit im Rundfunkbereich –,396 welches zwischen linearen und nicht-linearen Diensten unterscheidet – wobei die Erstgenannten strengeren Regeln unterliegen sollen. Dem horizontalen Ansatz gemäß, wie er auch im Rundfunkgesetz der französi- schen Gemeinschaft von 2003 umgesetzt wurde, dürften sich die Vorschriften wahrscheinlich an den verschiedenen Funktionen in der Wertschöpfungskette orientieren: Inhalteanbieter, Diensteanbieter und Netzwerkbetreiber. Jedoch wird auf politischer Ebene dafür plädiert, mit dieser Modernisierung zu warten, bis die ersten Vorschläge zur Revision der Fernsehrichtlinie eine gewisse Kon- kretisierung und Stabilisierung erfahren haben. b) Die belgische Position zur Revision der Fernsehrichtlinie Sowohl die flämische als auch die französische Gemeinschaft (sowie der Con- seil Supérieur de l’audiovisuel ) haben anlässlich der Konferenz zur Revision der Fernsehrichtlinie „Between Culture and Commerce“ in Liverpool (20.–22. September 2005) Stellungnahmen zum Revisionsprozess eingereicht.397 Diese Standpunkte zusammenfassend, lassen sich folgende gemeinsamen Anliegen erkennen: – Beide Gemeinschaften unterstützen die Ausweitung des Anwendungsbereichs der Richtlinie, um gemäß des Grundsatzes der „technologischen Neutralität“ neue interaktive audiovisuelle Dienste zu erfassen, und befürworten die Unterscheidung zwischen linearen (strengeren Regeln unterworfenen) und nicht-linearen Diensten (gegenüber denen ein „light-touch-Ansatz“ verfolgt würde); 211 396 Siehe bspw. im Policy Letter 2003 des früheren flämischen Ministers für Medien, Dirk Van Mechelen, „Beleidsbrief Media 2003“: „The Flemish Community takes the position that its media powers have to be interpreted extensively. According to such broad interpretation, the Flemish Community is competent to regulate any kind of electronic information service to the public, or in other words, for the whole of the public information provision via electronic means.“ (Übersetzung des niederländischen Textes durch den Verfasser: „De Vlaamse Gemeenschap is van mening dat haar mediabevoegdheid ruim moet worden opgevat. In de meest verregaande interpretatie betekent dit dat de Vlaamse Gemeenschap bevoegd moet zijn voor het geheel van de elektronische informatievoorziening aan het publiek, of voor het geheel van de openbare elektronische informatievoorziening.“). 397 Abrufbar unter: www.europa.eu.int /comm/avpolicy/revision-tvwf2005/2005-contribution.htm (frühere Stellungnahmen sind abrufbar unter: www.europa.eu.int /comm/avpolicy/ regul/ review-twf2003/ contribution.htm). – bezüglich der territorialen Zuständigkeit weisen die Gemeinschaften auf das Problem der Umgehung hin (problem of delocalisation)398 und befür- worten die Einführung einer Möglichkeit für Mitgliedstaaten, unter be- stimmten Umständen Kontrolle über Veranstalter, die in anderen Mitglied- staaten niedergelassen sind, ausüben zu können. Diese Möglichkeiten sollen über die in der Umgehungsrechtsprechung des EuGH vorgesehenen Aus- nahmefälle hinausgehen – bspw. wenn ein Dienst gezielt auf die Öffentlich- keit im Empfangsstaat ausgerichtet ist oder falls die eingefügte Werbung oder Sponsoringhinweise ausschließlich im Empfangsstaat gezeigt werden oder insbesondere an die dortige Öffentlichkeit gerichtet sind; – weder die französische noch die flämische Gemeinschaft halten eine Ab- schaffung des Kontrollmechanismus für die Kulturquoten für angezeigt; – die Gemeinschaften wenden sich auch gegen eine grundlegende Änderung der Werbebestimmungen (der Grundsatz der Erkennbarkeit und das Tren- nungsgebot sollten im größtmöglichen Umfang erhalten bleiben). Beide Gemeinschaften verhalten sich skeptisch – wenn auch nicht bedingungslos ablehnend – gegenüber einer Legalisierung des Product Placement; – die bestehenden Vorschriften zum Jugendschutz sollten erhalten bleiben. Darüber hinaus hat die flämische Gemeinschaft die Kommission auf folgende Punkte hingewiesen: – Die von der Kommission in ihrem Themenpapier zum Anwendungsbereich der revidierten Fernsehrichtlinie399 vorgeschlagene Definition „audiovisu- eller Inhaltedienste“ sollte dahingehend abgeändert werden, dass sie Tele- text-Dienste, die derzeit auch als Rundfunkdienste angesehen werden, um- fasst;400 – im Bereich des Jugendschutzes äußerte die flämische Gemeinschaft gewisse Zweifel bezüglich der Effizienz von Selbst- und Co-Regulierungsmechanis- 212 398 Dieses Problem ist besonders evident in der flämischen Gemeinschaft, wo die sog. „Fünf-Minuten-Regel“ (ein Werbeverbot fünf Minuten vor oder nach einer Kindersendung) von Sendern umgangen wird, die in den Niederlanden oder anderen benachbarten Mitgliedstaaten niedergelassen sind, was zu massiven Verlusten bei den Werbeeinnahmen der flämischen Sender führt, denen daher finanzielle Mittel zur Investition in gute Qualität und lokal produzierte Kindersendungen fehlen. 399 Themenpapier für die Audiovisuelle Konferenz in Liverpool: „Regeln für audiovisuelle Inhaltsdienste“, Juli 2005, 2, www.europa.eu.int /comm/avpolicy/revision-tvwf2005/ispa_scope_en.pdf: „The elements for the definition of ‚audiovisual content services‘ could include: • Services as defined by the treaty (Art 49 and 50), • for the delivery of moving pictures with or without sound, • to the general public, • by electronic networks“. 400 Da es sich bei Teletext um einen Dienst handelt, der Informationsseiten auf dem Fernsehbildschirm anbietet, die lediglich Text enthalten und keine „bewegten Bilder mit oder ohne Ton“, besteht das Risiko, dass sie vom Begriff der „audiovisuellen Inhaltsdienste“, so wie diese derzeit im Themenpapier der Kommission definiert werden (oben, Fn. 399), ausgeschlossen werden. men, welche die Kommission für nicht-lineare Dienste vorgeschlagen hat.401 Flandern weist insofern auf die fehlende Kohärenz unter den Mitgliedstaaten bezüglich der Definition von Selbst- und Co-Regulierung und das Erforder- nis von Rechtssicherheit und weitergehender Harmonisierung hin.402 Die französische Gemeinschaft hat ebenfalls einige spezifische Aspekte hervor- gehoben: – Bezüglich des Anwendungsbereichs der Richtlinie hat die französische Ge- meinschaft die Ausdehnung auf Hörfunkdienste und die Einführung des Begriffs der „Verbreiter“ (vergleichbar zu ihrer eigenen Rechtslage) vor- geschlagen; – die französische Gemeinschaft sieht kein Problem in der Anwendung der kulturellen Verpflichtungen, ähnlich der geltenden Quoten, auf nicht-lineare Dienste, soweit die einzuhaltenden Quoten auf der Grundlage des gesamten audiovisuellen Angebots basieren und nicht auf den audiovisuellen Ange- boten, die tatsächlich genutzt werden. (‚catalogue obligations‘);403 – die französische Gemeinschaft befürwortet die Einführung einer Vorschrift, welche die Mitgliedstaaten anregt, angemessene Maßnahmen zum Schutz des Medienpluralismus zu ergreifen und die Europäische Kommission in regelmäßigen Abständen über deren Auswirkungen zu informieren. Gleich- zeitig wird betont, dass sich diese Maßnahmen von Land zu Land unter- scheiden können (sollen), und vor den Risiken eines einheitlichen Ansatzes zur Behandlung der Medienkonzentration in der Europäischen Union ge- warnt. Die Einführung quantitativer Eigentumsbeschränkungen, wie sie in großen Medienmärkten wie Deutschland oder Frankreich existieren, würden sich nachteilig auf den audiovisuellen Sektor kleinerer Länder oder Regio- nen, wie der französischen Gemeinschaft, auswirken, die besser mit flexiblen Überwachungssystemen oder einer Kombination diverser Maßnahmen zu Förderung des Medienpluralismus agieren könnten. 213 401 Themenpapier für die Audiovisuelle Konferenz in Liverpool: „Jugendschutz und Schutz der Menschenwürde, Recht auf Gegendarstellung“, Juli 2005, 2, www.europa.eu.int /comm/avpolicy/ revision-tvwf2005/ ispa_minors_en.pdf. 402 Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass die Kommission die Durchführung einer umfassenden Studie zu Ko- regulierungsmaßnahmen im Medienbereich veranlasst hat, die derzeit vom Hans-Bredow-Institut und dem EMR durchgeführt wird. Mehr Informationen zum Inhalt und Bearbeitungsstand des Projekts sind abrufbar unter: europa.eu.int /comm/avpolicy/stat /studi_en.htm#2. 403 Dieser Standpunkt wird von der französischen Gemeinschaft unterstützt – auch wenn dieses nicht explizit im Positionspapier für die Konferenz in Liverpool zum Ausdruck kommt –, vorausgesetzt, dass die Quoten (wie derzeit) als Zielvorgaben und nicht als erzwingbare Verpflichtungen formuliert sind. 5. Zusammenfassung a) Einleitung Die föderale Struktur Belgiens und die damit verbundene Kompetenzverteilung zwischen dem Bundesstaat und den Gemeinschaften ist – wie in Deutschland – von entscheidender Bedeutung für das Verständnis der dortigen Mediengesetz- gebung. Die Sprachgemeinschaften (französische, flämische und deutschspra- chige Gemeinschaft) haben u. a. Kompetenzen in den Bereichen Kultur (Theater, Bibliotheken, audiovisuelle Medien etc.), Bildung und Jugendschutz. Seit der ersten Staatsreform (1970–1971) wird der Bereich „Hörfunk und Fernsehen“ als dem Kulturbereich zugehörig klassifiziert und unterliegt damit der Zu- ständigkeit der Gemeinschaften. Dies betrifft nach der neueren Verfassungs- rechtsprechung nicht lediglich die inhaltlichen Fragen, sondern auch die mit der Übertragung von Rundfunkprogrammen zusammenhängenden (techni- schen) Aspekte. Die Regelungsmaterien Film und Telekommunikation ver- blieben hingegen in der Zuständigkeit des Bundesstaates. Der Bundesstaat hat wichtige „horizontale Befugnisse“, d. h. sektorübergreifende Kompetenzen, welche auch für den Mediensektor relevant sind. Die wichtigsten Beispiele sind hier das Wettbewerbsrecht, das Handelsrecht, das Verbraucherschutzrecht sowie das Recht zum Schutze der Urheber und des geistigen Eigentums. Diese Bereiche sind dem Bundesstaat ausschließlich vorbehalten, jedoch stehen auch hier den Gemeinschaften (marginale) Handlungsbefugnisse auf der Grundlage der „implied powers“-Doktrin zu. Einen maßgeblichen Beitrag zur Fortentwicklung des belgischen Medien- rechts leistete die Rechtsprechung des Verfassungsgerichts (auch dies ist mit der deutschen Situation vergleichbar), welche dem Gesetzgeber mehrfach zum Anlass tiefgreifender Reformen der gesetzlichen Rahmenbedingungen gedient hat. Von großer Bedeutung ist hierbei die recht weit greifende Definition des Begriffs Rundfunk durch das Gericht, welche auch nicht-lineare Fernsehdienste und über das Internet verbreitete audiovisuelle Dienste umfasst. Im Folgenden soll – ausgehend von der Struktur des Länderberichts – die geltende Rechtslage dargestellt werden, wobei die unterschiedlichen Dienste und Adressaten der Mediengesetzgebung im Mittelpunkt der Ausführungen stehen. Im Anschluss werden die zentralen Aussagen im Hinblick auf das Ver- hältnis der belgischen Regelungen zum europäischen Rechtsrahmen zusammen- gefasst. Hierauf folgt ein Abschnitt, welcher die künftigen Rechtsvorhaben des belgischen Gesetzgebers kurz skizziert. b) Geltende Rechtslage Die französische und deutschsprachige Gemeinschaft haben ihre früheren Rundfunkgesetze in den Jahren 2003 und 2005 jeweils durch vollständig neue 214 Gesetze ersetzt. Auch die flämische Gemeinschaft hat ihre „koordinierten Gesetze von 1995“ in den letzten Jahren in erheblichem Umfang geändert (bspw. durch das Gesetz vom 7. Mai 2004 zur Implementierung der Richtlinien zur elektronischen Kommunikation in Flandern) und daher eine Aktualisierung der Koordinierung im Jahr 2005 durchgeführt. Der derzeit geltende Rechtsrahmen ist im Vergleich zur alten Rechtslage durch die drei folgenden Besonderheiten charakterisiert: – Eine extensive Auslegung des Begriffs „Rundfunkdienste“ (welche inter- aktive audiovisuelle Dienste einschließt); – die Einführung des Begriffs „Dienste der Informationsgesellschaft“; – die Reform des Rundfunkgesetzes der französischen Gemeinschaft im Jahr 2003, welche dem sog. „horizontalen oder geschichteten Modell“ der Kommunikationsregulierung folgt und zwischen „Verlegern/Herausgebern“ (editors), „Verbreitern“ (distributors) und „Netzwerkbetreibern“ (operators) unterscheidet. aa) Dienste Im Jahr 2002 trifft das Verfassungsgericht eine Entscheidung, nach der die Zuordnung audiovisueller Dienste fortan nicht mehr an ein technisches Krite- rium geknüpft ist. Die Definition des Gerichts lautet: „Der Rundfunk, der das Fernsehen umfasst, kann von den anderen Arten der Telekom- munikation insbesondere anhand folgender Merkmale unterschieden werden: – Rundfunk bezieht sich auf das Ausstrahlen von Hörfunk- und Fernsehprogrammen mittels verschlüsselter oder nicht verschlüsselter Signale; – ein Rundfunkprogramm ist, vom Standpunkt des betreffenden Senders, für das Publi- kum im Allgemeinen oder für einen Teil davon bestimmt und hat keinen vertrau- lichen Charakter, selbst wenn es auf individuellen Wunsch hin ausgestrahlt wird und ungeachtet der für seine Ausstrahlung angewandten Technik, einschließlich der sog. Point-to-Point-Technik, die früher für den Rundfunk nicht angewandt wurde. Eine Dienstleistung, die individualisierte und durch eine Form der Vertraulichkeit gekenn- zeichnete Information liefert, gehört hingegen nicht zum Rundfunk.“ Nach dieser Definition können Dienste wie interaktive Fernsehprogramme, VoD, nicht-lineare audiovisuelle Dienste, im Internet angebotene Radio- oder Fernsehprogramme etc. als Rundfunk qualifiziert werden und unterliegen damit der Zuständigkeit der Gemeinschaften. Nicht die verwendete Technologie, sondern sowohl die Intention des Senders als auch der Grad der Vertraulichkeit der angebotenen Information sind die ausschlaggebenden Faktoren. Dennoch bleiben einige Fragen ungelöst. So ist die Bedeutung des Begriffs „Rundfunk- programm“ nicht eindeutig geklärt, weil die Verweisung auf den Begriff des Rundfunkveranstalters in den jeweiligen Rundfunkgesetzen hier zu einem Zirkelschluss führt. 215 (1) Flämische Gemeinschaft Nach der neueren Rechtsprechung des Verfassungsgerichts umfasst der bereits im flämischen Rundfunkgesetz von 1995 enthaltene Begriff der „Fernseh- dienste“ nunmehr u. a. auch Dienste, die bislang dem Kompetenzbereich des Bundesstaats zugeordnet waren. Beispiele für Fernsehdienste im Sinne von Art. 60 des flämischen Rundfunkgesetzes von 2005 sind (Near-)Video-on- Demand, Pay-per-View, EPGs, Fernunterrichtsprogramme und Webcasting. (2) Französische Gemeinschaft Ungeachtet der neuen Terminologie, welche im französischen Rundfunkgesetz von 2003 für die Adressaten der Vorschriften verwendet wird, entsprechen die Dienstekategorien mehr oder weniger denen des alten Gesetzes von 1987. Hinzuweisen ist allerdings auf den (Ober-) Begriff der „Fernsehdienste“, für welchen das Rundfunkgesetz von 2003 jedoch keine exakte Definition oder Beschreibung enthält. Es handelt sich um die allgemeine, übergreifende Kate- gorie, der alle Dienste zuzurechnen sind, die nicht einen speziellen Typ eines Fernsehdienstes darstellen. EPG-Dienste fallen bspw. in diese Kategorie. (3) Bundesstaat (a) Dienste der Informationsgesellschaft Durch das bundesstaatliche eCommerce-Gesetz von 2003, d. h. nach der Ent- scheidung des Verfassungsgerichts vom 6. November 2002, wurde der Begriff der „Dienste der Informationsgesellschaft“ in das belgische Recht eingeführt. In einer Entscheidung zu diesem Gesetz hielt das Verfassungsgericht an seiner weiten Auslegung des Rundfunkbegriffs fest und stellte klar, dass der Begriff „Dienste der Informationsgesellschaft“ im Sinne des eCommerce-Gesetzes so auszulegen sei, dass er Rundfunkdienste, welche der Zuständigkeit der Gemein- schaften unterliegen, nicht erfasse (wie bspw. VoD). (b) Elektronische Kommunikationsdienste Das bundesstaatliche Gesetz zur elektronischen Kommunikation vom 13. Juni 2005 zur Umsetzung des EU-Richtlinienpakets zur elektronischen Kommunika- tion führte den Begriff der elektronischen Kommunikationsdienste ein. bb) Adressaten Wesentliche Änderungen im Hinblick auf die Adressaten der Mediengesetz- gebung haben sich in der französischen Gemeinschaft ergeben. Neue Rechts- begriffe wurden dort in das Rundfunkgesetz von 2003 eingeführt, die sich auf die verschiedenen Kategorien von Teilnehmern am Wertschöpfungsprozess im Rundfunk bezogen, um den Rechtsrahmen zukunftsoffener zu gestalten und an die konvergente Wirklichkeit anzupassen. Das Gesetz ist „horizontal“ in ver- 216 schiedene Regelungsabschnitte unterteilt, die auf eine der folgenden Kategorien von Teilnehmern angewendet werden: – die Verleger/Herausgeber von Rundfunkdiensten (oder Inhalteanbieter); – die Verbreiter von Rundfunkdiensten (oder Diensteanbieter); – die Netzwerkbetreiber (oder Netzwerkanbieter). In der Praxis üben Marktteilnehmer häufig mehrere der zuvor beschriebenen Funktionen gleichzeitig aus, so dass sie mehr als einer der drei Kategorien unterfallen. Der flämische Privatfernsehsender VMMa ist bspw. zugleich Ver- leger/Herausgeber und Anbieter von Rundfunkdiensten (Verbreiter), aber kein Netzwerkbetreiber, da er keine eigenen Übertragungseinrichtungen besitzt. Diese horizontale Unterteilung in Belgien soll jedoch nicht als Ersatz, son- dern als Ergänzung des (bisherigen) vertikalen Ansatzes fungieren. Solange das Verfassungsrecht bei der Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Bundes- staat und Gemeinschaften an den Sektorengrenzen zwischen Rundfunk und Telekommunikation anknüpft, werden sich die Teilnehmer auf dem belgischen Markt für elektronische Kommunikation auch einer vertikalen Aufteilung der rechtlichen Rahmenbedingungen ausgesetzt sehen. c) Vereinbarkeit mit europäischem Recht Seit dem Urteil des belgischen Verfassungsgerichts von 2002 stimmt der Begriff der Veranstaltung von Fernsehen im nationalen Kontext nicht mehr mit dem auf europäischer Ebene überein. Er umfasst bestimmte Dienste, die aus euro- päischer Sicht als Dienste der Informationsgesellschaft einzuordnen wären. Als Beispiele sind hier Video-on-Demand oder die Verbreitung von Fernseh- programmen über das Internet anzuführen: Da die audiovisuellen Inhalte über eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung übertragen werden (d. h. nicht zum simultanen Empfang durch die Allgemeinheit), fallen diese Dienste in den Anwendungs- bereich der eCommerce-Richtlinie, obwohl sie in Belgien als Rundfunkdienste eingestuft werden. d) Künftige Reformvorhaben In der flämischen Gemeinschaft ist der Entwurf eines umfassendes Regelungs- konzepts für „jede Form der elektronischen Verbreitung audiovisueller Inhalte“ angedacht, das zwischen linearen und nicht-linearen Diensten unterscheidet – wobei die Erstgenannten strengeren Regeln unterliegen sollen. Dem horizontalen Ansatz gemäß, wie er auch im Rundfunkgesetz der französischen Gemeinschaft von 2003 umgesetzt wurde, werden sich die Vorschriften voraussichtlich an den verschiedenen Funktionen in der Wertschöpfungskette orientieren: Inhalte- anbieter, Diensteanbieter und Netzwerkbetreiber. Jedoch wird auf politischer 217 Ebene dafür plädiert, mit dieser Modernisierung zu warten, bis die ersten Vorschläge zur Revision der Fernsehrichtlinie eine gewisse Konkretisierung und Stabilisierung erfahren haben. e) Ergebnis Das belgische Verfassungsgericht hat durch sein Verständnis des Rundfunk- begriffes, welches die Gesetzgeber anschließend ihren neugefassten Gesetzes- texten zugrunde legten, die – häufig geforderte – technikneutrale Inhalteregulie- rung Realität werden lassen. Als Reaktion auf die zunehmende Konvergenz wurde die Differenzierung nach verschiedenen Angebotsformen innerhalb der Massenkommunikation praktisch aufgehoben. Damit ist das belgische Medien- recht ein Stück weit „radikaler“ als die auf der Ebene des Gemeinschaftsrechts vorgesehenen Änderungen, die eine abgestufte Regelungsdichte für lineare und nicht-lineare Dienste vorsehen. 218 III. Frankreich Der Beitrag basiert auf einem von Rechtsanwalt DR. PASCAL KAMINA (außer- ordentlicher Professor an der Universität von Poitiers) im Auftrag der Autoren verfassten Länderbericht. 1. Hintergrund a) Technische und wirtschaftliche Entwicklung der Medien in Frankreich Im Folgenden soll zwischen Digitalfernsehen (aa), breitbandigem Internet- zugang (bb), Mobilfunktechnologie der dritten Generation (cc) und PCs (dd) differenziert werden. aa) Digitalfernsehen Nach heutigem Stand nutzen 40 % der französischen Bevölkerung ein meist digitales Mehrfachkanal-Angebot über Satellit (1), Kabel (2), digitales terrestri- sches Fernsehen (3) oder ADSL (4). (1) Satellit In Frankreich teilen zwei konkurrierende digitale Direct-to-Home-Satelliten- plattformen den Satellitenübertragungsmarkt unter sich auf: CanalSatellite (in- zwischen CanalSat) und TPS. Der Marktführer CanalSat, der das SES/Astra- Satellitensystem verwendet, hat 1992 eine analoge Direktempfangsplattform gestartet. Diese war und ist eine Tochterfirma der Canal+-Gruppe, der führen- den Bezahlfernsehbetreiberin in Frankreich. 1996 wurde daraus die erste digitale DTH-Plattform Europas. TPS (Télévision Par Satellite) wird über Eutelsat übertragen und entstand 1997 als Gemeinschaftsunternehmen anderer wichtiger Akteure aus dem audiovisuellen Sektor, nämlich TF1, M6, Suez, France Télé- vision und France Télécom. TPS wurde von Anfang an ausschließlich digital betrieben. CanalSatellite überschritt im Januar 2005 die Marke von drei Millionen Abonnenten (gegenüber zwei Millionen im Jahr 2002). Im Juni 2005 meldete TPS 1,351 Millionen Abonnenten (gegenüber 1,1 Millionen im Jahr 2002). Es ist ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den beiden Plattformen entstanden. Aufgrund der Investitionen von Canal+ in Themenkanäle war TPS zu dem gleichen Vorgehen gezwungen, um ein vollständiges Angebot bereitstellen zu können. Der Zuschauerkreis beider Plattformen ist in gewisser Hinsicht durch Exklusivangebote der jeweils anderen Plattform oder durch das Vorhandensein bestimmter Kanäle auf beiden Plattformen eingeschränkt. 219 (2) Kabelübertragung Das Scheitern des französischen „Plan Câble“, mit dem in den frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Entwicklung von Kabelnetzen in Frankreich vorangetrieben werden sollte, ist die Ursache für die begrenzte Verbreitung von Kabelanschlüssen in Frankreich. Der französische Markt für Kabelfernsehen wird hauptsächlich von vier großen Betreibern beherrscht: Noos (vormals Lyonnaise Câble, ein Suez-Unter- nehmen welches die einzige Kabellizenz in Paris inne hat, France Télécom Câble (eine France-Télécom-Tochter), NC Numéricâble (eine Canal+-Tochter) und UPC France. Ungefähr 8,9 Millionen Haushalte sind 2005 angeschlossen – gegenüber 11,9 potenziell angeschlossenen Haushalten in den Gebieten, für die Konzessionen vergeben sind. Es gibt 3,78 Millionen Abonnenten für ein „Rundum-Angebot“ (Fernsehen und/oder Internetzugang und/oder Telefon). Die Kabelbetreiber haben die notwendigen Investitionen gemacht, um Digital- fernsehen in den meisten ihrer Netze anbieten zu können. Bis dato haben 989.490 Haushalte Digitalfernsehen abonniert. Digitales Fernsehen ist in über 92 % der Kabelnetze erhältlich (8,17 Millionen angeschlossene Haushalte). (3) Digitales terrestrisches Fernsehen Mit dem Gesetz vom 1. August 2000 zur Änderung des Gesetzes vom 30. Sep- tember 1986 über die Kommunikationsfreiheit (dem französischen Rundfunk- gesetz) wurde ein Lizenzvergabesystem für digitales terrestrisches Fernsehen eingeführt. Mit dieser Vergabe wurde Ende 2001 begonnen. Das digitale ter- restrische Fernsehen selbst startete dann am 31. März 2005 mit 14 frei zu emp- fangenden Programmen. Einige Pay-TV-Programme sollen demnächst folgen. Außerdem werden bald vier weitere frei empfangbare Programme auf Sendung gehen. Die französische Öffentlichkeit scheint das digitale terrestrische Fern- sehen positiv aufgenommen zu haben. Ende Juli 2005 waren 600.000 Decoder verkauft. Unter Berücksichtigung der mit DTT versorgten Gebiete (36 % der französischen Haushalte, das heißt 8,3 Millionen mit Fernsehgeräten ausgestat- tete Haushalte) liegt der Verbreitungsgrad etwas über 6 %404. Ziel der Regie- rung ist es, bis Ende 2006 85 % der Bevölkerung den Zugang zu digitalem terrestrischen Fernsehen zu ermöglichen. (4) Fernsehen über ADSL Anfang 2005 kamen drei Anbieter mit Angeboten für Fernsehen über ADSL auf den Markt: Free TV, CanalSat und TPS. Inzwischen sind weitere Ange- bote von Telekommunikationsunternehmen (France Télécom) dazugekommen. Genaue Abonnentenzahlen dieser Betreiber sind derzeit noch nicht bekannt. 220 404 Quelle: Ministerium für Kultur. Allerdings hat eine Umfrage der ART ergeben, dass 2 % der Franzosen an- geben, über Zugang zu Fernsehen über ADSL zu verfügen. Dies ist ein erheb- licher Anteil in Anbetracht der Tatsache, dass diese Zugangsform sehr neu ist.n bb) Breitbandiger Internetzugang 1998 hatten nur 4 % der Franzosen Internetzugang von zu Hause aus. Sechs Jahre später ist einer von zwei Franzosen mit dem Medium Internet vertraut und mehr als einer von Dreien hat zu Hause Internetzugang. Der Anteil der damit Ausgestatteten an der erwachsenen Bevölkerung erhöhte sich von 30 % auf 35 % innerhalb nur eines Jahres (2003 bis 2004). Das Wachstum des Breit- band-Internet-Marktes ist enorm. Die Anzahl der Breitband-Kunden wuchs 2002 und 2003 um 100 % und lag am 31. Dezember 2003 bei 3,5 Millionen. Mehr als jede zweite Internetverbindung ist eine ADSL- oder Breitbandkabel- Verbindung (55 %). Nach Angaben der ART verdoppelt sich die Anzahl der Verträge über breitbandigen Internetzugang jedes Jahr405. 92 % der Breitband- verbindungen sind ADSL-Verbindungen 7 % sind Kabelverbindungen. Die Verwendungszwecke von breitbandigem Internetzugang sind mannig- faltig und haben sich mit der starken Verbreitung unbegrenzten Breitband- zugangs fortentwickelt. Eine 2003 von der ART406 durchgeführte Studie hat neue Nutzungsformen nachgewiesen, insbesondere unter jüngeren Nutzern, darunter vor allem das Herunterladen von Musiktiteln, Videoclips und Online- Spielen. Seit 2003 machen die französischen Anbieter „Triple Play“-Angebote, die breitbandigen Internetzugang, Internettelefonie und Zugang zu audiovisuel- len Inhalten (Fernsehen und Video-on-Demand) umfassen. cc) Mobiltelefonie der dritten Generation Das Jahr 2004 brachte neuen Schub für die Verbreitung von Mobiltelefonen. Im Juni 2004 hatten 68 % der über 18-Jährigen ein Mobiltelefon, im Jahr zuvor hatte dieser Anteil bei 64 % gelegen.407 2004 gaben 8 % der Nutzer an, ihr Mobiltelefon auch zum Surfen im Internet zu nutzen (gegenüber 5 % im Jahr 2003). Der Anteil derjenigen, die E-Mails auf ihrem Mobiltelefon emp- fangen, stieg von 4 % auf 6 %. Die Mobilfunktechnologie der dritten Genera- tion (3G) wurde in Frankreich gerade auf den Markt gebracht. Da die ersten kommerziellen Angebote erst seit 2004 existieren, sind derzeit noch keine offiziellen Statistiken über diese Dienste erhältlich. 221 405 www.art-telecom.fr/observatoire/ internet / index_internet.htm. 406 Studie über die Verbreitung der Informationstechnologien in Frankreich (2004), durchgeführt vom CREDOC (Centre de Recherche pour l’Etude et l’Observation des Conditions de Vie), und in Auftrag gegeben durch den Conseil Général des Technologies de l’Information (Ministère de l’Economie, des Finances et de l’Industrie) und die ART. 407 Ibid. dd) Computer Die Verbreitung von PCs steigt kontinuierlich. Im Juni 2004 war ein Anteil von 50 % unter der erwachsenen Bevölkerung erreicht (gegenüber 46 % im Jahr 2004 und 39 % im Jahr 2003). Wie sich aus den Kaufabsichten der Fran- zosen schließen lässt, wird sich diese Tendenz 2005 noch verstärken. b) Übergreifendes Konzept der Regulierung Bis vor kurzem entsprachen die beiden separaten Termini der audiovisuellen Kommunikation (communication audiovisuelle) und der Telekommunikation zwei verschiedenen Regulierungsblöcken, die jeweils auf unterschiedlichen Instrumenten basierten – für die audiovisuelle Kommunikation vor allem das Gesetz vom 30. September 1986 und für die Telekommunikation das Gesetz- buch über Post und Telekommunikation –, und von unterschiedlichen Regulie- rungsbehörden angewandt wurden: dem Conseil Supérieur de l’Audiovisuel (CSA, die Rundfunkaufsichtsbehörde) für die audiovisuelle Kommunikation und der Autorité de régulation des télécommunications (ART, mittlerweile ARCEP) für Telekommunikation. Trotz aller Konvergenz der Netze und Inhalte blieb die Regulierung getrennt. Diese Trennung lässt sich mit den verschiede- nen Regulierungszielen der jeweiligen Instrumente und Behörden erklären. Die Rolle des CSA besteht insbesondere darin, die Rundfunkfreiheit in Frank- reich zu garantieren und zu fördern. Das Gesetz vom 30. September 1986 ver- leiht dem CSA in dieser Hinsicht weitgehende Zuständigkeiten, darunter die Achtung der Medienvielfalt, die Sicherstellung der Wahrhaftigkeit von Informa- tionen, die Vergabe von Sendezeiten in Wahlkämpfen, die Frequenzvergabe, die Überwachung der an Hörfunk- und Fernsehsender vergebenen Frequenzen, die Achtung der Menschenwürde, die Einhaltung der Unschuldsvermutung und der Jugendschutz in den Medien. Im Gegensatz dazu war und ist die Aufgabe der ART beschränkt auf Infrastruktur- und Wettbewerbsfragen und erstreckt sich nicht auf die Regulierung von Inhalten. Der rechtliche Rahmen für die audiovisuelle Kommunikation wurde kürz- lich in Reaktion auf die Konvergenz und den neuen EU-Rechtsrahmen für elektronische Kommunikation modifiziert. Im Einzelnen wurden das Gesetz Nr. 2004-575 vom 21. Juni 2004 „über das Vertrauen in die digitale Wirtschaft“ (Loi pour la confiance dans l’économie numérique, LCEN) und das Gesetz Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004 „über elektronische Kommunikation und audio- visuelle Kommunikationsdienste“ verabschiedet, durch die eine neue und ver- hältnismäßig komplexe Terminologie geschaffen wurde. Im Hinblick auf Inhalte bleibt es bei der früheren Unterscheidung zwischen „audiovisuellen Kommunikationsdiensten“ und „Telekommunikationsdiensten“ (jetzt elektronische Kommunikationsdienste), allerdings mit den entsprechenden 222 Anpassungen bei den Kompetenzen der betroffenen Behörden. Allerdings gibt der Gesetzgeber jetzt einen harmonisierten Rechtsrahmen für alle elektroni- schen Kommunikationsnetze, gleich ob audiovisuell oder nicht, vor. Nach französischem Recht ist eine der grundlegenden Quellen für das Kom- munikationsrecht und somit auch für das Recht der audiovisuellen Kommunika- tion in der Deklaration der Menschenrechte und Bürgerrechte vom 26. August 1789 zu erblicken, deren Art. 11 vorsieht, dass „der freie Austausch von Ge- danken und Meinungen eines der unschätzbarsten Rechte der Menschheit“ darstellt und dass „jeder Bürger frei sprechen, schreiben und drucken kann, außer in den gesetzlich bestimmten Fällen des Missbrauchs dieser Freiheit“. Nach einer Entscheidung des französischen Verfassungsgerichtes (Conseil Con- stitutionnel) vom 16. Juli 1971 hat diese Freiheit, wie die anderen Rechte aus der Deklaration, Verfassungsrang. Allerdings wird diese Freiheit nicht schrankenlos gewährt. In seiner Ent- scheidung vom 27. Juli 1982408 führt das Verfassungsgericht aus: „Es ist Sache des Gesetzgebers, entsprechend dem gegenwärtigen Stand der Technik und ihrer Kontrollmöglichkeiten, die Ausübung der Kommunikationsfreiheit einerseits mit den technischen Zwängen, die den audiovisuellen Kommunikationsmitteln inne wohnen, und andererseits mit den Zielen von Verfassungsrang wie der Wahrung von Recht und Ordnung, die Achtung der Freiheiten anderer und die Bewahrung der Vielfalt der soziokulturellen Strömungen des Ausdrucks, zu denen diese Arten der Kommunika- tion aufgrund ihres erheblichen Einflusses Anlass bieten können, abzuwägen.“ Diese Grundsätze werden ebenso durch das Gesetz Nr. 86-1067 vom 30. Sep- tember 1986 hochgehalten, das sogar schon im Titel die Bedeutung der Kom- munikationsfreiheit betont. Bis zum In-Kraft-Treten des Gesetzes Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004 bestätigte das Gesetz vom 30. September 1986 in Art. 1: „Die audiovisuelle Kommunikation ist frei“. Mittlerweile lautet die Formulierung: „Die Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit mit elektronischen Mitteln ist frei.“ Die neue Formel ist zweifels- ohne weniger elegant und kann zu Verwirrung führen, da sie nicht mit den neuen Definitionen übereinstimmt, die das Gesetz vom 21. Juni 2004 vorgibt. Dennoch umfasst es die audiovisuelle Kommunikation gemäß ihrer neuen Definition aus diesem Gesetz. Wie zuvor ist vorgesehen, dass „die Ausübung dieser Freiheit nur im er- forderlichen Ausmaß eingeschränkt werden kann, zum einen aufgrund der Achtung der Menschenwürde, der Freiheit und des Eigentums anderer, der Vielfältigkeit des Ausdrucks der Strömungen von Gedanken sowie Meinungen und zum anderen aufgrund des Schutzes des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen,409 aufgrund der Wahrung der öffentlichen Ordnung, aufgrund 223 408 B082–141: ABl. 29. Juli 1982, S. 2423. 409 Satz eingefügt durch Gesetz Nr. 2004-575 vom 21. Juni 2004. von Erfordernissen der nationalen Sicherheit, des öffentlichen Dienstes, der technischen Zwänge, die den Kommunikationsmitteln eigen sind, und dem Bedürfnis, für audiovisuelle Dienste410 eine nationale Industrie für die audio- visuelle Produktion zu entwickeln“. 2. Frühere Rechtslage Wie erwähnt entsprechen die beiden getrennten Konzepte der audiovisuellen Kommunikation (communication audiovisuelle) und der Telekommunikation zwei Regulierungsblöcken, die jeweils auf eigene Rechtsinstrumente gründen und von unterschiedlichen unabhängigen Regulierungsbehörden angewandt werden, dem CSA für audiovisuelle Kommunikation und der ART (inzwischen ARCEP) für Telekommunikation. a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienstekategorien aa) Allgemeine Darstellung der Rechtslage vor den Gesetzen vom 21. Juni 2004 und 9. Juli 2004 (1) Entwicklung der Medienregulierung Die Regulierung audiovisueller Kommunikation unterlag in den letzten 30 Jah- ren erheblichen Veränderungen. Diese Veränderungen waren nur schwierig umzusetzen und wurden meist durch die technologische Entwicklung und durch Entwicklungen im Bereich des internationalen Rechts, insbesondere des EU-Rechts, ausgelöst. Das staatliche Rundfunkmonopol hatte in Frankreich lange Zeit Bestand. Das ehemalige Office de radiotélévision française (eine mit Rundfunk betraute öffentlich-rechtliche Körperschaft) wurde 1974 zerschlagen, so dass schließ- lich drei staatliche Fernsehprogramme aus ihm hervorgingen: TF1, Antenne 2 und FR3. Endgültig aufgehoben wurde das Monopol fast zehn Jahre später durch das Gesetz Nr. 82-652 vom 29. Juli 1982 über audiovisuelle Kommunika- tion. Da sich die Kontrolle von Fernsehveranstaltern durch den Staat als in technischer Hinsicht schwierig und in politischer Hinsicht unerwünscht erwies, schuf das Gesetz vom 29. Juli 1982 eine hohe Behörde für den audiovisuellen Bereich, eine unabhängige Verwaltungsbehörde, die Sendelizenzen vergab, die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Kanäle ernannte und die Einhaltung des Medienrechts überwachte. Die ersten privaten Fernsehsender entstanden unter diesem Regime. Canal+, der erste landesweit verbreitete analoge Kanal, wurde 1984 aus der Taufe gehoben. Kurz darauf folgten die ersten Privatsender im Kabel. Erst 1984 wurde Werbung für private Lokalradios erlaubt. Zwei weitere 224 410 Begriffe eingeführt durch das Gesetz Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004. private landesweit verbreitete Sender, La Cinq und TV6, entstanden im Jahr 1986. Das Gesetz von 1982 wurde teilweise durch das Gesetz Nr. 86-1067 vom 30. September 1986 „über die Kommunikationsfreiheit“ aufgehoben. Das neue Gesetz ersetzte das alte, nach dem Konzessionsprinzip funktionierende System durch ein Ausschreibungssystem. Daneben wurden spezielle Fusionskontroll- vorschriften eingeführt. Ferner wurde die Haute Autorité durch eine andere unabhängige Verwaltungsbehörde ersetzt, die Commission nationale de la communication et des libertés (CNCL). Die Privatisierung von TF1 und die Gründung von M6 fanden dann im Jahre 1987 statt. Die Vorschriften des Gesetzes vom 30. September 1986 wurden später in der Folge der Präsidentschaftswahlen 1988 durch die Gesetze Nr. 89-25 vom 17. Januar 1989, Nr. 89-532 vom 2. August 1989, Nr. 89-935 vom 29. Dezem- ber 1989, Nr. 90-55 vom 15. Januar 1990 und Nr. 91-645 vom 10. Juli 1991 modifiziert. Das Gesetz vom 17. Januar 1989 führte den CSA ein, der die CNCL ersetzte. Das Gesetz Nr. 96-299 vom 10. April 1996 über Experimente im Bereich der Informationstechnologien und -dienste ermöglichte die Einfüh- rung von Feldversuchen, die den Weg für das zukünftige digitale terrestrische Fernsehen ebneten. Eine weitere tiefgreifende Reform des Sektors wurde durch das Gesetz Nr. 2000-719 vom 1. August 2000 in die Wege geleitet, welches insbesondere den rechtlichen Rahmen für das digitale terrestrische Fernsehen festlegte. Das Gesetz Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004 über elektronische Kommunika- tion und audiovisuelle Kommunikationsdienste enthielt Ergänzungen zu diesem Rahmen, dessen vollständige Ausgestaltung noch immer im Gange ist. (2) Allgemeiner Rechtsrahmen für Hörfunk- und Fernsehveranstalter Der alte rechtliche Rahmen war auf Hörfunk- und Fernsehveranstalter auf klassischen Übertragungsplattformen anwendbar, also analog-terrestrisch, Satel- lit und Kabel. Er kann wie folgt zusammengefasst werden: Der CSA war (und ist) zuständig für die Vergabe von Sendelizenzen an private Fernsehunternehmen und UKW- und Mittelwellenradios. Die Vergabe dieser Lizenzen erfolgt in Abhängigkeit vom Abschluss eines Übereinkommens zwischen dem CSA und dem Veranstalter (conventionnement), welches die Pflichten, die auf diesen speziellen Dienst anwendbar sind, festlegt. Diese Regeln gelten insbesondere im Bereich von Werbung, Sponsorship, Produktion und Sendung von Film- und Fernsehproduktionen und des Jugendschutzes. Auch für privaten Satellitenrundfunk muss ein derartiges Übereinkommen ab- geschlossen werden, wenn die Veranstalter nicht bereits über ein solches für ihre Aktivitäten im Bereich des terrestrischen oder des Kabelfernsehens ver- fügen. Seit 1997 müssen Veranstalter aus EU-Ländern, die in französischen Kabelnetzen verbreitet werden möchten, lediglich eine entsprechende vor- 225 herige Erklärung beim CSA einreichen. Die Verpflichtungen von öffentlich- rechtlichen Rundfunkanstalten sind in einem Pflichtenheft (cahier des charges et des missions) festgelegt, welches per Dekret erlassen wird und ihre Pflichten ebenso wie ihren öffentlich-rechtlichen Sendeauftrag festschreibt. Das Lizenzierungsverfahren für private nationale, regionale oder lokale Fernsehstationen, die über analog-terrestrische Kanäle verbreitet werden, und für UKW- und Mittelwellenradios ist weitestgehend ähnlich und beginnt mit der Veröffentlichung einer Aufforderung zur Abgabe von Interessenbekundun- gen. Es wird eine Liste von zugelassenen Anwärtern erstellt und dann eine engere Auswahl veröffentlicht. Gleichzeitig erstellt der CSA eine Liste der Frequenzen, die zugewiesen werden können (diese Frequenzen werden mit der Ausschreibung veröffentlicht), die Lizenzen werden für eine Höchstdauer von zehn Jahren bei Fernsehdiensten (sie können zweimal durch den CSA verlängert werden, unabhängig von der Interessenbekundung) und für maximal fünf Jahre an private Radiosender (ebenfalls zweimal um fünf Jahre verlänger- bar ohne eine weitere Bewerbung) vergeben. Der CSA überwacht die Aktivitäten im Rundfunksektor, um die Einhaltung der den Veranstaltern auferlegten Verpflichtungen und der Prinzipien des Ge- setzes über die Kommunikationsfreiheit (Vielfalt und Wahrhaftigkeit von Infor- mationen, Sendequoten, Produktionsverpflichtungen, Jugendschutz, Werbung, Sponsoring, Teleshopping und Förderung der französischen Sprache) zu sichern. Der CSA kann Bußgelder verhängen, wenn er zu der Überzeugung gelangt, dass private oder öffentlich-rechtliche Veranstalter ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sind. Der CSA gibt außerdem Stellungnahmen und Empfeh- lungen heraus und führt Studien durch. Er kann auch vom Conseil de la con- currence (der Wettbewerbsbehörde) zu wettbewerbswidrigem Verhalten oder zu Unternehmenszusammenschlüssen konsultiert werden. Nach alter Gesetzeslage fielen Internetfernsehen und Internetradios nicht in den Zuständigkeitsbereich des CSA und waren auch keinem Lizenzierungs- oder Zulassungsverfahren unterworfen. Des Weiteren waren die inhaltlichen Vorgaben des Medienrechts entsprechend den traditionellen Übertragungs- wegen für Rundfunk festgelegt (analog-terrestrisch, Satellit und Kabel) und schlossen daher Internetfernsehen und Internetradios nicht ein. Zu beachten ist, dass audiovisuelle Kommunikationsdienste, welche weder Fernsehen noch Hörfunk darstellten, bis 2000 grundsätzlich einem doppelten Anmeldeerfordernis unterlagen, nämlich gegenüber der allgemeinen Verwal- tung (prefecture) und gegenüber dem CSA (Art. 43 des Gesetzes vom 30. Sep- tember 1986). Der CSA erklärte dieses Erfordernis, welches ursprünglich für Teletext und Bildschirmtext vorgesehen war, für auch auf Internetseiten und -foren anwendbar. In der Praxis wurden diese Anmeldungen aber nicht durch- geführt, und die Vorschrift wurde auch nicht behördlich durchgesetzt. Gänzlich abgeschafft wurde sie dann durch das Gesetz Nr. 2000-719 vom 1. August 2000. 226 Das Gesetz Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004 hob das Lizenzerfordernis für Fernseh- und Hörfunkveranstalter nicht auf. Bis auf kleine Änderungen be- stehen Lizenzierungserfordernisse für diejenigen Dienste fort, die auch früher von Lizenzen abhängig waren. Die wichtigste Änderung, die das neue Gesetz mit sich brachte, war allerdings die Ausdehnung des Lizenzerfordernisses und der Kompetenz zur Überwachung der Inhalte auf Dienste, die über neue Über- tragungswege verbreitet werden, wie Internet oder Mobilfunk. (3) Rechtsrahmen für den Betrieb von Kabelnetzen Der CSA war zudem für die Vergabe von Lizenzen an Kabelnetzbetreiber zuständig. In einer ersten Phase wurden diese Netze von Städten betrieben oder autorisiert, entweder von einzelnen Städten oder von Verbünden. Diese Lizenzen hatten Laufzeiten von bis zu 30 Jahren und durften nur an Unter- nehmen, öffentliche Zusammenschlüsse oder an Wohnungsbaugesellschaften auf Antrag der Städte hin vergeben werden. Die Pflichten der Kabelnetz- betreiber als Erbringer von Dienstleistungen wurden in die durch den CSA vergebene Lizenz mit aufgenommen. Nach neuer Gesetzeslage sind Kabelnetze jetzt von den Regeln über die elektronischen Kommunikationsnetze mit erfasst und ihre Einrichtung und Nutzung fällt unter die Zuständigkeit der Behörde für elektronische Kommuni- kation, der ARCEP. Das Verbreiten der Dienste allerdings unterfällt den neuen, teilweise harmonisierten Regeln, welche auf Diensteanbieter Anwendung finden. (4) Andere audiovisuelle Dienste Unter dem alten Rechtsrahmen gab es zunächst keine allgemeinen Vorschriften für Anbieter von Hörfunk- oder Fernsehdiensten, die unabhängig von der Ver- breitungsplattform galten. Das Gesetz Nr. 2000-719 vom 1. August 2000 er- streckte das Regime, das auf „Diensteerbringer“ (von audiovisueller Kom- munikation) anwendbar war, auf digitales terrestrisches Fernehen und auf Satellitenübertragung nach vorheriger Anmeldung beim CSA. (5) Conditional-Access-Systeme Das Regime für Conditional-Access-Systeme wurde durch das Gesetz vom 1. August 2000 mit dem neu eingefügten Art. 95 des Gesetzes vom 30. Sep- tember 1986 errichtet. Ziel dieser Norm ist die Verhinderung der Entstehung beherrschender Positionen in den Beziehungen zwischen Anbietern von Zu- gangskontrollsystemen für Pay-TV und Digitalfernsehen durch die Sicherstel- lung eines offenen Zugangs zu den Zugangskontrollsystemen. Die Varianten eines einzigen gesetzlich vorgeschriebenen Decoders mit allen Zugangskontroll- systemen oder eine Verpflichtung für Betreiber von Satellitenplattformen, mit dem übertragenen Signal sämtliche unterschiedlichen Zugangskontrolldaten und -software zu übertragen, wurden verworfen. Die Definition des Zugangs- 227 kontrolldienstes in Art. 95 des Gesetzes umfasst sowohl Decoder für Kabel- als auch für Satellitenempfang. Art. 95 des Gesetzes vom 30. September 1986 sieht vor, dass Anbieter von Zugangsberechtigungssystemen „den Anfragen von Anbietern oder Chefredakteuren von digitalen Fernseh- oder Radio- programmen unter gleichen, angemessenen, vernünftigen und nicht diskriminierenden Bedingungen nachkommen, soweit diese sich auf für den Empfang ihres Angebotes durch die berechtigte Öffentlichkeit notwendigen technischen Informationen beziehen.“n Darüber hinaus wird der Zugang der Herausgeber digitaler Dienste zu der existierenden Palette von Decodern garantiert.411 Art. 95 des Gesetzes stellt auch sicher, dass Kabelbetreiber über die Mittel verfügen, ein eigenes kommer- zielles Angebot zu entwickeln, indem sie Zugangskontrollsysteme verwenden, welche sich von denen der Satellitenanbieter unterscheiden. Er sieht ferner vor, dass die Eigentümer von CA-Systemen ein technisches Verfahren ver- wenden müssen, welches es Kabelbetreibern unter angemessenen wirtschaft- lichen Bedingungen erlaubt, in dem von ihnen verwendeten Netz ihre Rund- funkdienste mit dem CA-System ihrer Wahl zu verbreiten. Ferner ist vorgeschrieben, dass die Vergabe einer Lizenz zur Entwicklung eines Conditional-Access-Systems an einen Anbieter digitaler Dienste unter gleichen, angemessenen und nicht diskriminierenden Bedingungen zu erfolgen hat. Ebenso dürfen Inhaber von Urheberrechten an technischen Systemen, welche den Empfang von digitalem Hörfunk oder Fernsehen ermöglichen, keine Lizenzen an Hersteller von Endgeräten vergeben, die zur Folge haben, dass die Anordnung oder Verbindung mehrerer Systeme dieser Art in einem Endgerät verhindert wird, wenn der Hersteller die Bedingungen für einen sicheren Betrieb aller Systeme garantieren will. Die Rechtevergabe muss unter gleichen, angemessenen und nicht diskriminierenden Bedingungen durchgeführt werden. Gegenwärtig sind keine Streitfälle zu diesen Regelungen zwischen ver- schiedenen Akteuren in den Märkten bekannt. Auch scheint der Markt für Empfangsgeräte davon nicht beeinträchtigt zu werden. (6) Telekommunikation Im Zuge der Umsetzung der europäischen Richtlinien in diesem Bereich öffnete das französische Gesetz vom 26. Juli 1996 zum 1. Januar 1998 den Tele- kommunikationssektor für den Wettbewerb. Von diesem Zeitpunkt an konnten Aktivitäten im Bereich der Telekommunikation frei ausgeübt werden. Die Durchführung aller erforderlichen rechtlichen, wirtschaftlichen und technischen 228 411 „Der Zugang zu jeglicher Palette digitaler Decoder wird zu gleichen, angemessenen und vernünftigen, nicht diskriminierenden Bedingungen jedem Betreiber oder Herausgeber von Hörfunk- oder Fernsehdiensten ermöglicht, der diesen nutzen möchte, um sein Angebot der berechtigten Öffentlichkeit zu übermitteln.“ Prozesse wurde durch den für die Telekommunikation verantwortlichen Minister einer unabhängigen Behörde überantwortet, der Autorité de Régulation des Télécommunications (ART), die am 5. Januar 1997 eingerichtet wurde. Die ART verfügt über bestimmte ausschließliche Zuständigkeiten und teilt sich einige Kompetenzen mit dem Telekommunikationsminister. Die Zuständig- keiten im Einzelnen: – die ART wird zu Gesetzentwürfen oder Entwürfen für Verwaltungsvor- schriften für den Telekommunikationssektor vorab konsultiert; – sie legt bestimmte Regeln technischer Art für den Betrieb von Netzen und Diensten fest, denen der Telekommunikationsminister zustimmen muss; – sie befasste sich im Auftrag des Ministers mit Anträgen auf Lizenzerteilun- gen für das Errichten und den Betrieb von Netzen, die für die Öffentlich- keit zugänglich sind, und ebenso mit Anträgen auf Lizenzen zum Betrieb öffentlicher Telefondienste. Um den neuen EU-Rechtsrahmen vor der Ver- abschiedung förmlicher Gesetze bereits umzusetzen, verzichtete die ART ab Juli 2003 auf das Lizenzerfordernis für Anbieter von Telekommunika- tionsdienstleistungen. Von diesem Zeitpunkt an führte sie ein Anmelde- verfahren ein. Der regulatorische Auftrag der ART war und ist auf Infrastruktur- und Wett- bewerbsfragen beschränkt, Befugnisse bei allein die Inhalte betreffenden An- gelegenheiten existieren nicht. Die ART gibt also keine Standards für die Inhalte der Telekommunikationsdienste vor, wie etwa der CSA beim Rundfunk. (a) Lizenz für öffentlich zugängliche Telekommunikationsnetze Die wichtigste Dienstekategorie war die Lizenz für „öffentlich zugängliche Netze“ gemäß Art. L.33-1 des Gesetzbuches über Post und Telekommunikation, auch „L.33-1-Lizenz“ genannt. Davon waren alle Telekommunikationsnetze erfasst, welche für ein Angebot an öffentlichen Telekommunikationsdiensten errichtet oder benutzt wurden. Die L.33-1-Lizenz wurde durch Ministerial- erlass nach Prüfung des Antrags durch die ART erlassen. Der Vorgang wurde dann der Kommission der ART vorgelegt und die Lizenz wurde entweder ver- weigert oder dem Ministerium zur Unterschrift vorgelegt. In der Praxis wurden alle vorgelegten Lizenzen vom Ministerium akzeptiert. Das Post- und Tele- kommunikationsgesetz sah eine Frist von drei Monaten vor, innerhalb derer die ART den Vorgang zu prüfen und dem Ministerium zuzuleiten hatte. Dieses musste dann innerhalb eines weiteren Monats entscheiden. Lizenzen konnten nur aus folgenden Gründen verweigert werden: – Gründe der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung oder der nationalen Sicherheit oder – aufgrund von Frequenzknappheit oder 229 – wenn der Antragsteller in technischer und finanzieller Hinsicht nicht in der Lage ist, die Verpflichtungen, die sich aus den Umständen seiner Aktivitäten ergeben, nachhaltig zu erfüllen, oder – wenn er schon strafrechtlich in Erscheinung getreten ist. Die Lizenzen wurden für einen Zeitraum von 15 Jahren vergeben. Netze durf- ten vor der Lizenzerteilung nicht ihren Betrieb aufnehmen. Die zugelassenen Betreiber mussten eine Gebühr für die Bearbeitung des Antrags entrichten, welche bei Lizenzerteilung fällig wurde, und eine jährliche Gebühr für die Verwaltung und Überwachung der Lizenz. Die Höhe der Gebühr richtete sich nach dem von dem Netz abgedeckten Gebiet. (b) Dienste der Informationsgesellschaft Die französische Regierung rief 1997 einen Aktionsplan für die Informations- gesellschaft ins Leben. Der Plan bestand (a) aus einem Programm für die Regulierung neuer Medien, welches insbesondere die Vorschriften des Gesetzes Nr. 2000-719 vom 1. August 2000 zur Änderung des Gesetzes Nr. 86-1067 vom 30. September 1986 über audiovisuelle Kommunikation, das spezielle Informationspflichten für Betreiber von Online-Kommunikationsdiensten und ein spezielles Haftungsregime für Betreiber von Hosting-Diensten vorsah, be- inhaltete, und (b) einem Programm für die Liberalisierung, insbesondere für Verschlüsselungssysteme. Ein umfassenderes Gesetz über die Informationsgesellschaft sollte dieses Konzept vervollständigen, indem es einen allgemeinen rechtlichen Rahmen für alle Internetaktivitäten vorgab. Nach langer Vorbereitungszeit wurde am 14. Juni 2001 ein Gesetzentwurf in das französische Parlament (die National- versammlung) eingebracht. Dieser enthielt bereits Vorschriften zur Umsetzung der Richtlinie 2000/31/EG vom 8. Juni 2000 über den elektronischen Ge- schäftsverkehr. Nach langwierigen Diskussionen wurde der Entwurf geändert und mündete schließlich in ein Gesetz Nr. 2004-575 vom 21. Juni 2004 „über das Vertrauen in die digitale Wirtschaft“ („Loi pour la confiance dans l’écono- mie numérique“), auch „LCEN“ genannt. bb) Definitionen und Betreiber unter der alten Gesetzeslage (1) Definitionen für Medieninhalte Wie erwähnt war ein Großteil des französischen Rundfunkrechts an den ver- schiedenen Übertragungswegen – analog-terrestrisch, digital-terrestrisch, Satellit und Kabel – ausgerichtet, obwohl die vormalige Definition des Begriffes der audiovisuellen Kommunikation, die lediglich auf Fernsehen und Hörfunk ver- wies, im Grundsatz unabhängig von dem Übertragungsweg war. Folglich ließen sich die speziell für diese Übertragungswege konzipierten Regeln gar nicht 230 oder nur unter Schwierigkeiten auf bestimmte Formen der audiovisuellen Kommunikation anwenden; dies galt insbesondere für audiovisuelle Online- Kommunikation (über das Internet). (a) Audiovisuelle Kommunikation Der Begriff der „audiovisuellen Kommunikation“ wurde durch Art. 2 des Ge- setzes vom 30. September 1986 definiert als „jedwedes durch einen Prozess der Telekommunikation ermöglichte Angebot von Zei- chen, Signalen, geschriebenen Dokumenten, Bildern, Geräuschen oder Botschaften sonstiger Art, die nicht als private Korrespondenz einzustufen sind, an die Öffentlich- keit oder Teile der Öffentlichkeit“. Diese Definition war sehr weit gefasst, und es wurden auch Dienste wie Inter- netseiten unter ihren Anwendungsbereich subsumiert. Deshalb waren solche Dienste im Grundsatz auch dem bereits beschriebenen Anmeldungsverfahren für Dienste, welche nicht dem Rundfunk zuzuordnen waren, unterworfen, die durch das Gesetz Nr. 2000-719 vom 1. August 2000 abgeschafft wurde. Den- noch war das Regelwerk, wie erwähnt, vor allem an (a) Hör- und Fernsehfunk (wie unten definiert) und (b) an solche Dienste, die per analoger Terrestrik, Satellit oder Kabel übertragen wurden, gerichtet. In der Praxis waren die Regeln nach alter Gesetzeslage über Lizenzierung und Inhalte daher nicht auf das anzuwenden, was man als „audiovisuelle Online-Kommunikation“ bezeich- nen könnte. Mit anderen Worten, es gab kein Lizenzerfordernis, und die Rege- lungen über Rundfunkwerbung waren für solche Dienste nicht anwendbar. Jedenfalls hatte der CSA nicht die erforderliche Kompetenz zur Kontrolle der Inhalte solcher Dienste. (b) Fernsehen, Hörfunk Die Begriffe „television“ oder „radiodiffusion sonore“ wurden im Gesetz vom 30. September 1986 zur Bezeichnung von Fernsehen und Hörfunk verwendet, aber nicht näher definiert. In mehreren Mitteilungen zu den Entwürfen der neuen Vorschriften schlug der CSA eine Definition ähnlich derjenigen vor, die schließlich auch angenommen wurde und die Dienste wie Near-Video-on- Demand einschloss, echtes Video-on-Demand aber ausschloss. Eine Einstufung als Fernsehen oder Hörfunk zieht die Anwendung der zahlreichen Verpflichtungen im Bereich der Lizenzierung, der Werbung, des Sponsoring, der Investitionen in audiovisuelle Produktion, des Sendens von Film- und Fernsehproduktionen etc., die für diese Dienste im französischen Recht gelten, nach sich. Und selbstverständlich hat der CSA die erforderlichen Kompetenzen, um den Inhalt dieser Dienste in Übereinstimmung mit den Grundsätzen aus dem Gesetz vom 30. September 1986 zu kontrollieren und gegebenenfalls zu sanktionieren. 231 (2) Definitionen zur Telekommunikation Nach alter Rechtslage richtete sich die Terminologie nach den Begrifflichkei- ten der „Telekommunikation“. Gemäß dem damals so bezeichneten Post- und Telekommunikationsgesetzbuch bedeutete der Begriff „Telekommunikation“m „jede Form von Übertragung oder Empfang von Zeichen, Signalen, Text, Bildern, Ton oder sonstigen Informationen über Draht, Glasfaser, Funk oder sonstige elektromagneti- sche Vorrichtungen“ (Art. 32). Diese Definition entsprach derjenigen in den Radiokommunikationsverord- nungen der ITU.412 „Telekommunikationsnetzinfrastruktur“ bedeutete „jede Form der Einrich- tung oder Gruppe von Einrichtungen, die entweder die Übertragung oder die Übertragung und den Leitungsweg von Telekommunikationssignalen und den damit verbundenen Austausch von Kontroll- und Betriebsinformationen zwischen Übergabeknoten sicherstellt“. „Telekommunikationsdienst“ ist ein „Dienst, welcher die Übertragung oder die Navigation von Signalen oder eine Kombination dieser Funktionen unter Verwendung von Telekommunikationsprozessen umfasst“. Das Gesetz legte fest, dass audiovisuelle Kommunikationsdienste nicht unter diese Definition fielen, soweit sie von dem Gesetz Nr. 86-1067 vom 30. September 1986 über die Kommunikationsfreiheit erfasst waren. Wie bereits erwähnt, erforderte der Betrieb von öffentlichen (Telekommuni- kations-)Netzen eine Lizenz nach dem oben beschriebenen Vergabeverfahren. Audiovisuelle Netze im Zuständigkeitsbereich des CSA waren von diesem Erfordernis ausgeschlossen, sofern sie nicht auch für öffentliche Kommunika- tionsdienste genutzt wurden; in diesem Fall galten dann wieder die Regeln über den Betrieb von öffentlich zugänglichen Telekommunikationsnetzen, soweit sie für Telekommunikationsdienste genutzt wurden. Auch für „öffentliche Telefondienste“, welche als Dienste, die in der „Über- tragung von direkter Echtzeit-Sprachtelefonie zwischen öffentlichen zusammen- geschalteten Telefonnetzen zur mobilen und ortsgebundenen Nutzung“ bestehen, definiert waren, war eine Lizenz erforderlich. Das Gesetz Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004 ersetzte den Ausdruck „Tele- kommunikation“ durch „elektronische Kommunikation“ in dem Gesetz vom 30. September 1986 und in allen Texten mit Bezug zur Telekommunikation. Das frühere Post- und Telekommunikationsgesetzbuch wurde also zum „Gesetz über die Post und über elektronische Kommunikation“. Außerdem wurde das Genehmigungsverfahren durch ein Anmeldeverfahren ersetzt. Audiovisuelle 232 412 Fassung von 1990, überarbeitet 1994 (Nummer S1.3). Ebenso in der Verfassung der Internationalen Fern- meldeunion (Genf, 1992) (CS 1012). Netze wurden ebenfalls in den neuen Rechtsrahmen für elektronische Kommu- nikationsnetze aufgenommen. b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben Die Legaldefinitionen für den audiovisuellen Bereich in Frankreich waren mit europäischem Recht und insbesondere mit den Vorschriften der Fernsehricht- linie vereinbar (zumal sie in vielerlei Hinsicht weiter gefasst waren). Im Telekommunikationsrecht mussten sowohl die Terminologie als auch das Genehmigungsverfahren geändert werden, um die Vereinbarkeit mit dem neuen EU-Rechtsrahmen für elektronische Kommunikation zu erreichen. c) Definition der Adressaten aa) Rundfunkveranstalter (Herausgeber von Fernseh- und Hörfunkdiensten) Das Gesetz vom 30. September 1986 enthält keine direkte Definition des Begriffes „Rundfunkveranstalter“. Allerdings ergibt sich aus dem Text des Gesetzes, dass die lizenz- und inhaltsbezogenen Verpflichtungen anwendbar sind auf „Herausgeber von Fernseh- und Hörfunkdiensten“, das heißt auf Ver- antwortliche für den redaktionellen Inhalt der Dienste. bb) Diensteanbieter Wie erwähnt gibt das Gesetz Nr. 2000-719 vom 1. August 2000 den Rechts- rahmen vor, welcher auf „Diensteanbieter“ Anwendung findet. „Dienste- anbieter“ werden in Art. 2-1 des Gesetzes vom 30. September 1986 definiert als: „jede Person, die mit Herausgebern von Diensten vertragliche Beziehungen eingeht mit dem Ziel, der Öffentlichkeit ein Angebot von analog-terrestrisch oder per Satellit oder Kabel übertragenen audiovisuellen Kommunikationsdiensten zu machen“. Ebenfalls unter den Begriff des Diensteanbieters fielen „alle Personen, die ein solches Angebot erstellen, indem sie in vertragliche Beziehungen mit anderen Anbietern eintreten“. Das auf die Anbieter anwendbare Recht wurde in Abhängigkeit von der jeweiligen Übertragungsplattform festgelegt: – Als Diensteanbieter unterlagen die Kabelnetzbetreiber bestimmten Ver- pflichtungen (Übertragungsverpflichtungen, sonstige Verpflichtungen im öffentlichen Interesse, Begrenzungen der Kontrolle über die verbreiteten Programme) im Zusammenhang mit ihrer Lizenz. – Für Anbieter von Satellitenplattformen – definiert als Anbieter, die „der Öffentlichkeit ein Angebot von audiovisuellen Kommunikationsdiensten, 233 inklusive Radio und Fernsehen, zur Verfügung stellen“ – galt kein Lizenzie- rungserfordernis, aber sie mussten eine Anmeldung beim CSA einreichen, welche unter anderem eine Beschreibung der Struktur ihres Angebotes ent- hielt, insbesondere bezogen auf bestimmte Must-Carry-Regeln und Vor- schriften über die Kontrolle der angebotenen Kanäle (Gesetz vom 30. Sep- tember 1986, Art. 34-2). – Anbieter von digitalem terrestrischen Fernsehen mussten ebenfalls ein An- meldungsverfahren durchlaufen. Der CSA war berechtigt, Streitigkeiten zwischen Kanälen und Anbietern hinsichtlich dieser Plattform zu schlichten (allerdings hatte die Wettbewerbsbehörde ein Zugriffsrecht bei wettbewerbs- rechtlichen Angelegenheiten). cc) Multiplexbetreiber Die Betreiber von Multiplexen für digitales terrestrisches Fernsehen waren einem Genehmigungsverfahren unterworfen, wobei den Anbietern der in dem Multiplex zu verbreitenden Programme ein Vorschlagsrecht hinsichtlich des Betreibers zukam. Der CSA war berechtigt, Streitigkeiten zwischen Veranstal- tern in einem Multiplex auf Veranlassung des Multiplexbetreibers zu schlichten. dd) EPGs Für EPGs, d. h. „Fernseh“-dienste, deren Programmierung vollständig aus einem Programmführer für andere Fernsehdienste besteht413, waren keine spezifischen Regeln in dem Gesetz über die Kommunikationsfreiheit von 1986 vorgesehen.n Die Rolle der EPGs geriet in den Blickpunkt der Aufsichtsbehörden, als sich die Plattform für digitales terrestrisches Fernsehen zu entwickeln begann. In seiner Ausschreibung vom Juli 2001 stufte der CSA EPGs als Fernsehdienst ein, der von ihm gemäß Art. 30-1 des Kommunikationsfreiheitsgesetzes (über die Lizenzierung von digitalen terrestrischen Fernsehdiensten) zu genehmigen ist. Er erkannte allerdings an, dass die Besonderheit dieses Dienstes ein beson- deres Antragsverfahren rechtfertigte. Dem CSA zufolge musste ein EPG ins- besondere folgenden Anforderungen genügen: – er musste ein universeller, frei empfangbarer Dienst sein; – er musste alle im Digitalfernsehen vorhandenen Programme abdecken; – redaktionelle Neutralität musste ebenso gewährleistet sein, wie eine gleich- berechtigte Darstellung der Fernsehdienste; – der EPG muss darauf abzielen, eine größtmögliche Anzahl an Zuschauern zu erreichen. 234 413 Nicht zu verwechseln mit dem Programmführer, den ein Veranstalter gemeinsam mit seinem Fernseh- programm anbietet. Für andere Plattformen, darunter auch Satellitenplattformen, zugelassene EPGs mussten die gleichen Vorgaben beachten, wie sich aus den allgemeinen Grund- sätzen des Gesetzes vom 30. September 1986 schließen lässt. d) Tabellarischer Überblick 3. Geltende Rechtslage Der gegenwärtige Rechtsrahmen ergibt sich aus dem Gesetz Nr. 2004-575 vom 21. Juni 2004 „über das Vertrauen in die digitale Wirtschaft“ und aus dem Gesetz Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004 „über elektronische Kommunikation und audiovisuelle Kommunikationsdienste“. Verwendet wird eine komplexe und manchmal schwierige Terminologie, die hauptsächlich von dem europäi- schen Gemeinschaftsrecht herrührt. 235 Dienst/ Anforderungen Fernsehen und Hörfunk über An- tenne (ana- log), Kabel oder Satellit (allgemeine Regeln) Fernsehen über sonstige elektroni- sche Netze Hörfunk über sonstige elektroni- sche Netze Audiovisuelle Dienste, die nicht als Fernsehen oder Hörfunk anzusehen sind (VoD, Abrufdienste) Nicht-audio- visuelle Dienste über elektronische Netze (Inter- netseiten, kommerzielle Dienste) Betreiber elektroni- scher Kommu- nikations- netze (Kabel- netze) Betreiber „nicht- audio- visueller“ Kommu- nikations- netze Lizenz erforderlich Ja Nein Nein Nein Nein Ja (vom CSA) Ja (von Minis- terium/ ART) Anmeldung erforderlich Nein Nein Nein Ja (bis August 2000) Spezielle ge- setzliche Wer- bevorschriften Ja Nein Nein Nein Nein Nicht anwend- bar Nicht anwend- bar Spezielle Werbevorschrif- ten (Selbst- regulierung) Ja Ja Nein Nein Ja Nicht anwend- bar Nicht anwend- bar Produktions-/ Sendequoten Ja Ja Nein Nein Nein Nicht anwend- bar Nicht anwend- bar Spezielle Beteiligungs- beschränkun- gen (Fusions- kontrolle) Ja Nein Nein Nein Nein Nein Nein Sonstige spe- zifische Ver- pflichtungen im Bereich der In- halte (Jugend- schutz etc.) Ja Nein Nein Nein Nein (spezielle Haftungs- vorschriften aus 2000) Nicht anwend- bar Nicht anwend- bar a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienstekategorien aa) Darstellung des geltenden Rechtsrahmens Um das Verständnis des neuen Rechtsrahmens zu erleichtern, soll hier zunächst der Inhalt der Gesetze vom 21. Juni 2004 und 9. Juli 2004 dargestellt werden.n (1) Gesetz vom 21. Juni 2004 Ziel des so genannten LCEN-Gesetzes ist die Stärkung des Vertrauens in den Austausch über elektronische Kommunikationsnetze (das Internet), indem die Haftung aller Akteure in diesem Sektor geklärt wird. Das Gesetz setzt haupt- sächlich die Vorschriften der Richtlinie über den elektronischen Geschäfts- verkehr um. Es enthält Vorschriften über: – die Haftung von Online-Vermittlern (Anbietern technischer Dienste, An- bietern von Hosting-Diensten und Betreibern von Online-Kommunikations- diensten); – die Organisation und die Verwaltung von Internet-Domainnamen; – die Definition und den Rechtsrahmen des elektronischen Geschäftsverkehrs (Onlinewerbung, Spam, elektronische Vertragsabschlüsse, Verbraucherschutz, Verschlüsselung); – den Rahmen für die Zuweisung von Satellitenfrequenzen – und einige Randaspekte der Telekommunikation. (2) Gesetz vom 9. Juli 2004 Ziel des Gesetzes vom 9. Juli 2004 war die Anpassung des französischen Rechts an den neuen EU-Rechtsrahmen für elektronische Kommunikation und an die Auswirkungen der Konvergenz im audiovisuellen Bereich. Es ändert vor allem das französische Gesetzbuch über die Post und die Telekommuni- kation (inzwischen Gesetz über die Post und die elektronische Kommunika- tion) und das Gesetz vom 30. September 1986 über die Kommunikations- freiheit.m (3) Telekommunikationsbereich Im Telekommunikationsbereich setzte das Gesetz Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004 hauptsächlich den neuen EU-Rechtsrahmen für elektronische Kommu- nikation um. Es führt die neue Terminologie ein und ersetzt den Ausdruck „Telekommunikation“ durch „elektronische Kommunikation“ im Gesetz vom 30. September 1986 und in allen anderen Texten mit Telekommunikations- bezug. Das Gesetz über die Post und die Telekommunikation wurde das Gesetz über die Post und die elektronische Kommunikation. Außerdem ersetzt es das Genehmigungsystem durch ein Anmeldungssystem. Die Wettbewerbsvorschrif- 236 ten wurden überarbeitet, um den verschiedenen Marktbedingungen gerecht zu werden. Die Konvergenz wurde berücksichtigt, indem ein harmonisierter Rahmen für alle Netze unabhängig von ihrem Inhalt geschaffen wurde. Audio- visuelle Netze werden jetzt auch von den Regeln über elektronische Kommu- nikationsnetze erfasst. Um die Änderungen in der Terminologie noch deut- licher zu machen, wurde der Name der ART kürzlich in „Autorité de Régulation des Communications Electroniques et des Postes“ (ARCEP) geändert. Der regulatorische Auftrag der ARCEP ist, so wie zuvor der der ART, auf Infrastruktur- und Wettbewerbsfragen beschränkt, Befugnisse bei allein Inhalte betreffende Angelegenheiten existieren nicht. Die ARCEP gibt also keine Stan- dards für die Inhalte der Telekommunikationsdienste vor, wie etwa der CSA beim Rundfunk. (4) Audiovisueller Bereich Im audiovisuellen Bereich hat das Gesetz vom 9. Juli 2004 die Vorschriften des Rundfunkgesetzes vom 30. September 1986 über Infrastrukturen für die Rundfunkübertragung modernisiert und vereinfacht, ohne dessen grundlegende Prinzipien anzutasten, die weiterhin gelten. Bemerkenswert ist, dass die meisten dieser Änderungen nicht auf den EU-Rechtsrahmen für elektronische Kommu- nikation, der sich nur am Rande mit dem audiovisuellen Sektor beschäftigt, zurückgehen. Die Umsetzung wurde vielmehr als Gelegenheit zur Modernisie- rung des Rechtsrahmens genutzt, insbesondere, um bestimmte Defizite des Gesetzes vom 30. September 1986 im Hinblick auf die sich verändernden Märkte und Technologien zu beheben. Um die rechtliche Behandlung von audiovisueller und Telekommunikations- infrastruktur zu harmonisieren, werden Kabelnetze von nun an nach den Vor- gaben des Art. L.33-1 des Gesetzes über die Post und die elektronische Kom- munikation errichtet. Das Regime der vorherigen Genehmigung eines solchen Vorhabens durch die Städte entfällt. Die Netze für die Navigation und die analog-terrestrische sowie die Satellitenverbreitung von Rundfunk verbleiben aber weiterhin unter einem spezifischen Regime, wobei der CSA für die Fre- quenzvergabe zuständig bleibt. Zudem ist der CSA jetzt zuständig für alle Rundfunkdienste unabhängig von der Art und Weise der Übertragung oder Verbreitung. Die Inhalteregulie- rung erstreckt sich also auf alle elektronischen Kommunikationsnetze – auch diejenigen, die Teil des Internets sind –, die für die Verbreitung von Radio- oder Fernsehprogrammen verwendet werden. Das Gesetz erweitert ferner die Befugnisse des CSA im Hinblick auf die ökonomische Regulierung des audiovisuellen Sektors. Insbesondere betraut es die Behörde mit der Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Herausgebern von Diensten und Plattformanbietern im Falle einer Verletzung der grund- legenden Prinzipien des Gesetzes vom 30. September 1986 (etwa des Medien- 237 pluralismus), sofern dabei nicht die Kompetenzen der Wettbewerbsbehörde oder der ARCEP verletzt werden.414 Das Vergabeverfahren für Rundfunkfrequenzen wurde modernisiert. So darf insbesondere die Entscheidungsfrist bei einer Ausschreibung acht Monate nicht überschreiten.415 Außerdem legt das Gesetz ein harmonisiertes Regime für die Verbreitung der Dienste fest, welches auf alle Kommunikationsmittel Anwendung findet – verbunden mit einigen Spezialregeln für digitales terrestrisches Fernsehen. Um dem CSA die Möglichkeit zu geben sicherzustellen, dass alle Diensteangebote mit den allgemeinen Grundsätzen für die audiovisuelle Kommunikation über- einstimmen, unterwirft das Gesetz jedwedes Angebot von audiovisuellen Kom- munikationsdiensten inklusive Rundfunk an die Öffentlichkeit in einem Netz, dessen Frequenzen nicht vom CSA vergeben werden (darunter fällt z. B. das Internet), einem Anmeldeerfordernis beim CSA.416 Die Pflicht zur Anmeldung entfällt, wenn weniger als 100 Haushalte erreicht werden. Das Gesetz sieht Must-Carry-Regelungen für Kabelnetzbetreiber vor und erstreckt diese auch auf Satellitenanbieter.417 Außerdem sieht es die Möglich- keit der Festlegung eines Mindestanteils unabhängiger Kanäle vor, die jeder Plattformbetreiber seinen Abonnenten zugänglich machen muss.418 Die spezifi- schen Fusionskontrollvorschriften der Art. 39 bis 41-2-1 des Gesetzes vom 30. September 1986 werden entschärft.419 Gleiches gilt für Vorschriften betreffend einzelne Gruppen von Diensten (insbesondere Dienste, die außerhalb Europas verbreitet werden, bestimmte ertragsschwache Rundfunkdienste und interne Kommunikationsdienste). Über- dies enthält das Gesetz eine Reihe von Vorschriften, die die Entwicklung lokaler Dienste unterstützen sollen. Darüber hinaus modifiziert es die Regeln für digitales terrestrisches Fern- sehen und erhöht die maximale Anzahl der nationalen digitalen Lizenzen, die eine Person oder Körperschaft halten darf, von fünf auf sieben.420 Schließlich hebt das Gesetz das Monopol der Télédiffusion de France im Bereich der analog-terrestrischen Verbreitung der Programme der französischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf. Das Regime für Conditional-Access-Systeme aus Art. 95 des Gesetzes vom 30. September 1986 wurde nicht verändert. 238 414 Art. 35; L 30. Sept. 1986, neuer Art. 17-1. 415 Art. 45; L 30. Sept. 1986, Art. 28-1. 416 Art. 65; L 30. Sept. 1986, neuer Art. 34. 417 Art. 67 und 68; L 30. Sept. 1986, neuer Art. 34-1 and 34-1-1. 418 Art. 69; L 30. Sept. 1986, neuer Art. 34-3. 419 Art. 72 ff. 420 Art. 73. bb) Definitionen Wie bereits angesprochen wurde die medienrechtliche Terminologie kürzlich unter dem Einfluss der Konvergenz und des neuen Rechtsrahmens für elektro- nische Kommunikation modifiziert. Zu beachten ist, dass die neuen Legal- definitionen des Gesetzes vom 21. Juni 2004 und 9. Juli 2004 nur das öffent- liche Medienrecht betreffen und sich an den Definitionen, welche traditionell für den Rundfunkbereich in Fragen der Urheberrechte und der verwandten Schutzrechte gelten, nichts ändert. (1) „Elektronische Kommunikation“, „Kommunikation gegenüber der Allgemeinheit mit elektronischen Mitteln“, „Elektronische Kommunikationsnetze“, „Elektronische Kommunikationsdienste“ Art. 1 des Gesetzes vom 9. Juli 2004 ersetzt den Begriff der Telekommunika- tion durch den Begriff der „elektronischen Kommunikation“ und das Gesetz- buch über Post und Telekommunikation wird zu dem Gesetz über die Post und die elektronische Kommunikation. Elektronische Kommunikation ist jetzt in Art. 2 des Gesetzes vom 30. Sep- tember 1986 und in Art. L.32 des Gesetzes über die Post und die elektronische Kommunikation definiert als: „Erstsendung, Übertragung oder Empfang von Zeichen, Signalen, geschriebenen Doku- menten, Bildern oder Ton auf elektromagnetischem Wege.“ (a) Kommunikation gegenüber der Allgemeinheit mit elektromagnetischen Mitteln Die Kommunikation gegenüber der Allgemeinheit mit elektromagnetischen Mitteln (communication au public par voie électronique) wird definiert als: „Jede Versorgung der Öffentlichkeit oder von Teilen der Öffentlichkeit im Wege eines Prozesses der elektronischen Kommunikation mit Zeichen, Signalen, geschriebenen Dokumenten, Bildern, Ton oder sonstigen Botschaften, die nicht die Eigenschaften privater Korrespondenz aufweisen“. Gemäß Art. L.32-2 des Postgesetzes werden elektronische Kommunikations- netze (réseaux de communications électroniques) definiert als: „Jede Einrichtung oder Gruppe von Einrichtungen für den Transport oder die Verbrei- tung und gegebenenfalls andere Mittel der Navigation für elektronische Kommunika- tion, insbesondere Vorrichtungen zur Zusammenschaltung und zur Navigation“. Ausdrücklich von dieser weiten Definition erfasst sind: „Satellitennetze, terrestrische Sendernetze, Systeme, die das Stromnetz zur Navigation elektronischer Kommunikation nutzen, und Netze, die audiovisuelle Kommunikations- dienste verbreiten oder zu deren Verbreitung genutzt werden.“ 239 (b) Elektronische Kommunikationsdienste Elektronische Kommunikationsdienste (services de communications électro- niques) werden definiert als: „Dienste, die vollständig oder zum Teil in der Bereitstellung elektronischer Kommunika- tion bestehen. Dienste, die in der Herausgabe oder der Verbreitung von Kommunika- tionsdiensten an die Öffentlichkeit bestehen, sind nicht erfasst.“ Obwohl diese Definition weniger klar ist als ihr Gegenstück im europäischen Gemeinschaftsrecht, schließt sie dennoch Fernsehkanäle und andere Heraus- geber audiovisueller Programme aus – im Hinblick auf ihre traditionellen Aktivitäten und soweit sie nicht technische Dienste für die Verbreitung anbieten. (2) „Audiovisuelle Kommunikation“, „audiovisuelle Dienste“ (a) Audiovisuelle Kommunikation „Audiovisuelle Kommunikation“ stellt nunmehr einen Unterbegriff der „com- munication au public par voie électronique“ und der „communications électro- niques“ dar. Sie wird jetzt definiert in Art. 2 des Gesetzes vom 30. September 1986 als: „jegliche Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit durch Hörfunk- oder Fernseh- dienste, unabhängig von den Mitteln der Verbreitung an die Öffentlichkeit, und jegliche Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit durch elektronische Mittel, bei der es sich nicht um Hörfunk- oder Fernsehdienste handelt und die nicht öffentlicher Online- Kommunikation (communication au public en ligne) im Sinne des Art. 1 des Gesetzes Nr. 2004-575 vom 21. Juni 2004 entspricht“. Demzufolge besteht audiovisuelle Kommunikation gemäß der neuen Definition in Art. 2 des Gesetzes vom 30. September 1986 aus drei Kategorien „audio- visueller Kommunikationsdienste“, wobei der letztere Begriff seinerseits nicht ausdrücklich definiert wird. – Erstens: „Fernsehdienste“, die in demselben Artikel definiert werden als:m „jeder mit elektronischen Mitteln erbrachte Kommunikationsdienst gegenüber der Öffentlichkeit, der dazu bestimmt ist, gleichzeitig von der gesamten Öffentlichkeit oder einem Teil der Öffentlichkeit empfangen zu werden, und dessen Hauptpro- gramm in einer geordneten Abfolge aus Einzelprogrammen besteht, die Bilder und Ton umfassen.“ Bemerkenswert ist, dass diese Definition, soweit sie sich auf die Dienste be- zieht, die „dazu bestimmt sind, gleichzeitig von der gesamten Öffentlichkeit oder einem Teil der Öffentlichkeit empfangen zu werden“, weder Video-on- demand noch Download-Dienste erfasst. Allerdings scheint sie Near-Video- on-Demand zu umfassen (soweit man nicht bestreitet, dass solche Dienste eine „geordnete Abfolge von Programmen“ darstellen). Sowohl die Literatur als auch der CSA scheinen diese Auffassung zu teilen, die auch der Recht- 240 sprechung des EuGH in seiner Entscheidung vom 2. Juni 2005, Mediakabel BV/Commissariaat voor de Media (C-89/04) entspricht. – Zweitens: „Hörfunkdienste“, die auf ähnliche Weise definiert sind als: „jeder mit elektronischen Mitteln erbrachte Kommunikationsdienst gegenüber der Öffentlichkeit, der dazu bestimmt ist, gleichzeitig von der gesamten Öffentlichkeit oder einem Teil der Öffentlichkeit empfangen zu werden, und dessen Hauptpro- gramm in einer geordneten Abfolge von Sendungen besteht, die sich aus Tönen zusammensetzen“. – Drittens: Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit jegliche „Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit mit elektronischen Mitteln durch Dienste, bei denen es sich nicht um Hörfunk oder Fernsehen handelt und die keine öffentliche Online-Kommunikation (communication au public en ligne) dar- stellen,“ wobei „Online-Kommunikation“ durch Art. 1 des LCEN-Gesetzes definiert wird (s. u.). Diese dritte Kategorie ist eng formuliert. Internetseiten und Diskussionsforen sind mittlerweile eindeutig „öffentliche Online-Kommuni- kation“ und deshalb nicht umfasst. Aus den Gesetzesmaterialien ergibt sich, dass die Kategorie der „Kommunikationsdienste für die Öffentlichkeit durch elektronische Mittel durch Dienste, bei denen es sich nicht um Hörfunk oder Fernsehen handelt,“ beispielsweise Teletext und Programmführer ein- schließen. Auch Video-on-Demand und ähnliche Dienste scheinen nicht hierunter zu subsumieren zu sein, soweit sie der Definition der „öffent- lichen Online-Kommunikation“ unterfallen. Es würde sich dann nicht um audiovisuelle Kommunikation handeln, sie würden aber dennoch von der neuen Kategorie der audiovisuellen Dienste erfasst. (b) Audiovisuelle Dienste Der Ausdruck „audiovisuelle Dienste“ aus Art. 1 des Gesetzes vom 30. Sep- tember 1986 deckt eine Kategorie von Diensten ab, die weiter gefasst ist, als die Dienste der audiovisuellen Kommunikation, da sie sich auch auf die fol- genden Dienste erstreckt: „alle Dienste, die audiovisuelle, kinematografische oder aus Tönen bestehende Werke an die Öffentlichkeit oder einen Teil der Öffentlichkeit verbreiten, unabhängig von der Art und Weise der Übertragung“. Eine Einstufung als „audiovisueller Kommunikationsdienst“ hat die Lizenzie- rungs- und inhaltsbezogenen Pflichten aus dem Gesetz vom 30. September 1986 zur Folge. Dabei sind bestimmte Vorschriften des Gesetzes auf Hörfunk und Fernsehen beschränkt (bestimmte inhaltsbezogene Pflichten, Fusionskon- trolle etc.). 241 Eine Einstufung als „audiovisueller Dienst“ (und nicht als „audiovisueller Kommunikationsdienst“) – zum Beispiel VoD – zieht noch keine besonderen Verpflichtungen aus dem Gesetz vom 30. September 1986 nach sich. Art. 1 des Gesetzes von 1986 sieht aber vor, dass das Ziel der Entwicklung der audiovisuellen Produktion sich auf solche Dienste bezieht; dieses ist allerdings nicht näher beschrieben. (3) Öffentliche Online-Kommunikation Der Ausdruck „öffentliche Online-Kommunikation“ (communication au public en ligne) wird in Art. 1 des LCEN-Gesetzes definiert als: „Jede auf individuelle Anfrage erfolgende Übertragung von digitalen Daten, die nicht die Eigenschaften privater Korrespondenz haben, durch einen Prozess der elektronischen Kommunikation, welcher einen gegenseitigen Informationsaustausch zwischen Sender und Empfänger erlaubt“ In Anwendung eines auslegenden Ministererlasses vom 17. Februar 1988, ist „private Korrespondenz“ gegeben, wenn die Nachricht ausschließlich für einen oder mehrere festgelegte und individualisierte Personen bestimmt ist. Dem- entsprechend erfasst „öffentliche Online-Kommuniktion“ vor allem „World- Wide-Web“-Dienste und ähnliche Dienste, die nicht als Hörfunk oder Fern- sehen eingestuft werden können. Die Definition scheint auch auf „audiovisuelle Dienste“ wie Video-on- Demand Anwendung zu finden, jedenfalls dann, wenn diese einen gewissen Grad an Interaktivität aufweisen.421 Kurioserweise würde allerdings der Verweis auf „digitale Übertragung“ Video-on-Demand ausschließen, das auf analogem Wege übertragen wird!422 Zu beachten ist auch, dass „öffentliche Online-Kommunikation“ nicht auf Kabelübertragung beschränkt ist. Der Ausdruck ist insoweit missverständlich.n b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben Der Anwendungsbereich der neuen Definitionen und die daraus folgende An- passung des französischen Medienrechts ist vollkommen vereinbar mit den Vorschriften des Europäischen Fernsehübereinkommens vom 5. Mai 1989 und mit denen der Fernsehrichtlinie423. 242 421 Unklar ist, ob etwa Video-on-Demand über Kabelnetz nach telefonischer Bezahlung von dieser Definition erfasst ist. 422 Was sie letztlich zu „audiovisuellen Kommunikationsdiensten“ macht! 423 Vor allem mit den Begriffen „Rundfunkveranstalter“ in Art. 2 c des Übereinkommens (in der Fassung des Protokolls von 1998) und „Übertragung“ in Art. 2a (der auch Kabelübertragung umfasst) und mit der Defini- tion der Fernsehsendung in Art. 1 der Fernsehrichtlinie. c) Definition der Adressaten aa) Erbringer von Fernseh- und Hörfunkdiensten Gemäß dem Gesetz vom 30. September 1986 sind die Lizenzpflicht und die Verpflichtungen hinsichtlich der Inhalte anwendbar auf die „Herausgeber von Hörfunk und Fernsehdiensten“, d. h. die Personen, die die Verantwortung für den redaktionellen Inhalt der Dienste tragen; dies gilt unabhängig von der ver- wendeten Plattform. bb) Plattformbetreiber Die Definition der Plattformbetreiber wurde durch das Gesetz vom 9. Juli 2004 leicht geändert. Plattformbetreiber (distributeurs de services) werden in Art. 2-1 des Gesetzes vom 30. September 1986 definiert als: „jede Person, die mit Herausgebern von Diensten in vertragliche Beziehungen tritt mit dem Ziel, ein Angebot an audiovisuellen Kommunikationsdiensten über ein elektroni- sches Kommunikationsnetz an die Öffentlichkeit zu richten“ und „jede Person, die ein solches Angebot erstellt, indem sie vertragliche Beziehungen mit anderen Plattform- betreibern eingeht“. Das Regime für Plattformbetreiber ist jetzt teilweise vereinheitlicht. Spezielle Regeln gibt es weiterhin für Betreiber von digital-terrestrischen Sendeplatt- formen. Allerdings sind Plattformbetreiber, die „ein elektronisches Kommuni- kationsnetz, welches keiner Frequenzzuweisung durch den CSA bedarf“ (d. h. Kabel, Satellit, ADSL-Netze, Internet, Telefon etc.), betreiben, einem Anmelde- system – hinichtlich der Errichtung bei der Telekommunikationsaufsichts- behörde (ARCEP) und hinsichtlich der Nutzung beim CSA – unterworfen. Die Anmeldung beim CSA ist für Netze, die weniger als 100 Haushalte erreichen, nicht erforderlich. Die einzelnen Bestandteile der Anmeldung werden durch Erlass festgelegt. Der CSA ist jetzt befugt, Streitigkeiten zwischen Plattform- betreibern und Rundfunkveranstaltern auf allen Plattformen zu schlichten. cc) Multiplexbetreiber Die Betreiber von Multiplexen für digitales terrestrisches Fernsehen unter- liegen einem Genehmigungsverfahren nach Vorschlag durch die Kanäle, die in dem Multiplex verbreitet werden. Der CSA ist befugt, Streitigkeiten zwischen Rundfunkveranstaltern innerhalb eines Multiplexes über die Wahl des Multi- plexbetreibers zu schlichten. dd) EPGs Wie erwähnt fallen EPGs jetzt unter die Definition der audiovisuellen Dienste. 243 d) Tabellarischer Überblick 4. Ausblick Es ist wahrscheinlich noch zu früh, um ein Urteil über den neuen Rechts- rahmen für die elektronischen Medien in Frankreich zu fällen. Jedenfalls sind derzeit keine Fälle bekannt, die zu Anwendungsproblemen geführt hätten. a) Weitere Änderungen des geltenden Rechtsrahmens Änderungspläne für die nahe Zukunft existieren nicht. Allerdings fehlen noch einige untergesetzliche Regelungen in Form von Umsetzungserlassen, ins- besondere in Bezug auf die Erbringung audiovisueller Dienste über das Internet 244 Dienst/ Anforderungen Fernsehen und Hörfunk über An- tenne, Kabel oder Satellit Fernsehen über sonstige elektroni- sche Netze Hörfunk über sonstige elektroni- sche Netze Audiovisuelle Dienste über elektronische Netze, die nicht als Fernsehen oder Hörfunk einzustufen sind (VoD, Downloading) Nicht-audio- visuelle Dienste über elektroni- sche Netze (Internet- seiten, kommerzielle Dienste) Betreiber elektroni- scher Kommuni- kations- netze (Kabel- netze) Betreiber „nicht- audio- visueller“ Kommuni- kations- netze Lizenz erforderlich Ja Ja Ja Nein Nein Anmeldung erforderlich Nein Ja (durch das Minis- terium/ ARCEP) Ja (durch das Minis- terium/ ARCEP) Spezielle gesetzliche Werbe- vorschriften Ja Noch nicht (Erlass) Noch nicht (Erlass) Nein Ja Nicht anwend- bar Nicht anwend- bar Spezielle Werbevorschrif- ten (Selbst- regulierung) Ja Ja Nein Nein Ja Nicht anwend- bar Nicht anwend- bar Produktions-/ Sendequoten Ja Ja Nein Nein Nicht anwendbar Nicht anwend- bar Nicht anwend- bar Spezielle Beteiligungs- beschränkun- gen (Fusions- kontrolle) Ja Nein Nein Nein Nein Nein Nein Sonstige spe- zielle inhaltsbe- zogene Pflich- ten (Jugend- schutz etc.) Ja Ja (wer- den noch festgelegt) Ja (wer- den noch festgelegt) Nein Ja Nicht anwend- bar Nicht anwend- bar und auf Betreiber von Plattformen für audiovisuelle Dienste. Zudem gibt es Diskussionen über Dienste wie Video-on-Demand (insbesondere über die Chro- nologie der Medien), und ein regulatorisches Eingreifen in diesem Bereich ist nicht auszuschließen. Schließlich sind die Akteure des französischen audiovisuellen Sektors aktiv am Prozess der Revision der Fernsehrichtlinie beteiligt, der zu einer weiteren Anpassung des Gesetzes vom 30. September 1986 führen könnte. b) Positionen zur Revision der Fernsehrichtlinie Nach einer breit angelegten Konsultation übersandte die französische Regierung ihre Beobachtungen am 5. September 2005 der Europäischen Kommission. Die französischen Behörden brachten ihre Unterstützung für den Vorschlag der Kommission zum Ausdruck, der die Ausdehnung des Anwendungsbereiches einer zukünftigen Richtlinie auf jede Form der elektronischen Erbringung audiovisueller Inhaltsdienste, d. h. auf alle Dienste, die bewegte Bilder und Töne mittels elektronischer Kommunikation an die Öffentlichkeit verbreiten, beinhaltet (die Definition schließt also de facto alle Arten der Individual- kommunikation aus). Die französischen Behörden befürworten auch die Unter- scheidung zwischen linearen audiovisuellen Diensten und nicht-linearen audio- visuellen Diensten, wenn dies durch eine genaue Definition bewerkstelligt wird. Insbesondere sprechen sie sich dafür aus, dass lineare audiovisuelle Dienste unabhängig von der Übertragungsplattform eindeutig alle Fernsehdienste einschließen sollen (digital-terrestrisch, Kabel, Satellit, ADSL, Internet). Nicht- lineare audiovisuelle Dienste wären dann Dienste auf Abruf des Nutzers, Pro- gramme, die in jedem beliebigen Moment verfügbar wären. Die Unterschei- dung zwischen diesen beiden Dienstekategorien wäre dann gestützt auf das Kriterium der Gleichzeitigkeit entsprechend der Auslegung durch den EuGH in der Mediakabel-Entscheidung vom 2. Juni 2005. Frankreich unterstützt den Vorschlag, auf alle audiovisuellen Dienste eine Reihe von gemeinsamen Grundregeln anzuwenden, die auf die fünf funda- mentalen Ziele gerichtet sind, die die Kommission aufzählt, nämlich: – der Schutz Minderjähriger; – die Kenntlichmachung kommerzieller Kommunikation; – qualitative Mindestverpflichtungen im Bereich der kommerziellen Kommu- nikation; – das Recht auf Gegendarstellung; – grundlegende Identifikationserfordernisse. Allerdings weisen die französischen Behörden darauf hin, dass der überwie- gende Teil dieser Gebiete bereits von existierenden bzw. kürzlich verabschie- 245 deten Regelungsinstrumenten abgedeckt wird (Empfehlung 98/560/EG über den Schutz Minderjähriger und die Wahrung der Menschenwürde, Richtlinie 2005/29/EG über unlautere Geschäftspraktiken, Richtlinie 2003/33/EG über Tabakwerbung). Der einzig wirkliche Mehrwert, den eine solche Regelung er- zeugen könnte, würde demnach in Maßnahmen zur Unterstützung der europäi- schen oder der unabhängigen audiovisuellen Produktion bestehen. Zusätzlich ist Frankreich der Auffassung, dass ein sechstes grundlegendes Regulierungsziel aufgenommen werden sollte: Die Förderung der kulturellen Vielfalt. Im Besonderen wünschen die französischen Behörden, dass die Vor- schriften über die Förderung der kulturellen Vielfalt für lineare audiovisuelle Dienste aufrechterhalten werden. Darüber hinaus befürworten sie die Anwen- dung ähnlicher Maßnahmen auf nicht-lineare Dienste. Diese Unterstützung sollte in einer Reihe von Maßnahmen bestehen, zum Beispiel: Verpflichtun- gen zu Investitionen in europäische/unabhängige Produktionen abhängig vom Umsatz, Mindestanteile für europäische/unabhängige Produktionen in Video- on-Demand-Katalogen und eine Verpflichtung, europäische und unabhängige Produktionen in elektronischen Programmführern zu bevorzugen. Schließlich hat Frankreich seinen Wunsch nach einem Festhalten an Art. 3 der Fernsehrichtlinie deutlich gemacht, der den Mitgliedstaaten die Möglich- keit belässt, in den von der Richtlinie erfassten Bereichen für Veranstalter, die ihrer Rechtshoheit unterliegen, detailliertere oder strengere Regeln vorzusehen.e 5. Zusammenfassung a) Einleitung Der gegenwärtige Rechtsrahmen ergibt sich aus dem Gesetz Nr. 2004-575 vom 21. Juni 2004 „über das Vertrauen in die digitale Wirtschaft“ und aus dem Gesetz Nr. 2004-669 vom 9. Juli 2004 „über elektronische Kommunikation und audiovisuelle Kommunikationsdienste“.Vor In-Kraft-Treten dieser Gesetze war das französische Rundfunkrecht größtenteils an den verschiedenen Über- tragungswegen – analog-terrestrisch, digital-terrestrisch, Satellit und Kabel – ausgerichtet. b) Inhaltedienste Inhaltedienste sind zunächst unterteilt in audiovisuelle Dienste gemäß der Definition aus Art. 1 der konsolidierten Fassung des Gesetzes vom 30. Sep- tember 1986, die wie folgt lautet: „alle Dienste, die audiovisuelle, kinematografische oder aus Tönen bestehende Werke an die Öffentlichkeit oder einen Teil der Öffentlichkeit verbreiten, unabhängig von der Art und Weise der Übertragung“. 246 Demgegenüber ist „öffentliche Online-Kommunikation“ (communication au public en ligne) in Art. 1 des LCEN-Gesetzes definiert als: „jede auf individuelle Anfrage erfolgende Übertragung von digitalen Daten, die nicht die Eigenschaften privater Korrespondenz haben, durch einen Prozess der elektronischen Kommunikation, welcher einen gegenseitigen Informationsaustausch zwischen Sender und Empfänger erlaubt“ „Öffentliche Online-Kommunikation“ erfasst vor allem „World-Wide-Web“- Dienste und ähnliche Dienste. Abgrenzungsschwierigkeiten können sich mit steigendem Grad der Interaktivität audiovisueller Dienste ergeben, da diese dann streng genommen auch das Tatbestandsmerkmal des gegenseitigen Infor- mationsaustausches erfüllen. Dienstleistungen der „öffentlichen Online-Kom- munikation“ können auch die Merkmale der Definition der audiovisuellen Dienste erfüllen. Auf einer zweiten Ebene findet sich noch eine Unterkategorie der „audio- visuellen Dienste“, die so bezeichneten „audiovisuellen Kommunikations- dienste“. Welche audiovisuellen Diensten auch audiovisuelle Kommunika- tionsdienste darstellen, ergibt sich aus der Definition der audiovisuellen Kommunikation in Art. 2 des konsolidierten Gesetzes vom 30. September 1986: „jegliche Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit durch Hörfunk- oder Fernseh- dienste, unabhängig von den Mitteln der Verbreitung an die Öffentlichkeit, und jegliche Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit durch elektronische Mittel, bei der es sich nicht um Hörfunk- oder Fernsehdienste handelt und die nicht öffentlicher Online- Kommunikation (communication au public en ligne) im Sinne des Artikels 1 des Ge- setzes Nr. 2004-575 vom 21. Juni 2004 entspricht“. Hier wird also zur öffentlichen Online-Kommunikation trennscharf abgegrenzt. Durch diese Definition wird der Begriff der audiovisuellen Kommunikations- dienste zum einen nach außen definiert, zum anderen wird aber auch eine dritte Unterscheidungsebene vorgegeben. Auf dieser dritten Ebene wird also unterschieden zwischen: – Erstens: „Fernsehdiensten“, die in demselben Artikel definiert werden als:m „jeder mit elektronischen Mitteln erbrachte Kommunikationsdienst gegenüber der Öffentlichkeit, der dazu bestimmt ist, gleichzeitig von der gesamten Öffentlichkeit oder einem Teil der Öffentlichkeit empfangen zu werden, und dessen Hauptpro- gramm in einer geordneten Abfolge aus Einzelprogrammen besteht, die Bilder und Ton umfassen.“ Nach herrschender Meinung umfasst diese Definition Near-Video-on- Demand, nicht aber Video-on-Demand. 247 – Zweitens: „Hörfunkdienste“, die definiert sind als: „jeder mit elektronischen Mitteln erbrachte Kommunikationsdienst gegenüber der Öffentlichkeit, der dazu bestimmt ist, gleichzeitig von der gesamten Öffentlichkeit oder einem Teil der Öffentlichkeit empfangen zu werden, und dessen Hauptpro- gramm in einer geordneten Abfolge von Sendungen besteht, die sich aus Tönen zusammensetzen“. – Drittens: Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit ist jegliche „Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit mit elektronischen Mitteln durch Dienste, bei denen es sich nicht um Hörfunk oder Fernsehen handelt und die keine öffentliche Online-Kommunikation (communication au public en ligne) dar- stellen.“ Da Internetangebote und Video-on-Demand unter die oben beschriebene Kate- gorie der „öffentlichen Online-Kommunikation“ fallen, bleiben für diese Kate- gorie im Wesentlichen Teletext und Programmführer übrig. EPGs sind damit audiovisuelle Kommunikationsdienste. Der CSA hatte EPGs unter der alten Rechtslage als Fernsehdienste eingestuft, die gemäß Art. 30-1 des Kommuni- kationsfreiheitsgesetzes (über die Lizenzierung von digitalen terrestrischen Fernsehdiensten) zu genehmigen seien, wobei er die Besonderheiten der EPGs ausdrücklich anerkannte. Vorgaben für EPGs waren die universelle und freie Empfangbarkeit, die gleichberechtigte Abdeckung aller im Digitalfernsehen vorhandenen Programme, redaktionelle Neutralität sowie ein Abzielen auf eine größtmögliche Anzahl an Zuschauern. Dienste, die weder unter den Begriff der audiovisuellen Kommunikations- dienste noch unter „öffentliche Online-Kommunikation“ fallen, sind damit als „audiovisuelle Dienste“ im oben beschriebenen Sinn nur wenigen rechtlichen Pflichten unterworfen. c) Signalübertragung Auch bei der Signalübermittlung finden sich neue Begriffe. Der Begriff der Telekommunikation wurde ersetzt durch den Begriff der „elektronischen Kom- munikation“ und das Gesetzbuch über Post und Telekommunikation wird zu dem Gesetz über die Post und die elektronische Kommunikation. Elektronische Kommunikation ist jetzt in Art. 2 des Gesetzes vom 30. Sep- tember 1986 und in Art. L.32 des Gesetzes über die Post und die elektronische Kommunikation definiert als: „Erstsendung, Übertragung oder Empfang von Zeichen, Signalen, geschriebenen Doku- menten, Bildern oder Ton auf elektromagnetischem Wege.“ Eine zweite Kategorie, die insbesondere die Übermittlung von Rundfunk um- fasst, ist die „Kommunikation gegenüber der Allgemeinheit mit elektromagneti- 248 schen Mitteln“ (communication au public par voie électronique). Sie wird definiert als: „jede Versorgung der Öffentlichkeit oder von Teilen der Öffentlichkeit im Wege eines Prozesses der elektronischen Kommunikation mit Zeichen, Signalen, geschriebenen Dokumenten, Bildern, Ton oder sonstigen Botschaften, die nicht die Eigenschaften privater Korrespondenz aufweisen“. Gemäß Art. L.32-2 des Postgesetzes werden elektronische Kommunikations- netze (réseaux de communications électroniques) definiert als: „jede Einrichtung oder Gruppe von Einrichtungen für den Transport oder die Verbrei- tung und gegebenenfalls andere Mittel der Navigation für elektronische Kommunika- tion, insbesondere Vorrichtungen zur Zusammenschaltung und zur Navigation“. Diese weite Definition umfasst ausdrücklich „Satellitennetze, terrestrische Sendernetze, Systeme, die das Stromnetz zur Navigation elektronischer Kom- munikation nutzen, und Netze, die audiovisuelle Kommunikationsdienste ver- breiten oder zu deren Verbreitung genutzt werden.“ Elektronische Kommunikationsdienste (services de communications électro- niques) werden definiert als: „Dienste, die vollständig oder zum Teil in der Bereitstellung elektronischer Kommunika- tion bestehen. Dienste, die in der Herausgabe oder der Verbreitung von Kommunika- tionsdiensten an die Öffentlichkeit bestehen, sind nicht erfasst.“ Obwohl diese Definition weniger klar ist als ihr Gegenstück im europäischen Gemeinschaftsrecht, schließt sie dennoch Fernsehkanäle und andere Heraus- geber audiovisueller Programme aus – im Hinblick auf ihre traditionellen Ak- tivitäten und soweit sie nicht technische Dienste für die Verbreitung anbieten.n Die Definition der Plattformbetreiber wurde durch das Gesetz vom 9. Juli 2004 leicht geändert. Plattformbetreiber (distributeurs de services) werden in Art. 2-1 des Gesetzes vom 30. September 1986 definiert als: „jede Person, die mit Herausgebern von Diensten in vertragliche Beziehungen tritt mit dem Ziel, ein Angebot an audiovisuellen Kommunikationsdiensten über ein elektroni- sches Kommunikationsnetz an die Öffentlichkeit zu richten“ und: „jede Person, die ein solches Angebot erstellt, indem sie vertragliche Beziehungen mit anderen Plattform- betreibern eingeht“. Das Regime für Plattformbetreiber wurde teilweise vereinheitlicht. Spezielle Regeln gibt es weiterhin für Betreiber von digital-terrestrischen Sendeplatt- formen. Allerdings sind Plattformbetreiber, die „ein elektronisches Kommuni- kationsnetz, welches keiner Frequenzzuweisung durch den CSA bedarf“ (d. h. Kabel, Satellit, ADSL-Netze, Internet, Telefon etc.), betreiben, einem Anmelde- system – hinsichtlich der Errichtung bei der Telekommunikationsaufsichts- behörde (ARCEP) und hinsichtlich der Nutzung beim CSA – unterworfen. 249 d) Ergebnis Dem französischen Kommunikationsrecht wurde im Jahr 2004 eine gänzlich neue Gestalt gegeben. Im Bereich des Telekommunikationsrechts wurden dabei die Vorgaben des neuen europäischen Rechtsrahmens umgesetzt, was nicht zuletzt zu einer Änderung einiger maßgeblicher Begrifflichkeiten führte: So ist jetzt nicht mehr von Telekommunikation die Rede, sondern von „elektronischer Kommunikation“. Die Vorgaben für die Inhalteregulierung stellen sich als abgestuftes Rege- lungssystem dar. Die große übergeordnete Kategorie der audiovisuellen Dienste ist äußerst weit gefasst. Die Unterkategorie der audiovisuellen Kommunika- tionsdienste trägt durch ihre Dreiteilung der technischen Entwicklung Rech- nung. Erfasst werden Hörfunkdienste, Fernsehdienste und Dienste, die auf- grund der Formulierung der betreffenden Definition als Auffangtatbestand im Wesentlichen als „Rundfunkbegleitdienste“ beschrieben werden können. Besonderes Merkmal sowohl der Hörfunk-, als auch der Fernsehdienste ist, dass sie dazu bestimmt sein müssen, gleichzeitig von der gesamten Öffentlich- keit oder einem Teil der Öffentlichkeit empfangen zu werden. Damit handelt es sich um Verteildienste. Insoweit lässt sich auch hier eine gewisse Vergleich- barkeit mit der Definition der Fernsehsendung aus der Fernsehrichtlinie kon- statieren, in der ebenfalls auf die Allgemeinheit Bezug genommen wird. Das zweite wichtige Merkmal der Fernseh- bzw. Hörfunkdienste, das Bestehen des Hauptprogramms aus einer geordneten Abfolge von Sendungen, erinnert bereits an das Konzept der Linearität, wie es in der überarbeiteten Version der Fernseh- richtlinie zum Tragen kommen soll. Für Abrufdienste findet sich der Begriff der „öffentlichen Online-Kommu- nikation“, der durch vier wesentliche Merkmale bestimmt ist. Es muss zum einen eine Übertragung „auf individuelle Anfrage“ erfolgen, zum Zweiten muss es sich bei den übertragenen Daten um digitale Daten handeln, zum Dritten muss ein gegenseitiger Informationsaustausch zwischen Sender und Empfänger möglich sein und schließlich darf der Dienst sich nicht als private Korrespondenz darstellen. Das französische System beruht also auf einer Zweiteilung in lineare Verteil- dienste (inklusive Begleitdiensten) auf der einen und interaktive Abrufdienste auf der anderen Seite. Dabei ist es weitestgehend technologieneutral aus- gestaltet; die Art der Übertragung spielt für die Einstufung der Dienste keine Rolle. Dennoch ist auch diese auf den ersten Blick trennscharfe Unterteilung nicht frei von Abgrenzungsschwierigkeiten. So können Angebote aus dem Bereich der „öffentlichen Online-Kommunikation“ auch unter die Definition der audio- visuellen Dienste fallen. Insoweit muss allerdings angemerkt werden, dass dies keine gravierenden Folgen für die regulatorische Praxis zeitigt. Eine Einstu- 250 fung als „audiovisueller Dienst“ (und nicht als „audiovisueller Kommunika- tionsdienst“) zieht noch keine besonderen Verpflichtungen aus dem Gesetz vom 30. September 1986 nach sich. Es ist lediglich vorgesehen, dass das Ziel der Entwicklung der audiovisuellen Produktion sich auf solche Dienste bezieht; dieses ist allerdings nicht näher beschrieben, da es im Hinblick auf rechtliche Vorgaben vor allem auf die Frage ankommt, ob ein Dienst in die Kategorie der audiovisuellen Kommunikationsdienste fällt, die wiederum schon ausweislich ihrer Formulierung eindeutig von der der „öffentlichen Online-Kommunika- tion“ abgegrenzt werden kann. 251 IV. Italien Der Beitrag basiert auf einem von Rechtsanwalt PROF. DR. ROBERTO MASTROIANNI (Universität von Neapel) im Auftrag der Autoren verfassten Länderbericht. 1. Hintergrund a) Technische und wirtschaftliche Entwicklung der Medien in Italien Gemäß dem Jahresbericht 2005 der italienischen Aufsichtsbehörde AGCom hat sich das Volumen des italienischen Telekommunikationsmarktes trotz der negativen Entwicklung der Gesamtkonjunktur im Jahr 2004 um 6,3 % erhöht. Dieses erhebliche Wachstum hat mehrere Gründe, einer davon ist die beacht- liche technologische Entwicklung der italienischen Netze. Was die Mobiltelefonie angeht, ist zu beachten, dass mobile Dienste (+9,2 % im Jahr 2004) den Festnetzsektor (nur +3,3 %) erfolgreich überholt haben und mittlerweile 18,2 Milliarden Euro Umsatz generieren. Der erwähnenswerte Zuwachs im Mobilfunksektor ist hauptsächlich auf die erfolgreiche Einführung von UMTS zurückzuführen. Das nur moderate Wachstum im Festnetzsektor liegt an einem Rückgang der Anzahl der Telefondienste, der allerdings durch Zuwächse bei der Datenübertragung und dem Internet kompensiert wurde. Über- dies hat der Rückgang der reinen Festnetztelefonnutzung (–2,5 %) ein leichtes Sinken der Erträge in der Festnetztelefoniesparte mit sich gebracht (–2,9 %). Allerdings ist zu beachten, dass die dortigen Preisrückgänge auch von dem Wettbewerbsdruck durch den Mobilfunksektor und der Entwicklung und Ver- breitung der internetbasierten VoIP-Technologie befördert wurden. In dieser Hinsicht ist das Internet der auffälligste Sektor des italienischen Medienmarktes, und zwar insbesondere die breitbandigen Internetverbindun- gen. Die Gesamtzahl der Breitbandverbindungen betrug Ende 2004 4,7 Millio- nen und lag damit doppelt so hoch wie 2003. Genauer gesagt war Italien in den Jahren 2003 und 2004 das europäische Land mit den höchsten Zuwachs- raten im Breitbandbereich. Darüber hinaus machen die italienischen Breitband- anschlüsse mittlerweile 14,6 % der gesamten europäischen Breitbandzugänge aus, während dieser Anteil 2003 noch bei 9,2 % lag. Was die technologische Entwicklung des Telekommunikationssektors an- geht, darf nicht unerwähnt bleiben, dass der Prozess der Konvergenz zwischen Netzen und Diensten sich inzwischen in einem fortgeschrittenen Stadium be- findet. Tatsache ist, dass mittlerweile die meisten mobilen Endgeräte (d. h. Mobiltelefone, PDAs etc.) den Nutzern die Inanspruchnahme einer großen Aus- wahl von Mehrwertdiensten (Video-Downloads und -streaming, Videospiele, Logos und Klingeltöne zum Herunterladen, WAP, Infonews, mobiles Fern- sehen, MMS, E-Mail, vertikale und horizontale Anwendungen) ermöglichen.m 252 Schließlich verdient auch ein „hybrider“ Sektor (d. h. eine Mischung aus Festnetz- und mobilen Diensten) Beachtung: Die so genannten WiFi-Dienste und -Netze. Aus den Zahlen des Jahres 2004 lässt sich schließen, dass derzeit in Italien mehr als 1.200 Hot-Spots in Betrieb sind, dennoch stellen diese noch keine spürbare wettbewerbliche „Bedrohung“ für den Mobilfunksektor dar. Im Fernsehmarkt ist frei empfangbares analoges Fernsehen immer noch der wichtigste Untersektor, der sich aus elf landesweit verbreiteten analogen Pro- grammen und über 500 Lokalsendern zusammensetzt. Die Gesamtzuschauer- zahl zur Hauptsendezeit lag im Jahr 2004 bei 25 Millionen, dabei teilen die beiden größten nationalen Veranstalter, RAI und Mediaset, deren Werbetöchter den Großteil der Werbeeinnahmen im Fernsehbereich erzielen, 90 % der Zu- schauer unter sich auf. Satellitenfernsehen macht weniger als 4 % des täglichen Fernsehkonsums aus, auch die Anteile der Kabelweiterverbreitung nehmen sich immer noch bescheiden aus, obwohl diese Dienste bei den Nutzern des Glasfaserkabels von Fastweb recht beliebt sind. Jüngst hat die Regierung verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den analo- gen Switch-off und die Verbreitung des digitalen terrestrischen Fernsehens zu fördern. Einer Umfrage der AGCom aus dem Mai 2004 zufolge haben derzeit mehr als 50 % der italienischen Bevölkerung Zugang zu mindestens einem digi- talen Multiplex, und die Gesamtzahl der Digitaldecoder im Eigentum italieni- scher Familien lag im Mai 2005 bei etwa 1,5 Millionen. Darüber hinaus hat eine weitere Studie der AGCom belegt, dass der derzeitige Preis der Decoder von über 90 % der italienischen Familien als angemessen erachtet wird. b) Übergreifendes Konzept der Regulierung Im Großen und Ganzen ist die Herangehensweise des italienischen Gesetz- gebers traditionell bestimmt von einer klaren Unterscheidung zwischen Infor- mations- und Kommunikationsdiensten. Eine ausdrückliche Anerkennung dieser Unterteilung ist schon in der gelten- den italienischen Verfassung von 1948 enthalten. Anders als die frühere italieni- sche Verfassungs-Charta, das Statuto Albertino von 1848, in dem nur die Pressefreiheit (d. h. ein Teilaspekt der Informationsfreiheit) angesprochen war, enthält die demokratische italienische Verfassung zwei grundlegende Vorschrif- ten für den Mediensektor: Art. 15 (Kommunikationsfreiheit) und Art. 21 (Infor- mationsfreiheit). Art. 21 schützt das grundlegende Prinzip des freien Ausdrucks von Ge- danken, wie in der folgenden Wendung deutlich wird: Artikel 21 (1) Jeder hat das Recht, seinen Gedanken frei durch Rede, Schrift oder andere Formen der Kommunikation Ausdruck zu verleihen. […] 253 (6) Veröffentlichungen, Aufführungen und andere Zur-Schau-Stellungen, die anerkannten moralischen Grundsätzen zuwiderlaufen, sind verboten. Maßnahmen zur Vorbeugung und Bestrafung von Verstößen sind durch Gesetz vorzuschreiben. Nichtsdestotrotz wurde durch unumstrittene Auslegung sowohl seitens der Rechtsprechung als auch der Literatur klargestellt, dass sich aus der Zusammen- schau dieser Vorschrift mit Art. 15 (siehe unten) ergibt, dass Art. 21 offensicht- lich speziell die Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit (gewöhnlich als „Information“ bezeichnet) regelt. Umgekehrt wird persönliche Kommunikation zwischen bestimmten Einzelpersonen von Art. 15 (der die so genannte „Kom- munikations“-freiheit behandelt) erfasst. In Anbetracht des oben Dargestellten ist zu beachten, dass der sachliche Anwendungsbereich des Art. 21 also deutlich enger gefasst ist als derjenige, der von der Definition der „Telekommunikation“ der Internationalen Tele- kommunikationskonvention (Atlantic City, 1947) vorgegeben wird, der sich allgemein auf Signal-, Ton- und sonstige Datenübertragung bezieht und somit sowohl auf Massenkommunikation als auch auf Dienste für private Kommu- nikation Anwendung findet. Dagegen haben italienische Gerichte und Rechtswissenschaftler traditionell die Auffassung vertreten, dass aufgrund des Öffentlichkeitserfordernisses aus Art. 21 nur Mediendienste, die für Massenkommunikation technisch geeignet und üblicherweise bestimmt sind – wie Presse, Rundfunk, Kino und öffent- liche Aufführungen –, dem Anwendungsbereich dieser Norm unterfallen. Der Umstand, dass sich solche Dienste an die Öffentlichkeit, d. h. an eine unbestimmte Anzahl nicht festgelegter Empfänger richten, berührt auch den rechtlichen Status der Informationsdienste. Tatsache ist, dass nur Massen- kommunikationsdienste nach Art. 21 Abs. 6 der italienischen Verfassung mit den „anerkannten moralischen Grundsätzen“ übereinstimmen müssen (siehe oben). Des Weiteren findet das grundlegende Prinzip des Pluralismus, welches im Zusammenhang mit der Meinungsfreiheit steht, nur auf Informationsdienste Anwendung, die nahe liegende Weise in rechtlicher Hinsicht nicht Gegenstand solcher Fragen des Schutzes der Privatsphäre sind, die normalerweise mit der Telekommunikation einher gehen. Im Hinblick auf die Adressaten des Art. 21 ergibt sich aus der Wendung „jeder“ in Absatz 1 eindeutig, dass der persönliche Anwendungsbereich der Norm sehr weit gefasst ist. Nach herrschender Meinung ist die Meinungsfrei- heit unleugbar eines der „unantastbaren Menschenrechte“, auf die in Art. 2 der italienischen Verfassung Bezug genommen wird. Folglich ist die Vorschrift in Art. 21 auf italienische Bürger und auch auf Ausländer unterschiedslos anwend- bar. Allerdings sieht die italienische Verfassung für zwei Kategorien von Per- sonen Abweichungen vor: Für Mitglieder des Parlaments und Regionalräte. Da diese Personen Teil der Legislative sind, schreiben Art. 68 bzw. Art. 122 vor, 254 dass solche Mandatsträger „nicht für Meinungen, die sie bei Ausübung ihres Mandats zum Ausdruck gebracht haben, oder für ihr Abstimmungsverhalten bei der Ausübung ihrer Funktionen haftbar gemacht werden dürfen“; damit wird für diese Personengruppen der Geltungsbereich der Meinungsfreiheit, die gemäß Art. 21 für „jedermann“ gilt, noch ausgeweitet. Des Weiteren hat das italienische Verfassungsgericht (Entscheidung Nr. 126/ 1985) klargestellt, dass sich aus der Zusammenschau dieser Vorschrift mit Art. 2 der italienischen Verfassung („Die Republik anerkennt und garantiert die unantastbaren Menschenrechte, sowohl für Individuen als auch für gesellschaft- liche Gruppen, die ihre Persönlichkeit zum Ausdruck bringen“) augenschein- lich ergibt, dass auch juristischen Personen, Verbänden, politischen Parteien, Gewerkschaften und anderen „gesellschaftlichen Gruppen“ das Recht auf freie Meinungsäußerung aus Artikel 21 zusteht. Zu Art. 15 der italienischen Verfassung lässt sich zunächst anmerken, dass hinsichtlich des persönlichen Anwendungsbereiches dieser Vorschrift dieselben Erwägungen gelten wie zu Art. 21. Was den sachlichen Anwendungsbereich angeht, ist eine im Wortlaut der Norm, welcher sich ausdrücklich auf „Korrespondenz“ bezieht, enthaltene exemplarische Aufzählung von Diensten, die von diesem erfasst sind, als be- sonders bemerkenswert hervorzuheben. Artikel 15 (1) Freiheit und Vertraulichkeit der Korrespondenz und anderer Arten der Kommunika- tion sind unantastbar. Um also den Anwendungsbereich dieser Vorschrift vollständig zu erfassen, muss die genaue Bedeutung der Wendung „andere Arten der Kommunikation“ ergründet werden. Dem von Art. 12 Abs. 1 der einleitenden Vorschriften zum Zivilgesetzbuch vorgegebenen Auslegungskanon zufolge werden Rechtsbegriffe im Zusammenhang mit dem maßgeblichen Kontext ausgelegt, vorliegend also mit dem Begriff der „Korrespondenz“. Eine verlässliche Definition dieses Terminus findet sich in der Umsetzungs- verordnung zum Postgesetz (Art. 24 des D. P. R. Nr. 655/1982), wonach Korres- pondenz definiert ist als: „jegliche verschlossene und jegliche nicht verschlossene Sendung, die aktuelle und persönliche Kommunikation enthält“. Da nach italienischer und völkerrechtlicher Rechtsprechung (insbesondere dem Fall Klass gegen Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschen- rechte) der Begriff der Korrespondenz weit ausgelegt werden soll, um alle For- men der privaten Kommunikation zu erfassen, sind die beiden Hauptbestand- teile dieses Begriffes, d. h. die Aktualität und der persönliche Charakter, auch auf die „anderen Arten der Kommunikation“ nach Art. 15 anzuwenden und 255 tragen so zur Feststellung des sachlichen Anwendungsbereiches der Norm bei. Zunächst bestimmt die Aktualität den zeitlichen Aspekt der Einstufung der übermittelten Informationen als Kommunikation: Nach einer im Schrifttum, insbesondere von Pace, vertretenen Auffassung kann ein zugestellter und vom Empfänger gelesener Brief nicht mehr als Mittel der Kommunikation betrachtet werden. Nichtsdestotrotz spielt das zweite dieser Erfordernisse eine bei weitem größere Rolle. Es ist nämlich das Merkmal des persönlichen Charakters, welches traditionell der Unterscheidung zwischen Kommunikation zwischen den Betei- ligten und Information der Beteiligten dient. So sind Kommunikationsprozesse gekennzeichnet durch einen Strom von Informationen zwischen einer Quelle und einem oder mehreren bestimmten oder identifizierbaren Empfängern. Die Bedeutung dieser Merkmale liegt in ihrer Funktion als Richtschnur für die Auslegung der Wendung „andere Arten der Kommunikation“ in den letzten 50 Jahren. Die italienische Verfassung von 1948 enthielt zu keinem Zeitpunkt je irgendwelche Bezüge zu modernen Kommunikationsmitteln, wie Hörfunk, Telefon, Internet o. Ä. Nach Auffassung einiger Autoren, insbesondere Giocoli Naccis, handelte es sich hierbei um eine bewusste Entscheidung des italieni- schen Gesetzgebers: Anstatt Verweisen auf Kommunikationsmittel, die durch technologischen Fortschritt ohnehin bald überholt wären, verwandten die Verfas- ser bewusst den Begriff der „Kommunikation“, d. h. eine flexible, zukunftsoffene Vorschrift, die sich selbst den Errungenschaften der Wissenschaft anpasst. Tatsächlich waren vom Begriff der „Kommunikation“ – und damit vom sachlichen Anwendungsbereich des Art. 15 – zunächst nur Telefon, Telegrafie und Funkübermittlung erfasst, Gleiches gilt für den Anwendungsbereich des Postgesetzes von 1936. Folglich gab es eine erhebliche gesetzliche Schutz- lücke, da es keinerlei Vorschriften über die Vertraulichkeit der Kommunika- tion, welche nicht in den Anwendungsbereich des Postgesetzes fiel, gab. Aus diesem Grund wurde mit dem Gesetz Nr. 98/1974 eine neue Bestimmung ein- geführt, die den Anwendungsbereich der Vorschriften zum Schutz der Vertrau- lichkeit der Telegrafie, der Telefonie und des Funkverkehrs ausdehnte auf „jede andere Übertragung von Ton, Bildern oder sonstigen Daten über Kabel oder geleitete Wellen“, wobei „geleitete Wellen“ ein veralteter Begriff für Glasfaserübertragungssysteme ist. Jüngst wurde der Anwendungsbereich des Vertraulichkeitsschutzes durch das Gesetz Nr. 547/1993 dergestalt erweitert, dass er jetzt auch Computer-Kommunikation einschließt. Trotzdem ist zu beachten, dass heutzutage die ehemals eindeutige Unter- scheidung zwischen Kommunikation und Information durch die technologische Konvergenz unschärfer wird. Denn die oben dargestellte traditionelle Unter- scheidung beruhte auf einer umfassenden Übereinstimmung zwischen Kom- munikationsmitteln (Netzen) und -aktivitäten (Diensten). Zum Beispiel wurden für Telefongespräche nur Telefonnetze verwendet, die ihrerseits auch aus- schließlich für Telefongespräche genutzt werden konnten. 256 Das frühere italienische Medienrecht wurde spürbar von dieser Trennung beeinflusst, so nahm insbesondere das Postgesetz von 1936 eine klare Unter- scheidung zwischen Telefonie und Telegrafie einerseits und Hörfunk anderer- seits vor. Erstere wurden über ein verkörpertes Medium, das heißt über Telefon- bzw. Telegrafenkabel, übertragen und richteten sich an bestimmte Empfänger, wohingegen der Rundfunk über den Äther an eine unbestimmte Hörerschaft verbreitet wurde. Die Bedeutung der technischen Mittel und der Quantität und der Qualität der Empfänger wurde zudem vom italienischen Verfassungsgericht betont, welches entschied, dass Kommunikation dem Anwendungsbereich des Art. 15 der italienischen Verfassung unterfällt und nicht unter Art. 21 subsumiert wer- den kann, da „[Kommunikation] mit Mitteln durchgeführt wird, die herkömmlich für die Kommuni- kation zwischen Personen bestimmt sind, um Mitteilungen an die Allgemeinheit zu senden“. Überdies haben sich fortan sowohl Rechtsprechung als auch Literatur auf diese Kategorien bezogen, wenn sie sich mit noch nicht regulierten Mediendiensten wie etwa Tele-Meetings oder Video-on-Demand befasst haben. Dagegen ist diese Unterscheidung inzwischen durch die neuesten Informa- tionstechnologien überflüssig gemacht worden. Ein und dieselben Mittel (etwa das Internet) können mittlerweile sowohl für Informations- (Internetseiten, Online-Publikationen etc.) als auch für Kommunikationsdienste (E-Mails, VoIP etc.) genutzt werden. Darüber hinaus führt diese technische Konvergenz auch zu einer wirtschaftlichen Konvergenz zwischen Unternehmen aus dem Infor- mations- und dem Kommunikationsbereich und lässt damit derzeit ein Bedürf- nis nach einer Konvergenz der Regulierung entstehen, die von dem Prinzip der Technologieneutralität inspiriert ist. Deshalb wurde mit dem neuen italienischen Rechtsrahmen auch die überholte Unterscheidung zwischen Kommunikations- und Informationsdiensten durch einen konvergenten Ansatz ersetzt, der in Abschnitt III. dargestellt wird. 2. Frühere Rechtslage a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienstekategorien aa) Rundfunk (1) Hörfunk und Fernsehen Für den Rundfunkbereich stellt das Gesetz Nr. 223/1990 (auch „Mammì- Gesetz“ genannt) den ersten Versuch dar, diesen Sektor umfassend zu regeln, gefolgt von dem so genannten „Maccanico-Gesetz“ (Gesetz 249/1997), durch welches die italienische Medienaufsichtsbehörde AGCom errichtet wurde. 257 Im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand dieser Studie ist zu beachten, dass das Mammì-Gesetz eine umfassende und offene Rundfunkdefinition ent- hält: Abschnitt I – Verbreitung von Hörfunk- und Fernsehprogrammen Art. 1 (allgemeine Grundsätze) 1. Die Verbreitung von Hörfunk- und Fernsehprogrammen ist, unabhängig von den ver- wendeten technischen Mitteln, von herausragendem allgemeinen Interesse. Obschon diese Vorschrift in keiner Weise die Rundfunkdefinition neu gestal- tete, stellte ihr extrem weiter sachlicher Anwendungsbereich doch eines der Argumente für die Rechtmäßigkeit von Pay-TV dar. Kritiker hingegen führten an, dass Art. 32.1 des Mammì-Gesetzes Pay-TV verbiete. Abschnitt V – Übergangsvorschriften Art. 32 (Genehmigung zur Fortführung des Betriebs) Die Modifikation der technischen und operativen Funktionsweise (privater) Netze [für Rundfunk] ist verboten. Die Verbreitung verschlüsselter Programme erfordert den Einsatz von Ver- schlüsselungstechniken, die eine „Modifikation der technischen und operativen Funktionsweise privater Netze“ in diesem Sinne darstellt. Dennoch wurde diese Auslegung durch das oberste italienische Verwaltungsgericht (Consiglio di Stato) nicht bestätigt, welches urteilte, dass erstens die Verschlüsselung von Signalen die technische und operative Funktionsweise privater Netze nicht modifiziert; zweitens Art. 1.1 des Mammì-Gesetzes Fernsehsendungen unab- hängig von den verwendeten technischen Mitteln zulässt und drittens die Richt- linie 89/552/EWG die Übertragung von Fernsehprogrammen in verschlüsselter Form als Fernsehsendung einstuft. (2) Pay-TV Später wurde Pay-TV dann von D. P. R. 255/1992 geregelt, das alle für un- verschlüsseltes Fernsehen geltenden Pflichten und Verbote auf die verschlüsselte Übertragung ausdehnte. Des Weiteren fand sich eine wichtige Vorschrift für Pay-TV in Art. 3.11 des Gesetzes 249/1997: „Niemand darf mehr als eine Lizenz für die Verbreitung von verschlüsselten Fernseh- programmen über landesweit vergebene terrestrische Frequenzen erhalten.“ (3) Kabelübertragung Kabelfernsehen war jahrzehntelang ein vollständig unregulierter Sektor. Die erste Definition des Begriffes „Kabelfernsehen“ kann allenfalls im Gegen- schluss aus der Anwendung des Postgesetzes von 1936 abgeleitet werden, das 258 Kabelfernsehen nicht erfasste, so dass sich das staatliche Fernsehmonopol nicht auf dieses bezog und Kabelfernsehen damit als rechtlich zulässig erachtet werden konnte. Dagegen wurde Kabelfernsehen in der nächsten Fassung des Postgesetzes, die im Jahr 1973 verabschiedet wurde, ausdrücklich in das staat- liche Monopol eingeschlossen. Das italienische Verfassungsgericht allerdings erklärte die betreffende Vor- schrift für verfassungswidrig. Deshalb verabschiedete das Parlament in der Folge das Gesetz 103/1975, dessen Art. 24 „Einfachkanal-Kabelfernsehen“ er- fasste: Abschnitt II – Hörfunk- und Fernsehkabelnetze Art. 24 Installation und Betrieb von Netzen und Ausrüstung für die Hörfunk- und/oder Fernseh- Einfachkanal-Kabelübertragung und die Verbreitung von Programmen mit diesen Mitteln ist zulässig. (…) Allerdings war Einfachkanal-Kabelfernsehen schon zum Zeitpunkt des In- Kraft-Tretens dieses Gesetzes technisch überholt und wirtschaftlich unrentabel. Aus diesem Grund enthielt Gesetz 223/1990 eine Ermächtigung der Regie- rung, die sich mit der Frage wiederum im Erlass Nr. 73/1991 befasste. Hervor- zuheben ist, dass Art. 2 dieses Gesetzes sowohl Einfachkanal- als auch Mehr- fachkanal-Kabelfernsehen erfasst. Art. 2 Installation von Kabelfernsehnetzen und -ausrüstung Die Installation von Netzen und Ausrüstung für Kabelverbreitung von Hörfunk und Fernsehen, gleich ob Einfach- oder Mehrfachkanal, bleibt dem Staat vorbehalten, der diese sowohl auf direktem Wege als auch durch Vergabe von Konzessionen an Betreiber von Telekommunikationsnetzen und -diensten durchführt. (4) Satellitenübertragung Satellitenfernsehen war zunächst ebenso wenig im italienischen Medienrecht geregelt. Dieser Sektor wurde bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts durch vertragliche Instrumente reguliert, insbesondere durch das Übereinkommen zwischen dem Staat und der RAI. Der wichtigste Rechtsakt für den Bereich des Satellitenfernsehens ist der Legislativerlass Nr. 55/1997, durch welchen die Richtlinie 94/46/EG über die Satellitenkommunikation umgesetzt wird.m bb) Telekommunikation (1) Mobiltelefonie Mobiltelefonie wird durch D. P. R. 318/1997 geregelt, wodurch die Richtlinie 96/2/EG umgesetzt wird. Mobilfunkdienste sind dort folgendermaßen defi- niert: 259 Artikel 1 – Definitionen 1. Für die Zwecke dieser Verordnung (…) p) [ist] mobiler und persönlicher Kommunikationsdienst ein Dienst, der kein Satelliten- dienst ist und dessen Erbringung ganz oder zum Teil in der Etablierung von Funk- kommunikationsverbindungen für mobile Nutzer besteht und der ganz oder teilweise ein mobiles und persönliches Kommunikationssystem nutzt. (2) Festnetztelefonie Wie unter Punkt 5 dieses Abschnitts noch näher ausgeführt werden wird, er- gaben sich aus der Definition der Festnetztelefondienste in Art. 1.1 der D. P. R. 318/1997 verschiedene Probleme: (…) m) öffentliches Telefon-Festnetz [ist] ein öffentliches zusammengeschaltetes Telekom- munikationsnetz, welches unter anderem für die Erbringung von Sprachtelefondiensten zwischen Netzabschlusspunkten an festen Orten genutzt wird; (…) s) „Sprach-Telefondienst“ ist die Bereitstellung für die Öffentlichkeit des direkten Trans- ports und der Vermittlung von Sprache in Echtzeit von und zu den Netzabschluss- punkten des öffentlichen, vermittelten Netzes, wobei jeder Benutzer das an solch einem Netzabschlusspunkt angeschlossene Endgerät zur Kommunikation mit einem anderen Netzabschlusspunkt verwenden kann; (…) b) Vereinbarkeit mit europäischem Recht aa) Rundfunk Für den Rundfunkbereich muss noch angemerkt werden, dass der Wortlaut des Art. 1.1 des Mammì-Gesetzes (siehe oben) weniger eindeutig ist als die detaillierte und genaue Definition der „Fernsehsendung“ aus Art. 1(a) der Richtlinie 89/552/EWG in der Fassung der Richtlinie 97/36/EG: a) „Fernsehsendung“ [ist] die drahtlose oder drahtgebundene, erdgebundene oder durch Satelliten vermittelte, unverschlüsselte oder verschlüsselte Erstsendung von Fernseh- programmen, die zum Empfang durch die Allgemeinheit bestimmt ist. Der Begriff schließt die Übermittlung an andere Veranstalter zur Weiterverbreitung an die Allgemein- heit ein. Nicht eingeschlossen sind Kommunikationsdienste, die auf individuellen Abruf Informationen oder andere Inhalte übermitteln, wie Fernkopierdienste, elektronische Datenbanken und andere ähnliche Dienste. Für das Kabelfernsehen setzt der Legislativerlass Nr. 55/1997 beinahe wört- lich die Richtlinie 94/46/EG um; maßgebliche Abweichungen gibt es nicht.m 260 bb) Telekommunikation Im Telekommunikationsbereich stimmen die Definitionen für Mobiltelefon- dienst und Festnetztelefondienst in D. P. R. 318/1997 nahezu vollständig mit den entsprechenden Bestimmungen der Richtlinien 90/388/EWG und 96/2/EG überein. Eine kleiner Unterschied besteht allerdings bei der Definition des Begriffes „Sprachtelefonie“, der in Richtlinie 96/2/EG wie folgt beschrieben wird: – „Sprach-Telefondienst“ ist die kommerzielle Bereitstellung für die Öffentlichkeit des direkten Transports und der Vermittlung von Sprache in Echtzeit von und zu den Netz- abschlusspunkten des öffentlichen, vermittelten Netzes, wobei jeder Benutzer das an solch einem Netzabschlusspunkt angeschlossene Endgerät zur Kommunikation mit einem anderen Netzabschlusspunkt verwenden kann; (Hervorhebung hinzugefügt) Dieses zusätzliche Tatbestandsmerkmal ist allerdings von nicht unerheblicher Bedeutung, zumal es eines der Argumente war, die die Europäische Kommis- sion anführte, um internetbasierte Sprachtelefonie vom Anwendungsbereich der Richtlinie 96/2/EG auszunehmen. c) Definition der Adressaten Der Legislativerlass Nr. 73/1991 sieht für das Kabelfernsehen eine klare Unter- scheidung zwischen der Installation und dem Betrieb von Netzen und zu- gehöriger Ausrüstung einerseits und dem Angebot von Programmen, das durch alle dazu autorisierten Personen erbracht werden darf, andererseits vor. Art. 13 des Legislativerlasses Nr. 55/1997, durch den die Richtlinie 94/46/ EG umgesetzt wurde, legte eine Reihe von Pflichten für „Diensteanbieter“ im Bereich des Satellitenfernsehens fest; so sollen diese etwa die Vertraulichkeit persönlicher Daten wahren, Störungen vermeiden, Vorschriften zum Schutz der nationalen Sicherheit einhalten etc. d) Horizontale Regulierungsansätze Das italienische Medienrecht enthält eine Reihe von horizontalen Regelungen, d. h. Regelungen, die auf verschiedene Dienste und Mediensektoren Anwen- dung finden. Eine dieser Vorschriften ist Legislativerlass Nr. 74/1992, der irreführende Werbung unabhängig von dem Übertragungsmedium verbietet. 1. Für die Zwecke dieses Erlasses: a) ist Werbung jede Art von Mitteilung, die – gleich mit welchen Mitteln – verbreitet wird im Zusammenhang mit einem kommerziellen, industriellen oder beruflichen Vor- haben mit dem Ziel der Förderung des Verkaufs von Grundstücken oder persönlichem Eigentum, (…) 261 Aus den Formulierungen „jede Art von Mitteilung“ und „gleich mit welchen Mitteln“ geht recht eindeutig hervor, dass diese Vorschrift unabhängig von dem betroffenen Mediensektor auf jede Form von Werbung anwendbar ist. Ein weiterer horizontaler Regelungsansatz findet sich im Medienkonzentra- tionsrecht. Um eine beherrschende Stellung im Sektor der Massenkommunika- tion zu verhindern, enthält das Gesetz 223/1990 eine Reihe von Vorschriften, die sich auf mehrere, verschiedene Medienbereiche beziehen, wie etwa Rund- funk und Presse. In Art. 2.1 des Maccanico-Gesetzes wird Folgendes angeordnet: In den Sektoren der Hörfunk- und Fernsehkommunikation, auch in weiter entwickelten Formen, mit welchen Mitteln diese auch immer durchgeführt wird, und unter Einschluss elektronischer Mittel und der Finanzierungsquellen, ist jedwede Handlung oder Ver- haltensweise, die die Schaffung oder Aufrechterhaltung einer beherrschenden Stellung durch ein einzelnes Rechtssubjekt unter Berücksichtigung weiterer von diesem kontrol- lierter oder mit diesem verbundener Rechtssubjekte zum Ziel oder zum Ergebnis hat, verboten. Schließlich finden auch die Vorschriften über politische Werbung auf mehrere Mediensektoren Anwendung. So sieht das Gesetz Nr. 515/1993 eine Reihe von Vorschriften zur Sicherstellung eines gleichberechtigten Zugangs zu allen Massenmedien durch die politischen Parteien vor, die sowohl für Rundfunk- veranstalter als auch für Zeitungen und Zeitschriften gelten. e) Beispiele für Anwendungsprobleme des nationalen Rechtsrahmens Im Telekommunikationsbereich tauchten verschiedene Probleme mit der oben erwähnten Definition der Festnetztelefondienste auf. Im Folgenden sollen zwei dieser Problemfelder dargestellt werden. Das Erste betraf die so genannten geschlossenen Benutzergruppen, d. h. private Netze, die durch spezielle Computerverbindungen und Vorkehrungen zum Ausschluss Dritter die Kommunikation innerhalb eines begrenzten und bestimmten Kreises von Nutzern ermöglichten. Nach Macaluso und Bertoni können solche Dienste nicht als Festnetztelefonie im Sinne des D. P. R. 318/ 1997 (siehe oben unter 1) eingestuft werden, da sie erstens per definitionem nicht an die allgemeine Öffentlichkeit gerichtet sind, zweitens nur spezielle Direktverbindungen nutzen, die keinen Zusammenschaltungsvorgang erfordern, sowie drittens nicht zwischen zwei Netzabschlusspunkten eines öffentlichen, zusammengeschalteten Netzes erbracht werden. Ein weiterer Streitpunkt im Zusammenhang mit der Definition des Begriffes der Festnetztelefonie betraf die Sprachkommunikation über das Internet. Zu diesem Thema gab die Europäische Kommission die Mitteilung 98/C 6/04 heraus, wonach der in Rede stehende Dienst nicht unter den Begriff der Fest- 262 netztelefonie falle, weil die Sprachkommunikation über das Internet kein kom- merziell angebotener Dienst sei (die Richtlinie bezieht sich auf die kommer- zielle Bereitstellung für die Öffentlichkeit des direkten Transports und der Vermittlung von Sprache in Echtzeit von und zu den Netzabschlusspunkten des öffentlichen, vermittelten Netzes), nicht an die Allgemeinheit gerichtet sei und nicht zwischen den Netzabschlusspunkten des öffentlichen, vermittelten Netzes erfolge. f) Tabellarischer Überblick 3. Geltende Rechtslage a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienstekategorien Zunächst ist zu beachten, dass das neuere italienische Medienrecht entgegen der traditionellen Unterteilung zwischen Kommunikation und Information zu- nehmend einen innovativen und konvergenten Ansatz verfolgt. In dem Gesetz 249/1997 („Maccanico-Gesetz“) wurde zum ersten Mal auf das Phänomen der Konvergenz im Mediensektor eingegangen. Bemerkenswert ist dabei, dass dieses Gesetz im Jahr 1997 verabschiedet wurde, d. h. fünf Jahre früher als der neue europäische Rechtsrahmen von 2002. Auch hierbei spielten rechtliche Definitionen eine Rolle. So wurde durch das Gesetz beispielsweise das italienische „Ministerium für Telekommunika- tion und Post“ umbenannt in „Ministerium für Kommunikation“. Dabei mag es sich zwar um eine lediglich nominelle Änderung handeln, allerdings ist es dennoch ein Hinweis auf eine neue Herangehensweise. Mit dem Maccanico-Gesetz wurde auch die AGCom, die italienische Medienaufsichtsbehörde geschaffen. Die AGCom ist unzweifelhaft eine „kon- vergente“ Regulierungsbehörde, da sie über Kompetenzen sowohl im Rund- funkbereich als auch in der Telekommunikation verfügt. Der Trend zur Konvergenz wurde später auch in dem so genannten „Gasparri-Gesetz“ (Nr. 112/2004) ausdrücklich anerkannt: 263 Rundfunk Kabel- fernsehen Satelliten- fernsehen Presse Mobil- telefonie Festnetz- telefonie Definition und allgemeine Vorschriften Gesetz Nr. 223/ 1990 d.lgs. 73/1991 d.lgs. 55/1997 Gesetz Nr. 416/81 Art. 1.1 D. P. R. 318/1997 Verbot irreführender Werbung d.lgs. 74/1992 Beteiligungs- beschränkungen Gesetz Nr. 223/1990 und Gesetz Nr. 416/81 Regeln über politische Werbung Gesetz Nr. 515/1993 Artikel 1 (Anwendungsbereich und Ziele) 1. Dieses Gesetz legt die allgemeinen Grundsätze für das nationale, regionale und lokale Rundfunksystem fest und stellt dieses auf den Siegeszug der Digitaltechnologie und den Prozess der Konvergenz zwischen dem Rundfunksektor und anderen Sektoren der Individual- und Massenkommunikation, wie den der Telekommunikation, der (elektroni- schen) Presse und des Internet mit allen seinen Anwendungen, ein. 2. Die Verbreitung von Fernsehprogrammen, Hörfunkprogrammen und Datenprogram- men, auch in verschlüsselter Form, wird vom Anwendungsbereich dieses Gesetzes ebenso erfasst wie die Erbringung begleitender interaktiver Dienste und von Conditional- Access-Diensten über terrestrische Frequenzen, über Kabel oder über Satellit. Art. 2 des Gasparri-Gesetzes ist von enormer Bedeutung für diese Untersuchung, da er verschiedene Definitionen enthält: Artikel 2 (Begriffsbestimmungen) Für die Zwecke dieses Gesetzes sind: a) „Fernsehprogramme“ und „Hörfunkprogramme“ die Gesamtheit der Inhalte, die von einem Anbieter bereitgestellt werden, unter ein und demselben Markenzeichen geführt werden und für den Empfang durch die Allgemeinheit bestimmt sind, welche im Wege der Rundfunkübertragung – gleich mit welcher Methode – verbreitet werden. Der Ausdruck „Programme“ ohne weitere Zusätze bezeichnet sowohl Fernseh- als auch Hörfunkprogramme. b) „Datenprogramme“ Informationsdienste, die aus redaktionell gestalteten Produkten in elektronischer Form bestehen, bei denen es sich nicht um Hörfunk- oder Fernseh- programme handelt, die aber über Rundfunknetze übertragen werden und die nicht auf individuellen Abruf erbracht werden; hiervon erfasst sind Teletext und Daten- seiten. Die kartellrechtlichen Vorschriften in Abschnitt II des Gasparri-Gesetzes sind wohl die meistdiskutierten Normen dieses Gesetzes. Dabei geht es insbesondere um die Art. 15. Abs. 1 und 2. Art. 15.Abs. 1 sieht einen Grenzwert für Inhalteanbieter (siehe zu diesem Begriff unten unter 3.) vor. Diese dürfen nicht mehr als 20 % aller Hörfunk- oder Fernsehprogramme verbreiten: Artikel 15 1. Zum Zeitpunkt der vollständigen Anwendung des nationalen Planes für digital ge- nutzte Rundfunkfrequenzen darf ein einzelner Inhalteanbieter – hiervon sind auch Unter- nehmen erfasst, die als Tochterunternehmen oder verbundene Unternehmen nach Artikel 2 Absätze 17 und 18 des Gesetzes Nr. 249 vom 31. Juli 1997 einzustufen sind – nicht Lizenzen innehaben, die es ihm erlauben, mehr als 20 % der gesamten Fernsehprogramme oder mehr als 20 % der gesamten Hörfunkprogramme, die über terrestrische Frequenzen landesweit über die in dem Frequenzplan bezeichneten Netze verbreitet werden können, zu verbreiten. Wie in Abschnitt 2 noch näher darzulegen sein wird, war hochumstritten, ob Pay-per-View in den Anwendungsbereich dieser Vorschrift fällt. 264 Art. 15 Abs. 2 sieht eine Grenze bei den Einkünften vor. Genauer gesagt dürfen Betreiber bis zu 20 % der Gesamterträge aus dem Bereich des SIC auf sich vereinen. Diese Abkürzung steht für Integriertes Kommunikationssystem. Das SIC setzt sich aus den in Art. 15 aufgelisteten Elementen zusammen: 2. Unbeschadet des Verbots der Erlangung einer marktbeherrschenden Stellung in den Einzelmärkten, die zusammen das Integrierte Kommunikationssystem bilden, dürfen Parteien, die gemäß Artikel 1 Abs. 6 lit. a) Ziff. 5 des Gesetzes Nr. 249 vom 31. Juli 1997 zur Eintragung in das Register der Kommunikationsbetreiber verpflichtet sind, weder direkt noch über Tochterunternehmen oder verbundene Parteien mehr als 20 % der Gesamterträge des Integrierten Kommunikationssektors erzielen. 3. Die in Abs. 2 bezeichneten Erträge sind die Erträge aus der Finanzierung des öffent- lich-rechtlichen Rundfunks abzüglich der zu leistenden Abgaben, die Erträge aus landes- weiter und lokaler Werbung einschließlich der direkten Werbeformen, aus Teleshopping, Sponsoring, aus Produktwerbesendungen am Verkaufsort unter Ausschluss von Rabatt- aktionen, aus dauerhaften Übereinkünften mit öffentlichen Stellen und aus öffentlichen Geldern, die unmittelbar den Parteien zufließen, die die in Artikel 2 Abs. 1 lit g) be- zeichneten Aktivitäten ausführen, aus Pay-TV, aus Abonnements und Verkäufen von Zeitungen und Magazinen einschließlich der Buchprodukte und phonografischen Pro- dukte, die mit diesen vermarktet werden, die Erträge landesweit tätiger Presseagenturen, aus der Gestaltung elektronischer Medien und Speicher, auch über Internet, und aus der Vorführung kinematografischer Werke in verschiedenen Formen für die Öffentlich- keit.n Diese Vorschriften sind jetzt Teil des Konsolidierten Textes über Hörfunk und Fernsehen (d.lgs. no. 177/2005). Dieser kürzlich verabschiedete Legislativ- erlass fasst die meisten der zahlreichen Gesetze, Vorschriften, Erlasse und Verordnungen zusammen, die den Rundfunksektor regeln, und kann weitest- gehend als reine Neudarstellung (Kodifizierung/Bekanntmachung) der bereits existierenden Gesetzgebung bezeichnet werden. Der Telekommunikationssektor wird derzeit durch das jüngst verabschiedete Gesetz über die elektronische Kommunikation (d.lgs. no. 259/2003), welches den neuen EU-Rechtsrahmen von 2002 umsetzt, reguliert. Genau genommen ist das Gesetz meistenteils eine exakte Umsetzung der EU-Richtlinien, das italienische Gesetz gibt nahezu haargenau das Gemeinschaftsrecht wieder. So lautet beispielsweise die Definition für „elektronische Kommunikationsdienste“ in der Richtlinie 2002/21/EG: Artikel 2 Begriffsbestimmungen Für die Zwecke dieser Richtlinie gelten folgende Begriffsbestimmungen: (…) c) „elektronische Kommunikationsdienste“: gewöhnlich gegen Entgelt erbrachte Dienste, die ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kom- munikationsnetze bestehen, einschließlich Telekommunikations- und Übertragungs- dienste in Rundfunknetzen, jedoch ausgenommen Dienste, die Inhalte über elektronische Kommunikationsnetze und -dienste anbieten oder eine redaktionelle Kontrolle über sie 265 ausüben; nicht dazu gehören die Dienste der Informationsgesellschaft im Sinne von Artikel 1 der Richtlinie 98/34/EG, die nicht ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kommunikationsnetze bestehen; (…) Und die entsprechende Definition des italienischen Gesetzes über elektronische Kommunikation: Artikel 1 lit. gg) „elektronische Kommunikationsdienste“: gewöhnlich gegen Entgelt erbrachte Dienste, die ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kom- munikationsnetze bestehen, einschließlich Telekommunikations- und Übertragungs- dienste in Rundfunknetzen, jedoch ausgenommen Dienste, die Inhalte über elektronische Kommunikationsnetze und -dienste anbieten oder eine redaktionelle Kontrolle über sie ausüben; nicht dazu gehören die Dienste der Informationsgesellschaft im Sinne von Art. 1 der Richtlinie 98/34/EG, die nicht ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kommunikationsnetze bestehen; (…) b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben Wie bereits im vorigen Abschnitt angedeutet, war die rechtliche Einordnung von Pay-per-View ein Streitpunkt. So wird Pay-per-View trotz der klaren Unter- scheidung durch den Gerichtshof zwischen Diensten der Informationsgesell- schaft und Fernsehsendungen, derzufolge Pay-per-View (in der Form des NVoD) meist als Fernsehen einzustufen sein wird, weder durch das Gasparri-Gesetz noch seine Neudarstellung im Konsolidierten Text zu Hörfunk und Fernsehen unter die Kategorie der Fernsehprogramme gefasst. So lautet Art. 2 Abs. 1 lit. e) des Gasparri-Gesetzes: e) „Anbieter von interaktiven Begleitdiensten oder Conditional-Access-Diensten“ [ist] die Partei, die, über einen Netzbetreiber, der Öffentlichkeit Dienste anbietet, die mit Conditional Access in der Form der Übermittlung digitaler Codes an die Nutzer zum Ansehen der Programme versehen sind, die das Abrechnen der Dienste und notwendi- genfalls die Bereitstellung von Geräten vornimmt oder die Dienste der Informations- gesellschaft gemäß Art. 1 Nr. 2 der Richtlinie 98/34/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. Juni 1998 in der Fassung der Richtlinie 98/48/EG des Euro- päischen Parlaments und des Rates vom 20. Juli 1998 anbietet oder die einen elektroni- schen Programmführer anbietet. Und Art. 2 Abs. 1 lit. h) des Konsolidierten Textes über Hörfunk und Fernsehen lautet: h) „Anbieter von interaktiven Begleitdiensten oder Conditional-Access-Diensten“ [ist] die Partei, die, über einen Netzbetreiber, der Öffentlichkeit Dienste anbietet, die mit Conditional Access in der Form der Übermittlung digitaler Codes an die Nutzer zum Ansehen der Programme versehen sind, einschließlich Pay-per-View, die das Abrechnen 266 der Dienste und notwendigenfalls die Bereitstellung von Geräten vornimmt oder die Dienste der Informationsgesellschaft gemäß Art. 2 des Legislativerlasses Nr. 70 vom 9. April 2003 anbietet oder die einen elektronischen Programmführer anbietet; (die Hervorhebung markiert den Unterschied zwischen den beiden Vorschriften). Aus dem Vergleich der beiden Vorschriften ergibt sich recht deutlich, dass der Begriff des „Fernsehprogramms“ im italienischen Recht sich etwas von der ent- sprechenden Kategorie im Gemeinschaftsrecht in der Auslegung des Gerichts- hofes unterscheidet. Diese Angelegenheit wurde in der 8. Ständigen Kommis- sion des Senats, also derjenigen Untergliederung des Parlaments, welche den Konsolidierten Text entworfen und verabschiedet hat, diskutiert. Um genau zu sein, wurde die Neuformulierung von zwei Mitgliedern der Kommission, den Senatoren Donati und Falomi, heftig kritisiert. Sie argumentierten, dass diese Einstufung den Ausschluss des Pay-per-View von der kartellrechtlichen 20-Pro- zent-Grenze bedeute, was sich zugunsten von Mediaset, einem der wichtigsten Medienunternehmen Italiens (und im Eigentum von Silvio Berlusconi stehend), auswirke. Nichtsdestotrotz wurde Art. 2 Abs. 1 lit. e) des Gasparri-Gesetzes schließlich zu Art. 2 Abs. 1 lit. h) des Konsolidierten Textes ohne jegliche Änderung, mit Ausnahme der expliziten Erwähnung des Begriffes „Pay-per- View“, der wahrscheinlich nur zur „Vermeidung von Zweifeln“ eingefügt wurde. Im Bereich der elektronischen Kommunikation ist die Übereinstimmung zwischen EU- und italienischem Recht meistenteils geradezu vollkommen, bis dato sind keine ins Gewicht fallenden Abweichungen festgestellt worden. In einigen anderen Bereichen gibt es aber deutliche Unterschiede zwischen Ge- meinschaftsrecht und italienischem Recht. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass, anders als bei dem kon- vergenten Ansatz des Maccanico-Gesetzes und des EU-Rechts, das Gesetz über elektronische Kommunikation nicht den Rundfunksektor regelt, der nur vom Gasparri-Gesetz und inzwischen durch den Konsolidierten Text über Hör- funk und Fernsehen geregelt wird. Daneben gibt es auch Bedenken hinsicht- lich der Umsetzung des im EU-Rechtsrahmen vorgesehenen Durchsetzungs- mechanismus. Nach den EG-Richtlinien von 2002 soll die Umsetzung des Gemeinschaftsrechts und des nationalen Rechts von einem transnationalen Netz bestehend aus der Kommission und den unabhängigen nationalen Regu- lierungsbehörden (NRA) der Mitgliedstaaten durchgeführt werden. Entgegen dem eindeutigen Wortlaut des europäischen Rechtsrahmens in dieser Frage sieht das Gesetz über die elektronische Kommunikation eine Reihe von Schlüssel- kompetenzen, wie etwa die Zuständigkeit für die Lizenzerteilung und -über- wachung, für den Zugang zu Kommunikationsmitteln, die Verwaltung der digitalen Frequenzen etc. für das Ministerium für Kommunikation vor, welches Teil der Regierung ist und damit gerade nicht unabhängig. 267 c) Definition der Adressaten Die Frage der Adressaten der neuesten Mediengesetzgebung ist von großem Interesse, da sich darin die Einnahme einer neuen, konvergenten Perspektive durch den italienischen Gesetzgeber widerspiegelt. In dieser Hinsicht muss daran erinnert werden, dass es auf europäischer Ebene Bestrebungen gibt, für eine klare Unterscheidung zwischen Betreibern von Infrastruktur und Diensteanbietern einzutreten. Diese Perspektive hat der europäische Gesetzgeber in einer Reihe von Fällen, nicht nur im Mediensektor, eingenommen. Beispielsweise war die Liberalisierung und Privatisierung des öffentlichen Personenverkehrs von dieser Unterscheidung bestimmt, so wurde etwa zwischen dem Betreiber der Gleise und den Anbietern der eigentlichen Transportdienstleistungen unterschieden. Obwohl der italienische Gesetzgeber, wie bereits dargelegt, keinen wirklich konvergenten Rechtsrahmen, d. h. eine einzige rechtliche Einordnung für Rund- funk und Telekommunikation, verwirklicht hat, wird der konvergente Ansatz doch insoweit sichtbar, als sowohl das Gasparri-Gesetz als auch das Gesetz über die elektronische Kommunikation auf Adressaten Anwendung finden, deren Definitionen die genannte Unterscheidung von Seiten der EU wider- spiegeln. Das Gasparri-Gesetz definiert nämlich, anders als das Maccanico-Gesetz und das Mammì-Gesetz, eindeutig zwei verschiedene Kategorien von Adressa- ten, nämlich Netzbetreiber und Inhalteanbieter, die wie folgt definiert sind: c) „Netzbetreiber“ [bezeichnet] die Partei, der das Recht zusteht, ein elektronisches Kommunikationsnetz über digitale terrestrische Frequenzen mit digitaler Technologie, über Kabel oder Satellit oder Installationen für die Funkübermittlung, für Multiplexing, für Verbreitung und Übertragung innerhalb der Frequenzressourcen, die die Übertra- gung von Programmen an Nutzer ermöglichen, zu installieren, zu betreiben und zur Nutzung anzubieten; d) „Inhalteanbieter“ [ist] die Partei, die die redaktionelle Verantwortung für die Erstel- lung von Fernseh- oder Radioprogrammen und den entsprechenden für die Übertragung bestimmten Datenprogrammen einschließlich der mit Conditional-Access-Systemen versehenen über terrestrische Frequenzen mit digitaler Technologie, über Kabel oder über Satellit oder unter Verwendung irgendeiner anderen Methode der elektronischen Kommunikation trägt und die gesetzlich berechtigt ist, die kommerziellen und redak- tionellen Aktivitäten, die mit der Übertragung von Ton, Bildern und ähnlichen Daten einhergehen, durchzuführen; Die Definition des Inhalteanbieters aus dem Gasparri-Gesetz weist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Begriff des „Fernsehveranstalters“ aus der Fernsehricht- linie auf: 268 b) „Fernsehveranstalter“ (…) die natürliche oder juristische Person, die die redaktionelle Verantwortung für die Zusammensetzung von Fernsehprogrammen im Sinne von Buch- stabe a) trägt und die diese Fernsehprogramme sendet oder von Dritten senden lässt.m Für elektronische Kommunikation definiert das Gesetz den Begriff des „Be- treibers“ recht eindeutig: u) Betreiber [ist] ein Unternehmen, welches die Befugnis erhalten hat, ein öffentliches Kommunikationsnetz oder eine ähnliche Ressource bereitzustellen. Trotzdem finden die meisten Vorschriften des Gesetzes auf „Unternehmen, die elektronische Kommunikationsnetze und -dienste anbieten,“ Anwendung. Deshalb ist klar, dass die vom europäischen Gesetzgeber angestrebte Unter- scheidung das gegenwärtige Rundfunk- ebenso wie das gegenwärtige Tele- kommunikationsrecht bestimmt. d) Horizontale Regulierungsansätze Es gibt eine Reihe von horizontalen Vorschriften. In gewisser Weise lässt sich das SIC selbst als eine solche bezeichnen, da es Erträge aus verschiedenen Mediensektoren umfasst (wie etwa, Kino, Rundfunk etc.) Andere wichtige horizontale Vorschriften sind diejenigen über den Jugend- schutz, die durch das Gasparri-Gesetz eingeführt wurden und mittlerweile Teil des Konsolidierten Textes sind. e) Beispiele für Anwendungsprobleme des nationalen Rechtsrahmens Wie oben beschrieben war das Gasparri-Gesetz ein äußerst umstrittenes Gesetz, welches sogar der Präsident der Italienischen Republik als verfassungswidrig an das italienische Parlament zurückverwies. Es gibt in der Tat eine Reihe von Vorschriften, deren Anwendung Probleme verursacht hat. Eine von ihnen ist das SIC, welches die Basis für die Feststel- lung einer marktbeherrschenden Position im Medienmarkt darstellt. Die Markt- definition, die das Gesetz dabei zugrunde legt, ist aber umstritten, da die Elemente, aus denen das SIC besteht, heterogen und sehr unterschiedlich sind. Ein solches Kaleidoskop der Ertragsquellen würde wohl kaum einen einzelnen relevanten Produktmarkt im Sinne des Wettbewerbsrechts der EU darstellen. Zwar wurde insofern argumentiert, dass ein solchermaßen weiter sachlicher Anwendungsbereich gerade dem Prozess der Konvergenz der verschiedenen Mediensektoren Rechnung trägt. Herrschende Meinung ist aber dennoch, dass trotz aller Konvergenz die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Nutzung kinematografischer Werke weiterhin keinen gemeinsamen Produktmarkt darstellen. 269 Darüber hinaus wurde die Vereinbarkeit des Gasparri-Gesetzes mit dem neuen europäischen Rechtsrahmen aus verschiedenen Gründen in Zweifel ge- zogen. Einer davon sind die Kriterien für die Frequenzvergabe. Nach der Richt- linie 2002/21/EG sollen Frequenzen nach objektiven, nicht diskriminierenden und verhältnismäßigen Kriterien vergeben werden. Art. 23 Abs. 5 des Gasparri- Gesetzes sieht dagegen Folgendes vor: 5. Von dem Datum des In-Kraft-Tretens dieses Gesetzes an wird die Lizenz zum Betrieb von Fernsehnetzen auf Anfrage an diejenigen vergeben, die – entweder aufgrund einer Konzession oder aufgrund öffentlicher Duldung wie in Abs. 1 beschrieben – legitimer- weise die Übertragung von Fernsehsendungen durchführen, wenn sie belegen können, dass sie eine Abdeckung von nicht unter 50 % der Bevölkerung oder des örtlichen Empfangsgebiet erreicht haben. Im Wesentlichen legitimiert ein solcher Verweis auf die „öffentliche Duldung“ de facto eine Besetzung von Rundfunkfrequenzen durch Betreiber, die die ent- sprechende Lizenz nicht haben. Diese Vorschrift geht daher zu Lasten der- jenigen Betreiber, die dadurch – wie Europa7 – trotz einer ordnungsgemäß er- haltenen Lizenz nicht in der Lage sind, den Betrieb aufzunehmen, da die betreffenden Frequenzen von anderen Unternehmen genutzt werden.424 Daneben wurde die Vorschrift, die besagt, dass Veranstalter nur bis zu 20 % der gesamten Programme veranstalten dürfen, kritisiert, da sie nur auf Inhalte- anbieter Anwendung findet. Netzbetreiber können so ihre dominante Position in den vorgelagerten Märkten durch den Erwerb neuer Netze weiter ausbauen und diese Dominanz noch durch Einflussnahme auf den nachgelagerten Dienstemarkt verstärken. Vertikale Integration und die Herausbildung großer Konglomerate sind daher sehr wahrscheinlich. Erwähnenswert ist überdies, dass die AGCom am 6. Juli 2005 eine Entschei- dung über die Bedingungen getroffen hat, zu denen RAI und RTI unabhängige Inhalteanbieter, die bis zur vollständigen Umsetzung des nationalen digitalen Frequenzbelegungsplans eine Quote von 40 % ihrer terrestrischen Digitalkapa- zitäten nutzen werden, auszuwählen haben; Hintergrund war eine nach dem Gasparri-Gesetz vorgesehene Marktanalyse, derzufolge die Rundfunk- und Werbemärkte in Italien eine duopolistische Struktur aufweisen.425 270 424 Vgl. Scheuer, MMR 12/2004, S. XXVII. 425 Vgl. Cappello, 40 % der DTT-Kapazitäten auf den Multiplexen von RAI und RTi für unabhängige Anbieter. IRIS 2005-9, S. 15. f) Tabellarischer Überblick 4. Ausblick a) Weitere Änderungen des gegenwärtigen Rechtsrahmens Der Konsolidierte Text über Hörfunk und Fernsehen wurde am 28. Juli 2005 verabschiedet und trat am darauffolgenden Tag in Kraft. Sein äußerst weiter sachlicher Anwendungsbereich und die große Bandbreite der darin behandelten rechtlichen Aspekte lässt es als wahrscheinlich erscheinen, dass vorerst kein weiteres Tätigwerden des italienischen Gesetzgebers auf diesem Gebiet zu er- warten ist. Die einzige Perspektive für Veränderungen in dieser Hinsicht ist die Umset- zung einer möglicherweise modernisierten Fernsehrichtlinie. b) Positionen zur Revision der Fernsehrichtlinie Die Revision der Fernsehrichtlinie ist eine der viel diskutierten Fragen in Italien. Zwei der Beiträge zu der Konsultation im Rahmen der Überarbeitung dieser Richtlinie, die auf den Internetseiten der Europäischen Kommission abrufbar sind, sollen hier Erwähnung finden. Auf der einen Seite befürwortet die AGCom, die italienische Medienaufsichtsbehörde, im Wesentlichen das System der zwei Säulen, wonach bestimmte Grundregeln sowohl auf lineare als auch auf nicht-lineare Dienste Anwendung finden, während andere Regeln nur für lineare Dienste gelten sollen. Auf der anderen Seite drängen Rundfunk- veranstalter wie Mediaset und SkyItalia auf einen gemeinsamen Rechtsrahmen für lineare und nicht-lineare Kommunikation. SkyItalia führt hierfür nur allge- meine Gründe an (wie etwa den Prozess der Konvergenz), die Einlassung von Mediaset hingegen geht stärker ins Detail. Im Großen und Ganzen fordert Mediaset eine am Wettbewerbsrecht orientierte Fernsehrichtlinie, deren Anwen- dungsbereich sich nach wirtschaftlichen Kriterien bestimmt. Insbesondere hält Mediaset die Unterscheidung zwischen linearen und nicht-linearen Diensten für überholt und für künstlich, da eine Prüfung der Austauschbarkeit auf der 271 Rundfunk Kabel- fernsehen Satelliten- fernsehen Presse Mobil- telefonie Festnetz- telefonie Definition und allgemeine Vorschriften Konsolidierter Text über Hörfunk und Fernsehen Gesetz über die elektronische Kommunikation SIC Konsolidierter Text über Hörfunk und Fernsehen Beteiligungs- beschränkungen Konsolidierter Text über Hörfunk und Fernsehen Jugendschutz Konsolidierter Text über Hörfunk und Fernsehen Co-Regu- lierung Nachfrageseite zeige, dass heutzutage Kunden diese Produkte als austausch- bar ansehen. Diese Unterscheidung solle daher aufgegeben werden, da sie auf- grund neuer Technologien überflüssig geworden sei. Genauer gesagt, ist das digitale Zeitalter nach Ansicht von Mediaset völlig immun gegen das Risiko des Marktversagens, welches zu analogen Zeiten bestanden hat. In der Folge sollte regulatorisches Eingreifen auf ein Minimum beschränkt und auf den Schutz fundamentaler Interessen (z. B. den Schutz Minderjähriger) reduziert werden und nicht etwa Ziele wie die Wahrung der kulturellen Vielfalt ver- folgen, die die Marktkräfte der digitalen Ära ohnehin von selbst erreichen. Der öffentlich-rechtliche Veranstalter RAI und die italienische Regierung haben sich zu dem Revisionsprozess bislang nicht geäußert. 5. Zusammenfassung a) Einleitung Die italienische Mediengesetzgebung war über Jahrzehnte von einer klaren Unterscheidung zwischen Informations- und (privaten) Kommunikationsdiensten bestimmt. Diese Zweiteilung lässt sich bereits der geltenden italienischen Ver- fassung von 1948 entnehmen. Diese ehemals eindeutige Unterscheidung wird allerdings durch die technologische Konvergenz unschärfer. Denn sie beruhte auf einer umfassenden Übereinstimmung zwischen Kommunikationsmitteln (Netzen) und -aktivitäten (Diensten). So wurden für Telefongespräche nur Telefonnetze verwendet, die ihrerseits auch ausschließlich für Telefongespräche, also für private Kommunikation genutzt werden konnten. b) Inhaltedienste Die rundfunkrechtlichen Bestimmungen sind jüngst zu einem Gesetzestext zusammengefasst worden. Der Konsolidierte Text über Hörfunk und Fernsehen (d.lgs. no. 177/2005) fasst die meisten der zahlreichen Gesetze, Vorschriften, Erlasse und Verordnungen zusammen, die den Rundfunksektor regeln, und kann weitestgehend als reine Neudarstellung (Kodifizierung/Bekanntmachung) der bereits existierenden Gesetzgebung bezeichnet werden. Die neuere italienische Medienrechtsordnung verfolgt explizit einen konver- genten Regulierungsansatz. So wurde schon 1997 in dem Gesetz 249/1997 („Maccanico-Gesetz“) ausdrücklich auf das Phänomen der Konvergenz im Mediensektor Bezug genommen und es wurde eine konvergente, d. h. für alle Bereiche der Kommunikation zuständige, Regulierungsbehörde geschaffen. Das „Gasparri-Gesetz“ (Nr. 112/2004) schließlich stellt den Rechtsrahmen für ein konvergentes und digitalisiertes Medienumfeld dar, wie in Art. 1 zum Ausdruck kommt: 272 1. Dieses Gesetz legt die allgemeinen Grundsätze für das nationale, regionale und lokale Rundfunksystem fest und stellt dieses auf den Siegeszug der Digitaltechnologie und den Prozess der Konvergenz zwischen dem Rundfunksektor und anderen Sektoren der Indi- vidual- und Massenkommunikation, wie den der Telekommunikation, der (elektroni- schen) Presse und des Internet mit allen seinen Anwendungen, ein. 2. Die Verbreitung von Fernsehprogrammen, Hörfunkprogrammen und Datenprogram- men, auch in verschlüsselter Form, wird vom Anwendungsbereich dieses Gesetzes ebenso erfasst wie die Erbringung begleitender interaktiver Dienste und von Conditional- Access-Diensten über terrestrische Frequenzen, über Kabel oder über Satellit. Hier klingt bereits eine Unterteilung in klassischen Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen) und begleitende Programme an, die in Art. 2 des Gesetzes präzisiert wird: Für die Zwecke dieses Gesetzes sind: a) „Fernsehprogramme“ und „Hörfunkprogramme“ die Gesamtheit der Inhalte, die von einem Anbieter bereitgestellt werden, unter ein und demselben Markenzeichen geführt werden und für den Empfang durch die Allgemeinheit bestimmt sind, welche im Wege der Rundfunkübertragung – gleich mit welcher Methode – verbreitet werden. Der Aus- druck „Programme“ ohne weitere Zusätze bezeichnet sowohl Fernseh- als auch Hörfunk- programme. b) „Datenprogramme“ Informationsdienste, die aus redaktionell gestalteten Produkten in elektronischer Form bestehen, bei denen es sich nicht um Hörfunk- oder Fernseh- programme handelt, die aber über Rundfunknetze übertragen werden und die nicht auf individuellen Abruf erbracht werden; hiervon erfasst sind Teletext und Datenseiten. Das erste umfassende Rundfunkgesetz (Gesetz Nr. 223/1990/„Mammì-Gesetz“) hatte den Rundfunkbegriff noch sehr weit gefasst und keine präzise Legal- definition im Sinne einer Abgrenzung zu anderen Bereichen der Kommunika- tion enthalten. Das Gasparri-Gesetz sieht zudem, anders als frühere Gesetze, zwei ver- schiedene Kategorien von Adressaten vor, nämlich Netzbetreiber und Inhalte- anbieter. Es wird also zwischen der Verbreitung der Dienste und der Verant- wortlichkeit für den Inhalt unterschieden: c) „Netzbetreiber“ [ist] die Partei, der das Recht zusteht, ein elektronisches Kommuni- kationsnetz über digitale terrestrische Frequenzen mit digitaler Technologie, über Kabel oder Satellit oder Installationen für die Funkübermittlung, für Multiplexing, für Verbrei- tung und Übertragung innerhalb der Frequenzressourcen, die die Übertragung von Pro- grammen an Nutzer ermöglichen, zu installieren, zu betreiben und zur Nutzung anzu- bieten; d) „Inhalteanbieter“ [ist] die Partei, die die redaktionelle Verantwortung für die Erstel- lung von Fernseh- oder Radioprogrammen und den entsprechenden für die Übertragung bestimmten Datenprogrammen, einschließlich der mit Conditional-Access-Systemen versehenen, über terrestrische Frequenzen mit digitaler Technologie, über Kabel oder über Satellit oder unter Verwendung irgendeiner anderen Methode der elektronischen Kommunikation trägt und die gesetzlich berechtigt ist, die kommerziellen und redaktio- 273 nellen Aktivitäten, die mit der Übertragung von Ton, Bildern und ähnlichen Daten einhergehen, durchzuführen. Aus den Definitionen der Begriffe „Fernsehprogramme“, „Hörfunkprogramme“ und „Datenprogramme“ ist ersichtlich, dass diese maßgeblich dadurch charak- terisiert werden, dass sie an die Allgemeinheit verbreitet und nicht auf individu- ellen Abruf erbracht werden. Letzteres wird im Hinblick auf „Datenprogramme“ explizit festgestellt, ergibt sich aber schon aus dem Begriff der Allgemeinheit.e Abgegrenzt werden die erwähnten Rundfunkdienste und Begleitdienste da- durch von Diensten der Informationsgesellschaft im Sinne der Richtlinie 2000/ 31/EG (eCommerce-Richtlinie), welche durch den Legislativerlass Nr. 70 vom 9. April 2003 in italienisches Recht umgesetzt wurde. Die Definition des Begriffes der Dienste der Informationsgesellschaft, die sich auch im Gemein- schaftsrecht nicht in der eCommerce-Richtlinie selbst findet, sondern in der Richtlinie 98/34/EG in der Fassung der Richtlinie 98/48/EG, kann dem Gesetz Nr. 317 vom 21. Juni 1986 in der Fassung des Legislativerlasses Nr. 427 vom 23. November 2000 entnommen werden, also denjenigen Rechtsakten, mit denen die letztgenannten Richtlinien umgesetzt wurden. Da die Definition der Dienste der Informationsgesellschaft unverändert aus dem Gemeinschaftstrecht übernommen wurde, erfolgt die Abgrenzung zwischen Fernsehen und Diensten der Informationsgesellschaft ähnlich wie im Gemeinschaftsrecht. Der Gegenbegriff zum Inhalteanbieter ist der Begriff des „Anbieters von interaktiven Begleitdiensten oder Conditional-Access-Diensten aus Art. 2 Abs. 1 lit. h) des Konsolidierten Textes über Hörfunk und Fernsehen: h) „Anbieter von interaktiven Begleitdiensten oder Conditional-Access-Diensten“ [ist] die Partei, die, über einen Netzbetreiber, der Öffentlichkeit Dienste anbietet, die mit Conditional Access in der Form der Übermittlung digitaler Codes an die Nutzer zum Ansehen der Programme versehen sind, einschließlich Pay-per-View, die das Abrechnen der Dienste und notwendigenfalls die Bereitstellung von Geräten vornimmt oder die Dienste der Informationsgesellschaft gemäß Artikel 2 des Legislativerlasses Nr. 70 vom 9. April 2003 anbietet oder die einen elektronischen Programmführer anbietet.“ c) Signalübertragung Für den Telekommunikationssektor überführt das Gesetz über die elektronische Kommunikation (d.lgs. no. 259/2003) den neuen EU-Rechtsrahmen von 2002 exakt. Dabei wird auch die Terminologie des Gemeinschaftsrechts verwendet. Die Definition der „elektronischen Kommunikationsdienste“ in Art. 1 lit. gg) des Gesetzes wurde beispielsweise aus der Richtlinie 2002/21/EG wörtlich übernommen: „elektronische Kommunikationsdienste“: gewöhnlich gegen Entgelt erbrachte Dienste, die ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kom- 274 munikationsnetze bestehen, einschließlich Telekommunikations- und Übertragungs- dienste in Rundfunknetzen, jedoch ausgenommen Dienste, die Inhalte über elektronische Kommunikationsnetze und -dienste anbieten oder eine redaktionelle Kontrolle über sie ausüben; nicht dazu gehören die Dienste der Informationsgesellschaft im Sinne von Artikel 1 der Richtlinie 98/34/EG, die nicht ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kommunikationsnetze bestehen; (…) d) Ergebnis Das italienische Rundfunkrecht wurde innerhalb der letzten zehn Jahre massiv verändert und den technischen Entwicklungen angepasst. Dabei wird in den maßgeblichen Gesetzestexten stärker als in den übrigen untersuchten Ländern ausdrücklich auf Konvergenz und Digitalisierung Bezug genommen. Dennoch sieht das italienische Medienrecht im Hinblick auf die Inhaltregulierung keinen einheitlichen Rechtsrahmen für die Medien vor, sondern unterschiedliche Rege- lungsinstrumente. So unterliegen Rundfunkdienste und deren Begleitdienste einem gänzlich anderen Regime als Dienste der Informationsgesellschaft, wenn sich auch im Konsolidierten Text über Hörfunk und Fernsehen inzwischen Verweise auf die Regelungen über Dienste der Informationsgesellschaft finden. Eine weiter gehende Konvergenz der Regulierung ist in diesem Zusammen- hang erst mit der Umsetzung einer neuen Fassung der Fernsehrichtlinie zu er- warten. Horizontale Vorschriften existieren schon seit geraumer Zeit in den Bereichen des Werberechts und des Medienkonzentrationsrechts. Besonders umstritten sind die kartellrechtlichen Vorschriften des Gasparri-Gesetzes, die allerdings für den Gegenstand der vorliegenden Untersuchung von geringer Bedeutung sind. 275 V. Vereinigtes Königreich Der Beitrag basiert auf einem von Rechtsanwalt DAVID GOLDBERG (deeJgee Research/Consultancy, ehem. Professor an der Universität Glasgow) und DANILO LEONARDI (Programme in Comparative Media Law and Policy (PCMLP) am Zentrum für soziale und rechtliche Studien, Universität von Oxford) im Auftrag der Autoren verfassten Länderbericht. 1. Hintergrund a) Technische und wirtschaftliche Entwicklung im Vereinigten Königreich. Die vergangenen 15 Jahre in Großbritannien sind durch einen starken Anstieg der Haushalte mit Zugang zum sog. Mehrkanal-Fernsehen (via Satellit, Kabel und in den letzten Jahren auch digital-terrestrisch verbreitet) sowie die Ausbrei- tung von Internet und Mobiltelefonie charakterisiert. Das Fernsehen hat sich im Vereingten Königreich aus einem öffentlich-rechtlichen Modell heraus ent- wickelt – der öffentlich-rechtliche Ansatz steht im Zentrum des geltenden Rechtsrahmens für audiovisuelle Dienste. Die Verbreitung des digitalen Fernsehens wird in der folgenden Tabelle veranschaulicht. Stephen Carter, Vorsitzender des Ofcom,426 illustrierte den raschen Fortschritt der Digitalisierung in Großbritannien anhand eines Vergleichs zwischen der Verbreitung digitaler Technologien im Sommer 2003 und in diesem Sommer (2005): Sommer 2003 Sommer 2005 Breitband – Anzahl der Anschlüsse – % der Haushalte 2.2 Mio. 9 % 6.2 Mio. 30 % Haushalte mit Breitbandzugang via DSL (%) 80 % 97 % 3G-Kunden < 250.000 > 2.5 Mio. DVD-Spieler (% aller Haushalte) 49 % 68 % PVR (Sky+) < 100.000 ~ 700.000 Haushalte mit digitalem Fernsehen (% aller Haushalte) 50 % 62 % DAB-Radiogeräte – kumulierte Verkaufszahlen 0.25 Mio. 1.4 Mio. Mobiltelefone mit Kamera (% aller Geräte in Europa) 9 % ~ 70 % Musik-Downloads (auf das Jahr umgerechnet) 3–4 Mio. 18 Mio. 276 426 Stephen Carter, Certainty or Security? The Path to Digital, Rede anlässlich des Radio Festivals, abrufbar unter: www.ofcom.org.uk/media /speeches/2005/07/radiofestival. Eine von MORI im Juni 2005 durchgeführte Erhebung427 unter ca. 4.000 britischen Personen über 15 Jahren hat folgende Ergebnisse hervor gebracht: 59 % nutzen das digitale Fernsehen, 59 % das Internet (an verschiedenen Orten; 54 % nutzen das Internet von zu Hause aus) und 24 % interaktive Dienste im digitalen Fernsehen; 83 % der Befragten nutzen ein Mobiltelefon. Der Grad der Digitalisierung hat im Vereinigten Königreich rapide Fort- schritte gemacht: Über die Hälfte (55 %) aller britischen Hauhalte (13,1 Millio- nen) konnten im Mai 2005 von zu Hause aus das Internet nutzen.428 Die letzte monatliche Aktualisierung der Erhebung über Internet Service Provider (ISPs) des nationalen Statistikamtes (UK Office of National Statistics) hat ergeben, dass es sich im Juli 2005 bei 53,9 % aller Internetanschlüsse um Breitband- anschlüsse handelte;429 81 % der Briten verfügen über ein Mobiltelefon (dies entspricht 37,6 Millionen Personen über 15 Jahre430); am 30. Juni 2004 betrug die Anzahl der im Vereinigten Königreich verwendeten Geräte, die mit GPRS431 (2.5 G) ausgestattet sind, 24 Millionen, was einem Anteil von 46 % des briti- schen Mobilfunkmarktes entspricht432; 2,5 Millionen Menschen nutzen mittler- weile UMTS433-taugliche Geräte. b) Übergreifendes Konzept der Regulierung Das britische Modell zur Regulierung audiovisueller Inhalte ist auf eine Ver- lagerung zur Selbst- und Co-Regulierung angelegt, welche im Gesamtkontext eines regulatorisch komplexen Umfelds stattfindet, das der Erreichung be- stimmter, im allgemeinen Interesse liegender Ziele dient. Zu diesen Zielen zählen im Kommunikationssektor: Sicherung des Zugangs, Bereitstellung von Universaldiensten, Wahlmöglichkeiten für den Verbraucher, Wettbewerbsfähig- keit und ein gesunder Wettbewerb. Soweit die inhaltliche Regulierung betroffen ist, sind die Ziele: Meinungsvielfalt, Unabhängigkeit der Nachrichtendienste, Vielfalt und hohe Qualität der Inhalte, Jugendschutz und die Kontrolle über anstößige Inhalte. Der Erreichung dieser Ziele dienen das Gesetz, zulassungs- bezogene Bedingungen und die Verhaltenskodizes des Ofcom:434 Ofcom Rund- funkkodex, Bestimmungen über den Umfang und die Verbreitung von Werbung, Kodex über Sportveranstaltungen und andere aufgelistete Ereignisse, Kodex zu elektronischen Programmführern, Kodex über Fernsehzugangsdienste. Das so 277 427 Quelle: MORI Technology Tracker, Juni 2005, abrufbar unter: www.mori.com. 428 National Statistics Online, abrufbar unter: www.statistics.gov.uk/cci/nugget.asp. 429 National Statistics Online, abrufbar unter: www.statistics.gov.uk/pdfdir/ intc0905.pdf. 430 Quelle: MORI Technology Tracker, November 2004. 431 GPRS: General Packet Radio Service. 432 Quelle: The Mobile Data Association. 433 UMTS: Universal Mobile Telecommunications System. 434 www.ofcom.org.uk tv/ ifi/codes/. geschaffene Regulierungssystem erlaubt die Übernahme der mit der Überwa- chung der Inhalte zusammenhängenden Aufgaben durch zunehmend autonome Mechanismen. Es zeichnet sich hier ein Trend zur fortgesetzten Delegierung dieser Aufgaben ab. Den (Aufsichts-)Behörden verbleibt eine Überwachungs- funktion auf höherer Ebene (Erlass von Richtlinien, judizielle Kontrolle etc.).m Im Jahr 2003 wurden weitreichende Änderungen an der bis dahin bestehen- den Gesetzeslage und am Regulierungssystem vorgenommen, um die Struktur der Medienregulierung zu rationalisieren und die neuen Regeln für den Kom- munikationssektor, wie sie auf EU-Ebene vereinbart wurden,435 in das nationale Recht umzusetzen. Der Communications Act 2003 hat in dieser Hinsicht signi- fikante Änderungen an der Regulierungslandschaft mit sich gebracht. Das Gesetz verstärkte den Trend zu einer „light touch“-Regulierung,436 der bereits in den zuvor geltenden Vorschriften (Broadcasting Acts 1990 und 1996) zu verzeichnen war. Im Gegensatz zur neuen Rechtslage zeichnete sich der zuvor geltende Rechtsrahmen durch folgende Merkmale aus: – Es existierte keine absolut übergeordnete Regulierungsbehörde („super- regulator“): für die verschiedenen Verbreitungsplattformen und Medien- sektoren waren unterschiedliche Regulierungsbehörden zuständig – die ITC: Independent Television Commission; die Radio Authority und die BSC: Broadcasting Standards Commission; ferner die Institution, welche sich nach der alten Rechtslage mit dem (nicht-militärischen) Frequenzmanage- ment befasste; die Radio Communications Agency und schließlich die Insti- tution, welche für die Regulierung der Telekommunikation zuständig war, Oftel: Office of Telecommunications; – Anknüpfungspunkt für den Gesetzgeber waren die verschiedenen Netz- werke und (Verbreitungs-)Plattformen (z. B. Broadcasting Acts 1990 und 1996, der Wireless Telgraphy Act 1949, der Telecommunications Act 1984 und der Cable and Broadcasting Act 1982). Auf der Seite des Gesetzgebers war selbst nach dem Aufkommen der technischen Konvergenz eine deut- liche zeitliche Verzögerung zu verzeichnen, bis sich das Parlament dieses Phänomens letztlich annahm; 278 435 Das Richtlinienpaket umfasst die folgenden (Rechts-)Instrumente: 1. die Richtlinie über einen gemeinsamen Rechtsrahmen für elektronische Kommunikationsnetze und -dienste (Rahmenrichtlinie), 2. die Genehmigungs- richtlinie, 3. die Zugangs- und Zusammenschaltungsrichtlinie, 4. die Richtlinie über den Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten, 5. die Entscheidung über einen Rechts- rahmen für die Frequenzpolitik, 6. die (Kommissions-)Richtlinie über den Wettbewerb bei elektronischen Kommunikationsdiensten und -netzen, 7. die Empfehlung der Kommission über relevante Produkt- und Dienstmärkte des elektronischen Kommunikationssektors, 8. Leitlinien der Kommission zur Marktanalyse und Ermittlung beträchtlicher Marktmacht, 9. die Richtlinie über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation. 436 Tony Prosser, ITC Moves Towards Partial Self-Regulation and Lighter Regulation of Content, IRIS 2001- 3:12/16. – Die Regulierung des Rundfunks stand nicht vollständig in Übereinstimmung mit der Rechtslage auf europäischer Ebene (z. B. der Standpunkt Groß- britanniens zur Frage der rechtlichen Zuständigkeit für Fernsehveranstal- ter437); – Mit den Broadcasting Acts aus den Jahren 1990 und 1996 begann die Einführung des Ansatzes einer „light touch“-Regulierung im Rundfunk- sektor, bei dem es sich um einen sehr stark regulierten Bereich handelt; – Der Broadcasting Act 1996 anerkannte jedoch auch bereits die aufkom- mende Bedeutung der Digitalisierung und ebnete dieser den Weg, da er Vorschriften betreffend die Zulassung digitaler Multiplexe enthielt.438 Multi- plexsysteme erlauben die Unterteilung eines digitalen Kanals in mehrere „Unterkanäle“ (sub-channels), über die jeweils Video-, Audio- oder andere Daten transportiert werden können. In einer Umgebung, in welcher der Kontakt zwischen den Inhalteanbietern und den Konsumenten über Multi- plexe hergestellt wird, reagierte der Gesetzgeber insofern, als er separate Zulassungen für Multiplexe und Rundfunkveranstalter einführte. Die Rund- funkveranstalter müssen aufgrund dieses Systems in vertragliche Beziehun- gen mit den Multiplexbetreibern eintreten, die dafür sorgen, dass die Inhalte der Anbieter ihr Publikum erreichen. Der Communications Act 2003 führte zu einer neuen Form der Regulierung, indem Kompetenzen an das Ofcom übertragen wurden. Das Ofcom – Office of Communications – ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, welche bereits vor dem Communications Act 2003 durch den Office of Communica- tions Act 2002 geschaffen wurde. Neben diesen Gesetzen wird der Bereich auch durch nachrangige Vorschriften („subordinate legislation“) in Form von Satzungen (statutory instruments) geregelt, die auf der Grundlage der Broad- casting Acts und des European Community Acts zur Umsetzung des Gemein- schaftsrechts von 1972 erlassen wurden. Die Schaffung des Ofcom führte zu einer konvergenten Regulierungspraxis gegenüber den britischen Medien, welche die sektorspezifischen Regulierungs- behörden mit ihrer Zuständigkeit für jeweils verschiedene Medien ablöste. Der Konvergenz der Technologien folgten somit sehr wichtige Maßnahmen zur Herstellung der Konvergenz der Regulierungsbehörden. Die Zuständigkeit für die Regulierung der Inhalte sowie des Managements und der Vergabe von Frequenzen liegt nun konzentriert in der Hand einer Behörde – des Ofcom. 279 437 EuGH, C-222/94, Commission v United Kingdom [1996] ECR I-4025; die Entscheidung führte zu gesetz- lichen Veränderungen bezüglich der Regulierung bestimmter satellitenübertragener Fernsehdienste. Vgl. auch: David Goldberg, Tony Prosser and Stefaan Verhulst, EC Media Law and Policy (1998), London and New York: Longman, S. 70. 438 Einen Überblick über die Regelungen des Broadcasting Act 1996 geben: Lorna Woods and Jeremy Scholes, Legislative Comment: The Broadcasting Act 1996, in Ent. L. R. 1996, 7 (7) 298–307. Das Hauptentscheidungsorgan des Ofcom ist der Vorstand, zu dem sowohl hauptamtliche Mitglieder als auch nebenamtlich tätige Personen zählen. Das Ofcom beschäftigt Vollzeit-Personal; daneben gibt es Beratungsausschüsse. Gemäß Section 12 (1) des Communications Act 2003 hat das Ofcom einen Ausschuss für Inhalte (Content Board) eingerichtet, welcher mit der Regulie- rung von über den Rundfunk verbreiteten Inhalten befasst ist. Diese Regulie- rung vollzieht sich wie folgt: – Die „Stufe Eins“ betrifft bestimmte Aspekte der inhaltlichen Regulierung („negative content regulation“, negative Programmgrundsätze bzw. -ver- pflichtungen) und arbeitet mit Verhaltenskodizes zu jugendschädigenden Inhalten („harm“), Anstößigkeit („offence“), journalistischer Sorgfalt („accu- racy“), Unabhängigkeit, Fairness und Datenschutz. Diese Stufe ist auf alle Fernsehveranstalter und Anbieter von „licensable content services“ (ein- schließlich Teletext-Diensten) anwendbar, unabhängig von der verwendeten Plattform (Kabel oder Satellit). – Die „Stufe Zwei“ betrifft die Programmquoten zugunsten britischer Inhalte, europäischer und unabhängiger Produzenten. Die Quotenvorgaben dienen der Umsetzung der Fernsehrichtlinie. Diese zweite Stufe richtet sich an die „Free-to-air-5“, die BBC sowie an Channel 3, 4 und 5. – Die „Stufe Drei“ betrifft die im öffentlichen Interesse bestehenden Ver- pflichtungen der kommerziellen Fernsehsender (ITV, Channel 4 und Five).439 Hierbei handelt es sich um einen Bereich, der sich durch ein hohes Maß an Selbstregulierung auszeichnet. Die Veranstalter geben gegenüber dem Ofcom jährlich eine Eigenbewertung ihrer Programmpolitik ab, in welcher darzulegen ist, ob das Programm den Vorgaben des öffentlich-rechtlichen Auftrags (public service remit) gerecht wurde. Die Veranstalter sind insofern zur Abgabe einer Selbsteinschätzung verpflichtet. Die BBC ist von dieser Stufe nicht betroffen, da sie bereits über ein internes Selbstregulierungs- regime verfügt. Allerdings findet derzeit eine Diskussion darüber statt, inwie- fern dem Ofcom bei der Regulierung der BBC Aufgaben zufließen sollen.440 Der Trend zu einer andauernden Delegierung regulatorischer Aufgaben findet sich auch darin bestätigt, dass die Ofcom gewillt ist, die am wenigsten eingrei- fenden Regulierungsmaßnahmen zur Erreichung der von ihr zu überwachenden Regelungsziele einzusetzen. Ferner soll dort, wo Regulierung notwendig ist, 280 439 Kurt Wimmer, Sweeping Changes in U. K. Media Law Will Affect U. S. and U. K. Publishers, in: (2003) 21 Communications Lawyer 7, S. 8; Lorna Woods, Media System of the United Kingdom, für die „Study on Co-Regulation Measures in the Media Sector“, Hans-Bredow-Institute for media research and EMR – Institute of European Media Law, Hamburg: 2005, S. 8–10. 440 Damian Tambini, UK Communications Bill 2002 – Competition of communications networks, in: EMR- Schriftenreihe, „Digitale Breitbanddienste in Europa“, 2003, Band 27, S. 87 (92); Ader, UK: Abschließender Bericht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, MMR 4/2005, S. XIV. der Einsatz effektiver Co- und Selbstregulierung gefördert und damit mehr Vertrauen in die Fähigkeit der Zulassungsempfänger und regulierten Industrien gesetzt werden, ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu können. Im Einzelnen lauten die leitenden Prinzipien441 des Ofcom: – Die Regulierung durch das Ofcom erfolgt auf der Grundlage eines öffent- lich zu überprüfenden Jahresplans, in welchem die Ziele der Regulierung festgelegt werden; – das Ofcom wird aufgrund satzungsmäßig spezifisch festgelegter Verpflich- tungen dann eingreifend tätig, wenn das Marktgeschehen allein die Er- reichung bestimmter Regulierungsziele nicht gewährleistet; – das Ofcom verfolgt grundsätzlich einen nicht-interventionistischen Ansatz, dies jedoch in der Bereitschaft, bei Bedarf strikt, zügig und effektiv von seinen Eingriffsbefugnissen Gebrauch zu machen; – eingreifende Maßnahmen sollen nur auf der Grundlage tatsachengestützter Erkenntnisse erfolgen, verhältnismäßig, konsistent, verantwortbar (accounta- ble) und transparent sein. Diese Maßgaben betreffen sowohl die Entschei- dung, überhaupt Maßnahmen zu treffen, als auch das Ergebnis einer solchen Entscheidung; – das Ofcom wird stets auf die am wenigsten belastenden Regulierungsmaß- nahmen zurückgreifen, um die jeweiligen Regulierungsziele zu erreichen;m – das Ofcom wird kontinuierlich die Marktgeschehnisse erforschen und strebt an, stets ein Höchstmaß an technologischem Sachverstand zu erhalten; – vor der Regulierung eines Marktes wird das Ofcom stets umfassend die betroffenen Kreise konsultieren und die Auswirkungen entsprechender Maß- nahmen im Vorhinein abschätzen. Inhaltsbezogene Standards werden als ein Element bei der Sicherung bestimm- ter Ziele, die im Interesse der Allgemeinheit liegen, betrachtet. Diese Standards beziehen sich auf jugendschädigende Inhalte (harm), Anstößigkeit (offence), Fairness, Datenschutz etc. Das derzeit bestehende „übergreifende Konzept“ der britischen Medienregulierung wird dabei durch den zuvor dargestellten dreistufigen Ansatz komplettiert. Auch wenn der Trend in Richtung Delegie- rung der regulatorischen Aufgaben zeigt, gibt es doch – wenig überraschend – gesetzlich vorgesehene Sicherungsmechanismen („backstop powers“) für den Fall, dass kommerzielle Fernsehveranstalter mit öffentlichem Auftrag nicht in der Lage sind, einen angemessenen Standard ihrer Programme zu gewähr- leisten. Zusätzlich zu den drei beschriebenen (Haupt-)Stufen für den Rundfunk wird es eine zusätzliche Stufe (genannt „Stufe Null“) geben, welche die Regulierung von Rundfunkinhalten betrifft, die im Internet oder per Telefonie übertragen werden. Diese Stufe sieht vor, dass Veranstalter mit öffentlich-recht- 281 441 www.ofcom.org.uk/about /sdrp/#content. lichen Verpflichtungen in diesem Bereich dieselben Standards zu wahren haben wie bei ihren traditionellen Rundfunkaktivitäten.442 Die Regulierungsbehörde steht derzeit den folgenden Herausforderungen gegenüber: – Die Einstellung der Verbraucher zu Darstellungen von Sex, Gewalt und der Verwendung anstößiger Sprache im Fernsehen ist einem raschen Wandel unterworfen und teilweise stark fragmentiert – ein öffentlicher Konsens be- steht hier teilweise nicht mehr – und – das Aufkommen neuer Übertragungswege, mittels derer existierende Regu- lierungsvorschriften umgangen werden (viele Anbieter nutzen zugleich das Internet für Abrufdienste als auch den traditionellen Rundfunk). Die zwangsläufige Konsequenz dessen ist, dass „keineswegs einfach eine buch- stabengetreue Übertragung der für das Fernsehen geltenden Vorschriften zur Regulierung von Inhalten im Internet erfolgen kann. Vielmehr muss der gesamte Rechtsrahmen neu überdacht werden.“ Wahrscheinlich sind in dieser Hinsicht folgende Entwicklungen: – mehr Vertrauen in die Verantwortung des Einzelnen (dies setzt die Filterung bestimmter Inhalte und eine gründliche Information der Verbraucher voraus) und – Selbstregulierung durch die Industrie (oder sogar „opt-in“-Regulierung, gegen Vergabe eines Gütesiegels). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in Bezug auf die Inhalteregulie- rung die Möglichkeit besteht, regulatorische Eingriffe sowohl in ihrer Intensität als auch in ihrer Häufigkeit stark zurückzufahren. Dies steht jedoch unter dem entscheidenden Vorbehalt, dass die Verbraucher angemessen informiert werden, technische Hilfeleistung angeboten wird und eine (effektive) Selbstregulierung stattfindet.443 2. Der frühere Rechtsrahmen im Vergleich zur geltenden Rechtslage a) Definition und Abgrenzung verschiedener Dienstekategorien Der Broadcasting Act 1990 definierte den Begriff Rundfunk in Section 2 (5) wie folgt: „In this Part ‚television broadcasting service‘ means (subject to subsection (6)) a service consisting in the broadcasting of television programmes for general reception in, or in 282 442 Siehe www.mwe.com/index.cfm/fuseaction/publications.nldetail/object_id/dc26e694-8496-465a-b91f- acdff7e29ae8.cfm. 443 www.ofcom.org.uk/media /speeches/2005/06/comp_public_interest#content. any area in, the United Kingdom, including a domestic satellite service (as defined by section 43 (1)).“444 Im Abschnitt des Gesetzes, welcher allgemeine Auslegungsregeln enthielt, hieß es in Section 202 (1): „‚broadcast‘ means broadcast by wireless telegraphy;“. Der Wireless Telegraphy Act 1949 definiert Telegrafie wie folgt: „19. (1) In this Act, except where the context otherwise requires, the expression „wire- less telegraphy“ means the emitting or receiving, over paths which are not provided by any material substance constructed or arranged for that purpose, of electromagnetic energy of a frequency not exceeding three million megacycles a second, being energy which either – (a) serves for the conveying of messages, sound or visual images (whether the messages, sound or images are actually received by any person or not), or for the actuation or control of machinery or apparatus; or (b) is used in connection with the determination of position, bearing or distance, or for the gaining of information as to the presence, absence, position or motion of any object or of any objects of any class, and references to stations for wireless telegraphy and apparatus for wireless telegraphy or wireless telegraphy apparatus shall be construed as references to stations and apparatus for the emitting or receiving as aforesaid of such electro-magnetic energy as aforesaid:m Provided that where – (i) a station or apparatus for wireless telegraphy cannot lawfully be used without a wireless telegraphy licence or could not lawfully be used without such a licence but for regulations under section one of this Act; and (ii) any such electro-magnetic energy as aforesaid which is received by that station or apparatus serves for the conveying of messages, sound or visual images; and (iii) any apparatus is electrically coupled with that station or apparatus for the purpose of enabling any person to receive any of the said messages, sound or visual images, the apparatus so coupled shall itself be deemed for the purposes of this Act to be apparatus for wireless telegraphy.“445 Keine der dargestellten Definitionen folgte den Begriffsbestimmungen in der Fernsehrichtlinie.446 Der Communications Act 2003 passte die Definitionen an die Kommunikationsrichtlinien an. In Section 376 (2) des Communications Act findet sich folgende Definition des Begriffs „Rundfunk“: ‚broadcasting‘ means the provision of services the provision of which- (a) is required to be licensed under Part 1 or 3 of the Broadcasting Act 1990 or Part 1 or 2 of the Broadcasting Act 1996; or (b) would be required to be so licensed if provided by a person subject to licensing under the Part in question. 283 444 S. 2 (5) The Broadcasting Act 1990 www.opsi.gov.uk/acts/acts1990/Ukpga_19900042_en_1.htm. 445 www.ofcom.org.uk/static/archive/ra / topics/ legislation/wtact1949.pdf. 446 Vgl. Art. 1 lit. a) der Fernsehrichtlinie. Zwar stellt der Communications Act 2003 das zentrale Gesetz zur Regulierung des Rundfunks im Vereinigten Königreich dar, jedoch wird in manchen Teilen des Gesetzes auf bestimmte Vorschriften der Broadcasting Acts von 1990 und 1996 verwiesen, die zwar durch den Communications Act 2003 in erheb- lichem Umfang geändert, jedoch nicht gänzlich abgeschafft wurden.447 Der Communications Act 2003 verfolgt bei der Kategorisierung der Dienste einen Ansatz, der von der vorherigen Gesetzeslage abweicht, indem er den Begriff „Communications Providers“ verwendet, der sowohl die Anbieter elek- tronischer Kommunikationsnetze448 als auch die Anbieter elektronischer Kom- munikationsdienste449 umfasst. Dieser Ansatz soll der Umsetzung des EU- Regulierungsrahmens zur elektronischen Kommunikation dienen. Das Gesetz aus dem Jahr 2003 nahm Änderungen am bis dahin bestehenden Recht zur Regulierung des Betriebs von Telekommunikationssystemen und deren spezifi- scher Lizenzierung vor. Dieses Recht wurde durch das System einer Allgemein- zulassung, welche mit möglichen Bedingungen versehen werden kann, ersetzt. Das Ofcom kann hierbei die Bedingungen festlegen, die für die Anbieter elek- tronischer Kommunikationsnetze und die Anbieter elektronischer Kommunika- tionsdienste gelten.450 Zwar verwendet der Communications Act 2003 den Begriff „Konvergenz“ nicht explizit, doch ist das Gesetz zweifelsohne von den mit der Konvergenz verbundenen Notwendigkeiten geprägt. So erstreckt sich der Anwendungs- bereich des Gesetzes auf 1. „Elektronische Kommunikationsdienste“, 2. „Elek- tronische Kommunikationsnetze“, 3. „Zugehörige Einrichtungen“ und 4. „Inhaltedienste“. Das neue Recht erleichtert neuen Anbietern den Zutritt zum Markt. Diese dürfen am Markt teilnehmen, ohne sich um eine Zulassung bemühen zu müssen, außer in Fällen in denen Einzelgenehmigungen oder Nutzungsrechte als er- forderlich angesehen werden, um die bestmögliche Nutzung beschränkter Ressourcen wie Frequenzen oder Telefonnummern zu erzielen. 284 447 Tom Gibbons, The UK’s Communications Act 2003: a brief guide, unveröffentlicht. 448 Art. 2 (a) der Rahmenrichtlinie definiert „elektronische Kommunikationsnetzwerke“ als: „Übertragungs- systeme und gegebenenfalls Vermittlungs- und Leitwegeeinrichtungen sowie anderweitige Ressourcen, die die Übertragung von Signalen über Kabel, Funk, optische oder andere elektromagnetische Einrichtungen ermöglichen, einschließlich Satellitennetze, feste (leitungs- und paketvermittelte, einschließlich Internet) und mobile terrestrische Netze, Stromleitungssysteme, soweit sie zur Signalübertragung genutzt werden, Netze für Hör- und Fernsehfunk sowie Kabelfernsehnetze, unabhängig von der Art der übertragenen Informationen“.m 449 Art. 2 (c) der Rahmenrichtlinie definiert „elektronische Kommunikationsdienste“ als: „gewöhnlich gegen Entgelt erbrachte Dienste, die ganz oder überwiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kommunikationsnetze bestehen, einschließlich Telekommunikations- und Übertragungsdienste in Rundfunk- netzen, jedoch ausgenommen Dienste, die Inhalte über elektronische Kommunikationsnetze und -dienste anbieten oder eine redaktionelle Kontrolle über sie ausüben; nicht dazu gehören die Dienste der Informations- gesellschaft im Sinne von Art. 1 der Richtlinie 98/34/EG, die nicht ganz oder überwiegend in der Über- tragung von Signalen über elektronische Kommunikationsnetze bestehen.“ 450 Sections 51 bis 93 des Communications Act 2003. Eine andere Innovation, die mit dem Communications Act 2003 einherging, ist die Abkehr von der zuvor geltenden Frequenzregulierung, nach der die Frequenzzuteilungen (spectrum licences) personengebunden und nicht über- tragbar waren. Nach dem neuen System erhielt das Ofcom auch die Kompetenz, ein System zum Handel mit Frequenzzuteilungen oder -lizenzen auszuarbeiten und einzuführen. Dahinter steckt der Gedanke, einen Sekundärmarkt für Fre- quenzen zu etablieren und damit die Nutzungseffizienz zu erhöhen. Obwohl audiovisuelle Inhalte über die verschiedensten Übertragungswege verbreitet werden können, hat die Berücksichtigung der Konvergenz im Com- munications Act 2003 nicht etwa zur Beendigung der inhaltsbezogenen Regu- lierung geführt. Insoweit findet immer noch eine Differenzierung zwischen den verschiedenen Diensten statt. Wie auch vor Geltung des neuen Gesetzes und trotz des kaum mehr bestehenden Mangels an Frequenzen, müssen für den Bereich des Fernsehens die Zuschauer und ihre Erwartungen in den Blick genommen werden: Das Fernsehen verfügt (nach wie vor) über ein starkes Beeinflussungspotenzial.451 b) Übereinstimmung der nationalen Vorschriften mit den europäischen Vorgaben Der Rechtsrahmen vor Erlass des Communications Act im Jahr 2003 enthielt nur in wesentlich geringerem Umfang dienstbezogene Vorschriften, da der regulatorische Ansatz hauptsächlich auf die Konzepte „Netzwerk“ und „Platt- form“ zurückgriff (z. B. digitaler Rundfunk, mobile Kommunikation etc.). Der technologische Fortschritt und die in Großbritannien (und in der gesamten Europäischen Union) mehr und mehr in der Realität vorzufindende Konvergenz haben eine Anpassung der gesetzlichen und regulatorischen Begrifflichkeiten an eine konvergente Regulierungslandschaft erforderlich gemacht. Gewiss hat das Vereinigte Königreich auch schon vor der Einführung des Communications Act 2003 Maßnahmen ergriffen, um die Vorgaben der Fern- sehrichtlinie in das britische Recht zu integrieren: – Die Vorschriften zur Feststellung der rechtlichen Zuständigkeit für Fernseh- veranstalter (hier findet das Sendestaatsprinzip Anwendung, nach welchem ein Veranstalter, der in einem Mitgliedstaat zugelassen ist, seine Sendungen auch in andere Mitgliedstaaten übertragen darf) basieren auf den Grundfrei- 285 451 Für eine Einschätzung vor Erlass des Communications Act vgl. Julian McGougan, The challenge of conver- gence to audiovisual regulation: Is the current regulatory framework approaching its sell-by date?, in: Chris Marsden und Stefaan Verhulst (Hrsg.), Convergence in European Digital TV Regulation, London: Blackstone Press, 1999, S. 184. Vgl. ferner: Stuart Weinstein, Ofcom, Information-Convergence and the Never Ending Drizzle of Electric Rain, International Journal of Communications Law and Policy, 8, winter 2003/2004. www.ijclp.org/8_2004/pdf/weinstein-paper-ijclp2.pdf. heiten, wie sie im EG-Vertrag verankert und vom Europäischen Gerichtshof bestätigt sind. Diese Regelungen im britischen Recht erscheinen aus gemein- schaftsrechtlicher Perspektive keine Probleme (mehr) zu verursachen.452 – Das Vereinigte Königreich (und verschiedene andere Mitgliedstaaten) haben von der in Art. 3a der Fernsehrichtlinie vorgesehenen Möglichkeit Gebrauch gemacht, eine Liste von Ereignissen von herausragender gesellschaftlicher Bedeutung (insbesondere Sportveranstaltungen) aufzustellen. Diese Ereig- nisse müssen dann einem bedeutenden Teil der Öffentlichkeit in unver- schlüsselter Form zugänglich sein.453 Die sog. „Dienste der Informationsgesellschaft“ unterliegen nicht dem Anwen- dungsbereich des Communications Act 2003. Mit dem Communications Act 2003 wurde jedoch der auf EU-Ebene ge- schaffene rechtliche Rahmen zur Kommunikation in das britische Recht imple- mentiert, um auf diese Weise den gemeinschaftsrechtlichen Besitzstand (acquis communautaire) auf diesem Gebiet zu übernehmen. Dieses soll anhand der folgenden Beispiele veranschaulicht werden: 1. Die Verwendung von Allgemeingenehmigungen, die mit Bedingungen ver- knüpft werden können, haben das zuvor geltende System von Einzelgeneh- migungen abgelöst. a) Auf Einzelgenehmigungen oder Nutzungsrechte wird nur noch zurück- gegriffen, wenn diese als erforderlich angesehen werden, um die best- mögliche Nutzung beschränkter Resourcen wie Frequenzen oder Telefon- nummern zu erzielen. b) Neuen Anbietern wird der Zutritt zum Markt gewährt, ohne dass sie sich um eine Zulassung bemühen müssen. 2. Die Auswahl möglicher regulatorischer Verpflichtungen, mit denen Ver- anstalter belegt werden können, wurde eingeschränkt. a) Zulässige allgemeine Verpflichtungen: aa) Verbraucherschutz, bb) Standards und sonstige Anforderungen zur Sicherung der Interope- rabilität, cc) umwelt- und planungsrechtliche Bestimmungen, dd) Koordinierung mit Notdiensten etc. b) Gegenüber bestimmten Diensteanbietern zulässige Verpflichtungen: aa) Sicherstellung von Zugang und Zusammenschaltung bb) Bereitstellung von Universaldiensten. 3. Die Aufnahme einer neuen Definition des Begriffs „Unternehmen mit be- trächtlicher Marktmacht“, der mit dem Begriff der Marktbeherrschung im 286 452 europa.eu.int /comm/avpolicy/regul/ twf/applica /comm2002_778final_en.pdf. 453 www.ofcom.org.uk tv/ ifi/codes/code_sprt_lstd_evts/?a=87101. Wettbewerbsrecht korrespondiert und zur Rechtfertigung von Eingriffen (z. B. Preiskontrolle) herangezogen werden kann.454 4. Die Übernahme des Grundsatzes der technologischen Neutralität. Der Com- munications Act 2003 verwendet die Begriffe „elektronisches Kommuni- kationsnetz“ und „elektronischer Kommunikationsdienst“, um eine weitest- gehend einheitliche Anwendung der gemeinschaftsrechtlichen Vorgaben auf alle Netze und Dienste zu ermöglichen, ohne hierbei auf die Art der Ver- breitung abzustellen. In Section 316 des Communications Act 2003 findet sich unter der Überschrift „Bedingungen in Verbindung mit Wettbewerbsangelegenheiten“ eine besondere Ermächtigungsgrundlage zugunsten des Ofcom. Hiernach wird das Ofcom – neben entsprechenden Befugnissen aus dem Wettbewerbsrecht – ermächtigt, zulassungsbezogene Bedingungen zu erlassen, um einen fairen und effektiven Wettbewerb auf dem Markt für zugelassene Dienste und zugehörige/verbun- dene (connected) Dienste zu gewährleisten. Diese Ermächtigung kann auch den Erlass von Kodizes, Leitlinien (guidance) oder Anweisungen umfassen.m – „Zugelassene Dienste“ sind solche mit einer Zulassung nach dem Broad- casting Act. – Der Begriff „zugehörige/verbundene Dienste“ in Verbindung mit zugelas- senen Diensten meint entweder die Bereitstellung von Programmen zur Ein- fügung in zugelassene Dienste oder aber jeden anderen Dienst, der Zwecken dient, die mit zugelassenen Diensten oder deren Bereitstellung in Zusam- menhang stehen. Mehrwerttelefondienste sind Gegenstand des sog. ICSTIS-Verhaltenskodex.455 Dieser regelt den Inhalt, die Werbung für solche Dienste sowie die sonstigen mit ihrem Betrieb zusammenhängenden Fragen. Derzeit werden in Großbritan- nien ca. 45.000 solcher Dienste angeboten, die über eine Milliarde britische Pfund generieren. Diese Dienste sind gemäß der Abschnitte 120 und 121 des Communications Act vom Ofcom anzuerkennen. In Ausübung seiner Funktion im Rahmen der Co-Regulierung hat das Ofcom Empfehlungen zur Neufassung des Verhaltenskodex abgegeben.456 Erst kürzlich wurde von Mobilfunkbetreibern ein Ableger der ICSTIS ins Leben gerufen – das IMCB (Independent Mobile Classification Board). Zuvor war im Januar 2004 ein Verhaltenskodex zur 287 454 Beim Begriff der „beträchtlichen Marktmacht“ handelt es sich um eine der Innovationen der Rahmen- richtlinie. Vgl. Antonio F. Bavasso, Electronic Communications: A New Paradigm for European Regulation, CML Rev. 41: 87–118, 2004, S. 96. Siehe auch: Nico van Eijk, New European Rules for the Communications Sector, IRIS plus, Legal Observations of the European Audiovisual Observatory, Issue 2003–2, S. 2–7, (6); Philippe Gerard, A Single Regulatory Framework for all Electronic Communications Networks and Services – Impact for Broadcasting in EMR-Schriftenreihe, Digitale Breitbanddienste in Europa, 2003, Band 27, S. 15 ff.n 455 ICSTIS – Independent Committee for the Supervision of Standards of Telephone Information Services. 456 Vgl. www.icstis.org.uk icstis2002/pdf/AppD_Ofcom_Rev_Sum.pdf. Selbstregulierung neuer Inhalteformen auf Mobilfunkgeräten verabschiedet worden. Dieser Kodex sieht u. a. die Berufung eines unabhängigen Klassifi- zierungsorgans durch die Mobilfunkbetreiber vor, um auf diese Weise einen Rahmen für die Klassifizieriung kommerzieller Inhalte, welche für Kunden unter 18 Jahren nicht geeignet sind, zu schaffen: Die wichtigste Aufgabe des IMCB ist die Schaffung der Rahmenbedingungen für die Klassifizierung kommerzieller, bildgestützter Inhalte, die inzwischen auf einer Vielzahl mobiler Endgeräte verfügbar sind. Es liegt in der Verantwortung der Inhalteanbieter, von diesem Klassifizierungssystem Gebrauch zu machen und ihre Inhalte ggf. mit einer „18“ zu kennzeichnen. Wo dies der Fall ist, wird der Zugang zu solchen Inhalten von den Mobilfunkbetreibern solange beschränkt, bis der Kunde sein Alter gegenüber dem Betreiber nachgewiesen hat.457 Eine noch zu veröffentlichende Publikation458 nennt als wichtigste Aspekte des Verhaltenskodex: – Alle kommerziellen Inhalte, die ungeeignet für Personen unter 18 Jahren sind, werden als solche klassifiziert und nur bei entsprechendem Altersnachweis des Kunden diesem zugänglich gemacht; – das Klassifizierungssystem wird vergleichbar mit solchen für andere Medien sein und von einem Gremium geschaffen, welches von den Mobilfunkbetreibern unab- hängig ist; – Chatrooms, die unter 18-Jährigen zugänglich sind, werden moderiert; – Eltern und Sorgeberechtigte können den Zugangsdiensten von Netzwerkbetreibern Filter vorschalten, um die über ein bestimmtes Telefon abrufbaren Inhalte zu be- schränken; – die Mobilfunkbetreiber setzen sich für die Bekämpfung von unerwünschten und belästigenden Werbemitteilungen ein; – zusätzlich sieht der Verhaltenskodex für illegale Inhalte die Einführung von „notice and take-down“-Verfahren vor, wie sie auch für über das Festnetz agierende Internet Service Provider gelten. In diesem Sinne bestimmt Section 3 des Kodex: „Mobilfunkbetreiber kooperieren mit den Strafverfolgungsbehörden, soweit es um die Behandlung von Beschwerden über Inhalte geht, die möglicherweise gegen Strafgesetze verstoßen. Hält ein Mobilfunkbetreiber Inhalte – einschließlich webgestützter Inhalte oder Messaging-Inhalte – vor (hosting), so sind entsprechende „notice and take-down“- Verfahren vorzusehen“.459 Der Verhaltenskodex sieht keinen einheitlichen Mechanismus zur Streitbeile- gung vor, da die Durchsetzung der dargestellten Grundsätze durch die einzelnen Betreiber erfolgen soll. 288 457 www.imcb.org.uk/aboutus/. 458 Damian Tambini, Danilo Leonardi and Christopher Marsden, Codifying Cyberspace: Self-Regulation of Converging Media in Europe (im Erscheinen, 2006) London: Cavendish/UCL Press. 459 Siehe zum Ganzen, Lorna Woods, Media System of the United Kingdom für die „Study on Co-Regulation Measures in the Media Sector“, Hans-Bredow-Institute for media research and EMR – Institute of European Media Law, Hamburg: 2005. c) Definition der Adressaten Im Hinblick auf Dienste, die sich als Mix aus linear verbreitetem Programm und interaktiven Elementen darstellen, wählt der Communications Act 2003 einen neuen Ansatz.460 Für solche Dienste sieht das Gesetz keine eigene Kate- gorie vor, sondern fragt nach der vorwiegenden Ausprägung eines Inhalte- dienstes und bezieht dann die zu diesem Dienst gehörenden, aber ihm unter- geordneten Dienste mit ein. Ein neuer Lizenztypus (Section 232) für „television licensable content service“ ersetzt die früher getrennt erteilten Lizenzen für das Satelliten- und Kabelfernsehen. Das Ziel der Regierung war es hierbei, „fernsehähnliche“ Dienste zu erfassen, die in linearen Kanälen verpackt und simultan oder nahezu simultan an die Zuschauer verbreitet werden. Die neue Lizenz erfasst Fernsehprogramme und elektronische Programmführer (EPGs) oder auch die Kombination von beiden. Die Lizenz deckt dann allerdings nicht lediglich den „Hauptdienst“ („main service“) sondern zugleich zusätzlich ver- breitete „Begleitdienste“ („ancillary services“) ab, wie z. B. interaktive Anwen- dungen, Zugang zu Hintergrundmaterialien, Links zu Webseiten, die jedoch allesamt einen Bezug zum Hauptdienst aufweisen müssen. In jedem Falle müssen diese Dienste gem. Section 361 Mitgliedern der Öffentlichkeit zugäng- lich sein. Diese Voraussetzung soll Dienste ausschließen, die das Material und den Zeitpunkt seiner Darbietung der Auswahl des Nutzers überlassen, der dann als ausschließlicher Empfänger der Inhalte fungiert. Das Gesetz listet in Section 233 eine Reihe von Diensten auf, die nicht als „licensable content service“ zu qualifizieren sind. Zu diesen Ausnahmen zählen beispielsweise Multiplex-Dienste, die Nutzung von Netzwerken in zusammen- hängenden Gebäudekomplexen und – von besonderer Bedeutung – der Zugang zu Material über Dienste, die im Wesentlichen nicht darauf ausgerichtet sind, ausschließlich oder hauptsächlich Fernseh- und oder Radiodienste für den Empfang durch die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. In ihrem Zusammenspiel sind diese Vorschriften auf eine Definition aus- gelegt, die Internet-Inhalte (einschließlich des sog. „Web-Castings“) ausschließt. Ebenfalls nicht erfasst sein sollen Video-on-Demand-Dienste, allerdings hat die Regierung signalisiert, dass sie eine Änderung dieser Ausnahme erwäge, sofern die Industrie nicht in der Lage sei, effektive Vorrichtungen zum Schutze Minderjähriger, wie z. B. Verschlüsselungssysteme, bereitzustellen. Im Sinne einer zukunftsfähigen Regulierung vermeidet das Gesetz die expli- zite Aufzählung bestimmter Dienste, die mittelfristig aufgrund des technologi- schen Fortschritts irrelevant werden könnten. Der zuständige Minister ist jedoch zu Änderungen und zum Rückgriff auf spezifische Beschreibungen bestimmter 289 460 Vgl. hierzu: Thomas Gibbons, Jurisdiction over (Television) Broadcasters, in: Die Zukunft der Fernsehricht- linie, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 29, Baden-Baden 2005, S. 53 (55). Dienste befugt, sollte sich die allgemeine Definition als ungeeignet erweisen, alle möglichen Entwicklungen abzudecken. Den Veranstaltern frei empfangbaren, kommerziellen Fernsehens („Channel 3 and 5 providers“) soll vom Ofcom ein Angebot unterbreitet werden, wonach die bisherigen Lizenzen für das analoge Fernsehen durch digitale Lizenzen ersetzt werden. Als Anreiz soll hierbei die Aussicht auf eine weniger restriktive Regulierung, die mehr auf Selbstregulierung setzt, dienen. Die sog. „Must-Carry-Verpflichtungen“ richten sich an Paketierer/Bündler im digitalen Satellitenbereich („digital satellite packager“). Diese sind zur Verbreitung (und zum Angebot angemessener EPG-Slots) öffentlich-recht- licher Veranstalter zu fairen, angemessenen und nicht-diskriminierenden Bedin- gungen verpflichtet. Der Communications Act 2003 begründet im ersten Kapitel seines zweiten Teils ein Regelwerk, welches auf alle elektronischen Kommunikationsnetze, elektronischen Kommunikationsdienste und zugehörige Einrichtungen Anwen- dung findet. Netzwerke und Dienste bilden hierbei die Kommunikationsinfra- struktur, über welche dem Verbraucher Ton/Sprache, Inhalte und andere Daten übermittel werden. Die Regulierung von Inhalten in Fernsehen und Hörfunk ist separat im dritten Teil des Gesetzes geregelt. Hiermit wird ein bedeutender Anteil des harmonisierten europäischen Kommunikationsrechts in das britische Recht implementiert.461 Der Communications Act 2003 definiert in Section 32 die Begriffe „elek- tronisches Kommunikationsnetz“, „elektronischer Kommunikationsdienst“ und „zugehörige Einrichtungen“ Die Regierungsbegründung/Gesetzeserläuterun- gen (explanatory report) zum Communications Act besagen hierzu: 87. This section implements Article 2(a), (c), (e) and (m) of the Framework Directive. * electronic communications network is defined in subsection (1) as a transmission system for the conveyance, by the use of electrical, magnetic or electro-magnetic energy of signals of any description, and associated apparatus, software and stored data. Examples of such networks include satellite networks, fixed networks (whether circuit- or packet-switched, and including the Internet) and mobile terrestrial networks and networks used for radio and television broadcasting, including cable TV networks. * electronic communications service is defined in subsection (2) as a service consisting, or having as its principal feature, the conveyance, by means of an electronic communi- cations network, of signals except in so far as it is a content service. Examples of such services include telecommunications services and transmission services in networks used for broadcasting. * associated facility is defined in subsection (3) as a facility which is available for use in association with an electronic communications network or service in order to make the provision of that network or service (or other services) possible, or to support the 290 461 www.opsi.gov.uk/acts/en2003/03en21-a.htm – Erläuterungen zum Communications Act 2003. provision of other services. Examples of such facilities include conditional access systems and electronic programme guides. * content service is defined in subsection (7) as so much of a service as consists in (i) the provision of material with a view to it being comprised in signals conveyed over an electronic communications network, or (ii) the exercise of editorial control over the contents of signals conveyed by means of such a network. * a signal is defined in subsection (10) as including anything consisting of speech, music, sounds, visual images and communications or data of any description, and signals serving for the impartation of anything or for actuating or controlling any apparatus.462 d) Horizontale Regulierungsansätze Sowohl die zentralen Gesetzesvorschriften im Bereich Medien und Kommuni- kation als auch einige Vorschriften zur Regelung spezifischer, medienbezogener Aspekte richten sich zugleich an verschiedene Kategorien von Diensten. Der Anwendungsbereich des wichtigsten Gesetzes, der des Communications Act 2003, erstreckt sich auf verschiedene Dienste oder Medien. So bezieht sich die allgemeine Auslegungsvorschrift in Section 405 beispielsweise auf: – Rundfunk – genauer: Rundfunk über drahtlose Telegrafie; – elektronische Kommunikationsnetzwerke – ein System zur Übertragung von Signalen jeglicher Art unter Verwendung elektrischer, magnetischer oder elektro-magnetischer Energie; – elektronischer Kommunikationsdienst – ein Dienst, der ganz oder über- wiegend in der Übertragung von Signalen über elektronische Kommunika- tionsnetze besteht, soweit es sich bei dem Dienst nicht um einen Inhalte- dienst handelt. – Programm – beinhaltet Werbung und, bezogen auf Dienste, Sämtliches, was diese Dienste enthalten.463 – Programmdienst („programme service“) bedeutet: Fernsehprogramm-Dienste (television programme service); den öffentlichen Teletext-Dienst (public teletext service); zusätzliche Fernsehdienste (additional television services); digitale zusätzliche Fernsehdienste (digital additional television services); Radioprogramm-Dienste (radio programme service) oder Audio-Angebote der BBC (sound services provided by the BBC). – Fernseh- und Radiodienste sind solche Programmdienste, die entweder nicht von der BBC angeboten werden oder die zwar von der BBC angeboten werden, auf die sich jedoch die Zuständigkeit des Ofcom erstreckt. 291 462 www.opsi.gov.uk/acts/en2003/03en21-b.htm – Erläuterungen zum Communications Act 2003. 463 Vgl. hierzu Lorna Woods/Alexander Scheuer, Advertising Frequency and the Television Without Fronters Directive, ELRev 2004, 365 (372 f.). – Unter „Fernsehprogramm“ wird jedes Programm (mit oder ohne Ton) ver- standen, das (a) ganz oder teilweise zur Ausstrahlung im Fernsehen produ- ziert wurde und (b) aus bewegten oder unbewegten Bildern oder lesbarem Text oder einer Kombination dieser Elemente besteht. – „Drahtlose Telegrafie“ (hat die gleiche Bedeutung wie im Wireless Tele- graphy Act 1949). – Hinsichtlich der Regulierung von jugendschädigenden Inhalten (harm), An- stößigkeit (offence) Fairness und Datenschutz wurde dem Ofcom seitens des Parlaments aufgetragen, Standards für die Rundfunkindustrie – Radio und Fernsehen – zu entwickeln. Das Ofcom konnte hierbei (zunächst) auf eine Reihe von Kodizes seiner Vorgängerinstitutionen zurückgreifen: die ITC-Standards für die Veranstaltung von Fernsehen, die Standards der Radio Authority für den Hörfunk sowie die Standards der BSC zu Fragen des guten Geschmacks, anstößigen Inhalten, Fairness und Datenschutz. Über das Internet verbreitete Inhalte werden nicht vom Ofcom reguliert. Ende Juli 2005 verabschiedete das Ofcom den Rundfunk-Kodex. Dieser findet Anwendung auf über den Hörfunk und das Fernsehen verbreitete Inhalte (mit bestimmten Ausnahmen zugunsten der British Broadcasting Corporation (BBC) – siehe unten), soweit sie in Diensten enthalten sind, die vom Ofcom zugelassen wurden, von der Rundfunkgebühr der BBC finanziert werden, und auf Sianel Pedwar Cymru („S4C“). Die Zulassung der Veranstalter durch das Ofcom begründet eine Verpflichtung, den Standards Code und den Fairness Code einzuhalten, die so zu verstehen sind, als bezögen sie sich auf den Ofcom- Rundfunk-Kodex. Die Verpflichtung zur Beachtung dieses Kodex ist für die BBC im BBC-Agreement vorgesehen sowie im Falle von S4C in einer Satzung. Falls nicht ausdrücklich anders erwähnt, meint der Begriff „Fernsehveranstal- ter“ die Anbieter von Fernsehprogramm-Diensten (wozu auch alle lokalen Dienste und zugangsbeschränkte Fernsehdienste zählen), ferner die BBC und S4C. Mit „Radioveranstaltern“ zielt der Kodex auf die BBC und die Anbieter von Radioprogramm-Diensten ab (wozu auch lokale und kommunale Radio- dienste zählen sowie digitale Audiodienste auf kommunaler Ebene), Sections Five, Six, Nine und Ten des Kodex sind nicht anwendbar auf Angebote der BBC, die durch Gebühren oder andere Zuwendungen finanziert werden. Die sog. Obscene Publications Acts erfassen alle Arten von Medien – auch über das Internet verbreitete Inhalte, die daneben auch von einigen Gesetzen zum Jugendschutz und zu Sexualdelikten erfasst werden. Die britische Regie- rung hat vor kurzem ein Konsultationsverfahren eingeleitet, in dem es um die Kriminalisierung des Besitzes (und der Nutzung) extremer Formen der Porno- 292 grafie geht.464 Dieses Verfahren kann möglicherweise zum Erlass neuer dienste- bezogener Vorschriften führen. Im Folgenden soll kurz auf zwei bestimmte Regelungsgebiete eingegangen werden: (a) wettbewerbsrechtliche Vorschriften und (b) Werbebestimmungen.m aa) Regelung des Wettbewerbs Was die Regelung des Wettbewerbs und von Fusionen465 betrifft, so wurde die britische Rechtslage durch den Communications Act 2003 wie folgt gefasst:m – Abschaffung der Vorschriften, die Einzelpersonen und Organisationen aus Staaten, die nicht dem Europäischen Wirtschaftsraum angehören, die Mög- lichkeit versagten, eine Rundfunkzulassung zu beantragen; – religiöse Vereinigungen können zur Rundfunkveranstaltung zugelassen wer- den, soweit es sich nicht um eine Zulassung für landesweiten Rundfunk, Channel 3, Channel 5 oder den Betrieb eines Multiplexes handelt; – politische Organisationen bleiben hingegen nach wie vor von der Veranstal- tung von Rundfunk ausgeschlossen; – gemäß der Vorschriften, die zwischen Werbung und Verkauf unterscheiden, und gemäß der allgemeinen Vorgaben des Wettbewerbsrechts können Werbe- treibende Inhaber einer Rundfunkzulassung sein. Als erstes Beispiel dieser Art ist hier der „Audi Channel“ zu nennen (welcher dem Fahrzeughersteller gehört). Der Kanal soll in naher Zukunft über die Sky-Digital-Satelliten- plattform und in der Folge über das digitale terrestrische Fernsehen und Kabelplattformen verbreitet werden; – Abschaffung der Vorschriften zum gleichzeitigen Eigentum an Channel 3 und Channel 5; – Abschaffung des Verbots der (zeitgleichen) Inhaberschaft an den beiden Zulassungen für Channel 3 in London; – Änderungen betreffend den vom Minister benannten Nachrichtendienst für Channel 3: Die Eigentumsobergrenze wird von 20 % auf 40 % angehoben und die Veranstalter von Channel 3 sind zu einer adäquaten Finanzierung dieses Nachrichtendienstes verpflichtet, um eine hohe Qualität dieses Dienstes sicherzustellen; – sollte der Zuschaueranteil des frei-empfangbaren Programms von Channel 5 in etwa das Niveau des Zuschaueranteils von Channel 3 erreichen, so ist der Minister berechtigt, einen Nachrichtendienst für Channel 5 zu benennen; 293 464 www.homeoffice.gov.uk/documents/cons-extreme-porn-300805. 465 Vgl. zu den gemeinschaftsrechtlichen Vorgaben bezüglich cross-medialer Beteiligungen etc.: Mark Wheeler, Supranational Regulation: Television and the European Union, 2004 European Journal of Communication 19 (3), 349–369, S. 357 ff.; EMR, Marktdefinitionen im Medienbereich: Vergleichende rechtliche Analyse, im Auftrag der Generaldirektion Wettbewerb der Europäischen Kommission, 2003 und 2005; Tom Gibbons, Die Regulierung des Zugangs zum digitalen Fernsehen, IRIS Spezial 2004, S. 65 ff. – die Beschränkungen hinsichtlich eines gleichzeitigen Eigentums von Zeitun- gen und Channel 3 bleiben auf nationaler Ebene bestehen, werden jedoch abgeschafft, soweit sie Channel 5 betreffen; – jemand, der einen Marktanteil von über 20 % im Bereich der landesweiten Zeitungen hält, kann keine Channel-3-Zulassung beantragen; – die Inhaber einer regionalen Zulassung für Channel 3 dürfen nicht mehr als 20 % der Anteile am regionalen Zeitungsmarkt halten; – der Minister stellt sicher, dass in Gebieten mit einer angemessenen Auswahl an Radiosendern mindestens zwei verschiedene Anbieter lokaler Radiopro- gramme neben der BBC existieren; – lokale Zeitungsunternehmen mit einem Marktanteil von unter 50 % dürfen zugleich Inhaber einer Zulassung für den Hörfunk sein; – Abschaffung des Punktesystems zur Beschränkung des Eigentums an landes- weit zu empfangenden Radiostationen; – das Ofcom überprüft die Vorschriften zur Medienkonzentration mindestens alle drei Jahre; – cross-mediale Fusionen unterliegen nunmehr einer Überprüfung „im öffent- lichen Interesse“, welche die Auswirkungen auf die Auswahl und Qualität der Programme untersucht. Diese Überprüfung wird von den Regulierungs- behörden OFT und Ofcom durchgeführt und bildet einen Teil der fusions- bezogenen Vorschriften des Enterprise Act 2002. Das Ofcom übt, wie ausgeführt, gem. Teil 5 des Communications Act auch Funktionen aus, die im Wettbewerbsrecht vorgesehen sind. Solche Funktionen bestehen in Bezug auf „Angelegenheiten der Kommunikation“. Diese um- fassen: – den Betrieb elektronischer Kommunikationsnetzwerke; – den Betrieb elektronischer Kommunikationsdienste; – die Bereitstellung von Diensten oder Einrichtungen, die bereitgestellt werden (i) im Wege oder gemeinsam mit der Bereitstellung (durch dieselbe Person oder eine andere) elektronischer Kommunikationsnetzwerke oder -dienste (ii) zum Zwecke der Vereinfachung der Nutzung eines solchen Netzwerks oder Dienstes (unabhängig davon, ob diese von derselben oder einer anderen Person bereitgestellt werden); – Vorrichtungen, die zur Bereitstellung aller in den vorgenannten Punkten genannten Dienste genannt werden; – Rundfunk und mit diesem zusammenhängende Angelegenheiten. 294 Der Communications Act befasst sich im in Kapitel 2 des 5. Teils mit Fusionen von Medienunternehmen und der Rolle des „Office of Fair Trading“.466 Das Kapitel enthält Vorschriften (einschließlich Änderungsvorschriften zum Enter- prise Act 2002) zu folgenden Aspekten: – das spezielle Recht zu Fusionen im Zeitungssektor – wobei u. U. besondere Erwägungen im öffentlichen Interesse eine Rolle spielen können; – Fusionen von Rundfunkunternehmen, bei denen diese Erwägungen ebenfalls angestellt werden können. Die Bedeutung der Überprüfung im öffentlichen Interesse („PI test“) liegt darin, dass jede Fusion oder Übernahme zwischen Medienunternehmen, die dazu führt, dass möglicherweise Konflikte mit Allgemeininteressen bezüglich der von diesem Gesetz erfassten Medien und im Zeitungssektor entstehen, einer gemeinsamen Untersuchung der neuen Regulierungsbehörde für die Medien und dem Office of Fair Trading unterliegt. Deren Stellungnahmen werden dem Minister übermittelt, der sich wiederum ggf. an die Wettbewerbskommission wenden kann.467 In Section 376 (3) des Communications Act werden die – in diesem Zu- sammenhang verwendeten – Begriffe „Rundfunk“ und „Zeitung“ definiert: ‚broadcasting‘ means the provision of services the provision of which – (a) is required to be licensed under Part 1 or 3 of the Broadcasting Act 1990 or Part 1 or 2 of the Broadcasting Act 1996; or (b) would be required to be so licensed if provided by a person subject to licensing under the Part in question; ‚newspaper‘ means a daily, Sunday or local (other than daily or Sunday) newspaper circulating wholly or mainly in the United Kingdom or in a part of the United Kingdom. bb) Werbebestimmungen Das Ofcom hat kürzlich neue Vorschriften erlassen, die sich auf den Umfang und die Art der Verbreitung von Werbung beziehen. Diese Vorschriften sollen den entsprechenden Vorgaben der Fernsehrichtlinie und des Fernsehüberein- kommens des Europarats Geltung verschaffen. Die Normen erfassen verschie- dene Dienste und zwar in folgender Weise: 295 466 Für einen Überblick über die Regulierungsansätze im Vereinigten Königreich zu Fragen der Medienkonzen- tration vgl. die Tabelle in „Media Concentration and Pluralism: Regulation, Realities and the Council of Europe’s Standards in the Television Sector“: The general rule in the markets that are not highly fragmented along linguistic lines is that the public service broadcaster plus two other major broadcasters dominate the market. The least degree of concentration in the television sector is in the UK where three main players – the BBC, ITV and Channel 4 – have a combined market share of 69.9 per cent of the audience making it the most plural market with a further 30.1 per cent of audience share commanded by other broadcasters, though this is mainly enjoyed by the fifth terrestrial channel, Channel 5, and the channels offered by BSkyB that somewhat increases the overall level of concentration.m Abrufbar unter: www.venice.coe.int /docs/2005/CDL-UDT(2005)004-e.pdf. 467 www.cmpd.eu.com/reports/media_concentration.pdf. (i) die für alle Dienste geltenden Vorschriften werden als einfacher Text dargestellt;m (ii) die nur für Channel 3 (ITV und GMTV), Channel 4, Channel Five und die „quali- fizierten“ (d. h.: ‚simulcast‘) digitalen Dienste dieser Kanäle geltenden Vorschriften werden durch ein „(A)“ hinter der Nummerierung der jeweiligen Vorschrift ge- kennzeichnet. (Hierbei ist zu beachten, dass die Regeln für Channel 4 auch auf S4C Anwendung finden); (iii) die Vorschriften, welche nur die übrigen Dienste erfassen (also nicht die Channels 3, 4 und Five und ihre qualifizierten digitalen Dienste) werden durch ein „(B)“ nach der Nummerierung der jeweiligen Vorschrift gekennzeichnet.468 Im Bereich der Werbung wurde jüngst ein entscheidender Schritt in Richtung eines konvergenten Regulierungsumfelds vollzogen. Bis Ende 2004 wurden Beschwerden in diesem Bereich getrennt voneinander behandelt – je nach Art des Dienstes, in dem die entsprechende Werbung geschaltet wurde: Auf der einen Seite standen hier der Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen) und auf der anderen Seite nicht dem Rundfunk zugehörige Medien wie Zeitungen, Maga- zine, Plakate, Kino, Anzeigen im Internet, Werbepost, Textnachrichten (text messaging). Die erstgenannte Kategorie lag im Zuständigkeitsbereich der Vor- gängerinstitutionen des Ofcom (ITC) und im Anwendungsbereich der jeweili- gen Werbekodizes (nunmehr in der Zuständigkeit des Ofcom). In der zweiten Kategorie bestand ein Selbstregulierungssystem unter der Federführung der Advertising Standards Authority (ASA). Seit Ende 2004 wurde die Werbe- regulierung auf vertraglichem Wege einem System unter dem Dach der ASA zugeführt, dem sog. „one-stop-shop system“. Auch nach dieser vertraglichen Auslagerung der Werbeaufsicht trägt das Ofcom gemäß des Deregulation and Contracting Out Act 1994 die Letztverantwortung für die von der ASA(B) oder dem BCAP (Broadcast Committee of Advertising Practice) im Rahmen der übertragenen Funktionen ausgeführten Handlungen oder Unterlassungen.469 Nichtsdestotrotz verbleibt dem Ofcom die Zuständigkeit für bestimmte andere Aspekte der Werberegulierung, wie – die Regeln zur Verhinderung politischer Werbung; – der (zeitliche) Umfang der im Fernsehen gezeigten Werbung und – die Regulierung des Sponsoring. Drei neue Gremien mit Zuständigkeiten im Bereich der Werberegulierung wurden unter dem Dach der ASA eingerichtet470: 296 468 www.ofcom.org.uk tv/ ifi/codes/advertising/rules/. 469 www.ofcom.org.uk/consult /condocs/reg_broad_ad/future_reg_broad/section5/#content. 470 Eine Beschreibung dieses neuen Co-Regulierungssystems findet sich in der folgenden Veröffentlichung des Ofcom: www.ofcom.org.uk/consultations/past / reg_broad_ad/future_reg_broad/section5/; vgl auch Lorna Woods, Media System of the United Kingdom für die „Study on Co-Regulation Measures in the Media Sector“, Hans-Bredow-Institute for media research and EMR – Institute of European Media Law, Hamburg: 2005, S. 10 f. – die „Advertising Standard Authority (Broadcast) – ASA(B)“ ist zuständig für das Beschwerdemanagement im Bereich der Rundfunkwerbung; – das „Broadcast Committee of Advertising Practice (BCAP)“ ist zuständig für die Konzeption und regelmäßige Überprüfung von Standard-Kodizes für die Rundfunkwerbung. Zusätzlich wird ein Advertising Advisory Committee innerhalb des BCAP eingerichtet, um unabhängigen Rat bezüglich Werbe- politik und deren Kodifizierung zu erteilen. Dieser Ausschuss wird einen unabhängigen Vorsitzenden haben und sich aus Experten sowie Vertretern der Verbraucher zusammensetzen; – das Broadcast Advertising Standards Board of Finance (BASBOF) ist das Gremium, welches für Fragen der Finanzierung des neuen Systems zuständig ist. Diese Institutionen sind mit der Regulierung jeglicher Fernseh- und Hörfunk- werbung auf Sendern und Stationen, die von der Ofcom zugelassen wurden, befasst. Hinzu kommt die Werberegulierung bei interaktiven Fernsehdiensten, TV-Shopping-Kanälen und Teletext-Diensten. Im Bereich der nicht über den Rundfunk verbreiteten Werbung wurde ein Selbstregulierungs-System zur inhaltlichen Überwachung der Werbung instal- liert. Dieses umfasst den Printsektor, neue Medien und das Kino (sowie alle Verkaufsfördermaßnahmen, die Verwendung persönlicher Daten für den Direkt- vertrieb, den Postversand und Warenbestellungen). Nicht erfasst werden hin- gegen Werbemitteilungen auf Unternehmenswebsites, das illegale Anbringen von Werbemitteln (Plakate, Poster etc.) an privaten und öffentlichen Flächen („flyposting“) und die Inhalte von Mehrwerttelefondiensten. e) Tabellarischer Überblick Die folgende Tabelle orientiert sich an der sektoralen Aufteilung der Medien- industrie im Vereinigten Königreich. Sie bietet einen Überblick, ob in den ver- schiedenen Mediensektoren gesetzliche Regelungen bestehen (Ja /Nein) und stellt die elektronischen Medien der Presse gegenüber. Jedoch haben wir ver- sucht, den Schwerpunkt auf konvergente Bereiche zu legen.471 297 471 Vgl. auch die Forschungsergebnisse zu Ansätzen der Selbst- und Co-Regulierung der Medienindustrie im Vereinigten Königreich und anderen EU-Mitgliedstaaten, abrufbar unter: www.selfregulation.info. Einige der Informationen in der Tabelle stammen aus Codifying Cyberspace: Self-Regulation of Converging Media in Europe (im Erscheinen, 2006), siehe Fußnote 458. 298 D ie ns t/ A nf or d er un ge n Ö ffe nt lic h- re ch tli ch er R un d fu nk B B C A na lo ge u . d ig ita le f re i em p fa ng b ar e R un d fu nk d ie ns te vo n p riv at en Ve ra ns ta lte rn D ig ita le s P ay -T V (K ab el , S at el lit un d t er re st ris ch ) In te rn et Te le ko m m un ik a- tio ns d ie ns te Fi lm u nd V id eo (K la ss ifi - zi er un g) C om p ut er - sp ie le (K la ss ifi - zi er un g) P re ss e Z ul as su ng er fo rd er lic h D ie B B C m us s ih re Z u- la ss un g ni ch t b ea nt ra - ge n, so nd er n d ie se w ird ih r ge se tz lic h zu er ka nn t Ja – Z ul as su ng d ur ch O fc om Ja – Z ul as su ng d ur ch O fc om N ei n Ja N ei n N ei n N ei n K on tr ol le d er Ü b er tr ag un g un d d er Ü b er ga b e Ja Ja – O fc om Ja – O fc om Ja – R eg ul ie - ru ng d es Z u- ga ng s (T el e- ko m m un ik a- tio ns an b ie te r) C om m on ca rr ia ge Z ah lre ic he Ve rb re ite r Z ah lre ic he Ve rb re ite r Z ah lre ic he Ve rb re ite r W er b e- re gu lie ru ng D as P ro gr am m d er B B C en th äl t ke in e W er b un g (je d oc h W er b un g fü r ei ge ne P ro gr am m e un d D ie ns te ) Ja Ja N ei n – S el b st - re gu lie ru ng N ei n N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar N ei n – S el b st - re gu lie ru ng R eg ul ie ru ng d er I nh al te D as B oa rd o f G ov er no rs tr äg t d ie V er an tw or tu ng un d r eg ul ie rt d ie E nt - sc he id un ge n d er O rg an i- sa tio n zu m M ul tip le xi ng . A uf gr un d d ie se r S el b st - re gu lie ru ng sv er ei nb ar un g ve rf üg t d as O fc om i n d ie se m B er ei ch ü b er ke in e Z us tä nd ig ke it Ja – D as M ul ti- p le xi ng b ed ar f d er Z ul as su ng d ur ch d as O fc om Ja B ün d el un g zu P or ta le n N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar Q uo te n- b es tim m un ge n Ja – o b w oh l si ch d ie B B C g rö ßt en te ils s el b st re gu lie rt , fin d en d ie K od iz es d er O fc om z u ne ga tiv en P ro gr am m - gr un d sä tz en b zw . -v er - p fli ch tu ng en , R eg el un - ge n zu W er b un g un d Ja – d er O fc om - Vo rs ta nd f ür In ha lte g ib t Q uo te n vo r im H in b lic k au f P ro d uz en te n au s d em V er ei ni gt en K ön ig re ic h un d Ja – R ec ht e fü r P re m iu m S p or t- Ve ra ns ta ltu ng en , Fi lm e, A d ul t- P ro gr am m e N ei n N ei n – P re m iu m - In ha lte u nd so lc he f ür E rw ac hs en e w er d en s el b st - re gu lie rt ( IC S TI S un d I M C B ) N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar 299 S p on so rin g, N ac hr ic ht en un d d er F ör d er un g eu ro - p äi sc he r W er ke A nw en - d un g au f d ie B B C . D ie Ve ra nt w or tu ng f ür d ie U na b hä ng ig ke it d er B B C tr äg t w ei te rh in d as B oa rd of G ov er no rs . E in e ne ue Ve re in b ar un g m it d em M in is te riu m f ür K ul tu r, M ed ie n un d S p or t st eh t im Z us am m en ha ng m it d er E rn eu er un g d er Z u- la ss un g un d d er C ha rt er an . E ur op a so w ie un ab hä ng ig e P ro d uz en te n (C o- R eg ul ie ru ng in F or m v on Ve rh al te ns ko d iz es , d ie d ur ch d as O fc om a ne rk an nt w er d en ) K on tr ol le ü b er d ie I nh al te d ur ch d en N ut ze r N ei n – b es ch rä nk t au f d ie N ut zu ng d er F er n- b ed ie nu ng ( sp ric h: „ U m - od er A us sc ha lte n“ ) un d ei ng es ch rä nk te E P G - D ie ns te b ei „ fr ee vi ew “ (fr ei -e m p fa ng b ar es , D V B -T ) N ei n – b e- sc hr än kt a uf d ie N ut zu ng d er Fe rn b ed ie nu ng (s p ric h: „ U m - od er A us sc ha l- te n“ ) un d e in - ge sc hr än kt e E P G -D ie ns te b ei „f re ev ie w “ (fr ei - em p fa ng b ar es , D V B -T ) Ja – K on tr ol le üb er E P G ; au f m an ch en P la tt - fo rm en s in d V id eo -o n- D em an d (P ay -p er -V ie w -) A ng eb ot e er hä lt- lic h. Ja – S uc h- m as ch in en , Fi lte rp ro - gr am m e ge ge n b es tim m te In ha lte , V ire n un d „ C oo ki es “. N ic ht a n- w en d b ar B B FC – D as B rit is h B oa rd o f Fi lm C la s- si fic at io n kl as si fiz ie rt d ie I nh al te . D ie In d us tr ie re gu lie rt d ie I nh al te se lb st u nd kl as si fiz ie rt d ie se . S el b st re gu lie ru ng b ez üg lic h d er In ha lte ( un te r Ve r- w en d un g ei ne s P re ss ek od ex ). A ls S el b st - re gu lie ru ng s- ei nr ic ht un g fu ng ie rt d ie U K P C C ( P re ss C om - p la in ts C om m is - si on ). D ie V er - ha lte ns ko d iz es w er d en a uc h au f d ie O nl in e- A us - ga b en u nd W eb - si te s d er Z ei tu n- ge n an ge w en d et . 300 D ie ns t/ A nf or d er un ge n Ö ffe nt lic h- re ch tli ch er R un d fu nk B B C A na lo ge u . d ig ita le f re i em p fa ng b ar e R un d fu nk d ie ns te vo n p riv at en Ve ra ns ta lte rn D ig ita le s P ay -T V (K ab el , S at el lit un d t er re st ris ch ) In te rn et Te le ko m m un ik a- tio ns d ie ns te Fi lm u nd V id eo (K la ss ifi - zi er un g) C om p ut er - sp ie le (K la ss ifi - zi er un g) P re ss e K on tr ol le ü b er d ie I nh al te d ur ch d en A nb ie te r N ei n – ei ne G eb üh r w ird vo n al le n H au sh al te n im Ve re in ig te n K ön ig re ic h er ho b en ( „t el ev is io n lic en se “) N ei n Ja – C on d iti on al - A cc es s- S ys te m e: Z ug an gs ka rt e un d /o d er P IN - N um m er n fü r P re m iu m -I nh al te un d A d ul t- P ro gr am m e Ja , d ie s is t b sp w . üb er d ie Ve rw en d un g vo n P IN - N um m er n fü r P re m iu m - un d A d ul t- A ng eb ot e m ög lic h, Fi lte ru ng e tc . N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar N ei n E ig en tu m s- b es ch rä n- ku ng en N ic ht a n- w en d b ar Ja – D as O fc om üb t hi er s ei ne Z us tä nd ig ke it ge m . d es W et t- b ew er b sg es et ze s 19 98 u nd d es E nt er p ris e A ct 20 02 g em ei ns am m it d em O FT – O ffi ce o f Fa ir Tr ad in g au s. D as M in is te riu m f ür H an d el u nd In d us tr ie i st z u- st än d ig f ür d en W et tb ew er b . Ja – D as O fc om üb t hi er s ei ne Z us tä nd ig ke it ge m . d es W et t- b ew er b sg es et ze s 19 98 u nd d es E nt er p ris e A ct 20 02 g em ei ns am m it d em O FT – O ffi ce o f Fa ir Tr ad in g au s. D as M in is te riu m f ür H an d el u nd In d us tr ie i st z u- st än d ig f ür d en W et tb ew er b . N ei n Ja – D as O fc om üb t hi er s ei ne Z us tä nd ig ke it ge m . d es W et t- b ew er b sg es et ze s 19 98 u nd d es E nt er p ris e A ct 20 02 g em ei ns am m it d em O FT – O ffi ce o f Fa ir Tr ad in g au s. D as M in is te riu m f ür H an d el u nd In d us tr ie i st z u- st än d ig f ür d en W et tb ew er b . N ic ht a n- w en d b ar N ic ht a n- w en d b ar Ja – D as O fc om üb t hi er s ei ne Z us tä nd ig ke it ge m . d es W et t- b ew er b sg es et ze s 19 98 u nd d es E nt er p ris e A ct 20 02 g em ei ns am m it d em O FT – O ffi ce o f Fa ir Tr ad in g au s. D as M in is te riu m f ür H an d el u nd In d us tr ie i st z u- st än d ig f ür d en W et tb ew er b . 3. Ausblick Die im Vereinigten Königreich gemachten Erfahrungen lassen es im Hinblick auf die Revision der Fernsehrichtlinie als sinnvoll erscheinen, über die Einrich- tung einer Regulierungsbehörde auf europäischer Ebene nachzudenken, die entweder für einzelne Sektoren oder aber den gesamten Kommunikations- bereich zuständig ist. Bezüglich des künftigen Anwendungsbereichs der Fernsehrichtlinie wird in Großbritannien überwiegend dafür plädiert, das neue Rechtsinstrument nicht auf nicht-lineare Rundfunkdienste auszudehnen.472 Was die Regulierungspraxis im Vereinigten Königreich betrifft, so erscheint der jetzige Zeitpunkt für eine Bewertung der Arbeit des Ofcom noch als ver- früht, zumal diese derzeit einer Überprüfung unterliegt. Dennoch können bereits einige Hindernisse auf dem Weg zu einem konsequent konvergenten Regulie- rungsansatz identifiziert werden. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Verteilung der politischen Verantwortlichkeit auf zwei verschiedene Ministe- rien anzuführen. Das Ministerium für Handel und Industrie (Department of Trade and Industry – DTI) und das Ministerium für Kultur, Medien und Sport (Department of Culture Media, and Sports – DCMS) entwickeln jeweils Strate- gien entlang der traditionellen Trennlinien zwischen den einzelnen Sektoren. So wurde beispielsweise die Strategie für Breitband und Telekommunikation unabhängig von der Strategie für den digitalen Switch-over im Rundfunk konzi- piert.473 Die tradierten Regulierungsvorschriften, welche dem neu geschaffenen Ofcom durch seine Vorgängerinstitutionen mit ihren jeweils eigenen Aufgaben- stellungen und Regulierungskulturen474 quasi „in die Wiege gelegt“ wurden, stellen eine Ursache dafür dar, dass ein konsequent konvergenter Regulierungs- 301 472 David Currie, Vorsitzender des Ofcom, Einführende Worte anlässlich der „Liverpool Conference on the review of the EU Television Without Frontiers („TWF“) Directive“, 21. September 2005, in welchen er den Standpunkt der Regulierungsbehörde verdeutlicht: „We in Ofcom start from the position that it is doubtful whether the best way to promote such new content and new business models in Europe is through more regulation. So, a first request on our part has been for the Commission to assess carefully the costs and benefits of regulating content delivered over non-broadcast platforms – looking at the full range of services potentially affected, and at both the indirect and direct compliance costs of new regulation. I was interested to hear Senor Balsemao make a similar point in his thoughtful speech last night. And in addressing the costs and benefits, we would urge the Commission to consider the extent to which harmonisation of regulation is a real as opposed to theoretical benefit, particularly given that this is a minimum harmonisation measure which leaves Member States free to impose additional rules on service providers located in their territory. This issue needs careful empirical examination.“ Abrufbar unter: www.ofcom.org.uk/media /speeches/2005/09/ liverpool_conf. 473 Report „Capitalising on Convergence“ by Intellect (the trade association for the UK hi-tech industry), S. 20. www.fusepr.com/pressoffice/fusenews/19july2005.html. 474 Vgl. Open Society Institute Monitoring and Advocacy Program, Television across Europe: regulation, policy and independence, Kapitel zum Vereinigten Königreich, S. 1601 ff., Budapest: OSI, S. 1653 www. soros.org/ initiatives/media /articles_publications/publications/eurotv_20051011/volthree_20051011.pdf. ansatz bislang noch nicht verfolgt werden konnte. Eine technologische Kon- vergenz ist zum heutigen Tage in der Praxis noch nicht vollständig erreicht, obwohl große Schritte in diese Richtung bereits gemacht wurden. Die strategi- schen Überprüfungen (in den Bereichen Telekommunikation, Rundfunk und Frequenzspektrum), welche das Ofcom im ersten Jahr seiner Amtszeit durch- geführt hat, analysierten den Markt entlang traditioneller Sektorengrenzen, d. h. in einer netzwerk- und plattformbezogenen Weise. Die Herausforderung für die Regulierungsbehörde ist nunmehr, die hierbei gewonnenen Erkenntnisse aus einem konvergenten Blickwinkel zu betrachten, um dann Strategien für einen konvergenten Markt entwickeln zu können. Andererseits stellt die enorme Größe der Behörde Ofcom, welche diverse andere Regulierungsbehörden ersetzt, für sich betrachet einen Anlass zur Be- sorgnis dar. Mit ca. 1.200 Mitarbeitern verfügte das Ofcom zunächst über etwa so viel Personal wie ihre fünf Vorgängerinstitutionen gemeinsam. Nun soll der Personalstand auf etwa 800 Mitarbeiter verringert worden sein. Mit dem Communications Act 2003 steht ein sehr umfangreiches Gesetzes- werk zur Verfügung. Viele seiner Regelungen bedürfen jedoch noch der Kon- kretisierung durch nachrangige Vorschriften (Regularien (rules), Kodizes und Leitlinien). Eine der bedeutendsten laufenden technischen Entwicklungen – der digitale Switch-over – wird mit großer Wahrscheinlichkeit keine neue Mediengesetz- gebung erfordern.475 Die Regierung führt derzeit eine Konsultation zur Rechtsgrundlage der BBC (der sog. „Royal Charter“) durch, welche Ende 2006 abgeschlossen sein soll.476 Infolgedessen wird es zu diesem Zeitpunkt ein neues Mediengesetz in Form einer neuen Royal Charter, eine neue Zulassung sowie ein Abkommen mit dem Department of Culture, Media and Sport geben.477 Das Ofcom hat die Einführung eines neuen sog. „Public Service Publisher“ (PSP) vorgeschlagen, was höchstwahrscheinlich Änderungen am britischen Medienrecht erfordern wird Der PSP soll als Anbieter hochwertiger Dienste öffentlich-rechtlichen Charakters fungieren, die kostenlos zu sehen oder herunterzuladen sind. Die neuen Medien sollen auch für die Bereitstellung von Diensten auf lokaler und kommunaler Ebene genutzt werden. Diese Leistun- gen könnten von einem oder mehreren PSPs erbracht werden, wobei diese ihren Status durch eine periodische Vergabe von Verträgen erhalten sollen.478 Hingewiesen wurde ferner bereits auf möglicherweise zu erwartende Gesetz- gebungsvorhaben zu bestimmten Inhalten im Internet. 302 475 Vgl. allgemein hierzu: www.digitaltelevision.gov.uk index.html. 476 Vgl. www.bbccharterreview.org.uk. 477 Vgl. Ader, UK: Abschließender Bericht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, MMR 4/2005, S. XIV. 478 Ebd. Das derzeit in Bezug auf die Medien herrschende, allgemeine Klima (ab- gesehen von Gesetzesänderungen die BBC betreffend) zeigt sich vielleicht am deutlichsten an einer in der Mitte des Jahres 2004 abgegebenen Regierungs- erklärung zum Bericht des parlamentarischen Sonderausschusses zu Kultur, Medien und Sport mit dem Titel „Broadcasting in Transition“: Mit den Vorschriften des Communications Act liegen klare rechtliche Vorgaben für die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor. Diese Vorschriften zielen auf ein höheres Maß an Selbstregulierung ab, was in Ergänzung steht zur grundsätzlichen Ver- antwortung des Ofcom, für die Erreichung der Ziele des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Vereinigten Königreich Sorge zu tragen.479 4. Zusammenfassung a) Geltende Rechtslage Im Jahr 2003 wurden weit reichende Änderungen an der bis dahin bestehenden Gesetzeslage und am Regulierungssystem vorgenommen, die sich hauptsäch- lich an den Konzepten „Netzwerk“ und „Plattform“ orientierte. Der Erlass des Communications Act 2003 diente dabei dem Ziel, die Struktur der Medien- regulierung zu rationalisieren und die neuen Regeln für den Kommunikations- sektor, wie sie auf EU-Ebene vereinbart wurden, in das nationale Recht umzu- setzen. Der Communications Act 2003 hat in dieser Hinsicht signifikante Änderungen an der Regulierungslandschaft mit sich gebracht. Das Gesetz ver- stärkte den Trend zu einer „light touch“-Regulierung, der bereits in den zuvor geltenden Vorschriften (Broadcasting Acts 1990 und 1996) zu verzeichnen war. Der Communications Act 2003 führte zu einer neuen Form der Regulie- rung, indem Kompetenzen der früheren – sektoral getrennt agierenden – Regu- lierungsbehörden an das Ofcom übertragen wurden. Das Ofcom (Office of Communications) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, welche bereits vor dem Communications Act 2003 durch den Office of Communications Act 2002 geschaffen wurde. Die Schaffung des Ofcom führte zu einer konvergenten Regulierungspraxis gegenüber den britischen Medien, welche die sektorspezi- fischen Regulierungsbehörden mit ihrer Zuständigkeit für jeweils verschiedene Medien ablöste. Dieser Schritt ging einher mit einem Trend zu einer andauernden Delegie- rung regulatorischer Aufgaben. Dort, wo Regulierung notwendig ist, soll der Einsatz effektiver Co- und Selbstregulierung gefördert und damit mehr Vertrauen in die Fähigkeit der Zulassungsempfänger und regulierten Industrien gesetzt werden, ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu können. Außer durch den Communications Act wird der Bereich auch durch nachrangige Vorschriften 303 479 www.publications.parliament.uk/pa /cm200304/cmselect /cmcumeds/585/58504.htm. („subordinate legislation“) in Form von Satzungen (statutory instruments) ge- regelt, die auf der Grundlage der Broadcasting Acts und des European Commu- nity Acts zur Umsetzung des Gemeinschaftsrechts von 1972 erlassen werden.n Der Communications Act führt ein abgestuftes System zur Regulierung von Fernsehdiensten und sog. „licensable content services“ ein. Dabei betreffen bestimmte Mindeststandards („Stufe Eins“) sämtliche Anbieter, während sich andere rechtliche Vorgaben nur an bestimmte Adressaten wenden. Nicht vom Anwendungsbereich des Communication Act 2003 erfasst werden die sog. „Dienste der Informationsgesellschaft“ im Sinne der eCommerce-Richtlinie.m – Die „Stufe Eins“ betrifft bestimmte Aspekte der inhaltlichen Regulierung („negative content regulation“, negative Programmgrundsätze bzw. -ver- pflichtungen) und arbeitet mit Verhaltenskodizes zu jugendschädigenden Inhalten („harm“), Anstößigkeit („offence“), journalistischer Sorgfalt („accuracy“), Unabhängigkeit, Fairness und Datenschutz. Diese Stufe ist auf alle Fernsehveranstalter und Anbieter von „licensable content services“ (einschließlich Teletext-Diensten) anwendbar, unabhängig von der verwen- deten Plattform (Kabel oder Satellit). – Die „Stufe Zwei“ betrifft die Programmquoten zugunsten britischer Inhalte sowie europäischer und unabhängiger Produzenten. Die Quotenvorgaben dienen der Umsetzung der Fernsehrichtlinie. Diese zweite Stufe richtet sich an die „Free-to-air-5“, die BBC sowie an Channel 3 (ITV), 4 und 5 (Five).m – Die „Stufe Drei“ betrifft die im öffentlichen Interesse bestehenden Ver- pflichtungen der kommerziellen Fernsehsender (ITV, Channel 4 und Five). Hierbei handelt es sich um einen Bereich, der sich durch ein hohes Maß an Selbstregulierung auszeichnet. Die Veranstalter geben gegenüber dem Ofcom jährlich eine Eigenbewertung ihrer Programmpolitik ab, in welcher darzulegen ist, ob das Programm den Vorgaben des öffentlich-rechtlichen Auftrags (public service remit) gerecht wurde. Die Veranstalter sind insofern zur Abgabe einer Selbsteinschätzung verpflichtet. Die BBC ist von dieser Stufe nicht betroffen, da sie bereits über ein internes Selbstregulierungs- regime verfügt. Allerdings findet derzeit eine Diskussion darüber statt, inwie- fern dem Ofcom bei der Regulierung der BBC Aufgaben zufließen sollen.n Zusätzlich zu den drei beschriebenen (Haupt-)Stufen für den Rundfunk wird es eine Stufe (genannt „Stufe Null“) geben, welche die Regulierung von Rund- funkinhalten betrifft, die im Internet oder per Telefonie übertragen werden. Diese Stufe sieht vor, dass Veranstalter mit öffentlich-rechtlichen Verpflichtun- gen in diesem Bereich dieselben Standards zu wahren haben wie bei ihren traditionellen Rundfunkaktivitäten. Im Hinblick auf Dienste, die sich als Mix aus linear verbreitetem Programm und interaktiven Elementen darstellen, wählt der Communications Act 2003 einen neuen Ansatz. Für solche Dienste sieht das Gesetz keine eigene Kategorie 304 vor, sondern fragt nach der vorwiegenden Ausprägung eines Inhaltedienstes und bezieht dann die zu diesem Dienst gehörenden, aber ihm untergeordneten Dienste mit ein. Ein neuer Lizenztypus (Section 232) für „television licensable content service“ ersetzt die früher getrennt erteilten Lizenzen für das Satelliten- und Kabelfernsehen. Das Ziel der Regierung war es hierbei, „fernsehähnliche“ Dienste zu erfassen, die in linearen Kanälen verpackt und simultan oder nahezu simultan an die Zuschauer verbreitet werden. Die neue Lizenz erfasst Fernseh- programme und elektronische Programmführer (EPGs) oder auch die Kombina- tion von beiden. Die Lizenz deckt dann allerdings nicht lediglich den „Haupt- dienst“ („main service“), sondern zugleich zusätzlich verbreitete „Begleitdienste“ („ancillary services“) ab, wie z. B. interaktive Anwendungen, Zugang zu Hintergrundmaterialien, Links zu Webseiten, die jedoch allesamt einen Bezug zum Hauptdienst aufweisen müssen. In jedem Falle müssen diese Dienste gemäß Section 361 Mitgliedern der Öffentlichkeit zugänglich sein. Diese Voraussetzung soll Dienste ausschließen, die das Material und den Zeitpunkt seiner Darbietung der Auswahl des Nutzers überlassen, der dann als aus- schließlicher Empfänger der Inhalte fungiert. In ihrem Zusammenspiel sind diese Vorschriften auf eine Definition ausgelegt, die Internet-Inhalte (ein- schließlich des sog. „Web-Castings“) ausschließt. Ebenfalls nicht erfasst sein sollen Video-on-Demand-Dienste, allerdings hat die Regierung signalisiert, dass sie eine Änderung dieser Ausnahme erwäge, sofern die Industrie nicht in der Lage sei, effektive Vorrichtungen zum Schutze Minderjähriger, wie z. B. Verschlüsselungssysteme, bereitzustellen. Das Ofcom hat kürzlich neue Vorschriften erlassen, die sich auf den Umfang und die Art der Verbreitung von Werbung beziehen. Ausdrückliche Werbezeit- bestimmungen sind hierin auch für Simulcast-Angebote bestimmter Sender vorgesehen, die in den entsprechenden Vorschriften als „qualifying services“ bezeichnet werden. b) Vereinbarkeit mit europäischem Recht Die frühere Regulierung des Rundfunk – insbesondere der Standpunkt Groß- britanniens zur Frage der rechtlichen Zuständigkeit für Fernsehveranstalter – stand nicht vollständig in Übereinstimmung mit der Rechtslage auf europäi- scher Ebene. Diese Regelungen im britischen Recht scheinen aus gemeinschafts- rechtlicher Perspektive keine Probleme mehr zu verursachen. c) Künftige Reformvorhaben Das Ofcom hat die Einführung eines neuen sog. „Public Service Publisher“ (PSP) vorgeschlagen, was höchstwahrscheinlich Änderungen am britischen Medienrecht erfordern wird. Der PSP soll als Anbieter hochwertiger Dienste 305 öffentlich-rechtlichen Charakters fungieren, die kostenlos zu sehen oder herun- terzuladen sind. Die neuen Medien sollen auch für die Bereitstellung von Diensten auf lokaler und kommunaler Ebene genutzt werden. Diese Leistun- gen könnten von einem oder mehreren PSPs erbracht werden, wobei diese ihren Status durch eine periodische Vergabe von Verträgen erhalten sollen. Die britische Regierung hat ferner vor kurzem ein Konsultationsverfahren ein- geleitet, in dem es um die Kriminalisierung des Besitzes (und der Nutzung) extremer Formen der Pornografie geht. Dieses Verfahren kann möglicherweise zum Erlass neuer dienstebezogener Vorschriften führen. d) Ergebnis Das britische Modell zur Regulierung audiovisueller Inhalte ist auf eine Ver- lagerung zur Selbst- und Co-Regulierung angelegt – es zeichnet sich hier ein Trend zur fortgesetzten Delegierung von Regulierungsaufgaben ab. Als prag- matischer Ansatz ist die rechtliche Behandlung sog. „Begleitdienste“ zu Fern- sehprogrammen anzuführen, die über die rechtliche Konstruktion des „tele- vision licensable content service“ gemeinsam mit dem „Hauptdienst“ (d. h. das Fernsehprogramm und/oder EPG) zugelassen werden. Die rechtliche Zu- ordnung bestimmter Angebotsteile zum „Schwerpunkt“ eines (Gesamt-)Ange- bots könnte sich als gangbarer Weg erweisen, die Notwendigkeit komplizierter Abgrenzungen zu vermeiden. 306 VI. Vergleichende Betrachtung 1. Einleitung Es zeigt sich, dass Schwierigkeiten der Legislative und Exekutive im Umgang mit dem Phänomen der Konvergenz häufig mit einem Auseinanderfallen der Zuständigkeiten für die von dieser (technischen) Entwicklung betroffenen Be- reiche zusammenhängt. Diese Aufspaltung kann – wie in Deutschland oder Belgien – in der Kompetenzverteilung innerhalb eines föderalen Staates be- gründet liegen. In Deutschland ist in den letzten Jahren angesichts dieses Problems durchaus eine erhöhte Kompromissbereitschaft von Bund und Län- dern zu verzeichnen, die bspw. beim Jugendmedienschutz-Staatsvertrag auch schon Erfolge gezeitigt hat. In Belgien hat sich in neuerer Zeit eher das Ver- fassungsgericht als Motor der Fortentwicklung des Medienrechts erwiesen. Dieses hat zugleich die handelnden Ebenen zur Zusammenarbeit und Etablie- rung gemeinsamer Lösungen verpflichtet. Probleme bei der medienrechtlichen Bewältigung des technologischen Fortschritts können sich allerdings auch – wie im Vereinigten Königreich – aus dem Zuschnitt der Ministerien innerhalb einer Regierung ergeben. Gerade bezüglich des letztgenannten Beispiels lohnt vielleicht einmal mehr der Blick nach Brüssel, denn die Umstrukturierung der Kommission, welche eine einheitliche Generaldirektion für Medien und die In- formationsgesellschaft hervorgebracht hat, hat dort offensichtlich neue Energien freigesetzt.480 Keineswegs soll hingegen an dieser Stelle die grundsätzliche Verteilung der Zuständigkeiten für medienrelevante Gebiete in der Bundes- republik in Frage gestellt werden. Jedoch zeigt die Entwicklung in den ver- gangenen zehn Jahren, dass die technischen Neuerungen Bund und Ländern ein hohes Maß an Flexibilität und Kompromissbereitschaft abverlangen, um der medialen Lebenswirklichkeit mit zeitgemäßen und zukunftsoffenen Gesetzen zu entsprechen. 2. Vergleichende Betrachtung a) Rundfunkbegriff Wie die Untersuchung der Rechtslage in den fünf Ländern gezeigt hat, ist der Rundfunkbegriff in sämtlichen Staaten in den letzten Jahren einem erheblichen Wandel unterworfen, der in der Regel mit der Notwendigkeit einer Anpassung an den technologischen Fortschritt (Digitalisierung, Konvergenz) begründet wurde. In allen im Rahmen dieses Gutachten untersuchten Ländern werden 307 480 Kleist, Die Richtlinie ‚Fernsehen ohne Grenzen‘, in: Klumpp/Kubicek/Roßnagel/Schulz (Hrsg.); Medien, Ordnung und Innovation; Berlin, Heidelberg, New York 2006, S. 143 (155). von den Regelungen des Rundfunkrechts sowohl das Fernsehen als auch der Hörfunk abgedeckt. Daneben haben jedoch die Gesetzgeber bereits Schritte unternommen, den Anwendungsbereich des klassischen Rundfunkrechts wegen des Auftretens neuerer – als regulierungsbedürftig empfundener – Angebots- formen auszudehnen.481 Eine Gemeinsamkeit lässt sich in allen fünf untersuchten Medienrechts- ordnungen hinsichtlich des, vom Gesetzgeber zugrunde gelegten Kreises der Rezipienten von Rundfunkangeboten feststellen. Rundfunk wird stets darüber definiert, dass er sich an die „Allgemeinheit“ oder die „Öffentlichkeit“ oder Teile derselben richtet. Unterschiedliche Vorstellungen bestehen in den Mitglied- staaten allerdings offensichtlich bezüglich des konkreten Bedeutungsgehalts dieses Kriteriums. In Großbritannien sollen hierüber Dienste ausgeschlossen werden, die den Nutzer über das Material und den Zeitpunkt der Darbietung durch Auswahl bestimmen lassen, der dann ausschließlicher Empfänger der Inhalte ist. Es sollen also offensichtlich Abrufdienste ausgeschlossen werden, die dort den „Diensten der Informationsgesellschaft“ unterfallen. In Deutsch- land sind Abrufdienste zwar auch vom Rundfunkbegriff ausgeschlossen482, das Kriterium der Ausrichtung an die Allgemeinheit bedeutet hier jedoch, dass der Adressatenkreis bei Ausstrahlung des Angebots nicht feststeht. Das belgische Verfassungsgericht rechnet hingegen auch Dienste, bei denen die Übertragung auf individuellen Abruf des Zuschauers erfolgt, dem Rundfunk zu. Hier dient das Kriterium der Ausrichtung an die Allgemeinheit eher dazu, Kommuni- kationsformen auszuschließen, die von einem gewissen Grad an Vertraulichkeit gekennzeichnet sind. Im Rahmen der Unterscheidung der verschiedenen Dienste lässt sich in einigen Staaten eine deutliche Abkehr von der Orientierung an technischen Kriterien (der Verbreitung) feststellen. Dies gilt bspw. für das Medienrecht in Deutschland, wo die Einordnung der verschiedenen Angebote entscheidend von ihrer jeweiligen Relevanz für die Meinungsbildung der Bevölkerung ab- hängt. In Belgien wird der Übertragungsweise im Grunde überhaupt keine Bedeutung mehr beigemessen, sondern dort wird der Rundfunk maßgeblich durch fehlende Vertraulichkeit und fehlende Individualisierung der übermittel- ten Informationen von anderen Diensten abgegrenzt und damit charakterisiert. Von größerer Bedeutung ist das technische Abgrenzungskriterium hingegen noch in solchen Mitgliedstaaten, welche die Unterscheidung zwischen Rund- funk und „Diensten der Informationsgesellschaft“, wie sie auf der europäischen Ebene derzeit gilt, durch eine deckungsgleiche Übernahme des letztgenannten Begriffs und der hierzu geltenden Regeln in das nationale Recht nachvollzogen haben. Dort fließt in die Abgrenzung dann, wie dies bereits für die europäische 308 481 Vgl. zur jeweiligen Zuordnung konkreter Angebotsformen nachfolgend unter b). 482 Vgl. hierzu im Länderbericht Deutschland unter 4. A) dd) (1). Ebene dargestellt wurde,483 ein technisches Kriterium ein. Dies trifft zu für das Vereinigte Königreich und Italien. Allerdings besteht im Vereinigten Königreich über das Instrument der sog. „licensable content services“ die Möglichkeit, bestimmte Dienste, die für sich allein betrachtet möglicherweise als „Dienst der Informationsgesellschaft“ einzuordnen wären, einem Hauptdienst (Fernseh- programm und/oder EPG) zuzuordnen und somit von dessen (rundfunkrecht- licher) Lizenz abdecken zu lassen. Hierdurch verliert die Trennung anhand des technischen Kriteriums an Schärfe. Eine Ausnahme bildet insoweit Italien. Dort wird Rundfunk noch explizit in Abhängigkeit von der verwendeten Über- tragungstechnik definiert. Auch in Frankreich lässt sich die Tendenz zur Abkehr von technischen Kriterien feststellen. So umfasst der dortige Rundfunkbegriff die mit elektroni- schen Mitteln erbrachten Kommunikationsdienste, welche dazu bestimmt sind, gleichzeitig von der gesamten Öffentlichkeit oder einem Teil der Öffentlich- keit empfangen zu werden, und deren Hauptprogramm in einer geordneten Abfolge aus Einzelprogrammen besteht, die aus Tönen und – im Falle des Fernsehens – auch aus Bildern bestehen. Damit wird zwar nicht explizit auf die Übertragungstechnik abgestellt. Dennoch wird durch das Merkmal der Gleichzeitigkeit der Übertragung an die Allgemeinheit letztlich ein Kriterium verwendet, das im Ergebnis der Unterscheidung nach dem technischen Krite- rium gleichkommt Ist somit allgemein ein Trend zur Erweiterung und Ausdifferenzierung des Anwendungsbereichs der Mediengesetzgebung zu verzeichnen, so geht dieser Prozess in weiten Teilen mit der Erkenntnis einher, dass nicht auf alle der (neu identifizierten) Angebotsformen dieselben – dem „klassischen Rundfunkrecht“ entstammenden – Regeln angewendet werden können, da dieses zu einer Über- regulierung neuer Dienstearten führen würde. Diesem Umstand haben die Gesetzgeber in der Mehrzahl der untersuchten Mitgliedstaaten durch ein System abgestufter Regulierungsdichte gegenüber den unterschiedlichen Angebotsfor- men Rechnung getragen. So sind neuartige Dienste bspw. in einigen Mitglied- staaten vom Zulassungserfordernis freigestellt, wie in Deutschland die Medien- und Teledienste, oder profitieren wie in Großbritannien durch eine Einbeziehung als „Begleitdienste“ von der bereits für einen „Hauptdienst“ erteilten Lizenz. Auch im Hinblick auf die französische Rechtslage kann seit den dargestellten Änderungen von einem abgestuften Regulierungssystem gesprochen werden. Zunächst einmal wird durch die Einteilung der Mediendienste deutlich ge- macht, dass Rundfunk nur ein Dienst unter vielen ist, der zwar einiger spezifi- scher Regeln bedarf, aber nicht schon formal eine herausgehobene Stellung innehat, wie dies im europäischen Gemeinschaftsrecht der Fall ist; dort be- schränkt sich die Inhalteregulierung auf das Fernsehen. Im französischen Recht 309 483 Vgl. hierzu unter C. II. 2. a). findet sich dieses Phänomen, welches man als eine strikte Trennung zwischen Rundfunkrecht (bzw. Fernsehrecht) und dem übrigen Medienrecht bezeichnen könnte, nicht. In Frankreich sind Hörfunk und Fernsehen zwei Arten audio- visueller Dienste, die jedoch, zum einen durch ihre Einordnung als audiovisuelle Kommunikationsdienste und zum anderen durch spezielle Vorschriften, einem höheren Regulierungsniveau unterworfen sind. Allerdings stehen sich nunmehr kurz gesagt Online-Dienste und audiovisuelle Kommunikationsdienste gegen- über. Die Vornahme einer Unterscheidung zwischen Onlinediensten und anderen Kommunikationsdiensten, welche jeweils durch unterschiedliche Rechtsinstru- mente geregelt werden, stellt allerdings noch kein völlig einheitliches, abge- stuftes Gesamtkonzept dar, wie es auf europäischer Ebene mit der Regulierung von Abrufdiensten und Verteildiensten in einer Richtlinie angestrebt wird. In Bezug auf die italienische Rechtslage kann nur bedingt von einem ab- gestuften Regulierungssystem gesprochen werden. Zwar existieren unterschied- liche Dienstekategorien und damit letztlich auch unterschiedliche gesetzliche Anforderungen. Dennoch unterliegen Rundfunkdienste und deren Begleitdienste einem gänzlich anderen Regime als Dienste der Informationsgesellschaft. Das belgische Verständnis des Rundfunkbegriffes geht weiter als alle anderen An- sätze. Hier wird nicht mit einem abgestuften System auf die wachsende Be- deutung anderer Dienste reagiert, sondern die Differenzierung innerhalb der Massenkommunikation aufgehoben. Unterschiede ergeben sich innerhalb der aufgezeigten Systeme abgestufter Regulierungsdichte durchaus auch dahingehend, welche Kriterien für die Zu- ordnung zu den unterschiedlich stark reglementierten Stufen in der jeweiligen Medienrechtsordnung herangezogen werden. In Deutschland ist hierbei wie- derum die Meinungsbildungsrelevanz der Angebote von entscheidender Bedeu- tung. Der am stärksten regulierten Ebene des Rundfunks sollen dort nur solche Dienste zugeordnet werden, die über ein gewisses Maß an „Breitenwirkung“, „Aktualität“ und „Suggestivkraft“ verfügen. Das britische Recht differenziert hinsichtlich der zu erfüllenden Pflichten konkret danach, um welchen Ver- anstalter es sich im Einzelfall handelt. Auf einer Grundstufe werden demnach Verpflichtungen festgelegt, die für alle Veranstalter von Fernsehprogrammen oder licensable content services gelten. Weitergehende Verpflichtungen, wie bspw. bezüglich der Einhaltung von Quotenvorgaben (2. Regulierungsstufe), treffen hingegen nur ganz bestimmte Veranstalter (die „Free-to-air-5“, d. h. die BBC sowie Channel 3 (ITV), 4 und 5 (Five)). Es kann insofern von einer Be- sonderheit dieses Ansatzes in der britischen Medienrechtsordnung gesprochen werden, als die Verpflichteten in diesen Fällen konkret genannt werden, anstatt eine Abstufung anhand abstrakter Kriterien („Meinungsbildungsrelevanz“ oder „Linearität“) vorzunehmen. In Frankreich zeichnet sich Rundfunk insbesondere durch das Merkmal der gleichzeitigen Übertragung an die Allgemeinheit aus. In Italien liegt Rundfunk dann vor, wenn ein Rundfunkübertragungsweg ge- 310 nutzt wird. Auch die Einflussmöglichkeiten des Rezipienten bezüglich der Auswahl der gezeigten Inhalte, des Zeitpunkts ihrer Übertragung oder Aus- strahlung sowie das Außmaß an Interaktivität wurden als geeigneter Maßstab zur Differenzierung der Angebote und zur Rechtfertigung für eine abweichende Regelungsdichte identifiziert. Ein Zuschauer, der selbst bestimmt, was er sieht und zu welchem Zeitpunkt, und der darüber hinaus interaktiv Einfluss auf das Angebot nehmen kann, erscheint weniger schutzbedürftig, als derjenige, der einem festgelegtem Programmablauf „ausgeliefert“ ist. In Deutschland spielt der Aspekt der Interaktivität als Hilfskriterium durchaus eine Rolle bei der Einstufung eines Angebots als Rundfunk. Ein hohes Maß an Interaktivität des Nutzers beim Empfangsvorgang spricht demnach eher gegen eine Einstufung als Rundfunk. Abrufdienste sind nach der deutschen Rechtslage vom Rund- funkbegriff ausgeschlossen, so wie dies auch in Großbritannien und Italien der Fall ist, wo diese als „Dienste der Informationsgesellschaft“ einzustufen sind. Auch in Frankreich fallen Abrufdienste mangels Gleichzeitigkeit der Über- tragung nicht unter den Rundfunkbegriff. In diesen vier Ländern liegen der Ab- grenzung damit, ob explizit oder nicht, Kriterien zugrunde, die mit der Lineari- tät oder den Auswahlmöglichkeiten der Nutzer im Zusammenhang stehen. Anders stellt sich dies hingegen nach der jüngeren Verfassungsrechtsprechung in Belgien dar, wonach auch Abrufdienste dem Rundfunk zuzuordnen sind. Es lässt sich festhalten, dass – mit Ausnahme Belgiens – in den untersuchten Rechtsordnungen eine gewisse Abstufung in der Regulierungsdichte auszu- machen ist. b) Anwendungsbereich In anschaulicher Weise lassen sich die unterschiedlichen Kategorisierungen und Herangehensweisen des jeweiligen Medienrechts in den untersuchten Mitglied- staaten anhand der rechtlichen Einordnung und Behandlung einzelner neuerer Dienste, wie Video-on-Demand, Near-Video-on-Demand, Simulcast und be- stimmter Begleitdienste, illustrieren. aa) Einordnung von Video-on-Demand und Near-Video-on-Demand Im Hinblick auf die Einordnung bzw. Abgrenzung von Video-on-Demand und Near-Video-on-Demand zeigt sich in den Mitgliedstaaten ein heterogenes Bild. Jedenfalls aber handelt es sich um eine Problematik, die sich in allen unter- suchten Rechtsordnungen stellt und die auch in allen Rechtsordnungen von maßgeblichen Akteuren wie dem Gesetzgeber, Gerichten oder Aufsichts- behörden erkannt wurde. Unter dem Aspekt der Übereinstimmung der mitglied- staatlichen Interpretation des jeweiligen Rundfunkbegriffes mit der Auslegung des Begriffes der „Fernsehsendung“ in der EG-Fernsehrichtlinie durch den Europäischen Gerichtshof lassen sich die Länder dabei in zwei Kategorien 311 unterteilen. Die Erste, der Frankreich, Italien, das Vereinigte Königreich und – sofern man die Rechtsauffassung der Landemedienanstalten zugrunde legt – Deutschland umfasst, beinhaltet dabei diejenigen Länder, in denen im Ergebnis weitestgehend dieselbe Einstufung vorgenommen wird wie auf Gemeinschafts- ebene. Near-Video-on-Demand unterfällt dabei der Rundfunkdefinition, Video- on-Demand nicht. Demgegenüber steht eine zweite Kategorie, der aus dem Kreis der untersuchten Länder lediglich Belgien zugeordnet werden kann. Die oben bereits dargestellte Weite des Rundfunkbegriffes führt dazu, dass auch reine Abrufdienste darunter fallen. Im Einzelnen stellt sich die Gesetzeslage in den untersuchten Staaten wie folgt dar: In Deutschland ist die Einstufung von Video-on-Demand umstritten. Near-Video-on-Demand wird von den Landesmedienanstalten als Rundfunk eingestuft.484 Diese Auslegung stimmt mit der Auslegung der Fernsehrichtlinie durch die Europäische Kommission und den Gerichtshof überein. Dennoch spricht u. U. auch einiges für eine Subsumtion unter den Begriff des Medien- dienstes aus § 2 Abs. 2 Nr. 4 MStV.485 Die von derlei Angeboten ausgehenden Gefahren für die Meinungsvielfalt werden als deutlich geringer als beim klassi- schen Rundfunk angesehen.486 Auch erscheine eine gänzlich andere Einstu- fung als bei Video-on-Demand-Angeboten insofern nicht angemessen, als beide Angebotsformen im Hinblick auf die Art und Weise der Nutzung eine hohe Ähnlichkeit aufweisen.487 In Frankreich wird Near-Video-on-Demand nach Auffassung des CSA und der rechtswissenschaftlichen Literatur in die Kategorie der „Fernsehdienste“, einer Unterkategorie der audiovisuellen Kommunikationsdienste, eingestuft. Video-on-Demand unterfällt hingegen im Grundsatz nicht der Kategorie der audiovisuellen Kommunikationsdienste, sondern der der „öffentlichen Online- Kommunikation“. Probleme ergeben sich lediglich insofern, als aufgrund un- klarer Formulierungen im Gesetz analog erbrachtes Video-on-Demand aus dieser Definition herausfällt. Für das Medienrecht in Italien findet sich im Bereich der Inhaltsdienste eine Unterteilung zwischen der Rundfunkregulierung und Diensten der Infor- mationsgesellschaft. Rundfunk und Begleitdienste sind durch Verbreitung an die Allgemeinheit gekennzeichnet, hinsichtlich der Dienste der Informations- gesellschaft wird die gemeinschaftsrechtliche Definition übernommen, so dass hierunter Abrufdienste fallen. Pay-per-View wird in Italien explizit nicht als Fernsehdienst eingestuft. Pay-per-View kann allerdings sowohl als reiner Ab- rufdienst ausgestaltet sein, der Punkt-zu-Punkt übertragen wird und daher im 312 484 Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten: Drittes Strukturpapier zur Unterscheidung von Rundfunk und Mediendiensten, S. 16. 485 Vgl. etwa v. Hartlieb/Schwarz-Castendyk, S. 606. 486 Castendyk, a. a. O. 487 Vgl. dazu bereits die Ausführungen zum europäischen Recht. Gemeinschaftsrecht unter den Begriff der Dienste der Informationsgesellschaft fällt, als auch als Near-Video-on-Demand, d. h. als Verteildienst, der nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes eine Fernsehsendung darstellt. Reine Abrufdienste lassen sich unproblematisch unter den Begriff der inter- aktiven Begleitdienste oder Conditional-Access-Dienste fassen. Dennoch ist die Formulierung „Pay-per-View“ unklar und missverständlich. Da sie erst 2005 mit Verabschiedung des Konsolidierten Textes über Hörfunk und Fernsehen in das Gesetz eingefügt wurde, kann derzeit noch nicht vorausgesehen werden, wie dieser Rechtsbegriff ausgelegt werden wird. Denkbar ist eine gemein- schaftsrechtskonforme Interpretation, nach der unter Pay-per-View lediglich reine Abrufdienste zu verstehen sind, so dass kostenpflichtige Einzelübertra- gungen von Inhalten, die Punkt-zu-Mehrpunkt verbreitet werden, auch im italienischen Recht als Fernsehen eingestuft werden. In Großbritannien fällt Near-Video-on Demand unter die Kategorie der „television licensable content services“. Video-on-Demand dagegen ist kein solcher „television licensable content service“, sondern rechtlich als „Dienst der Informationsgesellschaft“ zu behandeln. Dies ergibt sich zum einen daraus, dass die Einstufung als „television licensable content service“ gemäß des Ab- schnitts 232 in Verbindung mit Abschnitt 361 des Communications Act ver- langt, dass die entsprechenden Dienste Mitgliedern der Öffentlichkeit zugäng- lich sein müssen. Hierdurch sollen Dienste ausgeschlossen werden, die das Material und den Zeitpunkt seiner Darbietung der Auswahl des Nutzers über- lassen, der dann ausschließlicher Empfänger der Inhalte ist. Zum anderen sind in Abschnitt 233 des Broadcasting Act eine Reihe von Diensten aufgezählt, die nicht als „licensable content service“ zu qualifizieren sind. Zu diesen Ausnahmen zählt insbesondere der Zugang zu Material über Dienste, die im Wesentlichen nicht darauf ausgerichtet sind, ausschließlich oder hauptsächlich Fernseh- und/oder Radiodienste für den Empfang durch die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die Regierung hat allerdings signalisiert, dass sie eine Änderung der Ausnahme von VoD-Angeboten von den sog. „licensable content services“ erwäge, sofern die Industrie nicht in der Lage sei, effektive Vorrich- tungen zum Schutze Minderjähriger, wie z. B. Verschlüsselungssysteme, bereit- zustellen. Eine entsprechende Initiative haben die Anbieter allerdings jüngst mit der Gründung der Selbstregulierungs-Organisation Association of Tele- vision on Demand (ATVOD) ergriffen. bb) Simulcast Die Subsumtion des so genannten Simulcast – also der Übertragung von Radio- oder Fernsehprogrammen über das Internet – unter die jeweiligen Rundfunk- begriffe führt nicht zu einer Identifikation eindeutig abgegrenzter Gruppen von Ländern. Vielmehr bewegen sich die untersuchten Rechtsordnungen zwischen zwei Extremen, die zum einen wiederum durch Belgien, in dieser Hinsicht 313 aber auch durch Deutschland, und auf der anderen Seite durch Italien markiert werden. Die weite Rundfunkdefinition in Belgien führt dazu, dass sämtliche im Internet angebotenen Radio- oder Fernsehprogramme – unabhängig davon, ob diese simultan zu einem herkömmlich ausgestrahlten Fernsehprogramm gezeigt werden oder nicht – unter den Rundfunk zu subsumieren sind. Auch im deut- schen Recht werden sog. „Simulcast“-Übertragungen im Internet vom Rund- funkbegriff erfasst. In Italien hingegen knüpft der Rundfunkbegriff weiterhin an die typischen Rundfunkübertragungswege an. Simulcast fällt daher nicht darunter. Zwischen diesen beiden Polen sind die britische und die französische Rechts- ordnung anzusiedeln. In Großbritannien nämlich scheint die Situation in Bezug auf Simulcasting keineswegs so eindeutig zu sein. Dort hat das Ofcom kürz- lich neue Vorschriften erlassen, die sich auf den Umfang und die Art der Verbreitung von Werbung beziehen. Ausdrückliche Werbezeitbestimmungen sind hierin auch für Simulcast-Angebote bestimmter Sender vorgesehen, die in den entsprechenden Vorschriften als „qualifying services“ bezeichnet werden. In Frankreich wurden die Bedingungen für Fernsehdienste, welche über andere als die ehemals einzigen Übertragungswege Satellit, Kabel und Antenne ver- breitet werden, dem klassischen Rundfunk weitgehend angenähert; so existieren auch insoweit Lizenzpflichten, Werbevorschriften etc. cc) Begleitdienste Eine unterschiedliche Herangehensweise lässt sich auch in Bezug auf Begleit- dienste zum Fernsehen konstatieren. Hier kann eine Unterscheidung zwischen Ländern, die eine eigene Kategorie für Begleitdienste vorsehen, beziehungs- weise solchen Ländern getroffen werden, in denen Begleitdienste den übrigen vorhandenen Dienstearten zugeordnet werden müssen, d. h. in denen im Grunde genommen Begleitangebote nur darauf überprüft werden können, ob sie von der Rundfunklizenz mitumfasst sind oder ob sie die Schwelle zu einem eigen- ständigen Dienst überschreiten. Das deutsche Medienrecht sieht für derartige Dienste, mit Ausnahme der Vorschriften, die sich auf die Zugangssicherung bei Navigatoren beziehen, keine eigenständige gesetzliche Regelung vor, sondern die entsprechenden Angebote sind an den Kategorien „Rundfunk“, „Mediendienste“ oder „Tele- dienste“ zu messen und dementsprechend rechtlich zu behandeln. In der fran- zösischsprachigen Gemeinschaft in Belgien enthält das Rundfunkgesetz eine Vorschrift, welche eine Ausnahme vom allgemeinen Zulassungserfordernis für Rundfunkdienste begründet. Hiernach dürfen die Verbreiter von Rundfunk- diensten daneben zulassungsfrei einen Musik- oder Informationskanal oder einen elektronischen Programmführer als einen, „mit der Verbreitungstätigkeit zusammenhängenden Dienst“ verbreiten. Demgegenüber hat der Communica- 314 tions Act 2003 im Vereinigten Königreich die Kategorie der sog. „television licensable content services“ eingeführt, nach der die Zulassung für den „Haupt- dienst“ (Fernsehprogramm und/oder EPG) zugleich die Begleitdienste, wie z. B. interaktive Anwendungen, Zugang zu Hintergrundmaterialien, Links zu Webseiten, abdeckt. Dies gilt allerdings nur, falls sie einen (klaren) Bezug zum Hauptdienst aufweisen. Diese pragmatische Herangehensweise, die darauf abstellt, welcher Dienst bei einem „Mix“ verschiedener Angebotsformen den Schwerpunkt bildet, lässt sich in gewissem Umfang mit dem Ansatz des deut- schen Gesetzgebers zur Regulierung von Textlaufbändern in Fernsehprogram- men vergleichen. Auch hier hat sich der Gesetzgeber gegen eine getrennte rechtliche Behandlung des Laufbands vom restlichen Fernsehbild entschieden und das Fernsehprogramm als Schwerpunkt des Gesamtangebots als maß- geblich für dessen rechtliche Bewertung angesehen. Auch ist bei der Entschei- dung, ob ein Internet-Angebot dem Teledienstegesetz oder dem Mediendienste- Staatsvertrag zuzuordnen ist, nicht zwischen den einzelnen Bestandteilen der unter einer Internetadresse abrufbaren Seite zu differenzieren, sondern eine Gesamtschau der inhaltlichen Angebote vorzunehmen,488 so dass die Tatsache, dass ein Angebot Elemente enthält, welche als solche als Teledienst einzu- stufen wären, der Einordnung als Mediendienst nicht entgegensteht. In Frank- reich ist bezüglich der Begleitdienste die Dienstekategorie der „Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit“ einschlägig, welche im Wesentlichen Teletext und Programmführer umfasst. Im italienischen Recht findet sich hierzu die Kategorie der „Datenprogramme“, wobei es sich um Informationsdienste han- delt, die aus redaktionell gestalteten Produkten in elektronischer Form bestehen, bei denen es sich nicht um Hörfunk- oder Fernsehprogramme handelt, die aber über Rundfunknetze übertragen und nicht auf individuellen Abruf erbracht werden. Hiervon erfasst sind Teletext und Datenseiten. Eine besondere Erscheinungsform der Begleitdienste stellen die elektroni- schen Programmführer (EPG) dar, die in den untersuchten Mitgliedstaaten durchaus unterschiedlich eingeordnet und reguliert werden. Diese Dienste ver- fügen über einen Doppelcharakter als Systeme zur Ansteuerung von Rundfunk- programmen und als Dienste, die selbst Inhalte präsentieren. In Deutschland sind die maßgeblichen Bestimmungen über EPGs in der Rundfunkgesetz- gebung enthalten. In Belgien unterfallen elektronische Programmführer dem Rundfunkbegriff und damit der Regelungsbefugnis der Gemeinschaften. Diese haben von ihrer Zuständigkeit in unterschiedlicher Weise Gebrauch gemacht und dabei dem Umstand Rechnung getragen, dass EPGs auf der einen Seite der Zugangsvermittlung zu Fernsehprogrammen dienen, auf der anderen Seite jedoch ihrerseits redaktionelle Inhalte wie Inhaltsangaben zu den einzelnen 315 488 OVG Münster MMR 2003, S. 348 (349), und jüngst VG Düsseldorf, Urteil vom 10. 5. 2005, Az. 27 K 5968/02, MMR 11/2005, S. 794, sowie VG Köln, Urteil vom 3. 3. 2005, Az. 6 K 7151/02. Sendungen enthalten. In der flämischen Gemeinschaft sind EPGs als „Fernseh- dienste“ zu notifizieren, womit alle inhaltsbezogenen Vorschriften zu Jugend- und Menschenwürdeschutz, Nichtdiskriminierung und Werbung, die auf Fern- sehdienste Anwendung finden, auch auf EPG-Dienste anwendbar sind. In der französischen Gemeinschaft können Verbreiter eines Rundfunkdienstes zu- gleich einen EPG als mit den Verbreitungstätigkeiten zusammenhängenden Dienst zur Verfügung stellen. In diesem Fall hat der Anbieter weder ein beson- deres Verfahren einzuhalten, noch eine Zulassung beim CSA für seinen EPG- Dienst zu beantragen. Jedoch besteht der Nachteil dieser Option in dem Verbot, kommerzielle Kommunikation (Werbung, Sponsoring, Teleshopping, Eigen- werbung) in den EPG einzufügen. Alternativ gibt es die Möglichkeit, eine individuelle Zulassung nach dem System für Verleger/Herausgeber von Rund- funkdiensten zu beantragen. In diesem Fall wird der Anbieter allen für Ver- leger/Herausgeber geltenden Regeln unterworfen, wie bspw. den Vorschriften zu Jugendschutz und Schutz der Menschenwürde, zu einem Beitrag zur audio- visuellen Produktion usw. Jedoch wird es ihm – anders als im erstgenannten Szenario – automatisch gestattet, kommerzielle Kommunikation einzufügen. In Großbritannien können EPGs gemeinsam mit Fernsehprogrammen, jedoch auch allein als „licensable content service“ zugelassen werden. In Frankreich fallen elektronische Programmführer in die Kategorie der „audiovisuellen Kommunikationsdienste“ mit der Folge, dass sie zwar der Inhalteregulierung unterliegen, dass aber einige spezifisch auf Rundfunk zugeschnittene Vor- schriften nicht auf sie anwendbar sind. Nach italienischem Recht sind elektro- nische Programmführer ein Anwendungsfall der interaktiven Begleitdienste, so dass sie zwar im Rundfunkrecht behandelt werden, die auf sie bezogenen Regelungen aber eher denen für Dienste der Informationsgesellschaft ent- sprechen. c) Adressaten Die bezüglich des materiellen Anwendungsbereichs dargestellte Ausweitung und Ausdifferenzierung der regulierten Angebotsformen blieb nicht ohne Fol- gen für die Auswahl der Adressaten, an welche die unterschiedlichen Anforde- rungen und Verpflichtungen der jeweiligen Medienrechtsordnung gerichtet werden. Hierbei wird in den untersuchten Ländern in verschiedener Weise dem Umstand Rechnung getragen, dass heutzutage an dem Prozess, welcher schließlich mit der Rezeption eines Medienangebots durch den Nutzer endet, in der Regel eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure mitwirken, deren Funk- tionen und Einflussmöglichkeiten insbesondere auf die inhaltliche Gestaltung des Endprodukts stark divergieren. In allen untersuchten Ländern schlägt sich dieses am deutlichsten nieder in der rechtlichen Differenzierung zwischen Unternehmen, die einen (wie auch immer gearteten) Einfluss auf die inhalt- 316 liche Gestaltung des Dienstes innehaben, und solchen, die lediglich für die Zugangsvermittlung oder die Signalübertragung verantwortlich sind. Hierbei sind Letztere grundsätzlich wesentlich weniger strengen rechtlichen Anforde- rungen ausgesetzt. In allen untersuchten Mitgliedstaaten schlägt sich diese Trennung der inhaltlichen Aspekte von den Fragen, welche mit der Infra- struktur zusammenhängen, auch in der Existenz einer eigenen Adressaten- kategorie für die Anbieter von Übertragungsdienstleistungen nieder. In Deutschland sind dies die Anbieter von Telekommunikationsdienstleis- tungen, deren Tätigkeit (überwiegend) in der Übertragung von Signalen über Telekommunikationsnetze besteht. In der französischen Gemeinschaft in Belgien adressieren bestimmte Vorschriften seit der Reform des Rundfunkrechts von 2003 die sog. „Netzwerkbetreiber“. Auch in Italien wird auf Ebene der Adres- saten im Wesentlichen zwischen zwei Kategorien unterschieden. Es handelt sich dabei einerseits um die Netzbetreiber, die die Verbreitung der Signale ermöglichen, und zum anderen um die Inhalteanbieter, welche die redaktionelle Verantwortung für die Erstellung der Programme tragen. Programme im dort maßgeblichen Sinne sind Rundfunkprogramme und als „Datenprogramme“ bezeichnete Begleitdienste. Der dahinter stehende Ansatz ist allerdings nicht so konvergent, wie es der neutrale Begriff des Inhalteanbieters suggerieren mag. Es handelt sich weiterhin im Wesentlichen um Rundfunkveranstalter. Gegenbegriff zum Inhalteanbieter ist dort der Anbieter von so genannten inter- aktiven Begleitdiensten oder Conditional-Access-Diensten. Vergleichbar ist die Situation in Frankreich, hier stehen die „Herausgeber von Hörfunk und Fern- sehdiensten“, d. h. die Personen, die die Verantwortung für den redaktionellen Inhalt der Dienste tragen, den Plattformbetreibern gegenüber. Letztere ver- breiten audiovisuelle Kommunikationsdienste über ein elektronisches Kommu- nikationsnetz an die Öffentlichkeit. Ebenfalls unter den Begriff fallen Dritte, die aufgrund vertraglicher Beziehungen zu anderen Plattformbetreibern solche Dienste anbieten. Die Untersuchung der Rechtslage in den verschiedenen Mitgliedstaaten hat ferner ergeben, dass ein wichtiger Aspekt bei der Auswahl der Normadressaten ihre jeweilige Handlungsmacht im Hinblick auf das zu erreichende Regelungs- ziel ist, aus welcher dann eine Unterscheidung hinsichtlich der jeweiligen Verantwortlichkeit abgeleitet wird. Das deutsche Medienrecht verfolgt insofern zur Differenzierung auf der Adressatenseite zwei alternative Ansätze. Entweder enthält das entsprechende Gesetz – wie bspw. im Presserecht, aber auch ansatzweise im Rundfunkstaats- vertrag verwirklicht – eine gewisse Anzahl unterschiedlicher Adressaten, an die, je nach Verantwortungsbeitrag und Handlungsmacht, unterschiedliche gesetz- liche Anforderungen gestellt werden. Demgegenüber verwenden der Medien- dienstestaatsvertrag, das Teledienstegesetz, der Jugendmedienschutz-Staats- vertrag und das Telekommunikationsgesetz lediglich den (einen) Begriff des 317 „Anbieters“ bzw. „Diensteanbieters“, erlauben jedoch eine Differenzierung anhand der von diesen Akteuren jeweils konkret wahrgenommenen Tätigkei- ten. Auch in Deutschland agieren natürlich einige Unternehmen zugleich auf mehreren dieser Betätigungsfelder, so dass sie auch mehreren der dargestellten rechtlichen Kategorien zuzuordnen sind. Einen neuen Ansatz bei der Auswahl von Normadressaten verfolgt die französische Gemeinschaft in Belgien seit der Reform des Rundfunkrechts von 2003. Um eine sachgerechte Regulierung anhand des Verantwortungsbeitrags und der jeweils ausgeübten Funktion in der Wertschöpfungskette zu ermöglichen, unterscheidet das neue Recht auf der Adressatenseite zwischen Herausgebern/Verlegen von Rundfunkdiensten, den Verbreitern von Rundfunkdiensten und den Netzwerkbetreibern. Nur die Kategorie der Verleger/Herausgeber trägt hierbei redaktionelle Verantwortung für die Inhalte und bedarf daher im Gegensatz zu Verbreitern oder Netzwerk- betreibern beispielsweise einer Zulassung durch die Regulierungsbehörde. In der Praxis unterfallen Unternehmen allerdings häufig mehreren der vorgenann- ten Kategorien, da sich ihr Betätigungsfeld über die Bereiche der Herstellung, Bündelung und des Transports von Rundfunkinhalten hinweg erstreckt. Ein besonderer Ansatz liegt dem britischen Recht zugrunde, welches die recht- lichen Verpflichtungen teilweise nicht anhand abstrakter Kriterien zuweist, sondern schlicht diejenigen Veranstalter benennt, die bestimmte Verpflichtun- gen, wie bspw. die Einhaltung von Quotenvorgaben, zu erfüllen haben. Die hybride Natur von Navigatoren und EPGs findet auch hinsichtlich der Norm- adressaten in den Gesetzen der untersuchten Staaten ihre Entsprechung. Hier ist die Rechtslage sehr unterschiedlich. Während etwa in der flämischen Ge- meinschaft Belgiens die Möglichkeit einer Zulassung als Fernsehdienst besteht und in der französischen Gemeinschaft EPGs entweder der Verbreitungstätig- keit zugeordnet oder als Inhaltdienste behandelt werden, sind in Deutschland vor allem spezifische Aspekte der EPGs geregelt, so dass der Gesetzgeber letztlich eine Festlegung im Hinblick auf die Einstufung des Dienstes in die vorhandenen Kategorien vermeidet. d) Zusammenfassung Unterscheiden sich die Medienrechtsordnungen der untersuchten Mitglied- staaten in den Einzelheiten doch recht klar, und kann man durchaus auch hinsichtlich bestimmter „Weichenstellungen“ eine mangelnde Kongruenz fest- halten, was einerseits auf die nationalen Besonderheiten in Rechtsprechung und Normanwendung, andererseits aber auch auf das Festhalten an tradierten Grundsätzen der jeweiligen Medienrechtsordnung vor der (erneuten) Harmoni- sierung durch den europäischen Gesetzgeber zurückzuführen ist, so lassen sich dennoch einige klare Trends der neueren Mediengesetzgebung auf der Ebene der Mitgliedstaaten identifizieren. Diese sind in den einzelnen Staaten mehr 318 oder weniger stark (bei bestimmten Aspekten z. T. auch (noch) gar nicht) aus- geprägt. Auf der nationalen Ebene finden die eigentlichen Anwendungsprozesse des Medienrechts statt. Hier treten Unzulänglichkeiten oder Mängel des geltenden Rechts zuerst und am deutlichsten zutage, bspw. dann, wenn sich Regulierungs- behörden – bedingt durch den technischen Fortschritt – neuen Angebotsformen gegenüber sehen, welche das geltende Recht nicht (angemessen) erfasst. Der Druck auf den nationalen Gesetzgeber zur Anpassung des Rechts an die tech- nischen Realitäten ist insofern in der Regel höher, als dies auf der Ebene der Gemeinschaften der Fall sein dürfte. Dieser Umstand erklärt, dass in allen Mitgliedstaaten bereits gesetzliche Schritte unternommen wurden, um den Anwendungsbereich des klassischen Rundfunkrechts auf neue Erscheinungs- formen von Mediendiensten zu erweitern. Eine bloße Anordnung, die für den klassischen Rundfunk geschaffenen Vorschriften gleichförmig auch auf neue Dienste anzuwenden, hat hierbei in der Regel jedoch nicht stattgefunden, sondern die Intention des Gesetzgebers ging oftmals dahin, den neuen Diensten mit einer Regulierung zu begegnen, die auf deren Spezifika zugeschnitten ist. Dieser Ansatz führte in den meisten der untersuchten Mitgliedstaaten zu einer abgestuften Regulierungsdichte inner- halb der Medienrechtsordnung, wobei sich jedoch Unterschiede insbesondere dahingehend aufzeigen lassen, anhand welcher Kriterien die Zuordnung zu den einzelnen Stufen jeweils erfolgt. Auf der Adressatenseite sind diese neuen Entwicklungslinien ebenfalls mit Veränderungen verbunden. Als relativ einheitlicher Trend lässt sich hierbei der Versuch der nationalen Gesetzgeber identifizieren, dem tatsächlich zurechen- baren Verantwortungsbeitrag des jeweils handelnden Akteurs angemessen Rechnung zu tragen. Deutlich zeigt sich dies auf der Adressatenseite dadurch, dass die Betreiber von Einrichtungen der Kommunikationsinfrastruktur in allen Mitgliedstaaten als eigene Adressatengruppe rechtlich gesondert behandelt werden. 319 320 D ie ns t E U B E ( fl. G em .) B E ( fr. G em .) B E ( B un d ) D E ( Lä nd er ) D E ( B un d ) FR IT U K „K la ss is ch es “ Fe rn se he n Fe rn se h- se nd un g Fe rn se h- d ie ns t Fe rn se hd ie ns t (– ) R un d fu nk – Fe rn se he n (– ) Fe rn se hd ie ns t Fe rn se hd ie ns t Te le vi si on lic en sa b le co nt en t se rv ic e Te le sh op p in g M ed ie nd ie ns t N Vo D R un d fu nk – Fe rn se he n od er M ed ie nd ie ns t Fe rn se hd ie ns t/ „P ay -p er - V ie w “? S im ul ca st R un d fu nk – Fe rn se he n Fe rn se hd ie ns t z. T. e ig en - st än d ig re gu lie rt Te le te xt M ed ie nd ie ns t K om m un ik a- tio n ge ge n- üb er d er Ö ffe nt lic hk ei t D at en - p ro gr am m Te le vi si on lic en sa b le co nt en t se rv ic e E P G ? O p tio na l: Fe rn - se hd ie ns t od er m it d er V er b re i- tu ng st ät ig ke it zu sa m m en hä n- ge nd er D ie ns t „H yb rid er D ie ns t“ z .T . ge re ge lt im R S tV (– ) ? Vo D D ie ns t d er In fo rm at io ns - ge se lls ch af t Fe rn se hd ie ns t M ed ie nd ie ns t, Te le m ed iu m (– ) Ö ffe nt lic he O nl in e- K om - m un ik at io n D ie ns t d er In fo rm at io ns - ge se lls ch af t D ie ns t d er In fo rm at io ns - ge se lls ch af t W eb ca st in g W eb si te s (– ) (– ) D ie ns te d er In fo rm at io ns - ge se lls ch af t M ed ie nd ie ns t Te le d ie ns t Te le ko m m u- ni ka tio n E le kt ro ni sc he r K om m un ik a- tio ns d ie ns t (– ) (– ) E le kt ro ni sc he r K om m un ik a- tio ns d ie ns t (– ) Te le ko m - m un ik at io n E le kt ro ni sc he r K om m un ik a- tio ns d ie ns t E le kt ro ni sc he r K om m un ik a- tio ns d ie ns t E le kt ro ni sc he r K om m un ik a- tio ns d ie ns t Ta be lla ri sc he Ü be rs ic ht : D ie Z uo rd nu ng v er sc hi ed en er D ie ns te ka te go ri en i n de r E U u nd d en u nt er su ch te n M itg lie ds ta at en E Fazit I. Status quo im Vergleich des EG-Rechts mit den mitgliedstaatlichen Rechtsordnungen Hinsichtlich des sachlichen Anwendungsbereichs der Fernsehrichtlinie, d. h. der Definition des Begriffs der „Fernsehsendung“, hat die Änderungsrichtlinie aus dem Jahr 1997 zu keinen Neuerungen geführt. Auch wurde der Anwen- dungsbereich nicht durch eine Einbeziehung neuerer Dienste ausgedehnt, ob- wohl die Erforderlichkeit der Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen für neuartige Dienste bereits im Rahmen dieses Gesetzgebungsverfahrens und seiner Vorbereitung durchaus erkannt und auch angesprochen wurde.489 Die Fernsehrichtlinie findet demnach auch in ihrer geänderten Fassung Anwendung auf Fernsehsendungen, d. h. auf die Verbreitung von Fernseh- programmen an die Allgemeinheit. Auf die Art der Übertragungsplattform kommt es für die Einordnung als Fernsehsendung nicht an, wie sich aus der Aufzählung im ersten Satz der Definition in Art. 1 lit. a) der Fernsehrichtlinie ergibt. Auch verschlüsselte Dienste, wie sie in der Regel bei Pay-TV-Sendern angeboten werden, unterfallen dem Anwendungsbereich der Richtlinie. In seiner neuesten Rechtsprechung hat der Europäische Gerichtshof NVoD-Angebote ausdrücklich als Fernsehsendungen im Sinne von Art. 1 lit. a) qualifiziert (Mediakabel-Entscheidung490). Damit haben solche Angebote den geltenden Bestimmungen der Fernsehrichtlinie zu genügen, also u. a. dem Quotenregime der Art. 4 und 5. Im Jahr 2000 erließ die Gemeinschaft mit der eCommerce-Richtlinie dann ein Rechtsinstrument zur Förderung der Entwicklung des elektronischen Ge- schäftsverkehrs in der Informationsgesellschaft und zum Abbau bestehender Hemmnisse im europäischen Binnenmarkt. Deren Regelungsgegenstand, die 321 489 Vgl. bspw. die Stellungnahme des Wirtschafts- und Sozialausschusses, ABl. Nr. 301 vom. 13. 11. 1995, S. 35 f.; Stellungnahme des Europäischen Parlaments, ABl. Nr. 65 vom 4. 3. 1996, S. 96. 490 EuGH, Urteil in der Rechtssache C-89/04 (Mediakabel BV/Commissariaat voor de Media) vom 2. Juni 2005, abgedruckt in ZUM 2005, 549; abrufbar unter: www.curia.eu.int; vgl. auch die Ausführungen oben in Teil C. sog. „Dienste der Informationsgesellschaft“, unterliegen entsprechend den dar- gestellten Zielen der Richtlinie wesentlich weniger strengen Regeln als die Fernsehdienste (insbesondere besteht für solche Dienste Zulassungsfreiheit), weshalb eine trennscharfe Abgrenzung von erheblicher Bedeutung ist. Die Fernsehrichtlinie erstreckt sich ausdrücklich nicht auf Kommunikations- dienste, die Informationen oder andere Inhalte auf individuellen Abruf über- mitteln An dieser Stelle findet sich das entscheidende Abgrenzungsmerkmal zu den sog. Diensten der Informationsgesellschaft – während Fernsehsendun- gen an die Allgemeinheit gerichtet sind, werden Letztere auf individuellen Abruf des Nutzers erbracht. Abgegrenzt wird nach Maßgabe des technischen Kriteriums. Die Abgrenzung dieser beiden Rechtsinstrumente der Gemeinschaft wird in den Medienrechtsordnungen der Mitgliedstaaten teilweise jedoch nicht in der soeben dargestellten Weise nachvollzogen. In einigen Ländern (Vereinigtes Königreich, Italien) hat der Gesetzgeber den Begriff der „Dienste der Informa- tionsgesellschaft“, wie er in der eCommerce-Richtlinie definiert wird, „eins zu eins“ in das nationale Medienrecht übernommen und hierfür eigenständige gesetzliche Regelungen geschaffen, welche mit den europäischen Vorgaben korrespondieren. In Belgien, Deutschland und Frankreich hingegen wurde dieser Weg einer „Spiegelung“ der Vorschriften der europäischen eCommerce- Richtlinie und insbesondere der Kategorie der „Dienste der Informationsgesell- schaft“ im nationalen Recht nicht beschritten. Der Rundfunkbegriff in den letztgenannten Mitgliedstaaten erfasst teilweise Dienste, die über den Anwendungsbereich der Fernsehrichtlinie hinausreichen. Dies trifft seit dem Urteil des belgischen Verfassungsgerichts von 2002 für den Begriff der Veranstaltung von Fernsehen im nationalen Kontext zu. Das dortige Konzept umfasst bestimmte Dienste, die aus europäischer Sicht als Dienste der Informationsgesellschaft einzuordnen wären. Als Beispiele sind hier Video-on- Demand oder der Abruf von Fernsehprogrammen aus dem Internet anzuführen: Da die audiovisuellen Inhalte über eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung übertragen, d. h. nicht zum simultanen Empfang an die Allgemeinheit verbreitet werden, fallen diese Dienste nach dem Gemeinschaftsrecht in den Anwendungsbereich der eCommerce-Richtlinie. Dies kann insofern ein Problem darstellen, als die eCommerce-Richtlinie ein wesentlich weniger strenges Regulierungsinstrument bildet als die Fernsehrichtlinie, und sich somit die Frage nach der Rechtferti- gung der Anwendung strengerer Vorschriften auf Dienste der Informations- gesellschaft stellt. Dies gilt zunächst im Hinblick darauf, dass die eCommerce- Richtlinie in Art. 4 die Genehmigungsfreiheit für die ihr unterliegenden Dienste vorschreibt. In der französischen Gemeinschaft Belgiens bedürfen jedoch alle Fernsehrundfunkdienste, einschließlich derer, die nach europäischem Recht als Dienste der Informationsgesellschaft einzustufen wären, einer vorherigen Ge- nehmigung. Art. 33 des Rundfunkgesetzes besagt, dass jeder Verleger/Heraus- 322 geber eines Fernsehrundfunkdienstes für jeden seiner Dienste eine Zulassung zu beantragen hat, die vom CSA vergeben wird (genauer: vom „Collège d’auto- risation et de contrôle“). Diese Verpflichtung scheint Art. 4 der eCommerce- Richtlinie zu widersprechen. Jedoch dürfte diese Regelung mit Art. 4 Absatz 2 vereinbar sein, weil sie Bestandteil eines Zulassungsverfahrens ist, das nicht speziell und ausschließlich Dienste der Informationsgesellschaft betrifft.491 Auch in Deutschland wurde die Frage diskutiert, ob die Möglichkeit der Zuord- nung von Online-Angeboten (wobei es sich regelmäßig um Mediendienste handelt) zum einfachgesetzlichen Rundfunk gemäß § 20 Abs. 2 RStV, und damit letztlich zu den die Fernsehrichtlinie umsetzenden Vorschriften, mit dem in der eCommerce-Richtlinie verankerten Grundsatz der Zulassungsfreiheit zu vereinbaren sei.492 Das sich aus Sicht des Gemeinschaftsrechts stellende Problem eines „Über- griffs“ nationaler Rundfunkregulierung auf Dienste der Informationsgesellschaft beschränkt sich allerdings nicht auf die Frage des Zulassungserfordernisses. So sind in der französischen Gemeinschaft Belgiens – anders als in der flämischen Gemeinschaft – alle Fernsehdienste, einschließlich derer, die der eCommerce- Richtline unterliegen, den Werbebestimmungen des Rundfunkgesetzes von 2003 unterworfen. Jedoch scheint sich auch hier kein wirklicher Konflikt mit den europäischen Vorgaben abzuzeichnen, da nur nationale Fernsehdienste, also nicht solche Dienste von Anbietern, die in anderen Mitgliedstaaten nieder- gelassen sind, den Regelungen der französischen Gemeinschaft unterliegen.m Im Hinblick auf die deutsche Rechtslage erscheint es ferner fraglich, ob sich die in Deutschland teilweise vertretene Einordnung von NVoD als Medien- dienst noch halten lässt. Als Mitgliedstaat der EU trifft Deutschland eine Um- setzungspflicht hinsichtlich der Vorgaben der Fernsehrichtlinie. Der deutsche Gesetzgeber hat dafür Sorge zu tragen, dass alle Dienste, für die die Fern- sehrichtlinie gilt, weil sie Fernsehsendungen in ihrem Sinne sind, auch nach deutschem Recht den in der Richtlinie enthaltenen Vorschriften genügen493. Konsequenzen für die „Reichweite“ der Fernsehrichtlinie in das deutsche Medienrecht ergeben sich dabei keineswegs nur im Hinblick auf die Quoten- vorgaben, sondern fraglich ist bspw. auch, ob eine effektive Umsetzung des Regelungsziels „Jugendschutz“, insbesondere die Beachtung des Pornografie- verbots in Art. 22 Abs. 1 der Richtlinie, erreicht werden kann. Durch die Ein- stufung solcher Angebote als Mediendienst werden diese dem „Zugriff“ der Vorgaben der Fernsehrichtlinie und damit dem durch diese statuierten, ab- 323 491 Art. 4 Abs. 2 der eCommerce-Richtlinie besagt: „Absatz 1 gilt unbeschadet der Zulassungsverfahren, die nicht speziell und ausschließlich Dienste der Informationsgesellschaft betreffen oder die in den Anwendungs- bereich der Richtlinie 97/13/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 10. April 1997 über einen gemeinsamen Rahmen für Allgemein- und Einzelgenehmigungen für Telekommunikationsdienste fallen“. 492 Bumke/Schulz, in: Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 2003, § 20, Rz. 28–31. 493 Schreier, MMR 2005, 517 (519 f.). soluten Pornografieverbot (dieses gilt nach ihr auch für geschlossene Nutzer- gruppen) entzogen, da nach dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag ein solches Verbot in der genannten, besonderen Angebotsform nicht gilt. Allerdings ist den Informationen in den Veröffentlichungen der DLM zu den entsprechenden Einstufungsverfahren wohl zu entnehmen, dass es sich bei den jeweiligen Angeboten um Abrufdienste gehandelt haben muss, die ohnehin nicht dem Anwendungsbereich der Fernsehrichtlinie unterfallen. Hierfür spricht auch, dass die Anbieter – z. T. nach entsprechenden Vorgaben der DLM – einige Änderungen technischer Natur bezüglich der Art und Weise der Erbringung der jeweiligen Angebote vorgenommen haben. Eine Einstufung bestimmter Angebote als Mediendienst aufgrund fehlender Meinungsbildungsrelevanz kann ebenfalls problematisch werden, wenn, die anderen Voraussetzungen der Defi- nition von „Fernsehsendung“ nach der EG-Richtlinie als gegeben vorausgesetzt, dadurch bestimmte ihrer Regelungsziele nicht erreicht werden. Diese verlangt schließlich nicht, dass das Angebot eine gewisse Meinungsbildungsrelevanz aufweist, sondern orientiert sich am Vorliegen von Fernsehprogrammen. Der Umstand, dass in Belgien ein sehr weit gefasster Rundfunkbegriff Anwendung findet, darf allerdings auch nicht dahingehend missverstanden werden, dass damit gleichsam automatisch allen Zielen der Fernsehrichtlinie in idealer Weise gedient wäre. Die flämische Gemeinschaft verzichtete im Gesetz vom 7. Mai 2004 auf das Erfordernis einer Zulassung für Fernseh- dienste. Dieser Schritt sollte ausdrücklich die Entwicklung und Kommerziali- sierung innovativer Dienste begünstigen, argumentierte der Gesetzgeber und berief sich hierbei ausdrücklich auch auf die eCommerce-Richtlinie. Die Werbe- bestimmungen des flämischen Rundfunkgesetzes von 2005, welche die Vor- gaben der Fernsehrichtlinie umsetzen, sind derzeit nicht auf Fernsehdienste anwendbar.494 Da es sich bei Fernsehdiensten um eine gemischte Kategorie handelt, die sowohl Rundfunk als auch Dienste der Informationsgesellschaft umfasst, könnte man argumentieren, dass die Nichtanwendung der Werbe- bestimmungen gegen die Fernsehrichtlinie verstößt, soweit Rundfunkdienste betroffen sind. Diese vermeintliche Unstimmigkeit muss jedoch im größeren Zusammenhang betrachtet werden: Einerseits stimmen die allgemeinen Werbe- vorschriften auf bundesstaatlicher Ebene größtenteils mit den Vorgaben der Fernsehrichtlinie überein oder sind sogar strenger, bspw. das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medizin, Zigaretten und Tabak, im Bereich des Jugend- schutzes etc. Daher scheinen sich in der Praxis hier keine Probleme zu er- geben. 324 494 Art. 90, § 3 des flämischen Rundfunkgesetzes von 2005 weist der flämischen Regierung die Aufgabe zu, detaillierte Regelungen für die Anbieter von Fernsehdiensten festzulegen. Bislang hat die Regierung in dieser Hinsicht noch keine Initiative ergriffen. Mit dem Erlass des Richtlinienpakets zur elektronischen Kommunikation im Jahr 2002 hat die Gemeinschaft einen einheitlichen, technologisch neutralen Rechtsrahmen geschaffen. Damit reagierte der Gesetzgeber auch auf die durch die Digitalisierung erlangte Unabhängigkeit der Verbreitung von Inhalten von bestimmten Übertragungstechniken, also auf das Phänomen, das als Konver- genz bezeichnet wird. Dieser Abkehr von der Verwendung technischer Krite- rien wurde im Rahmen des erneuten Revisionsprozesses der Fernsehrichtlinie mehrfach ein vorbildhafter Charakter für die Entwicklung zukunftsfähiger Rechtsinstrumente zugesprochen. Das Richtlinienpaket dient zum einen der weiteren Harmonisierung der nationalen Regelungen, aber auch der weiteren Angleichung des TK-Sektors an andere Wirtschaftsbereiche. Vornehmliches Regelungsziel des Richtlinienpakets ist einerseits der Abbau bürokratischer Hemmnisse, die Ermöglichung eines fairen gemeinschaftsweiten Wettbewerbs aller Kommunikationsinfrastrukturen sowie die Sicherstellung des Zugangs zu diesen Infrastrukturen und ihrer Nutzung. Die Interdependenz von inhalts- bezogener Regulierung und rechtlichen Rahmenbedingungen für die Kommu- nikationsinfrastruktur kommt darin zum Ausdruck, dass die Überwachung sowohl der Einhaltung der Fernsehrichtlinie als auch der Vorgaben des Telekom- Pakets durch die Neustrukturierung der Europäischen Kommission nunmehr einheitlich in die Obhut der Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien übertragen wurde. Aufgrund der mangelhaften Umsetzung bzw. Anwendung des Telekom- Pakets hat die Kommission Vertragsverletzungsverfahren gegen eine Vielzahl von Mitgliedstaaten eingeleitet.495 Davon waren oder sind z. T. auch die im Rahmen dieser Studie untersuchten Mitgliedstaaten betroffen. Die Umsetzung des Richtlinienpakets für die elektronischen Kommunikationsmärkte durch das TKG 2004 ist in den Augen der Europäischen Kommission nur in unzu- reichendem Maße erfolgt.496 Danach genügen wichtige TKG-Vorschriften über die Entgeltregulierung von Unternehmen mit beträchtlicher Marktmacht (Sig- nificant Market Power, SMP) nicht den gemeinschaftsrechtlichen Vorgaben. So beschränke die Vorschrift des § 30 TKG den Ermessensspielraum der BNetzA in unzulässiger Weise. Ansonsten bestehen hinsichtlich der korrekten Umsetzung des Telekommunikations-Richtlinienpaketes in deutsches Recht keine Bedenken. Das Problem der fehlenden Unabhängigkeit der Regulierungs- behörde stellt sich in Italien. Entgegen dem eindeutigen Wortlaut des europäi- schen Rechtsrahmens in dieser Frage sieht das Gesetz über die elektronische Kommunikation eine Reihe von Schlüsselkompetenzen wie etwa die Zuständig- 325 495 Eine Übersicht über den Status quo der jeweiligen Vertragsverletzungsverfahenren ist abrufbar unter: http:// europa.eu.int/ information_society/policy/ecomm/implementation_enforcement/index_en.htm; vgl. auch Ader, EU: Vertragsverletzungsverfahren gegen 10 Mitgliedstaaten eingeleitet, MMR 6/2005, S. XV. 496 Die diesbezügliche Pressemitteilung der Kommission ist abrufbar unter: europa.eu.int / rapid/press ReleasesAction.do?reference=IP/05/430&format=PDF&aged=0&language=DE&guiLanguage=en. keit für die Lizenzerteilung und -überwachung, für den Zugang zu Kommuni- kationsmitteln, die Verwaltung der digitalen Frequenzen etc. für das Ministerium für Kommunikation vor, welches Teil der Regierung ist und damit gerade nicht unabhängig. Gegenüber Belgien moniert die Kommission, dass ihr die Ergebnisse der Marktuntersuchungen noch nicht übermittelt wurden, die der EU-Rechtsrahmen für die elektronische Kommunikation vorschreibt.497 In Frankreich wurden im Telekommunikationsrecht Änderungen sowohl in Bezug auf die Terminologie als auch auf das Genehmigungsverfahren vorgenommen, um Defizite bei der Vereinbarkeit mit dem neuen EU-Rechtsrahmen für elektronische Kommunika- tion abzustellen.498 II. Spiegelung der nationalen Medienordnungen an den Konzepten für die Revision Im Laufe des Revisionsprozesses zur Fernsehrichtlinie ist auf europäischer Ebene die Erkenntnis gereift, dass die Ausdehnung des Anwendungsbereichs auf bisher nicht erfasste Dienstearten erforderlich erscheint, um den Regelungs- zielen der Fernsehrichtlinie in einem technologisch fortentwickelten Umfeld weiterhin gerecht werden zu können. Mit der Neueinführung des Begriffs der „audiovisuellen Mediendienste“ im Richtlinienentwurf geht der Kommissions- vorschlag deutlich über den bislang auf Fernsehsendungen beschränkten An- wendungsbereich der Richtlinie hinaus und erfasst künftig eine Vielzahl neuarti- ger Dienste.499 Audiovisuelle Inhalteangebote, die nicht unter den eigentlichen Fernsehsendungsbegriff fallen, sollen rechtlich näher an das Fernsehen heran- gerückt werden. Dennoch wird eine klare Unterteilung zwischen Fernsehen und anderen audiovisuellen Diensten angestrebt, wenn auch innerhalb eines Rechtsinstruments. Damit vollzieht der Gemeinschaftsgesetzgeber nunmehr einen Schritt zur Anpassung der Rechtslage an die veränderten technischen Rahmenbedingungen, welchen die untersuchten Mitgliedstaaten allesamt auf unterschiedliche Weise – teilweise schon vor Jahren – bereits vollzogen haben, nach. Diese Fortentwicklung wird in der Gemeinschaft, wie dies auch in der Mehrzahl der Mitgliedstaaten der Fall ist500, von der Überzeugung geleitet, 326 497 Vgl. die PM (IP/05/1269) der Kommission vom 13. 10. 2005, abrufbar unter: www.europa.eu.int / rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/05/ 1269&format=PDF&aged=0&language=DE&guiLanguage=en. 498 Vgl. die PM (IP/05/875) der Kommission vom 7. 7. 2005, abrufbar unter europa.eu.int / rapid/press ReleasesAction.do?reference=IP/05/875&format=HTML&aged=0&language=EN&guiLanguage=en. 499 Vgl. oben unter C. III 1. a). 500 Vgl. oben unter D. VI. 2. a). dass eine bloße Übertragung der für das Fernsehen entwickelten Vorschriften auf andere audiovisuelle Dienste aufgrund deren Beschaffenheit und/oder der Art und Weise ihrer Erbringung als unangemessen bzw. als „Überregulierung“ anzusehen wäre. Der Vorschlag der Kommission sieht daher ein abgestuftes Regulierungskonzept vor, d. h. bestimmte Vorschriften gelten für alle audio- visuellen Dienste, während darüber hinausreichende Verpflichtungen nur lineare audiovisuelle Dienste, d. h. die klassischen Fernsehprogramme, erfassen. Ver- gleiche lassen sich dabei am ehesten zu den Rechtsordnungen Frankreichs und Deutschlands ziehen, in denen im Ergebnis ein ähnliches Bild vorherrscht. Rundfunk befindet sich dort auf der höchsten Stufe der Regulierung, auf der nächsten folgen in Deutschland die Mediendienste und in Frankreich die übri- gen audiovisuellen Kommunikationsdienste. Die Kommission zieht die Trennlinie also zwischen linearen und nicht- linearen Diensten. Hierbei handelt es sich um ein Kriterium, welches auch in den meisten Mitgliedstaaten bei der Zuordnung von Inhaltsangeboten zum Rundfunk und bei der Rechtfertigung einer höheren Regulierungsdichte heran- gezogen wird.501 Nur die linearen Dienste unterliegen nach dem Richtlinien- vorschlag einer Reihe von strengeren Vorschriften. Nicht auf der europäischen Ebene durchgesetzt hat sich somit das in Deutschland angewendete Unterschei- dungskriterium der Meinungsbildungsrelevanz, obwohl in der Phase der Vor- bereitung des Kommissionsvorschlags noch eine Differenzierung anhand des Wirkungspotenzials des jeweiligen Angebots berücksichtigt wurde. Es war insofern eine Abstufung der Regulierungsdichte vorgesehen, die sich danach richtete, ob es sich bei dem jeweiligen Dienst um ein Angebot mit „broad impact“ oder mit „low impact“ handelt. Dieses Unterscheidungskriterium taucht im endgültigen Vorschlag der Kommission jedoch nicht mehr auf. Der deutsche Gesetzgeber hält aber auch im Rahmen neuerer Gesetzesvorhaben (Telemediengesetz) an der übergreifenden Idee des deutschen Medienrechts – der Orientierung an der Meinungsbildungsrelevanz der jeweiligen Angebote vor dem Hintergrund der Vielfaltssicherung – nach wie vor fest. Die Probleme, die sich aufgrund dieses, von der europäischen Medienregulierung abweichen- den Ansatzes bereits heute ergeben502, können sich infolgedessen auch nach Erlass einer neuen Richtlinie für audiovisuelle Dienste fortsetzen. In Italien wurden jüngst die Gesetze, Vorschriften, Erlasse und Verordnun- gen, die den Rundfunksektor regeln, zu einem Gesetzesdekret, dem Konsoli- dierten Text über Hörfunk und Fernsehen, zusammengefasst. Dadurch entstand ein ähnliches Bild wie auf der gemeinschaftsrechtlichen Ebene. Das Rundfunk- recht steht den Bestimmungen über den elektronischen Geschäftsverkehr gegen- über. Insgesamt gibt das italienische Kommunikationsrecht weitestgehend die 327 501 Ebd. 502 Vgl. dazu die Ausführungen im Länderbericht oben unter 7. Struktur des europäischen Kommunikationsrechts in seiner derzeitigen Fassung wieder. Somit lässt sich aus dem derzeitigen italienischen Regelungsgefüge als solchem kein Konzept für die Neugestaltung der Fernsehrichtlinie gewinnen, es besteht unter dem Gesichtspunkt der Anpassung der Adressatenkreise und Anwendungsbereiche der Normen an die Gegebenheiten des neuen Medien- umfeldes insofern kein Vorsprung des italienischen Rechts vor dem Gemein- schaftsrecht. Zu beachten ist allerdings neben der frühen Berücksichtigung des Konvergenzprozesses in den Gesetzestexten auch die frühzeitige Festlegung des Gesetzgebers auf eine einzige, unabhängige und konvergente Aufsichts- behörde. Dies wurde zwar auch durch die besonderen Eigentumsverhältnisse im italienischen Rundfunkmarkt befördert, die das Bedürfnis nach einer mächtigen Regulierungsbehörde als Gegengewicht zu Unternehmen mit nahezu erdrücken- der Position in den Märkten als besonders stark erscheinen ließen. Dennoch war darin auch eine Reaktion auf die Umwälzungen in der gesamten Medien- und Informationstechnologie und die Konvergenz im Besonderen zu erblicken, die später auch in anderen Ländern wie dem Vereinigten Königreich nachvoll- zogen wurde; auch die bereits angesprochene Neuverteilung der Zuständigkei- ten bei den Generaldirektionen der Europäischen Kommission, insbesondere die Zusammenfassung der Kompetenzen für Medien und die Informations- gesellschaft, ist ein vergleichbarer Schritt hin zu einer Konvergenz der Verwal- tung im Medien(aufsichts)bereich. Seit dem Urteil des belgischen Verfassungsgerichts von 2002 geht der Begriff der Veranstaltung von Fernsehen im nationalen Kontext über denjenigen der Fernsehrichtlinie hinaus. Er umfasst bestimmte Dienste, die aus europäischer Sicht als Dienste der Informationsgesellschaft einzuordnen wären, etwa Video- on-Demand oder die Verbreitung von Fernsehprogrammen über das Internet. Da die audiovisuellen Inhalte über eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung übertragen werden (d. h. nicht zum simultanen Empfang durch die Allgemeinheit), fallen diese Dienste in den Anwendungsbereich der eCommerce-Richtlinie, obwohl sie in Belgien als Rundfunkdienste eingestuft werden. Insofern geht das belgi- sche Recht weiter als die Europäische Kommission in ihren Plänen für die Revision der Fernsehrichtlinie. Nahezu alle Medieninhaltedienste unterfallen dem Rundfunkbegriff, so dass dieser im belgischen Recht in seiner Auslegung durch das Verfassungsgericht eine extrem technologieneutrale Ausprägung erhält. In der flämischen Gemeinschaft ist der Entwurf eines umfassenden Re- gelungskonzepts für „jede Form der elektronischen Verbreitung audiovisueller Inhalte“ angedacht, welches zwischen linearen und nicht-linearen Diensten unterscheidet – wobei die Erstgenannten strengeren Regeln unterliegen sollen. Dem horizontalen Ansatz gemäß, wie er auch im Rundfunkgesetz der fran- zösischen Gemeinschaft von 2003 umgesetzt wurde, dürften sich die Vorschrif- ten voraussichtlich an den verschiedenen Funktionen in der Wertschöpfungs- kette orientieren: Inhalteanbieter, Diensteanbieter und Netzwerkbetreiber. Jedoch 328 wird auf politischer Ebene dafür plädiert, mit dieser Modernisierung zu warten, bis die ersten Vorschläge zur Revision der Fernsehrichtlinie eine gewisse Kon- kretisierung und Stabilisierung erfahren haben. Der Richtlinienentwurf der Kommission will für die Gemeinschaftsebene einen Schritt vollziehen, der teilweise in den Mitgliedstaaten schon stattgefun- den hat. Eine radikale Erweiterung des Rundfunkbegriffes jedoch, wie sie in Belgien aus der Rechtsprechung des Verfassungsgerichtes resultiert, wird es auf europäischer Ebene auf absehbare Zeit nicht geben. Der Entwurf für eine Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste erweitert den Adressatenkreis der Richtlinie erheblich, indem er auch die Anbieter nicht linearer Dienste der Regulierung unterwirft. Damit vollzieht sich eine Entwicklung auf Gemein- schaftsebene, die in den Mitgliedstaaten teilweise schon stattgefunden hat. So sind etwa in Belgien und Deutschland wie gezeigt auch die Anbieter neuerer Dienste Adressaten der medienrechtlichen Vorgaben. Gemäß Erwägungs- grund 17 des Entwurfes ist der Begriff der redaktionellen Verantwortung grund- legend für die Bestimmung der Rolle des Mediendiensteanbieters und damit des Begriffs der audiovisuellen Mediendienste. Hier spiegelt der Entwurf Er- fahrungen und Entwicklungen in den Mitgliedstaaten insofern wider, als auch dort die Notwendigkeit erkannt wurde, im Hinblick auf die wachsende Bedeu- tung neuer Dienste die Verantwortlichkeit eindeutig zu regeln. Zu beachten ist allerdings, dass auf Gemeinschaftsebene weiterhin die eCommerce-Richtlinie in Kraft bleibt und insbesondere die dort vorgesehenen Haftungsausschlüsse das gemeinschaftsrechtliche Regime der Verantwortlich- keit der Anbieter mitbestimmen. III. Ergebnis Seit etwa zehn Jahren befasst sich die EU mit dem Phänomen der Konvergenz und seinen Implikationen für die Regulierung audiovisueller Medien. Nachdem die Kommission noch vor zwei Jahren die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit weitreichender Änderungen an der Fernsehrichtlinie in Frage gestellt hatte503, ist spätestens mit der Umstrukturierung der Kommission, welche eine einheit- liche Generaldirektion für Informationsgesellschaft und Medien hervorgebracht hat, Schwung in den Revisionsprozess gekommen. Die Kommission hat ihren Vorschlag für eine neue Richtlinie für audiovisuelle Dienste noch vor Ende des Jahres 2005 vorgelegt. In den Mitgliedstaaten, in denen die Regulierungspraxis bereits heute mit Problemstellungen konfrontiert wird, die sich aus der zu- nehmenden Digitalisierung und damit einhergehenden Konvergenz ergeben, 329 503 Laitenberger, Die Konsultation zur Überprüfung der Fernsehrichtlinie: Eine Bilanz, in: Die Revision der Fernsehrichtlinie, EMR-Schriftenreihe Band 29, Baden-Baden 2004, S. 24 f., 27 f. hat man die Entwicklungen auf der europäischen Ebene nicht tatenlos ab- gewartet. Es wurden vielmehr eine Vielzahl unterschiedlicher Regelungen ent- wickelt und implementiert, um dem technologischen Fortschritt in angemessener Weise zu begegnen. Dabei hat die Untersuchung durchaus pragmatische und innovative Handlungsansätze ergeben, welche im Revisionsprozess auf der europäischen Ebene berücksichtigt und reflektiert werden sollten. Das deutsche Modell der Orientierung an der Meinungsbildungsrelevanz hat zwar zeitweise in diesem Prozess eine Rolle gespielt (bspw. bei der Unterscheidung zwischen audivisuellen Diensten mit „low impact“ oder „high impact“), taucht aber im Vorschlag der Kommission für eine neue Richtlinie nicht mehr auf. Dies dürfte aus deutscher Sicht jedenfalls insofern bedauerlich sein, als die Integration dieses Konzepts auf europäischer Ebene mit großer Wahrscheinlichkeit weniger Anpassungen des nationalen Medienrechts an die künftige europäische Rechts- lage erforderlich gemacht hätte. Die Fortentwicklung des nationalen Medienrechts führt allerdings auch dazu, dass in zunehmendem Maße Inkongruenzen mit der europäischen Rechts- lage zu verzeichnen sind. Diese werden, wie sich im Mediakabel-Fall gezeigt hat, wohl auch nicht mehr allein und stets durch zukunftsoffene, teleologische Interpretationen der überkommenen Bestimmungen der Fernsehrichtlinie durch den Europäischen Gerichtshof zu vermeiden sein. Dieses Signal geht von der Entscheidung des Gerichtshofs eindeutig aus: Der Auslegung der Vorschriften der Richtlinie sind durch ihren Wortlaut eindeutige Grenzen gesetzt. Die Fern- sehrichtlinie in ihrer seit 1997 unveränderten Fassung lässt sich nicht durch eine extensive Interpretation in ein zukunftsoffenes Rechtsinstrument umwan- deln – hierzu ist vielmehr der Gesetzgeber berufen. Festzuhalten bleibt, dass die jüngeren Entwicklungen der nationalen Medien- ordnungen vor allem zwei Strömungen aufweisen: Zum einen findet innerhalb des bislang für den Rundfunk geltenden Regulierungsrahmens eine stärkere Ausdifferenzierung der Dienste statt, wobei festgestellt werden kann, dass dem Fernsehen vergleichbare Angebote – regelmäßig unter Einschluss von Near- Video-on-Demand und einigen Internet-basierten Arten der Übertragung audio- visueller Inhalte, aber häufig unter Ausschluss von Video-on-Demand – in den klassischen Regelungsrahmen integriert werden. Zum Zweiten ist ver- mehrt ein Ansatz festzustellen, der die Verantwortung von Inhalteanbietern stärker von ihrer Rolle, Aufgabe bzw. Funktion abhängig macht, so dass auch insofern eine Abstufung stattfindet. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass die Abgrenzung zur Rechtslage in Bezug auf die Telekommunikation bzw. elektronische Kommunikation dem Grunde nach erhalten bleibt und z. T. sogar stärker als in der Vergangenheit betont wird. Unabhängig davon waren Vorgehensweisen im Hinblick darauf zu definieren, wie mit Diensten zu ver- fahren ist, die an der Schnittstelle zwischen Signalübertragung und Inhalts- angebot liegen, wie etwa EPGs. Dabei ergibt sich zwar kein einheitliches Bild, 330 in der Mehrzahl der untersuchten Länder wird aber jedenfalls auf die eine oder andere Weise dem Umstand Rechnung getragen, dass solche Dienste auch Inhalte bereit stellen; sofern hierfür spezifische Anforderungen gelten, ist das einschlägige Recht allerdings auch darauf bedacht, die Akzessorietät zum Fernsehen anzuerkennen. Dies kann sich dadurch vollziehen, dass die Haupt- zulassung solche Dienste einschließt, oder aber mit Mitteln, die eine Erleichte- rung für die Anbieter insofern bereit halten, als die Zulassungshürden deutlich niedriger angesetzt sind als für traditionelle Fernsehangebote. Betrachtet man die Reaktionen in den untersuchten Mitgliedstaaten auf die von der Europäischen Kommission gemachten Vorschläge, so lässt sich in der Regel, jedenfalls soweit die offizielle politische Linie der Regierungen oder Parlamente bzw. der Regulierungsbehörden betroffen ist, erkennen, dass eine Fortentwicklung meist in dem Maße und in der Richtung befürwortet wird, wie es der aktuellen nationalen Rechtslage entspricht. Das heißt erstens für die Bestimmung des Anwendungsbereichs eines zukünftigen Gemeinschaftsinstru- ments im Rahmen des Mediensektors (Richtlinie über audiovisuelle Medien- dienste), dass breite Zustimmung zur Hereinnahme interaktiver Angebote herrscht (mit Ausnahme des Vereinigten Königreichs, das dem klar ablehnend gegenüber steht) und die Einteilung in lineare und nicht-lineare Dienste grund- sätzlich befürwortet wird – eine klare Definition zur Abgrenzung voraus- gesetzt. Die damit verbundene geringere Regulierungsdichte für die letzt- genannten Angebote findet ebenfalls häufig Zustimmung. Verschiedentlich findet sich die Anregung, auch für nicht-lineare audiovisuelle Medieninhalte- dienste Verpflichtungen zur Förderung der europäischen Inhalte aufzunehmen (Belgien und Frankreich), ein Ansinnen, das insbesondere von der britischen Regierung zurückgewiesen und von deutscher Seite ebenfalls nicht geteilt wird, da hier ohnehin kein Einverständnis mit dem bestehenden Quotenregime herrscht. Bemerkenswert scheint, dass in zwei Mitgliedstaaten dezidiert die Einführung einer Regelung zur Vielfaltssicherung eingefordert wurde. An diesen Beispielen zeigt sich einerseits, dass die Kenntnis der Hintergründe für und der Ergebnisse von Neujustierungen im Medienrecht der (untersuchten) Mitglied- staaten wichtig ist, um deren Grundmotivation im Revisionsprozess einschätzen zu können. Zum anderen verdeutlicht dies, von welchem Befund die europäi- schen Institutionen auszugehen haben, wenn der Vorschlag der Kommission von der Gesetzgebung in Parlament und Rat behandelt wird. Entsprechend den von den Landesmedienanstalten bislang eingenommenen Positionen stehen damit eine Reihe von Akteuren fest, die ihrerseits Interesse an einer Vertre- tung ihres jeweiligen Regelungsansatzes haben und sich, soweit die Positionen zueinander weitgehend kongruent sind, an der Formulierung gemeinsamer Vorschläge zur Fortentwicklung des europäischen Rechtsrahmens beteiligen können. Der bereits begonnene Dialog mit Vertretern aus dem Vereinigten Königreich, Frankreichs und Belgiens sollte daher fortgesetzt werden, um 331 beiderseits Gelegenheit zu bieten, Grundanliegen an die Medienordnung in Europa zu benennen und gemeinsame Interessen im Sinne einer Steigerung ihrer Durchsetzungsfähigkeit in den Revisionsprozess einzubringen. Der europäische Gesetzgeber sollte sich im Rahmen der Revision der Fern- sehrichtlinie von der Maxime leiten lassen, dass den künftigen Rechtsunter- worfenen und -anwendern ein Höchstmaß an Rechtsklarheit und -sicherheit gewährt wird. Es sollte zwingend vermieden werden, dass in der Absicht, einen modernen, zukunftsoffenen Rechtsrahmen für audiovisuelle Medien- dienste zu schaffen, der Anwendungs- und Auslegungsprobleme der alten Richtlinie beseitigt, zugleich neue Unklarheiten geschaffen oder für die weitere Entwicklung geradezu heraufbeschworen werden. In gleichem Maße scheint es erforderlich, gerade in Anbetracht der technischen und wirtschaftlichen Fortentwicklung, zu überdenken, ob die Regulierungsziele und -maßgaben, die sich aus Gründen des Allgemeininteresses (allein) an die linearen audiovisuellen Medienangebote (nach zukünftigem Sprachgebrauch) richten sollen, Gefahr laufen könnten, dann nicht mehr für die Mehrzahl der audiovisuellen Angebote Anwendung zu finden, wenn sich diese ganz überwiegend als nicht-linear gestaltete Erscheinungsformen präsentierten. 332 Literatur Ader, T., Telemedienrecht soll Neuordnung erfahren, MMR 2/2005, S. X. ders., UK: Abschließender Bericht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, MMR 4/2005, S. XIV. Bavasso, A. F., Electronic Communications: A New Paradigm for European Regulation, Common Market Law Review 41, S. 87–118. Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, München 2003 [zitiert: Beck’scher Kom- mentar-Bearbeiter]. Berger, K./Schoenthal, M., Die zukünftige Verbreitung audiovisueller Dienste, IRIS Spezial, Straßburg 2005. Bornemann R., Cross-Promotion in Fernsehprogrammen von Senderfamilien, K&R, 2001, S. 302 ff. Bullinger, M./Mestmäcker, E.-J., Multimediadienste – Struktur und staatliche Aufgaben nach deutschem und europäischem Recht, Baden-Baden 1997. Callies, C./Ruffert, M. (Hrsg.), Kommentar zu EU-Vertrag und EG-Vertrag, 2. Auflage, Neuwied/Kriftel 2002 [zitiert: Callies/Ruffert-Bearbeiter]. Carter, S., Certainty or Security? The Path to Digital, Rede anlässlich des Radio Festivals, abrufbar unter: www.ofcom.org.uk/media /speeches/2005/07/radiofestival. Clark, T., US-Kabelbetreiber auf dem Weg zum „Triple Play“, abrufbar unter http:// www.lfm-nrw.de. Degenhart, C., Rundfunkfreiheit in gesetzgeberischer Beliebigkeit?, DVBl 1991, S. 510 ff. Dörr, D., Der Zugang zu den digitalen Kabelnetzen und die Regelungen des europäi- schen Rechts, Berlin 2002. ders., Möglichkeiten und Grenzen europäischer Medienpolitik: Konvergenz und Kompe- tenz, K&R 1999, S. 97 ff. ders., Das Menschenbild des Grundgesetzes und seine Bedeutung für die Medien, 2001, S. 7, abrufbar unter www.mainzer-medieninstitut.de. ders., Medienfreiheit im Binnenmarkt, AfP 2003, S. 202 ff. Eberle, C.-E., Das europäische Recht und die Medien am Beispiel des Rundfunkrechts, AfP 1993, S. 422 (425). EMR (Hrsg.), Digitale Breitband-Dienste in Europa – Geschäftsmodelle und ihr euro- päischer und nationaler Rechtsrahmen, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 27, Baden-Baden 2003. EMR, Marktdefinitionen im Medienbereich: Vergleichende rechtliche Analysen, im Auftrag der Generaldirektion Wettbewerb der Europäischen Kommission, 2003 und 2005. 333 Engel, C., Rundfunk in Freiheit, AfP 1994, S. 185 ff. Europäische Audiovisuelle Informationsstelle, Jahrbuch 2005, Band 2, Straßburg 2005.n Fechner, F., Medienrecht, 1. Auflage, Tübingen 2000. Fischl, T., Die Wettbewerbsaufsicht im Medienbereich zwischen Entwicklung und Neu- orientierung, Frankfurt am Main 2001 [zitiert: Fischl, Wettbewerbsaufsicht]. Gerard, P., A Single Regulatory Framework for all Electronic Communications Networks and Services – Impact for Broadcasting, in: Digitale Breitband-Dienste in Europa, EMR-Schriftenreihe Band 27, Baden-Baden 2003, S. 15 ff. Gibbons, T., Jurisdiction over (Television) Broadcasters, in: Die Zukunft der Fernseh- richtlinie, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht Band 29, Baden- Baden 2005, S. 53. ders., Kontrolle über technische Engpässe: Ein Fall für das Medienkonzentrationsrecht?, in: Die Regulierung des Zugangs zum digitalen Fernsehen, IRIS Spezial, Straßburg 2004, S. 65 ff. ders., The UK’s Communications Act 2003: a brief guide, unveröffentlicht. Goldberg, D./Prosser, T./Verhulst, S., EC Media Law and Policy, London–New York 1998, S. 70. Grabitz, E./Hilf, M, Das Recht der Europäischen Union – Kommentar zur Europäischen Union, Loseblattsammlung, München [zitiert: Grabitz /Hilf-Bearbeiter]. Hans-Bredow-Institut, DocuWatch Digitales Fernsehen 2/2005. Hartstein, R./Ring, W.-D./Kreile, J./Dörr, D./Stettner, R., Kommentar zum Rundfunk- staatsvertrag, Loseblattsammlung, Heidelberg–München–Berlin 1999. Held, T./Schulz, W., Europarechtliche Beurteilung von Online-Angeboten öffentlich- rechtlicher Rundfunkanstalten, Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2004. Herrmann, G./Lausen, M., Rundfunkrecht, 2. Auflage, München 2004. Hoeren, T., Recht der Access-Provider, München 2004. Hoffmann-Riem, W./Schulz, W./Held, T., Konvergenz und Regulierung, Baden-Baden 2000. Holznagel, B., Weiterverbreitung und Zugangssicherung beim digitalen Fernehen, MMR 2000, S. 480 ff. Hugenholtz, B., Copyright without Frontiers – Is there a future for the Satellite and Cable Directive?, in: Die Zukunft der Fernsehrichtlinie, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 29, Baden-Baden 2005, S. 65 ff. Indepen, Ovum and fathom, Extension of the Television Without Frontiers Directive – An Impact Assessment, Final report for Ofcom, London 2005, abrufbar unter: http:// www.ofcom.org.uk/research/ tv/ twf/ twfreport / twf.pdf. Jarass, H. D., Rundfunkbegriffe im Zeitalter des Internet, AfP 1998, S. 133 ff. Kevin/Ader/ Fueg/ Pertzinidou/Schoenthal, Die Information des Bürgers in der EU: Pflichten der Medien und der Institutionen im Hinblick auf das Recht des Bürgers auf umfassende und objektive Information, Studie des Europäischen Medieninstituts im Auftrag des Europäischen Parlaments, 2004. Klein, H. H., Rundfunkrecht und Rundfunkfreiheit, in: Der Staat Bd. 20, Köln 1981, S. 177 ff. 334 Kleist, T., Die Richtlinie Fernsehen ohne Grenzen, in: Klumpp, D./Kubicek, H./Roß- nagel, A./Schulz, W. (Hrsg.), Medien, Ordnung und Innovation, Berlin–Heidelberg– New York 2006. König, M./Kösling, S., Die digitale Zugangsfreiheit im 8. RÄStV – Nur Anpassung an das TKG oder materielle Änderungen beabsichtigt?, ZUM 2005, S. 289 ff. Kröger, D./Moos, F., Regelungsansätze für Multimediadienste, ZUM 1997, S. 462 ff.m Kull, E., Rundfunkgleichheit statt Rundfunkfreiheit, AfP 1981, S. 378 ff. Lenz, C. O./Borchardt, K.-D.; Kommentar zum EU- und EG-Vertrag, 3. Auflage, Köln 2003 [zitiert: Lenz/Borchardt-Bearbeiter]. Libertus, M., Zum Stand der Rundfunkgesetzgebung in Großbritannien, ZUM 1997, S. 101 ff. Löffler, M./Ricker, R., Handbuch des Presserechts, 4. Auflage, München 2000. Woods, L, Media System of the United Kingdom, für die „Study on Co-Regulation Measures in the Media Sector“, Hans-Bredow-Institut for media research and EMR – Institute of European Media Law, Hamburg 2005, S. 8–10. McGonagle, T./van Loon, A., Die rechtliche Zuständigkeit für Rundfunkveranstalter in Europa, IRIS Spezial, Straßburg 2002. McGougan, J., The challenge of convergence to audiovisual regulation: Is the current regulatory framework approaching its sell-by date?, in: Marsden, C./Verhulst, S. (Hrsg.), Convergence in European Digital TV Regulation, London 1999, S. 184 ff.m Nettesheim, M., Das Kulturverfassungsrecht der Europäischen Union, JZ 2002, S. 157 ff. Ory, S., Differenzierte Regelung für Rundfunk, Medien- und Teledienste, in: Neuord- nung des Medienrechts – Neuer rechtlicher Rahmen für eine konvergente Technik?, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 30, Baden-Baden 2005, S. 67 ff. Platho, R., Cross-Promotion in TV-Senderfamilien, MMR 2002, S. 21 ff. Prosser, T., ITC Moves Towards Partial Self-Regulation and Lighter Regulation of Content, IRIS 2001-3:12/16. Roßnagel, A., Neuordnung des Medienrechts – Anregungen und Möglichkeiten, in; ders. (Hrsg.), Neuordnung des Medienrechts – Neuer rechtlicher Rahmen für eine konvergente Technik, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 30, Baden-Baden 2005, S. 15 ff. ders., Der künftige Anwendungsbereich der Fernsehrichtlinie – Welche Medien können erfasst werden?, in: Die Zukunft der Fernsehrichtlinie, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 29, Baden-Baden 2005, S. 35 ff. ders. (Hrsg.), Recht der Multimedia-Dienste, Kommentar, Loseblattsammlung, München 2004. Roßnagel, A./Scheuer, A., Das europäische Medienrecht, MMR 2005, S. 271 ff. Roßnagel, A./Sosalla, W./Kleist, T./Scheuer, A./Müßig, J. P., Der Zugang zur digitalen Satellitenverbreitung, Berlin 2004, S. 90. Roßnagel, A./Strothmann, P., Die duale Rundfunkordnung in Europa, Wien 2004. Scheuer, A., Content oder Commerce? Plädoyer: maßvolle Revision der Fernsehricht- linie, in: epd medien 2002, Heft 38, S. 3 ff. ders., Niederlande: Streit um Rechtshoheit über RTL4 und RTL5 erreicht vorläufigen Schlusspunkt, MMR 10/2003, S. VII. 335 ders., Verfahren gegen Griechenland wegen Gesetz zu öffentlichen Aufträgen, MMR 5/2005, S. XIV. ders., Kommission erweitert Prüfung des griechischen Medienrechts, MMR 9/2005, S. XXV. ders., Wie und was?: Fernsehen, epd medien 2005, Heft 29, S. 4. Scheuer, A./Knopp M., Glossar des digitalen Fernsehens, Straßburg 2004. Schneider, H.-P., Die Vollstreckungskompetenz nach § 35 BVerfGG – ein Notverord- nungsrecht des Bundesverfassungsgerichts?, NJW 1994, S. 2590 ff. Schoenthal, M., Empfehlungen der Kommission zu Kommunikationsdiensten über Strom- leitungen, MMR 6/2005, S. XVI. Schreier, T, Anmerkung zu EuGH Rs. C-89/04, MMR 2005, S. 519. Schwarze, J., Medienfreiheit und Medienvielfalt im Europäischen Gemeinschaftsrecht, ZUM 2000, S. 779 ff. Schulz, W., Ausweitung der Zugangsverpflichtung auf EPGs und Diensteplattformen, in: Die Regulierung des Zugangs zum digitalen Fernsehen, IRIS Spezial, Straßburg 2004, S. 51 ff. Tambini, D., UK Communications Bill 2002 – Competition of communications net- works, in: Digitale Breitband-Dienste in Europa, EMR-Schriftenreihe Band 27, Baden-Baden 2003, S. 87 ders./Leonardi, D./Marsden, C., Codifying Cyberspace: Self-Regulation of Converging Media in Europe, London (im Erscheinen, 2006). Uyttendaele, C./Van Nieuwenhove, J./Valcke, P., De aanzet van het Arbitragehof tot een klaardere definitie van omroep: een vingerwijzing voor verdere audiovisuele ontwikkelingen? (noot onder Arbitragehof nr. 109/2000, 31 oktober 2000), Auteurs & Media 2001, No. 1, S. 130–139. v. Hartlieb, H./Schwarz, M., Handbuch des Film-, Fernseh- und Videorechts, 4. Auflage, München 2004 [zitiert: v. Hartlieb/Schwarz-Bearbeiter] Valcke, P., The Analogue Switch Off: Chances and Challenges of Digitising the CATV Infrastructure – Case Study of Flanders (Belgium): The Dialectics of Progress? (Das Gesetz des bremsenden Vorsprungs?), ITS Workshop, Berlin, 3.–4. Februar 2005; userpage.fuberlin.de/~jmueller/ its/wrkshp/cat /cat-Dateien/presentations/ valcke.pdf. dies./Hins. W./Ellger, R., Fernsehen im Breitbandkabel: Ein Rechtsvergleich, in: Die Regulierung in Belgien, Großbritannien, den Niederlanden und den USA (Vier Rechtsgutachten im Auftrag der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich), Schriftenreihe der Landesmedienanstalten, Nr. 27, Berlin 2003. dies./Stevens, D./Lievens, E., The Future of Must Carry – From Must Carry to a Concept of Universal Service in the Info-Communications Sector, in: To Have or not to Have – Must-carry Rules, IRIS Spezial, Straßburg 2005. dies./Uyttendaele, C., De kwalificatie van interactieve informatiediensten als omroep: loopt het Belgische Arbitragehof voor op Europa?, (noot onder Arbitragehof n° 156/ 2002, 6 november 2002), Mediaforum 2003, No. 3, S. 112–116. Van Eijk, N., New European Rules for the Communications Sector, IRIS plus, Straßburg 2003. 336 Weber, R. H./Roßnagel, A./Osterwalder, S./Scheuer, A./ Wüst, S., Kulturquoten im Rundfunk, Schriftenreihe des Instituts für Europäisches Medienrecht, Band 31, Baden- Baden 2006. Weinstein, S., Ofcom, Information-Convergence and the Never Ending Drizzle of Electric Rain, International Journal of Communications Law and Policy, Issue 8, 2003/2004.n Wheeler, M. Supranational Regulation: Television and the European Union, 2004 Euro- pean Journal of Communication Vol. 19 No. 3, S. 349–369. Wimmer, K., Sweeping Changes in U. K. Media Law will Affect U. S. and U. K. Publis- hers, 2003 Communications Lawyer Vol. 21 No. 3, S. 8. Woods, L., Media System of the United Kingdom, in: Studie über Co-Regulierungs- maßnahmen im Mediensektor, Hans-Bredow-Institut und Institut für Europäisches Medienrecht, Hamburg 2005. Woods, L./Scheuer, A., Advertising Frequency and the Television Without Fronters Directive, ELRev 2004, S. 365 ff. Woods, L./Scholes, J., Legislative Comment: The Broadcasting Act 1996, Ent. L. R. 1996, Vol. 7 S. 298–307. 337 Die Autoren Alexander Roßnagel, Prof. Dr. jur., Universitätsprofessor für Öffentliches Recht mit dem Schwerpunkt Recht der Technik und des Umweltschutzes an der Universität Kassel, ist Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Euro- päisches Medienrecht (EMR) in Saarbrücken/Brüssel. Zudem ist er wissen- schaftlicher Leiter der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestal- tung (provet)“ im Forschungszentrum für Informationstechnik-Gestaltung (ITeG) der Universität Kassel; seit Februar 2003 Vizepräsident der Universität Kassel und seit 1988 stellvertretender Richter am Staatsgerichtshof Baden-Württem- berg. Herausgeber des wissenschaftlichen Kommentars zum Informations- und Kommunikationsdienste-Gesetz und Mediendienste-Staatsvertrag „Recht der Multimedia-Dienste“ (Beck Verlag 1999 ff.) und Herausgeber des „Handbuch Datenschutzrecht“ (Beck Verlag 2003), Mitherausgeber der Zeitschrift „Multi- media und Recht“ und des „Jahrbuchs Telekommunikation und Gesellschaft“.n Thomas Kleist, Rechtsanwalt, Staatssekretär a. D., ist Direktor und Vorsitzender des Vorstandes des Instituts für Europäisches Medienrecht (EMR), Saarbrücken/ Brüssel. Er ist selbständiger Unternehmensberater mit Schwerpunkt Medien und Health Care. Daneben hat er folgende Funktionen inne: Vorsitzender des Verwaltungsrates des Saarländischen Rundfunks; Stellvertretender Aufsichts- ratsvorsitzender der Werbefunk Saar GmbH; Stellvertretender Aufsichtsrats- vorsitzender der Telefilm Saar GmbH und Mitglied im Aufsichtsrat der Radio Salü Euro-Radio Saar GmbH. Alexander Scheuer, Rechtsanwalt, ist Geschäftsführer und Mitglied des Direk- toriums des EMR; seit 1999 Autor des Kommentars Lenz/Borchardt (Hrsg.), EU- und EG-Vertrag (4. Aufl. 2006), und Mit-Herausgeber und Autor des Kommentars „European Media Law“ (Kluwer Law International, Den Haag/ London/ New York, in Vorbereitung: 2007). Er ist Mitglied im Beratenden Ausschuss der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, Straßburg; Mitglied im Redaktionsausschuss der „IRIS – Rechtliche Rundschau“; Mitglied des Kuratoriums der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e. V. (FSF), Berlin.j 338 Thorsten Ader, Ass. iur., ist Jurist in der Marketingabteilung der Cosmos Lebensversicherungs-AG, Saarbrücken. Davor war er als Wiss. Mitarbeiter am Institut für Europäisches Medienrecht (EMR) tätig sowie im Sekretariat der European Platform of Regulatory Authorities (EPRA) in Düsseldorf beschäf- tigt. Er ist Autor des Kommentars Castendyk/ Dommering/Scheuer (Hrsg.) „European Media Law“ und promoviert zum Thema „Die Bestimmung der Rechtshoheit über Fernsehveranstalter in der Europäischen Union“ an der Universität Düsseldorf. Max Schoenthal, Ref. iur., ist Referendar im Gerichtsbezirk des Kammer- gerichts, Berlin. Zuletzt war er als Wiss. Mitarbeiter am Institut für Europäi- sches Medienrecht (EMR) tätig, im Anschluss an eine Beschäftigung im Sekre- tariat der European Platform of Regulatory Authorities (EPRA) in Düsseldorf. Er ist Autor des Kommentars Castendyk/Dommering/Scheuer (Hrsg.) „Euro- pean Media Law“ und promoviert über den Anwendungsbereich der Fernseh- richtlinie an der Universität des Saarlandes. Die Autoren der Länderstudien werden eingangs des entsprechenden Berichts vorgestellt. 339 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 D-10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 53 52 51 50 49 48 Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Videoclips und Musikfernsehen Eine problemorientierte Kommentierung der aktuellen Forschungsliteratur von Klaus Neumann-Braun und Lothar Mikos 164 Seiten, 22 Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-426-2 Euro 10,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-397-5 Euro 25,– (D) : Die Studie steht im Kontext der Revision der EG-Fernsehrichtlinie. Sie stellt den Reform- bedarf in Folge des Wandels im IT- und Mediensektor dar. Der existierende europäische Rechtsrahmen sowie der Kommissionsvorschlag vom Dezember 2005 werden ebenso analysiert wie die jüngsten Reformen der Medienordnungen in Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich. Das geltende EG-Medienrecht und die aktuelle Rechtslage in den untersuchten Ländern werden verglichen; aus nationaler Perspektive wird betrachtet, welche Anforderungen an die Richtlinie gestellt werden könnten. Hierbei ziehen die Autoren anhand der aktuellen medienpolitischen Positio- nen Rückschlüsse auf den zu erwartenden Diskussionsverlauf auf EG-Ebene. Prof. Dr. Alexander Roßnagel Institut für Europäisches Medienrecht (EMR), Saarbrücken/Brüssel Thomas Kleist Institut für Europäisches Medienrecht (EMR), Saarbrücken/Brüssel Alexander Scheuer Institut für Europäisches Medienrecht (EMR), Saarbrücken/Brüssel ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,- (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa 53 Ro ßn ag el /K le is t/ Sc he ue r Di e Re fo rm d er R eg ul ie ru ng el ek tr on is ch er M ed ie n in E ur op a Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa Dargestellt am Beispiel der EG, Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Italiens und des Vereinigten Königreichs Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 53 Alexander Roßnagel/Thomas Kleist/Alexander Scheuer
Forschung
Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen. Eine Organisations- und Programmanalyse : Der Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen ermöglicht grundsätzlich allen Bürgerinnen und Bürgern des Landes, im Hörfunk selbst produzierte Beiträge zu senden. Die Organi- sationsstrukturen des Bürgerfunks in NRW sind bundesweit einmalig: An allen Stand- orten des Lokalfunks in NRW sind Bürgerfunksendezeiten in das Programm integriert. Zudem existiert über die Radiowerkstätten ein flächendeckendes Netz von Produk- tionshilfeeinrichtungen. Die Studie untersucht sowohl die Organisations- und Hand- lungsstrukturen als auch die Programminhalte des Bürgerfunks. Der Status quo und die Entwicklungsmöglichkeiten des Bürgerfunks in NRW werden detailliert dargestellt. Prof. Dr. Helmut Volpers Institut für Informationswissenschaft, Fachhochschule Köln Institut für Medienforschung IMGÖ, Göttingen & Köln Detlef Schnier Institut für Medienforschung IMGÖ, Göttingen & Köln Christian Salwiczek Institut für Medienforschung IMGÖ, Göttingen & Köln Umschlagfotografie: röhr:wenzel, journalistenbüro,Berlin ISBN 3-89158-420-2 Euro 15,- (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen. Eine Organisations- und Programmanalyse 51 Vo lp er s / Sc hn ie r / Sa lw ic ze k Bü rg er fu nk in N or dr he in -W es tf al en Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 51 Helmut Volpers, Detlef Schnier, Christian Salwiczek RZ. LfM-Bd_51 24.11.2005 18:04 Uhr Seite 1 Helmut Volpers, Detlef Schnier, Christian Salwiczek Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 51 Helmut Volpers, Detlef Schnier, Christian Salwiczek Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.ddb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 D – 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 D – 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISBN 3-89158-420-2 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: TYPOLINE – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers In Nordrhein-Westfalen gibt es ein bisher einmaliges System des Offenen Kanals im Radio: den Bürgerfunk. Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger haben hier das Recht, sich in einem der 46 privaten Lokalradios in Nordrhein- Westfalen unmittelbar zu Wort zu melden, denn jeder dieser Sender muss 15 Prozent der täglichen Sendezeit für Bürgerfunk-Beiträge reservieren. Dieses integrierte Konzept der Bürgerbeteiligung entstand unmittelbar im Zusammen- hang mit der Einrichtung des privaten lokalen Hörfunks in Nordrhein-West- falen Ende der achtziger Jahre, mit dem Ziel, die Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern am lokalen Hörfunk zu ermöglichen und einen Vielfaltsbeitrag zum Programm zu leisten. Seitdem ist ein sehr breites Spektrum von Bürger- funkerinnen und Bürgerfunkern unterschiedlicher Alters-, Bildungs- und Inte- ressensgruppen aktiv geworden. Zur Produktion der Beiträge stehen ihnen etwa 150 Radiowerkstätten zur Verfügung. Die Finanzierung des Bürgerfunks erfolgt auf der Basis des § 82 LMG NRW durch die Landesanstalt für Medien NRW, die darüber hinaus versucht hat, seine Entwicklung insbesondere unter dem Aspekt der Qualifizierung der Nutzerinnen und Nutzer zu unterstützen.m Nachdem der Bürgerfunk seit über 15 Jahren on air ist, war es Ziel der nun vorliegenden Studie „Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen · Eine Organisations- und Programmanalyse“, die konkreten Leistungen des Bürgerfunks zu erfassen und zu evaluieren, um auf dieser Basis die vorhandenen Strukturen falls mög- lich weiterentwickeln zu können. Die Evaluation setzt neben einer umfang- reichen Programmuntersuchung auf der Analyse der drei Akteursgruppen an, die in ihrer Interaktion das System Bürgerfunk bestimmen: (1) der einzelne Bürgerfunker bzw. die Bürgerfunkgruppen, (2) die Radiowerkstätten und ihre Träger sowie (3) die Lokalradios. Die Studie zeigt sowohl Stärken als auch wunde Punkte des Bürgerfunks in NRW auf, ohne dabei die heterogene Struk- tur der Bürgerfunklandschaft aus dem Blick zu verlieren. Nachdem bereits auf der diesjährigen Bürgermedientagung in Hattingen ein erster Austausch mit den Betroffenen über Entwicklungspotentiale statt- gefunden hat, sollen die Ergebnisse der Evaluation dazu dienen, neue Impulse für die Diskussion mit allen Beteiligten – Bürgern, Politik und LfM – im Sinne einer Weiterentwicklung des Bürgerfunks zu geben. Prof. Dr. Norbert Schneider Wolfgang Hahn-Cremer Direktor der LfM Vorsitzender der Medienkommission der LfM Inhalt 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 2 Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen – Rahmenbedingungen . . . . 13 2.1 Strukturelle und regionalspezifische Besonderheiten der Bürgerfunklandschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2.2 Entstehung und Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.3 Rechtliche Grundlagen, Finanzierung und Aufgaben der LfM . . 22 3 Konzeption und Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 3.1 Grundlegende Konzeption der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 3.2 Inhaltsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3.3 Erhebungen bei den Akteursgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 3.4 Ergebnisdarstellung und Definition zentraler Begriffe . . . . . . . . . 31 4 Das Programmangebot des Bürgerfunks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 4.1 Die Rahmenbedingungen der Programmproduktion und des Sendungsablaufs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 4.2 Grundstruktur des „Gesamtangebotes“ des Bürgerfunks in NRW . 41 4.3 Das Bürgerfunkprogramm aus Hörerperspektive (standortbezogen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 4.3.1 Stellenwert der standortbezogenen Analyse . . . . . . . . . . . . 51 4.3.2 Sendevolumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 4.3.3 Wort-Musik-Verhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 4.3.4 Informationsanteile und Themenselektion . . . . . . . . . . . . . . 58 4.3.5 Sendungsformate und Vermittlungsformen . . . . . . . . . . . . . 66 4.3.6 Sendegebietsbezug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 4.3.7 Inhaltliche und formale Sendungsqualität . . . . . . . . . . . . . . 78 7 5 Die Akteure des Bürgerfunks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 5.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 5.2 Kommunikatoren – die Mitglieder der Bürgerfunkgruppen . . . . . 82 5.2.1 Soziodemographische Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 5.2.2 Intrinsische Motivation – Typen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 5.2.3 Verhalten in der Bürgerfunkgruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 5.3 Die Bürgerfunkgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 5.3.1 Strukturen und Produktionspraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 5.3.2 Außenbeziehungen der Bürgerfunkgruppen . . . . . . . . . . . . 99 5.3.3 Thematische Schwerpunkte und publizistische Zielsetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 5.3.4 Typen von Bürgerfunkgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 5.4 Die Radiowerkstätten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 5.4.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 5.4.2 Infrastruktur und Produktionspraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 5.4.3 Thematisch-inhaltliche Ausrichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 5.4.4 Organisatorische Einbindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 5.4.5 Außenbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 5.4.6 Typen von Radiowerkstätten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 6 Fazit: Anspruch und Wirklichkeit des Bürgerfunks in NRW . . . . 137 6.1 Das Modell des Bürgerfunks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 6.2 Praxis des Bürgerfunks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 6.2.1 Das Programm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 6.2.2 Die Akteure . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 6.3 Thesen zum Status quo und Entwicklungsmöglichkeiten des Bürgerfunks in NRW . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 7 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 8 Verzeichnis der Übersichten, Abbildungen und Tabellen . . . . . . . . 153 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Standortspezifische Kernergebnisse der Programmanalyse . . . . . . . . . 161 Methodendokumentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 8 1 Einleitung Die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) hat im Jahr 2003 beim Institut für Medienforschung Göttingen&Köln (IM•GÖ) eine Evaluation des Bürgerfunks in Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegeben. Hierzu wurden in einem umfangreichen Forschungsprojekt die Akteure, die Organisations- und Handlungsstrukturen sowie die Produktionen des Bürgerfunks untersucht. Der vorliegende Bericht dokumentiert die zentralen Ergebnisse dieses Forschungs- projektes, das von Juni 2003 bis Februar 2005 durchgeführt wurde. Die Organisation des Bürgerfunks in Nordrhein-Westfalen stellt innerhalb der deutschen Bürgerfunklandschaft eine singuläre Form dar, die nur vor dem Hintergrund des ebenfalls einzigartigen Zwei-Säulen-Modells des nordrhein- westfälischen Lokalfunks zu verstehen ist. In NRW existieren 46 Lokalfunk- Verbreitungsgebiete, in denen jeweils nur ein Lokalradio verbreitet wird.1 Die Programmverantwortung hat hierbei jeweils eine Veranstaltergemeinschaft (VG), während für den wirtschaftlichen Bereich eine Betriebsgesellschaft (BG) zu- ständig ist. Die Lokalradios produzieren in der Regel pro Tag entweder ein fünf- oder ein achtstündiges eigenständiges Programm, verteilt auf das Morgen- programm von 6–9 Uhr und die Nachmittagsstunden. Das sonstige Sende- volumen wird durch radio NRW als Mantelprogramm erstellt. Von ihrer täglichen Sendezeit muss jede Veranstaltergemeinschaft 15 Prozent für Bürgerfunkproduktionen zur Verfügung stellen. Somit existiert im unmittel- baren Umfeld eines unter kommerziellen Bedingungen produzierten lokalen Hörfunkangebots eine „nichtkommerzielle Insel“, die man als „Offenen Kanal- Hörfunk“ auffassen kann. Anders als in vielen anderen Bundesländern üblich gibt es jedoch in NRW keinen institutionalisierten Offenen Kanal für den Hörfunk. Bürger im Verbreitungsgebiet eines Lokalradios, die als Produzenten eines „15 Prozent-Beitrages“ in Erscheinung treten wollen, müssen sich als „Bürgerfunkgruppe“ (mindestens zwei Personen) organisieren. Die technische Infrastruktur und Mithilfe bei der Produktion werden wiederum von so genann- 9 1 Eine Ausnahme bildet das Verbreitungsgebiet Aachen mit zwei Lokalsendern (Stadt und Kreis). ten Radiowerkstätten bereitgestellt. Die Bürgerfunkgruppen erhalten von der LfM einen Produktionskostenzuschuss, der nach Sendevolumen abgerechnet wird (sog. Minutenförderung). Bereits diese knappe Skizze der Rahmenbedin- gungen verdeutlicht, dass es sich beim Bürgerfunk in NRW um eine hoch komplexe Organisationsstruktur handelt. Als unmittelbare Akteure des Bürgerfunks sind zunächst drei Gruppen in den Blick zu nehmen: • die eigentlichen Kommunikatoren, also die Bürgerfunker2 als Individuen, • die Bürgerfunkgruppen als organisatorische Voraussetzung für die Um- setzung individueller Kommunikationsanliegen und • die Radiowerkstätten (und ihre Betreiber) als technisch-funktionale Basis für die Bürgerfunkproduktionen. Neben diesen unmittelbaren Akteuren sind als mittelbare Akteure die Lokal- funkstationen und hier insbesondere ihre Chefredakteure3 sowie die LfM zu berücksichtigen. Als weitere mittelbare Einflussfaktoren auf die Bürgerfunk- produktion kommen die teilweise „hinter den Radiowerkstätten stehenden“ Trägerorganisationen (Kirche, Gewerkschaften, VHS) ins Spiel. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Einflüsse des soziokulturellen Um- felds. Die Bürgerfunker und die Mitarbeiter der Radiowerkstätten stehen in vielfältigen Beziehungsgeflechten innerhalb ihres lokalen Aktionsradius, die in den Bürgerfunk „hineinragen“. Zusammengenommen bilden die Interaktionen dieser Akteursgruppen das System des Bürgerfunks als Ganzes. Innerhalb dieses Gesamtsystems haben sich etliche Subsysteme herausgebildet, die ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes „Eigenleben“ führen. Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, diese Strukturen nachzuzeichnen sowie Stärken und Schwächen des Bürgerfunks in NRW unter organisationssoziologischer Perspektive zu beschreiben. Die primäre Funktion des Bürgerfunks ist es, die Meinungsäußerungsfrei- heit der Bürger gemäß Art. 5 GG auch im Medium Hörfunk zu gewährleisten. Im Ergebnis führt dies zur Produktion von Hörfunkbeiträgen, die – durch eine Struktur fester Sendeplätze – zu einem Bürgerfunkprogramm geformt werden. Der Bürgerfunk tritt in der Öffentlichkeit durch eben dieses Programm in Erscheinung. Hieran wird er gemessen, und hierdurch wird sein Image geprägt. Vor diesem Hintergrund kommt dem programmlichen Output ein zentraler Stellenwert in der vorliegenden Studie zu. 10 2 Der Genus von „Bürgerfunker“ wird als grammatikalisch angesehen, auf die feminine Dopplung Bürgerfunker/ Bürgerfunkerin wird verzichtet. Dies geschieht aus Gründen der besseren Lesbarkeit auch in ähnlichen Fällen, z. B. Bürger. Grundsätzlich sind hiermit immer beide Geschlechter gleichermaßen gemeint. 3 Vgl. Lendzian, Bettina: Der Chefredakteur im Lokalfunk. Position und Funktionen im nordrhein-westfälischen Zwei-Säulen-Modell. Wiesbaden 1999. Im folgenden Kapitel werden die Rahmenbedingungen für den Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen knapp skizziert. Im Kapitel 3 werden Konzeption und Methode der empirischen Untersuchung erläutert. Das vierte Kapitel stellt die Ergebnisse der Programmanalyse auf der Ebene des Gesamtprogramms und der Einzelstandorte dar. Im fünften Kapitel werden die drei wesentlichen Akteursgruppen in den Blick gefasst und die Ergebnisse der Erhebungen bei den Bürgerfunkern, den Bürgerfunkgruppen und den Radiowerkstätten erläutert. Kapitel 6 fasst die zentralen Ergebnisse der Studie zusammen und thematisiert die Situation des Bürgerfunks in Nordrhein-Westfalen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Hierbei wird anhand einer thesenartigen Pointierung der Status quo beschrieben und Perspektiven zur weiteren Entwicklung des Bürgerfunks aufgezeigt. 11 2 Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen – Rahmenbedingungen 2.1 Strukturelle und regionalspezifische Besonderheiten der Bürgerfunklandschaft Der Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen ermöglicht es grundsätzlich allen Bür- gern des Landes, im Medium Hörfunk eigenproduzierte Beiträge zu verbreiten. Er entspricht insofern dem Typus des für jedermann zugangsoffenen Bürger- mediums, wie er auch in anderen Bundesländern existiert. In seiner konkreten Ausformung beruht er allerdings auf einer innerhalb der deutschen Bürger- medienlandschaft einmaligen Konstruktion: Die Programme des Bürgerfunks sind an den 46 Standorten des Lokalfunks in NRW in dessen Programm ein- gebettet. Nach 18 oder 20 Uhr können Radiohörer über die Frequenz ihres Lokalradios durchschnittlich ein bis zwei Stunden pro Tag den Bürgerfunk empfangen. Die eigentlichen Produzenten, die Bürgerfunker, sind in Bürger- funkgruppen oder Redaktionsteams organisiert, die sich zur Produktionshilfe an eine Radiowerkstatt wenden. Da es vor Ort keinen Offenen Kanal (Hörfunk) als Einrichtung gibt, kommt den Radiowerkstätten als Produktionsort eine besondere Bedeutung zu. Ihre wesentliche Aufgabe besteht in der technischen, organisatorischen und redak- tionellen Produktionshilfe für die Bürgerfunkgruppen. Ohne das Equipment, die Räume und das Personal der Radiowerkstätten wäre die Produktion von Hörfunkbeiträgen für radiojournalistische Laien, wie es die Bürgerfunker sind, nicht möglich. Die Radiowerkstätten fungieren häufig auch als Bindeglied zwischen den Bürgerfunkgruppen und der LfM. Das nachfolgende Schaubild stellt das System des Bürgerfunks in Nordrhein- Westfalen schematisch dar. Die medienrechtlichen Rahmenbedingungen des Bürgerfunks sind im Landesmediengesetz festgelegt. Dieses Gesetz trifft aller- dings – wie unten näher ausgeführt wird – nur sehr allgemeine Regelungen. Die konkrete Ausformung des Bürgerfunks wird im Wesentlichen durch Satzungen der LfM und durch die Bedingungen und den Umfang der Produktionszuschüsse geprägt. Auf der Ebene der Produktionspraxis interagieren zunächst die Bürger- 13 funker als Personen, die Bürgerfunkgruppen (als Interessen- und Produktions- gemeinschaften) und die Radiowerkstätten als Produktionshelfer miteinander. Als weiterer Interaktionspartner ist der Lokalfunk anzusehen. Im „Modell des 14 RWM = Radiowerkstätten Mitarbeiter BFK = Bürgerfunker Programmzulieferung soziokulturelles Umfeld Täglicher Senderahmen Bürgerfunk Ebene I: Rahmenbedingungen Ebene III: Lokales Umfeld Ebene II: Produktionspraxis Produktion Lokalradio radio NRW Lokalfunk Bürgerfunkgruppen Radiowerkstätten RWM RWM BFK BFK BFK BFK BFK Produktion RWM RWM RWM Produktion radio NRW Lokalfunk radio NRW Rezipienten Radiowerkstätten Bürgerfunker Rundfunkrecht Finanzierung - Zuschüsse LfM Steuerungsfunktion BFK BFK RWM Übersicht 2-1: System des Bürgerfunks in Nordrhein-Westfalen Bürgerfunks“ ist er zwar nur mittelbar an diesem beteiligt, in der Praxis ist er jedoch ein nicht unerheblicher Einflussfaktor. Er prägt einerseits durch seinen programmlichen Rahmen das radiophone Umfeld, in dem der Bürgerfunk an- gesiedelt ist. Andererseits nimmt er durch Sendezeitrestriktionen – Verschie- bung, Ausfall etc. – und durch Absprachen mit den Radiowerkstätten Einfluss auf das Bürgerfunkprogramm. Ursprünglich war im „Bürgerfunkmodell“ die Veranstaltergemeinschaft als Produktionshilfeeinrichtung für die Bürgerfunkgruppen vorgesehen. In der Praxis konnte sich dieses aber nicht durchsetzen. Da dies per Gesetz nach wie vor originäre Aufgabe der VG ist, schließt diese häufig vor Ort einen Produk- tionshilfevertrag mit den Radiowerkstätten ab und lässt die Produktionshilfe gegen Entgelt von den Radiowerkstätten durchführen. Die Implementierung des Offenen Kanals-Hörfunk in das Programm der Lokalfunkstationen erfolgt in unmittelbarem Anschluss an das eigenproduzierte Lokalradioangebot. Je nach Verbreitungsgebiet senden die Lokalfunkstationen fünf oder acht Stunden eigenproduziertes Programm, der Rest des Tagespro- gramms kommt – mit Ausnahme des Bürgerfunks – von radio NRW – als Mantelprogramm für alle Lokalradios in NRW. Im Regelfall ist das Sende- umfeld des Bürgerfunks also vorher durch das Lokalradio- und nachher durch das radio NRW-Programm markiert. Das Umfeld eines kommerziellen Radio- programms ist für den Bürgerfunk nicht unproblematisch und innerhalb der deutschen Bürgermedienlandschaft ungewöhnlich. Faktisch bedeutet es fast immer, dass der Rezipient des Lokalfunks durch den Bürgerfunk einen Bruch seiner Hörerwartungen und Hörgewohnheiten erfährt oder dass der Bürgerfunk sich im Format seinem Umfeld anpassen muss. Beide Varianten sind für ein Bürgermedium keine optimale „Lösung“. Im ersten Fall riskiert der Bürgerfunk einen Wegschaltimpuls der Hörer, im zweiten Fall muss er sich affirmativ dem Lokalfunk anpassen und verliert dadurch ggf. sein eigenständiges Profil. Wie der Bürgerfunk mit dieser Ausgangslage umgeht, ist Gegenstand der Unter- suchung und wird in Kapitel 4 erörtert. Das programmliche Umfeld des Bürger- funks ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet4: • Im Lokalradio dominiert die Musik als vorherrschendes Programmelement.n • Die Wortstrecken werden hier überwiegend kurz gehalten und der Pro- grammablauf ist durch den häufigen Einsatz von Jingles/ Trailern sowie Regie- und Unterhaltungsmoderation stark fragmentiert. 15 4 Vgl. Volpers, Helmut /Salwiczek, Christian/Schnier, Detlef: Inhaltsanalyse – Kommunikationsangebote in lokalen Medienlandschaften. In: Pätzold, Ulrich/Röper, Horst/Volpers, Helmut (Hg.): Strukturen und Angebote lokaler Medien in Nordrhein-Westfalen. Opladen 2003 (Schriftenreihe Medienforschung der LfM NRW; Bd. 47), S. 164. • Das vorherrschende Sendeformat sind Magazinsendungen mit überwiegend unterhaltender Anmutung. • Ressortmagazine und monothematische Sendungen bilden im Programm des Lokalradios eine Ausnahme. Die dritte Ebene im System des Bürgerfunks bildet sein lokales Umfeld. Hier sind es einerseits die Hörer des Lokalfunks, die ein bestimmtes Image vom Bürgerfunk haben, das die Rezeption fördert oder verhindert. Andererseits gibt es Exklusivhörer des Bürgerfunks, die dieses Programm gezielt einschalten und eine spezifische Erwartungshaltung an die Bürgerfunkproduktion heran- tragen. Weitere Einflussfaktoren sind das soziokulturelle Umfeld, in dem die Bürgerfunkgruppen und Radiowerkstätten agieren. In diesem soziokulturellen Umfeld entstehen die Bürgerfunkgruppen und ihre spezifischen Produktions- interessen. 16 Hamm Unna Soest Dortmund Hagen Wuppertal Herne Bochum Essen Duisburg Krefeld Düsseldorf Mönchengladbach Münster Bielefeld Köln Leverkusen Bonn DürenAachen Borken Rheine Warendorf Dülmen Rheinberg Recklinghausen Gelsenkirchen Paderborn Detmold Minden Gütersloh Meschede Siegen Iserlohn Kürten Solingen Mettmann Hürth Würselen Mülheim Neuss Kleve Herford Euskirchen Hagen, Stadt Aachen 2 Symbol gibt die Anzahl der Radiowerkstätten anSymbol gibt die Anzahl der Radiowerkstätten an Übersicht 2-2: Lokalradio-Standorte und Radiowerkstätten in NRW Daten: Anzahl der Radiowerkstätten pro Verbreitungsgebiet nach eigener Recherche (Stand: 2003) Ortsnennungen = Studiostandorte des Lokalradios 17 Verbreitungsgebiet 2004 2003 2002 2001 2000 Kreis Aachen (107.8 Antenne AC) 120 119 117 117 114 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) 88 117 118 117 116 Bielefeld (Radio Bielefeld) 90 84 72 70 69 Bochum (Radio 98,5) 90 93 80 82 75 Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) 99 101 79 75 76 Kreis Borken (Westmünsterlandwelle) 8 8 5 5 6 Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck (Radio Emscher-Lippe) 84 83 90 84 86 Kreis Coesfeld (Radio Kiepenkerl) 14 8 9 8 7 Dortmund (Radio 91,2) 89 86 83 67 70 Düren (Radio Rur) 75 75 71 73 97 Düsseldorf (Antenne Düsseldorf) 129 129 123 116 108 Duisburg (Radio Duisburg) 104 104 103 106 105 Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) 22 15 17 17 22 Erftkreis (Radio Erft) 45 33 48 48 39 Essen (Radio Essen) 159 101 98 84 92 Euskirchen (Radio Euskirchen) 64 48 43 38 20 Gütersloh (Radio Gütersloh) 65 45 37 45 43 Hagen (Radio Hagen) 43 34 33 35 21 Hamm (Lippewelle Hamm) 66 66 66 64 63 Kreis Heinsberg (Welle West) 64 69 69 58 56 Herford (Radio Herford) 57 63 66 62 71 Herne (Radio Herne 90acht) 32 35 28 30 33 Hochsauerlandkreis (Radio Sauerland) 21 23 29 14 – Kreis Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) 54 50 46 45 44 Kreis Kleve (Antenne Niederrhein) 80 79 57 58 58 Köln (Radio Köln) 107 106 111 110 103 Kreis Krefeld/Viersen (Welle Niederrhein) 81 81 81 79 83 Leverkusen (Radio Leverkusen) 15 10 18 24 11 Kreis Lippe (Radio Lippe) 72 66 44 47 38 Märkischer Kreis (Radio MK) 103 103 101 103 103 Kreis Mettmann (Radio Neandertal) 43 42 38 24 27 Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) 50 47 37 36 43 Mönchengladbach (Radio 90,1) 63 61 61 60 60 Mülheim/Oberhausen (Antenne Ruhr) 128 126 116 108 111 Münster (Antenne Münster) 102 103 101 97 97 Kreis Neuss (NE-WS 89,4) 24 25 14 20 11 Oberberg./Rh.-Berg.Kreis (Radio Berg) 71 70 73 71 70 Kreis Recklinghausen (Radio FiV) 71 67 71 59 61 Remscheid/Solingen (Radio RSG) 62 61 50 51 50 Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) 47 48 46 34 27 Kreis Soest (Hellweg Radio) 66 65 67 64 67 Kreis Steinfurt (Radio RST) 20 19 17 15 8 Unna (Antenne Unna) 72 69 64 68 69 Kreis Warendorf (Radio WAF) 46 43 40 42 49 Kreis Wesel (Radio K. W.) 75 75 76 66 89 Wuppertal (Radio Wuppertal) 89 88 74 75 74 Mittelwert 69 66 63 60 60 Quelle: Tagesdurchschnittswerte für das jeweils 3. Quartal eines Jahres aus der Bürgerfunk-Statistik der LfM Tabelle 2-1: Entwicklung des Bürgerfunk-Programmvolumens von 1995 bis 2004 in Minuten (Fortsetzung nächste Seite) 18 Verbreitungsgebiet 1999 1998 1997 1996 1995 Kreis Aachen (107.8 Antenne AC) 113 127 89 59 58 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) 114 46 45 50 50 Bielefeld (Radio Bielefeld) 71 68 72 61 63 Bochum (Radio 98,5) 79 60 60 72 63 Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) 77 76 70 80 73 Kreis Borken (Westmünsterlandwelle) 1 3 3 4 5 Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck (Radio Emscher-Lippe) 77 82 81 80 77 Kreis Coesfeld (Radio Kiepenkerl) 8 7 8 7 7 Dortmund (Radio 91,2) 82 77 67 49 37 Düren (Radio Rur) 96 103 97 101 105 Düsseldorf (Antenne Düsseldorf) 104 80 82 59 48 Duisburg (Radio Duisburg) 103 104 103 127 118 Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) 13 9 9 6 5 Erftkreis (Radio Erft) 18 56 51 42 47 Essen (Radio Essen) 104 103 111 112 107 Euskirchen (Radio Euskirchen) 11 37 13 – – Gütersloh (Radio Gütersloh) 36 43 25 37 20 Hagen (Radio Hagen) 13 16 14 7 11 Hamm (Lippewelle Hamm) 60 38 29 24 36 Kreis Heinsberg (Welle West) 54 113 109 85 81 Herford (Radio Herford) 65 50 47 44 46 Herne (Radio Herne 90acht) 37 40 37 33 58 Hochsauerlandkreis (Radio Sauerland) 4 4 0 1 0 Kreis Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) 46 41 42 48 53 Kreis Kleve (Antenne Niederrhein) 61 43 51 46 45 Köln (Radio Köln) 104 87 84 89 75 Kreis Krefeld/Viersen (Welle Niederrhein) 82 83 76 78 62 Leverkusen (Radio Leverkusen) 26 23 22 10 10 Kreis Lippe (Radio Lippe) 54 45 29 29 43 Märkischer Kreis (Radio MK) 110 101 103 103 99 Kreis Mettmann (Radio Neandertal) 22 13 17 18 21 Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) 48 43 46 50 51 Mönchengladbach (Radio 90,1) 61 59 51 55 51 Mülheim/Oberhausen (Antenne Ruhr) 111 111 110 81 68 Münster (Antenne Münster) 97 95 98 102 103 Kreis Neuss (NE-WS 89,4) 20 19 22 29 35 Oberberg./Rh.-Berg.Kreis (Radio Berg) 69 46 42 47 – Kreis Recklinghausen (Radio FiV) 61 69 58 56 55 Remscheid/Solingen (Radio RSG) 54 51 48 45 39 Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) 31 26 33 15 19 Kreis Soest (Hellweg Radio) 67 66 54 54 55 Kreis Steinfurt (Radio RST) 3 9 9 13 9 Unna (Antenne Unna) 69 64 77 67 55 Kreis Warendorf (Radio WAF) 58 54 9 10 13 Kreis Wesel (Radio K. W.) 86 81 102 98 101 Wuppertal (Radio Wuppertal) 76 77 78 76 76 Mittelwert 60 58 54 51 49 Quelle: Tagesdurchschnittswerte für das jeweils 3. Quartal eines Jahres aus der Bürgerfunk-Statistik der LfM Tabelle 2-1: Entwicklung des Bürgerfunk-Programmvolumens von 1995 bis 2004 in Minuten (Fortsetzung) Ein besonderes Merkmal des Bürgerfunks im Land Nordrhein-Westfalen ist seine breite Streuung bzw. flächendeckende Verbreitung. Die Karte zeigt die Verbreitungsgebiete des Lokalfunks, die ja gleichermaßen Bürgerfunkverbrei- tungsgebiete sind, und die pro Standort jeweils vorhandenen Radiowerkstätten. Aus der flächendeckenden Verbreitung des Bürgerfunks resultiert auch eine hohe Heterogenität. So schwankt die Anzahl der Bürgerfunkgruppen und Radio- werkstätten von Ort zu Ort ganz erheblich. Dasselbe gilt für die Dauer des Bürgerfunkprogramms pro Sendetag, die – im arithmetischen Mittelwert – eine Spannbreite von acht Minuten bis zu zwei Stunden umfasst. Die Tabelle 2-1 zeigt die Sendeminuten des Bürgerfunks pro Standort in Tagesdurchschnitts- werten von 1995 bis 2004. Dargestellt ist jeweils der Durchschnittswert des 3. Quartals. Hieraus wird deutlich, dass an einigen Standorten das Programm- angebot des Bürgerfunks dauerhaft niedrig (z. B. Borken) oder aber hoch (z. B. Duisburg) ist. 8 In der überwiegenden Zahl der Verbreitungsgebiete des Lokalfunks lässt sich aber seit 1995 eine Steigerung des Volumens der Bürgerfunkproduk- tionen feststellen. Dies spricht für die Kontinuität des Bürgerfunks und seine Attraktivität bei den Produzenten in NRW. Beachtlich sind die absoluten Zahlen der Akteure und des Programmvolumens des Bürgerfunks in NRW. In der folgenden Tabelle sind die Werte für das Jahr 2003 aufgelistet. Die Werte für die Anzahl der Bürgerfunkgruppen stellen eine Hochrechnung aufgrund der Daten der empirischen Erhebung dar. Die Zahlen für das Programmvolumen und die Radiowerkstätten basieren auf Angaben der LfM. Im Jahr 2003 gab es in NRW 150 anerkannte Radiowerkstätten, die insgesamt 2.680 Bürgerfunkgruppen betreut haben. Davon waren 1.090 regel- mäßig produzierende und 1.590 sporadisch produzierende Bürgerfunkgruppen. Hieraus resultiert hochgerechnet eine Anzahl von über 18.000 Personen bei einem arithmetischen Mittel von 6,5 Personen pro Bürgerfunkgruppe, die als Bürgerfunker aktiv waren. Das Sendevolumen aller Ausstrahlungen betrug im Jahr 2003 insgesamt rund 18.170 Stunden. Anzahl Anzahl der Lokalradio-Sendegebiete 46 Anzahl der anerkannten Radiowerkstätten 150 Anzahl der Bürgerfunkgruppen insgesamt* 2.680 regelmäßig produzierende Bürgerfunkgruppen 1.090 sporadisch produzierende Bürgerfunkgruppen 1.590 Anzahl der aktiven Bürgerfunker* 18.000 Gesamtsendevolumen des Bürgerfunks (in Std.) 18.170 19 Tabelle 2-2: Kerndaten des Bürgerfunks in Nordrhein-Westfalen 2003 * Hochrechnung aus den Befragungsergebnissen Erhebliche Unterschiede existieren zwischen den Verbreitungsgebieten in der inhaltlichen Ausrichtung der Bürgerfunkprogramme. Dies ist u. a. auf die höchst unterschiedlichen Strukturvoraussetzungen in den Verbreitungsgebieten zurückzuführen. So ist es nahe liegend, dass in einer Universitätsstadt wie Münster, noch dazu mit einem Medienstudiengang, sich eine andere Nutzer- schaft als Bürgerfunkgruppe formiert als etwa in ländlichen Verbreitungs- gebieten wie Coesfeld oder Höxter/Paderborn. Die Interessen der Nutzerschaft schlagen sich im Bürgerfunk – das ist ja sein Grundprinzip – unmittelbar im Programm nieder. Als Einflussfaktor auf das Programm ist auch die „Tendenz“ der Radiowerkstatt zu sehen. Zum einen ist die Radiowerkstatt eine „neutrale“ Produktionshilfe, zum anderen sind aber viele Radiowerkstätten eingebunden in eine Trägerorganisation mit spezifischer Ausrichtung (z. B. Kirche) oder nehmen von sich aus inhaltlich-thematische Schwerpunktsetzungen vor. 2.2 Entstehung und Entwicklung Gründungsphase Der Aufbau des Bürgerfunks in Nordrhein-Westfalen erfolgte zu Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Von Anfang an war im nordrhein-west- fälischen Modell des Bürgerfunks die Selbstorganisation der Nutzer (Bürger als Produzenten) das wesentliche Strukturelement. Der Bürgerfunk sollte sich vor Ort – und dies ist im vorliegenden Fall das Verbreitungsgebiet des Lokal- funks – weitgehend selbst organisieren. Den Humusboden für die Entwicklung des Bürgerfunks bildeten die Anfang der 90er Jahre bereits existierenden Radio- vereine sowie eine Vielzahl von Gruppierungen und an der Radioarbeit interes- sierte Organisationen.5 Als zentraler Faktor bei der Herausbildung eines funk- tionierenden Systems des Bürgerfunks sind die Produktionshilfeeinrichtungen anzusehen. Das Landesrundfunkgesetz (LRG NW) sah in der damaligen Fas- sung in § 24, Abs. 4 vor, dass die Veranstaltergemeinschaften den Bürgerfunk- gruppen Produktionshilfe zur Verfügung stellen müssen. Der Gesetzgeber hatte allerdings versäumt, Sanktionsmöglichkeiten bei Nichteinhaltung dieser Rege- lung zu schaffen. Im Ergebnis führte dies dazu, dass die Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen (LfR)6 letztlich eine andere Form der Produk- tionshilfe beförderte. Im Jahr 1993 wurde das System der „anerkannten Radio- werkstätten“ eingeführt. Hierdurch wurde sichergestellt, dass in jedem Verbrei- tungsgebiet ausreichende Kapazitäten zur Produktionshilfe für die Bürgerfunker 20 5 Vgl. zu diesem Abschnitt: Schmid, Wilfried: Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen. In: Kamp, Ulrich (Hg.): Handbuch Medien. Offene Kanäle. Bonn 1997, S. 98–101. 6 Vormalige Bezeichnung der heutigen Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). zur Verfügung stehen. Die Gründungsphase des Bürgerfunks in NRW kann in etwa Mitte des Jahres 1993 als abgeschlossen angesehen werden. Zu diesem Zeitpunkt waren 165 Radiowerkstätten anerkannt und die Produktion des Bür- gerfunks sowie das System der Sendeplatzvergabe hatte sich „eingespielt“.7m Konsolidierung In den folgenden Jahren begann sich der Bürgerfunk zu konsolidieren. Deut- licher Ausdruck dieser Konsolidierung ist das steigende Volumen der Bürger- funkproduktionen (s. o.). Zu dieser Phase gehörten auch zahlreiche gerichtliche Entscheidungen zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Akteursgruppen. Von Anfang an bestand ein (im System weitgehend vorprogrammiertes) Span- nungsverhältnis zwischen dem Lokalfunk – und hier insbesondere deren Chef- redakteuren – und dem Bürgerfunk. Es war eine wesentliche Aufgabe der LfR, in diesen Meinungsverschiedenheiten zu vermitteln bzw. teilweise per Ver- waltungsakt Entscheidungen zu treffen, die dann die Gerichte beschäftigten. Im Kern ging es häufig um Entscheidungen des Lokalfunks, bestimmte Beiträge in Wahrnehmung ihrer Programmverantwortung nicht auszustrahlen. Nach § 24, Abs. 5 LRG NW lag die rechtliche Verantwortung für die Bürgerfunk- beiträge bei der Veranstaltergemeinschaft, die aufgrund dessen Beiträge nicht zur Ausstrahlung bringen konnte. Bei Meinungsverschiedenheiten mussten die entsprechenden Fälle der LfR laut § 24, Abs. 7 LRG NW zur Entscheidung vorgelegt werden. Im Laufe der Jahre ist eine deutliche Reduktion entsprechen- der Meinungsverschiedenheiten festzustellen.8 Paradigmenwechsel Während Ende der 80er Jahre die Begriffe Partizipation und Gegenöffentlich- keit innerhalb demokratietheoretischer Diskussionen noch einen hohen Stellen- wert hatten, ließ im Laufe der 90er Jahre das gesellschaftliche Interesse an diesem Thema nach. Die Akzeptanz von Bürgermedien nahm sowohl innerhalb der Politik als auch innerhalb der Landesmedienanstalten und in weiten Teilen der Gesellschaft spürbar ab. Bürgermedien werden nun nicht mehr als un- verzichtbarer Bestandteil des dualen Rundfunksystems angesehen. Diese Ent- wicklung zeigte auch Spuren innerhalb der Bürgerfunkszene in NRW. So lässt sich hier ein Wandel im Selbstverständnis beobachten, der personell durch einen „Generationswechsel“ begleitet wurde. Die erste Generation hatte viel- fach eine grundsätzliche „Anti-Haltung“ und betrieb Radio bzw. Bürgerfunk aus einer kritischen Radiotheorie (s. o.) heraus in der Tradition der Freien 21 7 Vgl. O. V.: Lokalfunk 2000 in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1996 (LfR-Materialien Bd. 12), S. 33–36. 8 Vgl. ebenda, S. 35. Radios. Entsprechende „Urgesteine“ der Bürgerfunkszene leiten auch heute immer noch Radiowerkstätten (z. B. Tiere im Kulturdschungel in Bielefeld, LORA in Bonn, Medienforum in Duisburg, Bielefelder Jugendring). Aufs Ganze gesehen hat jedoch ein Wechsel der Akteure stattgefunden. Es ist eine neue Generation herangewachsen, die sich in der Radiopraxis stärker als vor- mals am Format des Lokalradios orientiert, um möglichst kompatibel zu sein. Diese „jungen“ Bürgerfunker werden von anderen intrinsischen Motiven bei ihrem Bürgerfunkengagement geleitet als die erste Generation.9 Der Direktor der LfM Norbert Schneider hat diese Tendenz im Jahr 2002 in einem Vortrag auf den Punkt gebracht: „Die Bürgermedien waren einmal gedacht als eine Art von Vielfaltsreserve für den Privatfunk. Heute wird niemand im Ernst be- haupten wollen, dass diese Idee noch irgendeine Bedeutung hat.“10 In der Bürgermedienszene hat dies – auch in NRW – zu einem Paradigmen- wechsel geführt. Neben der eher demokratietheoretisch legitimierten Funktion der Bürgermedien zur Schaffung von Partizipation und Gegenöffentlichkeit (Vielfaltsreserve) tritt nun die pragmatische Aufgabenstellung der Medien- kompetenzvermittlung. Durch die Novellierung des Landesrundfunkgesetzes zum Landesmediengesetz Nordrhein-Westfalen (LMG NRW) im Jahr 2002 wird dieser Paradigmenwechsel indirekt gefördert: „In den Regelungen zu den Möglichkeiten der künftigen Förderung der Bürgermedien wird deutlich, dass neben der (Beibehaltung der) unmittelbaren Beteiligung von Bürgern (Partizipa- tion) an den elektronischen Medien und unter Einbeziehung der digitalen Zukunft die Bürgermedien auch einen Beitrag zur Vermittlung von Medien- kompetenz leisten können und sollen“.11 2.3 Rechtliche Grundlagen, Finanzierung und Aufgaben der LfM Im vorhergehenden Kapitel wurden bereits die gesetzliche Grundlage des Bürgerfunks und deren Auswirkungen auf die Praxis angesprochen. Seit der Existenz des Bürgerfunks ist das Medienrecht in NRW mehrfach novelliert worden. Hierbei sind die Bestimmungen über den Bürgerfunk im Wesentlichen unverändert geblieben. Nach wie vor legt das Landesmediengesetz nur einen groben rechtlichen Rahmen fest und überlässt die konkrete Ausgestaltung vieler Bestimmungen den entsprechenden Satzungen der LfM. Im Folgenden 22 9 Siehe hierzu ausführlich Kap. 5. 10 Schneider, Norbert: Das neue Landesmediengesetz – einige Anmerkungen zu seinen Absichten und Tendenzen. Vortrag im Seminar für Rundfunkrecht am 15. Oktober 2002 in Köln. Unveröffentlichtes Manuskript. 11 O. V.: Eckpunktepapier zur künftigen Förderung der Bürgermedien. Integration von Partizipation und Medien- kompetenz. LfM, Februar 2003. werden nunmehr das derzeit gültige, im Jahr 2002 novellierte Landesmedien- gesetz und die daraus resultierenden Satzungen knapp skizziert. Die bedeutendste Änderung bezüglich des Bürgerfunks, welche die Novel- lierung ergab, ist in der zusammenfassenden Behandlung aller Bürgermedien in Abschnitt VIII des LMG NRW zu sehen. Im Grundsatz hat die Novellierung des Landesmediengesetzes den Bürgerfunk in seinem Bestand nicht angetastet, sondern hat vielmehr bezüglich der Finanzierung einen Bestandsschutz in § 82 Abs. 2 festgeschrieben. Noch weitergehend als es in den vorhergehenden gesetz- lichen Regelungen der Fall war, wird der LfM durch ihre Satzungsgebung eine Lenkungsfunktion für den Bürgerfunk übertragen. Der Bürgerfunk wird im Wesentlichen „gesteuert“ durch die beiden folgen- den Satzungen: • „Satzung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) über die Nutzung von Sendezeiten für den Bürgerfunk im lokalen Hörfunk (Nut- zungssatzung Hörfunk)“ und die • „Satzung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) über die Förderung der Bürgermedien gem. 82 Abs. 5 Satz 1 LMG NRW (Förder- satzung Bürgermedien)“. Im Kern regeln die dort formulierten Bestimmungen, wer unter welchen Be- dingungen Bürgerfunk produzieren darf und wie die Bürgerfunkproduktionen bezuschusst werden. Die Teilnahme am Bürgerfunk steht im Grundsatz jedem offen, der nicht Mitglied einer Veranstaltergemeinschaft ist bzw. dort beschäftigt ist. Aus- genommen von dieser Beschränkung sind die Vertreter der anerkannten Radio- werkstatt mit Sitz im Verein der Veranstaltergemeinschaft. Für die Praxis ist vor allem das Prinzip des Wohnsitzes von Bedeutung. In § 2 der Nutzersatzung ist die Zugangsberechtigung auf Personen beschränkt, die ihren Hauptwohnsitz im Verbreitungsgebiet haben. Dies bezieht sich allerdings auf die Ausstrahlung der Beiträge. Die Produktion kann hingegen in einer Radiowerkstatt außerhalb des Verbreitungsgebietes des Wohnortes erfolgt sein. So produzieren z. B. Studenten der Uni Bielefeld häufig in Herford, die Beiträge werden hingegen in Bielefeld gesendet. Für die Realisierung der Hörfunkbeiträge ist die Finanzierung der Kosten ein wesentlicher Faktor. In § 2 der Fördersatzung ist die allgemeine Förderung von Bürgerfunkbeiträgen geregelt. Hiernach werden ausgestrahlte Beiträge mit einem Zuschuss pro Sendeminute gefördert. Die Fördersätze werden durch die LfM nach Maßgabe ihres Haushalts jährlich festgelegt. Unterschieden wird hierbei nach Produktionen, die in einer anerkannten Radiowerkstatt erfolgen und anderen Freien12. Im ersten Fall ist der Zuschuss deutlich höher (2 Euro 23 12 So genannte „Küchentisch-Bürgerfunker“, die ihre Produktionen im häuslichen Umfeld erstellen. pro Minute für die ersten 30 Minuten pro Verbreitungsgebiet), danach sinkt die Minutenförderung. Im zweiten Fall werden pro Sendeminute 0,25 Euro bezu- schusst. Die Aufgabe der LfM in Bezug auf den Bürgerfunk beschränkt sich aller- dings nicht auf eine rein administrative Verwaltungstätigkeit. Vielmehr ist die LfM ganz wesentlich an der inhaltlichen und qualitätssichernden Entwicklung des Bürgerfunks beteiligt. Dies geschieht u. a. durch die Förderung von Modell- und Pilotprojekten (in den letzten Jahren z. B. „Lokale Medienkompetenznetz- werke – Mekomnet Münster“ oder Netzwerkprojekt „Westliches Münsterland“) und von Qualifizierungsmaßnahmen. Darüber hinaus initiiert die LfM regel- mäßig Tagungen und Workshops zu Bürgermedienthemen. Den Mitarbeitern der Radiowerkstätten werden pro Jahr zwei Weiterbildungsveranstaltungen an- geboten, wobei eine davon der verpflichtenden Teilnahme unterliegt. 24 3 Konzeption und Methode 3.1 Grundlegende Konzeption der Studie Die grundlegende Konzeption der Studie orientiert sich an einem aus der Systemtheorie abgeleiteten Modell des Bürgerfunks. Demnach lässt sich der Bürgerfunk in NRW als ein Interaktionssystem zwischen den Bürgerfunkern, den Bürgerfunkgruppen, den Radiowerkstätten, den Lokalradios und nicht zuletzt dem lokalen Mikrokosmos verstehen. Das Beziehungsgeflecht zwischen den Akteuren ist in den einzelnen Verbreitungsgebieten jeweils anders gefloch- ten. Eine Hypothese der Untersuchung besteht darin, dass die lokal unterschied- lichen Interessen der Akteure und ihre Interaktionsmuster Auswirkungen auf die Quantität und Qualität der Bürgerfunkproduktionen haben. Diese Zusam- menhänge aufzudecken ist eine der Aufgaben der Studie. Das methodische Vorgehen bei den Erhebungen folgte dem Grundgedanken der Handlungsforschung. Es wurde angestrebt, die beforschten Personen mög- lichst kooperativ in den Forschungsprozess einzubeziehen, um Vorbehalte gegen- über einer Evaluation der eigenen Tätigkeiten und Leistungen abzubauen. Eine forschungsleitende Prämisse der Studie ist es, dass der Bürgerfunk als Ganzes primär an seinem Output (also seinem Programm) gemessen und beurteilt werden muss. Einen wichtigen Teil der Studie bildet daher eine umfangreiche Inhaltsanalyse des Bürgerfunkprogramms. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse dieser Analyse wird dann gefragt, welche Faktoren für die Entstehung dieses Programms ausschlaggebend sind. Ein grundlegendes forschungspraktisches Problem der Studie besteht in der Größe des Untersuchungsgegenstandes „Bürgerfunk in NRW“. Eine Vollerhe- bung war deshalb lediglich bei den 150 Radiowerkstätten möglich. Die Vielzahl der existierenden Bürgerfunkgruppen und Bürgerfunker als Personen sowie das große Programmvolumen ließ hingegen aus forschungsökonomischen Gründen eine Vollerhebung in diesen Forschungsfeldern nicht zu. Die deshalb not- wendige Stichprobenbildung bei der Programmanalyse, den Bürgerfunkern und Bürgerfunkgruppen konnte aus Gründen der heterogenen Grundgesamtheit nicht als einfache Zufallsstichprobe gezogen werden. Vielmehr wurde eine 25 noch zu erläuternde mehrstufige Stichprobenkonzeption notwendig. Die Studie besteht aus verschiedenen aufeinander bezogenen Forschungsmodulen, die in der folgenden Übersicht schematisch dargestellt sind. Den empirischen Erhebungen in den unterschiedlichen Forschungsfeldern wurde eine ausführliche Explorationsphase vorgeschaltet. In dieser Exploration wurden zunächst eine Dokumentenanalyse des umfangreichen statistischen Materials der LfM zum Bürgerfunk vorgenommen sowie eine Sekundäranalyse vorliegender Erhebungen zum Bürgerfunk durchgeführt. Zusätzlich wurden Leitfadengespräche mit Bürgerfunkgruppen und Mitarbeitern von Radiowerk- stätten geführt. Auf dieser Grundlage wurden die Erhebungsinstrumente für die Akteursbefragung entwickelt. Im nächsten Schritt erfolgten die repräsen- tativen Befragungen in den Akteursgruppen. Die Auswertung der Ergebnisse aus der Exploration und den Befragungen bildete die Grundlage für die Aus- wahl der Untersuchungsgebiete der qualitativen Erhebungen. Die folgende Aufstellung zeigt die Forschungsfelder und das den Erhebungen jeweils zu- grunde liegende erkenntnisleitende Interesse. Forschungsfeld Erkenntnisinteresse Programm • Art und Umfang des Bürgerfunkprogramms • Qualität des Bürgerfunkprogramms Bürgerfunker (als Personen) • Soziodemographische Struktur • Intrinsische Motive • Inhaltliche Präferenzen • Interaktionen • Typen Bürgerfunkgruppen • Gruppenzusammensetzung • Gruppendynamik • Produktionsprozess • Inhaltliche Präferenzen • Interaktionen • Typen Radiowerkstätten • Ausstattung • Produktionsprozess • Organisatorische Einbindung • Interaktionen • Typen Chefredakteure des Lokalfunks • Verhältnis zum Bürgerfunk • Image des Bürgerfunks 26 27 Ergebnisse der Evaluation Datenauswertung und Quotenbildung Festlegung der Untersuchungsgebiete für qualitative Erhebungen Radiowerk- stätten Bürgerfunk- gruppen Programm Bürgerfunker als Einzelperson Sekundäranalyse Leitfadengespräche Optimierung der Erhebungsinstrumente Entwicklung der Erhebungsinstrumente Pretests InhaltsanalyseSchriftliche Befragung Ausgewählte Untersuchungsgebiete Radiowerk- stätten Bürgerfunk- gruppen Chefredakteure Leitfadengespräche Gruppendiskussionen Teilnehmende Beobachtungen Leitfadengespräche Übersicht 3-1: Grundkonzeption der Untersuchung Bezogen auf die oben genannten Forschungsfelder wurden folgende Stich- proben für die Erhebung gebildet: Für die Programmanalyse wurde eine Stich- probe von zwei zusammenhängenden natürlichen Wochen (vom 17.–30. 09. 2003) von allen 46 Lokalfunkstationen angefordert. Hiervon haben 43 Lokal- funkstationen die Sendemitschnitte angeliefert. Aus diesem Sendematerial wurde eine Teilstichprobe von 30 Verbreitungsgebieten nach Quotenmerkmalen (regionale Verteilung, Größe der Verbreitungsgebiete, Programmvolumen) ge- bildet. Das Untersuchungsmaterial umfasst ein Sendevolumen von 411 Stunden, das entspricht 62 Prozent des im Stichprobenzeitraum gesendeten Bürgerfunk- programms in NRW. Die nachfolgende Karte zeigt die Untersuchungsregionen mit ihren jeweils analysierten Programmvolumina. 28 Hamm Unna Soest Dortmund Hagen Wuppertal Herne Bochum Essen Duisburg Krefeld Düsseldorf Mönchengladbach Münster Bielefeld Köln Leverkusen Bonn Düren Aachen Borken Rheine Warendorf Dülmen Rheinberg Recklinghausen Gelsenkirchen Paderborn Detmold Minden Gütersloh Meschede Siegen Iserlohn Kürten Solingen Mettmann Hürth Würselen Mülheim Neuss Kleve Herford Euskirchen Hagen, Stadt Aachen 2 keine Programmanalyse durchgeführt bis 10 Std. Programmvolumen 10 bis 20 Std. Programmvolumen über 20 Std. Programmvolumen Übersicht 3-2: Untersuchungsregionen der Programmanalyse Alle im Untersuchungszeitraum existierenden Radiowerkstätten wurden schriftlich befragt. Für die Befragung der Bürgerfunkgruppen und der Bürger- funker wurde eine geschichtete Zufallsstichprobe gezogen. Hierzu wurde in den Radiowerkstätten ein Adressen-Sample von Bürgerfunkgruppen (bzw. deren Ansprechpartner) erhoben. Aus diesem Pool von Adressen wurde dann eine Zufallsstichprobe für die schriftliche Befragung gezogen. Im Zuge dieser Be- fragung wurden auch die Fragebogen für die Personenbefragung (Bürgerfunker) versandt, die durch die „Gruppenleiter“ an die Einzelpersonen verteilt wurden.n Aus den Befragungen der Radiowerkstätten resultiert ein Rücklauf von 119 Fragebögen, das entspricht einer Rücklaufquote von 79 Prozent. An die Bürgerfunkgruppen wurden 495 „Gruppenfragebögen“ versandt und ein Rück- lauf von 143 erzielt, dies bedeutet eine Rücklaufquote von 29 Prozent. Der Rücklauf der Einzelbefragung beträgt 443 Personenfragebogen, aufgrund des Schichtenmodells entspricht der Rücklauf hier ebenfalls rund 29 Prozent. 29 Übersicht 3-3: Stichprobenkonzeption Sprecher Adressen der jeweiligen Bürger- funkgruppen Befragung der Radiowerkstätten Aktive in Bürgerfunkgruppen Radio- werkstatt 2 Radio- werkstatt 1 Radio- werkstatt 3 Radio- werkstatt n ... Verantwortliche der Radiowerkstätten ......... Befragung der Bürgerfunkgruppen ... Bürgerfunk- gruppe n Bürgerfunk- gruppe 3 Bürgerfunk- gruppe 2 Bürgerfunk- gruppe 1 Befragung von Aktiven der Bürgerfunkgruppen ...Aktiver 1 Aktiver n Aktiver 3 Aktiver 2 3.2 Inhaltsanalyse Das Untersuchungsmaterial wurde von den Lokalfunkstationen auf unterschied- lichen Datenträgern (Videobänder – analog –, CD, MC, DAT) angeliefert. Analog vorliegende Sendemitschnitte wurden digitalisiert und das komplette Material technisch aufbereitet. Die Analyse wurde mit der vom IM•GÖ ent- wickelten Computerunterstützten Medienanalyse Software (CuMAS) durch- geführt. Das Sendematerial wurde komplett abgehört und anhand eines detail- lierten Codeplans in Untersuchungseinheiten – definiert als thematisch zusammenhängende Sendestrecken derselben Darstellungsform – segmentiert und sekundengenau vermessen. Die der Inhaltsanalyse zugrunde liegenden Kategorien entsprechen im Wesentlichen den Standardkategorien einer Hör- funkprogrammanalyse. Zunächst wurde das Programm in die grundlegenden Segmente Musik, Wort und Verpackung aufgeteilt. Die Wortbestandteile wur- den dann vertiefend analysiert. Als Besonderheiten wurden bürgerfunktypische Programmkategorien in den Codeplan aufgenommen, wie z. B. narrative Dar- stellungsformen, fremdsprachliche Programmangebote für Migranten, Typ der Produzentengruppe usw. Die Details sind dem im Anhang dokumentierten Codeplan zu entnehmen. Eine besondere Herausforderung der Inhaltsanalyse stellte die Zuordnung der Programmsegmente zu einzelnen Radiowerkstätten und Bürgerfunkgruppen dar. Da die einzelnen Sendungen häufig nicht eindeutig gekennzeichnet sind, musste teilweise mit Hilfskonstruktionen – Hinweise in der Sendung – eine Er- mittlung der Herkunft vorgenommen werden. Bei den Sendungen des Bürger- funks ist – wie oben bereits erläutert – eine Brutto- und Nettosendezeit zu unterscheiden, da eine Sendestunde im Durchschnitt acht Minuten Sende- bestandteile des Lokalfunks (Nachrichten und Werbeblock) enthält. Das unter- suchte Programmvolumen von rund 411 Stunden bezieht sich auf die Netto- sendezeit. 3.3 Erhebungen bei den Akteursgruppen Die Akteursgruppen wurden mit unterschiedlichen Erhebungsinstrumenten untersucht: Den Kern der Erhebung bilden die schriftlichen Befragungen der Bürgerfunker, Bürgerfunkgruppen und Radiowerkstätten. Die eingesetzten Fragebögen sind im Anhang dokumentiert. Zusätzlich wurden mittels ver- schiedener qualitativer Methoden vertiefende Erhebungen an ausgewählten Standorten durchgeführt. Hierbei wurden teilstrukturierte Leitfadengespräche, Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen als Erhebungsinstru- mente eingesetzt. 30 Die qualitativen Untersuchungen wurden an folgenden Standorten durch- geführt: Aachen (Stadt), Höxter/ Paderborn, Bielefeld, Bonn/Rhein-Sieg, Duisburg, Euskirchen und Köln. Hier sind insgesamt Erhebungen in zehn Radiowerkstätten13 und bei 62 Bürgerfunkgruppen (Gruppendiskussionen) durchgeführt worden. Ferner fanden fünf teilnehmende Beobachtungen bei Produktionsabläufen statt. Die Auswahl der Untersuchungsregionen erfolgte nach einem Quotenplan, der sich an folgenden Merkmalen orientierte: Radiowerkstätten • Sendevolumen (groß, mittel, klein) • Inhaltlich-thematische Schwerpunktsetzug (ja vs. nein) • Größe des Verbreitungsgebietes • Anzahl der Radiowerkstätten pro Standort • Anzahl der Bürgerfunkgruppen pro Standort Bürgerfunkgruppen • Schwerpunkt in der Produktion (ja vs. nein) • Produktion von Zielgruppensendungen (ja vs. nein) • Frequenz der Produktion • Umfang der Produktion Mit den Chefredakteuren (bzw. zwei Bürgerfunkkoordinatoren) von Lokal- funkstationen in zwölf Verbreitungsgebieten wurden telefonische Leitfaden- gespräche geführt; die Auswahl erfolgte als Zufallsstichprobe. 3.4 Ergebnisdarstellung und Definition zentraler Begriffe Datenbasis Im folgenden Kapitel werden die Ergebnisse der Inhaltsanalyse dargestellt. Hierbei werden zunächst das komplette Untersuchungsmaterial als ein Daten- satz behandelt und die Ergebnisse für den Bürgerfunk als Ganzes dargestellt. In den Abbildungen und Tabellen sind die für die einzelnen Programmkatego- rien ermittelten Daten überwiegend zeitlich gewichtet und in relativen Werten (Prozentangaben) dargestellt. Die Prozentuierungsbasis ist hierbei zunächst das gesamte (deutschsprachige) Programm der analysierten Stichprobe, im nächs- ten Selektionsschritt wird sie durch das Informationsprogramm gebildet usw. Die wechselnde Prozentuierungsbasis wird jeweils am Fuß der Graphik oder 31 13 Förderverein Aachener Radio (FARa), Bürgerradio Beverungen (Höxter/Paderborn), Tiere im Kulturdschungel und BI Bürgerwache (Bielefeld), Förderverein Lokalradio Bonn und Rhein-Sieg (LORA), Sender RIO und Medienforum Duisburg, Bürgerfunk für Euskirchen, VHS Köln im Komed und Katholisches Bildungswerk Köln. Tabelle ausgewiesen. Anschließend wird eine standortbezogene Betrachtung der Daten vorgenommen. Hierzu werden die zentralen Programmkategorien für jeden Standort dargestellt. Auch diese Angaben werden lediglich in relativen Werten abgebildet und zwar als positive (+) oder negative (–) Abweichung vom NRW-Mittelwert. Diese Darstellungsform hat den Vorteil, dass standort- spezifische Besonderheiten leicht erkennbar werden. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die relativen Werte sich jeweils auf eine unterschiedliche Datenbasis beziehen. Die absoluten Werte für die einzelnen Standorte sind daher im Anhang detailliert dargestellt. Im Kapitel 5 werden die Ergebnisse aus unterschiedlichen Akteursanalysen dargestellt. Hierbei erfolgt in der Gliederung keine Trennung zwischen den quantitativen und den qualitativen Erhebungen. Grundsätzlich gilt, dass die Zahlenangaben in relativen Werten auf den Ergebnissen der schriftlichen Be- fragungen beruhen, wobei die Datenbasis am Fuß jeder Graphik oder Tabelle angegeben ist. Die Ergebnisse der qualitativen Erhebungen werden hingegen bei der Interpretation zur externen Validierung (Plausibilitätsprüfung) der Er- gebnisse herangezogen oder sind als Fallbeispiele gekennzeichnet. Zentrale Kategorien der Programmanalyse Untersuchungseinheiten (Fälle) = Der erste Schritt der inhaltsanalytischen Kategorisierung des Hörfunkprogramms besteht in der Bildung sog. Unter- suchungseinheiten. Diese sind definiert als thematisch/ inhaltlich zusammen- gehörige Sendestrecken derselben Darstellungsform. Für Musikstrecken bedeu- tet dies, dass mehrere, ohne Wort- oder Jingle-Unterbrechung hintereinander gespielte Titel eine Untersuchungseinheit bilden. Für besonders kleinteilige Untersuchungseinheiten (insbesondere Jingles) gilt als Erfassungsgrenze eine Länge von 3 Sekunden. Darunter liegende Elemente werden der vorhergehen- den Untersuchungseinheit zugerechnet. Das Informationsprogramm wird auf Beitragsebene erfasst, d. h. jeder thematische Wechsel begründet eine Unter- suchungseinheit, jeder Wechsel der Darstellungsform ebenfalls. Musik = Alle Formen der Musik innerhalb des redaktionellen Programms, sofern es sich nicht um „Musikunterlegung“ von Wortstrecken handelt. Verpackung = Unter Verpackung werden die zumeist individuell für das je- weilige Programm produzierten Jingles (aus Musik, Sprache und Klängen be- stehende Elemente) mit der Funktion der Programmidentifikation oder Trailer (Programmhinweise oder Hinweise auf Aktionen des Senders) subsumiert. Regie- und Unterhaltungsmoderation = Regie- und Unterhaltungsmoderatio- nen sind sämtliche Moderationen, die keine wesentlich über die Programm- begleitung hinausgehenden Informationen enthalten. Hierzu gehören beispiel- 32 haft: Stations- und Senderkennung, Verweise auf spätere Sendungen, Nennung von Musiktitel, Interpret und Musikgenre, Hinweise auf Spiele und Verlosun- gen, allgemeines primär unterhaltendes Geplauder (auch mit Hörern) über Befindlichkeiten, Wetter, Personen und Ähnliches mehr. Wortunterhaltung = Fiktionale oder nichtfiktionale Unterhaltungsformen, Comedy etc. Information = Unter dieser Kategorie wird der informierende Kern des Pro- grammangebotes in Form von Nachrichten, Informationsmoderation, Service und radiojournalistischen Darstellungsformen erfasst. Politische Sachthemen = Themen von allgemeinem öffentlichem Interesse aus den Bereichen: Politik, Verwaltung, wirtschaftliche und gesellschaftliche Sach- themen, soweit sie im allgemeinen Diskurs politisiert sind bzw. kontrovers diskutiert werden. Gesellschaftliche Sachthemen = Unpolitische, weitgehend nicht kontroverse Themen, ohne weitreichende gesamtgesellschaftliche Bedeutung aus Wirt- schaft, Wissenschaft, gesellschaftlichem Leben, Kultur, Alltagskultur usw. Human-Touch (Soft-News) = Themen zu menschlichen Befindlichkeiten von Prominenz, Normalbürgern sowie Kriminalität, Katastrophen, Kuriositäten, Alltagsbanalitäten usw. Private Lebenswelt = Beratungsthemen zur Lebensbewältigung aus den Be- reichen Reisen, Ernährung, Gesundheit, Psychologie, Beziehungen, Wohnen, Haushalt, Hobby usw. Sport = Wettkampfsport, Ergebnisse, Begegnungen. Sonstige Themen = Alle nicht unter die obigen Kategorien zu subsumierenden Themen; zumeist handelt es sich hierbei um Verkündigung, Gottesdienstüber- tragungen, Meditation. Die sonstigen Kategorien der Programmanalyse sind in Kapitel 4 erläutert. 33 4 Das Programmangebot des Bürgerfunks 4.1 Die Rahmenbedingungen der Programmproduktion und des Sendungsablaufs Der Programmumfang des Bürgerfunks ist im LMG NRW § 72, Abs. 3 auf eine Zeitspanne von mindestens 50 und maximal 120 Minuten pro Tag fest- gelegt. In der Programmpraxis bilden für jede Sendestunde des Bürgerfunks die Nachrichten und der Werbeblock des Lokalradios den Rahmen. Die „Sende- stunde“ des Bürgerfunks beträgt somit „netto“ lediglich 52 Minuten. In der Regel beginnt der Bürgerfunk um 18 Uhr mit seiner Ausstrahlung. Im Laufe der letzten Jahre wurden jedoch auf Drängen von radio NRW – nahezu flächendeckend – Vereinbarungen zwischen den Lokalradios und den Radiowerkstätten getroffen14, den Bürgerfunk auf spätere Sendezeiten zu verschieben15. Der Sendebeginn liegt nunmehr häufig bei 19 oder 20 Uhr. Die Verschiebung auf diesen späteren Sendetermin haben die Lokalradios mit der sog. lokalen Option begründet, die laut Gesetz möglich ist.16 Aus ökonomi- schen Gründen sehen sich die Lokalradios veranlasst, die Zeit zwischen 18 und 20 Uhr – ohne Rücksprache mit der Radiowerkstatt – zu „verkaufen“17. In der Sendepraxis führt dies dazu, dass der Bürgerfunk auf unattraktivere Sendeplätze verdrängt wird. Entsprechend kritisch wird dieses Vorgehen der Lokalsender von den Bürgerfunkern gesehen, wodurch das teilweise ohnehin angespannte Verhältnis zusätzlich belastet wird. Die Bürgerfunker sind aller- dings nicht durchgehend mit der Verschiebung unzufrieden, da die sog. Drive- Time18 sich u. a. aufgrund veränderter Ladenöffnungszeiten ohnehin nach hinten 35 14 Die entsprechenden Vereinbarungen sind mit Zustimmung der LfM getroffen worden. 15 Dies wird in Verbindung mit Zugeständnissen auf anderen Ebenen gemacht, beispielsweise mittels Einräu- mung zusätzlicher Sendezeit über das gesetzliche Maß hinaus oder des „Teasings“ von Bürgerfunkbeiträgen im Lokalradioprogramm. 16 Zusätzlich zu ihren regulären Sendevolumina können die Lokalradios die so genannte „lokale Option“ für weitere Sendezeit in Anspruch nehmen. 17 In diesem ökonomisch attraktiven Zeitkorridor (hohe Einschaltquote in der Drive-Time) überlässt das Lokal- radio Sendezeit an Werbetreibende bzw. Sponsoren. 18 Als „Drive-Time“ wird in der Hörfunkbranche der Anstieg der Hörerschaft durch die Rezeption im Autoradio bei der Heimfahrt von der Arbeit oder vom Einkauf bezeichnet. verschoben hat. Dies korreliert mit dem Befund, dass zahlreiche Bürgerfunk- Hörer den Bürgerfunk während der Autofahrt rezipieren.19 Eine Ausnahme von der abendlichen Sendezeit bildet das Verbreitungsgebiet Essen, wo – als Relikt aus früheren Zeiten – noch vormittags von 9–10 Uhr ein Sendeplatz zur Verfügung steht. Die Sendeplätze des Bürgerfunks in den einzelnen Verbrei- tungsgebieten sind der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen. 36 19 Der Befund resultiert aus dem Hörer-Feedback an die Radiowerkstätten. Verbreitungsgebiet Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag Kreis Aachen (107.8 Antenne AC) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 – – Stadt Aachen (Aachen 100,eins) 20–22 20–22 20–22 18–22 – 18–20 18–20 Bielefeld (Radio Bielefeld) 20–22 20–22 20–22 20–22 20–22 18–20 18–20 Bochum (Radio 98,5) 20–22 20–22 20–22 20–22 20–22 18–20 18–20 Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein- Sieg) 20–22 20–22 20–22 20–22 20–22 20–22 18–20 Kreis Borken (Westmünsterlandwelle) 19–20 19–20 19–21 19–21 19–20 19–20 19–20 Bottrop, Gelsenkirchen (Radio Emscher-Lippe) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 Kreis Coesfeld (Radio Kiepenkerl) 19–20 19–21 19–21 19–20 19–20 19–20 19–20 Dortmund (Radio 91,2) 20–22 20–22 20–22 20–22 20–22 18–20 18–20 Düren (Radio Rur) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 18–19 18–19 Düsseldorf (Antenne Düsseldorf) 20–23 20–23 20–23 20–23 20–23 19–21 23–24 Duisburg (Radio Duisburg) 20–22 20–22 20–22 20–22 20–22 18–20 18–20 Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) 19–20 19–20 19–20 19–20 19–20 18–19 18–19 Erftkreis (Radio Erft) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 Essen (Radio Essen) 09–10 20–22 09–10 20–22 09–10 20–22 09–10 20–22 09–10 20–22 18–19:30 18–19:30 Euskirchen (Radio Euskirchen) 19–20 19–20 19–20 19–20 19–20 18–20 18–20 Gütersloh (Radio Gütersloh) 19–21 19–20 19–20 19–20 19–21 18–19 18–19 Hagen (Radio Hagen) 18–19:16 18–19:16 18–19:16 18–19:16 18–19:16 18–19:16 18–19:16 Hamm (Lippewelle Hamm) 19–20 19–20 19–20 19–20 19–20 18–20 18–20 Kreis Heinsberg (Welle West) 19–20 19–20 19–20 19–20 19–20 18–20 18–20 Tabelle 4-1: Sendezeiten des Bürgerfunks (Fortsetzung nächste Seite) Quelle: Bürgerfunk-Statistik der LfM 37 Tabelle 4-1: Sendezeiten des Bürgerfunks (Fortsetzung) Quelle: Bürgerfunk-Statistik der LfM Verbreitungsgebiet Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag Herford (Radio Herford) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 18–19 18–19 Herne (Radio Herne 90acht) 18–20 18–19 18–19 18–19 18–19 18–19 18–19 Hochsauerlandkreis (Radio Sauerland) 18–19 18–19 18–19 18–19 18–19 18–19 20–22 Kreis Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) 19–20 19–20 19–20 19–20 19–20 18–20 18–20 Kreis Kleve (Antenne Niederrhein) 19–20 19–20 19–21 19–20 19–20 18–19 18–19 Köln (Radio Köln) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 18–20 18–20 Kreis Krefeld/Viersen (Welle Niederrhein) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 18–19 18–19 Leverkusen (Radio Leverkusen) 19–21 19–21 19–21 19–20 19–21 19–20 19–20 Kreis Lippe (Radio Lippe) 19–20:30 19–20:30 19–20:30 19–20:30 19–20:30 19–20 19–20 Märkischer Kreis (Radio MK) 20–22 20–22 20–22 20–22 20–22 18–20 18–21 Kreis Mettmann (Radio Neandertal) 18–20 18–20 18–20 18–20 18–20 18–19:16 18–19:16 Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) 18–19 18–20 18–19 23–24 20–21 17–19 18–20 Mönchengladbach (Radio 90,1) 19–20 19–20 19–21 19–21 19–20 19–20 19–20 Mülheim/Oberhausen (Antenne Ruhr) 18–21 18–20 18–21 18–20 18–21 18–20 18–20 Münster (Antenne Münster) 20–22 20–22 20–22 20–22 20–24 18–22 18–22 Kreis Neuss (NE-WS 89,4) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 18–19:30 18–19:30 Oberberg./Rh.-Berg. Kreis (Radio Berg) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 18–19 18–19 Kreis Recklinghausen (Radio FiV) 18–20 18–20 18–20 18–20 18–20 18–20 18–20 Remscheid/Solingen (Radio RSG) 19–20:16 19–20:16 19–20:16 19–20:16 19–20:16 18–20 18–20 Kreis Siegen-Wittgen- stein (Radio Siegen) 18–19 18–19 18–19 18–19 18–19 18–20 18–20 Kreis Soest (Hellweg Radio) 18–20 18–19 18–20 18–19 18–19 18–19 12–13 Kreis Steinfurt (Radio RST) 20–21:30 20–21:30 20–21:30 20–21:30 20–21:30 20–21:30 20–21:30 Unna (Antenne Unna) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 Kreis Warendorf (Radio WAF) 20–21 19–21 19–21 19–20 19–21 18–19 18–19 Kreis Wesel (Radio K. W.) 19–21 19–21 19–21 19–21 19–21 18–20 18–20 Wuppertal (Radio Wuppertal) 19–20:30 19–20:30 19–20:30 19–20:30 19–20:30 19–20:30 19–21 Bei einem Großteil der Radiowerkstätten gibt es feste Sendeplätze, so dass einerseits eine gewisse Verbindlichkeit und Struktur für die Bürgerfunkgruppen gegeben ist, andererseits aber auch eine Erwartbarkeit für die Hörerschaft, d. h. das Auditorium kann gezielt einschalten, da eine verlässliche Programmstruktur zugrunde liegt. Das „Prinzip der Schlange“20 findet im Bürgerfunk offensicht- lich kaum noch Anwendung. Darüber hinaus wird in allen Radiowerkstätten ein gewisses Kontingent an freien Sendeplätzen zur Verfügung gestellt (meistens sog. „Überhänge“ aus der jeweils 5. Woche eines Monats), um auch den spora- disch oder einmalig produzierenden Gruppen21 ein Forum zu bieten. Je nach Anzahl der Radiowerkstätten und Bürgerfunkgruppen im Verbrei- tungsgebiet könnten teilweise noch zusätzliche Produktionen – über die vor- gesehene Bürgerfunk-Sendeleiste hinausgehend – im Programm platziert wer- den. So müssen sich Verbreitungsgebiete mit vielen Radiowerkstätten und Bürgerfunkgruppen manchmal beschränken und weichen von einstündigen Produktionen auf halbstündige Sendeformate aus, um der Nachfrage nach Sendeplätzen gerecht zu werden. Umgekehrt kommt es durchaus vor, dass Verbreitungsgebiete mit nur einer Radiowerkstatt oder wenigen Bürgerfunk- gruppen ihr Sendekontingent nicht ausschöpfen können. Begrenzte Sendezeit wird darüber hinaus dadurch ausgeglichen, dass die Sendeintervalle vergrößert werden: Manche Gruppen strahlen ihre Produktionen im zwei-, vier- oder sechswöchigen Rhythmus aus. Hierbei spielen allerdings vielfach auch die personell und zeitlich knappen Kapazitäten der jeweiligen Bürgerfunkgruppen eine große Rolle, für die eine wöchentliche Produktion nicht möglich ist. Der Übergang zwischen dem Lokalfunkprogramm und dem Bürgerfunkpro- gramm wird mit einem Jingle abgetrennt. Dazu gibt es inhaltlich verschiedene Versionen. Die formalistische Variante lautet sinngemäß: „Es folgt eine Sen- dung des Bürgerfunks; das Lokalradio ist laut Landesmediengesetz § 24 Abs. 4 zur Ausstrahlung dieser Sendung verpflichtet; verantwortlich für Inhalt, Ge- staltung und Musikauswahl sind ausschließlich die Bürgerfunkgruppen; laut Landesrundfunkgesetz darf das Lokalradio keinen Einfluss auf den Bürgerfunk nehmen; das reguläre Radioprogramm hören Sie wieder in einer Stunde“.22 Diese Form des Jingles hat im Verständnis der Bürgerfunker eine leicht dis- kriminierende (distanzierende) Funktion. Sie spiegelt eine deutliche Abgren- zung des Lokalradios vom Bürgerfunk wider. Mancherorts ist das Verhältnis zwischen Lokalradio und Bürgerfunk allerdings von wechselseitiger Akzeptanz und Kooperation geprägt. Im Übergangsjingle kommt dies zum Ausdruck, der beispielsweise in Bielefeld lautet: „Und jetzt folgt der Bürgerfunk: Radio von 38 20 Dieses Prinzip wurde zu Beginn der Offenen Kanäle in Deutschland häufig angewandt. Dabei wurden Beiträge nach Reihenfolge der Ablieferung im OK ausgestrahlt. 21 So genannte „Einmalproduzenten“ oder „Ein-Punkt-Bewegungen“. 22 Kompiliert aus verschiedenen Jingles. Bielefeldern für Bielefelder.“ Andere Beispiele lauten: „Der Bürgerfunk – Radio von Hörern selbst gemacht. Radio Euskirchen meldet sich wieder ab 20 Uhr“ (Euskirchen), „Bürgerfunk – Hörer machen Programm“ (Kreis Wesel), „Radio Erft – Bürgerfunk“ oder in Köln mit eigenem Jingle der Bürgerfunker zu Beginn der regelmäßigen Magazinschiene „Rheintime“. Der Übergang von Lokalradioprogramm zu Bürgerfunkprogramm scheint ein grundsätzliches Problem – in erster Linie für den Lokalsender – zu sein, zumal das Bürgerfunkprogramm von Senderseite nahezu durchgängig als „Fremd- körper“ gesehen wird. Auch wenn es keine direkten, offiziellen oder schrift- lichen Vorgaben gibt (und laut Gesetz auch nicht geben darf), so existieren vielerorts Empfehlungen bzw. freiwillige Absprachen, dass der Bürgerfunk sich am Musik- und Wortformat des Lokalsenders orientieren möge, um Brüche im Programm zu vermeiden (audience flow). Manche Bürgerfunker haben bereits von sich aus ein Interesse daran, dass der Bruch möglichst gering ist, um einen Abschaltimpuls zu vermeiden. Das führt häufig dazu, dass eine „Formatanlehnung“ stattfindet, d. h. die Bürgerfunker übernehmen freiwillig das Format des Lokalradios (beim Wortformat gibt es die Vorgabe 1:30 oder 2:30 Minuten Beitragslänge; beim Musikformat wird Mainstream gespielt). In Köln gibt es bspw. ein sog. „Vorformat“, d. h. die erste Bürgerfunkstunde („Rheintime“) geht „formatgetreu“ über den Äther bzw. ist „als Übergangs- puffer zwischengeschaltet“ und die zweite Stunde ist dem Belieben der freien Gruppen überlassen. Es gibt aber auch Gruppen bzw. Radiowerkstätten, die eine solche Vorgabe schlichtweg ablehnen, da sie sich bewusst von dem Pro- gramm des Lokalsenders abheben wollen. Diese Bürgerfunker verstehen sich als Einschaltradio, d. h. sie sprechen ein Auditorium an, das den Bürgerfunk gezielt einschaltet. Man hat keinerlei Interesse, die Hörerschaft des Lokal- radios in die eigene Sendung „rüberzuziehen“. 39 60,5% 42,9% 24,4% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Musikformat des Lokalradios Wortbeitragslänge des Lokalradios Sonstige Formatanlehnung Abbildung 4-1: Form der Formatanlehnung des Bürgerfunks Basis: 119 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung, Mehrfachnennung möglich Die obige Abbildung aus der Befragung der Radiowerkstätten zeigt, dass sich nach eigenen Angaben über 60 Prozent der Radiowerkstätten dem Musik- format ihres Lokalradios anpassen. 43 Prozent lehnen sich in ihrer Wortbeitrags- länge (besser gesagt: -kürze) an die Standards der Lokalradios an. Fast ein Viertel der Radiowerkstätten praktiziert eine darüber hinausgehende Anlehnung in Form von Orientierung an „Stundenuhr“, Anmutung und Präsentationsstil.m Für den zeitlichen Umfang der Sendungen gibt es zwei Vorgaben: Es besteht die Möglichkeit einer halbstündigen Sendung (also 26 Minuten) und einer einstündigen Sendung (also 52 Minuten). Nachrichten und Werbeblock des Lokalradios sind der verbleibenden Zeit vorbehalten. Für den Übergang zwi- schen dem Ende der Bürgerfunksendung und dem Werbeblock besagt die Vor- gabe, dass ab Minute 48 nur noch Instrumentalmusik gespielt werden sollte. Damit besteht die Möglichkeit für den Lokalsender, jederzeit aus dem Bürger- funkprogramm „auszusteigen“, um auf das eigene Programm überzuleiten. Die Gestaltung des Übergangs wird jedoch von den Lokalradios teilweise „un- sensibel“ umgesetzt: So finden manchmal harte Schnitte statt bzw. es kommt zu abrupten Übergängen. Bei den Beiträgen und Sendungen, die von den Bürgerfunkern erstellt wer- den, handelt es sich durchweg um Vorproduktionen. Live-Sendungen gibt es – aufgrund des Sonderstatus – lediglich im Aachener Verbreitungsgebiet oder aber projektgebunden mit Sondergenehmigung durch die LfM. Je nach Dauer der Teilnahme an Bürgerfunkproduktionen und der dabei gewonnenen prakti- schen Erfahrungen unterscheidet sich der jeweilige Produktionsaufwand der Bürgerfunker. Der Zeitaufwand für Anfänger ist erheblich höher als der von Fortgeschrittenen. Letztere produzieren – allerdings abhängig von der jour- nalistischen Darstellungsform – im Verhältnis 1 : 1 bzw. „quasi live“, d. h. die Sendung wird direkt im Stück aufgenommen, ohne dass sie aufwändig am Schnittpult „zusammengebaut“ (sog. „Bastelradio“) werden muss. Diese Vor- gehensweise orientiert sich an Realbedingungen und spart Zeit. Für die Abgabe der sendefertigen Bürgerfunkproduktion gilt allgemein die Vereinbarung, dass der entsprechende Ton-/Datenträger drei Tage vor Ausstrah- lung beim Sender vorliegen muss. Zwischenzeitlich wurde diese Vereinbarung vielerorts abweichend geregelt, so dass mitunter zwei Tage oder sogar ein Tag ausreichen. Teilweise wird dieser Zeitrahmen noch unterschritten, um im Bedarfsfall auch ein gewisses Maß an Aktualität gewährleisten zu können. Diese Abgabepraxis23 ist meist Ausdruck eines pragmatischen und kollegialen Verhältnisses vor Ort. Gleichzeitig spiegelt es aber auch das gewachsene Ver- trauensverhältnis zwischen den Akteuren wider. Eine Prüfung der Sendung 40 23 Die Abgabe der sendefertigen Produktion beim Sender erfolgt auf zwei unterschiedliche Weisen: Mal gibt es den direkten Kontakt über die persönliche „Überreichung“, mal wird der Datenträger – sehr unpersönlich – in ein dafür vorgesehenes Fach gelegt. vor der Ausstrahlung durch Mitarbeiter des Lokalsenders (Bürgerfunkkoordi- nator) erfolgt aus zeitlichen Gründen nicht immer im Lokalfunk. Diese Kon- trolle wird oftmals bereits von den Radiowerkstätten (Leiter, Kommunikations- helfer, Gruppenbetreuer) übernommen, da sie Interesse an einer konfliktfreien Zusammenarbeit haben, und um sich Freiräume zu verschaffen. Die Mitarbeiter der Radiowerkstätten wiederum wissen genau, welche Bürgerfunkgruppen ein entsprechendes Vertrauen genießen, ohne dass ihre sendefertigen Produktionen regelmäßig überprüft werden müssen. Man kann jedoch schließlich davon aus- gehen, dass die Produzenten sich selber für ihre Produktionen verantwortlich fühlen, da sie bei Zuwiderhandeln negative Sanktionen zu befürchten hätten, das hieße u. U. Sendeverbot. Die Zahl der Beanstandungen bzw. Zurückweisun- gen von Bürgerfunkproduktionen ist in den letzten Jahren deutlich rückläufig und hat sich auf nur noch wenige Einzelfälle reduziert. Dies ist wiederum ein Indikator für das eingespielte und an etlichen Standorten befriedete Verhältnis zwischen Lokalsendern und Radiowerkstätten. Recherchen, Vorarbeiten, Arbeitsbesprechungen etc. werden in erster Linie in privaten Räumlichkeiten der Bürgerfunker vorgenommen. Die eigentliche Programmproduktion (Aufnahme, Schnitt etc.) von Bürgerfunkbeiträgen und -sendungen findet letztlich in der Radiowerkstatt, unter Benutzung der dortigen technischen Ressourcen, statt. Die Zeiten der Inanspruchnahme werden über Studiobeleglisten organisatorisch geregelt und funktionieren nach unseren Er- hebungen relativ unkompliziert. Die Kommunikation zwischen der Radiowerk- statt und den Bürgerfunkgruppen wird teilweise über das Internet (wie z. B. der ‚Webwecker‘ in Bielefeld) abgewickelt, worüber die Gruppen problemlos miteinander kommunizieren, Termine tauschen etc. Die Bürgerfunkgruppen sind darüber hinaus oftmals intern und untereinander sehr gut selbstorganisiert („kurzer Dienstweg“, Telefon, persönliche Kontakte), was einen reibungslosen Ablauf nur befördert. 4.2 Grundstruktur des „Gesamtangebotes“ des Bürgerfunks in NRW Im nachfolgenden Überblick über das Programmangebot des Bürgerfunks in NRW sind die Daten aus der Analyse der standortspezifischen Sendungen zusammengefasst. Das hierdurch entstehende „Gesamtprogramm“ ist allerdings als ein analytisches Konstrukt aufzufassen, welches für den Hörer keine un- mittelbare Relevanz hat.24 Da das Programm des Bürgerfunks in NRW von 41 24 Die „normale“ Hörerperspektive richtet sich im Regelfall auf einen Standort. Eine Ausnahme bildet das Ruhrgebiet, wo es aufgrund der Enge der Verbreitungsgebiete zu sog. „Overspills“ kommen kann. Hörer haben somit die Möglichkeit, zwei oder mehr Bürgerfunkprogramme zu rezipieren. Das Duisburger Bürger- funkprogramm kann beispielsweise in Düsseldorf, Bochum, Essen und Bottrop empfangen werden. Standort zu Standort höchst unterschiedlich ist, wird die individuelle Wahrneh- mung des Bürgerfunks jedoch stark von den jeweiligen lokalen Gegebenhei- ten geprägt. Gerade vor dem Hintergrund einer Vielzahl disparater Rezeptionserfahrun- gen mit Bürgerfunkprogrammen erscheint eine Betrachtung des „Gesamtpro- gramms“ sinnvoll. Aus der Nivellierung der standortspezifischen Einzelergeb- nisse eröffnet sich nämlich der Blick auf das Bürgerfunkangebot in NRW aus zwei Perspektiven: • Zum einen wird die Gesamtleistung des Bürgerfunkangebotes sichtbar und hierdurch ein Vergleich mit dem Angebot des privaten und öffentlich-recht- lichen Hörfunks ermöglicht. • Zum anderen beschreiben die dargestellten Mittelwerte die durchschnitt- liche Programmpraxis des Bürgerfunks in NRW und bieten somit eine Basis, auf der die standortspezifischen Programmangebote „gemessen“ werden können. Grundstruktur Die Grundstruktur des Gesamtprogramms aller untersuchten Bürgerfunkpro- gramme zeigt eine auffallende Nähe zum Format des Lokalradios in NRW. Nimmt man als Bezugspunkt dasjenige Programm, das von den jeweiligen Lokalfunkstationen selbständig produziert wird (also ohne das radio NRW- Mantelprogramm), so ist die Grundstruktur ähnlich. In einer Erhebung aus dem Jahr 200125 ergaben sich für vier exemplarisch untersuchte Lokalradios im Mittelwert bei der Musik 62,8 Prozent. Der Musikanteil des Bürgerfunks liegt also mit 68,9 Prozent noch etwas über demjenigen der lokalen Hörfunk- angebote. Dennoch hat der Informationsanteil im Bürgerfunk mit 23,2 Prozent einen etwas höheren Wert als im Lokalradioangebot mit 21,2 Prozent. 42 25 Volpers, Helmut/Salwiczek, Christian/Schnier, Detlef: Inhaltsanalyse – Kommunikationsangebote in lokalen Medienlandschaften. A. a. O. Die Kategorie „Verpackung“ (Jingles und Trailer) ist mit 1 Prozent erheb- lich geringer als im sonstigen Lokalradio (2,5 Prozent). Der Anteil der Regie- und Unterhaltungsmoderation liegt allerdings mit 5,8 Prozent deutlich höher als der Durchschnitt in den untersuchten Lokalradios mit 4,2 Prozent. Mit anderen Worten: Im Bürgerfunk wird relativ viel Sendezeit mit substantiell nicht informativer Moderation „gefüllt“. In der hier vorgenommenen (hochgradig verdichteten und somit abstrakten) Betrachtungsweise unterscheidet sich das Angebot des Bürgerfunks also nur unwesentlich von demjenigen des Lokalfunks. Hierfür sind sicherlich mehrere Faktoren ausschlaggebend: Zum einen bemühen sich etliche Akteure des Bürgerfunks vielerorts um ein Programmangebot, das sich nicht allzu extrem von demjenigen des Lokalradios unterscheidet (Formatangleichung, s. o.). Zum anderen hat auch bei einer großen Zahl von Bürgerfunkern das Musikpro- gramm einen hohen Stellenwert. Das Programmangebot des Bürgerfunks wird zudem häufig im Format von reinen Musikmagazinen (rd. 31 Prozent) oder Magazinsendungen mit hohen Musikanteilen (rd. 21 Prozent) präsentiert. Das Mischungsverhältnis zwischen Musik und Wort entspricht allerdings bei den Bürgerfunkern in NRW demjenigen vergleichbarer Angebote des OK-Hörfunks in anderen Bundesländern. So zeigt eine Erhebung aus dem Jahr 2001 für den 43 Musik 68,9% Information 23,2% Regie- und Unterhaltungs- moderation 5,8% Wortunterhaltung 1,1% Verpackung 1,0% Abbildung 4-2: Grundstruktur des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent Basis: Deutschsprachiges Gesamtprogramm des Bürgerfunks (t = 399:57:09) OK-Hörfunk in Niedersachsen Musikanteile zwischen 60–70 Prozent je Stand- ort.26 Es spricht allerdings einiges dafür, dass im Selbstverständnis der Bürger- funker und in der Programmpraxis das Musikprogramm in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen hat. In einer Programmanalyse des Bürgerfunks in NRW aus dem Jahr 1997 (von allerdings nur sechs Standorten) stellten die Autoren einen Musikanteil von lediglich 59,1 Prozent fest.27 8 Auf der Ebene der Grundstruktur des Programmangebotes zeigt sich bereits eine gewisse Affinität des Bürgerfunks zur etablierten Radiopraxis: Viel Musik, viel „Füllmoderation“ und ein vergleichsweise geringer Informa- tionsanteil. Formate Für die allgemeine Anmutung eines Hörfunkprogramms ist vor allem auch die Verschränkung zwischen Musik und Wort, die Länge der Wortstrecken und die Themenstruktur innerhalb einzelner Sendungen von Bedeutung. Bei dieser Betrachtungsweise zeigt sich eine gewisse Spezifik des Bürgerfunks im Ver- gleich zum sonstigen Hörfunkangebot des Lokalfunks: Zum einen gibt es einen Anteil von knapp 26 Prozent monothematischer Sendungen. Hierbei handelt es sich um Sendungen, die sich komplett auf ein Thema richten, zumeist ver- gleichbar lange Wortstrecken haben und eine gewisse Recherchetiefe auf- weisen. Diese Art der Radiopraxis findet sich im lokalen Hörfunk nur aus- nahmsweise. Bei der standortspezifischen Betrachtung (s. u.) wird noch näher auf die Inhalte dieser Sendungen eingegangen. Zum anderen sind Ressort- Magazine als bürgerfunktypisch anzusehen, die einen Anteil von knapp 20 Pro- zent ausmachen. Hierbei handelt es sich um Sendungen, bei denen alle Wort- beiträge innerhalb eines Themenkomplexes (Soziales, Geschichte, Folklore, Vereinsleben etc.) angesiedelt sind. Häufig sind dies Sendungen, die von Vereinsaktivisten rund um ihr Interessengebiet angesiedelt sind. Während die Ressort-Magazine und die monothematischen Sendungen eine gewisse – von der herkömmlichen Radiopraxis abweichende – Bürgerfunk- spezifik aufweisen, gilt dies für die Mischmagazine und Musikmagazine nicht. Als Mischmagazin wurden mit einem Anteil von knapp 21 Prozent Sendun- gen klassifiziert, die innerhalb eines Musikbettes sehr unterschiedliche Unter- haltungs- und Informationsanteile einstreuen. Für den Hörer ist bei diesem 44 26 Vgl. Volpers, Helmut/Salwiczek, Christian/Schnier, Detlef: Hörfunklandschaft Niedersachsen 2001. Eine ver- gleichende Analyse des privaten Hörfunks. Berlin 2003, S. 185–218. 27 Vgl. Rutenfranz, Uwe/Gansen, Petra: Programmanalyse Bürgerfunk NRW 1997. Inhaltsanalyse von Bürger- funksendungen ausgewählter Verbreitungsgebiete. Münster 1997. Sendungstyp keine Erwartbarkeit von spezifischen Themen verbunden. Grund- sätzlich sind Mischmagazine ein Indikator für eine Formatangleichung des Bürgerfunkprogramms an das Lokalradio und für Bürgerfunkgruppen, die inhaltlich-thematisch nicht in der Lage (oder willens) sind, Themen umfang- reicher hörfunkjournalistisch aufzuarbeiten. Letzteres bedeutet, dass verschie- dene Beiträge unterschiedlicher Produzentengruppen bzw. Vereine in einem Magazin untergebracht sein können. Den höchsten Anteil an Sendungsformen nehmen mit fast 31 Prozent die Musikmagazine ein. Dies sind Sendungen, bei denen nicht nur die Musik als solche einen großen Raum einnimmt, sondern häufig auch die Moderation bzw. u. U. die journalistischen Beiträge, die auf das Thema Musik gerichtet sind. Vermittlungsformen Bei den Vermittlungsformen der Hörfunkbeiträge zeigt sich, dass die Bürger- funkprogramme über weite Strecken wenig experimentierfreudig und in starker Anlehnung an Formatradiokonzepte produziert werden. Informative Wortbei- träge werden zu über 57 Prozent über die Moderation vermittelt. Journalistische Darstellungsformen (Bericht, Reportage, Feature, Interviews) nehmen mit rund 24 Prozent den zweiten Platz ein. Hierbei dominieren allerdings mit über 45 Mischmagazin 20,8% Musikmagazin 30,7% Monothematische Sendung 25,7% Sonstige Form 3,3% Ressort-Magazin 19,5% Basis: Gesamtprogramm des Bürgerfunks (t = 411:05:14) Abbildung 4-3: Sendungsformate des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent 61 Prozent Interview und Gespräch. Diese Form erscheint vergleichsweise einfach in der Produktion. So werden häufig Gesprächspartner ins Studio ein- geladen. Eine spezifische Vermittlungsform, die sich im Lokalfunk ansonsten kaum findet, stellt mit über 10 Prozent die „Narrative Darstellungsform“ dar. Es handelt sich um (häufig autobiographische) erzählende Schilderungen vor dem Mikrophon. Persönliche Erfahrungen, Lebensschicksale und oral history mit lokalem Bezug geben diesen Sendungen eine Anmutung, die sich als bürger- funkspezifisch bezeichnen lässt. 8 Aufs Ganze gesehen muss man aber konstatieren, dass die Möglichkeiten des Mediums Hörfunk (Reportage, Hörspiel etc.) durch die Bürgerfunker kaum ausgeschöpft werden und auf der Ebene der Vermittlungsformen eine gewisse „Phantasielosigkeit“ dominiert. Die mangelnde Formvarianz rührt sicherlich auch von dem ungleich höheren Produktions- und Zeitaufwand her – und das auf dem Hintergrund von nahezu ausschließlich ehrenamtlicher Tätigkeit im Bürgerfunk. 46 Moderation mit Infocharakter 57,2% Journalistische Darstellungsformen 23,7% Narrative Darstellungsformen 10,2% Sonstige informie- rende Formen 1,6% Service 6,2% Nachrichten 1,1% Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks (t = 92:51:54) Abbildung 4-4: Vermittlungsformen des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent Der geringe Anteil der Vermittlungsform „Nachrichten“ mit lediglich einem Prozent hat sicherlich mehrere Ursachen: Zum einen erscheint bei der struktu- rell fehlenden Tagesaktualität der Bürgerfunkproduktionen wegen der Abgabe- frist von durchschnittlich drei Tagen eine – etwa auf das lokale Geschehen bezogene – Nachrichtensendung kaum sinnvoll. Ein Nachrichtenformat macht überdies nur bei einer programmstrukturellen Verankerung und regelmäßigen Sendeterminen Sinn; hierauf sind die Produktionsrhythmen der Bürgerfunk- gruppen jedoch nicht ausgerichtet. Überdies ist das Interesse an lokalpolitischen Themen bei den Bürgerfunkern generell (s. u.) schwach ausgeprägt. Insgesamt ist das Fehlen von Nachrichten und der damit verbundenen Berichterstattungs- leistung ein Indikator dafür, dass sich der Bürgerfunk in NRW in seiner Aus- richtung vom Bürgerhörfunk in anderen Bundesländern deutlich unterscheidet: Insbesondere das Konstruktionsprinzip des nichtkommerziellen Lokalfunks z. B. in Niedersachsen und Hessen führt zu einem Programmprofil des Bürger- funks, das stärker als in NRW am tagesaktuellen und tagespolitischen lokalen Geschehen orientiert ist.28 Hinter der Programmkategorie „Service“ stehen zumeist beratende Hinweise innerhalb von Ressort-Magazinen für spezifische Zielgruppen (Senioren) und Special-Interest-Themen (Hobby). Themen Das Informationsprogramm des Bürgerfunks richtet sich mit 65,3 Prozent auf den Themenbereich „Gesellschaft“. Hierunter werden nicht-politisierte Themen aus den Feldern Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Gesellschaftliches Leben, Natur erfasst. In diesen Themenfeldern spiegelt sich die breite Palette der spe- zifischen Interessen der Bürgerfunkgruppen wider. Innerhalb dieses Themen- segments ragt mit fast 50 Prozent (Themenbereich „Gesellschaft“ = 100 Prozent gesetzt) der Bereich Kultur besonders heraus. Ansonsten reicht das Themen- spektrum von Beiträgen für bestimmte Zielgruppen (Jugend, Senioren) über ein weites Feld von Special-Interest-Themen (Feuerwehr, Jagd, Philatelie, lokale Historie, Landschaftspflege etc.). 47 28 Vgl. Volpers, Helmut/Schnier, Detlef/Salwiczek, Christian: Programme der nichtkommerziellen Lokalradios in Niedersachsen. Eine Programm- und Akzeptanzanalyse. Berlin 2000 und Brosius, Hans-Bernd/ Weiler, Stefan: Programmanalyse nichtkommerzieller Lokalradios in Hessen. Eine Inhaltsanalyse. München 2000 Kontroverse Themen aus sämtlichen Politikfeldern machen hingegen ledig- lich 13,5 Prozent des Informationsprogramms aus. Dieser Befund weist bereits auf die Interessenlage der Bürgerfunker (s. u.) hin: Einem Großteil der Akteure des Bürgerfunks geht es bei ihrem Engagement nicht um die Schaffung einer (lokalpolitischen) Gegenöffentlichkeit. Die Thematisierung des politischen Geschehens ist im Programmangebot des Bürgerfunks geringer als im Lokal- funk allgemein. Dies ist allerdings auch ein Reflex auf die Strukturbedingun- gen des Bürgerfunks in NRW, der keine tagesaktuelle Reaktion auf das politi- sche Geschen zulässt. Insofern ist die wichtigste Darstellungsform für politische Information im Hörfunk, die tagesaktuellen Nachrichten, im Bürgerfunk kaum vorhanden (s. o.).29 48 29 Um die aus der Programmanalyse gewonnenen Themen zu verifizieren, wurden die Abrechnungsbögen der Radiowerkstätten vom 2. Quartal 2003 ausgewertet. Diese Datenprüfung erhärtet die Befunde aus der Pro- grammanalyse. Gesellschaft 63,6% Human Touch 8,9% Private Lebenswelt 8,9% Sport 4,6% Sonstiges 0,4% Politische Sachthemen 13,5% Kulturthemen i.w.S. 49,5% Sonstige Gesellschafts- themen 50,5% Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks ohne Veranstaltungstipps und Wetter (t = 87:57:51) Abbildung 4-5: Themenfelder der Berichterstattung des Bürgerfunks – Anteil an der Sende- zeit in Prozent Raumbezug Betrachtet man das Informationsprogramm unter der Perspektive, welche räum- liche Zuordnung sich bei den Themen, Ereignissen oder Akteuren, über die berichtet wird, vornehmen lässt, ergibt sich folgendes Bild: Mit 57 Prozent richtet sich etwas über die Hälfte des Informationspro- gramms auf Geschehnisse und Themen aus dem Verbreitungsgebiet. Der mit 43 Prozent nicht unerhebliche Anteil des Bürgerfunksprogramms ohne Bezug zum Verbreitungsgebiet ist sicherlich auch ein Resultat der o. g. schwachen lokalpolitischen Themenfokussierung. Andererseits macht er deutlich, dass die Interessen der Bürgerfunker breit gestreut sind und Bürgerfunk nicht aus- schließlich als „Sprachrohr“ lokaler Bürgerinteressen verstanden wird. Wer kommt zu Wort Ein wichtiger Indikator für die thematische Ausrichtung von Hörfunkpro- grammen ist die Analyse der „Zu-Wort-Kommenden“. In dieser Kategorie werden O-Töne von in den Sendungen zu Wort kommenden Personen (neben dem Moderator bzw. Bürgerfunker) gezählt. Die Ergebnisse dieser Messung bestätigen die bereits bei der Themenfokussierung festgestellten Tendenzen: Vertreter des politisch-administrativen Systems kommen im Bürgerfunk, als Reflex auf den geringen Anteil an politischen Themen, kaum zu Wort (7,3 Pro- 49 Ohne Raumbezug 15,2% International/National 23,0% NRW 5,1% Sendegebiet 56,7% Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks (t = 92:51:54) Abbildung 4-6: Raumbezug der Berichterstattung des Bürgerfunks – Anteil der Sendezeit in Prozent zent). Es dominieren mit 47 Prozent die „Normalbürger“, als Bürger des Ver- breitungsgebietes (ohne offizielle Funktion), die sich vor dem Mikrophon mit ihrer Meinung bzw. ihrem Anliegen äußern können. Häufig handelt es sich hierbei um Vereinsmitglieder oder Aktivisten verschiedener Special-Interest- Bereiche. An zweiter Stelle rangieren mit 12 Prozent Interessenvertreter von Verbänden, NGOs und ähnlichem. Die Zu-Wort-Kommenden spiegeln sehr deutlich die besondere Forumsfunktion wider, die den Programmen der Bürger- funker zukommen. Hier können sich Bürger im Medium Hörfunk artikulieren (ohne selbst Bürgerfunkaktivist) zu sein, die im Lokalfunk bzw. anderen loka- len Medien kaum zu Wort kommen dürften. Fremdsprache Innerhalb des Bürgerfunks in NRW spielen fremd- und gemischtsprachige Programmangebote kaum eine Rolle. Nur 2,2 Prozent des analysierten Gesamt- programms sind fremdsprachig (Sprachen: Türkisch, Russisch, Portugiesisch, Spanisch und Arabisch) und 0,5 Prozent gemischtsprachig. Lediglich in sechs Verbreitungsgebieten wurden im Untersuchungszeitraum entsprechende Sen- dungen ausgestrahlt, wobei acht Sendungen speziell für Migranten produziert waren. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Programmangebote von und für ethni- sche Minderheiten bzw. Migranten insgesamt nur einen geringen Stellenwert im Bürgerfunk haben.30 Fälle absolut Fälle in Prozent Führungselite 178 7,3 Honoratioren 48 2,0 Funktions- und Entscheidungsträger „nachgeordneter Bedeutung“ 158 6,5 Interessenvertreter 291 12,0 Wirtschaftlicher Gegenbereich 3 0,1 Vertreter aus dem Kulturbereich 200 8,2 Experten 231 9,5 Normalbürger 1.154 47,4 Soft-News-Akteure 11 0,5 Sonstige 159 6,5 Gesamt 2.433 100,0 50 30 An dieser Stelle muss jedoch eingeräumt werden, dass es zu bestimmten Zeiten in NRW schwierig war, muttersprachliche Sendungen zu übertragen; sie mussten mühselig per Gesetz und Richterspruch erstritten bzw. erkämpft werden, da die Vorgaben der VG-Satzungen relativ hoch angesetzt sind. Das Problem liegt dabei in der Notwendigkeit einer deutschen Übersetzung, um gegebenenfalls Straftatbeständen vorzubeugen. – Außerhalb unserer Stichprobe sind zwei Radiowerkstätten erwähnenswert, die einen ihrer Schwerpunkte auf Migranten gelegt haben, und zwar Radio Kaktüs (Bottrop) und Funkhaus Marl (Recklinghausen). Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks (t = 92:51:54) Hier wurden alle innerhalb des Informationsprogramms externen „Zu-Wort-Kommenden“ (= Nicht-Bürgerfunker) gezählt. Tabelle 4-2: „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 4.3 Das Bürgerfunkprogramm aus Hörerperspektive (standortbezogen) 4.3.1 Stellenwert der standortbezogenen Analyse Während im vorhergehenden Kapitel das Programmangebot des Bürgerfunks in NRW in seiner Gesamtheit betrachtet wurde, steht nunmehr das standort- spezifische Bürgerfunkangebot im Zentrum der Betrachtung. Hierzu wurde eine Darstellungsform gewählt (vgl. Abb. 4-8 ff.), die vor allem auf die standort- spezifischen „Abweichungen“ vom NRW-Mittelwert fokussiert. Die zentrale Achse der Graphik stellt den jeweiligen NRW-Mittelwert einer Programm- kategorie dar. Um diese Mittelwertachse sind die Säulen anhand der positiven oder negativen Abweichungen gruppiert. Die Addition oder Subtraktion der Zahlenangabe pro Säule ergibt den realen Ergebniswert pro Standort. Diese Darstellungsform ermöglicht für die einzelnen Analysekategorien eine Erfassung der Standortspezifik „auf einen Blick“. Allerdings ergeben die einzelnen Kategorien noch nicht das Profil bzw. die Anmutung eines Bürger- funkprogramms vor Ort. Hierzu müssen die einzelnen Programmkategorien in Beziehung gesetzt und Korrelationen zwischen ihnen beschrieben werden. Um dies zu ermöglichen, werden bestimmte Programmkategorien in Relation 51 deutschsprachig 97,3% gemischt sprachig 0,5% fremdsprachig 2,2% Basis: Gesamtprogramm des Bürgerfunks (t = 411:05:14) Abbildung 4-7: Sprache des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent zueinander betrachtet und interpretiert. Die entsprechenden Säulendiagramme der interpretierten Werte stehen am Ende jedes Kapitels. Eine standortspezifische Betrachtung des Bürgerfunks erscheint – trotz der dadurch präsentierten Datenfülle – unerlässlich. Es wurde bereits mehrfach betont, dass es „das Bürgerfunkprogramm“ in NRW nicht gibt. Insofern hat eine Betrachtung des Gesamtangebotes lediglich eine heuristische Funktion für die letztlich notwendige Standortanalyse. Bei einer solchen Analyse ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Prozentwerte sich jeweils auf eine sehr unterschiedliche Basis beziehen. Je größer das analysierte Programmangebot ist, um so wahrscheinlicher ist es, dass die hier dargestellte Programmpraxis auch außerhalb unseres Stichprobenzeitraumes ein ähnliches Profil aufweist. Bei Verbreitungsgebieten mit kleinen Stichprobenumfängen (fünf Stunden und weniger) können allerdings einzelne Sendungen auf das Gesamtergebnis stark durchschlagen. Bei der Interpretation der Daten wurde daher zusätzlich eine externe Validierung der Ergebnisse angestrebt. D. h. es wurden Befunde aus den Erhebungen bei den Bürgerfunkgruppen und Radiowerkstätten mitein- bezogen, um die Repräsentativität der Daten zu stützen. Ein Ergebnis der standortspezifischen Betrachtung kann bereits an dieser Stelle vorweggenommen werden: 8 Das Programmangebot des Bürgerfunks in NRW ist insgesamt äußerst viel- fältig. Diese Vielfalt ist allerdings nicht an jedem Standort hörbar, vielmehr gibt es in einigen Verbreitungsgebieten auch sehr eindimensionale Bürger- funkprogramme, in denen bestimmte Sendungstypen, Musikstile oder Inhalte dominieren. Hieraus ergibt sich landesweit eine Facette von unterschied- lichen Programmangeboten. Allerdings ist diese Facette nicht so breit gefächert, dass jedes Bürgerfunk- programm nur als Einzelphänomen zu beschreiben ist. Vielmehr lassen sich bei tiefer gehender Analyse Übereinstimmungen zwischen bestimmten Programm- profilen erkennen. In den nachfolgenden Kapiteln werden diese typenbildenden Programmprofile herausgearbeitet und die Faktoren – soweit das Datenmaterial das zulässt – für ihre Entstehung beschrieben. 4.3.2 Sendevolumen Wie bereits oben geschildert, gibt es für den Bürgerfunk kein für alle Ver- breitungsgebiete einheitlich festgelegtes Sendevolumen. Im LMG NRW ist in § 72, Abs. 3 Folgendes geregelt: „Die Veranstaltergemeinschaften (§ 58) müssen in ihr Programm nach Maßgabe des Programmschemas Programmbeiträge von Gruppen im Sinne des Absatzes 1 und 2 von 15 vom Hundert der Programm- dauer, täglich jedoch mindestens 50 und höchstens 120 Minuten, einbeziehen. Dies gilt nicht, wenn sich die Beteiligten anderweitig einigen.“ 52 In Anlehnung an diese Regelung wurden die Bürgerfunkgruppen in der Frühphase auch als „15 %-Gruppen“ bezeichnet. Die genannten 15 Prozent beziehen sich auf die Sendedauer des von den Veranstaltergemeinschaften jeweils eigenproduzierten lokalen Radioprogramms. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind dies fünf- oder achtstündige Angebote. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies für den Bürgerfunk, dass in einem Verbreitungsgebiet mit fünf- stündigem Volumen des Lokalradios der Bürgerfunk eine tägliche Sendezeit von einer Stunde und bei einem achtstündigen Lokalradioangebot eine tägliche Sendezeit von zwei Stunden in Anspruch nehmen kann.31 Hiervon gibt es aber, Rang Standort Dauer absolut Sendevolumen pro Tag (in Min.) 1 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) 26:46:25 114 2 Köln (Radio Köln 107,1) 24:23:21 104 3 Märkischer Kreis (Radio MK) 22:30:50 96 4 Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) 22:12:14 95 5 Stadt Münster (Antenne Münster) 21:54:19 93 6 Bochum (Radio 98,5) 21:18:10 91 7 Duisburg (Radio Duisburg) 21:14:45 91 8 Bielefeld (Radio Bielefeld) 18:01:24 77 9 Kreis Lippe (Radio Lippe) 16:52:12 72 10 Düren (Radio Rur) 16:10:30 69 11 Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) 16:00:07 68 12 Kreis Soest (Hellwegradio) 15:54:36 68 13 Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) 15:12:10 65 14 Hamm (Radio Lippewelle Hamm) 15:10:36 65 15 Kreis Unna (Antenne Unna) 14:28:40 62 16 Euskirchen (Radio Euskirchen) 14:18:35 61 17 Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) 13:24:31 57 18 Remscheid/Solingen (Radio RSG) 12:41:38 54 19 Herford (Radio Herford) 11:52:46 50 20 Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) 9:12:01 39 21 Kreis Warendorf (Radio WAF) 8:25:06 36 22 Hagen (Radio Hagen) 7:56:19 34 23 Mettmann (Radio Neandertal 97,6) 7:50:57 33 24 Erftkreis (Radio Erft) 7:36:34 32 25 Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) 7:14:45 31 26 Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) 5:26:22 23 27 Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) 5:00:08 21 28 Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) 4:56:07 21 29 Neuss (NE-WS 89,4) 4:28:25 19 30 Kreis Steinfurt (Radio RST) 2:30:41 10 Gesamt 411:05:14 ∅ 58m 53 31 Jeweils Bruttosendezeit, d. h. inklusive Nachrichten und Werbung des Lokalsenders. Basis: Analysiertes Gesamtprogramm des Bürgerfunks (t = 411:05:14) Tabelle 4-3: Stichprobenumfang in der Rangfolge des Sendevolumens wie § 72 Abs. 3, Satz 2 ermöglicht, abweichende Regelungen. Bezogen auf die vom Bürgerfunk tatsächlich in Anspruch genommene Sendedauer haben sich in der Praxis drei Gruppen herausgebildet: 1. Verbreitungsgebiete, in denen der Bürgerfunk die maximale Sendedauer von täglich zwei Stunden Bruttosendezeit weitgehend in Anspruch nimmt. 2. Verbreitungsgebiete, in denen der Bürgerfunk eine durchschnittliche Sende- zeit von einer Stunde in Anspruch nimmt. Dies sind zumeist diejenigen Standorte, in denen fünfstündige Lokalradios angesiedelt sind. 3. Verbreitungsgebiete, wo weniger (teilweise deutlich weniger) als sieben Stunden pro Woche Bürgerfunkprogramm produziert wird. Zumeist sind dies ländliche Regionen, in denen die Nachfrage nach Bürgerfunksendezeit gering ist. Bezogen auf die 14-tägige Stichprobe, die der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegt, ergibt sich für unsere Erhebungseinheiten die in der vorstehen- den Tabelle dargestellte Rangfolge. Eine Auswertung der von der LfM erfassten Sendevolumina des Bürger- funks in den letzten Jahren lässt folgende Schlussfolgerung zu: 8 Das vom Gesetzgeber vorgegebene Sendevolumen für die Produktion von Bürgerfunk ist in der Mehrzahl der Verbreitungsgebiete völlig ausreichend. Von wenigen Ausnahmefällen in Ballungsgebieten (z. B. Köln) abgesehen ist die Nachfrage nach Sendezeiten nicht höher als die pro Standort mög- lichen Kontingente. In einigen Fällen ist die Nachfrage sogar geringer als die dem Bürgerfunk eingeräumte Sendezeit. Die nachfolgende Tabelle zeigt die Entwicklungen des Bürgerfunk-Programm- volumens 1995 bis zum Jahr 2004 in den Verbreitungsgebieten, die in der Pro- grammanalyse untersucht wurden. Hierzu ist eine Indexbildung vorgenommen worden, bei der das Sendevolumen des Jahres 1995 als 100 Prozent gesetzt wurde. Die Indexbildung verdeutlicht, dass lediglich in zwei Verbreitungs- gebieten (Düren und Neuss) eine nennenswerte Verringerung in Bezug auf das Referenzjahr feststellbar ist. An etlichen Standorten ist hingegen eine Steige- rung gegenüber dem Ausgangsjahr von mehreren 100 Prozent zu konstatieren. 54 4.3.3 Wort-Musik-Verhältnis Das Wort-Musik-Verhältnis ist einer der wichtigsten Faktoren für die Anmu- tung eines Hörfunkprogrammes. In den letzten Jahren setzten insbesondere die privaten Hörfunkanbieter und die sich ihnen teilweise angleichenden öffent- 55 Verbreitungsgebiet 2004 2003 2002 2001 2000 1999 1998 1997 1996 1995 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) 176 234 236 234 232 228 92 90 100 100 Bielefeld (Radio Bielefeld) 143 133 114 111 110 113 108 114 97 100 Bochum (Radio 98,5) 143 148 127 130 119 125 95 95 114 100 Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) 136 138 108 103 104 105 104 96 110 100 Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) 160 160 100 100 120 20 60 60 80 100 Düren (Radio Rur) 71 71 68 70 92 91 98 92 96 100 Duisburg (Radio Duisburg) 88 88 87 90 89 87 88 87 108 100 Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) 440 300 340 340 440 260 180 180 120 100 Erftkreis (Radio Erft) 96 70 102 102 83 38 119 109 89 100 Euskirchen (Radio Euskirchen) 492 369 331 292 154 85 285 100 – – Hagen (Radio Hagen) 391 309 300 318 191 118 145 127 64 100 Hamm (Radio Lippewelle Hamm) 183 183 183 178 175 167 106 81 67 100 Herford (Radio Herford) 124 137 143 135 154 141 109 102 96 100 Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) 102 94 87 85 83 87 77 79 91 100 Köln (Radio Köln 107,1) 143 141 148 147 137 139 116 112 119 100 Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) 131 131 131 127 134 132 134 123 126 100 Kreis Lippe (Radio Lippe) 167 153 102 109 88 126 105 67 67 100 Märkischer Kreis (Radio MK) 104 104 102 104 104 111 102 104 104 100 Mettmann (Radio Neandertal 97,6) 205 200 181 114 129 105 62 81 86 100 Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) 98 92 73 71 84 94 84 90 98 100 Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) 124 120 120 118 118 120 116 100 108 100 Stadt Münster (Antenne Münster) 99 100 98 94 94 94 92 95 99 100 Neuss (NE-WS 89,4) 69 71 40 57 31 57 54 63 83 100 Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) 151 149 155 151 149 147 98 89 100 – Remscheid/Solingen (Radio RSG) 159 156 128 131 128 138 131 123 115 100 Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) 247 253 242 179 142 163 137 174 79 100 Kreis Soest (Hellwegradio) 120 118 122 116 122 122 120 98 98 100 Kreis Steinfurt (Radio RST) 222 211 189 167 89 33 100 100 144 100 Kreis Unna (Antenne Unna) 131 125 116 124 125 125 116 140 122 100 Kreis Warendorf (Radio WAF) 354 331 308 323 377 446 415 69 77 100 Durchschnitt 176 163 153 147 140 127 122 101 98 100 Tabelle 4-4: Entwicklung des Bürgerfunk-Programmvolumens von 1995 bis 2004 für aus- gewählte Standorte nach Index Daten: Bürgerfunk-Statistik der LfM, jeweils 3. Quartal eines Jahres Erläuterung: Das Programmvolumen des Jahres 1995 (Ausnahmen: Radio Berg [1996] und Radio Euskirchen [1997]) besitzt den Index-Wert 100. lich-rechtlichen Servicewellen zunehmend auf Musik als entscheidendem Pro- grammmerkmal. Wort – vor allem informatives Wort – wird in der Philosophie der Programmmacher vielfach als Abschaltimpuls interpretiert und entsprechend vermieden. Die verbleibenden – unabdingbar erscheinenden – Informations- anteile werden häufig musikunterlegt. Hierdurch sollen die beim Hörer unter- stellten Irritationen gegenüber den Informationsanteilen vermieden werden. Der Hörer soll auch bei der Information den „Sound“ seines Senders nicht ver- missen.32 Innerhalb des Musikprogramms wird nur noch ein eng begrenztes Repertoire von Mainstream-Titeln mit hoher täglicher Rotation gespielt. Experi- mentierfreude bei der Musikauswahl wird den Redakteuren – ebenfalls aus Furcht vor Abschaltimpulsen – nicht mehr zugebilligt.33 Für den Bürgerfunk stellt sich vor diesem Hintergrund die grundsätzliche Frage nach seiner Pro- grammkonzeption: • Will er diesem Trend folgen und den Bürgerfunk affirmativ zum „Dudel- funk“34 konzipieren oder • versteht er sich als „Alternative“, die sich in hohem und ggf. thematisch andersartigem Informationsangebot und unkonventioneller Musikfarbe Ge- hör verschafft. Bezogen auf den Bürgerfunk in NRW lässt die Programmpraxis für den Bür- gerfunk insgesamt keine eindeutige Position erkennen. Zu unterschiedlich sind die jeweils standortspezifischen Gegebenheiten. Der insgesamt relativ hohe Musikanteil von nahezu 70 Prozent wird an einigen Standorten deutlich über- schritten. In unserer Stichprobe fallen hier die nach oben abweichenden Mittel- werte (siehe nachfolgende Graphik) in den Verbreitungsgebieten Hagen, Eus- kirchen, Hamm, Kreis Soest und Kreis Lippe ins Auge. An diesen Standorten wird dem Musikprogramm ein Stellenwert eingeräumt, der für Informations- anteile nur noch sehr begrenzt Raum lässt. Andererseits gibt es aber auch Verbreitungsgebiete, die deutlich geringere Musikanteile aufweisen. An erster Stelle ist hier Duisburg zu nennen, das den Mittelwert des Musikanteils um fast 16 Prozent unterschreitet, gefolgt von Remscheid/Solingen und Mettmann.e Auch für die Musikfarbe des Bürgerfunks lässt sich keine verallgemeine- rungsfähige Aussage treffen. Hier lassen sich, je nach Interessen der Bürger- funker, alle Musikstile finden. Es gibt allerdings – aus Gründen der Ver- meidung von Formatbrüchen – eine Tendenz, in der ersten Stunde der Bürgerfunksendezeit – orientiert am jeweiligen Lokalsender – eher dem Main- 56 32 Entsprechende Befunde zeigen alle Hörfunkstudien der letzten Jahre. Vgl. exemplarisch Volpers, Helmut/ Salwiczek, Christian/Schnier, Detlef: Hörfunklandschaft Niedersachsen 2001. a. a. O., S. 45–48. 33 Vgl. Schulz, Thomas: Nur noch nebenbei. Spiegel Nr. 47, 2004, S. 222–224. 34 Der Begriff „Dudelfunk“ hat sich inzwischen als pejorative Bezeichnung für Programme mit hoher Rotation identischer Titel und starker Fragmentierung durch Jingles durchgesetzt. Vgl. Ulrich Stock: „Rettet das Radio! Da hilft nur noch weghören. Eine Kampfansage an den Dudelfunk.“ DIE ZEIT, Nr. 9, 2005, S. 1. 57 -4,0 0,4 -4,2 -2,0 2,2 -2,4 -15,8 3,3 0,1 10,3 17,3 6,5 3,9 5,2 -3,3 -0,8 6,0 1,1 -6,7 1,7 1,0 0,0 4,5 0,4 -6,8 2,6 6,4 -0,2 0,3 5,8 -25 -20 -15 -10 -5 Mittelwert 68,9 5 10 15 20 25 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Basis: Deutschsprachiges Gesamtprogramm des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-8: Standortbezogene Profile: Musikanteil – Abweichungen vom Mittelwert stream zu folgen und experimentelle Musikstile in der zweiten Sendestunde zu spielen. Das Spektrum der gespielten Musikstile im Bürgerfunkprogramm ist ins- gesamt sehr breit gestreut. In den sog. Musikspecials werden Musikrichtungen zu Gehör gebracht wie Country, Folk, Rock/Pop, Funk/Soul, Independent / Alternative, Weltmusik (Ethnopop), Clubmusik, Chartmusik, aber auch Deut- scher Schlager, Klassik und Jazz. Vielerorts wird der lokalen bzw. regionalen Musikszene ein Forum gegeben. Hier zeigt sich eine gewisse Spezifik des Bürgerfunks, denn ein solches Forum existiert im Lokalfunk nur in seltenen Fällen. Daneben gibt es aber auch zahlreiche Bürgerfunker bzw. Radiowerk- stätten, die sich – insbesondere in der ersten Bürgerfunkstunde und in Wort- magazinen – an der Musikfarbe des jeweiligen Lokalradios orientieren, die sich in erster Linie dem Mainstream verpflichtet fühlt. Diese Orientierung wird zum einen damit begründet, dass Formatbrüche zwischen Lokalradio- und Bürgerfunkprogramm vermieden werden sollen (teilweise durch explizite Vereinbarungen zwischen den Akteuren vor Ort), andererseits ist es persön- licher Geschmack oder unterstellter Publikumsgeschmack, der bedient werden soll. Das hier charakterisierte Musikspektrum des Bürgerfunks wird auch durch eine Auswertung der in den Abrechnungsbögen der LfM angegebenen Musik- titel für das 2. Quartal 2003 validiert. 4.3.4 Informationsanteile und Themenselektion Die entscheidende medientheoretische Begründung und gesellschaftliche Be- deutung des Bürgerfunks, nämlich auch im Hörfunk die unmittelbare Mei- nungsäußerungsfreiheit von Bürgern zu ermöglichen35, hat ihren „Ort“ im Informationsangebot des Bürgerfunkprogramms. Im Mittelwert aller unter- suchten Programme beträgt das informierende Wortangebot rund 23 Prozent. Bezogen auf die „Nettosendezeit“ eines zweistündigen Bürgerfunkangebots sind dies rund 24 Minuten täglich. Dieser Mittelwert wird standorttypisch sowohl erheblich über- als auch unterschritten. Deutlich über dem Durchschnitt liegen die Verbreitungsgebiete Duisburg, Stadt Aachen, Remscheid/Solingen, Mettmann und Düren. In diesen Verbreitungsgebieten ist vice versa der Musik- anteil unterdurchschnittlich. 8 Mit anderen Worten: Eine Verringerung des Musikanteils kommt offenbar dem informativen Wort zu Gute. Dieser Befund ist keinesfalls banal oder zwangsläufig, denkbar wäre ja auch eine Erhöhung der Wortunterhaltung oder der nicht-informativen Moderation. 58 35 Nur beim informativen Wort werden publizistische Inhalte transportiert. Musik und Wortunterhaltungsformen sind keine „Meinungsäußerungen“ im Sinne von Art. 5 GG. Es gibt viele Indikatoren dafür, dass die grundsätzliche Unterscheidung im Profil des Bürgerfunks in den jeweiligen Verbreitungsgebieten über die Dicho- tomie musikbetont oder informationsbetont hergestellt wird. An Standorten, wo die Bürgerfunkgruppen von Musikenthusiasten und Hedonisten (s. u.) dominiert werden, kommt das informative Wort im Programmangebot zu kurz. Nachfolgend werden jeweils die standortspezifischen Bedingungen, die einen hohen Informationsanteil offenbar bewirken bzw. begünstigen, knapp dargestellt: • Der hohe Informationsanteil im Verbreitungsgebiet Duisburg ist in erster Linie auf das breite Gruppenspektrum der Radiowerkstatt Medienforum Duisburg zurückzuführen. Über 37 Prozent des analysierten Sendevolumens im Verbreitungsgebiet Duisburg stammt aus dieser Radiowerkstatt. Laut Vereinbarung zwischen den drei örtlichen Radiowerkstätten steuert das Medienforum offiziell 55 Prozent zum Bürgerfunkprogramm bei. Als Beispiele für dort aktive Bürgerfunkgruppen sind zu nennen: „Anonyme Alkoholiker“, „MfG – Mit freundlichen Grüßen – unbehindert Radio machen“ (Selbsthilfegruppe), „Nord-Süd-Blick“ (Dritte-Welt-Gruppen), „Pink Channel“ (Schwule36), „Radio Zebra“ (Fan-Magazin). • Der informationshaltige Schwerpunkt für das Verbreitungsgebiet der Stadt Aachen37 erklärt sich dadurch, dass alle drei Radiowerkstätten dort ent- sprechende Sendeplätze aufweisen, wobei über 55 Prozent des Sende- volumens aus der Radiowerkstatt Förderverein Aachener Radio (FARa) stammen. Programmstrukturell verankerte Sendungen wie „VHS-Magazin“, „Campus-Magazin“, „Freistunde“ (Schülerradio), „Wissenschaftsmagazin“, „Talk am Donnerstag“ (mit wechselnden Themen), „Kaleidoskop“ (Film- magazin) sowie „Tierheim Aachen“ sind im Wesentlichen „der Ort“ für das Informationsangebot. • Von den 5 Radiowerkstätten in Remscheid/Solingen tragen vor allem vier zu einem gesellschaftlich engagierten Programm im Verbreitungsgebiet bei. Drei davon haben eine Trägerorganisation (Katholisches Bildungswerk, VHS, Gewerkschaft (RW GfL)). Eine Radiowerkstatt (Kraftstation) wird stark von Jugendlichen präferiert (Träger: Jugendzentrum). Im Ergebnis führt das zu Sendungen wie: „Kreuzblende“ (u. a. zu Migration und Integra- tion sowie „Stimme der Senioren“, „Würmlinge auf Sendung“), „Bücher, Leser, Klappentexte“ und „Medientipp“ (Buchtipps und -rezensionen, Lesungen), „Radio Kraftstation“ (Feature zur Jugend 2003), „Die grüne 59 36 Diese Gruppe hat sich zwischenzeitlich – nach über 10-jährigem Bestehen – aufgelöst. 37 Im Verbreitungsgebiet Aachen gibt es die Sondersituation (neben der Möglichkeit live zu senden), dass sich die Radiowerkstätten auf zwei Lokalsender (Stadt und Kreis) verteilen. So kooperieren beispielsweise der Förderverein Aachener Radio (FARa; Stadt) und das Bürgerradio Kreis Aachen (Kreis) und sind beim Stadt- sender angesiedelt. Welle“ (Kreisjägerschaft, Umweltmagazin), „Urlaubsreif“ (Reisemagazin), „Film ab“ (Kinomagazin) sowie die Vorstellung der aktuellen Ausgabe eines Straßenmagazins. • Im Verbreitungsgebiet Mettmann sind zwei Radiowerkstätten in Träger- schaft der VHS und eine in derjenigen des Katholischen Bildungswerkes. Hier werden überdurchschnittlich viele Ressortmagazine produziert. Sen- dungen wie „Bürgerhauswelle“, „Radio Niederberg International“, „BUND Nessel“ (Umweltmagazin), „Das Premierenforum“, „Studio Kirchgasse“, „Modern Times“ sind die Plattform für das Informationsprogramm. Als erster Befund drängt sich hier bereits ein gewisser Zusammenhang zwi- schen der Trägerschaft der jeweiligen Radiowerkstatt und der Fokussierung auf Informationsanteile auf: 8 Institutionelle Trägerschaften der Radiowerkstätten scheinen die Produktion von Informationsprogrammen zu fördern. Auffallend ist zudem, dass insbesondere in Verbreitungsgebieten mit lediglich einer oder zwei Radiowerkstätten (Euskirchen, Hagen, Hamm, Kreis Soest; Kreis Warendorf, Mönchengladbach) der Informationsanteil vergleichsweise unterdurchschnittlich ist. Hier liegt die Vermutung nahe, dass – um das Sende- kontingent auszufüllen – der mangelnde redaktionelle Output mit Musiksen- dungen bestückt wird. Der insgesamt niedrige Informationsanteil am Standort Euskirchen könnte u. U. auf eine „Kannibalisierung“ zurückzuführen sein. Die einzige Radio- werkstatt in Euskirchen ist neben ihrer klassischen Bürgerfunkproduktion noch anderweitig eingebunden. Parallel zu den Bürgerfunk-Aktivitäten der Radio- werkstatt Bürgerfunk für Euskirchen haben die Mitarbeiter ein weiteres Projekt ins Leben gerufen. Aus Anlass des 700-jährigen Bestehens der Stadt Eus- kirchen gründeten sie das Radio 700 (Untertitel: Ihr Radio für das deutsch- sprachige Europa), zunächst als befristetes Projekt, doch nun bereits seit ge- raumer Zeit fest etabliert. Als Formatradio sendet es ein 24-Stunden-Programm. Zur vollen und halben Stunde werden Nachrichten vom Deutschlandfunk ein- gespielt, es gibt eine Morningshow, das Musikformat besteht aus Deutschen Schlagern und Oldies, die Hauptsendezeit mit redaktionellem Programm liegt zwischen 20 und 24 Uhr, wo 3–4 Stunden live gesendet oder Vorproduziertes ausgestrahlt wird, Beiträge werden ohne Rahmenmoderation eingespielt. Re- daktionelle Beiträge werden geliefert z. B. von ehemaligen Mitarbeitern, die jetzt in Regensburg oder der Schweiz ansässig sind. Hin und wieder kommt es auch zum Austausch von Beiträgen zwischen dem Bürgerfunk und dem Radio 700. Es findet keine Werbung statt, aber man wird „mit freundlicher Unterstützung“ von Sponsoren protegiert. Ziel der Mitarbeiter ist es, die Pro- fessionalisierung der Mitarbeiter zu befördern: man hat den Anspruch, dass die 60 Mitarbeiter eine möglichst umfassende Qualifikation erhalten im Hinblick auf eine ernst zu nehmende berufliche Karriere, d. h. Radiomachen unter Real- bedingungen und nicht als Spielwiese innerhalb einer Produktionsgruppe. Seit es dieses zweite Projekt der Radiowerkstatt in Euskirchen gibt, ist das Ver- hältnis zum Lokalradio zerrüttet (Konkurrenzverhalten etc.). Der niedrige Informationsanteil im Verbreitungsgebiet Bielefeld ist ein Reflex auf die dort feststellbare starke Ausrichtung auf Musikmagazine. Sen- dungen wie z. B. „Sweet Beat Radio Show“ (BI Bürgerwache), „Housebeats on Air“ und „Schlagerparade“ bestimmen den Höreindruck. Drei der fünf Radiowerkstätten vor Ort haben eine Ausrichtung auf eher jugendliche Produ- zenten und damit auch Hörerschaft (Tiere im Kulturdschungel, BI Bürger- wache, Bielefelder Jugendring). Interessanterweise ist in Bielefeld der Musik- anteil am Gesamtprogramm nahezu durchschnittlich. In den Musikmagazinen ist ein hoher Anteil an Unterhaltungsmoderation enthalten, der zu Lasten des informativen Wortes geht. Der hohe Anteil an Unterhaltungsmoderation geht weitgehend auf Musikmagazine zurück wie z. B. „Housebeats on Air“, „Sweet Beat Radio Show“, „Club Talk“ und „Schlagerparade“. Ausgeprägte Regie- und Unterhaltungsmoderation ist darüber hinaus auch in anderen Sendungen zu finden wie „Schwarzer Kanal“ („Bakelit Radio“ und „Wahnsinns Kaas Show“), „Siegfriedplatz“ und „EDM“. 8 Ein hoher oder niedriger Informationsanteil ist allerdings noch kein Indika- tor für eine bestimmte Themenselektion. Die thematischen Präferenzen der Bürgerfunkgruppen sind sehr stark von der individuellen Interessenlage bzw. der Ausrichtung der Bürgerfunkgruppen vor Ort geprägt. Im Extrem- fall können einzelne Bürgerfunkgruppen mit ihrem spezifischen Themen- schwerpunkt das Bürgerfunkprogramm eines Verbreitungsgebietes stark prägen. So zeigt sich z. B. in Bochum im Themenfeld Politik eine Abweichung vom Mittelwert mit fast 60 Prozent, bei gleichzeitig sehr geringem Sendegebiets- bezug (Unterschreitung um 21 Prozent vom Mittelwert). Dies bedeutet, dass (über die Radiowerkstätten URBO, Ruhr Radio XXL und Audio-Worx) dem Themenfeld nationale und internationale Politik an diesem Standort große Programmflächen des Informationsanteils gewidmet werden (z. B. „APO – Alternative Politik“, „Medienmix“). Extreme Unterschiede in der Themen- selektion zeigen sich auch im Bereich „Human Touch“. Hier findet sich eine große Berücksichtigung entsprechend „bunter“ Themen an den Standorten Herford, Neuss, Hagen und Märkischer Kreis. In all diesen Verbreitungs- gebieten ist zugleich der Informationsanteil unterdurchschnittlich. Hinter dieser Kategorie stehen allerdings (anders als im Boulevardjournalismus) nicht Sex and Crime, sondern weitgehend die Schilderung persönlicher Lebensschicksale in narrativer Form. 61 62 Mittelwert 8,1 -12,8 0,4 3,5 2,5 6,1 16,7 1,4 5,0 -13,7 -12,6 -8,4 -4,7 -3,4 2,0 0,0 -2,9 -1,5 6,5 -6,1 -2,9 -0,7 -8,1 0,5 7,9 1,1 -5,2 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) -2,2 -2,3 -6,9 -25 -20 -15 -10 -5 23,3 5 10 15 20 25 Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Basis: Deutschsprachiges Gesamtprogramm des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-9: Standortbezogene Profile: Informationsanteil – Abweichungen vom Mittel- wert 63 6,2 -4,5 59,0 -5,6 18,2 1,1 -8,1 -4,8 -11,6 -0,3 -10,2 4,1 -11,7 -7,7 -0,9 -11,0 -11,0 6,7 -5,6 17,2 -30 -20 -10 13,5 10 20 30 40 50 60 70 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks ohne Service und Wetter Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-10: Standortbezogene Profile: Themenfeld Politik – Abweichungen vom Mittel- wert 64 -0,6 22,3 -38,0 0,0 36,4 2,1 -18,5 19,9 -10,0 10,4 -22,4 21,0 -33,4 7,3 -5,1 0,1 31,2 -8,5 15,5 1,6 26,1 17,9 -42,6 -6,9 10,6 -9,2 27,4 36,4 -12,5 27,2 -60 -40 -20 63,6 20 40 60 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks ohne Service und Wetter Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-11: Standortbezogene Profile: Themenfeld Gesellschaft – Abweichungen vom Mittelwert 65 -3,9 -7,1 8,8 3,3 -5,5 6,5 26,9 -6,4 35,6 7,5 13,0 -6,1 -6,5 21,1 -8,1 -8,6 29,2 0,5 -7,3 16,6 0,3 -20 -10 8,9 10 20 30 40 50 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks ohne Service und Wetter Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-12: Standortbezogene Profile: Themenfeld Human-Touch – Abweichungen vom Mittelwert 4.3.5 Sendungsformate und Vermittlungsformen Die Anteile der Sendungsformate in den Programmangeboten zeigen im Ver- gleich der Verbreitungsgebiete untereinander große Unterschiede.38 Hinter dieser Verwendung unterschiedlicher Magazinformate stehen grundsätzlich divergierende Programmrealisationen des Bürgerfunks. Vor allem, wenn hohe Anteile an Musikmagazinen mit hohen Anteilen an Mischmagazinen kombi- niert werden, ergibt sich ein Höreindruck des Bürgerfunks, der ein völlig anderer ist als z. B. bei der Kombination hoher Anteile von Ressortmagazinen und monothematischen Sendungen: • Im Verbreitungsgebiet Euskirchen bekommt der Hörer des Bürgerfunks insgesamt über 76 Prozent der Sendezeit Musik- oder Mischmagazine zu Gehör, in Neuss sogar zu über 85 Prozent. In beiden Verbreitungsgebieten ist zudem der Anteil des Informationsprogramms unterdurchschnittlich und die Informationsgebung wird überdurchschnittlich hoch durch Moderation als Vermittlungsform erbracht. • Eine völlig gegensätzliche Anmutung hat der Bürgerfunk in den Verbrei- tungsgebieten Mettmann und Erftkreis, wo jeweils die monothematischen Sendungen und die Ressortmagazine überdurchschnittlich häufig vorkom- men. Dies korreliert an beiden Standorten mit einem großen Informations- anteil. Spitzenreiter bei den Musikmagazinen ist das Verbreitungsgebiet Hagen mit insgesamt 81 Prozent der Sendezeit. Hiermit liegt Hagen um 50 Prozent über dem NRW-Mittelwert. Die einzige Radiowerkstatt in Hagen (in Trägerschaft des DGB) hat mit knapp acht Stunden im 14-tägigen Stichprobenzeitraum ins- gesamt ein geringes Produktionsvolumen. In diesem Zeitraum wurden 10 Sen- dungen ausgestrahlt, von denen acht Musikmagazine sind. Die Informations- anteile des Bürgerfunks werden hier hauptsächlich über Moderationen zum Thema Musik erbracht. An zweiter Stelle mit 21 Prozent über dem Durchschnitt bei den Musik- magazinen folgt – wie bereits oben beschrieben – Bielefeld. Ebenfalls hohe Anteile von Musikmagazinen (knapp 20 Prozent über dem Durchschnitt) weisen die Verbreitungsgebiete Bochum, Münster und Warendorf auf. Der hohe Anteil an Musikmagazinen im Verbreitungsgebiet Bochum erklärt sich darüber, dass zwei der fünf Radiowerkstätten eine eher jugendlich geprägte Klientel mit hohen Musikpräferenzen aufweisen (Ruhr Radio XXL, Audio- Worx). Bochum hat allerdings ebenfalls einen um 15 Prozent überdurchschnitt- lichen Wert bei den Ressortmagazinen, so dass hier nicht von einem eindimen- 66 38 Aufgrund der extrem geringen Stichprobensendezeit des Verbreitungsgebietes Steinfurt (2,5 Std.) bleibt dieses Bürgerfunkprogramm in der Interpretation unberücksichtigt. sionalen Profil bei den Sendungsformaten gesprochen werden kann. Allerdings kann in Bochum eine gewisse Dichotomie bei der Programmgestaltung fest- gestellt werden: Musik und (nationale/ internationale) Politik. Als Stadt mit hohem Stundentenanteil bringt Münster per se ein großes Potential an Bürgerfunkern mit sich. In zwei der vier Radiowerkstätten in Münster (Medienforum und VHS, beide beteiligt am Bürgerfunkprojekt „Mekomnet“) werden dementsprechend umfangreiche Aktivitäten von jungen Bürgerfunkgruppen entwickelt, was sich auch in dem musikalischen Spektrum widerspiegelt. Das sind beispielsweise Sendungen wie „Talk Heavy“ (Metal), „Jazz- und Blues-Corner“, „Jazz für alle“, „Mission to rock“, „BiB – Blues im Bürgerfunk“, „Easy Listening – Musik am Feierabend“, „Sidetracks – Sounds neben dem Mainstream“ sowie „Jazz, Pop, Krach“. Allein die Sen- dungsnamen deuten bereits auf eine variationsreiche Musikfarbe hin. Im Verbreitungsgebiet Warendorf gibt es lediglich zwei Radiowerkstätten, beide in Trägerschaft der VHS. Im Untersuchungszeitraum wurden insgesamt neun Sendungen ausgestrahlt, hiervon fünf Musikmagazine. In Warendorf wird offenbar die Country-Musik besonders gepflegt, allein drei Musikmagazine richten sich auf diesen Musikstil. In mehrfacher Hinsicht ein herausragendes Bürgerfunkprogramm findet sich im Verbreitungsgebiet Stadt Aachen. Dieses Verbreitungsgebiet (mit dem höchsten Programmvolumen in unserer Stichprobe) erbringt, wie schon er- wähnt, einen überdurchschnittlich hohen Informationsanteil, der sehr häufig in monothematischen Sendungen (mit 22 Prozent über dem Durchschnitt) dar- geboten wird. Hierbei werden auch relativ häufig journalistische Darstellungs- formen (10 Prozent überdurchschnittlich) verwandt. Beachtenswert sind noch die hohen Anteile an narrativen Darstellungs- formen. Spitzenreiter ist hier das Verbreitungsgebiet Herford mit 47,5 Prozent über dem Durchschnitt. Bei dem insgesamt geringen Informationsanteil im Herforder Programm schlägt hier vor allem eine Folge von Beiträgen zu „Horst Wiese erzählt aus Ecuador“ sowie christliche Schilderungen stark zu Buche. Insgesamt haben in Herford christliche Themen (drei von fünf Radiowerk- stätten mit christlichem Hintergrund) einen großen Stellenwert. 67 68 -8,3 21,1 17,3 -19,2 -15,0 -2,8 -19,7 4,5 50,1 13,7 12,2 -19,0 -6,4 0,8 -1,3 10,2 18,1 1,9 17,5 -11,9 -9,5 -17,6 -21,4 8,0 4,2 -2,0 19,6 -40 -30 -20 -10 30,7 10 20 30 40 50 60 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Gesamtprogramm des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-13: Standortbezogene Profile: Musikmagazine – Abweichungen vom Mittelwert 69 -5,9 -16,1 -12,8 34,8 -6,2 -12,7 20,4 -16,6 7,0 -13,7 38,1 20,6 -7,4 -10,5 -4,7 0,8 30,4 1,7 -13,0 45,2 12,1 -7,3 -2,4 1,8 18,9 -30 -20 -10 20,8 10 20 30 40 50 60 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Gesamtprogramm des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-14: Standortbezogene Profile: Mischmagazine – Abweichungen vom Mittelwert 70 -4,6 -9,9 16,4 -11,8 80,5 5,6 -7,5 13,8 35,6 -4,5 -8,4 -12,3 -8,2 -5,8 14,6 5,6 -12,3 25,6 -13,9 1,3 7,5 20,4 -11,1 2,7 45,6 -5,1 10,8 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) -40 -20 19,5 20 40 60 80 100 Mittelwert Basis: Gesamtprogramm des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-15: Standortbezogene Profile: Ressortmagazine – Abweichungen vom Mittelwert 71 22,1 -21,0 -17,5 -0,5 18,9 26,3 41,0 8,1 -2,1 -8,9 2,6 -7,7 -5,1 -4,7 -10,6 6,1 7,6 2,3 -4,4 -10,5 -6,8 7,7 38,2 -9,3 -8,5 -6,3 -40 -30 -20 -10 25,7 10 20 30 40 50 60 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Gesamtprogramm des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-16: Standortbezogene Profile: Monothematische Magazine – Abweichungen vom Mittelwert 72 -3,3 13,2 0,5 -2,1 -3,3 -3,0 -0,4 -4,0 -4,2 2,2 -4,0 2,0 1,8 -1,1 -0,2 0,5 -2,2 -0,4 -2,1 2,6 1,7 1,5 -0,7 -1,4 0,0 -2,7 0,4 -2,1 2,0 2,0 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert -10 -5 5,8 5 10 15 20 Basis: Deutschsprachige Gesamtprogramm des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-17: Standortbezogene Profile: Regie- und Unterhaltungsmoderation – Abwei- chungen vom Mittelwert 73 -8,6 26,2 -21,6 -9,9 38,4 7,9 13,9 35,1 5,9 14,8 28,1 16,0 -43,9 -17,0 5,4 -3,5 -2,8 -6,5 5,3 -22,6 -31,9 16,6 6,3 13,7 -3,5 -5,2 7,6 -45,4 -11,6 6,6 -60 -40 -20 57,2 20 40 60 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-18: Standortbezogene Profile: Informierende Moderation – Abweichungen vom Mittelwert 74 10,4 -15,3 34,8 18,8 -23,4 -0,1 -17,9 -16,5 -19,5 -5,0 -3,7 -19,4 3,6 1,2 3,9 6,4 4,4 16,5 12,1 -5,8 10,6 -14,6 7,6 -18,2 -13,9 45,5 4,9 -40 -30 -20 -10 23,7 10 20 30 40 50 60 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-19: Standortbezogene Profile: Journalistische Darstellungsformen – Abweichun- gen vom Mittelwert 75 2,7 -7,6 -4,9 -0,1 -4,7 18,9 47,5 9,9 -6,7 1,5 -8,3 1,1 -8,6 17,7 8,2 -2,8 31,8 -8,6 2,4 22,4 -20 -10 10,2 10 20 30 40 50 60 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, dass die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-20: Standortbezogene Profile: Narrative Darstellungsformen – Abweichungen vom Mittelwert 4.3.6 Sendegebietsbezug Nahezu spiegelbildlich zeigen sich bei einigen Verbreitungsgebieten Reflexe auf das bisher geschilderte Profil im Sendegebietsbezug. Der Sendegebiets- bezug ist ein Indikator dafür, wie stark oder schwach der Bürgerfunk sich dem lokalen Geschehen in seiner Programmpraxis berichtend zuwendet. Hier hat Hagen mit 46 Prozent den höchsten unterdurchschnittlichen Wert aller Radio- werkstätten, dicht gefolgt von Warendorf. In beiden Fällen dürfte dies darin begründet liegen, dass in den Musikmagazinen auch die Wortanteile keinen Bezug zum Sendegebiet aufweisen, sondern die Moderation sich auf die Musik- titel oder -stile richtet. In Herford ist der hohe Anteil an christlicher Thematik (s. o.) die Ursache für den unterdurchschnittlichen Sendegebietsbezug (mit minus 34 Prozent). Ebenfalls niedrig ist der Sendegebietsbezug in Bochum (minus 21 Prozent). Hier sind zwei Gründe ausschlaggebend: der hohe Anteil an Musikmagazinen und die Fokussierung auf allgemeine (nicht lokale) politische Themen im Informationsprogramm. Demgegenüber stehen etliche Verbreitungsgebiete, in denen der Bürgerfunk sein Informationsprogramm auf Themen und Ereignisse richtet, die im Ver- breitungsgebiet des Lokalradios angesiedelt sind. Mehr als 20 Prozent über dem Durchschnitt liegt der Bürgerfunk in den Verbreitungsgebieten: Krefeld/ Viersen, Kreis Soest, Neuss, Mönchengladbach und Ennepe-Ruhr-Kreis. Diese Werte müssen allerdings vorsichtig interpretiert werden, da die Basis des Infor- mationsprogramms höchst unterschiedlich ist. So hat z. B. der Bürgerfunk in Neuss im Tagesdurchschnitt 4 Minuten und im Ennepe-Ruhr-Kreis 6 Minuten Information! 76 77 5,8 22,0 -21,4 2,1 12,3 7,3 2,6 19,9 4,3 -9,6 -46,2 3,6 -34,1 11,0 -13,6 26,7 -12,6 -12,5 -5,6 -4,4 22,8 8,2 24,4 6,1 -6,0 3,3 24,7 38,5 -17,5 -45,3 -60 -40 -20 56,7 20 40 60 Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Bielefeld (Radio Bielefeld) Bochum (Radio 98,5) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Düren (Radio Rur) Duisburg (Radio Duisburg) Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) Erftkreis (Radio Erft) Euskirchen (Radio Euskirchen) Hagen (Radio Hagen) Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Herford (Radio Herford) Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) Köln (Radio Köln 107,1) Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) Kreis Lippe (Radio Lippe) Märkischer Kreis (Radio MK) Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Stadt Münster (Antenne Münster) Neuss (NE-WS 89,4) Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Remscheid/Solingen (Radio RSG) Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Kreis Soest (Hellwegradio) Kreis Steinfurt (Radio RST) Kreis Unna (Antenne Unna) Kreis Warendorf (Radio WAF) Mittelwert Basis: Informierendes Programm (deutschsprachig) des Bürgerfunks Erläuterung: Dargestellt werden jeweils die Unterschiede gegenüber dem Mittelwert für alle analysierten Standorte. Keine Zahlenangabe bedeutet, das die Programmkategorie an dem jeweiligen Standort nicht vorkommt. Abbildung 4-21: Standortbezogene Profile: Sendegebietsbezug – Abweichungen vom Mittel- wert 4.3.7 Inhaltliche und formale Sendungsqualität Die inhaltliche und formale Sendungsqualität der Bürgerfunk-Produktionen ist – wider erwarten – deutlich höher als zunächst von einem „Laienradio“ an- genommen werden kann. Die feststellbaren Mängel halten sich dabei in einem Rahmen, der ein tolerierbares Maß nicht überschreitet. Bei der technischen Sendungsqualität gibt es in erster Linie Aussteuerungs- probleme der Lautstärke: Mal ist die Musik zu leise, mal übertönt sie die Moderation; es gibt immer wieder Schwankungen in der Lautstärke und in der Tonqualität. Die Übergänge zwischen einzelnen Musiktiteln sowie zwischen Wort und Musik gelingen nicht immer; außerdem kommt es hin und wieder zu abrupten Wechseln oder Sendelöchern. Der Wechsel sowie das bloße Ab- spielen (Hängen oder Springen) von CDs ist schließlich auch mit Schwierig- keiten verbunden. Eigentlich verwundert das Auftreten derartiger technischer Mängel, wenn man bedenkt, dass Bürgerfunkbeiträge und -sendungen vorproduziert werden. Man könnte annehmen, dass die Produktionen von technischen Fehlern frei sein sollten. Vermutlich schleichen sich aber derartige Schwächen unter dem Zeitdruck von Produktionen ein, vielleicht ist es Nachlässigkeit beim Bespielen des Tonträgers, oder aber der Verzicht auf eine Kontrolle des fertigen Produktes sowohl auf Seite der Radiowerkstatt als auch auf Seite des Lokalsenders führt – wie oben bereits ausgeführt – zu diesen Mängeln. Grundsätzlich stellt die technische Sendungsqualität im Bürgerfunk aber offensichtlich kein wirkliches Problem dar. Diese Einschätzung wird auch von den befragten Chefredakteuren der Lokalsender geteilt. Deren Kritik richtet sich vielmehr auf die formale Sendungsqualität. Die formale Sendungsqualität macht sich – aus der Sicht der Chefredak- teure – daran fest, dass die Bürgerfunker ihr journalistisches Handwerk nur unzureichend beherrschen. Es wird unterstellt, dass Bürgerfunker unter dem Aspekt der Selbstverwirklichung zu sehr auf sich selbst und weniger auf die Hörer achten. Formatierung, journalistische Standards, Hörgewohnheiten etc. würden zu wenig berücksichtigt oder sogar ignoriert und hätten abschreckenden Charakter. Diese Einschätzung kann durch unsere Untersuchung jedoch nicht unter- mauert bzw. gestützt werden. Es fällt auf, dass vergleichsweise wenige formale Mängel zu beobachten sind. Was allerdings vorkommt, sind beispielsweise stockende Moderation oder Sprechweise aufgrund mangelnder Vorbereitung und allgemeines, nichts sagendes Geplauder („Null-Kommunikation“), was in der Tat gelegentlich zum Abschaltimpuls führen könnte. Dagegen sind ungewohnte Stimmen, Intonation, Satzmelodie, Sprachverwendung, Sprecher- tempo, Satzbau nicht per se zu kritisieren, auch wenn sie vielleicht bei sog. Profis eine gewisse Befremdlichkeit auslösen. Deren „glatte“ Standards sollten 78 aber nicht zum alleinigen Maßstab des Hörfunks genommen werden. Aus einer anderen Perspektive bzw. Hörgewohnheit gewinnt der Bürgerfunk gerade im Kontrast zum durchformatierten Lokalradio durchaus den Charme des Un- vollkommenen. 79 5 Die Akteure des Bürgerfunks 5.1 Einleitung Nachdem im vorhergehenden Kapitel die Ergebnisse der Programmanalyse des Bürgerfunks dargestellt wurden, werden nunmehr die Produzenten dieses Programms in den Blick genommen. Der Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen lässt sich, wie bereits erläutert, in die drei Akteursgruppen Bürgerfunker, Bür- gerfunkgruppen und Radiowerkstätten aufteilen. Bei dieser Aufteilung handelt es sich um eine analytische Trennung, da Bürgerfunkgruppen sich selbstver- ständlich aus der Summe von Bürgerfunkern bilden und auch die Mitarbeiter der Radiowerkstätten in vielfältiger Weise als Bürgerfunker in Erscheinung treten. Die durchgeführten Erhebungen zeigen aber, dass die intrinsischen Motive des Einzelnen und die Ziele der zugehörigen Bürgerfunkgruppe nicht in jedem Fall deckungsgleich sein müssen. Die unterschiedlichen Befragungen von Einzelpersonen und Bürgerfunkgruppen sind daher aufschlussreich, da sie eine Beschreibung der Bürgerfunkakteure aus ihrem jeweiligen Rollenver- ständnis heraus ermöglichen. Die Akteursanalyse basiert primär auf Befragungen der handelnden Perso- nen. Sozialwissenschaftliche Befragungen erfassen immer nur verbalisiertes Sozialverhalten und nicht tatsächliches Verhalten selbst. Hierdurch ist die Ge- fahr der Fehlinterpretation gegeben, da die befragten Personen u. U. wünschens- wertes und nicht unbedingt tatsächliches Verhalten verbalisieren. Um die mög- licherweise hieraus resultierenden Verzerrungen zu nivellieren, wurde für die Untersuchung der Akteure ein Mehrmethodenansatz gewählt: Das Antwort- verhalten der schriftlich Befragten wurde durch Gruppendiskussionen und Beobachtungen vor Ort ergänzt. Zudem sind – als externe Validierung – die Ergebnisse der Befragungen in Relation zur Programmanalyse gebracht worden und ferner sekundäranalytische Daten der LfM herangezogen worden. Die Zusammenschau der Daten aus diesen unterschiedlichen Quellen führt zu einer verlässlichen Aussage über alle drei Akteursgruppen. Die hier dargestellten Ergebnisse zu den Bürgerfunkern als Individuen resultieren aus der ersten Erhebung dieser Art innerhalb der Forschung über 81 den Bürgerfunk in NRW. Den Hintergrund für diese Alleinstellung bildet der methodisch schwierige „Zugriff“ auf diesen Personenkreis. Als festen und „greifbaren“ Bezugspunkt in der Bürgerfunklandschaft gibt es für die LfM lediglich die Radiowerkstätten. Diese benötigen für ihre Tätigkeit die Zulas- sung als anerkannte Radiowerkstatt durch die LfM. Die Bürgerfunkgruppen sind einerseits nur mittelbar über die Radiowerkstätten erfassbar; andererseits treten sie teilweise im Programm des Bürgerfunks namentlich in Erscheinung. Der in diesen Gruppen tätige Bürgerfunker war bisher eine terra incognita. Über die in Kap. 3 beschriebene mehrstufige Auswahl bei der Stichproben- bildung wurde es in dieser Studie erstmals möglich, auch die handelnden Individuen der Bürgerfunkgruppen repräsentativ zu befragen. Hierbei ist aller- dings eine Einschränkung zu betonen, die sowohl für die Befragung der Bürger- funker als auch der Bürgerfunkgruppen gilt: Befragt wurden im Wesentlichen Akteure der so genannten regelmäßigen Bürgerfunkgruppen. Sporadisch pro- duzierende Gruppen lassen sich – mit forschungsökonomisch vertretbarem Aufwand – nicht erfassen. Über die Aktivitäten dieser Gruppen gibt es aber Befunde aus der Befragung der Radiowerkstätten (s. u.). 5.2 Kommunikatoren – die Mitglieder der Bürgerfunkgruppen 5.2.1 Soziodemographische Struktur Im Folgenden wird zunächst die Zusammensetzung der Bürgerfunkgruppen anhand der soziodemographischen Merkmale beschrieben. Als zentrales Er- gebnis der Befragung kann festgehalten werden: 8 Der Bürgerfunk wird von einem breiten Spektrum der Bürger Nordrhein- Westfalens als Kommunikationsmittel genutzt. In der Zusammensetzung sind allerdings einige Abweichungen von der allgemeinen Bevölkerungs- struktur in NRW feststellbar. Geschlechtsspezifisch zeigt sich mit 60 Prozent ein deutliches Übergewicht männlicher Bürgerfunker im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt in NRW, wo der männliche Anteil bei 48,3 Prozent liegt.39 82 39 Daten zum NRW-Landesdurchschnitt. Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen. www.lds.nrw.de/statistik/datenangebot /date/struktur [Stand: 03. 03. 05]. Bei der Altersstruktur lässt sich konstatieren: Der Bürgerfunk spricht alle Altersgruppen an! Eine spezifische Dominanz bestimmter Altersgruppen lässt sich nicht feststellen. Die Struktur der Bürgerfunker entspricht – mit einigen Abweichungen – weitgehend der Bevölkerungsstruktur in NRW. Deutlich über- repräsentiert ist lediglich die Gruppe der Jugendlichen bzw. jungen Erwachse- nen bis 19 Jahren. Hier liegt der Bevölkerungsanteil in NRW bei 6,3 Prozent, innerhalb der Bürgerfunker hingegen bei 20 Prozent. Dies ist ein Reflex auf die Jugendarbeit zahlreicher Radiowerkstätten und der Tatsache, dass der Bürger- funk von vielen Jugendlichen als Einstieg in einen Medienberuf gesehen oder aber als Musikabspielstätte genutzt wird, wie noch zu zeigen sein wird. Die dargestellte Altersstruktur ist allerdings der Mittelwert für alle befragten Bürgerfunker in NRW. Standortbezogen lässt sich feststellen, dass bestimmte Radiowerkstätten (auch im Zusammenhang mit der Trägerschaft) jeweils spezifische Alterskohorten besonders anziehen. So gibt es Standorte, wo der Bürgerfunk eher von Jugendlichen dominiert wird und andere, wo z. B. Senioren besonders stark vertreten sind. In Großstädten mit vielen Radiowerkstätten nivelliert sich die Dominanz bestimmter Alterskohorten pro Radiowerkstatt durch die unterschiedliche Schwerpunktsetzung einzelner Radiowerkstätten. An Standorten mit wenigen Radiowerkstätten kann aber eine spezifische Alters- dominanz das Programm des Bürgerfunks extrem einseitig machen. In Kapi- tel 4 wurde anhand der standortspezifischen Programmanalyse bereits auf 83 weiblich 40,0% männlich 60,0% Basis: 440 Befragte der Bürgerfunker-Befragung Abbildung 5-1: Anteile der Bürgerfunker nach Geschlecht dieses Phänomen hingewiesen. Nun wird deutlich, dass hinter dieser Programm- realisation bestimmte Zusammensetzungen von Bürgerfunkgruppen stehen, die sich z. B. anhand soziodemographischer Merkmale festmachen lassen. Eine signifikante Abweichung zeigt sich auch beim formalen Schulab- schluss: Bei den Bürgerfunkern verfügen fast 46 Prozent über eine Fachhoch- schulreife oder Abitur, im Landesdurchschnitt sind es hingegen nur 25 Prozent. Hierin schlägt sich das o. g. Motiv des Berufseinstiegs und die Aktivitäten von Radiowerkstätten an Hochschulstandorten mit Medienstudiengängen (Münster, Siegen, Dortmund, Köln u. a.) besonders nieder. Nach dem Studium lässt das Interesse am Bürgerfunk dann wieder etwas nach, dennoch sind Personen mit Hochschulabschluss im Bürgerfunk insgesamt überrepräsentiert. Die Gruppe der nicht berufstätigen Bürgerfunker rekrutiert sich vor allem aus Schülern und Studierenden sowie Senioren und Arbeitslosen. 84 bis 19 Jahre 20,0% 20-29 Jahre 14,8% 30-39 Jahre 22,8% 40-49 Jahre 16,2% 50-59 Jahre 11,6% 60 Jahre und älter 14,6% Basis: 439 Befragte der Bürgerfunker-Befragung Abbildung 5-2: Altersstruktur der Bürgerfunker 85 Berufs- ausbildung 51,1% Fachhochschul-/ Hochschul- abschluss 38,2% Sonstiger Abschluss 10,7% Basis: 364 Befragte der Bürgerfunker-Befragung Hauptschule oder Mittlere Reife 38,0% Abitur/ Hochschulreife 45,9% Sonstiger Abschluss 16,1% Basis: 442 Befragte der Bürgerfunker-Befragung Abbildung 5-3: Schulabschluss der Bürgerfunker Abbildung 5-4: Berufsausbildung der Bürgerfunker 86 24,9% 28,0% 40,3% 45,9% 55,5% 59,9% 64,1% 75,6% 78,1% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Zeitschriften lesen Fachbücher lesen Bücher lesen Lokalradio hören Internet nutzen CDs hören Tageszeitung lesen Fernsehen Radio hören Basis: 438 Befragte der Bürgerfunker-Befragung nicht berufstätig 38,5% berufstätig 61,5% Basis: 371 Befragte der Bürgerfunker-Befragung Abbildung 5-5: Berufstätigkeit der Bürgerfunker Abbildung 5-6: Mediennutzung pro Tag – Anzahl der Bürgerfunker in Prozent Die Bürgerfunker zeichnen sich durch eine vielfältige Mediennutzung aus. Über 74 Prozent nutzen täglich vier und mehr Medien. Während die allgemeine tägliche Radionutzung mit 78 Prozent dem bundesdeutschen Durchschnitt (79 Prozent) weitgehend entspricht, wird das Fernsehen mit 76 Prozent (im Vergleich zu 84 Prozent) etwas unterdurchschnittlich eingeschaltet.40 Das Lokal- radio wird mit fast 46 Prozent (im Vergleich zum NRW-Modalwert mit 23 Pro- zent am Einzelstandort41) häufig gehört. Auffallend hoch ist die Nutzung des Internets, das von 55 Prozent der Bürgerfunker täglich genutzt wird. Im Er- hebungsjahr lag der Anteil derjenigen Personen, die mehrmals im Monat das Internet nutzen, bei 52 Prozent.42 Die tägliche Internetnutzung liegt mit 55 Pro- zent deutlich über dem Durchschnitt. Dies ist sicherlich auf den überproportio- nal hohen Anteil junger Bürgerfunker zurückzuführen. Über dem Durchschnitt liegt das tägliche Bücherlesen mit über 40 Prozent. Im Bundesdurchschnitt 87 40 Vgl. Klingler, Walter/Müller, Dieter K.: MA 2002 Radio II: Hörfunk behauptet seine Stärke. Media Perspek- tiven 9/2004, S. 410–425. 41 Vgl. E. M. A. NRW 2001/2002 I. Lokale Reichweitenuntersuchung NRW. Zusammenfassung der Ergebnisse. Düsseldorf 2001, S. 12. 42 Vgl. Eimeren, Birgit von/Gerhard, Heinz/Frees, Beate: Internetverbreitung in Deutschland: Potential vorerst ausgeschöpft? Media Perspektiven 8/2004, S. 350–370. Tägliche Nutzung wurde hier nicht erfasst. 0,7 1,8 7,0 16,3 22,0 24,3 16,1 11,8 0 5 10 15 20 25 30 kein Medium genutzt 1 Medium 2 Medien 3 Medien 4 Medien 5 Medien 6 Medien 7 und mehr Medien Basis: 443 Befragte der Bürgerfunker-Befragung Abbildung 5-7: Anzahl der täglich von Bürgerfunkern genutzten Medien liegt die Buchnutzung (mehrmals in der Woche) bei 37 Prozent.43 Grundsätz- lich passt die Mediennutzung in das soziodemographische Bild des Bürger- funkers mit seinem überdurchschnittlichen Bildungsgrad und ist plausibel mit seinem Interesse an eigener Hörfunkproduktion verknüpft. Bei den regelmäßigen Bürgerfunkgruppen lässt sich ein hohes Maß an Durchhaltevermögen der Gruppenmitglieder feststellen: rund 37 Prozent der Gruppenmitglieder gehören „ihrer“ Bürgerfunkgruppe länger als fünf Jahre an. Auch die Gruppenbefragung (s. u.) belegt eine lange „Lebensdauer“ der Bürgerfunkgruppen. Selbstverständlich kommt es hierbei im Laufe der Zeit immer wieder zu gruppeninternen Veränderungen aufgrund von natürlicher Fluktuation. Hieraus resultiert für die Bürgerfunkgruppen und für die Radio- werkstätten eine kontinuierliche Nachwuchsarbeit. Die Personenbefragung zeigt aber, dass es offenbar in den meisten Gruppen einen „harten Kern“ von Grup- penmitgliedern gibt, der für Kontinuität und Stabilität der Bürgerfunkgruppen sorgt. 88 unter einem Jahr 17,0% 1 bis 2 Jahre 24,1% 3 bis 5 Jahre 21,6% länger als 5 Jahre 37,4% Basis: 436 Befragte der Bürgerfunker-Befragung Abbildung 5-8: Verweildauer der Bürgerfunker in der Bürgerfunkgruppe 43 Vgl. Daten zur Mediennutzung in Deutschland 2003. Media Perspektiven Basisdaten. Frankfurt /Main 2003, S. 69. 5.2.2 Intrinsische Motivation – Typen Unabhängig von den in Kapitel 1 unter medientheoretischen und partizipatori- schen Aspekten thematisierten Gründen, die zur Etablierung von Bürgermedien in Deutschland führten, existieren bei den aktiven Bürgerfunkern spezifische persönliche Motive, sich im Bürgerfunk zu engagieren bzw. einen Teil ihrer Freizeit mit der Produktion von Hörfunkbeiträgen zu verbringen. Diese indivi- duellen Motive bleiben selbstverständlich nicht ohne Auswirkungen auf die Programmgestaltung und die organisatorischen Abläufe bei der Programm- produktion. Zur Erfassung der Motive wurden die Bürgerfunker einerseits schriftlich befragt. Andererseits waren die Beweggründe für das Bürgerfunk- Engagement auch Gegenstand der vor Ort geführten Gruppendiskussionen und explorativen Einzelinterviews. Aus der schriftlichen Befragung lassen sich für den Bürgerfunk in NRW fünf zentrale Motive herausfiltern, die durch die qualitativen Interviews erhärtet werden. Die Beweggründe, als Bürgerfunker aktiv zu sein, sind sicherlich vielschichtiger, als es sich in dieser Motivbünde- lung deutlich machen lässt. Ferner lässt sich nicht für jeden Befragten ein Motiv bestimmen. Es gibt aber in allen Befragungen immer wieder erkennbare „Kernmotive“, die eine entsprechende Typenbildung nahe legen. Methodisch wurden diese Motivtypen aus einer quantitativen Clusteranalyse der schrift- lichen Befragung generiert. Hierzu wurde das Antwortverhalten auf mehrere entsprechende Fragen zusammengefasst ausgewertet (s. u.). Die Befragten wurden aufgrund dieser Antworten zu Gruppen mit identischen Kernmotiven zusammengefasst. In ihren Merkmalsausprägungen unterscheiden sich die Gruppen deutlich voneinander. Bei den hier beschriebenen Typen handelt es sich um solche, die in der Soziologie als „Idealtypen“ bezeichnet werden. Sie haben primär eine erklärende Funktion für die in der Wirklichkeit anzutreffen- den – aber nur mittelbar erfassbaren – Phänomene. Was hier beschrieben wird, zielt auf „intrinsische“ – also aus dem eigenen individuellen Antrieb erfol- gende – Motive, die sich in der sozialen Wirklichkeit nicht unmittelbar er- kennen lassen. Auf dieser Grundlage lassen sich die fünf Motivtypen44 – in metaphorischer Benennung – folgendermaßen beschreiben und ihr Anteil an der Grundgesamt- heit aller Bürgerfunkgruppen abschätzen45: 89 44 Vgl. zu diesem Verfahren der Motivbündelung Rager, Günther/Rinsdorf, Lars: Kommunikatoren im nicht- kommerziellen lokalen Hörfunk in Niedersachsen. Eine Organisationsanalyse. Berlin 2000. Die Motivtypen „Partizipationsorientierte“ und „Berufseinsteiger“ finden sich auch hier. Die Benennungen wurden dieser Studie entnommen. Die Studie zeigt insgesamt in Bezug auf die Motivlage viele Parallelen zu den Ergebnissen für die Bürgerfunker in NRW. Dies spricht für einen bundesweiten Trend bei den Beweggründen, sich in Bürgermedien zu engagieren. 45 Bei den Zahlen handelt es sich nicht um das Ergebnis einer Messung von Anteilen an einer Gesamtmenge, sondern um Annäherungswerte; die Summe ergibt daher nicht 100 Prozent. Die Musikenthusiasten sind die größte Gruppe innerhalb der Bürgerfunker. Sie nennen als starken Beweggrund Bürgerfunk zu produzieren: „Ich möchte vor allem meine eigene Musik in den Sendungen spielen“ und auf die Frage nach den Hauptinteressen hinsichtlich einer konkreten Sendungsproduktion als starkes Motiv: „Die Musikzusammenstellung gestalten zu können“. Andere mögliche Beweggründe treten demgegenüber in den Hintergrund. Dass diese Gruppe in der Programmrealisation des Bürgerfunks auch „hörbar“ wird, hat die Programmanalyse eindrucksvoll belegt. Als Berufseinsteiger werden diejenigen Bürgerfunker bezeichnet, die ihre Mitarbeit in einer Bürgerfunkgruppe vor allem als Chance zur eigenen Qualifi- kation für einen Medienberuf sehen. Dieser Typus hat nicht nur in NRW, sondern für alle Bürgermedien in Deutschland in den letzten Jahren an Bedeu- tung gewonnen. In NRW haben sich insbesondere an Universitätsstandorten mit Medienstudiengängen etliche Kooperationen zwischen dem Bürgerfunk und den entsprechenden Instituten entwickelt. Häufig werden vorgeschriebene Pflichtpraktika im Journalismus im Bürgerfunk absolviert.46 Der Typus des Partizipationsorientierten entspricht am ehesten den ur- sprünglichen Vorstellungen eines Bürgerfunk-Aktivisten.47 Auf die drei folgen- den Fragen antworteten die Partizipationsorientierten jeweils mit „trifft stark zu“: 1. „Für mich steht im Vordergrund das soziale Engagement (über Personen und Themen berichten, die in der Gesellschaft zu kurz kommen).“ 2. „Für mich geht es beim Bürgerfunk um das Herstellen von ‚Gegenöffent- lichkeit‘ (Beiträge bringen, die in anderen Medien fehlen).“ 3. „Ich möchte mit Hilfe unserer Radioproduktion im politisch-gesellschaft- lichen lokalen Geschehen etwas bewirken.“ Typ Anteil der Bürgerfunker (ca.) Musikenthusiasten 22 % Berufseinsteiger 20 % Partizipationsorientierte 20 % Vereinsaktivisten 17 % Hedonisten (Freizeitaktivisten, Kontaktsucher) 10 % 90 46 Darüber hinaus gibt es zahlreiche Beispiele aus den Gruppendiskussionen, die belegen, wie Bürgerfunker aus dem Bürgerfunk direkt weggelobt werden in das private oder öffentlich-rechtliche Lager (siehe unten). 47 So spielte in den frühen 90er Jahren der Partizipationsgedanke bei der Etablierung des Bürgerfunks eine große Rolle, vgl. Kap. 2.2. Tabelle 5-1: Die intrinsische Motivation der Bürgerfunker – dargestellt anhand von Ideal- typen Basis: 443 Befragte der Bürgerfunker-Befragung Bei den Hauptinteressen hinsichtlich der Sendungs- und Beitragsproduktion dominiert bei den Partizipationsorientierten „die Recherchetätigkeit bzw. das inhaltliche Arbeiten“. Die Partizipationsorientierten haben ein hohes politisches oder soziales Engagement und wollen ihre Anliegen in der Öffentlichkeit be- kannt machen. Im Gegensatz zu den vorstehend genannten Typen haben die Partizipationsorientierten eine klare publizistische Zielsetzung. Sie sehen im Bürgerfunk ein Medium, durch das sich demokratische Ansprüche der Bürger verwirklichen lassen. Im Programm schlägt sich das Motiv in vielfältiger Weise – innerhalb des Informationsangebotes vor allem in der Themengruppe Gesell- schaft – nieder. Der als Vereinsaktivist bezeichnete Typus hat ein klar umrissenes Haupt- motiv für seine Bürgerfunktätigkeit: Ihm geht es vor allem darum, seinen „Verein (Interessengruppe, Selbsthilfegruppe etc.) über den Hörfunk bekannt zu machen“. Dies umfasst in etlichen Fällen auch ein soziales oder politisches Engagement, vorrangig richtet es sich aber auf verschiedene Special-Interest- Bereiche. Die Spannbreite der Vereine, die sich mittels einer Bürgerfunk- gruppe an die lokale Öffentlichkeit wenden, ist groß. Sie reicht von Sport- vereinen über Karnevalsvereine, die Feuerwehr, die Jägerschaft bis hin zu Greenpeace, amnesty international oder den Anonymen Alkoholikern. Die Vereinsaktivisten haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Partizipationsorien- tierten. Beide wollen spezifische Anliegen über das Medium Hörfunk in die Gesellschaft transportieren. Während die Partizipationsorientierten jedoch hier- bei thematisch eher universell sind, sind die Vereinsaktivisten monothematisch interessiert. Sie sind primär den Zielen oder Interessen ihres Vereins verbun- den, und der Bürgerfunk dient ihnen als Mittel zum Zweck. Die Vereins- aktivisten sind zu großen Teilen an der Produktion von Ressort-Magazinen oder monothematischen Sendungen beteiligt, in denen sich ihre spezifische Interessenlage niederschlägt. Eine eher diffuse Motivlage zeigt sich bei den Hedonisten. Im Vordergrund steht für sie der Bürgerfunk als eine „sinnvolle, vernünftige Freizeitgestaltung“ bzw. der soziale Kontakt oder der „Spaßfaktor“. Der Begriff „Spaß“ ist hier jedoch nicht im (abwertenden) Sinne der „Spaßgesellschaft“ zu verstehen, als Ich-Bezogenheit, Oberflächlichkeit, Spontaneität etc., sondern als (Lebens-) Freude, mit Menschen zusammen an einer Sache zu arbeiten. Zusammentreffen der Bürgerfunker untereinander und der kreative Prozess der Produktion als solcher haben für sie einen hohen Stellenwert. Dies ist durchaus häufig ge- koppelt mit einem inhaltlichen Motiv, dass aber nicht so stark ausgeprägt ist wie bei den Vereinsaktivisten. Einerseits sind in dieser Gruppe viele Rentner, die über den Bürgerfunk soziale Kontakte aufrechterhalten, andererseits auch Jugendliche, die im Bürgerfunk „Spaß haben“ wollen. 91 5.2.3 Verhalten in der Bürgerfunkgruppe Zuverlässigkeit /Unzuverlässigkeit Die Auswertungen von Fragebögen und Gruppendiskussionen belegen, dass eine Gruppengröße von drei bis vier Personen für den Arbeitszusammenhang einer Bürgerfunkproduktion relativ optimal sind. Je größer aber die Gruppen sind, um so eher sind Unzuverlässigkeit und Unverbindlichkeit beobachtbar. Selbst bei großen Gruppen schält sich relativ schnell ein harter Kern von Aktiven heraus (bis zu sechs Personen), der die eigentliche Produktion in die Hand nimmt bzw. vorantreibt. Anders formuliert: Je kleiner die Gruppe, um so mehr werden Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit erwartet bzw. eingefordert („Es kommt auf jeden an!“). Modellhaft wird der Aufbau von Gruppen von einem Insider wie eine Zwiebel beschrieben: „Harter Kern, weicher Kern und Außenhülle“ (Jürgen Mickley, Duisburg). Damit korrespondiert das Maß an Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Der harte Kern macht die eigentliche Arbeit, der weiche Kern arbeitet zu, der Rest ist lediglich assoziiert. Personen, die sich als unzuverlässig in der Gruppenarbeit erweisen, werden relativ schnell von der Gruppe angesprochen. Auf gruppendynamischem Wege finden dann „Selbst- reinigungsmechanismen“ statt. Als Erfahrungswert ist festzuhalten, dass bei zunehmender Teilnehmerzahl das jeweilige Engagement stark variiert, d. h. auch, dass Verlässlichkeit und Verbindlichkeit weniger ernst genommen werden. Mit der Verteilung der Auf- gaben auf wenige Schultern erhöhen sich diese Werte zwar, das ist aber auch mit einer erhöhten Arbeitsbelastung des Einzelnen verbunden. Verhalten in der Radiowerkstatt Die Zusammenarbeit von Radiowerkstatt und Bürgerfunkgruppen bewegt sich in einem organisatorischen Rahmen, der kaum Konflikte hervorruft. Studio- beleglisten, elektronische Sendeplatzvergabe (z. B. der „Webwecker“ in Biele- feld), persönliche Absprachen etc. sorgen für einen reibungslosen Ablauf des Produktionsbetriebes. Beobachtbar ist ein durchweg kooperativer Umgang der Akteure miteinander. Bürgerfunk-Einsteiger bzw. -Anfänger werden meist relativ intensiv eingewiesen und betreut. Bürgerfunker mit umfassenden Erfah- rungen bedürfen dagegen keiner Betreuung mehr, werden in die Selbstständig- keit entlassen und erhalten u. a. vertrauensvoll die Schlüssel zu den Räumlich- keiten der Radiowerkstatt. Entscheidend für das Funktionieren der Arbeitsabläufe, die Gruppenkoordi- nation etc. sowie die allgemeine Atmosphäre im Binnenverhältnis von Radio- werkstatt und Bürgerfunkgruppen ist die Person des Radiowerkstattleiters. Bei den Gruppendiskussionen konnte zum einen beispielhaft beobachtet werden, dass alle Gruppenmitglieder gleichberechtigt miteinander im Gespräch waren, 92 eine offene und zugewandte Atmosphäre und rege Gesprächsbereitschaft und -beteiligung herrschte und der Radiowerkstättenleiter offensichtlich ein kolle- giales Verhältnis zu „seinen“ Gruppen hatte (Bsp. BI Bürgerwoche Bielefeld; Medienforum Duisburg). In anderen Fällen wurde das Gespräch von Radio- werkstattleitern dominiert, die Bürgerfunker waren sehr zurückhaltend, es herrschte keine offene, gleichberechtigte Gesprächsatmosphäre und die Teil- nehmer wirkten relativ atomisiert, es entwickelte sich kein kollegialer Gruppen- oder Teameindruck (Bsp. Tiere im Kulturdschungel, Bielefeld; Sender RIO Duisburg). Querulanten und Egoisten Querulanten und Egoisten werden von der Bürgerfunkgruppe meist diszipliniert oder aus der Gruppe ausgeschlossen (s. o. Gruppendynamik, „Selbstreinigungs- kräfte“). Die Gruppen zeichnen sich durch ein gleichberechtigtes Miteinander aus, so dass problemhafte Entwicklungen angesprochen und geklärt werden. Wird jedoch gruppenintern keine Lösung herbeigeführt, tritt die Radiowerkstatt als Schlichter auf den Plan, um ein kollegiales Einvernehmen zu erzielen.48m Dominante/Herrschaft ausübende In den Bürgerfunkgruppen selbst gibt es grundsätzlich flache Hierarchien und keine explizite Gruppenleitung. Leitungspositionen werden nur dann wichtig, wenn die Gruppe nach außen einen verlässlichen Ansprechpartner präsentieren muss. Oder aber, wenn es aufgrund von personeller Fluktuation in der Gruppe darum geht, im Rahmen einer Restrukturierung der Gruppe u. a. die nach- wachsenden Neuzugänge zu integrieren, was nur durch personelle Kontinuität und Erfahrung geleistet werden kann. 5.3 Die Bürgerfunkgruppen 5.3.1 Strukturen und Produktionspraxis Die eigentlichen Träger des Bürgerfunks in NRW sind die Bürgerfunkgruppen. Nur ihnen hat der Gesetzgeber die Möglichkeit der Verbreitung von Hörfunk- beiträgen über die jeweiligen Lokalfunkstationen eingeräumt. Weder eine 93 48 In Köln macht die Geschichte von der fundamentalen „Öko-Oma“ die Runde. Dabei handelte es sich um eine ältere Dame, die unbedingt einen Sendeplatz beanspruchte, um ihre Weisheiten in den Äther zu versenden. Sie war jedoch in keiner Gruppe unterzubringen, was auch nicht von ihr gewollt war, und sie war schlichtweg nicht teamtauglich. Einzelperson noch die Radiowerkstätten haben (formaljuristisch betrachtet) dieses Recht. Die Bürgerfunkgruppen treten für den Hörer jedoch als solche nicht immer in Erscheinung. Im Programm firmieren die Sendungen des Bürger- funks teilweise nur unter der Etikette der jeweiligen Radiowerkstatt, teilweise lediglich unter einem Sendungstitel. Letztlich sind aber die Bürgerfunkgruppen die „entscheidende Größe“ für die Funktionsfähigkeit des Bürgerfunks als Ganzes. Nachfolgend werden zunächst die wesentlichen Strukturmerkmale der Bürgerfunkgruppen dargestellt, anschließend werden die publizistischen Ziele der Bürgerfunkgruppen herausgearbeitet und Typen von Bürgerfunkgruppen beschrieben. Die Bürgerfunkgruppen müssen laut Gesetz mindestens zwei Personen um- fassen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass es in einigen Fällen auch Ein- Personen-Bürgerfunkproduzenten49 gibt. Der Modalwert, also in diesem Fall die am häufigsten anzutreffende Gruppengröße, liegt jedoch bei drei bis vier Mitgliedern. 39 Prozent aller Bürgerfunkgruppen haben diese Gruppengröße. An zweiter Stelle stehen mit 22 Prozent Gruppen mit fünf bis sechs Mit- gliedern, an dritter Stelle rangieren mit 15 Prozent Gruppengrößen von sieben bis zehn Mitgliedern. Darüber hinausgehende Gruppengrößen sind vergleichs- weise selten. Innerhalb der Gruppen gibt es häufig eine arbeitsteilige Vor- gehensweise, so dass je nach Wunsch, Begabung und Fähigkeiten die Aufgaben verteilt werden, d. h. Technik/Produktion, Moderation, Recherche etc. In der Regel sind die Gruppen so organisiert, dass es keine offizielle Grup- penleitung gibt. Alle Gruppenteilnehmer bewegen sich auf Augenhöhe, man orientiert sich am basisdemokratischen Modell, es herrscht das Prinzip der flachen Hierarchien. Um der Gruppe jedoch einen verlässlichen Ansprech- partner nach außen zu geben, wird eine Person für diese Funktion benannt. Eine gewisse Leitung kristallisiert sich jedoch dann heraus, wenn ein Genera- tionswechsel in der Gruppe stattfindet: Neue bzw. jüngere Mitglieder wachsen nach, werden von den erfahrenen „alten Hasen“ an die Aufgaben herangeführt bzw. wachsen in verantwortungsvolle Rollen hinein. Der Generationenwechsel bzw. die Fluktuation innerhalb von Gruppen wird zum einen gruppenintern gelöst, zum anderen greift die Radiowerkstatt – bei Bedarf – unterstützend ein. Eine Gruppenleitung ist natürlich erforderlich bei Neulingen, die das Radio- handwerk erst noch – z. B. in Form eines Einführungsseminars – erlernen müssen. Die Bürgerfunkgruppen zeigen eine große Stabilität. Fast 70 Prozent aller befragten Bürgerfunkgruppen existierten zum Befragungszeitpunkt bereits drei Jahre. Im Frühjahr 2004 waren über ein Viertel aller Bürgerfunkgruppen be- reits seit den Gründungsjahren des Bürgerfunks (1990–1993) existent. Diese Konstanz im Zusammenhang mit der auch individuell langen Verweildauer in 94 49 Hierbei handelt es sich in erster Linie um Musikinteressierte. einer Gruppe (s. o.) ist ein Indikator dafür, dass der Bürgerfunk für seine Aktiven ein hohes Maß an persönlicher Gratifikation bedeutet. Der soziale Kontext sowie der Idealismus spielen dabei eine große Rolle. 95 bis 1990 4,3% 1991-1993 21,7% 1994-1996 21,7% 1997-1999 19,6% seit 2000 32,6% Basis: 138 Befragte der Bürgerfunkgruppen-Befragung 1-2 16% 3-4 39% 5-6 22% 7-10 15% 11-15 3% über 15 5% Basis: 137 Befragte der Bürgerfunkgruppen-Befragung Abbildung 5-9: Bürgerfunkgruppen nach Anzahl der Mitglieder Abbildung 5-10: Existenz der Bürgerfunkgruppen nach Gründungsjahren Das Verlaufsdiagramm zeigt, dass es in der Entwicklung der Bürgerfunk- gruppen zwei Spitzenjahre gibt: Das Jahr 1992 als Zeitpunkt der Konsolidie- rung des Lokalfunks in NRW und das Jahr 2003, wofür keine Ursache erkenn- bar ist. Deutlich wird auch, dass es keinen Stillstand bei der Gründung von Bürger- funkgruppen gibt, sondern ständig neue Gruppen „nachwachsen“. Es gibt Gruppen, die komplett verschwinden, dafür tauchen auch völlig neue Gruppen mit neuen Themen auf, worüber sich auch teilweise gesellschaftliche Entwick- lungen ablesen lassen. Aufgrund natürlicher Fluktuation sind die Teilnehmer früh gegründeter Bürgerfunkgruppen inzwischen vielfach durch Neuzugänge komplett ausgewechselt worden, die Gruppe firmiert aber weiterhin unter gleichem Namen. Personelle Kontinuitäten durch „alte Hasen“ erweisen sich als sehr wichtig im Hinblick auf Gruppenstabilität, interne Qualifizierung, Qualitätssicherung und Professionalisierung. Rund 82 Prozent der von uns befragten Bürgerfunkgruppen gehören zu den regelmäßigen Produzenten. Dies bedeutet, dass ihre Tätigkeit auf eine gewisse Kontinuität und regelmäßige Produktionszyklen ausgerichtet ist. Fast alle dieser Gruppen haben auch einen festen Sendeplatz. Der Anteil von sporadisch pro- duzierenden Gruppen am Gesamtvolumen der Bürgerfunkgruppen ist aber – wie aus der Befragung der Radiowerkstätten sichtbar wird – erheblich größer 96 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 Basis: 138 Befragte der Bürgerfunkgruppen-Befragung Abbildung 5-11: Anzahl der Gründungen von Bürgerfunkgruppen pro Jahr als 18 Prozent.50 Die sporadischen Gruppen produzieren zwischen einer und mehreren Sendungen pro Jahr. Beispiele für sporadische Gruppen sind: NGOs und Initiativen wie amnesty international, Greenpeace, attac, Fair-Handel, Eine- Welt-Shop oder Dritte-Welt-Gruppen; Vereine mit singulären Ereignissen wie Jubiläen oder Tag der offenen Tür; Behinderte bzw. Selbsthilfegruppen mit sporadischem Senderhythmus aufgrund der spezifischen Problematik der pro- duzierenden Klientel; schließlich zahlreiche zeitlich befristete Projekte wie z. B. Schul-AGs, VHS-Kurse. Insofern bildet die Verteilung der regelmäßigen und sporadischen Gruppen in unserer Stichprobe aus nahe liegenden, erhe- bungspraktischen Gründen nicht die Verhältnisse in der Realität ab.51 Bei den regelmäßigen Bürgerfunkgruppen lassen sich bezogen auf den Pro- duktionszyklus vier Typen erkennen: • Über die Hälfte (54 Prozent) aller regelmäßig produzierenden Bürgerfunk- gruppen erstellen pro Monat eine Sendung, • Rund 17 Prozent haben einen 14-tägigen Produktionsrhythmus, • 10 Prozent produzieren sogar wöchentlich, • der Rest (19 Prozent) verteilt sich auf verschiedene andere Produktions- zyklen von mehrmals pro Woche bis alle drei Wochen. Das Produktionsvolumen der einzelnen Bürgerfunkgruppen steht hierzu in Relation. Fast 58 Prozent aller Gruppen produzieren ein Volumen von bis zu einer Stunde pro Monat. Mehr als eine Stunde bis maximal zwei Stunden wer- den von 20 Prozent produziert. Darüber hinausgehende Produktionsvolumina sind nur geringfügig vorhanden. Knapp 88 Prozent der Bürgerfunkgruppen sind mit dem ihnen zur Ver- fügung stehenden Sendevolumen zufrieden. Bei den 12 Prozent, die angeben mehr produzieren zu wollen/können, wird als Grund überwiegend genannt, dass sie gerne über weitere Themen berichten würden, wenn das Sendevolumen erhöht würde. Die Produktionsbedingungen für die Bürgerfunkgruppen werden weitgehend positiv beurteilt: Über drei Viertel aller Bürgerfunkgruppen sind mit der Infra- struktur „ihrer“ Radiowerkstatt „sehr zufrieden“, „mehr oder weniger zu- frieden“ sind weitere 20 Prozent. Der mit knapp 5 Prozent kleine Anteil der Unzufriedenen beklagt überwiegend technische Mängel in der Ausstattung. Die eigentliche Produktion der Bürgerfunkgruppen ist im Kontext unserer Fragestellung unter zwei Aspekten von Interesse: • Welche thematisch-inhaltliche Ausrichtung haben die Bürgerfunkgruppen und 97 50 Eine repräsentative Erfassung der sporadischen Gruppen ist forschungspraktisch nur mit unverhältnismäßigem Aufwand möglich, da diese Gruppen sich nur schwer erfassen lassen. 51 Zum tatsächlichen Verhältnis von regelmäßigen zu sporadischen Produktionsgruppen siehe Kap. 2.1. • welche (hörfunkjournalistischen) Vermittlungsformen werden von ihnen eingesetzt. Die erste Fragestellung wird im folgenden Kapitel im Zusammenhang mit der Typenbildung behandelt. Für die Vermittlungsformen ergibt sich ein Bild, das vor dem Hintergrund der Programmanalyse nicht erstaunen kann: Interviews sind offenbar die „beliebteste“ Darstellungsform im Wortangebot des Bürger- funks. Knapp 91 Prozent der Bürgerfunkgruppen setzen diese Form ein. Ge- baute Beiträge werden von 58 Prozent der Bürgerfunkgruppen produziert. Anspruchsvollere Formen wie Reportage, Feature oder Kommentare werden von über der Hälfte aller Bürgerfunkgruppen allerdings niemals produziert. Dieser Befund aus den Angaben der Bürgerfunkgruppen bestätigt die Ergeb- nisse der Programmanalyse. Hierbei sind die Prozentangaben der Befragung notabene nicht zu verwechseln mit den tatsächlichen Anteilen am Programm. Gefragt wurde grundsätzlich nach dem Verwenden entsprechender Formen, nicht hingegen nach dem Sendeumfang, den die jeweilige Form in der Produk- tionspraxis einnimmt. 8 Sowohl die Pogrammanalyse als auch die Befragung zeigen, dass der Bür- gerfunk den Bereich der medialen Möglichkeiten des Hörfunks nicht ge- nügend ausschöpft. 98 bis 1 Std. 57,9% 1 bis 2 Std. 20,0% 3 bis 4 Std. 8,6% 5 bis 6 Std. 7,1% über 6 Std. 6,4% Basis: 140 Befragte der Bürgerfunkgruppen-Befragung Abbildung 5-12: Sendevolumen der Bürgerfunkgruppen pro Monat 5.3.2 Außenbeziehungen der Bürgerfunkgruppen Neben der eigentlichen Produktion, die soziologisch betrachtet eine Interaktion der Gruppenmitglieder untereinander darstellt (nach innen), stehen die Bürger- funkgruppen auch in Interaktionen nach außen. Hierbei sind mehrere Inter- aktionspartner zu differenzieren: • die Lokalradios, • die Radiowerkstatt, • andere Bürgerfunkgruppen, • die Hörerschaft und • das politische und soziokulturelle Umfeld im Verbreitungsgebiet. Während die eher bürgerfunkimmanenten Partner (Lokalradio, Radiowerkstatt und andere Bürgerfunkgruppen) vorrangig den Produktionsprozess beeinflus- sen, sind die Hörerschaft und das Umfeld im Verbreitungsgebiet wichtig für die Akzeptanz des Bürgerfunks als Programmbestandteil des Lokalfunks in der öffentlichen Meinung. 99 90,9% 58,0% 48,3% 44,8% 37,8% 53,1% 45,5% 26,6% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Inter- views Gebaute Beiträge Feature, Repor- tage Kommen- tare, Analysen Narrative Formen Beratung, Service Musik- sendun- gen Sonstige Basis: 143 Befragte der Bürgerfunkgruppen-Befragung, Mehrfachnennung möglich Abbildung 5-13: Verwendung von Darstellungsformen in der Produktion der Bürgerfunk- gruppen Die Kooperation zwischen den Bürgerfunkgruppen und dem Lokalradio wird von 77 Prozent der Befragten als unproblematisch angesehen, wobei die Bürgerfunkgruppen nur in mittelbarem Kontakt zum Lokalradio stehen.52 Direkte Kontakte bestehen jedoch in erster Linie zwischen Radiowerkstatt und Lokalradio. Die 23 Prozent der Bürgerfunkgruppen, die hingegen dieses Ver- hältnis als problematisch beurteilen, nennen an erster Stelle mit fast 30 Pro- zent das „Verschieben“ oder den „Ausfall“ von Sendungen, die sie eingereicht hatten.53 Die anderen genannten Punkte sind eher atmosphärischer Art und betreffen die mangelnde Akzeptanz der Lokalradioredaktionen gegenüber den Bürgerfunkern, Distanzierungen und Kooperationsverweigerungen. Die Zusammenarbeit zwischen den Bürgerfunkgruppen und den Radiowerk- stätten wird von den Bürgerfunkern überwiegend sehr positiv beurteilt. Am besten wird die technische Produktionshilfe von Seiten der Radiowerkstätten bewertet. Auch die Interessenvertretung der Bürgerfunkgruppen gegenüber dem Lokalradio wird aus Sicht der Bürgerfunker durch die Radiowerkstätten gut 100 52 Ausnahmen bilden bspw. der Bürgerfunkkoordinator von Radio Köln, Stefan Bolten, der zwecks Durchdrin- gung seines Arbeitsfeldes zahlreiche Bürgerfunkgruppen besuchte oder der Chefredakteur von Radio Bonn/ Rhein-Sieg, Jörg Bertram, der das Gespräch mit den deutsch-russischen Bürgerfunkgruppen suchte. 53 Wenn es auf Seiten des Lokalradios zu Pannen oder gar Ausfällen beim Abspielen der Bürgerfunkproduktio- nen kommt, wird mancherorts schon mal Absicht bzw. Vorsätzlichkeit unterstellt („Verschwörungstheorien“). 89,4 61,2 73,9 84,4 -5,0 -18,0 -10,4 -7,4 -40 -20 0 20 40 60 80 100 Produktionshilfe ist gut und intensiv Redaktionelle Betreuung findet statt Qualifizierungsmaßnahmen der Radiowerkstatt sind hilfreich Interessenvertretung gegenüber dem Lokalradio ist gut trifft nicht zu trifft zu Basis: 141 Befragte der Bürgerfunkgruppen-Befragung Lesart: 84,4 Prozent der Bürgerfunkgruppen antworten auf das Statement „Die technische Produktionshilfe ist gut und intensiv“ mit der Antwort „trifft zu“. Abbildung 5-14: Beurteilung der Zusammenarbeit zwischen Bürgerfunkgruppen und Radio- werkstätten – Anteile der Bürgerfunkgruppen je Merkmalsausprägung wahrgenommen. Vergleichsweise weniger gut schneidet die redaktionell-inhalt- liche Betreuung und Beratung der Bürgerfunkgruppen durch die Radiowerk- stätten ab. Hier sind es lediglich 60 Prozent der befragten Bürgerfunkgruppen, die eine intensive redaktionell-inhaltliche Betreuung durch ihre Radiowerkstatt erfahren. Die von den Radiowerkstätten angebotenen Qualifizierungsmaßnah- men werden von nahezu 70 Prozent als sehr hilfreich eingestuft. Die Austauschbeziehungen zwischen den Bürgerfunkgruppen untereinander sind nicht sehr intensiv. Lediglich 33 Prozent der Bürgerfunkgruppen einer Radiowerkstatt tauschen sich häufig mit anderen Bürgerfunkgruppen aus. Bei 53 Prozent gibt es hingegen zumindest einen sporadischen Austausch. Noch spärlicher sind die Kontakte zu auswärtigen Bürgerfunkgruppen: Sie werden von nur 4 Prozent der befragten Gruppen gepflegt. 43 Prozent haben keinerlei entsprechende Kontakte, 43 Prozent tauschen sich sporadisch mit auswärtigen Gruppen aus. Ausbaufähig ist sicherlich der Bereich Öffentlichkeitsarbeit zwischen den Bürgerfunkgruppen und ihrer potentiellen Hörerschaft bzw. möglichen neuen Produzenten. Eine Kontaktmöglichkeit für die Hörer bieten immerhin 89 Pro- zent der Bürgerfunkgruppen an, wobei überwiegend der Kontakt per Telefon, Fax und E-Mail offeriert wird. Offene Gruppentermine mit Kontaktmöglich- keit werden hingegen nur von 19 Prozent der Bürgerfunkgruppen angeboten. Feedback auf Sendungen erhalten 53 Prozent der Bürgerfunkgruppen relativ häufig. Vice versa bekommen 47 Prozent aller Bürgerfunkgruppen kaum Hörer- feedback. Die Gründe hierin werden weitgehend bei den Rezipienten gesehen (Bequemlichkeit) oder in unattraktiven Sendeplätzen, aus denen eine geringe Hörerschaft resultiere. Aufgrund der Vorgabe, dass die Produktionen in der Regel drei Tage vor Ausstrahlungstermin bei der Lokalradiostation sendefertig vorliegen müssen, sind direkte Call-ins der Hörer bei Bürgerfunkproduktionen nahezu unmöglich. Vielfach werden jedoch E-Mail- oder Postadressen am Ende der jeweiligen Sendung angegeben. Aktive Öffentlichkeitsarbeit betreiben nach eigenen Angaben 81 Prozent aller Bürgerfunkgruppen. Hierbei rangiert allerdings mit 60 Prozent die On-air- Promotion an erster Stelle; Pressearbeit betreiben 55 Prozent der Bürgerfunk- gruppen. Andere Möglichkeiten der Off-air-Promotion werden vergleichsweise selten betrieben. • Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Bekanntmachen der Sendungen findet eher selten statt. Vielfach ist die Energie nach Erreichung des primären Zieles – die Fertigstellung einer Produktion – meist erschöpft. Einerseits wurde es bisher schlichtweg versäumt, eine Vereinbarung zwischen Sender und Bür- gerfunk zu treffen, dass Bürgerfunkproduktionen bereits im Lokalradio- programm angetrailert werden. Andererseits ist das Verhältnis zum Lokal- 101 radio oftmals nicht zum Besten bestellt (Zitate von Chefredakteuren: „Das Lokalradio hat kein Interesse daran, ein schlechtes Produkt auch noch zu be- werben.“ „Wenn es denn Inhalte gäbe, könnte man sie auch antrailern.“).m • Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Rekrutierung neuer Mitarbeiter oder Gruppen findet eher informell und nebenbei statt, d. h. vielfach über Mund- propaganda etc. Teilweise besteht bei manchen (großen) Radiowerkstätten auch gar kein Bedürfnis nach Rekrutierung weiterer Gruppen, da eine aus- reichende Anzahl vorhanden und das Sendeplatzkontingent ohnehin aus- geschöpft ist. • Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Kooperation mit der lokalen Presse und entsprechender Platzierung von Vorankündigungen bzw. Abdruck des Sende- schemas wird vielfach verhindert durch eine klare Verweigerung bzw. Ab- lehnung durch die Presse aufgrund von Konkurrenzdenken. Der Bürgerfunk wird auch innerhalb des Lokalradios als Konkurrent erlebt, so dass eine konstruktive Pressearbeit zum Scheitern verurteilt ist, da der dahinter stehende Presseverlag vielfach mit einem bis zu 75-prozentigen Anteil an dem Lokalsender beteiligt ist. • Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Bewusstseinsverankerung bei der Bevöl- kerung ist ein grundsätzliches Problem. Zum einen müssen sich Bürger- funker, wenn sie „ins Feld gehen“, permanent erklären und rechtfertigen. Sie werden vorwiegend dem kommerziellen Lokalradio direkt zugeordnet, manchmal sogar dem öffentlich-rechtlichen WDR. Zum anderen ist in der Bevölkerung äußerst wenig bekannt, dass jeder Bürger die Möglichkeit hat, selber Bürgerfunk zu machen. Vielfach wird keine direkte Öffentlichkeitsarbeit in Form von Pressemitteilun- gen, Flyern, Aufklebern etc. betrieben, es wird vielmehr der Weg der Mund- zu-Mund-Propaganda eingeschlagen. Einzelne Gruppen haben schließlich E-Mail-Verteiler ins Leben gerufen. Auf diesem Wege wird der Freundes- und Bekanntenkreis über Sendetermine informiert. Das Feedback auf die Sendun- gen läuft ebenfalls über diesen Kanal. Die Einbindung bzw. Vernetzung der Bürgerfunkgruppe in das soziale und kulturelle Umfeld des Verbreitungsgebietes bzw. der Kommune wird lediglich von 22 Prozent der Bürgerfunkgruppen als „stark“ bezeichnet. Fast 29 Prozent beurteilen diese Einbindung als „schwach“ und 50 Prozent als „mittel“. Dass das soziokulturelle Umfeld das zentrale Bezugsfeld der Bürgerfunkgruppen ist, ist unstrittig, zumal sich aus diesem Feld die thematischen Schwerpunkte speisen; dies wird im folgenden Kapitel noch mal eindrücklich untermauert. Bei den lokalen Kooperationspartnern rangieren mit 32 Prozent an erster Stelle die Vereine und Verbände, an zweiter Stelle die kommunalen Ämter mit 14 Prozent. Letztere werden von den Bürgerfunkern jedoch weniger als wich- tige Informationsquelle gesehen, da das offizielle Netzwerk der Verlautbarungen 102 eher kritisch beurteilt wird. Der Bürgerfunk habe vielmehr die Funktion, dem in den Medien unterrepräsentierten Bürger ein Forum und Sprachrohr zu bieten. Nennenswert sind noch mit 10 Prozent die Kirchen und mit 7 Prozent Schulen. 5.3.3 Thematische Schwerpunkte und publizistische Zielsetzungen Im vorliegenden Kapitel wird der Frage nachgegangen, ob die Bürgerfunk- gruppen ein klar konturiertes Profil haben, dass sich über inhaltlich-thematische Schwerpunkte oder publizistische Zielsetzungen festmachen lässt. Von den befragten Bürgerfunkgruppen geben 70 Prozent an, dass ihre Produktion auf einen inhaltlich-thematischen Schwerpunkt fokussiert ist. Die restlichen 30 Pro- zent verneinen hingegen eine solche Schwerpunktsetzung. Bei den Schwer- punkten rangiert an erster Stelle das Themenfeld „Kultur“ (31 Prozent), gefolgt von „Soziales Leben“ mit 27 Prozent. Dies deckt sich mit der Programm- analyse, die für beide Themenfelder im informativen Wort hohe Anteile ergibt. An dritter und vierter Stelle stehen Kirche/Religion (9,5 Prozent) und Sport (6 Prozent). Das bereits in der Programmanalyse festgestellte schwache Inte- resse an Politik zeigt sich auch bei der Gruppenbefragung. Hier sind es unter zwei Prozent, die Politik als ihr Schwerpunktthema benennen. Die große Rest- kategorie „Verschiedenes“ verweist auf die zahlreichen Special-Interest-Grup- pen (Vereine), die hier jeweils ihr Spezialthema nennen. 103 Politik 1,6% Kultur 31,0% Soziales Leben 27,0% Kirche/Religion 9,5% Sport 5,6% Verschiedenes 25,4% Basis: 143 Befragte der Bürgerfungruppen-Befragung, Mehrfachnennung möglich Abbildung 5-15: Themenschwerpunkte der Bürgerfunkgruppen Der Anteil der Bürgerfunkgruppen mit einer programmlichen Orientierung auf eine bestimmte Zielgruppe beträgt 41 Prozent. Als Zielgruppe dominieren hierbei mit über 30 Prozent der Nennungen Jugendliche bzw. junge Erwach- sene. Hier zeigt sich eine deutliche Korrelation zur festgestellten soziodemo- graphischen Struktur der Bürgerfunker mit ihrem überproportional hohen Anteil an Jugendlichen. In dieser Deutlichkeit lässt sich die Beziehung zwischen einer Merkmalsausprägung in der Individualbefragung und der zielgruppen- spezifischen Ausrichtung der Bürgerfunkgruppen für kein anderes Merkmal feststellen. Mit anderen Worten: etliche Bürgerfunksendungen beinhalten ein von Jugendlichen für Jugendliche produziertes Programm. Dies verweist bereits auf die wichtige Jugendarbeit, die in einigen Radiowerkstätten geleistet wird (s. u.). Weitere explizit genannte Zielgruppen sind Senioren, Frauen, aber auch Randgruppen wie z. B. Migranten. Zusammengefasst richten sich 17 Prozent der zielgruppenorientierten Bürgerfunkgruppen auf diese Zielgruppen. Dezidiert als Zielgruppe genannt wurden mit 14 Prozent auch „Musikinteressierte“. Deutliche Konturen gewinnt eine Bürgerfunkgruppe durch die Kombination von thematisch-inhaltlicher Schwerpunktsetzung und einem Zielgruppenkon- zept: Z. B. behandelt eine Bürgerfunkgruppe inhaltlich Themen rund um die Lebenswirklichkeit älterer Menschen und hat gleichzeitig die Senioren als klare Zielgruppe im Fokus. 8 Diese Kombination einer thematisch-inhaltlichen Schwerpunktsetzung ge- koppelt mit einem Zielgruppenkonzept haben 36 Prozent der Bürgerfunk- gruppen. Eine inhaltlich-thematische Schwerpunktsetzung und/oder eine Zielgruppen- konzeption lenkt die Ausrichtung der Produktion einzelner Bürgerfunkgruppen stark in eine bestimmte Richtung bzw. „bindet“ die Bürgerfunker an ein spe- zifisches Themenfeld. Etwas anderes sind die „publizistischen Ziele bzw. redaktionellen Konzepte (Leitbilder, Zielsetzungen, Beweggründe, Absichten)“ der Bürgerfunkgruppen, die ebenfalls abgefragt wurden. 81 Prozent der Befrag- ten gaben an, solche publizistischen Ziele zu verfolgen. Auf die offene Frage nach diesen Zielen nannten hiervon 47 Prozent „Information/Aufklärung/ Interesse wecken“ als Konzeption. Wenn man die knapp 20 Prozent der Bür- gerfunkgruppen ohne publizistische Zielsetzung rechnerisch berücksichtigt, dann sind es rund 43 Prozent aller Bürgerfunkgruppen, die eine auf allgemeine Informationsvermittlung zielende publizistische Ausrichtung verfolgen. Nicht ausgeschlossen ist hierbei, dass sich diese Informationsvermittlung primär an einzelne Zielgruppen richtet. Demgegenüber richtet sich das publizistische Ziel von 22 Prozent aller Bürgerfunkgruppen eher auf Informationsvermittlung zu verschiedenen Special-Interest-Themen. 104 5.3.4 Typen von Bürgerfunkgruppen Ähnlich wie bei den Bürgerfunkern als Person wird nachfolgend auch für die Bürgerfunkgruppen eine Typenbildung vorgenommen. Methodisch handelt es sich auch hier um eine Clusteranalyse, in der verschiedene Merkmalsausprä- gungen zusammengefasst werden: Dies sind die inhaltlich-thematische Schwer- punktsetzung, die letzten fünf von der Bürgerfunkgruppe produzierten Sen- dungstitel, die Zielgruppenkonzeption und publizistische Zielsetzung. Der erste Befund dieser Clusteranalyse ist darin zu sehen, dass 40 Prozent aller untersuchten Bürgerfunkgruppen sich einer dezidierten Festlegung ent- ziehen. Diese Bürgerfunkgruppen haben wir als Radiomacher bezeichnet. Das Kernziel der Gruppe ist die Produktion von Sendungen und Beiträgen für den Hörfunk, ohne dass sich hiermit eine „extreme“ Fokussierung auf ein Thema, eine Zielgruppe und ein hierauf bezogenes publizistisches Konzept erkennen lässt. Das heißt nicht, dass hierunter subsumierte Gruppen keinen thematisch- inhaltlichen Schwerpunkt angegeben hätten. Aber in der Kombination aller Merkmale, also inklusive der tatsächlich realisierten Sendungen, reichen die Merkmalskombinationen nicht für eine signifikante andere Typenbildung aus. In solchen Gruppen finden sich sicherlich Bürgerfunker mit unterschiedlichen intrinsischen Motiven wieder. Gruppenintern dominiert aber kein bestimmtes Kernmotiv. Den zweitstärksten Typus bilden die Themenorientierten mit einem Anteil von 33 Prozent. Diese Gruppen produzieren ausschließlich Beiträge zu Special- Interest-Themen (Karneval, Tiere, Jagd etc.) oder für eine deutlich ange- sprochene Zielgruppe wie Senioren, Frauen, Schüler. Hierin enthalten sind auch sozial Engagierte und christlich orientierte Bürgerfunkgruppen. Zentrales Merk- mal dieser Gruppen ist ihre klare Ausrichtung auf ein spezifisches Themenfeld oder eine klar umrissene Zielgruppe. In diesen Gruppen finden sich als Bürger- funkertypus primär die „Vereinsaktivisten“, aber auch „Partizipationsorientierte“. Den dritten Typus bilden die Informationsvermittler mit 15 Prozent. Dies sind Bürgerfunkgruppen, die sich in ihrer Produktion eindeutig auf das infor- mierende Wort richten, mit ihrer Produktion aber keine singuläre Zielgruppe ansprechen wollen. Das publizistische Konzept dieser Gruppen lautet schlicht Typ Anteil der Gruppen (ca.) Radiomacher 40 % Themenorientierte 33 % Informationsvermittler 15 % Musikorientierte 10 % 105 Tabelle 5-2: Typisierung der Bürgerfunkgruppen Basis: 144 Befragte der Bürgerfunkgruppen-Befragung „Informationsvermittlung“, ohne dies stark auf ein Themenfeld zu fokussieren. Mitglieder solcher Gruppen sind zum Großteil die „partizipationsorientierten“ Bürgerfunker. Den in der Rangfolge letzten Typus bilden die Musikorientierten mit 10 Pro- zent. Dies sind Bürgerfunkgruppen, die ihre Produktion weitgehend auf Musik- magazine ausrichten und als inhaltlichen Schwerpunkt Musik angeben, ggf. bei Zielgruppenorientierung „Musikinteressierte“ nennen und kein publizisti- sches Konzept verfolgen (ggf. wird hier Unterhaltung genannt). Diese Gruppen sind die „Heimat“ der Bürgerfunker mit der intrinsischen Motivation „Musik- enthusiasmus“, teilweise finden sich hier auch die „Berufseinsteiger“. Nachfolgend werden die hier skizzierten Typen von Bürgerfunkgruppen anhand von Fallbeispielen verdeutlicht. Radiomacher „Zwischen Weser und Diemel“ (Bürgerradio Beverungen, Höxter/Paderborn) ist ein regelmäßiges Mischmagazin, das jeden Freitag ausgestrahlt wird. In der Anmutung ist dieses Magazin sehr stark orientiert an kommerziellem Radio (ein Produzent nennt „Hit-Radio Antenne“ als Vorbild). Dementsprechend klingt das Musikformat, die Regiemoderation besteht überwiegend aus Stations- und Zeit- ansagen, Jingles werden eingespielt und fragmentieren das Programm, Veran- staltungshinweise sind musikunterlegt, das Sprechertempo ist schnell und artifi- ziell. Die eingespielten Beiträge sind eher unpolitisch (z. B. Passantenbefragung zu aktuellen Modetrends) und orientieren sich ebenfalls an dem Wortformat kommerzieller Radiokollegen (Dauer 1:30 Minuten). Die Beiträge der Sendung werden vorproduziert; die Sendung selbst wird 1 : 1, also quasi live gefahren, kleine Versprecher werden nicht nachträglich herausgeschnitten. Man orientiert sich vielmehr an professionellem Radiomachen unter Realbedingungen. Die Sendung „Bakelit Radio“ (Tiere im Kulturdschungel, Bielefeld) wird von zwei langjährigen und leitenden Mitarbeitern (u. a. einem „Urgestein“ des Bielefelder Bürgerfunks) produziert. Die Sendung läuft seit mehreren Jahren, hat teilweise schon Kultcharakter bei denjenigen Hörern, die sich für „schräge“ Formen und Themen interessieren. Die beiden (manchmal drei) Produzenten schwadronieren über Themen, die auf der Straße liegen und/oder Bielefelder Lokalkolorit aufweisen. Themenorientierte Das russisch-deutsche Magazin „Dobry Wetscher“54 (LORA, Bonn) wird jeden zweiten Montag von 21–22 Uhr und jeden vierten Freitag von 20:30–21:30 Uhr 106 54 In der Übersetzung: „Guten Abend“. ausgestrahlt. Die Gruppe hat neun Mitglieder, wobei neben überwiegend russischsprachigen Teilnehmern auch einheimische Deutsche dabei sind. Es gibt eine sehr große russischsprachige Community in Bonn und Umgebung. Ziel der Gruppe ist es, historische und kulturelle Berührungspunkte zwischen Deutschland und Russland zu thematisieren. Dabei geht es um historische Personen, Künstler, Schriftsteller, Musiker, die aus Deutschland stammen und in Russland waren und umgekehrt, d. h. interessante Menschen werden vor- gestellt, die eine Verbindung nach Deutschland und Russland haben, die für jedermann interessant sind. Als journalistische Darstellungsformen kommen Interviews, Feature und Hörspiele (professionelle Regie) zum Einsatz. Es werden meistens Interviews mit russisch sprechenden Personen geführt, die hier in Deutschland bereits Fuß gefasst haben, um Vorbildfunktion für andere Russischstämmige zu sein.55 Man ist bestrebt, in gewisser Weise Integrations- arbeit zu leisten, die Stimmung bei den Menschen zu verbessern, Leute ein- zuladen, sie zur Mitarbeit beim Radio zu gewinnen. Die Sendungen sind zweisprachig angelegt: 3 Minuten russisch, 3 Minuten deutsch. Thematische Schwerpunkte waren bisher: Führung im Kunstmuseum mit älteren Menschen, Tutanchamun-Ausstellung, russischsprachiger Führer; Wassiliy Kandinsky und Gabriele Münter; Heinrich Vogeler (1943 gestorben in Russland, Grab und Denkmal in Kasachstan); Ernst Barlach. Verschiedene Sendungen wurden be- reits für den Unterricht an Schulen in Russland eingesetzt. Von den Sendungen werden Kopien auf CD hergestellt und auf Nachfrage hin auch vertrieben.56m „Nord-Süd-Blick“ (Medienforum Duisburg) ist eine entwicklungspolitische Sendung, die es seit 1998 gibt. Früher gab es einen sporadischen Senderhyth- mus, zwischenzeitlich wurde daraus ein fester Sendeplatz. Die Sendung wird sechs- bis achtmal pro Jahr ausgestrahlt, d. h. jeden zweiten Monat. Produziert wird sie von ein oder zwei Personen. Ihr Ziel ist es, interkulturelle, entwick- lungspolitische, teilweise umweltpolitische Themen in Duisburg zu verankern und publik zu machen. In Duisburg gibt es 40–50 Dritte-Welt-Initiativen, deren Arbeit vorgestellt werden soll (politische Kampagnen mit Lokalbezug, entspre- chende Schulprojekte, spezielle Aktionen in Duisburg). Die Sendung ist ein Sprachrohr für alle Dritte-Welt-Gruppen. An Themen mangelt es nicht, aber ein Problem ist, willige Studiogäste zu finden, die in die Sendung kommen. Hinter- grund ist der Zeitmangel der Aktiven sowie das geringe Zutrauen der Gruppen bzw. Einzelpersonen, vor dem Mikrophon zu sprechen. Wenn die Gruppen nicht bereit sind ins Studio zu kommen, bemüht sich die Bürgerfunkgruppe, deren Themen mit aufzugreifen, vorzustellen und in die Sendung einzubringen. 107 55 Viele russisch sprechende Personen leiden hier in Deutschland an Depressionen, sprechen schlecht deutsch, haben weder Arbeit noch eine andere sinnvolle Beschäftigung. 56 Diese Praxis des CD-Vertriebs von Programmmitschnitten bzw. auch nicht ausgestrahlten Produktionen ist ebenfalls bei anderen Bürgerfunkgruppen bzw. Radiowerkstätten üblich. Die Sendung der Seniorengruppe „Studio A“ (GfB, Bielefeld) wird einmal monatlich um 18 Uhr für eine Stunde ausgestrahlt. Die Gruppe hat vier Mit- glieder (existiert seit 2000), vor der Spaltung waren es einmal acht Personen. (In 2001 war der Kooperationspartner von „Studio A“ der „AWO Radio-Klub Bielefeld“.) Die Gruppensprecherin fand Zugang zum Bürgerfunk über eine Zeitungsannonce, als eine Bürgerfunkgruppe aufgebaut werden sollte. Sie ist von Anfang an dabei. Persönliche Motivation waren Lernen, Kontakt mit Menschen, allgemein im Alter fit bleiben sowie das Ehrenamt. Die Themen- findung speist sich ganz allgemein über den Wissensdurst. Die Mitarbeiterin stellt schriftliche Anfragen zu allen möglichen wissenswerten Themen und setzt diese dann mit den anderen Gruppenmitgliedern redaktionell um. Wichtig für die aktuelle Arbeit ist die gründliche Recherche; die Sendung ist ansonsten „zeitlos aktuell“. Informationsvermittler Das „Bürgerfunk-Magazin“ (Medienforum Duisburg) wird jeden zweiten Sams- tag im Monat abends eine Stunde ausgestrahlt. Die Gruppe hat derzeit drei Mitglieder (eine Bürgerfunkerin ist bereits seit 1990 dabei). Pro Magazinsen- dung werden vier bis sechs Themen vorbereitet, u. a. ein zweimal fünfminütiges Studiogespräch. Hier werden auch Beiträge von Gruppen untergebracht, die keine komplette Sendung bestreiten können (z. B. „Senioren auf Draht“). Die Themenauswahl hat meist Lokalbezug und ist neigungsabhängig, u. a. gibt es auch Buchbesprechungen, Reiseberichte (mit landeskundlichem Hintergrund), Glossen (bei persönlichen Ärgererlebnissen). Themen des Magazins waren z. B.: Hospizbewegung, Ballonfahrt, 50er Jahre, Wohnen im Alter, private Verschuldung, Aberglauben, Zahnarzt-Gesetz, Bahnhofsmission. Musikorientierte „Talentrevue“ ist die Sendung des Vereins „Auftakt e. V.“ (Tiere im Kultur- dschungel, Bielefeld), in der regionale bzw. lokale Musikschaffende vorgestellt werden. Die Sendung wird von einer Mitarbeiterin gestaltet (ein häufiger zu beobachtendes Phänomen, dass Musiksendungen vielfach von einzelnen Bürgerfunkern produziert werden). Zweimal im Monat wird die „Talentrevue“ ausgestrahlt, d. h. alle 14 Tage eine halbe Stunde. „Sweet Beat Radio Show“ (BI Bürgerwache, Bielefeld) ist eine musik- redaktionelle Sendung, die einmal im Monat, freitags um 20 Uhr ausgestrahlt wird. Die Produzentengruppe existiert seit dem Jahr 2000. Anfangs als Reserve gedacht, hat sie sich jetzt als Gruppe mit festem Sendeplatz etabliert und wird momentan von zwei Personen erstellt. Die Sendung versteht sich als Subkultur- Radio, außerhalb des Mainstreams. Ihr Ziel ist, Interessierten Musik nahe zu 108 bringen, Neuvorstellungen von Alben und Bands. Verbunden ist damit auch eine inhaltliche Auseinandersetzung, z. B. ein größerer Beitrag über die Ent- stehungsgeschichte des Soul-Labels Motown oder Verbindungen herzustellen zum politischen Hintergrund der 60er Jahre. 5.4 Die Radiowerkstätten 5.4.1 Einleitung Die Bürgerfunkproduktionsstätten – kurz Radiowerkstätten genannt – bilden das Rückgrat, für eine an professionellen Hörfunkstandards ausgerichtete Pro- grammproduktion. Dieser technisch-organisatorische „Backbone“ ersetzt in NRW diejenigen Einrichtungen, die in anderen Bundesländern als Offene Kanäle-Hörfunk erscheinen. Ihre wesentliche Aufgabe besteht in der techni- schen, organisatorischen und redaktionellen Produktionshilfe für die Bürger- funkgruppen. Ohne das Equipment, die Räume und das Personal der Radio- werkstätten wäre die Produktion von Hörfunkbeiträgen für radiojournalistische Laien, wie es die Bürgerfunker sind, kaum möglich. Um als anerkannte Radiowerkstatt in NRW zu gelten, sind einige Mindest- standards die Voraussetzung. Die LfM prüft anhand ihrer Satzung (siehe Kap. 2.3), ob diese Voraussetzungen gegeben sind und erteilt dann ggf. die Anerkennung. Die technischen Bedingungen sind dabei so beschaffen, dass die Ausstattung der Radiowerkstätten eine professionelle Produktion ermöglicht.m Nachfolgend wird die grundlegende Topologie der Landschaft der Radio- werkstätten in NRW nachgezeichnet und hierbei folgende Bereiche in den Blick genommen: • Infrastruktur und Produktionspraxis • Thematisch-inhaltliche Ausrichtung • Organisatorische Einbindung • Außenbeziehungen • Typenbildung 5.4.2 Infrastruktur und Produktionspraxis Bei der technischen Grundausstattung sorgen die Vorgaben der LfM für eine gewisse einheitliche Mindestausstattung, wobei an etlichen Standorten darüber hinausgehendes Equipment vorhanden ist.57 Ein wichtiger Parameter für die 109 57 Viele Radiowerkstätten betonen, dass sie die technischen Standards bereits umgesetzt hatten, als die LfM die Umsetzung neuer Vorgaben einforderte. Leistungsfähigkeit ist ferner die räumliche und personelle Ausstattung der Radiowerkstätten. 110 bis 25m² 10,1% 26m² bis 50m² 37,6% 51m² bis 75m² 30,3% 76m² bis 100m² 12,8% über 100m² 9,2% Basis: 109 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung 1 Raum 1,7% 2 Räume 30,4% 3 Räume 34,8% 4 Räume 17,4% 5 und mehr Räume 15,7% Basis: 115 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-16: Raumausstattung der Radiowerkstätten Abbildung 5-17: Flächenausstattung der Radiowerkstätten Die Raum- und Flächenausstattung der Radiowerkstätten ist kein Indikator für den Umfang und die Qualität ihrer Leistungen. So gibt es Radiowerkstätten, die ihr Domizil z. B. in umgebauten Garagen, Kellerräumen, Küchen, Laden- lokalen oder Privatwohnungen haben, deren Produktionsleistung anderen Radiowerkstätten mit professionellem Erscheinungsbild jedoch in nichts nach- stehen. Bei der personellen Ausstattung der Radiowerkstätten sind zwei Gruppen zu unterscheiden: Personen, die haupt- oder nebenberuflich bzw. gegen Honorar tätig sind und Ehrenamtliche. Hier zeigen die Ergebnisse, dass die ehren- amtliche Tätigkeit in den Radiowerkstätten eine große Rolle spielt. Fast 24 Pro- zent aller Radiowerkstätten haben überhaupt kein gegen Entgelt arbeitendes Personal. Andererseits sind in über 45 Prozent der Radiowerkstätten zwei bis fünf entlohnte Mitarbeiter vorhanden. Wie viel Prozent des gesamten Arbeits- aufwandes in den Radiowerkstätten von Ehrenamtlichen ausgeübt wird, ist ebenfalls erfragt worden. Hier zeigt sich, dass in knapp einem Drittel aller Radiowerkstätten über 75 Prozent der anfallenden Arbeiten von Ehrenamtlichen erbracht werden. Bürgerfunkgruppen und die „Produktionshelfer“ der Radio- werkstätten sind häufig beiderseits von einem ehrenamtlichen Engagement bestimmt. Hierin ist ein deutlicher Unterschied zum Konstruktionsprinzip insti- tutionalisierter Offener Kanäle-Hörfunk in anderen Bundesländern zu sehen. 111 1 bis 8 14,2% 9 bis 12 26,5% 13 bis 18 31,0% 19 bis 24 21,2% 25 bis 30 7,1% Basis: 113 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-18: Durchschnittliche Studioauslastung der Radiowerkstätten – Tage pro Monat In der Regel ist es dort so, dass die Produktionshilfe von den hauptamtlichen Mitarbeitern der Offenen Kanäle als „Serviceleistung“ für die Nutzer der Offenen Kanäle erbracht wird. Im System des Bürgerfunks in NRW wird hingegen auch ein erheblicher Teil des technischen und redaktionellen Supports ehrenamtlich erbracht. Hierdurch kommt es nicht selten zu einer Funktionsvermischung bzw. Rollenidentität. Man ist Bürgerfunker und „Betreiber“ der Radiowerkstatt zugleich, was nicht immer ganz unproblematisch ist. Solange die Gruppen- betreuer der Radiowerkstatt die Bürgerfunkgruppen lediglich unterstützen im zur Verfügung stellen der technischen Infrastruktur sowie des Know-how bei der Produktion, erfüllen sie ihre originäre Aufgabe. In manchen Fällen kommt es allerdings zu einer Funktionsverschränkung, nämlich dann, wenn das „Per- sonal“ der Radiowerkstatt gleichzeitig vor dem Mikrophon sitzt und inhaltlich (federführend) an der Produktion mitwirkt. Als Beobachtungen einer ent- sprechenden Produktionspraxis bei verschiedenen Radiowerkstätten sind zum einen zu nennen der Leiter der Radiowerkstatt FARa in Aachen, der regelmäßig Interviews führt in der Live-Sendung „Talk am Donnerstag“; zum anderen produziert der Leiter vom Bürgerradio Beverungen als „Selbstfahrer“58 regel- mäßig Ausgaben des Magazins „Zwischen Weser und Diemel“; und schließlich moderiert der Leiter von Sender RIO in Duisburg gleich mehrere Magazine bzw. Sendungen, so dass sich bei der Hörerschaft der Eindruck aufdrängt, Sender RIO sei personenidentisch mit dem Leiter. Im Rahmen der Beobach- tung möglicher Funktionsverschränkungen konnte jedoch nicht festgestellt werden, dass Hauptamtliche bzw. Leiter von Radiowerkstätten mit Trägerschaft (Kirche, VHS, Gewerkschaft) sich aktiv als Bürgerfunker betätigt hätten. 112 58 Als „Selbstfahrer“ werden multifunktionale Mitarbeiter des Hörfunks bezeichnet, die eine Sendung moderieren, die Musikauswahl treffen und gleichzeitig die technische Abwicklung vollziehen, d. h. alle Beiträge, Jingles etc. vom Band einspielen, aussteuern, abmischen etc., so dass am Ende die sendefertige Produktion steht. 113 keine 23,9% 1 17,4% 2 23,9% 3 bis 5 22,0% 6 bis 10 11,0% 11 und mehr 1,8% Basis: 109 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-19: Personalausstattung der Radiowerkstätten mit Mitarbeitern gegen Entgelt keine 20,9% 1 11,8% 2 10,0% 3 10,0% 4 bis 6 22,7% 7 bis 10 14,5% 11 bis 20 5,5% 21 und mehr 4,5% Basis: 110 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-20: Anzahl von Ehrenamtlichen in ihrer Verteilung auf Radiowerkstätten Für das Verhältnis zwischen entlohnten und ehrenamtlichen Mitarbeitern ergibt sich als Modalwert, also als häufigste vorkommende Kombination, ein bis zwei entlohnte und drei bis fünf ehrenamtliche Personen. Betrachtet man die Radiowerkstätten unter dem Aspekt der von ihnen be- treuten Bürgerfunkgruppen, zeigt sich ein breites Spektrum. Die Mehrzahl der Radiowerkstätten betreut sowohl regelmäßig als auch sporadisch produzierende Gruppen. Es gibt vereinzelt jedoch Radiowerkstätten, die entweder nur regel- mäßige oder nur sporadische Bürgerfunkgruppen haben. Auch die Anzahl der betreuten Bürgerfunkgruppen streut erheblich. Über die Hälfte der Radio- werkstätten kümmert sich um bis zu fünf, fast 30 Prozent um bis zu zehn regelmäßige Bürgerfunkgruppen. Bei Radiowerkstätten mit sehr vielen Bürger- funkgruppen ist der Anteil der sporadischen Gruppen meist deutlich höher als derjenige der regelmäßig Produzierenden. 114 18,2 34,5 13,6 2,7 30,9 0 5 10 15 20 25 30 35 40 Keine ehrenamtliche Arbeit Anteil von 1 bis 25 Prozent Anteil von 26 bis 50 Prozent Anteil von 51 bis 75 Prozent Anteil von 76 und mehr Prozent Basis: 110 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-21: Anteile des Arbeitsumfangs der Ehrenamtlichen in Prozent des gesamten Arbeitsaufwandes 115 1 bis 5 40,4% 6 bis 10 26,0% 11 bis 20 16,4% 21 bis 40 12,5%über 40 4,8% Basis: 104 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung 1 bis 5 50,9% 6 bis 10 29,4% 11 bis 20 13,4%21 bis 40 6,3% Basis: 112 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-22: Anzahl der regelmäßig produzierenden Bürgerfunkgruppen pro Radio- werkstatt im Jahr 2003 Abbildung 5-23: Anzahl der sporadisch produzierenden Bürgerfunkgruppen pro Radiowerk- statt im Jahr 2003 In Relation zur Anzahl der Bürgerfunkgruppen steht der Output der einzel- nen Radiowerkstatt in Sendeminuten: Je größer die Zahl der betreuten Gruppen, desto höher ist in der Regel auch das Programmvolumen. Auch hier existiert ein entsprechend breites Spektrum von unter einer Stunde pro Monat bis zu 40 Stunden pro Radiowerkstatt. Die Organisationsform von Radiowerkstätten ist unterschiedlich: Einerseits wird das Konzept „Vielfalt durch Bürgerfunkgruppen“ umgesetzt, d. h. das Spektrum verschiedener gesellschaftlicher Gruppen kommt zum Tragen, ande- rerseits das Konzept des Redaktionsteams. Im letzteren Fall werden zu be- stimmten Themen immer wieder neue Gruppenkonstellationen generiert. Von 150 Radiowerkstätten arbeiten 11 nach dem Konzept der Redaktions- teams.59 Vier dieser Redaktionsteams kommen aus dem Verbreitungsgebiet Köln, wo mit neun die meisten Radiowerkstätten pro Verbreitungsgebiet an- gesiedelt sind und eine bunte Vielfalt an Themen anzutreffen ist. In Köln herrscht auch ein auffällig gutes Verhältnis zwischen dem Lokalradio und dem Bürgerfunk. Ebenfalls zu beobachten ist eine gute Selbstorganisation der Radio- werkstätten, die sich in Köln zur ARGE zusammengeschlossen haben. Ein Beispiel für diese erfolgreiche Kooperation sind die sog. Themenwochen: Alle Radiowerkstätten verständigen sich einmal im Jahr auf eine themenspezifische Woche, die dann in dem formatgetreuen Magazin „Rheintime“ täglich von 19–20 Uhr umgesetzt wird. Jede Radiowerkstatt trägt einen spezifischen thema- tischen Aspekt zu diesem Gemeinschaftsprojekt bei. Inhaltliche Beispiele hier- für sind die Vorstellung einzelner Kölner Stadtteile sowie „Trauer, Hospiz, Sterbebegleitung“. Auf der Ebene der Trägerschaft fällt am Standort Köln auf, dass sich vier dieser Radiowerkstätten dem katholischen Einzugsbereich zuordnen lassen und zwei weitere aus dem kirchlichen Bereich kommen. 116 59 Katholisches Bildungswerk Bonn, AG Vorgebirgsstudio Merten in (Bonn), FFFZ Medienhaus Düsseldorf, Falken-Studio Essen, Bürgerfunkstudio Welle West (Heinsberg), Katholisches Bildungswerk Köln, Studio Eck (Köln), Bild und Ton Colonia (Köln), Föv. Lokaler Rundfunk Köln, Katholische Familienbildungsstätte Leverkusen, Katholisches Bildungswerk Wuppertal. Die Arbeitsaufgaben einer Radiowerkstatt umfassen ein großes Bündel von Leistungen, die unterschiedliche Anteile am Gesamtaufwand der Radiowerk- stätten ausmachen. Die Betreuung der Beitragsproduktion umfasst dabei nur etwas über die Hälfte (55 Prozent) des Gesamtaufwandes, den eine Radiowerk- statt betreiben muss. An zweiter Stelle rangiert mit 17 Prozent die Qualifizie- rung der Produktionsgruppen und bereits an dritter Stelle stehen Verwaltungs- arbeiten (14 Prozent). Der Verwaltungsaufwand wird von den Radiowerkstätten insgesamt als zu hoch eingeschätzt. Für die Rekrutierung neuer Produzenten, die Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyarbeit sowie Vernetzungsaktivitäten ver- bleibt insgesamt wenig Zeit. Neben ihrer Kernaufgabe erfüllen etliche Radiowerkstätten einen Zusatz- nutzen. So gibt es verschiedene Projekte mit sozialpädagogischer Ausrichtung, die von den Radiowerkstätten durchgeführt werden. Hier wird gesellschafts- politisch wichtige integrative Arbeit geleistet. Hierfür nur ein Beispiel aus der Radiowerkstatt LORA in Bonn und ihrem Projekt „Schwererziehbare“. Die destruktive nihilistische Lebenshaltung der schwererziehbaren Jugendlichen wurde mittels eines Radioprojekts in eine positive, konstruktive, verantwor- tungsvolle Mit- und Zusammenarbeit transformiert. Dieses sozialpädagogische Engagement der Radiowerkstätten vor Ort als Teil der Vernetzungstätigkeit ist quasi „verdeckte Arbeit“. 117 bis 4 24,4% 5 bis 8 28,5% 9 bis 12 16,0% 13 bis 16 5,9% 17 bis 24 11,8% 25 bis 40 7,6%41 und mehr 5,9% Basis: 119 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-24: Sendevolumen der Radiowerkstätten in Stunden pro Monat Der Anteil an Qualifizierungsmaßnahmen, den die einzelnen Radiowerk- stätten pro Jahr anbieten, ist recht unterschiedlich. Bis zu zwei Qualifizierungs- maßnahmen pro Jahr bieten rund 32 Prozent an, zwischen drei bis fünf Maß- nahmen ebenfalls 32 Prozent.60 Eine Qualifizierung der Bürgerfunker ist nahezu durchweg notwendig, da selten das erforderliche technische und journalistische Vorwissen vorhanden ist. Qualifizierungsmaßnahmen werden von den Radiowerkstätten meist nicht regelmäßig oder zu festen Terminen angeboten, da nicht immer gewährleistet ist, ob das Angebot auch entsprechend genutzt wird, so dass Kurse mangels Nachfrage gar nicht zustande kommen. Qualifizierungen werden deshalb vor- wiegend situationsgebunden bei der konkreten Radioarbeit oder im jeweiligen Projekt vorgenommen, d. h. wenn eine Person bzw. eine Gruppe sich eines Themas annimmt, findet eine begleitende Qualifizierung statt (Technik, Recher- che, Vermittlung der Beitragsformen, Sprechertraining etc.). Darüber hinaus wird die Schulung in vielen Fällen auf die persönlichen Vorlieben (Wunsch, Begabung und Fähigkeiten) zugeschnitten, d. h. nicht alle Bürgerfunker müssen beispielsweise eine Technikeinführung absolvieren oder eine Sprecherschu- lung vornehmen. Dennoch gibt es einzelne Radiowerkstätten, die Wert darauf legen, dass eine umfassende Qualifizierung stattfindet, sowohl im Hinblick auf eine ganzheitliche Ausbildung im Bürgerfunkbetrieb als auch für eine 118 60 An dieser Stelle ist jedoch keine Aussage darüber getroffen, welchen zeitlichen Umfang diese Maßnahmen jeweils hatten, wie viele Teilnehmer daran teilgenommen haben, welche Inhalte vermittelt wurden etc. 7,1% 9,1% 13,8% 16,9% 54,8% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Lobbyarbeit, Mitarbeit in Verbänden auf lokaler und regionaler Ebene etc. Rekrutierung neuer Produktionsgruppen, Öffentlichkeitsarbeit Verwaltung, Büro, Statistik, Abrechnung etc. Qualifizierung der Produktionsgruppen Beitragsproduktion, Mitarbeit, Beratung etc. Basis: 117 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-25: Umfang der Arbeitsaufgaben der Radiowerkstätten und ihr Anteil am Gesamtaufwand mögliche berufliche Perspektive.61 Bei einmaligen oder seltenen Produktionen (z. B. von NGOs oder Vereinen) übernehmen die Mitarbeiter der Radiowerkstatt diese Funktionen, da sich eine gesonderte Schulung nicht lohnt.62 Die Lokalsender haben schließlich auch ein Eigeninteresse – zur Qualitäts- sicherung des Programms bzw. zur Verringerung des Bruches zwischen Lokal- radio- und Bürgerfunkprogramm – und beteiligen sich an Weiterbildungs- maßnahmen für die Bürgerfunker mit Redakteuren aus dem eigenen Haus. Eine erwähnenswerte Form kontinuierlicher Qualifizierungsmaßnahmen besteht im sog. Aircheck. In einigen Radiowerkstätten werden die Produk- tionen durch qualifizierte Mitarbeiter der Radiowerkstatt abgehört und über 119 61 Dass die Qualifizierung im Bürgerfunkbereich von öffentlich-rechtlichen und privaten Hörfunk-, aber auch Fernsehsendern geschätzt wird, belegen zahlreiche Abwerbungen bzw. berufliche Biographien, über die die Mitarbeiter der Radiowerkstätten zu berichten wissen. Danach kann im Grunde jede Radiowerkstatt darauf verweisen, dass aus ihren Reihen Mitarbeiter im Lokalradio, bei der Lokalpresse, im WDR oder beim Musik- sender VIVA gelandet sind. Welch teilweise wichtige Funktion der Bürgerfunk damit für die Ausbildung von Journalisten hat, wird an anderer Stelle thematisiert (siehe „Berufseinsteiger“). 62 Aufgrund des ohnehin hohen ehrenamtlichen Engagements haben diese Personen keine Zeit für zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen, die zudem nicht lohnen, da der Radioauftritt zu selten stattfindet. Das Erlernte muss jedoch im Tagesgeschäft immer wieder geübt bzw. praktiziert werden, um eine effiziente und be- friedigende Bürgerfunkarbeit zu gewährleisten. Diese Gruppen werden deshalb auch vergleichsweise intensiv von Mitarbeitern der Radiowerkstatt – Kommunikations- und Produktionshelfer, Gruppenbetreuer – unter- stützt. 1 bis 2 30,3% 3 bis 4 24,8% 5 bis 7 19,3% 8 bis 12 12,8% 13 bis 24 5,5% 25 und mehr 5,5% keine 1,8% Basis: 109 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung Abbildung 5-26: Anzahl der Qualifizierungsmaßnahmen der Radiowerkstätten pro Jahr Qualität bzw. Qualitätsmängel konstruktive Gespräche mit den beteiligten Bür- gerfunkgruppen geführt. Insgesamt haben die Leiter der Radiowerkstätten weitgehend positive Erfah- rungen mit „ihren“ Bürgerfunkgruppen. Danach gefragt, auf wie viel Prozent der Bürgerfunkgruppen in ihrer Einrichtung die folgenden positiven Merkmale zuträfen, wurden die in Abb. 5-27 dargestellten Antworten gegeben. 5.4.3 Thematisch-inhaltliche Ausrichtung Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die Funktion der Radiowerkstätten – als Produktionshelfer – nicht mit einer inhaltlich-thematischen Ausrichtung der Radiowerkstatt gekoppelt sein sollte. Die Radiowerkstatt ist – im „Modell“ des Bürgerfunks – neutraler „Dienstleister“. In der Praxis ist dies auch weit- gehend, aber nicht durchgängig der Fall. Rund 65 Prozent der Radiowerkstätten geben an, dass die Produktion ihrer Bürgerfunkgruppen thematisch streut und nicht auf einen inhaltlich-thematischen Schwerpunkt fokussiert. Bei 35 Prozent der Radiowerkstätten sind hingegen die von ihren Bürgerfunkgruppen produ- zierten Hörfunkbeiträge überwiegend in einem bestimmten Themenfeld an- gesiedelt. Mit anderen Worten: 8 In über einem Drittel aller Radiowerkstätten ist das publizistische Interesse der Mehrzahl der Bürgerfunkgruppen gleichgerichtet. 120 67,3% 71,8% 73,2% 75,3% 82,5% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Kontinuität, Ausdauer und Verbindlichkeit der Gruppen ist groß Technische und journalistische Kontrolle ist kaum notwendig Initiative zur Beitragsproduktion geht primär von den Bürgerfunkgruppen aus Qualität der Produktionen entspricht den Erwartungen Vorgaben zur Beitragsproduktion werden eingehalten Basis: 117 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung; Mehrfachnennung möglich Abbildung 5-27: Beurteilung der Bürgerfunkgruppen durch die Radiowerkstätten – Anteile der Bürgerfunkgruppen pro Radiowerkstatt, auf die folgende Aussagen zu- treffen … Ob diese Ausrichtung auf eine „redaktionelle Steuerung“ der Radiowerkstätten zurückgeht oder eher auf Autoselektionsmechanismen der Bürgerfunkgruppen, ist nicht ganz eindeutig zu klären. Vermutlich gibt es hier wechselseitige Be- ziehungen. Im Ergebnis kommt es jedoch in einigen Fällen zu einer klaren Konturierung bzw. Profilbildung, ohne dass jeweils ein explizites Konzept dahinter deutlich wird oder zugrunde liegt. Die Medienwerkstatt Minden- Lübbecke hat beispielsweise – orientiert an „Kinder-, Jugend-, Kultur- und Sozialarbeit“ – einen expliziten Zielgruppen-Schwerpunkt auf sozial Benach- teiligte und Randgruppen (Lebenshilfe, Behinderte, Gewalttätige). Bei Radio- werkstätten in Trägerschaft (kirchlich oder gewerkschaftlich) liegt eine ent- sprechende Schwerpunktsetzung nahe; diese bewahren sich aber dennoch eine allgemeine Offenheit für alle anderen Gruppen. Die Bürgerfunkgruppen bzw. das Sendekontingent des Vereins Christliches Bürger-Radio in Herford sind beispielsweise nur zu etwa einem Drittel christlich geprägt. Die Schwerpunktsetzungen richten sich zu knapp 30 Prozent auf den Bereich des politisch-gesellschaftlichen Themenfeldes. Dahinter stehen im Einzelfall verschiedene Bereiche wie z. B. Umweltschutz, Gewerkschaft und Wirtschaft. Politik im engeren Sinne macht hierbei einen Anteil von 7 Prozent aus. Nicht genannt wurde Lokalpolitik als eigenständiges Themenfeld. Der Bereich soziales Leben (knapp 25 Prozent) umfasst den Bereich des Karitativen, Lebenshilfe für spezielle Gruppen (wie z. B. Behinderte, Migranten) etc. Weitere nennenswerte Schwerpunktsetzungen sind Kultur (19 Prozent) und Kirche (16 Prozent). 121 ja 35,3% nein 64,7% Soziales Leben 24,6% Kirche 15,9% Politik/ Gesellschaft 29,0% Kultur 18,8% Sonstige 11,6% Basis: 116 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung; Mehrfachnennung möglich Abbildung 5-28: Radiowerkstätten mit thematisch-inhaltlicher Schwerpunktsetzung 8 Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Die Radiowerkstätten verstehen sich überwiegend als „Dienstleister“, d. h. die Mitarbeiter stehen interessierten Bürgern und Gruppen, die ein inhaltliches Anliegen haben, das sie gerne über den Hörfunk transportieren wollen, mit der technischen Infrastruktur und ihrem Know-how zur Verfügung. Diese Betreuung, Beratung und Be- gleitung kommt allerdings nicht allen Bürgern und Gruppen zugute. Manche Radiowerkstätten haben eine eigene publizistische Intention. Sie prüfen, inwieweit bestimmte Anliegen oder Themen oder Gruppen/Einzelpersonen in das Konzept bzw. das (thematische, persönliche etc.) Portfolio der Radio- werkstatt passen. So werden Interessenten auch schon mal abgewiesen bzw. an eine andere Radiowerkstatt verwiesen. 5.4.4 Organisatorische Einbindung Lediglich 42 Prozent aller Radiowerkstätten sind eigenständige (unabhängige) Institutionen, die zumeist als Verein organisiert sind. Rund 58 Prozent der Radiowerkstätten sind hingegen Einrichtungen einer Trägerorganisation. Be- trachtet man die Organisationen, die hinter den Radiowerkstätten stehen, so ragen zunächst zwei Gruppen heraus: die Kirche und die Volkshochschule. In kirchlicher Trägerschaft befanden sich zum Befragungszeitpunkt 25 Radio- werkstätten (davon 17 katholisch, 3 evangelisch, 5 freikirchlich), 28 sind in der Hand der VHS.63 Hinter der summarisch als „sonstige Institutionen“ bezeichneten Gruppe stehen verschiedene Träger: Kommunale Einrichtungen, Jugendzentren, Medienzentren. Im Binnenverhältnis zwischen der „Abteilung“ Radiowerkstatt und ihrer Trägerorganisation wurden keine nennenswerten Pro- bleme genannt. Die Radiowerkstätten mit Trägerschaft (Kirche, VHS, Gewerkschaften) haben jeweils einen gemeinsamen organisatorischen Überbau. Für die katho- lische Kirche heißt das beispielsweise, dass die 13 Radiowerkstätten des Erz- bistums Köln zusammengeschlossen sind.64 Die Vertreter der einzelnen Radio- werkstätten nennen sich „Radiobeauftragte“ bzw. „Radiokontakter“, die sich zwei bis drei Mal pro Jahr in dem Gremium „Radiorunde“ treffen und aktuelle Fragen der Radioarbeit besprechen (Aktivitäten der LfM, Förderungen, Inhalte, gemeinsame Themenreihen, Aus- und Fortbildung, Reagieren auf veränderte Anforderungen). Im jeweiligen Regionalgeschäft sind die Radiowerkstätten 122 63 Die Prozentangaben in der Abbildung beziehen sich auf das Ergebnis der Befragung (also auf lediglich 119 von insgesamt 150 zum Zeitpunkt der Befragung existierende Radiowerkstätten). 64 Das Erzbistum Köln gliedert sich in einen Südteil mit Bonn, Euskirchen, Gummersbach, Erftkreis, Köln und Leverkusen sowie einen Nordteil mit Neuss, Düsseldorf, Wuppertal, Solingen und Remscheid. Das heißt, das Bistum reicht im Norden bis Essen-Kettwig, im Süden bis Unkel, im Westen bis Zülpich, Dürscheven, Euskirchen und im Osten bis Bergneustadt, Gummersbach. Der sog. technisch-organisatorische „Overheader“ ist die „Medienwerkstatt Radio“, die zentrale Koordinierungsstelle im katholischen Bildungswerk. jedoch autonom, haben einen eigenen Haushalt. Abstimmung und Abgleich für die effiziente Nutzung der Ressourcen sowie Absprachen für den technischen Pool etc. finden jedoch gemeinsam statt. Die Radiowerkstätten kooperieren zu einem erheblichen Teil untereinander. 58 Prozent gaben an, dass sie in irgendeiner Form mit anderen Radiowerk- stätten zusammenarbeiten. In nahezu allen Verbreitungsgebieten gibt es Arbeits- gemeinschaften, in denen die örtlichen Radiowerkstätten zusammen geschlos- sen sind. Prominentes Beispiel ist die ARGE in Köln. Aber auch in anderen Verbreitungsgebieten gibt es AGs wie z. B. das Duisburger Bürgerfunk-Forum, die AG Bürgerfunk in Bielefeld. An erster Stelle stehen hierbei Absprachen und Abstimmungen zur Sendeplatzbelegung an Standorten mit mehreren Radio- werkstätten. An zweiter Stelle findet eine Zusammenarbeit im Bereich der Technik statt sowie ein inhaltlicher Austausch und gemeinsame Qualifizie- rungsmaßnahmen der Bürgerfunkgruppen. Von der Möglichkeit, dass nicht belegte Sendeplätze (aufgrund dessen, dass Produktionen nicht zum Sende- termin fertig werden oder dass freigehaltene Sendekontingente für sporadische Gruppen nicht genutzt wurden) anderen Radiowerkstätten angeboten werden, wird hin und wieder Gebrauch gemacht. In manchen Verbreitungsgebieten gibt es zwar offizielle Zusammenschlüsse, ohne dass jedoch eine echte Kooperation stattfindet. Wenn die Sendeplätze auf die Radiowerkstätten erst einmal verteilt sind, gibt es keine weiteren Berüh- rungspunkte oder die Kontakte sind eher sporadischer Natur. Hintergrund mangelnder Kooperation zwischen den Radiowerkstätten vor Ort können beispielsweise Animositäten sein, die mit unterschiedlichen Konzepten und Vorstellungen zum Bürgerfunk an sich begründet werden. Da kommt es nicht 123 nein 41,9% VHS 32,4% Sonstige Institution 33,8% Gewerkschaft 8,8% Kirche 25,0% ja 58,1% Basis: 116 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung; Mehrfachnennung möglich Abbildung 5-29: Organisatorische Einbindung der Radiowerkstätten selten zu Neid und Konkurrenzdenken, wenn „die Kollegen“ mehr Sendeplätze zur Verfügung haben, vermeintlich schlechte Arbeit leisten und damit dem Image des Bürgerfunks schaden oder gar Fördermittel bekommen, die nicht gerechtfertigt erscheinen. 5.4.5 Außenbeziehungen Verhältnis Lokalradio und Radiowerkstätten Seit dem Beginn des Bürgerfunks gibt es ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen den Lokalradios und den Radiowerkstätten („Verträglichkeit“). Nach- folgend wird zunächst die Sicht der Radiowerkstätten auf dieses Verhältnis dargestellt und anschließend vice versa die Perspektive der Lokalradios. Die Kooperation der Radiowerkstätten mit den Lokalradios erscheint zu- mindest auf der Ebene des formalen Umgangs miteinander weitgehend reibungs- los. Nahezu 97 Prozent der Radiowerkstätten bescheinigen den Lokalradios, dass sie Vereinbarungen mit ihnen häufig einhalten. Andererseits äußern fast 50 Prozent, dass sich das Lokalradio vom Bürgerfunk oftmals deutlich distan- ziere. Fast 30 Prozent beklagen überdies die Verdrängung auf unattraktive Sendeplätze, knapp 23 Prozent den Sendungsausfall aufgrund von Sportüber- tragungen. 124 Ablehnung von Sendungen Pannen bei der Ausstrahlung Ausfall wegen Sportübertragungen Verdrängung auf unattraktive Sendeplätze Deutliche Abgrenzung Kooperativer Umgang Vereinbarungen mit Lokalradio 3,5% 11,2% 22,6% 29,2% 49,1% 79,3% 97,4% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Basis: 116 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung; Mehrfachnennung möglich Lesart: 97,4 Prozent der Radiowerkstätten antworten auf das Statement „Das Lokalradio hält sich an Vereinbarun- gen mit uns“ mit der Antwort „häufig“. Abbildung 5-30: Kooperation mit dem Lokalradio aus Sicht der Radiowerkstätten – Prozent- werte der Antworten auf die Merkmalsausprägung „häufig“ Das Verhältnis von Lokalradio und Bürgerfunk wird – aus der Sicht der Chefredakteure – durchgehend kritisch gesehen. Aufgrund der Konstruktion – nicht-kommerzielles Bürgerfunkprogramm implantiert im kommerziellen Lokalradioprogramm – sind (strukturelle) Konflikte von vornherein angelegt (Zitate: „Konstruktionsfehler“ und „Beide Seiten sind nicht miteinander glück- lich.“). Man hat sich dennoch vor Ort weitgehend arrangiert, man versucht mit dieser Konstruktion so gut wie möglich zu leben und pflegt einen pragmati- schen Umgang (Zitat: „Wenn der Bürgerfunk schon da ist, dann sollte man einen produktiven Umgang miteinander pflegen.“). Nach etlichen Querelen in früheren Jahren ist es zwischenzeitlich „ruhig geworden“ und „der Betrieb hat sich normalisiert“. Vielfach gibt es informelle und formelle Vereinbarungen bzw. Absprachen (Empfehlungen) – Angleichung von Musik- und Wortformaten zur Vermei- dung von Programmbrüchen –, die die Kooperation zwischen Lokalradio und Radiowerkstätten eindeutig regeln und verbindlich gestalten. Übergeordnete Arbeitsgemeinschaften (z. B. ARGE in Köln und AGs in anderen Verbreitungs- gebieten) bzw. zwischengeschaltete Koordinatoren (z. B. in Euskirchen, Kreis Wesel, Köln) erleichtern vielfach die Zusammenarbeit und befrieden damit das Verhältnis, sind aber nicht die Regel. Je nach Standort gibt es zudem personelle Konstellationen (Chefredakteur auf der einen Seite und Ansprech- partner der Radiowerkstatt auf der anderen Seite), die entweder gut funktionie- ren oder aber eine Zusammenarbeit schwierig gestalten oder nahezu unmög- lich machen. Grundsätzlich wird dem Bürgerfunk von Seiten des Lokalradios wenig Professionalität sowie mangelnde journalistische (weniger technische) Qualität bescheinigt. Der Bürgerfunk sei ein „Fremdkörper“ im Lokalradioprogramm („Formatbruch“) und schade dem Image des Lokalsenders („Abschaltfaktor“).n Es gibt aber auch zahlreiche Beispiele eines kooperativen und kollegialen Umgangs zwischen den Radiowerkstätten und dem jeweiligen Lokalradio (z. B. Bielefeld, Köln, Duisburg). Das drückt sich u. a. darin aus, dass mancher Lokalsender die Möglichkeit einräumt, dass bei Bedarf die dreitägige Abgabe- frist für die Bürgerfunkproduktionen unterschritten werden kann. Teilweise kann das am Mittag vor der abendlichen Sendung sein, in Extremfällen sogar kurz vor dem Ausstrahlungstermin. Dieses Entgegenkommen zeugt jedoch von einem ausgesprochen vertrauensvollen Verhältnis, da eine Kontrolle der Sendungsinhalte von Senderseite vor der Ausstrahlung dann nicht mehr vor- genommen werden kann. Radio Köln überlässt beispielsweise der Radiowerkstatt Katholisches Bil- dungswerk am ersten Weihnachtstag – jenseits der eigentlichen Bürgerfunk- zeit – zusätzliche Redaktionszeit. Die Bürgerfunker haben dann die Möglich- keit, die Sendestrecke „Hallo Wach“ von 6–8 Uhr nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. 125 Von der Radiowerkstatt FARa in Aachen ist zu berichten, dass deren Mit- arbeiter dem Lokalradio bei technischen Problemen hilfreich zur Seite stehen. Selbst beim Studioumzug haben sie den Kollegen vom Lokalsender geholfen.n Verhältnis zur LfM Das Verhältnis zwischen den Radiowerkstätten und der LfM ist aus der Per- spektive der Radiowerkstätten in einigen Punkten nicht zufrieden stellend. In Abb. 5-31 wird deutlich, worin die Radiowerkstätten die Problempunkte sehen. Beklagt wird von den Radiowerkstätten, dass der Verwaltungsaufwand für sie zu hoch sei: Studiobeleglisten führen, Unterschriftenlisten der Bürgerfunk- gruppen, umfangreicher Schriftverkehr, Jahresbericht erstellen etc.; das sei kompliziert, langwierig und aufwändig. Die eigentliche Arbeit mit den Bürger- funkern wäre ohnehin schon sehr arbeitsintensiv; eines von beiden würde darunter leiden. Häufig wird daher für die Jahresberichte nur das Notwendigste ausgefüllt, so dass die zahlreichen anderen Aktivitäten „unter den Tisch fallen“ und ein verzerrtes Bild der eigentlichen Leistungen der Radiowerkstätten ent- stünde. Die sog. „verdeckte Arbeit“ (Projekte, Kooperationen, externe Seminare, Vernetzung etc.) erscheint dagegen kaum in den Berichten. Die reine Hörfunk- 126 36,2% 60,3% 19,0% 56,9%-12,9% -55,2% -12,9% -20,7% -80% -60% -40% -20% 0% 20% 40% 60% 80% LfM Betreuung intensiv Formale Anforderungen sind sehr hoch Förderung ist hinreichend Gesetzliche Anforderungen sind angemessen trifft nicht zu trifft zu Basis: 116 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung; Mehrfachnennung möglich Lesart: 56,9 Prozent der Radiowerkstätten stimmen dem Statement „Die gesetzlichen Anforderungen an die Radiowerkstätten sind angemessen“ zu. Abbildung 5-31: Verhältnis zwischen den Radiowerkstätten und der LfM arbeit nimmt daneben manchmal lediglich einen vergleichsweise kleinen Raum ein. Von den ehrenamtlichen Tätigen seien die Vorgaben und Auflagen kaum zu erfüllen. Das sei eine Überforderung und Benachteiligung dieser Gruppen. Hauptamtliche, insbesondere mit einer Trägerschaft im Rücken, seien hingegen in einer privilegierten Situation. Ein weiterer Kritikpunkt lautet: Richtlinien, Kriterien, Vergabepraxis etc. bei der Projektförderung durch die LfM seien nicht transparent und würden nicht begründet. Zudem herrscht der Verdacht vor, dass die LfM bestimmte Regionen bevorzuge, andere hingegen vernach- lässige. Ein weiteres Problem sind aus der Sicht der Radiowerkstätten die kurz- fristigen Ladungsfristen zu Veranstaltungen sowie Auflagen bzw. Fristen für die Umsetzung technischer Aufrüstungen. Diesen Forderungen und Vorgaben nachzukommen sei manchmal nahezu unmöglich. Auch wenn man keinen Ver- dacht hegen möchte, dass womöglich Strategie oder Politik dahinter stünden, so mangele ein derartiges Gebaren an Glaubwürdigkeit. Bei den insgesamt rückläufigen finanziellen Förderungen bzw. Unterstüt- zungen (nur noch Minutenförderung) übersieht die LfM aus der Sicht der Radiowerkstätten den Idealismus und das Engagement der Bürgerfunker, die viel Privatgeld in ihr „Hobby“ schießen. Etwas weniger Vorgaben und etwas mehr freie Hand wären im Gegenzug angemessen. Beklagt werden überdies die häufig wechselnden Zielvorgaben der LfM: erst a) Partizipation, dann b) Medienkompetenzvermittlung, dann c) Vernet- zung, jetzt d) Medienkompetenznetzwerke. Von den Radiowerkstätten wird auch die mangelnde Unterstützung durch die LfM bemängelt, als es um die Sendezeitverschiebung von 18 auf 20 Uhr ging. Die von den Lokalradios beanspruchte „lokale Option“ ging eindeutig zu Lasten der Bürgerfunker, da sie auf unattraktivere Sendeplätze verdrängt wur- den. Bei von den Lokalradios abgewiesenen Sendungen, die ein gerichtliches Nachspiel hatten, stand die LfM hingegen überwiegend auf der Seite der Bür- gerfunker. Die Zurückweisung von Bürgerfunk-Beiträgen bzw. -Sendungen ist erheblich zurückgegangen. Entsprechende Konflikte werden in jüngster Ver- gangenheit vorwiegend vor Ort zwischen den Akteuren gelöst, ohne dass die LfM eingeschaltet werden muss. Hintergrund sind die langen und Kräfte zehrenden Verfahren, die von den Beteiligten – insbesondere den Bürger- funkern – vermieden werden sollen. Vernetzung im soziokulturellen Umfeld Aus der Sicht der Radiowerkstätten sind 33 Prozent stark, 51 Prozent mittel und 17 Prozent schwach in ihr soziokulturelles Umfeld integriert. Diese Selbst- einschätzung kann durch die sonstigen Befunde erhärtet werden: Ein Großteil 127 der Radiowerkstätten ist relativ gut in das soziokulturelle Umfeld integriert. Es gibt jedoch eine eher schwache Verankerung der Radiowerkstätten in institu- tionelle Zusammenhänge der Stadt (Verwaltung/Stadt) bzw. deren Funktions- eliten. Lediglich 16 Prozent nennen die Stadt als Kooperationspartner. Hinter- grund hierfür sind vermutlich Imageprobleme des Bürgerfunks. Von Seiten vieler Radiowerkstätten wird eine Einbindung auch gar nicht angestrebt, da man vom Selbstverständnis her sich ohnehin an Zielgruppen orientiert, die in den etablierten Medien kein Forum oder Sprachrohr haben und nicht zu Wort kommen (Minderheiten, Randgruppen, NGOs). Es gibt allerdings auch eine Zahl von Radiowerkstätten, die sich aufgrund spezifischer Rahmenbedingungen (Personal, Zeit, Kosten) nicht in der Lage sieht, sich um lokale Integration und Vernetzung kümmern zu können. Diese zusätzliche Aufgabe der örtlichen Vernetzung wird an manchen Standorten als Überforderung bzw. Zumutung erfahren, da die ohnehin ehrenamtliche Tätig- keit schon allein für den normalen Produktionsbetrieb vollständig absorbiert wird. Es kommt aber auch vor, dass die Vernetzungsarbeit umfassend betrieben wird, wodurch der Produktionsoutput aber entsprechend niedriger ausfällt. Zudem haben viele Projekte, die vor Ort betreut werden, nicht unbedingt auch eine Bürgerfunkproduktion zum Ziel, erscheinen somit auch nicht im Jahres- bericht. Die wichtigsten Kooperationspartner sind mit einem Drittel der Nennungen die Vereine und Verbände vor Ort. Hier bestätigt sich der Befund aus der Programmanalyse: Etliche Aktive des Bürgerfunks sind Personen, die bereits in Vereinen engagiert sind. Entsprechend groß ist auch die Kooperation zwi- schen den Radiowerkstätten und ortsansässigen Vereinen. Zentrale Kooperationspartner der Radiowerkstätten sind mit 21 Prozent der Nennungen auch die Schulen. Hierin ist ein weiterer Indikator für die wichtige Jugendarbeit der Radiowerkstätten zu sehen. Mehr oder weniger bedeutsamer Bestandteil der Radiowerkstätten-Arbeit ist die Zusammenarbeit mit Schulen, in die alle Schulstufen einbezogen sind; damit haben nahezu alle Radiowerk- stätten Erfahrungen. Als zeitlich befristete Projekte werden immer wieder Schul-Arbeitsgemeinschaften ins Leben gerufen, die entweder die Lebens- dauer von wenigen Projekttagen bis hin zu einem Schuljahresprojekt – oder auch längerfristigen Bestand – haben. Manchmal verbleiben aber auch ein bis drei Schüler über die Schul-AG hinaus beim Bürgerfunk, da sie Gefallen ge- funden haben an der Radioarbeit, und produzieren beispielsweise regelmäßige „Teenie-Sendungen“. Schulprojekte sind für die Mitarbeiter der Radiowerkstatt vergleichsweise arbeitsintensiv, da eine angemessene Betreuung – mit dem Ziel einer sendefähigen Radioproduktion – umfangreiche Ressourcen in An- spruch nimmt. Es kommt eher selten vor, dass Lehrer einen Großteil der (Vor-) Arbeiten übernehmen, was mit einer spürbaren Entlastung der Radiowerk- stätten-Mitarbeiter verbunden wäre. 128 Die meisten Radiowerkstätten betreiben in der einen oder anderen Weise Öffentlichkeitsarbeit. Das wichtigste Medium hierfür ist die Presse vor Ort, die von 82 Prozent der Radiowerkstätten zur PR genutzt wird. Allerdings gibt es hier häufig Schwierigkeiten: Fast ein Drittel aller Radiowerkstätten weist auf Probleme in der Zusammenarbeit mit der örtlichen Presse hin. Als Hauptgrund wird Ignoranz von Seiten der Presse gegenüber dem Bürgerfunk angesehen. Die Presse ist häufig wirtschaftlich mit dem Lokalradio verbunden. Die Zeitungs- verleger und die Chefredakteure des Lokalradios sähen den Bürgerfunk gleicher- maßen als Konkurrenzmedium und würden ihn daher „totschweigen“. Verbände und Vereinigungen Die Zusammenschlüsse der Radiowerkstätten in den einzelnen Verbreitungs- gebieten zu Arbeitsgemeinschaften wurden bereits oben thematisiert. An dieser Stelle geht es um die überregionale Vereinigung der Radiowerkstätten in Ver- bänden. Im Wesentlichen gibt es hier zwei Organisationen: zum einen die Interessengemeinschaft gemeinnütziger Radiovereine (IGR), der ältere Verband, ins Leben gerufen und dominiert von Christoph Schaefler (Flok, Köln) [eine Abspaltung war die AG Ruhrgebiets-Radio-Initiativen, kurz AGRRI]; zum anderen der Landesverband Bürgerfunk (LBF), als Gegenverband eine jüngere Gründung in bewusster Abgrenzung zur IGR, im Vorstand Jürgen Mickley 129 2,6% 3,1% 11,4% 13,1% 15,7% 21,0% 33,2% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Gewerkschaften Hochschulen Kirchen Verschiedene Stadt/Kreis/Kommunen/ Ämter/Gemeinden Schulen Vereine/Verbände/Gruppen/ Institutionen/Initiativen/AKs etc. Basis: 103 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung; Mehrfachnennung möglich Abbildung 5-32: Kooperationspartner der Radiowerkstätten (Medienforum Duisburg, Vorsitzender), Gabi Fortak (Münster, stellvertr. Vors.), Bettina Lendzian (Medienforum Münster), Katja Schütze (Neue Essener Welle) etc. Dem LBF wird nachgesagt, dass er gegenüber der LfM eine zu enge Kooperation betreiben würde. Dieses Gebaren kann aber auch dahingehend gedeutet werden, dass der LBF ein klares Interesse daran hat, den Gestaltungs- rahmen für den Bürgerfunk entscheidend mitprägen zu wollen. 50 der 119 in der Untersuchung erfassten Radiowerkstätten sind in einem der beiden Verbände organisiert, d. h. 69 davon sind nicht organisiert. Hierin könnte ein Indikator dafür gesehen werden, dass sich über die Hälfte der Radiowerkstätten nicht angemessen durch die Verbandspolitik repräsentiert sieht. 5.4.6 Typen von Radiowerkstätten Nach demselben methodischen Verfahren der Clusteranalyse wie bei den Bür- gerfunkern und den Bürgerfunkgruppen wurde auch für die Radiowerkstätten der Versuch einer Typenbildung vorgenommen. Im Gegensatz zu den vorher- gehenden Typenbildungen geht es hierbei jedoch im Kern nicht um Handlungs- motive von Personen, sondern um Merkmale von Institutionen. Diese Merk- male setzen sich einerseits aus objektiven Faktoren der Infrastruktur und andererseits den Intentionen bzw. Verhaltensweisen der leitenden Akteure der Radiowerkstätten zusammen. Als clusterbildende Merkmale sind hierbei eine mögliche Schwerpunktbildung, eine eventuell gegebene Zielgruppenorientie- rung, das monatliche Sendevolumen und die Einbindung in eine Trägerorgani- sation verwandt worden. Was bereits als Einschränkung für die obigen Cluster- analysen betont wurde gilt hier um so mehr: Die Typenbildung hat primär eine heuristische Funktion. Die einzelnen Typen stehen für Ähnlichkeitsbe- ziehungen von Radiowerkstätten untereinander. Ihre Bezeichnungen sind somit lediglich metaphorische Umschreibungen für ihr jeweils wesentliches Merkmal. Als Weltanschauliche lassen sich Radiowerkstätten charakterisieren, die folgende typenbildende Merkmale aufweisen: Sie haben eine klare thematisch- inhaltliche Ausrichtung und zumeist sind sie organisatorisch in einer Träger- organisation eingebunden. Die Bürgerfunkgruppen, die hier aktiv sind, fokus- Typ Anteil der Radiowerkstätten (ca.) Weltanschauliche 30 % Funktionalisten (Pragmatiker) 20 % Radiomanager 25 % Zielgruppenorientierte 20 % 130 Tabelle 5-3: Typisierung der Radiowerkstätten Basis: 119 Befragte der Radiowerkstätten-Befragung sieren ihre Beiträge innerhalb eines Themenfeldes. Insgesamt betreuen diese Radiowerkstätten weniger Bürgerfunkgruppen als der Durchschnitt. Ihre Raum- und Flächeninfrastruktur ist eher unterdurchschnittlich, dasselbe gilt für ihr monatliches Produktionsvolumen. Aufgrund der Trägerorganisation haben Radiowerkstätten dieses Typs häufig hauptamtliche Mitarbeiter. Dieser Typus ist vom Umfang her mit fast 30 Prozent der bedeutendste. Ein erheblicher Teil der Radiowerkstätten entzieht sich einer derart markan- ten Festlegung wie sie für die Weltanschaulichen gegeben ist. Die Funktiona- listen sind vielmehr dadurch gekennzeichnet, dass sie weder eine thematische Schwerpunktsetzung, noch eine Zielgruppenorientierung aufweisen. Sie sind überwiegend nicht in eine Trägerorganisation eingebunden, ihr Programm- volumen und ihre Infrastruktur sind durchschnittlich. Diese „Durchschnittlich- keit“ (im durchaus positiven Sinne) ist somit ihr markantes Merkmal: Sie erfüllen ihre vom Modell her vorgesehene Funktion als Produktionshilfeeinrich- tung sehr pragmatisch und bieten vielen interessierten Gruppen ein Forum zur Radioproduktion. Zu diesem als Funktionalisten bezeichnetem Typ gehören ca. 20 Prozent der Radiowerkstätten. Der Typus Radiomanager unterscheidet sich vom Funktionalisten nur un- wesentlich. Sein besonderes Merkmal ist allerdings die „Größe“. Radiowerk- stätten dieses Typs haben einen überdurchschnittlichen Output, eine große Studioauslastung und große Produktionsfläche. Inhaltlich sind Radiowerkstätten dieses Typs ebenfalls nicht festgelegt, sondern erfüllen im Wesentlichen – ebenso wie die Funktionalisten – eine Forumsfunktion, d. h. bei ihnen ist meist ein breites Spektrum von Gruppen angesiedelt. Diesem Typus lässt sich rund ein Viertel aller Radiowerkstätten zuordnen. Der vierte Typ lässt sich als Zielgruppenorientierte bezeichnen. Hier handelt es sich eher um kleine Radiowerkstätten. Die Tätigkeiten der Radiowerkstatt werden überproportional von Ehrenamtlichen ausgeübt. Wesentliches Merkmal dieser Radiowerkstätten ist es, dass in ihnen eine bestimmte Zielgruppe von Produzenten besonders angezogen wird oder kumuliert. Die Produktion ist wiederum stark zielgruppenorientiert (junge Menschen, Senioren etc.) aus- gerichtet. Diesem Typus von Radiowerkstatt konnten rund 20 Prozent zu- geordnet werden. Nachfolgend werden die Typen der Radiowerkstätten durch Fallbeispiele konkretisiert. Weltanschauliche In der Radiowerkstatt des Katholischen Bildungswerks Köln gibt es keine festen Bürgerfunkgruppen. Die Radiowerkstatt versteht sich vielmehr als Re- daktionsteam, aus dem heraus unterschiedliche Themen bearbeitet werden. D. h. es gibt vier feste Redaktionen (Erwachsenen-Redaktion „Rheintime“, 131 Jugendredaktion „Kulturschock“, Personality-/Senioren-Redaktion „Heute Leute“ und Musik-Redaktionen „Soundwave“/„Fluxkompensator“), die die vergleichsweise wenigen Sendeplätze gestalten. Dazu zählt das regelmäßige „Rheintime“-Magazin jeden Dienstag von 19–20 Uhr. (An den restlichen Wochentagen wird das formatgetreue Magazin in der Verantwortung einer jeweils anderen Radiowerkstatt produziert). Durch die strukturelle Verbindung von Jugend- und Erwachsenenredaktion wird die Nachwuchsarbeit befördert, d. h. dem Einstieg in die Jugendredaktion folgt später der Wechsel in die Erwachsenenredaktion. Dieses Modell birgt die Chance von personellen Konti- nuitäten, die wichtiger Bestandteil der Bürgerfunkarbeit sein können. Der inhaltliche Akzent der Radioarbeit dieser Radiowerkstatt liegt entsprechend der Trägerschaft auf kirchlichen und sozialen Themen; man versteht sich aller- dings nicht als Kirchenredaktion von Radio Köln. Die Radiowerkstatt legt großen Wert auf Qualifizierungsmaßnahmen, auch wenn diese für den katholi- schen Träger sehr kostenintensiv sind. Die Medienwerkstatt Minden-Lübbecke ist sehr stark in die Sozialstruktur des ländlichen Raumes eingebunden; sie fühlt sich der „Kinder-, Jugend-, Kultur- und Sozialarbeit“ verpflichtet. Der Zielgruppen-Schwerpunkt liegt ex- plizit auf Benachteiligten und Randgruppen (Lebenshilfe, Behinderte, Gewalt- tätige etc.). Die Medienwerkstatt hat ein starkes Engagement auf verschiedenen Ebenen (Projekte, Kooperationen, Seminare etc.) entwickelt und ist dadurch in das kommunale Geschehen vielfältig integriert bzw. vernetzt. Diese Sozial- arbeit findet jedoch keine explizite Erwähnung im Studiobuch, zählt sozu- sagen zur „verdeckten Arbeit“. Bei dieser ausgeprägten Integration(sarbeit) tritt die reine Hörfunkproduktion deutlich zurück, so dass es nur wenige feste Gruppen gibt und der Output eher gering ist. Bei der Betreuungsarbeit von Gruppen bzw. inhaltlichen Anliegen wird eine klare Abgrenzung vorgenom- men. So wird z. B. kein Support geleistet für Beiträge oder Sendungen, in denen Vereine ihre jeweiligen Jubiläen publik machen wollen (sporadische bzw. einmalige Produktion). Denn aufgrund der zahlreichen Nachfragen und der Notwendigkeit einer intensiven Betreuung kann eine Unterstützung durch die Mitarbeiterinnen der Radiowerkstatt nicht geleistet werden. Funktionalisten Sender RIO in Duisburg ist nach eigenem Selbstverständnis als Redaktions- team organisiert, aus dem sich – vorwiegend einzelne – Interessenten heraus- lösen, die regelmäßige Sendungen produzieren. Nach außen werden Gruppen- titel und redaktionell verantwortliche Personen benannt, ohne dass jedoch transparent wird, wer sich dahinter verbirgt. In der Anmutung entsteht schließ- lich der Eindruck, als wenn der Radiowerkstättenleiter in erster Linie vor dem Mikrophon säße. 132 Die Technik wird bei allen Gruppen von ein und derselben Person „ge- fahren“. Hier entsteht die Gefahr der Abhängigkeit von Einzelpersonen mit Schlüsselqualifikationen! Die Radiowerkstatt ist insofern nicht zugangsoffen, als neue Produzenten danach beurteilt werden, inwieweit sie menschlich-persönlich in das Team passen. Die dazugehörigen Kriterien sind in erster Linie Verantwortungsgefühl, Disziplin, Zuverlässigkeit und Teamfähigkeit. Darüber hinaus muss ein inhalt- liches Anliegen vorliegen, was von der Radiowerkstatt geteilt wird. (Diese Vorgehensweise bzw. Umgangsform ist nicht außergewöhnlich, sondern wird – mal mehr, mal weniger – auch von anderen Radiowerkstätten gepflegt). Vielfach kommen Einzelpersonen oder Gruppen mit einem singulären Anliegen zum Sender RIO, welches dann von den Radiowerkstatt-Mitarbeitern auf- gegriffen und konkret umgesetzt wird. So wird das Pro und Kontra eines „Problemfalles“ über mehrere Sendungen hinweg thematisiert – teilweise in Form einer Kampagne, bis eine „Lösung“ gefunden wurde. Im Ergebnis konsti- tuiert sich dadurch allerdings keine neue feste Gruppe. Die Radiowerkstatt Förderverein Lokalradio Bonn und Rhein-Sieg (LORA), Bonn ist bereits seit 15 Jahren auf Sendung. Sie hatte vormals drei feste Ein- richtungen mit Studios und Redaktionsräumen (die ursprüngliche Einrichtung Alternatives Kulturzentrum in der alten Brotfabrik Bonn-Beuel; die Senioren- einrichtung in der Münsterstraße in der Begegnungsstätte Offene Tür; das Loretta Frauenradio im Internationalen Frauenzentrum in der Bonner Innen- stadt). Es gab ein sehr breites Gruppen- und Themenspektrum. Aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen musste sich die Radiowerkstatt „gesund schrumpfen“. Momentan gibt es nur noch eine der drei Einrichtungen, von der Jugendarbeit musste man sich trennen, von den ehemals 12 Stellen sind nur noch zwei übrig geblieben. Über die intensive Seniorenarbeit (Zielgruppe) gibt es auch eine Anbindung an die Publikation „Seniorenecho“ (in Kooperation mit der Stadt Bonn), die vor fast 10 Jahren zum Bürgermedium gemacht wurde und für die Öffentlichkeitsarbeit der Radiowerkstatt positiv genutzt wird. Neben dem Bürgerfunk ist ein so genanntes Senioren-Portal 50 plus im Internet (www.locomnet.de) zum zweiten Herzstück der Radiowerkstatt-Arbeit ge- worden. Hier laufen die Bürgermedien im Netzwerk von Text, Bild und Ton zusammen. Neben der kontinuierlichen Arbeit der verschiedenen Gruppen stehen Projektarbeit und Kooperationen im Vordergrund. Bürgerfunk ist im Selbstverständnis von LORA nicht nur Radiomachen, sondern hat viel mit Inhalten zu tun, d. h. es werden auch viele Impulse in den Kommunikations- raum Bonn und Rhein-Sieg gegeben. Man arbeitet zudem interkulturell und intergenerativ. Die Radiowerkstatt GfB GewerkschafterInnen für Bürgermedien (früher GfL BlaumannKanal Gewerkschaften für Lokalfunk) befindet sich in gewerk- schaftlicher Trägerschaft und ist eine von 15 Studios des DGB als anerkannte 133 Radiowerkstatt in NRW. So findet eine Vernetzung gewerkschaftlicher Radio- werkstätten statt, was beispielsweise zu Synergieeffekten bei Qualifizierungs- maßnahmen führt. Zu den Bürgerfunkgruppen in dieser Radiowerkstatt zählen: das Jugendprogramm „Radio Powerplay“, früher monothematische Sendung, jetzt eher Magazincharakter, meist gewerkschaftliche Jugendthemen bzw. spezifische Fragestellungen; das Seniorenmagazin „Studio A“, früher in Kooperation mit AWO Radio-Klub Bielefeld; das Musikmagazin „Club Talk“, mit Vorstellung regionaler Bands, Kooperation mit DJs und dem Bielefelder Stadtmagazin „update“, ca. vier einstündige Sendungen pro Monat. Interesse an Produktionen kommt insbesondere aus den Stadtteilen, z. B. durch die Kauf- mannschaften. So gibt es im Bielefelder Bürgerfunkprogramm beispielsweise auch ein Magazin aus dem Stadtteil Brackwede. Aber auch dem Wunsch nach Selbstdarstellung der lokalen Vereine wird Rechnung getragen. Erstaunlicher- weise haben auch Sportvereine hier einen eher politischen Anspruch. Radiomanager Das Medienforum Duisburg zählt zu den größeren Radiowerkstätten, „wo viel passiert“ und die bereits seit 14 Jahren existiert. Es gehört zum Selbstverständ- nis dieser Werkstatt, dass mit dem breiten Portfolio der Bürgerfunkgruppen auch das gesellschaftliche Spektrum möglichst umfassend abgebildet wird: So finden sich hier neben den Musikgruppen beispielsweise auch feste Grup- pen zur Kunst- und Kulturszene („Dunkelweiß“), kirchliche Gruppen („Salz- streuer“), entwicklungspolitische bzw. Menschenrechtsgruppen („Nord-Süd- Blick“, „amnesty international“), Selbsthilfegruppen („Anonyme Alkoholiker“, „Mit freundlichen Grüßen – unbehindert Radio machen“), Schwulengruppe („Christopher FM“, früher auch „Pink Channel“) studentische Gruppen („Campus“), Fußball-Fanmagazin („Radio Zebra“) sowie allgemeine Themen („Bürgerfunk-Magazin“; Zuarbeit von Einzelbeiträgen u. a. durch die Gruppe „Senioren auf Draht“). Insgesamt handelt es sich dabei um ca. 30 regelmäßig produzierende Gruppen. Eine natürliche Beschränkung kommt in erster Linie dadurch zustande, weil zum einen das Sendekontingent einfach begrenzt ist und zum anderen die räumlichen und personellen Kapazitäten nicht mehr zu- lassen. Aktive Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Rekrutierung neuer Bürger- funkgruppen ist auf diesem Hintergrund nicht notwendig bzw. eher kontra- produktiv. Für sporadisch bzw. einmal produzierende Gruppen können lediglich die fünften Tage im Monat („Überhang“) freigehalten werden, was auch schon knapp bemessen ist, so dass feste Gruppen im Notfall auf ihren Sendeplatz verzichten müssen. Hier kommt es zu einem strukturellen Konflikt: Bürgerfunk heißt eigentlich Offener Kanal, aber Förder- und Anerkennungsrichtlinien erfordern den Nachweis von regelmäßig produzierenden Gruppen, die den Bürgerfunk jedoch zu einem „closed shop“ machen. 134 Die Radiowerkstatt im Bert-Brecht-Haus in Oberhausen existiert seit 1990 und ist eine von vier Radiowerkstätten in Oberhausen/Mülheim. In dieser Radiowerkstatt produzieren 35 Bürgerfunkgruppen, womit ein breites gesell- schaftliches Spektrum abgedeckt ist: u. a. 2 Kulturgruppen (plus Kinomagazin), 4 Seniorengruppen, mehrere Jugendgruppen (2 monothematisch und 4–5 zu Musik), Soziales (wobei verschiedene Initiativen wie Selbsthilfegruppen, allein- erziehende Mütter und Kreuzbund unter dem Label Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband zusammengefasst sind) und amnesty international. Mit 3 mal 3 Stunden (Mo., Mi., Fr. 18–21 Uhr) und 4 mal 2 Stunden (Di., Do., Sa., So. 18–20 Uhr) hat der Bürgerfunk an diesem Standort ein Sendevolumen von insgesamt 17 Wochenstunden, was deutlich über dem gesetzlichen Anspruch liegt. (Diese Radiowerkstatt ist für die Tage Mo., Do. und So. zuständig, hat also 7 Wochenstunden auszufüllen). Dennoch ist die Nachfrage größer als Sendeplätze vorhanden sind. Als Entgegenkommen gegenüber dem Lokalradio findet in der ersten Bürgerfunkstunde eine Formatanlehnung statt. Zielgruppenorientierte Das Bürgerradio Beverungen, Höxter/ Paderborn wird in erster Linie von jungen Leuten betrieben: Das Alterspektrum der Produzenten liegt zwischen 15 und 30 Jahren; es handelt sich also in erster Linie um Schüler und Studen- ten. Eine entsprechende Klientel wird folglich auch von der Radiowerkstatt angezogen. Als Einstieg in die Bürgerfunktätigkeit gilt die Teilnahme am „Jugendradiotreff“, danach wechselt man in die „Radiogruppe Beverungen“. Auf diese jugendliche Zielgruppe bezogen werden schließlich auch jugend- affine Themen (u. a. Jugendliche im ländlichen Raum) aufbereitet. Sendeplätze für Senioren sucht man demnach im Programmschema vergeblich. So beziehen sich die Programmangebote vorwiegend auf Jugendliche: „Fantastic Radio Show“ (Musik, VTs), „Dark Floor“ (Musik, VTs, Infos) und „Flash“ (Jugend- sendung). Lediglich das Mischmagazin „Zwischen Weser und Diemel“ spricht Hörer zwischen 20 und 60 Jahren an; hier werden massenkompatible (vielfach unpolitische) Themen in Kurzform eingebettet in einen Musikteppich, der von Mainstream-Titeln bestimmt wird. 135 6 Fazit: Anspruch und Wirklichkeit des Bürgerfunks in NRW 6.1 Das Modell des Bürgerfunks Sucht man im LMG NRW im Abschnitt „VIII Bürgermedien“ nach einer Funk- tionszuweisung oder Begründung für die Existenz des Bürgerfunks, wird man nicht fündig. Der Gesetzestext beschränkt sich auf die Festlegung der formal- rechtlichen Rahmenbedingungen. Dies ist im Kontext der bundesdeutschen Mediengesetzgebung zu Offenen Kanälen zunächst erstaunlich, da in etlichen Ländern den Bürgermedien Funktionszuweisungen gegeben und Anforderun- gen an sie formuliert werden. Offene Kanäle sind weder verfassungsrechtlich noch medienrechtlich zwingend erforderlich. Sie erfüllen vielmehr dort, wo der Gesetzgeber sie ermöglicht, eine spezifische Funktion innerhalb des dualen Rundfunksystems. Indem der Gesetzgeber in NRW die Erlaubnisvorausset- zungen für eine dritte Säule im Rundfunk geschaffen hat und seine finanzielle Förderung aus Mitteln der Rundfunkgebühr festschreibt, ist hiermit explizit eine medienpolitische Grundsatzentscheidung getroffen, deren Begründung sich allerdings nicht aus dem Gesetzestext ableiten lässt. Will man dennoch eine Funktionsbeschreibung des Bürgerfunks vornehmen, kann diese nur in Form einer demokratietheoretischen Herleitung und medienhistorischen Be- trachtung erfolgen. Ausgangspunkt einer verfassungsrechtlichen Betrachtung zur Begründung Offener Kanäle ist Art. 5 GG, der jedem Bürger das Recht der Meinungs- äußerungsfreiheit und Verbreitung seiner Meinung zuspricht. Im Rundfunk- sektor hat es von jeher keine Möglichkeit der indivualrechtlich gesicherten Meinungsäußerungsfreiheit gegeben. Bei der Etablierung des öffentlich-recht- lichen Rundfunks überwog die Meinung, dass man aus technischen und finan- ziellen Zwängen einen individualrechtlich gesicherten Zugang des Bürgers zu diesem Medium ausschließen müsse. Selbst für diejenigen, die Zugang zum 137 65 Vgl. ausführlich Buchholz, Klaus-Jürgen: Profiarbeit und Laienspiel. Status und Perspektiven des Bürgerrund- funks in Deutschland. In: Rinsdorf, Lars u. a. (Hg.): Journalismus mit Bodenhaftung. Annäherung an das Medium. Münster 2003, S. 227–245. Massenmedium Rundfunk haben, die Journalisten, dient dieses Medium nicht zur Verwirklichung ihres persönlichen Rechts auf Meinungsäußerung. Diese mit Art. 5 GG kollidierende Beschränkung der Publikationsfreiheit wurde durch die binnenplurale Organisationsform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks „quasi geheilt“. Dadurch, dass alle gesellschaftlichen Gruppen Zugang zu den Aufsichtsgremien haben, soll die Ausgewogenheit der Berichterstattung gewährleistet werden. Dennoch war und ist auch mit der Organisationsform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Bedarf nach einem zugangsfreien Rundfunk nicht hinfällig. Die faktische Möglichkeit, das Recht der öffent- lichen Verbreitung der eigenen Meinung – unabhängig vom persönlichen öko- nomischen Potential – auch im Rundfunk tatsächlich wahrzunehmen, ist erst 1984 durch die Offenen Kanäle verwirklicht worden. Sie entstanden im un- mittelbaren Zusammenhang mit der Einrichtung der Dualen Rundfunkordnung in Deutschland. Im medienpolitischen Kalkül waren die Offenen Kanäle das – scheinbar notwendige – Feigenblatt, mit dem man den Kritikern des Dualen Systems den kommerziellen Rundfunk etwas „schmackhafter“ machen wollte.65 Es hat bereits vor der Gründung Offener Kanäle, die in Deutschland im Jahr 1984 erfolgte, zahlreiche Ansätze und Versuche gegeben, eine unmittel- bare mediale Präsenz von Individuen oder gesellschaftlichen Gruppen in den Medien zu erreichen. Die älteste und medienhistorisch bedeutsamste ist die berühmte Forderung aus dem Jahr 1924 in Brechts Radiotheorie, „der Konsu- ment müsse zum Produzenten“ werden66. Von hier lässt sich eine medien- historische Entwicklungslinie über die Arbeiterradiobewegung in der Weimarer Republik bis hin zu den so genannten Freien Radios und ihre illegale Radio- praxis in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ziehen. Allen Theorieansätzen und praktischen Versuchen, die den Bürgern einen umittelbaren Zugang zu den Medien gewähren, ist eines gemeinsam: Der Ruf nach zugangsoffenen Medien ist immer auch mit einer Kritik an den etablierten Medien verbunden. Dies spiegelt sich bereits in frühen Positionspapieren und Diskussionen zur Gründung Offener Kanäle in Deutschland wider. Es sollten durch Offene Kanäle Bevölkerungsgruppen, Themen, Meinungen und Gestal- tungsformen begünstigt werden, die in herkömmlichen (etablierten) Medien nicht zu Wort kommen bzw. behandelt werden.“67 Es waren also von Anfang an zwei Eckpfeiler im Aufgabenprofil der Offenen Kanäle enthalten, nämlich individuelle und gesellschaftliche Funktionen: Die auf das Individuum bezogene Funktion der Offenen Kanäle ist die Förderung der Medienkompetenz und zugleich die Möglichkeit einer ungefilterten und von finanziellen Ressourcen unabhängigen Meinungsäußerungsfreiheit. 138 66 Vgl. Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Gesammelte Werke Bd. 18, Frankfurt /M. 1968. 67 Vgl. Buchholz, a. a. O. Die gesellschaftliche Funktion steht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem publizistischen Angebot in lokalen Kommunikationsräumen. Alle Bürger- medien in Deutschland sind auf kleinräumige Verbreitungsgebiete ausgerichtet. In diesen Verbreitungsgebieten können (sollen) sie eine publizistische Ergän- zung der etablierten Medien erfüllen. Diese Ergänzungsfunktion ist vor allem dann von besonderer Bedeutung, wenn es in Folge von Konzentrationstenden- zen zur Beschränkung von Medienvielfalt kommt. Letztlich ist auch die Entstehung und Entwicklung des Bürgerfunks in NRW vor dem skizzierten Hintergrund zu sehen. Dies bedeutet, auch für den Bürgerfunk ergibt sich seine doppelte Funktion: Schaffung von Partizipations- chancen und Förderung von Medienkompetenz auf der einen Seite und publi- zistische (und somit rezipientenorientierte) Ergänzungsfunktion auf der anderen Seite. Wenngleich das LMG NRW in Bezug auf die Bürgermedien inhaltsleer ist, befördert die Konstruktion des Bürgerfunks primär seine individuelle Funk- tion, da keinerlei programmliche Rahmenvorgaben gemacht werden. 6.2 Praxis des Bürgerfunks 6.2.1 Das Programm Im bundesdeutschen Vergleich unterscheidet sich der Bürgerfunk in NRW durch seine Implementierung in ein professionelles, unter kommerziellen Be- dingungen gestaltetes Radioumfeld. Betrachtet man das Programm des Bürger- funks im Kontext des Hörfunkmarktes und aus einer rezipientenorientierten Perspektive, resultieren aus dieser Implementierung etliche Konsequenzen. Als erstes stellt sich die Frage, ob die Produktionen des Bürgerfunks überhaupt als Programm zu bezeichnen und zu bewerten sind. Mit diesem Begriff wird ja bereits implizit eine Anforderung an den Bürgerfunk herangetragen, den dieser typischerweise nicht zu erfüllen bräuchte. Der Begriff Bürgerfunk verstellt den Blick darauf, dass es sich bei dieser Form des Bürgermediums faktisch um einen Offenen Kanal handelt, der nicht zwingend ein Programm hat. Als Programm eines elektronischen Mediums bezeichnet man im Allgemei- nen das ausgestrahlte Sendematerial als Ganzes. Hierbei wird üblicherweise ein Schema mit festen Sendeplätzen und für den Rezipienten erwartbaren Formen und Themen verwandt. In Hörfunk-Begleitprogrammen sind es vor allem die Nachrichten zur vollen Stunde, die einen solchen festen „Anker- platz“ bilden. In Einschaltprogrammen gibt es hingegen ein ausdifferenziertes Programmschema mit einer Fülle formal und thematisch definierter Sende- plätze. Diese Verankerung bestimmter Sendungen an festen Plätzen ist für Bürgermedien nicht per se üblich. In der Theoriediskussion des Offenen Kanals ist sie sogar bis heute umstritten. Lange Zeit wurde in Offenen Kanälen primär 139 nach dem „Prinzip der Schlange“ verfahren. Dies bedeutet, die Produktionen von Bürgern wurden in der Reihenfolge ihres Anlieferns beim Offenen Kanal ausgestrahlt. Relikte dieser Regelung finden sich auch in NRW. So schreibt die Nutzersatzung der LfM im § 4 Abs. 3 vor: „Die Beiträge werden grundsätzlich in der Reihenfolge ihres Eingangs der Sendeanmeldungen […] verbreitet.“ Dies wird allerdings sogleich eingeschränkt mit der Formulierung: „auf den hierfür im Programmschema vorgesehenen Sendeplätzen“. In NRW hat sich – nicht zuletzt aufgrund der Steuerungsfunktion der LfM – im Bürgerfunk weit- gehend – jeweils standortspezfisch – ein strukturierendes Programmschema durchgesetzt. Die Beiträge der Bürgerfunker erhalten hierdurch einen Rahmen, und potentielle Hörer können bestimmte Sendeplätze gezielt einschalten. Aus einer rezipientenorientierten Sicht auf den Bürgerfunk ist dies ein positiv zu bewertender Befund. Allerdings ist ein Programmschema noch kein Garant für einen Erfolg im Hörermarkt, hierzu gehört auch eine Programmkonzeption. Grundsätzlich stößt bei der Entwicklung einer solchen Konzeption der Bürger- funk auf ein strukturelles Dilemma, das aus seiner Implementierung in das Lokalfunkumfeld resultiert. • Streben die Bürgerfunker vor Ort einen audience flow zwischen dem Lokal- funk und ihren Produktionen an, liegt es nahe, sich an das programmliche Umfeld anzupassen. Diese Formatangleichung wird vielerorts von den Bür- gerfunkern betrieben. Im Ergebnis führt dies jedoch zu Produktionen mit geringem Informationsanteil und der Anmutung privater Begleitprogramme. Hieraus kann für den Bürgerfunk ein Legitimitätsverlust erwachsen: Als reine Dublette des Lokalfunks macht er sich selbst überflüssig. • Die zweite Möglichkeit besteht in einem offenkundigen Bruch mit dem Lokalradioumfeld und seinem Format. Hierbei riskieren die Bürgerfunker allerdings einen Abschalt- bzw. Umschaltimpuls bei den typischen Lokal- radiohörern. Sie müssen sich – wollen sie überhaupt Rezipienten erreichen – eine eigene Hörerschaft aufbauen. Dies geht in erster Linie über ein klar konturiertes Wort-Profil, was den Bürgerfunk zum Einschaltradio macht. Im Hörermarkt konkurrieren sie faktisch mit öffentlich-rechtlichen Einschalt- programmen, an deren Qualitäten sie sich orientieren müssen. Für ein von Laien produziertes Radio ist dies eine große Herausforderung, der sich nur wenige Produktionen stellen. • Ein dritter Weg ist in der Erfüllung einer publizistischen Ergänzungsfunk- tion im lokalen Kommunikationsraum zu sehen. In diesem Fall würden Hörer des Verbreitungsgebietes den Bürgerfunk ggf. wegen seiner ergän- zenden Informationsgebung über das lokale Geschehen gezielt einschal- ten. Dieser Weg wird – wie die Programmanalyse zeigt – nur in wenigen Fällen beschritten. Hierfür sind ebenfalls strukturelle Gründe verantwort- lich: Der durch die Vorproduktionspflicht erzwungene Verzicht auf Tages- 140 aktualität und Liveproduktionen erschwert eine entsprechende Programm- konzeption.e Das Modell des Bürgerfunks in NRW sieht eine große Selbstorganisation der am Bürgerfunk interessierten Personen vor. Diese Selbstorganisation funktio- niert vor Ort weitgehend gut. Verbunden ist mit ihr selbstverständlich auch ein Autoselektionsmechanismus, der mit programmlichen Präferenzen einhergeht. Diese Programmpräferenzen liegen offenbar zum Großteil in der Gestaltung von Musikprogrammen. Der Anteil von nahezu 70 Prozent Musik im Gesamt- programm erklärt sich nicht allein aus der Formatangleichung, sondern aus der Interessenlage vieler Bürgerfunker. Hierbei kommt es standortspezifisch in einigen Fällen zu weit überdurchschnittlichen Musikanteilen. Wenn die Musik- präferenzen einiger Personen die Bürgerfunksendeplätze – und somit den Hör- eindruck des Bürgerfunks im kompletten Verbreitungsgebiet – programmlich bestimmen, führt dies zu einem Funktionsverlust des Bürgerfunks. Da die Wahrnehmung des Bürgerfunks immer vor Ort erfolgt, sind die standortspezifischen Hörerfahrungen ausschlaggebend für das Image des Bür- gerfunks. Hier muss mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, dass es den Bürgerfunk in NRW nicht gibt. Der Bürgerfunk ist vielmehr standortspezi- fisch höchst unterschiedlich. Hierin ist seine Stärke und Schwäche gleicher- maßen zu sehen: • Seine Stärke gewinnt er durch die flächendeckende Präsenz im bevölke- rungsreichsten Bundesland. Durch das Konstruktionsprinzip des nordrhein- westfälischen Bürgerfunks wird die Partizipationsmöglichkeit am Bürger- medium für alle Interessierten verwirklicht. An einigen Standorten gelingt es dem Bürgerfunk zudem, ein abwechslungsreiches und informatives Pro- gramm zu produzieren, das einen Kontrapunkt zur – häufig vorhandenen – „Informationsarmut“ im Lokalradio setzt. • Seine Schwäche resultiert aus standortspezifisch zu beobachtenden Verwer- fungen in der Programmpraxis. An einigen Standorten wird die Hörbarkeit des Bürgerfunks für viele Rezipienten aufgrund einseitiger Themenfokus- sierung stark eingeschränkt. Bei den Bürgerfunkproduktionen lässt sich insgesamt eine geringe Formvarianz feststellen. Die Bürgerfunker in NRW fokussieren bei den journalistischen Darstellungsformen stark auf das – vermeintlich einfach zu führende – Inter- view. Der Bürgerfunk böte hingegen die Chance, experimentierfreudig mit dem Medium Hörfunk umzugehen und dessen radiophone Möglichkeiten aus- zuschöpfen. „Große“ Darstellungsformen wie Reportage, Feature oder gar Hörspiel bilden jedoch im Angebot die absolute Ausnahme. Eine Besonder- heit und ein bürgerfunktypisches Element stellen allerdings die narrativen Darstellungsformen dar. Hier wird Bürgern aus dem Verbreitungsgebiet eine 141 Erzählplattform geboten, die eine Form der oral history darstellt. An einigen Standorten werden zudem in erheblichem Umfang monothematische Sendungen produziert, die teilweise tiefe und breite Informationen zu einzelnen Themen- feldern transportieren. Mit solchen Sendungen bricht der Bürgerfunk deutlich aus der Produktionspraxis des Lokalfunks aus und gewinnt ein eigenes Profil.n Die dauerhaften Bemühungen um eine technisch-formale und redaktionelle Qualifizierung der Bürgerfunker hat offenbar Früchte getragen. Die Sendun- gen sind weitgehend auf einem hörbaren Niveau. Bei der Qualifizierung wird allerdings häufig das Format des Lokalradios als radiophones Vorbild gewählt. Über diese Radiopraxis hinausgehende Formen und Herangehensweisen an das Medium werden hingegen kaum in den Blick genommen. Der Bürgerfunk ermöglicht vielfach eine doppelte Chance auf die Realisie- rung der Meinungsäußerungsfreiheit. Neben den eigentlichen Bürgerfunkern kommen in großem Umfang Bürger aus den Verbreitungsgebieten als betrof- fene, beteiligte, engagierte usw. Personen vor dem Mikrophon zu Wort. Durch diese Bürgernähe wird die Partizipationsfunktion des Bürgerfunks gestärkt. 6.2.2 Die Akteure Aufgrund der Konstruktion des Bürgerfunks in NRW sind drei Akteursgruppen an der Bürgerfunkproduktion unmittelbar beteiligt: Bürgerfunker (als Indivi- duen), Bürgerfunkgruppen (als Interessengemeinschaft) und Radiowerkstätten (als Produktionshilfeeinrichtungen). Als mittelbare Akteure mit einem gewissen Einfluss sind die Lokalfunkstationen und die LfM anzusehen. Nachfolgend werden die Ergebnisse zu den Akteursgruppen und ihren Interaktionsprozessen zusammenfassend skizziert. Bürgerfunker als Individuen Die vorliegende Studie hat erstmals die soziodemographische Struktur und die Motive der Bürgerfunker untersucht. Hierbei zeigt sich, dass der Bürgerfunk alle Altersschichten gleichermaßen anspricht. Allerdings ist die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Bürgerfunk deutlich überreprä- sentiert. Ebenfalls überrepräsentiert sind männliche Personen. Beim Schul- abschluss zeigt sich ein überdurchschnittlicher Anteil mit hohem formalen Bildungsgrad. Dies korreliert mit dem großen Anteil von Studierenden an Hochschulstandorten, die sich im Bürgerfunk engagieren. Das Engagement im Bürgerfunk erfordert die Aneignung erheblicher Qualifikationen. Hat man diese einmal erworben, hält das Interesse am Bürgerfunk über einen gewissen Zeitraum an. Dem Interesse am Bürgerfunk liegen bestimmte intrinsische Motive zu- grunde, die sich zu fünf Motivtypen verdichten lassen: 142 • Musikenthusiasten haben als starkes Motiv das Interesse an Musik und der Produktion von Musikmagazinen; • Berufseinsteiger, die den Bürgerfunk als Sprungbrett in einen Medienberuf nutzen wollen; • Partizipationsorientierte, die den Bürgerfunk als Möglichkeit der Meinungs- äußerungsfreiheit sehen und bestimmte gesellschaftliche Anliegen verbreiten wollen; • Vereinsaktivisten, denen es darum geht, die Anliegen ihres Vereins zu publi- zieren und • Hedonisten, für die der Bürgerfunk ein Freizeitspaß ist. Bürgerfunkgruppen Die Bürgerfunkgruppen sind von einer großen Stabilität und bestehen häufig über viele Jahre hinweg. Die Aktivitäten in einer Bürgerfunkgruppe sind für die meisten Mitglieder mit einer hohen persönlichen Gratifikation verbunden. In Bezug auf die Infrastrukturmöglichkeiten ist die Mehrzahl der Gruppen mit den vor Ort in den Radiowerkstätten vorhandenen technischen Bedingungen zufrieden. Dasselbe gilt – mit geringen Ausnahmen – für die zur Verfügung stehenden Sendezeiten. Wenngleich sich die Bürgerfunkgruppen darüber im Klaren sind, dass ihre Sendungen vom Lokalfunk häufig als Fremdkörper an- gesehen werden, ist das Spannungsverhältnis zwischen den Bürgerfunkern und dem Lokalradio nicht mehr so gravierend wie in der Frühphase des Bürger- funks. Vielerorts ist ein vergleichsweise befriedetes Verhältnis zwischen Lokal- radio und Bürgerfunk festzustellen. Die Binnenkommunikation der Bürgerfunkgruppen untereinander vor Ort und auch regionenübergreifend ist vergleichsweise schwach ausgeprägt. Auch wird der lokale Kommunikationsraum außerhalb der reinen Progammproduk- tion durch Mittel der Öffentlichkeitsarbeit kaum durchdrungen. Die Vernetzung zwischen dem Bürgerfunk und den soziokulturellen, aber auch kommunalen Funktionseliten ist in etlichen Verbreitungsgebieten schwach ausgeprägt. Die Interessen der Bürgerfunkgruppen sind inhaltlich breit gestreut. Es fällt aber auf, dass dem Themenfeld Politik allgemein und insbesondere der Lokalpolitik nur wenig Interesse von den Bürgerfunkgruppen entgegen gebracht wird. Die Ziele der Bürgerfunkgruppen lassen es zu, eine Bildung von vier Typen vorzunehmen. • Die als Radiomacher etikettierten Gruppen entziehen sich einer dezidierten inhaltlichen Festlegung; bei ihnen steht die Produktion von Sendungen und Beiträgen als solche im Vordergrund. • Themenorientierte Gruppen produzieren ausschließlich Beiträge zu Special- Interest-Themen oder für Zielgruppen. 143 • Informationsvermittler richten ihre Bürgerfunktätigkeit primär auf das infor- mierende Wortprogramm ohne eine thematische Fokussierung. • Musikorientierte Gruppen produzieren vorrangig Musikmagazine. Radiowerkstätten Die wesentliche Aufgabe der Radiowerkstätten, nämlich die Bereitstellung von technischer und redaktioneller Produktionshilfe, wird von ihnen offenbar weit- gehend sehr gut erfüllt. Die Funktionsfähigkeit der Radiowerkstätten ist in hohem Maße vom Engagement der ehrenamtlich tätigen Personen abhängig. Das Innenverhältnis zwischen den Bürgerfunkgruppen und den Radiowerk- stätten ist überwiegend konfliktarm und wechselseitig kooperativ. In über einem Drittel aller Radiowerkstätten ist das publizistische Interesse der dort produzie- renden Bürgerfunkgruppen gleichgerichtet. Es findet eine Angleichung der publizistischen Zielsetzung bzw. der thematisch-inhaltlichen Ausrichtung zwi- schen den Bürgerfunkgruppen und den Interessen der Radiowerkstätten statt. Im Organisationsprinzip der Radiowerkstätten lassen sich freie (eigenständige, unabhängige) und an Trägerorganisationen gebundene Radiowerkstätten unter- scheiden. Mit 58 Prozent überwiegen trägergebundene Radiowerkstätten, die bei ihrer Arbeit zumeist von den Infrastrukturmöglichkeiten ihrer Trägerorga- nisationen profitieren. Die Kooperation zwischen den Radiowerkstätten und dem Lokalradio ist auf der Ebene des formalen Umgangs weitgehend konfliktfrei. Allerdings wird die Distanzierung des Lokalradios vom Bürgerfunk von einem erheblichen Teil der Radiowerkstätten als kontraproduktiv angesehen. Eine Vernetzung der Radiowerkstätten im soziokulturellen Umfeld ist weitgehend vorhanden. Wichtigster Partner der Radiowerkstätten sind hierbei die Vereine und in nicht unerheblichem Maße auch Schulen. Die Radiowerkstätten leisten vor Ort häufig eine wichtige sozial-integrative Arbeit, die weit über die Medienproduk- tion hinausgeht. Insofern erbringen sie neben ihrer Medienkompetenzvermitt- lung und Infrastrukturleistung einen erheblichen pädagogischen Zusatznutzen. 6.3 Thesen zum Status quo und Entwicklungsmöglichkeiten des Bürgerfunks in NRW Die vorliegende Studie hat dem Prinzip der Handlungsforschung folgend die Akteure des Bürgerfunks aktiv in den Forschungsprozess einbezogen. Die Interdependenz zwischen Forscherteam und Betroffenen endete nicht mit dem Abschlussbericht. Die Aufgabe des Forschungsprojektes ist es vielmehr, einen Input für den internen Diskussionsprozess der Bürgerfunker zu liefern und die Profilbildung des Bürgerfunks zu begleiten. Die Ergebnisse der Studie wurden 144 auf der Bürgermedienveranstaltung „Diskurs Bürgermedien 2005“ vom 28. bis 30. April 2005 vorgestellt. Hierbei wurde ein kritischer Diskussionsimpuls anhand nachfolgender Thesen (im Text gefettet) gegeben, die primär die Schwachstellen im Erscheinungsbild des Bürgerfunks thematisieren. Sie er- setzen insofern nicht die obige Zusammenfassung der Forschungsergebnisse.m Die Funktion des Diskussionsimpulses war es, die Rezeption der Studie auf diejenigen Punkte zu lenken, bei denen aus der Sicht der Kommunikations- forschung Veränderungsbedarf besteht. Die Thesen und der Diskussionsverlauf hierzu werden in diesem Kapitel dokumentiert. Ganz allgemein lässt sich für den Bürgerfunk in der Gesamtheit aller Er- scheinungsformen im Land Nordrhein-Westfalen feststellen: Das Programmangebot des Bürgerfunks ist vielfältig und als Ganzes be- trachtet besser als sein Image. Die Implementierung in ein professionelles Radioumfeld schafft allerdings Zwänge, die eine Profilbildung des Bürger- funks im Hörfunkmarkt erschwert. So erscheint sein Programm an einigen Standorten affirmativ zum Lokalfunk, an anderen wiederum sind Grund- züge einer an öffentlich-rechtlichen Einschaltprogrammen orientierten Hörfunkpraxis erkennbar. Die vom Forscherteam als „Zwänge“ angesehenen Folgen des Konstruktions- prinzips des Bürgerfunks werden von den Bürgerfunkern selber als weitaus weniger problematisch bewertet. Aus ihrer Sicht überwiegt der Vorteil der flächendeckenden Verbreitung des Bürgerhörfunks, die bei der gegenwärtigen Frequenzlage nur in der Einbettung in den Lokalfunk möglich erscheint. Aller- dings werden Überlegungen zu einer „landesweiten“ Bürgerfunkfrequenz mit lokalen Fenstern nicht als völlig aussichtslose Alternative angesehen. Die Kritik am „affirmativen“ Programm wird weitgehend nicht geteilt, da hierdurch die Chance auf eine „Hörererbschaft“ gesehen wird und Publika erreicht würden, die ansonsten kaum als Zielgruppe für den Bürgerfunk infrage kommen. Die Sendungen des Bürgerfunks werden vom Radiohörer immer nur standortbezogen gehört. Diese singuläre Wahrnehmung ist stark von lokalen Gegebenheiten geprägt. Mögliche rezeptionsbehindernde Faktoren oder programmliche Schwächen (einseitige Themenfokussierung, Musik- dominanz etc.) prägen somit häufig das Bild vom Bürgerfunk. Grundsätzlich sehen die Bürgerfunker die standortspezifischen Unterschiede als zwangsläufige Konsequenz der Zugangsoffenheit. Eine zu starke Regulie- rung durch die Formulierung eines Programmauftrages oder einer Lenkung durch die LfM wird als konträr zur Bürgerfunkidee angesehen. 145 Der Bürgerfunk leistet keine Vielfaltsreserve für publizistische Verengun- gen in lokalen Kommunikationsräumen. Er ist stark von individualisti- schen Interessen und Themensetzungen geprägt. Die Programmgestaltung an etlichen Standorten wird durch partikulare Interessen dominiert.n Dieser These wurde entgegengehalten, dass bereits durch die Existenz des Bürgerfunks eine Vielfaltsreserve gegeben sei und er durch seine vertiefende Aufarbeitung spezifischer lokaler Themen und durch die Forumsfunktion für lokale Gruppen Vielfalt erzeuge. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist diese Argumentation allerdings wenig stichhaltig. Die These resultiert aus der konkreten Programmpraxis, in der sich lokalpublizistische Themenauf- arbeitung nur sehr begrenzt feststellen ließ. Die Sendungen des Bürgerfunks haben nur zu einem geringen Teil die Funktion der Schaffung einer lokalen Gegenöffentlichkeit. Hierfür sind strukturelle Gründe (Aktualitätsverhinderung), aber auch die Motivations- lage der Bürgerfunker ausschlaggebend. An dieser These wurde bemängelt, dass der Terminus „Gegenöffentlichkeit“ im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs keine Rolle mehr spiele und daher auch nicht (mehr) als Aufgabe des Bürgerfunks angesehen werden könne. Grund- sätzlich wurde der folgenden These als Ursache für den Status quo zugestimmt: Der Bürgerfunk hat in den letzten Jahren einen Funktionswandel voll- zogen. Klassische politisch-gesellschaftliche Funktionen des Bürgerfunks wie Emanzipation und Partizipation verlieren zunehmend an Bedeutung. An Stelle dessen gewinnt er seine Bedeutung für eine vorberufliche Quali- fikation (Berufseinsteiger in die Medien). Es wurde von den Bürgerfunkern darauf hingewiesen, dass mit der Bezeich- nung „verlieren zunehmend an Bedeutung“ nicht impliziert werden könne, dass emanzipatorische und partizipatorische Funktionen des Bürgerfunks gene- rell verschwunden seien. Der Bürgerfunk erfülle diese Funktionen nach wie vor, allerdings standortspezifisch sicherlich in unterschiedlichem Maße. Die vorberufliche Qualifikation ist auch aus Sicht der Bürgerfunker eine zuneh- mende Leistung des Bürgerfunks. Der offene Zugang zum System Bürgerfunk und zur Produktion ist ge- geben. Die Gesamtkonstruktion des Bürgerfunks und der Programm- realisierung lassen den Bürgerfunk jedoch primär als produzentenorien- tiert und weniger als rezipientenorientiert erscheinen. Er erfüllt hierdurch seine primäre Funktion als Vermittler von Medienkompetenz und der 146 Gewährleistung von Partizipationschancen im Medium Hörfunk. Seine publizistische Funktion innerhalb der lokalen Kommunikationsräume ist hingegen vergleichsweise gering. Dem ersten Aspekt dieser These wurde kaum widersprochen; die publizisti- sche Funktion des Bürgerfunks wird – wie oben bereits dargelegt – jedoch von den „Betroffenen“ grundsätzlich anders bewertet. Die Ausstattung und Arbeitsweise der Radiowerkstätten kann als hin- reichend und bewährt angesehen werden. Etliche Radiowerkstätten arbei- ten stark integrativ. Medienarbeit als Jugendarbeit, als sozial-integrative Arbeit und Weiterbildung etc. führt zu einer Funktionsverschränkung der Arbeit der Radiowerkstätten. Hier ist ein Konstruktionsproblem zu sehen. Radioproduktion als sozial-integrative Leistung müsste – neben der Minu- tenförderung – gewürdigt und alimentiert werden. Hierzu sind neue Finanzierungsmodelle zu entwickeln. Die Rundfunkgebühr kann ihrer Zweckbestimmung entsprechend hierfür nicht als Quelle dienen. Im Wesentlichen wird diese These von vielen Radiowerkstätten geteilt und ihre „Zusatzfunktion“ betont. Etliche Radiowerkstätten sind bereits derzeit aktiv damit befasst, für bestimmte Ausgaben Sponsoren zu gewinnen. Aller- dings wird vielfach die Ansicht vertreten, dass sich Medienarbeit und sozial- integrative Arbeit nicht trennen lassen. Diese analytische Trennung gehe an der Praxis vorbei, insofern wird die Alimentierung durch die Fördermittel der LfM nicht als problematisch angesehen. Den beiden folgenden Thesen wurde weitgehend zugestimmt: Die Qualifizierungs- und Qualitätssicherungsmaßnahmen der letzten Jahre zeigen in der Produktion durchaus Wirkung. Allerdings müssen sie als Daueraufgabe angesehen werden und noch stärker unter der Zielsetzung einer Rezipientenorientierung erfolgen. Der Gesetzgeber hat der LfM Möglichkeiten zur Steuerung der Entwick- lung des Bürgerfunks zugewiesen, die von dieser ausgeschöpft werden. Eine weitergehende „Lenkung“ erscheint vor dem Hintergrund der gegen- wärtigen Gesetzeslage ausgeschlossen. Substantielle Veränderungen des Bürgerfunks sind innerhalb des derzeitigen Modells nur durch einen bür- gerfunkinternen Diskurs möglich. Insgesamt wurden die Ergebnisse der Studie in der Veranstaltung „Diskurs Bürgermedien 2005“ konstruktiv-kritisch aufgenommen und als Impuls für die 147 Weiterentwicklung des Bürgerfunks in NRW aufgefasst. In der Diskussion über Detailergebnisse der Studie und die thesenartigen Schlussfolgerungen des Forscherteams zeigten sich allerdings erhebliche Divergenzen zwischen der Perspektive der Kommunikationswissenschaft und der Praxis des Bürgerfunks. Die vorliegende Studie kann letztlich nur eine Beschreibung des Status quo liefern und mögliche Alternativen hierzu aufzeigen. Für die Weiterentwicklung des Bürgerfunks erscheint der Dialog zwischen Politik, Bürgern und den Gremien der LfM notwendig; hierfür liefert diese Publikation eine Basis. 148 7 Literatur Brecht, Bertolt: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Gesammelte Werke Bd. 18, Frankfurt /Main 1968 Brosius, Hans-Bernd/ Weiler, Stefan: Programmanalyse nichtkommmerzieller Lokal- radios in Hessen. Eine Inhaltsanalyse. München 2000 Buchholz, Klaus-Jürgen: Profiarbeit und Laienspiel. Status und Perspektiven des Bürger- rundfunks in Deutschland. In: Rinsdorf, Lars u. a. (Hg): Journalismus mit Boden- haftung. Annäherung an das Medium. Münster 2003, S. 227–245 Dedecek, Malte: Bürgermedien in NRW – Entwicklung, Formen, Perspektiven. Eine exemplarische Studie anhand des Bürgerfunks im Lokalradio. Siegen 2005 (un- veröffentlichte Diplomarbeit) Eimeren, Birgit von/Gerhard, Heinz/Frees Beate: Internetverbreitung in Deutschland. Potential vorerst ausgeschöpft? Media Perspektiven 8/2004, S. 350–370 Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, For- schungsbeispiele. 2. erw. Auflage, Opladen 2003 Jarren, Otfried/Storll, Dieter/Bendlin, Rüdiger: Lokale Medien und politische Kultur in Dortmund. Düsseldorf 1989 (Begleitforschung des Landes Nordrhein-Westfalen zum Kabelpilotprojekt Dortmund; Bd. 10) Klingler, Walter/Müller, Dieter.: MA 2002 Radio II: Hörfunk behauptet seine Stärke. Media Perspektiven 9/2004, S. 410–425 Kurp, Matthias: Zehn Jahre NRW-Lokalfunk – eine Bilanz. In: Funkfenster 4/2000, S. 3–8 Landesanstalt für Medien NRW (2002): Rundfunkrechtliche Grundlagen. Wuppertal 2002 Landesanstalt für Rundfunk NRW: Literaturdokumentation zum Thema Bürgerfunk/ Offene Kanäle anlässlich der Tagungen: Medienpolitisches Hearing zum Bürgerfunk in NRW am 3. 3. 1995 sowie 10 Jahre Offene Kanäle in Deutschland am 10. 3. 1995 in Düsseldorf. Düsseldorf 1995 Landesanstalt für Rundfunk NRW: Lokalfunk 2000 in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1996 (LfR-Materialien; Bd. 12) Landesanstalt für Rundfunk NRW: Informationen zum Bürgerfunk in Nordrhein-West- falen. Stand: Mai 1998. Düsseldorf 1995/98 (LfR-Materialien; Bd. 6) Landesanstalt für Rundfunk NRW: Lokale Programmkompetenz. Lokale Orientierung und qualitative Programmerwartungen von Hörern in NRW. Vergleichende Analyse der Rezeptionsansprüche von Lokalhörern mit Publika von WDR-Programmen. Düsseldorf o. J. (LfR-Materialien; Bd. 8) 149 Landesanstalt für Rundfunk NRW: Recht im Bürgerfunk. Ein Leitfaden. Düsseldorf 1996 (LfR-Materialien; Bd. 15) Landesanstalt für Rundfunk NRW: Medienpädagogischer Atlas NRW. Opladen 1997m Landesanstalt für Rundfunk NRW: E. M. A. 2001/2002 I. Lokale Reichweitenunter- suchung NRW. Zusammenfassung der Ergebnisse. Düsseldorf 2001 Lange, Bernd-Peter/Pätzold, Ulrich: Medienatlas Nordrhein-Westfalen. Grundlagen der Kommunikation. Bd. 1. Bochum 1983 Latsch, Timo: Wie lokal ist der Lokalfunk in Nordrhein-Westfalen? Siegen 2002 (un- veröffentlichte MA-Arbeit) Lendzian, Bettina: Der Chefredakteur im Lokalfunk. Position und Funktionen im nord- rhein-westfälischen Zwei-Säulen-Modell. Wiesbaden 1999 Lendzian, Bettina /Münch, Eckhard: Die Praxis des Zwei-Säulen-Modells. Untersuchun- gen aus der Startphase des lokalen Hörfunks in Nordrhein-Westfalen. Opladen 1994 Lerg, Winfried/Rieger, Angela /Schenkewitz, Jan: Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen. Opladen 1994 (Schriftenreihe Medienforschung der LfR; Bd. 10) Lohmann, Matthias/Homann, Ralf: Direkt und ohne Filter. Lokalfunk und Bürger- beteiligung in NRW. Merz 2/1990, S. 108–110 O. V.: Daten zur Mediennutzung in Deutschland 2003. Media Perspektiven Basisdaten. Frankfurt /Main 2003 O. V.: Eckpunktepapier zur künftigen Förderung der Bürgermedien. Integration von Partizipation und Medienkompetenz. LfM, Februar 2003 O. V.: Lokalfunk 2000 in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1996 (LfR-Materialien Bd. 12), S. 33–36 O. V.: Daten zum NRW-Landesdurchschnitt. Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen. www.lds.nrw.de/statistik/datenangebot /date/struktur [Stand: 03. 03. 05] Pätzold, Ulrich: Einhaltung gesetzlicher Standards in nordrhein-westfälischen Lokal- funkprogrammen. Hg. LfR-NRW, Düsseldorf 1997 Pätzold, Ulrich/Röper, Horst: Medienanbieter und Medienangebote. Vor dem Start des Lokalfunks in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf 1992 (Schriftenreihe Medienfor- schung der LfR; Bd. 2) Pätzold, Ulrich/Röper, Horst: Lokale Medien in NRW. Anbieterstrukturen und Angebots- vielfalt. Düsseldorf 1995 (Schriftenreihe Medienforschung der LfR; Bd. 19) Rager, Günther/Rinsdorf, Lars: Kommunikatoren im nichtkommerziellen lokalen Hör- funk in Niedersachsen. Eine Organisationsanalyse. Berlin 2000 Rieger, Angela /LfR (Hg.): Bürgerfunk 1994. Düsseldorf 1995 (LfR-Materialien; Bd. 10) Rieger, Angela /Schenkewitz, Jan: Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen. Der offene Kanal im kommerziellen Radio. In: Media Perspektiven 7/93, S. 325–335 Rutenfranz, Uwe/Gansen, Petra: Programmanalyse Bürgerfunk NRW 1997. Inhalts- analyse von Bürgerfunksendungen ausgewählter Verbreitungsgebiete. O. O. 1997 Schmid, Wilfried: Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen. In: Kamp, Ulrich (Hg.): Hand- buch Medien. Offene Kanäle. Bonn 1997, S. 98–101 Schneider, Norbert: Das neue Landesmediengesetz – einige Anmerkungen zu seinen Ab- sichten und Tendenzen. Vortrag im Seminar für Rundfunkrecht am 15. Oktober 2002 in Köln. Unveröffentlichtes Manuskript Schulz, Thomas: Nur noch nebenbei. Spiegel Nr. 47, 2004, S. 222–224 150 Stock, Ulrich: Rettet das Radio! Da hilft nur noch weghören. Eine Kampfansage an den Dudelfunk. DIE ZEIT, Nr. 9, 2005, S. 1 Volpers, Helmut/Salwiczek, Christian/Schnier, Detlef: Hörfunklandschaft Niedersachsen 2001. Eine vergleichende Analyse des privaten Hörfunks. Berlin 2003 Volpers, Helmut/Salwiczek, Christian/Schnier, Detlef: Inhaltsanalyse – Kommunika- tionsangebote in lokalen Medienlandschaften. In: Pätzold, Ulrich/Röper, Horst / Volpers, Helmut (Hg.): Strukturen und Angebote lokaler Medien in Nordrhein-West- falen. Opladen 2003 (Schriftenreihe Medienforschung der LfM NRW; Bd. 47), S. 164 Volpers, Helmut/Salwiczek, Christian/Schnier, Detlef: Programme der nichtkommer- ziellen Lokalradios in Niedersachsen. Eine Programm- und Akzeptanzanalyse. Berlin 2000 Weiss, Klaus: Publizistischer Zugewinn durch Lokalfunk? Vergleichende Analyse von Lokalmedien einer Großstadt. Bochum 1993 151 8 Verzeichnis der Übersichten, Abbildungen und Tabellen Übersichten: Übersicht 2-1: System des Bürgerfunks in Nordrhein-Westfalen . . . . . . . . . . . . 14 Übersicht 2-2: Lokalradio-Standorte und Radiowerkstätten in NRW . . . . . . . . . 16 Übersicht 3-1: Grundkonzeption der Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Übersicht 3-2: Untersuchungsregionen der Programmanalyse . . . . . . . . . . . . . . 28 Übersicht 3-3: Stichprobenkonzeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Abbildungen: Abbildung 4-1: Form der Formatanlehnung des Bürgerfunks . . . . . . . . . . . . . . . 39 Abbildung 4-2: Grundstruktur des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Abbildung 4-3: Sendungsformate des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Abbildung 4-4: Vermittlungsformen des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 Abbildung 4-5: Themenfelder der Berichterstattung des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Abbildung 4-6: Raumbezug der Berichterstattung des Bürgerfunks – Anteil der Sendezeit in Prozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Abbildung 4-7: Sprache des Bürgerfunks – Anteil an der Sendezeit in Prozent . 51 Abbildung 4-8: Standortbezogene Profile: Musikanteil – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Abbildung 4-9: Standortbezogene Profile: Informationsanteil – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Abbildung 4-10: Standortbezogene Profile: Themenfeld Politik – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Abbildung 4-11: Standortbezogene Profile: Themenfeld Gesellschaft – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Abbildung 4-12: Standortbezogene Profile: Themenfeld Human-Touch – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 153 Abbildung 4-13: Standortbezogene Profile: Musikmagazine – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Abbildung 4-14: Standortbezogene Profile: Mischmagazine – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Abbildung 4-15: Standortbezogene Profile: Ressortmagazine – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Abbildung 4-16: Standortbezogene Profile: Monothematische Magazine – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Abbildung 4-17: Standortbezogene Profile: Regie- und Unterhaltungs- moderation – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . 72 Abbildung 4-18: Standortbezogene Profile: Informierende Moderation – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Abbildung 4-19: Standortbezogene Profile: Journalistische Darstellungsformen – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 Abbildung 4-20: Standortbezogene Profile: Narrative Darstellungsformen – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Abbildung 4-21: Standortbezogene Profile: Sendegebietsbezug – Abweichungen vom Mittelwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Abbildung 5-1: Anteile der Bürgerfunker nach Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Abbildung 5-2: Altersstruktur der Bürgerfunker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Abbildung 5-3: Schulabschluss der Bürgerfunker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Abbildung 5-4: Berufsausbildung der Bürgerfunker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Abbildung 5-5: Berufstätigkeit der Bürgerfunker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Abbildung 5-6: Mediennutzung pro Tag – Anzahl der Bürgerfunker in Prozent 86 Abbildung 5-7: Anzahl der täglich von Bürgerfunkern genutzten Medien . . . . . 87 Abbildung 5-8: Verweildauer der Bürgerfunker in der Bürgerfunkgruppe . . . . . . 88 Abbildung 5-9: Bürgerfunkgruppen nach Anzahl der Mitglieder . . . . . . . . . . . . . 95 Abbildung 5-10: Existenz der Bürgerfunkgruppen nach Gründungsjahren . . . . . . 95 Abbildung 5-11: Anzahl der Gründungen von Bürgerfunkgruppen pro Jahr . . . . . 96 Abbildung 5-12: Sendevolumen der Bürgerfunkgruppen pro Monat . . . . . . . . . . . 98 Abbildung 5-13: Verwendung von Darstellungsformen in der Produktion der Bürgerfunkgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Abbildung 5-14: Beurteilung der Zusammenarbeit zwischen Bürgerfunkgruppen und Radiowerkstätten – Anteile der Bürgerfunkgruppen je Merkmalsausprägung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Abbildung 5-15: Themenschwerpunkte der Bürgerfunkgruppen . . . . . . . . . . . . . . 103 Abbildung 5-16: Raumausstattung der Radiowerkstätten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Abbildung 5-17: Flächenausstattung der Radiowerkstätten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Abbildung 5-18: Durchschnittliche Studioauslastung der Radiowerkstätten – Tage pro Monat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Abbildung 5-19: Personalausstattung der Radiowerkstätten mit Mitarbeitern gegen Entgelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Abbildung 5-20: Anzahl von Ehrenamtlichen in ihrer Verteilung auf Radiowerkstätten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Abbildung 5-21: Anteile des Arbeitsumfangs der Ehrenamtlichen in Prozent des gesamten Arbeitsaufwandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 154 Abbildung 5-22: Anzahl der regelmäßig produzierenden Bürgerfunkgruppen pro Radiowerkstatt im Jahr 2003 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Abbildung 5-23: Anzahl der sporadisch produzierenden Bürgerfunkgruppen pro Radiowerkstatt im Jahr 2003 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Abbildung 5-24: Sendevolumen der Radiowerkstätten in Stunden pro Monat . . . 117 Abbildung 5-25: Umfang der Arbeitsaufgaben der Radiowerkstätten und ihr Anteil am Gesamtaufwand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 Abbildung 5-26: Anzahl der Qualifizierungsmaßnahmen der Radiowerkstätten pro Jahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Abbildung 5-27: Beurteilung der Bürgerfunkgruppen durch die Radio- werkstätten – Anteile der Bürgerfunkgruppen pro Radio- werkstatt, auf die folgende Aussagen zutreffen … . . . . . . . . . . . 120 Abbildung 5-28: Radiowerkstätten mit thematisch-inhaltlicher Schwerpunkt- setzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Abbildung 5-29: Organisatorische Einbindung der Radiowerkstätten . . . . . . . . . . 123 Abbildung 5-30: Kooperation mit dem Lokalradio aus Sicht der Radio- werkstätten – Prozentwerte der Antworten auf die Merkmals- ausprägung „häufig“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Abbildung 5-31: Verhältnis zwischen den Radiowerkstätten und der LfM . . . . . . 126 Abbildung 5-32: Kooperationspartner der Radiowerkstätten . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Tabellen: Tabelle 2-1: Entwicklung des Bürgerfunk-Programmvolumens von 1995 bis 2004 in Minuten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Tabelle 2-2: Kerndaten des Bürgerfunks in Nordrhein-Westfalen 2003 . . . . . . . . . 19 Tabelle 4-1: Sendezeiten des Bürgerfunks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Tabelle 4-2: „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm . . . . . . . . . . . . . . . 50 Tabelle 4-3: Stichprobenumfang in der Rangfolge des Sendevolumens . . . . . . . . 53 Tabelle 4-4: Entwicklung des Bürgerfunk-Programmvolumens von 1995 bis 2004 für ausgewählte Standorte nach Index . . . . . . . . . . . . 55 Tabelle 5-1: Die intrinsische Motivation der Bürgerfunker – dargestellt anhand von Idealtypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Tabelle 5-2: Typisierung der Bürgerfunkgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tabelle 5-3: Typisierung der Radiowerkstätten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Tabellen im Anhang: Tabelle A 1: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Stadt Aachen (Aachen 100,eins) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Tabelle A 2: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Bielefeld (Radio Bielefeld) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 Tabelle A 3: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Bochum (Radio 98,5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 155 Tabelle A 4: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Bonn/Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) . . . . . 164 Tabelle A 5: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) . . . . . . . . . . . . 165 Tabelle A 6: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Düren (Radio Rur) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Tabelle A 7: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Duisburg (Radio Duisburg) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Tabelle A 8: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Ennepe-Ruhr-Kreis (Radio en) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Tabelle A 9: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Erftkreis (Radio Erft) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Tabelle A 10: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Euskirchen (Radio Euskirchen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Tabelle A 11: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Hagen (Radio Hagen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Tabelle A 12: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Hamm (Radio Lippewelle Hamm) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Tabelle A 13: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Herford (Radio Herford) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 Tabelle A 14: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Höxter/Paderborn (Radio Hochstift) . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 Tabelle A 15: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Köln (Radio Köln 107,1) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Tabelle A 16: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Krefeld/Viersen (Welle N Niederrhein) . . . . . . . . . . . . . . . 176 Tabelle A 17: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Lippe (Radio Lippe) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Tabelle A 18: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Märkischer Kreis (Radio MK) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 Tabelle A 19: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Mettmann (Radio Neandertal 97,6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Tabelle A 20: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) . . . . . . . . . . . 180 Tabelle A 21: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Mönchengladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) . . . . . 181 Tabelle A 22: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Stadt Münster (Antenne Münster) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 Tabelle A 23: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Neuss (NE-WS 89,4) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Tabelle A 24: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) . . . . . . . . . 184 Tabelle A 25: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Remscheid/Solingen (Radio RSG) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Tabelle A 26: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) . . . . . . . . . . . . 186 156 Tabelle A 27: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Soest (Hellwegradio) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Tabelle A 28: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Steinfurt (Radio RST) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 Tabelle A 29: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Unna (Antenne Unna) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Tabelle A 30: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Warendorf (Radio WAF) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 157 Anhang Standortspezifische Kernergebnisse der Programmanalyse . . . . . . . . . . . 161 Codeplan Evaluation Bürgerfunk NRW . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Befragung der Bürgerfunkproduktionsstätten (Radiowerkstätten) in Nordrhein-Westfalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Befragung der Bürgerfunkgruppen in Nordrhein-Westfalen – Gruppenfragebogen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Befragung der Bürgerfunkgruppen in Nordrhein-Westfalen – persönliche Befragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 159 161 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 26:46:25 100,0 575 100,0 Allgemeines Mischmagazin 4:00:00 14,9 108 18,8 Musikmagazin 5:59:27 22,4 112 19,5 Ressort-Magazin 3:58:59 14,9 104 18,1 Monothematische Sendung 12:47:59 47,8 251 43,7 Sonstiges – – – – Sprache 26:46:25 100,0 575 100,0 deutschsprachig 26:46:25 100,0 575 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 26:46:25 100,0 575 100,0 Musik 17:21:57 64,9 249 43,3 Verpackung 0:19:51 1,2 75 13,0 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:40:48 2,5 72 12,5 Wortunterhaltungsformen – – – – Information 8:23:49 31,4 179 31,1 Vermittlungsform 8:23:49 31,4 179 31,1 Moderation mit Infocharakter 4:04:54 48,6 104 58,1 Service 0:17:10 3,4 12 6,7 Nachrichten 0:04:49 1,0 2 1,1 Journalistische Darstellungsformen 2:51:56 34,1 42 23,5 Narrative Darstellungsformen 1:05:00 12,9 19 10,6 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 8:07:02 100,0 168 100,0 Politische Sachthemen 1:35:49 19,7 6 3,6 Gesellschaft 5:06:50 63,0 127 75,6 Human Touch – – – – Private Lebenswelt 1:24:23 17,3 35 20,8 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 8:23:49 100,0 179 100,0 Ohne Raumbezug 2:09:34 25,7 54 30,2 International/National 0:33:50 6,7 21 11,7 NRW 0:25:46 5,1 13 7,3 Sendegebiet 5:14:39 62,5 91 50,8 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 209 100,0 Führungselite 5 2,4 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 27 12,9 Interessenvertreter 12 5,7 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten 39 18,7 Normalbürger 126 60,3 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 1: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Stadt Aachen (Aachen 100,eins) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 162 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 18:01:24 100,0 335 100,0 Allgemeines Mischmagazin 0:50:29 4,7 11 3,3 Musikmagazin 9:20:36 51,8 191 57,0 Ressort-Magazin 1:43:22 9,6 37 11,0 Monothematische Sendung 0:51:01 4,7 24 7,2 Sonstiges 5:15:56 29,2 72 21,5 Sprache 18:01:24 100,0 335 100,0 deutschsprachig 14:26:23 80,1 314 93,7 fremdsprachig 2:43:10 15,1 3 0,9 gemischt-sprachig 0:51:51 4,8 18 5,4 Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 14:26:23 100,0 314 100,0 Musik 10:00:10 69,3 137 43,6 Verpackung 0:06:31 0,8 29 9,2 Regie- und Unterhaltungsmoderation 2:44:12 19,0 106 33,8 Wortunterhaltungsformen 0:04:42 0,5 7 2,2 Information 1:30:48 10,5 35 11,1 Vermittlungsform 1:30:48 100,0 35 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:15:41 83,4 24 68,6 Service 0:07:32 8,3 8 22,9 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:07:35 8,4 3 8,6 Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 1:23:16 100,0 27 100,0 Politische Sachthemen 0:07:32 9,0 2 7,4 Gesellschaft 1:11:32 85,9 23 85,2 Human Touch 0:04:12 5,0 2 7,4 Private Lebenswelt – – – – Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 1:30:48 100,0 35 100,0 Ohne Raumbezug 0:07:35 8,4 3 8,6 International/National 0:08:38 9,5 5 14,3 NRW 0:03:10 3,5 2 5,7 Sendegebiet 1:11:25 78,7 25 71,4 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 26 100,0 Führungselite – – Honoratioren 2 7,7 Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich 2 7,7 Vertreter aus dem Kulturbereich 1 3,8 Experten – – Normalbürger 19 73,1 Soft-News-Akteure – – Sonstige 2 7,7 Tabelle A 2: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Bielefeld (Radio Bielefeld) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 163 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 21:18:10 100,0 493 100,0 Allgemeines Mischmagazin 1:42:14 8,0 51 10,3 Musikmagazin 10:13:04 48,0 260 52,7 Ressort-Magazin 7:38:40 35,9 176 35,7 Monothematische Sendung 1:44:12 8,2 6 1,2 Sonstiges – – – – Sprache 21:18:10 100,0 493 100,0 deutschsprachig 19:37:58 92,2 478 97,0 fremdsprachig 0:48:46 3,8 1 0,2 gemischt-sprachig 0:51:26 4,0 14 2,8 Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 19:37:58 100,0 478 100,0 Musik 12:42:33 64,7 212 44,4 Verpackung 0:06:27 0,5 24 5,0 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:13:55 6,3 150 31,4 Wortunterhaltungsformen 0:56:09 4,8 3 0,6 Information 4:38:54 23,7 89 18,6 Vermittlungsform 4:38:54 100,0 89 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:39:19 35,6 47 52,8 Service 0:09:09 3,3 11 12,4 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 2:43:05 58,5 25 28,1 Narrative Darstellungsformen 0:07:21 2,6 6 6,7 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 4:22:30 100,0 74 100,0 Politische Sachthemen 3:10:23 72,5 37 50,0 Gesellschaft 1:07:16 25,6 33 44,6 Human Touch 0:04:51 1,8 4 5,4 Private Lebenswelt – – – – Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 4:38:54 100,0 89 100,0 Ohne Raumbezug 0:15:09 5,4 11 12,4 International/National 2:06:55 45,5 47 52,8 NRW 0:38:23 13,8 11 12,4 Sendegebiet 1:38:27 35,3 20 22,5 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 47 100,0 Führungselite 1 2,1 Honoratioren 3 6,4 Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 5 10,6 Experten 1 2,1 Normalbürger 26 55,3 Soft-News-Akteure – – Sonstige 11 23,4 Tabelle A 3: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Bochum (Radio 98,5) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 164 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 22:12:14 100,0 593 100,0 Allgemeines Mischmagazin 12:21:17 55,6 300 50,6 Musikmagazin 2:33:20 11,5 66 11,1 Ressort-Magazin 1:42:11 7,7 56 9,4 Monothematische Sendung 5:35:26 25,2 171 28,8 Sonstiges – – – – Sprache 22:12:14 100,0 593 100,0 deutschsprachig 20:57:45 94,4 590 99,5 fremdsprachig 0:49:23 3,7 2 0,3 gemischt-sprachig 0:25:06 1,9 1 0,2 Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 20:57:45 100,0 590 100,0 Musik 14:00:52 66,9 259 43,9 Verpackung 0:13:55 1,1 78 13,2 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:46:25 3,7 123 20,8 Wortunterhaltungsformen 0:19:42 1,6 16 2,7 Information 5:36:51 26,8 114 19,3 Vermittlungsform 5:36:51 100,0 114 100,0 Moderation mit Infocharakter 2:39:29 47,3 55 48,2 Service 0:13:27 4,0 11 9,6 Nachrichten 0:02:38 0,8 2 1,8 Journalistische Darstellungsformen 2:23:19 42,5 43 37,7 Narrative Darstellungsformen 0:17:58 5,3 3 2,6 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 5:30:37 100,0 108 100,0 Politische Sachthemen 0:26:02 7,9 9 8,3 Gesellschaft 3:30:15 63,6 64 59,3 Human Touch 0:58:41 17,7 19 17,6 Private Lebenswelt 0:21:08 6,4 11 10,2 Sport – – – – Sonstiges 0:14:31 4,4 5 4,6 Raumbezüge der Berichterstattung 5:36:51 100,0 114 100,0 Ohne Raumbezug 1:33:56 27,9 29 25,4 International/National 0:33:57 10,1 19 16,7 NRW 0:10:54 3,2 4 3,5 Sendegebiet 3:18:04 58,8 62 54,4 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 151 100,0 Führungselite 6 4,0 Honoratioren 8 5,3 Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 1 0,7 Interessenvertreter 10 6,6 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 13 8,6 Experten 11 7,3 Normalbürger 100 66,2 Soft-News-Akteure – – Sonstige 2 1,3 Tabelle A 4: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Bonn/ Rhein-Sieg-Kreis (Radio Bonn/Rhein-Sieg) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 165 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 5:00:08 100,0 137 100,0 Allgemeines Mischmagazin – – – – Musikmagazin – – – – Ressort-Magazin 5:00:08 100,0 137 100,0 Monothematische Sendung – – – – Sonstiges – – – – Sprache 5:00:08 100,0 137 100,0 deutschsprachig 5:00:08 100,0 137 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 5:00:08 100,0 137 100,0 Musik 3:33:18 71,1 51 37,2 Verpackung 0:01:54 0,6 13 9,5 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:07:30 2,5 38 27,7 Wortunterhaltungsformen – – – – Information 1:17:26 25,8 35 25,5 Vermittlungsform 1:17:26 100,0 35 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:14:03 95,6 32 91,4 Service 0:03:07 4,0 2 5,7 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:00:16 0,3 1 2,9 Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 1:14:19 100,0 33 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 1:14:19 100,0 33 100,0 Human Touch – – – – Private Lebenswelt – – – – Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 1:17:26 100,0 35 100,0 Ohne Raumbezug – – – – International/National – – – – NRW 0:24:00 31,0 10 28,6 Sendegebiet 0:53:26 69,0 25 71,4 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 66 100,0 Führungselite 4 6,1 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 11 16,7 Interessenvertreter 15 22,7 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten – – Normalbürger 36 54,5 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 5: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Borken (Lokalfunk für den Kreis Borken) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 166 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 16:10:30 100,0 383 100,0 Allgemeines Mischmagazin 2:21:21 14,6 59 15,4 Musikmagazin 2:32:20 15,7 66 17,2 Ressort-Magazin 4:03:31 25,1 92 24,0 Monothematische Sendung 7:13:18 44,6 166 43,3 Sonstiges – – – – Sprache 16:10:30 100,0 383 100,0 deutschsprachig 16:10:30 100,0 383 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 16:10:30 100,0 383 100,0 Musik 10:45:22 66,5 168 43,9 Verpackung 0:12:26 1,3 45 11,7 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:27:15 2,8 55 14,4 Wortunterhaltungsformen – – – – Information 4:45:27 29,4 115 30,0 Vermittlungsform 4:45:27 100,0 115 100,0 Moderation mit Infocharakter 3:05:47 65,1 75 65,2 Service 0:03:39 1,3 3 2,6 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 1:07:16 23,6 26 22,6 Narrative Darstellungsformen 0:28:45 10,1 11 9,6 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 4:41:48 100,0 112 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 3:05:15 65,7 77 68,8 Human Touch – – – – Private Lebenswelt 1:07:42 24,0 26 23,2 Sport 0:28:51 10,2 9 8,0 Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 4:45:27 100,0 115 100,0 Ohne Raumbezug 0:52:23 18,4 22 19,1 International/National 0:50:29 17,7 25 21,7 NRW – – – – Sendegebiet 3:02:35 64,0 68 59,1 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 107 100,0 Führungselite – – Honoratioren 8 7,5 Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 9 8,4 Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 6 5,6 Experten 14 13,1 Normalbürger 63 58,9 Soft-News-Akteure – – Sonstige 7 6,5 Tabelle A 6: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Düren (Radio Rur) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 167 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 21:14:45 100,0 559 100,0 Allgemeines Mischmagazin 1:43:32 8,1 54 9,7 Musikmagazin 5:55:26 27,9 175 31,3 Ressort-Magazin 2:32:58 12,0 64 11,4 Monothematische Sendung 11:02:49 52,0 266 47,6 Sonstiges – – – – Sprache 21:14:45 100,0 559 100,0 deutschsprachig 21:14:45 100,0 559 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 21:14:45 100,0 559 100,0 Musik 11:17:29 53,1 250 44,7 Verpackung 0:17:59 1,4 53 9,5 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:09:18 5,4 89 15,9 Wortunterhaltungsformen – – – – Information 8:29:59 40,0 167 29,9 Vermittlungsform 8:29:59 100,0 167 100,0 Moderation mit Infocharakter 6:02:41 71,1 102 61,1 Service 0:13:52 2,7 9 5,4 Nachrichten 0:06:47 1,3 17 10,2 Journalistische Darstellungsformen 0:29:49 5,8 8 4,8 Narrative Darstellungsformen 0:27:55 5,5 4 2,4 Sonstige informierende Formen 1:08:55 13,5 27 16,2 Themenfelder der Berichterstattung** 8:18:42 100,0 160 100,0 Politische Sachthemen 2:38:19 31,7 46 28,8 Gesellschaft 3:44:45 45,1 79 49,4 Human Touch 1:01:00 12,2 14 8,8 Private Lebenswelt – – – – Sport 0:54:38 11,0 21 13,1 Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 8:29:59 100,0 167 100,0 Ohne Raumbezug 1:03:22 12,4 14 8,4 International/National 2:23:48 28,2 59 35,3 NRW 0:00:33 0,1 2 1,2 Sendegebiet 5:02:16 59,3 92 55,1 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 321 100,0 Führungselite 133 41,4 Honoratioren 27 8,4 Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 21 6,5 Interessenvertreter 37 11,5 Wirtschaftlicher Gegenbereich 1 0,3 Vertreter aus dem Kulturbereich 12 3,7 Experten 20 6,2 Normalbürger 49 15,3 Soft-News-Akteure 2 0,6 Sonstige 19 5,9 Tabelle A 7: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Duisburg (Radio Duisburg) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 168 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 5:26:22 100,0 125 100,0 Allgemeines Mischmagazin – – – – Musikmagazin – – – – Ressort-Magazin 1:48:36 33,3 41 32,8 Monothematische Sendung 3:37:46 66,7 84 67,2 Sonstiges – – – – Sprache 5:26:22 100,0 125 100,0 deutschsprachig 5:26:22 100,0 125 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 5:26:22 100,0 125 100,0 Musik 3:55:31 72,2 57 45,6 Verpackung 0:04:22 1,3 25 20,0 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:05:50 1,8 14 11,2 Wortunterhaltungsformen – – – – Information 1:20:39 24,7 29 23,2 Vermittlungsform 1:20:39 100,0 29 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:14:28 92,3 25 86,2 Service 0:06:11 7,7 4 13,8 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen – – – – Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 1:15:31 100,0 26 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 1:03:05 83,5 21 80,8 Human Touch 0:02:33 3,4 1 3,8 Private Lebenswelt 0:01:03 1,4 1 3,8 Sport 0:08:50 11,7 3 11,5 Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 1:20:39 100,0 29 100,0 Ohne Raumbezug 0:07:49 9,7 4 13,8 International/National – – – – NRW 0:11:01 13,7 6 20,7 Sendegebiet 1:01:49 76,6 19 65,5 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 48 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 10 20,8 Interessenvertreter 18 37,5 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten 5 10,4 Normalbürger 14 29,2 Soft-News-Akteure 1 2,1 Sonstige – – Tabelle A 8: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Ennepe- Ruhr-Kreis (Radio en) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 169 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 7:36:34 100,0 181 100,0 Allgemeines Mischmagazin – – – – Musikmagazin 0:50:24 11,0 22 12,2 Ressort-Magazin 4:11:45 55,1 103 56,9 Monothematische Sendung 2:34:25 33,8 56 30,9 Sonstiges – – – – Sprache 7:36:34 100,0 181 100,0 deutschsprachig 7:36:34 100,0 181 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 7:36:34 100,0 181 100,0 Musik 5:15:14 69,0 79 43,6 Verpackung 0:04:23 1,0 8 4,4 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:07:31 1,6 27 14,9 Wortunterhaltungsformen – – – – Information 2:09:26 28,3 67 37,0 Vermittlungsform 2:09:26 100,0 67 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:21:44 63,1 43 64,2 Service 0:00:42 0,5 2 3,0 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:09:20 7,2 2 3,0 Narrative Darstellungsformen 0:37:40 29,1 20 29,9 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 2:09:16 100,0 66 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 1:09:21 53,6 31 47,0 Human Touch – – – – Private Lebenswelt 0:33:11 25,7 15 22,7 Sport 0:26:44 20,7 20 30,3 Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 2:09:26 100,0 67 100,0 Ohne Raumbezug 0:05:15 4,1 3 4,5 International/National – – – – NRW 0:45:13 34,9 18 26,9 Sendegebiet 1:18:58 61,0 46 68,7 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 76 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter 12 15,8 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 4 5,3 Experten 18 23,7 Normalbürger 41 53,9 Soft-News-Akteure – – Sonstige 1 1,3 Tabelle A 9: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Erftkreis (Radio Erft) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 170 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 14:18:35 100,0 353 100,0 Allgemeines Mischmagazin 5:54:05 41,2 129 36,5 Musikmagazin 5:01:58 35,2 123 34,8 Ressort-Magazin – – – – Monothematische Sendung 3:22:32 23,6 101 28,6 Sonstiges – – – – Sprache 14:18:35 100,0 353 100,0 deutschsprachig 14:18:35 100,0 353 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 14:18:35 100,0 353 100,0 Musik 11:19:58 79,2 147 41,6 Verpackung 0:10:21 1,2 40 11,3 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:08:18 8,0 107 30,3 Wortunterhaltungsformen 0:17:11 2,0 6 1,7 Information 1:22:47 9,6 53 15,0 Vermittlungsform 1:22:47 100,0 53 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:59:38 72,0 34 64,2 Service 0:23:09 28,0 19 35,8 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen – – – – Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 0:58:18 100,0 34 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 0:43:10 74,0 27 79,4 Human Touch 0:09:00 15,4 5 14,7 Private Lebenswelt 0:06:08 10,5 2 5,9 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 1:22:47 100,0 53 100,0 Ohne Raumbezug – – – – International/National 0:43:47 52,9 27 50,9 NRW – – – – Sendegebiet 0:39:00 47,1 26 49,1 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 24 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 6 25,0 Experten 18 75,0 Normalbürger – – Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 10: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Eus- kirchen (Radio Euskirchen) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 171 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 7:56:19 100,0 89 100,0 Allgemeines Mischmagazin 0:20:00 4,2 13 14,6 Musikmagazin 6:25:01 80,8 45 50,6 Ressort-Magazin 1:11:18 15,0 31 34,8 Monothematische Sendung – – – – Sonstiges – – – – Sprache 7:56:19 100,0 89 100,0 deutschsprachig 7:56:19 100,0 89 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 7:56:19 100,0 89 100,0 Musik 6:50:28 86,2 43 48,3 Verpackung 0:02:09 0,5 6 6,7 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:08:43 1,8 16 18,0 Wortunterhaltungsformen 0:04:14 0,9 3 3,4 Information 0:50:45 10,7 21 23,6 Vermittlungsform 0:50:45 100,0 21 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:43:17 85,3 17 81,0 Service 0:05:21 10,5 2 9,5 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:02:07 4,2 2 9,5 Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 0:45:24 100,0 19 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 0:18:42 41,2 8 42,1 Human Touch 0:16:16 35,8 7 36,8 Private Lebenswelt 0:08:19 18,3 2 10,5 Sport – – – – Sonstiges 0:02:07 4,7 2 10,5 Raumbezüge der Berichterstattung 0:50:45 100,0 21 100,0 Ohne Raumbezug 0:26:42 52,6 11 52,4 International/National 0:18:42 36,8 8 38,1 NRW – – – – Sendegebiet 0:05:21 10,5 2 9,5 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 20 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 4 20,0 Experten 1 5,0 Normalbürger 15 75,0 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 11: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Hagen (Radio Hagen) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 172 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 15:10:36 100,0 434 100,0 Allgemeines Mischmagazin 4:12:45 27,8 127 29,3 Musikmagazin 6:43:59 44,4 177 40,8 Ressort-Magazin 1:40:51 11,1 63 14,5 Monothematische Sendung 2:33:01 16,8 67 15,4 Sonstiges – – – – Sprache 15:10:36 100,0 434 100,0 deutschsprachig 15:10:36 100,0 434 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 15:10:36 100,0 434 100,0 Musik 11:26:45 75,4 190 43,8 Verpackung 0:15:36 1,7 47 10,8 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:10:36 7,8 116 26,7 Wortunterhaltungsformen 0:01:34 0,2 1 0,2 Information 2:16:05 14,9 80 18,4 Vermittlungsform 2:16:05 100,0 80 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:39:36 73,2 55 68,8 Service 0:10:59 8,1 6 7,5 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:25:30 18,7 19 23,8 Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 2:05:06 100,0 74 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 1:45:48 84,6 62 83,8 Human Touch 0:03:07 2,5 2 2,7 Private Lebenswelt 0:02:13 1,8 1 1,4 Sport 0:12:17 9,8 8 10,8 Sonstiges 0:01:41 1,3 1 1,4 Raumbezüge der Berichterstattung 2:16:05 100,0 80 100,0 Ohne Raumbezug 0:08:02 5,9 5 6,3 International/National 0:46:03 33,8 36 45,0 NRW – – – – Sendegebiet 1:22:00 60,3 39 48,8 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 67 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 7 10,4 Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 24 35,8 Experten 9 13,4 Normalbürger 24 35,8 Soft-News-Akteure – – Sonstige 3 4,5 Tabelle A 12: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Hamm (Radio Lippewelle Hamm) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 173 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 11:52:46 100,0 269 100,0 Allgemeines Mischmagazin 0:50:37 7,1 19 7,1 Musikmagazin 5:06:07 42,9 130 48,3 Ressort-Magazin 0:51:34 7,2 19 7,1 Monothematische Sendung 3:21:43 28,3 67 24,9 Sonstiges 1:42:45 14,4 34 12,6 Sprache 11:52:46 100,0 269 100,0 deutschsprachig 11:52:46 100,0 269 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 11:52:46 100,0 269 100,0 Musik 8:38:50 72,8 126 46,8 Verpackung 0:02:50 0,4 18 6,7 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:54:06 7,6 73 27,1 Wortunterhaltungsformen 0:04:11 0,6 2 0,7 Information 2:12:49 18,6 50 18,6 Vermittlungsform 2:12:49 100,0 50 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:17:36 13,3 9 18,0 Service 0:11:55 9,0 9 18,0 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:26:37 20,0 11 22,0 Narrative Darstellungsformen 1:16:41 57,7 21 42,0 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 2:00:54 100,0 41 100,0 Politische Sachthemen 0:17:40 14,6 8 19,5 Gesellschaft 0:36:31 30,2 16 39,0 Human Touch 0:53:46 44,5 10 24,4 Private Lebenswelt 0:12:57 10,7 7 17,1 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 2:12:49 100,0 50 100,0 Ohne Raumbezug 0:07:12 5,4 5 10,0 International/National 1:32:03 69,3 27 54,0 NRW 0:03:32 2,7 1 2,0 Sendegebiet 0:30:02 22,6 17 34,0 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 59 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter 24 40,7 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten 6 10,2 Normalbürger 29 49,2 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 13: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Herford (Radio Herford) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 174 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 7:14:45 100,0 223 100,0 Allgemeines Mischmagazin 4:16:17 58,9 119 53,4 Musikmagazin 0:50:52 11,7 24 10,8 Ressort-Magazin 0:49:20 11,3 37 16,6 Monothematische Sendung 1:18:16 18,0 43 19,3 Sonstiges – – – – Sprache 7:14:45 100,0 223 100,0 deutschsprachig 7:14:45 100,0 223 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 7:14:45 100,0 223 100,0 Musik 5:22:04 74,1 79 35,4 Verpackung 0:04:06 0,9 32 14,3 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:20:14 4,7 56 25,1 Wortunterhaltungsformen 0:02:03 0,5 1 0,4 Information 1:26:18 19,9 55 24,7 Vermittlungsform 1:26:18 100,0 55 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:34:42 40,2 16 29,1 Service 0:14:24 16,7 13 23,6 Nachrichten 0:16:07 18,7 17 30,9 Journalistische Darstellungsformen 0:03:44 4,3 1 1,8 Narrative Darstellungsformen 0:17:21 20,1 8 14,5 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 1:11:54 100,0 42 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 0:51:00 70,9 29 69,0 Human Touch 0:11:49 16,4 9 21,4 Private Lebenswelt 0:09:05 12,6 4 9,5 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 1:26:18 100,0 55 100,0 Ohne Raumbezug 0:03:35 4,2 2 3,6 International/National 0:24:15 28,1 14 25,5 NRW – – – – Sendegebiet 0:58:28 67,7 39 70,9 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 12 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 10 83,3 Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten – – Normalbürger 1 8,3 Soft-News-Akteure – – Sonstige 1 8,3 Tabelle A 14: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Höxter/ Paderborn (Radio Hochstift) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 175 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 24:23:21 100,0 666 100,0 Allgemeines Mischmagazin 10:05:28 41,4 281 42,2 Musikmagazin 5:55:46 24,3 156 23,4 Ressort-Magazin 3:19:57 13,7 101 15,2 Monothematische Sendung 5:02:10 20,6 128 19,2 Sonstiges – – – – Sprache 24:23:21 100,0 666 100,0 deutschsprachig 24:23:21 100,0 666 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 24:23:21 100,0 666 100,0 Musik 15:59:21 65,6 272 40,8 Verpackung 0:24:54 1,7 104 15,6 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:21:41 5,6 152 22,8 Wortunterhaltungsformen 0:27:40 1,9 20 3,0 Information 6:09:45 25,3 118 17,7 Vermittlungsform 6:09:45 100,0 118 100,0 Moderation mit Infocharakter 3:51:21 62,6 68 57,6 Service 0:24:21 6,6 15 12,7 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 1:41:04 27,3 31 26,3 Narrative Darstellungsformen 0:12:59 3,5 4 3,4 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 5:53:34 100,0 105 100,0 Politische Sachthemen 0:19:09 5,4 7 6,7 Gesellschaft 3:26:50 58,5 67 63,8 Human Touch 1:17:29 21,9 18 17,1 Private Lebenswelt 0:50:06 14,2 13 12,4 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 6:09:45 100,0 118 100,0 Ohne Raumbezug 2:25:34 39,4 39 33,1 International/National 0:39:54 10,8 19 16,1 NRW 0:24:46 6,7 5 4,2 Sendegebiet 2:39:31 43,1 55 46,6 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 122 100,0 Führungselite 3 2,5 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 3 2,5 Interessenvertreter 4 3,3 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 13 10,7 Experten 12 9,8 Normalbürger 87 71,3 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 15: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Köln (Radio Köln 107,1) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 176 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 16:00:07 100,0 461 100,0 Allgemeines Mischmagazin 2:09:01 13,4 79 17,1 Musikmagazin 5:02:12 31,5 158 34,3 Ressort-Magazin 5:27:14 34,1 136 29,5 Monothematische Sendung 3:21:40 21,0 88 19,1 Sonstiges – – – – Sprache 16:00:07 100,0 461 100,0 deutschsprachig 16:00:07 100,0 461 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 16:00:07 100,0 461 100,0 Musik 10:54:02 68,1 188 40,8 Verpackung 0:14:31 1,5 71 15,4 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:00:26 6,3 100 21,7 Wortunterhaltungsformen 0:07:43 0,8 3 0,7 Information 3:43:25 23,3 99 21,5 Vermittlungsform 3:43:25 100,0 99 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:59:58 53,7 55 55,6 Service 0:20:41 9,3 15 15,2 Nachrichten 0:00:52 0,4 1 1,0 Journalistische Darstellungsformen 0:55:40 24,9 21 21,2 Narrative Darstellungsformen 0:26:14 11,7 7 7,1 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 3:23:56 100,0 86 100,0 Politische Sachthemen 0:17:48 8,7 8 9,3 Gesellschaft 2:09:56 63,7 58 67,4 Human Touch 0:05:46 2,8 6 7,0 Private Lebenswelt 0:13:00 6,4 4 4,7 Sport 0:37:26 18,4 10 11,6 Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 3:43:25 100,0 99 100,0 Ohne Raumbezug 0:05:26 2,4 5 5,1 International/National 0:20:20 9,1 15 15,2 NRW 0:11:21 5,1 4 4,0 Sendegebiet 3:06:18 83,4 75 75,8 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 92 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 13 14,1 Interessenvertreter 2 2,2 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 4 4,3 Experten 2 2,2 Normalbürger 34 37,0 Soft-News-Akteure 1 1,1 Sonstige 36 39,1 Tabelle A 16: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Krefeld/ Viersen (Welle N Niederrhein) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 177 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 16:52:12 100,0 272 100,0 Allgemeines Mischmagazin 1:43:49 10,3 34 12,5 Musikmagazin 4:57:47 29,4 104 38,2 Ressort-Magazin 4:13:44 25,1 88 32,4 Monothematische Sendung 2:32:55 15,1 42 15,4 Sonstiges 3:23:57 20,1 4 1,5 Sprache 16:52:12 100,0 272 100,0 deutschsprachig 13:28:15 79,9 268 98,5 fremdsprachig 3:23:57 20,1 4 1,5 gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 13:28:15 100,0 268 100,0 Musik 10:05:26 74,9 128 47,8 Verpackung 0:02:27 0,3 7 2,6 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:28:46 3,6 60 22,4 Wortunterhaltungsformen 0:03:37 0,4 1 0,4 Information 2:47:59 20,8 72 26,9 Vermittlungsform 2:47:59 100,0 72 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:31:20 54,4 43 59,7 Service 0:14:06 8,4 10 13,9 Nachrichten 0:12:59 7,7 6 8,3 Journalistische Darstellungsformen 0:46:19 27,6 12 16,7 Narrative Darstellungsformen 0:03:15 1,9 1 1,4 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 2:37:50 100,0 65 100,0 Politische Sachthemen 0:02:56 1,9 1 1,5 Gesellschaft 2:29:37 94,8 61 93,8 Human Touch 0:03:49 2,4 2 3,1 Private Lebenswelt 0:01:28 0,9 1 1,5 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 2:47:59 100,0 72 100,0 Ohne Raumbezug 0:16:31 9,8 11 15,3 International/National 1:17:22 46,1 36 50,0 NRW – – – – Sendegebiet 1:14:06 44,1 25 34,7 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 81 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 1 1,2 Experten – – Normalbürger 40 49,4 Soft-News-Akteure – – Sonstige 40 49,4 Tabelle A 17: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Lippe (Radio Lippe) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 178 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 22:30:50 100,0 530 100,0 Allgemeines Mischmagazin 3:37:26 16,1 89 16,8 Musikmagazin 9:13:09 40,9 238 44,9 Ressort-Magazin 1:37:41 7,2 36 6,8 Monothematische Sendung 7:09:41 31,8 147 27,7 Sonstiges 0:52:53 3,9 20 3,8 Sprache 22:30:50 100,0 530 100,0 deutschsprachig 22:30:50 100,0 530 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 22:30:50 100,0 530 100,0 Musik 15:45:59 70,0 233 44,0 Verpackung 0:11:46 0,9 37 7,0 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:12:43 5,4 127 24,0 Wortunterhaltungsformen 0:26:32 2,0 8 1,5 Information 4:53:50 21,8 125 23,6 Vermittlungsform 4:53:50 100,0 125 100,0 Moderation mit Infocharakter 2:28:57 50,7 70 56,0 Service 0:22:09 7,5 18 14,4 Nachrichten 0:01:22 0,5 1 0,8 Journalistische Darstellungsformen 1:28:18 30,1 26 20,8 Narrative Darstellungsformen 0:33:04 11,3 10 8,0 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 4:24:32 100,0 104 100,0 Politische Sachthemen 0:34:56 13,2 6 5,8 Gesellschaft 2:25:39 55,1 65 62,5 Human Touch 1:19:27 30,0 31 29,8 Private Lebenswelt 0:04:30 1,7 2 1,9 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 4:53:50 100,0 125 100,0 Ohne Raumbezug 0:47:51 16,3 24 19,2 International/National 1:44:24 35,5 41 32,8 NRW 0:12:19 4,2 6 4,8 Sendegebiet 2:09:16 44,0 54 43,2 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 153 100,0 Führungselite 9 5,9 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 8 5,2 Interessenvertreter 2 1,3 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten 1 0,7 Normalbürger 118 77,1 Soft-News-Akteure – – Sonstige 15 9,8 Tabelle A 18: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Märki- scher Kreis (Radio MK) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 179 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 7:50:57 100,0 192 100,0 Allgemeines Mischmagazin 1:41:42 21,6 44 22,9 Musikmagazin – – – – Ressort-Magazin 3:32:37 45,1 87 45,3 Monothematische Sendung 2:36:38 33,3 61 31,8 Sonstiges – – – – Sprache 7:50:57 100,0 192 100,0 deutschsprachig 7:50:57 100,0 192 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 7:50:57 100,0 192 100,0 Musik 4:53:01 62,2 90 46,9 Verpackung 0:03:05 0,7 14 7,3 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:17:25 3,7 28 14,6 Wortunterhaltungsformen 0:17:06 3,6 8 4,2 Information 2:20:20 29,8 52 27,1 Vermittlungsform 2:20:20 100,0 52 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:27:40 62,5 35 67,3 Service 0:07:56 5,7 3 5,8 Nachrichten 0:02:58 2,1 4 7,7 Journalistische Darstellungsformen 0:39:29 28,1 9 17,3 Narrative Darstellungsformen 0:02:17 1,6 1 1,9 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 2:20:20 100,0 52 100,0 Politische Sachthemen 0:04:34 3,3 2 3,8 Gesellschaft 1:50:58 79,1 42 80,8 Human Touch – – – – Private Lebenswelt 0:24:48 17,7 8 15,4 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 2:20:20 100,0 52 100,0 Ohne Raumbezug 0:22:43 16,2 8 15,4 International/National 0:24:09 17,2 10 19,2 NRW 0:21:44 15,5 4 7,7 Sendegebiet 1:11:44 51,1 30 57,7 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 72 100,0 Führungselite 4 5,6 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 1 1,4 Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 14 19,4 Experten 22 30,6 Normalbürger 31 43,1 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 19: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Mettmann (Radio Neandertal 97,6) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 180 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 4:56:07 100,0 107 100,0 Allgemeines Mischmagazin 2:31:41 51,2 62 57,9 Musikmagazin 2:24:26 48,8 45 42,1 Ressort-Magazin – – – – Monothematische Sendung – – – – Sonstiges – – – – Sprache 4:56:07 100,0 107 100,0 deutschsprachig 4:05:39 83,0 106 99,1 fremdsprachig 0:50:28 17,0 1 0,9 gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 4:05:39 100,0 106 100,0 Musik 2:53:31 70,6 44 41,5 Verpackung 0:01:46 0,7 10 9,4 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:20:37 8,4 28 26,4 Wortunterhaltungsformen 0:07:31 3,1 5 4,7 Information 0:42:14 17,2 19 17,9 Vermittlungsform 0:42:14 100,0 19 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:14:36 34,6 9 47,4 Service 0:04:41 11,1 4 21,1 Nachrichten 0:05:59 14,2 3 15,8 Journalistische Darstellungsformen 0:16:58 40,2 3 15,8 Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 0:37:33 100,0 15 100,0 Politische Sachthemen 0:06:36 17,6 1 6,7 Gesellschaft 0:24:28 65,2 10 66,7 Human Touch – – – – Private Lebenswelt 0:06:29 17,3 4 26,7 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 0:42:14 100,0 19 100,0 Ohne Raumbezug 0:06:29 15,4 4 21,1 International/National 0:13:15 31,4 5 26,3 NRW 0:00:25 1,0 1 5,3 Sendegebiet 0:22:05 52,3 9 47,4 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 2 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 1 50,0 Interessenvertreter 1 50,0 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten – – Normalbürger – – Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 20: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Minden-Lübbecke (Radio Westfalica) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 181 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 15:12:10 100,0 384 100,0 Allgemeines Mischmagazin 3:24:51 22,5 93 24,2 Musikmagazin 4:57:03 32,6 132 34,4 Ressort-Magazin 0:50:51 5,6 22 5,7 Monothematische Sendung 4:15:10 28,0 94 24,5 Sonstiges 1:44:15 11,4 43 11,2 Sprache 15:12:10 100,0 384 100,0 deutschsprachig 15:12:10 100,0 384 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 15:12:10 100,0 384 100,0 Musik 10:37:29 69,9 167 43,5 Verpackung 0:09:34 1,0 50 13,0 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:08:18 7,5 98 25,5 Wortunterhaltungsformen 0:10:29 1,1 3 0,8 Information 3:06:20 20,4 66 17,2 Vermittlungsform 3:06:20 100,0 66 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:47:08 25,3 19 28,8 Service 0:20:39 11,1 16 24,2 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 1:06:38 35,8 17 25,8 Narrative Darstellungsformen 0:51:55 27,9 14 21,2 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 2:45:59 100,0 51 100,0 Politische Sachthemen 0:03:00 1,8 2 3,9 Gesellschaft 2:28:57 89,7 45 88,2 Human Touch 0:01:17 ,8 1 2,0 Private Lebenswelt – – – – Sport 0:12:45 7,7 3 5,9 Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 3:06:20 100,0 66 100,0 Ohne Raumbezug 0:09:59 5,4 4 6,1 International/National 0:27:46 14,9 7 10,6 NRW 0:00:30 0,3 1 1,5 Sendegebiet 2:28:05 79,5 54 81,8 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 118 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 4 3,4 Interessenvertreter 44 37,3 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 1 0,8 Experten – – Normalbürger 60 50,8 Soft-News-Akteure – – Sonstige 9 7,6 Tabelle A 21: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Mönchen- gladbach (Radio 90,1 Mönchengladbach) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 182 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 21:54:19 100,0 535 100,0 Allgemeines Mischmagazin 1:43:07 7,8 35 6,5 Musikmagazin 10:33:52 48,2 268 50,1 Ressort-Magazin 4:33:58 20,8 127 23,7 Monothematische Sendung 4:39:21 21,3 104 19,4 Sonstiges 0:24:01 1,8 1 0,2 Sprache 21:54:19 100,0 535 100,0 deutschsprachig 21:30:18 98,2 534 99,8 fremdsprachig 0:24:01 1,8 1 0,2 gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 21:30:18 100,0 534 100,0 Musik 14:48:30 68,9 253 47,4 Verpackung 0:07:43 0,6 30 5,6 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:33:56 7,3 130 24,3 Wortunterhaltungsformen 0:08:12 0,6 3 0,6 Information 4:51:57 22,6 118 22,1 Vermittlungsform 4:51:57 100,0 118 100,0 Moderation mit Infocharakter 3:35:22 73,8 83 70,3 Service 0:18:42 6,4 11 9,3 Nachrichten 0:02:12 0,8 6 5,1 Journalistische Darstellungsformen 0:52:13 17,9 16 13,6 Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen 0:03:28 1,2 2 1,7 Themenfelder der Berichterstattung** 4:51:57 100,0 118 100,0 Politische Sachthemen 0:17:04 5,8 5 4,2 Gesellschaft 3:57:48 81,5 103 87,3 Human Touch 0:00:45 0,3 1 0,8 Private Lebenswelt 0:10:59 3,8 4 3,4 Sport 0:24:35 8,4 4 3,4 Sonstiges 0:00:46 0,3 1 0,8 Raumbezüge der Berichterstattung 4:51:57 100,0 118 100,0 Ohne Raumbezug 0:21:07 7,2 17 14,4 International/National 1:20:56 27,7 49 41,5 NRW 0:00:30 0,2 1 0,8 Sendegebiet 3:09:24 64,9 51 43,2 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 100 100,0 Führungselite 1 1,0 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter 11 11,0 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 20 20,0 Experten 28 28,0 Normalbürger 40 40,0 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 22: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Stadt Münster (Antenne Münster) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 183 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 4:28:25 100,0 103 100,0 Allgemeines Mischmagazin 2:57:07 66,0 68 66,0 Musikmagazin 0:50:34 18,8 18 17,5 Ressort-Magazin – – – – Monothematische Sendung 0:40:44 15,2 17 16,5 Sonstiges – – – – Sprache 4:28:25 100,0 103 100,0 deutschsprachig 4:28:25 100,0 103 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 4:28:25 100,0 103 100,0 Musik 3:16:57 73,4 43 41,7 Verpackung 0:05:23 2,0 17 16,5 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:13:40 5,1 24 23,3 Wortunterhaltungsformen 0:11:39 4,3 3 2,9 Information 0:40:46 15,2 16 15,5 Vermittlungsform 0:40:46 100,0 16 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:25:53 63,5 9 56,3 Service 0:00:55 2,2 1 6,3 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:13:58 34,3 6 37,5 Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 0:39:51 100,0 15 100,0 Politische Sachthemen 0:05:02 12,6 1 6,7 Gesellschaft 0:08:23 21,0 4 26,7 Human Touch 0:15:12 38,1 7 46,7 Private Lebenswelt 0:11:14 28,2 3 20,0 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 0:40:46 100,0 16 100,0 Ohne Raumbezug 0:06:14 15,3 2 12,5 International/National 0:03:22 8,3 2 12,5 NRW 0:00:55 2,2 1 6,3 Sendegebiet 0:30:15 74,2 11 68,8 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 25 100,0 Führungselite 1 4,0 Honoratioren 1 4,0 Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 1 4,0 Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten 7 28,0 Normalbürger 15 60,0 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 23: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Neuss (NE-WS 89,4) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 184 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 13:24:31 100,0 328 100,0 Allgemeines Mischmagazin 4:24:48 32,9 123 37,5 Musikmagazin 2:50:47 21,2 62 18,9 Ressort-Magazin 3:36:55 27,0 85 25,9 Monothematische Sendung 2:32:01 18,9 58 17,7 Sonstiges – – – – Sprache 13:24:31 100,0 328 100,0 deutschsprachig 13:24:31 100,0 328 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 13:24:31 100,0 328 100,0 Musik 9:17:34 69,3 133 40,5 Verpackung 0:10:03 1,2 43 13,1 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:35:04 4,4 65 19,8 Wortunterhaltungsformen 0:10:37 1,3 7 2,1 Information 3:11:13 23,8 80 24,4 Vermittlungsform 3:11:13 100,0 80 100,0 Moderation mit Infocharakter 2:15:38 70,9 49 61,3 Service 0:01:02 0,5 2 2,5 Nachrichten 0:01:59 1,0 2 2,5 Journalistische Darstellungsformen 0:17:24 9,1 9 11,3 Narrative Darstellungsformen 0:35:10 18,4 18 22,5 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 3:07:46 100,0 77 100,0 Politische Sachthemen 0:04:42 2,5 1 1,3 Gesellschaft 1:46:33 56,7 41 53,2 Human Touch 0:17:42 9,4 12 15,6 Private Lebenswelt 0:48:09 25,6 18 23,4 Sport 0:10:40 5,7 5 6,5 Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 3:11:13 100,0 80 100,0 Ohne Raumbezug 0:35:18 18,5 16 20,0 International/National 0:25:10 13,2 10 12,5 NRW 0:10:35 5,5 3 3,8 Sendegebiet 2:00:10 62,8 51 63,8 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 77 100,0 Führungselite 2 2,6 Honoratioren 1 1,3 Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 6 7,8 Interessenvertreter 1 1,3 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 21 27,3 Experten 1 1,3 Normalbürger 45 58,4 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 24: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Ober- berg./Rheinisch-Berg. Kreis (Radio Berg) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 185 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 12:41:38 100,0 289 100,0 Allgemeines Mischmagazin 1:43:09 13,5 44 15,2 Musikmagazin 1:39:58 13,1 36 12,5 Ressort-Magazin 5:03:51 39,9 107 37,0 Monothematische Sendung 4:14:40 33,4 102 35,3 Sonstiges – – – – Sprache 12:41:38 100,0 289 100,0 deutschsprachig 12:41:38 100,0 289 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 12:41:38 100,0 289 100,0 Musik 7:52:55 62,1 129 44,6 Verpackung 0:06:25 0,8 25 8,7 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:44:05 5,8 63 21,8 Wortunterhaltungsformen 0:00:41 0,1 1 0,3 Information 3:57:32 31,2 71 24,6 Vermittlungsform 3:57:32 100,0 71 100,0 Moderation mit Infocharakter 2:07:38 53,7 36 50,7 Service 0:10:10 4,3 6 8,5 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 1:14:16 31,3 18 25,4 Narrative Darstellungsformen 0:17:30 7,4 7 9,9 Sonstige informierende Formen 0:07:58 3,4 4 5,6 Themenfelder der Berichterstattung** 3:56:14 100,0 70 100,0 Politische Sachthemen 0:05:54 2,5 2 2,9 Gesellschaft 2:55:15 74,2 46 65,7 Human Touch 0:03:51 1,6 2 2,9 Private Lebenswelt 0:48:40 20,6 19 27,1 Sport 0:02:34 1,1 1 1,4 Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 3:57:32 100,0 71 100,0 Ohne Raumbezug 0:39:15 16,5 18 25,4 International/National 1:15:11 31,7 20 28,2 NRW 0:02:39 1,1 1 1,4 Sendegebiet 2:00:27 50,7 32 45,1 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 107 100,0 Führungselite 1 0,9 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 5 4,7 Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten 5 4,7 Normalbürger 96 89,7 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 25: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Rem- scheid/Solingen (Radio RSG) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 186 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 9:12:01 100,0 216 100,0 Allgemeines Mischmagazin 1:41:35 18,4 45 20,8 Musikmagazin 0:51:09 9,3 18 8,3 Ressort-Magazin 0:46:28 8,4 21 9,7 Monothematische Sendung 5:52:49 63,9 132 61,1 Sonstiges – – – – Sprache 9:12:01 100,0 216 100,0 deutschsprachig 9:12:01 100,0 216 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 9:12:01 100,0 216 100,0 Musik 6:34:34 71,5 89 41,2 Verpackung 0:05:27 1,0 35 16,2 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:17:19 3,1 34 15,7 Wortunterhaltungsformen – – – – Information 2:14:41 24,4 58 26,9 Vermittlungsform 2:14:41 100,0 58 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:10:04 52,0 34 58,6 Service 0:00:34 0,4 1 1,7 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:07:26 5,5 3 5,2 Narrative Darstellungsformen 0:56:37 42,0 20 34,5 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 2:14:07 100,0 57 100,0 Politische Sachthemen 0:27:04 20,2 12 21,1 Gesellschaft 1:12:54 54,4 34 59,6 Human Touch 0:34:09 25,5 11 19,3 Private Lebenswelt – – – – Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 2:14:41 100,0 58 100,0 Ohne Raumbezug 0:32:47 24,3 17 28,8 International/National 0:16:29 12,2 9 15,3 NRW 0:04:48 3,5 2 3,4 Sendegebiet 1:20:37 59,9 30 52,5 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 98 100 Führungselite 7 7,1 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ 21 21,4 Interessenvertreter 49 50,0 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten – – Normalbürger 21 21,4 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 26: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Siegen-Wittgenstein (Radio Siegen) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 187 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 15:54:36 100,0 394 100,0 Allgemeines Mischmagazin 3:36:09 22,6 84 21,3 Musikmagazin 6:09:36 38,7 163 41,4 Ressort-Magazin 3:31:50 22,2 89 22,6 Monothematische Sendung 2:37:01 16,4 58 14,7 Sonstiges – – – – Sprache 15:54:36 100,0 394 100,0 deutschsprachig 15:54:36 100,0 394 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 15:54:36 100,0 394 100,0 Musik 11:58:54 75,3 185 47,0 Verpackung 0:03:08 0,3 12 3,0 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:58:45 6,2 101 25,6 Wortunterhaltungsformen 0:00:48 0,1 2 0,5 Information 2:53:01 18,1 94 23,9 Vermittlungsform 2:53:01 100,0 94 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:52:05 64,8 65 69,1 Service 0:41:14 23,8 20 21,3 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:16:54 9,8 7 7,4 Narrative Darstellungsformen 0:02:48 1,6 2 2,1 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 2:08:49 100,0 72 100,0 Politische Sachthemen 0:10:09 7,9 6 8,3 Gesellschaft 1:57:14 91,0 65 90,3 Human Touch – – – – Private Lebenswelt 0:01:26 1,1 1 1,4 Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 2:53:01 100,0 94 100,0 Ohne Raumbezug 0:07:58 4,6 6 6,4 International/National 0:22:45 13,1 22 23,4 NRW 0:01:27 0,8 1 1,1 Sendegebiet 2:20:51 81,4 65 69,1 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 64 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter 35 54,7 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 14 21,9 Experten 4 6,3 Normalbürger 11 17,2 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 27: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Soest (Hellwegradio) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 188 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 2:30:41 100,0 50 100,0 Allgemeines Mischmagazin – – – – Musikmagazin 0:52:31 34,9 18 36,0 Ressort-Magazin 1:38:10 65,1 32 64,0 Monothematische Sendung – – – – Sonstiges – – – – Sprache 2:30:41 100,0 50 100,0 deutschsprachig 2:30:41 100,0 50 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 2:30:41 100,0 50 100,0 Musik 1:43:35 68,7 23 46,0 Verpackung 0:02:29 1,6 5 10,0 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:05:37 3,7 10 20,0 Wortunterhaltungsformen 0:07:11 4,8 3 6,0 Information 0:31:49 21,1 9 18,0 Vermittlungsform 0:31:49 100,0 9 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:03:46 11,8 3 33,3 Service 0:06:02 19,0 1 11,1 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:22:01 69,2 5 55,6 Narrative Darstellungsformen – – – – Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 0:25:47 100,0 8 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 0:25:47 100,0 8 100,0 Human Touch – – – – Private Lebenswelt – – – – Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 0:31:49 100,0 9 100,0 Ohne Raumbezug – – – – International/National 0:01:31 4,8 2 22,2 NRW – – – – Sendegebiet 0:30:18 95,2 7 77,8 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 6 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter 5 83,3 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich – – Experten – – Normalbürger 1 16,7 Soft-News-Akteure – – Sonstige – – Tabelle A 28: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Steinfurt (Radio RST) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 189 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 14:28:40 100,0 340 100,0 Allgemeines Mischmagazin 5:45:04 39,7 134 39,4 Musikmagazin 4:09:15 28,7 89 26,2 Ressort-Magazin 2:05:20 14,4 43 12,6 Monothematische Sendung 2:29:01 17,2 74 21,8 Sonstiges . . Sprache 14:28:40 100,0 340 100,0 deutschsprachig 14:28:40 100,0 340 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 14:28:40 100,0 340 100,0 Musik 10:01:23 69,2 154 45,3 Verpackung 0:06:47 ,8 20 5,9 Regie- und Unterhaltungsmoderation 1:07:36 7,8 80 23,5 Wortunterhaltungsformen 0:10:50 1,2 5 1,5 Information 3:02:04 21,0 81 23,8 Vermittlungsform 3:02:04 100,0 81 100,0 Moderation mit Infocharakter 1:23:06 45,6 34 42,0 Service 0:16:10 8,9 11 13,6 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen 0:52:00 28,6 17 21,0 Narrative Darstellungsformen 0:22:52 12,6 13 16,0 Sonstige informierende Formen 0:07:56 4,4 6 7,4 Themenfelder der Berichterstattung** 3:02:47 100,0 82 100,0 Politische Sachthemen 0:56:07 30,7 22 26,8 Gesellschaft 1:33:20 51,1 47 57,3 Human Touch – – – – Private Lebenswelt 0:04:42 2,6 2 2,4 Sport 0:25:30 14,0 8 9,8 Sonstiges 0:03:08 1,7 3 3,7 Raumbezüge der Berichterstattung 3:02:04 100,0 81 100,0 Ohne Raumbezug 0:10:31 5,8 6 7,3 International/National 1:12:32 39,9 35 43,9 NRW 0:27:23 15,0 10 12,2 Sendegebiet 1:11:38 39,3 30 36,6 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 35 100,0 Führungselite 1 2,9 Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter 10 28,6 Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 7 20,0 Experten 4 11,4 Normalbürger 10 28,6 Soft-News-Akteure – – Sonstige 3 8,6 Tabelle A 29: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Unna (Antenne Unna) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 190 Zeit absolut Zeit in Prozent Fälle absolut* Fälle in Prozent Sendungsformate 8:25:06 100,0 233 100,0 Allgemeines Mischmagazin – – – – Musikmagazin 4:14:19 50,3 129 55,4 Ressort-Magazin 2:32:58 30,3 60 25,8 Monothematische Sendung 1:37:49 19,4 44 18,9 Sonstiges – – – – Sprache 8:25:06 100,0 233 100,0 deutschsprachig 8:25:06 100,0 233 100,0 fremdsprachig – – – – gemischt-sprachig – – – – Grundstruktur des Bürgerfunk-Angebots 8:25:06 100,0 233 100,0 Musik 6:17:12 74,7 95 40,8 Verpackung 0:03:24 0,7 21 9,0 Regie- und Unterhaltungsmoderation 0:39:13 7,8 70 30,0 Wortunterhaltungsformen 0:02:22 0,5 1 0,4 Information 1:22:55 16,4 46 19,7 Vermittlungsform 1:22:55 100,0 46 100,0 Moderation mit Infocharakter 0:52:56 63,8 30 65,2 Service 0:02:56 3,5 2 4,3 Nachrichten – – – – Journalistische Darstellungsformen – – – – Narrative Darstellungsformen 0:27:03 32,6 14 30,4 Sonstige informierende Formen – – – – Themenfelder der Berichterstattung** 1:22:55 100,0 46 100,0 Politische Sachthemen – – – – Gesellschaft 1:15:15 90,8 42 91,3 Human Touch 0:07:40 9,2 4 8,7 Private Lebenswelt – – – – Sport – – – – Sonstiges – – – – Raumbezüge der Berichterstattung 1:22:55 100,0 46 100,0 Ohne Raumbezug 0:17:53 21,6 11 23,9 International/National 0:55:33 67,0 30 65,2 NRW – – – – Sendegebiet 0:09:29 11,4 5 10,9 „Zu-Wort-Kommende“ im Bürgerfunk-Programm 42 100,0 Führungselite – – Honoratioren – – Funktions- und Entscheidungsträger „nach- geordneter Bedeutung“ – – Interessenvertreter – – Wirtschaftlicher Gegenbereich – – Vertreter aus dem Kulturbereich 30 71,4 Experten 3 7,1 Normalbürger 2 4,8 Soft-News-Akteure 7 16,7 Sonstige – – Tabelle A 30: Kernergebnisse der Bürgerfunk-Programmanalyse für den Standort Kreis Warendorf (Radio WAF) Daten: Programmanalyse des Bürgerfunks * Fälle entsprechen der Anzahl der Untersuchungseinheiten (= selbstständige Sendungselemente) ** Ohne Wetter und Veranstaltungstipps 191 Evaluation Bürgerfunk NRW 1 Codeplan Evaluation Bürgerfunk NRW I Sendungsbezogene Variablen ID [wird automatisch erstellt] ID 2 [wird automatisch erstellt] V 1 Senderkennung (Liste 1) V 2 Sendetag Zweistellig [01 - 31] V 3 Sendung Name der Sendung laut Selbstetikettierung V 4 Sendezeit runde Zeiten eintragen, z.B. 18-19 Uhr [Werteliste vorhanden] V 5 Speichermedium-Nr. Lfd.-Nr. V 6 Sendungstyp 1 Allgemeines Mischmagazin 2 Musikmagazin/Musiksendung 3 Ressort-Magazin (z.B. Soziales, Behinderte, 3. Welt usw., aber verschiedene Themen und Formen) 4 Monothematische Sendung (= Sendung ist einem Thema gewidmet) 5 6 9 Sonstiges V 7 Sprache 1 deutschsprachig/Mundart V 9 2 fremdsprachig V 8 3 gemischt-sprachig V 8 V 8 Auftauchende Sprachen Textfeld Ende 192 Evaluation Bürgerfunk NRW 2 V 9.1 Produzentengruppe 1 keine spezielle Produzentengruppe V 9.2 2 Migranten V 9.2 3 Frauen V 9.2 4 Schwule/Lesben V 9.2 5 Senioren V 9.2 6 Kinder/Jugendliche V 9.2 7 Kirche, Religion V 9.2 8 ... V 9.2 9 Interessengruppe V 9.1.1 10 ... V 9.2 11 Sonstige V 9.2 V 9.1.1 Interessengruppe Textfeld V 9.2 Zielgruppe und Special Interest 1 keine Zielgruppensendung V 10 2 Migranten V 10 3 Frauen V 10 4 Schwule/Lesben V 10 5 Senioren V 10 6 Kinder/Jugendliche V 10 7 Kirche, Religion V 10 8 ... V 10 9 Interessengruppe V 9.2.1 10 ... V 10 11 Sonstige V 10 V 9.2.1 Zielgruppe Textfeld II Vercodung auf Beitragsebene - UEs V 10 UE-Beginn Std:Min:Sek V 11 UE-Ende Std:Min:Sek V 12 UE-Dauer Min:Sek [wird automatisch erstellt] 193 Evaluation Bürgerfunk NRW 3 V 20 Typ 1 Musik Ende 2 Verpackung (alle Formen, z.B. Jingles, Trailer) Ende 3 Regie- und Unterhaltungsmoderation Ende 4 Wortunterhaltungsformen Ende 5 Wort (Information, inhaltlich, journalistisch) V 21 Vermittlungsform 1 Moderation mit Informationscharakter. Dieser Formtyp ist bestimmt durch eine deutlich stärkere Informationsleistung des Moderators im Hinblick auf die angesprochenen Themen und Inhalte, ohne dass der Moderator hierbei seine programmorientierende Funktion (Hinweis auf das Programmumfeld) gänzlich aufgibt. V 22 2 Service (hier vor allem wohl VTs) V 23 3 Nachrichten (Meldungen, Hinweise, ) V 24 4 Journalistische Darstellungsformen V 25 5 Narrative Darstellungsformen V 26 9 Sonstige informierende Formen V 30 V 22 Moderation mit Informationscharakter 1 Regie- u./o. Musikbezug zzgl. ausführl. Sachinformationen 2 Moderation u. Meldung/ Bericht/ Analyse/ Kommentar werden vermischt („der Moderator übernimmt partiell die Rolle des Journalisten“) 3 Gespräch mit dem Hörer 4 Interview mit Experten/ Politiker/ Künstler (z.B. Kochen)/ Gesprächsrunde im Studio 5 Moderator im Dialog mit Korrespondent V 23 Service 1 VTs (hier auch Sammel-VTs als eine UE/kein Akteur/ Lokalbezug/Thema C 60) 2 Rezepte 3 Hinweise, Hilfestellung, Beratung 4 Kurze Buchtipps 5 ... 9 Sonstiges V 24 Nachrichten 1 Sprechermeldung (mit u./o. ohne O-Ton), Moderator 2 Bericht 3 Korrespondentenbericht 4 Interview/Statement (O-Ton) 5 Kommentar 6 Sonstige 7 Nachrichtentelegramm (bei Thema immer C 10) 194 Evaluation Bürgerfunk NRW 4 V 25 Journalistische Darstellungsformen 1 Meldung 2 Bericht/ Kommentar/ Analyse/ Buchrezension (incl. Lesung) 3 Korrespondentenbericht (gebauter Beitrag, aber mit O-Ton oder Vor-Ort-Elementen) => V 62 4 Reportage/Feature 5 Interview/ Diskussion/ Statement (ohne Moderator) 9 Sonstiges V 26 Narrative Darstellungsformen (es wird etwas erzählt) 1 Verkündigung/ Meditation/ Selbsterfahrung 2 Erzählende/interpretierende Erläuterungen von Sachverhalten, Biographisches; Individuum 3 Feuilletonistische Ausführungen (zu Gegenständen der Kunst, Literatur etc.); Individuum 4 Gruppenselbstdarstellung, mit Forumsfunktion V 30 Raumbezug 1 Ohne Raumbezug 2 International/National 3 NRW (Bundesland) 4 Sendegebiet (Karte) V 40 Hauptthema des Beitrags [Vercodung nach Liste 2] V 41 Hauptthema des Beitrages Textfeld Stichwort V 50 Wer kommt zu Wort ? (O-Ton !) Anzahl der Zu-Wort-Kommenden pro UE in der jeweiligen Kategorie (Zählung!) V 50.1 Niemand kommt zu Wort => „1“ bedeutet „niemand“ Führungseliten (durch Amt, Funktion oder „strukturelle Macht“) V 50.2 Eindeutig Akteur des politisch-administrativen Systems (PaS), Repräsentanten institutionalisierter Gruppen (Politiker, Amtsinhaber, Funktionär etc.) aus Politik, Verbänden, Kirchen, Uni V 50.3 Honoratioren, große oder mittelständische Wirtschaftsunternehmen (u.a. Kammern). V 50.4 Funktions- u. Entscheidungsträger „nachgeordneter“ Bedeutung V 50.5 Interessenvertreter institutionalisierter Gruppen, die Anliegen von Randgruppen, Partialinteressen, Minderheiten etc. vertreten (z.B. Umweltverband, BUND, Greenpeace, amnesty international, GfbV); NGOs 195 Evaluation Bürgerfunk NRW 5 V 50.6 Wirtschaftlicher Gegenbereich V 50.7 Kultur (Vertreter kultureller Einrichtungen, Künstler) V 50.8 Experte (z.B. Wissenschaftler, Sportler) V 50.9 Normalbürger Betroffene, Interessierte, Aktive, Handelnde. V 50.10 Human-Touch-Akteure („Sex & Crime“) Kriminelle, Prominente der Populärkultur o. der lokalen Schickeria usw. V 50.11 Sonstige (z.B. Künstler) Zusatzvercodung V 61 Musikunterlegung 1 keine Musikunterlegung 2 Beitrag ist musikunterlegt (z.B. Service) V 62 Statements/Interviewelemente 1 keine Statements enthalten 2 enthält Statements/Interviewelemente (Hier sollen in gebauten Beiträgen die eingeschliffenen Äußerungen Externer vercodet werden. Große Interviews mit mehrfachem Wechsel von Frage-Antwort hingegen als eigene Form, s.o.) V 63 Besonderheiten I 1 Technische Auffälligkeiten (der Produktionstechnik, z.B. Fehlschaltungen, Sendelöcher, Pannen jeder Art, z.B. beim Frequenzsplitting, CD-Wechsel, Ton-Qualität) 2 Besonderheiten der Moderation (z.B. markante Moderation, sprachliche Besonderheiten wie Intonation, Satzbau, Satzmelodie, Sprechertempo, Stimme, Sprachverwendung, Versprecher) 3 Sonstige Auffälligkeiten 4 Du-Ansprache V 64 Besonderheiten II Textfeld (Bemerkung) 196 Evaluation Bürgerfunk NRW 6 Liste 1 – Senderkennung [Stand: Sept. 2003] (Verbreitungsgebiet, Kennziffer, Radiowerkstätten, Lokalradio) Code Verbreitungsgebiet [Kennziffer] Lokalradio Stadt Aachen [01] Aachen 100, eins 11 Studio K 12 Arbeitskreis Rundfunk Aachen (ARA) 13 Förderverein Aachener Radio e.V. (FARa) Kreis Aachen [02] 107.8 Antenne AC 21 Medienverein Aachen e.V. Bielefeld [03] Radio Bielefeld 31 Krankenhausfunk Bielefeld e.V. 32 Tiere im Kulturdschungel e.V. 33 Bielefelder Jugendring e.V. 34 GfL-BlaumannKanal (GfB) 35 BI Bürgerwache e.V. Bochum [04] Radio 98.5 41 URBO e.V. 42 VHS Bochum 43 Salzstreuer-Redaktion/Adventgemeinde 44 Ruhr Radio XXL 45 Audio-Worx e.V. 49 Neue Essener Welle (identisch mit Essen) Bonn/Rhein-Sieg-Kreis [05] Radio Bonn/Rhein-Sieg 51 Kath. Bildungswerk Bonn 52 Förderverein Radio Rhein-Sieg e.V. 53 Radiowerkstatt LORA 54 AG Vorgebirgsstudio Merten e.V. 55 Studio Eins e.V. 56 RASPEL Borken [06] Lokalfunk für den Kreis Borken 61 aktuelles forum - VHS - 62 Freizeitanlage Aa-See Bocholt e.V. 63 Bistumsstudio West Bocholt Bottrop/Gelsenkirchen/ Gladbeck [07] Radio Emscher-Lippe 71 Radio Kaktüs e.V. 72 Radio FLR 73 Radio Powerwelle 74 Radio am Ort 75 RW Städt. VHS 197 Evaluation Bürgerfunk NRW 7 Coesfeld [08] Radio Kiepenkerl 81 VHS Dülmen-Haltern-Havixbeck Dortmund [09] Radio 91,2 91 Musik Kreativ e.V. 93 Kathol. Medienwerkstatt 94 ard e.V. – c/o Radio 91,2 Düren [10] Radio Rur 101 Die Eifelstudios 102 Erster Dürener Rundfunkverein (EDR) Düsseldorf [11] Antenne Düsseldorf 111 RW im ASG Bildungsforum 112 Medienzentrum Rheinland 113 FFFZ Medienhaus 114 Medienverein Düsseldorf 115 Radiowerkstatt Bilk e.V. 116 SVJZ Haus Spilles 117 Hochschulradio Düsseldorf e.V. Duisburg [12] Radio Duisburg 121 Sender RIO 122 Medienforum Duisburg e.V. 123 Radio Sturmflut Ennepe-Ruhr-Kreis [13] Radio en 131 Krankenhausfunk im Diakoniewerk Ruhr (Witten) 133 Stadt Gevelsberg - Jugendzentrum - Erftkreis [14] Radio Erft 141 Kath. Bildungswerk im Erftkreis 142 VHS Frechen 143 Radio ELF Essen [15] Radio Essen 151 espo-radio (Stadtsportbund) 152 Neue Essener Welle 153 Stadtfunk Essen e.V. 154 Falken-Studio Essen e.V. 155 Radio Essen e.V. Euskirchen [16] Radio Euskirchen 161 Bürgerfunk für Euskirchen e.V. Gütersloh [18] Radio Gütersloh 171 VHS der Stadt Gütersloh Hagen [19] Radio Hagen 181 DGB Kr. Reg. Hagen/Ennepe 198 Evaluation Bürgerfunk NRW 8 Hamm [20] Radio Lippewelle Hamm 201 VHS Hamm Heinsberg [21] Welle West 202 Radiowerkstatt HS 203 Radio Fanatic 204 Bürgerfunkstudio Welle West Herford [22] Radio Herford 221 Christlicher Medienfunk 222 VHS im Kreis Herford 223 Ost-Westfalen Funk Radioproduktion e.V. 224 Christliches Bürger-Radio 225 CVJM Herford-Stadt e.V. Herne [23] Radio Herne 90acht 231 SJD – Die Falken 232 VHS Herne Hochsauerlandkreis [24] Radio Sauerland 241 Sauerland Welle Höxter/Paderborn [25] Radio Hochstift 251 Medienverein Paderborn-Höxter 252 Bürgerradio Beverungen (BrB) 253 Freie Radiogruppe Paderborn/Höxter Kleve [26] Antenne Niederrhein 261 AV-Studio 262 Studio Mobil 263 Welle Wachtendonk Köln [27] Radio Köln 107,1 271 Kath. Bildungswerk Köln 272 Studio Meilensteine 273 Studio ECK e.V. 274 VHS Köln im Komed 275 JFC Medienzentrum Köln 276 Bild u. Ton – Colonia e.V. 277 Freier Lokalrundfunk Köln e.V. (FLoK) 278 Förderverein Lokaler Rundfunk Köln e.V. 279 DGB Region Köln-Leverkusen-Erft Krefeld/Viersen [28] Welle N Niederrhein 281 Studio K 282 Studio für Bürgerradio 283 East-Side-Studio 284 Studio tv 285 IGL Tönisvorst 286 IG Radiowerkstatt Krefeld 199 Evaluation Bürgerfunk NRW 9 Leverkusen [29] Radio Leverkusen 291 Kath. Familienbildungsstätte Leverkusen 292 AG Bürgerfunk 293 Förderverein Jugendkunstgr. e.V. Kreis Lippe [30] Radio Lippe 301 GfL / Deck 2 (GfB) 302 VHS Lippe-Ost 303 Medienbüro Lippe e.V. (Medienwerkstatt) Märkischer Kreis [31] Radio MK 311 Radioverein Märkischer Kreis 312 Fölok Iserlohn 313 Bürgerradio Süderland 314 Studio MK e.V. Mettmann [32] Radio Neandertal 97,6 321 VHS Ratingen - Radiothek - 322 VHS Velbert-Heiligenhaus 323 Kath. Bildungswerk Kreis Minden-Lübbecke [33] Radio Westfalica 331 VHS Altkreis Lübbecke 332 VHS Bad Oeynhausen 333 VHS Minden 334 Medienwerkstatt Minden-Lübbecke Mönchengladbach [34] Radio 90,1 Mönchengl. 341 Radiowerkstatt EXLEX 342 AG Medien u. Kommunikation (Niersradio) Mülheim/Oberhausen [35] Antenne Ruhr 351 RW im Bert-Brecht-Haus 352 RW Oberhausen e.V. 353 Radio Ruhr e.V. 354 Heinrich-Thöne VHS Stadt Münster [36] Antenne Münster 361 Akademie Franz-Hitze-Haus 362 VHS Münster 363 Medienforum Münster e.V. 364 Offener Bürgerkanal (Studio B Bürgerfunk Bennohaus) Neuss [37] NE-WS 89,4 371 VHS Meerbusch 372 Familienforum Edith Stein (ehem. Willi-Graf-Haus) 373 Jugendkunstschule Grevenbroich 374 Kreismedienzentrum Neuss 200 Evaluation Bürgerfunk NRW 10 Oberberg./Rheinisch-Berg. Kreis [38] Radio Berg 381 Bergische Welle/Berg-Welle 382 Radiotreff GL 383 Kath. Bildungsforum 384 Studio „Wave of Light“ (WOL) 385 Studio Aggerwelle Recklinghausen [42] Radio FiV 421 Radio Mikro Welle 422 Funkhaus Marl Remscheid/Solingen [43] Radio RSG 431 Kath. Bildungswerk Solingen 432 VHS Stadt Solingen 433 Kraftstation 434 Städt. Klinikum Solingen/ Studiowelle 2 435 Radiowerkstatt GfL Kreis Siegen-Wittgenstein [46] Radio Siegen 461 Radioförderverein Siegerland-Wittgenstein e.V. 462 FV Regionalfunk Siegen-Wittgenstein Kreis Soest [47] Hellwegradio 471 Förderverein Radio Lippeland e.V. Kreis Steinfurt [49] Radio RST 491 VHS Steinfurt 492 Evang. Kirchengemeinde Westerkappeln Kreis Unna [50] Antenne Unna 501 Evangelischer Kirchenkreis 502 Radio Spontan 503 GEBIKO e.V. im Kreis Unna Kreis Warendorf [52] Radio WAF 521 VHS Ahlen 522 VHS Warendorf Kreis Wesel [53] Radio KW 531 VHS der Stadt Wesel 532 VHS der Stadt Moers 533 VHS & GHS Büfu-Studio Rheinberg 534 Studio S (Medienwerkstatt e.V.) 535 VHS-Zweckverband Dinslaken-Voerde-Hünxe Stadt Wuppertal [54] Radio Wuppertal 541 Kath. Bildungswerk 542 VHS Bürgerradio 543 Bürgerradio Impuls 201 Evaluation Bürgerfunk NRW 11 Liste 2 - Themen Politische Sachthemen: politische Strukturen und Prozesse; Politiker/ politisch; Verwaltung (Exekutive); gesellschaftlich (materiell oder ideell) relevante kontroverse Themen 10 Politik 11 Polizei 12 Verwaltungsthemen, die nicht im engeren Sinn „politisiert“, d.h. Teil einer Kontroverse sind. 13 Wirtschaftliche Sachthemen, Strukturen und Prozesse; auch Unternehmer/Gewerkschafter etc. - sofern ihre Thematisierung nicht manifest volkswirtschaftliche und/oder wirtschaftspolitische Bezüge hat (=> manifest wirtschaftspolitische Bezüge = Politik!) 14 Gesellschaft („Welt“) - sofern grundlegende moralische Fragen, Kontroversen angesprochen werden, die „vordergründig“ (noch) nicht im politischen System aufgegriffen bzw. „bearbeitet“ wurden 15 Sonstige politische Themen Gesellschaft („Welt“) - unpolitisch, nicht kontrovers (Subsystem-Kontroversen, wie etwa Streit über die Entwicklung des modernen Balletts können in diesem Kontext durchaus auftreten) 20 Wirtschafts-/Arbeitsleben (Einzelunternehmen etc. - keine unmittelbare gesamtgesellschaftliche Bedeutung) 21 Wissenschaft, Gesundheitssystem, Bildung, Forschung, Technologie 22 Gesellschaftliches Leben, Alltagskultur, Heimat, Traditionspflege 23 „Hochkultur“, Kirche, Religion 24 Popkultur, Medien, Werbung 25 Natur, Tier- und Pflanzenwelt, Landschaften, Regionen 26 Musik 27 Sonstiges Human Touch 30 Personality 1: Prominenz (Personen, Leben, Glück, Unglück) 31 Personality 2: Normalbürger in extremen Bezügen (Kurioses, Intimes, Glück, Unglück, Schicksale) 32 Lifestyle 33 Kriminalität/Verbrechen (Gerichtsverhandlungen/-urteile) => personalisiert 34 Unfälle/ Katastrophen/ Not 35 Erotik/Sexualität (unpersönlich) 36 Tierstories („vermenschlicht“) 37 Sonstiges Private Lebenswelt 40 Auto/Verkehr 41 Reisen/Urlaub 42 Ernährung/ Gesundheit/ Medizin 43 Sonstige Verbraucherthemen; auch: Rechtsberatung, Bürgerhilfe, Mode 44 Psychologie/Esoterik 45 Partnerbeziehungen/ Erotik/ Sexualität 46 Wohnen/ Haus(halt)/ Garten/ Hobby/ Haustiere 47 Sonstige Freizeitthemen 202 Evaluation Bürgerfunk NRW 12 50 Sport 60 Sonstiges 70 Wetter 203 Befragung der Bürgerfunkproduktionsstätten (Radiowerkstätten) in Nordrhein-Westfalen durchgeführt vom Institut für Medienforschung •Göttingen &Köln März 2004 1. Gibt es in der Arbeit Ihrer Radiowerkstatt eine inhaltliche/thematische Schwerpunktsetzung bzw. Ausrichtung? Gemeint ist damit, ob die von Ihren Bürgerfunkgruppen produzierten Hörfunkbeiträge überwiegend in einem bestimmten Themenfeld an- gesiedelt sind. nein ja. Unser Schwerpunkt liegt in dem Bereich: _________________________________________ _________________________________________ 2. Richtet sich die Produktion Ihrer Radiowerkstatt vorrangig an bestimmte Zielgruppen? nein ja. Unsere Zielgruppen sind: __________________ __________________________________________ __________________________________________ Ausstattung und Sendevolumen 3. Wie viele Sendeminuten wurden von Ihrer Radio- werkstatt in 2003 (alle 4 Quartale zusammen) pro- duziert bzw. abgerechnet? ____________ Sendeminuten 4. Wie groß ist das durchschnittliche monatliche Sendevolumen der Produktionen Iihrer Radiowerk- statt im Lokalradio? ____________ in Sendestunden 5. Wie verteilen sich Ihre ausgestrahlten Produktio- nen auf die beiden Sendeblocklängen? 26 Min.-Block: Anteil von _______ % und 52 Min.-Block: Anteil von _______ % 6. Wird ein Kontingent mit freien Sendeplätzen für sporadisch produzierende Bürgerfunkgruppen frei- gehalten? nein ja, und zwar durchschnittlich ca. _____ Stunden pro Monat 7. Wie viele Bürgerfunkgruppen haben im Jahr 2003 in Ihrer Radiowerkstatt produziert? _____________ Bürgerfunkgruppen insgesamt davon: _____ regelmäßig _____ sporadisch 8. Wie viele aktive Personen waren an diesen Bürger- funkproduktionen insgesamt beteiligt? _____________ Personen 204 Evaluation des Bürgerfunks in NRW Befragung der Radiowerkstätten 2 9. An wie vielen Tagen pro Monat wurde im Jahre 2003 im Durchschnitt Ihr Studio ausschließlich für Hörfunkproduktionen genutzt? _____________ Tage pro Monat 10. Wie viele Räume stehen der Radiowerkstatt insge- samt zur Verfügung? (Büro, Studio, Aufnahme- räume) _____________ Räume 11. Werden diese Räume ausschließlich für die Hör- funkproduktion inkl. deren Vorbereitung (auch Hör- funkseminare, Radiokurse etc.) genutzt? ja nein, es findet eine Mischnutzung mit anderen Akti- vitäten, die nicht als Ziel die Produktion eines Radi- obeitrages haben, statt: Reine Hörfunkproduktion: ______ % Allgemeine Medienarbeit ______ % Andere Nutzung: ______ % 12. Wie groß (in m 2 ) ist in etwa die Gesamtfläche der Radiowerkstatt? ______________ m2 13. Auf welchen Ebenen betreibt Ihre Radiowerkstatt Öffentlichkeitsarbeit? (Mehrfachnennung möglich) Presse Lokalradio Internet Plakate/Flyer Sonstige __________________________________ 14. Gibt es in der Zusammenarbeit mit der Presse Schwierigkeiten? nein ja Wenn ja, welche? ___________________________ ___________________________________________ ___________________________________________ Organisation und Personal 15. Ist Ihre Radiowerkstatt in eine andere (übergeord- nete) Institution (VHS, Kirche, Gewerkschaft, kommunales Medienzentrum) eingebunden bzw. deren Bestandteil? nein ( weiter mit Frage 17) ja, und zwar folgender Trägerinstitution: VHS Gewerkschaft Kirche Sonstige _______________________________ ________________________________________ 16. Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit der Trä- gerorganisation einschätzen? weitgehend reibungslos und unproblematisch mehr oder minder problematisch und konfliktträchtig in folgenden Bereichen: ______________________ __________________________________________ __________________________________________ 17. Wie viele Personen insgesamt sind gegen Entgelt (hauptberuflich, nebenberuflich oder gegen Hono- rar) vom Umfang ihrer Tätigkeit her für die Radio- werkstatt tätig? _____________ Personen 18. Wie viele Personen sind ehrenamtlich für die Ra- diowerkstatt tätig? (nicht gemeint ist die Tätigkeit der Bürgerfunkgruppen) _____________ Personen 19. Wie viel Prozent des gesamten Arbeitsaufwandes, der in ihrer Radiowerkstatt anfällt, wird ggf. von Ehrenamtlichen ausgeübt? _____________ Prozent 20. Ist Ihre Radiowerkstatt Mitglied in einem Interes- senverband (z.B. LBF, IGR)? nein ja, und zwar im: ____________________________ _________________________________________ 21. Gibt es Kooperation bzw. Zusammenarbeit (z. B. Technik, Personal) zwischen Ihrer und anderen Radiowerkstätten? nein ja, in Form von: ____________________________ _________________________________________ _________________________________________ 22. Wie viele Qualifizierungsmaßnahmen bieten Sie pro Jahr an? _____________ Praxisarbeit 23. Die Arbeitsaufgaben einer Radiowerkstatt umfas- sen ein großes Bündel von Aufgaben und Funktio- nen. Mit der Beantwortung der nachfolgenden Fra- ge sollen Sie in etwa einschätzen, wie sich der Ge- samtarbeitsaufwand auf einzelne Bereiche verteilt (Achten Sie bitte darauf, dass die Summe 100 Prozent ergibt). a) reine Beitragsproduktion, Mitarbeit, techni- sche u. inhaltliche Betreuung der Produktion, Beratung: _____ % 205 Evaluation des Bürgerfunks in NRW Befragung der Radiowerkstätten 3 b) Qualifizierung der Produktionsgruppen (Schulungen, Fortbildung, Workshops): _____ % c) Rekrutierung neuer Produktionsgruppen, Öffentlichkeitsarbeit: _____ % d) Verwaltung, Büro, Statistik, Abrechnung, technische Abwicklung, Koordination etc.: _____ % e) Lobbyarbeit, Mitarbeit in Verbänden auf loka- ler und regionaler Ebene etc.: _____ % 24. Bieten Sie neben den o.g. Tätigkeiten noch weitere Angebote (z.B. Internetschulungen, Medienprojek- te) an, die nicht als Ziel die Produktion eines Ra- diobeitrages haben? nein ja 25. Wie ist aus Ihrer Sicht die Kooperation mit dem Lokalradio ? häu- fig sel- ten nie Das Lokalradio hält sich an Ver- einbarungen mit uns. Es gibt Pannen bei der Ausstrahlung der Bürgerfunkproduktionen (Band nicht eingelegt, automatisches Abfahren, Sendeloch, Sendungsab- bruch, kompletter Ausfall etc.). Es gibt den Ausfall bzw. die Ver- schiebung der Ausstrahlung wegen aktueller Sport-Übertragungen des Lokalsenders. Es herrscht ein kooperativer, gleich- berechtigter Umgang, entspanntes Verhältnis. Es gibt eine deutliche Abgrenzung, Distanzierung des Lokalradios von den Bürgerfunkproduktionen. Es findet eine Verdrängung auf un- attraktive Sendeplätze statt. Es kommt zur Ablehnung von Sen- dungen. Unsere Wünsche an das Lokalradio sind: _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ 26. Wünschen Sie eine Ausweitung des Sendevolu- mens Ihrer Radiowerkstatt über das bestehende Kontingent hinaus (um Angebot und Nachfrage auszugleichen)? Nein, da das Sendeplatzkontingent ohnehin nicht ausgeschöpft wird. Nein, da das Sendeplatzkontingent ausreichend ist. Ja, und zwar im Umfang von ____ Stunden pro Woche. 27. Wie ist aus Ihrer Sicht das Verhältnis (Zusammen- arbeit, Einflussnahme, Förderung) zwischen den Radiowerkstätten (generell) und der Landesanstalt für Medien (LfM)? (Ordnen Sie bitte ein.) trifft stark zu gar nicht zu Die Betreuung durch die LfM ist gut und intensiv. Die formalen Anforderungen (Verwaltungstätigkeiten, For- mulare ausfüllen, Schriftver- kehr, Listen führen) an die Ra- diowerkstätten sind sehr hoch. Die Förderung bzw. Finanzie- rung der Produktionstätigkeiten ist hinreichend. Die gesetzlichen Anforderun- gen (eine Fortbildung pro Jahr, Studioauslastung, Gruppen- zahl) an die Radiowerkstätten sind angemessen. 28. Beurteilen Sie die Arbeit der Bürgerfunkgruppen in Ihrer Radiowerkstatt! Die Sichtweise soll dabei aus der Perspektive der Radiowerkstatt vorgenommen werden. Für wie viel Prozent Ihrer Bürgerfunkgruppen tref- fen jeweils folgende positiven Merkmale zu? (Die Summe muss nicht 100 Prozent ergeben!) a) Die Initiative zu Beitragsproduktionen geht primär von den Bürgerfunkgruppen aus. _____ % b) Die Kontinuität, Ausdauer und Verbindlichkeit der Gruppen ist groß. _____ % c) Die Qualität der Produktionen entspricht unseren Erwartungen. _____ % d) Unsere Vorgaben bei der Beitragsproduktion werden eingehalten. _____ % e) Die Produktionen sind so, dass eine techni- sche und journalistische Kontrolle kaum not- wendig ist. _____ % 206 Evaluation des Bürgerfunks in NRW Befragung der Radiowerkstätten 4 29. Gibt es in Ihrer Sendepraxis ein "Vor-Format" bzw. eine "Formatanlehnung" bezogen auf den Über- gang - und auch darüber hinaus - vom Lokalradio- programm zum Bürgerfunkprogramm? (Wort und Musik) nein ja, und zwar ca. ____ % 30. Welche Formen der Formatanlehnung kommen zum Tragen? (Mehrfachnennung möglich) Orientierung am Musikformat des Lokalradios Orientierung an der Wortbeitragslänge des Lokalra- dios Sonstige Formen: ___________________________ 31. Wie schätzen Sie die Einbindung Ihrer Radiowerk- statt in das soziale und kulturelle Geschehen Ihrer Kommune ein? schwach mittel stark 32. Unsere wichtigsten lokalen Kooperationspartner sind? _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ Statistik 33. Wie viele durch die LfM anerkannten Radiowerk- stätten gibt es insgesamt im Verbreitungsgebiet Ih- res Lokalradios? __________ 34. Welche lokale Organisationsform gibt es unter den Radiowerkstätten vor Ort? keine AG Sonstige: _________________________________ 35. Seit wann existiert Ihre Radiowerkstatt? (nicht gemeint ist das Jahr der Anerkennung) ___________ (Angabe des Jahres) 36. Wie groß ist die Zahl der Einwohner des Verbrei- tungsgebietes, in dem Ihre Radiowerkstatt ange- siedelt ist? ___________ Einwohner 37. Wie groß ist die Stadt/Kommune, in der die Radio- werkstatt ihren Sitz hat? bis unter 2.000 Einwohner 2.000 bis unter 5.000 Einwohner 5.000 bis unter 20.000 Einwohner 20.000 bis unter 100.000 Einwohner 100.000 bis unter 500.000 Einwohner 500.000 Einwohner und mehr Weitere Anmerkungen zur Situation der Radiowerkstät- ten in NRW oder zu Ihren speziellen Problemen: _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ Vielen Dank! Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne telefonisch unter 0551 - 63 28 73 oder per E-Mail info@imgoe.deinfo@imgoe.de zur Verfügung. Ihr Institut für Medienforschung • Göttingen & Köln 207 Befragung der Bürgerfunkgruppen in Nordrhein-Westfalen - Gruppenfragebogen - durchgeführt vom Institut für Medienforschung •Göttingen &Köln April 2004 208 Evaluation des Bürgerfunks in NRW Befragung der Bürgerfunkgruppen 2 1. Gibt es in der Arbeit Ihrer Bürgerfunkgruppe eine inhaltliche/thematische Schwerpunktsetzung bzw. Ausrichtung? Gemeint ist damit, ob die von Ihrer Bürgerfunkgruppe produzierten Hörfunkbeiträge überwiegend in einem bestimmten Themenfeld an- gesiedelt sind. nein ja. Unser Schwerpunkt liegt in dem Bereich: _______________________________________ _______________________________________ 2. Nennen Sie bitte Ihre letzten 5 Sendungstitel! 1 _______________________________________ 2 _______________________________________ 3 _______________________________________ 4 _______________________________________ 5 _______________________________________ 3. Richtet sich die Produktion Ihrer Bürgerfunkgrup- pe vorrangig an bestimmte Zielgruppen? nein ja. Unsere Zielgruppen sind: _______________________________________ _______________________________________ 4. Benennen Sie die publizistischen Ziele bzw. redak- tionellen Konzepte (Leitbilder, Zielsetzungen, Be- weggründe, Absichten) Ihrer Bürgerfunkgruppe? so etwas haben wir nicht unsere publizistischen Ziele sind: _______________________________________ _______________________________________ _______________________________________ Produktionspraxis 5. Ist Ihre Bürgerfunkgruppe eine regelmäßig oder sporadisch produzierende Gruppe? regelmäßig, und zwar _____ (Häufigkeit im Monat) sporadisch, und zwar _____ (Häufigkeit im Jahr) 6. Ist Ihre Bürgerfunkgruppe mit der Infrastruktur Ihrer Radiowerkstatt zufrieden? (Produktionsbedin- gungen, Räumlichkeiten, Zeiten, Technik) ja, sehr mehr oder weniger nein, Gründe: ______________________________________ ______________________________________ 7. Hat Ihre Bürgerfunkgruppe einen festen Sende- platz? nein ja, und zwar: Wochentag: ____________________ Uhrzeit: von _________ bis ________ 8. Sind Sie mit diesem Sendeplatz zufrieden? ja nein, weil: _________________________________ 9. Wie groß ist das monatliche Sendevolumen Ihrer ausgestrahlten (Bürgerfunk-)Produktionen? bis 1 Stunde 1 bis 2 Stunden 2 bis 4 Stunden 4 bis 6 Stunden über 6 Stunden 10. Ist dieses Sendevolumen für Ihre Bürgerfunkgrup- pe ausreichend? ja nein, weil: _________________________________ 11. Welche Typen von Beiträgen/Sendungen werden von Ihrer Bürgerfunkgruppe produziert? (Mehr- fachnennungen möglich) Interviews, Studiogespräche Gebaute Beiträge, Korrespondentenberichte Feature, Reportage Kommentare, Analysen „Narrative Formen“ („erzähltes Leben“, Erinnerun- gen, Berichte von Bürgern) Beratung, Service Musiksendungen Sonstige, das sind: __________________________ 209 Evaluation des Bürgerfunks in NRW Befragung der Bürgerfunkgruppen 3 12. Wie ist aus Ihrer Sicht die Kooperation zwischen Bürgerfunkgruppe und Lokalradio? unproblematisch problematisch, aus folgenden Gründen: ______________________________________ ______________________________________ Außenbeziehungen 13. Gibt es Kontakte bzw. Austauschbeziehungen zwischen den Bürgerfunkgruppen Ihrer Radio- werkstatt untereinander? häufig selten, sporadisch nie 14. Gibt es Kontakte bzw. Austauschbeziehungen zu auswärtigen Bürgerfunkgruppen? häufig selten, sporadisch nie 15. Bietet Ihre Bürgerfunkgruppe Möglichkeiten an, damit die Hörerschaft mit Ihnen in Kontakt treten kann? nein. Warum nicht? ________________________ _______________________________________ ja, und zwar folgende: Angabe der Telefonnummer E-Mail-Adresse Chat Offene Gruppentermine Sonstiges _______________________________ _______________________________________ 16. Gibt es Rückmeldungen (Feedback) aus der Hö- rerschaft auf Ihre Produktionen? ja, relativ häufig. Pro Sendung durchschnittlich ____ nein, kaum oder selten. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für dieses schwache Feedback? ____________________________________________ 17. Betreiben Sie in Ihrer Bürgerfunkgruppe Öffent- lichkeitsarbeit, um Ihre (Bürgerfunk-)Beiträge be- kannt zu machen? nein, aus folgenden Gründen: _________________ _______________________________________ ja, und zwar folgende (Mehrfachnennungen mög- lich): Pressearbeit On-air-Promotion (Hinweise im Bürgerfunkpro- gramm auf eigene Sendungen) Internet (eigene Website) Flyer, Handzettel, Plakate Sonstiges, und zwar: ______________________ _______________________________________ 18. Wie ist aus der Sicht Ihrer Gruppe die Zusammen- arbeit mit Ihrer Radiowerkstatt? trifft stark zu trifft gar nicht zu Die technische Produktions- hilfe ist gut und intensiv. Es findet eine redaktionell- inhaltliche Betreuung/Beratung unserer Produktionen statt. Die Qualifizierungsmaßnah- men unserer Radiowerkstatt sind hilfreich. Unsere Interessenvertretung gegenüber dem Lokalradio wird durch unsere Radiowerk- statt gut wahrgenommen. 19. Wie schätzen Sie die Einbindung (Vernetzung) Ihrer Bürgerfunkgruppe in das soziale und kultu- relle Geschehen Ihrer Kommune ein? schwach mittel stark 20. Unsere wichtigsten lokalen Kooperationspartner sind? _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ _______________________________________________ 210 Evaluation des Bürgerfunks in NRW Befragung der Bürgerfunkgruppen 4 Statistik 21. Seit wann gibt es Ihre Bürgerfunkgruppe? ___________ Angabe des Jahres 22. Wie viele Mitglieder umfasst Ihre Bürgerfunkgrup- pe? ___________ Mitglieder 23. Wie groß ist die Zahl der Einwohner des Verbrei- tungsgebietes, in dem Ihre Bürgerfunkgruppe an- gesiedelt ist? ___________ Einwohner 24. Wie groß ist die Stadt/Kommune, in der Ihre Bür- gerfunkgruppe Ihren Sitz hat? bis unter 2.000 Einwohner 2.000 bis unter 5.000 Einwohner 5.000 bis unter 20.000 Einwohner 20.000 bis unter 100.000 Einwohner 100.000 bis unter 500.000 Einwohner 500.000 Einwohner und mehr Vielen Dank! Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne telefonisch unter 0551 - 63 28 73 oder per E-Mail info@imgoe.deinfo@imgoe.de zur Verfügung. Ihr Institut für Medienforschung • Göttingen & Köln 211 Befragung der Bürgerfunkgruppen in Nordrhein-Westfalen - persönliche Befragung - durchgeführt vom Institut für Medienforschung •Göttingen &Köln April 2004 212 Evaluation des Bürgerfunks in NRW Befragung der Bürgerfunker 2 1. Welche Beweggründe sind es, aus denen heraus Sie Bürgerfunk produzieren? (Kreuzen Sie bitte an, was auf Sie stark, weniger stark oder überhaupt nicht zutrifft) stark weni- ger stark über- haupt nicht Mir geht es vor allem darum, etwas Neues zu lernen. Die Bürgerfunkproduktion ist für mich eine sinnvolle, vernünftige Freizeitgestaltung. Für mich steht im Vordergrund das soziale Engagement (über Personen und Themen berichten, die in der Gesellschaft „zu kurz kommen“). Für mich geht es beim Bürgerfunk um das Herstellen von „Gegenöf- fentlichkeit“ (Beiträge bringen, die in anderen Medien fehlen). Ich möchte mich durch die Bürger- funktätigkeit auf einen Beruf in den Medien vorbereiten. Ich möchte vor allem meine eigene Musik in den Sendungen spielen. Mir geht es vor allem darum, meinen Verein (Interessengruppe, Selbst- hilfegruppe etc.) über den Hörfunk bekannt zu machen. Ich möchte mit Hilfe unserer Radio- produktion im politisch-gesellschaft- lichen lokalen Geschehen etwas bewirken. Sonstige Gründe: _______________________________ ____________________________________________ 2. Wie zufrieden sind Sie mit den Arbeitsergebnissen bzw. den Produktionen Ihrer Bürgerfunkgruppe? sehr zufrieden teilweise zufrieden unzufrieden Bei „teilweise zufrieden“ und „unzufrieden“: Was ist es, womit Sie nicht zufrieden sind? ____________________________________________ ____________________________________________ 3. Haben Sie persönlich schon an Qualifizierungs- maßnahmen für die Radioproduktion teilgenom- men? bisher noch nicht, weil: ______________________ _______________________________________ ja, bisher schon ______ mal Diese Qualifizierungsmaßnahmen richteten sich auf folgende Bereiche (Mehrfachnennungen möglich): Rundfunkrechtliche Aspekte Technikeinführung Darstellungsformen im Hörfunk Sprech- und Sprachtraining Interviewtechniken Recherchetätigkeit „Schreib-Werkstatt“ (Abfassen von Beiträgen) Sonstiges: ________________________________ _______________________________________ 4. Wo liegen bei Ihnen die Hauptinteressen hinsicht- lich einer konkreten Sendungs- bzw. Beitragspro- duktion? (Kreuzen Sie bitte an, was auf Sie stark, we- niger stark oder überhaupt nicht zutrifft) stark weni- ger stark über- haupt nicht Technische Realisierung einer Hörfunksendung. Die Recherchetätigkeiten bzw. das inhaltliche Arbeiten. Mich selbst mit meiner Stimme in eine Radioproduktion einbringen zu können. Die Musikzusammenstellung ge- stalten zu können. 213 Evaluation des Bürgerfunks in NRW Befragung der Bürgerfunker 3 5. Welche Medien nutzen Sie persönlich? (fast) täg- lich mehr mals pro Mo- nat (fast) nie Tageszeitung lesen Zeitschriften lesen Radio hören, allgemein Unser Lokalradio Fernsehen Internet CDs, Schallplatten, Cassetten Fachbücher, -zeitschriften Bücher lesen Statistik Hier zum Abschluss ein paar persönliche Fra- gen, die statistischen Zwecken dienen (um ein Profil der Mitarbeiter/innen von Bürgerfunkgrup- pen zeichnen zu können). 6. Seit wann sind Sie Mitglied in dieser Bürgerfunk- gruppe? unter einem Jahr 1-2 Jahre 3-5 Jahre länger als 5 Jahre 7. Sind Sie parallel noch in einer anderen Bürger- funkgruppe aktiv? ja nein 8. Sind Sie parallel noch in einem Verein/einer Initia- tive aktiv? nein ja, welche: ____________________________ 9. Ihr Geschlecht: weiblich männlich 10. Ihr Alter: Geburtsjahrgang: ___________ 11. Ihr letzter Schulabschluss? Hauptschule oder Mittlere Reife Abitur/Hochschulreife (Fach-Abi) Sonstiger 12. Ihre Berufsausbildung oder Studium? Berufsausbildung Fachhochschul-/Hochschulabschluss Sonstiges: _________________________________ 13. Sind Sie gegenwärtig berufstätig oder nicht be- rufstätig? nicht (mehr) berufstätig berufstätig als: ______________________________ Vielen Dank! Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne telefonisch unter 0551 - 63 28 73 oder per E-Mail info@imgoe.deinfo@imgoe.de zur Verfügung. Ihr Institut für Medienforschung • Göttingen & Köln S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 D-10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 49 48 Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 3-89158-420-2 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 3-89158-410-5 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 3-89158-408-3 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 3-89158-397-4 Euro 25,– (D) : Der Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen ermöglicht grundsätzlich allen Bürgerinnen und Bürgern des Landes, im Hörfunk selbst produzierte Beiträge zu senden. Die Organi- sationsstrukturen des Bürgerfunks in NRW sind bundesweit einmalig: An allen Stand- orten des Lokalfunks in NRW sind Bürgerfunksendezeiten in das Programm integriert. Zudem existiert über die Radiowerkstätten ein flächendeckendes Netz von Produk- tionshilfeeinrichtungen. Die Studie untersucht sowohl die Organisations- und Hand- lungsstrukturen als auch die Programminhalte des Bürgerfunks. Der Status quo und die Entwicklungsmöglichkeiten des Bürgerfunks in NRW werden detailliert dargestellt. Prof. Dr. Helmut Volpers Institut für Informationswissenschaft, Fachhochschule Köln Institut für Medienforschung IMGÖ, Göttingen & Köln Detlef Schnier Institut für Medienforschung IMGÖ, Göttingen & Köln Christian Salwiczek Institut für Medienforschung IMGÖ, Göttingen & Köln Umschlagfotografie: röhr:wenzel, journalistenbüro,Berlin ISBN 3-89158-420-2 Euro 15,- (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen. Eine Organisations- und Programmanalyse 51 Vo lp er s / Sc hn ie r / Sa lw ic ze k Bü rg er fu nk in N or dr he in -W es tf al en Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 51 Helmut Volpers, Detlef Schnier, Christian Salwiczek RZ. LfM-Bd_51 24.11.2005 18:04 Uhr Seite 1
Forschung
in Computerspielen: Herausforderungen für das Medienrecht und die Förderung von Medienkompetenz : Computerspiele gehören heute zu den beliebtesten Unterhaltungsangeboten bei Kindern und Jugendlichen. Neuerdings gewinnen sie auch als Werbeträger an Bedeutung. In zahl- reichen Spielen finden sich werbliche Inhalte, die in unterschiedlichster Art und Weise in das Spielgeschehen integriert sind. Die „Verschmelzung“ von Werbe- und Spieleinhalten sowie die hohe Präsenz und Vielfalt der In-Game-Werbung stellen Medienrecht und Medienpädagogik vor neue Herausforderungen. Der Band setzt sich mit diesen Herausforderungen auseinander. Das Phänomen In-Game- Werbung wird systematisch beschrieben und der Forschungsstand aufgearbeitet. Eine ausführliche Analyse thematisiert Fragen der gesetzlichen Regulierung und mögliche auf- sichtsrechtliche Konsequenzen. Über verschiedene empirische Zugänge wird untersucht, wie Kinder und Jugendliche mit In-Game-Werbung umgehen und welche Werbewirkungen sich bei ihnen zeigen. Der Band schließt mit Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Werbung in Computerspielen in der Regulierung und bei der Förderung von Medienkom- petenz. Die Herausgeber: ❯ Prof. Dr. Dieter Dörr Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht, Medienrecht; Direktor Mainzer Medieninstitut ❯ Prof. Dr. Christoph Klimmt Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung ❯ Prof. Dr. Gregor Daschmann Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Publizistik Weitere Autoren: ❯ Ass. iur. Nicole Zorn Mainzer Medieninstitut ❯ Alexandra Sowka M.A. Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung ❯ Franziska Roth M.A. Universität Mannheim, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,- (D) Werbung in Computerspielen 70 Dö rr , K lim m t, D as ch m an n (H rs g. ) W er bu ng in C om pu te rs pi el en ❯ Herausforderungen für das Medienrecht und die Förderung von Medienkompetenz ❯ ❯ ❯ Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! T I M E 1 Player One 0:23:775 2 | 057 Werbung in Computerspielen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 70 Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann (Hrsg.) RZ_LfM-Schriftenreihe_Band_70:. 20.07.11 12:31 Seite 1 Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann (Hrsg.) Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 70 Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann (Hrsg.) Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik unter Mitarbeit von Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2011 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-556-6 Bildnachweis/Umschlag: © Fotolia.com Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Werbung in und im Umfeld von Bildschirmspielen ist ein Thema für die ver- schiedensten Akteure: Einer seits für die Spiele- und Werbeindustrie, wenn auch mit Blick auf die Erlöse bisher erst in be grenztem Umfang, anderer seits jedoch insbesondere für die Spielerinnen und Spieler – und damit auch für die mit Jugendmedien schutz, Medien kompetenzförde rung und mit Medien recht be fassten Institu tionen und Personen. Gerade Kinder sind ent wick lungs psycho- logisch häufig noch nicht in der Lage, die Ver kaufs absichten von Werbung, insbesondere bei hoch integrierten Formen von In-Game-Werbung, zu ent- ziffern, sodass sich hier für die vor genannten Akteure vielschichtige Heraus- forde rungen ergeben. Vor diesem Hinter grund hat die LfM das Institut für Publizistik der Johannes Guten berg-Universität Mainz gemeinsam mit dem Mainzer Medien institut mit einem interdis ziplinär an gelegten Forschungs projekt zum Thema „In-Game- Werbung – Erschei nungs formen, auf sichts recht licher Regulie rungs bedarf und medien pädagogi sche Hand lungs optionen“ be auftragt. Im Rahmen dieser Studie ist das Phänomen der In-Game-Werbung aus den Perspektiven Medien aufsicht und Medien kompetenzförde rung unter sucht worden. Neben einer Systematisie rung von Erschei nungs formen von In-Game-Wer- bung ist eine rechts wissen schaft liche Analyse vor genommen worden, die auf eine medien recht liche Einord nung, Bewer tung und Handha bung von Werbung in Computerspielen ab stellt. Darüber hinaus ist anhand von kommunika tions- wissen schaft lichen Wirkungs studien unter sucht worden, inwiefern die Ver- arbei tung von Werbeinforma tionen seitens der Spielerinnen und Spieler anders abläuft als bei anderen Werbeformen. In diesem Kontext ist u. a. der Frage nach problemati schen Effekten bei Spielerinnen und Spielern insbesondere im Kindesalter nach gegangen worden. Aus den voran gegangenen Erkennt nissen werden schließ lich konkrete Hand- lungs empfeh lungen ab geleitet, die sowohl die auf sichts recht liche Dimension und mögliche Änderun gen der einschlägigen Vor schriften be treffen als auch die Inhalte und Strategien der Medien kompetenzförde rung. Dr. Jürgen Brautmeier Dr. Frauke Gerlach Direktor der Landes anstalt Vorsitzende der für Medien NRW (LfM) Medienkommission der LfM 7 Inhalt Teil I Werbung in Computerspielen: Eine Einfüh rung I.1 Problem aufriss: Die vielfältigen Relevanzen des Themas „In-Game-Werbung“ . . . . . . . . . . . . 15 I.2 Der Unter suchungs gegen stand: Erschei nungs formen, Strategien und Modelle der Werbung in Computerspielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 I.2.1 Begriff liche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 I.2.2 Zur Systematik der Erschei nungs formen von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 I.2.2.1 Erste Beschrei bungs dimension: Werbeobjekt . . . . . . . . 25 I.2.2.2 Zweite Beschrei bungs dimension: Ver brei tungs weg/ techni scher Zugang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 I.2.2.3 Dritte Beschrei bungs dimension: Messbar keit der Nutzer aktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 I.2.2.4 Vierte Beschrei bungs dimension: Grad der Fixie rung . . . 30 I.2.2.5 Fünfte Beschrei bungs dimension: Typ der werb lichen Kommunika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 I.2.2.6 Sechste Beschrei bungs dimension: Grad der Interak tion . . 33 I.2.2.7 Siebte Beschrei bungs dimension: Wirtschaft liche Transak tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 I.2.2.8 Achte Beschrei bungs dimension: Kenntlichmachung . . . . 35 I.2.3 Resümee und offene Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . 36 I.3 Der Forschungs stand: Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 I.3.1 Forschungs methoden, Forschungs designs und Mess verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 I.3.2 Forschungs ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 I.3.2.1 Bewer tung von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . 48 8 I.3.2.2 Erinne rungs wirkung von In-Game-Werbung . . . . . . . . 49 I.3.2.3 Einfluss auf Marken bewer tung und Kaufabsichten . . . . 51 I.3.3 Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Teil II Medien recht liche Bestands aufnahme und Bewer tung II.1 Einlei tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 II.2 Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 II.2.1 Der Vorrang des Europarechts . . . . . . . . . . . . . . . 65 II.2.2 Das Gebot der richtlinien konformen Ausle gung . . . . . . 66 II.2.3 Die Bedeu tung der AVMD-Richtlinie für die Werbung in elektroni schen Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 II.2.4 Die Unanwend bar keit der AVMD-Richtlinie auf Computerspiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 II.2.5 Die Unanwend bar keit der AVMD-Richtlinie auf Werbung in Online-Spielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 II.3 Zulässig keit von In-Game-Werbung nach dem Rundfunkstaats vertrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 II.3.1 Einlei tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 II.3.2 Die Online-Spiele und die Werberege lungen für den Rundfunk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 II.3.2.1 Computerspiele und der Rundfunk begriff . . . . . . . . . 73 II.3.2.2 Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 II.3.3 Die Online-Spiele und die Werberege lungen für die Telemedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 II.3.3.1 Computerspiele und der Telemedien begriff . . . . . . . . 77 II.3.3.1.1 Der allgemeine Telemedien begriff . . . . . . . . . . . . . 77 II.3.3.1.1.1 Der allgemeine Telemedien begriff und Online-Spiele . . . 78 II.3.3.1.1.2 Der allgemeine Telemedien begriff und hybride Spiele . . 78 II.3.3.1.1.3 Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 II.3.3.1.2 Der Begriff der fernsehähn lichen Telemedien . . . . . . . 80 II.3.3.2 Die Anwend bar keit des § 58 Abs. 1 RStV auf Computerspiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 II.3.3.2.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 II.3.3.2.2 Der Werbebegriff des § 58 Abs. 1 RStV und die Produkt platzie rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 II.3.4 Die Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV und die werb lichen Erschei nungs formen in Online-Spielen . . . . 85 9 II.3.4.1 Integra tion von klassi schen Werbeflächen in simulierte Spielwelten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 II.3.4.2 Integra tion von dynami scher Werbung . . . . . . . . . . . 87 II.3.4.3 Die Darstel lung von Produkten, Marken und Logos im Spiel und das Schleichwerbe verbot . . . . . . . . . . . 87 II.3.4.4 Werbung in Computerspielen für Kinder . . . . . . . . . . 89 II.3.5 Die Durch set zung des Tren nungs- und Erkennbar keits- gebots in Telemedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 II.4 Zulässig keit von In-Game-Werbung nach dem Telemedien gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 II.4.1 Die eigenständige Bedeu tung des § 6 TMG . . . . . . . . 93 II.4.2 Der Inhalt der Informa tions pflichten . . . . . . . . . . . . 94 II.4.3 Produkt platzie rungen in Computerspielen und § 6 TMG . 95 II.5 Zulässig keit von In-Game-Werbung und die Vor schriften zum Schutz der Jugend . . . . . . . . 99 II.5.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 II.5.2 Jugendmedien schutz staats vertrag . . . . . . . . . . . . . . 100 II.5.3 Jugendschutz gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 II.5.4 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 II.6 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) . . . 103 II.6.1 Die General klausel des § 3 Abs. 1 UWG . . . . . . . . . . 103 II.6.2 Per-se-Verbote des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG – Nr. 11 . 110 II.6.3 Unzumut bare Belästi gung nach § 3 UWG i. V. m. § 7 Abs. 1 UWG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 II.6.4 Unzulässige geschäft liche Handlung im Sinne von Nr. 28 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG – Kaufaufforde rung an Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 II.6.5 Aus nutzen des Alters oder der geschäft lichen Unerfahren- heit von Kindern und Jugend lichen gem. § 4 Nr. 2 UWG . 115 II.6.6 Rechts bruchtatbestand des § 4 Nr. 11 UWG . . . . . . . . 115 II.6.7 Rechts folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 II.7 Daten schutz in Online-Spielen . . . . . . . . . . . . . . 117 II.7.1 Anwend bares Recht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 II.7.2 Regelun gen zum Daten schutz im deutschen Recht . . . . 119 II.7.2.1 Allgemeine Grundsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 II.7.2.2 Personen bezogene Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 II.7.2.3 Ver antwort liche Stelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 II.7.2.4 Die Vor schriften des TMG . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 10 II.7.2.4.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 II.7.2.4.2 Die Aufklä rung der Nutzer . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 II.7.2.4.3 Die Einho lung der Einwilli gung . . . . . . . . . . . . . . 122 II.7.2.4.4 Die Möglich keit der anonymisierten Nutzung . . . . . . . 123 II.7.2.4.5 Daten erhe bung zu Werbezwecken . . . . . . . . . . . . . 123 II.7.2.5 Daten schutz leitlinien oder -erklä rungen der Spiele- Betreiber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 II.7.3 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 II.8 Zusammen fassung und Bewer tung . . . . . . . . . . . . 127 Teil III Empirische Forschung: Kinder und In-Game-Werbung III.1 Was denken Kinder über In-Game-Werbung? Eine qualitative Interviewstudie . . . . . . . . . . . . . 135 III.1.1 Problemstel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 III.1.2 Methodi sches Vor gehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 III.1.3 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 III.1.3.1 Ver ständnis von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . 139 III.1.3.2 Erinne rung an In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . 144 III.1.3.3 Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung . . . . 145 III.1.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 III.2 Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung: Ein experimenteller Ver gleich von Kindern und Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 III.2.1 Problemstel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 III.2.2 Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 III.2.3 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 III.2.3.1 Un gestützte Erinne rung an die in das Spiel integrierte Werbung (Recall) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 III.2.3.2 Gestützte Erinne rung an die in das Spiel integrierte Werbung (Recogni tion) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 III.2.3.3 Experimenteller Ver gleich zum Einfluss der Spielerperspektive auf die Erinne rung an die Marke des Spielerfahrzeugs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 III.2.3.4 Wieder erken nung von Werbung auf Screens hots aus dem Computerspiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 III.2.3.5 Einstel lungs effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 III.2.3.6 Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung . . . . 167 III.2.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 11 Teil IV Zukunfts perspektiven: Auf gaben für Regulie rung, Medien pädagogik und Forschung IV.1 Hand lungs empfeh lungen an Politik und Medien- pädagogik zum Umgang mit In-Game-Werbung . . . . 177 IV.1.1 Änderun gen der Rechts vorschriften . . . . . . . . . . . . 177 IV.1.2 Kennzeich nung von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . 179 IV.1.2.1 Kennzeich nungs pflichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 IV.1.2.2 Kennzeich nungs formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 IV.1.2.3 Strategien zur Erreichung von durch gängigen Kennzeich nungs pflichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 IV.1.2.4 Kennzeich nungs selbst verpflich tungen . . . . . . . . . . . 185 IV.1.3 Förde rung der Erken nungs kompetenzen bezüg lich der In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 IV.1.3.1 Medien pädagogi sche Kompetenzförde rung bei den Spielern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 IV.1.3.2 Einbeziehung der Eltern in die Werbekompetenzarbeit . . 189 IV.1.3.3 Einbeziehung der Spieleanbieter in die Werbekompetenzarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 IV.1.4 Maßnahmen in Bezug auf den Daten schutz bei personalisierter In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . 192 IV.1.4.1 Transparenz gebote für Spielebetreiber . . . . . . . . . . . 192 IV.1.4.2 Medien pädagogi sche Förde rung der Daten schutz- Kompetenz bei Spielern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 IV.2 Resümee und Aus blick . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Anhang Anhang 1: Leitfaden (Kurz version) Interviewstudie . . . . . . . . . . 203 Anhang 2: Fragebogen Experimentalstudie (Kinder) . . . . . . . . . 204 Anhang 3: Fragebögen Experimentalstudie (Erwachsene) . . . . . . . 214 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 Teil I Werbung in Computerspielen: Eine Einfüh rung 15 I.1 Problem aufriss: Die vielfältigen Relevanzen des Themas „In-Game-Werbung“ Christoph Klimmt & Dieter Dörr In der Landschaft der populären Unter hal tungs medien hat sich in den ver- gangenen zehn Jahren eine be merkens werte Ver schie bung ergeben. Dominierten lange das Fernsehen sowie die Filmbranche den Ent ertainment-Sektor, sind spätestens in diesem Zeitraum interaktive Unter hal tungs angebote, die Computer- und Videospiele, als neue Stars am Unter hal tungs himmel auf getaucht. Die aktuelle Medien forschung dokumentiert eindrucks voll, wie viele Menschen mittlerweile regelmäßig Computer- und/oder Videospiele nutzen. Beispiels weise spielten im Jahr 2010 rund 55 Prozent der männ lichen und 14 Prozent der weib lichen Jugend lichen täglich oder mehrmals pro Woche am PC und/oder auf einer Konsole.1 Längst sind „Games“ zur Mainstream-Unterhal tung heran- gewachsen, die in einer Vielzahl von Erschei nungs formen Kinder, Jugend liche und Erwachsene anlockt. Dabei hält die Branche das Tempo insbesondere der techni schen Innova tionen enorm hoch: Mit Hilfe des Internets und be wegungs- basierten Eingabeinstrumenten, durch GPS-Naviga tion und spezielle 3D-Com- puter chips ent stehen immer wieder neue Varianten, die das bisherige Gaming er gänzen oder auch gänz lich in den Schatten stellen. Ohne Frage sind Compu- ter spiele heute eine wichtige Mediengat tung, ein ge wichtiger Wirtschafts sektor und ein be deutsames Kulturgut.2 Eine Begleit erschei nung des weit fort geschrittenen Auf stiegs der Computer- spiele ist die Tatsache, dass Games und konventionelle Massen medien einander 1 Vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2010). JIM-Studie. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis untersuchung zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart, S. 36. 2 Vgl. etwa Vorderer, P. & Bryant, J. (Hrsg.) (2006). Playing video games: Motives, responses, consequences. Mahwah, NJ; vgl. Wolf, M. J. P. & Perron, B. (Hrsg.) (2003). The video game theory reader. New York; vgl. Zimmermann, O. & Geißler, T. (Hrsg.) (2008). Streit fall Computerspiele: Computerspiele zwischen kultureller Bildung, Kunst frei heit und Jugendschutz. Berlin; vgl. Müller-Lietzkow, J., Bouncken, R. B. & Seufert, W. (2006). Gegenwart und Zukunft der Computer- und Videospielindustrie in Deutschland. Dornach. 16 ähnlicher werden und miteinander Verbin dungen ein gehen.3 Verbin dungen be- stehen beispiels weise bei der gemeinsamen Nutzung von Marken, Figuren und literari schen Vor lagen im Rahmen von Cross media-Konzepten („das Spiel zum Film“ – „der Film zum Spiel“) sowie bei integrierten Wertschöp fungs strategien. Ähnlich keiten zwischen Games und konven tioneller Medien unterhal tung be- stehen unter anderem darin, dass Computerspiele neuer dings auch als Werbe- träger fungieren: Mit ihrem hinzu gewonnenen Status als unter haltsames Massen- medium und ihrer Fähig keit, attraktive Zielgruppen zu er reichen, konnten Computerspiele das Interesse der Werbebranche wecken. An gefangen hat die sogenannte „In-Game-Werbung“ wohl damit, dass die Ent wickler von Autorenn- spielen Ende der 1980er einige virtuelle Werbebanden ent lang der Renn strecken einbauten, damit das Spiel authenti scher wirkte. Damals floss frei lich noch kein Geld für diese Form der Marken darstel lung.4 Heute stellt sich das Bild vollkommen anders dar: Eine Vielzahl unter schied licher Arten von „In-Game- Werbung“ be gegnet den Spielerinnen und Spielern. Oftmals sind Werbung und Spielwelt geschickt miteinander ver flochten, und manche Form der „In-Game- Werbung“ gleicht auf ver blüffende Weise herkömm lichen Werbetafeln, -filmen, -banden und -plakaten, die uns von echten Straßen rändern, Sport stätten oder Fernseh übertra gungen bekannt sind. In der Marketingliteratur werden Strategien für erfolg reiches „In-Game-Advertising“ vor geschlagen.5 In der Wissen schaft wird über die Erschei nungs formen, die Rezep tion, Wirkung und die recht liche Bewer tung von Werbung in Computerspielen ge forscht und diskutiert.6 Sowohl für die Wissen schaft als auch für die Wirtschaft ist dabei die Tatsache be- deutsam, dass viel Werbung in Sportspielen auf taucht, zum Beispiel auf den Trikots virtueller Fußballspieler oder am Rand virtueller Rennstrecken. Denn solche Sportspiele sind insbesondere bei Kindern und Jugend lichen sehr be- liebt.7 Der wirtschaft liche Antrieb hinter dem Auf kommen von In-Game-Werbung ist be merkens wert. Zwar tragen Werbe erlöse bisher erst in be grenztem Umfang 3 Vgl. z. B. Müller-Lietzkow, J. & Bouncken, R. B. (2006). Ver tikale Erweite rung der Wertschöp fungs kette: Das zweischneidige Schwert der Zusammen arbeit der Filmwirt schaft mit der Computer- und Videospieleindustrie. Medien wirtschaft, 3(2), S. 6 ff. 4 Vgl. Winckler, L. (2006, 7. Januar). Spieler zappen nicht. Die Welt online. Zu be ziehen über www. welt.de/data/2006/01/07/827995. html?prx= 1 (21. 6. 2011). 5 Vgl. Kabel, P., Hermann, F. & Hengsten berg, M. (Hrsg.) (2006). Spielplatz Deutschland. Typologie der Com- puter- und Videospieler. Demografie, Freizeit, Konsum. Potenziale des In-Game-Advertisings [EA-Studien von Jung von Matt AG, Electronic Arts GmbH & GEE Magazin]. Hamburg; vgl. Thomas, W. & Stammermann, L. (2007). In-Game Advertising – Werbung in Computerspielen. Strategien und Konzepte. Wiesbaden. 6 Vgl. z. B. Nelson, M. R. (2002). Recall and recognition of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(3), S. 80 ff.; vgl. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medien wirtschaft, 5(1), S. 6 ff. 7 Vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2010 17 zu den Einnahmen der Spielebranche bei. Schät zungen (z. B. von Parks Associa- tes) gehen von welt weiten Jahres umsätzen mit In-Game-Werbung im niedrigen einstelligen Milliarden-Dollar-Bereich aus. Dem stehen (noch) sehr viel größere Erlöse durch Laden verkäufe und Abonnements gegen über, und neuer dings inte- ressiert sich die Branche speziell für das Geschäfts modell, digitale Güter und Leistun gen im Rahmen von Online-Spielen zu ver kaufen.8 In viele erfolg reiche Titel – Fantasy-Spiele mit Drachen und Zauberern oder auch Kriegs spiele mit histori schem Hinter grund – lässt sich Werbung auch kaum sinn voll einbinden. Doch können anderer seits Spiele entwickler viele Werbeformen schon mit gerin- gem Aufwand realisieren. In solchen Fällen stehen selbst be scheidenen Erlösen praktisch keine Zusatz kosten gegen über. Außerdem haben einzelne Groß- projekte die Sicht bar keit von In-Game-Werbung in der Werbebranche und in Spielerkreisen erheb lich ge steigert: So trat Mercedes-Benz als „Sponsor“ eines ganzen Rennspiels auf („World Racing“, 2003); der Spieleanbieter Electronic Arts bot eine umfang reiche Kollek tion virtueller Möbel für seine Familien- simula tion „Die Sims“ gemeinsam mit IKEA an („Home Accessoires“, 2008). Einige kleinere Spezial agenturen haben sich etabliert, die solche und weniger auf fällige „Deals“ zwischen Werbetreibenden und Spieleanbietern ver mitteln. Ihre Vision ist die Nutzung von Online-Games für individualisierte Werbung9, die ähnlich wie Online-Werbung das Wissen um die Nutzer person ver werten kann, um be sonders erfolg versprechende Marketing-Botschaften ins Spiel ein- zuspeisen. Auch wenn diese High-Tech-Version, die sogenannte dynami sche In-Game-Werbung, bisher noch kaum praktiziert wird (vgl. unten: Kapitel I.2), so haben die Akteure aus der Werbe- und Spielebranche doch bereits viele Schritte auf dem Weg dorthin getan. In-Game-Werbung findet sich heute also in vielen Titeln, vom preis werten Kaufspiel bis zum High-End-Online-Game. Vor dem Hinter grund dieses von werbewirt schaft lichen Interessen voran- getriebenen Auf tretens von „immer mehr“ und immer mehr unter schied licher In-Game-Werbung sehen sich die Wissen schaften und Praxis felder, die sich mit Medien be schäftigen, vor neuen Heraus forde rungen. Aus der Sicht der Werbewirt schaft ist hierbei natür lich vor allem strategisch-ökonomi sches For- schungs- und Praxis wissen von Belang.10 Aus gesellschafts politi scher Sicht sind die Interessen an einem be sseren Ver ständnis von In-Game-Werbung ganz anders ge lagert. 8 Sog. „digital item selling“; vgl. Lehdonvirta, V. (2009). Virtual item sales as a revenue model: identifying attributes that drive purchase decisions. Electronic Commerce Research, 9(1–2), S. 97 ff. 9 Sog. „Targetting“, vgl. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online- Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunika tion@Gesell schaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: http:// www.soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (21. 6. 2011). 10 Vgl. Thomas & Stammermann 2007. 18 – Hier ist zum einen auf die medien recht liche Einord nung, Bewer tung und Handha bung von Werbung in Computerspielen abzu stellen. Werbekommuni- ka tion unter liegt in Deutschland ganz unter schied lichen Rechts vorschriften, die sich aus medien recht lichen und wettbewerbs recht lichen Aspekten zu einem komplexen Gefüge ver binden. Die Ent wick lung und Anwen dung von Rechts maßstäben hat sich noch in der jüngsten Ver gangen heit bereits mit Werbeformen in den konven tionellen Massen medien immer wieder schwer getan, wie am Beispiel des Product Placements im Fernsehen ge zeigt werden kann. Eine Anpas sung und ent sprechende Übertra gung der Werberege lungen auf die neueren Medien formen der Telemedien ist zwar in Ansätzen bereits erfolgt, jedoch noch nicht wirk lich aus gereift und passend wie die Unter- suchung zeigen wird. Dies ergibt sich bereits daraus, dass die In-Game-Werbung recht lich durch ganz unter schied liche Regulie rungen be einflusst wird. Dazu zählen die Be- stim mungen des Unions rechts, insbesondere die Vor schriften der Richt linie über audiovisuelle Mediendienste11, die den Rahmen für das deutsche Recht ab stecken. In Deutschland sind die Vor schriften des Staats vertrages für Rundfunk und Telemedien in der Fassung des Dreizehnten Rundfunk ände- rungs staats vertrages vom 30. 10. 2009 für die Werbung in Computer spielen be deutsam. Daneben spielen die Bestim mungen des Telemedien gesetzes (TMG)12 eine wichtige Rolle. Zudem be einflussen der Jugendmedien schutz- staats vertrag (JMStV)13 und das Jugendschutz gesetz (JuSchG)14 die Werbung in Computerspielen, soweit Kinder und Jugend liche davon be troffen sind. Schließ lich wirken sich auch noch die Vor schriften des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG)15 und der Daten schutz aus, wie er auf der Grundlage der EG-Daten schutz richtlinie16 und der Daten schutz richtlinie für 11 ABl. EG Nr. L 332 vom 18. 12. 2007, S. 27 ff.; diese Richtlinie wurde durch die Richtlinie 2010/13/ EU vom 10. März 2010 zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereitstellung audiovisueller Mediendienste (Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, AVMD-RL) aus „Gründen der Klarheit und Übersichtlichkeit“ aufgehoben und die bestehenden Vorschriften mit zusam- mengefassten Erwägungsgründen in durchgängiger Nummerierung neu kodifiziert, Abl. EU Nr. L 95 vom 15. 4. 2010, 1 ff. 12 Gesetz über die Nutzung von Telemedien vom 26. 2. 2007, BGBl. I 179, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 31. 5. 2010, BGBl. I 692. 13 Staatsvertrag über Jugendschutz und Telemedien vom 10. bis 27. 9. 2002, zuletzt geändert durch Art. 2 des Dreizehnten Rundfunkänderungsstaatsvertrages. 14 Jugendschutzgesetz vom 23. 7. 2002, BGBl I 2730, zuletzt geändert durch Gesetz vom 31. 10. 2008, BGBl I 2149. 15 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb in der Fassung vom 3. 7. 2004, BGBl I 1414, zuletzt geändert durch Gesetz vom 29. 7. 2009, BGBl I 2413. 16 Richtlinie 95/46/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. 10. 1995 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr, ABl. L 281, 31 vom 23. 11. 1995. 19 elektroni sche Kommunika tion17 im Telemedien gesetz und im Bundes daten- schutz gesetz (BDSG)18 ver ankert ist. Schon die medien recht liche Einord nung der In-Game-Werbung erweist sich als äußerst schwierig. Dies ist zunächst dadurch bedingt, dass die in Betracht kommenden Bestim mungen sich nicht nur nicht aus drück lich auf Computer- spiele be ziehen, sondern dieses Phänomen über haupt nicht an sprechen. Eine Aus nahme bildet ledig lich die Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, die zumindest in ihren Erwä gungs gründen Computerspiele erwähnt. Für die Frage, welche Vor schriften zur Anwen dung kommen, ist daher ent- scheidend, ob die jeweiligen Computerspiele als audiovisuelle Mediendienste im Sinne der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, als Rundfunk oder Telemedien im Sinne des Rundfunkstaats vertrages und des Telemedien- gesetzes oder als Spiele auf einem Träger medium anzu sehen sind. Bei den Telemedien ist zudem zwischen fernsehähn lichen Telemedien, für die gemäß § 58 Abs. 3 RStV be sondere Werberege lungen gelten, und den sonstigen Tele- medien zu differenzieren. Dies macht deut lich, dass es einer sehr genauen Analyse des geltenden Rechts bedarf, um fest stellen zu können, welchen Regelun gen Computerspiele bei der In-Game-Werbung unter liegen. Bei der Bewer tung der einschlägigen Vor schriften ist auch zu be rücksichti- gen, ob und inwieweit sie auf In-Game-Werbung passen. Bei einigen Bestim- mungen ist erkenn bar, dass an das Phänomen der Computerspiele und der darin eventuell ent haltenen Werbung nicht ge dacht wurde. Vielmehr sind sie teil weise sehr stark auf das Fernsehen und fernsehähn liche An gebote aus gerichtet. Dies führt schon im Rahmen des geltenden Rechts zu der Frage, wie man den ent sprechenden Vor gaben bei Computerspielen gerecht werden soll. Aus dieser Bewer tung ergibt sich auch der Bedarf, das be stehende Recht in be stimmten Bereichen den Bedürf nissen der Praxis anzu passen. Bei der Frage, ob und welche Änderun gen des geltenden Rechts notwendig bzw. sachgerecht er scheinen, sind aber auch die Erkenntnisse der Kommunika- tions wissen schaft und der Medien psychologie ge bührend zu be rücksichtigen. Daher er folgen die ent sprechenden Hand lungs empfeh lungen unter Berück- sichti gung der kommunika tions wissen schaft lichen und medien psychologi- schen Erkenntnisse am Ende der Studie. 17 Richtlinie 2002/58/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. 7. 2002 über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation (Daten- schutz richtlinie für elektronische Kommunikation), ABl. L 201, 37 vom 31. 7. 2002. 18 Bundesdatenschutzgesetz in der Neufassung der Bekanntmachung vom 14. 1. 2003, BGBl I 66, zuletzt geändert durch Gesetz vom 14. 8. 2009, BGBl I 2814. 20 – Die In-Game-Werbung stellt die Kommunika tions wissen schaft und Medien- psychologie vor neue Fragen der Werberezep tion und Werbewir kung. Denn durch das vielfach sehr „intelligente“ Ver schmelzen von Werbebot schaft, Spielwelt und Spielgeschehen (vgl. unten: Kapitel I.2) stellt sich die Frage, inwiefern die Ver arbei tung von Werbeinforma tionen seitens der Rezipien- tinnen und Rezipienten – die ja zudem durch die Interaktivität des Mediums Computerspiel auf be sondere Weise ein gebunden werden – anders abläuft als etwa bei der Fernsehwer bung.19 Damit ver bunden ist die Frage nach normativ gesehen problemati schen Effekten bei Spielerinnen und Spielern insbesondere im Kindesalter. Die Wirkungs forschung ist hier in der Pflicht, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, inwieweit die allgemeinen Leitideen des Jugendmedien schutzes, die ja auch explizit die werb liche Kommunika- tion be treffen, durch In-Game-Werbung unter laufen werden könnten. Aus der Betrach tung möglicher spezifi scher „Anfällig keiten“ von Kindern (und Jugend lichen) für die Wirkung von In-Game-Werbung könnten dann For- schungs- und Anwen dungs aufgaben für die Interven tion und Präven tion er wachsen. Damit ist zugleich nicht impliziert, dass nicht auch Erwachsene für die neue Form der Werbekommunika tion be sondere „Angriffs stellen“ auf weisen würden. Gleichwohl liegt der Fokus der Forschung über Medien- kompetenz und In-Game-Werbung aus normativen und (jugendschutz-) recht lichen Erwägun gen heraus auf der Vulnerabilität von Kindern. – Schließ lich ist das Praxis feld der Medien bildung und Medien kompetenz- arbeit in be sonderer Weise durch In-Game-Werbung ge fordert. Zwar ist die moderne Medien pädagogik längst von der Idee ab gerückt, den Medien- nutzern er klären zu wollen, welche Gefahren im Mediendschungel (angeb- lich) auf sie lauern. Gleichwohl wirft die intensive Nutzung digitaler Spiele, die Werbung beinhalten, die Frage auf, inwiefern gerade (aber nicht nur!) Kinder gut vor bereitet sind auf diese neuartigen Ver suche der Werbebranche, Marken und Produkte bekannt und beliebt zu machen. Im Sinne der Leitidee von kritischer Werbekompetenz als Teil von Medien kompetenz.20 sind gerade die „hoch integrierten“ Formen der In-Game-Werbung, die nur schwer als Werbung zu er kennen sind und sich kaum mit bisher dagewesenen Formen der Werbekommunika tion ver gleichen lassen, als neuer Gegen stand der Medien bildung zu be trachten. Freilich ist bislang weit gehend unklar, was genau die kompetenzbezogenen Heraus forde rungen und (alters-)spezifi schen Probleme bei der nutzer seitigen Bewälti gung von In-Game-Werbung eigent- lich sind und wie ihnen durch effektive Bildungs arbeit besser be gegnet werden könnte. 19 Vgl. Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008. 20 Vgl. z. B. Aufenanger, S. (2005). Medienpädagogische Überlegungen zur ökonomischen Sozialisation von Kindern. Medien + Erziehung (merz), 49(1), S. 11 ff. 21 Die vor liegende Studie ist aus dem Anspruch ent standen, diesen vielfältigen Relevanzen der In-Game-Werbung Rechnung zu tragen. Die Landes anstalt für Medien NRW hat die zunehmende Bedeu tung und die vielfältigen Heraus- forde rungen von Computerspielen als Werbeträger zum Anlass ge nommen, ein kommunika tions- und rechts wissen schaft liches Forschungs projekt in Auftrag zu geben, das die hier an gerissenen Fragekomplexe be leuchten und Meilen- steine bei der wissen schaft lichen und praxis bezogenen Aufarbei tung von In-Game-Werbung setzen sollte. Die wesent lichen Erkenntnisse aus der rechts- wissen schaft lichen Analyse und der kommunika tions wissen schaft lichen Rezep- tions- und Wirkungs forschung dieses Projekts werden in den nach folgenden Kapiteln vor gestellt. Die Studie gliedert sich dabei in vier Teile: Zunächst wird der Gegen stand „In-Game-Werbung“ systematisch und anhand von Beispielen be schrieben; an schließend wird der bislang noch sehr be scheidene Forschungs- stand zum Thema, der sich fast aus schließ lich auf Fragen der Rezep tion und Wirkung bezieht, zusammen gefasst (Kapitel I.2 und I.3). Im zweiten Teil wird auf dieser Grundlage eine medien recht liche Bestands aufnahme und Bewer tung der In-Game-Werbung vor genommen. Dabei ist zunächst anhand des geltenden Rechts zu analysieren, welche Bestim mungen bei welchen Spielen die In-Game- Werbung in Computerspielen be einflussen. Dazu werden die Aspekte des Rechts der elektroni schen Medien, des Werberechts, des Ver braucher- und Jugendmedien schutzes sowie des Daten schutz rechts ein gehend be handelt. Außer dem wird auch eine erste Bewer tung vor genommen, ob und inwieweit die geltenden Vor schriften das Phänomen der In-Game-Werbung sachgerecht regeln. Im dritten Teil werden zwei Studien zur Rezep tion und Wirkung be- stimmter Formen der In-Game-Werbung durch Kinder vor gestellt, die auch und gerade den medien pädagogi schen Umgang mit In-Game-Werbung fördern. Aus den recht lichen und sozialwissen schaft lichen Erkennt nissen werden dann im vierten Teil des Bandes konkrete Hand lungs empfeh lungen ab geleitet, die sowohl die auf sichts recht liche Dimension und mögliche Änderun gen der einschlägigen Vor schriften be treffen als auch die Inhalte und Strategien der Medien bil dungs arbeit. 22 Literatur Aufenanger, S. (2005). Medien pädagogi sche Überle gungen zur ökonomi schen Sozialisa- tion von Kindern. Medien + Erziehung (merz), 49(1), S. 11 ff. Kabel, P., Hermann, F. & Hengsten berg, M. (Hrsg.) (2006). Spielplatz Deutschland. Typologie der Computer- und Videospieler. Demografie, Freizeit, Konsum. Potenziale des In-Game-Advertisings [EA-Studien von Jung von Matt AG, Electronic Arts GmbH & GEE Magazin]. Hamburg. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medienwirtschaft, 5(1), S. 6 ff. Lehdonvirta, V. (2009). Virtual item sales as a revenue model: identifying attributes that drive purchase decisions. Electronic Commerce Research, 9(1–2), S. 97 ff. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2010). JIM-Studie. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis untersuchung zum Medien umgang 12- bis 19-Jäh- ri ger in Deutschland. Stuttgart. Müller-Lietzkow, J. & Bouncken, R. B. (2006). Ver tikale Erweite rung der Wertschöp- fungs kette: Das zweischneidige Schwert der Zusammen arbeit der Filmwirt schaft mit der Computer- und Videospieleindustrie. Medien wirtschaft, 3(2), S. 6 ff. Müller-Lietzkow, J., Bouncken, R. B. & Seufert, W. (2006). Gegenwart und Zukunft der Computer- und Videospielindustrie in Deutschland. Dornach. Nelson, M. R. (2002). Recall and recognition of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(3), S. 80 ff. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online- Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunika tion@Gesell schaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www.soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (21. 6. 2011). Thomas, W. & Stammermann, L. (2007). In-Game Advertising – Werbung in Compu- terspielen. Strategien und Konzepte. Wiesbaden. Vorderer, P. & Bryant, J. (Hrsg.) (2006). Playing video games: Motives, responses, consequences. Mahwah, NJ. Winckler, L. (2006, 07. 01.). Spieler zappen nicht. Die Welt online. Zu be ziehen über: www.welt.de/data/2006/01/07/827995. html?prx= 1 (21. 6. 2011). Wolf, M. J. P. & Perron, B. (Hrsg.) (2003). The video game theory reader. New York. Zimmermann, O. & Geißler, T. (Hrsg.) (2008). Streit fall Computerspiele: Computer- spiele zwischen kultureller Bildung, Kunst frei heit und Jugendschutz. Berlin. 23 I.2 Der Unter suchungs gegen stand: Erschei nungs formen, Strategien und Modelle der Werbung in Computerspielen Alexandra Sowka, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann & Nicole Zorn Am Beginn der rechts- und kommunika tions wissen schaft lichen Auseinander- setzung mit In-Game-Werbung steht die Beschrei bung und grundlegende Syste- matisie rung des Unter suchungs gegen stands: Was ist In-Game-Werbung, welche Varianten gibt es, und worin unter scheiden sie sich? Dieses Kapitel gibt einen Einblick in das breite Spektrum der Werbeformen in Computerspielen. Aus- gehend von einer begriff lichen Klärung werden die für die wissen schaft liche Auseinander setzung zentralen Eigenschafts dimensionen von In-Game-Werbung erarbeitet, die jeweils in ver schiedene Formen aus differenziert werden (können). Anhand von aus gewählten Beispielen wird die so ent stehende Gegen stands- systematisie rung ver anschau licht. Am Ende stehen Schluss folge rungen für die eingangs formulierten rechts- und sozialwissen schaft lichen Fragen an In-Game- Werbung (vgl. oben: Kapitel I.1). I.2.1 Begriff liche Grundlagen Allgemein definiert be zeichnet der Begriff In-Game-Werbung (kurz: IGA) alle verbalen, visuellen und/oder auditiven Symbol-, Produkt- oder Dienst leis tungs- Platzie rungen, die in die Spielhand lung eines (nicht allein einem werb lichen Zweck ver pflich teten) Computerspiels1 integriert sind und für die ge ldwerte 1 Der Oberbegriff „Computerspiele“ umfasst sowohl Spiele, die im oder über das Internet ge spielt werden (Online-Spiele), als auch solche, die aus schließ lich auf einem Spielgerät (PC oder Spiel konsole) ohne Internet- verbin dung (Offline-Spiele) ge spielt werden. 24 Leistun gen er bracht werden.2 Dabei steht die Spielhand lung im Vordergrund und die werb lichen Platzie rungen treten dahinter zurück, stellen also keine intrinsi schen Eigen schaften dar (wie es beispiels weise bei den sogenannten Ad-games der Fall ist, die in erster Linie zu Werbezwecken ent wickelt werden).3 Die Betrach tung des gesetzten Defini tions rahmens ver deut licht die prinzipielle Vielzahl und Mannig faltig keit von In-Game-Werbemaßnahmen: Nicht nur kön- nen ver schiedene Kommunika tions kanäle (v. a. auditiv, visuell) ver wendet und miteinander kombiniert werden, sondern auch die über diese Kanäle dar gebo- tenen (Werbe-)Objekte können divergente Formen annehmen, von rein sprach- lichen Zeichen bis hin zu komplexen Serviceleis tungen, die in das Spielgesche- hen ein gebunden sind. I.2.2 Zur Systematik der Erschei nungs formen von In-Game-Werbung Aufgrund dieser enormen Bandbreite ist es kaum möglich, eine er schöpfende Erfas sung aller bereits implementierten und prinzipiell möglichen Formen der In-Game-Werbung zu leisten. Stattdessen wurde ein systematisierendes Vor- gehen ge wählt, in dem die ver schiedenen Dimensionen, mit denen Varia tion in den zentralen Eigen schaften von In-Game-Werbung erzeugt werden kann, identifiziert und in ihren jeweiligen Ausprä gungen be schrieben werden (siehe Tabelle 1). Durch die Kombina tion der dimensionalen Eigen heiten kann jede (nach heutigem Technik-/Wissens stand) potenziell realisier bare Erschei nungs- form von In-Game-Werbung skizziert werden. Insgesamt wurden acht Dimen- sionen mit jeweils bis zu drei Aus prä gungs optionen heraus gearbeitet, die zur deskriptiven Erfas sung von In-Game-Werbetypen heran gezogen werden können. Sie werden im Folgenden expliziert und anhand aus gewählter Beschrei bungen ver anschau licht. 2 In Anleh nung an Balasubramanian, S. (1994). Beyond advertising and publicity: Hybrid messages and public policy issues. Journal of Advertising, 23(4), S. 29 ff. 3 Vgl. Nelson, R. M. (2005). Exploring consumer response to „advergaming“. In C. P. Haugtvedt, K. A. Machleit & R. F. Yalch (Hrsg.), Online consumer psychology: Understanding and influencing consumer behavior in the virtual world (S. 167 ff.). Hillsdale; vgl. Mau, G., Silberer, G. & Constien, C. (2008). Communicating brands playfully: Effects of in-game advertising for familiar and unfamiliar brands. International Journal of Advertising, 27(5), S. 827 ff. 25 Tabelle 1: Systematisie rung von In-Game-Werbung I.2.2.1 Erste Beschrei bungs dimension: Werbeobjekt Bei der systemati schen Beschrei bung eines In-Game-Werbetypus ist zunächst danach zu fragen, welche Art von Werbeobjekt vor liegt. Dabei kann das Werbe- objekt, also das be worbene Wirtschafts gut, in drei morphologi schen Realisa- tionen vor liegen. So kann das Werbeobjekt etwa aus einem Symbol be stehen, das heißt aus einem „Bezeichner“ in Gestalt eines oder mehrerer sprach licher Zeichen, Bilder oder Figuren, die auf das eigent liche Ver sor gungs objekt (z. B. ein Unter nehmen) ver weisen und dadurch zum Informa tions- und Bedeu tungs- 26 träger werden. Aus der Fülle der Spiele, in deren Ver laufs geschehen symbol- hafte Werbeobjekte ein gebettet sind, sei hier beispiel haft das Sportspiel Empire of Sports an geführt, in dem etwa die Marken logos des Sportartikel herstellers Adidas sowie der Ver siche rungs gesell schaft Aegon und des Fußball vereins Ajax Amsterdam an mehreren Stellen (u. a. auf Werbeplakaten oder als Banden- werbung) in der Spielwelt platziert sind (vgl. Abbil dung 1). Abbil dung 1: Symbol hafte Werbeobjekte in einem Computerspiel („Empire of Sports“) Andere Möglich keiten der Werbeobjektimplementie rung be stehen darin, die Objekte selbst in Form von virtuellen Produkten (z. B. Mobiltelefone, Autos, Getränkedosen) oder virtuell ausführ baren/be anspruch baren Dienst leis tungen in das Spielgeschehen zu integrieren. In diesen Fällen wird nicht (aus schließ- lich) auf ein Bezugs objekt ver wiesen, sondern das Beworbene steht (in erster Linie) für sich selbst. In das Simula tions spiel Die Sims beispiels weise wurden diverse Produkte in das Spielgeschehen integriert, wie etwa zwei virtuelle Ent sprechungen von real existierenden Wagen modellen des Automobilherstellers Chrysler. Die Autos sind zuvorderst eigenständige Werbeobjekte, wobei sie natür lich indirekt auch auf das ver antwort liche Unter nehmen hinweisen. Äqui- va lentes gilt zum Beispiel für das Dienst leis tungs angebot, welches in dem bereits zitierten Empire of Sports in Anspruch ge nommen werden kann: Hier 27 haben die Spielfiguren die Möglich keit, Tickets für Flüge der Flug gesell schaft Air France käuf lich (in der spieleigenen Währung) zu er werben, damit sie zu den ver schiedenen Spielstätten reisen können. In der Betrach tung virtueller Produkte und Dienst leitun gen darf auch die Ebenen-Problematik nicht außer Acht ge lassen werden, wonach auch die Darstel lung eines Produkts in der Spielwelt in der Regel die virtuelle Abbil dung des Produkts ist und nicht das physikali sche Produkt selbst. Genaugenommen handelt es sich also bei einem dargestellten Produkt auch nur um ein Symbol (um Pixel auf dem Bildschirm). Die Differenzie rung in Symbol versus Produkt und Dienst leis tung ist jedoch deswegen sinn voll, weil aus dieser Perspektive auch der nicht-werb liche Anteil jedes Computerspiels aus Symbolen (Pixeln) besteht; aus der Innensicht der virtuellen Spielwelt dagegen macht es einen Unter schied, ob mit Zeichen auf Wirtschafts güter ver wiesen wird oder direkte Abbil dungen von Wirtschafts- gütern auf treten bzw. direkte wirtschaft liche Aktionen vor genommen werden können (siehe auch Dimension „Typ der werb lichen Kommunika tion“, unten). I.2.2.2 Zweite Beschrei bungs dimension: Ver brei tungs weg/techni scher Zugang In-Game-Werbung kann über ver schiedene Ver brei tungs- bzw. techni sche Zu- gangs wege transportiert werden. Grundsätz lich kann dabei zwischen den beiden Ver brei tungs- bzw. Zugangs modi „offline“ und „online“ differenziert werden. In der Regel läuft ein Spiel exklusiv im Offline- oder im Online-Modus, und die Werbemaßnahmen sind dementsprechend auf die damit einher gehenden Bedin gungen zu geschnitten. Ein Beispiel für ein reines Offline-Spiel ist das Musikspiel Guitar Hero, bei dem die Heraus forde rung in dem möglichst prä- zisen instrumentalen Nachspielen eines Musiksongs besteht. Die in dem Spiel ent haltenen Werbemittel, wie beispiels weise die Plakate des Telekommunika- tions unternehmens Sprint, sind feste Bestand teile der (offline ver brei teten) Spielsoftware und können nach dem Erwerb nicht mehr aktualisiert oder dyna- misch ver ändert werden (vgl. auch Dimension „Grad der Fixie rung“, unten). Demgegenüber können in dem Online-Strategiespiel Anarchy Online die Werbeplatzie rungen (u. a. auf großen Bildschirmen präsentierte Kinotrailer) auf grund der Onlinekonnektivität über die gesamte Nutzungs dauer hinweg modifiziert werden (zum Beispiel durch die Substitu tion eines nach ge wisser Zeit veral teten Kinotrailers durch einen dann aktuelleren, vgl. Abbil dung 2, unten). Neben exklusiv offline oder online nutz barer Spielsoftware, be stehen bei einigen Computerspielen auch hybride Zugangs möglich keiten, das heißt, sie können ab wechselnd offline und online ge nutzt werden, wodurch sich auch für die Werbekommunika tion die Möglich keit einer dualen Ver brei tung eröffnet: So kann Werbung beispiels weise erst in der Onlinephase implementiert werden, um dann auch in nach folgenden Offline-Phasen zu er scheinen, und/oder die 28 werb lichen Inhalte sind bereits in den Offline-Modus des Spiels einprogram- miert und bleiben un verändert oder aber werden in den Online-Phasen modi- fiziert bzw. aktualisiert. Abbil dung 2: Online ver breitete Variante von In-Game-Werbung Ein Trailer für den Film „300“ wird in der virtuellen Spielwelt von Anarchy Online ge zeigt. Er wird über das Internet in die Darstel lung für jeden einzelnen Spieler ein gespeist und kann jederzeit durch aktuellere Trailer oder andere Werbeinhalte via Internet aus getauscht werden. I.2.2.3 Dritte Beschrei bungs dimension: Messbar keit der Nutzer aktivitäten Wie bei vielen anderen Werbeformen in den Neuen Medien besteht auch bei be stimmten Varianten von In-Game-Werbung die Möglich keit, Informa tionen über die einzelnen Rezipientinnen und Rezipienten zu sammeln und diese wiederum für die Erfolgs messung und strategi sche Werbepla nung nutz bar zu machen.4 Wegen der werbestrategi schen Relevanz, vor allem aber wegen der an gebundenen Debatte über den Schutz persön licher Daten vor Aus spähung und wirtschaft licher Verwer tung ist es sinn voll, die Messbar keit der Nutzer- 4 Vgl. beispielsweise Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online-Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunika tion@Gesell schaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www. soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (21. 6. 2011). 29 aktivitäten als eigene Beschrei bungs dimension auch und gerade für In-Game- Werbung einzu führen. Diese Deskrip tions kategorie ist aus techni schen Gründen eng ver knüpft mit der Dimension der Spiel verbrei tung bzw. des Spielzugangs (s. oben), denn ihre Ausprä gung hängt stark von der Frage ab, ob eine In-Game-Werbung online oder offline aus geliefert wird. So können bei einem Offline-Computerspiel die er reichten Werbekontakte nur nähe rungs weise anhand von Ab verkaufs zahlen oder Umfragen er mittelt werden. Details wie etwa genaue Werbekontakt zahlen (Dauer/Frequenz) können dagegen nicht ge neriert werden. Die limitierte Aus- sagekraft der Nettokontaktermitt lung wird beispiels weise bei der Betrach tung des Offline-Spiels Shaun White Snowboarding deut lich: Das Wintersportspiel ent hält zahl reiche Werbebot schaften auf Plakaten, Fahnen und Auf stellern (zum Beispiel vom Ver siche rungs unternehmen State Farm). Die für den Werbe- kunden relevante Frage der Werbekontakt zahlen kann in diesem Offline-Game nur auf grund der Ab verkaufs zahlen ein geschätzt werden oder müsste mit auf- wendigen Umfragen im Stile der konven tionellen Mediaforschung er mittelt werden. Die tatsäch lich realisierte Kontakt dauer und -frequenz (wie lange also und wie häufig die Spielerinnen und Spieler im Durch schnitt welchem Werbe- mittel be gegneten) ist wegen der fehlenden Onlineanbin dung hingegen nicht zu er mitteln. Für eine solche präzise Messung der einzelnen Nutzer- bzw. Werbekontakte bedarf es eines Adservers (Internet-Technologie zur Bestim mung der Aus liefe- rung/Einblen dung von Werbung pro Nutzer), dessen Einsatz eine Internet- verbin dung ver langt und somit nur bei Spielen im partiellen oder reinen Online- Modus möglich ist. Eine Adserver-Messung gibt dem Werbekunden genaue Rückmel dung über Zahl und Dauer der Werbekontakte und besitzt dem ent- sprechend eine höhere Aus sagekraft in Bezug auf den Werbe erfolg als die Nettoreichweite.5 Für In-Game-Werbung, die von Adserver-Systemen aus geht, be stehen daher spezifi sche Möglich keiten, Informa tionen über die Nutzer (Ver- halten im Spiel) mit werbebezogenen Informa tionen (Einblen dungs dauern für ge zeigte Werbeinhalte) zu ver binden; auch die Bildung personen bezogener Profile, wie sie in der Online-Werbung kritisch diskutiert wird, wäre für solche Formen der In-Game-Werbung denk bar.6 Ein interessantes Anwen dungs beispiel für die Möglich keiten, die die Adserver-Technologie bietet, findet sich in dem Actions piel Rainbow Six Vegas 2, in dem u. a. Plakat werbung für den Kinofilm The Dark Knight be trieben wurde. Wie aus einer themati schen Leis tungs- beschrei bung der zuständigen Werbeagentur Massive Incorporated hervor ging, 5 Vgl. Thomas, W. & Stammermann, L. (2007). In-Game Advertising – Werbung in Computerspielen: Strategien und Konzepte. Wiesbaden. 6 Vgl. Röhle 2007. 30 können detaillierte Messdaten zur Ver fügung ge stellt werden, die dem Werbe- kunden zum einen Aus kunft über die Gesamtdauer des Plakat kontakts des Spielers („Cumulative Impression Seconds“) geben und zum anderen über die Kontakt frequenz („Impres sions total“) informieren, also über die Anzahl der Begeg nungen des Spielers mit der Werbefläche (vgl. die Website der Agentur für strategi sche „Case Studies“ dieser Art: www.massiveincorporated. com). I.2.2.4 Vierte Beschrei bungs dimension: Grad der Fixie rung Eben falls an den einschlägigen Ver brei tungs weg (Dimension „Ver brei tungs weg/ techni scher Zugang“) ge koppelt ist der Grad der Fixie rung der Werbebot schaft innerhalb des Computerspiels. Mit dem Begriff Fixie rungs grad ist ge meint, inwiefern eine Werbemaßnahme in einem Computerspiel nach der er stmaligen Ver brei tung oder Inbetriebnahme der Software noch ver änder lich ist. Es geht also um die Frage, ob die Werbung in un veränder barer Form in das Spiel- geschehen integriert ist [statisches In-Game-Advertising (SIGA)] oder ob es sich um eine dynami sche Werbung handelt, die regelmäßig modifiziert werden kann [dynami sches In-Game-Advertising (DIGA)]. SIGA wird meist nur in Offline-Spielen bzw. in Offline-Bereichen von Spielen ver wendet, könnte theoretisch aber auch in Online-Spielen platziert werden. Ein Beispiel für diese fest in das Computerspiel ein gebundene Werbung ent hält das Autoren nspiel Burnout Paradise, in dem u. a. eine Werbekampagne des Softwareherstellers Microsoft lanciert wird. An diversen Stellen im Spiel verlauf fährt die Spielfigur an großen Reklametafeln vorbei, auf denen Microsoft mit dem Slogan „I’M A PC“ für sich wirbt. Diese Plakate sind, einmal in das Spiel integriert, nicht mehr modifizier bar, können also nicht mit neuen, aktuellen Werbeinhalten von Microsoft be stückt oder an anderer Stelle platziert werden. Hingegen ermög licht DIGA eine weitaus flexiblere Kunden ansprache: Durch Rück griff auf die bereits er wähnte Adserver-Technologie – weshalb DIGA eine Internet verbin dung voraus setzt, also nur in Online-Spielen oder in Online- Bereichen von Spielen möglich ist – können die Werbeobjekte sowohl zeit lich, inhalt lich als auch platzie rungs bezogen an die Wünsche des Auftrag gebers an gepasst werden.7 Die Adjustie rung von Werbemaßnahmen kann dabei ent- weder in einem zyklischen Rhythmus, also immer zu einem be stimmten Zeit- punkt (z. B. beim manuellen oder automati schen Updaten eines Spiels) realisiert werden oder kontinuier lich, d. h. ohne die Orientie rung an ge wissen Initialereig- nissen, sodass jederzeit die Möglich keit besteht, die Werbung zu modifizieren. Zyklisches DIGA findet sich beispiels weise in dem Online-Rennspiel Need for Speed Shift. Hier besteht bei jedem Neustart des Spiels (d. h. bei jedem „Online- 7 Vgl. Thomas & Stammermann 2007. 31 gehen“) die Möglich keit einer Modifika tion der Werbeinhalte. So sieht der Spieler beispiels weise auf einem Plakat zunächst Werbung für den Kinofilm Sherlock Holmes, und dieser Werbeinhalt bleibt während des gesamten Spiel- ablaufs konstant. Beim er neuten Starten des Spiels wenige Tage später wird dann auf demselben Plakat für den Reifen hersteller Falken Tires ge worben (vgl. Abbil dung 3). Es hat demnach ein vom Spielhersteller initiierter und durch Adserver realisierter Werbeinhalts wechsel statt gefunden, der für den Spieler aber nur dann sicht bar wird, wenn er in dem ent sprechenden Zyklus das Spiel online nutzt. Abbil dung 3: Dynamische In-Game-Werbung Aus tausch der Werbeinhalte zwischen zwei Spielsit zungen am Beispiel von Need for Speed Shift: Die gleiche Werbetafel ent lang einer virtuellen Rennstrecke trägt zunächst die Ankündi gung für einen Kinofilm (links) und bei einer späteren Nutzung den Schriftzug eines Reifen anbieters (rechts). I.2.2.5 Fünfte Beschrei bungs dimension: Typ der werb lichen Kommunika tion Ein weiteres zentrales Unter schei dungs merkmal von In-Game-Werbeformen ist der ver wendete Typ der werb lichen Kommunika tion. Hierbei kann es sich ent weder um die Replika tion einer klassi schen Werbemaßnahme oder um die Platzie rung einer virtuellen Produkt- bzw. Dienst leis tungs entsprechung. Der erst genannte Typ kann auch als „virtuelle Werbung“ be zeichnet werden, da er sich auf die computerspielebezogene Adaption von be kannten Werbeformen tradi tioneller Werbeträger (z. B. Fernsehen, Radio) bezieht, deren werb licher Charakter in der Regel (relativ) leicht erkenn bar ist (z. B. Werbespots, -plakate, -jingles, -banner). Eine be stimmte In-Game-Werbung kann also als virtuelle Werbung charakterisiert werden, wenn im Spielgeschehen eine virtuelle Ent- sprechung einer klassi schen Werbemaßnahme ent halten ist, wie etwa ein Radio- spot, den die Spielfigur über Lautsprecher hört und der auf diese Weise auch 32 dem Spieler/der Spielerin zu Gehör ge bracht wird. Andere Beispiele wären Werbejingles, die aus virtuellen Geschäften tönen oder Plakate am virtuellen Straßen rand (vgl. auch Abbil dung 3, oben). In dem Actions piel Spiderman: Web of Shadows ist beispiels weise eine hohe Anzahl farbintensiver Werbe- plakate der Fast foodkette McDonalds zu sehen, die als Fassaden werbung bzw. auf einzelnen Gebäuden in der Spielwelt an gebracht sind. Diese Art der Wer- bung ist in ver gleich barer Form auch an Fassaden und auf Gebäuden in der Realität zu finden. Ist hingegen ein Produkt oder eine Dienst leis tung (auch) zu Werbezwecken in die virtuelle Spielewelt integriert, handelt es sich um ein „virtuelles Product Placement“. Die Differenzie rung zwischen der Nachah mung von be kannten Werbeformen aus der realen Welt und virtuellem Product Placement er scheint deswegen sinn voll, weil man im Sinne der Erkenn bar keit werb licher Ab sichten von ähnlichen Grundsätzen aus gehen kann wie beim Medium Film: Bekannte Werbeformen aus der Realität „zeigen“ dem Publikum ihren werb lichen Charak- ter ver gleichs weise explizit, wohingegen das nicht an gekündigte Auf tauchen von Produkten oder Dienst leis tungen als implizite, „ge tarnte“ Werbeform gilt. Ein an schau liches Beispiel liefert hier das Simula tions spiel Die Sims2, in dem der Möbelhersteller IKEA (in einem Erweite rungs paket zu dem Spiel) in der gesamten Spielwelt an ge eigneten Stellen (über wiegend in den Wohnun gen der Spielfiguren) virtuelle reali täts getreue Produktentsprechungen seiner Möbel und Wohnaccessoires platzieren ließ (Stühle, Tische, Teppiche, Lampen, Spiegel etc., vgl. Abbil dung 4). Diese Product Placements bilden einen Teil der „natür- lichen“ Spielumge bung, sodass ihr werb licher Charakter nicht sofort ersicht lich ist. Das IKEA-Beispiel weist hier natür lich eine „schwache“ Tarnung auf, weil die Zusammen arbeit des Spieleanbieters Electronic Arts mit IKEA sehr offensiv kommuniziert wurde; das hier an gesprochene Ergän zungs paket für Die Sims2 heißt IKEA Home Accessoires. Gleichwohl sind andere Beispiele bekannt, in denen deut lich weniger explizit auf „virtuelles Product Placement“ ver wiesen wird, beispiels weise bei der Verwen dung von authenti schen Feuer waffen (die man in den USA auch kaufen kann) in Shooter-Spielen.8 8 Vgl. Smith, S. L., Lachlan, K. & Tamborini, R. (2003). Popular video games: Quantifying the presentation of violence and its context. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 47, S. 58 ff. 33 Abbil dung 4: Beispiel für Werbetyp „Virtuelles Product Placement“ Die weib liche Spielfigur hat auf einem IKEA-Sessel Platz ge nommen, weitere IKEA-Möbel sind im Raum ver teilt (Die Sims2). I.2.2.6 Sechste Beschrei bungs dimension: Grad der Interak tion Ein weiterer Gestal tungs bereich von In-Game-Werbung eröffnet sich durch den interaktiven Charakter von Computerspielen, der prinzipiell auch für die werb liche Kommunika tion nutz bar ge macht werden kann. Legt man ein Konti- nuum von Interaktivität zugrunde, so können implementierte Werbemaßnahmen ent weder keinerlei Potenzial zur interaktiven Nutzung be sitzen oder graduell unter schied lich intensive Formen der Interak tion er lauben bzw. ver langen. Ist kein Gebrauch des Werbeobjekts durch den Spieler oder die Spielerin vor- gesehen, wie es meistens bei virtueller Werbung der Fall ist, also beispiels weise bei Plakaten oder Bannern, kann dies als passive Werbung be zeichnet werden. Solche Werbemaßnahmen ge hören dann oft zum Hinter grund oder zur Kulisse der Spielwelt, wie es beispiels weise für das bereits er wähnte Simula tions spiel Die Sims2 zutrifft: Hier sind diverse Möbelstücke des Einrich tungs hauses IKEA Bestand teil der virtuellen Wohnun gen der Spielfiguren, wobei viele der Gegen- stände rein dekorativer Natur und nicht-benutz bar sind, wie etwa die virtuelle Produktentsprechung eines IKEA-Tisches. 34 Ver fügt ein werb liches Objekt hingegen über interaktive Ver wen dungs- möglich keiten, was häufig bei virtuellen Product Placements ge geben ist, muss weiter gehend der Grad seiner Nutzbar keit be stimmt werden. So kann die Inter- ak tion mit dem Werbegegen stand für den Spieler zwar möglich, für den Spiel- verlauf jedoch un bedeutend sein. Auch hier kann zur Illustra tion erneut auf die IKEA-Einrich tungs gegenstände in Die Sims2 rekurriert werden, da einige dieser Wohnelemente interaktiv nutz bar sind, wobei die Verwen dung weder nütz lich noch notwendig ist, wie zum Beispiel bei diversen Sitzgelegen heiten der Fall, die ver rück bar sind und auf denen Platz ge nommen werden kann. Weiter hin kann die Benut zung des Objekts aber auch nütz lich sein, dem Spieler also ge wisse Vor teile einbringen. In dem bereits er wähnten Anarchy Online konnte für einen Zeitraum im Jahr 2010 beispiels weise ein Werbeplakat der Automobilmarke Pontiac in nutzbringender Weise interaktiv ver wendet werden, da die Spielfigur durch Anklicken des groß flächigen Plakates (Hinweis auf dem Plakat „Need Energy – Click here“) Energie erhielt, die für ihn während des weiteren Spiel verlaufs nütz lich ist. Und schließ lich kann der Gebrauch werb licher Objekte im Computerspiel zur erfolg reichen Ab solvie rung des Spiels sogar notwendig sein. Hier kann das Rennspiel Need for Speed Shift heran- gezogen werden, in dem der Spieler aus mehreren Automarken (z. B. Porsche, Mercedes, Ferrari, BMW) eine Marke aus wählt, um dann in einem ent spre- chend designten Wagen (sowohl Karosserie als auch Interieur inkl. Marken- emblem auf dem Lenkrad) an den Autoren nen teilnehmen zu können. Die interaktive Nutzung der Product Placements in Form von Rennwagen ist dem- nach notwendig für die Spieltätig keit und das Erreichen der Spielziele – eine Vermei dung der werb lichen Botschaft durch die Spielerinnen und Spieler ist damit praktisch aus geschlossen. I.2.2.7 Siebte Beschrei bungs dimension: Wirtschaft liche Transak tion Mit der wirtschaft lichen Transak tion wird eine Dimension auf gezeigt, deren positive Ausprä gung, nämlich das Vor handensein von wirtschaft lichem Trans- aktions potenzial eines In-Game-Werbeobjekts mit Auswir kungen auf die reale Welt, bislang nur in sehr be grenztem Maße zu finden ist. Es ist jedoch davon auszu gehen, dass sich ihre Relevanz in naher Zukunft erhöhen wird, da es eine lukrative Einnahmequelle ver spricht. Bei konven tioneller Online-Werbung (außerhalb von Spielen) besteht häufig eine enge Ver knüp fung zwischen der Werbemaßnahme (z. B. einem Werbe-Banner auf einer Website) und der Ab- wicke lung einer Transak tion mit dem Nutzer (z. B. Buchung einer Flugreise). Bei Werbung in Computerspielen ist auf grund der Abschot tung der virtuellen Welt von der realen Welt diese Nähe nicht ohne Weiteres zu realisieren. In den meisten Fällen ist es auch nicht möglich, ein In-Game-Werbeobjekt als 35 non-virtuelles Wirtschafts gut zu ver wenden. Es sind jedoch Fälle dokumentiert und denk bar, bei denen die Nutzerinnen und Nutzer durch In-Game-Werbung direkt in eine realwelt liche Transak tion ge lotst werden. Bei dem Autoren nspiel Need for Speed Underground 2 wäre es beispiels weise durch aus naheliegend, dem Spieler die Option zu geben, das Musikstück „Riders on the Storm“ des Rappers Snoop Doog feat. The Doors, das zu Beginn jeder Spiel szene auto- matisch startet und während der Spielhand lung als Hinter grundmusik präsent bleibt, direkt käuf lich er werben zu können. Andere Beispiele sind aus dem „nahen Ver wandten“ von Computerspielen, nämlich der virtuellen Welt „Second Life“, bekannt; hier haben ver schiedene Unter nehmen ihre virtuellen Produkte in der (Spiel-)Welt mit der Möglich keit der tatsäch lichen Produkt bestel lung und Produkt liefe rung nach Hause aus- gestattet. Zwei abseh bare Ent wick lungs linien in der Spielebranche stützen das Argument, dass In-Game-Werbung auch mit Blick auf die Frage, ob sie direkt mit einer Transak tions möglich keit ver bunden ist, klassifiziert werden sollte. Zum einen floriert das Geschäfts modell, innerhalb von Computerspielen spiel bezo- gene digitale Güter zu ver kaufen.9 Transak tionen mit echtem Geld (oder virtua- lisiertem echten Geld in „Spiel-Währung“) sind also zumindest in manchen Online-Spielwelten bereits ge bräuch liche Praxis und könnten ohne Probleme auch auf spielexterne Produkte an gewendet werden. Zum anderen wachsen Computerspiele und Social Media (zum Beispiel „Facebook“) immer enger zusammen.10 Damit werden neuartige Tendenzen der „Ent gren zung“ von Com- puter spielen erkenn bar; die Nutzung von Computerspielen geht naht los in andere Formen der Internetnut zung über, sodass prinzipiell auch die Grenzen zwischen Spielen, Werberezep tion und Internet-Shopping fließender werden dürften. I.2.2.8 Achte Beschrei bungs dimension: Kenntlichmachung Komplettiert wird die Matrix zur Systematisie rung von In-Game-Werbung durch die Dimension „Kenntlichmachung“, die sich auf das Vor handensein oder Nicht vorhandensein von Hinweisen auf die werb lichen Inhalte eines Com- puterspiels bezieht. Ein Hinweis auf einen Werbeinhalt liegt dann vor, wenn die Präsenz werb licher Botschaften beispiels weise im Vor- oder Abspann eines Spiels oder in der Spiel beilage auf geführt oder anderweitig in allgemeiner Form auf die Existenz werb licher Kommunika tion hin gewiesen wird. Ist die Werbung im Spiel hingegen in keiner Weise als solche aus gewiesen, gilt ent- sprechend die Ausprä gung „kein Hinweis auf einen Werbeinhalt“. Diese Dimen- 9 Vgl. Lehdonvirta, V. (2009). Virtual item sales as a revenue model: Identifying attributes that drive purchase decision. Electronic Commerce Research, 9(1), S. 97 ff. 10 Vgl. beispielsweise Wohn, D. Y., Lampe, C., Ellison, N., Wash, R. & Vitak, J. (2011, Januar). The „S“ in social network games: Initiating, maintaining, and enhancing relationships. In Proceedings of the 44th Annual Hawaii International Conference on System Sciences. Kauai, HI. 36 sions ausprä gung wäre etwa bei dem Werbespot des Automobilherstellers Pontiac einschlägig, der dem Spieler im Spiel verlauf von Anarchy Online (in einem be stimmten Zeitfenster im Jahr 2010) auf einem Großbildschirm prä- sentiert wurde: Es wird weder vor, während noch nach dem Spot (den der Spieler notwendiger weise an schauen muss) darauf hin gewiesen, dass es sich dabei um einen Werbeinhalt handelt. Der Ver zicht auf eine Kenntlichmachung von Werbung in Computerspielen ist nach momentanem Stand die Regel; nur in seltenen Fällen erfolgt ein expliziter Hinweis auf werb liche Inhalte. Nicht zuletzt vor dem Hinter grund der in konven tionellen Werbemedien üblichen Praxis, eine Trennung von Werbung und Programm bzw. redak tionel- lem Content zu fordern,11 er scheint diese Dimension bei In-Game-Werbung be deutsam. Freilich sind die Machbar keiten für die meisten Spielwelten wesent- lich geringer als etwa bei der linearen Programmabfolge des Fernsehens, die die Kenntlichmachung von Unter brecherwer bung ermög licht. Schwer lich vor- stell bar wäre beispiels weise das Auf treten eines roten Pfeils mit der Auf schrift „Werbung hier!“, sobald die Nutzerinnen und Nutzer auf einer virtuellen Renn- strecke an einer Werbebande vorbei rasen. Denkbar wäre hingegen die Einblen- dung „Werbemaßnahme“ am Bildschirmrand links oben, sobald eine In-Game- Werbung auf dem Bildschirm zu sehen ist – diese Einblen dung wäre optisch und möglicher weise juristisch ver gleich bar mit dem Hinweis „Dauerwerbesen- dung“ im Fernsehen. Gleichwohl sind bislang fast keine solchen und anderen Techniken der Kenntlichmachung von In-Game-Werbung als gängige Praxis dokumentiert. I.2.3 Resümee und offene Fragen In-Game-Werbung wird genau mit den gleichen techni schen Mitteln erzeugt und platziert wie die sie um gebende Spielwelt mit ihren Räumen, Gegen ständen und Figuren: Beides besteht (nur) aus dynamisch er rechneten Pixeln. Damit werden spezifi sche Eigen schaften von In-Game-Werbung möglich oder zumin- dest vor stell bar; zum einen sind der kreativ-strategi schen Aus gestal tung werb- licher Botschaften in den virtuellen Welten von Computerspielen praktisch keine Grenzen mehr gesetzt. Zum anderen sind immer dann, wenn Internet- verbin dungen ge nutzt werden (können), Chancen und Risiken ge geben, die auf dem möglichen Rück kanal vom Nutzer zum Werbetreibenden beruhen und beispiels weise die auf Nutzer profilen be ruhende personalisierte Zuspie lung aus gewählter Werbeinhalte und -formen er lauben. Wegen der Vielfalt der Er- schei nungs formen und technisch-strategi schen Machbar keiten ist es er forder lich, 11 Vgl. Baerns, B. (Hrsg.) (2004). Leitbilder von gestern? Zur Trennung von Werbung und Programm. Wiesbaden. 37 das Phänomen In-Game-Werbung ent lang von multiplen Dimensionen zu be- schreiben: Prinzipiell wären alle Permuta tionen aus den in Tabelle 1 (s. oben) zusammen gefassten Variablen, die In-Game-Werbung kennzeichnen, vor stell- bar; eine be merkens werte Vielfalt lässt sich schon heute zumindest an aus- gewählten Beispieltiteln zeigen. Aus der Beschäfti gung mit den Erschei nungs formen und techni schen Grund- lagen der In-Game-Werbung wird bereits deut lich, dass die zu Beginn formu- lierten Erkenntnis interessen in Bezug auf Regulie rungs-, Wirkungs- und Medien- kompetenzfragen mehr als be rechtigt sind. Die große Vielfalt der In-Game- Werbung geht teil weise mit be merkens werten „Tarnungs“-Möglich keiten einher; vielfach scheint In-Game-Werbung sehr eng mit dem rest lichen, nicht werben- den Spielgeschehen ver zahnt zu sein. Die meisten denk baren und schon prakti- zierten Formen von In-Game-Werbung stellen ge wissermaßen das Gegen teil von eindeutig markierter, aus dem Um gebungs-Content heraus stechender Unter- brecherwer bung im Rundfunk bereich dar. Zugleich sprechen viele Formen die Ver arbei tungs routinen der Nutzerinnen und Nutzer aus der realen Welt an: Werbeplakate am Straßen rand oder auf Gebäuden haben wir alle schon häufig gesehen und dafür Rezep tions schemata aus gebildet. Diese im Rahmen virtueller Welt-Simula tionen aufzu greifen ist eine jener Techniken der „intelligenten“ Werbeintegra tion in Computerspielen, die sowohl unter recht lich- aufsichts- bezogenen Perspektiven (z. B. Kenntlichmachung, vgl. die achte Beschrei bungs- dimension) als auch aus der Rezep tions- und Wirkungs perspektive (z. B. be- wusste versus automati sche Ver arbei tung der Werbebot schaft) und natür lich der praxisorientierten medien pädagogi schen Perspektive be deutsam sind. Neben den vielfältigen Integra tions formen der erkenn baren In-Game-Werbung, ge- wisser maßen ihrer Oberfläche, sind auch die zugrunde liegenden Technologien mit ihrem Potenzial zur Vermes sung von Werbekontakten und Nutzer verhal- tens weisen sowie der Personalisie rung von Werbe einblen dungen hochinteres- sant. Auch wenn hier weit gehend unklar ist, inwieweit die Leis tungs verspre- chungen etwa von Agenturen wie „Massive Incorporated“ schon um gesetzt werden (können), ver weisen die (potenziellen) Gemeinsam keiten zwischen dyna mi scher In-Game-Werbung und anderen Formen des Internet Advertising bereits auf normative Heraus forde rungen im Bereich des Daten schutzes.12 Auch hier er geben sich ent sprechende Fragen, insbesondere für die Regulie rungs- perspektive. Pessimistisch formuliert sähe also gemäß der hier skizzierten Systematisie- rung eine be sonders problemati sche Konstella tion von In-Game-Werbung in etwa folgender maßen aus: In-Game-Werbung kann in einem Spiel mit USK- Freigabe „12 Jahre“ eine Spirituosen-Plakat werbung darstellen (Werbeobjekt: 12 Vgl. Röhle 2007. 38 Symbol), die in die Spielland schaft ein gefügt wird, sobald der jugend liche Spieler eine Internet verbin dung hergestellt hat (Ver brei tungs weg: online). Mit Hilfe moderner Adserver-Technologie kann der Werbetreibende exakt be ziffern, wie häufig, wie lange und aus welchem Winkel jener Spieler die Werbebotschaft in einem ge gebenen Zeitraum sehen konnte (Messbar keit der Nutzer aktivität: Adserver). Aus dem online er stellten Nutzungs profil des Spielers kann er ferner er mitteln, dass die Spirituosen werbung an einem Streckenteil steht, den der Spieler jedes Mal mit hohem Tempo durch fährt, sodass vermut lich wenig Auf merksam keit für die Werbebot schaft ent steht. Also nutzt der Werbetreibende die Möglich keiten der dynami schen In-Game-Werbung und ver legt seine Werbe- bot schaft an den Rand einer virtuellen Schikane, wo sie auf grund des geringe- ren Fahrtempos deut lich länger und besser sicht bar bleibt (Grad der Fixie rung: dynamisch-kontinuier lich). Da es sich um eine Banden werbung am Rand einer virtuellen Rennstrecke handelt, muss diese Werbeform als Replika tion klassi- scher kommerzieller Kommunika tion gelten (Typ der werb lichen Kommunika- tion: „virtuelle Werbung“). Allerdings besteht ein Unter schied zu einem echten Werbeplakat: Das virtuelle Plakat stellt nämlich eine Straße dar, die auf die eben falls ab gebildete Website der Spirituosen marke hinführt – fahren die Spielerinnen und Spieler zum Spaß „in die Plakat wand hinein“, öffnet sich ein Fenster dieser Homepage (Grad der Interak tion: Interak tion möglich) und bietet Bestell möglich keiten für Merchandising-Produkte rund um die Spirituose und das Thema Autoren nen (Wirtschaft liche Transak tion: möglich). Und schließ lich weist weder ein Schriftzug am Bildschirmrand noch eine Notiz im Handbuch oder im Vor spann des Spiels darauf hin, dass mit solch einer Spirituosen- werbung gerechnet werden müsse (Kenntlichmachung: nicht vor handen). Es ließen sich ver schiedene andere eben falls regulie rungs bezogen und nor- mativ problemati sche Konstella tionen von In-Game-Werbung aus der Systemati- sie rung ab leiten; das fiktive Beispiel soll vor allem illustrieren, wie die verschie- denen Beschrei bungs dimensionen zusammen fließen und aufeinander bezogen werden können. So wird deut lich, dass eine Vielzahl praktizierter oder denk- barer Varianten von In-Game-Werbung neue Heraus forde rungen an die Werbe- aufsicht und Medien regulie rung sowie für die Werbewirkungs- und Werbe- kompetenzforschung stellen. Die Darstel lung des Möglich keits raums – welche Eigen schaften kann In-Game-Werbung auf weisen? – ist indes nicht gleichzusetzen mit einer Abbil- dung der häufigsten und typischsten Formen von In-Game-Werbung. Eine auf systemati schen Inhalts analysen be ruhende Bestim mung der Prävalenzraten von ver schiedenen Arten der In-Game-Werbung in den heutzutage am Markt an- gebotenen Computerspielen steht weiter hin aus. Sie wäre auch im Rahmen des hier dokumentierten Forschungs projekts nicht zu leisten. Allerdings lassen sich aus unseren Erfah rungen bei der Suche nach aktuellen Beispielen für In-Game- Werbung einige Trend vermu tungen ab leiten: 39 – In-Game-Werbung tritt insbesondere in solchen Spielgenres ge häuft auf, die realwelt liche Kontexte ab bilden, in denen Werbekommunika tion sehr präsent ist. Dies gilt insbesondere für Sportspiele (zum Beispiel Fußball- simula tionen, Autoren nen), die wiederum bei Kindern und Jugend lichen aus gesprochen beliebt sind.13 – Aus diesem Grund scheint auch „virtuelle Werbung“, also die Replika tion von Werbemaßnahmen aus realwelt lichen Settings wie etwa Plakate und Banden werbung sowie Sponsoren aufdrucke auf Kleidung oder Fahrzeugen be sonders häufig Verwen dung zu finden. Sofern Sportspiele markierte Sport- geräte ver wenden (zum Beispiel Fahrzeuge, Golfschläger oder Sportsättel) finden sich ent sprechend auch zahl reiche virtuelle Product Placements. – Viele Spielgenres er scheinen inkompatibel mit Werbemaßnahmen, beispiels- weise Fantasy-Rollen spiele mit Magiern und Rittern oder auch Welt krieg-2- Simula tionen. Das Spektrum der Spiele, die als Werbeträger fungieren (können), ist demzu folge gegen über dem Gesamtspektrum erhält licher Genres und Titel deut lich ein geschränkt. Unter den laut Bundes verband Interaktive Unter hal tungs software (BIU) im Jahr 2009 meist verk auften Computerspielen in Deutschland beispiels weise waren aus schließ lich Titel, die nur sehr schlecht als Werbeträger dienen könnten (z. B. das histori sche Strategiespiel „Anno 1404“ oder das Endzeit-Rollen spiel „Fallout 3“). – Neben dem Sportbereich findet sich Werbung am ehesten noch in Action- spielen und „Welt-Simula tionen“ (z. B. „Grand Theft Auto“). Auch in diesen virtuellen Umgebun gen dominieren Replika tionen lokaler Werbemittel wie Plakate oder Logos auf Gebäudefassaden. – Andere Formen wie Unter brecherwer bung (zum Beispiel beim Wechsel von einem Spiel-Level zum nächsten) sind dagegen extrem selten. Der Main- stream der In-Game-Werbung besteht demnach in hoch-integrierten Formen, die nicht den Spielprozess unter brechen. – Kenntlichmachungen von In-Game-Werbun gen sind bei unserer Recherche über haupt nicht auf getaucht – keines der gesich teten Beispiele ent hielt einen expliziten Hinweis oder eine Ankündi gung, wie sie etwa neuer dings für Produkt platzie rungen im Fernsehbereich ge fordert ist. Diese Trendbeobach tungen be dürfen frei lich einer systematischeren Unter- suchung in künftigen Forschungs projekten zur In-Game-Werbung. Zu be denken ist in jedem Fall, dass auf grund der hohen Langzeitmotiva tion, die viele Com- puterspiele er reichen („Wieder spielwert“), ein einzelner Spieler durch aus extrem hohe Kontakt zahlen mit einigen wenigen Maßnahmen der In-Game-Werbung 13 Vgl. z. B. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2009). KIM-Studie 2008. Kinder+Medien, Computer+Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart, S. 30. 40 realisieren kann. Zudem könnten beispiels weise hochgradig interaktive oder durch be sondere Krea tions leis tungen hervor stechende Formen der In-Game- Werbung unabhängig von der Kontaktanzahl be sonders intensive Werbekon- takte herstellen, sodass eine „tiefe“ Werbewir kung eintreten kann, obwohl eine Spielerperson – beispiels weise im Rahmen der Lösung von Rätsel aufgaben in einem Adventure-Spiel – weder an der Werbung interessiert war (niedriges Produktinvolvement) noch wieder holt mit der Werbung konfrontiert wurde (geringe Kontakt frequenz). Insofern kann und sollte aus der hier erarbei teten Gegen stands systematisie rung noch keine Abschät zung über die tatsäch lichen typischen und exotischeren Varianten von In-Game-Werbung ab geleitet werden, und es sollten auch keine weitreichenden Ver mutungen über die Wirksam keits- potenziale von In-Game-Werbung an gestellt werden. Für beides bedarf es zusätz licher empiri scher Forschung, die im Rahmen des vor liegenden Bandes mit Blick auf Rezep tion und Effekte auch ge leistet wird (vgl. unten: Teil III). In jedem Fall lassen sich jedoch direkt Fragen in Bezug auf die medien recht- liche Beurtei lung von In-Game-Werbung ab leiten; diese be treffen insbesondere die (Pflichten zur) Kenntlichmachung von In-Game-Werbung, die Sammlung und/oder strategi sche Anwen dung von personen bezogenen Daten im Rahmen online-basierter Werbeformen sowie natür lich die Frage nach jugendschutz- relevanten Werbeinhalten. Zugleich ist zu be denken, dass die hier vor gelegte Systematisie rung nur eine Moment aufnahme darstellt; das hohe Innova tions- tempo der Spielebranche insgesamt dürfte auch zur Einfüh rung neuartiger, bisher nicht dokumentier barer und ergo in der Systematisie rung nur unzu rei- chend be rücksichtigter Varianten von In-Game-Werbung führen. Auch die Aus- einander setzung mit dem Forschungs- und Beurtei lungs gegen stand „In-Game- Werbung“ bedarf daher einer regelmäßigen Aktualisie rung. 41 Literatur Baerns, B. (Hrsg.) (2004). Leitbilder von gestern? Zur Trennung von Werbung und Programm. Wiesbaden. Balasubramanian, S. (1994). Beyond advertising and publicity: Hybrid messages and public policy issues. Journal of Advertising, 23(4), S. 29 ff. Lehdonvirta, V. (2009). Virtual item sales as a revenue model: Identifying attributes that drive purchase decision. Electronic Commerce Research, 9(1), S. 97 ff. Mau, G., Silberer, G. & Constien, C. (2008). Communicating brands playfully: Effects of in-game advertising for familiar and unfamiliar brands. International Journal of Advertising, 27(5), S. 827 ff. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2009). KIM-Studie 2008. Kinder+Medien, Computer+Internet. Basis untersuchung zum Medien umgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Nelson, R. M. (2005). Exploring consumer response to „advergaming“. In C. P. Haugtvedt, K. A. Machleit, & R. F. Yalch (Hrsg.), Online consumer psychology: Understanding and influencing consumer behavior in the virtual world (S. 167 ff.). Hillsdale. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online- Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunikation@Gesellschaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www.soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (21. 6. 2011). Smith, S. L., Lachlan, K. & Tamborini, R. (2003). Popular video games: Quantifying the presentation of violence and its context. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 47, S. 58 ff. Thomas, W. & Stammermann, L. (2007). In-Game Advertising – Werbung in Computer- spielen: Strategien und Konzepte. Wiesbaden. Wohn, D. Y., Lampe, C., Ellison, N., Wash, R. & Vitak, J. (2011, Januar). The „S“ in social network games: Initiating, maintaining, and enhancing relationships. In Proceedings of the 44th Annual Hawaii International Conference on System Sciences. Kauai, HI. 43 I.3 Der Forschungs stand: Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung Alexandra Sowka & Franziska Roth Computerspiele ver körpern heute einen be deutenden Werbeträger, der für die Werbebranche eine attraktive Ergän zung oder gar eine Alternative zu Rundfunk-, Banden- oder Plakat werbung darstellt. Die Interaktivität, die enorme inhalt liche und ge stalterisch-techni sche Vielfalt sowie das hohe Beteili gungs potenzial (Involvement) von Computerspielen bieten vielfältige Einbin dungs möglich keiten für werb liche Inhalte (vgl. zu den ver schiedenen In-Game-Werbe formen Kapi- tel I.2). Die steigende (wirtschaft liche) Bedeu tung von In-Game-Werbung und die mit ihr ver bundenen werb lichen Gestal tungs spiel räume machen die neue Werbeform auch zu einem interessanten und relevanten Forschungs feld für die Kommunika tions wissen schaft und die Medien psychologie: Wie wird In-Game- Werbung von den Rezipienten wahrgenommen? Wie wirkt sich In-Game-Wer- bung auf die Marken- bzw. Produkteinstel lungen und das Kauf verhalten der Rezipienten aus? Zeigen sich Differenzen (etwa in dem Grad der Empfänglich- keit für Werbebot schaften) zwischen ver schiedenen Nutzer gruppen, zum Bei- spiel zwischen Kindern und Erwachsenen? Wie schneidet In-Game-Werbung im Ver gleich zu anderen Werbetypen ab, er reicht sie höhere Akzeptanzwerte und besitzt einen höheren Einfluss auf die Rezipienten als beispiels weise Fern seh- oder Kinower bung? Die Werberezep tions- und Werbewirkungs forschung steht in der Beantwor- tung dieser und an grenzender Fragen noch am Anfang, insbesondere, wenn es um die Wirkungs diagnosen für junge Spieler und Spielerinnen geht. Die empiri- schen Studien, die zum Effekt von In-Game-Werbung vor liegen, konzentrieren sich auf die Zielgruppe der (jungen) Erwachsenen.1 Kinder wurden dagegen bislang kaum be achtet, obwohl sie eine der größten Nutzer gruppen von Compu- 1 Vgl. etwa Gross, M. (2010). Advergames and the effects of game-product congruity. Computers in Human Behavior, 26(10), S. 1259 ff.; vgl. Nelson, M. R. (2002). Recall and recognition of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(3), S. 80 ff.; vgl. Yang, M., Roskos-Ewoldsen, D., Dinu, L. & Arpan, L. M. (2006). The effectiveness of „In-Game“ Advertising: Comparing college students’ explicit and implicit memory for brand names. Journal of Advertising, 35(4), S. 143 ff. 44 ter spielen2 und zudem eine wichtige Käuferschicht darstellen.3 Dabei stellt sich für Nutzer und Nutzerinnen im Kindesalter die Frage nach der Werbewir kung von In-Game-Werbung in be sonderer Weise, da eine, im Ver gleich zu Erwach- senen, höhere „Anfällig keit“ gegen über den Persua sions versuchen der neuen Werbekommunika tions formen, die den Kindern (noch) weit gehend un bekannt sind, zu ver muten ist. Aus der klassi schen Werbewirkungs forschung (etwa zur Fernseh-, Radio-, Plakat werbung) ist bereits bekannt, dass die Effekte von Werbung auf Kinder im Allgemeinen stärker sind als auf Erwachsene.4 Bei Kindern sind Persua sions versuche werb licher Kommunika tion erfolg reicher, weil ihnen bis zu einem Alter von etwa 10 bis 11 Jahren die Fähig keit zur Unter schei dung zwischen Mediendarstel lung und Realität fehlt und sie noch nicht über die kognitiven Grund vorausset zungen für eine differenzierte Elabora- tion von Werbeinforma tionen ver fügen (etwa um deren Wahr heits gehalt be- urteilen zu können).5 Für die meist sehr subtile In-Game-Werbekommunika- tion ist auf grund der ent wick lungs bezogenen Spezifika eben falls eine stärkere Persua sions empfänglich keit von Kindern gegen über Erwachsenen anzu nehmen. Hierzu liegen bislang allerdings kaum empiri sche Befunde vor (erste Ergebnisse dazu werden in Teil III dieses Bandes vor gestellt), weshalb sich die nach folgen- den Erläute rungen auf die Forschung mit (jungen) Erwachsenen konzen trieren. Zunächst wird dabei ein allgemeiner Einblick in die Forschungs bedin gun gen und -methoden ge geben, an schließend werden die zentralen Forschungs ergeb- nisse vor gestellt. I.3.1 Forschungs methoden, Forschungs designs und Mess verfahren In der In-Game-Werbeforschung werden die Daten typischer weise im Rahmen von quantitativen Befra gungs studien oder in Experimenten erhoben. Dabei konzentriert man sich auf die Erfas sung (einiger weniger) be stimmter Merk- 2 Vgl. etwa Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2009). KIM-Studie 2008. Kinder+Medien, Computer+Internet. Basis untersuchung zum Medien umgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart; vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2010). JIM-Studie. Jugend, Informa tion, (Multi-) Media. Basis untersuchung zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. 3 McNeal, J. U. (1992). Kids as customers: A handbook of marketing to children. New York. 4 Vgl. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen; vgl. Kunkel, D. (2001). Children and television advertising. In J. Singer & D. Singer (Hrsg.), Hand- book of Children and the Media (S. 375 ff.). Thousand Oaks. 5 Vgl. Martin, M. C. (1997). Children’s understanding of the intent of advertising: A meta-analysis. Journal of Public Policy & Marketing, 16(2), S. 205 ff.; vgl. Moore, Elizabeth S. & Lutz, Richard J. (2000). Children, advertising, and product experiences: A multimethod inquiry. The Journal of Consumer Research, 27(1), S. 31 ff.; vgl. Oates, C., Blades, M., & Gunter, B. (2002). Children and television advertising: When do they understand persuasive intent? Journal of Consumer Behaviour, 1(3), S. 238 ff. 45 male, weshalb immer nur einzelne Facetten der Werbewir kung be trachtet wer- den können. Eine vollständige Berücksichti gung aller Faktoren, die die Wirkung von werb licher Kommunika tion be einflussen könnten, ist auf grund der Fülle von Einfluss größen nicht realisier bar. So spielen etwa diverse individuelle Persönlich keits eigen schaften sowie soziale und kontext gebundene Faktoren eine Rolle.6 Die am häufigsten ver wendete Methode in der Werbewirkungs forschung ist die Befra gung. Befra gungen werden meist in standardisierter Form durch- geführt und zwar sowohl schrift lich als auch telefonisch. Die Teilnehmenden füllen einen Fragebogen aus, in dem sie anhand von fest gelegten Antwort- kategorien und/oder in offenen Antwort formaten ihre Antwort geben.7 Reine Befra gungs studien er lauben be schreibende Aus sagen über die Vertei lung von Merkmalen in einer be stimmten Gruppe (z. B. Beliebt heit eines Produktes und durch schnitt liche Nutzungs dauer eines werbehaltigen Computerspiels unter Jugend lichen) und über die Zusammen hänge zwischen diesen Merkmalen (z. B. zwischen Produkt präferenz und Nutzungs dauer). Allerdings lassen nicht-experi- mentelle Befra gungs studien keine gesicherten Aus sagen über die Richtung der Zusammen hänge zu, da das Ursache-Wirkungs-Verhältnis zwischen den Merk- malen ledig lich plausibel erklärt, nicht aber über prüft werden kann.8 Um Aus sagen über kausale Zusammen hänge zu er mitteln, sind experimen- telle Forschungs designs notwendig. Experimente sind dadurch ge kennzeichnet, dass die an genommene Ursache für eine Wirkung systematisch manipuliert, also ver ändert wird, wobei alle anderen Bedin gungen durch Kontrolle und Randomisie rung9 gleich ge halten werden. Die Ver suchspersonen („Probanden“) werden dafür per Zufall den ver schiedenen Unter suchungs bedin gungen zu- gewiesen, die sich aus schließ lich in der Varia tion der Ursache unter scheiden. So könnte etwa ein Teil der Probanden (Experimentalgruppe) der vermu teten Ursache (z. B. einem werbehaltigen Computerspiel) aus gesetzt werden, während der andere Teil (Kontroll gruppe) bewusst dieser Ursache nicht aus gesetzt wird (und z. B. ein werbefreies Computerspiel spielt). In allen anderen Hinsichten ist der Ver suchs ablauf aber für beide Gruppen genau gleich, sodass Unter- schiede zwischen ihnen (z. B. Unter schiede in der Produkt präferenz) dann tatsäch lich auf die ver mutete Ursache, deren Wirkung über prüft werden sollte, zurück geführt werden können.10 6 Vgl. Bongard, J. (2002). Werbewirkungs forschung: Grundlagen – Probleme – Ansätze. Münster, S. 84. 7 Vgl. Richter, T. (2008). Forschungs methoden der Medien psychologie. In Batinic, B. & M. Appel (Hrsg.), Medien psychologie (S. 3 ff.). Heidel berg. 8 Zur Methode der Befra gung vgl. etwa Möhring, W. & Schlütz, D. (2010). Die Befra gung in der Medien- und Kommunika tions wissen schaft. Eine praxisorientierte Einfüh rung (2. Aufl.). Wiesbaden. 9 Randomisie rung be zeichnet die zufällige Zuord nung von Ver suchspersonen zu be stimmten Ver suchs bedin- gungen. Dadurch lassen sich Störeinflüsse etwa von Persönlich keits eigen schaften der Probanden eliminieren, vgl. etwa Huber, O. (2000). Das psychologi sche Experiment: Eine Einfüh rung (3. Aufl.). Bern. 10 Vgl. Richter 2008. 46 Besonders relevant, um Aus sagen über die Wirksam keit von Werbung treffen zu können, ist die Erfas sung der Erinne rung an die be worbenen Marken sowie die Messung von Einstel lungen gegen über der Werbung und gegen über den be worbenen Marken. Einstel lungs- und Erinne rungs effekte spielen sowohl in der prakti schen Werbepla nung als auch in der (wissen schaft lichen) Werbe- forschung eine zentrale Rolle.11 Um die Erinne rung an die be worbenen Marken zu messen, bedient man sich sowohl in der herkömm lichen Werbewirkungs- forschung als auch in der In-Game-Werbeforschung ver schiedener Arten von Erinne rungs tests. Ihnen liegt die Annahme zugrunde, dass das Erinnern einer Marke oder eines Produktes die Voraus set zung dafür ist, dass Werbung wirken kann und sich beispiels weise auf die Einstel lungen und das Ver halten der Rezipienten aus wirkt. Es können direkte und indirekte Erinne rungs messun gen unter schieden werden. Zu den direkten Erinne rungs verfahren zählen insbesondere Reproduk tions- tests (Recall-Verfahren) und Wieder erken nungs tests (Recogni tion-Verfahren). Recall-Verfahren ver langen von der Ver suchsperson eine be wusste Erinne rung an den be worbenen Inhalt (z. B. an Markennamen, Produkte oder Werbedetails). Der Proband soll sich frei, also ohne Gedächtnis stütze, erinnern. In Recogni- tion-Tests hingegen geht es darum, ob die Ver suchsperson ein be stimmtes Element aus der Werbung wieder erkennt, wenn es ihm vor gelegt oder ge nannt wird. Um hier die Ratewahrscheinlich keit zu ver ringern bzw. zu kontrollieren, wird meistens eine Vor lagen auswahl präsentiert, die sowohl tatsäch lich ge zeigte als auch „falsche“ Elemente ent hält, die der Proband nicht gesehen haben kann.12 Der Recall-Test gilt als „härteres“ der beiden Prüfungs instrumente: Freie Erinne rungs aufgaben sind in der Regel schwieriger zu er füllen als Wieder- erken nungs aufgaben, sodass Recogni tion-Werte meistens höher aus fallen als Recall-Werte.13 Bei den indirekten Erinne rungs messun gen werden implizite Gedächtnis- inhalte zu er mitteln ver sucht, ohne dabei einen Bezug zum vermu teten Aus löser der Inhalte, also der Werbung, herzu stellen. Die Probanden er halten beispiels- weise Assozia tions aufgaben, in denen es darum geht, spontan Imageattribute einer Marke zu äußern. Stimmen diese Attribute (z. B. eine be stimmte Auto- marke wird als „cool“ und „sport lich“ be schrieben) mit Elementen des zuvor rezipierten Stimulus (z. B. einem in ein Computerspiel integrierten Werbeplakats für die einschlägige Marke) überein, ohne dass sich der Rezipient jedoch an 11 Vgl. Petty, R. E., Cacioppo, J. T. & Schumann, D. (1983). Central and peripheral routes to advertising effective- ness: The moderating role of involvement. Journal of Consumer Research, 10, 135 ff.; vgl. Vakratsas, D. & Ambler, T. (1999). How advertising works: What do we really know? Journal of Marketing, Vol. 63(1), S. 26 ff. 12 Vgl. Singh, S. N. & Cole, C. A. (1985). Forced-choice recognition tests: A critical review. Journal of Advertising, 14(3), S. 52 ff. 13 Vgl. Richter 2008. 47 den Stimulus bewusst erinnern kann, spricht man von einer impliziten Erinne- rung.14 Die bisherige Studien vita hat jedoch ge zeigt, dass Erinne rung keine hinreichende Bedin gung für Werbewir kungen ist (d. h. Erinne rung alleine führt nicht zu einer Werbewir kung), allen falls eine notwendige (d. h. eine Bedin gung neben weiteren Bedin gungen). Aber auch das ist nach wie vor ein umstrittener Punkt, da auch Einstel lungs ände rungen ohne ent sprechende Marken erinne rung fest gestellt wurden.15 Die Messung von Einstel lungen gegen über Werbung in Spielen geschieht, wie bei vielen Studien zum Gefallen herkömm licher Werbung auch, meist durch eine einfache Meinungs abfrage. Die Messung der Bewer tung von Marken ge staltet sich hingegen schwieriger, da es sich hier um eine latente, also eine nicht direkt be obacht bare Variable handelt, die nicht über die Frage nach der Bewer tung ge messen werden kann, sondern bei der ver schiedene Fragen (zum Beispiel zu Kaufabsicht, eigenem Besitz, „Gefallen“ vom Gegen stand usw.) kombiniert werden sollten, um eine reliable Messung zu er halten.16 Insgesamt ist die Forschung zur In-Game-Werbung (noch) sehr stark an die klassi sche Werbewirkungs forschung an gelehnt, für die Zukunft des jungen Forschungs feldes ist aber eine weiter gehende Emanzipa tion zu er warten, etwa im Hinblick auf die Ent wick lung spezifi scher Instrumente zur Messung der persuasiven Wirkung von In-Game-Werbung. Die bisherigen Erkenntnisse zu den Wirkungs aspekten von computerspieleintegrierter Werbung werden im nächsten Ab schnitt skizziert. I.3.2 Forschungs ergebnisse Die Forschung zur Wirkung von In-Game-Werbung stammt hauptsäch lich aus zwei Quellen: aus der akademi schen Forschung an Universitäten und Hoch- schulen sowie aus der kommerziellen Markt forschung. In den nach folgenden Über blick sollen beide Forschungs zugänge einbezogen werden, wobei der aka- de mi schen Forschung mehr Gewicht bei gemessen wird, da für diese Studien die Methodentransparenz in der Regel deut lich größer ist und zugleich weniger Probleme mit möglicher weise interessegelei teten Studien ver mutet werden kön- nen. 14 Vgl. Krishnan, H. S. & Chakravarti, D. (1999). Memory measures for pretesting advertisements: An integrative conceptual framework and a diagnostic template. Journal of Consumer Psychology, 8, S. 1 ff. 15 Vgl. Beattie, A. E. & Mitchell, A. A. (1985). The relationship between advertising recall and persuasion: An experimental investigation. In Alwitt, L. F. & A. A. Mitchell (Hrsg.), Psychological processes and advertising effects: Theory, research and application (S. 129 ff.). Hills dale, NJ. 16 Vgl. Gierl, H. & Satzinger, M. (2000). Gefallen der Werbung und Einstel lung zur Marke. Der Markt, 39 (3), S. 115 ff.; vgl. Brown, S. P. & Stayman, D. M. (1992). Antecedents and consequences of attitude toward the ad: A meta-analysis. Journal of Consumer Research, 19(1), S. 34 ff. 48 I.3.2.1 Bewer tung von In-Game-Werbung Die bisherigen Unter suchungen ver weisen auf eine allgemein positive Einstel- lung von Spielern und Spielerinnen gegen über Werbung in Computerspielen. In einer der ersten akademi schen themati schen Studien von Nelson im Jahr 2002 zeigte sich, dass die Teilnehmenden (N = 20) der In-Game-Werbung durch- schnitt lich ein hohes Maß an Akzeptanz ent gegen bringen. Der über wiegende Teil der Befragten empfand In-Game-Werbung als reali täts steigernd und sah die Werbeplatzie rungen nicht als Beeinträchti gung des Spielerlebnisses oder als Irrefüh rung bzw. Täuschung an.17 In einer Nachfolgestudie (2004), einer Analyse von 509 Nutzer beiträgen in einem (technisch orientierten) Internet- forum, konnten zwei Voraus set zungen für eine positive Haltung zur In-Game- Werbung aus gemacht werden: Werbung in Computerspielen wird dann akzep- tiert und positiv be wertet, wenn sie zu einer realistischeren Spielwelt beiträgt und sich naht los in die virtuelle Umgebung einpasst.18 Die Verbin dung zwischen dem „Fit“ von Werbeplatzie rungen in Computerspielen (d. h. dem Grad ihrer Kompatibilität mit der Spielumge bung und der Spielhand lung) und ihrer Bewer- tung seitens der Spieler und Spielerinnen konnte in einer weiteren Studie aus dem Jahr 2004 (N = 315 Befragte) be stätigt werden: Werbung mit einem hohen Fit wird positiver be urteilt als solche, die sich nicht gut in den Spiel kontext eingliedert.19 Darüber hinaus scheint die Akzeptanz von integrierter Werbung auch von dem jeweiligen Spielgenre abzu hängen. So wird In-Game-Werbung in Sport- und Rennspielen eher akzeptiert als etwa in Fantasy-Spielen, in denen Werbung als unpassend empfunden wird.20 Dass Werbung in Computerspielen aber im Allgemeinen nicht als Nachteil an gesehen wird, legen auch Studienergebnisse aus der Werbewirt schaft nahe. So stimmten beispiels weise in einer Unter suchung des Markt forschungs instituts Nielsen (2008) 82 Prozent der be fragten Nutzer und Nutzerinnen (N = 1.300) der Aussage zu, (Computer-)Spiele mit integrierter Werbung genauso unter- haltsam zu empfinden, wie Spiele ohne Werbung.21 Erkenntnisse über etwaige Unter schiede in der Bewer tung der ver schiedenen In-Game-Werbeformen liefert eine Studie des Markt forschungs instituts TNS Emnid (N = 591) aus dem Jahr 2004: 71 Prozent der Nutzer und Nutzerinnen gaben an, sich nicht durch „echte 17 Vgl. Nelson 2002. 18 Vgl. Nelson, R. M., Keum, H., & Yaros, R. A. (2004). Advertainment or adcreep game players’ attitudes toward advertising and product placements in computer games. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 3 ff. 19 Vgl. Hernandez M. D. et al. (2004). Hispanic attitudes toward advergames: A proposed model of their antecedents. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 116 ff. 20 Vgl. Molesworth, M. (2006). Real brands in imaginary worlds: Investigating players’ experiences of brand placement in digital games. Journal of Consumer Behaviour, 5(4), S. 355 ff. 21 Vgl. IGA Worldwide (Hrsg.) (2008). Landmark IGA-Nielsen Study. 82 % of consumers react positively to receiving contextual In-Game Ads during game play. Zu be ziehen über: www.pressreleasepoint.com landmark-iganielsen-study-82-consumers-react-positively-receiving-contextual-ingame-ads-during-game- (20. 5. 2011). 49 Marken auf Banden oder Trikots“ (in einer Fußballsimula tion) ge stört zu fühlen, und rund zwei Drittel meinten, dass es sie nicht stören würde, „im Spiel ein echtes Produkt zu nutzen, das es in der realen Welt gibt.“22 Demnach werden sowohl passiv rezipierte virtuelle Werbemaßnahmen als auch interaktiv nutz- bare Product Placements mit einer positiven Bewer tung ver bunden (zu den ver schiedenen In-Game-Werbeformen vgl. Kapitel I.2). Insgesamt zeigt sich also eine eher positive Beurtei lungs tendenz hinsicht lich In-Game-Werbung, wobei diese an be stimmte Merkmale, wie etwa Fit mit dem Spiel kontext und Genre, ge knüpft zu sein scheint. Ent scheidendes Krite- rium für das gute „Ab schneiden“ von In-Game-Werbung gerade im Ver gleich zur Unter brecherwer bung im Fernsehen, der ein eher negatives Image anhängt, ist die von den Nutzern und Nutzerinnen positiv hervor gehobene „Ver schmel- zung“ von Werbung mit ihrer Umgebung: Beliebte bzw. nicht störende In-Game- Werbung ist solche, die nicht unmittel bar als Werbung erkenn bar ist und den Spielablauf nicht unter bricht. I.3.2.2 Erinne rungs wirkung von In-Game-Werbung Neben dem Bewer tungs aspekt ist für die Werbeforschung auch die Erinne- rungs wirkung von In-Game-Werbung von großem Interesse. Die aktuelle Befund lage zur Erinne rungs wirkung von In-Game-Werbung bei Erwachsenen lässt keine Aus sagen über einen eindeutigen „Trend“ zu, da die Ver gleich bar- keit der Befunde auf grund der multiplen Messansätze, der Betrach tung unter- schied licher In-Game-Werbeformen und der Verwen dung ver schiedener Spiel- genres nur ein geschränkt ge geben ist. In der oben bereits er wähnten explorativen Studie von Nelson (2002) wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen (N = 20) direkt nach dem Spielen einer Autoren nsimula tion ge fragt, an welche Produkte oder Marken aus dem Spiel sie sich erinnerten. Von den im Spiel be worbenen Marken wurden in einem un gestützten Erinne rungs test im Durch schnitt etwa 30 Prozent korrekt wieder- gegeben, bei der zweiten Erhebung fünf Monate später erinnerten sich die Probanden (N = 10) ohne Erinne rungs hilfe noch an rund 15 Prozent der Marken. Weiter hin wurde in der einschlägigen Studie (erste Erhebung) die Erinne rungs- leis tung differenziert nach be stimmten Marken merkmalen wie regional vs. über regional, für das Spielgenre typisch vs. untypisch, erfasst. Es stellte sich heraus, dass insbesondere regionale und ge nreuntypi sche Marken, also solche Marken, die man eigent lich nicht in dem einschlägigen Spielgenre er wartet hätte, über durchschnitt lich gut in Erinne rung bleiben – was in einer interessan- 22 Vgl. TNS Emnid (2004). Virtualität stärkt die Marken glaubwürdig keit. TNS Emnid Studie: Mehr Realismus bei E-Games durch echte Marken. Zu be ziehen über: www.tnsemnid.com/presse/pdf/presseinformationen/ 2004_02_05_TNS_Emnid_Virtualitaet_Gamer. pdf (20. 5. 2011). 50 ten Diskrepanz zu den Ergeb nissen zur Akzeptanz von In-Game-Werbung steht, da sich ja ein guter Fit zwischen Werbung und Spiel kontext als akzeptanz- fördernd heraus gestellt hat (s. o.).23 In einer anderen Studie aus dem Jahr 2004 (N = 42), in der nur die kurz- fristige Erinne rungs leis tung unter sucht wurde, erinnerten sich bei einer un- gestützten Abfrage etwa 25 Prozent der Spieler/innen an ein bis zwei (von drei) Werbeplatzie rungen, 50 Prozent konnten keine der drei Marken korrekt wieder geben.24 Eine Unter suchung des Werbe vermarkters AdLINK Media (2009, in Koopera tion mit der Universität Zürich) testete die Erinne rungs- wirkung von In-Game-Banden werbung für die Getränkemarke „Coke Zero“, mit dem Ergebnis, dass rund 32 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen (N = 101) die Marke korrekt nennen konnten, etwa 19 Prozent sie ungefähr richtig und 49 Prozent sie gar nicht wieder geben konnten.25 Eine Unter suchung von Grigorovici et al. (N = 140) ging der Frage nach, ob es einen Unter schied zwischen klassi schen Werbeformen (hier: Werbebanner und -Plakate) und Product Placements (hier: Getränkedose, Fahrzeug und ein Mobiltelefon) in Computerspielen in der Erinne rungs wirkung gibt. Den Ergeb nissen zufolge wurde Plakat- bzw. Bannerwer bung in höherem Maße un gestützt erinnert als die integrierten Produkt platzie rungen.26 Den für das Medium Computerspiele be sonders wichtigen Aspekt der Inter- aktivität unter suchte ein Experiment von Klimmt, Steinhof und Daschmann (2008). Aus gehend von theoreti schen Überle gungen zur Begrenzt heit kognitiver Ressourcen wurde hier ge prüft, inwieweit die Konzentra tion der Spieler auf ihre Auf gaben die Wahrneh mung und Erinne rung von In-Game-Werbung be- einträchtigt. Am Beispiel von Banden werbun gen in einer Fußballsimula tion wurde ge zeigt, dass im Ver gleich zu einer nicht selbst eingreifenden Kontroll- gruppe die Spieler die Banden werbung deut lich schlechter erinnern konnten. „Randständige“, vom momentanen Handeln der Spieler relativ weit ent fernte Formen der In-Game-Werbung scheinen daher nur relativ geringe Erinne rungs- effekte hervor zurufen.27 Gleichwohl zeigen Folgestudien mit ver schiedenen Varianten von In-Game-Werbung (nicht-interaktive Marken- und Produkt place- ments, Sportsponsoring und interaktive Produkt placements), dass im Ver gleich 23 Vgl. Nelson 2002. 24 Vgl. Chaney, I. M., Lin, K.-H. & Chaney, J. (2004). The effect of bill boards within the gaming environment. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 54 ff. 25 Vgl. AdLINK Media (2009). In-Game Werbewirkungstest. Zu be ziehen über: www.swissmediatool. ch/ _files/researchDB/248. pdf (20. 5. 2011). 26 Vgl. Grigorovici, D. M. & Constantin, C. D (2004). Experien cing interactive advertising beyond rich media. impacts of ad type and presence on brand effectiveness in 3D gaming immersive virtual environments. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 30 ff. 27 Vgl. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medien wirtschaft, 5(1), S. 6 ff. 51 zu experimentellen Kontroll gruppen durch aus nennens werte kurzfristige Erinne- rungs effekte auf treten.28 Es lässt sich durch Betrach tung der Studien also durch aus eine positive Wirkung von In-Game-Werbung auf die Marken erinne rung von Spielern und Spielerinnen fest stellen. Um Klarheit über die genauen Einfluss faktoren und Auswir kungen zu er halten, ist jedoch noch weitere Forschung notwendig. Denn bislang liegen weder theoreti sche Modelle zu den wirkungs relevanten Besonder- heiten von Werbung in (interaktiven, multimedialen) Computerspielen vor, noch reicht die Basis vor handener Studien aus, um eine systemati sche Über sicht der Wirkun gen von ver schiedenen Varianten der In-Game-Werbung bei unterschied- lichen Publikums segmenten zu erarbeiten. I.3.2.3 Einfluss auf Marken bewer tung und Kaufabsichten Schließ lich stellt sich auch die Frage nach der Wirkung von In-Game-Werbung hinsicht lich der Bewer tung von Marken bzw. Produkten sowie in Bezug auf die Kaufabsichten. Werden die Qualität und die Attraktivität von be worbenen Marken nach der Spielnut zung höher ein geschätzt? Und sind die Spieler und Spielerinnen nach der Nutzung eher ge neigt, ein be worbenes Produkt zu kaufen? Auch hier weisen die bisherigen Forschungs ergebnisse mit er wachsenen Pro- banden nicht eindeutig in eine Richtung, sondern differieren stark. Einem Online-Experiment (N = 512) von Mau et al. (2008) zufolge kann die Bewer bung von un bekannten Marken deren Bewer tung erheb lich ver bessern. Werden hingegen be kannte Marken be worben, so wirkt sich das negativ auf das Image aus. Im vor liegenden Fall wurde die Bewer tungs wirkung der Wer- bung des Getränkeherstellers „Coca Cola“ mit der Werbung eines un bekannten Cola-Herstellers „Jolt“ verg lichen. Letztere wurde zwar von weniger Spielern und Spielerinnen erinnert, er reichte aber in der Bewer tung bessere Werte. Hingegen hatte eine frühere Unter suchung (N = 62) von Nelson et al. (2006) ergeben, dass In-Game-Werbung sehr wohl einen positiven Einfluss auf das Image be kannter Marken haben kann.29 Dies scheint, folgt man den Ergeb- nissen einer anderen Studie von Mackay et al. (2009; N = 154)30 allerdings nur bei solchen Marken der Fall zu sein, die vor der Spielnut zung negativ oder neutral be wertet wurden, bei von vornherein positiv be setzten Marken zeigte 28 Vgl. Klimmt, C., Roth, F. S., Braune, A. & Mischke, C. (2011). How players respond to advertising in video games: „Yes“ for awareness, „No“ for reactance, and also „No“ for (short-term) attitude change. Full-Paper- Vortrag auf der Konferenz der International Communication Association (ICA), Game Studies Interest Group, 26.–30. Mai 2011, Boston (USA). 29 Vgl. Nelson, M. R., Yaros, R. A. & Keum, H. (2006). Examining the influence of telepresence on spectator and player processing of real and fictitious brands in a computer game. Journal of Advertising, 35(4), S. 87 ff. 30 Vgl. Mackay, T., Ewing, M., Newton, F. & Windisch, L. (2009). The effect of product placement in computer games on brand attitude and recall. International Journal of Advertising, 28(3), S. 423 ff. 52 sich keine Image verbesse rung. Was die Kaufwahrscheinlich keit anbelangt, so kommt eine 2009 im Auftrag des Werbe unternehmens Massive Incorporated durch geführte Studie zu dem Ergebnis, dass diejenigen Onlinespieler, die werbehaltige Spiele ge spielt hatten, die be worbenen Marken eher kaufen und weiter empfehlen würden, als diejenigen Spieler, die Spiele ohne Werbeinhalte ge nutzt hatten.31 Weiter hin deuten Studienergebnisse an, dass die Marken- bewer tung besser aus fällt, wenn sich die Spieler/innen nicht mehr (bewusst) an die im Spiel be worbene Marke erinnern.32 Somit stellt sich hinsicht lich der Einstel lungen ein noch uneinheit licheres Ergebnis dar als bei den Erinne rungs wirkun gen. Zwar zeigen sich in einigen Studien Einstel lungs effekte, die Variablen wurden aber sehr unter schied lich operationalisiert, weshalb die Frage, ob und wie Werbung in Computerspielen auf Einstel lungen einwirkt und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, für Erwachsene nicht eindeutig be antwortet werden kann. Neben den methodi schen Problemen der Ver gleich bar keit besteht aber auch gerade bei den einstel lungs- bezogenen Wirkun gen von In-Game-Werbung großer Bedarf nach theoreti schen Weiter entwick lungen, nämlich zur Frage, welche bereits be kannten Persua- sions modelle und -prozesse in Bezug auf die Werbung in Computerspielen sinn voll an gewendet werden können. Hier steht beispiels weise die Frage nach der Bedeu tung von be wusster versus un bewusster Werbewahrneh mung („mere exposure“) im Raum.33 Erst von solchen theoreti schen Fortschritten aus wird sich der empiri sche Forschungs stand zur Wirkung von In-Game-Werbung ziel- führend systematisieren lassen, sodass die gerade in Frühphasen empiri scher Forschungs aktivitäten un vermeid lichen wider sprüch lichen Befunde sinn voll integriert werden können. I.3.3 Resümee Sowohl in der akademi schen als auch in der an gewandten Werbewirkungs- forschung steht In-Game-Werbung mittlerweile auf der Agenda. Die Methoden (weniger die Theorien und Modelle) der konven tionellen Werbewirkungs for- schung werden zur Anwen dung ge bracht; gleichwohl bleibt die Anzahl ver- öffentlichter Unter suchungen sehr be scheiden. Die geringe Zahl der Studien ist deshalb auch nicht in der Lage, die vielfältigen Erschei nungs formen von In-Game-Werbung systematisch oder gar vollständig zu be rücksichtigen. Ohne- 31 Vgl. Myring, J. (2009). Dynamic in-game advertisings has positive impact on brand equity. New Media Age, S. 9. 32 Vgl. Grigorovici & Constantin 2004. 33 Vgl. Schemer, C., Matthes, J. & Wirth, W. (2007). Werbewir kung ohne Erinne rungs effekte? Eine experimentelle Studie zum Mere-Exposure-Effekt bei Product Placements. Zeitschrift für Medien psychologie, 19(1), S. 2 ff. 53 hin ist die (experimentelle) Forschung mit interaktiven (Werbe-)Medien be- sonders an spruchs voll und be nötigt in be sonderem Maße auf wendige Replika- tions studien.34 Auch die Frage, wie man mit spezifi schen Eigen schaften von In-Game-Werbung, etwa der Interaktivität mancher virtueller Produkt platzie- rungen, methodisch umgehen soll, ist noch nicht be friedigend gelöst. Insofern muss der Forschungs stand zur Wirkung von In-Game-Werbung sowohl in quan- titativer als auch in qualitativer Hinsicht als be scheiden be wertet werden. Gleichwohl zeigen sich in der Gesamtschau der vor liegenden Forschungs- ergebnisse deut liche Hinweise, die für eine mögliche Wirkung von In-Game- Werbung auf die Marken- bzw. Produkteinstel lungen und für eine sehr häufig auf tretende Wirkung auf die Erinne rungs leis tungen der Spieler sprechen. Gleich zeitig kann als gesichert gelten, dass die Einstel lungen gegen über dieser Werbeform in der Regel positiv aus fallen, womit eine weitere im Werbewirkungs- prozess relevante Größe „positiv“ im Sinne von vor handenem Wirkungs poten- zial für die In-Game-Werbung aus fällt.35 Ein spezifi sches Problem des Forschungs stands zur In-Game-Werbung ist der Mangel an Studien mit Kindern. Bisher wurden aus nahms los Erwachsene als Probanden für Unter suchungen über In-Game-Werbung unter sucht. An- gesichts der Werbeaffinität einiger bei Kindern sehr be liebter Titel und Genres (z. B. Fußball-, Autoren nspiele und „Die Sims“) wiegt das Fehlen empiri scher Befunde zu dieser Zielgruppe von In-Game-Werbung be sonders schwer. Die vor gestellten Befunde aus der In-Game-Werbeforschung mit (jungen) Erwach- senen geben indes wichtige Impulse für die dringend anzu gehende Unter- suchung der In-Game-Werberezep tion und -wirkung bei kind lichen Spielern und Spielerinnen. Für die Medien pädagogik stellt sich zum einen die Frage, inwieweit und inwiefern die referierten Befunde zur Akzeptanz, zur Erinne rungs wirkung und zur Einstel lungs- und Ver haltens beeinflus sung von In-Game-Werbung auch auf die Zielgruppe der Kinder zutreffen (Sind Kinder eben falls eher positiv gegen über In-Game-Werbung ein gestellt? Erinnern sich Kinder an die inte- grierte Werbung in Computerspielen? Lassen sich Wirkun gen auf ihre Marken- bewer tungen und ihr Kauf verhalten fest stellen?). Zum anderen ist der Frage nach zugehen, wie die ganz jungen Nutzer/innen prinzipiell mit der Ver schmel zung von werb lichen und nicht-werb lichen Inhalten umgehen, die ja so charakteristisch für In-Game-Werbung ist: Erkennen Kinder In-Game-Werbung über haupt als Werbung? Inwiefern hat das Erkennen oder Nicht-Erkennen Konsequenzen für die Wirkung der Werbemaßnahmen? 34 Vgl. Klimmt, C., Vorderer, P. & Ritterfeld, U. (2007). Interactivity and generalizability: New media, new challenges. Communication Methods and Measures, 1(3), S. 169 ff. 35 Vgl. Brown, S. P. & Stayman, D. M. (1992). Antecedents and consequences of attitude toward the ad: A meta-analysis. Journal of Consumer Research, 19(1), S. 34 ff. 54 Erste Forschungs ergebnisse dazu werden in Teil IV dieses Bandes vor- gestellt. Auch aus medien recht licher Perspektive ist der Aspekt der Nicht- Erkenn bar keit von In-Game-Werbung höchst relevant, denn vor dieser will der Gesetz geber die Rezipienten prinzipiell schützen. Die Ver braucher sollen vor Täuschungen über den werb lichen Charakter be stimmter Medien inhalte und damit vor subtiler Manipula tion bewahrt werden, weshalb eine grundsätz liche Trennung von Werbung und (redak tionellen) Inhalten ge boten ist – eben diese Trennung allerdings wird im Hinblick auf In-Game-Werbung von den (er- wachsenen) Rezipienten negativ be wertet. Besonders virulent ist die Frage der Werbekennzeich nung für die Nutzer gruppe der Kinder, die ja, wie bereits zu Anfang er läutert, im Allgemeinen empfäng licher bzw. anfälliger sind für Werbe einflüsse als Jugend liche und Erwachsene (s. o.; zu den medien recht- lichen Heraus forde rungen vgl. Teil II in diesem Band). 55 Literatur AdLINK Media (2009): In-Game Werbewirkungs test. Zu be ziehen über: www. swissmediatool. ch/_files/researchDB/248. pdf (20. 5. 2011). Beattie, A. E. & Mitchell, A. A. (1985). The relationship between advertising recall and persuasion: An experimental investigation. In Alwitt, L. F. & A. A. Mitchell (Hrsg.), Psychological processes and advertising effects: Theory, research and application (S. 129 ff.). Hills dale, NJ. Bongard, J. (2002). Werbewirkungs forschung: Grundlagen – Probleme – Ansätze. Münster. Brown, S. P. & Stayman, D. M. (1992). Antecedents and consequences of attitude toward the ad: A meta-analysis. Journal of Consumer Research, 19(1), S. 34 ff. Chaney, I. M., Lin, K.-H. & Chaney, J. (2004). The effect of billboards within the gaming environment. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 54 ff. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. Gierl, H. & Satzinger, M. (2000). Gefallen der Werbung und Einstel lung zur Marke. Der Markt, 39(3), S. 115 ff.; vgl. Brown, S. P. & Stayman, D. M. (1992). Antecedents and consequences of attitude toward the ad: A meta-analysis. Journal of Consumer Research, 19(1), S. 34 ff. Grigorovici, D. M. & Constantin, C. D. (2004). Experiencing interactive advertising beyond rich media. impacts of ad type and presence on brand effectiveness in 3D gaming immersive virtual environments. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 30 ff. Gross, M. (2010). Advergames and the effects of game-product congruity. Computers in Human Behavior, 26(10), S. 1259 ff. Hernandez M. D. et al. (2004). Hispanic attitudes toward advergames: A proposed model of their antecedents. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 116 ff. Huber, O. (2000). Das psychologi sche Experiment: Eine Einfüh rung (3. Aufl.). Bern. IGA Worldwide (Hrsg.) (2008). Landmark IGA-Nielsen Study. 82 % of consumers react positively to receiving contextual In-Game Ads during game play. Zu be ziehen über www.pressreleasepoint.com landmark-iganielsen-study-82-consumers-react- positively-receiving-contextual-ingame-ads-during-game- (20. 5. 2011). Klimmt, C., Roth, F. S., Braune, A. & Mischke, C. (2011.). How players respond to advertising in video games: „Yes“ for awareness, „No“ for reactance, and also „No“ for (short-term) attitude change. Full-Paper-Vortrag auf der Konferenz der International Communica tion Associa tion (ICA), Game Studies Interest Group, 26.–30. Mai 2011, Boston (USA). Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medienwirtschaft, 5(1), S. 6 ff. Klimmt, C., Vorderer, P. & Ritterfeld, U. (2007). Interactivity and generalizability: New media, new challenges. Communication Methods and Measures, 1(3), S. 169 ff. 56 Krishnan, H. S. & Chakravarti, D. (1999). Memory measures for pretesting advertise- ments: An integrative conceptual framework and a diagnostic template. Journal of Consumer Psychology, 8, S. 1 ff. Kunkel, D. (2001). Children and television advertising. In J. Singer & D. Singer (Hrsg.), Handbook of Children and the Media (S. 375 ff.). Thousand Oaks. Mackay, T., Ewing, M., Newton, F. & Windisch, L. (2009). The effect of product placement in computer games on brand attitude and recall. International Journal of Advertising, 28(3), S. 423 ff. Martin, M. C. (1997). Children’s understanding of the intent of advertising: A meta- analysis. Journal of Public Policy & Marketing, 16(2), S. 205 ff. McNeal, J. U. (1992). Kids as customers: A handbook of marketing to children. New York. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2010). JIM-Studie. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis untersuchung zum Medien umgang 12- bis 19-Jäh- ri ger in Deutschland. Stuttgart. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (Hrsg.) (2009). KIM-Studie 2008. Kinder+Medien, Computer+Internet. Basis untersuchung zum Medien umgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart Möhring, W. & Schlütz, D. (2010). Die Befra gung in der Medien- und Kommunika- tions wissen schaft. Eine praxisorientierte Einführung (2. Aufl.). Wiesbaden. Molesworth, M. (2006). Real brands in imaginary worlds: Investigating players’ experiences of brand placement in digital games. Journal of Consumer Behaviour, 5(4), S. 355 ff. Moore, Elizabeth S. & Lutz, Richard J. (2000). Children, advertising, and product experiences: A multimethod inquiry. The Journal of Consumer Research, 27(1), S. 31 ff. Myring, J. (2009). Dynamic in-game advertisings has positive impact on brand equity. New Media Age, S. 9. Nelson, M. R. (2002). Recall and recognition of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(3), S. 80 ff. Nelson, R. M., Keum, H., & Yaros, R. A. (2004). Advertainment or adcreep game players’ attitudes toward advertising and product placements in computer games. Journal of Interactive Advertising, 5(1), S. 3 ff. Nelson, M. R., Yaros, R. A. & Keum, H. (2006). Examining the influence of telepresence on spectator and player processing of real and fictitious brands in a computer game. Journal of Advertising, 35(4), S. 87 ff. Oates, C., Blades, M., & Gunter, B. (2002). Children and television advertising: When do they understand persuasive intent? Journal of Consumer Behaviour, 1(3), S. 238 ff. Petty, R. E., Cacioppo, J. T. & Schumann, D. (1983). Central and peripheral routes to advertising effectiveness: The moderating role of involvement. Journal of Consumer Research, 10, 135 ff. Richter, T. (2008). Forschungs methoden der Medien psychologie. In Batinic, B. & M. Appel (Hrsg.), Medien psychologie (S. 3 ff.). Heidel berg. Schemer, C., Matthes, J. & Wirth, W. (2007). Werbewir kung ohne Erinne rungs effekte? Eine experimentelle Studie zum Mere-Exposure-Effekt bei Product Placements. Zeitschrift für Medien psychologie, 19(1), S. 2 ff. 57 Singh, S. N. & Cole, C. A. (1985). Forced-choice recognition tests: A critical review. Journal of Advertising, 14(3), S. 52 ff. TNS Emnid (2004). Virtualität stärkt die Marken glaubwürdig keit. TNS Emnid Studie: Mehr Realismus bei E-Games durch echte Marken. Zu be ziehen über: www. tnsemnid.com /presse /pdf /presseinformationen / 2004_02_05_TNS_Emnid_ Virtualitaet_Gamer. pdf (20. 5. 2011). Vakratsas, D. & Ambler, T. (1999). How advertising works: What do we really know? Journal of Marketing, 63(1), 26 ff. Yang, M., Roskos-Ewoldsen, D., Dinu, L. & Arpan, L. M. (2006). The effectiveness of „In-Game“ Advertising: Comparing college students’ explicit and implicit memory for brand names. Journal of Advertising, 35(4), S. 143 ff. Teil II Medien recht liche Bestands aufnahme und Bewer tung Dieter Dörr & Nicole Zorn 61 II.1 Einlei tung Der Werbung, dem Sponsoring, dem Teles hopping und der Produkt platzie rung kommt für die Finanzie rung privater Medien angebote eine zentrale Rolle zu. Neben Presse, Film und Rundfunk hat sich, wie bereits dargestellt wurde, im Rahmen von Computerspielen ein neuer Werbemarkt ent wickelt, der immer mehr an Bedeu tung gewinnt. Die Interessen von Werbenden und Rezipienten stehen allerdings in einem ge wissen Span nungs verhältnis: Während die Werbe- wirt schaft die Konsumenten mit Hilfe von (gut ge machter) Werbung be ein- flussen möchte, soll der Ver braucher vor Täuschungen über den Werbecharakter und damit vor Manipula tion geschützt werden. Dieser Schutz soll insbesondere durch den Grundsatz der Trennung von Werbung und sonstigen Inhalten ge- währ leistet werden, der sich als konstantes Prinzip im gesamten Medien recht findet. Trotz der wachsenden Bedeu tung der In-Game-Werbung gibt es keine spe- ziellen Vor schriften zu dieser Problematik. Weder die Werbung in Computer- spielen noch die Computerspiele als solche sind in einem Gesetz geregelt. Vielmehr wirken Bestim mungen aus ganz unter schied lichen Gesetzen auf die Werbung in Computerspielen ein. Diese Rege lungs werke sprechen allerdings – mit Aus nahme der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richt- linie)1, die in den Erwä gungs gründen Onlinespiele nennt, – Computerspiele weder im Gesetzes text noch in den Begrün dungen an. Vor schriften, die sich auf die Werbung in Computerspielen aus wirken können, sind vor allem im Staats vertrag für Rundfunk und Telemedien (RStV) in der Fassung des Drei- zehnten Rundfunkände rungs staats vertrages vom 30. 10. 2009 und im Telemedien- gesetz (TMG) ent halten.2 Hinzu kommen die Bestim mungen des Jugendmedien- 1 ABl. EG Nr. L 332 vom 18. 12. 2007, S. 27 ff.; Diese Richtlinie wurde durch die Richtlinie 2010/13/ EU vom 10. 3. 2010 zur Koordinie rung be stimmter Rechts- und Ver wal tungs vorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereit stel lung audiovisueller Mediendienste (Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, AVMD-RL) aus „Gründen der Klarheit und Über sichtlich keit“ auf gehoben und die be stehenden Vor schriften mit zusammen gefassten Erwä gungs gründen in durch gängiger Nummerie rung neu kodifiziert, Abl. EU Nr. L 95 vom 15. 4. 2010, S. 1 ff. 2 Gesetz über die Nutzung von Telemedien vom 26. 2. 2007, BGBl. I 179, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 31. 5. 2010, BGBl. I 692. 62 schutz staats vertrages (JMStV)3 und des Jugendschutz gesetzes (JuSchG)4, soweit von der Werbung in Computerspielen Kinder und Jugend liche be troffen sind. Schließ lich wirken sich auch noch die Vor schriften des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG)5 und der Daten schutz aus, wie er auf der Grund- lage der EG-Daten schutz richtlinie6 und der Daten schutz richtlinie für elektroni- sche Kommunika tion7 im Telemedien gesetz und im Bundes daten schutz gesetz (BDSG)8 ver ankert ist. Außerdem steckt der europäi sche Gesetz geber insbeson- dere mit den Vor gaben der AVMD-Richtlinie den Rahmen ab, den der deutsche Gesetz geber be achten muss. Welche Regelun gen jeweils zur Anwen dung kommen, bedarf einer genauen und sorgfältigen Analyse des geltenden Rechts. Recht lich ent scheidend ist, ob die jeweiligen Computerspiele als Rundfunk, als fernsehähn liche Telemedien oder als „einfache“ Telemedien im Sinne des RStV oder als bloße Träger medien anzu sehen sind. Die Zuord nung zu einer dieser Kategorien ist unabding bar, um die Frage be antworten zu können, welchen Einschrän kungen die In-Game- Werbung unter liegt. Dagegen ist die in Ab schnitt I.2 zutreffend vor genommene Systematisie rung für die juristi sche Bewer tung nicht allein maß geblich, hat aber darauf durch- aus Auswir kungen. Die dort vor genommene Eintei lung der In-Game-Werbung nach Symbol, Produkt oder Dienst leis tung ist für die juristi sche Beurtei lung nicht ent scheidend. Hier ist vielmehr – wie noch zu zeigen sein wird – be- deutsam, ob es sich um eine nicht werb lich motivierte und damit zulässige Einbin dung eines Symbols, Produktes oder einer Dienst leis tung handelt, eine ge kennzeichnete Produkt platzie rung oder eine werb lich motivierte, nicht ge- kennzeichnete und damit unzu lässige Schleichwer bung. Dagegen ist der Ver- brei tungs weg, d. h. offline oder online, auch für die juristi sche Einord nung erheb lich, also für die Frage, welche Regelun gen zur Anwen dung kommen. Sie ist be deutsam für die Frage, ob ein Telemedium oder ein Träger medium vor liegt. Auch der Grad der Fixie rung, also die Frage, ob es sich um statische oder dynami sche In-Game-Werbung handelt, ist für die juristi sche Bewer tung 3 Staats vertrag über Jugendschutz und Telemedien vom 10. bis 27. 9. 2002, zuletzt geändert durch Art. 2 des Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrages. 4 Jugendschutz gesetz vom 23. 7. 2002, BGBl I 2730, zuletzt geändert durch Gesetz vom 31. 10. 2008, BGBl I 2149. 5 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb in der Fassung vom 3. 7. 2004, BGBl I 1414, zuletzt geändert durch Gesetz vom 29. 7. 2009, BGBl I 2413. 6 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. 10. 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr, ABl. L 281, 31 vom 23. 11. 1995. 7 Richtlinie 2002/58/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 12. 7. 2002 über die Ver arbei tung personen bezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektroni schen Kommunika tion (Daten- schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion), ABl. L 201, 37 vom 31. 7. 2002. 8 Bundes daten schutz gesetz in der Neufas sung der Bekanntmachung vom 14. 1. 2003, BGBl I 66, zuletzt geändert durch Gesetz vom 14. 8. 2009, BGBl I 2814. 63 nicht ohne Belang. Sie kann ein Indiz dafür sein, ob die be treffende Darstel- lung werb lich oder ledig lich ge stalterisch motiviert ist. Bei der dynami schen In-Game-Werbung ist von einer werb lichen Motiva tion regelmäßig auszu gehen, bei der statischen ist zumindest – je nach Darstel lung – beides denk bar. Der Typ der werb lichen Kommunika tion ist wie die Unter schei dung nach Werbe- objekt nicht immer eindeutig abgrenz bar, die Über gänge sind hier fließend. Eine juristi sche Bewer tung muss am Einzelfall er folgen. Der Grad der Inter- aktion kann ein Indiz für die Auf fällig keit der Einbin dung sein und kann in extremen Fällen im UWG bei der Frage, ob eine unzu mut bare Belästi gung vor liegt, eine Rolle spielen. Die Möglich keit einer wirtschaft lichen Transak tion ist mit ent scheidend dafür, ob die Trennung von Werbung und Inhalten aus- reichend erfolgt ist. Die Kenntlichmachung ist schließ lich der maß gebliche Aspekt für die juristi sche Bewer tung, ob eine Erkenn bar keit der Werbemaß- nahme ge geben ist oder ob eine ver botene Schleichwer bung vor liegt. Die für die juristi sche Bewer tung der In-Game-Werbung zunächst ent schei- dende Zuord nung der jeweiligen Computerspiele zu den Kategorien Rundfunk, fernsehähn liche Telemedien, einfache Telemedien oder Träger medien wird durch zwei Umstände er schwert. Zum einen gibt es eine Vielzahl von unter- schied lichen Erschei nungs formen von Spielen, sodass schon der Terminus „Computerspiel“ nicht eindeutig ist. Die Bandbreite reicht von den (im Internet oft kosten los an gebotenen) einfachsten Onlinespielen wie „Käsekästchen“, virtuellen Brettspielen wie Back gammon oder Mühle über Sportspiele (z. B. Autoren nen), sog. Simula tions spiele bis hin zu hoch komplexen Spielen, bei denen ganze Spielwelten er schaffen werden und Tausende von Spielern welt- weit teilnehmen. Um be stimmte Spielgruppen zu be schreiben, werden ver- schiedene Oberbegriffe ver wendet. Allerdings hat sich eine Eintei lung der Spiele in be stimmte Kategorien immer als schwierig dargestellt und wird daher auch nicht einheit lich vor genommen.9 Als unter schied liche Spielegat tungen werden z. B. Browser-Games, Massively Multiplayer Online Games (MMOGs), LAN-Spiele, Pervasive Games, Passive Multiplayer Online Games (PMOGs), E-sport und virtuelle Welten an geführt.10 Daneben werden die Spiele in unter- schied liche Genres ein geteilt, die sich teil weise nach den Spielearten (Denkspiel, Shooter, etc.) teil weise nach den Inhalten (Sportspiel) richten. Die Unter hal- tungs software Selbst kontrolle (USK) ordnet die Spiele in insgesamt 14 Genres ein. Das PEGI-System11 kennt 12 Genres, die allerdings nur teil weise mit denen der USK über einstimmen. Die Zeitschrift bzw. Homepage gamestar unter teilt in fünf Kategorien12 und die Initiative Klicksafe in fünf andere. Eine allgemein- 9 Hierzu ausführ lich Klimmt, Ego-Shooter, Prügelspiel, Sport simula tion? Zur Typologisie rung und Klassifizie- rung von Computer- und Videospielen, in: Medien und Kommunika tion 2001, S. 480 ff. 10 Ausführ lich zu den ver schiedenen Gattun gen Schmidt/Dreyer/Lampert, Spielen im Netz, 2008, S. 13 ff. 11 Pan European Game Informa tion (PEGI), erstes europaweites Alters einstu fungs system für Computerspiele. 12 Action, Adventure, Rollen spiel, Sport und Strategie, www.gamestar. de, zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011. 64 gültige Kategorisie rung von Spielen gibt es somit (noch) nicht. Im Rahmen der juristi schen Betrach tung können daher nur Einzelfälle beispiel haft heran- gezogen werden. Erschwerend kommt nun hinzu, dass auch die recht lichen Kategorien, in die man die Spiele einordnen muss, eben falls nicht einheit lich definiert sind. Während das deutsche Recht zwischen Rundfunk und Telemedien unter scheidet und Letztere noch einmal in Unter kategorien wie „fernsehähn liche Telemedien“ oder „Telemedien mit journalistisch-redaktionell gestal teten An geboten“ unter- teilt, ver wendet die AVMD-Richtlinie mit „linearen audiovisuellen Medien- diensten“ (Fernsehprogrammen) und „nicht-linearen audiovisuellen Medien- diensten“ (audiovisuellen Mediendiensten auf Abruf) andere Begrifflich keiten. Diese Richtlinie ent hält aber die europarecht lichen Vor gaben, die bei der An- wen dung und Ausle gung des deutschen Rechts be achtet werden müssen. Daher sind zunächst die Regelun gen der AVMD-Richtlinie in den Blick zu nehmen. Sie sind ent scheidend für den Spiel raum, der dem deutschen Gesetz geber bei der Aus gestal tung der Werberege lungen für Computerspiele ver bleibt, da dem Unions recht vor dem nationalen Recht grundsätz lich Vorrang zukommt. 65 II.2 Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie) II.2.1 Der Vorrang des Europarechts Der EuGH be gründet den Vorrang des Unions rechts und damit auch der AVMD-Richtlinie mit der Eigenständig keit der europäi schen Rechts ordnung.13 Inzwischen hat sich die Ansicht durch gesetzt, dass der Vorrang des Gemein- schafts rechts nur ein Anwen dungs vorrang ist.14 Dies hat der EuGH in seiner Rechtsprechung be stätigt15 und darüber hinaus explizit fest gestellt, dass er nicht befugt ist, im Falle einer Kollision zwischen Gemeinschafts recht und nationa- lem Recht über die Nichtig keit der nationalen Vor schriften zu ent scheiden.16 Dieser Anwen dungs vorrang be deutet, dass das Unions recht das nationale Recht nur hinsicht lich der Anwen dung im jeweiligen Kolli sions fall ver drängt. Auch das Bundes verfassungs gericht hat den Anwen dungs vorrang des Gemein schafts rechts grundsätz lich akzeptiert. Der Anwen dungs vorrang des Sekundär rechts gegen über dem innerstaat lichen Recht und damit auch gegen- über den Grundrechten ergibt sich aber aus seiner Sicht aus dem Rechts anwen- dungs befehl des Zustimmungs gesetzes zum EU-Vertrag.17 Schranke der Integra- tions ermächti gung und des Vor rangs des Europarechts ist demnach Art. 23 Abs. 1 GG, der auf europäi scher Ebene einen dem deutschen Grundgesetz im Wesent lichen ver gleich baren Grundrechts schutz fordert, sowie die Geltung der Ewig keits klausel des Art. 79 Abs. 3 GG bei der Übertra gung von Hoheits rechten anordnet.18 Die daraus abzu leitenden Aus nahmen vom Anwen dungs vorrang19 13 Grundlegend EuGH Slg. 1964, 1251 ff., Costa Enel. 14 Schweitzer, Staats recht III, 9. Auflage, Heidel berg 2008, Rn. 49. 15 EuGH Slg. 1998, I-6307 ff. Rn. 18 ff., Ministerio delle Finanze. 16 EuGH Slg. 1984, 483, 486 Rn. 6, Jongeneel Kaas BV. 17 BVerfGE 73, 374 f. 18 Grundlegende Ent schei dungen sind an dieser Stelle: BVerfGE 71, 271 ff., Solange I; BVerfGE 73, 339, 340, Solange II; BVerfGE 89, 155, 274 f., Maastricht; BVerfG, NJW 2000, 3125, Bananen markt. 19 Vgl. dazu BVerfG, NJW 2000, 3125. 66 spielen im Zusammen hang mit den Regelun gen der AVMD-Richtlinie keine Rolle. II.2.2 Das Gebot der richtlinien konformen Ausle gung Für die AVMD-Richtlinie und ihre Auswir kungen auf das deutsche Recht ist insbesondere der Grundsatz der richtlinien konformen Ausle gung zu be achten, der Eingang in die deutsche Rechts ordnung ge funden hat.20 Der Unter schied zu der im Europarecht eben falls be kannten unmittel baren Anwen dung liegt darin, dass bei der unmittel baren Anwen dung die Rechts folgen direkt aus der Richtlinien vorschrift folgen, während im Falle der richtlinien konformen Aus- legung die Rechts folgen an einen aus legungs fähigen nationalen Rechts rahmen ge knüpft sind. Der Über gang der beiden Rechtsinstitute ist teil weise fließend. Zudem darf die richtlinien konforme Ausle gung ge wisse Grenzen der unmittel- baren Wirkung von Richtlinien nicht umgehen. Es obliegt allen innerstaat lichen Trägern öffent licher Gewalt, die zur Erreichung der in einer Richtlinie fest- gelegten Ziele notwendigen Maßnahmen zu treffen. Das nationale Recht ist, unabhängig von der unmittel baren Anwend bar keit einer Richtlinie, von natio- nalen Gerichten und Behörden soweit wie möglich im Lichte von Wortlaut und Zweck der Richtlinie auszu legen.21 Dies ent spricht der ständigen Rechtsprechung des EuGH seit 1984.22 Das Gebot der richtlinien konformen Ausle gung richtet sich an alle Träger der öffent lichen Gewalt23, also sowohl an Richter als auch an nationale Behörden sowie die Landes medien anstalten. Der Gerichts hof hat deut lich zum Aus druck ge bracht, dass die Mitgliedstaaten ver pflichtet sind, ihren Beurtei lungs spiel- raum bei der Ausle gung voll auszu schöpfen, um zu einer Orientie rung an Wortlaut und Zweck der Richtlinie zu ge langen.24 Gleichzeitig hat der EuGH den Einwand eines nationalen Gerichts, eine Norm sei der Ausle gung nicht fähig, immer akzeptiert.25 Grenze jeder richtlinien konformen Ausle gung ist damit der eindeutige Wortlaut. 20 Der Grundsatz der richtlinien konformen oder über haupt europarechts konformen Ausle gung wird teil weise auch Anwen dungs vorrang im weiteren Sinne ge nannt, vgl. Jarass/Beljin, Die Bedeu tung von Vorrang und Durch füh rung des EG-Rechts, NVwZ 2004, S. 1, 2. 21 Lecheler, Einfüh rung in das Europarecht, München 2003, S. 132. 22 EuGH Slg. 1984, 1891 Rn. 26, von Colson; Slg. 1990, I-4135 Rn. 8, Marleasing; Slg. 1994, I-3325, Rn. 26, Faccini Dori; Slg. 1998, 5357, Rn. 25, Tögel; Slg. 2000, I-4619 Rn. 40, Brinkmann II; Slg. 2000, I-6007, Rn. 16, Centrosteel. Zu der Ent wick lung dieses Grundsatzes vgl. Herrmann, Richtlinien umset zung durch die Rechtsprechung, Berlin 2003, S. 87 f. 23 EuGH, Slg. 1984, 1891, 1909 Rn. 26, von Colson. 24 EuGH, Slg. 1984, 1891 Rn. 28, von Colson. 25 Franzen, Privatrechts angleichung durch die Europäi sche Gemein schaft, Berlin u. a. 1999, S. 342 m. w. N. 67 II.2.3 Die Bedeu tung der AVMD-Richtlinie für die Werbung in elektroni schen Medien Die AVMD-Richtlinie26 ent hält wichtige Vor gaben für die Aus gestal tung der Werbung im Bereich der elektroni schen Medien, die der deutsche Gesetz geber mit dem Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag auch in deutsches Recht um gesetzt hat. Bei der Umset zung hat er aber – wie bereits erwähnt – eigene Begrifflich keiten ein geführt. Daher ist unklar, ob die Vor gaben der AVMD- Richtlinie wirk lich in vollem Umfang um gesetzt wurden. Daher müssen zu- nächst die Regelun gen dieser Richtlinie be trachtet und daraufhin über prüft werden, ob sie Vor gaben für die In-Game-Werbung ent halten. Die Richtlinie trifft in den Art. 9 bis 11 Regelun gen zur „kommerziellen Kommunika tion“, d. h. unter anderem zur Werbung im engeren Sinne, dem Sponsoring und der Produkt platzie rung. Allerdings muss ge prüft werden, ob die Richtlinie auch für Werbung in Computerspielen gilt. II.2.4 Die Unanwend bar keit der AVMD-Richtlinie auf Computerspiele Ursprüng lich sollte die Fernsehrichtlinie bei der Über arbei tung und Umgestal- tung in die AVMD-Richtlinie in eine „Content“-Richtlinie um gewandelt werden, d. h. der Anwen dungs bereich sollte auf die Inhalte aller elektroni schen Medien aus gedehnt werden. Letztend lich wurden jedoch nur die fernsehähn lichen audio- visuellen Mediendienste mit ein bezogen. Dies kommt auch in dem neuen Namen „Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste“ zum Aus druck. Nach der Defini tion des Art. 1 Abs. 1 lit. a ist ein audiovisueller Mediendienst „(i) eine Dienst leis tung im Sinne der Artikel 56 und 57 des Ver trags über die Arbeits weise der Europäi schen Union, für die ein Mediendienste anbieter die redaktionelle Ver antwor tung trägt und deren Hauptz weck die Bereit- stel lung von Sendun gen zur Informa tion, Unterhal tung oder Bildung der 26 Die AVMD-Richtlinie stellte zunächst eine Änderung der Richtlinie des Rates zur Koordinie rung be- stimmter Rechts- und Ver wal tungs vorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätig keit dar, die als EG-Fernsehrichtlinie be zeichnet wurde. Diese Richtlinie wurde im Jahr 2007 durch die (erste) Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste weitreichend ver ändert und erhielt einen neuen Namen. Sie ist am 19. Dezember 2007 in Kraft ge treten (ABl. EG Nr. L 332 vom 18. 12. 2007, S. 27 ff.). Sie wurde durch die Richtlinie 2010/13/ EU vom 10. März 2010 zur Koordinie rung be stimmter Rechts- und Ver wal- tungs vorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereit stel lung audiovisueller Mediendienste (Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste, AVMD-RL, Abl. EU Nr. L 95 vom 15. 4. 2010, 1 ff.) aus „Gründen der Klarheit und Über sichtlich keit“ auf gehoben und die be stehenden Vor schriften mit zusammen gefassten Erwä gungs gründen in durch gängiger Nummerie rung neu kodifiziert. Inhalt lich sind mit der Neukodifizie- rung der AVMD-Richtlinie keine Änderun gen ver bunden, insbesondere bleiben die Fristen für die Umset- zung, die bereits am 19. Dezember 2009 ab gelaufen waren, gemäß Art. 34 AVMD-RL un berührt. 68 allgemeinen Öffentlich keit über elektroni sche Kommunika tions netze im Sinne des Artikels 2 Buchstabe a der Richtlinie 2002/21/ EG ist. Bei diesen audiovisuellen Mediendiensten handelt es sich ent weder um Fernseh pro- gramme gemäß der Defini tion unter Buchstabe e des vor liegenden Ab satzes oder um audiovisuelle Mediendienste auf Abruf gemäß der Defini tion unter Buchstabe g des vor liegenden Ab satzes, (ii) die audiovisuelle kommerzielle Kommunika tion.“ Die Richtlinie differenziert zwischen Fernsehprogrammen (linearen audio- visuellen Mediendiensten) und audiovisuellen Mediendiensten auf Abruf (nicht- linearen audiovisuellen Mediendiensten). Fernsehprogramme, also lineare audio- visuelle Mediendienste, sind solche, die von einem Anbieter für den zeit gleichen Empfang von Sendun gen auf der Grundlage eines Sendeplans bereit gestellt werden. Dagegen handelt es sich bei einem audiovisuellen Mediendienst auf Abruf (nicht-linearer audiovisueller Mediendienst) um ein An gebot, das von einem Anbieter für den Empfang zu dem vom Nutzer ge wählten Zeitpunkt und auf dessen individuellen Abruf hin aus einem vom Anbieter fest gelegten Programm katalog bereit gestellt wird. Danach zählen Live Streaming, Web- casting und der zeit versetzte Videoabruf („Near-Video-on-demand“), wie Er- wägungs grund 27 ver deut licht, zu den Fernsehprogrammen, während echtes „Video-on-demand“ ein audiovisueller Mediendienst auf Abruf ist. Ob es sich bei Online-Computerspielen um audiovisuelle Mediendienste auf Abruf handelt, ist auf grund der bereits erörterten Vielfalt der Spiele nicht pauschal zu be antworten. Bei einer Vielzahl von Spielen wird man zweifel los bejahen, dass sie sich an die allgemeine Öffentlich keit richten. Viele Spiele sind frei im Internet abruf bar. Auch die Tatsache, dass man sich teil weise erst anmelden muss, steht dem nicht ent gegen. Die Zahl der Abonnements, also der regelmäßigen Nutzer bei einem der be kanntesten Online-Spiele, World of Warcraft, liegt beispiels weise bei über 11 Millionen welt weit.27 Auch wenn nicht alle Spieler gleichzeitig am Spiel teilnehmen, sind die Inhalte doch allen zugäng lich und werden auch von vielen Spielern zur gleichen Zeit ge nutzt. Hauptz weck muss aber die Bereit stel lung von Sendun gen sein. Nur dann liegt ein „audiovisueller Mediendienst“ vor, was Voraus set zung für die Anwend- bar keit der AVMD-Richtlinie ist. Eine Sendung ist nach Art. 1 Abs. 1 lit b „eine Abfolge von be wegten Bildern mit oder ohne Ton, die Einzel bestand teil eines von einem Mediendienste anbieter er stellten Sendeplans oder Katalogs ist und deren Form und Inhalt mit der Form und dem Inhalt von Fernseh- programmen ver gleich bar sind. Beispiele für Sendun gen sind unter anderem Spielfilme, Sportberichte, Fernsehkomödien, Dokumentarfilme, Kindersen- dungen und Originalfernsehspiele.“ 27 Vivendi Annual Report 2009, S. 153. 69 Um unter den Anwen dungs bereich der Richtlinie zu fallen, müssten Online- Spiele folg lich nach Form und Inhalt mit Fernsehprogrammen ver gleich bar sein. Als Regel beispiele für Sendun gen werden jedoch aus schließ lich Formate ge nannt, die man aus dem Fernsehen kennt. Online-Spiele sind in Aufbau und Inhalt sehr unter schied lich ge staltet. Bei einfachen Brows erspielen, bei denen es z. B. nur um das reak tions schnelle Ab schießen von Objekten geht, oder bei Online-Brettspielen wie Mühle oder Back gammon ist eine Ver gleich bar keit weder nach Form noch nach Inhalt fest zustellen. Es fehlt ein redak tioneller Inhalt, ein Hand lungs strang, ein drama- turgi sches Skript oder Ähnliches, was eine Fernsehsen dung aus zeichnet. Sofern bewegte Bilder über haupt vor kommen, stellen sie ledig lich eine Neben erschei- nung dar. Sport- oder Rennspiele wie Need for Speed oder Empire of Sports be stehen teil weise aus einer Abfolge von be wegten Bildern, die – ab gesehen davon, dass es sich um computer animierte Darstel lungen handelt – vom Bildgeschehen her an Sport übertra gungen erinnern. Es ist jedoch mehr der Spieler mit dem von ihm ge steuerten Objekt, der sich durch ein eher statisches Umfeld bewegt, sodass auch hier noch kein mit einer Fernsehsen dung ver gleich barer Eindruck ent steht. Eine dritte Kategorie stellen die sog. MMORPGs dar. Kennzeichnend ist, dass es sich um komplexe Spielwelten handelt, deren Handlung zum einen auf der vom Hersteller vor gegeben Hand lungs umge bung basiert, zum anderen auf den Handlun gen der – zum Teil mehreren Tausend – Spieler. Die Spielewelten sind persistent, d. h. die Handlung läuft fort, auch wenn der Spieler nicht „anwesend“ ist, nicht spielt. Wie bei einer Fernsehsen dung, die sich auch in Abwesen heit des Zuschauers fortsetzt, be findet sich auch bei diesen Spielwelten das Hand lungs geschehen an einem anderen Punkt, wenn der Spieler erneut online geht. Die generelle Fest stel lung, dass Online-Spiele nicht mit Fernsehsen dungen ver gleich bar sind, lässt sich daher so einfach nicht treffen. Gerade bei den an spruchs volleren Spielen finden sich durch aus ver gleich bare Unter hal tungs- situa tionen. Der – derzeit – deut lichste Unter schied besteht darin, dass der Rezipient eine Fernsehsen dung passiv erfährt, bei einem Online-Spiel das Geschehen – im vor gegebenen Rahmen – aktiv mitgestaltet und be stimmt, bzw. die Aktionen des Spielers teil weise oder im Wesent lichen selbst die Hand- lung darstellen (z. B. Fahren und Lenken des Fahrzeugs/Sport geräts, Steuern des Avatars etc.). Online-Spiele sind zwar nicht Bestand teil einer Fernsehprogrammabfolge, allerdings ist dies bei Sendun gen, die über die Mediatheken des öffent lich- recht lichen Rundfunks ab gerufen werden können, eben falls nicht der Fall. Die Beiträge können bei einer Mediathek aus einem Katalog aus gewählt und zu einem individuell fest gelegten Zeitpunkt an gesehen werden (nicht-lineare audio- visuelle Mediendienste). Das Prinzip ist ähnlich bei einem Spieleanbieter, der 70 auf seiner Internet seite in einer Liste (Katalog) ver schiedene Spiele zum Abruf bereit stellt. Allerdings wird in den Erwä gungs gründen 21 und 22 der Richtlinie über die Begriffs defini tion hinaus ausführ lich er läutert, was der Begriff der audio- visuellen Mediendienste umfassen soll. „Für die Zwecke dieser Richtlinie soll der Begriff […] die Massen medien in ihrer informierenden, unter haltenden und die breite Öffentlich keit bildenden Funktion er fassen, einschließ lich der audiovisuellen kommerziellen Kommunika tion […]“ Aus geschlossen werden alle Formen privater Korrespondenz, sowie alle Dienste, deren Hauptz weck nicht die Bereit stel lung von Programmen ist. Die Abgren zung von einem Pro- gramm wird dadurch vor genommen, dass die audiovisuellen Inhalte ledig lich eine Neben erschei nung darstellen und nicht Hauptz weck der Dienste sind. Hierfür werden Beispiele an geführt, so u. a. in Erwä gungs grund 22 Satz 4 auch Online-Spiele. Damit stellt dieser Erwä gungs grund der Richtlinie aus drück lich klar, dass Online-Spiele generell aus ihrem Anwen dungs bereich heraus genommen werden (sollen). Die implizierte Fest stel lung und Begrün dung hierfür, dass audiovisuelle Inhalte bei Online-Spielen ledig lich eine Neben erschei nung sind, ist jedoch nicht unproblematisch. Die Bandbreite der Computerspiele ist, wie bereits aus- geführt, ebenso groß wie bei Fernsehsen dungen. Die Ziehung der Lottozahlen im Fernsehen zum Beispiel ähnelt einem Dokumentarfilm ebenso wenig wie ein simples Brows erspiel einer komplexen Spielwelt. Bei einigen Spielen, ins- besondere bei persistenten Spielwelten sind durch aus teil weise hohe Ähnlich- keiten mit Filmen, insbesondere mit Zeichen trick- oder computer animierten Filmen fest zustellen. Kommt man daher zu dem Ergebnis, dass bei einigen Spielen die audio- visuellen Inhalte nicht nur eine Neben erschei nung sind, muss man die Frage stellen, was dies für den Erwä gungs grund 22 Satz 4 und seine Wirkung be- deutet. Hat der europäi sche Gesetz geber diese Fälle bei Formulie rung dieses Erwä gungs grundes über sehen und hätte er diese Spiele nicht aus dem Anwen- dungs bereich aus genommen, wenn er sie er- bzw. ge kannt hätte? Oder wollte der Gesetz geber unabhängig davon Online-Spiele generell und in jedem Fall unbeacht lich ihrer audiovisuellen Inhalte aus nehmen? Die Regelung ver mittelt den Eindruck, dass man auf europäi scher Ebene zum derzeitigen Zeitpunkt keinen Regulie rungs bedarf für Online-Spiele ge- sehen hat. Ob Online-Spiele ohne den Erwä gungs grund unter die Richtlinie fallen (würden), ist letzt lich noch un geklärt, insbesondere, weil einige Spiele viele Elemente der Defini tion eines audiovisuellen Mediendienstes nach Art. 1 lit a AVMD-Richtlinie er füllen.28 Für die derzeitige Rechts lage muss man auf- 28 So auch Göttlich, iris plus S. 7. 71 grund der aus drück lichen Nennung der Online-Spiele dennoch zu dem Schluss kommen, dass der europäi sche Gesetz geber diese – derzeit – aus dem Anwen- dungs bereich der Richtlinie aus nehmen möchte.29 Es ist jedoch zu er warten, dass die Grenzen zwischen Online-Spielen und Fernsehsen dungen weiter ver- schwimmen werden und eine unter schied liche Regulie rung noch Diskus sions- bedarf hervor rufen wird.30 Es bleibt aber insgesamt fest zuhalten, dass Computerspiele von den Regelun- gen der AVMD-Richtlinie nicht erfasst werden. II.2.5 Die Unanwend bar keit der AVMD-Richtlinie auf Werbung in Online-Spielen Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob sich eine andere Beurtei lung für die Anwen dung der AVMD-Richtlinie auf die Werbung in Online-Spielen ergibt. Immerhin wäre es denk bar, dass für die Werbung in Computerspielen die AVMD-Richtlinie Bedeu tung hat. Die Richtlinie ver wendet insoweit den Begriff der audiovisuellen kommerziellen Kommunika tion. Audiovisuelle kommerzielle Kommunika tion umfasst nach Art. 1 Abs. 1 lit h „Bilder mit oder ohne Ton, die der unmittel baren oder mittel baren Förde rung des Ab satzes von Waren und Dienst leis tungen oder des Erschei nungs bilds natür licher oder juristi scher Personen, die einer wirtschaft lichen Tätig keit nach gehen, dienen. Diese Bilder sind einer Sendung gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis tung oder als Eigen werbung bei gefügt oder darin ent halten. Zur audiovisuellen kommerziel- len Kommunika tion zählen unter anderem Fernsehwer bung, Sponsoring, Tele- shopping und Produkt platzie rung.“ Die audiovisuelle kommerzielle Kommunika tion wird also von der AVMD- Richtlinie nur dann erfasst, wenn sie in „Sendun gen“ statt findet. Bei einem Online-Spiel handelt es sich aber – wie bereits dargestellt31 – nach dem er- klärten Willen des Gesetz gebers um keine Sendung. Es bleibt also dabei, dass sich die Vor gaben der AVMD-Richtlinie auf die In-Game-Werbung nicht aus- wirken und es daher für die Zulässig keit von In-Game-Werbung allein auf die nationalen Regelun gen ankommt. 29 Davon geht auch die Studie von peacefulfish und Media Consulting Group aus: Study on the role of SMEs and European audiovisual works in the context of the fast changing and converging home ent ertainment sector (PayTV, Homevideo, Video on Demand, video games, internet, etc.) SMART 2007/0004, Oktober 2008, S. 38. 30 Der Bundes verband der Ent wickler von Computerspielen e. V. geht davon aus, dass Online-Spiele als audiovisuelle Mediendienste in den Anwen dungs bereich der Richtlinien fallen können, Stellung nahme zur Novellie rung der Fernsehrichtlinie, 2006, www. game-bundesverband.de/downloads/Stellungnahme_ FoG. pdf (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 31 Vgl. oben II.2.4. 73 II.3 Zulässig keit von In-Game-Werbung nach dem Rundfunkstaats vertrag II.3.1 Einlei tung Der Rundfunkstaats vertrag (RStV) in der Fassung des Dreizehnten Rundfunk- ände rungs staats vertrages ent hält differenzierte und weitreichende Regelun gen für die Werbung, das Sponsoring und die Produkt platzie rung in elektroni schen Medien. Dabei schließt er neben dem Rundfunk auch die Telemedien in seinen Anwen dungs bereich ein. Damit geht der Anwen dungs bereich des RStV über den der AVMD-Richtlinie hinaus. So umfasst der RStV im Gegen satz zur AVMD-Richtlinie auch den Hörfunk sowie nicht fernsehähn liche Telemedien. Daraus folgt, dass Online-Spiele durch aus dem Rege lungs bereich des RStV unter fallen können, selbst wenn die AVMD-Richtlinie diese aus ihrem Anwen- dungs bereich heraus nimmt. Allerdings sind die Bestim mungen für die Werbung im Rundfunk, in fernsehähn lichen Telemedien und in sonstigen Telemedien unter schied lich aus gestaltet. Daher ist nicht nur zu klären, ob der RStV für Online-Spiele über haupt zur Anwen dung kommt, sondern auch, welche Bestim- mungen ge gebenen falls einschlägig sind. Dies macht eine genaue Zuord nung der jeweiligen Spiele zu den maß geblichen Begriffen notwendig. II.3.2 Die Online-Spiele und die Werberege lungen für den Rundfunk II.3.2.1 Computerspiele und der Rundfunk begriff Die am weitestreichenden Werberege lungen ent hält der RStV für den Rundfunk. Diese Bestim mungen wären für Computerspiele nur anwend bar, wenn es sich bei ihnen um Rundfunk im Sinne des RStV handeln würde. Auf den ersten Blick er scheint die Annahme eher fernliegend, dass alle oder zumindest einige Computerspiele Rundfunk sind. Trotzdem bedarf es einer genauen Analyse, zumal der Rundfunk begriff seit Längerem Gegen stand eines intensiv ge führten 74 wissen schaft lichen Streits32 ist. Zudem wird er heute – jeden falls soweit es um den ver fassungs recht lichen Rundfunk begriff geht – wesent lich weiter ge fasst als früher. Der ver fassungs recht liche Rundfunk begriff ist zentrale Voraus set- zung für die Anwen dung des Rundfunk grundrechts nach Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG. Hierbei ist zu be achten, dass die Verfas sung grundsätz lich ihre Begriffe selbst bildet („Selbst stand der Verfas sung“) und Ver fassungs begriffe nicht einfach nach Maß gabe einfachen Gesetzes rechts aus gelegt werden können, wenn auch eine Wechselwir kung mit der unter verfassungs recht lichen Rechts- ordnung nicht zu über sehen ist. In der Bestim mung des Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG wird der Begriff „Rundfunk“ vom Grundgesetz nicht definiert, sondern voraus- gesetzt, ohne dass er eine unmittel bare ver fassungs recht liche Konkretisie rung erfährt. Nach der Rechtsprechung des Bundes verfassungs gerichts ist sein Inhalt aus einer am normativen Funk tions zweck orientierten Betrach tungs weise zu er schließen.33 Dabei geht das Bundes verfassungs gericht davon aus, dass der Begriff „Rundfunk“ dynamisch zu interpretieren und damit für neue techni- sche Ent wick lungen flexibel und offen ist. Auf die physikali sche Art der Übertra gung kommt es beim Rundfunk begriff nach der Rechtsprechung des Bundes verfassungs gerichts nicht an.34 Ent scheidend ist in ver fassungs recht licher Hinsicht die publizisti sche Wirkung für die öffent liche Meinungs bildung.35 Aktualität, Breiten wirkung und Suggestivkraft sind danach die Charakteristika des Rundfunks. Für den ver fassungs recht lichen Rundfunk begriff sind nach der Rechtsprechung des Bundes verfassungs gerichts die gleichen Kriterien maßgeb- lich, die bis zum Zwölften Rundfunkände rungs staats vertrag auch den einfach- gesetz lichen Rundfunk begriff prägten. Es handelt sich dabei um die Merkmale der Allgemein heit, der Funktechnik (Ver brei tung mittels elektromagneti scher Schwin gungen) und der Darbie tung. Dies be deutet aber nicht, dass alles, was ver fassungs recht lich Rundfunk dar- stellt, auch Rundfunk im Sinne des RStV ist und den diesbezüg lichen strengen Werberege lungen unter fällt. Vielmehr ist zwischen dem ver fassungs recht lichen und dem einfachgesetz lichen Rundfunk begriff des § 2 Abs. 1 Satz 1 RStV zu unter scheiden.36 Das Bundes verfassungs gericht hat es in der Baden-Würt tem- berg-Entschei dung37 akzeptiert, dass be stimmte, für die öffent liche Meinungs- bildung weniger relevante Erschei nungs formen von ver fassungs recht lichem Rund funk aus dem einfachgesetz lichen Rundfunk begriff aus geklammert und einem liberaleren Rege lungs regime unter worfen werden dürfen. 32 Hierzu ausführ lich Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, Rundfunkstaats vertrag Literaturhin weise zu § 2, Rn. 17 ff. m. w. N.; Dörr/Schwartmann, Der Rundfunk begriff und die Medien regulie rung, 2011. 33 BVerfGE 73, 118, 154. 34 BVerfGE 73, 118, 154. 35 Dazu Hesse, Rundfunkrecht, 3. Auflage, München 2003, 3. Kap. Rn. 9. 36 Siehe Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, Rundfunkstaats vertrag, a. a. O., B 5, § 2 Rn. 4. 37 BVerfGE 74, 297. 75 Von dieser Möglich keit, den einfachgesetz lichen Rundfunk begriff zu ver- ändern und be stimmte Formen von ver fassungs recht lichem Rundfunk aus ihm auszu klammern und einem liberalerem Rege lungs regime zu unter werfen, haben die Länder mit dem Zwölften Rundfunkände rungs staats vertrag Gebrauch ge- macht. Damit wurde der einfachgesetz liche Rundfunk begriff neu definiert und auf diese Weise auch die Abgren zung zwischen Rundfunk und Telemedien neu be stimmt. Anknüpfend an die AVMD-Richtlinie steht nunmehr im Zentrum des einfachgesetz lichen Rundfunk begriffs das Merkmal der Linearität. Nach der Begriffs bestim mung des § 2 Abs. 1 RStV ist Rundfunk ein „linea- rer Informa tions- und Kommunika tions dienst; er ist die für die Allgemein heit und zum zeit gleichen Empfang be stimmte Ver anstal tung und Ver brei tung von An geboten in Bewegtbild oder Ton ent lang eines Sendeplans unter Benut zung elektromagneti scher Schwin gungen.“ Der Begriff der elektromagneti schen Schwin gungen stammt noch aus der Zeit der analogen Ver brei tung und ist sinn gemäß zu interpretieren.38 Er umfasst heute auch die digitale Ver brei tungs form und damit die Ver brei tung über das Internet. Maß geblich ist, dass etwas „gesendet“, d. h. von Sender zu Empfänger über tragen wird. Bei diesem techni schen Kriterium wird grundsätz lich voraus- gesetzt, dass eine ge wisse räum liche Distanz zwischen Sender und Empfänger über wunden werden muss. Hieran fehlt es, wenn sich beide in einer über schau- baren räum lichen Einheit be finden. Damit sind alle reinen Offline-Computer- oder Konsolen spiele, bei denen ledig lich ein Datenträger in ein Ab spielgerät ein gelegt wird, aus dem Anwen dungs bereich aus genommen. An einer Ver brei- tung im Sinne der Vor schrift fehlt es auch bei einer Übertra gung innerhalb eines Raumes oder in einen Neben raum, wie z. B. bei einer Rede oder auch bei sogenannten LAN-Partys, bei denen Spieler an ver schiedenen Computern in einem Raum miteinander konkurrieren. Onlinespiele, die im Internet ge spielt werden, fallen hingegen durch aus unter dieses Merkmal. Das Merkmal der Allgemein heit macht deut lich, dass nur Massen kommu- nika tion als Rundfunk ge wertet werden soll. Es ist unerheb lich, wie viele Rezipienten das An gebot letzt lich wahrnehmen, es muss nur prinzipiell öffent- lich und an die Allgemein heit gerichtet sein und eine ge wisse Breiten wirkung er zielen.39 Ent scheidend ist, ob jedermann Zugang zu dem An gebot hat oder ob der Empfänger kreis von vornherein genau be stimmt ist. Die meisten Spiele, die im Internet an geboten werden, sind frei zugäng lich und können von jedem ge spielt werden. Teilweise ist eine Registrie rung er forder lich, die jedoch jedem offen steht. Viele Spiele sind daher durch aus an die Allgemein heit gerichtet. Ent scheidend für die Einstu fung als einfachgesetz licher Rundfunk war bis zum Zwölften Rundfunkände rungs staats vertrag ein inhalt liches Element, das 38 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, § 2 Rn. 14. 39 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner, § 2 Rn. 13. 76 immer mit dem Begriff der „Darbie tung“ be schrieben wurde. Bei Ver ände rung der Defini tion im Rahmen des Zwölfen Rundfunkände rungs staats vertrags hat sich der Gesetz geber aber an den Begriffen der AVMD-Richtlinie orientiert, die zwischen linearen audiovisuellen Mediendiensten (Fernsehprogrammen) und nicht linearen audiovisuellen Mediendiensten (Ab rufdiensten) unter scheidet. Rundfunk i. S. des RStV ist ein linearer Informa tions- und Kommunika tions- dienst und setzt voraus, dass Inhalte (Bewegtbilder und Töne) zum zeit gleichen Empfang (also im Wege der Punkt-zu-Mehrpunkt-Übertra gung) ent lang eines Sendeplans ver breitet werden. Ent scheidend für den einfachgesetz lichen Rund- funk begriff ist demnach das Kriterium der Linearität. Auf grund dieses Krite- riums sind etwa die Mediatheken der Rundfunk veranstalter, bei denen eine Vielzahl von audiovisuellen Beiträgen auf individuellen Abruf bereit gestellt werden, aber auch alle sonstigen Ab rufangebote aus dem einfachgesetz lichen Rundfunk begriff aus genommen. Neben der Linearität ist – wie der Begriff des „Sendeplans“ ver deut licht – eine zeit lich geordnete Folge von Inhalten er forder lich, die in einem Plan fest gelegt ist.40 Schließ lich klammert § 2 Abs. 3 RStV be stimmte lineare An gebote ohne jegliche Meinungs relevanz wieder aus dem einfachgesetz lichen Rundfunk begriff aus, so etwa lineare An gebote, die nicht journalistisch-redaktionell ge staltet sind. Nach gegen wärtiger Rechts lage bleibt Folgendes fest zuhalten: So unter- schied lich das An gebot an Computerspielen auch ist, kann man zumindest bei einem Großteil durch aus bejahen, dass es sich um An gebote handelt, die aus be wegten Bildern und Tönen be stehen.41 Allerdings handelt es sich um Ab- rufangebote, die der Nutzer zu einem individuell ge wählten Zeitpunkt nutzt, die also gerade nicht zum zeit gleichen Empfang be stimmt sind. Damit fehlt es bei diesen An geboten bereits am Merkmal der Linearität. Nachdenken kann man über dieses Merkmal allen falls bei den sog. MMOGs (wie z. B. Word of Warcraft), die von tausenden Spielern gleichzeitig ge spielt werden und bei denen die Handlung ge wissermaßen „weiter läuft“, wenn ein Spieler aufhört (s. II.2.4.). Aber jeder Spieler ent scheidet selbst, wann er mit dem Spiel beginnt und wie er sein Spiel ge staltet. Damit fehlt es selbst bei diesen Spielen an der er forder lichen Linearität; es liegt auch hier ein Ab rufangebot vor. Zudem kann auch nicht von einer zeit lich geordneten Folge von Inhalten ge sprochen werden, da es sich nur um einzelne Spiele handelt und nicht um eine Abfolge von Spielen nach einem be stimmten Sendeplan. Damit mangelt es auch an dem Merkmal des Sendeplans, das für den einfachgesetz lichen Rundfunk begriff zusätz lich er forder lich ist. 40 Vgl. dazu Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner § 2 Rn. 22 mit weiteren Nachweisen. 41 So auch Göttlich, iris, S. 4. 77 II.3.2.2 Ergebnis Auch wenn also viele Online-Spiele unzweifel haft aus be wegten Bildern und teil weise auch Tönen be stehen, unter Benut zung elektromagneti scher Schwin- gungen ver breitet werden und in der Regel auch für die Allgemein heit be stimmt sind, fehlt es sowohl an der Bestim mung zum zeit gleichen Empfang, als auch an der Ver brei tung ent lang eines Sendeplans. Die Nutzung von Spielen erfolgt vielmehr über einen individuellen Abruf zu einem vom Spieler be stimmten Zeitpunkt. Die derzeitigen Online-Spiele sind daher nicht als Rundfunk im Sinne des RStV einzu stufen. Die Werbebestim mungen für den Rundfunk sind daher für Computerspiele nicht anwend bar. II.3.3 Die Online-Spiele und die Werberege lungen für die Telemedien II.3.3.1 Computerspiele und der Telemedien begriff II.3.3.1.1 Der allgemeine Telemedien begriff Der RStV bezieht auch Telemedien in seinen Anwen dungs bereich mit ein und ent hält für diese Bestim mungen, die die Werbung regeln. Dabei differenziert er auch noch zwischen fernsehähn lichen und sonstigen Telemedien. Zunächst setzt aber die Anwend bar keit der Vor schriften voraus, dass es sich bei Compu- ter spielen um Telemedien im Sinne des RStV handelt. Der Begriff der Tele- medien ist weder im RStV noch im Telemedien gesetz positiv definiert; die Defini tion von Telemedien erfolgt über eine Negativabgren zung von Rundfunk und Telekommunika tion: Nach § 2 Abs. 1 Satz 3 RStV sind Telemedien alle elektroni schen Informa tions- und Kommunika tions dienste, soweit sie nicht Telekommunika tions dienste nach § 3 Nr. 24 des Telekommunika tions- gesetzes sind, die ganz in der Übertra gung von Signalen über Telekommuni- ka tions netze be stehen oder telekommunika tions gestützte Dienste nach § 3 Nr. 25 des Telekommunika tions gesetzes oder Rundfunk nach Satz 1 und 2 sind. Eine positive Begriffs bestim mung fehlt. Das Ver hältnis dieser Dienste lässt sich ver einfacht so be schreiben, dass das Telekommunika tions recht die techni schen Belange der Übertra gung regelt (die Dienste der Telekommunika tion), die medien recht lichen Regelun gen des RStV und TMG die inhalt lichen Fragen (die Dienste durch Telekommunika tion).42 42 Vgl. Gersdorf, Beck’scher TKG-Kommentar, 3. Auflage 2006, Einlei tung C, Rn. 11. 78 II.3.3.1.1.1 Der allgemeine Telemedien begriff und Online-Spiele Bei Online-Spielen sind die über mittelten Daten, die zum Spielen er forder lich sind, keine reinen Telekommunika tions dienste.43 Während früher noch diskutiert wurde, ob Spiele (die damals noch als „Telespiele“ be zeichnet wurden) dem Teledienste gesetz unter fallen oder als Mediendienste dem Mediendienste staats- vertrag, werden Online-Spiele heute allgemein als Telemedien ein gestuft.44 Sie unter fallen damit den Regelun gen des RStV, soweit diese für Telemedien gelten. Keine Telemedien sind elektroni sche Spiele, die nur auf Träger medien vor liegen oder solche, die während der gesamten Nutzung keine Verbin dung über elek- troni sche Kommunika tions netze auf bauen.45 Hierzu zählen auch Spiele, die zwar über ein Telemedium er worben und herunter geladen wurden, dann aber aus schließ lich offline, auf dem lokalen Rechner ge spielt werden. Bei solchen Spielen fehlt es am Merkmal des „elektroni schen Informa tions- und Kommu- nika tions dienstes“. II.3.3.1.1.2 Der allgemeine Telemedien begriff und hybride Spiele Neben reinen Online-Spielen und reinen Offline-Spielen gibt es aber auch Misch formen, die auch als hybride Spiele be zeichnet werden. Deren Einord- nung als „elektroni sche Informa tions- und Kommunika tions dienste“ und mithin als Telemedien ist schwierig. Folgende Misch formen sind zu be obachten: Bei sog. MMOGs (s. o.), die aus schließ lich über das Internet spiel bar sind, handelt es sich um clientbasierte Spiele, bei denen die Grafik mit Hilfe der Clientsoftware, d. h. dem Spielprogramm auf dem Endgerät des Nutzers be- rechnet und aus gegeben wird.46 Diese sind als Telemedien anzu sehen, da sie nur online spiel bar sind. Dennoch wird die Software in der Regel als Träger- medium er worben und von der USK gemäß § 12 JuSchG ein gestuft.47 Allerdings wird in Zweifel ge zogen, ob eine solche Einstu fung der Software am Maßstab des JuSchG zulässig ist. So wird die Ansicht ver treten, dass ein Träger medium, auf dem sich zwar Software be findet, die er forder lich ist, um das Spiel online zu spielen (als Beispiel wird das Spiel World of Warcraft ge nannt), letzt lich nicht als Träger medium im Sinne des JuSchG an gesehen werden dürfte, wenn das Spiel allein mit dem Datenträger nicht spiel bar ist, da hier von dem Träger- medium als solchem nicht die Gefahr aus geht, die man mit dem JuSchG regeln möchte. Die Gefahr realisiere sich vielmehr erst im Rahmen der Online-Verbin- 43 Ausführ lich Schmidt/Dreyer/Lampert, S. 73 f. 44 Hahn/Vesting/Held, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, § 11 Anh. Rn. 62; Weigand/Braml, Jugendmedien schutz bei Onlinespielen – eine recht liche und inhalt liche Bestands aufnahme in Umstritten und Umworben: Computerspiele – eine Heraus forde rung für die Gesell schaft, S. 11, 15; Mallick, Product- Placement in den Massen medien, S. 216, kritisch hierzu Schmidt/Dreyer/Lampert S. 75 ff. 45 Backu/Karger, ITRB 2007, S. 15. 46 Schaar, CR 2006, 619, 620. 47 Vgl. zum Jugendschutz unten II.5. 79 dung. Die Software auf dem Träger medium sei letzt lich ver gleich bar der Hard- ware, die eben falls zwar „Mittel zum Zweck“ ist, von der aber alleine noch keine Gefahr aus gehe, vor der das JuschG schützen möchte. Der Trägermediums- vertrieb einer Client-Software, die für sich kein vollständiges Spiel ent hält, unter fällt daher nach dieser Ansicht nicht dem Rege lungs regime des JuSchG.48 Dieser Ansicht kann nicht ge folgt werden. Das JuSchG sieht eine Kennzeich- nung in § 14 für „Spielprogramme“ vor, nicht nur für Spiele. Zwar ist eine Online-Verbin dung er forder lich, es ist jedoch eben falls Hardware notwendig, d. h. das Träger medium DVD reicht als solches generell nicht aus, um das Spiel spiel bar zu machen. Ein Programm be nötigt immer weitere Elemente, um es nutz bar zu machen. Es er scheint daher sinn voll und sachgerecht, wenn die Ver brei tung eines solchen Programms auch den Vor schriften über die Ver- brei tung von Träger medien unter liegt, die Nutzung des Spiels im Rahmen der Online-Verbin dung jedoch denen, die für Telemedien gelten.49 Hybride Spiele liegen auch dann vor, wenn ein ursprüng lich reines Offline- Spiel, das als Träger medium ge kauft wurde, über eine Internet verbin dung im Multiplayermodus spiel bar wird, d. h. dasselbe Spiel wird nun schlicht mit anderen bzw. gegen andere Spieler ge spielt, mit denen der Nutzer über die Internet verbin dung über den Server des Anbieters ver knüpft wird. Wird für ein Spiel, das auf einem Träger medium ver breitet und in dieser Form offline ge spielt wird, über eine Internet verbin dung ledig lich die Möglich- keit hergestellt, dass mehrere Spieler gegen einander spielen können, wäre zu über legen, dieses Spiel weiter hin nach den Regelun gen über Träger medien zu be handeln, da hier kein Unter schied dazu besteht, dass z. B. im Rahmen einer LAN-Party mehrere Rechner in einem Raum ver bunden werden. Der einzige Unter schied zum Offline-Spiel ist darin zu sehen, dass der Spieler nicht alleine oder gegen den Computer spielt. Da hier jedoch die Möglich keit besteht, dass über die Internet verbin dung auch weitere Inhalte über den Server des Spiele- anbieters einfließen, z. B. In-Game-Werbung, sind diese Spiele dann als Tele- medien einzu stufen. Zudem werden sog. Add-ons an geboten, mit denen zusätz liche Inhalte, Ergän zungen, weitere Level oder Ähnliches in das Spiel ein gebunden werden können. Können diese über die Online-Verbin dung über die Seite des Spiele- anbieters in das Spiel ein gebunden werden, liegt ein Telemedien angebot vor. Darüber hinaus gibt es die Möglich keit, dass über eine Online-Verbin dung über die Seite des Spielebetreibers zusätz liche Dienste zum Spiel in Anspruch ge nommen werden, wie Foren oder Chats. Diese sind Telemedien, allerdings ohne jegliche (journalistisch-)redaktionelle Gestal tung. 48 Baumann/Hofmann, ZUM 2010, S. 863, 865. 49 Im Ergebnis so auch Hans-Bredow-Institut, Analyse des Jugendmedien schutz systems, S. 35. 80 Nicht ganz eindeutig ist, wie es sich mit Spielen ver hält, die zwar im Internet an geboten, aber nicht online ge spielt werden, sondern die der Nutzer vom Server des Anbieters über eine Internet verbin dung auf seinen Computer lädt, dort installiert und dann erst spielt (Downloadgames). Das Spiel wird hier zwar über das Internet, d. h. ein elektroni sches Kommunika tions netz über tragen, kann aber dann offline ge spielt werden. Damit käme es einem Spiel gleich, das auf einem Träger medium er worben und installiert wurde. Solche Spiele werden daher nach richtiger Ansicht50 als Träger medien be urteilt, da sich die Leistung des Anbieters auf die Übertra gung des Maschinen codes in den Arbeits- speicher des Nutzer-Endgeräts be schränke. II.3.3.1.1.3 Konsequenzen Für Telemedien gelten gem. § 1 RStV die Ab schnitte IV bis VI und § 20 Abs. 2. Die ausführ lichen Regelun gen, die der RStV für die Werbung im Rahmen des Rundfunks trifft (§§ 7 ff. RStV) gelten für Online-Spiele danach nicht. Die Vor schriften des VI. Ab schnitts, §§ 54 ff. RStV treffen auch Regelun- gen über die Werbung in Telemedien. Dabei sehen sie aber noch einmal eine ab gestufte Regulie rung vor, je nachdem, ob es sich um fernsehähn liche Tele- medien oder einfache Telemedien handelt. Im Rahmen des Dreizehnten Rund- funkände rungs staats vertrags wurde nämlich die Vor schrift des § 58 Abs. 3 RStV neu ein gefügt. Sie erklärt be stimmte, für den Rundfunk geltende Vor schriften zur Werbung, zur Produkt platzie rung und zum Sponsoring auf fernsehähn liche Telemedien (audiovisuelle Mediendienste auf Abruf) für ent sprechend anwend- bar und setzt damit Bestim mungen der Artikel 3 e, 3 f und 3 g der AVMD- Richtlinie um. II.3.3.1.2 Der Begriff der fernsehähn lichen Telemedien Die Bestim mung des § 58 Abs. 3 RStV gilt nur dann für Computerspiele, wenn diese fernsehähn liche Telemedien darstellen. Dabei spricht § 58 Abs. 3 Satz 1 RStV von Telemedien mit Inhalten, die nach Form und Inhalt fernsehähn lich sind. Unter fernsehähn lichen Telemedien sind nach dieser Defini tion nichts anderes als audiovisuelle Mediendienste auf Abruf im Sinn der AVMD-Richt- linie zu ver stehen, die eben falls mit herkömm lichen Fernsehsen dungen ver- gleich bar sein müssen. Nach der AVMD-Richtlinie sind audiovisuelle Medien- dienste auf Abruf insbesondere Spielfilme, Sportberichte, Fernseh komödien, Dokumentarfilme, Kindersen dungen und Originalfernsehspiele.51 Das Merkmal „fernsehähn lich“, das Ab rufdienste mit herkömm lichen Rundfunkangeboten gleichsetzt, be deutet, dass sie auf das gleiche Publikum wie Fernsehsen dungen 50 So Holzgraefe, S. 356, 357; Schaar, CR 2006, 619, 620, Schmidt/Dreyer/Lampert, S. 76 51 AVMD-Richtlinie Art. 1 Abs. 1 lit b. 81 aus gerichtet sind und der Nutzer auf grund der Art und Weise des Zugangs zu diesen Diensten ver nünftiger weise einen ver gleich baren Rege lungs schutz er- warten kann. Die Richtlinie ver langt eine dynami sche Ausle gung des Begriffs „Sendung“ unter Berücksichti gung der Ent wick lungen auf dem Gebiet der Fernsehsen dungen (vgl. Erwä gungs grund 24 der Richtlinie). Die AVMD-Richtlinie macht, wie bereits dargestellt, mit dem Erwä gungs- grund 22 Satz 4 klar, dass Online-Spiele nicht unter den Begriff der audio- visuellen Mediendienste fallen. Daraus folgt, dass Online-Spiele keine audio- visuellen Mediendienste im Sinne der Richtlinie sind.52 Dies hat Konsequenzen für die Anwend bar keit des § 58 Abs. 3 RStV auf Online-Spiele. Der Anwen- dungs bereich des RStV ist zwar grundsätz lich weiter als derjenige der AVMD- Richtlinie; er umfasst im Gegen satz zur Richtlinie auch Hörfunkangebote und andere Telemedien. So bleibt auch die Unter schei dung zwischen Telemedien und Rundfunkangeboten, auf der der RStV und das Telemedien gesetz beruhen, un berührt.53 Daher ist auch der Begriff der Telemedien, den der deutsche Gesetz geber ver wendet, weiter als der Begriff des audiovisuellen Medien- dienstes der AVMD-Richtlinie. Er umfasst gerade nicht nur fernsehähn liche Telemedien. Durch die neu ein gefügte Regelung des § 58 Abs. 3 RStV wollte der deutsche Gesetz geber aber die AVMD-Richtlinie umsetzen. Dies wird durch die aus drück liche Verwen dung der Begrifflich keiten der Richtlinie (audio- visueller Mediendienst auf Abruf) unter strichen.54 Für eine Auswei tung des Anwen dungs bereiches dieser Regelun gen auf andere Dienste bleibt daher kein Raum. Die Werberege lungen des RStV, die für Rundfunk und fernsehähn liche Telemedien gelten, finden daher auf Online-Spiele keine Anwen dung. II.3.3.2 Die Anwend bar keit des § 58 Abs. 1 RStV auf Computerspiele II.3.3.2.1 Allgemeines Die Regelung des § 58 Abs. 1 RStV gilt im Gegen satz zu § 58 Abs. 3 RStV für alle Telemedien. Computerspiele sind, wie ausführ lich dargelegt wurde, regel- mäßig als Telemedien einzu ordnen. Daher müssen sie die für alle Telemedien geltende Vor schrift des § 58 Abs. 1 RStV be achten. Hiernach muss Werbung als solche klar erkenn bar und vom übrigen Inhalt der An gebote eindeutig ge- trennt sein. In der Werbung dürfen keine unter schwelligen Techniken ein gesetzt werden. Das Gebot der Trennung von Werbung und Inhalten ist als allgemeiner 52 Vgl. oben II.2.4 und II.2.5. 53 Vgl. Begrün dung zum Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag, zu Nr. 21, S. 18. 54 Vgl. Begrün dung zum Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag, zu Nr. 21, S. 18. 82 Rechts grundsatz dem gesamten Medien recht immanent55 und dient insbesondere dazu, den Nutzer eines An gebots vor einer Täuschung über den werbenden Charakter von Inhalten zu schützen.56 Dieser Schutz funk tion liegt die Über- legung zugrunde, dass die werb lichen Äußerun gen eines Werbetreibenden in der Regel kritisch-distanzierter be trachtet werden als redaktionelle Inhalte. Diesen bringt der Rezipient auf grund der vermu teten größeren Objektivität ein größeres Maß an Ver trauen und Beach tung ent gegen als der Werbung eines Markt teilnehmers, dessen Äußerung zum Zweck der Produkt vermark tung ge- tätigt wird. Eine nicht eindeutige Trennung von redak tionellem und werb lichem Teil würde damit zu einer Irrefüh rung des Rezipienten und damit zu einer Ver fälschung des ver fassungs recht lich geschützten Meinungs bil dungs prozesses führen.57 Der Begriff des redak tionellen Inhalts ist hierbei weit auszu legen und umfasst nicht nur klassisch journalistisch-redaktionelle informierende und bildende Inhalte58, sondern gleichermaßen unter haltende Inhalte. Wie im Rund- funk die Inhalte von Unter hal tungs formaten wie Filmen, Serien und andere nicht mit Werbung ver mischt werden sollen (be kanntestes Beispiel der letzten Jahre war die Thematik der Produkt platzie rungen in der Vor abendserie Marien- hof), muss dies grundsätz lich ebenso für Unter hal tungs formate in Telemedien, wie z. B. Online-Spielen gelten. Über die Regelung des Tren nungs grundsatzes in Satz 1 wird auch Schleich- wer bung bei Telemedien ver boten, weil Satz 1 nicht nur die Trennung von Werbung und übrigen Inhalten, sondern auch die klare Erkenn bar keit ver langt.59 II.3.3.2.2 Der Werbebegriff des § 58 Abs. 1 RStV und die Produkt platzie rung Nicht ganz eindeutig ist, was § 58 RStV mit dem Begriff der Werbung meint, welche Werbeformen im weiteren Sinne also das Tren nungs- und Erkennbar- keits gebot be achten müssen. Der RStV ent hält in § 2 Abs. 2 Nr. 7 eine Legal- defini tion der Werbung. Werbung ist danach „jede Äußerung bei der Ausübung eines Handels, Gewerbes, Handwerks oder freien Berufs, die im Rundfunk von einem öffent lich-recht lichen oder einem privaten Ver anstalter oder einer natür lichen Person ent weder gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis tung 55 Kreile in Dörr/Kreile/Cole, Handbuch Medien recht, S. 9; früher §§ 13 Abs. 1 MDStV, 7 Nr, 1 TDG, heute §§ 7 Abs. 3 und 58 Abs. 1 RStV sowie § 4 Nr. 3 UWG. 56 Smid in Spindler/Schuster § 58 Rn. 6 m. w. N. 57 Smid in Spindler/Schuster § 58 Rn. 6. 58 So werden fälsch licher weise ver einzelt nur journalistisch-redaktionell ge staltete Telemedien als von § 58 Abs. 1 erfasst an gesehen, Holznagel/Ricke in Spindler/Schuster TMG § 1 Rn. 17 ff. Dem ist im Hinblick auf den Wortlaut und die aus drück liche Unter schei dung von journalistisch-redaktionell gestal teten Tele- medien (im engeren Sinne) und Telemedien (allgemein) in §§ 54 und 55 jeweils Abs. 1 und 2 nicht zu folgen; so auch Smid in Spindler/Schuster § 58 Rn. 2. 59 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner § 58 Rn. 3. 83 oder als Eigen werbung gesendet wird, mit dem Ziel, den Absatz von Waren oder die Erbrin gung von Dienst leis tungen einschließ lich unbeweg licher Sachen, Rechte oder Ver pflich tungen, gegen Ent gelt zu fördern“ (§ 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV). Diese Defini tion bezieht sich allerdings dem Wortlaut nach nur auf den Rund- funk und nicht auf die Telemedien. Auch die Erschei nungs formen Schleichwer- bung, Sponsoring und Produkt platzie rung werden in § 2 Abs. 2 RStV definiert. Nach § 1 RStV, der den jeweiligen Anwen dungs bereich der Normen des Rund- funkstaats vertrages fest legt, wäre § 2 RStV und damit auch die Werbedefini tion allerdings auf Telemedien nicht anwend bar. Die Zuwei sung der Normen kann jedoch nicht buchstaben getreu um gesetzt werden. So sind z. B. Telemedien in § 2 Abs. 1 RStV definiert und vom Rundfunk ab gegrenzt. Diese Norm muss folg lich auch auf Telemedien anwend bar sein, obwohl sie in § 1 RStV gerade nicht als für die Telemedien anwend bar auf geführt wird. Das Gleiche gilt für die Regelun gen § 2 Abs. 2 Nr. 19 RStV, in der aus drück lich sen dungs- bezogene Telemedien definiert werden, sowie Nr. 20, in der es um presseähn- liche (Tele medien-)An gebote geht. Es ist daher davon auszu gehen, dass die Defini tionen des § 2 RStV, d. h. insbesondere die für Werbung und Schleich- wer bung sowie Produkt platzie rung und Sponsoring, sinn gemäß auch für Tele- medien gelten. Die Bestim mung des § 58 RStV ver wendet den Begriff der Werbung. Andere Gesetze, die Regelun gen zu Telemedien auf stellen, wie das Telemedien gesetz und die AVMD-Richtlinie, sprechen nicht von Werbung, sondern von kommer- zieller Kommunika tion und definieren diese auch (§ 2 Abs. 1 Nr. 5 TMG, Art. 1 Abs. 1 lit h AVMD-RL; § 3 MDStV, Art. 2 f E-Commerce RL). Der Begriff der kommerziellen Kommunika tion umfasst neben der (Rundfunk-)Werbung unter anderem auch das Sponsoring, das Teles hopping und die Produkt platzie- rung (Art. 1 Abs. 1 lit. h AVMD-Richtlinie). Allerdings kennt auch der Rund- funkstaats vertrag den Unter schied zwischen Werbung, Sponsoring, Produkt- platzie rung und Teles hopping, die er jeweils ge sondert definiert. Zudem trifft er für diese Erschei nungs formen, wenn sie im Rundfunk aus gestrahlt werden, in §§ 7a, 8, 15, 44, 45, 45 a RStV unter schied liche Regelun gen und erklärt diese Regelun gen durch § 58 Abs. 3 RStV für fernsehähn liche Telemedien für ent sprechend anwend bar. An gesichts dieses Aus gangs befundes muss man sich die Frage stellen, ob der Gesetz geber durch die Verwen dung des Begriffs Werbung, die bei der kommerziellen Kommunika tion zusätz lich er fassten Er- schei nungs formen aus dem Werbebegriff des § 58 RStV aus schließen oder in § 58 Abs. 1 RStV – anders als im übrigen Rundfunkstaats vertrag – einen er- weiterten Werbebegriff ver wenden wollte, der neben der in § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV definierten Werbung auch das Sponsoring, das Teles hopping und die Produkt platzie rung erfasst. Dies ist nicht unerheb lich, da insbesondere die Platzie rung von virtuellen Produkten auch bei der In-Game-Werbung eine Rolle spielt. 84 Zwar mag im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff der Werbung im wei- teren Sinne als kommunikativer Beeinflussungs prozess mit Hilfe von (Massen-) Kommunika tions mitteln an gesehen werden, die beim Adressaten marktrelevante Einstel lungen und Ver haltens weisen i. S. d. Unter nehmens ziele ändern.60 Wer- bung im Sinne des RStV ist aber legaldefiniert. Auf diesen Begriff bezieht sich die Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV. Dies hat zur Folge, dass § 58 Abs. 1 RStV nach derzeitiger Formulie rung nur die Werbung im Sinne des § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV erfasst, aber nicht das Sponsoring, das Teles hopping und die Pro- dukt platzie rung.61 Damit unter liegt die Produkt platzie rung in Telemedien nicht dem Erkennbar- keits- und Tren nungs gebot des § 58 Abs. 1 RStV. Allerdings sind die prakti schen Folgen davon, dass § 58 Abs. 1 RStV auf Produkt platzie rungen nicht anwend- bar ist, geringer als es den Anschein hat. Dies liegt daran, dass unter Pro- duktplatzie rung im Sinne des RStV nur die ge kennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Produkten zu ver stehen ist. Dies folgt aus der Defini tion der Produkt platzie rung in § 2 Abs. 2 Nr. 11 RStV. Sie über nimmt zwar weit gehend die Vor gaben des Art. 1 Buchstabe m, h der AVMD-Richtlinie, geht aber mit dem Merkmal der Kennzeich nung darüber hinaus. Der RStV schafft damit einen eigenen Begriff der Produkt platzie rung. Wesent liches Unter schei dungs- merkmal zwischen der weiter hin auch in Telemedien über Art. 58 Abs. 1 RStV ver botenen Schleichwer bung und der Produkt platzie rung ist nunmehr die Kenn- zeich nung. Sie ist Voraus set zung dafür, dass über haupt eine Produkt platzie rung im Sinne des RStV ge geben ist. Diese Kennzeich nung bewirkt, dass die Werbe- absicht offen gelegt wird. Damit fehlt es an der für die Schleichwer bung er- forder lichen Möglich keit der Irrefüh rung. Damit bleibt Folgendes fest zuhalten: Wenn es an der Kennzeich nung fehlt, liegt schon tatbestand lich keine Produkt platzie rung vor. Dann ist § 58 Abs. 1 RStV anwend bar und es ist zu prüfen, ob wegen der fehlenden Kennzeich nung eine ver botene Schleichwer bung vor liegt. Eine Produkt platzie rung im Sinne des RStV, also die gekennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Waren oder Marken gegen Ent gelt, unter fällt dagegen nicht dem § 58 Abs. 1 RStV. Sie stellt vielmehr eine eigenständige Form der kommerziellen Kommunika tion dar. Als kommerzielle Kommunika tion müssen bei ihrem Einsatz allerdings die be sonderen Informa tions pflichten des § 6 TMG be achtet werden.62 60 Schwanbom in Schiwy/Schütz/Dörr, Medien recht S. 736, 737. 61 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner § 58 Rn. 3. 62 Dazu näher unter II.4. 85 II.3.4 Die Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV und die werb lichen Erschei nungs formen in Online-Spielen Nachdem nunmehr ge klärt ist, dass die Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV auf Computerspiele anwend bar ist, muss ge prüft werden, welche Folgen dies für die in den Spielen ent haltene Werbung hat. Dabei ist zwischen den einzelnen Werbeformen zu unter scheiden. II.3.4.1 Integra tion von klassi schen Werbeflächen in simulierte Spielwelten Häufig werden klassi sche Werbeflächen in simulierte Spielwelten integriert. Beispiele für eine solche Integra tion von klassi schen Werbeflächen bieten zum einen Sportspiele, bei denen Banden werbung in virtuellen Sport stadien zu sehen ist (z. B. „Need für Speed“), zum anderen Spiele, bei denen die Spielfigur durch eine Umgebung bewegt wird, in der sich klassi sche Werbeträger be finden. So ist zum Beispiel in dem Spiel Empire of Sports eine sich drehende Litfaß- säule mit Werbeplakaten zu sehen, in dem Spiel Spiderman ist ein Werbeplakat von McDonalds auf einem Haus auf gestellt, und im Spiel Anarchie Online steht am Straßen rand ein Bildschirm, auf dem Werbefilme laufen. Die recht liche Einord nung und Beurtei lung dieser Abbil dungen richtet sich danach, ob es sich um eine Werbemaßnahme handelt oder schlicht um die Nach bil dung einer realen Umgebung. Ver gleicht man die Banden werbung in einer Spielsitua tion mit einer Sport übertra gung im Fernsehen, ergibt sich folgen- der Unter schied. Das reale Sportereignis kann grundsätz lich nicht oder nicht ohne größeren techni schen Aufwand über tragen werden, ohne dass als Begleit- erschei nung die Werbung auf Banden, Fahrzeugen oder Trikots auch im Bild zu sehen ist. Auch wenn das heute mit in den Preisen einkalkuliert ist, bezahlt das werbende Unter nehmen regelmäßig nicht an den Fernseh veranstalter dafür, dass die Werbung im Fernsehen ge zeigt wird, auch wenn das letzt lich einen Großteil der Werbewir kung aus macht. Vielmehr erfolgt die Zahlung an den Ver anstalter als Gegen leis tung dafür, dass ein Werbebanner/Logo an der Bande im Stadion oder dem Fahrzeug oder Trikot an gebracht wird. Die Tatsache, dass man die Werbung auf der Bande oder dem Fahrzeug im Fernsehen sieht, ist somit ein zwangs läufiger Nebeneffekt bei der Übertra gung und keine ge- zielte Fernsehwer bung. So wird denn auch die Sicht bar keit der Werbung bei der Fernseh übertra gung in der Regel als un vermeid barer Werbe effekt an gesehen.63 Dies gilt allerdings nicht bei Über blen dung der Banden werbung mit virtueller 63 Hahn/Vesting/Ladeur, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht § 7 Rn. 66. 86 Werbung.64 Allerdings kann auch die Art der Kamerafüh rung den Vorwurf der Schleichwer bung be gründen.65 Im Unter schied zu den Übertra gungen realer Sport veranstal tungen kann ein Computerspiel auch so programmiert werden, dass auf den Banden oder den Fahrzeugen keine Werbung zu sehen ist. Alternativ kann bei einem Com- puterspiel auf den Banden oder Fahrzeugen Werbung für fiktive Produkte zu sehen sein. Allerdings muss es sich auch bei der Darstel lung von realen Pro- dukten in einem Computerspiel nicht zwangs läufig um einen be absichtigten Werbe effekt handeln. Maß geblich ist das Interesse, das hinter der Darstel lung realer Produkte steht. Während vor einigen Jahren Spiele entwickler noch Geld dafür be zahlen mussten, dass sie be kannte Marken und Produkte in ihre Spiele einbinden durften, sind Unter nehmen heute durch aus bereit, Millionen beträge zu investieren, um Werbekommunika tionen in auf lagen starke Computerspiele zu integrieren.66 Generell kann davon aus gegangen werden, dass es sich um be absichtigte Werbung handelt, wenn der Spielehersteller Geld dafür erhält. Allerdings wird sich dies nicht immer nach weisen lassen. Als Indiz dafür, ob es sich um be- zahlte Werbung handelt oder nicht, kann die Intensität der Darstel lung heran- gezogen werden. Sind ver schiedene Werbeplakate in eher unauffälliger Form Randerschei nungen der Spielumge bung, bei denen man beispiels weise be kannte Schriftzüge und Marken mehr erahnen als deut lich er kennen kann, spricht dies eher dafür, das hier nur die Umgebung realistisch ge staltet werden sollte. Taucht jedoch die Werbung eines Produktes oder Unter nehmens ge häuft auf und wird auf fällig und deut lich in das Spielgeschehen integriert, spricht dies eher dafür, dass es sich um ge zielte Werbung handelt, die dann nach Maß gabe des § 58 Abs. 1 RStV auch vom übrigen Inhalt eindeutig ge trennt als Werbung klar erkenn bar sein muss. Ob diesem Gebot Rechnung ge tragen wird, also für den Nutzer be absichtigte Werbung in den jeweiligen Spielen derzeit immer klar zu er kennen ist, darf be zweifelt werden. Gerade bei Computerspielen, die mit Sportereig nissen zu tun haben, sind die Banden mit Werbung für reale Produkte ein Detail der Spielumge bung. Das Vor handensein fügt sich so ein, dass es für den Empfänger eher unauffällig und mehr wie die Nachbil dung der realen Umgebung wirken kann als eine ge zielte Werbemaßnahme. Hinzu kommt, dass diese Werbeform in Spielen noch nicht so ver breitet ist. Daher geht nicht jeder Nutzer davon aus, dass sich im Spiel be zahlte Werbung be findet. Um zu gewährleisten, dass der Spieler erkennt, dass er eine Werbemaßnahme vor sich hat, muss daher in ge eigneter Form darauf hin gewiesen werden. 64 Hahn/Vesting/Ladeur, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht § 7 Rn. 73. 65 KG Berlin, AfP 1994, 313, Hahn/Vesting/Ladeur, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht § 7 Rn. 66. 66 Schaar, Recht liche Grenzen des „In-Game-Advertising“, GRUR 2005, 912; Der Spiegel 37/2003, S. 184. 87 Bei räum lich abgrenz baren Werbeträgern wie Bande, Litfaßsäule, Film- monitor u. Ä. kann Werbung mit einem Schriftzug ge kennzeichnet werden, gleich einer Anzeige in einer Zeitschrift oder auf einer Internet seite. II.3.4.2 Integra tion von dynami scher Werbung Neben der statischen Werbung ist in Online-Spielen auch dynami sche Werbung zu finden. So erlaubt im Spiel Anarchy Online die Online verbin dung die Modi- fika tionen der Werbeplatzie rungen über die gesamte Nutzungs dauer hinweg. So ist es beispiels weise möglich, den in dem Spiel ge zeigten Kinotrailer für einen Film durch eine neue Vor schau für einen aktuelleren Film zu er setzen. Ein weiteres Beispiel für die dynami sche Werbevariante, bei der die inte- grierte Werbung in zyklischer Regelmäßig keit modifiziert werden kann, findet sich in dem Online-Rennspiel Need for Speed Shift. Hier besteht bei jedem Neustart des Spiels (d. h. bei jedem „Onlinegehen“) die Möglich keit einer Modifika tion der Werbeinhalte. So sieht der Spieler beispiels weise auf einem Plakat zunächst Werbung für den Kinofilm Sherlock Holmes. Diese Werbung bleibt während des gesamten Spielablaufs konstant. Beim er neuten Starten des Spiels wenige Tage später wird dann auf demselben Plakat für den Reifen- hersteller Falken Tires ge worben. Es hat demnach ein vom Spielhersteller initiierter und durch Adserver realisierter Werbeinhalts wechsel statt gefunden, der für den Spieler aber nur dann sicht bar wird, wenn er in dem ent sprechenden Zyklus das Spiel online nutzt. Ebenso denk bar ist, dass Banden werbung beim jeweiligen Neustart des Spiels durch andere Werbung ersetzt wird. Bei einer solchen dynami schen Werbung kann man nicht be haupten, dass dies nur einer realistischeren Darstel lung der Umwelt dient. Dynamische In-Game-Werbung belegt vielmehr die Werbeabsicht hinter der Maßnahme. Es ist davon auszu gehen, dass die Aktualisier bar keit auf der Grundlage jeweils neuer Werbe verträge erfolgt. Aus diesem Grund ist eine Kennzeich nung, dass es sich um Werbung handelt, in diesen Fällen unerläss lich. II.3.4.3 Die Darstel lung von Produkten, Marken und Logos im Spiel und das Schleichwerbe verbot Wird eine Marke oder ein Logo auf einem Gegen stand (Auto, Trikot oder Ähnliches) an gebracht, bzw. ein Produkt, also eine Ware, in das Spielgeschehen integriert, ent spricht dies im Prinzip einer Produkt platzie rung. Um eine Pro- dukt platzie rung im Sinne des Rundfunkstaats vertrages handelt es sich aber – wie bereits ausführ lich dargestellt – nur dann, wenn die Erwäh nung oder Darstel lung von Waren oder Marken ge kennzeichnet ist. Nur diese Produkt- platzie rung im Sinne des RStV wird durch § 58 Abs. 1 RStV nach derzeitiger Rechts lage nicht erfasst. Für sie ist neben der bereits tatbestand lich er forder- 88 lichen Kennzeich nung § 6 TMG einschlägig. Die ge kennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Waren oder Marken ist allerdings in Computerspielen bisher nicht anzu treffen. Daher bleibt für die nicht ge kennzeichnete Integra tion von Waren oder Marken in das Spielgeschehen § 58 Abs. 1 RStV anwend bar. Es ist demnach zu prüfen, ob es sich bei der jeweiligen Darstel lung um eine ver botene Schleich- wer bung handelt. Dies setzt voraus, dass der Spieleanbieter die Darstel lung absicht lich zu Werbezwecken vor gesehen hat und die Allgemein heit, also die Spieler, hinsicht lich dieses Werbezweckes irregeführt werden kann. Die Absicht des Anbieters, die Integra tion zu Werbezwecken vor genommen zu haben, lässt sich zwar grundsätz lich nur schwer nach weisen. Insoweit hilft aber § 2 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 RStV weiter. Nach dieser Bestim mung wird die Werbeabsicht unter stellt, wenn die Darstel lung gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis- tung erfolgt. Die Möglich keit der Irrefüh rung ist zudem regelmäßig ge geben. Wie die Prüfung, ob es sich um ver botene Schleichwer bung handelt, vor- genommen werden kann, soll an konkreten Beispielen er läutert werden. So wählt der Spieler in dem Spiel Need for Speed ein be stimmtes Automodell aus, z. B. einen Porsche. In der Beschrei bung des Spiels heißt es: „Fotorealisti- sche Wagen und Strecken – Fast 70 lizenzierte Fahrzeuge stehen zur Ver fügung, darunter der BMW M3 GT2, der Audi R8 LMS und der Porsche 911 GT3 RSR. Darüber hinaus gibt es mehr als 15 Originalschauplätze wie die Nürburgring Nordschleife, Silverstone und Spa sowie fiktive Strecken wie London Downtown und Tokio“67. Im Simula tions spiel Landwirtschafts simulator 2011 kann der Spieler im Multiplayer-Modus über das Internet aus einem Fuhrpark original- getreuer Maschinen führender Hersteller aus wählen.68 Diese Aus wahlmöglich keiten aus einer ganzen Reihe der üblichen Modelle kann durch aus darauf hindeuten, dass der Spiele entwickler die Nutzung der originalgetreuen Modelle mit original Schriftzügen zur Nachbil dung der Realität ver wendet hat. Hierfür spricht insbesondere, dass viele diverse Modelle der führenden Hersteller ver treten sind. Dies spricht auch dagegen, dass ein Ent gelt oder eine ver gleich bare Gegen leis tung erfolgt ist Damit fehlt es bereits an der für die Schleichwer bung er forder lichen Werbeabsicht, die bei Ent geltlich keit bzw. einer ent sprechenden Gegen leis tung unter stellt würde. Im Spiel Empire of Sports haben die Spielfiguren die Möglich keit, Tickets für Flüge der Flug gesell schaft Air France an deren Schalter käuf lich zu er- 67 shift.needforspeed.com de/game-info/GameInfo-20091001113015913. 68 In der Beschrei bung des Simula tions spiels heißt es, „Dank der Lizenzie rung von führenden Herstellern wie DEUTZ-FAHR, KRONE, HORSCH, PÖTTINGER und VOGEL & NOOT steuern Sie originalgetreue Maschinen. Erleben Sie Realität pur!“ www.astragon.de/produktdetails/article/ landwirtschafts- simulator-2011. html (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011); www.amazon.de/astragon-Software-GmbH- Landwirtschafts-Simulator-2011/ dp/B0040JGFQ0/ref= sr_1_1?ie= UTF8&qid= 1287737981&sr= 8-1 (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 89 werben (in der spieleigenen Währung), sodass sie zu den ver schiedenen Spiel- stätten reisen können. Es handelt sich um eine Transak tion innerhalb der Spiel- welt und ohne realen kommerziellen Hinter grund. Auch hier ist die Art der Darstel lung, also die Werbeabsicht ent scheidend dafür, ob Schleichwer bung vor liegt. Bei Ent geltlich keit oder einer ent sprechenden Gegen leis tung würde die Werbeabsicht unter stellt. Auch ein unangemessenes Heraus stellen spricht für eine Werbeabsicht. Im Rahmen der Spielsitua tion müsste man es als unan- gemessenes Heraus stellen be werten, wenn sich die Spielfigur in einer Schalter- halle bewegt, in der es aus schließ lich Schalter einer Flug gesell schaft gibt. Sind allerdings Schalter mehrerer Flug gesell schaften ver treten, ent spricht dies einer realisti schen Darstel lung des Umfeldes. Im ersten Fall liegt auch der Ver dacht nahe, dass ein Ent gelt ge flossen ist. II.3.4.4 Werbung in Computerspielen für Kinder Der RStV ent hält für den Bereich des Rundfunks spezielle Regelun gen, die Kinder vor Werbung schützen sollen. So ver bietet § 7a Abs. 1 RStV, Sendun gen für Kinder durch Werbung oder Teles hopping-Spots zu unter brechen. Auch die Produkt platzie rung in Kindersen dungen ist sowohl im öffent lich-recht lichen als auch im privaten Rundfunk generell ver boten, da die Aus nahmerege lungen, nach denen Produkt platzie rungen zulässig sind, hier aus drück lich nicht gelten (§ 7 Abs. 7 i. V. m. §§ 15, 44 RStV). Ver gleich bare Regelung für Telemedien, also auch für Computerspiele, die sich speziell an Kinder richten, fehlen im RStV. Der für die Werbung in Telemedien einschlägige § 58 Abs. 1 RStV enthält auch keinen Rück verweis auf die Bestim mungen, die die Werbung in Kinder- sen dungen unter sagen. Damit bleibt fest zuhalten, dass Werbung in Computer- spielen, die sich speziell an Kinder richten, nach dem RStV keinen be sonderen Beschrän kungen unter liegt. II.3.5 Die Durch set zung des Tren nungs- und Erkennbar keits gebots in Telemedien Zwar ist § 58 Abs. 1 RStV mit dem darin ent haltenen Tren nungs- und Erkennbar- keits gebot und dem Verbot der Schleichwer bung auf Computerspiele anwend- bar, da diese – mit Aus nahme elektroni scher Spiele, die nur auf Träger medien vor liegen oder die während der gesamten Nutzung keine Verbin dung über elektroni sche Kommunika tions netze auf bauen – Telemedien darstellen. Fraglich ist aber, ob und von wem diese Gebote und das Schleichwerbe verbot durch- gesetzt werden können. Dies richtet sich danach, wem die Auf sicht über die Telemedien im Allge- meinen und über die Einhal tung des § 58 Abs. 1 RStV im Besonderen zukommt. 90 Anders als im Bereich des Rundfunks, wo die Auf sicht in einem beacht lichen Ausmaß auf gemeinsame Organe der Landes medien anstalten, nämlich die ZAK, die GVK und die KEK, über tragen wurde, stellt sich die Rechts lage bei den Telemedien dar. Ab gesehen vom Jugendschutz nach Maß gabe des JMStV, bei der die KJM als gemeinsames Organ aller Landes medien anstalten auch eine Zuständig keit für Telemedien anbieter besitzt, ist die Auf sicht zersplittert. Sie richtet sich gemäß § 58 Abs. 2 RStV nach dem jeweiligen Landes recht. Sonder- rege lungen be stehen zudem für den Bereich des Daten schutzes gemäß § 58 Abs. 1 RStV. In Nordrhein-West falen ist die Bezirks regie rung Düsseldorf nach dem Tele- medien zuständig keits gesetz vom 29. 3. 200769 für die Auf sicht über die Tele- medien, also auch über die Computerspiele zuständig und nicht die erkenn bar sachnähere Landes medien anstalt. Andere Länder, wie etwa Berlin, Branden- burg, Bremen und Hessen haben den Landes medien anstalten die Auf sicht über- tragen. Es be stehen demnach in den Ländern unter schied liche Zuständig keiten für die Auf sicht über die Einhal tung der Bestim mungen für Telemedien ein- schließ lich des § 58 Abs. 1 RStV. Dies über rascht auch deshalb, weil es sich bei den Telemedien, die über Internet ver breitet werden, regelmäßig um bundes- weite An gebote im Sinne des § 39 RStV handelt. Schon aus diesem Grunde hätte es nahe ge legen, die Auf sicht über die Einhal tung der für Telemedien geltenden Vor schriften – mit Aus nahme der Telemedien angebote des öffent- lich-recht lichen Rundfunks – der Kommission für Zulas sung und Auf sicht (ZAK) als gemeinsamen Organ aller Landes medien anstalten zu über tragen. Das Neben einander unter schied licher Auf sichts behörden wird zudem dadurch ver stärkt, dass für den Daten schutz70 nochmals Sonder rege lungen gelten, die auch noch zwischen Telemedien mit journalistisch-redak tionellem Inhalt und sonstigen Telemedien unter scheiden. Bei Ver stößen gegen das Tren nungs- und Erkennbar keits gebot, das bei der Werbung zu be achten ist, kann die zuständige Auf sichts behörde, also in Nord- rhein-West falen die Bezirks regie rung Düsseldorf und nicht etwa die Landes- medien anstalt, gemäß § 59 Abs. 3 RStV die er forder lichen Maßnahmen gegen- über dem Anbieter treffen. Diese umfassen auch die Untersa gung und die Anord nung der Sperrung des An gebots. Bei der Auswahl der Maßnahmen hat aber die Behörde den Grundsatz der Ver hältnis mäßig keit zu be achten, der in § 58 Abs. 3 Satz 3 bis 5 RStV umschrieben wird, aber unabhängig von dieser Umschrei bung als ver fassungs recht licher Grundsatz bei jeder Auf sicht stätig keit stets zu be achten ist. Daher ist von der Auf sichts behörde stets ein nach Schwere und Intensität des Eingriffs ab gestuftes Sank tions system einzu setzen, an dessen Ende als Ultima Ratio die Unter sagungs verfü gung steht. Bei Ver stößen gegen 69 GV NRW S. 137. 70 Vgl. unten. 91 § 58 Abs. 1 RStV durch In-Game-Werbung kommt die Verhän gung eines Buß- geldes als Sanktion nicht in Betracht. Dies liegt daran, dass ein Ver stoß gegen das in § 58 Abs. 1 RStV normierte Tren nungs- und Erkennbar keits gebot keine Ordnungs widrig keit darstellt. Dagegen sind Ver stöße gegen die ver gleich baren, für den Rundfunk und die fernsehähn lichen Telemedien geltenden Werberege- lungen der §§ 7 Abs. 3 und 58 Abs. 3 RStV gemäß §§ 49 Abs. 1 Nr. 3 und Nr. 16 ff. RStV als Ordnungs widrig keiten aus gestaltet. 93 II.4 Zulässig keit von In-Game-Werbung nach dem Telemedien gesetz II.4.1 Die eigenständige Bedeu tung des § 6 TMG Neben dem Rundfunkstaats vertrag stellt das Telemedien gesetz (TMG)71 Rege- lun gen für die elektroni schen Informa tions- und Kommunika tions dienste auf. In § 1 Abs. 4 TMG wird allerdings für die an Inhalte von Telemedien zu rich- tenden be sonderen Anforde rungen auf den Rundfunkstaats vertrag verwiesen. Dennoch trifft § 6 TMG be sondere Regelun gen zu Informa tions pflichten für kommerzielle Kommunika tion. Diese Vor schrift findet neben § 58 Abs. 1 RStV Anwen dung. Der Bund war nicht daran ge hindert, ge stützt auf seine wirt- schafts bezogene Gesetz gebungs kompetenz diese Regelung zu treffen, die im Interesse der Ver braucher be sondere Informa tions pflichten ver ankert. Das Neben einander der Vor schriften zeigt aber, wie schwierig die Abgren zung zwischen den Kompetenzen der Länder und des Bundes im Bereich der Tele- medien ist. Im Ergebnis hat – un beschadet der in den § 58 Abs. 2 bis 4 RStV ent haltenen Sonder rege lungen für be stimmte Telemedien – das Neben einander der beiden Regelun gen zur Folge, dass für die Werbung in Telemedien und damit auch in Computerspielen das Tren nungs-Erkennbar keits gebot des § 58 Abs. 1 RStV und die be sonderen Informa tions pflichten des § 6 TMG zu be- achten sind. Für die übrige kommerzielle Kommunika tion, also Sponsoring, Teles hopping und Produkt platzie rung, gelten – ab gesehen von den in den § 58 Abs. 2 bis 4 RStV ent haltenen Sonder rege lungen für fernsehähn liche Tele- medien, zu denen die Computerspiele nicht ge hören – ledig lich die be sonderen Informa tions pflichten des § 6 TMG.72 Dies ist auf den ersten Blick vor allem für die Produkt platzie rungen in Telemedien be deutsam. Diese stellen, wie bereits ausführ lich dargelegt, keine Werbung im Sinne des § 58 Abs. 1 RStV dar und unter fallen damit nicht dem dort ver ankerten Tren nungs gebot. Sie sind auch keine Schleichwer bung. Von 71 Gesetz über die Nutzung von Telemedien vom 26. 2. 2007, BGBl. I S. 179, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 31. 5. 2010 (BGBl. I S. 692). 72 Harts tein/Ring/Kreile/Dörr/Stettner § 58 Rn. 3. 94 dieser unter scheiden sie sich gemäß § 2 Abs. 2 Nr. 11 RStV dadurch, dass sie ge kennzeichnet ist. Diese Kennzeich nung bewirkt, dass die Werbeabsicht offen- gelegt wird. Damit fehlt es an der für die Schleichwer bung er forder lichen Möglich keit der Irrefüh rung. Die Kennzeich nung ist aber unabding bare Voraus- set zung dafür, dass über haupt eine Produkt platzie rung im Sinne des RStV vor liegt. Solche ge kennzeichneten Darstel lungen von Waren und Marken sind aber in Computerspielen selten. Bei den nicht ge kennzeichneten Darstel lungen ist stets zu prüfen, ob es sich um nach § 58 Abs. 1 RStV ver botene Schleich- werbung handelt. II.4.2 Der Inhalt der Informa tions pflichten Nach § 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG haben Dienste anbieter bei kommerziellen Kommu- nika tionen, die Telemedien oder Bestand teile von Telemedien sind, zu be achten, dass kommerzielle Kommunika tionen klar als solche zu er kennen und die natür liche oder juristi sche Person, in deren Auftrag kommerzielle Kommunika- tionen er folgen, klar identifizier bar sein müssen. Damit ver folgt die Vor schrift letzt lich das gleiche Rege lungs ziel wie das Tren nungs- und Erkennbar keits gebot in § 58 Abs. 1 RStV. Der Empfänger soll durch das Gebot klarer Erkenn bar keit der Werbung bzw. der gesamten kommerziellen Kommunika tion vor einer Täuschung über die fehlende Neutralität bzw. Objektivität der Informa tion geschützt werden.73 Kommerzielle Kommunika tion ist nach § 2 Abs. 1 Nr. 5 TMG jede Form der Kommunika tion, die der unmittel baren oder mittel baren Förde rung des Ab satzes von Waren, Dienst leis tungen oder des Erschei nungs bilds eines Unter- nehmens, einer sonstigen Organisa tion oder einer natür lichen Person dient, die eine Tätig keit im Handel, Gewerbe oder Handwerk oder einen freien Beruf ausübt. Der Begriff der kommerziellen Kommunika tion erfasst nicht nur Wer- bung im Sinne des § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV, sondern auch Sponsoring (§ 2 Abs. 2 Nr. 9 RStV), Teles hopping (§ 2 Abs. 2 Nr. 10 RStV) und vor allem Produkt- platzie rungen (§ 2 Abs. 2 Nr. 11 RStV). Die Bestim mung des § 6 TMG ver langt die eindeutige Erkenn bar keit als kommerzielle Kommunika tion, während § 58 Abs. 1 RStV, allerdings nur für die Werbung in Telemedien, eine Trennung von den übrigen Inhalten fordert. Allerdings ist die Erkenn bar keit dem inhalteorientierten Tren nungs gebot imma- nent, da es gerade Sinn und Zweck dieses Gebotes ist, dass der Nutzer den Werbecharakter einer Darstel lung er kennen kann. Insofern kann auf die Aus- füh rungen zu § 58 Abs. 1 RStV ver wiesen werden. 73 Micklitz/Schirmbacher in Spindler/Schuster, TMG § 6 Rn. 26. 95 Die klare Erkenn bar keit be urteilt sich nach dem Empfänger horizont und ist damit zu bejahen, wenn der durch schnitt liche Nutzer die kommerzielle Kommunika tion als solche ohne weiteres be merken kann. Richtet sich die kommerzielle Kommunika tion jedoch an be sonders schutz würdige Gruppen, wie z. B. Kinder und Jugend liche, so ist auf deren Ver ständnis abzu stellen.74 Die klare Erkenn bar keit stellt aber gegen über dem Tren nungs gebot des § 58 Abs. 1 RStV, das allerdings nur für die Werbung in Telemedien gilt, in ge wisser Hinsicht ein „Minus“ dar. Über die bloße klare Erkenn bar keit hinaus fordert § 58 Abs. 1 RStV eine eindeutige Trennung von den übrigen Inhalten. Für die Werbung in Spielen be deutet dies, dass die Erkenn bar keit von Wer- bung von beiden Rege lungs werken ver langt wird. Die Inten tion des Rundfunk- staats vertrages ist es, die freie Meinungs bildung vor Manipula tion zu schützen. Sobald ein Telemedium, in diesem Fall ein Online-Spiel, einen ge wissen „Inhalt“ auf weist, ist § 58 Abs. 1 RStV einschlägig, der über das Tren nungs- gebot ver langt, dass ein inhalt licher Gehalt eines elektroni schen Mediums, der in irgendeiner Form zur Meinungs bildung beiträgt, und eine werbende Äuße- rung nicht dergestalt ver mischt werden, dass der werbende Gehalt nicht als solcher erkannt wird. Die Kennzeich nungs- und Informa tions pflichten des § 6 TMG kommen sozu sagen als Auffang vorschrift zur Anwen dung, wenn es nicht um Werbung i. S. des RStV, sondern um andere Formen der kommerziellen Kommunika tion geht, also insbesondere Produkt platzie rungen. Tatbestand lich setzt eine Produkt- platzie rung voraus, dass es sich um eine ge kennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Waren oder eines Erbringers von Dienst leis tungen gegen Ent- gelt handelt. Die Kennzeich nung ist also bereits Voraus set zung für das Vor- liegen einer Produkt platzie rung und Ab gren zungs merkmal zur Schleichwer- bung. Insoweit bedarf es keines Rück griffs auf das in § 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG ent haltene Gebot der klaren Erkenn bar keit kommerzieller Kommunika tion. II.4.3 Produkt platzie rungen in Computerspielen und § 6 TMG Die Abgren zung zwischen Schleichwer bung und Produkt platzie rung richtet sich auch bei Online-Spielen danach, ob eine Kennzeich nung vor liegt. Dies ist aber nach anderen Maßstäben zu be urteilen als bei Rundfunksen dungen. Bei Online-Spielen dienen werb liche Erschei nungs formen – unabhängig davon welche Absicht dahintersteht – auch dazu, eine be stimmte nach gebildete Um- gebung, in der sich üblicher weise Werbebot schaften be finden, realisti scher aus sehen zu lassen. Während man jedoch in der realen Welt oder in einer 74 Dieser Grundsatz ist in der Lauter keits richtlinie fest gelegt, hierzu näher unter II. 96 filmischen Abbil dung der realen Welt (Fernsehen) keinen Hinweis darauf be- nötigt, dass sich auf einer Litfaßsäule oder einer Bande im Stadion be zahlte Werbebot schaften be finden, weil es schlicht jeder weiß, ist dies in einer virtuel- len Abbil dung aus den ge nannten Gründen gerade nicht so. Der Nutzer ist im Unklaren darüber, ob diese ge zielt und gegen Bezah lung ein gefügt wurde, um ihn zu be einflussen. Wenn eine Beeinflussungs inten tion dahinter steht, müsste, um den Informa tions pflichten des § 6 TMG zu ent sprechen, diese kommerzielle Kommunika tion zumindest als solche klar erkenn bar sein. Handelt es sich um eine ge zielte Platzie rung, muss in jedem Fall eine Kenn- zeich nung er folgen, damit der Nutzer die aus Werbegründen gegen Ent gelt oder Gegen leis tung platzierten Produkte oder Marken als solche er kennen kann. Die Anforde rungen an eine solche Kennzeich nung sind jedoch deut lich geringer als die für Produkt platzie rung im Rundfunk, die in der detaillierten Regelung des § 7 Abs. 7 Satz 3 RStV aus differenziert ist. Es bedarf ledig lich wegen § 2 Abs. 2 Nr. 11 über haupt einer Kennzeich nung, damit im Rechtsinne eine Produkt platzie rung tatbestand lich vor liegt, und wegen § 6 TMG einer klaren Erkenn bar keit. An gesichts dieser offeneren Regelun gen könnte ein Hin- weis zu Beginn des Spiels, dass das Spiel be zahlte Platzie rung von Produkten ent hält, als aus reichend an gesehen werden. Die Kennzeich nung ent spräche damit derjenigen, die für Kinofilme ge fordert wird (näher dazu unten). Zu fragen ist, ob dies sachgerecht ist. Dafür spricht, dass Spiele wie Kino- filme nicht in erster Linie der Informa tion, sondern der Unterhal tung dienen. Der Unter schied besteht darin, dass der Rezipient beim Film passiv konsumiert. Beim Spiel hingegen werden die Objekte teil weise ge nutzt und selbst ein gesetzt. Hieraus kann sich eine andere Wirkung ergeben. Hierbei ist auf empiri sche Erkenntnisse in Bezug auf die Wahrneh mung der Spieler abzu stellen. Im Rahmen des In-Game-Advertising ist zu be rücksichtigen, dass die Nutzer eines Spiels aktiv sind und den Inhalten des Spiels daher eine erhöhte Auf merksam- keit ent gegen bringen. Die Frage ist, ob sie infolgedessen nicht so leicht in die Irre zu führen sind75 oder ob gerade ein er höhtes Schutz bedürfnis vor Werbebot- schaften besteht, da die Spieler so „im Spiel ge fangen“ sind, dass die Wirkung viel intensiver ist als bei schlichter Rezep tion. Zudem ist frag lich, ob im Rahmen von Online-Spielen davon auszu gehen ist, dass die Nutzer eine ge- wisse Medien kompetenz be sitzen, sodass sie wissen, dass be stimmte An gebote werbefinanziert sind und daher einen ge wissen Anteil an Produkt platzie rungen ent halten.76 Die Werbung in Computerspielen ist jedoch – trotz wachsender Bedeu tung – noch nicht so ver breitet, dass man voraus setzen kann, der Nutzer rechne in jedem Fall damit, dass sich im Spiel be zahlte, zu Werbezwecken 75 So Mallick, Product-Placement in den Massen medien, S. 216. 76 So Mallick, Product-Placement in den Massen medien, S. 216, Lober, MMR 2006, 643, 645; anders Schaar, GRUR 2005, 912, 915. 97 platzierte Inhalte be finden. Wird ein Produkt in einer Art und Weise in ein Spiel ein gebettet, dass es den Anschein hat, als ob die Darstel lung und die vor handenen Objekte nur einer realisti schen Nachbil dung des Szenarios dienen, so ist hier eine Täuschung des Spielers zumindest möglich. Eine solche Täu- schung kann durch einen auf klärenden Hinweis aus geschlossen werden.77 Eine andere Aus gangs situa tion schaffen sog. Adgames, die insgesamt auf einen be stimmten Zweck aus gerichtet sind und bei denen der Werbezweck bereits aus dem Namen des Spiels oder aus den Umständen hervor geht. So kann nicht von einer Ver brauchertäuschung aus gegangen werden, wenn das ganze Spiel auf eine Produkt linie aus gerichtet ist, wie z. B. beim Erweite rungs- paket zum Spiel Die Sims 2 – IKEA Home-Accessoires oder H&M-Fashion- Accessoires (Add-On), beim dem laut Spielehersteller nicht der lukrative Werbe- markt für die Ikea-Erweite rung Pate ge standen hat, sondern allein der Wunsch der Kunden.78 Ein be kanntes Beispiel hierfür ist auch das Spiel Moorhuhnjagd, das eine Hamburger Werbeagentur im Herbst 1998 als Werbegag für die Whisky marke Johnnie Walker ent wickeln ließ.79 Keine Wirtschafts werbung, aber eine Art „Unter nehmens werbung“ betrieb die US-Armee mit dem eigens für diesen Zweck ent wickelten Spiel America’s Army, das für sieben Millionen US-Dollar als Marketinginstrument konzipiert wurde und mit dem sie Nach- wuchs rekrutieren wollte.80 Die Auf sicht darüber, ob die Vor gaben des § 6 TMG ein gehalten wurden, obliegt gemäß § 59 Abs. 2 RStV der durch Landes recht be stimmten Auf sichts- behörde, also in Nordrhein-West falen der Bezirks regie rung Düsseldorf.81 Der Ver stoß gegen das in § 6 TMG ver ankerte Gebot der Erkenn bar keit und Kenn- zeich nung von kommerzieller Kommunika tion stellt ebenso wie der Ver stoß gegen § 58 Abs. 1 RStV keine Ordnungs widrig keit dar. 77 Mallick, S. 216, Schaar, GRUR 2005, 912, 915, Lober, MMR 2006, 643, 645. 78 „Bei den Sims-Spielern standen Möbel von Ikea ganz weit oben auf der Wunschliste.“ Die SIMs im Ikea Land, Focus Online, vom 25. 6. 2008, www.focus.de/digital/games/computerspiele-die-sims-im-ikea- land_aid_313535. html (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 79 Online Spiel unter www.gamesbasis.com/moorhuhn. html (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011); Hierzu auch Lober, MMR, 2006, S. 643. 80 Study on the role of SMEs and European audiovisual works in the context of the fast changing and converging home entertainment sector (PayTV, Homevideo, Video on Demand, video games, internet, etc), Oktober 2008, S. 137. 81 Vgl. oben II.3.4. 99 II.5 Zulässig keit von In-Game-Werbung und die Vor schriften zum Schutz der Jugend II.5.1 Allgemeines Auch wenn die Spielercommunity in den letzten Jahren immens ge wachsen ist, bilden immer noch Jugend liche und Kinder eine be sonders wichtige Nutzer- gruppe. Daher ist zu klären, welche Vor gaben die Bestim mungen zum Schutze der Jugend für die In-Game-Werbung ent halten. Die gesetz lichen Rahmen- bedin gungen bilden das Jugendschutz gesetz (JuSchG) und der Jugend medien- schutz staats vertrag (JMStV). Seit Inkraft treten des Jugendmedien schutz - staatsvertrags zum 1. 4. 2003 wird zwischen „Online“ und „Offline“ Medien unter schieden. Der Jugendmedien schutz kennt drei An gebots formen im Bereich der Spiele82: – Unveränder bare Spiele auf Träger medien, sowie un veränder bare Spiele, die nur über den Ver triebs weg Internet ver teilt werden (derzeit erfasst vom Jugendschutz gesetz). – Veränder bare Spiele, die durch zusätz liche Programm teile ver ändert und ergänzt, häufig ver schärft werden. Gekauft wird die frei handel bare, harm- lose Ver sion auf Träger medien, auf gerüstet wird via Internet oder andere Quellen. Unklar ist, ob solche Spiele nach dem Jugendschutz gesetz oder dem Jugendmedien schutz staats vertrag zu be urteilen sind. Hier stellen sich die gleichen Fragen, wie bei dem Problem, ob hybride Spiele den Telemedien zuzu ordnen sind.83 – Spiele, die online ge spielt werden (derzeit erfasst vom Jugendmedien schutz- staats vertrag). Problematisch wird diese unter schied liche Zuord nung, wenn gleiche Inhalte, d. h. gleiche Spiele über ver schiedene Distribu tions wege (online/offline) ver- 82 Vgl. Potthast, Regulie rung und Computerspiele, in: Umstritten und Umworben: Computerspiele – eine Heraus forde rung für die Gesell schaft S. 89, 94. 83 Vgl. oben II.3.3.1.1.2. 100 breitet werden, oder aber, wenn ein ursprüng lich auf einem Träger medium ver triebenes Spiel auch in einer Spielvariante über eine Online-Verbin dung ge nutzt werden kann und hierüber evtl. zusätz liche Inhalte „nach geladen“ wer- den. II.5.2 Jugendmedien schutz staats vertrag Der JMStV gilt für elektroni sche Informa tions- und Kommunika tions medien (Rundfunk und Telemedien) und ist damit recht liche Grundlage für den Jugend- schutz in Online-Spielen, soweit sie unter den Begriff der Telemedien fallen. Seine Regelun gen gelten auch für Downloadmöglich keiten und Trailer von Computerspielen.84 Für die Einhal tung der Bestim mungen ist die Kommission für Jugendmedien schutz (KJM) als Organ der Landes medien anstalten ver ant- wort lich. Werbung in Online-Spielen unter liegt zunächst einmal den gleichen inhalt- lichen Anforde rungen des Jugendschutzes wie das Spiel selbst. Dies be deutet, dass die Werbung kein unzu lässiges An gebot im Sinne des § 4 und kein ent- wick lungs beeinträchtigendes An gebot im Sinne des § 5 darstellen darf. Dies dürfte jedoch von geringerer prakti scher Relevanz sein. § 6 JMStV stellt ver schiedene Regeln für den Jugendschutz in Werbung und Teles hopping auf und ent hält Bestim mungen, die den Schutz von Kindern und Jugend lichen vor körper lichen und seelischen Beeinträchti gungen im Zusam- men hang mit den von Werbebot schaften aus gehenden Reizen be zwecken, bzw. die Ausnut zung der Unerfahren heit ver hindern sollen. Werbung für indizierte An gebote ist nur unter den Bedin gungen zulässig, die auch für die Ver brei tung des An gebots selbst gelten. Indizierte An gebote sind solche, die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in die Liste der jugendgefährdenden Medien auf genommen werden. Es handelt sich insofern um unzu lässige An gebote i. S. von § 4 Abs. 2 S. 1 Nr. 2 JMStV, sodass Werbung in Telemedien hierfür nur außerhalb des Zugangs bereichs von Kindern und Jugend lichen er folgen darf. Dies könnte z. B. relevant werden, wenn Werbung für einen Film auf einer virtuellen Werbefläche ge zeigt wird (vgl. Video im Spiel Anarchie Online). Dies dürfe dann nur in Spielen er folgen, die nicht für Kinder und Jugend liche freigegeben sind, bzw. mit einer ent- sprechenden techni schen Zugangs sperre ver sehen sind. Ein aus drück liches Verbot wird auch für die Werbung für alkoholi sche Getränke aus gesprochen, die sich weder an Kinder oder Jugend liche richten darf, noch durch die Art der Darstel lung Kinder und Jugend liche be sonders 84 Weigand/Braml, Jugendmedien schutz – eine recht liche und inhalt liche Bestands aufnahme, in: Umstritten und Umworben: Computerspiele – eine Heraus forde rung für die Gesell schaft S. 11, 15. 101 an sprechen oder diese beim Alkoholgenuss darstellen darf. Dies würde be- deuten, dass in Spielen, die sich vor allem an Kinder und Jugend liche richten, die Werbung für oder die Platzie rung von alkoholi schen Produkten zu Werbe- zwecken nicht erlaubt wäre. Als Ordnungs widrig keit waren bisher auch ledig lich Ver stöße gegen die Bestim mungen des Ab satzes 1 (indizierte An gebote und Liste der jugend- gefährdenden Medien) geregelt. Mit dem Vierzehnten Rundfunkände rungs- staats vertrag, der zum 1. 1. 2011 in Kraft treten sollte, sollten auch Ver stöße gegen die Werbe verbote der Absätze 2 bis 6 als Ordnungs widrig keit ein gestuft werden. Nachdem der nordrhein-west fälische Landtag diesen Staats vertrag ab gelehnt hat, ist er endgültig gescheitert. Es bleibt abzu warten, ob sich die Länder nach diesem Scheitern auf eine grundlegende Revision des Jugend- medien schutz staats vertrages ver ständigen können. II.5.3 Jugendschutz gesetz Die Werbung innerhalb von Offline-Spielen durch läuft als Teil des Spiels das gleiche Kennzeich nungs verfahren wie das Spiel selbst und muss sich daher an §§ 12 ff. JuSchG messen lassen. Darüber hinaus trifft das Jugendschutz gesetz keine spezifi schen Regelun gen zur Werbung. II.5.4 Zusammen fassung Die spezifi schen Jugendmedien schutz gesetze ent halten keine Regelun gen, die darauf ab zielen, Kinder- und Jugend liche generell vor Werbung zu schützen. Die Regelun gen des JMStV be ziehen sich ledig lich darauf, Kinder und Jugend- liche vor be stimmten Inhalten in der Werbung zu be wahren. Auch der RStV ent hält – anders als für Rundfunk – keine Vor schriften, die Werbung in Tele- medien für Kinder einschränken oder unter sagen. Spielt ein Kind jedoch ein Online-Spiel, ist durch aus eine ver gleich bare Unter hal tungs situa tion ge geben wie beim Betrachten einer Sendung für Kinder im Fernsehen, beispiels weise eines Zeichen trick films. Wenn das Kind über seine Spielfigur mit be stimmten Produkten agiert, dürfte die be einflussende Wirkung sogar vermut lich ungleich höher sein, als wenn es das Geschehen nur passiv ver folgt. Eine weitere Gefahr von Werbung in Telemedien, die auch oder über wiegend von Kindern ge nutzt werden, bzw. sich an Kinder und Jugend liche richten, ist auch insbesondere darin zu sehen, dass diese über Verlin kungen auf kommerzielle Seiten ge langen und häufig nicht unter scheiden können, ob es sich um kosten lose oder kosten- pflichtige Downloads handelt. Gratis-Spielportale im Internet werden im Fern- sehen und auf zahl reichen Webseiten be worben. Dabei werden auch ge zielt 102 Kinder und Jugend liche an gesprochen. Kosten lose Spiele-Downloads führen häufig zu kost spieligen Zusatz diensten oder stehen in unmittel barer Nachbar- schaft zu „kosten losen Pokerschulen“, die möglicher weise zu illegalem Glücks- spiel ver leiten. Der Bundes verband der Ver braucherzentralen (vzbv) hat im März 2010 die Betreiber von Kinderwebseiten auf gefordert, ihre An gebote grundsätz lich werbefrei zu ge stalten. Kinder seien oftmals noch nicht in der Lage, zwischen Inhalt und ein gebundener Werbung zu unter scheiden.85 Es bleibt aber fest- zuhalten, dass das geltende Recht weder im JMStV noch im RStV diesem Anliegen Rechnung trägt. 85 Vgl. epd medien 24–25/2010, S. 11. 103 II.6 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) Ver stöße gegen die medien recht lichen Werberege lungen können gleichzeitig auch einen Ver stoß gegen die wettbewerbs recht lichen Vor schriften des UWG86 be deuten. Darüber hinaus stellen aber die wettbewerbs recht lichen Bestim mun- gen zusätz liche Regeln auf und er fassen auch Medien, auf die der Rund funk- staats vertrag oder das Telemedien gesetz nicht anwend bar sind. Das UWG schützt das Interesse der Allgemein heit an einem un verfälschten Wettbewerb und soll insbesondere Mitbewerber, aber auch die Ver braucher vor unlauteren geschäft lichen Handlun gen be wahren. Es gilt grundsätz lich für Handlun gen im Geschäfts verkehr unabhängig davon, in welchem Rahmen sie ge tätigt werden. Im Hinblick auf In-Game-Werbung ist eine Unter schei dung, ob es sich um Online- oder Offline-Spiele handelt oder um eine Misch form (sog. Hybridmedien) insofern nicht von Bedeu tung. Die Vor schriften des UWG finden daher insbesondere auch für Offline-Spiele Anwen dung, für die mangels Übertra gung über ein elektroni sches Kommunika tions netz weder die Vor schrif- ten des Rundfunkstaats vertrages noch die des Telemedien gesetzes eröffnet sind. II.6.1 Die General klausel des § 3 Abs. 1 UWG Die General klausel des UWG wurde im Zuge der Umset zung der UGP-Richt- linie87 grundlegend um gestaltet. Grundsätz lich sind nach § 3 Abs. 1 UWG unlautere geschäft liche Handlun gen unzu lässig, wenn sie ge eignet sind, die Interessen von Mitbewerbern, Ver brauchern oder sonstigen Markt teilnehmern 86 Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb in der Fassung vom 3. 7. 2004 (BGBl I 1414) zuletzt geändert durch Gesetz vom 29. 7. 2009 (BGBl I 2413). 87 Richtlinie 2005/29/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 11. 5. 2005 über unlautere Ge- schäfts praktiken im binnen marktinternen Geschäfts verkehr zwischen Unter nehmen und Ver brauchern und zur Änderung der Richtlinie 84/450/EWG des Rates, der Richtlinien 97/7/ EG, 98/27/ EG und 2002/65/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates sowie der Verord nung (EG) Nr. 2006/2004 des Europäi schen Parlaments und des Rates (Richtlinie über unlautere Geschäfts praktiken) ABl. EU L 149/22 vom 11. 6. 2005. 104 spür bar zu be einträchtigen. Eine unlautere geschäft liche Handlung ist insbeson- dere dann ge geben, wenn eines der Regel beispiele der §§ 4 ff. UWG vor liegt. Die im Anhang zu § 3 auf gelis teten Handlun gen sind un geachtet einer – sonst er forder lichen – spür baren Beeinträchti gung immer unzu lässig. Die Anwen dung des § 3 UWG setzt eine geschäft liche Handlung gegen über einem Ver braucher voraus. Der Begriff der geschäft lichen Handlung ist im Wege der richtlinien konformen Ausle gung weit auszu legen.88 Er umfasst ebenso wie der Begriff der Geschäfts praktiken auch die „kommerzielle Mittei lung“.89 Dieser Begriff ent spricht wiederum dem der „kommerziellen Kommunika- tion“90, die als Oberbegriff u. a. sowohl klassi sche Werbung als auch das Spon- soring und die Produkt platzie rung miteinschließt. Alle kommerziellen Werbe- maßnahmen, einschließ lich des ge zielten Einfügens von Produkten, Marken oder Logos in einen anderen Kontext zu Werbezwecken, der Auf merksam- keits werbung und des Sponsoring dienen der unmittel baren oder mittel baren Förde rung des Ab satzes von Waren oder Dienst leis tungen des eigenen oder eines fremden Unter nehmens und stellen damit geschäft liche Handlun gen da. Diese erfolgt bei In-Game-Werbung auch gegen über einem Ver braucher. Unlauter handelt insbesondere, wer den Werbecharakter von geschäft lichen Handlun gen ver schleiert. Das Regel beispiel des § 4 Nr. 3 UWG ent hält damit ein Verbot ge tarnter Werbung, das aus dem Wahr heits grundsatz im Lauter- keits recht ab geleitet wird.91 Der § 4 Nr. 3 UWG zielt – mit unter schied licher Formulie rung – damit auch auf ver gleich bare Fälle wie die spezielleren Vor schriften der § 58 RStV und § 6 TMG. Die wettbewerbs recht lichen Regelun gen stehen jedoch grundsätz lich selbst ständig neben den medien recht lichen oder anderen spezielleren Normen. Ein Ver stoß gegen ent sprechende medien recht liche Vor schriften ist zwar ein Indiz für einen Ver stoß gegen eine ver gleich bare Regelung im Wettbewerbs- recht, schließt diesen jedoch nicht zwingend ein bzw. im gegen sätz lichen Fall nicht zwingend aus, da sowohl die Ziele als auch die Adressaten der unter- schied lichen Rege lungs werke nicht identisch sind. Auch die Gesetz gebungs- kompetenz liegt nicht in der gleichen Hand. Während das Rundfunkrecht der Gesetz gebungs kompetenz der Länder unter fällt (Art. 70, 30 GG)92, unter liegt das Wettbewerbs recht als Teil des Wirtschafts rechts einer konkurrierenden Gesetz gebungs kompetenz. Die Länder haben nach Art. 72 Abs. 1 GG die Rege- lungs befugnis nur, solange und soweit der Bund von seiner Gesetz gebungs- zuständig keit keinen Gebrauch ge macht hat. Dies hat der Bund mit dem UWG jedoch getan (Art. 72 Abs. 2 i. V. m. Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG). Müssten die 88 Dazu oben. 89 Art. 2 lit. d UGP-Richtlinie. 90 Art. 2 f e-commerce-Richtlinie und Art. 1 Abs. 1 lit. h AVMD-Richtlinie. 91 Köhler/Bornkamm, UWG § 4 Rn. 3.1; Piper/Ohly/Sosnitza UWG, § 4 Rn. 3/2. 92 Zur Rundfunk kompetenz der Länder bereits ausführ lich BVerfGE 12, 205 ff. – Erstes Rundfunkurteil. 105 Normen des Bundes gesetz gebers nun zwingend im Lichte der Normen des Landes gesetz gebers aus gelegt werden, würde die Gesetz gebungs kompetenz des Bundes damit unter wandert. Mit dem Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag wurden die Werbe- rege lungen über arbeitet, insbesondere die Produkt platzie rung neu definiert und damit auch die Abgren zung zur Schleichwer bung neu be stimmt. Nur die ge- kennzeichnete Produkt platzie rung wird über haupt als Produkt platzie rung im Sinne des Rundfunkstaats vertrages an gesehen. Damit geht der deutsche Gesetz- geber über die Defini tion des europäi schen Gesetz gebers in der AVMD-Richt- linie hinaus, der eine solche Kennzeich nung zwar für eine zulässige Produkt- platzie rung vor schreibt, aber nicht als Tatbestands merkmal voraus setzt. Die unter schied lichen Begrifflich keiten dienen nicht un bedingt dazu, eine einheit liche Rechts anwen dung zu fördern. Während der RStV weiter hin von Werbung spricht und das Sponsoring, das Teles hopping und die Produkt platzie- rung nun sozu sagen als eigenständige Formen daneben stellt, ver wenden die AVMD-Richtlinie, die E-commerce-Richtlinie und das Telemedien gesetz den Begriff der kommerziellen Kommunika tion, der als Oberbegriff für alle diese Erschei nungs formen dient. Das UWG hingegen spricht schlicht von „geschäft- lichen Handlun gen“, im Fall des § 4 Nr. 3 UWG von „geschäft lichen Handlun- gen mit Werbecharakter“, die Richtlinie über unlautere Geschäfts praktiken von „Geschäfts praktiken“.93 In dieser Reihen folge lässt sich auch eine Erweite- rung der Begriffe er kennen. Während der RStV für den Bereich des Rundfunks sehr konkrete Regelun gen in Bezug auf Erschei nungs formen mit kommerziel- lem werb lichen Hinter grund trifft, sind die Vor schriften der anderen Rege- lungs werke, kongruent zu den weiteren Begrifflich keiten, zunehmend offener und weniger detailliert. Aus diesem Grund scheint es aber auch weder gesetz lich er forder lich noch zwingend ge boten, die genauen Begrifflich keiten des RStV auch im Rahmen einer wettbewerbs recht lichen Prüfung zugrunde zu legen. Der Gesetz geber hat im Medien bereich das Modell einer ab gestuften Regulie rung ge wählt. Dies hat zur Folge, dass der Rundfunk stärker reguliert wurde als andere Medien. Auch innerhalb des RStV wird dieses Modell ver wirk licht. So wird der klassi sche Rundfunk, also Rundfunk im einfachgesetz lichen Sinne, strenger reguliert als die Telemedien. Selbst innerhalb des einfachgesetz lichen Rundfunks finden sich Regulie rungs unterschiede, was etwa die Sonder rege lungen für Tele shopping- kanäle in § 1 Abs. 3 RStV und für Internethörfunk in § 20 b RStV ver deut lichen. Bei den Telemedien wird zwischen fernsehähn lichen Telemedien (§ 58 Abs. 3 93 Art. 2 UGP-Richtlinie: Im Sinne dieser Richtlinie be zeichnet der Aus druck d) Geschäfts praktiken im Geschäfts verkehr zwischen Unter nehmen und Ver brauchern (nach stehend auch „Geschäfts praktiken“ ge- nannt) jede Handlung, Unterlas sung, Ver haltens weise oder Erklä rung, kommerzielle Mittei lung einschließ- lich Werbung und Marketing eines Gewerbetreibenden, die unmittel bar mit der Absatz förde rung, dem Ver kauf oder der Liefe rung eines Produkts an Ver braucher zusammen hängt. 106 RStV) und sonstigen Telemedien (§ 58 Abs. 1 RStV) differenziert. Dies ist auf die unter schied liche Bedeu tung der jeweiligen An gebote für die Meinungs- bildung zurück zuführen, die das Bundes verfassungs gericht mit den Merkmalen der Aktualität, Breiten wirkung und Suggestivkraft be schreibt. Nach diesen Merkmalen hat der klassi sche Rundfunk und innerhalb des klassi schen Rund- funks das Fernsehen (Macht der be wegten Bilder) die größte Bedeu tung für die öffent liche Meinungs bildung. Allerdings könnte es unter Umständen zu un befriedigenden Ergeb nissen führen, wenn die gleiche Handlung nach Rundfunkrecht zulässig und nach Wettbewerbs recht als unzu lässig be wertet würde. Es ist daher im Einzelfall zu ent scheiden, bei welchen Sach verhalten auf die Begriffs bestim mungen des RStV ab gestellt werden sollte. Dies ist tendenziell bei rundfunk bezogenen Sach verhalten zu er warten. Bei allen anderen Sach verhalten, insbesondere im Hinblick auf Medien, die nicht den Regelun gen des RStV unter fallen, kann die Beurtei lung im Hinblick auf die wettbewerbs recht liche Ausrich tung der Vor schriften durch aus anders aus fallen. Die Vor schriften des UWG stehen damit selbst ständig neben den Normen des RStV und TMG. Diese spezielleren Vor schriften finden im UWG insofern Berücksichti gung, als ein Ver stoß dagegen zugleich einen Rechts bruch im Sinne des § 4 Nr. 11 UWG darstellt, wonach auch unlauter handelt, wer gegen eine gesetz liche Vor schrift ver stößt, die dazu be stimmt ist, im Interesse der Markt teilnehmer das Markt verhalten zu regeln.94 Hierunter fallen grundsätz lich Ver stöße gegen die diesbezüg lichen spezielleren Normen des RStV, der Pressegesetze und des TMG. Im Wege richtlinien konformer Ausle gung ist der Begriff des Werbecharak- ters am Maßstab des Art. 7 Abs. 2 UPG-Richtlinie („oder wenn er den kommer- ziellen Zweck der Geschäfts praxis nicht kennt lich macht“) weit, nämlich im Sinne des geschäft lichen Charakters der geschäft lichen Handlung zu fassen.95 Bei Computer- oder Videospielen sind im Wesent lichen zwei Erschei nungs- formen zu be obachten. Zum einen finden sich Werbebot schaften auf herkömm- lichen Werbeflächen (z. B. virtuelle Litfaßsäule, Banden werbung), zum anderen werden Produkte, Marken oder Logos in das Spielgeschehen integriert (hierzu bereits oben). Geschieht dies gegen Bezah lung, ent spricht es dem Prinzip einer Produkt platzie rung.96 Beide Maßnahmen dienen unzweifel haft zumindest mittel- 94 Köhler/Bornkamm, UWG, § 4 Rn. 3.7. 95 Köhler/Bornkamm, UWG, § 4 Rn. 3.10. 96 Die Produkt platzie rung ist sowohl in der AVMD-Richtlinie als auch im Rundfunkstaats vertrag definiert. Nach der Legaldefini tion des 13. RÄStV wird nur die gekennzeichnete Erwäh nung oder Darstel lung von Waren, Dienst leis tungen, Namen, Marken, Tätig keiten eines Herstellers von Waren oder eines Erbringers von Dienst leis tungen in Sendun gen gegen Ent gelt oder eine ähnliche Gegen leis tung mit dem Ziel der Absatz förde rung umfasst. Das Wettbewerbs recht stellt auf die Erkenn bar keit ab. Ausführ lich zum Begriff der Produkt platzie rung Holzgraefe, Werbeintegra tion in Fernsehsen dungen und Videospielen, 2010; Mallick, Product-Placement in Massen medien, 2009; Puff, Product Placement, 2008. 107 bar der Werbung für das ent sprechende Produkt oder Unter nehmen, wenn Geld dafür bezahlt wurde. Eine Ver schleie rung des Werbecharakters liegt vor, wenn das äußere Er- schei nungs bild der geschäft lichen Handlung so ge staltet wird, dass die Ver- braucher (oder sonstigen Markt teilnehmer) den Werbecharakter/den geschäft- lichen Charakter nicht klar und eindeutig er kennen. Hierbei wird auf die Sicht weise eines in dieser Situa tion durch schnitt lich informierten, auf merksamen und ver ständigen Ver brauchers ab gestellt.97 Das Phänomen der Ver schleie rung des Werbecharakters wird im Medien- recht mit dem Begriff der Schleichwer bung be zeichnet. Der Begriff der Schleich- wer bung ist sowohl im RStV als auch in der AVMD-Richtlinie legal definiert. Mit dem Dreizehnten Rundfunkände rungs staats vertrag wurde die Defini tion allerdings neu ge fasst. Während die alte Defini tion schlicht darauf ab stellte, ob die Erwäh nung oder Darstel lung irreführen kann, lautet die neue Fassung „wenn sie mangels Kennzeich nung irreführen kann“. Die unzu lässige Schleich- wer bung wird damit von einer zulässigen Produkt platzie rung durch deren Kenn- zeich nung als Produkt platzie rung ab gegrenzt. Im § 4 Nr. 3 UWG kommt es dagegen auf die Erkenn bar keit des werb lichen Hinter grundes der Maßnahmen an. Diese kann auch ge geben sein, wenn eine Produkt platzie rung (im weiteren Sinne) nicht ge kennzeichnet wird. Fügt man beispiels weise in ein Szenario ein an dieser Stelle völlig unpassendes Produkt ein (z. B. eine Cola-Dose oder ein McDonalds Restaurant in eine mittelalter- liche Geschichte), ist für jeden durch schnitt lich informierten und ver ständigen Ver braucher erkenn bar, dass dies nicht der Gestal tung eines realisti schen Um- feldes dient und nicht aus dramaturgi schen Gründen ge boten ist. Eine Kenn- zeich nung, dass es sich um eine be zahlte Werbung handelt, ist hier eigent lich ent behr lich, da die Werbeabsicht offensicht lich ist. Das UWG ist wie bereits erörtert auch auf andere Medien anwend bar. Wenn sich ein Spiel z. B. auf einer CD-Rom/DVD be findet, so handelt es sich um ein Druck werk im Sinne der Landespressegesetze. Onlinespiele sind als Tele- medien einzu stufen. Bei den Misch formen wird das ge kaufte Spiel installiert und an schließend online ge spielt. An gesichts dieses weiten Anwen dungs berei- ches er scheint es nicht sachgerecht, die Begrifflich keiten des am strengsten reglementierten Mediums auf alle anderen zu über tragen.98 Es ist daher allein auf die tatsäch liche Erkenn bar keit abzu stellen, da eine Ver schleie rung faktisch nur bei tatsäch lich mangelnder Erkenn bar keit ge geben ist. Spielen bzw. generell Telemedien oder Träger medien werden vom Gesetz- geber nicht die gleiche Bedeu tung für die Meinungs bildung zu gemessen wie 97 Köhler/Bornkamm, UWG, § 4 Rn. 3.11. 98 Im Ergebnis so auch Kreile in: Dörr/Kreile/Cole, Handbuch Medien recht, 2. Auflage S. 421. 108 dem Rundfunk. Aus diesem Grunde ist es sachgerecht, wenn auch an die kommerzielle Durch drin gung bzw. Beeinflus sung dieser Medien geringere Anforde rungen ge stellt werden.99 Es besteht kein grundsätz liches Verbot für kommerzielle Kommunika tion in Spielen, weder in Online- noch in Offline- Spielen.100 Im Hinblick auf In-Game-Werbung wäre der Werbecharakter ver schleiert, wenn ein durch schnitt licher Spieler nicht er kennen kann, dass eine be stimmte Gestal tung eines Spiels so vor genommen wurde, weil dafür von einem Unter- nehmen, das sich durch diese Gestal tung einen positiven werbenden Effekt für seine Produkte oder sein Unter nehmen erhofft, Geld bezahlt wurde und nicht, weil der Ent wickler dies aus ge stalteri schen/dramaturgi schen Gründen so ent- worfen hat. Die Sicht weise eines durch schnitt lich informierten, auf merksamen und ver ständigen Ver brauchers richtet sich in diesem Fall auch maß geblich danach, auf welche Zielgruppe das einzelne Spiel zu geschnitten ist, bzw. von welcher Zielgruppe es in der Regel ge nutzt wird. Zur Beurtei lung der Anforde rungen, die an die Erkenn bar keit von kommer- ziellen Kommunika tionen in Spielen zu stellen sind, kann die Rechtsprechung zur Werbung in Kinofilmen heran gezogen werden. In der Ent schei dung „Feuer, Eis & Dynamit I“ hat der BGH zur Werbung in Kinospielfilmen Stellung ge- nommen und fest gestellt, dass Werbung dem Adressaten grundsätz lich als solche kennt lich zu machen ist. Die (auf Täuschung an gelegte) Tarnung einer Werbemaßnahme werde weder dem das Wettbewerbs recht be herrschenden Wahr heits grundsatz noch dem Gebot der Achtung der Persönlich keits sphäre gerecht. Diese werde durch Beeinflus sung des Adressaten in unzu lässiger Weise an getastet, wenn der Umworbene nicht erkennt, dass es sich um eine Werbe- maßnahme handelt, und er seine Ent schei dung nicht bewusst auf der Grundlage dieser Kenntnis treffen kann.101 Diese Beurtei lung beruht auf der Erwägung, dass man im Allgemeinen der Informa tion eines am Wettbewerb selbst nicht unmittel bar be teiligten Dritten regelmäßig größere Bedeu tung und Beach tung beimisst, als ent sprechenden ohne Weiteres als Werbung erkenn baren Angaben des Werbenden selbst. Dieser Gedanke liege zwar auch dem Tren nungs gebot des Presse- und Rundfunkrechts zugrunde, er gelte jedoch auch allgemein für alle Fall gestal tungen bei denen Werbung als Äußerung eines schein bar objektiven Dritten dargestellt und damit ge tarnt wird. Der BGH ver weist insoweit unter anderem auch auf die Inter- nationalen Ver haltens regeln für die Werbepraxis der Internationalen Handels- 99 So auch BGH, Urteil vom 6. 7. 1995, NJW 1995, 3177, 3180. 100 So auch Mallick, S. 216. 101 BGH, Urteil vom 6. 7. 1995, NJW 1995, 3177, 3179. 109 kammer, nach denen Marketingkommunika tion als solche erkenn bar sein muss, unabhängig von ihrer Form oder ge nutztem Medium.102 An die Werbung in Spielfilmen müssten jedoch weniger strenge Maßstäbe an gelegt werden als an ver deckte Werbe aussagen in redak tionellen Beiträgen in Presse und Rundfunk. Den primär auf Informa tion und Meinungs bildung aus gerich teten Medien wie Presse und Rundfunk werde regelmäßig ein höherer Grad an Objektivität bei gemessen als privaten Spielfilmen. Spielfilmen könne keine generelle Werbefrei heit unter stellt werden, da der Zuschauer bei diesen in der Regel keine objektive Informa tion erwarte, sondern reine Unterhal tung. Das Publikum rechne damit, dass ihm in Spielfilmen in nicht be sonders heraus- gestellter Form Requisiten be gegnen, die dem Hersteller von einem Unter- nehmen für die sinn volle Integrie rung in die Spielhand lung gratis zur Ver- fügung ge stellt worden sind. Die Grenze sei jedoch über schritten, wenn darüber hinaus Zahlun gen oder andere Leistun gen von einigem Gewicht er bracht wür- den, damit das Unter nehmen oder seine Erzeugnisse in Erschei nung treten. Dies erwarte das Publikum regelmäßig nicht und könne insofern Aufklä rung ver langen.103 Das VG Berlin hat einen ent sprechenden Hinweis „Der nach- folgende Film ent hält Marken einbin dungen“ für den Film „Feuer Eis und Dynamit“ für aus reichend erachtet. Ab schließend kann fest gehalten werden, dass der Nutzer eines Spiels darauf hin gewiesen werden muss, wenn das Spiel be zahlte kommerzielle Kommunika- tion ent hält, um eine Erkenn bar keit zu gewährleisten. Die Anforde rungen an eine solche Kennzeich nung sind jedoch nicht so hoch anzu setzen wie für die Medien, von denen man eine höhere Objektivität er wartet. Es kann daher als aus reichend erachtet werden, wenn der Nutzer zu Beginn des Spiels darauf hin gewiesen wird, dass das Spiel be zahlte werb liche Inhalte auf Werbeflächen oder nicht im Einzelnen ge kennzeichnete Produkt platzie rungen ent hält. Unzulässig ist die Ver schleie rung des Werbecharakters einer geschäft lichen Handlung nur dann, wenn die Handlung ge eignet ist, die Interessen der Mit- bewerber, Ver braucher oder sonstigen Markt teilnehmer spür bar zu be ein träch- tigen. Dies ist immer der Fall, wenn der Ver braucher zu einem Ver tragsabschluss ver anlasst wird. Es reicht jedoch auch aus, wenn die Nicht kenntlichmachung des kommerziellen Charakters der Geschäfts praxis ge eignet ist, einen Durch- 102 Heute: Praxis der Werbe- und Marketingkommunika tion, Konsolidierter Kodex der ICC, Art. 9: Identifizier- bar keit: Marketingkommunika tion muss als solche klar erkenn bar sein, unabhängig von Form oder ge- nutztem Medium. Erscheint eine Werbemaßnahme in einem Medium, das Nachrichten und Redak tionelles beinhaltet, muss die Werbemaßnahme klar als solche erkenn bar und die Identität des Werbetreibenden ersicht lich sein (siehe auch Artikel 10). Marketingkommunika tion darf ihren eigent lichen Zweck nicht falsch oder ungenau darstellen. Sie darf beispiels weise nicht als Markt forschung oder Ver braucher befra- gung präsentiert werden, wenn die Zielset zung kommerziell ist, d. h. es um den Ver kauf eines Produktes geht. 103 BGH, Urteil vom 6. 7. 1995, NJW 1995, 3177, 3180. 110 schnitts verbraucher zu einer geschäft lichen Ent schei dung zu ver anlassen, die er sonst nicht ge troffen hätte.104 Zu be rücksichtigen ist hierbei, dass die ver schleierte Werbebot schaft bzw. die ver deckte Produkt platzie rung in Spielen im Gegen satz zu solchen in Spiel- filmen in der Regel mehrfach wahrgenommen wird und damit einen stärkeren Eindruck hinter lässt. Hinzu kommt, dass die Ver brei tung vieler Spiele mittler- weile sehr hoch ist. Eine Spürbar keit ist daher in der Regel anzu nehmen, muss jedoch letzt lich im Einzelfall be urteilt werden. II.6.2 Per-se-Verbote des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG – Nr. 11 Die Richtlinie über unlautere Geschäfts praktiken (UGP-RL)105 ent hält als An- hang I eine Liste von Geschäfts praktiken, die gemäß Art. 5 Abs. 5 der Richtlinie unter allen Umständen als unlauter anzu sehen sind (sog. Black List). Diese Liste gilt einheit lich in allen Mitgliedstaaten.106 Zur Umset zung dieser Vor- schriften in das deutsche Recht wurde im Rahmen der Novelle des UWG von 2008 dem § 3 ein Anhang mit einer Liste von geschäft lichen Handlun gen hinzu gefügt, die ohne Rücksicht auf die nach der lauter keits recht lichen General- klausel sonst maß gebliche Erheblich keits schwelle stets unzu lässig sind, wenn sie Ver brauchern gegen über vor genommen werden (Ver bote ohne Wertungs- vorbehalte).107 Auf die spür bare Beeinträchti gung von Ver braucherinteressen kommt es dann nicht an. Eine unzu lässige geschäft liche Handlung im Sinne des § 3 Abs. 3, Anhang Nr. 11 ist der vom Unter nehmer finanzierte Einsatz redak tioneller Inhalte zu Zwecken der Ver kaufs förde rung, ohne dass sich dieser Zusammen hang aus dem Inhalt oder aus der Art der optischen oder akusti schen Darstel lung ein- deutig ergibt (als Informa tion ge tarnte Werbung). Diese Regelung setzt Nr. 11 des Anhangs I der UGP-Richtlinie108 in deutsches Recht um. 104 Köhler/Bornkamm, UWG, § 4 Rn. 3.12, vgl. Art. 7 Abs. 2 UGP-Richtlinie. 105 Richtlinie 2005/29/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates über unlautere Geschäfts praktiken vom 11. 5. 2005 über unlautere Geschäfts praktiken im binnen marktinternen Geschäfts verkehr zwischen Unter nehmen und Ver brauchern und zur Änderung der Richtlinie 84/450/EWG des Rates, der Richt- linien 97/7/ EG, 98/27/ EG und 2002/65/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates sowie der Verord- nung (EG) Nr. 2006/2004 des Europäi schen Parlaments und des Rates (Richtlinie über unlautere Geschäfts- praktiken) ABl. EU L 149/22 vom 11. 6. 2005. 106 Piper/Ohly/Sosnitza, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, Kommentar, 5. Auflage 2010, Anhang zu § 3 Abs. 3, Rn. 1. 107 Piper/Ohly/Sosnitza, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, Kommentar, 5. Auflage 2010, § 3 Rn. 86. 108 Der Text von Nr. 11 des Anhangs I der UGP-Richlinie wurde nicht wört lich über nommen und lautet: „Es werden redaktionelle Inhalte in Medien zu Zwecken der Ver kaufs förde rung ein gesetzt und der Gewerbe- treibende hat diese Ver kaufs förde rung bezahlt, ohne dass dies aus dem Inhalt oder aus für den Ver braucher klar erkenn baren Bildern und Tönen eindeutig hervor gehen würde (als Informa tion ge tarnte Werbung). Die Richtlinie 89/552/EWG (1) bleibt davon un berührt.“ 111 Die Regelung ent spricht dem presserecht lichen Gebot der Trennung von Werbung und redak tionellem Teil. Sie gilt nicht nur für Printmedien, sondern auch für alle elektroni schen Medien, insbesondere Hörfunk, Fernsehen und Telemedien und auch für redaktionelle Beiträge im Internet. Erfasst werden soll auch „product placement“, wenn für die Einbeziehung der Ware oder Dienst leis tung in einen redak tionellen Kontext ein Ent gelt ge fordert wird und dem Erkennbar keits gebot nicht genügt wird. Die Regelung ent spricht den Grundsätzen, welche die Rechtsprechung zu ge tarnter Werbung und „product placement“ ent wickelt hat.109 Die Norm wäre grundsätz lich als die speziellere und als Verbot ohne Wer- tungs vorbehalt von dem § 4 Nr. 3 UWG zu prüfen. Fraglich ist jedoch, ob sie auf Spiele Anwen dung findet. Redaktionelle Inhalte setzen ein Medium zur Ver brei tung von Informa tion voraus.110 Zu den Medien ge hören neben den Printmedien auch die elektroni- schen Medien wie Hörfunk, Fernsehen, Film, Telemedien und Internet, soweit sie einen redak tionellen Teil auf weisen, also eine Berichterstat tung und Aus- einander setzung über Themen von allgemeinem Interesse durch eine unab- hängige und neutrale Redak tion als Beitrag zur Unter rich tung und Meinungs- bildung ent halten. Bei Spielen handelt es sich ent weder um Telemedien, wenn sie im Internet ge spielt werden (Online-Spiele) oder um Träger medien (Offline- Spiele). Spiele sind unter diese Norm allerdings nicht zu fassen. Zwar wird der Begriff des redak tionellen Inhalts sehr unter schied lich aus gelegt. Ob ein redak- tioneller Inhalt das Vor handensein einer ent sprechenden Redak tion voraus setzt, die Informa tionen in einer zur Ver öffent lichung ge eigneten Form auf bereitet, um mit dem eigenen Bericht zur Unter rich tung und/oder Meinungs bildung beizu tragen111, sei dahin gestellt. Der Begriff der Informa tion ist aber eher eng zu interpretieren. Es geht um Schleichwer bung, die im Rahmen eines sach- lichen Berichts über Tatsachen und Ereignisse er scheint, dem wegen dieses objektiven Erschei nungs bilds leicht Glauben geschenkt wird. Ab zugrenzen hiervon sind rein unter haltende redaktionelle Inhalte. Beruhen derartige Inhalte auf einer Schleichwer bung, ist dies anhand von § 4 Nr. 3 zu be werten; diese „als Informa tion ge tarnte Werbung“ i. S. v. Nr. 11 einzu stufen, würde zu weit gehen.112 Gerade im Hinblick darauf, dass die Ver schleie rung von werb lichen Inhalten auch noch für alle Medien in § 4 Nr. 3 erfasst wird, ist die Vor schrift der Nr. 11 des Anhangs zu § 3 auch im Hinblick auf die diesbezüg lichen Ein- schrän kungen in der AVMD-Richtlinie und den Rundfunkstaats vertrag eng 109 So die Begrün dung zum RegE UWG 2009, BT-Drucks. 16/10145, S. 32. 110 Köhler/Bornkamm Anh. zu § 3 III Rn. 11.2. 111 So Frank in: Harte-Bavendamm/Henning-Bodewig, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, 2. Auflage 2009, Anhang 3 zu § 3 Abs. 3 Rn. 19. 112 Frank in: Harte-Bavendamm/Henning-Bodewig, Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, 2. Auflage 2009, Anhang 3 zu § 3 Abs. 3 Rn. 19. 112 auszu legen und auf die klassi schen redak tionellen Inhalte zu reduzieren. Eine Anwen dung auf Spiele ist daher abzu lehnen. II.6.3 Unzumut bare Belästi gung nach § 3 UWG i. V. m. § 7 Abs. 1 UWG Eine geschäft liche Handlung ist darüber hinaus unzu lässig, wenn sie einen Markt teilnehmer in unzu mut barer Weise be lästigt. Nach § 7 Abs. 1 Satz 2 gilt dies insbesondere für Werbung, wenn der Markteilnehmer diese Werbung erkenn bar nicht wünscht. Diese Alternative bezieht sich allerdings nur auf Individualwer bung, d. h. die ge zielt an eine Person gerichtete Werbung.113 Generell fallen unter § 7 Abs. 1 Satz 1 solche Handlun gen, die bereits wegen der Art und Weise unabhängig von ihrem Inhalt als Belästi gung empfunden werden. Die Belästi gung besteht darin, dass die Wettbewerbs hand lung den Empfängern auf gedrängt wird.114 Das Tatbestands merkmal der Unzumut bar keit trägt dem Umstand Rechnung, dass nicht jede gering fügige Belästi gung aus reichen kann. Mit Blick auf die vielfältigen Erschei nungs formen von be lästigenden Wettbewerbs hand lungen ist die Schwelle indes nicht zu hoch anzu setzen. Erfasst werden sollen die Fälle, in denen sich die Belästi gung zu einer solchen Intensität ver dichtet hat, dass sie von einem großen Teil der Ver braucher als unerträg lich empfunden wird.115 Daher ist im Rahmen einer Ab wägung auf die Erwar tung des Nutzers und den damit ver bundenen mutmaß lichen Willen abzu stellen. Vom Durch schnitts adressaten werden Werbemaßnahmen, die den realisti- schen Eindruck des Spiels erhöhen, in der Regel nicht als Belästi gung und erst recht nicht als unzu mut bare Belästi gung empfunden. Der Großteil der Spieler schätzt den realisti schen Eindruck, wenn Produkte und Logos real existierender Unter nehmen im Spiel auf tauchen.116 Dies setzt jedoch voraus, dass sich die be treffende Maßnahme so harmonisch einfügt, dass dadurch das Szenario authenti scher wirkt und der realisti sche Eindruck ver stärkt wird. Dies ist ohne Zweifel bei der Banden werbung in Sport stadien oder bei Sponsoren logos auf Kleidung oder Fahrzeugen zu bejahen, nicht jedoch, wenn ein Produkt in eine Umgebung platziert wird, in der es normaler weise nicht vor kommt. 113 So Köhler/Bornkamm, UWG § 7 Rn. 33. 114 BT-Dr 15/1487 S. 20 f. 115 BT-Dr 15/1487 S. 21. 116 So auch Schaar, Rechtliche Grenzen des „In-Game-Advertising“, GRUR 2005, 912, 914: Study on the role of SMEs and European audiovisual works in the context of the fast changing and converging home entertainment sector (PayTV, Homevideo, Video on Demand, video games, internet, etc) S. 38. 113 Außerdem spielt die Intensität der Darstel lung eine Rolle. Fügt sich die Werbemaßnahme naht los in das Spielgeschehen ein oder ist der Spieler ge- zwungen, mit dem Produkt zu agieren, bevor er weiter spielen kann? Muss er einen auf einer Leinwand ab laufenden Werbespot ansehen, bevor es weiter geht? Wie häufig und wie lange wird der Nutzer mit der Werbung konfrontiert? Als be lästigend würde es der Spieler unter Umständen empfinden, wenn während des Spiel verlaufs ein Werbefenster (Pop-up) auf gehen würde, das eine be stimmte Zeit stehen bleibt, und das Spiel erst danach fort gesetzt werden kann. Eine Belästi gung wäre darüber hinaus ge geben, wenn sich durch Einfügen der Werbung die Ladezeiten des Spiels ver längern würden.117 Bei der Ab wägung der Interessen ist auch zu be rücksichtigen, inwieweit der Werbeadressat einer spielintegrierten Werbekommunika tion die Möglich- keit besitzt, ihr zu ent gehen oder sich ihr zu ent ledigen. Sofern es einen Modus gibt, mit dem Werbe einblen dungen ent fernt werden können, schließt dies eine Belästi gung von vornherein aus. Außerdem ist maß geblich, ob der Nutzer eines Spiels Geld dafür bezahlt hat – unabhängig davon, ob er einen Datenträger ge kauft oder ein Spiel im Internet herunter geladen hat – oder es kosten los nutzt. Der Nutzer eines kosten- losen Spiels wird eher mit Werbung rechnen und diese tolerieren, da er das Spiel jederzeit ohne Ver lust beenden kann, wenn es ihm nicht zusagt. Derjenige, der Geld dafür bezahlt hat, wird grundsätz lich er warten, nicht mit unerwünsch- ter Werbung be lästigt zu werden, bzw. darf er warten, dass er vor dem Kauf darüber informiert wird, wenn sich in dem Spiel Werbung be findet, insbeson- dere, wenn es den Spielablauf in irgendeiner Weise ver ändert oder gar be- einträchtigt.118 Die Produk tions kosten liegen bei Spiele-Block bustern mittler- weile regelmäßig im zweistelligen Millionen bereich.119 Es wird die Akzeptanz von Werbung sicher erhöhen, wenn Spiele, in denen Werbung ein gefügt wurde, im Ver hältnis zu werbefreien Spielen günstiger ver kauft werden. Ab wägungs relevante Kriterien sind somit die Penetranz der Werbekom mu- nika tion, der Umfang, in dem sie Hardwareressourcen des Werbeadressaten be ansprucht, die Möglich keit, ihr zu ent gehen120 sowie der finanzielle Einsatz. 117 Dies wurde beispieles weise bei dem Rennspiel „Wipeout HD“ der Firma Sony be mängelt, weil Werbebanner die Ladezeit ver doppelten. Vgl. „Gewalt in Games schadet der Marke“, www.zeit.de/digital/games/2009-09/ ingame-werbung (zuletzt ab gerufen am 20. 6. 2011).Unter www.youtube.com/watch= kX4f9zts6JM (zuletzt ab gerufen am 20. 6. 2011) kann man die unter schied lichen Ladezeiten mit und ohne Werbung ver gleichen. Laut Sony wurden die Werbe einblen dungen wieder ent fernt, um sicher zustellen, dass das In-Game-Advertising nicht den Spielfluss stört. 118 So auch Holzgraefe, S. 386. 119 Gewalt in Games schadet der Marke, Die Zeit online, www.zeit.de/digital/games/2009-09/ingame-werbung (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 120 So bereits Schaar, GRUR 2005, 912, 914. 114 II.6.4 Unzulässige geschäft liche Handlung im Sinne von Nr. 28 des Anhangs zu § 3 Abs. 3 UWG – Kaufaufforde rung an Kinder Eine unzu lässige geschäft liche Handlung im Sinne des § 3 Abs. 3 i. V. m. Anhang Nr. 28 UWG ist die in eine Werbung einbezogene unmittel bare Auf- forde rung an Kinder, selbst die be worbene Ware zu er werben oder die be- worbene Dienst leis tung in Anspruch zu nehmen oder ihre Eltern oder andere Erwachsene dazu zu ver anlassen. Die Regelung dient der Umset zung der Nr. 28 S. 1 des Anhang I UGP-Richtlinie. Im Gegen satz zu ver gleich baren Regelun gen in Art. 9 Abs. 1 lit g AVMD- Richtlinie, § 4 Nr. 2 UWG und § 6 Abs. 2 Nr. 1 JMStV er fordert diese Regelung nicht, dass die Auf forde rung ge eignet ist, die geschäft liche Unerfahren heit oder Leicht gläubig keit von Minderjährigen auszu nutzen.121 Zweck der Regelung ist der Schutz der Kinder vor unmittel baren Kauf- aufforde rungen, aber auch der Schutz der Eltern oder sonstigen Erwachsenen vor einer Manipula tion ihrer Kauf entschei dung durch Einschal tung von Kin- dern. Da es sich um ein Per-se-Verbot handelt, kommt es nicht darauf an, ob die Handlung im Einzelfall ge eignet ist, die Kauf entschei dung der Kinder oder der Erwachsenen zu be einflussen.122 Der Begriff „Kinder“ ist ge meinschafts recht lich und nicht vom deutschen Rechts verständnis her auszu legen. Seine Defini tion bleibt der Rechtsprechung vor behalten, da nicht klar hervor geht, ob alle Minderjährigen oder nur Minder- jährige bis zum vollendeten 14. Lebens jahr ge meint sind.123 In-Game-Werbung darf folg lich nicht so ge staltet sein, dass sich damit eine direkte Kaufaufforde rung an Kinder richtet oder die Auf forde rung ent hält, ihre Eltern dazu zu ver anlassen. Dies dürfte in der Regel über wiegend Online-Spiele be treffen, da über das Internet leichter eine Verbin dung zu einer direkten Kaufmöglich keit geschaffen werden kann. Die Auf forde rung muss zum einen Kinder ge zielt an sprechen, zum anderen unmittel bar er folgen, d. h. eine bloß indirekte oder mittel bare Auf forde rung reicht nicht aus. Die bisher erörterten Erschei nungs formen von In-Game-Werbung in Form von Einbin dung klassi scher Werbeflächen in virtueller Form oder Produkt- platzie rungen stellen allerdings keine derartigen unmittel baren Auf forde rungen dar. 121 Begr RegE UWG 2008, BT-Drucks 16/10145, S. 34. 122 Köhler/Bornkamm, UWG, Nr. 28 Anhang zu § 3 Abs. 3 Rn. 28.2. 123 Köhler/Bornkamm, UWG, Nr. 28 Anhang zu § 3 Abs. 3 Rn. 28.5; Begr RegE UWG 2008, BT-Drucks 16/10145, S. 34. 115 II.6.5 Aus nutzen des Alters oder der geschäft lichen Unerfahren heit von Kindern und Jugend lichen gem. § 4 Nr. 2 UWG Eine weitere Regelung, die sich auf Minderjährige bezieht, findet sich in § 4 Nr. 2 UWG, der wie § 6 Abs. 2 Nr. 1 JMStV eben falls für unlauter erklärt, wenn geschäft liche Handlun gen vor genommen werden, die ge eignet sind, (u. a.) das Alter oder die geschäft liche Unerfahren heit von Ver brauchern auszu nutzen. Auch hier kann für die bisher erörterten Erschei nungs formen von In-Game- Werbung in Form von Einbin dung klassi scher Werbeflächen in virtueller Form oder Produkt platzie rungen wohl nicht bejaht werden, dass dadurch allein der Tatbestand erfüllt wird. In Betracht kann dies aber unter Umständen bei der Erhebung von Anmelde- daten kommen. Die Erhebung von Daten zur kommerziellen Verwer tung ist zwar grundsätz lich nicht unlauter. Werden jedoch Kinder und Jugend liche zur Überlas sung ihrer Daten auf gefordert, kann eine Ausnut zung ihrer geschäft- lichen Unerfahren heit anzu nehmen sein. Unlauter ist z. B. eine zu Werbezwecken er folgende Daten erhe bung bei Kindern, die ohne Einschal tung der Eltern über das Internet zu einer von einem Unter nehmen an gebotenen Club-Mitglied schaft ver anlasst wurden.124 Ist die Daten erhe bung gesetz lich zulässig (§ 28 BDSG), so ist sie nicht unlauter.125 II.6.6 Rechts bruchtatbestand des § 4 Nr. 11 UWG Ver stöße gegen die Vor schriften des § 6 JMStV und andere gesetz liche Werbe- verbote zum Schutz von Kindern und Jugend lichen er füllen zugleich den Rechts bruchtatbestand des § 4 Nr. 11 UWG, da es sich insoweit um Markt- verhaltens rege lungen im Interesse der Ver braucher handelt.126 II.6.7 Rechts folgen Die Rechts folgen eines Ver stoßes gegen die erörterten Bestim mungen des UWG ergeben sich aus den §§ 8 ff. UWG. Hieraus können sich Beseiti gungs-, Unter- lassungs- und Schadens ersatz ansprüche ergeben. Diese Ansprüche können allerdings nicht vom Ver braucher geltend ge macht werden, sondern stehen gemäß § 8 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 UWG Mitbewerbern der Spielehersteller oder 124 Köhler/Bornkamm, UWG § 4 Rn. 2.41. 125 Köhler/Bornkamm, UWG § 4 Rn. 2.41. 126 Köhler/Bornkamm, UWG § 4 Rn. 2.12, 2.39. 116 Werbetreibenden sowie ent sprechenden Ver bänden, qualifizierten Einrich tungen und den Industrie- und Handels kammern zu. Beseiti gung- und Unter lassungs ansprüche können z. B. durch ein Update bei Online-Spielen um gesetzt werden. Der Zuwider handelnde kann darüber hinaus nach § 9 UWG bei Vorsatz oder Fahrlässig keit auf Schadens ersatz in Anspruch ge nommen werden. Unter den Voraus set zungen des § 10 UWG besteht ein Anspruch des Ver letzten auf Abschöp fung des vom Ver letzer durch den Wettbewerbs verstoß er zielten Gewinns. 117 II.7 Daten schutz in Online-Spielen Ein weiteres recht liches (Problem-)Feld im Zusammen hang mit In-Game- Werbung stellt die Beach tung des Daten schutzes dar. Während sich der Schutz der personen bezogenen Daten zunächst gegen Daten erhe bungen durch den Staat richtete, sind personen bezogene Daten nunmehr in erster Linie durch Daten- erhe bungen privater Unter nehmen ge fährdet. Dies gilt auch bei der Nutzung von Online-Spielen. Zum einen gilt dies für Daten, die für die Ver trags gestal- tung und -abwick lung (insbesondere Bezah lung) er forder lich sind, zum anderen werden aber auch Daten über das Nutzungs verhalten der Spieler erfasst, mit denen Nutzer profile er stellt werden können. Spielehersteller und Agenturen erheben und ver werten Nutzer daten, um ihre Werbung besser auf den Spieler zuschneiden zu können.127 Insbesondere die dynami sche Werbung bietet den Werbetreibenden die Möglich keit, auf grund des analysierten Nutzer verhaltens dementsprechende passende Werbung einbinden zu können. Das Erheben, Sam- meln und Aus werten von solchen Nutzer daten unter liegt den Grenzen des Daten schutzes, die jedoch nicht immer be achtet werden. Die Erhebung dieser Daten ist dem Nutzer unter Umständen nur teil weise bewusst und bekannt. Zwar gibt es zu allen Spielen Daten schutzer klärun gen der Hersteller. Ob diese jedoch immer aus reichend präzise und ver ständ lich sind und auch wahrgenom- men werden, ist frag lich. Probleme des Daten schutzes treten nur im Zusammen- hang mit Online-Spielen auf, da bei reinen Offline-Spielen in der Regel keine Daten erhoben werden. Die Problematik des Daten schutzes in Telemedien und insbesondere Online-Spielen ist jedoch so umfassend, dass hier nur einzelne Aspekte an gerissen werden können.128 127 Gewalt in Games schadet der Marke, Die Zeit online, www.zeit.de/digital/games/2009-09/ingame- werbung (zuletzt ab gerufen am 20. 6. 2011). 128 Das unabhängige Landes zentrum für Daten schutz Schleswig-Holstein (ULD) hat kürz lich eine ausführ liche Studie zum Daten schutz in Online-Spielen ver öffent licht, die durch das Bundes ministerium für Bildung und Forschung ge fördert worden war: Daten schutz in Online-Spielen, www.datenschutzzentrum. de/dos/(zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011) 118 II.7.1 Anwend bares Recht Bei Online-Spielen handelt es sich in mehrfacher Hinsicht um grenz über schrei- tende Sach verhalte. Zum einen werden viele Spiele nicht in den Ländern ent- wickelt, in denen sie später ge nutzt werden, sodass be stimmte daten schutz rele- vante Grundsätze möglicher weise nicht schon bei der Konzep tion be rücksichtigt wurden. Zum anderen haben die Betreiber firmen unter Umständen ihren Firmen sitz in anderen Ländern, und letzt lich setzt sich auch die Spieler gemein- schaft international zusammen. Internationale ver bind liche Regeln für den Daten schutz in Online-Spielen gibt es nicht. Zwischen den USA und der Euro- päi schen Union wurde zur Gewährleis tung einheit licher Daten schutz bestim- mungen das sog. Safe-Harbor-Abkommen geschlossen, dessen Prinzipien viele große US-Unternehmen akzeptiert haben.129 Dass das Ab kommen bei US-Kon- zernen für ein Daten schutz niveau sorgt, das EU-Grundsätzen ent spricht, wird jedoch teil weise von Daten schützern be zweifelt, die die Umset zung des Ver- trags als zu lasch kritisierten.130 Grundsätz lich gilt nach § 3 TMG das Herkunfts landprinzip. Sofern der Dienste anbieter in Deutschland eine Niederlas sung hat, gilt danach das deutsche Recht. Bei Dienste anbietern, deren Niederlas sung sich in einem anderen EU-Land be findet, sind die dortigen Regelun gen heran zuziehen. Gem. § 3 Abs. 3 Nr. 4 TMG bleibt das für den Schutz personen bezogener Daten geltende Recht un berührt vom Herkunfts landprinzip. Im Europarecht ist der Daten schutz insbesondere in der EG-Daten schutz- richtlinie131 und in der Daten schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika- tion132 geregelt. Die Richtlinien bilden die Grundlage für die nationale Gesetz- gebung und sind auch in den Mitgliedstaaten in nationales Recht um gesetzt worden, sodass das mitgliedstaat liche Recht im Bereich des Daten schutzes harmonisiert wurde. Im Folgenden wird daher auf das deutsche Recht ab- gestellt.133 129 Unter anderem auch Facebook Inc, Google Inc, Electronic Arts Inc., Unter nehmens liste abruf bar unter safeharbor.export.gov list. aspx 130 Lischka, Durch set zung des Daten schutzes – Regie rung recht fertigt Nicht stun, Spiegel Online, 29. 10. 2010, www.spiegel.de/netzwelt /netzpolitik /0,1518,726083,00. html (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 131 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. 10. 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr, ABl. L 281, 31 vom 23. 11. 1995. 132 Richtlinie 2002/58/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 12. 7. 2002 über die Ver arbei tung personen bezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektroni schen Kommunika tion (Daten- schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion), ABl. L 201, 37 vom 31. 7. 2002. 133 Ausführ lich zur Bestim mung der einschlägigen Rechts ordnung, ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 55 ff. 119 II.7.2 Regelun gen zum Daten schutz im deutschen Recht Der Daten schutz wird grundsätz lich durch das Bundes daten schutz gesetz (BDSG), die Landes daten schutz gesetze sowie weitere be reichs spezifi sche Daten schutz bestim mungen des Bundes und der Länder geregelt. Die Daten- schutz gesetze sollen die Persönlich keit des Einzelnen vor Zugriffen des Staates sowie Dritter im Zusammen hang mit der Erhebung, Ver arbei tung und Nutzung personen bezogener Daten schützen. Die einfachgesetz lichen Vor schriften zum Daten schutz konkretisieren das Recht auf informationelle Selbst bestim mung, das im Rahmen der Volks zählung 1985 diskutiert und schließ lich vom Bundes- verfassungs gericht als eine Ausprä gung des allgemeinen Persönlich keits rechts (Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG) be stätigt wurde.134 Das Recht auf infor- mationelle Selbst bestim mung garantiert dem Einzelnen die Befugnis, grundsätz- lich selbst zu ent scheiden, welche persön lichen Daten er öffent lich machen möchte und welche nicht. Geschützt sind alle persön lichen Daten wie z. B. Alter, Familien stand, Religion, Gesund heits zustand, persön liche Lebens um- stände, Einkommens- und Ver mögens verhältnisse, unabhängig von ihrer Bedeu- tung.135 Online-Spiele unter liegen als Telemedien in erster Linie den Daten schutz- bestim mungen des Telemedien gesetzes (TMG), das in den §§ 11 ff. TMG Regelun gen zur Erhebung von Bestands daten und Nutzungs daten trifft. Darüber hinaus richtet sich eine weiter gehende Daten verarbei tung auch nach dem Bun- des daten schutz gesetz (BDSG). II.7.2.1 Allgemeine Grundsätze Grundsätz lich ist die Erhebung, Ver arbei tung und Nutzung von personen bezo- genen Daten nur dann zulässig, wenn es eine Rechts vorschrift aus drück lich erlaubt oder wenn der Betroffene ein gewilligt hat (§ 4 Abs. 1 BDSG, § 12 Abs. 1 TMG – Verbot mit Erlaubnis vorbehalt). Außerdem gilt der Grundsatz der Daten vermei dung und Daten sparsam keit, d. h. die Auswahl und Gestal tung von Daten verarbei tungs systemen müssen darauf gerichtet sein, keine oder so wenig personen bezogene Daten wie möglich zu erheben, zu ver arbeiten oder zu nutzen (§ 3 a Satz 1 BDSG). Insbesondere ist von den Möglich keiten der Anonymisie rung und Pseudonymisie rung Gebrauch zu machen, soweit dies möglich ist und der Aufwand in einem an gemessenen Ver hältnis zu dem an- gestrebten Schutz zweck steht (§ 3 a Satz 2 BDSG, § 13 Abs. 6 TMG). 134 BVerfGE 65, 1, 41 ff. 135 Zorn in: Dörr/Kreile/Cole, Handbuch Medien recht, 2. Auflage, S. 484, Rn. 54. 120 II.7.2.2 Personen bezogene Daten Personen bezogene Daten sind Einzelangaben über persön liche oder sach liche Ver hältnisse einer be stimmten oder bestimm baren natür lichen Person (§ 3 Abs. 1 BDSG). Hierunter fallen im Allgemeinen z. B. Name, Geburts tag, Alters angabe, Familien stand, Adresse, Einkommens verhältnisse usw. Um eine be stimmte Person handelt es sich, wenn die Daten mit dem Namen des Betroffenen ver bunden sind oder sich aus dem Inhalt bzw. dem Zusammen- hang der Bezug unmittel bar herstellen lässt. Ist dies nicht der Fall, sind die Daten nur dann personen bezogen, wenn der Betroffene bestimm bar ist.136 Bei Erhebung komplett anonymisierter Daten ist das Daten schutz recht nicht be- troffen. Werden also ledig lich statisti sche Daten ohne jeden Personen bezug für die Optimie rung der Werbe einblen dungen ver wendet, stellt dies daten schutz- recht lich kein Problem dar. Nicht unumstritten ist, ob es sich bei IP-Adressen (Internet-Protocol-Adres- sen) um personen bezogene Daten handelt. Eine solche Adresse hat dann einen Personen bezug, wenn der Nutzer durch diese Adresse identifiziert werden kann. Unter schieden werden statische und dynami sche IP-Adressen. Während die statische dauer haft einem be stimmten Endgerät zu geordnet ist, wird die dyna- mi sche bei jeder Netz verbin dung neu zu gewiesen. Zumindest bei statischen IP-Adressen wird die Einstu fung zu den personen bezogenen Daten bejaht. Aber auch bei den dynami schen IP-Adressen ist eine Bestimm bar keit des Nutzers über den Zeitpunkt der Internet verbin dung möglich, sodass die hierüber er mittel bare Person bestimm bar ist.137 Im deutschen Recht werden IP-Adressen daher über wiegend als personen bezogene Daten be handelt. Für die Werbewirt schaft interessant sind insbesondere sog. Bewe gungs daten der Nutzer im Spiel, die für sich allein be trachtet noch keine Rückschlüsse auf eine be stimmte Person zulassen, aber in Verbin dung mit der IP-Adresse zu personen bezogenen Daten werden können. Grundsätz lich werden Daten erhoben, die mit dem Ver trieb der Spiele zu- sammen hängen, bzw. zur Installa tion und Registrie rung erhoben werden (z. B. Name, Anschrift, Alter, bzw. Geburts datum, bei alters beschränkten Spielen zur Alters verifika tion evtl. Personal ausweis nummer sowie die IP-Adresse). Bei kosten pflichtigen Spielen oder kosten pflichtigen Erweite rungen fallen weitere Daten im Rahmen der Ab rechungs modalitäten an (Kontodaten, Kredit karten- daten etc.). Darüber hinaus werden Daten zum Nutzungs- und Spiel verhalten erhoben. Im Ver lauf des Spieles werden – in der Regel unter einem ge wählten Spielernamen – Daten über die ge wählte Spielfigur (Avatar), das Spiel verhalten, 136 Gola/Schomerus, BDSG, 10. Auflage, 2010, § 3 Rn. 10, vgl. auch BGH, NJW 1991, 568. 137 In diesem Sinne schon Schaar, In-Game-Advertising, CR 2006, 619, 623; ausführ lich zur Problematik Schmitz in Hoeren/Sieber, Handbuch Multimedia-Recht 25. Ergän zungs liefe rung 2010, 16.2 Rn. 79 ff. 121 Art des Spiels, Dauer, Level der Fähig keiten usw. erfasst. Die Daten werden teil- weise in Highscorelisten, Bewer tungs tabellen sowie Darstel lungen der Avatare für alle oder einen ein geschränkten Personen kreis sicht bar fest gehalten. Bei Spielen, die im Mehrspielermodus ge spielt werden, sind teil weise auch Bewer- tungen durch andere Spieler möglich. Für die Werbewirt schaft interessant sind insbesondere die Art der ge spielten Spiele, die Zeiten und die Spieldauer. In § 3 Abs. 9 BDSG werden einige be sondere personen bezogene Daten auf- gelistet, die als für den Betroffen be sonders sensibel ein gestuft werden. Hierzu ge hören unter anderem auch Gesund heits daten, die in den immer populärer werdenden Fitness spielen evtl. von Belang sein könnten. Die Erhebung solcher Daten unter liegt den ge sonderten Vor schriften der §§ 4 a Abs. 3, 28 Abs. 6 BDSG. Die Einwilli gung muss sich aus drück lich auf diese Daten be ziehen, die Aus nahmen des § 28 Abs. 6 bis 8 kommen bei Spielen nicht in Betracht. II.7.2.3 Ver antwort liche Stelle Im Rahmen von Online-Spielen werden personen bezogene Daten in der Regel vom Dienste anbieter erhoben. Dienste anbieter ist gem. § 2 Nr. 1 TMG jede natür liche oder juristi sche Person, die eigene oder fremde Telemedien zur Nutzung be reithält oder den Zugang zur Nutzung ver mittelt. Dieser Dienste- anbieter ist der Betreiber von Online-Spielen, über dessen Platt form in der Regel die Handlun gen der Spieler ver netzt und die Daten ver arbeitet werden. Dienste anbieter kann allerdings auch der Werbemittler sein, wenn der Betreiber der Spiele die Einspie lung von dynami schen Werbebot schaften durch Dritt- unternehmen durch führen lässt und die er hobenen Daten direkt an dieses über- mittelt werden.138 Ver antwort liche Stelle im Sinne des BDSG sind allerdings auch Personen und Stellen, die selbst keine Daten ver arbeiten, sondern hiermit andere be auftragt haben. Der Auftrag geber bleibt dann als „Herr der Daten“ für die Beach tung der daten schutz recht lichen Vor gaben für die von ihm ver- anlassten Ver arbei tungen ver antwort lich.139 II.7.2.4 Die Vor schriften des TMG II.7.2.4.1 Allgemeines Die Vor schriften des 4. Ab schnitts §§ 11 bis 15 a TMG regeln den Schutz personen bezogener Daten bei der Nutzung von Telemedien. In § 12 Abs. 1 TMG wird der Grundsatz des BDSG für Telemedien konkretisiert: Der Dienste- anbieter darf personen bezogene Daten zur Bereit stel lung von Telemedien nur 138 So z. B. durch Massive Incorporated, vgl. www.massiveincorporated. com (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 139 Gola/Schomerus, BDSG, 10. Auflage 2010, § 3 Rn. 50. 122 erheben und ver wenden, soweit das TMG oder eine andere Rechts vorschrift, die sich aus drück lich auf Telemedien bezieht, es erlaubt oder der Nutzer ein- gewilligt hat. Die in diesem Rahmen er hobenen Daten darf der Dienste anbieter für andere Zwecke eben falls nur dann ver wenden, soweit ein Erlaubnis tatbestand greift oder der Nutzer ein gewilligt hat (§ 12 Abs. 2 TMG). Die er hobenen personen- bezogenen Daten unter liegen dadurch einem engen Gebot der Zweck bindung. Hierdurch sollen sowohl die Betroffenen als auch der Gesetz geber einen Über- blick über den Ver arbei tungs prozess er halten. Insbesondere dem Betroffenen soll dadurch ermög licht werden, die Ver arbei tung seiner Daten selbst zu steuern und rekonstruieren zu können.140 Gesetz liche Erlaubnis tatbestände, die eine Daten erhe bung oder -verwen dung auch ohne Einwilli gung zulassen, sind die Tatbestände der §§ 14 und 15 TMG, die Regelun gen für die Ver arbei tung von Bestands-, Nutzungs- und Ab rech- nungs daten treffen. II.7.2.4.2 Die Aufklä rung der Nutzer Der Nutzer muss zu Beginn der Nutzung vom Dienste anbieter über Art, Um- fang und Zweck der Erhebung und Verwen dung personen bezogener Daten sowie über die Ver arbei tung seiner Daten in Staaten außerhalb des Anwen- dungs bereichs der Daten schutz richtlinie141 in allgemein ver ständ licher Form unter richtet werden (§ 13 Abs. 1 TMG). Da viele Spiele für den internationalen Markt konzipiert werden, ist insbesondere darauf zu achten, dass die Daten- schutzer klärun gen auch in der jeweiligen Landes sprache zur Ver fügung ge stellt werden. Zur Aufklä rung über Art und Umfang gehört auch, dass der Nutzer informiert wird, wenn dritte Unter nehmen be teiligt sind.142 II.7.2.4.3 Die Einho lung der Einwilli gung Sofern keiner der gesetz lichen Erlaubnis tatbestände eingreift, muss der Spieler zuvor in die Erhebung und Ver arbei tung der Daten einwilligen. Maß geblich ist auch, dass die Einwilli gung freiwillig er folgen muss, d. h. dies setzt zum einen die Einsichts fähig keit voraus, zu er kennen, worin er einwilligt, zum 140 Spindler/Nink in: Spindler/Schuster, Recht der elektroni schen Medien, TMG, § 12, Rn. 7. 141 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. 10. 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr, ABl. Nr. L 281 v. 23. 11. 1995, S. 31. 142 So werden häufig Werbemaßnahmen über professionelle Netz werke von Werbeagenturen in die Spiele ein gefügt. In den Spielebeilagen der Firma Electronic Arts GmbH (EA) findet sich beispiel weise der Hinweis, dass dieses Spiel mit der dynami schen Advertisement-Technologie von Massive Incorporated arbeitet. 123 anderen darf die Einwilli gung keine Aus schluss kraft haben. Ist die Einwilli- gung zwingend er forder lich, um einen Dienst zu nutzen, macht beispiels weise die Ableh nung die Nutzung des Spiels unmög lich, kann nicht von einer frei- willigen Einwilli gung ge sprochen werden. Die Einwilli gung muss auch zu einem Zeitpunkt ein geholt werden, zu dem der Nutzer noch ab lehnen kann, ohne Nachteile hinnehmen zu müssen. Dies wäre z. B. der Fall, wenn er einen Kaufpreis bezahlt. In diesem Fall ist eine Freiwillig keit nur dann ge geben, wenn der Nutzer bereits vor dem Erwerb darauf hin gewiesen wird, dass eine Nutzung des Spiels von seiner Einwilli gung abhängt. Bei dem Ver kauf von Datenträgern muss dies auf der Verpac kung in gut erkenn barer Form er folgen. Ein kleiner Hinweis in den allgemeinen Systemanforde rungen kann nicht als aus reichend an gesehen werden, da der Nutzer eine solche Regelung an dieser Stelle nicht un bedingt er wartet.143 Die Form der Einwilli gung richtet sich nach § 4 a BDSG und bedarf danach grundsätz lich der Schrift form, die Warn- und Beweis funk tion hat. Allerdings lässt § 13 Abs. 2 TMG die Einwilli gung unter den in § 13 Abs. 2 Nr. 1 bis 4 TMG ge nannten Voraus set zungen auch in elektroni scher Form zu.144 Hierbei ist insbesondere zu be achten dass sowohl der Inhalt der Unter rich tung als auch der Inhalt der Einwilli gung vom Nutzer jederzeit abruf bar sein müssen. Außerdem muss der Nutzer die Möglich keit haben, die Einwilli gung jeder- zeit für die Zukunft wider rufen zu können (§ 13 Abs. 2 Nr. 4 TMG). Auf diese Möglich keit muss er explizit hin gewiesen werden. II.7.2.4.4 Die Möglich keit der anonymisierten Nutzung Grundsätz lich muss der Dienste anbieter immer auch die anonyme oder pseudo- nyme Nutzung von Telemedien ermög lichen, soweit dies technisch möglich und zumut bar ist. Hierüber muss der Nutzer informiert werden (§ 13 Abs. 6 TMG). II.7.2.4.5 Daten erhe bung zu Werbezwecken Bestands daten darf der Dienste anbieter nur erheben, soweit diese für die Be- grün dung, inhalt liche Aus gestal tung oder Änderung des Ver trags verhältnisses er forder lich sind (§ 14 Abs. 1 TMG). Werden personen bezogene Daten für Werbezwecke erhoben, sind die §§ 12 Abs. 2, 15 Abs. 3 TMG, 28 Abs. 3 BDSG zu be achten. Für die In-Game-Wer- bung ist insbesondere die Regelung des § 15 Abs. 3 TMG von Bedeu tung, in der fest gelegt ist, in welchem Rahmen der Dienste anbieter Daten zu Werbe- 143 So auch Schaar, CR 2006, 619, 625. 144 Spindler/Nink in: Spindler/Schuster, Recht der elektroni schen Medien, TMG, § 12, Rn. 3. 124 zwecken ver werten darf. Für Zwecke der Werbung, der Markt forschung oder zur bedarfs gerechten Gestal tung der Telemedien darf der Dienste anbieter Nutzungs profile er stellen, sofern der Nutzer nicht wider spricht. Der Dienste- anbieter hat den Nutzer auf sein diesbezüg liches Wider spruchs recht bereits im Rahmen der Unter rich tung nach § 13 Abs. 1 hinzu weisen. (§ 15 Abs. 3 Satz 2 TMG). Allerdings dürfen diese Profile nur unter Verwen dung von Pseudonymen er stellt werden, und diese Nutzungs profile dürfen nicht mit Daten über den Träger des Pseudonyms zusammen geführt werden (Satz 3). Jede weitere Nutzung von personen bezogenen Daten zu Werbezwecken bedarf der aus drück lichen Einwilli gung des Nutzers. Der Dienste anbieter hat sicher zustellen, dass der Nutzer Telemedien gegen Kenntnis nahme Dritter geschützt in Anspruch nehmen kann. Um „Dritte“ handelt es sich, wenn der Dienste anbieter Unter nehmen mit der Durch füh rung der In-Game-Werbung be auftragt. Der Nutzer ist daher hierüber eben falls in jedem Fall zuvor aufzu klären. II.7.2.5 Daten schutz leitlinien oder -erklä rungen der Spiele-Betreiber In vielen Daten schutz leitlinien145 finden sich zu den meisten oder allen vor- genannten Punkten Erklä rungen.146 In einigen sind die er hobenen Daten auch explizit auf gelistet und ist ausführ lich er läutert, welche Daten zu welchen Zwecken auf welche Weise erhoben oder weiter gegeben werden.147 Es finden sich jedoch auch Negativbeispiele. Nicht akzeptabel ist es, wenn eine Daten- schutzer klärung, die auf einer in deutscher Sprache ver fassten Internet seite, von einem Anbieter mit Sitz in Deutschland mit einem Häkchen akzeptiert werden muss, die sich in den nur in englischer Sprache verfüg baren Nutzungs- bedin gungen ver steckt.148 Eben falls problematisch ist die Formulie rung: „Wenn Sie diese Richtlinie akzeptieren, stimmen Sie der Weiter gabe Ihrer Informa- tionen […] an be liebige andere Partner zu.“ Auch eine Auf bewah rung bzw. Speiche rung der personen bezogenen Daten nach Beendi gung „um Daten samm- lungen zu er halten“149 ist nicht zulässig, da die Daten grundsätz lich unmittel- bar nach Beendi gung zu löschen sind, es sei denn, sie müssen zu Ab rech- nungs zwecken auf bewahrt werden (§ 13 Abs. 4, § 15 Abs. 4 TMG). Dies ergibt 145 Diese Leitlinien werden häufig auch als Richtlinien be zeichnet. Dies ist aber irreführend, da sie un verbind- liche Vor gaben der Anbieter ent halten, die im Rahmen der „Selbstregulie rung“ ergehen. Sie dürfen nicht mit den Richtlinien der EU ver wechselt werden. 146 Laut der 2008/2009 von der ULD durch geführten Studie ist der Umgang mit den persön lichen Daten in den meisten Daten schutzer klärun gen mehr oder weniger vorbild lich geregelt, Daten schutz in Online-Spielen, S. 147. 147 Ausführ lich z. B. die Electronic Arts Daten schutz richtlinien (gültig ab November 2009). 148 Z. B. gpsmission.com/wregister. do#p11 (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 149 Funcom Privacy Policy, www.funcom.com/corporate/privacy_policy_german (zuletzt auf gerufen am 25. 6. 2011). 125 sich schon aus dem ver fassungs recht lichen Ver hältnis mäßig keits grundsatz, der eine frühest mögliche Löschung von er hobenen Daten ver langt.150 Eine Studie der ULD hat ergeben, dass es dem größten Teil der Nutzer von Online-Spielen (mehr als 80 Prozent) sehr wichtig ist, dass Spiele-Betreiber ver trau lich mit den persön lichen Daten der Spieler umgehen. Etwa ebenso viele gaben an, dass es für sie Gründe im Bereich Daten schutz gäbe, ein Online- Spiel nicht zu nutzen, etwa die Weiter gabe von Daten (57,4 Prozent) oder Werbung (23,6 Prozent).151 Dennoch hatte etwa die Hälfte keine einzige Daten- schutzer klärung ge lesen, etwa fünf Prozent eine und nur ca. 17 Prozent haben alle Daten schutzer klärun gen ihrer fünf be liebtesten Spiele ge lesen. Dies wird darauf zurück geführt, dass die Daten schutzer klärun gen zumeist sehr lang152, schwer ver ständ lich und unübersicht lich ge staltet sind und die Spieler evtl. auch darauf ver trauen, dass sie durch die deutschen Gesetze geschützt seien.153 Die über wiegende Mehrheit der be fragten Spieler gab auch an, dass sie beim Spielen gerne anonym bleiben würde (79,1 Prozent) und selbst be stimmen möchte, welche Daten gesehen/ge nutzt werden dürfen (89,7 Prozent).154 II.7.3 Zusammen fassung Der Schutz von persön lichen Daten im Rahmen von Online-Spielen scheint zwar prinzipiell durch die Vor schriften des TMG und BDSG geregelt. Da die Daten schutzer klärun gen jedoch häufig nicht bewusst zur Kenntnis ge nommen werden, haben diese eher deklaratori sche Funktion, als dass sie eine wirk liche Warnfunk tion ent falten. Im Hinblick auf die große Bedeu tung, die Nutzer daten für die Werbewirt schaft haben, ist auch frag lich, inwieweit die Daten erhe bungen tatsäch lich auf das ge forderte Minimum be schränkt werden. Dies ist für den Einzelnen letzt lich auch schwer nach vollzieh bar. Bei den Bestre bungen, die persön lichen Daten zu schützen, handelt es sich nicht um eine recht liche Formalie. Die umfassenden Persönlich keits profile, die zum einen generell durch Bewegun gen im Internet, aber insbesondere auch durch die Nutzung von Spielen er stellt werden können, lassen zahl reiche Rück- schlüsse über die be treffende Person zu, die inzwischen weit über das schlichte Konsumenten verhalten hinaus gehen. Viele Spiele ver langen unter anderem Taktik, Logik, Strategie, Schnellig keit und Problemlösungs fähig keiten. Ein umfassendes Spielerprofil kann daher durch aus Rückschlüsse auf persön liche Charakterzüge und Eigen schaften zulassen, wie jemand in be stimmten Situa- 150 Vgl. Schieder mair in: Dörr/Kreile/Cole, Handbuch Medien recht, 2. Auflage, S. 388. 151 ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 146. 152 Die Daten schutz richtlinien von Electronic Arts umfassen beispiels weise 12 Seiten. 153 ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 144. 154 ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 151. 126 tionen denkt, wie schnell er neue Auf gaben be wältigt, wie er taktiert, ob jemand eher Teamplayer oder Einzel kämpfer ist, usw. Die Studie der ULD sieht dies- bezüg lich Parallelen zu den Ergeb nissen von Tests in Assess ment-Centern.155 Dieses Beispiel zeigt, dass solche Daten und umfassende Persönlich keits profile für ver schiedene Interessenten aus unter schied lichen Gründen von Bedeu tung sein können und eine unkontrollierte Ver brei tung durch aus Nachteile für den Betreffenden mit sich bringt. Während die meisten Spieler großen Wert auf den Schutz ihrer Daten legen (s. o.), fiel ein Unter nehmen wie Facebook, das Anbieter von derzeit sehr popu- lären Spielen im Rahmen eines Sozialen Netz werks ist, in der jüngsten Ver- gangen heit durch eher undurchschau baren Umgang mit Nutzer daten auf. Den- noch liegt die Unkenntnis über die tatsäch liche Verwen dung der eigenen Daten nicht zwangs läufig an mangelnder Aufklä rung seitens der Betreiber, sondern häufig auch daran, dass die Daten schutzer klärun gen der Spiele auch selten ge lesen (und in allen Punkten ver standen) werden. Ob eine Daten schutz erklä- rung mit dem geltenden Recht in Einklang steht, kann jedoch auch der Nutzer letzt lich nicht be urteilen. Um dem Interesse der Spieler am Schutz ihrer Daten Rechnung zu tragen, aber auch diesen Umstand zu be rücksichtigen, scheint eine Überprü fung und Zertifizie rung durch eine unabhängige Stelle durch aus sinn voll und ge boten. Diese würde vermut lich auch die Spielebetreiber eher dazu motivieren, ihre Praxis der Daten erhe bungen zu über prüfen. Zertifizie rungs konzepte für Pro- dukte im Bereich Daten schutz existieren bereits in Form des schleswig-holstei- ni schen Daten schutz gütesiegels und des europäi schen Gütesiegels EuroPriSe (European Privacy Seal).156 In den letzten Jahren sind insbesondere Spiele im Rahmen von Sozialen Netz- werken immer populärer ge worden. Bekannteste Beispiele hierfür sind die Spiele Farmville und Mafia Wars auf der Platt form Facebook. Die Spiele dienen inzwischen auch als Platt form für Werbebot schaften und werden dazu benutzt, um die User/Mitglieder länger im Netz werk zu halten. In diesem Rahmen er- gibt sich durch die Ver knüp fung von Kontakt daten, Unter hal tungs elementen und kommerziellen Botschaften eine weit gehend undurchschau bare Sammlung von Daten, bei der nicht einfach zu be urteilen ist, um welchen Dienst es sich im konkreten Fall genau handelt, bzw. für den Nutzer ist nicht mehr klar, ob er sich im Spiel oder im Netz werk be findet. Im Rahmen der Sozialen Netz werke ent wickeln Spiele und darin integrierte Werbung noch einmal eine ganz neue Dynamik, deren nähere Unter suchung den hier ge stellten Rahmen sprengen würde. Es ist jedoch erkenn bar, dass in diesen Fällen eine Art der Kommunika- tion ent standen ist, die mit den derzeitigen Regelun gen schwer zu er fassen ist. 155 ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 157. 156 Hierzu ausführ lich ULD, Daten schutz in Online-Spielen, S. 160 ff. 127 II.8 Zusammen fassung und Bewer tung 1. Einen speziellen recht lichen Rahmen für die Werbung in Computerspielen gibt es nicht. Die Anwend bar keit der ver schiedenen Regelun gen richtet sich danach, ob es sich um Rundfunk, ein Telemedium oder ein Träger- medium handelt. Die Abgren zungen sind bei den hybriden Spielen be- sonders schwierig. Dies kann dazu führen, dass die gleichen Inhalte unter Umständen nach ver schiedenen recht lichen Regelun gen be urteilt werden. Dies ist insbesondere im Bereich des Jugendschutzes nicht sachgerecht. 2. Onlinespiele sind von der AVMR-Richtlinie derzeit nicht erfasst. Dies machen die Erwä gungs gründe dieser Richtlinie deut lich. 3. Onlinespiele er füllen die tatbestand lichen Voraus set zungen des einfach- gesetz lichen Rundfunk begriffs nicht, da dieser in erster Linie auf die Linearität des An gebots ab stellt. Mangels Linearität und Ver brei tung ent- lang eines Sendeplans sind Online-Spiele kein einfachgesetz licher Rund- funk. Die für Rundfunk geltenden Regelun gen des RStV sind auf sie nicht anwend bar. Sie stellen auch keine fernsehähn lichen Telemedien im Sinne des § 58 Abs. 3 RStV dar. 4. Online-Spiele sind ebenso wie auch die meisten hybriden Spiele als Tele- medien einzu stufen. Sie unter fallen damit den Regelun gen des RStV, soweit diese für Telemedien gelten. Keine Telemedien sind elektroni sche Spiele, die nur auf Träger medien vor liegen oder solche, die während der gesamten Nutzung keine Verbin dung über elektroni sche Kommunika tions netze auf- bauen. 5. Daher finden für die In-Game-Werbung in Online-Spielen und in den meisten hybriden Spielen die Regelun gen des § 58 Abs. 1 RStV Anwen dung. Diese Vor schrift löst die Problematik der kommerziellen Kommunika tion in Online-Spielen nur teil weise be friedigend. Sie erfasst nur Werbung im Sinne von § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV. Damit ist sie auf Sponsoring, Teles hopping und vor allem Produkt platzie rungen nicht anwend bar. Allerdings geht der Rundfunkstaats vertrag von einem engen Begriff der Produkt platzie rung aus, indem er darunter nur die gekennzeichnete Erwäh nung oder Darstel- lung von Produkten gegen Ent gelt oder ähnliche Gegen leis tung ver steht. 128 Damit ist die Kennzeich nung bereits tatbestand lich Voraus set zung dafür, dass eine Produkt platzie rung vor liegt. Die Kennzeich nung bildet also ein ent scheidendes Unter schei dungs kriterium zwischen Produkt platzie rung und Schleichwer bung. Wird ein Produkt ohne Kennzeich nung platziert, kann es sich daher um eine nach § 58 Abs. 1 RStV ver botene Schleichwer bung handeln. 6. Für Produkt platzie rungen in diesem eng ver standenen Sinne ist er gänzend auf § 6 TMG zurück zugreifen, der eine klare Erkenn bar keit von kommer- zieller Kommunika tion fordert. 7. In-Game-Werbung muss also für den Nutzer als Werbung erkenn bar sein. Dies wird durch eine ent sprechende Kennzeich nung gewährleistet. Das gilt auch für die Produkt platzie rung. Dieses Gebot ergibt sich, je nach Erschei nungs form ent weder aus § 58 Abs. 1 RSTV oder aus § 6 TMG. 8. Die Auf sicht darüber, dass die für Telemedien geltenden Bestim mungen ein gehalten werden, ist zersplittert. Sie richtet sich gemäß § 58 Abs. 2 RStV nach dem jeweiligen Landes recht. Sonder rege lungen be stehen zudem für den Bereich des Daten schutzes gemäß § 58 Abs. 1 RStV. In Nordrhein- West falen ist die Bezirks regie rung Düsseldorf nach dem Telemedien- zuständig keits gesetz vom 29. 3. 2007 für die Auf sicht über die Telemedien zuständig. Andere Länder, wie etwa Berlin, Branden burg, Bremen und Hessen, haben den erkenn bar sachnäheren Landes medien anstalten die Auf- sicht über tragen. 9. Durch dieses zersplitterte Auf sichts system ist eine effektive Durch set- zung der für Telemedien geltenden Bestim mungen und damit der bei der In-Game-Werbung zu be achtenden Vor gaben des § 58 Abs. 1 RStV und er gänzend des § 6 TMG nicht gewährleistet. Schon aus diesem Grunde hätte es nahe ge legen, die Auf sicht über die Einhal tung der für Telemedien geltenden Vor schriften – mit Aus nahme der Telemedien angebote des öffent- lich-recht lichen Rundfunks – der Kommission für Zulas sung und Auf sicht (ZAK) als gemeinsamen Organ aller Landes medien anstalten zu über tragen. 10. Das Tren nungs gebot des § 58 Abs. 1 RStV und die be sonderen Informa- tions pflichten des § 6 TMG sind nicht Buß geld bewehrt. Damit können Ver stöße gegen diese Bestim mungen nicht als Ordnungs widrig keit ge ahndet werden. 11. Die spezifi schen Jugendschutz vorschriften ent halten keine Regelun gen, die darauf ab zielen, Kinder- und Jugend liche generell vor Werbung zu schützen. Die Regelun gen des JMStV be ziehen sich ledig lich darauf, Kinder und Jugend liche vor be stimmten Inhalten in der Werbung zu be wahren. Auch der RStV ent hält – anders als für Rundfunk – keine Vor schriften, die Werbung in Telemedien für Kinder einschränken oder unter sagen. 12. Ein Ver stoß gegen das Lauter keits recht des UWG kommt in erster Linie in Betracht, wenn für den Adressaten der In-Game-Werbung nicht erkenn- 129 bar ist, dass es sich um einen be zahlten Inhalt mit werb licher Absicht handelt. 13. An eine Kennzeich nung sind zwar nicht gleichstrenge Anforde rungen zu stellen wie an die im Fernsehen und in fernsehähn lichen Telemedien. Der Nutzer muss aber durch die Kennzeich nung er kennen können, wenn er sich einer werb lichen Aussage gegen über sieht. 14. Eine Kennzeich nung der Spiele, die In-Game-Werbung ent halten, ist daher in einer Form vorzu nehmen, die dies sowohl dem er wachsenen als auch dem minder jährigen Nutzer deut lich machen. Diese muss sowohl vor Erwerb des Spiels, als auch zu Beginn des Spieles er folgen. Eine dauer- hafte Kennzeich nung für be stimmte werb liche Formen, wie in den ver- gleich baren Regelun gen des RStV ge fordert, ist nach dem UWG grund- sätz lich nicht er forder lich. Im Hinblick auf Spiele für Kinder kann eine dauer hafte Kennzeich nung allerdings durch aus ge boten sein. 15. Zur Erhebung und Nutzung von Daten zu Werbezwecken muss der Nutzer grundsätz lich seine Einwilli gung geben. 16. Die Daten schutz leitlinien der Spielebetreiber ent sprechen nicht immer den gesetz lichen Daten schutz bestim mungen und werden sehr häufig vom Nutzer nicht ge lesen. 17. Durch die Ver knüp fung von Sozialen Netz werken, Spielen und Telekommu- nika tions leis tungen ent steht eine Daten vermischung, die mit den derzeitigen Regelun gen schwer zu be grenzen ist. Hier ist der Gesetz geber ge fordert, sich mit den neuen medialen Kommunika tions formen und ihren speziellen Rege lungs bedürf nissen auseinander zusetzen. 130 Literatur Backu, Frieder / Karger, Michael (2007): Online-Games – Ordnungs recht licher Rahmen für Online-Computerspiele, ITRB 2007, 13 ff. Baum, Christoph Georg (2008): Jugendmedien schutz als Staats aufgabe, Materialien zur interdis ziplinären Medien forschung, Bd. 60, 2008. Baumann, Hendrik / Hofmann, Ruben A. (2010): Hybride Computer- und Videospiele aus jugendschutz recht licher Sicht, ZUM 2010, S. 863 ff. Beck’scher TKG-Kommentar (2006): 3. Auflage 2006, zitiert: Bearbeiter in … Braml, Birgit (2009): Onlinespiele: Novellie rungs bedarf im Jugendmedien schutz? ZUM 12/2009, S. 925 ff. Dörr, Dieter / Kreile, Johannes / Cole, Mark D. (Hrsg.) (2010): Handbuch Medien recht, 2. Auflage 2010 (im Erscheinen), zitiert: Bearbeiter in … Dörr, Dieter / Schwartmann, Rolf (2011): Der Rundfunk begriff und die Medien regulie- rung, 2011 (im Erscheinen). Fezer, Karl-Heinz (Hrsg.), (2010): Lauter keits recht: UWG, Kommentar zum Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), Band 1: §§ 1–4 UWG, Band 2: §§ 5–22 UWG, Kommentar, 2. Auflage, 2010. Franzen, Martin (1999): Privatrechts angleichung durch die Europäi sche Gemein schaft, Berlin u. a. 1999. Göttlich, Paul (2007): Online-Spiele im Spiegel des Medien- und Urheber rechts, Iris plus 10/2007. Gola, Peter / Schomerus, Rudolf (Hrsg.) (2010): Bundes daten schutz gesetz, Kommentar, 10. Auflage, 2010. Hahn, Werner / Vesting, Thomas (Hrsg.) (2008): Beck’scher Kommentar zum Rundfunk- recht, 2. Auflage, 2008, zitiert: Hahn/Ver sting/Bearbeiter, … Hans-Bredow-Institut (Hrsg.) (2007): Analyse des Jugendmedien schutz systems – Jugend- schutz gesetz und Jugendmedien schutz-Staats vertrag. Endbericht, Oktober 2007, zu be ziehen über: www. hans-bredow-institut.de/ de/forschung/analyse-des- jugendmedienschutzsystems-jugendschutzgesetz-jugendmedienschutz-staatsvertrag Harte-Bavendamm, Henning / Henning-Bodewig, Frauke (Hrsg.) (2009): Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb: UWG, Kommentar, 2. Auflage, 2009, zitiert: Bearbeiter in … Harts tein, Reinhard / Ring, Wolf-Dieter / Kreile, Johannes / Dörr, Dieter / Stettner, Rupert / Cole, Mark D. (Hrsg.) (2010): Rundfunkstaats vertrag, Kommentar, Stand Mai 2010. Herrmann, Christoph (2003): Richtlinien umset zung durch die Rechtsprechung, 2003. Hesse, Albrecht (2003): Rundfunkrecht, 3. Auflage, 2003. Hoeren, Thomas / Sieber, Ulrich (2009): Handbuch Multimediarecht, Stand Dezember 2009, zitiert: Bearbeiter in … Holzgraefe, Moritz (2010): Werbeintegra tion in Fernsehsen dungen und Videospielen, 2010 Jarass, Hans D. / Beljin, Saša (2004): Die Bedeu tung von Vorrang und Durch füh rung des EG-Rechts, NVwZ 2004, S. 1 ff. Klimmt, Christoph (2001): Ego-Shooter, Prügelspiel, Sport simula tion? Zur Typologisie- rung und Klassifizie rung von Computer- und Videospielen, in: Medien und Kom- mu nika tion 2001, 480 ff. 131 Köhler, Helmut / Bornkamm, Joachim (2010): Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), 28. Auflage, 2010. Lecheler, Helmut (2003): Einfüh rung in das Europarecht, München 2003. Leitgeb, Stephan (2009): Virales Marketing – Recht liches Umfeld für Werbefilme auf Internetportalen wie Youtube, ZUM 2009, 39 ff. Lischka, Konrad (2010): Durch set zung des Daten schutzes – Regie rung recht fertigt Nicht stun, Spiegel Online, 29. 10. 2010, www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ 0,1518,726083,00. html Lober, Andreas (2006): Spielend werben: Recht liche Rahmen bedin gungen des Ingame- Advertising, MMR 2006, S. 643 ff. Mallick, Rani (2009): Product-Placement in den Massen medien: Recht statsachen und Rechts grundlagen, 2009. Online Games – Report (2010): Studie der Fachgruppe Connected Games im Bundes- verband Digitale Wirtschaft (BVDW) e. V., zu be ziehen über: www.bvdw.org medien/online-games-report-2010?media= 1760 Potthast, Klaus-Peter (2010): Regulie rung und Computerspiele, in: Umstritten und Um- worben: Computerspiele – eine Heraus forde rung für die Gesell schaft, S. 89 ff. Piper, Henning / Ohly, Ansgar / Sosnitza, Olaf (2010): UWG-Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, Kommentar, 5. Auflage, 2010. Puff, Alexandra (2009): Product Placement. Die recht lichen Aspekte der Produkt platzie- rung, 2009. Ricker, Reinhart (2001): Die Nutzung des Internets als dritte Säule öffent lich-recht lichen Rundfunks, ZUM 2001, S. 28 ff. Schaar, Oliver (2006): In-Game-Advertising CR 2006, S. 619 ff. Schaar, Oliver (2005): Recht liche Grenzen des „In-Game-Advertising“, GRUR 2005, S. 912 ff. Schiwy, Peter / Schütz, Walter J. / Dörr, Dieter (Hrsg.), Medien recht, Lexikon für Praxis und Wissen schaft, 5. Auflage, 2010, zitiert: Bearbeiter in … Schmidt, Jan / Dreyer, Stephan / Lampert, Claudia (2008): Spielen im Netz, Hans- Bredow-Institut, Juni 2008, zu be ziehen über: www. hans-bredow-institut.de/ de/ publikation/spielen-im-netz Schweitzer, Michael (2008): Staats recht III, 9. Auflage, 2008. Spindler, Gerald / Schuster, Fabian (2011): Recht der elektroni schen Medien, Kommentar, 2. Auflage 2011, zitiert: Bearbeiter in … Study on the role of SMEs and European audiovisual works in the context of the fast changing and converging home entertainment sector (PayTV, Homevideo, Video on Demand, video games, internet, etc.) (2008): SMART 2007/0004, Studie von peacefulfish und Media Consulting Group, Oktober 2008. Thomas, Wolfgang / Stammermann, Ludger (2007): In-Game Advertising – Werbung in Computerspielen: Strategien und Konzepte, 2007. ULD – Unabhängiges Landes zentrum für Daten schutz Schleswig – Holstein (2010): Daten schutz in Online-Spielen, Studie im Auftrag des BMBF, September 2010, zu be ziehen über www.datenschutzzentrum. de/ Vivendi Annual Report (2009), zu be ziehen über: www.vivendi.com/vivendi/ documents/20090410_2009_annual_report. php 132 Weigand, Verena / Braml, Birgit (2010): Jugendmedien schutz bei Onlinespielen – eine recht liche und inhalt liche Bestands aufnahme, in: Umstritten und Umworben: Compu- ter spiele – eine Heraus forde rung für die Gesell schaft, S. 11 ff. Teil III Empirische Forschung: Kinder und In-Game-Werbung 135 III.1 Was denken Kinder über In-Game-Werbung? Eine qualitative Interviewstudie Alexandra Sowka III.1.1 Problemstel lung Dass Werbung in Computerspielen auf tritt, ist nicht nur aus der Sicht des Medien rechts eine neue und vielschichtige Ent wick lung. Auch für die Kommu- nika tions wissen schaft und die Medien pädagogik bringt die varianten reiche und technisch komplizierte neue Werbeform eine Reihe von neuen – teil weise jedoch auch schon be kannten – Heraus forde rungen mit sich. Sie be ziehen sich auf die Ermitt lung des Wirkungs potenzials von In-Game-Werbung sowie auf Fragen der medien pädagogi schen Interven tion und Kompetenzförde rung. Gerade Letzteres ver weist auf die Notwendig keit, gerade den Umgang von Kindern mit In-Game-Werbung genauer in den Blick zu nehmen: Zum einen ge hören zahl reiche bei Kindern sehr be liebte Titel (z. B. Sportspiele oder „Die Sims“) zu den wichtigsten Werbeträgern unter den Computerspielen. Zum anderen hat die bisherige Forschung über Kinder und konventionelle Werbung immer wieder Hinweise auf be sondere „Anfällig keiten“ junger Publika für Werbewir kungen er bracht.1 Zum Gegen stands bereich Kinder und Werbung gibt es mittlerweile einen breiten Fundus akademi scher empiri scher Forschung. Dabei richtet sich der Betrach tungs fokus jedoch über wiegend auf die „klassi schen“ Werbeformen wie etwa Anzeigen-, Plakat- oder (vor allem) Fernsehwer bung.2 Die ge stiegene Präsenz und wirtschaft liche Relevanz von computerspielintegrierter Werbung allgemein und gerade auch im Bereich der Kinder- und Jugendspiele wurde in 1 Vgl. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. 2 Wright, P., Friestad, M., & Boush, D. M. (2005). The development of marketplace persuasion knowledge in children, adolescents, and young adults. Journal of Public Policy & Marketing, 24(2), S. 222 ff. 136 den wissen schaft lichen Forschungs aktivitäten (noch) kaum be rücksichtigt, sodass über das Ver ständnis und die Umgangs kompetenzen von Kindern mit dieser ver gleichs weise neuen Werbeform so gut wie nichts bekannt ist. Die bisherigen Forschungs bemühungen im Bereich In-Game-Werbung konzentrierten sich fast aus schließ lich auf experimentelle Wirkungs studien mit jungen Erwach senen. Auf grund der erheb lichen ent wick lungs psychologi schen Unter schiede zwischen Kindern und (jungen) Erwachsenen, kann das aus diesen Studien ge won- nene Daten material allen falls Anhaltspunkte für die kind liche Rezep tion von In-Game-Werbung und deren Wirkung liefern bzw. kann dafür als Referenz- wert dienen.3 Deshalb wurde im Rahmen des LfM-Projekts zur In-Game- Werbung zunächst umfassendes empiri sches Explora tions wissen an gestrebt. Zu diesem Zweck wurde eine qualitative Interviewstudie mit Kindern im Alter zwischen acht und 14 Jahren durch geführt, die dann auch zur Konzep tion einer nach folgenden Experimentalstudie heran gezogen wurde (vgl. dazu unten: Kapi- tel III.2). Ziel der Interviewstudie war es, erste Erkenntnisse über das In-Game-Werbe- verständnis von Kindern und ihre Performanz in Hinblick auf zentrale Dimen- sionen der Werbewir kung zu er langen. Neben der Ver ständnis komponente soll- ten somit auch die kind liche Erinne rung und die Bewer tung bzw. Akzeptanz von werb lichen Kommunika tions maßnahmen unter sucht werden, da diese wich- tige Aus sagen über deren Werbewir kung auf die Rezipienten er lauben:4 Verständnis von In-Game-Werbung: Die Interviewstudie sollte das Werbe- verständnis der 8- bis 14-jährigen Befragten explorieren und Anhaltspunkte für mögliche alters bezogene Differenzen sowie für Unter schiede zwischen dem allgemeinen Ver ständnis von (Fernseh-)Werbung und Werbung in Computer- spielen sammeln. Zusätz lich wurde nach der Quelle des Werbe verständnisses ge fragt (z. B. Gespräche mit Eltern oder Lernein heiten in der Schule).Werbe- verständnis wurde dabei als mehrstufiges kognitiv-affektives Phänomen auf- gefasst, das sich durch ver schiedene, meist an das Alter ge koppelte Differenzie- rungs prozesse sukzessive heraus bildet. Es setzt sich aus mehreren (jeweils unter schied lich interindividuell aus geprägten) Ver ständnis komponenten zusam- men: Werbung wird als solche erkannt, das Wahrgenommene also unter dem ab strakten Werbekonzept subsumiert (Erken nung). Weiter hin sind die Ziele, die mit Werbemaßnahmen ver folgt werden (Bekannt heit steigern, zum Kauf anregen etc.) und deren mögliche Adressaten bekannt, d. h. es besteht ein Bewusstsein für den persuasiven Charakter von Werbung und für die intentional ein gesetzten persuasiven Taktiken der Werbetreibenden. All diese Facetten 3 Vgl. Wright et al. 2005. 4 Zur Werbewirkungs forschung vgl. etwa Moser, K. (2007). Werbewirkungs modelle. In K. Moser (Hrsg.), Wirtschafts psychologie (S. 11 ff.). Heidel berg. 137 ent wickeln sich graduell, sind häufig zunächst kontext gebunden, also an be- stimmte Rezep tions situa tionen und Darstel lungs formen ge koppelt (z. B. Unter- brecherwer bung im Fernsehen) und er reichen erst mit zunehmender Erfah rung und kognitiver Reife ein höheres Ab strak tions niveau.5 Erinne rung an In-Game-Werbung: Weiter hin sollte mit Hilfe der Interview- studie eruiert werden, wie die Werbewirkungs dimensionen der (be wussten) Erinne rung in Bezug auf game-spezifi sche Werbung bei den Kindern aus- geprägt sind. In welchem Maße können sie sich direkt nach dem Spiel bewusst an die darin ent haltenen Werbeplatzie rungen erinnern? Zudem sollte exploriert werden, inwiefern die Erinne rungs qualität von klassi schen Werbemaßnahmen im Spiel und virtuellen Produkt platzie rungen unter schied lich aus fällt, da Letz- tere auf grund ihres weniger offensicht lichen Werbecharakters möglicher weise schwieriger zu er kennen sind. Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung: Schließ lich war in Bezug auf die Frage nach der Wirkung von computerspielintegrierter Werbung auch deren Bewer tung und Akzeptanz von Relevanz. Empfinden die Kinder In-Game-Werbung als Störquelle oder als Zu gewinn im Sinne eines reali täts- und/oder spaßsteigernden Effekts? Stehen sie ihr mithin eher positiv oder eher ab lehnend gegen über, und woran orientiert sich ihre Bewer tung? Darüber hinaus sollten sich die Befragten allgemein zu Fernsehwer bung äußern, um die Bewer- tungs aussagen zur In-Game-Werbung einordnen zu können. Die Befunde bis- heriger Studien weisen darauf hin, dass jüngere Kinder (Fernseh-)Werbung in der Tendenz positiver be werten, als ältere Kinder.6 Welche Muster sich dies- bezüg lich hinsicht lich computerspielebezogenen Werbemaßnahmen andeuten, sollte die Analyse der vor liegenden Interviews ergeben. III.1.2 Methodi sches Vor gehen Um Auf schlüsse über die drei be schriebenen Erkenntnis bereiche zu er langen, wurden die Zielformulie rungen in Interviewfragen über führt und zu einem Leitfaden zusammen gefasst (s. Kurz-Leitfaden im Anhang), der als Grundlage für die Gespräche mit den 8- bis 14-jährigen Kindern dienen sollte. Der Leit- faden gliedert sich ent sprechend in die drei Themen komplexe Erinne rung, Ver ständnis sowie Bewer tung und ent hält er gänzend Fragen zum individuellen Spiel verhalten (Frequenz, Genre) der Probanden. Als Interviewform wurde ein 5 Vgl. Charlton et al. 2005; vgl. Wright et al. 2005. 6 Vgl. etwa Voll brecht, R. (1996). Wie Kinder mit Werbung umgehen: Ergebnisse eines Forschungs projekts. Media Perspektiven, 6, S. 294 ff.; vgl. Glogauer, W. (1998). Die neuen Medien ver ändern die Kindheit: Nutzung und Auswir kungen des Fernsehens, Videofilme, Computer- und Videospiele, Werbung und Musik- video clips (4. Aufl.). Weinheim. 138 problemzentrierter Zugang aus gewählt, d. h. der Gegen stand des Interviews (Werbung in Computerspielen) wurde nicht aus schließ lich ab strakt be sprochen, sondern die Probanden setzten sich vor und während des Interviewgespräches aktiv damit auseinander, indem sie zunächst für 10 Minuten das Autoren nspiel „GTR Evolu tion“ spielten und ihnen im weiteren Ver lauf des Interviews zudem Screens hots aus dem gleichen Spiel ge zeigt wurden, auf die sie sich in ihren Antworten be ziehen sollten bzw. konnten. Das Genre Autoren nen wurde ge- wählt, weil es a) stark werbeaffin und b) bei beiden Geschlechtern beliebt ist (wobei die erwart bar größere Affinität bei Jungen zwar ge geben ist, jedoch wäre diese bei anderen Genres, beispiels weise Fußballsimula tionen, deut lich stärker ins Gewicht ge fallen). Im Vorfeld der eigent lichen Erhe bungs phase wurde der Leitfaden in einem Pretest auf seine Praktikabilität hin über prüft. Die Interviewerinnen (studenti- sche/wissen schaft liche Mitarbeiterinnen) er hielten eine ausführ liche Schulung zu allgemeinen Techniken und Kriterien der Interviewdurchfüh rung sowie im Speziellen zur Gesprächsfüh rung mit Kindern, da diese einige (natür liche) Besonder heiten (wie etwa einen meist sehr knappen Umfang der Antworten und eine geringe Präzision der Äußerun gen) auf weist. Die jungen Interviewteilnehmer wurden über eine Schule in der Stadt Mainz7 sowie über eine Konfirmanden gruppe in der Stadt Groß-Gerau rekrutiert. Die Eltern der Kinder wurden im Vorfeld über den Zweck und den Ver lauf des (freiwilligen) Interviews informiert und um ihre schrift liche Einwilli gung ge- beten. Die Interviews fanden in für die Befragten ver trauten Umgebun gen statt (Aufenthalts- und Arbeits räume innerhalb des Schulgebäudes bzw. Unter richts- räume im Gemeindehaus), um zu gewährleisten, dass sie sich in der für sie un gewohnten Interviewsitua tion möglichst wohl- und sicher fühlten. In der Regel nahmen die Interviews zwischen 10 und 15 Minuten in Anspruch, exklu- sive der vor geschal teten Autoren nspielnut zung von 10 Minuten. Alle Gespräche wurden auf gezeichnet (nur audio) und an schließend für die Auswer tung trans- kribiert. Im Anschluss an das Interview erhielt jedes teilnehmende Kind als Dankeschön einen Warengutschein eines lokalen Spielzeug geschäfts im Wert von je 5 EUR. Insgesamt wurden 25 Interviews ge führt, acht mit weib lichen und 17 mit männ lichen Probanden, darunter zwei Achtjährige, sieben Neun- und neun Zehnjährige, ein Elfjähriger, ein zwölfjähriger Schüler sowie zwei Schüler im Alter von 13 und drei Probanden im Alter von 14 Jahren (vgl. Tabelle 2). 7 Unser Dank für die Unterstüt zung bei der Rekrutie rung gilt Prof. Dr. Aufenanger, Universität Mainz, und speziell seiner Mitarbeiterin Frau Nina Heinemann. 139 Tabelle 2: Alter und Geschlecht der Interviewten Lfd. Nr. Zita tions- code Alter Geschlecht Lfd. Nr. Zita tions- code Alter Geschlecht 1 1 11 Jahre m 14 15 10 Jahre w 2 2 10 Jahre m 15 16 9 Jahre m 3 3 9 Jahre m 16 19 10 Jahre m 4 4 9 Jahre m 17 20 12 Jahre m 5 5 8 Jahre m 18 21 10 Jahre m 6 6 9 Jahre m 19 22 9 Jahre w 7 7 9 Jahre m 20 23 10 Jahre w 8 8 8 Jahre m 21 40 13 Jahre m 9 9 10 Jahre w 22 41 13 Jahre w 10 10 10 Jahre w 23 42 14 Jahre w 11 11 10 Jahre m 24 50 14 Jahre m 12 13 9 Jahre w 25 51 14 Jahre m 13 14 10 Jahre m N = 25 m = 17, w = 8 III.1.3 Ergebnisse Die Antworten der Befragten wurden den drei Fragestel lungen ent sprechend gruppiert, systematisiert und interpretiert. Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse in Form von ver dich teten Antwortmustern vor gestellt. III.1.3.1 Ver ständnis von In-Game-Werbung Die Ausfüh rungen der Kinder, aus denen sich Rückschlüsse auf ihr Werbe- verständnis ziehen lassen, weisen einige fall übergreifende (z. T. alters abhängige) Ähnlich keiten auf, die zu fünf Mustern zusammen gefasst werden. Intuitives Erkennen von TV-Werbung: Aus gehend von den vier Stufen der Werbe erken nung8 lassen die Aus sagen der jüngeren Befragten im Alter von 8 bis 11 Jahren (noch) auf ein eher intuitives Erkennen von (Fernseh-)Werbung schließen: Die Identifika tion von werb licher Kommunika tion stützt sich nicht auf be stimmte benenn bare Merkmale, sondern erfolgt ge wissermaßen „aus dem Gefühl heraus“. So stellt beispiels weise ein Zehnjähriger pragmatisch fest „und da steht so Werbung, da kommt eine Werbung und da isses einfach eine Werbung […] einfach so“ (Interview 19). Ein Alters genosse führt ein wenig weiter aus: „Die sagen dann immer: Kaufen Sie’s jetzt, nur noch für kurze Zeit“ (Interview 14), und ein anderer Befragter meint: „Die zeigen das alles so und […] die zeigen ja so Dinge in der, zum Beispiel wie Wasch pulver oder 8 Vgl. Charlton et al. 1995. 140 so“ (Interview 5, 8 Jahre). Im Gegen satz dazu ist bei den älteren Mädchen und Jungen ein aus geprägteres Werbe verständnis erkenn bar, da sie ver mehrt auf formale Merkmale rekurrieren, wie etwa ein 13-Jähriger, der erklärt: „Die sagen dann meistens so „gleich geht’s weiter“ oder sowas und dann kommt erst ’ne Film vorschau für die nächsten Filme. Und erst dann kommt Werbung und am Ende ist das genau nochmal so. Also da kommt dann wieder, also da kommt dazwischen dann meistens auch nochmal ’ne Werbung von dem Sender selbst“ (Interview 40). Ein Mädchen bezieht sich eben falls auf Werbehin weise, denn „bei so normaler Werbung, da zeigen die das ja an“ (Interview 41, 13 Jahre) und eine 14-Jährige führt aus, dass „’ne Serie ja auch länger dauern [würde], als ’ne Werbung. Und ja man merkt das auch, was die gerade da machen, weil bei ’ner normalen Serie würden die jetzt nicht irgendwie die ganze Zeit irgendwo was putzen oder so“ (Interview 42). Fehlende Werbe erken nung bezüg lich interaktiver Product Placements: Die Ausfüh rungen der jungen Computerspielerinnen und -spieler lassen ver muten, dass sich das Identifika tions vermögen für computerspielebezogene Werbung eben falls (s. o. zum Ver ständnis von TV-Werbung) inkrementell ent lang des (u. a. alters abhängigen) kognitiven Ent wick lungs standes ent wickelt, da die Jüngeren von den werb lichen Spielelementen meist nur die „klassi schen“ Werbeformen (Brand-Presence-Maßnahmen) er kannten, wohingegen die älteren Befragten darüber hinaus auch weniger offensicht liche Werbeplatzie rungen er fassten. In der im Interview er betenen Beschrei bung zweier Screens hots aus dem Stimuluss piel, in denen jeweils sowohl eine Brand-Presence-Maßnahme (eine Banden werbung von Seat bzw. Canon) und ein Game Element (beide Male ein Audi-Fahrzeug) sicht bar waren, be reitete die Identifika tion der Brand- Presence-Objekte als „Werbung“ den Kindern kaum Probleme. So beginnt ein Zehnjähriger zu be schreiben: „Ja, hier zum Beispiel sehe ich Werbung“ [zeigt auf die Seat-Banden werbung] (Interview 11); ein Junge zählt auf, „da sind die Reifen, wo ich schon erzählt hab und hier sind so Schilder, so Werbeschilder“ (Interview 6, 9 Jahre) und ein anderer stellt fest, „hier ist Seat-Werbung und hier ist Canon-Werbung“ (Interview 40, 13 Jahre). Demzufolge scheint das Ver ständnis für Werbung in Computerspielen insofern vor handen zu sein, als die interviewten Kinder zwischen acht und 14 Jahren Brand-Presence-Maß- nahmen zumindest als „Werbung“ identifizieren können. Interessanter weise unter scheidet sich dieses Identifika tions muster für Brand- Presence-Werbung von dem Muster, das sich in Bezug auf das Ver ständnis von Game Elements zeigt: Vor allem viele der jüngeren Spielerinnen und Spieler (8- bis 11-Jährige) fassten das Product Placement von Audi nicht als Werbung auf, sondern nahmen das Audi-getreu modellierte Fahrzeug als einen natür lichen Bestand teil des Spiels ohne dahinterstehende werb liche Inten tion wahr. Ein zehnjähriger Junge antwortet auf die Nachfrage der Interviewerin, 141 ob der Audi [u. a. erkenn bar an den „Audi-Ringen“ auf der Mitte des Lenkrads] auch Werbung sei: „Nein, das ist keine [Werbung], das ist die Hupe. […] Das soll glaube ich Dekora tion sein“ (Interview 14). Ähnlich weist auch ein anderes Kind das Attribut „Werbung“ zurück, mit seiner Antwort: „Nein, das ist eine Automarke“ (Interview 11, 10 Jahre) und ein Weiteres stellt fest, „Nein, das ist keine Werbung, sondern ’ne Automarke“ (Interview 8, 8 Jahre). Der Terminus „Marke“ wird von den Befragten sehr häufig zur Beschrei bung der virtuellen Audi-Produkt platzie rung ver wendet. Das Bewusstsein, dass eine Marke mehr sein kann, als bloßes Objektidentifika tions merkmal, nämlich auch als selbst- referentielles Werbeobjekt fungieren kann, scheint sich erst in einer späteren kognitiven Ent wick lungs stufe heraus zubilden. Die beiden folgenden Zitate illustrie ren die unter schied lichen Ver ständnis ebenen: I: Und wenn du jetzt das hier nimmst, wenn du jetzt sagst, das ist von Audi, ist das auch Werbung? B: Audi? Nein, weil das ist ja die Marke. Von das Auto. I: Also wenn so etwas in ’nem Spiel drin ist, ist das keine Werbung? B: Hm hm, nein. Das ist ’ne Marke. (Interview 5, 8 Jahre, männ lich) I: Siehst du da auch irgendwo Werbung? B: Ja hier ist Seat-Werbung und hier ist Canon-Werbung. I: Und noch irgendwo? B: Ähm, sonst sehe ich glaub ich nix. Ah, doch, doch, klar, Werbung für Audi, hier. Es steht ja, also hier steht ja hinten auch die Automarke drauf, wie das heißt. (Interview 40, 13 Jahre, männ lich) Unsicheres Inten tions wissen bezüg lich In-Game-Werbung: Legt man die vor- nehm lich an der TV-Werbung orientierten Ver ständnis ebenen zur Inten tion von Werbung zugrunde, ist davon auszu gehen, dass Kindern ab etwa sieben Jahren bewusst ist, dass Werbung zum Kauf anregen will und sie ab einem Alter von ca. acht bis neun Jahren be ginnen, den Wahr heits gehalt von Werbung kritisch zu hinter fragen.9 Diese Einschät zung lässt sich anhand des vor liegenden Daten materials weit gehend be stätigen. So meint etwa ein neunjähriger Junge auf die Frage hin, was die Werbung denn er reichen wolle: „Ja, zum Beispiel, dass jemand was kaufen will oder so […], dass die Sachen schneller ver kauft werden“ (Interview 3), und eine Zehnjährige weiß, dass man in der „Werbung, da stellt man neue Produkte und so etwas vor. […] Damit man die Sachen kauft und weiß, dass es die über haupt gibt und so etwas“ (Interview 9). Ein Junge (Interview 14, 10 Jahre) merkt kritisch an: „Die wollen, dass voll viele die kaufen, dass die mehr Geld einkassieren. […] Werbung ist nur dazu da, 9 Vgl. Charlton et al. 1995; vgl. Rosenstock, R. & Fuhs, B. (2006). Kinder – Werte – Werbekompetenz. tv diskurs, 10(4), S. 4 ff. 142 dass du Sachen kaufst von ihnen und das ist eigent lich unlogisch, weil dann hat man es nur ein, zwei Jahre und dann kann man sowieso wieder was Neues kaufen, weil’s kaputt ist“. Doch wie sieht es nun mit der Einschät zung der Inten tionen speziell von Werbung in Computerspielen aus? Hier zeigen sich vor allem die jüngeren Befragten (nachdem sie ent weder eigenständig die integrierten Werbeplatzie- rungen erkannt hatten oder von der Interviewerin darauf hin gewiesen wurden) eher heterogen in ihren Einschät zungen zur Zweck verfol gung der Werbe maß- nahmen. Ein acht Jahre alter Befragter attestiert der im Computerspiel inte- grierten Werbung eine ornamentale Funktion, auf die Frage der Interviewerin, warum es Werbung in Computerspielen gäbe, bemerkt er, „[…] weil die das ja nur schmücken wollen, ja und dass es nicht so leer aus sieht oder ja, hm“ (Interview 5). Dagegen ist sich ein anderer Befragter sicher, dass Werbung auch in Computerspielen darauf abzielt, „dass die Sachen schneller ver kauft werden“ und er scheint dabei von einem, dem Stimulus-Response-Modell ähn- lichen direkten Wirkungs zusammen hang auszu gehen, wenn er für das Audi- Placement prognostiziert, „[…] mein Onkel spielt auch solche Spiele, und der guckt sich das an und will dann auch so einen Audi, also so ein Auto kaufen“ (Interview 3, 9 Jahre). Ein 9-jähriges Mädchen scheint von einem informations- bezogenen Werbezweck auszu gehen, „damit man weiß, was jetzt neu kommt“ (Interview 22). Für die älteren Befragten stellte die Erfas sung des (finalen) Ziels von In-Game-Advertising, also der Anregung zum Kauf/zur Nutzung von Produkten und Dienst leis tungen, über wiegend kein Problem dar: B: Ja, die wollen halt be stimmte Zielgruppen an sprechen und ähm, die wollen halt, ja die wollen ihre Produkte halt auch ver kaufen. Deshalb ver suchen die in allen möglichen Sachen zu werben. Ich meine, es gibt ja Radiower bung, Fernsehwer bung, in der Zeitung gibt’s Werbung, in Computerspielen gibt es eben jetzt auch Werbung. (Interview 40, 13 Jahre, männ lich) I: Und warum sollen die Werbung denen auf fallen? Also wieso machen die das da [in die Computerspiele] rein? B: Dass man zum Beispiel diese Produkte oder die Sachen, die man sieht […] einfach kauft. I: Also dass, dass jetzt die Leute, die das Spiel spielen, dass die die kaufen meinst du? B: Ja genau. (Interview 42, 14 Jahre, weib lich) I: Warum lassen denn die Spielehersteller ihre Werbung jetzt da reinpacken, die Unter- nehmen, beispiels weise jetzt der Autohersteller? B: Ja, damit äh, also das ist jetzt nur ein Beispiel, wenn das Spiel jetzt zum Beispiel bekannt ist und dann sieht man ja, ok, die machen Werbung für das, dann muss das ja auch gut sein. Und dann tut man sich das vielleicht mal angucken. I: Das Produkt meinst du jetzt? B: Ja, genau. 143 I: Angucken oder noch irgendwas anderes? B: Kaufen. (Interview 41, 13 Jahre, weib lich) Adäquates Adressaten verständnis bezüg lich Brand-Presence-Maßnahmen: Zur vollständigen Inten tions erfas sung gehört es auch, dass die eigene Person als Adressat von Werbung erkannt wird. Die Werbewirkungs forschung geht dabei davon aus, dass Kinder im Durch schnitt ab dem Alter von etwa 10 bis 11 Jahren ver stehen, dass Werbung sich auch konkret an sie als Individuum wendet, sie an sprechen und zu etwas anregen will.10 In Bezug auf die Werbung in Compu- ter spielen ergab die Auswer tung der Leitfaden interviews, dass die Kinder ab etwa 10 Jahren über ein solches Adressaten verständnis ver fügen, beispiels weise antwortet eine 10-Jährige auf die Frage, ob die Werbung sich auch an sie richte: „Ja, klar. Die wollen aber auch was von anderen. Von allen.“ (Interview 13), ein 11-Jähriger meint dazu: „Ja, die wollen, dass jeder was käuft“ (Interview 1) und ein anderer Junge ist sich sicher, „Ja klar, weil ich spiel ja das Spiel“ (Interview 41, 13 Jahre). Es wird jedoch deut lich, dass die Annahmen zur Adressie rung bei einigen Befragten mit einer ge wissen Unsicher heit be haftet sind, so antwortet ein 10-jähriges Mädchen auf die Frage, ob sie auch durch die Werbung im Computerspiel an gesprochen werden soll, unschlüssig: „Ja. Weiß ich nicht. Kann sein. Schon“ (Interview 15) und eine 14-jährige Befragte über legt, „Hm …, ich denke schon“ (Interview 42). Insgesamt weisen die Kom- mentare der meisten Kinder aber daraufhin, dass sie ver stehen, dass Werbung sich nicht nur allgemein an ein diffuses Publikum, sondern auch konkret an sie als Individuum wendet, sie an sprechen und zu etwas anregen will. Dies gilt natür lich jedoch nur dann, wenn Werbung auch als solche identifiziert wurde, wie es bei den meisten Kindern in Bezug auf die integrierten Brand- Presence-Maßnahmen ge geben war. Im Falle der integrierten Audi-Produkt- platzie rung kann für die jüngeren Kinder konstatiert werden, dass wegen ihrer an gesprochenen Schwierig keiten, die Produkt platzie rung über haupt als persua- sives Objekt zu be greifen, kein diesbezüg liches Adressaten verständnis vor liegt. Keine an geleitete Aneig nung von Werbewissen: Ihre Kenntnisse und Annahmen über Werbung im Allgemeinen scheinen sich die Befragten fast aus schließ lich selbst ange eignet zu haben; durch Eltern oder im institu tionellen Rahmen (z. B. im Schul unterricht) realisierte an geleitete Werbewissen-Vermitt lung findet den Aus sagen der Kinder zufolge kaum statt. Ein Befragter erinnert sich, im schuli- schen Kontext das Thema Werbung diskutiert zu haben: 10 Vgl. etwa Rosenstock & Fuhs 2006. 144 B: Also in Englisch hatten wir mal ’ne Debatte zum Thema „Werbung in der Schule“ ge macht. Ja, da haben wir halt be sprochen, weil wie ich schon gesagt hab, die ver suchen halt überall ihre Werbung zu ver breiten und da haben wir halt so einen Text ge lesen, dass es in manchen Teilen der USA auch Werbung in der Schule gibt. Nicht un bedingt im Klassen raum, aber meinet wegen in der Mensa oder in so der Pausen halle oder so. Und da haben wir das auch eher ab gelehnt. Äh und äh, dass es ablenkt während der Schulzeit und solche Sachen. Also wir haben schon über Werbung ge sprochen aber jetzt nur so speziell in der Schule oder so was. (Interview 40, 13 Jahre) Auch die Aktivitäten seitens der Eltern scheinen im Bereich der „Werbe erzie- hung“ be grenzt. In den Fällen, wo Werbung in einem Gespräch mit den Eltern thematisiert wurde, ging es zumeist um durch Werbung an gestoßene Wünsche der Befragten, deren Erfül lung von den Eltern ver neint wurde, so stellt ein 10-Jähriger nüchtern fest: „Ich hab ge fragt, ob ich das haben kann, hat sie gesagt nein“ (Interview 14). Ver einzelt erinnerten die Kinder aber auch eine elterngeleitete intensivere Auseinander setzung mit dem Werbethema: I: Und Zuhause? Hast du, haben deine Eltern schon mal mit dir über Werbung ge- sprochen? B: Ja, sie soll ja dazu ver leiten zu kaufen. Und da muss man dann halt über legen, ob’s sinn voll ist oder nicht. (Interview 41, 13 Jahre, weib lich) I: Woher weißt Du was über Werbung? Habt ihr schon mal in der Schule über Werbung ge sprochen oder mit den Eltern? B: Ja, also mit meinen Eltern, also ich hab da im Fernsehen mal was gesehen und dann hab ich mal ge fragt: Können wir das haben? […] und dann sagen sie halt so: Das ist Werbung und so. Ja, also, dass die halt nur Werbung machen, dass das alles nicht so gut ist, wie in der Werbung. (Interview 11, 10 Jahre, männ lich) III.1.3.2 Erinne rung an In-Game-Werbung Die Aus sagen der be fragten Kinder zu ihrer (be wussten) Erinne rung an Wer- bung in dem von ihnen zuvor ge nutzten Stimuluss piel, lassen ein typisches Muster er kennen. Ausblen dung von für den Spiel verlauf peripheren Elementen: Es ist eine auf fällige Fokussie rung der Auf merksam keit erkenn bar, die sich nach Angaben der Spielerinnen und Spieler fast aus schließ lich auf die aus geführte Spielhand- lung richtet (hier: die Steue rung des Autos auf der Rennstrecke). Hingegen werden periphere Elemente, Objekte also, die für den Spiel verlauf nicht be- deutsam sind, weit gehend aus geblendet. Zu dieser Objekt kategorie ge hören auch Werbemaßnahmen, die im Falle des Stimuluss piels aus am Fahrbahnrand 145 arrangierten Banden werbun gen be standen (u. a. für den Fernsehsender Euro- sport, den Automobilhersteller Seat, den Kamerahersteller Canon). Die imple- men tierten Werbemaßnahmen scheinen außerhalb des Beach tungs rahmens der Kinder zu liegen: Ein neunjähriger Junge führt beispiels weise aus, man müsse „sich auf das Spiel konzentrierten, man guckt sich das da [zeigt auf die Banden- werbung] nicht an, guckt nur einfach auf die Straße“ (Interview 7), und ein anderer meint, „dass man bei Computerspielen nicht so drauf achtet, find ich. Also ich konzentriere mich dann mehr auf’s Spielen als auf die Werbung. […] ich achte nicht darauf. Ich konzentriere mich einfach auf’s Fahren“ (Interview 16, 9 Jahre). Die „Nicht-Beach tung“ von nicht unmittel bar hand lungs relevanten Komponenten in der virtuellen Spielwelt wird u. a. mit dem Immer sions erleben in Verbin dung ge bracht. So bemerkt ein 13-Jähriger kritisch, dass man „in ’nem Computerspiel, meistens ist man ja da sowieso so ’n bisschen da rein- versetzt, da be achtet man die eigent lich gar nicht. Da ver steh ich den Sinn der Werbung auch nicht so ganz. […] So am Rand, das hier, da hab ich über haupt nicht drauf ge achtet. Also ich bin da mehr so auf das Spiel konzentriert. Ich halte das nicht so für be sonders sinn voll“ (Interview 40). Freilich ist dieses Muster der Selbsteinschät zung zunächst nur so zu ver stehen, dass die jungen Spielerinnen und Spieler solche Werbemaßnahmen nicht be achten wollen. Sie zeigen damit zwar die Inten tion zur Trennung von Werbung und eigent lichem Spielinhalt; es bleibt aber anderen Forschungs designs (nämlich dem nach- folgenden Experiment vgl. Kapitel III.2) vor behalten, die tatsäch liche Wahr- nehmung auch randständiger In-Game-Werbung bei jungen Spielerinnen und Spielern objektiv und systematisch zu unter suchen. III.1.3.3 Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung Die Auswer tung hinsicht lich des Themen bereiches Bewer tung von In-Game- Werbung legte zwei relevante Muster offen, anhand derer sich die Bewer tungs- punkte und -rich tung der Kinder für In-Game-Werbung nach vollziehen lassen. Größere Reali täts nähe durch In-Game-Werbung: Den Aus sagen der Befrag- ten nach trägt Werbung in Computerspielen zu einer realisti sche(re)n Spiele- umge bung bei. Die integrierten Werbeplatzie rungen werden als reali täts konsti- tuierende bzw. -imitierende Elemente wahrgenommen. „Wie in der wirk lichen Welt sieht’s dann aus“ (Interview 2), meint etwa ein 10-Jähriger. Ein anderer, ge fragt nach dem Werbebeitrag zum Reali täts empfinden, zieht einen konkreten Ver gleich, „ja, schon, im Autoren nen im Fernsehen ist auch so welche [Wer- bung]. Beim Fußball ist auch sowas, da ist auch so ’ne Begren zung, da stehen da so die ganze Zeit so welche Marken von Autos oder sowas“ (Interview 21) und ein Gleichaltriger rekurriert explizit auf den Beitrag von In-Game-Werbung zur „Echtheit“, wenn er be gründet, „eigent lich sieht es mit Werbung echter aus, weil bei manchen echten Autoren nen gibt’s ja auch so voll viel Werbung“ 146 (Interview 14). Das Daten material wurde auch dahin gehend unter sucht, ob sich die werbeinduzierte Reali täts nähe positiv auf den Spielspaß aus wirkt. Die Ergeb nisse der systemati schen Durch sicht ver weisen auf eine positive Attribuie- rung der durch die implementierten Werbemaßnahmen unter stützten „Echtheit“ des Spielgeschehens. In-Game-Werbung kann demnach als spielspaßsteigernd empfunden werden, so hebt etwa ein Befragter hervor, „das macht es irgendwie echter, das sieht einfach cooler aus dann“ (Interview 11, 10 Jahre). Ein anderer Junge be stätigt, dass der Spielspaß ohne Werbung geringer wäre: „Dann wäre es irgendwie langweilig, wenn da alles leer wäre. Ohne die Schilder und so, dann wär’s irgendwie langweilig. […] Es würde weniger Spaß machen ohne Werbung“ (Interview 4, 9 Jahre) und ein 14-Jähriger über legt, „ja, also es macht irgendwie, ist dann spannender, also es ist dann realer halt. Und wenn da jetzt nur Horizont und blauer Himmel wäre, dann würd’s nicht so Spaß machen, ja“ (Interview 50). Positivere Beurtei lung von In-Game-Werbung als von Fernsehwer bung: Neben dem Aspekt des reali täts- und damit spielspaßsteigernden Potenzials von In-Game-Advertising fällt auch deren Gesamtbewer tung positiv aus, ins- besondere, wenn TV-Werbung als Ver gleichs größe heran gezogen wird. Der Fernsehwer bung wird ein geringer Unter hal tungs wert attestiert, sie wird als „langweilig“ empfunden (Interview 2, 10 Jahre, männ lich) und als Störgröße wahrgenommen, die oftmals den Span nungs ablauf unter bricht. So moniert ein 9-jähriger Junge, „ich find das halt doof, denn wenn man gerade ’nen span- nen den Film guckt und gerade wo’s ganz spannend wird, tun die dann immer Werbung reinhauen, ganz viel“ (Interview 4). Ent sprechend ist es der un gestörte Hand lungs fluss, der bei der (ver gleichenden) Bewer tung von Werbung in Com- pu ter spielen positiv hervor gehoben wird, denn „bei der Fernseherwer bung, da kann man halt die Filme nicht richtig zu Ende gucken, aber hier stört’s ja eigent lich nicht […]. Oft siehst du’s ja gar nicht […]“ (Interview 6, 9 Jahre, männ lich). Dass der Rezep tions fluss ein ent scheidendes Kriterium für die Bewer tung von TV- bzw. Computerspielewer bung ist, ver deut licht auch das folgende Zitat einer 13-jährigen Befragten: B: Also im Computer tut ja die Werbung nicht das Spiel unter brechen und im Fernsehen die Werbung ja schon. […] Also mich tut deshalb im Fernsehen die richtige Werbung mehr stören, aber die normale Schleichwer bung, wo jemand was auf den Tisch stellt, das stört mich nicht. (Interview 41, 13 Jahre, weib lich) Der un gehinderte Rezep tions fluss ist demnach ein ent scheidendes Kriterium für die Werbeakzeptanz der Kinder, die bessere „Tarnung“ des Persua sions- versuchs zumindest bei hochintegrierter In-Game-Werbung ist dagegen kein Anlass für ab lehnende Urteile. Dieser Befund konvergiert mit Ergeb nissen einer früheren experimentellen Studie mit jungen Erwachsenen, die auch für 147 erheb liche Intensitäten von In-Game-Werbung keinerlei Reaktanz bei den Spielern er mittelt hat.11 III.1.4 Fazit Die Befunde der Interviewstudie zeichnen ein zweigeteiltes Bild des Umgangs von Kindern mit In-Game-Werbung. Einer seits er weisen sich insbesondere die älteren Befragten (im Alter von 13 und 14 Jahren) als durch aus werbe erfahren. Dass sie umworben werden und dass persuasive Ab sichten in kommerzieller Kommunika tion lauern, ist ihnen vielfach bewusst, und reflektiert man mit ihnen gemeinsam über das Thema Werbung, sind sie durch aus in der Lage, auch „ver borgene“ Werbekommunika tion wie etwa interaktive In-Game-Place- ments zu durch schauen. Eindeutig hinter lässt hier das Medien handeln der jungen Genera tion (die bereits früh mit zahl reichen Varianten elektroni scher Medien vom Fernsehen bis zu Online-Diensten konfrontiert ist) Spuren im Sinne von gereifter Werbekompetenz. Anderer seits zeigen vor allem die jünge- ren be fragten Kinder gerade nicht diese Souveränität, wenn es darum geht, In-Game-Werbung zu er kennen und zu durch schauen. Sowohl die Zuschrei bung persuasiver Ab sichten zu In-Game-Placements als auch die Erken nung von reinen Marken präsenzen als „echte Werbung“ be reitete einigen Befragten große Schwierig keiten. Wegen der großen Begeiste rung für den interaktiven Spiel- prozess und der wahrgenommenen Authentizität werbehaltiger Spieldarstellungen (schließ lich spiegelt Strecken werbung in Autoren nspielen auch die Umstände echter Autoren nen im Fernsehen wieder) bringen die jüngeren Befragten der In-Game-Werbung einen Ver trauens- und Akzeptanz vorschuss ent gegen. Da gut integrierte In-Game-Werbung auch nicht stört, wie das etwa Unter brecher- spots im Fernsehen tun, zieht sie auch nicht den Zorn der Spieler auf sich. Vor diesem Hinter grund lässt sich die Annahme ab leiten, dass jüngere Kinder A) Unterstüt zung be nötigen beim souveränen Umgang mit komplexen und „ge tarnten“ (hochintegrierten) Formen der In-Game-Werbung, wie sie etwa in der Studie manifest sind im interaktiven Placement des Spieler-Fahrzeugs (Audi), dass aber auch B) bei „einfacheren“ und auch für junge Kinder leicht erkenn baren Formen der kommerziellen Kommunika tion (z. B. Strecken wer- bung/Brand-Presence) Unterstüt zung vonnöten ist, weil hier die persuasive Absicht nicht eindeutig erkannt wird und zugleich ein ge wisses Wohlwollen wegen der Steige rung der Reali täts nähe und der „Unaufdringlich keit“ vorzu- herr schen scheint. Mit solcher „Unterstüt zung“ ist hier natür lich kein ideologi- scher Feldzug gegen Werbung per se ge meint, sondern vielmehr der Aufbau 11 Mischke, C. (2007). Die wollen doch nur spielen: Eine Experimentalstudie zur Unter suchung der Akzeptanz von Werbung in Computer- und Videospielen. Un veröffentlichte Masterarbeit, Hannover. 148 von Werbekompetenz im Sinne ver besserter Ver ständnis fähig keiten (nämlich im Sinne der Erken nung der Persua sions absicht von In-Game-Werbung). Letzt- lich muss vor allem die Erkenntnis bei Kindern ge fördert werden, dass virtuelle Werbung in virtuellen Spielwelten ebenso ein „von außen“ hinzu gefügtes Element ist und nicht notwendig mit dem Spielablauf ver bunden ist, wie dies für Unter brecherwer bung im Fernsehen offensicht lich ist. In diesem Zusammen- hang gewinnt auch die in der juristi schen Analyse (vgl. oben: Teil II) betonte Bedeu tung von Kennzeich nungen von In-Game-Werbung be sonderes Gewicht. 149 Literatur Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. Glogauer, W. (1998). Die neuen Medien ver ändern die Kindheit: Nutzung und Auswir- kungen des Fernsehens, Videofilme, Computer- und Videospiele, Werbung und Musik videoclips (4. Aufl.). Weinheim. Mischke, C. (2007). Die wollen doch nur spielen: Eine Experimentalstudie zur Unter- suchung der Akzeptanz von Werbung in Computer- und Videospielen. Un veröffent- lichte Masterarbeit, Hannover. Moser, K. (2007). Werbewirkungs modelle. In K. Moser (Hrsg.), Wirtschafts psychologie (S. 11 ff.). Heidel berg. Rosenstock, R. & Fuhs, B. (2006). Kinder – Werte – Werbekompetenz. tv diskurs, 10(4), S. 4 ff. Voll brecht, R. (1996). Wie Kinder mit Werbung umgehen: Ergebnisse eines Forschungs- projekts. Media Perspektiven, 6, S. 294 ff. Wright, P., Friestad, M., & Boush, D. M. (2005). The development of marketplace persuasion knowledge in children, adolescents, and young adults. Journal of Public Policy & Marketing, 24(2), S. 222 ff. 151 III.2 Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung: Ein experimenteller Ver gleich von Kindern und Erwachsenen Alexandra Sowka, Franziska Roth, Christoph Klimmt & Gregor Daschmann III.2.1 Problemstel lung Die bisherige Rezep tions- und Wirkungs forschung über In-Game-Werbung hat sich auf (junge) Erwachsene konzentriert (vgl. oben: Kapitel I.3). Im vor lie- genden Kontext wurde dagegen dem Umgang von Kindern mit dieser neuen Werbeform be sonderes Augen merk ge widmet. Über das objektive Wirkungs- potenzial von In-Game-Werbung bei Kindern ist praktisch nichts bekannt. Die Befunde zur Rezep tion von klassi scher TV-Werbung zeigen indes, dass gerade jüngere Kinder, deren Werbe verständnis noch in der Ent wick lung be griffen ist, anfällig sind etwa für Ver wechse lungen von redak tionellem Inhalt und Werbung, aber auch für starke Gedächtnis effekte.1 Insofern er scheint gerade mit Blick auf die praktisch niemals explizit markierten und oftmals „gut inte- grierten“ Erschei nungs formen der In-Game-Werbung eine spezifi sche Unter- suchung der Rezep tion und Wirkung bei Kindern an gezeigt. Damit wurde auch dem im medien recht lichen Teil be tonten Aspekt der be sonderen Schutz würdig- keit von Kindern von sozialwissen schaft lich-empiri scher Seite her Rechnung ge tragen. Die experimentelle Heran gehens weise sollte im Bereich der Werbewir kungen umfassendere Erkenntnisse liefern, da sie sich in Teilen der be wussten und reflektier baren Wahrneh mung ent ziehen und deshalb nicht hinreichend durch qualitative Designs (vgl. oben: Kapitel III.1) abbild bar sind. Die Studie er folgte also als Teil eines kombiniert qualitativ-quantitativen Ansatzes zur Erforschung 1 Vgl. z. B. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwerbung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. 152 von In-Game-Werbung und Kindern. Insbesondere sollten die folgenden Wir- kungs dimensionen unter sucht werden: Werbe erinne rung: Inwiefern sich Rezipientinnen und Rezipienten an die ihnen dargebotene Werbung erinnern können, ist von zweifacher Bedeu tung für die Rezep tions forschung. Zum einen dienen Erinne rungs maße, die in der Regel direkt nach dem Rezep tions vorgang an gewendet werden, dazu, heraus zufinden, ob die Nutzer die Werbebot schaft bewusst bemerkt haben. Zwar er fordern nicht alle Rezep tions modelle eine solche be wusste Wahrneh mung und Ver- arbei tung von Werbung, um einen Persua sions erfolg vorher zusagen. So kommen Einstel lungs effekte nach dem Konzept des „mere exposure“ nur dann zustande, wenn das Publikum die Werbemaßnahme (z. B. Product Placement) nicht be- wusst zur Kenntnis nimmt.2 Doch sind für andere Informa tions verarbei tungs- modelle der Werberezep tion be wusste Wahrneh mungen ent scheidende Voraus- set zungen für ge wünschte kognitive Werbewir kungen.3 Erinne rungs maße helfen hier also dabei, den Rezep tions prozess aufzu klären.4 Zum anderen ist die Erinne rung des Publikums an die Werbemaßnahme und ihre Botschaft selbst ein zentrales kognitives Werbeziel. Sowohl neue, in der Einfüh rung befind liche Marken als auch gut etablierte Marken werden oftmals mit großem Aufwand kommuniziert, um ihre Bekannt heit zu steigern oder zu er halten. Denn be kannte Marken haben – so das Kalkül – wichtige motivationale Effekte, die sich in Kauf entschei dungen nieder schlagen können. Marken oder Produkte, die uns bekannt vor kommen, haben beispiels weise ein relativ großes Potenzial, kaufbezogene Unsicher heiten durch Vertrauens vor- sprünge abzu bauen.5 Insofern ist die Frage, inwiefern sich Konsumenten an be worbene Marken oder Produkte kurz oder längere Zeit nach der Rezep tion erinnern können, für sich ge nommen die empiri sche Abbil dung eines strategi- schen Werbeziels. Um gekehrt würden starke Erinne rungs effekte von In-Game- Werbung wichtige Implika tionen haben etwa für die Preis gestal tung der Werbe- treibenden (hohe Wirksam keit der Werbung recht fertigt hohe Werbepreise), im vor liegenden Kontext aber vor allem für die Ent schei dung über medien- pädagogi sche Interven tionen zum Aufbau von Werbekompetenz im Games- Bereich. 2 Vgl. Schemer, C., Matthes, J. & Wirth, W. (2007). Werbewirkung ohne Erinnerungseffekte? Eine experimentelle Studie zum Mere-Exposure-Effekt bei Product Placements. Zeitschrift für Medienpsychologie, 19(1), S. 2 ff. 3 Z. B. für das Elaborationswahrscheinlichkeits-Modell: Petty, R. E. & Cacioppo, J. T. (1986). The elaboration likelihood model of persuasion. Advances in Experimental Social Psychology, 19, S. 124 ff. 4 Vgl. auch Lang, A. (2000). The information processing of mediated messages: A framework for communication research. Journal of Communication, 50, S. 46 ff. 5 Z. B. Hoyer, W. D. & Brown, S. P. (1990). Effects of brand awareness on choice for a common, repeat-purchase product. The Journal of Consumer Psychology, 17(2), S. 141 ff. 153 Im Kontext der In-Game-Werbung ist die Frage nach der Erinne rungs fähig- keit der Spielerinnen und Spieler unter anderem deshalb von großer Bedeu tung, weil viele Erschei nungs formen möglicher weise auf grund ihrer eleganten Einbin- dung in die Spielwelt „kaum auf fallen“ (die Spieler sind zumeist auf die Lösung der Spiel aufgaben konzentriert.6 Auf der anderen Seite tauchen beispiels weise in runden basierten Sportspielen die gleichen Werbebot schaften in großer Fre- quenz auf, was möglicher weise zu be sonders starken Wahrnehmungs- und Erinne rungs effekten führen könnte. Konzeptionell wichtig sind Erinne rungs- effekte schließ lich auch deshalb, weil sie ohne eine explizite Erken nungs leis tung seitens der Spieler in Bezug auf die Trennung der Werbung vom rest lichen Spielinhalt auf treten können: An eine Automarke können sich (junge) Spieler vielleicht erinnern, auch wenn ihnen gar nicht klar ist, dass es sich bei deren Präsenz um eine be zahlte Maßnahme der In-Game-Werbung handelte (vgl. auch oben: Kapitel III.1). Effekte von In-Game-Werbung auf Marken- und Produkt präferenzen: Neben der reinen Bekannt heit soll ein Großteil der Werbekommunika tion auch die Einstel lungen der Konsumenten gegen über den be worbenen Marken und Pro- dukten im Ver käufersinne günstig be einflussen. Dazu stehen den Werbe treiben- den unter schied lichste Persua sions techniken und -tricks zur Ver fügung.7 Zu- gleich ist die persua sions theoreti sche Erkenntnis lage komplex, weil Einstel lungen und Kaufinten tionen multidimensional rekonstruiert werden müssen – es gibt nicht „die eine“ Einstel lung zu einem Produkt. Vielmehr spielen ver schiedene Komponenten im Einstel lungs prozess zusammen.8 Gleichzeitig finden sich in der Werberezep tions forschung nur selten deut liche kurzfristige Einstel lungs- effekte, insbesondere gegen über Marken, zu denen zuvor bereits stabile Vor- und Einstel lungen vor handen waren.9 Insofern ist für die Werbewirkungs forschung die Frage von zentraler Bedeu- tung, inwiefern der Kontakt mit einer Werbebot schaft (hier: einer Erschei- nungs form von In-Game-Werbung) die Einstel lungen der Nutzer gegen über den be worbenen Produkten oder Marken be einflusst. Diese Dimension der Werberezep tion und -wirkung wurde ent sprechend be rücksichtigt, auch wenn konzeptionell mit be deutsamen kurzfristigen Effekten im Rahmen eines experi- mentellen Werbekontakts nicht zu rechnen war. 6 Vgl. hierzu auch Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medien wirtschaft, 5(1), S. 6 ff. 7 Z. B. Siegert, G. & Brecheis, D. (2005). Werbung in der Medien- und Informationsgesellschaft. Eine kommuni- kationswissenschaftliche Einführung. Wiesbaden. 8 Z. B. Berger I. & Mitchell, A. A. (1989). The effect of advertising on attitude accessibility, attitude confidence, and the attitude-behavior relationship. Journal of Consumer Research, 16(3), S. 269 ff. 9 Z. B. Mela, C. F., Gupta, S. & Lehmann, D. (1997). The long-term effects of promotion and advertising on consumer brand choice. Journal of Marketing Research, 24, S. 248 ff. 154 Bewer tungs effekte und Akzeptanz von In-Game-Werbung: Als dritte Dimension wurde unter sucht, wie – unabhängig von marken- und produkt bezogenen Wir- kun gen – die Nutzerinnen und Nutzer mit der Anwesen heit von In-Game- Werbung umgehen. Aus der Interviewstudie (vgl. Kapitel III.1) sowie voran- gegangenen Studien10 lässt sich ab leiten, dass In-Game-Werbung, die praktisch nie für Unter brechungen des Spielflusses sorgt, auf ein relativ hohes Maß an Akzeptanz bei den Spielern hoffen kann. Mithin dürfte die bereits an gespro- chene Steige rung der Reali täts nähe durch In-Game-Werbung (beispiels weise bei Sportspielen, die echte und werbung tragende Sport stätten nach bilden) zu einer positiven Bewer tung von In-Game-Werbung beitragen. Solche Urteile sind einer seits be deutsam für die inhalt liche Gestal tung von medien pädagogi- schen Interven tions maßnahmen. Denn sofern die Spielerinnen und Spieler der In-Game-Werbung grundsätz lich positiv gegen über stehen, dürfte ein höheres Maß an Skepsis der Lernenden in Bezug auf die Notwendig keit, sich kritisch mit In-Game-Werbung zu be fassen, zu über winden sein. Anderer seits ist die Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung persua sions strategisch von Bedeu tung, weil von positiven Urteilen über die Werbebot schaft selbst Ab- strahl effekte auf die be worbenen Produkte und Marken aus gehen.11 Die Ergebnisse der experimentellen Studie sollten damit zeigen, ob und in welchem Maße Kinder werb liche Botschaften in Computerspielen erinnern, inwieweit und inwiefern sie für werb liche (auch subliminale) Effekte empfäng- lich sind und wie sie In-Game-Werbung allgemein be werten. Da im Sinne einer umfassenden Werbekompetenz auch das Werbe verständnis eine ent schei- dende Rolle spielt, und damit u. a. die Fähig keit, Werbung über haupt zu erken- nen und in ihrem Zweck zu ver stehen, sollte die Experimentalstudie natür lich auch Aus kunft über das vor handene Kompetenzniveau der 11- bis 13-jährigen Kinder geben. Um die Rezep tion und Wirkung von In-Game-Werbung bei Kindern mög- lichst präzise zu unter suchen, wurde ein Ver gleichs design um gesetzt, bei der die gleichen Formen der In-Game-Werbung auch einem Sample von jungen Erwachsenen präsentiert wurden. Der Ver gleich der Alters gruppen sollte es ermög lichen, die Spezifika in der Informa tions verarbei tung (z. B. Erinne rungs- leis tung) von Kindern gegen über In-Game-Werbung genauer zu er fassen und damit sowohl konzeptionell (mit Blick auf die Theorie der Wirkung von 10 Vgl. Klimmt, C., Roth, F. S., Braune, A. & Mischke, C. (2011). How players respond to advertising in video games: „Yes“ for awareness, „No“ for reactance, and also „No“ for (short-term) attitude change. Full-Paper- Vortrag auf der Konferenz der International Communication Association (ICA), Game Studies Interest Group, 26.–30. Mai 2011, Boston (USA).) 11 Z. B. Gierl, H. & Satzinger, M. (2000). Gefallen der Werbung und Einstellung zur Marke. Der Markt, 39(3), S. 115 ff. 155 In-Game-Werbung) als auch mit Blick auf medien pädagogi sche Schluss folge- rungen brauchbarere Erkenntnisse zu gewinnen. III.2.2 Methode Die Studie wurde als Laborexperiment an zwei Standorten durch geführt. Den Kern der Unter suchung bildete die Nutzung eines Autoren nspiels, das ver- schiedene Erschei nungs formen der In-Game-Werbung ent hielt. Daran schloss sich die Beantwor tung eines Fragebogens an, mit dem die relevanten Aspekte der Werberezep tion und -wirkung ge messen wurden. Stimulus und Fragebogen wurden dabei für die beiden betrach teten Alters gruppen bis auf wenige Aus- nahmen identisch ge halten. Um den Ver gleich zwischen Kindern und Erwachsenen umzu setzen, fanden Rekrutie rungs maßnahmen zum einen an ver schiedenen Schulen in der Stadt Mainz sowie an einer Schule in Groß-Gerau statt. Für sie wurden die Labor- sitzungen mit Hilfe von Laptop-Computern vor Ort in ihren Bildungs einrich- tungen realisiert. Die er wachsenen Probanden wurden dagegen auf dem Campus der Universität Mannheim für die Studie an geworben; dort fand auch die Daten- erhe bung in einem stationären Labor statt. Versuchsteilnehmer/innen und Ablauf der Unter suchung: An der Studie nahmen insgesamt N = 142 Probanden teil Die Teilstichprobe der Schülerinnen und Schüler war etwas größer (N = 82) und umfasste Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren (M = 11.7, SD = 0.7, 48 Jungen). Die er wachsene Teilstichprobe setzte sich aus Studentinnen und Studenten im Alter von 18 bis 29 Jahren zusammen (N = 60; Alter M = 20.7, SD = 2.0; 32 Männer). Für die Teilnahme er hielten die Probanden in der Schüler stichprobe eine Auf wandsentschädi gung in Höhe von 5 Euro, die ihnen ent weder (je nach Wunsch der zuständigen Lehrkörper) direkt nach der Sitzung in Form eines Gutscheins für ein lokales Spielwaren geschäft aus gehändigt wurde oder aber als Sammelgutschein oder in bar in die Klassen kasse einging. Den Teilnehmer/innen der studenti schen Stichprobe wurden jeweils 15 Euro aus gezahlt. Die Unter suchung der Teilstichprobe der Kinder fand jeweils direkt in den Räumlich keiten der mitwirkenden Schulen statt. Die Raum- und Materialsitua- tion (v. a. Zahl der vor handenen spielefähigen Laptops) er laubte die parallele Teilnahme von bis zu vier Schülern. Zunächst wurden die Kinder ge beten, für sieben Minuten das werbehaltige Autoren nspiel „DTM Race Driver III“ zu spielen (vgl. unten Abbil dung 5). Anschließend wurden sie von geschulten studenti schen Ver suchs leitern/innen münd lich befragt. Die Ver suchs leiter stell- ten den Kindern die im Fragebogen vor gesehenen Fragen und über trugen die Antworten der Kinder (zumeist sollten sie auf einer ihnen vor gelegten Skala (z. B. „Daumen“- oder „Smiley“-Skala) ihre Antworten anzeigen) auf den er- 156 stellten Fragebogen. Die münd liche Befra gung wurde einer selbst ständig-schrift- lichen Befra gung vor gezogen, um Verzer rungen der Ergebnisse durch etwaige Lese- und Schreibschwierig keiten der Kinder vorzu beugen; zudem konnten so Ver ständnis schwierig keiten schneller bemerkt und ge klärt werden. Die Be- fragung dauerte im Durch schnitt 10 bis 15 Minuten. Die Unter suchung der Teilstichprobe der Studierenden fand in den Räumlich keiten der Universität Mannheim statt. Es konnten bis zu sechs Probanden zeit gleich an der Studie teilnehmen; der Fragebogen wurde dabei selbst ständig von den Teilnehmenden aus gefüllt. Abbil dung 5: Screens hots aus dem Autoren nspiel „DTM Race Driver III“ Das Spiel wurde im Experiment ein gesetzt. Die Screens hots zeigen Beispiele für die Varianten der In-Game-Werbung, die in diesem Titel implementiert sind. Stimulus: Das Rennspiel DTM Race Driver III (Codemasters, 2006) wurde als werbetragendes Stimulus-Spiel aus gewählt. Es eignete sich aus mehreren Gründen gut für das Vor haben: – Als Rennspiel gehört es zu einer Spielegat tung, in der häufig Werbung anzu treffen ist (auf grund des Sportsponsorings in den Renn veranstal tungen, die den Spielen zugrundeliegen, etwa der Formel 1), sodass ein hohes Maß an externer Validität ge geben ist. – Da Rennspiele bei Kindern und Jugend lichen sehr beliebt sind, konnte ein hohes Maß an Akzeptanz für „Race Driver III“ gerade bei Kindern er wartet werden, was für die Teilnahmemotiva tion und ein extern valides Spiel- vergnügen wichtig war. – Es ist leicht zu be dienen und brachte daher wenige interaktivi täts bedingte methodisch-prakti sche Probleme im experimentellen Einsatz mit sich (so war beispiels weise kein großer Trainings-Aufwand für die Probanden er- forder lich). 157 – Das Spiel beinhaltet eine Reihe ver schiedener Werbeformen, die im Sinne der Fragestel lung nutz bar ge macht werden konnten. Werbung findet sich in diesem Spiel sowohl auf den Fahrzeugen (vgl. Abbil- dung 5 links) als auch an der Rennstrecke (vgl. Abbil dung 5 rechts). Zugleich steht bei diesem Titel eine andere Perspektive auf das Renngeschehen zur Ver fügung („Cockpit-Perspektive“), bei der die Werbeaufdrucke auf dem eige- nen Fahrzeug nicht zu er kennen sind. Die Möglich keit, die Perspektive zu wählen, wurde für eine experimentelle Varia tion ge nutzt: Zwar fuhren alle Probanden die gleiche Rennstrecke und steuerten das gleiche Fahrzeug, doch spielte die eine Hälfte der Ver suchspersonen aus der Ver folger kamera, sodass die Werbeaufdrucke des eigenen Fahrzeugs (Sponsoren logos) zu er kennen waren. Die andere Hälfte dagegen steuert aus der Cockpit-Ansicht, sodass diese Spon- soren aufdrucke nicht zu sehen waren. Aus dieser Ver suchs anord nung ergaben sich zwei Analysemöglich keiten. Zum einen konnten die Wirkungs maße für die außerhalb des eigenen Fahrzeugs be worbenen Marken im Gesamtsample er mittelt werden. Hier bot die aus- gewählte Rennstrecke eine Reihe ver schiedener Zielmarken (vgl. unten), die separat unter sucht werden konnten. Zum anderen bestand die Möglich keit des experimentellen Ver gleichs: Die Erinne rung an die nur auf dem eigenen Fahr- zeug befind lichen Marken konnte zwischen den beiden Gruppen („Ver folger- Kamera“ versus „Cockpit-Kamera“) verg lichen werden; die „Cockpit“-Gruppe diente hier als Kontroll gruppe, mit der die Werbewir kung der Sponsoring- Aufdrucke auf dem Spielerfahrzeug er mittelt wurde. Beide Analyseperspektiven konnten zudem im Alters gruppen vergleich um gesetzt werden. Erhe bungs maße: Zur Messung der Marken wahrneh mung und -erinne rung wurde auf klassi sche Recall- und Recogni tion-Abfragen zurück gegriffen, wie sie in der Werbewirkungs forschung häufig zur Anwen dung kommen.12 Die Probanden spielten zunächst das Autoren nspiel und be antwor teten einige sozio- demografi sche Fragen sowie eine Frage zu ihrem Spielspaß (5-stufige Skala mit „Smiley“-Gesichtern). Es folgte eine offene Frage zu ihrem Werbe verständ- nis (nur bei den Schülerinnen und Schülern). Anschließend wurde zunächst offen ge fragt, ob sich die Teilnehmer an Werbung bzw. an „Marken oder Schilder“ in dem zuvor ge nutzten Spiel erinnern könnten. Diese un gestützte Erinne rungs leis tung („Recall“) gilt als schwierigstes Kriterium zur Über prüfung der Marken erinne rung. Im Anschluss wurde die ge stützte Erinne rungs fähig keit ge testet. Dazu wurde den Ver suchspersonen eine Auswahl an Marken vor gelegt, von denen etwa die Hälfte tatsäch lich in der Spielumge bung be worben worden war. Sie sollten an kreuzen, an welche der Marken sie sich nun (mit dieser 12 Vgl. etwa Nelson, M. R. (2002). Recall of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(2), S. 80 ff.; vgl. Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008. 158 Hilfestel lung) erinnern konnten. Auf grund der geringeren Schwierig keit dieser Test variante war hier zu er warten, dass die Wahrscheinlich keit korrekter Ant- worten höher liegt als in der voran gegangenen Recall-Abfrage. Daneben er fasste der Fragebogen auch die Marken einstel lungen der Pro- banden, und zwar exemplarisch zu den Marken „Audi“, „Red Bull“ und „Vodafone“, die alle in dem Spiel platziert waren und zwar als Product Placement (das Spieler-Fahrzeug war ein Audi), Fahrzeugbeschrif tung (Red Bull) sowie als Plakat- bzw. Banden werbung (Vodafone). Dazu sollten die Probanden einfache Beurtei lungs fragen (z. B. „Ich mag die Marke Audi gerne.“) mit Hilfe einer 5-stufigen „Daumen“-Skala (mit Ausprä gungen von „Daumen nach unten“ bis „Daumen nach oben“) be antworten. Auf grund des nur kurzen Werbekontakts während des einmaligen Spielens war hier mit nur sehr geringen Effekten zu rechnen, da Einstel lungen in der Regel stabile Phänomen sind, die sich kaum durch Einmal kontakte ver ändern.13 Ergänzend zu der zu Anfang ge stellten offenen Werbe verständnis frage wurde bei den Kindern eine weitere ver ständnis bezogene Frage integriert, die auf die Werbe erken nungs fähig keit der Kinder in Bezug auf „klassi sche Werbemaßnah- men“ und, im Ver gleich dazu, in Bezug auf eine Produkt platzie rung rekurrierte. Die Kinder sollten sich vier ver schiedene Screens hots (Bilder aus dem zuvor ge nutzten Stimuluss piel) ansehen und jeweils an geben, ob darauf Werbung zu sehen ist oder nicht. In der voran gegangenen Interviewstudie hatte sich ge zeigt, dass die jüngeren Kinder (8- bis 11-Jährige) Schwierig keiten damit haben, die implementierte Produkt platzie rung (hier: Audi-Fahrzeug) als werb liches Objekt wahrzunehmen (vgl. Kapitel IV.1). Deshalb zeigte einer der Screens hots erneut ein Spieler-Fahrzeug, und zwar aus einer Perspektive, aus der sich das Fahrzeug- modell eindeutig als „Audi“ identifizieren ließ (anhand sicht barer Audi-Ringe) und aus der auch einige Werbeaufdrucke auf dem Fahrzeug zu sehen waren. Damit sollte eruiert werden, ob die Kinder nicht nur die Werbung auf dem Auto, sondern auch das Fahrzeug selbst der Kategorie Werbung zuordnen. Darüber hinaus wurde eine weitere Frage integriert, die sich auf das Werbe- verständnis bzw. genauer auf die Erken nung einer persuasiven Absicht bei In-Game-Werbung bezog. Die Ver suchs leiter zeigten den Kindern erneut zwei der Screens hots, der eine zeigte Vodafone-Banden werbung, der andere die be- sagte Audi-Produkt platzie rung. Die Kinder sollten mit einer 2-stufigen Daumen- skala nach einander einzelne Aus sagen zu etwaigen Ab sichten, die mit den Werbemaß ahmen ver folgt werden könnten, in ihrer Korrekt heit be werten (z. B. „Diese Werbung soll einen dazu bringen, Sachen von der Firma zu kaufen.“). Schließ lich wurde die allgemeine Bewer tung von In-Game-Werbung ab- gefragt, indem die Probanden auf einer Daumen-Skala (5-stufig) anzeigen 13 Z. B. Klimmt et al. 2011. 159 sollten, wie sie zu be stimmten Bewer tungs aussagen stehen (z. B. „Werbung in Computerspielen macht das Spiel realisti scher.“). Diese Fragen wurden auch den er wachsenen Teilnehmern ge stellt. Durchfüh rung: Die Daten erhe bungen fanden vor und nach den Schulsommer- ferien in Rheinland-Pfalz statt (Schüler stichprobe) be ziehungs weise im Sommer 2010 in Mannheim. Den kooperierenden Schulen wurde eine Zusammen fassung der Ergebnisse nach Ab schluss des Projekts in Aus sicht ge stellt. Auf die Anonymität der be teiligten Ver suchspersonen wurde an beiden Standorten mit großer Sorgfalt ge achtet. Nach Ab schluss der beiden Daten erhe bungen wurden die auf den Fragebögen notierten Daten digitalisiert und zu einem integrierten Daten satz zusammen geführt. III.2.3 Ergebnisse III.2.3.1 Un gestützte Erinne rung an die in das Spiel integrierte Werbung (Recall) Den be kannten Ver fahrens weisen der Werbewirkungs forschung ent sprechend wurde die Erinne rung an die im Spiel be worbenen Marken in einem mehr- stufigen Vor gehen ab gebildet. Zunächst stand die freie, un gestützte Erinne rung von Marken (also die offene Frage, an welche Marken aus dem Spiel sich die Ver suchsperson erinnern kann) im Mittelpunkt. Tabelle 3 ver gleicht die un- gestützte Erinne rungs leis tung zwischen Schülern und jungen Erwachsenen. Insgesamt ist die freie Erinne rung an die im Spiel be worbenen Marken relativ gering – mit Aus nahme von „Vodafone“; diese Mobilfunkmarke wurde ver- gleichs weise häufig frei erinnert (immerhin ein Drittel aller Probanden nannte diese Marke ohne Erinne rungs stütze). Die freien Erinne rungs leis tungen unter- scheiden sich zwischen Schülern und jungen Erwachsenen kaum; substanzielle Gruppen unterschiede machen sich wiederum nur bei der Marke „Vodafone“ bemerk bar. Hier lag die Erinne rungs häufig keit bei den Schülern deut lich über dem Ver gleichs wert in der Gruppe der jungen er wachsenen Spieler. Über alle Marken hinweg zeigt sich eine leichte Tendenz be sserer Erinne rungs leis tungen bei den Schülern. Der erheb lich „aus schlagende“ Wert bei „Vodafone“ lässt sich möglicher weise mit der spezifi schen Relevanz von Mobil kommunika tion für Kinder er klären, aus der heraus die freie Erinne rung an die „starke“ Marke be sonders leicht fiel.14 14 Zur Relevanz von Mobil kommunika tion vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (MPFS) (Hrsg.) (2009). JIM-Studie 2009: Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis studie zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. 160 Tabelle 3: Erinne rungs häufig keiten (Recall) für die zehn im Spiel vor kommenden Marken Marken im Spiel Anteil der Probanden, die Werbung frei erinnern konnten (in %) Gruppen unterschiede Schüler 10–13 Jahre (n = 82) Junge Erwachsene 18–29 Jahre (n = 60) Chi2-Test auf Über zufällig keit „Aral Ultimate“ (Banden-/Plakat werbung) 4 % 2 % nicht sig. „Red Bull“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 17 % 13 % nicht sig. „Mercedes-Benz“ (Product Placement: Fahrzeuge der anderen Fahrer) 5 % 3 % nicht sig. „Dunlop“ (Brand Presence auf eigenem Rennwagen sowie Banden werbung) 18 % 13 % nicht sig. „Vodafone“ (Banden-/Plakat werbung) 45 % 18 % p < .01 „Blaupunkt“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 11 % 3 % nicht sig. „Bosch“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen sowie Banden werbung) 6 % 3 % nicht sig. „Hermes“ (Banden-/Plakat werbung) 10 % 3 % nicht sig. „Audi“ (Product Placement: Eigener Rennwagen) 12 % 8 % nicht sig. „Castrol“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 2 % 0 % nicht sig. In Ergän zung des Ver gleichs der Recall-Häufig keiten je Marke wurde ein aggregierter Index ge bildet, der die Anzahl korrekt frei erinnerter Marken (über alle zehn be worbenen Marken hinweg) ent hält. Anschließend wurde eine Varianzanalyse mit der Alters gruppe (Schüler versus junge Erwachsene) als Faktor und dem Recall-Index als ab hängiger Variable durch geführt (vgl. Abbil- dung 6). Die Befunde zeigen, dass über alle Marken hinweg die freie Erinne- rungs leis tung der Schüler merk lich besser ist als die Leistung der jungen Erwachsenen. Zwar bewegt sich – wie bei anderen Werbewirkungs studien auch – das ab solute Niveau der freien Erinne rungs leis tungen in einem niedrigen Bereich (M = 1.04, SD = 1.26). Doch heben sich die unter suchten Schüler mit im Durch schnitt etwa doppelt so vielen erinnerten Marken erkenn bar von den jungen Erwachsenen ab. 161 Abbil dung 6: Ver gleich der aggregierten freien Erken nungs leis tung (Recall) der im Compu- ter spiel be worbenen Marken zwischen Schülern und jungen Erwachsenen Der Mittelwerts unterschied ist hochsignifikant (F(1, 140) = 8.91, p < .01, partielles η2 = .06) III.2.3.2 Gestützte Erinne rung an die in das Spiel integrierte Werbung (Recogni tion) Im Anschluss an die Abfrage der freien Erinne rung an die in das Rennspiel integrierte Werbung wurde den Ver suchspersonen eine Auswahl von Marken ge zeigt. Für jede Marke sollten die Probanden ent scheiden, ob sie diese zuvor während der Spielnut zung gesehen hatten. Insgesamt wurden zehn ins Spiel integrierte Marken ab gefragt sowie eine Reihe von nicht im Spiel vor kom men- den Marken. Letztere dienten dazu, Ratewahrscheinlich keiten zu er mitteln und damit mögliche Verzer rungen in den Befunden zu kontrollieren. Nur sehr selten wollte eine Ver suchsperson eine Marke wieder erkannt haben, die gar nicht ins Spiel integriert war (für jede Marke ergaben sich zumeist deut lich weniger als 10 Prozent „falsches Wieder erkennen“). Tabelle 4 (unten) zeigt daher nur für jede der zehn tatsäch lich vor kommenden Marken die ge stützte Erinne rung, wiederum im Ver gleich der Alters stufen. Es zeigt sich, dass für die meisten Marken die Schülerinnen und Schüler eine höhere Wieder erken nungs wahr- schein lich keit auf weisen als die Ver gleichs gruppe aus jungen Erwachsenen. 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Schüler 10–13 Jahre Junge Erwachsene 18–29 Jahre Anzahl korrekt frei erinnerter Marken (max. 10) 1,30 0,68 162 Tabelle 4: Wieder erken nungs häufig keiten (Recogni tion) für die zehn im Spiel vor kommenden Marken Marken im Spiel Anteil der Probanden, die Werbung wieder erkannten (in %) Gruppen unterschiede Schüler 10–13 Jahre (n = 82) Junge Erwachsene 18–29 Jahre (n = 60) Chi2-Test auf Über zufällig keit „Aral Ultimate“ (Banden-/Plakat werbung) 21 % 5 % p < .01 „Red Bull“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 55 % 27 % p < .01 „Mercedes-Benz“ (Product Placement: Fahrzeuge der anderen Fahrer) 37 % 22 % p = .07 „Dunlop“ (Brand-Presence auf eigenem Rennwagen sowie Banden werbung) 48 % 30 % p < .05 „Vodafone“ (Banden-/Plakat werbung) 67 % 30 % p < .01 „Blaupunkt“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 37 % 23 % nicht sig. „Bosch“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen sowie Banden werbung) 23 % 8 % p < .05 „Hermes“ (Banden-/Plakat werbung) 21 % 3 % p < .01 „Audi“ (Product Placement: Eigener Rennwagen) 55 % 33 % p < .05 „Castrol“ (Brand-Presence auf dem eigenen Rennwagen) 22 % 7 % p < .05 Im Anschluss an die Auswer tung je be worbener Marke wurde ein aggre- giertes Maß der Werbewieder erken nung über alle Marken hinweg ge bildet. Der Wieder erken nungs index kann Werte zwischen Null (keine be worbene Marke korrekt wieder erkannt) und Zehn (alle be worbenen Marken korrekt wieder- erkannt) annehmen (M = 3.01, SD = 2.00). Eine Varianzanalyse mit den beiden Alters stufen (Schüler versus junge Erwachsene) als Faktor und dem Wieder- erken nungs index als ab hängiger Variable zeigt, dass die zuvor er mittelten be- sseren Erinne rungs leis tungen bei den Schülern offen kundig nicht von einigen wenigen werbeaufmerksamen Ver suchspersonen herrühren, sondern vielmehr einen breiten Gruppen unterschied darstellen (vgl. Abbil dung 7). Die im Durch- schnitt um etwa zwei Marken bessere Erinne rungs leis tung der Schüler unter- scheidet sich hochsignifikant und mit substanzieller Varianzerklä rung (24 Pro- zent) von der Erinne rungs leis tung der jungen Erwachsenen. Damit tritt der Unter schied in den Behaltens leis tungen der Schüler gegen über den jungen Erwachsenen bei der „leichteren“ Ab fragemethode über ge stützte Erinne rung/ 163 Wieder erken nung noch sehr viel deut licher zu Tage als bei der „schwierigeren“ Messung der freien Erinne rung (s. o.). Abbil dung 7: Ver gleich der aggregierten Wieder erken nungs leis tung der im Computerspiel be worbenen Marken zwischen Schülern und jungen Erwachsenen Der Mittelwerts unterschied ist hochsignifikant (F(1, 140) = 42.94, p < .01, partielles η2 = .24) III.2.3.3 Experimenteller Ver gleich zum Einfluss der Spielerperspektive auf die Erinne rung an die Marke des Spielerfahrzeugs Zusätz lich zum bislang be handelten quasi-experimentellen Ansatz, der Schüler und junge Erwachsene hinsicht lich ihrer Erinne rungs leis tungen ver gleicht, um- fasste das Unter suchungs design auch eine experimentelle Varia tion, die für eine aus gewählte und gemäß der Befunde aus der qualitativen Studie (vgl. oben: Kapitel III.1) be sonders interessante Werbeform zusätz liche Erkenntnis- potenziale er schließen sollte. Die Erkenn bar keit des eigenen Rennwagens als Produkt platzie rung („Audi“) war durch die Varia tion der Spielerperspektive manipuliert worden: Die Hälfte der Probanden steuerte den virtuellen Renn- wagen aus einer „Cock pitperspektive“, bei der der eigene Rennwagen nicht zu sehen und der freie Blick auf die Rennstrecke ge geben ist. Hier war dem- entsprechend das Audi-Marken logo des eigenen Fahrzeugs nicht zu er kennen und es fehlte die permanente Sicht auf die als Sponsoren logos auf dem eigenen Fahrzeug befind lichen Formen der In-Game-Werbung (im vor liegenden Fall 3,84 1,88 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Schüler 10–13 Jahre Junge Erwachsene 18–29 Jahre Anzahl korrekt wiedererkannter Marken (max. 10) 164 „Blaupunkt“, „Castrol“ und „Red Bull“ sowie „Bosch“ und „Dunlop“, wobei für die beiden letzt genannten Marken auch am Strecken rand ge worben wurde). In der Ver gleichs bedin gung steuerten die Ver suchspersonen dagegen aus einer Ver folger perspektive, in der das eigene Fahrzeug einschließ lich der Sponsoren- aufdrucke permanent im Mittelpunkt des Bildes zu sehen war. Für die ge- nannten Marken („Audi“ als Placement sowie die Sponsoren marken als Fahr- zeug aufdrucke) konnte daher nach experimentellen Unter schieden ge sucht werden; die Probanden mit „Cock pitperspektive“ dienten hier ge wissermaßen als Kontroll gruppe. Tabelle 5 zeigt die Erinne rungs leis tungen für die be- troffenen Marken im experimentellen Ver gleich und im Ver gleich der Alters- gruppen (Schüler versus junge Erwachsene). Tabelle 5: Erinne rungs häufig keiten (Recall/Recogni tion) in den experimentellen Gruppen (Cockpit-/ Ver folger-Perspektive) und im Ver gleich der unter suchten Alters grup- pen Marken des Spielerfahrzeugs Schüler 10–13 Jahre (n = 82) Junge Erwachsene 18–29 Jahre (n = 60) Cockpit- Perspektive Ver folger- Perspektive Cockpit- Perspektive Ver folger- Perspektive Recall „Audi“ (Placement) 10 % 14 % 0 % 17 % Recogni tion „Audi“ (Placement) 43 % 67 % 20 % 47 % Recall „Blaupunkt“ (Sponsoren aufdruck) 0 % 21 % 0 % 7 % Recogni tion „Blaupunkt“ (Sponsoren aufdruck) 13 % 60 % 7 % 40 % Recall „Castrol“ (Sponsoren aufdruck) 3 % 3 % 0 % 0 % Recogni tion „Castrol“ (Sponsoren aufdruck) 23 % 21 % 7 % 7 % Recall „Red Bull“ (Sponsoren aufdruck) 13 % 21 % 7 % 20 % Recogni tion „Red Bull“ (Sponsoren aufdruck) 48 % 62 % 13 % 40 % Die Befunde zeigen, dass die Spieler beider Alters gruppen in ähnlicher Weise auf die experimentelle Varia tion reagieren; wie zu er warten war, zeigen die experimentellen Gruppen mit „Ver folger-Kamera“ die be sseren freien und ge stützten Erinne rungs leitun gen. Für die wenig be kannte Marke „Castrol“ ergibt sich weder ein Alters- noch ein Experimentaleffekt bei der freien Erinne rung und auch kein Experimental-Effekt bei der ge stützten Erinne rung; für die besser ein geführte Marke „Red Bull“ und die zentral am Fahrzeug (als Ersatz für das Autokennzeichen) an gebrachte Werbung für „Blaupunkt“ dagegen fin- den sich erheb liche experimentelle Effekte. Dabei bleibt das zuvor be obachtete 165 höhere Gesamtniveau der Erinne rungs leis tungen bei den Schülern (im Ver gleich zu den jungen Erwachsenen) weitest gehend be stehen. Wiederum wurde im Anschluss an die Tabellen analyse je Marke eine aggre- gierte Betrach tung durch geführt. Dazu wurde die Anzahl der korrekt frei erinnerten sowie die Anzahl der korrekt ge stützt erinnerten Marken von jenen vier Marken, die hinsicht lich ihrer Sicht bar keit im Spiel von der Varia tion be troffen waren (siehe Tabelle 5) zu einem Recall- be ziehungs weise einem Recogni tion-Index zusammen gefasst. Zweifaktorielle Varianzanalysen mit den Faktoren Spielerperspektive (Cockpit- versus Ver folger-Perspektive) und Alters- gruppe (Schüler versus junge Erwachsene) als unabhängiger Variablen sowie den Indices für Recall der bis zu vier Marken und Recogni tion der gleichen Marken zeigen, dass in beiden Alters gruppen die experimentelle Varia tion in ver gleich barer Weise wirkt und dass in beiden experimentellen Gruppen (Spieler perspektiven) der Alters unterschied einen Effekt hat, wie er bereits in den voran gegangenen Ab schnitten für alle be worbenen Marken insgesamt er- mittelt wurde. Hingegen trat weder bei der freien noch bei der ge stützten 0,25 0,60 1,25 2,10 0,07 0,43 0,47 1,33 0 1 2 3 4 Anzahl korrekt erinnerter Fahrzeugsponsoren (Recall) – Cockpit-Perspektive Anzahl korrekt erinnerter Fahrzeugsponsoren (Recall) – Verfolger- Perspektive Anzahl korrekt wiedererkannter Fahrzeugsponsoren (Recognition) – Cockpit-Perspektive Anzahl korrekt wiedererkannter Fahrzeugsponsoren (Recognition) – Verfolger- Perspektive Schüler 10–13 Jahre Junge Erwachsene 18–29 Jahre Die Recall- und Recogni tion-Werte be ziehen sich auf die vier Marken, die von der experimentellen Varia tion der Spielerperspektive be troffen waren. Für die un gestützte Erinne rung wurde ein Haupt effekt der experimentellen Bedin gung er mittelt (F(1, 138) = 12.93, p < .01, η2 = .09); der Alters gruppen effekt war nicht signifikant (F < 3.05), und ein Interak tions effekt wurde nicht be obachtet. Für die ge stützte Erinne rung ergaben sich signifikante Haupteffekte der experimentellen Bedin gung (F(1, 138) = 27.1, p < .01, η2 = .16) sowie der Alters gruppe (F(1, 138) = 22.01 p < .01, η2 = .14). Erneut wurde keine Wechselwir kung zwischen Spielerperspektive (Cockpit/Ver- folger) und Alters gruppe be obachtet. Abbil dung 8: Ver gleich der experimentell variierten Spielerperspektive und der Alters grup- pen hinsicht lich ihrer freien und ge stützten Erinne rung (Recall/Recogni tion) 166 Erinne rung ein Interak tions effekt (Wechselwir kung) von Spielerperspektive und Alters gruppe auf, wonach sich die spezifi sche Kombina tion aus einer Alters gruppe und einer Spielerperspektive als ab weichend darstellen würde. Junge Spieler reagierten also beispiels weise nicht extremer auf die Varia tion der Spielerperspektive als ältere Spieler (Abbil dung 8). III.2.3.4 Wieder erken nung von Werbung auf Screens hots aus dem Computerspiel Die Teilstichprobe der Schüler wurde nach den Ab fragen zur freien und zur ge stützten Erinne rung von im Spiel be worbenen Marken sowie nach weiteren Fragen mit insgesamt vier Bildern konfrontiert, die als Screens hots dem zuvor ge nutzten Autoren nspiel ent stammten. An jedes ge zeigte Bild wurde die Frage ge knüpft, ob die Ver suchsperson hierauf Werbung er kennen könne, und falls ja, wo sich diese befinde. Für drei dieser Abbil dungen war die Aufgabe sehr leicht und wurde auch von allen Probanden korrekt gelöst (Erken nung von vor handener Werbung für „Dunlop“ und für „Vodafone“ auf jeweils einem Bild: 100 %; Ent schei dung für „keine Werbung“ auf einem werbefreien Bild: 99 %). Interessanter für die Problemstel lung der Studie war die vierte Abbil- dung, die das Spielerfahrzeug (einen durch das Marken logo ge kennzeichneten „Audi“) mitsamt der Sponsoren logos auf dem Fahrzeug zeigte. Hier wurde ent sprechend ge trennt erfasst, ob die Ver suchspersonen das Product Placement (Auf tauchen eines markierten Produkts, also des „Audi“-Rennwagens) und/ oder die Sponsoren logos auf dem Fahrzeug als Werbung be nannten. Tabelle 6 zeigt das Ergebnis dieser Auswer tung. Ein Großteil der unter suchten Schüle- rinnen und Schüler be nannte korrekter weise sowohl die Sponsoren werbung auf dem Rennwagen als auch den markierten Rennwagen selbst als „Werbung“. Immerhin 28 Probanden (31 %) nannten jedoch nur die Sponsoren logos und identifizierten den Wagen als Produkt platzie rung, nicht als Werbung – ein Befund, der mit den Erkennt nissen der Interviewstudie konvergiert (vgl. Kapi- tel IV.1). Tabelle 6: Erken nung von Werbung auf einem Screen shot aus dem Spiel „DTM Race Driver III“ Auf dem Screen shot war ein markierter Rennwagen („Audi“) mitsamt Sponsoren logos auf dem Fahrzeug zu sehen (nur Teilstichprobe Schüler, n = 82). Anteil der Befragten mit korrekter Identifika tion der Werbeform Keine Werbeform erkannt 0 % Nur Sponsoren logos als Werbung benannt 31 % Nur „Audi“-Placement als Werbung benannt 1 % Sowohl Sponsoren logos als auch „Audi“-Placement benannt 68 % 167 III.2.3.5 Einstel lungs effekte Im Ver lauf des Fragebogens wurden auch einfache Fragen zur Beurtei lung aus gewählter im Spiel be worbener Marken ge stellt. „Liking“-Fragen wurden ge stellt für die Marke des Spielerfahrzeugs „Audi“, dessen Sicht bar keit ja experimentell variiert worden war, sowie für die Marken „Red Bull“ (Sponsoren- aufdruck) und „Vodafone“ (Banden werbung). Die Inspek tion der Befunde ergab hier zwar deut liche Alterseffekte – die Marke „Audi“ ist bei den jungen Er- wachsenen deut lich be liebter als bei den Schülern, um gekehrt erfreut sich „Vodafone“ deut lich be sserer Einstel lungen bei den Schülern als bei den jungen Erwachsenen, wohingegen die Urteile über „Red Bull“ in beiden Alters gruppen relativ ähnlich – nämlich etwas unter halb des Skalen mittelpunkts – aus fallen. Effekte der Spielerperspektive (Cockpit/Ver folger) oder Wechselwir kungen zwischen Perspektive und Alters gruppe traten jedoch nicht auf. Demnach konn- ten keine Einstel lungs wirkun gen der In-Game-Werbung belegt werden. Aller- dings war das Forschungs design dafür nicht ge zielt aus gelegt worden. Andere aktuelle Studien15 kommen zu über einstimmenden Befunden, wonach zwar be- acht liche Auf merksam keits- und Erinne rungs wirkun gen mit In-Game-Werbung ver bunden sind, nicht jedoch substanzielle Einstel lungs effekte. Diese sind in experimentell-kurzfristig an gelegten Studiendesigns auch theoretisch kaum zu er warten; zugleich handelt es sich bei den ab gefragten Marken aus nahms los um „starke“, gut ein geführte Brands, zu denen die meisten Menschen bereits sehr stabile Einstel lungen ge bildet haben dürften. Auch daher sind Einstel- lungs effekte im Rahmen der vor liegenden Studie nicht zu er warten; das be- deutet natür lich nicht, dass von In-Game-Werbung keine persuasive Wirkung aus gehen würde. Sie müsste nur mit auf wendigeren Forschungs designs ge zielt unter sucht werden. III.2.3.6 Bewer tung und Akzeptanz von In-Game-Werbung Wie die Spielerinnen und Spieler In-Game-Werbung allgemein be urteilen, wurde anhand von drei Aus sagen erfasst. Die durch schnitt liche Zustim mung zu diesen wertenden Aus sagen wurde wiederum im Ver gleich zwischen Kindern und Erwachsenen aus gewertet (vgl. unten Tabelle 7). Aus den Befunden geht hervor, dass sowohl jüngere als auch ältere Spieler den bereits zuvor an genommenen positiven Effekt von In-Game-Werbung, nämlich die Steige rung der Reali täts- nähe, be stätigen. Zugleich finden die Befragten unabhängig von ihrem Alter In-Game-Werbung wenig störend. Ein Unter schied zwischen den Alters gruppen trat bei der dritten Aussage auf; „interessant“ ist In-Game-Werbung demnach 15 Vgl. etwa Klimmt et al. 2011. 168 in höherem Maße für junge Erwachsene als für Kinder. Daraus lässt sich ab- leiten, dass Kinder In-Game-Werbung (zumindest in Rennspielen) nicht so relevant finden und ihr weniger intrinsi sche Neugier ent gegen bringen als junge Erwachsene; Letztere wiederum könnten auf grund ihrer umfang reicheren Werbe erfah rung für die neuartigen Möglich keiten der In-Game-Werbung ein höheres Interesse ent wickeln. In jedem Fall deutet der Befund an, dass Kinder mit relativ geringem Involvement an In-Game-Werbung heran treten – sie stört nicht, aber sie ist auch nicht be sonders wichtig. Tabelle 7: Urteile der Teilnehmer über In-Game-Werbung im Alters vergleich Fünfstufige Rating-Skalen, höhere Werte be deuten größere Zustim mung Schüler 10–13 Jahre (n = 82) Junge Erwachsene 18–29 Jahre (n = 60) t-Test auf Über zufällig keit „Werbung in Computerspielen ist interessant“ 2.16 2.65 p < .01 „Werbung in Computerspielen macht das Spiel realisti scher“ 3.99 4.08 nicht sig. „Werbung in Computerspielen stört beim Spielen“ 2.15 1.90 nicht sig. III.2.4 Diskussion Die experimentelle Studie hat erstmals die Wirkung von In-Game-Werbung auf Kinder unter sucht. Eben falls trägt der innovative systemati sche Ver gleich zwischen Kindern und jungen Erwachsenen zum theoreti schen Ver ständnis der kognitiven Wirkun gen von In-Game-Werbung bei. Weitere interessante Er- kenntnisse ergaben sich auch aus der experimentellen Vor gehens weise, die die Sicht bar keit be stimmter In-Game-Werbun gen systematisch manipulierte. Der wichtigste Befund der Studie besagt, dass Kinder eng in das Spiel- geschehen ein gebundene Werbeinhalte sehr intensiv rezipieren. Die teil weise enormen Erinne rungs leis tungen (im Durch schnitt er kannte jeder unter suchte Schüler immerhin fast vier der zehn be worbenen Marken wieder) demonstrieren ein hohes Maß an Empfänglich keit für In-Game-Werbung bei jungen Spiele- rinnen und Spielern. Dies tritt insbesondere im Ver gleich zu er wachsenen Spielern deut lich hervor; sowohl bei der un gestützten Erinne rung (Recall, das härteste Erinne rungs maß) als auch bei der ge stützten Erinne rung (Recogni tion) schneiden die unter suchten Schülerinnen und Schüler erkenn bar besser ab. Eine konzeptionelle Erklä rung für diesen Befund liegt in der höheren Immer- sions fähig keit und -bereit schaft von Kindern. Sie lassen sich auf er zählte Texte, Filme, aber eben auch auf Computerspiele in deut lich intensiverer Weise ein als Erwachsene dies für gewöhn lich – zumal in einer laborexperimentellen 169 Situa tion – tun.16 Diese stärkere Illusionie rung17 dürfte auch dazu führen, dass in die Spielwelt ein gebettete Werbebot schaften mit größerer Auf merksam keit ver arbeitet und daher auch mit größerer Wahrscheinlich keit ge speichert werden, sodass sie im Anschluss an die Spielsit zung auch häufiger erinnert werden. Eine zweite konzeptionelle Erklä rung besteht in der geringeren „Advertising Literacy“ von Schülern; möglicher weise haben junge Erwachsene auf grund ihrer längeren Medien biografie effektivere Werbe ausblen dungs strategien ent wickelt, die sie (zumindest ansatz weise) auf neue Werbeformen wie In-Game-Advertising über tragen können. Die noch weniger stark aus geprägte routinemäßige Trennung zwischen (potenziell unerwünschter, nebensäch licher) Werbung und dem eigent- lich interessierenden Inhalts anteil eines Medien angebots, die bei Schülern ver- mutet werden kann, würde dann die erhöhte Wahrneh mung und Erinne rung für In-Game-Werbung bei Kindern nach sich ziehen.18 Es liegt nahe zu ver- muten, dass die empiri schen Befunde aus einer Kombina tion dieser beiden Ursachen (erhöhte Involviert heit ins Spiel und geringere Werberesistenz) heraus erklärt werden können. Hinsicht lich der experimentellen Varia tion der Spielerperspektive ergaben sich mehrere interessante Ergebnisse. Zum einen erinnerten deut lich mehr Schüler als junge Erwachsene die Marke „Audi“, die als Product Placement (das eigene Spielerfahrzeug) integriert war und in der Ver folger perspektive durch das Logo mit den vier Ringen sowie die Karosserieform sicht bar wurde. Dies steht zunächst im Wider spruch zu der im Rahmen der Interviewstudie beobach teten Unkenntnis von Schülern gegen über hochintegrierten Product Placements. Denn immerhin zwei Drittel der Schüler, die in der Ver folger- perspektive ge spielt hatten, nannten „Audi“ auch bei der Recogni tion-Aufgabe; das gleiche galt nur für die Hälfte der jungen Erwachsenen in der ver gleich- baren experimentellen Bedin gung. Allerdings ist die Marken erinne rung noch nicht gleichbedeutend mit der Erken nung der Persua sions absicht (vgl. dazu die Befunde der Interviewstudie in Kapitel IV.1, sowie weiter unten); zunächst zeigt der Befund also, dass Kinder auch relativ beiläufig kommunizierte Marken (die „Audi“-Ringe waren nur sehr klein am Heck des Spielerfahrzeugs an- 16 Z. B. Green field, P. (1984). Mind and media: The effects of television, video games, and computers. Cambridge, MA. 17 Beispielsweise Identifikationsprozesse: Hoffner, C. (1996). Children’s wishful identification and parasocial interaction with favorite television characters. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 40, S. 389 ff. 18 Vgl. etwa Aufenanger, S. (2005). Medien pädagogi sche Überle gungen zur ökonomi schen Sozialisa tion von Kindern. merz – Medien und Erziehung, 49(1), S. 11 ff.; vgl. Livingstone, S., & Helsper, E. J. (2006). Does advertising literacy mediate the effects of advertising on children? A critical examination of two linked research literatures in relation to obesity and food choice. Journal of Communication, 56(3), S. 560 ff.; vgl. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, B. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen. Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeitschrift für Medien psychologie, 18(3), S. 94 ff.; vgl. Terlutter, R., & Spielvogel, J. (2010). Einfluss faktoren auf die Ent wick lung der Werbekompetenz bei Kindern. Der Markt, 49(1), S. 17 ff. 170 gebracht) wahrnehmen und memorieren. Das wird auch an der (be sseren) Erinne rungs leis tung von Schülern auf die eben falls nur sehr klein dargestellte Werbung für „Blaupunkt“ deut lich; dieser Sponsoring-Aufdruck befand sich an der Stelle, die bei Straßen fahrzeugen dem Kennzeichen vor behalten ist und war ent sprechend relativ klein. Ein zweiter wichtiger experimenteller Befund ist die starke Ab hängig keit der Erinne rungs- und Wieder erken nungs leis tung von der bereits vorab be stehenden Jugendaffinität und Beliebt heit einer als In-Game-Werbung er scheinenden Marke. Der Sponsoring-Aufdruck der Motoren öl-Marke „Castrol“ wurde kaum erinnert, was zweifelsohne daran liegt, dass die meisten jungen Probanden (allerdings auch die meisten jungen Erwachsenen) kaum Vor wissen über diese Marke mitbrachten, an das sie den Sponsoring-Aufdruck hätten an knüpfen konnten. Ganz andere Signalwir kungen gingen dagegen von jugendaffinen Brands wie „Red Bull“ aus; hier ergaben sich insgesamt höhere Erinne rungs- raten, aber eben auch ein stärkerer experimenteller Unter schied. Für die (nicht in die Manipula tion der Spielerperspektive ein gebundene, sondern für alle Probanden sicht bare) Marke „Vodafone“ lässt sich eben falls die Bedeu tung der A-priori-Marken stärke zeigen: Das Logo des Mobilfunkanbieters wird mit Abstand am häufigsten in der Schüler stichprobe erinnert, und die späteren Einstel lungs fragen zeigen die beacht lich positive Marken einstel lung in dieser Alters gruppe. Insofern lässt sich die Aussage zur be sonderen Wirksam keit von In-Game-Werbung bei Kindern noch aus differenzieren, als dass bereits gut etablierte und be liebte Marken auch in visuell hochdynami schen Spielumfeldern wie dem hier unter suchten Genre der Autoren nen sehr große kognitive Effekt- potenziale auf weisen, hingegen Marken, die im Relevanzhorizont von Kindern (und Jugend lichen) keine zentrale Rolle einnehmen, nicht im gleichen Maße Signalwir kungen zu er reichen scheinen. Dass die Studie keine Hinweise auf Einstel lungs effekte der In-Game-Wer- bung er bracht hat, sollte aus methodi schen Gründen nicht missinterpretiert werden. Zum einen war das Design nicht ge zielt auf die Erfas sung von Einstel- lungs effekten aus gerichtet; dazu fehlt eine Vorher-Messung der Marken einstel- lungen oder die Implementie rung einer Kontroll gruppe, die beispiels weise das exakt gleiche Rennspiel mit unter schied lichen (oder fehlenden) Werbebot schaf- ten spielt.19 Wichtiger noch ist jedoch die Problematik der Einstel lungs stabilität. Gerade weil nur „echte“ und relativ tradi tions reiche Marken unter sucht werden konnten, ist nicht davon auszu gehen, dass eine auf wenige Augen blicke be- schränkte Konfronta tion mit den Marken logos oder auch ein Imagetransfer vom Spielerleben auf die im Spiel integrierten Marken in mess barer Weise die Marken urteile von Kindern oder auch Erwachsenen ver ändern würde. Dies 19 Wie etwa bei Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008, wobei auch dort keine Einstel lungs effekte von In-Game- Werbung be obachtet wurden. 171 gilt auch für subliminale Einstel lungs effekte.20 Vor diesem Hinter grund ist die Tatsache zu be denken, dass die Kontakt frequenz bei Computerspielen extrem hoch werden kann – geht man von beispiels weise fünf Banden werbun gen auf einer virtuellen Rennstrecke aus und nimmt man ferner an, dass ein Spieler diese Strecke im Ver lauf seiner Beschäfti gung mit dem Spiel 300-mal durch- fährt, würden daraus 1.500 Werbekontakte resultieren, die insbesondere für noch nicht gut be kannte oder be liebte Marken durch aus persuasive Wirkun gen ent falten könnten. Daher ist die relativ starke Wahrnehmungs- und Erinne- rungs wirkung von In-Game-Werbung bei Kindern auch mit Blick auf nach- gelagerte Einstel lungs effekte als kritischer Befund zu be trachten. Schließ lich gilt es, den Blick auf die kritische Frage nach der Erken nung der Persua sions absicht von In-Game-Werbung zu richten. Hierzu hatte die Interviewstudie (Kapitel III.1) die Annahme nahegelegt, dass Defizite bei Schüle rinnen und Schülern be stehen könnten. Interessant sind in diesem Zu- sam men hang die Erkenntnisse aus den Antworten der 10- bis 13-jährigen Probanden auf die Frage nach Werbung in einem Screen shot des Spiels, der das Spielerfahrzeug mit seinen Sponsoren aufdrucken zeigte. Für die Mehrheit der Teilnehmer war auch das dezente Product Placement „Audi“ als Werbung erkenn bar; doch immerhin 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler be nannte nur die Sponsoren logos als „Werbung“. Dagegen er kannten (mit einer Aus- nahme) alle jungen Probanden die Sponsoren logos als Werbung. Diese Diskre- panz beim „Durch schauen“ unter schied licher Formen der In-Game-Werbung muss frei lich durch Folgestudien noch systematisch nach geprüft werden. Sie ist jedoch ein Hinweis darauf, dass gerade hochintegrierte In-Game-Werbung, die nicht einfach konventionelle Werbeformen wie Plakate oder Sponsoren logos nach ahmt, hinsicht lich ihrer Identifizier bar keit als persuasive Botschaft jüngere Spielerinnen und Spieler eher vor Probleme stellt. Dabei ist auch zu be denken, dass die Fragen zum Screen shot und der darin ent haltenen Werbung erst nach einer Reihe von Fragen zum Thema Werbung im ge spielten Spiel folgten. Die kognitive Elabora tions leis tung der Befragten im Moment der Abfrage (und damit die Mobilisie rung von Werbe erken nungs-Fähig keiten) dürfte daher deut- lich höher ge legen haben als in einer „natür lichen“ Spielsitua tion, die ohne explizite Hinweise und Denk-Aufgaben bezüg lich hochintegrierten Placements durch lebt wird. Zugleich gelten hochintegrierte Werbeformen in Spielerkreisen oft als will- kommene Maßnahme zur Steige rung der Reali täts nähe (vgl. dazu auch die juristi schen Ausfüh rungen in Kapitel II). Daher ist mit einem kritisch- auf spü- renden Umgang von Kindern in Bezug auf „ver deckte“ Placements in Compu- terspielen nur bedingt zu rechnen. So weisen die Befunde zwar gewiss nicht auf 20 Vgl. Schemer & Wirth 2007. 172 eine be stürzende und weit ver breitete Naivität von Schülerinnen und Schülern gegen über In-Game-Werbung im Allgemeinen oder hochintegrierten Varianten im Speziellen hin. Doch geben sie Anlass zu der Sorge, dass Kinder eine doppelt erhöhte Anfällig keit für kognitive Wirkun gen von In-Game-Werbung auf weisen: Diese besteht zum einen in ihrer intensiven Wahrneh mung von Marken kommunika tion im Spiel und zum anderen aus ihrer nicht so stark aus geprägten Identifika tion von persuasiven Ab sichten. Das Persua sions wissen21 wäre demnach ein Aspekt von Werbekompetenz, der in nach folgenden Studien, aber auch in der prakti schen Medien kompetenz-Arbeit (vgl. dazu unten: Kapi- tel IV) ver stärkte Berücksichti gung finden sollte. Zugleich deuten die Ergeb- nisse des Experiments – gemeinsam mit den Befunden aus der voran gegange- nen Interviewstudie – an, dass In-Game-Werbung durch aus ähnliche (auf sichts-) recht liche Heraus forde rungen mit Blick auf Kinder mit sich bringt wie Fernseh- wer bung: Hier waren zumal für jüngere Kinder Schwierig keiten bei der Diffe- renzie rung von Werbespot und Programm diagnostiziert worden; integrierte Werbekommunika tion wie Product Placement ist im Kinderprogramm sogar unter sagt (vgl. oben: Kapitel II). Die hier präsentierten Ergebnisse geben Anlass zu der Annahme, dass ähnliche Probleme mit dem Erkennen und Durch schauen bei In-Game-Werbung auf treten und unter streichen ent sprechend den juristi- schen Hand lungs bedarf. 21 Vgl. Friestad & Wright 1994. 173 Literatur Aufenanger, S. (2005). Medien pädagogi sche Überle gungen zur ökonomi schen Sozialisa- tion von Kindern. merz – Medien und Erziehung, 49(1), S. 11 ff. Berger I. & Mitchell, A. A. (1989). The effect of advertising on attitude accessibility, attitude confidence, and the attitude-behavior relationship. Journal of Consumer Research, 16(3), S. 269 ff. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen Gierl, H. & Satzinger, M. (2000). Gefallen der Werbung und Einstel lung zur Marke. Der Markt, 39(3), S. 115 ff. Greenfield, P. (1984). Mind and media: The effects of television, video games, and computers. Cambridge, MA. Hoffner, C. (1996). Children’s wishful identification and parasocial interaction with favorite television characters. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 40, S. 389 ff. Hoyer, W. D. & Brown, S. P. (1990). Effects of brand awareness on choice for a common, repeat-purchase product. The Journal of Consumer Psychology, 17 (2), S. 141 ff. Klimmt, C., Roth, F. S., Braune, A. & Mischke, C. (2011). How players respond to advertising in video games: „Yes“ for awareness, „No“ for reactance, and also „No“ for (short-term) attitude change. Full-Paper-Vortrag auf der Konferenz der International Communica tion Associa tion (ICA), Game Studies Interest Group, 26.–30. Mai 2011, Boston (USA). Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medienwirtschaft, 5(1), S. 6 ff. Lang, A. (2000). The information processing of mediated messages: A framework for communication research. Journal of Communication, 50, S. 46 ff. Livingstone, S., & Helsper, E. J. (2006). Does advertising literacy mediate the effects of advertising on children? A critical examination of two linked research literatures in relation to obesity and food choice. Journal of Communica tion, 56(3), S. 560 ff. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (MPFS) (Hrsg.) (2009). JIM-Studie 2009: Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis studie zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Mela, C. F., Gupta, S. & Lehmann, D. (1997). The long-term effects of promotion and advertising on consumer brand choice. Journal of Marketing Research, 24, S. 248 ff. Nelson, M. R. (2002). Recall of brand placements in computer/video games. Journal of Advertising Research, 42(2), S. 80 ff. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, B. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen. Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeit- schrift für Medien psychologie, 18(3), S. 94 ff. Petty, R. E. & Cacioppo, J. T. (1986). The elaboration likelihood model of persuasion. Advances in Experimental Social Psychology, 19, S. 124 ff. 174 Schemer, C., Matthes, J. & Wirth, W. (2007). Werbewir kung ohne Erinne rungs effekte? Eine experimentelle Studie zum Mere-Exposure-Effekt bei Product Placements. Zeitschrift für Medien psychologie, 19(1), S. 2 ff. Siegert, G. & Brecheis, D. (2005). Werbung in der Medien- und Informa tions gesell- schaft. Eine kommunika tions wissen schaft liche Einfüh rung. Wiesbaden. Terlutter, R., & Spielvogel, J. (2010). Einfluss faktoren auf die Ent wick lung der Werbe- kompetenz bei Kindern. Der Markt, 49(1), S. 17 ff. Teil IV Zukunfts perspektiven: Auf gaben für Regulie rung, Medien pädagogik und Forschung 177 IV.1 Hand lungs empfeh lungen an Politik und Medien pädagogik zum Umgang mit In-Game-Werbung Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Nicole Zorn & Gregor Daschmann Das in diesem Band vor gestellte Projekt hat sich mit drei zentralen Perspektiven auf die junge Werbeform „In-Game-Werbung“ be schäftigt. Sowohl aus der Perspektive des Medien rechts als auch aus der Sicht der Kommunika tions- wissen schaft und der Medien pädagogik wurden wichtige und umfang reiche Grundlagen dafür geschaffen, dass der gesell schaft liche und politi sche Umgang mit In-Game-Werbung in Zukunft zielführender und effektiver ge lingen kann. Aus den Erkennt nissen des Vor habens lassen sich ver schiedene strategi sche und operative Vor schläge ab leiten, die wir ent lang von vier Dimensionen ent wickeln: der Änderung von Rechts vorschriften, der Kennzeich nung von In-Game-Wer- bung, der Förde rung der Erken nungs fähig keit bei (jungen) Nutzerinnen und Nutzern sowie der Steige rung von Transparenz und Nutzer kompetenz in Bezug auf personalisierte In-Game-Werbung und den be troffenen Daten schutz. IV.1.1 Änderun gen der Rechts vorschriften In der recht lichen Bestands aufnahme wurde ge zeigt, dass es bisher keine spe- ziellen Regelun gen gibt, die die Werbung in Computerspielen zum Gegen stand haben. Die Anwend bar keit der ver schiedenen Regelun gen richtet sich danach, ob es sich bei dem jeweiligen Spiel um ein Telemedium oder ein Träger medium handelt. Die meisten Computerspiele sind als Telemedien einzu ordnen und unter fallen damit im Bereich der Werbung der Bestim mung des § 58 Abs. 1 RStV. Allerdings ist die Zuord nung hybrider Spiele zu den Telemedien be- sonders schwierig. Im Interesse einer einheit lichen Regelung ver gleich barer Sach verhalte sollte der Gesetz geber darüber nach denken, ob eine gesetz liche Kategorisie rung von Spielen an gezeigt ist. 178 Der RStV hat in seinen Begriffs bestim mungen Werbung, Schleichwer bung, Sponsoring und Produkt platzie rung in § 2 Abs. 2 RStV neu definiert. Nach diesen Defini tionen stehen die Produkt platzie rung und das Sponsoring als eigenständige Formen neben der Werbung. Allerdings gelten diese Defini tionen dem Wortlaut nach nur für den Rundfunk. Daher besteht eine ge wisse Unsicher- heit darüber, ob der ein geschränkte Werbebegriff auch auf die Telemedien Anwen dung findet. Zudem ver zichtet der RStV im Gegen satz zum TMG und zur AVMD-Richtlinie darauf, als Oberbegriff für die werb lichen Formen den Begriff der kommerziellen Kommunika tion einzu führen. Auch deshalb ist das Ver hältnis von § 58 Abs. 1 RStV zu § 6 TMG unklar. Eine Über arbei tung der Vor schriften im Rundfunkstaats vertrag, die sich um einheit liche Begrifflich keiten bemüht, würde zur Rechts klar heit beitragen. Bei einer solchen Über arbei tung sollte klargestellt werden, dass der enge Werbe- begriff des § 2 Abs. 2 Nr. 7 RStV auch für Telemedien gilt. Zudem sollten der Bundes- und die Landes gesetz geber das ver wirrende Neben einander der Vor- schriften des § 58 Abs. 1 RStV und des § 6 TMG be seitigen. Es ist sachgerecht, dass die Vor gaben für die kommerzielle Kommunika tion allein in § 58 Abs. 1 RStV ver ankert werden, da auch nach § 1 Abs. 4 TMG der RStV die inhalt- lichen Aspekte der Telemedien regeln soll. Bei einer Änderung des § 58 Abs. 1 RStV sollte eine Kennzeich nungs pflicht für alle Formen der kommerziellen Kommunika tion vor gesehen werden. Dabei sollte es den Landes medien anstalten über lassen werden, die Durch füh rung der Kennzeich nungs pflicht in gemeinsamen Satzun gen oder Richtlinien zu regeln.1 Besonders dring lich ist es, die unter schied lichen Zuständig keiten für die Auf sicht über die Einhal tung der Bestim mungen für Telemedien einschließ lich des § 58 Abs. 1 RStV, die sich nach dem jeweiligen Landes recht richtet, durch eine einheit liche Auf sichtsinstanz abzu lösen. Diese zersplitterte Auf sicht ge- fährdet eine effektive Durch set zung der für Telemedien geltenden Bestim- mungen und damit der bei der In-Game-Werbung zu be achtenden Vor gaben des § 58 Abs. 1 RStV und er gänzend des § 6 TMG. Insoweit liegt es nahe, durch eine ent sprechende Änderung des § 59 Abs. 2 RStV die Auf sicht über die Einhal tung der für Telemedien geltenden Vor schriften – mit Aus nahme der Telemedien angebote des öffent lich-recht lichen Rundfunks – der Kommis- sion für Zulas sung und Auf sicht (ZAK) als gemeinsamen Organ aller Landes- medien anstalten zu über tragen. Zudem würde die Effektivität der Auf sicht ge stärkt, wenn Ver stöße gegen § 58 Abs. 1 RStV als Ordnungs widrig keit aus gestaltet würden. Damit stünde ein wirksames Instrument zur Durch set zung der gesetz lichen Ver bote und Gebote zur Ver fügung. 1 Vgl. dazu auch unten IV.1.2.3. 179 Im Bereich des Jugendmedien schutzes ist frag lich, ob die unter schied lichen Regelun gen im JMStV und im JuSchG noch sachgerecht sind. Dies liegt daran, dass viele Offline-Spiele inzwischen Online ergänzt werden können. Dies führt zu Über schnei dungen zwischen Online- und Offline-Spielen, die von den der- zeitigen Rege lungs werken nicht wirk lich erfasst werden. Hier sollte zumindest auf eine Ver einheit lichung der Vor gaben für ver gleich bare Sach verhalte hin- gearbeitet werden. Dazu besteht nunmehr bei der erneut an stehenden Revision des JMStV Gelegen heit. Im Bereich des Daten schutzes ent steht auch im Zusammen hang mit Compu- ter spielen durch die Ver knüp fung von Sozialen Netz werken und Telekommuni- ka tions leis tungen eine Daten vermischung, die mit den derzeitigen Regelun gen schwer zu be grenzen ist. Hier ist der Gesetz geber ge fordert, sich mit den neuen medialen Kommunika tions formen und ihren speziellen Rege lungs bedürf nissen auseinander zusetzen. IV.1.2 Kennzeich nung von In-Game-Werbung IV.1.2.1 Kennzeich nungs pflichten Eine zentrale Hand lungs empfeh lung zum gesell schaft lichen und politi schen Umgang mit In-Game-Werbung besteht darin, die Praktiken zur Kennzeich- nung dieser Werbeform zum recht lich ge forderten Standard zu erheben. Alle denk baren Varianten von In-Game-Werbung, für die Werbetreibende Geld bezahlt oder ver gleich bare Aufwen dungen er bracht haben, sollten in eindeutiger Weise für die Nutzerinnen und Nutzer an gekündigt und/oder markiert werden. Diese Forde rung zielt zunächst auf die Gleichbehand lung von In-Game-Wer- bung mit konven tionellen Werbeformen, für die die Leitlinie der Kenntlich- machung werb licher Botschaften im gesamten Medien recht längst ver ankert ist (vgl. ausführ lich oben: Teil II). Die Forde rung nach einer ver pflichtenden Ankündi gung und/oder ander- weitigen expliziten Kenntlichmachung be trifft zum anderen die medien pädago- gi sche Perspektive der Erken nungs fähig keit gerade junger Spielerinnen und Spieler in Bezug auf In-Game-Werbung. Bereits in der Debatte um Fernsehwer- bung wurden Hilfen für Kinder bei der Erken nung und dem „Durch schauen“ von Werbespots (im Unter schied zum eigent lichen Programm) an gemahnt.2 In Bezug auf In-Game-Werbung tritt die Problematik der Erkenn bar keit und Er- ken nungs fähig keit (nicht nur) bei Kindern in einer neuen Qualität auf, weil im Kontext von Computerspielen spezifi sche hochintegrierte Werbeformen auf- 2 Vgl. Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. 180 getaucht sind (beispiels weise In-Game-Placements). Hochintegrierte Werbefor- men zeichnen sich dadurch aus, dass an gebots seitig be sonders enge Verbindun- gen zwischen werb licher Botschaft und dem sonstigen Spielumfeld geschaffen werden. Beispiels weise er scheinen Marken logos auf virtuellen Rennwagen, oder es stehen in Action-Spielen real existierende (und zumindest in den USA auch ver käuf liche) Feuerwaffen zur Auswahl.3 Diese enge Verbin dung – die bisher zumeist ohne jede explizite Ankündi gung ent haltener Werbebot schaften erfolgt – er schwert die Erken nung von „realwelt lichen“ werb lichen Botschaften, weil sie sich vollkommen naht los in den virtuellen Spiel rahmen der Rezep- tions situa tion einfügen. In be stimmten Fällen, etwa dort, wo Lizenzen realer Sport veranstal tungen in ein Computerspiel um gesetzt werden (z. B. DFL/Fuß- ball oder DTM/Autoren nen), mag sogar das aus juristi scher Sicht so be deutsame Defini tions kriterium, dass ein werbetreibender Akteur für das Auf tauchen seiner Botschaft Geld bezahlt haben muss (vgl. oben: Teil II), nicht eindeutig nach zuvollziehen sein: Vielleicht tauchen Sponsoren logos auf den Rennwagen auch nur deswegen auf, weil die lizenzgegebende Sport veranstal tung eben authentisch nach gestellt werden sollte oder weil der Lizenzgeber auf diesen Logos be standen hat. Diese „gute Tarnung“ von In-Game-Werbung ist insofern noch weiter zu problematisieren, dass im Ver lauf der Beschäfti gung mit einem ge gebenen Computerspiel potenziell extrem hohe Kontakt zahlen realisiert werden können. Ein fußball begeisterter Junge mag im Ver laufe eines Jahres auf eine dreistellige Anzahl von Spielstunden mit Fußballsimula tionen kommen; innerhalb dieser umfang reichen Spielzeit würde er dann Tausende, wenn nicht Zehntausende von Kontakten mit Banden werbung am virtuellen Spielfeldrand, Sponsoren- logos auf den Spielertrikots und anderen hochintegrierten Formen der In-Game- Werbung realisieren.4 Dazu kommt die hohe Innova tions geschwindig keit und „Arten vielfalt“ gerade von stark integrierten Formen der In-Game-Werbung. Betreiber von Online- Spielen wie „Habbo Hotel“ bieten der werbetreibenden Wirtschaft individuali- sierte Lösungen an, die selbst argwöhni sche Spielerinnen und Spieler immer wieder überra schen sollen – und wie die Befunde der beiden vor gestellten empiri schen Studien nahelegen (vgl. oben: Kapitel III.1 und III.2), auch über- raschen können. Zugleich lässt sich anbieterseitig die Tendenz be obachten, die „schönen neuen“ integrierten Werbeformen in ihrer (Über raschungs- und Über- 3 Vgl. dazu Smith, S. L., Lachlan, K., Pieper, K. M., Boyson, A. R., Wilson, B. J., Tamborini, R. & Weber, R. (2004). Brandishing guns in American media: Two studies examining how often and in what context firearms appear in television and in popular video games. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 48(4), S. 584 ff. 4 Vgl. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medien wirtschaft, 5(1), S. 6 ff. 181 rumpe lungs-)Wirkung nicht zu ge fährden, indem man be sonders offensiv auf sie hinweisen oder über sie diskutieren würde. Vor diesem Hinter grund ist nicht nur aus der Perspektive der recht lichen Gleichbehand lung von In-Game-Werbung mit konven tionellen Werbeformen eine durch gängige Kennzeich nung von Werbung in Computerspielen zu fordern, sondern eben auch aus medien pädagogisch-empiri schen Erwägun gen heraus. Ähnlich wie in der Forschung zu Fernsehwer bung und Kindern5 legen die empiri schen Erkenntnisse aus der Rezep tions forschung und die Betrach tungen der Erschei nungs formen von In-Game-Werbung nahe, dass es gerade bei elegant ein gebundenen (hochintegrierten) Varianten zu einem Konflikt mit den norma- tiven Zielen der Medien pädagogik, etwa dem selbst ständig-bewussten, reflek- tiert-kritischen Umgang mit Werbung kommen kann. Ankündi gungen und/der Kennzeich nungen von In-Game-Werbung könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diesen medien pädagogi schen Konflikt zu ent schärfen. Gerade vor dem Hinter grund der be sonders intensiven Spiel- rezep tion von Kindern würden kommunikative Hilfen beim Ent decken und Einordnen werb licher Botschaften im Spiel kontext einen großen Unter schied aus machen: Weil die Wahrneh mung und kritisch-reflektierte Ver arbei tung von In-Game-Werbung kognitive Ressourcen bindet, die gerade (aber nicht nur)6 bei Kindern in be grenztem Umfang zur Ver fügung stehen, würden Kennzeich- nungen von In-Game-Werbung zu einer notwendigen kognitiven Entlas tung der (jungen) Rezipienten führen und damit die normativ für alle Konsumenten geltende, recht lich zumindest für Kinder bindende „Schutz höhe“ gegen über „schleichender“ Werbung realisieren helfen. IV.1.2.2 Kennzeich nungs formen Wie könnte und wie sollte In-Game-Werbung ge kennzeichnet werden? Vor- schläge für die prakti sche Umset zung der Kennzeich nung lassen sich sowohl aus den recht lichen Vor gaben im Rundfunk bereich herleiten als auch mit Blick auf die vor gestellten empiri schen Befunde speziell zu Kinder-In-Game-Werbung ent wickeln. Zum einen wären Ankündi gungen von in Computerspiele inte- grierten Werbemaßnahmen zu Beginn jedes Nutzungs vorgangs auf dem Bild- schirm denk bar und sicher lich sinn voll. So unter schied lich Computerspiele in ihren Inhalten, Formen, Bezugs wegen und inneren Hand lungs abläufen sind, so haben sie doch eine Form von „Vor spann“, „Start seite“ oder ähnlichem Anfangs zeichen gemeinsam, in die Vorwar nungen an die Nutzer, speziell mit 5 Vgl. z. B. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwerbung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. 6 Vgl. Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008. 182 Blick auf hoch-integrierte Formen der In-Game-Werbung, ein gefügt werden können. Denkbar wären hier unter anderem gut lesbare Texthin weise, standardi- sierte Piktogramme, die beispiels weise gemeinsam mit dem USK-Alters frei- gabe siegel dargestellt werden könnten, oder sogar bild liche Darstel lungen mit Beispiel-Screens hots, die eine im jeweiligen Spiel tatsäch lich vor kommende Werbemaßnahme illustrieren. Derartige vor dem Beginn der Spielnut zung auf- tretende Ankündi gungen von In-Game-Werbung wären ungefähr ver gleich bar mit dem Markie rungs gebot von Werbung im Rundfunk bereich. Für Spiele, die (noch) auf Datenträgern ver breitet werden, könnten solche Ankündi gungen von In-Game-Werbung auch auf Verpac kungen sowie ge druckten Begleitmaterialien (Handbücher, Lizenzcodes etc.) wieder holt werden. Gerade mit Blick auf Kinder wurde im vor liegenden Projekt ein er höhter Unter stüt zungs bedarf bei der Erken nung und Beurtei lung von Werbung in Computerspielen erkannt. Diese Erkenntnisse legen daher nahe, in Computer- spielen „für Kinder“ zusätz liche Hinweise auf In-Game-Werbung zu ver ankern, die über eine einmalige Ankündi gung zu Beginn der Spielesit zung hinaus gehen. Zum einen dauern Spielesit zungen teil weise sehr lange, sodass Informa tionen, die zu Beginn der Nutzung an geboten wurden, leicht in Ver gessen heit geraten können. Zum anderen hat die experimentelle Studie (vgl. oben: Kapitel III.2) Hinweise darauf er bracht, dass die insgesamt be sonders stark involvierte Rezep- tions haltung von Kindern eine dauer hafte, selbst gesteuerte kritische Betrach tung von In-Game-Werbung deut lich er schwert. Deshalb er scheint es an gebracht, Ankündi gungen von In-Game-Werbung zu Beginn jeder Spielnut zung um wei- tere Hinweise während der Spielnut zung zu er gänzen. Dafür wären ver schie- dene Formen denk bar: – In vielen Computerspielen ergeben sich während der Nutzung immer wieder „natür liche“ Unter brechungen, insbesondere kurze Phasen des Stillstands, in denen neue Inhalte („Level“) ge laden werden. In solchen Spielpausen könnte der Hinweis auf das Vor kommen von In-Game-Werbung regelmäßig wieder holt werden (vgl. z. B. eine Illustra tion dieses Vor schlags in Abbil- dung 9). Damit wären für die Spielebetreiber praktisch keine Kosten ver- bunden, und der Hinweis auf Werbung ginge auch nicht zu Lasten von Spielfluss und Spiel vergnügen. – Analog zu den neusten Maß gaben zur Kennzeich nung von Produkt platzie- rungen im Fernsehen durch den Rundfunkstaats vertrag könnten Hinweise auf In-Game-Werbung auch während der laufenden Spielnut zung ein geblen- det werden. Fernsehzuschauer können regelmäßig am Bildschirmrand (rechts oben) den Hinweis „unter stützt durch Produkt platzie rung“ er kennen; ver- gleich bare Hinweise ließen sich auch am Bildschirmrand von Computerspie- len an bringen, und zwar mit automati scher Einblen dung in solchen Momen- ten, in denen eine In-Game-Werbung tatsäch lich zu sehen ist. Die Vor teile 183 der digitalen Erstel lung von Spiel bildern, die In-Game-Werbung anbieterseitig so flexibel und vielfältig machen, lassen sich demnach auch für die ver- läss liche und auf wandsarme Kennzeich nung von Werbung im Spielprozess nutzen (vgl. Abbil dung 10, unten). Zu be denken ist bei solchen Einblen- dungen frei lich, dass sie auf grund der hohen Konzentra tion der Spielerinnen und Spieler auf die zu be wältigenden Spiel aufgaben eine im Ver gleich zum Fernsehen nochmals geringere Chance haben, über haupt ge lesen zu werden.7 Zudem dürften solche regelmäßigen Erinne rungen an Kontexte außerhalb der Spielwelt den zumeist auf Immersion und „Flow“ be dachten Spielern nicht willkommen sein. Die kognitive Ver arbei tung und Akzeptanz solcher dynami schen, während der interaktiven Spielnut zung auf tretenden Hinweise auf In-Game-Werbung müsste demnach zunächst (empirisch) unter sucht werden. – Eine andere Variante der Kenntlichmachung von In-Game-Werbung könnte gerade mit Blick auf Kinder für solche Varianten an geregt werden, die sich als be sonders „gut ge tarnt“ er wiesen haben, also beispiels weise die Nutzung echter Fahrzeugmarken in Autoren nspielen oder die Trikotsponsoren in Fußballsimula tionen. Hier könnten Erklärvideos und/oder interaktive Lern- 7 Vgl. Klimmt, Steinhof & Daschmann 2008. Abbil dung 9: Illustra tion für den Vor schlag, während natür licher Spielpausen (Ladezeiten) Erinne rungen an vor kommende In-Game-Werbung einzu blenden Das Bild zeigt eine Ladepause im Fußball-Simula tions spiel „FIFA 11“ (Electronic Arts); der Hinweis auf Werbung im Spiel wurde von den Autoren ein gefügt, um die Möglich keit der Kenn- zeich nung von In-Game-Werbung zu illustrieren. 184 sequenzen in die Spiele ein gefügt werden, in denen „ein Blick hinter die digitalen Kulissen“ statt findet und Kinder er kennen können, wo sich die gut integrierte Werbung im Spiel ver bergen kann. Solche Videos ließen sich in die Einfüh rungs kapitel (Tutorials) und/oder die interaktive Hilfefunk tion vieler größerer Computerspiele problem los integrieren. Dieser Vor schlag lässt sich konzeptionell ver gleichen mit dem von Hoffmann-Riem, Engels und Schulz (1995) an geregten „Werbeinforma tions spot“, mit dem Kinder beim Fernsehen regelmäßig über Ab sichten, Formen und Inhalte von Unter- brecherwer bung informiert werden sollten.8 Eben eine solche Aufklä rung ließe sich in multimedialer und möglicher weise auch interaktiver Form in Werbung ent haltende Computerspiele einbringen. Freilich würde diese Form der Kennzeich nung be sonders große Auf wände seitens der Spielehersteller be deuten. Allerdings er scheint vor dem Hinter grund der in dieser Studie problematisierten „guten Tarnung“ mancher Formen der In-Game-Werbung und der Schwierig keiten bei der Einschät zung solcher Werbeformen bei Kindern ein derartiger Aufwand nicht nur pädagogisch, sondern auch aus medien recht licher Sicht gerecht fertigt. 8 Vgl. Hoffmann-Riem, Engels & Schulz 1995. Abbil dung 10: Illustra tion für den Vor schlag, während der Spieltätig keit in solchen Momen- ten mit Sicht- oder Hörbar keit von In-Game-Werbung einen Hinweis am Bildschirmrand einzu blenden Das Bild zeigt eine Szene aus „Shift 2: Unleashed“ (Electronic Arts) (vgl. dazu auch Kapitel I.2); der Hinweis auf Werbung im Spiel wurde von den Autoren ein gefügt, um die Möglich keit der Kennzeich nung von In-Game-Werbung zu illustrieren. 185 Während sich einfache Ankündi gungen zu Beginn von Spielnut zungen oder in Lade unterbrechungen für alle Spiele – auch solche mit er wachsenem Ziel- publikum – eignen und dort auch an gebracht wären (vgl. die nach gewiesene Werbewir kung auch für junge Erwachsene in der bisherigen Forschung, Kapi- tel I.3, sowie in der berich teten eigenen Experimentalstudie, Kapitel III.2), sind „ver stärkte“ Formen der Kenntlichmachung wie die (denk bare, aber möglicher- weise un beliebte) laufende Markie rung während der Spielnut zung und multi- mediale Erklärsequenzen insbesondere bei Computerspielen „für Kinder“ wün- schens wert. Zu denken wäre hier somit an alle Werbung ent haltenden Spiele, die sich ent weder explizit an Kinder richten, die durch USK-Einstu fungen für Kinder zumindest freigegeben sind oder aber auf grund des Bezugs weges (z. B. „Free-to-Play“-Internetspiele) für Kinder leicht zugäng lich sind. IV.1.2.3 Strategien zur Erreichung von durch gängigen Kennzeich nungs pflichten Um eine solche einheit liche Kennzeich nungs pflicht zu er reichen, bietet es sich an, die recht lichen Vor gaben ent sprechend zu ändern.9 Dazu ist er forder lich, in einem neu ge fassten § 58 Abs. 1 RStV vorzu sehen, dass alle Formen der kommerziellen Kommunika tion, also Werbung, Produkt platzie rung sowie das in Computerspielen eher fernliegende Sponsoring und Teles hopping, ge kenn- zeichnet werden müssen. Die Durch füh rung dieser Kennzeich nungs pflicht sollte gemeinsamen Satzun gen oder Richtlinien der Landes medien anstalten über lassen werden. Dazu ist es notwendig, eine dem bisherigen § 46 RStV ent sprechende Satzungs ermächti gung in den RStV einzu fügen. IV.1.2.4 Kennzeich nungs selbst verpflich tungen Ein alternativer Weg zur Aus gestal tung rechts verbind licher Vor gaben zur Kenn- zeich nungs pflicht von In-Game-Werbung ist die Erarbei tung einer Selbst ver- pflich tung der Spieleanbieter zu eben solchen Kennzeich nungs maßnahmen. Bislang herrscht in der Industrie die Sicht weise auf In-Game-Werbung als interessantem Generator von Zusatzerlösen oder als Grundlage für innovative Geschäfts modelle vor. Dass mit In-Game-Werbung nach wie vor große regulie- rungs bezogene offene Fragen ver bunden sind, die teil weise unter Mitwir kung und durch Selbst verpflich tungen der Spieleanbieter gelöst werden könnten, wird dagegen nur selten thematisiert. Aus medien pädagogi scher Sicht besteht hier daher ein Fortbil dungs bedarf bei den Kommunikatoren von In-Game- Werbung: Sie sollten für die (wie Kapitel III.2 zeigt gerade bei Kindern offen- 9 Vgl. oben IV.1.1. 186 bar sehr starken) Wirkun gen „ihrer“ Werbetechniken sensibilisiert und in die medien pädagogi sche Auf klä rungs arbeit aktiv einbezogen werden (vgl. auch unten: IV.1.3.3). Aus gehend von Diskussionen mit den Werbung ver breitenden Spieleanbie- tern über Wirkungs potenziale und die mit der Kommunika tion werb licher Botschaften ver bundenen Ver antwor tung könnten daher die Institu tionen der Medien aufsicht und des Jugendmedien schutzes der Spieleindustrie helfen, eine zielfüh rende Selbst verpflich tung zur umfassenden Kennzeich nung von In-Game- Werbung zu erarbeiten und umzu setzen. Die notwendigen techni schen Kompe- tenzen sind in der Ent wickler branche ganz eindeutig vor handen; die Kosten für die Umset zung dürften sich in den meisten Fällen im sehr niedrigen, ver- nach lässig baren Bereich bewegen. Ent scheidend wäre vielmehr, das Problem- bewusstsein der Anbieter zu schärfen, auch indem das Interesse und der wahr- genommene Hand lungs bedarf seitens gesell schaft licher Institu tionen (z. B. der Landes medien anstalten) der Branche deut lich ge macht werden. Die Bereit schaft, an der Kennzeich nung von In-Game-Werbung aktiv und konstruktiv mitzu- wirken und eine Selbst verpflich tung zu installieren, dürfte in der Branche hoch aus geprägt sein; dies lässt sich beispiels weise an ver stärkten Bemühungen um Corporate Social Responsibility bei einzelnen Unter nehmen, gerade aber auch an den vielfältigen Aktivitäten des Bundes verbands Interaktive Unter hal tungs- software (BIU) etwa im Jugendschutz bereich er kennen. Der Ver band wäre auch der ge eignete institutionelle Ansprechpartner, um über Kennzeich nungs- maßnahmen und eine Selbst verpflich tung der Branche ins Gespräch zu kom- men. Während die Vor teile einer Selbst verpflich tung auf der Hand liegen – im Gegen satz zur Ergän zung und Änderung der Rechts rahmen wäre eine solche Strategie auf wandsarm und ver gleichs weise zügig umsetz bar –, darf nicht über- sehen werden, dass im Ausland agierende Unter nehmen, die über das Internet eben falls Werbung ent haltende Spiele in Deutschland anbieten können, ungleich schwerer zu solchen Selbst verpflich tungen zu bewegen wären. Zwar bemühen sich natür lich auch viele „Global Player“ der Online-Spielebranche um soziale Ver antwor tung; doch dürften viele Akteure nur be grenzt Interesse haben, landes- und sprachspezifi sche Kennzeich nungs verpflich tungen einzu gehen. Vielfach sind die mit (kosten freien) Internetspielen zu er zielenden Erlöse in einzelnen Länden sehr be grenzt, sodass eine techni sche Neuerung wie das Anbringen von Hinweisen auf In-Game-Werbung ökonomi sche Ziel konflikte aus lösen könnte. Zudem dürfte im Ausland vielfach das Ver ständnis für den proaktiven und auf große Schutz höhen zielenden Umgang mit Werbung (ins besondere Kinderwer bung) in Deutschland fehlen.10 Und schließ lich wäre es für die gesell- 10 Z. B. Aufenanger 2005. 187 schaft lichen Institu tionen, die an einer flächen deckenden Imple mentie rung von Kennzeich nungs selbst verpflich tungen mitwirken wollen, extrem auf wendig, auch nur die wichtigsten Online-Spieleanbieter, deren Produkte im Ausland be trieben und in Deutschland ge nutzt werden können, aus findig zu machen und zu kontaktieren. Insofern er scheint der Dialog mit der Spieleindustrie über (nationale) Selbst verpflich tungen zur Kennzeich nung von In-Game-Wer bung eine sinn volle Ergän zung zur Erarbei tung von Rechts vorschriften zu Kenn- zeich nungs pflichten. Doch sollte man die be grenzte Reichweite solcher Selbst- verpflich tungen in der internationalen Dimension stets vor Augen haben und keine über mäßig ambitionierten Erwar tungen an diese Strategie knüpfen. IV.1.3 Förde rung der Erken nungs kompetenzen bezüg lich der In-Game-Werbung IV.1.3.1 Medien pädagogi sche Kompetenzförde rung bei den Spielern Neben der Hand lungs option, an den werbetragenden Spielen anzu setzen, leitet sich aus der vor liegenden Studie auch der Bedarf ab, das Wissen und die Fähig keiten der Spielerinnen und Spieler für den kritisch-reflektierten Umgang mit In-Game-Werbung zu be arbeiten. Besonderes Augen merk ver dienen hier natür lich Kinder und Jugend liche. Dabei ist indes fest zustellen, dass die Alters- abhängig keit des Werbe verständnisses kein Spezifikum von In-Game-Werbung ist, sondern beispiels weise auch mit Blick auf die Werbekompetenz beim Fern- sehen lange bekannt ist.11 Insofern steht die Medien pädagogik in konzep tioneller Hinsicht vor teil weise bereits be kannten Heraus forde rungen, und es ist nicht zielführend, die normative Vorgabe eines „perfekten“ Werbe verständnisses für beispiels weise 6-jährige Computerspieler auszu rufen. Vielmehr kann es nur um pragmati sche Ansätze gehen, die Werbekompetenz von Kindern und Jugend- lichen auch mit Blick auf die neuen Heraus forde rungen der In-Game-Werbung inkrementell zu ver bessern und die Rahmen bedin gungen der (kind lichen und jugend lichen) Werberezep tion so zu be einflussen, dass ein selbst bestimmter Um- gang mit In-Game-Werbung und ihren Wirkun gen wahrschein licher wird. Im Bereich der Förde rung von (kind licher und jugend licher) Werbekompe- tenz wird bereits seit Längerem auf die Zielgröße des Werbe verständnisses ab gezielt. Zu er kennen, dass persuasive und kommerzielle Ab sichten hinter 11 Vgl. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, S. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen: Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeitschrift für Medien psychologie, 18(3), S. 94 ff.; vgl. Terlutter, R., & Spielvogel, J. (2010). Einfluss faktoren auf die Ent wick lung der Werbekompetenz bei Kindern. Der Markt, 49(1), S. 17 ff. 188 Werbebot schaften stehen – auch und gerade hinter Botschaften, die interessant, unter haltsam und wenig störend sind –, gehört zu den wichtigsten Inhalten wer bungs bezogener Bildungs arbeit.12 Allerdings ist hier fest zustellen, dass der Fokus lange Zeit auf konven tioneller TV-(Unter brecher-)Werbung lag und die medien pädagogi sche Aufarbei tung neuerer Werbeformen wie Product Placement erst be gonnen hat. Ent sprechend sollten hier die bislang ver folgten Ansätze mit Blick auf neuere Werbeformen ergänzt und „modernisiert“ werden; wobei die starke Verbin dung von In-Game-Werbung mit den sonstigen Spielinhalten sowohl für die Erken- nung von Werbung als auch für die Identifika tion persuasiver Ab sichten größere Heraus forde rungen mit sich bringen dürfte als TV-Spots, die sich ja relativ deut lich vom sie um gebenden Sendeumfeld unter scheiden. Es gilt also, die Er- ken nungs fähig keit und die Fähig keit, kommerziell-persuasive Ab sichten hinter In-Game-Werbung zu fördern, so wie dies für ältere Werbeformen bereits praktiziert wird. Ent sprechend sind die Träger und Förderer der schuli schen und außerschu- li schen Bildungs arbeit darin zu unter stützen, Anschauungs- und vor allem Übungs materialien für den kompetent-verstehenden Umgang mit In-Game- Werbung zu ent wickeln und bereit zustellen. Aus „allgemein-medien pädagogi- scher Sicht“ ist In-Game-Werbung dabei nur eines von mehreren Feldern, bei denen Modernisie rungen er forder lich sind; etwa im Bereich des World Wide Web und der Social Media ergeben sich eben falls regelmäßig Neuerun gen bei Werbetechniken und -strategien, denen genauso Rechnung ge tragen werden muss.13 Speziell für In-Game-Werbung wird es er forder lich sein, Anschauungs- materialien und be gleitende pädagogi sche Handreichungen zusammen zustellen, die der Vielfalt bislang schon be kannter Werbeformen (vgl. oben: I.2) zurei- chende Beach tung schenken und gleichzeitig die Rezipienten perspektive berück- sichtigen, wonach In-Game-Werbung durch aus positive Seiten hat (insbeson dere die Förde rung der Reali täts nähe). Didaktisch wird es vermut lich notwendig sein, interaktive Übungs materialien zu ver wenden, mit denen Kinder und Jugend- liche in „echten“ Spielsitua tionen Erfah rungen mit In-Game-Werbung sammeln und diese zeit gleich und nach gelagert unter Anlei tung reflektieren können. Dazu könnte die im Rahmen des Projekts ent wickelte Beispielsamm lung der Erschei- nungs formen von In-Game-Werbung als nütz licher „Steinbruch“ dienen. Eine solche Aktualisie rung be stehender Werbekompetenz-Konzepte mit Blick auf In-Game-Werbung setzt auch eine „Nachschu lung“ des lehrenden 12 Vgl. z. B. Neuß, N. (2005). Medien pädagogi sche Ansätze zur Stärkung der Ver braucher- und Werbekompetenz. Medien und Erziehung, Heft 1/2005, S. 31 ff. 13 Vgl. z. B. Weinberg, T. (2010). Social Media Marketing. Strategien für Twitter, Facebook & Co. Köln. 189 Personals voraus. Praktisch arbeitende Medien pädagogen bilden sich ohnehin regelmäßig fort; ent sprechende Ver anstal tungen können und sollten für die Präsenta tion und Diskussion ent sprechender Materialien und Ansätze (ein- schließ lich der im Rahmen dieses Projekts zusammen getragenen Erkenntnisse) ge nutzt werden. Dagegen dürfte für die schuli sche Medien kompetenzarbeit, soweit sie nicht von Lehrkräften mit Medien-Schwerpunkt und/oder mit zurei- chender Fach unterstüt zung etwa von Medien kompetenz vereinen und -netz- werken be trieben wird, mehr Aufwand vonnöten sein, um eine Ver anke rung neuster Werbeformen wie eben In-Game-Werbung herbei zuführen.14 Gerade hier sind an schau liche Materialpakete mit eleganten Handreichungen für die Unter richtspla nung und -durchfüh rung vonnöten, damit der relativ be scheidene Raum, der im Schul bereich in Medien kompetenz-Fragen investiert werden kann, auch effizient mit Blick auf neuste Werbeformen ge nutzt wird. Dabei dürfte es sich als nutzbringend er weisen, die Begeiste rung vieler Kinder und Jugend licher für Computerspiele didaktisch auszu nutzen.15 Insgesamt er scheint es nicht notwendig, für die medien pädagogi schen Heraus forde rungen, die In-Game-Werbung mit sich bringt, völlig neue Pro- gramme oder Maßnahmen zu ge stalten. Dies dürfte aus schließ lich mit Blick auf die problemati sche Sachlage bei der Regulie rung und der Anwend bar keit von Rechts rahmen der Fall zu sein. Vielmehr reiht sich in medien pädagogi- scher Hinsicht der Fall In-Game-Werbung in die Reihe der vielen „neuen“ Werbeformen ein, denen Werbekompetenzförde rung heute und in Zukunft stärker gerecht werden sollte. Aktualisie rung der Curricula und Modernisie rung der Instruk tions materialien sind daher die ge botenen Strategien. IV.1.3.2 Einbeziehung der Eltern in die Werbekompetenzarbeit Eltern spielen für den Aufbau vor allem kind licher, teil weise auch jugend licher Medien kompetenzen eine wichtige Rolle. Dies gilt auch und gerade für den kompetenten Umgang von Kindern mit Werbung, wie beispiels weise Buijzen und Valken burg (2005) auch empirisch zeigen konnten.16 Daher ist es medien- pädagogisch von großer Bedeu tung, die Wissens basis über relevante Themen bei Eltern zu ver bessern und gleichzeitig die Bereit schaft zur aktiven Medien- beglei tung von Kindern zu fördern. Ent sprechende Ansätze wurden früher vor 14 Vgl. Gysbers, A. (2008). Lehrer – Medien – Kompetenz : eine empiri sche Unter suchung zur medien pädagogi- schen Kompetenz und Performanz nieder sächsi scher Lehrkräfte. Berlin. 15 Vgl. z. B. Klimmt, C. (2010). Computerspiele als Bildungs werkzeug: Spielspaß, Game-Based-Learning und „das medien feind liche Bewusstsein der Pädagogen“. In P. Bauer, H. Hoffmann & K. Mayrberger (Hrsg.), Medien pädagogik im Fokus – Aktuelle Forschungs- und Hand lungs felder (Fest schrift für Stefan Aufenanger) (S. 248 ff.). München. 16 Vgl. Buijzen, M. & Valkenburg, P. M. (2005). Parental mediation of undesired advertising effects. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 19(2), S. 153 ff. 190 allem im TV-Bereich ver folgt17 existieren aber auch längst für die Online- Kommunika tion18 und auch für den Gebrauch von Computerspielen.19 Speziell für In-Game-Werbung sind indes keine spezifi schen Ansätze und Begleit studien bekannt. Vor dem Hinter grund der enormen Beliebt heit gerade werbeaffiner Spielgenres (Sportspiele im Besonderen) bei Kindern und Jugend lichen und der wachsenden Bedeu tung preis günstiger (oder auch kosten loser, da werbe- finanzierter) Spieltitel wäre es demnach an gezeigt, die Medien-Elternbil dung ebenso wie die medien pädagogi sche Arbeit mit Kinder und Jugend lichen selbst (s. o.) zu modernisieren. Initiativen wie die multiplikatoren orientierte Fort- bildungs reihe „Eltern Medien Trainer“ der Landes stelle Jugendschutz Nieder- sachsen oder das Netz werk „Eltern Medien Jugendschutz“ der Arbeits gemein- schaft Kinder- und Jugendschutz Landes stelle Nordrhein-West falen stellen nutz bare Platt formen für solche Aktualisie rungen der medien kompetenz bezo- genen Elternarbeit dar. Hier ist natür lich eben falls eine realisti sche Zielset zung vonnöten. Die thema- ti schen An gebote werden erfah rungs gemäß nur von einem Bruchteil der Eltern- schaft ge nutzt; vielfach findet kind licher und gerade jugend licher Ge brauch neuer Medien (einschließ lich der Nutzung werbehaltiger Computerspiele) ohne prozessuale und/oder edukative Beglei tung von Eltern statt, die über Fragen der modernen Werbekompetenz im Bilde sind. Dies wird sich auch auf lange Sicht an gesichts der ohnehin immer komplizierter werdenden Umstände und wachsenden Anforde rungen an „ge lingende“ Kindes erziehung kaum ändern. Auch wenn In-Game-Werbung auf grund der Popularität ihres Träger mediums und ihres erheb lichen „Tarnungs“-Potenzials große gesell schaft liche und damit auch medien pädagogi sche Relevanz besitzt, dürfte aktive Werbekompetenzarbeit in der Prioritäten liste der Eltern schaft auch auf Dauer einen nach geordneten Rangplatz einnehmen. Dies ist jedoch nicht problematisch, weil eine Ver ringe- rung der Kompetenzdefizite in Bezug auf In-Game-Werbung gemäß der hier vor gestellten Forschungs befunde nicht un bedingt riesiger Anstren gungen bedarf. Eltern müssen in aller Regel eben nicht „bei Null anfangen“, wenn es um die Sensibilisie rung für neue Werbeformen geht. Vielmehr würden einige (wenige) elter liche Impulse zur Erken nung und Reflexion von (hochintegrierter) In-Game- Werbung vermut lich bereits einen großen Unter schied für den kompetenten Umgang jenes Anteils der Spieler schaft machen, der in den vor liegenden Unter- suchungen noch Ver ständnis defizite auf weist. Ent sprechend würde es sich 17 Z. B. für TV-Werbung: Robertson, T. S. (1979). Parental mediation of television advertising effects. Journal of Communication, 29(1), S. 12 ff. 18 Vgl. Livingstone, S. & Helsper, E. J. (2006). Does advertising literacy mediate the effects of advertising on children? A critical examination of two linked research literatures in relation to obesity and food choice. Journal of Communication, 56(3), S. 560 ff. 19 Vgl. Nikken, P. & Jansz, J. (2006). Parental mediation of children’s videogame playing: A comparison of the reports by parents and children. Learning, Media and Technology, 31(2), S. 181 ff. 191 lohnen, Informa tions angebote (Ver anstal tungen) und -materialien für Eltern zur In-Game-Werbung zu ent werfen und zu ver breiten. IV.1.3.3 Einbeziehung der Spieleanbieter in die Werbekompetenzarbeit Die medien pädagogi schen Bemühungen um die gat tungs spezifi sche Werbe- kompe tenz sollten unter Einbeziehung der werbetreibenden Spieleanbieter realisiert werden. Denn für jene Firmen, die mit In-Game-Werbung Erlöse er zielen, sollte die Mitwir kung an der schuli schen oder außerschuli schen Werbe kompetenzarbeit zum Teil ihrer wahrgenommenen Corporate Social Responsibility ge hören. Im Kontext der (allgemeinen) Werbekompetenzförde- rung sind hier solche unter nehmeri schen Beiträge ge meint, die über die frei- willige oder recht lich ge forderte Kennzeich nung von Werbung in den Spielen selbst hinaus gehen. Gemeinsam mit medien pädagogi scher Forschung und Erfah rung sollten Anbieter von In-Game-Werbung an didaktisch ge eigneten Ver fahren zur Auf- klä rung über In-Game-Werbung be teiligt sein. Gemeinsame Arbeits gruppen von Praktikern der Medien pädagogik, akademi scher Spieleforschung und Ver- tretern der Spielebranche könnten die Modalitäten solcher Maßnahmen – von Packungs beilagen für Kinder und Eltern bis hin zu Demo-Videos, die den be liebten Spielezeitschriften beiliegen – ent wickeln. Solche Aufklä rung über die Formen und Inten tionen von In-Game-Werbung, die von der Spielebranche selbst an die Spieler kommen, wären aus medien pädagogi scher Sicht be sonders wertvoll. Denn die Branche ver fügt über große Glaubwürdig keit und großes Ver trauen bei den Spielern. Damit wären ihre Hilfestel lungen beim kompetenten Umgang mit In-Game-Werbung nicht mit dem Ver dacht der (elter lichen oder pädagogi schen) „Bevor mun dung“ be lastet, der jeder schuli schen und elter lichen Ver mitt lungs maßnahme anhaftet. Zudem ver fügen die Spieleanbieter über das best mögliche Anschauungs material, um Erschei nungs formen und Funk tions- weisen von In-Game-Werbung (auch beispiels weise von komplexen Formen wie dynamisch wechselnder, personalisier barer Werbung in Online-Games) erfahr bar zu machen. Daher sollten die um die Förde rung von Medien kompetenz be mühten Institu- tionen den Dialog mit der Spielebranche suchen, um kooperative Modelle der Aufklä rung über In-Game-Werbung zu beraten. Der Bundes verband Interaktive Unter hal tungs software wäre auch für diese Strategie der ge eignete Gesprächs- partner in Deutschland. 192 IV.1.4 Maßnahmen in Bezug auf den Daten schutz bei personalisierter In-Game-Werbung IV.1.4.1 Transparenz gebote für Spielebetreiber Neben der Ver schleie rung von Werbeabsichten und der „schleichenden“ Darbie- tung werb licher Botschaften bedarf die recht liche Handha bung von In-Game- Werbung auch eines Instrumentariums zum Umgang mit Fragen des Daten- schutzes. Zwar ist un bekannt, in welchem Ausmaß die werbetreibenden Spiele anbieter von den Möglich keiten der Informa tions samm lung über Spiele- rinnen und Spieler zum Zweck der Profiler stel lung und profil basierten Werbe- personalisie rung Gebrauch machen. Doch ist das Spektrum der Möglich keiten in diesem Bereich so groß (vgl. oben: Kapitel I.2), dass eine ver schärfte und sank tions bewehrte Form des Transparenz gebots für Werbung transportierende Spieleanbieter sinn voll er scheint. Hier be stehen direkte Bezüge zu den daten- schutz recht lichen Überle gungen in Bezug auf Online-Werbung20 denn auch hier steht die informationelle Selbst bestim mung der Nutzer im Span nungs feld mit den Möglich keiten und Chancen der personalisierten Werbekommunika- tion. Im Hinblick darauf, dass die Ver mark tung von persön lichen Daten ein lukrativer Markt ist und gerade durch die neuen Misch formen im Internet große Unsicher heit bezüg lich der tatsäch liche Erhebung, Verwen dung und Weiter gabe von persön lichen Daten besteht, wäre es eine empfehlens werte Maßnahme, eine unabhängige Prüfstelle einzu richten, die den Umgang von Unter nehmen bzw. Anbietern von Telemedien mit persön lichen Daten ihrer Nutzer be urteilt. IV.1.4.2 Medien pädagogi sche Förde rung der Daten schutz-Kompetenz bei Spielern Ähnlich wie bei der Thematik der Erken nungs fähig keit von (hochintegrierter) In-Game-Werbung empfiehlt es sich, auch beim Daten schutz das Wissen und die Umgangs fertig keiten der Nutzerinnen und Nutzer zu schulen. Um seine Rechte auf informationelle Selbst bestim mung und Nicht-Verwen dung personen- bezogener Nutzer daten wahrnehmen zu können, sollten gerade Jugend liche und Eltern von computerspielenden Kindern über die techni schen Möglich- keiten (soweit diese bekannt und darstell bar sind) unter richtet werden. Medien- 20 Vgl. z. B. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online-Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunika tion@Gesell schaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www. soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (zuletzt ab gerufen am 25. 6. 2011). 193 pädagogi sche Bemühungen existieren in dieser Hinsicht bereits, vor allem mit Blick auf das Privacy-Management in Sozialen Netz werken.21 Aus gehend von diesen schon verfüg baren Grundlagen sollte das medien- pädagogi sche Themen curriculum zu In-Game-Werbung um den Aspekt des kritischen Umgangs mit dem Daten schutz ergänzt werden. Gerade Kinder und Jugend liche sollten zur Reflexion darüber an geleitet werden, dass eine Online- Verbin dung für Computerspiele nicht nur für den Bezug der Software oder den Spiel betrieb auf einem Server notwendig sein kann; die mit der Netzanbin- dung einher gehenden Möglich keiten zur Sammlung und Verwer tung personen- bezogener Daten sollten eben falls ins Bewusstsein gerückt werden. Vielen Intensivspielern sind solche nicht dem eigent lichen Spielzweck dienenden Ver- wen dungen von Online-Verbin dungen bereits bekannt, denn eine Reihe be- sonders auf wendiger Titel ver langt eine permanente Internet verbin dung, um Raubkopien zu unter binden. Hier be stehen also auch gegen stands bezogene Anknüp fungs punkte, auf die eine medien pädagogi sche Förde rung der Daten- schutz kompetenz zugreifen könnte. Weil die Sammlung und Verwen dung von Spielerdaten im Rahmen dynami- scher, personalisierter In-Game-Werbung „im Ver borgenen“ abläuft be ziehungs- weise ab laufen kann, dürften insbesondere Kinder auf Unterstüt zung im Um- gang mit der möglichen Daten abschöp fung an gewiesen sein. Zwar wurde dieser Aspekt in den hier berich teten Studien nicht empirisch unter sucht; doch liegt es nahe, dass die komplexe Materie und die „Unsicht bar keit“ des Vor gangs eine Beglei tung durch die Eltern er forder lich macht. Insofern sollte die oben bereits an gesprochene Einbeziehung der Eltern in den Aufbau game-bezogener Werbe- kompetenz auch den Aspekt des Daten schutzes einschließen. Beispiels weise sollten Eltern dabei unter stützt werden, mit ihren Kindern solche Online-Spiele- platt formen auszu wählen, die sich zu einem transparenten und nicht-offensiven Umgang mit den Daten ihrer Nutzer (auch und gerade für Werbezwecke) ver- pflichtet haben. Da Kinder häufig eine Präferenz für kosten freie Online-Spiele be sitzen, sollten Eltern über das mögliche Problem der „Daten samm lung im Hinter grund“ auf geklärt werden. 21 Vgl. Schmidt, J., Lampert, C. & Schwinge, C. (2010). Nutzungs praktiken im Social Web – Impulse für die medien pädagogi sche Diskussion. In Bardo Herzig, Dorothee M. Meister, Heinz Moser & Horst Niesyto (Hrsg.), Jahrbuch Medien pädagogik 8 (S. 255 ff.). Berlin. 194 Literatur Buijzen, M. & Valken burg, P. M. (2005). Parental mediation of undesired advertising effects. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 19(2), S. 153 ff. Charlton, M., Neumann-Braun, K., Aufenanger, S., Hoffmann-Riem, W. et al. (1995). Fernsehwer bung und Kinder: Das Werbeangebot in der Bundes republik Deutschland und seine Ver arbei tung durch Kinder. Opladen. Gysbers, A. (2008). Lehrer – Medien – Kompetenz: Eine empiri sche Unter suchung zur medien pädagogi schen Kompetenz und Performanz nieder sächsi scher Lehrkräfte. Berlin. Klimmt, C. (2010). Computerspiele als Bildungs werkzeug: Spielspaß, Game-Based-Learn- ing und „das medien feind liche Bewusstsein der Pädagogen“. In P. Bauer, H. Hoff- mann & K. Mayrberger (Hrsg.), Medien pädagogik im Fokus – Aktuelle Forschungs- und Hand lungs felder (Fest schrift für Stefan Aufenanger) (S. 248 ff.). München. Klimmt, C., Steinhof, C. & Daschmann, G. (2008). Werbung in Computerspielen: Die Bedeu tung von Interaktivität für die kognitive Werbewir kung. Medienwirtschaft, 5(1), S. 6 ff. Livingstone, S., & Helsper, E. J. (2006). Does advertising literacy mediate the effects of advertising on children? A critical examination of two linked research literatures in relation to obesity and food choice. Journal of Communica tion, 56(3), S. 560 ff. Neuß, N. (2005). Medien pädagogi sche Ansätze zur Stärkung der Ver braucher- und Werbekompetenz. Medien und Erziehung, 1/2005, S. 31 ff. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, S. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen: Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeit- schrift für Medienpsychologie, 18(3), S. 94 ff. Nikken, P. & Jansz, J. (2006). Parental mediation of children’s videogame playing: A comparison of the reports by parents and children. Learning, Media and Technology, 31(2), S. 181 ff. Robertson, T. S. (1979). Parental mediation of television advertising effects. Journal of Communication, 29(1), S. 12 ff. Röhle, T. (2007). „Think of it first as an advertising system“: Personalisierte Online- Suche als Datenlieferant des Marketings. Kommunikation@Gesellschaft, 8, Beitrag 1. Zu be ziehen über: www.soz. uni-frankfurt.de/K.G/B1_2007_Roehle. pdf (03.5.2011). Schmidt, J., Lampert, C. & Schwinge, C. (2010). Nutzungs praktiken im Social Web – Impulse für die medien pädagogi sche Diskussion. In Bardo Herzig, Dorothee M. Meister, Heinz Moser & Horst Niesyto (Hrsg.), Jahrbuch Medien pädagogik 8 (S. 255 ff.). Berlin. Smith, S. L., Lachlan, K., Pieper, K. M., Boyson, A. R., Wilson, B. J., Tamborini, R. & Weber, R. (2004). Brandishing guns in American media: Two studies examining how often and in what context firearms appear in television and in popular video games. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 48(4), S. 584 ff. Terlutter, R., & Spielvogel, J. (2010). Einfluss faktoren auf die Ent wick lung der Werbe- kompetenz bei Kindern. Der Markt, 49(1), S. 17 ff. Weinberg, T. (2010). Social Media Marketing. Strategien für Twitter, Facebook & Co. Köln. 195 IV.2 Resümee und Aus blick Christoph Klimmt & Alexandra Sowka In diesem Band wurde das Phänomen In-Game-Werbung aus ver schiedenen Perspektiven intensiv be trachtet. Dabei ist sowohl die Vielschichtig keit ihrer Erschei nungs formen als auch eine große Bandbreite an offenen Fragen und gesell schaft lichen, aber auch wissen schaft lichen Heraus forde rungen zutage ge- treten. Mit Blick auf die systemati sche Beschrei bung von In-Game-Werbung ist zu resümieren, dass es sich um ein undank bares Studien objekt handelt: Die Vielfalt der Gestal tungs möglich keiten zwischen Interaktivität und Multimedia ist be merkens wert, die techni sche und kreative Dynamik enorm. Vor diesem Hinter grund war es nicht an gezeigt, eine Art botani sche Sammlung der exis- tierenden Arten und Unter arten von In-Game-Werbung anzu legen. Vielmehr wird ein systemati scher – wissen schaft licher wie gesell schaft lich-politi scher – Zugriff auf In-Game-Werbung nur möglich, indem ein dimensionaler Beschrei- bungs rahmen zugrunde gelegt wird: Er ent hält ge wissermaßen die ent schei- denden Fragen, die für die Klassifika tion einer ge gebenen Form der Werbung in Computerspielen zu be antworten sind, etwa zur audiovisuellen und inter- aktiven Gestal tung der Werbebot schaft oder zur Frage der Verwen dung von Nutzer daten in der Werbe ausliefe rung (Targetting). Mit diesem Beschrei bungs- rahmen steht ein Werkzeug zur Ver fügung, das sowohl die recht liche als auch gesell schaft lich-prakti sche Auseinander setzung unter Einbezug der Spiele- branche er leichtern kann. Die juristi sche Analyse (Teil II) hat ge zeigt, dass Computerspiele als „Parade- beispiel“ für Medienkon vergenz mit Hilfe der be stehenden Regulie rungs instru- mente, beispiels weise des Rundfunkstaats vertrags, nur schwer zu fassen sind. Bei allen Erschei nungs formen kommerzieller Kommunika tion ist aber stets er forder lich, dass diese als solche erkenn bar sind. Erfolgt also keine aus rei- chende Kennzeich nung, die sicherstellt, dass der Rezipient sich des werb lichen Charakters bewusst wird, liegt ein Ver stoß gegen geltendes Recht vor. Das geltende Recht weist aber in materieller Hinsicht Unklar heiten und hinsicht lich der Durch setz barkeit deut liche Schwächen auf. Die Expertise hat sehr deut lich 196 ergeben, in welchen Bereichen Hand lungs bedarf besteht, um zum einen den Akteuren der In-Game-Werbung ver läss liche Rahmen bedin gungen zu schaffen, zugleich aber die Einhal tung von für konventionelle Medien werbung und „kom- merzielle Kommunika tion“ etablierten Standards, insbesondere den Tren nungs- grundsatz, erfolg reich über wachen und einfordern zu können. Ent sprechend hat die Analyse einen nicht unerheb lichen Bedarf ergeben, be stehende Vor- schriften in einer Weise zu ändern bzw. zu über arbeiten, die sowohl der werbe- treibenden Spielindustrie als auch den Auf sichtsinstitu tionen Orientie rung bieten kann. Damit soll auch sicher gestellt werden, dass ein gerechter Aus gleich zwi- schen den Interessen der werbetreibenden Wirtschaft und dem Ver braucherschutz herbei geführt wird. Die konkreten Ände rungs vorschläge (Ab schnitt IV.1.1) beruhen auf einer fundierten juristi schen Bestands aufnahme der für die In-Game-Werbung gegen wärtig geltenden Bestim mungen. Sie dokumentieren, wie groß die Regulie rungs- und Ordnungs defizite bei dieser Werbeform derzeit noch sind. In ähnlicher Weise haben die kommunika tions wissen schaft lichen Studien im Rahmen des Projekts (Teil III) auf gezeigt, dass gerade Kinder und Jugend- liche, nach wie vor die Bevölke rungs gruppe mit der größten Computer spiele- begeiste rung, zwar vielfach In-Game-Werbung auf Nachfrage er kennen und „durch schauen“. Zugleich er wiesen sie sich aber auch als anfällig für die Wir- kun gen von In-Game-Werbung, ein Teil der Befragten und Ver suchspersonen zeigte zudem Defizite im souveränen Umgang speziell mit hochintegrierten Formen wie beispiels weise interaktiven In-Game-Placements. Die Studien ver- kleinern damit eine normativ be sonders dring liche Lücke in der bisherigen Forschung zu In-Game-Werbung, die sich zuvor aus nahms los auf junge Erwach- sene als spielende Zielgruppe konzentriert hatte. Ent sprechend lassen sich auf die Ergebnisse des kommunika tions wissen schaft lichen Projekt teils eben falls wichtige Hand lungs empfeh lungen gründen, die sowohl bei der medien pädagogi- schen Praxis als auch bei der Spieleindustrie ansetzen. Politik und Medien pädagogik sind gleichermaßen auf gerufen, sich der Heraus forde rung durch In-Game-Werbung zu stellen. In welche Richtung diese Initiativen weisen sollten, wurde im voran gegangenen Kapitel (IV.1) vor gestellt: Die Ver einheit lichung der Rechts vorschriften, die Einfüh rung von Kennzeich- nungs pflichten (und -selbst verpflich tungen), die Förde rung der Werbekompetenz und die Ver besse rung des Daten schutzes und des Daten schutz bewusstseins bei Anbietern und Spielern sind die zentralen Empfeh lungen, die aus dem vor lie- genden Forschungs projekt er wachsen. Politik und Medien pädagogik sind gut beraten, den Dialog mit den Akteuren hinter der In-Game-Werbung zu suchen und diese auch in die Pflicht zu nehmen, wenn es etwa um Kennzeich nungs- maß nahmen oder auch die Ausstat tung modernisierter Werbekompetenz-An- sätze geht. Gerade vor dem Hinter grund, dass immer neue, technisch aus gefeilte und noch besser „ge tarnte“ Formen der In-Game-Werbung das be stehende 197 Repertoire (Kapitel I.2) er gänzen werden, ist es ge boten, die Industrie aktiv mit medien pädagogi schen Erforder nissen, aber auch mit den medien recht lichen Rahmen bedin gungen zu konfrontieren und eine Mitwir kung an der rezipienten- freund lichen Aus gestal tung sowie Rahmung von In-Game-Werbung zu ver- langen. Die Akteure der Medien aufsicht und -beobach tung (einschließ lich der Landes anstalt für Medien NRW) sind auf gerufen, bei der Weiter verfol gung des Themas In-Game-Werbung den Trialog zwischen Industrie, Medien päda- gogik und Medien politik zu stimulieren und auf die wesent lichen Fragen zu lenken. Die in diesem Bericht zusammen getragenen Erkenntnisse können hier- für sowie für die Aus gestal tung regulie rungs bezogener und werbekompetenz- bezogener Maßnahmen wertvolle Anregun gen liefern. Gerade die Landes- medien anstalten mit ihren zentralen Auf gaben im Bereich der Medien aufsicht und der Beobach tung von Medien entwick lungen können und sollten eine Vor- reiter rolle dabei einnehmen, die Politik bei der recht lichen Handha bung von In-Game-Werbung, insbesondere bei der Ver einheit lichung von Rechts vorschrif- ten und bei der Realisa tion von Kennzeich nungs- und Daten schutz verpflich- tungen zu unter stützen. Zugleich kommt der kommunika tions wissen schaft lichen und medien pädago- gi schen Forschung die Aufgabe zu, die hier be gonnenen Ansätze weiter zuver- folgen. Denn aus den hier zusammen getragenen Erkennt nissen lässt sich eine Reihe von Anschluss fragestel lungen ab leiten, die hier nur kurz benannt werden: – Recht liche Handha bung von In-Game-Werbung in anderen Ländern und im europäi schen Kontext: Die im vor liegenden Band an gestellten Betrach- tungen be rücksichtigen bereits europarecht liche Vor gaben. Ver gleiche mit den geltenden Vor schriften in anderen Nationalstaaten sowie eine Zukunfts- perspektive für eine europaweit einheit liche (oder zumindest konvergierende) Regulie rung ver bleiben indes als nach folgende Fragestel lungen. Hier ergeben sich ent sprechend rechts wissen schaft liche Anschluss perspektiven, die mittel- fristig auch wieder den politisch-gesell schaft lichen Umgang mit In-Game- Werbung in Deutschland be treffen könnten. – Prävalenz von ver schiedenen Varianten der In-Game-Werbung: Auf grund der Vielfalt der Erschei nungs formen stellt eine quantitative Unter suchung, welche Varianten der In-Game-Werbung wie häufig ein gesetzt werden, eine enorme empirisch-methodi sche Heraus forde rung dar. Als „be sonders inter- aktives“ Medium sind objektive, reliable und damit valide Inhalts analysen bei Computerspielen be sonders schwierig.1 Zudem wäre die Benen nung der Grundgesamt heit und die Ziehung einer aus sagekräftigen Stichprobe an- 1 Vgl. Klimmt, C., Vorderer, P. & Ritterfeld, U. (2007). Interactivity and generalizability: New media, new challenges. Communication Methods and Measures, 1(3), S. 169 ff. 198 gesichts der Bandbreite der Spielangebote (offline, online, Misch formen, Brows erspiele etc.) und der hohen Dynamik im Markt (neue An gebote er- scheinen täglich, andere ver schwinden wieder) eben falls mit hohen Anforde- rungen ver bunden. Gleichwohl wäre es lohnend, die hier erarbeitete Be- schrei bungs systematik für eine inhalts analyti sche Prävalenz untersuchung zu nutzen. Denn damit würden die Annahmen der weiten Ver brei tung von In-Game-Werbung auf solide empiri sche Grundlagen ge stellt und zugleich eine Orientie rung darüber geschaffen, welche Formen der In-Game-Werbung – nämlich die ge bräuch lichsten Formen oder diejenigen, die be sonders bei kinder affinen Genres auf treten – am ehesten der medien recht lichen und medien pädagogi schen Aufarbei tung be dürfen. – Entwick lungs psychologie der In-Game-Werbekompetenz: Weil Computer- spiele auch in Zukunft einen zentralen – wenn nicht den zentralen – Platz im Unter hal tungs port folio junger Menschen einnehmen werden, sollte auch die hier be gonnene Forschung zu Alters unterschieden im Umgang mit In-Game-Werbung weiter geführt werden. Der Ver gleich von 11- bis 13-jähri- gen Spielern mit jungen Erwachsenen könnte fort gesetzt werden, indem die gesamte Alters spanne vom Vor schulalter bis zum Senioren alter in der Rezep- tions analyse be rücksichtigt wird. Ähnlich wie in der Forschung zu TV-Wer- bung2 und könnte so ein ent wick lungs psychologisch fundiertes Modell des Kompetenzerwerbs bezüg lich In-Game-Werbung ent stehen, das wiederum die Medien regulie rung und die medien pädagogi sche Praxis mit wichtigem Wissen für die alters spezifi schen Handha bungs strategien ver sorgen würde. – Begleit forschung zu medien pädagogi schen Interven tionen: Auch die im vorliegenden Band erarbei teten Vor schläge für Inhalte und Strategien des medien pädagogi schen Umgangs mit In-Game-Werbung be dürften der wissen schaft lichen Beglei tung. Anschluss fragestel lungen be ziehen sich hier auf die Ermitt lung bereits be stehender Aktivitäten etwa von Ver einen und Initiativen zur Förde rung von Medien kompetenz sowie auf die be gleitende Evalua tion von neuen medien pädagogi schen Curricula und Ver mitt lungs- strategien im Bereich der In-Game-Werbung. Zum Ab schluss soll der Blick noch einmal auf die Spieler selbst gerichtet werden. Ver schiedene Institu tionen, die sich mit Werbung be schäftigen, wurden bereits erwähnt und zum Handeln auf gefordert. Doch was ist mit Blick auf die Nutzer und Adressaten von In-Game-Werbung zu sagen, nämlich die Spieler? Zunächst einmal ist ihre auch in den berich teten Studien mehrfach be obachtete positive Grundhal tung zu In-Game-Werbung zu respektieren. Die vor gestellten Hand lungs empfeh lungen sollten daher keines falls als grundsätz liche Ableh nung 2 Z. B. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, S. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen: Experimentelle Methoden zur Erfassung der Verstehensleistung von Kindern. Zeitschrift für Medienpsychologie, 18(3), S. 94 ff. 199 von In-Game-Werbung miss verstanden werden. In-Game-Werbung ist im Grundsatz legitim und stößt auch auf Akzeptanz bei den Spielern. In manchen Fällen trägt In-Game-Werbung auch zum Spielspaß bei, weil sie dem Spiel- geschehen mehr Authentizität ver leiht. Insofern sehen Spieler in der In-Game- Werbung durch aus einen Nutzen. Traditionell sind „Gamer“ auch ein kritisches Publikum, das seine Vor behalte gegen „schlechte“ Neuerun gen durch aus zu artikulieren weiß und dabei auf Anbieter trifft, die solche Kritik in der Regel sehr ernst nehmen. Dieser optimisti schen Sicht auf die Souveränität der Nutzer – auch in ihrem positiven Urteil über In-Game-Werbung – stehen allerdings die auf gezeigten Probleme hoch-integrierter Werbeformen ent gegen. Außerdem ist die Tatsache zu be denken, dass eine zunehmende Bandbreite von Erlös- modellen in der Spielebranche weg geht vom klassi schen Laden verkauf und hinschwenkt zu Online-Erlösen einschließ lich Werbung und In-Game-Place- ments. „Casual Games“, „Browser Games“ und „Free-to-Play“ sind die Schlag- worte dieses Trends, die zahl reichen Spielern – gerade jungen Spielern mit geringen Budgets, die sie für Computerspiele aus geben können – sehr ent- gegen kommen. In dem Maße, in dem sich Computerspiele und die Werbung in ihnen weiter entwickeln und aus breiten, ist daher die Frage nach der Souverä- nität und Kompetenz der Spieler im Umgang mit In-Game-Werbung regelmäßig neu zu stellen – und zwar nicht, um die Spieler zu bevor munden, sondern um ihnen zu helfen, etwaige kommunikative Nachteile gegen über raffinierten und „ver borgenen“ Varianten dieser noch immer im Wandel befind lichen Werbeform auszu gleichen. 200 Literatur Klimmt, C., Vorderer, P. & Ritterfeld, U. (2007). Interactivity and generalizability: New media, new challenges. Communication Methods and Measures, 1(3), S. 169 ff. Nieding, G., Ohler, P., Bodeck, S. & Werchan, A. (2006). Werbung im Fernsehen: Experimentelle Methoden zur Erfas sung der Ver stehens leis tung von Kindern. Zeit- schrift für Medien psychologie, 18(3), S. 94 ff. 201 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbil dung 1: Symbol hafte Werbeobjekte in einem Computerspiel („Empire of Sports“) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Abbil dung 2: Online ver breitete Variante von In-Game-Werbung . . . . . . . 28 Abbil dung 3: Dynamische In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Abbil dung 4: Beispiel für Werbetyp „Virtuelles Product Placement“ . . . . . 34 Abbil dung 5: Screens hots aus dem Autoren nspiel „DTM Race Driver III“ . . 156 Abbil dung 6: Ver gleich der aggregierten freien Erken nungs leis tung (Recall) der im Compu ter spiel be worbenen Marken zwischen Schülern und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Abbil dung 7: Ver gleich der aggregierten Wieder erken nungs leis tung der im Computerspiel be worbenen Marken zwischen Schülern und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Abbil dung 8: Ver gleich der experimentell variierten Spielerperspektive und der Alters grup pen hinsicht lich ihrer freien und ge stützten Erinne rung (Recall /Recogni tion) . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Abbil dung 9: Illustra tion für den Vor schlag, während natür licher Spielpausen (Ladezeiten) Erinne rungen an vor kommende In-Game-Werbung einzu blenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Abbil dung 10: Illustra tion für den Vor schlag, während der Spieltätig keit in solchen Momen ten mit Sicht- oder Hörbar keit von In-Game- Werbung einen Hinweis am Bildschirmrand einzu blenden . . . 184 Tabellen Tabelle 1: Systematisie rung von In-Game-Werbung . . . . . . . . . . . . . . . 25 Tabelle 2: Alter und Geschlecht der Interviewten . . . . . . . . . . . . . . . . 139 Tabelle 3: Erinne rungs häufig keiten (Recall) für die zehn im Spiel vor kommenden Marken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Tabelle 4: Wieder erken nungs häufig keiten (Recogni tion) für die zehn im Spiel vor kommenden Marken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 202 Tabelle 5: Erinne rungs häufig keiten (Recall /Recogni tion) in den experimentellen Gruppen (Cockpit-/Ver folger-Perspektive) und im Ver gleich der unter suchten Alters grup pen . . . . . . . . . . . . . 164 Tabelle 6: Erken nung von Werbung auf einem Screen shot aus dem Spiel „DTM Race Driver III“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Tabelle 7: Urteile der Teilnehmer über In-Game-Werbung im Alters vergleich . 168 203 Anhang Anhang 1: Leitfaden (Kurz version) Interviewstudie Dimensionen Inhalt licher Fokus An gespr. Notizen Erinne rung, Wahrneh mung, Identifika tion Beschrei bung des Spiels (das zuvor ge spielt wurde) ( ) 2 Screens hots – Visuelle Werbung + Product Placement identifizieren (Identifika tion) – Werbeinhalt be schreiben ( ) Werbung in anderen Computerspielen (erinnern/be schreiben) ( ) Unter schiede zwischen TV-Werbung und Werbung in Computerspielen ( ) Ver ständnis Wissen über Werbung in Computerspielen (Ziele, Adressaten, Wirkung + Gespräche über Werbung mit Eltern/ in Schule) ( ) Bewer tung Einfluss Werbung auf Reali täts nähe ( ) Einfluss der Werbung auf den Spielspaß ( ) An gebote: Geld zahlen – keine Werbung kosten los – Werbung ( ) Wertender Ver gleich: Werbung im TV und Werbung in Computerspielen ( ) Fragen zum Spiel verhalten Frequenz: jeden Tag/oder wie oft in der Woche? ( ) Art der Computerspiele ( ) 204 Anhang 2: Fragebogen Experimentalstudie (Kinder) 153 Nr: Experimentalbed.(V=Verfolgerkamera/C=Cockpitkamera): Fragenreihenfolge:Autolast Interviewer/in:____________________________ Datum:__________________ Fragebogen AngabenzurPerson Alter:____Jahre Geschlecht:männlich weiblich Klassenstufe:_____Klasse Schule:_______________________________________ AllgemeineHinweise Soweitnichtandersvermerkt,lesenSiedemKinddieAntwortmöglichkeitenbittenichtvor,sondern ordnenSieseinefreigegebenenAntworten–evt.unterstütztdurchNachfragen–entsprechendzu. Soweitnichtandersvermerkt,kannnureineAntwortangekreuztwerden. Zeichenerklärung […]=Anweisung/HinweisefürdenInterviewer =Fragetext [Frage1undFrage2nochVORdemSpielstellen] 205 154 Frage1 o jedenTag o mehrmalsinderWoche o allepaarWochenmal o nie[falls,weitermitAutorennspiel] o weißnicht/k.A.[falls,weitermitAutorennspiel] Frage2 [Bitte notieren Sie stichwortartig dieAntwortendes Kindes.Dabei ist es egal, ob es Spieletitel oder genres nennt.] ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ —Autorennspiel— [BittenSienundasKind,dasAutorennspielindervorgegebenenBedingung(Verfolgerkamera/Cockpit)zuspie len.DasKindsollteca.7Minuten,fahren(ggf.alsomehrereRunden).SetzenSiesichwennmöglichetwasab seitsvondemKindhin,sodassessichnichtbeobachtetfühlt.Wenndie7Minutenvorbeisind,bittenSiedas Kind,mitdemSpielenaufzuhörenundpausierendasSpiel(EscTaste).BittenotierenSieuntendiegefahrene Rundenanzahl.DannfahrenSiebittemitdemFragebogenfort.] Rundenanzahl:____Runden Ichmöchtedichgleichbitten,füreinpaarMinuteneinComputerspielzuspielen undzwaristdaseinAutorennspiel.Wieistdenndasbeidir,spielstduCompu terspiele? [Wenn „Ja“, aber Kind führt nicht selbst weiter aus, bitte nachfragen]: Undwieoftspielstduso? UndwasspielstdusofürSpiele? 206 155 [BittenehmenSiediebeiliegendeSmileySkalazurHand] Frage3 [ErklärenSiedemKindnunkurz,waswelcherSmileyaussagtundbittenSiedasKind,aufdenSmileyzutippen, derambestenausdrückt,wievielSpaßesbeimSpielenhatte,undübertragenSiedieWahlentsprechendindie SkalaimFB.] IchhattebeimSpielen… Frage4 o ja o nein o weißnicht/k.A. Frage5 [BittenotierenSiedieAntwortdesKindesinStichworten.Siekönnenggf.unterstützendnachfragen,z.B.:Und wozuistWerbungnochgut...?/WenndumalandieWerbungimFernsehendenkst…etc.] ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ [FallsKindWerbungnichterklärenkann,sieheExkursaufdernächstenSeite] garkeinen Spaß wenigSpaß mittelmäßig Spaß vielSpaß sehrvielSpaß JetzthabeichersteinmaleineallgemeineFrage,dienichtsmitdemSpielzutun hat.Undzwarstelldirbitteeinmalvor,dichfragteinjüngeresKind,wasdenn eigentlich„Werbung“ist?WiewürdestdudemKinderklären,wasWerbungist undwozuessiegibt? Zunächstwürde ich gerne von dir erfahren,wie du das Spiel so fandest.Und zwarwürdeichdichdazubitten,mirhiermitdiesenSmileyszusagen,wieviel SpaßdirdasSpielgemachthat. DasSpielheißt jaDTMRaceDriver III.Hastdudasvorheuteeigentlichschon einmalgespielt,alsokanntestdudasSpielschon? 207 156 [Exkurs:WasistWerbung] Frage6 o ja o nein[falls,weitermitFrage8] o weißnicht/k.A.[falls,weitermitFrage8] Frage7 [BittenotierenSiedieAntwortenderKinder.GebenSiebittekeinekonkretenTipps.] o Eswurdegeworbenfür: ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ o keinekonkreteErinnerung o weißnicht/k.A. Frage8 o ja o nein[falls,weitermitFrage10] o weißnicht/k.A.[falls,weitermitFrage10] UndwennduandasAutorennspieldenkst,dasdugeradegespielthast:Warin demSpielWerbungdrin? Undkannstdudicherinnern,wasdasfürWerbungwar?Wofürwurdedage worben? UndkannstdudichanirgendwelcheMarkenoderSchildervonFirmenerinnern, dieindemSpielvorgekommensind? Werbung,dassindBilderoderGeschichten,mitdeneneinbestimmtesProdukt einerFirmavorgestelltwerdensoll.Damit sollerreichtwerden,dassdasPro dukt bekannt wird und die Leute sich daran erinnern, es gut finden und es kaufen. Werbung kann man an ganz verschiedenen Orten sehen und hören, zumBeispielaufPlakaten,imFernsehen,imRadiooderimInternet. 208 157 Frage9 [BittenotierenSiedieAntwortenderKinder.GebenSiebittekeinekonkretenTipps.] o ErinnerungandieMarken: ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ o keineErinnerung o weißnicht/k.A. Undwaswaren das fürMarken?Anwelche von denMarken kannst du dich nocherinnern? 209 158 Frage10 [Bitte legenSiedemKindnundiebeiliegendeMarkenListevorund lassenes selbstständigankreuzen.Bitte gebenSiekeineTipps.ÜbertragenSiebitteparalleldieAuswahldesKindesindieuntenstehendeListe.] WelchedieserMarkenhastduimSpielgesehen? AlsnächsteszeigeichdireineListe,aufderverschiedeneMarkenoderSchilder vonFirmendraufstehen.BitteschauedirdieListeinRuheanundkreuzedann alleMarkenan,vondenendumeinst,dasssie imRennspielvonebengezeigt wurden. Alsomach bitte ein Kreuz bei denMarken, die du im Spiel gesehen hast.AberVorsicht,vielleichtwarvondieserListeauchkeineMarkeimSpiel– mache nur ein Kreuz,wenndu dir sicher bist, dieMarke im Spiel gesehen zu haben! 210 159 [BittenehmenSiedieDaumenSkalazurHand.] Frage11 [ErklärenSiedemKindnunkurz,waswelcherDaumenaussagtundbittenSiedasKind,nachjedemSatzaufden füreszutreffendenDaumenzutippenundübertragenSiedieWahlentsprechendindieSkalaimFB.] trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weiß nicht/ k.A. DieMarkeAudikenneichsehrgut. AudibautsuperAutos. IchmagdieMarkeAudigerne. Wenn ich mir ein Auto kaufen würde, dann würde ich mir einen Audikaufen. trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weiß nicht/ k.A. DieMarkeRedBull kenne ich sehr gut. RedBullisteinsuperGetränk. IchmagdieMarkeRedBullgerne. Wenn ich mir ein EnergieGetränk kaufenwürde,dannwürde ichmir einRedBullkaufen. Michinteressiert,wasduüberbestimmteMarkenweißtundwasdusoübersie denkst. Hier sind einige Marken aufgelistet, die auch in dem Rennspiel drin waren. Ich lesedir jetzteinpaarSätzevor, indenenetwasüberdieseMarke gesagtwird.Du kannstdannhiermitHilfederDaumenzeigen, obder Inhalt desSatzesaufdichzutrifftodernicht. 211 160 [BittenehmenSienundasWerbungBildersetzurHand.] Frage12 keineWerbung Werbung Bild1 Bild2 AudiPlacement Werbungaufd.Audi Bild3 Bild4 [NunnehmenSiebitte1.)die2DaumenSkalaund2.)Bild1(„Vodafone“)zurHand.Jenachdem,obdasKind die dort gezeigte BrandPresenceWerbemaßnahmen zuvor korrekt als Werbung erkannt hatte oder nicht, wählenSiebittedieentsprechendeEinleitung]: trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weiß nicht/ k.A. DieMarkeVodafonekenne ich sehr gut. VodafoneisteinesuperHandyfirma. IchmagdieMarkeVodafonegerne. Wenn ich einen Handyvertrag ab schließenwürde,dannwürde ichzu Vodafonegehen. HiersindnuneinigeBilderausdemRennspiel,dasduvorhingespielthast. Ich zeige dir jetzt nacheinander die Bilder und du schaust sie dir bitte einfach in Ruheanundsagstmirdann jeweils,obauf ihnenWerbungzusehen istoder 212 161 Frage13 [BitteerklärenSiekurzdie2DaumenSkala.LesenSiedannbittejedenSatz(komplett)einzelnvorundüber tragendiejeweiligeDaumenWahldesKindesindenFB.] [LassenSiedie2DaumenSkala liegenundnehmennunbitteBild2 („Audi“)zurHand.AuchhierwählenSie bittedenpassendenEinstieg,jenachdem,obdasKinddasGameElementzuvorkorrektalsWerbungerkannt hatodernicht.] Frage14 [LesenSiebittejedenSatz(komplett)einzelnvorundübertragendiejeweiligeDaumenWahldesKindesinden FB.] DieseWerbung… trifftgar nichtzu trifftvoll undganz zu solleinendazubringen,Sachenvonder Firmazukaufen. isteinfachsoda,ohnebesonderen Grund. solleinenaufdieFirmaaufmerksam machen. solleinfachnurdieUmgebungverschö nern. [erkannt]:Wiedujabereitsrichtigerkannthast,istaufdiesemBildWerbungzusehen. [nichterkannt]:WennwirunsnochmaldiesesBildhieranschauen,da isthierzumBeispielauch Werbungzusehen. Wenndumalüberlegst,wasmeinstdudenn,warumistdieseoderähnlicheWerbungüberhauptin dem Rennspiel drin? Hier habe ich ein paar Gründe aufgelistet, wozu diese Werbung gut sein könnte.IchlesedirdieGründenuneinzelnvorunddusagstmirbittefürjedenGrund,obduihnzu treffendfindestodernicht.DafürkannstduaufeinenderbeidenDaumenhierzeigen. [erkannt]:AuchbeidiesemBildhattestdujarichtigerkannt,dassauf ihmWerbungzusehen ist, nämlichhier,derAudi. [nichterkannt]:Undschaumalhier,aufdiesemBild,daistauchWerbungzusehenundzwarhier, derAudi. 213 162 Frage15 VielenDankfür’sMitmachen! DieseWerbung… trifftgar nichtzu trifftvoll undganz zu solleinendazubringen,Sachenvon derFirmazukaufen. isteinfachsoda,ohnebesonderen Grund. solleinenaufdieFirmaaufmerksam machen. solleinfachnurdieUmgebungver schönern. Werbung inComputerspielen… trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganzzu istlangweilig. istinteressant. machtdasSpielrealistischer. störtbeimSpielen. ZumAbschlusswürdeichgernenochvondirerfahren,wieduganzallgemeinWerbunginCompu terspielenfindest?DazuhatjajedereineandereMeinung.HiersindMeinungenvonanderenKin dernzuWerbunginComputerspielenaufgelistet;dieleseichdirjetztnacheinandervor.Bittesage mirmitHilfe dieserDaumen, ob du dieMeinung, die ich jeweils vorlese, zutreffend findest oder nicht. 214 Anhang 3: Fragebögen Experimentalstudie (Erwachsene) 163 Fragebogen Liebe(r)Teilnehmer/in, danke, dass Sie sich entschieden haben an unserer Studie teilzunehmen.Wirwerden Ihnen vor demSpieleneinigeFragenstellen,dann legenSiezumSpielendenFragebogenkurzbeiseiteund danachfolgennocheinigeweitereFragen. DieStudieerfolgtimRahmeneinesKooperationsprojektsmitderJohannesGutenbergUniversität MainzundderLandesanstaltfürMedienNordrheinWestfalen. BittenehmenSiesichzumBeantwortenderFragensovielZeitwienötig,esgehthiernichtdarum, dassSieLeistungerbringen,sondernumIhreErinnerungundMeinung. DieBefragungerfolgtanonym,unddieerhobenenDatenwerdenstrengvertraulichbehandelt,es erfolgt keineWeitergabe an dritte Parteien. Die Daten dienen ausschließlichwissenschaftlichen Zwecken. VielenDankfürIhreMithilfe! 215 164 AlsErstesmöchtenwirSiebitten,einigeAngabenzuIhrerPersonzumachen. Alter:____Jahre Geschlecht:männlich weiblich Studienfach:________________________________________ VoraussichtlicherAbschluss(BA,MAusw.):________________________________________ NunfolgenzweiFragenzuIhrerComputerspielnutzung. Frage1 o jedenTag o mehrmalsinderWoche o allepaarWochenmal o nie[weitermitFrage3] o weißnicht[weitermitFrage3] Frage2 ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ WiehäufigspielenSieComputerspiele? UndwasspielenSiefürSpiele? 216 165 JetztmöchtenwirSiebitten, sichdemSpiel zuzuwenden.Siehaben7MinutenSpielzeitundbe kommenBescheid,sobalddieZeitabgelaufenist.DanachgehtesweitermitdemFragebogen. NunfolgeneinigeFragendazu,wieIhnendasSpielgefallenhat. Frage3 BittekreuzenSieganzlinksan,wennIhnendasSpielgarkeinenSpaßgemachthatundganzrechts, wennes IhnensehrvielSpaßgemachthat.MitdenKästchendazwischenkönnenSie IhreAussage abstufen. IchhattebeimSpielen… garkeinenSpaßsehrvielSpaß 1 2 3 4 5 Frage4 o ja o nein o weißnicht HatIhnendasSpielSpaßgemacht? DasSpielheißtDTMRaceDriverIII.HabenSiedasSpielvorheuteschon einmalgespielt? 217 166 IndenfolgendenFragenwirdesumdenInhaltdesSpielsundIhreErinnerungdarangehen. Frage5 o ja o nein[weitermitFrage7] o weißnicht[weitermitFrage7] Frage6 o Eswurdegeworbenfür: ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ o keinekonkreteErinnerung o weißnicht Frage7 o ja o nein[weitermitFrage9] o weißnicht[weitermitFrage9] WennSieandasComputerspieldenken,dasSiegeradegespielthaben, istIhnendaWerbungaufgefallen? KönnenSiesicherinnern,wofürimSpielgeworbenwurde? Können Sie sich an irgendwelcheMarken oder Schilder von Firmen er innern,dieindemSpielvorgekommensind? 218 167 Frage8 o ErinnerungandieMarken: ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ ____________________________________________________________________ o keinekonkreteErinnerung o weißnicht AnwelcheMarkenkönnenSiesichnocherinnern? 219 168 Frage9 WelchedieserMarkenhabenSieimSpielgesehen? AlsNächstesfindenSiehiereineListe,inderverschiedeneMarkenoder SchildervonFirmenauftauchen.BitteschauenSiesichdieListeinRuhe anundkreuzendannalleMarkenan,vondenenSiemeinen,dasssieim Rennspiel von eben gezeigt wurden. Machen Sie bitte nur ein Kreuz, wennSiesichsichersind,dieMarkeimSpielgesehenzuhaben. 220 169 AlsnächsteskommennuneinigeFragenzubestimmtenMarken,beidenenesumIhrWissenüber dieMarkeundIhreMeinungzuderMarkegeht. Frage10 trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weißnicht Die Marke Audi kenne ich sehr gut. AudibautsuperAutos. IchmagdieMarkeAudigerne. Wenn ich mir ein Auto kaufen würde, dann würde ich mir einenAudikaufen. HiersindeinigeMarkenaufgelistet,dieauchindemRennspielenthalten waren. InderTabellefindenSieAussagenüberdieMarken.Bittekreu zenSiean, inwieweitder Inhaltdes jeweiligenSatzesaufSiegarnicht zutrifftodervollundganzzutrifft.MitdenKästchendazwischenkönnen SieIhreAussageabstufen. 221 170 trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weißnicht DieMarkeRedBull kenne ich sehr gut. RedBullisteinsuperGetränk. IchmagdieMarkeRedBullgerne. Wenn ich mir ein EnergieGetränk kaufenwürde,dannwürde ichmir einRedBullkaufen. trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganz zu ? weißnicht DieMarkeVodafonekenne ich sehr gut. VodafoneisteinesuperHandyfirma. IchmagdieMarkeVodafonegerne. Wenn ich einen Handyvertrag ab schließenwürde,dannwürde ichzu Vodafonegehen. 222 171 InderletztenFragesollesallgemeinumWerbunginComputerspielengehen. Frage11 VielenDankfürIhreHilfe! Werbung inComputerspielen… trifftgar nichtzu triffteher nichtzu teils,teils triffteher zu trifftvoll undganzzu istlangweilig. istinteressant. machtdasSpielrealistischer. störtbeimSpielen. Wie finden Sie Werbung in Computerspielen? Hier sind verschiedene Meinungen zum Themaaufgelistet.BittekreuzenSiean,inwieweitderInhaltdesjeweiligenSatzesaufSie garnichtzutrifftodervollundganzzutrifft.MitdenKästchendazwischenkönnenSieIhre Aussageabstufen. 223 Die Autoren Prof. Dr. Gregor Daschmann Johannes Guten berg-Universität Mainz, Institut für Publizistik Prof. Dr. Dieter Dörr Johannes Guten berg-Universität Mainz, Lehrstuhl für Öffent liches Recht, Völker- und Europarecht, Medien recht; Direktor Mainzer Medien institut Prof. Dr. Christoph Klimmt Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunika tions forschung Franziska Roth M. A. Universität Mannheim, Seminar für Medien- und Kommunika tions wissen schaft Alexandra Sowka M. A. Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunika tions forschung Ass. iur. Nicole Zorn Mainzer Medien institut 69 65 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 66 67 70 68 Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik herausgegeben von Dieter Dörr, Christoph Klimmt und Gregor Maschmann Mitarbeit: Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn 232 Seiten, 17 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,– (D) Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge von Nadine Klass 148 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-554-2 Euro 12,– (D) Mit Computerspielern ins Spiel kommen Dokumentation von Fallanalysen von Jürgen Fritz und Wiebke Rohde 136 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-548-1 Euro 10,– (D) Wie Computerspieler ins Spiel kommen Theorien und Modelle zur Nutzung und Wirkung virtueller Spielwelten von Jürgen Fritz 176 Seiten, 12 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-547-4 Euro 12,– (D) Kompetenzen und exzessive Nutzung bei Computerspielern: Gefordert, gefördert, gefährdet von Jürgen Fritz, Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Tanja Witting Mitarbeit: Marius Drosselmeier, Wiebke Rohde, Christiane Schwinge und Sheela Teredesai 312 Seiten, 61 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-546-7 Euro 21,– (D) Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 66, 67 und 68; ISBN 978-3-89158-549-8 Gesamtpreis Euro 35,– (D) Skandalisierung im Fernsehen Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten von Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler und Claudia Töpper 272 Seiten, 60 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-542-9 Euro 18,– (D) 64 58 59 60 61 63 62 Medienkompetenz in der Schule Integration von Medien in den weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Welling und Björn Eric Stolpmann 352 Seiten, 88 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-539-9 Euro 22,– (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2. unveränderte Auflage, April 2011 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2. Auflage 2010 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) 53 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 54 55 56 Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Weitere Details zu allen Bänden in der Schriftenreihe der LfM finden Sie gerne im Internet : Computerspiele gehören heute zu den beliebtesten Unterhaltungsangeboten bei Kindern und Jugendlichen. Neuerdings gewinnen sie auch als Werbeträger an Bedeutung. In zahl- reichen Spielen finden sich werbliche Inhalte, die in unterschiedlichster Art und Weise in das Spielgeschehen integriert sind. Die „Verschmelzung“ von Werbe- und Spieleinhalten sowie die hohe Präsenz und Vielfalt der In-Game-Werbung stellen Medienrecht und Medienpädagogik vor neue Herausforderungen. Der Band setzt sich mit diesen Herausforderungen auseinander. Das Phänomen In-Game- Werbung wird systematisch beschrieben und der Forschungsstand aufgearbeitet. Eine ausführliche Analyse thematisiert Fragen der gesetzlichen Regulierung und mögliche auf- sichtsrechtliche Konsequenzen. Über verschiedene empirische Zugänge wird untersucht, wie Kinder und Jugendliche mit In-Game-Werbung umgehen und welche Werbewirkungen sich bei ihnen zeigen. Der Band schließt mit Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Werbung in Computerspielen in der Regulierung und bei der Förderung von Medienkom- petenz. Die Herausgeber: ❯ Prof. Dr. Dieter Dörr Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht, Medienrecht; Direktor Mainzer Medieninstitut ❯ Prof. Dr. Christoph Klimmt Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung ❯ Prof. Dr. Gregor Daschmann Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Publizistik Weitere Autoren: ❯ Ass. iur. Nicole Zorn Mainzer Medieninstitut ❯ Alexandra Sowka M.A. Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung ❯ Franziska Roth M.A. Universität Mannheim, Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,- (D) Werbung in Computerspielen 70 Dö rr , K lim m t, D as ch m an n (H rs g. ) W er bu ng in C om pu te rs pi el en ❯ Herausforderungen für das Medienrecht und die Förderung von Medienkompetenz ❯ ❯ ❯ Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! Hier könnte Ihre Werbung stehen! T I M E 1 Player One 0:23:775 2 | 057 Werbung in Computerspielen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 70 Dieter Dörr, Christoph Klimmt, Gregor Daschmann (Hrsg.) RZ_LfM-Schriftenreihe_Band_70:. 20.07.11 12:31 Seite 1
Forschung
junger Menschen mit Migrationshintergrund. Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen : Nationaler Integrationsplan, Integrationsgipfel und Islamkonferenz sind Stichworte, die deutlich machen, dass die soziale Integration von Zuwanderern und ihren Nachkommen – der „Menschen mit Migrationshintergrund“ – in die deutsche Gesellschaft weit oben auf der politischen Agenda steht. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur die Bedeutung der Massenmedien für die Förderung oder aber Behinderung von Integrationsprozessen diskutiert. Auch die Frage, welche Medienkompetenz junge Menschen mit Migrations - hintergrund aufweisen und ob gezielte Maßnahmen zur Medienkompetenzvermittlung in diesen Zielgruppen angestrebt werden sollten, ist Gegenstand des gesellschaftspoliti- schen Diskurses. Die LfM-Studie geht diesen Fragen in den zwei größten Teilgruppen junger Migranten in Nordrhein-Westfalen nach. Im Ergebnis der empirischen Erhebungen werden repräsenta- tive Basisdaten zur Mediennutzung und Medienkompetenz junger Migranten ermittelt, im Kontext der Integrationsproblematik analysiert und im Hinblick auf Maßnahmen zur Medienkompetenzförderung diskutiert. Die Untersuchungsergebnisse umfassen sowohl die „klassischen“ Massenmedien Radio, Fernsehen, Presse als auch die „neuen“ Individu- almedien wie PC, Internet, Handy oder Spielkonsolen. ❯ Prof. Dr. Joachim Trebbe Universität Freiburg/Schweiz, Departement für Medien- und Kommunikationswissen- schaft ❯ Annett Heft, M. A. Freie Universität Berlin, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ❯ Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß GöfaK Medienforschung, Potsdam ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,- (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund 63 Tr eb be /H ef t/ W ei ß M ed ie nn ut zu ng ju ng er M en sc he n m it M ig ra ti on sh in te rg ru nd ❯❯❯ ❯ Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 63 Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß Ab b. T ite l © d pa p ic tu re -a lli an ce /Z B, R üc ks ei te : © D iv er se /f ot ol ia .c om BEL_LfM-Bd_63:. 08.01.10 09:22 Seite 1 Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 63 Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen unter Mitarbeit von Regine Hammeran Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2010 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-518-4 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Die Ver mitt lung von Medien kompetenz gehört zu den wesent lichen Aufgaben der LfM. Die Förderaktivitäten sollen dabei auf die spezifi schen Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe aus gerichtet werden. Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage, inwieweit für junge Menschen mit Migrations hintergrund spe- zielle Maßnahmen der Förde rung von Medien kompetenz zu er greifen sind. Zu diskutieren ist also, ob sich aus der alltäg lichen Medien praxis der Heran- wachsenden besondere Bedarfe ergeben, an denen sich die Medien kompe tenz- förde rung orientieren sollte. Die vor liegende LfM-Studie gibt Aufschluss darüber, wie Personen türki- scher Herkunft und russische Aussiedler im Alter von 12 bis 29 Jahren Medien nutzen. Analysiert werden die Befunde auch im Hinblick auf die Problematik der sozialen Integra tion. Die Studie zeigt auf, welchen Medien sich Jugend- liche mit Migrations hintergrund zuwenden und weshalb sie dies tun. Dabei wird die Nutzung von sowohl klassi schen Massen medien wie Radio und Fern- sehen als auch Individualmedien wie Internet und Handy unter sucht. Die Ergebnisse der repräsentativen Befra gung und der Gruppen diskus sio- nen machen deut lich, dass allein migrations spezifi sche Faktoren zur Erklä rung des Medien handelns der unter suchten Teilgruppen nicht aus reichen. Vielmehr scheinen auch das Milieu, der lebens welt liche Kontext und soziodemografi- sche Faktoren, etwa Bildung und Geschlecht, eine ent scheidende Rolle für die Medien nutzung zu spielen. Im Ver gleich der Medien nutzung von Jugend lichen mit Migrations hinter- grund zu den Nutzungs zahlen der Gesamtbevölke rung zeigen sich interessante Unterschiede. Insgesamt jedoch über wiegen bei den Heranwachsenden die Gemeinsam keiten. Auch dies spricht für Formen der Medien kompetenzförde- rung, die sich zwar auch, aber nicht aus schließ lich an migrations spezifi schen Faktoren orientieren. Die Studie soll auf der Basis repräsentativer Daten Impulse für die weiter- führende Diskussion über den Stellen wert von Medien für die soziale Integra- tion von Heranwachsenden mit Migrations hintergrund bieten. Gleichzeitig soll die Untersuchung auch Anregun gen geben, wo mögliche zu er greifende Maß- nahmen der Medien kompetenz vermitt lung ansetzen können. Prof. Dr. Norbert Schneider Frauke Gerlach Direktor der LfM Vorsitzende der Medienkommission der LfM 7 Inhalt 1 Einfüh rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1.1 Fragestel lungen der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1.2 Die Konzep tion der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . 10 1.3 Die Methode der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.4 Durchfüh rung der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.5 Aufbau der Publika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2 Medien nutzung und soziale Integra tion von jungen Migranten 19 2.1 Gesellschafts politi scher Forschungs kontext . . . . . . . . . . 20 2.2 Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 2.3 Forschungs stand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 3 Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Migranten 31 3.1 Gesellschafts politi scher Forschungs kontext . . . . . . . . . . 31 3.2 Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 3.3 Forschungs stand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 4 Zusammen fassung und Schluss folge rungen für die Konzep tion der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 4.1 Forschungs kontext und Forschungs probleme . . . . . . . . . . 51 4.2 Probleme der auf Medien nutzung und soziale Integra tion von Migranten bezogenen Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . 52 4.3 Probleme der auf Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Migranten bezogenen Forschung . . . . . . . . . . . . 55 4.4 Konzeptionelle Schluss folge rungen für die LfM-Studie . . . . 57 5 Methode und Ergebnisse der Telefonumfragen . . . . . . . . . 61 5.1 Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 5.2 Die Stichproben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 5.3 Ethnische Identität und soziale Integra tion . . . . . . . . . . 68 8 5.4 Medien ausstat tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 5.5 Massen medien und soziale Integra tion . . . . . . . . . . . . . 86 5.6 Individualmedien nutzung und Medien kompetenz . . . . . . . 98 5.7 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 6 Methode und Ergebnisse der Gruppen diskussionen . . . . . . . 119 6.1 Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 6.2 Ethnische Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 6.3 Medien ausstat tung und Nutzungs präferenzen . . . . . . . . . 128 6.4 Medien kompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 6.5 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 7 Medien nutzung und soziale Integra tion junger Migranten – Kausalzusammen hänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 7.1 Ausgangs lage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 7.2 Modell und Operationalisie rung . . . . . . . . . . . . . . . . 167 7.3 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 7.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 8 Medien nutzung und Medien kompetenz: Jugend liche mit und ohne Migrations hintergrund im Ver gleich . . . . . . . . . . . . 175 8.1 Soziodemografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 8.2 Medien ausstat tung und Medien nutzung . . . . . . . . . . . . 178 8.3 Internet- und Funktionsmedien: Nutzung und Reflektion . . . 181 9 Perspektiven einer zielgruppen spezifi schen Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten . . . . . . . . . . . . . . . 195 9.1 Von Defiziten zu Differenzen: Reformulie rung der Fragestel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 9.2 Empirische Ausgangs punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 9.3 Maßnahmen zur Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 10 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 11 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . 217 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 9 1 Einfüh rung Die Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) hat im Dezember 2007 eine Studie zur Untersuchung der „Medien nutzung Jugend licher und junger Erwachsener mit Migrations hintergrund in Nordrhein-West falen“ aus- geschrieben. „Unter Berücksichti gung bestehender Studien“ sollte „der Fokus auf die Zielgruppe der 12- bis 29-Jährigen sowie auf Menschen mit Herkunft aus der Türkei oder der Russischen Födera tion sowie – wenn möglich – weite- rer relevanter Migranten gruppen in Nordrhein-West falen gelegt werden“ (LfM 2007a). Die GöfaK Medien forschung GmbH, Potsdam, erhielt im Juni 2008 den Auftrag, diese Studie durch zuführen. Wir werden sie im Folgenden kurz als „LfM-Studie“ bezeichnen. 1.1 Fragestel lungen der LfM-Studie Die Ausschrei bung der Studie knüpft an die neuere sozialwissen schaft liche Forschung zur Medien nutzung von „Menschen mit Migrations hintergrund“1 in Deutschland an. Medien nutzung wird dabei ähnlich wie der Sprachgebrauch als Teil ihrer Alltags kultur an gesehen und in einen Zusammen hang mit der Integra tion dieses Bevölkerungs segments in die deutsche Gesell schaft gebracht. Dieser Zusammen hang wird in den theoreti schen Konzepten der Migrations-, Integrations- und Medien forschung sehr unter schied lich modelliert. Denkbar ist nicht nur ein – zum Teil förder licher, zum Teil hemmender – Einfluss der Nutzung deutsch- und fremdsprachiger Medien angebote auf soziale Integra- 1 Die Bezeich nung eines bestimmten Bevölkerungs segments in Deutschland als „Menschen mit Migrations- hintergrund“ markiert seit dem Mikrozensus 2005 einen Fortschritt der amtlichen Statistik, auch wenn die Begrifflich keit als solche eher schwerfällig ist. Sie fasst Menschen mit und ohne eigene Migrations erfah rung (Migranten/Nicht-Migranten) sowie Menschen mit und ohne deutsche Staats bürger schaft (Ausländer/Deutsche) sach lich sinn voll zusammen (vgl. Kap. 2). Wir werden im Folgenden allerdings aus Gründen der Lesbar keit auch den Begriff der „Migranten“ synonym zur korrekten Lang formel der „Menschen mit Migrations hinter- grund“ ver wenden – und meinen damit sowohl die Frauen als auch die Männer in diesem Bevölkerungs- segment. 10 tions prozesse. Der Zusammen hang könnte auch um gekehrt sein: Der Integra- tions status der Menschen mit Migrations hintergrund könnte sich auf ihre Me- dien auswahl und ihre Medien nutzungs gewohn heiten aus wirken. Beide Modelle sind jeweils für sich genommen plausibel und werden empirisch unter stützt.m Die Fokussie rung der Studie auf jüngere Menschen mit Migrations hinter- grund ist nun allerdings mit einer zusätz lichen, weiter führenden Fragestel lung ver bunden. Neben der Nutzung der klassi schen Massen medien – Presse, Hör- funk, Fernsehen – soll insbesondere auch der „Umgang mit und die Einstel- lung zu neuen Medien wie Internet, Computerspiele und Handy“ differenziert erfasst werden (LfM 2007a: 7). Der Hintergrund für diese Fragestel lung ist das medien pädagogi sche Konzept der Medien kompetenz. Die Fähig keit zu einem sach lich an gemessenen, selbst bewusst-kritischen Umgang mit den Medien wird als eine Bildungs ressource an gesehen, die vor allem in Bezug auf die Potenziale der neuen Informations technologien von zentraler indivi- dueller und sozialer Bedeu tung ist. Geprüft werden soll, ob und wie junge Menschen mit Migrations hintergrund an diesen Potenzialen teilhaben. Je nach Ergebnis ist dann aus medien pädagogi scher Perspektive zu diskutieren, ob – und falls ja: welche – zielgruppen spezifi sche Maßnahmen zur Medien kom pe- tenzförde rung in diesem Bevölkerungs segment anzu streben sind. 1.2 Die Konzep tion der LfM-Studie Ein auf diese beiden Fragestel lungen aus gerichtetes Projekt steht konzeptionell vor dem Problem, dass zwei Forschungs stränge miteinander ver knüpft werden müssen, die bisher weit gehend un verbunden neben einander ver folgt wurden:m (1) Studien zur Medien nutzung von „Ausländern“, heute von „Menschen mit Migrations hintergrund“, haben in Deutschland durch aus eine gewisse Tradi- tion.2 Parallel zur zunehmenden Relevanz der Integrations problematik im öffent lichen und politi schen Diskurs hat gerade in letzter Zeit auch die Zahl der Studien zu genommen, die sich mit dieser Thematik befassen. Während jedoch die Medien nutzung der deutschen Mehrheits gesell schaft durch Studien der Medien wirtschaft auf hohem methodi schem Niveau kontinuier lich reprä- sentativ erfasst wird, gibt es keine ver gleich bare Forschung zur repräsentativen Ermitt lung der Medien nutzung der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrations hintergrund. Und das, obwohl sie mittlerweile fast ein Fünftel der deutschen Bevölke rung stellen. Stattdessen wurden und werden von unter- schied lichen Auftrag gebern Einzelstudien durch geführt, die sich zumeist auf 2 Vgl. dazu Kapitel 2. 11 einzelne Migranten gruppen beziehen – am häufigsten auf die beiden größten Gruppen: Personen mit türkischem Migrations hintergrund und Spät aussiedler aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. Für diese Schwerpunkt bildung gibt es gesellschafts politi sche, aber auch methodi sche Gründe. Wenn man die komplexe nationale bzw. ethnische Struk- tur der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrations hintergrund be trach- tet, wird schnell deut lich, dass es sach lich unsinnig und methodisch unmög- lich ist, die Medien nutzung „der“ Menschen mit Migrations hintergrund in Deutschland repräsentativ er fassen zu wollen. Insofern bleibt in diesem Feld die selektiv auf einzelne Teilpopula tionen bezogene Forschung der sach lich und methodisch sinn vollste Weg. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die gar nicht mehr so geringe Zahl repräsentativer Umfragen zur Medien nutzung von Menschen mit Migra- tions hintergrund nicht identisch ist mit der Zahl der Studien, bei denen die Abfrage der Medien nutzung systematisch mit der Erhebung von Indikatoren zur sozialen Integra tion der Befragten ver knüpft wird (Übersicht 1.1). Dieses Defizit betrifft leider auch die aktuellste Repräsentati verhe bung in diesem Forschungs feld, die im Auftrag der ARD/ZDF-Medien kommission durch ge- führte Studie „Migranten und Medien 2007“, der immerhin zu sechs Migran- Übersicht 1.1: Referenzstudien zu den Telefonumfragen der LfM-Studie Kurzbezeichnung Alter der Befragten Grundgesamtheit/Stichprobe (Ungewichtete Fallzahlen) Literatur G. I. F.-Studie 1999 ab 18 Jahren Russische Aussiedler, n = 463 Pfetsch/Weiß 2000; Pfetsch/Trebbe 2003; Ivanova 2009 BPA-Studie 2000 ab 14 Jahren Personen türkischer Herkunft, n = 1.842 Weiß/Trebbe 2001; Trebbe/Weiß 2001; Trebbe 2002 WDR-Studie 2006 14–49 Jahre Personen türkischer Herkunft, n = 503 Trebbe/Weiß 2006, 2007; Trebbe 2007a, b; Trebbe 2009; Simon/Kloppenburg 2007 ARD/ZDF-Studie 2007 ab 14 Jahren Sechs Teilpopula tionen mit Migrations hintergrund, n = 3.010, darunter mit türkischer Herkunft: n = 500; russische Aussiedler: n = 501 ARD/ZDF 2007; Simon 2007; Walter/Schlinker/Fischer 2007 JIM-Studie 2008 (seit 1998) 12–19 Jahre Deutsch sprachige Jugend- liche, n = 1.208 Medien pädagogi scher For- schungs verbund Südwest (mpfs) 2008 KIM-Studie 2008 (seit 1999) 6–13 Jahre Deutsch sprachige Schul - kinder, n = 1.206 Medien pädagogi scher For- schungs verbund Südwest (mpfs) 2009 12 ten gruppen repräsentative Medien nutzungs daten zu ent nehmen sind3 (ARD/ ZDF 2007). An drei der Studien, in denen Zusammen hänge zwischen Medien nutzung und sozialer Integra tion unter sucht werden, haben die Autoren dieses Berichts mitgewirkt. Eine davon bezieht sich auf russische Spät aussiedler, zwei auf Personen mit türkischem Migrations hintergrund: – G. I. F.-Studie (1999): Eine 1999 durch geführte Telefonumfrage, die für in Niedersachsen lebende russ land deutsche Spät aussiedler ab 18 Jahren re- präsentativ ist. Projekt förde rung: German-Israel-Founda tion/G. I. F.; Feld- forschung: ZUMA Mannheim. – BPA-Studie (2000): Eine 2000 durch geführte Face-to-Face-Befra gung, die für die in Deutschland in Privathaushalten lebende türkisch stämmige Wohn bevölke rung ab 14 Jahren repräsentativ ist. Auftrag geber: Presse- und Informations amt der Bundes regie rung/BPA; Feldarbeit: GfK-Fernseh for- schung Nürnberg. – WDR-Studie (2006): Eine 2006 durch geführte Telefonumfrage, die für in Nordrhein-West falen lebende Personen mit türkischem Migrations hinter- grund zwischen 14 und 49 Jahren repräsentativ ist. Auftrag geber: West- deutscher Rundfunk/WDR; Feldarbeit: ENIGMA Wiesbaden. Vor diesem Hintergrund ist es ein zentrales Ziel der LfM-Studie, Daten zur Medien nutzung Jugend licher und junger Erwachsener mit Migrations hinter- grund in Nordrhein-West falen zu erheben, die an diese Studien konzeptionell und methodisch anschluss fähig sind. (2) Die in den letzten Abschnitten beschriebene Forschung ist unter medialen Gesichtspunkten insofern „konservativ“, als die repräsentativen Studien zur Medien nutzung von Menschen mit Migrations hintergrund bisher weit gehend auf die tradi tionellen Massen medien – Presse, Hörfunk, Fernsehen – be- schränkt sind. Erst seit Kurzem wird dort auch die Nutzung des Internets erfasst, jedoch ohne weitere Spezifika tion der mit dem Internet ver bundenen individuellen und massen medialen Nutzungs möglich keiten. Auch hier ist die auf die deutsche Mehrheits gesell schaft bezogene Medien forschung deut lich weiter, speziell der Teil dieser Forschung, der sich auf die Medien nutzung junger Menschen bezieht. Die Nutzung der manchmal auch als „Funktions medien“ oder „Indivi dual- medien“ bezeichneten neuen digitalen Medien durch Kinder und Jugend liche 3 Dabei handelt es sich um Personen mit türkischem Migrations hintergrund, („russische“ bzw. „russ land- deutsche“) Spät aussiedler aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion sowie Menschen, deren Migrations- hintergrund im ehemaligen Jugos lawien, in Polen, Italien oder Griechen land ver ankert ist. 13 erfährt seit Jahren ver stärkte Aufmerksam keit, vor allem in der medien päda- gogi schen Forschung.4 Neben vielen Einzelstudien sind hierbei insbesondere zwei kontinuier liche Repräsentati verhe bungen zu nennen, die der Medien päda- gogi sche Forschungs verbund Südwest (mpfs) seit 1998/1999 durch führt: – KIM-Studie (1999-lfd.): Seit 1999 werden – unter den Stichworten „Kinder und Medien, Computer und Internet“ – jähr lich deutsch sprachige Schul- kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren (unter Einbeziehung der „pri- mären Erziehungs personen/Haupterzieher“) zu ihrer Medien nutzung, ein- schließ lich Computer, Internet und Handy befragt. – JIM-Studie (1998-lfd.): Schon ein Jahr früher wurde – unter den Stich- worten „Jugend, Informa tion, (Multi-)Media“ – die jähr liche Befra gung deutsch sprachiger Jugend licher im Alter zwischen 12 und 19 Jahren in Telefonhaushalten gestartet. Auch hier stehen neben den klassi schen die neuen digitalen Medien im Mittelpunkt. Bisher fehlt es jedoch vollkommen an Umfragen, in denen die Nutzung der neuen digitalen Medien im spezifi schen Milieu von Kindern und Jugend lichen mit Migrations hintergrund – in etwa ver gleich bar zu den KIM- oder JIM- Studien – repräsentativ erfasst wird. Ein zweites Ziel der LfM-Studie ist es daher, repräsentative Daten zur Nutzung der neuen digitalen Medien in jüngeren Bevölkerungs segmenten mit Migra- tions hintergrund so zu er fassen, dass sie konzeptionell und methodisch an diese beiden Studien anschluss fähig sind. 1.3 Die Methode der LfM-Studie Im Rahmen der Konkretisie rung des Forschungs auftrags mussten vor allem zwei Punkte geklärt werden: die genaue Eingren zung des Personen kreises, auf den sich die Untersuchung bezieht, sowie die Fest legung der Erhebungs- verfahren. Im Ergebnis dieses Klärungs prozesses wurde fest gelegt, dass sich die LfM- Studie auf zwei Teilpopula tionen der in Nordrhein-West falen lebenden Men- schen mit Migrations hintergrund beziehen sollte: zum einen auf Personen türkischer Herkunft und zum anderen auf Spät aussiedler aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, jeweils im Alter zwischen 12 und maximal 29 Jah- 4 Vgl. dazu Kapitel 3. 14 ren.5 Die exakte Defini tion der Grundgesamt heiten und die Stichproben ver- fahren unter scheiden sich jedoch je nach Erhebungs verfahren. Telefonumfragen Der Schwerpunkt der Studie liegt eindeutig darauf, über haupt erst einmal re- präsentative Basis daten zur Medien nutzung und Medien kompetenz in zwei quantitativ umfang reichen und damit gesell schaft lich besonders relevanten Teil popula tionen jüngerer Menschen mit Migrations hintergrund zu generieren. Mit dieser Zielset zung wurden zwei repräsentative Telefonumfragen mit ca. 300 Befragten durch geführt. Die Grundgesamt heiten der Telefonumfragen waren (1) Personen mit türki- schem Migrations hintergrund sowie (2) Personen mit dem Migrations hinter- grund der „russ land deutschen“ Spät aussiedler im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in privaten Haushalten mit Telefoneintrag (Fest netz/Mobil) in Nord- rhein-West falen. Beide Haushalts stichproben wurden auf der Basis des Ono- mastik-Verfahrens aus gewählt (Humpert/Schneider heinze 2000). Die Stich- proben ziehung er folgte zweistufig (1. Stufe: regionale Schich tung; 2. Stufe: Auswahl der Zielperson), die Stichproben wurden auf der Basis der Daten des Mikrozensus 2007 für Nordrhein-West falen nach Alter und Geschlecht ge- wichtet. Für beide Teilpopula tionen wurden zweisprachige Befragungs instrumente ent wickelt. Ein großer Teil der Fragen wurde einer seits aus der WDR-Studie und anderer seits aus der JIM-Studie über nommen. Die CATI-Interviews wur- den von zweisprachigen Interviewerinnen durch geführt, jedoch war bei beiden Umfragen die Interviewsprache in mehr als 80 Prozent der Fälle Deutsch. Gruppen diskussionen In Ergän zung zur Erhebung quantitativer und repräsentativer Basis daten zur Medien nutzung war es das Ziel der Studie, auch einen qualitativen Einblick in den Medien gebrauch junger Menschen mit Migrations hintergrund zu er- 5 Die Alters vorgabe „12–29 Jahre“ war Teil des Forschungs auftrags. Faktisch er streckt sich die Grundgesamt- heit der Studie in beiden Migranten stichproben damit über drei Lebens- bzw. Entwicklungs phasen, die – folgt man der einschlägigen Literatur – auf der Basis von „Alters schnitten“ nicht eindeutig gegen einander abzu- grenzen sind: Die späte Kindheit geht im Prinzip bis zum 14. Lebens jahr, als junge Erwachsene könnte man Personen ab dem 21. Lebens jahr bezeichnen und dazwischen (bzw. diese Unter- und Obergrenze über- lappend) liegt die Übergangs phase der Jugend. In der Shell-Jugendstudie werden Personen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren befragt (Hurrelmann/Albert/TNS Infratest Sozialforschung 2006). Die beiden o. g. mpfs- Studien zur Medien nutzung und Medien kompetenz von Kindern und Jugend lichen bezeichnen 6- bis 13-Jäh- rige als „Kinder“ (KIM) und 12- bis 19-Jährige als „Jugend liche“ (JIM). Vor diesem Hintergrund wird in der vor liegenden Studie, insbesondere bei der Betrach tung einzelner Alters gruppen innerhalb der Stichproben, eine aus gesprochen pragmati sche „Ad-hoc-Begrifflich keit“ ver wendet. 15 halten. Die hierzu durch geführten Gruppen diskussionen sind in doppelter Weise selektiv: Erstens wurden sie auf das jüngere Segment der beiden Teilpopula tionen beschränkt. Das Alter der Diskussions teilnehmer liegt – analog zur Alters- struktur der JIM-Studie – zwischen 12 und 19 Jahren. Und zweitens wurde der Diskussions leit faden stark auf die Nutzung der neuen digitalen Medien und hierauf bezogene Fragen der Medien kompetenz fokussiert. In beiden Teilpopula tionen wurden drei Gruppen diskussionen durch geführt: jeweils eine Diskussion mit 12- bis 15-Jährigen und 16- bis 18-Jährigen sowie eine zusätz liche Diskussion mit den Eltern der 12- bis 15-Jährigen. An jeder Diskussion nahmen acht bis neun Personen teil. Die Diskussions teilnehmer/-innen wurden nach einem vor gegebenen Screening-Verfahren bewusst aus gewählt. Dabei wurde auf eine Aussteue rung der Gruppen zusammen setzung nach Geschlecht und Schul bildung geachtet. Das heißt, die Ergebnisse der Gruppen diskussionen sind nicht repräsentativ, sie sind eher als explorative Ergän zung zu den repräsentativen Befunden der Telefonumfragen zu lesen. 1.4 Durchfüh rung der LfM-Studie Auf der Seite der GöfaK Medien forschung GmbH, Potsdam, sind Joachim Trebbe und Hans-Jürgen Weiß sowie Annett Heft für die Konzep tion und Realisa tion der LfM-Studie ver antwort lich. Während Joachim Trebbe und Hans-Jürgen Weiß im Vorfeld der Studie vor allem zum Thema Medien- nutzung und Integra tion geforscht und publiziert haben, über nahm Annett Heft die Aufgabe, sich in die theoreti schen, methodi schen und empiri schen Aspekte der Medien kompetenzforschung einzu arbeiten, die für die medien- pädagogi schen Aspekte der LfM-Studie von Bedeu tung sind. Die Telefonumfragen wurden im Oktober/November 2008 von der ENIGMA GfK Medien- und Marketing forschung GmbH, Wiesbaden, durch geführt. Das Institut wirkte, ver treten durch Bettina Klumpe, nicht nur an der prakti schen, sondern auch an der konzep tionellen Entwick lung des Untersuchungs instru- ments mit. Dabei profitierte die LfM-Studie von der Erfah rung, die ENIGMA GfK in beiden Untersuchungs schwerpunkten hat: ENIGMA GfK führte unter anderem die auf Medien nutzung und Integra tion bezogene WDR-Studie 2006 durch und ist auch für die Feldarbeit der JIM-Studie ver antwort lich. Für die eben falls im Oktober/November 2008 durch geführten Gruppen- diskussionen war das Forschungs institut result gmbh, Köln, ver antwort lich. Ver treten durch Regine Hammeran und Sabine Haas wirkte das Institut an der Entwick lung der Konzep tion der Teilstudie und des Leitfadens für die Gruppen diskussionen mit. Der Ergebnis bericht wurde von Regine Hammeran 16 ver fasst. Auch hier war es für die LfM-Studie von Vorteil, dass das Institut im Rahmen der WDR-Studie 2006 schon Gruppen diskussionen mit türkischen Jugend lichen durch führte. Um die Ergebnisse der empiri schen Erhebun gen der LfM-Studie aus me- dien pädagogi scher Perspektive an gemessen einordnen zu können, ver anstaltete die GöfaK-Forschungs gruppe im Mai 2009 einen Experten-Workshop. Externe Teilnehmer des Works hops waren: Stefan Aufenanger (Universität Mainz), Susanne Berns mann (Stiftung Digitale Chancen), Kai-Uwe Hugger (Universität Bielefeld), Helga Theunert (JFF München) und Claudia Wegener (Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam-Babels berg). Auf der Basis einer Zusammen fassung der zentralen Untersuchungs ergebnisse der LfM-Studie wurde diskutiert, (1) ob und wie sich die unter suchten Personen mit Migra- tions hintergrund von gleichaltrigen Personen ohne Migrations hinter grund in ihrer Medien nutzung und Medien kompetenz unter scheiden, (2) ob das ggf. primär auf ihren Migrations status oder andere Faktoren zurück zu führen ist und (3) ob sich daraus prakti sche medien pädagogi sche Konsequenzen ergeben. In den folgenden Kapiteln werden nun die Grundlagen und Ergebnisse der ver schiedenen Teilerhe bungen und Arbeits schritte der LfM-Studie vor gestellt. Zuvor jedoch noch ein kurzer Blick auf den Aufbau der Publika tion. 1.5 Aufbau der Publika tion Zunächst wird der – sowohl gesellschafts politisch als auch wissen schaft lich – doppelte Hintergrund der LfM-Studie skizziert. Die nicht selten unter dem Begriff des Medien ghettos diskutierte Frage nach der Bedeu tung der Nutzung deutscher und heimatsprachiger Massen medien für die soziale Integra tion von Migranten in Deutschland wird in Kapitel 2 auf gegriffen, theoretisch ver ortet und mit dem aktuellen Forschungs stand konfrontiert. Daran schließt sich in Kapitel 3 eine theoreti sche und empiri sche Auseinander setzung mit der Ver- mutung an, die jüngere Genera tion der Migranten in Deutschland wäre in der Verfüg bar keit der neuen digitalen Medien benachteiligt bzw. würde diese „Individual- bzw. Funktions medien“ nicht un bedingt zu ihrem eigenen (Bil- dungs-)Vorteil nutzen. Der Stand und die Defizite dieser Forschung werden im vierten Kapitel zusammen gefasst und im Hinblick auf die konzep tionellen und methodi schen Optionen der LfM-Studie erörtert. Im Übergang zur Darstel lung der Ergeb- nisse der LfM-Studie in den Folgekapiteln wird außerdem eine knappe Zu- sam men fassung der konzep tionellen Prämissen und methodi schen Eckpunkte der LfM-Studie gegeben. Die zentralen Ergebnisse der Telefonumfragen werden in Kapitel 5, die Befunde der Gruppen diskussionen in Kapitel 6 dargestellt. Das ist insofern 17 kein einfaches Unterfangen, weil erstens in beiden Kapiteln jeweils die Ergeb- nisse von zwei Teilerhe bungen zu präsentieren sind: für die Personen türki- scher Herkunft und für die russ land deutschen Spät aussiedler. Und zweitens wird ver sucht, in beiden Kapiteln – soweit es von der Daten lage her an ge- bracht scheint – nach Alters gruppen zu differenzieren: im Fall der Telefon- umfragen zwischen 12- bis 19- bzw. 20- bis 29-Jährigen, bei den Gruppen- diskussionen zwischen 12- bis 15- und 16- bis 19-Jährigen. Der Schlussteil dient der wissen schaft lichen und prakti schen Einord nung der Ergebnisse der LfM-Studie. Er wird mit einem Kapitel eröffnet, in dem im Anschluss an ver gleich bare Auswer tungen anderer Studien kausalen Frage- stel lungen zur Rolle der Medien in Integrations prozessen nach gegangen wird (Kapitel 7). Dabei geht es vor allem um die Frage, ob sich in den sehr jungen Migranten gruppen der LfM-Studie ähnliche oder anders gelagerte Medien- effekte auf integrations relevante Einstel lungen und Ver haltens weisen fest stellen lassen. In Kapitel 8 werden dann die Befunde der Telefonumfragen der LfM-Studie für die 12- bis 19-Jährigen in den beiden Migranten gruppen mit den Daten verg lichen, die im Rahmen der JIM-Studie für gleichaltrige „Deutsche“ (bzw. genauer: „deutsch sprachige“ Personen) er mittelt wurden. Ziel dieses Kapitels ist es, den Stellen wert der Befunde der LfM-Studie für zwei jugend liche Migranten gruppen vor dem Hintergrund des durch schnitt lichen Medien- nutzungs verhaltens in dieser Alters gruppe in Deutschland an gemessen einzu- schätzen. Abgeschlossen wird die Publika tion mit Überle gungen zur prakti schen Bedeu tung der Befunde der empiri schen Erhebun gen der LfM-Studie (Kapi- tel 9). Der Schwerpunkt liegt hier auf der Medien kompetenzproblematik und der Frage, ob sich aus den Daten Hinweise ergeben, die in spezifi schen Pro- grammen zur Medien kompetenzförde rung in jugend lichen Migranten milieus auf gegriffen werden könnten. Grundlage dieses Kapitels sind die Diskussio- nen, die die Autoren des Berichts in dem o. g. Workshop mit medien pädagogi- schen Experten führten. Da die Methoden dokumenta tion zu den durch geführten Telefonumfragen und Gruppen diskussionen insgesamt mehr als 200 Seiten umfasst, wird sie nicht in gedruckter Form ver öffent licht. Stattdessen wird sie als PDF-Doku- ment unter www. lfm-nrw.de/forschung/schriftreihe auf die Homepage der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) gestellt. 19 2 Medien nutzung und soziale Integra tion von jungen Migranten Die Frage nach der Bedeu tung der Massen medien für die Integra tion der „Menschen mit Migrations hintergrund“ in die deutsche Gesell schaft ist in den letzten Jahren stärker in den Fokus der öffent lichen Debatte gerückt. Dies hat zum einen damit zu tun, dass dieses Thema ganz allgemein als politi sches Problem definiert und auf die Tagesord nung der bundes deutschen Regierungs- politik gesetzt wurde (Ausländer bericht 2007, Integrations indikatoren bericht 2009) und in der Folge auch Gegen stand sozialwissen schaft licher Studien (Bertels mann-Stiftung 2009, Berlin-Institut 2009) und journalisti scher Schlag- zeilen (Küpper 2009) wurde. Zum anderen sind – und dies geschah zum Teil schon vor der intensivierten öffent lichen Integrations debatte – in den letzten Jahren mehrere repräsentative Einzelstudien zur Medien nutzung von Migran- ten durch geführt worden (ARD/ZDF 2007), von denen einige auch mit Indi- katoren zur Integra tion aus gestattet waren (Weiß/Trebbe 2001, Trebbe/Weiß 2007). Darüber hinaus sind in der Zwischen zeit eine ganze Reihe akademi- scher Arbeiten er schienen, die sich explizit mit dem Zusammen hang von Medien nutzung und Integra tion bei Menschen mit Migrations hintergrund be- schäftigen (Geißler/Pött ker 2005a, 2006, 2009, Bonfadelli/Moser 2007, Ruhr- mann 2009, Trebbe 2009). Vor dem Hintergrund dieser Entwick lung werden in diesem Kapitel vor allem zwei Diskussions stränge auf gegriffen und über blicks mäßig aktualisiert. Dafür wird zunächst in dem folgenden Abschnitt 2.1 auf den medien- und gesellschafts politi schen Forschungs kontext ein gegangen. Vor allem die Frage, warum es wünschens wert und politisch bedeutsam ist, objektivier bare Daten zur Medien nutzung von Migranten zu erheben, wird dabei im Mittelpunkt stehen. Daran schließen sich zwei sozial- und kommunikations wissen schaft- lich orientierte Abschnitte zur Theorie (Abschnitt 2.2) und zum Forschungs- stand (Abschnitt 2.3) in diesem Untersuchungs feld an. Sowohl im Hinblick auf integrative Nutzungs motive von Migranten als auch in Bezug auf integra- tive Medien wirkun gen werden dort einige zentrale Überle gungen und empiri- sche Befunde der einschlägigen Forschung diskutiert. 20 2.1 Gesellschafts politi scher Forschungs kontext Nationaler Integrations plan (2007), Integrations gipfel und Islamkonferenz sind nur einige Maßnahmen der deutschen Bundes regie rung, die deut lich machen, dass die Integra tion von Zuwanderern – hier als gesell schaft liches Ziel for mu- liert – auf der politi schen Agenda in Deutschland in den letzten Jahren einige Plätze gutgemacht hat. Dazu gehört auch, dass man heutzutage nicht mehr einfach von „Ausländern“ (als Nachfolgebegriff zu „Gastarbeitern“) spricht, sondern dass sich für Ausländer und zu gewanderte Deutsche bzw. ihre Nach- kommen die Bezeich nung „Personen mit Migrations hintergrund“ durch gesetzt hat. Nach der Defini tion des Statisti schen Bundesamts zählen seit dem Mikro- zensus 2005 zu diesem Personen kreis „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewander- ten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deut- sche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutsch- land geborenen Elternteil“. (Statisti sches Bundesamt 2009: 6) Dieser Defini tion ent sprechen nach den aktuell verfüg baren Daten des Mikro- zensus 2007 etwa 15,4 Millionen Personen, was bei einer Gesamtbevölke rung von 82,2 Millionen einen prozentualen Anteil von 18,7 Prozent aus macht. Die Zahl der Ausländer im Sinne von Personen mit einer anderen als der deutschen Staats bürger schaft (wie früher gebräuch lich) ist im Ver gleich dazu mit 5,6 Mil- lionen erheb lich geringer (6,8 Prozent). Die Zahl der Personen mit eigener Migrations erfah rung (Ausländer und Deutsche) liegt mit 10,5 Millionen (12,7 Pro zent der Gesamtbevölke rung) etwa in der Mitte der beiden anderen genannten Werte (alle hier und im Folgenden zitierten Daten: Statisti sches Bundesamt 2009). Das Herkunfts land Türkei spielt in allen genannten Bezugs rahmen eine bedeutende Rolle. Die Wurzeln dieser Migranten gruppe liegen in der Arbeits- migra tion, Grundlage dafür war das 1961 zwischen Deutschland und der Türkei ver einbarte „Abkommen zur Anwer bung türkischer Arbeits kräfte für den deutschen Arbeits markt“. Trotz Anwerbestopp (1973) und Rück kehrförde- rung (1983) nahm die Zahl türkischer Migranten weiter zu, die wesent lichen Ursachen dafür waren Familien zusammen führung und die Erleichte rung der Einbürge rung. „Kamen zu Beginn der türkischen Zuwanderung fast ausschließlich erwerbstätige Männer in die Bundesrepublik, sind inzwischen nur noch ein Viertel der türkisch- stämmigen Menschen als ‚Gastarbeiter‘ nach Deutschland gekommen: 53 Prozent wan- derten im Zuge der Familienzusammenführung ein, und 17 Prozent der erwachsenen Türkinnen und Türken sind bereits hier geboren.“ (Şen 2002) 21 Etwa 2,5 Millionen Menschen mit türkischem Migrations hintergrund leben heute in Deutschland, das sind 3,1 Prozent der Gesamtbevölke rung und 16,3 Pro zent der Personen mit Migrations hintergrund. Unter den 5,5 Millionen in Deutschland lebenden Ausländern sind sie mit 1,2 Millionen (21,1 Prozent) die größte Gruppe. Nach der neuen Defini tion gibt es zurzeit aber auch 4,9 Millionen Deutsche mit Migrations hintergrund, darunter 2,8 Millionen, die als Spät aussiedler bzw. Aussiedler bezeichnet werden (vgl. zum Folgenden den Migrations bericht 2007, S. 46 ff.).6 In der ersten Hälfte der 1990er Jahre lagen die Zuzugs quoten dieser Migranten gruppe nach Deutschland bei über 200.000 Personen pro Jahr. Vor ihrer Einreise nach Deutschland haben Spät aussiedler sowie deren Ehegatten und Nachkommen die Rechts stel lung eines „Deutschen ohne Staats angehörig- keit“ („Status deutsche“). Werden sie als Spät aussiedler anerkannt, wird ihnen bei der Einreise nach Deutschland automatisch die deutsche Staats bürger schaft ver liehen. Die meisten Spät aussiedler kommen aus Gebieten bzw. Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Nach Schneider sind „bis Ende 2004 […] ins- gesamt rund 2,5 Millionen Menschen als Aussiedler, Spät aussiedler oder deren Angehörige aus der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten zu gewandert“ (Schneider 2005). Das heißt: Die Menschen, die zusammen genommen dem Bevölkerungs segment der – wie wir sie im Folgenden nennen werden – „rus- sischen Aussiedler“ zuzu ordnen sind, sind neben den Menschen türkischer Her kunft die bedeutendste Gruppe der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrations hintergrund. Angesichts dieser Zahlen sind für die Massen medien in Deutschland Men- schen mit Migrations hintergrund in mehrfacher Hinsicht eine relevante Ziel- gruppe. Nicht nur ökonomisch relevant, auch wenn über 15 Millionen Menschen ein ökonomi sches Potenzial repräsentieren, sondern besonders ge- sell schafts politisch relevant, wenn die aus Art. 5 des Grundgesetzes ab- geleitete Integrations funk tion der Massen medien auch als Leistung für nach Deutschland Zugewanderte und ihre Angehörigen auf gefasst wird. Besonders den klassi schen, konven tionellen Massen medien wie Fernsehen, Radio und Tages zeitung wird in dieser Hinsicht eine große Bedeu tung zu geschrieben, weil sie noch immer über alle gesell schaft lichen Gruppen und Segmente hin- weg die größte Reichweite für die Ver brei tung gesell schaft lich relevanter Inhalte haben – jeden falls soweit sie auch tatsäch lich genutzt werden. Gerade dieser letzte Punkt ist vor einigen Jahren im Zusammen hang mit der Medien- nutzung von Ausländern immer wieder in Zweifel gezogen worden. Im öffent- lichen, aber auch im wissen schaft lichen Diskurs wurde die Befürch tung 6 Möglicher weise unter schätzt der Mikrozensus jedoch die Aussiedler quote in Deutschland, was insbesondere die exakte Ermitt lung der Zahl der in Deutschland lebenden Aussiedler betreffen würde. (Seifert 2008) 22 geäußert, dass sich in Migrations milieus immer mehr Menschen der massen- medialen Kommunika tion mit deutschen Medien ent ziehen, durch die exklusive Nutzung heimatsprach licher Medien in die mediale Parallelgesell schaft ab- gleiten und sich gesell schaft lich isolieren (Heckmann 1992). Massen weise in- stallierte Satelliten schüsseln auf den Balkons typischer Migranten quartiere galten als Synonym für das selbst gewählte Medien ghetto. Der Begriff „Medien ghetto“ ist Anfang des neuen Jahrtausends in aller Munde – allerdings finden sich bei einer (subjektiven und selektiven) Durch- sicht von Tages zeitungs artikeln und Google-Nachweisen aus der damaligen Zeit zum Thema Migranten und Medien kaum Protagonisten, die die These von der Isola tion der Migranten durch einseitig auf die ehemalige Heimat aus gerichtete Medien nutzung noch ernst haft ver treten, denn zu diesem Zeit- punkt wird sie schon plakativ für die Kommunika tion gegen teiliger Befunde genutzt. Eine repräsentative Studie des Bundespresseamts der deutschen Bundes regie rung hatte im Jahre 2000 gezeigt, dass die befragten Türken und Deutschen türkischer Herkunft zwar sehr stark auf türkische und türkisch- sprachige Medien zurück greifen, wenn es darum geht, sich zu unter halten oder über die Türkei zu informieren. Gleichzeitig aber nutzen sie auch die deutsch sprachigen Medien angebote aus Fernsehen, Radio und Presse, um sich über ihre aktuelle Situa tion und ihren Alltag in Deutschland auf dem Lau- fenden zu halten. (Weiß/Trebbe 2001) Die Studie fiel in eine Zeit, in der die öffent liche Diskussion immer stärker auf eine differenzierte Regelung statt einer pauschalen Abwehr von Einwande- rung hinaus lief und damit ver bunden die Frage nach der Integra tion der Eingewanderten und ihrer Nachkommen stärker in den Mittelpunkt rückte. Vor läufiger Höhepunkt dieser öffent lichen und politi schen Debatte war die Ver abschie dung des Zuwanderungs gesetzes im August 2004 nach voraus- gegangenen erheb lichen Auseinander setzun gen im Bundesrat bezüg lich des Abstimmungs verhaltens einzelner Bundes länder vertreter und die Interpreta tion des damaligen Bundes rats vorsitzenden Klaus Wowereit betreffend. Aber zurück zur Medien ghetto-These. Nach einer Bibliografie des Komtech- Instituts (Becker 2000) kann man den Begriff das erste Mal bei Aktan (1981) lesen, der in diesem Zusammen hang noch zeit gemäß von „Gastarbeitern“ spricht und von einer „Ghettositua tion im massen kommunikativen Bereich“ aus geht. Goldberg, Mitarbeiter am Zentrum für Türkeistudien (ZfT), greift den Begriff Ende der 90er Jahre wieder auf, wenn er in einem Aufsatz von „medialer Ghettoisie rung“ im Kontext medialer Vielfalt spricht (Goldberg 1998). Auch Güntürk – eben falls Mitarbeiterin am ZfT – spricht in einem Beitrag Ende der 90er Jahre von „medialer Isola tion“ bezogen auf die Medien- nutzung von Migranten, insbesondere von Migranten türkischer Herkunft (Güntürk 1999). In neueren Studien des ZfT wird diese These immer noch kolportiert (Şen/Sauer/Halm 2001: 70), auch wenn die eigenen Daten zum 23 Teil deut lich gegen einen solchen Trend sprechen (ebd.: 72–74). Und so muss man Becker beipf lichten, wenn er fest stellt, dass das Medien ghetto vor allem im Fall der türkischen Migranten in Deutschland von „jedermann“ fest gestellt wird, während etwa die Rolle der russischen Presse für die russischen Spät- aussiedler in Deutschland weit gehend un beobachtet und von dieser Diskus- sion un berührt bleibt (Becker 2007: 45). Nach der Publika tion der Studie des Bundespresseamts im Jahre 2001 kommt die Diskussion um das türkische Medien ghetto in Deutschland erneut in Gang. Am häufigsten zitiert ist in diesem Zusammen hang wohl Meier- Braun, Integrations beauftragter des Südwestrundfunks, der sich 2002 vehement gegen die These von den „Migranten in Deutschland – Gefangen im Medien- ghetto“ wendet und in einem Beitrag vor allem Studien zitiert, die für eine komplementäre Nutzung türkisch- und deutsch sprachiger Medien sprechen (Meier-Braun 2002). Spätestens ab diesem Zeitpunkt findet man auch in der öffent lichen Debatte nur noch sehr ver einzelt Ver treter einer Isolations- oder Ghettoisierungs these im Kontext der Medien nutzung von Migranten (Schulte 2002). In der Zwischen zeit gilt sie als empirisch hinreichend wider legt, was jedoch nicht als Negie rung spezifi scher Medien nutzungs gewohn heiten von Menschen mit Migrations hintergrund ver standen werden darf (Trebbe 2009: 97) – wir werden im folgenden Abschnitt darauf zurück kommen. 2.2 Theorie Zur Integrations funk tion von Massen medien – insbesondere im Zusammen- hang mit Migra tion -steht inzwischen reich lich Literatur zur Ver fügung (Esser 2000, Schatz/Holtz-Bacha/Nieland 2000, Imhof/Jarren/Blum 2002, Vlasic 2004, Bonfadelli/Moser 2007, Bonfadelli et al. 2008), auch synopti sche Über- blicke über die Rolle der Medien in der letzten Phase des Migrations prozesses (Piga 2007, Müller 2005). Selbst Bibliografien zum Thema sind vor handen und werden ständig aktualisiert (Becker 2000, Geißler/Pött ker 2005b, Ruhr- mann 2009). Dieser Literatur soll hier kein weiterer Überblick hinzu gefügt werden. Für den Fortgang dieser Studie scheint es uns zweck dien licher, die aktuellen theoreti schen Perspektiven kurz zu benennen und unseren theoreti- schen Standpunkt bzw. die konzeptionelle Ver anke rung der empiri schen Teil- studien zu klären. Das Ver halten von Migranten und ihren Nachkommen in ihrer neuen Um- welt ist inzwischen zentraler Gegen stand vieler, zum Teil sehr unter schied- licher Disziplinen und ihrer theoreti schen Ansätze geworden. Dabei zeichnen sich diese nicht un bedingt durch eine gegen seitige Wahrneh mung geschweige denn eine Anerken nung der jeweiligen Ansätze und Forschungs ergebnisse aus. Traditionell ist das soziale Handeln im Migrations kontext eine Domäne der 24 Soziologie. Die sog. Chicagoer Schule um den Soziologen Robert E. Park hat bereits Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts Ansätze und empiri- sche Studien zur Rolle der „Immigrant Press“ (1922) in den Ver einigten Staaten vor gelegt. Aber auch die Kulturwissenschaften und Cultural Studies beschäftigen sich mit der Identitätsbildung und Veränderung ethnischer Minderheiten, die durch Wanderungsprozesse zwischen unterschiedlichen Gesellschaften entstehen (Cottle 2000). Häufig ist hier auch von virtuellen Gemeinschaften („imagined communities“, Anderson 1983) oder Diaspora (Cohen 1997) die Rede, die vor allem dann entstehen, wenn Migranten aus gleichen Herkunftskontexten in verschiedenen sozialen Umgebungen sich zwar untereinander unbekannt sind, aber doch einander zugehörig fühlen. Insbesondere diese Perspektive wird häufig genutzt, wenn es darum geht, Kommunikationsvorgänge via Massen- und Individualmedien über kulturelle und Ländergrenzen hinweg zu beschrei- ben. Zusätzlich zu den zwei genannten Perspektiven existiert noch eine ganze Reihe weiterer Ansätze, etwa aus der neueren Sozialanthropologie und den humangeografisch orientierten Wissenschaften, die aber in diesem Rahmen nicht weiter beschrieben werden sollen (für einen Überblick vgl. Trebbe 2009). In früheren Studien haben sich die Verfasser (Weiß/Trebbe 2001) vor dem Hintergrund einer sozialwissenschaftlich ausgerichteten Kommunikations- wissen schaft stärker an einem traditionell soziologischen Blick auf die Inte- gration von Migranten in Mehrheitsgesellschaften orientiert. Die soziale Lebens welt zwischen Herkunfts- und Ankunftskontext wird in diesem Zu- sammenhang als entscheidend für den Integrationsstatus von Migranten an- gesehen. Hierauf wird Bezug genommen, wenn in letzter Zeit verstärkt vom Milieu der Migranten die Rede ist. Allgemein werden in der Soziologie „unter ‚sozialen Milieus‘ Gruppen Gleichgesinnter verstanden, die jeweils ähnliche Werthaltungen, Prinzipien der Lebensgestaltung, Beziehungen zu Mitmenschen und Mentalitäten auf- weisen“ (Hradil 2006: 4). Vor diesem theoretischen Hintergrund werden zum Beispiel in den Sinus-Milieustudien nationale Gesellschaften oder auch ein- zelne Bevölkerungssegmente mithilfe multivariater statistischer Verfahren nach Wertorientierung, Lebensstil und sozialer Lage in unterschiedliche Cluster, Typen bzw. eben „Milieus“ aufgeteilt (Hradil 2006: 9; Wippermann/Flaig 2009). In der Migrationsforschung wird der Milieubegriff zur Beschreibung von zwei Sachverhalten gebraucht. Zum einen wird er genutzt, um die soziale Lebenswelt von Migranten (s. o.) zunächst pauschal gegenüber derjenigen der Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Zum anderen dient das Milieu konzept aber auch dazu, den Blick für die „Pluralisierung von Migra- tionskulturen“ (Wippermann/Flaig: 6) zu schärfen. Neben der horizontalen 25 Differenzierung dieses Bevölkerungssegments nach Herkunft (und den damit verbundenen kulturellen Prägungen und subjektiven Werthaltungen unter schied- licher Ethnien etc.) geht es dabei vor allem um vertikale, sozialstrukturelle Differenzierungsmerkmale wie sozioökonomischer Status, Bildung, Ein kom- men, Berufstätigkeit, aber auch um Alter, Migrationserfahrung usw. Im Rah- men der LfM-Studie wird der Milieubegriff in beiden Konnotationen ver- wendet. Nach Esser (2000) ist eine von vier Integrationsdimensionen die Kultura- tion, womit die Aneignung sozialer Fertigkeiten und Kenntnisse gemeint ist, mit denen man sich in seiner sozialen Lebenswelt bewegt und behauptet. Im Falle von Menschen mit Migrationshintergrund spricht man auch von Akkul- turation, um deutlich zu machen, dass es sich um einen erneuten Kultu- rationsprozess, quasi um einen zusätzlichen oder Zweiterwerb der genannten sozialen Fertigkeiten handelt. Das Konzept einer Systematisierung der Akkul- turationsstrategien von dem Sozialpsychologen Berry (1997) knüpft hier an (Übersicht 2.1). Übersicht 2.1: Akkulturationsstrategien (eigene Darstellung nach Berry 1997) Identifika tion/Einstel lung gegen über dem … … Herkunfts kontext der ethnischen Gruppe positiv negativ … Ankunfts kontext/Mehrheits - gesell schaft positiv Integra tion Assimila tion negativ Separa tion Marginalisie rung In einer Vierfeldermatrix unterscheidet er positive und negative Strategien gegenüber dem gesellschaftlichen Herkunftskontext und dem Ankunftskontext. Die Systematisierung hat den Vorteil, dass positive und negative Strategien gegenüber der Mehrheitsgesellschaft unabhängig von der Einstellung zur Her- kunftsgesellschaft beschrieben werden können – und das ist der entscheidende Unterschied zur Medienghetto-These: Eine Affinität zur eigenen ethnischen, nationalen und soziokulturellen Herkunft erlaubt nicht a priori Aussagen über die Einstellung zur Mehrheitsgesellschaft am „neuen“ Lebens- und Auf ent- haltsort. Darüber hinaus hilft die These bei der Unterscheidung zentraler Be- griffe wie Assimilation, Integration, Separation und Marginalisierung (Trebbe 2007a, 2007b, 2009): Danach ist Integration die Akkulturationsstrategie, die verfolgt wird, wenn beide sozialen Kontexte positiv beurteilt werden, sowohl der Ankunfts- als auch der Herkunftskontext. Assimilation bedeutet die Vernachlässigung der Herkunft zugunsten der „neuen“ sozialen Umwelt und von Separation spricht man, wenn Menschen mit Migrationshintergrund ausschließlich dem Her- kunfts kontext gegenüber positiv eingestellt sind. Schließlich wird mit Margi- nalisierung eine Abwendung von beiden gesellschaftlichen Zusammenhängen bezeichnet. 26 Es liegt auf der Hand, dass die Sicht auf die Akkulturationsstrategien von Migranten – wenn auch zunächst nur aus einer deskriptiven Perspektive – auf fast alle Bereiche der sozialen Lebenswelt angewandt werden kann, etwa Sprache, soziale Beziehungen und Interaktion, Informationsbedürfnisse und eben auch Medien und Medieninhalte. Aus kommunikations wissen schaft licher Perspektive schließt sich allerdings hier eine weitere Frage an: die nach der genauen Positions bestim mung der Massen medien in diesen Akkulturations prozessen. Theoretisch kann man dabei von drei ver schiedenen Möglich keiten aus gehen, die nicht un bedingt über- schneidungs frei sein müssen: – Erstens können Medien nutzungs vorgänge von Menschen mit Migrations- hintergrund als Indikator für das Integrations- oder besser: Akkulturations- verhalten auf gefasst werden – so wäre z. B. die deutsch- bzw. türkisch spra- chige Medien nutzung einfach ein Zeichen für die individuelle Ausrich tung auf beide gesell schaft lichen Kontexte zwischen Marginalisie rung und Assi- mi la tion. Wenn man so will, kann man viele der mehr oder weniger aus- schließ lich auf die Erfas sung und Beschrei bung der Medien nutzungs vor- gänge von Migranten aus gerich teten Studien hier einordnen – etwa die ARD/ZDF-Studie aus dem Jahr 2007, in der sechs ver schiedene ethnische Minder heiten nach ihren Medien nutzungs gewohn heiten befragt wurden. – Eine zweite Möglich keit ist es, Medien nutzung als Folge eines bestimmten Integrations stadiums zu sehen und so quasi die Akkulturations strategie einer Person als Ursache, als Grund, als Motiv für die Nutzung von sog. Heimat- oder Mehrheits medien zu sehen (Weiß/Trebbe 2001, Trebbe/Weiß 2006, Trebbe 2007b). In gewisser Weise schließt diese Perspektive die erst- genannte mit ein, denn über die Erhebung von Integrations- und anderer sozialer Lebens welt-Indikatoren hinaus ist eine Beschrei bung des Medien- nutzungs verhaltens ja „inbegriffen“. – Drittens schließ lich kann man Massen medien als Wirkungs ursache oder mindestens als Katalysator für den Integrations status, die Akkultura tion von Menschen mit Migrations hintergrund sehen – eine Annahme, die ja auch in der oben beschriebenen Medien ghetto-These mehr oder weniger implizit mitschwingt. Besonders zur Wirkungs kraft der Medien im Migra- tions- und Integrations prozess gibt es, ganz im Widerspruch zur öffent- lichen Debatte, bisher ver gleichs weise wenig gesicherte empiri sche Er- kenntnisse. Zumindest aber konnten anhand der Daten der WDR-Studie 2006 einige grundlegende Mechanismen zwischen deutsch- und heimat- sprach licher Medien nutzung auf der einen und sozialer Interak tion auf der anderen Seite identifiziert werden (Trebbe 2009). Wir werden die Befunde im nächsten Abschnitt im Zusammen hang mit anderen diskutieren. Solange allerdings nicht im Rahmen von kontinuier lich 27 durch geführten „Single-Source-Studien“ zusammen hängende Langzeitdaten zur Medien nutzung und Integra tion der Bevölke rung mit Migrations hinter- grund in Deutschland erhoben werden, wird die Frage nach dem Wechselspiel zwischen Akkultura tion als Motiv und Akkultura tion als Wirkung der Me- dien nutzung weit gehend offen bleiben. Wie amerikani sche Studien zeigen, bietet sich in diesem Bereich auch die Durchfüh rung von Panelstudien an (Jeffres 2000). Über die drei zuletzt auf gezeigten Forschungs linien hinaus gibt es eine ganze Reihe weiterer theoreti scher Perspektiven und bezogen darauf Studien, die sich mit Medien und Teilpopula tionen mit Migrations hintergrund befassen (vgl. dazu vor allem auch Kapitel 3). So diskutieren etwa Korupp und Szydlik vor dem Hintergrund der These eines „Digital Divide“ die Minder ausstat tung bzw. -nutzung von Computer und Internet auch als Folge einer ethnischen Herkunft (Korupp/Szydlik 2005: 412). Sie führen Sekundäranalysen anhand des sozioökonomi schen Panels (SOEP) durch, in dem zwischen 1997 und 2003 auch zwischen 2 und 3 Prozent türkische Staats bürger ver treten waren. Eben- falls von digitaler Kluft spricht Kissau (2008: 36), die 98 jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion zu ihrer Internetnut zung befragte und im Ergebnis ihrer Studie das Internet als „Integrations monitor“ bezeichnet (ebd.: 184). Aus einer politik wissen schaft lichen Perspektive sieht sie Informa tion und Kommunika tion als der politi schen Partizipa tion vor geschaltete Funk tio- nen des Internets. 2.3 Forschungs stand Insbesondere im Hinblick auf den Forschungs stand zur Integra tion und Me- dien nutzung der Türken in Deutschland kann man einige Basis befunde fest- halten, die als Ausgangs punkt für die hier vor liegende Studie dienen sollen. So ließen sich in den Querschnitt studien des Bundespresseamts im Jahr 2000 und des WDR im Jahr 2006 ver schiedene, klar abgrenz bare typische Inte- grations muster identifizieren (Weiß/Trebbe 2001, Trebbe/Weiß 2006). Diese reichten von einer eindeutigen Abwen dung von der deutschen Mehrheits- gesell schaft in Bezug auf alle er hobenen Indikatoren (politi sches Interesse, Ver trauen in deutsche Institu tionen, soziale Interak tion, Staats bürger schafts- wunsch, Bleibeabsicht, Sprachgebrauch) bis hin zu zwei ver schiedenen, der Mehrheits gesell schaft zu gewandten Integrations typen, von denen der eine eher über formale Variablen und politi sche Partizipa tion und der andere über soziale Interak tion und das Lebens umfeld als integriert beschrieben werden konnte.m Schon in der ersten Typologie aus dem Jahr 2001 wurde dabei auch sicht- bar, dass etwa die weniger stark der Mehrheits gesell schaft zu gewandten Be- fragten einen über durchschnitt lichen Anteil an älteren Personen und Personen 28 mit geringerer Aufenthalts dauer auf wiesen. Auffällig keiten hinsicht lich des Alters zeigten sich also vor allem bei den älteren Segmenten der Stichprobe. Jüngere Befragte (Mindestalter der Befra gung: 14 Jahre) waren in allen Inte- grations typen gleichmäßig ver treten. Darüber hinaus – und das ist weiter oben ja schon angek lungen – gab es weitaus geringere Unterschiede in der Medien- nutzung der Integrations typen, als man das vor dem Hintergrund der öffent- lichen Diskussion damals er warten konnte. So hatten speziell diejenigen auch eine starke türkisch sprachige Medien nutzung, die der deutschen Mehrheits- gesell schaft über durchschnitt lich zu gewandt waren (für eine detaillierte Zu- sam men fassung der Typologien vgl. Trebbe 2009). In zwei weiteren Sekundäranalysen der Daten des Bundespresseamts (Trebbe 2007a) und der WDR-Daten (Trebbe 2007b) zeigten sich für die jüngeren Befragten zwischen 14 und 21 Jahren starke Zusammen hänge zwischen den gewählten Akkulturations strategien und den Medien nutzungs- mustern. Auch bei Jugend lichen, die in Deutschland geboren waren bzw. in Deutschland den weitaus größten Teil ihres Lebens ver bracht hatten, war eine Affinität zu Medien angeboten in türkischer Sprache fest stell bar, korres pon die- rend mit einem grundsätz lichen Interesse an der Türkei und ihrer Herkunfts- kultur bzw. der Heimat ihrer Eltern. Mangelndes Interesse an deutscher Politik und politi schen Informa tionen in deutscher Sprache war eindeutig eher auf ein grundsätz liches politi sches Desinteresse zurück zuführen als auf eine be- wusste Abwen dung vom deutschen Kontext – das Interesse an türkischer Politik befand sich parallel dazu eben falls auf sehr niedrigem Niveau (Trebbe 2007a: 205–206). Die Fähig keit, die deutsche Sprache zu ver stehen, ist bei der Betrach tung des Zusammen hangs von Integra tion und Medien nutzung von ent scheidender Bedeu tung (Trebbe 2007b: 184). Sie ist der ent scheidende intervenierende Erklärungs faktor, wenn man ver sucht, die Akkulturations strategie als Medien- nutzungs motiv zu beschreiben. Kausal analytisch kann man zeigen, dass Hand- lun gen und Vorstel lungen zur Integra tion in die deutsche Mehrheits gesell schaft – zumindest bei Personen türkischer Herkunft – sich auf die Nutzung deutsch- sprachiger Medien aus wirken. Und dies sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Mit anderen Worten: Personen, die im täglichen Leben der Mehrheits gesell schaft zu gewandt sind, haben gute Gründe, auch die Medien dieser Mehrheits gesell schaft zu nutzen. Personen, die sich ab wenden, wenden sich auch von den deutschen Medien ab. Genau dieser kausale Zusammen- hang wird dann über Sprache als Erklärungs faktor moderiert: Nur wenn die Sprachkompetenz ein bestimmtes Niveau hat, kommt er zustande. Auf der anderen Seite der Akkulturations matrix von Berry funktionieren diese kausal- analyti schen Modelle übrigens kaum oder gar nicht: So lässt sich die Nutzung türkischer bzw. türkisch sprachiger Medien weitaus schlechter als Folge der Ab- oder Zuwen dung zur deutschen Mehrheits gesell schaft er klären. Das be- 29 stätigt noch einmal die Ergebnisse der genannten Typologien: Die Nutzung türkisch sprachiger Medien ist bei den meisten Befragten unabhängig vom individuellen Integrations status; Integrierte und weniger Integrierte wenden sich gleichermaßen den Massen medien aus dem Herkunfts kontext zu. Wie oben beschrieben, ist die Wirkungs kraft der Mehrheits- und Minder- heits medien auf den Integrations- bzw. Akkulturations prozess ver gleichs weise wenig er forscht. Aber immerhin zeigen inzwischen ver tiefte multivariate Ana ly- sen, dass insbesondere die Nutzung deutsch sprachiger Medien einen posi tiven Effekt auf integrative und assimilative Ver haltens strategien von Migranten haben kann (Trebbe 2009: 261), während – und das ist vor dem Hintergrund des bisher Ausgeführten folgerichtig – kaum negative Effekte einer intensiven türkisch sprachigen Nutzung identifiziert werden konnten. Im Gegenteil: Am stärksten der Mehrheits gesell schaft zu gewandt und durch soziale Interak tion mit ihr ver bunden scheinen diejenigen Menschen mit Migrations hintergrund zu sein, die sich dieses Hintergrunds bewusst sind und ihn (noch) nicht auf- gegeben haben. Diese Befunde beschränken sich übrigens nicht nur auf die türkisch stäm- mige Bevölke rung in Deutschland, sondern wurden auch – wenn auch weit weniger differenziert und aus geprägt – schon 2003 in einer Befra gung von russischen Aussiedlern fest gestellt (Pfetsch/Trebbe 2003). Insgesamt aber be- findet sich die Erforschung von Medien wirkun gen im Integrations prozess von Migranten an gesichts einer sich immer weiter aus differenzierenden Medien- nutzung noch in einem frühen Stadium. Abschließend noch ein gesonderter Blick auf Zusammen hänge zwischen Medien nutzung und Integra tion in Bezug auf die Teilpopula tion der Kinder und Jugend lichen mit Migrations hintergrund. Die Forschungs lage ist hier aus mehreren Gründen dürftig. Zwar gibt es zur Medien nutzung deutsch sprachi- ger Kinder und Jugend licher (bzw. von Kindern und Jugend lichen in deutsch- sprachigen Haushalten) repräsentative Daten. Eine besondere Stellung haben hier zwei jähr lich wieder holte Kinder- und Jugendmedien studien (vgl. zuletzt: KIM 2008, JIM 2008). Ob diese beiden Studien im Prinzip auch für die Ana- lyse der Medien nutzung von Kindern und Jugend lichen mit Migrations hinter- grund (als Teilmenge der insgesamt er fassten Kinder und Jugend lichen) ge- nutzt werden könnten (das heißt: ob der Status „Migrations hintergrund“ er fasst wird), ließ sich im Vorfeld der LfM-Studie nicht klären. Eine ent sprechende Methoden-Dokumenta tion ist nicht publiziert. Fest steht nur, dass 95 Prozent der in der JIM-Studie 2008 Befragten in Deutschland geboren wurden. Ohne- hin werden in beiden Studien keine Integrations indikatoren erhoben, ihr Schwer gewicht liegt auf Fragen der Medien kompetenz. Wir werden das je- doch insofern nutzen, als wir die Daten der JIM-Studie als Ver gleichs hinter- grund für einen Teil der Ergebnisse der LfM-Studie für jüngere türkische Migranten und russische Aussiedler heran ziehen werden (vgl. Kapitel 4 und 8). 30 Neben wenigen qualitativen Studien zum Thema Medien nutzung und Inte- gra tion/ Identität von jugend lichen Migranten (Görling 2007, Hameran/Baspi- nar/Simon 2007, Hugger 2009) und einigen internationalen Studien (Bickham et al. 2003, D’Haenens/Koeman/Saeys 2007) sind daher eigent lich nur zwei quantitative Studien im deutsch sprachigen Raum zu nennen, deren Vorgehen und Befunde im Problemkontext der LfM-Studie nütz lich sein können. So hat im Rahmen der für die türkische Wohnbevölke rung ab 14 Jahren repräsentativen BPA-Studie (Weiß/Trebbe 2001) auch eine zusätz liche – aller- dings nicht repräsentative – Befra gung von 255 Kindern im Alter zwischen 6 und 13 Jahren statt gefunden (Granato 2001). Zu den wichtigsten Befunden dieser Studie gehörte erstens, dass die befragten Kinder, die größtenteils in Deutschland geboren worden waren, im Hinblick auf ihre Freizeit gestal tung – einschließ lich der Medien nutzung – den türkischen und deutschen Kontext gleichermaßen nutzten und schätzten. Zweitens zeigte die Studie, dass die Unterschiede zu deutschen Kindern in diesen Ver haltens dimensionen ver- gleichs weise gering aus fielen, ledig lich Radiohören wurde von den Kindern türkischer Migranten sehr selten als Beschäfti gung an gegeben. Außerdem ergab sich aus dieser Studie, dass die befragten Kinder ihre eigene Zukunft über wiegend in Deutschland und nicht in einer möglichen Rück kehr in die Türkei sahen (Granato 2002: 49). In der Schweiz haben Bucher und Bonfadelli (2007) 1.500 Schüler im Alter zwischen 12 und 16 Jahren mit und ohne Migrations hintergrund nach ihren Medien nutzungs gewohn heiten befragt (s. a. Bonfadelli et al. 2008). Auch hier zeigten sich sehr viele Gemeinsam keiten zwischen den Jugend lichen ver- schiedener Herkunft. Die Autoren folgern daraus, dass „Migrations jugend liche zunächst einmal primär Jugend liche sind“ (Bucher/Bonfadelli 2007: 142). Für die wenigen, tatsäch lich identifizierten Unterschiede zwischen Jugend lichen mit und ohne Migrations hintergrund machen sie ver stärkt die Faktoren Bil- dung und Geschlecht ver antwort lich. Im Hinblick auf die Medien ausstat tung sehen die Autoren gering fügige Defizite bei Printmedien, wogegen elektroni- sche und Internetmedien tendenziell häufiger in den Zimmern der Migrations- jugend lichen anzu treffen sind. Bei der Nutzung von Medien inhalten sehen die Autoren geringe Unterschiede, ab gesehen von der Sprache (die ja in der Schweiz auch für Kinder ohne Migrations hintergrund eine besondere Rolle spielt) und der Anschluss kommunika tion (ebd.).7 7 Eine im Hinblick auf die Stichprobe von Bucher und Bonfadelli vergleichbare Befragung wurde von Wagner et al. unter Hauptschülern durchgeführt. Auch hier lag der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund unter den Befragten Hauptschülern zwischen 10 und 16 Jahren bei etwa einem Drittel. Da hier aber Bil- dungsprozesse im Zusammenhang mit Medien stärker im Mittelpunkt standen, werden wir diese Studie im nächsten Kapitel besprechen (Wagner 2008). 31 3 Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Migranten Die Frage, welche „Medien kompetenz“ junge Menschen mit Migrations hinter- grund auf weisen und welche Ansatz punkte für Maßnahmen der Medien- kompetenz vermitt lung für diese Zielgruppe sinn voll sind, ist in jüngerer Zeit ver stärkt Gegen stand des gesellschafts politi schen Diskurses. Im aktuellen Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008 wird dazu postuliert, dass den jungen Menschen mit Migrations hintergrund bei der Ver- mitt lung von Medien kompetenz „besondere Aufmerksam keit“ zu widmen sei (Medien- und Kommunikations bericht 2008: 50). Zum einen wird auch hier auf eine wichtige Rolle der Medien für die Integra tion dieser Menschen in die deutsche Gesell schaft hin gewiesen (ebd.). Zum anderen wird „Medien kompe- tenz“ als eine zentrale Schlüsselqualifika tion in der modernen Informations- und Wissens gesell schaft an gesehen (Luca/Aufenanger 2007). 3.1 Gesellschafts politi scher Forschungs kontext Inwiefern einzelne Bevölkerungs gruppen über „Medien kompetenz“ ver fügen, wird im aktuellen öffent lichen Diskurs und auch in der Medien pädagogik besonders in Bezug auf die neuen digitalen Funktions- bzw. Individualmedien, aber durch aus auch hinsicht lich der „klassi schen“ Massen medien diskutiert, wie etwa prakti sche Förderprojekte wie die „Nationale Initiative Printmedien – Zeitun gen und Zeitschriften in der Demokratie“8 und aktuelle wissen schaft- liche Studien zur Medien kompetenzförde rung9 zeigen. In der vor liegenden 8 Vgl. www.bundesregierung.de/Webs/Breg/ DE/Bundesregierung/BeauftragterfuerKulturundMedien/ Medienpolitik/InitiativePrintmedien/nationale-initiative-printmedien. html [25. 06. 2009]. 9 In den letzten Jahren wurden mit den Arbeiten von Burk hardt (2001), Luca/Aufenanger (2007) und Six/ Gimmler (2007) gleich drei wissen schaft liche Studien vor gelegt, welche sich mit der Förde rung von Medien- kompetenz in ver schiedenen sozialen Kontexten sowohl im Hinblick auf klassi sche als auch neue Medien befassen. Gleichwohl ist auch dort eine deut liche Fokussie rung auf Computer und Internet fest zustellen. 32 Analyse wird jedoch der Schwerpunkt auf die Individualmedien Computer/ Internet sowie Handy und Spiel konsole gelegt. Die LfM-Studie schließt damit an die Diskussion der These eines soge- nannten „Digital Divide“ an: einer digitalen Spaltung der Gesell schaft in In- formations reiche und Informations arme. Ihr Ausgangs punkt ist die Beobach- tung, dass ver schiedene Bevölkerungs gruppen Unterschiede im Zugang zu den neuen Kommunikations medien, insbesondere zum Internet, auf weisen (Kubicek/Welling 2000). Diese Debatte bezog sich in den 1990er Jahren zunächst nur auf die Frage des technologi schen Zugangs zu den Medien Computer und Internet (Niesyto 2008). Hier wird ver mutet, dass der Migra- tions hintergrund neben anderen Faktoren Ursache dafür sein könnte, dass die ent sprechenden Bevölkerungs gruppen nur ein geschränkten Zugang zu diesen Medien und deren Bildungs- und Partizipations potenzialen finden (LfM 2007b). Die daraus ab geleitete Befürch tung ist, dass gerade diejenigen mit niedrigeren Chancen auf Bildung, Beruf, politi sche Teilhabe und persön liche Entwick lung in Zukunft noch stärker benachteiligt sein könnten, wenn sie geforderte Kenntnisse im Umgang mit den digitalen Medien angeboten nicht er werben können. Das ursprüng lich dichotome Modell der digitalen Spaltung wurde für seine Undifferenziert heit kritisiert und durch neue Modelle ersetzt, die neben dem technologi schen Zugang auch inhalt liche Ausrich tungen des Medien gebrauchs berücksichtigen (van Dijk 2005, Zillien 2006).10 Mit dem mittlerweile in die Diskussion ein geführten Schlagwort des „Second Digital Divide“ soll darauf auf merksam gemacht werden, dass wesent liche Unter- schiede nicht im Zugang zu den Individualmedien, sondern in der Intensität und vor allem der Qualität ihrer Nutzung ver mutet werden (Niesyto 2008: 11). Ein besonderes Augen merk wird dabei auf den Medien umgang sozial benach- teiligter Kinder und Jugend licher gelegt, weil man davon aus geht, dass diese Kinder und Jugend lichen Medien „häufig extensiv und unkritisch“ (LfM 2007b: 43) nutzen. Man befürchtet, dass durch derartige Medien nutzung „… die durch ihre Lebens situa tion bedingten Beeinträchti gungen kognitiver, sprach licher und kultureller Fähig keiten eher ver stärkt als ver ringert“ (LfM 2007b: 43) würden. Auch die medien pädagogi sche Forschung weist auf den Einfluss des Faktors „Bildungs benachteili gung“ auf den Medien umgang Heran- wachsender hin. So konstatieren zum Beispiel Wagner und Eggert: „Die Ergebnisse der medienpädagogischen Forschung verweisen darauf, dass jene Kinder und Jugendlichen, die als bildungsbenachteiligt gelten und aus sozial unter- privilegierten Milieus stammen, eher den risikobehafteten Angeboten des Medien- marktes zugetan sind und sich die Möglichkeiten und Potenziale, die vor allem die 10 Van Dijk (2005) unter sucht neben dem technologi schen Zugang auch Motiva tionen, die der Nutzung oder Nicht-Nutzung des Internets zugrunde liegen (motivational access), sowie ver schiedene Kompetenzen im Umgang mit Computer und Internet (skills access, usage access). 33 multifunktionalen Medien Computer und Internet zur Kommunikation, Interaktion und Beteiligung bieten, nicht in der Bandbreite erschließen, wie Heranwachsende, die in bildungsbevorzugten Milieus aufwachsen.“ (Wagner/Eggert 2007: 15) Kinder und Jugend liche mit Migrations hintergrund sind von Bildungs benach- teili gung besonders betroffen. Nach den Daten des jüngsten Berichts zur „Bildung in Deutschland 2008“ (Autoren gruppe Bildungs berichterstat tung 2008) sind Schüler mit Migrations hintergrund selbst bei gleichem Sozialstatus seltener auf dem Gymnasium und häufiger in den niedriger qualifizierenden Schularten ver treten als Kinder ohne Migrations hintergrund. Sie ver lassen doppelt so häufig wie Schüler ohne Migrations hintergrund eine allgemein- bildende Schule, ohne zumindest den Haupt schulabschluss zu er reichen, und sie benötigen deut lich länger, um einen Ausbildungs platz der dualen Ausbil- dung zu finden. Diese Zusammen hänge sind – grundsätz lich und methodisch – an gemessen zu berücksichtigen, wenn es in empiri schen Studien um die Frage geht, ob sich junge Menschen mit Migrations hintergrund von jungen Men- schen ohne Migrations hintergrund in der Nutzung der neuen digitalen Medien unter scheiden. 3.2 Theorie Im medien pädagogi schen Diskurs findet seit den 1970er Jahren eine konti- nuier liche Auseinander setzung mit dem Thema Medien kompetenz statt (Baacke 1973, 1999; Theunert 1999, Luca/Aufenanger 2007). Dies führte jedoch nicht zu einer eindeutigen Begriffs bestim mung und Konzeptualisie rung, vielmehr liegen ver schiedene Modelle und Systematisie rungen der inhalt lichen Bereiche von Medien kompetenz vor. Ein breiter Überblick über klassi sche und neuere Modelle der Medien- kompetenz wird an dieser Stelle nicht gegeben. Hierzu kann auf die jüngst von Renate Luca und Stefan Aufenanger vor gelegte Aufarbei tung ver schie- dener Medien kompetenz-Modelle ver wiesen werden (Luca/Aufenanger 2007: 17–33). Im vor liegenden Kontext soll eine kurze Herlei tung der Begrifflich- keiten genügen. Im Anschluss daran wird das Medien kompetenzmodell von Theunert näher er läutert, welches aus einer medien pädagogi schen Blickrich- tung heraus Medien kompetenz als Ziel aktiver Medienarbeit konzeptionalisiert. Dieses Modell wird später für die Konzep tion des qualitativen Teils der LfM- Studie genutzt. Medien kompetenz ist nach Baacke – einem der „Väter“ der deutschen Medien pädagogik – ein Teil bereich der kommunikativen Kompetenz, worunter er „alle Sinnesakte der Wahrneh mung“ ver steht (Baacke 1999: 32). Medien- kompetenz wird darüber hinaus in das Konzept der Handlungs kompetenz inte- griert. Damit sind „… alle Formen der Weltbemächti gung und Welt verände- 34 rung gemeint, die zwar durch kommunikative Akte begleitet werden, aber über diese insofern hinaus gehen, als hier Objekte, Gegenstände und Sach- verhalte ‚ver rückt‘ werden“ (ebd.: 32). Medien kompetenz sei insgesamt als ein Konzept zu sehen, welches sich nicht auf Bildung und Erziehung beschränke oder die Ver mitt lung von Informa tionen und Wissen für beruf liche Karrieren, vielmehr schließe Medien kompetenz auch den Bereich unter haltender Ange- bote sowie „einen Reflexions raum des Wissens, Überlegens und Nachdenkens über den ‚Sinn‘ von Kommunika tion“ mit ein (Baacke 1999: 34). Während also im gesell schaft lichen Diskurs die Funktionalität von Medien- kompetenz für Bildung und Beruf sowie für effektiven Jugend- und Ver- braucher schutz betont wird, geht die wissen schaft liche Vorstel lung von Me- dien kompetenz weit darüber hinaus. Entsprechend warnen Stimmen aus der Medien pädagogik auch vor einer derartigen normativen Ver engung und for- dern, „… die Frage der Medien kompetenz stärker auf Themen und Praxen der alltäg lichen Lebens bewälti gung und der darauf bezogenen medien ver mit- tel ten Formen der Weltaneig nung und Identitäts bildung zu beziehen.“ (Niesyto 2008: 14) Auf diesen Aspekt werden wir bei der Darstel lung bisheriger For- schungs befunde zurück kommen. Helga Theunert schließt mit ihren Überle gungen an Baacke an, indem sie wie dieser Medien kompetenz als integrierten Bestand teil von Kommunikativer Kompetenz und Handlungs kompetenz fasst (Theunert 1999, 2008). Medien- kompetenz lässt sich mit Theunert ver stehen als „… die Fähigkeit, die Medien und Techniken, die gesellschaftliche Kommunikation unterstützen, steuern und tragen, erstens zu begreifen, zweitens sinnvoll damit um- zugehen und drittens sie selbstbestimmt zu nutzen.“ (Theunert 1999: 53) Damit grenzt sich die Autorin von Konzepten ab, welche Medien kompetenz auf instrumentelle Fertig keiten ver kürzen. Vielmehr betont sie, dass sich Medien kompetenz nicht auf den prakti schen Umgang mit Medien beschränkt, sondern zum Beispiel auch die Reflexion über Chancen und Gefahren des Medien gebrauchs mit einschließt. Medien kompetenz ent stehe durch ein Zu- sammen spiel unter schied licher Fähig keiten, die sich in den folgenden vier Dimensionen von Medien kompetenz ver deut lichen lassen (Theunert 1999, 2008): 35 Übersicht 3.1: Medienkompetenzdimensionen (Eigene Darstellung nach Theunert 2008) Wissens dimension: Das Wissen um die Beschaffen heit der Medien systeme, um Funktionen ver schiedener Medien als auch instrumentelle Fähig keiten im Umgang mit Medien und Kommunikations technologien bilden eine Basis, um mediale Symbol systeme zu ent schlüsseln und Medien zu begreifen und zu handhaben. Reflexions dimension: Notwendig ist ferner die Fähig keit, die Medien mit ihren Strukturen und Angeboten als auch das eigene Handeln kritisch zu analysieren und zu reflektieren. Dabei fließen sowohl ästheti sche als auch ethisch-soziale Kriterien in die Reflexion ein. Handlungs dimension: Die Fähig keit, Medien selbst bestimmt und kreativ zu gestalten, sich diese als Mittel der Kommunika tion und aktiven Partizipa- tion am sozialen, kulturellen und politi schen Leben zu er schließen, impliziert wiederum instrumentelle Fertig keiten, Kenntnisse der Medien funk tionen und reflexive Bewer tung. Orientierungs fähig keit: Die gesell schaft liche Teilhabe mittels Medien be- ruht auf einer Einord nung des verfüg baren Medienensembles und einer indi- viduellen Abwägung und Positionie rung ihm gegen über. 36 3.3 Forschungs stand Überblick In den vorigen Kapiteln wurde schon darauf hin gewiesen, dass die Medien- nutzung und Medien kompetenz der Minder heit junger Menschen mit Migra- tions hintergrund in Deutschland nicht in gleicher Weise systematisch, konti- nuier lich und repräsentativ er forscht wird, wie das im Hinblick auf Kinder und Jugend liche der Mehrheits gesell schaft der Fall ist. Zu den jähr lich durch- geführten KIM- und JIM-Studien (siehe dazu die Hinweise in den letzten beiden Kapiteln) oder Einzelstudien wie die von Luca/Aufenanger (2007), Six/Gimmler (2007) und Treumann et al. (2007) gibt es keine ent sprechenden Äquivalen zstudien, in denen die Medien kompetenz von jungen Menschen mit Migrations hintergrund hinsicht lich der Individualmedien Computer/ Internet, Handy und Spiel konsole repräsentativ erfasst wird. Zwar wurden in den letzten Jahren einige repräsentative Studien zur Me- dien nutzung von Menschen mit Migrations hintergrund durch geführt (vgl. dazu die Hinweise auf die BPA-Studie, WDR-Studie und ARD/ZDF-Studie in den letzten Kapiteln). Deren Schwerpunkt liegt jedoch auf den klassi schen Medien Zeitung/Zeitschrift, Radio und Fernsehen. Das Internet wird nur ganz all- gemein im Hinblick auf Nutzungs dauer und Nutzungs häufig keiten berück- sichtigt und eine weiter gehende Erfas sung von Medien kompetenzaspekten er- folgt in diesen Studien nicht. Außerdem befassen sich diese Studien im Prinzip mit der Medien nutzung von Erwachsenen (BPA-Studie, ARD/ZDF-Studie: Personen ab 14 Jahren) bzw. „jüngeren Erwachsenen“ (WDR-Studie: Personen ab 14 bis 49 Jahren).11 Daneben gibt es eine Reihe neuerer, nicht repräsentativer Studien, welche explizit den Medien umgang von jungen Menschen mit Migrations hintergrund aus kompetenzbezogener Perspektive beleuchten (Übersicht 3.2). Annette Trei- bel (2006) unter sucht die Medien kompetenz russ land deutscher und türkisch - stämmiger Haupt schüler. Susanne Eggert (2006) befasst sich mit der Medien- aneig nung 10- bis 16-Jähriger aus der ehemaligen Sowjetunion und mit der Integrations funk tion alter und neuer Medien. Mareike Strotmann (2006, 2008) analysiert, welche Faktoren die Aneig nung neuer Medien durch Jugend liche mit türkischem Migrations hintergrund unter stützen oder er schweren. Die Rolle neuer Medien für Identitäts bildungs prozesse steht im Mittelpunkt der Studie von Hugger (2009). 11 Das schließt Sekundäranalysen dieser Studien zur Medien nutzung jüngerer Personen gruppen allerdings nicht aus. Vgl. dazu etwa die Sekundäranalyse der BPA-Studie für 14- bis 21-Jährige (Trebbe 2007a). 37 Übersicht 3.2: Neuere empirische Studien zur Mediennutzung und Medienkompetenz von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland („Explizite Mi- gran tenstudien“) Autoren Stichprobe/Methode Erhebungs schwerpunkte Hugger 2009 n = 20 Junge Erwachsene mit türkischem Migrations hintergrund im Alter von 20 bis 25 Jahren, die aktive Nutzer aus gewählter Online-Communities sind Episodi sche Interviews Nutzung von Online-Communities für individuelle Identitäts bildungs prozesse Strotmann 2006, 2008 n = 29 Jugend liche mit türkischem Migra- tions hintergrund aus 8. und 10. Klassen Kölner Haupt schulen und Gymnasien Leitfaden interviews Medien nutzung, Medien kompetenz: Computer und Internet, Unterstüt zung bei der Aneig nung neuer Medien Hammeran/ Baspinar/ Simon 2007 n = 57 Fernsehzuschauer türkischer Herkunft im Alter von 14 bis 49 Jahren Gruppen diskussionen Lebens situa tion, Selbst bild, Medien nut- zung und Präferenzen in Bezug auf Com- puter und Internet, Print, Radio und TV Treibel 2006 n = 16 Russ land deutsche und türkisch- stämmige Haupt schüler aus 9. Klassen im Alter von durch schnitt lich 15 Jahren Leitfaden interviews Medien nutzung und Medien kompetenz: Computer, Internet, Handy (Bedien-, Struktur-, Handlungs wissen), Sprach- kompetenz Eggert 2006 n = 24 10- bis 16-Jährige aus der ehe- maligen Sowjetunion mit max. 4-jähriger Aufenthalts dauer in Deutschland Leitfaden interviews Medien nutzung, Medien funk tionen und Medien kompetenz: Radio, TV, Print, Computer, Internet, Spiele In diesen Studien kommen meist qualitative Leitfaden- oder Tiefen inter- views zur Anwen dung, die interessante Einblicke in den Medien umgang der genannten Teilpopula tionen geben, auf grund kleiner Fallzahlen und mangeln- der Repräsentativität aber keine allgemeinen Aussagen über die Medien nutzung und Medien kompetenz junger Menschen mit ihren spezifi schen Migrations- hintergründen in Deutschland er lauben. Im Übrigen ist auf fallend, dass sich auch die meisten Untersuchungen dieses Typs auf die großen Migranten- gruppen in Deutschland – junge Menschen türkischer Herkunft und russische Aussiedler – beziehen. Neben diesen wenigen Medien nutzungs- und Medien kompetenz studien, die sich explizit mit jungen Migranten beschäftigen, könnten sich im Grundsatz aus solchen Studien Hinweise zur Medien nutzung und Medien kompetenz dieser Bevölkerungs gruppe ergeben, zu deren Untersuchungs popula tion junge Migranten de facto, wie zum Beispiel im Fall von Schul- bzw. Schüler studien, zählen. 38 Übersicht 3.3: Neuere empirische Studien zur Mediennutzung und Medienkompetenz von jungen Menschen in Deutschland („Studien mit Migrantenanteilen“) Autoren Stichprobe/Methode Erhebungs schwerpunkte Wagner 2008 n = 903 Haupt schüler im Alter von 10 bis 16 Jahren, darunter zwei Drittel mit Migra- tions hintergrund, aus 20 Haupt- und Ge- samtschulen in sozialen Brenn punkten/ strukturschwachen Gebieten von Groß- städten in 6 Bundes ländern Teilstandardisierte schrift liche Befra gung der Schüler, ergänzt durch leit faden- gestützte Interviews mit n = 39 Klassen- lehrern und Gruppen diskussionen mit n = 111 Heranwachsenden Ausstat tung und Nutzungs häufig keiten in Bezug auf Computer/Internet, Handy und Spiel konsolen; Medientätig keiten, Nutzungs motive und Integra tion der Medien in die Lebens gestal tung, indivi- duelles Medien handeln in Bezug auf Spielen, Kommunizieren in virtuellen Räumen, Produzieren und Ver öffent- lichen Pfeiffer et al. 2008 n = 6.000 Schüler vierter Klassen und n = 17.000 Schüler neunter Klassen aus elf Städten und Landkreisen sechs ver- schiedener Bundes länder, Anteil der Be- fragten mit Migrations hintergrund nicht dokumentiert Schrift liche Befra gung Medien ausstat tung und Medien nutzung, familiäres und schuli sches Umfeld, Schulleis tungen, Freizeit verhalten Otto et al. 2004 n = 50 Jugend liche zwischen 14 und 23 Jahren mit Haupt- und Realschul- abschluss, darunter eine un genannte Anzahl an Jugend lichen mit Migrations- hintergrund Explorative Leitfaden interviews in Jugendeinrich tungen Nutzungs erfah rungen/-strukturen/ -präferenzen in Bezug auf Internetange- bote (MSN, Chat, Foren etc.), Qualitäts- vorstel lungen und Problemfelder Bernart/ Billes-Gerhart 2004 n = 103 Jugend liche aus 6. Klassen an Haupt schulen in Baden-Würt temberg im durch schnitt lichen Alter von 13 Jahren, darunter n = 57 Jugend liche mit Migra- tionshintergrund (davon n = 20 Jugend- liche mit türkischem und n = 19 Jugend- liche mit osteuropäi schem Migrations- hintergrund) Schrift liche Befra gung Sprach verhalten und Freundes kreis; Medien nutzung, Medien funk tionen und Medien kompetenz in Bezug auf Handy, Computer/Internet und Spielen utzung Fromme/ Meder/ Vollmer 2000 n = 1.111 Heranwachsende aus Schulen im Raum Bielefeld im Alter zwischen 8 und 14 Jahren, darunter n = 80 Aus- siedler, n = 88 Schüler türkischer Herkunft sowie Schüler mit anderen Migrations hintergründen Schrift liche Befra gung sowie qualitative Interviews mit n = 21 Heranwachsenden Umgang mit Computerspielen: Spiel- verhalten (Nutzungs häufig keit, Lieblings- spiel und -genre, Angaben zur Hard- ware), Spielumge bung (Zusammen spiel mit anderen, Wissens erwerb zu Spielen, andere Freizeitaktivitäten), Bewer tung ver schiedener Merkmale von Computer- spielen (mediale Präsenta tion, Dramatur- gie, Kompetenzanforde rungen) Die KIM- und JIM-Studien wären hier nochmals zu nennen, ebenso eine aktuelle umfassende Studie zum Medien handeln und der Medien kompetenz Jugend licher im Hinblick auf alte und neue Medien, die von einer For scher- gruppe um Klaus Peter Treumann auf Basis des sog. „Bielefelder Kompe- 39 tenzmodells“ durch geführt wurde (Treumann et al. 2007).12 Ähnliches gilt für eine qualitative Studie zur „Computerpraxis Jugend licher“ (Welling 2008), in der die Relevanz des Computers für Jugend liche und diesbezüg liche Aneig- nungs weisen analysiert, auf den Migrations hintergrund einiger Befragter aber nicht näher ein gegangen wird.13 Dieser Studientyp erfasst junge Menschen mit Migrations hintergrund nur rudimentär, da die jeweils zugrunde liegende Defini tion der Grundgesamt heit diese Fall gruppe weder explizit aus-, noch explizit einschließt. Die ethnische Zugehörig keit der Jugend lichen wird bei den Daten analysen in der Regel nicht explizit berücksichtigt. Auf der anderen Seite stehen Erhebun gen wie die Analyse zum „Medien- handeln in Haupt schulmilieus“ (Wagner 2008), bei der zwei Drittel der be- fragten Schülerinnen und Schüler einen Migrations hintergrund auf weisen.14 Hier lassen sich instruktive Ver mutungen über die Besonder heiten der Medien- nutzung und Medien kompetenz junger Menschen mit Migrations hintergrund ab leiten. Weitere Ansatz punkte geben die zusätz lich in Übersicht 3.3 auf- geführten neueren Studien, die neben deutschen Kindern und Jugend lichen auch Heranwachsende mit Migrations hintergrund berücksichtigen. Allerdings liefert auch dieser Studientyp auf grund der Defini tion der Grundgesamt heiten, Auswahl verfahren und Stichproben zusammen setzun gen keine repräsentativen Aussagen über die jeweiligen Migranten popula tionen. Ergebnisse expliziter Migranten studien Im Folgenden werden die wichtigsten Befunde der zwar nicht repräsentativen, aber immerhin explizit auf junge Menschen mit Migrations hintergrund bezo- genen Studien zusammen gefasst, deren Eckdaten in Übersicht 3.2 aus gewiesen sind. Wie in der Übersicht auch, wird mit den jüngsten Studien befunden be- gonnen. 12 In dieser Studie wird eine differenzierte Erfas sung ver schiedener Medien kompetenzdimensionen geleistet. Ein Kriterium der Defini tion der Grundgesamt heit war, dass die befragten Jugend lichen aus drei Bundes- ländern im Alter von 12 bis 20 Jahren (n = 3.271) Deutsch als Muttersprache beherrschten. Daneben wurde die Nationalität erfasst (deutsch/eine andere, und zwar …) und er mittelt, ob die Befragten schon immer in Deutschland leben oder aus dem Ausland (und falls ja: vor wie viel Jahren) zu gezogen sind. 13 Welling führte zwischen 2002 und 2004 Gruppen diskussionen mit Nutzern ver schiedener Jugendeinrich- tungen durch. In einigen Gruppen diskussionen hatten die Befragten über wiegend einen Migrations hinter- grund, was bei der Ergebnis präsenta tion jedoch nicht diskutiert wird. 14 In der Studie wurden n = 903 Haupt schüler im Alter von 10–16 Jahren aus 20 Haupt- und Gesamtschulen in sozialen Brenn punkten/strukturschwachen Gebieten von Groß städten in 6 Bundes ländern teilstandardisiert schrift lich befragt, darunter 67 Prozent mit Migrations hintergrund (dazu wurde für Vater und Mutter gefragt „kommt aus Deutschland“ vs. „kommt woanders her, und zwar …“). 40 Hugger (2009): Potenziale neuer Medien für Identitäts bildungs prozesse Medien kompetenz drückt sich auch darin aus, wie der Medien umgang zur Orientie rung und Positionie rung des Einzelnen, zur individuellen Lebens- bewäl ti gung beiträgt. In diesem Kontext ist eine explorative Forschungs arbeit von Hugger an gesiedelt, die danach fragt, wie sich türkische Migranten jugend- liche spezielle Online-Communities für ihre Identitäts bildungs prozesse zunutze machen. Auf Basis qualitativer Interviews mit jungen Erwachsenen mit türki- schem Migrations hintergrund15 wird in dieser Studie gezeigt, dass Online- Communities unter bestimmten Vorausset zungen Räume sein können, in denen die jungen Erwachsenen ihre „,prekäre‘ Zugehörig keit und die damit ver bun- denen Anerkennungs probleme verarbeiten können“ (Hugger 2009: 282, Herv. i. O.). In diesen Communities könnten die jungen Türken ihre gemein schaft- lichen türkischen und biografi schen Wurzeln reflektieren und Anerken nung für ihre Person er fahren. Ob daraus eine „erfolg reiche Selbst findung“ (ebd.: 282, Herv. i. O.) sowohl in der Online- als vor allem auch der Offline-Welt resultiert, scheint nach den Hinweisen aus dieser Studie davon abzu hängen, inwiefern in den Communities starke und ver trauens würdige soziale Bindun- gen zu Anderen hergestellt werden können – ein Aspekt, der wiederum selbst auf die Notwendig keit von instrumentellen, wissens bezogenen, gestalteri schen und reflexiven Fähig keiten ver weist. Strotmann (2006, 2008): Unterstüt zung bei der Aneig nung neuer Medien Strotmann (2006, 2008) geht in ihrer Studie der Frage nach, welche Faktoren der Settings Familie, Peers, Schule und außerschuli sche Institu tionen die An- eig nung von neuen Medien durch Jugend liche mit türkischem Migrations- hintergrund er leichtern oder er schweren.16 Bei der Analyse wurde der Schwer- punkt vor allem auf die Betrach tung geschlechts spezifi scher Unterschiede gelegt. So stellt die Autorin fest, dass sich die eher technikorientierten Jungen früher und intensiver dem Computer zuwenden als die befragten Mädchen. Unter den Jugend lichen, die neue Medien kaum oder gar nicht nutzen, fanden sich deut lich mehr Mädchen. Die Schule wurde von den meisten der befragten Jugend lichen als Ort mit hohem „Aufforderungs charakter“ bei der Aneig nung von neuen Medien be- zeichnet. Vor allem aber wurden die Eltern als diejenigen benannt, welche dies deut lich unter stützen. So beschrieben die Befragten in den Interviews, 15 Basis der Studie sind episodi sche Interviews mit n = 20 jungen Erwachsenen mit türkischem Migrations- hintergrund im Alter von 20 bis 25 Jahren, die aktive Mitglieder bestimmter Online-Communities sind. Die Befragten ver fügen über mittlere Reife und höhere Schulabschlüsse. 16 Dazu führte die Autorin im Jahr 2004 29 Intensivinterviews mit Jugend lichen mit türkischem Migrations- hintergrund aus Haupt schulen und Gymnasien in Köln. Die Jugend lichen stammten aus der achten und zehnten Klasse. Als weitere Auswahl kriterien wurden Geschlecht sowie das Vorliegen von Affinität bzw. keine Affinität zu neuen Medien ein gesetzt. 41 dass ihre Eltern in der Nutzung des Computers eine Möglich keit sehen, den Schul- und Berufsweg ihrer Kinder positiv zu beeinflussen und dem PC einen hohen oder sogar einen zentralen Stellen wert in der Gesell schaft einräumen. Jedoch nutzen zwei Drittel der Eltern laut den Angaben der Jugend lichen PC und Internet selbst selten oder nie, was zur Folge hat, dass diese Eltern ihre Kinder nicht direkt bei Problemen mit dem Computer durch Hilfestel lungen und Rat unter stützen können. Die Jugend lichen sind also ver stärkt auf andere Settings an gewiesen. Zum einen spielen hier Familien mitglieder der gleichen Genera tion, also Brüder und Cousins, eine große Rolle. Bei den außerschuli schen Settings zeigen sich nach Strotmann geschlechts spezifi sche Unterschiede dahingehend, dass Mädchen ver stärkt geschlossene Angebote, also z. B. Kurse in Moscheen oder privaten Schulen, nutzten, während Jungen eher offene Angebote zum Beispiel in Internetcafés und Bürger- oder Jugendzentren in Anspruch nahmen. Dabei stehe bei den Jungen aber häufig das Treffen von Freunden im Mittelpunkt, die Medien nutzung erfolge eher nebenbei. Die Autorin betont jedoch, dass sich für die Jungen aus dieser gemeinsamen Medien nutzung vielfältige Un- terstützungs möglich keiten ergeben.17 Die geringe Unterstützungs möglich keit seitens der Eltern sei dagegen insbesondere für Mädchen, die stärker auf die Familie als Aneignungs ort an gewiesen scheinen, als problematisch einzu- schätzen, während den Jungen offensicht lich mehr alternative Möglich keiten zur Ver fügung stehen: „Wenn die Jungen keine (weiteren) Kompetenzträger in der Familie haben, können sie sich diese zum Teil über ihr soziales Netzwerk eröffnen. Die Mädchen scheinen dies jedoch nicht zu können oder zu wollen.“ (Strotmann 2008: 137) Hammeran et al. (2007): Selbst bild und Medien nutzung junger Erwachsener türkischer Herkunft Dass Computer und Internet für die 14- bis 19-Jährigen eine besondere Rolle spielen, beschreibt für türkisch stämmige Jugend liche eine qualitative Studie im Auftrag der WDR-Medien forschung.18 Der Computer ist für die Jugend- lichen nach deren Selbsteinschät zung das wichtigste Medium. Besonders das Webportal MSN werde genutzt, um mit Freunden und der Familie in der Türkei zu kommunizieren. Durch die in der Türkei lebenden Familien ange- hörigen erfahre man alle wichtigen Neuig keiten über dort statt findende Ereig- nisse, auch würde das Internet zur Informations recherche – zum Beispiel über 17 Zum Beispiel schauen sich die Jüngeren Fertig keiten bei den älteren Jugend lichen ab bzw. lassen sich von ihnen die Handha bung neuer Medien er klären. 18 In der Studie wurden im Jahr 2006 leit faden gestützte Gruppen diskussionen mit insgesamt n = 57 türkisch- stämmigen Personen zwischen 14 und 19, 20 und 29 sowie 30 und 49 Jahren (je zwei homogene Gruppen pro Alters gruppe) durch geführt. 42 Google – genutzt. Die jugend lichen Befragten nutzten demnach zur Informa- tion über Ereignisse in der Türkei weniger Presse und Fernsehen, sondern vor allem die Gespräche mit Ver wandten in der Türkei, die über Internet kosten- günstig zu er reichen sind. Bei den 20- bis 29-Jährigen scheint dagegen das Internet neben dem Fernsehen den gleichen Rang einzu nehmen. Von den jun- gen Erwachsenen werde stärker die Informations aufnahme durch das Internet betont, auch zeigten sich nach den Daten dieser Studie die jungen Erwachsenen kompetenter im Umgang mit Recherchemethoden, indem sie zum Beispiel gezielt die Nachrichten portale bekannter Zeitschriften ansteuern. In Bezug auf die Fernsehnachrichten zeigten sich die Befragten der Studie insofern kritisch, als unabhängig vom Alter alle Befragten angaben, Nachrichten, die mit ihnen bzw. der Türkei zu tun haben, zu ver gleichen, da die deutschen Nachrichten quellen als einseitig ein geschätzt werden (Hammeran/Baspinar/ Simon 2007). Treibel (2006): Medien kompetenzen an der Haupt schule Treibel betrachtet Medien kompetenzen aus der Perspektive ethnischer und geschlecht licher Differenz.19 Die Autorin sieht für die weib lichen Aussiedler- jugend lichen die Ver mutung eines er schwerten Zugriffs auf Computer und Internet bestätigt. Sie hebt jedoch auch hervor, dass die Jugend lichen, die zu Hause keinen Internet zugang haben, gewisse Ausweichstrategien ent wickeln und mangelnde Ausstat tung aus gleichen, indem sie bei Freunden, Ver wandten, in der Schule oder in Internetcafés das Internet nutzen.20 Es kann daher ver- mutet werden, dass sich Migranten jugend liche neue Medien in spezifi schen Formen aneignen, indem sie auf familiäre Unterstützungs netz werke und öffent- liche Angebote zurück greifen. Für die Relevanz weiterer Kompetenzen in Bezug auf neue Medien sind die Jugend lichen jedoch anscheinend nicht sensibilisiert. Gefragt nach dem Interesse an Wissens- und Kompetenz zuwachs bezüg lich des Internets, sahen die Jugend lichen keinen Bedarf und hielten ihre Kompetenz für aus reichend – eine Einschät zung, die von der Autorin der Studie nicht geteilt wird: „Medien- kompetenz (Herv. i. O.) im Sinne von Bedien-, Struktur- und Handlungs wissen ist bedingt vor handen.“ (Treibel 2006: 223 f.) Nach Treibel zeigten die befrag- ten Haupt schüler hier eine Haltung zwischen Pragmatismus und der Abwehr von Kompetenzerwar tungen: „Der durch aus rationale Blick auf Kompetenz- erwar tungen in der Lehre und im Beruf wird mehr heit lich nicht getätigt.“ (ebd.: 223) Die Unterstützungs leis tung der Familie für den Kompetenzerwerb 19 In der Studie wurden im Jahr 2004 16 Leitfaden interviews mit russ land deutschen und türkisch stämmigen Haupt schülern aus 9. Klassen an drei Haupt schulen des Karls ruher Stadt gebietes durch geführt. Die Jugend- lichen waren im Schnitt 15 Jahre alt und mehr heit lich in Deutschland geboren. 20 Die unter suchten Migranten familien sind im Ver gleich zu den Daten der JIM-Studien unter proportional mit den Medien Computer, Internet und Handy aus gestattet. Neun der sechzehn Familien sind Offliner. 43 wird ambivalent ein geschätzt, die Mehrheit der Jugend lichen könne nicht auf die Familien als Kompetenzträger zurück greifen. Neue Medien, so macht Treibel am Beispiel des Handys deut lich, können zum einen den Kontroll wünschen der Eltern gegen über ihren Kindern ent- gegen kommen. So sei die Anschaf fung des Handys meist von den Eltern aus- gegangen, die ihre Kinder er reichen können und deren Aufenthaltsorte kon trol- lieren wollen. Zum anderen scheinen die neuen Medien auch neue Freiräume zu eröffnen. So wird von einem Mädchen berichtet, welches im Chat bewusst gerade Jungen kontaktiert, ohne sich elter lichen Kontrollen aus gesetzt zu sehen. Primär für die Aussiedler wird eine Brücken funk tion der neuen Medien hervor- gehoben. E-Mails würden genutzt, um mit der Herkunfts region in Verbin dung zu bleiben. In diesem Zusammen hang ist auch eine offensicht lich hohe sprach- liche Flexibilität der Migranten jugend lichen hervor zuheben. In der Kommu- nika tion werde sowohl Deutsch als auch die Herkunfts sprache je nach Bedarf ein gesetzt, auch die Freundes kreise seien bei der Mehrheit der Befragten multiethnisch zusammen gesetzt. Eggert (2006): Medien aneig nung Heranwachsender aus der ehemaligen Sowjetunion Ein etwas anderes Bild ergibt eine Studie von Eggert, in der die Rolle von Medien für die Integra tion Heranwachsender aus der ehemaligen Sowjetunion unter sucht wird.21 Die Ausstat tung der Befragten mit Computer und Internet war – geschuldet der aktuellen Lebens situa tion – zwar unter durchschnitt lich, die Autorin konstatiert jedoch ein großes Interesse am Internet und weist ähnlich wie Treibel darauf hin, dass die Kinder und Jugend lichen auf öffent- liche Orte, Ver wandte oder Bekannte zurück greifen, um Computer bzw. Inter- net nutzen zu können.22 Auch Eggert weist auf eine Brücken funk tion des Internets hin. Dieses werde zum Recherchieren, zum Beispiel für die Schule, und zum Spielen genutzt, aber auch zur Kontakt aufnahme mit Onkeln und Tanten im Herkunfts land per SMS. Besonders die älteren Befragten nutzten der Studie zufolge das Internet, um sich an russisch sprachigen Chats zu beteiligen oder um sich mit anderen Auswanderern in Deutschland und welt weit auszu tau schen. Hier wurde zum Beispiel die russisch sprachige Internet seite „mail. ru“ genannt. Die Chat bekannt- 21 Dazu wurden 24 Leitfaden interviews mit russ land deutschen Spät aussiedlern/jüdischen Kontingentflüchtlingen im Alter von 10 bis 16 Jahren geführt, die seit längstens 4 Jahren in Deutschland leben. Die Begren zung auf eine maximale Aufenthalts dauer von 4 Jahren wurde gewählt, damit sich die Befragten noch an ihre erste Zeit in Deutschland erinnern konnten. Die Mehrheit der Befragten wohnte zum Befragungs zeitpunkt noch in einem Übergangs wohnheim. Ebenso besuchte ein Teil der Befragten noch Übergangs klassen. 22 Die Interpreta tion dieser Befunde wird dadurch er schwert, dass der Bildungs hintergrund der Befragten nicht klar ist. Zum Teil werden Übergangs klassen besucht mit dem Wunsch, danach in Realschule oder Gymnasium zu wechseln. Ein anderer Teil besucht zum Befragungs zeitpunkt die Haupt schule. 44 schaften beschränken sich, so Eggert, nicht notwendiger weise auf den Chat an sich, sondern sie er fahren eine Fortset zung im „realen“ Leben, indem man telefonisch Kontakt auf nimmt. Auch hier wird die sprach liche Flexibilität der Heranwachsenden hervor gehoben. So berichtet Eggert, dass Computer und Internet auch in Hinblick auf russisch sprachige Medien nutzung eine Rolle spielen, was sich zum Teil in russisch sprachigen Benutzer oberflächen auf den Computern äußert. Problematisiert wird die Nutzung von Computer- und Onlinespielen. Hier lassen die Ergebnisse von Eggert ver muten, dass bei den männ lichen Heran- wachsenden mit Aussiedlerhintergrund actionhaltige und kampfbetonte Ange- bote über durchschnitt lich beliebt sein könnten – eine Problematik, die auch in anderen Studien für Kinder und Jugend liche mit Migrations hintergrund thema- tisiert wird (Eggert 2006: 249, 254; Fromme/Meder/Vollmer 2000, Granato 2001). In diesem Zusammen hang deuten die Ergebnisse dieser Studie auch darauf hin, dass der Medien konsum der Kinder durch die Eltern so gut wie nicht reglementiert wird. Ergebnisse von „Studien mit Migranten anteilen“ Die in Übersicht 3.3 auf geführten neueren Studien zur Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Menschen in Deutschland berücksichtigen neben Kindern und Jugend lichen ohne Migrations hintergrund auch Heranwachsende mit Migrations hintergrund. Die wichtigsten Befunde, die in diesen Studien für den Medien umgang junger Menschen mit Migrations hintergrund aus ge- wiesen werden, sind im Folgenden dargestellt. Die Darstel lung folgt wieder der Aktualität der Studien, es wird mit den jüngsten Studienergebnissen be- gonnen. Wagner 2008: Medien handeln in Haupt schulmilieus Die Ergebnisse der von Wagner publizierten Untersuchung scheinen die Be- funde der bisher referierten Studien teil weise zu unter mauern. Sie deuten jeden falls auf einige Besonder heiten im Medien umgang von jungen Migranten im Ver gleich zu gleichaltrigen Personen ohne Migrations hintergrund hin. Auch hier werden Einschrän kungen der Mädchen mit Migrations hintergrund in Bezug auf den persön lichen Besitz von Computer und Internet ver zeichnet, was diese ver anlasst, auf andere Nutzungs orte auszu weichen. Insgesamt nutzen Jugend liche mit Migrations hintergrund nach dieser Studie aber Internet und Handy häufiger als solche ohne. Dabei scheint sich zu be- stätigen, dass die Kommunika tion via Internet von besonderer Bedeu tung für Jugend liche mit Migrations hintergrund sein könnte: Chat, E-Mail und SMS via Internet werden von ihnen häufiger genutzt, um kosten günstig mit Freunden und der Ver wandt schaft im Herkunfts land zu kommunizieren, wobei neben 45 Deutsch auch die Sprachen der Herkunfts kulturen ein gesetzt werden. Bezüg- lich des Stellen werts von Computerspielen spielt der Migrations hintergrund offensicht lich kaum eine Rolle, nach den Daten von Wagner werden diesbezüg- lich keine Differenzen heraus gestellt. Unterschiede berichten die Autoren jedoch in Bezug auf die Rezep tion von digitalen Fotos, Videos, Filmen und Musik, die bei den Jugend lichen mit Migrations hintergrund stärker aus geprägt sei, als auch bei der Produk tion von Fotos, Videos und Musik durch multi- funktionale Medien. Bei den Befragten mit Migrations hintergrund zeige sich eine höhere Rate beim Selber machen und Ver öffent lichen im Internet als bei den Befragten ohne Migrations hintergrund – für die Autoren ein Hinweis darauf, dass ein größerer Teil der Jugend lichen mit Migrations hintergrund produktiv in vor allem musik bezogenen jugendkulturellen Szenen ver ankert ist. Dabei könnten Befragte mit Migrations hintergrund jedoch seltener auf Eltern als Wissens- quelle zurück greifen als Befragte ohne Migrations hintergrund, dies gilt nach der vor liegenden Studie sowohl für Produk tion und Rezep tion als auch für die Informations suche im Internet. Vor dem Hintergrund der gesellschafts politi schen Diskussion er scheint es über raschend, dass die Jungen mit Migrations hintergrund im Ver gleich zu den Jungen ohne Migrations hintergrund nach den vor liegenden, nicht repräsen ta- tiven Daten häufiger angaben, das Internet zu Informations zwecken zu nutzen. Insgesamt stützen sich die Befragten mit Migrations hintergrund dabei offen- bar stärker auf konkrete Internetadressen als auf Suchmaschinen, welche von Befragten ohne Migrations hintergrund häufiger als Recherchestrategie genannt wurden. Bei den Recherchethemen werden dagegen keine Differenzen be- richtet. Pfeiffer et al. (2008): Die PISA-Verlierer und ihr Medien konsum Pfeiffer et al. zeichnen ein etwas kritischeres Bild vom Medien umgang junger Menschen mit Migrations hintergrund, wenn sie heraus stellen, dass diese stärker „ent wicklungs beeinträchtigende Medien inhalte“ (ebd.: 283) nutzen würden. Grundlage dieser Einschät zung ist die an gegebene Häufig keit der Nutzung von Filmen und Computerspielen, die nach der USK-Einstu fung erst ab 16 bzw. ab 18 Jahren freigegeben sind. Die Kinder mit Migrations hintergrund nutzten nach den Daten dieser Studie ent sprechende Angebote mehr als doppelt so häufig wie die befragten Kinder ohne Migrations hintergrund.23 Für die befragten Kinder mit Migrations hintergrund werden eine bessere Medien- 23 Die Studie stützt sich auf eine 2005 durch geführte Schüler befra gung von 6.000 Viert kläss lern (10-Jährige) und 17.000 Neunt kläss lern (15-Jährige) aus elf Städten und Landkreisen sechs ver schiedener Bundes länder. Die Ergebnisse werden unter anderem nach Befragten mit und ohne Migrations hintergrund differenziert, es finden sich jedoch keine Angaben zur Anzahl der Befragten mit Migrations hintergrund. 46 ausstat tung im eigenen Zimmer (eigener Fernseher, Konsole und PC) und höhere Werte bei der Medien nutzungs dauer berichtet. Otto et al. (2004): Soziale Ungleich heit im virtuellen Raum Ähnlich wie Hugger weisen Otto et al. auf die Rolle der Onlinekommunika- tion für die Identitäts bildungs prozesse von Jugend lichen mit Migrations hinter- grund hin. Demnach scheint die Selbstrepräsenta tion in Chats und Foren durch schrift lichen Ausdruck und visuelle Selbst beschrei bung, durch die sich die Jugend lichen als Angehörige einer Gruppe darstellen, für die Jugend lichen mit Migrations hintergrund eine besonders hohe Bedeu tung zu haben. Bernart/Billes-Gerhart (2004): Sprach verhalten und Medien nutzung von Migranten jugend lichen Eine frühere Studie zum Medien umgang und Sprachgebrauch von Migranten- jugend lichen aus Haupt schulen im Ver gleich zu ihren deutschen Mitschülern zeigte ein noch etwas anderes Bild (Bernart/Billes-Gerhart 2004). Nach den Daten dieser Studie24 standen bei den Jugend lichen mit Migrations hintergrund das Surfen im Internet und vor allem Computerspiele im Vordergrund, wäh- rend das Chatten, E-Mails und die gezielte Suche eine deut lich nachrangige Rolle spielten. Ähnlich wie Strotmann argumentieren auch Bernart/Billes- Gerhart auf Basis der Orte der Computer- und Internetnut zung, dass bei Jugend lichen mit Migrations hintergrund Schule und Peergroup eine wichtigere Rolle bei der Mediensozialisa tion zu spielen scheinen als bei deutschen Jugend lichen. Die Autoren haben sich ferner für das Sprach verhalten der Jugend lichen mit Migrations hintergrund interessiert und auf gezeigt, dass die Zweisprachig- keit im Umgang mit Familie und Freundes kreis für mehr als ein Drittel der befragten Migranten anscheinend eine Selbst verständlich keit ist. Dies äußert sich offensicht lich auch in der Nutzung muttersprach licher Seiten im Internet, die von der Hälfte der befragten Migranten jugend lichen berichtet wurde. Schon in dieser Studie zeigen sich jedoch Differenzen zwischen den einzelnen Migranten gruppen.25 So deuten die Daten zum Beispiel darauf hin, dass anders sprachige Internet seiten für Jugend liche osteuropäi scher Herkunft eine größere Rolle spielen könnten als für die Jugend lichen türkischer Herkunft. 24 Im Jahr 2003 wurden n = 103 Jugend liche aus sechsten Klassen an Haupt schulen in Baden-Würt temberg befragt, darunter n = 57 Jugend liche mit Migrations hintergrund (davon n = 20 türkischer Migrations hinter- grund, n = 19 osteuropäi scher Hintergrund). Der Alters durchschnitt lag bei 12,8 Jahren. 25 In der Studie erfolgt – allerdings auf der Basis sehr geringer Fallzahlen – eine gesonderte Auswer tung für die Teilpopula tionen der west- und südeuropäi schen, osteuropäi schen, türkisch sprachigen und außereuropäi- schen Jugend lichen. 47 Fromme/Meder/ Vollmer (2000): Computerspiele in der Kinderkultur Die Studie der Autoren zur Nutzung von Video- und Computerspielen durch 8- bis 14-Jährige deutet darauf hin, dass Kinder aus ver schiedenen Kultur- kreisen in ihrem Spiel verhalten und der Spielumge bung unter schied liche Vor- lieben auf weisen.26 Die Kinder aus dem west deutschen Kulturkreis, Aussiedler- kinder und Kinder aus dem moslemi schen Kulturkreis scheinen sich in der Bevorzu gung von Kampfspielen und von Denk- und Geschicklichkeits spielen zu unter scheiden, während andere Genres in etwa gleich beliebt sind. Nach den vor liegenden Daten ist der Anteil von Spielern, die am liebsten Kampf- spiele spielen, unter den Aussiedlerkindern besonders hoch, und auch Kinder des moslemi schen Kulturkreises mögen demnach Kampfspiele über durch- schnitt lich häufig, während die west deutschen Kinder dieses Genre deut lich seltener als ihr Lieblings genre bezeichneten. Dieses Ver hältnis drehe sich nach den Autoren bei den Denk- und Ge- schicklichkeits spielen auf niedrigerem Niveau um. Auch bei den Spielhäufig- keiten und den Kompetenzanforde rungen, an denen die Kinder Interesse haben, scheinen sich die Kinder mit von Kindern ohne Migrations hintergrund zu unter scheiden. Demnach sind die Anforde rungen „logisch denken, über- legen“, „geschickt steuern“ und „Phantasie haben“ bei den west deutschen Kindern am beliebtesten, während die Aussiedlerkinder es am liebsten haben, wenn sie sich schnell zurecht finden müssen, gefolgt von „kämpfen, angreifen“ und „schnell reagieren“. Die Kinder aus dem moslemi schen Kulturkreis gaben in dieser Studie besonders häufig an, dass sie gerne „kämpfen, angreifen“, gefolgt von „Phantasie haben“ und „genau planen“. Zusammen fassung Die Forschungs lage zur Medien kompetenz von jungen Menschen mit Migra- tions hintergrund ist disparat. Betrachtet man die Ausstat tung mit und den Zugang zu den neuen Medien, so berichten die meisten Studien eine generell gute, zum Teil sogar bessere eigene Ausstat tung der jungen Menschen mit Migrations hintergrund mit neuen Medien. Allerdings gibt es mehrere Hin- weise darauf, dass sich der Zugang für Mädchen mit Migrations hintergrund pro blemati scher gestalten könnte. Die vielfach genannten alternativen Nut- zungs orte (bei Freunden, öffent liche Orte) scheinen für Mädchen weniger zugäng lich zu sein, gleichzeitig sind Mädchen anscheinend stärker auf Unter- 26 In der Studie wurden n = 1.111 Heranwachsende aus Schulen im Raum Bielefeld im Alter zwischen 8 und 14 Jahren befragt, darunter n = 80 Aussiedler, n = 88 Schüler türkischer Herkunft sowie Schüler mit anderen Migrations hintergründen. Aus den Nationalitäten und der Herkunft wurde die Kategorie Kulturkreise ge- bildet. Die west deutschen Schüler wurden als ein Kulturkreis behandelt (n = 803). Die Kinder von Aussiedler- familien aus Russ land und Polen wurden zur Kategorie „Aussiedlerkinder“ (n = 121), die Kinder türkischer, kurdischer und bosnischer Herkunft wurden zum „moslemi schen Kulturkreis“ (n = 126) zusammen gefasst.m 48 stützungs leis tungen seitens der Familie an gewiesen. Die Befunde deuten ins- gesamt auf eine wichtige Rolle der Familie und der Peergroup bei der Aneig- nung neuer Medien hin. Sie ver weisen aber auch darauf, dass von den Eltern mit Migrations hintergrund kaum Hilfe und Unterstüt zung geleistet werden kann. Insbesondere bei Fragen, die sich mit einem reflektierten Medien umgang sowie mit Interessen und Motiven des Umgangs mit neuen Medien befassen, sind die Befunde sehr heterogen. So wird zum Beispiel einer seits eine häufi- gere Nutzung von Computerspielen und insbesondere eine Zuwen dung zu problematischeren Spielen und Filminhalten konstatiert (speziell ein höheres Interesse an Kampfspielen), während andere Befunde keine Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrations hintergrund beim Umgang mit Computerspielen aus weisen. Auch deutet die Forschung darauf hin, dass ein großes Interesse an Computer und Internet besteht und auch die Eltern diesen Medien einen hohen Stellen wert einräumen. Auf der anderen Seite scheint es so zu sein, dass ein niedriges Kompetenzniveau im Umgang mit den Möglich- keiten der neuen Medien als aus reichend an gesehen wird und die Motiva tion, sich weitere Kompetenzen anzu eignen, nur bedingt aus geprägt ist. Mehrere Befunde deuten durch aus auf eine reflektierte Medien nutzung hin, wenn über die ver gleichende Nutzung deutscher und heimatsprach licher Nachrichten in Fernsehen und Internet und über eine ver gleichende Informations recherche, insbesondere bei konkreten Anlässen, berichtet wird. Reflek tion zeigt sich auch in Hinblick auf die Kosten situa tion, wenn etwa die Vorzüge der günstigen Kommunika tion via Internet betont werden. Darüber hinaus liegen jedoch bisher wenige Erkenntnisse zum Risikobewusstsein im Umgang mit neuen Medien und zur Einschät zung von Gefahren bzw. Erfah rungen mit Missbrauch durch neue Medien vor. Die wenigen Befunde deuten darauf hin, dass der Umgang der jungen Menschen mit den neuen Medien über die Kosten kon- trolle hinaus durch die Eltern kaum reglementiert wird. Betrachtet man das aktive Medien handeln der jungen Menschen mit Mi- gra tions hintergrund, so deuten einige Befunde auf einen aus geprägten kom- mu nikativen Gebrauch neuer Medien hin, was sich insbesondere in der Brücken funk tion der neuen Medien aus drückt. Diese werden demnach zur kosten günstigen Kommunika tion mit Familie und Freunden aus dem Her- kunfts land genutzt. In dem Zusammen hang sticht die sprach liche Flexibilität der Nutzer hervor, die je nach Kontext in der Herkunfts- oder der Mehrheits- sprache kommunizieren. Allerdings gibt es auch hier wider sprüch liche Be- funde durch Studien, die konstatieren, dass vor allem das Surfen und das Spielen im Internet im Vordergrund stehe, während Chatten und E-Mails eine nachrangigere Rolle spielten. Bezogen auf den individuellen Bereich wird auch von partizipativer und gestaltender Nutzung berichtet, wenn zum Beispiel Fotos, Videos und Musik produziert und mit der Community oder Freunden 49 und der Familie geteilt werden. Andere Studien heben den präsentativen und kommunikativen Gebrauch neuer Medien hervor und zeigen auf, wie diese zur Selbst präsenta tion genutzt werden, was Identitäts bildungs prozesse unter- stützen und auch neue Freiräume eröffnen kann. Insgesamt stehen den Ver mutungen über einen benachteiligten Medien- zugang und Medien umgang bei jungen Menschen mit Migrations hintergrund heterogene Forschungs befunde gegen über. Neben der Fest stel lung von Diffe- renzen im Ver gleich zu gleichaltrigen Personen ohne Migrations hintergrund weisen einige Studien auf vielfältige Aneignungs weisen und Potenziale der neuen Medien in der Popula tion der jungen Migranten hin. Unglück licher- weise ist die Generalisier bar keit der Ergebnisse dieser Studien jedoch aus methodi schen Gründen gering. 51 4 Zusammen fassung und Schluss folge rungen für die Konzep tion der LfM-Studie 4.1 Forschungs kontext und Forschungs probleme In der Einfüh rung (Kapitel 1) haben wir darauf hin gewiesen, dass die spezifi- sche Aufgabe der vor liegenden Studie zur Medien nutzung junger Migranten in Nordrhein-West falen darin besteht, an zwei Forschungs tradi tionen anzu- schließen und diese miteinander zu ver binden: – Der erste Forschungs strang ist in den Kontext der sozialwissen schaft lichen Erforschung der Lebens verhältnisse und Ver haltens weisen ethnischer Min- der heiten in modernen Industriegesell schaften ein gebettet. Die Medien- nutzung von Zuwanderern, ihren Familien angehörigen und Nachfahren wird als Teil dieser Lebens verhältnisse und Ver haltens weisen an gesehen. Gefragt und unter sucht wird, ob und wie die Medien nutzung in einem Zusammen hang mit dem Einleben in das neue soziale Umfeld oder aber mit ent sprechenden Abgren zungen steht. – Der zweite Forschungs strang ist der pädagogisch motivierten Jugendmedien- forschung zuzu ordnen. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ver brei- tung der neuen digitalen Medien in allen Lebens- und Gesellschafts berei- chen wird „Medien kompetenz“ als eine zentrale Schlüsselqualifika tion in der modernen Informations- und Wissens gesell schaft an gesehen. Die For- schung in diesem Bereich zielt nicht nur darauf ab, den Status quo des Medien umgangs junger Menschen zu er mitteln, sondern auch die Voraus- set zungen für die Entwick lung an gemessener zielgruppen spezifi scher Maß- nahmen der Medien kompetenzförde rung zu identifizieren. Der Überblick über die theoreti schen Ansätze und empiri schen Befunde dieser Forschung in den letzten beiden Kapiteln kann in doppelter Perspektive ge- lesen werden. Auf den ersten Blick gibt es genügend Anknüpfungs punkte, auf die man sich bei der Konzep tion einer Studie wie der hier vor gelegten be- ziehen kann. Auf den zweiten Blick ist die Forschungs situa tion jedoch eher un befriedigend: 52 – Das gilt vor allem dann, wenn man darauf beharrt, dass es vor dem Hin ter- grund fehlenden Fakten wissens zunächst einmal darum gehen muss, empi- risch belast bare Basisinforma tionen über grundlegende, medien bezogene Ver haltens weisen und Einstel lungen im Milieu junger Migranten zu er- mitteln. Diese sind nur auf der Basis methodisch auf wändiger, kosten inten- siver und daher selten durch geführter Repräsentati verhe bungen zu haben.m – Zu demselben Urteil kommt man, wenn man als Maßstab für wissen schaft- lichen Fortschritt die Prinzipien der Kumula tion, Replika tion und Varia- tion benennt, d. h. die Anknüp fung an einschlägige Studien mit dem Ziel, bestimmte Teile davon zu über nehmen und andere zu ändern. Die Mini- mal vorausset zung dafür ist eine hinreichende Methoden dokumenta tion der einschlägigen Studien, die in diesem Forschungs feld jedoch offensicht lich nicht selbst verständ lich ist. – Eng ver knüpft damit sind Schwierig keiten bei der Umset zung eines kom- paratisti schen Forschungs konzepts. Vorausset zung dafür sind ver gleich bare Untersuchungs kategorien (gleiche oder zumindest äquivalente Fragen und Antwort vorgaben) und klar gegen einander abgrenz bare Untersuchungs- popula tionen. Bezogen auf den zweiten Punkt gibt es nicht nur immanente Stichproben probleme der auf Migranten bezogenen Forschung. Proble ma- tisch ist auch, dass viele der auf die Mehrheits gesell schaft bezogenen Stu- dien de facto Menschen mit Migrations hintergrund einschließen (nämlich dann, wenn sie deutsch sprechen), diese aber nicht gesondert aus weisen. – Schließ lich ist auf die fehlende Zeit- bzw. Entwicklungs perspektive der bisherigen Forschung hinzu weisen. Sowohl „Integra tion“ als auch „Medien- kompetenz“ sind nichts Statisches, sondern etwas Prozess haftes. Wenn man jedoch etwas über diese Prozesse bei Menschen mit Migrations hintergrund er fahren will, wird man an kontinuier licher Forschung im Sinne von Zeit- reihen studien nicht vorbei kommen. Im Folgenden werden wir auf die für die LfM-Studie relevanten Details dieser Forschungs problematik ein gehen. 4.2 Probleme der auf Medien nutzung und soziale Integra tion von Migranten bezogenen Forschung Zum Zusammen hang zwischen der Medien nutzung und der sozialen Integra- tion von Menschen mit Migrations hintergrund gibt es in Deutschland durch- aus einige repräsentative Studien. Dennoch sind sie eher als Ausnahme und Einzelfälle zu bezeichnen. Dieses Manko ist sowohl im Hinblick auf die aka- demi sche als auch auf die an gewandte Forschung augen fällig und schmerz- 53 haft. Bedauer lich ist diese Situa tion vor allem deshalb, weil sie nicht so sehr aus finanziellem Mangel, unzu reichender theoreti scher Fundie rung oder feh- lender wissen schaft licher bzw. an gewandter Forschungs kompetenz resultiert, sondern eher die Folge einer mangelnden Koordina tion von Forschungs akti vi- täten zu sein scheint. Dieses Urteil mag deshalb irritieren, weil man bei einem ersten, oberfläch- lichen Blick in die einschlägige Literatur auf nicht wenige Publika tionen, Forschungs berichte und Präsentations bände stößt, in denen es um die Medien- nutzung von Ausländern bzw. Menschen mit Migrations hintergrund geht. Zum Teil sind diese Studien repräsentativ und deshalb mit erheb lichem finanziellen Aufwand ent standen, jedoch findet man darin neben zeit aufwändigen Medien- nutzungs abfragen keine oder nur marginale Indikatoren zur Integra tion der Befragten. Das aktuell wichtigste Beispiel dafür ist die 2007 durch geführte ARD/ZDF-Studie, bei der – neben einigen Fragen zum Sprachgebrauch – keine Fragen gestellt wurden, die eine differenzierte Betrach tung der ethni- schen Identität und migrations spezifi schen sozialen Situa tion der Befragten möglich machen. Dies ist aus der Sicht der Ver antwort lichen für diese Studie möglicher weise gar kein Defizit, für die kommunikations wissen schaft liche Forschung zur Rolle der Medien nutzung in sozialen Integrations prozessen schon. Ein Defizit ganz anderer Art betrifft viele bevölkerungs repräsentative Stu- dien der an gewandten bzw. kommerziellen Mediaforschung. Zwar sind Men- schen mit Migrations hintergrund in den Zufalls stichproben der Media-Analyse, GfK-Fernsehforschung und ver gleich baren Studien de facto ver treten – jeden- falls sofern sie über aus reichende Deutsch kenntnisse ver fügen, um auf Inter- viewfragen in deutscher Sprache antworten zu können. Denn die meisten Auswahl verfahren beziehen sich bei diesen Studien mittlerweile auf die „deutsch sprachige Wohnbevölke rung in Privathaushalten“ als Grundgesamt- heit. Für Sonder analysen ist dieser Personen kreis jedoch nicht greif bar, weil die Erfas sung eines potenziellen Migrations status in den Untersuchungs instru- menten dieser Studien nicht vor gesehen ist. Dass damit die „Ränder“ dieser Daten sätze gegen über den Daten spezifi scher Migranten studien ver schwim- men, und damit komparatisti sche Forschung zusätz lich er schwert wird, haben wir schon erwähnt. Als Sonderfall ist in diesem Zusammen hang eine Studie der Sinus Socio- vision GmbH zu „Stellen wert und Nutzung der Medien in Migranten milieus“ zu nennen (Klingler/Kutteroff 2009). Nach der Eigendarstel lung des Instituts erlaubt diese Studie „zum ersten Mal Aussagen auf gesicherter repräsentativer Basis über den Migrations hintergrund der in Deutschland lebenden Zuwan- derer“ (Sinus Sociovision 2008: 3). Wie diese Repräsentativität methodisch hergestellt wurde, wird jedoch nicht dokumentiert (auch nicht in dem Beitrag 54 von Wippermann/Flaig 2009). Man erfährt ledig lich, dass sich drei Viertel der Befragten acht Herkunfts ländern zuordnen lassen.27 Schon das allein ist ein Ver stoß gegen die Mindestanforde rungen an die Methoden dokumenta tion empiri scher Studien, die zu den selbst verständ lichen Standards der Umfrageforschung zählen.28 Außerdem wird am Beispiel dieser Studie ein grundsätz liches Problem der auf Migranten bezogenen Sozial for- schung deut lich: die Notwendig keit zur Differenzie rung des Bevölkerungs- segments der in Deutschland lebenden „Menschen mit Migrations hintergrund“ nach Herkunfts kontexten. Der Erkenntnis wert von Studien ist zu bezweifeln, die in ihren Repräsentanzmodellen und Ergebnis darstel lungen diese Disparität nicht an gemessen berücksichtigen. Mit anderen Worten: Durch die Auswahl- verfahren dieser Studien muss sicher gestellt werden, dass zumindest über zentrale Teilpopula tionen repräsentative Aussagen gemacht werden können. Das ist zum Beispiel bei der ARD/ZDF-Studie in Bezug auf sechs Migranten- gruppen29 der Fall (ARD/ZDF 2007: 70). Wie unsinnig die Berichterstat tung über die Durchschnitts werte solcher Studien ist, kann man daran ver deut- lichen, dass z. B. 40 Prozent der Befragten der Sinus-Migranten-Studie zwei und knapp drei Viertel der Befragten acht Herkunfts milieus zuzu ordnen sind (Sinus Sociovision 2008: 3). Diese wenigen Teilpopula tionen prägen natür lich die auf alle Befragten bezogenen Ergebnisse solcher Studien – die rest lichen kommen darin so gut wie nicht vor. Auf der anderen Seite dieses Forschungs feldes, und das ist in diesem Fall die sozialwissen schaft lich-orientierte akademi sche Seite, ist der Vorwurf mangelnder Repräsentativität wört lich gemeint. Hier fehlt es nicht mehr an theoreti schen Ansätzen, die ver schiedene Ver haltens- und Einstellungs dimen- sionen im Migrations- und Integrations kontext ver binden und gleichzeitig die Medien nutzung und den Medien umgang in den Blick nehmen. Der Blick in die Forschungs literatur zeigt jedoch vor allem zwei Dinge. Erstens dominieren qualitative Studien, obwohl der Bedarf an explorativer Forschung nicht aus einer an gemessenen Diskussion des Forschungs standes hergeleitet wird. Zwei- tens sind nicht wenige Studien formal „quantitativ“ konzipiert (Untersuchungs- instrument, Anzahl Befragte, Analysestrategie), von Zufalls stichproben oder der Anwen dung anderer repräsentativer Auswahl verfahren kann jedoch keine Rede sein. Forschungs ökonomie ist hier häufig die vor herrschende Rahmen- 27 Personen mit türkischem, ex-jugos lawischem, polnischem, italieni schem, spanischem, portugiesi schem und griechi schem Migrations hintergrund sowie (Spät-)Aussiedler aus dem Bereich der ehemaligen Sowjetunion.m 28 Vgl. dazu zum Beispiel den „Code of Professional Ethics & Practices“ der American Associa tion for Public Opinion Research (AAPOR), das DFG-Memorandum zu „Qualitäts kriterien der Umfrageforschung“ oder, speziell für die medien bezogene Umfrageforschung in Deutschland, das „ZAW-Rahmenschema für Werbe- trägeranalysen“ (AAPOR 2005, DFG 1999, ZAW 1994). 29 Es handelt sich dabei um Personen mit türkischem, ex-jugos lawischem, polnischem, italieni schem und griechi schem Migrations hintergrund sowie (Spät-)Aussiedler aus dem Bereich der ehemaligen Sowjetunion.m 55 bedin gung für die Operationalisie rung der Fragestel lung, weniger Validität und Angemessen heit. Viele dieser Studien zeigen innovative Analysen und interessante Ergebnisse, führen aber auf dem Weg zu gesicherten und ver- allgemeiner baren Erkenntnissen zur Rolle von Massen medien im Integrations- prozess nur bedingt weiter. 4.3 Probleme der auf Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Migranten bezogenen Forschung An erster Stelle ist fest zuhalten, dass es bisher in Deutschland keine exklusiv auf diese Fragestel lung bezogene Forschung gibt, die den Ansprüchen der Repräsentativität genügt. Mit der LfM-Studie wird daher ab solutes Neuland betreten. Das bedeutet nicht, dass über haupt keine repräsentativen Daten über die Medien nutzung junger Migranten in Deutschland verfüg bar sind. Vielmehr können solche Daten als Teilinforma tionen aus Studien ent nommen werden, die – wie die BPA-, die WDR- oder die ARD/ZDF-Studie – die Medien- nutzung für das gesamte Alters spektrum einzelner Migranten gruppen be schrei- ben. Dabei sind jedoch zwei ent scheidende Einschrän kungen zu beachten. Ent- sprechend der Defini tion der jeweiligen Grundgesamt heiten sind die jüngsten Befragten in diesen Studien, wie in den meisten bevölkerungs repräsentativen Umfragen üblich, 14 Jahre alt. Zweitens gilt etwas Ähnliches wie im Forschungs feld Medien nutzung und Integra tion. Die Variablen struktur dieser Studien erlaubt keine Analysen, die an den aktuellen, prakti schen und theoreti schen Diskurs zum Thema Medien- nutzung und Medien kompetenz junger Menschen anschluss fähig sind. Zum einen bezieht sich die Medien nutzungs abfrage vor wiegend auf die klassi schen Massen medien und kaum auf die neuen digitalen Funktions- bzw. Indivi dual- medien. Zum anderen werden keine Aspekte der Medien kompetenz erfasst, die über pauschale Medien nutzungs werte hinaus gehen. Dieser Befund ist deshalb so fatal, weil die in unserer Gesell schaft ver - breiteten Vorstel lungen über „besondere Medien kompetenzprobleme“ junger Migranten durch aus von Studien unter stützt werden, die alles Mögliche leisten können, nur eines nicht: repräsentative Hinweise auf reale Vertei lungen von Ver haltens weisen in diesem Bevölkerungs segment zu geben. Das gilt für beide Forschungs typen, zwischen denen in Kapitel 3 unter schieden wurde. Im ersten Fall, den wenigstens explizit auf Migranten bezogenen Medien kompetenz- studien, könnte man allein über die geringen Fallzahlen argumentieren (vgl. Übersicht 3.2). Aber das ist gerade nicht unser Argument: Es bezieht sich stets auf das Wechselspiel zwischen der Defini tion von Grundgesamt heiten und hierauf bezogenen, Repräsentativität sichernden Auswahl verfahren. Nimmt 56 man beides zusammen, ver bietet sich jede Ver allgemeine rung der durch diese Studien gewonnenen Basis befunde in Bezug auf „die“ Medien kompetenz „der“ jungen Menschen mit Migrations hintergrund. Diese Einschät zung gilt auch für die zweite Fall gruppe, d. h. für Medien- kompetenz studien mit quasi beiläufig hohen Migranten anteilen (vgl. Über- sicht 3.3). Trotz dieser hohen Fallzahlen sollte man mit den Ergebnissen dieser Studien aus gesprochen vor sichtig umgehen – d. h. die methodi sche „Daten- genese“ muss im Auge behalten werden. Zunächst darf man sich grundsätz- lich von den großen Fallzahlen sog. Schulstudien nicht blenden lassen: Stich- proben theoretisch und stichproben praktisch stehen viele Faktoren der Bildung repräsentativer Stichproben ent gegen (problematisch ist vor allem die Zufalls- steue rung bzw. um gekehrt: die Klumpen bildung bei der Auswahl der Schulen, Schul klassen und Schüler). Dazu kommt bei den in unserem Zusammen hang relevanten Studien, dass bei ihnen der Schwerpunkt auf „Problemschulen“ – nämlich Haupt schulen – und zum Teil dann auch noch auf Schulen in Pro- blemregionen liegt. Prototypisch dafür ist die Studie von Wagner und anderen, für die 20 Haupt- und Gesamtschulen in sozialen Brenn punkten und struk- turschwachen Gebieten von Groß städten aus gewählt wurden (Wagner 2008). Mit Sicher heit sagen die Ergebnisse dieser Studie viel über die Medien kom- petenz junger Migranten an Haupt schulen in Problemregionen aus. Aber es wäre trotz der Bildungs probleme von Migranten fatal, diese Teil ergebnisse auf die Gesamt heit junger Migranten in Deutschland zu projizieren. Bezogen auf junge Deutsche ohne Migrations hintergrund käme niemand auf diese Idee. Am Ende dieses Abschnitts bleibt noch die Frage nach dem „Nutz wert“ der repräsentativen Studien zur Medien kompetenz der in Deutschland leben den Kinder und Jugend lichen für die spezifi schen Problemstel lungen der auf junge Migranten bezogenen Medien kompetenzforschung. Im Kern geht es dabei um das 1998/1999 begonnene Langzeitprojekt des Medien pädagogi schen For- schungs verbundes Südwest (mpfs), die jähr lich durch geführten KIM- und JIM- Studien, auf die in den vor stehenden Kapiteln mehrfach hin gewiesen wurde (vgl. Übersicht 1.1). Auf jeden Fall kann man sagen, dass im Rahmen dieser Forschung zentrale Medien kompetenz Indikatoren erhoben werden, die – vielleicht mit gewissen Einschrän kungen, aber doch im Rahmen dessen, was mit quantitativen Be- fragungs verfahren mach bar ist – z. B. mit den theoreti schen Dimensionen des Medien kompetenzmodells von Theunert korrespondieren (vgl. Übersicht 3.1). Das ist die eine Seite: die der Untersuchungs variablen. Auf der anderen Seite, der Ebene der Falldefini tion, steht man vor dem Problem, das wir schon im letzten Abschnitt in Bezug auf die an gewandte bzw. kommerzielle Reich- weiteforschung beschrieben haben. Auch die KIM- und JIM-Studie definieren ihre Grundgesamt heiten über das Kriterium aus reichender Deutsch kenntnisse der Zielpersonen für ein Interview. Damit sind junge Migranten mit Sicher heit 57 eine Teilmenge in der jeweiligen Stichproben popula tion. Nach unserem Kennt- nis stand sind sie jedoch nicht eindeutig als solche identifizier bar. D. h. sie können weder für Sonder analysen ein gegrenzt noch für komparatisti sche Zwecke, d. h. im Ver gleich mit anderen Studien (bei dem die KIM- oder JIM- Daten für „junge Menschen ohne Migrations hintergrund“ stehen) aus gegrenzt werden. Zusammen fassend kann man fest halten, dass eine bessere Koordina tion zwischen den ver schiedenen Initiatoren und Realisatoren dieser Forschung im Bereich der Medien, der Medien politik und der Wissen schaft mehr als wün- schens wert wäre. So ließen sich z. B. die Potenziale der kontinuier lichen bevöl- kerungs repräsentativen Forschung im Bereich der Medien und Medien päda go- gik (d. h. von Studien, die sich in erster Linie gar nicht speziell auf Menschen mit Migrations hintergrund beziehen) mit relativ geringem Aufwand für Analy- sen nutz bar machen, die dann speziell auf die Medien nutzung in diesem Be- völkerungs segment bezogen sind. Das wäre besonders im Hinblick auf die Ermitt lung repräsentativer Basis daten eine substantielle Ergän zung der akade- mi schen Forschung. Diese wird zwar in der Regel von Fragestel lungen geleitet, die über die pure Deskrip tion hinaus gehen. Ihre empiri schen Befunde sind jedoch selten generalisier bar, weil die dazu er forder liche Daten basis metho- disch nicht gegeben ist. 4.4 Konzeptionelle Schluss folge rungen für die LfM-Studie An erster Stelle der Untersuchungs konzep tion, die wir für die LfM ent wickel- ten, steht in Bezug auf beide Forschungs felder – (Massen-)Medien nutzung und Integra tion, (Individual-)Medien nutzung und Medien kompetenz – das Prinzip der Repräsentativität und davon aus gehend das Prinzip der Anschluss- fähig keit (vgl. Kapitel 1). Insbesondere für die Konzep tion der quantitativen Telefonumfragen sind das die zentralen Kriterien (vgl. Kapitel 5, 7 und 8). Als dritter Gesichtspunkt kommt dann noch speziell in Bezug auf die Medien- kompetenzproblematik das Kriterium des Praxis bezugs der LfM-Studie hinzu – als Leitlinie für die Durchfüh rung von Gruppen diskussionen (vgl. Kapitel 6) und einem Experten-Workshop (vgl. Kapitel 9). Repräsentativität Durch die Ausschrei bung der LfM waren die Grundgesamt heiten für Reprä- sen tati verhe bungen bis auf einen Punkt vor gegeben: Fest gelegt waren der re- gio nale Rahmen (Nordrhein-West falen) und das Alter der Zielgruppe (12 bis 29 Jahre). Sieht man von Personen türkischer Herkunft ab, war die weitere Eingren zung des Migrations hintergrundes etwas unscharf. Konkret wählten 58 wir dann den Migrations hintergrund der sog. „Russ land deutschen“ aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion als zweiten, klar umrissenen Unter- suchungs kontext. Damit sind Personen türkischer Herkunft sowie – wie wir sie hier nennen – russische Aussiedler die beiden Migranten gruppen, zu denen in der LfM-Studie repräsentative Daten erhoben werden. Der Haupt grund für diese Entschei dung ist die Zielset zung, durch zwei statistisch voneinander unabhängige Teilerhe bungen für jede dieser beiden Grundgesamt heiten repräsentative Informa tionen zur Medien nutzung, sozialen Integra tion und Medien kompetenz zu er halten, die dann in einem kompara- tiven Analysedesign sowohl miteinander als auch mit Ergebnissen anderer Studien (über gleiche oder andere Popula tionen – z. B. gleichaltrige Personen ohne Migrations hintergrund) ver wendet werden können. Anschluss fähig keit Dieses Prinzip bezieht sich vor allem auf die Operationalisie rung der theoreti- schen Konzepte zu Zusammen hängen zwischen Medien nutzung und sozialer Integra tion bzw. Medien nutzung und Medien kompetenz im Rahmen der ein- schlägigen Repräsentati verhe bungen in diesem Forschungs feld. Denn nur, wenn die ent sprechenden Formulie rungen aus den Untersuchungs instrumenten früherer Studien über nommen werden, ist kumulative, replikative und kom- paratisti sche Forschung möglich: Eine Forschung, die sich systematisch auf den bisherigen Wissens stand bezieht und die Ergebnisse der LfM-Studie mit bisher vor liegenden Untersuchungs befunden ver gleicht. In der Grundlogik der Erfas sung der Nutzung der Massen medien sowie bei der Erhebung von Indikatoren für soziale Integra tion folgt die LfM-Studie drei früheren Migranten studien (G. I. F.-Studie 1999, BPA-Studie 2000 und insbesondere der WDR-Studie 2006). Die sehr viel komplexere Methode der Tages ablauferhe bung, die in der ARD/ZDF-Studie 2007 zur Anwen dung kam, war im Budgetrahmen der LfM-Studie nicht zu realisieren. Insbesondere bei der Erfas sung der Nutzung der neuen Individualmedien (Internet etc.) und bei der Abfrage unter schied licher Dimensionen von Medien- kompetenz folgen wir weit gehend den Vorgaben der JIM-Studie. Ganz einfach war das nicht, weil dazu keine öffent lich zugäng liche Methoden dokumenta- tion existiert, die den professionellen Standards der Sozialforschung genügt (vgl. dazu den Hinweis auf die einschlägigen AAPOR-, DFG- und ZAW- Regeln in Abschnitt 4.2). Auch auf direkte Nachfrage wurde uns das Unter- suchungs instrument von den Ver antwort lichen für diese Studie nicht in vollem Umfang zugäng lich gemacht. Stattdessen wurden einzelne Fragen und Ant- wort vorgaben, die wir zum Teil aus der Berichterstat tung über die Ergebnisse der JIM-Studie, zum Teil durch Nachfragen er mittelten, zur Verwen dung im Rahmen der LfM-Studie freigegeben. Hierfür bedanken wir uns. 59 Praxis bezug Da die Ausschrei bung der LfM-Studie mit dem Auftrag ver bunden war, den Bedarf für zielgruppen spezifi sche Maßnahmen zur Medien kompetenzförde- rung in Migranten milieus zu reflektieren und dazu ggf. prakti sche Empfeh lun- gen zu formulieren, wurde die quantitative Repräsentati verhe bung in diesem Feld durch qualitative Gruppen diskussionen ergänzt. Hierzu wurde das Alters- spektrum der Zielpersonen für diese Diskussionen auf die 12- bis 19-Jährigen ver engt (d. h. auf die Grundgesamt heit, auf die sich auch die JIM-Studie be- zieht, und die noch am ehesten durch medien pädagogi sche Angebote erreich- bar sein dürfte). Die Diskussionen wurden in zwei Alters segmenten, den 12- bis 15-Jährigen und den 16- bis 19-Jährigen, durch geführt. Im jüngeren Alters segment wurde Kinder- und Elternbefra gung (in jeweils getrennten Gruppen) kombiniert. Der Leitfaden für die Gruppen diskussionen ist einer seits an der theoreti- schen Systematisie rung der Medien kompetenzproblematik durch Theunert orien tiert (vgl. Übersicht 3.1). Anderer seits sollten die Gespräche an die Fragen- komplexe der JIM-Studie anschließen und diese ver tiefen. Die Ergebnisse aller Teilstudien der LfM-Studie wurden in einem ab- schließenden Experten-Workshop zusammen geführt und aus medien pädagogi- scher Perspektive erörtert. Dabei stand die Frage im Vordergrund, welche prakti schen Schluss folge rungen aus ihnen gezogen werden können. 61 5 Methode und Ergebnisse der Telefonumfragen 5.1 Methode Zwischen dem 13. Oktober und dem 9. November 2008 wurden die Telefon- interviews zur Medien nutzung Jugend licher und junger Erwachsener in Nord- rhein-West falen durch geführt. Die Feldarbeit er folgte mit einem standardi- sierten Fragebogen in Form telefoni scher computer gestützter Interviews (CATI) durch ENIGMA GfK.30 Das Institut war an der Entwick lung des Fragebogens beteiligt und für die telefongerechte Aufberei tung zuständig. Grundgesamt heiten und Stichproben Insgesamt wurden zwei voneinander unabhängige repräsentative Stichproben aus den beiden Grundgesamt heiten: – „Personen türkischer Herkunft im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in pri- vaten Haushalten mit Telefoneintrag in Nordrhein-West falen“ und – „Russische Aussiedler zwischen 12 und 29 Jahren in privaten Haushalten mit Telefoneintrag in Nordrhein-West falen“ nach dem Onomastik-Verfahren (Humpert/Schneider heinze 2000) gezogen. Die Treffer genauig keit betrug für die „türkisch stämmige Stichprobe“ 91 Pro- zent, d. h. in 9 Prozent der an gerufenen Haushalte lebte keine Person mit türkischem Migrations hintergrund. Für die Spät aussiedler stichprobe waren es 88 Prozent. Die Stichproben ziehung er folgte zweistufig: Die Stichproben wur- den regional nach Gemeindekennziffern geschichtet, die Personen auswahl im Haushalt war zufalls gesteuert (Last-Birthday-Methode). Die Bruttostichprobe betrug für Personen mit türkischem Migrations hinter- grund n = 2.136 Personen, die um qualitäts neutrale Ausfälle bereinigte Netto- 30 Vgl. zum Folgenden den Methoden bericht der ENIGMA GfK Medien- und Marketing forschung (ENIGMA GfK 2008), der als PDF-Dokument unter www. lfm-nrw.de/forschung/schriftreihe auf der Homepage der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) abruf bar ist. 62 stichprobe n = 1.508 Personen. Interviews konnten mit n = 1.078 Personen begonnen werden (Ausschöpfungs quote 71 Prozent) und n = 302 Personen er füllten schließ lich das vor gegebene Alters kriterium von 12 bis 29 Jahren. Für die Spät aussiedler umfasste die Bruttostichprobe 2.225 Personen, die Netto stichprobe 1.664, von denen 1.159 für ein Interview erreich bar waren (Ausschöpfungs quote 70 Prozent). n = 303 Personen er füllten das Alters- kriterium. Die Stichprobendaten wurden nachträg lich hinsicht lich Alter und Geschlecht auf der Basis der Mikrozensus daten von 2007 gewichtet. Damit liegt die durch schnitt liche Schwankungs breite (die Fehler spanne der statisti schen Induk tion von der Stichprobe auf die Grundgesamt heit) zwischen 2,5 und 5,8 Prozentpunkten, je nach geschätztem Anteils wert (5/95 bzw. 50/50 Prozent) und ist damit zwar gerade noch ver tret bar, erlaubt es aber nur bei sehr großen Gruppen unterschieden von der Stichprobe auf die Grund- gesamt heit zu schließen – im Durchschnitt müssen diese Unterschiede > 5 Pro- zentpunkte sein. Fragebogen und Interviews Die Interviews dauerten im Durchschnitt knapp 40 Minuten. Sie wurden in einem Zeitraum von 4 Wochen durch geführt. Die Untersuchungs instrumente lagen in beiden Sprachen vor. Alle (aus schließ lich weib lichen) Interviewerinnen waren zweisprachig, d. h. sie konnten das Interview nicht nur in Deutsch, sondern auch vollständig in Türkisch bzw. Russisch durch führen. Bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund wurden 19 Prozent der Inter- views in türkischer Sprache durch geführt. Bei den russischen Aussiedlern waren es 14 Prozent aller Interviews, die in russischer Sprache geführt wur- den. Das Untersuchungs instrument bestand aus einem Screening-Fragebogen zum Migrations hintergrund, der Haushalts situa tion und zur Zielpersonen aus- wahl (insgesamt 8 Fragen) und dem eigent lichen Fragebogen mit insgesamt 53 Fragen und 15 Fragen zur Soziodemografie. Die Fragen komplexe ent- sprachen den Untersuchungs feldern der Studie und waren in die Bereiche Freizeitaktivitäten, Ausstat tung mit und Nutzung von Massen medien, Internet, Computern, Handys und Spielen sowie Fragen zu Integra tion und ethnischer Identität gegliedert. Den Schluss des Interviews bildeten die Fragen zur Sozio- demografie und die Interviewer einschät zung der Sprachkompetenz der Be- frag ten. 63 Darstel lung der Ergebnisse Wir werden im nächsten Abschnitt einige methodisch relevante Daten, die der Beschrei bung der Stichprobe dienen, noch einmal auf greifen. Vorher jedoch noch ein paar Bemer kungen zur Ergebnis darstel lung. Wann immer möglich, werden wir die beiden Stichproben parallel betrachten. Dies geschieht nicht, um die zwei zum Teil sehr unter schied lichen Teilpopula tionen ständig mit- einander zu ver gleichen oder – was genauso unangebracht wäre – „in einen Topf zu werfen“. Es wäre vielmehr aus gesprochen redundant und einer les baren Darstel lung abträg lich, die Stichproben sukzessive abzu arbeiten. Außerdem lassen sich durch die parallele Betrachtungs weise vielleicht tatsäch lich einige Besonder heiten der zwei ethnischen Gruppen heraus arbeiten. Beide Stichproben werden noch einmal in zwei Alters gruppen (12 bis 19 Jahre bzw. 20 bis 29 Jahre) unter teilt. In der Regel werden Prozent werte berichtet, die sich auf die jeweiligen Tabellen(zellen) beziehen. Bei der Dar- stel lung der Medien nutzung werden wir zumeist – soweit sinn voll – das in- zwischen bewährte Standardmaß des „Stammnutzers“ anwenden: Ein Stamm- nutzer ist eine Person, die das ent sprechende Medium/Medien angebot an mindestens 4 von 7 Tagen einer „normalen“ oder „durch schnitt lichen“ Woche nutzt – das Gleiche gilt für die Darstel lung der Freizeitaktivitäten der Be- fragten. 5.2 Die Stichproben Alter, Geschlecht und Bildung Da beide Stichproben nach den Vertei lungen von Alter und Geschlecht der Mikrozensus daten gewichtet wurden, spiegeln sie in dieser Hinsicht die Ver- tei lung der Grundgesamt heit exakt wider (Tabelle 5.1 und Tabelle 5.2).31 Tabelle 5.1: Alter der Befragten (in Prozent, gew.)* Alter Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 12–13 Jahre 20 – 11 16 – 7 14–19 Jahre 80 – 41 84 – 36 20–29 Jahre – 100 48 – 100 57 Gesamt 100 100 100 100 100 100 * Von 100 Prozent abweichende Werte sind Rundungsfehler. 31 Zur Kritik der Erfas sung der Aussiedler im Rahmen des Mikrozensus vgl. allerdings Seifert (2008). 64 Bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund sind 48 Prozent der Befragten der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen zuzu ordnen. 41 Prozent sind zwischen 14 und 19 Jahre alt, 11 Prozent sind 12 oder 13 Jahre alt. Auch bei den Spät aussiedlern ist die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen mit 57 Prozent zahlen mäßig am stärksten, die 12- bis 19-Jährigen haben einen Stichproben- anteil von insgesamt 43 Prozent, darunter die 12- oder 13-Jährigen mit 7 Pro- zent. Tabelle 5.2: Geschlecht der Befragten (in Prozent, gew.) Geschlecht Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Männlich 54 50 52 54 47 50 Weiblich 46 50 48 46 53 50 Gesamt 100 100 100 100 100 100 In der Stichprobe der türkisch stämmigen Befragten gibt es vor allem unter den jüngeren Befragten bis 19 Jahre etwas mehr Männer bzw. Jungen als Frauen bzw. Mädchen (54 : 46 Prozent). In der Gesamtstichprobe fällt das Ver- hältnis deshalb mit 52 : 48 Prozent leicht zu Gunsten des männ lichen Ge- schlechts aus. Unter den Aussiedlern ist das Ver hältnis in der Gesamtstichprobe genau ausgeg lichen, die zwei Alters gruppen ver halten sich spiegel bild lich – leichter Männer über hang bei den bis 19-Jährigen (54 Prozent) und mehr Frauen bei den 20- bis 29-Jährigen (53 Prozent). Die Heterogenität der Stichproben zeigt sich besonders bei der formalen Bildung der Befragten (Tabelle 5.3). In beiden Stichproben besuchen die Befragten, die jünger als 19 Jahre sind, mehr heit lich noch die Schule (88 bzw. 84 Prozent), während bei den 20- bis 29-Jährigen die Schulzeit in der Regel beendet ist (94 bzw. 93 Prozent). Das führt im Stichproben mittel bei den türkisch stämmigen Befragten zu einer Schüler quote von 49 Prozent und bei den Aussiedlern zu einem Anteils wert von 41 Prozent. 65 Tabelle 5.3: Schulbildung der Befragten (in Prozent, gew.) Formale Bildung Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Schüler (aktuelle Schule) 88 6 49 84 8 41 Haupt schule 26 1 14 21 1 10 Realschule/weiterf. 27 2 15 28 1 13 Gymnasium 20 1 11 22 3 11 Sonstiges 15 2 9 13 3 7 Ausbil dung/Beruf etc. 12 94 51 16 93 59 Kein Abschluss 1 6 4 1 3 2 Haupt schule 2 25 13 5 25 16 Realschule/weiterf. 3 17 10 10 33 23 (Fach-)Abitur 6 46 25 1 32 18 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Bei den Daten zur Schul bildung ist zu beachten, dass es sich nur bei den Nicht-Schülern um Angaben zum Schulabschluss handelt. Bei den Schülern sind es dagegen Angaben zu der Schulart oder Schulstufe, die zum Zeitpunkt der Befra gung besucht wird. In beiden Teilstichproben besuchen die 12 bis 19-jährigen Schüler in etwa zu gleichen Teilen (jeweils zwischen 20 und 28 Prozent) die Haupt schule, die Realschule bzw. weiter führende Schularten sowie das Gymnasium. Die mit 13–15 Prozent relativ große Gruppe „Sonstiges“ lässt sich aus den Befragungs- unterlagen nicht weiter konkretisieren. Bei den 20 bis 29-jährigen Nicht- Schülern zeigen sich dann allerdings Unterschiede in den Schulabschlüssen der beiden Migranten gruppen. Zwar ist der Anteil der Haupt schulabschlüsse mit jeweils 25 Prozent gleich. Von den türkisch stämmigen Befragten hat aber ein relativ großer Anteil (46 Prozent) mindestens Fachabitur, bei den russi- schen Aussiedlern sind es mit 32 Prozent deut lich weniger. In Kapitel 2 wurde darauf ver wiesen, dass man die Lebens welt von Migran- ten auf der Basis weiterer Milieufaktoren differenziert betrachten kann (und sollte). Ein denk barer Zugang hierzu sind die hier vor gestellten Daten zu Alter, Geschlecht und Bildung. Die Ver mutung ist naheliegend, dass die Medien- nutzung der beiden jungen Migranten gruppen, die im Mittelpunkt der LfM- Studie stehen, von diesen Faktoren maß geblich beeinflusst wird. In der nach- folgenden Präsenta tion und Diskussion der Untersuchungs ergebnisse wird „stan dardmäßig“ auf den Faktor Bezug genommen, der die stärkste Hete ro- genität innerhalb der beiden Popula tionen erzeugt: das Alter (das wiederum eng ver knüpft ist mit dem Status als Schüler bzw. Nicht-Schüler, der privaten und wirtschaft lichen Selbst ständig keit bzw. Abhängig keit usw.). Soweit sach- lich geboten und im Rahmen der vor liegenden Publika tion möglich, werden die anderen beiden Faktoren – Geschlecht und Bildungs status – eben falls thematisiert. Bevor man jedoch bestimmte Befunde zur Medien nutzung und 66 Medien kompetenz vor schnell durch den einen oder anderen Milieu-Indikator erklärt, sollte man prüfen, ob und wie diese Faktoren unter einander ver knüpft sind. Im vor liegenden Fall haben ent sprechende Tests Folgendes ergeben: – In beiden Teilstichproben gibt es keinen signifikanten Zusammen hang zwi- schen der Alters struktur und dem Geschlecht der Befragten. – In beiden Teilstichproben gibt es denselben signifikanten Zusammen hang zwischen der Alters struktur und der Schul bildung (besuchte Schule/Schul- abschluss) der Befragten. Der Anteil der Haupt schüler ist bei den 12 bis 19-Jährigen und den 20 bis 29-Jährigen gleich. Jedoch sind in der Gruppe der 12 bis 19-Jährigen die Realschüler und in der Gruppe der 20 bis 29-Jäh- rigen die Gymnasiasten stärker ver treten. – In beiden Teilstichproben gibt es auch einen signifikanten Zusammen hang zwischen Geschlecht und Bildung – er weist jedoch inhalt lich in eine je- weils unter schied liche Richtung: In der türkisch stämmigen Stichprobe sind die Mädchen häufiger als die Jungen in der Gruppe der Realschüler ver- treten, die Jungen dagegen häufiger in der Gruppe der Gymnasiasten. In der Stichprobe der jungen russischen Aussiedler ist es in der Tendenz um- gekehrt. Die Mädchen sind häufiger in der Gruppe der Gymnasiasten ver- treten, die Jungen häufiger bei den Haupt schülern. Natür lich ist das letzt genannte Ergebnis ein Hinweis darauf, dass die Rolle von Jungen und Mädchen in den beiden unter suchten Migranten popula tionen jeweils kulturspezifisch geprägt ist (und dass „Geschlecht“ im Bezug auf die Fragestel lung der LfM-Studie nicht als generalisierter Milieu-Indikator ge nutzt werden darf). Im vor liegenden Zusammen hang ist ein zweiter Punkt jedoch wichtiger: Wenn die nachfolgenden Ergebnisse nach Alter, Geschlecht und Schul bildung spezifiziert werden, spiegeln sich darin stets „Drittvariablen- Spuren“, d. h. die hier dargestellten Wechsel beziehungen zwischen Alter, Schul- bildung und Geschlecht. Nur in den in Kapitel 7 dargestellten multivariaten Kausal analysen werden diese Interak tionen neutralisiert. Haushalts größe und Haushalts zusammen setzung Medien umge bungen, d. h. die Ausstat tung mit ent sprechender Hardware, der tägliche Umgang mit Medien und ihre Nutzung sind in vielfacher Hinsicht an den familiären Haushalt gebunden. Dies gilt auch für mobile Kommunikations- mittel, denn Abonnements, Abrech nungen und Anschaf fungen betreffen – be- sonders in den Alters gruppen dieser Umfrage – fast immer das familiäre Gesamtbudget. Daher ist es für die Perspektive dieser Untersuchung wichtig, die Haushalts situa tion der Befragten zu kennen und das familiäre Umfeld im Alltag als Teil der Soziodemografie zu beschreiben. 67 Tabelle 5.4 zeigt zunächst, wie viele Personen in den Haushalten der Be- fragten leben. Es ist erwart bar, dass die wenigsten der 12- bis 19-Jährigen allein leben – Einpersonen haushalte kommen in dieser Alters gruppe so gut wie nicht vor. Auch bei den 20- bis 29-Jährigen ist die Lebens form des Allein- lebens in beiden Teilstichproben noch nicht sehr ver breitet (10 bzw. 7 Prozent). In beiden ethnischen Gruppen lebt ein ver gleich bar großer Anteil der Be- fragten im Durchschnitt der Gesamtstichproben in Vierpersonen haushalten (37 bzw. 38 Prozent). Befragte mit türkischem Migrations hintergrund leben ver gleichs weise häufiger in größeren Haushalts zusammen hängen. Der Anteil der Fünfundmehrpersonen haushalte ist mit 38 Prozent ver gleichs weise hoch – noch höher ist er sogar bei den 12- bis 19-Jährigen. Hier lebt mehr als jeder zweite Befragte in einem Haushalt, der fünf und mehr Personen umfasst. Tabelle 5.4: Haushaltsgröße (in Prozent, gew.) Personen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Eine Person – 10 5 1 7 4 Zwei Personen 1 6 3 4 18 12 Drei Personen 12 25 18 20 32 27 Vier Personen 36 38 37 50 29 38 Fünf und mehr Personen 53 22 38 26 24 19 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Die Haushalts größen der russischen Aussiedler sind im Durchschnitt kleiner. Dreipersonen haushalte sind mit 27 Prozent häufiger ver treten als Haushalte mit fünf und mehr Personen (19 Prozent). Es ist unmittel bar einsichtig, dass eine starke familiäre Bindung der Befragten – zum Teil auf grund ihres Alters, zum Teil als Charakteristik der ethnischen Gruppe – Auswir kungen auf den individuellen Medien umgang der Befragten hat, insbesondere was Medien betrifft, die je Haushalt nur einmal vor handen sind. Wir werden darauf im nächsten Kapitel zurück kommen. Noch deut licher als die Zahl der Haushalts mitglieder zeigt die Vertei lung der im Haushalt lebenden Angehörigen die Familien bindung der befragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen (Tabelle 5.5). In beiden Teilstichproben lebt bei mehr als 70 Prozent der Befragten mindestens ein Elternteil mit im Haushalt. Die junge Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen lebt fast ohne Aus- nahme in beiden Migrations gruppen noch bei den Eltern (98 bzw. 99 Prozent). Auf der anderen Seite sind in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen in beiden Popula tionen schon eigene Kinder mit im Haushalt (36 bzw. 31 Prozent) – eine Tatsache, die das Lebens- und Medien umfeld eben falls maß geblich be- ein flusst. 68 Tabelle 5.5: Haushaltsmitglieder (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Familien angehörige Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Lebens-/Ehepartner – 38 18 – 41 23 Kinder 4 36 19 1 31 18 Mutter 98 52 76 99 71 71 Vater 97 50 74 92 66 66 Geschwister 83 34 60 78 47 47 Groß mutter 4 1 3 5 5 5 Groß vater 4 2 3 1 2 2 Zusammen fassung Zusammen fassend kann man für die er weiterte Soziodemografie und den Mi- gra tions hintergrund der Befragten fest halten, dass die Alters spanne zwischen 12 und 29 doch eine jeweils sehr heterogene Teilstichprobe erzeugt, die man so nicht vor Augen hat, wenn von „Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit Migrations hintergrund“ die Rede ist. Schon an dieser Stelle der Analysen zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen den zwei tabellierten Alters gruppen einer Teilstichprobe zum Teil erheb lich größer sind als mögliche Unterschiede zwischen den Teilstichproben selbst (auch wenn diese Perspektive nicht im Zentrum der Analyse steht). Schon im nächsten Abschnitt, der Beschrei bung der Medien ausstat tung der Befragten, wird man diese manifesten Unterschiede in den Lebens welten der zwei Alters gruppen berücksichtigen müssen. 5.3 Ethnische Identität und soziale Integra tion Wie ist das Ver hältnis zwischen Herkunfts- und Ankunfts kontext, zwischen Migrations hintergrund und Mehrheits gesell schaft bei den Befragten? Bevor wir uns der Ausstat tung mit und der Nutzung von Medien zuwenden, sollen an dieser Stelle einige zentrale Indikatoren zur ethnischen Identität bzw. zu den in Kapitel 2 genannten Akkulturations strategien betrachtet werden. Dabei geht es im Grundsatz um die Frage, wie stark bzw. positiv sich die Jugend- lichen und jungen Erwachsenen der deutschen Mehrheits gesell schaft zuwenden und wie stark bzw. positiv sie sich parallel dazu noch mit ihrer Herkunft, bzw. der Herkunft ihrer Eltern identifizieren. 69 Migrations erfah rung, Aufenthalts dauer und Staats bürger schaft Eigene Migrations erfah rung haben in der Stichprobe der Türkisch stämmigen nur die wenigsten (Tabelle 5.6). Ledig lich ein Fünftel (19 Prozent) ist selbst nach Deutschland zu gewandert. Bei einem über wältigenden Teil der Befragten dieser Teilstichprobe bezieht sich der Migrations hintergrund auf die vorher- gehende Genera tion, meistens beide Elternteile (66 Prozent), manchmal auch nur Vater oder Mutter (zusammen 11 Prozent). Tabelle 5.6: Zuwanderungsstatus (in Prozent, gew.) Zuwande rung Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Befragte(r) zu gewandert 6 32 19 79 96 88 Beide Eltern zugew. 69 63 66 1 1 1 Vater zu gewandert 10 1 6 2 – 1 Mutter zu gewandert 8 1 5 19 4 10 Nichts davon 6 3 5 – – – Gesamt 100 100 100 100 100 100 Ganz anders die Gruppe der russischen Aussiedler: Hier haben 88 Prozent der Stichprobe selbst er fahren, was es bedeutet, den gesell schaft lichen Kontext zu wechseln, in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen sind es sogar 96 Prozent. Für die hier Geborenen gilt, dass dann fast immer die Mutter zu gewandert ist (10 Prozent), sehr selten beide Elternteile oder nur der Vater. Tabelle 5.7: Aufenthaltsdauer (in Prozent, gew.) Aufenthalts dauer Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 In Deutschland geb. 94 69 82 21 4 11 1 bis 5 Jahre 1 4 3 7 6 6 6 bis 10 Jahre 3 9 6 30 30 30 11 bis 15 Jahre 3 8 5 34 36 35 Mehr als 16 Jahre – 10 5 8 25 17 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Die Daten zur Zuwande rung lassen schon ver muten, was Tabelle 5.7 be- stätigt. Die meisten der türkisch stämmigen Befragten sind in Deutschland ge- boren (82 Prozent), am größten ist der Anteil bei den Jüngsten zwischen 12 und 19 Jahre (94 Prozent). Unter den 20- bis 29-Jährigen gibt es zusätz lich 10 Prozent, die mehr als 16 Jahre ihres Lebens in Deutschland zu gebracht haben. 70 In der Stichprobe der Aussiedler dominieren dagegen die Zuwanderer. Ins- gesamt sind nur 11 Prozent der Befragten in Deutschland geboren. Gut die Hälfte lebt jedoch schon seit mehr als 10 Jahren in Deutschland. Der größte Teil der Befragten ist mit den Eltern ein gewandert, d. h. die große Ein wan- derungs welle der Aussiedler Ende der 1990er Jahre wird in der Tabelle gut sicht bar. Tabelle 5.8: Staatsbürgerschaft (in Prozent, gew.) Staats bürger schaft Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Deutsch 33 40 37 92 92 92 Türkisch 64 60 62 – – – Deutsche Staats bürger schaft gewünscht: Ja, sicher 21 20 20 Ja, vielleicht 19 12 16 Nein 24 27 26 Russisch – – – 5 1 2 Doppelstaats bürger (D+) 3 – 2 3 8 6 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Der unter schied liche Zuwanderungs hintergrund zeigt sich auch in der Staats- bürger schaft der beiden Teilpopula tionen (Tabelle 5.8). Die meisten jungen Aussiedler sind qua Status Deutsche (92 Prozent) und haben nur in einigen Ausnahmefällen (auch) die russische Staats bürger schaft (6 Prozent). Für die türkisch stämmige Popula tion sind die Daten in dieser Hinsicht inte- ressanter, denn sie zeigen unter anderem, welche Bedeu tung die Verwen dung einer weiter gefassten Defini tion von „Migrations hintergrund“ hat. So sind in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen 40 Prozent deutsche Staats bürger mit türkischem Migrations hintergrund. Wenn man allerdings bedenkt, dass 69 Pro- zent in dieser Gruppe in Deutschland geboren sind, er scheint das Ver hältnis von 40 : 60 für die deutsche bzw. türkische Staats bürger schaft in dieser (voll- jährigen!) Alters gruppe kein besonders hoher Wert. (Die Gruppe der 12- bis 19-Jährigen sollte man an dieser Stelle außer Betracht lassen, da hier noch nicht alle Freiheits grade für eine solche Entschei dung gegeben sind.) Etwas besser ver ständ lich werden diese Zahlen, wenn man die Antworten auf die Frage nach dem Wunsch, die deutsche Staats bürger schaft eines Tages anzu nehmen, hinzu zieht. Tatsäch lich streben die meisten der jungen Türkinnen und Türken in dieser Stichprobe die deutsche Staats bürger schaft an. Jeder Fünfte will „sicher“ Deutscher werden (20 Prozent) und etwas weniger ant- wor ten auf diese Frage mit „Ja, vielleicht“ (16 Prozent). Das bedeutet aller- dings von der anderen Seite aus betrachtet, dass etwa ein Viertel der Befragten die deutsche Staats bürger schaft ablehnt und explizit Türkin bzw. Türke bleiben 71 will – mit Blick auf die Alters struktur der Stichprobe ist das kein geringer Anteil. Sprache Ein Merkmal, das zwischen Soziodemografie und ethnischer Identität an ge- siedelt ist und als Indikator für ganz unter schied liche Sach verhalte in ver schie- denen Lebens bereichen dienen kann, ist die Sprache. In den später folgenden Abschnitten zur Identität und Integra tion der Befragten werden wir uns näher mit der Sprache im Alltag und Sprachkompetenzen befassen. Zur Charakte- risie rung der Stichprobe soll jedoch an dieser Stelle schon ein erster Blick auf die Sprachpraxis in den Familien geworfen werden. Tabelle 5.9 zeigt die Ver- tei lung der Sprachen, die in diesem familiären Kontext vor herrschend sind.m Tabelle 5.9: Sprachgebrauch in der Familie (in Prozent, gew.) Sprache Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Nur Herkunfts sprache* 22 36 29 21 31 27 Meistens Herkunfts sprache 19 21 20 13 20 17 Beides gleich häufig 51 36 44 32 29 31 Meistens Deutsch 6 4 5 16 7 11 Nur Deutsch 2 3 2 18 12 15 Gesamt 100 100 100 100 100 100 * Mit Herkunftssprache ist hier die Sprache des Migrationshintergrundes gemeint, also in der Regel Türkisch in der ersten und Russisch in der zweiten Teilstichprobe. Deutsch ist als familiäre Alltags sprache weder bei den türkisch stämmigen Befragten noch bei den Aussiedlern vor herrschend. Aber es wird in beiden Popula tionen – jeden falls laut Selbsteinschät zung – zu großen Teilen mit der Herkunfts sprache gemischt. Dabei werden in den Familien mit türkischem Migrations hintergrund beide Sprachen sehr häufig parallel genutzt (44 Prozent), ohne Türkisch findet jedoch kaum familiäre Kommunika tion statt (7 Prozent). In den russischen Spät aussiedler familien ist die Präsenz des Deutschen stärker. Zusammen genommen wird bei einem Viertel der Befragten zu Hause meistens oder nur Deutsch gesprochen. Aber auch der Anteil der Familien, in denen nur oder meistens Russisch gesprochen wird, ist mit zusammen 44 Pro- zent ver hältnis mäßig hoch. Dazu kommen noch 31 Prozent, die an geben, beide Sprachen etwa gleich häufig in der Familie zu benutzen. Der vollkommene Ver zicht auf die Herkunfts sprache ist in den türkisch- stämmigen Familien der Ausnahmefall (2 Prozent). Im Milieu der russischen Spät aussiedler kommt das häufiger vor, ist im Gesamt zusammen hang gesehen mit 15 Prozent aber doch selten. 72 Man kann diese Analyse auf zwei weitere auf schluss reiche Lebens bereiche aus weiten: den Sprachgebrauch in der Freizeit und im Schul- bzw. Berufs- leben. Aber vorher noch ein kurzer Blick auf die Sprachkompetenz der Be- fragten. Man kann sie – auch vor dem Hintergrund der hohen Zahl der auf Deutsch durch geführten Interviews und der guten Bewer tung durch die Inter- viewerinnen (vgl. Abschnitt 5.1) für beide Teilpopula tionen als gut bis sehr gut bezeichnen (Tabelle 5.10). Die 12- bis 29-Jährigen Befragten mit türkischem Migrations hintergrund schätzen sich dann auch ent sprechend ein. Zusammen genommen behaupten 82 Prozent der Befragten gut oder sehr gut Deutsch zu sprechen, nur 6 Prozent bezeichnen ihre Fähig keiten dies- bezüg lich als gering oder sehr gering. In der Spät aussiedler stichprobe sind die Zahlen ähnlich. 88 Prozent votieren für gut bis sehr gut, wenn sie um eine Selbsteinschät zung gebeten werden, nur 2 Prozent bewerten ihre Sprach kennt- nisse in Deutsch mit gering oder sehr gering. Das sind zwar – wenn man das jugend liche Alter und die hohe Zahl der in Deutschland Geborenen berück- sichtigt – keine über raschenden Zahlen, sie sind aber dennoch relevant, denn sie zeigen, dass die meisten Befragten in beiden Stichproben die Wahl haben, jeden falls was ihre Kompetenzen angeht: Deutsch und Türkisch bzw. Deutsch und Russisch stehen der Mehrheit der jungen Erwachsenen und Jugend lichen für eine Ver ständi gung in beiden Kontexten zur Ver fügung. Tabelle 5.10: Selbsteinschätzung: Sprachkompetenz – Deutsch sprechen (in Prozent, gew.) Deutsch sprechen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Sehr gut 41 49 45 54 34 43 Gut 46 29 37 39 50 45 Zufrieden stellend 16 10 11 7 14 11 Gering 1 10 5 – 1 1 Sehr gering – 3 1 – 1 1 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Ein Blick auf die professionelle Sphäre des täglichen Lebens zeigt dann auch, wie notwendig es für die meisten Befragten ist, sprach lich auf den Mehr- heits kontext umschalten zu können. Nur eine Minder heit ist in der Lage, in Schule, Ausbil dung oder am Arbeits platz auf Deutsch zu ver zichten. Dabei haben am ehesten noch die türkisch stämmigen Befragten die Möglich keit, beide Sprachen benutzen zu dürfen oder zu können (22 Prozent), nur oder meistens Türkisch sprechen sie dagegen kaum (5 Prozent). Bei den Aussiedlern ist das Bild noch viel deut licher. 8 Prozent sprechen auch Russisch im Arbeits- alltag, nur Russisch spielt gar keine Rolle in dieser Popula tion (Tabelle 5.11). Sieht man sich – quasi als Kontrast zur alternativ losen Arbeits- und Aus- bildungs welt auf der einen und der traditionell am stärksten auf den Migra- 73 tions kontext aus gerich teten Familien umwelt auf der anderen Seite – den Sprach- gebrauch in der Freizeit an, so scheint dieser ein guter Indikator für die soziale Integra tion der Befragten zu sein (Tabelle 5.12). Tabelle 5.11: Sprachgebrauch in Schule/Universität/Arbeitsplatz (in Prozent, gew.) Sprache Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Nur die Herkunfts sprache 1 8 5 – – – Meistens Herkunfts sprache 3 3 3 – 1 – Beides gleich häufig 22 22 22 7 8 8 Meistens Deutsch 22 14 19 10 13 12 Nur Deutsch 51 52 51 83 78 80 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Und tatsäch lich zeigt sich hier ein eher aus geglichenes Bild. Die extrem hohen Werte für die mehr oder weniger aus schließ liche Nutzung der Her- kunfts sprache in der Familie werden in der Freizeit deut lich unter schritten. Es wird mehr Deutsch gesprochen, ohne dass jedoch die Werte aus Schule und Beruf er reicht werden. Die Mittelposi tion, der gleichberechtigte Sprachgebrauch ist übrigens in beiden Teilstichproben nahezu konstant (45 Prozent in der türkisch stämmigen Stichprobe und 31 Prozent in der russischen Aussiedler- stichprobe; Familie: 44 und 31 Prozent). Dagegen sind die Werte für den ex- klusiven Gebrauch der Herkunfts sprache im Freizeit kontext extrem niedrig, besonders in den Alters segmenten der 12- bis 19-Jährigen, und dies in beiden befragten Popula tionen (6 bzw. 3 Prozent). Tabelle 5.12: Sprachgebrauch in der Freizeit (in Prozent, gew.) Sprache Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Nur die Herkunfts sprache 6 16 11 3 24 15 Meistens Herkunfts sprache 10 16 13 4 13 9 Beides gleich häufig 44 46 45 28 34 31 Meistens Deutsch 15 11 13 15 8 11 Nur Deutsch 26 11 19 51 20 34 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Diese Betrach tung zeigt sehr deut lich, dass erstens die ver schieden stark reglementierten und sozialem Druck aus gesetzten Lebens welten den Sprach- gebrauch der Jugend lichen mitbestimmen und dass zweitens die soziale Inter- ak tion in der Freizeit stark bis sehr stark auf den deutschen Mehrheits kontext aus gerichtet ist, allerdings auch hier nicht ohne den Herkunfts kontext sprach- 74 lich zu pflegen und so im Sinne der Terminologie von Berry mehr heit lich eine integrative Akkulturations strategie zu ver folgen. Geht man davon aus, dass die bisher beschriebenen Bereiche Familie, Frei- zeit und Schule/Beruf diejenigen Lebens welten sind, die den größten Teil des sozialen Alltags lebens einnehmen, so lohnt sich ab schließend ein zusammen- fassender Überblick über diese Bereiche. Tabelle 5.13 zeigt einen gleich ge- wich teten Summen index aller drei Indikatoren. Hier wird besonders deut lich, dass aus dieser Perspektive der deutsche Sprachgebrauch für fast alle Befrag- ten dominant ist. Insbesondere die extremen Werte für die professionelle Lebens welt schlagen hier voll durch. Tabelle 5.13: Index des Sprachgebrauchs (Familie, Freizeit, Schule/Beruf) (in Prozent, gew.) Sprache Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Nur die Herkunfts sprache 2 6 4 – – – Meistens Herkunfts sprache 9 19 14 6 20 14 Beides gleich häufig 45 48 46 20 41 32 Meistens Deutsch 41 25 33 45 27 35 Nur Deutsch 3 3 3 30 12 20 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Nur noch insgesamt 18 Prozent der Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit türkischem Migrations hintergrund sprechen im Alltag mehr Türkisch als Deutsch, bei den 12- bis 19-Jährigen sind es sogar nur noch 11 Prozent. Bei den russisch sprachigen Aussiedlern ist es ähnlich. 14 Prozent sprechen mehr Russisch als Deutsch, niemand spricht aus schließ lich die „alte“ Herkunfts- sprache, und von den 12- bis 19-Jährigen Befragten aus dieser Stichprobe sprechen nur noch 6 Prozent im Alltag über wiegend Russisch. Aus dieser letzten – zugegeben wenig differenzierten Perspektive – deuten die Daten ein- deutig auf eine eher im deutschen Sprachkontext ver ankerte soziale Interak tion als auf irgendeine Art von sprach licher Abschot tung hin. Deutsch wird von fast allen jeden Tag gebraucht, und fast alle Befragten sind auch in der Lage, dieser Anforde rung in den ver schiedenen Alltags bereichen zu genügen. Im Ver gleich der zwei Popula tionen kann man für die türkisch stämmigen Jugend- lichen und jungen Erwachsenen vielleicht einen etwas stärkeren Hang zur Pflege der Herkunfts sprache, zur Sprache der älteren Genera tionen in den Familien identifizieren. Dabei muss man sich für die Aussiedler allerdings vor Augen führen, dass für diese Popula tion die Sprache der älteren Genera- tion oftmals Deutsch ist und war. 75 Soziale Interak tion Kontakte in die Mehrheits gesell schaft bestehen bei den zwei Befragten grup pen in erheb lichem Umfang – neben dem Umgang mit Freunden und Bekannten aus dem gleichen Migrations milieu (Tabelle 5.14). In der Teilstichprobe der Spät aussiedler halten sich im Gesamtdurchschnitt die Treffen mit Freunden und Bekannten mit und ohne Migrations hintergrund die Waage (69 bzw. 67 Prozent). Außerdem zeigt sich, dass bei den jüngeren Befragten die freund schaft lichen Kontakte außerhalb der Familie im Grund- satz wichtiger sind als in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen. In der türkischen Teilstichprobe gibt es ein leichtes Übergewicht für die türkisch stämmigen Freunde und Bekannten. 78 Prozent der Befragten treffen sich täglich bzw. mehrmals pro Woche mit Freunden, die eben falls einen türkischen Migrations- hintergrund haben, 59 Prozent geben an, dies (auch) mit deutschen Bekannten zu tun. Tabelle 5.14: Freunde und Bekannte treffen ((fast) täglich/mehrmals pro Woche, Mehr- fach nen nung, in Prozent, gew.) Freunde und Bekannte Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Türk. bzw. russ. Freunde 80 76 78 76 63 69 Deutsche Freunde 61 57 59 85 55 67 Besonders in den jüngeren Alters gruppen findet darüber hinaus der soziale Alltag auch in den Ver einen statt (Tabelle 5.15). 41 Prozent der 12- bis 19-Jäh- rigen Türkisch stämmigen und 38 Prozent der Aussiedler in dieser Alters- gruppe sind Mitglied in einem Sport verein. In den älteren Segmenten sind es tendenziell weniger, aber immerhin noch zwischen 20 (Aussiedler) und 30 Pro- zent (Türkisch stämmige). In den sehr wenigen Fällen sind dabei die Befragten mit Migrations hintergrund unter sich. So sind in allen Sport vereinen zwar auch Mitglieder mit der gleichen Herkunft zu finden, die Mehrheit stellen sie aber nur in wenigen Fällen – 11 Prozent bei den türkisch stämmigen Befragten und 5 Prozent bei den Aussiedlern. 76 Tabelle 5.15: Mitgliedschaft in Vereinen (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Vereins mitglied schaft Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Sportverein 41 30 36 38 20 28 … auch „Lands leute“ 35 22 29 29 15 21 … mehr als die Hälfte 14 8 11 7 3 5 Kirche/religiöse Gruppe 8 6 7 5 7 6 … auch „Lands leute“ 7 4 5 3 7 5 … mehr als die Hälfte 6 4 5 2 5 3 Politische Gruppe 2 4 3 3 1 2 … auch „Lands leute“ 1 1 1 3 1 2 … mehr als die Hälfte 0 1 1 1 1 1 Andere als Sport vereinsaktivitäten spielen im Übrigen so gut wie keine Rolle. Kirch liche und religiöse Gruppen werden von 7 bzw. 6 Prozent der Be fragten regelmäßig besucht, hier deutet sich an, dass der Migrations hinter- grund dabei eine starke Gemeinsam keit der Mitglieder sein könnte. Da aber die Anteile insgesamt sehr klein sind, er lauben sie an dieser Stelle keine detaillierte Analyse. Politische Gruppen haben mit 3 bzw. 2 Prozent nur eine marginale Bedeu tung im sozialen Alltag der Befragten. Nicht faktisch, sondern projektiv gefragt, also weniger auf die eigene Per- son als mehr auf die ethnische Gemein schaft bezogen, zeigt die Bewer tung des Umgangs mit deutschen Freunden und Bekannten, wie die Einstel lung zur Mehrheits gesell schaft aus fällt (Tabelle 5.16). Wie man sieht – und vor dem Hintergrund der vielfältigen individuellen Kontakte auch er warten konnte –, fällt diese Bewer tung durch weg positiv aus. 75 bzw. 82 Prozent der Befragten in den jeweiligen Teilstichproben „finden es gut“, wenn die eigenen Lands- leute viele deutsche Freunde und Bekannte haben. Tabelle 5.16: Einstellung zur sozialen Interaktion („finde ich gut“ Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Freunde und Bekannte Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Lands leute mit vielen deutschen Freunden oder Bekannten 72 78 75 82 82 82 Lands leute, die eine(n) Deutsche(n) heiraten 31 40 36 57 68 63 Einen Schritt weiter geht dann die projektive Frage nach der Einheirat in die deutsche Mehrheits gesell schaft. Die Antworten fallen in beiden Popula tionen deut lich kritischer aus. Bei den Befragten mit türkischem Migrations- hintergrund sagen ledig lich 36 Prozent, dass sie es gut finden, wenn ihre 77 Lands leute eine(n) Deutsche(n) heiraten, in der Teilstichprobe der Aussiedler sind es mit 63 Prozent deut lich mehr als in der türkischen Stichprobe, aber eben falls deut lich weniger als auf die Frage nach Freund schaft und Bekannt- schaft. Einstel lungen zur deutschen Mehrheits gesell schaft Das Ver trauen in deutsche Institu tionen ist groß (Tabelle 5.17). An der Spitze der Ver trauens rangliste stehen in beiden Popula tionen deutsche Ärzte und Kranken häuser (86 bzw. 82 Prozent), gefolgt von deutschen Schulen (76 bzw. 82 Prozent). Das deutsche Fernsehen als „ver trauens würdige Institu tion“ nimmt eben falls – zumindest bei den türkisch stämmigen Befragten – einen hohen Rang ein (72 Prozent) und liegt in beiden Popula tionen vor den Tages zeitun- gen. Abgeschlagen übrigens sind in diesem Ver gleich die deutschen Parteien mit 39 Prozent bei Befragten mit türkischem Migrations hintergrund bzw. 37 Pro zent bei den Aussiedlern. Die Ranglisten gleichen sich sehr im Ver gleich der zwei Stichproben. Eine erheb liche Abweichung in der Bewer tung der Ver trauens würdig keit zeigt sich eigent lich nur in Bezug auf die deutsche Bundes wehr. Diese kommt bei den Befragten der Aussiedler stichprobe ver gleichs weise besser an als bei den türkisch stämmigen Befragten (72 Prozent bzw. 61 Prozent). Tabelle 5.17: Vertrauen in deutsche Einrichtungen („sehr/etwas“ Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Deutsche Einrich tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 14–19 J. nw = 124* 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 270 14–19 J. nw = 111* 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 282 Ärzte und Kranken häuser 83 88 86 90 77 82 Schulen 76 75 76 86 80 82 Fernsehen 71 72 72 71 62 66 Polizei und Gerichte 68 74 71 81 75 77 Behörden am Wohnort 59 70 65 74 66 69 Zeitun gen 60 63 62 72 63 66 Gewerk schaften 59 62 60 66 61 63 Bundes wehr 57 64 61 80 67 72 Deutsche Parteien 37 40 39 48 30 37 * Die Frage wurde 12- und 13-Jährigen nicht gestellt. Insgesamt stehen die Jugend lichen und jungen Erwachsenen der deutschen Politik und ihren Akteuren eher skeptisch gegen über (Tabelle 5.18). 78 Tabelle 5.18: Einstellungen zur deutschen Politik (Statements) („voll und ganz/weit gehend“ Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 14–19 J. nw = 124* 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 270 14–19 J. nw = 111* 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 282 Die deutschen Politiker kümmern sich darum, was Leute wie ich denken 30 25 27 35 27 30 Ich traue mir zu, in einer poli - tischen Gruppe eine aktive Rolle zu über nehmen 40 38 39 21 13 16 Leute wie ich haben Einfluss darauf, was die deutsche Regie rung tut 45 39 42 33 23 27 * Die Frage wurde 12- und 13-Jährigen nicht gestellt. So gleicht sich das Bild bei der Einschät zung der Interessen vertre tung durch die deutschen Politiker. 30 Prozent der befragten Aussiedler fühlen sich gut ver treten, bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund sind es 27 Prozent. Sehr unter schied lich dagegen werden die Statements zur aktiven Beteili gung an und zum Einfluss auf die deutsche Politik in den zwei Teil- stichproben bewertet. In der türkisch stämmigen Teilstichprobe ist das Ver- trauen in die eigenen politi schen Fähig keiten mit 39 Prozent relativ stark aus- geprägt, ebenso das Ver trauen darauf, Einfluss auf die deutsche Regie rung nehmen zu können (42 Prozent). Unter den Spät aussiedlern herrscht weniger Zuversicht. Ledig lich 16 Prozent der Befragten in dieser Teilstichprobe trauen sich eine aktive Rolle in einer politi schen Gruppe zu, und 27 Prozent schätzen die Einfluss möglich keiten auf die deutsche Regie rung positiv ein. Dabei sind die jungen Befragten bis 19 Jahre, vor allem in der Stichprobe der russischen Aussiedler deut lich optimisti scher als die 20- bis 29-Jährigen. Wie stark das Interesse auf der einen Seite für den Herkunfts kontext und auf der anderen Seite für den deutschen Ankunfts kontext ist, zeigt Tabelle 5.19. Die Befragten beider Stichproben wurden gefragt, inwieweit sie sich für aktuelle Ereignisse und das politi sche Geschehen in ihrem Herkunfts land und in Deutsch land interessieren. Die Strukturen sind eindeutig und im Hinblick auf die zwei Teilstichproben durch aus unter schied lich. 79 Tabelle 5.19: Informationsbedürfnisse („sehr/etwas“ Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Informations bedürfnisse Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Aktuelle Ereignisse im Herkunfts land 81 88 84 60 58 59 Aktuelle Ereignisse in Deutschland 73 79 76 73 86 80 Aktuelle Ereignisse „hier in der Gegend“ 82 83 82 83 78 80 Politisches Geschehen im Herkunfts land 65 82 73 40 53 48 Politisches Geschehen in Deutschland 57 76 66 59 76 68 Politisches Geschehen „hier in der Gegend“ 65 74 70 62 62 62 Die Spät aussiedler richten den Schwerpunkt ihrer Informations bedürfnisse ganz eindeutig auf den deutschen Kontext und dabei gleichermaßen auf das nationale und das lokale Umfeld (jeweils 80 Prozent interessieren sich für aktuelle Ereignisse in Deutschland und in ihrer Gegend). Der Wert für das Interesse an Informa tionen aus dem Herkunfts land fällt dagegen mit 59 Pro- zent deut lich ab. Das gleiche Resultat zeigt sich – wenn auch auf niedrigerem Niveau – für das politi sche Geschehen. Die Werte für Deutschland und die lokale Politik liegen bei 68 bzw. 62 Prozent, während das politi sche Geschehen in der ehemaligen Sowjetunion mit weitaus weniger Interesse ver folgt wird (48 Prozent). Trotzdem muss man aber fest halten, dass dieses Interesse nach wie vor vor handen ist – auf gegeben wird es von den befragten Jugend lichen nicht. Im Übrigen zeigen sich hier wieder starke Unterschiede zwischen den Alters gruppen, die nationale Perspektive interessiert die älteren Befragten ab 20 Jahre sehr viel mehr als die jüngeren. Das Interesse der türkischen Befragten an aktuellen Ereignissen in der Türkei und türkischer Politik ist ungleich größer. 84 Prozent der Jugend lichen und jungen Erwachsenen interessieren sich für aktuelle Ereignisse aus ihrem Herkunfts land, das sind mehr als für aktuelle Ereignisse in Deutschland (76 Pro zent) und etwa genauso viele wie für aktuelle lokale Ereignisse (82 Pro- zent) – und das ohne nennens werte Unterschiede zwischen den Alters gruppen. Und auch das politi sche Geschehen wird mit gleich starkem Interesse in der Türkei und auf lokaler Ebene in Deutschland ver folgt (73 bzw. 70 Prozent). Das Interesse für nationale deutsche Politik fällt dagegen gering fügig ab (66 Pro zent). Und auch hier kann man einen Unterschied zwischen den Alters- gruppen aus machen. Die jüngeren Befragten zeigen ein deut lich geringeres politi sches Interesse (für Deutschland und für die Türkei) als diejenigen Be- fragten, die älter als 20 Jahre sind. 80 Den Übergangs bereich zwischen pauschalen Informations bedürfnissen und konkreter Medien nutzung bildet die Frage nach der Relevanz medialer und interpersonaler Quellen für Informa tionen aus dem Herkunfts land bzw. Deutsch land (Tabelle 5.20). Tabelle 5.20: Informationsquellen („sehr/etwas“ Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Informations quellen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Aktuelle Ereignisse im Herkunfts land Deutsch sprachige Medien 71 76 73 64 64 64 Medien in der Herkunfts - sprache 77 87 82 53 59 56 Freunde, Ver wandte etc. 83 88 85 70 73 72 Aktuelle Ereignisse in Deutschland Deutsch sprachige Medien 77 75 76 77 85 82 Medien in der Herkunfts - sprache 69 69 69 43 41 42 Freunde, Ver wandte etc. 81 77 79 73 84 80 Dabei ist vor allem die „gegen läufige“ Informations suche interessant, also wie stark etwa türkisch- bzw. russisch sprachige Medien genutzt werden, um sich über Deutschland zu informieren und um gekehrt. In der türkischen Teil- stichprobe werden türkisch sprachige Medien als relevante Informations quellen für beide Informations bedürfnisse an gegeben, allerdings werden deutsch spra- chige Medien für Ereignisse in Deutschland (76 Prozent gegen über 69 Prozent) und türkisch sprachige Medien für Ereignisse in der Türkei bevor zugt (82 Pro- zent gegen über 73 Prozent). Bei den Spät aussiedlern ist das Bild weitaus weni- ger symmetrisch. Deutsch sprachige Medien stehen auch dann im Vordergrund, wenn es um Informa tionen aus dem Herkunfts kontext geht (64 Prozent) und werden nicht nur für Informa tionen aus Deutschland genutzt (82 Prozent). Die Werte für russisch sprachige Medien als Informations quellen sind sowohl für Informa tionen aus der ehemaligen Sowjetunion (56 Prozent) als auch für Informa tionen aus Deutschland (42 Prozent) erheb lich geringer. Viel interessanter ist in diesem Zusammen hang aber vielleicht die heraus- ragende Bedeu tung der interpersonalen Kommunika tion. In fast allen Feldern, für Informa tionen aus Deutschland für die türkisch stämmigen Befragten (79 Pro zent), für Informa tionen aus der Türkei (85 Prozent der türkisch stäm- migen Befragten), für Informa tionen aus der ehemaligen Sowjetunion (72 Pro- zent der Aussiedler) sind Gespräche mit Freunden, Bekannten und Ver wandten die bevor zugte Informations quelle, zum Teil genauso häufig, zum Teil häufiger genannt als herkunfts sprach liche und deutsche Medien. 81 5.4 Medien ausstat tung Das Fernsehen ist allgegen wärtig. Es ist nach wie vor das Massen medium, das in fast allen Haushalten vor handen und im Alltag jedes Befragten präsent ist, ganz gleich in welcher Alters gruppe und mit welchem Migrations hinter- grund (Tabelle 5.21). Tabelle 5.21: Medienausstattung im Haushalt: Klassische Massenmedien (Mehrfachnen- nung, in Prozent, gew.) Ausstat tung/Haushalt Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehgerät 99 97 98 97 94 96 Radiogerät 52 58 55 74 58 65 Zeitungs abonnement 15 14 15 28 12 19 Internet zugang 92 93 93 93 88 90 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Die Prozent werte schwanken knapp unter halb der 100-Prozentmarke zwi- schen 96 und 99 Prozent. Folgt man der Ansicht, dass ein Internet zugang als Medien platt form genutzt werden kann und es sich damit um ein Ausstattungs- merkmal der Medien umge bung handelt, dann muss man konstatieren, dass das Internet nahe daran ist, die Ver breitungs werte des Fernsehens zu er reichen. In beiden Teilstichproben liegen die Prozent werte für einen Internet zugang im Haushalt an oder über der 90-Prozentmarke. Dagegen fallen die anderen, konven tionellen Mediengat tungen stark ab – ein Trend, der schon aus anderen Umfragen unter Migranten bekannt ist. Am schlechtesten schneidet in dieser Hinsicht die Abonnements zeitung ab, wobei sicher berücksichtigt werden muss, dass ein Zeitungs abonnement sich typi- scher weise auf eine deutsche Zeitung bezieht und damit ein wesent licher Teil mög licher Zeitungs zugänge für Menschen mit Migrations hintergrund nicht erfasst wird, denn einzeln am Kiosk gekaufte Exemplare herkunfts sprach- licher Boulevard- oder Sport zeitun gen werden so nicht erhoben, sie sind als (Auslands-)Abonnement oft nicht verfüg bar. Insgesamt geben 15 Prozent der türkisch stämmigen Befragten an, ein Zeitungs abonnement im Haushalt zu haben, bei den Aussiedlern sind es 19 Prozent. Das Radiogerät liegt in diesem Ver gleich zwar noch vor der Zeitung, ist aber im Hinblick auf die vor handenen Fernseh- und Internetinfrastrukturen ab geschlagen. Bei den Befragten, die aus der Türkei stammen, sind es 55 Pro- zent, die ein solches Gerät im Haushalt haben, bei den Aussiedlern sind es mit 65 Prozent gering fügig mehr – vielleicht ein Hinweis auf eine etwas höhere deutsche Sprachkompetenz, wenn man davon aus geht, dass Radiogeräte in der Mehrzahl noch an lokale und regionale oder zumindest nationale Ver brei- 82 tungs gebiete deutscher Radiosender gebunden sind (im Gegensatz zu digital ver brei teten Internetradios ohne Gebiets- und Frequenzbin dung). Der Blick auf die Haushalts ausstat tung der Befragten mit techni schen Ab- spielmöglich keiten zeigt für die unter schied lichen Medientypen auch unter- schied liche Ver breitungs grade moderner oder konven tioneller Wieder gabe- technik (Tabelle 5.22). Tabelle 5.22: Medienausstattung im Haushalt: Massen- und Funktionsmedien (Mehrfach- nen nung, in Pro zent, gew.) Ausstat tung/Haushalt Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Videorekorder 51 40 46 68 51 59 DVD-Rekorder 60 46 53 60 50 54 FP-Rekorder 12 24 18 25 18 21 MP3-Player/iPod 78 52 66 88 65 75 Walkman/Discman 13 15 14 17 15 16 Computer 95 91 93 96 91 93 Spielkonsole 65 38 52 55 37 45 Mobile Spielkonsole 48 23 35 40 19 28 Handy 99 96 98 98 97 98 Bei den türkisch stämmigen Befragten dominiert für die Bewegtbildauf- zeich nung und Wiedergabe der DVD-Rekorder (53 Prozent), gefolgt vom Video rekorder. Fest platten rekorder spielen mit 18 Prozent dagegen eine unter- geordnete Rolle. Bei den Spät aussiedlern steht der Videorekorder mit 59 Pro- zent auf oder über dem Niveau des DVD-Rekorders (54 Prozent), aber auch hier setzt sich der Fest platten rekorder mit 21 Prozent (noch) nicht durch – vielleicht wegen der häufig fehlenden Möglich keit, auch mobile Medien (DVD, CD, Speicherkarte) wieder geben zu können. Für die Audiomedien wieder gabe gilt: MP3-Player und andere fest platten- gestützte Wiedergabegeräte dominieren die konven tionellen CD- und Kassetten- abspielgeräte. 66 Prozent der türkisch stämmigen Befragten ver fügen im Haus- halt über mindestens einen MP3-Player, bei den Jüngeren zwischen 12 und 19 Jahren sind es sogar 78 Prozent – der Walk-/Discman liegt weit ab ge schla- gen mit ca. 14 Prozent dahinter. In der Teilstichprobe der Spät aussiedler ist der Unterschied noch deut licher. Hier leben drei Viertel der Befragten in Haus- halten mit mindestens einem MP3-Player, 16 Prozent ver fügen über einen Walk-/Discman. Computer sind häufig noch eine Vorausset zung für den Internet zugang, und deshalb ist die große Zahl der PCs in den Haushalten vor dem Hintergrund der weit ver brei teten Internetanschlüsse (s. o.) auch erwart bar. Die Quote der Computerhaushalte liegt zwischen 91 und 96 Prozent, die Schwan kungen zwischen den Teilpopula tionen und in den Subgruppen sind gering. Konsolen 83 als Spezialhardware für Spiele sind dagegen vor allem bei der jüngeren Alters- gruppe beliebt. Bei den 12- bis 19-jährigen Befragten mit türkischem Migra- tions hintergrund sind es 65 Prozent der Haushalte, bei den Spät aussiedlern der gleichen Alters gruppe 55 Prozent. In der älteren Alters gruppe der 20- bis 29-Jährigen sind die Zahlen zwar niedriger, aber nicht extrem, so dass im Stichproben mittel 52 bzw. 45 Prozent der Haushalte über eine Spiel konsole ver fügen. Unangefochten auf Platz 1 der Ausstattungs liste liegen die Mobiltelefone. Es gibt in der Stichprobe so gut wie keinen Haushalt, in dem nicht mindestens ein Mobiltelefon verfüg bar ist. Da das Handy, zumindest die Geräte der neuesten Genera tion, sich inzwischen zu multimedialen Platt formen für alle möglichen massen medialen und individuellen Kommunikations vorgänge ent- wickelt haben, sind solche Ver breitungs zahlen nicht mehr über raschend. Den- noch kann man mit Blick auf die Ausstattungs quoten mit Medien empfangs- und Medien nutzungs geräten konstatieren, dass die Haushalte mit Migra- tions hintergrund in dieser Stichprobe weitest gehend nicht von einer „digitalen“ Kluft betroffen sind – die Daten ent sprechen weitest gehend den Ausstattungs- merkmalen deutscher Haushalte ohne Migrations hintergrund. Dieses Bild wird man im Hinblick auf die Befragten noch genauer zeichnen können, wenn man sich die individuelle Medien- und Kommunikations ausstat tung vor Augen führt, was wir – nach einem Blick auf die Fernsehempfangs situa tion der Haus- halte – auch tun werden. Fernsehprogramme kann man heute – auch auf einem konven tionellen Fern- sehgerät – auf sehr vielen unter schied lichen Wegen empfangen. Tabelle 5.23 zeigt jedoch, dass die analoge, terrestri sche Variante, also mit einer Antenne am Gerät oder im Haus, selten geworden ist. Tabelle 5.23: Fernsehempfangssituation (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Fernsehempfang/ HH Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehgerät im HH 99 97 98 97 94 96 Kabelanschluss 34 35 34 36 36 36 … mit Digital receiver 24 19 21 17 13 15 Satelliten empfang 59 65 62 62 62 62 … mit Digital receiver 49 56 52 53 50 51 Antenne 13 5 9 11 7 9 … mit Digital receiver 6 1 3 2 1 1 Abo-Fernsehen 26 22 24 13 9 11 Empfang herkunfts sprach - licher Programme möglich 87 81 84 74 60 66 In beiden Teilstichproben kommt Fernsehen nur noch in 9 Prozent der Fälle über eine terrestri sche Antenne in die Haushalte, und wenn man es genau 84 nehmen will, muss man davon noch diejenigen Haushalte ab ziehen, die zwar via Antenne, aber mit einer Set-Top-Box digitales terrestri sches Fernsehen empfangen (DVB-T), auch wenn das bei den Befragten noch sehr selten der Fall ist (zwischen 1 und 6 Prozent). Dagegen sind Satelliten empfangs anlagen weit ver breitet – in beiden Stichproben liegt der Anteil bei 62 Prozent, und der weitaus größte Teil ermög licht den Empfang digitaler Programme (und damit eben eine Ver vielfachung des Programmangebotes und die Möglich- keit, auch viele fremdsprachige Programme zu empfangen). Der Kabelanschluss über eine Ver breitungs gesell schaft oder einen Telekommunikations anbieter ist der zweihäufigste Weg, Fernsehprogramme zu empfangen, und auch hier nutzt ein großer Teil der Befragten schon die digitale Variante – 21 Prozentpunkte von 34 Prozent bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund und 15 Prozentpunkte von 36 Prozent bei den Aussiedlern. Alles zusammen genommen ver fügen 76 Prozent der Befragten aus der türkisch stämmigen Stichprobe über eine digitale Empfangs möglich keit und 67 Prozent der russischen Aussiedler. Das schlägt sich dann auch in der Möglich keit nieder, Fernsehprogramme aus dem Herkunfts kontext empfangen zu können. Diese Möglich keit ent spricht für die Aussiedler mit 66 Prozent ziem lich genau der Digitalisierungs quote, in der anderen Teilstichprobe wird diese mit 84 Prozent noch über troffen, was mit der Einspei sung türkisch- sprachiger Programme auch in die analogen Kabelnetze in Nordrhein-West- falen zusammen hängt. Darüber hinaus nutzen 24 Prozent der Haushalte der Befragten in der türkisch stämmigen Teilstichprobe die Möglich keit, über die digitalen Empfangs wege auch bezahltes Abonnements fernsehen zu empfangen, ein relativ hoher Wert im Ver gleich zur Quote in der anderen Teilstichprobe (11 Prozent). Man kann die Betrach tung der individuellen Medien welten der Befragten noch ein bisschen fokussieren, wenn man von der Ausstat tung der Haushalte auf die individuelle Verfüg bar keit bzw. den Besitz der techni schen Infra- struktur zur Medien nutzung über geht. In Tabelle 5.24 sind die wichtigsten Massen medien und Nutzungs platt formen für Individual- und Funktions medien zusammen gefasst. Auf den ersten Blick fällt auf, dass das Fernsehgerät beim Übergang zur individuellen Perspektive an Bedeu tung ver liert. Fernsehen ist unter den Be- fragten beider Teilstichproben weniger an die Person als an den Haushalt ge- knüpft – ganz im Gegensatz zum Mobiltelefon. So ver fügen ledig lich 68 Pro- zent der türkisch stämmigen Befragten über einen eigenen Fernseher (12- bis 19-Jährige: 58 Prozent), ein Wert der etwa auf dem Niveau der Besitzquote für die jugend lichen Aussiedler liegt (63 Prozent, 12- bis 19-Jährige: 58 Pro zent). In eine ähnliche Richtung weist der Besitz von Computern. Die Prozent- werte für den individuellen Besitz sind erheb lich kleiner als die Haushalts- quoten, wenn auch nicht ganz so stark rückläufig wie die Ver gleichs werte für 85 Fernsehgeräte. 74 Prozent der Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit türkischem Migrations hintergrund und 67 Prozent der Spät aussiedler geben an, über einen eigenen Computer zu ver fügen. Dabei sind die Werte bei dieser letzt genannten Gruppe in den Alters segmenten sehr konstant (65 bzw. 68 Pro- zent), während es in der anderen Teilstichprobe große Unterschiede zwischen den jüngeren (66 Prozent) und den älteren Befragten (82 Prozent) gibt. Tabelle 5.24: Individuelle Medienausstattung der Befragten (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Ausstat tung/Befragte(r) Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehgerät 58 79 68 58 67 63 Radio 25 42 33 34 31 32 Zeitungs abonnement* 15 14 15 28 12 19 Computer 66 82 74 65 68 67 Internetzugang 56 77 66 48 57 53 Handy 89 92 90 93 88 90 Spiel konsole 44 31 38 37 30 33 Mobile Spiel konsole 33 17 25 25 14 19 Videorekorder 17 26 21 17 25 22 DVD-Rekorder 23 19 21 19 10 14 MP3-Player/iPod 68 48 59 81 55 66 * Die Daten sind identisch mit denjenigen aus Tabelle 5.21 und werden hier nur der Vollständigkeit halber wieder- holt – Zeitungsabonnements wurden nicht als individuelles Ausstattungsmerkmal erfasst. Für die Ausstat tung der Befragten mit Mobiltelefonen zeigt die Tabelle vor allem zwei Befunde: Erstens ist das Handy auf Rang 1, was die Ver brei tung in den Stichproben angeht, kein Gerät ist häufiger im Besitz der Befragten als das trag bare Telefon (90 Prozent in beiden Stichproben). Und zweitens ist das Handy das Gerät, das am stärksten „individualisiert“ ist, denn die Prozent- werte für die einzelnen Befragten zeigen die geringste Abweichung von den quasi gesättigten Ausstattungs quoten für die Haushalte, und dies gilt konstant über alle Alters segmente in beiden Teilstichproben. Die Frage, inwieweit sich diese zwei Befunde auch auf die Nutzung des Mobiltelefons über das Tele- fonieren hinaus aus wirken, kann an dieser Stelle noch nicht beantwortet wer- den (vgl. dazu den nächsten Abschnitt). Eben falls hoch im Kurs stehen MP3-Player unter den individuellen Aus- stattungs merkmalen, vor allem bei den jüngeren Befragten bis 19 Jahre. Bei den Spät aussiedlern geben in dieser Gruppe 81 Prozent an, ein eigenes Gerät zu besitzen, im Durchschnitt der Teilstichprobe sind es knapp zwei Drittel der Befragten (66 Prozent). Bei der anderen Teilstichprobe sind die Werte ähnlich hoch (68 Prozent für die 12- bis 19-Jährigen und 59 Prozent in der gesamten Teilstichprobe der türkisch stämmigen Befragten). Radiogeräte laufen – ebenso 86 wie auf Haushalts ebene „unter ferner liefen“. Die Besitzquote liegt in beiden Popula tionen bei etwa einem Drittel der Befragten und damit auf dem Niveau der Spiel konsolen, allerdings noch vor DVD- und Videorekordern, die Werte zwischen 14 und 26 Prozent, je nach Alters gruppe er reichen. Zusammen fassend kann man für die Medien ausstat tung der befragten Ju- gend lichen und jungen Erwachsenen konstatieren, dass von den klassi schen, eindeutig auf Massen kommunika tion fest gelegten Geräten der Fernseher noch immer am weitesten ver breitet ist, dass aber andere Geräte, die zum Teil schon die Möglich keit für die Nutzung der gleichen Inhalte bieten, zum Teil noch weiter ver breitet sind. Der Computer, insbesondere mit Internetanschluss, und das Mobiltelefon als multimediale Platt formen für audio-visuelle Inhalte sind eindeutig stärker präsent in den Medien umwelten der Befragten. Das muss sich nicht un bedingt auf den Medien konsum, die konkrete Nutzung der Massen medien aus wirken. Schließ lich ist das Fernsehen am Computer auch Fernsehen, aber es kann eben auch bedeuten, dass etwa Inhalte von Inter net- platt formen stärker in das Medien nutzungs menü drängen als das bei vor heri- gen Genera tionen der Fall war. Das ist übrigens kein migrations spezifi scher Befund. Er gilt auch für Jugend- liche ohne Migrations hintergrund, oder besser: für Jugend liche mit und ohne Migrations hintergrund. Ein Ver gleich mit Daten aus der JIM-Studie (JIM 2008) zeigt bezüg lich der Ausstattungs merkmale keine gravierenden Unterschiede bzw. Besonder heiten zwischen dem jüngsten Bevölkerungs segment aus Zu- wander erfamilien und deutschen Jugend lichen – wir werden auf den Ver gleich mit externen Daten noch zurück kommen (vgl. Kapitel 8). 5.5 Massen medien und soziale Integra tion In diesem Abschnitt steht die Nutzung der konven tionellen Massen medien Fernsehen, Radio und Zeitung lesen im Vordergrund. Wir fassen in diesem Zusammen hang zunächst aus pragmati schen Gründen die Internetnut zung pauschal mit unter diesen Medien nutzungs begriff, auch wenn klar ist, dass es „die Internetnut zung“ nicht gibt und die interpersonale Kommunika tion durch E-Mail und Chat mindestens einen genauso hohen Stellen wert hat, wie die eher massen mediale Nutzung von Web-Seiten zur Informa tion und/oder Unter- hal tung. Im Abschnitt 5.6 werden wir der Funktions nutzung von Computer, Internet, Handy und Spielen diesbezüg lich noch genauer auf den Grund gehen, auch wenn wir – der Vollständig keit halber und des besseren Überblicks wegen – schon hier einige der pauschalen Nutzungs daten mit betrachten. Im zweiten Teil dieses Abschnittes werden wir dann auf kurzem Wege der Frage nach Korrela tionen zwischen Medien nutzung und Integra tion insbesondere sprachgebundenen Medien umgangs und ethnischer Identität nach gehen. 87 Medien nutzung Auf einer pauschalen Ebene, d. h. ohne weitere Berücksichti gung der genutzten Inhalte, zeigt sich bei der Betrach tung der Stammnutzer daten, dass die im vor herigen Abschnitt dargestellten Ausstattungs merkmale gute Prädiktoren für den Umfang der Nutzung der ver schiedenen Medien sind (Tabelle 5.25). Tabelle 5.25: Mediennutzung (Stammnutzer*) (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehen 92 85 88 86 84 85 Radio 16 35 25 34 51 44 Zeitung 18 39 28 12 27 20 Internet 69 66 67 73 68 70 Computer 60 62 61 71 66 68 Handy 79 84 81 75 75 75 Spiele PC/Konsole 30 8 19 28 9 17 * Personen, die angeben, das Medium an 4, 5, 6 oder 7 Tagen einer normalen Woche zu nutzen. Unter den konven tionellen Massen medien steht das Fernsehen auf dem ersten Platz der Nutzungs rangliste. 88 Prozent der türkisch stämmigen Be- fragten und 85 Prozent der jungen Aussiedler nutzen an mindestens 4 Tagen einer normalen Woche das Fernsehen. Die Schwan kungen in den zwei tabel- lier ten Alters segmenten sind dabei in beiden Teilstichproben nicht besonders groß, dem Fernsehen wenden sich alle Befragten gleichermaßen häufig zu. Die Bedeu tung von Radio und Zeitung bleibt dahinter deut lich zurück. In der Popula tion der Personen mit türkischem Migrations hintergrund kann man die Ränge von Hörfunk und Presse kaum noch unter scheiden. Das Radio wird von 25 Prozent, die Zeitung von 28 Prozent der Befragten regelmäßig jede Woche an mindestens 4 Tagen genutzt, dabei stellen sich insbesondere die Jüngeren bis 19 Jahre als eher ab gewandte Radiohörer (16 Prozent) und Zei- tungs leser (18 Prozent) heraus. Bei den Spät aussiedlern wird dagegen eindeutig das Radio bevor zugt (44 Prozent Stamm hörer), Zeitung lesen fällt dagegen mit 20 Prozent Stamm leser anteil dramatisch zurück. Und auch in dieser Teil stich- probe ver lieren Radio und Tages zeitung in der Gruppe der ganz Jungen von 12 bis 19 Jahre noch einmal deut lich an Boden (Stamm hörer: 34 Prozent, Stamm leser: 12 Prozent). Nimmt man das Internet als multimediale Platt form hinzu, die zwischen den konven tionellen Massen medien und den Funktions medien steht, so zeigt sich – wie sich eben falls schon bei den Ausstattungs indikatoren andeutete –, dass die Internetnut zung in Bezug auf die zeit liche und wieder kehrende Nut- zung dem Fernsehen dicht auf den Fersen ist. 67 Prozent (Türkisch stämmige) bzw. 70 Prozent (Aussiedler) der Befragten sind Stammnutzer des Internets, 88 d. h. sind an mehr als vier Tagen pro Woche online. Und die Werte schwanken kaum in den Alters gruppen, d. h. – ganz anders als bei Radio und Zeitung – hat sich die Internetnut zung in allen Alters segmenten gleichermaßen durch- gesetzt, es handelt sich weder um eine Domäne der ganz Jungen noch um eine Tätig keit, die eher bei den Älteren mit eigenem Haushalt anzu siedeln wäre – die Internetnut zung ist auf dem Wege, ebenso wie das Fernsehen, zum alltäg lichen Medien umgang zu werden. Computer sind das bevor zugte Werkzeug für die Internetnut zung, in der Stichprobe gehen die Werte für die Stammnutzer schaften des Computers allerdings kaum über diejenigen der Internetnut zung hinaus. In Abschnitt 5.6 werden wir den Inhalten und Funktionen bei der Computernut zung noch genauer auf den Grund gehen. Das Mobiltelefon ist trotz seiner zunehmenden multimedialen Fähig keiten wohl noch in erster Linie ein Telefon. Inwieweit hier Massen kommunikations prozesse vor liegen, muss eben falls im nächsten Abschnitt genauer betrachtet werden. Was die reine Nutzungs frequenz betrifft, so kann man fest halten, dass der Stammnutzer anteil in beiden Teilstichproben bei (Aussiedler) bzw. über (Türkisch stämmige) drei Viertel der jeweiligen Gesamtstichprobe liegt – eben falls ohne große Schwan kungen zwischen den Alters gruppen. Spiel konsolen nutzung spielt dagegen vor allem bei den jünge- ren Befragten (in beiden Popula tionen gleichermaßen) eine er wähnens werte Rolle. Dort liegen die Anteile für Stammnutzer bei 30 bzw. 28 Prozent, was zusammen mit der marginalen Nutzung in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen zu Durchschnitts werten von 19 bzw. 17 Prozent für „Stamm spieler“ führt. Wenn man die quantitative Medien nutzung der beiden jungen Migranten- popula tionen unter Bildungs gesichtspunkten differenziert, sieht man in beiden Stichproben über einstimmend eine ver gleichs weise große „Bildungs kluft“ in der Nutzung der Individualmedien Internet, PC und Handy (Tabelle 5.26). Tabelle 5.26: Mediennutzung (Stammnutzer) nach Bildung (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Medien gat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler Haupt- schule nw = 80 Real- schule nw = 101 Abitur nw = 110 Gesamt* nw = 302 Haupt- schule nw = 77 Real- schule nw = 131 Abitur nw = 89 Gesamt** nw = 303 Fernsehen 94 91 83 88 87 84 83 85 Radio 17 22 36 25 44 42 47 44 Zeitung 21 26 39 28 27 18 19 20 Internet 54 67 81 67 58 67 83 70 Computer 41 64 76 61 56 68 80 68 Handy 73 82 91 81 67 72 87 75 Spiele PC/Konsole 29 20 12 19 18 17 17 17 ** Fehlende Werte: n = 11 (kein Abschluss) ** Fehlende Werte: n = 6 (kein Abschluss) 89 Die Stammnutzungs werte nehmen exakt am Bildungs status ent lang zu, sie liegen bei den Gymnasiasten bzw. Abiturienten in der Regel 20 und mehr Prozentpunkte über denen der anderen Bildungs gruppen. Bei den türkisch- stämmigen Gymnasiasten kommen noch eine geringere Fernseh- und Spiele- nutzung sowie eine höhere Radio- und Zeitungs nutzung dazu. Diese Diffe- renzen sind bei den jungen russischen Aussiedlern nicht fest zustellen, Im Gegen teil, bei den Haupt schülern findet man mehr Zeitungs leser als bei den Gymnasiasten (was allerdings durch die Drittvariablen Alter und Geschlecht begründet sein kann). Bei der Differenzie rung der quantitativen Medien nutzung nach Geschlecht zeigt sich, dass dieser „Milieu-Faktor“ in der Stichprobe der türkisch stäm- migen Befragten sehr viel wichtiger ist als bei den russischen Aussiedlern (Tabelle 5.27). In der letzt genannten Gruppe findet man nur zwei geschlechts- spezifi sche Differenzen: sehr viel mehr männ liche als weib liche Computer- spieler (28 zu 7 Prozent) und etwas mehr männ liche Zeitungs leser. In der türkisch stämmigen Stichprobe wenden sich die weib lichen Befragten vor allem stärker als die Jungen bzw. Männer dem Fernsehen zu (95 zu 83 Prozent). Spiele (27 zu 10 Prozent), Computer (68 zu 54 Prozent) sowie Internet und Zeitungs lektüre sind dagegen eher männ liche Medien nutzungs domänen. Tabelle 5.27: Mediennutzung (Stammnutzer) nach Geschlecht (Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler männ lich nw = 157 weib lich nw = 145 Gesamt nw = 302 männ lich nw = 152 weib lich nw = 151 Gesamt nw = 303 Fernsehen 83 95 88 86 84 85 Radio 23 28 25 44 44 44 Zeitung 33 24 28 24 16 20 Internet 72 62 67 72 69 70 Computer 68 54 61 69 66 68 Handy 80 83 81 74 76 75 Spiele PC/Konsole 27 10 19 28 7 17 Mit Blick auf die Fragestel lung der Studie ist die sprachgebundene Medien- nutzung, also die differenzierte Beschrei bung der Zuwen dung zu den Massen- medien danach, in welcher Sprache sie erfolgt, besonders relevant (Tabelle 5.28). Anzunehmen ist, dass sich die in Abschnitt 5.3 dargestellten, unter schied- lichen Befunde zum Sprach verhalten und zur Sprachkompetenz der Befragten in den beiden Teilpopula tionen ent sprechend auch in den Befunden zur Medien- nutzung nieder schlagen. Die deutsch sprachigen Medien dominieren die Medien nutzung – und das gilt für jede der Teilstichproben, für jede Mediengat tung und für (fast) jede 90 Alters gruppe. Für die türkisch stämmige Teilstichprobe gilt: Fernsehen wird regelmäßig in deutscher und türkischer Sprache genutzt, mit einem leichten Vorsp rung für das deutsch sprachige Fernsehen (71 Prozent bzw. 65 Prozent). Der Blick auf die Alters gruppen dieser Stichprobe zeigt dann auch die einzige Ausnahme von der pauschalen Präferenz für die deutsch sprachigen Massen- medien: In der Gruppe der 20- bis 29-jährigen Jugend lichen und jungen Er- wachsenen liegt das deutsche Fernsehen mit einem Stamm seher anteil von 58 Pro zent hinter dem türkisch sprachigen Fernsehen mit 64 Prozent. Ins ge- samt zeigt die Tabelle recht deut lich, dass die Nutzung der türkisch sprachigen Medien den Kindern und Jugend lichen in den türkischen Familien nicht „in die Wiege gelegt“ wird, sondern erst später, größtenteils erst im eigenen Haus- halt an Bedeu tung gewinnt. Denn in der Gruppe der 12- bis 19-jährigen Be- fragten sind deut lich mehr deutsch sprachige Medien stammnutzer zu finden als in der Gruppe der 20- bis 29-jährigen Erwachsenen. Die Rang folge der Medien bleibt im Übrigen er halten: Fernsehen und Internet ganz oben auf der Liste, Zeitung und Radio eher ab geschlagen. Tabelle 5.28: Sprachgebundene Mediennutzung (Stammnutzer, Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehen (Deutsch) 82 58 71 83 80 81 Fernsehen (Türk. bzw. Russ.) 65 64 65 20 30 25 Radio (Deutsch) 11 25 18 32 50 42 Radio (Türk. bzw. Russ.) 6 13 10 2 2 2 Tages zeitung (Deutsch) 14 28 21 10 24 18 Tages zeitung (Türk. bzw. Russ.) 9 24 16 2 3 2 Internet (Deutsch) 66 52 59 71 56 63 Internet (Türk. bzw. Russ.) 25 34 29 17 36 27 Bei der Betrach tung der sprachgebundenen Medien nutzung für die Spät- aussiedler zeigt sich ein ganz anderes Bild – allerdings nicht im Hinblick auf die Rang folge der beliebtesten Mediengat tungen, sondern im Hinblick auf die Medien nutzung in der Herkunfts sprache. Diese fällt nämlich hinter der deutsch sprachigen Rezep tion deut lich zurück. Radio- und Zeitungs nutzung in russischer Sprache sind so gut wie kaum noch vor handen in dieser Gruppe, die Werte liegen unabhängig vom Alter der Befragten bei ca. 2 Prozent für Stamm leser der Tages zeitung und Stamm hörer des Radios in russischer Sprache. Bei der Fernseh- und Internetnut zung sind Unterschiede zwischen deutsch- und russisch sprachiger Nutzung weniger dramatisch, aber gleichfalls sehr deut- lich. Das deutsch sprachige Fernsehen er reicht einen Stamm seher anteil von 91 81 Prozent, das russisch sprachige Fernsehen nutzt dagegen ledig lich ein Viertel der Befragten regelmäßig. Die Internetnut zung findet für beide Teilpopula tionen gleichermaßen priori- tär in deutscher Sprache statt (59 bzw. 63 Prozent), die herkunfts sprach liche Nutzung liegt etwa bei der Hälfte dieser Anteils werte (29 bzw. 27 Prozent). Und auch hier fällt auf, dass eher die Älteren in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen gelegent lich den Blick auf russisch sprachige Portale richten, sowohl bei den Türkisch stämmigen als auch bei den Aussiedlern (34 bzw. 36 Prozent), die jüngeren Befragten interessiert das ver gleichs weise weniger (25 bzw. 17 Pro zent). Im Übrigen wird ein nicht geringer Teil der Internetnut zung vermut lich auch in englischer Sprache statt finden, die für diesen Ver gleich nicht erhoben wurde. Die größere Homogenität der sprachgebundenen Medien nutzung in der Stichprobe der jungen russischen Aussiedler wird nicht zuletzt auch dadurch bestätigt, dass sich hier nur eine geringe bildungs- und geschlechts spezifi sche Varianz zeigt (Tabelle 5.29 und Tabelle 5.30). Tabelle 5.29: Sprachgebundene Mediennutzung nach Bildung (Stammnutzer, Mehrfach- nen nung, in Pro zent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler Haupt- schule nw = 80 Real- schule nw = 101 Abitur nw = 110 Gesamt* nw = 302 Haupt- schule nw = 77 Real- schule nw = 131 Abitur nw = 89 Gesamt** nw = 303 Fernsehen (Dt.) 74 77 66 71 82 80 79 81 Fernsehen (Türk. bzw. Russ.) 69 68 56 65 25 24 25 25 Radio (Dt.) 11 12 29 18 44 38 47 42 Radio (Türk. bzw. Russ.) 9 10 8 10 – 5 1 2 Tages zeitung (Dt.) 8 18 35 21 22 17 17 18 Tages zeitung (Türk. bzw. Russ.) 15 13 19 16 5 2 2 3 Internet (Dt.) 43 63 73 59 51 60 79 63 Internet (Türk. bzw. Russ.) 27 29 33 29 26 25 30 27 ** Fehlende Werte: n = 11 (kein Abschluss) ** Fehlende Werte: n = 6 (kein Abschluss) 92 Tabelle 5.30: Sprachgebundene Mediennutzung nach Geschlecht (Stammnutzer, Mehrfach- nen nung, in Prozent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler männ lich nw = 157 weib lich nw = 145 Gesamt nw = 302 männ lich nw = 152 weib lich nw = 151 Gesamt nw = 303 Fernsehen (Deutsch) 74 67 71 82 80 81 Fernsehen (Türk. bzw. Russ.) 54 77 65 22 29 25 Radio (Deutsch) 20 16 18 43 41 42 Radio (Türk. bzw. Russ.) 5 15 10 1 4 2 Tages zeitung (Deutsch) 26 16 21 22 13 18 Tages zeitung (Türk. bzw. Russ.) 19 12 16 2 3 3 Internet (Deutsch) 66 52 59 66 60 63 Internet (Türk. bzw. Russ.) 32 27 29 24 32 27 Vor allem eine Ausnahme ist jedoch er wähnens wert: Während sich die Bildungs gruppen in der Nutzung russisch sprachiger Internetangebote kaum unter scheiden, steigt die Nutzung deutsch sprachiger Internetangebote linear mit dem Bildungs niveau an. Nur die Hälfte der Haupt schüler, aber fast vier Fünftel der Gymnasiasten nutzen deutsch sprachige Internetangebote. In der türkisch stämmigen Stichprobe ist dagegen der enge Zusammen - hang zwischen der Nutzung deutsch sprachiger Medien angebote und dem Bil- dungs grad unüberseh bar. Abgesehen vom Fernsehen steigt die Zuwen dung zu deutsch sprachigen Medien angeboten mit dem Grad der Schul bildung. Um- gekehrt hat die Schul bildung keinen durch gehenden Einfluss auf die stärkere oder schwächere Nutzung türkisch sprachiger Medien angebote. Aufschluss- reich ist auch, dass es vor allem die Mädchen und jungen Frauen in dieser Migranten gruppe sind, die sich stärker dem türkisch sprachigen Fernsehen zuwenden (77 zu 54 Prozent). Weiterführende Analysen zeigen, dass nur 9 Prozent der männ lichen, aber 28 Prozent der weib lichen türkisch stämmigen Befragten ausschließ lich türkische (und keine deutschen) Fernsehprogramme nutzen. Am Beispiel der Fernsehnut zung kann man sehr gut deut lich machen, wie die Kombinations muster im Hinblick auf die sprachgebundene Rezep tion ver- teilt sind (Tabelle 5.31). Tabelle 5.31: Sprachgebundene Fernsehnutzung (Stamm seher, in Prozent, gew.) Fernsehnut zung Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Türk. bzw. Russ. und Deutsch 55 37 46 16 25 21 Nur deutsches Fernsehen 27 21 24 67 55 60 Nur türk. bzw. russ. Fernsehen 10 27 18 3 5 4 Kein Fernsehstammnutzer 8 15 12 14 16 15 Gesamt 100 100 100 100 100 100 93 Für die Aussiedler – um für dieses Mal mit dieser Teilstichprobe zu be- ginnen – kann man eindeutig die mehr heit liche Präferenz für eine aus schließ- lich deutsch sprachige Fernsehnut zung ablesen. Der Wert für solche ent schie den deutsch sprachigen Stamm seher liegt bei 60 Prozent. Fernsehen ausschließ lich in russischer Sprache hat für diese Popula tion so gut wie keine Bedeu tung mehr (4 Prozent). Wenn es zur Gewohn heit der Befragten gehört, dann fast immer parallel und in Ergän zung zur deutsch sprachigen Fernsehnut zung – aber auch dieser Wert ist mit 21 Prozent ver gleichs weise gering. Nicht zu ver nachlässigen ist auch die Gruppe derjenigen, die weder die eine noch die andere Sprache bevor zugen, 15 Prozent der befragten Aussiedler schauen nicht (mehr) regelmäßig fern, genauer gesagt an weniger als 3 Tagen einer normalen Woche. Der Anteil der Nicht seher ist auch in der anderen Teilpopula tion mit 12 Pro- zent nicht als ver nachlässig bar zu bezeichnen, die Kombinations muster für deutsch- bzw. türkisch sprachige Fernsehnut zung sind jedoch ganz anders ge- lagert. Die größte Gruppe, die allerdings mit 46 Prozent noch knapp unter der 50-Prozentmarke liegt, ist die der Kombinierer – sie sind sowohl türkisch- als auch deutsch sprachige Fernsehstamm zuschauer. Nur deutsch sprachiges Fern- sehen nutzen weit aus weniger (24 Prozent), allerdings ist der Anteils wert in der Stichprobe immer noch höher als derjenige für die exklusiv türkisch- sprachige Fernsehnut zung mit 18 Prozent. Insgesamt gesehen spielt also das türkisch sprachige Fernsehen hier eine bedeutendere Rolle als das russisch- sprachige Fernsehen in der anderen Gruppe – vor herrschend ist die heimat- sprach liche Fernsehnut zung aber in keiner der beiden Migrations gruppen, wenn auch in unter schied lich starker Ausprä gung. Um die Analyse zu ver vollständigen, kann man die Darstel lung der sprach- gebundenen Medien nutzung auf alle vier Gattun gen (Fernsehen, Radio, Tages- zeitung und Internet) er weitern (Tabelle 5.32). Tabelle 5.32: Sprachgebundene Medienkombinationen (Fernsehen, Radio, Zeitung, Internet) (Stamm seher in Prozent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Türk. bzw. Russ. und Deutsch 69 56 63 28 47 39 Nur deutsche Medien 23 24 24 68 48 57 Nur türk. bzw. russ. Medien 4 18 11 2 2 2 Kein Stammnutzer 4 2 3 2 3 3 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Statistisch gesprochen, erhöht man damit erstens die Wahrscheinlich keit, Kombina tionen zwischen deutsch- und herkunfts sprach licher Medien nutzung auf Stammnutzer niveau zu identifizieren, und zweitens ver ringert man damit 94 die Wahrscheinlich keit für Nichtnutzer, denn es werden ja vier Medien gleich- zeitig betrachtet. Die Tabelle zeigt, dass dies jedoch an den hohen Anteils- werten für die gemischt sprach liche bzw. exklusiv deutsch sprachige Nutzung wenig ändert. Die Werte für die kombinierte herkunfts sprach liche und deutsch- sprachige Medien nutzung steigen zwar in beiden Teilpopula tionen gering fügig und die Zahl der Nichtnutzer nimmt ab. Insgesamt aber, insbesondere, was die Relevanz der Kombinations muster und die Vertei lungen innerhalb der Teilstichproben angeht, bleiben die Ver hältnisse mehr oder weniger konstant. Dies trifft besonders auf die Stammnutzer daten für eine exklusiv deutsch- sprachige Medien nutzung zu. Sie ist in der türkisch sprachigen Teilstichprobe ver gleichs weise gering, aber keines wegs marginal (24 Prozent), und in der Spät aussiedler stichprobe dominant (57 Prozent). Zusammen hänge Nimmt man in einem ersten Schritt den alltäg lichen Sprachgebrauch als starken Indikator für die soziale Interak tion in der Mehrheits gesell schaft in den Blick, zeigen sich erstens sehr deut liche Zusammen hänge zwischen All- tags sprache und Medien nutzung und zweitens sehr unter schied liche Struktu- ren dieser Zusammen hänge für die zwei Teilstichproben (Tabelle 5.33). Wie man er warten konnte, gibt es bei den türkisch stämmigen Befragten jeweils positive Zusammen hänge zwischen deutschem Sprachgebrauch und der Medien nutzung in deutscher Sprache (.19) bzw. türkischem Sprachgebrauch und türkisch sprachiger Medien nutzung (.28). Interessanter sind in diesem Zusammen hang die negativen Korrela tionen mit der jeweils anderen Sprache. So hängen deutscher Sprachgebrauch und türkische Medien nutzung negativ zusammen (–.21), ebenso wie türkischer Sprachgebrauch und deutsche Medien- nutzung (–.12). Also kann man konstatieren: Je häufiger eine der beiden Sprachen im Alltag gesprochen wird, je häufiger werden auch die Medien in dieser Sprache genutzt und je seltener werden Medien in der jeweils anderen Sprache genutzt. Dieser eindeutige, für beide Sprachen geltende Zusammen- hang ist nicht über raschend. So zeigte eine ver gleich bare Analyse für türkisch- stämmige Befragte im Alter zwischen 14 und 49 Jahren ähnliche Zusammen- hänge, übrigens eben falls mit etwas stärkeren Koeffizienten für die türkische Sprache (Trebbe 2009: 248). 95 Tabelle 5.33: Sprachgebrauch und sprachgebundene Mediennutzung (Korrelationen, r)* Sprachgebrauch, in Prozent (Familie, Freizeit, Schule/Beruf) Medien nutzung (Stammnut zung TV, Radio, Zeitung, Internet) Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Deutsch Türkisch Zweisprachig Deutsch .19 –.21 –.15 Türkisch –.12 .28 Zweisprachig .12 Russische Spät aussiedler (nw = 303) Deutsch Russisch Zweisprachig Deutsch –.53 –.38 Russisch .45 .33 Zweisprachig .16 * Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05, Wertebereich: +1.0 (starker posi tiver Zusammenhang), 0 (kein messbarer Zusammenhang) und –1.0 (starker negativer Zusammenhang), leere Zellen: statistisch nicht signifikant. Interessant ist in diesem Zusammen hang die Analyse der zweisprachigen Medien nutzung. Die Indikatoren haben hohe Werte für eine stark aus geprägte Medien nutzung in beiden Sprachen bzw. eine hohe Ausgewogen heit des deut- schen und türkischen Sprachgebrauchs im Alltag. Dabei ist Korrela tion zwi- schen diesen beiden Indikatoren eben falls nicht über raschend (.12): Wer beide Sprachen im Alltag häufig und zu etwa gleichen Teilen nutzt, wendet sich auch Massen medien häufig in beiden Sprachen zu. Auffällig ist vielmehr der negative Zusammen hang zwischen zweisprachiger Medien nutzung und dem Gebrauch von Deutsch als Alltags sprache (–.15). Er besagt, dass ein hohes Maß an Deutsch im Alltag auf Kosten der zweisprachigen Medien nutzung in beiden Sprachen geht, oder anders aus gedrückt: Die Befragten, die im Alltag viel Deutsch sprechen (müssen), konzentrieren sich häufig auch bei der Medien- nutzung auf diese Sprache. In der Stichprobe der russischen Spät aussiedler zeigt sich eine andere Struktur. Die Medien nutzung in deutscher Sprache ist bei diesen Befragten unabhängig vom alltäg lichen Sprachgebrauch. Ganz im Gegensatz zur russisch- sprachigen Medien nutzung. Diese zeigt einen stark positiven Zusammen hang mit dem Gebrauch der russischen Sprache im Alltag (.45) und einen fast ebenso großen negativen Zusammen hang mit dem deutschen Sprachgebrauch (–.53). Zusammen mit dem Befund, dass auch Zweisprachig keit im Alltag und die Nutzung der russisch sprachigen Medien positiv ver bunden sind (.16), deutet dies auf eine Ergänzungs funk tion der russisch sprachigen Medien hin – deutsche Medien sind der Alltag, russische kommen bei einigen Befragten dazu, und dies vor allem dann, wenn die russische Sprache im Alltag auch noch eine aktive Rolle spielt. In diese Richtung zeigt auch die stark negative Korrela tion zwischen der zweisprachigen Medien nutzung und dem Gebrauch der deutschen Sprache im Alltag (–.38). Eine aus geprägte Nutzung russisch sprachiger Massen- medien findet also wohl besonders bei denjenigen Befragten statt, bei denen Deutsch als Alltags sprache häufig in den Hintergrund gerückt wird. 96 Zum Zusammen hang von sozialer Interak tion, hier operationalisiert durch die Zahl der Kontakte zu deutsch- bzw. herkunfts sprachigen Freunden und Bekannten, zeigen sich weniger eindeutige Strukturen (Tabelle 5.34). Für den Kontakt mit deutsch sprachigen Freunden und Bekannten zeigen sich zwei mit den Befunden zum Sprachgebrauch ver gleich bare Zusammen hänge. Er korre- liert positiv mit der deutsch sprachigen und negativ mit der türkisch sprachigen Medien nutzung (.18 bzw. –.16). Zusätz lich zeigt sich ein Zusammen hang zwi- schen deutsch sprachiger Medien nutzung und einer stark zu beiden Sprachen orientierten Interak tion mit Freunden und Bekannten. Das kann darauf hin- deuten, dass in der türkisch stämmigen Popula tion deutsch sprachige Medien An schluss kommunika tion ermög lichen, die in den er weiterten Freundes kreisen genutzt werden kann. Tabelle 5.34: Soziale Interaktion und sprachgebundene Mediennutzung (Korrelationen, r)* Treffen mit Freunden und Bekannten Medien nutzung (Stammnut zung TV, Radio, Zeitung, Internet) Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Deutsch Türkisch Zweisprachig Deutsche Freunde/Bekannte .18 –.16 Türkische Freunde/Bekannte Dt. und türk. Freunde/Bekannte .15 Russische Spät aussiedler (nw = 303) Deutsch Russisch Zweisprachig Deutsche Freunde/Bekannte –.20 –.17 Russische Freunde/Bekannte .17 Dt. und russ. Freunde/Bekannte * Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05. In der Stichprobe der jungen Aussiedler zeigen sich vor allem Zusammen- hänge mit der Nutzung russisch sprachiger Medien – negativ mit der Inter- aktion mit deutschen Freunden (–.20) und positiv mit der Interak tion mit russisch sprachigen Freunden und Bekannten (.17); ent sprechende Korrela tio- nen für die deutsch sprachige Medien nutzung zeigen sich im Übrigen nicht – sie scheint mehr oder weniger unabhängig von der (herkunfts gebundenen) Interak tion mit Freunden und Bekannten zu sein. Eine aus geprägte zwei spra- chige Medien nutzung geht hier übrigens erneut auf Kosten des Zusammen- seins mit deutsch sprachigen Freunden und Bekannten (–.17). Russisch sprachige Medien nutzung, ganz gleich, ob für sich allein betrachtet oder im Kanon mit der deutsch sprachigen Medien nutzung, scheint – stärker als dies bei der türki- schen Popula tion der Fall ist – der sozialen Interak tion mit der Mehrheits- gesell schaft ent gegen zulaufen. Abschließend ein Blick auf das Interesse für den Herkunfts- und den An- kunfts kontext. Es liegt nahe anzu nehmen, dass Zusammen hänge zwischen Informations bedürfnissen und Medien nutzung existieren (Tabelle 5.35). 97 Tabelle 5.35: Informationsbedürfnisse und sprachgebundene Mediennutzung (Korrela tio- nen, r)* Informations bedürfnis: Aktuelle Ereignisse und politi sches Geschehen Medien nutzung (Stammnut zung TV, Radio, Zeitung, Internet) Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Deutsch Türkisch Zweisprachig Deutschland .12 Türkei .23 .14 Türkei/Deutschland .18 Russische Spät aussiedler (nw = 303) Deutsch Russisch Zweisprachig Deutschland Russ land, ehemalige SU .30 .12 Russ land, ehemalige SU/Deutschland .27 .16 * Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05. Die Daten zeichnen in diesem Fall für die türkischstämmige Stichprobe und die befragten Aussiedler ein ähnliches und erwartetes Bild – mit ein paar geringfügigen Einschränkungen. So zeigt sich bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit türkischem Migrationshintergrund ein Zusammenhang zwi- schen dem Interesse an Politik und Ereignissen aus Deutschland und der deutschsprachigen Mediennutzung (.12). Türkischsprachige Medien werden dagegen eher im Zusammenhang mit der Türkei genutzt (.23). Diejenigen, die sich für einen der zwei gesellschaftlichen Kontexte stärker interessieren, nutzen also auch die entsprechenden Medien überproportional häufig. Negative Koeffi zienten findet man übrigens nicht: So zeigen sich keine negativen Zu- sammenhänge zwischen einem starken Interesse für die Türkei und der deutsch sprachigen Mediennutzung, d. h. ein Interesse für den Kontext des eige- nen Migrationshintergrundes geht nicht zu Lasten der deutschsprachigen Me- dien nutzung. Darüber hinaus sind Informationen über die Türkei in türkischer Sprache eine funktionale Ergänzung für die meisten Befragten. Befragte mit ausgeprägt zweisprachiger Mediennutzung interessieren sich sehr stark für die Ereignisse in der Türkei (.14), genauso wie Befragte, die sich gleichermaßen stark für Deutschland und die Türkei interessieren, eher türkische Medien nutzen (.18). Genau wie bei allen anderen für die Spätaussiedler beschriebenen Integra- tionsindikatoren, zeigen sich auch hier keine signifikanten Zusammenhänge mit der deutschsprachigen Mediennutzung. Das kann bedeuten, dass deutsche Medien so stark und über alle anderen Unterschiede hinweg gleichmäßig von den Befragten genutzt werden, dass sich keine Zusammenhänge zu den inte- grationsrelevanten Dimensionen zeigen. Die Daten für die russischsprachigen Medien sind dagegen eindeutig und im Grundsatz ähnlich gelagert wie in der anderen Teilstichprobe. Russischsprachige Medien werden vor allem von denen genutzt, die sich für Ereignisse im Herkunftskontext interessieren (.30), dabei ist es gleichgültig, ob man dies isoliert oder im Zusammenhang mit einem 98 hohen Informationsbedürfnis auch für Deutschland betrachtet (.27). Und auch die andere Perspektive kann man – analog zur türkischen Stichprobe – ein- nehmen: Eine ausgeprägt zweisprachige Mediennutzung kommt meistens mit einem grundsätzlich stark ausgeprägten Informationsbedürfnis zusammen (.16) oder mit einem, dass sich explizit auf die ehemalige Sowjetunion bzw. Russ- land bezieht (.12). Führt man sich abschließend noch einmal die Besonderheiten und Gemein- samkeiten der zwei Teilstichproben vor Augen, so kann man an dieser Stelle sicher schon drei zentrale Befunde festhalten. Erstens zeigen die Spätaussiedler ein stärker und exklusiver auf die deutschen Medien ausgerichtetes Medien- nutzungsverhalten. Zweitens entspricht dieses Mediennutzungsverhalten ihrer weniger auf den Herkunftskontext ausgerichteten ethnischen Identität – was vor dem Hintergrund ihrer ja häufig deutschstämmigen Tradition und Herkunft nicht verwundert. Und drittens schließlich zeigen sich für beide Teilstich- proben funktionale Differenzierungen in der Mediennutzung und eindeutige Zusammenhänge zwischen sprachgebundener Mediennutzung und sozialer Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Medien werden in beiden Populationen im Kontext sozialer Interaktion in dieser Mehrheitsgesellschaft „eingesetzt“, sind aber gleichzeitig für viele eine Möglichkeit, den Kontakt zur Herkunftsgesellschaft zu halten – und diese zwei Funktionen existieren offenbar in beiden Gruppen ohne sich gegenseitig zu beeinträchtigen. 5.6 Individualmedien nutzung und Medien kompetenz Die Ausfüh rungen in Kapitel 3 haben gezeigt, dass mit den Begriffen „Indivi- dual medien“ bzw. „Funktions medien“ ganz unter schied liche Dinge wie Hard- und Software, techni sche Platt formen bis hin zu Medien inhalten bezeichnet werden können. In der quantitativen Befra gung der Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit Migrations hintergrund haben wir uns – auch mit Blick auf die ver tieften Nachfragemöglich keiten in den Gruppen diskussionen – für einen pragmati schen Weg ent schieden und die Erhebung auf die pauschale Nutzung, die präferierten Inhalte und einige Einstellungs fragen zur PC- und Internetnut- zung, zum Mobiltelefon und zu Spielen fokussiert. Wir beschränken uns hier also auf die Handlungs dimension von Medien kompetenz mit einigen zusätz- lichen Aspekten der Reflexions dimension. Vollständig oder gar er schöpfend kann und will dieser Erhebungs teil nicht sein. Dennoch kann man – so zeigen es die Daten – für die zwei Alters gruppen der befragten Teilstichproben inte- ressante Befunde fest halten. Interessant vor allem deshalb, weil sie häufig den öffent lich und zum Teil auch wissen schaft lich geäußerten Thesen zur Benach- teili gung der Kinder und Jugend lichen mit Migrations hintergrund wider spre- chen. 99 Wie im voran gehenden Abschnitt gezeigt, ist die pauschale Internetnut zung in beiden Teilstichproben und in beiden hier analysierten Alters gruppen schon auf dem zweiten Rang der Massen medien nutzung an gekommen, jeden falls wenn man als Ver gleichs währung die Stammnut zung, d. h. die Zuwen dung an mindestens vier Tagen einer durch schnitt lichen Woche ver wendet. In Ta- belle 5.36 ist jetzt die Internetnut zung noch einmal im Zusammen hang mit den anderen Funktions medien und den häufigsten Freizeitaktivitäten der Be- fragten tabelliert. Tabelle 5.36: Mediennutzung und Freizeitaktivitäten (Stammnutzer, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Aktivitäten Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Internet 69 66 67 73 68 70 Computer 60 62 61 71 66 68 Handy 79 84 81 75 75 75 Spiele PC/Konsole 30 8 19 28 9 17 MP3 78 58 68 79 52 64 Freunde treffen 46 21 39 72 37 52 Musik CD/ MC hören 51 44 47 49 57 53 Nichts tun 40 32 36 42 38 40 Sport treiben 32 22 27 37 18 26 Bücher lesen 27 22 25 22 20 21 Digital fotografieren 26 20 23 15 9 11 Es zeigt sich gleich, dass – einmal abgesehen vom Mobiltelefon (vgl. dazu auch Abschnitt 5.5) – vor allem die Musiknutzung via MP3, Musikkassetten und CD der Internetnutzung Konkurrenz macht. Besonders in den jungen Alters gruppen beider Stichproben ist die Nutzung von MP3-formatierten Hör- stücken stark verbreitet (78 bzw. 79 Prozent), aber auch in den Stich proben- mitteln liegt die Nutzung dieser Medien mit 68 bzw. 64 Prozent etwa auf dem Niveau der Internetnutzung (67 bzw. 70 Prozent). Musikkassetten und CD als Tonträger verlieren dagegen an Boden, sind aber im Vergleich zu anderen Medien mit 47 Prozent (Türkischstämmige) bzw. 53 Prozent (Aussiedler) Stammnutzung noch immer sehr beliebt. PC-Spiele und Spielkonsolen sind vor allem bei den jüngeren Befragten bis 19 Jahre beliebt (30 bzw. 28 Prozent), während die Älteren dieser Aktivität deutlich weniger Zeit widmen (8 bzw. 9 Prozent). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Stammnutzer- anteil für das Lesen von Büchern. 25 Prozent der Befragten mit türkischem Migrationshintergrund geben an, an mindestens 4 von 7 Tagen zu lesen. Das ist mehr als etwa der entsprechende Anteil für die Tageszeitungslektüre (21 Pro- zent, vgl. Tabelle 5.28), und auch in der Aussiedlerstichprobe ist der Anteil mit 21 Prozent vergleichsweise hoch. 100 Der Favorit bei anderen, nicht-medialen Tätigkeiten ist der Umgang mit Freunden – allerdings in den Teilstichproben und den jeweiligen Altersgrup- pen sehr unterschiedlich verteilt. Durchschnittlich 39 Prozent der jungen Erwachsenen und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund treffen ihre Freunde häufiger als viermal pro Woche – für die Aussiedlerstichprobe ist dieser Anteil mit 52 Prozent erheblich höher, in der Gruppe der unter 20-Jährigen Aussiedler sind es sogar 72 Prozent (46 Prozent bei den 12- bis 19-Jährigen mit türkischer Abstammung). Dahinter folgen dann die Anteils- werte fürs Nichts tun (36 bzw. 40 Prozent) und Sport treiben (27 bzw. 26 Pro- zent). Internet Das Internet wird über wiegend zu Hause genutzt (Tabelle 5.37). 69 Prozent der Türkisch stämmigen und 78 Prozent der Spät aussiedler geben an, häufig in den eigenen vier Wänden online zu sein. In der Gruppe der 20- bis 29-Jäh- ri gen sieht man einen leichten Trend zur ver stärkten Nutzung im Rahmen von Schule und Ausbil dung – die Werte (22 bzw. 17 Prozent) liegen deut lich über denjenigen der jüngeren Alters gruppe bis 19 Jahre (10 bzw. 13 Prozent). Im Ver gleich zur Nutzung zu Hause sind diese Werte jedoch noch immer ver- gleichs weise niedrig. Bei Freunden und Ver wandten wird das Internet am wenigsten häufig genutzt, und wenn dann eher durch die jüngeren Befragten, die ja, wie gerade beschrieben, auch prinzipiell häufiger ihre Freunde treffen. Tabelle 5.37: Orte der Internetnutzung („häufig“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Nutzungs orte Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Zu Hause 71 67 69 86 73 78 In der Schule 10 22 16 13 17 15 Bei Freunden, Bekannten, Ver wandten 11 6 9 13 4 8 Öffent liche Orte 6 3 5 2 1 1 Schließ lich sind Prozentanteile von 11 Prozent in der Gruppe der unter 20-jährigen türkischen Migranten und 13 Prozent für die Aussiedler dieser Alters gruppe jedoch nicht zu unter schätzen, da diese Form der Nutzung be- deuten kann, dass sie ohne Aufsicht oder zumindest Kenntnis der Eltern statt- findet. Öffent liche Orte wie Internet-Cafés oder Jugendzentren sind dagegen offensicht lich kein Ort, um ins Internet zu gehen – 5 Prozent bzw. 1 Prozent in beiden Teilstichproben zeigen das deut lich. Trotzdem: Je selbst verständ- licher die mobile Kommunika tion im Internet wird, je stärker werden diese Werte in den nächsten Jahren ansteigen. Nach dem Stand der hier er hobenen 101 Daten sind jedoch Eltern und Familie die Hauptansprechpartner, wenn es um Informa tion und Aufklä rung zum Thema Internetnut zung geht. Fragt man die Jugend lichen und jungen Erwachsenen danach, was sie im Internet tun, bzw. welche Dienste und Anwen dungen sie nutzen, zeigt sich schnell die vielfältige und mehrdimensionale Bedeu tung des Internets als Kom munikations platt form, interpersonale Kommunikations technologie und Massen medium (Tabelle 5.38). Tabelle 5.38: Tätigkeiten und genutzte Dienste im Internet (Stammnut zung, Mehrfachnen- nung, in Prozent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Messenger, ICQ etc. 66 49 58 61 27 42 Suchmaschinen 60 55 57 57 52 54 E-Mail 45 47 46 33 34 34 Musik/Sounds hören 48 31 40 45 21 31 Online-Communities 39 21 30 46 24 34 Chat 35 15 26 41 16 27 Surfen 32 33 33 37 32 34 Filme/Videos ansehen 28 15 22 23 11 16 Info für Schule/Beruf 24 24 25 22 18 20 Aktuelle Nachrichten 20 43 31 23 21 22 News group lesen 8 8 8 17 13 15 Online-Spiele allein 9 3 6 10 2 6 Multi-User-Spiele 6 4 5 12 3 7 Die ab soluten „Killer-Applika tionen“ sind Kommunikations dienste wie ICQ oder Instant Messenger und Suchmaschinen. Sie er reichen – wiederum auf der Basis des Stammnutzer kriteriums – die höchsten Werte in beiden Stich- proben. Dabei treten große Unterschiede zwischen den Alters gruppen vor allem für die Nachrichtendienste auf. So nutzen beispiels weise 61 Prozent der jünge- ren Aussiedler in der Stichprobe häufig solche Dienste, während es in der älteren Gruppe der 20- bis 29-Jährigen gerade 27 Prozent sind – bei den Türkisch stämmigen sieht es ähnlich aus. Ganz anders dagegen das Bild bei den Suchmaschinen: Ihre Nutzung gehört zum Standardinventar der Internet- nut zung und zeigt nur geringe Schwan kungen in den Alters gruppen und ver- gleich bare Stammnutzungs anteile in beiden Stichproben (57 bzw. 54 Prozent). Das Schreiben von E-Mails gehört für mehr als die Hälfte der Befragten in der türkisch stämmigen Stichprobe nicht zur alltäg lichen Internetnut zung. Der Anteil der Stammnutzer liegt bei 46 Prozent, in der Teilstichprobe der Aus- siedler sind es sogar nur 34 Prozent. Die Messenger-Dienste bieten hier an- scheinend direktere Kommunikations möglich keiten im Zeitalter von „Flat- rates“ und DSL-Anschlüssen. 102 Musik hören gehört eben falls zu den häufigen Tätig keiten im Internet – jeden falls bei den türkisch stämmigen Befragten (40 Prozent), unter den Aus- siedlern geht vor allem die Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen dieser Tätig- keit regelmäßig nach (45 Prozent), die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen nutzt diese Möglich keit kaum und er reicht in dieser Stichprobe nur 21 Prozent. Abschließend noch ein kurzer Blick auf Tätig keiten, die der konven tio- nellen Informations nutzung von Massen medien ähneln. Das eher rezeptions- orientierte „Surfen“, also das Springen von Internet seite zu Internet seite über Suchmaschinenergebnisse, Empfeh lungen und Hyperlinks er reicht Stamm- nutzer werte zwischen 33 Prozent (Türkisch stämmige) und 34 Prozent (Aus- siedler) und ist damit eher im Mittelfeld der ab gefragten Dienste und Tätig- keiten zu finden (in den jungen Alters gruppen gering fügig häufiger). Die zwei Tätig keiten „Informa tionen für Schule oder Beruf suchen“ und „aktuelle Nach- richten“ lesen er reichen in beiden Popula tionen Werte über 20 Prozent und rangieren damit zwar weit hinter den genannten „Killer-Applika tionen“, aber immerhin noch deut lich vor Online-Spielen, die zwischen 5 und 7 Prozent der befragten Jugend lichen regelmäßig im Internet spielen. Die Einschät zung einiger vor gegebener Ansichten und Einstel lungen zum Internet gleichen sich in beiden Teilstichproben sehr (Tabelle 5.39). Sie zeigen, dass das Internet für den über wiegenden Teil der Befragten eine Selbst- verständlich keit ist, mit der sie im Alltag umgehen, die aber zum Teil auch von Unsicher heit bis hin zu (vielleicht alters bedingter und -gerechter) Naivität geprägt ist. Die mit Abstand größte Zustim mung er fahren Statements, die diese Alltäglich keit betonen („gehört heute einfach dazu“ – 93 Prozent in beiden Stichproben), die Nützlich keit für Schule und Beruf hervor heben (90 Pro zent der Türkisch stämmigen bzw. 96 Prozent der Aussiedler) und die Ver brei tung und Nutzung im Freundes kreis thematisieren (85 bzw. 86 Prozent), Letztere besonders bei den jüngeren Befragten im Alter zwischen 12 und 19 Jahren in beiden Stichproben. Die Befragten mit türkischem Migrations hintergrund (und hier wieder be- sonders die jüngere Alters gruppe) zeigen etwas mehr Selbst bewusstsein, wenn es darum geht, das eigene Wissen über er laubte und unerlaubte Angebote im Internet zu bewerten. 77 Prozent der türkisch stämmigen Befragten behaupten von sich, diese Unterschei dung voll und ganz bzw. weit gehend treffen zu kön- nen, unter den Aussiedlern sind es ledig lich 69 Prozent. Noch stärker unter- scheiden sich die zwei Popula tionen jedoch in einer anderen Funktions zuwei- sung an das Internet. Die jugend lichen Aussiedler nutzen das Internet sehr viel häufiger als Kontakt börse, 73 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass man über das Internet „gut neue Leute kennen lernen“ könne. Bei den türkisch stämmigen Befragten sind das mit 57 Prozent in der Gesamtstich- probe erheb lich weniger. Diese Funktions zuwei sung ist hier höchstens bei den 103 jüngeren Befragten stärker ver breitet (67 Prozent), bei der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen stimmen weniger als die Hälfte (46 Prozent) dem Statement zu.m Tabelle 5.39: Ansichten zum Internet („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Internet gehört heute einfach dazu 91 96 93 94 91 93 Internet ist für die Schule, Ausbil dung, Studium bzw. Beruf nütz lich 89 92 90 95 97 96 Die meisten meiner Freun- dinnen und Freunde beschäf- tigen sich mit dem Internet 92 78 85 90 83 86 Wenn ich das Internet nutze, weiß ich genau, was erlaubt ist und was nicht 83 71 77 79 60 69 Über das Internet wird viel zu viel Aufhebens gemacht 56 63 60 52 55 54 Über das Internet kann man gut neue Leute kennen lernen 67 46 57 76 70 73 Was im Internet steht, hat vorher jemand auf die Richtig keit über prüft 26 17 22 30 25 27 Dass das Selbst bewusstsein im Umgang mit dem Internet nicht immer gerecht fertigt ist, zeigt die Zustim mung zu dem bewusst provokativ gestellten Statement der „geprüften“ Richtig keit aller im Internet verfüg baren Inhalte. In beiden Stichproben stimmte mehr als jeder fünfte Befragte dieser Einschät- zung (zumindest weit gehend) zu. In der Stichprobe der Aussiedler ist es sogar jeder Vierte (27 Prozent). Die Werte zeigen, dass trotz – oder wegen – der Alltäglich keit des Umgangs mit dem Internet durch aus noch Potenzial für zusätz liche Informa tion und Aufklä rung über die Internetinhalte sicht bar wird, zumindest bei den hier befragten jüngeren Erwachsenen bzw. Jugend lichen. Dass dies im Übrigen keine Besonder heit für Befragte mit Migrations hinter- grund ist, zeigt ein Ver gleich mit den Daten der JIM-Studie (JIM 2008). Hier stimmten eben falls 28 Prozent der dort befragten 12- bis 19-jährigen Jugend- lichen (mit und ohne Migrations hintergrund) dem Statement zu – dies nur als kleiner Vorgriff auf Kapitel 8, in dem wir auf die Ver gleichs daten der JIM- Studie detaillierter ein gehen werden. Computer Die Computernut zung ver läuft größtenteils analog zur und im Zusammen- hang mit der Internetnut zung, das zeigten schon die Nutzungs daten zu Beginn dieses Abschnitts, und das zeigen auch die Nutzungs orte für die PC-Benut- 104 zung in Tabelle 5.40. Computer werden in erster Linie zu Hause genutzt (70 bzw. 78 Prozent) und in geringerem Umfang auch in der Schule bzw. der Ausbildungs stätte (20 Prozent). Etwa 10 Prozent der jüngeren Befragten zwi- schen 12 und 19 Jahre beider Stichproben haben darüber hinaus die Möglich- keit, einen Computer bei Freunden oder Ver wandten zu nutzen. Tabelle 5.40: Orte der Computernutzung („häufig“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Nutzungs orte Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Zu Hause 72 67 70 83 74 78 In der Schule 14 27 20 16 22 20 Bei Freunden, Bekannten, Ver wandten 10 7 9 10 4 7 Öffent liche Orte 5 2 4 2 4 3 Bezogen auf alle Befragten fallen andere Tätig keiten und Funktionen im Ver gleich zur oben beschriebenen Internetnut zung doch erheb lich ab (Ta- belle 5.41). Insbesondere die Nutzung an mindestens 4 Tagen, also so gut wie an jedem Arbeits tag von Montag bis Freitag, findet für diese Funktionen weit- aus weniger Ver brei tung. Tabelle 5.41: Tätigkeiten bei der Computernutzung (Stammnut zung, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Tätig keiten Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Schule, Ausbild., Beruf 20 21 20 14 20 18 Text verarbei tung 12 25 18 12 19 16 Musik zusammen stellen 12 5 9 4 4 4 Bilder/Filme bearbeiten 12 5 9 6 5 5 DVD ansehen 10 4 7 6 5 6 Malen, Zeichnen, Grafik 7 6 7 6 3 4 CDs brennen 9 5 7 1 3 2 Präsenta tionen/Ref. 4 8 6 4 3 3 Lernprogramme nutzen 3 7 5 2 4 3 Programmieren 4 4 4 2 1 1 Musik machen 3 4 4 2 2 2 Soundbearbei tung 3 4 4 4 3 3 DVD brennen 2 2 2 2 – 1 An erster Stelle steht dennoch der Einsatz für Schule, Ausbil dung und Beruf, und das in beiden Teilstichproben (20 bzw. 18 Prozent) und auch ver- gleichs weise konstant in den Alters gruppen (Ausnahme: 12- bis 19-jährige Aussiedler mit 14 Prozent). Etwas spezifi scher auf Text verarbei tung bezogen, 105 gehen die Anteils werte für die Stammnut zung gering fügig zurück. Im Durch- schnitt nutzen 18 Prozent der türkisch stämmigen jungen Erwachsenen und Jugend lichen regelmäßig diese Funktion, in der Aussiedler stichprobe sind es 16 Prozent, bei den 20- bis 29-Jährigen jeweils etwas mehr als in der jüngeren Gruppe der 12- bis 19-Jährigen. Danach rücken private Computer anwen dungen in den Vordergrund, die vor allem mit den techni schen Eigen schaften des PC als Multimediaplatt form zu- sammen hängen. Dabei fällt erstens auf, dass Tätig keiten wie Musik zusam- men stellen (9 bzw. 4 Prozent), Bilder bearbeiten (9 bzw. 5 Prozent) oder DVD ansehen (7 bzw. 6 Prozent) in der türkisch sprachigen Stichprobe im Durch- schnitt durch gängig mit höheren Stammnutzer anteilen ver sehen sind als in der Teilstichprobe der Aussiedler. Und zweitens kann man fest halten, dass im Ver gleich zu anderen Freizeit- und Medien nutzungs aktivitäten, wie sie in Tabelle 5.36 beschrieben wurden, die Freizeit gestal tung am PC eindeutig nach- rangig ist, jeden falls was die regelmäßige Nutzung mehrmals in der Woche betrifft. Auch in der Bewer tung der vor formulierten Aussagen zum Computer zeigt sich die prioritär auf professionelle Funktionen aus gerichtete Einschät zung und Nutzung des Computers (Tabelle 5.42). So gut wie jeder der Befragten sieht die Nützlich keit der Technik für Schule, Ausbil dung und Universität (94 bzw. 96 Prozent). Tabelle 5.42: Ansichten zum Computer („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Computer sind für die Schule, Ausbil dung, Universität oder Beruf nütz lich 94 95 94 95 97 96 Es macht Spaß, mit dem Computer zu lernen oder zu arbeiten 87 74 81 81 73 76 Computer sind eine schöne Freizeitbeschäfti gung 69 63 66 60 62 61 Eigent lich würde ich mich ganz gerne häufiger mit Computern beschäftigen 48 44 46 27 28 27 Fragt man nach dem „Spaß“, den die Arbeit am Computer macht, geht die Zahl der zustimmenden Bewer tungen schon zurück. 81 Prozent der türkisch- stämmigen Stichprobe und 76 Prozent der Aussiedler können dem zustimmen. Eine schöne Freizeitbeschäfti gung sehen immerhin noch 66 bzw. 61 Prozent in der Benut zung eines Computers, damit liegen die Prozent werte aber den- noch deut lich unter denjenigen für die Nützlich keit des PC als Arbeits gerät in 106 Schule und Beruf. Und schließ lich fallen die zustimmenden Antworten unter die 50-Prozentmarke, wenn man nach der Auswei tung der Beschäfti gung mit dem Computer fragt. Besonders niedrig sind die Werte für die jungen Aus- siedler. Hier wollen ledig lich 27 Prozent der Befragten einer solchen Aussage zustimmen, ganz gleich in welcher der zwei Alters gruppen. Bei den türkisch- stämmigen Befragten sind es mit im Durchschnitt 46 Prozent dagegen noch deut lich mehr. Zusammen genommen bekommt man bei der Durchsicht der Daten für die Internet- bzw. PC-Nutzung und -Bewer tung den Eindruck, als sei die Popula- tion der Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit türkischem Migrations- hintergrund etwas intensiver mit der Nutzung digitaler Technik beschäftigt. Die Befragten aus der Teilstichprobe der Aussiedler zeigen sowohl bei den in Anspruch genommenen Diensten im Internet als auch beim multimedialen Einsatz des eigenen Computers im Durchschnitt häufig ein paar Prozentpunkte weniger in den Stammnutzer- und Zustimmungs anteilen. Mobiltelefon Das Handy ist als multimediales und individuelles Funktions medium am wei- testesten ver breitet, und es wird auch am häufigsten genutzt. Wie im voran- gehenden Abschnitt gezeigt, liegen Ausstattungs- und Nutzungs daten auch in der Alters gruppe dieser Befra gung etwa auf dem Niveau des Massen mediums Fernsehen, wenn man diesen Ver gleich denn anstellen will. Im Folgenden werden einige Daten dazu beschrieben, wie und wofür das Handy von den Be fragten der zwei Stichproben ein gesetzt wird. Zunächst zu den Kosten (Tabelle 5.43). Tabelle 5.43: Vertragsart und Kosten (in Prozent, gew.) Vertragsart/Kosten Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Prepaid 65 29 48 66 27 44 Vertrag 23 62 42 24 65 47 Weiß nicht 1 0 1 1 – – Kein Handynutzer 10 10 10 10 9 9 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Kosten pro Monat (∅) € 22 € 33 € 27 € 18 € 28 € 24 Davon: Eigenanteil (∅) € 10 (n = 140) € 29 (n = 132) € 19 (n = 273) € 10 (n = 119) € 25 (n = 156) € 19 (n = 274) Vertrags- und Prepaid-Handys halten sich in den Stichproben etwa die Waage. Erwart bar ist die Schwerpunkt bildung in den Alters gruppen. Im Seg- ment der 12- bis 19-Jährigen dominiert die Guthaben telefonie in beiden Stich- 107 proben (65 bzw. 66 Prozent), im älteren Segment zeigen sich etwa die gleichen Anteile für die Ver trags bindung (62 bzw. 65 Prozent) – die jeweils andere Variante liegt dann etwa bei einem Viertel in der Alters gruppe. Die Kosten pro Monat liegen zwischen 18 und 33 Euro, wobei die Befragten mit türki- schem Migrations hintergrund tendenziell mehr Geld für das mobile Telefo nie- ren aus geben – zwischen 4 und 5 Euro mehr, je nach Alters gruppe. Ein erheb- licher Teil der Kosten wird von den Befragten selbst getragen, mit Ausnahme der Befragten bis 19 Jahre, hier schwankt der Eigenanteil um die 50 Prozent der Kosten. Moderne Mobiltelefone lassen sich mit einem Tastendruck auf die ge- wünschte Benutzer sprache umstellen. Wir haben die Teilnehmer an der Um- frage gebeten, uns zu sagen, in welcher Sprache die Menüs auf ihrem Telefon- Display er scheinen. Das Ergebnis ist deut lich, wenn auch vor dem Hintergrund der Analysen zum Sprachgebrauch und zur sprachgebundenen Medien nutzung nicht mehr sehr über raschend (Tabelle 5.44). In der türkisch stämmigen Stich- probe, und hier besonders unter den Befragten zwischen 20 und 29, gibt es ver gleichs weise viele Handynutzer, die eine türkische Menüfüh rung ein ge- stellt haben. 17 Prozent dieser Alters gruppe bedienen ihr Telefon in türkischer Sprache, was im Stichproben mittel zu einem Anteil von 10 Prozent führt. Dagegen spielt in der anderen Teilstichprobe die russische Sprache bei der Handynut zung so gut wie keine Rolle. Nur eine sehr kleine Minder heit von 2 Prozent nutzt diese Option. Tabelle 5.44: Menüsprache des Handys (in Prozent, gew.) Menüsprache Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Deutsch 85 73 79 88 89 88 Türkisch/Russisch 3 17 10 2 2 2 Englisch 3 1 2 1 – – Kein Handynutzer 10 10 10 10 9 9 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Fragt man – analog zu den anderen Funktions medien – nach den konkreten Anwen dungen, die mit dem Telefon aus geführt werden, zeigt sich – vermut lich nicht zuletzt auch ver ursacht durch die Kosten struktur – doch eine ver gleichs- weise starke Fokussie rung auf die Telefonfunk tionen des Handys. Einzige Aus- nahme: Kurznachrichten senden und empfangen (Tabelle 5.45). Anrufe ent gegen nehmen und jemanden anrufen, das sind die Funktionen des Telefons mit den höchsten Stammnutzer anteilen, also die Gruppe, die an mindestens 4 von 7 Tagen diese Funktion nutzt. Ein leichtes Übergewicht liegt dabei auf dem Angerufen werden (73 bzw. 70 Prozent) gegen über dem selbst Wählen (65 bzw. 62 Prozent). Eine Tendenz die durch die, eben falls mit 108 dem Alter zusammen hängende, Budget struktur der Befragten unmittel bar ver- ständ lich ist. Es ist allerdings über raschender weise nicht so, dass vor allem die jüngeren Befragten an gerufen werden (65 bzw. 63 Prozent), sondern in beiden Stichproben sind die Werte in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen höher (82 bzw. 76 Prozent). Die Unterschiede lassen sich im Kontext der anderen Werte er klären – alle Handyfunk tionen werden grundsätz lich weniger in den jüngeren Alters gruppen beider Stichproben genutzt. Da aber die pau- schalen Ausstattungs- und Nutzungs zahlen in diesen Gruppen nur gering fügig niedriger sind, scheint das Mobiltelefon hier einfach noch stärker für „Notfall- situa tionen“ reserviert zu sein und noch nicht ganz so routiniert in der Alltags- kommunika tion ein gesetzt zu werden. Und eine zweite systemati sche Ver- schie bung in der Tabelle fällt auf: Im Grundsatz fallen die Werte für alle ab gefragten Funktionen und Dienste in der Teilstichprobe der türkisch stäm- mi gen Befragten höher aus als bei den Aussiedlern. Und auch diese Unter- schiede lassen sich nicht allein mit einer gering fügig höheren Stammnut zung bei den türkisch stämmigen Befragten er klären – diese scheinen auch bei der Benut zung des Mobiltelefons stärker auf die vielfältigen techni schen Funk tio- nen zurück zugreifen, die über das reine Telefonieren hinaus gehen. Tabelle 5.45: Tätigkeiten bei der Handynutzung (Stammnut zung, Mehrfachnen nung, in Pro zent, gew.) Tätig keiten Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Angerufen werden 65 82 73 63 76 70 Jemanden anrufen 57 73 65 48 73 62 SMS bekommen 61 66 64 54 46 49 SMS schicken 54 61 57 43 42 42 Musik MP3 hören 61 23 43 59 21 37 Fotos/Filme machen 35 24 30 22 10 15 Fotos/Filme senden MMS 3 1 2 2 – 1 Fotos/Filme senden Bluetooth 27 12 20 15 6 10 Im Internet surfen 2 1 2 1 1 1 MP3 senden Bluetooth 27 10 19 14 3 8 MP3 senden MMS 4 2 3 – 1 1 Handyspiele 11 5 8 6 6 6 Handy-Fernsehen 3 0 1 1 – – Handy-Radio 4 4 4 – 2 1 Mails abrufen 7 4 5 2 2 2 Mails senden 7 6 7 3 2 3 So belegen SMS bekommen und ver schicken in beiden Teilstichproben die Plätze drei und vier, wenn es um die genutzten Funktionen des Handys geht. Die einzige nicht telefonspezifi sche Funktion, die es schafft, ver gleich bare Nutzungs zahlen zu er zeugen, ist das Abspielen von MP3-formatierten Musik- 109 stücken. Mit Blick auf die heraus ragende Relevanz des Musik hörens in beiden Stichproben ist das wiederum nicht über raschend. Die meisten Telefone bieten diese Funktion und die Befragten nutzen sie – besonders die Jüngeren unter 20 Jahre (61 bzw. 59 Prozent, über 20-Jährige: 23 bzw. 21 Prozent). Danach allerdings werden die Abstände in der Tabelle größer. Fotos und Filme nehmen 30 Prozent der Befragten mit türkischem Migrations hinter- grund regelmäßig auf, bei den Aussiedlern sind es 15 Prozent. MP3-Dateien via Bluetooth (keine Übertragungs gebühren) zu ver senden ist für 19 bzw. 8 Pro zent in den Teilstichproben eine regelmäßige Tätig keit. Spiele werden auf dem Handy von 8 Prozent der türkisch stämmigen Befragten und von 6 Pro zent der Aussiedler an 4 bis 7 Tagen pro Woche aus geführt. Alle anderen Funktionen, vom Fernsehen oder Radiohören auf dem Handy bis zum Abrufen und Senden von E-Mails spielen mit Werten zwischen 1 und 7 Prozent nur eine unter geordnete Rolle. Alles zusammen genommen kann man wohl kaum von der Nutzung einer multimedialen Platt form durch die Befragten sprechen. Vielleicht ab gesehen von digitaler Fotografie und der Nutzung als „Walkman“ wird das Telefon doch in erster Linie in seiner Primärfunk tion genutzt, bei den meisten schon allein aus Kosten gründen. In einer standardisierten Befra gung nach gewalthaltigen Inhalten oder Porno grafie zu fragen ist schwierig – soziale Erwünscht heit und Tabuisie rung sind nur zwei Effekte, die in diesem Zusammen hang Verzer rungen er zeugen können. In der Telefonumfrage wurden diese Themen deshalb auch nur über das Vehikel des un beteiligten Dritten an gesprochen, dennoch sind die Ant- worten mit Vorsicht zu genießen (Tabelle 5.46). Tabelle 5.46: Gewalt und Pornografie auf dem Handy (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Gewalt/Pornografie Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Davon gehört 59 43 51 82 61 70 Im Bekannten kreis 25 19 22 26 19 22 Eltern nach gefragt nach gespeicherten Inhalten? 35 n/e – 25 n/e – Immerhin geben 51 Prozent der Befragten mit türkischem Migrations- hinter grund und 70 Prozent der Aussiedler an, schon einmal „davon gehört“ zu haben. An diesem Ergebnis ist vor allem der ver gleichs weise niedrige Wert in der türkisch stämmigen Teilstichprobe über raschend – gerade die in allen anderen Handyfunk tionen eher ver sierteren Befragten sind bei diesem Thema weniger gut informiert als ihre Alters genossen in der Aussiedler stichprobe. Nach Auskunft der türkisch stämmigen Befragten unter 20 Jahre (und nur für diese Gruppe wurde die Frage gestellt), fragen hier die Eltern öfter nach als 110 in der Gruppe der gleichaltrigen Aussiedler. Im pauschal thematisierten Be- kannten kreis sind dann die Werte in beiden Stichproben wieder auf etwa dem gleichen Niveau – 22 Prozent geben an, von solchen Inhalten auf den Tele- fonen „im Bekannten kreis“ zu wissen. Wir werden an dieser Stelle nicht spekulieren, sondern ab schließend noch auf drei andere Fallen für junge Nutzer im Zusammen hang mit der Handy- nut zung ein gehen (Tabelle 5.47). Tabelle 5.47: Käufe mit dem Handy (Zustim mung, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Verträge/Käufe Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Ungewollt Ver trag ab ge- schlossen 12 6 9 11 10 11 Versehent lich bestellt 3 1 2 2 3 3 Teure Servicen ummern 12 8 10 8 11 10 So hat – jeden falls laut Selbsteinschät zung – etwa jeder Zehnte der Be- fragten schon einmal un gewollt einen Ver trag ab geschlossen oder eine teure Servicen ummer an gerufen. Die Anteile liegen zwischen 9 Prozent und 11 Pro- zent. Ver sehent liche Bestel lung von Waren oder Software spielen dagegen in beiden Teilstichproben so gut wie keine Rolle, zwischen 1 und 3 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen das schon einmal passiert ist. Spiele Zur Erinne rung: Der Anteil der „Stamm spieler“, also derjenigen, die an min- destens vier Tagen einer normalen Woche Spiele am PC oder auf der Konsole nutzen, liegt in den zwei Stichproben bei 19 bzw. 17 Prozent mit einem starken Bias zugunsten der jüngeren Befragten bis 19 Jahre. Wenn im Folgenden jeweils alle Befragten nach dem Umgang mit solchen Spielen gefragt werden, so sind darunter viele, die nur gelegent lich oder selten spielen – Nichtspieler werden in den Tabellen extra aus gewiesen, um weiter hin die Gesamtstich- proben im Blick behalten zu können. Tabelle 5.48 zeigt zunächst, in welchem Kontext die Befragten spielen. Etwa ein Fünftel der Befragten gibt an, eher allein zu spielen (22 der Türkisch- stämmigen bzw. 18 Prozent der Aussiedler). 111 Tabelle 5.48: Spielsituation (in Prozent, gew.) Spielsitua tion Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Eher allein 30 12 22 17 19 18 Mit anderen: 38 27 32 50 30 39 Freunde/Bekannte 17 9 13 29 12 20 Familie 5 6 5 4 5 4 Sowohl als auch 16 12 14 17 13 15 Keine Spielen utzung 32 60 46 33 52 43 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Das ist bezogen auf die Spielerinnen und Spieler die Minder heit, denn 32 bzw. 39 Prozent der Befragten spielen eher zusammen oder mindestens ab und zu mal mit anderen, also nicht grundsätz lich allein. Bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund gibt es über durchschnitt lich mehr Allein- spieler in der jungen Alters gruppe, während bei den Aussiedlern die Anteils- werte über die Alters gruppen relative konstant sind. Wenn mit anderen gespielt wird, dann eher mit Freunden und Bekannten (13 bzw. 20 Prozent). Familien mitglieder werden ver gleichs weise selten als Mitspieler gesucht, die Anteile liegen zwischen 4 Prozent (Aussiedler) und 5 Prozent (Türkisch stämmige). Allerdings sind Familien mitglieder auch nicht explizit aus geschlossen, zwischen 14 und 15 Prozent geben an, dass sie sowohl in der Familie als auch mit Freunden Computerspiele gemeinsam nutzen. In beiden Teilpopula tionen gibt die Hälfte der jüngeren Befragten an (nur die 12- bis 19-Jährigen wurden hier gefragt), die Nutzung von Computer- spielen würde in den Familien kontrolliert (Tabelle 5.49).32 Diese Aussagen beziehen sich sowohl auf die Dauer der Spiele als auch auf den Inhalt dessen, was da auf dem Bildschirm abläuft. Das heißt im Umkehrschluss, dass sich jeder Zweite in dieser Alters gruppe im Umgang mit Computerspielen weit- gehend selbst über lassen bleibt. 32 Ausgangs punkt für die Konzep tion dieses Fragen komplexes ist ein Untersuchungs instrument von Maria von Salisch, Astrid Kristen und Caroline Oppl (2007). 112 Tabelle 5.49: Aussagen der 12- bis 19-Jährigen zu Computer- und Konsolenspielen („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 Meine Eltern wissen, wie lange ich Bildschirmspiele spiele 54 52 Meine Eltern wissen, welche Bildschirmspiele ich spiele 54 50 Ich habe Streit mit meinen Eltern, weil ich so lange Bildschirmspiele spiele 18 6 Wenn ich mich richtig schlecht fühle, spiele ich Bildschirmspiele, damit es mir wieder besser geht 15 5 Ich werde unruhig und nervös, wenn ich mal einen Tag nicht spielen kann 8 3 Streit mit den Eltern wegen ihres Spiel verhaltens haben die jungen Be frag- ten dagegen relativ selten – zumindest räumen nur wenige solche Konflikte offen ein. Am ehesten ist das bei den türkischen Kindern und Jugend lichen der Fall (18 Prozent), sie äußern sich auch eher über emotionale Motive des Spielens (15 Prozent).33 Zusammen hänge Vor dem Hintergrund der Ausfüh rungen in Kapitel 3 werden im Folgenden zwei konkurrierende Zusammen hangs strukturen betrachtet (Tabelle 5.50 und Tabelle 5.51). Die erste Zusammen hangs struktur betrifft die These, dass ein migrations- bzw. integrations spezifi scher Nachteil, eine Kluft, auf der Seite der Jugend lichen mit Migrations hintergrund existiert. Danach müssten sich vor allem diejenigen weniger mit den neuen digitalen Medien beschäftigen, die weniger stark in die deutsche Mehrheits gesell schaft integriert sind. Da- gegen kann man die These ver treten, dass Unterschiede in der Individual- medien nutzung stärker über den sozialen Status, also über Daten wie Alter, Bildung und Geschlecht zustande kommen (vgl. dazu auch die Ausfüh rungen theoreti schen Teil). Zunächst also zum Zusammen hang von sozialer Integra tion und Individual- medien nutzung. Folgt man der Ansicht, dass der Sprachgebrauch ein starker Indikator für die soziale Interak tion und Integra tion der Befragten in die deutsche Mehrheits gesell schaft ist, so kann man mit einer Korrelations matrix 33 Vgl. dazu auch die ent sprechenden Befunde der Gruppen diskussionen. Aufschluss reich ist, dass nicht nur die quantitative, sondern auch die qualitative Ermitt lung von Daten zu diesem Thema bei Kindern und Jugend- lichen durch die öffent liche Kritik an bzw. am Computerspielen er schwert wird. Anzunehmen ist, dass viele Antworten im Sinne „sozialer Erwünscht heit“ ver zerrt sind. 113 zwischen Sprachgebrauch und Individualmedien nutzung die Hypothese prüfen, inwieweit ein Zusammen hang zwischen diesen beiden Handlungs dimensionen besteht. Tabelle 5.50 zeigt eindrück lich, dass dieser Zusammen hang für Be- fragte mit türkischem Migrations hintergrund nicht besteht. Die Dimensionen Sprachgebrauch und quantitativer Nutzungs umfang von Handy, Computer, Internet und PC-Spielen sind in der Stichprobe der türkisch stämmigen Jugend- lichen und jungen Erwachsenen unabhängig voneinander: Der Sprachgebrauch hat keinen direkten Einfluss auf den quantitativen Umfang der Individual- medien nutzung. Tabelle 5.50: Individualmediennutzung und Sprachgebrauch (Korrelationen, r)* Individualmedien nutzung (Tage/Woche) Sprachgebrauch (Freunde, Familie, Schule/Beruf) Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Deutsch Türkisch Zweisprachig Mobiltelefon Computer/ PC Internet PC- und Konsolen spiele Russische Spät aussiedler (nw = 303) Deutsch Russisch Zweisprachig Mobiltelefon Computer/ PC Internet –.26 .21 PC- und Konsolen spiele .26 –.20 * Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05. In der Aussiedler stichprobe findet man dagegen zwei Hinweise, die für eine integrations- bzw. akkulturations spezifi sche Internetnut zung sprechen. Befragte, die mehr Deutsch im Alltag sprechen, nutzen seltener das Internet (–.26). Und: Diejenigen, die mehr Russisch sprechen, nutzen es öfter (.21). Dieses Resultat spricht sehr für die These, dass in dieser Popula tion das Inter- net tatsäch lich (noch) genutzt wird, um den Kontakt mit dem Herkunfts- kontext zu pflegen, jeden falls bei denjenigen, die diesem Kontext noch sehr stark zu gewandt und dem deutschen Kontext eher ab gewandt sind. Die quanti- tative Nutzung der PC- und Konsolen spiele dagegen korreliert in der Aus- siedler stichprobe positiv mit dem deutschen Sprachgebrauch (.26). Das könnte ein weiterer Indikator für Anschluss kommunika tion (auf dem Schulhof, in der Klasse) unter denjenigen sein, die sprach lich stark und eindeutig in die deutsche Mehrheits gesell schaft ein gebunden sind. Die konkurrierende These, dass die Soziodemografie der Befragten weitaus stärker mit der Individualmedien nutzung zusammen hängt als der Integrations- status, scheint – jeden falls für die in dieser Studie er hobenen Daten – mehr empiri sche Evidenz zu er langen (Tabelle 5.51). 114 Tabelle 5.51: Individualmediennutzung und Soziodemografie (Korrelationen, r) Individualmedien nutzung (Tage/Woche) Soziodemografie Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Alter* Formale Bildung** Geschlecht*** Mobiltelefon .19 Computer/ PC .29 –.14 Internet .23 –.13 PC- und Konsolen spiele –.34 Russische Spät aussiedler (nw = 303) Alter Formale Bildung Geschlecht Mobiltelefon Computer/ PC .19 Internet .16 PC- und Konsolen spiele –.35 –.34 *** Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05. *** Rangkorrelationen nach Spearman p(α) < .05 (Kontrollvariable Alter). *** Dichotom codiert mit 1 = männlich und 2 = weiblich. Das Alter der Befragten wirkt sich dabei allerdings ledig lich auf die Nut- zung der Computer- und Konsolen spiele aus – und zwar gleichermaßen in beiden Popula tionen (–.34 bzw. –.35). Der Zusammen hang ist er wartungs- gemäß um gekehrt proportional, d. h. je jünger die Befragten, desto häufiger nutzen sie solche Spiele. Das war schon im Zuge der deskriptiven Tabellen- analyse als Unterschied zwischen den zwei Alters gruppen deut lich sicht bar. Stärker wirkt in diesem Zusammen hang die Bildung der Befragten auf die quantitative Nutzung der Individualmedien. In beiden Stichproben zeigen sich ver gleichs weise starke und signifikante Zusammen hänge für die Computer- nut zung und die Internetnut zung (.29 und .23 bzw. .19 und .16). Die Koeffi- zienten sind positiv, das heißt in diesem Kontext, je höher der bereits er reichte Bildungs abschluss bzw. die zum Zeitpunkt der Befra gung besuchte Schule, desto größer die Nutzung von PC und Internet.34 In der Stichprobe der türkisch stämmigen Jugend lichen und jungen Er wach- senen gilt dieser positive Zusammen hang zusätz lich auch für das Mobiltelefon (.19), in der Aussiedler stichprobe wird er durch die Drittvariable Alter neu- tralisiert. Darüber hinaus zeigen sich – eben falls exklusiv für die türkisch- stämmigen Befragten – signifikante Zusammen hänge zwischen Geschlecht und PC- bzw. Internetnut zung. Jungen und junge Männer nutzen signifikant häufiger PC und Internet als ihre weib lichen Alters genossen (–.14 und –.13). Das Geschlecht spielt bei der PC- und Internetnut zung in der Aussiedler stich- probe keine Rolle, dagegen zeigt sich hier ein signifikanter Koeffizient für den Zusammen hang von Geschlecht und PC-/Konsolen spielen – männ liche Befragte spielen häufiger als weib liche. 34 Zur Operationalisie rung der Bildungs variable vgl. Abschnitt 5.1. Für die Variable Bildung wurden alle Korre- la tionen gegen die Variable Alter kontrolliert. 115 Insgesamt kann man mit Blick auf die Zusammen hangs analysen fest halten, dass mehr und eindeutigere Zusammen hänge zwischen konven tionellen sozio- demografi schen Variablen und der Individualmedien nutzung der Befragten identifizier bar sind, als solche zwischen deutschen bzw. türkischem Sprach- gebrauch und der Individualmedien nutzung. Damit kann man sicher keine ab- schließende Entschei dung über die oben formulierten konkurrierenden Thesen treffen. Aber vor dem Hintergrund der Ergebnisse anderer Studien, in denen der Sprachgebrauch als stärkster Indikator für die integrations spezifi sche Position von Migranten identifiziert und validiert werden konnte, zeigen sich zumindest eindeutige Hinweise auf eine starke Rolle der individuellen Lebens- situa tion (und hier insbesondere der Bildung der Befragten) für die Individual- medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Menschen mit Migrations- hintergrund. 5.7 Zusammen fassung Die Ergebnisse der Telefonbefra gung, in der n = 302 Jugend liche und junge Erwachsene mit türkischem Migrations hintergrund und n = 303 Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion bzw. Russ land im Alter zwischen 12 und 29 Jahren befragt wurden, muss man in mehrfacher Hinsicht als heterogen bezeichnen. Schon bei der Beschrei bung der Stichprobe hat sich gezeigt, dass der Alters schnitt der zwei Teilstichproben (mindestens) zwei sehr unter schied- liche Alters segmente ver eint. Auf der einen Seite Jugend liche, zum Teil noch Kinder, ab 12 Jahren, die in großen Teilen noch im Haushalt der Eltern leben, zur Schule gehen und in ihren Lebens gewohn heiten über wiegend durch den familiären Haushalt geprägt sind. Auf der anderen Seite junge Erwachsene, die in der Ausbil dung oder berufstätig sind, einen eigenen Haushalt führen und selbst ständig über ihre Lebens umstände ent scheiden können. Darüber hinaus hat sich schon bei der ersten Durchsicht der Stichproben- daten gezeigt, dass beide Popula tionen sehr unter schied liche Migrations tradi- tionen repräsentieren, die sich zum Beispiel bei der Aufenthalts dauer und der Staats bürger schaft der Befragten, aber auch im deutschen Sprachgebrauch zei- gen. So sind in der türkisch stämmigen Stichprobe die meisten in der zweiten Genera tion in Deutschland, während die Aussiedler größtenteils eigene Migra- tions erfah rung gemacht haben. Die jugend lichen Aussiedler sind in der über- wiegenden Mehrheit schon mit der deutschen Staats bürger schaft aus gestattet, bei den türkisch stämmigen Befragten sind es gerade 40 Prozent der Befragten. Ein Viertel der Aussiedler spricht in der Familie meistens oder über wiegend Deutsch, von den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund ist es nicht einmal jeder Zehnte. 116 Die Daten zur ethnischen Identität im dritten Abschnitt dieses Kapitels bestätigen den Eindruck, dass es sich um zwei Gruppen handelt, die aus der Perspektive der Mehrheits gesell schaft, also „von außen“ betrachtet vor allem den Migrations hintergrund gemeinsam haben, dass aber innerhalb dieser Popu- la tionen ganz unter schied liche Positionen zur Mehrheits gesell schaft und zur eigenen Herkunft bestehen. So ist die deutsche Sprachkompetenz in beiden Teilstichproben hoch, genauso wie der gesell schaft liche Druck auf beide groß ist, zumindest im professionellen Leben mehr heit lich die deutsche Sprache zu benutzen. Und mit Blick auf den Sprachgebrauch in der Freizeit, kann man nicht sagen, dass unter den Aussiedlern mehr Deutsch gesprochen wird als bei den türkisch stämmigen Befragten, es wird nur häufiger auf die Herkunfts- sprache ver zichtet, die Anteile derjenigen, die in ihrem Alltag nur noch Deutsch sprechen, sind höher. Und so zeigt sich, dass über alle betrach teten Indikatoren hinweg, die türkisch stämmigen Befragten ihre ethnische Identität als Türken sehr stark pflegen und den Kontakt zur türkischen Herkunfts gesell schaft halten. Die Aussiedler dagegen konzentrieren sich stärker auf die deutsche Ankunfts- gesell schaft. Dabei kann man nicht behaupten, dass sie weniger Wert auf ihre eigene ethnische Identität legen, da ja in ihrem Fall häufig das „Deutsch sein“ Teil dieser Identität ist. Der Kontext jeden falls, in dem die russischen Aus- siedler bis zu ihrer Migra tion nach Deutschland gelebt haben, ist für weitaus weniger Befragte ein Teil ihrer ethnischen Identität als es der türkische Kontext für die Türken und Deutschtürken in Deutschland ist. In Bezug auf die Medien ausstat tung der Befragten, die häufig an die Aus- stat tung eines familiären Haushalts gebunden ist, schlagen sich die Alters- unterschiede zwischen den Befragten stark nieder. So ist das Massen medium Nr. 1, das Fernsehen in so gut wie jedem Haushalt verfüg bar, über ein eigenes Gerät ver fügen aber nur knapp 60 Prozent der 12- bis 19-jährigen Befragten – übrigens in beiden Stichproben. Auf der individuellen Ebene er reicht dann auch die Computer ausstattungs quote die Werte für das Fernsehen. Ein PC gehört heute mehr zur alltäg lichen Medien umge bung als etwa dezidierte Radio- geräte oder ein Zeitungs abonnement. Vor allem an die Stelle des Radios scheint mehr und mehr der MP3-Player zu treten. Zusammen mit multimediafähigen Mobiltelefonen kann man davon aus gehen, dass die Ver breitungs rate von MP3-taug lichen Abspielgeräten nahezu 100 Prozent beträgt. Das Mobiltelefon übrigens gehört bei 9 von 10 Befragten zum individuellen Besitz, ganz gleich ob 15 oder 28 Jahre alt, ob Aussiedler oder türkischer Migrations hintergrund.n Was die Zuwen dung zu diesen Medien betrifft, folgt die Nutzung der Aus- stat tung. Fernsehen ist das wichtigste Massen medium, und Computer und Internet beanspruchen deut lich mehr Zeit im Alltag der Befragten als Radio- hören oder Zeitung lesen. Telefonieren mit dem Mobiltelefon und Musik hören via MP3 gehören häufig zusammen und sind im Alltag der Befragten präsent. Die russischen Aussiedler wenden sich stärker und häufiger exklusiv den deut- 117 schen Medien zu, während die türkisch stämmigen Befragten stärker kombi- nieren und seltener auf Medien aus ihrem Herkunfts kontext ver zichten. Dabei lassen sich für die sprachgebundene Medien nutzung und die Pflege des Her- kunfts kontextes signifikante Zusammen hänge identifizieren, die soziale Inter- ak tion mit der deutschen Mehrheits gesell schaft ver folgen beide Popula tionen aber zum Teil unabhängig von der Nutzung der Medien aus dem Herkunfts- kontext. Der Umgang mit den sogenannten Funktions medien ist für die meisten der Befragten ein Stück Alltag. Am Computer wird vor allem das Internet genutzt und dabei wiederum vor allem Messen gerdienste, Suchmaschinen und E-Mail- Dienste, und auch hier spielt Musik im Format MP3 eine große Rolle. Die moderne Technik wird selbst bewusst und routiniert ein gesetzt, auch wenn dies – vor allem bei jüngeren Befragten – zu Miss verständnissen und Fehleinschät- zungen der Gefahren neuer Medien führt. Das Mobiltelefon wird – häufig aus Kosten gründen – in erster Linie auf seine Primärfunk tion reduziert, Tele- fonieren und Kurznachrichten senden sind die dominierenden Anwen dungen, Musik und Fotos finden sich auf vielen Mobiltelefonen, werden aber kaum (kosten pflichtig) herunter geladen oder per Multimedianachricht ver sandt. Com puterspiele sind vor allem bei den jüngeren Befragten eine beliebte Frei- zeitbeschäfti gung, die jedoch nach Aussage der Befragten in den Familien stark kontrolliert wird. Im Ver gleich der beiden ethnischen Gruppen zeigen sich durch gängig etwas höhere Werte für die Nutzung digitaler Hardware und der multimedialen Dienste in der türkisch stämmigen Popula tion. Die befragten Aussiedler zeigten sich hier im Durchschnitt etwas zurück haltender im Umgang mit den neuen Kommunikations medien. Insgesamt gesehen, und vor dem Hintergrund der Korrelations analysen, muss man aber konstatieren, dass die Nutzung der Funk- tions medien in beiden Popula tionen offensicht lich stärker mit dem sozio demo- grafi schen Profil der Befragten – und hier insbesondere mit der formalen Bildung – zusammen hängt als mit der sozialen Integra tion der Befragten. Es zeigte sich ver gleichs weise deut lich: Je höher das Bildungs niveau, desto höher die Affinität zu den Funktions medien, je jünger die Befragten, desto eher nutzen sie Computerspiele, und männ liche Befragte aus der Popula tion der Aussiedler sind häufiger am PC oder im Internet beschäftigt als ihre weib- lichen Alters genossen. Insbesondere vor dem Hintergrund der zuletzt genannten Befunde zur Be- deu tung des sozialen Status der Befragten für ihren Medien umgang wird es interessant sein, die Daten für die zwei Stichproben unserer Studie den Daten der JIM-Studie gegen über zustellen, in der Jugend liche mit und ohne Migra- tions hintergrund zu ihrer Medien ausstat tung und -nutzung befragt wurden. 119 6 Methode und Ergebnisse der Gruppen diskussionen35 Um den Umgang mit und die Einstel lung zu neuen Medien wie Computer, Internet, Handy und Konsolen- sowie Computerspielen ver tiefend zu erheben und soziokulturelle und milieuspezifi sche Faktoren der Medien nutzung und Medien kompetenz junger Menschen mit Migrations hintergrund zu identifizie- ren, wurden Gruppen diskussionen in Teilpopula tionen der Grundgesamt heiten geführt, auf die sich die repräsentativen und quantitativen Telefonumfragen beziehen. Zielgruppe der Gruppen diskussionen sind Personen mit türkischem Migrations hintergrund und russische Aussiedler im Alter zwischen 12 und 19 Jahren – d. h. im Kindheits- und Jugendalter. Im Mittelpunkt der Gruppen- diskussionen standen die Erfas sung der Medien kompetenz der Kinder und Jugend lichen und die Ermitt lung der Kontextbedin gungen des Kompetenz- erwerbs. In diesem Zusammen hang ist von Interesse, welche Kenntnisse und Nutzungs weisen die Eltern vor allem der jüngeren Zielpersonen im Umgang mit neuen Medien auf weisen, wie sie den Medien konsum ihrer Kinder be- werten und inwiefern sie die Aneig nung neuer Medien durch ihre Kinder unter- stützend oder regulierend begleiten. Daher wurden auch Gruppen diskussionen mit Eltern durch geführt. 6.1 Methode Zur Erfas sung der medien pädagogisch relevanten Aspekte des Umgangs der 12- bis 19-jährigen Kinder und Jugend lichen mit den Medien Computer, Internet und Handy sowie der Rolle von Computerspielen wurden zwischen dem 30. Oktober und 5. November 2008 in jeder der beiden Teilpopula tionen zwei leit faden gestützte Gruppen diskussionen mit den Zielpersonen und eine Gruppen diskussion mit Eltern durch geführt. Die Beschrän kung der Gruppen- 35 Dieses Kapitel des Forschungs berichts basiert auf dem Projekt bericht der result gmbh, Köln, der von Regine Hammeran er stellt wurde. 120 diskussionen auf das Segment der 12- bis 19-Jährigen wurde gewählt, um zum einen der besonderen Relevanz der Medien kompetenzproblematik in diesem Alters segment Rechnung zu tragen. Zum anderen sollten möglichst homogene Diskussions gruppen gebildet werden. In jeder Teilpopula tion (türkischer Migrations hintergrund/russische Aus- siedler) wurden zwei homogene Gruppen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren sowie 16 und 19 Jahren zusammen gestellt. Wenn im Folgenden zur Unter- schei dung dieser beiden Alters gruppen von „Kindern bzw. Jüngeren“ gespro- chen wird, bezieht sich das auf die Gruppen der 12- bis 15-Jährigen. Die Gruppen der 16- bis 19-Jährigen wird nachfolgend als „Jugend liche bzw. Ältere“ bezeichnet. D. h. in beiden Fällen handelt es sich um Arbeits begriffe, die aus schließ lich auf den Kontext der Studie beschränkt sind, deren Ergeb- nisse hier vor gestellt werden. Um den milieutypi schen Lebens kontexten der Befragten und der Rolle der Familie bei der Aneig nung der neuen Medien Rechnung zu tragen, wurde zusätz lich je eine Diskussions runde mit den Eltern der 12- bis 15-jährigen Pro banden ab gehalten.36 Alle Gruppen diskussionen wurden von dem For- schungs institut result gmbh, Köln, unter Leitung von Sabine Haas und Regine Hammeran durch geführt und aus gewertet. Die Teilnehmer der Gruppen dis- kussionen wurden bewusst aus gewählt – es handelt sich also um keine Zufalls- stichproben. Die Rekrutie rung der Teilnehmer er folgte durch zwei Test institute, Jim Markt forschung, Köln, und Trend Census, Essen. Sie er folgte Face-to-Face, mit der Zielset zung einer Gleich vertei lung der Zielpersonen nach Geschlecht und einer breiten Streuung nach Schul bildung. Insgesamt nahmen 18 Kinder und Jugend liche sowie 9 Eltern in der Ziel- gruppe der russischen Aussiedler und 16 Kinder und Jugend liche sowie 8 Eltern in der türkischen Zielgruppe an den Gruppen diskussionen teil. Die Gruppen der Kinder und Jugend lichen setzten sich zu gleichen Anteilen aus Jungen und Mädchen zusammen. Für die Elterngruppen konnten deut lich mehr Mütter als Väter gewonnen werden. Hinsicht lich der Schul bildung wurde bei der türki- schen Zielgruppe nahezu eine gleichmäßige Vertei lung der Bildungs niveaus er reicht. In den Diskussionen mit den russischen Aussiedlern waren Teil- nehmer mit höherer Bildung über repräsentiert. 36 Diese Gruppen diskussionen fanden getrennt von den Diskussionen mit den 12- bis 15-Jährigen statt. 121 Tabelle 6.1: Die Zusammensetzung der Gruppendiskussionen Geschlecht Türkischer Migrations hintergrund 12- bis 15-Jährige Eltern der 12- bis 15-Jährigen 16- bis 19-Jährige Männlich 4 2 4 Weiblich 4 6 4 Gesamt 8 8 8 Geschlecht Russische Aussiedler 12- bis 15-Jährige Eltern der 12- bis 15-Jährigen 16- bis 19-Jährige Männlich 5 3 4 Weiblich 4 6 5 Gesamt 9 9 9 Schule 12- bis 19-Jährige Türkischer Migrations hintergrund Russische Aussiedler Volks-/Haupt schule 6 4 Weiterf. Schule 5 6 Abitur 5 8 Gesamt 16 18 Um ein ver trauens würdiges und offenes Gesprächsklima zu schaffen, wur- den die Diskussions runden jeweils durch muttersprach liche Moderatoren ge- leitet, welche die Diskussionen wahl weise in deutsch oder russisch bzw. türkisch moderierten. Die Gruppen diskussionen mit den russischen Aussiedlern fanden in Köln statt und wurden von Frau Prof. Dr. Swetlana Franken (FH Köln, Fakultät für Wirtschafts wissen schaften/ FH Bielefeld, Fachbereich Wirtschaft) am 30. und 31. Oktober 2008 durch geführt. Die Diskussions runden mit den türkisch stämmigen Teilnehmern wurden von der Diplom-Psychologin Deniz Baspinar in Essen moderiert und fanden am 31. Oktober und 5. November 2008 statt. Die Gesprächsrunden dauerten jeweils ca. zwei Stunden. Die Teilnehmer schilderten in den Gruppen diskussionen zunächst ihr Selbst verständnis und ihr Zugehörigkeits gefühl innerhalb der deutschen Gesell schaft, um ihre spe- zi fi schen Anforde rungen an mediale Inhalte und ihren Medien umgang vor diesem Hintergrund einordnen zu können. Exploriert wurde hier, welche Rolle die Herkunft der Befragten spielt, in welchen Freundes- und Bekannten kreis sie ein gebunden sind und welche Sprache im Alltag relevant ist. Anschließend wurden die Medien ausstat tung und Vorlieben für bestimmte Medien erhoben. Im Mittelpunkt der Gesprächsrunden mit den Kindern und Jugend lichen stand schließ lich die Erfas sung ver schiedener Aspekte der Medien kompetenz der Befragten in Bezug auf die Medien Handy, PC und Internet sowie Spiele bzw. Spiel konsolen. Als Referenz für die „klassi schen“ Medien wurde zudem der Stellen wert des Fernsehens diskutiert. Die Gesprächsrunden orientierten sich in dieser Phase eng an den in Kapitel 3 vor gestellten Dimensionen von Medien- 122 kompetenz nach Theunert (1999, 2008). Es wurde auf die Bereiche Medien- wissen/Technik kompetenz, den reflexiven Umgang mit neuen Medien und Bewertungs kompetenzen sowie ver schiedene Aspekte eines aktiven und krea- tiven Medien umgangs (Handlungs kompetenz) ein gegangen.37 Im Mittelpunkt der Gesprächsrunden mit den Eltern stand neben den Fragen nach Selbst verständnis und Medien bedeu tung die eigene Medien kompetenz der Eltern. Hier ging es darum, zu er fassen, über welches Wissen die Eltern in Bezug auf neue Medien ver fügen und inwiefern sie den Kindern und Jugend- lichen Hilfestel lung im Umgang mit diesen Medien geben können. Es wurde diskutiert, welche Potenziale und Ängste bzw. Gefahren die Eltern mit den neuen Medien ver binden und welche Maßnahmen die Eltern er greifen, um den Medien gebrauch ihrer Kinder zu unter stützen und zu regulieren. Die Gesprächsrunden wurden sowohl auf Audio- als auch auf Video- kassetten auf gezeichnet und anschließend wört lich trans kribiert. Die Auswer- tung er folgte qualitativ-interpretierend auf Basis von post hoc ent wickelten Kategorien. Zu diesem Zweck wurden die Argumente und Äußerun gen geord- net und nach inhalt lichen Aspekten im Sinne einer vor sichtigen Gewich tung von Mehrheits- bzw. Minderheits meinun gen analysiert. Auf Unterschiede hin- sicht lich Migrations hintergrund, Alter und Geschlecht wird gesondert hin- gewiesen. 6.2 Ethnische Identität Russische Spät aussiedler und deren Eltern Einige der Kinder und Jugend lichen mit russischem Migrations hintergrund (Spät aussiedler aus Russ land) sind in Deutschland geboren (vor allem die 12- bis 15-Jährigen), die Übrigen sind mit ihren Eltern im (Klein-)Kindalter nach Deutschland gekommen. Sie erleben sich (zum Ärger derjenigen Eltern, die sich als Spät aussiedler ver stehen) mehr heit lich als russische Zuwanderer.38 Nur einige der Kinder äußerten sich hier differenzierter: Man sei „zu 70 % deutsch“ bzw. „komplett deutsch, weil hier geboren“. 37 Beispiel hafte Fragestel lungen zu den einzelnen Dimensionen sind dem Interviewleit faden zu ent nehmen, der als PDF-Dokument unter www. lfm-nrw.de/forschung/schriftreihe auf der Homepage der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) abruf bar ist. 38 Die Diskussion um Selbst verständnis und Identität konnte mit den Jüngeren kaum ernst haft geführt werden, da sich noch nicht alle mit der Identitäts frage beschäftigt hatten. Bei den Kindergruppen fiel insgesamt auf, wie unter schied lich der jeweilige Entwicklungs stand in dieser Alters gruppe ist. Es ist daher schwierig, sie als eine homogene Gruppe zu behandeln. 123 „Ich bin praktisch Deutscher. Ich kann vielleicht russisch, aber in der Schule werde ich fast wie ein Deutscher behandelt, es hat überhaupt keine Auswirkungen.“ (Mikhael, 12 Jahre, Russland) „Ich fühle mich zu 70 % deutsch, weil ich hier lebe, aber 30 % sind russisch, weil ich da aufgewachsen bin.“ (Kyrill, 13 Jahre, Russland) Anders als die Eltern und auch große Teile der 16- bis 19-Jährigen sprechen die Kinder akzentfrei deutsch. Ihren Freundes kreis beschreiben sie als „ge- mischt deutsch-russisch“, ent sprechend sei auch die Sprachwahl: Mit russischen Freunden spricht man russisch, mit deutschen deutsch. Im Elternhaus wird dagegen durch gängig fast nur russisch gesprochen. „Es gibt natürlich auch deutsche Freunde, aber die besten Freunde sind meistens russische oder polnische.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) „Zu Hause spreche ich russisch, mit meinen Freunden deutsch.“ (Swetlana, 13 Jahre, Russland) „Mit russischen Freunden spreche ich natürlich russisch, mit den deutschen deutsch.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) Die Zufrieden heit mit ihrem Leben in Deutschland ist bei der Alters gruppe 12 bis 15 Jahre deut lich von der Lebens zufrieden heit der Eltern geprägt: Die- jenigen, deren Eltern und Familien angehörige sich etabliert haben, fühlen sich deut lich stärker zufrieden, als Kinder, deren Eltern sich unwohl in Deutsch- land fühlen. Hier ist der Einfluss der Familie offensicht lich.39 Von Ausgren- zungen in der Mehrheits gesell schaft spricht dagegen in dieser Alters gruppe niemand, man werde von der deutschen Peergroup zwar als Ausländer identi- fiziert, aber nicht diskriminiert. „Das sind nur Witzchen. Ich werde nicht diskriminiert, aber man nennt mich ständig Russe, aber freundschaftlich, das ist jetzt nicht als Beleidigung gedacht.“ (Alexej, 14 Jahre, Russland) Vor allem bei den 16- bis 19-Jährigen finden sich viele, die im Kindesalter (zwischen drei und neun Jahren) mit ihren Eltern aus Russ land nach Deutsch- land gekommen sind. Der Freundes kreis der Jugend lichen ist in Abhängig keit vom Zuwanderer- bzw. Hier-Geboren-Sein-Status gemischt … „Ich habe viele russische Freunde, aber ich treffe mich genauso mit Deutschen.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) 39 Ein Beispiel ist eine Familie, in der die Mutter kein Deutsch spricht und die ältere Schwester in Deutschland so unglück lich war, dass sie zurück in die Ukraine gegangen ist. Das befragte Mädchen fühlt sich in Deutsch- land nicht wohl, obwohl sie es für sich nicht begründen kann. 124 „Die meisten meiner Freunde sind Russen.“ (Angelika, 17 Jahre, Russland) … bzw. nur deutsch: „Ich habe überwiegend mehr deutsche Freunde als russische.“ (Inga, 18 Jahre, Russland) „Hier in Deutschland habe ich gar keine russischen Freunde, alles nur deutsch.“ (Anna, 18 Jahre, Russland) Entsprechend ist auch die Sprachwahl im Freundes kreis deutsch oder ge mischt. Ähnlich wie die Elterngruppe und anders als die 12- bis 15-Jährigen bevor- zugten die jugend lichen Teilnehmer unter einander die russische Sprache. Genau wie die Kinder erleben sich die Jugend lichen durch gehend als russische Zu- wanderer. Zur Elterngruppe beider Zielgruppen sind über wiegend die Mütter er schie- nen. Sie fühlen sich offen bar in Hinsicht auf die Kindererziehung als Haupt- zuständige. Auch wenn die meisten der befragten Frauen durch aus berufstätig sind, sehen sie den größten Part der Ver antwor tung für die Erziehung bei sich. Die Diskussions runden mit den Eltern der Spät aussiedler aus Russ land fanden auf Deutsch statt, wobei die Teilnehmerinnen unter einander bevor zugt russisch sprachen. Bei allen war ein deut lich hörbarer Akzent fest stell bar. Alle sind in Russ land geboren, im Durchschnitt sind sie seit ca. 5 Jahren in Deutsch- land. Der wichtigste Grund, Russ land zu ver lassen, war für die meisten die wirtschaft liche Lage, die wenig Perspektive (auch für die Kinder) bot. „Die wirtschaftliche Situation in Russland ist total schlecht, außerdem hatte ich für meine beiden Söhne große Angst vor der Armee.“ (Vater, Russland) „Ich bin wegen meiner Tochter nach Deutschland gekommen. Sie soll es mal besser haben.“ (Vater, Russland) Die aus Russ land spät ausgesiedelten Mütter und Väter sehen sich selber als „zwischen zwei Stühlen“ sitzend: Sie fühlen sich in Deutschland als Russen, in Russ land als Deutsche behandelt. „Ich bin als deutsche Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen und in Russland habe ich gefühlt, dass ich zu dieser Nationalität gehöre. Und als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich plötzlich gefühlt, dass ich Russin bin. Das ist meine Kultur, meine Mentalität, und da bin ich auch stolz drauf.“ (Mutter, Russland) Daher sieht sich die Mehrheit als russische Zuwanderer, der Bezug zu deut- schen Vorfahren wird nur ver einzelt hergestellt und betont. 125 „Ich bin Spätaussiedler, aber nach acht Jahren in Deutschland würde ich sagen, dass ich zu 60 % russisch und zu 40 % deutsch bin. Weil alle meine Vorfahren deutsch sind, aber seelisch bin ich immer noch in Omsk.“ (Vater, Russland) Alle berichten von er lebten Diskriminie rungen in Deutschland, vor allem auf- grund der Sprache. Man hat das Gefühl, dass der hörbare Akzent bei den Deutschen den (un begründeten) „Ver dacht“ auslöst, dass man beruf lich nicht so viel leisten kann, wie ein Deutscher. Vor diesem Hintergrund zeigen sich drei Eltern deut lich unzu frieden. Sie berichten von jahrelanger Arbeits losig keit bzw. von Problemen, einen der in Russ land genossenen Ausbil dung adäquaten Job zu bekommen. „Wir leisten mehr als Deutsche, wir müssen uns mehr bemühen, um etwas zu er- reichen.“ (Vater, Russland) „Ich fühle mich nicht als Russe. Aber die Deutschen sehen mich so: Ich mache die gleiche Arbeit wie ein Deutscher und bekomme viermal weniger, weil ich keine deutsche Ausbildung habe. Meine Ausbildung in Russland wird nicht anerkannt, obwohl sie sehr gut war.“ (Vater, Russland) Nur drei der befragten Eltern zeigen sich wirk lich zufrieden, und drei finden zwar das Leben in Deutschland „bequem“, ver missen allerdings „mensch liche Wärme“. Dies sei auch Ausdruck ihrer „russischen Mentalität“: Russen seien emotionaler, gehen stärker auf andere zu, „empfangen Fremde warm und zuvor- kommend“. „Ich fühle mich natürlich total von der russischen Kultur angezogen, ich bin Russin. In Deutschland ist es schon sehr bequem zu leben, aber von der Atmosphäre her finde ich es auffällig kalt.“ (Mutter, Russland) Entsprechend habe man in erster Linie aus „Gleichgesinnten“ zusammen ge- setzte Freundes kreise, die eben falls aus Russ land stammen. Dies erachtet man als sehr wichtig, da die Deutschen „grundsätz lich zu kalt und zu distanziert“ seien. „Ich werde hier nicht anerkannt, deshalb ist es sehr gut, einen russischen Kreis zu haben, in dem sich die Leute miteinander verstehen.“ (Vater, Russland) Türkisch stämmige Kinder und Jugend liche und deren Eltern Die türkisch stämmigen Kinder und Jugend lichen unter scheiden sich ledig lich in einem Punkt: Je jünger sie sind, desto weniger stellt sich die Identitäts frage als Problem dar. Zumeist haben sich die 12- bis 15-Jährigen mit dem Thema noch gar nicht auseinander gesetzt und zeigen sich von der Frage über rascht. 126 Die Antwort ist dann allerdings bei allen gleich: „Wir sind Türken, die in Deutschland leben.“ Man spricht selbst verständ lich mit den Freunden deutsch – auch wenn sich der Freundes kreis durch aus „gemischt“ gestaltet – und in der Familie türkisch und fühlt sich in beiden Identitäten „zu Hause“. „Zu Hause spreche ich türkisch, mit meinen Freunden deutsch.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) Den „gemischten“ Freundes kreis führen die Kinder und Jugend lichen darauf zurück, dass in der Schule ein großer Ausländer anteil ist, sodass sich diese multikulturellen Freund schaften „von selber“ ergeben. „Meine Freunde sind mehrheitlich Türken. Kam so durch die Grundschule, da war man mehr mit Türken zusammen und jetzt kennt man die halt besser als die Deut- schen.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) Entsprechend zählen neben deutschen und türkischen Kindern auch Klassen- kameraden aus dem Libanon oder aus Afghanistan zum engeren Freundes- und Bekannten kreis. Über spezielle Diskriminierungs erfah rungen berichten weder die Kinder noch die Jugend lichen. Die türkisch stämmigen Eltern sind über wiegend in Deutschland geboren, einige wenige der er schienenen Frauen sind sogenannte „Heirats migrantinnen“. Die Proband Innen sprechen in den Gruppen türkisch, zeigen sich glück lich, in „ihrer“ Sprache miteinander reden zu können. Wenige Frauen, die Kopftuch tragen, berichten von einschlägigen Vorurteils erfah rungen: „Ich habe als Kopftuchträgerin als Objektleiterin gearbeitet und ich wurde von den Kollegen nicht freundlich empfangen. Nachdem ich den Schleier abgelegt habe, wurde ich akzeptiert.“ (Mutter, Türkei) Andere zeigen sich moderner und können diese Erfah rungen für sich nicht bestätigen. Die Türkei ist die „Heimat“, die man liebt. „Ich bin in Deutschland aufgewachsen, fühle mich daher hier wohler als in der Türkei. Trotzdem liebe ich meine Heimat Türkei.“ (Mutter, Türkei) Trotz allem fühlt man sich jedoch in Deutschland wohler als in der Türkei, bei Türkei aufenthalten ver misst man Deutschland. „Obwohl ich regelmäßig in der Türkei bin, vermisse ich dann Deutschland.“ (Mutter, Türkei) 127 Vergleich der beiden Popula tionen Die Gruppen der Personen mit türkischem Migrations hintergrund unter schei- den sich von denen der Spät aussiedler aus Russ land in erster Linie durch eine längere und damit intensivere Migrations erfah rung. Bereits die befragten Eltern mit türkischem Migrations hintergrund zählen mindestens zur zweiten Genera tion. Je jünger die befragten Kinder bzw. Jugend lichen sind, desto weni- ger haben sie sich bislang mit der Identitäts frage auseinander gesetzt. Über einschlägige Diskriminierungs erfah rungen berichten in dieser Gruppe ledig- lich die Mütter, die sich (durch das Tragen eines Kopftuches) äußer lich sicht bar zu ihrer Religion bekennen. Dennoch fühlen sich alle Probanden mit türki- schem Migrations hintergrund in Deutschland zu Hause und sicher. Während die Mütter durch die Verwen dung der türkischen Sprache unter einander noch einen stärkeren Bezug zur früheren Heimat auf weisen, sprechen die Jugend- lichen und Kinder unter einander wie selbst verständ lich Deutsch, dies ist für sie die Alltags sprache, mit der sie sich innerhalb der Peergroup bewegen. Pro- banden aus Russ land zeigen sich zumindest über die Sprache zumeist stärker „heimat verbunden“: Sowohl die Eltern als auch die 16- bis 19-Jährigen spre- chen unter einander russisch, wird ins Deutsche gewechselt, ist bei Eltern und Jugend lichen ein deut licher Akzent zu ver zeichnen. Fast alle Kinder und Jugend lichen sind im (Klein-)Kindalter mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, zählen in diesem Sinne also zur ersten Genera tion. Entsprechend fällt es ihnen schwerer, für sich eine klare Identitäts-Defini tion zu ent wickeln: Man ist noch nicht so weit wie viele Personen mit türkischem Migrations- hinter grund, die sich eine eigene „Zwischen-Identität“ als „Türke in Deutsch- land“ geschaffen haben, sondern „rudert“ noch hin und her, indem man sich „prozentual“ leicht stärker der „alten“ Heimat (Russ land) ver bunden fühlt. Dies wird nur durch die ganz jungen Teilnehmer auf gehoben: Für sie ist klar, dass das Geburts land – bei einigen Deutschland, bei den meisten Russ land – die Identität jeweils stärker bestimmt. Stärker als die türkische Ver gleichs- gruppe berichten die er wachsenen Spät aussiedler aus Russ land über Vorurteils- erfah rungen. Insbesondere beruf lich sind ihnen seit ihrer Ankunft viele Steine in den Weg gelegt worden: Russische Schulabschlüsse/Berufs ausbil dungen werden nicht anerkannt, man arbeitet „unter Wert“ und sieht sich nicht zuletzt auch auf grund des hörbaren Akzents vielen beruf lichen Vorurteilen aus gesetzt. Den geringsten Unterschied in ihrer Selbst wahrneh mung weisen die 12- bis 15-jährigen Kinder auf: Weder der türkische noch der russische Migrations- hintergrund spielt für ihr Selbst verständnis – bislang – eine Rolle. Dieses Ergebnis dürfte stark dem Entwicklungs stand der Kinder dieser Alters gruppe geschuldet sein: Die Peergroup beider Gruppen ist v. a. durch Kinder mit Migrations hintergrund geprägt, so dass Diskriminierungs erfah rungen bislang nicht wahrgenommen bzw. spielerisch umgangen werden konnten. 128 6.3 Medien ausstat tung und Nutzungs präferenzen Medien ausstat tung Alle Familien sind mit den „gängigen“ Medien bestens aus gestattet: Über einen Fernseher ver fügen alle Haushalte, die meisten Kinder haben zudem ein eigenes Gerät im Kinderzimmer, das sie, je nach individueller Situa tion, mit den Geschwistern teilen. Ähnlich sieht es mit dem PC aus: Nahezu alle Be- fragten mit russischem Migrations hintergrund ver fügen im Haushalt über einen PC/Laptop, nur 2 Befragte mit türkischem Migrations hintergrund können zu Hause keinen Computer nutzen. Auch hier berichten viele Kinder und Jugend- liche, dass sie ent weder am PC der Eltern arbeiten bzw. darüber ins Internet gehen oder aber sich mit mehreren Geschwistern einen PC teilen. Dass MP3- Player und Digicam eben falls fast flächen deckend vor handen sind, liegt vor allem daran, dass die Handys mittlerweile fast alle mit diesen Features aus- gestattet sind. Ver gleicht man die beiden Migrations gruppen, fallen tendenzielle Unter- schiede ins Auge: Von 27 Diskussions teilnehmern, die einen russischen Migra- tions hintergrund auf weisen, ver fügen mit 26 Personen bzw. Haushalten nahezu alle über einen Internet zugang. Dies fällt in den teilnehmenden Haushalten mit türkischem Migrations hintergrund leicht geringer aus. Umgekehrt waren die Diskussions teilnehmer aus den türkischen Haushalten tendenziell besser mit Spiel konsolen aus gestattet. Wichtig keit und Nutzung Fernseher, Handy, PC (Laptop) und Internet zugang gelten bei den meisten als nahezu un verzicht bar. Dabei über nehmen die ersten drei genannten Medien zumeist unter schied liche Funktionen: Der Fernseher gilt vor allem bei den Kindern/Jugend lichen als „Medium gegen Langeweile“; den Eltern ist er zudem wichtig für die aktuelle Informations aufnahme. Das Handy wird spon- tan vor allem für die Erreich bar keit genutzt; Kinder und Eltern bezeichnen es als wichtig, wenn man in einer „Notlage“ ist. Das Handy ist das Medium, das in den Haushalten so häufig vor handen ist, wie es Familien mitglieder gibt – oft berichten die Kinder/Jugend lichen zudem, dass der Vater oder die Mutter über zwei Handys ver fügen. Die Wichtig keit des PC/Laptops rührt vor allem daher, dass es ohne ihn nicht möglich ist, das Internet zu nutzen. Vor allem Kinder und Jugend liche geben an, den PC fast aus schließ lich dazu zu nutzen, sich ins Internet einzu- wählen. Einige Teilnehmer betonen, der PC mit dem dazu gehörigen Internet- anschluss ersetze mittlerweile einige der anderen Medien: So könne man über das Internet Filme schauen, Musik hören, kaufen und ver kaufen etc. 129 Die Wichtig keit von Internet, Handy, PC/Laptop und Fernseher zeigt sich auch im Ranking der einzelnen Medien. Diese vier Medien gehören unmittel- bar zum Alltag der Befragten, man nutzt sie täglich, sie sind aus dem Alltags- leben nicht mehr wegzu denken. Tendenzielle Unterschiede im Ranking zeigen sich im Geschlecht: Das Handy ist eher für Mädchen wichtig (15 von 17 vs. 12 von 17), Jungen geben tendenziell dem PC/Laptop den Vorzug (16 von 17 vs. 9 von 17). Das im Ver gleich zu den russisch stämmigen Befragten geringere Interesse der türkisch stämmigen Befragten an Internet und PC/Laptop ist in erster Linie auf die Haltung der türkisch stämmigen Mütter zurück zuführen. Sie gehören zumeist zu der Gruppe der gering Gebildeten. Auch im weiteren Gesprächsverlauf wird deut lich, dass auf ihrer Seite die größten Unsicher- heiten im Umgang mit den neuen Medien – insbesondere dem Internet – zu ver zeichnen sind. Mit dem Fernseher sind die Befragten sozialisiert, vor allem ältere Jugend- liche sehen aber seine Ersetz barkeit durch das Internet bzw. die Möglich keit, über den PC Filme (ent weder als Download oder als Leih-DVD) zu nutzen. Vor die Wahl gestellt, würde man ent sprechend eher auf den Fernseher als auf einen internet fähigen PC ver zichten. Einen wichtigen Vorteil vor dem Fern seher hat auch die Portabilität von Handy und Laptop. Die meisten Kinder/ Jugend lichen wünschen sich daher – sofern noch nicht vor handen – einen internet fähigen Laptop, den man dann „auch mal mit zu Freunden nehmen kann“. MP3-Player nutzt man im Gegensatz zu den vier Spitzen reitern nicht täg- lich, sondern eher in Einzelfällen („wenn mir unter wegs langweilig ist“). Entsprechend landet dieses Medium auf einem eher hinteren Rang. Zudem ver fügen mittlerweile auch viele Handys über die Möglich keit, Musik zu speichern und abzu spielen. Tages zeitung und Radio ver danken ihren sechsten bzw. siebten Platz im Ranking den Jugend lichen zwischen 16 und 19 Jahren. Für die Kinder zwischen 12 und 15 Jahren sind diese beiden Medien nicht relevant. Insbesondere die Tages zeitung wollten viele der 12- bis 15-jährigen Kinder beider Migrations- gruppen aus ihrem Ranking komplett streichen. Das Radio ist als integrierter Bestand teil anderer elektroni scher Medien bereits so selbst verständ lich, dass es als eigenes Medium zumindest bei den jüngeren Kindern keinerlei Relevanz mehr besitzt und laut ihren Aussagen auch nicht gezielt ein geschaltet wird. Die regelmäßige Nutzung pendelt sich vor allem bei den Medien Internet, Handy, Computer/Laptop und Fernseher ein und bestätigt damit das zuvor beschriebene Ranking. Es scheint, als seien die übrigen Medien eher Zusatz- medien, die in bestimmten Situa tionen oder Stimmun gen genutzt werden, nicht aber zum täglichen Gebrauch bestimmt sind. 130 Im Nutzungs repertoire der elektroni schen Medien über haupt nicht mehr vor handen ist der Platten spieler. Er gilt als „vorsint flut liches Relikt“, nur einige der Spät aussiedler aus Russ land geben an, in der „alten Heimat“ noch „so ein Gerät“ zu haben. Ein ähnliches Schicksal teilt der Kassetten rekorder, und auch der Walkman gehört zu den Medien, an die man sich kaum mehr erinnert. 6.4 Medien kompetenz Im Folgenden werden das Wissen, die Fähig keiten und die Fertig keiten im Umgang mit den Medien Handy, PC / Laptop, Internet, Spiele/Spiel konsolen sowie Fernsehen näher beleuchtet. Dabei wird auf der einen Seite der Wissens- und Fähigkeits stand der befragten Kinder und Jugend lichen beschrieben, auf der anderen Seite wird dargelegt, wie die Eltern mit den einzelnen Medien umgehen, welche Kompetenz sie sich selber und ihren Kindern zuschreiben und wie sie ver suchen, mit Gefahren einzelner Medien umzu gehen. Die ver- schiedenen Aspekte der Wissens-, Reflexions- und Handlungs dimension wer- den pro unter suchtem Medium zusammen gefasst beleuchtet. Anhand einer imagi nierten Recherche aufgabe wird zusätz lich der Medien umgang der Kinder und Jugend lichen über die Medien hinweg betrachtet. Auf Unterschiede hin- sicht lich Migrations gruppe, Alter und Geschlecht wird gesondert hin gewiesen. Handy Das Handy gehört bei allen befragten Kindern und Jugend lichen – unabhängig vom Herkunfts land – zur medialen Grund ausstat tung. Auch die Jüngeren ver- fügen zum Teil bereits seit mehreren Jahren über ein eigenes Handy; das „Einstiegsalter“ liegt bei allen Kindern bzw. Jugend lichen zwischen 10 und 12 Jahren. Der Wunsch nach einem Handy ist bei den meisten befragten Kin- dern und Jugend lichen dadurch aus gelöst worden, dass „alle“ in der Peergroup über eines ver fügen und man selber nicht zurück stehen wollte. Zum Teil be- richten die Kinder/Jugend lichen, ihre Eltern erst (z. B. mit guten Schulnoten) zu einem eigenen Handy über redet zu haben. Bei vielen war das erste Handy dann ein Gebrauchtes von den älteren Geschwistern oder den Eltern selber.m „Das, was ich davor hatte, war ein Handy aus dem Mittelalter.“ (Mikhael, 12 Jahre, Russland) „Ich habe das alte von meinem Bruder bekommen.“ (Alina, 13 Jahre, Russland) „Meine Eltern haben erst gesagt, du bist noch zu jung für ein Handy, da musste ich sie erst mal ein bisschen überreden. Ich habe ihnen gesagt, dass alle meine Freunde auch eins haben. Das hat genutzt.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) 131 Bei der Wahl des ersten – gebrauchten – Handys zeigen sich die Eltern prag- matisch: Dies sei zum einen kosten günstiger gewesen, zum anderen habe das Kind erst einmal „lernen können, wie man damit umgeht“, um dann später im Umgang mit einem Handy „nach Wunsch“ souveräner zu sein. „Ich fand es sinnvoller, ihr erst mal ein altes zu geben. Wenn sie damit dann Unsinn macht, ist der Verlust nicht so groß.“ (Mutter, Russland) „Ich wollte erstmal sehen, ob er es nur haben wollte, weil alle eins haben, oder ob er es auch benutzt.“ (Mutter, Türkei) In der Wahl des Wunsch-Handys zeigt sich eben falls eine starke Orientie rung an der Peergroup: „Ich habe das, das alle in meiner Umgebung haben“. Wich- tigste Features sind für die befragten Kinder/Jugend lichen die Möglich keit, mit dem Handy Musik hören, fotografieren und spielen zu können. „Für mich war wichtig, Musik hören zu können, es muss laut sein.“ (Artur, 16 Jahre, Russland) „Fotografieren, MP3 hören und spielen ist mir wichtig.“ (Slava, m, 18 Jahre, Kristina, 13 Jahre, Russ land/Cangül, w, 16 Jahre, Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Ich höre viel Musik damit.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) „Dass es laut ist, dass man es zum Musikhören nutzen kann.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) Im Blick auf Aussehen und Ausstat tung finden sich klare Geschlechts unter- schiede: Für Mädchen muss es vor allem „elegant“ aus sehen: „Viel Speicher, Aussehen … meine ganze Gegend [soziale Umgebung] hat das gleiche Handy.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Mir ist das Design wichtig, es muss elegant aussehen, flach und schick.“ (Anna, 18 Jahre, Russland) „Das Wichtigste ist das Design des Handys, klein, flach und schön.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Die Form muss schmal und nicht so dick sein, dann ist das Akku auch wichtig, da habe ich mich beraten lassen.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) Für Jungen steht die techni sche Ausstat tung an erster Stelle: Speicherkapazität, Fotoqualität und Stärke des Akkus wurden von ihnen immer wieder genannt:n „Mir war wichtig, dass es Musik spielen kann, eine Kamera hat, viel Megapixel, da habe ich drauf geachtet.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Fünf Megapixel muss es mindestens haben.“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) 132 „Ich habe darauf geachtet, wie gut die Qualität ist, die allgemeine Fotoqualität.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Speicherplatz und Kamera.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Meine erste Frage ist nach dem Akku.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) Bei der Auswahl, die die Eltern zumeist den Kindern über lassen, lassen sich die Befragten von Freunden, Werbespots und Anzeigen „beraten“. Man fühlt sich auf der „sicheren“ Seite, wenn man „das Allerneueste“ und damit der Peergroup gegen über einen Vorsp rung hat. „Ich habe das Allerneueste, dann haben die anderen mir das nachgekauft.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Ich gucke bei den Freunden rum.“ (Alina, 13 Jahre, Russland) Je älter die Befragten, desto intensiver findet eine Informations recherche statt. Statt sich nur auf Ratschläge von Freunden zu ver lassen, werden Zeitschriften oder Experten in ent sprechenden Läden zu Rate gezogen. Ein Unterschied zwischen den Migranten gruppen lässt sich hier nicht finden. „Erst mal sieht man das Modell im Fernsehen. Dann geht man in den Handyladen und lässt sich da informieren.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Man nimmt sich Beispiele, ich mache das über Fernsehen oder Zeitschriften.“ (Dogan, 19 Jahre, Türkei) Die Einrich tung des Handys haben ent weder der (technikaffine) Vater, ältere Geschwister (oft Brüder) oder Freunde über nommen. „Ich lasse mich da selber beraten, zum Beispiel von meinem Bruder, ich denke, der hat mehr Erfahrung und kennt sich damit aus.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Mein Vater macht mir die Programme drauf.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) „Fort geschrittene“, die bereits über ein zweites oder drittes Handy ver fügen, richten selber ein. So haben mehrere der Jugend lichen auch ihren Müttern bei der Wahl des neuen Handys beratend zur Seite gestanden. „Mein Vater hat mein erstes Handy eingerichtet. Mittlerweile kann ich das selbst.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) „Ich habe das selber eingerichtet. Ist ja jetzt mein drittes Handy, irgendwann kann man das. Vorher habe ich mir das von Freunden zeigen lassen.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) 133 „Meine Mutter wollte sich ein neues Handy kaufen und hat von so was überhaupt keine Ahnung Da bin ich dann mitgegangen, und wir haben uns beraten lassen.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) Internet oder Fernsehfunk tionen hat niemand. Hier zeigen sich sowohl die Kinder als auch die Jugend lichen erstaun lich differenziert: Diese Features seien zu auf wendig und auch zu teuer, als dass man sie nutzen würde. Würde sich allerdings die Kosten frage nicht stellen, wären zumindest die Jungen – unabhängig vom Migrations hintergrund – begeistert von dieser Möglich keit. „Manche Handys haben die Möglichkeit, ins Internet zu gehen, das würde ich nie machen, das ist mir zu teuer.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Wenn das nicht so teuer wäre, würde ich es machen.“ (Salia, w, 16 Jahre, Türkei) „Nein, Fernsehen kann mein Handy nicht, will ich aber auch gar nicht wegen der Kosten.“ (Oleg, m, 15 Jahre, Russland) Zumindest bei den 12- bis 15-Jährigen scheint die eigent liche Aufgabe des Handys – anrufen und an gerufen werden – nicht auf Platz 1 in der Rang folge zu stehen. Hier über nimmt das Handy eher die Funktion eines „Sitten wäch- ters“: Die Eltern bestehen z. B. darauf, von unter wegs an gerufen zu werden, in dem Bestreben, „jederzeit zu wissen, wo sich mein Kind gerade aufhält.“ Diese „Kontroll funk tion“ nutzen sowohl Eltern mit russischem als auch mit türkischem Migrations hintergrund. „Meine Mama anrufen, nach der Schule. Wenn ich nach Hause komme, sage ich ihr Bescheid.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Ich rufe meine Mutter an, wenn ich z. B. länger bei einem Freund bleibe oder so.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Meine Mutter lässt mich nicht raus, wenn ich mein Handy nicht dabei habe, denn sie möchte dann immer, dass ich erreich bar bin.“ (Michelle, 15 Jahre, Russ land) „Ich habe ein Handy, seit ich in der ersten Klasse war. Mein Vater musste mich immer erreichen, weil ich immer zum Training fahren musste.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) „Kurz Bescheid sagen, wann man kommt.“ (Burak, m, 12 Jahre, Türkei) Für die 16- bis 19-Jährigen dagegen ist die wichtigste Funktion des Handys die Kommunika tion, wobei längere Telefonate auch für sie nicht im Mittel- punkt stehen, eher das „schnelle Kontaktieren“, um sich zu ver abreden. SMS und Telefonieren stehen sich dabei in nichts nach. „Das Telefonieren ist das Allerwichtigste.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) 134 „Die Erreichbarkeit, dafür ist das Handy da.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „SMS, wenn man gerade nicht sprechen kann, oder gleich anrufen.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Es ist eigentlich nur dafür gedacht, dass man sich kurz verabredet. Nur wenn man sich länger nicht sieht, dann erzählt man sich auch was.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Die „Kontroll funk tion“ durch die Eltern erleben auch die jugend lichen Be- fragten zwischen 16 und 19 Jahren – hier sind es allerdings vornehm lich Jugend liche mit türkischem Migrations hintergrund, die davon berichten. Wäh- rend die Kinder die ständige Erreich bar keit für die Eltern kaum in Frage stellen, zeigen sich die Jugend lichen hier tendenziell ver ärgert und ver suchen, die Eltern auszu tricksen. „Die [Eltern] rufen dauernd an, ich sage immer, ich komme gleich nach Hause und nach einer Stunde rufen sie wieder an.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Es ist ja auch okay, wenn die Eltern mal fragen, wo bist du, was machst du, wann kommst du. Das nervt aber auch manchmal.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) „Abschalten geht ja nicht, weil dann mein Vater sagt, dass ich es gar nicht brauche. Aber ich gehe manchmal nicht ran.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) Die türkische Elterngruppe gibt diese Kontroll funk tion auch ohne Zögern zu: „Mit dem Handy kann man die Kinder gut kontrollieren, wenn was passiert, können sie sich jederzeit bei den Eltern melden.“ (Mutter, Türkei) „Meine Kinder haben alle ein Handy. Dient nur der Erreichbarkeit, nicht zur Unter- haltung.“ (Mutter, Türkei) „Da hat man die Kinder auch ein bisschen mit unter Kontrolle. Aber ich weiß, dass meine Kinder schlau sind.“ (Mutter, Türkei) Je älter die Befragten, desto wichtiger wird die SMS-Funktion. Die ver wen- dete Sprache der Jugend lichen mit türkischem Migrations hintergrund für SMS ist deutsch, da es in erster Linie dem Kontakt mit der Peergroup dient, mit der man sich auch im Alltag zumeist auf Deutsch unter hält. Jugend liche Spät- aussiedler aus Russ land kontaktieren per SMS eben falls in erster Linie ihre gleichaltrigen Freunde in Deutschland. Solange es sich um russisch sprachige Freunde handelt, ist die ver wendete SMS-Sprache häufig russisch, allerdings zumeist mit lateini schen Buchstaben. Dies liegt allerdings weniger an den Features des Handys als vielmehr daran, dass man kyrillisch häufig besser handschrift lich als über Tastaturen beherrscht. Dies „dauert“ zu lange, wes- halb man sich mit den lateini schen Buchstaben in der „eigenen“ Sprache be- 135 dient. Von einer Kommunika tion per SMS mit Ver wandten/Freunden in der Türkei bzw. in Russ land war dagegen in den Gruppen diskussionen keine Rede. Das Handy scheint für eine derartige „Brücken funk tion“ zwischen Herkunfts- und Ankunfts gesell schaft keine große Rolle zu spielen. Vielmehr erwies sich für die Kommunika tion mit der Ver wandt schaft im Herkunfts land das Internet als relevant, wie später noch gezeigt wird. Eine spontane Antwort auf die Frage nach den Gefahren des Handys war bei jugend lichen Mädchen – unabhängig vom Herkunfts land – das „Strahlen- Risiko“, vor dem vor allem die Mütter „immer warnen“ würden. Die Mütter scheinen in ihrer auf mangelnde Kompetenz zurück zuführenden Hilflosig keit auf sämt liche Risiken, die sie in Zeitschriften oder Fernsehberichten finden, zurück zugreifen, um den Handygebrauch der jungen Mädchen einzu schränken. Diese Warnun gen treffen bei den befragten Jugend lichen allerdings auf wenig Gehör: Sie glauben nicht daran. „Die Strahlen sollen schädlich sein. Hat zumindest meine Mutter gesagt, aber ich nehme das nicht ernst.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Strahlung, ich habe aber noch nichts davon bemerkt.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Ich glaube nicht an dieses Gerücht mit der Strahlung.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Andere Gefahren werden in „Kostentricks ereien“, wie z. B. bei Klingelton- Abonnements, die man ver sehent lich ein geht, oder in teuren Rückrufnummern gesehen. Vor allem Jungen haben diese Erfah rungen am eigenen Leib gemacht, andere haben zumindest im Freundes- und Bekannten kreis davon gehört. Eine gewisse Vorsicht lassen mittlerweile alle walten, und sei es, um Ärger mit den Eltern zu ver meiden. „Ich habe aus Versehen so ein Abo gemacht. Spy Game. Das war so ein Internetstand, da bekam man ein Gratisspiel. Da habe ich meine Handynummer eingegeben, die haben mir ein Passwort geschickt, das habe ich im PC eingegeben und dann stand da, ‚Ihr Abo wird gebucht‘. Ich wusste nicht, wie ich das wegmachen kann.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Mir ist das mal passiert, als ich kleiner war, da hatte ich plötzlich so ein Abo und da wurde immer Geld abgezogen, bis ich nichts mehr hatte. Dann habe ich die Karte weggeworfen. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass ich das hätte kündigen können.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Ich musste meinem Vater versprechen, dass ich vorsichtiger bin, sonst würde er mir das Handy abnehmen. Seitdem mache ich da auch nichts mehr.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Mein Bruder hat mir von solchen Sachen erzählt. Dem ist das passiert und seitdem passe ich auf.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) 136 „Meiner Klassenlehrerin ist das mit diesen teuren Rückrufnummern passiert.“ (Mikhael, 12 Jahre, Russland) Weitere Risiken, wie z. B. die un gefragte Weiterlei tung von Bildern oder das Phänomen des „happy slapping“, scheinen dagegen als Gefahren potenziale der alltäg lichen Handynut zung wenig präsent zu sein. Die Kinder und vor allem die Jugend lichen zwischen 16 und 19 Jahren kennen diese Gefahren zwar aus dem Freundes- und Bekannten kreis, und auch mitgefilmte Prügeleien sind aus der Schule bekannt, man ist aber selber damit – angeb lich – noch nicht konfrontiert worden. Zwar wird als Vorsichts maßnahme an gegeben, dass man Bilder nur im engsten Freundes kreis ver schicke, ansonsten sind diese Phänomene für die Kinder und Jugend lichen in den Gruppen diskussionen kaum Thema. Einzig in der Gruppe der türkisch stämmigen Jugend lichen wird der Sach verhalt etwas lebhafter diskutiert. Hier wird zum Beispiel berichtet, dass an einer Schule seit einem solchen Zwischen fall Handy verbot bestehe.m „Ich schicke keinen Leuten Bilder von mir oder so, nur meinen Freunden.“ (Kristina, w, 13 Jahre, Russland) „Auf meiner alten Schule war ein Mädchen, die hatte ein Video von sich selbst und das hat sie einer Freundin im Vertrauen weitergeschickt über Bluetooth. Und am Ende hatte das die ganze Schule und sie hat sich dafür geschämt.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Mir ist das auch schon passiert, auf einer Klassenfahrt hat mich einer beim Duschen aufgenommen, der hat es nicht verschickt, aber gezeigt.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „An unserer Schule wurde ein Junge verprügelt und alle standen drum herum und haben das aufgenommen. Dann gab es auch Handyverbot an der Schule, das besteht immer noch.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) Auch in den Elterngruppen werden Gefahren wie Mobbing per Handy oder „happy slapping“ kaum wahrgenommen. Zwar gibt es in der Hinsicht ein diffuses Gefahren bewusstsein, was sich darin äußert, dass zum Beispiel SMS der Kinder kontrolliert werden: „Auch ich kontrolliere, meine Tochter weiß das. SMS schaue ich mir an. Das tue ich nur deswegen, um zu sehen, ob meine Kinder negativen Einfluss haben.“ (Mutter, Türkei) Direkt wird von den Eltern auf gewalthaltige Bilder oder Videos nicht ein- gegangen. Stattdessen werden eher die hohen Kosten als Gefahren quelle ge- nannt. Außerdem meinen sie, durch Erklä rung und Anlei tung die Kinder/ Jugend lichen aus reichend schützen zu können: 137 „Gleich von Anfang an erklären. Das habe ich beiden Kindern beigebracht, über Handy nur wichtige Informationen mitzuteilen, wenn du klatschen willst, dann Fest- netz.“ (Mutter, Russland) Zusätz lich wird von den Eltern das Spielen am Handy kritisch ein geschätzt, da man es kaum unter binden könne: „Sie benutzen dieses Handy auch als Spielkonsole. Mein Sohn spielt immer, überall, ich kann es nicht kontrollieren. Bei Computer oder Internet kann ich es machen, aber beim Handy nicht. Deshalb kaufe ich meinem Sohn nur ganz einfache Geräte und billige.“ (Vater, Russland) Die Zahlung der Handykosten ist unter schied lich geregelt und stark vom Alter der Befragten ab hängig: Während die 12- bis 15-Jährigen fast durch gängig eine – von den Eltern als zusätz liches Taschen geld finanzierte – Prepaidcard (im Durchschnitt ca. 15 Euro) haben, ver fügen vor allem Ältere aus der Gruppe der 16- bis 19-Jährigen mittlerweile über ein Ver trags-Handy. Allerdings be- richten auch diese Befragten, anfangs ein Karten-Telefon besessen zu haben. Je älter die Kinder werden, desto mehr trauen die Eltern ihnen einen ver ant- wortungs- und kosten bewussten Umgang mit dem Handy zu, und es werden Ver träge ab geschlossen. Auch diese Kosten werden zum Teil von den Eltern über nommen oder vom Taschen geld selbst bestritten. „Kein Vertrag, nein, eine Karte. Ich bekomme einmal im Monat von meinen Eltern eine Karte für 15 Euro. Wenn die früher leer ist, bekomme ich eine neue.“ (Hatice, w, 14 Jahre, Türkei) „Erst Prepaid, dann Vertrag.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Nee, nicht sofort Vertrag. Die wollten auch erst sehen, wie ich damit klarkomme.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) Im Durchschnitt berichten die Kinder von Handykosten zwischen 10 und 20 Euro im Monat, bei den 16- bis 19-Jährigen liegt der Durchschnitt mit 15 bis 40 Euro monat lich etwas höher. Nur selten berichten Befragte mit türkischem Migrations hintergrund, die mit Ver trag telefonieren, über deut lich zu hohe Kosten, was unmittel bar von den Eltern bestraft wurde, indem man diese Kosten selber tragen musste. Ein Handy verbot vonseiten der Eltern er- folgt hier aber nicht, was den befragten Jugend lichen durch aus bewusst ist: „Die würden sich ja ins eigene Fleisch schneiden, indem sie mich nicht mehr kontrollieren können“. Insbesondere die befragten Jugend lichen mit türkischem Migrations hintergrund scheinen sich der Wichtig keit des Handys als „Kontroll- instrument“ der Eltern sehr sicher zu sein: Man ist in dem Bewusstsein, dass die Eltern das Handy nie komplett ent ziehen würden, leichtsinniger als die 138 Alters genossen mit russischem Migrations hintergrund, über schreitet auch schon mal die von den Eltern gesetzten Grenzen. „Ich hatte mal eine Rechnung über 75 Euro, weil ich von Base aus einen Kollegen mit D2 angerufen habe. Ich wusste nicht, dass das so teuer ist. Da war mein Vater ziemlich sauer. Die musste ich von meinem Taschengeld bezahlen.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Ich hatte erst einen Vertrag, mein Vater hat gesagt, ich darf 40 Euro nicht über- schreiten. Ja, und dann habe ich aber doch über 40 Euro auf der Rechnung gehabt, da hat mein Vater mir dann die Vertragskarte weggenommen, und seitdem benutze ich eine normale Karte und bekomme im Monat 15 Euro Guthaben.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Mein Vater hat mir mein Handy mal abgenommen, weil die Rechnung zu hoch war. Aber meine Mutter hat ihn dann überzeugt, es mir wiederzugeben. Ich glaube, weil sie Angst hatte, dass ich dann nicht mehr erreichbar bin und auch in Notfällen nicht mehr anrufen kann. Wenn ich spät abends z. B. den Bus verpasse.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) In der Nutzung des Handys erleben die befragten Kinder und Jugend lichen kaum Reglements durch die Eltern. Ihnen ist vor allem wichtig, dass nicht „über Gebühr“ telefoniert wird und sie sehen es nicht gerne, wenn das Handy für Spiele genutzt wird. Da sie dies aber nicht erfolg reich unter binden können, ohne das Handy als Kontrollinstanz zu ver lieren, wird das Spielen still schwei- gend geduldet. Die Eltern hoffen hier auf die Ver nunft ihrer Kinder. Letztere (vor allem Jungen) unter laufen die „Mahnun gen“ ihrer Eltern in dem Bewusst- sein, dass sie ihnen in den meisten Fällen im Umgang mit dem Handy ein- deutig über legen sind. „Meine Mutter will nicht, dass ich Spiele auf dem Handy spiele, sie meint, ich soll mich lieber auf die Schularbeiten konzentrieren, ich mach es aber trotzdem manch- mal.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Das kann sie ja nicht kontrollieren, sie kann ja nicht sehen, dass ich gespielt habe.“ (Alexej, 13 Jahre, Russland) PC/Laptop und Internet Nahezu alle Teilnehmer der Gruppen diskussionen berichten, dass in ihren Haus halten mindestens ein PC bzw. Laptop – zumeist mit Internet zugang – vor handen ist. Leichte Einschrän kungen sind ledig lich bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund zu ver zeichnen: Hier sind es einige Mäd- chen, denen als Konsequenz nach unvorsichtigem Ver halten der Internet zugang bewusst ent zogen worden ist (s. u.). Für die Kinder/Jugend lichen ist der PC vor allem als „Medium für den Internet zugang“ wichtig; die reine Nutzung 139 des PC gehört zum selbst verständ lichen Alltag, ohne ihn ist die „normale Schularbeit“ nicht mehr denk bar. Auch wenn nicht alle über einen eigenen PC ver fügen, teilen sie ihn sich zumindest mit den Eltern oder Geschwistern. „Ich habe keinen eigenen, aber wenn ich was brauche, gehe ich zu meiner Mutter und kann dann ihren Rechner benutzen.“ (Michelle, 15 Jahre, Russland) „Ich teile mir auch mit meinen Eltern einen.“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) „Ich teile den mit meiner Schwester.“ (Alina, 13 Jahre, Russland) Teilt man „nur“ mit den Eltern, sieht man sich zumeist in der glück lichen Position, selber Haupt nutzer zu sein. Die Eltern ver wenden den PC fast nur als Kontakt mittel zur Ver wandt schaft in der Türkei bzw. Russ land, über lassen ihn ansonsten (vor allem im Glauben, dass die Kinder ihn für die Schule brauchen) den Kindern. Entsprechend war für die meisten Kinder/Jugend- lichen auch die Schule der Vorwand für die Anschaffungs- und Nutzungs- notwendig keit von PC und Internet zugang. Wissend, dass die Eltern den Inter- netmöglich keiten eher unerfahren gegen über stehen, werden schuli sche Belange vor geschoben, obwohl das Interesse – unabhängig von der Migrations gruppe – in erster Linie bei Unterhaltungs- und Kommunikations features liegt. „Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich einen für die Schule brauche, zum lernen.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Ja, ich habe ihnen gesagt, dass ich Mathe lernen muss. Aber eigentlich ist chatten oder Musikhören wichtiger.“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) „Für die Schule nutze ich das auch, dass ich z. B., wenn wir ein Referat schreiben müssen, nach bestimmten Themen ‚google‘. Aber die anderen Sachen sind mir wich- tiger.“ (Nicole, 16 Jahre, Russland) Ist man ein jüngeres Geschwisterkind, sieht es mit der Nutzung oft nicht so aus, wie man es gerne hätte: Die älteren Geschwister erheben stärkeren An- spruch auf den Rechner, sie begründen dies wiederum mit Schularbeiten. Meist steht der zu teilende Computer ent sprechend auch im Zimmer des älteren Ge- schwisters. „Ich teile mir das mit meinem Bruder.“ (Burak, m, 12 Jahre, Türkei) „Ich nutze das Teil mit drei Geschwistern.“ (Melika, w, 12 Jahre, Türkei) „Ich muss es mir mit meinem Bruder teilen, aber er nimmt es mir immer weg.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) Die wenigen Befragten, die zu Hause nicht die Möglich keit haben, ins Internet zu gehen, weichen auf die Schule, Freunde oder auch Internetcafés aus: 140 „Man kann ja auch in die Schule gehen und es dort machen, da ist ja auch Internet.“ (Nicole, w, 16 Jahre, Russland) „Ich kann in der Schule Internet nutzen.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Wir haben in der Schule eine Computer-AG, also auch mit Internetzugang, da geh ich dann ins Internet.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) Wichtigster Nutzungs grund ist für die Kinder/Jugend lichen der Zugang zum Internet: Es wird Musik gehört und downgeloaded, Filme an gesehen oder (vor allem Jungen zwischen 12 und 15 Jahren, s. u.) gespielt. Vielen – auch den ganz Jungen – ist dabei klar, dass das Internet die klassi schen Medien er- setzen kann. So ist die Zeitung aus den Köpfen der jungen Befragten zwischen 12 und 15 Jahren mehr oder weniger komplett ver schwunden. „Wenn man sich z. B. speziell über einen Verein informieren möchte, das geht ja mit der Zeitung gar nicht, da findet man so was nicht so einfach. Dann geht man einfach ins Netz und findet alles.“ (Michelle, 15 Jahre, Russland) „Weil es das größte Medium überhaupt ist, weil ich telefonieren kann, mir Filme downloaden kann, ich kann alles damit machen, alles angucken, alles lesen, Spiele online spielen.“ (Alexej, 14 Jahre, Russland) Auch die Tatsache, dass nicht alles, was im Internet steht, richtig ist, ist den meisten bewusst, wird aber, weil die Möglich keiten so unend lich sind und die Bedien bar keit so einfach er scheint, billigend in Kauf genommen. „Das Internet ist schneller und umfangreicher: Wo soll man denn sonst die Infor- mationen herbekommen?“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) „Da finde ich alle Informationen, die ich brauche, vielleicht auch mal fehlerhafte, aber ich kann sie bekommen. Auch Bilder, Filme, Bücher, alles.“ (Alexej, 14 Jahre, Russland) In der Schule wird nach Berichten der befragten Kinder/Jugend lichen heut- zutage der sichere Umgang mit dem Internet voraus gesetzt. Von speziellem Unter richt, der die notwendigen Fähig keiten und Fertig keiten einübt, wird da- gegen kaum gesprochen. Man empfindet sich eher als Autodidakt, der „durch Probieren“ die Hürden meistert. „Leitfiguren“ bei größeren Problemen sind in den seltensten Fällen Lehrer oder Eltern – der Elterngenera tion wird hier ins- gesamt wenig zu getraut – als vielmehr (ältere) Freunde oder Geschwister. „Bei uns wird das auch erwartet. Ohne Internet geht es nicht mehr, wer kein Internet hat, der hat auch keine Chance in der Oberstufe.“ (Michelle, 15 Jahre, Russland) 141 „Nee, an der Schule gibt es keinen, der einem hilft, das gibt es nicht. Aber ich komme schon zurecht. Einfach ausprobieren, dann geht es schon. Ansonsten frage ich halt einen Freund oder so.“ (Angelika, 17 Jahre, Russland) Die Einschät zung der eigenen Nutzungs dauer liegt in Abhängig keit vom Alter der Befragten zwischen zwei und vier Stunden täglich: Jungen zwischen 12 und 15 Jahren rühmen sich gerne, länger als die Freunde und Mitschüler am PC zu ver bringen, Mädchen spielen die eigene Nutzungs dauer gerne herunter, indem sie auf die über mäßige Nutzung von Schul kameraden ver weisen. „Ich kann da auch schon mal einen halben Tag oder länger verbringen.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Drei Stunden sind für mich das Mindeste.“ (Mikhael, 12 Jahre, Russland) „Meine Freunde sitzen den ganzen Tag am PC, die lernen nichts.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) Ältere Jugend liche wirken in ihrer Einschät zung dagegen realisti scher: „Zwischen zwei und vier Stunden, das ist noch vergleichsweise wenig.“ (Yasin, w, 16 Jahre, Türkei) „Ich versuche schon, mir das einigermaßen einzuteilen, damit es nicht überhand nimmt. Also so zwei Stunden oder so, in Ausnahmefällen auch mal drei.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) „Man muss auch schon immer selber ein bisschen gucken, damit man nicht zu lange rumsurft. Dann kommt man ja zu nichts anderem mehr.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Irgendwas zwischen zwei und vier Stunden, je nachdem, was man sucht. Man kommt auch schon mal von Hölzchen auf Stöckchen und bleibt länger als geplant.“ (Nicole, 16 Jahre, Russland) Entsprechend der Nutzungs motive war den meisten bei der Anschaf fung eines Computers die Ausstat tung wichtig; zwar hatte kaum einer der Befragten aus der Kinder- bzw. Jugendgruppe beim Kauf des Computers eine wirk liche Ent- scheidungs befugnis, dennoch hat man die Eltern gebeten, auf Grafik- und Sound karte und hohe Übertragungs geschwindig keit zu achten. Auch dies haben die Befragten mit schuli schen Nutzungs motiven begründet. Russische bzw. türkische Seiten dienen Eltern und Jugend lichen ab 16 Jahre oft als Ergän zung, wenn es darum geht, sich über Ereignisse rund um das Herkunfts land zu informieren. Die Kinder beider Migrations gruppen stehen Nachrichten generell eher distanziert gegen über. Ohne „äußeren Zwang“ pas- siert hier keine Informations recherche. 142 Ohne Unterschiede zwischen Herkunfts land oder Geschlecht er scheint es den befragten Jugend lichen unerläss lich, Nachrichten über „ihr“ Land ver- gleichend zu nutzen. Diese Vorgehens weise scheint durch die Haltung der Eltern geprägt, die genau dieselben Argumente nennen: Man hat das Gefühl, deutsche Medien seien eher anti-türkisch bzw. anti-russisch, während die Medien im Herkunfts land über trieben pro-türkisch bzw. pro-russisch seien. Durch den Vorteil, beide Sprachen zu ver stehen, „bastelt man sich seine eigene Wahrheit zurecht.“ „Nur weil das eine auf deutsch und das andere auf türkisch ist, heißt das noch lange nicht, dass das eine falsch und das andere richtig ist. Am besten vergleicht man, dann kommt man der Wahrheit im Zweifel am nächsten.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Wenn irgendwas in Georgien los ist, gucke ich mir die Nachrichten im Internet an, dann reichen mir deutsche Nachrichten nicht mehr, dann will ich vergleichen.“ (Artur, 16 Jahre, Russland) „Wenn man die deutschen Medien anguckt, alles nur Antipropaganda gegen Russland und in Russland ist eigentlich nur Propaganda für Russland, aber man kann ja beides vergleichen und sich ein Bild davon machen.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) Die Brows er einstel lung ist über wiegend in deutscher Sprache. Allerdings ist den meisten Befragten die Möglich keit, auf die Herkunfts sprache umzu stellen, bekannt. Oft wird diese Umstellungs möglich keit von den Eltern vor genom men, den Kindern/Jugend lichen scheint dies eher nicht notwendig. „Man kann das einstellen, ich habe es aber immer auf Deutsch.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) „Wenn meine Mutter ins Internet geht, stellt sie vorher auf russisch um, ich nutze die deutsche Einstellung.“ (Nikita, m, 14 Jahre, Russland) Über aktuelle Informa tionen hinaus werden türkische bzw. russische Seiten vor allem von den Kindern zwischen 12 und 15 Jahren genutzt: Animiert durch Eltern oder Großeltern schaut man gerne alte Filme oder TV-Serien aus dem Herkunfts land – diese zumeist mit den Eltern/Großeltern zusammen. „Wenn ich einen schönen alten türkischen Film sehen will, kann ich das über das Internet.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Ich gucke mir im Internet meine Lieblingsserie an, Bukiny. Wir können im Moment keine russischen Fernsehsender empfangen und da ist das eine gute Alternative.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) „Mein Opa guckt schon mal so alte Filme im Internet, die so ganz kitschig sind, die gucke ich dann mit ihm zusammen.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) 143 Auch die Jugend lichen weisen dem Internet in diesem Aspekt eine hohe Rele- vanz zu, ohne jedoch explizit auf russische/türkische Seiten abzu zielen. Wich- tiger ist für sie, dass das Internetangebot welt weit ist, man sich an allem bedienen kann, was man gerne möchte und nicht auf spezielle Fernsehkanäle o. Ä. an gewiesen ist. Ein Bedürfnis nach „Extra-Seiten“ für Türken in Deutsch- land oder Spät aussiedler aus Russ land besteht bei den Kindern/Jugend lichen allerdings nicht. Weder kennt man solche Angebote noch hat man sich bisher danach auf die Suche gemacht. Den Befragten sind eher die Inhalte, weniger die Sprache wichtig. „Ich wüsste jetzt nicht, wofür ich das brauche.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) „Wozu sollte das gut sein, ich kriege doch alles, was ich will über das Netz, wenn ich türkische Musik hören will, kann ich mir die da holen, wenn ich eine Serie gucken will, auch.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) Auch die Möglich keit, mit Freunden zu chatten, steht bei den Befragten hoch im Kurs. Dabei können bei den türkisch stämmigen Befragten keine Unter- schiede nach Alter oder Geschlecht fest gestellt werden. Für Kinder mit russi- schem Migrations hintergrund dagegen stellt das Chatten bislang nur selten eine Option dar. Hier sind es vor allem die 16- bis 19-Jährigen, die darüber berichten. Beim Chat ist der Kommunikations partner aus schlag gebend für die Sprachwahl: Kommunizieren die Kinder/Jugend liche mit türkischem Migra- tions hintergrund mit (Schul-) freunden, findet dies auf Deutsch statt, unter hält man sich mit Freunden/Ver wandten im bzw. aus dem Herkunfts land, wird deren Sprache gewählt. „Mit Freunden chatten, auf Deutsch.“ (Yasin, w, 16 Jahre, Türkei) „MSN ist eigentlich immer an, ich chatte mit meinen Freunden und meinen Cousins in der Türkei. Da ist dann auch die Kamera an. Mit den Cousins dann auch in Türkisch, die können ja kein Deutsch.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Chat in die Türkei auf türkisch, Chat mit meinen Freunden auf deutsch.“ (Yasin, w, 16 Jahre, Türkei) Ähnlich ver halten sich auch die jugend lichen Spät aussiedler aus Russ land: Auch sie wählen die Sprache in Abhängig keit vom Chatpartner. Nur wenige der Spät aussiedler aus Russ land sehen sich dabei in der Lage, die kyrilli schen Buchstaben zu nutzen. Dies liegt wiederum weniger an der Ausstat tung des Rechners als vielmehr an der Fähig keit, die Buchstaben einzu tippen. Kyrillisch funktioniere zwar mit der Hand, nicht aber auf der Tastatur – zumindest nicht „schnell“ genug (s. Abschnitt zum Handy). 144 „Ich chatte mit meinen Freunden in der Ukraine. Dann immer in russisch, aber mit lateinischen Buchstaben. Ich kann Kyrillisch nur mit der Hand gut schreiben, sonst bin ich zu langsam.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) „Mal in Russisch, mal in Deutsch. Aber Russisch mit lateinischen Buchstaben.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Ich habe die kyrillischen Buchstaben auf meiner Tastatur, kann wechseln.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) Zwei türkische Mädchen (16 bis 19 Jahre) berichten, dass ihnen gerade das Chatten zum Ver hängnis geworden sei: Ihre Mütter seien, nicht zuletzt wegen der Negativpresse in Hinsicht auf die Kommunikations möglich keiten mit Frem- den, misstrauisch geworden und hätten den Internet zugang ver boten. Beide nutzen nun das Internet bei Freunden – vorgeb lich nur für schuli sche Belange. „Meine Mutter wollte das nicht mehr, weil sie meinte, wir chatten zuviel und machen zuwenig für die Schule.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Wir haben auch keinen Internetzugang mehr, meine Mutter hat einen schlechten Eindruck vom Internet allgemein, sie denkt, wir machen da schlimme Sachen, z. B. mit Jungs chatten.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Ich nutze jetzt bei Freunden das Internet. Meine Mutter weiß das, ich mache das nur für die Schule, z. B. wenn ich ein Referat halten soll. Meine Mutter kennt das auch nicht so, sie hat nicht so viel damit zu tun.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) Es wird nicht nur über MSN oder Skype mit den (Schul-)Freunden gechattet, auch auf sogenannten Social Networking Sites kennen sich die Kinder und Jugend lichen aus. Hier werden die bekannten Platt formen genutzt: StudiVZ, SchülerVZ, Netlog oder MySpace sind den meisten Befragten ein Begriff. „Ich bin bei Netlog angemeldet, da kann man Bilder kommentieren und bei Umfragen mitmachen.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Ich bin bei StudiVZ, gucke nach alten Schulkollegen.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Man bekommt eine Einladung zu SchülerVZ, halt von Schulkameraden, die sind da alle.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Zumindest eine Zeit lang war es fast Pflicht, bei SchülerVZ angemeldet zu sein, weil es alle waren.“ (Nikita, m, 14 Jahre, Russland) „Ich habe nur ein paar Videos von meinem Hund da reingestellt.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) Türkische oder russische Ver gleichs angebote werden kaum genannt. Vielmehr scheint es eine Art Gruppen zwang in der Peergroup zu sein, sich auf den 145 „gängigen“ Seiten zu bewegen, man möchte „dazu gehören“. Ledig lich die rus- sischen Kinder/Jugend lichen nennen die russische Seite „odnoklass niki“. Sie scheinen ihrem Herkunfts land, indem sie zumeist tatsäch lich noch geboren und auf gewachsen sind, stärker ver bunden als türkische Migranten der dritten bzw. vierten Genera tion. „Ich habe Bilder bei odnoklassniki eingestellt, damit meine Freunde in Russland das sehen können.“ (Angelika, 17 Jahre, Russland) „Ich bin bei odnoklassniki. Da habe ich dann Verbindung zu meinen Freunden in Russland.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) Allerdings scheint der große Boom von Social Networking Sites mittlerweile ab genommen zu haben. Viele der Befragten haben ent weder selber negative Erfah rungen gemacht oder davon gehört, und sich daher wieder ab gemeldet.m „Ich war mal bei SchülerVZ, meine Cousine war auch drin. Dann habe ich erfahren, dass es nichts Gutes ist. Da sind ja auch andere Mitschüler drin und man wird ver- arscht.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Ich habe mir mal Knuddels angeguckt, ich habe von Freunden einen Namen be- kommen, damit ich mal reingehe zum testen. War aber doof, da sind auch ältere Leute drin, man wird blöde angequatscht.“ (Burak, m, 12 Jahre, Türkei) „Das sieht ja jeder, das hätte ich nicht so gerne. Man wird da auch beleidigt.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Es passiert auch ständig, dass man da beleidigt oder angemacht wird. Aber man kann sich ziemlich einfach dagegen wehren, einfach sagen, der soll aufhören. Bei so was gibt es auch Konsequenzen.“ (Alexej, 14 Jahre, Russland) „Es gibt auch so Chatrooms, da verabreden sich Leute, um gemeinsam zu sterben. Das Thema kommt auch im Abitur vor.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) „Ich verstehe nicht, warum man sein Privatleben öffentlich machen muss. Ich glaube, das sind irgendwelche Menschen, die Minderwertigkeitskomplexe haben und Bestäti- gung suchen.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Zum Teil ver bieten die Mütter mit türkischem Migrations hintergrund die Kom munika tion über die Social Networking Sites, die sie für noch gefähr- licher halten, als den Chat mit Freunden. Aus der Presse sind ihnen genügend Beispiele bekannt, dass fremde Erwachsene die Seiten zur Kontakt aufnahme mit minder jährigen Mädchen nutzen. Vor allem Mütter von Töchtern sind hier sehr misstrauisch. „Meine Mutter hat erfahren, dass da vor allem Jungs drin sind, und dann musste ich mich abmelden.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) 146 „Netlog darf ich nicht drauf, hat meine Mutter mir verboten, weil man da von jedem angesprochen werden kann.“ (Salia, w, 16 Jahre, Türkei) Schließ lich ist bei einigen Jugend lichen auch schlicht der Reiz des Neuen ver- flogen, man war an gemeldet, hat fest gestellt, dass die Pflege des Profils eini- ges an Aufwand und Zeit ver langt und sich irgendwann nicht mehr darum gekümmert bzw. sich ab gemeldet. „Ich war früher bei Netlog, dann habe ich aufgehört, hatte einfach keine Lust mehr.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Ich sehe auch keinen Sinn darin, warum soll ich meine Sachen vor allen Leuten ins Internet stellen.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Das ist auch das Problem bei StudiVZ, ich habe da kein einziges Foto von mir reingetan, aber du wirst ja ständig verlinkt, dann hast du ständig Verlinkungen und bist überall drauf.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) „Man muss halt die richtigen Freunde haben, um die zu bitten, die Fotos raus zu neh- men, wenn man da nicht gesehen werden will.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Auch weitere Gefahren über un gewollte Kontakte mit Fremden hinaus sind insbesondere den meisten befragten Jugend lichen bekannt. Geschichten über die Weitergabe von Daten in Verbin dung mit „Kosten fallen“ kennt man z. B. ent weder aus dem Bekannten kreis oder aus dem Fernsehen. Bekannte und etablierte Internet seiten sind allerdings von diesem Misstrauen aus geschlossen, hier zeigen sich sowohl türkisch- als auch russisch stämmige Jugend liche sehr ver trauens voll. „Solange es so eine Seite wie eBay ist, die weltberühmt ist, habe ich keine Angst, meine Daten einzutragen, die ist schon sicher.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Aber wenn man seine Daten nicht angibt, also egal bei welcher Seite, ist es sowieso nicht gefährlich.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Es gibt bestimmt viele Seiten, die dann doch etwas kosten, wo man in eine Kosten- falle tappen kann. Man muss schon vorsichtig sein.“ (Anna, 18 Jahre, Russland) „Man bekommt schon Informationen über die Risiken. Z. B. von Freunden, denen was passiert ist, oder durchs Fernsehen.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) Das Internet ist für die – meist für die Erziehung haupt verantwort lichen – Mütter die große Unbekannte. Während sie das Chatten mit Freunden und Ver- wandten noch nachvollziehen können (nutzen sie doch selbst diese Möglich- keit, um mit Ver wandten im Herkunfts land in Kontakt zu bleiben), reagieren 147 sie auf die vielen – ihnen eher un bekannten – Möglich keit des Internets mit Misstrauen. Zum einen ist ihnen bewusst, dass ihre Kinder, auch um in der Schule mithalten zu können, „internet fähig“ sein müssen, zum anderen sehen sie dadurch (und durch ihr eigenes Unwissen) kaum Möglich keiten, kontrollie- rend auf ihre Kinder einzu wirken. Die meisten Eltern betonen, mit ihren Kin- dern über die Gefahren zu sprechen und den Dingen ansonsten ihren Lauf zu lassen, in der Hoffnung, ihren Kindern ver trauen zu können. Nur wenige – die klar der Gruppe der höher Gebildeten zuzu ordnen sind und (im Falle türkisch- stämmiger Probanden) eine „moderne“ Sicht weise haben – ver suchen, sich selbst mit dem Internet auseinander zusetzen, um so eher auf das Nutzungs- verhalten ihrer Kinder Einfluss nehmen zu können. Die meisten anderen greifen aus Angst vor Sucht verhalten zu dem Mittel der zeit lichen Begren- zung. „Aussprache und Aufklärung ist wichtig. Ich finde, dass eine geheime Kontrolle nichts bringt. Wir müssen unsere Kinder aufklären und mit ihnen darüber reden. Mein Kind ist 17 und kann mittlerweile das Gute vom Bösen unterscheiden. Zudem erlaube ich ihm auch, gewisse Seiten zu besuchen, da es wichtig ist, dass die Kinder mit be stimm- ten Themen konfrontiert werden.“ (Mutter, Türkei) „Ich rede kontinuierlich auf meine Kinder ein und versuche, sie auf wichtigere Dinge aufmerksam zu machen.“ (Mutter, Türkei) „Spiele online sind verboten, nur am Wochenende und dann auch zeitlich begrenzt. Bildungsseiten sind grenzenlos erlaubt. Internetzeiten sind begrenzt.“ (Mutter, Türkei) Weitere Kontroll mechanismen zeugen oft von Hilflosig keit, zumal sich die Eltern – und durch aus auch die Kinder – darüber bewusst sind, den Fähig- keiten ihrer Kinder unter legen zu sein. So ver sucht man, die Internetnut zung direkt zu kontrollieren, indem die Kinder nur in ihrem Beisein ins Netz gehen bzw. die Kinderzimmertüren während der Nutzung offen bleiben. Wer sich etwas besser aus kennt, hat außerdem bestimmte Seiten sperren lassen. Dieses Wissen ist allerdings offen kundig nicht jedem zugäng lich. Vor allem Mütter mit türkischem Migrations hintergrund äußern hier ganz offen ihre Unkenntnis. „Ich muss zugeben, dass ich mich nicht so gut im Internet auskenne wie mein Sohn, nein, um Gottes willen, wirklich nicht.“ (Mutter, Türkei) „Das Internet bietet schockierende Seiten, wie Porno“ – „Die können Sie sperren lassen“. – „Ich kann das nicht, ich bin keine Fachfrau.“ (Mutter, Türkei) „Meine Jüngste wird vor diesen Seiten bewahrt, sie wird kontrolliert. Ich habe Angst, dass meine Kinder vom Internet negativ beeinflusst werden.“ (Mutter, Türkei) „Ich kontrolliere so weit es geht, er muss die Zimmertür offen lassen, dann weiß er, dass er kontrolliert wird.“ (Mutter, Türkei) 148 Viele der türkisch stämmigen Mütter fühlen sich auf grund der Überlegen heit der Kinder oft aus getrickst. Sie wissen zum Teil sehr genau, dass ihre Kon- troll mechanismen von den Kindern gezielt umgangen werden; drastischste Maß nahme einer Mutter ist es, im Zweifels fall den „Stecker zu ziehen“. Die übrigen ver schließen die Augen und hoffen – erneut – auf die Ver nunft ihrer Kinder: „Ich kenne meinen Sohn, ich kann ihm ver trauen“. „Aber unsere Kinder können uns auch überlisten. Man kann auf einer Seite mehrere Fenster öffnen, wenn ich reingehe, kann ich sehen, dass alle geöffneten Fenster wieder verkleinert werden.“ (Mutter, Türkei) „Ich persönlich kann die besuchten Seiten meiner Kinder nicht kontrollieren, da ich mit PC und Laptop nicht vertraut bin.“ (Mutter, Türkei) „Ich kenne mich mit solchen E-Mails nicht aus, ich kann mich deswegen nicht mit meinen Kindern damit auseinandersetzen.“ (Mutter, Türkei) „Wenn es gar nicht anders geht, entstöpsele ich WLAN.“ (Mutter, Türkei) „Man kann sie gar nicht richtig kontrollieren, Kinder sind clever.“ (Mutter, Türkei) Die Eltern mit russischem Migrations hintergrund würden dagegen das Pro- blem gerne weiter reichen, z. B. an die Schulen oder die Politik. Sie greifen hier möglicher weise auf staat liche Reglementierungs mechanismen zurück, die ihnen aus der „alten“ Heimat bekannt sind. „Die Regierung muss die Medien kontrollieren, das Kultusministerium.“ (Vater, Russland) „Ich sehe das auch ganz klar als Aufgabe der Schulen an.“ (Vater, Russland) Auch den Kindern und Jugend lichen ist ihre Überlegen heit zumeist bewusst. Mehrheit lich halten sie sich im Umgang mit dem Computer für „fitter“ als ihre Eltern. Die Nutzung der Eltern beschränke sich auf Kommunika tion mit der Ver wandt schaft (eben falls MSN, aber auch per E-Mail) und allen falls „mal einen Brief schreiben“. Überlegen sind ledig lich ältere Geschwister, bei denen man sich die ver schiedenen Nutzungs möglich keiten ab schaue. „Mein älterer Bruder ist zwar besser, aber ich bringe meiner Mama auch mal was bei.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Die älteren Geschwister sind besser als wir, aber wir sind besser als unsere Eltern.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Meine Mutter möchte z. B. ins Internet rein und weiß nicht, wie das geht. Dann zeige ich ihr das.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) „Ich habe so einen Kinderschutz, dass ich Pornoseiten nicht besuchen darf.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) 149 „Meine Mutter kennt sich kaum mit dem Internet aus, von daher gibt es keine Ein- schränkungen.“ (Artur, 16 Jahre, Russland) „Nein, meine Eltern können mir nicht helfen, sie bekommen Hilfe von mir.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) Computer- und Onlinespiele sowie Spiel konsolen Der Umgang mit Spiel konsolen war in den Explora tionen das mit Abstand schwierigste Thema. Zum einen ist das Thema Spiele zu umfang reich, als dass man es im Rahmen einer Gruppen diskussion neben anderen Medien ver- tiefend beleuchten kann. Anderer seits ent stand insbesondere in den Gruppen der 12- bis 15-Jährigen, zum Teil aber auch bei den Jugend lichen der Ein- druck, dass die befragten Kinder/Jugend lichen hier auch nicht wirk lich „mit der Sprache raus rücken“. Die Hardware (trag bare oder feste) Spiel konsole spielt in der täglichen Nutzung – angeb lich – nur eine geringe Rolle. Am ehesten sind es die 12- bis 15-jährigen Jungen mit türkischem Migrations- hintergrund, die an geben, regelmäßig zu spielen. Die Nutzungs dauer wird dabei als sehr gering beschrieben. „Nur am Wochenende, weil ich da nichts mehr für die Schule tun muss.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Meine Mutter hat mir verboten, in der Woche zu spielen, weil ich mich dann nicht auf die Schule konzentrieren würde. Ich tue es aber trotzdem schon mal.“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) „Vielleicht zwei- oder dreimal in der Woche und dann auch nur so 20 Minuten lang.“ (Burak, m, 12 Jahre, Türkei) Sehr deut lich wird die Rolle des Alters für das Interesse am Spielen. Sowohl in der Gruppe der russischen als auch in der Gruppe der türkisch stämmigen 16- bis 19-Jährigen wird von den Älteren berichtet, dass sie „früher“ mehr ge- spielt und jetzt die jüngeren Geschwister größeres Ver gnügen daran hätten. Man selbst spiele gar nicht bzw. sehr selten und dann auch nur aus Langeweile. „Ich habe früher mal gespielt, aber jetzt bei den neuesten Spielen ist meine Grafik- karte zu schwach. Deswegen lasse ich das.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Ich spiele keine Spiele. Habe keine Spielkonsole. Brauche ich nicht.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) „Wenn der PC vielleicht besetzt ist und im Fernsehen nichts läuft und mir mal lang- weilig ist, dann schalte ich vielleicht die Konsole ein.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) 150 „Ja, früher mehr, und jetzt im Prinzip habe ich schon einige Spiele auf dem Computer, aber auf die greife ich vielleicht einmal in der Woche zurück.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) Je nach Situa tion wird allein oder auch mit Freunden gespielt. An dieser Stelle wird in den Diskussions runden deut lich, dass Online-Spiele die Nutzung von Spiel konsolen zumeist ab gelöst haben. Vornehm lich werden Sportspiele ge- spielt; sogenannte „Baller spiele“ oder auch Spiele „von denen man süchtig werden kann“ – hier werden Rollen spiele genannt – kennt man interessanter- weise „nur von anderen“. Hier sind keine Unterschiede bzgl. Alter, Geschlecht oder Herkunfts land zu ver zeichnen. „Ich spiele mit Kollegen FIFA.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) „Ich spiele mit meinen Cousins alles mögliche, Autorennen z. B.“ (Hatice, w, 14 Jahre, Türkei) „Selten, vielleicht mal mit meinem kleinen Nachbarn, wenn mir langweilig ist.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Sportspiele, wir spielen meist am PC gegeneinander, Fußball, wie FIFA oder UEFA- Spiele, NBA, halt all diese Sportspiele.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) „Kampfspiele, wo man sich so abschießt, die spiele ich nicht, mein Bruder spielt die, ich gucke nur zu.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) Die Nutzung von Spiel konsolen wird am ehesten durch die Eltern zeit lich ein- gegrenzt. Erlaubt ist das Wochen ende, wenn nichts mehr für die Schule an- steht. Ver boten sind „gewalthaltige Baller spiele“. Erneut ein Verbot, das die Kin der zu umgehen wissen, und bei dem sich die Eltern über dessen Nutz- losig keit im Klaren sind: „Kinder finden immer eine Quelle, um an gefähr- liche Dinge zu gelangen.“ – Dies bestätigen die Kinder auch un bewusst, indem sie immer wieder auf die Möglich keit, im Internet zu spielen, ver weisen. „Meine Mutter will nicht, dass mein Bruder diese Kampfspiele spielt, aber sie weiß ja, dass mein Bruder das eh machen wird. Die kann ihm das ja nicht wirklich ver- bieten.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) „Dann geht man z. B. zum Nachbarn oder Freund und spielt es halt da.“ (Kyrill, 13 Jahre, Russland) „Die versuchen schon, das zu verbieten, aber es wird nicht eingehalten.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Wir dürfen keine Gewaltspiele spielen. Aber man macht es trotzdem.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) 151 Eine größere Gefahr als in der Gewalthaltig keit der Spiele sehen die Kinder/ Jugend lichen in der Sucht tendenz. Man hat „Berichte im Fernsehen“ gesehen oder von „ent fernten Bekannten“ gehört, die „nicht mehr auf hören können zu spielen“. „Ich habe mal gehört, dass manche zuviel gespielt haben, die sind dann verhungert, nachdem sie die ganze Nacht durchgespielt haben.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) „Also die Suchtgefahr ist auf jeden Fall ein Thema.“ (Inga, 18 Jahre, Russland) „Ich habe vieles gehört, dass man durch Spiele sich schnell von den anderen isoliert und dass es wirklich so eine starke Sucht ist, dass man die Realität, vor allem bei Kindern ist das so, nicht trennen kann.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) „Ich kenne Leute, bei mir in der Stufe gibt es ein oder zwei, die spielen so ein Spiel, WOW heißt das, das ist sehr berühmt. Da spielen Menschen aus aller Welt. Und wenn man da einmal drin ist, rutschen die so tief rein, dass sie nicht mehr rauskommen. Die vergessen das reale Leben um sich herum komplett.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) Die Spiel konsolen werden in beiden Elterngruppen am ehesten als das Me- dium genannt, welches „über flüssig“ bzw. am wenigsten wichtig sei. In der russischen Elterngruppe wird vor allem „diese Schießerei“ als gefähr lich ein- geschätzt. Danach gefragt, wie mit derartigen gefähr lichen Inhalten umzu- gehen sei, besteht jedoch keine Einig keit innerhalb der Elterngruppen. Ein Teil der befragten Eltern plädiert für strikte Ver bote, andere Eltern betonen dagegen die Wichtig keit von Erklä rungen und Gesprächen: „Poker-Spiele finde ich gefährlich für Kinder, wegen Spielsucht. Im Internet kann ich diese Seiten codieren lassen.“ (Mutter, Türkei) „Es besser überwachen und wenn es nicht klar kommt, dann einfach verbieten, dann bestimmt man das.“ (Vater, Russland) „Die Tür zum Zimmer lasse ich offen, so weiß mein Kind, dass es kontrolliert wird. Mein Jüngster spielt Onlinespiele.“ (Mutter, Türkei) „Man darf nicht nur verbieten, sondern muss erklären, warum es verboten ist. Ein Befehl ist nicht so gut, man muss Beispiele zeigen und so weiter.“ (Vater, Russland) „Wenn das Kind aggressive Computerspiele spielt, dann wird es nicht davon aggressiv, dass es aggressive Spiele spielt, sondern dass es selbst aggressiv ist und nicht gut erzogen ist. Das ist etwas ganz anderes. Auf diese Weise wird es seine Aggression los. Deshalb ist die Frage, ob es gesund oder schädlich ist, das ist psychologisch gesehen. Natürlich ist Kontrolle wichtig, wir sind die Eltern, wir müssen die Situation kon trol- lieren, aber nicht verbieten. Es ist wichtig, dass man miteinander spricht.“ (Mutter, Russland) 152 Dass ihre Kontrollmöglichkeiten eingeschränkt sind, ist den Eltern, wie bereits erwähnt, bewusst: „Es gibt noch mehr Möglichkeiten für Kinder, zum Beispiel in ein Internetcafé zu gehen und dann alles zu machen.“ (Vater, Russland) Zusätz lich werden in der russischen Elterngruppe neben den Risiken und Ge- fahren auch positive Aspekte der Computer- und Konsolen spiele thematisiert, was darauf ver weist, dass die Haltung zu Spielen spielspezifisch zu betrachten ist: „Einige Spiele lehren nachzudenken und zu planen.“ (Mutter, Russland) „Ich persönlich bereue, dass zu meiner Zeit, als ich Kind war, dass es solche Spiele nicht gab, die Technik, die Grafik ist so schön, so eine Art Monopoly, wenn Sie es im Internet aufbauen, eine Strategie entwickeln, es kommt darauf an. Meine Tochter spielt nicht, aber mein Sohn, der heute nicht da ist, der ist 18 und er spielt viel zu viel. Das ist die Sache, als Mutter, es ist abgrenzend genug, jetzt geh an die frische Luft oder mach etwas anderes, aber im Großen und Ganzen, diese schöne Grafik, manchmal bewundere ich es. Das ist wirklich eine fantastische Welt, dann müssen sie die Städte aufbauen und diese Zivilisation.“ (Mutter, Russland) Fernsehen Die meisten der befragten Kinder/Jugend lichen beider Migrations gruppen ver- fügen über einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer. Schaut man dort, wer- den über wiegend deutsche Privat sender genutzt. Genannt werden vor allem ProSieben, SAT.1, RTL, Kabel1, RTL 2, VOX, Nick und MTV. Fernsehen ist für alle befragten Kinder und Jugend lichen eine Selbst verständlich keit, die oft parallel – z. B. während der Haus aufgaben – und aus Langeweile läuft. Jün gere schauen gerne Trick filmserien, wie „Die Simpsons“ oder Anime-Sendun gen auf RTL 2. Dies sind auch die Sendun gen, die ihnen die Eltern, neben gemein- sam geschauten Formaten, er lauben. Schaut man mit den Eltern zusammen, wird oft auf Sender aus dem Herkunfts land zurück gegriffen. Dies geschieht vor allem auf Wunsch der Eltern, die sich hier – auch sprach lich – ein „Stückchen Heimat“ holen. „Türkische Filme gucke ich zusammen mit meinen Eltern, die sind immer so span- nend.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Türkisches Fernsehen gucke ich mit meinen Eltern, meine Eltern gucken nicht so gerne deutsch.“ (Melika, w, 12 Jahre, Türkei) „So alte russische Filme gucken wir mit der ganzen Familie.“ (Alina, 13 Jahre, Russland) 153 „Mit meinen Eltern russisch, weil mein Vater kein Deutsch kann.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Auch die TV-Nachrichten gehören für die Kinder beider Migrations gruppen er wartungs gemäß nicht zu den Formaten, die man freiwillig anschaut. Zwar werden sie hin und wieder von den Eltern dazu an gehalten, die Nachrichten zu schauen, dies geschieht allerdings eher wider willig und ohne große Auf- merk sam keit. „Nachrichten sind nicht so mein Ding.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Ich gucke ganz selten Nachrichten, manchmal N24.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Nachrichten nur für die Schule oder wenn was Besonderes ist. Finde ich eigentlich eher langweilig.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) Jugend liche beider Migrations gruppen nutzen Fernseh-Nachrichten vor allem bei „besonderen“ Ereignissen in der und um die „Heimat“. Ähnlich wie beim Internet nutzt man in diesem Fall sowohl deutsche als auch Nachrichten aus dem Herkunfts land, um sich durch den Ver gleich eine eigene Meinung bilden zu können. Qualitativ geben die 16- bis 19-Jährigen allerdings den deutschen Nachrichten den Vorzug. So, wie es auch die Eltern der 12- bis 15-Jährigen formulieren, er scheinen ihnen deutsche Nachrichten als „seriöser, knapper und auf den Punkt gebracht“. Insbesondere türkische Nachrichten seien mittler- weile reines „Boulevard“. Aber auch Jugend liche mit russischem Migrations- hintergrund halten die „nüchternen Nachrichten“ der deutschen TV-Sender für glaubwürdiger. „Die türkischen Nachrichten machen immer aus einer Mücke einen Elefanten.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Lieber deutsche Nachrichten, das geht schneller, da bekommt man in 10 Minuten alles, was man braucht und nicht noch so ein überflüssiges Brimborium.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Deutsche Nachrichten sind reeller.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) Bei der Diskussion über erlebte Diskriminie rung im Fernsehen kommen Ju- gend liche aus Russ land und der Türkei zu der Einschät zung, die Berichterstat- tung sei oft negativ gefärbt und „über trieben“, es würden „nur die schlechten Seiten“ von Türken bzw. Russen dargestellt: „Wenn ein Deutscher ein Verbrechen begeht, wird das nicht so übertrieben. Aber wenn ein türkischer Landsmann dasselbe macht, dann wird das so übertrieben.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) 154 „Türken machen ja auch mal was Gutes und darüber wird komischerweise nie be- richtet. Nur die schlechten Seiten, da fühle ich mich schon sehr provoziert.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Als mal zwei Russen einen Deutschen umgebracht haben, habe die direkt voll Palaver gemacht. Aber wenn Deutsche das machen, dann sind die Engel.“ (Angelika, 17 Jahre, Russland) „Man hat schon das Gefühl, dass über uns immer nur Klischees berichtet werden, es hat immer was mit Wodka-Trinken zu tun.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) Fernseh verbote er teilen die Eltern nur den jüngeren Kindern. Die Jugend lichen berichten, hier eigen verantwort lich ent scheiden zu können. Dabei sind die Fern seh verbote für die 12- bis 15-Jährigen zumeist weniger dazu gedacht, sie von bestimmten Formaten abzu halten. Vielmehr werden sie als er zieheri sche Maßnahme im Falle schlechter Schulnoten u. Ä. an gewandt. Es wird ledig- lich darauf geachtet, dass nicht „zuviel“ ferngesehen wird; jugendgefährdende Formate würden sowieso „so spät aus gestrahlt“, dass hier kein Risiko bestehe.n „Mein Sohn ist jetzt 12 Jahre alt, er darf nur zu bestimmten Uhrzeiten fernsehen, nur Zeichentrickfilme, Tierdokumentationen.“ (Mutter, Türkei) „Mein Sohn ist 19, daher kann ich ihm keine Vorschriften machen. Mein jüngster ist 12, er darf bis 21.00 Uhr fernsehen, wenn wir gemeinsam interessante Sendungen sehen, darf er auch mal länger aufbleiben.“ (Mutter, Türkei) „Meiner Meinung nach gibt es im Fernsehen nichts, was meinen Kindern schaden könnte.“ (Mutter, Russland) „Natürlich sind Sex- und Erotiksendungen gefährlich für Kinder, aber die werden eher zu späten Stunden ausgestrahlt.“ (Mutter, Türkei) „Die jeweiligen Sendungen warnen auch, wenn sie für Kinder nicht geeignet ist. So ist man vorbereitet und kann den Sender wechseln. Ich rede da auch mit meinen Kindern drüber.“ (Mutter, Türkei) Ein zu hoher Fernsehkonsum ist einigen wenigen Kindern mit türkischem Migrations hintergrund zum Ver hängnis geworden: Der Fernseher im Kinder- zimmer ist ent fernt worden, es wird nur noch gemeinsam geschaut. Auch diese Maßnahme hat weniger etwas mit gefährdenden Inhalten zu tun als vielmehr mit der Befürch tung, die Kinder würden der Familie ent gleiten. „Kinder verbringen zuviel Zeit im eigenen Zimmer als mit der Familie. Deshalb habe ich Grenzen gesetzt. Mein Sohn hatte bis zum 13. Lebensjahr einen eigenen Fernseher, jetzt nicht mehr.“ (Mutter, Türkei) 155 „Seit meine Kinder einen eigenen Fernseher hatten, sind gemeinsame Abende weniger geworden, sie haben die Hausaufgaben vernachlässigt. Deshalb haben sie jetzt keinen Fernseher mehr.“ (Mutter, Türkei) Aktiver Medien umgang der Kinder und Jugend lichen über die Medien hinweg betrachtet Ein sinn voller und selbst bestimmter Umgang mit Medien drückt sich in ver- schiedenen Fähig keiten aus (vgl. Kapitel 3). Die berichtete Nutzung der Mög- lich keiten des Internets, um mit Freunden und der Familie aus dem Herkunfts- land kosten günstig in Verbin dung zu treten, ist nur ein Beispiel für eine aktive Aneig nung neuer Medien als Kommunikations- und Partizipations mittel. Um den aktiven und zielgerich teten Medien umgang der Kinder und Jugend lichen medien übergreifend er fassen und evaluieren zu können, wurde in den Grup- pen diskussionen eine Imaginations aufgabe ein gesetzt. Die Kinder und Jugend- lichen sollten sich vor stellen, sie müssten für die Schule ein Referat zu einem gesellschafts politi schen Thema sowie einem Thema aus dem Bereich Pop- musik ausarbeiten. Sie wurden gebeten, der Gruppe zu er läutern, wie sie dabei vor gehen würden, welche Quellen sie nutzen würden und wie sie ihre Ergeb- nisse präsentieren. Damit wurde vor allem auf die Handlungs- und die Re- flexions kompetenz der Diskussions teilnehmer ab gezielt. Generell scheint der Umgang mit den neuen Medien für die befragten Kin- der und Jugend lichen eine Selbst verständlich keit zu sein. Alle berichten im Laufe der Gesprächsrunde, bereits Bilder, Musik oder Filme aus dem Internet geladen zu haben, was man sich anfangs von älteren Geschwistern oder Schul freunden habe zeigen lassen. Es sei aber so einfach, dass man das im „Handumdrehen“ selber könne. „Beim ersten Mal brauchte ich noch Hilfe, aber nachher konnte ich das alleine.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Man guckt dann zu und später probiert man halt so lange rum, bis es klappt. Ist ja eigentlich alles ganz einfach.“ (Inga, 18 Jahre, Russland) Auch der Umgang mit Powerpoint-Präsenta tionen und Beamern oder das Er- stellen von Diagrammen ist mittlerweile bekannt und wird in den Schulen offen bar auch ein gesetzt. Insbesondere die Jugend lichen haben Erfah rungen mit Referaten. „Ich mache das schon gerne, keine Ahnung, das gehört einfach dazu.“ (Inga, 18 Jahre, Russland) „Wir haben das in der Schule erst mal kurz gelernt und dann hatten wir einen be- stimmten Zeitraum Zeit, um das in der Gruppe vorzubereiten.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) 156 In Bezug auf die konkrete Aufgabe, ein Referat zu er stellen, zeigen sich die 12- bis 15-Jährigen unabhängig vom Herkunfts land sehr einseitig auf das Inter net fixiert. Sie würden zum ent sprechenden Thema bei Google und/oder Wikipedia suchen; Zeitun gen er scheinen ihnen zu auf wendig, weil man „da ja alles durch suchen“ müsse. Die Übernahme der Informa tionen erfolgt dann erstaun lich unreflektiert: Ledig lich ein Mädchen mit türkischem Migrations- hintergrund gab an, das im Internet Gefundene anschließend anhand eines Lexikons zu ver ifizieren, alle anderen ver trauen auf die Internet-Inhalte. „Ich gebe bei Google das Stichwort ein und schreibe mir dann die Sachen ab.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Ich würde das einfach nur abschreiben, ich gucke nicht noch woanders, ob das auch stimmt.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Ich würde das dann noch vergleichen, in Büchern, z. B. im Lexikon nachgucken, ob die Geschichte auch stimmt.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Google, Wikipedia und dann alles ausdrucken, auch was unnötig ist.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) „In einer Zeitung ist es halt schwerer, etwas zu einem Thema zu finden, es sei denn, es ist hochaktuell.“ (Michelle, 15 Jahre, Russland) Die Eltern zu Rate zu ziehen, er scheint den Kindern hier nicht als sinn volle Option. Eher würde man auf „Experten meinun gen“, wie zum Beispiel von Lehrern, zurück greifen. Auch die 16- bis 19-Jährigen nutzen vornehm lich das Internet, um Infor- ma tionen für Referate oder Aufsätze zu bekommen. Sie gehen allerdings etwas differenzierter mit dem Informations angebot um, wissend, dass z. B. Wikipedia nicht immer inhalt lich vollständig richtige Beiträge bereithält. Entsprechend würde man ver gleichen, indem man zusätz lich offline und online auf seriöse Zeitschriften zurück greifen würde. „Bei Google steht dann kurz aufgelistet die Inhaltsangabe und dann guckt man, ob das zum Thema passt.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) „Man muss bei Wikipedia aber auch aufpassen, denn da kann ja jeder etwas rein- schreiben, es steht auch ziemlich viel Scheiße da drin.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) „Also wenn es um ein gesellschaftspolitisches Thema geht, würde ich online zu einer Zeitschrift gehen, Spiegel oder so, da ist ja das Wichtigste zusammengefasst und dann kann man zusätzlich noch auf anderen Seiten gucken.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) 157 „Ich würde hauptsächlich mit dem Internet anfangen, da kann man ja auch auf Zei- tungen zugreifen, auf Videos, da hat man alles gebündelt.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) Weblogs oder eigene Homepages haben bislang nur ver einzelt Teilnehmer er- stellt. Die Seiten sind vor allem für das soziale Umfeld gedacht: „Eigentlich hauptsächlich für die Freunde, die da draufgehen. Urlaubsbilder hoch- laden, aber jetzt keine wirklichen Reiseberichte.“ (Anna, 18 Jahre, Russland) Unabhängig vom Alter scheint es an Ehrgeiz zu fehlen, an den Möglich keiten des Internets aktiver zu partizipieren. Man ist von der eigenen Kompetenz, sich Zugang zu allen Möglich keiten zu ver schaffen, über zeugt, bleibt aller- dings zumeist in der Konsumenten haltung ver haftet. 6.5 Zusammen fassung Die Ergebnisse der Gruppen diskussionen deuten darauf hin, dass sich Spät- aussiedler aus Russ land und Diskussions teilnehmer mit türkischem Migra- tions hintergrund in der Art der Identitäts zuwei sung durch die unter schied lich lange und intensive Migrations erfah rung unter scheiden. Zwar ver stehen sich beide Gruppen ihres Herkunfts landes ent sprechend als „Zuwanderer“, die in Deutschland ihr neues Zuhause gefunden haben. Während aber die Befragten mit türkischem Migrations hintergrund mindestens zur zweiten Genera tion ge- hören und sich dadurch bereits eine eigene Identität als „Türke in Deutschland“ geschaffen haben, sitzen die russisch stämmigen Eltern und – in Abhängig keit vom Geburts land – auch die Jugend lichen und Kinder emotional zwischen zwei Stühlen: Das Herz hängt an der russischen Mentalität, die sie als „wärmer“ und „herz licher“ beschreiben als die deutsche Art im mensch lichen Umgang. An Deutschland bevor zugt man die stabilere wirtschaft liche Lage und das „bequemere“ Leben. Richtig „an gekommen“ zu sein scheinen zumindest Eltern und Jugend liche mit russischem Migrations hintergrund noch nicht. Dies sieht vor allem bei den in Deutschland geborenen russisch stämmigen Kindern anders aus: Sie haben sich bislang mit der Identitäts frage kaum auseinander- gesetzt, Deutschland als Geburts land ist gleichzeitig auch Heimatland. Ent- sprechend fühlen sich die Spät aussiedler aus Russ land – die sich selber kaum so sehen, ihre Selbst beschrei bung lautet „russische Zuwanderer“ – tendenziell stärker mit ihrem Herkunfts land ver bunden als die Befragten mit türkischem Migrations hintergrund. Auffällig ist in beiden Kinder- und Jugendgruppen, dass die jeweiligen Freundes kreise vor allem aus Personen mit Migrations- hintergrund zusammen gesetzt sind. Deutsche Freunde sind eine Minder heit. 158 Die Sozialisa tion findet somit in einem Umfeld statt, das auf ähnliche Erfah- rungen zurück greift. Alltags sprache bei den Eltern ist zumeist die Sprache des Herkunfts landes, dies betrifft sowohl die russische als auch die türkische Gruppe. Auch innerfamiliär sprechen aus nahms los alle die Herkunfts sprache. Während die 12- bis 15-jährigen Kinder unter einander deutsch sprechen, fällt bei der Gruppe der 16- bis 19-jährigen Spät aussiedler aus Russ land auf, dass auch sie – wie ihre Eltern – unter einander bevor zugt russisch sprechen. Die Medien Fernseher, Handy, PC/Laptop und Internet zugang, mit denen die Diskussions teilnehmer umfassend aus gestattet sind, stehen weit oben in der individuellen Prioritäten liste und werden ent sprechend häufig genutzt. Hier zeigen sich zwischen den befragten Migrations gruppen nur leichte Unter- schiede: Während die russisch stämmigen Befragten fast aus nahms los über einen Internet zugang ver fügen, fällt dies in den befragten Haushalten mit türkischem Migrations hintergrund leicht geringer aus. Umgekehrt waren in den befragten türkischen Haushalten mehr Spiel konsolen vor handen. Im Ranking nach Wichtig keit löst der Internet zugang bei den Kindern und Jugend lichen den Fernseher ab. Während der Fernseher zumeist als Lücken füller bzw. „Pa- rallel medium“ an gesehen wird, erleben sich die jungen Befragten im Umgang mit dem PC – insbesondere im Internet – selbst als aktiver. Das Handy gehört zur medialen Grund ausstat tung aller Befragten. Für die 12- bis 15-Jährigen dient es in erster Linie als Kommunikations mittel mit den Eltern, in zweiter Linie ist es für die Kinder ein Medium, mit dem man spielt, über das man Musik hört und das im besten Fall eine Digital kamera hat. Bei den 16- bis 19-Jährigen über wiegt als wichtigste Funktion die Kommunika tion mit Freunden, das schnelle Kontaktieren, um sich zu ver abreden. Sie nutzen Telefon und SMS-Funktion gleichermaßen, die dabei ver wendete SMS-Sprache ist über wiegend deutsch. Die übrigen Features gehören für sie zwar auch zur Grund ausstat tung eines guten Handys, stehen aber nicht so stark im Fokus wie bei den Jüngeren. Dennoch findet die Auswahl eines neuen Handys über die Ausstat tung mit zahl reichen Features und techni sche Merkmale sowie – vor allem bei den Mädchen – über die Optik statt. Jüngere lassen sich ohne große Reflexion von dem leiten, „was in der Peergroup in ist“, Ältere „hinter- fragen“ ver schiedene Handymodelle mittels gezielterer Informations recherche. Mit Blick auf die instrumentellen Fertig keiten zeigt sich bei den befragten Kindern und Jugend lichen eine hohe Kompetenz, die allerdings auf die per- sön lich relevanten Features des Handys beschränkt ist. Die Kinder und Jugend- lichen treffen eine selektive Auswahl dessen, was sie für sinn voll und er for- der lich erachten. Mit diesen Features setzen sie sich auseinander, alle anderen Funktionalitäten des Handys werden – selbst wenn vor handen – bewusst vom Umgang aus geschlossen und auch nicht auf ihre Funktions weisen hin über- prüft. Diese „Lücke“ in der Kompetenz gehen die Befragten allerdings durch- aus bewusst und ohne das Gefühl, ihnen fehle etwas, ein. 159 Die Eltern der Kinder zwischen 12 und 15 Jahren ver stehen – unabhängig vom Migrations hintergrund – das Handy als Kontrollinstrument über ihre Kin der: Sie stehen in dauerndem Kontakt, fühlen sich in Sicher heit in dem „Wissen“, wo sich ihr Kind aufhält und wann es nach Hause kommt. Anders als Eltern mit russischem Migrations hintergrund üben türkisch stämmige Eltern diese Kontrolle auch auf die 16- bis 19-Jährigen aus, die darauf tendenziell ver ärgert reagieren und ver suchen, die Eltern auszu tricksen. Die befragten Jugend lichen sind sich darüber im Klaren, dass sie sich über die von den Eltern gesetzten Grenzen hinweg setzen können, gerade weil diese unmög lich auf das Kontrollinstrument Handy ver zichten möchten. Auch in Hinblick auf die Kinder er schwert das er zieheri sche Moment des Handys gleichzeitig die Kontrolle der Nutzung durch die Kinder. So haben die Eltern anfangs bei „Missbrauch“ (z. B. zu hohe Kosten, ver boten erweise zuviel gespielt) das Handy tage weise ein gezogen, mussten dabei aber fest stellen, dass sie ihr Kind nicht mehr unter Beobach tung hatten. Handy-Entzug findet daher kaum noch statt – und die Kinder und Jugend lichen – insbesondere türkisch stämmige Jungen – nutzen dies aus. Die Überlegen heit der Kinder und Jugend lichen im Umgang mit dem Handy wird auch daran deut lich, dass diese selbst, aber auch Mütter in den Gesprächsrunden berich teten, dass Kinder den Müttern bei der Ein- rich tung ihrer Handys behilf lich sind, nicht aber um gekehrt. Haben die Kinder Probleme bei der Installa tion, wenden sie sich an ältere Geschwister oder Freunde, in seltenen Fällen an den Vater. Generell gehören die „Leitfiguren“ in Sachen „neue Medien“ kaum der Elterngenera tion an, der man per se erst einmal nicht so viel zutraut wie der Peergroup. Gefahren bewusstsein bzw. kritische Bewer tung ist bei den Kindern und Jugend lichen oft erst dann vor handen, wenn sie negative Erfah rungen ent- weder am eigenen Leib oder im näheren Umfeld gemacht haben. So kennt man die „Kosten fallen“, auch problemati sche Inhalte wie Pornografie- oder Gewalt fotos und -videos sind den Kindern und Jugend lichen aus dem eigenen Umfeld oder aus Fernsehberichten bekannt. Allerdings findet die einzige effek- tive er zieheri sche Maßnahme seitens der Eltern in Hinblick auf die Kosten statt: Das erste Handy, dass die Kinder bekommen, ist zumeist ein gebrauchtes Prepaid-Handy, damit die Kinder den Umgang mit einem kosten günstigen Handy üben und gleichzeitig die Kosten im Blick behalten können. Traut man den Kindern und Jugend lichen einen eigen verantwort lichen Umgang zu, be- kommen sie ein Handy ihrer Wahl, oft ver bunden mit einem Ver trag. Regle- mentierende und unter stützende Maßnahmen in Bezug auf die Inhalte werden dagegen nicht er griffen. Die Wichtig keit, die die Kinder und Jugend lichen dem PC/Laptop ein- räumen, ist vor allem dem „Mittel zum Zweck“ zu ver danken: Ohne PC kein Internet zugang. Alle sehen es in der heutigen Zeit als unerläss lich an, sich im Internet auszu kennen, sei es aus schuli schen oder beruf lichen Gründen oder 160 aber auch (und vor allem), um mit der Peergroup mithalten zu können. PC/ Laptop und auch Internet zugang sind in fast allen befragten Haushalten vor- handen, nur in wenigen Fällen sind türkisch stämmige Mädchen auf PCs in der Schule oder im Internetcafé an gewiesen. Geschwister teilen sich einen PC/Laptop oder man greift auf das Gerät der Eltern zu. Auch wenn schuli- sche Belange als Auslöser für die Anschaf fung eines PC/Laptop gelten, sind für die befragten Kinder/Jugend lichen – alters-, geschlechts- und herkunfts- landunabhängig – Unterhaltungs- und Kommunikations features eindeutig wich- tiger. Man spielt auf dem PC, man hört Musik und lädt Musik, Videos oder Filme aus dem Internet herunter. Kommunika tion via Internet ist sowohl für Jungen als auch Mädchen, für Personen mit türkischem wie auch russischem Migrations hintergrund wichtig. Man nutzt MSN, um in ständigem Kontakt mit den Freunden zu sein. Allein die russisch stämmigen Kinder zwischen 12 und 15 Jahren er wähnen die Möglich keit des MSN-Chats kaum. Die ver wen- dete Sprache ist bei beiden Migrations gruppen ab hängig vom Interaktions- partner, hier zeigen sich die befragten Kinder und Jugend lichen sehr souverän. Auch Social Networking Sites werden genutzt; hier über wiegt bei allen be- fragten Kindern und Jugend lichen die Nutzung der in der Peergroup „gängi- gen“ Angebote wie SchülerVZ, StudiVZ, Netlog und MySpace. Türkische oder russische Ver gleichs angebote werden kaum genannt. Ledig lich die russischen Kinder und Jugend lichen nutzen zusätz lich zu den anderen Anbietern die russische Seite „odnoklass niki“, vor allem im Austausch mit Freunden im Herkunfts land. Russische bzw. türkische Internet seiten gelten für die Befrag- ten ab 16 Jahren auf wärts als Ergän zung; vor allem, wenn es darum geht, Informa tionen rund um das Herkunfts land zu er halten, die man mit deutschen Informa tionen ver gleicht. Die 16- bis 19-Jährigen zeigen sich auch in der imagi nierten Präsentations vorberei tung im Umgang mit Informa tionen diffe- ren ziert. Sie würden ver schiedene Quellen nutzen und ab gleichen. Die 12- bis 15-Jährigen gaben sich dagegen in der Imaginations aufgabe zur Informations- recherche und -verwen dung aus gesprochen unreflektiert. Sie würden fast aus- schließ lich im Internet suchen und das, was sie an Informa tionen finden, relativ wider spruchs los als wahr über nehmen. Das Wissen um die ver schiedenen Möglich keiten des Internets wird – meist durch trial and error – auf eigene Interessen aus geweitet. Vorbilder bzw. Leitfiguren sind hier (ältere) Freunde; der Elterngenera tion traut man dies- bezüg lich zu wenig zu. Insgesamt weisen die befragten Kinder und Jugend- lichen auch rund um das Internet eine hohe Wissens kompetenz auf, sie wächst mit zunehmendem Alter sowie zunehmender Dauer des Umgangs mit dem Internet. Der kritische Umgang mit dem Medium Internet bezieht sich bei den be- fragten Kindern und Jugend lichen fast aus schließ lich auf die Gefahren hin- sicht lich des Social Networking. Fast alle kennen das Risiko, auf solchen 161 Seiten von Personen mit „gefakten“ Profilen aus gehorcht zu werden. Zwar hat man diese Erfah rungen nicht zwangs läufig selber gemacht, es reicht vielen aber schon, auf solchen Seiten von anderen Jugend lichen beschimpft worden zu sein. Weitere Gefahren, wie Suchtrisiken, Kosten fallen oder die un gewollte Weitergabe von Daten werden von den Kindern und Jugend lichen beider Migra tions gruppen durch aus benannt. Die Frage des Daten schutzes hat bei einigen dazu geführt, dass sie die Networking Sites nur noch passiv nutzen. Im Hinblick auf Kosten fallen fühlt man sich bereits dadurch geschützt, dass man seine Daten nur auf Seiten, die über ein gewisses Renommee ver fügen (z. B. eBay, YouTube, SchülerVZ etc.), angibt. Social Networking löst auch zwischen Eltern und Kindern die größten Konflikte in der Internetnut zung aus. Vor allem türkisch stämmige Mütter von Töchtern haben aus Fernsehen und Presse viele negative Informa tionen bekommen und ver suchen, das Social Networking ihrer Töchter zu unter binden. Für die Eltern – insbesondere die Mütter – ist das Internet eine Blackbox, der man mit Angst und Misstrauen begegnet. Dabei spielen Kosten fallen für diese Ängste kaum eine Rolle, größer ist die Angst – vor allem der türkischen Mütter – vor Erwachsenen, die die Naivität ihrer Kinder – vor allem Töchter – via Social Networking Sites aus- nutzen. Dieser Sorge stehen die Eltern allerdings nahezu hilf los gegen über. So ist zum Beispiel nicht allen Müttern die Möglich keit bekannt, bestimmte Internet seiten sperren zu lassen. An zweiter Stelle rangiert die Befürch tung, die Kinder (vor allem Jungen) könnten Internet-süchtig werden. Diese Befürch- tung teilen russisch- und türkisch stämmige Eltern. Gegen letztere Sorge gibt es aus Sicht der Eltern ein probates Mittel: Man führt zeit liche Begren zungen in der Internet-Nutzung ein. Dies glaubt man zumeist auch kontrollieren zu können, indem man z. B. den Laptop in die Küche stellt oder aber man von Zeit zu Zeit ins Kinderzimmer geht, um die Internetnut zung zu beobachten, und ggf. den „Stecker zu ziehen“. Insgesamt sieht man aber, ähnlich wie beim Handy, wenige Möglich keiten, kontrollierend und unter stützend auf die Kin- der und Jugend lichen einzu wirken. Die Eltern sind sich darüber bewusst, dass der Umgang mit dem PC und dem Internet in der heutigen Zeit unerläss lich ist und die Kinder und Jugend lichen für eine erfolg reiche beruf liche Zukunft bereits früh an die Möglich keiten heran geführt werden müssen. Entsprechend fühlt man sich nicht berechtigt, den Internet zugang komplett zu ver hindern. Eher wird – vor allem von den russisch stämmigen Eltern – die Ver antwor tung für einen kompetenten Umgang mit dem Medium Internet an „höhere“ In- stanzen, wie zum Beispiel die Schulen, ver wiesen. Die Hemmun gen der für die Erziehung haupt verantwort lichen Mütter, sich mit dem Medium Internet auseinander zusetzen, führen dazu, dass sich die Kinder und Jugend lichen in der kritischen Auseinander setzung einer hohen Eigen verantwor tung aus gesetzt sehen. Dieser Ver antwor tung sind sich die meisten (vor allem mit zuneh men- dem Alter) bewusst: Man wägt genau ab, welche durch die unsicheren Eltern 162 gesetzten Grenzen man über schreitet und welche nicht. Ähnlich wie beim Handy sehen sich auch im Hinblick auf PC/Laptop und Internet die Kinder und Jugend lichen ihren Eltern über legen. Spiel konsolen sind vor allem bei 12- bis 15-jährigen Jungen vor handen, mit der Funktions weise von Spiel konsolen und Internetspielen sind die be- fragten Kinder und Jugend lichen gut ver traut. Sie spielen aber offen bar in der täglichen Nutzung eine eher unter geordnete Rolle. Die Befragten behaupten, pro Woche maximal eine Stunde mit der Spiel konsole zu spielen; die Nutzung sei im Laufe der Jahre zurück gegangen. Im Gegensatz zur Internetnut zung, ins besondere z. B. der Teilhabe an Social Networking Sites, scheint die Nutzung von Spielen insgesamt eher unreflektiert zu sein. Gefahren werden relativiert, Erfah rungen haben immer nur „die anderen“ gemacht; es wird in den Gruppen viel gekichert und geschwatzt. Das Wissen über die Risiken von (Online-) Spielen scheint insgesamt eher gering, ent sprechend fallen die Antworten schwammig aus, es werden ledig lich vor urteilsartige Schlagworte (Sucht, Ge- walt) genannt. Dies lässt die Ver mutung zu, dass es sich bei diesem Punkt um ein Tabuthema handelt. Es findet keine kritische Auseinander setzung mit Pädagogen oder Eltern statt, weil man um deren Ableh nung der Angebote weiß und sich deshalb nicht zu fragen traut. Fragen könnten auf decken, dass man sich ver boten erweise doch mit den Spielen beschäftigt. Die Nutzung von Spiel konsolen wird von Eltern insgesamt nicht gerne gesehen. Sie berichten (im Gegensatz zu den Kindern), dass die Kinder zu viel spielen würden, und sie schränken die Nutzung von Konsolen zeit lich stark ein oder gestatten die Nutzung nur am Wochen ende. Die Eltern befürchten neben der Ver nachlässi- gung von Schularbeiten eine suchtähn liche Abhängig keit. Da die Nutzung von Spiel konsolen eindeutig den Schluss zulässt, dass das Kind spielt und nichts anderes macht, scheint hier ein Verbot im Ver gleich zu den übrigen Medien einfacher und wird auch rigoroser an gewendet und von den Kindern offen bar befolgt. Statt mit der Spiel konsole wird nun allerdings auf dem Handy oder online gespielt. Eine ab solute Selbst verständlich keit im täglichen Umgang stellt das Fern- sehen dar. Mit steigendem Alter nimmt auch die kritische Auseinander setzung zu; so werden Nachrichten zunehmend wichtiger und häufiger einer kritischen Analyse unter zogen. Hier profitieren die Befragten von ihrer Zweisprachig- keit, indem sie insbesondere Nachrichten rund um ihr Herkunfts land sowohl im deutschen wie auch im türkischen bzw. russischen Fernsehen konsumieren und einander gegen über stellen. Auch scheint es, dass sich die Eltern in Punkto Fernsehen auf der „sicheren Seite“ fühlen. Das Fernsehen ist ein Medium, mit dem sie sich bestens aus kennen. Man meint zu wissen, dass jugendgefährdende Inhalte erst zu nachtschlafender Zeit oder bei Sparten sendern zu finden sind, deren Konsum sich durch Codie rung ver hindern lässt. Man richtet sich nach Anmer kungen in TV-Zeitschriften oder im Vorspann einer Sendung, um über 163 die Nutzung spontan ent scheiden zu können. Insgesamt würde man sich zwar wünschen, dass die Kinder ver mehrt „sinn volle“, d. h., lehr reiche Sendun gen nutzen, kann allerdings nicht von der Hand weisen, dass man selber das Fern- sehen auch oft genug als reines Unterhaltungs medium nutzt und ver traut hier einfach auf das „reifer und er wachsener Werden“ der Kinder. Zwischen den Fertig keiten der Kinder und Jugend lichen und ihren Eltern in Bezug auf die neuen Medien klafft insgesamt eine Lücke. Sowohl die Eltern wie auch die Kinder und Jugend lichen schreiben der jüngeren Genera tion die eindeutig höheren Kompetenzen zumindest mit Blick auf die neuen Medien zu, was insbesondere bei den für die Erziehung haupt verantwort lichen Müttern zu großer Unsicher heit führt. Nur wenige der befragten Mütter sehen sich in der Lage, dieser Unsicher heit zu begegnen, indem sie sich selbst mit den ihnen eher un bekannten Medien wie Handy oder PC/Laptop oder der Internetnut- zung auseinander setzen. Diejenigen Mütter, die dies tun, sind eindeutig der Gruppe der höher Gebildeten (zumeist Mütter mit russischem Migrations- hintergrund) zuzu ordnen und weisen (zumindest in Hinblick auf die türkisch- stämmigen Mütter) eine modernere Lebens einstel lung auf. Die Mehrheit der türkisch stämmigen Mütter zeigt sich dagegen hilf los. Sie betonen ihr Be- mühen, sich mit den Kindern auseinander zusetzen und sehen sich der „Clever- ness“ ihrer Kinder gleichzeitig aus geliefert. Oft hilft ihnen nur noch, „den Stecker zu ziehen“ – wissend, dass ihr Sohn oder ihre Tochter dann bei Freun- den „Zuflucht“ sucht. Auch die Kinder wissen um ihre Überlegen heit und geben offen zu, diese im Falle von „hilf losen“ mütter lichen Ver boten auszu- nutzen. 165 7 Medien nutzung und soziale Integra tion junger Migranten – Kausalzusammen hänge Schon der kurze Blick auf die Korrela tionen zwischen Indikatoren zur sozia- len Integra tion und zur sprachgebundenen Medien nutzung in Kapitel 5 (Ab- schnitt 5.5) hat gezeigt, dass für die Nutzung der herkunfts sprach lichen Medien vielfache Zusammen hänge in beiden Teilstichproben identifizier bar waren, während für die deutsch sprachige Medien nutzung vor allem in der Stichprobe der türkisch stämmigen Befragten Zusammen hänge mit der Alltags sprache und der sozialen Interak tion erkenn bar wurden. Im Folgenden wollen wir diese Zusammen hänge genauer in den Blick nehmen. Dafür werden wir an ein multiples Kausalmodell anknüpfen, das anhand der Daten der im Jahre 2006 er hobenen WDR-Studie für türkisch stämmige Migranten von 14 bis 49 Jahren in Nordrhein-West falen ent wickelt und erfolg reich getestet wurde.40 Das Ziel dieser Analyse ist es erstens, fest zustellen, ob für die Befragten mit türkischem Migrations hintergrund in der vor liegenden Studie ver gleich- bare Kausalstrukturen zur Erklä rung unter schied licher Akkulturations strate- gien identifiziert werden können. Eine Bestäti gung dieser Kausalstrukturen würde eine Validie rung der für die WDR-Daten nach gewiesenen Medien- nutzungs effekte bedeuten und damit ein weiterer Schritt zur Beschrei bung von Medien wirkun gen im sozialen Integrations prozess sein. Ein weiteres Ziel ist es zweitens, zu prüfen, ob diese für die türkischen Migranten identifizierten Effekte im Grundsatz auch auf die Jugend lichen und jungen Erwachsenen aus der Popula tion der Aussiedler über trag bar sind. Hier würde ein positives Er- geb nis die Generalisier bar keit der bisherigen Forschungs ergebnisse erhöhen und z. B. die Nutzung deutsch sprachiger Medien als wichtigen Integrations fak- tor für eine weitere, relevante Gruppe von Zuwanderern beschreib bar machen. 40 Vgl. zum Folgenden auch Trebbe (2009): 226–233. 166 7.1 Ausgangs lage Die deskriptiven und bivariaten Analysen in Kapitel 5 haben gezeigt, dass die sprachgebundene Medien nutzung ein Indikator für die soziale Interak tion und die soziale Integra tion sein kann. Dabei zeigen sowohl die Medien nutzungs- daten als auch die Integrations indikatoren der vor liegenden Studie in die gleiche Richtung wie die ent sprechenden Indikatoren aus der WDR-Studie des Jahres 2006. Wie stark diese Übereinstim mung ist, kann man an dieser Stelle an drei zentralen Indikatoren für die türkisch stämmigen Befragten aus beiden Studien zeigen (Tabelle 5.1). Die deutsche Sprachkompetenz ist – laut Selbsteinschät zung – in beiden Studien hoch (85 bzw. 82 Prozent). Im Alltag wird in beiden Stichproben in erster Linie Deutsch gesprochen. In der Regel parallel zu Türkisch (53 bzw. 46 Prozent), aber auch mit deut lichem Schwer- punkt auf Deutsch, vor allem in der aktuellen, etwas „jüngeren“ Stichprobe (24 bzw. 36 Prozent). Der Anteil der dominant Türkisch sprechenden Be- fragten liegt relativ konstant bei etwa einem Viertel der Stichprobe. Tabelle 7.1: Studienvergleich: Sprache und sprachgebundene Fernsehnutzung (in Prozent, gew.) Türkischer Migrations hintergrund Studie WDR 2006 Studie LfM 2009 14–29 J. nw = 226 12–29 J. nw = 302 Sprachkompetenz Deutsch (gut/sehr gut) 85 82 Sprachgebrauch im Alltag Deutsch und Türkisch gleich häufig 53 46 Meistens Deutsch 24 36 Meistens Türkisch 23 28 Fernsehnut zung (Stamm seher) Deutsch und Türkisch gleich häufig 45 46 Meistens Deutsch 21 24 Meistens Türkisch 24 18 Die zweisprachige Fernsehnut zung, also etwa gleich häufig türkisch- und deutsch sprachige Programme anzu sehen, dominiert in beiden Stichproben die Vertei lung mit nahezu identi schen Anteils werten (45 bzw. 46 Prozent). Der Anteil der Befragten, die eher deutsch sprachiges Fernsehen nutzen, ist eben- falls ver gleich bar hoch in beiden Stichproben (21 bzw. 24 Prozent), der Anteil der exklusiv türkisch sprachigen Fernsehprogrammnutzer ist in der aktuellen Stichprobe etwas kleiner als in der Stichprobe aus dem Jahre 2006 (18 bzw. 24 Prozent). Wir werden den Ver gleich der deskriptiven Daten für die türkisch stäm- migen Befragten an dieser Stelle nicht auf die Spitze treiben. Die drei Bei- spiele zeigen aber deut lich, dass sich ver gleichs weise stabile Strukturen in den 167 zwei unabhängig voneinander und mit einem Abstand von mehr als 2 Jahren gezogenen Stichproben zeigen. Für die Daten der WDR-Studie hat sich in den multivariaten Analysen gezeigt, dass sich neben soziodemografi schen Effekten auf die Akkulturations strategien der Befragten vor allem die deutsch sprachige Medien nutzung als Wirkungs faktor identifizieren lässt, während die heimat- sprach liche, in dem Fall türkisch sprachige Medien nutzung ver gleichs weise geringe Auswir kungen auf die soziale Integra tion gezeigt hat (Trebbe 2009: 233). Diesen Befund werden wir im Folgenden für die zwei Popula tionen der vor liegenden Studie über prüfen. 7.2 Modell und Operationalisie rung Die kausal analyti sche Modellie rung orientiert sich – soweit wie möglich – an den aktuellsten Analysen der Daten der WDR-Studie (Abbil dung 1). Dort wur den multiple, lineare Regressions analysen durch geführt, um den Einfluss Soziodemografie Alter Geschlecht Bildung Bleibewunsch Deutsche Staatsbürgerschaft (ja) Relative Aufenthaltsdauer Mediennutzung Herkunftssprachliche Mediennutzung Deutschsprachige Mediennutzung Zweisprachige Mediennutzung Akkulturationsstrategien Integration (D+/H+)* Assimilation(D+/H–) Separatismus (D–/H+) Marginalisierung (D–/H–) Abbildung 7.1: Kausalmodell * D± = Positive bzw. negative Ausprägungen im Hinblick auf den deutschen Kontext, H± = Positive bzw. negative Ausprägungen in Bezug auf den Herkunftskontext. 168 sozio demografi scher Indikatoren und der Medien nutzung auf die Akkultu- rations strategien nach Berry ab schätzen zu können (s. a. Kapitel 2). Diese Akkulturations strategien werden als ab hängige Variable auf gefasst und durch Indizes der Indikatoren Sprachgebrauch im Alltag (Deutsch bzw. Herkunfts- sprache), soziale Interak tion mit Freunden/Bekannten, politi sches Interesse für Deutschland bzw. das Herkunfts land und die Relevanz von Informations- quellen aus Deutschland bzw. dem Herkunfts kontext operationalisiert. Dabei werden positive Ausprägungen in Bezug auf beide gesell schaft lichen Kontexte (Herkunft und neuer deutscher Kontext) als integrativ, ausschließlich positive für den deutschen Kontext als assimilativ und ausschließlich positiv auf den Herkunftskontext gerichtete Einstellungen als separatistisch inter pre- tiert. Von Marginalisierung wird gesprochen, wenn beiden gesellschaftlichen Kontexten eher kritisch gegenübergestanden wird. Auf der Seite der unabhängigen, erklärenden Variablen werden zwei Indi- katorenblöcke zur Soziodemografie und zur Mediennutzung synchron betrach- tet.41 Die Soziodemografie umfasst neben den klassischen Variablen Alter, Geschlecht und Bildung drei migrationsspezifische Indikatoren: den Wunsch, für immer in Deutschland zu bleiben, die deutsche Staatsbürgerschaft sowie den relativen Anteil der Lebenszeit jedes Einzelnen, die in Deutschland verbracht wurde. Unter Mediennutzung werden hier die sprachgebundenen Nutzungsvorgänge zu Fernsehen, Radio und Tageszeitung, gemessen durch die Anzahl der Tage einer normalen bzw. durchschnittlichen Woche, auf- summiert. Zusätzlich zu den konventionellen Massemedien wurde auch die sprachgebundene Internetnutzung in die Summenindizes eingerechnet. Ins ge- samt wurden drei Indizes gebildet, die deutschsprachige Nutzung, die türkisch- sprachige Nutzung und die zweisprachige Nutzung. Letzterer hat dann hohe Werte für die Befragten, wenn die Differenz zwischen herkunftssprachlicher und deutschsprachiger Nutzung möglichst gering ist. 41 Bei der multivariaten Analyse der WDR-Daten war es das Ziel, den über die soziodemografi schen Variablen hinaus gehenden Effekt für die Medien nutzungs indikatoren, also den Erklärungs zuwachs, zu identifizieren, deshalb wurde dort schritt weise vor gegangen. Auf der Basis dieses Erkenntnis standes werden für die hier vor liegenden Daten beide Indikatoren gruppen synchron betrachtet. 169 7.3 Ergebnisse Die linearen Regressionsanalysen wurden jeweils für die zwei Teilstichproben getrennt durchgeführt. In Tabelle 7.2 werden die Ergebnisse für die türkisch- stämmigen Befragten und die russischen Aussiedler gegenübergestellt. Zunächst zur Erklärungskraft der Kausalmodelle (R2). Für die türkisch- stämmige Stichprobe bestätigt sich der Befund der WDR-Studie, dass durch eine Kombination von soziodemografischen und Mediennutzungsvariablen die assimilative und die separatistische Akkulturationsstrategie vergleichsweise besser erklärt werden können (jeweils R2 = .12) als Integration und Margina- lisierung (jeweils .08). Relativ gesehen stimmt dieser Befund auch für die Kausalmodelle, die für die Aussiedler berechnet wurden. Assimilation (R2 = .31) und Separation (R2 = .18) lassen sich mit dem gewählten Variablenset auch in dieser Population besser vorhersagen als Integration (R2 = .11) und Marginalisierung (R2 = .05). Darüber hinaus macht die Gegenüberstellung der Koeffizienten deutlich, dass – jedenfalls auf dieser pauschalen Betrach tungs- ebene – die Erklärungskraft der Regressionsmodelle für die Aussiedler bei den Akkulturationsindizes grundsätzlich besser ist als für die Befragten mit türkischem Migrationshintergrund. Betrachtet man die Modelle im Einzelnen, so zeigen sich einige interessante Befunde für die zwei Teilstichproben, auch und besonders im Vergleich zu den Resultaten aus der WDR-Studie. Für die integrative Akkulturationsstrate- gie, also die gleichermaßen positiv und aktiv auf den deutschen Mehrheits- kon text und den Migrationshintergrund ausgerichteten Einstellungen und Inter- aktionen, zeigt sich im Fall der türkischen Befragten ein starker Einfluss der Variablen zum sozialen Status (Alter, Bildung und Aufenthaltsdauer), d. h. je älter die Befragten, je höher ihre Bildung und je länger sie in Deutschland sind, desto eher vorfolgen sie eine solche Strategie. Im Vergleich zur WDR- Studie fällt hier ein Vorzeichenwechsel bei der Wirkung der Variable Alter auf. Während dort (d. h. bei den 14- bis 49-Jährigen) die integrative Strategie mit dem Alter abnahm, ist es hier genau umgekehrt, d. h. unter den 12- bis 29-Jährigen sind es eher die „älteren“ jungen Erwachsenen, die sich beiden Kontexten aktiv zuwenden. Auf diese Strategie wirkt dann auch eine aus- gewogene, auf beide Sprachen bezogene Mediennutzung als positiver Effekt – je stärker die Mediennutzung in beiden Sprachen stattfindet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine ebenfalls auf beide Kontexte ausgerichtete Integrationsstrategie. 170 Tabelle 7.2: Multiple, lineare Regressionen zur Erklärung der Akkulturationsstrategien* Beta Akkulturations strategien (Indizes) Integra tion Assimila tion Separa tion Marginali sie rung Stichprobe Tk. Mh. Aussdl. Tk. Mh. Aussdl. Tk. Mh. Aussdl. Tk. Mh. Aussdl. Konstante (Modell) 2.0 1.8 .84 .85 .82 Soziodemografie Alter .16 –.12 Geschlecht (weib lich) –.14 Bildung (Abi/Gymn.) .13 .12 –.24 Bleibewunsch (ja) .12 Rel. Aufenthalts dauer .19 –.25 –.14 .17 Dt. Staats bürger schaft (ja) –.12 Medien nutzung Deutsch sprachig Türkisch bzw. Russisch –.22 –.44 .16 .21 –.25 Ausgewogen zweisprachig .16 –.12 Adj. R2 .08 .11 .12 .31 .12 .18 .08 .05 * Standardisierte Regressionskoeffizienten (BETA), alle angegebenen Koeffizienten p(α) ≤ .05. Für die Befragten aus der Aussiedlerstichprobe zeigen sich im Gegensatz dazu kaum integrative Effekte für die soziodemografischen Variablen. Ledig- lich die Minderheit derjenigen, die (noch) keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, verfolgt eine gleichermaßen auf die Herkunft als auch auf Deutschland bezogene Integrationsstrategie. Mediennutzung und vor allem zweisprachige Mediennutzung spielt dabei keine Rolle. Im Hinblick auf die zwei gut erklärbaren Strategien Assimilation und Sepa- ration zeigen sich Effekte für die sprachgebundene Mediennutzung, die in bisherigen Kausalanalysen nicht erkennbar waren. Für die assimilative Stra- tegie finden sich beispielsweise negative Effekte der herkunftssprachlichen Mediennutzung. Besonders gut sichtbar sind diese in der Stichprobe der jungen Aussiedler: Eine stark ausgeprägte russischsprachige Mediennutzung steht einer assimilativen Akkulturation explizit entgegen (BETA: –.44). In der türkischstämmigen Stichprobe zeigt sich der gleiche negative Effekt, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt (BETA: –.22). Und darüber hinaus erkennt man – und das ist in diesem Zusammenhang plausibel – für beide Teilstichproben entsprechende positive Effekte der türkisch- bzw. russischsprachigen Medien- nutzung auf eine separatistische, d. h. dem deutschen Mehrheitskontext ab- gewandte Akkulturationsstrategie (BETA: .16 bzw. .21). Weiter zeigt sich ein positiver Bildungseffekt für die assimilative Strategie im Fall der türkischen Befragten (BETA: .12), während sich für die Aussiedler zeigen lässt, dass Assimilation dann am wahrscheinlichsten ist, wenn die Zu- wanderung nach Deutschland in besonders jungen Jahren erfolgt ist (BETA: –.12). Die Kausalanalyse für die einseitige Zuwendung zum Herkunftskontext (Separation) zeigt für die zwei Stichproben starke Parallelitäten. Hier schlägt 171 die Aufenthaltsdauer der Befragten als Erklärungsfaktor durch: Der eher kri- tische Umgang mit dem deutschen Gesellschaftskontext findet vor allem bei denjenigen statt, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben, und er ist für männliche Befragte wahrscheinlicher als für weibliche – dies allerdings nur im Fall der jugendlichen Aussiedler. Marginalisierte Akkulturationsstrategien sind im Fall der türkischstämmi- gen Befragten vor allem an Bildungsnachteile gekoppelt, während bei den russischen Aussiedlern eine längere Aufenthaltsdauer unter bestimmten Um- ständen zu einer Abwendung von beiden Kontexten führen kann – auch wenn sie mit dem Wunsch verknüpft ist, in Deutschland zu bleiben. Vor allem aber zeigt sich hier ein negativer Effekt für die Nutzung russischsprachiger Medien (BETA: –.25). Auch wenn dieses schwächste Modell mit Vorsicht interpretiert werden muss, kann man festhalten: Je mehr Herkunftsmedien genutzt werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, in beiden Lebenswelten nicht zu Hause zu sein. 7.4 Diskussion Die Ergebnisse der Kausalanalysen zeigen aus einer mehrdimensionalen Per- spektive noch einmal deutlich auf, wo die Besonderheiten der in dieser Studie untersuchten Populationen mit Migrationshintergrund liegen. So kann man sie etwa mit Blick auf die Altersstruktur sowohl als homogen als auch als heterogen bezeichnen. Homogen ist die Gruppe der 12- bis 29-jährigen Be- fragten auf der einen Seite im Vergleich zu anderen, breiter angelegten Stich- proben, weil das „jüngste“ Drittel der zwei größten Bevölkerungssegmente mit Migrationshintergrund in den Blick genommen wird, und damit be stimmte, in späteren Lebensphasen relevante Integrationsdimensionen ausgeblendet wer- den. So kann man an den Daten der aktuellen Umfragen sehr gut ablesen, dass der deutsche Mehrheitskontext für die jüngeren Migrationsgruppen routi- nierter ist und die soziale Interaktion in der Mehrheitsgesellschaft durch Sprache, gesellschaftliches Leben und Freizeitaktivitäten zum selbstverständ- lichen Bestandteil ihres Alltagslebens geworden ist – selbst bei denjenigen, die noch eigene Zuwanderungserfahrungen gemacht haben. Auf der anderen Seite führt die Fokussierung auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dazu, dass bestimmte Eigenheiten und Differenzierun- gen innerhalb dieses Alterssegments deutlicher zutage treten und nicht durch gegenläufige Ausprägungen in den älteren Gruppen ausgeglichen und damit im Durchschnitt quasi aufgehoben werden. Am deutlichsten wird diese Hete- ro genität am Beispiel der Stichprobe der türkischstämmigen Befragten. Über 80 Prozent der befragten 12- bis 29-Jährigen sind in Deutschland geboren. Dadurch unterscheiden sie sich in einem ganz entscheidenden Merkmal von 172 der Generation ihrer Eltern und Großeltern, die zum größten Teil eigene Migra tionserfahrungen gemacht haben und nicht in einem bikulturellen Um- feld sozialisiert wurden. Dies hat für viele der Jugendlichen zur Folge, dass die Auseinandersetzung mit der türkischen Seite ihrer Identität ausschließlich – oder zumindest in großen Teilen – über die Familie geschieht, während der deutsche Mehrheitskontext in Schule und Freundeskreis dominiert. War es für frühere Generationen türkischer Migranten häufig so, dass der deutsche Ge- sellschaftskontext derjenige war, der zu ihrer türkischen Identität dazu kam, ist es für viele Jugendliche heute umgekehrt. Im deutschen Alltag entwickelt sich ein vorherrschender Teil ihrer Identität, zu dem ihre türkische Herkunft dazu kommt. In diesem Sinne ist die Stichprobe der türkischstämmigen Be- fragten äußerst heterogen, denn die Zuwanderungsquote bei den 12- bis 19-Jährigen, also denjenigen, die noch besonders stark durch den elterlichen Familienhaushalt geprägt werden, beträgt nur 6 Prozent (gegenüber 32 Prozent bei den 20- bis 29-Jährigen), so dass selbst zwischen diesen „jungen“ Gruppen noch große Unterschiede im Verhältnis von türkischem und deutschem Teil ihrer Identität sichtbar werden. Aus dieser Perspektive kann man die türkischsprachige Mediennutzung in dieser Altersgruppe in einem etwas anderen Licht sehen, als es für die älteren Generationen angemessen ist. Für die meisten Jugendlichen und jungen Er- wachsenen ist der Blick in die türkische Kultur und Gesellschaft – auch via Benutzung der Sprache und Zuwendung zu Massenmedien – ein Blick in die Kultur und Gesellschaft ihrer Eltern und damit auch ein Blick zurück. Wäh- rend die Angehörigen früherer Migrantengenerationen ihre türkische Identität nach Deutschland mitgebracht und hier gepflegt haben, wird sie von den jün- geren Generationen parallel zu ihrer deutschen (Teil-) Identität erworben. Das erklärt vielleicht erstens, warum eine auf beide Kontexte gerichtete, integrative Akkulturationsstrategie innerhalb dieses jungen Segments mit steigendem Alter wahrscheinlicher wird und zweitens, warum die Nutzung türkisch spra- chi ger Medien einer durch steigende Bildung verstärkten, assimilativen Akkul- turationsstrategie entgegen wirken kann, bis hin zur expliziten Abwendung vom deutschen Mehrheitskontext. Auf die russischen Aussiedler sind diese Überlegungen natürlich in keiner Weise übertragbar. Die Mehrheit dieser Migrantengruppe hat selbst Migra- tions erfahrungen gemacht, 9 von 10 Befragten sind mit den Eltern nach Deutsch land gekommen und vorher in einem anderen gesellschaftlichen Um- feld aufgewachsen. Allerdings spielt auch für diese Gruppe die ethnische Identität ihrer Eltern bzw. Großeltern eine wichtige Rolle. Ebenfalls 9 von 10 Befragten bringen die deutsche Staatsbürgerschaft qua ihres Status als Spätaussiedler mit, auch wenn sie selbst und ihre Eltern einen großen Teil ihres Lebens in Russland oder einer anderen Region der ehemaligen Sowjet- union verbracht haben. Sie bringen so einen Teil ihrer deutschen Identität aus 173 diesen Ländern nach Deutschland mit, der ihnen – und hier wiederum besteht Ähnlichkeit mit den Deutschtürken – in erster Linie durch das familiäre Um- feld vermittelt wurde. Diese mehrfachen Windungen einer deutsch-russisch- deutschen Herkunftsperspektive lassen sich an den vorliegenden Daten zur sozialen Interaktion und Integration sehr gut ablesen. Die Befragten der Aus- siedlerstichprobe sind sehr viel stärker auf den deutschen Mehrheitskontext ausgerichtet, die russische Herkunft wird leichter zurückgelassen und schneller aufgegeben als bei den türkischstämmigen Befragten – und dies trotz Migra- tionserfahrung am eigenen Leib. Die zeigt sich sowohl bei Sprache, sozialer Interaktion und den auf den Herkunftskontext bezogenen Informations bedürf- nissen: Assimilative Strategien sind häufiger anzutreffen als integrative, die Herkunftskultur stärker einbeziehende Einstellungen und Aktivitäten. Vor diesem Hintergrund hat auch die sprachgebundene Mediennutzung eine andere Bedeutung und andere Wirkungen. Sie ist einerseits weitaus weniger relevant für die Aussiedler als für die türkischstämmigen Befragten. Der deutschsprachigen Mediennutzung wird häufiger der (exklusive) Vorzug vor russischsprachigen Informations- oder Unterhaltungsangeboten gegeben. Ande- rer seits wirkt es dem assimilativen Mainstream in dieser Population extrem entgegen, wenn russischsprachige Medien genutzt werden. Diejenigen, die sich (noch immer) mit der russischen Herkunft und Kultur befassen, tun dies dann auch durch und mit Medien. Dem deutschen und vor allem deutsch- sprachigen Alltag können jedoch die meisten nicht auf Dauer ausweichen. Das ist vermutlich der Grund, warum sich separatistische Strategien im Zu- sammenhang mit der russischsprachigen Mediennutzung vor allem bei Be- fragten zeigen, die erst seit vergleichsweise kurzer Zeit in Deutschland sind.m Für beiden Populationen gleichermaßen kann man abschließend festhalten, dass im Zusammenhang mit den zum Teil sehr unterschiedlichen Migrations- und Integrationsstadien die Nutzung der deutschen Medien vergleichsweise wenig Varianz und Wirkung zeigt. In dieser Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist der Umgang mit konventionellen und „neuen“ Medien im Alltag selbstverständlich. Deutsche Medien werden nahezu unabhängig vom sozialen Integrationsstatus genutzt. Mehr noch: Die Nutzung deutscher Medien erlaubt in vielen Fällen weder eine Prognose zur Nutzung der her- kunfts sprachlichen Medien noch zum Verhältnis zur deutschen Mehrheits- gesellschaft – sie gehört in dieser Altersgruppe zur gesellschaftlichen Norma- li tät. 175 8 Medien nutzung und Medien kompetenz: Jugend liche mit und ohne Migrations hintergrund im Ver gleich Wie in Kapitel 1 und 4 er läutert, führt der Medien pädagogi sche Forschungs- verbund Südwest (mpfs), eine Einrich tung der Landes anstalt für Kommunika- tion (LFK) und der Landes zentrale für Medien und Kommunika tion Rhein- land-Pfalz (LMK), in regelmäßigen Abständen die Studie „Jugend, Informa tion, (Multi-)Media (JIM)“, eine Studie zur Medien nutzung 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, durch. Die zum Zeitpunkt der Erstel lung dieses Berichts aktuellste Erhebung wurde 2008 durch geführt und ent hält Resultate von 1.208 Inter views mit Jugend lichen aus dem gesamten Bundes gebiet. Die Grund gesamt heit ist definiert als „die sieben Millionen Jugend lichen im Alter von 12 bis 19 Jahren in Telefon-Haushalten der Bundes republik Deutschland“ (JIM 2008: 4). Da sich die JIM-Studie auf ein Alters segment bezieht, das auch in den beiden Migranten-Stichproben der LfM-Studie ver treten ist, eignet sie sich im Prinzip gut für einen Ver gleich mit den Daten, die in der LfM-Studie zur Medien nutzung und Medien kompetenz von zwei Migranten gruppen erhoben wurden. Dieser Ver gleich wird im Folgenden vor genommen, jedoch ist er mit einigen Einschrän kungen ver bunden, auf die wir zum Teil schon in Kapitel 4 ein gegangen sind: Da ist zum einen der unter schied liche regionale Bezugs rahmen der beiden Untersuchungen. Die JIM-Studie bezieht sich auf die gesamte Bundes republik, die LfM-Studie ist aus schließ lich auf Nordrhein-West falen fokussiert. Zum anderen wird in der JIM-Studie der Migrations status der Befragten nach unserem Wissens stand nicht erfasst. Daher ist davon auszu gehen, dass sich in der JIM-Stichprobe eine nicht bekannte Anzahl von Personen mit Migrations hintergrund befindet (die einzige diesbezüg liche Informa tion ist das Geburts land der Befragten: 95 Prozent sind in Deutschland geboren). Insofern betrifft der im Folgenden beschriebene Ver gleich der Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen faktisch auf der einen Seite Jugend liche mit türkischem Migrations hintergrund und russische Aussiedler und auf der anderen Seite 176 deutsch sprachige Jugend liche – vor wiegend ohne, zum Teil aber auch mit Mi- grations hintergrund. Außerdem beziehen sich die Angaben der LfM-Studie zur Medien nutzung aus Gründen der Anschluss fähig keit an bevölkerungs repräsentative Studien in der Regel auf die in der Reichweiteforschung ein geführte „Währung“ der Stamm nutzer. Das sind Personen, die ein Medium bzw. ein bestimmtes Medien- angebot nach eigener Aussage an mindestens 4 Tagen einer „normalen Woche“ nutzen. Die Daten der JIM-Studie sind damit nicht direkt ver gleich bar, als Äquivalent haben wir uns für die Zusammen fassung der Selbsteinschät zung von „täglich“ und „mehrmals pro Woche“ (= mindestens mehrmals pro Woche) ent schieden. 8.1 Soziodemografie Zunächst ein Blick auf einige soziodemografi sche Indikatoren. In Bezug auf das Alter (Tabelle 8.1) und das Geschlecht der Befragten (Tabelle 8.2) sind alle drei Teilstichproben ähnlich auf gebaut. Der Anteil der Jugend lichen zwischen 14 und 19 Jahren liegt etwa bei 80 Prozent, die 12- bis 13-jährigen Kinder repräsentieren etwa ein Fünftel der Stichproben. Tabelle 8.1: Alter der Befragten (in Prozent, gew.)* Alter Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 12–13 Jahre 20 16 23 14–19 Jahre 80 84 76 Gesamt 100 100 100 * Von Hundert abweichende Prozente sind Rundungsfehler. Die männ lichen Befragten sind in allen drei Stichproben in der Mehrheit, in den Stichproben mit Migrationshintergrund noch etwas deutlicher (54 Pro- zent) als in der JIM-Studie (51 Prozent). Tabelle 8.2: Geschlecht (in Prozent, gew.) Geschlecht Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Männlich 54 54 51 Weiblich 46 46 49 Gesamt 100 100 100 177 Ganz anders – und mit den aus anderen Studien hinreichend bekannten Verschiebungen – fällt der Vergleich der zum Zeitpunkt der Befragung be- suchten Schulformen aus (Tabelle 8.3). Der Anteil der Hauptschüler ist in den zwei Stichproben mit Migrationshintergrund etwa doppelt so hoch (26 bzw. 21 Prozent) wie in der bundesweit repräsentativen Stichprobe aller Jugend- lichen in dieser Altersgruppe (10 Prozent). Und auch, wenn die Daten ggf. im Hinblick auf die Werte für Real- bzw. weiterführende Schulen nicht ganz vergleichbar sind, zeigt sich doch für das Gymnasium ein deutlicher Unter- schied zwischen dem Wert für die 12- bis 19-Jährigen in der Gesamtbevölke- rung (40 Prozent) und den türkischstämmigen Befragten bzw. den Aussiedlern (20 bzw. 22 Prozent). Dies ist vor dem Hintergrund der in Kapitel 5 be schrie- benen starken Zusammenhänge zwischen Bildungsvariablen und Funktions- mediennutzung besonders bedeutsam. Die Frage, inwieweit ggf. Unterschiede zwischen Befragten mit Migrations- hintergrund und bundes deutscher Gesamtbevölke rung bereits in der Alters- gruppe der 12- bis 19-Jährigen auf eine unter schied liche Bildungs perspektive zurück zuführen sind, wird im weiteren Ver lauf dieses Ver gleichs zu berück- sichtigen sein. Tabelle 8.3: Schulbesuch (in Prozent, gew.) Schul besuch Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Schüler 88 84 88 Haupt schule 26 21 10 Realschule/weiterf. 27 28 23 Gymnasium 20 22 40 Sonstiges 15 13 4 Kein Schüler 12 14 12 Studium (Uni/ FH) 4 2 k. A. Berufstätig/Ausbil dung 6 13 12 Sonstiges 2 1 1 Gesamt 100 100 100 178 8.2 Medien ausstat tung und Medien nutzung Im Hinblick auf die individuelle Medien ausstat tung der Befragten zeigen sich sowohl Unterschiede als auch Gemeinsam keiten (Tabelle 8.4). Tabelle 8.4: Individuelle Medienausstattung: Massenmedien (in Prozent, gew.) Ausstat tung/Befragte Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Fernsehgerät 58 58 61 Radiogerät 25 34 77 Zeitungs abonnement* 15 28 59 Internet zugang 56 48 51 * Zeitungsabonnements werden nur auf der Ebene der Haushalte erhoben. Zu den Gemeinsam keiten gehört das Fernsehgerät im eigenen Zimmer. Jeweils 58 Prozent der türkisch stämmigen Migranten und der Aussiedler ver- fügen über einen eigenen Fernseher. Laut JIM-Studie 2008 trifft das auch auf 61 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in der Gesamtbevölke rung zu. Und auch ein eigener Internet zugang ist in etwa im gleichen Umfang in allen drei Stich- proben ver treten (zwischen 48 Prozent bei den Aussiedlern und 56 Prozent bei den türkisch stämmigen Befragten). Große Unterschiede zeigen sich vor allem bei der Ausstat tung mit Radio- geräten und Zeitungs abonnements. 59 Prozent der Befragten der JIM-Studie ver fügen über ein Zeitungs abonnement im Haushalt, bei den Jugend lichen mit Migrations hintergrund sind es mit 15 bzw. 28 Prozent deut lich weniger, und auch der Abstand zwischen türkisch stämmigen Befragten (15 Prozent) und Aussiedlern (28 Prozent) in dieser Alters gruppe ist groß. Noch deut licher sind die Unterschiede beim Besitz von Radiogeräten. Während der Anteil bei den 12- bis 19-Jährigen in der Gesamtbevölke rung bei 77 Prozent liegt und damit noch über dem Anteils wert für Fernsehgeräte, sind es in der vor liegenden Studie nur 25 bzw. 34 Prozent. Dies spricht sehr für die bereits in Kapitel 5 geäußerte Ver mutung, dass gerade Zeitung und Radio erstens ein besonders hohes Sprach verständnis er fordern (hören und ver stehen) und dass zweitens diese Medien und ihre Inhalte traditionell stark an regionale bzw. lokale Ver- breitungs gebiete gebunden sind und deshalb durch ent sprechende Angebote im Internet oder digitalen Fernsehen ver drängt werden. Weitaus weniger gravierend sind die Unterschiede zwischen den Popula- tionen im Hinblick auf die Ausstat tung mit Funktions medien (Tabelle 8.5). 179 Tabelle 8.5: Individuelle Medienausstattung: Funktionsmedien (in Prozent, gew.) Ausstat tung/Befragte Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Computer 66 65 71 Handy 89 93 95 Spiel konsole 44 37 45 Mobile Spiel konsole 33 25 41 Die 12- bis 19-jährigen Befragten aus der Gesamtbevölke rung ver fügen zu mehr als zwei Dritteln über einen eigenen Computer. In den zwei migrations- spezifi schen Stichproben liegen die Werte mit 66 bzw. 65 Prozent knapp darunter und im Rahmen der zufalls bedingten Stichproben streuung. Das Gleiche gilt für die Verfüg bar keit von Mobiltelefonen: 89 Prozent der türkisch- stämmigen Jugend lichen, 93 Prozent der Aussiedler und 95 Prozent der Jugend lichen in der Gesamtbevölke rung haben ein eigenes Handy. Einzig für die Spiel konsolen, die aus Ver gleichs gründen hier getrennt nach fest installier- ten und mobilen Geräten aus gewiesen werden, lassen sich Unterschiede zwi- schen den Jugend lichen aus der Aussiedler stichprobe und den zwei anderen Gruppen fest stellen. Diese Popula tion ist mit 37 Prozent bzw. 25 Prozent weniger häufig im Besitz solcher Geräte als die Ver gleichs gruppen aus der Gesamtbevölke rung (45 bzw. 41 Prozent) und den türkisch stämmigen Befrag- ten (44 bzw. 33 Prozent). Im Grundsatz gilt auch für den Ver gleich mit den Nutzungs daten der JIM- Studie die Fest stel lung, dass die Nutzung der Ausstat tung folgt, bzw. als guter Indikator dienen kann (Tabelle 8.6). Tabelle 8.6: Mediennutzung (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Fernsehen 92 86 89 Radio 16 34 72 Zeitung 18 12 43 Internet 69 73 84 Computer 60 71 89 Handy 79 75 84 Spiel konsole 21 16 26 ** Personen, die angeben, das Medium an 4, 5, 6 oder 7 Tagen einer normalen Woche zu nutzen. ** Täglich/mehrmals pro Woche. 180 Im Fall der Jugend lichen aus der Gesamtbevölke rung sind die Unterschiede zwischen den meist genutzten Medien allerdings nicht so groß wie im Fall der zwei Migranten-Stichproben. So ist das Fernsehen bei den 12- bis 19-Jährigen aus der Gesamtbevölkerung mit 89 Prozent gleich auf mit der Computernut- zung (jeweils 89 Prozent), während in den anderen zwei Stichproben eher größere Abstände zwischen TV- und PC-Nutzung zu finden sind.42 Ebenfalls eher im Bereich von Fernsehen und Computer bewegen sich die Werte für die häufige und regelmäßige Internet- und Handynutzung (jeweils 84 Prozent). In den Stichproben für die jugendlichen Aussiedler bzw. türkischstämmigen Befragten schwanken die Stammnutzeranteile für PC und Internet eher um 70 Prozent, insbesondere die Computernutzung bei den türkischstämmigen Jugendlichen ist mit 60 Prozent Stammnutzeranteil vergleichsweise gering. Eindeutiger und auffälliger sind aber auch bei den Nutzungsdaten die Unterschiede im Umgang mit Radio und Tageszeitung. Obwohl auch bei den Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung die zwei Massenmedien eher am unteren Ende der Beliebtheitsskala zu finden sind (einmal abgesehen von der Spielkonsole), fallen die Werte mit 72 Prozent für Radionutzung und 43 Pro- zent für die Tageszeitungsnutzung doch deutlich höher als in den Vergleichs- stichproben aus. Und dabei ist das Radio bei den 12- bis 19-jährigen Aus- siedlern mit 34 Prozent Stammhöreranteil noch deutlich beliebter als bei den türkischstämmigen Jugendlichen mit nur 16 Prozent. Die Tageszeitung ist in allen drei Stichproben das Massenmedium mit den schwächsten Nutzungs- zahlen, in den migrationsspezifischen Stichproben liegt die Nutzung mit 18 bzw. 12 Prozent jedoch auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Die Spiel- konsole als Funktionsmedium liegt mit ihren Nutzungszahlen ebenfalls eher am Ende der Rangliste, für alle drei Stichproben auf vergleichbarem Niveau (zwischen 16 und 26 Prozent). Der Blick auf andere Medien- und Freizeitaktivitäten (Tabelle 8.7) stellt noch einmal die in Kapitel 5 berichtete hohe Bedeutung der Musiknutzung für Jugendliche heraus. Der Gebrauch von MP3 ist nicht nur bei den Befrag- ten mit Migrationshintergrund, sondern auch bei den Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung sehr stark verbreitet. Bei diesen nimmt zusätzlich das aktive Musik machen mit 18 Prozent einen höheren Stellenwert ein als bei beiden Stichproben mit Migrationshintergrund (7 bzw. 5 Prozent). 42 Da die Daten der JIM-Studie hier nicht direkt vergleichbar mit den Daten der LfM-Studie sind, werden wir weniger auf die konkreten Prozentwerte für die „Stammnutzung“ eingehen und eher die – jeweils interne – Rangreihe der häufig bzw. regelmäßigen Mediennutzungsvorgänge in den Blick nehmen. 181 Tabelle 8.7: Mediennutzung und Freizeitaktivitäten (Nutzung, Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Aktivitäten Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Freunde treffen 46 72 88 MP3 78 79 82 Sport treiben 32 37 71 Nichts tun 40 42 69 Musik CD/ MC hören 51 49 68 Bücher lesen 27 22 40 Zeitschriften lesen 8 10 29 Musik machen 7 5 18 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Deutliche Unterschiede zwischen den drei Teilstichproben zeigen sich bei den außerhäuslichen Aktivitäten. Während 88 Prozent der Befragten der JIM- Studie sich häufiger als viermal pro Woche mit Freunden treffen, trifft dies nur für 46 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen und für 72 Prozent der Aussiedler zu. Die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtstichprobe sind daneben deutlich häufiger mit sportlichen Aktivitäten beschäftigt. Sie geben allerdings auch häufiger an, in der Freizeit einfach nichts zu tun. Die Nutzungsdaten für Zeitschriften bestätigten das schon bei der Zeitungsnutzung festgestellte niedri gere Niveau in den migrationsspezifischen Stichproben. Dies dürfte wiederum teilweise darauf zurückzuführen sein, dass in den entsprechenden Haushalten weniger Zeitschriftenabonnements vorhanden sind (Haushalte der türkischstämmigen Befragten: 8 Prozent, Aussiedler: 21 Prozent, JIM: 44 Pro- zent). Die Ergebnisse kann man nicht vorschnell als generelle Unlust am Lesen interpretieren. Vielmehr geben immerhin 27 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen und 22 Prozent der Aussiedler an, an mindestens 4 von 7 Tagen Bücher zu lesen. Insbesondere zwischen den türkischstämmigen Befragten und den Jugendlichen der JIM-Studie bestehen hier also keine enormen Diffe- renzen. 8.3 Internet- und Funktionsmedien: Nutzung und Reflektion Vor dem Hintergrund der Debatten um die Medien kompetenz von Menschen mit Migrations hintergrund ist von besonderem Interesse, inwiefern sich Jugend liche mit Migrations hintergrund durch besondere Nutzungs weisen des Internets aus zeichnen. Im Ver gleich der drei Stichproben popula tionen soll daher im Folgenden auf Gemeinsam keiten und Unterschiede in der Aneig- 182 nung des Internets durch die 12- bis 19-Jährigen ein gegangen werden. Damit ist an dieser Stelle aus drück lich keine Bewer tung oder Einschät zung ver bun- den, ob aus dieser Art des Medien umgangs eher förder liche oder eher kritische Potenziale er wachsen. Betrachtet man zunächst die eher kommunikations orientierten Tätig keiten wie E-Mail oder Messenger, ergibt sich ein über wiegend einheit liches Bild (Tabelle 8.8). Tabelle 8.8: Kommunikationsorientierte Tätig keiten und Dienste im Internet (Nutzung, Mehr fachnen nung, in Prozent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Messenger, ICQ etc. 66 61 71 Online-Communities 39 46 55 E-Mail 45 33 47 Chat 35 41 28 Internet-Telefonie 3 5 7 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Die Messenger-Nutzung er reicht in allen Teilstichproben die höchsten Nut- zungs werte, für rund zwei Drittel und mehr der befragten 12- bis 19-Jährigen gehört der Messenger zur alltäg lichen Internetnut zung dazu. Internet-Telefonie ist dagegen bisher in keiner der drei Teilstichproben in nennens wertem Um- fang ver breitet. Deutlichere Nutzungs unterschiede zeigen sich bei den Online- Communities und der Chatnut zung. Während die Communities etwas stärker von den 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung genutzt werden (55 Pro- zent gegen über 39 bzw. 46 Prozent), weisen die Teilstichproben der Jugend- lichen mit Migrations hintergrund jeweils etwas höhere Stammnutzer anteile beim Gebrauch von Chats auf (35 bzw. 41 Prozent gegen über 28 Prozent). Be- sonders die russischen Spät aussiedler nutzen diese Kommunikations mög lich - keit sehr häufig. In den Gruppen diskussionen wurde auf die Brücken funk tion der neuen Kommunikations dienste hin gewiesen, die via Chat und Messenger kosten günstig die Kontakt aufnahme und den Austausch mit Freunden und Familie aus den Herkunfts gebieten ermög lichen. Hierin kann eine Erklä rung für die höheren Stammnutzer werte der türkisch stämmigen Jugend lichen und der Spät aussiedler bei der Chatnut zung liegen. Auffälliger sind die Unterschiede zwischen Jugend lichen mit Migrations- hintergrund und aus der Gesamtbevölke rung bei den stärker informations- orientierten Tätig keiten (Tabelle 8.9). 183 Tabelle 8.9: Informationsorientierte Tätig keiten und Dienste im Internet (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Suchmaschinen 60 57 71 Surfen 32 37 42 Informa tionen für Schule/Beruf 24 22 38 Private Informa tionen 22 21 38 Aktuelle Nachrichten 20 23 32 Veranstaltungs informa tionen 8 4 13 News group lesen 8 17 22 Weblogs lesen 1 2 7 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Hier weisen die JIM-Befragten in allen Tätigkeits bereichen höhere Nut- zungs werte auf als die Befragten der zwei Ver gleichs stichproben. Insbesondere die Recherche von Informa tionen für Schule/Beruf bzw. den privaten Bereich gehört für jeweils 38 Prozent der 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung zur alltäg lichen Internetnut zung. In den beiden Ver gleichs stichproben er reichen diese beiden Tätig keiten jeweils nur Werte knapp über 20 Prozent. Auch das Interesse an aktuellen Nachrichten ist bei den 12- bis 19-Jährigen der Gesamt- bevölke rung etwas höher aus geprägt. Vor dem Hintergrund einer zum Teil negativen Konnota tion des „Surfens“ im Internet und der Forschungs literatur ist an dieser Stelle noch interessant, dass die Befragten der migrations spezifi- schen Teilstichproben beim Surfen keines wegs höhere Nutzungs werte auf wei- sen als die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung. Musik hören oder Filme/Videos im Internet ansehen ist in allen drei Teil- stichproben gleichermaßen beliebt (Tabelle 8.10). Für die türkisch stämmigen Befragten spielt zudem das Internet fernsehen eine deut lich größere Rolle. Die regelmäßige Nutzung von Online-Spielen hat für alle Befragten eine deut lich geringere Relevanz als zum Beispiel die Suche nach schuli schen/beruf lichen Informa tionen. Hier weisen die 12- bis 19-Jähri- gen der Gesamtbevölke rung höhere Nutzungs werte auf als die Befragten der zwei Ver gleichs stichproben. Mit kreativen und gestaltenden Tätig keiten beschäftigt sich insgesamt nur eine Minder heit der Jugend lichen (Tabelle 8.11). Am aktivsten sind hier noch die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung, bei denen immerhin jeweils 13 Prozent an geben, eine eigene Homepage zu betreiben oder sich in News- groups einzu bringen. Bei den russischen Spät aussiedlern werden derartige Formen der Selbst präsenta tion jedoch kaum ver folgt. Für die Jugend lichen 184 mit türkischem Migrations hintergrund stößt allein das Einstellen und Teilen von Fotos und Videos auf größere Gegen liebe. Tabelle 8.10: Rezeptionsorientierte und unterhaltende Tätig keiten und Dienste im Internet (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Musik/Sounds hören 48 45 46 Filme/Videos ansehen 28 23 26 Multi-User-Spiele 6 12 19 Online-Spiele allein 9 10 15 Internet-Radio 4 6 8 Internet-TV 10 4 2 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Tabelle 8.11: Produktive Tätig keiten und Dienste im Internet (Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Weblogs schreiben 1 2 2 News group schreiben 4 7 13 Foto/Video einstellen 14 4 10 Eigene Homepage 1 – 13 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Über die Einschät zungen und Ansichten der Jugend lichen mit Migrations- hintergrund zu ver schiedenen Aspekten des Internets, insbesondere der Reflek- tion über das eigene Wissen, wurde bereits in Kapitel 5 ausführ lich berichtet. Die Gegen überstel lung der migrations spezifi schen Teilpopula tionen zu den Befragten der JIM-Studie in Tabelle 8.12 zeigt hier noch einmal deut lich, dass sich die Jugend lichen weder in der Relevanz, die dem Internet zu ge- schrie ben wird, groß artig unter scheiden noch in ihrer Selbsteinschät zung, über das Internet Bescheid zu wissen. Der Nützlich keit des Internets für Schule und beruf lichen Bildungs weg stimmen 95 Prozent der Aussiedler, 93 Prozent der Befragten der JIM-Studie und 89 Prozent der türkisch stämmigen Jugend- lichen zu. Im Freundes kreis ist die Internetnut zung jeweils gleichermaßen weit ver breitet. Mehr Vorsicht zeigen die Jugend lichen der Gesamtbevölke rung, wenn es darum geht, Erlaubtes von Unerlaubtem zu trennen. 75 Prozent sagen 185 hier, sie wüssten genau, was erlaubt ist. Die Jugend lichen mit türkischem Migrations hintergrund treten in dieser Hinsicht mit einer Zustimmungs quote von 83 Prozent etwas selbst sicherer auf. Sie zeigen sich im Ver gleich zu den Aussiedlern und ähnlich wie die Befragten der JIM-Studie etwas reservierter, wenn es um das Internet als Kontakt börse geht. Hier könnten sich die großen Vorbehalte und Sorgen gegen über im Internet geknüpften Kontakten, die in den Gruppen diskussionen vor allem von den türkisch stämmigen Eltern ge- äußert wurden, wider spiegeln. Dass das Selbst bewusstsein der Jugend lichen in Hinblick auf ihre eigene Internet kompetenz durch aus kritisch zu hinter- fragen ist, zeigen die Zustimmungs werte zur Frage nach der Überprü fung der Inhalte im Internet. Über alle Teilstichproben hinweg wähnt sich hier mehr als jeder Vierte in Sicher heit. Tabelle 8.12: Ansichten zum Internet* („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2007) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.204 Internet gehört heute einfach dazu 91 94 91 Internet ist für die Schule, Aus- bil dung, Studium bzw. Beruf nütz lich 89 95 93 Die meisten meiner Freundinnen und Freunde beschäftigen sich mit dem Internet 92 90 91 Wenn ich das Internet nutze, weiß ich genau, was erlaubt ist und was nicht 83 79 75 Über das Internet wird viel zu viel Aufhebens gemacht 56 52 54 Über das Internet kann man gut neue Leute kennen lernen 67 76 69 Was im Internet steht, hat vorher jemand auf die Richtig keit über - prüft 26 30 28 * Da diese Abfrage in 2008 nicht erfolgte, wird hier auf die Daten aus der JIM-Studie 2007 zurückgegriffen. Computer Einem kompetenten Umgang mit dem Computer und der Vielzahl an Pro- grammen und Anwendungen wird ein hoher Stellenwert für die Wahrnehmung bildungs- und berufsbezogener Chancen zugesprochen. Wie vielfältig und differenziert die Aneignung und der Umgang mit dem Computer in den drei Vergleichsstichproben ausfällt, zeigt Tabelle 8.13. Die in allen drei Gruppen geringen Stammnutzer anteile für Tätig keiten am Computer, die in keinem Zusammen hang mit dem Internet stehen, bestätigen 186 die Funktion des Computers als Mittel zum Zweck: Der Computer ist vor allem dafür da, den Zugang zum Internet und seinen Inhalten bzw. Diensten sicher zustellen. Für die türkisch stämmigen Jugend lichen und die Aussiedler unter mauern diese Daten die Eindrücke aus den Gruppen diskussionen. In diesen räumten die Kinder und Jugend lichen ein, man habe die Anschaf fung des Computers vor allem durch den Ver weis auf schuli sche Notwendig keiten forciert, aber eigent lich sei das Internet das wichtigste. Der Einsatz für Schule, Ausbil dung oder Beruf führt in allen drei Teil- stich proben die Rangliste der Offlinetätig keiten an. Allerdings zeigen sich hier doch recht deut liche Unterschiede zwischen den jeweiligen Befragten gruppen. Während in der JIM-Studie 37 Prozent der Befragten an geben, den Computer täglich oder mehrmals pro Woche für die Schule etc. zu nutzen, liegen die Stammnutzer anteile bei den türkisch stämmigen Jugend lichen (20 Pro zent) und insbesondere den Aussiedlern (14 Prozent) doch deut lich darunter. Auch mit Text verarbei tung oder dem Erstellen von Präsenta tionen beschäftigen sich die Jugend lichen der migrations spezifi schen Teilstichproben nur halb so häufig wie die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung. Bei den kreativen Tätig keiten wie Musik oder Bilder bzw. Filme zusammen stellen und bearbeiten, heben sich die Unterschiede zumindest zwischen den türkisch stämmigen Jugend- lichen und den JIM-Befragten wiederum auf. Hier fällt allein die Teilstich- probe der Aussiedler mit zum Teil deut lich niedrigeren Nutzungs werten auf.m Tabelle 8.13: Tätigkeiten bei der Computernutzung (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Tätig keiten Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Schule, Ausbil dung, Beruf 20 14 37 Text verarbei tung 12 12 27 Musik zusammen stellen 12 4 18 Bilder/Filme bearbeiten 12 6 13 DVD ansehen 10 6 10 Malen, Zeichnen, Grafik 7 6 9 CDs brennen 9 1 8 Präsenta tionen/Referate 4 4 8 Lernprogramme nutzen 3 2 8 Programmieren 4 2 6 Musik machen 3 2 4 Soundbearbei tung 3 4 6 DVDs brennen 2 2 2 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Bei der Bewer tung ver schiedener Statements zum Computer finden sich, ähnlich wie beim Internet, deut liche Gemeinsam keiten zwischen den Jugend- 187 lichen aller drei Teilstichproben (Tabelle 8.14). Dies trifft vor allem auf die Einschät zung der Relevanz von Computern für Schule, Ausbil dung und Beruf zu. 94 Prozent der türkisch stämmigen Jugend lichen, 95 Prozent der Aussiedler und 92 Prozent der JIM-Befragten bezeichnen den Computer in dieser Hin- sicht als nütz lich. Daneben stechen die Befragten der migrations spezifi schen Teilstichproben dadurch hervor, dass sie häufiger über Spaß beim Lernen oder Arbeiten mit dem Computer berichten. Vor dem Hintergrund des bisherigen Forschungs- standes interessant und zum Teil kritisch einzu schätzen sind dagegen die Dif- ferenzen in den Zustimmungs werten zu den drei letzt genannten Statements. Fast die Hälfte der türkisch stämmigen Jugend lichen äußert das Interesse, sich häufiger mit Computern zu beschäftigen. Dieser ver gleichs weise hohe Zustim- mungs wert korrespondiert an der Stelle mit den Stammnutzer werten dieser Teilpopula tion, die deut lich unter denen der Ver gleichs stichproben liegen. Er- staun lich bleibt dann aber der mit 38 Prozent doch noch recht hohe Zu stim- mungs wert der JIM-Befragten, bei denen bereits für 89 Prozent der Computer zur alltäg lichen Medien nutzung dazu gehört. Die Aussiedler stichprobe wiederum liegt, was die Stammnutzer zahlen angeht, zwischen den Ver gleichs stich pro- ben – fällt aber hier durch ein ver gleichs weise geringes Interesse an häufige- rer Computernut zung (27 Prozent) auf. Tabelle 8.14: Ansichten zum Computer („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2007) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.204 Computer sind für die Schule, Ausbil dung, Universität oder Beruf nütz lich 94 95 92 Computer sind wichtig, um einen Beruf zu finden 76 70 78 Es macht Spaß, mit dem Com- puter zu lernen oder zu arbeiten 87 81 70 Computer sind eine schöne Freizeitbeschäfti gung 69 60 64 Eigent lich würde ich mich ganz gerne häufiger mit Computern beschäftigen 48 27 38 Meine Eltern halten nichts von Computern 46 37 25 Computer sind eher etwas für Jungen als für Mädchen 20 17 13 * Da diese Abfrage in 2008 nicht erfolgte, wird hier auf die Daten aus der JIM-Studie 2007 zurückgegriffen. Für die türkisch stämmigen Jugend lichen gilt, dass diese sich mit ihrem höheren Interesse an Computernut zung einem ver gleichs weise „computerkriti- 188 schen“ Familien umfeld aus gesetzt sehen, so jeden falls die Einschät zung der Jugend lichen in Hinblick auf ihre Eltern. Nahezu die Hälfte der türkisch- stämmigen Jugend lichen geht davon aus, dass die Eltern „nichts von Computern halten“. In der Stichprobe der Aussiedler stimmen diesem Statement immerhin noch 37 Prozent zu, bei den 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung sind es nur ein Viertel der Befragten. In dieser Hinsicht zeichnen die Daten der vor liegenden Repräsentativbefra gung – auf Basis der Einschät zung der Jugend- lichen – ein deut lich anderes Bild als bisher in der Forschungs literatur be- schrieben (Strotmann 2006, 2008). Hierin könnten sich wiederum die Distanz gerade der türkischen Eltern und deren Ängste hinsicht lich Computer und Internet, die in den Gruppen diskussionen auch von den Eltern selbst beschrie- ben wurden, wider spiegeln. Mobiltelefon Mit einem Handy sind die Befragten aller drei Populationen gleichermaßen gut ausgestattet (vgl. Tabelle 8.5), und auch bei den monatlichen Handykosten und der Frage, wie viel Eigenverantwortlichkeit den Jugendlichen von ihren Eltern im Umgang mit dem Handy zugestanden wird, unterscheiden sich die Teilstichproben kaum (Tabelle 8.15). Tabelle 8.15: Vertragsart und Kosten (in Prozent, gew.) Vertragsart Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Prepaid 65 66 67 Vertrag 23 24 28 Weiß nicht 1 1 k. A. Kein Handynutzer 10 10 5 (kein Besitz). Gesamt 100 100 100 Kosten pro Monat (MW) € 22 € 18 € 17 Davon: Eigenanteil (MW) € 10 (n = 140) € 10 (n = 119) € 11 Bei allen 12- bis 19-Jährigen überwiegt die Kostenkontrolle mittels Prepaid- Karten, über Vertragshandys mit mehr Verantwortung verfügen jeweils rund ein Viertel der Befragten. Stellt man analog zu den anderen Funktionsmedien auch die konkreten Tätigkeiten bei der Handynutzung gegenüber, zeigen sich nur bei einigen An- wendungen Differenzen (Tabelle 8.16). Zum einen wurde in Kapitel 5 bereits erwähnt, dass die Werte für alle abgefragten Funktionen in der Teilstichprobe der türkischstämmigen Befrag- ten höher ausfallen als bei den Aussiedlern. Dieses Bild bleibt auch bestehen, 189 wenn man die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölkerung als weitere Ver- gleichsgruppe hinzuzieht. Beim Umgang mit dem Handy finden sich nur ein- zelne Unterschiede zwischen den Befragten der JIM-Studie und den türkisch- stämmigen Jugendlichen. Die Aussiedler sind diejenige Vergleichsgruppe, in der die möglichen Handyfeatures jeweils die geringsten Nutzerwerte auf- weisen. Differenzen zeigen sich zum einen beim Erhalten und Senden von SMS, das bei den 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölkerung etwas stärker ausgeprägt ist als bei den türkischstämmigen Jugendlichen (76 Prozent versus 61 Prozent SMS bekommen, 69 Prozent versus 54 Prozent SMS senden). SMS bekommen nimmt bei den JIM-Befragten den ersten Rangplatz der Handy- funktionen ein, bei den migrationsspezifischen Teilstichproben steht das an- gerufen werden an erster Stelle. Ein weiterer Unterschied zeigt sich bei der Relevanz des Musikhörens. Während das Hören von MP3 für die türkisch- stämmigen Jugendlichen und die Aussiedler wichtiger als die SMS-Funktion und das eigene Anrufen ist, nimmt die Musiknutzung bei den Jugendlichen der Gesamtbevölkerung einen deutlich niedrigeren Stellenwert ein. Nur für 43 Prozent gehört das Musikhören zur regelmäßigen Handynutzung dazu. Bei den Werten für Handyfotografie und vor allem bei den Nutzungswerten für Handyspiele unterscheiden sich die türkischstämmigen Jugendlichen dagegen nicht von den 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölkerung. Tabelle 8.16: Tätigkeiten bei der Handynutzung (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Tätig keiten Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 SMS bekommen 61 54 76 Angerufen werden 65 63 71 SMS schicken 54 43 69 Jemanden anrufen 57 48 57 Musik MP3 hören 61 59 43 Fotos/Filme machen 35 22 37 Fotos/Filme senden Bluetooth 27 15 23 MP3 senden Bluetooth 27 14 23 Handy-Radio 4 – 11 Handyspiele 11 6 10 MP3 senden MMS 4 – 5 Fotos/Filme senden MMS 3 2 2 Im Internet surfen 2 1 2 Mails abrufen 7 2 2 Handy-Fernsehen 3 1 1 Mails senden 7 3 k. A. ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. 190 Auf die Schwierigkeiten, in einer standardisierten Befragung nach gewalt- haltigen Inhalten oder Pornografie zu fragen, wurde bereits in Kapitel 5 hin- gewiesen. In der JIM-Studie wird ebenso versucht, sich dem Themengebiet anzunähern. Danach gefragt, ob sie schon davon gehört haben oder ihnen bekannt ist, dass gewalthaltige Videos oder pornografische Bilder und Filme per Handy verschickt werden, signalisieren jeweils vier Fünftel der Befragten der JIM-Studie und der Teilstichprobe der Aussiedler Zustimmung (Tabelle 8.17). Bei den türkischstämmigen Jugendlichen fällt dieser Wert mit rund drei Fünftel deutlich niedriger aus. Im eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis so etwas mitbekommen zu haben, berichtet rund ein Viertel der Befragten in allen drei Teilstichproben. Die Zustimmungswerte fallen also hier bei den migrationsspezifischen Teilstichproben keinesfalls höher aus als bei den Be- fragten der Gesamtbevölkerung. Ein Befund, der aufgrund der erwähnten möglichen sozialen Erwünschtheit beim Antwortverhalten mit Vorsicht zu interpretieren ist. Tabelle 8.17: Gewalt und Pornografie auf dem Handy (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Gewalt/Pornografie Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Davon gehört 59 82 80 Im Bekannten kreis 25 26 29 Nicht nur das er wähnte Phänomen des „happy slapping“ stellt ein Gefah- ren potenzial im Umgang mit dem Handy dar, weitere potenzielle Gefahren liegen im Bereich finanzieller Ver luste bzw. Ver pflich tungen, wenn die Jugend- lichen zum Beispiel mit dem Handy un gewollt Ver träge ab schließen oder auf teure Servicen ummern hereinfallen (Grimm/Rhein 2007, Behrens/Höhler 2007). Jeweils rund 10 Prozent der Befragten der migrations spezifi schen Teil- stichproben sind von derartigen Kosten fallen durch Ver träge oder teure Service- n ummern bereits betroffen gewesen (Tabelle 8.18). Ein Ver gleich mit den Er- geb nissen der JIM-Studie ist an dieser Stelle schwierig, da der ent sprechende Themen komplex dort mit ab weichenden, uns un bekannten Frageformulie run- gen erfasst wird. 191 Tabelle 8.18: Käufe mit dem Handy (Zustim mung, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Verträge/Käufe Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Ungewollt Ver trag ab geschlossen 12 11 3 Versehent lich bestellt 3 2 3 Teure Servicen ummern 12 8 1 Spiele Abschließend noch ein Wort zum Spielen allgemein, egal ob am Computer oder an Spiel konsolen (Tabelle 8.19). Die Gegen überstel lung der drei Teilstichproben zeigt hier, dass sich der Anteil an Stammnutzern zwischen den migrations spezifi schen Teilstichproben und den Befragten der JIM-Studie nicht unter scheidet, die Jugend lichen mit Migrations hintergrund also nicht häufiger als die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung Computer- oder Konsolen spiele spielen. Auf die Spiel- kontexte und Ansichten zu Computer- und Konsolen spielen wurde bereits in Kapitel 5 ein gegangen. Aufgrund der Daten lage ist hier ein Ver gleich zu den Jugend lichen der Gesamtbevölke rung nicht möglich. Tabelle 8.19: Spielenutzung Computer und Konsole (in Prozent) Nutzungs frequenz PC/Konsole Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Stammnutzer (4–7 Tage) 30 28 30 Seltener 31 35 35 Nie 40 37 35 Gesamt 100 100 100 In der vorliegenden Studie wurde auch ermittelt, welche Computerspiele die Kinder und Jugendlichen am liebsten spielen (Tabelle 8.20). 192 Tabelle 8.20: Lieblingsspiele Computer und Konsole (1. Nennung, in Prozent) Lieblings spiele Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Die Sims – 4 10 FIFA 9 4 7 Counter Strike 5 8 5 Need for Speed 9 5 4 Pro Evo Soccer 7 – k. A. Gesamt 100 100 100 In der Teilstichprobe der türkischstämmigen 12- bis 19-Jährigen wird die Rangliste der Lieblingsspiele (erstgenanntes Lieblingsspiel) angeführt von Spie- len aus dem Bereich Fußball oder Motorsport, nämlich „FIFA“ und „Need for Speed“ (jeweils 9 Prozent), gefolgt von „Pro Evo Soccer“ (7 Prozent) und dem Shooter- bzw. Action-Spiel „Counter Strike“ (5 Prozent). Bei den 12- bis 19-jährigen Aussiedlern führt „Counter Strike“ als erstes Lieblingsspiel mit 8 Prozent der Nennungen die Rangliste an, gefolgt von „Need for Speed“ (5 Prozent) und „FIFA“ sowie dem Strategiespiel „Die Sims“ (jeweils 4 Pro- zent). Ein Vergleich zu den Befragten der JIM-Studie ist hier schwierig, in der JIM-Dokumentation wird nicht die Rangliste der liebsten Einzelspiele aufge- führt, sondern die Spiele werden bestimmten Spielegruppen zugeordnet. Es kann also hier nicht die Rangliste der liebsten Einzelspiele der 12- bis 19-Jäh- rigen der Gesamtbevölkerung gegenübergestellt werden. Die Verantwortlichen der JIM-Studie haben uns aber zu den von den migrationsspezifischen Teil- stichproben genannten ersten Lieblingsspielen die korrespondierenden Daten für die JIM-Befragten übermittelt. Danach nennen 10 Prozent „Die Sims“ als erstes Lieblingsspiel, 7 Prozent „FIFA“, 5 Prozent benennen „Counter Strike“ und 4 Prozent votieren für „Need for Speed“. Diskussion Im Detail der verglichenen Dimensionen der Mediennutzung und Medien- kompetenz sind durchaus Unterschiede zwischen den Befragten mit und ohne Migrationshintergrund erkennbar. Bei den klassischen Massenmedien betrifft das vor allem die Nutzung von Radio und Zeitung. Die Nutzungszahlen sind hier bei den Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung erheblich höher als bei denjenigen mit Migrationshintergrund. Mit Sicherheit spielen hier die unter- schiedlichen Bildungsniveaus zwischen den verglichenen Populationen eine große Rolle. Die befragten Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung nutzen darüber hinaus häufiger den Computer und das Internet, und sie tun dies auch stärker 193 in Verbindung mit einer funktionalen Nutzung für Schule, Ausbildung und Beruf. Andere Dienste im Internet werden in allen Vergleichsgruppen etwa gleich stark genutzt, etwa die Nachrichten- und Messengerdienste. Die Nutzung von E-Mail ist darüber hinaus ein gutes Beispiel für stärkere Unterschiede innerhalb der migrationsspezifischen Populationen als zwischen diesen und den Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung. Die türkischstämmigen Be- fragten schreiben erheblich öfter E-Mails als die gleichaltrigen Aussiedler. Ähnliches kann man – mit umgekehrten Vorzeichen – für die Nutzung der internetbasierten Chatdienste festhalten. Hier zeigen sich vor allem höhere Werte für die Aussiedler, sowohl im Vergleich zur Gesamtbevölkerung als auch zu den türkischstämmigen Befragten. Das Mobiltelefon wiederum wird häufiger von den Befragten mit Migra- tionshintergrund genutzt. Insbesondere Befragte mit türkischem Migrations- hintergrund zeigen eine starke Affinität zum Handy, und dies sowohl im Ver- gleich zu den Jugendlichen der Aussiedlerstichprobe als auch zu Gleichaltrigen aus der Gesamtbevölkerung. Insgesamt gesehen ist die Übereinstimmung zwischen allen drei Vergleichspopulationen bei der Einschätzung des Internets und der anderen neuen Medien hoch; sie werden in ihrer Alltags- und Berufs- relevanz gleichermaßen geschätzt. In der Zusammenschau der Ergebnisse dieses Kapitels kann man auf keinen Fall pauschal von einer Kluft zwischen der Mediennutzung und Medienkom- pe tenz junger Migranten auf der einen und ihrer Altersgenossen in der Gesamt- bevölkerung auf der anderen Seite sprechen. Dieses Urteil gilt natürlich mit der Einschränkung, dass es sich ausschließlich auf die in diesem Kapitel betrachteten Untersuchungspopulationen und Vergleichsdimensionen stützt. Festzuhalten ist, dass es bei den jungen Migranten ganz offensichtlich einige, für ihren jeweiligen Migrationshintergrund typische Besonderheiten bei der Auswahl der Inhalte und der Intensität der Nutzung von Massen- und Indivi- dualmedien gibt. Die beiden Teilpopulationen der LfM-Studie unterscheiden sich dabei jedoch zum Teil stärker untereinander als gegenüber den Gleich- altrigen der Gesamtbevölkerung. Zur Bedeutung der migrationsspezifischen Milieufaktoren für die Mediennutzung und Medienkompetenz junger Migran- ten kommen dann jedoch weitere – weitgehend migrationsunabhängige – Dif- ferenzierungsfaktoren hinzu wie z. B. Alter, Schüler- vs. Nicht-Schüler-Status und außerdem der Faktor Geschlecht, der allerdings in seiner „sozialen Be- deutung“ durchaus durch die jeweilige Migrantenkultur geprägt ist. Insofern ist die weiterführende Forschung in diesem Bereich gut beraten, wenn sie versucht, den Einfluss migrationsspezifischer Primär- und Sekundärfaktoren sowie migrationsunabhängiger Faktoren auf die Mediennutzung und Medien- kompetenz junger Migranten synchron zu erfassen. 195 9 Perspektiven einer zielgruppen spezifi schen Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten Der Blick der Mehrheits gesell schaft auf Minder heiten, und dazu zählen trotz ihrer großen Zahl in Deutschland die sog. „Menschen mit Migrations hinter- grund“, ist im Grunde stets von der latenten Annahme geleitet, man würde dort auf ab weichendes Ver halten stoßen.43 Ein Ver halten, das ab weicht von dem, was in der Mehrheits gesell schaft als „normal“, „gut“ oder einfach als „durch schnitt lich“ an gesehen wird. Das gilt auch für den öffent lichen und politi schen Diskurs, der in Deutschland über die Medien nutzung und Medien- kompetenz von Migranten geführt wird. Unabhängig davon, wie intensiv sie sich wirk lich den zumeist fremdsprachigen Medien zuwenden, die in ihrem Herkunfts- oder Migrations kontext ver ankert sind, befürchtet wird Schlimmes: Abwen dung von der deutschen Mehrheits gesell schaft, Integrations verweige- rung, Separa tion. Die in Kapitel 2 an gesprochene These vom „Medien ghetto“ bringt diese Perspektive genau auf den Punkt. Sie hat deshalb ein so großes Gewicht, weil sie sich auf einen zentralen Aspekt der Alltags realität bezieht. Addiert man alle Medien zusammen, kommt „der durch schnitt liche Deutsche“ auf eine tägliche Medien nutzung von neun bis zehn Stunden pro Tag (van Eimeren/ Frees 2009: 348), und in dieser Zeit werden natür lich vor allem deutsch- sprachige Medien genutzt. Inwiefern das der Integra tion der deutschen Gesell- schaft dient, ist eine berechtigte und wissen schaft lich wie politisch spannende Frage. Sie wird allerdings aus dem Blick winkel der Medien ghetto-Debatte gar nicht erst gestellt. Auch im Fall der in Kapitel 3 skizzierten Medien kompetenzdebatte geht es um Abweichung. Zwar wendet sich die Kritik weniger gegen das Ver halten junger Migranten, sondern eher gegen die Ver hältnisse, die bei jungen Migran- ten bestimmte Ver haltens weisen und Einstel lungen begünstigen und andere 43 „Berichte über ‚Migranten‘ befassen sich meist mit ‚Problemlagen‘ und stehen damit von vornherein im Horizont einer Defizitperspektive, […], schein bar getrieben von der Sorge um Anomie, Devianz und Parallel- welten, […].“ (Wippermann/Flaig 2009: 4) 196 ver hindern. Tatsäch lich steht im Hintergrund der These vom „Digital Divide“ – auch in ihrer revidierten, auf inhalt liche Nutzungs aspekte bezogenen Form (vgl. dazu Kapitel 3) – ganz generell die Unterschei dung zwischen einem normativ für gut befundenen, gesell schaft lich er wünschten Umgang mit den neuen Medien und davon negativ ab weichenden Ver halten schancen oder tat- säch lichem Ver halten. Exemplarisch hierfür sind die Ausfüh rungen zur „Digi- talen Spaltung“ der Gesell schaft im Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008. Ausgehend von der Unterschei dung zwischen einer gut gebildeten Informations elite und weniger gebildeten und politisch interes- sier ten Bevölkerungs kreisen wird fest gestellt, dass Letztere „die mit der Digi- talisie rung der Medien angebote eröffneten Chancen für Bildung, Beruf, politi- sche Teilhabe und persön liche Entwick lung trotz techni schen Zugangs […] nicht an gemessen für sich aus schöpfen“ (Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008: 49). Insbesondere junge Menschen hätten „noch kein kritisches Bewusstsein für die Qualität der von ihnen genutzten Online- angebote“ aus gebildet (ebd.: 49). Das ist der Ausgangs punkt, von dem die nachfolgend er läuterten „Grundprinzipien medien pädagogi scher Maßnahmen der Bundes regie rung“ (ebd.: 49–50) ab geleitet werden – darunter auch die- jenigen, die sich auf junge Menschen mit Migrations hintergrund beziehen. Innerhalb der medien pädagogi schen Profession ist dieser Ansatz allerdings umstritten. So war es ein wesent liches Ergebnis des Works hops, den die Ver- fasser zu dieser Aufgaben stel lung mit Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Medien pädagogik durch führten (vgl. dazu Abschnitt 1.4), diese Defizitperspektive in Frage zu stellen. Wir werden diese Problemstel lung daher im Folgenden im Hinblick auf die beiden Zielgruppen der LfM-Studie auf greifen und reformulieren (Abschnitt 9.1). Im Anschluss daran werden die zentralen empiri schen Ausgangs punkte im Vorfeld potenzieller Maßnahmen zur Medien kompetenzförde rung im Bevölkerungs segment von Migranten zu- sam men gefasst (Abschnitt 9.2), ehe dann der Ver such gemacht wird, einen strukturierten Überblick über das breite Spektrum denk barer Maßnahmen zu geben (Abschnitt 9.3). Wie schon an gedeutet, profitieren unsere Ausfüh rungen in diesem Kapitel maß geblich von den Argumenten der Kolleginnen und Kollegen, die an dem medien pädagogi schen Workshop zur LfM-Studie teilgenommen haben. Es ist allerdings schwer möglich, sie an dieser Stelle einzeln und im Detail zu zitieren.44 Insofern über nehmen wir auch die volle Ver antwor tung für alles, was wir im Rahmen dieses Kapitels nieder geschrieben haben. 44 Noch einmal herz lichen Dank an Stefan Aufenanger, Susanne Berns mann, Kai-Uwe Hugger, Helga Theunert und Claudia Wegener! 197 9.1 Von Defiziten zu Differenzen: Reformulie rung der Fragestel lung Die Suche nach Unterschieden zwischen – wie auch immer definierten – sozialen Gruppen ist eine der Basis strategien der empiri schen Sozialforschung. Ausgehend von den Durchschnitts werten, die für die Gesamtpopula tion ermittelt worden sind, wird ver sucht, gruppen spezifi sche Eigen heiten, d. h. Varianz zwischen Teilpopula tionen zu identifizieren und zu er klären. Das gilt in besonderer Weise für die komparatisti sche Forschung, in der unter schied- liche Popula tionen miteinander verg lichen werden. Diese Strategie liegt auch der Konzep tion und Durchfüh rung der LfM- Studie zugrunde. Die Indikatoren zur Medien kompetenz der beiden Ziel- gruppen mit Migrations hintergrund wurden deshalb mit zum Teil denselben Fragen wie in der JIM-Studie erfasst, weil wir die spezifi schen Daten zur Medien kompetenz junger Migranten nicht nur für sich genommen beschreiben, sondern auch mit den Durchschnitts werten der gesamten deutsch sprachigen Alters gruppe ver gleichen wollten. Das statisti sche Ziel der durch geführten und in Kapitel 8 präsentierten Analysen war die Identifika tion von Differenz vs. Nicht-Differenz – interpretiert haben wir die er mittelten Ergebnisse zunächst vor dem Hintergrund der Digital-Divide-Debatte in dem Bezugs rahmen Defizit vs. Kein Defizit. Dass diese Perspektive der Daten interpreta tion zu kurz greift, um nicht zu sagen: in die Irre leitet, ging relativ rasch und eindeutig aus der Diskussion mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich der Medien pädagogik hervor. Das ist besonders dann der Fall, wenn man diese Perspektive über ein funktionalisti sches, instrumentelles Ver ständnis von Medien kompetenz hinaus aus weitet und im Sinne eines „Second Digital Divide“ auch auf die Qualität der Medien nutzung bezieht. Tatsäch lich ver weisen empirisch er mittelte Grup- pen differenzen zunächst vollkommen wertneutral auf gruppen- bzw. milieu- spezifi sche Besonder heiten. Wenn man diese nicht als solche „stehen lassen“ will, als etwas, was einfach ein gruppen spezifi sches Merkmal ist, steht man unter Begründungs zwang. Das heißt, die Bewer tung von gruppen spezifi schen Besonder heiten als Schwächen, Stärken, Potenziale etc. kann nur in einem normativen Bezugs rahmen er folgen, der seiner seits wiederum begründungs- bedürftig ist. Solche Begrün dungen sind durch aus denk bar. Das beginnt beim instru- men tellen Nutzen bestimmter Medien kompetenzen für Ausbil dung und Beruf, geht über die Potenziale eines reflektierten Medien gebrauchs für die persön- liche Bildungs biografie, bis hin zu den individuellen Konstitutions bedin gun- gen für eine funktionierende demokrati sche Öffentlich keit. Aus medien päda- gogi scher Perspektive dürfte allerdings ent scheidend sein, dass der jeweilige Status quo des Einzelnen oder einer Gruppe nie für sich genommen disquali- 198 fiziert, sondern stets als Ausgangs punkt für Ver ände rung oder aber Bestär- kung akzeptiert wird. Insofern lohnt sich im Vorfeld der Diskussion denk barer Maßnahmen zur Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten ein offener, nicht primär von einem Defizitparadigma gesteuerter Blick in die Daten. Und auch ein Blick, der nicht aus schließ lich auf die Identifika tion von Differenzen zwischen ihnen und der Mehrheit der Gleichaltrigen fokussiert ist, sondern erstens nach gruppen übergreifenden Gemeinsam keiten und zweitens nach gruppen imma- nenten Besonder heiten forscht. 9.2 Empirische Ausgangs punkte Klassische Massen medien: Radio und Zeitung Das aus der „Differenz perspektive“ mit Abstand wichtigste Ergebnis der LfM-Studie bezieht sich auf die Nutzung klassi scher Massen medien: auf das Radiohören und Zeitungs lesen bei jungen Menschen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren: – Insgesamt gesehen ist das Radiohören in diesem Alters segment eine weit ver breitete Medien nutzungs gewohn heit. Mehr als 70 Prozent der 12- bis 19-Jährigen, die 2008 in der JIM-Studie befragt wurden, geben an, zu- mindest mehrmals pro Woche Radio zu hören. Dabei geht es natür lich primär um Musik, aber selbst „Jugendsender“ bieten mehr als das. Das Wortprogramm ver bindet die jungen Hörer mit (Musik- und Jugend-)Kultur und Gesell schaft, d. h. die Nutzung von MP3-Playern hat nicht genau die- selbe Funktion wie das Radiohören. – Die Zeitung tut sich grundsätz lich schwer, jugend liche Leser zu finden. Folgt man den Daten der JIM-Studie, geben nur 4 von 10 der Befragten an, „mehrmals in der Woche“ in eine Zeitung zu schauen. Das mag mit den typischen Inhalten von Zeitun gen zusammen hängen: ihre Fokussie- rung auf eine in Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Kultur etc. auf geteilte „Erwachsenen welt“. Möglicher weise ist es aber auch ein medien spezifi- sches Problem im engeren Sinn, d. h. dahinter könnte sich eine Distanz junger Menschen zu (kompletten, fertigen) Texten, zur „Literalität“ ver- bergen. Bezogen auf beide Medien unter scheiden sich die Heranwachsenden mit tür- kischem Migrations hintergrund und junge russischer Aussiedler deut lich vom Durchschnitt ihrer Alters genossen: – Anders als bei diesen hat das Radio bei ihnen einen geringen Stellen wert. 199 – Und die Zeitung ist für sie noch viel weniger als für andere Kinder und Jugend liche ein Medium, mit dem sie sich gerne beschäftigen. Sieht man einmal von der Sprache als Erklärungs möglich keit ab (was sich sowohl auf eine Ver weigerungs haltung der jungen Migranten gegen über deutsch sprachigen Radio- und Zeitungs angeboten als auch auf das Fehlen ent- sprechender Angebote in türkischer oder russischer Sprache beziehen könnte), ist man vor allem auf die prägende Funktion des Elternhauses ver wiesen. Die Ver mutung liegt nahe, dass die Medien ausstat tung des Elternhauses und das Modell der Medien nutzung der Eltern den stärksten Einfluss haben. Wenn eben kein Radiogerät im Haushalt steht, das regelmäßig „läuft“, und wenn keine abonnierte Tages zeitung herum liegt und regelmäßig gelesen wird, fehlen die Gelegen heiten zum Einstieg in die Radio- und Zeitungs nutzung. Digitale Individualmedien: PC und Internet Bezogen auf die Nutzung der neuen digitalen Medien ist das wichtigste Er- gebnis der LfM-Studie, dass man bei einem Ver gleich der Daten der LfM- Studie mit den Ergebnissen der JIM-Studie die Unterschiede nicht findet, die die öffent liche Diskussion über Probleme der Medien kompetenz junger Migran- ten bestimmen. Die individuelle Medien ausstat tung (Handy, PC, Internet- zugang, Spiel konsole) der beiden Zielgruppen der LfM-Studie ähnelt den Durch schnitts werten der JIM-Studie für alle deutsch sprachigen Kinder und Jugend lichen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren, und die pauschalen Nut- zungs werte sind hoch. So nutzen z. B. nach eigener Aussage 7 von 10 der Be- fragten der LfM-Studie das Internet mindestens an vier Tagen einer durch- schnitt lichen Woche.45 Auch im Hinblick auf die ver schiedenen individuellen Zwecke, die die neuen digitalen Medien für den Einzelnen er füllen können, sind die Gemein- sam keiten der Heranwachsenden mit und ohne Migrations hintergrund offen- sicht lich sehr viel größer als die Unterschiede. Erst wenn man stärker ins Detail geht, kommt man einer eventuell „nach haltigeren“ Differenz auf die Spur. Sie betrifft zum einen die PC-Nutzung als solche (also unabhängig von der Internetnut zung) und zum anderen die Nutzung von PC und Internet zu Informations- und Arbeits zwecken, insbesondere im Zusammen hang mit Schule und Beruf. Hier sind die JIM-Daten für alle deutsch sprachigen 12- bis 19-Jährigen deut lich höher als die Daten der LfM-Studie für die beiden Mi- gran ten gruppen. 45 Die in der Regel etwas höheren Werte für die Befragten der JIM-Studie sind mit Vorsicht zu interpretieren, sie können auch eine Folge des im Ver gleich zum „Stammnutzer“ (= mindestens vier Tage pro Woche) etwas „weicheren“ Ver gleichs wertes (= täglich/mehrmals pro Woche) sein. 200 Auch hier dürfte das soziale Umfeld der jungen Migranten und in diesem Rahmen das Elternhaus eine wichtige Rolle spielen. Darauf weisen vor allem Aussagen von Befragten mit türkischem Hintergrund hin. Die Hälfte von ihnen stimmt den beiden Aussagen zu: „Eigent lich würde ich mich ganz gerne häufiger mit Computern beschäftigen“ und „Meine Eltern halten nichts von Computern“. Bei den Befragten der JIM-Studie findet das letzt genannte State- ment nur 25 Prozent Zustim mung. In diesem Zusammen hang ist auch an die generelle Unsicher heit der Eltern gegen über dem Umgang ihrer Kinder mit neuen digitalen Medien zu erinnern, die in den Gruppen diskussionen der LfM- Studie zutage traten. Lebens welt- und Milieufaktoren: Bildung und Geschlecht Es gehört zu den Selbst verständlich keiten der Medien reichweite- und Medien- nutzungs forschung, dass man von einer Varianz der individuellen Medien- nutzungs gewohn heiten in Abhängig keit von Lebens welt- oder Milieufaktoren aus geht. Man kann diese „traditionell“ durch soziodemografi sche Kennwerte wie Alter, Geschlecht, Schul(aus)bildung, Berufstätig keit, Einkommen, sozio- ökonomer Status etc. indizieren oder mithilfe komplexerer statisti scher Ver- fahren soziale Milieus bzw. diesen Milieus zu gehörige Typen konstruieren (Klingler/Kutteroff 2009). Bezogen auf die Medien nutzung von Migranten stellt sich in diesem Zusammen hang die öffent lich und politisch nur selten diskutierte Frage, ob sie tatsäch lich primär durch migrations spezifi sche Fak- to ren (wie z. B. ethnische Zugehörig keit, Sprachkompetenz etc.) oder ob sie – entweder zusätz lich oder zum Teil sogar unabhängig davon – durch ganz andere Lebens welt- und Milieufaktoren geprägt ist. Aus der Zusammen schau der einzelnen Befunde der LfM-Studie und dem Ver gleich dieser Ergebnisse mit den Daten der JIM-Studie geht ja ganz ein- deutig hervor, dass das Medien nutzungs verhalten der Zielpersonen beider Studien in erster Linie (und in einer schon fast globalen Art und Weise) jugendkulturell geprägt ist. Die größten Differenzen würde man er halten, wenn man diese Daten mit den Medien nutzungs daten älterer Personen – gleich welcher Provenienz – ver gleichen würde! Immanent betrachtet weisen die Daten der LfM-Studie vor allem auf die differenzierende Bedeu tung der Schul bildung und des Geschlechts hin. In beiden Migranten gruppen ist fest zustellen, dass es signifikante Zusammen- hänge zwischen der Schul bildung und der PC- sowie Internetnut zung gibt. Diejenigen, die weiter führende Schulen besuchen, sind auch die stärkeren Nutzer. Das trifft im Übrigen im türkischen Herkunfts milieu stärker zu als im Milieu der russischen Aussiedler. Dort (und nur dort) sieht man auch eine wichtige Auswir kung des Geschlechts: Die jungen Mädchen im türkischen 201 Migranten milieu sind im Ver gleich zu den Jungen die schwächeren PC- und Internetnutzer. Beide Befunde stimmen mit Hinweisen überein, die sich auch aus einigen der in Kapitel 2 und 3 besprochenen Studien ergeben. 9.3 Maßnahmen zur Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten Zielset zungen der Medien kompetenzförde rung Auf den ersten Blick könnte man die in Kapitel 3 dieses Berichts skizzierten Modelle, in denen die unter schied lichen Ebenen und Zielset zungen einer komplex ver standenen Medien kompetenzförde rung systematisiert werden, so interpretieren, dass bestimmte kognitive, evaluative und konative Leistun gen der jeweiligen medien pädagogi schen Zielgruppe (als Subjekten) gegen über Medien (als Objekten) „an gestoßen“, strukturiert, differenziert etc. werden sollen. Zumindest weist die Strukturie rung von Medien kompetenz in unter- schied liche Dimensionen – z. B. in Wissen, Reflexion, Handlung und Orien- tie rung (Theunert 2008; vgl dazu Übersicht 3.1 in diesem Bericht) – in diese Richtung. Der Workshop mit medien pädagogi schen Experten über denk bare Maßnahmen zur Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten brach diese starre „Subjekt-Objekt-Relation“ jedoch rasch auf. Viele der dort disku- tierten Anregun gen und Erfahrungs beispiele könnte man vielmehr als reflexive Medien pädagogik bezeichnen, deren Ziel es ist, durch einen spezifi schen Um- gang mit Medien die persön liche Identität und soziale Geltung der Kinder und Jugend lichen mit Migrations hintergrund zu stärken. Dies ent spricht im Grunde der in Abschnitt 3.2 zitierten Forde rung von Niesyto (2008), Medien kompetenz stärker auf die alltäg liche Lebens bewälti- gung sowie medien vermittelte Formen der Weltaneig nung und Identitäts bil- dung zu beziehen. In dieselbe Richtung ver weisen die „Überle gungen zur zu- künftigen Gestal tung geschlechtersensibler Medien kompetenzförde rung“ von Luca und Aufenanger (2007: 188–192). Sie warnen vor einer eindimensionalen Ziel bestim mung medien pädagogi scher Maßnahmen und betonen stattdessen den Interaktions aspekt zwischen einer thematisch-medialen Ziel bestim mung und den subjektiven Motiven, Handlungs bedin gungen etc. der Zielgruppe, auf die sich medien pädagogi sches Handeln bezieht: „… Ansätze der Medienkompetenzförderung werden verkürzt gedacht […], wenn nur die Zieldimension in den Blick genommen wird. Pädagogische Prozesse unterliegen einer komplexen Beziehungsdynamik, in welcher die Zieldefinition einen Faktor neben anderen darstellt. Die Expertinnen und Experten selbst betonen die für den Erfolg der Arbeit wichtigen Faktoren: die Interaktionen in der Gruppe und der Arbeit an 202 einem für die Adressatinnen und Adressaten bedeutsamen Thema.“ (Luca/ Aufenanger 2007: 189; Herv. im Original) Bezogen auf die Fragestel lung dieses Kapitels bedeutet das, dass die beiden themati schen Stränge der LfM-Studie in dieser interaktionisti schen bzw. re- flexiven Perspektive der Medien pädagogik zusammen geführt werden. Medien- kompetenzförde rung im Milieu von Migranten erhält damit einen Doppel- charakter. Neben der Hinfüh rung zu einem selbst bewussten Umgang mit alten und neuen Medien geht es immer auch um Selbst darstel lung und Selbst wahr- neh mung junger Migranten im Spiegel der Medien und des Medien gebrauchs. Zielgruppen der Medien kompetenzförde rung Im Wesent lichen sind es in den beiden Migranten popula tionen der LfM- Studie Schüler, die sich als Zielgruppe für medien pädagogi sche Programme anbieten. Dass diese nicht nur unter Alters gesichtspunkten, sondern auch nach Schultypen zu differenzieren sind, liegt auf der Hand. Dabei sollte ein Miss- verständnis ver mieden werden: – Im Ver gleich zu Gleichaltrigen ohne Migrations hintergrund ist bei ihnen der Anteil von Haupt schülern über repräsentiert. Das zeigt sich nicht nur im Ver gleich der Schuldaten der LfM- und der JIM-Studie, sondern auch in der Zusammen setzung der Teilnehmer an thematisch einschlägigen Haupt- schulstudien: Zum Beispiel haben zwei Drittel der für die Haupt schulstudie von Wagner (2008) aus gewählten Schüler einen Migrations hintergrund. – Betrachtet man die Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen in den beiden Migranten gruppen jedoch jeweils für sich genommen, ist der Anteil der Haupt schüler geringer als der Anteil der rest lichen Schüler, die zumindest eine weiter führende Schule und immerhin zu 20 bis 30 Prozent auch das Gymnasium besuchen (vgl. Tabelle 5.3 in diesem Bericht). Mit anderen Worten: Haupt schüler sind mit Sicher heit eine zentrale Ziel- gruppe medien pädagogi scher Programme, die an junge Migranten adressiert sind. Das darf aber nicht um gekehrt bedeuten, dass sich derartige Programme ausschließ lich an Haupt schüler richten! Anderer seits darf ein zentrales Argument nicht über sehen werden, das dann doch wieder die Haupt schüler – zumindest im Hinblick auf die neuen digitalen Medien – in den Mittelpunkt rückt: Wenn die Intensität und damit voraus- sicht lich auch die Funktionalität des Computer- und Internet gebrauchs mit dem Grad der Schul bildung steigt (vgl. Tabelle 5.47 in dieser Publika tion), heißt das um gekehrt, dass kompensierende und stimulierende Maßnahmen vor allem in den unteren Bildungs einrich tungen er forder lich sind. 203 Bezogen auf dieselben Medien rückt in der Popula tion der türkischen Migranten außerdem der Faktor Geschlecht in den Mittelpunkt. Weil die Distanz der Mädchen zur Nutzung und zum Nutzen von Computer und Internet in diesem sozialen Milieu signifikant größer ist als die der männ- lichen Heranwachsenden im selben Milieu, sollte sich eine spezifisch auf die Lebens verhältnisse türkischer Migrantinnen und Migranten bezogene, „ge- schlech tersensible“ Medien kompetenzförde rung mit diesem Sach verhalt be- fassen. Schließ lich ist ganz generell auf die Bedeu tung der Mediensozialisa tion für das Medien handeln von Kindern und Jugend lichen hinzu weisen (Luca/ Aufenanger 2007: 184 f.) und in diesem Rahmen auf die zentrale Rolle von Elternhaus und Familie. Wir haben schon im Zusammen hang mit dem ver- gleichs weise niedrigen Stellen wert der Zeitung und zum Teil auch des Radios in den beiden Jugendkulturen mit türkischem und russ land deutschem Migra- tions hintergrund auf die zum Teil fehlende Medien ausstat tung zu Hause und zum Teil auch nicht gegebenes „Modell verhalten“ der Eltern hin gewiesen. Die Gruppen diskussionen der LfM-Studie bestätigen das im Hinblick auf die neuen digitalen Medien. Hier kommt – zusätz lich zur fehlenden Kompetenz der Eltern im Umgang mit PC, Internet, Spiel konsolen und einem Teil der Handyfunk tionen – jedoch besonders auch noch ihre Angst hinzu, den Kindern könnte aus dem nicht sachgemäßen bzw. gesell schaft lich nicht er wünschten Gebrauch dieser Medien Schaden er wachsen. Faktisch resultiert daraus ein fatales Gemisch aus Hilf- losig keit und Ver boten. Im Übrigen ist diese Angst in doppelter Weise weib- lich: Sie ist stark bei Müttern ver breitet und bezieht sich besonders auf die Mädchen, die in Migranten milieus auf wachsen. Aus der Perspektive der Medien kompetenzförde rung rücken damit die Eltern junger Migranten in den Blick punkt. Dabei geht es nicht nur vor der- gründig um Medien ausstat tung, Medien verhalten und Medienimages in der Familie, sondern im Hintergrund auch um milieuspezifi sche Besonder heiten in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die sich zum einen Teil in Indifferenz, zum anderen Teil aber auch in der Blockie rung bestimmter Medien tätig keiten der Kinder nieder schlagen können. Soziale Kontexte der Medien kompetenzförde rung Wie zuvor schon an gesprochen, beziehen sich die Befunde der LfM-Studie, die für Maßnahmen der Medien kompetenzförde rung relevant sind, im Kern auf die Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen, von denen der weitaus größte Teil noch zur Schule geht. Dementsprechend ist es naheliegend, ent sprechende Maßnahmen vor allem im Kontext von Schulprojekten durch zuführen (was nicht zwingend identisch ist, aber identisch sein könnte mit ent sprechenden 204 Unterrichtsprojekten). Gegen den Einwand, dass es sich dabei ja nicht um zielgruppen spezifi sche Projekte mit jungen Migranten handelt, setzen wir vor allem auf zwei Argumente: – Zum einen hat die LfM-Studie in Bezug auf die beiden er forschten jungen Migranten gruppen die Ver mutung – um es salopp zu formulieren – „flächen- deckender Medien kompetenzdefizite“ nicht bestätigt, die von der Sache her zwingend auf zielgruppen spezifi sche Förderungs projekte hinaus laufen müssten. Vielmehr wurden im Ver gleich zum Durchschnitt der Gleich- altrigen in Deutschland einige Differenzen im Detail fest gestellt, aber auch, dass ihr Medien handeln in aus geprägter Form einem globalisierten Trend der Jugendkultur folgt und nur partiell in spezifi schen ethnischen bzw. migrations spezifi schen Hintergründen ver ankert ist. Das spricht nach unse- rer Auffas sung schon für sich genommen dafür, nicht primär eigenständige Projekte zur Medien kompetenzförde rung junger Migranten zu konzipieren, sondern dieses Förderungs ziel eher in über greifende Schul- bzw. Unter- richtsprojekte zu integrieren. – Dazu kommt ein zweiter Grund. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, wie eine „adressaten sensible“ Medien kompetenzförde rung in den- jenigen Schulen eigent lich aus sehen sollte, deren Klassen sich zu einem großen Teil aus Schülern mit Migrations hintergrund zusammen setzen. Es ist ganz eindeutig: Sowohl im Hinblick auf die tradi tionellen Massen- medien – Fernsehen, Radio, Zeitung – als auch im Hinblick auf die neuen Medien – Handy, PC, Internet – müsste sie an den Besonder heiten der Medien kulturen einer seits und der Lebens welt der Schüler anderer seits an- setzen (Holzwarth 2008). Um es am Beispiel der Zeitung zu ver deut lichen: Über die wechselseitige Vor- stel lung und den Ver gleich zum Beispiel deutscher, türkischer und russischer Zeitun gen könnten die Schüler sehr viel über ihre eigene Identität und die der anderen lernen – und auch über die Funktion, die Zeitun gen in unter schied- lichen System- und Lebens welt zusammen hängen haben. Zugleich würden sie durch diesen komparatisti schen Ansatz für die spezifi schen Konstruktions- prinzipien sensibilisiert, die hinter „Medien realitäten“ stehen. Umgekehrt ist fest zuhalten, dass die Beschrän kung eines ent sprechenden Schulprojekts auf deutsche Zeitun gen nicht nur didakti sche Chancen ver schenken, sondern die soziale Wirklich keit eines Großteils der Adressaten dieser Maßnahmen ver- nachlässigen würde. Vor dem Hintergrund der Befunde der LfM-Studie bleiben allerdings einige Probleme offen, die evtl. doch mit außerschuli schen und zielgruppen spezifi- schen Maßnahmen im Milieu von Migranten anzu gehen wären. In allen Fällen geht es dabei um den direkten und indirekten Einfluss der Eltern auf den Umgang ihrer Kinder mit den neuen Medien: 205 – Um fehlende Förde rung bzw. sogar Einschrän kungen, die die Möglich- keiten von Mädchen türkischer Herkunft betreffen, PC und Internet zu nutzen, sowie – um eine gewisse Indifferenz im türkischen Migranten milieu gegen über dem schuli schen und beruf lichen Nutzen eines kompetenten Umgangs mit PC und Internet als Arbeits- und Informations medien. In beiden Fällen dürfte das Haupt problem darin bestehen, wie man in Migran- ten milieus mit ent sprechenden Medien kompetenzprojekten über haupt an Mütter und Väter, Töchter und Brüder etc. heran kommt. D. h. die Grundprobleme einer „elterngestützten“ Medien kompetenzförde rung (Burk hardt 2001) ver- mehren sich hier um ein Vielfaches. Schluss bemer kungen Die in diesem Kapitel zusammen gefassten Überle gungen, Daten und Argu- mente machen nach unserer Auffas sung deut lich, dass eine migranten spezifi- sche Medien kompetenzförde rung nicht vollkommen neu er funden werden muss. Erstens spricht sowohl konzeptionell als auch von den empiri schen Daten her Vieles gegen eine Programmatik, die exklusiv migranten spezifisch aus gerichtet ist. Und zweitens kann man sehr gut an Handlungs empfeh lungen anknüpfen, die es (a) zum Teil in diesem Feld schon gibt, und mehr noch an solchen, die (b) auf die Grundprobleme in diesem Feld anwend bar sind, ohne sich direkt auf das Milieu von Migranten zu beziehen. Zur ersten Gruppe zählen zum Beispiel die am Kompetenz zentrum Technik-Diversity-Chancen- gleich heit e. V. erarbei teten „Handlungs empfeh lungen zur Optimie rung der Onlinekompetenz von Migrantinnen und Migranten“ (Kampmann/Lins 2009), aber z. B. auch die Arbeiten von Holzwarth (2008), Niesyto (2007, 2008) und Hugger (2009). Im Rahmen der zweiten Gruppe sind in den letzten Jahren mehrere aus- führ liche, forschungs fundierte Katalogisie rungen und Erörte rungen von Maß- nahmen publiziert worden, die zu unter schied lichen Feldern und Problem- zusammen hängen der Medien kompetenzförde rung ent standen sind: – bezogen auf das Medien handeln in Haupt schulmilieus die Untersuchung von Wagner (2008), – zur Förde rung von Medien kompetenz im Kindergarten die Studie von Six/ Gimmler (2007), – zur Medien erziehung durch Eltern die Expertise von Burk hardt (2001) – und schließ lich zur Problematik einer geschlechtersensiblen Medien kompe- tenzförde rung die Untersuchung von Luca/Aufenanger (2007). 206 Die Zielset zungen und Probleme der Medien kompetenzförde rung im spezi- fischen Milieu junger Migranten lassen sich zu einem großen Teil diesen Feldern zuordnen und konkretisieren. Der besondere Charakter der Medien- kompetenzförde rung in diesem Milieu ist weniger in Besonder heiten des Medien handelns junger Migranten begründet als vielmehr in der zusätz lichen Chance, sie bei der – um den Titel der Publika tion von Kai-Uwe Hugger zu gebrauchen – „Suche nach sozialer Anerken nung und Ver gewisse rung der Zu- gehörig keit“ zu unter stützen (Hugger 2009). 207 10 Literatur Übersicht 10.1: Für die Fragestellung der LfM-Studie relevante offizielle Materialien Kurzbezeich nung im Text Literatur Integrationsindikatoren- bericht 2009 Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Inte- gration (2009): Integra tion in Deutschland. Erster Integrations indikatoren- bericht: Erpro bung des Indikatoren sets und Bericht zum bundes weiten Integrations monitoring. Berlin. Medien- und Kommuni- kationsbericht 2008 Der Beauftragte der Bundes regie rung für Kultur und Medien (2008): Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008. Berlin. Migrations bericht 2007 Bundes ministerium des Inneren (Hrsg.) (2008): Migrations bericht des Bundesamtes für Migra tion und Flüchtlinge im Auftrag der Bundes regie- rung. Migrations bericht 2007. Berlin. Ausländerbericht 2007 Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Inte- gration (2007): Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Berlin. Integrationsplan 2007 Die Bundes regie rung (2007): Der Nationale Integrations plan. Neue Wege – Neue Chancen. Berlin. Aktan, Mehmet (1981): Gastarbeiter und Massen medien. Ghettositua tion im massen- kommunikativen Bereich. In: Migra tion, Heft 1, S. 73–93. American Association for Public Opinion Research (AAPOR) (2005): Code of Professional Ethics & Practices. URL: www.aapor.org/aaporcodeofethics (12. 07. 2009). Anderson, Benedict (1983): Imagined communities. London. ARD/ZDF (2007): Migranten und Medien 2007: Ergebnisse einer repräsentativen Studie der ARD/ZDF-Medien kommission. URL: unternehmen.zdf.de fileadmin/files/Download_Dokumente/DD_Das_ZDF/Ver anstaltungs dokumente/ Migranten_und_Medien_2007_-_Handout_neu. pdf (12. 07. 2009). Autoren gruppe Bildungs berichterstat tung (Hrsg.) (2008): Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatoren gestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I. Bielefeld. Baacke, Dieter (1973): Kommunika tion und Kompetenz. München. Baacke, Dieter (1999): Medien kompetenz als zentrales Operations feld von Projekten. In: Baacke, Dieter/Susanne Kornblum/Jürgen Lauffer/Lothar Mikos/Günter A. Thiele (Hrsg.): Handbuch Medien: Medien kompetenz. Modelle und Projekte. Bun- des zentrale für politi sche Bildung. Bonn, S. 31–35. 208 Becker, Jörg (2000): Bibliographie zur deutsch-türkischen Medienkultur. Teil I. URL: www.komtech.org/dokumente/5/ 5. pdf (16. 07. 2009). Becker, Jörg (2007): Für Vielfalt bei den Migrantenmedien: Zukunftsorientierte Thesen. In: Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.): Medien und Migration. Europa als multi kultureller Raum? Wiesbaden, S. 43–52. Behrens, Ulrike/Lucie Höhler (2007): Mobile Risiken – Jugendschutz relevante Aspekte von Handys und Spielekonsolen. In: merz medien + er ziehung. zeitschrift für medien pädagogik, Jg. 51, Heft 3, S. 20–26. Berlin-Institut für Bevölke rung und Entwick lung (Hrsg.) (2009): Ungenutzte Poten ziale. Zur Lage der Integra tion in Deutschland. 1. Auflage. Berlin. URL: www. berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/Integration_RZ_online. pdf (16. 07. 2009) Bernart, Yvonne/Elke Billes-Gerhart (2004): Sprach verhalten und Medien nutzung von Migranten jugend lichen im soziologi schen Blick. Göttingen. Berry, John W. (1997): Immigration, acculturation, and adaptation. In: Applied Psycho- logy: An International Review. Jg. 46, Heft 1, S. 5–34. Bertels mann Stiftung (2009): Zuwanderer in Deutschland. Ergebnisse einer reprä sen- tativen Befra gung von Menschen mit Migrations hintergrund. Durchgeführt durch das Institut für Demos kopie Allens bach im Auftrag der Bertels mann Stiftung. Güters loh. URL: www.sachsen-anhalt.de/LPSA/fileadmin/Elementbibliothek/ Bibliothek_Integrationsportal/Dokumente/startseite/Juni/BST-Studie-Integration- 15-06-09_1_. pdf (16. 07. 2009). Bickham, David S./Elizabeth A. Vandewater/Aletha C. Huston/June H. Lee/Allison Gilman Caplovitz/John C. Wright (2003): Predictors of Childrens Electronic Media Use. An Examination of Three Ethnic Groups. In: Media Psychology, Heft 5, S. 107–137. Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.) (2007): Medien und Migration: Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden. Bonfadelli, Heinz/Priska Bucher (2007): Alte und neue Medien im Leben von Jugend- lichen mit Migrations hintergrund. In: Kompetenz zentrum Informelle Bildung (Hrsg.): Grenzen lose Cyberwelt? Zum Ver hältnis von digitaler Ungleich heit und neuen Bildungs zugängen für Jugend liche. Wiesbaden, S. 137–151. Bonfadelli, Heinz/Priska Bucher/Christa Hanet seder/Thomas Hermann/Mustafa Ideli/ Heinz Moser (2008): Jugend, Medien und Migra tion. Empirische Ergebnisse und Perspektiven. Wiesbaden. Bucher, Priska/Heinz Bonfadelli (2007): Medien nutzung von Jugend lichen mit Migra- tions hintergrund in der Schweiz. In: Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.): Medien und Migra tion. Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden, S. 119–145. Bundes ministerium des Inneren (Hrsg.) (2008): Migrations bericht des Bundesamtes für Migra tion und Flüchtlinge im Auftrag der Bundes regie rung. Migrations bericht 2007. Berlin. Burk hardt, Wolfgang (2001): Förde rung kind licher Medien kompetenz durch die Eltern. Grundlagen, Konzepte, Zukunfts modelle. Opladen (Schriften reihe Medien for schung der Landes anstalt für Rundfunk Nordrhein-West falen; Bd. 40). Cohen, Robin (1997): Global diasporas. London. 209 Cottle, Simon (Hrsg.) (2000): Ethnic minorities in the media. Changing cultural boundaries. Buckingham. D’Haenens, Leen/Joyce Koeman/Frieda Saeys (2007): Digital Citizenship among Ethnic Minority Youths in the Netherlands and Flanders. In: New Media & Society, Jg. 9, Heft 2, S. 278–299. Der Beauftragte der Bundes regie rung für Kultur und Medien (2008): Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008. Berlin. [Medien- und Kommu- nikationsbericht 2008] Deutsche Forschungs gemein schaft (DFG) (1999): Qualitäts kriterien der Umfrage for- schung. Denkschrift. Hg. von Max Kaase. Berlin. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2007): Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Berlin. [Ausländerbericht 2007] Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2009): Integra tion in Deutschland. Erster Integrations indikatoren bericht: Erpro bung des Indikatoren sets und Bericht zum bundes weiten Integrations monitoring. Berlin. [Inte- grationsindikatorenbericht 2009] Die Bundes regie rung (2007): Der Nationale Integrations plan. Neue Wege – Neue Chancen. Berlin. [Integrations plan 2007] Eggert, Susanne (2006): Von „mail. ru“ bis „ProSieben“ – Zur Medien aneig nung Heran- wachsender aus der ehemaligen Sowjetunion. In: Treibel, Annette/Maja S. Maier/ Sven Kommer/Manuela Welzel (Hrsg.): Gender medien kompetent. Medien bildung in einer heterogenen Gesell schaft. Wiesbaden, S. 235–255. Esser, Hartmut (2000): Assimilation, Integration und ethnische Konflikte: Können sie durch „Kommunikation“ beeinflusst werden? In: Schatz, Heribert/Christina Holtz- Bacha/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Migranten und Medien: Neue Herausforderungen an die Integrationsfunktion von Presse und Rundfunk. Wiesbaden, S. 25–37. Fromme, Johannes/Norbert Meder/Nikolaus Vollmer (2000): Computerspiele in der Kinderkultur. Opladen (Reihe Virtuelle Welten; Bd. 1). Geißler, Rainer/Horst Pött ker (Hrsg.) (2005a): Massen medien und die Integra tion ethni scher Minder heiten in Deutschland. Problem aufriss, Forschungs stand, Biblio- graphie. Bielefeld. Geißler, Rainer/Horst Pött ker (2005b): Bibliographie. In: dies. (Hrsg): Massen medien und die Integra tion ethnischer Minder heiten in Deutschland. Problem aufriss, For- schungs stand, Bibliographie. Bielefeld, S. 409–508. Geißler, Rainer/Horst Pöttker (Hrsg.) (2006): Integra tion durch Massen medien: Medien und Migra tion im internationalen Ver gleich/Mass media-integra tion: Media and migra tion: A comparative perspective. Bielefeld. Geißler, Rainer/Horst Pöttker (Hrsg.) (2009): Massen medien und die Integra tion ethni- scher Minder heiten in Deutschland. Forschungs befunde. Bielefeld. Goldberg, Andreas (1998): Mediale Vielfalt versus mediale Ghettoisierung. In: Zeit- schrift für Migration und Soziale Arbeit, Heft 2, S. 35–41. Görling, Reinhold (2007): Heterogene Medienwelten – Medienbiografien junger Er- wachsener mit türkischer Herkunft. In: Westdeutscher Rundfunk (Hrsg.): Zwischen den Kulturen. Fernsehen, Einstellungen und Integration junger Erwachsener in NRW. Köln, S. 42–47. 210 Granato, Mona (2001): Freizeitgestaltung und Mediennutzung bei Kindern türkischer Herkunft. Eine Untersuchung des Presse- und Informationsamtes der Bundes regie- rung zur „Mediennutzung und Integration der türkischen Bevölkerung in Deutsch- land“ und zur „Mediennutzung und Integration türkischer Kinder 2000 in Deutsch- land“. Endbericht. Bonn. Granato, Mona (2002): Medien und Freizeit bei Kindern türkischer Herkunft. In: Meier-Braun, Karl-Heinz/Martin A. Kilgus (Hrsg.): Integration durch Politik und Medien. 7. Medienforum Migranten bei uns. Baden-Baden, S. 49–57. Grimm, Petra/Stefanie Rhein (2007): Slapping, Bullying, Snuffing! Zur Problematik von gewalthaltigen und pornografi schen Videoclips auf Mobiltelefonen von Jugend- lichen. Berlin (Schriften reihe der MA HSH; Bd. 1). Güntürk, Reyhan (1999): Mediennutzung der Migranten – mediale Isolation? In: Butter- wege, Christoph/Gudrun Hentges/Fatma Sarigöz (Hrsg.): Medien und multi kultu- relle Gesellschaft. Opladen, S. 136–143. Hammeran, Regine/Deniz Baspinar/Erk Simon (2007): Selbstbild und Mediennutzung junger Erwachsener mit türkischer Herkunft: Ergebnisse einer qualitativen Studie. In: Media Perspektiven, Heft 3, S. 126–135. Heckmann, Friedrich (1992): Ethnische Minder heiten, Volk und Nation. Stuttgart. Holzwarth, Peter (2008): Migra tion, Medien und Schule. Fotografie und Video als Zugang zu Lebens welten von Kindern und Jugend lichen mit Migrations hintergrund. München (Reihe Medien pädagogi sche Praxis forschung; Bd. 3). Hradil, Stephan (2006): Soziale Milieus – eine praxisorientierte Forschungsperspektive. In: APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte), Heft 44–45, S. 3–10. Hugger, Kai-Uwe (2009): Junge Migranten online. Suche nach sozialer Anerken nung und Ver gewisse rung von Zugehörig keit. Wiesbaden. Hunger, Uwe/Kathrin Kissau (Hrsg.) (2009): Internet und Migra tion. Theoreti sche Zugänge und empiri sche Befunde. Wiesbaden. Humpert, Andreas/Klaus Schneider heinze (2000): Stichproben ziehung für telefoni sche Zuwander erumfragen – Einsatz möglich keiten der Namen forschung (Onomastik). In: ZUMA-Nachrichten, Heft 47, S. 36–63. Hurrelmann, Klaus/Mathias Albert/TNS Infratest Sozialforschung (2006): Jugend 2006. 15. Shell Jugendstudie. Frank furt. Imhof, Kurt/Otfried Jarren/Roger Blum (2002): Integration und Medien. Wiesbaden.m Ivanova, Ana (2009): Kommunikations verhalten, Identität und Integra tion von russ- land deutschen Aussiedlern (1999). Eine Sekundäranalyse. Berlin (un veröff. Magister- arbeit an der Freien Universität Berlin). Jeffres, Leo W. (2000): Ethnicity and ethnic media use: A panel study. In: Communica- tion Research, Jg. 27, Heft 4, S. 496–535. Kampmann, Birgit/Cornelia Lins (2009): Handlungs empfeh lungen zur Optimie rung der Onlinekompetenz von Migrantinnen und Migranten. Hg. vom Bundes ministe- rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin. URL: www.bmfsfj.de bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/optimierung- onlinekompetenzen-migranten,property= pdf,bereich= bmfsfj,sprache= de,rwb= true. pdf (24. 08. 2009). Kissau, Kathrin (2008): Das Integrationspotential des Internet für Migranten. Wies- baden. 211 Kissau, Kathrin/Uwe Hunger (2009): Politische Sphären von Migranten im Internet. Neue Chancen im „Long Tail“ der Politik. München. Klingler, Walter/Albrecht Kutteroff (2009): Stellen wert und Nutzung der Medien in Migranten milieus. In: Media Perspektiven, Heft 6, S. 297–308. Korupp, Sylvia E./Marc Szydlik (2005): Causes and Trends of the Digital Divide. In: European Sociological Review, Jg. 21, Heft 4, S. 409–422. Kubicek, Herbert/Stefan Welling (2000): Vor einer digitalen Spaltung in Deutschland? Annähe rung an ein ver decktes Problem von wirtschafts- und gesellschafts politi scher Brisanz. In: Medien & Kommunikations wissen schaft, Jg. 48, Heft 4, S. 497–516. Küpper, Mechtild (2009): Studie zur Integration. Gut integriert, wenig angepasst, ab- rutsch gefährdet. In: FAZ.NET, 29. 01. 2009. URL: www.faz.net/s/Rub594835 B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EB514F79F3EE14328AAD16DF29E0A715 4~ATpl~Ecommon~Scontent. html (16. 07. 2009). Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) (2007a): „Medien nutzung Jugend- licher und junger Erwachsener mit Migrations hintergrund in Nordrhein-West falen“. Ausschreibungs unterlagen und Projekt beschrei bung. Düsseldorf. URL: http:// www. lfm-nrw.de/downloads/anhaenge-pressemit /ausschr-mediennutzung. pdf (12. 07. 2009). Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) (Hrsg.) (2007b): Medien kom- petenzbericht 2006 der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM). Düssel dorf (LfM-Dokumenta tion; Bd. 31). Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) (Hrsg.) (2008): Medien kom pe- tenzbericht 2008 der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM). Düssel- dorf. Luca, Renate/Stefan Aufenanger (2007): Geschlechtersensible Medien kompetenzförde- rung. Medien nutzung und Medien kompetenz von Mädchen und Jungen sowie medien pädagogi sche Handlungs möglich keiten. Berlin (Schriften reihe Medien for- schung der LfM Nordrhein-West falen; Bd. 58). Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (mpfs) (Hrsg.) (2007): KIM-Studie 2006. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basis untersuchung zum Medien- umgang 6–13jähriger in Deutschland. Stuttgart. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (mpfs) (Hrsg.) (2007): JIM 2007. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis studie zum Medien umgang 12- bis 19-Jäh- ri ger in Deutschland. Stuttgart. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (mpfs) (Hrsg.) (2009): KIM-Studie 2008. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basis untersuchung zum Medien- umgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (mpfs) (Hrsg.) (2008): JIM 2008. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis studie zum Medien umgang 12- bis 19-Jäh- riger in Deutschland. Stuttgart. Meier-Braun, Karl-Heinz (2002): Gefangen im Medien ghetto? Migranten in Deutsch- land. In: tendenz, Magazin für Funk und Fernsehen der Bayerischen Landes- zentrale für neue Medien, Heft 1, S. 4–9. Müller, Daniel (2005): Die Mediennutzung der ethnischen Minderheiten. In: Geißler, Rainer/Horst Pöttker (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer 212 Minderheiten in Deutschland: Problemaufriss – Forschungsstand – Bibliographie. Bielefeld, S. 359–387. Niesyto, Horst (2007): Interkulturelle Medien pädagogik – Anforde rungen an (digitale) Medien angebote für Jugend liche aus Haupt schul- und Migrations milieus. In: Schulen ans Netz e. V. (Hrsg.): Lernen, Migra tion und digitale Medien. Potenziale für Jugend liche mit Migrations hintergrund. Dokumenta tion der LIFT-Fachta gung. S. 39–46. Niesyto, Horst (2008): Die soziale Frage in Medien forschung und Medien pädagogik. In: Dokumenta tion des Fachkongresses „Soziale Ungleich heit, Medien pädagogik, Partizipa tion“ 17./18. 10. 2008, Bonn, JFF – Institut für Medien pädagogik/Päda- gogi sche Hochschule Ludwigs burg, Teil 2, S. 6–24. URL: www.jff. de/dateien/ Tagungs doku_SozU_2ter_Teil. pdf (06. 07. 2009). Otto, Hans-Uwe/Nadia Kutscher/Alexandra Klein/Stefan Iske (2004): Soziale Un gleich- heit im virtuellen Raum: Wie nutzen Jugend liche das Internet? Erste Ergebnisse einer empiri schen Untersuchung zu Online-Nutzungs differenzen und Aneignungs- strukturen von Jugend lichen. Überarbeitete Ver sion (Stand: August 2005). Publika- tion im Rahmen der Bundesinitiative Jugend ans Netz. URL: www.bmfsfj. de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungs berichte,did=14282. html (29. 06. 2009).m Park, Robert E. (1922): The immigrant press and its control. In: The American Journal of Sociology, Jg. 27, Heft 6, S. 807–809. Pfeiffer, Christian/Thomas Mößle/Matthias Kleimann/Florian Rehbein (2008): Die PISA-Verlierer und ihr Medien konsum. Eine Analyse auf der Basis ver schiedener empiri scher Untersuchungen. In: Dittler, Ullrich/Michael Hoyer (Hrsg.): Auf wachsen in virtuellen Medien welten. Chancen und Gefahren digitaler Medien aus medien- psychologi scher und medien pädagogi scher Perspektive. München, S. 275–305. Pfetsch, Barbara/Hans-Jürgen Weiß (2000): Die kritische Rolle der Massen medien bei der Integra tion sozialer Minder heiten. Anmer kungen aus einem deutsch-israeli schen Forschungs projekt. In: Schatz, Heribert/Christina Holtz-Bacha/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Migranten und Medien. Neue Herausforde rungen an die Integrations funk- tion von Presse und Rundfunk. Wiesbaden, S. 116–126. Pfetsch, Barbara/Joachim Trebbe (2003): Mass media use and social integration of German-Russian immigrants in Germany. San Diego (Paper submitted to the 53rd Annual Conference of the International Communication Association, May 23–27, 2003, San Diego). Piga, Andrea (2007): Mediennutzung von Migranten: Ein Forschungsüberblick. In: Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.): Medien und Migration: Europa als multi- kultureller Raum? Wiesbaden, S. 209–234. Ruhrmann, Georg (2009): Migranten und Medien. Dokumentation zum Forschungs- stand der wichtigsten Studien über die Mediendarstellung, Nutzung und Rezeption von Migranten und ethnischen Minderheiten von 2003 bis 2009 für CIVIS Medien- stiftung. Jena. URL: www.civismedia.eu tv/civis/downloads/Dokumenta- tion_Migranten_und_Medien. pdf (16. 07. 2009). Schatz, Heribert /Christina Holtz-Bacha/Jörg-Uwe Nieland (2000): Migranten und Medien: Neue Herausforderungen an die Integrationsfunktion von Presse und Rund- funk. Wiesbaden/Opladen. 213 Schmidt, Jan-Hinrik/ Ingrid Paus-Hasebrink/Uwe Hasebrink (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugend- lichen und jungen Erwachsenen. Kurzfas sung des Endberichts für die Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM). Hamburg/Salzburg. Schneider, Jan (2005): Die Geschichte der Russ land deutschen. URL: www.bpb. de/ themen /AA1Q8R,4,0,Die_Geschichte_der_Russlanddeutschen. html#art4 (07. 08. 2009). Schulte, Joachim (2002): Medienghetto – Nutzen türkische Migranten hauptsächlich türkische Medien? In: Tendenz, Heft 1, S. 10–11. Seifert, Wolfgang (2008): Aussiedlerinnen und Aussiedler – neue Erfassungs möglich- keiten und sozioökonomi sches Profil. In: Landesamt für Daten verarbei tung und Statistik Nordrhein-West falen (Hrsg.): Statisti sche Analysen und Studien Nordrhein- West falen. Band 53. S. 11–23. Şen, Faruk (2002): Türkische Minderheit in Deutschland. In: Informationen zur poli- ti schen Bildung. Heft 277. URL: www.bpb.de/publikationen/7LG87X. html (16. 11. 2009). Şen, Faruk/Martina Sauer/Dirk Halm (2001): Intergeneratives Verhalten und (Selbst-) Ethnisierung von türkischen Zuwanderern. Gutachten des ZfT für die Unabhängige Kommission „Zuwanderung“. Essen. Simon, Erk (2007): Migranten und Medien 2007: Zielset zung, Konzep tion und Basis- daten einer repräsentativen Studie der ARD/ZDF-Medien kommission. In: Media Perspektiven, Heft 9, S. 426–435. Simon, Erk/Gerhard Kloppen burg (2007): Das Fernsehpublikum türkischer Herkunft. Fernsehnut zung, Einstel lungen und Programmerwar tungen. Ergebnisse einer Reprä sentativbefra gung in Nordrhein-West falen. In: Media Perspektiven, Heft 3, S. 142–152. Sinus Sociovision (2008): Zentrale Ergebnisse der Sinus-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland. Heidel berg (Auszug aus dem Forschungs bericht). URL: http:// www.sociovision.de/uploads/tx_mpdownloadcenter/MigrantenMilieus_Zentrale_ Ergebnisse_09122008. pdf (12. 07. 2009). Six, Ulrike/Roland Gimmler (2007): Die Förde rung von Medien kompetenz im Kin- dergarten. Eine empiri sche Studie zu Bedin gungen und Handlungs formen der Medien erziehung. Berlin (Schriften reihe Medien forschung der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen; Bd. 57). Statistisches Bundesamt (2009): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2007. Wiesbaden. URL: www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg / bpm.html.cms.cBroker. cls?cmspath= struktur,vollanzeige. csp&ID= 1023128 (07. 08. 2009). Stiftung Lesen (Hrsg.) (2009): Lesen in Deutschland 2008. Eine Studie der Stiftung Lesen. Die zentralen Ergebnisse. Mainz. Strotmann, Mareike (2006): „Die wollen, dass ich mich mit Computer beschäftige.“ – Der Aufforderungs- und Unterstützungs charakter von Familie, Schule und außer- schuli scher Einrich tung bei der Aneig nung der Neuen Medien durch Jugend liche mit türkischem Migrations hintergrund. In: Treibel, Annette/Maja S. Maier/Sven Kommer/Manuela Welzel (Hrsg.): Gender medien kompetent. Medien bildung in einer heterogenen Gesell schaft. Wiesbaden, S. 257–275. 214 Strotmann, Mareike (2008): Die Rolle der Familie bei der Aneig nung eines neuen Mediums am Beispiel von Jugend lichen mit türkischem Migrations hintergrund. In: Theunert, Helga (Hrsg.): Interkulturell mit Medien. Die Rolle der Medien für Integra tion und interkulturelle Ver ständi gung. München, S. 125–139. Theunert, Helga (1999): Medien kompetenz: Eine pädagogisch und alters spezifisch zu fassende Handlungs dimension. In: Schell, Fred/Elke Stolzen burg/Helga Theunert (Hrsg.): Medien kompetenz: Grundlagen und pädagogi sches Handeln. München, S. 50–59. Theunert, Helga (2008) (Hrsg.): Interkulturell mit Medien. Die Rolle der Medien für Integra tion und interkulturelle Ver ständi gung. München. Theunert, Helga (2008): Jugendmedien schutz und Medien kompetenz: Kongruenz, Koexistenz, Konkurrenz. In: Dörken-Kucharz, Thomas (Hrsg.): Medien kompetenz. Zauberwort oder Leerformel des Jugendmedien schutzes? Baden-Baden, S. 35–46. Theunert, Helga/Ulrike Wagner/Kathrin Demmler (2007): Integrations potenziale neuer Medien für Jugend liche mit Migrations hintergrund. Expertise. Institut für Medien- pädagogik. München. Trebbe, Joachim (2002): Medien nutzung und Integra tion. Eine Integrations typologie der türkischen Bevölke rung in Deutschland. In: Donsbach, Wolfgang/Olaf Jandura (Hrsg.): Chancen und Gefahren der Mediendemokratie. Konstanz, S. 416–430. Trebbe, Joachim (2007a): Akkulturation und Mediennutzung von türkischen Jugend- lichen in Deutschland. In: Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.): Medien und Migration: Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden, S. 183–208. Trebbe, Joachim (2007b): Types of integration, acculturation strategies and media use of young Turks in Germany. In: Communications – The European Journal of Communication Research, Jg. 32, Heft 2, S. 171–191. Trebbe, Joachim (2009): Ethnische Minder heiten, Massen medien und Integra tion. Eine Untersuchung zu massen medialer Repräsenta tion und Medien wirkun gen. Wiesbaden (Habilitations schrift am Fachbereich Politik und Sozialwissen schaften der Freien Universität Berlin). Trebbe, Joachim/Hans-Jürgen Weiß (2001): Medien nutzung der türkischen Bevölke- rung in Deutschland. Ausgewählte Ergebnisse einer Umfrage des Presse- und Infor mations amtes der Bundes regie rung. In: Nord Süd Aktuell, Jg. 15, Heft 4, S. 633–644. Trebbe, Joachim/Hans-Jürgen Weiß (2006): Integration und Mediennutzung: Eine Typologie junger Türkinnen und Türken in Nordrhein-Westfalen. In: Westdeutscher Rundfunk (Hrsg.): Zwischen den Kulturen: Fernsehen, Einstellungen und Inte gra- tion junger Türkinnen und Türken in Nordrhein-Westfalen. Köln, S. 30–39. Trebbe, Joachim/Hans-Jürgen Weiß (2007): Integration als Mediennutzungsmotiv? Eine Typologie junger türkischer Erwachsener in Nordrhein-Westfalen. In: Media Perspektiven, Heft 3, S. 136–141. Treibel, Annette (2006): Medien kompetenzen an der Haupt schule. Zur Relevanz von Migra tion, Gender und Individualisie rung bei russ land deutschen und türkisch stäm- migen Jugend lichen. In: Treibel, Annette/Maja S. Maier/Sven Kommer/Manuela Welzel (Hrsg.): Gender medien kompetent. Medien bildung in einer heterogenen Gesell schaft. Wiesbaden, S. 209–233. 215 Treumann, Klaus Peter/Dorothee M. Meister/Uwe Sander/Eckhard Burkatzki/Jörg Hagedorn/ Manuela Kämmerer/ Mareike Strotmann/Claudia Wegener (2007): Medien handeln Jugend licher. Medien nutzung und Medien kompetenz. Bielefelder Medien kompetenzmodell. Wiesbaden. Van Dijk, Jan A. G. M. (2005): The Deepening Divide. Inequality in the Information Society. Thousand Oaks, London, New Delhi. Van Eimeren, Birgit/Beate Frees (2009): Die Internetnutzer 2009 – multimedial und total ver netzt? Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2009. In: Media Perspek- tiven, Heft 7, S. 334–348. Vlasic, Andreas (2004): Die Integrationsfunktion der Massenmedien: Begriffs ge- schichte, Modelle, Operationalisierung. Wiesbaden. Von Salisch, Maria/Astrid Kristen/Caroline Oppl (2007): Computerspiele mit und ohne Gewalt. Auswahl und Wirkung bei Kindern. Stuttgart. Wagner, Ulrike (Hrsg.) (2008): Medien handeln in Haupt schulmilieus. Mediale Inter- aktion und Produk tion als Bildungs ressource. München. Wagner, Ulrike/Susanne Eggert (2007): Quelle für Informa tion und Wissen oder unter- haltsame Action? Bildungs benachteili gung und die Auswir kungen auf den Medien- umgang Heranwachsender. In: merz medien + er ziehung. zeitschrift für medien- pädagogik, Jg. 51., Heft 5, S. 15–23. Walter, Mignon/Ute Schlinker/Christiane Fischer (2007): Fernsehnut zung von Migran- ten. Ergebnisse der ARD/ZDF-Studie „Migranten und Medien 2007“. In: Media Perspektiven, Heft 9, S. 436–451. Weiß, Hans-Jürgen/Joachim Trebbe (2001): Medien nutzung und Integra tion der tür- kischen Bevölke rung in Deutschland: Ergebnisse einer Umfrage des Presse- und Informations amtes der Bundes regie rung. Berlin/Potsdam. Welling, Stefan (2008): Computerpraxis Jugend licher und medien pädagogi sches Han- deln. München (Reihe Medien pädagogi sche Praxis forschung; Bd. 4). Wippermann, Carsten/Berthold Bodo Flaig (2009): Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten. In: APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte), Heft 5, S. 3–11. Zentral verband der deutschen Werbewirt schaft (ZAW) (1994): ZAW-Rahmenschema für Werbeträger-Analysen. Bonn (8. Aufl.). Zillien, Nicole (2006): Digitale Ungleich heit. Neue Technologien und alte Ungleich- heiten in der Informations- und Wissens gesell schaft. Wiesbaden. 217 11 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbildung 7.1: Kausalmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Übersichten Übersicht 1.1: Referenzstudien zu den Telefonumfragen der LfM-Studie . . . 11 Übersicht 2.1: Akkulturationsstrategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Übersicht 3.1: Medienkompetenzdimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Übersicht 3.2: Neuere empirische Studien zur Mediennutzung und Medien- kompetenz von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland („Explizite Mi gran tenstudien“) . . . . . . . . . 37 Übersicht 3.3: Neuere empirische Studien zur Mediennutzung und Medien- kompetenz von jungen Menschen in Deutschland („Studien mit Migrantenanteilen“) . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Übersicht 10.1: Für die Fragestellung der LfM-Studie relevante offizielle Materialien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Tabellen Tabelle 5.1: Alter der Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Tabelle 5.2: Geschlecht der Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Tabelle 5.3: Schulbildung der Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Tabelle 5.4: Haushaltsgröße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Tabelle 5.5: Haushaltsmitglieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Tabelle 5.6: Zuwanderungsstatus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Tabelle 5.7: Aufenthaltsdauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Tabelle 5.8: Staatsbürgerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Tabelle 5.9: Sprachgebrauch in der Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Tabelle 5.10: Selbsteinschätzung: Sprachkompetenz – Deutsch sprechen . . . . 72 Tabelle 5.11: Sprachgebrauch in Schule/Universität/Arbeitsplatz . . . . . . . . 73 Tabelle 5.12: Sprachgebrauch in der Freizeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Tabelle 5.13: Index des Sprachgebrauchs (Familie, Freizeit, Schule/Beruf) . . . 74 Tabelle 5.14: Freunde und Bekannte treffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 218 Tabelle 5.15: Mitgliedschaft in Vereinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Tabelle 5.16: Einstellung zur sozialen Interaktion . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Tabelle 5.17: Vertrauen in deutsche Einrichtungen . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Tabelle 5.18: Einstellungen zur deutschen Politik (Statements) . . . . . . . . . 78 Tabelle 5.19: Informationsbedürfnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Tabelle 5.20: Informationsquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Tabelle 5.21: Medienausstattung im Haushalt: Klassische Massenmedien . . . 81 Tabelle 5.22: Medienausstattung im Haushalt: Massen- und Funktionsmedien . 82 Tabelle 5.23: Fernsehempfangssituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Tabelle 5.24: Individuelle Medienausstattung der Befragten . . . . . . . . . . . 85 Tabelle 5.25: Mediennutzung (Stammnutzer) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Tabelle 5.26: Mediennutzung (Stammnutzer) nach Bildung . . . . . . . . . . . 88 Tabelle 5.27: Mediennutzung (Stammnutzer) nach Geschlecht . . . . . . . . . 89 Tabelle 5.28: Sprachgebundene Mediennutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Tabelle 5.29: Sprachgebundene Mediennutzung nach Bildung . . . . . . . . . . 91 Tabelle 5.30: Sprachgebundene Mediennutzung nach Geschlecht . . . . . . . . 92 Tabelle 5.31: Sprachgebundene Fernsehnutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Tabelle 5.32: Sprachgebundene Medienkombinationen (Fernsehen, Radio, Zeitung, Internet) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Tabelle 5.33: Sprachgebrauch und sprachgebundene Mediennutzung . . . . . . 95 Tabelle 5.34: Soziale Interaktion und sprachgebundene Mediennutzung . . . . 96 Tabelle 5.35: Informationsbedürfnisse und sprachgebundene Mediennutzung . 97 Tabelle 5.36: Mediennutzung und Freizeitaktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . 99 Tabelle 5.37: Orte der Internetnutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Tabelle 5.38: Tätigkeiten und genutzte Dienste im Internet . . . . . . . . . . . 101 Tabelle 5.39: Ansichten zum Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Tabelle 5.40: Orte der Computernutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Tabelle 5.41: Tätigkeiten bei der Computernutzung . . . . . . . . . . . . . . . 104 Tabelle 5.42: Ansichten zum Computer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tabelle 5.43: Vertragsart und Kosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Tabelle 5.44: Menüsprache des Handys . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Tabelle 5.45: Tätigkeiten bei der Handynutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Tabelle 5.46: Gewalt und Pornografie auf dem Handy . . . . . . . . . . . . . . 109 Tabelle 5.47: Käufe mit dem Handy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Tabelle 5.48: Spielsituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Tabelle 5.49: Aussagen der 12- bis 19-Jährigen zu Computer- und Konsolen- spielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Tabelle 5.50: Individualmediennutzung und Sprachgebrauch . . . . . . . . . . 113 Tabelle 5.51: Individualmediennutzung und Soziodemografie . . . . . . . . . . 114 Tabelle 6.1: Die Zusammensetzung der Gruppendiskussionen . . . . . . . . . 121 Tabelle 7.1: Studienvergleich: Sprache und sprachgebundene Fernsehnutzung 166 Tabelle 7.2: Multiple, lineare Regressionen zur Erklärung der Akkultura tions- strategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Tabelle 8.1: Alter der Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Tabelle 8.2: Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Tabelle 8.3: Schulbesuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 219 Tabelle 8.4: Individuelle Medienausstattung: Massenmedien . . . . . . . . . . 178 Tabelle 8.5: Individuelle Medienausstattung: Funktionsmedien . . . . . . . . 179 Tabelle 8.6: Mediennutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Tabelle 8.7: Mediennutzung und Freizeitaktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . 181 Tabelle 8.8: Kommunikationsorientierte Tätig keiten und Dienste im Internet . 182 Tabelle 8.9: Informationsorientierte Tätig keiten und Dienste im Internet . . . 183 Tabelle 8.10: Rezeptionsorientierte und unterhaltende Tätig keiten und Dienste im Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Tabelle 8.11: Produktive Tätig keiten und Dienste im Internet . . . . . . . . . . 184 Tabelle 8.12: Ansichten zum Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Tabelle 8.13: Tätigkeiten bei der Computernutzung . . . . . . . . . . . . . . . 186 Tabelle 8.14: Ansichten zum Computer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Tabelle 8.15: Vertragsart und Kosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 Tabelle 8.16: Tätigkeiten bei der Handynutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Tabelle 8.17: Gewalt und Pornografie auf dem Handy . . . . . . . . . . . . . . 190 Tabelle 8.18: Käufe mit dem Handy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Tabelle 8.19: Spielenutzung Computer und Konsole . . . . . . . . . . . . . . . 191 Tabelle 8.20: Lieblingsspiele Computer und Konsole . . . . . . . . . . . . . . . 192 221 Die Autoren Joachim Trebbe, Dr., ist ordent licher Professor für Medien- und Kom mu- nikations wissen schaft mit dem Schwerpunkt empiri sche Kommunikations for- schung an der Universität Freiburg/Schweiz. Seine Forschungs schwerpunkte sind Medien und Migranten, Fernsehprogramm forschung und Methoden ent- wick lung. Annett Heft, M. A., ist wissen schaft liche Mitarbeiterin am Institut für Publi- zistik- und Kommunikations wissen schaft der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungs schwerpunkte sind Medien und Migranten, Politische Kommunika- tion in Deutschland und in Europa sowie Europäi sche Öffentlich keit. Hans-Jürgen Weiß, Dr., ist Professor im Ruhestand und wissen schaft licher Leiter der GöfaK Medien forschung GmbH, Potsdam. Seine Forschungs schwer- punkte sind Medien und Migranten, Fernsehprogramm forschung sowie Mas- sen medien und Wahlen. S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 61 60 63 62 59 Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2009 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 58 57 56 55 54 Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung von Ulrike Six und Roland Gimmler 368 Seiten, 53 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-459-0 Euro 21,– (D) Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 53 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 49 48 Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-397-5 Euro 25,– (D) S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) : Nationaler Integrationsplan, Integrationsgipfel und Islamkonferenz sind Stichworte, die deutlich machen, dass die soziale Integration von Zuwanderern und ihren Nachkommen – der „Menschen mit Migrationshintergrund“ – in die deutsche Gesellschaft weit oben auf der politischen Agenda steht. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur die Bedeutung der Massenmedien für die Förderung oder aber Behinderung von Integrationsprozessen diskutiert. Auch die Frage, welche Medienkompetenz junge Menschen mit Migrations - hintergrund aufweisen und ob gezielte Maßnahmen zur Medienkompetenzvermittlung in diesen Zielgruppen angestrebt werden sollten, ist Gegenstand des gesellschaftspoliti- schen Diskurses. Die LfM-Studie geht diesen Fragen in den zwei größten Teilgruppen junger Migranten in Nordrhein-Westfalen nach. Im Ergebnis der empirischen Erhebungen werden repräsenta- tive Basisdaten zur Mediennutzung und Medienkompetenz junger Migranten ermittelt, im Kontext der Integrationsproblematik analysiert und im Hinblick auf Maßnahmen zur Medienkompetenzförderung diskutiert. Die Untersuchungsergebnisse umfassen sowohl die „klassischen“ Massenmedien Radio, Fernsehen, Presse als auch die „neuen“ Individu- almedien wie PC, Internet, Handy oder Spielkonsolen. ❯ Prof. Dr. Joachim Trebbe Universität Freiburg/Schweiz, Departement für Medien- und Kommunikationswissen- schaft ❯ Annett Heft, M. A. Freie Universität Berlin, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ❯ Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß GöfaK Medienforschung, Potsdam ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,- (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund 63 Tr eb be /H ef t/ W ei ß M ed ie nn ut zu ng ju ng er M en sc he n m it M ig ra ti on sh in te rg ru nd ❯❯❯ ❯ Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 63 Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß Ab b. T ite l © d pa p ic tu re -a lli an ce /Z B, R üc ks ei te : © D iv er se /f ot ol ia .c om BEL_LfM-Bd_63:. 08.01.10 09:22 Seite 1
Forschung
Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen (LfM Band 71) : Soziale Netzwerkplattformen sind aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene nutzen sie, um Kontakte zu pflegen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei müssen und wollen sie zahlreiche Informationen über sich preisgeben. Dies kann dazu führen, dass sie ihre eigene Privatsphäre gefährden. Die Nutzung der Plattformen erfolgt in einem Spannungsfeld zwischen wahrgenommenen Chancen und Risiken. Die vorliegende Studie untersucht, wie 12- bis 24-Jährige Soziale Netzwerkplattformen nutzen, welche Informationen sie von sich dort preisgeben, wie sie die Risiken einschätzen und ihre Privatsphäre online schützen. Diese Fragestellungen wurden in einer empirischen Untersuchung mit einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden beantwortet. Neben qualitativen Interviews mit jungen Nutzern und Experten, wurde eine standardisierte Befragung inklusive einer Trackingstudie durchgeführt. Außerdem be inhaltet der Band ein ausführliches Rechtsgutachten zum Datenschutz. Anhand der Ergebnisse wurden Gestaltungsvorschläge für den Gesetzgeber und die Medienpädagogik formuliert. Die Herausgeber: V Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk Leiter der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ der Universität Hohenheim V Julia Niemann M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ an der Universität Hohenheim V Prof. Dr. Gabi Reinmann Professorin für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München V Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel Leiter der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungszentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel Weitere Autoren: V Dr. jur. Silke Jandt Geschäftsführerin der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungs- zentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel V Jan-Mathis Schnurr M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,- (D) Digitale Privatsphäre 71 Sc he nk , N ie m an n, R ei nm an n, R oß na ge l ( H rs g. ) Di gi ta le P ri va ts ph är e VV V V Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Digitale Privatsphäre Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Arbeitet bei: Goethe Schule Wohnt in Neustadt, Germany In einer Beziehung Geboren am 28.09.1978 Layout_LfM-Schriftenreihe_Band_71 Korr 5_. 05.09.12 08:12 Seite 1 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen unter Mitarbeit von Silke Jandt und Jan-Mathis Schnurr Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2012 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Bildnachweis/Umschlag: © Fotolia.com Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Insbesondere Jugend liche und junge Erwachsene bewegen sich ganz selbst verständ lich in Sozialen Netz werken – ein Profil bei Facebook, Google+, werkenntwen & Co. gehört heutzutage zur Jugendkultur, zum Lebens stil einer ganzen Genera tion. Online werden Kontakte ge knüpft und ge pflegt und es wird sich mit „Freun den“ aus getauscht. Hierfür geben die Nutzer zahl reiche Informa tionen über sich preis – teils weil sie es wollen, teils weil sie es müssen, wenn sie die Sozialen Netz werke aktiv nutzen und an ihnen teilhaben wollen. Soziale Netz werke bergen für den Nutzer Spaß und Chancen – aber auch Risiken: Durch einen sorg losen Umgang mit den eigenen Daten sowie den Daten Dritter können sowohl die eigene Privatsphäre als auch die Urheber und Persönlich keits rechte anderer ge fährdet werden. Vor diesem Hinter grund hat die LfM die Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung der Universi tät Hohenheim gemein sam mit dem Lehrstuhl für Lehren und Lernen an der Universi tät der Bundes wehr München und die Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet) der Universi tät Kassel mit einem interdis ziplinär an gelegten Forschungs projekt zum Thema „Heran wachsende und Daten schutz in Sozialen Netz werken“ be auftragt. Ziel dieses Forschungs vorhabens ist es ge wesen, detaillierte Kennt nisse über die Motive, die dem jugend lichen Ver halten in Sozialen Netz werken zu Grunde liegen, über das Wissen zu Daten schutz und zur Rechts lage sowie über die Einstel lungen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu Fragen von Privat heit und Intimität zu er langen und wissen schaft lich zu fundie ren. Die interdis ziplinär an gelegte Studie unter sucht mittels einer Kombina tion aus qualitativen und quantitativen Methoden das Nutzungs verhalten von 12 bis 24Jährige in sozialen Netz werken. Hierbei wird der Frage nach gegangen, welche Informa tionen preis gegeben werden, wie die Heran wachsen den selbst potenzielle Risiken einschätzen und welche Vor kehrungen sie treffen, ihre Privatsphäre zu schützen. Zudem werden die daten schutz recht lichen Implika tionen in einem aus führ lichen Rechts gutachten be leuchtet. Aus den voran gegangenen Erkennt nissen werden schließ lich konkrete Hand lungs empfeh lungen ab geleitet, die sowohl Gestal tungs vorschläge für den Gesetz geber als auch für die Medien pädagogik beinhalten. Dr. Jürgen Brautmeier Dr. Frauke Gerlach Direktor der Landes anstalt Vorsitzende der für Medien NRW (LfM) Medienkommission der LfM 7 Inhalt Teil I Privatsphäre und Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen: Eine Einfüh rung 1 Einlei tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2 Der Unter suchungs gegen stand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1 Soziale Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1.1 Einfüh rung und Ab gren zung . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1.2 Soziale Netz werk platt formen in Deutschland – Nutzung und Markt überblick . . . . . . . . . . . . . . . 21 2.1.3 Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.1.4 Nutzungs motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.2 Identi täts konstruk tion auf Sozialen Netz werk platt formen . . . 32 2.3 Privatsphäre im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.3.1 Privatsphäre als psychologi sches Konstrukt . . . . . . . 39 2.3.2 Besondere Bedin gungen der Privatsphäre im Social Web 43 2.3.3 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen . . 48 2.3.4 Erklä rungs modell der OnlineSelbstoffenba rung . . . . 53 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Teil II Empirische Forschung: Privat heit und Öffentlich keit auf Sozialen Netz werk platt formen 1 Das Erhe bungs design . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 1.1 Forschungs leitende Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 1.2 Über blick über das Forschungs design . . . . . . . . . . . . . . 77 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 8 2 Qualitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 2.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 83 2.1.1 Qualitative Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 2.1.2 Stichprobe und Erhebung . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 2.1.3 Aus wertung und Darstel lung . . . . . . . . . . . . . . . 86 2.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 2.2.1 Profile der Jugend lichen/jungen Erwachsenen . . . . . 88 2.2.2 Konstanten und individuelle Besonder heiten . . . . . . 112 2.2.3 Folge rungen: Präferenz dimensionen . . . . . . . . . . . 124 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 3 Digital Natives und Digital Immigrants – eine Sekundäranalyse 131 3.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 133 3.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 3.2.1 Nutzungs aktivi tät . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 3.2.2 Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 3.2.3 Neigung zur Selbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . 140 3.2.4 Sorge um die Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 3.3 Selbstoffenba rung im Social Web . . . . . . . . . . . . . . . . 142 3.3.1 Zugang zu den ge teilten Informa tionen . . . . . . . . . 145 3.3.2 Einflüsse auf die OnlineSelbstoffenba rung . . . . . . . 150 3.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 4 Quantitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 4.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 159 4.1.1 Standardisierte OnlineBefra gung . . . . . . . . . . . . 159 4.1.2 Tracking mit Befra gung in der Nutzungs situa tion . . . . 164 4.2 Ergeb nisse zur Nutzung des Internet und von Sozialen Netz werk platt formen . . . . . . . . . . . . . . . 172 4.2.1 Der Rahmen: Internetnut zung . . . . . . . . . . . . . . 173 4.2.2 Nutzung Sozialer Netz werk platt formen . . . . . . . . . 179 4.2.3 Nutzungs motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 4.3 Ergeb nisse zur Selbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.3.1 Das Nutzer profil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 4.3.2 Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen . . . 209 4.3.3 Nutzung der PrivatsphäreOptionen . . . . . . . . . . . 219 4.3.4 Kontakte und Freunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 4.3.5 Selbstoffenba rungs typen . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 9 4.4 Ergeb nisse zur Privatsphäre und zum Daten schutz . . . . . . . 235 4.4.1 Sorge um die Privatsphäre und Beurtei lung der Risiken 235 4.4.2 Negative Erfah rungen und Einstel lung zu Persönlich keits und Urheber rechten . . . . . . . . . . . 243 4.5 Ergeb nisse zum PrivacyParadox . . . . . . . . . . . . . . . . 250 4.5.1 Regres sions analyti sche Betrach tung des PrivacyParadox 250 4.5.2 Der Einfluss von Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . 253 4.6 Ergeb nisse im inter nationalen Ver gleich . . . . . . . . . . . . . 263 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 5 Qualitative Befra gung von Experten . . . . . . . . . . . . . . . . 271 5.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens . . . . . . . . . . . . 271 5.1.1 Qualitative Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 5.1.2 Stichprobe und Erhebung . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 5.1.3 Aus wertung und Darstel lung . . . . . . . . . . . . . . . 273 5.2 Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 5.2.1 Profile der Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 5.2.2 Konstanten und Besonder heiten bei den Experten . . . . 288 5.2.3 Folge rungen: Empfeh lungs tendenzen . . . . . . . . . . 297 6 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 Teil III Rechts gutachten zum Daten schutz und zu Persönlich keits rechten im Social Web, insbesondere von Social Networking-Sites 1 Fragestel lung des Gutachtens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 2 Social Network-Dienste, Foren & Co. . . . . . . . . . . . . . . . 311 3 Chancen und Risiken sozialer Netz werk dienste . . . . . . . . . . 315 3.1 Chancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 3.2 Risiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 4 Privatsphäre in der Psychologie und im Recht . . . . . . . . . . 321 10 5 Grundlagen des Daten schutz rechts . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 5.1 Daten schutz im welt weiten Web 2.0 . . . . . . . . . . . . . . 325 5.2 Schutz konzept des Daten schutz rechts . . . . . . . . . . . . . . 328 5.2.1 Zulassungs vorausset zung . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 5.2.2 Daten vermei dung und Daten sparsam keit . . . . . . . . . 330 5.2.3 Zweck bindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 5.2.4 Erforderlich keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 5.2.5 Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 5.2.6 Mitwir kung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 5.2.7 Kontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 5.3 Daten schutz für Kinder und Jugend liche . . . . . . . . . . . . 333 5.3.1 Grundrechts fähig keit und Grundrechts mündig keit . . . . 334 5.3.2 Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit . . . . . . . . . . 336 5.3.3 Interessen abwä gung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 6 Daten verarbei tung in Social Network-Diensten . . . . . . . . . . 341 6.1 Anwend bares Daten schutz recht . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 6.2 Personen bezogene Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342 6.3 Ver antwort liche Stelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346 6.4 Zulässig keit der Daten verarbei tung . . . . . . . . . . . . . . . 350 6.4.1 Daten verarbei tung durch die Nutzer von sozialen Netz werk diensten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350 6.4.2 Daten verarbei tung durch den Anbieter des Social NetworkDienstes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 6.4.3 Daten verwen dung durch andere Anbieter . . . . . . . . 363 6.4.4 Zulässig keit der Ver brei tung von Bildern . . . . . . . . 365 6.5 Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 6.6 Rechte der Betroffenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 7 Daten schutz recht liche Rege lungs defizite . . . . . . . . . . . . . . 375 8 Geplante Rechts ände rungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 8.1 Novellie rung des Telemedien gesetzes . . . . . . . . . . . . . . 381 8.2 Reform des europäi schen Daten schutz rechts . . . . . . . . . . 387 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 11 Teil IV Fazit & Hand lungs empfeh lungen 1 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 2 Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik . . . . . . . . 413 2.1 Akteure und Adressaten von Hand lungs empfeh lungen . . . . . 413 2.2 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Wissen und Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 2.2.1 Das Span nungs feld Wissen und Handeln . . . . . . . . 415 2.2.2 Inhalte für pädagogi sche Interven tionen . . . . . . . . . 417 2.2.3 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Sensibilisie rung und Aktivie rung . . . . . . . . . . . . . 419 2.3 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422 2.3.1 Das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust . . . 422 2.3.2 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Steue rung und Kontroll verlust . . . . . . . . . . . . . . 426 2.4 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431 3 Gestal tungs vorschläge für den Gesetz geber . . . . . . . . . . . . 435 3.1 Anmel dung und Profiler stel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 3.2 Nutzungs funk tionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 438 3.3 Ab meldung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 440 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 Teil I Privatsphäre und Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen: Eine Einfüh rung Julia Niemann & Michael Schenk unter Mitarbeit von Kim Wlach, Yvonne Allgeier & Doris Teutsch 15 1 Einlei tung Die sozialen Aspekte des Internet sind heute aus dem Alltags leben nicht mehr wegzu denken. Insbesondere Jugend liche und junge Erwachsene organisie ren und synchronisie ren ihr Leben online. Netz werk platt formen, insbesondere der welt weite Markt führer Facebook, sind die zentralen Knoten punkte der sozialen Ver netzung im World Wide Web. Die Nutzer1 müssen – zumindest in Teilen – ihre Privatsphäre auf geben, wenn sie teilhaben wollen, denn die aktive Nutzung setzt voraus, dass die User freiwillig Informa tionen über sich, ihre Aktivi täten, Meinun gen und Wünsche und auch Daten über Dritte zusammentragen. Im Gegen zug er halten sie aus ihrem Freundes netz werk Informa tionen, die unmittel bar relevant für ihren sozialen Alltag sind. Die im Social Web ge nerierten Daten mengen sind immens. Allein die 600 Mio. aktiven FacebookNutzer ver bringen zusammen 9,3 Mrd. Stunden pro Monat auf der Site. Jeder Nutzer lädt dabei im Durch schnitt 90 ver schiedene Inhalte hoch, z. B. Posts, Notizen, Fotos oder Links (Manyika et al., 2011). Ein solches Daten volumen weckt natür lich Begehrlich keiten. Einer seits auf Seiten der Anbieter, deren Geschäfts modell zumeist den Ver kauf personalisierter Werbung vor sieht. Anderer seits melden auch Dritte ihr Interesse an, die Daten für sich nutz bar zu machen. Im Frühjahr 2012 sorgte ein Vorstoß der Schufa für Auf sehen, die in einem Forschungs projekt in Koopera tion mit dem Hasso PlattnerInstitut die Nutzbar keit der öffent lich zugäng lichen Daten auf Facebook für ihre Zwecke evaluie ren wollte. Dies wurde von Daten schützern und der Politik äußerst negativ auf genommen und auf grund der Proteste schnell ein gestellt (Lochmaier, 2012; Medick & Reiß mann, 2012). Das „Geschäft mit den Nutzer daten“ (Welt Online, 2007) wurde schon früher in der Presse häufig kritisch reflektiert (z. B. Dworschak, 2011). Ob es den Sozialen Netz werk platt formen wie Facebook und Co. tatsäch lich anzu lasten ist, dass sie ihr Kapital aus den persön lichen Daten der Nutzer ziehen, die dafür ihre Privatsphäre auf geben oder zumindest einschränken, sei zunächst 1 Aus Gründen der Lesbar keit wird die maskuline Form ver wendet, ab gesehen von expliziten Ver gleichen der Geschlechter sind jedoch stets beide Formen ge meint. 16 dahin gestellt. Tatsache ist, dass Soziale Netz werk platt formen intensiv, ins beson dere von Jugend lichen und jungen Erwachsenen, ge nutzt werden und diese dabei selbst verständ lich persön liche Daten wie Name, Geburts tag, Hobbys etc. an geben (MPFS, 2011; Palfrey & Gasser, 2008). Seltener werden im Web auch Gefühle oder gar Ängste geäußert (Tad dicken & Schenk, 2011). Dass die User Sozialer Netz werk platt formen viel von sich preis geben, be deutet nicht, dass der Schutz ihrer Privatsphäre für sie irrelevant ist oder sie gar nicht darauf achten. Vielmehr ist es so, dass sich aus dem Nutzen, den Soziale Netz werk platt formen bspw. durch erhöhte Erreich bar keit und er weiterte Kommunika tions möglich keiten zweifel los stiften, ein Span nungs feld aus Chancen der Teilhabe und potenziellen Gefahren ergibt. Die „Digital Natives“ richten den Blick zunächst auf die Vor teile, die die Partizipa tion mit sich bringt (Boyd, 2010) und ihr Ver ständnis dafür, welche Informa tionen als privat gelten sollten, ist ein anderes, als das ihrer Eltern und Großelterngenera tion. Es ist das Ziel der vor liegen den Studie, dieses Ver ständnis zu explorie ren und Unter schiede sowie Einflüsse auf das Selbstoffenba rungs verhalten in Sozialen Netz werk platt formen aufzu decken. Auch wenn junge Nutzer auch an anderen Stellen im Social Web Informa tionen über sich preis geben, nehmen die Sozialen Netz werk platt formen eine heraus ragende Stellung ein, einer seits was die Quantität der Teilnehmer und der dort ver öffent lichten Daten be trifft, anderer seits auch in Bezug auf die Qualität: In Sozialen Netz werk platt formen weisen die preis gegebenen Informa tionen in der Regel einen – mehr oder weniger offensicht lichen – Bezug zur (Offline)Identität des Nutzers auf. Die Kommunika tion auf Netz werk platt formen ist in der Regel nicht durch Anonymi tät ge kennzeichnet, wie beispiels weise in vielen InternetDiskus sions foren üblich. Selbst wenn ein Nutzer seine Identität durch Ver wendung eines Nicknames oder des Vornamens schützt, wird er vor dem Hinter grund seines sozialen Netz werks aus Freunden und Bekannten oft identifizier bar. Aus diesen Gründen er scheinen Soziale Netz werk platt formen beim Blick auf die Privatsphäre und die Risiken, die durch Partizipa tion am Social Web ent stehen, be sonders relevant. Die vor liegende Studie fokussiert daher auf diese Anwen dungen. Zur umfassen den Explora tion des Forschungs feldes wurde ein interdis ziplinärer Ansatz aus Kommunika tions, Erziehungs und Rechts wissenschaft lern ge wählt. Dabei arbei teten Teams von der Universi tät Hohenheim (Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk und Julia Niemann), der Universi tät der Bundes wehr München (Prof. Dr. Gabi Reinmann und JanMathis Schnurr) und der Universi tät Kassel (Prof. Dr. Alexander Roßnagel und Dr. Silke Jandt) zusam men. Die Studie gliedert sich in insgesamt vier Teile. Zunächst wird in Teil I ein Über blick über die Forschungs gegenstände Soziale Netz werk platt formen und Privatsphäre ge geben. Den Teil II bildet eine Kombina tion ver schiedener empiri scher Methoden, die den Unter suchungs gegen stand auf qualitativer und 17 quantitativer Basis be leuchten. Die Methoden kombina tion umfasst dabei eine Sekundäranalyse, qualitative Interviews und eine quantitative Befra gung von 12 bis 24Jährigen sowie qualitative Interviews mit Experten aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien. Im Teil III erfolgt eine Einord nung aus daten schutz recht licher Perspektive. Im letzten Teil folgen, neben einer inter nationalen Einord nung der Ergeb nisse, Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik und den Gesetz geber. 19 2 Der Unter suchungs gegen stand 2.1 Soziale Netz werk platt formen 2.1.1 Einfüh rung und Ab gren zung Soziale Netz werk platt formen, wie Facebook, studiVZ oder XING, ge hören zu den am häufigsten und am intensivsten ge nutzten Webseiten. Die kommunika tions wissen schaft liche Ab gren zung dieser An gebote ge staltet sich jedoch schwie rig, denn sie sind weder den klassi schen Massen medien zuzu ordnen, noch lassen sie sich als aus schließ liche Medien der Individual kommunika tion ein stufen. Sie zählen zu den partizipativen An geboten des Internet (Neuberger, 2011, S. 34), die unter dem Schlagwort Web 2.0 oder auch als Social Web2 öffent liches und wissen schaft liches Interesse ge weckt haben. Beide Begriffe ver deut lichen die Wandlung des Internet von einem Medium, das von den meisten Nutzern vor rangig zur Informa tions beschaf fung und zu Recherche zwecken ge nutzt wurde, hin zu einem Medium der Kommunika tion und sozialen Inter aktion. Durch neue Softwareober flächen wurde es möglich, dass zuneh mend auch Nutzer ohne techni sches Wissen eigene Inhalte online ver öffent lichten und dass sie so von reinen Rezipienten zu „Produsern“ wurden, die die Inhalte des Netzes aktiv mitgestalten. Es herrscht eine ver wirrende Begriffs vielfalt, mit der das Phänomen Soziale Netz werk platt form be schrieben wird. So sind neben dem Begriff Soziale Netz werk platt form auch die Bezeich nungen Social Network(ing) Site, soziale Netz werkseite, OnlineCommunity, soziale Netz werk dienste o. Ä. üblich. Diese Begriffe werden in der vor liegen den Studie synonym ver wendet. Ab zugrenzen ist jedoch der Begriff „soziale Netz werke“. Dieser be zeichnet in den Sozial wissen schaften ein Geflecht aus direkt oder indirekt miteinander ver bundenen Akteuren, welches auch außerhalb des Internet existie ren kann, also z. B. die Gesamt heit aller Freunde, Familien mitglieder und Arbeits kollegen, die eine Person auf weist. Auf Sozialen Netz werk platt formen werden soziale Netz werke 2 Wir ver wenden im vor liegen den Bericht beide Begriffe synonym (vgl. zur Ab gren zung Schmidt, 2011). 20 ab gebildet, jedoch ist die Infrastruktur, die durch die Platt formen bereit gestellt wird, von den eigent lichen sozialen Netz werken abzu grenzen (vgl. Schmidt, 2009, S. 64; Weissens teiner & Leiner, 2011). Eine viel zitierte Defini tion webbasierter Sozialer Netz werk platt formen liefern Boyd und Ellison (2008, S. 211). Sie stellen dabei drei Aspekte der Anwen dungen be sonders heraus: Erstens er möglichen die Platt formen es, ein öffent liches oder semiöffent liches Profil der eigenen Person innerhalb eines vom rest lichen Internet ab gegrenzten Bereichs anzu legen. Zweitens können die Nutzer Kontakte mit ihrem Profil ver knüpfen. Auch die Listen dieser Kontakte sind für andere einseh bar. Drittens können die Kontakt listen zur Naviga tion innerhalb der Sozialen Netz werk platt form ge nutzt werden, so dass Browsen in den sozialen Netz werken der Nutzer möglich wird. Ein User wird in Sozialen Netz werk platt formen nicht nur durch die Selbst darstel lung auf dem eigenen Profil sicht bar, sondern auch vor dem Hinter grund seiner sozialen Kontakte. Soziale Netz werk platt formen bilden die Netz werkstruktur des sozialen Umfelds nicht nur ab, sondern stellen auch eine gemeinsame Infrastruktur zur Kommuni ka tion und Inter aktion der Kontakte unter einander bereit (Schmidt, 2009, S. 64). Die Kontakte sind jederzeit er reich bar, wodurch es einfacher wird, nicht nur auf das eigene soziale Netz werk, sondern auch auf ein er weitertes Netz werk zuzu greifen und um gekehrt von diesem er reicht zu werden. Die Defini tion von Boyd und Ellison be schreibt das Phänomen Soziale Netz werk platt formen anhand seiner Funktionen. Dies ist problematisch, denn die Ab gren zung zu anderen Anwen dungen des Social Web ist nicht eindeutig, wie am Beispiel der Weblogs deut lich wird: Auch Weblogs stellen Profile ihrer Nutzer dar, sind in der Blogosphäre miteinander ver linkt und es kann durch sie hindurch navigiert werden. Außerdem bieten sie eben falls die Möglich keit zur Kommunika tion. Wie Weissens teiner und Leiner (2011) anmerken, ist die funktionale Defini tion dennoch „mehr als ein theoreti sches Feigen blatt“ (S. 529). Für die Nutzer ist es weit gehend unerheb lich, in welcher Applika tion eine be stimmte Funktio nali tät bereit gestellt wird. Sie schlagen vor, die funktionale Defini tion um Nutzenaspekte zu er weitern, um der subjektiven Realität des Nutzers besser gerecht zu werden. Diese Funktionali tät besteht insbesondere in der Bedeu tung sozialer Aspekte, wie etliche Studien zu den Nutzungs motiven der Platt formen zeigen (Gleich, 2011; Joinson, 2008; QuanHaase & Young, 2010; Schmidt & Gutjahr, 2009; vgl. Ab schnitt 2.1.4). Dieser Umstand trifft jedoch eben falls auf das gesamte Social Web zu (Jers, 2012). Von anderen Applika tionen müssen Soziale Netz werk platt formen daher einzeln ab gegrenzt werden. So zeichnen sie sich gegen über InstantMessagingDiensten durch einen höheren Grad an Öffentlich keit aus. Gegen über Weblogs fällt auf, dass es sich bei Sozialen Netz werk platt formen um zentrale, durch Registrie rung ab gegrenzte Bereiche handelt, bei denen die sozialen Beziehungen mehr im Fokus stehen. Bei Multimediaplatt formen, die dem Teilen von Inhalten wie Fotos oder Videos 21 dienen (z. B. Flickr, YouTube), tritt die Präsenta tion der eigenen Person in einem Profil und die Inter aktion der Teilnehmer hinter die Inhalte zurück. Zwar ist auch hier die Ver knüp fung mit anderen Nutzern möglich, jedoch er scheint diese eher nebensäch lich. Bei Diskus sions foren stehen eben falls Inhalte, nämlich der Aus tausch und die schrift liche Speiche rung von Informa tionen, meist mit einem klar ab gegrenzten themati schen Schwerpunkt, im Vordergrund. Soziale Netz werk platt formen integrie ren zunehmend die Funktionali täten dieser und anderer Anwen dungen (Smock, Ellison, Lampe & Wohn, 2011) und können – auch weil sie ver gleichs weise viele Nutzer auf weisen – als prototypi sche Anwen dungen des Social Web be trachtet werden. Die An gebote Sozialer Netz werk platt formen lassen sich ver schiedenen Unter formen zuordnen. So gibt es die klassi schen, privatpersön lichen Kontakt netz werke (Schmidt, 2009, S. 64), die inter national oder national, bzw. lokal aus gerichtet sind und mit denen wir uns in dieser Studie be schäfti gen. Daneben be stehen Communitys, die vor rangig be ruflichen Zwecken dienen (z. B. XING, LinkedIn). Außerdem sind Platt formen abzu grenzen, die thematisch auf be stimmte Beziehungs aspekte oder Bereiche wie Sport, Essen und Trinken, Tiere etc. be schränkt sind (z. B. Netzathleten, Chefkoch. de, My Social Petwork). Privatpersön liche Kontakt netz werke ge hören zu den Webangeboten, die gerade bei jungen Nutzern sehr beliebt sind (Busemann & Gscheidle, 2009, S. 358; Initiative D21, 2010). In unseren Aus führungen werden wir uns daher auf diese spezielle Kategorie von Netz werk platt formen be schränken. Im Folgen den wird zunächst ein Markt überblick ge geben, bevor auf die gängigen Features von Social Networking Sites und auf die Regelun gen zur Privatsphäre ein gegangen wird. 2.1.2 Soziale Netz werk platt formen in Deutschland – Nutzung und Markt überblick Weil der Markt sehr stark zergliedert ist und viele Anbieter Nischen produkte anbieten, die keine über regionale Bedeu tung er langen, kann die Zahl der Sozialen Netz werk platt formen nicht mit Bestimm theit fest gelegt werden. Die größten deutschen An gebote werden in der Reichweiten messung der AGOF (Arbeits gemein schaft Online Forschung) erfasst (Tabelle 1). Unter den in der AGOF ver tretenen Netz werken waren zum Zeitpunkt unserer Erhebung die drei VZNetz werke am reichweiten stärksten, ge folgt von werkenntwen. 22 Tabelle 1: Soziale Netz werk platt formen in Deutschland An gebot Netto-Reichweite in Mio. Unique User* August 2011 Netto-Reichweite in Mio. Unique User* Juni 2012 VZ-Netz werke 6,96 2,72 wer-kennt-wen. de 5,61 4,00 Myspace. de 3,63 2,47 Lokalisten 1,02 0,60 Schueler.CC 0,62 – * Basis: Weitester Nutzer kreis (User pro Monat) Quelle: AGOF internet facts, eigene Darstel lung Der Markt führer Facebook wird in diesem Ranking nicht erfasst, daher müssen hier andere Ver gleichs zahlen heran gezogen werden. Nielsen (2011) weist im August 2011 25,1 Mio. FacebookNutzer in Deutschland aus. Auch wenn dieser Wert auf einem anderen methodi schen Ver fahren beruht, werden die Dimensionen deut lich: Facebook ist die bei weitem be liebteste Platt form. Die Markt führer schaft er langte das USamerikani sche An gebot im März 2010, als erstmals höhere Nutzer zahlen für Facebook als für die VZNetz werke, die bis dahin Markt führer waren, aus gewiesen wurden (Welt Online, 2010). Facebook wurde 2004 zunächst als soziales Netz werk für HarvardStudenten von Mark Zuckerberg ent wickelt. Als Mitbegründer gelten zudem Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin. Konnten anfangs nur Studenten mit EMailAdressen aus gewählter USHoch schulen Mitglieder werden (Boyd & Ellison, 2008, S. 218), wurde das An gebot zwei Jahre später für alle Personen über 13 Jahren geöffnet. Ab dem Jahr 2006 war Facebook auch für aus ländi sche Studenten zugäng lich, seit 2008 ist die Platt form in den Sprachen Deutsch, Spanisch und Französisch ver fügbar. Heute ist Facebook in 74 Sprach versionen und mit 750 Millionen Mitgliedern (Facebook, 2010) über den gesamten Globus ver teilt. Nach Angaben von Facebook loggt sich die Hälfte der Mitglieder täglich auf der Seite ein, und der durch schnitt liche User besitzt 130 Kontakte auf dem Netz werk. Schon 2010 konnte Facebook Google als meist besuchte Website in den USA über holen. Im Mai 2012 er folgte der auf sehen erregende Start der FacebookAktie an der NewYorker Börse Nasdaq. Mit 104 Mrd. Dollar war es der bisher am höchsten be wertete Börsengang in den USA. Eine einzelne Aktie kostete bei der Ausgabe 38 Dollar. Im Ver lauf des ersten Quartals mussten die Anleger jedoch hohe Ver luste hinnehmen, der Kurs fiel zwischen zeit lich auf 24 Dollar (FTD. de, 26. Juli 2012). Zu geschrieben wird der mangelnde Erfolg vor allem dem Fehlen von Monetarisie rungs strategien. Insbesondere bei mobilem Zugriff auf die Platt form ent gehen die Werbe einnahmen. Neben dem Markt führer Facebook konnten sich im deutschen Markt zunächst noch weitere, nationale Anbieter be haupten. Insbesondere die An gebote der 23 VZGruppe, zu der die drei Platt formen studiVZ, schülerVZ und meinVZ ge hören, sind hier zu nennen. Die StudentenPlatt form studiVZ wurde 2005 nach dem Vorbild von Facebook ge gründet und war zunächst nur für Studenten ge dacht. Im Januar 2007 über nahm der Holtz brinckVerlag studiVZ für etwa 80 Millionen Euro (Bernau, 2007). Die Produkt palette wurde schon im selben Jahr um schülerVZ, eine Ver sion speziell für Schüler, ergänzt. Ein Jahr später folgte meinVZ, das sich an ältere und nichtakademi sche Nutzer richtet. Die An gebote studiVZ und meinVZ sind miteinander ver knüpft, d. h. die Nutzer beider Netz werke können sich kommunikativ aus tauschen. Das Schülernetz werk schülerVZ ist von beiden Platt formen ge trennt. schülerVZ ist ein geschlossenes Netz werk: Neue Nutzer können sich nur auf Einla dung eines Mitglieds an melden. Diese Maßnahme soll laut Eigenangaben ver hindern, dass Dritte oder auch Lehrer und Eltern Zugang zu dieser Platt form er halten. Im November 2011 hatten die Platt formen studiVZ. net, schülerVZ. net und meinVZ. net nach eigenen Angaben mehr als 16 Millionen Nutzer (VZNetz werke, o. J.), davon ver teilen sich 6 Millionen auf studiVZ, 5,5 Millionen Schüler sind im schülerVZ und 4 Millionen Nutzer bei meinVZ an gemeldet. Von diesen über 16 Millionen Nutzern sind aber nur Bruchteile aktiv. Laut AGOF wiesen alle drei Netz werke zusammen im August 2011 6,96 Millionen Nutzer auf. Die Reichweiten und Nutzer zahlen zeigen sich aber stetig sinkend, ein knappes Jahr später ist die Zahl der aktiven Nutzer nur noch bei 2,72 Millionen (vgl. auch Amann, 2011). Der im September 2011 durch geführte Relaunch konnte diesen Rück gang nicht umkehren. Die themati sche Neu ausrich tung, und die Namens ände rung von schülerVZ in Idpool. de sind für das vierte Quartal 2012 ge plant (Süd deutsche. de, 2012). Die Platt form soll dann zu einem „edukativen An gebot“ werden, bei dem die OnlineWissens vermitt lung im Vordergrund steht. Für die Netz werk platt formen studiVZ und meinVZ existie ren bislang keine Ver ände rungs konzepte. Auch wenn über die Nutzer wande rung zwischen den Netz werken keine gesicherten Zahlen vor handen sind, er scheint es wahr schein lich, dass die Nutzer zur inter nationalen Platt form Facebook wechseln, die einen höheren Funk tions umfang auf weist und im Hinblick auf die Integra tion neuer Funktionali tät immer einen Schritt schneller zu sein scheint. Neben der VZGruppe und Facebook er reichen in Deutschland die An gebote werkenntwen und Lokalisten relevante Nutzer zahlen. Sie zeichnen sich durch ihre lokale Ver brei tung aus. werkenntwen wurde im Oktober 2006 ge gründet und richtet sich an alle Personen ohne Einschrän kungen ab 14 Jahren. Mit einem Firmensitz in Köln wird diese Community durch die Gesell schaft RTL Inter active be trieben. Fünf Jahre nach der Gründung weist die AGOF 5,61 Millionen Nutzer für werkenntwen aus, ein knappes Jahr später noch 4 Millionen. Die Mehrheit der Mitglieder kommt aus RheinlandPfalz, Hessen und dem Saarland. Seit 2009 ist die Platt form auch in Öster reich und der Schweiz zugäng lich. Das Netz werk Lokalisten wurde im Mai 2005 ge gründet 24 und zählte im Sommer 2011 1,2 Millionen Nutzer. Auch diese Platt form ver zeichnet einen Mitglieder schwund und so viel die Reichweite laut AGOF im Juni 2012 auf 0,6 Millionen Nutzer. Der Großteil der Mitglieder wohnt im süd deutschen Raum. Seit Ende Mai 2008 hält ProSiebenSat.1 Media 90 Prozent an der Lokalisten Media GmbH. Ab gesehen von den bisher auf gezählten Netz werken gibt es weitere kleinere Platt formen, die sich speziell an Schüler richten. Ein Beispiel hierfür stellt das Schüler Community Center, kurz Schueler.CC, dar. Dieses ist im Besitz der Community Center GmbH und existiert seit Januar 2007. Es wird vor allem im Osten Deutschlands stärker ge nutzt. Nennens wert ist zudem Myspace als inter nationale Platt form, deren Fokus auf Musik und der Darstel lung und Ver mark tung von Bands und Künstlern liegt. Die Platt form kann aber auch als themen unabhängige Social Networking Site ge nutzt werden. Ähnlich wie hier zulande die VZNetz werke musste sich Myspace diesbezüg lich aber schon zuvor dem Konkurrenten Facebook unter ordnen. Im Jahr 2006 war MySpace das populärste soziale Netz werk in den USA, nachdem es im Jahr zuvor von Rupert Murdochs News Corpora tion ge kauft worden war. In der Blütezeit hatte Myspace mehr als 220 Millionen Nutzer. Die AGOF wies im Sommer 2011 3,63 Millionen deutsche Nutzer für die Platt form aus, im Juni 2012 nur noch 2,47 Millionen. Im September 2011 trat mit Google+ ein neuer Anbieter in den deutschen Markt ein. Die Platt form der Google Inc. wird ebenso wie Facebook nicht über die AGOF erfasst. Nach einer ComscoreMessung lagen die Besuchs zahlen für Deutschland im November 2011 bei 3,6 Millionen Nutzern (Steuer, 2012). Für Jugend liche ist das An gebot von Google+ ver mutlich wenig relevant: Momentan müssen neue Nutzer für die Registrie rung das Mindestalter von 18 Jahren er reicht haben. Lang fristig ist ge plant diese Alters begren zung auf 13 Jahre zu senken. Obwohl Facebook auch der inter nationale Markt führer ist, haben sich in einzelnen Ländern und Regionen teil weise andere Anbieter durch gesetzt. Die größte Soziale Netz werk platt form in China3 heißt Qzone und hat vor allem dort 480 Mio. Nutzer (RiaNovosti, 2011). Hinter Facebook ist diese Platt form die welt weit zweit größte. Auch in Brasilien (Orkut), Russ land (Vkontakte) und Japan (Mixi) sind andere Anbieter jeweils weiter ver breitet als der Platz hirsch Facebook. In den meisten europäi schen Ländern ist das USamerikani sche Netz werk der jeweils größte Anbieter. Die einzige Aus nahme bildet hier Lettland (Draugiem). Freizeitorientierte Soziale Netz werk platt formen stellen ihre Dienste in der Regel für die Nutzer kosten los zur Ver fügung. Die Betreiber finanzie ren sich 3 Aufgrund der restriktiven Netzpolitik der Chinesi schen Regie rung werden inter nationale Netz werk platt formen dort ge filtert und sind nicht für die Öffentlich keit zugäng lich. 25 hauptsäch lich durch den Anzeigen verkauf. Durch die von den Nutzern selbst bereit gestellten persön lichen Informa tionen eröffnen sich breite Möglich keiten für personalisierte Werbung. Sehr spitze Zielgruppen können über sogenanntes Targeting4 er reicht werden. Nachdem in den vorigen Ab sätzen ein Über blick über die Anbieter sozialer Netz werkseiten ge geben wurde, sollen im Folgenden die wichtigsten Funktionen der Platt formen be schrieben werden. Dabei kann nicht jede Funktion einzeln be rücksichtigt werden, da der Funk tions umfang zum Teil sehr hoch ist und auch nicht alle An gebote dieselben Funktionen auf weisen. Eine der zentralen Funktionen, die auch in der Defini tion von Boyd und Ellison auf gegriffen wird, ist das Anlegen des Nutzer profils. Die Teilnehmer von SocialNetworkPlatt formen bewegen sich in einem sozialen Raum, der es mit sich bringt, dass sie sich auch selbst präsentie ren müssen. Deshalb ver wundert es nicht, dass Selbstmarketing ein – wenn auch nicht immer das primäre – Ziel bei der Teilnahme an SocialCommunityPlatt formen ist (Utz, 2008, S. 243). Beim Beitritt zu einer SocialNetworkingSite muss zunächst ein „Profil“ der eigenen Person an gelegt werden. Boyd (2007) spricht beim Anlegen des Profils von einem „Initia tions ritus“ (S. 12). Online sind die Eigen schaften einer Person nicht automatisch ver fügbar: „People must write themselves into being“ (ebd.). Die Selbst darstel lung erfolgt dabei nicht völlig flexibel, der Nutzer füllt ein OnlineFormular aus, welches diverse Informa tionen abfragt: Dazu zählen typischer weise neben den Basisinforma tionen Name, Geschlecht und Geburts datum sowie Name der Schule, Hoch schule bzw. des Aus bil dungs platzes auch Kontaktinforma tionen, wie EMailAdresse und Telefon nummern. Angaben zu Interessen und Hobbys und Lieblings büchern, filmen und musik zählen eben falls bei vielen Anbietern zu den Profilinforma tionen. Zum Teil werden auch wesent lich intimere Informa tionen, wie der Beziehungs status, die politi sche Einstel lung oder die sexuelle Orientie rung ab gefragt. Außerdem hat ein User die Möglich keit, ein Profilfoto hochzuladen. Die User werden in der Regel nicht ge zwungen, alle Angaben vollständig auszu füllen, zudem wird die Korrekt heit der Angaben nicht über prüft. Dennoch ist die authenti sche Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen sinn stiftend: Es geht darum, eine mit der Selbst wahrneh mung über einstimmende Identi täts konstruk tion zu schaffen, um im sozialen Netz werk online inter agie ren zu können (vgl. Ab schnitt 2.2). Nachdem der Nutzer ein Profil an gelegt hat, wird er zumeist dazu auf gefordert, Beziehungen zu anderen Mitgliedern der Sozialen Netz werk platt form anzu geben. Die Bezeich nung dieser Beziehungen unter scheidet sich je Anbieter. 4 Beim Targeting werden die an gezeigten Werbemittel automatisiert an be stimmte, zuvor definierte Zielgruppen aus geliefert. Weil Rezipienten hinsicht lich ihrer soziodemografi schen oder nach anderen Merkmalen aus gewählt werden, können Streu verluste minimiert werden (BVDW, 2009). 26 So lautet die Bezeich nung für die FacebookKontakte „Freunde“, ebenso wie auf studiVZ, bei manchen Netz werken wird aber auch die Bezeich nung „Kon takte“ ver wendet. Die Beziehungen, die auf Sozialen Netz werk platt formen ab gebildet werden, sind in der Regel reziprok: Beim Hinzufügen des neuen Freundes muss dieser die Bekannt schaft be stäti gen. Im Anschluss ist die Ver bindung zwischen beiden Nutzern auf dem Profil in einer Freundes liste, die Fotos und Namen der Kontakte ent hält, sicht bar. Die Freundes liste bildet neben dem Profil einen weiteren zentralen Bestand teil Sozialer Netz werk platt formen. Sie ist – je nach Einstel lung der PrivatsphäreOptionen – mehr oder weniger öffent lich einseh bar und er möglicht es, durch Links zu den Profilen der Kontakte im persön lichen sozialen Netz des Nutzers zu browsen (Boyd & Heer, 2006, S. 4). Die Freundes listen helfen dabei, die Nutzer in ihrem sozialen Umfeld sicht bar zu machen. Freunde können diese Liste aus dem Kontakt netz werk des Nutzers einsehen und durch Anklicken direkt auf die Seite der auf gelis teten Person ge langen (Boyd & Ellison, 2008, S. 213). Die Kontakt liste der meisten Nutzer besteht hauptsäch lich aus Kontakten, die offline ge knüpft wurden (vgl. Livingstone, Haddon, Görzig & Ólafsson, 2010, S. 46): Freunden aus dem Alltag, Bekannt schaften, Familien angehöri gen und Kollegen. Reine Online Kontakte, die z. B. über die Social Networking Site ge knüpft wurden, kommen vor, sind aber seltener als OfflineBeziehungen (Uzler & Schenk, 2011). Der Begriff „Freund“ bzw. „Freund schaft“ als Bezeich nung für die Kontakte auf Social Networking Sites stieß in der öffent lichen Diskussion auf Kritik. Die Bezeich nung „Freund“ er schien nicht für alle Kontakte, die auf den Social Networking Sites zu den Freundes listen hinzu gefügt werden, treffend. Viele Platt formen unter scheiden ledig lich nach einem binären Code „Freund/Nicht Freund“ und dieser kann die Vielschichtig keit sozialer Beziehungen nur unzu reichend ab bilden. Im Durch schnitt haben die be fragten jugend lichen Nutzer der JIMStudie auf den Netz werken 206 Kontakte (MPFS, 2011). Einzelne Nutzer er reichen aber deut lich mehr Kontakte – es ist schlichtweg nicht möglich, dass sie zu allen eine sehr enge Beziehung unter halten, die im allgemeinen deutschen Sprach gebrauch als Freund schaft be zeichnet wird. Befürchtet wurde die Ent wertung des Begriffs, von der insbesondere Jugend liche be troffen sein könnten (vgl. WynneJones, 2009). Auf diesen Umstand machte bspw. eine Werbekampagne der Tages zeitung Welt Kompakt mit der Aussage „Wir haben so viele Freunde im Internet, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen“ (vgl. Koch, 2010) auf merksam. Ob der Begriff Freund schaft in seiner Bedeu tung jedoch durch die Ver wendung von den Platt formAnbietern tatsäch lich ent wertet wird, ist fragwürdig. Die Nutzer der Platt formen ver stehen durch aus, dass es sich bei den Kontakten auf den Platt formen nicht um Freunde im engen Sinn handelt. Sorgte die Begrifflich keit „Freund“ in der Presse und evtl. auch bei älteren Usern für Irrita tionen, differenzie ren die jungen Nutzer den Begriff. Sie unter scheiden beispiels weise zwischen „SocialNetworkFreunden“ und 27 „echten“ Freunden und ihnen ist zumeist klar, dass nicht zu allen auf den Platt formen gesammelten Kontakten enge Bindun gen be stehen (Boyd, 2006). Nur wenige Nutzer ver folgen die Strategie, sich über das Sammeln von Kon tak ten als sozial beliebt darzu stellen (Niemann, Scherer & Schlütz, 2010). Diese Strategie wird zudem schnell von anderen Nutzern durch schaut und als unangebracht be wertet (Krämer & Haferkamp, 2011). Hat ein Nutzer „zu viele“ SocialNetworkingFreunde, nimmt seine Attraktivi tät in den Augen anderer Nutzer ab (Tom Tong, Van Der Heide, Langwell & Walther, 2008). Neben den reziproken Beziehungen sind auf einigen Sozialen Netz werk platt formen, z. B. auf Facebook, auch einseitige Beziehungen möglich. Ein Nutzer, der eine solche Beziehung ein geht, wird „Fan“ oder „Follower“ ge nannt, die Seite, von der er Fan wird, ist eine Fanpage. Personen des öffent lichen Lebens, aber auch Unter nehmen und Marken und andere Körperschaften unter halten solche Fanpages. Fans bzw. Follower wurden nach dem Vorbild von MicrobloggingPlatt formen auf Facebook und anderen Platt formen ein gerichtet (Spiegel Online, 2011). Zum einen können solche Beziehungen dazu dienen, über die Neuig keiten, die auf der Fanpage ge postet werden, auf dem Laufenden zu bleiben, zum anderen kann durch das Liken der Fanpage die Identifika tion des Nutzers mit dieser Seite symbolisiert werden. Soziale Netz werk platt formen er möglichen und er leichtern die Kommunika tion zwischen ihren Nutzern. Sie kommen damit dem in der modernen Gesell schaft ge wachsenen „Bedürfnis nach individueller und aktiv be triebener Bezie hungs pflege“ (Neuberger, 2011, S. 38, im Original kursiv) nach und eignen sich auf grund ihrer Struktur in einigen Fällen vielleicht sogar besser als andere Medien dafür. Die Kommunika tion kann innerhalb der Platt formen auf ver schiedenen Kanälen er folgen, die unter schied liche Eigen schaften auf weisen. Neuberger (2011) unter scheidet zwischen Zugänglich keit und Relevanz (öffent lich, privat), Teilnehmerzahl und Rollen vertei lung (‚onetoone‘, ‚onetomany‘, ‚manytoone‘, ‚manytomany‘), zeit licher Struktur (synchron, asynchron) sowie ver schiedenen Codes (Text, Bild, Video, etc.) (S. 38). Zu den gängigsten Kommu ni ka tionsTools, die auf den meisten Sozialen Netz werk platt formen vor handen sind, ge hören private Nachrichten, Chat, Status meldun gen und Pinnwand einträge. Diese und ihre speziellen Eigen schaften sollen im Folgenden kurz be schrieben werden, da es für die Privatsphäre relevant ist, auf welchem Kanal eine Selbstoffenba rung erfolgt. Bei privaten Nachrichten werden Informa tionen zwischen zwei oder mehr Kommunikatoren aus getauscht. Die ver sendete Nachricht ist nur für die Adressa ten der Konversa tion einseh bar. Die Kommunika tion kann, ähnlich wie bei EMails, asynchron ver laufen und im Nach hinein von den Kommunika tions partnern immer wieder ab gerufen werden. Der Chat ist eine andere Möglich keit der privaten Kommunika tion, mit dem Unter schied, dass die Kommunika tion hier synchron ver läuft. D. h. alle Kommunika tions partner sind während 28 des Chattens anwesend und sie kommunizie ren wechselseitig. Ab gesehen von den be teiligten Kommunika tions partnern kann kein anderer Nutzer die Kom munika tion einsehen. Status meldun gen und Pinnwandeinträge bilden hingegen Formen der (semi)öffent lichen Kommunika tion und ver laufen in der Regel asynchron. Sie sind für alle Dritten, die Zugang zum Profil des Nutzers haben, sicht bar. Beim Pinnwandeintrag wird ein anderer Nutzer direkt adressiert, während eine Status meldung sich allgemein an das gesamte Netz werk des Nutzers richtet. Wer genau zum potenziellen Publikum gehört, kann der Kommunikator über die Wahl der PrivatsphäreEinstel lungen fest legen. Wir be zeichnen Status meldun gen und Pinnwandeinträge daher als Formen der (semi)öffent lichen Kommunika tion, weil in der Regel der Empfänger kreis nicht genau definiert ist oder exakt ab gegrenzt wird. Die Kommunika tion erfolgt gegen über einem Publikum, das in der Regel unspezifisch ist. Eine Nachricht, die ein Nutzer einem anderen an die FacebookPinnwand postet, kann in der Regel5 von allen Kontakten des Kommunikators sowie von allen Kontakten des Empfängers rezipiert werden. Möglicher weise sind unter den Kontakten des Empfängers auch Personen, die der Sender der Informa tion nicht kennt. Alle vier hier auf geführten Formen der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen sind in ihrem Ursprung textbasiert. Sie können aber durch das Anhängen von Bildern oder Videos bzw. Links auch multimedial werden. Der Upload von Fotos und Videos auf das Nutzer profil bzw. in FotoAlben gehört eben falls zum StandardRepertoire der Netz werk platt formen. Bei vielen Platt formen ist es möglich, andere User auf dem Bild zu ver linken, so dass erkenn bar ist, wer darauf ab gebildet ist. Gleiches ist auch mit Videos möglich. Der Upload von Fotos wird gerade in letzter Zeit auch auf grund der fortschrei ten den techni schen Ent wick lung, die Gesichts erken nung möglich macht, dis kutiert. Durch die Gesichts erken nung wird es möglich, Personen in den visuellen Informa tionen zu identifizie ren, obwohl sie nicht ver linkt wurden. Einen nonverbalen Aus druck von Zustim mung bietet der Gefälltmir oder LikeButton. Diesen Button betäti gen Nutzer, wenn sie aus drücken möchten, dass ihnen der Post, das Foto oder ein anderer öffent licher Beitrag eines anderen Nutzers ge fällt. Der ge likte Beitrag er scheint danach nicht nur im Profil des Urhebers, sondern auch in dem Profil der Person, die den LikeButton ge drückt hat. Somit wird der Inhalt für einen weiteren Personen kreis sicht bar und kann eine höhere Auf merksam keit in der Community er halten. Zum Schutz der sozialen Privatsphäre können auf den Sozialen Netz werk platt formen PrivatsphäreOptionen ein gestellt werden. Ein Nutzer kann damit fest legen, welche anderen Nutzer(gruppen) Zugriff auf Profildaten und andere 5 Je nach Einstel lung der PrivatsphäreOptionen. 29 Bereiche seiner Präsenz in den Platt formen haben. Mittlerweile bieten die meisten Anbieter sehr differenzierte Einstell möglich keiten, die es er lauben, die Kontakte hinsicht lich ver schiedener Aspekte in unter schied liche Gruppen zu unter teilen, z. B. in Bekannte und enge Freunde. Außerdem ist es zumindest auf Facebook möglich, für jeden kommunikativen Akt und für einzelne Bereiche des eigenen Profils das Publikum dezidiert fest zulegen. Das Publikum ist – je nach Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen – mehr oder weniger groß, es besteht aus engen Freunden oder auch einer er weiterten persön lichen Öffent lich keit. So wird es möglich, bspw. Kontaktinforma tionen nur einem kleinen Kreis zugäng lich zu machen, ein Wohnungs angebot aber innerhalb des ganzen eigenen Netz werks zu posten. Neben den hier geschilderten Funktionen und Bestand teilen gibt es viele weitere Features, die an dieser Stelle nicht im Detail be handelt werden können. So können Nutzer auf einigen Platt formen z. B. Ver anstal tungen planen, themati schen (Diskus sions)Gruppen beitreten und Spiele spielen. Insbesondere Face book zeichnet sich durch einen hohen Funk tions umfang aus und dadurch, dass es Drittanbietern erlaubt, Applika tionen in die Platt form einzu binden. 2.1.3 Nutzung Aus der ARD/ZDFOnlinestudie (2011) geht hervor, dass 42 Prozent der deutschen Onliner ab 14 Jahren mindestens ge legent lich private Netz werke und Communitys nutzen. Dieser Wert ist im Ver gleich zum Vorjahr weiter an gestiegen, wenn auch nicht mehr so stark, wie in den Jahren zuvor. Von allen weib lichen Bundes bürgern über 14 Jahren nutzen 37 Prozent der Frauen die Platt formen. Dieser Anteil ist gering fügig höher als bei den Männern (35 Pro zent). Unter gliedert nach Alter zeigen sich deut liche Unter schiede. Bei den 14 bis 29jähri gen Internetnutzern be suchen 71 Prozent mindestens einmal wöchent lich ein privates Netz werk. Ältere Personen nutzen die An gebote in geringe rem Maße, holen bei den Nutzer zahlen aber in den letzten Jahren auf. In der Gruppe der 30 bis 49Jährigen be suchen nur 28 Prozent, bei den 50 bis 69Jährigen 14 Prozent und in der Gruppe der Über70Jährigen zumindest noch 10 Prozent wöchent lich Soziale Netz werk platt formen. Die An gebote werden häufig frequentiert, von 23 Prozent der deutsch sprachigen Onlinenutzer sogar täglich. Die Nutzung be ruflicher Platt formen ist im Ver gleich zu den privaten als gering einzu stufen, nur 6 Prozent nutzen solche An gebote zumindest ge legent lich (vgl. Busemann & Gscheidle, 2011). Insbesondere für Jugend liche und junge Erwachsene sind Soziale Netz werk platt formen attraktiv. Der Prozent satz der 12 bis 24jähri gen Befragten, die angaben eine Platt form mindestens mehrmals wöchent lich zu nutzen, lag 2009 in der Studie „Heran wachsen im Social Web“ bereits bei 70 Prozent (Hase brink & Rohde, 2009). Die JIMStudie des Medien pädagogi schen Forschungs 30 verbunds Südwest aus demselben Jahr dokumentiert einen ähnlichen Wert von 72 Prozent. Die aktuelle JIMStudie 2011 zeigt, dass dieser Anteil weiter ge stiegen ist. Sie liegt in der von der JIMStudie be trach teten Alters gruppe 12 bis 19 Jahre mittlerweile bei 78 Prozent (MPFS, 2011). Nur 12 Prozent der Befragten der JIMStudie 2011 geben hingegen an, gar keinen Gebrauch von Sozialen Netz werk platt formen zu machen. Sowohl die Studie von Schmidt et al. als auch die JIMStudien zeigen, dass weib liche Jugend liche die An gebote etwas häufiger nutzen als männ liche. Die Nutzungs frequenz er reicht im Alter von etwa 16 Jahren ein Maximum (Hasebrink & Rohde, 2009). Die Jugend lichen sind bei durch schnitt lich 1,4 Platt formen an gemeldet, am häufigsten wird auch in dieser Alters gruppe der Markt führer Facebook ge nutzt (MPFS, 2011). Ledig lich bei den sehr jungen, den 12 bis 15jähri gen Nutzern er reicht auch schülerVZ eine ge wisse Relevanz. Neben der Nutzung des eigenen Profils und dem Stöbern in den Profilen anderer, sind die ver schiedenen Kommunika tions formen für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen relevant. Die privaten Kommunika tions formen Chat und das Schreiben privater Nachrichten werden dabei am häufigsten ge nutzt. Über 70 Prozent der Befragten führen diese Tätig keiten mindestens mehrmals pro Woche aus (MPFS, 2011). Öffent liche Formen der Kommunika tion, wie das Schreiben an die Pinnwände anderer (46 Prozent) und das Posten einer Status meldung (32 Prozent) sind eben falls ver breitet, kommen aber insgesamt seltener vor. 2.1.4 Nutzungs motive Wenn man ver stehen will, warum sich gerade die jungen Nutzer in diesem Maße Sozialen Netz werk platt formen zuwenden, muss man sich mit dem Nutzen be schäfti gen, den sie daraus ziehen. Eine in der Kommunika tions wissen schaft weit ver breitete Heran gehens weise an diese Fragestel lungen bietet der Uses andGratifica tionsApproach (NutzenundBeloh nungsAnsatz; Blumler & Katz, 1974; vgl. Schenk, 2007, S. 686). Der Ansatz besagt, dass Bedürf nisse, welche soziale und psychologi sche Ursprünge haben, zu Erwar tungen an die (Massen) Medien und andere Quellen führen, wie diese Bedürf nisse zu be friedi gen sind. Ein Rezipient be wertet die funktionalen Alternativen, z. B. die Nutzung eines Medien angebotes, wie einer be stimmten TVSendung, im Hinblick darauf, ob sie zur Bedürfnis befriedi gung beitragen können. Die Bedürf nisse schlagen sich dabei in den Motiven, mit denen sich der Rezipient den Massen medien zuwen det, nieder und führen ggf. zur Medien nutzung. Als Resultat der Medien nutzung kann einer seits die Bedürfnis gratifika tion ent stehen, wenn die Nutzung tatsäch lich zum vom Rezipienten antizipierten Ziel führt. Anderer seits können andere, vom Rezipient unvorher gesehene oder un beabsichtigte Konsequenzen ent stehen; bspw. können Gratifika tionen nicht eintreten oder andere als die er warteten 31 Gratifika tionen ent stehen. Die Konsequenzen führen zu einer Neubewer tung der ge nutzten Hand lungs alternative. Erhaltene Gratifika tionen schlagen sich daher auch in den Nutzungs motiven, die zur Hinwen dung zu einem be stimmten Medien angebot führen, nieder. Wie Neuberger (2011) fest stellt, weisen Soziale Netz werk platt formen im Ver gleich zu den Print und Rundfunkmedien, auf die der UsesandGratifica tionsAnsatz ursprüng lich an gewendet wurde, einige Besonder heiten auf. Zum einen konkurrie ren die Platt formen als Unter hal tungs oder Informa tions medien nicht nur mit den klassi schen Massen medien. Medien der inter personalen Kommunika tion stellen eben falls funktionale Alternativen dar. Als „Produser“ ziehen die Nutzer eventuell einen Teil ihrer Gratifika tion auch aus ihren eigenen kommunikativen Handlun gen. Gerade diese Gratifika tionen sind zudem ab hängig vom Publikum, der persön lichen Öffentlich keit, auf die sich User auf den Platt formen be ziehen. Sie ent stehen eventuell auch erst im Rahmen der Inter aktion mit anderen. Daher dürfen bei einer Betrach tung der Netz werk platt formen unter motivationalen Gesichtspunkten nicht nur klassi sche Medien nut zungs motive ge messen, sondern müssen soziale Gratifika tionen ver stärkt mit be rücksichtigt werden. Viele Studien haben sich bereits auf Basis des UsesandGratifica tions Ansatzes mit den Nutzungs motiven und den Gratifika tionen befasst, die der Hinwen dung zu Sozialen Netz werk platt formen zugrunde liegen. Dabei wurden zum einen die Motive klassi scher Massen medien auf die OnlineAngebote über tragen, zum anderen wurden spezielle Nutzungs motive für die Platt formen auf gezeigt (vgl. Weissens teiner & Leiner, 2011). Ebenso divers wie die heraus gestellten Nutzungs motive ge staltet sich auch das methodi sche Vor gehen bei ihrer Messung, die teils auf qualitativen, teils auf quantitativen Methoden oder auf Methoden kombina tionen beruht (ebd.). Bei der Messung wird zumeist auf einen Selbst bericht der Teilnehmer zurück gegriffen, indem die ver schiedenen Nutzungs motive (= ge suchte Gratifika tionen) ab gefragt werden. Allgemein lässt sich fest stellen, dass durch Soziale Netz werk platt formen eine multifunktionale Nutzen befriedi gung er reicht wird (Stern & Taylor, 2007; Sheldon, 2008). Es fällt aber auf, dass insbesondere soziale Motive oder Gratifika tionen in den meisten Studien eine heraus ragende Stellung einnehmen (Brand tzæg & Heim, 2009; Cheung, Chiu & Lee, 2011; Flöck, Schäfer & Steinkamp, 2011; Joinson, 2008; Lampe, Ellison & Steinfield, 2008; Park, Kee & Valenzuela, 2009; Prommer et al., 2009; QuanHaase & Young, 2010; Raacke & BondsRaacke, 2008; Schorb, Kießling, Würfel & Keilhauer, 2011; Stern & Taylor, 2007). Das Pflegen von be stehen den Kontakten, zu denen ent weder aktuell ein sehr enger Kontakt besteht (strong ties) oder ent fernte ren Bekannten bzw. alten Freund schaften (weak ties), steht dabei im Vordergrund, deut lich vor dem Knüpfen neuer Bekannt schaften (Schorb et al., 2011; Stern & Taylor, 2007). Für die engen Beziehungen stellen Soziale Netz werk platt formen 32 einen zusätz lichen Kommunika tions kanal dar, der er gänzend zu anderen Kanä len ge nutzt wird (Enz, 2010). Für das Wieder auffri schen bereits ab gebrochener Kontakte und das Auf rechterhalten von Beziehungen bei hoher räum licher Distanz, was z. B. beim Wechsel in eine andere Lebens phase oft vor kommt, sind Soziale Netz werk platt formen be sonders gut ge eignet (Ellison, Steinfield & Lampe, 2007). Die Pflege dieser Kontakte er fordert nur einen minimalen Aufwand. Die sozialen Motive umfassen aber nicht nur die Pflege von Kon takten, sondern auch ganz allgemein die Integra tion und Bindung an die Gruppe der Gleichaltri gen. Neben den sozialen Aspekten gibt es viele weitere Motive, die zwar eine geringere Bedeu tung haben, aber über ver schiedene Studien hinweg wieder kehren. Dazu ge hören Eskapismus und Zeit vertreib (Barker, 2009; Flöck et al., 2011; QuanHaase & Young, 2010; Schorb et al., 2011), Unter haltung (Barker, 2009; Krisanic, 2008; Park et al., 2009), Informa tion (Flöck et al., 2011; Krisanic, 2008; Raacke & BondsRaacke, 2008) und Selbst darstel lung (Joinson, 2008; Krisanic, 2008; Prommer et al., 2009; Raacke & BondsRaacke, 2008; Schorb et al., 2011; Urista, Dong & Day, 2009; Utz, 2008). 2.2 Identi täts konstruk tion auf Sozialen Netz werk platt formen Nachdem im vorigen Ab schnitt auf gezeigt wurde, dass Soziale Netz werk platt formen insbesondere von Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge nutzt werden, zeigen wir an dieser Stelle auf, weshalb sie gerade für diese Zielgruppe so attraktiv sind: Die Anwen dungen des Social Web und insbesondere Sozialer Netz werk platt formen kommen den Ent wick lungs aufgaben zwischen (Vor) Pubertät und jungem Erwachsenenalter ent gegen. In dieser Lebens phase finden psychi sche und geistigseelische Ent wick lungs aufgaben statt, die durch Soziale Netz werk platt formen be sonders gut unter stützt werden können. Der Terminus „Ent wick lungs aufgabe“ (Harvinghurst, 1984/1972) weist darauf hin, dass die Ent wick lungen nicht zwangs läufig und automatisch ab laufen, sondern von den Jugend lichen aktiv auf genommen und be wältigt wer den müssen. Im Vordergrund steht in der Adoles zenz – neben der körper lichen Ver ände rung – die Ent wick lung einer eigenen Identität (Stier & Weissen rieder, 2006). Der Begriff Identität wird in der Psychologie als die „einzigartige Persönlich keits struktur, ver bunden mit dem Bild, das andere von dieser Per sönlich keits struktur haben“, definiert (Oerter & Dreher, 2008, S. 303). Zusätz lich sind auch „das eigene Ver ständnis für die Identität, die Selbsterkenntnis und der Sinn für das, was man ist bzw. sein will“ (ebd.) Teil der Identität. Sie definiert über einen längeren Zeitraum und ver schiedene Situa tionen hinweg, wie eine Person sich selbst wahrnimmt (Wiswede, 2004). 33 Dennoch ist die Identität so variabel, dass sie sich im Ver lauf eines Lebens ver ändern kann. Der Begriff Identität ist nicht leicht von den Begriffen Selbst und Selbst konzept abzu grenzen. Mummendey (2006) stellt fest, dass die Begriffe Selbst, Selbst konzept und Identität grundsätz lich dasselbe aus drücken: „Ein Mensch besitzt ver schiedene soziale und situative Identi täten und ist doch stets mit sich selbst identisch. Er repräsentiert und präsentiert unter schied liche Arten des ‚Selbst‘ und ver fügt zugleich über ein mehr oder weniger stabiles Konzept von der eigenen Person“ (S. 86). Die heutige Jugendforschung in der Tradi tion Eriksons (1976) be greift die Identi täts bildung als lebens langen Prozess, der nach der Adoles zenz zwar nicht als final ab geschlossen gilt, dort jedoch seinen Schwerpunkt hat (Poser, 2005). Dass gerade in der Adoles zenz die Frage nach der eigenen Identität in den Vordergrund rückt, kann auf den Stand der kognitiven Ent wick lung, äußeren Druck, sich mit der eigenen Zukunft zu be schäfti gen, und auf körper liche, psy chi sche und soziale Ver ände rungen zurück geführt werden (Fuhrer & Trautner, 2005). Die Aufgabe der Identi täts entwick lung ist alles andere als einfach. Der Jugend liche steht zwischen dem gesell schaft lichen Werte system und den unter schied lichen Lebens konzepten auf der einen Seite und den Individualisie rungs prozessen unserer Gesell schaft auf der anderen Seite (Schmidt, PausHasebrink, Hasebrink & Lampert, 2009). Bei der Identi täts konstruk tion findet ein permanentes Aus handeln zwischen Innen und Außen perspektive statt (Kraus & Mitz scher lich, 1998). Eine Vielzahl möglicher Selbst entwürfe muss ge prüft und an schließend über nommen oder ver worfen werden (Fuhrer & Trautner, 2005). Der Prozess basiert auf einem Zusammen spiel zwischen Selbstanalyse und der Analyse der Reaktionen, die Bezugs personen auf das Handeln zeigen. Der Jugend liche bildet zunächst ein Selbst konzept und gleicht es damit ab, wie andere darauf reagie ren. Mit steigen dem Alter werden die Selbst beschrei bungen von Jugend lichen zunehmend differenzierter und organisierter (Oerter & Dreher, 2008). Jugend liche konstruie ren ihr Selbst – im Gegen satz zu Kindern – kontextspezifisch, geben sich bspw. in der Familie anders als in der Schule. Ihnen wird die Diskrepanz zwischen tatsäch lichem und idealisiertem Selbst bild klar, und sie unter scheiden bei sich und anderen zwischen dem authenti schen, „wahren“ Selbst und dem unauthen ti schen, „vor getäuschten“ (Pinquart & Silbereisen, 2000). Authentisch ist die „Selbst darstel lung dann, wenn sie im Kern mit dem wahrgenommenen Selbst über einstimmt“ (Scherer & Wirth, 2002, S. 342). Die Peergroup steht als Referenz gruppe für die Identi täts konstruk tion in der Adoles zenz be sonders im Vordergrund. Peers bieten während der zunehmen den Distanzie rung vom Elternhaus emotionale Geborgen heit, machen neue Identifika tions möglich keiten sicht bar und helfen bei der Auswahl persön licher Ziele (Grob, 2007). Gleichaltrige können auch deshalb be sonders zur Identi 34 täts bildung beitragen, weil sie sich in einer ähnlichen Ent wick lungs phase be finden, ver schiedene Lebens stile auf zeigen und Bestäti gung der Selbst darstel lung bieten (Oerter & Dreher, 2008). Die Ent wick lungs aufgaben der Pubertät sind heutzutage nicht nur auf die OfflineWelt be schränkt, sondern finden auch im Social Web statt. Schmidt (2011; Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009) unter scheidet in Bezug auf die Ent wick lungs aufgaben, die online statt finden, zwischen dem Informa tions, dem Identi täts und dem Beziehungs management. Er ver steht darunter folgende Hand lungs komponenten (Schmidt, 2011, S. 73): – Identi täts management: Zugäng lich machen von Aspekten der eigenen Person – Beziehungs management: Pflege be stehen der und Knüpfen neuer Relationen – Informa tions management: Selektie ren, Filtern, Bewerten und Ver walten von Informa tionen Diese Auf gaben, die bisher vor allem im Privaten ab liefen, ver lagern sich mit der Ent stehung des Social Web zunehmend in einen (semi)öffent lichen Bereich. Insbesondere Identi täts und Beziehungs management, also die Selbst und die Sozial auseinander setzung, er scheinen im Kontext der Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen bei jungen Nutzern relevant, da es sich hierbei um Auf gaben handelt, bei denen etwas über das Selbst preis gegeben werden muss. Wir werden kurz darauf ein gehen. Beide Aspekte sind stark miteinander ver knüpft: Die Identität bekommt erst mit Bezug auf das Gegen über eine Bedeu tung und das Beziehungs management ent hält immer die Relation zwischen den Repräsenta tionen der be teiligten Individuen. Es ist daher ohne Aus druck des Selbst nicht möglich. In der frühen Internet forschung und bisweilen auch heute noch wurde zwischen der Offline und der OnlineIdentität oder auch der „virtuellen Identität“ unter schieden (z. B. Opaschowski, 1999; Rötzer, 1996; Schelske, 2007). Zwischen den persön lichen Informa tionen, die digital und somit öffent lich ver fügbar sind, und denen aus dem OfflineLeben zu trennen, ist praktisch nicht immer sinn voll, denn beide Bereiche existie ren simultan, sind unter Umständen eng miteinander ver knüpft und wirken aufeinander. Gerade auf Sozialen Netz werk platt formen inter agie ren die Nutzer ver stärkt mit den Perso nen, die auch offline ihr soziales Umfeld bilden (vgl. Ab schnitt 2.1.2). Daher sind sie in der Regel daran interessiert, dort zu ihrer OfflineDarstel lung kongruente Selbst bilder zu ver mitteln (McKenna, Buffardi & Seidman, 2005) und streben eine im Sinne ihres Selbst konzepts authenti sche Darstel lung an (Schmidt et al., 2009). Dennoch sind die Bedin gungen, unter denen die Online Selbst darstel lung statt findet, speziell. Das Nutzer profil und die private und (semi)öffent liche Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen er möglichen neue Formen des Experi men tierens mit der Identität, die aus ver schiedenen Gründen attraktiv sind. Technisch 35 ist es sehr einfach, sich dort zu präsentie ren und die Hemmschwelle ist gering. Trotz möglicher Risiken für die Privatsphäre (vgl. Kap. 2.3) ist es relativ sicher, sich dort auszu probie ren und die sozialpsychologi schen Auf gaben der Adoles zenz zu be wälti gen (Livingstone, 2008). Online besteht zunächst eine erhöhte Kontrolle darüber, wie sich eine Person präsentie ren möchte (McKenna et al., 2005; AmichaiHamburger, 2007). Die Inszenie rung des Selbst kann genau ge plant und jederzeit aktualisiert werden. Spontanes, flexibles Handeln wie in FacetoFaceInterak tions situa tionen ist nicht er forder lich. Dadurch eignen sich OnlineUmgebun gen be sonders zur er weiterten Selbstreflek tion und Selbsterfah rung, zum Einholen von Feedback und zur sozialen und kulturellen Ver ortung (Stern, 2008). Insbesondere für schüchterne Personen könnte daher die Online Selbstoffenba rung im Ver gleich zur OfflineSelbstoffenba rung Potenzial bieten, da die Inszenie rung der eigenen Person plan barer ist (Orr et al., 2009; Sheeks & Birchmeier, 2007). Angleichungen der OnlineSelbst darstel lungen an das idealisierte Selbst sind durch ge zielte Manipula tion und Beschöni gungen theoretisch sehr einfach möglich. Persönlich keits aspekte können durch Texteingaben oder den Upload von Fotos und anderen Dateien heraus gestellt und jederzeit variabel an gepasst werden. Die Frage, inwiefern das online präsentierte Selbst mit dem tatsäch lichen Selbst oder einer idealisierten Ver sion davon über einstimmt, wurde bereits mehrfach unter sucht. Die Ergeb nisse zeigen, dass junge Erwachsene strategisch vor gehen, wenn es darum geht, sich selbst online darzu stellen (Krämer & Winter, 2008). Von den Nutzern selbst werden die Identi täten, die sie durch ihre Profile kreieren, als ver besserte, aber dennoch authenti sche Ver sion ihres Selbst gesehen (Stern, 2008). Die eigene Selbst wahrneh mung von Profil besitzern stimmt dabei tatsäch lich mit der Fremdeinschät zung ihrer Profile überein (Back et al., 2010). Die OnlineSelbst darstel lungen sind also mit der Identität, die auch außerhalb des Internet präsentiert wird, ver knüpft. Interessanter weise unter stellten die Interviewten in einer Studie von Hafer kamp (2011) bei fremden Profilen die ge zielte Manipula tion und nehmen, insbesondere bei der Präsenta tion heraus ragen der Vorzüge, eine nicht wahr heits gemäße Darstel lung an. Für sich selbst weisen sie ein solches Ver halten von sich. Der Ver such, das eigene Image in den Augen von anderen zu be einflussen, ist kein Aspekt, der erst mit Sozialen Netz werk platt formen auf gekommen ist. Diese zielorientierte Kontrollaktivi tät, bei der ver sucht wird, das eigene Bild in den Augen anderer zu be einflussen, wird als Impression Management be zeichnet. Der strategi sche Einsatz der Selbst präsenta tion einer Person gegen über ihrer sozialen Umgebung steht dabei im Mittelpunkt, und die Kommunika tion über die eigene Person wird an den sozialen Umständen aus gerichtet. Prinzipiell kann jede Form der Kommunika tion zum Impression Management benutzt werden (Mummendey, 2006). Die medial ver mittelten sozialen Räume, die auf Netz werk platt formen ent stehen, eignen sich dafür 36 natür lich auch, sie bilden aber eine be sondere Heraus forde rung. Paradoxer weise wird die Selbst darstel lung in Sozialen Netz werk platt formen durch die Eigen schaften von OnlineUmgebun gen auf der einen Seite kontrollier barer, auf der anderen Seite birgt sie große Unsicher heiten, wie wir im nächsten Ab schnitt auf zeigen. In FacetoFaceSitua tionen nehmen die Akteure – wie Schauspieler – be stimmte Rollen an, die die Situa tion definie ren (Goffman, 1959). In Inter aktionen richtet eine agierende Person normaler weise das Ver ständnis der Rolle, die sie über nimmt, am Gegen über aus. So wird sie anders auf treten, je nachdem, ob sie mit Freunden ver abredet ist oder ein Vor stel lungs gespräch hat. Auf Sozialen Netz werk platt formen ist dies jedoch nicht so einfach, da die OnlineSelbst darstel lung nicht so ge zielt an das jeweilige Gegen über an gepasst werden kann. Erstens ist das Publikum der Inter aktion häufig un bekannt oder zumindest nicht klar abzu grenzen. Zweitens ist unter Umständen kein unmittel bares Feedback vor handen, so dass die Selbst darstel lung nicht (umgehend) nach korrigiert werden kann. Drittens können online unter schied liche Selbst darstel lungen parallel existie ren, bspw. ein be rufliches Profil bei XING und ein freizeitorientiertes auf Facebook. Die Identi täts informa tionen aus ver schiedenen Kontexten liegen zeit gleich und parallel vor. Ein Betrachter kann sie theoretisch neben einanderlegen, ver gleichen und Unstimmig keiten auf decken. Das Heraus lösen der Selbst darstel lung, die mit einer be stimmten Inten tion an ein definiertes Publikum gerichtet war, aus ihrem Kontext wird möglicher weise vom sich selbst darstellen den Individuum als unangenehm und unangemessen empfunden. Durch die Eigen schaften des Web (vgl. Kap. 2.3.2) ist die Gefahr der Rekontex tua lisie rung von Selbst darstel lungen erhöht. Deshalb er weitert die Ver netzung auf Sozialen Netz werk platt formen die Möglich keit, die Wahrneh mung der OnlineIdentität durch andere zu be einflussen nicht nur, sondern sie ver ringert sie auf der anderen Seite auch. Obwohl das Experimentie ren mit der Identität im Social Web sehr einfach ge worden ist, ist ein User des Social Web daher stärker an seine Einzelidenti täten ge bunden, als dies offline der Fall ist (Palfrey & Gasser, 2008). In der OnlineSelbst darstel lung ist es, wie oben be schrieben, möglich, die Wirkung, die bei anderen erzielt werden soll, zu manipulie ren. Gerade Nutzer profile, die über einen längeren Zeitraum hinweg be stehen, werden intentional an gelegt (Haferkamp & Krämer, 2010). Ver mutlich werden jedoch nicht alle Eindrücke, die bei anderen erzeugt werden, bewusst ge steuert, so dass Inkonsis tenzen ent stehen können. Z. B. können hoch geladene Bilder der text lichen Selbst darstel lung wider sprechen (Boyle & Johnson, 2010). Eine ständige Kon trolle und Ab gleichung jeglicher Kommunika tion mit einem fiktiven Image, das ver mittelt werden soll, ist praktisch kaum zu leisten, und schon um kognitive Dissonanzen zu ver meiden, ist es aus Sicht der Nutzer zielführend, sich auf Sozialen Netz werk platt formen ent sprechend ihres Selbst bildes zu präsentie ren. 37 Außerdem wird die OnlineIdentität nicht nur vom Nutzer alleine be stimmt. Über die (semi)öffent liche Kommunika tion der Nutzer unter einander, bspw. den Upload von persön lichen Fotos und Videos sowie das Ver linken von Beiträgen, tragen zu einem großen Teil auch andere User persön liche Informa tionen zusammen. Diese Beiträge können zum Problem werden, wenn sie nicht mit der Selbst wahrneh mung des Nutzers über einstimmen. Die OnlineSelbst darstel lung kann auch auf die Wahrneh mung des Selbst und die Identität zurück wirken: Bei positivem Feedback auf eine möglicher weise optimierte Ver sion des Selbst, ist die Chance groß, dass sich die Online Darstel lung auf die OfflineDarstel lung über trägt (Stern, 2008). Dies führt dann zu einem ge steigerten Selbst wert gefühl (Gonzales & Hancock, 2011). Damit so eine Rück wirkung möglich ist, ist eine Selbst darstel lung, die kongruent zur Selbst wahrneh mung ist, wichtig: Würden sich die Jugend liche auf den Sozialen Netz werk platt formen nicht glaubwürdig darstellen, wäre die Reaktion, die sie von ihrer Umwelt und ihrer Peergroup er halten, bedeu tungs los. In ihrer Suche nach Bestäti gung und Kontakt wird schließ lich auf schluss reiches Feed back be nötigt. Tatsäch lich nehmen Profil besitzer und Rezipienten die Persönlich keit der Profil besitzer sehr ähnlich wahr. Auf den Profilen findet keine unrealisti sche Selbsterhöhung, sondern authenti sche SelbstPräsenta tion statt (Gosling, Gaddis & Vazire, 2007). In den OnlineSelbst darstel lungen stellen die Nutzer zwar ihre positiven Seiten be sonders heraus und idealisie ren sie bis zu einem ge wissen Grad, dennoch be findet sich die präsentierte Identität im Einklang mit dem Selbst. Aus unseren Aus führungen zum Identi täts management wird schnell klar, dass es nur schwer vom Beziehungs management zu trennen ist. Die Beziehung zum Gegen über und sein Feedback spielen stets eine Rolle. Durch Ver ände rungen der Selbst präsenta tion sind die Relationen zum Gegen über potenziell be troffen. Bspw. fördert das Kommunizie ren einer optimierten Ver sion des Selbst online das Knüpfen von Freund schaften (Bargh, McKenna & Fitz simons, 2002). Daran kann man ablesen, dass das Aus handeln der eigenen Identität in der Adoles zenz kein Selbst zweck ist. Es dient dazu, eine soziale Rolle zu finden – ohne den sozialen Kontext ist die Selbst darstel lung kaum denk bar. Auf Sozialen Netz werk platt formen handelt es sich dabei vor rangig um Beziehungen zu den Peers (Boyd, 2007; Boyd, 2010). Ähnlich wie das Identi täts management er reicht die Bedeu tung der Peergroup im Jugendalter einen Höhepunkt. Einer seits können Peers wie geschildert bei der Ent wick lung der Identität helfen, anderer seits wird durch Inter aktions prozesse unter Gleichaltri gen auch die gegen seitige Sozialisa tion ge fördert (Oswald & Uhlendorff, 2008). Peers liefern wichtige Regeln für den Aufbau und die Auf rechterhal tung von sozialen Beziehungen und er möglichen Freiraum, neue Ver haltens weisen aus testen zu können (Grob, 2007). Außerdem er leichtert es die Peergroup, die von 38 den Jugend lichen an gestrebte Autonomie zu er reichen, ohne dass auf soziale Beziehungen ver zichtet werden muss (Oerter & Dreher, 2008). Soziale Netz werk platt formen dienen der Organisa tion des persön lichen sozialen Netz werks. Sie stellen durch die Speiche rung von Kontakt daten und durch die vielfälti gen Kommunika tions kanäle, die sie integrie ren, Werkzeuge für das Beziehungs management dar, was sich auch in der Nutzen erwar tung an diese Anwen dungen zeigt (vgl. Ab schnitt 2.1.3). Die Komplexi tät sozialer Beziehungen, man denke nur an die Unter schei dung zwischen Freunden und Bekannten, können sie durch die dichotome Struktur von Ver bindungen, die auf den Platt formen zumeist vor herrscht, nur unzu reichend ab bilden. Viele An gebote unter scheiden nur, ob ein Kontakt besteht oder nicht. Soziale Nähe, Dauer des Kennens oder Art der Beziehung können nicht differenziert werden. Dennoch scheinen Soziale Netz werk platt formen auch in Hinblick auf die Sozial auseinander setzung für die Jugend lichen be sonders attraktiv zu sein. Auch wenn Außen stehende Beziehungs art und tiefe nicht evaluie ren können, kann der Nutzer dies selbst verständ lich tun. Über die Wahl ver schiedener Kommunika tions kanäle definiert sich dabei auch die Beziehung zum Gegen über und zum Umfeld. So kann eine Nachricht, die auf der Pinnwand eines anderen Nutzers hinter lassen wird, einer seits dem Empfänger eine Botschaft signalisie ren, anderer seits wird die Bedeu tung der Beziehung auch Dritten gegen über demonstriert. Zudem er möglichen Soziale Netz werk platt formen es, soziale und persön liche Anerken nung zu er halten, z. B. durch einen Klick auf den LikeButton oder wenn ein Kommentar unter ein ge poste tes Foto geschrie ben wird. Solche Gesten der Anerken nung durch die Peergroup sind wichtig, sie geben Feedback darüber, ob die Nutzer in ihren Wünschen, Gedanken und Erfah rungen der sozialen Norm ent sprechen. Durch die Speiche rung im Internet wird das (positive) Feedback manifest. Es ist jederzeit ab rufbar und wird einem er weiterten Empfänger kreis zugäng lich ge macht. Gerade für Jugend liche können Soziale Netz werk platt formen eine be sonders heraus ragende Bedeu tung er langen, denn sie sind Rückzugs orte, die nicht so stark reglementiert sind, wie ihr rest liches Leben (z. B. in der Schule und im Elternhaus). Sie er möglichen es, sich zusammen zufinden und auszu tauschen, insbesondere auch in Situa tionen, in denen Erwachsene nicht in die Inter aktion einbezogen sind und bieten so Räume, in denen sich Kinder und Jugend liche ver gleichs weise „unkontrollierter“ bewegen können (Boyd, 2007, S. 21). Zudem sind die Peers, die in diesem Alter so wichtig sind, dort rund um die Uhr er reich bar. Es nimmt daher nicht wunder, dass Jugend liche „ihre persön lichen Öffentlich keiten auf Netz werk platt formen als eigenen und selbst bestimmt ange eigneten Raum wahr[nehmen]“ (Schmidt et al., 2009, S. 11). Über wachungs versuche oder gar Kontakt aufnahmen von Eltern, Lehrern oder Fremden werden dementsprechend als störend empfunden (Boyd & Marwick, 2011; Stutzman, 2006). Soziale Netz werk platt formen sind Orte der PeerKommunika tion, in 39 denen die Jugend lichen unter sich bleiben wollen. Sie geben den Jugend lichen und jungen Erwachsenen das Gefühl, zu einer Gemein schaft zu ge hören und gleichzeitig bieten sie eine Platt form, um Grenzen auszu testen und die Rolle in der Peergroup zu finden (Stern, 2008). Deshalb nehmen sie eine be sondere Rolle in der Adoles zenz ein. 2.3 Privatsphäre im Social Web Die Partizipa tion an Sozialen Netz werk diensten bringt es mit sich, dass an ver schiedenen Stellen Informa tionen über das Selbst preis gegeben werden müssen. Diese Preis gabe hat natür lich Aus wirkungen auf die Privatsphäre der Nutzer, was vor allem in den Medien kritisch be wertet wird. Von „Selbst ent blößung im Netz“ (Süd deutsche. de, 2009) und „SeelenStriptease bei schülerVZ“ (Müller, 2009) ist die Rede. Die Daten, die auf den Platt formen preis gegeben werden, seien „wesent lich dichter und detaillierter, als die StandardErfassungs bögen der Staats sicher heit“ bemerkt Hendrik Speck, Professor für Informatik an der Fach hoch schule Kaisers lautern auf Süd deutsche. de (2009). Fälle, bei denen ein unvorsichti ger Umgang mit den eigenen Daten zu negativen Kon sequen zen auch außerhalb des Internet ge führt hat, ergeben immer wieder auf sehen erregende Schlagzeilen in den Medien. Bekannt ge worden ist im Sommer 2011 beispiels weise der Fall einer Schülerin, die ver sehent lich öffent lich zu ihrem 16. Geburts tag einlud. Mehrere Tausend Gäste meldeten sich zu der Party an, und obwohl diese ab gesagt wurde, folgten trotzdem 1.600 Per sonen der Einla dung, ver ursachten Ruhestö rungen und Sach beschädi gungen (Süddeutsche. de, 2011). Warum genau gerade Soziale Netz werk platt formen als be sonders invasiv für die Privatsphäre an gesehen werden können, be sprechen wir am Ende dieses Ab schnitts. Zunächst möchten wir den Begriff der Privatsphäre aus psychologi scher Perspektive be leuchten und greifen dabei auf die wissen schaft lich etablier ten Kon zepte von Westin (1967), Altman (1975; 1977) und Petronio (2002; vgl. Margulis, 2011) sowie die philosophi schen Über legungen von Rössler (2001) zurück. 2.3.1 Privatsphäre als psychologi sches Konstrukt Westin definiert Privatsphäre als „the claim of an individual to determine what information about himself or herself should be known to others“ (Westin, 2003, S. 431; 1967, S. 7). Diese Defini tion ent hält zwei Aspekte, die wir hervor heben möchten: Erstens geht es bei der Privatsphäre darum, eine Unter schei dung zwischen privaten und nichtprivaten Informa tionen zu treffen. Zweitens kann diese Grenze zwischen Privatem und NichtPrivatem nicht normativ ge zogen werden, sondern muss vom be troffenen Individuum persön lich definiert werden. 40 Wie Rössler (2001) fest stellt, „ist die Trenn linie zwischen dem, was als öffent lich, und dem was als privat zu gelten hat […] konstruiert und liegt nicht fest; die Grenzen selbst stehen in liberalen Gesell schaften zur Debatte“ (S. 25). Der Wert der Privatsphäre liegt nicht alleine darin, sich um jeden Preis gegen andere abzu schotten. Es geht darum, die Kontrolle zu be halten, also selbst be stimmen zu können, wer wann welche Informa tionen über die eigene Person be sitzen und ver wenden darf. Aus dieser Ver teilung von Informa tionen ent stehen Hand lungs spiel räume. Aus Privat heit resultiert folg lich persön liche Autonomie (Rössler, 2001). Burgoon et al (1989) stellt vier Teil bereiche der Privatsphäre heraus: (1) Unter physischer Privatsphäre ver stehen sie den Wunsch danach allein zu sein und nicht heim lich be obachtet zu werden. Ein wichti ger Aspekt ist hier der persön liche Raum. (2) Die psychologi sche Privatsphäre beinhaltet den Wunsch nach Kontrolle darüber, welche persön lichen Daten ver öffent licht werden und welche nicht. Dabei kommt es sowohl auf die Art der preis gegebenen Informa tionen, als auch auf die Detailtiefe an. Ziel ist es, die eigenen Gedanken und Gefühle vor äußerer Einfluss nahme zu schützen. Die psychologi sche Privatsphäre ist im Kontext des Social Web be sonders relevant und ge fährdet. (3) Die inter aktionale Privatsphäre be trifft den Schutz sozialer Aus tausch prozesse. Sie ist der Wunsch nach Kontrolle darüber, wo und mit wem soziale Beziehungen statt finden. (4) Die informatio nelle Privatsphäre ist der Wunsch nach Kontrolle darüber, wer Informa tionen über das Selbst sammelt, ver wendet und ver breitet. Das Moment der Kontrolle ist auch bei Rössler zentral: „als privat gilt etwas dann, wenn man selbst den Zugang zu diesem ‚etwas‘ kontrollie ren kann“ (2001, S. 23), wobei sie „kann“ auch im Sinne von „sollte“ und „darf“ ver standen wissen will. Für Westin wirkt Privatsphäre sowohl auf individuellem Level als auch auf der Gruppen und Organisa tions ebene. Eingriffe in die ver schiedenen Bereiche der Privatsphäre von Einzelnen werden wahrgenommen, be sonders kritisch sind Eingriffe in die informatio nelle und psychologi sche Privatsphäre (Burgoon et al., 1989; Cho & LaRose, 1999). Ein empfundener Mangel an Privatsphäre kann zu psychi schen Problemen führen, denn Menschen brauchen Privatsphäre, um sich emotional an inter perso nelle Alltags situa tionen anzu passen und sich selbst ver wirk lichen zu können. Ebenso kann ein Über fluss an Privatsphäre als be lastend empfunden werden, nämlich dann, wenn eine Person keine Möglich keit hat, sich in privatem Rahmen über persön liche Gedanken und Sorgen auszu tauschen und Feedback einzu holen. Die Privatsphäre erfüllt als psychologi sche Ressource vier zentrale Funktionen (Westin, 1967): Erstens er möglicht sie persön liche Autonomie, d. h. sie erfüllt den Wunsch danach, nicht von anderen manipuliert, dominiert oder bloß gestellt zu werden. Zweitens bietet sie emotionale Erleichte rung, denn durch sie ist es möglich, den (Rollen)Zwängen des sozialen Lebens eine Zeit lang zu ent gehen. Darüber hinaus besteht drittens durch Privatsphäre die Möglich 41 keit der Selbstevalua tion. Ver gangene Erfah rungen und auf genommene Informa tionen können ver arbeitet und be wertet werden, zukünftige Schritte und Ver haltens weisen können ge plant werden. Außerdem ist viertens in einem privaten Rahmen geschützte Kommunika tion möglich, die das Teilen persön licher (intimer) Informa tionen mit anderen ge stattet. Privatsphäre dient auch dazu, den Intimi täts gehalt von sozialen Kontakten zu regulie ren und eine Preis gabe privater Informa tionen auf ver traute Personen zu be schränken. Sie ist daher ein wichti ger Faktor in Beziehungen zwischen Freunden, in der Familie und in Liebes beziehungen. Der Sozialpsychologe Altman (1975) definiert Privatsphäre als die selektive Kontrolle des Zugangs zum Selbst. Altman be schreibt in seiner Privatsphäre theorie Privat heit als einen dialekti schen und dynami schen Regula tions prozess, in dem die Grenze zwischen Privat heit und Publizi tät individuell „aus gehandelt“ und kontinuier lich den jeweili gen Umständen und Situa tionen an gepasst wird. Er be handelt Privatsphäre eben falls auf individuellem Level wie auch auf Gruppen level und ver steht Privatsphäre als Optimie rungs prozess, bei dem es neben dem als optimal empfundenen Level an Privatsphäre auch zu viel oder zu wenig Privatsphäre geben kann. Ein Mensch, der sozial isoliert ist und keine Möglich keit hat, seine Emotionen oder Meinun gen mit anderen zu teilen, empfindet in diesem Sinne zu viel Privatsphäre. Ein anderer, der keinen Rückzugs ort hat, oder dessen Sorgen und Probleme öffent lich diskutiert werden, hat auf der anderen Seite zu wenig Privatsphäre. Die Regulie rung der Privat heit ist weder statisch noch regelgeleitet, sondern erfolgt in Ab hängig keit vom jeweili gen sozialen Kontext: Personen optimie ren ihre „Zugänglich keit“ ent lang eines Spektrums, von „Offen heit“ bis „Geschlossen heit“ (Altman, 1977). An gestrebt wird eine intrapsychi sche Balance von Privat heit und Selbstoffenba rung, die individuell ver schieden ist: Die Privatsphäre wird dann als optimal empfunden, wenn an gestrebtes und tatsäch lich er reichtes Niveau über einstimmen (Altman, 1975) und wenn Kontrolle über die Weiter verbrei tung von Informa tionen besteht (Boyd, 2010, Abs. 2). Öffentlich keit und Privat heit sind daher keine Gegen sätze (ebd.: Abs. 3). Es geht vielmehr darum, eine Balance zwischen Öffnung und Ver schließung des Selbst gegen über anderen zu finden. Altman geht von einem System ver schiedener Hand lungs mechanismen, mit denen die Privatsphäre reguliert werden kann, aus. Zentral ist dabei das Maß, in dem Personen sich gegen über anderen öffnen. In der Sozialpsychologie wird dies als Selbstoffenba rung be zeichnet. Die Selbstoffenba rung umfasst dabei „jede Informa tion über das Selbst, die eine Person einer anderen mitteilt“ (Wheeless & Grotz, 1976, S. 338, Über setzung vgl. Tad dicken & Schenk, 2011, S. 320). Mit Selbstoffenba rung ist sowohl die ge wollte, mehr oder weniger be wusste Selbst darstel lung im Rahmen des ImpressionManagement ge meint, als auch die un gewollte Selbstenthül lung (Schulz von Thun, 1981/2011). Sie findet in jedem Kommunika tions prozess statt und erfolgt immer kontextspezifisch 42 und ab gestimmt auf die jeweili gen Kommunika tions partner (Cozby, 1973; Wheeless, 1976). Selbstoffenba rung ist dabei kein Selbst zweck. Dadurch, dass anderen Personen Informa tionen über das Selbst, z. B. Meinun gen oder Gefühle, mitgeteilt werden, wird der Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen über haupt erst möglich (Altman & Taylor, 1973; Lauren ceau, Feldman Barret & Pietromaco, 1998). Inwiefern Personen sich selbst anderen offen baren (möchten), ist von ihren individuellen Voraus setzungen ab hängig. Frauen geben generell mehr von sich preis als Männer (Archer, 1979). Persönlich keits eigen schaften (Traits), wie beispiels weise die Extra version, be einflussen die Selbstoffenba rung ebenso wie aktuelle Zustände (States). Gerade der Wunsch, emotional eng mit anderen Menschen ver bunden zu sein („emotional closeness“), führt zu einer Öffnung und zu mehr Selbstenthül lung, Über legungen zur Privatsphäre ver lieren dann an Gewicht. Hinzu kommt, dass – ab gesehen von Freunden – die Personen, mit denen signifikante Beziehungen be stehen, es er warten, dass sich der Einzelne öffnet, sich also durch die Selbstenthül lung ver letz lich macht (Ben Ze’ev, 2003). Es besteht ein Reziprozi täts effekt: Selbstoffenba rung von Seiten eines Teilnehmers einer Konversa tion erhöht die Bereit schaft der anderen Teilnehmer, intime Informa tionen mitzu teilen (Cozby, 1973). Im Prozess, sich emotional näher zu kommen, wird die Bandbreite von Privatsphäre definiert. Dabei ist Privatsphäre kontextabhängig: Die Grenzen der Privatsphäre werden vom Typ der Beziehung und der Art der ent hüllten Informa tionen be stimmt (BenZe’ev, 2003; Nissen baum, 2004). In Petronios (2002) „Privacy Management Theorie“ werden in Fortfüh rung der Arbeiten von Altman die Grenzen der Privatsphäre eben falls als dynami scher und dialekti scher Prozess charakterisiert. Privatsphäre reicht von völli ger Offen heit bis zu kompletter Geschlossen heit. Wir passen unseren Level von Privatsphäre und Selbstoffenba rung ständig an interne und externe Zustände an. Um unsere Autonomie zu er halten, müssen wir gleichzeitig offen und sozial sein wie privat und reserviert. Den Aus gangs punkt bildet ein regel basiertes PrivatsphäreManagementSystem, mit dem der Grad der Durch lässig keit von Grenzen (wie viel Informa tion wird preis gegeben) reguliert wird und die Ver bindungen (wer soll etwas er fahren, wissen) ge managt werden. Die individuellen Privatsphäreregeln basieren auf kulturellen Werten und Orientie rungen, Motiven und KostenNutzenAbwägun gen, die in Ab hängig keit vom jeweili gen Kontext ge troffen werden. Wird private Informa tion ge teilt, werden andere MitBesitzer der Informa tion, unter liegen jedoch aus Sicht des Besitzers be stimmten Ver pflich tungen und sollen den Regeln des Original besitzers nach kommen. Diese Regeln werden zwischen Besitzer und CoBesitzer aus gehandelt. Es gibt etwa Ver bin dungs regeln (wer darf davon wissen), Regeln zum Umfang an Informa tionen (wie viel dürfen andere wissen) und Regeln zum Besitz (wie viel Kontrolle haben die CoBesitzer über die Informa tionen). 43 Gerade bei den in dieser Arbeit im Vordergrund stehen den Netz werk platt formen sind diese Regeln von Belang, werden doch auf den Platt formen viele Informa tionen preis gegeben und mit anderen ge teilt, in der Erwar tung, dass solche Regeln von anderen ein gehalten werden. So ist das Weiter leiten von Informa tionen seitens der CoBesitzer nicht unproblematisch und es kann Turbulenzen geben, wenn Regeln nicht ein gehalten werden oder die Koor di nation fehlschlägt (Petronio, 2002). Die Grenzen der Privatsphäre müssen daher nicht nur auf individuellem Level, sondern auch auf kollektiver Ebene ge managt werden. Kollektives Grenzmanagement er fordert die Inter aktion mit anderen. Privat heit hat – wie ge zeigt – zahl reiche Funktionen. Der Nutzen der Privat heit ist als weitreichend anzu sehen; in psychologi scher Hinsicht ist vor allem auf die Ent wick lung des Selbst, den Schutz der persön lichen Autonomie, Ent lastung usw. zu ver weisen. Die Kosten, keine Privat heit zu er langen, liegen in vielerlei Hinsicht im Bereich der psychologi schen und sozialen Kontrolle (Margulis, 2003). Die vor gestellten Privatsphärekontexte sind empirisch schwer zu er fassen, weil sie elastisch sind und philosophi sche, recht liche und ver haltens wissen schaft liche Aspekte einschließen. Über die Ansätze hinweg wird eine Perspek tive er sicht lich, die auf eine „Limitie rung des Zugangs zum Selbst“ hinaus läuft (Allen, 1988; Margulis, 1977). Allerdings dürften die individuellen Ver haltens weisen im Hinblick auf die Wahrung der Privatsphäre recht unter schied lich sein, da ver schiedene weitere Einflüsse, wie z. B. Kontext, persön liche Werte und Orientie rungen, Kosten und Nutzen überle gungen zu be rücksichti gen sind. 2.3.2 Besondere Bedin gungen der Privatsphäre im Social Web Das Social Web ist in ver schiedener Hinsicht ein spezieller Privatsphärekontext, dessen Konsequenzen mittlerweile ein viel diskutiertes Thema sind, das deut lich in den Fokus der Öffentlich keit gerückt ist. Es stellt sich uns nun die Frage, welche Eigen schaften die OnlineUmgebun gen auf weisen, die sie mit Blick auf die Privatsphäre zu be sonde ren Räumen machen. Warum wird gerade im Internet so viel offenbart, und warum sind gerade dort die Konsequenzen be sonders weitreichend? Diese Fragen sollen in den ver bleiben den Ab sätzen dieses Kapitels ge klärt werden. Zunächst wurde für die computer vermittelte Kommunika tion ein im Ver gleich zu FacetoFaceSitua tionen ent hemmen der Effekt in Bezug auf die Preis gabe persön licher Informa tionen nach gewiesen: Es zeigt sich eine gene rell erhöhte Aus kunfts bereit schaft und eine größere Offen heit (Joinson, 2001; Tad dicken, 2008). Über die Anonymi tät und das Fehlen von Gestik, Mimik und Stimme in der vornehm lich textbasierten OnlineKommunika tion kann erklärt werden, dass die Nutzer die informa tions arme Umgebung durch eine 44 erhöhte Preis gabe aus gleichen. Es wäre aber zu kurz ge griffen, die erhöhte Selbstoffenba rung der jungen Nutzer ledig lich auf die Gegeben heiten des Mediums Internet zurück zuführen. Kinder und Jugend lichen wollen eigene Öffentlich keiten schaffen und das Social Web bietet den mediatisierten Rahmen dafür. Boyd und Marwick (2011) sprechen von Netz werkÖffentlich keiten („network publics“), die vier Eigen schaften be sitzen und die typischer weise nicht in einem durch FacetoFaceKommunika tion ge prägten öffent lichen Leben vor handen sind. Mittels dieser Eigen schaften können unmittel bare Öffentlich keiten von Netz werköffentlich keiten ab gegrenzt werden (Boyd, 2007; 2008): 1. Persistenz: Anders als bei kommunikativen Handlun gen in unmittel baren Öffentlich keiten werden in Netz werköffentlich keiten die kommunikativen Handlun gen für post kommunikative Zwecke und Situa tionen auf gezeichnet und archiviert. Die einzelnen kommunikativen Handlun gen existie ren da durch lange Zeit. 2. Durchsuch bar keit: Da die kommunikativen Handlun gen textuell auf gezeich net werden, ist es möglich, über eine Suche sehr leicht Ver knüp fungen herzu stellen und so Informa tionen zu einer Person, die an unter schied lichen Stellen im Social Web ge speichert sind, zu aggregie ren. 3. Replizier bar keit: Kommunikative Handlun gen in Netz werköffentlich keiten können von einem Platz zum anderen kopiert werden, so dass das „Original“ nicht von der „Kopie“ unter schieden werden kann. Digitale Inhalte können leicht dupliziert werden. 4. Skalier bar keit: Obwohl auch die Kommunika tion im Social Web stets in einem be stimmten Kontext und an ein intendiertes Publikum gerichtet wird, ist die potenzielle Reichweite der Inhalte gegen über der Kommunika tion in FacetoFaceSitua tionen sehr hoch. Die Inhalte können leicht an eine breite Öffentlich keit ge langen. 5. Unsicht bares Publikum: Während die meisten Personen bei kommunikativen Handlun gen in unmittel baren Räumen erkannt werden können, sind die Personen in der virtuellen Öffentlich keit, die unsere kommunikativen Hand lun gen wahrnehmen, nicht alle erkenn bar. Hinzu kommt, dass unsere kom munikativen Handlun gen an ganz anderen Plätzen und zu unter schied lichen Zeiten wahrgenommen werden können als im Original. Die potenzielle Sicht bar keit digitaler Inhalte ist sehr groß. Die vier Eigen schaften be einflussen sowohl die Größe des potenziellen Publi kums als auch den Kontext, in welchem die kommunikativen Handlun gen von anderen auf genommen werden. Durch die Beschaffen heit des Social Web ent steht die Gefahr der Rekontextualisie rung (vgl. Tad dicken, 2010). Die Selbst offenba rung, die immer vor einem kontextspezifi schen Hinter grund und in Bezug zu einem intendierten Publikum besteht, kann im Social Web aus diesem 45 Kontext heraus gelöst werden und dabei unangebracht er scheinen. Die Netz werköffentlich keiten be stehen aus diversen sozialen Beziehungen, die in der großen Gruppe der „Freunde“ zusammen gefasst sind, ver schiedene soziale Welten können dabei durch aus kollidie ren (Boyd & Marwick, 2011). Die Kommunika tion in Netz werköffentlich keiten, wie z. B. auf Facebook, bewegt sich auf einem Kontinuum, das als Publizi tät und Privat heit charakteri siert werden kann. Die Profile, die die User anlegen, sind prinzipiell öffent lich zugäng lich. Durch die von den Anbietern bereit gestellten PrivatsphäreEinstel lungen können die Teilnehmer allerdings restringie ren, wer was sehen oder lesen darf. Durch be wusste Ent schei dungen kann die Privat heit in ge wisser Weise gesichert und die Publizi tät ein geschränkt werden. Öffent liches Zurver fügungs tellen persön licher Informa tionen und restringiertes bzw. limitiertes Zugänglichmachen solcher Informa tionen stehen in einem Span nungs verhältnis, so dass die Nutzer stets ent scheiden müssen, wie viel sie von sich preis geben möchten. Es erfolgt ein kontinuier liches Management zwischen den ver schie denen Sphären des kommunikativen Handelns und dem Ausmaß der Selbst ent hül lung innerhalb dieser Sphären. Die Partizipa tion in der sozialen Welt er fordert die selektive Ent hüllung persön licher Informa tionen – insbesondere auch in der Netz werköffentlich keit. Die Auf rechterhal tung eines ge wünschten Maßes an Privat heit oder „Geschlossen heit“ er fordert häufig eine Ent hüllung persön licher Informa tionen (Palen & Dourish, 2003). Dabei können selbst persön liche Informa tionen, die nur wenigen Freunden preis gegeben werden, eine Ver letzung der Privatsphäre nach sich ziehen. Auch sind die Ver suche, die Privatsphäre zu regulie ren, nicht immer erfolg reich, können doch persön liche Informa tionen auf grund der Ignoranz von „Freunden“ unter Missach tung der Privat heit und Sicher heit an andere Personen weiter gegeben werden, für die sie nicht ge dacht waren (Xu, Parks, Chu & Zhang, 2010). Die CoBesitzer von persön lichen Informa tionen halten sich nicht an die Regeln, die Informa tionen geraten in die falschen Hände. Die „Kosten des Ver lustes“ der Privat heit können im Einzelfall be trächt lich sein (Margulis, 2003, S. 247). Solche Komplika tionen bei der Ver brei tung von Informa tionen über Dritte sind wahrschein lich, deshalb gehen die Nutzer auch durch aus unter schied lich mit der Aus hand lung von Privat heit und Öffentlich keit um. Sie ver folgen dabei unter schied liche Konzepte. Wildemuth (2006) weist in Anleh nung an Umfrage ergeb nisse aus den USA darauf hin, dass es drei Kategorien von Personen gibt, die sich im Hinblick auf die Privatsphären wahrneh mung unter scheiden: 1. Privat sphäreFundamentalisten, denen ihre Privatsphären wahrung überaus wichtig ist, 2. Gleichgültige, die sich hinsicht lich ihrer OnlinePrivatsphäre keine Sorgen machen und 3. Pragmatisten, denen die Wahrung ihrer Privatsphäre sehr wichtig ist, und die deshalb daran arbeiten, ihre OnlinePrivatsphäre zu schützen. Sie werden auch ver suchen, in der Kommunika tion und Inter aktion mit anderen die Wahrung ihrer Privatsphäre zu regeln. Die Privatsphäre einstel lungen, die 46 die Netz werk betreiber technisch er möglichen, dürften in dem Zusammen hang von großer Bedeu tung sein. Zwischen Privat heit und Publizi tät (allgemeiner Öffentlich keit) ist ein Span nungs verhältnis zu konstatie ren, das jedoch nicht nur auf inter perso neller Ebene besteht, sondern zunächst vom Nutzer individuell aus gehandelt werden muss: Um persön liche und soziale Beziehungen zu er halten, ist grundsätz lich ein Kompromiss hinsicht lich der Privat heit er forder lich. Studien, die dieses Span nungs verhältnis er forschen und den Zusammen hang zwischen den Einstel lungen von Personen zur Privatsphäre und ihrem Grad an Öffentlich keit im Internet unter suchen, kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass beides nicht im an genommenen Maße korrespondiert (Acquisti & Gross, 2006; Christofides, Muise & Desmarais, 2009; Joinson, Reips, Buchanan, Schofield & Paine, 2010; Tad dicken & Schenk, 2011). Das PrivacyParadox be schreibt, dass Onliner einer seits an geben, sich um ihre Privatsphäre zu sorgen und diese zu schützen, aber anderer seits bereit willig Informa tionen über sich preis geben. Das PrivacyParadox ist dabei unter Umständen auch darauf zurück zuführen, dass Internetnutzer unter schied liche Arten der Privatsphären differenzie ren, wenn sie von OnlinePrivatsphäre sprechen, nämlich die Privatsphäre gegen über ihrem sozialen Umfeld und gegen über einem weiteren Kreis von un bekannten Personen oder Institu tionen. Die Nutzer wollen mit ihrer Netz öffentlich keit in Kontakt treten, aber nicht, dass Unter nehmen ihre Daten aus schlachten. Bei der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen werden die Informa tionen einer seits mit anderen Nutzern ge teilt, anderer seits zwangs läufig mit dem Anbieter des An gebots. Dadurch ent stehen Risiken für die Privatsphäre an zwei Fronten. Wenn die Risiken durch andere Internetnutzer ent stehen, be treffen sie die soziale Privatsphäre; wenn die Risiken durch den Anbieter oder andere daten verarbeitende Institu tionen, wie z. B. Werbetreibende, ent stehen, be treffen sie die institutio nelle Privatsphäre (vgl. RaynesGoldie, 2010). Auf beide Aspekte werden wir im Folgenden kurz ein gehen. Die soziale Privatsphäre wird einer seits durch die Personen ge fährdet, die der Nutzer adressiert, wenn er online eine Selbstoffenba rungs hand lung durch führt. Dieses intendierte Publikum besteht auf Sozialen Netz werk platt formen vielleicht aus seinen engeren Freunden und Bekannten, ver mutlich aus Personen, die der Nutzer mehr oder weniger gut kennt. Darüber hinaus könnten aber unter Umständen auch weitere Personen, die der Nutzer nicht an sprechen wollte, auf die Inhalte zugreifen. Je nachdem, wie die Inhalte durch die Privatsphäre Optionen geschützt werden, können das potenzielle und das tatsäch liche Publi kum er heblich vom intendierten Publikum ab weichen. Unter Umständen können völlig un bekannte Personen auf die Selbstoffenba rung zugreifen. Diese Personen sind vielleicht nicht nur vom Nutzer nicht adressiert, eventuell rechnet er nicht einmal damit, dass sie auf seine Inhalte zugreifen, oder dieser Zugriff ist unter Umständen sogar unerwünscht. Wer zum tatsäch lichen Empfänger kreis der 47 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen gehört, wird er heblich davon be stimmt, welche PrivatsphäreOptionen ein Nutzer wählt. Die institutio nelle Privatsphäre ist auf Sozialen Netz werk platt formen ge fährdet, weil Informa tionen nicht nur anderen Personen mitgeteilt werden, sondern auch dem Anbieter der Platt form und über diesen eventuell auch weiteren Organisa tionen, z. B. der werbetreiben den Wirtschaft. Darüber hinaus könnten auch daten verarbeitende Unter nehmen auf die Inhalte der Nutzer zugreifen, wenn diese nicht durch PrivatsphäreOptionen geschützt werden. Die Anbieter werden in den meisten Fällen keine intendierten Adressaten der kommunikativen Äußerun gen auf den Platt formen sein. Unabhängig von den ge wählten PrivatsphäreOptionen haben sie dennoch zwangs läufig Zugriff auf die dort ver öffent lichten Informa tionen und be halten sich zumeist in ihren AGBs vor, diese Daten zu sammeln, zu speichern und für ihre Zwecke auszu werten und zu bewirt schaften. Es gibt zudem oft Unklar heiten bei den Löschrege lungen von Daten (Reiß mann, 2009). Aus Sicht der Nutzer ist die Bewirtschaf tung der von ihnen bereit gestellten persön lichen Daten möglicher weise ein (zwangs läufiges) Tausch geschäft, das sie für die kosten lose Nutzung der Platt formen mit den Betreibern ein gehen. Der Nutzen, den die Anwen dungen stiften, über trifft dabei Risiken der Offen legung von Informa tionen (Debatin, Lovejoy, Horn & Hughes, 2009). Ein zusätz lich brisanter Aspekt für die Privatsphäre ist, dass personen bezogene Informa tionen in den Daten banken der Anbieter unter Umständen nicht hinreichend gegen Data Mining6 geschützt sind (FraunhoferSIT, 2008, S. 66). Auf grund der Komplexi tät der Anwen dungen kann ein HackerAngriff nie völlig aus geschlossen werden, und solche Angriffe wurden in der Ver gan gen heit auch schon erfolg reich durch geführt (vgl. stern.de/DPA/ AP, 2009). Auch die Stiftung Warentest be tätigte sich 2010 als Hacker, um die Daten sicher heit in Onlinenetz werken zu über prüfen. Sechs Netz werk betreiber, darunter die VZNetz werke und werkenntwen, ge nehmigten den Test, bei dem Nutzer daten aus gespäht werden sollten. Dabei wurden bei allen Netz werken Sicher heits mängel auf gedeckt. Als be sonders bedenk lich stellten die Tester fest, dass der Zugang zu den Netz werken von mobilen Endgeräten wie Handys völlig un geschützt ist. Die Betreiber von XING sowie der USamerikani schen Netz werke Facebook, Myspace und LinkedIn ver weigerten hingegen die Koopera tion und wurden daher im Bereich Transparenz ab gewertet. Deutliche Mängel in den AGB und schlechte Noten für Jugendschutz, Nutzungs rechte, Umgang mit Nutzer daten und Daten sicher heit ver wiesen die USNetz werke auf die hinter sten Plätze. schülerVZ und studiVZ schnitten dagegen ver gleichs weise positiv ab, Umgang mit Nutzer daten und die Nutzungs rechte wurden mit gut 6 Data Mining be zeichnet Algorithmen zum Auf spüren von Zusammen hängen in großen Daten beständen. 48 bis sehr gut be wertet. Aber auch hier wurden Mängel bei der Daten sicher heit und beim Jugendschutz fest gestellt (Stiftung Warentest, 2010). Gerade, weil die Aus gestal tung der PrivatsphäreOptionen insbesondere bei den USamerikani schen Netz werken als komplex und ver wirrend be wertet wird, werden relativ lockere Vor einstel lungen, die einen hohen Einblick in die ver öffent lichten Daten geben, als un genügend kritisiert (vgl. Butler, McCann & Thomas, 2011, S. 41; IWGDPT, 2008). Es liegt natür lich im ökonomi schen Interesse der Anbieter, dass die ge teilten Informa tionen möglichst öffent lich sind: Zum einen ver bessert sich durch eine hohe Menge persön licher Daten für die Anbieter und ihre Werbekunden die Möglich keit, personalisierte Wer bung zu schalten. Applika tionen und Fanpages können automatisiert auf die Daten zugreifen und diese aus werten. Zum anderen sind öffent liche Daten auch von externen Suchmaschinen durch such bar, was den Traffic auf der Seite steigert. Auch der potenzielle Nutzen aus Sicht der User könnte sich dadurch steigern, wenn möglichst viele Daten öffent lich zugäng lich sind. Die Suche nach sozialen Informa tionen über ent ferntere Kontakte wird dadurch er leichtert (Westerman, Van Der Heide, Klein & Walther, 2008). Durch die Ver öffent lichung des vollen Namens, eines aktuellen Fotos und von Kontaktinforma tio nen, steigt die Wahrscheinlich keit, von anderen ge funden zu werden und somit er reich bar zu sein und das eigene Netz werk weiter aus bauen zu können. 2.3.3 Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen Im vorigen Ab schnitt wurden die Besonder heiten von OnlineUmgebun gen mit Bezug auf die Privatsphäre auf gezeigt. Für die Teilnahme am Social Web ist die Selbstoffenba rung eine notwendige Voraus setzung, gerade, wenn neben rezeptiven Gratifika tionen auch kommunikative erfüllt werden sollen (Taddicken & Jers, 2011; Trepte & Reinecke, 2009). Die Nutzer schaffen durch die Ver öffent lichung und das Feedback bei den anderen Nutzern Ver trauen, um sich im Gegen zug in ein soziales Netz integrie ren zu können und Informa tionen aus dem Netz werk zu er halten (Ellison, Steinfield & Lampe, 2006; Burke, Marlow & Lento, 2009). Besonders diejenigen, die einen starken sozialen Druck zum Erwidern von Informa tionen spüren, geben viele Informa tionen über sich preis (Blumberg, Möhring & Schneider, 2010). In diesem Ab schnitt schildern wir die Ergeb nisse, die die bisherige empiri sche Forschung zur Selbstoffenba rung bereits er bracht hat. Wir gehen dabei auf vier Aspekte ein, die die Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen kennzeichnen: (1) Die Informa tionen, die die Nutzer in ihrem Nutzer profil ver öffent lichen, (2) die dynami schen Inhalte, die sie z. B. durch (semi)öffent liche Kommunika tion ge nerie ren, (3) die Einstel lungen, die sie in den PrivatsphäreOptionen wählen und (4) die Kontakte, mit denen sie sich in den Anwen dungen ver knüpfen. 49 Die kommunika tions wissen schaft liche Forschung hat sich bei der Frage nach der Selbstoffenba rung im Social Web und auf Sozialen Netz werk platt formen bisher stark auf die Informa tionen konzentriert, welche die User in den Profilen bereit stellen (z. B. Boyle & Johnson, 2010; Christofides, Muise & Desmarais, 2009). Das ist sehr naheliegend, denn die Selbstoffenba rung ist dort ver gleichs weise umfassend und wird zudem an einer zentralen Stelle aggregiert. Meist ent halten die Profile recht detaillierte Selbst beschrei bungen, in denen bisweilen mehr preis gegeben wird als in der FacetoFaceKommunika tion (Christofides et al., 2009; Haferkamp, 2010). Die Informa tionen können dabei nach ihrem Intimi täts grad geordnet werden. So er scheint die Angabe des Vornamens oder des Geschlechts weniger intim zu sein als die Angabe von Telefon nummer oder politi scher Orientie rung. Allgemeine Informa tionen wie Geschlecht, Sternzeichen, ethnische Zu gehörig keit und Heimatort werden von mehr Personen preis gegeben als intime (Boyle & Johnson, 2010; Stutzman, 2006). Dementsprechend werden die Kontaktinforma tionen auch von den Nut zern be sonders restriktiv be handelt (Dwyer, Hiltz & Passerini, 2007; Taraszow, Aristodemou, Shitta, Laouris & Arsoy, 2010). Dies be gründet sich durch die höhere Vulnerabili tät, die durch die Angabe von Kontakt oder anderen intimen Informa tionen aus gelöst werden kann (Tad dicken, 2010). Doch auch, wenn nicht explizit Kontakt daten an gegeben werden, er möglichen die Nutzer durch ihre Angaben die Identifika tion ihrer Person. Die meisten geben ihren wahren Namen inkl. Nachnamen an und laden ein Profil bild hoch, auf dem sie erkenn bar sind (Prommer et al., 2009). Anzahl und Intimi täts grad der ge teilten Informa tionen hängen miteinander zusammen: Wer eher allgemeine Daten wie Name und Geschlecht offenbart, offenbart auch eher intime Informa tionen (Nosko, Wood & Molema, 2010). Die Informa tionen, die die Nutzer selbst auf dem Profil in der Eingabemaske eintragen, werden durch weitere Elemente, zum Beispiel die Mitglied schaft in Gruppen oder das Liken einer Fanpage, ergänzt. Gruppen namen und Marken, die auf dem Profil an gezeigt werden, werden als identi täts stiftend empfunden und bilden daher be liebte er gänzende Elemente (Utz, 2008). Ver gleicht man die Geschlechter hinsicht lich der Anzahl der Profilinfor ma tionen und Wahr heits gehalt, so geben sich Männer auf Sozialen Netz werk platt formen offener als Frauen (Prommer et al., 2009; Boyd, 2006). Sie geben auch eher ihre Kontakt daten an (Fogel & Nehmad, 2009; Taraszow et al., 2010). Möglicher weise ist die Vor sicht der Mädchen und Frauen auf eine unter schied liche Erziehung zurück zuführen, oder darauf, dass weib liche Jugend liche potenziell häufiger Opfer unerwünschter sexueller Über griffe werden (Herrmann, Schäfer & Schmetz, 2006). Zweifels frei handelt es sich bei der Aus gestal tung des persön lichen Profils auf einer Netz werk platt form um einen wichti gen Aspekt der OnlineSelbst offenba rung. Es muss jedoch be achtet werden, dass diese Selbst darstel lung 50 unter be sonde ren Gesichtspunkten statt findet: Die Aus gestal tung und Instandhal tung des eigenen Profils stellt die Nutzer sehr explizit vor die Ent schei dung, welche Informa tionen (semi)öffent lich und welche privat sein sollen. Bei der Auswahl und Formulie rung der Profilinforma tionen handelt es sich um eine reflektierte Handlung, die vor allem zu Beginn der Mitglied schaft bei einer Sozialen Netz werk platt form vor kommt, und die als be wusste Selbst darstel lung im Sinne des Impression Management ver standen werden kann (Boyd, 2007; Haferkamp & Krämer, 2010). Die vom Nutzer ein getragenen Profilinforma tionen sind heute längst nicht mehr die einzigen Stellen, an denen die Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen sicht bar wird. Die Anbieter integrie ren zunehmend Features, die die Netz werke dynami scher machen, wie bspw. den News feed bei Facebook oder das Taggen von Personen auf einem hoch geladenen Foto. Durch diese techni schen Erweite rungen wird der Nutzer zusätz lich sicht bar, die Online Identität wird darauf aus gedehnt. In der Wahrneh mung von Personen nimmt die Bedeu tung der dynami schen Inhalte zu (Boyd & Marwick, 2011). Im Prinzip können viele Handlun gen, die ein Nutzer auf der Platt form vollzieht, als Selbstoffenba rungs hand lung ver standen werden. Auf Facebook wird dies sehr deut lich: Ruft ein Nutzer die Seite eines anderen Nutzers auf, so werden ihm zunächst dessen Aktionen wie Status meldun gen und Posts an gezeigt, die er in der ver gangenen Zeit ge tätigt hat. Das statische Profil ist erst über einen weiteren Klick auf rufbar, und somit wirkt die dort hinter legte Informa tion zweitrangig. Bei dem Feed, der zunächst sicht bar wird, handelt es sich aber nicht nur um vom User selbst ge nerierte Inhalte, also eigene Selbst offenba rungs hand lungen: Es können auch die öffent lich publizierten Nachrichten anderer ent halten sein und Informa tionen, die durch den Anbieter ge neriert wurden, bspw. wenn der Nutzer eine Freundschafts anfrage annimmt oder auf einen GefälltmirButton klickt. Die Selbstoffenba rung, die durch das Posten von Beiträgen oder das Aus führen von Aktionen ent steht, ist dabei für den Nutzer weniger offensicht lich als die beim Anlegen des (statischen) Profils. Sie geschieht beiläufiger. Bei der Generie rung solcher eher dynami schen Inhalte steht die Selbst präsenta tion eventuell weniger stark und explizit im Vordergrund. Ver mutlich hat ein Nutzer beim Posten eines Kommentars nicht zwangs läufig ein Gesamt konzept für seine OnlineSelbstoffenba rung im Hinter kopf. Ob diese Handlun gen eher spontan und weniger strategisch ge plant ab laufen, wurde bislang nicht ge prüft. In Bezug auf die soziale Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen sind nicht allein die Anzahl und der Intimi täts grad der preis gegebenen Informa tionen relevant. Darüber hinaus spielt auch die Zugänglich keit der Selbstoffenba rung eine Rolle. Selbst darstel lung findet nicht kontext los, sondern immer in Ab hängig keit von einem Publikum statt. Wer zum Publikum der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen gehört, wird einer seits durch die Privat 51 sphäreOptionen be stimmt, die der Nutzer fest gelegt hat (vgl. Ab schnitt 2.1.2). Häufig sind die PrivatsphäreOptionen von den Anbietern so vor eingestellt, dass die Inhalte, die ein Nutzer ver öffent licht, nur den Kontakten, die er auf der Platt form be stätigt hat, zugäng lich sind. Insbesondere frühe und USameri kani sche Erhebun gen belegen, dass nur wenige Nutzer Gebrauch von den PrivatsphäreOptionen machten (Lange & Lampe, 2008; Lewis, Kaufman & Christakis, 2008). Eine Studie an Studenten aus Großbritannien ergab, dass Nutzer sich kaum die Zeit nehmen, ihre PrivatsphäreEinstel lungen zu über prüfen und sie bleiben nicht auf dem Laufenden, wenn die Anbieter die Einstel lungs möglich keiten abändern. Die antizipierten und die tatsäch lich ge tätigten Einstel lungen stimmen oft nicht überein (Butler et al., 2011). Lewis, Kaufman und Christakis (2008) stellen heraus, dass CollegeStudenten eher private Profile haben, wenn ihre Freunde eben falls die PrivatsphäreEinstel lungen an gepasst haben, sie sehr aktive Nutzer des Social Web sind und sie weib lich sind. Insbesondere Nutzungs erfah rung ist ein relevantes Kriterium. Im Gegen satz zu landläufig ver tretenen Meinun gen führt eine aktive Nutzung der Anwen dungen nicht dazu, dass offener mit den eigenen Daten um gegangen wird. In der Längs schnitt studie von Patchin und Hinduja (2010) war der Anteil der jeni gen, die ihr Profil privat hielten, nach einem Jahr deut lich ge stiegen. Ein damit in Ver bindung stehen der Einfluss faktor sind die Erfah rungen, die Personen bereits im Umgang mit den Platt formen ge macht haben. Eigene negative Erleb nisse führen dazu, dass die Nutzer sensibler für die Nutzung der Optionen sind (Debatin et al., 2009). Debatin et al. (2009) ver muten, dass die nach lässige Handha bung der PrivatsphäreOptionen auf den hohen Gratifika tionen, die eine weitere Ver brei tung der eigenen Inhalte bietet, auf speziellen Nutzungs mustern und einer Art ThirdPersonEffekt beruht. Die Nutzer sehen die Gefahren zwar bei anderen, fühlen sich selbst davon aber nicht be troffen. Die Ergeb nisse gerade USamerikani scher Studien sind aber auf grund unter schied licher kultureller Hinter gründe nicht ohne weiteres auf Deutschland über trag bar. Der Schutz der Privatsphäre ist offen bar stark in der deutschen Kultur ver ankert (Stöcker, 2011). Dementsprechend scheint – gerade in neueren Studien – eine höhere Sensibili tät gegen über den Daten schutz einstel lungen zu be stehen. Die meisten deutschen Nutzer (86 Prozent) be schäfti gen sich nach ihrer Anmel dung oder später mit den Einstel lungs möglich keiten und passen diese an (77 Prozent; Bitcom, 2011). Insbesondere bei den unter 30Jährigen ist die Sensibili tät für die Nutzung der PrivatsphäreOptionen hoch (ebd.). Dieses Bewusstsein für die eigene Privatsphäre in OnlineUmgebun gen scheint gerade bei den jungen Nutzern in den letzten Jahren ge stiegen zu sein (Utz & Krämer, 2009). Neuere Erhebun gen aus den USA spiegeln diese positive Ent wick lung eben falls (Boyd & Hargittai, 2010; Patchin & Hinduja, 2010). Neben den vom Anbieter vor gesehenen Möglich keiten, haben einige Nutzer weitere Strategien ent wickelt, um ihre Privatsphäre zu schützen. Eine häufig 52 ge wählte Strategie ist die der Anonymisie rung oder Pseudonymisie rung. Manche Nutzer ver wenden einen falschen oder ver fremdeten Namen, einen Nickname und/oder spicken ihr Profil mit Falschangaben, so dass die Identifika tion er schwert wird (RaynesGoldie, 2010; Youn, 2005; Blumberg et al., 2010; Boyd, 2007, Strater & Lipford, 2008). Auch das Anlegen von mehreren Profilen, die an ver schiedene Publika gerichtet sind, kann dazu dienen, die Privatsphäre zu schützen (z. B. ein Profil auf das nur die engsten Freunde Zugriff haben, und ein „offizielles“ Profil, für Eltern und Lehrer mit weniger expliziten Inhalten; Boyd, 2007). Viele Nutzer wahren ihre Konformi tät, indem sie nur un verfäng liche Informa tionen über sich preis geben und darauf achten, Informa tionen, die sie als zu privat empfinden, gar nicht erst ins Internet zu stellen (Brand tzæg, Lüders & Skjetne, 2010). Andere ver suchen, die digitalen Spuren, die sie hinter lassen, möglichst zu be seiti gen (RaynesGoldie, 2010). Sie löschen dabei Einträge auf den Pinnwänden und die Tags von Fotos, auf denen sie ab gebildet sind, ent weder sofort oder nach einiger Zeit. Neben der Zugänglich keit spielt die Größe und Zusammen setzung des Publikums eine Rolle. Je nach ge wählten Einstel lungen in den Privatsphäre Optionen können aus gewählte Personen, alle Kontakte die ein Nutzer auf dem Netz werk hat, alle Nutzer des Netz werks oder gar alle Internetnutzer zum potenziellen Publikum der Selbstoffenba rung ge hören. Besonders im Fokus stehen hier die Kontakte, die ein Nutzer auf der Platt form selbst hinzu gefügt oder be stätigt hat und die dadurch in seiner Kontakt liste an gezeigt werden. Die Strategie, die eigene Privatsphäre dadurch zu managen, dass nur be kannte Personen auf die eigenen Inhalte zugreifen können, ist sehr beliebt (Stutz mann & KramerDuffield, 2010). Jeder neue Kontakt auf den Platt formen schränkt die Freiheit, die ein Nutzer in der Selbst darstel lung hat, jedoch potenziell ein, da durch ein heterogenes Publikum Rollenkonflikte auf treten können (Boyd, 2006). Wang (2010) be obachtet, dass die Anzahl der Netz werk kontakte zunimmt. Insbesondere stark aktive Nutzer haben viele Kontakte. Neben der reinen Anzahl der Kontakte ist relevant, ob der Nutzer seine Kontakte persön lich kennt und in welchem Ver hältnis der Nutzer zu ihnen steht. Wie bereits be schrieben, sind Soziale Netz werke Orte der PeerKommunika tion, auf denen die Nutzer vor rangig unter ihres gleichen bleiben. Allerdings handelt es sich oft auch um eher flüchtige Bekannt schaften oder ent fernte Bekannte im Sinne des Bridging Social Capital (Adkins, 2009; Brand tzæg et al., 2010; Ellison et al., 2007). Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen ist ein vielschichti ges Konzept, das ver schiedene Aspekte umfasst. Neben den Profilinforma tionen, die bereits umfassend unter sucht wurden, sind zunehmend dynami sche Aspekte der (semi)öffent lichen Kommunika tion relevant, die integrativer Bestand teil der OnlineSelbst darstel lung werden, weil die Anbieter sie aggregie ren und mit den Profilmerkmalen ver knüpfen. Die Selbstoffenba rung wird durch die Nutzung der PrivatsphäreOptionen ein geschränkt, und 53 so können die Nutzer ihre Privatsphäre zumindest in sozialer Hinsicht schützen. Die soziale Privatsphäre wird eben falls durch Art und Zusammen setzung des Publikums determiniert, welches die persön liche Öffentlich keit des Nutzers bildet. Der Nutzer kann die Zusammen setzung und Größe dieses Publikums durch Nutzung der PrivatsphäreOptionen und seine Strategie beim Hinzufügen und Bestäti gen von Kontakten auf der Platt form selbst be stimmen. 2.3.4 Erklä rungs modell der OnlineSelbstoffenba rung So vielfältig die Studien, die die Selbstoffenba rung im Social Web be schreiben, auch sind, so un befriedigend sind die Ergeb nisse der Studien, die ver suchen, die Selbstoffenba rung auf das Wissen über die möglichen Risiken und die Sorge um die Privatsphäre zurück zuführen (vgl. Ab schnitt 2.3.1 zum Privacy Paradox). Reine KostenNutzenErwägun gen, die zudem nur die Seite der unangenehmen Konsequenzen be leuchten, können das Handeln der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen nicht oder nur unzu reichend er klären. In diesem Ab schnitt werden daher noch weitere mögliche Einfluss faktoren einbezogen. In einem Modell werden ver schiedene er klärende Faktoren heran gezogen und auch die gegen sätz lichen Bedürf nisse zwischen Privat heit und Öffentlich keit der Nutzer be rücksichtigt. Folgt man den dem PrivacyParadox zugrunde liegen den Annahmen, so ist es zunächst naheliegend, dass sich die Sorge um die Privatsphäre hand lungs leitend aus wirkt. Die Sorge um die Privatsphäre stellt eine wesent liche Einstel lungs komponente dar, die das Ver halten in der Netzöffentlich keit be einflusst. Daneben könnten aber auch weitere Einstel lungs komponenten das Selbst offenbarungs verhalten prägen, nämlich solche, die auf den Nutzen und die Vor teile gerichtet sind, die die Nutzer aus den Netz werk platt formen ziehen: Die Nutzungs motive, deren kognitive Zielorientie rung eben falls als Einstel lungen ver standen werden können (KroeberRiel, 1992), be einflussen mit, was die Nutzer in den Netz werk platt formen über sich preis geben (Blumberg et al., 2010; Krisanic, 2008). Wie Neuberger (2011) fest stellt, sind die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen keine reinen ‚homines oeconomici‘, sondern richten ihr eigenes Handeln daran aus, wie sich ihr Umfeld ver hält (‚homo sociologicus‘). Sie nehmen z. B. wahr, wer und wie viele ihrer Freunde und Bekannten auf den jeweili gen Platt formen sind und was sie von sich preis geben. Darin, wie viel sie von sich selbst preis geben, orientie ren sie sich an anderen (Burke et al., 2009), und auch die Einstel lungen der PrivatsphäreOptionen wählen sie so, dass sie mit denen ihrer Freunde und Bekannten über einstimmen (Lewis et al., 2008; Utz & Krämer, 2009). Neben Vor stel lungen über die Nutzen erwar tung und Vor stel lungen über die Risiken, die das Selbstoffenba rungs verhalten auf sozialen Netz werk platt formen birgt, spielen daher die sozialen Normen, die ein Nutzer 54 in seiner Umgebung wahrnimmt, eine Rolle. Hierbei können sich auch be stimmte Erwar tungen seitens wichtig empfundener Peers auf die Selbst präsenta tionen der Nutzer aus wirken. Die Kombina tion aus Einstel lungen einer seits und sozialen Normen anderer seits be findet sich in Über einstim mung mit der von Fishbein (1967) vor gestellten Theory of Reasoned Action (TRA), die Ver halten über die Ver haltens inten tion erklärt. Die Ver haltens inten tion wird ihrer seits von den Einstel lungen und subjektiven Normen be stimmt. In Weiter führung der Theorie des ge planten Ver haltens (TRB) haben Ajzen und Fishbein (2010) als dritte Komponente die wahrgenommene Ver haltens kontrolle auf genommen, welche die wahrgenommene Leichtig keit oder Schwierig keit be schreibt, mit der ein be stimmtes Ver halten aus geführt werden kann (Ajzen, 2005). Ver halten ist demnach auch ab hängig von den Fähig keiten einer Person und den durch die Umwelt ge gebenen Grenzen7. In seinem integrierten Ver haltens modell (IBM) führt Fishbein (2000) das Konstrukt der Selbst wirksam keit ein. Auch diese er scheint für die Erklä rung des Selbstoffenba rungs verhaltens in der Netz werköffentlich keit zweckmäßig. Die Selbst wirksam keit wurde bereits in Zusammen hang mit dem Ver halten im Social Web ge bracht (Schenk, Jers & Gölz, 2012; Jers, 2012). Dieses Konstrukt, das auf die sozial kognitive Theorie Banduras (2001) zurück geht, ist dem der wahrgenommenen Ver haltens kontrolle sehr ähnlich, aber nicht völlig deckungs gleich (Ross mann, 2011). Je nach der ge wählten Operationalisie rung be schreiben die Konstrukte sogar identi sche Phänomene. Die Selbst wirksam keit be schreibt das generelle Ver trauen in die eigene Fähig keit, ein be stimmtes Ver halten trotz eventueller Schwierig keiten aus führen zu können, nicht die wahrgenommene Schwierig keit des Ver haltens an sich. Bezogen auf die Themen stel lung der vor liegen den Arbeit, kann die Selbst wirksam keit als Ver trauen in die eigene Fähig keit an gesehen werden, in der Netz werköffentlich keit an gemessen zu agieren. Abbil dung 1 zeigt die drei Komponenten im Zu sam men hang auf. Die drei ab gelei teten Komponenten sind relevant für das Ver halten und er scheinen allesamt ge eignet, die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen zu er klären. Die Selbstoffenba rung steht jedoch wie in Ab schnitt 2.3.1 ab geleitet in einem Span nungs feld aus wider sprüch lichen Einflüssen. Wir nehmen dabei an, dass in jedem der Bereiche ein Faktor oder eine Gruppe von Faktoren existiert, die das Selbstoffenba rungs verhalten fördern und einer bzw. solche, die es hemmen. Wir haben es jeweils mit konkurrie ren den Einstel lungen und Vor stel lungen sowie Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen zu tun, die sich wider sprechen können. Die jeweils konkurrie ren den Einflüsse sind in Abbil dung 2 dargestellt. 7 Die Anwend bar keit der TPB auf den Gegen stand der Privatsphäre im Social Web wird bei Yao (2011) diskutiert. Allerdings wird dort aus schließ lich auf Schutz verhalten, nicht auf Selbstoffenba rung, ab gestellt. 55 Abbil dung 2: Konkurrierende Einfluss dimensionen auf das Selbst darstel lungs verhalten Sehr deut lich wird das Span nungs feld am Beispiel der Normen: Einer seits dürfte jeder Nutzer einer Sozialen Netz werk platt form subjektiv in seinem Umfeld wahrnehmen, in welchem Rahmen es an gebracht ist, online zu parti zipie ren und selbst aktiv Inhalte einzu stellen, um nicht sozial isoliert zu werden und Kontakte pflegen zu können. Anderer seits be stehen auch Normen zur Zurück haltung und zum Schutz der eigenen Privatsphäre. Beispiels weise wäre auch eine Norm dazu denk bar, wie die Privatsphäreop tionen ein gestellt werden sollen und ob auch Personen zu den Kontakten ge hören sollen, die nur flüchtig bekannt sind. So besteht vielleicht für einen jungen Nutzer einer seits ein sozialer Druck, auf Facebook oder einer anderen Platt form präsent zu sein und dort möglichst viel zu kommunizie ren. Anderer seits können der Umfang und der Verhaltensspezifische Vorstellungen und Einstellungen Subjektive Norm Selbstwirksamkeit Selbstoffenbarung auf Sozialen Netzwerkplattformen Verhaltensintention Motive zur Nutzung von SNP Bewusstsein für Risiken Norm zur Nutzung von SNP Norm zum Erhalt der Privatsphäre Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Selbstoffenbarung auf Sozialen Netzwerkplattformen Vorstellungen Normen Selbstwirksamkeit + – + – – + Abbil dung 1: Einfluss variablen in Anleh nung an das integrierte Ver haltens modell 56 Intimi täts grad der dort ver öffent lichten Inhalte mehr oder weniger an gebracht sein und eine Norm zur Zurück haltung be stehen. Auch die Vor stel lungen in Bezug auf die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen stehen in Konkurrenz zueinander. Erstens können die Nutzungs motive, mit denen die User die Sozialen Netz werk platt formen ver wenden, als positive Ergebnis erwar tungen in Bezug auf den Nutzen gesehen werden. Motive sind er lernte Gratifika tions erwar tungen, die Nutzer in Bezug auf ihre Partizipa tion haben. Sie geben an, inwiefern die Nutzung der Platt form zur Befriedi gung von Bedürf nissen beiträgt und bilden somit positive Vor stel lungen in Bezug auf den Nutzen. Durch die Zuschrei bung von hohem Nutzen in be stimmten Bereichen könnte daher das Selbstoffenba rungs verhalten ge fördert werden. Zweitens schwingen aber im Hinter grund eventuell die Sorgen und Ängste mit, die die Nutzer sich in Bezug auf ihre OnlinePrivatsphäre und die daraus resultierende Einschrän kung ihrer Autonomie machen. Diese Vor stel lungen hemmen die Selbstoffenba rung unter Umständen. Bei der Selbst wirksam keit ist es ähnlich. Einer seits kann sich diese auf die Fähig keit be ziehen, ein Ver halten aus führen zu können – also beispiels weise auf einer Sozialen Netz werk platt form eine Status meldung posten zu können. Anderer seits kann sich die Selbst wirksam keit auf die Fähig keit be ziehen, die eigene Privatsphäre schützen zu können. Es ist zu er warten, dass beide Selbst wirksam keits erwar tungen in hohem Maße miteinander zusammen hängen, da anzu nehmen ist, dass Personen, die generell ein hohes Ver trauen in ihre Fähig keiten be sitzen, auf beiden spezifi schen Selbst wirksam keits erwar tungen hohe Werte auf weisen. Daher ist zu er warten, dass in dem Modell nur eine der beiden Variablen zur Selbst wirksam keit greifen wird. Weitere Zusammen hänge zwischen allen unabhängi gen Variablen sind zudem anzu nehmen. Wir haben in den vorigen Ab schnitten die Komplexi tät des Themas Privat heit und Öffentlich keit auf Sozialen Netz werk platt formen be leuchtet. Dabei haben wir neben einem Einblick in die Welt der Sozialen Netz werk platt formen und ihrer Ver brei tung (Ab schnitt 2.1) auch die be sondere Bedeu tung auf gezeigt, die sie für Jugend liche und junge Erwachsene haben (Ab schnitt 2.2). Im Anschluss wurde das Konstrukt der Privatsphäre detailliert be schrieben und die be sonde ren Umstände, denen sie im Social Web unter liegt, auf gezeigt. Auch die jungen Nutzer be dürfen der Privat heit, um sich zu ent wickeln und zu ent falten. Netz werköffentlich keiten sind Räume, in denen sie sich mit Peers und Gleich gesinnten „unkontrolliert“ aus tauschen können. Aus diesem Grund sind sehr viele Kinder und Jugend liche auf diesen Platt formen zu finden. Trotz vieler Vor teile, die mit der Nutzung solcher Platt formen assoziiert werden, sind Nachteile und Risiken, die vor allem ein Ver lust der OnlinePrivatsphäre mit sich bringen kann, nicht unerheb lich. In der vor liegen den Studie sollen daher die auf die Privatsphäre be zogenen Einstel lungen und Ver haltens weisen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein gehend unter sucht werden. 57 Literatur ARD/ZDFOnlinestudie (2011). Ver fügbar unter: www. ardzdfonlinestudie.de/ index. php Acquisti, A. & Gross, R. (2006, June 28–30). Imagined Communities: Awareness, Information Sharing, and Privacy on the Facebook. Privacy Enhancing Technologies Workshop (PET), Cambridge. Adkins, A. M. (2009). Myspace, Facebook, and the Strength of Internet Ties: Online Social Networking and Bridging Social Capital (Dissertation). University of Akron. Ver fügbar unter: etd.ohiolink.edu/etd/sendpdf.cgi/Adkins%20Angela%20 M. pdf?akron1239389919 Ajzen, I. (2005). Attitudes, personality, and behavior (2. Aufl.). Maidenhead, Berkshire, England, New York: Open University Press. Fishbein, M. & Ajzen, I. (2010). Predicting and changing behavior: The reasoned action approach. New York: Psychology Press. AGOF (2011). internet facts 201108. Verfügbar unter: www.faz. net/gmg6udr2 AmichaiHamburger, Y. (2007). Personality, individual differences and internet use. In A. N. Joinson, K. Y. A. McKenna, T. Postmes & U.D. Reips (Hrsg.), The Oxford Handbook of Internet Psychology (S. 187–204). Oxford Univ. Press. Archer, R. L. (1979). Role of personality and the social situation. In G. J. Chelune (Hrsg.), Selfdisclosure. Origins, patterns, and implications of openness in inter personal relationships (S. 28–58). San Francisco, CA: Jossey Bass. Back, M. D., Stopfer, J. M., Vazire, S., Gaddis, S., Schmukle, S. C., Egloff, B. & Gosling, S. D. (2010). Facebook Profiles Reflect Actual Personality, Not SelfIdealization. Psychological Science, 21(3), 372–374. doi:10.1177/0956797609360756 Bandura, A. (2001). Social cognitive theory of mass communication. Media Psychology, 3(3), 265–299. doi:10.1207/S1532785XMEP0303_03 Bargh, J. A., McKenna, K. Y. A. & Fitzsimons, G. (2002). Can you see the real me? Activation and expression of the ‚true self‘ on the Internet. Journal of Social Issues, 58(1), 33–48. doi:10.1111/15404560.00247 Barker, V. (2009). Older Adolescents’ Motivations for Social Network Site Use: The Influence of Gender, Group Identity, and Collective SelfEsteem. CyberPsychology & Behavior, 12(2), 209–213. doi:10.1089/cpb.2008.0228 58 BenZe’ev, A. (2003). Privacy, emotional closeness, and opennes in cyberspace. Com puters in Human Behavior, 19(4), 451–567. doi:10.1016/S07475632(02)00078X Bitcom (2011). Soziale Netz werke. Zweite, er weiterte Studie: Eine repräsentative Unter suchung zur Nutzuung sozialer Netz werke im Internet. Ver fügbar unter: www. bitkom.org/files/documents/BITKOM_Publikation_Soziale_Netzwerke_zweite_ Befragung. pdf Blumberg, K., Möhring, W. & Schneider, B. (2010). Risiko und Nutzen der Informa tions preis gabe in Sozialen Netz werken. Zeitschrift für Kommunika tions ökologie und Medienethik, 11(1), 16–22. Blumler, J. & Katz, E. (1974). The Uses of Mass Communica tions. Beverly Hills, CA: Sage. Boyd, D. (2006). Friends, Friendsters, and MySpace Top 8: Writing Community Into Being on Social Network Sites. First Monday, 11(12). Ver fügbar unter: www. firstmonday.org/issues/issue11_12/boyd/index. html Boyd, D. (2007). Why Youth ♥ Social Network Sites: The Role of Networked Publics in Teenage Social Life. In D. Buckingham (Hrsg.), MacArthur Foundation Series on Digital Learning – Youth, Identity, and Digital Media Volume. Cambridge, MA: MIT Press. Boyd, D. (2008). Taken Out of Context. American Teen Sociality in Networked Publics (Dissertation). University of California, Berkley. Verfügbar unter: www.danah. org/papers/TakenOutOfContext. pdf Boyd, D. (2010). Friendship. In M. Itō, S. Baumer & M. Bittanti (Hrsg.), Hanging out, messing around, and geeking out: kids living and learning with new Media (S. 79–84). London: MIT Press. Boyd, D. & Ellison, N. B. (2008). Social Network Sites: Definition, History, and Scholarship. Journal of Computer Mediated Communication, 13(1), 210–230. doi:10.1111/j.10836101.2007.00393.x Boyd, D. & Hargittai, E. (2010). Facebook privacy settings: Who cares? First Monday, 15(8). Ver fügbar unter: firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/ fm/ article/view/3086/2589 Boyd, D. & Heer, J. (2006, January 4–7). Profiles as conversation: Networked identity performance on Friendster. 39th Hawaii International Conference on System Sciences (HICCS), Kauai, HI, USA. Boyd, D. & Marwick, A. E. (2011, May 26–30). Social Steganography: Privacy in Networked Publics. Annual Conference of the International Communication Asso ciation, Boston, MA, USA. Boyle, K. & Johnson, T. J. (2010). MySpace is your space? Examining selfpresentation of MySpace users. Computers in Human Behavior, 26(6), 8. doi:10.1016/j.chb. 2010. 04.015 Brandtzæg, P. B. & Heim, J. (2009). Why People Use Social Networking Sites. Lecture Notes in Computer Science, o. J.(5621), 143–152. doi:10.1007/9783642027741_16 Brandtzæg, P. B., Lüders, M. & Skjetne, J. H. (2010). Too Many Facebook „Friends“? Content Sharing and Sociability Versus the Need for Privacy in Social Network Sites. International Journal of HumanComputer Interaction, 26(11 & 12), 1006– 1030. doi:10.1080/10447318.2010.516719 59 Burgoon, J. K., Parrott, R., Beth A. Le Poire, Kelley, D. L., Walther, J. B. & Perry, D. (1989). Maintaining and Restoring Privacy through Communication in Different Types of Relationships. Journal of Social and Personal Relationships, 6(2), 131–158. Burke, M., Marlow, C. & Lento, T. (2009). Feed Me: Motivating Newcomer Contribution in Social Network Sites. In D. R. Olsen & R. B. Arthur (Hrsg.), Proceedings of the 27th International Conference on Human Factors in Computing Systems. 2009, April 4−9, Boston, MA, USA (S. 945–954). New York, N. Y.: ACM Press. Busemann, K. & Gscheidle, C. (2009). Web 2.0: Communitys bei jungen Nutzern beliebt. Media Perspektiven, o. J.(7), 356–364. Busemann, K. & Gscheidle, C. (2011). Web 2.0: Aktive Mitwir kung ver bleibt auf niedri gem Niveau. Media Perspektiven, o. J.(7–8), 360–369. Ver fügbar unter: www. ardzdfonlinestudie.de/fileadmin/Online11/07082011_Busemann_Gscheidle. pdf Butler, E., McCann, E. & Thomas, J. (2011). Privacy Setting Awareness on Facebook and Its Effect on UserPosted Content. Human Communica tion Research, 14(1), 39–55. Ver fügbar unter: www.uab.edu/Communicationstudies/human commu nication/04_01_2011_Butler BVDW (2009). Targeting: Begriffe & Defini tionen. Ver fügbar unter: www.bvdw. org/medien/wasisttargeting?media= 1281 Cheung, C. M. K., Chiu, P.Y. & Lee, M. K. O. (2011). Online social networks: Why do students use facebook? Computers in Human Behavior, 27(4), 7. doi:10.1016/j.chb. 2010.07.028 Cho, H. & LaRose, R. J. (1999). Privacy issues in Internet surveys. Social Science Computer Review, 17(4), 421–434. doi:10.1177/089443939901700402 Christofides, E., Muise, A. & Desmarais, S. (2009). Information Disclosure and Control on Facebook: Are They Two Sides of the Same Coin or Two Different Processes? CyberPsychology & Behavior, 12(3), 341–345. doi:10.1089/cpb.2008.0226 Cozby, P. C. (1973). Selfdisclosure: A literature review. Psychological Bulletin, 79(2), 73–91. Debatin, B., Lovejoy, J. P., Horn, A.K. & Hughes, B. N. (2009). Facebook and Online Privacy: Attitudes, Behaviors, and Unintended Consequences. Journal of Computer Mediated Communication, 15(1), 83–108. doi:10.1111/j.10836101.2009.01494.x Donath, J. & Boyd, D. (2004). Public displays of connection. BT Technology Journal, 22(4), 71–82. Dworschak, M. (2011, 10. Januar). Im Netz der Späher. Der Spiegel, o. J.(2), 114–124. Dwyer, C., Hiltz, S. & Passerini, K. (2007, August 09−12). Trust and Privacy Concern Within Social Networking Sites: A Comparison of Facebook and MySpace. 13th Americas Conference on Information Systems, Keystone, Colorado. Ellison, N. B., Steinfield, C. & Lampe, C. A. (2006, June 19−23). Spatially Bounded Online Social Networks and Social Capital: The Role of Facebook. Annual Con ference of the International Communication Association, Dresden, Germany. Ellison, N. B., Steinfield, C. & Lampe, C. A. (2007). The Benefits of Facebook „Friends:“ Social Capital and College Students’ Use of Online Social Network Sites. Journal of Computer Mediated Communication, 12(41), article 1. Verfügbar unter: http:// jcmc.indiana.edu/vol12/issue4/ellison. html 60 Enz, I. (2010). Verände rungen in der Quali täts struktur von Freundschafts netz werken sowie der Defini tion von Freund schaft durch die Nutzung Sozialer Netz werk Seiten (Magisterarbeit). Universi tät Wien, Wien. Ver fügbar unter: othes.univie.ac.at 10698/1/20100721_0352547. pdf Erikson, E. H. (1976). Identität und Lebens zyklus: Drei Auf sätze (3. Aufl.). Frank furt am Main: Suhrkamp. Facebook (2010). Facen book statistics. Ver fügbar unter: www.facebook. com/#!/ pages/Facebookstatistics/119768528069029 Fishbein, M. (1967). Attitudes and the prediction of behavior. In M. Fishbein (Hrsg.), Readings in attitude theory and measurement (6 Aufl., S. 477–497). New York: Wiley. Fishbein, M. (2000). The role of theory in HIV prevention. Aids Care, 12(3), 273–278. Flöck, M., Schäfer, I. & Steinkamp, T. (2011). Freundschafts pflege statt Kontakt suche. In C. Neuberger & V. Gehrau (Hrsg.), StudiVZ. Diffusion, Nutzung und Wirkung eines sozialen Netz werks im Internet (1. Aufl., S. 116–140). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissen schaften. Fogel, J. & Nehmad, E. (2009). Internet social network communities: Risk taking, trust, and privacy concerns. Computers in Human Behavior, 25(1), 153–160. doi:10. 1016/ j.chb.2008.08.006 FTD. de (2012, 26. Juli). Erster Quartals bericht Facebook macht dicken Ver lust. Ver fügbar unter: www.ftd.de itmedien/medieninternet/:ersterquartalsbericht facebookmachtdickenverlust/70068632. html FraunhoferSIT (2008). Privatsphärenschutz in SozialeNetz werkePlatt formen. Darm stadt. Ver fügbar unter: www.sit.fraunhofer.de/fhg/ Images/SocNetStudie_ Deu_Final_tcm105132111. pdf Fuhrer, U. & Trautner, M. (2005). Ent wick lung und Identität. In N. Birbaumer, D. Frey, J. Kuhl, W. Schneider & R. Schwarzer (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie. Themen bereich C, Theorie und Forschung, Serie V, Ent wick lungs psychlogie, Band 3 Soziale, emotionale und Persönlich keits entwick lung. Göttingen: Hogrefe. Gleich, U. (2011). Nutzung und Funktionen von Social Communitys. Media Perspektiven, o. J.(2), 115–120. Goffman, E. (1959). The presentation of self in everyday life. Garden City, NY: Doubleday. Gonzales, A. L. & Hancock, J. T. (2011). Mirror, Mirror on my Facebook Wall: Effects of Exposure to Facebook on SelfEsteem. CyberPsychology, Behavior & Social Networking, 14(1/2), 5. doi:10.1089/cyber.2009.0411 Gosling, S. D., Gaddis, S. & Vazire, S. (2007, March 26−28). Personality impressions based on Facebook profiles. International Conference on Weblogs and Social Media 2007, Boulder, Colorado, USA. Verfüg bar unter: www.icwsm.org/papers/ 3GoslingGaddisVazire. pdf Grob, U. (2007). Jugendalter: Adolescence. In M. Hasselhorn (Hrsg.), Handbuch der Psychologie, Band 7: Handbuch der Ent wick lungs psychologie. Göttingen: Hogrefe. Haferkamp, N. (2010). Sozialpsychologi sche Aspekte im Web 2.0.: Impression Mana gement und sozialer Ver gleich. Stuttgart: Kohlhammer. Haferkamp, N. (2011). Authenti sche Selbst bilder, geschönte Fremdbilder: Nutzer befra gung V: Selbst darstel lung im StudiVZ. In C. Neuberger & V. Gehrau (Hrsg.), 61 StudiVZ. Diffusion, Nutzung und Wirkung eines sozialen Netz werks im Internet (S. 178–203). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissen schaften. Haferkamp, N. & Krämer, N. C. (2010). Creating a digital self: Impression management and impression formation on social network sites. In K. Drotner & K. C. Schrøder (Hrsg.), Digital content creation. Perceptions, practices, & perspectives (S. 129–147). New York: Peter Lang. Hasebrink, U. & Rohde, W. (2009). Die Social WebNutzung Jugend licher und junger Erwachsener: Nutzungs muster, Vor lieben und Einstel lungen. In J.H. Schmidt, I. Paus Hasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 83–120). Berlin: VISTAS. Havighurst, R. J. (1984/1972). Developmental tasks and education (3. Aufl.). New York: Longman. Herrmann, B., Schäfer, M. & Schmetz, J. (2006). Jugend und Gewalt. In B. Stier & N. Weissen rieder (Hrsg.), Jugendmedizin. Gesund heit und Gesell schaft (S. 281–294). Heidel berg: Springer Medizin Verlag. Initiative D21 (2010). (N)onliner Atlas: Eine Topographie des digitalen Grabens durch Deutschland. Ver fügbar unter: www.initiatived21.de wpcontent/uploads/ 2010/06/NONLINER2010. pdf IWGDPT (2008). Bericht und Empfeh lung zum Daten schutz in sozialen Netz werk diensten – „Rom Memorandum“. Ver fügbar unter: www.datenschutzberlin. de/attachments/470/675.36.13. pdf?1234867489 Jers, C. (2012). Konsumie ren, Partizipie ren und Produzie ren im Web 2.0: Ein sozial kognitives Modell zur Erklä rung der Nutzungs aktivi tät. Köln: Halem. Joinson, A. N. (2001). Selfdisclosure in computermediated communication: The role of selfawareness and visual anonymity. European Journal of Social Psychology, 31(2), 177–192. doi:10.1002/ejsp.36 Joinson, A. N. (2008, April 5–9). ‚Looking at‘, ‚Looking up‘ or ‚Keeping up with‘ People? Motives and Uses of Facebook. CHI 2008, Florence, Italy. Verfüg bar unter: http:// citeseerx.ist. psu.edu/viewdoc/download?doi= 10.1.1.168.3722&rep= rep1&type= pdf Joinson, A. N., Reips, U.D., Buchanan, T., Schofield, C. & Paine, B. (2010). Privacy, Trust, and SelfDisclosure Online. Human Computer Interaction, 25(1), 1–24. doi:10.1080/07370020903586662 Koch, C. (2010, 9. August). Alle Freunde auf einen Klick. Zeit Online. Ver fügbar unter: www.zeit.de/digital/internet/201008/sozialenetzwerkefreunde/seite1 Krämer, N. C. & Haferkamp, N. (2011). Online SelfPresentation: Balancing Privacy Concerns and Impression Construction on Social Networking Sites. In S. Trepte & L. Reinecke (Hrsg.), Privacy Online. Perspectives on Privacy and Selfdisclosure in the Social Web (S. 127–141). Berlin & Heidel berg: SpringerVerlag New York Inc. Krämer, N. C. & Winter, S. (2008). Impression Management 2.0. Journal of Media Psychology, 20(3), 106–116. doi:10.1027/18641105.20.3.106 Kraus, W. & Mitz scher lich, B. (1998). Ab schied vom Groß projekt. Normative Grund lagen der empiri schen Identi täts forschung in der Tradi tion von James E. Marcia und die Notwendig keit ihrer Reformulie rung. In H. Keupp & R. Höfer (Hrsg.), Identi täts arbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identi täts forschung (S. 149–173). Frankfurt am Main: Suhrkamp. 62 Krisanic, K. (2008). Motivations and impression management: Predictors of social networking site use and user behavior. University of MissouriColumbia. KroeberRiel, W. (1992). Konsumenten verhalten (5. Aufl.). München: Vahlen. Lampe, C. A., Ellison, N. B. & Steinfield, C. (2008, November 8−12). Changes in use and perception of facebook. Conference on Computer Supported Cooperative Work (CSCW), San Diego, CA, USA. Lange, R. & Lampe, C. A. (2008, May 22–26). Feeding the Privacy Debate: An Examination of Facebook. Annual Conference of the International Communication Association, Montreal, Canada. Verfüg bar unter: citation.allacademic. com// meta/p_mla_apa_research_citation/2/3/3/ 2/4/pages233242/p2332421. php Laurenceau, J.P., Feldman Barret, L. & Pietromaco, P. R. (1998). Intimacy as an interpersonal process: The importance of selfdisclosure, partner disclosure, and perceived partner responsiveness in interpersonal exchanges. Journal of Personality and Social Psychology, 74(5), 1238–1251. Lewis, K., Kaufman, J. & Christakis, N. (2008). The Taste of Privacy: An Analysis of College Student Privacy Settings in an Online Social Network. Journal of Computer Mediated Communication, 14(1), 79–100. Livingstone, S., Haddon, L., Görzig, A. & Ólafsson, K. (2010). Risks and safety on the internet: The perspective of European children. Initial Findings. Ver fügbar unter: www2.lse.ac.uk /media@lse/research / EUKidsOnline/ Initial_findings_ report. pdf Livingstone, S. (2008). Taking risky opportunities in youthful content creation: teenagers’ use of social networking sites for intimacy, privacy and selfexpression. New Media & Society, 10(3), 393–411. Lochmaier, L. (2012, 12. Juni). Facebook als digitale Schuldnerkartei: SchufaFor schungs projekt im Zeitraffer gescheitert. Telepolis. Ver fügbar unter: www. heise.de/ tp/artikel/37/37080/1. html Manyika, J., Chui, M., Brown, B., Bughin, J., Dobbs, R., Roxburgh, C. & Hung Byers, A. (2011). Big data: The next frontier for innovation, competition, and productivity. Verfüg bar unter: www.mckinsey. com/~/media/McKinsey/dotcom/Insights%20 and%20pubs/ MGI/ Research/Technology%20and%20Innovation/ Big%20Data/ MGI_big_data_full_report. ashx Margulis, S. T. (1977). Conceptions of Privacy: Current Status and Next Steps. Journal of Social Issues, 33(3), 5–21. doi:10.1111/j.15404560.1977.tb01879.x Margulis, S. T. (2003). Privacy as a Social Issue and Behavioral Concept. Journal of Social Issues, 59(2), 243–261. doi:10.1111/15404560.00063 Margulis, S. T. (2011). Three Theories of Privacy: An Overview. In S. Trepte & L. Reinecke (Hrsg.), Privacy Online. Perspectives on Privacy and Selfdisclosure in the Social Web (S. 9–18). Berlin & Heidelberg: SpringerVerlag New York Inc. McKenna, K. Y. A., Buffardi, L. & Seidman, G. (2005). Selbst darstel lung gegen über Freunden und Fremden im Netz. In K.H. Renner, A. Schütz & F. Machilek (Hrsg.), Internet und Persönlich keit. Differentiellpsychologi sche und diagnosti sche Aspekte der Internetnut zung (S. 175–188). Göttingen: Hogrefe. Medick, V. & Reiß mann, O. (2012, 7. Juni). Minister wollen FacebookSchnüffelei stoppen. Spiegel Online. Ver fügbar unter: www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ facebookpolitikerwollenplaenederschufastoppena837525. html 63 MPFS (2010). JIMStudie 2010. Jugend, Informa tion (Multi) Media: Basis studie zum Medien umgang 12 bis 19Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Ver fügbar unter: www.mpfs.de/index. php?id= 181 MPFS (2011). JIMStudie 2011. Jugend, Informa tion (Multi) Media: Basis studie zum Medien umgang 12 bis 19Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Ver fügbar unter: www.mpfs.de/index. php?id= 225 Müller, S. (2009, 3. Februar). Jugend liche im Internet. SeelenStriptease bei Schüler VZ. Frank furter Rundschau online. Ver fügbar unter: www. fronline.de/ frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/?em_cnt= 1669759 Mummendey, H. D. (2006). Psychologie des ‚Selbst‘. Theorien, Methoden und Ergeb nisse der Selbst konzept forschung. Göttingen: Hogrefe. Neuberger, C. (2011). Soziale Netz werke im Internet: Kommunika tions wissen schaft liche Einord nung und Forschungs überblick. In C. Neuberger & V. Gehrau (Hrsg.), StudiVZ. Diffusion, Nutzung und Wirkung eines sozialen Netz werks im Internet (S. 33–96). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissen schaften. Nielsen (2011). Deutsche TopMarken im Internet und Onlinenutzer profil: August 2011. Ver fügbar unter: www.nielsen.com de/ de/insights/presseseite/2011/Nielsen InternetnutzungAugust2011. html Niemann, J., Scherer, H. & Schlütz, D. (2010, 12.–14. Mai). PROFILierungs süchtig? Der Einfluss von Persönlich keits merkmalen auf das ImpressionManagement von Jugend lichen im SocialWeb. 55. Jahresta gung der Deutschen Gesell schaft für Publizistik und Kommunika tions wissen schaft, Ilmenau. Nissen baum, H. (2004). Privacy as contextual integrity. Washington Law Review, 79(1), 101–139. Verfüg bar unter: crypto.stanford.edu/portia/papers/Revnissenbaum DTP31. pdf Nosko, A., Wood, E. & Molema, S. (2010). All about me: Disclosure in online social networking profiles: The case of Facebook. Computers in Human Behavior, 26(3), 406–418. doi:10.1016/j.chb.2009.11.012 Oerter, R. & Dreher, E. (2008). Jugendalter. In R. Oerter (Hrsg.), Entwick lungs psychologie (6. Aufl., S. 271–332). Weinheim, Basel: Beltz, PVU. Opaschowski, H. (1999). Genera tion@. Die Medien revolu tion ent läßt ihre Kinder: Leben im Informa tions zeitalter. Hamburg: British American Tobacco. Orr, E. S., Sisic, M., Ross, C., Simmering, M. G., Arseneault, J. M. & Orr, R. R. (2009). The Influence of Shyness on the Use of Facebook in an Undergraduate Sample. Cyber Psychology & Behavior, 12(3), 337–340. doi:10.1089/cpb.2008.0214 Oswald, H. & Uhlendorff, H. (2008). Die Gleichaltri gen. In R. K. Silbereisen & M. Hasselhorn (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie, Themen bereich C: Theorie und Forschung; Serie V: Ent wick lung, Band 5: Psychologie des Jugendalters (S. 189–228). Göttingen: Hogrefe. Palen, L. & Dourish, P. (2003). Unpacking „privacy“ for a networked world. In V. Bellotti (Hrsg.), CHI 2003 new horizons. Conference on Human Factors in Com puting Systems (5–10 April, Ft. Lauderdale, Florida, USA) conference proceedings (S. 129). New York, NY: ACM Press. Verfüg bar unter: www.cs.colorado. edu/~palen/ Papers/palendourish. pdf Palfrey, J. & Gasser, U. (2008). Genera tion Internet: Die Digital Natives: wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten. München: Hanser. 64 Park, N., Kee, K. F. & Valenzuela, S. (2009). Being Immersed in Social Networking Environment: Facebook Groups, Uses and Gratifications, and Social Outcomes. CyberPsychology & Behavior, 12(6), 729–733. doi:10.1089/cpb.2009.0003 Patchin, J. W. & Hinduja, S. (2010). Trends in online social networking: adolescent use of MySpace over time. New Media & Society, 12(2), 197–216. doi:10.1177/ 1461444809341857 Petronio, S. (2002). Boundaries of privacy: Dialectics of disclosure. Albany: State University of New York. Pinquart, M. & Silbereisen, M. K. (2000). Das Selbst im Jugendalter: Probleme und Perspektiven. In W. Greve (Hrsg.), Psychologie des Selbst (S. 75–95). Weinheim: Beltz. Poser, M. (2005). Identi täts entwick lung, Reifungs prozesse und Lebens zyklus. In K. Schneider, E. BrinkerMeyendriesch & A. Schneider (Hrsg.), Pflegepädagogik (2. Aufl., S. 271–292). Berlin, Heidel berg, New York: Springer. Prommer, E., Brücks, A., Mehnert, J., Neumann, H., Räder, A. & Roßland, F. (2009). „Real life extension“ in Webbasierten sozialen Netz werken Studie zur Selbst repräsenta tion von Studieren den in studiVZ. Ver fügbar unter: www.media cultureonline.de/fileadmin/bibliothek/prommer_selbstpraesentation/Medienwiss_ Forschungsbericht_studivz. pdf QuanHaase, A. & Young, A. L. (2010). Uses and Gratifications of Social Media: A Comparison of Facebook and Instant Messaging. Bulletin of Science, Technology & Society, 30(5), 350–361. doi:10.1177/0270467610380009 Raacke, J. & BondsRaacke, J. (2008). MySpace and Facebook: Applying the uses and gratifications theory to exploring friendnetworking sites. CyberPsychology & Behavior, 11(2), 169–174. doi:10.1089/cpb.2007.0056 RaynesGoldie, K. (2010). Aliases, creeping, and wall cleaning: Understanding privacy in the age of Facebook. First Monday, 15(1), article 4. Ver fügbar unter: http:// firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/ fm/article/view/2775/2432 Reiß mann, O. (2009, 29. September). FacebookKritiker. „Mein Gesicht ist nicht deren Geschäfts geheimnis“. Spiegel Online. Ver fügbar unter: www.spiegel.de netzwelt/web/0,1518,789124,00. html RiaNovosti (2011). The world map of social networks. Verfüg bar unter: http:// en.rian. ru/infographics/20110228/162792394. html Rössler, B. (2001). Der Wert des Privaten. Frank furt am Main: Suhrkamp. Ross mann, C. (2011). Theory of Reasoned Action – Theory of Planned Behavior. BadenBaden: Nomos. Rötzer, F. (1996). Inter aktion – das Ende herkömm licher Massen medien. In R. Maresch (Hrsg.), Medien und Öffentlich keit. Positionie rungen, Symptome, Simula tions brüche (S. 119–134). [München]: Boer. Schelske, A. (2007). Soziologie ver netzter Medien: Grundlagen computer vermittelter Ver gesellschaf tung. München: Olden bourg. Schenk, M., Jers, C. & Gölz, H. (2012). Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0: Derminanten und Aus wirkungen aus Perspektive des Nutzers: Un veröffentlichter Bericht. Stuttgart. Schenk, M. (2007). Medien wirkungs forschung (3. Aufl.). Tübingen: Mohr Siebeck. 65 Scherer, H. & Wirth, W. (2002). Ich chatte – wer bin ich? Medien & Kommunika tions wissen schaft, 50(3), 337–358. Schmidt, J.H. (2009). Das Social Web als Ensemble von Kommunika tions diensten. In J.H. Schmidt, I. PausHasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Ange boten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 57–82). Berlin: VISTAS. Schmidt, J.H. (2011). Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0 (2. Aufl.). Konstanz: UVK. Schmidt, J.H. & Gutjahr, J. (2009). Aus gewählte An gebote des Social Web. In J.H. Schmidt, I. PausHasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 207–242). Berlin: VISTAS. Schmidt, J.H., PausHasebrink, I. & Hasebrink, U. (2009). Ent wick lungs aufgaben im Social Web. In J.H. Schmidt, I. PausHasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 265–274). Berlin: VISTAS. Schmidt, J.H., PausHasebrink, I., Hasebrink, U. & Lampert, C. (2009). Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen: Kurzfas sung des Endberichts für die Landes anstalt für Medien NordrheinWest falen (LfM). Ver fügbar unter: www. hansbredow institut.de/webfm_send/367 Schorb, B., Kießling, M., Würfel, M. & Keilhauer, J. (2011). Medienkon vergenz Moni toring. Soziale OnlineNetz werkeReport 2010. Leipzig. Ver fügbar unter: http:// www. unileipzig. de/~mepaed/sites/default/files/MeMo_SON10. pdf Schulz von Thun, F. (1981/2011). Miteinander reden 1: Störun gen und Klärun gen. Reinbek bei Hamburg: RowohltTaschen buch. Sheeks, M. S. & Birchmeier, Z. P. (2007). Shyness, Sociability, and the Use of Compu terMediated Communication in Relationship Development. CyberPsychology & Behavior, 10(1). Sheldon, P. (2008). Student Favorite: Facebook and Motives for its Use. Southwestern Mass Communication Journal, 23(2), 39–53. Smock, A. D., Ellison, N. B., Lampe, C. A. & Wohn, D. Y. (2011). Facebook as a toolkit: A uses and gratification approach to unbundling feature use. Computers in Human Behavior, 27(6), 2322–2329. doi:10.1016/j.chb.2011.07.011 Spiegel Online (2011, 15. September). Facebook lässt Nutzer Fremden folgen. Ver fügbar unter: www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,786374,00. html Stern, L. A. & Taylor, K. (2007). Social networking on Facebook. Journal of the Communication, Speech & Theatre Association of North Dakota, 20, 9–20. Stern, S. (2008). Producing Sites, Exploring Identities: Youth Online Authorship. In D. Buckingham (Hrsg.), Series on Digital Media and Learning. Youth, Identity, and Digital Media. Cambridge, MA: MIT Press. Ver fügbar unter: www. mitpressjournals.org/doi/pdf/10.1162/dmal.9780262524834.095 66 stern.de/DPA/ AP (2009, 18. Oktober). Mindestens zwei Hacker bei SchülerVZ. Ver fügbar unter: www.studivz. net/ l/about_us/1/ Wang, H. & Wellman, B. (2010). Social Connectivity in America: Changes in Adult Friendship Network Size From 2002 to 2007. American Behavioral Scientist, 53(8), 1148–1169. doi:10.1177/0002764209356247 Weissens teiner, E. & Leiner, D. (2011). Facebook in der Wissen schaft: Forschung zu sozialen Onlinenetz werken. Medien & Kommunika tions wissen schaft, 59(4), 526–544. Welt Online (2007, 14. Dezember). Das Geschäft mit den Nutzer daten: In Social Networks offen baren User ihr Privatleben. Firmen zahlen viel Geld für den Zugriff. Ver fügbar unter: www.welt.de/wirtschaft /webwelt /article1459528/Das GeschaeftmitdenNutzerdaten. html Welt Online (2010, 5. Mai). Wachablö sung: Facebook ist die neue Nummer eins in Deutschland. Ver fügbar unter: www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article7489012/ FacebookistdieneueNummereinsinDeutschland. html Westerman, D., Van Der Heide, B., Klein, K. A. & Walther, J. B. (2008). How do people really seek information about others?: Information seeking across Internet and traditional communication channels. Journal of ComputerMediated Communication, 13(3), 751–767. doi:10.1111/j.10836101.2008.00418.x Westin, A. F. (1967). Privacy and freedom. New York: Atheneum. Westin, A. F. (2003). Social and Political Dimensions of Privacy. Journal of Social Issues, 59(2), 431–453. Wheeless, L. R. (1976). Selfdisclosure and interpersonal solidarity: Measurement, validation, and relationships. Human Communication Research, 3(1), 47–61. doi:10.1111/j.14682958.1976.tb00503.x 68 Wheeless, L. R. & Grotz, J. (1976). Conceptualization and Measurement of Reported SelfDisclosure. Human Communication Research, 2(4), 338–346. doi:10.1111/ j.14682958.1976.tb00494.x Wildemuth, B. M. (2006, April 22−27). The Illusion of Online Privacy. Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI), Montreal Québe, Canada. Verfüg bar unter: www.ils. unc. edu/~wildem/Publications/CHI2006Privacy. pdf Wiswede, G. (2004). SozialpsychologieLexikon. München: Olden bourg. WynneJones, J. (2009, 1. August). Facebook and MySpace can lead children to commit suicide, warns Archbishop Nichols. The Telegraph. Ver fügbar unter: www. telegraph.co.uk/news/religion/5956719/FacebookandMySpacecanleadchildrento commitsuicidewarnsArchbishopNichols. html Xu, H., Parks, R., Chu, C.H. & Zhang, X. L. (2010, August 12−15). Information Disclosure and Online Social Networks: From the Case of Facebook News Feed Controversy to a Theoretical Understanding. Americas Conference on Information Systems (AMCIS), Lima, Peru. Yao, M. Z. (2011). SelfProtection of Online Privacy: A Behavioral Approach. In S. Trepte & L. Reinecke (Hrsg.), Privacy Online. Perspectives on Privacy and Self disclosure in the Social Web (S. 111–126). Berlin & Heidelberg: SpringerVerlag New York Inc. Youn, S. (2005). Teenagers’ Perceptions of Online Privacy and Coping Behaviors: A RiskBenefit Appraisal Approach. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 49(1), 86–110. doi:10.1207/s15506878jobem4901_6 Teil II Empirische Forschung: Privat heit und Öffentlich keit auf Sozialen Netz werk platt formen 71 1 Das Erhe bungs design Julia Niemann & Michael Schenk 1.1 Forschungs leitende Fragen Wie in Teil I auf gezeigt, ist eine Partizipa tion am Social Web und insbesondere an Sozialen Netz werk platt formen ohne ein ge wisses Maß an Selbstoffenba rung nicht möglich. Durch die Ver knüp fung von Online und OfflineIdentität besteht eine zunehmende Komplexi tät der sozialen Kontexte, in denen sich eine Person repräsentie ren muss oder möchte. Dieser Umstand bringt neue Möglich keiten und eventuell eine Ver ände rung der Bedeu tung und des Umgangs mit der Privatsphäre mit sich. Im Rahmen unserer Studie soll zunächst aus differenziert werden, welchen Stellen wert Jugend liche und junge Erwachsene der Privatsphäre zuschreiben und inwiefern sie diese als schützens wertes Gut be trachten (kogni tiver Aspekt). Des Weiteren gilt es zu unter suchen, wie das psychologi sche Bedürfnis nach Privatsphäre einer seits und Öffentlich keit anderer seits be schaffen ist (emotionaler Aspekt). Auf dieser Grundlage stellt sich dann die zentrale Frage, was Jugend liche und junge Erwachsene unter „privat“ und „öffent lich“ ver stehen und welche persön lichen Informa tionen in der Folge als eher privat oder öffent lich ein gestuft werden. Die erste Forschungs frage lautet daher: FF1: Welche Bedeu tungs konzepte von Öffentlich keit und Privat heit legen Digital Natives zugrunde? Diese Forschungs frage beinhaltet vor dem Hinter grund des Kontextes auch die Beziehung zwischen Bedeu tungs konzepten von Privat heit und Öffentlich keit einer seits und deren Umset zung in Online und OfflineUmgebun gen anderer seits. Es soll daher auch exploriert werden, wie Jugend liche und junge Erwach sene ihr Ver ständnis von Privat heit und Öffentlich keit in der sozialen Inter aktion mit anderen realisie ren (sozialer Aspekt). Die Besonder heiten in der Konstruk tion von Privat heit und Öffentlich keit durch Digital Natives werden be sonders deut lich, wenn sie mit den Vor stel lungen älterer Genera tionen verg lichen werden können. Junge Nutzer ver wenden Soziale Netz werk platt formen ganz anders als ältere (Boyd, 2008). Sie ver bringen 72 dort insgesamt mehr Zeit und be schäfti gen sich mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld, ver ändern ihre Profile häufiger und ver fassen Kommentare. Erwachsene hingegen be treiben eher wirk liches „Networking“. Sie nutzen SocialNetworking Sites, um alte Bekannte wieder zufinden, Geschäfts kontakte zu pflegen oder als Informa tions quelle. Die Heraus forde rungen von OnlineIdenti täten be treffen aber nicht aus schließ lich die Digital Natives. Heute sind sehr viele digitale Informa tionen über jeden ver fügbar, der sich im Social Web bewegt. Auch An gehörige älterer Genera tionen er schaffen OnlineIdenti täten. Auch bei ihnen lassen sich Hand lungs weisen be obachten, die nicht von einem vor sichti gen Umgang mit der eigenen Privatsphäre zeugen. So sind be sonders ältere Menschen ge fährdet, Opfer von OnlineBetrug zu werden (Görgen, 2009) und beim OnlineDating geben Singles jeden Alters intime Details über sich preis (Gibbs, Ellison & Heino, 2006). Im Unter schied zu den Digital Natives er lernen die Digital Immigrants den Umgang mit den neuen Technologien meist nicht beiläufig, sondern durch selbstorganisiertes oder selbst gesteuertes Lernen (Fromme, 2002, S. 159). Die Art, wie Menschen online mit der Privatsphäre umgehen, hängt zum Teil von ihren Fähig keiten ab (Boyd & Hargittai, 2010), die Unter schiede sind aber (auch) durch frühere Erfah rungen aus der OfflineWelt bedingt. Die Digital Immigrants haben strukturell andere Sozialisa tions prozesse hinter sich, die sie zu anderen Formen der Selbst darstel lung und zu einem anderen Konzept von Privat heit und Öffentlich keit ge führt haben können: „youth focus on all that they have to gain when ent ering into public spaces while adults are talking about all that they have to lose“ (Boyd, 2010, Abs. 5). Ab hängig von ihren persön lichen be ruflichen und privaten Erfah rungen und ihrer Expertise im Umgang mit den digitalen Medien reagie ren Menschen also anders auf die Chancen und Risiken des Social Web. Dadurch, dass die Digital Natives mit den digitalen Medien auf gewachsen sind, besteht bei ihnen wahrschein lich ein größeres Ver trauen in die neuen Technologien. Dieser Umstand könnte sich auch auf den Umgang und die Ver öffent lichung von eigenen und fremden personen bezogenen Daten aus wirken: Es er scheint daher plausibel, dass Digital Natives und Digital Immigrants mit anderen Maßstäben be urteilen, was als privat gelten sollte und auf grund dessen anders handeln. Die zweite Forschungs frage be schäftigt sich deshalb damit, ob es einen Unter schied zwischen den Digital Natives und Immigrants gibt: 73 FF2: Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web? Die zunehmende Integra tion des Internet in den Alltag und die steigende Bedeu tung des Social Web führen dazu, dass immer mehr Personen Inhalte im Netz publizie ren. Vor allem Soziale Netz werk platt formen dienen den Nutzern zur Kontakt aufnahme, pflege und zum Meinungs austausch, mit der Bedin gung, dass persön liche Informa tionen preis gegeben werden. Die Selbstoffen ba rung ist Voraus setzung für die Partizipa tion und soziale Inter aktion auf den Anwen dungen (Buchanan et al., 2007; speziell für das Social Web: Tad dicken, 2010). Wie und in welchem Umfang die Selbstoffenba rung auf den Platt formen statt findet, soll auch in unserer Studie evaluiert werden: FF3: In welchem Maße offen baren sich Jugend liche und junge Erwachsene auf Sozialen Netz werk platt formen? Die Risiken, die online ge speicherte Daten mit sich bringen, haben wir in Teil I bereits er läutert. In der Regel ver bleiben digital gesammelte Daten nicht un genutzt in be liebigen Daten banken: Sie werden be wirtschaftet, Firmen tauschen sie unter Umständen aus. Die Daten be finden sich in unter schied lichen Händen und ihre Nutzung unter liegt unter schied lichen Regeln. Die Ver brei tung und Ver vielfälti gung der Informa tionen ent zieht sich von Anfang an einer Kontrolle, denn die Ent schei dungs gewalt darüber, was mit den Daten geschieht, liegt zumeist beim Daten sammler und nicht beim Nutzer, wenn dieser erst einmal den Nutzungs bestim mungen eines Webangebots zu gestimmt hat. Es konnte bereits auf gezeigt werden, dass Nutzer unter schied lich besorgt sind, was den Schutz ihrer OnlinePrivatsphäre angeht. Erfreu licher weise scheint bei einem großen Teil der jungen User ein Problembewusstsein in Hinblick auf den eigenen Daten schutz vor handen zu sein (Boyd & Hargittai, 2010; Hasebrink & Rohde, 2009). Gerade jüngere Jugend liche zeigen sich jedoch im Umgang mit den Risiken eher un bekümmert (Wagner, Brüggen & Gebel, 2009). Die Konsequenzen der Selbstoffenba rung im Social Web sind eher diffus und ab strakt. Personen, die bisher keine negativen Erfah rungen ge macht haben, fühlen sich im Umgang mit dem Internet sicherer, als solche, die bereits schlechte Erfah rungen ge macht haben (Hasebrink & Rohde, 2009). Für sie ist es schwieri ger, die negativen Folgen ihrer Social WebNutzung abzu schätzen. Die Gefahr, dass Daten über sie systematisch zusammen getragen und aus gewertet werden könnten, wird von den Digital Natives allgemein als eher gering ein geschätzt (Palfrey & Gasser, 2008). Zu den Risiken, die durch eine wirtschaft liche Nutzung der Daten ent stehen, kommen noch zusätz lich diejenigen, die sich durch andere Nutzer ergeben. Denn nicht nur die eigenen personen bezogenen Daten werden auf sozialen Netz werk platt formen ge teilt. Wie in Teil III Ab schnitt 2.4 erwähnt, sind neben der Kommunika tion über 74 das Selbst auch Informa tionen über andere Personen Bestand teile der Online Identität. Häufig handelt es sich um Personen aus dem Umfeld, die Peers, die viel zur Ver brei tung personen bezogener Daten beitragen. Es gibt Hinweise darauf, dass im Social Web von einer Art „MainstreamEffekt“ auszu gehen ist: Die einzelnen User fühlen sich in ihrer Hand lungs weise be stätigt, weil die meisten anderen genauso handeln. Das Ver öffent lichen von fremden Daten ohne vor herige Ab sprache ist eine übliche Praxis, bei der unter Umständen kein Unrechts bewusstsein besteht (vgl. Teil III, Rechts gutachten). Diese Über legungen führen zu folgen den Forschungs fragen: FF4: In welchem Maße machen sich Jugend liche und junge Erwachsene Sorgen um ihre Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt formen? FF5: Über welche Einstel lung zu den Risiken von digitaler Informa tions- freizügig keit mit Blick auf ihre eigenen Persönlich keits rechte und die Persönlich keits rechte Dritter ver fügen junge Menschen? Neben den problemati schen Aspekten des Social Web und den mit der Nutzung ver bundenen Risiken halten wir es für unumgäng lich, den positiven Nutzen in den Blick zu nehmen, der Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch Soziale Netz werk platt formen ent stehen kann. Im Sinne des UsesandGratifica tions Ansatzes der Kommunika tions wissen schaft wählen Menschen die Medien angebote aus, die ihre Bedürf nisse am besten er füllen (vgl. Schenk, 2007). Nur, wenn man auch diese Nutzen seite be trachtet, ist es möglich, die Handlun gen auf Sozialen Netz werk platt formen, die häufig auch Risiken mit sich bringen, nach zuvollziehen. Auch bietet das Social Web – wie in Teil I, Ab schnitt 2.2 dargestellt – positives Potenzial für Jugend liche sowohl im Hinblick auf ihre Identi täts entwick lung als auch beispiels weise für die Organisa tion ihres Alltags oder ihre be ruflichen Chancen. Interessant ist hierbei, welche Vor teile des Social Web und welche positiven Folgen der Nutzung die Jugend lichen und jungen Erwachsenen selbst wahrnehmen und erleben. Es sollen daher im Rahmen der Studie eben falls die positiven Folgen der Social WebNutzung aus Sicht der jungen Nutzer in den Blick ge nommen werden: FF6: Welchen Nutzen ziehen Jugend liche und junge Erwachsene aus der (aktiven) Teilhabe an Sozialen Netz werk platt formen? In früheren Studien konnte bereits be obachtet werden, dass eine Diskrepanz zwischen dem Wissen und der Einstel lung zur Privatsphäre auf der einen und der Preis gabe von Informa tionen auf der anderen Seite besteht (Acquisti & Gross, 2006; Blumberg, Möhring & Schneider, 2010). Dieses Phänomen wird als „PrivatsphäreParadoxon“ be zeichnet. In einer früheren Studie zum Zusam men hang von PrivatsphäreEinstel lungen und Selbstoffenba rung im Social Web zeigt sich, dass die Personen, die am aktivsten am Social Web teilhaben, die stärkste Sorge um ihre Privatsphäre zeigen (Schenk, Jers & Gölz, 2012). Selbst 75 jeder zweite Internetnutzer, der angibt, grundsätz lich eine geringe Bereit schaft zur Selbstoffenba rung zu haben, offenbart im Social Web persön liche Informa tionen (vgl. Tad dicken & Schenk, 2010). Diese Diskrepanz zwischen Einstel lungen zur Privatsphäre einer seits und selbstoffenbaren dem Handeln anderer seits ist auf fällig. Es ist daher notwendig, den Zusammen hang zwischen Einstel lungen und Handeln genauer zu unter suchen und insbesondere auch für junge Nutzer zu über prüfen, bei denen dieses Paradox möglicher weise noch stärker aus geprägt ist als bei Internetnutzern im Allgemeinen. In Forschungs frage 7 soll daher unter sucht werden, wie das Wissen und der Stellen wert der Privatsphäre die tatsäch lichen Hand lungs schemata von jungen Nutzern be einflusst: FF7: Welchen Einfluss hat die Sorge um die Privatsphäre auf das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen? Die Sensibilisie rung für die Risiken und die Zuschrei bung von Relevanz sind erste Voraus setzungen für den ver antwor tungs bewussten Umgang mit eigenen und fremden Daten im Social Web. Sie sind notwendig, jedoch ist der Prozess, der zur Ver öffent lichung personen bezogener Daten führt, komplex. Einige Autoren gehen von einer permanenten KostenNutzenAbwägung aus. Die Risiken der öffent lichen Personendaten werden gegen den Nutzen, den die Social WebNutzung bringt, ab gewogen (Blumberg et al., 2010; Palfrey & Gasser, 2008). Ob der Prozess der Selbstoffenba rung tatsäch lich durch Einzel entschei dungen ge steuert wird oder implizit durch Hand lungs schemata geschieht, wurde bisher nicht ge klärt. Ziel unserer Studie ist es heraus zufinden, in welcher Form bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen Über legungen zur Privatsphäre bei der Ver öffent lichung von Informa tionen in Sozialen Netz werk platt formen eine Rolle spielen und welche weiteren Variablen, z. B. Persönlich keits merkmale wichtig sind. Gruppen normen sowie Selbst wirksam keits erwar tungen könnten die Nutzungs weisen eben falls be einflussen. FF8: Welche weiteren Variablen be einflussen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen? Zur Beantwor tung dieser Forschungs frage soll insbesondere das in Teil I, Kap. 2.3.4 auf gestellte Modell ge prüft werden. Digital Natives ver fügen einer seits über beacht liches Wissen und Kreativi tät im alltäg lichen und „handwerk lichen“ Umgang mit Informa tions und Kommunika tions technologien und sind dabei ihren Eltern und Lehrern oft über legen. Anderer seits ver wenden sie digitale Medien zum großen Teil auch einseitig zu einer spezifi schen Form der Kommunika tion (und nicht etwa zur Artikula tion und inhalt lichen Kollabora tion) und ohne aus geprägte kritische Haltung (vgl. zusammen fassend Schulmeister, 2009). Die neuen – auch hand werk lichen – techni schen Fähig keiten sind notwendig, um in der digitalen Welt 76 im Allgemeinen und im Social Web im Besonde ren be stehen zu können. Weil sich Lehrer und Eltern nicht zwangs läufig aktiv mit dem Social Web auseinan der setzen, können sie diese Welt oft nicht nach vollziehen und treffen dann womög lich Ent schei dungen (in Form von Ver boten und anderen Restrik tionen), deren Konsequenzen sie nicht ab schätzen können. Hinzu kommt, dass An gehö rige der älteren Genera tionen das Social Web vor einem anderen Hinter grund interpretie ren als Jugend liche und junge Erwachsene. „Die Erfah rungen der eigenen Mediensozialisa tion im Kindes und Jugendalter fließen in das auf Medien be zogene er zieheri sche Denken und Handeln ein, ohne dass dieser Zu sammen hang i. d. R. hinreichend reflektiert würde“ (Fromme, 2002, S. 158). Einige Digital Natives sind im Schutz ihrer Privatsphäre wahrschein lich schon ver sierter als ihre Eltern und Lehrer. Viele aber schätzen die Risiken gering oder zumindest anders ein als ältere Genera tionen. Eltern und Lehrer können den Digital Natives auf grund ihrer Lebens erfah rung Denkanstöße mit auf den Weg geben. Ein erster Schritt für Eltern und Lehrer ist es, kluges Handeln vorzu leben. Bisher wissen Eltern und Lehrer jedoch noch nicht, wie sich die Lebens erfah rung in der digitalen Welt anwenden lässt. Hier bietet sich eine Chance für den ge nera tions übergreifen den Dialog: Die gemeinsamen Normen für an gebrachtes Handeln im Social Web müssen die Digital Natives selbst ent wickeln. Sie können jedoch darin unter stützt werden, sich in der Daten flut zurecht zufinden und ihre persön lichen Informa tionen zu schützen. Damit sie in die Lage ver setzt werden, kluge Ent schei dungen zu treffen und ihre Schüler bzw. Kinder anleiten zu können, ist es wichtig, dass sie die digitalen OnlineWelten und die darin herrschen den Normen zu ver stehen lernen. Eltern haus und Schule müssten hier gemeinsam agieren. Es er scheint wenig gewinn bringend, allein den Eltern diese Aufgabe zu über tragen. Gerade „für die Schule gilt, dass [ihr] große Bedeu tung bei der Stärkung des Bewusstseins für Chancen und Risiken im Umgang mit dem Social Web zukommt. Dies gilt es, in Bezug auf medien pädagogi sche Konzepte und Projekte zu be achten“ (PausHasebrink, Wijnen & Brüssel, 2009, S. 206). Daher wird im Rahmen der vor liegen den Arbeit auch der Blick auf die folgende Frage ge lenkt: FF9: Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell- schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? Wenn mehr Klarheit darüber besteht, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen müssen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken, stellt sich die Frage, wie diese Zielgruppen ein solches Wissen er langen und wie sie es im Umgang mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen umsetzen sollen. Ähnlich wie bei jungen Menschen reichen auch bei Erwachse 77 nen bloße Informa tionen für den Erwerb von Wissen oder gar den Aufbau von Kompetenzen in der Regel nicht aus. Insbesondere Eltern und Pädagogen benöti gen Bera tungs und Fortbil dungs angebote, die über eine bloße Rezep tion von Informa tion hinaus gehen. Wie derartige Bera tungs und Fortbil dungs angebote aus sehen könnten, dürfte aber noch einmal deut licher werden, wenn die Frage be antwortet ist, wie man junge Menschen über Daten schutz und Wahrung von Persönlich keits rechten am besten informie ren, auf die damit ver bundenen Heraus forde rungen vor bereiten und ihnen dabei helfen kann, diese Aspekte in ihrem digitalen Handeln auch zu be rücksichti gen. Auch dies er fordert nämlich medien pädagogi sche Kompetenzen, die Eltern und Pädagogen oft erst ent wickeln müssen. Es stellt sich daher die Frage: FF10: Wie kann Medien pädagogik junge Menschen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits- rechten sensibilisie ren? 1.2 Über blick über das Forschungs design Dieses Einfüh rungs kapitel gibt eine kurze Zusammen fassung des Forschungs designs. Detailliertere Informa tionen zur Umset zung können den einzelnen Methoden kapiteln ent nommen werden. Zur Beantwor tung der Forschungs fragen wurde eine Kombina tion aus qualitativen und quantitativen Methoden an gewendet. Die einzelnen Phasen wurden ineinander ver schränkt. Insgesamt gliedert sich das Projekt in vier Studien phasen, von denen je zwei den quali tativen und den quantitativen Methoden der empiri schen Sozialforschung zuzu rechnen sind: – Sekundäranalyse der Daten des DFGProjekts „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ – Qualitative Einzelinterviews mit Jugend lichen – Standardisierte Befra gung und Tracking in der Nutzungs situa tion – Qualitative Experten interviews Eine Zuord nung der im vorigen Ab schnitt auf gestellten Forschungs fragen zu den Erhe bungs schritten bietet Tabelle 2. 78 Tabelle 2: Zuord nung der Forschungs fragen zu den Unter suchungs schritten Qualitative Interviews mit Jugend- lichen Sekundär- analyse Standar- disierte Befra gung mit Tracking Qualitative Interviews mit Experten FF1: Welche Bedeu tungs konzepte von Öffen- tlich keit und Privat heit legen Digital Natives zugrunde? × FF2: Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web? × FF3: In welchem Maße offen baren sich Jugend- liche und junge Erwachsene auf Sozialen Netz werk platt formen? × × FF4: In welchem Maße machen sich Jugend liche und junge Erwachsene Sorgen um ihre Privatsphäre auf Sozialen Netz werk platt- formen? × × FF5: Über welche Einstel lung zu den Risiken von digitaler Informa tions freizügig keit mit Blick auf ihre eigenen Persönlich keits rechte und die Persönlich keits rechte Dritter ver fügen junge Menschen? × × FF6: Welchen Nutzen ziehen Jugend liche und junge Erwachsene aus der (aktiven) Teil- habe an Sozialen Netz werk platt formen? × × FF7: Welchen Einfluss hat die Sorge um die Privatsphäre auf das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen? × FF8: Welche weiteren Variablen be einflussen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk- platt formen? × FF9: Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be- gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? × FF10: Wie kann Medien pädagogik junge Men- schen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits rechten sensibilisie ren? × Zunächst wurde in der ersten Studien phase mit Hilfe einer Sekundäranalyse das unter schied liche Ver halten von jüngeren und älteren Nutzern gegen über gestellt. Die Daten der durch die DFG finanzierten Studie „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ eigneten sich hierzu be sonders gut, da an einer Quoten stichprobe, die die deutsche OnlineBevölke rung ab 14 Jahren ab deckte, Aspekte des Nutzungs verhaltens und der Sorge um die Privatsphäre unter sucht wurden. Die Nutzungs weisen, Nutzungs motive und Sorge um die Privatsphäre der Digital Natives konnten so denen der Digital Immigrants gegen über gestellt werden. 79 Als nächster Unter suchungs schritt er folgten qualitative Einzelinterviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Zur Beantwor tung der Forschungs frage, die die Bedeu tungs konzepte von Öffentlich keit und Privat heit be trifft, war diese qualitative Vor gehens weise an gebracht, da nicht vom prinzipiell be obacht baren Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit (der leichter zu operationalisie ren wäre) auf die Auffas sung von Privat heit und Öffentlich keit geschlossen werden kann. Auch hat man beim Ver halten als Indikator das Problem, dass man vor der Unter suchung mangels Alternativen eine traditio nelle Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit als Defini tion ver wenden müsste. Wenn man dann den Umgang mit der so definierten Privat heit und Öffentlich keit unter sucht, ist es kaum möglich, daraus auf die Auf fassung junger Menschen zu schließen. Folglich muss man an den mentalen Konzepten direkt ansetzen. Das heißt allerdings nicht, dass man diese auch direkt er fragen kann, denn derartige Konzepte lassen sich nicht leicht artikulie ren. Dies gilt vor allem dann, wenn sie implizit wirken, wovon im ge gebenen Fall auszu gehen ist. Man be nötigt also zumindest auch indirekte Fragen, die sehr sorgfältig konzipiert und den jeweili gen Alters gruppen an gepasst werden müssen. Insgesamt wurden 24 Ein zel interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge führt. Dabei kamen teilstrukturierte Interviewleit fäden zum Einsatz, in denen aus schließ lich offene Fragen ge stellt wurden. Da bereits theoretisch wie auch empirisch be gründ bare Annahmen be stehen, wurde eine fokussierte Befra gung bevor zugt, die einen Ver gleich der qualitativ er hobenen Daten er möglicht. Die Aus wertung er folgte nach einem reduktiven Ver fahren. Parallel dazu wurde eine standardisierte OnlineUmfrage konzipiert, mit der die Fragestel lungen der qualitativen Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen quantifiziert wurden. Befragt wurden Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren. Die Befra gungs teilnehmer wurden über ein OnlineAccessPanel rekrutiert, dabei gab es Quoten vorgaben für Alter, Geschlecht und formale Bildung. Insgesamt besteht die Stichprobe aus 1.301 Nutzern. Im zweiten Teil der standardisierten Erhebung wurde mit Hilfe eines BrowserPlugins an einer Teilstichprobe ein Online Tracking durch geführt, das es er möglichte, während die User auf den interessie ren den Social Networking Sites surften, zusätz liche Befra gungen einzu blen den. Diese Kontext fragebögen wurden auf gerufen, nachdem eine privatsphäre sensitive Handlung durch geführt wurde. Diese Form der OnlineBeobach tung wurde bisher vor allem in der Markt und UsabilityForschung als Methode zur Erforschung der Medien nutzung ein gesetzt, in der Kommunika tions wissen schaft stellt sie eine Innova tion dar. Da OnlineTrackings sehr auf wendig und zudem privatsphäreinvasiv sind, wurde das Tracking nur mit einer Teilstich probe von 199 Teilnehmern durch geführt. Alle Teilnehmer des Trackings hatten zuvor an der standardisierten OnlineBefra gung teilgenommen. Die Kombina tion aus Befra gung und Tracking bietet den Vorteil, dass neben Meinun gen 80 und Einstel lungen auch Handlun gen im Social Web optimal erfasst werden konnten. Um zu explorie ren, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider als Voraus setzung für adäquates Handeln gegen über Jugend lichen ver fügen sollten, waren erneut qualitative Ver fahren an gezeigt. Es wurden Experten interviews mit Personen, die bereits Erfah rungen etwa in der Informa tion, Beratung und Fortbil dung von Eltern und Pädagogen sowie Erfah rung in der Medienarbeit mit Jugend lichen haben, durch geführt. Insgesamt wurden 13 Einzelinterviews, mit Teilnehmern aus den Domänen Schule (Lehrer), Jugendarbeit (Medien pädagogen) und Medien (Portal betreiber, ContentErsteller) ge führt. 81 Literatur Acquisti, A. & Gross, R. (2006, June 28–30). Imagined Communities: Awareness, Information Sharing, and Privacy on the Facebook: Preproceedings version. Privacy Enhancing Technologies Workshop (PET), Cambridge. Blumberg, K., Möhring, W. & Schneider, B. (2010). Risiko und Nutzen der Informa tions preis gabe in Sozialen Netz werken. Zeitschrift für Kommunika tions ökologie und Medienethik, 11(1), 16–22. Boyd, D. (2008). Taken Out of Context. American Teen Sociality in Networked Publics (Dissertation). University of California, Berkley. Verfügbar unter: www.danah. org/papers/TakenOutOfContext. pdf Boyd, D. (2010, April 10−15). Making Sense of Privacy and Publicity. Computer/ Human Interaction Conference (CHI), Atlanta. Verfügbar unter: www.danah. org/papers/talks/2010/SXSW2010. html Boyd, D. & Hargittai, E. (2010). Facebook privacy settings: Who cares? First Monday, 15(8). Ver fügbar unter: firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/ fm/ article/view/3086/2589 Fromme, J. (2002). Mediensozialisa tion und Medien pädagogik: zum Ver hältnis von informellem und organisiertem Lernen mit Computer und Internet. In I. PausHaase, C. Lampert & D. Süss (Hrsg.), Medien pädagogik in der Kommunika tions wissenschaft. Positionen, Perspektiven, Potenziale (S. 155–168). Wiesbaden: West deutscher Verlag. Gibbs, J. L., Ellison, N. B. & Heino, R. D. (2006). Selfpresentation in online personals: The role of anticipated future interaction, selfdisclosure, and perceived success in Internet dating. Communica tion Research, 33(2), 152–177. doi:10.1177/ 009365020 5285368 Görgen, T. (2009). „Rate mal, wer dran ist“ So schützen Sie sich vor Betrügern und Trick dieben. Bundes ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Verfüg bar unter:: www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did= 126226. html Palfrey, J. & Gasser, U. (2008). Genera tion Internet: Die Digital Natives: wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten. München: Hanser. PausHasebrink, I., Wijnen, C. W. & Brüssel, T. (2009). Social Web im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen: Soziale Kontexte und Hand lungs weisen. In J.H. Schmidt, I. PausHasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Me dienforschung: Vol. 62. Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 13–40). Berlin: VISTAS. Schenk, M., Jers, C. & Gölz, H. (2012). Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0: Derminanten und Aus wirkungen aus Perspektive des Nutzers: Un veröffentlichter Bericht. Stuttgart. Schenk, M. (2007). Medien wirkungs forschung (3. Aufl.). Tübingen: Mohr Siebeck. Schulmeister, R. (2009). Gibt es eine „Net Genera tion“? Ver fügbar unter: www. zhw. unihamburg.de/uploads/schulmeister_netgeneration_v3. pdf Tad dicken, M. & Schenk, M. (2011). Selbstoffenba rung und Privatsphäre im Social Web. In J. Wolling, A. Will & C. Schumann (Hrsg.), Medien innova tionen (S. 319–332). Konstanz: UVK Ver lags gesell schaft. 83 2 Qualitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Gabi Reinmann & JanMathis Schnurr unter Mitarbeit von Tamara Ranner, Alexander Florian & Marianne Kamper 2.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens 2.1.1 Qualitative Interviews Bei der Konstruk tion des Interviewleit fadens1, mit dem wir insgesamt 24 Jugend liche und junge Erwachsene befragt haben, haben wir uns inhalt lich zum einen an den Forschungs fragen der Gesamt studie orientiert, zum anderen flossen Erkennt nisse einer sekundären Analyse der Interviews der Vor gänger studie (Schmidt, Hasebrink & PausHasebrink, 2009) ein. Bei der Gestal tung des Leitfadens haben wir uns an folgen den Kriterien orientiert: Erstens sollte die Sicht weise der Interviewten durch die Fragen möglichst wenig be einflusst werden. Zweitens sollte die Besonder heit der Perspektive und Situa tions defini tion der Interviewten so gut es geht er halten bleiben. Drittens sollte zwar ein breites Spektrum an Antworten zu den Forschungs fragen in der Studie ge neriert, die Offen heit für eigene Ideen der Interviewten dabei aber nicht zu stark be einträchtigt werden. Viertens sollten der persön liche Bezugs rahmen der Interviewten und damit die individuellen Lebens umstände und Lebens erfah rungen be rücksichtigt werden. Der Interviewleit faden folgt in dieser Ausrich tung dem ent decken den Ver fahren der Heuristi schen Sozialforschung (Kleining, 1982; Krotz, 2005). Dieser Forschungs typus be schreibt ein regel geleite tes, im besten Fall auch theoriegen erieren des Ver fahren, bei dem Aus sagen von Interviewten erst einzeln be trachtet und an schließend auf Gemeinsam keiten hin analysiert werden. 1 Der Interviewleit faden kann im OnlineAnhang ein gesehen werden, ebenso wie der VorabFragebogen und das Informa tions schreiben für die Eltern. 84 Das Ziel der Interviews bestand darin, mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen ins Gespräch zu kommen, Informa tionen über ihre Ver haltens weisen und Meinun gen einzu holen und darüber hinaus Einblick in das nicht unmittel bar ver fügbare implizite Wissen zu er halten und dieses, soweit es geht, zu explizie ren. Die Heraus forde rung bei der Formulie rung der Interviewfragen bestand ent sprechend darin, diese einer seits präzise zu ge stalten, um unnötige „Daten berge“ zu ver hindern, sie anderer seits auch offen zu lassen, um die Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu eigenen Darstel lungs und Sicht weisen zu er muntern. Für die Dauer der Einzelinterviews waren 60 Minuten als Obergrenze an gesetzt. Der Leitfaden gliedert sich dieser Vorgabe folgend in die drei Bereiche Öffentlich keit und Privat heit in OfflineUmgebun gen (ca. 15 Minuten), Nut zungs weise des Internet (ca. 10 Minuten) sowie Öffentlich keit und Privat heit in OnlineUmgebun gen (ca. 25 Minuten). Ein vierter Bereich zielt auf Angaben zum biografi schen Kontext und zur Lebens situa tion der Interviewten (ca. 10 Minuten) ab. 2.1.2 Stichprobe und Erhebung Im Rahmen der Studie wurden 24 Jugend liche und junge Erwachsene interviewt. Die Auswahl der Interviewten zielte auf eine Varia tion der Perspektiven ab. Kriterien waren Alter, Geschlecht, Wohnort im städti schen oder länd lichen Gebiet, Bildungs hintergrund, Geräten utzung beim Zugriff auf Internetange bote und dienste, Gratifika tionen der Internetnut zung sowie ge nutzte Internet angebote und dienste. Angaben zu diesen Daten wurden über einen Vorab Fragebogen erfasst. Die Zusammen stel lung der Stichprobe begann im Februar 2011. Die primären Ansprechpartner hierfür waren leitende Personen in nichtstaat lichen Schulen sowie in Sport vereinen. Ein sekundärer Weg, um Interviewte zu akquirie ren, ver lief über Soziale Netz werk platt formen. Dazu wurden Kontakte von Kontakten aus den Netz werken der Forschergruppe aktiviert. Die er mittelten Personen er hielten Anfragen zur Teilnahme an einem Interview, sofern sie in das Raster der Stichprobe passten. Für das Raster der Stichproben zusammen stel lung wurde aus der Vor gänger studie (Schmidt, Hasebrink & PausHasebrink, 2009) die Eintei lung in vier Alters gruppen über nommen: 12 bis 14 Jahre, 15 bis 17 Jahre, 18 bis 20 Jahre sowie 21 bis 24 Jahre. Differenziert wurde in dem VorabFragebogen ferner nach Bildungs niveau, nach der Internetnut zung bzw. affini tät sowie danach, ob die Interviewten ihrer Aus bildung oder ihrem Beruf in der Stadt (München) 85 oder im Umland (von München) nach gehen. Die folgende Tabelle liefert eine Über sicht über die Zusammen stel lung der Stichprobe2. Tabelle 3: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre Geschlecht 4 männ lich 3 männ lich 2 männ lich 3 männ lich 2 weib lich 3 weib lich 4 weib lich 3 weib lich Schule/Aus - bildung/Beruf 2 Gymnasium 2 Gymnasium 2 Gymnasium 2 Hoch schule 2 Realschule 2 Realschule 2 Hoch schule 2 Aus bildung 2 Haupt schule 2 Haupt schule 2 Aus bildung 2 Beruf Netznut zung/ Netzaffini tät 2 gering 0 gering 1 gering 0 gering 3 mittel 4 mittel 2 mittel 3 mittel 1 hoch 2 hoch 3 hoch 3 hoch Stadt/Umland 3 Umland 3 Umland 3 Umland 3 Umland 3 Stadt 3 Stadt 3 Stadt 3 Stadt Die Erziehungs berechtigten von Minderjähri gen wurden vor der Ver ein barung eines Interviews über einen Elternbrief und ge gebenen falls Gespräche über die Ziele der Studie und die konkreten Fragen informiert. Daten schutz hinweise er folgten sowohl zu Beginn als auch am Ende jedes Interviews3. Die Interviews fanden in fast allen Fällen in privaten Wohnräumen der Interviewten statt, in manchen Fällen auch in ruhigen Um gebun gen öffent licher Einrich tungen. Die Situie rung der Interviews an Orten, welche die Interviewten bereits kannten, zielte darauf ab, dass diese sich wohl fühlten. Dies sollte die Offen heit der Interviewsitua tionen erhöhen. Kosten für die Anmie tung von Räumlich keiten ent fielen zugunsten von geringen Kosten für Anfahrten zu den Interviews im Raum München. Die Interviewten er hielten eine kleine Auf wandsentschädi gung in Form eines Gutscheins für einen OnlineHändler. Die Dauer der Interviews betrug zwischen 45 und 70 Minuten. In den meisten Interviews wurde der Zeitrahmen von 60 Minuten aus geschöpft. Der Leitfaden erwies sich als passend für die an gesetzte Zeit. Bei Interviewten, die umfang reiche Reflexionen äußerten, konnte über die Fragen auf der ersten Ebene (im 2 Anzumerken ist an dieser Stelle, dass ursprüng lich jeweils drei weib liche und drei männ liche Interviewte in allen vier Alters gruppen sowie jeweils zwei Nutzer mit geringer, mittle rer und intensiver Netznut zung in allen vier Alters gruppen ge plant waren. Die GenderVertei lung ließ sich aus organisatori schen Gründen nicht ganz so umsetzen; bei der Netznut zung/Netzaffini tät er kannten wir bei der Aus wertung, dass nicht alle Fragebogen angaben sinn voll waren. München und Umland wurden ge wählt, um trotz knapper Ressourcen FacetoFaceGespräche mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen führen zu können. 3 Für jedes Interview wurde bei Minderjähri gen eine Einverständnis erklä rung der Erziehungs berechtigten, von Volljähri gen eine Einwilli gungs erklä rung ein geholt. Erläute rungen zum Daten schutz und deren eventuelle Fragen er folgten in allen Fällen gleich. Über die Ver wertung der Daten im Rahmen von Forschungs zwecken wurden die Interviewten ebenso informiert wie über das späteste Datum der Löschung der digitalen Gesprächs aufzeich nungen und die Möglich keit der Einsicht in die Forschungs ergeb nisse. 86 Leitfaden mit schwarzen Kreisen markiert) ein breites Spektrum von Antworten zu den intendierten Forschungs fragen er mittelt werden. Für Interviewte, die eher knapp antwor teten, standen ge zielte Nach und Folgefragen in aus reichen dem Umfang zur Ver fügung (weiße Kreise). Alle Interviews wurden von demselben wissen schaft lichen Mitarbeiter ge führt. Forschungs relevante Elemente in den Interviewsitua tionen, die über die auf genommenen und trans kribierten Gespräche hinaus gehen (Gesprächs atmo sphäre, Rapport, Gesprächsverlauf, auf fallende Themen etc.), wurden notiert und in der Aus wertung be rücksichtigt. 2.1.3 Aus wertung und Darstel lung In der Interviewstudie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen war ein Relevanz system aus Kategorien und Kodes durch die Forschungs fragen vor gegeben. Der Interviewleit faden folgte diesem Relevanz system. Die Aus wertung sah daher eine zusammen fassende Inhalts analyse (Mayring, 2000) vor: Theore ti sche Vor arbeiten legen be stimmte Kategorien und Kodes nahe, deren Existenz im Material ge prüft wird. Der Aus wer tungs leit faden be gründet Kategorien und Kodes mit Bezug zu den Forschungs fragen und gibt zudem Beispiele und Vor gehens weisen für die Kodie rung vor, da die Aus wertung von mehreren wissen schaft lichen Mitarbeitern durch geführt wurde. Die Trans kripte der Interviews wurden zunächst mit MAXQDA kodiert. Nach der Kodie rung wurde für jedes Interview eine ca. vier bis sechs seitige zusammen fassende Aus wertung an gefertigt. Diese wiederum bildete die Grundlage für die ab schließende Suche nach Gemeinsam keiten und Unter schieden zwischen den Interviewten. Wir haben bei der Akquise der Stichprobe von 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren darauf ge achtet (siehe oben), dass kein spezieller, vor allem soziodemografi scher Faktor systemati sche Effekte bei unseren Interviews hervor ruft: So haben wir insgesamt be trachtet gleich viele Mädchen und Jungen befragt sowie gleich viele Personen, die eher in städti scher und eher in länd licher Umgebung wohnen. Wir haben alle Schularten (Haupt schule, Realschule, Gymnasium) be rücksichtigt und junge Erwachsene sowohl im Beruf oder in der Berufs ausbil dung als auch im Studium einbezogen. Dies darf aber kein Anlass dafür sein, wie im quantitativen Teil der Studie nach Zusammen hängen zu suchen, denn hierfür ist selbstredend die Stichprobe zu klein. Beim Fest legen des Umfangs der Stichprobe haben wir uns dafür ent schieden, eine Anzahl zu be rücksichti gen, die einen Blick auf ver schiedene Lebens bedin gungen erlaubt. Gleichzeitig be deutet das im Kontext der Ressour cen für diese Studie, dass wir keine 24 biografisch orientierten Einzelfall auswer tungen und systemati schen Fall vergleiche vornehmen konnten. Was die Ergeb nisse der Interviews also leisten können, ist ein Einblick in die Nutzungs weisen, Kennt nisse, Bedürf nisse und Einstel lungen, die man bei Jugend lichen 87 und junge Erwachsenen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen be obachtet. Dabei besteht die Chance, sowohl Konstanten als auch Individuali tät zu er kennen sowie die Ab hängig keit von persön lichen Lebens bedin gungen exemplarisch zu ver deut lichen. Dieses Ziel hat auch die Darstel lung der Ergeb nisse be einflusst: In einem ersten Schritt wird jeder unserer Interviewpartner in einem Profil kurz vor gestellt. Diese Profile umfassen die Angaben zur Lebens situa tion sowie einen knappen Über blick über die Interviewergeb nisse und machen nicht ganz zwei Drittel der Ergebnis darstel lung aus. In einem zweiten Schritt werden die Interviewergeb nisse über alle Befragten, gruppiert nach den vier Alters gruppen, in Bezug auf Fragen zu Nutzungs mustern, Gratifika tionen, Risikobewusstsein sowie Umgang mit und Einstel lung zu Privat heit und Öffentlich keit zusammen gefasst. Eine Gruppie rung nach Alters gruppen er schien nach den ersten Ana lysen des Daten materials sinn voll, da deut liche Ver ände rungen mit zunehmen dem Alter auf fast allen Aus wer tungs dimensionen zu er kennen sind. Dabei haben wir auf konkrete Quantifizie rungen zugunsten von qualitativen Angaben ver zichtet: Es geht nicht darum, einzelne Aus sagen zu zählen, sondern sie zu einem Bild zusammen zusetzen. Die bei Schritt 2 und 3 ver wendeten Zitate dienen der exemplari schen Ver anschau lichung und nicht dem direkten Beleg einzelner Interpreta tionen. Letzteres hätte den Rahmen der Darstel lungen in diesem Bericht ge sprengt. In einem dritten Schritt (eine Art Aus blick) stellen wir erste Über legungen dazu an, welche Präferenzen uns nach den Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen auf gefallen sind, und formulie ren auf dieser Basis drei Präferenz dimensionen. Vom Ver such einer Typen bildung haben wir nach Aus wertung der Interviews Abstand ge nommen. Zum einen sind die Persönlich keiten der von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen so vielschichtig, dass eine Zuord nung zu einem Typus nicht adäquat er scheint. Zum anderen ist die Alters spanne von 12 Jahren zu weit, um über alle Alters gruppen hinweg über haupt sinn voll Typen bilden zu können. 88 2.2 Ergeb nisse 2.2.1 Profile der Jugend lichen/jungen Erwachsenen Jugend liche zwischen 12 und 14 Jahren Robert (12 Jahre) Robert besucht eine Haupt schule in der Stadt. Seine Mutter ist alleinerziehend und schließt derzeit eine Aus bildung im Erziehungs bereich ab; sein Vater arbeitet im Handwerk. Robert hat einen Bruder, der die erste Klasse besucht. Von sich aus weist Robert darauf hin, dass er sich vor einer Lehrerin fürchtet. In der Schule scheint er sich nicht wohl zu fühlen. Besser fühlt er sich, wenn er sich mit seinen Freunden über gemeinsame Interessen aus tauschen kann. Er kennt eine breite Palette von Internetangeboten wie YouTube, Facebook, Lokalisten, Habbo und Skype und nutzt diese oft, um unter haltsame Inhalte zu suchen. Er spricht offen darüber, dass er sich gerne Filme und andere Medien inhalte über ver schiedene Dienste herunter lädt. In seiner Freizeit ist Robert in einem Sport verein aktiv. Sein Traum ist es, später einmal Pilot zu werden. ■■ Früher nutzte Robert die Soziale Netz werk platt form Lokalisten. Kürzlich wechselte er zu Facebook, wo er mit einer über schau baren Anzahl an Freunden, Mitschülern und Ver wandten Kontakt hat und chattet. Teilweise spielt er auch in Facebook zusammen mit anderen. Robert greift zudem auf Skype zurück, um mit Ver wandten im Ausland zu sprechen. ■■ Robert dient das Internet vor allem der Unter haltung (Musik, Video, Spiele), zum Download von Videospielen und ge legent lich zur Informa tions recherche. Soziale Netz werk platt formen und Messenger-Dienste nutzt er zur Kommunika tion. ■■ Robert zeigt in seinem Profil bei Facebook, welchen Sportarten er nach geht und welche Filme er gesehen hat. Über seine Ängste oder Probleme in der Schule schreibt er in Sozialen Netz werk platt formen dagegen nicht. Er hat seinen Namen an gegeben und will noch ein Profil bild einstellen. Privatsphäre-Einstel lungen hat er an scheinend nicht an gepasst. Er will keine Daten über Dritte preis geben, weil er Sorge hat, dass diese es dann auch mit seinen Daten tun. ■■ Was Risiken auf Sozialen Netz werk platt formen oder im Internet generell sind, kann Robert teil weise sagen; teil weise äußert er sich auch wider sprüch lich und wirkt ver unsichert. Welche Informa tionen privat sind und welche nicht, oder was alles zum Privaten gehört, kann Robert nicht genau sagen. Er spricht pein liche Bilder an, die er schon gesehen und selbst nicht ver öffent licht hätte. Dabei äußert er auch Angst vor Sanktionen anderer, wenn er ohne ihr Einverständnis Fotos ver öffent lichen würde. Robert orientiert sich bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in hohem Maße an seinem Freundes kreis, der ihm wichtig ist. Er ist in vieler Hinsicht besorgt, aus geschlossen zu werden, und passt sich in seinem Ver halten den Freunden an. „Meine Freunde haben immer nur über Facebook geredet. Viele haben ge fragt: Bist du in Facebook? Ich sagte nein. Sie sagten: Melde dich an … Das hab ich auch jetzt ge macht.“ 89 Felix (12 Jahre) Felix lebt mit seiner Familie in einiger Ent fernung zur Stadt in einer länd lichen Gegend. Er besucht eine Realschule. Sein Vater ist Mitarbeiter in einem mittelständi schen Unter nehmen, seine Mutter arbeitet in einem Reisebüro. Die Empfeh lung, er solle sich bei den Lokalisten registrie ren, kam aus seinem Freundes kreis. Seine ältere Schwester hat ihm ge zeigt, wie er sich ein eigenes Profil einrichten und sich mit seinen Freunden aus tauschen kann. Beim Interview ist sein letzter Besuch auf der Seite Lokalisten bereits zwei Wochen her. Er sagt, dass er manchmal ver gisst, die Seite aufzu rufen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Im Interview ist Felix eher schüchtern. Er ist Mitglied in zwei Sport vereinen, spielt Fußball und macht Wintersport. Außerdem lernt er Gitarre. ■■ Felix ist ver hältnis mäßig selten im Internet. Er nutzt die Soziale Netz werk platt form Loka- listen, ist dabei aber recht zurück haltend. In Lokalisten hat er nur zu seinen Freunden Kontakt, und zwar aus schließ lich asynchron über die Nachrichten funk tion. ■■ Felix sieht den Nutzen Sozialer Netz werke wie Lokalisten ver halten: Eines seiner wenigen Ziele bei der Nutzung ist, sich mit Freunden zu ver abreden. Er möchte sich jedoch bald bei Lokalisten ab melden, weil viele seiner Freunde zu Facebook ge wechselt sind. ■■ Mit seinen privaten Daten geht Felix auf der Sozialen Netz werk platt form Lokalisten sehr restriktiv um, ver wendet einen ab geänderten Namen und hat kein Profil bild ein gestellt. Er ver öffent licht nur sein Alter. Bei der Nutzung des Netz werks orientiert er sich vor allem an seiner großen Schwester, die bei Lokalisten wie auch Facebook aktiv ist. ■■ Aus mehreren Äußerun gen lässt sich ent nehmen, dass sich Felix vor möglichen Konse- quenzen seiner Internetnut zung fürchtet, etwa dass Einbrecher kommen, wenn er den Wohnort angibt, dass die Polizei vor der Türe steht, wenn im Internet über Delikte kom- muniziert wird oder dass er Geld be zahlen muss, wenn er auf Links klickt, die ihm un bekannt sind. Seine Kompetenzen im Umgang mit sozialen Netz werken sind ein geschränkt. Trotzdem glaubt er nicht, dass er einen weiteren Bera tungs bedarf im Hinblick auf „sichere Internet- nut zung“ hat. ■■ Für Felix fallen sein Wohnort sowie seine Schulleis tungen in einen privaten Bereich, den er nur mit guten Freunden be spricht. Ärger liche An gelegen heiten, wie z. B. Streit mit den Eltern, klärt er im Kreis der Familie und trägt nichts davon nach außen. Felix hat eine eher gering aus geprägte Netzaffini tät und ist äußerst vor sichtig im Umgang mit dem Internet. Im Interview antwortet er sehr knapp und scheint auch hier eher vor sichtig zu sein. Mit dem Wort Privatsphäre kann Felix trotz Nach hakens seitens des Interviewers nichts anfangen. Er hat aber eine Vor stel lung davon, was für ihn privat ist. „Ich find das nicht so gut, weil dann kommt irgendein Hacker, der weiß das dann, wo man wohnt und dann bricht der dann ins Haus ein, wenn niemand da ist oder so etwas.“ 90 Stefanie (12 Jahre) Stefanie besucht das Gymnasium in einem länd lichen Bereich. Das Wohnhaus ihrer Eltern liegt in direkter Nähe ihrer Großeltern. Im Alltag außerhalb der Schule und ihres Freundes- kreises hat sie sehr viel mit ihren Eltern, ihrer jüngeren Schwester und ihren Großeltern zu tun. Beide Eltern sind be rufstätig: der Vater im Handel, die Mutter im Finanzwesen. In ihrer Freizeit übt Stefanie alleine oder mit Freundinnen auf dem Trampolin. Zusätz lich geht sie zwei- oder dreimal in der Woche in ein Leis tungs training. Im Internet informiert sie sich über Trainingstipps und neue Tricks. Sie spielt darüber hinaus Klavier. Das Internet ist für sie die schnellste Möglich keit, bei Langeweile etwas zu tun zu haben. Vor allem Facebook bietet ihr ständig Neuig keiten aus dem Freundes kreis. Ohne das Internet wäre ihr öfter langweilig. ■■ Stefanie greift auf Internet-Angebote von ver schiedenen PCs aus zu oder auch mobil mit einem iPod. Sie nutzt Internetportale, Facebook, Messenger und E-Mails. In der Facebook- Kontakt liste hat sie nur Bekannte, wobei diese auch aus dem weiteren Umfeld kommen können. Die Kommunika tion mit anderen ist ihr wichtig. ■■ Das Internet dient Stefanie zur Unter haltung (Videos oder Spiele), zur Informa tion (etwa für die eigene Sportart) sowie zur Kommunika tion und Kontakt pflege mit ihren Freunden. Sie möchte sich online nicht anders präsentie ren als offline. ■■ Stefanie macht nur wenige Informa tionen über sich öffent lich und diese auch nur für ihre Kontakte. Insbesondere achtet sie darauf, möglichst wenige Bilder zu ver öffent lichen. Sie nutzt Facebook auch, um Beiträge zu kommentie ren oder zu „liken“; zudem ver öffent licht sie ge legent lich Links zu YouTube-Videos oder witzige Einträge von anderen Seiten. Über Dritte gibt sie nur Informa tionen weiter, die sie als un verfäng lich einschätzt. Sie orientiert sich in ihrer Internetnut zung an ihrem Vater und wendet sich daneben bei Fragen an ihre Mitschüler. ■■ Stefanie wird regelmäßig über sicher heits relevantes Ver halten im Internet informiert, vor allem in der Schule. Sie hat ihre Privatsphäre-Einstel lungen an gepasst und ver sucht, sich risikobewusst zu ver halten. Außerdem hat sie schon über prüft, was von ihr ge funden werden kann. Im Umfeld hat sie schon erlebt, dass sich hinter schein bar be kannten Profilen fremde Personen ver bergen können. ■■ Mit dem Begriff Privatsphäre kann Stefanie nicht viel anfangen, aber ihr ist bewusst, was private Informa tionen sind und achtet darauf, diese nur aus gewählten Personen mitzu teilen. Stefanie ist für ihr Alter gut mit digitalen Medien aus gerüstet und ver wendet diese recht ge zielt. Spaß und prakti sche Vor teile sind ihr wichtig, aber sie ist auch gut über Risiken informiert und ver sucht, diese zu ver meiden. Sie gehört zu einigen der wenigen, die die Schule als Quelle für relevante Informa tionen nennen, und fühlt sich gut informiert. „Oft schau ich einfach nur in Facebook, ob es grad was Neues gibt oder so. Und wenn nichts da ist, seh’ ich halt, ah da ist jemand on, oder mich schreibt jemand an, und wenn ich grad Lust habe, dann schreib ich halt zurück …“ 91 Patrick (13 Jahre) Patrick besucht die Unter stufe eines Gymnasiums in der Stadt. Sein Vater ist Geschäfts- mann; seine Mutter arbeitet als Dolmetscherin. Im Internet ist er noch nicht lange aktiv und be schränkt sich auf E-Mail-Kommunika tion und wenige Internet seiten. Sein Interesse gilt vor allem Videospielen. Mit Flugsimulatoren ver bringt er viel Zeit. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich stark an seinen Eltern, die nicht möchten, dass er in seinem Alter schon Soziale Netz werk platt formen nutzt. Im Internet ver bringt er deswegen nicht allzu viel Zeit. In seiner Freizeit interessiert sich Patrick für mehrere Aktivi täten wie Klavier spiel oder Wintersport. Außerdem ist er gerade dabei, Chinesisch zu lernen. Er weist für sein Alter ein hohes Sprachniveau und Refle xions vermögen auf. ■■ Im Internet interessiert sich Patrick für Wikipedia, Flugsimulatoren und Google-Anwen- dungen. Er hat eine eigene E-Mail-Adresse und greift auf das Internet mit seinem eigenen Computer zu. Soziale Netz werk platt formen nutzt er nicht. ■■ Für Patrick besteht der Nutzen des Internet vor allem darin, Informa tionen (z. B. für die Schule) zu suchen und Unter haltung zu finden. Er würde auch gerne Facebook nutzen, weil ein Teil seiner Freunde schon dort ist und er einen ge wissen Gruppen druck spürt. Seine Eltern er lauben ihm das aber noch nicht. ■■ Patrick möchte selbst die Kontrolle darüber be halten, was er von sich wem ver fügbar macht, z. B. ist sein Profil bild bei Google Mail (ein Hubschrauber) nur für seine Kontakte sicht bar. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich an seinen Eltern, die er fragt, bevor er sich bei einer neuen Anwen dung anmeldet. ■■ Trotz der eher geringen Interneterfah rung kennt Patrick die Risiken gut, die es gibt, wenn man zu viel über sich online offen legt. Ihm ist klar, dass z. B. Partybilder auf Facebook zu einem negativen Eindruck bei einem späteren Arbeit geber führen könnten. Seine eigenen Internet kennt nisse reflektiert er kritisch und weiß, dass er noch dazu lernen kann. ■■ Probleme be spricht Patrick vor allem mit seinen Eltern und manchmal auch mit Freunden. Konflikte mit Freunden regelt er persön lich und würde das nicht online machen. Die Kontrolle über seine Daten im Internet ist ihm wichtig. Aus dem Grund ver wendet er z. B. auf Spiele- Portalen eine anonymisierte E-Mail-Adresse. Patrick ist einer seits als wenig er fahrener Internet-Nutzer einzu schätzen, zeigt sich aber dennoch sehr risikobewusst. Bei seiner Internetnut zung orientiert er sich stark an seinen Eltern und richtet sich nach deren Vor gaben. Deswegen ist er auch auf Sozialen Netz werk- platt formen (noch) nicht unter wegs. Er ist spielebegeistert und greift in diesem Zusammen- hang auch auf das Internet zurück, ver hält sich dabei aber sehr vor sichtig. Insgesamt ver bringt er ver gleichs weise wenig Zeit im Internet. Seine zahl reichen Hobbys und Aktivi- täten haben in seinem Alltag eine höhere Bedeu tung. „Die meinen halt, wenn ich noch so zwei, drei Jahre älter bin, dann würden sie mich da hinlassen, weil ich dann vielleicht noch besser damit umgehen könnte, weil ich jetzt ja noch ein bisschen jung wäre und nicht gut mit meinen Daten vielleicht umgehen könnte.“ 92 Florian (14 Jahre) Florian besucht eine Realschule in der Stadt. Die meisten seiner Freunde hat er in der Schule kennen gelernt. Seine Eltern sind geschieden. Florian wohnt bei der Mutter. An jedem zweiten Wochen ende besucht er seinen Vater. Außerdem kümmern sich seine Großeltern um ihn. Sein Vater arbeitet im Energiebereich, seine Mutter in der Tourismus branche. Florian geht aktiv zwei Sportarten nach. Er kennt sich nach eigener Einschät zung gut mit Computern aus und be geistert sich für Videospiele. Mit Freunden tauscht er sich darüber hinaus gerne über aktuelle Mode und digitale Spiele aus. Er sagt von sich, er sei ein sehr guter Koch und möchte sich – so seine derzeitige Idee – von einem kleinen Hilfs koch zum Chefkoch hocharbeiten. ■■ Im Internet nutzt Florian vor allem Facebook und YouTube. Über Facebook tauscht er sich vor rangig mit seinen Freunden aus. Er nimmt dort auch Anfragen von Personen an, die er bislang nicht kannte. Er ver sucht, sich vorher über die Profilinforma tionen ein Bild von den Anfragen den zu machen. ■■ Der primäre Gewinn von Facebook besteht für Florian darin, mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben, die eben falls alle Facebook nutzen. Dort kann er sich über seine Kontakte genauer informie ren, mit ihnen Ver abre dungen treffen und ihnen von seinen Erleb- nissen be richten. ■■ Florian gibt in Facebook seinen Namen an und be richtet offen von seinen Hobbys und Interessen. Er ver meidet es aber, seine Kontakt daten, pein liche Informa tionen oder Fotos von sich, aber auch von anderen, dort einzu stellen. Sein Profil ist für Personen, die nicht in seiner Kontakt liste sind, nicht einseh bar. ■■ Spezifi sche Sorgen in Bezug auf Daten schutz macht sich Florian tendenziell nicht. Er kann aber sagen, was er im Internet nicht machen würde, weil es anderen schaden könnte, z. B. zu lästern oder pein liche Fotos von anderen zu ver öffent lichen. Außerdem findet er es nicht gut, wenn Lehrer auf sein Profil zugreifen können oder Firmen für Werbung seine Daten abrufen. ■■ Private Dinge wie Sorgen, Probleme oder Gefühle ge hören für Florian nicht ins Internet. Sport oder Partys sind für ihn allerdings nichts, was er geheim halten möchte. Wenn andere auf Facebook falsche Angaben machen, vor allem beim Namen, findet er das nicht gut, weil er wissen möchte, mit wem er es zu tun hat. Florian ist als durch schnitt licher Internetnutzer einzu stufen, der vor allem Facebook gerne nutzt, um mit Freunden, die auch weiter weg wohnen, in Kontakt zu bleiben. Er macht in Facebook einige Daten von sich öffent lich (Name, Hobbys, Fotos), schützt aber sein Profil, indem nur be stätigte Kontakte Zugriff auf seine Daten er halten. Eine be sonders kritische Haltung zum Umgang mit eigenen Daten im Internet legt Florian nicht an den Tag. Seiner Meinung nach gibt es Dinge, die jeder über ihn wissen kann. Anderes dagegen, z. B. pein- liche Fotos, die in Facebook ein gestellt werden, sieht er kritisch. „Ich schau mir die Bilder an, da erfährt man so den ersten Eindruck. Dann schau ich auch noch mal die Info nach, welche Interessen haben die, was machen die so. Darüber erfahr ich sehr viel.“ 93 Anna (14 Jahre) Anna besucht eine Haupt schule im länd lichen Raum. Da beide Eltern be rufstätig sind, ver- sorgt sie sich nach der Schule zu Hause meistens selbst. Ihr Vater arbeitet in einem Hotel, die Mutter ist Ver käuferin. Sie hat einen Bruder, der in einer Fabrik arbeitet. In ihrer Freizeit trifft sich Anna mit Freunden und Bekannten. Früher waren ein paar Sportarten ihr Hobby; das ist derzeit nicht mehr so. Weitere Hobbys nennt sie nicht. Anna glaubt, dass andere über sie denken, sie würde ziem lich viel Zeit in ihrem Zimmer ver bringen. Die Nutzung des Internet zum Aus tausch im Freundes kreis und zur Unter haltung nimmt in ihrem Alltag eine wichtige Rolle ein. Nach dem Schulabschluss möchte sie eine Aus bildung als pharma- zeutisch-techni sche Assistentin machen. ■■ Anna ist in Facebook und in einer lokalen Sozialen Netz werk platt form registriert, nutzt Skype und YouTube. Sie geht mehrmals täglich online und hat in Sozialen Netz werken auch Freunde, die sie nur über einen Nachrichten austausch kennen gelernt hat. ■■ Soziale Netz werk platt formen dienen Anna vor allem dazu, mit all ihren Bekannten jederzeit in Kontakt treten zu können und über Neuig keiten wie Ver anstal tungen oder Erleb nisse ihrer Freundinnen informiert zu werden. Zudem sieht sie den Vorteil, Konflikte besser mit Hilfe dieser Dienste als persön lich lösen zu können. ■■ Anna hat auf den Netz werk platt formen ihren Namen, Hobbys sowie ein Profil bild öffent- lich ge macht – weitere Informa tionen wie Geburts tag, Wohnort und Telefon nummer, Schul- noten und An gelegen heiten ihrer Familie sind für sie privat. Einen öffent lich sicht baren Aus tausch im Netz werk pflegt sie zu Themen wie Musik, Film, Serien, sofern sie sicher ist, mit ihren Vor lieben nicht alleine dazu stehen. ■■ Vor unerwünschten Kontaktanfragen hat Anna keine Angst: Sie kontrolliert die Daten von Personen, die sie kontaktie ren und erkennt auf diesem Wege auch Fake-Accounts, deren Anfragen sie dann ignoriert. Dass Freundinnen pein liche Videos auf Facebook zeigen, findet sie lustig, geht aber selbst vor sichtig damit um: Familie und Ver wandte könnten darauf zugreifen. Sind Informa tionen von ihr ohne ihr Einverständnis öffent lich, so sorgt sie dafür, dass diese ge löscht werden. ■■ Familiäre An gelegen heiten und Beziehungs fragen sind für Anna private Themen. Sie hat ein aus geklügeltes System, mit wem sie über welche Themen spricht: mit Eltern über den Schulabschluss, aber nicht das Wochen ende; mit besten Freundinnen über Wochen end- aktivi täten, aber nicht über Probleme ihrer Familie und so weiter. Für Anna sind das Internet und speziell Soziale Netz werk platt formen ein sehr wichti ges Medium, um sich mit Freunden offen auszu tauschen. Durch die Mitglied schaft im Netz werk fühlt sie sich sozial ein gebunden und präsentiert sich dort ihrer Meinung nach weniger schüchtern als real. Sie geht relativ offen, aber auch „ab gestuft“ mit ihren Daten im Internet um. Auf un gewollte Kontaktanfragen reagiert sie selbst bewusst. „Ja, also im Internet schreibt man halt offener so … – da muss man halt nicht jemandem ins Gesicht sehen, wenn man mit dem reden will oder so und irgendeinen Streit auf klären will.“ 94 Jugend liche zwischen 15 und 17 Jahren Jonas (15 Jahre) Jonas besucht ein Gymnasium in der Stadt. Er lebt zusammen mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einem Vorort. Sein Vater arbeitet in einer staat lichen Einrich tung. Seine Mutter ist freiberuf lich tätig. Jonas gibt an, er habe nach einem Umzug Schwierig- keiten damit gehabt, neue Freunde zu finden. Er be schäftigt sich in seiner Freizeit mit einer Vielzahl von Spielen, die er alleine oder in seinem kleinen Freundes kreis spielt: Strategiespiele, Karten spiele, Offline- oder Online-Videospiele. Im Internet nutzt er vor allem An gebote aus dem Bereich des Online-Gaming. Für diese be nötigt er selten mehr Angaben als ein Pseudonym und eine E-Mail-Adresse. Umfang reiche Profile hat er im Internet nicht. Über Soziale Netz werk platt formen tauscht sich Jonas mit seinen Freunden kaum aus. Nach dem Abitur möchte er Chemie oder Informatik studie ren. ■■ Jonas ist nicht täglich im Netz aktiv, unter anderem, weil ihm das die Eltern mit dem Ziel ver bieten, dass er sich besser in der Schule konzentrie ren soll. Er hat einen Laptop und einen Desktop-Rechner und nutzt diese Geräte vor rangig zum Spielen. Skype ver wendet er ab und zu zur Kommunika tion, um mit seinen Freunden Kontakt zu halten. ■■ Soziale Netz werk platt formen ver wendet Jonas kaum und inzwischen so gut wie gar nicht mehr. Der einzige mögliche Nutzen, den er sieht, besteht darin, sich bei Social Games auf Facebook unter einander zu helfen. ■■ Entsprechend hat Jonas auf Facebook wenige persön liche Daten von sich ein gestellt: nämlich nur den Namen und das Geburts datum. Bei Online-Spielen ver wendet er Pseudo- nyme. Fotos möchte er nicht von sich ver öffent lichen. ■■ Ob er in Facebook schon einmal Privatsphäre-Einstel lungen vor genommen hat, kann Jonas nicht sagen. Da er Soziale Netz werk platt formen kaum nutzt und nur wenige Daten ein gegeben hat, sieht er keinen Anlass, sich darüber Gedanken zu machen. Speziell mit Bank daten ist er vor sichtig, weil er durch aus Betrüger im Netz ver mutet. ■■ Privat sind für Jonas vor allem das Familien leben und Sorgen rund um die Schule. Aber auch die eigenen Einkäufe sind etwas, was er nicht mit anderen teilen möchte. Welche Interessen er hat, dürfen andere dagegen von ihm wissen. Jonas Beispiel im Umgang mit dem Internet zeigt, dass es auch Jugend liche gibt, die kein Interesse an Sozialen Netz werken haben. Der Grund hierfür scheint darin zu liegen, dass er nur wenige Freunde hat, mit denen er sich ver netzen kann. Für das Interessens gebiet Spiel sind andere Internetanwen dungen wichti ger; Selbst darstel lung und Kommunika tion spielen dabei keine nennens werte Rolle. Ent sprechend gering ist Jonas Wissen und Risikobewusstsein in punkto Soziale Netz werk platt formen. „Es ist mir relativ egal, was Leute, die ich nicht kenne, von mir denken, weil die mich wahrschein lich auch nicht kennen. Höchstens übers Internet und dann dürfen sie ruhig denken, was sie wollen. Meine Freunde, die sehe ich ja mehr oder weniger auf täglicher Basis dann, die wissen ja sowieso, dass ich anders bin, wie’s vielleicht rüberkommt im Internet.“ 95 Sarah (15 Jahre) Sarah besucht eine Haupt schule in der Stadt. Sie ist Einzel kind und wohnt zusammen mit ihren Eltern in einem ge hobenen Viertel im innerstädti schen Bereich. Ihr Vater arbeitet in einem inter nationalen Groß konzern, ihre Mutter ist Haus frau. Nach mehreren Umzügen innerhalb von Deutschland ist ihr Freundes kreis über das Bundes gebiet ver teilt. Sarah investiert viel Zeit, um frühere Freund schaften mittels Sozialer Netz werk platt formen zu halten. Neue Freund schaften knüpfte sie nach eigenem Empfinden mühe los am jeweils neuen Wohnort ihrer Familie. Soziale Netz werk platt formen empfindet sie dabei als Erleichte- rung. Mit Freunden ver bringt sie viel Zeit in der Stadt und beim Einkaufen. Sie nimmt sich als beliebt wahr. Sie möchte in der nächsten Zeit möglichst am selben Ort wohnen. Wenn es in der Schule gut läuft, möchte sie auf eine weiter führende Schule. ■■ Sarah ist es ge wohnt, mit ihrem Smartphone immer im Internet zu sein. Dass ihr in der Schule die Nutzung des Geräts für die Dauer des Unter richts ver wehrt wird, empfindet sie als autoritären Eingriff in ihren Hand lungs spiel raum. ■■ Facebook gibt Sarah die Möglich keit, Personen, mit denen sie das erste Mal zu tun hatte, leichter kennen zulernen als durch persön liche Gespräche. Nach Umzügen ist Facebook für Sarah eine einfache Möglich keit, neuen Klassen kameraden Einblicke zu geben, wer sie ist und was sie macht. Facebook ist für Sarah außerdem ein Kommunika tions raum, in dem sie von Lehrern und Eltern unabhängig ist. ■■ Sarah hat einmal die Daten schutz einstel lungen in Facebook so geändert, dass nur ihre Freunde auf ihre Beiträge zugreifen können. Telefon nummern, E-Mail-Adressen und alle anderen Daten macht sie ihren Freunden zugäng lich. Sarah schreibt gerne Beiträge über andere oder nimmt an Umfragen über andere teil. Wenn sie Fotos von anderen ver öffent- licht, fragt sie nicht nach, ob die ab gebildeten Personen damit einverstanden sind. Sarah schreibt in ihrer Pinnwand bei Facebook über alles, was sie in ihrem Alltag be schäftigt. ■■ Sarahs Risikobewusstsein ist gering aus geprägt. Wie sich der Anbieter Facebook finanziert, weiß sie nicht. Sie hat noch nicht darüber nach gedacht, wie ihre Daten ver arbeitet werden. Mit den Einstel lungen für den Daten schutz hat sie sich bisher kaum be schäftigt. ■■ Sarah hat ein aus geprägtes Bedürfnis nach Privat heit außerhalb der Kontrolle von Autori- täts figuren. Es gibt Themen, die sie nur mit Freunden be spricht; der Raum dafür ist Facebook. Als privat empfindet sie aber auch das Zuhause, in dem sie wohnt. Dort gibt es Themen, die sie nur mit ihrer Familie be spricht. Facebook ist für Sarah ein sehr wichti ger und eigenständi ger Kommunika tions raum, in dem sie sich von Erwachsenen unabhängig fühlt. Sie ist wenig risikobewusst und macht sich wenig Gedanken über die Sicher heit in Sozialen Netz werk platt formen. „Ich find’s gut, wenn meine Lehrer oder meine Eltern nicht mitlesen können, was ich auf Facebook so schreibe. Ich würde da sonst nicht so viel schreiben und ich will nicht, dass die mich da aus spionie ren.“ 96 Julia (15 Jahre) Julia besucht eine Realschule in der Stadt. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einer Reihen haussied lung. Ihre Mutter ist im Pflegebereich tätig. Ihr Vater hat eine kaufmänni sche Aus bildung, ist aber momentan ohne Arbeits stelle. Julia empfindet sich in der Klassen gemein schaft als eher isoliert und ärgert sich über das Ver halten ihrer Klassen- kameraden, die sie häufig als kindisch wahrnimmt. Auf der einen Seite fühlt sich Julia ihnen über legen, auf der anderen Seite be drücken sie die Probleme im Umgang mit anderen offen bar. Ihre Internetnut zung ist analog zum Ver hältnis zu ihren Mitschülern: Sie ver wendet nur wenig Zeit darauf, sich mit Personen aus ihrem Schulalltag über Soziale Netz werk platt- formen zu ver netzen. Die Beiträge ihrer Peers findet sie wenig interessant. Sie hat Berufs- wünsche wie Archäologin oder Rechts anwältin. Wenn ihre Noten gut genug sind, möchte sie das Abitur nach holen und studie ren. ■■ Julia ver sucht, jeden Tag online zu gehen, aber nur kurz, um E-Mails zu ver schicken und in Facebook nach neuen Nachrichten zu sehen. Am Computer zu sitzen, findet sie eher langweilig. Bei Facebook nimmt sie nur Kontaktanfragen von Personen an, die sie schon einmal persön lich ge troffen hat. ■■ Soziale Netz werkseiten sind für Julia vor allem dazu da, um mit Freunden und Mitschülern Kontakt zu halten. Dazu wurde ihr auch geraten. Sie hat in Facebook weniger als 40 Kontakte. ■■ Julia geht mit ihren Daten im Internet sehr vor sichtig um und macht kaum etwas über sich öffent lich – keine Fotos und keinen vollen Namen. Sie diskutiert auch keine Themen mit anderen online, wenn die Beiträge für andere sicht bar sind. Wenn andere falsche Angaben im Internet machen, stört es sie nicht. Dass Fotos von ihr ohne ihr Wissen online sind, möchte sie möglichst ver hindern. ■■ Julia schildert von sich aus zahl reiche Risiken im Umgang mit Sozialen Netz werk platt- formen, die sie insbesondere aus dem Fernsehen kennt, aber auch durch Eltern und Lehrer er fahren hat. ■■ Privat sind für Julia persön liche oder familiäre Probleme, die sie nur mit Personen be- spricht, die ihr sehr nahe stehen. Solche Dinge ge hören für sie nicht ins Internet. Julia will zudem keinen Kontakt mit fremden Personen in Netz werken und lehnt es ab, dass man Informa tionen über sie im Internet findet. Julia ist eher unerfahren im Umgang mit dem Internet, weil sie darauf ver gleichs weise wenig Zeit ver wendet. Sie findet es nicht gut, wenn andere viel Zeit im Internet ver bringen. Sie ist wegen ver schiedener Gefahren im Internet (Daten klau, Mobbing etc.), die sie kennt, be- unruhigt. Sie be zeichnet sich selbst als anders im Ver gleich zu anderen, be urteilt das aber ambivalent. Die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ist für sie eher ein soziales „Muss“ und weniger ein An gebot, das sie persön lich schätzt. „Ich hab immer allgemein Angst, wenn ich was an klicke, dass irgendwas dann gleich passie ren kann. Ent weder ich frage meinen Bruder oder meinen Vater oder meine Freundin. Also die eigent lich mehr Ahnung haben.“ 97 Martin (16 Jahre) Martin besucht eine Haupt schule im länd lichen Raum. Er be zeichnet sich selbst als lusti gen Menschen, der manchmal ein wenig unzu verlässig sein kann. In seiner Freizeit trifft er sich mit Freunden, spielt Videospiele oder liest im Internet aktuelle Meldun gen. Soziale Netz- werk platt formen sind ein täglicher Begleiter. Er ist sehr an Sport themen interessiert und selbst sport lich aktiv. Zusammen mit seinem Vater be geistert er sich für Rennsport. Martin gibt an, sich früher zu dick ge funden zu haben. Außerdem macht er sich Gedanken darüber, dass er am Gymnasium gescheitert ist, das er früher besucht hat. Er möchte jetzt seinen Schulabschluss ziel strebiger ver folgen und eventuell sogar studie ren, um später Sport- journa list werden zu können. ■■ Martin nutzt täglich Facebook und eine lokale Netz werk platt form. Zudem besucht er Internet seiten, die sein Sport-Interesse be dienen. In seinen Kontakt listen gibt es viele Personen, die er nicht persön lich, sondern nur vom Namen her oder nur über die Platt form kennt. Mit Kontaktanfragen geht er kulant um und nimmt sie meistens an. ■■ Soziale Netz werk platt formen nutzt Martin vor allem, um sich mit anderen zu ver abreden, sich über andere zu informie ren und sich auszu tauschen. Er ver wendet auch Status meldun- gen, um sich über spannende Erleb nisse zu äußern und Meinun gen zu ver treten, mit denen er bei seinen Freunden durch aus aneckt oder in Streit gerät. ■■ Martin unter scheidet bei privaten Daten zwischen Freunden, die sein Profil sehen können, und anderen Netz werknutzern, mit denen er nicht be freundet ist. Freunde informiert er in Facebook über Beziehungs status, Interessen und Alltags erleb nisse, Außen stehende dagegen nicht. Das einzige, was er nicht im Netz angibt, ist sein Wohnort. Sensible Informa tionen anderer, wie z. B. Ärger mit Freundinnen oder Erleb nisse, die mit Drogen zu tun haben, gibt er grundsätz lich nicht weiter. ■■ Vor Recherchen nach seiner Person hat Martin keine Angst, weil er aus seiner Sicht keine problemati schen Beiträge ver öffent licht. Bei seinen Mitschülerinnen sieht er die Gefahr, dass sie Opfer von Kontakt aufforde rungen älterer Männer werden, weiß aber auch um Hilfen bei solchen Problemen (z. B. Meldung an Netz werk betreiber). ■■ Privat sind für Martin familiäre und Beziehungs angelegen heiten, aber auch sein Schul- abstieg vom Gymnasium. Sein Wohnraum zu Hause sowie die sexuelle Beziehung zu seiner Freundin sind für ihn eben falls privat. Martin gibt sehr offen Aus kunft darüber, wie er Soziale Netz werk platt formen nutzt. Auch im Internet äußert er sich offen und begibt sich schon mal in hitzige Diskussionen. Die Konsequenzen seiner Ver öffent lichungen (auch Schimpfwörter; sich über andere lustig machen usw.) sind ihm teils bewusst, teils äußert er sich hierzu aber auch wider sprüch lich. „Ja so wenn ich auf Fotos markiert bin, auf denen dann – also ich lieber nicht drauf [bin], auf denen meine ganzen Freunde dann rauchen und stehen mit der Kippe herum und der Bierfla sche …, – dann mache ich die Markie rung weg.“ 98 Bastian (16 Jahre) Bastian besucht eine Realschule im länd lichen Raum. Nach der Grundschule wechselte er zunächst in die Haupt schule; später be suchte er ein Gymnasium und zuletzt wechselte er auf die Realschule. Seine Eltern leben ge trennt; beide sind im Handwerk tätig. Sein Bruder studiert. Seine Haupt bezugs gruppe in der Freizeit sind Freunde aus seinem Fußball verein und weitere Fußball begeisterte aus anderen Städten. Er interessiert sich für Graffiti-Kunst und möchte nach dem Schulabschluss eine Aus bildung zum Produk tions designer oder zum Medien gestalter be ginnen. Bastian nutzt seit mehreren Jahren eine lokale soziale Netz werk platt form, ver lagert seine Aktivität in letzter Zeit aber zu Facebook. Er informiert sich darin vor allem über Trainingstermine seiner Fußball gruppe. ■■ Bastian ist in Facebook und einer lokalen Netz werk platt form registriert und greift auf diese täglich am Nachmittag und abends zu. Er hat nur Personen in seinen Kontakt listen, die er persön lich kennt und sympathisch findet. ■■ In Sozialen Netz werken hat sich Bastian auf Ratschlag seiner Freunde registriert. In- zwischen schätzt er dort vor allem die Möglich keit, sich per Nachrichten auszu tauschen. Zudem informiert er sich in Facebook z. B. über Sport-Termine. ■■ Bastian ver öffent licht Informa tionen zu seinen Interessen (z. B. Musik) und Hobbys, sowie sein Alter und seine aktuelle Schule. Bei Fotos von Partys ist er dagegen vor sichtig. Informa- tionen über seine Freunde, z. B. zu ihren Aktivi täten oder privaten An gelegen heiten, würde er nicht un gefragt weiter geben. An ihnen orientiert er sich auch, wenn er Fragen zur Nutzung von Facebook hat. ■■ Dass andere Personen nach seinem Profil recherchie ren können, ist Bastian bewusst und er trifft daher auch Vor kehrungen: Zum einen achtet er darauf, dass seine Postings un verfäng lich sind; zum anderen ist er Mitglied in der Gruppe „Achtung, Facebook“, in der Diskussionen zum Daten schutz ge führt werden. ■■ Zur Privatsphäre ge hören für Bastian Informa tionen darüber, wo er wohnt oder sich gerade aufhält, die Beziehung zu seiner Freundin sowie schuli sche und familiäre An gelegen heiten. Diese persön lichen Informa tionen teilt er nur unter besten Freunden. In Facebook nutzt er einen Spitz namen, um vor rangig mit guten Freunden, die ihn und seinen Spitz namen kennen, Kontakt zu pflegen. Bastian zeigt im Interview, dass er sich Gedanken zur Nutzung von Sozialen Netz werk- platt formen macht: Er ver gleicht ver schiedene Dienste und passt auch sein Profil an die unter schied lichen Daten schutz einstel lungen der beiden Netz werke an, die er ver wendet. Seine Mitglied schaft in einer Gruppe zum Daten schutz bei Facebook zeigt, dass er für Fragen der Privatsphäre und Sicher heit von Daten im Internet sensibilisiert ist. „Ja, also, ich finde, dass man nicht sein ganzes Leben auf Facebook posten muss, wo man immer ist oder so. Ja, und wie’s einem geht. Da gibt’s schon so Leute, die machen das.“ 99 Lisa (17 Jahre) Lisa besucht die Oberstufe eines Gymnasiums in einem Stadt vorort. Ihr Vater arbeitet in der Technik branche, ihre Mutter im Medizinbereich. Im Haus der Familie wohnen außerdem zwei Brüder. Sie greift auf das Internet hauptsäch lich mit einem Desktop-Rechner in ihrem eigenen Zimmer zu. Sie besitzt zwar ein Smartphone, ver fügt aber nicht über einen Ver trag, der ihr damit einen Zugang zum Internet er möglicht. Damit sie schnell auf neue Nachrichten aus ihrem weit ver zweigten Bekannten kreis reagie ren kann, ist Lisa zu Hause ständig im Internet, auch wenn sie sich gerade mit anderen Dingen be schäftigt. Zu ihren Aktivi täten gehört ihre Arbeit als Schüler sprecherin. Sie geht in Ver einen mehreren Sportarten nach und spielt Klavier. Sie hat vielseitige Hobbys und einen breiten Bekannten kreis. Sie hat noch keine Ziele für die Zeit nach der Schule. ■■ Lisa ist zu Hause stets online, nicht aber unter wegs. Soziale Netz werk platt formen spielen eine große Rolle für sie, um immer er reich bar zu sein. Sie nutzt vor allem Facebook, den Internet-Messenger ICQ und den Webmailer Web. de. ■■ Sie schätzt an den Sozialen Netz werk platt formen die Integra tion von ver schiedenen Kommunika tions werkzeugen, mit denen sie die Form der Kommunika tion an ihre Anforde- rungen anpassen kann: z. B. längere Texte an einzelne Personen über persön liche Nach- richten, schnelle Fragen und Antworten über den Chat, dauer hafte Darstel lungen von Erfolgen (z. B. sport licher Art) und interessante Themen aus ihrem Bekannten kreis über die Pinnwand. ■■ Für Lisa sind in Facebook vor allem Kommunika tions werkzeuge wichtig. Daher ist sie nicht sonder lich interessiert daran, viel von sich zu zeigen. Sie möchte nicht, dass andere Personen detaillierte Angaben über sie finden. ■■ In ihrer Art der Nutzung sieht Lisa wenig Grund zur Besorgnis in Sachen Daten schutz und Privatsphäre. Sie glaubt, über Risiken gut informiert zu sein, und kann auch konkret be nennen, welche Daten sie wem zeigt. Eine ge wisse Orientie rung scheint ihr hier ihr Vater zu geben. Lehrern traut Lisa nicht zu, Jugend liche für sichere Nutzungs weisen sensibilisie- ren zu können, da zu ihnen ein Ver trauens verhältnis fehle. ■■ Lisa möchte nicht den Eindruck er wecken, jemand zu sein, der viel Zeit in das eigene Profil steckt, so dass man meinen könnte, man habe keine anderen Interessen. Interessen hat Lisa nämlich viele. Allerdings ist sie auch der Ansicht, Angaben wie der echte Name oder ein echtes Bild seien er forder lich, um ge funden zu werden und kommunizie ren zu können. Das solle aber jeder selbst ent scheiden. Lisa ist viel im Internet und möchte sich dort vor allem mit anderen aus tauschen, auch über ihre Interessen und Freizeitaktivi täten, die breit ge streut sind. Der schnelle Aus tausch mit ge zielt einsetz baren Werkzeugen steht bei ihrer Nutzungs weise im Vordergrund. Damit sie schnell auf neue Nachrichten reagie ren kann, ist sie zuhause ständig im Internet, auch wenn sie sich gerade mit anderen Dingen be schäftigt. „Ich mache nicht so viele Angaben. Es ist mir eigent lich schon wichtig, dass ich eben nicht so rüberkomme, als hätte ich kein Leben und müsste alles da an geben im Internet.“ 100 Jugend liche zwischen 18 und 20 Jahren Johanna (18 Jahre) Johanna durch läuft eine Aus bildung als Kauffrau im Einzelhandel. Eine frühere Aus bildung im Friseurhandwerk hat sie nach Konflikten ab gebrochen. An ihrem jetzigen Arbeits platz schätzt sie den Umgang zwischen den Mitarbeiterinnen. Ihr Vater und ihr Mutter gehen kaufmänni schen Berufen nach. Sie kommt sehr gut mit ihren Eltern aus und sucht häufig bei ihnen Rat, wenn sie Unter stüt zung oder Rück halt in schwieri gen Situa tionen be nötigt. Gleichzeitig betont sie, dass es ihr wichtig ist, ein eigenes Leben zu haben und nicht alle Gedanken mit ihren Eltern zu teilen. In ihrer Freizeit geht sie mit ihren Freunden gerne lange aus. Soziale Netz werk platt formen spielen für sie keine Rolle. Derzeit be reitet sie sich auf ihre Ab schlussprü fung vor. ■■ Johanna nutzt bislang aus schließ lich Internetdienste, die nur wenige persön liche Daten er fordern: E-Mail und Internet seiten, keine Sozialen Netz werk platt formen oder Messenger- Dienste. Mit diesem Nutzungs muster ist sie im Kreis ihrer Freundinnen zunehmend isoliert, weil diese ver mehrt diese Dienste nutzen. ■■ Johanna informiert sich im Internet über Themen, die sie interessie ren und die für ihre Aus bildung wichtig sind. Einen Aus tausch mit engen Bezugs personen praktiziert sie über E-Mail. Soziale Netz werk platt formen ver sprechen nach ihrem Wissens stand keinen ver tieften Aus tausch, der über die Möglich keiten der E-Mail hinaus ginge. ■■ Was die Regula tion ihrer Privatsphäre angeht, fühlt sich Johanna sicher, weil sie nur sehr wenige An gebote nutzt und das Erstellen von umfang reichen Profilen im Netz bislang für sich aus schließt. Dabei gerät sie allerdings in den Konflikt mit den Erwar tungen aus ihrem Freundes kreis. ■■ Johanna ver öffent licht so gut wie keine Informa tionen über sich im Internet. Ihre Erfah- rungen mit, aber auch Kennt nisse über Dienste des Social Web sind gering. Sie legt eine skepti sche bis ab lehnende Haltung gegen über Sozialen Netz werk platt formen an den Tag und ver weist dabei auf die Negativberichterstat tung der Medien. ■■ Enge, ver trauens volle Beziehungen haben für Johanna eine hohe Bedeu tung. Gegen über fremden Personen ist sie sehr vor sichtig. Sie kommuniziert daher im Internet nur mit bereits be kannten Personen und, weil es nicht anders geht, mit Personen, mit denen sie sich über Ver anstal tungen im Rahmen ihrer Aus bildung ab stimmen muss. Dienste mit persön lichen Profilen, die fremden Personen dargeboten werden, sind ihr ein Gräuel. Soziale Netz werk- platt formen ver letzen Johannas Bedürfnis, welche ihrer persön lichen Daten privat bleiben sollten. Im Ver gleich zu den anderen Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen sticht Johanna mit ihrer ab lehnen den Haltung stark heraus, die andere so nicht teilen können. Ein wichti ger Grund scheint bei ihr die Negativberichterstat tung in den Medien zu sein. In der Folge weiß sie auch kaum etwas über Soziale Netz werk platt formen. „Wenn man da mal Probleme hat mit Beziehungen, Freund, was weiß ich, dann schreib ich schon auch mal eine E-Mail … Ich würd das nie bei Lokalisten machen, wo es dann jeder sehen kann.“ 101 Dennis (18 Jahre) Dennis besucht die Oberstufe eines Gymnasiums in einem Vorort der Stadt. Sein Vater leitet eine Agentur, die unter anderem Kampagnen auf Sozialen Netz werk platt formen betreut. Sein älterer Bruder studiert. Dennis gibt an, sowohl mit seinem Vater als auch mit seiner Mutter über alles reden zu können. Seine Bezugs gruppen in der Freizeit sind seine Fußball- mann schaft sowie Freundes kreise an seinem Wohnort. Seine Freunde lernt er nur außerhalb des Internet kennen. In der Schule war Dennis in einer sogenannten Laptopklasse; dort war der eigene Computer für ihn ein alltäg liches Arbeits gerät. Nach dem Abitur möchte er ein Studium be ginnen, um später als Wirtschafts ingenieur, Sportjournalist oder Marketing- berater arbeiten zu können. ■■ Dennis ist bis zu drei Stunden am Tag online; nur einen geringen Teil davon wendet er für die schuli sche Nutzung auf. Er nutzt vor allem Facebook sowie Informa tions- (Fußball), Unter hal tungs- und Spieleseiten, zusätz lich noch Messenger und E-Mails. Die Endgeräte hierfür sind ein Laptop und ein iPhone. In seiner Kontakt liste hat Dennis primär Bekannte aus dem schuli schen Umfeld, wobei ihm manche Kontakte kaum persön lich bekannt sind. ■■ Für Dennis liegt der Nutzen Sozialer Netz werk platt formen darin, dass er damit Zugang zu Informa tionen hat und sich mit anderen aus tauschen, koordinie ren oder ver abreden kann. In seinem Profil will er sich möglichst natür lich präsentie ren. ■■ Informa tionen ver öffent licht Dennis sehr ge zielt an aus gewählte Benutzer gruppen, wobei er sich mit persön lichen Daten über Dritte stark zurück hält und private An gelegen heit lieber persön lich be spricht. Er achtet darauf, dass nur un verfäng liche Partybilder oder Aufenthalts- orts angaben ver fügbar sind. Er ver öffent licht aber Informa tionen über seine Interessen und Aktivi täten. Er orientiert sich vor allem an seinen Freunden. In Aus nahmefällen wendet er sich auch an seinen Vater. ■■ Dennis ist sich der Risiken von Sozialen Netz werken bewusst und kennt sich mit Privat- sphäre-Optionen und anderen Einstel lungen gut aus. Insgesamt gibt er kaum bzw. nur sehr ge zielt an aus gewählte Personen persön liche Daten weiter. ■■ Privat sind für Dennis vor allem Gefühle, z. B. ver liebt zu sein oder Ärger zu haben, was er aus schließ lich mit Freunden be spricht. Intime Gefühle haben seiner Ansicht nach nichts im Internet zu suchen. Dennis hat viel Erfah rung im Umgang mit Computer und Internet. Er nutzt auch Soziale Netz werk platt formen reflektiert und mit klarem Bezug zu den eigenen Zielen. Beratung sowohl in der Familie (professio nelle Beschäfti gung mit digitalen Medien) als auch in der Schule (Besuch einer Laptop-Klasse) scheinen Dennis gut „ge wappnet“ zu haben. Was privat und für Soziale Netz werk platt formen unge eignet ist, benennt er klar und knapp. Online-Netz werke sind in seine realen sozialen Beziehungen ein gebettet. „Meine Freunde such ich mir eigent lich nicht über die sozialen Netz werke; eher pfleg ich den Kontakt, den ich mit denen hab, einfach darüber weiter. Die Freunde, die ich hab, hab ich zum Beispiel über die Schule oder den Sport verein oder die lern ich auf … Partys kennen.“ 102 Erik (19 Jahre) Erik hat zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade sein Abitur an einem Gymnasium in der Stadt ab geschlossen. In Bezug auf seinen weiteren Werdegang ist er noch unsicher. Er weiß nicht genau, was er studie ren soll, hat sich aber auch noch wenig informiert. Er spielt seit der vierten Klasse Handball in ver schiedenen Ver einen. Zu den meisten seiner Freunde hat er kein Ver trauens verhältnis. Über persön liche Themen spricht er nur mit der Familie oder wenigen engen Freunden. Weder das Internet generell noch speziell Soziale Netz- werk platt formen wie Facebook nutzt Erik sonder lich oft. Während ihn der Aus tausch mit Freunden und Bekannten nur wenig interessiert, be geistert er sich für die Möglich keiten von Facebook, mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt zu kommen, die seinen Familiennamen tragen. ■■ Erik nutzt das Internet nur sporadisch und wenig aktiv. Am häufigsten greift er auf Facebook und seine E-Mail-Adresse bei MSN zu. Dafür ver wendet er in der Regel seinen eigenen Computer. Eigene Beiträge auf Facebook ver fasst er nicht. ■■ Dass Erik Facebook nutzt, liegt vor allem daran, dass seine Freunde und Schul kameraden das auch tun und es beinahe schon einen Zwang dazu gibt. So liefen z. B. die Planun gen seines Abiturjahrgangs zur Abi-Fahrt komplett über Facebook. Weil er nicht so oft im Netz ist, hat er manches zu spät mitbekommen. ■■ Erik hat in Facebook seinen Namen ein gegeben; mit Aus nahme einiger alter Fotos sowie Ver linkungen auf Fotos seiner Freunde findet sich kaum etwas über ihn. Für Fremde hat er sein Profil ge sperrt. Daten anderer gibt er online nicht weiter, kommentiert nur ab und zu Fotos. Ver linkungen auf sein Profil, die ihm nicht ge fallen, löscht er. ■■ Mit möglichen Risiken in Bezug auf Daten miss brauch im Internet kennt sich Erik wenig aus und ist unsicher in Bezug auf seine Privatsphäre-Einstel lungen bei Facebook. Daher geht er lieber vor sichtig mit seinen eigenen Daten um. ■■ Eigene Probleme stellen für Erik Themen dar, die er nur mit seiner Familie oder einigen wenigen Freunden be spricht. Im Internet möchte er das nicht. Er lehnt es auch ab, dass Fremde Zugriff auf seine Daten haben; wenn sein Profil dadurch langweilig er scheint, ist ihm das egal. Nachrichten von anderen auf seiner Pinnwand findet er unangenehm, da ihm diese Form der Kommunika tion schon zu öffent lich ist. Erik ist kein intensiver Internetnutzer. Auch in Facebook ist er wenig aktiv und macht kaum etwas über sich öffent lich. Zu seinen Freunden scheint er kein richti ges Ver trauens verhältnis zu haben. Über private Dinge spricht er nur mit der Familie oder einigen wenigen Freunden. Soziale Netz werk platt formen spielen in seinem Alltag kaum eine Rolle. Am ehesten ver folgt er noch ein spezielles Interesse (Familiennamen) im Internet. „Bei diesen Profilen im Internet für Fremde habe ich jetzt eigent lich, hoffe ich, glaube ich, alles ge sperrt. Für Freunde, da habe ich das Profil einmal so ungefähr aktualisiert, ganz am Anfang, als ich mich an gemeldet habe, und seitdem steht da quasi so gut wie nichts drin, aber ein bisschen was halt.“ 103 Franziska (20 Jahre) Franziska studiert und strebt einen Ab schluss in einem Bachelorstudiengang an. In ihrer Freizeit ist sie in einem Handball verein aktiv. Derzeit lebt sie noch im Haus ihrer Familie in einem Vorort ihrer Universi täts stadt. Ihre Mutter ist vor einigen Jahren ver storben. Seitdem nimmt sie sich häufiger in der Rolle einer Ver trauens person in ihrem Freundes kreis wahr. Sie wird an gesprochen, wenn sich ihre Freunde Rat in schwieri gen Situa tionen er hoffen. Franziska ver mutet, dies läge daran, dass sie schon Erfah rungen mit Kummer und der Ver arbei tung schwieri ger Lebens situa tionen habe. Internet und Soziale Netz werk platt formen nutzt sie pragmatisch. Nach ihrem Studium möchte sie in einem Ver siche rungs unternehmen arbeiten oder einer Tätig keit im Umwelt sektor nach gehen. ■■ Franziska nutzt neben der Homepage ihres Studien faches be sonders häufig Facebook. In ihrer Kontakt liste be finden sich Menschen, die sie kennt und regelmäßig trifft. Bekommt sie Freundschafts anfragen von jemandem, den sie nicht leiden kann, ignoriert sie die Anfrage. ■■ Auf Facebook kann Franziska über Informa tionen und Fotos an den Aktivi täten ihres Handball vereins teilhaben. Zudem tauscht sie sich auf Facebook innerhalb von Lerngruppen ihres Studiengangs sowie mit alten Schul kameraden aus. Bei Profil bildern achtet sie darauf, sich dort aus ihrer Sicht gut zu präsentie ren. ■■ Ihre Daten kontrolliert Franziska in Facebook bewusst: Sie ver öffent licht ihre Telefon- nummer, E-Mail-Adresse, Wohnort und den kompletten Namen nicht. Die Daten anderer Personen gibt sie nicht un gefragt weiter. Themen, über die sie in Facebook kommuniziert, sind z. B. Musik oder Videos, die sie unter haltsam findet. ■■ Dass andere nach ihren persön lichen Daten suchen könnten, erfüllt Franziska mit Sorge. Sie be fürchtet, dass Leute ihr – sofern sie viel über ihre Person er fahren – etwas „antun“ könnten. Um sich davor zu schützen, nutzt sie zum einen eine Firewall und selektiert zum anderen sehr über legt die persön lichen Informa tionen, die sie im Internet öffent lich macht. ■■ Für Franziska sind ihr Zimmer, ihre Gefühle, Informa tionen zu ihrer Aus bildung und ihrem Leben sowie ihre Familie Teil eines privaten Raumes, den sie vor Eingriffen von Fremden schützen möchte. Informa tionen aus diesem privaten Raum gibt sie nur Personen weiter, denen sie ver traut. Bei Personen, denen sie ver traut, erhofft sie sich Ver ständnis für ihre Gefühle oder Einschät zungen. Die Nutzung des Internet spielt für einen Aus tausch mit ver trauten Personen kaum eine Rolle. Franziska achtet sowohl im als auch außerhalb des Internet sehr bewusst darauf, welche persön lichen Informa tionen sie mit wem teilt. Für sie sind Ver trauen in Freundschafts- oder Familien beziehungen die Voraus setzung dafür, sich bzw. die eigene Person zu öffnen. Nach außen kontrolliert sie das Bild, das andere von ihr haben sollen, sehr genau. „Ich kann mir vor stellen, dass man da schon ganz schön jemanden damit irgendwie in der Hand hat, wenn man so seinen ganzen Lebens lauf kennt.“ 104 Michaela (20 Jahre) Michaela hat nach dem Abitur eine dreijährige Aus bildung zur Medien gestalterin be gonnen. Sie nimmt ein Aus bil dungs angebot in einer Berufs schule in der Stadt wahr und arbeitet parallel in einem Unter nehmen der Druck- und Medien wirtschaft. Ihr Vater und ihre Mutter arbeiten in einem gemeinsamen Betrieb; der Bruder ist im Elektrohandwerk tätig. Michaelas Kontakt zu ihren Eltern ist vor einiger Zeit nach einem familien internen Streit ab gekühlt. Nach einem Umzug in die Stadt baut sie sich nun ein neues Leben auf. Dabei nutzt sie neben Ver eins angeboten in starkem Umfang das Internet. Michaela möchte später in einer Marketingagentur arbeiten, um sich stärker auf den Bereich der Gestal tung von digitalen Marketingkampagnen zu konzentrie ren. ■■ Michaela besitzt schon seit ihrer Jugend digitale Geräte, auch für ihr Hobby und ihren heuti gen Beruf. Soziale Netz werk platt formen, Foren, Blogs und E-Mails sind für Michaela ein un verzicht barer Bestand teil ihres täglichen Lebens. Sie kommuniziert täglich und sammelt viele Kontakte in Facebook. Facebook hat für sie inzwischen fast alle anderen Anwen dungen zur Kommunika tion ersetzt. ■■ Michaela nutzt das Internet als Werkzeug, um ihre handwerk lichen Leiden schaften und sozialen Kontakte zu intensivie ren. Soziale Netz werk platt formen wie Facebook er möglichen es ihr, ein bewusst ge stalte tes Schaufenster in ihr privates Leben und in ihre be ruflichen Fortschritte aufzu bauen. Im Internet soll man ihre besten Seiten sehen können und Kontakt mit ihr auf nehmen können. Sie ist sehr oft online. ■■ Michaela macht alle persön lichen Daten öffent lich, die sie gut darstellen und es anderen er lauben, sie zu kontaktie ren. Konflikte (z. B. Ärger mit jemandem) oder Krank heiten dagegen ver lagert sie in den Bereich von persön lichen Gesprächen. Risiken dieser öffent lichen Präsenz im Internet sieht sie für sich nicht. ■■ Michaela geht davon aus, dass Jugend liche und junge Erwachsene ähnlich hohe Kom- petenzen in der sicheren Nutzung des Social Web mitbringen wie sie selbst. Sie ver weist dabei vor allem auf ihr persön liches Umfeld; gegen läufigen Medien berichten glaubt sie nicht. Fotosamm lungen, Kontakt daten oder Beiträge über persön liche Erleb nisse sind für Michaela nicht zwingend sensitive Daten. ■■ Michaela möchte sich nicht in einen privaten Raum zurück ziehen, sondern eine öffent liche Person sein. Jeder soll sich über sie informie ren und sie an sprechen können. Sie möchte im Internet nur wenige Informa tionen über sich (Konflikte, Krank heiten, Kontodaten) zurück- halten. Michaela möchte nichts ver passen und nutzt Soziale Netz werk platt formen intensiv. Es besteht eine ge wisse Sammelleiden schaft von Kontakten und im Interview gibt es Momente, in denen Michaela mit der Masse von Beiträgen und Nachrichten, die sie täglich erhält, über fordert wirkt. Ihr Risikobewusstsein ist eher gering; ihr ist es allerdings wichtig, eigen- ständig über ihr Nutzungs verhalten ent scheiden zu können. „Facebook und mein Blog sind für mich wie ein Schaufenster in mein Leben. Ich schreib da nicht über alles, aber das, was ich da schreibe, das stimmt schon. Das können andere gerne mitlesen.“ 105 Nina (20 Jahre) Nina studiert an einer Universi tät außerhalb der Stadt. Ihr Vater und ihre Mutter sind Kaufleute; der Bruder ist be rufstätig. Seit ihrem Umzug aus der Heimat an den Studien ort nutzt sie das Internet intensiv zum ständi gen Aus tausch mit ihrer Familie, mit ihrem Freund und Freundes kreis. Hauptsäch lich greift sie auf die Soziale Netz werk platt form Facebook, manch- mal auch auf Chat-Platt formen zurück. Sie ist sehr daran interessiert, auf dem Laufenden zu bleiben, was sich im Leben von Personen ab spielt, die sie seit ihrem Umzug seltener sieht. Sie geht vor sichtig mit ihren persön lichen Daten um, was auch mit dem ein geschla- genen Berufsweg zu tun hat. Sie wurde in der mit dem Studium ver bundenen Aus bildung zu daten schutz recht lichen Vor gaben ver pflichtet. ■■ Nina ist eine sehr aktive Internet-Nutzerin, die auch von unter wegs über ihr Handy auf das Internet zugreift und ihren Facebook-Status aktualisiert. In ihrer Kontakt liste hat sie aber nur Personen, die sie auch kennt. Personen, mit denen sie wenig bis gar keinen Kontakt hat, ent fernt sie wieder aus ihrer Kontakt liste. ■■ Nina ist von studiVZ auf Facebook um gestiegen und nutzt es, um mit Familie, Freunden und Bekannten im Kontakt zu bleiben, und sich unter einander zu informie ren. Sie möchte im Internet nicht anders er scheinen als in ihrem Offline-Leben, auch wenn sie im Internet nicht so viel von sich zeigt wie im Alltag. Das Internet dient ihr aber auch dazu, an für sie wichtige Informa tionen zu ge langen. ■■ Nina macht einige Informa tionen über sich in ihrem Profil auf Facebook öffent lich, die aber nur für ihre Kontakte sicht bar sind. Diskussionen über private und ernste Themen wie Politik meidet sie in der Kommunika tion über Facebook. Daten anderer gibt sie im Internet nicht weiter und ver öffent licht z. B. Fotos von anderen nur mit deren Zustim mung. Es ist Nina wichtig, selbst darüber zu ent scheiden, welche Daten und Informa tionen über sie öffent lich werden. ■■ Den Sicher heits- und Privatsphäre-Einstel lungen im Internet ver traut Nina nur bedingt, weshalb sie Daten wie die genaue Adresse oder Kontodaten nicht angibt. Sie zeigt sich besorgt, dass kritische Beiträge, die online sind, ver breitet werden, und meidet deshalb be stimmte Themen. Für den Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen fühlt sie sich gerüstet und nutzt alle ihr be kannten Sicher heits vorkeh rungen. ■■ Private Dinge wie Familien- oder Beziehungs probleme ge hören für Nina nicht in die Öffentlich keit und daher auch nicht ins Internet. Sie möchte nicht, dass fremde Personen zu viel über sie er fahren und auch nicht, dass solche Personen sie online kontaktie ren können. Nina nutzt das Internet intensiv und oft, geht aber reflektiert damit um, ver meidet es z. B., private Dinge oder kritische Themen online zu diskutie ren. Ihre privaten Daten ver sucht sie zu schützen, so gut es geht. „Zum Beispiel Facebook. Also da ist mir schon wichtig, dass sich jetzt mein Handy nicht sofort irgendwo einloggt und sagt, jetzt ist die gerade da und jetzt macht sie gerade das. Sondern da möchte ich schon noch Kontrolle drüber haben.“ 106 Jugend liche und junge Erwachsene zwischen 21 und 24 Jahren Christian (21 Jahre) Christian hat vor kurzer Zeit eine Aus bildung zum Ver käufer in der Branche der Unter hal- tungs elektronik ab geschlossen und wurde von seinem Arbeit geber über nommen. Dies sieht er als Wende in seinem Leben, da er in den Jahren zuvor erst sein Abitur ver fehlt und an- schließend zu lange Zeit mit niedrig be zahlten Tätig keiten ver schwendet habe. Sein Vater ist Ver treter, seine Mutter Haus frau. In seiner Jugend war er stark in E-Sportarten involviert und be nötigte für dieses Hobby leis tungs starke Rechner. Mittlerweile hat Christian seine Aktivi täten in diesem Bereich reduziert. Seine Technikaffini tät war bereits an seinem Aus- bil dungs platz von Vorteil. Außerdem unter stützt er einen Lehrer seiner ehemali gen Schule bei der Zusammen stel lung und Wartung der Computer ausstat tung. Er will be ruflich weiter auf steigen, weil er mehr ver dienen möchte und der Über zeugung ist, in seiner be ruflichen Tätig keit mehr leisten zu können. ■■ Christian hat seit langem eine hohe Technikaffini tät. Er nutzt täglich und primär Foren zu Computer- oder Unter hal tungs themen. Soziale Netz werk platt formen sind nicht sein Haupt- interesse, er nutzt aber inzwischen mehrmals die Woche Facebook. ■■ Soziale Netz werk platt formen dienen Christian vor rangig zur Koordina tion mit Personen, mit denen er außerhalb des Internet Kontakt hat. In Foren tauscht er sich mit ihm persön- lich nicht be kannten Personen über Themen aus, die aus seiner Sicht nicht gesell schaft lich akzeptiert sind. Den Aus tausch über Pseudonyme nutzt er, um Seiten seiner Persönlich keit auszu leben, die er vor anderen ver bergen will. ■■ Pseudonyme spielen für Christian eine große Rolle. Er findet es gut, in Foren ver schiedene Identi täten aus probie ren zu können. Er kann dies ohne die Preis gabe persön licher Daten tun, was in Sozialen Netz werken nicht möglich ist. Sein Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit ist über Pseudonyme in Foren ent sprechend anders als in Sozialen Netz werk- platt formen. ■■ Christian will im Netz nicht identifiziert werden können – jeden falls nicht in Foren. Er be- fürchtet, dass sowohl Fremde als auch Freunde durch seine Beiträge einen falschen Eindruck von ihm er halten könnten. ■■ Problemati sche Themen sollten Christian zufolge nicht in Diensten wie Facebook thema- tisiert werden. So möchte er auch selbst be stimmte Informa tionen über seine Freunde nicht haben, weil er be fürchtet, dass Dinge zu Tage kommen könnten, die zum Ende der Freund- schaft führen. Für Christian spielen Soziale Netz werk platt formen nur eine geringe Rolle. Wichti ger sind ihm Foren mit Pseudonymen, wo er sich über Themen und Interessen aus tauscht, die er in Sozialen Netz werk platt formen nicht thematisie ren möchte. Andere sollen kein falsches Bild von ihm haben. „So etwas schreibe ich wenn über haupt nur über Pseudonym und am besten noch über einen Proxy-Server, damit ganz be stimmt niemand auf die Idee kommt, herauszufinden, wer ich bin …“ 107 Claudia (23 Jahre) Claudia studiert derzeit ein geistes wissen schaft liches Fach an einer Universi tät. Die Eltern sind Akademiker. Sie hat zwei Brüder; einer studiert eben falls, der zweite ist bereits fertig. Sie selbst will ihr Studium möglichst schnell hinter sich bringen, sich an schließend bei Filmhoch schulen be werben und dann erst anfangen, zu arbeiten. Claudia arbeitet darauf hin, mit eigenen Filmen ihr Geld ver dienen zu können. Erfah rungen dazu hat sie in einem Volontariat gesammelt. Außerdem dreht sie momentan Dokumentarfilme. Daneben ver fügt sie über langjährige Erfah rungen mit digitalen Technologien. Sie arbeitet als Community- Administratorin für ein großes Nachrichten portal. Zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt- formen hat sie eine eher kritische Haltung. Sie ver sucht, so wenige Informa tionen wie möglich über sich im Internet zu ver öffent lichen. ■■ Claudia ist ständig online: Sie nutzt das Internet privat, für das Studium und Bank geschäfte sowie im Rahmen ihrer Arbeit als Community-Administratorin. In ihrer Kontakt liste bei Facebook sind zahl reiche Personen, die sie nicht kennt, da sie auf grund ihrer Arbeits stelle mit flüchtig Bekannten be freundet sein „muss“. ■■ Der individuelle Nutzen von Facebook ist für Claudia sehr be grenzt: Registriert hat sie sich auf Anwei sung ihrer Chefin. Zwar liest sie ab und zu Beiträge zu interessanten Links oder ver abredet sich manchmal per Facebook. Die Selbst darstel lung in Netz werken empfindet sie aber als Wichtigtuerei und ignoriert dies weit gehend. ■■ Claudia sorgt dafür, dass kaum Informa tionen über sie öffent lich sind. Sie gibt nur Namen, Wohnort und Studien fach an und nutzt fast nie Status meldun gen oder persön liche Nach- richten. Sie recherchiert in den Profilen ihrer Freunde, um zu sehen, wie schwer oder leicht es ist, im Netz an sensible Daten von Personen zu kommen. ■■ Aufgrund ihrer Vor erfah rungen im Internet (z. B. Schulung für die Arbeit als Community- Managerin) kennt sie sich mit Sicher heits einstel lungen gut aus. Sie ver wendet Nicknames und Fake-E-Mail-Adressen, um bei be stimmten Foren oder Webseiten unerkannt zu bleiben. Sie hat Sorge, dass sich andere über sie lustig machen oder sie ver letzen, wenn sie persön- liche Inhalte, etwa selbst ge drehte Filme, ver öffent licht. ■■ Claudia teilt Beziehungen zu Menschen in ihrem Umfeld in drei Grade ein: sehr eng (Familie, beste Freunde), mittel (Kommilitonen), ent fernt (Arbeits kollegen). Je nach Beziehungs- grad teilt sie private Informa tionen oder nicht. Privat sind für sie familiäre und Beziehungs- angelegen heiten, Ängste und Fragen der Selbst wahrneh mung. Claudia hat schon lange Erfah rungen mit dem Internet und nutzt es ge zielt und ge konnt. Der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen steht sie dennoch relativ kritisch gegen über und sorgt dafür, dass ihre Person im Internet schlecht zu finden ist. In Bezug auf ihre Privatsphäre hat sie eine klare Vor stel lung und Praxis, wem sie welche Informa tionen weiter- gibt. „Es ist glaube ich dann auch schon so eine Art Selbst aufwer tung, wenn man die Status meldun gen von andern Leuten sieht … Ist vielleicht ein bisschen so wie so ein RTL 2 Frauentausch angucken und dann sich denken, hach Leute, was habt ihr doch für ein komischen Alltag.“ 108 Tanja (23 Jahre) Tanja hat nach dem Abitur eine Schreinerlehre be gonnen. Ihr Stiefvater ist Designer, ihre Mutter schließt gerade eine neue Aus bildung ab. Eine jüngere Schwester besucht noch das Gymnasium. Tanja ist mit sechzehn Jahren bereits aus der Wohnung der Eltern aus- gezogen. Sie lebt in einer Wohngemein schaft in der Stadt. In ihrer Freizeit be schäftigt sie sich mit Literatur, Fotografie und Reisen. Computer und Internet sind selbst verständ licher Bestand teil ihres Alltags. Sie be treibt Mannschafts sport und geht Bergsteigen. Für ihr Alter untypisch empfindet Tanja an sich, dass sie zwar viel unter wegs ist, am Wochen ende aber Ruhe sucht und deshalb nicht lange aus geht oder feiert. In der nahen Zukunft möchte sie ein gutes Gesellenstück ab liefern und Innen architektur studie ren. ■■ Am häufigsten ver wendet Tanja Facebook, daneben Informa tions portale, Fotoforen und Skype. Sie ist täglich mehrmals online und ver wendet neben einem Laptop auch ein iPhone. Sie nimmt nur Kontaktanfragen aus dem eigenen Umfeld an. ■■ Facebook hilft Tanja, auf dem Laufenden zu bleiben, sich auszu tauschen und mit anderen zu koordinie ren. Auf die Selbst darstel lung legt sie wenig Wert. Dennoch findet sie es schmeichel haft, wenn andere Informa tionen von ihr suchen. Eigene Fotoprojekte teilt und diskutiert sie gerne mit be stimmten Personen. ■■ Eigene Beiträge (z. B. Musik- und Lektüre-Vorlieben) und Bilder macht Tanja aus gewählten Personen ver fügbar. Wenn ihr Beiträge nicht ge fallen, löscht sie diese oder bittet andere darum, diese zu löschen. Mit den Daten Dritter geht sie sorgfältig um und fragt nach, bevor sie Informa tionen ver öffent licht. Bei Fragen oder Problemen kontaktiert sie einen Ver wandten, der als Anwalt auf Online-Recht spezialisiert ist. ■■ Tanja ist bewusst, dass sie sich im Internet nicht so frei wie bei persön lichen Gesprächen aus drücken kann, weshalb sie darauf achtet, was sie wo für wen sicht bar ver öffent licht. Sie kontrolliert regelmäßig die von ihr ver fügbaren Bilder, meint aber auch, dass sie bisweilen zu nach lässig ist. Wenn sie auf Funk tions ände rungen in der Platt form hin gewiesen wird, die Anpas sungen in den Privatsphäre-Einstel lungen er fordern, reagiert sie rasch. Sie hat Ver ständnis, dass andere Personen auf Sozialen Netz werk platt formen anonym sein möchten, findet es aber gleichzeitig bei der Kontakt aufnahme unpraktisch, weil diese Personen über die Suche nicht zu finden sind. ■■ Zu den ver trauten Personen im Alltag zählt Tanja eine Freundin, ihren Partner und in ge wisser Weise auch den Chef und eine Kollegin. Als Themen des Privatlebens gelten Beziehungen, Familien probleme und eigene, noch unaus gereifte Gedanken. Einen öffent- lichen Aus tausch über ihr Privatleben im Internet möchte sie nicht. Tanja nutzt das Internet viel, aber ge zielt und ist am prakti schen Nutzen orientiert. Es stört sie nicht, wenn andere Personen nach schauen, welche Informa tionen über sie im Internet zu finden sind, da sie nicht viele Informa tionen von sich ver öffent licht. „… also man kriegt doch immer so Mittei lungen, was jetzt wo irgendwie geändert wurde oder dass die Seite für irgendwelche Werbezwecke ver wendet werden könnte. Bei so was schalt ich sofort immer alles aus. Also des möchte ich natür lich auf keinen Fall.“ 109 Ralf (23 Jahre) Ralf studiert an einer Universi tät außerhalb der Stadt. Sein Vater arbeitet im Baugewerbe, seine Mutter im Telekommunika tions bereich, seine Schwester bei der Polizei. Er nutzt das Internet recht intensiv, geht dabei jedoch vor sichtig mit seinen Daten um. Er ist bei seiner Internetnut zung vor allem an Informa tionen und Unter haltung interessiert, aber auch daran, Kontakt zu Freunden und Bekannten zu halten. Ralf informiert sich im Internet über ver- schiedene Themen, die ihn interessie ren, wie zum Beispiel Sport, Politik, Umwelt oder Videospiele. Er glaubt, dass sein großes Interesse an Videospielen in seinem Freundes kreis nicht anerkannt wird, weshalb er dieses im Aus tausch mit seinen Freunden eher ver birgt. ■■ Ralf nutzt das Internet täglich und beinahe rund um die Uhr. Dabei kommuniziert er mit Freunden und Bekannten via Facebook, in der Regel über Chat; Informa tionen holt er sich auch in einem Forum. Er akzeptiert Kontaktanfragen von Fremden bzw. stellt selbst welche, wenn er zu diesen Personen einen Bezug über Freunde herstellen kann. Unter wegs nutzt auch mal sein Handy, um ins Internet zu kommen. ■■ Für Ralf ist das Internet in erster Linie wichtig, um sich über Themen, die ihn interessie- ren zu informie ren und sich mit seinen Freunden und Bekannten auszu tauschen. Er schreibt nur selten Beiträge, die für alle seine Kontakte sicht bar sind, weil er über wichtige Themen nur etwas sagen möchte, wenn er sich gut damit aus kennt. ■■ Auf Facebook gibt Ralf zwar einige Daten, wie seinen Namen, die Universi tät, an der er studiert, oder seine Lieblings serie, an, ver zichtet aber auf ein Profil bild von sich selbst und auf die automati sche Standortbestim mung. Wenn er sich mit anderen über ihn interessierende Themen aus tauscht, achtet er darauf, dass er nur dann online Beiträge dazu ver fasst, wenn er sich mit dem Thema aus kennt. ■■ Christian ist bewusst, dass es nach teilig sein kann, zu viel von sich im Internet anzu geben, dass z. B. Partybilder oder private Status meldun gen negative Wirkun gen auf die Karriere haben könnten. Er macht sich Gedanken über seine Medien nutzung und informiert sich im Internet über Themen, bei denen er sich unsicher ist. ■■ Private Probleme und einige seiner Interessen macht Christian nicht öffent lich, weil er der Meinung ist, dass nicht jeder alles über ihn wissen muss und er auch nicht falsch ver- standen werden möchte. Wenn seine Facebook-Kontakte alles in ihrem Leben online kommentie ren, setzt er sie auf die Ignorie ren-Liste, weil es ihn nervt. Ralf nutzt das Internet intensiv, geht dabei jedoch vor sichtig mit seinen Daten um. Informa- tionen, Kontakte und Unter haltung sind ihm wichtig, nicht aber, sich zu profilie ren. Was er öffent lich von sich gibt, soll Hand und Fuß haben. Seine Interessen und Hobbys will er nicht alle mit anderen teilen, weil er einige davon gesell schaft lich als nicht akzeptiert einschätzt. „Ich lege eben Wert darauf, dass wenn ich meine Meinung sage, dass es eine gewisse Qualität hat und ich das auch schrift lich einiger maßen sauber hin bringe. Von dem her ist es auch gar nicht möglich, so viel zu schreiben. … Alle zwei Monate vielleicht schreib ich dann selber was.“ 110 Moritz (24 Jahre) Moritz arbeitet als Mechatroniker. Berufs begleitend durch läuft er an einer Schule für Techniker eine Weiter bildung zum staat lich ge prüften Elektrotechniker. Sein Vater ist in der Technik- Branche, seine Mutter im Büro tätig; er hat eine jüngere Schwester. Moritz wohnt zusammen mit zwei anderen jungen Erwachsenen in einer Wohngemein schaft. Er spielt in einer Band, fährt zum Klettern in die Berge und engagiert sich als Techniker in einem Jugendzentrum. Seine Hauptinteressen fasst er mit „Musik, Bier, Berge“ zusammen. Er sieht sich als Teil einer Randgruppe, die neben einem harten Musik geschmack ähnliche Aus gren zungs erfah- rungen in der Jugend teilt. Moritz hat eine ab lehnende Haltung gegen über Neonazis und der Subkultur Hip Hop. Er möchte in nächster Zeit in erster Linie seine Techniker ausbil dung ab schließen. ■■ Das Internet ist für Moritz ein ständi ger Begleiter im Alltag. Er nutzt die Sozialen Netz- werk platt formen Lokalisten (häufiger) und Facebook (seltener). Er ist in mehreren Foren aktiv und ver wendet auch Chat-Platt formen und Portale zur Informa tion. Er besitzt ein Smartphone, nutzt dies allerdings nur selten für den Zugriff auf das Internet und dann nur, um schnell Informa tionen nach zusehen. ■■ Soziale Netz werk platt formen er leichtern Moritz den Kontakt mit Personen aus seinem er weiterten Bekannten kreis. Für die Kommunika tion mit Personen aus seinem engeren Bekannten kreis nutzt er andere Kommunika tions werkzeuge. ■■ Moritz ver öffent licht nur Daten und Informa tionen, die seiner Einschät zung nach keine nach teili gen Aus wirkungen für ihn haben können. Dabei macht er sich mehr Gedanken darüber, wie er auf Vor gesetzte und potenzielle Arbeit geber wirkt, als darüber, wie er auf Freunde oder Bekannte wirkt. ■■ Wenn er die Netz-Beiträge anderer be obachtet, hält sich Moritz für vor sichti ger als andere Personen. Er ist sich bewusst, dass sich persön liche Daten leicht und unkontrolliert im Internet ver breiten können. Seine Strategie für den Umgang mit diesem Risiko, ist, nichts zu ver öffent lichen, was für ihn unangenehm werden könnte. ■■ Die Ver fügbar keit von Informa tionen über Tätig keiten, Interessen oder Zu gehörig keiten von Personen, die gesell schaft lich nicht negativ sanktioniert werden, empfindet Moritz als praktisch, weil sie es ihm er möglicht, sich über das Internet ein Bild von Personen zu machen, die er noch nicht be sonders gut kennt. Dazu ge hören Name, Bilder oder Interessen der Menschen, für die er sich interessiert. Moritz will sich im Internet einer seits offen und un verfälscht darstellen, achtet anderer seits aber streng darauf, dass nichts dabei ist, was negative Folgen nach sich ziehen könnte. Moritz sieht sich als Teil einer gesell schaft lichen „Randgruppe“, ver tritt seine Interessen und Meinun gen aber offensiv. „Wenn ich mich im Internet darstelle … dann so, wie ich wirk lich bin. Ich dichte da nichts dazu und ich lass nichts weg; einfach so, wie ich wirk lich bin.“ 111 Ariane (24 Jahre) Ariane arbeitet in einer Gemeinschafts praxis in der Stadt. Sie durch läuft derzeit außerdem eine Aus bildung als Assistentin. Darüber hinaus gibt sie Schulun gen zum Krank heits bild Diabetes mellitus. Ihr Vater arbeitet in einer öffent lichen Einrich tung; die Mutter ist Haus frau, die Schwester studiert. Beruf lich kommt sie vor allem mit Ärzten, Pflegekräften, Apotheken- mitarbeitern sowie Patienten und deren An gehöri gen in Kontakt. Ein be sonde res Thema im Gespräch mit Ariane ist die Ver schwiegen heits pflicht, zu der sie in ihrer be ruflichen Tätig keit in der medizini schen Praxis ver pflichtet ist. Ihre Eltern er laubten Ariane mit sechzehn Jahren eine unbe aufsichtigte Nutzung des Internet. In ihrem Empfinden war dies ein später Zeitpunkt. ■■ Ariane be zeichnet sich selbst als „dauer-online“; sie nutzt neben dem Computer auch ihr iPhone für den Internet-Zugang. Dabei ruft sie primär Facebook auf, nutzt aber auch diverse Informa tions angebote (für be rufliche Zwecke) sowie E-Mails und Messenger. Im Messenger hat sie nur engste Freunde in der Kontakt liste, bei Facebook auch Bekannte aus dem Freundes kreis. Bei Lokalisten erhält sie regelmäßig Kontaktanfragen von Un- bekannten, die sie aber allesamt löscht. ■■ Online möchte sich Ariane ebenso ver halten, wie sie es offline praktiziert, und sich selbst- bewusst präsentie ren. Allerdings achtet sie darauf, nicht zu viele Informa tionen von sich zu ver öffent lichen. Primär nutzt sie Facebook für den Aus tausch und die Koordina tion mit Freunden und Bekannten. ■■ Ariane hat die Privatsphäre-Einstel lungen in Facebook aktiviert und ver öffent licht nur ge zielt Informa tionen für ihre Freunde. Insbesondere über ihr Privatleben und auch über Daten Dritter schreibt sie keine bzw. kaum Beiträge. ■■ Ariane ist sich der Risiken in Sozialen Netz werken bewusst. Sie hat ihre Privatsphäre- Einstel lungen relativ genau im Blick. Zudem kontrolliert sie regelmäßig, welche Informa tionen über sie online ver fügbar sind und ent fernt Personen aus ihrer Kontakt liste, die sie nicht mehr einordnen kann. Ergänzend fordert sie, dass die Sicher heits einstel lungen standardmäßig hoch sein sollten. Ihr ist nicht bekannt, dass Werbung auf ihre Profil-Daten bzw. -Einträge ab gestimmt ist. ■■ Für Ariane gibt es zwischen online und offline einen klaren Unter schied, was das Private be trifft: Sowohl private als auch be rufliche Informa tionen stellt sie aus ihrer Sicht wenig online. Für private Gespräche bevor zugt sie meist persön liche Treffen. Was alles unter „privat“ fällt, kann sie nicht genau darstellen. Ariane ist eine intensive Internet-Nutzerin – auch unter wegs. Sie ver hält sich risikobewusst und hat auch die be rufliche Ver antwor tung präsent, wenn sie Soziale Netz werk platt formen nutzt. Ihr Profil in Facebook ist nicht leicht zu finden. Sie ist wenig besorgt und ver hält sich sowohl offline als auch online nach eigenen Angaben selbst bewusst. „Meine Chefinnen wissen ja, wenn ich mich ärgere, aber ich find das geht Dritte nichts an, denen ich das nicht auch persön lich erzähle. Am Schluss kriegt das mal ein Patient mit oder es ist was Praxisinternes … ich finde Patienten z. B. würde des jetzt nichts an gehen.“ 112 2.2.2 Konstanten und individuelle Besonder heiten Wie 12 bis 24Jährige das Internet und Soziale Netz werk platt formen nutzen Die von uns interviewten Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren ge hören noch nicht zur Gruppe derjenigen, die immer und überall mit mobilen End geräten wie Smartphones online sind. Die meisten von ihnen greifen nicht mobil auf das Internet zu. Facebook nutzen im Interview vier von sechs Jugend lichen aus dieser Alters gruppe. Ein Jugend licher aus der Alters gruppe ist Mitglied der Lokalisten. Gleichzeitig ver weisen die Interviewten auch auf andere InternetAnwen dungen wie lokale Netz werk platt formen, Chat und EMailAnwen dungen ver schiedener Anbieter sowie Wikipedia und YouTube. Diese Anwen dungen werden individuell sehr unter schied lich ge nutzt. Es kommt auch vor, dass sich Jugend liche nicht für Soziale Netz werk platt formen interessie ren: Zwei unserer Gesprächspartner haben ihre Präferenzen beim Spielen und meiden Soziale Netz werk platt formen eher. Auch das zeit liche Nutzungs muster ist höchst variabel. Die Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, akzeptie ren keines wegs wahl los ein gehende Kontakt anfragen in Sozialen Netz werken. Sie betonen, dass sie die Anfragen den kennen (oder kennen lernen) wollen, bevor sie sie akzeptie ren. Die Vor stel lung von „Kennen“ ist allerdings durch aus unter schied lich und steckt einen breiten Rahmen ab: Kennen als „schon mal gesehen“, über „Name ist mir bekannt“ bis zu „lerne ich eben über einen Nachrichten austausch erst noch kennen“. Die sechs Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren, die wir interviewt haben, gehen eben falls noch vor rangig über einen DesktopComputer ins Internet. Es gibt nur eine Aus nahme, die bereits einen mobilen InternetZugang nutzt. Bis auf eine Person sind alle Interviewten in Facebook aktiv, be schrän ken sich darauf aber nicht. Auch in dieser Alters gruppe werden wie bei den Jüngeren viele weitere Anwen dungen zur Informa tion und Unter haltung ge nannt, häufig ergänzt durch YouTube als be liebtes Videoportal. Die Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, gehen fast täglich ins Netz und be suchen dabei auch jeden Tag Facebook. Es wird deut lich, dass unsere Gesprächspartner in dieser Alters gruppe die OnlineKommunika tion bereits als festen Bestand teil in ihr tägliches Handeln integriert haben, wobei es aber eine Aus nahme gibt. Während die jüngeren Interview partner das Kennen von Personen, die Kontaktanfragen senden, in den Vorder grund rücken, betonen die 15 bis 17Jährigen öfter und aus führ licher, dass auch die Sympathie eine Rolle spielt, ob man jemanden in seine Kontakt liste auf nimmt oder nicht. Kennen wird nicht mehr als alleinige, ver einzelt auch „Ich hab jeden Tag das Handy dabei und geh damit auch ins Internet. Auch in der Schule. Da ist es eigent lich nicht erlaubt, aber ich tu das immer unten in die Tasche rein und schalte auf stumm.“ (Sarah, 15) 113 nicht als zwingende Bedin gung ge nannt, um mit jemandem online in Kontakt zu treten. Mehrere der von uns interviewten sechs Jugend lichen zwischen 18 und 20 Jahren nutzen netzfähige Handys oder Smartphones, um ins Internet zu ge langen. Praktische Anwen dungen wie Suchdienste und Portale etwa für die (akademi sche) Aus bildung kommen zu den Anwen dungen hinzu, die auch die beiden jüngeren Alters gruppen an geben. Die Individuali tät der InternetNutzung wie auch der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ist in dieser Alters gruppe groß. Es finden sich bei unseren sechs Gesprächspartnern mehrere Varianten an Haltun gen und Nutzungs weisen: Von einer großen Distanz zu allen WebAnwen dungen über eine prag mati sche Nutzung mit täglichem Abruf wichti ger Informa tionen bis zu ständi ger Erreich bar keit im Netz. Alle Interviewten können dafür Gründe an geben; einige fühlen sich bei eher ab stinenter Hal tung gegen über sozialen Netz werken inzwischen unter Druck gesetzt. Die große Spann breite an Nut zungs mustern spiegelt sich auch bei der konkrete Fragen nach dem Umgang mit Kontaktanfragen wider. Hier finden sich Äußerun gen, die bereits bei den jüngsten InterviewPartnern zu finden sind: z. B., dass nur be kannte Personen auf genommen werden oder dass Sympathie eine Voraus setzung zur Auf nahme in die Kontakt liste ist. Es gibt aber auch Aus sagen, die zeigen, dass die Hürden zu Kontakt aufnahme und annahme klein ge halten werden. Für die sechs von uns interviewten jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24 Jahren werden mobile Geräte und die Möglich keit, auch von unter wegs ins Internet zu kommen, immer wichti ger. Facebook wird von allen Interviewten dieses Alters ver wendet, aber zu durch aus unter schied lichen Zwecken ge nutzt. Dazu kommen etliche andere Anwen dungen, die jeweils eng mit den Interessen und be ruflichen oder aus bil dungs bezogenen Anforde rungen zu tun haben. Mehrere unserer Gesprächspartner in dieser Alters gruppe tendie ren dazu, wo immer es geht online zu sein („rund um die Uhr“). Soziale Netz werk platt formen wie Facebook spielen dabei eine große, aber nicht die einzige Rolle. Die jungen Erwachsenen, die mit uns ge sprochen haben, suchen darüber hinaus auch ver mehrt Foren auf, in denen die Diskussion von Themen ganz offensicht lich eine größere Rolle spielt als in Sozialen Netz werken. Der Umgang mit Kontaktanfragen ist bei ihnen sehr heterogen: Restriktive Vor gehens weisen, nur mit be kannten Personen „Ich bin eher so der Mensch, der sich dann eher mit den Leuten trifft oder eher telefoniert, weniger der, der sich übers Internet über haupt unter hält oder der sich im Internet trifft oder über haupt im Internet ist.“ (Erik, 19) „Ich habe auf der Arbeit immer Facebook offen und E-Mails. Ich schaue da immer mal wieder rein, ob jemand was Neues ge postet hat und schreib dann zurück, wenn ich es gut finde. Ich schreib auch immer so kurz, dass mich das mittlerweile praktisch nicht mehr ablenkt.“ (Michaela, 20) 114 Kontakt aufzu nehmen, werden genauso ge nannt wie ein eher sorg loses Sammeln vieler Kontakte; ein pragmati scher Umgang mit dem Ziel, Personen leicht zu kontaktie ren, ist ebenso zu finden wie ein sehr ge zielter Umgang, ab gestimmt auf spezielle Freundschafts und Bekannt schafts grade (inklusive notwendi ger Geschäfts kontakte). Warum 12 bis 24Jährige Soziale Netz werk platt formen nutzen Mit Freunden in Kontakt zu bleiben, sich auszu tauschen, Kontakt zu anderen zu haben und dazu zugehören, ist für die von uns interviewten 12 bis 14Jähri gen der eindeutig wichtigste Grund, warum sie einer Sozialen Netz werk platt form an gehören (falls sie es tun und die Eltern es nicht ver bieten, wie in einem Fall). Dabei äußern mehrere Jugend liche explizit oder implizit, dass es bereits eine Art Gruppen zwang ist, in einer Netz werk platt form dabei zu sein. Einige finden es aber einfach nur praktisch, Soziale Netz werk platt formen zu nutzen, um sich über Treffen abzu stimmen. Wenn sie sich über die Dinge infor mie ren wollen, die nicht konkret mit Personen (z. B. Informa tion über das Aus sehen oder die Interessen) zu tun haben, greifen die Jugend lichen lieber auf andere Anwen dungen wie Wikipedia oder spezifische Internetangebote wie Nach richtenPortale zurück. Wer eher schüchtern ist, kann von einer Sozialen Netz werk platt form noch anderweitig profitie ren und sich in der Inter aktion mit anderen auf diesem Wege mehr trauen. In punkto Selbst darstel lung zeigen sich unsere Gesprächspartner in dieser Alters gruppe zurück haltend. Es sind die direkten Kommunika tions funk tionen, welche die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen für sie attraktiv machen. Bei den von uns interviewten 15 bis 17Jährigen sind KontaktHalten, Kommunika tion und Koordina tion ähnlich wie bei den Jüngeren die wichtigsten Vorzüge, die über die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen erlebt werden. Auch in dieser Alters gruppe klingt an, dass man z. B. in Facebook registriert sein müsse – nicht nur weil es „cool“ sei, sondern auch deswegen, weil man sonst wichtige Termine ver passe und nicht mehr auf dem Laufenden sei. Explizit wird auf die Möglich keit ver wiesen, dass man mithilfe Sozialer Netz werk platt formen auch mit Menschen in Kontakt bleiben kann, die weiter weg wohnen – ein Umstand, der etwa nach Umzügen für diese Alters gruppe eine wichtige Rolle spielt. Das Thema Selbst darstel lung wird wenig und allen falls implizit an gesprochen. Spezielle „Gewinne“ bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen offen baren sich, wenn man mit Jugend lichen dieses Alters tiefer ins Gespräch kommt: Zu solchen Gewinnen ge hören dann beispiels weise die „Ich wollte eigent lich auch mal mit ein paar Freunden chatten und ich fand es halt auch einfach cool, da [bei Facebook] dabei zu sein. Da kann man auch mehr über andere er fahren, was machen die so, wie sind die eigent lich so drauf.“ (Florian, 14) 115 Möglich keit, ver schlüsselte Botschaften via Status leisten zu ver senden, aber auch verbale Aggressionen loszu werden, ohne sich direkt zeigen zu müssen. Ein Interviewter hat vor zwei Jahren das Interesse an Sozialen Netz werk platt formen ver loren und be schäftigt sich lieber mit OnlineSpielen. Die von uns interviewten 18 bis 20Jährigen zeigen sich in ihren Gründen, warum sie Soziale Netz werk platt formen nutzen oder eben nicht nutzen, noch mals heterogener als die beiden jüngeren Alters gruppen, was auf die komplexer werden den Lebens situa tionen zurück zuführen sein dürfte: Auch hier sind soziale Gründe zwar führend – und zwar sowohl prakti sche soziale Gründe wie Informa tionen über Termine, die man aus sozialen Netz werken holt, als auch emotional ge färbte soziale Gründe wie die Auf rechterhal tung von Freundschafts beziehungen mit Personen, die weiter weg wohnen. Häufiger ge nannt wird von unseren Gesprächspartnern dieser Alters gruppe als von den Jüngeren, dass Online Com mu nities hilf reich sind, um sich ein Bild von anderen Personen zu machen und das im wört lichen Sinne (über Fotos) wie auch im über tragenen Sinne (über Profildaten). Die eigene Selbst darstel lung spielt nur bei wenigen unserer Gesprächspartner eine Rolle; dieser Aspekt scheint als Grund für die Platt formNutzung eher wenig relevant zu sein. Wenn man sich in sozialen Netz werken zeigen möchte, dann authentisch, aber nicht mit zu vielen Informa tionen. Ver einzelt wird auch in dieser Alters gruppe über einen sozialen Zwang ge klagt, Soziale Netz werk platt formen in das eigene Kommunika tions verhalten zu inte grie ren, um in den eigenen Bezugs gruppen nicht außen vor zu bleiben. Die von uns interviewten 21 bis 24Jährigen nennen und er läutern viele unter schied liche Gründe, warum sie Soziale Netz werk platt formen nutzen. Diese ähneln den Gründen, die auch die jüngeren Nutzer nennen, werden aber auch ergänzt: Häufiger kommen die jungen Erwachsenen z. B. darauf zu sprechen, dass Soziale Netz werk platt formen eine Möglich keit sind, sich über Inhalte zu informie ren. Öfter als von den Jüngeren werden zudem Status meldun gen in Facebook ge nannt, die einem Informa tionen darüber geben, wo jemand gerade ist oder wo gerade etwas passiert. Während genau das einige sehr gut finden, gibt es dazu auch eine gegen teilige Meinung. Selbst darstel lung im Netz mittels Sozialer Netz werk platt formen scheint bei den Ältesten unserer „Bei mir ist es schon so, dass ich ganz gern mit Leuten übers Internet spreche, … also vor allem auf Facebook, weil auch bei mir die meisten Leute eigent lich auf Facebook sind und ich mit denen eigent lich auch viel über den ihren Alltag und auch über meinen Alltag mit denen kommuniziere.“ (Nina, 20) „Wenn ich jetzt irgendwo ein Mädel kennen lerne und weiß den Namen, dann schau ich auch mal bei Loka- listen [oder] bei Face- book. Es ist im Internet natür lich einfacher, etwas über die raus zufinden, als sie persön lich zu fragen. Ganz klar. Ich finde das schon praktisch.“ (Moritz, 24) 116 Gesprächspartner eher ambivalent ein geschätzt zu werden. Große Ambitionen zu einer be sonde ren Präsenta tion der eigenen Person hat keiner der Interviewten von sich aus geäußert. Der unkomplizierte Aus tausch und die Kontakt pflege bleibt auch in dieser Alters gruppe das offen bar stärkste Motiv zur Nutzung. Eine Art gemeinsamer Nenner in den Aus sagen der Interviewten aller Alters gruppen ist, dass Jugend liche und junge Erwachsene ihre eigenen Status und/oder Pinnwandbeiträge und die ihrer Kontakte als „nicht be sonders“ empfinden. Weil sie die Beiträge als nicht be sonders empfinden und daher davon aus gehen, dass niemand sich an ihnen stören könnte, nehmen sie die Ver öffent lichung tendenziell nicht oder kaum als Risiko wahr. Jugend liche und junge Erwachsene schreiben so gesehen nicht wahl los Beiträge über ihren Alltag, sondern nur das, was aus ihrer Sicht „nichts Besonde res“ und damit eher „risikofrei“ ist. Wie 12 bis 24Jährige in Sozialen Netz werk platt formen mit Privat heit bzw. Öffentlich keit umgehen Wohnort, Telefon nummern oder das genaue Geburts datum macht kaum einer der von uns Interviewten in der Alters gruppe zwischen 12 und 14 in Sozialen Netz werk platt formen öffent lich. Bank daten oder Krank heits fälle schließen sie aus nahms los von der Ver öffent lichung aus. Unter den sechs Jugend lichen findet sich sowohl eine sehr ängst liche als auch eine ver gleichs weise sorg lose und recht wider sprüch liche Person im Umgang mit persön lichen Daten. Alle dif ferenzie ren mindestens zwischen Fremden und Freunden, denen man mehr oder weniger von sich zeigen kann, und nutzen dazu meistens auch ent sprechende Einstel lungen in Sozialen Netz werk platt formen. Fast alle von uns Interviewten in diesem Alter haben keine Bedenken, ihre Interessen und Hobbys (Sport, Mode, Spiele etc.) sowie Lieblings filme, Musik präferenzen und ähnliches (inklusive dazu gehöri ger Links und z. B. Videos) in Sozialen Netz werk platt formen öffent lich zu machen. Dies sind auch die bevor zugten Themen, über die in Sozialen Netz werken geschrieben und ge sprochen wird. Die Schule wird als Thema dagegen kaum ge nannt. Der Umgang mit eigenen Fotos ist sehr heterogen: Während manche Interviewten nichts dagegen haben, wenn Fotos von ihnen zu sehen sind, möchten andere dies ver meiden. Gemeinsam ist allen Interviewten, dass niemand von ihnen potenziell pein liche Fotos von sich im Netz sehen möchte. Gegen über den Daten anderer zeigen sich die meisten sehr vor sichtig, wobei man in den Gesprächen zu diesem Thema deut lich merkt, dass Jugend liche das gegen seitige Ver trauen unter einander für sehr wichtig halten, sich aber auch nicht immer darauf ver lassen möchten oder können. Zur Orientie rung in punkto Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit „Man muss ja nicht jeden kleinsten Gedanken in die ganze Welt rausschreien.“ (Patrick, 13) 117 dienen den Jugend lichen zwischen 12 und 14, mit denen wir ge sprochen haben, vor allem die Eltern und Geschwister, in einem Fall auch ein guter Freund. Die Schule spielt nur bei einem Interviewten aus dieser Alters gruppe eine Rolle. In der Alters gruppe zwischen 15 und 17 haben uns unsere Gesprächspartner tendenziell mehr über ihren Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit be richtet als die Jüngeren. Die sechs Interviews machen deut lich, dass die Ver haltens weisen in Sozialen Netz werk platt formen als Teil der gesamten Lebens situa tion gesehen werden müssen. Ver gleicht man die Aus sagen der sechs Jugend lichen, die damit zu tun haben, welche Daten und Informa tionen wem öffent lich ge macht werden und welche nicht, lassen sich kaum über greifende Tendenzen aus machen. Eindeutige TabuThemen sind allerdings und allein An gelegen heiten der Familie (z. B. die Eltern be treffend), in einem einzelnen Fall auch Wissen um krimi nelle Handlun gen. Bei allen ande ren Daten und Themen hat jeder Interviewte eine weit gehend eigene Meinung: Während eine Person am liebsten gar nichts im Internet öffent lich macht und nur angibt, was man für eine Registrie rung in Sozialen Netz werk platt formen zwingend braucht, gibt eine andere Person Einblick in fast alle die eigene Person be treffen den Informa tionen. Die meisten differenzie ren klar zwischen engen Freunden und Bekannten und nutzen die PrivatsphäreEinstel lungen sozialer Netz werk platt formen ge zielt, sofern sie sich in Sozialen Netz werken auf halten. Die Einschät zungen darüber, wie es zu be werten ist, wenn Mitglieder Sozialer Netz werk platt formen falsche Angaben machen, gehen auseinander: Einige finden dies in Ordnung, weil ihnen wichtig ist, alle Ent schei dungen im Netz selbst zu treffen. Andere sprechen sich dagegen aus, weil es die prakti schen Vor teile, z. B. schnell jemanden zu finden und in Kontakt zu treten, er heblich stört. Wie bei den Jüngeren, so zeigt sich auch in der Alters gruppe zwischen 15 und 17, dass fast alle von uns Interviewten kein Problem darin sehen, im Internet über die eigenen Interessen, Hobbys, musikali sche Vor lieben und Ähnliches zu schreiben – als private Informa tion wird dies in der Regel nicht ge wertet. Persön lich wichtige Ereig nisse machen dagegen nur wenige Interviewte anderen zugäng lich. Wiederum ähnlich wie bei den Jünge ren, scheint es auch bei den 15 bis 17Jährigen implizite Normen zu geben, was die Weiter gabe von Informa tionen anderer be trifft, insbesondere die Weiter gabe von problemati schen Fotos. Allerdings gibt es hier durch aus „Aus reißer“. Wenn es um den Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit geht, orientie ren „Ich nehme seit neuestem nur die, die ich kenne oder vom Sehen her kenne aus meiner alten Schule oder so als Kontakte an. Nur wenigstens ungefähr oder vom Hören auch, damit ich ungefähr weiß, wie die Person ist.“ (Julia, 15) „Über so Probleme daheim, wenn es Stress gibt bei den Eltern, wenn die Eltern Stress haben, das erzähle ich nur wirk- lich sehr guten Freunden dann.“ (Martin, 16) 118 sich die Jugend lichen zwischen 15 und 17, mit denen wir ge sprochen haben, ähnlich wie die Jüngeren, noch an Eltern und Geschwistern, zunehmend häufiger aber auch an Freunden, die besser Bescheid wissen. Die Schule wiederum hat auch in dieser Alters gruppe keine Orientie rungs funk tion. In der Alters gruppe zwischen 18 und 20 zeigt sich ein ähnliches Bild wie in der Alters gruppe zwischen 15 und 17: Was Jugend liche bzw. junge Erwach sene in diesem Alter öffent lich machen, ist individuell sehr ver schieden und lässt sich in der Regel nur im Zusammen hang mit der jeweili gen Lebens situa tion sinn voll deuten. Für manche sind Präferenzen im Freizeitbereich oder politi sche Meinun gen nicht in dem Sinne privat, dass man sie nicht öffent lich machen dürfte, für andere schon. Erklären lässt sich das in der Regel, wenn man die Lebens umstände (z. B. Besonder heiten in Schule, Beruf oder Studium) be rücksichtigt. Von sich aus häufiger thematisie ren die Interviewten in dieser Alters spanne die Bedeu tung von Status meldun gen, mit denen unter schied lich ver fahren wird: Dass andere wissen, was man gerade macht, was man erlebt hat und wo man sich aufhält, finden die einen gut und nicht problematisch, andere empfinden dies als Angriff auf ihre Privatsphäre. Konstant ist an sich nur die durch aus ge zielte Gestal tung der Zu gänglich keit ver schiedener Informa tio nen, die in Sozialen Netz werk platt formen ein gestellt werden. Was den Umgang mit Daten und Informa tionen anderer be trifft, so lassen die Äußerun gen der von uns interviewten sechs Jugend lichen bzw. jungen Erwachsenen ein klares morali sches Bewusst sein er kennen, das aber nicht immer mit dem not wendi gen Wissen ver knüpft ist, das man bräuchte, um es im Internet auch umzu setzen (z. B. Wissen im Bereich Fotos, persön liche Mittei lungen etc.). Wenn es um die Frage geht, wo sie sich Orientie rung im Umgang mit Privat heit bzw. Öffentlich keit holen, ver weisen die von uns Inter viewten manchmal auf Eltern, häufiger aber auf Freunde. Nur in einem Fall diente die Schule als Orientie rung im Umgang mit dem Internet. Auf fällig ist, dass mehrere Inter viewte die Schule als Ort der Orientie rung explizit ab lehnen. Generell ist eine große Skepsis gegen über der Vor stel lung zu ver spüren, in Sachen Sicher heit in irgendeiner Weise „belehrt“ zu werden. Wenn man jeman den etwas fragt, weil man sich unsicher ist, dann muss dies bei den meisten eine Person sein, der man ver traut, die aber auch gut Bescheid wissen muss. In der Alters gruppe zwischen 21 und 24 fällt in den Interviews auf, dass die sechs jungen Erwachsenen mögliche Ver haltens weisen und Haltun gen des Umfelds in Aus bildung, Studium und Beruf stärker als die Jüngeren als Ent schei dungs grundlage für Fragen der Ver öffent lichung von Daten und Informa tionen über die eigene Person mit einbeziehen. Die Bekanntgabe von Name, „Also politisch würd ich mich immer sehr raushalten, weil das einfach viele einfach falsch ver stehen. (…) So auf kritische Themen, was weiß ich so Ab trei- bung oder so was oder Todes strafe, (…) da würd ich mich jetzt ein bisschen zurück halten.“ (Dennis, 18) 119 Wohnort, aktueller Tätig keit und Ähnliches scheint darüber hinaus einen anderen Charakter zu be kommen als dies bei Jüngeren der Fall ist: Die Sorge, dass der Zugang zu diesen Daten ein Problem sein könnte, wird kleiner; eher gelten diese als notwendige Eckdaten. Dagegen werden Themen, die die persön lichen Interessen oder Vor lieben be treffen, von mehreren der von uns inter viewten jungen Erwachsenen nicht mehr oder nur einem sehr kleinen Freundes kreis zugäng lich ge macht. Dasselbe gilt für persön liche Eigen schaften. Deutlich ist in dieser Alters gruppe die Ab hängig keit der Ent schei dungen von der persön lichen Lebens situa tion: Es ist eben auch für den Umgang mit persön lichen Daten und Informa tionen ein Unter schied, ob man sich noch in der Berufs ausbil dung, schon im Beruf oder im Studium be findet, welcher Organisa tion man sich ver pflichtet fühlt, wie weit weg man von Freunden und Bekannten wohnt etc. In dieser Alters gruppe finden die Interviewten im Bedarfs fall andere WebAnwen dungen (Themen foren oder FlirtPortale), in denen sie unerkannt andere Identi täten aus probie ren oder genau die Informa tionen von sich weiter geben können, die sie in Sozialen Netz werk platt formen nicht ver breiten. Der Umgang mit Status meldun gen ist ähnlich heterogen wie in der Alters gruppe zwischen 18 und 20. Dies gilt weit gehend auch für den Umgang mit Daten und Informa tionen Dritter: Fast alle machen deut lich, dass sie hier keine morali schen Grenzen durch Ver breiten unangenehmer Fotos oder Informa tionen über private Beziehungen und Ähnliches über schreiten möchten. Die meisten jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24, mit denen wir ge sprochen haben, sind in ge wissem Sinne Autodidakten, was ihr Wissen und Können im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit im Internet be trifft. Dies er staunt wenig, wird doch erst seit einigen Jahren ver mehrt auf das Thema etwa in den Medien hin gewiesen – zu einer Zeit, in der die von uns Interviewten bereits allein ihre ersten Erfah rungen ge macht haben und Eltern und Peers kaum Vor sprung haben konnten. Orientie rungs personen sind am ehesten noch Freunde. In einem Fall wird ein Ver wandter mit profes sio nellen Kennt nissen als Ansprechpartner ge nannt. Ent gegen der Erwar tung findet sich unter den sechs jungen Erwach senen, mit denen wir ge sprochen haben, eine Person, die in der Schule zum Thema Sicher heit im Internet unter richtet bzw. beraten worden ist. Wie 12 bis 24Jährige die Risiken in Sozialen Netz werk platt formen wahrnehmen Die von uns interviewten Jugend lichen zwischen 12 und 14 Jahren haben im Ver gleich zu den älteren Interviewten tendenziell extreme Gefahren der Nutzung des Internet im Allgemeinen und der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen im Speziellen präsent, wenn man auf dieses Thema zu sprechen kommt oder indirekt Anker dafür bietet: Befürchtet werden (nicht von allen, aber von einigen) Einbrüche, wenn Wohn und Aufenthaltsort bekannt ge geben werden, 120 finanzielle Kosten, die man aus Ver sehen ver ursacht, indem man auf etwas klickt, oder Selbst mord nach Cybermobbing. Genannt werden aber auch Nach teile in der Schule (z. B. wenn Lehrer auf Facebook sind) oder für das spätere Berufs leben (z. B. wenn potenziellen Arbeit gebern das eigene Profil miss fällt). Gleichzeitig sind Aspekte wie Spaß und Witz bei der Bewer tung dessen wichtig, was man öffent lich machen oder zumindest selbst in sozialen Netz werken an schauen kann und darf. Nur wenige haben ein tatsäch lich aus geprägtes Wissen über die heute be kannten Risiken und deren Wahrscheinlich keit und Tragweite. In der jüngsten Alters gruppe lassen die Interviews darauf schließen, dass Warnun gen von Eltern wie auch in den Medien bei vielen (wenn auch nicht allen) jungen Nutzern an gekommen sind und zumindest verbal wieder gege ben werden. Teils stimmt dies mit den tatsäch lichen (vor sichti gen) Umgangs weisen im Zusammen hang mit privaten Daten und Informa tionen überein, teils gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was die Jugend lichen sagen, und dem, was sie tun. Von sich aus thematisie ren allerdings nur zwei der Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, einen Bera tungs bedarf zu Risiken im Netz. Die Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren aus unseren Interviews be nennen weniger Ängste vor extremen Gefahren und thematisie ren von sich aus häufiger als die Jüngeren ökonomi sche Risiken im Zusammen hang mit Sozialen Netz werk platt formen: So werden z. B. „Daten klau“ und eine für Firmen zweck dien liche Ver arbei tung privater Daten be fürch tet. Die meisten äußern sich darüber ver ärgert und arti kulie ren bei diesem Thema einen deut lichen Be darf an mehr Informa tionen: Was macht Facebook mit meinen Daten? Wie kommt individualisierte Werbung zustande? Wer kann meine Daten, eventuell aber auch die ganze Identität, stehlen? Dies sind Fragen, auf welche die Jugend lichen, mit denen wir ge sprochen haben, gerne eine Antwort hätten. Für andere Risiken dagegen scheinen sich die meisten der von uns interviewten Jugend lichen aus dieser Alters gruppe aus reichend ge wappnet zu fühlen und nennen Strategien, wie man sich dagegen wehren kann. Zudem wird von einigen ver mutet, es schon mitzu bekommen, wenn etwas gefähr lich ist oder wird. Es gibt aber auch Jugend liche, die sich explizit als ver unsichert be zeichnen. Die Spann breite im Risikobewusstsein bei den uns interviewten 15 bis 17Jährigen ist groß. Die Jugend lichen zwischen 18 und 20 Jahren zeigen sich in unseren Inter views eben falls unter schied lich risikobewusst und nennen eine ganze Reihe von Aspekten, die ihnen Angst machen oder Sorgen be reiten. Wie schon bei „Ich finde das, ja, total schlecht, wenn die da gucken, was ich da schreibe, und dann bei meinen Freunden rechts auf der Seite auf taucht: [Dein Kontakt] mag [das Produkt]. Ich finde, Werbung wie das stört und man sollte das auch ab schalten können. Werbung hat auf Facebook nichts zu suchen.“ (Sarah, 15) 121 den 15 bis 17Jährigen wird die Ver wendung persön licher Daten zu Werbe zwecken kritisiert, wobei eine Person thematisch auf Interessen zu geschnittene Werbung für unproblematisch hält; ge nannt werden in dem Zusammen hang auch andere Formen von „Daten klau“. Im Hinblick auf die Ver ände rungen in der Lebens situa tion dieser Alters gruppe ist es nach vollzieh bar, dass faktische oder potenzielle Arbeit geber eine zunehmend wich ti ger werdende Rolle im Risikobewusstsein der Interviewten spielen: Daten und Informa tionen nur restriktiv in Sozialen Netz werk platt formen einzu stellen bzw. zugäng lich zu machen, wird oft damit be gründet, dass hier Fehler große Karrieren achteile nach sich ziehen könnten. In einem Fall werden auch Ängste vor drasti schen Gefahren wie bei der jüngsten Interviewgruppe ge nannt; dies ist gleichzeitig mit be sonders geringen Kennt nissen zum Thema Daten sicher heit ver bunden. Schließ lich werden ver einzelt auch „falsche Bilder oder Eindrücke“, die die Dar stel lung der eigenen Person im Netz ver ursachen könnten, als Risiko themati siert. Stärker als die Jüngeren geben die von uns interviewten 18 bis 20Jährigen an, dass sowohl Schulen als auch Netz werk betreiber mehr, bessere und vor allem leichter ver ständ liche Informa tionen zum Thema Daten sicher heit in Sozialen Netz werk platt formen bereit stellen könnten. Die jungen Erwachsenen zwischen 21 und 24 Jahren aus unseren Interviews zeigen sich in Sachen Risikobewusstsein ähnlich wie die Alters gruppe zwischen 18 und 20. Es werden ver gleich bare Sorgen und Ängste ge nannt, wobei zusätz liche Hinweise etwa zur Problematik mit Spam ge macht werden. Selbstredend hat der Beruf für diese Alters gruppe eine wichtige Bedeu tung und wird beim Umgang mit Risiken in hohem Maße be rück sichtigt. Die Skepsis der Inter viewten gegen über Ver sprechungen der Anbieter Sozialer Netz werk platt formen wird tendenziell größer. Zudem wird von Einzelnen ver mutet, dass sich techni sche Hürden ver gleichs weise einfach über winden lassen. Keiner der jungen Erwachsenen, mit denen wir ge sprochen haben, zeigt gravierende Lücken im Wissen um Sicher heits probleme in Sozialen Netz werk platt for men und Strategien, damit umzu gehen, auch wenn es hier durch aus individuelle Unter schiede gibt (ins besondere beim Thema Werbung). Dennoch wird von mehreren ein deut licher Bera tungs bedarf signali siert, wobei ganz konkrete Themen ge nannt werden, „Die [Sicher heits einstel- lungen bei Facebook] waren halt irgendwann. Da kam keine große Nachricht und irgend- wann hab ich das halt dann so beim Durch- klicken mal gesehen. Und dass sie diese Sicher heits einstel lungen nicht von Anfang an gleich hoch gesetzt haben, sondern immer niedrig ge blieben sind, fand ich auch schade.“ (Ariane, 24) „Das ist was, das schreibst du anonym in so ein Forum, damit jeder darüber lachen kann. Aber ich mache mich doch nicht vor meinen Freunden lächer- lich, damit die das in Facebook alle sehen. Das, glaube ich, ist klar.“ (Christian, 21) 122 wie z. B. PrivatsphäreEinstel lungen bei Facebook oder Fragen zu legalem und illegalem Downloaden von Musik dateien. Was 12 bis 24Jährige über Privat heit bzw. Öffentlich keit im Internet denken In der Alters gruppe zwischen 12 und 14 Jahren haben einige der von uns interviewten Jugend lichen eine relativ klare Vor stel lung davon, was Privat heit für sie be deutet: Alles, was zu Hause in den eigenen vier Wänden, im eigenen Zimmer und mit der Familie passiert, ist privat. Als privat gelten vor allem familiäre An gelegen heiten, über die man nicht gerne spricht, weil sie negativ be lastet sind (Arbeits losig keit, Krank heiten etc.). „Richtig privat“ ist das, was man nicht mal mit den besten Freunden be spricht. Ansprechpartner für ernst hafte Probleme sind bei den von uns Inter viewten meist die Eltern. Zwei unserer Fälle zeigen jedoch, dass Soziale Netz werk platt formen „ein sprin gen“ können bzw. müssen, wenn es kein aus reichend großes Ver trauens verhältnis zu den Eltern gibt. Dies kann ge lingen, aber auch zu neuen Problemen (Angst vor Aus gren zung) führen. Gedanken und Gefühle werden von einigen aus dieser Alters gruppe eben falls zur Privatsphäre ge zählt, die man in Sozialen Netz werk platt formen normaler weise nicht öffent lich macht. Soziodemografi sche Angaben wie das Alter, der Wohnort etc. werden im realen Leben meist nicht mit Privat heit assoziiert, aber im Internet als sensible und folg lich private Daten ein gestuft. Ein ge wisses Dilemma wird offen kundig, wenn man in den Ge sprächen mit den Jugend lichen auf soziale Inter aktionen in Ver bindung mit der Frage nach Privat heit kommt: Einer seits haben die sechs Jugend lichen zwischen 12 und 14 aus unseren Interviews ein hohes Sicher heits bedürfnis, wünschen sich aber anderer seits von Kontakten in sozialen Netz werken, dass diese ihren echten Namen, even tuell ein Bild und authenti sche Informa tionen über sich ver fügbar machen. Dass es sich dabei um sich wider sprechende Bedürf nisse (PrivacyParadox) han delt, ist den Jugend lichen nicht bewusst. Auch in der Alters gruppe zwischen 15 und 17 Jah ren gelten den interviewten Jugend lichen vor allem familiäre An gelegen heiten als privat. Ver mehrt wer den nun auch Beziehungen zu Freund oder Freundin zur Privatsphäre gerechnet, über die man allen falls „Bei Privatsphäre denke ich an meine persön lichen Sachen, also was ich jetzt hier daheim mache oder ob ich jetzt die oder die Sendung an schaue, wo die anderen denken könnten, die ist ja total langweilig oder total blöd.“ (Florian, 14) „Daten sind für mich eigent lich meine privaten Sachen, wie z. B. wenn ich irgendein Foto habe oder halt so was, dann sag ich halt, das ist mein Foto, das will ich vielleicht nicht, dass du das an schaust, das [sind] meine Daten und ich will nicht, dass jemand anderes sie an- schaut.“ (Patrick, 13) 123 mit engen Freunden persön lich spricht. Während die Eltern nach wie vor oft als Ver trauens personen für Privates ge nannt werden, wird im Ver gleich zu den Jüngeren der Freundes kreis wichti ger. Ähnlich wie die Jüngeren werden vor allem Konflikte und Probleme mit sich, der Familie und in der Schule als privat definiert, was man in Sozialen Netz werk platt formen in der Regel weder ver breiten noch diskutie ren möchte. In einigen Interviews mit den 15 bis 17Jährigen wurde deut lich, dass Merkmale, die als persön licher Makel (wie z. B. Fettleibig keit oder schlechte Noten in der Schule) interpretiert werden, be sonders sensible Aspekte sind, die als Privatsphäre an gesehen werden. In diesen Punkten gibt es wenig Dissens unter den sechs Interviewten. Unter schied liche Meinun gen dagegen treten auf, wenn es um Eckdaten wie Namen, Wohnort und Geburts datum geht: Die Jugend lichen zwischen 15 und 17 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, ver weisen teil weise selbst darauf, dass es schwierig ist, einer seits die Identität zu ver stecken und anderer seits bei Kontakten auf authenti sche Informa tionen zu hoffen. Das Ver ständnis für unscharfe Profil bilder, Spitz namen oder Pseudonyme aber ist insgesamt groß, weil dies die Privatsphäre schütze. Schließ lich wird in unseren Interviews ver einzelt auch die Position ver treten, dass Soziale Netz werk platt formen wie Facebook neue private Räume schaffen können, von denen sich Lehrer und Eltern systematisch aus schließen lassen. Die von uns interviewten Jugend lichen bzw. jungen Erwachsenen in der Alters gruppe zwischen 18 und 20 Jahren nennen von sich aus weniger häufig als Jüngere den eigenen physischen Raum oder soziodemografi sche Angaben, wenn es um Privatsphäre generell und im Internet geht. Vielmehr thematisie ren sie ver stärkt emotionale Zustände und Gefühle, wie Ver liebt sein oder Trauer. Als privat gelten aber auch ihnen auf jeden Fall Familien probleme; dazu kommen nun auch Beziehungs probleme sowie Probleme in Aus bildung oder Studium und Zukunfts ängste. Diese Dinge werden von den meisten als unge eignete Themen für Soziale Netz werk platt formen ge nannt, wobei es auch eine Aus nahme gibt, die in der digitalen Diskussion eine mögliche Bewälti gungs strategie sieht. Zur Privatsphäre zählen einige persön liche Vor lieben und Eitel keiten sowie politi sche Meinun gen. Allzu persön liche oder zu „ernste“ Themen bringen die Interviewten in dieser Alters gruppe nicht gerne öffent lich zur Sprache. Eine Auf fassung aus dem Kreis der von uns interviewten 18 bis 20Jährigen fällt aus dem Rahmen: Sie besteht darin, dass Privatsphäre das Recht sei, öffent lich sagen und denken zu können, was man will, und dennoch in Ruhe ge lassen zu werden. Diese Auf fassung – das macht das gesamte Interview deut lich – er wächst aus einem großen Erfah rungs schatz im Umgang mit sozialen Netz werken und anderen InternetAnwen dungen und zeigt, dass es bei VielNutzern des Internet durch aus Ver schie bungen in der Auf fassung dessen geben kann, was zur Privat heit zählt. Deutlich ist, dass Defini tionen von Privat heit stark mit der Frage ver knüpft werden, wem man etwas anvertraut: 124 Die 18 bis 20Jährigen nennen hier seltener die Eltern, öfter enge Freunde, und leider gibt es auch einen Fall, in dem keine Ver trauens personen vor handen sind. Soziale Netz werk platt formen können hier nicht helfen, weil sich in diesen in der Regel die realen sozialen Beziehungen wider spiegeln. Die Äußerun gen zur Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit der jungen Erwachsenen in der Alters gruppe zwischen 21 und 24 Jahren, mit denen wir ge sprochen haben, gleichen in vielen Aspekten denen der 18 bis 20Jährigen. Zu den „eigenen vier Wänden“ als physische Privat heit kommt auch der eigene Körper. Gefühle und Erleb nisse in der Beziehung zu Freund oder Freundin werden oft als Privatangelegen heit dargestellt, ebenso die bereits mehrfach ge nannten Probleme in den ver schiedenen Systemen, an denen man teilhat. Mehr fach und in dieser Alters gruppe neu ge nannt werden eigene finanzielle Schwierig keiten, die man in Sozia len Netz werken nicht preis gibt. Die von uns inter viewten jungen Erwachsenen ver weisen expliziter als die anderen Alters gruppen auf das „Innen leben“ als Privatangelegen heit, zu dem neben ver schiedenen Gefühlslagen auch die Selbst wahrneh mung sowie politi sche und religiöse Auf fassungen ge hören. Zu Letzterem gibt es allerdings unter schied liche Meinun gen. Einige der 21 bis 24Jährigen, möchten ihren Alltag auf keinen Fall öffent lich werden lassen, was zu ihrer Ab lehnung von Status meldun gen führt. Andere dagegen sehen Angaben zum Alltag (einschließ lich Aufent haltsort) als potenziell öffent lichen Aspekt an. Fast alle aber betonen, dass es ihnen wichtig ist, selbst fest legen zu können, was privat und was öffent lich ist – gerade auch in Sozialen Netz werk platt formen. 2.2.3 Folge rungen: Präferenz dimensionen Typen bildung im Zusammen hang mit der Unter suchung des Nutzungs verhaltens von Menschen im Umgang mit dem Internet oder speziellen WebAnwen dungen reduzie ren einer seits die unüber sicht liche Komplexi tät und legen anderer seits – auf den ersten Blick zumindest – Hand lungs strategien nahe, speziell wenn es darum geht, be stimmte Ver haltens weisen von Personen zu fördern oder zu ver hindern, ihnen etwas zu ver kaufen oder sie zu beraten. Wie zu Beginn des Kapitels bereits an gedeutet, halten wir eine Typen bildung auf der Basis unserer Interviewdaten mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren nicht für sinn voll. Stattdessen wollen wir drei Dimensionen vor stellen, die uns ge eignet er scheinen, um in künfti gen Forschungs und/oder Ent wick lungs projekten als theoreti sche Grundlage ver wendet zu werden. Wir nennen diese Dimensionen Präferenz dimensionen, auf denen unsere jungen Gesprächspartner ganz ver schiedene, in Bezug auf ihre konkrete Lebens situa „Bei Privatsphäre denke ich sofort ans Internet und vielleicht auch an diesen Konflikt, einer seits Privatsphäre, anderer seits Sicher heit, also wie weit darf man jemanden über wachen.“ (Ralf, 23) 125 tion aber durch aus nach vollzieh bare Ent schei dungen treffen, Einstel lungen aus bilden und dabei ihr subjektives Wohl befinden zu regulie ren scheinen. Es handelt sich um die Dimensionen Nähe versus Distanz, Einzigartig keit versus Zu gehörig keit sowie Freiheit versus Sicher heit. Präferenz Nähe versus Distanz (Zugänglich keit) Soziale Netz werk platt formen ver binden, wie die Bezeich nung nahelegt, konkrete Personen miteinander. Sie er füllen das Bedürfnis, sich über gemeinsame Inte ressen zu orientie ren, Kontakte zu knüpfen, auf recht zuerhalten und zu ver tiefen, Personen zu suchen und zu finden und mitunter auch Ver trauen zu einzelnen Personen aufzu bauen. Von daher muss man sich über die Mitglieder Sozialer Netz werk platt formen ein „Bild“ im wört lichen und über tragenen Sinne machen können. Vor diesem Hinter grund ist es nach vollzieh bar, dass Nutzer persön liche Daten auf Sozialen Netz werk platt formen an geben müssen, um diese ihrem Zweck ent sprechend ver wenden zu können. Dazu ge hören zunächst der reale Namen und einige Eckdaten (z. B. Alter und Geschlecht). Das eigene Profilfoto liefert z. B. weitere Hinweise, ob es sich um die ge suchte Person handelt. Profilinforma tionen ver tiefen die Vor stel lung, die Teilnehmer in Sozialen Netz werken von sich auf bauen. Soziale Netz werk platt formen er lauben es, sich über standardisierte und kontrollierte Felder einen ersten Eindruck von Personen zu machen, diese als die ge suchten Personen zu identifizie ren oder eben näher „kennen zulernen“ bzw. ihnen näherzukommen. Die meisten Interviewten geben denn auch zunächst an, dass mindestens der reale Name auf den Platt formen an gegeben werden sollte. Auch Bilder und (vor allem bei jüngeren Nutzern) Interessen gelten vielen als wichtige Informa tionen über die Person. Einige der Jugend lichen und jungen Erwachsenen weisen darauf hin, dass man in Foren, bei OnlineSpielen oder zur Nutzung von MessengerDiensten deut lich weniger persön liche Daten preis gegeben müsse und solle, weil bei der Teilnahme die Identität der Personen nicht im Vordergrund steht. Die jungen Nutzer nehmen vor diesem Hinter grund den ge nuinen Zweck Sozialer Netz werk platt formen also intuitiv „richtig“ wahr und ver halten sich ent sprechend. Gleichzeitig aber geben nicht wenige unserer Gesprächspartner an, dass sie „gar nichts“ über sich im Internet preis geben, auch wenn sie im Interview nicht direkt danach ge fragt werden. Bei konkreten (Nach)Fragen machen sie dann Einschrän kungen zu dieser Aussage und relativie ren sie wieder. Dabei kann es sich um einen Effekt sozialer Erwünscht heit handeln: Die jungen Nutzer er fahren aus den Medien, in der Schule oder von den Eltern von Risiken im Internet und ver suchen dann, den Erwar tungen ihrer sozialen Bezugs personen zumindest in Gesprächen zu ent sprechen – selbst dann, wenn es gar nicht ihrer Lebens realität ent spricht. Es kann aber ebenso sein, dass tatsäch lich ein Bedürfnis besteht, nicht nur Nähe aufzu bauen, sondern auch eine ge wisse Distanz zu anderen 126 oder gar zu ihrem „digitalen Lebens umfeld“ zu halten. Die Tatsache, dass einige der Interviewten von sich aus einen sozialen Druck oder gar Zwang zur Teilnahme an Sozialen Netz werken an gesprochen haben, weist darauf hin, dass nicht alle Jugend lichen und jungen Erwachsenen Nähe im Internet suchen und wollen, die auf Sozialen Netz werk platt formen möglich ist oder auch ver langt wird. Was in den Äußerun gen zu diesem Thema seitens der jungen Nutzer nur Wieder holungen vor gegebener Normen sind, die als sozial er wünscht gelten, und was tatsäch lich Aus druck des Wunsches nach Distanz ist, lässt sich schwer einschätzen. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Nähe versus Distanz regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene ihre Zugänglich keit, indem sie diese individuell, situativ oder nach sozialen Normen anpassen. Dazu gibt es auf Sozialen Netz werk platt formen zahl reiche Möglich keiten: Man kann im Chat sicht bar sein oder bewusst die Sicht bar keit im Chat ver bergen; man kann seine EMailAdresse an geben, um kontaktiert werden zu können, oder sie ver stecken; man kann die Kontakt daten auf den physischen Ort er weitern oder Wohnort bzw. Adresse nicht an geben; man kann ein Profil bild hochladen, darauf ver zichten oder undeut liche Bilder ver wenden; man kann seinen richti gen Namen nennen, oder auch einen er fundenen oder ver änderten; man kann seinen aktuellen Aufenthaltsort ver öffent lichen oder darauf ver zichten. Diese Möglich keiten nehmen die von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen teils ent sprechend ihrer Bedürf nisse wahr, teils in Anpas sung an vor gegebene Normen und soziale Erwar tungen. In der Folge ver stricken sie sich mitunter in deut liche Wider sprüche und Konflikte (PrivacyParadox). Präferenz Einzigartig keit versus Zu gehörig keit (Selbst wert) In den Medien und aus der Sicht vieler Experten (siehe hierzu auch Kap. 5.2) dienen Soziale Netz werk platt formen nicht nur der Kommunika tion, sondern auch als Ort der Selbst darstel lung bis hin zur Identi täts entwick lung. Wenn sich Personen vor allem selbst darstellen wollen, dann kommt es ihnen darauf an, einzigartig zu sein, dabei vor allem positive oder aus gefallene Eigen schaften der eigenen Person zu zeigen oder auch be sonders authentisch (und damit un verwechsel bar) aufzu treten. Profile auf Sozialen Netz werk platt formen bieten be liebig viele Möglich keiten, die eigene Person darzu stellen. Interessanter weise wird dieses Bedürfnis von den interviewten Jugend lichen und jungen Erwach senen ver gleichs weise wenig direkt in unseren Interviews artikuliert. Im Ver gleich zur Kommunika tion wird die Selbst darstel lung offen bar nicht als primäre Funktion Sozialer Netz werk platt formen wahrgenommen. Es finden sich aber indirekte Aus sagen, die darauf hindeuten, dass sich junge InternetNutzer durch aus abheben und ab grenzen, also nicht (immer) genauso sein und genauso 127 handeln wollen wie die anderen: So weisen sie oft darauf hin, dass andere Nutzer irrelevante Informa tionen preis geben, unvorteil hafte Fotos von sich ver öffent lichen oder sich in Sozialen Netz werken in Beiträgen nicht an ständig ver halten – ge paart mit der Fest stel lung, dass sie dies anders handhaben. Auch bei diesen Äußerun gen ist selbstredend eine soziale Erwünscht heit nicht aus geschlossen. Allerdings zeigen die Einzelinterviews, dass Hinweise dieser Art zusammen mit anderen Aus sagen manchmal die Ent wick lung einer eigenen Identität andeuten. Ver einzelt teilen Interviewte aber auch un vermittelt mit, dass sie stolz darauf sind, anders zu sein oder anders zu handeln und dies dann gerade deswegen öffent lich machen (wollen). Der Wunsch, in relevanten Bezugs gruppen „nichts zu ver passen“, mitreden zu können und in der Folge vor allem dazu zugehören, scheint allerdings bei den meisten jungen Platt formenNutzern aus geprägter zu sein. Etablie rung, Erhal tung und Ver tiefung von Freund schaften ge hören relativ deut lich zu den wichtigsten Gratifika tionen der Teilhabe an Sozialen Netz werken. Dies kann so weit gehen, dass man lieber darauf ver zichtet, die eigene Meinung darzu stellen, wenn man diese als ab weichend von der Mehr heits meinung einschätzt oder ver mutet, dass dies bei anderen einen „falschen Eindruck“ von der eigenen Person hinter lasse. Merkmale, die einen von den anderen abheben, werden dann nicht öffent lich ge macht, um keinen Anlass für Aus gren zung zu bieten. Die interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen haben mehrfach an gegeben, eher „nicht be sondere“, risikofreie Dinge zu ver öffent lichen, damit Gespräche in Sozialen Netz werken ent stehen können. Deutlich wird das im um gekehrten Sinne z. B. an Interviewten, die in ihrem Schulalltag nur gering sozial integriert sind: Sie haben kein großes Interesse, sich auf Sozialen Netz werk platt formen mit ihren Mitschülern zu ver netzen und sich dort darzu stellen, weil sie ohnehin nicht be sonders gut mit ihnen aus kommen. Der Wunsch nach Einzigartig keit kann, muss aber nicht, mit dem Bedürfnis nach Distanz zusammen hängen; dasselbe gilt für den Zusammen hang zwischen dem Wunsch nach Zu gehörig keit und dem Bedürfnis nach Nähe. Während Nähe versus Distanz eher eine Dimension ist, die mit Zugänglich keit zu tun hat und sich rasch, auch situativ, ändern kann, stellt Einzigartig keit versus Zu gehörig keit eher eine Dimension dar, die den Selbst wert einer Person tangiert. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Ein zigartig keit versus Zu gehörig keit regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene Aspekte ihres Selbst werts. Soziale Netz werk platt formen bieten für beides prinzipiell einen Rahmen: Man sieht dort, wie andere denken und handeln, kann sich an schließen und dann dazu gehören. Genauso aber bieten Soziale Netz werk platt formen einen breiten Raum zur Darstel lung der eigenen Person in ihrer Einzigartig keit. Auch diese beiden Bedürf nisse können in Konflikt geraten. Hinweise darauf finden sich in den Interviews allerdings nur indirekt. 128 Präferenz Freiheit versus Sicher heit (Hand lungs spiel raum) Im Vordergrund stehen bei der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen affirmative Ziele, also die Einbet tung in die soziale Gruppe, emotionaler Zu spruch und der Aus tausch über Gemeinsam keiten. Konflikt themen be sprechen auch die von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen in privaten Nachrichten, nicht aber in Teilöffentlich keiten von Pinnwänden. Hierfür suchen sie eher die Sicher heit einer EinszueinsSitua tion ent weder im Internet über persön liche Nachrichten, über Foren beiträge unter Nutzung von Pseudonymen oder außerhalb des Internet über Telefonate oder persön liche Gespräche. Damit zeigen die Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein Bewusstsein dafür, wer bei einem öffent lich aus gehandelten Konflikt noch alles mitlesen könnte. Soziale Netz werk platt formen werden primär dazu ge nutzt, das außerhalb des Internet be stehende soziale Netz werk abzu bilden. Das Sammeln von Kontakten über den persön lichen Bekannten kreis hinaus spielt bei den Interviewten dagegen kaum eine Rolle. Auf Sozialen Netz werk platt formen suchen junge Nutzer also eben falls primär die Sicher heit persön licher Bekannt schaften und die Sicher heit vor Eingriffen fremder oder unerwünschter Personen, was schon in anderen Studien er mittelt werden konnte (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009). Gleichzeitig finden sich aber auch Äußerun gen in unseren Interviews, die darauf hinweisen, dass der Aspekte der Freiheit in Sozialen Netz werken eben falls ein Gut ist, das Jugend liche und junge Erwachsene nutzen wollen: z. B. die Freiheit, sich eigene soziale Bezugs gruppen, im Bedarfs fall auch einmal fernab der realen Bezugs gruppe oder ent gegen der Erwar tungen der Elterngenera tion, zu suchen und Kontakte zu knüpfen, die man ohne das Internet nicht knüpfen könnte. Ver einzelt wird auch das Bedürfnis nach Freiheit in dem Sinne geäußert, sich auf Sozialen Netz werk platt formen geben zu können, wie man ist, oder auch eine öffent liche Person sein zu dürfen. Zudem betonen viele junge Nutzer, dass es ihnen wichtig ist, selbst und damit frei ent scheiden zu können, welche Daten und Informa tionen sie freigeben und mit wem sie sich ver netzen oder eben nicht. Dass der Wunsch nach Sicher heit einer seits und nach Freiheit anderer seits auf Sozialen Netz werk platt formen unter schied lich aus gelebt werden kann, lässt sich leicht ver anschau lichen: Man kann z. B. in Facebook ein Profil be stehend aus Minimaldaten mit dem aus schließ lichen Ziel anlegen, Zugriff auf OnlineSpiele zu haben (oder andere Dienste zu nutzen) und maximiert damit seine Sicher heit. Man kann Scheinnetz werke mit ge fälschten Profil anga ben anlegen, um beispiels weise unerkannt Mitschüler kennen zulernen, in die man ver liebt ist, und bleibt auch dabei eher „auf der sicheren Seite“. Wenn man sich aus schließ lich mit Personen ver netzt, die man außerhalb des Internet kennt, fühlt man sich eben falls tendenziell sicher. Ein stärke rer Wunsch nach Freiheit dagegen kommt zum Aus druck, wenn man (bewusst) ver schiedene Netz werke mischt (z. B. be rufliche und private Kontakte) oder diese so weit 129 öffnet, dass auch Personen integriert werden, die man nur aus dem Internet kennt oder erst noch kennen lernen will. Alle diese ver schiedenen Formen der Aus gestal tung des eigenen Netz werks in Sozialen Netz werk platt formen finden sich in den Aus sagen der interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen wieder. Zusammen fassend kann man fest halten: Auf der PräferenzDimension Sicher heit versus Freiheit regulie ren Jugend liche und junge Erwachsene ihren Hand lungs spiel raum, indem sie zum einen selbst die Art und Rolle ihrer Netz werke bzw. ihrer Netz werk zugehörig keit definie ren und aus gestalten. Zum anderen tun sie dies durch ihre Ent schei dung, wie frei sie mit ihren eigenen Daten umgehen und als Person öffent lich sein wollen. Letzteres wird in unseren Interviews eher von jungen Erwachsenen explizit an gesprochen. Diese Gruppe lebt gegen über den jüngeren Interviewten in komplexe ren Lebens umständen und kennt mehr Kontakte aus dem persön lichen Umfeld außerhalb des Internet. Ihr Hand lungs spiel raum ist dadurch größer. Dass Soziale Netz werk platt formen sowohl eine Chance als auch ein Risiko sind, ist allen Nutzern, auch den jungen, wohl bewusst. Keiner der Interviewten zeigte sich hier völlig un bedarft. Wie man die ver schiedenen Chancen und Risiken ge wichtet und gegen einander auf wiegt, ist von drei Wissens bereichen ab hängig: dem Sachwissen über die Möglich keiten von Sozialen Netz werk platt formen; dem Hand lungs wissen da rüber, wie Funktionen ge nutzt werden können, um er wünschte Ziele zu er reichen und unerwünschte Effekte zu ver meiden; und dem Begrün dungs wissen, wie wichtig einem „Werte“ wie Sicher heit und Freiheit sind. 130 Literatur Kleining, G. (1982). Umriß zu einer Methodologie qualitativer Sozialforschung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 34(2), 224–253. Krotz, F. (2005). Neue Theorien ent wickeln: Eine Einfüh rung in die Grounded Theory, die Heuristi sche Sozialforschung und Ethnographie anhand von Beispielen aus der Kommunika tions forschung. Köln: von Halem. Mayring, P. (2000). Qualitative Inhalts analyse: Grundlagen und Techniken (7. Aufl.). Weinheim: Deutscher Studien Verlag. Schmidt, J.H., PausHasebrink, I. & Hasebrink, U. (2009). Heranwachsen mit dem Social Web: Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Schriften reihe Medien forschung der Landes anstalt für Medien NordrheinWest falen: Bd. 62. Berlin: VISTAS. 131 3 Digital Natives und Digital Immigrants – eine Sekundäranalyse Julia Niemann & Michael Schenk Die Heraus forde rungen von OnlineIdenti täten und der Selbstoffenba rung im Social Web be treffen nicht aus schließ lich die jungen Nutzer oder Digital Natives. Heute sind sehr viele digitale Informa tionen über jeden Internetnutzer ver fügbar. Auch An gehörige älterer Genera tionen bewegen sich im Social Web und er schaffen OnlineIdenti täten. Bei ihnen lassen sich ebenso Hand lungs weisen be obachten, die nicht von einem vor sichti gen Umgang mit der eigenen Privat sphäre zeugen. So sind be sonders ältere Menschen ge fährdet, Opfer von Online Betrug zu werden, da sie krimi nelle Ab sichten bisweilen schlecht durch schauen (Görgen, 2009), und beim OnlineDating geben Singles jeden Alters intime Details über sich preis (Gibbs, Ellison & Heino, 2006). Jugend liche und junge Erwachsene nutzen das Internet jedoch anders als ältere Erwachsene, daher stellt sich die Forschungs frage „Wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffenba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web?“. Einer seits sind junge User wesent lich häufiger online und nutzen das Netz intensiver. Die ARDZDFOnlinestudie (2011) zeigt, dass die Ver brei tung der Internetnut zung weiter zunimmt, aber dass sie auch stark vom Alter abhängt. Nahezu alle unter 20Jährigen gaben in der Umfrage an, das Internet innerhalb der letzten vier Wochen ge nutzt zu haben. Dieser Anteil sinkt bei steigen dem Alter und bei den über 60Jährigen beträgt der Anteil der Internetnutzer gerade noch 35 Prozent. Auch bei der Nutzung einzelner Anwen dungen des Social Web lassen sich deut liche Alters unterschiede fest stellen (Busemann & Gscheidle, 2011). Schon rein quantitativ ergeben sich also Unter schiede ver schiedener Genera tionen, nicht nur bei der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen. Insbesondere Jugend liche im Alter zwischen etwa 15 und 17 Jahren nutzen die Platt formen be sonders stark (Hasebrink & Rohde, 2009), in den Alters gruppen der 18 bis 20 und 21 bis 24Jährigen hingegen nimmt die Nutzung leicht ab. Die Nutzung des Internet und insbesondere des Social Web und von Sozialen Netz werk platt formen durch ver schiedene Alters gruppen unter scheidet sich aber 132 nicht nur quantitativ sondern auch funktional, wie Boyd (2008) be schreibt: Jugend liche be schäfti gen sich auf Sozialen Netz werk platt formen mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld, sie ver ändern ihre Profile häufiger und ver fassen Kommentare auf den Profilseiten ihrer Freunde. Das Netz ist stark in die Lebens welt der Digital Natives integriert, sie finden dort einen Ort, an dem sie – weit gehend un beobachtet durch Eltern oder Lehrer – auf ihre Peergroup treffen (Boyd & Marwick, 2011). Erwachsene hingegen be treiben auf Sozialen Netz werk platt formen eher wirk liches „Networking“, sie nutzen sie zur Auf rechterhal tung oder zum Ausbau ihres sozialen Kapitals. Ihnen ist es be sonders wichtig, dort alte Bekannte wieder zufinden, Geschäfts kontakte zu pflegen oder die Platt formen als Informa tions quelle zu ver wenden (Boyd, 2008). Die Unter schiede zwischen jüngeren und älteren Nutzern auf das Geburts jahr zurück zuführen, wäre jedoch zu kurz ge griffen. „Der Genera tionen zusam men hang ent steht […] nicht auf grund der chronologi schen Gleichzeitig keit der Geburt, sondern vielmehr durch die gemeinsame Teilhabe an be stimmten histo ri schen Ereig nissen oder umfassen den Ver ände rungen, welche Lebens stil und Weltanschauung mass geblich [sic!] prägen.“ (Seufert, 2007, S. 6). Genera tionen werden durch politi sche Ereig nisse, Mode und Zeit geist sowie durch technologi sche Innova tionen, mit denen sie auf wachsen, ge prägt. Die Zusam men gehörig keit einer solchen „soziologi schen Genera tion“ ist daher an Geburts jahrgängen fest zumachen, der Geburts jahrgang ist aber nicht die Ursache für die Zu gehörig keit. Die Genera tion der Digital Natives ist mit den neuen Informa tions techno logien, mit Internet und Mobilfunk auf gewachsen, die der Digital Immigrants nicht. Als groben Richt wert findet man in der Literatur die Geburts jahrgänge ab den 1980ern als Digital Natives (Fromme, 2002; Palfrey & Gasser, 2008). Im Gegen satz zu den Digital Natives sind die älteren Nutzer nicht mit dem Internet auf gewachsen. Anders als die jungen Nutzer er lernen sie den Umgang mit den neuen Technologien meist nicht beiläufig, sondern durch selbst organi siertes oder selbst gesteuertes Lernen (Fromme, 2002). Die Digital Immigrants haben strukturell andere Sozialisa tions prozesse hinter sich, die sie zu anderen Formen der Selbst darstel lung und zu einem anderen Konzept von Privat heit und Öffentlich keit ge führt haben. Zum Teil hängen die Unter schiede in Bezug auf die Selbstoffenba rung im Internet auch von den generellen techni schen Fertig keiten ab (Boyd & Hargittai, 2010). Die Unter schiede in der Art, wie Menschen online mit ihrer Privatsphäre umgehen, sind durch frühere Erfah rungen, auch aus der OfflineWelt, bedingt. Das Konzept der Älteren ist gegenüber dem der Jüngeren negativ geprägt: „youth focus on all that they have to gain when entering into public spaces while adults are talking about all that they have to lose“ (Boyd, 2010, Abs. 5). Abhängig von ihren persön lichen be ruflichen und privaten Erfah rungen und ihrer Expertise im Umgang mit den digitalen Medien reagie ren Menschen anders auf die Chancen und Risiken des Social Web. Dadurch, dass die Digital Natives mit den digitalen 133 Medien auf gewachsen sind, besteht bei ihnen ver mutlich ein größeres Ver trauen in die neuen Technologien. Da sie auf eine jahrelange Erfah rung im Umgang mit den Technologien zurück blicken und diese beiläufig erlernt haben, wähnen sie sich in der Lage, Konsequenzen und Gefahren im Netz ab schätzen zu können. Dieser Umstand könnte sich auch auf den Umgang und die Ver öffent lichung von eigenen und fremden personen bezogenen Daten aus wirken: Es er scheint daher plausibel, dass Digital Natives und Digital Immigrants mit anderen Maßstäben be urteilen, was als privat gelten sollte und was nicht. Es liegt nahe, dass es zwischen den Digital Natives und den Digital Immi grants einen Unter schied hinsicht lich der Hand lungs weisen im Social Web und der Einstel lung zur Privatsphäre gibt. Die Besonder heiten des Umgangs mit dem Social Web und mit Privat heit und Öffentlich keit im Internet, die bei jungen Nutzern eventuell vor liegen, können zudem be sonders deut lich auf gezeigt werden, wenn sie einer Ver gleichs gruppe älterer Internetnutzer gegen über gestellt werden. Dieser Ver gleich soll im Folgenden unter Rück griff auf eine sekundär analyti sche Unter suchung geschehen. 3.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens Zur Kontrastie rung der Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants hinsicht lich ihrer Nutzung des Social Web, ihrer Sorge um die eigene Privatsphäre und dem Selbstoffenba rungs verhalten, wird auf die Studie „Die Diffusion der Medien innova tion Social Web: Determinanten und Aus wirkungen aus der Perspektive des Nutzers“ zurück gegriffen. Dieses Projekt wurde von 2008 bis 2011 an der Universi tät Hohenheim unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk durch geführt und von der Deutschen Forschungs gemein schaft ge fördert. Die Studie liefert ein umfassen des Bild von der Nutzung und den Nutzungs motiven sowie eventuellen Folgen des Social Web in der deutschen InternetNutzer schaft. Dabei wurden nicht nur Fragestel lungen auf individueller Ebene auf gestellt, sondern auch Aus wirkungen für Gruppen und Gesellschafts prozesse diskutiert. Das Projekt umfasste ein mehrstufiges Forschungs design, das quantitative und qualitative Methoden integrierte. Dabei wurden nicht nur Soziale Netz werk platt formen, sondern auch fünf weitere Anwen dungen des Social Web fokussiert. Es handelt sich um Bilder und Videoplatt formen, Blogs, Wikis und Diskus sions foren. Für die Beantwor tung der Forschungs frage 2, wie unter scheiden sich ältere und jüngere Nutzer des Social Web hinsicht lich ihrer Neigung zur Selbstoffen ba rung und ihrer Sorge um die Privatsphäre im Social Web?, wurden die quantitativen Daten des DFG Projekts sekundäranalytisch unter sucht. Diese wurden im Rahmen einer WebBefra gung, bei der die Teilnehmer über ein OnlineAccessPanel rekrutiert wurden, gesammelt. Die Struktur des Samples 134 ent spricht hinsicht lich Alter, Geschlecht und Bundes land der Grundgesamt heit der deutschen OnlineBevölke rung laut AGOF zum Erhe bungs zeitpunkt (vgl. Schenk, Jers & Gölz, 2012). Die Teilnehmer der Umfrage sind jedoch deut lich höher ge bildet als der Durch schnitt der OnlineBevölke rung. Insgesamt nahmen 3.030 Personen zwischen 13 und 83 Jahren an der Umfrage teil. Um Digital Natives und Digital Immigrants hinsicht lich der Sorge um die Privatsphäre und dem OnlineSelbstoffenba rungs verhalten miteinander ver gleichen zu können, wurden drei Alters gruppen ge bildet. Als Gruppe der Digital Natives wurden Personen im Alter zwischen 13 und 24 Jahren definiert (n = 624). Diese sind deut lich später als 1980 ge boren und somit eindeutig nach und während der Ver brei tung des Internet auf gewachsen. Da die Alters grenze zwischen Digital Natives und Digital Immigrants fließend ver läuft und nicht an einem be stimmten Geburts jahr fest zumachen ist, wurde zusätz lich eine Mittelgruppe ge bildet, die die beiden interessie ren den Gruppen Digital Natives und Digital Immigrants voneinander separiert. Diese Mittelgruppe reicht von 24 bis zu 34 Jahren (n = 565). Es handelt sich um Personen, die zwar in ihrer Jugend die Anfänge der Ent wick lung neuer Informa tions technologien miterlebt haben, deren Jugendphase aber nicht zwangs läufig so stark von der zunehmen den Mediatisie rung durch Informa tions technologien ge prägt war, wie die der Digital Natives. Personen über 35 Jahren bilden die Gruppe der Digital Immi grants (n = 1.841). Diese Gruppe konnte die Informa tions technologien Internet und Mobilfunk nicht in ihrer Kindheit und Adoles zenz er lernen, sondern kam erst in einer späteren Lebens phase damit in Berüh rung. Sie ge hören diesbezüg lich einer anderen soziologi schen Genera tion an. Der Schilde rung der Ergeb nisse der Sekundäranalyse geht im Folgenden jeweils eine Beschrei bung der operationalisierten Konstrukte voraus. Die Um frage ent hielt neben der Abfrage der Nutzungs häufig keit der ver schiedenen Social WebAnwen dungen auch eine Skala zum Persönlich keits merkmal Nei gung zur Selbstoffenba rung und zur Internet und Social WebSelbst wirksam keit. Außerdem wurden die Sorge um die Privatsphäre im Social Web und das Selbstoffenba rungs verhalten ab gefragt. Die hier auf gezählten Konstrukte wurden dahin gehend unter sucht, ob sie sich bei den drei Alters gruppen unter scheiden. 3.2 Ergeb nisse 3.2.1 Nutzungs aktivi tät Zunächst wurde in der Onlinebefra gung nach der Nutzungs häufig keit ver schiedener Anwen dungen des Social Web ge fragt (Abbil dung 3). Insgesamt be suchen die Digital Natives deut lich häufiger die ver schiedenen Anwen dungen des Social Web. Soziale Netz werk platt formen stechen heraus, denn sie werden 135 in jeder Alters gruppe am häufigsten frequentiert. Die Digital Immigrants nutzen sie im Durch schnitt zumindest mehrmals wöchent lich und auch die anderen Alters gruppen weisen bei den Sozialen Netz werk platt formen jeweils ihre höchste Nutzungs frequenz auf. Auf fallend ist jedoch das starke Gefälle zwischen den Alters gruppen. Während die jungen Nutzer an geben, diese An gebote im Schnitt mindestens wöchent lich zu nutzen, sinkt der Durch schnitts wert bei den anderen Alters gruppen deut lich, was auch den Erwar tungen ent spricht. Abbil dung 3: Nutzungs häufig keit der Social Web-Anwen dungen Skala: 1 = nie; 2 = seltener; 3 = mehrmals monatlich; 4 = einmal wöchentlich; 5 = mehrmals wöchentlich; 6 = einmal täglich; 7 = mehrmals täglich Der Aktivi täts grad im Social Web bemisst sich nicht nur an der Nutzungs frequenz oder dauer, die die User mit SocialWebAktivi täten ver bringen. Viel relevanter in Bezug auf die Privatsphäre ist es, welche Aktivi täten die User im Social Web aus führen und wie sie dies jeweils tun. Einer seits ist es möglich, die An gebote des Social Web passivrezipierend zu nutzen, anderer seits zeichnet sich das Social Web gerade dadurch aus, dass Nutzer sich einbringen und vom Rezipient zum „Produser“ werden, der aktiv eigene Inhalte ge neriert. Um die SocialWebNutzung nicht über eine reine Häufig keits abfrage zu er fassen, wurde in der Diffu sionsStudie eine Nutzer typologie ge bildet, die den Aktivi täts grad ab bildet. Für die sechs unter suchten Anwen dungsTypen des Social Web wurden Aus sagen formuliert, die die rezipierende, partizipierende oder produzierende Nutzung des jeweili gen Anwen dungsTyps aus drücken. So wurde 5,15 4,60 3,61 2,81 4,15 3,41 2,61 3,24 4,21 3,48 3,09 3,71 2,70 2,58 2,47 2,09 2,70 2,60 0 1 2 3 4 5 6 7 Soziale Netzwerk- plattformen Video- plattformen Bilder- plattformen Blogs Wikis Diskussions- foren Digital Natives (n = 624) Mittelgruppe (n = 565) Digital Immigrants (n = 1.841) 136 für Videoplatt formen beispiels weise ab gefragt, ob ein Nutzer dort nur Videos ansieht (rezipierende Nutzung), sie darüber hinaus auch kommentiert (partizi pierende Nutzung) oder zudem auch eigene Videos hochlädt (produzierende Nutzung). Die Anwen dungen differenzie ren hinsicht lich der Nutzungs aktivi tät sehr stark (Abbil dung 4). Es fällt auf, dass sich insbesondere Soziale Netz werk platt formen durch eine hohe partizipierende und produzierende Nutzungs weise aus zeichnen. Sie werden also nicht nur be sonders häufig, sondern auch mit sehr hohem Partizipa tions grad ge nutzt. Abbil dung 4: Aktivi täts grad pro Anwen dung Basierend auf den je drei Items zu den sechs ab gefragten Anwen dungs typen und der Nutzungs aktivi tät wurde eine Nutzer typologie auf gestellt, die den Aktivi täts grad der User im Social Web wider spiegelt. Die fünf Nutzer gruppen werden in Tabelle 4 be schrieben (vgl. Jers et al., 2010). 77% 12% 64% 36% 46% 50% 7% 31% 16% 25% 11% 14% 15% 57% 20% 39% 43% 36% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Wikis (n = 1.965) Soziale Netzwerk- plattformen (n = 1.964) Video- plattformen (n = 1.944) Diskussions- foren (n = 1.912) Bilder- plattformen (n = 1.891) Blogs (n = 1.312) rezipierende Nutzung partizipierende Nutzung produzierende Nutzung 137 Tabelle 4: Nutzer typologie nach Aktivi täts grad Gruppe n Nichtnutzer Diese Gruppe nutzt keine der sechs ab gefragten Social Web- Anwen dungen in irgendeiner Weise. Diese Gruppe ist nicht im Social Web aktiv. 291 Konsumierende Nutzer Rezipierende Nutzer nutzen zwar eine oder mehrere der ab- gefragten Social Web-Anwen dungen, jedoch be richten sie nur von rezipie ren der Nutzung. Diese Nutzer ge nerie ren weder eigene Inhalte, noch partizipie ren sie, indem sie die Inhalte anderer kommentie ren oder be werten. Umgangs sprach lich könnten sie auch als „Lurker“ be zeichnet werden. Ihr Aktivi täts- niveau ist daher gering. 573 Partizipierende Nutzer Mitglieder dieser Gruppe nutzen mindestens eine der ab- gefragten Social Web-Anwen dungen in partizipie ren der Weise. Sie stellen zwar keine eigenen Inhalte bereit, aber sie reagie ren auf die Inhalte anderer, indem sie sie kommentie ren oder be- werten. 534 Produzierende Nutzer Diese Nutzer produzie ren eigene Inhalte und ge nerie ren damit Content in einer oder zwei der ab gefragten Social Web-Anwen- dungen. 1.072 Vielseitig produzierende Nutzer Bei den vielseitig produzie ren den Nutzern handelt es sich um Personen, die in drei oder mehr Anwen dungen eigene Inhalte bereit stellen und das höchste Aktivi täts niveau in der Typologie auf weisen. 560 Basis: N = 3.030 Zunächst soll ge zeigt werden, inwiefern die ge bildeten Alters gruppen hin sicht lich der SocialWebNutzung variieren. Für diesen Ver gleich wurde eine Häufig keits auszäh lung des Aktivi täts grades, auf gesplittet nach den drei Alters gruppen, vor genommen, die in Abbil dung 5 dargestellt ist. Es zeigt sich, dass die Alters gruppen hinsicht lich ihres Aktivi täts grades deut lich differie ren. Wie er wartet, ist die produzierende Nutzung im Jugend und jungen Erwachsenen alter am aus geprägtesten. Eine deut liche Mehrheit von 83 Prozent der 13 bis 24Jährigen produziert und ver öffent licht eigene Inhalte in mindestens einer der sechs unter suchten Social WebAnwen dungen. In der Ver gleichs gruppe der Digital Immigrants geben nur 40 Prozent der be fragten Internetnutzer an, schon einmal eigene Inhalte ins Netz ge stellt zu haben. Die Gruppe der Nichtnutzer ist im Gegen zug in dieser Gruppe am größten (14 Prozent). In der Gruppe der jungen Nutzer sind hingegen kaum NichtNutzer zu finden (1 Prozent). Die deskriptiven Ergeb nisse be stätigten sich auch in einem χ²Test (χ² = 399,53; p < ,001) und auch die er klärte Varianz (η = ,34) spricht für einen starken Zusammen hang zwischen Alters gruppe und Aktivi täts grad. Folglich kann fest gehalten werden, dass wie er wartet die jungen Nutzer das Social Web intensiver und vor allem mit einem höheren Partizipa tions grad nutzen als die älteren. 138 Abbil dung 5: Alters gruppen nach Aktivi täts grad im Social Web 3.2.2 Selbst wirksam keit Nicht nur die Erfah rung im produzie ren den Umgang mit dem Social Web liefert eine Begrün dung, inwiefern Personen unter schied lich mit den Heraus forde rungen von Selbstoffenba rung und Privatsphäre im Social Web umgehen. Auch die Einschät zung der Selbst wirksam keit eigener techni scher Fähig keiten bedingt, inwiefern Personen das Gefühl haben, die OnlineSelbstoffenba rung selbst kontrollie ren zu können. Dies kann auch Aus wirkungen auf Art und Umfang der OnlineSelbst darstel lung haben. Die Abfrage der InternetSelbst wirksam keit basierte auf drei Items aus einer Skala von Eastin und LaRose (2000), die ins Deutsche über setzt wurden. Um auch die Social Webspezifi sche Selbst wirksam keit ab fragen zu können, wurden innerhalb des Ursp rungs projekts fünf weitere Items formuliert, die unter schied liche Social WebAnwen dungen ab decken4. Diese Sub skala wurde innerhalb eines Pretest validiert. Die Abfrage er folgte sowohl bei der Internet als auch bei der Social WebSelbst wirksam keit über eine fünfstufige Antwort skala. Beide Subs kalen ver fügten über eine aus reichend hohe Reliabili tät, so dass zur weiteren Aus wertung 4 Die Items aller ver wendeten Skalen be finden sich im OnlineAnhang. 29% 24% 13% 54% 41% 27% 9% 17% 21% 7% 12% 25% 1% 6% 14% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Digital Natives 13–24 Jahre (n = 624) Mittelgruppe 25–34 Jahre (n = 565) Digital Immigrants 35+ Jahre (n = 1.841) Vielseitig produzierende Nutzer Produzierende Nutzer Partizipierende Nutzer Konsumierende Nutzer Nichtnutzer 139 Mittelwertindices ge bildet wurden. Das Cronbach’s α betrug für InternetSelbst wirksam keit α = ,76 und für Social WebSelbst wirksam keit α = ,91. Ob die Einschät zung der eigenen Selbst wirksam keit in Bezug auf das Internet und das Social Web zwischen den Alters gruppen variiert, wurde mit zwei einfaktoriellen Varianzanalysen und an schließen dem PostHocTest ge prüft (Tabelle 5). Es zeigen sich nur sehr geringe Mittelwert unterschiede und kleine Effekt stärken. Den Ergeb nissen der Analyse zu Folge haben die Digital Natives und Personen unter 35 Jahren eine leicht höhere InternetSelbst wirksam keit gegen über den Digital Immigrants. Ältere Personen fühlen sich im Umgang mit dem Internet demnach nur ein wenig unsiche rer als jüngere Personen. Insgesamt ist die Internetselbst wirksam keit jedoch hoch aus geprägt; mit einem Durschnitt von M = 3,90 liegen selbst die älteren Nutzer deut lich über dem Mittelwert der Skala. Tabelle 5: Internet- und Social-Web-Selbst wirksam keit nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 623) (n = 565) (n = 1.841) Index Internet- Selbst wirksam keit* M 4,09a 4,09a 3,90b 23,15 p < ,001 SD 0,69 0,70 0,76 Index Social Web- Selbst wirksam keit* M 3,79a 3,70a 3,07b 142,64 p < ,001 SD 0,92 1,02 1,14 Varianzanalysen; Basis N = 3.029 Skala 1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) Bei der Social WebSelbst wirksam keit fallen die Differenzen zum Mittelwert der Skala nicht so stark aus wie bei der InternetSelbst wirksam keit. Insbesondere bei den beiden jüngeren Alters gruppen liegen die Mittelwerte aber dennoch deut lich darüber. Dementsprechend fällt bei der Social WebSelbst wirksam keit auch der Mittelwert unterschied zwischen den jüngeren beiden Alters gruppen und der älteren Gruppe deut licher aus. Die jüngste Alters gruppe unter schei det sich signifikant von der ältesten und der Mittelwert unterschied beträgt 0,72 Skalen punkte. Das be deutet, die jüngeren Nutzer ver fügen über eine deut lich höhere Selbst wirksam keits erwar tung als die älteren. Dies ver wundert nicht, denn wie bereits in der Analyse des Aktivi täts grades fest gestellt, ver fügen die jüngeren Nutzer über eine deut lich höhere Praxis erfah rung. Diese könnte wechselseitig zu dem ge steigerten Selbst wirksam keits empfinden führen, aus dem wiederum eine aktiv partizipierende oder produzierende Nutzung hervor gehen könnte. 140 3.2.3 Neigung zur Selbstoffenba rung Die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung ist – unabhängig von der Selbst enthül lung im Internet – bei ver schiedenen Personen ganz unter schied lich stark aus geprägt. Schon per Defini tion geben extro vertierte Menschen mehr von sich preis als intro vertierte, und Frauen neigen bspw. eher zur Selbstoffenba rung als Männer (Dindia & Allena, 1992). Es er scheint naheliegend, dass Personen, die generell in FacetoFaceSitua tionen zu einer er höhten Selbstoffenba rung neigen, dies auch online tun. Für die Einschät zung der generellen Neigung zur Selbstenthül lung wurde eine Sub skala der von Buss (2001) ent wickelten Privacy Scale ver wendet. Diese SelfDisclosure Scale ent hält sechs Items, die das Ausmaß der Selbstenthül lung des Befragten in OfflineGesprächs situa tionen er mittelt und wurde auf einer fünfstufigen Skala ab gefragt. Wegen geringer interner Konsistenz der Skala wurde ein Item aus der Analyse aus geschlossen, so dass der ge bildete Mittelwertindex auf fünf Items basiert und ein Cronbach’s α = ,75 auf weist. Um zu prüfen, ob die Bereit schaft zur Selbstenthül lung zwischen den Alters gruppen differiert, wurde in einer einfaktoriellen Varianzanalyse ge prüft, ob bei dem ge bildeten Index Mittelwert unterschiede in den ver schiedenen Alters gruppen vor liegen. Ein Mittelwert unterschied würde auf eine Ver ände rung hinsicht lich der Normen zur Selbstoffenba rung über die unter suchten Genera tionen hinweg hindeuten. Eine solche Ver ände rung kann jedoch mit den vor liegen den Daten nicht fest gestellt werden (Tabelle 6). Wie er wartet variiert das Merkmal Neigung zur Selbstoffenba rung nicht zwischen den Gruppen. Jugend liche und junge Erwachsene weisen keine, gegen über den anderen Alters gruppen erhöhte Selbst offenba rungs tendenz in Gesprächen auf. Die Neigung zur Selbstoffenba rung face to face ist folg lich über die ver schiedenen soziologi schen Genera tionen hinweg stabil. Insgesamt ist die Neigung zur Selbstoffenba rung in der Stichprobe weder als be sonders niedrig, noch als be sonders hoch zu be zeichnen. Die Mittelwerte aller Alters gruppen liegen sehr nah am Durch schnitts wert der Skala. Tabelle 6: Neigung zur Selbstoffenba rung nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 621) (n = 563) (n = 1.835) Neigung zur Selbstoffenba rung* M 3,29 3,30 3,24 2,09 n. s. SD 0,78 0,72 0,73 Varianzanalysen; Basis N = 3.019 Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) 141 Es kann daher davon aus gegangen werden, dass heutige Jugend liche und junge Erwachsene sich hinsicht lich ihrer Selbstoffenba rungs tendenzen im OfflineLeben nicht unter scheiden und dass diesbezüg lich (bisher) keine gravie rende, durch das Social Web be günstigte Ver ände rung statt gefunden hat. Digital Immigrants und Digital Natives ver halten sich gleich. Dies kann jedoch in Bezug auf die OnlineSelbstoffenba rung und in Hinblick auf die Sorge um die eigene Privatsphäre in OnlineUmgebun gen anders aus sehen. Die „visuelle Anonymi tät“, die online weitest gehend noch immer vor herrscht, be günstigt einen höheren Level der Selbstoffenba rung (Joinson, 2001). 3.2.4 Sorge um die Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web Zur Messung der Sorge um die Privatsphäre wurde auf die Skala Adapted PCP (APCP) zurück gegriffen. Es handelt sich um eine Adaption der Skala Privacy Concern and Protec tion for Use on the Internet (PCP) von Buchanan, Paine, Joinson und Reips (2007). Die PCP wurde zu diesem Zweck auf die Gegeben heiten des Social Web an gepasst und ins Deutsche über setzt (Tad dicken, 2010, June 22). Die 27 Items lange APCP ent hält drei Subs kalen: Sorge um Privat sphäre, Generelle Vor sicht und Technischer Schutz. Die Abfrage er folgte wiederum über eine fünfstufige Antwort skala, und die drei Subs kalen wiesen eine aus reichende Reliabili tät auf, so dass auch hier Mittelwertindices ge bildet wurden (Sorge um die Privatsphäre: Cronbach’s α = ,92; Generelle Vor sicht: Cronbach’s α = ,81; Technischer Schutz: Cronbach’s α = ,72). Ob die Sorge um die eigene Privatsphäre bei der Nutzung des Internet und insbesondere des SocialWeb zwischen den Alters gruppen variiert, wurde wiederum mit einfaktoriellen Varianzanalysen und PostHocTests analysiert. Bei allen drei Subs kalen zeigen sich nur schwache, aber signifikante Mittelwert unterschiede (Tabelle 7). Demnach sind Jüngere online etwas unvorsichti ger und achten etwas weniger auf techni sche Schutz maßnahmen. Insbesondere bei der Sorge um die eigene Privatsphäre unter scheiden sich die Gruppen aber nur auf sehr geringem Niveau. 142 Tabelle 7: Sorge um Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web nach Alters gruppen Digital Natives 13–24 Jahre Mittelgruppe 25–34 Jahre Digital Immigrants 35+ Jahre F Sign. (n = 624) (n = 565) (n = 1.841) Generelle Vor sicht M 3,17a 3,34b 3,61c 62,78 p < ,001 SD 0,91 0,88 0,91 Technischer Schutz M 3,49a 3,74b 3,75b 29,07 p < ,001 SD 0,74 0,70 0,76 Sorge um die Privatsphäre M 3,30a 3,38ab 3,39b 3,00 p < ,05 SD 0,69 0,69 0,76 Varianzanalysen; Basis N = 3.030 Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Tukey PostHocTest (p < ,05) * LeveneTest auf Homogeni tät der Varianzen signifikant (p < ,05) Die Ergeb nisse weisen darauf hin, dass die Befragten aus unter schied lichen Alters gruppen sich in ähnlichem Umfang um die eigene Privatsphäre sorgen und auf techni schen Schutz bedacht sind. Die leichten Mittelwert unterschiede deuten eine Tendenz dahin gehend an, dass Jugend liche und junge Erwachsene hinsicht lich genereller Vor sicht, techni scher Schutz maßnahmen und ihrer Sorge um die Privatsphäre leicht von den älteren Alters gruppen differie ren, sie sind also etwas weniger vor sichtig. Dies unter streicht die Relevanz der weiteren empiri schen Parts der vor liegen den Studie. 3.3 Selbstoffenba rung im Social Web Um das Ausmaß der Selbstoffenba rung im Social Web zu er fassen, wurde ge fragt, welche Informa tionen die Teilnehmer bereits mindestens einmal im Internet ver öffent lich haben. Es handelt sich dabei um Basisinforma tionen (Vor name, Nachname, Geburts tag, Beruf), Kontaktinforma tionen (EMailAdresse, PostAdresse), visuelle Informa tionen (Fotos) und Informa tionen über be stehende Kontakte (private und be rufliche). Außerdem wurde nach eigenen Erleb nissen und Gedanken, eigenen Gefühlen und den negativen Gefühlen, nämlich Sorgen und Ängsten, ge fragt. Zusätz lich wurde für jede Informa tion erfasst, ob der Zugriff auf diese Informa tion auf be stimmte Gruppen be schränkt wurde (z. B. Ver öffent lichung der PostAdresse nur für persön liche Kontakte auf einer Sozialen Netz werk platt form). Nahezu durch gängig zeigt sich, dass die jüngeren Nutzer mehr Daten von sich im Internet preis geben als die älteren. Aber auch die Informa tions arten variieren hinsicht lich der Häufig keit, mit der sie ge teilt werden. Die Basisinfor 143 ma tionen Vorname, Nachname und Geburts tag ge hören, ebenso wie die EMail Adresse, zu den Informa tionen, die generell oft im Internet mitgeteilt werden. In allen Alters gruppen geben die Befragten zu über 80 Prozent an, diese Informa tion schon einmal über das Internet offenbart zu haben. Da es sich bei Name, Geburts tag und EMailAdresse um die Angaben handelt, die während der Registrie rung bei einem SocialWebDienst häufig be nötigt werden, ver wundert die hohe Rate nicht (Tad dicken & Schenk, 2010). Die Digital Natives teilen jedoch generell mehr Informa tionen mit als die älteren Alters gruppen. Einzige Aus nahme bilden offen bar Kontaktinforma tionen. Bei EMailAdresse und PostAdresse geben eher ältere Personen an, diese schon einmal ver öffent licht zu haben. Eine mögliche Erklä rung für dieses in Bezug auf die anderen Ergeb nisse konträre Resultat könnte sein, dass diese Angaben vor allem beim OnlineShopping be nötigt werden. OnlineShopping ist eher untypisch für die jüngeren Alters gruppen (ARDZDFOnlinestudie 2011). Darüber hinaus könnte es sein, dass die Angabe der PostAdresse vor rangig in einem be ruflichen Kontext erfolgt, z. B. im Rahmen der Impressums pflicht für Webseiten. Besonders die Angabe der PostAdresse könnte jedoch als sensitiv ein gestuft werden, da hier nicht nur Aus wirkungen auf die infor matio nelle, sondern auch auf die physische Privatsphäre ent stehen könnten. Daher ist dieses Ergebnis be merkens wert: Gerade bei den sehr sensitiven Kontaktinforma tionen weisen sich die älteren Nutzer durch eine hohe Selbst offenba rung aus. Eben falls als sensitiv einzu stufen ist das Teilen von Fotos, da diese unter Umständen eben falls die ab gebildete Person mit einem OfflineKontext sicht bar werden lassen. Hier be stehen deut liche Alters unterschiede. Die jungen Nutzer ver öffent lichen viel häufiger Bilder im Social Web. Ähnlich große Unter schiede finden sich auch beim Teilen privater Kontakte. Werden diese Informa tionen im Social Web ver öffent licht, wird die Person innerhalb ihres, auch in der OfflineWelt existie ren den, sozialen Netz werks sicht bar. Das Teilen privater Kontakte findet ver mutlich vor allem auf Sozialen Netz werk platt formen statt, die zwar nicht nur, aber vor rangig von jungen Nutzern besucht werden. Beruf liche Kontakte werden im Social Web generell nicht so häufig preis gegeben. Dies könnte daran liegen, dass üblicher weise be rufliche Kontakte nur in sehr speziellen Social WebFormaten ge teilt werden. Karriereorientierte SocialNetworkingSites, wie LinkedIn und XING, oder be ruflich orientierte Blogs sind Beispiele für solche Anwen dungen. Die Durch drin gung dieser An gebote ist insgesamt nicht sehr hoch (z. B. 7,5 Prozent Reichweite von XING laut AGOF internet facts 2010III). Die Mitglied schaft bei karriereorientierten SocialNetworkingSites macht zudem vor allem zu Beginn der be ruflichen Laufbahn Sinn, was daher er klären kann, dass die Nutzer unter 35 Jahren diese Informa tion be sonders häufig teilen. 144 97 % 90 % 97 % 87 % 86 % 52 % 90 % 76 % 33 % 67 % 64 % 53 % 41 % 96 % 89 % 92 % 80 % 87 % 54 % 76 % 64 % 33 % 53 % 53 % 43 % 32 % 90 % 82 % 84 % 71 % 89 % 59 % 53 % 35 % 24 % 43 % 47 % 35 % 30 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e N ac h- na m e G eb ur ts - ta g B er uf E -M ai l Po st - A dr es se Fo to s Pr iv at e K on ta kt e B er uf lic he K on ta kt e E ig en e E rl eb - ni ss e E ig en e G ed an ke n E ig en e G ef üh le E ig en e So rg en un d Ä ng st e D ig ita l N at iv es 13 –2 4 Ja hr e (n = 6 24 ) M itt el gr up pe 25 –3 4 Ja hr e (n = 5 65 ) D ig ita l I m m ig ra nt s 35 + J ah re (n = 1 .8 41 ) A bb il du ng 6 : G et ei lt e In fo rm at io ne n im S oc ia l W eb n ac h A lt er sg ru pp en 145 Eher emotionale Aspekte wie eigene Erleb nisse, Gefühle, Gedanken, Ängste und Sorgen werden weit weniger häufig offenbart als die zur Registrie rung notwendi gen Daten Name und EMailAdresse. Dennoch, der Anteil der User, die an geben, diese doch eher sensitiven Informa tionen bereits über das Internet mit anderen ge teilt zu haben, ist er staun lich hoch. Er liegt in allen Alters gruppen und bei allen emotionalen Aspekten immer bei mindestens 30 Prozent. Gerade bei diesen Angaben finden sich tatsäch lich er hebliche Alters unterschiede. Jüngere Nutzer teilen diese Informa tionen häufiger im Social Web mit anderen. Jüngere Nutzer er weisen sich daher insgesamt als freigiebiger bei Fotos, privaten Kontakten, eigenen Erleb nissen, Gedanken und Gefühlen. 3.3.1 Zugang zu den ge teilten Informa tionen Die Tatsache, dass eine be stimmte Informa tion, bspw. die EMailAdresse, über das Internet ge teilt wird, be deutet nicht, dass sie dort öffent lich ver fügbar und für jedermann auf find bar ist. Die meisten Anwen dungen des Social Web bieten PrivatsphäreEinstel lungen, die die Zugänglich keit zu diesen Informa tionen regeln. Die Teilnehmer, die angaben, eine be stimmte Informa tion bereits ver öffent licht zu haben, wurden ge beten anzu kreuzen, ob diese Informa tion für die gesamte InternetÖffentlich keit oder nur für be stimmte Gruppen, z. B. die Freunde auf einer Sozialen Netz werk platt form, sicht bar sind. Mit der Einschrän kung der Zugänglich keit, z. B. durch PrivatsphäreOptionen, er langen die User eine ge wisse Kontrolle über ihre Selbstoffenba rung im Social Web. Der User kann selbst be stimmen, wer die eigenen Daten sehen darf und wer nicht. Deshalb ist eine differenzierte Betrach tung, ob und bei welchen Informa tionen diese Möglich keit ge nutzt wird, an gebracht. Sie wird in diesem Ab schnitt vor genommen. Bei der Differenzie rung zeigen sich zum Teil nur sehr geringe, zum Teil aber auch deut liche Unter schiede zwischen den Alters gruppen (Abbil dung 7 bis Abbil dung 9, S. 146–148). Im Folgenden wird insbesondere auf die Ab weichungen zwischen Digital Natives und Digital Immigrants ein gegangen. Bei den Basisinforma tionen zeigt sich, dass insbesondere der Vorname, der generell schon eher als öffent liche Informa tion be trachtet wird (vgl. Abbil dung 6), von den jungen Nutzern eher einer breiten Öffentlich keit zugäng lich ge macht wird als von älteren. Gleiches trifft auch im selben Umfang auf den Geburts tag und in geringe rem Maße auf den Nachnamen zu. Die Angabe dieser Merkmale im Social Web er leichtert die Auf find bar keit einer Person im Web. Offline und OnlineSelbst können so von anderen leicht miteinander in Ver bindung ge bracht werden. Dass junge User diese Daten eher an geben, könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie ihre OnlineIdentität sehr eng mit ihrer OfflineIdentität ver knüpfen. 146 26 % 56 % 41 % 48 % 80 % 94 % 50 % 51 % 67 % 66 % 68 % 69 % 70 % 74 % 44 % 59 % 52 % 20 % 6% 50 % 49 % 33 % 34 % 32 % 31 % 30 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 6 04 ) N ac h- na m e (n = 5 59 ) G eb ur ts - ta g (n = 6 01 ) B er uf (n = 5 38 ) E -M ai l- A dr es se (n = 5 32 ) Po st - A dr es se (n = 3 19 ) Fo to s (n = 5 56 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 4 72 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 1 99 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 4 12 ) E ig en e G ed an ke n (n = 3 95 ) E ig en e G ef üh le (n = 3 25 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 2 56 ) nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h A bb il du ng 7 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 13 –2 4 Ja hr e) 147 38 % 52 % 59 % 58 % 82 % 92 % 58 % 69 % 70 % 69 % 68 % 72 % 72 % 62 % 48 % 41 % 42 % 18 % 8% 42 % 31 % 30 % 31 % 32 % 28 % 28 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 5 42 ) N ac h- na m e (n = 5 02 ) G eb ur ts - ta g (n = 5 13 ) B er uf (n = 4 53 ) E -M ai l- A dr es se (n = 4 90 ) Po st - A dr es se (n = 2 96 ) Fo to s (n = 4 28 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 3 58 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 1 84 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 2 99 ) E ig en e G ed an ke n (n = 2 93 ) E ig en e G ef üh le (n = 2 37 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 1 80 ) nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h A bb il du ng 8 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 25 –3 4 Ja hr e) 148 nu r fü r be st im m te G ru pp e si ch tb ar al lg em ei n zu gä ng lic h 56 % 68 % 74 % 72 % 74 % 88 % 58 % 75 % 79 % 68 % 68 % 70 % 69 % 44 % 32 % 26 % 28 % 26 % 12 % 42 % 25 % 21 % 32 % 32 % 30 % 31 % 0%10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 10 0% V or - na m e (n = 1 65 9) N ac h- na m e (n = 1 48 4) G eb ur ts - ta g (n = 1 54 3) B er uf (n = 1 30 0) E -M ai l- A dr es se (n = 1 63 3) Po st - A dr es se (n = 1 06 3) Fo to s (n = 9 56 ) Pr iv at e K on ta kt e (n = 6 44 ) B er uf - lic he K on ta kt e (n = 4 35 ) E ig en e E rl eb - ni ss e (n = 7 77 ) E ig en e G ed an ke n (n = 8 62 ) E ig en e G ef üh le (n = 6 25 ) E ig en e So rg en un d Ä ng st e (n = 5 42 ) A bb il du ng 9 : Z ug an g zu d en g e t ei lt en I n fo rm a t io ne n (A lt er s g ru pp e 35 + Ja hr e) 149 Auch die Angabe des Berufs ist bei den jungen Nutzern seltener auf be stimmte Gruppen be schränkt als bei älteren. Dies könnte zum einen daran liegen, dass ein Großteil der Befragten Digital Natives den Status Schüler oder Student hat und diese Informa tion deshalb so allgemein ist, dass sie nicht als privat ein geordnet wird. Zum anderen trägt die Identifika tion mit dem ge wähl ten Beruf eventuell im Jugendalter be deuten der zur Selbstidenti tät bei als im Alter. Bei den Kontaktinforma tionen, die als eher sensible Daten einzu ordnen sind, zeigt sich, dass diese, wenn sie im Internet an gegeben werden, normaler weise nicht der Allgemein heit zugäng lich ge macht werden. Hier be stehen nur kleine Unter schiede zwischen den Alters gruppen. Die älteren User schränken den Zugriff auf diese sensiblen Informa tionen jedoch weniger oft ein als die jungen. Dies ist be merkens wert, da Kontakt daten offen bar die einzigen Informa tions arten sind, bei denen ältere eher zur OnlineSelbstoffenba rung neigen (s. o.). Auch bei den Fotos ist der Unter schied zwischen den Alters gruppen nicht so groß. Hier sind es aber wieder die Jüngeren, die den Zugriff auf die Bilder seltener auf be stimmte Gruppen einschränken. Junge Nutzer ver öffent lichen also nicht nur eher Bilder im Web, sie schränken den Zugriff darauf auch weniger stark ein. Ein deut licher Unter schied zeigt sich bei den Kontakten zu Freunden und Bekannten. Wesent lich mehr junge Nutzer machen ihre be ruflichen und ins besondere privaten Kontakte öffent lich sicht bar als ältere. Eventuell ist das Sichtbarsein im sozialen Kontext, z. B. im Sinne einer Gruppen identi tät während der Adoles zenz und im jungen Erwachsenenalter, wichti ger als in späteren Lebens phasen. Ein über raschen des Ergebnis liefern die emotionalen Aspekte, das Teilen eigener Erleb nisse, Gedanken und Gefühle (inkl. Sorgen und Ängsten). Anders als intuitiv er wartet, gibt es bei ihnen keine oder nur minimale Ab weichungen zwischen den Alters gruppen. Die Gründe dafür, warum die Alters gruppen hier nicht voneinander ab weichen, können dennoch für jede Gruppe unter schied lich sein. Es kann ver mutet werden, dass die eigenen Erlebnis, Gedanken und Gefühlswelten ohnehin generell als sensible Informa tionen be wertet werden. Ältere Personen können ihre, in FacetoFaceSitua tionen er worbene Einstel lung zur Privatsphäre online anwenden; Junge haben eventuell bereits spezielle Medien kompetenz oder auch OnlinePrivatsphäreNormen ge bildet, die regeln, ob die Offenba rung dieser Informa tionen an gebracht ist oder nicht. Dennoch ist der Anteil derer, die emotionale Aspekte wie eigene Sorgen im Internet offen baren und diese Informa tionen nicht auf spezielle Gruppen einschränken, über alle Alters gruppen hinweg recht hoch. Insgesamt 30 Prozent der Personen, die solche Aspekte von sich öffent lich machen, offen baren diese emotionalen Aspekte ihres Selbst online in einem nicht durch Privatsphäre Optionen geschützten Rahmen. Ob sich jedoch tatsäch lich Bezüge zur Identität 150 der Personen herstellen lassen, bspw. über die Ver knüp fung mit Name oder Foto, kann an dieser Stelle nicht ge klärt werden. 3.3.2 Einflüsse auf die OnlineSelbstoffenba rung Um zu testen, ob das Alter – und die damit ver bundene Zu gehörig keit zu einer soziologi schen Genera tion wie bspw. den Digital Natives – eine ent scheidende Einfluss variable für das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten ist, wurde eine multiple Regres sions analyse be rechnet. Neben dem Alter wurden auch weitere Faktoren einbezogen, denn es soll ge prüft werden, welches die ent scheiden den Einflüsse sind. Es handelt sich um den Social WebAktivi täts grad, Selbst wirksam keit, die soziodemografi schen Variablen sowie die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung. Diese Variablen wurden aus gewählt, weil ein Einfluss auf das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten plausibel er scheint, wie im nächsten Absatz einzeln er läutert wird. Es konnte bereits nach gewiesen werden, dass Selbstoffenba rung in Sozialen Netz werk platt formen und die Frequenz der Nutzung wechselseitig ver stärkend aufeinander wirken (Trepte, 2010). Die Nutzungs häufig keit ist jedoch vom Aktivi täts grad abzu grenzen. Personen, die regelmäßig im Social Web partizipie ren und eventuell auch eigene Inhalte produzie ren, haben ver mutlich eher den Willen und die Gelegen heit, Informa tionen über die eigene Person preis zugeben, als Personen, die das Social Web nur rezipierend oder gar nicht nutzen. Ebenso konnte bereits ge zeigt werden, dass Personen mit einer hohen Selbst wirksam keit zu aus führ licheren und aus gefallen eren Selbst präsenta tionen auf Social NetworkingSites neigen (Krämer & Winter, 2008). Bei der Selbst wirksam keit wurde zwischen der InternetSelbst wirksam keit und der Social WebSelbst wirksam keit unter schieden. Außerdem wurden Geschlecht und formale Bildung als soziodemografi sche Variablen und die Neigung zur Selbstoffenba rung in FacetoFaceSitua tionen, die als Persönlich keits eigen schaft interpretiert wird, einbezogen. Als ab hängige Variable wurde für die Analyse ein Summen index ge bildet, der die ver öffent lichten Informa tionen zur Selbstoffenba rung beinhaltet. Je nach Grad der Öffentlich keit der ent sprechen den Informa tion wurde eine unter schied liche Gewich tung vor genommen: Eine einzelne Informa tion wurde nicht ge zählt, wenn ein Befragter sie noch nie im Internet ver öffent licht hat, sie wurde einfach ge zählt, wenn er sie bereits ver öffent licht hat, aber den Zugriff auf be stimmte Personen gruppen ein geschränkt hat, und sie wurde doppelt ge zählt, wenn er die Informa tion ohne Einschrän kung für jeden Internetuser zugäng lich ins Netz ge stellt hat. Der so ge bildete Index variiert zwischen 0 = keine Informa tion jemals im Internet ver öffent licht und 26 = alle 13 ab gefragten Informa tionen wurden bereits im Netz öffent lich ver fügbar ge macht, der Zugriff wurde dabei nicht auf be stimmte Teilnehmer be schränkt. 151 In Tabelle 8 sind die Ergeb nisse der multiplen linearen Regression ab getragen. Drei der Prädiktoren weisen ein signifikantes βGewicht auf, das über ,10 liegt. Es handelt sich um den Social WebAktivi täts grad, das Alter und die Social WebSelbst wirksam keit. Formale Bildung und die generelle Neigung zur Selbstoffenba rung liefern zwar einen signifikanten, aber ver schwindend geringen Erklä rungs beitrag, daher werden sie an dieser Stelle nicht interpretiert. Geschlecht und InternetSelbst wirksam keit zeigen hingegen keinen signifikanten Einfluss und sind deshalb als Prädiktoren für das OnlineSelbst offenba rungs verhalten unge eignet. Tabelle 8: Prädiktoren der Online-Selbstoffenba rung B SE B β T Sig. Konfidenzinwtervall Untergr. Obergr. Konstante 10,05 0,85 11,80 p < ,001 8,38 11,72 Social Web-Aktivi täts grad (1 = Nichtnutzer bis 5 = Vielseitig partizipierende Nutzer) 1,29 0,08 0,32 16,21 p < ,001 1,14 1,45 Alter (in Jahren) – 0,06 0,01 – 0,16 – 8,64 p < ,001 – 0,07 – 0,04 Social Web-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,59 0,10 0,13 5,77 p < ,001 0,39 0,79 Formale Bildung (1 = kein Ab schluss bis 5 = Abitur) – 0,28 0,08 – 0,06 – 3,55 p < ,001 – 0,44 – 0,13 Neigung zur Selbstenthül lung (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,42 0,11 – 0,06 – 3,64 p < ,001 – 0,64 – 0,19 Geschlecht (1 = männ lich, 2 = weib lich) 0,14 0,18 0,01 0,81 n. s. – 0,20 0,49 Internet-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,02 0,14 0,00 0,14 n. s. – 0,26 0,30 Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss. Sign. Effekte mit β ≥ ,1 wurden in der Darstel lung hervor gehoben. R² = ,23; R²Korr. = ,23; F = 120,82; p < ,001 Das Modell weist ein korrigiertes R² = ,229 auf. Dieser Wert ist als mittle rer Effekt zu be zeichnen. Es ist nicht ver wunder lich, dass die OnlineSelbst offenba rung nicht komplett durch die einbezogenen Variablen erklärt werden kann, da sie zumeist in einen komplexen Kontext ein gebunden ist, der über eine nach träg liche Befra gung nur schwer komplett erfasst werden kann. Sie hängt ver mutlich von weiteren, z. B. situativen Faktoren, ab, die nicht Teil der Erhebung waren. Der beste Indikator für die OnlineSelbstoffenba rung ist der Social Web Aktivi täts grad (β = ,32). Dies ist nicht weiter ver wunder lich, da die aktive 152 Teilnahme am Social Web eine erhöhte Selbstoffenba rung geradezu voraus setzt. Die Social WebSelbst wirksam keit ist eben falls ein ge eigneter Prädik tor (β = ,13). Personen, die für sich selbst einen souveränen Umgang mit dem Social Web proklamie ren, neigen demnach eher zur Selbstoffenba rung im Netz. Aber auch der prognostizierte Zusammen hang zwischen Alter und dem OnlineSelbstoffenba rungs verhalten zeigt sich in den Daten (β = –,16). Je jünger eine Person ist, desto höher ist auch der Selbstoffenba rungs index, der eine Kombina tion aus Anzahl und Öffentlich keits grad der ge teilten Informa tionen darstellt. Das βGewicht des Alters ist das zweithöchste im Modell. Wie an genommen ist das Lebens alter – und die darüber operationalisierte Zu gehörig keit zur Genera tion der Digital Natives – tatsäch lich ein ent scheiden der Prädiktor für das OnlineSelbstoffenba rungs verhalten. Der zuvor deskriptiv be schriebene Unter schied im Offenba rungs verhalten zwischen jungen und älteren Nutzern konnte somit auch in der Regression ge zeigt werden. Wie oben be schrieben, nutzen junge User das Social Web aktiver, und sie geben dabei mehr von sich preis als ältere. Da beide Regressoren in der Analyse einen – wenn auch im Fall des Alters relativ geringen – Effekt auf weisen, stellen sie relevante Ein fluss variablen dar, die unabhängig voneinander existie ren. Da bei der Analyse der Nutzung ver schiedener Anwen dungen bereits eine Sonder rolle der Sozialen Netz werk platt formen fest gestellt werden konnte, wurde eine zusätz liche Regression be rechnet, die als Einfluss faktoren statt der gene rellen Nutzer typologie die einzelne Nutzungs aktivi tät der sechs analysierten Social WebAnwen dungen ver wendet. Als Regressand ver bleibt weiter hin der ge bildete Selbstoffenba rungs index in der Analyse. Das Modell zeigt deut lich den Einfluss des Aktivi täts grades innerhalb von Sozialen Netz werk platt formen auf die OnlineSelbstoffenba rung. Dieser Regres sor hat in der neuen Analyse bei weitem den stärksten Einfluss auf die ab hängige Variable. Alter und Social WebSelbst wirksam keit ver bleiben als weitere Regressoren mit einem ge wissen Einfluss. Es fällt jedoch auf, dass keine der anderen Social WebAnwen dungen an die Erklä rungs kraft, die Soziale Netz werk platt formen für die OnlineSelbstoffenba rung bieten, heran reicht. Einer seits ist dies ver mutlich der Messung der OnlineSelbstoffenba rung ge schuldet. Diese erinnert sehr stark an die Profilinforma tionen, die auf Sozialen Netz werk platt formen ab gefragt werden. Auch hinsicht lich der Privatsphäre Einstel lungen kommen die Sozialen Netz werk platt formen der Abfrage eher ent gegen als andere Anwen dungen, die häufig nicht standardmäßig Privatsphäre Optionen bieten. Anderer seits unter streicht dieses Ergebnis die Relevanz, die gerade Soziale Netz werk platt formen für die OnlineSelbstoffenba rung haben. Diese Anwen dungen sind nicht nur be sonders beliebt, sie laden auch durch aktive Partizipa tion dazu ein, be sonders viele personen bezogene Informa tionen zu ver öffent lichen. 153 Tabelle 9: Prädiktoren der Online-Selbstoffenba rung inkl. Nutzungs aktivi tät der Social Web-Anwen dungen B SE B β T Sig. Konfidenzintervall Untergr. Obergr. Konstante 9,35 ,87 10,71 p < ,001 7,64 11,06 Soziale Netz werk platt formen* 0,62 ,05 ,27 12,19 p < ,001 ,52 ,72 Videoplatt formen* 0,11 ,07 ,04 1,54 n. s. –,03 ,25 Bilderplatt formen* 0,15 ,07 ,05 1,98 p < ,05 ,00 ,29 Blogs* 0,06 ,07 ,02 ,81 n. s. –,08 ,20 Wikis* – 0,12 ,06 –,05 – 1,94 p < ,05 –,24 ,00 Diskus sions foren* 0,11 ,06 ,04 1,91 n. s. –,00 ,23 Alter (in Jahren) – 0,04 ,01 –,11 – 5,55 p < ,001 –,05 –,03 Internet-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,01 ,14 –,00 –,10 n. s. –,29 ,27 Social Web-Selbst wirksam keit (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) 0,72 ,10 ,16 7,12 p < ,001 ,53 ,92 Geschlecht (1 = männ lich, 2 = weib lich) 0,20 ,18 ,02 1,11 n. s. –,15 ,55 Formale Bildung (1 = kein Ab schluss bis 5 = Abitur) – 0,32 ,08 –,07 – 3,93 p < ,001 –,48 –,16 Neigung zur Selbstenthül lung (1 = sehr niedrig bis 5 = sehr hoch) – 0,47 ,12 –,07 – 4,13 p < ,001 –,70 –,25 Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren. Listen weiser Fall ausschluss. R² = ,23; Korr. R² = ,23; F = 71,27; p < ,001 * Skala: 1 = rezipierende Nutzung; 2 = partizipierende Nutzung; 3 = produzierende Nutzung 3.4 Diskussion Mit der sekundäranalyti schen Aus wertung konnte ein detaillierter Ver gleich von Digital Natives und Digital Immigrants hergestellt werden, der Aus sagen über die Gemeinsam keiten und Unter schiede hinsicht lich der Nutzung des und der Selbstoffenba rung im Social Web er möglicht. Auch die Sorge um die Privatsphäre wurde unter sucht. Der wichtigste Befund der Analyse ist, dass das Alter neben anderen Faktoren tatsäch lich einen Einfluss faktor für die OnlineSelbstoffenba rung darstellt. Das Alter wurde im be rechneten Regres sionsModell jedoch nicht als ursäch liche Variable ver standen, sondern als Operationalisie rung der sukzessiven Zu gehörig keit zu einer be stimmten soziolo gi schen Genera tion. Als ursäch lich ist nicht alleine der Geburts jahrgang zu ver stehen, sondern die damit ver bundene Prägung durch erlebte histori sche Ereig nisse, kulturelle Erfah rungen und den daraus resultie ren den Lebens stil, die in der Zu gehörig keit zu einer be stimmten soziologi schen Genera tion mündet. 154 Zwischen den ver schiedenen Genera tionen konnten zudem einige Unter schiede hinsicht lich der Nutzung des SocialWeb, des OnlineSelbstoffenba rungs verhaltens und der Sorge um die eigene OnlinePrivatsphäre fest gestellt werden. Diese Unter schiede be ziehen sich jedoch nur auf OnlineKontexte. Es konnte kein Unter schied zwischen den Genera tionen hinsicht lich des Selbstoffen barungs verhaltens in FacetoFaceSitua tionen fest gestellt werden. Darin lässt sich ablesen, dass eine eventuelle Ver ände rung hinsicht lich der Selbstoffen barungs gewohn heiten zwischen unter schied lichen Genera tionen sich (bisher) nicht auf OfflineKontexte aus gewirkt hat. Es gibt jedoch auch deut liche Unter schiede zwischen den Genera tionen. Die 13 bis 24jähri gen Nutzer ver fügen nicht nur über eine leicht höhere Internet Selbst wirksam keit als die über 35Jährigen, sondern auch über eine deut lich höhere Social WebSelbst wirksam keit. Hinsicht lich der Sorge um die Privat sphäre ergaben sich nur kleine Unter schiede zwischen den Gruppen, die darauf hindeuten, dass die jüngeren Nutzer nur leicht weniger besorgt um ihre Privat sphäre sind, sich weniger um ihren techni schen Schutz kümmern und auch etwas weniger vor sichtig sind. Die ge fundenen Differenzen sind jedoch so gering, dass eine finale Aussage über die Unter schiede hinsicht lich der Sorge der Digital Natives um die eigene Privatsphäre im Internet unangemessen er scheinen würde. Eine weitere Analyse er scheint hier an gebracht. Es lässt sich fest halten, dass sowohl ältere als auch jüngere Nutzer sich um ihre Privatsphäre im Internet sorgen. Die Sensibili tät hinsicht lich dieser Themen ist über alle unter suchten Alters gruppen in etwa gleich hoch, und die Indices der Subs kalen weisen Mittelwerte auf, die leicht im Zustimmungs bereich der Skala liegen. Die Analyse des Selbstoffenba rungs verhaltens zeigte, dass einige Informa tionen eher als öffent lich ver standen werden als andere. So zählen der Name, das Geburts datum und die EMailAdresse zu den Informa tionen, die öffent lich im Netz mitgeteilt werden. PostAdresse, private und be rufliche Kontakte, sowie Erleb nisse, Gedanken und Emotionen zählen weniger dazu. Hier gibt es jedoch zum Teil deut liche Alters unterschiede. Insbesondere Fotos, private Kontakte, sowie eigene Erleb nisse, Gedanken und Emotionen wurden bereits von mehr jüngeren Nutzern ge teilt. Die fest gestellten Unter schiede können darauf hinweisen, dass es in den Genera tionen unter schied liche Normen dahin gehend gibt, bei welchen Informa tionen es an gemessen er scheint, sie zu teilen und bei welchen nicht. Jugend liche und junge Erwachsene scheinen hinsicht lich der ge nannten Informa tionen etwas offener zu sein, was den Erwar tungen an die Genera tion der Digital Natives ent spricht (Palfrey & Gasser, 2008). Über raschend ist hingegen das Ergebnis, dass Kontaktinforma tionen etwas stärker von älteren Nutzern ge teilt werden. Solche Informa tionen könnten vor dem Hinter grund dessen, dass sie eine Inter aktion mit dem Nutzer er möglichen und dadurch weitreichendere Konsequenzen nicht nur für die informatio nelle, sondern z. B. auch für die physische Privatsphäre haben könnten, als be sonders 155 sensibel ein gestuft werden. Dies er scheint jedoch vor dem Hinter grund einer geschäfts mäßigen Internetnut zung plausibel. Zudem wähnen sich Erwachsene eher als Jugend liche in der Lage, sich gegen unerwünschte Eingriffe in die Privatsphäre wehren zu können und gehen vielleicht auch deswegen offener mit diesen Daten um. Die Nutzung der Möglich keit, ge teilte Informa tionen auf einen be stimmten Nutzer kreis einzu schränken, wird für die Informa tions arten recht unter schied lich häufig ge nutzt. Insbesondere bei KontaktInforma tionen wird davon Ge brauch ge macht, was aber wiederum auf die jüngeren Nutzer gruppen stärker zutrifft als auf die älteste. Name und Geburts datum sowie Fotos und private Kontakte werden hingegen weniger oft von den jüngeren Nutzern in ihrer Zugänglich keit ein geschränkt. Bei den emotionalen Aspekten liegt das Niveau der Zugänglich keit in allen Alters gruppen ungefähr auf gleicher Höhe. Die Unter schiede und Gemeinsam keiten hinsicht lich der Zugänglich keit von im Web ver öffent lichten Informa tionen könnten auf ein jeweils leicht unter schied liches Ver ständnis davon, welche Informa tionen als privat und welche als öffent lich gelten sollten, hinweisen. Dass sensitive Informa tionen ge teilt werden, be deutet nicht zwangs läufig, dass immer eine Ver knüp fung mit der Identität des Users statt findet. Es ist möglich, dass die User, die an geben, Erleb nisse, Gedanken und Gefühle zu teilen, dies während einer pseudonymen Nutzungs episode tun. Auch hier kann die sekundäranalyti sche Aus wertung keine tiefen Einblicke geben, weshalb eine detaillierte Analyse, wie sie im Weiteren folgt, weiter hin er forder lich er scheint. Ab schließend ist fest zustellen, dass ein zentraler Befund der Sekundäranalyse ist, dass Soziale Netz werk platt formen tatsäch lich eine Sonder rolle unter den Anwen dungen des Social Web darstellen. Über alle Alters gruppen hinweg bilden sie die am stärksten frequentierte Anwen dungsArt. Insbesondere von den jungen Nutzern werden sie sehr häufig ge nutzt. Soziale Netz werk platt formen werden aber nicht nur be sonders häufig auf gerufen, sie werden auch mit einem deut lich höheren Partizipa tions grad ge nutzt als andere Anwen dungen. Zudem hat eine er gänzende Regres sions analyse ge zeigt, dass insbesondere die aktive Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen die OnlineSelbstoffen barung be günstigt. Darin unter scheidet sich dieser Anwen dungs typ stark von den anderen An geboten des Social Web. Da gerade junge Nutzer diese Anwen dungen ver stärkt ver wenden und weil die Nutzungs aktivi tät insbesondere auf diesen Platt formen offen bar mit einer ge steigerten Selbstoffenba rung zusammen hängt, er scheint es sinn voll, in den folgen den empiri schen Analysen insbeson dere Soziale Netz werk platt formen zu fokussie ren. 156 Literatur ARD/ZDFOnlinestudie. (2011). Ver fügbar unter: www.ardzdfonlinestudie.de index.php Boyd, D. (2008). Taken Out of Context. American Teen Sociality in Networked Publics (Dissertation). University of California, Berkley. Verfügbar unter: www.danah. org/papers/TakenOutOfContext. pdf Boyd, D. (2010, 10.–15. April). Making Sense of Privacy and Publicity. Computer/ Human Interaction Conference (CHI), Atlanta. Verfüg bar unter: www.danah. org/papers/talks/2010/SXSW2010. html Boyd, D. & Hargittai, E. (2010). Facebook privacy settings: Who cares? First Monday, 15(8). Ver fügbar unter: firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/ fm/ article/view/3086/2589 Boyd, D. & Marwick, A. E. (2011, May 26–30). Social Steganography: Privacy in Networked Publics. Annual Conference of the International Communication Asso ciation, Boston, MA, USA. Buchanan, T., Paine, C. B., Joinson, A. N. & Reips, U.D. (2007). Development of measures of online privacy concern and protection for use on the Internet. Journal of the American Society for Information Science and Technology, 58(2), 157–165. doi:10.1002/asi.20459 Busemann, K. & Gscheidle, C. (2011). Web 2.0: Aktive Mitwir kung ver bleibt auf niedri gem Niveau. Media Perspektiven, o. J.(7–8), 360–369. Ver fügbar unter: www. ardzdfonlinestudie.de/fileadmin/Online11/07082011_Busemann_ Gscheidle. pdf Buss, A. H. (2001). Psychological dimensions of the self. Thousand Oaks: Sage. Dindia, K. & Allena, M. (1992). Sex Differences in SelfDisclosure: A MetaAnalysis. Psychological Bulletin, 112(1), 106–124. Eastin, M. S. & LaRose, R. (2000). Internet SelfEfficacy and the Psychology of the Digital Divide. Journal of ComputerMediated Communication, 6(1). doi:10.1111/ j.10836101.2000.tb00110.x Fromme, J. (2002). Mediensozialisa tion und Medien pädagogik: zum Ver hältnis von informellem und organisiertem Lernen mit Computer und Internet. In I. PausHaase, C. Lampert & D. Süss (Hrsg.), Medien pädagogik in der Kommunika tions wissen schaft. Positionen, Perspektiven, Potenziale (S. 155–168). Wiesbaden: West deutscher Verlag. Gibbs, J. L., Ellison, N. B. & Heino, R. D. (2006). Selfpresentation in online personals: The role of anticipated future interaction, selfdisclosure, and perceived success in Internet dating. Communica tion Research, 33(2), 152–177. doi:10.1177/ 009365020 5285368 Görgen, T. (2009). „Rate mal, wer dran ist“ So schützen Sie sich vor Betrügern und Trick dieben. Bundes ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Verfüg bar unter:: www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did= 126226. html Hasebrink, U. & Rohde, W. (2009). Die Social WebNutzung Jugend licher und junger Erwachsener: Nutzungs muster, Vor lieben und Einstel lungen. In J.H. Schmidt, I. PausHasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. 157 Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 83–120). Berlin: VISTAS. Jers, C., Mayer, J., Scheiko, L., Schenk, M., Tad dicken, M. & Uzler, C. (2010, 12.– 14. Mai). Wie aktiv sind Web2.0Nutzer? Ent wick lung einer Typologie anhand des Aktivi täts niveaus der Nutzer. 55. Jahrestagung der DGPuK, Ilmenau, Germany. Joinson, A. N. (2001). Selfdisclosure in computermediated communication: The role of selfawareness and visual anonymity. European Journal of Social Psychology, 31 (2), 177–192. doi:10.1002/ejsp.36 Krämer, N. C. & Winter, S. (2008). Impression Management 2.0. Journal of Media Psychology, 20 (3), 106–116. doi:10.1027/18641105.20.3.106 Palfrey, J. & Gasser, U. (2008). Genera tion Internet: Die Digital Natives: wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten. München: Hanser. Schenk, M., Jers, C. & Gölz, H. (2012). Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0: Derminanten und Aus wirkungen aus Perspektive des Nutzers: Un veröffentlichter Bericht. Stuttgart. Seufert, S. (2007). Ne(x)t Genera tion Learning: Was gibt es Neues über das Lernen? In Ne(x)t genera tion Learning. Wikis, Blogs, Mediacasts & Co. – Social Software und personal Broadcasting auf der Spur (S. 2–19). Tad dicken, M. (2010, 22. Juni). Measuring Online Privacy Concern and Protection in the (Social) Web: Development of the APCP and APCP18 Scale. Annual Conference of the International Communication Association, Singapore. Taddicken, M. & Schenk, M. (2010, 12.−14. Mai). Selbstoffenba rung und Privatsphäre im Web 2.0. 55. Jahresta gung der DGPuK, Ilmenau. Trepte, S. (2010, 20. November). Privatsphäre im Social Web. Wissen schaft liches Symposium zum 25jähri gen Bestehen des Instituts für Journalistik und Kommunika tions forschung (IJK) der Hoch schule für Musik und Theater, Hannover. 159 4 Quantitative Befra gung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen Julia Niemann & Michael Schenk unter Mitarbeit von Doris Teutsch, Kim Wlach & Yvonne Allgeier 4.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens Um ver allgemeiner bare Aus sagen über die Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen, die Einstel lung zu Privat heit und Öffentlich keit sowie die Einschät zung der Risiken im Social Web treffen zu können, haben wir zusätz lich zu den qualitativen Phasen dieser Studie auch quantitative Ver fahren ein gesetzt. Zunächst wurden im Rahmen einer sekundäranalyti schen Aus wertung Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants exploriert (vgl. Kap. 3). Im Anschluss haben wir eine standardisierte OnlineBefra gung durch geführt und diese mit einer TrackingStudie kombiniert. Im Folgenden fokussie ren wir auf das Vor gehen bei der standardisierten OnlineBefra gung, die wir durch geführt haben und be schreiben die Stichprobe. Im Anschluss gehen wir auf die methodi schen Besonder heiten des Tracking ein. 4.1.1 Standardisierte OnlineBefra gung Als Modus der standardisierten Befra gung er schien die OnlineBefra gung an gebracht, da auf diese Weise kein Medien bruch statt fand – weder zum Gegen stand der Umfrage, noch zum nächsten Erhe bungs schritt, dem Tracking (siehe Ab schnitt 4.1.2). Rekrutiert wurde über ein OnlineAccessPanel. Als Nachteil der Rekrutie rung durch OnlineAccessPanels und von OnlineBefra gungen allgemein wird häufig an geführt, dass nur Teilnehmer er reicht werden können, die Internetnutzer sind. Dies fällt jedoch bei der vor liegen den Studie nicht ins Gewicht, da aus schließ lich Onliner, nämlich die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen er reicht werden sollten. Ein weiterer Aspekt der Ver zerrung durch die Rekrutie rung in AccessPanels sind Aus wahlprozesse. Dass die Panelisten 160 nicht rein zufällig aus gewählt werden, sondern sich selbst zur Teilnahme in Panels anmelden, führt unter Umständen zu einem Bias und damit zu mangeln der Repräsentativi tät und Ver allgemeiner bar keit (Göritz, 2003, S. 235). Gegen über herkömm lichen, eben falls selbstselektierten Onlinestichproben fällt der Interessen bias in OnlineAccessPanels jedoch geringer aus (ebd., S. 232). Die Rekrutie rung über OnlineAccessPanels bietet neben der guten Erreich bar keit der Zielpersonen auch weitere methodi sche Vor teile: Im Laufe der Zeit ent wickeln die Panelteilnehmer (Panelisten) eine ver trauens volle Bindung zum Panelanbieter. Diese bewirkt, dass die Antworten der Panelisten gerade bei sensiblen Themen – wie dem Thema Privatsphäre – valider sein könnten als bei anderen Er hebungs formen (Göritz, Reinhold & Batinic, 2002). Ohnehin führen OnlineBefra gungen bei intimen Unter suchungs gegenständen zu valide rem Antwort verhalten als andere Befra gungs modi (Tad dicken, 2008). Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Teilnehmer den Fragebogen in Ruhe und zu einem selbst gewählten Zeitpunkt aus füllen konnten. Damit die Ergeb nisse mit früheren Studien (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009b) und mit regelmäßig durch geführten Studien (ARD/ZDF Onlinestudie, 2011; MPFS, 2011) ver gleich bar sind, haben wir das Erhe bungs instrument an diese an gelehnt. Neben den Bereichen des Fragebogens, die direkt der Beantwor tung der Forschungs fragen dienen (z. B. Selbstoffen barungs verhalten, Nutzungs motive), fragten wir weitere Konstrukte ab, die auf grund der theoreti schen Vorüber legungen Einfluss variablen bilden. Tabelle 10 gibt einen Über blick über den Fragebogen. Bei der Ent wick lung des Fragebogens haben wir, wenn möglich, auf etablierte Skalen zurück gegriffen. An vielen Stellen war dies jedoch nicht zielführend, da keine ge eigneten Skalen existierten, die im Hinblick auf den Kontext und die sehr junge Zielgruppe treffend er schienen. Denn diese Zielgruppe stellt be sondere Anforde rungen an die Auswahl ge eigneter Skalen und Formulie rungen. Da Kinder und Jugend liche ab 12 Jahren befragt wurden, haben wir die Fragen und Antwortmöglich keiten sehr leicht ver ständ lich formuliert und ver sucht, der Lebens wirklich keit der Zielpersonen zu ent sprechen. Anderer seits umfasste das Sample auch junge Erwachsene bis zu 24 Jahren, weshalb wir von speziellen Skalen für Kinder und zu kindgerech ten Formulie rungen ab gesehen haben. 161 Tabelle 10: Programm blöcke der standardisierten Online-Befra gung Programm block Fragen Internetnut zung Erfah rung der Internetnut zung Häufig keit der Internetnut zung Ort der Internetnut zung Social Web-Nutzung Häufig keit ge nutzter Applika tionen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen Häufig keit ge nutzter Platt formen Haupt netz werk Anzahl der Freunde Nähe und Bekannt heit der Freunde Selbstoffenba rungs verhalten Häufig keit ge nutzter Features Upload von Fotos und Videos Schreiben von Status meldun gen Nutzung von Privatsphäre-Optionen Vor teile der Nutzung Nutzungs motive des Haupt netz werks (an gelehnt an Langzeit studie Massen kommunika tion, Ergän zung um soziale Motive) Soziales Kapital5 Risiken der Nutzung Einstel lung zur Online-Privatsphäre Einstel lung zu Risiken, die aus der Nutzung resultie ren Einschät zung eigener Rechte, Rechte Dritter und Copyright Soziale Normen Injunktive und deskriptive Normen in Bezug auf die Nutzung Injunktive und deskriptive Normen in Bezug auf die Privatsphäre Selbst wirksam keit Mit Bezug auf das Internet Mit Bezug auf das Social Web Mit Bezug auf den Schutz der Privatsphäre im Haupt netz werk Generelle Einstel lung zur Privatsphäre Physische Privatsphäre6 Psychologi sche Privatsphäre7 Inter aktionale Privatsphäre Informatio nelle Privatsphäre Persönlich keits merkmale Big-Five-Persönlich keits dimensionen8 Need to Belong9 Sozio-Demografie Alter Geschlecht Bildung Bundes land Nationali tät Wohnsitua tion Größe des Wohnorts Geld zur freien Ver fügung 5 6 7 8 9 5 Williamson, 2006 (5 Items) 6 Burger, 1995; Buss, 2001 (je 2 Items) 7 Buss, 2001 (1 Item) 8 BFI10 (John & Sistavara, 1999; SOAP) 9 Leary, Kelly, Cotrell & Schreindorfer, 2005 162 Wir haben den Fragebogen vorab in einem Pretest mit 124 jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen ge testet. Anschließend haben wir die ver wendeten Skalen auf ihre Konsistenz ge prüft und gering fügige Änderun gen in den Formulie rungen der Items und Kürzun gen vor genommen. Bspw. wurden Items, die der Konsistenz von Skalen ent gegen liefen oder die eine extrem schiefe Ver teilung auf wiesen, ent fernt. Das Fragen programm wurde für den finalen Fragebogen in der Reihen folge ver ändert, da einige soziodemografi sche Anga ben im Screener des Fragebogens be nötigt wurden und um Reihen folge effekte zu ver meiden. Die Rekrutie rung der Befragten für die Haupt befra gung er folgte über das OnlineAccessPanel der Panelbiz GmbH (Berlin). Ziel der quantitativen Befra gung war es, eine Stichprobe zu er halten, die der Grundgesamt heit der 12 bis 24jähri gen deutschen User von Sozialen Netz werk platt formen möglichst gut ent sprach, und die wichtige soziodemografi sche Merkmale ab bildet. Bei der Rekrutie rung wurde neben einer Kreuzquote von Alter und Geschlecht zusätz lich nach formaler Bildung quotiert. Die Quotie rung orientiert sich dabei an Daten der Statisti schen Ämter des Bundes und der Länder (2011, 14. Februar). Zwar werden vom statisti schen Bundesamt keine Zahlen über die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen aus gewiesen, jedoch kann an genommen werden, dass die meisten Nutzer dieser Alters klasse über einen Zugang zum Internet ver fügen. Zudem sind die meisten Internetnutzer im Jugendalter Mitglied einer Netz werk platt form (MPFS, 2011, S. 31). Wir nehmen dennoch an, dass es sich bei den be fragten Teilnehmern um typische Jugend liche und junge Erwachsene handelt, deren Einschät zung zu Privat heit und Öffentlich keit im Social Web gerade deshalb eine be sondere Relevanz erlangt, weil es sich um eher online affine Personen handelt. Die Mehrzahl der Befragten sind Personen, die sich selbst im AccessPanel registriert haben und die daher regelmäßig an Befra gungen teilnehmen. Bei Befragten, die zum Zeitpunkt der Befra gung 14 Jahre und älter waren, wurde die Einsichts fähig keit, die zur Teilnahme an Befra gungen zum Zweck der wissen schaft lichen Forschung notwendig ist, voraus gesetzt. Sie wurden direkt über ihre eigene Panel mitglied schaft rekrutiert. Diese Praxis ent spricht den forschungs ethischen Richtlinien des Arbeits kreises Deutsche Markt forscher e. V. (ADM, 2006). Nur 12 bis 14jährige Teilnehmer wurden über die Panel mitglied schaft ihrer Eltern ein geladen, denn so konnten wir sicherstellen, dass die Eltern der Befra gung ihrer evtl. noch nicht einsichts fähigen Kinder zu stimmten. Die Eltern wurden an schließend ge beten, den Raum zu ver lassen, damit die jugend lichen Teilnehmer den Fragebogen unbe einflusst aus füllen konnten. 163 Die Feldzeit reichte vom 25. August bis 29. September 2011. An geschriebene Teilnehmer wurden, falls nötig, durch den PanelAnbieter mehrfach an den Fragebogen erinnert, um die Aus schöp fungs quote zu erhöhen. Die lange Zeit spanne der Erhebung ergibt sich dadurch, dass während der Laufzeit be schlossen wurde, das Sample zu ver größern. Insgesamt nahmen 1.430 Personen teil. Einige dieser Teilnehmer wurden in der Daten bereini gung wegen einer unrealis tisch kurzen Ausfüll dauer, unplausiblem oder monotonem Ankreuz verhalten aus geschlossen, so dass sich eine endgültige Fallzahl von 1.301 ergab. Die Ab weichungen der ge planten Quotie rung von der tatsäch lichen Stichprobe können Tabelle 11 ent nommen werden. Sie sind – mit Aus nahme der Bildungs variablen – extrem gering und be tragen zumeist unter einem Prozent. Während der Erhebung erwies es sich als schwierig, formal niedrig ge bildete Teilnehmer zu mobilisie ren. Formal sehr hoch ge bildete Teilnehmer sind hingegen über repräsentiert. Daher wurde eine Gewich tungs variable be rechnet, die die Über bzw. Unter repräsentie rung aus gleicht. Die Gewich tung wird in allen folgen den Aus wertungen an gewendet, sofern nicht anders an gegeben. Tabelle 11: Quoten erfül lung der standardisierten Online-Umfrage Geplante Quote Bereinigte Stichprobe Ab weichung (N = 1.301) Bildung Haupt schule bzw. Haupt schulabschluss 25,0 19,2 – 5,8 Realschule bzw. Realschulabschluss 35,0 35,9 0,9 Gymnasium bzw. Abitur 40,0 44,9 4,9 Kreuzquote Alter/Geschlecht männ lich, 12–14 Jahre 10,4 9,9 – 0,4 männ lich, 15–17 Jahre 11,1 10,9 – 0,2 männ lich, 18–20 Jahre 12,8 12,2 – 0,6 männ lich, 21–24 Jahre 16,9 16,1 – 0,7 weib lich, 12–14 Jahre 9,8 10,2 0,4 weib lich, 15–17 Jahre 10,6 11,0 0,4 weib lich, 18–20 Jahre 12,2 12,7 0,5 weib lich, 21–24 Jahre 16,3 16,9 0,6 Angaben in Prozent Obwohl nicht nach Bundes ländern quotiert wurde, ergab sich eine Ver teilung, die den Ver gleichs daten des Statisti schen Bundesamtes sehr gut ent spricht (Tabelle 12). Zusätz lich wurde anhand des Fragebogens eine Auf teilung nach Einwohner anzahl des Wohnortes vor genommen. In länd lichen Regionen leben demnach 20 Prozent, zwei von zehn der Befragten leben in einer Kleinstadt und 23 Prozent leben in einer mittelgroßen Stadt mit 20.000 bis 100.000 Ein wohnern. Die Mehrheit der Befragten lebt in einer Groß stadt mit 100.000 und mehr Einwohnern (29 Prozent). 164 Tabelle 12: Teilnehmer nach Bundes ländern Soll Ist Differenz Baden-Würt temberg 13 10 – 3 Bayern 15 13 – 2 Berlin 4 6 2 Branden burg 3 2 – 1 Bremen 1 1 0 Hamburg 2 2 0 Hessen 7 6 – 1 Mecklen burg-Vorpommern 2 3 1 Nieder sachsen 10 13 3 Nordrhein-West falen 22 22 0 Rheinland-Pfalz 5 3 – 2 Saarland 1 0 – 1 Sachsen 5 6 1 Sachsen-Anhalt 3 3 0 Schleswig-Holstein 4 6 2 Thüringen 3 2 – 1 Angaben in Prozent Die Abfrage des be ruflichen Status ergab, dass der Großteil der Teilnehmer noch zur Schule geht. Etwa ein Fünftel be findet sich in einer be ruflichen Aus bildung, fast ebenso viele sind voll/teilberufstätig. Die Minder heit der Befrag ten bilden die 17 Prozent der Studenten, ein sehr geringer Anteil ist zur Zeit arbeits los (4 Prozent) bzw. nicht be rufstätig oder leistet seinen Dienst bei der Bun des wehr oder im Zivildienst (5 Prozent). Die Ver teilung des be ruflichen Status er scheint für die Alters gruppe der 12 bis 24Jährigen insgesamt plausibel. Da die meisten Befragten Schüler sind, ist es nicht ver wunder lich, dass die Jugend lichen und jungen Erwachsenen der Stichprobe zum Großteil noch bei ihren Eltern leben (62 Prozent). Nur selten wohnen sie schon allein (12 Prozent) oder zusammen mit ihrem Partner (16 Prozent), ein eher geringer Anteil (6 Prozent) wohnt in einer WG und 4 Prozent in sonsti ger Wohnsitua tion. Dabei leben die meisten zu viert (26 Prozent) bzw. zu dritt (26 Prozent) in einem Haushalt, ein Fünftel zu zweit und 16 Prozent mit fünf oder mehr Personen. Der über wiegende Teil der Befragten ist deutscher Nationali tät (97 Prozent), die rest lichen Befragten be sitzen die Staats bürger schaft anderer EULänder (3 Prozent), einige wenige kommen aus NichtEULändern wie der Türkei, Korea, Vietnam, Eritrea, USA und dem arabischen Raum. 4.1.2 Tracking mit Befra gung in der Nutzungs situa tion Die Befra gung ist die optimale Methode, um Wissen, Einstel lungen und Meinun gen zu erheben (Möhring & Schlütz, 2002, S. 15). Handlun gen kön nen in be stimmten Fällen jedoch besser durch eine Beobach tung oder eine 165 Methoden kombina tion erfasst werden. Zusätz lich zu Wissen und Einstel lungen unter suchen wir im quantitativen Teil dieser Studie die Hand lungs weisen der Zielgruppe auf Sozialen Netz werk platt formen, um insbesondere mögliche Diskrepanzen zwischen Wissen und Einstel lungen einer seits und Handeln anderer seits auf decken zu können. Es wurde daher ein OnlineTracking durch geführt, das einige methodi sche Besonder heiten auf weist, die in diesem Ab schnitt er läutert werden sollen. Als Methode zur Erfas sung von Hand lungs weisen in der Rezep tions forschung eignet sich die Befra gung nur bedingt, da sie sowohl zeit lich als auch situativ unabhängig von der Medien nutzung geschieht (Scherer & Schlütz, 2002, S. 134). Dem Befragten werden große Gedächtnis leis tungen ab verlangt, wenn er sich detailliert an die Nutzungs situa tion zurück erinnern soll. Gerade bei alltäg lichen, routinearti gen Handlun gen ist die Erinne rungs leis tung der Befragten ver zerrt. Darüber hinaus spielen soziale Erwünscht heit und nach träg liches Rationalisie ren des eigenen Handelns in Befra gungen gerade bei sensiblen Themen wie dem Daten schutz eine Rolle. Bei den Routinehand lungen im Social Web steht das Thema Privatsphäre nicht un bedingt immer im Vordergrund. Die Motive für oder wider eine Ent schei dung, die zu einer be stimmten Handlung führt, können im Nach hinein nur schwer ab gerufen werden. Die starke Diskrepanz zwischen Einstel lung und Hand lungs weisen kann daher ver mutlich teil weise durch die methodi schen Probleme der nach träg lichen Befra gung erklärt werden. Von der Explora tion privatsphäresensitiver Hand lungs weisen im Social Web allein durch herkömm liche, standardisierte Befra gungen ist deshalb abzu sehen. Zusätz lich zu der umfang reichen Befra gung haben wir mit einer Teilstich probe ein OnlineTracking durch geführt. Das TrackingTool zeichnete dabei anonymisiert alle auf vier aus gewählten Sozialen Netz werk platt formen auf gerufenen URLs inklusive ihrer Ver weildauer auf. Im Zuge des Trackings haben wir zudem Handlun gen („Events“) definiert, die auf Sozialen Netz werk platt formen vor kommen und die das Thema Daten schutz und Privatsphäre im Social Web in be sonde rer Weise be treffen. Beim Tracking wurde ge speichert, wie oft der Teilnehmer innerhalb der Feldzeit die folgen den Handlun gen auf einer SocialNetworkingSite aus führte: – Änderun gen im Profil vornehmen – Upload eines neuen ProfilFotos – Upload von Fotos in Fotoalben – Änderung an den Daten schutz einstel lungen vornehmen – Neue Freunde hinzu fügen – Freundschafts anfragen be stäti gen – Etwas an eine Pinnwand schreiben – Status meldun gen ab geben – Fan einer Seite werden 166 Die von uns aus gewählten Events stellen eine Auswahl aller möglichen Aktionen auf SocialNetworkingSites dar, die aus inhalt lichen Über legungen ge troffen wurde. Es handelt sich um die Aktionen, die ver gleichs weise häufig auf treten und/oder die Privatsphäre und Selbstenthül lung eines Users be treffen können, weil der Teilnehmer beim Aus führen der Handlung ent weder eine Selbstoffen barung aus führt oder weil er das potenzielle Publikum zukünfti ger und ver gangener Selbstoffenba rungs hand lungen er weitert. Dadurch, dass ein Event be obachtet wird, kann jedoch noch nicht auf die Inten tion des Handelnden oder auf Risiken für den Daten schutz geschlossen werden. Der Inhalt der Handlung ist unklar, wie dieses Beispiel ver deut licht: Ein User be stätigt einen neuen Freund auf einer SocialNetworkingPlatt form. Er teilt durch diese Handlung seine Profilinforma tionen mit dem neuen Kontakt. Es ist jedoch nicht sicher, ob es sich bei dem neuen Freund um eine tatsäch lich aus dem OfflineLeben be kannte Person handelt oder um einen mehr oder weniger un bekannten Kontakt rein virtueller Natur: Zwei Möglich keiten, die ganz unter schied lich zu be werten sind hinsicht lich ihrer Wirkung auf die Privatsphäre des Users. Um die auf geführten Handlun gen noch detaillierter unter suchen zu können, er folgte eine kurze Kontextbefra gung direkt in der Nutzungs situa tion. Dieses Vor gehen ent spricht der „Experience Sampling Method“, bei der ver sucht wird, bei den Teilnehmern eine be stimmte Anzahl an Selbst beobach tungen zu initiie ren. Wenn der Teilnehmer eines der neun definierten Events aus führte, wurde ein kurzer Fragebogen an gezeigt. Gegen über der reinen Befra gung bietet die kombinierte Beobach tung mit Kontextbefra gung einige Vorzüge: Dieses Ver fahren ist nicht auf die Erinne rungs leis tung der Befragten an gewiesen. Mit Hilfe des Tracking können auch wenig be wusste Ver haltens weisen erfasst werden, und da direkt in der Nutzungs situa tion befragt wird, ist nach träg liches Einordnen und Rationalisie ren weniger stark aus geprägt als bei einer Befra gung, die erst später und ohne konkreten Bezug zur Nutzungs situa tion durch geführt wird. Anders als herkömm liche Laborbeobach tungen findet das Tracking in natür licher Umgebung statt. Im Gegen satz zu den üblichen Feldbeobach tungen ist trotzdem die Anwesen heit des Beobachters nicht notwendig. Es kann daher davon aus gegangen werden, dass die Teilnehmer weitest gehend ihre üblichen Nutzungs muster zeigen. Scherer und Schlütz (2002) er zielten in einer ähnlich an gelegten Studie zu situativen Gratifika tionen bei der Medien rezep tion bereits auf schluss reiche Ergeb nisse. Waren es 2002 bei Scherer und Schlütz noch Pager, die den Befragten viermal täglich zu unter schied lichen Tages zeiten auf forderten einen PaperPencilFragebogen auszu füllen, be nutzten Karnowski und Doedens (2010) zur Unter suchung des mobilen Medien nut zungs verhaltens elektroni sche Einla dungen direkt auf dem mobilen Endgerät. Vorteil dieses Vor gehens ist, dass die Befra gung situativ, direkt in der Nutzungs situa tion und ohne Medien bruch statt findet. Ähnlich sind wir auch in der vor liegen den Studie vor gegangen, nur dass die Einla dung zur 167 Kontextbefra gung nicht zu einem zufälli gen Zeitpunkt geschah, sondern direkt im Anschluss an das Aus führen einer relevanten Handlung. Die Erhebung ist also sehr nah an der Nutzungs situa tion. Ein herkömm liches TrackingTool registriert das Aus lösen eines Events, bietet jedoch keinerlei inhalt liche Informa tionen. Daher wurden jeweils im ersten Teil jedes Kontext fragebogens zunächst Details zum aus geführten Event erhoben. Da die Events unter schied licher Natur sind, unter schieden sich die Kontext fragebögen, vor allem im vorderen Teil der jeweili gen Befra gung. Zur Ver anschau lichung: Wurde die Freundschafts anfrage eines anderen Netz werknutzers be stätigt, erhob der Fragebogen, woher und wie gut der Befragte diese Person kennt. So kann nach vollzogen werden, ob ein guter Freund Zugang zu den Profildaten des Befragten erhält, oder ob es sich dabei um einen flüch ti gen Bekannten oder um einen Fremden handelt. Wurde dagegen eine Profil angabe hinzu gefügt oder geändert, sollen die Teilnehmer an geben, um was für eine Informa tion es sich handelt und ob ihre Angabe der Wahrheit ent spricht. So kann ein geschätzt werden, ob die Befragten eher sensible Informa tionen wie ihre Adresse ver öffent lichen oder einen Interpreten zu den Angaben über ihre Lieblings musik hinzu fügen. Wenn der Fragebogen durch das Ver öffent lichen einer Status meldung oder eines Posts auf der Pinnwand eines anderen Nutzers aus gelöst wurde, wurden die Bestand teile und der Inhalt des Posts erhoben. Außerdem machten die Befragten Angaben zum imaginierten Publi kum. Sie kreuzten an, wer ihrer Meinung nach den Eintrag sehen wird. Der zweite Block der Kontext fragebögen wurde soweit wie möglich konstant ge halten, indem nur die Formulie rungen an die Events an gepasst und einzelne Items bei Bedarf ergänzt wurden. Zunächst wurde das Bewusstsein für die Sensibili tät einer Handlung erhoben. Die Befragten gaben auf einer fünfstufigen Skala an, für wie privat sie die eben aus geführte Handlung einschätzen. Die Antwortmöglich keiten reichen von überhaupt nicht privat bis zu sehr privat. Diese Angaben geben Auf schluss darüber, ob die Privat heit der ver schiedenen Events in der Nutzungs situa tion unter schied lich be wertet wird. Vor allem kann nach vollzogen werden, ob die Einschät zung der Nutzer vom Inhalt ihrer Hand lung ab hängig ist. Außerdem war es von Interesse zu er fahren, ob be stimmten Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen längeres Abwägen voraus geht oder ob die Ent schei dungen eher spontan und un überlegt ge troffen werden. Daher wurde in allen Kontext fragebögen zum einen die subjektive Dauer des Ent schei dungs prozesses erhoben, zum anderen sollten die Befragten an geben, ob sie über mögliche Konsequenzen ihrer Handlung nach gedacht haben. Die Dauer wird auf einer fünfstufigen Skala ab gefragt. Hier können die Befragten an kreuzen, ob sie spontan handelten oder ob sie länger nach dachten, bevor sie eine Aktion aus führten. Die zweite Frage zum Ent schei dungs prozess gibt mehrere Aspekte vor, über die ein Nutzer sich Gedanken machen könnte, bevor er innerhalb des 168 Netz werks aktiv wird: Welche Folgen hat die Handlung für die Privatsphäre, welche Nutzer werden sehen, dass man die Aktion aus geführt hat, wie wirkt man dadurch auf andere Nutzer und welches sind die Vor und Nachteile? Die Befragten können jeweils auf einer fünfstufigen Skala an geben, ob sie sich über diese Aspekte Gedanken ge macht haben. Die Antwortmöglich keiten reichen von trifft über haupt nicht zu bis trifft voll und ganz zu. Zum Ab schluss wurde in jedem Fragebogen nach den Motiven für die Handlung auf der Sozialen Netz werk platt form ge fragt. Eine Aus nahme bildete dabei die Änderung der PrivatsphäreEinstel lungen: Hier wurden keine Motive ab gefragt, da herkömm liche Medien nut zungs motive für dieses Event unzu treffend er scheinen. Um die Hand lungs motive für die ver schiedenen Events ver gleichen zu können, ist der Großteil der Antwort vorgaben konstant. Elf Motive wurden aus der Haupt befra gung in jeden Kontext fragebogen über nom men. Diese wurden um ein weiteres Item, das auf die Selbst darstel lung abzielt, sowie um eventspezifi sche Motive ergänzt. So können die Befragten im Frage bogen zur Bestäti gung einer Freundschafts anfrage beispiels weise an kreuzen, diese an genommen zu haben, weil sie es unhöf lich finden, eine Freundschafts anfrage abzu lehnen. Auch hier sollen die Probanden auf einer fünfstufigen Skala an geben, wie sehr die ge nannten Motive für ihre Handlung relevant waren. Die Durch führung des Tracking er folgte in Zusammen arbeit mit der eyesquare GmbH (Berlin), die die notwendige Programmierarbeit über nahm. Die Teilnehmer des Tracking, die sich be reiterklärten und deren Computer die techni schen Voraus setzungen er füllte, installierten das Tool i²server auf dem Rechner, den sie am häufigsten nutzen. Das TrackingTool leitete den Traffic, der von den Teilnehmern produziert wurde, über einen eigenen Server um und zeichnete Surf verhalten und die Anzahl der auf treten den Events auf. Außerdem sorgte das Tool dafür, dass – ge steuert über eine Zufalls variable – die Kontext fragebögen ein geblendet wurden, wenn ein Teilnehmer eines der definierten Events aus löste. Da die Haupt befra gung ergeben hatte, dass Facebook und die VZNetz werke die am häufigsten ge nutzten An gebote Sozialer Netz werk platt formen waren, wurden diese für das Tracking aus gewählt. Die Feldzeit dauerte vom 13. September bis zum 19. Oktober 2011. Rekru tiert wurde innerhalb der Stichprobe der zuvor be fragten Teilnehmer im Online AccessPanel von Panelbiz. Dazu er folgte eine kurze Informa tion über den zweiten Teil der Studie und die Incentivie rung am Ende des standardisierten Fragebogens der Haupt befra gung. Die Rekrutie rung innerhalb der Befra gungs Stichprobe bot den Vorteil, dass über die be obach teten Teilnehmer bereits Daten aus der standardisierten Befra gung vor lagen und diese in Beziehung zu den Ergeb nissen der Beobach tungs studie gesetzt werden konnten. Knapp 60 Pro zent der Teilnehmer der standardisierten OnlineBefra gung er klärten sich grundsätz lich bereit dazu, an der RemoteStudie teilzunehmen. Diese wurden 169 zum Tracking ein geladen, es zeigte sich jedoch, dass einige der Teilnehmer nach detaillierter Informa tion über das Vor gehen bei der Studie doch von einer Teilnahme absahen oder dass sie die techni schen Voraus setzungen, die für die Teilnahme notwendig waren, nicht er füllten. Insbesondere durch die techni schen Voraus setzungen10 wurde die Anzahl der Teilnahmewilli gen er heblich dezimiert, weshalb bereits während der Erhebung be schlossen wurde, das Sample der Haupt befra gung auszu weiten, um auf eine an gemessene Stich proben größe im Tracking nach rekrutie ren zu können. Insgesamt haben 211 Teil nehmer das TrackingTool installiert. Einige brachen jedoch in der Erhe bungs phase ab. Die finale Stichprobe bilden N = 199 Teilnehmer, die das Tool über einen Zeitraum von mindesten fünf, durch schnitt lich aber 30 Tagen installiert hatten. Da während der Erhebung nach rekrutiert wurde, ist die Feldzeit der einzelnen Teilnehmer unein heit lich, was bei der Aus wertung be rücksichtigt wurde. Etwas über die Hälfte der Teilnehmer des Tracking waren weib lich (54 Pro zent). Das Durch schnitts alter lag bei 18,7 Jahren. Die meisten Teilnehmer waren 18 bis 20 Jahre alt (33 Prozent). Der Anteil der 21 bis 24Jährigen war am zweit größten (29 Prozent). 24 Prozent der Befragten waren zwischen 15 und 17 Jahre alt, während nur 14 Prozent der Alters gruppe der 12 bis 14Jährigen zuzu ordnen waren. Über die Hälfte der Teilnehmer waren Gymnasiasten oder hatten Abitur (52 Prozent). Der Anteil der Realschüler bzw. Personen mit Realschulabschluss lag bei 31 Prozent. In nur 18 Prozent der Fälle, die die Stichprobe für das Tracking bildeten, waren die Teilnehmer Haupt schüler oder hatten einen Haupt schulabschluss. Die Stichprobe ver teilt sich sehr ungleichmäßig auf die vier Sozialen Netz werk platt formen. Es zeigte sich, dass die große Mehrheit der Teilnehmer Facebook als einziges Netz werk (56 Prozent) nutzte, ein weiterer großer Teil nutzte Facebook und eines oder mehrere der VZNetz werke (43 Prozent). Nur zwei Teilnehmer waren aus schließ liche VZNutzer. Im Schnitt be suchten die User einmal am Tag eine Netz werk platt form. Während der Feldzeit wurde insgesamt 5.409 Mal eines der ge trackten Events aus gelöst. Diese Anzahl ist auf 175 Teilnehmer zurück zuführen. Die übrigen 29 Teilnehmer be suchten zwar die ge trackten An gebote von Facebook und den VZNetz werken, führten dabei aber keine der be obach teten Events aus. Pro Tag und User sind damit im Durch schnitt 1,1 der definierten Events auf getreten. Das TrackingTool speicherte außerdem die URLs aller Seiten, die die Teil nehmer im Ver lauf der Feldphase auf den vier aus gewählten Netz werk platt formen be suchten. 97.628 URLVisits wurden erfasst und an schließend codiert. 10 Die Teilnehmer mussten bereit sein, das TrackingTool auf dem Rechner, den sie zu Hause nutzten, zu installie ren. Als Betriebs system war eine be liebige Ver sion von Windows vor gegeben und der Computer musste zudem über eine aktuelle Ver sion des Internet Explorers (ab Ver sion 7) oder Firefox ver fügen. 170 Dabei wurde induktiv vor gegangen: Die ver schiedenen URLs wurden auf gerufen, um den Inhalt der Seite mit einem Schlagwort be schreiben zu können, das als Kategorie auf genommen wurde. Auf diese Weise kamen 76 Kategorien zustande. Diese wurden schließ lich zusammen gefasst, so dass alle URLVisits einer von 28 Kategorien zu geordnet sind (Vgl. Kap. 4.2). In die Aus wertung der Trackingdaten gingen nur Studienteilnehmern ein, die das TrackingTool mindestens 5 Tage lang auf ihrem Rechner installiert hatten. Bei Personen, die weniger als 5 Tage an der Studie teilgenommen haben, besteht die Gefahr, dass ihre Daten das Ergebnis ver zerren. In diesen Fällen ist der Zeitraum zu kurz, um einen ver läss lichen Eindruck vom Nutzungs verhalten der Teilnehmer zu er halten. Die Installa tions dauer innerhalb der Stichprobe schwankt zwischen 5 und 37 Tagen, was dazu führt, dass die Anzahl der er zeugten URLVisits stark in Ab hängig keit von der Installa tions dauer variiert. Anstatt die ab soluten Seiten aufrufe in den Kategorien zu ver gleichen, werden die Häufig keiten pro Tag und User verg lichen. So kann man er kennen, wie oft Seiten einer be stimmten Kategorie durch schnitt lich am Tag von einem Nutzer auf gerufen werden. Neben der Häufig keit, mit der die ver schiedenen Anwen dungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge nutzt werden, interessiert auch die Dauer. Die Tracking Daten er teilen Aus kunft darüber, wie oft und wie lange sich die Nutzer auf den Seiten der ver schiedenen Kategorien auf gehalten haben. Für die Aus wertung wurden all die URLVisits aus geschlossen, bei denen sich ein Studienteilnehmer weniger als eine Sekunde auf einer Seite auf gehalten hat. Es ist anzu nehmen, dass Nutzer den Inhalt einer Seite kaum wahrnehmen können, wenn sie diese kürzer als eine Sekunde be trachten. In diesen Fällen kann daher auch nicht von der Nutzung der Seite ge sprochen werden. Anders als die Häufig keit wurden die Mittelwerte der Dauer nicht pro Tag und User be rechnet, sondern ent sprechen dem Durch schnitts wert aller Studienteilnehmer für den gesamten Unter suchungs zeitraum. Vor dem Start der Kontextbefra gungen wurde eine zweiwöchige Vor phase durch geführt, in der zwar das Surf verhalten ge trackt wurde, aber keine Kontext befra gungen an gezeigt wurden. Dieses Vor gehen diente dazu, die Teilnehmer an die Handha bung des Tools zu ge wöhnen, eventuell auf tretende Paneleffekte zu neutralisie ren und eine Zufalls zahl für die Anzeigewahrscheinlich keit der Kontext fragebögen der neun Events zu er mitteln. Die neun Kontext fragebögen waren sehr kurz ge halten, um die Teilnehmer nur minimal in ihrer Nutzungs situa tion zu stören. Mit einem Pretest wurde sicher gestellt, dass die Ausfüll dauer zwei Minuten nicht über schritt. Da anzu nehmen war, dass die Events im Unter suchungs zeitraum, ab hängig vom Nut zungs verhalten des Teilnehmers, sehr häufig auf treten könnten und um eine Zufalls auswahl zu gewährleisten, wurde das Anzeigen der Kontextbefra gung durch eine Zufalls zahl ge steuert. Außerdem wurde ein Capping ein gerichtet, 171 das sicherstellte, dass ein Befragter maximal drei Fragebögen pro Tag be antworten konnte11. Eine völlige Gleich vertei lung der Fragebögen über Events und Teilnehmer hinweg war nicht möglich und wurde auch nicht an gestrebt, da die User in ihrem Aktivi täts grad variieren und auch die Events unter schied lich häufig auf treten. Zudem gab es die Möglich keit, den Fragebogen zu schließen und nicht zu be antworten, was die Ausfall quote natür lich erhöhte. Diese Maßnahme er schien uns jedoch notwendig, um Reaktanzen zu ver meiden und die Abbruchquote gering zu halten. Inhalt lich wurden die Kontext frage bögen an die ent sprechen den Events an gepasst, wobei ver sucht wurde, die Fragen weit gehend zu parallelisie ren und in allen neun Fragebögen abzu fragen, um einen Ver gleich zu er möglichen (z. B. bei der Frage nach den Nutzungs motiven). Insgesamt wurden 1.354 Kontext fragebögen aus gefüllt, von denen 1.016 als vollständig an gesehen wurden. Leider mussten einige Fragebögen wegen Mustern, die sich in den Ergeb nissen zeigten, aus sortiert werden, oder weil nach der Erhebung fest gestellt wurde, dass die Teilnehmer in der standar disierten OnlineBefra gung keine gülti gen Fragebögen ge liefert hatten. Bei den 116 Teilnehmern der Kontextbefra gung lag der Anteil der Frauen noch etwas höher als in der Stichprobe der TrackingBefra gung: 59 Prozent der Teilnehmer waren weib lich. Auch war der Anteil der 18 bis 20Jährigen am höchsten (42 Prozent) ge folgt von den 15 bis 17Jährigen (27 Prozent). Der Anteil der Teilnehmer zwischen 21 und 24 Jahren lag bei 2 Prozent. Die 12 bis 14Jährigen bilden mit 8 Prozent wiederum die kleinste Alters gruppe. Das Durch schnitts alter der Befragten beträgt 18,6 Jahre. Die Bildung der Teilnehmer der Kontextbefra gung ist ähnlich ver teilt wie bei der gesamten Tracking Stichprobe: Der Großteil besucht das Gymnasium oder hat Abitur (57,8 Prozent), der Anteil der Realschüler liegt bei 29 Prozent und der der Haupt schüler bei 13 Prozent. Nur drei Personen, die Kontext fragebögen aus gefüllt hatten, hatten in der Haupt befra gung eines der VZNetz werke als Haupt netz werk an gegeben. Dagegen nannten 110 Teilnehmer (94,8 Prozent) Facebook als Haupt netz werk, und drei weitere Personen hatten eine andere soziale Netz werk platt form als Haupt netz werk an gegeben. Wie zu er warten war, traten einige Events wesent lich häufiger auf als andere und dementsprechend wurden auch die Kontextbefra gungen sehr unter schied lich oft aus gefüllt. Die Fallzahlen der Events können Tabelle 13 ent nommen werden. Gegen übergestellt wird in der Tabelle die Anzahl der aus gefüllten Kontext fragebögen zum jeweili gen Event. Da die Events Upload eines neuen ProfilFotos, Upload Foto in ein Fotoalbum und Änderun gen an den Daten schutz einstel lungen insgesamt sehr selten auf traten und eine für statisti sche Zwecke unzu reichende Anzahl an Kontext fragebögen zu diesen Events aus 11 Eine Aus nahme hiervon bildeten nur die Events, die sich als sehr selten heraus stellten. Kontext fragebögen zu diesen Events wurden auch an gezeigt, wenn ein Befragter bereits drei andere Fragebögen aus gefüllt hatte. 172 gefüllt wurde, wurde von einer ge sonderten Analyse dieser Fragebögen ab gesehen. Eine Über sicht über die Anzahl der Events, der Befragten, die ein Event über haupt aus lösten und die gültige Fallzahl der Kontextbefra gungen gibt Tabelle 13 (siehe ausführlich Kapitel 4.3. Tabelle 13: Auf treten der Events und Fallzahl der Kontext fragebögen im Ver gleich Event Auf treten des Events Anzahl Befragte Gültige Fallzahl Kontext- befra gung Anzahl Befragte Änderun gen im Profil vornehmen 243 76 27 19 Upload neues Profil-Foto 115 46 18 13 Upload Foto in Fotoalbum 84 30 9 6 Änderung an den Daten schutz - einstel lungen vornehmen 65 24 13 11 Neue Freunde hinzu fügen 946 130 215 72 Freundschafts anfragen be stäti gen 746 128 116 54 Etwas an eine Pinnwand schreiben 1.093 138 320 79 Status meldun gen ab geben 1.403 128 191 65 VZ-Gruppe beitreten/ Eine Fanpage liken (Facebook) 714 111 107 50 Summe 5.409 175 1.016 116 4.2 Ergeb nisse zur Nutzung des Internet und von Sozialen Netz werk platt formen In diesem Kapitel zeigen wir auf, wie Jugend liche und junge Erwachsene das Internet und insbesondere Soziale Netz werk platt formen ver wenden, und welchen Nutzen sie daraus ziehen. Dabei be trachten wir zunächst die relevanten Aspekte des Internetnut zungs verhaltens und ihre Ver brei tung in der Gruppe der 12 bis 24Jährigen. Im Anschluss werden Soziale Netz werk platt formen fokussiert, wobei hier ein Hauptaugen merk auch auf den Nutzungs motiven liegt, mit denen die jungen Nutzer sich diesen An geboten zuwenden. Bei der Analyse wurde sowohl auf die Daten der standardisierten OnlineUmfrage als auch auf die TrackingDaten zurück gegriffen. Die Ergeb nisse der qualitativen Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen werden auf gegriffen und dienen zur Illustra tion und dazu, die Interpreta tion zu stützen. Das Kapitel gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil be leuchten wir die Internetnut zung der 12 bis 24Jährigen. Dabei gehen wir speziell auf ihre Nutzungs erfah rung mit dem Internet ein und be schreiben wie oft, wie lange und wo sie das Internet nutzen und welche unter schied lichen Aktivi täten sie aus führen. Im zweiten Teil des Kapitels gehen wir auf die Nutzung der Sozialen Netz werk platt formen ein und be leuchten die hauptsäch lich ge nutzten Anbieter der 12 bis 24Jährigen sowie ihre genauen Aktivi täten auf diesen Seiten. Der 173 dritte und letzte Teil des Kapitels umfasst die Nutzungs motive der Jugend lichen und jungen Erwachsenen. 4.2.1 Der Rahmen: Internetnut zung Nutzungs erfah rung, Häufig keit, Dauer und Ort der Internetnut zung Die Grundgesamt heit der standardisierten OnlineBefra gung bilden 12 bis 24jährige Onliner, die zumindest mehrfach pro Monat Soziale Netz werk platt formen nutzen. Obwohl die Ver brei tung dieser WebAngebote in dieser Ziel gruppe sehr hoch ist, ist anzu nehmen, dass die hier präsentierte Stichprobe im Ver gleich mit der Grundgesamt heit aller 12 bis 24jähri gen Deutschen als internetaffiner zu be zeichnen ist. Die Internetnut zungs erfah rung in der Stichprobe ist dementsprechend hoch (Tabelle 14). Insgesamt über 89 Prozent der Nutzer geben an, dass sie sich bereits seit mindestens drei Jahren im Internet bewegen. Der Anteil der Nutzer, die ledig lich über eine geringe Nutzungs erfah rung von unter einem Jahr ver fügen, ist mit 1 Prozent sehr gering. In der jüngsten be trach teten Alters gruppe ist dieser Anteil mit 4 Prozent etwas höher. Die Internetnut zungs erfah rung der älteren Teilnehmer ist plausibler weise auch insgesamt gesehen höher als die der jüngeren. Die Nutzungs erfah rung korreliert mit dem Alter auf dem Niveau von Pearson’s r = ,57 (p < ,001). Dieser Wert ent spricht einem hohen, aber nicht perfekten Zusammen hang, und so finden sich auch in der ältesten Alters gruppe einige wenige Fälle mit geringer Nutzungs erfah rung. Zwischen den Geschlech tern zeigen sich hingegen kaum Unter schiede. Mit Blick auf die formale Bildung (Tabelle 15) ver fügen höher Gebildete über eine längere Nutzungs erfah rung (Pearson’s r = ,16; p < ,001). Tabelle 14: Interneterfah rung in Jahren nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) weniger als 1 Jahr 1 1 0 4 0 0 0 1 bis 2 Jahre 11 9 13 38 7 3 3 3 bis 5 Jahre 40 40 40 47 65 39 20 6 bis 10 Jahre 41 43 38 10 27 52 60 mehr als 10 Jahre 8 8 9 1 1 7 18 Gesamt 100 100 100 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent 174 Tabelle 15: Interneterfah rung in Jahren nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) weniger als 1 Jahr 1 3 1 0 1 bis 2 Jahre 11 15 12 7 3 bis 5 Jahre 40 44 40 37 6 bis 10 Jahre 41 32 38 49 mehr als 10 Jahre 8 7 9 8 Gesamt 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Die Häufig keit der Internetnut zung in einer normalen Woche ist eben falls hoch. Die allermeisten Befragten (82 Prozent) nutzen das Internet täglich, der Durch schnitt beträgt 6,6 Tage pro Woche. Nur die allerjüngste Teilnehmergruppe der 12 bis 14Jährigen weist einen gering fügig niedrige ren Durch schnitts wert von 6,2 Tagen auf. Unter schiede zwischen männ lichen und weib lichen Teil nehmern be stehen nicht. Beim Ver gleich der formalen Bildung stechen die Gymnasiasten und Abiturienten leicht mit einer über durch schnitt lichen Nut zungs häufig keit von 6,8 Tagen pro Woche hervor. Insgesamt lässt sich sagen, dass die quasi tägliche Nutzung unter den jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen Standard ist. Die tägliche Nutzungs dauer des Internet wurde nicht absolut in Stunden und Minuten, sondern in Kategorien ab gefragt, daher kann keine durch schnitt liche tägliche Nutzungs dauer an gegeben werden12. Dennoch lassen sich generelle Tendenzen be schreiben (Tabelle 16). Ledig lich eine Minder heit der Befragten nutzt das Internet weniger als eine Stunde pro Tag (15 Prozent). Die Anteile derjenigen, die das Internet ein bis zwei Stunden nutzen und derer, die es zwei bis vier Stunden nutzen, sind in etwa gleich hoch (30 bzw. 32 Prozent). Mehr als vier Stunden wird das Netz von etwas über einem Fünftel der Stichprobe ge nutzt. Die tägliche Nutzungs dauer steigt mit dem Alter an, was neben einer steigen den Nutzung für private Zwecke auch auf die Nutzung für Beruf und Aus bil dungs zwecke zurück zuführen sein kann. Bei der Betrach tung der forma len Bildung fällt auf, dass die tägliche Nutzungs dauer bei steigen dem Bildungs grad abnimmt (Tabelle 17). Zwischen männ lichen und weib lichen Nutzern ergeben sich hingegen keine nennens werten Unter schiede. 12 Diese Abfrage wurde ge wählt, um den zum Teil noch sehr jungen Aus füllern das Antworten zu er leichtern und unplausible Werte sowie eine hohe Abbruchquote zu ver meiden. 175 Tabelle 16: Dauer der täglichen Internetnut zung nach Geschlecht und Alters gruppe Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Weniger als eine Stunde 15 14 17 30 13 13 10 Eine Stunde bis zwei Stunden 30 30 30 39 32 25 28 Zwei Stunden bis vier Stunden 32 33 31 23 34 34 36 Mehr als vier Stunden 22 22 22 7 21 28 26 Gesamt 100 100 100 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 17: Dauer der täglichen Internetnut zung nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Weniger als eine Stunde 15 12 16 17 Eine Stunde bis zwei Stunden 30 32 30 29 Zwei Stunden bis vier Stunden 32 30 31 35 Mehr als vier Stunden 22 26 22 19 Gesamt 100 100 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Bei der Abfrage möglicher Nutzungs orte waren Mehrfachnen nungen möglich. Der mit Abstand von den meisten an gegebene Ort war der Zugriff auf das Internet von zu Hause aus, und zwar mit dem eigenen Computer (90 Prozent). Im Umkehrschluss be deutet dies, dass nur 10 Prozent der von uns unter suchten Jugend lichen nicht über einen eigenen Computer mit Internetanschluss ver fügen. Der Anteil der Befragten mit eigenem Internetanschluss ist in unserem Sample ver gleichs weise hoch. Den Befunden der JIMStudie 2011 zufolge be sitzen zwar 79 Prozent der Jugend lichen zwischen 12 und 19 Jahren einen eigenen Rechner, aber nur 45 Prozent ver fügen auch über einen eigenen Internet zugang (MPFS, 2011). Dies könnte dafür sprechen, dass der eigene Internetanschluss für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen die Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen fördert. Erwar tungs gemäß ist der Anteil der Nutzer mit eigenem Computer bei den männ lichen Teilnehmern, den älteren beiden Alters gruppen und bei den höher Gebildeten über durch schnitt lich. Der Anteil der Befragten, die an geben, das Internet zwar von zu Hause aus, aber über einen Rechner, der ihnen nicht persön lich gehört, zu nutzen, ist mit 21 Prozent ver gleichs weise geringer. Weibliche Teilnehmer, jüngere Nutzer und Personen mit niedri gem 176 oder mittle rem Bildungs grad geben häufiger an, sich zu Hause einen Computer mit anderen Nutzern zu teilen. Mit 45 Prozent liegt die Nutzung an Orten wie dem Aus bil dungs oder Arbeits platz bzw. der Schule oder Hoch schule auf dem gleichen Level wie die Nutzung über mobile Endgeräte, wie aus Tabelle 18 zu ent nehmen ist. Die mobile Nutzung ist in den letzten Jahren stark an gestiegen (MPFS, 2011). Tabelle 18: Ort der Internetnut zung nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Zu Hause, eigener Computer 90 93 88 79 89 95 95 Zu Hause, ge teilter Computer 21 16 27 32 26 17 15 Schule/Universi tät/ Arbeits platz 45 48 42 34 43 46 53 Mobile Nutzung 45 49 40 27 50 46 52 Bei Freunden oder Bekannten 35 34 35 25 45 36 32 Internet-Café 5 7 4 5 6 7 4 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Wiederum sind es die männ lichen Teilnehmer, die höher Gebildeten und die Älteren, die eher zur mobilen Nutzung neigen. Auf fallend ist aber ins besondere der Zuwachs zwischen der jüngsten Alters gruppe und der Gruppe der 15 bis 17Jährigen. Der Anteil ver doppelt sich zwischen diesen Alters gruppen nahezu. Diese Alters gruppe, die sich auch ansonsten durch eine über durch schnitt liche Internetnut zung aus zeichnet, markiert den Einstieg in die mobile Nutzung. Der Zugang über Freunde und Bekannte wird von einem guten Drittel der Befragten ver wendet. Dieser Zugang wird eben falls gerade im Alter zwischen 15 und 17 Jahren und von niedri ger ge bildeten Personen be sonders stark ge nutzt (Tabelle 19), was für eine intensivere gemein schaft liche Nutzung des Internet in diesen Gruppen spricht. InternetCafés haben eher eine geringe Bedeu tung. 177 Tabelle 19: Ort der Internetnut zung nach formaler Bildung Gesamt Hauptschule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Zu Hause, eigener Computer 90 87 89 94 Zu Hause, ge teilter Computer 21 26 23 17 Schule/Universi tät/Arbeits platz 45 32 41 57 Mobile Nutzung 45 42 44 47 Bei Freunden oder Bekannten 35 39 37 30 Internet-Café 5 8 5 5 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Aktivi täten beim Umgang mit dem Internet Ver gleicht man die Häufig keit, mit der ver schiedene Aktivi täten des Social Web ge nutzt werden, ist zu be rücksichti gen, dass nur Personen in die Stichprobe ge langt sind, die an gegeben haben, Soziale Netz werk platt formen zumindest mehrfach im Monat zu nutzen (Tabelle 20). Der sehr hohe Wert von 97 Prozent zumindest wöchent licher Nutzung bei den Sozialen Netz werk platt formen erklärt sich daher teil weise über das Screening. Aber auch aus anderen Studien ist bekannt, dass Soziale Netz werk platt formen mittlerweile andere WebAnwen dungen wie EMail und InstantMessaging über holt haben (MPFS, 2011). Aus den Daten lässt sich schließen, dass für die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen diese An gebote so be deutsam sind, dass sie sie häufiger frequen tie ren als andere Anwen dungen und dass die Nutzung mit einer sehr hohen Nutzungs frequenz erfolgt. Auf geteilt nach soziodemografi schen Merkmalen lassen sich nur leichte Unter schiede in der wöchent lichen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen fest stellen. Der Anteil fällt bei den weib lichen Teilnehmern gering fügig höher aus und auch beim Alter ergeben sich leichte Unter schiede. Die beiden mittle ren Alters gruppen weisen einen etwas höheren Prozent satz wöchent licher Nutzer auf als die jüngsten und die ältesten. Auch diese Ergeb nisse – eine leichte Hochphase der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in der späten Jugend und eine höhere Nutzungs frequenz durch weib liche Teilnehmer – stimmen mit Ergeb nissen anderer Studien überein (MPFS, 2011; Schenk, Jers, & Gölz, 2012; Schmidt & Gutjahr, 2009). Gerade in der späten Jugend haben die Sozialen Netz werk platt formen eventuell eine be sondere Anziehungs kraft. Die Bedeu tung der Peergruppe für die Ent wick lung ist in dieser Lebens phase be sonders hoch (Oswald & Uhlendorff, 2008) und Soziale Netz werk platt formen sind ein Ort, an dem sich die Nutzer außerhalb des Einflusses von Erwachsenen aus tauschen können (Boyd & Marwick, 2011). 178 Des Weiteren wurde die EMailNutzung der Jugend lichen und jungen Erwachsenen unter sucht. Diese wurde deshalb in die Studie auf genommen, da EMails zwar nicht im engeren Sinne zum SocialWeb ge hören, sie aber als Tool zur Kommunika tion ver wendet werden, das prinzipiell ähnliche Funktionen ab decken könnte wie Soziale Netz werk platt formen. Zwischen den Geschlechtern gibt es keinen Unter schied bei der EMailNutzung. Ledig lich beim Alter lässt sich fest stellen, dass die 12 bis 14Jährigen etwas weniger diese Form der Kom munika tion nutzen, ganz im Gegen satz zu den drei älteren Alters gruppen. Hinsicht lich der wöchent lichen Nutzung von Videoplatt formen und Instant Messaging lässt sich er kennen, dass männ liche Jugend liche und junge Erwach sene deut lich eher zu dieser Form der Aktivität greifen als weib liche. Bei der Unter teilung nach Alter liegen die 15 bis 17Jährigen klar vor allen anderen Alters gruppen. Bei den Wikis, die gut die Hälfte aller Befragten nutzen, sprechen sich ver mehrt die männ lichen Jugend lichen für deren Ver wendung aus. Bei dieser Form der Aktivität liegen die 15 bis 17Jährigen und die älteste Alters gruppe vorn. Bei der Ver wendung von OnlineShops ändert sich das Bild etwas. Zwar ist auch hier der Anteil der männ lichen Teilnehmer höher, unter teilt in Alters gruppen aber weisen die beiden ältesten Gruppen einen höheren Prozent satz aus. Bei der Nutzung der OnlineGames liegt der Anteil der weib lichen Teilnehmer leicht unter dem der männ lichen. Beim Alter ergeben sich größere Unter schiede. Die jüngste Gruppe nutzt diese Form der Aktivität am häufigsten, ge folgt von den 21 bis 24Jährigen. Am Wenigsten sprechen sich die 15 bis 17Jährigen für diese Aktion aus. Tabelle 20: Internetaktivi täten nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Soziale Netz werk- platt formen 97 96 99 96 98 99 96 E-Mail 95 96 95 85 97 98 98 Videoplatt formen 87 91 82 89 94 87 80 Instant-Messaging 67 74 61 61 74 70 64 Wikis 55 61 50 49 61 53 58 Online-Shops 49 54 45 35 43 53 60 Online-Games 42 43 41 49 36 40 43 Internettelefonie 33 40 25 40 35 30 29 Diskus sions foren 22 29 15 18 20 26 24 Weblogs 20 25 15 14 23 18 23 Chats 19 21 16 23 15 20 18 Bilderplatt formen 17 19 14 21 14 14 18 Microblogging 17 19 14 19 19 16 14 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Anwen dung zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich 179 Nur jeweils wenige Nutzer be schäfti gen sich hingegen mehrmals pro Woche mit Diskus sions foren, Weblogs, Chats, Bilderplatt formen und Microblogging. Bei diesen Anwen dungen ist ein Unter schied zwischen männ lichen und weib lichen Nutzern zu sehen. Der Anteil der männ lichen Teilnehmer fällt deut lich höher aus. Bezüg lich des Alters gibt es keinen Trend. Bei den Diskus sions foren liegen die zwei ältesten Gruppen vorn. Weblogs spielen für die 15 bis 17Jähri gen sowie für die 21 bis 24Jährigen eine größere Rolle und Chats, Bilderplatt formen und Microblogging werden eher von der jüngsten Alters gruppe ver wendet. Ver glichen mit den Nutzungs zahlen aus der aktuellen JIMStudie lässt sich fest stellen, dass einige Anwen dungen von der von uns unter suchten Stichprobe deut lich stärker frequentiert werden (z. B. InstantMessaging, Internettelefonie und Microblogging). Dies kann – neben Unter schieden beim methodi schen Vor gehen – daran liegen, dass es sich bei der von uns unter suchten Popula tion um die Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen handelt, die möglicher weise per se aktivere Nutzer darstellen als die Internetnutzer allgemein. Andere Platt formen werden also nicht durch den Gebrauch von Sozialen Netz werk platt formen substituiert, sondern sie er gänzen den Gebrauch. Eine Aus nahme bilden allerdings Chats, die nach unseren Daten im Ver gleich zur aktuellen JIMStudie weniger stark ge nutzt werden (19 Prozent gegen über 40 Prozent). Es ist möglich, dass die ChatFunktion, die in vielen Sozialen Netz werk platt formen bereits integriert ist, für die be sonders aktiven Nutzer dieser Platt formen eigenständige ChatAnwen dungen ersetzt. 4.2.2 Nutzung Sozialer Netz werk platt formen Lieblings angebote Wie bereits bemerkt, sind auf dem deutschen Markt viele Anbieter von Sozialen Netz werk platt formen ver treten, die zum Teil spezielle Themen interessen ab decken. Da es möglich ist, dass ein Nutzer das An gebot mehrerer Sozialer Netz werk platt formen ver wendet, wurde zunächst ab gefragt, welche An gebote wie häufig auf gerufen werden. Neben einer Auswahl liste von Netz werken, die anhand der AGOFStatistiken er mittelt wurde, hatten die Nutzer auch die Möglich keit, ein Netz werk frei anzu geben. Im zweiten Schritt wurde er mittelt, welche Platt form von den Teilnehmern am häufigsten besucht wird, somit das hauptsäch lich ge nutzte Netz werk – das Haupt netz werk (HNW) – darstellt. Nachfolgende Fragen im Fragebogen be ziehen sich auf das vom Teilnehmer an gegebene Haupt netz werk. Die Mehrfachnut zung ver schiedener Netz werk platt formen ist in der Stich probe recht ver breitet: 68 Prozent der Nutzer gaben an, mehrmals im Monat mindestens zwei ver schiedene Netz werk platt formen zu nutzen. Im Durch schnitt 180 be suchen die Nutzer sogar 2,5 Platt formen im Monat. Die Ver brei tung der Netz werke, die auch die Mehrfachnut zung einschließt, ist in Tabelle 21 an gegeben. Tabelle 21: Genutzte Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Facebook 92 94 89 84 98 93 90 schülerVZ 25 27 24 62 31 15 7 meinVZ 16 14 18 13 6 18 23 studiVZ 14 13 15 11 3 14 24 wer-kennt-wen 13 13 13 23 7 11 13 Sonstige 12 10 15 12 13 11 12 Myspace 9 10 8 13 6 10 8 Schüler. cc 8 9 7 17 8 6 3 Lokalisten 6 7 6 10 3 5 7 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Soziale Netz werk platt form zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Mit 92 Prozent liegt Facebook mit weitem Abstand vor allen anderen Netz werken. Der einstige Markt führer studiVZ macht in unserer Stichprobe nur noch einen geringen Anteil aus. Dieses Netz werk liegt auf gleichem Niveau wie meinVZ. Einzig das SchülerNetz werk schülerVZ wird noch von jedem vierten Teilnehmer ge nutzt und liegt somit an zweiter Stelle. Hinsicht lich des Geschlechts ergeben sich keine Netz werk präferenzen von weib lichen oder männ lichen Nutzern. Beim Alter sah die Situa tion zum Er hebungs zeitpunkt noch etwas anders aus. Zwar ist selbst bei den jungen 12 bis 14Jährigen Facebook Markt führer, jedoch hat schülerVZ mit 62 Prozent auch eine hohe Bedeu tung. Der Anteil von werkenntwen ist eben falls auf fallend hoch (23 Prozent). Bei den ältesten Befragten spielen neben Facebook noch meinVZ (23 Prozent) und studiVZ (24 Prozent) eine ge wisse Rolle. Eine interessante Beobach tung ist, dass Facebook bei den Realschülern und Realschulabsolventen eine geringere Ver brei tung auf weist als bei den beiden anderen Bildungs niveaus. meinVZ spielt bei Haupt schülern und Haupt schul absolventen eine ver gleichs weise höhere Rolle, während es bei Gymnasiasten und Abiturienten kaum ver breitet ist. studiVZ spricht eher Gymnasiasten und Abiturienten an – was ver mutlich auf den Namen und die ursprüng liche Begren zung auf die Zielgruppe der Studenten zurück zuführen ist (Tabelle 22). 181 Tabelle 22: Genutzte Netz werk platt formen nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Facebook 92 93 88 94 schülerVZ 25 29 25 23 meinVZ 16 25 19 7 studiVZ 14 14 11 17 wer-kennt-wen 13 19 15 8 Sonstige 12 17 12 9 Myspace 9 13 8 7 Schüler. cc 8 13 8 5 Lokalisten 6 9 6 4 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Soziale Netz werk platt form zumindest wöchent lich zu nutzen, in Prozent Im Ganzen zeigt sich, dass der Markt der Sozialen Netz werk platt formen sehr differenziert ist, so dass auch viele Nischen anbieter wie Myspace, Schüler. cc oder Lokalisten von Zielgruppen er reicht werden, die sie regelmäßig frequen tie ren. Im Gegen satz zu Facebook sind diese Zielgruppen größen mäßig jedoch sehr klein. Die Markt führer schaft von Facebook be stätigt sich, wenn an statt der Mehrfachnut zung die hauptsäch lich ge nutzte Platt form er mittelt wird (Tabelle 23). Mehr als vier von fünf Befragten geben an, dass es sich bei dem USamerikani schen Anbieter um ihr hauptsäch lich ge nutztes Netz werk handelt. Bei den 15 bis 17jähri gen Nutzern ist die Ver brei tung be sonders hoch, außer dem geben mehr männ liche und hoch ge bildete Befragte als weib liche und niedrig ge bildete Personen Facebook als Haupt netz werk an (Tabelle 24). Mit Aus nahme von schülerVZ, das bei den unter 15Jährigen mit einem Nutzer anteil von 22 Prozent eine ge wisse Relevanz er reicht, liegt der Anteil aller anderen Netz werke in jeder be trach teten Gruppe deut lich unter 10 Prozent. Der Markt besteht demnach aus einem großen und sehr vielen kleinen Anbietern. Diese kleine ren Anbieter haben für einzelne Zielgruppen segmente ver mutlich dennoch eine wichtige Bedeu tung, denn es gibt bei den meisten Anbietern einen geringen Anteil an Personen, die sie intensiv nutzen. 182 Tabelle 23: Haupt netz werk nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Facebook 82 85 80 63 93 87 83 schülerVZ 6 7 5 22 4 2 0 Sonstige 3 2 4 4 2 2 5 meinVZ 3 2 3 1 – 3 5 studiVZ 2 1 3 1 – 1 5 wer-kennt-wen 2 2 2 4 1 2 2 Schüler. cc 1 1 1 5 0 – 0 Myspace 1 1 1 0 – 2 0 Lokalisten 0 0 0 1 – 0 0 Gesamt 101 99 101 100 99 100 101 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 24: Haupt netz werk nach formaler Bildung Gesamt Haupt schule Realschule Gymnasium (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) Facebook 82 77 80 87 schülerVZ 6 7 6 5 Sonstige 3 7 3 2 meinVZ 3 3 5 1 studiVZ 2 1 2 3 wer-kennt-wen 2 3 3 1 Schüler. cc 1 2 1 1 Myspace 1 2 0 0 Lokalisten 0 – 0 0 Gesamt 100 102 100 100 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Als Fazit der Betrach tung der Internetnut zung und der soziodemografi schen Merkmale der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen lässt sich fest stellen, dass es den prototypi schen Nutzer nicht gibt. Soziale Netz werk platt formen haben sich bei den 12 bis 24Jährigen voll etabliert. Die Nutzer in dieser Zielgruppe variieren in ihrer Interneterfah rung, der Dauer der täglichen Nutzung und den Anwen dungen, die sie zusätz lich nutzen. Was alle Nutzer Sozialer Netz werk platt formen ver bindet, ist, dass sie sehr häufig, d. h. nahezu täglich, das Internet nutzen. Den typischen Nutzer mag es zwar nicht geben, die typische Netz werk platt form gibt es mittlerweile durch aus. Die Ent wick lung hin zur Monopol stel lung von Facebook war während der Erhe bungs phase im Herbst 2011 bereits ab sehbar, dennoch über rascht die Deutlich keit der Markt führer schaft Facebooks in unseren Ergeb nissen zu diesem Zeitpunkt, auch wenn sie nicht unplausibel 183 er scheint. Das Ende der VZNetz werke wurde intensiv Ende des Jahres 2011 in der Blogosphäre thematisiert (Vogel, 2011) und Mitte 2012 gab Holtz brinck Pläne für eine Umbenen nung und themati sche Neu ausrich tung von schülerVZ bekannt (Sued deutsche. de, 2012). Durch den Netzeffekt, der besagt, dass der Nutzen eines Netz werks für den Einzelnen wächst, wenn die Nutzer zahl ins gesamt steigt, ist die Monopolisie rung plausibel erklär bar. Da es für den Nutzer Aufwand ver ursacht, mehrere SocialNetworkingSites parallel zu pflegen, ist eine Ab wande rung der Nutzer kleine rer Netz werk platt formen hin zum Markt führer wahrschein lich. Im Hinblick auf den Daten schutz und die Achtung der Persönlich keits rechte ist das Ergebnis be achtens wert, da Experten und Unter suchungen zu dem Schluss kommen, dass Facebook im Ver gleich zu den deutschen Anbietern diesbezüg lich Mängel auf weist (Stiftung Warentest, 2010). Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen Ergeb nisse aus der standardisierten Befra gung Wenn User ein Netz werk als ihr Haupt netz werk be zeichnen und es häufig be suchen, be deutet das nicht, dass sie dort be sonders aktiv sind oder sich dort be sonders stark exponie ren. Deshalb haben wir in der Befra gung und mit Hilfe der TrackingDaten unter sucht, welche Aktivi täten die Nutzer wie oft aus führen. Nicht alle Aktionen, die die User auf Sozialen Netz werk platt formen durch führen, fallen in die Kategorie der für die Privatsphäre sensitiven Handlun gen, die für die Selbstoffenba rung der Jugend lichen und jungen Erwachsenen inte ressant er scheinen und Aus wirkungen auf die soziale Privatsphäre haben. In Abbil dung 10 wurden die Handlun gen ent sprechend ihres Kommunika tions modus in fünf Kategorien ein geteilt. Diese sind: rezeptive Nutzung, private und (semi)öffent liche Kommunika tion, multimediale Kommunika tion und sonstige Handlun gen. Die häufigste Tätig keit der rezeptiven Nutzung ist das Lesen von Neuig keiten. Dies wird von den Befragten mindestens täglich durch geführt (MW = 4,15). An zweiter und dritter Stelle folgen das Ansehen von Fotos (MW = 3,48) und das Stöbern in den Profilen der anderen Netz werk mitglieder (MW = 3,28). Die Suchfunk tion wird von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen häufiger ge nutzt (MW = 2,87) als die Möglich keit in Gruppen zu lesen (MW = 2,80). Beide Handlun gen liegen im unteren Bereich der Skala, jedoch noch nahe am Mittel. Videos anzu sehen und Nachrichten auf Fanseiten zu lesen, nutzen die Befragten mehrmals im Monat und somit am wenigsten aus der Kategorie der rezeptiven Nutzung. Im Bereich der priva ten Kommunika tion liegt das Chatten (MW = 3,71) an erster Stelle vor dem Schreiben von privaten Nachrichten (MW = 3,39). Das Kommentie ren von Neuig keiten wird am häufigsten von den Befragten im Bereich der (semi) öffent lichen Kommunika tion ge tätigt (MW = 3,19). Danach folgt das Posten 184 von Status meldun gen (MW = 2,88) und das Schreiben auf die Pinnwand von anderen Netz werk mitgliedern (MW = 2,80). Auf fallend bei den Kategorien der multimedialen Kommunika tion und der sonsti gen Handlun gen ist, dass alle Werte im Ableh nungs bereich der Skala liegen. Die Jugend lichen und jungen Erwachsenen nutzen diese Hand lungs möglich keiten mehrmals im Monat bis seltener oder nie. Bei der multimedialen Kommunika tion sticht heraus, dass die Befragten über wiegend Fotos kommentie ren (MW = 2,62). An zweiter Stelle Abbildung 10: Durchschnittliche Häufigkeit kommunikativer Handlungen 4,15 3,48 3,28 2,87 2,80 2,36 2,18 3,71 3,39 3,19 2,88 2,80 2,62 2,08 2,04 1,87 1,53 2,34 2,19 1,95 1,48 1,43 0 1 2 3 4 5 Neuigkeiten lesen Fotos ansehen Stöbern in Profilen Suchfunktion In Gruppen lesen Videos ansehen Nachrichten auf Fanseiten lesen Chatten Private Nachrichten schreiben Neuigkeiten kommentieren Statusmeldungen posten Auf Pinnwände schreiben Fotos kommentieren Fotos hochladen Videos kommentieren Personen auf Fotos verlinken Videos hochladen Rezeptive Nutzung Private Kommunikation (Semi-)Öffentliche Kommunikation Multimediale Kommunikation Sonstige Handlungen Profil aktualisieren Games spielen Apps nutzen Veranstaltungen organisieren Gruppen/Fanseiten gründen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals pro Woche, 4 = täglich, 5 = mehrmals täglich 185 kommt das Hochladen von Fotos (MW = 2,08). Das Kommentie ren und Hoch laden von Videos und auch das Ver linken von Personen auf Fotos werden weniger häufig durch geführt. Bei den sonsti gen Handlun gen wird meist das eigene Profil aktualisiert (MW = 2,34). Danach folgen die Möglich keiten Games zu spielen (MW = 2,19) und Apps zu nutzen (MW = 1,95). Die Jugend lichen und jungen Erwachsenen gründen eher selten Gruppen oder Fanseiten oder organisie ren Ver anstal tungen. Die mit 93 Prozent von den meisten Nutzern mindestens wöchent lich aus geführte Aktivität ist rein rezeptiv (Tabelle 25). Es handelt sich um das Lesen der Neuig keiten, die seit dem letzten Besuch auf der Platt form passiert sind. Auch die rezeptiven Aktivi täten wie Fotos ansehen (83 Prozent) und Stöbern in den Profilen anderer (72 Prozent) stellen häufige Aktivi täten dar. Sie rezipie ren so ver mutlich vor allem die durch ihr soziales Netz werk bereit gestellten Inhalte. Die Inhalte, die potenziell nicht aus dem eigenen sozialen Netz werk stammen, wie News in Gruppen und Nachrichten auf Fanseiten, werden weniger oft ge nutzt. Bei den Handlun gen, bei denen der Nutzer als Kommunikator auf tritt, haben wir drei Kategorien differenziert. Die private Kommunika tion, die sich an einen klar ab gegrenzten, ver mutlich eher kleinen Empfänger kreis richtet (Eins zueinsKommunika tion), ist von der (semi)öffent lichen Kommunika tion, bei der der Inhalt an ein prinzipiell breite res, nicht genau definiertes Publikum gerichtet wird, abzu grenzen. Bei der (semi)öffent lichen Kommunika tion hat ein Nutzer keine direkte Kontrolle über die Rezep tion durch andere13. Zudem fiel in der faktoren analyti schen Betrach tung der Daten auf, dass die Beschäfti gung mit multimedialen Inhalten, der Upload und das Kommentie ren von Fotos und Videos, eine ge sonderte Kategorie darstellt, die separat zu be trachten ist. Im Rahmen der privaten Kommunika tion chatten 84 Prozent der Nutzer mehrmals pro Woche mit ihren Kontakten und 79 Prozent schreiben private Nachrichten. Diese Aktivi täten treten damit häufiger auf als die der (semi) öffent lichen Kommunika tion. Bei der (semi)öffent lichen Kommunika tion ist das Kommentie ren von Beiträgen anderer Nutzer die häufigste Aktivität, 74 Prozent kommentie ren zumindest wöchent lich. Es kommt öfter vor, dass Nutzer auf andere reagie ren, als dass sie auf ihrer Seite eigene Status meldun gen posten (61 Prozent) oder an die Pinnwände anderer schreiben (59 Prozent). Dennoch lässt sich sagen, dass die Handlun gen der (semi)öffent lichen Kom mu nika tion von vielen Nutzern häufig aus geübt werden. Auch im Bereich der Beschäfti gung mit multimedialer Kommunika tion kommentie ren mehr Befragte Fotos (52 Prozent) und Videos (31 Prozent). Nur jeweils etwa halb so viele (25 bzw. 21 Prozent) laden hingegen eigene Inhalte hoch. 13 Zum Zeitpunkt der Studie war die individuelle Einstel lung von PrivatsphäreOptionen pro Post auf den unter suchten Netz werken nicht möglich. Facebook führte dieses Feature im Herbst 2011 ein. 186 Tabelle 25: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ- lich weib- lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Rezeptive Nutzung Neuig keiten lesen 93 91 94 89 96 95 91 Fotos ansehen 83 82 83 78 88 85 81 Stöbern in Profilen 72 70 75 69 77 73 71 Suchfunk tion 60 62 58 56 70 61 56 In Gruppen lesen 57 62 52 63 58 56 54 Videos ansehen 42 48 34 53 39 39 38 Nachrichten auf Fanseiten lesen 35 37 32 44 41 30 29 Private Kommunika tion Chatten 84 83 85 84 90 85 80 Private Nachrichten schreiben 79 79 79 70 85 79 79 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion Neuig keiten kommen- tie ren 74 73 74 66 83 77 70 Status meldun gen posten 61 62 59 64 67 60 55 Anderen auf die Pinnwand schreiben 59 56 63 58 67 60 54 Multimediale Kommunika tion Fotos kommentie ren 52 52 52 49 64 52 47 Fotos hochladen 25 25 25 32 24 24 21 Videos kommentie ren 31 37 24 33 32 30 28 Personen auf Fotos ver linken 21 21 20 24 22 21 18 Videos hochladen 14 19 10 21 11 16 12 Sonstige Handlun gen Profil aktualisie ren 35 34 36 39 38 33 32 Games spielen 35 33 38 49 27 32 35 Apps nutzen 28 30 26 35 26 29 25 Ver anstal tungen organisie ren 12 15 9 14 8 15 12 Gruppen/Fanseiten gründen 12 16 8 17 10 12 11 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben, eine Aktivität zumindest wöchent lich auszu führen, in Prozent Mehrfachnen nungen waren möglich Die Zahlen be stäti gen das Ergebnis der qualitativen Befra gung, nachdem die Sozialen Netz werk platt formen vor rangig als Kommunika tions platt form ge nutzt werden, auf der im engeren Bekannten kreis kommuniziert wird. Wir halten fest, dass die Aktivi täten der privaten Kommunika tion von mehr Personen häufig praktiziert werden als die der (semi)öffent lichen Kommunika tion. Es ist also nicht so, dass Jugend liche und junge Erwachsene – nur weil sie die 187 Möglich keiten einer sozialen Netz werk platt form nutzen – auf hören zu differen zie ren, welche Kommunika tion in welchem sozialen Kreis statt finden soll. Die Sozialen Netz werk platt formen ver einen dabei ver schiedene Kommunika tions formen, die in ihrem speziellen Gebrauch ver mutlich unter schied lichen Zwecken dienen. Wie bereits aus der qualitativen Befra gung hervor ging, ver fügen die Digital Natives über ein aus geklügeltes System, welche Informa tionen sie in welchem Rahmen öffent lich machen. Auf geschlüsselt nach soziodemografi schen Merkmalen gibt es gering fügige Unter schiede bei den Befragten, die Neuig keiten lesen, die seit ihrem letzten Besuch der Sozialen Netz werk platt form passiert sind. Die weib lichen Teil nehmerinnen weisen einen minimal höheren Prozent satz auf als die männ lichen. Auf geteilt nach Alter tätigen die 15 bis 17Jährigen diese Aktivität am häufigsten, ge folgt von der zweitältesten Gruppe. Fotos ansehen wird von beiden Geschlechtern im gleichen Maße ge tätigt. Hier sind auch wieder die 15 bis 17Jährigen vorn, die jüngste Alters gruppe nutzt diese Möglich keit am wenigsten. Das Stöbern in den Profilen der anderen Netz werk mitglieder wird eher von den weib lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen wahrgenommen. Bei dieser Aktivität liegen auch wieder die beiden mittle ren Alters gruppen vorne. Die Möglich keit in Gruppen zu lesen, Videos anzu sehen und Fanseiten zu be suchen, um dort Nachrichten zu lesen, nehmen eher die männ lichen Teilnehmer in Anspruch. Auf geteilt nach Alter liegt hier, bei allen drei Aktivi täten, die jüngste Alters gruppe klar vor den anderen. Die weib lichen Befragten chatten ein wenig mehr als die männ lichen. Am wenigsten wird diese Art der privaten Kommunika tion von den Personen im Alter von 21 bis 24 Jahren ver wendet, am häufigsten von den 15 bis 17Jähri gen. Beim Schreiben von privaten Nachrichten gibt es keinen Unter schied zwischen den männ lichen und den weib lichen Teilnehmern. Spitzen reiter hier sind wieder die 15 bis 17Jährigen, ge folgt von den beiden älteren Alters gruppen. Beim Kommentie ren von Neuig keiten, was als (semi)öffent liche Kommu ni ka tion erfasst wird, gibt es keinen nennens werten Unter schied zwischen den Geschlechtern. Die jüngste Alters gruppe nimmt diese Aktivität am wenigsten in Anspruch. Diese wird von der zweitjüngsten Gruppe am häufigsten aus geführt. Status meldun gen posten eher die männ lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Hier liegen auch wieder die 15 bis 17Jährigen vorn. Pinn wand einträge schreiben hingegen eher die weib lichen Befragten. Auch hier liegen die 15 bis 17Jährigen an erster Stelle, ge folgt von der jüngsten Alters gruppe. Die Aktivität Fotos kommentie ren, welche gut die Hälfte aller Teilnehmer auf wöchent licher Basis aus führt, weist keinen Geschlechter unterschied auf. Hier liegt die zweitjüngste Alters gruppe mit großem Abstand vorn. Auch das Hochladen von Fotos wird von den männ lichen und weib lichen Teilnehmern in gleichem Maße ge nutzt. Vor allem 12 bis 14Jährige nehmen diese Form 188 der multimedialen Kommunika tion wahr. Bei der Aktivität des Kommentierens von Videos weisen die männ lichen Teilnehmer einen be deutend höheren Anteil auf. Es ergeben sich jedoch keine nennens werten Unter schiede be züglich des Alters. Sonstige Handlun gen wie Profile aktualisie ren und Games spielen werden eher von den weib lichen Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch geführt. Hier liegt die jüngste Alters gruppe vor allen anderen. Auf geschlüsselt nach dem Haupt netz werk werden die Tätig keiten der rezep tiven Nutzung, in allen Fällen von Befragten mit einem FacebookAccount am häufigsten aus geführt (Tabelle 26). Gymnasiasten lesen etwas häufiger die Neuig keiten aus ihrem Netz werk als die beiden anderen Bildungs niveaus. Realschüler und Realschulabsolventen sehen sich eher Fotos an und stöbern in Profilen. Minimal liegen die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen vorn, wenn es darum geht, etwas zu suchen und Nachrichten auf Fanseiten zu lesen. In Gruppen lesen und Videos ansehen wird eher von Gymnasiasten und Abiturienten bejaht. Facebook ist auch das Haupt netz werk der Befragten, wenn es um Aktivi täten der privaten und (semi)öffent lichen Kommunika tion geht. Beim Chatten weisen die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen den größten Anteil auf, ge folgt von den Realschülern und Realschulabsolventen. Private Nachrichten schreiben hingegen wird von den Gymnasiasten und Abiturienten am häufigsten aus geführt. Haupt schüler und Haupt schulabsolventen kommentie ren eher Neuig keiten und posten Status meldun gen. Die Aktivi täten der multimedialen Kommunika tion, wie Fotos und Videos kommentie ren und hochladen, sowie Personen auf Fotos ver linken, werden am häufigsten und meist mit einem deut lichen Vor sprung von Haupt schülern und Haupt schulabsolventen aus geführt. Hier zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild, wenn es um das Haupt netz werk geht. Das Kommentie ren von Fotos und Videos wird in den meisten Fällen von Personen mit einem FacebookAccount aus geführt. Hochladen von Videos und Fotos hingegen wird eher von Personen mit sonsti gen Netz werken durch geführt. Bei den sonsti gen Handlun gen, zu denen die Aktualisie rung des Profils, Games spielen, Apps nutzen und Gruppen/Fanseiten gründen ge hören, liegen auch hier wieder die Haupt schüler und Haupt schulabsolventen vorn. Hier steht bei keiner der Aktivi täten Facebook an erster Stelle der Haupt netz werke. Games spielen und Apps nutzen wird eher von Mitgliedern der VZNetz werke in Anspruch ge nommen. Die Befragten, die sonstige Netz werke als ihr Haupt netz werk an gegeben haben, aktualisie ren eher ihr Profil und gründen Gruppen/ Fanseiten. 189 Tabelle 26: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Rezeptive Nutzung Neuig keiten lesen 93 92 92 94 96 76 79 Fotos ansehen 83 82 85 82 86 58 76 Stöbern in Profilen 72 72 73 72 74 63 72 Suchfunk tion 60 62 58 61 63 51 48 In Gruppen lesen 57 56 54 60 60 42 49 Videos ansehen 42 43 42 40 43 30 38 Nachrichten auf Fan- seiten lesen 35 40 35 32 37 26 23 Private Kommunika tion Chatten 84 92 83 80 87 66 76 Private Nachrichten schreiben 79 78 75 82 81 64 74 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion Neuig keiten kommen- tie ren 74 77 71 74 80 38 53 Status meldun gen posten 61 75 59 53 64 41 55 Auf die Pinnwand von anderen schreiben 59 58 57 62 62 38 51 Multimediale Kommunika tion Fotos kommentie ren 52 56 53 49 57 25 39 Fotos hochladen 25 32 26 20 25 20 28 Videos kommentie ren 31 38 31 26 33 13 26 Personen auf Fotos ver linken 21 29 22 14 21 15 24 Videos hochladen 14 20 15 11 15 9 17 Sonstige Handlun gen Profil aktualisie ren 35 47 37 26 35 28 42 Games spielen 35 47 36 28 35 48 26 Apps nutzen 28 32 30 24 29 30 20 Ver anstal tungen organisie ren 12 14 14 9 12 12 17 Gruppen/Fanseiten gründen 12 20 11 9 12 14 15 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die an geben eine Aktivität zumindest wöchent lich auszu führen, in Prozent 190 Ergeb nisse aus der Tracking-Studie Mit Hilfe der TrackingDaten konnten wir das tatsäch liche Nutzungs verhalten eines Teils der Teilnehmer über den Zeitraum von einem Monat auf zeichnen. So lässt sich fest stellen, welche Seiten die Nutzer am häufigsten be suchen und welche Anwen dungen auf Sozialen Netz werk platt formen am intensivsten ge nutzt werden. Das TrackingTool er fasste jede URL, die die Teilnehmer auf riefen und zusätz lich die Dauer eines Besuchs. Diese Angaben er möglichen es, Aus sagen über Häufig keit und Intensi tät der Nutzung einer be stimmten Seite oder Anwen dung auf der Sozialen Netz werk platt form zu machen und zu ver gleichen. Da für das Forschungs interesse nicht einzelne Subseiten oder Applika tionen auf Sozialen Netz werk platt formen von Interesse sind, sondern vielmehr Typen von An geboten, wurden die 97.628 URLVisits zu 21 inhalt lich relevanten Kategorien ver dichtet14. Um die Strukturie rung, die sich aus der Befra gung ergeben hat, beizu behalten, wurden die Codes sachlogisch denselben fünf Kategorien zu geordnet (rezeptive Nutzung, private Kommunika tion, (semi) öffent liche Kommunika tion, multimediale Kommunika tion, sonstige URLs). Im Durch schnitt rufen die User etwa einmal am Tag eine Soziale Netz werk platt form auf. Dieser Wert schwankt sehr stark zwischen den Nutzern. Der aktivste User im Tracking kam auf über 21 Aufrufe pro Tag, er war auf drei Platt formen aktiv. Allerdings be finden sich in unserem Sample auch viele wenig aktive Nutzer, die sich während der Feldzeit seltener als alle zwei Tage ein geloggt haben (67 Prozent). Da uns dieser Wert sehr gering vorkam, haben wir die Befra gungs daten dieser wenig aktiven Nutzer erneut analysiert. Die Ergeb nisse deuten darauf hin, dass diese weniger aktiven Nutzer ihre Nutzungs frequenz über schätzen. Über 90 Prozent gaben in der Befra gung an, zumindest täglich die ge trackten Sozialen Netz werk platt formen zu be suchen und dabei zumeist oder aus schließ lich von zu Hause aus auf das Internet zuzu greifen. Die Diskrepanz zwischen den ge trackten und dem be obachte tem Ver halten kann zum einen die Ursache haben, dass die Nutzer ihr Nutzungs verhalten über schätzen, zum anderen wäre es möglich, dass bei der techni schen Messung des Tracking nicht alle Vor gänge auf gezeichnet wurden, z. B. weil die Teil nehmer einen nicht mit dem TrackingTool kompatiblen Browser nutzten. 14 Die beiden Kategorien, Fehlermel dungen und Skripte wurden bei der Aus wertung nicht be rücksichtigt, weil davon auszu gehen ist, dass diese URLs nicht bewusst von den Nutzern auf gerufen wurden. Sie sind daher unge eignet, das Nutzungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen zu be schreiben. Auch die Kategorie Logout wird nicht be trachtet. Zwar machen die LogoutURLs einen großen Anteil aus, dennoch bieten sie keine Einblicke in das Nutzungs verhalten auf der Seite. Da der LoginVorgang nicht als eigenständige Kategorie erfasst werden konnte, ist auch kein Ver gleich zwischen der Häufig keit des Logins und des Logouts möglich. 191 Tabelle 27: Häufig keit, Anzahl der Nutzer und Dauer der Domain-Visits und URL-Aufrufe je Nutzungs aktivi tät Durch schnitt- liche Auf ruf- häufig keit (pro Tag und Nutzer) Nutzer, die diese Seiten aufrufen Anzahl der URL- Aufrufe Dauer des Seiten aufrufs in Minuten Anzahl in Prozent N M SD Rezeptive Nutzung (Persön liche) Start seite 5,80 195 98 34.657 12,11 30,43 Eigenes Profil ansehen* 1,12 166 83 6.677 13,10 16,28 Fotos ansehen (eigene und andere) 1,05 163 82 6.288 6,21 11,00 Profile (anderer) ansehen 0,80 164 82 4.805 6,52 10,73 Gruppen und Fanpages 0,80 169 85 4.767 7,73 11,58 Suchfunktion 0,10 88 44 588 3,06 7,75 Ver anstal tungen ansehen 0,07 76 38 399 9,56 11,67 Betrach tung reiner Werbe-Seiten 0,01 11 6 59 1,94 6,58 Private Kommunikation Private Nachrichten schreiben 0,23 131 66 1.390 7,25 11,13 Chatten 0,12 31 16 734 5,74 10,51 Gruscheln/poken 0,00 5 3 12 0,14 0,21 (Semi-)Öffent liche Kommunikation Pinnwand 0,07 68 34 429 8,24 11,41 Multimediale Kommunikation Fotos hochladen und be arbeiten 0,01 27 14 84 0,21 0,68 Videos hochladen und be arbeiten 0,00 12 6 22 8,20 11,73 Sonstiges Games** 0,98 98 49 5.878 8,18 11,87 Apps und Umfragen 0,82 121 61 4.897 3,72 7,96 Kontakte be arbeiten 0,17 82 41 1.036 1,93 6,28 Account-Settings 0,08 112 56 459 3,47 7,56 Eigenes Profil be arbeiten 0,08 97 49 446 4,40 8,66 Infos des Betreibers lesen 0,07 61 31 389 5,75 9,85 Geschäft liche Nutzung und Marketplace 0,02 15 8 131 10,90 15,63 Gesamt 199 100 87.364 * nur Facebook, da bei den VZNetz werken nicht vom Ansehen fremder Profile differenzierbar ** nur Facebook, da bei den VZNetz werken nicht von sonsti gen Applika tionen differenzierbar Die durch schnitt liche Dauer eines Besuchs auf Sozialen Netz werk platt formen liegt bei 128 Minuten. Die Dauer variiert sehr stark (SD = 499,8). Ein großer Teil der Besuche dauert nur bis zu fünf Minuten (39 Prozent), und etwa ebenso viele sind zwischen fünf Minuten und einer Stunde lang (38 Prozent). Sehr aus giebige Besuche von über einer Stunde kommen zwar etwas seltener vor (23 Prozent), ver zerren aber den Mittelwert der Durch schnitts dauer stark nach oben. Der längste ge messen Login in unserem Sample dauerte knapp sieben 192 Tage. Aus sagekräfti ger für die Dauer der Besuche auf Sozialen Netz werk platt formen ist daher der Median, der bei 17 Minuten liegt. Pro Tag rufen die TrackingTeilnehmer im Durch schnitt 14,6 ver schiedene URLs auf Sozialen Netz werk platt formen auf. Diese ver teilen sich wie zu er warten war recht ungleichmäßig auf die von uns ge bildeten Kategorien. Ver gleicht man die ver schiedenen Kategorien miteinander (Tabelle 27), wird schnell deut lich, dass Soziale Netz werk platt formen tatsäch lich am häufigsten und die meiste Zeit rezeptiv ge nutzt werden. Die mit Abstand am häufigsten ge nutzte Seite ist die persön liche Start seite, ein Nutzer ruft sie pro Tag im Durch schnitt 5,8 mal auf und ver weilt dort mit über zwölf Minuten auch relativ lange. Dies ver wundert nicht, denn auf den ge trackten Netz werk platt formen bietet die Start seite Orientie rung, was seit dem letzten Besuch Neues passiert ist. Auf Facebook ist dies die Seite mit dem News feed, auf dem alle Aktualisie rungen der Kontakte und abonnierten Fanpages an gezeigt werden und auch in den VZNetz werken wird auf dieser Seite der „Busch funk“ an gezeigt. Das eigene FacebookProfil15 haben 83 Prozent der Teilnehmer im Er hebungs zeitraum auf gerufen, was um gerechnet auf alle Nutzer einen durch schnitt lichen Aufruf von 1,1 mal pro Tag ergibt. So ein Besuch auf dem eigenen Profil dauert im Mittel 13 Minuten und damit etwas länger als der Besuch der Start seite. Auf der ProfilSeite können die Nutzer Beiträge ansehen, die andere auf ihrer Pinnwand hinter lassen haben, oder eigene Aktivi täten und Angaben auf dem Profil über prüfen. Eben falls etwa 1,1 mal täglich und für 6,2 Minuten sehen sich die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen Fotos an, die dort ein gestellt wurden. Dass dies relativ häufig vor kommt, liegt ver mutlich auch daran, dass die Netz werk platt formen einen Hinweis ge nerie ren, wenn ein Nutzer neue Bilder hoch geladen hat. Dieser er scheint prominent auf der persön lichen Start seite aller Freunde. Profile anderer Nutzer werden seltener als einmal täglich auf gerufen (0,8 mal). Ein Aufenthalt auf dem Profil eines anderen Netz werkNutzers dauert etwa 6,5 Minuten. Da vor allem FacebookNutzer über jede Änderung auf dem Profil ihrer Freunde durch den „News feed“ auf ihrer persön lichen Start seite informiert werden, scheint es plausibel, dass andere Profile eher selten auf gesucht werden. Möglicher weise sehen sich die Nutzer eher Profile von Personen an, mit denen sie noch nicht be freundet sind oder die sie eben erst als Freund hinzu gefügt haben. Gruppen und Fanpages werden eben falls durch schnitt lich 0,8 mal besucht. Die Nutzer ver bringen pro Aufruf fast 8 Minuten damit, Informa tionen zu lesen, die auf den Seiten ver öffent licht wurden. 15 Bei FacebookNutzern konnte anhand der URL identifiziert werden, dass sie das eigene Profil auf gerufen haben. Die URLs der VZNetz werke lassen hingegen nicht er kennen, ob die User ihr eigenes Profil oder das eines anderen Nutzers be trachten. Daher kann das Auf rufen des persön lichen Profils nur für Facebook separat aus gewiesen werden. 193 Ferner fallen die Nutzung der Suchfunk tion, das Ansehen von Ver anstal tungen und reinen Werbeseiten unter die rezeptive Nutzung Sozialer Netz werk platt formen. Diese Seiten werden im Durch schnitt nur sehr selten pro Tag besucht. Weniger als die Hälfte der Nutzer haben solche Handlun gen im Ver lauf der TrackingStudie aus geführt. Seiten, auf denen Werbeanzeigen präsentiert werden, wurden nur von 6 Prozent der Teilnehmer auf gerufen. Für die alltäg liche Nutzung Sozialer Netz werk platt formen scheinen diese Seiten eine ver gleichs weise geringe Bedeu tung zu haben. Private Kommunika tion, bei der der Aus tausch von Informa tion auf zwei oder wenige Nutzer be schränkt ist, findet auf Sozialen Netz werk platt formen seltener statt als rezeptive Handlun gen. Im Ver lauf der TrackingStudie haben 66 Nutzer private Nachrichten geschrieben, durch schnitt lich 0,2 pro Tag, wobei sie etwa sieben Minuten damit ver bracht haben, eine private Nachricht zu schreiben. Nur 16 Prozent der Studienteilnehmer nutzten die Chatfunk tion ihrer Sozialen Netz werk platt form. Im Durch schnitt wurde 0,1 mal am Tag knapp sechs Minuten lang gechattet. Der Anteil derjenigen, die nonverbal via „Gruscheln“ oder „Poken“ kommuniziert haben, liegt bei nur 3 Prozent16. Unter die Kategorie (semi)öffent liche Kommunika tion fällt in der Tracking Studie nur das Ver öffent lichen von Pinnwandeinträgen17. Diese kommunikative Handlung wurde von 34 Prozent der Studienteilnehmer aus geführt. Knapp 0,1 mal pro Tag hinter lassen die Nutzer einen Eintrag auf der Pinnwand eines anderen Mitglieds der Netz werk platt form und benöti gen dafür durch schnitt lich etwas mehr als acht Minuten. Ver gleicht man private und (semi)öffent liche Kommunika tion, be stätigt sich das Ver hältnis aus der Befra gung: Es wird etwas häufiger privat kommuniziert als (semi)öffent lich. Allerdings wird den Trackingdaten zufolge deut lich seltener gechattet, als in der Befra gung an gegeben wurde. Dort hatten die Befragten an gegeben, täglich die ChatFunktion ihrer Netz werk platt form zu nutzen, aber nur mehrmals pro Woche private Nachrichten zu schreiben. Diese Selbst auskunft stimmt nicht mit den Tracking Daten überein. Dies könnte aber auch der Konvergenz von Chat und Nach richtenFunktion geschuldet sein. Bei Facebook wird der Ver lauf eines Chats unter den privaten Nachrichten ge speichert. Wird eine Nachricht an einen User ver sendet, der zur gleichen Zeit auf der Sozialen Netz werk platt form ein geloggt ist, öffnet sich bei diesem das ChatFenster. Es ist daher möglich, dass sich die Trennung, die Nutzer zwischen Chatten und Nachrichten schreiben ziehen, nicht mit den Daten deckt, die beim Tracking erfasst wurden. 16 „Gruscheln“ und „Poken“ sind nonverbale Hilfs mittel, um mit anderen Mitgliedern des Netz werks Kontakt aufzu nehmen. Das Wort „Gruscheln“ setzt sich aus Grüßen und Kuscheln zusammen. „Poken“ kommt aus dem englischen Sprach gebrauch und lässt sich am ehesten mit „an stupsen“ über setzen. Beim Gruscheln und Poken bekommt der andere Teilnehmer eine Informa tion darüber, wer Kontakt mit ihm auf nimmt. 17 Status meldun gen oder Kommentare zu Beiträgen anderer Nutzer konnten nicht anhand der URL erkannt werden. 194 In die Kategorie Multimediale Kommunika tion wurden die URLs ein geordnet, die beim Hochladen und Bearbeiten von Fotos und Videos erzeugt wurden. Der Anteil derjenigen, die multimediale Inhalte auf einer Sozialen Netz werk platt form einbinden oder be arbeiten, ist mit 14 Prozent bei Fotos und 6 Prozent bei Videos in beiden Fällen gering. Auch die durch schnitt liche Häufig keit pro Tag ist sehr gering. Hier spiegeln die Ergeb nisse des Trackings die Einschät zung aus der Befra gung wider, dass Fotos oder Videos höchstens mehrmals pro Monat hoch geladen werden. Bei sonsti gen Anwen dungen Sozialer Netz werk platt formen zeigt sich, dass knapp die Hälfte der Teilnehmer 0,98 mal pro Tag ein Game auf Facebook nutzt und damit im Mittel acht Minuten ver bringt. Apps und Umfragen werden von 61 Prozent der Nutzer im Durch schnitt 0,82 mal pro Tag knapp vier Minuten lang ge nutzt. Damit wurden Games und Apps, die auf Sozialen Netz werk platt formen an geboten werden, von den Teilnehmern der TrackingStudie häufiger ge nutzt als die Ergeb nisse der Befra gung nahelegen: Hier hatten nur 35 Prozent der Nutzer an gegeben, mehrmals wöchent lich Games zu spielen. Weitere Tätig keiten, die eher selten aus geführt werden, sind unter anderem das Bearbeiten der eigenen Kontakt liste, um beispiels weise FreundesListen anzu legen, Über prüfen oder Ändern der AccountSettings oder des eigenen Profils sowie Lesen der vom Betreiber zur Ver fügung ge stellten Informa tionen. Im Wesent lichen be stäti gen die Ergeb nisse der TrackingStudie die der Befra gung: Der Großteil der kommunikativen Handlun gen ist rezeptiv. Bei der Kommunika tion über wiegen nichtöffent liche Formen gegen über der (semi) öffent lichen Kommunika tion. Multimediale Inhalte werden nur von einem geringen Anteil der Nutzer – und auch von dem nur selten – ver öffent licht. 4.2.3 Nutzungs motive Nachdem wir be trachtet haben, wie die Nutzer Soziale Netz werk platt formen ver wenden, richten wir nun den Blick darauf, welchen Nutzen sie daraus ziehen, bzw. welche Gratifika tions erwar tungen sie an die Platt formen stellen. Die standardisierte Befra gung ent hielt eine umfang reiche ItemBatterie mit ver schiedenen Medien nut zungs motiven. Ent sprechend den Ergeb nissen aus der qualitativen Studie sind auch klassi sche Medien nut zungs motive mit ent halten. Wir haben darüber hinaus einen be sonde ren Schwerpunkt auf soziale Motive gelegt. Insgesamt werden sechs Motive zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen unter sucht: Informa tion, Unter haltung, Eskapismus, Selbst darstel lung, Pflege sozialer Beziehungen und ein eher allgemeines Zu gehörig keits gefühl, das sich nicht auf konkrete soziale Kontakte bezieht. Alle MotivSubs kalen weisen eine aus reichende Skalen reliabili tät auf, so dass wir pro Motivdimension einen Mittelwertindex ge bildet haben (Tabelle 28). 195 Tabelle 28: Mittelwerte und Standardabweichung der Nutzungs motive M SD Cronbach’s α Informa tion 2,83 0,84 ,769 … damit ich mitreden kann. 3,02 1,23 … weil ich mich informie ren möchte. 3,38 1,11 … weil ich dort Dinge erfahre, die für meinen Alltag nütz lich sind. 3,07 1,16 Unter haltung 3,83 0,92 ,766 … weil es mir Spaß macht. 3,88 1,04 … weil es unter haltsam ist. 3,79 1,01 Eskapismus 2,87 0,98 ,712 … weil ich damit den Alltag ver gessen möchte. 2,39 1,26 … weil es aus Gewohn heit dazu gehört. 3,26 1,23 … weil ich mich ab lenken möchte. 2,96 1,21 Selbst darstel lung 2,68 0,97 ,766 … um anderen meine Meinung mitzu teilen. 3,05 1,17 … um Auf merksam keit von anderen zu be kommen. 2,23 1,15 … weil ich etwas über mich mitteilen möchte. 2,75 1,21 Pflege sozialer Beziehungen 3,53 0,72 ,757 … um mich mit anderen auszu tauschen. 3,87 1,00 … um für andere da zu sein. 3,21 1,18 … um in Kontakt mit Freunden zu bleiben, die ich oft sehe. 3,75 1,13 … um Beziehungen mit Personen zu pflegen, die ich nicht sehr oft sehe. 4,04 1,03 … um den Kontakt zu alten Freunden wieder herzu stellen. 3,77 1,08 … um mir die Profile von anderen anzu sehen. 3,37 1,15 Knüpfen neuer Kontakte … weil ich dort neue Leute kennen lerne. 2,72 1,30 – Motiv Zu gehörig keit 2,64 1,03 ,758 … weil ich mich dann nicht allein fühle. 2,37 1,28 … um mich mit anderen ver bunden zu fühlen. 3,00 1,19 … um dazu zugehören. 2,56 1,29 Items und Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Bei einem Ver gleich der unter schied lichen Motive für die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen stechen zwei Dimensionen heraus, deren Mittelwerte im Annahmebereich der Skala liegen (Abbil dung 11). Soziale Netz werk platt formen dienen insbesondere der Unter haltung und der Pflege sozialer Beziehungen, denn diese Motive sind den be fragten Nutzern be sonders wichtig. Auch die Interviewpartner der qualitativen Studie be tonten die Bedeu tung der Platt formen für die Pflege ihrer sozialen Beziehungen und zu Unter hal tungs zwecken. Tatsäch lich scheinen dies die beiden Haupt gründe für die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen zu sein. Die anderen fünf Motive liegen im Ableh nungs bereich der Skala, weisen aber dennoch Werte auf, die noch nah am Mittel der Skala sind. Soziale Netz werk platt formen dienen einigen Befragten durch aus auch zum Eskapismus, zu Informa tions zwecken und zum Knüpfen neuer Kontakte sowie zur Selbst darstel lung und zur Erzeu gung eines eher allgemeinen 196 Zu gehörig keits gefühls. Diese fünf Motive werden nicht von allen Befragten kategorisch ab gelehnt, stehen aber weniger im Vordergrund. Interessant ist insbesondere das Ver hältnis von Selbst darstel lung und Beziehungs pflege. Beide Motive korrelie ren auf dem Niveau Pearson’s r = ,57 (p < ,001) miteinander. Wie sich aus den qualitativen Parts dieser Studie ergibt, geht es den jungen Nutzern nicht primär darum, sich selbst zu präsentie ren und in den Mittelpunkt zu rücken, sondern darum, über ihre Selbstoffenba rung Inter aktion mit anderen zu er möglichen. Auch die Daten lage der quantitativen Befra gung spricht dafür, dass Selbst darstel lung nicht das primäre Ziel der Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen ist. Vielmehr ist sie Mittel zum Zweck. Ohne eine ge wisse Selbst darstel lung (Selbstoffenba rung) wäre die soziale Inter aktion online nicht möglich. Abbil dung 11: Nutzungs motive Sozialer Netz werk platt formen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Skala: 1 = sehr unwichtig bis 5 = sehr wichtig Interessante Ergeb nisse liefert die Betrach tung der Motive nach Geschlech tern und den Alters gruppen (Tabelle 29): Jungen und junge Männer sehen eher als die weib lichen Nutzer den Informa tions nutzen und geben auch höhere Werte beim Motiv Selbst darstel lung und beim Knüpfen neuer Kontakte an. Nutze rinnen dagegen stimmen den Motiven Unter haltung, Eskapismus und Bezie hungs pflege mehr zu als männ liche Nutzer. Hinsicht lich der ver schiedenen 3,83 3,53 2,87 2,83 2,72 2,68 2,64 0 1 2 3 4 5 Unter- haltung Beziehungs- pflege Eskapis- mus Information Knüpfen neuer Kontakte Selbst- darstellung Zugehörig- keitsgefühl 197 Alters gruppen weisen jüngere Teilnehmer über alle MotivIndices eine höhere Zustimmungs tendenz auf. Junge Nutzer ziehen ver mutlich einen höheren Nutzen aus der Ver wendung Sozialer Netz werk platt formen. Dies könnte der Fall sein, weil sie in ihren inter aktiven Möglich keiten außerhalb des Social Web stärker ein geschränkt sind als ältere Jugend liche und junge Erwachsene. Tabelle 29: Nutzungs motive nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Informa tion 2,83 2,91 2,75 3,01 2,86 2,83 2,69 Unter haltung 3,83 3,70 3,98 3,98 3,90 3,78 3,75 Eskapismus 2,87 2,80 2,94 2,96 2,67 2,66 2,55 Selbst darstel lung 2,68 2,75 2,61 2,95 2,55 2,61 2,47 Beziehungs pflege 3,53 3,44 3,64 3,57 3,59 3,51 3,49 Knüpfen neuer Kontakte 2,72 2,80 2,64 3,14 2,71 2,61 2,56 Zu gehörig keits gefühl 2,64 2,68 2,61 3,05 2,89 2,90 2,80 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Bei der Analyse der Mittelwerte der MotivIndices nach formaler Bildung ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei der Unter suchung nach alters spezifi schen Unter schieden (Tabelle 30). Haupt schüler stimmen den Nutzungs motiven stärker zu als höher ge bildete Jugend liche. Ergänzend zur Betrach tung soziodemografi scher Merkmale der Nutzer haben wir auch eine Analyse durch geführt, bei der die Nutzer ver schiedener An gebote miteinander verg lichen wurden (Tabelle 30). Auf Grund geringer Fallzahlen wurden dabei jeweils alle drei VZNetz werke und alle Sonsti gen Netz werke zusammen gefasst und dem Markt führer Facebook gegen über gestellt. Hinsicht lich der Nutzungs motive ergaben sich kaum signifikanten Unter schiede18. Ledig lich bei den Sonsti gen Netz werken weist das Motiv Knüpfen neuer Kontakte einen höheren Mittelwert auf. Dies ist ver mutlich deshalb der Fall, weil einige Teilnehmer in dieser Gruppe Platt formen an gegeben haben, bei denen Dating mehr im Vordergrund steht. Dennoch stellen wir fest, dass die unter suchten Anbieter aus Nutzer sicht ähnliche Funktionen er füllen und dass sie somit zu Recht unter dem Sammel begriff Soziale Netz werk platt formen zusammen gefasst werden können, obwohl sie im Einzelnen unter schied liche techni sche Features auf weisen mögen. 18 Die vollständige varianzanalyti sche Aus wertung be findet sich im OnlineAnhang. 198 Tabelle 30: Nutzungs motive nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Informa tion 2,83 2,91 2,83 2,78 2,85 2,77 2,68 Unter haltung 3,83 3,95 3,83 3,77 3,85 3,69 3,93 Eskapismus 2,87 3,12 2,90 2,69 2,88 2,73 2,93 Selbst darstel lung 2,68 2,93 2,73 2,48 2,68 2,66 2,72 Beziehungs pflege 3,53 3,65 3,56 3,44 3,54 3,50 3,53 Knüpfen neuer Kontakte 2,72 3,10 2,84 2,38 2,65 2,99 3,13 Zu gehörig keits gefühl 2,64 2,76 2,67 2,55 2,62 2,75 2,78 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala der zu gehöri gen Items von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Im Ver gleich zu früheren Studien be stätigt sich auch in unserer Studie eine multifunktionale Nutzen befriedi gung. Soziale Motive, und hier insbesondere die Pflege bereits be stehen der Kontakte, sind wichtige Beweggründe der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen (vgl. Teil I Ab schnitt 2.1.4). Daneben stellt die Unter haltung eine be deutende Gratifika tion dar, was nahelegt, dass die soziale Inter aktion auf den Platt formen als unter haltsam empfunden wird. Die Selbst darstel lung spielt hingegen eine unter geordnete Rolle. Wie in Ab schnitt 2.2 bereits fest gestellt, dient sie ver mutlich eher dazu, die Partizipa tion zu er möglichen und dadurch darüber hinaus gehende Gratifika tionen zugäng lich zu machen. Wie genau die Selbstoffenba rung der jungen Nutzer aus gestaltet ist, wird im nächsten Kapitel er läutert. 4.3 Ergeb nisse zur Selbstoffenba rung Zur Beantwor tung der Forschungs frage „In welchem Maße offen baren Jugend liche sich selbst auf Sozialen Netz werk platt formen?“ werden im Folgenden die vier in Teil I Ab schnitt 2.3.3 ab gelei teten Aspekte der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen – Profilinforma tionen, (semi)öffent liche Kommunika tion, PrivatsphäreOptionen und Kontakte – be trachtet und auf Basis der Daten der standardisierten Befra gung be schrieben. Zusätz lich zur deskriptiven Aus wertung be findet sich im OnlineAnhang eine varianzanalyti sche Betrach tung, die die ge fundenen Ergeb nisse nach Alters gruppen, Ge schlecht, formaler Bildung und nach der ge nutzten Sozialen Netz werk platt form unter scheidet. Da den kommunikativen Aktivi täten, die die Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen aus führen, eine zunehmend be deutsame Rolle bei der Selbst offenba rung zukommt, wurden diese detailliert auch während der Trackingstudie mit Hilfe der Kontextbefra gungen unter sucht. Im Anschluss werden cluster analytisch ge bildete Selbstoffenba rungs typen vor gestellt. 199 4.3.1 Das Nutzer profil Inhalte des Nutzer profils Die Pflege von Profilseiten ist für viele Jugend liche und junge Erwachsene eine der wichtigsten und zugleich offensicht lichsten Formen des Identi täts managements im Social Web (Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009a). Beim Anlegen und der Pflege der Profilseiten setzen sich die Nutzer mehr oder weniger bewusst damit auseinander, wer sie sind und wie sie sich online darstellen möchten. Das Profil auf einer Sozialen Netz werk platt form ist eine eher statische Repräsentanz der Grundeigen schaften des Nutzers auf der Platt form. Die meisten Befragten unserer Studie scheinen die Informa tionen auf ihrem Profil dennoch aktuell zu halten: Drei Viertel gaben an, das eigene Profil mehrmals im Monat oder sogar noch öfter anzu passen. Insgesamt 15 Prozent aktualisie ren es sogar täglich. Ein knappes Viertel der Befragten aktualisiert sein Profil selten oder nie (24 Prozent). Um zu er fahren, welche Informa tionen die Nutzer auf ihren Profilen ver öffent lichen, wurde eine Frage konzipiert, die sich an den FormularFeldern orientiert, die eine Soziale Netz werk platt form in der Eingabemaske für das Nutzer profil üblicher weise auf weist. Dabei wurde zurück gegriffen auf die Netz werke Facebook, die VZNetz werke, werkenntwen, Lokalisten, Schüler. cc und Myspace. Aus früheren Studien ist bekannt, dass einige Nutzer des Social Web die Strategie der Pseudonymisie rung ver folgen und dabei Falschangaben oder Nicknames nutzen, um anonym zu bleiben. Wenn diese Strategie an gewendet wird, ist damit die Selbstoffenba rung ein geschränkt und ein poten zielles Risiko für die Privatsphäre wäre geringer. Nicht das bloße Aus füllen der Angaben in den Profilinforma tionen ist daher relevant, sondern vor allem der „Wahr heits gehalt“ der dort präsentierten Selbst auskünfte. Daher wurde in der Frageformulie rung explizit nach den Informa tionen ge fragt, die auch tatsäch lich der Wahrheit ent sprechen. Bei der Betrach tung der Eingabemasken fiel der unter schied liche Intimitäts grad der von den Anbietern ab gefragten Informa tionen auf, die hier anhand der vier Kategorien Name, allgemeine Informa tionen, Kontaktinforma tionen und intime Informa tionen unter schieden werden19. Einige Informa tionen wie der Name oder das Geschlecht können als sehr allgemein und offensicht lich gelten, während andere wie die sexuelle Orientie rung und die Anschrift eher intim sind und einen potenziell größeren Eingriff in die Privatsphäre be deuten könnten, wenn sie bekannt sind. Die ver schiedenen Kategorien von Profil Informa tionen werden von den Jugend lichen und jungen Erwachsenen in sehr 19 Diese vier Kategorien sind das Ergebnis einer explanativen Faktoren analyse der Profilinforma tionen mit VarimaxRotation nach Kaiserkriterium (er klärte Gesamtvarianz: 47 Prozent; KMO = ,80). 200 unter schied lichem Maße ver öffent licht. Die in Abbil dung 12 auf geführten Werte zeigen, wie viel Prozent der Befragten die jeweilige Informa tion in ihrem Profil wahr heits gemäß an gegeben haben, geben aber keinen Auf schluss darüber, wie öffent lich die ge teilten Daten jeweils sind. Es ist möglich, dass die Nutzer, die diese Angaben machen, den Zugriff darauf durch restriktive Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen einschränken, so dass nur eine kleine Anzahl von aus gewählten Dritten darauf Zugriff bekommt. Unabhängig von der sozialen Privatsphäre erhält jedoch der Anbieter in jedem Fall Zugriff auf die Daten, und auch die Speiche rung in einer Daten bank kann Risiken in sich bergen. Abbil dung 12: Preis gabe von Profilinforma tion Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe In der ersten Kategorie, beim Namen, zeichnet sich be sonders der Vorname durch eine hohe Ver öffentlichungs quote aus. Über 90 Prozent der Befragten geben ihren richti gen Vornamen auf der von ihnen am häufigsten ge nutzten Netz werk platt form an. Da es sich üblicher weise um eine Pflichtangabe handelt, steht zu ver muten, dass die übrigen 8 Prozent der Nutzer eine Falschangabe, Lieblingsbücher/-filme/-musik 92% 75% 94% 82% 80% 73% 66% 59% 58% 56% 46% 16% 4% 4% 29% 20% 19% 0 20% 40% 60% 80% 100% Vorname Nachname Geschlecht Geburtsdatum Profil-Foto Interessen, Hobbys Ausbildung/Beruf Wohnort Beziehungsstatus E-Mail-Adresse Instant Messenger Anschrift Telefon-/Handynummer Name Allgemeine Informationen Kontaktinformationen Intime Informationen Sexuelle Orientierung Religion Politische Einstellung 201 einen Nickname oder eine Ab kürzung ihres Vornamens ver wenden, und somit die Privatsphäreschutz strategien Anonymisie rung und Pseudonymisie rung zur Anwen dung kommen, die sich zum Teil auch im qualitativen Teil der Studie wieder finden. Insgesamt machen von diesen Strategien aber nur wenige Nutzer Gebrauch. Auch der Nachname ist eine Informa tion, die drei Viertel der Befragten ehrlich aus füllen. Im Sinne der Auf find bar keit und der Ver knüp fung der OnlineIdentität mit dem subjektiven Selbst sind die hohen Quoten des Vor und Nachnamens plausibel, denn ohne dass zumindest der Vorname an gegeben wird, ist eine Person auf der Sozialen Netz werk platt form schwer zu finden und wieder zuerkennen. Die Ver ifika tion wird durch die fehlende Angabe eventuell ver hindert, was das Knüpfen neuer Kontakte, das Über tragen von FacetoFaceKontakten in die Platt form und das Wieder herstellen alter Bekannt schaften er schwert. Einige Interviewte der qualitativen Studie weisen eben falls auf diesen Aspekt hin. Zu den allgemeinen Informa tionen, die auf dem Profil präsentiert werden, ge hören Geburts datum, Geschlecht sowie die Angabe des Wohnortes und Informa tionen über die Aus bildung, wie Schule und Hoch schule oder bisherige und aktuelle Arbeit geber. In diese Kategorie fallen eben falls Interessen und Hobbys und Angaben zu Lieblings büchern, filmen oder musik. Auch das Profilfoto ist den allgemeinen Informa tionen zuzu ordnen. Interessanter weise fällt der Beziehungs status/Familien stand eben falls in diese Kategorie, obwohl es sich bei dieser Angabe um eine ver gleichs weise intime Informa tion handelt. Die allgemeinen Informa tionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr unter schied lich häufig an gegeben werden. Dass die jungen Nutzer Sozialer Netz werk platt formen stark differenzie ren, welche Informa tionen für sie jeweils als öffent lich gelten und welche als privat und dass dieses Empfinden individuell sehr unter schied lich sein kann, haben wir in der Analyse der qualitativen Erhebung bereits deut lich ge macht. Gerade bei den allgemeinen Profilinforma tio nen scheinen sehr unter schied liche Ansichten dazu zu gelten, ob sie zur OnlineIdentität auf einer Sozialen Netz werk platt form dazu gehören oder nicht. Die Angabe des Geschlechts (94 Prozent) stellt für den Großteil der Befragten eine Selbst verständlich keit dar und auch das Geburts datum wird von einer großen Mehrheit der Befragten preis gegeben. Zwei Drittel stellen in ihrer Netz werk platt form Informa tionen zu Aus bildung und Beruf bereit, wie bspw. ihre Schule bzw. Hoch schule, ihre Aus bildung oder ihren Arbeit geber. Sechs von zehn Teilnehmern geben zudem ihren Wohnort und beinahe ebenso viele ihren Beziehungs status an. Die bisher in der Kategorie der allgemeinen Informa tionen auf gezählten Daten könnten ebenso wie der Name das „Gefunden werden“ innerhalb der Platt form er leichtern. Diese Angaben dienen eventuell eben falls der Herstel lung von Ver bindlich keit und Ver trauen. In die Kategorie der all gemeinen Profilinforma tionen ge hören aber noch zwei weitere Typen von Informa tionen, nämlich das Profilfoto, das eine visuelle Subkategorie dar 202 stellt, die von 80 Prozent der Befragten offenbart wird, und Informa tionen zu Lieblings büchern, filmen und musik sowie Hobbys, die als Aus druck des Geschmacks oder der eigenen Persönlich keit ver standen werden können. Ins besondere für Jugend liche und junge Erwachsene stellen diese Angaben evtl. einen Weg dar, mit dem sie sich von anderen ab grenzen und ihr Selbst aus drücken können. Daher ver wundert es nicht, dass 73 Prozent der Teilnehmer Angaben zu ihren Hobbys und immerhin noch 56 Prozent Angaben über Lieblings medien machen. Vier von fünf Befragten geben an, ein Profilfoto auf der Platt form hoch geladen zu haben. Der Upload von visuellen Informa tionen ins Internet wird gerade in letzter Zeit und vor dem Hinter grund der Gesichts erken nung pro blematisiert. Das plasti sche Beispiel des Partyfotos, das in einer Sozialen Netz werk platt form hoch geladen wurde und während eines Bewer bungs prozesses dem Personal verantwort lichen negativ auf fällt, wird häufig zitiert um die Pro blematik zu ver anschau lichen (Palfrey & Gasser, 2008; Tad dicken, 2011). Kontaktinforma tionen werden ver gleichs weise selten ge teilt. Am häufigsten findet sich die Angabe der EMailAdresse auf den Profilen der Befragten wieder (46 Prozent). Dies ver wundert nicht, da es sich bei allen unter suchten Sozialen Netz werk platt formen um eine Pflichtangabe handelt, die während der Registrie rung ge macht werden muss. Viel seltener findet sich die Angabe der InstantMessengerAdresse (16 Prozent). Nur 4 Prozent der Befragten geben ihre Telefon/Handynummer oder gar ihre Anschrift an. Letztere Informa tionen können als sehr sensibel für die eigene Privatsphäre be trachtet werden, denn ein Eingriff in die Privatsphäre unter Nutzung von Telefon und Anschrift könnte weitreichende Konsequenzen mit sich bringen. Eine unerwünschte EMail oder InstantMessengerNachricht kann im Gegen satz dazu sehr leicht ignoriert und der Ab sender technisch ge blockt werden, so dass der Eingriff in die Privatsphäre weniger stark ist als bei unerwünschten Anrufen oder gar Besuchen. Sexuelle Orientie rung, Religion und politi sche Einstel lung wurden in der Kategorie „intime Informa tionen“ zusammen gefasst. Diese Angaben werden jeweils nur von einer Minder heit der Nutzer ver öffent licht. Drei von zehn Nutzern teilen ihre sexuelle Orientie rung mit, jeweils ein Fünftel informiert über Religion und politi sche Einstel lung. Ein Teil der Nutzer macht eventuell Angaben zu be stimmten Profilinforma tionen, einfach weil diese ab gefragt werden. Das leere Formular ver führt beim Erstellen des eigenen Profils unter Umständen dazu, detailliertere Angaben zu machen als ohne diese Vor gaben (Utz, 2008). Die relativ niedri gen Ausfüll quoten in dieser Kategorie geben aber einen Hinweis darauf, dass dies nur in geringem Maße der Fall sein kann. Die Mehrheit der Befragten der Stichprobe hat sich gegen das Aus füllen der intimen Informa tionen zu sexueller Orientie rung, Religion und politi scher Einstel lung ent schieden. 203 Ver glichen mit den Werten, die für die SocialWebNutzung im DFGProjekt „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0“ ge messen wurden (vgl. Kap. 3.3, Abbil dung 6), sind die Angaben, die die jungen Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen machen, weniger detailliert. Beispiels weise teilen weniger Personen in unserer Stichprobe ihren vollen Namen mit, und auch bei der Angabe von EMail und PostAdresse sind die Nutzer deut lich zurück halten der. Dies kann zum einen daran liegen, dass die Nutzer in den zwei Jahren, die zwischen der Erhebung liegen, tatsäch lich vor sichti ger im Umgang mit ihren persön lichen Daten ge worden sind. Zum anderen ist es eventuell darauf zurück zuführen, dass die Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen – im Gegen satz zu anderen WebAnwen dungen, wie bspw. OnlineShopping – diese Angaben nicht zwangs läufig er fordert. Um den möglichen Einfluss soziodemografi scher Variablen und des jeweili gen Netz werks zu klären, wurden in Tabelle 31 und Tabelle 32 die Anteile der Teilnehmer, die eine Profilinforma tion an gegeben haben, gegen über gestellt. Zwischen den Geschlechtern zeigen sich ein paar interessante Unter schiede. Tendenziell scheinen junge Frauen eher allgemeine Profilinforma tionen mitzu teilen und insbesondere ist ihnen die Darstel lung des Profilfotos wichtig. Junge Männer hingegen geben eher intime Informa tionen, ihren vollen Namen und Kontakt daten preis. Diese Ergeb nisse decken sich mit denen aus früheren USamerikani schen Studien (Fogel & Nehmad, 2009; Tufekci, 2008). Für das Alter zeigen die Ergeb nisse, dass es einen Anstieg der ge teilten Profilinforma tionen vor allem in der Alters gruppe 15 bis 17 Jahre gibt. Ins besondere der richtige Name, die allgemeinen und die intimen Profilinforma tionen werden in dieser Alters gruppe von be sonders vielen Personen ge teilt. Die sehr jungen 12 bis 14Jährigen und die Befragten in der Alters gruppe 21 bis 24 Jahre teilen tendenziell weniger Informa tionen. Diese Ergeb nisse könnten als Hinweis darauf ge deutet werden, dass in den mittle ren Alters klassen die Nutzung der Sozialen Netz werk platt formen und die damit ver bundene Selbstoffenba rung be sonders be deutsam sind. Die 12 bis 14Jährigen sind seltener dazu bereit ihren Nachnamen anzu geben, jedoch gibt es einen relativ hohen Prozent satz derjenigen, die ihre Anschrift ver öffent lichen. Generell lässt sich fest halten, dass das Mitteilen von Informa tionen, sei es der Name, all gemeine Profilinforma tionen, Kontakt und intime Profilinforma tionen, mit dem Alter zunächst zunimmt. Bei den 18 bis 20Jährigen ist die Bereit schaft, Informa tionen über sich selbst preis zugeben am höchsten, noch ältere Befragte gaben jedoch an, weniger Informa tionen auf ihren Profilen bereit zustellen. 204 Tabelle 31: Profilinforma tionen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Name Vorname 92 93 91 94 94 94 88 Nachname 75 77 72 63 84 79 73 Allgemeine Profilinforma tionen Geschlecht 94 95 94 90 97 95 95 Geburts datum 82 80 84 65 90 86 84 Profil-Foto 80 76 84 62 86 85 83 Interessen, Hobbys 73 74 72 70 79 76 67 Aus bildung/Beruf 66 66 67 62 75 68 62 Wohnort 59 57 61 52 56 61 64 Beziehungs status 58 55 60 42 61 61 63 Lieblings bücher, -filme, -musik 56 53 59 50 66 59 52 Kontaktinforma tionen E-Mail-Adresse 46 50 42 45 56 46 41 Instant-Messenger- Adresse 16 18 14 12 19 20 14 Anschrift 4 5 3 6 3 3 5 Telefon-/Handynummer 4 5 3 3 6 4 3 Intime Profilinforma tionen Sexuelle Orientie rung 29 34 23 19 37 33 24 Religion 20 21 19 10 30 21 17 Politische Einstel lung 19 22 15 12 26 21 16 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Bei der Betrach tung der formalen Bildung zeigen sich kaum Unter schiede, das Ausfüll verhalten ist in den drei be trach teten Gruppen sehr ähnlich. Ledig lich bei den intimen Informa tionen be stehen Unter schiede. Mit steigen der Bildung nimmt der Anteil der Befragten ab, die die Kategorien sexuelle Orientie rung, Religion und politi sche Einstel lung auf ihrem Profil ein getragen haben. Bei der Analyse nach Netz werken ist be merkens wert, dass die Nutzer der Platt form Facebook häufiger ihren Namen an geben als die Nutzer der VZNetz werke und sonsti ger Netz werke. Dies könnte auf die Policy der USamerikani schen Platt form zurück zuführen sein. Facebook hält seine Nutzer explizit zur Angabe ihrer wahren Identität an, anders die deutschen Netz werke, die eine pseudonyme Nutzung explizit er möglichen. Eventuell legen die Nutzer von Facebook aber auch tatsäch lich mehr Wert darauf, im Netz werk auf find bar zu sein. 205 Tabelle 32: Profilinforma tionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Name Vorname 92 90 92 93 94 89 75 Nachname 75 73 75 76 81 50 45 Allgemeine Profilinforma tionen Geschlecht 94 95 94 95 95 90 94 Geburts datum 82 85 82 80 83 76 75 Profil-Foto 80 75 78 84 83 63 71 Interessen, Hobbys 73 69 76 72 73 67 82 Aus bildung/Beruf 66 53 65 75 67 74 45 Wohnort 59 60 61 57 61 47 52 Beziehungs status 58 65 61 50 57 54 68 Lieblings bücher, -filme, -musik 56 50 59 59 57 55 50 Kontaktinforma tionen E-Mail-Adresse 46 48 44 47 49 32 38 Instant-Messenger- Adresse 16 17 17 15 15 22 14 Anschrift 4 6 5 2 4 4 4 Telefon-/Handynummer 4 4 4 4 4 1 2 Intime Profilinforma tionen Sexuelle Orientie rung 29 33 33 23 29 –* 39 Religion 20 24 21 17 20 –* 11 Politische Einstel lung 19 23 19 16 18 24 47 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent * Sexuelle Orientie rung und Religion sind kein Teil der Eingabemaske bei den VZNetz werken. Änderun gen im Profil vornehmen Mit Hilfe der TrackingStudie konnten wir heraus finden, welche Profilangaben die Nutzer ändern und aus welchen Gründen sie dies tun. Der Fragebogen zum Event Änderun gen im Profil vornehmen, wurde 27 Mal aus gefüllt. In 63 Prozent der Fälle hatten die Nutzer eine Angabe im Profil aktualisiert, die nicht mehr aktuell war. Die übrigen 37 Prozent hatten eine Informa tion hinzu gefügt, die sie bisher noch nicht ein getragen hatten. In keinem Fall wurde eine Angabe aus dem Profil ge löscht. Am häufigsten wurden Informa tionen zur Aus bildung, Interessen und Hobbys, der Beziehungs status sowie sonstige Informa tionen wie Zitate oder frei formulierte Beschrei bungen der eigenen Person geändert (jeweils n = 5). Die Ent schei dung, diese Profilinforma tionen zu ändern, trafen die 206 Teilnehmer eher spontan (M = 2,37; SD = 1,33)20. Dabei dachten die Befragten vor allem darüber nach, wie sie auf ihrem Profil wirken (M = 3,37; SD = 1,36). Über die Vor teile (M = 2,78; SD = 1,37) und Nachteile (M = 2,48; SD = 1,55) der Änderung und deren Bedeu tung für ihre Privatsphäre (M = 2,85, SD = 1,32) machten sich die Nutzer weniger Gedanken (Abbil dung 13). Auch dachten sie eher nicht darüber nach, wer die geänderten Informa tionen sehen darf und damit zum Publikum ihrer Selbstoffenba rung gehört (M = 2,52; SD = 1,48). Abbil dung 13: Über legungen beim Ändern des Profils (Mittelwerte) Basis: n = 27; Anzahl Befragte = 19 Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Mit der Änderung ihres Profils wollen die Befragten vor allem anderen Nutzern etwas mitteilen (M = 3,44; SD = 1,25)21. Betrachtet man die Informa tionen, die geändert wurden – Aus bildung, Interessen oder der Beziehungs stand – er scheint es plausibel, dass Nutzer anderen Netz werkMitgliedern etwas mitteilen, wenn sie diese Angaben be arbeiten. So werden die Kontakte über Ver ände rungen im Leben des Nutzers auf dem Laufenden ge halten. Weitere Motive sind Spaß (M = 2,81; SD = 1,47) und der Aus tausch mit anderen 20 Fünfstufige Skala: 1 = spontan; 2 = eher spontan; 3 = teils/teils; 4 = eher längeres Nachdenken; 5 = längeres Nachdenken 21 Fünfstufige Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 2,85 2,52 3,37 2,78 2,48 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer diese neuen Informationen sehen darf. … wie ich auf dem Profil wirke. … welche Vorteile es für mich hat, das Profil zu ändern. … welche Nachteile es für mich hat, das Profil zu ändern. Ich habe beim Ändern des Profils darüber nachgedacht, … 207 (M = 2,81; SD = 1,42). Das Profil wird jedoch eher nicht geändert, um „dazu zugehören“ (M = 1,70; SD = 0,99) oder aus be ruflichen Gründen (M = 1,70; SD = 1,27). Dass Letzteres kein Motiv für die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen darstellt, ist ein Indiz dafür, dass Handlun gen an die Peers gerichtet sind und keine profes sio nellen Ziele damit ver folgt werden. Fan einer Seite werden Auch das Fan werden einer Seite von einem Künstler, einem Unter nehmen oder einer anderen Institu tion hat Aus wirkungen auf das Nutzer profil. Die Mitglied schaft bei der Fanseite wird – ebenso wie die Gruppen, denen ein Nutzer beitritt – auf seinem Profil an gezeigt. Witzige Namen, sowie Seiten, die den Geschmack der Person aus drücken, können der Selbst darstel lung und dem ImpressionManagement dienen. Der Meinungs austausch, der auf diesen Seiten passiert, ist für die Profil besitzer dabei unter Umständen zweitrangig (Haferkamp, 2011). Daher werden in diesem Ab schnitt die Events des Trackings be trachtet, bei denen FacebookNutzer durch Klicken des GefälltmirButtons Fan einer Seite ge worden sind. Der ent sprechende Fragebogen zum Beitritt zu einer Gruppe in einem der VZNetz werke wurde nur drei Mal be antwortet. Diese Fallzahl war zu gering, um Berech nungen anzu stellen und es er schien nicht sinn voll, die Fälle gemeinsam auszu werten. Wann immer ein Nutzer den GefälltmirButton einer Fanpage an klickt, hinter lässt diese Aktion Spuren. Zum einen er scheint ein Hinweis im News Feed aller Freunde des Nutzers, der ihnen mitteilt, dass dem Nutzer diese Seite ge fällt. Zum anderen ver bleibt ein Link zur Fanpage auf dem Profil des Nutzers. Je nachdem, ob es sich bei der Fanpage um die Seite eines Autors oder eines Sportlers handelt, wird diese automatisch in die ent sprechende Kategorie „Bücher“ oder „Lieblings sportler“ ein geordnet. Kann eine Fanpage nicht zu geordnet werden, er scheint sie unter „Sonsti ges“ bei den Profilinforma tionen des Nutzers. Alle Fanpages, die auf diese Weise auf dem Profil eines Nutzers er scheinen, können als Teil der Selbst darstel lung be trachtet werden. Wie die Ergeb nisse zeigen, ist es für die Nutzer von Bedeu tung, welche Vor teile damit ver knüpft sind, Fan einer Seite zu werden. Ein Link zu einer Fanpage auf dem persön lichen Profil ist dann er wünscht, wenn er für die Selbst darstel lung vorteil haft ist. In 24 Prozent der Fälle ist ein Nutzer Fan einer Seite ge worden, die der Kategorie Unter haltung zu geordnet wird (Abbil dung 14). Am zweithäufigsten handelte es sich um eine Seite aus dem Bereich Musik oder um eine Seite, deren Titel ein Motto oder eine Lebens weis heit ent hielt. In mehr als 70 Prozent der Fälle hatten die Befragten nicht vor, in Form von Einträgen auf der Pinnwand der Seite aktiv zu werden. Nur knapp 3 Prozent planten, an der Kommunika tion auf der Seite aktiv teilzunehmen. Das übrige Viertel konnte 208 sich nicht fest legen. Fanpages werden demnach auch in erster Linie rezeptiv ge nutzt. Abbil dung 14: Thema der Seite Basis: n = 104; Anzahl Befragte = 50 Mehrfachantworten möglich Die Befragten haben sich spontan dazu ent schlossen, den LikeButton einer Seite zu klicken (Abbil dung 15). Dabei haben sie am ehesten darüber nach gedacht, welche Vor teile dies für sie hat (M = 2,91; SD = 1,48). Am wenigsten dachten sie dabei über die Nachteile ihrer Handlung nach (M = 1,82; SD = 1,13) und darüber, was es für ihre Privatsphäre be deutet (M = 1,97; SD = 1,23). Da die Werte aller Angaben im Ableh nungs bereich der Skala liegen, können wir davon aus gehen, dass generell nicht viel über die Folgen dieser Handlung nach gedacht wird. 24% 18% 18% 15% 12% 10% 7% 5% 4% 4% 3% 3% 2% 2% 1% 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% Unterhaltung Musik Motto/Spruch Veranstaltung, Café, Bar Sonstiges Marke Hobbys Website Sport Essen Mode Engagement/Politik Stadt Beziehungen Kultur 209 Abbil dung 15: Über legungen beim Fan einer Seite werden (Mittelwerte) Basis: n = 104; Anzahl Befragte = 48 Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Fan einer Seite werden die Nutzer vor allem, weil es ihnen Spaß macht (M = 3,18; SD = 1,36) und weil sie sich über etwas informie ren möchten (M = 3,10; SD = 1,28). Es er scheint plausibel, dass Fanseiten beide Funktionen er füllen. Die Inhalte der Seiten können je nach Aus rich tung Unter haltung oder Informa tion bieten. Darüber hinaus kann das eigene Profil auf gepeppt werden, wenn der Nutzer Fan einer Seite wird, die einen lusti gen Spruch als Titel hat. Dagegen spielt es keine Rolle, ob die Seite einen Befragten gut be schreibt (M = 1,59; SD = 1,09) oder ob er be ruflich etwas davon hat (M = 1,50; SD = 1,42). ImpressionManagement spielt also beim Fan einer Seite werden durch aus eine Rolle, steht aber nicht im Vordergrund. 4.3.2 Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen ist nicht allein auf die Angaben be schränkt, die Nutzer auf ihren Profilen ver öffent lichen. Alle Hand lun gen, die (semi)öffent licher Kommunika tion ent sprechen oder zu system generierten Informa tionen auf der Pinnwand der Nutzer führen, bleiben lange Zeit auf den Netz werk platt formen sicht bar und werden so zu einem Teil der Selbstoffenba rung. Im vorigen Ab schnitt wurde fest gestellt, dass die User Sozialer Netz werk platt formen sich vielfach rezeptiv ver halten und vor allem Ich habe mir zuvor Gedanken gemacht, … 1,97 2,26 2,91 1,82 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer sehen wird, dass ich Fan dieser Seite bin. … welche Vorteile es für mich hat, Fan dieser Seite zu sein. … welche Nachteile es für mich hat, Fan dieser Seite zu sein. 210 privat mit anderen kommunizie ren. Kommunika tion, bei der Nutzer sich bei der OnetomanyKommunika tion einem nicht immer über schau baren Publikum offen baren, spielt aber eben falls eine wichtige Rolle bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen. Die ver schiedenen Formen der kommunikativen Nutzung Sozialer Netz werk platt formen werden im Folgenden näher be trachtet. Dazu werden zum einen Daten zu den kommunikativen Aktivi täten der Haupt befra gung, die auch schon in Kapitel 4.2.2 er läutert wurden und die in diesem Ab schnitt hinsicht lich soziodemografi scher Unter schiede verg lichen werden, heran gezogen. Zum anderen präsentie ren wir einige Detail ergeb nisse zu Status meldun gen und multimedialer Kommunika tion aus der standardisierten Befra gung und den Ergeb nissen der Kontextbefra gungen aus der TrackingStudie zu diesem Thema. Die Aktivi täten der privaten, (semi)öffent lichen und multimedialen Kom mu nika tion auf Sozialen Netz werk platt formen wurden zu Indices zusammen gefasst, die aus drücken, ob mindestens eine der in diesem Bereich zusammen gefassten Aktivi täten wöchent lich aus geführt wird. Sehr deut lich zeigt sich, dass ein Großteil der Befragten auf Sozialen Netz werk platt formen privat (91 Prozent) und (semi) öffent lich (84 Prozent) kommuniziert, die multimediale Kommunika tion ist mit 59 Prozent weniger häufig, wird aber auch von der Mehrheit der Befragten aus geführt. Betrachtet man das Geschlecht ergeben sich nur wenige Unter schiede. Junge Frauen nutzen etwas weniger oft als junge Männer die Möglich keiten der multimedialen Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen, bei der privaten und (semi)öffent lichen Kommunika tion ist es um gekehrt. Über die vier Alters gruppen hinweg werden die Kommunika tions möglich keiten auf Sozialen Netz werk platt formen häufig ge nutzt (Tabelle 33). Die Gruppe der 15 bis 17Jährigen zeigt sich jedoch be sonders kommunikativ, genauso wie Haupt schüler und Haupt schulabsolventen (Tabelle 34). Bei der Unter schei dung nach Haupt netz werk lässt sich fest stellen, dass die Nutzer von Facebook kom munikativ wesent lich aktiver sind und im Ver gleich zu den VZNetz werkUsern alle Kommunika tions arten deut lich häufiger aus führen. Tabelle 33: Kommunika tion nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Private Kommunika tion 91 90 92 90 94 93 89 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 84 82 86 82 90 87 78 Multimediale Kommunika tion 59 61 57 58 68 60 52 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die mindestens eine der jeweili gen Aktivi täten mehrmals pro Woche aus führen, in Prozent 211 Tabelle 34: Kommunika tion nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Private Kommunika tion 91 93 89 92 94 78 82 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 84 86 82 83 87 62 72 Multimediale Kommunika tion 59 63 59 56 63 34 46 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die mindestens eine der jeweili gen Aktivi täten mehrmals pro Woche aus führen, in Prozent Im Kontext der OnlineSelbstoffenba rung er scheinen be sonders die Inhalte der Status meldun gen und die multimedialen Informa tionen, die die jungen Nutzer hochladen, interessant. Bei Status meldun gen handeln die Nutzer auf eigene Inten tion und be ziehen sich nicht direkt auf voraus gegangene kommu nikative Handlun gen anderer. Fotos und Videos eröffnen durch ihre visuelle/ multimediale Form er weiterte Möglich keiten der Selbst darstel lung. Inhalte der Status meldun gen Ergeb nisse aus der standardisierten Befra gung In der standardisierten Befra gung wurden diejenigen Personen, die an gegeben hatten, zumindest mehrmals im Monat Status meldun gen zu posten, nach den Inhalten ihrer Beiträge ge fragt. Mehrfachnen nungen waren dabei möglich. In einer Faktoren analyse wurden die Inhalte zu vier Faktoren ver dichtet (Tabelle 35). Wir differenzie ren zwischen dem Aus druck der eigenen Meinung, positiven und negativen Emotionen und Links. Positive Emotionen werden ganz klar am häufigsten ver öffent licht (M = 3,52; SD = 0,93). Darauf folgen Meinun gen (M = 2,93; SD = 1,02) und negative Emotionen (M = 2,74; SD = 1,14). Viel seltener werden Links (M = 2,22; SD = 0,96) zu eigenen oder anderen Websites publik ge macht (Abbil dung 16). 212 Tabelle 35: Faktoren analyse der Status meldun gen Meinun - gen positive Emotionen Links negative Emotionen Dinge, in denen du anderen nicht zustimmst ,76 Dinge, in denen du anderen zustimmst ,74 Dinge, vor denen du andere warnen möchtest ,60 Dinge, die du anderen empfehlen möchtest ,58 ,42 Etwas, das du gut findest ,80 Etwas, das dich freut ,72 Links zu den Webseiten von Bekannten und Freunden ,86 Links zu eigener Webseite/Blog ,76 Links zu anderen Webseiten ,44 Etwas, das dir Sorgen/Angst macht ,76 Etwas, das dich ärgert ,69 Erklärte Varianz 20,67 15,91 15,63 13,81 Eigen wert 2,27 1,75 1,72 1,52 Cronbach’s α ,86 ,84 ,74 ,84 Mittelwert 2,93 3,52 2,22 2,74 Standardabweichung 1,02 0,93 0,96 1,14 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach ScreeKriterium Erklärte Gesamtvarianz: 77,9 Prozent; KMO = ,85 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich Abbil dung 16: Typen von Status meldun gen Basis: N = 1.053, gewichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = überhaupt nicht/nie; 5 = sehr häufig 3,52 2,93 2,74 2,22 0 1 2 3 4 5 Ausdruck positiver Emotionen Ausdruck von Meinungen Ausdruck negativer Emotionen Links 213 Dass positive Emotionen die am häufigsten ge teilten Inhalte in Status mel dun gen sind, ver wundert nicht. Schließ lich hilft das Teilen positiver Erleb nisse und Gefühle dem Kommunikator dabei, seine Glücksmomente auszu kosten, während er gleichzeitig inter personale Beziehungen aus bauen kann (Reis et al., 2010). Das Mitteilen der positiven Erleb nisse erhöht ihren Wert, gerade wenn andere ent husiastisch darauf reagie ren. Möglich keiten zum positiven Feedback sind auf Sozialen Netz werk platt formen durch das Kommentie ren des Posts oder auch nonverbal durch klicken des LikeButtons ge geben. Da das Feedback auf der Platt form ge speichert wird, ist es eventuell sogar manifester als in einer flüchti gen FacetoFaceSitua tion, wodurch sich die Sozialen Netz werk platt formen möglicher weise be sonders für diese positive Ver stär kung eignen. Negative Emotionen werden insgesamt seltener, von einigen Nutzern dennoch ab und zu ge teilt. Der Nutzer erhält im Gegen zug evtl. Auf merksam keit, Ver ständnis, Mitgefühl oder Trost, was er klären könnte, warum Nutzer diese sehr sensiblen Informa tionen dennoch teilen. Anders als in der qualitativen Befra gung geben in der quantitativen Befra gung doch einige Personen an, dass sie auch negative Gefühle wie Ärger und Sorge online auf Sozialen Netz werk platt formen teilen. Es sind jedoch ver hältnis mäßig wenige. Das Mitteilen von Meinun gen über be stimmte Sach verhalte, also eine subjektive Ansicht oder auf der Grundlage eigener Erfah rung ge bildete Einstel lungen zu Personen und Ereig nissen, soll den eigenen Standpunkt ver deut lichen. Jedoch nehmen auch hier soziale Normen Einfluss und werden immer dann sicht bar, wenn sich die Nutzer über be stimmte Themen ab grenzen wollen (Boyd & Marwick, 2011). Meinun gen ge hören damit eben falls zu den Informa tionen, die von Digital Natives bewusst ver öffent licht werden, um die eigene Identität zu konstruie ren (Palfrey & Gasser, 2008). Das Teilen von Links für den Neuig keitenFeed oder an der Pinnwand von Freunden soll andere an dem Gefundenen teilhaben lassen und kann als Inter aktions hand lung ver standen werden. Oftmals wird der ver öffentlichte Link von ver schiedenen Nutzern kommentiert und bietet Anregung für einen kommunikativen Aus tausch. Ergeb nisse aus der Kontextbefra gung Was die Nutzer Sozialer Netz werk platt formen tatsäch lich auf ihrer eigenen oder auf der Pinnwand eines Freundes mitteilen, haben wir im Rahmen der TrackingStudie unter sucht. Der Fragebogen zum Event „Etwas an eine Pinn wand schreiben“ wurde 320 Mal von Teilnehmern der TrackingStudie be antwortet, auf das Ab geben einer Status meldung folgte in 191 Fällen eine Befra gung. Nahezu jeder Eintrag auf der eigenen Pinnwand oder auf der eines anderen Nutzers ent hielt Text (Abbil dung 17). In weniger als einem Prozent der Fälle wurde ein Link oder ein Foto auf der Seite eines anderen Netz werk Users ge postet. Status meldun gen ent hielten in vier Prozent der Fälle einen Link 214 und in weniger als drei Prozent der Fälle wurde ein Foto via Status meldung ver öffent licht. Ein Video wurde in keinem Fall ge postet. Auf grund der geringen Zahl der Fälle, in denen ein Link oder ein Foto ver öffent licht wurde, werden spezifi sche Angaben zum Inhalt des Fotos oder des Links in den folgen den Aus wertungen nicht be rücksichtigt. Abbil dung 17: Form von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Auf der Pinnwand eines anderen Nutzers wurden am häufigsten Glück wünsche hinter lassen (Abbil dung 18). Dabei handelt es sich ver mutlich vor allem um Glück wünsche zum Geburts tag. Die unter suchten Netz werk platt formen ver fügen über eine Funktion, durch die Nutzer an den Geburts tag einer Person erinnert werden, mit der sie ver netzt sind. Darüber hinaus er scheinen Glück wünsche, die gemeinsame Freunde bereits auf der Pinnwand des Geburts tags kinds hinter lassen haben, im NewsFeed der Nutzer. Es ent steht ver mutlich ein ge wisser Druck, sich den Gratulanten anzu schließen und eben falls einen Glück wunsch zu hinter lassen. Außerdem brachten die Befragten auf den Pinn wänden anderer Nutzer positive Emotionen oder ihre Meinung zum Aus druck. Negative Emotionen werden in diesem Kontext dagegen kaum ver öffent licht. Auch Status meldun gen werden in den meisten Fällen ver fasst, um positive Emotionen oder Meinun gen mit den Kontakten auf der Sozialen Netz werk platt form zu teilen. Auch persön liche Erleb nisse des Ver fassers oder etwas, das er lustig findet, zählen zu den Inhalten der Status meldun gen. Deutlich 96% 4% 3% 0% 99% 1% 1% 0% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Text Link Foto Video Statusmeldungen abgeben: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Etwas an eine Pinnwand schreiben: n = 320; Anzahl Befragte = 79 215 häufiger als bei den Pinnwandeinträgen werden auf dem eigenen Profil auch negative Emotionen zum Aus druck ge bracht. Glück wünsche kommen ver ständ licher weise äußerst selten vor. Was erfreu lich ist: Informa tionen über den aktuellen Aufenthaltsort haben die Befragten nur in wenigen Fällen ge postet. Dies gilt gleichermaßen für Pinnwandeinträge und Status meldun gen. In der Befra gung hatten die Teilnehmer ihr Ver halten hinsicht lich (semi)öffent licher Kommunika tion recht gut ein geschätzt: Die Ergeb nisse der TrackingStudie zeigen, dass positive Emotionen und Meinun gen tatsäch lich oft Inhalt von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen sind. Negative Emotionen werden allerdings noch seltener ge teilt, als von den Befragten an gegeben. Es scheint, dass die Nutzer vor allem un verfäng liche Informa tionen posten, die in keinem Kontext und von keinem Publikum negativ aus gelegt werden können (vgl. Ellison, Vitak, Steinfeld, Gray & Lampe, 2011). Abbil dung 18: Inhalte von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Unabhängig davon, ob ein Pinnwandeintrag ver fasst oder eine Status meldung ver öffent licht wurde, stellen die Befragten sich vor, dass ihr Eintrag vor allem von guten Freunden, ihren besten Freunden sowie Bekannten und Ver wandten ge lesen wird (Abbil dung 19). Lehrer, Dozenten, Arbeit geber sowie die eigenen Eltern ge hören zumeist nicht zum imaginierten Publikum. Dieses Ergebnis betont erneut, dass die Adressaten kommunikativer Handlun gen Alters genossen sind. Allerdings geben die Befragten in über 40 Prozent der Fälle, in denen 34% 24% 14% 12% 11% 3% 1% 14% 13% 6% 8% 2% 1% 55% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Positive Emotionen Meinungen Erlebnisse Etwas Lustiges Negative Emotionen Aufent- haltsort Glück- wünsche Statusmeldungen: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Pinnwand: n = 320; Anzahl Befragte = 79 216 ein Pinnwandeintrag ver öffent licht wurde, an, dass Personen, die sie nicht kennen, den Eintrag sehen können. Bei Status meldun gen trifft dies nur in 20 Prozent der Fälle zu. Dies können wir als Hinweis darauf nehmen, dass den Nutzern durch aus bewusst ist, dass Un bekannte Botschaften lesen können, die sie auf der Pinnwand eines Freundes hinter lassen. Die Nutzer differenzie ren also den Grad der Öffentlich keit beider Publika tions formen. Abbil dung 19: Imaginiertes Publikum von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen Mehrfachantworten möglich Eine Über sicht über die Bewer tung der Ent schei dungs prozesse bei Pinn wand einträgen und Status meldun gen liefert Abbil dung 20. In den Fällen, in denen ein Pinnwandeintrag ver fasst wurde, denken die Befragten am ehesten darüber nach, welche Vor teile diese Handlung für sie hat (M = 2,68; SD = 1,45) und wie sie dadurch auf andere wirken (M = 2,47; SD = 1,34). Allerdings liegen selbst die Mittelwerte für diese Items im Ableh nungs bereich der Skala. Die Bedeu tung der Handlung für die Privatsphäre des Befragten (M = 1,96; SD = 1,26) sowie deren Nachteile werden noch weniger reflektiert (M = 2,04; SD = 1,26). Die Wirkung auf andere (M = 2,56; SD = 1,43) sowie die Vor teile (M = 2,52; SD = 1,51) be schäfti gen die Befragten auch beim Ab geben einer Status meldung mehr als die Bedeu tung für die Privatsphäre (M = 2,07; SD = 1,38) und die Nachteile ihrer Handlung (M = 2,15; SD = 1,37). Zu beiden Handlun gen ent schieden sich die Teilnehmer eher spontan, ohne großes Ab wägen. engster Freundes- kreis Freundes- kreis Bekannte/ Verwandte Eltern Lehrer/ Dozenten/ Arbeitgeber Unbekannte Pinnwand: n = 320; Anzahl Befragte = 79 Statusmeldungen: n = 191; Anzahl Befragte = 65 64% 78% 68% 15% 9% 44% 76% 84% 72% 34% 12% 21% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 217 Abbil dung 20: Über legungen beim Posten von Pinnwandeinträgen und Status meldun gen Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Während Pinnwandeinträge vor allem der Beziehungs pflege dienen (M = 3,65; SD = 1,29), ver öffent lichen die Befragten Status meldun gen zum Spaß (M = 3,20; SD = 1,46) und um etwas über sich mitzu teilen (M = 3,09; SD = 1,46). Die eigene Meinung mitzu teilen (M = 2,89; SD = 1,48), Auf merksam keit (M = 2,64; SD = 1,38) und Unter stüt zung (M = 2,27; SD = 1,34) von anderen zu be kommen sowie sich mit anderen auszu tauschen (M = 2,94; SD = 1,47) spielt beim Ver öffent lichen einer Status meldung eine signifikant größere Rolle als beim Ver fassen eines Pinnwandeintrags. Letzteres wird dagegen eher aus Gewohn heit getan (M = 2,66; SD = 1,42). Beide Formen der öffent lichen Kommunika tion dienen nicht dazu, neue Leute kennen zulernen oder be ruflich etwas davon zu haben. Multimediale Inhalte Visuelle Inhalte sind deshalb so interessant, weil sie der OnlineSelbstoffen barung eine neue Qualität ver leihen. Sie können gegen über rein textbasierter Kommunika tion Nähe und Präsenz schaffen, so dass die Kommunika tions qualität online steigt. Zudem dient die Produk tion und Präsenta tion eigener 1,96 2,34 2,47 2,68 2,042,07 2,36 2,56 2,52 2,15 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … wer diesen Eintrag lesen darf. … wie ich dadurch auf andere wirke. … welche Vorteile es für mich hat, diesen Eintrag zu schreiben. … welche Nachteile es für mich hat, diesen Eintrag zu schreiben. Etwas an eine Pinnwand schreiben: n = 320; Anzahl Befragte = 79 Statusmeldungen abgeben: n = 191; Anzahl Befragte = 65 Ich hatte mir zuvor Gedanken gemacht, … 218 kreativer Inhalte dem Aus druck der Persönlich keit und der Ent wick lung des Selbst (Stern, 2008). Aus diesem Grund haben wir uns dazu ent schlossen, die visuellen und multimedialen Inhalte hier ge sondert aufzu greifen. Beim Teilen multimedialer Inhalte dominie ren Fotos deut lich gegen über Videos. Insgesamt 69 Prozent der Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren laden mindestens mehrmals im Monat Fotos hoch, bei Videos ist der Anteil deut lich geringer, aber mit 32 Prozent der Nutzer ist der Anteil bei den VideoUploads dennoch nicht klein. Für die Analyse des visuellen Selbstoffenba rungs verhaltens sollten die Befragten Angaben zur Art der Fotos machen, die sie schon einmal in Alben auf Sozialen Netz werk platt formen hoch geladen haben. Hierbei waren Mehr fach nen nungen möglich. Unter den hoch geladenen Bildern über wiegen Fotos, auf denen die Personen selbst zu er kennen sind. Neben sach licher, personen zentrierter Selbst darstel lung in Form von Profilfotos werden auch die Kontexte Urlaub und Party häufig visualisiert. Mehr als die Hälfte derjenigen Nutzer, die berich teten, mehrfach im Monat Fotos hochzuladen, haben demnach schon einmal Urlaubs fotos ge teilt, auf denen sie ab gebildet sind (54 Prozent). Bei Bildern von Partys und Feiern ver hält es sich ähnlich. Sehr viele Nutzer (47 Prozent) haben schon einmal Partyfotos online ge stellt, auf denen sie zu er kennen sind. Zwar werden auch Urlaubs und Partyfotos, auf denen die Personen selbst nicht zu er kennen sind, ver öffent licht (26 bzw. 22 Prozent), jedoch geschieht dies in be deutend geringe rem Maße. Wenn Bilder auf Sozialen Netz werk platt formen dem Aus druck der eigenen Identität dienen, sind anonyme visuelle Darstel lungen eventuell wider sinnig. Den Nutzern ist es ver mutlich wichtig, dass sie selbst ab gebildet sind, um von den Rezipienten direkt zu geordnet zu werden und um ihr Selbst durch die visuellen Informa tionen zu er weitern und Nähe herstellen zu können. Obwohl es ge meinhin als un verzicht bar für die Erweite rung des Selbst gilt, sich nicht als sozial isoliert darzu stellen, scheint die visuelle Darstel lung der eigenen Person auf Sozialen Netz werk platt formen wichti ger zu sein (Abbil dung 21). Der Anteil derjenigen, die schon einmal Porträt fotos (48 Prozent), Urlaubs (54 Prozent) oder Partyfotos (47 Prozent), auf denen sie zu er kennen sind, hoch geladen haben, ist signifikant höher als der Anteil jener Nutzer, die bereits Fotos von Ver wandten und Freunden hoch geladen haben (38 Prozent). Ver gleicht man die Werte bei den ab gefragten Bildarten, kann man daraus schließen, dass es insbesondere wichtig ist, das Selbst durch die Fotos in einen Kontext zu rücken. Beim Teilen von Videos dominie ren fremde Inhalte aus dem Internet – 56 Prozent der User, die angaben, bisweilen Videos zu teilen, haben schon einmal Videos hoch geladen, die sie zuvor im Netz ge funden hatten (in Bezug auf die Gesamtstichprobe handelt es sich um 18 Prozent der Nutzer). Ein etwas geringe rer Anteil von Personen teilt auf Sozialen Netz werk platt formen selbst 219 ge drehte Clips. Von den 387 Teilnehmern, die an geben mehrmals pro Monat Videos in ihrem Haupt netz werk zu ver öffent lichen, be richten 45 Prozent, dass es sich dabei um selbst ge drehte Videos handelt. Bezogen auf die Gesamt stichprobe be deutet das, dass 14 Prozent der Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren eigene Videos drehen und auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent lichen. 4.3.3 Nutzung der PrivatsphäreOptionen Aus den vorigen Ergeb nissen alleine kann nicht geschlossen werden, dass sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen stark exponie ren. Es kommt darauf an, welcher Öffentlich keit sie diese Daten zugäng lich machen. Schreibt ein Jugend licher bspw. sehr viele und intime Details über sich selbst in sein Profil, macht dieses aber nur seinem engsten Freundes kreis zugäng lich, dem diese Informa tionen ohnehin schon bekannt sind, be deutet dies eventuell weniger Einschrän kungen für die Privatsphäre als weniger sensitive Details, die einem sehr großen und dispersen Publikum mitgeteilt werden. Gerade das Bewusstsein für die PrivatsphäreOptionen scheint in jüngster Ver gangen heit stark ge stiegen zu sein (MPFS, 2011). Im Folgenden wird ge prüft, ob dies auch für die deutschen Nutzer zwischen 12 und 24 Jahren zutrifft. 48% 54% 26% 47% 22% 38% 34% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Pass- oder Porträt- fotos Urlaubs- fotos, erkennbar Urlaubs- fotos, anonym Party- fotos, erkennbar Party- fotos, anonym Fotos von Verwandten oder Freunden Sonstige Fotos Basis: n = 895, gewichtete Stichprobe; Mehrfachantworten möglich Abbil dung 21: Fotos in Fotoalben 220 Bei der Messung und dem Ver gleich der PrivatsphäreOptionen auf ver schiedenen Platt formen ergab sich eine Problematik bei der Operationalisie rung, da auf unter schied lichen Platt formen unter schied liche Optionen zur Ver fügung stehen und diese zum Teil sehr differenziert auch für einzelne Elemente ein gestellt werden können. In Facebook kann der Nutzer die Sicht bar keit von Informa tionen auf seinem Profil, Fotos, aber auch Status meldun gen kleinteilig auf ver schiedene Personen kreise be schränken. Diese Einstel lungs möglich keiten reichen von der vollständi gen Zugänglich keit aller Internetnutzer bis hin zur Begren zung auf aus gewählte Freunde. Es ist auch möglich, ver schiedene Kon takt listen anzu legen und diesen den Zugang zu nur be stimmten Inhalten zu er lauben. Theoretisch ist es möglich, ein spezielles Album nur seinen engsten Freunden zu zeigen, ein anderes von der Firmen feier dann z. B. wiederum nur den Arbeits kollegen. Bei Schüler. CC geht dies nicht so explizit, Jugend liche können auf dieser Platt form nur die Optionen „nur meine Freunde“ anwählen oder die ver öffent lichten Inhalte allen Nutzern der Platt form zugäng lich machen. Wir haben daher be schlossen, die fünf Bereiche Profilinforma tionen, Status meldun gen, Fotos, Kontakt liste und Kontaktinforma tionen allgemein abzu fragen. Als Antwortop tionen wurden jedem Teilnehmer die Optionen an geboten, die auf seiner hauptsäch lich ge nutzten Netz werk platt form zur Ver fügung stehen. Bei den in der Studie unter suchten Netz werken wurden insgesamt sechs ver schiedene Stufen der Einschrän kungen der Öffentlich keit mit unter schied licher Restriktivi tät aus gemacht. Die restriktivste Stufe ist, wenn niemand außer dem Nutzer selbst Zugriff auf eine Informa tion hat22. Danach folgt die Möglich keit, den Zugriff auf be stimmte Freunde aus der Freundes liste einzu schränken und dann die Option, die ent sprechende Informa tion allen Kontakten aus der Freundes liste bereit zustellen. Eine weitere Einstel lungs möglich keit ist auf vielen Netz werk platt formen ein er weiterter Freundes kreis, in den auch Freunde von Freunden einbezogen werden. Als eher offene PrivatsphäreEinstel lung wurde es an gesehen, wenn die Befragten ihre Informa tionen allen Teilnehmern ihrer Sozialen Netz werk platt form zugäng lich machten. Noch offener ist nur die Möglich keit, die Informa tionen auch außerhalb der Netz werk platt form, theore tisch mit der gesamten Internet gemeinde, zu teilen. Von den 1.301 Befragten haben neun Prozent ihre PrivatsphäreOptionen noch nie an gepasst. Diese Befragten haben also die Standardeinstel lungen des jeweili gen Netz werks, die häufig als unzu reichend kritisiert werden, beibehal ten23. Die übrige, große Mehrheit der Befragten hat sich bereits mindestens einmal mit der Einstel lung dieser Optionen befasst. Nur wenige Personen geben 22 Dies ist zum Beispiel bei der EMailAdresse auf einigen Netz werken der Fall. Die EMailAdresse muss im Rahmen der Registrie rung zwangs läufig an gegeben werden, kann dann aber vor anderen Nutzern ver borgen werden. 23 In der folgen den Aus wertung wurde bei diesen Teilnehmern die Standardeinstel lung ihres jeweili gen Netz werks an genommen. 221 in den fünf ab gefragten Bereichen an, nicht genau zu wissen wie die Privat sphäreOptionen dort jeweils ein gestellt sind (je unter ein Prozent). Bei dem Ver gleich der PrivatsphäreOptionen fällt auf, dass alle ab gefragten Informa tions bereiche sehr ähnlich ge handhabt werden (Abbil dung 22). Insge samt nur wenige Nutzer machen einzelne Informa tionen der breite ren Öffentlich keit ver fügbar. Die Option „sicht bar für die Kontakte“, die in vielen Netz werk plattformen die Standardop tion ist, wird von den Nutzern auch am häufigsten ver wendet. Diese Option scheint von der breiten Masse der User als adäquat akzeptiert zu werden. Insgesamt machen wenige User sich die Mühe, innerhalb ihrer Kontakte Listen zu pflegen, mit denen sie die Zugänglich keit zu be stimmten Informa tionen präzise steuern können. Die Kontaktinforma tionen stechen in Abbil dung 22 heraus, sie werden etwas restriktiver be handelt als andere Bereiche. Im Ab schnitt zu den Profilinforma tionen haben wir bereits heraus gestellt, dass diese Informa tionen ohnehin nur von wenigen Nutzern ge teilt werden. Die Nutzer haben die Sensibili tät dieser Daten offen bar erkannt und schützen sie daher be sonders. Am wenigsten Einschrän kungen machen Nutzer bei der Sicht bar keit ihrer Kontakt liste, dies liegt ver mutlich auch daran, dass auf einigen Netz werk platt formen das ge sonderte Einstellen der Sicht bar keit der Kontakt liste nicht möglich ist. Auf Facebook wurde diese Option beispiels weise erst nach träg lich ein geführt. Da eben diese Kontakte auf den Platt formen, das zentrale Publikum oder auch die persön liche Öffentlich keit der jeweili gen Nutzer darstellt, ist es relevant zu evaluie ren, wer zu dem Publikum, also zu den vom Nutzer hinzu gefügten oder be stätigten Kontakten, gehört. Dies erfolgt in Ab schnitt 4.3.4. Abbil dung 22: Restriktivi tät der Privatsphäre-Optionen Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe; Beschriftungen von Zellen < 5 % wurden in der Darstellung ausgeblendet 5% 23% 12% 13% 11% 11% 65% 56% 63% 61% 63% 5% 12% 17% 13% 12% 18% 5% 13% 12% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Kontaktinformationen Kontaktliste Fotos Statusmeldungen Profilinformationen Nur der Nutzer selbst Ausgewählte Freunde/Kontakte Alle Freunde/Kontakte Freunde/Kontakte und deren Freunde/Kontakte Alle Mitglieder der Netzwerkplattform Öffentlich im Internet 222 Die Einschrän kung der PrivatsphäreOptionen auf das Kontakt netz werk wird von weib lichen Nutzern eher ver wendet als von männ lichen (Tabelle 36). Die gilt für die meisten Bereiche, nur die Kontakt liste, die ohnehin weniger restriktiv be handelt wird, bildet eine Aus nahme. Gründe dafür können in der Erziehung oder in einem höheren Risikobewusstsein liegen. Eventuell sind die Konsequenzen, die bei der Heraus gabe von Kontaktinforma tionen be stehen und die sich bis auf die physische Ebene der Privatsphäre aus wirken können, den Mädchen und jungen Frauen be wusster als den männ lichen Teilnehmern. Bei der Betrach tung soziodemografi scher Unter schiede ergeben sich hin sicht lich der PrivatsphäreOptionen nur wenige Besonder heiten. Es fällt auf, dass es in der Gruppe der Jüngsten, der 12 bis 14Jährigen einen höheren Anteil an Nutzern gibt, die ihre PrivatsphäreOptionen noch nie ein gestellt haben (17 Prozent). Insbesondere bei den Status meldun gen schränken weniger junge Nutzer die Zugänglich keit auf ihr Kontakt netz werk ein. Der Anteil der 12 bis 14Jährigen, die die Sicht bar keit ihrer Kontakt liste einschränken, ist dagegen höher als bei den anderen Alters gruppen. Dies er scheint plausibel, da sie sich häufiger auf Platt formen mit standardmäßig restriktiven Daten schutz einstel lungen, wie schülerVZ, bewegen. Tabelle 36: Privatsphäre-Optionen nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Sicht bar keit der Profilinforma tionen 74 70 79 71 73 76 77 Sicht bar keit der Status - meldun gen 72 70 75 65 70 77 76 Sicht bar keit der Fotos 77 74 81 71 75 80 80 Sicht bar keit der Kontakt - liste 69 68 69 68 59 73 72 Sicht bar keit der Kontakt- informa tionen 93 91 95 90 90 96 94 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die die jeweili gen PrivatsphäreOptionen auf ihre Kontakte oder noch restriktiver ein gestellt haben, in Prozent Auch bei der Bildung ergeben sich leichte Unter schiede (Tabelle 37). Haupt schüler und Haupt schulabsolventen haben etwas häufiger ihre Privatsphäre Optionen noch nie an gepasst (14 Prozent), aber sie be richten dennoch nicht, wesent lich offenere Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen zu ver wenden. Dies könnte darauf zurück zuführen sein, dass Haupt schüler weniger häufig USamerikani sche Netz werke als Haupt platt form nutzen. Diese stehen in der Kritik, offenere StandardEinstel lungen bei den PrivatsphäreOptionen zu haben als die Netz werke mit Firmensitz in Deutschland. 223 Tabelle 37: Privatsphäre-Optionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Sicht bar keit der Profilinforma tionen 74 71 72 79 75 75 72 Sicht bar keit der Status - meldun gen 72 66 71 78 73 75 61 Sicht bar keit der Fotos 77 73 76 81 77 80 80 Sicht bar keit der Kontakt - liste 69 70 69 67 66 76 84 Sicht bar keit der Kontakt- informa tionen 93 91 93 94 93 89 98 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die die jeweili gen PrivatsphäreOptionen auf ihre Kontakte oder noch restriktiver ein gestellt haben, in Prozent Der Ver gleich mit den Netz werk platt formen ist nicht eindeutig. Bei Profil informa tionen und Fotos liegen die Werte generell auf gleicher Höhe. Die Status meldun gen werden auf den Sonsti gen Netz werken offener be handelt, während die Kontakt liste bei Facebook sehr öffent lich ist und die Kontaktinfor ma tionen am ehesten auf den VZNetz werken nicht auf das persön liche Netz werk be schränkt werden. 4.3.4 Kontakte und Freunde Anzahl, Bekannt heit und Nähe zu den Kontakten Auch die Anzahl von und die Nähe zu den Kontakten sind ein Aspekt der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen. Wie bei der Analyse der PrivatsphäreOptionen fest gestellt, geben die meisten der be fragten 12 bis 24jähri gen Nutzer ihre Informa tionen für ein Publikum frei, das aus eben diesen Kontakten besteht. Im Durch schnitt haben die Befragten 185 Kontakte. Die hohe Standardabweichung dieses Mittelwerts (SD = 169) zeigt jedoch, dass dieser Wert stark schwankt. So reicht die Spann weite in der Stichprobe von einem Kontakt bis hin zu maximal 2.500 Kontakten. Nutzer, die weniger als 50 bzw. mehr als 500 Kontakte haben, bilden aber eher die Aus nahme (Abbil dung 23). 224 Abbil dung 23: Anzahl der Kontakte Bei der zum Teil sehr hohen Anzahl von Freunden wird schnell klar, dass es sich hier nicht um den engsten Freundes kreis handelt, sondern dass von einem er weiterten Bekannten kreis auszu gehen ist. Der persön liche Bekannt heits grad und die Nähe zu den Kontakten sind dabei stark unter schied lich aus geprägt. Beim Bekannt heits grad wurde ab gefragt, welche Kontakte der Befragte schon einmal persön lich ge troffen hat. Ein großer Anteil von 44 Pro zent der Befragten gibt an, alle Kontakte in der eigenen Kontakt liste persön lich zu kennen (Abbil dung 24). Um gekehrt be deutet dies aber auch, dass über die Hälfte der Befragten, nämlich 56 Prozent, mit Personen ver netzt sind, die sie zum Teil noch nie facetoface ge troffen haben. Knapp ein Fünftel der Teil nehmer gibt sogar an, nur die Hälfte oder noch weniger ihrer Kontakte per sön lich zu kennen. Es er scheint plausibel, dass es diejenigen sind, die über be sonders große Netz werke ver fügen. Tatsäch lich haben sie aber mit im Durch schnitt 193 Kontakten nur leicht größere OnlineNetz werke. Wie er wartet, ist die durch schnitt liche Nähe zu den Kontakten im OnlineNetz werk gering. Nur 3 Prozent der Befragten geben an, allen ihren Kontakten so nahe zu stehen, dass sie diese zu ihrer Geburts tags feier einladen würden. Diese Personen haben mit 77 Kontakten be sonders kleine Netz werke. Es ver wundert nicht, dass sich die meisten Befragten bei den Antwortop tionen etwa die Hälfte und weniger als die Hälfte einordnen. Die Frage kann auf grund ihrer Formulie rung nur als Annähe rung an den NäheBegriff, wie er durch Generatoren im Rahmen von sozialen Netz werkanalysen erhoben wird, ver standen werden. Es wird deut lich, dass die Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen sich nicht als enge Freund 16% 17% 16% 11% 11% 8% 6% 5% 3% 2% 5% 0% 5% 10% 15% 20% 1 bis 49 50 bis 99 100 bis 149 150 bis 199 200 bis 249 250 bis 299 300 bis 349 350 bis 399 400 bis 449 450 bis 499 500 und mehr 225 schaften, aber zum Großteil zumindest als Bekannt schaften charakterisie ren lassen. Abbil dung 24: Bekannt heits grad und Nähe der Kontakte Basis: N = 1.301, gewichtete Stichprobe Allgemeine Normen zum Vor gehen beim Hinzufügen von Freunden scheinen sich noch nicht endgültig ge formt zu haben. Jeder ent scheidet individuell, ob er den Kontakt nach einmali gem Treffen mit einer Person im realen Leben anhand einer Freundschafts anfrage oder auch annahme intensivie ren will oder nicht. Auch in den qualitativen Interviews äußerten die Befragten unter schied liche Ver haltens weisen beim Herstellen von Kontakten auf den Netz werk platt formen. Zwischen dem einen Extrem, eine Ver bindung herzu stellen, sobald ein Bezug fest gestellt werden kann, oder gar aktiv neue Kontakte zu akquirie ren, und dem anderen Extrem, nur Personen zu be stäti gen und hinzu zufügen, die persön lich bekannt und sympathisch sind, ist viel Spiel raum. Bei den Geschlechtern ergaben sich nur geringe Unter schiede (Tabelle 38). Junge Frauen und Männer haben etwa gleich viele Freunde und sie unter scheiden sich auch nicht darin, ob sie ihnen nahe stehen oder ob sie die Personen schon einmal persön lich ge troffen haben. Hinsicht lich der Unter schei dung nach Alters gruppen ergab sich bei der Betrach tung der 12 bis 14Jährigen ein plausibles Ergebnis. Jugend liche in diesem Alter haben weniger Kontakte (M = 116) und kennen diese auch besser. Sie empfinden eine im Ver hältnis zu den anderen Alters gruppen geringere Nähe zu diesen Personen. Prozentsatz der Befragten, die angeben, wieviele ihrer Kontakte sie persönlich kennen, bzw. wieviele ihnen so nahestehen, dass sie sie zu ihrer Geburtstagsparty einladen würden. 44% 37% 8% 9% 2%3% 14% 20% 52% 12% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Alle Die meisten Etwa die Hälfte Weniger als die Hälfte Kaum jemand Bekanntheit Nähe 226 Tabelle 38: Kontakte nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Anzahl der Kontakte 185 194 177 116 266 211 155 Persön liche Bekannt heit* 2,46 2,50 2,42 2,63 2,46 2,38 2,42 Nähe zu den Kontakten* 4,12 4,12 4,13 3,63 4,18 4,26 4,28 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe * An gegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien 1 = kaum jemand 2 = weniger als die Hälfte, 3 = etwa die Hälfte, 4 = die meisten, 5 = alle Die formale Bildung hingegen scheint ein be deutende rer Einfluss faktor zu sein, wie in Tabelle 39 zu sehen ist. Auf fällig ist, dass Haupt schüler und Haupt schulabsolventen weniger Kontakte haben (M = 147). Realschüler und Realschulabsolventen haben im Schnitt etwa 25 Kontakte mehr und Gymna siasten bzw. Abiturienten haben wiederum 45 Kontakte mehr als die Realschüler und Realschulabsolventen. Ver mutlich ist dieser lineare Anstieg der Kontakte zum Bildungs grad auf den mit der höheren Bildung einher gehenden Wirkungs kreis im Alltag zurück zuführen. Ähnlich der jüngsten Alters gruppe kennen Haupt und Realschüler bzw. absolventen ihre Kontakte eher persön lich und empfinden tendenziell eine geringere Nähe zu ihren Kontakten als Nutzer höherer Bildungs grade. Tabelle 39: Kontakte nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Anzahl der Kontakte 185 147 174 219 202 103 116 Persön liche Bekannt heit* 2,46 2,67 2,54 2,26 2,44 2,58 2,49 Nähe zu den Kontakten* 4,12 3,80 4,11 4,34 4,20 3,85 3,72 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe * An gegeben sind Mittelwerte über die Antwort kategorien 1 = kaum jemand 2 = weniger als die Hälfte, 3 = etwa die Hälfte, 4 = die meisten, 5 = alle Geht man möglichen Unter schieden je Haupt netz werk nach, so ergibt sich, dass Nutzer auf Facebook im Schnitt 202 Kontakte haben. Das sind be deutend mehr als bei Usern auf den VZNetz werken, aber auch auf sonsti gen Netz werk platt formen. Dies könnte vor allem an der Inter nationali tät von Facebook liegen, so dass Nutzer die Möglich keit haben, auch Freunde aus dem Ausland hinzu zufügen. Zusätz lich kämpfen die VZNetz werke gegen den Ab wande rungs strom an. Es bleiben immer weniger Nutzer dort, damit minimiert sich eben falls der Kreis an Kontakten. Der Grad der Bekannt heit der Kontakte ist 227 auf Facebook geringer, während eine höhere Nähe zu den Kontakten empfun den wird. Kontakte hinzu fügen und Kontakte be stäti gen Wie gut die Nutzer ihre Kontakte wirk lich kennen und warum eine Person in die Freundes liste auf genommen wird, konnte durch die Kontextbefra gung besser be leuchtet werden. Das Hinzufügen eines neuen Freundes löste 215 situative Befra gungen aus, und der Fragebogen zur Bestäti gung einer Freundschafts anfrage wurde in 116 Fällen be antwortet (Abbil dung 25). Es zeigt sich, dass in beiden Fällen der größte Anteil der neuen Freunde auf der Sozialen Netz werk platt form Personen waren, die die Befragten eher flüchtig kannten. Mehr als ein Viertel der neuen Freunde zählte zum Freundes kreis der Nutzer. In knapp 22 Prozent der Fälle wurde eine eingehende Freundschafts anfrage eines „Freundes von einem Freund“ be stätigt, wohingegen nur in knapp 11 Prozent der Fälle „Freunde von Freunden“ aktiv hinzu gefügt wurden. Während bei weniger als 2 Prozent der Events eine Freundschafts anfrage von fremden Personen an genommen wurde, wurden in über 10 Prozent der Fälle Personen zur Freundes liste hinzu gefügt, die der Befragte gar nicht kannte. Ein interessan tes Ergebnis, das offenbart, dass ein Teil der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen Freundschafts anfragen an un bekannte Personen sendet. Abbil dung 25: Bekannt heits grad der hinzu gefügten und be stätigten Kontakte (Tracking) 10% 4% 11% 48% 27% 2% 3% 22% 45% 28% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Unbekannte Person Internetkontakt Freund eines Freundes Bekannter Person aus dem Freundeskreis Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 228 Sowohl beim Hinzufügen eines Freundes als auch beim Annehmen einer Freundschafts anfrage kannten die Befragten in der Mehrheit der Fälle die Person bereits seit einem Jahr oder länger (Abbil dung 26). Die Zahl der Fälle, in denen die Befragten eine Person zu ihrer Freundes liste hinzu fügten, die sie kürzer als eine Woche kannten, lag bei knapp 11 Prozent. In 15 Prozent der Fälle wurde die Freundschafts anfrage einer Person be stätigt, die der Befragte erst seit wenigen Tagen kannte. Demnach besteht nicht die Tendenz, dass die Teilnehmer Personen, denen sie in einer realen Situa tion im Alltag be gegnet sind, sofort auf einer Sozialen Netz werk platt form aus findig machen, um sie zur Liste ihrer Freunde hinzu zufügen. Der hohe Anteil der Personen, mit denen die Nutzer schon mehr als ein Jahr be freundet sind, spricht dafür, dass Jugend liche auf Sozialen Netz werk platt formen auch Bekannte wieder finden, die ihnen in der Ver gangen heit nahegestanden haben, zum Beispiel Klassen kameraden aus der Grundschule oder ehemalige Nachbarn. „Totes“ soziales Kapital kann so wieder belebt und eventuell zu einem späteren Zeitpunkt ab gerufen werden (Ellison, Steinfield & Lampe, 2007). Abbil dung 26: Dauer des Kennens Beim Hinzufügen eines neuen Freundes (M = 2,76; SD = 1,47) und beim Bestäti gen einer Freundschafts anfrage (M = 2,42; SD = 1,52) dachten die Pro banden am ehesten darüber nach, welche Vor teile es für sie hat, die Person zu ihren Kontakten hinzu zufügen (Abbil dung 27). Bei beiden Events machten sich die Befragten eher keine Gedanken darüber, was andere von ihnen denken. kürzer als eine Woche eine Woche bis zu einem Monat ein Monat bis zu einem Jahr ein Jahr oder länger Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 11% 12% 16% 51% 15% 8% 14% 62% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 229 Wird eine Freundschafts anfrage an genommen, denken die Befragten tenden ziell mehr darüber nach, was diese Handlung für ihre Privatsphäre be deutet (M = 2,13; SD = 1,49), welche Nachteile sich daraus ergeben könnten (M = 2,19; SD = 1,49) und welche Informa tionen der neue Freund von ihnen sehen wird (M = 2,35; SD = 1,55), als beim Hinzufügen eines neuen Freundes. Sowohl das Ver senden als auch das Bestäti gen einer Freundschafts anfrage sind Handlun gen, die spontan aus geführt werden, ohne länger über die Konsequenzen nach zudenken. Abbil dung 27: Über legungen beim Freunde hinzu fügen und Freundschafts anfragen be- antworten Skala: 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu Das Hinzufügen eines neuen Freundes dient vor allem dem Aus tausch mit anderen (M = 3,12; SD = 1,45) und der Beziehungs pflege (M = 2,98; SD = 1,39). Außerdem fügen die Befragten Personen zu ihrer Freundes liste hinzu, um sich deren Profil ansehen zu können (M = 3,08; SD = 1,45). Voyeurismus ist demnach ein Motiv, das eine ent scheidende Rolle spielt, wenn ein neuer Freund hinzu gefügt wird. Freundschafts anfragen werden vor allem be stätigt, um Beziehungen zu pflegen (M = 3,09; SD = 1,40). Außerdem nannten die Befragten Spaß (M = 2,84; SD = 1,43) und Gewohn heit (M = 2,83; SD = 1,42) als weitere Motive Ich habe mir zuvor Gedanken gemacht, … 1,92 2,24 1,95 2,76 2,032,13 2,35 1,84 2,42 2,19 0 1 2 3 4 5 … was es für meine Privatsphäre bedeutet. … welche Informationen er/sie von mir sehen wird. … was andere von mir denken. … welche Vorteile es für mich hat, diese Person hinzuzufügen. … welche Nachteile es für mich hat, diese Person hinzuzufügen. Freunde hinzufügen: n = 215; Anzahl Befragte = 72 Freundschaftsanfragen bestätigen: n = 116; Anzahl Befragte = 54 230 für das Annehmen von Freundschafts anfragen. Bei beiden Events er halten die Motive „Freundes liste er weitern“, „sich mit anderen ver bunden fühlen“ und „neue Leute kennen lernen“ moderate Zustim mung. In den Fällen, in denen eine Freundschafts anfrage an genommen wurde, hielten die Befragten es für unhöf lich, diese abzu lehnen (M = 2,29; SD = 1,31). Die Befragten wollen durch das Hinzufügen neuer Freunde und Bestäti gen von Freundschafts anfragen weder etwas mitteilen, noch Auf merksam keit von anderen be kommen, dazu gehören oder be ruflich etwas davon haben. 4.3.5 Selbstoffenba rungs typen Insgesamt lässt sich fest stellen, dass die in den Ab schnitten 4.3.1 bis 4.3.4 analysierten Unter schiede in den ver schiedenen Selbstoffenba rungs dimensionen hinsicht lich Alter, Geschlecht und formaler Bildung gering sind. Da sozio demografi sche Variablen offen bar nur ein geschränkt Einfluss auf das Online Selbstoffenba rungs verhalten haben, müssen andere Strukturen be dingen, wie sich die Jugend lichen und jungen Erwachsenen auf Sozialen Netz werk platt formen präsentie ren. Um das Selbstoffenba rungs verhalten detaillierter be trachten zu können, wurden die Befra gungs teilnehmer anhand der vier Dimensionen der OnlineSelbstoffenba rung in einer Cluster analyse24 zu Selbstoffenba rungs Typen ver dichtet. Als clusterbildend wurden dabei die schon zuvor be schriebe nen Variablen aus den Bereichen Profilinforma tionen, kommunikative Handlun gen, Nutzung der PrivatsphäreOptionen und Kontakte ver wendet. Dabei wurden Mittelwertindices der Variablen ver wendet. Die Anzahl der Kontakte floss in gruppierter Form ein, um extreme Aus reißer nach oben zu ver meiden. Eine varianzanalyti sche Aus wertung der clusterbilden den Variablen nach den drei ge bildeten Selbstoffenba rungs typen findet sich in Tabelle 40. Die Cluster wurden auf grund ihres spezifi schen Selbstoffenba rungs verhaltens auf Sozialen Netz werk platt formen als Vieloffen barer, Wenigoffen barer und Privatsphäre Manager benannt. Diese Klassifizie rung erinnert sehr an die bereits durch Taylor (2006) identifizierten Gruppen, der die Einstel lungen zur OnlinePrivat sphäre an einer repräsentativen Stichprobe von USBürgern unter suchte. 24 Als clusterbilden des Ver fahren wurde die TwoStepCluster analyse mit euklidi schem Distanzmaß und einer Rausch verzer rung von 1 Prozent ver wendet. Die Ent schei dung für drei Cluster er folgte auf grund einer Analyse mit dem WardVerfahren und aus Gründen der Interpretier bar keit. 231 Tabelle 40: Selbstoffenba rung nach Selbstoffenba rungs typ Viel- offen barer Wenig- offen barer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Profil-Informa tionen Name 0,89a 0,26 0,80b 0,32 0,90a 0,22 21,66 p < ,001 Allgemeine Informa tionen 0,74a 0,26 0,62b 0,26 0,82c 0,19 85,46 p < ,001 Kontaktinforma tionen 0,21a 0,21 0,14b 0,17 0,22a 0,23 24,97 p < ,001 Intime Profilinforma tionen 0,26a 0,38 0,12b 0,26 0,34c 0,38 62,43 p < ,001 (Skala: 0 = keine Informa tion an gegeben, 1 = alle Informa tionen an gegeben) Kommunikative Handlun gen Private Kommunika tion 3,28a 0,99 3,03b 0,84 4,27c 0,67 323,57 p < ,001 (Semi-)Öffent liche Kommunika tion 2,76a 0,98 2,38b 0,77 3,79c 0,74 424,99 p < ,001 Kommunika tion durch und über multimediale Inhalte 1,98a 0,87 1,63b 0,58 2,57c 0,94 190,53 p < ,001 (Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich) Nutzung der Privatsphäre-Optionen Sicht bar keit Profilinforma tionen 4,78a 0,94 3,04b 0,62 3,00b 0,61 270,60 p < ,001 Sicht bar keit Status meldun gen 4,89a 0,77 3,09b 0,66 2,98c 0,59 303,75 p < ,001 Sicht bar keit Fotos 4,64a 0,93 2,97b 0,61 2,94b 0,59 261,48 p < ,001 Sicht bar keit Liste der Kontakte 4,77a 0,86 3,15b 0,77 3,13b 0,80 156,66 p < ,001 Sicht bar keit Kontaktinforma tionen 3,34a 1,25 2,72b 0,71 2,76b 0,59 26,01 p < ,001 (Skala 1 = sehr restriktiv, 6 = sehr offen) Kontakte Anzahl Kontakte 3,71a 2,73 3,28a 2,01 5,80b 2,90 138,79 p < ,001 (gruppiert: 1 = 1–50 Kontakte, 2 = 51–100 Kontakte … 11 = 500 und mehr Kontakte) Nähe zu Kontakten 3,54 1,01 3,48 1,04 3,42 0,89 0,95 n. s. (Skala 1 = kaum jemand, 6 = alle) Bekannt heit der Kontakte 4,76a 1,11 5,31b 0,96 5,10c 0,95 21,07 p < ,001 (Skala 1 = kaum jemand, 6 = alle) Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Der Cluster der Vieloffen barer ist mit 164 Befragten am kleinsten (14 Pro zent). Personen, die zu dieser Gruppe ge hören, fallen vor allem durch ihre ver hältnis mäßig offenen PrivatsphäreEinstel lungen auf. Sie teilen auch häufiger ihren echten Namen und Kontaktinforma tionen mit als die Wenigoffen barer. Bei der Durch führung kommunikativer Handlun gen liegen sie im mittle ren Bereich, zwischen den Wenigoffenbarern und den PrivatsphäreManagern. Sie haben zwar in etwa genauso viele Kontakte wie die Wenigoffen barer, kennen diese aber persön lich seltener als die anderen Gruppen. Daraus könnte man schließen, dass es sich bei den Vieloffenbarern evtl. um Personen handelt, bei denen das Knüpfen neuer Kontakte über die Platt formen be sonders im Vorder 232 grund steht. Sie er leichtern durch Angabe ihres echten Namens und der Kontakt informa tionen ihre Auf find bar keit und das An geschrieben werden. Die relativ gesehen lockere ren PrivatsphäreOptionen tragen zusätz lich dazu bei, Kontakte knüpfen zu können. Dafür, dass die Vieloffen barer tatsäch lich auf Kontakt suche in den Netz werken sind, könnte auch der relativ gesehen geringe Bekannt heits grad ihrer Kontakte sprechen. Die Wenigoffen barer sind mit 581 Befragten in unserem Sample die größte Gruppe (48 Prozent). Sie fallen dadurch auf, dass sie nur wenige Informa tionen auf ihrem Profil teilen und weniger oft kommunikative Handlun gen auf den Platt formen aus führen als die anderen Gruppen. Ihre PrivatsphäreOptionen sind restriktiver und obwohl sie ähnlich viele Kontakte wie die Vieloffen barer auf weisen, kennen sie diese Kontakte am häufigsten persön lich. Die Gruppe der Wenigoffen barer zeichnet sich vor allem durch Zurück haltung in der Selbstoffenba rung aus. Man kann sie jedoch nicht als passiv be zeichnen. Obwohl die Werte bei den kommunikativen Handlun gen relativ zu den anderen Gruppen gering er scheinen, sprechen sie doch für eine regelmäßige Beteili gung an der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen. Außerdem zeigen die relativ gesehen restriktiv ein gestellten PrivatsphäreOptionen, dass die Wenigoffen barer sich mit ihnen be schäftigt und sie aktiv ein gestellt haben. Bei den Wenig offenbarern findet sich am ehesten die PrivatsphäreStrategie der Anonymi sie rung/Pseudonymisie rung wieder. In dieser Gruppe haben nur 80 Prozent ihren vollen Namen an gegeben. In Hinblick auf ihre Selbstoffen barung auf Sozialen Netz werk platt formen könnte man die Wenigoffen barer auch als „un auffällige Mitläufer“ be zeichnen, die zwar die Netz werke nutzen wollen, um mit ihnen be kannten Personen kommunizie ren zu können, aber die nicht mit Fremden inter agie ren möchten. Die dritte und letzte von uns identifizierte Gruppe sind die Privatsphäre Manager, es handelt sich um 468 Befragte (39 Prozent). Die Privatsphäre Manager gehen – ebenso wie die Wenigoffen barer – restriktiv bei der Einstel lung ihrer PrivatsphäreOptionen vor. Im Gegen satz zu ihnen offen baren sie aber viele Informa tionen innerhalb des Kreises ihrer Kontakte, zum einen über die Profilinforma tionen, zum anderen durch Kommunika tion auf den Platt formen. Sie sind deut lich kommunikativer als andere Nutzer und haben die mit Abstand größten Kontakt netz werke. Zusammen fassend ist diese Gruppe zwar sehr kommunikativ und offen herzig, aber sie schützt ihre Daten im Rahmen der sozialen Privatsphäre gegen über Außen stehen den durch die Nutzung der PrivatsphäreOptionen. Es lässt sich ver muten, dass diese Nutzer die Netz werk platt formEnthusiasten darstellen. Sie nutzen die kommunikativen Features intensiver als andere und „managen“ den Zugang zu ihren Informa tionen durch die Benut zung der vom Anbieter bereit gestellten Optionen. Im nächsten Analyseschritt be schreiben wir, wie sich die ge bildeten Cluster hinsicht lich soziodemografi scher Variablen und hinsicht lich der Nutzung 233 Sozialer Netz werk platt formen und der Nutzungs motive, die sie den An geboten zuschreiben, unter scheiden (Tabelle 41). Interessant ist zunächst, dass sich be züglich des Geschlechts keine signifikanten Unter schiede zwischen den drei Gruppen ergeben. Männliche und weib liche Befragte ver teilen sich in allen drei Clustern gleichmäßig. Beim Alter und der Bildung hingegen ergeben sich leichte Differenzen. Tabelle 41: Sozio-Demografie, Nutzungs häufig keit und Nutzungs motive nach Selbstoffen- barungs typ Viel- offen barer Wenig- offen barer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Alter* in Jahren 17,81a 3,69 18,94b 3,72 18,28a 3,21 8,46 p < ,001 Geschlecht* 1,41 0,49 1,51 0,50 1,47 0,50 2,62 n. s. (1 = männ lich, 2 = weib lich) Formale Bildung 1,97a 0,80 2,22b 0,78 2,19b 0,79 6,85 p < ,01 (1 = Haupt schule/Haupt schulabschluss; 2 = Realschule/Realschulabschluss; 3 = Gymnasium/Abitur) Facebook als Haupt netz werk* 0,90a 0,31 0,81b 0,39 0,96a 0,20 28,05 p < ,001 VZ-Netz werk als Haupt netz werk* 0,09a 0,29 0,18b 0,38 0,04a 0,20 26,34 p < ,001 Nutzungs häufig keit von SNS* 4,35a 0,90 4,33a 0,88 4,82b 0,46 59,39 p < ,001 (1 = seltener/nie, 2 = mehrmals im Monat, 3 = mehrmals wöchent lich; 4 = täglich; 5 = mehrmals täglich) Motiv Informa tion* 2,81a 0,84 2,59b 0,72 3,16a 0,85 69,33 p < ,001 Motiv Unter haltung 3,84a 0,90 3,57b 0,94 4,14c 0,82 52,92 p < ,001 Motiv Eskapismus 2,98a 0,94 2,59b 0,92 3,17a 0,95 52,39 p < ,001 Motiv Selbst darstel lung 2,92a 0,99 2,34b 0,86 3,02a 0,93 79,52 p < ,001 Motiv Pflege sozialer Beziehungen 3,50a 0,70 3,28b 0,68 3,86c 0,61 99,92 p < ,001 Motiv Knüpfen neuer Kontakte* 3,02a 1,18 2,34b 1,18 3,03a 1,34 46,35 p < ,001 Motiv Zu gehörig keits gefühl* 2,77a 1,05 2,41b 0,95 2,85a 1,05 27,02 p < ,001 (Skala: 1 = sehr unwichtig, 5 = sehr wichtig) Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b, c Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Die Vieloffen barer sind am jüngsten (M = 17,81; SD = 3,69) und weniger ge bildet (M = 1,97; SD = 0,80) als die beiden anderen Gruppen. Wie alle Gruppen sind sie am häufigsten bei Facebook aktiv (M = 0,90; SD = 0,31) und sie nutzen die Platt form im Durch schnitt täglich. Da es sich bei dem Selbst offenba rungs verhalten der Vieloffen barer im Ver gleich zu den anderen um das relativ gesehen riskanteste handelt, kann man ab leiten, dass es bei dem Umgang mit den PrivatsphäreOptionen auf Sozialen Netz werk platt formen noch ein leichtes Defizit bei Personen mit niedri ger Bildung und jüngeren Personen gibt. Soziale Netz werk platt formen werden, wie bereits fest gestellt, vor allem aus 234 dem Motiv der Unter haltung und der Beziehungs pflege heraus ge nutzt. Die Vieloffen barer liegen hinsicht lich ihrer Zustim mung zu diesen beiden Motiven im mittle ren Bereich zwischen den Wenigoffenbarern und den Privatsphäre Managern. Die Wenigoffen barer sind im Gegen satz zu den anderen Gruppen leicht älter (M = 19,94, SD = 3,72). Auf fallend ist, dass sie weniger oft Facebook als Haupt netz werk nutzen als die anderen Gruppen (M = 0,81; SD = 0,39). Dieser Umstand be stätigt den Eindruck von der Trägheit und des „Mitläufertums“ dieser Gruppe. Sie ge hören nicht zu den EarlyAdoptern von Facebook. Dem allgemeinen Sog hin zu dem USamerikani schen Anbieter haben die Wenig offen barer bisher offen bar am stärksten wieder standen. Natür lich ist die Markt führer schaft von Facebook in dieser Gruppe dennoch unangefochten und deut lich. Kaum über raschend ist, dass die Wenigoffen barer die Sozialen Netz werk platt formen seltener nutzen. Ver blüffend hingegen ist, dass sie dennoch im Mittel zumindest täglich auf die An gebote zugreifen (M = 4,33; SD = 0,88). Dieses Ergebnis zeigt sehr deut lich, dass selbst Personen, die auf Sozialen Netz werk platt formen hinsicht lich kommunikativer Aktionen weniger aktiv sind, die An gebote durch aus regelmäßig rezeptiv nutzen. Das Dabeisein und nichts zu ver passen scheint für diese relativ gesehen große Gruppe an Nutzern ein wichti ger Punkt bei der Teilnahme zu sein. Sie nehmen zwar nicht täglich aktiv an der Selbstoffenba rung teil, möchten aber über die Neuig keiten auf der Platt form informiert bleiben. Dieses Ver haltens muster wurde auch schon in den qualitativen Interviews identifiziert. Den Motiven Unter haltung und Be ziehungs pflege stimmen auch die Wenigoffen barer über wiegend zu. Insgesamt weisen sie aber bei allen Motiven geringere Werte auf als die anderen Cluster. Ihre zurück haltende, im Ver gleich zu den anderen Clustern als passiv zu be zeichnende Nutzung, könnte sowohl als Grund als auch als Folge der ver gleichs weise geringen Gratifika tionen gesehen werden. Die PrivatsphäreManager liegen beim Alter im mittle ren Bereich (M = 18,28; SD = 3,21) und heben sich nicht durch die formale Bildung von den Wenig offenbarern ab (M = 2,19; SD = 0,79). Sie nutzen Facebook als hauptsäch liches Netz werk (M = 0,96; SD = 0,20). Wie er wartet, handelt es sich bei ihnen um die aktivsten Nutzer. Sie frequentie ren ihre Soziale Netz werk platt form mit einem Mittelwert von M = 4,82 noch häufiger als die anderen Gruppen. Die PrivatsphäreManager stimmen allen von uns ab gefragten Motiven ver hältnis mäßig stark zu, dem Unter hal tungs motiv und dem Motiv, das die Pflege und Auf rechterhal tung sozialer Beziehung be schreibt, sogar noch stärker als die Vieloffen barer. Und auch bei den Motiven Informa tion und Eskapismus liegen ihre Mittelwerte deut lich im Zustimmungs bereich der Skala. Dieser Umstand ver stärkt den Eindruck, dass es sich bei ihnen um die Netz werk platt form Enthusiasten handelt, die dort am aktivsten sind und die höchste Gratifika tion aus den Platt formen ziehen können. 235 4.4 Ergeb nisse zur Privatsphäre und zum Daten schutz Jugend liche und junge Erwachsene nutzen Soziale Netz werk platt formen sehr intensiv und ziehen daraus vielfältige Gratifika tionen. Vielleicht wird ihnen deshalb so schnell unter stellt, dass sie sich weniger um den Schutz ihrer Privatsphäre sorgen als ältere Nutzer. Ein undifferenziertes Pauschalurteil kann jedoch auf Basis der durch geführten Sekundäranalyse und auf grund der Ergeb nisse der qualitativen Befra gung so nicht beibehalten werden. Die Analyse der Daten aus der quantitativen Befra gung wird im ersten Ab schnitt dieses Kapitels ein detaillierte res Bild liefern. Ein wichti ger Aspekt im Rahmen der Sorge um die Privatsphäre ist der mögliche Ver lust von Autonomie, der Kontroll verlust, den Selbstoffenba rungs hand lungen im Social Web mit sich bringen. Zudem sollen die möglichen Risiken, die durch die Ver öffent lichung gegen über dem Betreiber und durch Dritte ent stehen können, quantifiziert werden. Im zweiten Teil dieses Kapitels widmen wir uns den negativen Erfah rungen, die junge Nutzer auf Sozialen Netz werk platt formen und im Internet bereits ge macht haben. Im letzten Ab schnitt dieses Kapitels be schäfti gen wir uns mit Urheber rechten und den Persönlich keits rechten. 4.4.1 Sorge um die Privatsphäre und Beurtei lung der Risiken Um der Frage nach der Sorge und Privatsphäre auf quantitativer Basis nach zukommen, wurde eine neue Kurz skala ent wickelt, da herkömm liche Skalen für den Gegen stand Sozialer Netz werk platt formen und insbesondere für die unter suchte Alters gruppe unge eignet er schienen. Die Skala teilt sich in einer explorativen Faktoren analyse in zwei Subdimensionen, das Autonomiebedürfnis und die Sorge um die eigene Privatsphäre hinsicht lich bereits online ver öffentlichter Informa tionen (Tabelle 42). Die Dimension Autonomiebedürfnis mag zunächst über raschen; da die Einschrän kung des autonomen Handelns aber die Haupt konsequenz einer ein geschränkten Privatsphäre ist (Rössler, 2001), stellt das Autonomiebedürfnis um gekehrt einen wichti gen Teil der Sorge um die Privatsphäre dar. Die andere Dimension deckt Sorgen ab, die sich auf bereits ver öffentlichte Inhalte der Nutzer be ziehen. Beide Dimensionen korrelie ren schwach negativ miteinander (Pearson’s r = –,13; p < ,001). Demnach hängt ein ver stärktes Autonomiebedürfnis hinsicht lich der OnlinePrivatsphäre mit weniger starken Sorgen auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte zusammen. 236 Tabelle 42: Faktoren analyse zur Sorge um die Privatsphäre Autonomie- bedürfnis Sorge auf grund ver- öffentlichter Inhalte Es ist mir wichtig, selbst be stimmen zu können, wer im Internet etwas über mich erfährt und wer nicht. ,85 Es ist mir wichtig, selbst zu be stimmen, wer im Internet Kontakt mit mir auf nehmen kann. ,81 Ich über lege mir sehr genau, welche Informa tionen ich auf Sozialen Netz werk platt formen über mich preis gebe und welche nicht. ,81 Ich finde es be ängstigend, wie viele Informa tionen online über mich ver fügbar sind. ,80 Einige Inhalte, die über mich im Netz zu finden sind, sind mir pein lich. ,79 Jemand, der un bedingt etwas Persön liches über mich heraus finden möchte, kann das im Internet sehr leicht tun. ,78 Erklärte Varianz 34,51 31,36 Eigen wert 2,07 1,88 Cronbach’s α ,77 ,70 Mittelwert 4,15 2,52 Standardabweichung 0,83 0,96 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach Kaiserkriterium Erklärte Gesamtvarianz: 65,8 Prozent; KMO = ,7 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Skala:1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu In Ergän zung zu der im vorigen Absatz geschilderten Skala wurden die Teilnehmer zu ihrer Einschät zung potenzieller Gefahren quellen auf der von ihnen hauptsäch lich ge nutzten Netz werk platt form ge fragt. Dabei wurden neben Risiken, die durch den Anbieter ent stehen können, vor allem Risiken durch die Peergroup, aber auch Risiken durch Eltern und Lehrer, sowie Krimi nelle ab gefragt. Über raschender weise zeigte eine explorative Faktoren analyse, dass sich die Items in die Subdimensionen Risiken durch natür liche Personen und Risiken durch den Anbieter auf teilen (Tabelle 43). Alle natür lichen Personen, sogar solche, die Krimi nelles im Schilde führen, laden auf demselben Faktor. Diese Zweitei lung ent spricht der Annahme von RaynesGoldie (2010), dass die Nutzer zwischen einer sozialen und einer institu tio nellen Privatsphäre differen zie ren. Die soziale Privatsphäre bezieht sich auf die Privatsphäre im sozialen Umfeld, gegen über Personen, die mehr oder weniger bekannt sind. Die institutio nelle Privatsphäre bezieht sich auf die Privat heit gegen über daten verarbeiten den Organisa tionen und der werbetreiben den Wirtschaft, von der an genommen werden kann, dass sie zwar personen bezogene Daten ver knüpft, aber anonymi siert ver arbeitet. Die beiden Subdimensionen korrelie ren auf dem Niveau Pearson’s r = ,38 (p < ,001). Je misstraui scher ein Nutzer gegen über dem Betreiber ist, desto misstraui scher ist er auch gegen über natür lichen Personen. 237 Tabelle 43: Faktoren analyse zur Risikoeinschät zung Ich halte es für wahrschein lich, dass … Risiken durch natür lich Personen Risiken durch den Anbieter … Bekannte oder Freunde von mir auf [Netz werk platt form] Informa tionen über mich ver öffent lichen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 0,84 … Bekannte von mir Informa tionen auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich zu ärgern und zu ver spotten. 0,84 … Bekannte oder Freunde von mir Fotos auf [Netz werk- platt form] hochladen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 0,82 … ein Krimi neller mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu benutzt, um mich heim lich zu be obachten. 0,76 … Bekannte oder Freunde von mir mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich heim lich zu be obachten. 0,69 … andere Personen (z. B. Eltern, Lehrer/Dozenten, Arbeit- geber) mein Profil auf [Netz werk platt form] dazu be nutzen, um mich auszu spionie ren. 0,62 … die Betreiber von [Netz werk platt form] meine Daten für Werbung nutzen. 0,91 … die Betreiber von [Netz werk platt form] meine persön- lichen Daten an andere Firmen weiter geben. 0,87 Erklärte Varianz 3,57 1,81 Eigen wert 44,61 22,62 Cronbach’s α ,87 ,80 Mittelwert 2,49 3,34 Standardabweichung 0,95 1,18 Haupt komponenten analyse, VarimaxRotation, Extrak tion nach Kaiserkriterium Erklärte Gesamtvarianz: 67,2 Prozent; KMO = ,85 Ladungen < .4 wurden in der Darstel lung aus geblendet Skala: Von 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Die vier Faktoren aus beiden Fragen wiesen jeweils eine aus reichende Reliabili tät von Cronbach’s α ≥ ,7 auf und wurden als Mittelwertindices ge bildet. Drei der Indices ver teilen sich annähernd normal, der Index zum Autonomiebedürfnis weist eine deut lich links schiefe Ver teilung und einen Decken effekt auf. Über 28 Prozent der Stichprobe stimmten allen drei Auto nomieItems voll und ganz zu. Den Teilnehmern ist ihre Autonomie im Social Web also durch aus wichtig, wie auch der hohe Mittelwert von M = 4,15 (SD = 0,83) aus drückt. Der Durch schnitt des Indices, der be schreibt, inwiefern sich die Nutzer Sorgen auf grund der von ihnen bereits ver öffent lichten Inhalte machen, ist dagegen mit M = 2,52 (SD = 0,96) geringer und liegt im Ableh nungs bereich der Skala. Die Befragten sorgen sich also insgesamt gesehen weniger darum, dass die von ihnen ver öffent lichten Inhalte dazu beitragen könnten, ihre Privatsphäre zu ver letzen. Neben der Erklä rung, dass junge Men schen sich keine Sorgen machen, obwohl sie viele Daten über sich ver öffent licht 238 haben, ist es ebenso plausibel anzu nehmen, dass sie ihr eigenes Selbstoffen barungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen als an gemessen empfinden und dass es im Einklang mit ihrem subjektiven Privatsphäre empfinden steht. In Kombina tion mit den Ergeb nissen zum Selbstoffen barungsverhalten aus Ab schnitt 4.3 kann dies als erneute Bestäti gung für das PrivacyParadox an gesehen werden. Obwohl die Teilnehmer Sozialer Netz werk platt formen zum Teil sehr detaillierte Informa tionen über sich offen baren, sorgen sie sich gleich wohl um ihre Privatsphäre und geben an, ein hohes Bedürfnis nach Autonomie zu haben. Von welchen Gruppen Bedrohungen für die eigene Privatsphäre aus gehen, wird von den Jugend lichen unter schied lich ein geschätzt. Die Risiken zur sozialen Privatsphäre (M = 2,49; SD = 0,95) werden dabei als geringer ein geschätzt als die zur institu tio nellen (M = 3,34; SD = 1,18). Dieses Ergebnis ver wundert nicht, da eines der Items, auf denen der Index „Risiken durch den Betreiber“ basiert, auf die Nutzung der persön lichen Daten für Werbezwecke abzielt. Diese Praxis ent spricht der Realität und den Geschäfts modellen der Anbieter, was auch der Mehrzahl der Jugend lichen und jungen Erwachsenen bekannt ist. Aber auch das andere Item, das die Einschät zung der Weiter gabe personen bezogener Daten erfasst, weist einen ähnlich hohen Durch schnitts wert auf, so dass von einem Misstrauen gegen über den Geschäfts praktiken der Betreiber Sozialer Netz werk platt formen ge sprochen werden kann. Der ver gleichs weise hohe Mittelwert der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber zeigt, dass den Jugend lichen und jungen Erwachsenen durch aus bewusst ist, dass hinter der von ihnen ge nutzten Sozialen Netz werk platt form ein Anbieter steht, der mit der Bereit stel lung der von ihnen ge nutzten Infrastruktur Geld ver dient. Wenn diese Risiken bewusst in Kauf ge nommen werden, gehen die Nutzer damit eine Art Tausch handel – kosten lose Nutzung der Platt form gegen Bewirtschaf tung ihrer persön lichen Daten – ein (Hann, Hui, Lee & Png, 2002). Die Gefahr, dass natür liche Personen die Angaben in Sozialen Netz werk platt formen missbräuch lich ver wenden könnten, wird aber dennoch von den Befragten wahrgenommen, wie der Mittelwert des Indices nahe dem Skalen mittel zeigt. Da in dem Index, der die Risikoeinschät zung durch natür liche Personen be schreibt, sehr unter schied liche Gefahren zusammen gefasst wurden, erfolgt in Tabelle 44 eine Auf listung der Mittelwerte der einzelnen Items. Es fällt auf, dass die Gefahr, der heim lichen Beobach tung durch Peers oder Dritte höher ein geschätzt wird als der Upload unerwünschter Inhalte. Die Gefahr wegen der Inhalte, die auf Sozialen Netz werk platt formen ver fügbar sind, Opfer von Spott und Hänseleien oder gar CyberMobbing zu werden, wird eben falls eher gering ein geschätzt. Die Gefahr, dass ihre Angaben auf Sozialen Netz werk platt formen krimi nellen Machen schaften dien lich sein könnten, hat eben falls einen relativ geringen Mittelwert. 239 Tabelle 44: Mittelwerte und Standardabweichung der Risikoeinschät zung Ich halte es für wahrschein lich, dass … Mittelwert Standard- ab weichung Risiken durch den Anbieter … die Betreiber von [Haupt netz werk] meine persön lichen Daten an andere Firmen weiter geben. 3,21 1,24 … die Betreiber von [Haupt netz werk] meine Daten für Werbung nutzen. 3,47 1,34 Risiken durch natür liche Personen … Bekannte oder Freunde von mir auf [Haupt netz werk] Informa- tionen über mich ver öffent lichen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 2,42 1,18 … Bekannte oder Freunde von mir Fotos auf [Haupt netz werk] hochladen, von denen ich nicht möchte, dass sie öffent lich sind. 2,49 1,20 … Bekannte oder Freunde von mir mein Profil auf [Haupt netz- werk] dazu be nutzen, um mich heim lich zu be obachten. 2,71 1,26 … Bekannte von mir Informa tionen auf [Haupt netz werk] dazu be nutzen, um mich zu ärgern und zu ver spotten. 2,23 1,23 … andere Personen (z. B. Eltern, Lehrer/Dozenten, Arbeit geber) mein Profil auf [Haupt netz werk] dazu be nutzen, um mich auszu- spionie ren. 2,71 1,28 … ein Krimi neller mein Profil auf [Haupt netz werk] dazu benutzt, um mich heim lich zu be obachten. 2,37 1,19 N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Skala: 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Ein interessantes Detail ergebnis liefert ein Blick auf die Korrela tionen zwischen den vier Einstel lungs indices, die die Sorge um die Privatsphäre aus drücken, wie in Tabelle 45 zu sehen ist. Der stärkste Zusammen hang findet sich zwischen der Sorge, die sich Personen auf grund der von ihnen ver öffent lichten Inhalte machen und den Risiken, die sie durch die missbräuch liche Nutzung von Privatpersonen sehen (Pearsons’s r = ,54; p < ,001). Den Befragten ist bewusst, dass sich die Risiken, die für ihre soziale Privatsphäre ent stehen können, erhöhen, wenn sie viel von sich preis geben. Die hier ge messene Risikoeinschät zung ist ver mutlich ab hängig vom Selbstoffenba rungs verhalten der Nutzer. Da die Unter suchung als Querschnitt an gelegt wurde, kann die Frage der Kausali tät an dieser Stelle nicht ab schließend ge klärt werden. 240 Tabelle 45: Korrela tionen zwischen den Indices zur Sorge um die Privatsphäre Autonomie- bedürfnis Sorge auf- grund ver- öffentlichter Inhalte Risiken durch natür lich Personen Risiken durch den Anbieter Autonomiebedürfnis – –,13* –,16* ,02 Sorge auf grund ver öffentlichter Inhalte – ,54* ,20* Risiken durch natür liche Personen – ,38* Risiken durch den Anbieter – N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Zweiseitige Korrela tion nach Pearson * signifikant auf dem Level p < ,001 Wie bereits in den Ab schnitten 4.2.2 und 4.3.1, sollen nun die Unter schiede in der Sorge um die Privatsphäre hinsicht lich der soziodemografi schen Merk male Geschlecht, Alter und Bildung sowie der ge nutzten Netz werk platt form fest gestellt werden. Tabelle 46: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Geschlecht und Alter Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) Autonomiebedürfnis 4,15 4,03 4,26 4,11 4,05 4,11 4,26 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte 2,52 2,59 2,44 2,55 2,52 2,59 2,44 Risiken durch Betreiber 3,34 3,51 3,16 3,02 3,31 3,53 3,40 Risiken durch natür liche Personen 2,49 2,57 2,40 2,52 2,52 2,55 2,40 N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices, Skala: 1 = stimme über haupt nicht zu bis 5 = stimme voll und ganz zu Die Mittelwert unterschiede hinsicht lich des Geschlechts sind wenig über raschend (Tabelle 46). Während weib liche Nutzer ihr Bedürfnis nach Autonomie betonen, sind männ liche Nutzer ver gleichs weise eher besorgt auf grund der Inhalte, die bereits im Netz über sie öffent lich sind, und sie schätzen die Risiken hinsicht lich der institu tio nellen und sozialen Privatsphäre höher ein. Aus den Daten lässt sich ab leiten, dass gerade für junge Frauen die Autonomie noch wichti ger ist als für junge Männer. Männliche Jugend liche und junge Erwach sene hingegen schätzen die Risiken durch den Betreiber oder natür liche Personen höher ein. Beim Ver gleich der Indices nach Alters gruppen fällt zunächst auf, dass weder die Sorge auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte, noch die Einschät zung von Risiken, die durch das Umfeld oder andere Personen ent stehen könnten, variieren. Beide steigen also nicht im Laufe des Alters an. Dieses 241 Ergebnis ist zunächst ver blüffend, da ver mutet werden könnte, dass mit zuneh men dem Alter und damit gleichzeitig zunehmen der Zeit, die online ver bracht wurde, die Zahl an OnlineSelbstoffenba rungs akten an steigt. Ein kleiner Unter schied zeigt sich aber bei der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber. 12 bis 14jährige Nutzer schätzen diese als geringer ein als alle anderen Alters gruppen. Dies ist plausibel, da sie ver mutlich noch ein geringe res Ver ständnis für die Business modelle und die Geschäfts absicht der Anbieter mit bringen. Plausibler weise ist das Autonomiebedürfnis der 21 bis 24Jährigen am höchsten. Diese Alters gruppe hat die Lebens phase Jugend bereits hinter sich ge lassen und be findet sich im jungen Erwachsenenalter. Es sind jedoch nicht die Jüngsten, die einen signifikanten Mittelwert unterschied zu den Ältesten auf weisen, sondern die Gruppe der 15 bis 17Jährigen, die durch ein vergleichs weise geringes Autonomiebedürfnis auf fällt. Diese Alters gruppe zeichnete sich bereits in Kapitel 4.3 durch eine hohe Selbstoffenba rung aus. Die erneute Auf fällig keit kann als Hinweis darauf ge deutet werden, dass die Selbstoffen barung auf Sozialen Netz werk platt formen speziell in der späten Jugend eine be sondere Funktion einnimmt und dass Zusammen hänge zwischen der Sorge um die Privat sphäre und dem Alter nicht als linear an genommen werden dürfen. In Bezug auf die Bildung sind den höher Gebildeten zwar die Risiken durch die Betreiber der Sozialen Netz werk platt formen be wusster, jedoch sorgen sich Haupt schüler eher als Gymnasiasten um Risiken, die durch natür liche Personen ver ursacht werden (Tabelle 47). Bei der Unter schei dung nach den ge nutzten Haupt netz werken ergibt sich ein be sonders be merkens werter Unter schied: Demnach sehen die Nutzer von Facebook in dem Betreiber eher einen Risiko verursacher (M = 3,45; SD = 1,16) als die Nutzer der VZNetz werke (M = 3,02; SD = 1,10) oder sonsti ger Netz werke (M = 2,52; SD = 1,12). Den FacebookNutzern ist eventuell be sonders bewusst, dass sich der Anbieter über die wirtschaft liche Nutzung ihrer personen bezogenen Daten finanziert, da gerade der USamerika ni sche Anbieter diesbezüg lich anhalten der Medien kritik aus gesetzt ist. Tabelle 47: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach formaler Bildung und Haupt- netzwerk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) Autonomiebedürfnis 4,15 4,11 4,17 4,14 4,12 4,21 4,29 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte 2,52 2,59 2,54 2,46 2,54 2,43 2,41 Risiken durch Betreiber 3,34 2,98 3,31 3,59 3,45 3,02 2,52 Risiken durch natür liche Personen 2,49 2,57 2,54 2,39 2,49 2,55 2,39 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Mittelwertindices auf einer Skala von 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 242 In der varianzanalyti schen Betrach tung der Selbstoffenba rungs typen hinsicht lich der Sorge um die Privatsphäre fällt zunächst auf, dass sich die Vieloffen barer durch ein, im Ver hältnis zu den anderen Typen, geringes Autonomie bedürf nis aus zeichnen (Tabelle 48). Ihnen ist es offen bar weniger wichtig, dass sie ihren zukünfti gen Hand lungs spiel raum durch Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen einschränken, oder das Bewusstsein dafür ist bei ihnen geringer aus geprägt. Insgesamt geben aber auch die Vieloffen barer an, ein hohes Bedürfnis nach Autonomie zu haben (M = 3,76). Die Wenigoffen barer machen sich geringere Sorgen auf grund der von ihnen bereits ver öffent lichten Inhalte als die anderen Gruppen. Das ist nicht ver wunder lich, schließ lich ver öffent lichen sie kaum etwas. Obwohl die PrivatsphäreManager den Zugriff auf ihre Daten stark einschränken, unter scheidet sich die von dieser Gruppe aus gedrückte Sorge auf grund der von ihnen ver öffent lichten Inhalte nicht von der der Vieloffen barer. Hinsicht lich der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber unter scheiden sich die drei Cluster nicht. Gegen über den Risiken be züglich der sozialen Privatsphäre zeigen sich insbesondere die Privatsphäre Manager sensibel, sie schätzen diese signifikant höher ein als beispiels weise die Wenigoffen barer. Die Gruppe der PrivatsphäreManager zeichnet sich insgesamt durch ein hohes Risikobewusstsein aus, was ihr kontrolliertes Han deln, bei dem zwar viel ver öffent licht wird, aber auch ver sucht wird, Kontrolle über das Publikum zu be halten, plausibel er scheinen lässt. Tabelle 48: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Selbstoffenba rungs typ Viel- offen barer Wenig- offenbarer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Autonomiebedürfnis* 3,76a 0,95 4,23b 0,80 4,14b 0,80 20,83 p < ,001 Sorge durch bereits ver öffentlichte Inhalte* 2,67a 0,93 2,38b 0,89 2,66a 1,01 13,14 p < ,001 Risiken durch den Betreiber 3,38 1,20 3,36 1,12 3,45 1,18 0,84 n. s. Risiken durch natür liche Personen* 2,50 0,96 2,35a 0,85 2,69b 1,02 16,89 p < ,001 Varianzanalysen; Basis N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu 243 4.4.2 Negative Erfah rungen und Einstel lung zu Persönlich keits und Urheber rechten Dass Jugend liche auf unter schied liche Weise in Sozialen Netz werk platt formen Informa tionen von sich preis geben, haben wir bereits fest gestellt (Kap. 4.3). Dass sie dabei zum Teil sehr freizügig mit den eigenen Informa tionen umgehen, er scheint bedenk lich, wenn diese Freizügig keit un beabsichtigt oder auf grund der Unkenntnis von PrivatsphäreOptionen geschieht. Wenn Personen selbst ihre eigene Privatsphäre durch unvorsichti ges Ver halten ge fährden, ist dies eine Sache – eine andere, neue Qualität bekommt das Thema jedoch, wenn durch das Ver öffent lichen von Textinforma tionen oder Bildern die Rechte Dritter missachtet werden. Darauf werden wir in diesem Ab schnitt ein gehen. Zunächst be trachten wir die negativen Erfah rungen, die die Nutzer bereits auf Sozialen Netz werk platt formen ge macht haben. Im Anschluss fokussie ren wir auf die Ver letzung von Persönlich keits rechten im Internet und die Einstel lung der Nutzer Sozialer Netz werk platt formen diesbezüg lich. Danach gehen wir auf Ver letzungen des Urheber rechts ein. Zum Ab schluss evaluie ren wir, wie sich diese Punkte hinsicht lich der drei von uns ge bildeten Selbstoffenba rungs typen unter scheiden. Von den von uns be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen geben 14 Prozent an, dass sie ganz allgemein bereits negative Erfah rungen auf Sozia len Netz werk platt formen ge macht haben. Männliche Teilnehmer, die 15 bis 17Jährigen und Gymnasiasten stimmen dieser Frage eher zu als ihre jeweiligen Ver gleichs gruppen (Tabelle 49). Außerdem weisen auch die Nutzer kleine rer Netz werke (Sonstige) hier einen höheren Wert auf als die Nutzer von Facebook oder der VZNetz werke. In der offenen Abfrage, die der Frage nach negativen Erleb nissen folgte, wurden vor allem das un gewollte Ver öffent lichen von Fotos ohne vor herige Erlaubnis ge nannt (29 Nennun gen). Auf Platz zwei und drei folgen Beleidi gungen (19 Nennun gen) und das Einfangen von Viren durch FakeLinks (18 Nennun gen). Aber auch, dass keine Kontrolle über die ver öffentlichte Informa tion besteht, thematisie ren die Befragten (14 Nennun gen). Zudem geben einige an, bereits von Cybermobbing be troffen ge wesen zu sein (13 Nennun gen). Technische Probleme (12 Nennun gen) und (sexuelle) Belästi gung sind weitere Punkte, die häufiger ge nannt werden (11 Nennun gen). Da das un gefragte Ver öffent lichen von Fotos oder anderen Informa tionen ein Problem auf Sozialen Netz werk platt formen darstellt, das die Privatsphäre in be sonde rer Weise be trifft, wurden nach folgend alle Teilnehmer ge fragt, inwiefern sie bereits davon be troffen waren und ob sie bereits selbst Inhalte ins Netz ge stellt haben, über die sich andere be schwert haben (Tabelle 49). Es zeigt sich, dass insgesamt 38 Prozent der Stichprobe – also viel mehr als auf die allgemeine Frage reagiert haben – bereits mit Inhalten im Netz konfrontiert wurden, mit denen sie nicht einverstanden waren. Um gekehrt geben nur 23 Pro 244 zent an, dass bereits Beschwerden von anderen über die von ihnen ver öffent lichten Inhalte ein gegangen sind. Männliche Teilnehmer und Jugend liche der mittle ren beiden Alters gruppen stimmen den Items eher zu. Zudem nimmt in unserer Stichprobe die Zustim mung zu beiden Items mit steigen der Bildung ab. Gegen über den Sonsti gen Netz werken geben die Nutzer von Facebook an, häufiger mit den Inhalten, die andere von ihnen ins Netz stellen, nicht ein verstanden zu sein (Tabelle 50). Dass Jungen und junge Männer eher von diesen Erfah rungen be troffen sind, deckt sich mit den Ergeb nissen der Studie von Hasebrink und Rohde (2009). Die Autoren stellen jedoch auch einen be deutsamen Anstieg gerade in der Alters klasse der 18 bis 20Jährigen fest, der bei unseren Daten schon in der Alters klasse der 15 bis 17Jährigen statt findet und geringer aus fällt. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich das Alter, in dem die ersten negativen Erfah rungen mit dem Internet geschehen, etwas weiter ab gesenkt hat. Zudem ist fest zustellen, dass die von uns er mittelten Werte ein deut lich höheres Niveau auf weisen, das neben Unter schieden im methodi schen Vor gehen und be züglich der Stichprobe25 auch darauf zurück zuführen sein kann, dass der Umgang mit der Ver öffent lichung von Inhalten, die andere zeigen oder be treffen, sich zwischen 2009 und 2011 weiter liberalisiert hat. Tabelle 49: Negative Erfah rungen nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die bereits negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge- macht haben. 14 17 11 15 17 14 13 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einver- standen waren. 38 41 34 30 42 44 34 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat. 23 29 16 23 26 24 20 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die dem jeweili gen Item zumindest teil weise zustimmen, in Prozent 25 Bei der Stichprobe des HansBredowInstituts handelte es sich um 12 bis 24jährige Onliner, die per CATI interviewt wurden. Die Frage wurde zudem dichotom formuliert. 245 Tabelle 50: Negative Erfah rungen nach formaler Bildung und Haupt netz werk Befragte, … Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die bereits negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge- macht haben. 14 14 13 16 14 14 20 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einver- standen waren. 38 41 39 35 39 35 29 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat. 23 28 24 19 23 20 22 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten, die dem jeweili gen Item zumindest teil weise zustimmen, in Prozent Insgesamt stellen wir fest, dass ein Großteil der jungen Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen bereits negative Erfah rungen, die sich insbesondere auf das Ver öffent lichen von Inhalten be ziehen, ge macht hat. Es muss sich dabei nicht aus schließ lich um böswillige Ver öffent lichungen handeln, sondern auch das Hochladen von Inhalten, das zwar in guter Absicht geschah, aber dennoch als unangemessen empfunden wird, kann zu Beschwerden führen. Darum ist es relevant, welche Einstel lung die Nutzer gegen über der Wahrung ihrer eigenen und der Persönlich keits rechte anderer haben (Tabelle 51 und Tabelle 52). Wir haben die Teilnehmer ge fragt, inwiefern sie es in Ordnung finden, Inhalte zu ver öffent lichen, die andere Personen be treffen, ohne diese vorher zu fragen. Außerdem haben wir ab gefragt, wie die Befragten es selbst be werten, wenn ohne ihre Erlaubnis Inhalte über sie online ge stellt werden. Mit 39 Prozent hat ein großer Teil der Stichprobe keine Bedenken, Fotos (oder andere Inhalte) online zu stellen, auf denen auch andere Personen ab gebildet sind, ohne zuvor die Zustim mung dieser einzu holen. Ihre Einstel lung zur Achtung der Persönlich keits rechte anderer ist also recht locker. Um gekehrt finden es sogar 42 Prozent der Teilnehmer auch okay, wenn sie selbst von dieser Praxis be troffen sind. Die Mehrheit der Nutzer sieht sich aber dadurch in ihren Persönlich keits rechten be einträchtigt. Beide Items korrelie ren auf sehr hohem Niveau von Pearson’s r = ,73 (p < ,001). Das be deutet, dass die Bereit schaft, die Persönlich keits rechte anderer zu missachten, mit einer ge steigerten Akzeptanz dieses Ver haltens einher geht, wenn die Nutzer selbst be troffen sind und um gekehrt. Wiederum zeigen männ liche Teilnehmer eine höhere Toleranz gegen über Ver letzungen von Persönlich keits rechten durch Dritte, und auch die beiden 246 mittle ren Alters gruppen weisen einen höheren Anteil an Personen auf, die diesen Items zustimmen (Tabelle 51). Die Unter schiede bei der Bildung sind hingegen nur gering (Tabelle 52). Beim Haupt netz werk sticht Facebook be sonders hervor. Die Nutzer dieses Netz werks zeigen sich wesent lich toleranter, sowohl mit Blick auf die Ver letzung der eigenen als auch auf die Persönlich keits rechte anderer. Tabelle 51: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf tauchen, ins Internet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 39 42 35 29 42 45 37 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 42 45 38 29 48 46 42 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 52: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf tauchen, ins In- ternet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 39 40 37 39 41 27 24 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 42 43 41 42 44 28 34 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Aus den qualitativen Leitfaden interviews wissen wir, dass es zu dem Umgang mit den Persönlich keits rechten recht differenzierte Meinun gen gibt. Einige Interviewte äußerten dort, dass sie unter allen Umständen stets darüber infor miert sein wollen, was über sie im Netz zu finden ist. Andere machen sich darüber kaum Gedanken oder gehen davon aus, dass der Upload von Fotos und Videos im Sinne ihrer Freunde und Bekannten in Ordnung ist, und dass die eigenen Kontakte im Sinne der Betroffenen handeln und schon nichts 247 Negatives online stellen werden. Dass die Digital Natives in dieser Frage ge spalten sind, zeigen auch die quantitativen Ergeb nisse ganz deut lich. Eine allgemeingültige Norm, wie mit der Wahrung der Persönlich keits rechte anderer umzu gehen ist, existiert bisher nicht. Auch wenn die Mehrheit das un gefragte Teilen persön licher Inhalte Dritter über das Netz ablehnt, findet es ein beacht licher Anteil der 12 bis 24Jährigen in Ordnung, die Persönlich keits rechte anderer nicht zu wahren, indem zuvor die Zustim mung ein geholt wird. Ein weiterer Punkt, der viel diskutiert wird, ist der Umgang der Digital Natives mit Urheber rechten. Wir haben im Fragebogen danach ge fragt, ob die Nutzer schon einmal Inhalte (Texte, Fotos, Videos) online ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen, und inwiefern sie dieses Ver halten tolerie ren. Insgesamt 47 Prozent der Stichprobe stimmten beiden Items mehr heit lich zu. Der Umgang mit Urheber rechten ist damit noch etwas laxer als bei den Persönlich keits rechten. Die Korrela tion zwischen beiden Items zum Urheber recht beträgt Pearson’s r = ,41 (p < ,001), was verg lichen mit den anderen be rechneten Koeffizienten in diesem Ab schnitt gering ist. Der Zusammen hang zwischen der Einstel lung zum Urheber recht und tatsäch lichen Ver letzungen desselben ist weniger groß. Eventuell ist den Befragten, die bereits gegen das Urheber recht ver stoßen haben, indem sie Inhalte hoch geladen haben, dieser Rechts verstoß bewusst. Insgesamt lässt sich fest stellen, dass den jungen Nutzern die im Rechts gutachten (Teil III) be handelten Problematiken damit wenig bewusst sind oder sie diese ignorie ren. Hinsicht lich soziodemografi scher Merkmale und dem Haupt netz werk zeich net sich dasselbe Muster wie bei den Persönlich keits rechten ab. Männliche Nutzer haben bereits häufiger gegen das Urheber recht ver stoßen als weib liche und tolerie ren dies auch eher. Die 15 bis 17Jährigen geben am häufigsten an, bereits gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben (Tabelle 53). Die Akzeptanz von Ver stößen hingegen ist bei der Alters gruppe 18 bis 20 Jahre be sonders hoch. Formale Bildung scheint die Einstel lung und das Ver halten mit Bezug auf das Urheber recht in ge wisser Weise zu be einflussen. Haupt schüler geben be sonders häufig an, bereits gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben, wäh rend Gymnasiasten Ver stöße gegen das Urheber recht eher tolerie ren (Tabelle 54). Erneut sind es die FacebookNutzer, die zu einem be sonders hohen Prozent satz an geben, gegen das Urheber recht ver stoßen zu haben und dieses Ver halten auch in Ordnung finden. 248 Tabelle 53: Umgang mit Urheber rechten nach Geschlecht und Alter Befragte, … Gesamt männ lich weib lich 12–14 Jahre 15–17 Jahre 18–20 Jahre 21–24 Jahre (N = 1.301) (n = 665) (n = 636) (n = 263) (n = 282) (n = 325) (n = 432) … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 47 49 45 45 52 48 44 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 47 52 41 39 49 54 44 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Tabelle 54: Umgang mit Urheber rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk Befragte, … Gesamt Haupt- schule Real- schule Gym- nasium Face- book VZ-Netz- werke Sons- tige (N = 1.301) (n = 325) (n = 455) (n = 520) (n = 1.070) (n = 137) (n = 94) … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 47 50 47 45 49 34 40 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 47 44 46 49 49 36 35 Basis: N = 1.301; ge wichtete Stichprobe Anteil der Befragten in Prozent Zum Schluss dieses Ab schnitts werfen wir erneut einen Blick auf die Selbstoffenba rungs typologie, die wir in Ab schnitt 4.3.5 ge bildet haben und ver gleichen sie hinsicht lich der negativen Erfah rungen, die sie bereits ge macht haben, ihren Einstel lungen zu Persönlich keits rechten und zum Urheber recht. Diese Ver gleiche er folgen mittels einfaktorieller Varianzanalysen, deshalb wurden nicht die prozentuierten Werte der Zustim mung zu den Items ver wendet, sondern die Originalitems auf der fünfstufigen Skala (Tabelle 55). Über raschender weise sind es insbesondere die PrivatsphäreManager, die sich dadurch aus zeichnen, eher negative Erfah rungen auf Sozialen Netz werk platt formen ge macht zu haben (M = 0,18; SD = 0,39). Sie unter scheiden sich damit signifikant von den Wenigoffenbarern (M = 0,11; SD = 0,32), aber nicht von den Vieloffenbarern (M = ,12; SD = ,33). Dies ist be merkens wert, denn das Ver öffentlichungs verhalten der Vieloffen barer ist ver gleichs weise riskanter. Das Muster, dass die PrivatsphäreManager hohe Werte auf weisen, sich aber nicht signifikant von den Vieloffenbarern unter scheiden, zeigt sich in allen unter suchten Bereichen. Die PrivatsphäreManager und Vieloffen barer scheinen eher 249 schlechte Erfah rungen ge macht zu haben. Sie neigen eher zu Ver stößen gegen Persönlich keits und Urheber recht und sind gegen über diesen auch toleranter ein gestellt als die Wenigoffen barer. Die Wenigoffen barer zeichnen sich durch niedrige Werte in allen Bereichen aus. Sie haben weniger oft etwas ins Internet ge stellt, über das sich andere be schwert haben und waren auch um gekehrt bisher weniger oft davon be troffen, dass jemand etwas über sie ins Internet ge stellt hat, mit dem sie nicht ein verstanden waren. Auch bei Persönlich keits rechten und Urheber recht fallen sie durch geringe Zustimmungs werte auf. Die zurück haltende und vor sichtige Selbstoffenba rungs strategie der Wenigoffen barer auf Sozialen Netz werk platt Tabelle 55: Negative Erfah rungen, Umgang mit Persönlich keits rechten und Urheber recht nach Selbstoffenba rungs typ Befragte, … Viel- offen barer Wenig- offenbarer Privatsphäre- Manager F Sign. (n = 164) (n = 581) (n = 468) M SD M SD M SD Negative Erfah rungen … die bereits negative Erfah run- gen auf Sozialen Netz werk platt- formen ge macht haben. (0 = nein, 1 = ja) 0,12 0,33 0,11a 0,32 0,18b 0,39 5,07 p < ,01 … von denen jemand Fotos oder Informa tionen ins Netz ge stellt hat, mit denen sie nicht einverstanden waren.* 1,90a 1,27 1,56b 1,06 1,98a 1,33 17,78 p < ,001 … die selbst schon einmal Dinge ins Internet ge stellt haben, über die sich jemand be schwert hat.* 2,37 1,42 2,11a 1,34 2,52b 1,45 11,58 p < ,001 Umgang mit Persönlich keits rechten … die es in Ordnung finden, Inhalte, in denen andere auf- tauchen, ins Internet zu stellen, ohne diese vorher zu fragen. 2,33a 1,26 2,07b 1,09 2,48a 1,25 16,05 p < ,001 … die es in Ordnung finden, wenn andere Informa tionen über sie ins Internet stellen, ohne sie vorher zu fragen. 2,40a 1,29 2,07b 1,09 2,55a 1,23 22,18 p < ,001 Umgang mit Urheber rechten … die selbst schon Dinge ins Internet ge stellt haben, an denen sie kein Urheber recht besaßen. 2,74a 1,47 2,17b 1,37 2,97a 1,49 42,45 p < ,001 … die es in Ordnung finden, etwas ins Internet zu stellen, woran sie kein Urheber recht be sitzen. 2,49 1,24 2,28a 1,16 2,69b 1,28 14,94 p < ,001 Varianzanalysen; Basis: N = 1.213, ge wichtete Stichprobe a, b Mittelwerte mit unter schied lichen Kennbuchstaben unter scheiden sich signifikant nach dem Games HowellPostHocTest (p < ,05) * LeveneTest sign. mit p < ,05 Skala: 1 = trifft über haupt nicht zu bis 5 = trifft voll und ganz zu, sofern nicht anders an gegeben 250 formen ist also nicht darauf zurück zuführen, dass sie bereits eigene schlechte Erfah rungen ge macht haben. 4.5 Ergeb nisse zum PrivacyParadox 4.5.1 Regres sions analyti sche Betrach tung des PrivacyParadox Unsere nächste empiri sche Forschungs frage bezieht sich auf den Einfluss, den die Sorge um die Privatsphäre auf das tatsäch liche Selbstoffenba rungs verhalten hat. Es er scheint plausibel anzu nehmen, dass Personen, die sich in hohem Maße um die eigene Privatsphäre sorgen, weniger ver öffent lichen und sich auch sonst im Onlinebereich vor sichti ger ver halten. Tatsäch lich zeigen frühere Studien jedoch, dass dies nicht, oder nur in sehr geringem Umfang, der Fall ist (vgl. Ab schnitt 4.3.5). Dieser Umstand wird als PrivacyParadox be zeichnet. Zur Über prüfung des PrivacyParadox mit unseren Daten haben wir zunächst vier Regressionen be rechnet. Dabei wurde der Einfluss der unabhängi gen Variablen (Sorge um die Privatsphäre und Risikoeinschät zung) auf die vier Selbstoffenba rungs dimensionen fest gestellt. Wir haben dabei die gleichen Dimensionen der Selbstoffenba rung ver wendet wie in Ab schnitt 4.3.5, allerdings wurden zur Ver einfachung der Darstel lung be stimmte Kennwerte aus gewählt. So wird die Dimension Profilinforma tionen durch einen Summen index aus gedrückt, der angibt, wie viele Einzelinforma tionen ein Befragter auf seinem Profil aus gefüllt hat (maximal 17). Bei den Selbstoffenba rungs hand lungen wurden das Schreiben von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen, sowie das Hochladen und Kommentie ren von Fotos als be sonders typische Handlun gen der Kommunika tion auf Sozialen Netz werk platt formen zu einem Mittelwert index zusammen gefasst. Bei den PrivatsphäreOptionen wurden alle ab gefragten Bereiche, in denen diese ein gestellt werden können, eben falls zu einem Summen index zusammen gefasst. Obgleich die so ge bildete Skala ordinales Daten niveau besitzt, wird sie im Folgenden als quasimetrisch be trachtet. In Bezug auf das Publikum wurde die Anzahl der Freunde heraus gegriffen. Die Ergeb nisse der Regres sions analysen finden sich in Tabelle 56. Insgesamt zeigt sich, dass die Ergeb nisse zwar signifikant sind, aber die Variablen der Selbstoffenba rung meist nur zu einem sehr geringen Anteil durch die unabhän gi gen Variablen erklärt werden können. Das korrigierte R² liegt bis auf eine Aus nahme nahe Null. Die Summe der Profilinforma tionen, die Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen und die Anzahl der Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen lassen sich nicht durch die Sorge er klären. 251 Tabelle 56: Einfluss der Sorge um die Privatsphäre auf die Online-Selbstoffenba rung Unabhängige Variablen Ab hängige Variablen Anzahl Profilinfor- ma tionen Selbstoffen- ba rungs- Handlun gen Privat- sphäre- Optionen Anzahl Kontakte Modell 1 2 4 5 Beta Beta Beta Beta Sorge auf grund ver öffentlichter Inhalte –,00 ,20*** –,10*** –,09** Autonomiebedürfnis –,08** ,02 ,05 ,04 Risiken durch den Betreiber ,09** –,10*** ,01 ,17*** Risiken durch natür liche Personen –,04 ,20*** –,12** ,00 R² 0,01 ,33 0,02 0,04 Korr. R² 0,01 ,11 0,02 0,04 F 3,54** 40,17*** 5,67*** 13,07*** df 4 4 4 4 Basis: N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 Einzig bei den Handlun gen wird eine er klärte Varianz von korr. R² = ,11 er reicht. Der Einfluss der Einschät zung von Risiken durch den Betreiber liefert dabei einen geringen negativen Erklä rungs beitrag β = –,10. Eine höhere Ein schät zung der Risiken, die durch den Betreiber drohen, führt demnach zu weniger Aktivi täten der (semi)öffent lichen Kommunika tion auf den Netz werk platt formen. Die Erklä rungs beiträge der Variablen Sorge auf grund bereits ver öffentlichter Inhalte und Risiken durch natür liche Personen sind mit β = ,20 höher. Diese sind jedoch, anders als er wartet, positiv gerichtet. Es scheint demnach so zu sein, dass Personen, die sich diesbezüg lich mehr Sorgen machen, auch mehr Inhalte ver öffent lichen. Plausibel wäre es, anzu nehmen, dass die Sorge um die Privatsphäre aus dem bereits ge tätigten Ver halten resultiert. Mit den Querschnittdaten kann die Kausali tät des Zusammen hangs nicht ab schließend ge klärt werden. Fest zuhalten ist jedoch, dass der Einfluss der Sorge auf das Selbstoffenba rungs verhalten auch in unserer Studie gering ist und sich somit das PrivacyParadox erneut be stätigt. Wie auch aus den quali tativen Parts dieser Studie zu schließen ist, ist das Ver hältnis der jungen Nutzer zu ihrer Privatsphäre konträr. Einer seits sind sie sich der Risiken bewusst, die die Teilnahme an Sozialen Netz werk platt formen mit sich bringt. Anderer seits er fordert die Teilnahme tendenziell eine Aufgabe der eigenen Privatsphäre und eine Restrukturie rung dessen, was als privat und was als öffent lich gelten soll. Dies führt zu einem Wider spruch zwischen Einstel lungen und Handlun gen. Da die Sorge um die Privatsphäre nicht das ent scheidende Element bei der Erklä rung der Selbstoffenba rung zu sein scheint, wurde nach anderen Einfluss variablen ge sucht. In einigen früheren Studien wurden bereits Zusammen hänge 252 zwischen Persönlich keits merkmalen und der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen hergestellt. Der BigFiveAnsatz hat sich als psychologi sches Konzept zur Erfas sung der Persönlich keit bereits in den 1980er Jahren zur Beschrei bung von individuellen Unter schieden durch gesetzt und etabliert (Asendorpf, 2007; John & Srivastava, 1999). Die BigFivePersönlich keits eigen schaften wurden im Fragebogen mittels einer Kurz skala ab gefragt und zu Mittelwertindices zusammen gefasst. Zusätz lich wurde er gänzend das Persönlich keits merkmal „Need to Belong“ auf gegriffen, weil es als sich gerade in jüngeren Studien als be deutsamer Einfluss faktor für die Beteili gung auf Sozialen Netz werk platt formen er wiesen hat (Winter, Haferkamp, Stock & Kramer, 2011). Auch hier wurde ein Mittelwertindex ge bildet26. Eine regres sions analyti sche Betrach tung mit den sechs Persönlich keits variablen als Regressoren, er brachte eben falls nur geringe Erklä rungs beiträge und un befriedigende Ergeb nisse (Tabelle 57). Wieder ist das Modell, in dem 26 Die Skalen zu Ver träglich keit, Neurotizismus und Offen heit für Erfah rungen wiesen Cronbach’s α < ,7 auf. Die ver gleichs weise geringe interne Konsistenz der Skalen resultiert ver mutlich aus der inhalt lich breiten Erfas sung der Faktoren, die nur auf drei Items pro Skala beruht („Reliabili tätsValidi tätsDilemma“ vgl. Lang and Lüdtke, 2005, S. 35). Da an genommen werden kann, dass die BigFiveDimensionen tatsäch lich ver schiedene Unter dimensionen ab bilden, werden die niedri gen Reliabili täts werte akzeptiert und die Skalen wurden dennoch als Mittelwertindices ge bildet, nachdem die Items, die der Konsistenz der Skalen stark ent gegen standen, ent fernt wurden. Tabelle 57: Einfluss der Persönlich keits eigen schaften auf die Online-Selbstoffenba rung Unabhängige Variablen Ab hängige Variablen Anzahl Profilinfor- ma tionen Selbstoffen- ba rungs- Handlun gen Privat- sphäre- Optionen Anzahl Kontakte Modell 1 2 3 4 Beta Beta Beta Beta Ver träglich keit 0,06 – 0,06* 0,12*** – 0,03 Gewissen haftig keit – 0,02 0,00 – 0,07* – 0,09** Extra version 0,09** 0,22*** – 0,11*** 0,26*** Neurotizismus 0,00 0,11*** – 0,119*** – 0,01 Offen heit für Erfah rungen 0,03 0,09 – 0,03 – 0,03 Need to Belong 0,05 0,13*** 0,06 0,08* R² 0,02 0,11 0,03 0,06 Korr. R² 0,02 ,10 0,03 0,06 F 4,84*** 26,16*** 6,81*** 14,08*** df 6 6 6 6 Basis: N = 1.301, ge wichtete Stichprobe Multiple Regres sions analyse, EinschlussVerfahren, listen weiser Fall ausschluss * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 253 die Selbstoffenba rungsAktivi täten die ab hängige Variable bilden, am besten durch die BigFiveMerkmale erklär bar, doch auch hier ist das korrigierte R² gering. Die Variable, die über alle Modelle hinweg den höchsten Erklä rungs beitrag liefert, ist Extra version. Extra vertierte Personen offen baren sich mehr als andere. 4.5.2 Der Einfluss von Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit Da auch die Betrach tung der Persönlich keits merkmale zu Ergeb nissen führte, die das Selbstoffenba rungs verhalten auf Sozialen Netz werk platt formen nur unzu reichend er klären können, prüfen wir im Anschluss das in Teil I Ab schnitt 2.3.4 ab geleitete Modell. Es bezieht Nutzungs motive und Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen als Prädiktoren der Selbstoffen barung ein. Da in unserer Querschnitts erhe bung eine vollständige Prüfung des integrierten Ver haltens modells nicht möglich war – hierzu wären mindestens zwei Erhe bungs zeitpunkte notwendig ge wesen und die zusätz liche Abfrage der Bewer tung von Vor stel lungen – be trachten wir nur die in Abbil dung 2 (Teil I, Kap. 2.3.4) wieder gegebenen Einfluss dimensionen und be rechnen ihren Einfluss auf die von den Befragten an gegebene Selbstoffenba rung. Um das Modell kompakt zu halten, wurden nur aus gewählte Einfluss variablen auf genommen. Auf die Auf nahme von Persönlich keits merkmalen und soziodemografi schen Eigen schaften, die ihrer seits Einfluss auf Motive, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit ausüben könnten, haben wir bewusst ver zichtet. Bei den Motiven haben wir uns für die Selbst darstel lung und die Beziehungs pflege ent schieden, da diese beiden Variablen im Gegen satz zu den anderen Dimensionen die Selbstoffenba rung be sonders be einflussen könnten. Unter haltung, Eskapismus und Informa tion sind Gratifika tionen, die schon durch eine rein rezeptive Nutzung Sozialer Netz werk platt formen er reicht werden können; auch das Zu gehörig keits gefühl kann, so wie es in unserer Studie operationalisiert wurde, bereits durch rein rezeptive Handlun gen be friedigt werden. Selbst darstel lung und Beziehungs pflege hingegen nicht27. Hinsicht lich der Einstel lungen, die die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen hemmen könnten, haben wir uns für die soziale Privatsphäre, also die Wahrneh mung von Risiken, die durch natür liche Personen ver ursacht werden, ent schieden. Außerdem geht die Ansicht der Befragten zur Autonomie ein, weil unsere vorher gehenden Analysen ge zeigt haben, dass hier ein ge wisser 27 Es wird nicht aus geschlossen, dass auch die anderen vier Gratifika tionen sich durch aktive Teilhabe an Sozialen Netz werken erhöhen. Da das Motiv Knüpfen neuer Kontakte nur durch ein einzelnes Item ab gefragt wurde und dieses Motiv bei den Nutzern nicht im Vordergrund stand, wurde es eben falls aus der Analyse aus geschlossen. 254 Zusammen hang mit der Selbstoffenba rung besteht. Bei den subjektiven Normen zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen und zur Privatsphäre haben wir uns auf deskriptive Normen be schränkt, die in zwei Mess modellen ab gebildet wurden; sie be schreiben, welches Ver halten ein Nutzer in seiner sozialen Umgebung bei den anderen wahrnimmt. Die deskriptiven Normen sind im Ver gleich zu den injunktiven Normen im Kontext der Social Networking Sites evtl. kognitiv leichter ab rufbar. Bezüg lich der Selbst wirksam keit unter scheiden wir die SocialWebSelbst wirksam keit von der PrivatsphäreSelbst wirksam keit. Die SocialWebSelbst wirksam keit drückt aus, inwiefern die Befragten sich in der Lage sehen, eigene Inhalte im Social Web zu ver öffent lichen, während sich die PrivatsphäreSelbst wirksam keit darauf bezieht, inwiefern sie es für möglich halten, ihre Privatsphäre dort schützen zu können. Wir prüfen im Folgenden unser Modell dahin gehend, welche unabhängi gen Variablen die Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werkseiten be einflussen. Ins gesamt analysie ren wir das Modell für jede der vier Dimensionen der Selbst offenba rung ge sondert: Erstens für die Anzahl der Profilinforma tionen, zweitens für die kommunikativen Selbstoffenba rungs aktivi täten, drittens für die Restrik tivi tät der PrivatsphäreEinstel lungen, und viertens für die Anzahl der Kontakte. Tabelle 58: Korrela tionen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit Motiv Selbst- darstel - lung Motiv Bezie- hungs- pflege Risiken der sozialen Privat- sphäre Einstel - lung zur Autono- mie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privat- sphäre in SNP Social- Web- Selbst- wirksam- keit Motiv Beziehungs- pflege ,74*** – – – – – – Risiken der sozialen Privatsphäre ,39*** ,16*** – – – – – Autonomie –,17*** ,16*** –,22*** – – – – Normen zur Nutzung von SNP ,25*** ,51*** ,11** ,22*** – – – Normen zur Privat- sphäre in SNP ,22*** ,31*** –,04 ,31*** ,15*** – – Social-Web- Selbst wirksam keit ,04 ,20*** –,06 ,19*** ,28*** ,06 – Privatsphäre- Selbstwirksam keit ,01 ,21*** –,17*** ,34*** ,26*** ,24*** ,62*** Basis: N = 1.301 Zweiseitige Korrela tion nach Pearson * p < ,05 ** p < ,01 *** p < ,001 In den nach stehen den Abbil dungen (Abbil dung 28 bis Abbil dung 31) wurden die unabhängi gen Variablen aus Darstel lungs gründen durch Ellipsen symboli siert. Hinter jeder unabhängi gen Variable steht ein Mess modell, das einen 255 aus reichen den Modelfit von CFI > ,90 und RMSEA < ,10 auf weist. Detaillierte Angaben zu den Mess modellen können dem OnlineAnhang ent nommen wer den. In den Strukturgleichungs modellen wurden Korrela tionen zwischen den unabhängi gen Variablen zu gelassen, denn es er scheint plausibel, dass diese unter einander zusammen hängen und/oder von Drittvariablen, wie z. B. den Persönlich keits eigen schaften, be einflusst werden. Die Korrela tionen zwischen den unabhängi gen Variablen können Tabelle 58 ent nommen werden. Diese Korrela tionen werden später in den Darstel lungen der Strukturgleichungs modelle durch graue Pfeile symbolisiert. Die Werte der Korrela tionen werden aus Darstel lungs gründen nicht in diese Abbil dungen über tragen. Als ab hängige Variablen werden im Modell die bereits ge nannten vier Dimensionen der Selbstoffenba rung be trachtet. Das Modell wurde daher ins gesamt viermal empirisch ge prüft. Die vier Modelle werden im Folgenden be schrieben und an schließend verg lichen. Die erste ab hängige Variable in Modell 1 bildet die Anzahl der Profilinforma tionen, die ein Nutzer insgesamt auf seinem Profil ver öffent licht hat (Abbil dung 28). Abbil dung 28: Modell 1 – Strukturmodell mit der Anzahl der Profilinforma tionen als ab- hängige Variable χ² = 6262,4; p < ,001 df = 1840 CFI = ,937 RMSEA = ,021 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Anzahl der Profilinformationen ,16 –,07 ,29** –,20*** –,09* ,10* –,07* ,19*** ,02 256 Das Modell er reicht eine Varianz aufklä rung von R² = 16, die als eher klein zu be werten ist. Dennoch lässt sich fest stellen, dass die von uns integrierten Variablen die Summe der auf dem Profil ver öffent lichten Informa tionen – im Gegen satz zur reinen Betrach tung der Risikowahrneh mung und der Sorge um die Privatsphäre (Tabelle 56) – zu einem ge wissen Grad er klären können. Es tragen jedoch nicht alle Faktoren in gleicher Weise zur Varianz aufklä rung bei: Drei Variablen, das Motiv Selbst darstel lung, die Norm zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen und die PrivatsphäreSelbst wirksam keit, leisten keinen signifikanten Beitrag. Die Anzahl der Profilinforma tionen ist also nicht von diesen Regressoren ab hängig. Insbesondere das Motiv der Beziehungs pflege ist be deutsam (β = ,29). Dies ist plausibel, denn viele aus gefüllte Informa tionen auf dem Profil können die Beziehungs pflege er leichtern, z. B. können durch die Angabe von Hobbys und Interessen Gemeinsam keiten betont werden und durch die Angabe von weite ren Kontakt möglich keiten, wie z. B. der InstantMessengerAdresse, kann die Kontakt aufnahme er möglicht werden. Ein ge steigertes Nutzungs motiv zur Pflege sozialer Beziehungen führt daher dazu, mehr Informa tionen auf dem Profil zu ver öffent lichen. Ein weiterer Regressor, der einen ge wissen Einfluss ausübt, ist die SocialWebSelbst wirksam keit (β = ,19). Personen, die sich in der Lage sehen, das Social Web wirksam zu be dienen, neigen eben falls dazu, mehr Profilinforma tionen auszu füllen. Wie er wartet, üben die subjektiven Normen zur Privatsphäre einen negativen Einfluss aus (β = –,07), während die Normen zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen einen positiven Beitrag leisten (β = ,10). Insgesamt haben die subjektiven Normen für die Selbstoffen barung über Profilinforma tionen eine ver gleichs weise geringe Bedeu tung. Bei den Einstel lungen zu den Risiken ist es so, dass sowohl eine hohe Wahrneh mung der Risiken zur sozialen Privatsphäre zu weniger aus gefüllten Informa tionen auf dem Profil führt (β = –,09), als auch eine höhere Wertschät zung der Autonomie (β = –,20). Diese Variablen haben also durch aus einen Einfluss auf die OnlineSelbstoffenba rung, jedoch ist dieser im Zusammen spiel mit dem Nutzen, sozialen Normen und der Selbst wirksam keit zu sehen, die die Selbstoffenba rung eben falls be einflussen. Bei den Nutzer profilen handelt es sich um eher statische Formen der Selbstoffenba rung. Sie bleiben über einen längeren Zeitraum be stehen und werden nur selten ver ändert, wie die TrackingAnalyse ge zeigt hat. Dynamische Formen der Selbstoffenba rung – einzelne Kommunika tions akte – gewinnen zunehmend an Bedeu tung und haben gerade auf Facebook – dem von unserer Stichprobe am häufigsten ge nutzten Netz werk – einen identi täts stiften den Stellen wert. Dieser Teil bereich der Selbstoffenba rung er scheint be sonders relevant, da sich hier die Selbstoffenba rung durch Hinzufügen von immer neuen Inhalten aggregiert und be ständig im Umfang zunimmt und sich ver ändert. Daher be trachten wir im zweiten Modell als ab hängige Variable die Häufig keit, 257 mit der solche Handlun gen aus geführt werden (Abbil dung 29). Die Variable Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werk platt formen aggregiert dabei als Mittel wertindex die durch schnitt liche Häufig keit, mit der die Aktivi täten Status mel dun gen posten, an Pinnwände schreiben, Fotos hochladen und Fotos kommen tie ren aus geführt werden. Abbil dung 29: Modell 2 – Strukturmodell mit den Selbstoffenba rungs-Aktivi täten als ab- hängige Variable Das Modell liefert eine gute Varianz aufklä rung von R² = ,43. Das von uns ver mutete Zusammen spiel von Motiven, Einstel lungen und Normen leistet einen wichti gen Beitrag zur Erklä rung von Selbstoffenba rungs hand lungen auf Sozialen Netz werk platt formen. Selbst wirksam keits erwar tungen spielen hingegen keine Rolle, sie sind keine signifikanten Prädiktoren. Den höchsten Einzel betrag liefert das Motiv Selbst darstel lung (β = ,37). Das Posten von Inhalten erfüllt offen bar diese Gratifika tions leis tung. Dem Uses andGratifica tionsAnsatz folgend ist es plausibel, dass daher Personen, die mit diesem Motiv die Platt formen nutzen, ver stärkt dazu neigen, häufiger Selbstoffenba rungsAktivi täten in Form von Posts und FotoUploads auszu χ² = 6293,6; p < ,001 df = 1840 CFI = ,938 RMSEA = ,022 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Selbstoffenbarungs- Aktivitäten aus SNP ,43 ,37*** ,07 –,15*** ,07* ,22*** ,17*** ,06 ,02 258 führen und so ihre OnlineIdentität aktiv zu ge stalten. Interessanter weise spielt die Beziehungs pflege als Prädiktor für die Selbstoffenba rungs aktivi täten keine Rolle. Obwohl es sich um kommunikative Aktivi täten handelt, scheint die Präsenta tion der eigenen Person als Motiv bei der (semi)öffent lichen Kommu ni ka tion deut lich im Vordergrund zu stehen. Während die Einschät zung von Risiken zur sozialen Privatsphäre (β = ,07) kaum einen Einfluss hat, führt eine erhöhte Sensitivi tät in Bezug auf die Autonomie dazu, dass weniger ge postet, hoch geladen und kommentiert wird (β = –,15). Selbstoffenba rungs hand lungen könnten schließ lich die Autonomie zukünftig einschränken. Personen, die sehr viel Wert darauf legen, ver halten sich dementsprechend zurück halten der. Der Einfluss der Normen, sowohl zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen (β = ,22) als auch der zum Umgang mit der Privatsphäre auf den Netz werk platt formen, ist positiv (β = ,17). Für die Nutzung der Platt formen er scheint die positive Richtung auf Anhieb schlüssig. Dass auch der Einfluss der Normen zur Privatsphäre positiv ist, mag zunächst über raschen: Ein als gering wahr genommener Privatsphäreschutz der Referenz gruppe führt nicht dazu, dass auch weniger auf die eigene Privatsphäre ge achtet wird, indem ver stärkt eigene Inhalte hoch geladen werden. Stattdessen ist es so, dass Personen, die in ihrem Umfeld den sorgsamen Umgang mit der Privatsphäre fest stellen, dazu neigen, öfter Selbstoffenba rungsAktivi täten auszu führen. In einem Klima des gegen seiti gen Ver trauens ist der Upload von Inhalten an gemessener und wird häufiger durch geführt. Nutzer, die in ihrem Umfeld einen nach lässigen Umgang be obachten, ver halten sich hingegen zurück haltend. Wer zum sozialen Umfeld, in dem die Informa tionen ge postet werden, gehört, kann der Nutzer theoretisch einschränken, indem er die Privatsphäre Optionen ent sprechend anpasst. Die Zugänglich keit zu den ge teilten Informa tionen ist die ab hängige Variable in Modell 3 (Abbil dung 30). Dabei wurde ein Mittelwertindex über alle ab gefragten Bereiche, für die PrivatsphäreEinstel lungen vor genommen wurden, ge bildet. Aus der deskriptiven Aus wertung wissen wir, dass die Varianz in der Stichprobe bei den Privatsphäreop tionen gering ist. Die meisten Nutzer wählen die Einstel lung so, dass alle ihre Inhalte nur ihren Freunden auf der Kontakt liste zugäng lich sind. Das dritte Modell weist die geringste Varianz aufklä rung auf (R² = ,07)28. Vor stel lungen, Normen und Selbst wirksam keit er klären die Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen nur unzu reichend. Die ab hängige Variable ist unter Umständen aus zwei Gründen unge eignet für die Betrach tung in einem Struktur gleichungs modell. Streng genommen besitzt sie nur ordinales Daten niveau und außerdem weist die Mehrzahl der Befragten denselben Wert auf (M = 3,18; 28 Da die Frage nach der Einstel lung der PrivatsphäreOptionen nicht von allen Befragten be antwortet wurde, weißt Modell 3 eine geringere Fallzahl von N = 1.220 auf. 259 SD = ,66): Die Nutzer be schränken den Zugriff auf ihre Informa tionen auf die Kontakte, mit denen sie auf den Sozialen Netz werk platt formen ver bunden sind. In Kapitel 4.3 haben wir bereits fest gestellt, dass sich dieser Standard offen bar etabliert hat. Nur wenige weichen davon ab und ver wenden restriktivere oder offenere Einstel lungen in den PrivatsphäreOptionen. Dieses Ver halten ist offen bar nur bis zu einem ge wissen Grad ab hängig von Einstel lungen, subjek tiven Normen und der Selbst wirksam keit. Ver gleicht man die Einflüsse der Regressoren in dem Modell unter einander, sind diese einleuchtend: Die beiden Nutzungs motive haben keinen Einfluss, ebenso wenig wie die Normen zur Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen und die SocialWebSelbst wirksam keit. Die PrivatsphäreSelbst wirksam keit liefert den höchsten Erklä rungs beitrag (β = –,18). Die wahrgenommene Fähig keit, die eigene Privatsphäre schützen zu können, führt demnach dazu, dass die PrivatsphäreOptionen restriktiver ein gestellt werden. Je höher die Teil nehmer die Risiken der sozialen Privatsphäre be werten (β = –,13) und ihre Autonomie wertschätzen (β = –,14), desto restriktiver sind ihre Privatsphäre χ² = 4069,3; p < ,001 df = 1840 CFI = ,928 RMSEA = ,022 N = 1.220 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Einstellung zur Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Privatsphäre-Optionen (1 = sehr restriktiv, 6 = sehr offen) ,07 –,02 ,10 –,14*** –,13*** –,05 –,08* ,07 –,18*** Abbil dung 30: Modell 3 – Strukturmodell mit den Privatsphäre-Optionen als ab hängige Variable 260 Optionen ein gestellt. Die Normen zur Privatsphäre weisen nur einen schwachen Einfluss auf (β = –,08). In der Tendenz spielen in Modell 3 vor allem die auf die Privatsphäre gerich teten Bestand teile eine Rolle, während die Motive, soziale Normen und Selbst wirksam keits einschät zung, die sich auf die Partizipa tion be ziehen, keine signifikanten Effekte auf weisen. Dies er scheint plausibel, denn Gratifika tionen in Form von Selbst darstel lung und Beziehungs pflege können unabhängig von den ge wählten PrivatsphäreOptionen realisiert werden. Obwohl die Zusam men hänge innerhalb des Modells schlüssig er scheinen, stellen wir fest, dass sich diese Ver haltens dimension nur unzu reichend durch die Kombina tion aus Motiven, Einstel lungen, sozialen Normen und Selbst wirksam keit er klären lässt. Wir richten unseren Blick daher wieder auf die Größe der Netz werke, die zu dem Publikum der Selbstoffenba rungs hand lungen ge hören. In Modell 4 be trachten wir die Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable (Abbil dung 31). Abbil dung 31: Modell 4 – Strukturmodell mit der Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable χ² = 6256,4; p < ,001 df = 1840 CFI = ,937 RMSEA = ,021 N = 1.301 * p < ,05; ** p < ,01; *** p < ,001 Motiv Selbstdarstellung Motiv Beziehungspflege Risiken der sozia- len Privatsphäre Autonomie Normen zur Nutzung von SNP Normen zur Privatsphäre in SNP Social-Web- Selbstwirksamkeit Privatsphäre- Selbstwirksamkeit Motive, Einstellungen und Vorstellungen Subjektive Normen Selbst- wirksamkeit Anzahl Kontakte ,15 –,30*** ,31** –,25*** ,08* ,15*** –,01 ,15*** ,07 261 Auch dieses Modell hat eine insgesamt kleine Varianz aufklä rung (R² = ,15). Die Motive haben auf die Kontaktanzahl einen ver gleichs weise starken Einfluss, der jedoch bei beiden Motivdimensionen unter schied lich gerichtet ist. Das Motiv Selbst darstel lung (β = –,30) wirkt sich negativ auf die Anzahl der Kontakte aus, während Beziehungs pflege sich positiv darauf aus wirkt (β = ,31). Ver wunder lich daran ist, dass die Personen, denen die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen be sonders wichtig ist, offen bar nicht über be sonders große Publika ver fügen. Die Einschät zung der Risiken für die soziale Privatsphäre ist ein signifikanter Prädiktor, der jedoch nur eine geringe Effekt stärke auf weist (β = ,08). Die jenigen, die diese Risiken als be sonders hoch einschätzen, haben also nicht weniger Kontakte, sondern tendenziell sogar etwas mehr. Personen, die Autono mie be sonders hoch be werten, haben hingegen kleinere Kontakt netz werke (β = –,25). Die Wertschät zung der eigenen Autonomie führt folg lich dazu, dass weniger Kontakte auf Sozialen Netz werk platt formen ge knüpft werden. Dieser Zusammen hang ist äußerst plausibel: Ein größeres Publikum hieße, eventuell Personen aus ver schiedenen Kontexten zu integrie ren (z. B. Klassen kameraden, Ver wandte und Vor gesetzte). Dadurch würden Rollenkonflikte wahrschein licher und ein autonomes Ver halten wäre nicht mehr uneingeschränkt möglich. Wenn Personen in ihrem Umfeld eine be sonders starke Norm zur Nutzung Sozialer Netz werk platt formen wahrnehmen, führt dies zu mehr Kontakten auf der Platt form (β = ,15). Wer ver stärkt aus seinem Umfeld wahrnimmt, dass es an gebracht ist, auf den Platt formen präsent zu sein, hat dort mehr Kontakte. Auch die SocialWebSelbst wirksam keit hängt mit einer größeren Kontaktanzahl zusammen (β = ,15). Das Ver trauen in die eigenen Fähig keiten bei der Nutzung des Social Web führt also auch dazu, dass dort in höherem Umfang Kontakte be stehen. Die höhere Anzahl an Kontakten könnte dadurch erklärt werden, dass es sich eventuell nicht nur um aus dem OfflineLeben be kannte Personen, sondern auch um neue Bekannt schaften handelt, die im Internet ge knüpft wurden. Insbesondere bei Modell 4 ist jedoch eine um gekehrte Wirkrich tung der Einflüsse denk bar. Eventuell ist es so, dass eine hohe Kontaktanzahl dazu führt, dass die soziale Norm zur Nutzung der Platt formen ver stärkt wahr genom men wird. Die große Kontaktanzahl kann den sozialen Druck erhöhen, auf den Platt formen präsent zu sein. Außerdem könnte mit zunehmen der Anzahl der Kontakte das Ver trauen in die eigenen Fähig keiten steigen, das Netz nutzen zu können. Die Kontakte bieten eventuell Hilfestel lung bei Problemen, die die Nutzung er leichtern. 262 Zusammen fassung Die vier von uns unter suchten Teil bereiche der Selbstoffenba rung lassen sich unter schied lich gut durch die einzelnen Modelle er klären. Die Selbst darstel lung auf Sozialen Netz werk platt formen findet tatsäch lich in einem Span nungs feld aus positiven und negativen Vor stel lungen statt. Subjektiv wahrgenommene Normen und Selbst wirksam keits erwar tungen haben sich als zweckmäßige Erklä rungs variablen be wiesen. Jedoch spielen nicht alle ver muteten Einfluss variablen in allen Teil bereichen der Selbstoffenba rung dieselbe Rolle. Dass die Dimensionen der Selbstoffenba rung sich stark unter schied lich gut er klären lassen und dass die Einflüsse der Normen zum Teil gegen sätz lich sind, spricht dafür, dass wir es bei der Selbstoffenba rung auf Sozialen Netz werkseiten tatsäch lich mit unter schied lichen Teil bereichen zu tun haben. Das Selbstoffen barungs verhalten setzt sich aus diesen zusammen. Besonders bei den kommunikativen Aktivi täten (Modell 2) wird deut lich, dass ein Span nungs feld zwischen Motiven der Nutzung und dem Schutz der Privatsphäre existiert. Das Motiv Beziehungs pflege und die sozialen Normen leisten hohe Erklä rungs beiträge, die die der Risikoeinschät zung und der Sorge um die Privatsphäre über steigen. Es ist daher richtig, den Blick nicht auf die negativen Folgen, die neue Kommunika tions medien wie Soziale Netz werk plattformen haben können, einzu schränken, sondern auch die positive Seite zu be trachten. Für Jugend liche und junge Erwachsene steht weniger im Mittelpunkt, was sie bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ver lieren können, sondern das, was sie dadurch gewinnen (vgl. Boyd, 2010): Der Nutzen, der aus der Teilhabe an Sozialen Netz werk platt formen ent steht, scheint die Risiken zu über wiegen. Auch die sozialen Normen sind treibende Kräfte, die das OnlineVerhalten der jungen Nutzer zu einem ge wissen Grad be einflussen. Die Nutzer nehmen das Ver halten ihrer Referenz gruppen wahr und stimmen ihr eigenes Handeln darauf ab. Dabei kann man nicht davon sprechen, dass sie das, was sie bei anderen be obachten, unreflektiert kopieren, wie die Ergeb nisse zu den kommu nikativen Aktivi täten (Modell 2) zeigen. Anders als an genommen, wird die Anzahl der Selbstoffenba rungs aktivi täten nicht negativ von den Normen zur Privatsphäre be einflusst, sondern positiv. Die Nutzer reagie ren auf die von ihnen im Umfeld wahrgenommenen Normen beim Umgang mit der Privatsphäre, indem sie sich bei einem als defizitär wahrgenommenen Umfeld zurück haltend ver halten und sich in einem ver trauens würdi gen häufiger offen baren. Wie bereits erwähnt, wäre eine Prüfung der Zusammen hänge im Längs schnitt wünschens wert. Einer seits, um lang fristige Ver ände rungen fest stellen zu können, anderer seits, um die Kausali tät und mögliche Wechselwir kungen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen, der Selbst wirksam keit und der Selbstoffenba rung klären zu können. Die im Modell an genommene Wirkrich 263 tung er scheint uns logisch, aber Rück und Wechselwir kungen der Selbstoffen barung auf die im Modell als Regressoren be trach teten Variablen schließen wir nicht aus. Zudem ist zu be achten, dass die von uns be trach teten Dimensio nen der Selbstoffenba rung ver mutlich nicht unabhängig voneinander existie ren, sondern in einer Wechsel beziehung stehen. Insgesamt sind die von uns ver muteten Zusammen hänge nach weis bar. Motive, Einstel lungen, subjektive Normen und Selbst wirksam keit bieten viel versprechende Ansatz punkte bei medien pädagogi schen Vor haben zur Privat sphäre und Selbstoffenba rung im Social Web. Besonders das Modell 2, welches die Selbstoffenba rungs aktivi täten als ab hängige Variable be trachtet, zeigt einen guten Erklä rungs beitrag. Bei diesem Modell handelt es sich von allen vier Modellen um das interessanteste, da hier die Häufig keit der Selbstoffen barungs aktivi täten als ab hängige Variable unmittel bar im Vordergrund steht. Die anderen drei ab hängi gen Variablen bilden eher länger fristige Zustände ab. Nutzer ent scheiden nicht jeden Tag aufs Neue, auf ihrem Profil mehr oder weniger von sich preis zugeben, und sie stellen auch nicht täglich ihre Privat sphäreOptionen neu ein. Wie die Ergeb nisse des Trackings ge zeigt haben, sind Änderun gen im Profil oder das Anpassen der PrivatsphäreOptionen sehr selten (vgl. Kap. 4.3) und daher sind die beiden Selbstoffenba rungs dimensionen eher als lang fristige Ent schei dungen zu ver stehen. Eben falls lang fristig ist die Ent schei dung, wer zu den Kontakten und Freunden auf Sozialen Netz werk platt formen gehört und damit auch die un gefähre Anzahl dieser Kontakte. Auch in den qualitativen Interviews wurde fest gestellt, dass einige Nutzer eine Policy dazu ent wickeln, mit wem und mit wie vielen Personen sie be freundet sein möchten (vgl. Kap. 2.2). In den Selbstoffenba rungs hand lungen, den Foto Uploads und der Häufig keit von Textbeiträgen drückt sich hingegen tägliches Ver halten aus. Ob den einzelnen Aktivi täten im Sinne der Theory of Planned Behavior tatsäch lich jedes Mal einen Ab wägungs prozess voraus geht, bei dem rationale Ent schei dungen ge troffen werden oder ob diese Handlun gen routiniert ab laufen, kann mit unserer Studie nicht ab schließend ge klärt werden. Die Ergeb nisse aus der Tracking Studie (z. B. Abbil dung 13) weisen aber darauf hin, dass be stimmte Selbstoffenba rungs akte eher spontan und wenig reflektiert er folgen. 4.6 Ergeb nisse im inter nationalen Ver gleich Im Anschluss an unsere eigene quantitative empiri sche Erhebung möchten wir die Ergeb nisse noch einmal im Rück bezug auf Teil I und inter national ver orten. Obwohl Soziale Netz werk platt formen mittlerweile ein gut unter suchtes For schungs feld darstellen und sowohl die Selbst darstel lung, als auch die Ein stellung zur Privatsphäre als eigene Forschungs bereiche innerhalb der kommunika tions 264 wissen schaft lichen Forschung zu Sozialen Netz werk platt formen zu identifizie ren sind (Weissens teiner & Leiner, 2011), gibt es inter national nur wenige Studien, die die Sach verhalte umfassend und an einer Stichprobe ab 12 Jahren be trachten. Zum Ver gleich be sonders relevant und ge eignet er scheinen die Studie EUKidsOnline, die das Internet verhalten von 9 bis 16Jährigen in 23 Europäi schen Ländern unter sucht und die Forschungs berichte des Pew American LifeProject, die sich auf USamerikani sche Grundgesamt heiten be ziehen. Im Folgenden werden daher Ergeb nisse aus diesen beiden Quellen unseren Ergeb nissen gegen über gestellt. Sie werden – wenn es sich anbietet – um weitere Forschungs berichte ergänzt. Auch wenn die Grundgesamt heiten ab weichen, können dennoch Hinweise auf Unter schiede und Gemeinsam keiten hinsicht lich der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen heraus gestellt werden. Zunächst stellten wir einen deut lichen Unter schied in der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen zwischen älteren und jüngeren Nutzern fest (vgl. Teil III, Kap. 3). Dieser Unter schied zeigt sich auch in weiteren Studien, die als Grund gesamt heit die deutsche Bevölke rung ab bilden. Die älteren Nutzer holen zwar sowohl bei der Internetnut zung als auch bei der Nutzung Sozialer Netz werke auf, dennoch haben diese Platt formen vor allem in der jungen Zielgruppe der unter 30Jährigen eine hohe Reichweite (ARD/ZDFOnlinestudie, 2011; Bitcom, 2011). Auch inter national und in den USA klafft eine Schere zwischen Jung und Alt, was die Adaption der OnlineCommunities angeht. Madden und Zickuhr (2011) stellen in einem Bericht des Pew Internet & American Life Project fest, dass die älteren Onliner bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen eben falls auf holen. Den 83 Prozent der unter 30jähri gen Nutzer stehen mittlerweile 70 Prozent 30 bis 49Jährige, 51 Prozent 50 bis 64Jährige und immerhin 33 Prozent über 65Jährige gegen über. Wie Madden (2012) zeigt, posten junge Nutzer zwar häufiger Informa tionen, die sie später bereuen, sie ver halten sich aber auch beim Management ihrer OnlineIdentität offensiver und löschen unerwünschte Kommentare und Tags auf Fotos. Außerdem ent fernen sie eher als ältere Nutzer Personen aus ihrer Kontakt liste. Generell kann ein Trend zur Einschrän kung der OnlineIdentität fest gestellt werden. Auch in Bezug auf Sicher heits vorkeh rungen im Internet besagt die EUKidsOnlineStudie, dass zwei Drittel der europäi schen Jugend lichen im Alter von 9 bis 16 Jahren der Meinung sind, sich im Internet und mit dorti gen Sicher heits vorkeh rungen besser auszu kennen als ihre Eltern (Livingstone, Haddon, Görzig & Ólafsson, 2010). Die Beliebt heit und hohe Nutzungs frequenz von Facebook und Co. unter jungen Nutzern lässt sich auch inter national fest stellen. In Europa sind Soziale Netz werk platt formen vor allem in den Niederlanden beliebt, denn dort besaßen 2010 bereits 78 Prozent der 9 bis 16Jährigen ein eigenes Profil. Eben falls zu den Spitzen reitern ge hören Slowenien (76 Prozent) und Litauen (75 Prozent). 265 Deutschland (50 Prozent) zählt dagegen neben der Türkei und Rumänien (jeweils 47 Prozent) zu den Schluss lichtern (Livingstone & Haddon, 2009). In den USA ver wendeten zu selben Zeit fast drei Viertel (73 Prozent) der Jugend lichen und 72 Prozent der jungen Erwachsenen soziale Netz werkseiten (Lenhart, Purcell, Smith & Zickuhr, 2010). Die Befragten unserer Studie griffen am häufigsten mit dem eigenen Com puter von zu Hause aus auf das Internet zu (90 Prozent). Etwa die Hälfte (45 Prozent) der Befragten nutzt das Internet zusätz lich an Orten wie dem Aus bil dungs oder Arbeits platz bzw. der Schule oder Hoch schule. Lampert (2010) stellt fest, dass auch in anderen Ländern die Nutzung daheim sehr hoch aus geprägt ist. In manchen Ländern findet dies aber auch in hohem Maße von der Schule aus statt: In Großbritannien sind dies 92 Prozent (zu Hause) bzw. 89 Prozent (Schule) und in Dänemark 99 Prozent (zu Hause) bzw. 80 Prozent (Schule). Deutschland liegt in ihrer Betrach tung im Mittelfeld (92 Prozent nutzen das Internet von zu Hause aus, 55 Prozent in der Schule). Große Diskrepanzen zwischen den Orten ergeben sich in Litauen (95 Prozent vs. 25 Prozent), Rumänien (87 Prozent vs. 28 Prozent) und Bulgarien (85 Prozent vs. 29 Prozent). Auch in den USA ge hören die Sozialen Netz werk platt formen zu den be liebtesten An geboten (Lenhart et al., 2010). Im Kontext zum European Safer InternetProjekt EUKidsOnline unter suchen Taraszow, Aristodemou, Shitta, Laouris und Arsoy (2010) die Preis gabe von Informa tionen über das Selbst auf Sozialen Netz werk platt formen. Obwohl fast alle der Befragten angaben, sich Sorgen um den Schutz ihrer Daten zu machen, zeigen die Ergeb nisse, dass es trotzdem eine sehr hohe Bereit schaft zur Preis gabe persön licher Informa tionen gibt. Fast alle (96 Prozent) gaben ihren echten Namen an, genauso wie alle ihr Geburts datum und ihr Geschlecht (97 Prozent) ver öffent lichten. Ein ebenso hoher Anteil ver öffent licht ein Profil foto von sich. Diese Ergeb nisse können wir in unserer Studie für deutsche Jugend liche nicht in so hohem Maße fest stellen. Zwar weisen auch die meisten Profile der deutschen Nutzer einen echten Namen, die Angabe des Geschlechts und ein Profilfoto auf, jedoch sind die von uns er mittelten Werte etwas geringer. Taraszow et al. (2010) stellen fest, dass drei Viertel der Nutzer ihr Profil nur für Freunde zugäng lich machen. Mit 82 Prozent sind auch die meisten Profile in unserer Stichprobe nach Nutzer angaben nur für ihr eigenes Kontakt netz werk zugäng lich. Die allgemeine Einschät zung der Forscher des EUKidsOnlineProjekts ordnet die Jugend lichen aus Finnland, Slowenien und den Niederlanden als über durch schnitt lich kompetent be züglich ihrer Kennt nisse über das Internet und dortige Sicher heits vorkeh rungen ein (Livingstone et al., 2010). Diese gaben an, über vier der acht ab gefragten Fähig keiten zu ver fügen. Zu diesen zählt unter anderem, dass die Nutzer sich in der Lage fühlen, Informa tionen über den sicheren Umgang im Internet heraus zufinden. Seine PrivatsphäreEinstel 266 lungen für das eigene Profil auf einer Sozialen Netz werk platt form ändern zu können, stellt eine weitere Fähig keit dar. Deutschland liegt dabei knapp unter dem Durch schnitt. Die Schluss lichter bilden Irland, Ungarn, Italien, Rumänien und die Türkei. Diese Einschät zung deckt sich nicht mit der Selbsteinstu fung der von uns be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die sich eine relativ hohe Internet, SocialWeb und PrivatsphäreSelbst wirksam keit zuschrei ben. Die von uns unter suchte Stichprobe belegt im Gegen satz zu den in EUKidsOnline unter suchten, dass sich deutsche Jugend liche als kompetent zeigen, was die Einstel lungen ihrer Privatsphäreop tionen angeht. Ledig lich die ganz jungen 12 bis 14jähri gen Nutzer und Personen mit niedri gem formalen Bildungs grad weisen Defizite auf und haben ihre PrivatsphäreEinstel lungen weniger oft an gepasst. Den Gender Gap in der Nutzung von Privatsphäre Einstel lungen (Madden, 2012) können wir für Deutschland tendenziell be stäti gen. Weibliche Nutzer haben die PrivatsphäreOptionen bereits häufiger an gepasst und stellen ihre Privatsphäre restriktiver ein. Livingstone (2008) unter sucht das Nutzungs verhalten Jugend licher auf Sozia len Netz werk platt formen anhand der qualitativen Befra gung von britischen 13 bis 16Jährigen, um die Ver bindungen zwischen Chancen und Risiken des Internet aus findig zu machen. Vielen Jugend lichen ist eine aus giebige Beschäfti gung mit den Sicher heits einstel lungen oft zu auf wendig, dennoch ist ihnen der Daten schutz und die Privatsphäre ein Anliegen. Sie achten deshalb darauf, nicht allzu viele persön liche Informa tionen über sich online zu stellen. Teenager gehen nach dem Aus schlussprinzip vor und über legen eher, welche Inhalte sie nicht ver öffent lichen wollen, an statt sich Gedanken darüber zu machen, was sie preis geben möchten (Boyd & Marwick, 2011). Das spiegelt sich auch in unseren Ergeb nissen wider. Die Ergeb nisse unserer standardisierten Befra gung zur Sorge um die Privat sphäre weisen darauf hin, dass sich die be fragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen über die unter suchten Alters gruppen hinweg in ähnlichem Umfang um die eigene Privatsphäre sorgen und sich anhand techni scher Einstel lungen schützen wollen. Jüngere Nutzer sind ebenso wie junge Erwachsene sensibilisiert für dieses Thema. Ebenso wie die USamerikani schen Jugend lichen in einer Studie des Pew Internet & American Life Project ver walten die meisten ihre persön lichen Informa tionen aktiv (Lenhart & Madden, 2007). 267 Literatur ADM (2006). ADM Richtlinie Daten schutz. Ver fügbar unter: www.soziologie. uni kiel.de/bergermeth1/ADM_Kodex_Richtlinien_Datenschutz_2006. pdf ARD/ZDFOnlinestudie (2011). Ver fügbar unter: www. ardzdfonlinestudie.de/ index. php Asendorpf, J. B. (2007). Psychologie der Persönlich keit. Berlin: Springer. Bitcom (2011). Soziale Netz werke. Zweite, er weiterte Studie: Eine repräsentative Unter suchung zur Nutzuung sozialer Netz werke im Internet. Ver fügbar unter: www. bitkom.org/files/documents/BITKOM_Publikation_Soziale_Netzwerke_zweite_ Befragung. pdf Boyd, D. & Marwick, A. E. (2011, May 26–30). Social Steganography: Privacy in Networked Publics. Annual Conference of the International Communication Associa tion, Boston, MA, USA. Boyd, D. (2010, April 10−15). Making Sense of Privacy and Publicity. Computer/ Human Interaction Conference (CHI), Atlanta. Verfügbar unter: www.danah. org/papers/talks/2010/SXSW2010. html Ellison, N. B., Steinfield, C. & Lampe, C. A. (2007). The Benefits of Facebook „Friends“ Social Capital and College Students’ Use of Online Social Network Sites. Journal of Computer Mediated Communication, 12(41), article 1. Verfügbar unter: http:// jcmc.indiana.edu/vol12/issue4/ellison. html Ellison, N. B., Vitak, J., Steinfield, C., Gray, R., & Lampe, C. A. (2011). Negotiating Privacy Concerns and Social Capital Needs in a Social Media Environment. In S. Trepte & L. Reinecke (Hrsg.), Privacy Online. Perspectives on Privacy and Self disclosure in the Social Web (pp. 19–32). Berlin & Heidelberg: SpringerVerlag. Fogel, J. & Nehmad, E. (2009). Internet social network communities: Risk taking, trust, and privacy concerns. Computers in Human Behavior, 25(1), 153–160. doi:10. 1016/ j.chb.2008.08.006 Göritz, A. S. (2003). OnlinePanels. In A. Theobald (Hrsg.), OnlineMarkt forschung. Theoreti sche Grundlagen und prakti sche Erfah rungen (2. Aufl., S. 227–240). Wies baden: Gabler. Göritz, A. S., Reinhold, N. & Batinic, B. (2002). Online Panels. In B. Batinic, U.D. Reips & M. Bosnjak (Hrsg.), Online Social Sciences (S. 27–47). Göttingen: Hogrefe & Huber. Haferkamp, N. (2011). Authenti sche Selbst bilder, geschönte Fremdbilder: Nutzer be fragung V: Selbst darstel lung im StudiVZ. In C. Neuberger & V. Gehrau (Hrsg.), StudiVZ. Diffusion, Nutzung und Wirkung eines sozialen Netz werks im Internet (S. 178–203). Wiesbaden: VS. Hann, I.H., Hui, K.L., Lee, T. S. & Png, I. P. L. (2002, December 15–18). Online Information Privacy: Measuring the costbenefit tradeoff. TwentyThird Anual International Conference on Information Systems, Barcelona, Spain. Hasebrink, U. & Rohde, W. (2009). Die Social WebNutzung Jugend licher und junger Erwachsener: Nutzungs muster, Vor lieben und Einstel lungen. In J.H. Schmidt, I. PausHasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 83–120). Berlin: VISTAS. 268 John, O. P. & Srivastava, S. (1999). The BigFive Trait Taxonomy: History, Measurement, and Theoretical Perspectives. In L. A. Pervin & O. P. John (Hrsg.), Handbook of personality: Theory and research (S. 102–138). New York: Guilford. Karnowski, V. & Doedens, S. (2010). Mobile Experience Sampling: Eine Methode zur Unter suchung mobilen Medien nut zungs verhaltens. In N. Jackob, T. Zerback, O. Jandura & M. Maurer (Hrsg.), Das Internet als Forschungs instrument und gegen stand in der Kommunika tions wissen schaft (S. 211–226). Köln: von Halem. Lampert, C. (2010). Was machen die anderen?: Zur Onlinenut zung von Kindern im europäi schen Ver gleich. In B. Fuhs, C. Lampert & R. Rosenstock (Hrsg.), Mit der Welt ver netzt. Kinder und Jugend liche in virtuellen Erfah rungs räumen (S. 73–83). München: kopaed. Lang, F. R. & Lüdtke, O. (2005). Der Big FiveAnsatz der Persönlich keits forschung: Instrumente und Vor gehen. In S. Schumann (Hrsg.), Persönlich keit: Eine ver gessene Größe der empiri schen Sozialforschung (S. 17–27). Opladen: VS. Lenhart, A. & Madden, M. (2007). Teens, Privacy & Online Social Networks. How teens manage their online identities and personal information in the age of MySpace. PEW Internet and American Life Project Report. Verfüg bar unter: www. pewinternet.org/pdfs/PIP_Teens_Privacy_SNS_Report_Final. pdf Lenhart, A., Purcell, K., Smith, A. & Zickuhr, K. (2010). Social Media and Young Adults. Verfüg bar unter: eprints.lse.ac.uk/24372/1/D6.5_EUKidsOnlineFinalReport. pdf Livingstone, S., Haddon, L., Görzig, A. & Ólafsson, K. (2010). Risks and safety on the internet: The perspective of European children. Initial Findings. Ver fügbar unter: www2.lse.ac.uk /media@lse/research / EUKidsOnline/ Initial_findings_ report. pdf Madden, M. & Zickuhr, K. (2011). 65 % of online adults use social networking sites. Verfüg bar unter: www.pewinternet. org/~/media//Files/Reports/2011/PIP SNSUpdate2011. pdf Madden, M. (2012). Privacy management on social media sites. Verfüg bar unter: http:// www.pewinternet. org/~/media//Files/Reports/2012/PIP_Privacy_management_on_ social_media_sites_022412. pdf Möhring, W. & Schlütz, D. (2002). Die Befra gung in der Medien und Kommunika tions wissen schaft. Eine praxisorientierte Einfüh rung. Wiesbaden: West deutscher Verlag. MPFS (2011). JIMStudie 2011. Jugend, Informa tion (Multi)Media: Basis studie zum Medien umgang 12 bis 19Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Ver fügbar unter: www.mpfs.de/index. php?id= 225 Oswald, H. & Uhlendorff, H. (2008). Die Gleichaltri gen. In R. K. Silbereisen & M. Hasselhorn (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie, Themen bereich C: Theorie und Forschung; Serie V: Ent wick lung, Band 5: Psychologie des Jugendalters (S. 189–228). Göttingen: Hogrefe. Palfrey, J. & Gasser, U. (2008). Genera tion Internet: Die Digital Natives: wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten. München: Hanser. 269 RaynesGoldie, K. (2010). Aliases, creeping, and wall cleaning: Understanding privacy in the age of Facebook. First Monday, 15(1), article 4. Verfüg bar unter: http:// firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/ fm/article/view/2775/2432 Reis, H. T., Smith, S. M., Carmichael, C. L., Caprariello, P. A., Tsai, F.F., Rodrigues, A. & Maniaci, M. R. (2010). Are you happy for me? How sharing positive events with others provides personal and interpersonal benefits. Journal of Personality and Social Psychology, 99(2), 311–329. doi:10.1037/a0018344 Rössler, B. (2001). Der Wert des Privaten. Frank furt am Main: Suhrkamp. Schenk, M., Jers, C. & Gölz, H. (2012). Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0: Derminanten und Aus wirkungen aus Perspektive des Nutzers. Un veröffentlichter Bericht. Stuttgart. Scherer, H. & Schlütz, D. (2002). Gratifika tion à la minute: Die zeitnahe Erfas sung von Gratifika tionen. In P. Rössler, S. Kubisch & V. Gehrau (Hrsg.), Empirische Perspektiven der Rezep tions forschung (S. 133–151). München: Reinhard Fischer. Schmidt, J.H. & Gutjahr, J. (2009). Aus gewählte An gebote des Social Web. In J.H. Schmidt, I. PausHasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 207–242). Berlin: VISTAS. Schmidt, J.H., PausHasebrink, I. & Hasebrink, U. (2009a). Ent wick lungs aufgaben im Social Web. In J.H. Schmidt, I. PausHasebrink & U. Hasebrink (Hrsg.), Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. Heran wachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen (S. 265–274). Berlin: VISTAS. Schmidt, J.H., PausHasebrink, I. & Hasebrink, U. (Hrsg.). (2009b). Schriften reihe Medien forschung: Vol. 62. Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Berlin: VISTAS. Statisti sche Ämter des Bundes und der Länder (2011, 14. Februar). Gebiet und Bevölke rung: Fläche und Bevölke rung. Ver fügbar unter: www.statistikportal.de StatistikPortal/de_jb01_jahrtab1. asp Stern, S. (2008). Producing Sites, Exploring Identities: Youth Online Authorship. In D. Buckingham (Hrsg.), Series on Digital Media and Learning. Youth, Identity, and Digital Media. Cambridge, MA: MIT Press. Ver fügbar unter: www. mitpressjournals.org/doi/pdf/10.1162/dmal.9780262524834.095 Stiftung Warentest (2010). Un geschützt. Stiftung Warentest, o. J.(4), 40–45. Sued deutsche. de (2012, 11. Juni). Holtz brinck baut VZNetz werke um. Ver fügbar unter: www.martinvogel.de/blog/index. php?/archives/117ImplosioneinesSozialen Netzwerks. html Weissens teiner, E. & Leiner, D. (2011). Facebook in der Wissen schaft: Forschung zu sozialen Onlinenetz werken. Medien & Kommunika tions wissen schaft, 59(4), 526–544. Winter, S., Haferkamp, N., Stock, Y. & Kramer, N. C. (2011). The Digital Quest for Love – The Role of Relationship Status in SelfPresentation on Social Networking Sites. Cyberpsychology: Journal of Psychosocial Research on Cyberspace, 5(2), article 1. CyberPsychology: Journal of Psychological Research on Cyberspace, 5(2), article 1. 271 5 Qualitative Befra gung von Experten Gabi Reinmann & JanMathis Schnurr unter Mitarbeit von Silvia Hartung & Cornelia GraupnerKüsel 5.1 Darstel lung des methodi schen Vor gehens 5.1.1 Qualitative Interviews In unserer zweiten qualitativen Interviewstudie haben wir insgesamt 13 Experten aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien befragt. Ziel der Interviews war es, das Wissen, die Erfah rungen und die Ansichten von ver schiedenen Experten dazu zu eruieren, welche Heraus forde rungen und Möglich keiten das Internet im Allgemeinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren für Jugend liche und junge Erwachsene bieten und wie man sie darin unter stützen kann, mit diesen Heraus forde rungen und Möglich keiten umzu gehen. Auf gegriffen wurde damit die der Gesamt studie zugrunde liegende Fragestel lung, über welches Wissen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider als Voraus setzung für adäquates Handeln gegen über Jugend lichen ver fügen sollten. Dieses Erkenntnis interesse gliederte den ver wendeten Inter view leit faden (siehe OnlineAnhang) in drei Bereiche: In einem ersten Bereich (Sachwissen) zielten unsere Fragen darauf ab, welche Nutzungs weisen des Social Web durch Jugend liche und junge Erwachsene den Experten bekannt sind, was sie über die Interessen und Deutungs muster der Jugend lichen und jungen Erwachsenen bei der Nutzung wissen und welche Risikobereiche der Ver öffent lichung persön licher Daten für sie be deutsam sind. In einem zweiten Bereich (Hand lungs wissen) sind wir im Interview der Frage nach gegangen, wie nach Ansicht der Interviewten Jugend liche und junge Erwachsene an die sichere Internetnut zung heran geführt werden könnten (proaktive Maßnahmen) und welche Möglich keiten es gibt, junge Nutzer im Umgang mit z. B. nicht intendierten Konsequenzen der Ver öffent lichung persön licher Daten zu unter stützen (reaktive Maßnahmen). In einem dritten Bereich (Begrün dungs wissen) schließ lich ging es darum, welche Werte und Einstel lungen die Experten im 272 Zusammen hang mit dem Social Web verbalisie ren, welche Empfeh lungen sie vor diesem Hinter grund für den Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen haben und welche Effekte sie bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen er warten. Die methodi schen Leitlinien hinter der Konstruk tion des Interviewleit fadens (siehe OnlineAnhang) ent sprechen weit gehend denen, die wir auch bei der Konstruk tion des Interviewleit fadens für Jugend liche und junge Erwachsene zugrunde gelegt haben (siehe Kap. 3.1). Die Regeldauer der Experten interviews war mit 45 Minuten an gesetzt. Die Interviews dauerten zusammen mit dem Gesprächs einstieg und ende zwischen 35 Minuten und einer knappen Stunde. 11 der 13 Interviews dauerten 45 Minuten und länger; die beiden anderen Interviews fielen mit 35 und 39 Minuten etwas kürzer aus. 9 der 13 Interviews wurden – je nach techni scher Aus stat tung der Interviewten und mit deren Einverständnis – am Telefon oder über einen Internettelefondienst auf gezeichnet. Drei Interviews fanden in den Arbeits räumen der Interviewten statt. Ein Interview wurde spontan – da alle Konferenz räume belegt und die Arbeits räume nicht un gestört waren – in ein öffent liches Café ver lagert. 5.1.2 Stichprobe und Erhebung Die Interviews fanden im Zeitraum von August bis November 2011 statt. Ziel bei der Akquise der Experten aus ganz Deutschland war es, zusätz lich zu den Interviews mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen ein breites Spektrum an Erfah rungen und Einstel lungen auch aus Experten sicht einzu fangen. Kriterien bei der Auswahl der Interviewten waren Alter, Tätig keiten (Schule, Jugendarbeit, Medien), Berufs erfah rung sowie institutio nelle Einbet tung (Führungs kraft, An gestellte, Freiberufler, Ehren amtliche). Das Profil der Interviewten recher chier ten wir jeweils vor der Kontakt aufnahme. Die Tabelle 59 liefert eine knappe Über sicht der Interviewten. Wir haben bei der Zusammen stel lung der Stichprobe darauf ge achtet, dass die Experten aus ver schiedenen Kontexten kommen. Experten aus der Domäne Schule sollten Lehrer mit der Fähig keit zur kritischen Reflexion ihrer Berufs praxis oder im schuli schen Umfeld aktive Mitarbeiter von Initiativen mit Erfah rungen in der Fortbil dung von Pädagogen sein. Experten aus der Domäne Jugendarbeit sollten selbst in medien pädagogi schen Projekten mit Jugend lichen arbeiten oder Erfah rungen in der Sensibilisie rung von Pädagogen und Eltern auf weisen. Experten aus der Domäne Medien sind Personen, die von Jugend lichen und jungen Erwachsenen ge nutzte Medien angebote im Internet selbst ge stalten oder sich kritisch mit diesen auseinander setzen. Über die Ver wertung der Daten im Rahmen von Forschungs zwecken wurden die Interviewten ebenso informiert wie über das späteste Datum der Löschung der digitalen Gesprächs aufzeich nungen und die Möglich keit der Einsicht in die Aus wertungen nach 273 deren Publika tion. Alle Interviews wurden von demselben wissen schaft lichen Mitarbeiter ge führt. Forschungs relevante Elemente in den Interviewsitua tionen, die über die auf genommenen Gespräche hinaus gehen, wurden notiert und in der Aus wertung be rücksichtigt. 5.1.3 Aus wertung und Darstel lung In der Interviewstudie mit Experten ist in analoger Form zur Interviewstudie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen das Relevanz system durch die Forschungs fragen vor gegeben und der Interviewleit faden ent sprechend vor geprägt. Die Aus wertung wurde nach demselben Muster in Form einer zusam men fassen den Inhalts analyse und anhand eines ähnlichen Aus wer tungs leit fadens mit Kategorien, Kodes, Begrün dungen und Beispielen vor genommen wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen (vgl. Ab schnitt 2.1.3). Auch die Tabelle 59: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Experten Name, Alter und Tätig keits beschrei bung D o m än e S ch ul e Richard R. (Mitte 40) Fachlehrer an einem Gymnasium. Sein pädagogisch-didakti scher Schwerpunkt liegt in der Nutzung moderner Medien im Unter richt. Tom F. (Ende 50) Oberstudienrat an einem Gymnasium. Engagiert sich für medien pädagogi sche Projekte. Betreut derzeit ein Projekt der Peer-Educa tion. Karl E. (Anfang 40) Mitarbeiter in einer Stiftung. Ver netzt Leh- rende und unter stützt sie in der Nutzung digitaler Technologien im Unter richt. Matthias S. (Anfang 40) Selbst ständi ger Unter nehmer und externer Daten schutz beauftragter. Informiert in Schulen Jugend liche über Daten schutz im Internet. D o m än e Ju g en d ar b ei t Sabine R. (Ende 40) Freiberuf liche Medien pädagogin. Arbeitet mit Jugend lichen und deren Eltern und informiert zur Medien nutzung. Peter P. (Mitte 50) Vor stand einer medien pädagogi schen Fach- einrich tung. Leitet An gebote für Kinder und Jugend liche. Ver öffent licht Projekterfah rungen. Frank O. (Mitte 40) Selbst ständi ger Rechts anwalt mit Spezialisie rung auf Jugend und Sozial- recht. Schult Jugendarbeiter im Jugend- medien schutz recht. Alexander M. (Mitte 30) Referent eines von der Europäi schen Union ge förderten Projekts zur Sensibilisie rung für Internet sicher heit und Medien kompetenz. Kerstin H. (Mitte 30) Medien pädagogi sche Ansprechpartnerin einer Medien fach bera tung. Bietet Projekte mit Jugend lichen an und berät Jugend- arbeiter. D o m än e M ed ie n Karsten S. (Mitte 30) Freiberuf licher Autor. Ver tritt die These, dass die Ver brei tung von persön lichen Daten im Internet nicht reguliert werden kann. Tamara N. (Mitte 20) Media Educa tion Manager einer Sozialen Netz- werk platt form. Unter stützt Lehrer, Schüler und Eltern im Umgang mit persön lichen Daten. Klaus G. (Ende 20) Social Media Manager in einer Online- Marketing-Agentur. Konzipiert und betreut Kampagnen in Sozialen Netz werk platt- formen. Bernd D. (Anfang 30) Jugendmedien schutz referent in einer Selbst- kontrollorganisa tion von Medien verbänden und Unter nehmen der Online-Wirtschaft. 274 Experten interviews wurden trans kribiert, mit MAXQDA kodiert, danach auf ca. vier bis sechs Seiten zusammen gefasst und als Basis für die Suche nach Gemeinsam keiten und Unter schieden zwischen den Interviewten ver wendet. Noch mehr als bei der Interviewstudie mit den 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen gilt, dass sich aus unseren qualitativen Daten keine Zusammen hänge zwischen der Domänen zugehörig keit der Experten einer seits und deren Wissen, Einschät zungen und Empfeh lungen anderer seits ab leiten lassen. Wenn dennoch an einigen Stellen die Aus führungen der Experten nach Domänen ge bündelt werden, dann geschieht dies nur an Stellen, wo sich tendenziell Unter schiede er kennen lassen. Ver gleich bar zur Darstel lung der Resultate unserer qualitativen Studie mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen be ginnen wir die Darstel lung der Ergeb nisse in einem ersten Schritt mit kurzen Profilen der 13 Experten, mit denen wir ge sprochen haben. Diese Profile umfassen zum einen Angaben zum be ruflichen Hinter grund und zur Tätig keit, welche die Interviewten zu Experten in Sachen Nutzung sozialer Netz werke machen, und zum anderen einen kurzen Über blick über die Resultate. In einem zweiten Schritt werden die Interview ergeb nisse wiederum über alle Befragten hinweg zusammen gefasst, und zwar in Bezug auf das Fremdbild über die jugend liche Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen, die eigene Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit, die Einschät zung von Chancen und Risiken Sozialer Netz werk platt formen sowie in Bezug auf Annahmen über er forder liche Kompetenzen im Umgang mit diesen und über mögliche und wünschens werte Maßnahmen zur Kompetenz förde rung. In einem dritten Schritt formulie ren wir Empfeh lungen, die man aus den Experten interviews heraus lesen kann, und gruppie ren diese zu insgesamt vier ver schiedenen Tendenzen. 275 5.2 Ergeb nisse 5.2.1 Profile der Experten Experten aus der Domäne Schule Richard R. Richard R. (Mitte 40) unter richtet seit Ende der 1990er Jahre die Fächer Englisch und Deutsch an einem Gymnasium. Nach einem Kompakt studium unter richtet er seit Mitte des Jahres 2000 zusätz lich das Fach Informatik. Sein pädagogisch-didakti scher Schwerpunkt ist die Nutzung moderner Medien im Unter richt. Er ist zudem Mitarbeiter in der Lehrer- ausbil dung an einer Universi tät. Richard R. führt einen Blog, in dem er öffent lich über seinen Alltag in der Schule be richtete. Er thematisiert Daten schutz und Persönlich keits rechte im Social Web in seinem Unter richt. Er ist stark an Werkzeugen der digitalen Öffentlich keit interessiert und pflegt Profile in Diensten wie Facebook, Twitter, Google+, Flickr, YouTube, Delicious, Mister Wong und Skype. ■■ Richard R. ver wendet selbst mehrere Platt formen, um zu kommunizie ren. Er geht davon aus, dass Schüler ab der siebten Klasse Soziale Netz werk platt formen nutzen und vor allem in Facebook aktiv sind, wo sie nur wenig Text selbst produzie ren. In Facebook ist er selbst mit seinen Schülern be freundet. ■■ Als privat be wertet Richard R. Informa tionen über die eigene Familie und Stimmungs lage. In Twitter schreibt er kürzere Bemer kungen und Status meldun gen, jedoch nicht über Kollegen, Schüler oder die Schullei tung. ■■ Ein Risiko der Nutzung von Sozialen Netz werk platt formen sieht Richard R. darin, dass Personen unerlaubt auf Fotos markiert werden oder Cybermobbing be trieben wird. Dennoch könnten Medien, auch Facebook, im Unter richt ver wendet werden. Jugend liche schätzt Richard R. so ein, dass sie eher nach komfortablen Lösungen (wie Facebook) suchen, die sie einfach und ohne Aufwand anwenden können, an statt sich mit ver schiedenen Medien intensiv auseinander zusetzen. ■■ Richard R. fordert, dass Jugend liche Lese verstehen und techni sches Wissen er werben sollten. Sie sollten ein Bewusstsein für Öffentlich keit und Privat heit ent wickeln. Um die Jugend lichen zu unter stützen, müssten sie aktiviert werden, eigene Erfah rungen zu sammeln; das sei effektiv. Lehrer sollten den Schülern als kompetente Ansprechpartner bei Problemen zur Ver fügung stehen. An sich, so Richard R., müsse man die Themen Daten schutz und Persönlich keits rechte mit in den Lehrplan auf nehmen. Ver mitt lung und Wissens austausch durch Peers sieht er kritisch. Richard R. kann auf vielfältige Erfah rungen aus dem Schulalltag zurück greifen. Er ist selbst in sozialen Netz werken aktiv und bringt viele Vor schläge dafür ein, welche Kompetenzen man wie für eine Nutzung Sozialer Netz werk platt formen fördern sollte. „Ich mache es so, dass ich eigent lich von den aktuellen Schülern, die ich in dem Jahr habe, die Freundschafts anfragen akzeptiere und am Ende des Schuljahres dann wieder lösche. So bin ich doch für die Schüler er reich bar, wenn sie etwas wissen wollen.“ 276 Tom F. Tom F. (Ende 50) ist Oberstudienrat an einem Gymnasium. Er unter richtet die Fächer Biologie, Politik und Sozialwissen schaften. Früher war er Mitarbeiter im Bereich digitale Medien an einem Landesinstitut. Seit 2011 betreut er ein Projekt, das dem Ansatz der „Peer-Educa tion“ folgt, bei dem Schüler andere Schüler in der Medien nutzung unter stützen. Schon früher hat er sich im Bereich Medien kompetenz engagiert. Er schrieb für das Portal Lehrer-Online und initiierte Medien-Initiativen an Schulen. Für das Portal Klicksafe ver fasst er Publika tionen und Unter richts material für Lehrende. Darunter sind auch Unter richts materialien zu Sozialen Netz werken, Daten schutz und Cyber-Mobbing. ■■ Tom F. nutzt selbst ver schiedene Medien und ver sucht, immer auf dem Laufenden zu bleiben. Er denkt, dass die Medien nutzung für Jugend liche eine große Rolle spielt, vor allem für die Kommunika tion. Die digitale Welt generell (nicht nur Soziale Netz werk platt formen) empfindet er als sehr schnell lebig und hochdynamisch. ■■ Es gibt einige Daten, die Tom F. zufolge nicht im Internet ver öffent licht werden sollten; dazu zählt unter anderem die persön liche Stimmungs lage. Ver öffent licht werden sollte nur, was man kontrollie ren kann. Jeder Nutzer sollte sich immer Gedanken darüber machen, was auf welcher Platt form ver öffent licht wird. ■■ Risiken in der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen sieht Tom F. darin, dass nur schwer zu kontrollie ren ist, wer ver öffentlichte Daten sehen kann, und dass diese auch noch nach Jahren im Internet zu finden sind. Jugend liche schätzt Tom F. so ein, dass sie kein Gespür für ihre Daten haben. Mit Sorge be obachtet er den Trend, dass immer mehr ver öffent licht wird und nur noch Weniges privat bleibt. ■■ Einer seits schätzt Tom F. Jugend liche als durch aus kompetent im Umgang mit dem Internet ein. Anderer seits be obachtet er eine große Sorglosig keit. Um Jugend liche zu unter- stützen, ein höheres Bewusstsein für die „Trageweite“ ihrer Ver öffent lichungen im Netz zu er langen, sollten Beispiele aus ihren Lebens welten ver wendet werden. Zudem sollte man Jugend lichen die Möglich keit geben, möglichst viel selbst auszu probie ren. Für Tom F. haben die Peers große Einfluss möglich keiten, was man nutzen sollte, um Jugend liche zu sensibilisie- ren. Er plädiert für eine positive Grundstim mung bei allen Beteiligten, weil nur so Unter stüt- zung in Sachen Daten schutz ge lingen könne. Die Peer-Gruppe hat für Tom F. in Sachen Unter stüt zung von Jugend lichen einen sehr hohen Stellen wert. Er hat viel Erfah rung und weiß, dass Freunde, aber auch Eltern, einen anderen Einfluss als Lehrer oder Vor tragende haben. Seine Über zeugung setzt Tom F. auch in konkreten Projekten um, die er neben seiner Lehrtätig keit betreut. „Was ich hoffent lich er reiche, ist natür lich eine Sensibilisie rung. Ich muss sagen, viele Jugend liche gehen nicht sehr sensibel mit ihren Daten um. Sie haben einfach kein Gespür dafür, was jetzt eigent lich öffent lich sein darf und wo man ein bisschen auf- passen sollte …“ 277 Karl E. Karl E. (Anfang 40) studierte die Fächer Englisch, Deutsch und Biologie auf Lehramt. Er unter richtete an einer Realschule neben Englisch und Biologie auch Informa tions- und Kommunika tions technologien. Aus Passion für das Lernen mit neuen Medien unter stützte er in einem Internetportal den Aufbau eines Bereichs zum Online-Lernen für Schüler und Lehrkräfte. Seit 2004 ist er Mitarbeiter einer Stiftung. In einem Schul- bzw. Lehrer-Projekt, das sich mit Fragen der Heterogeni tät be schäftigt, arbeitet er aktuell daran, dass Lehrende ihre Erfah rungen aus tauschen und sich ver netzen und dabei digitale Technologien nutzen, Anwen dungen des Social Web im Unter richt ver wenden und mit dem Elternhaus zusammen- arbeiten. Soziale Netz werk platt formen sieht Karl E. auch als Chance für die Kommunika tion zwischen Lehrenden. Er ist seit einigen Jahren Mitorganisator von Barcamps und EduCamps. ■■ Bedingt durch sein Projekt nutzt Karl E. unter anderem auch Facebook. Infolge seiner bisheri gen und aktuellen Tätig keiten ist er mit neuen digitalen Anwen dungen sehr ver traut. Aus seiner Sicht nutzen Lehrer das Internet primär zur Informa tions beschaf fung. Jugend- liche dagegen seien eher an den Kommunika tions möglich keiten im Netz, aber auch an Spielen am Computer interessiert. ■■ Private Familien bilder oder Fotos von Feiern sind für Karl E. nicht für die Öffentlich keit ge eignet, sondern allen falls für den privaten Kreis, zu dem man Ver trauen hat. Generell be wertet er personen bezogene Daten im Internet kritisch und ist der Meinung, dass die Wahrung der Persönlich keits rechte zunehmend schwierig wird. Wichtig ist Karl E. jedoch die Möglich keit einer freien Meinungs äuße rung. ■■ Als Risiko be wertet Karl E. die Tatsache, dass alles, was im Internet und damit auch auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent licht wird, für jeden einseh bar ist und daraus Nachteile ent stehen können. Eine große Chance von Sozialen Netz werk platt formen erkennt er in Möglich keiten der hierarchiefreien Kommunika tion. ■■ Karl E. fordert, vor allem kritische Medien kompetenz zu fördern, unter anderem im Umgang mit personen bezogenen Daten. Hier dürfe man auch nicht zu spät be ginnen – bereits in der Grundschule müsse hier an gesetzt werden. Schüler müssen laut Karl E. aktiviert werden und selbst lernen. Aber auch die Eltern sollten sich in die Medien bildung der Schüler einbringen, dafür den Kontakt zur Schule suchen und sich selbst im Umgang mit digitalen Medien fortbilden. Karl E. sieht viele Vor teile und Möglich keiten von sozialen Netz werken – gerade auch für Lehrer. Er ist jedoch auch sehr kritisch, wenn es um personen bezogene Daten geht. Seine Zielgruppe sind weniger die Jugend lichen selbst als vielmehr deren Lehrer. Diese sieht er in Sachen Unter stüt zung ebenso in der Pflicht wie die Eltern. „Aber spätestens in der Grundschule, finde ich, wäre es schon an der Zeit, um auch wirk lich in engere Gespräche einzu tauchen, das kann ein Informa tions abend für Eltern sein, wo auch jemand ein geladen wird, der sich richtig mit dem Thema aus- kennt, das kann jemand aus dem Kollegium sein, das kann aber auch jemand von außerhalb sein.“ 278 Matthias S. Matthias S. (Anfang 40) ist Diplom-Betriebs wirt mit Schwerpunkt Wirtschafts informatik und leitet eine Unter nehmens bera tung. Als externer Daten schutz beauftragter berät er Firmen in Fragen zu Daten schutz und Daten sicher heit. Seit Mitte 2000 ist er Mitglied im Berufs verband der Daten schutz beauftragten Deutschland e. V. (BvD) und engagiert sich als Regionalgruppen- und Arbeits kreis leiter. Über dieses Engagement kam er mit dem Arbeits kreis „Daten schutz geht zur Schule“ in Kontakt. Darin be suchen er und Kollegen aus dem BvD Schulen in ganz Deutschland und ver mitteln Schülern, wie sie in der Nutzung von Mobiltelefonen, Sozialen Netz werk platt formen oder anderen Diensten die Kontrolle über ihre persön lichen Daten zurück gewinnen. Im Rahmen dieser Tätig keit hat Matthias S. bisher mehrere tausend Jugend liche betreut. In Zukunft will der BvD ein bundes weites Netz von Referenten auf- bauen. ■■ Matthias S. ist medienerfahren, äußert sich aber nicht zu seinem konkreten Nutzungs- verhalten. Er geht davon aus, dass Jugend liche die meiste Zeit im Internet ver bringen, um nichts zu ver passen; das gelte insbesondere für Soziale Netz werk platt formen. Er ver mutet, dass sich Jugend liche in ihrer Selbst darstel lung im Internet vor allem an der Werbung orientie ren. ■■ Für Matthias S. ist ein sehr sorgsamer Umgang mit seinen Daten wichtig. So achtet er genau darauf, welche Daten über ihn im Internet zu finden sind und ver nichtet Post mit personen bezogenen Inhalten. Er ist der Ansicht, dass man mit digitalen Medien gut umgehen kann, wenn es einem ge lingt, die Risiken zu minimie ren. ■■ Jugend liche ver stehen Matthias S. zufolge oftmals nicht die Tragweite dessen, was sie im Internet ver öffent lichen. Ein weiteres Risiko sieht er in der Ver brei tung von Trojanern. Er betont aber auch die Vor teile des Internet, die darin be stehen, dass man einfach und schnell miteinander kommunizie ren kann. ■■ Jugend liche müssten ein Bewusstsein dafür ent wickeln, dass einmal ver öffentlichte Inhalte im Internet nicht ver schwinden, sondern auch noch nach Jahren auf find bar sind. Matthias S. plädiert vor diesem Hinter grund für Vor träge über den Daten schutz, um Jugend liche über dieses Risiko in sozialen Netz werken zu informie ren. Schulen, Eltern und Lehrer sollten solche An gebote annehmen. Zudem wäre es wünschens wert, wenn Anbieter von sozialen Netz werken Jugend liche darin unter stützen würden, Daten zu löschen. Für Matthias S. sind, infolge seines Berufes, daten schutz recht liche Aspekte bei der Internet- nut zung zentral. Seine Argumente spiegeln vor allem seine Rolle als Daten schutz beauftragten wider. Obschon er vor allem die Gefahren, die von Sozialen Netz werk platt formen aus gehen, benennt, hält er es durch aus für möglich, mit diesen ver nünftig umzu gehen und junge Menschen durch Informa tion für die Risiken zu sensibilisie ren. „Ich denke einfach, wenn man weiß, was man tut und wenn man die Risiken so weit wie möglich minimiert, dann kann man auch mit den ganzen Neuen Medien umgehen. Das Problem ist bloß: Wer weiß eigent lich noch wirk lich, was er tut?“ 279 Experten aus der Domäne Jugendarbeit Sabine R. Sabine R. (Ende 40) ist Diplom-Pädagogin und arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als freiberuf liche Medien pädagogin. Sie ver fügt über Aus bildungen als Familien mediatorin und systemati sche Beraterin. Sie arbeitete als freie Mitarbeiterin für ver schiedene Institute und Landes anstalten sowie als Beraterin im Bereich Senioren und inter kulturelle Bildung. Sie ist durch ihre Arbeit mit vielen Jugend lichen ver netzt, und kommt dadurch immer wieder in Kontakt mit privaten Beiträgen, die in Platt formen wie Facebook oder schülerVZ unabsicht- lich und teil weise bewusst öffent lich sicht bar ge macht werden. Es ist ihr ein Anliegen, Eltern zu ver mitteln, dass es zu ihren wichtigsten Erziehungs aufgaben gehört, mit ihren Kindern gemeinsam positive Medien erleb nisse zu haben. ■■ Soziale Netz werk platt formen wie Facebook werden auch von Sabine R. ge nutzt. Sie denkt allerdings, dass Jugend liche weniger Erfah rungen und Weit sicht im Umgang mit dem Internet haben als Erwachsene und sich weniger Gedanken über den Schutz der Privatsphäre machen. Die Nutzung von Netz werken ist bei den Jugend lichen aus ihrer Sicht stark vom Trend ab hängig. ■■ Persön liche Daten wie Wohnort, Fotos, Freunde, Hobbys ver öffent licht Sabine R. selbst nicht. Öffent lich schreibt sie nur über be rufliche Aspekte. Wichtig ist ihr, dass das Ver linken von Fotos kontrolliert wird und wenn möglich, Bilder im Internet ganz ver mieden werden. ■■ Sabine R. sieht in Fotos, die auf Sozialen Netz werk platt formen kursie ren, ein be sonde res Risiko. Dass man auf diesen Platt formen sehr einfach kommunizie ren kann, findet sie dagegen gut. Die Medien kompetenz von Jugend lichen schätzt Sabine R. als eher gering ein; die nötige Ernst haftig keit und Reflexion über die Konsequenzen des eigenen Tuns sei gerade bei Jüngeren nicht vor handen. ■■ Eltern können ihre Kinder Sabine R. zufolge dadurch unter stützen, dass sie sich selbst über den Daten schutz informie ren und ver suchen, das Handeln der Jugend lichen nach- zuvollziehen. Dazu müssten sie selbst das Internet, vor allem Spiele oder Chaträume, aus- probie ren. Lehrer sollten dem Thema Medien deut lich mehr Raum geben und sich darauf einlassen. Internetdienst leister sieht Sabine R. in der Pflicht, ihre Privatsphäre-Einstel lungen transparenter und intuitiver zu ge stalten. Sabine R. kennt sich mit der prakti schen Handha bung von Sozialen Netz werk platt formen gut aus und hat viel Kontakt zu Jugend lichen. Ihr ist es ein Anliegen, Jugend liche und ihre Eltern zu informie ren wie auch zu sensibilisie ren. Von den Eltern er wartet sie, dass sie die Aktivi täten ihrer Kinder im Internet nicht ver urteilen, sondern das selbst aus probie ren, um sich eine Meinung zu bilden. „Es ist eine Ambivalenz vor handen: Wenn mich einer persön lich nach Daten fragt, bin ich ganz skeptisch und misstrauisch und sage ‚Warum fragen Sie mich das? Sag ich Ihnen nicht‘, aber anderer seits bin ich ganz selbst verständ lich und dränge den Leuten meine Daten auf mit den Möglich keiten, die ich habe.“ 280 Peter P. Peter P. (Mitte 50) ist geschäfts führen der Vor stand eines Mitte der 1990er Jahre ge gründeten Ver eins, der eine bundes weit agierende medien pädagogi sche Facheinrich tung trägt. Diese ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. Mit seinen fest an gestellten und freien Mitarbeitern bietet der Verein unter anderem regelmäßige Computerclubs, Ver anstal tungen und pädagogi sche Handreichungen im Bereich Computer/Internet und Kinder/Jugend liche an. Ziel des Ver eins ist es, digitale Heraus forde rungen praxisnah und kritisch aufzu greifen und die ge wonnenen Erfah rungen an pädagogisch Ver antwort liche und Interessierte weiter- zugeben. Peter P. ist selbst aktiver Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen und ver öffent- licht darüber hinaus Artikel und Bücher. ■■ Peter P. ist auf mehreren Netz werk platt formen aktiv, ver netzt sich dort aber nicht mit Jugend lichen und Kollegen. Er postet keine privaten Dinge oder Belanglosig keiten und findet dies auch bei der Internetnut zung Jugend licher nicht gut. Im Internet ist aus be- ruflichen Gründen dennoch viel über ihn zu finden. ■■ Privat heit und Öffentlich keit haben für Peter P. auch eine politi sche Komponente. Er ver- weist auf die Volks zählung 1984, bei der er selbst engagiert gegen die Erhebung von persön lichen Daten ge kämpft hat. Auch heute gibt er keine personen bezogenen Daten preis. Was Privat heit ist, be findet sich seiner Meinung nach im Wandel und ist auch davon ab hängig, auf welche (Teil-)Öffentlich keit man sich bezieht. ■■ Neben Mobbing nennt Peter P. als weiteres Risiko für Jugend liche, dass sich diese nicht darüber bewusst sind, was mit ihren Daten passiert (kein Weitblick) und für welche Zwecke ihre Daten (politisch) ge nutzt werden können. Hier sollten die Jugend lichen auch ruhig mal auf den Rat von Erwachsenen hören. ■■ Jugend liche sollten Peter P. zufolge die Tragweite ihrer Ent schei dungen besser einschätzen lernen. Zudem sei es wichtig, dass ver stärkt Werte und Normen gelebt und soziale Kompe- tenzen in und für das Internet aus gebildet werden. Aktive Medienarbeit biete die Chance, mit den Jugend lichen ins Gespräch zu kommen und sie zu aktivie ren. Eltern seien oft zu wenig informiert und oft zu negativ ein gestellt, so dass ihre Beleh rungen ihre Kinder nicht er reichen. Eltern und andere Unter stüt zungs personen müssen laut Peter P. mit dem Internet ver traut, aber auch offen sein, ihre Kinder wertschätzen und ihnen Ver trauen ent gegen- bringen. Peter P. kennt sich mit sozialen Netz werken gut aus und hat vielfach engen Kontakt mit Jugend lichen. Politische Aktivität ist ihm wichtig – auch oder gerade im Zusammen hang mit Sozialen Netz werk platt formen. Er kritisiert, dass sich Jugend liche und junge Erwachsene zu wenig Gedanken um die politi schen und gesell schaft lichen Konsequenzen ihrer Handlun- gen machen. Er fände es gut, wenn sie bei be stimmten Themen auch mal auf den Rat der Älteren hören würden, betont dabei aber die große Rolle des Ver trauens. „Also Facebook ist ja darauf an gelegt, dass man alles von sich preis gibt oder möglichst viel. Es ist ja ein Forum. Also das ist der Wider spruch. Facebook ist gegen den gesamten Daten schutz, weil die Philosophie, die dahinter steht, dem Daten- schutz wider spricht.“ 281 Frank O. Frank O. (Mitte 40) ist seit Mitte der 1990er Jahre selbst ständi ger Rechts anwalt und hat sich in seiner Kanzlei auf die Themen Jugend und Sozial recht spezialisiert. Er engagiert sich seit seiner eigenen Jugend ehren amtlich in der Jugendarbeit. Jedes Jahr ist er in ungefähr 50 Ver anstal tungen als Referent in der deutschlandweiten Aus bildung von Mit- arbeitern der Jugendarbeit tätig. Hierzu hat er auch ein Handbuch ver öffent licht. Er über- nimmt Schulun gen zur Auf sichtspf licht im Rahmen von Ferien fahrten, Lagern oder Internet- projekten, berät zu Rechts fragen der offenen Kinder- und Jugendarbeit und informiert über den Jugendmedien schutz im Internet. Ein immer stärke rer Themen punkt seiner Referenten- tätig keit sind Möglich keiten, wie Jugendleiter die von ihnen be treuten Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit digitalen Medien unter stützen können. ■■ Selbst nutzt Frank O. digitale Medien eher in geringem Umfang. Er ist zwar in einigen Sozialen Netz werk platt formen an gemeldet, dies aber vor allem, um sich im Hinblick auf die Internetnut zung seiner eigenen Kinder „weiter zubilden“ und um bei Vor trägen eigene Erfah- rungen einfließen lassen zu können. ■■ Seine Einstel lung zu Privat heit bzw. Öffentlich keit wird nicht ganz klar. Er stellt vor allem Fotos als wichtige private An gelegen heit heraus, die nicht öffent lich ge macht werden sollten. ■■ Frank O. schildert die Risiken wie auch Chancen der Internetnut zung eher aus der „Drittperspektive“ denn aus seiner eigenen Beobach tung heraus. Er weist darauf hin, dass in den Medien eine Darstel lung der Risiken über wiege. Dies ist nach seiner Auf fassung nur eine Seite der Medaille: Das Internet und damit auch Soziale Netz werk platt formen könnten zu Bildungs zwecken, zur Koordina tion in Jugendgruppen und ähnlichem eben falls ein gesetzt werden. Kinder und Jugend liche hält Frank O. für technisch ver sierter als ihre Eltern, sieht aber dennoch Bera tungs bedarf. ■■ Jugendarbeiter haben nach Frank O. oft die be sseren Chancen als Eltern und Lehrer, positiven Einfluss auf das Ver halten von Jugend lichen zu nehmen. Er be gründet dies damit, dass Jugendarbeiter häufig jünger (als Eltern und Lehrer) sind, selbst digitale Medien nutzen und Streitig keiten oder andere kritische Themen einem offenen Dialog nicht im Weg stehen. Wichtig sei, auf Augenhöhe mit den Jugend lichen zu kommunizie ren und keine Vor schriften zu machen, sondern eher zu sensibilisie ren. Frank O. hat beim Thema Privat heit bzw. Öffentlich keit in Sozialen Netz werken und die hierfür er forder lichen Kompetenzen vor allem die Jugendarbeit im Blick. Ihm ist es sehr wichtig, Kinder und Jugend liche für die sichere Nutzung neuer Medien zu sensibilisie ren. Anders als einige andere Experten ver knüpft er das aber nicht mit intensive ren eigenen Netz-Aktivi täten, sondern konzentriert sich auf Informa tion für Multiplikatoren. „Die Eltern wissen durch die Presse, dass diese sozialen Netz werke möglicher weise schäd lich sein können. […] Die Eltern stellen sehr stark gegen über ihren Kindern die möglichen Gefahren heraus und ver suchen dann eher auf der Ver bots schiene dieses Problem zu regeln.“ 282 Alexander M. Alexander M. (Mitte 30) ist aus gebildeter Lehrer und Diplom-Soziologe. Er arbeitet als Referent eines von der Europäi schen Union ge förderten Projekts, das die Bevölke rung für das Thema Internet sicher heit sensibilisie ren und Medien kompetenz fördern soll. Über ein Internet-Portal ver öffent lichen die Projekt verantwort lichen Informa tionen zu aktuellen Ent- wick lungen im Internet. Unter richts materialien für die Lehrer schaft machen mit dem Thema ver traut und liefern methodisch-didakti sche Hinweise dazu, Jugend liche im Unter richt und deren Erziehungs berechtigte auf Elternaben den zu sensibilisie ren. Darüber hinaus werden Multiplikatoren-Schulun gen und regelmäßige Diskussionen mit Jugend lichen durch geführt. ■■ Alexander M. nutzt selbst nur die Soziale Netz werk platt form Xing. Bei Facebook oder anderen vor rangig privat ge nutzten Sozialen Netz werk platt formen ist er nicht „persön lich“ aktiv, sondern nur über ein anonymes Profil im Rahmen des Projekts ver treten. Für Jugend- liche aber seien Facebook, YouTube und Spiele sehr wichtig. ■■ Der Privatsphäre-Begriff von Alexander M. ist ver gleichs weise eng: Er möchte sowohl offline als auch online „Herr seiner Daten“ sein. Offline zeigt sich dies darin, dass er z. B. selten an Gewinn spielen teilnimmt und keine Kunden karten nutzt. Online trennt er strikt zwischen Beruf lichem und Privatem und stellt keine persön lichen Informa tionen über sich ein. Die Defini tion, was privat und was öffent lich ist, be findet sich seiner Ansicht nach – nicht zuletzt durch Online-Communities – im Wandel. ■■ Als Haupt risiko schätzt Alexander M. ein, dass man keine Kontrolle darüber hat, was z. B. Dritte über die eigene Person im Internet ver öffent lichen (insbesondere Fotos). Speziell auf die Gruppe der Jugend lichen bezogen, hält er es für riskant, dass diese sich nicht der Reichweite und Dynamik Sozialer Netz werkseiten bewusst sind. Daneben seien Soziale Netz werkseiten aber auch ein Raum, wo Jugend liche unter sich sein könnten. ■■ Alexander M. be obachtet, dass das Thema Daten sicher heit ganz oben auf der Agenda steht und Jugend liche inzwischen sensibilisiert sind. Er plädiert dafür, Jugend liche als „Experten“ ernst zu nehmen und bei Unter stüt zungs angeboten auch die positiven Seiten der Internetnut zung zu thematisie ren. Eltern und Lehrer müssten sich mit den Möglich keiten von Internetdiensten ver traut machen, bevor sie in den Dialog mit Jugend lichen treten. Bei Anbietern ist Alexander M. für ver einfachte Sicher heits einstel lungen und ein stufen weises Freischalten von Funk tions möglich keiten. Alexander M. kennt zahl reiche Funk tions möglich keiten des Internet, obwohl er selbst die für Jugend liche aus seiner Sicht wichtigste Soziale Netz werk platt form Facebook nicht nutzt. Er zeigt sich eher besorgt in Sachen Daten schutz und -sicher heit und ver weist auf das Dilemma, das sich dadurch ergibt, denn zum Funktionie ren einer Sozialen Netz werk platt- form gehöre es eben dazu, be stimmte Daten mit anderen zu teilen. „Und die sozialen Netz werke sind natür lich auch für viele Jugend liche ganz klar ein Raum, wo sie sich eben auch außerhalb von Erwachsenen welten bewegen möchten und da eben auch frei agieren können in weiten Teilen.“ 283 Kerstin H. Kerstin H. (Mitte 30) arbeitet als medien pädagogi sche Ansprechpartnerin in einer Medien- fach bera tung. Sie organisiert regionale und über regionale medien pädagogi sche Projekte mit Kindern und Jugend lichen in den Bereichen Video, Audio, Foto und Multimedia, unter- stützt Institu tionen und Jugendmedien gruppen, ver mittelt Kontakte zu Fachreferenten, organisiert Seminare, Fortbil dungen, Fachta gungen, Vor träge und Elternabende und berät zu Finanzie rungs möglich keiten von Medien projekten. Sie studierte Diplom-Pädagogik mit dem Wahlpflicht fach Medien pädagogik und arbeitete zunächst in einer städti schen Medienste- lle. Von Mitte bis Ende 2010 war sie ehren amtliche Medien fach beraterin. Seit Ende 2010 arbeitet sie hauptamt lich in dieser Domäne weiter. ■■ Kerstin H. nutzt Facebook be ruflich, um Kontakte zu Personen und Institu tionen zu halten, die ihr wichtig sind. Ein privates Benutzer konto dient nur dem eigenen Experimentie ren. In ihren Augen kommunizie ren Jugend liche fast nur noch über Soziale Netz werk platt formen, weil dies schneller und einfacher gehe als beispiels weise via E-Mail. Dabei schätzt sie die Jugend lichen nur bedingt risikobewusst ein. ■■ Für Kerstin H. be deutet Privatsphäre, selbst ent scheiden zu können, mit wem sie welche Daten teilt. Bei persön lichen Informa tionen trennt sie zwischen privaten und be ruflichen. Private Daten vollständig zu schützen hält sie für nicht möglich. In Zukunft werde man wohl die Privatsphäre nicht mehr so hoch halten. ■■ Dass unerwünscht Fotos auf Sozialen Netz werk platt formen ver öffent licht werden, er scheint Kerstin H. als eines der größten Risiken. Ihr kommen aber noch zahl reiche weitere Gefahren in den Sinn, so z. B. Daten ab fangende Gewinn spiele, gegen seitige Ver letzungen durch be leidigende Beiträge, aber auch drastischere Probleme wie Einbrüche infolge von Informa- tionen über Ab wesen heits zeiten. ■■ Kerstin M. beklagt das gering aus geprägte Bewusstsein Jugend licher im Umgang mit Fotos. Gleichzeitig be obachtet sie, dass Jugend liche in den letzten Jahren vor sichti ger ge worden sind. Wichtig ist aus ihrer Sicht ein stärke rer Aus tausch zwischen Jugend lichen und ihren Eltern, wobei die Eltern nicht nur die Gefahren des Netzes sehen dürften. Des Weiteren kommen der Jugendarbeit, informellen Gesprächen und konstruktiven Rückmel- dungen eine wichtige Funktion zu. Auch die Medien anbieter sieht sie in der Pflicht, leichter ver ständ liche Einstel lungs optionen anzu bieten. Kerstin H. hat viele Erfah rungen mit Jugend lichen und kennt sowohl die Vorzüge als auch die Gefahren auf Sozialen Netz werk platt formen aus der eigenen Erfah rung in der medien- pädagogi schen Arbeit. Auch sie thematisiert das Span nungs verhältnis zwischen hohem Daten schutz und Privatsphäre einer seits und einem offenen Aus tausch in sozialen Netz- werken anderer seits. Eine be sondere Rolle weist sie den Eltern zu, die ihren Kindern Orientie rung geben müssten, auch wenn diese ihnen technisch über legen sein sollten. „Seine Daten komplett zu schützen, ist meiner Meinung nach nicht mehr un bedingt möglich. […] Ich denke, die Einstel lung dazu wird sich ver schieben und mit der nach- kommen den Genera tion wahrschein lich auch lockern.“ 284 Experten aus der Domäne Medien Karsten S. Karsten S. (Mitte 30) lebt in einer Groß stadt und ist im Netz unter einem Pseudonym bekannt. Seit Mitte 2000 ist er mit ver schiedenen Projekten im Internet aktiv. Er gründete eigene Initiativen rund um Twitter, be treibt einen Podcast und mehrere Blogs. Er schreibt Zeitungs artikel und Beiträge in Online-Publika tionen. Karsten S. be schäftigt sich in seinen Texten und Vor trägen primär mit dem Ver lust der Kontrolle über die persön lichen Daten im Internet. Er ver tritt die These, dass Informa tionen im Zeitalter des Internet nicht be herrsch- bar sind und damit das Konzept der informa tio nellen Selbst bestim mung, wie es das Daten- schutz recht vor sieht, nicht mehr greift. Karsten S. studierte Kulturwissen schaften und arbeitet gegen wärtig an seiner Doktorarbeit. ■■ Berufs bedingt nutzt Karsten S. das Internet sehr intensiv. Er ver wendet Kurznachrichten- Dienste, Blogs und Podcasts und ist ent sprechend viel im Netz unter wegs. Ob und wie er auch Soziale Netz werk platt formen ver wendet, wird nicht ganz klar. Dass Facebook bei Jugend lichen primär ist, steht für ihn fest. Aber auch YouTube spiele bei ihnen eine große Rolle, was nach wie vor unter schätzt werde. ■■ Im Internet gibt es Privatsphäre laut Karsten S. höchstens bei Kommunika tion zwischen zwei Personen (E-Mail, Chat). Alles andere sei per se öffent lich – auch dann, wenn es zunächst nur an eine ein geschränkte Öffentlich keit gerichtet ist. Das Konzept von Privatsphäre werde sich in den nächsten 20 Jahren ändern, da sich unsere Gesell schaft mit den Jugend- lichen ver ändert. Für Karsten S. selbst gibt es nichts, bei dem er nicht er tragen könnte, wenn es im Internet auf taucht. ■■ Die wahren Risiken des Internet sieht Karsten S. nicht in Privatsphäre-Fragen oder Pornographie, sondern im Mobbing. Hier gibt es seiner Ansicht nach Bedarf, Jugend lichen unter stützend zur Seite zu stehen. In der Diskussion über den Daten schutz sieht er hingegen eher eine Gefahr, da vor dem Hinter grund der Kontroll verlust these schnell eine falsche Sicher heit ent stehe. ■■ Karsten S. schlägt vor, dass Jugend liche eine Einfüh rung in die Daten banktechnik er halten sollten, da man so am besten die Chancen und Risiken, die bei der Ver knüp fung von Daten ent stehen, er kennen kann. Hier sieht er auch die Schulen in der Pflicht. Eltern sollten bei der Internetnut zung Ansprechpartner für ihre Kinder sein. Jugend lichen zu sagen, wie sie handeln sollten, lehnt Karsten S. allerdings ab. Privatsphäre-Einstel lungen auf Sozialen Netz werk platt formen sollten auf ein binäres Maß ver einfacht werden, da sie sowieso eine falsche Sicher heit vor gaukeln. Karsten S. konzentriert sich auf das aus seiner Sicht nicht mehr greifende Konzept der informa tio nellen Selbst bestim mung. Seine Kernthese ist, dass Daten im Internet per se nicht zu kontrollie ren sind. Aus seiner Perspektive ist die Daten schutz-Diskussion sinn los. Jugend- liche sollten besten falls eine „informierte Ent schei dung“ treffen können. „Also wir sind auf jeden Fall an einem Punkt, wo die Rede von informa tio neller Selbst bestim mung zunehmend absurd wird.“ 285 Tamara N. Tamara N. (Ende 20) arbeitet seit Ende 2000 als „Media Educa tion Manager“ einer großen Sozialen Netz werk platt form. Unter ihrer Leitung sensibilisiert ihr Team junge Nutzer für eine ver antwor tungs bewusste, respekt volle und sichere Nutzung des Internet. Neben der direkten Arbeit in der Platt form be suchen die Mitarbeiter Schulen in ganz Deutschland, um zusammen mit Schülern, Eltern und Lehrern durch das Internet zu surfen und über Chancen und Risiken zu sprechen. Der Fokus dieser Aktivi täten liegt auf dem Umgang mit persön lichen Daten und auf dem Schutz der eigenen Privatsphäre. Tamara N. findet die Chancen der Dienste in der öffent lichen Debatte unter repräsentiert. Sie studierte bis vor kurzem Sprach-, Kommunika tions- und Medien wissen schaft. ■■ Tamara N. nutzt be ruflich wie privat das Internet und ist auch in Sozialen Netz werk platt- formen aktiv. Sie ist eher zurück haltend, was das Ver öffent lichen von Daten angeht und findet die strengen deutschen Daten schutz richtlinien gut. Jugend liche ver bringen ihrer Wahrneh mung nach sehr viel Zeit in Sozialen Netz werk platt formen und würden sich dabei zu wenig für den Daten schutz interessie ren. ■■ Privatsphäre online und offline sind für Tamara N. schwer voneinander zu trennen. Im Zentrum steht jeweils die Kontrolle darüber, welche persön lichen Daten welchen (Teil-) Öffentlich keiten oder gar nicht weiter gegeben werden. Tamara N. denkt, dass sich im Wandel be findet, was man unter privat und öffent lich ver steht. ■■ Für Tamara N. ist es riskant, wenn Jugend liche nur un genügend darüber nach denken, was alles mit ihren Daten passie ren kann. Die Jugend lichen wüssten zu wenig über Unter- schiede zwischen ver schiedenen Platt formen Bescheid (z. B. dass man bei Facebook sein Recht am Bild abtritt). Sie kritisiert außerdem, dass Schüler zu „lasch“ mit ihrer eigenen Daten sicher heit umgingen. Auch wenn die Sensibili tät dafür langsam steige, ver- mutet Tamara N., dass es noch lange Bera tungs bedarf geben wird. ■■ Jugend liche sollten aus Sicht von Tamara N. eine reflektierte Ent schei dung im Umgang mit ihren Daten fällen, wozu auch die Kenntnis der Daten schutz bestim mungen der Anbieter gehört. Weiter hin wichtig seien soziale Kompetenzen. Sie sieht Eltern wie auch Lehrer in der Pflicht, Jugend liche zu unter stützen. Diese hätten aber zu viel Angst und würden erst bei Gefahren hell hörig werden. Internetanbieter müssten die Daten schutz vorgaben alters- gerecht und klar ver ständ lich formulie ren. Tamara N. arbeitet ge wissermaßen an der Schnitt fläche von Jugendarbeit und Medien und ist inhalt lich in Sachen Internetnut zung und Soziale Netz werk sehr ver siert. Es fällt auf, dass sie den eigenen Anbieter, bei dem sie arbeitet, in Sachen Daten schutz besser einschätzt als die Konkurrenten. Tamara N. sieht klar die Anbieter in der Pflicht, was die Unter stüt zung Jugend licher angeht, appelliert aber auch an die Eltern, neben Risiken die Chancen wahrzunehmen und über haupt Interesse zu zeigen. „Es ist leider oft so, dass man [bei Eltern] oftmals mit dem Negativen ansetzen muss. Also immer wenn irgendwie was passiert oder wenn Eltern er fahren, dass ihrem Kind was im Netz passiert ist, dass es ge mobbt wird und so weiter, dann ist das Interesse sehr groß.“ 286 Klaus G. Klaus G. (Ende 20) ist Social Media Manager einer Online-Marketing-Agentur. Er konzipiert und betreut die Aktivi täten von Unter nehmen im Bereich Social Media. Haupt schwerpunkt seiner Arbeit sind Marketing-Kampagnen auf der Sozialen Netz werk platt form Facebook mit bis zu 300.000 aktiven Teilnehmern. Im Berufsalltag be obachtet Klaus G. täglich die Beiträge von Jugend lichen und jungen Erwachsenen und schreitet ge gebenen falls ein, wenn diese persön liche Daten über sich oder über andere Nutzer preis geben. Ende 2000 hat er sein Studium im Medien bereich ab geschlossen. Während der Olympischen Spiele 2008 arbeitete er als Berichterstatter für zwei Zeitun gen. Privat betrieb er zwischen Mitte und Ende 2010 ein eigenes Blog. ■■ Klaus G. ist selbst aktiver Nutzer von Facebook. Auch mit anderen Web-Anwen dungen hat er Erfah rung. In mobilen Anwen dungen sieht er die Zukunft. Von der Regulie rung Sozialer Netz werk platt formen hält er wenig, obschon er bei Jugend lichen wahrnimmt, dass diese zu viel von sich ver öffent lichen. Dabei würden sich allerdings auch viele belang lose Dinge be finden. ■■ Privatsphäre bilden für Klaus G. die Informa tionen, die er nicht mit allen Menschen teilen will. Privat sind für ihn auch Daten wie Adresse und Telefon nummer. Gleichzeitig sieht er sich aber als Person, die öffent lich die eigene Meinung ver tritt. ■■ Klaus G. ver mutet, dass speziell schnell wachsende Dienste dem Wachstum zuliebe den Daten schutz ver nachlässigen. Das sei dann für die jugend lichen Nutzer auf jeden Fall ein Risiko, insbesondere weil diese recht freizügig mit ihren Daten umgehen würden. Auf der anderen Seite meint Klaus G. aber auch, dass sich deutsche Nutzer noch ver gleichs weise vor sichtig auf Sozialen Netz werk platt formen ver halten würden. ■■ Klaus G. stellt klar, dass das Community Management von Unter nehmen keine Erziehungs- funk tionen über nehmen könnte. Er selbst aber und seine Kollegen würden immerhin sensitive Daten, die er im Rahmen seiner be ruflichen Tätig keit ent deckt, ent fernen. Unter stützen könnten laut Klaus G. vor allem die Eltern, be sonders, wenn sie selbst Soziale Netz werk- platt formen nutzen, aber auch Schule, Jugendarbeit sowie die (Massen-)Medien mit ihrer Berichterstat tung. Außerdem sollten die Nutzer selbst lernen, z. B. kritische Beiträge zu melden. Klaus G. ist infolge seiner Tätig keit (werb liche Kampagnen auf Sozialen Netz werk platt formen) ge wissermaßen ge zwungen, eine genuin pädagogi sche Perspektive auf Fragen zu Privat heit und Öffentlich keit der jugend lichen Nutzer eher außer Acht zu lassen. Er hält eine Regulie- rung Sozialer Netz werk platt formen für schwierig, plädiert aber für Unter stüt zung von vielen Seiten, damit Jugend liche informierte Ent schei dungen treffen können. „Es gibt ja immer diesen irrigen Glauben, dass alles, was ich irgendwie auf Facebook poste, jeder sehen kann. Das ist eine immer noch weit ver breitete Ansicht, obwohl es so ja nicht praktiziert wird. Es ist ja tatsäch lich so, dass die Profile noch größtenteils ab geschottet sind.“ 287 Bernd D. Bernd D. (Anfang 30) ist Rechts anwalt und arbeitet derzeit im Jugendmedien schutz recht für die Freiwillige Selbst kontrolle Multimedia-Dienste anbieter e. V. (FSM). Die Selbst kontroll- organisa tion wurde 1997 von Medien verbänden und Unter nehmen der Online-Wirtschaft ge gründet. Sie fungiert als Beschwerdestelle, an die sich auch Jugend liche und junge Erwachsene wenden können, wenn sie mit problemati schen Inhalten oder problemati schen Ver haltens weisen im Internet konfrontiert sind. Vor zwei Jahren hat der Verein einen Ver- haltens kodex für Anbieter von Sozialen Netz werk platt formen initiiert, dem sich die drei deutschen Anbieter VZ-Netz werke, Lokalisten Media und RTL inter active ver pflich teten. Bernd D. referiert in Bildungs einrich tungen über recht liche Fragen der Internetnut zung und berät Unter nehmen in der Gestal tung ihrer An gebote. ■■ Bernd D. ist selbst aktiver Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen und war früher Moderator in einem Computer spieleforum. Nicht alle Aktivi täten von Jugend lichen, aber auch die von Erwachsenen, kann er be fürworten, z. B. das exzessive Teilen von privaten Fotos und Videos sowie das Beschreiben von aktuellen Aktivi täten. ■■ Privatsphäre offline be schreibt Bernd D. als das Recht, allein ge lassen zu werden und darüber be stimmen zu können, was andere (z. B. Staat, Ver mieter, Nachbar) über einen wissen dürfen. Online fasst er den Begriff der Privatsphäre enger: Es gehe primär darum, welche digitalen Informa tionen von einer Person im Netz ver fügbar sind, wer Zugang dazu hat und was derjenige damit machen darf. ■■ Risiken sieht Bernd D. speziell in Cyberbullying, Ehrverlet zungen und darin, dass für die Jugend lichen nicht abzu schätzen sei, was mit ihren Informa tionen tatsäch lich passiert. Er sieht große Unter schiede in der Medien kompetenz der Jugend lichen. Manche seien komplett sorg los, andere würden sehr vor sichtig mit ihren Daten umgehen. Die Mehrheit hätte inzwischen aber eine differenzierte Sicht weise und wüsste, dass man nicht alles, was technisch geht, auch wirk lich machen sollte. ■■ Jugend liche sollten laut Bernd D. die gesetz lichen Vor gaben (Urheber recht, Recht am Bild) kennen, sich aber auch un geschriebener Gesetze bewusst sein (soziale Kompetenz). Jugend liche in der sicheren Internetnut zung zu unter stützen, sei eine gesamt gesell schaft- liche Aufgabe (Eltern, Lehrer, Peers, Jugendarbeiter). Die Internetdienst leister sieht Bernd D. inter national in der Pflicht. Bernd D. hat umfang reiche Kennt nisse und Erfah rungen mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen. Um Jugend liche in der sicheren Internetnut zung zu unter stützen, plädiert er für einen „globalen Ansatz“. Es ist ihm wichtig, auf die inter nationale Problematik bei Sicher heits bestim mungen hinzu weisen. Hier einheit liche Schutz maßnahmen zu finden, sei noch ein langer Weg. „Es gibt Jugend liche, die völlig sorgen frei sind, … völlig undifferenziert Internetdienste nutzen und alle Informa tionen von sich preis geben … Es gibt das andere Extrem, dass junge Leute sagen ‚Ich möchte über haupt nichts von mir preis geben, ich möchte Internetdienste so passiv und so anonym wie möglich nutzen, wie’s nur geht‘.“ 288 5.2.2 Konstanten und Besonder heiten bei den Experten Wie Experten die Internetnut zung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen einschätzen Alle 13 Experten aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien, mit denen wir ge sprochen haben, sind sich darin einig, dass Soziale Netz werk platt formen un verzicht barer Bestand teil im Leben Jugend licher ge worden sind, um unter einander in Kontakt zu bleiben, zu kommunizie ren, nichts zu ver passen und sich zu koordinie ren. Facebook, so eben falls die fast einhellige Meinung der interviewten Experten, habe unter den Sozialen Netz werk platt formen den Siegeszug an getreten und eine heraus ragende Stellung im Alltag junger Internetnutzer erlangt. Die Hälfte der Experten betont darüber hinaus, dass es für Jugend liche wichtig sei, vor allem Fotos und Videos ins Internet zu stellen und anzu sehen. Eine ent sprechend große Bedeu tung habe die Platt form YouTube. Einer der Experten weist im Interview darauf hin, dass YouTube nicht nur zum Hochladen und Anschauen von Videos, sondern in ge wisser Weise auch zur Kommunika tion ge nutzt und in dieser Funktion von den Erwachsenen unter schätzt werde. Computer spiele halten vor allem Experten aus der Jugendarbeit und ansatz weise auch die aus der Domäne Schule be sonders für männ liche Jugend liche neben Sozialen Netz werk platt formen für eine be deutsame Computer und InternetAnwen dung. Alle interviewten Experten aus der Domäne Schule äußern sich eher skep tisch zum Risikobewusstsein von Jugend lichen im Internet und in Sozialen Netz werk platt formen, betonen aber, eine erhöhte Sensibilisie rung für Sicher heits fragen in der letzten Zeit wahrzunehmen. Ver gleichs weise aus führ liche Darstel lungen zum mangelnden Wissen und Können junger Nutzer finden sich in den Interviews mit Experten aus der Domäne Jugendarbeit. Doch auch sie meinen hier einen ge wissen Wandel er kennen zu können. Viele Beiträge von Jugend lichen im Netz – so diese Experten – seien aber eher banal. Das Wissen und Können in Sachen Sicher heit halten auch die vier von uns interviewten Medien experten für nicht allzu hoch aus geprägt, er läutern dies aber weni ger aus führ lich und weniger negativ. Insgesamt be trachtet ergibt sich durch aus eine Diskrepanz zwischen dem Selbst bild der von uns interviewten 24 Jugend lichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 24 Jahren einer seits und dem Fremdbild der 13 Experten aus Schule, Jugendarbeit und Medien, mit denen wir ge sprochen haben, anderer seits: Jugend liche und junge Erwachsene geben zwar einige Wissens lücken im „Ich muss sagen, viele Jugend liche gehen nicht sehr sensibel mit ihren Daten um. Sie haben einfach kein Gespür dafür, was jetzt eigent- lich öffent lich sein darf und wo man ein bisschen auf passen sollte und wie man damit umgehen muss.“ (Tom F., Domäne Schule) 289 Umgang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen zu und zeigen sich in einigen Fällen auch offen sorg los. Das Bild, das man nach den Ge sprächen mit ihnen von ihrem Nutzungs verhalten und Risikobewusstsein hat, ist aber weitaus hetero gener als das, welches die Experten aus unseren Interviews in dieser Hinsicht von den jungen Nutzern zeichnen. Die be fragten Experten nehmen auch bei der Internetnut zung Jugend licher und junger Erwach sener offen bar eine relativ große Homogeni tät an, die wir in den Interviews mit unserer Zielgruppe so nicht fest stellen können. Allerdings geben viele der Experten aus allen drei Domänen an, eine positive Ver ände rung im Sicher heits verhalten und in Kennt nissen bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen in letzter Zeit zu er kennen. Zudem stimmen die Ein schät zungen der Experten im Hinblick auf die hohe Bedeu tung von Fotos und Videos in Sozialen Netz werk platt formen mit vielen Aus sagen der Jugend lichen und jungen Erwachsenen überein. Erwähnt wird von mehreren Experten zudem, dass Soziale Netz werk platt formen vor allem für die Kommunika tion von banalen Inhalten ge nutzt werden würden. Hier stimmen auch einige (aber keines wegs alle) der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in den Inter views zu: In Sozialen Netz werk platt formen kursiert auch ihrer Ansicht nach viel Belang loses, was in ihren Augen aber vor allem für die Beiträge anderer gilt, und man ver breite Dinge, die „nicht be sonders“ sind, was dann auch auf die eigenen Beiträge bezogen wird. Was Experten über Privat heit bzw. Öffentlich keit im Netz denken Was für die von uns interviewten Experten als privat gilt und ent sprechend nicht im Internet ver öffent licht werden sollte, unter scheidet sich nicht wesent lich von dem, was auch viele Jugend liche und junge Erwachsene, mit denen wir ge sprochen haben, über Privat heit und Öffentlich keit denken. Zumindest wird so gut wie alles, was auch Jugend liche und junge Erwachsene ge nannt haben, von mindestens einem der 13 Experten exemplarisch als zur Privatsphäre zu gehörig empfunden, darunter: Daten zu Wohnort und Telefon nummern, Informa tionen über Familie und Partner schaft, über Gemüts lagen und Erkran kungen, über Aufenthaltsorte und Ver mögens verhält nisse sowie Bilder von einem selbst. Unter schiede zwischen den Experten aus den ver schiedenen „Ich denke, es ist mittlerweile tatsäch lich so, dass viele jugend- liche Nutzer schon sehr informiert damit umgehen und sich auch sehr bewusst dafür entscheiden, welche Informa tion sie teilen und welche nicht und welchen Risiken sie sich damit möglicher weise aus setzen.“ (Bernd D., Domäne Medien) „Wenn ich immer so lese, ‚War heute Laufen‘ und ‚Mache jetzt gerade das‘, da denke ich: ‚Wen interessiert’s?‘ Da kann man jetzt sagen, okay, das ist die Banalität des Alltags.“ (Peter P., Domäne Jugendarbeit) 290 Domänen sind nur in einigen wenigen Punkten zu er kennen. Fast alle Experten definie ren Privatsphäre im Internet ab strakt als das, worüber man Kontrolle hat und worauf man selbst Einfluss nehmen kann. Experten speziell aus der Domäne Medien neigen dazu, Privat heit mit dem Recht zu ver knüpfen, sich zurück ziehen zu können – auch von Kontakten im Internet. Dies dürfte damit zu tun haben, dass diese Experten eine be sonders hohe und intensive Medien nutzung (schon allein aus be ruflichen Gründen) aufzu weisen haben und eine hohe Ver bindung der eigenen Identität mit der OnlineWelt naheliegt. Diese Lesart von Privat heit wurde im Übrigen auch bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen deut lich, die starke Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen sind. Mehrere Experten aus den Domänen Jugend arbeit und Medien äußern explizit die Ver mutung, dass das, was man als privat und öffent lich definiert, einem steti gen, wenn auch langsamen Wandel unter zogen sei und gerade gesell schaft lich neu ver handelt werde (oder werden müsse). Ver einzelt wird von den von uns interviewten Experten auch darauf hin gewiesen, dass es schwierig sei, Privatsphäre bzw. Daten schutz in Sozialen Netz werken eng zu definie ren, da dies im Wider spruch zu deren Philosophie und Funk tions weise stehe – eine Erkenntnis, die, wenn auch einfacher formuliert, einige der Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Gespräch mit uns eben falls an gedeutet haben. Wie Experten die Risiken in sozialen Netz werken einschätzen Was Experten als Risiken im Internet im Allgemei nen und in Sozialen Netz werk platt formen im Spe ziellen einschätzen, ergibt – ver gleicht man die Ein schät zungen der Experten aus den drei Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien – ein relativ homo genes Bild: Fast alle weisen auf das große Problem hin, dass einmal ver öffentlichte Daten „nicht ver gessen“ werden, also potenziell sehr lange zugäng lich bleiben, nicht komplett „zurück geholt“ werden und auf ver schiedenste Weise zum Nachteil der Betroffenen ver wendet werden könnten. Dies wird mehrfach auch direkt oder indirekt als Kontroll verlust be zeichnet. Eben falls häufig und damit zusammen hängend werden MobbingPhänomene (CyberMobbing, Cyberbullying) vor allem, aber nicht „Privatsphäre gibt es für mich im Internet eigent- lich nicht. Ich ver suche meine persön lichen Daten eher aus dem Internet raus zuhalten.“ (Kerstin H., Domäne Jugendarbeit) „Privatsphäre be deutet für mich, dass ich selbst ent scheiden kann, welche Informa tionen ich im Internet … öffent lich ver fügbar mache oder nicht.“ (Karl E., Domäne Schule) „Ein Problem ist natür- lich auch heute noch, dass vor allem gerade die jüngeren Jugend- lichen die Reichweite, Dynamik und Nach haltig- keit von ein gestellten Inhalten noch nicht ab- schätzen können.“ (Alexander M., Domäne Jugendarbeit) 291 nur, von den interviewten Experten aus den Domänen Schule und Jugendarbeit als großes Risiko benannt. Mehrfach wird schließ lich die Gefahr artikuliert, dass es zu Daten miss brauch speziell zu Werbe zwecken, zu „Identi täts klau“ und zur Ver brei tung von Troja nern infolge eines zu sorg losen Umgangs mit privaten Daten in Sozialen Netz werk platt formen kommen könne. Eine Person aus unseren Interviews ver weist auch auf die Einbruchs gefahr infolge von Status meldun gen und Voyeurismus. Zwei Experten aus der Domäne Medien er gänzen diese, auch in den Inter views mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen oft auf tauchen den, Risiko beschrei bun gen durch zwei weitere, etwas anders ge lagerte Pro bleme: Dabei handelt es sich zum einen um die Inter nationali tät des Internet, die effektive Daten schutz vorkeh rungen schwierig und für junge Nutzer auch undurchschau bar macht, und zum anderen um die Wachstums gier von WebUnternehmen, denen steigende Nutzer zahlen wichti ger seien als Daten schutz. Einer der Medien experten, mit denen wir ge sprochen haben, gibt zudem an, welche Risiken er für über schätzt hält, nämlich beispiels weise Google Street View oder LikeButtons bei Facebook. Man kann fest stellen, dass die meisten Experten in unseren Interviews zwar tendenziell mehr und aus führ licher Risiken als Chancen Sozialer Netz werk platt formen thematisie ren, aber über alle Domänen hinweg auch Vor teile und positive Nutzungs möglich keiten er kennen. Fast alle Experten betonen, dass Soziale Netz werk platt formen die Kommunika tion einfacher und schneller machen, dabei helfen, soziale Kontakte zu pflegen, manchmal auch herzu stellen, und sich effektiv zu koordinie ren. Dies haben uns auch fast alle interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen, die Soziale Netz werk platt formen nutzen, in hohem Maße be stätigt. Nicht so einhellig, aber von der Tendenz her klar, betonen viele Experten die Chance Sozialer Netz werk platt formen, sich selbst darzu stellen bzw. sich zu präsentie ren (Stichwort Identi täts bildung). Die Angaben der jungen Nutzer, mit denen wir ge spro chen haben, sind hier im Ver gleich zu den Experten einschät zungen allerdings weniger einheit lich: Selbst darstel lung wird eher nicht als be sondere Chance Sozialer Netz werk platt formen bzw. nur von wenigen so wahrgenommen. Über die Domänen ver streut nennen die von uns be fragten „Wenn wir ein Gewinn- spiel durch führen, fragen wir auf Facebook die Daten innerhalb einer Applika tion ab, weil die dürfen nicht öffent lich an der Pinnwand ab gefragt werden. Und da sind Jugend liche teil weise doch schon relativ freizügig und posten direkt auf der Pinnwand – was wir natür lich dann sofort wieder löschen.“ (Klaus G., Medien) „Ich ver suche immer zu ermuti gen und zu sagen: ‚Ihr habt ja die Experten hier an der Schule. Das sind nämlich eure Schüler. Lasst … die doch mal kommen, es kann doch nur noch einen guten Fluss geben, und ihr könnt ganz viel lernen von denen‘.“ (Sabine R., Domäne Jugendarbeit) 292 Experten ver einzelt weitere Chancen, die Online Communities mit sich bringen können: deren Nut zung zum Lernen, zur Ent wick lung sozialer Fertig keiten, zur hierarchiefreien Kommunika tion und zur Ab gren zung von der Erwachsenen welt. Auch für Lehrer werden von einem unserer Experten Vor teile Sozialer Netz werk platt formen an gesprochen: Sie könn ten die Koopera tion in der Lehrer schaft er leichtern und als Werkzeuge im Schul unterricht ein gesetzt werden. Welche Kompetenzen Experten für Jugend liche und junge Erwachsene als notwendig erachten Welche Kompetenzen Jugend liche und junge Erwach sene für einen sicheren Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen benöti gen, darüber besteht bei den von uns interviewten Experten über die Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien hinweg eine relativ über einstimmende Meinung – jeden falls im Kern dessen, was man diesbezüg lich als Medien kompe tenz definie ren könnte: Alle nennen hier unter Ver wendung teils gleicher, teils unter schied licher Be zeich nungen eine kritische Medien kompetenz, die insbesondere das Bewusstsein für die Risiken in Sozialen Netz werken (siehe oben) einschließt. Man könnte die Einschät zung der Experten also auch so formulie ren: Wer die Risiken, die mit der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen einher gehen (potenzieller Kontroll verlust über private Daten, Urheber rechts verlet zungen, Mobbing etc.) kennt und diese bei seinem Handeln im Internet be rücksichtigt, sei kom pe tent. Daneben nennen Experten aus der Domäne Schule noch konkreter folgende Fähig keiten und Fertig keiten, die sie für notwendig halten: Infor mationen recherchie ren und im Hinblick auf ihren Wahr heits gehalt be urteilen können, die Qualität und die Aus wirkungen von Beiträgen einschätzen und be urteilen können sowie Freundschafts beziehungen in sozialen Netz werken richtig einord nen können. Ein Experte sieht auch Lesekompetenz als wichtig für eine ver antwor tungs volle Nutzung des Internet. Aus allen Domänen heraus ver weisen mehrere Ex per ten zudem darauf, dass junge Nutzer neben recht „Dann ist es natür lich wichtig bei solchen An- geboten im Internet, dass man sich von den Erwachsenen ein bisschen ab grenzt.“ (Tamara N., Domäne Medien) „Und da kann man dann schon ver suchen, den Kindern mal die Rechts lage klar zu machen. Da haben sie einfach Defizite, so dass sie ein illegales Ver halten nicht richtig einschätzen können.“ (Frank O., Domäne Jugendarbeit) „… kritische Medien- nut zungs kompetenz … heißt, dass erst einmal das Bewusstsein dafür geschaffen werden muss, dass alles, was im Internet steht, wirk lich … öffent lich ver fügbar ist, und dass darin auch ein großes Risiko liegen kann.“ (Karl E., Domäne Schule) 293 lichen Vor gaben auch „un geschriebene Gesetze“ kennen müssten, die mit gegen seiti gem Respekt und Einfüh lungs vermögen zu tun haben. Genannt werden auch techni sches Wissen und Ver ständnis (etwa über Daten banken und den Aufbau von Sozialen Netz werk platt formen) sowie ganz konkret BedienKom petenzen etwa bei Privat sphäreEinstel lungen. Einige Experten aus der Domäne Jugendarbeit, mit denen wir ge sprochen haben, fügen noch einen weiteren Aspekt von Kompetenz im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen an: Man sollte wissen, an wen man sich wenden kann, wenn man Hilfe braucht, und nicht glauben, alle Probleme allein lösen zu müssen oder zu können. Wie man diese Kompetenzen bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen aus der Sicht der Experten fördern könnte oder sollte Während sich die insgesamt 13 Experten aus den Domänen Schule, Jugend arbeit und Medien nur wenig in ihren Einschät zungen voneinander unter scheiden, welche Kompetenzen Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen haben oder aus bilden sollten, zeigen sich zwischen ihnen in der Frage nach der Kompetenzförde rung neben einigen Gemeinsam keiten doch deut liche Unter schiede. Die größte Gemeinsam keit besteht darin, dass fast jeder der Experten, mit denen wir ge sprochen haben, die Ver antwor tung für den Aufbau und die Förde rung von Kompetenzen bei Jugend lichen und jungen Er wachsenen auf mehrere Schultern ver teilt sehen will: Eltern, Lehrer bzw. die Schule, Pädagogen außerhalb der Schule bzw. Jugendeinrich tungen, aber auch die Anbieter Sozialer Netz werk platt formen und der Gesetz geber seien in der Pflicht. Allerdings sind die Gewich tungen, wie effektiv die ver schiedenen Per so nen und Institu tionen agieren können, durch aus unter schied lich. Unter schied licher argumentie ren die Experten dagegen in Sachen Kompetenzförde rung. Erstaun lich sind die Meinungs unterschiede einer seits nicht, bringen doch Personen aus ver schiedenen Domänen infolge ihrer be ruflichen Tätig keit, ihres Tätig keits umfelds und ihrer Erfah rungen jeweils andere Perspektiven auf die Thematik mit. Anderer seits haben alle von uns interviewten Experten mehr oder weniger aus geprägten Kontakt zu den jeweils anderen Domänen, so dass die fest zustellen den Unter schiede durch aus be achtens wert er scheinen. Die von uns interviewten vier Experten aus der Domäne Schule thematisie ren stärker als die anderen Interviewpartner die Möglich keiten der Kompetenz förde rung in und durch die Schule, insbesondere auch die Rolle des Unter richts. „Ich hab es oft genug erlebt, dass man zum Beispiel Urheber rechts- regeln thematisiert und be spricht. Und das können die Schüler auch. Aber völlig unab hängig davon … und zwei Wochen später spielt es für die Praxis keine Rolle … denn für den Alltag gelten ganz andere Regeln.“ (Richard R., Domäne Schule) 294 Während ver einzelt auch Experten aus den Domänen Jugendarbeit und Medien auf die Bedeu tung von Schule und Unter richt ver weisen, dabei aber recht vage bleiben, be nennen die Experten aus der Schule eine Reihe konkreter Möglich keiten: Man könne im Unter richt über Risiken und Sicher heits fragen informie ren. Man könne Projekte im Unter richt an stoßen, in denen vor allem Web Anwen dungen wie Blogs, Wikis sowie Soziale Netz werk platt formen zum Einsatz kommen und den Schülern eigene Erfah rungen er möglichen. Man könne Schüler aber auch individuell an sprechen und für Gespräche mit ihnen offen sein. Die von uns be fragten Experten aus der Domäne Schule sprechen sich zudem dafür aus, dass Schulen die Eltern informie ren und diese für Gefahren sensibilisie ren, ohne aber bei den Risiken stehen zubleiben. Allerdings bestehe ein Problem darin, dass die Schule zwar Wissen ver mitteln kann, der Alltag der Jugend lichen und jungen Erwachsenen aber nach anderen Regeln funktioniert, so dass sie Gelerntes ignorierten. Dies sei z. B. dann der Fall, wenn sie be stimmte persön liche Daten wider be sseres Wissen in Sozialen Netz werk platt formen preis gäben, um sich den Erwar tungen ihrer Mitschüler anzu passen. Die von uns interviewten Experten aus der Domäne Schule fordern mehrfach von den Eltern, dass sie Interesse an den Aktivi täten ihrer Kinder im Netz haben sollten. Eltern, aber auch die Lehrer, so ihre Meinung, müssten sich weiter bilden, Informa tions angebote annehmen und selbst kompetent im Umgang mit Medien sein, um als Vorbild wirken zu können. Einer der Experten schlägt Koopera tions verein ba rungen zwischen Schule und Eltern vor. Die Peer group erwähnt nur eine Person aus der Domäne Schule als wichtig für die Kompetenz förde rung. Neben diesen personalen Voraus setzungen sind nach Ansicht der Experten aus dem Schul bereich auch schuli sche Bedin gungen er forder lich: Um den Um gang mit dem Internet und damit auch mit Sozialen Netz werk platt formen in der Schule be handeln zu können, müsse man dafür Platz im Lehrplan schaf fen, aus reichend Zeit einräumen, die er forder liche techni sche Infrastruktur bereit stellen und den Leh rern Fortbil dungs möglich keiten (die auch von außen stammen könnten) bieten. Von Internetdienst leistern fordern die Experten, die mit uns ge sprochen haben, PrivatsphäreEinstel lungen zu ver einfachen, besser über Rechts fragen zu infor mie ren und beim Löschen von Daten aktiv zu helfen. Ver einzelt wird auch für bessere gesetz liche Lösungen an stelle bloßen Ver trauens auf Selbstregula tion plädiert. Die fünf Experten aus der Domäne Jugendarbeit, mit denen wir ge sprochen haben, sehen zwar eben falls unter anderem die Schule in der Pflicht, wenn es „In der Schule ist es doch so: man will dazu- gehören, also muss man sich be stimmten Regeln unter werfen, manchmal in der Clique, manchmal, weil man bei irgendwas dabei sein will. Im Internet ist es natür lich noch viel schlimmer.“ (Matthias S., Domäne Schule) 295 um die Kompetenzförde rung im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen geht. Stärker als die von uns be fragten Experten aus der Schule aber werden explizit Dialog und informeller Aus tausch ohne „er hobenen Zeigefinger“ in den Vordergrund gerückt: Genannt werden Dialog und Aus tauschmöglich keiten auf Messen und anderen Ver anstal tungen, in Projekten der aktiven Medienarbeit und bei unge plan ten konkreten Anlässen. Zwar wird auch in dieser Experten gruppe auf Informa tions material (z. B. Broschüren) zur Kompetenzförde rung ver wie sen: Hier hat man dabei allerdings vor allem Eltern und Pädagogen im Blick, die wiederum Jugend liche und junge Erwachsene sensibilisie ren sollen. Als schwierig für Fördermaßnahmen wird mitunter ein geschätzt, dass Jugend liche um die Risiken von Sozialen Netz werk platt formen wüssten, diese aber in Kauf nehmen, da für sie die Mehrwerte über wiegen. Zweimal werden in dieser Experten gruppe die Peers ge nannt, wenn es darum geht, Kompeten zen zu ent wickeln: Jugend liche könnten sich zum einen gegen seitig unter stützen und z. B. auch gegen seitig vor Gefahren warnen und sie könnten zum anderen als „Experten“ für weniger er fahrene, aber auch ältere Personen fungie ren und etwas er klären, was sie selbst schon wissen. Im Ver gleich zu den Experten aus der Domäne Schule zeigen sich die von uns interviewten Experten aus der Domäne Jugendarbeit etwas skepti scher, was die Möglich keiten der Eltern für die Kompetenzförde rung ihrer Kinder be trifft: Zwar gehen auch diese Experten davon aus, dass es alle in der Gesell schaft angehe, wie Jugend liche und junge Erwachsene mit dem Internet im Allgemeinen und Sozialen Netz werk platt formen im Besonde ren umgehen. Es wird aber von ihnen häufi ger thematisiert, dass Ver bote und Ängste sowie zu wenig Wissen und Erfah rung gerade bei den Eltern eine effektive Unter stüt zung oft schwierig machen. Offen heit, gute Kennt nisse und prakti sches Können werden generell als Voraus setzung für diejenigen Personen an gesehen, die Kompetenz entwick lung wirkungs voll initiie ren und be gleiten. Experten aus der Domäne Jugendarbeit weisen in unseren Interviews be sonders oft und intensiv darauf hin, wie wichtig ein Ver trauens verhältnis zwischen Jugend lichen und ihren „Betreuern“ ist: Letztere müssten den Jugend lichen auf Augenhöhe be gegnen, diese ernst nehmen und dürften sie nicht bevor munden. Besonders „Der ein oder andere Jugend liche sagt vielleicht ‚Ich weiß, dass all das, was eben in sozialen Netz werken ein- gestellt wird [vom Anbieter] als Daten aus- gewertet oder für personalisierte Werbung ge nutzt wird …, aber trotz alledem ist einfach dieser Mehrwert dieses sozialen Netz werks für mich höher an gesiedelt.‘“ (Alexander M., Domäne Jugendarbeit) „Diese starke Ver- trauens posi tion [der Jugendarbeiter], die in vielen Fällen deut lich mehr Einfluss er möglicht als die Eltern, die wollen wir aus nutzen, um hier den Kindern einen ver- nünfti gen Umgang zu ver mitteln.“ (Frank O., Domäne Jugendarbeit) 296 problematisch sei es, wenn Eltern (oder Pädagogen) Jugend lichen im Netz hinter herspionie ren, denn dies zerstöre die dringend er forder liche Ver trauens basis. Neben den Eltern sehen Experten aus der Jugendarbeit daher Pädagogen außerhalb der Schule als wirkungs volle Unter stüt zungs personen; zu diesen, so einer der Experten, würden auch Trainer im Sportbereich ge hören. Schulen, so ihre Forde rung, sollten Lehrer besser fortbilden, damit diese Sicher heitsthemen im Internet zum Unter richts gegen stand machen können. Einer der Experten weist darauf hin, dass auch Jugendeinrich tungen auf holen müssten, denn deren Strategien der Kontakt aufnahme zu Jugend lichen seien teil weise ver altet. Im Ver gleich zu den Experten aus der Domäne Schule machen die fünf von uns interviewten Experten aus der Domäne Jugendarbeit mehr und noch konkretere Vor schläge, was speziell die Internetdienst leister tun müssten: Die Daten schutz optionen in sozialen Netz werken müssten einfacher und ver ständ licher sein; Vor einstel lungen sollten einen hohen Daten schutz umsetzen; jüngeren Nutzern könnte man ver schiedene Funktionali täten erst nach und nach freischalten; Neuerun gen (z. B. personalisierte Werbung) müssten zunächst deaktiviert sein; über Ver ände rungen müsste klarer informiert werden; bei der er stmali gen Anmel dung sollte ein Identi täts check statt finden; bei krimi nellen Delikten müsste man mehr Möglich keiten haben, Personen aufzu spüren, die Netz werke zu krimi nellen Zwecken nutzen; man sollte z. B. nach Pädophilen aktiv suchen; nach zehn Jahren sollten Anbieter alles löschen; und schließ lich sollten Internet dienst leister mehr mit Pädagogen und Jugend lichen kooperie ren. Die von uns be fragten vier Experten aus der Domäne Medien neigen dazu, die Möglich keiten der Kompetenzförde rung nicht allzu hoch einzu schätzen – jeden falls lässt sich das indirekt aus einigen der Aus sagen in den Interviews er schließen. Am häufigsten wird in diesen Interviews zunächst die eigene Ver antwor tung als Ver treter der Medien reflektiert und in diesem Zusammen hang fest gestellt, dass es hier enge Grenzen gäbe. Bis auf eine Aus nahme werden „er zieheri sche“ Maßnahmen ab gelehnt und teil weise auch als wirkungs los be urteilt. Es wird aber durch aus auch die Schule in der Plicht gesehen, wobei kaum einer der Interviewten genauer darlegt, wie dies (neben der Ver teilung von Informa tion) im Detail aus sehen könnte. Einer der Experten aus der Domäne Medien ver weist allerdings auf eigene OnlineAktivi täten seiner Organisa tion, die aktivie ren den Charakter haben und Jugend liche dabei unter stützen sollen, Erfah rungen zu sammeln und dabei Kompetenzen aufzu bauen. Informa tionen, Gespräche, „LearningbyDoing“ sowie die allgemeine Medien berichterstat tung bzw. die Rezep tion von Medien berichten werden als weitere Möglich keiten zur Kom petenz entwick lung in Sachen sozialer Netz werke ge nannt. „Als Anbieter von sozialen Netz werken, Messenger-Systemen oder Chatprogrammen hab ich immer die Pflicht, dem Nutzer die Privatsphäre-Einstel- lungen näher zu bringen.“ (Tamara N., Domäne Medien) 297 Einig sind sich die Experten aus der Domäne Medien mit denen aus den Domänen Schule und Jugendarbeit allerdings darin, dass die Unter stüt zung junger Nutzer für einen ver antwor tungs vollen Um gang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen eine gesamt gesell schaft liche Aufgabe ist. Ähnlich wie die Experten aus der Jugendarbeit warnen die von uns interviewten Medien experten davor, diffuse Ängste zu schüren, und plädie ren dafür, dass Unter stüt zungs personen interessiert, offen und gut informiert sein müssten sowie ein Ver trauens verhältnis zu den Jugend lichen bräuchten. Die Schule wird zwar als ein wichti ger Lernort ein geschätzt, dessen Wirksam keit in Sachen Kompe tenz förde rung bei Jugend lichen allerdings tendenziell an gezweifelt oder zumin dest als schwierig be urteilt wird. Auch Experten aus der Domäne Medien, mit denen wir ge sprochen haben, sehen Ver besse rungs möglich keiten bei Internet dienst leistern, ohne aller dings so umfang reiche Maßnahmen zu nennen wie die Experten aus der Domäne Jugendarbeit: Genannt werden die Gestal tung der An gebote, so dass man sie auf geklärt nutzen kann, die Ent wick lung und Umset zung eines Ver haltens kodex (wobei vor allem inter nationale Soziale Netz werk platt formen ein Pro blem seien, da sie sich nicht an schließen würden), Daten schutz bestim mungen in deutscher Sprache und generell neue Standards. In einem Fall wird jedoch auch die Ansicht ver treten, dass PrivatsphäreEinstel lungen auf Sozialen Netz werk platt formen nur eine falsche Sicher heit vor gaukeln würden. Selbstregulie rungs ansätze werden tendenziell als wichti ger an gesehen als gesetz liche Rege lun gen. 5.2.3 Folge rungen: Empfeh lungs tendenzen Selbstredend ist es nicht möglich, aus Interviews mit nur 13 Experten empirisch gesicherte Leitlinien zu extrahie ren, mit denen man pädagogi sche Maßnahmen zur Kompetenz entwick lung im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen ge stalten kann. Ähnlich wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen, muss man unserer Ansicht nach auch bei den Experten aus den ver schiedenen Domänen nicht nur deren aktuelle Tätig keit, sondern auch deren Alter, be ruf liche Sozialisa tion und eigene Medienerfah rung sowie Einstel lungen be rück sichti gen, will man ihre Vor schläge an gemessen einordnen. Aus diesem Grund „Also ich halte grundsätz lich nicht so viel von Privatsphäre- Einstel lungen auf Social Networks, weil sie eine falsche Sicher heit vor- gaukeln.“ (Karsten S., Domäne Medien) „Es ist aber in der Tat richtig, dass es schwierig ist, wenn so ein Ver- haltens kodex nicht alle maß geblichen Player einer Branche umfasst. … Deshalb ist es natür lich ein ganz starker Anspruch, auch die inter nationalen Netz- werke mit an Bord zu holen. … Da ist noch viel Über zeu gungs arbeit zu leisten …“ (Bernd D., Domäne Medien) 298 haben wir uns auch dafür ent schieden, bei den Experten ähnlich wie bei den Jugend lichen und jungen Erwachsenen neben einer zusammen fassen den Aus wertung auf den uns interessie ren den Dimensionen kurze Profile zu er stellen. Ab schließend be schränken wir uns daher auf einige Empfeh lungs tendenzen, die in den Interviews mit den Experten über die drei Domänen hinweg deut lich ge worden sind. Dabei geht es nicht darum, die häufigsten Empfeh lungen zu nennen, sondern die artikulierten Vor schläge zu ordnen und in eine Reihung zu bringen. Tendenz „externe Regula tion“ Ein nicht unerheb licher Teil von Experten vorschlägen geht in die Richtung, recht liche und techni sche Mechanismen zu implementie ren, mit denen man einen höheren Schutz der Privatsphäre gewährleisten kann. Gesetz liche Vor gaben in Deutschland werden bereits als relativ restriktiv erachtet. Probleme be reiten daher vor allem inter nationale Internetdienst leister und bringen einen ent sprechen den Hand lungs bedarf mit sich. Mehr noch als gesetz liche Vor gaben aber richten sich viele Vor schläge an die Technik und streben eine Regulie rung von außen durch eine spezielle Gestal tung Sozialer Netz werk platt formen an. Der Grund tenor ver schiedener Aus führungen hierzu geht dahin, „konservative“ Vor gaben zur Privat heit als Vor einstel lungen zu ver wenden, so dass Nutzer die Voraus setzungen für eine groß zügigere Freigabe privater Daten und Informa tionen aktiv herstellen müssen (statt um gekehrt). Durch diese Vor einstel lungen wird der Rahmen ver ändert, innerhalb dessen Nutzer mit Privat heit und Öffent lich keit umgehen, was indirekt zu einer externen Regula tion führt. Einen Schritt weiter in diese Richtung geht der Vor schlag, einzelne Einstel lungen, die mit einer großen Reichweite online publizierter Daten und Informa tionen einher gehen, ent sprechend des Alters der Nutzer erst sukzessive freizugeben. Es werden aber auch direkte Formen der externen Regula tion vor geschlagen, so z. B. die Über prüfung der Identität von Nutzern, um falsche Angaben zu ver hindern, was im Übrigen auch eine Bedin gung für die Umset zung des voran gegangen Vor schlags wäre. Eine solche Regula tions maßnahme würde allerdings mit dem Bemühen mancher Jugend licher und junger Erwachsener kollidie ren, durch leicht geänderte Angaben ihre Privatsphäre gerade zu schützen. Nochmals eingreifen der sind Vor schläge, die Internetdienst leister dazu ver pflichten wollen, aktiv nach Personen im Netz zu suchen, die krimi nelle Handlun gen planen oder aus führen könnten. Externe Regula tion allein führt noch nicht zum Kompetenz aufbau; eher handelt es sich um SchutzMaßnahmen. 299 Tendenz „Sensibilisie rung“ Viele Vor schläge der von uns interviewten Experten setzen auf die Wirkung von Informa tionen über Aufbau, Funk tions weise und Rahmen bedin gungen Sozialer Netz werk platt formen sowie über Folgen einer un bedachten Nutzung derselben einer seits und einen Dialog über diese Informa tionen anderer seits. An gemessene Ent schei dungen beim Handeln in Sozialen Netz werk platt formen, so die meist ge wählte Argumenta tion, setzen voraus, dass man Kennt nisse über die Technik und die damit möglichen Prozesse hat. Nur dann nämlich kann man von „informierten Ent schei dungen“ sprechen, die von allen Seiten ge fordert werden. Informa tions angebote sind eine ver gleichs weise einfache und hoch skalier bare Möglich keit, den Kenntnis erwerb zu initiie ren und zu unter stützen. Als Argument für Informa tion als Fördermaßnahme scheint zu sprechen, dass der Kenntnis stand bei jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen in Sachen Sicher heit im Internet in den letzten Jahren ge stiegen ist, was auf eine wachsende Informa tion darüber zurück geführt werden könnte. Wichtig dabei ist, wie die Informa tion ge staltet ist und durch wen sie ver mittelt wird. Konkrete Informa tionen mit Beispielen aus der Lebens welt von jungen Menschen sollten ab strakten Informa tionen vor gezogen werden. In den Interviews wird deut lich, dass man Eltern mit der Aufgabe, Jugend liche und junge Erwachsene sach lich zu informie ren, in der Regel über fordert. Eher sind sie eine weitere Zielgruppe für Informa tion. Vor diesem Hinter grund rücken die Schule sowie Jugendeinrich tungen und initiativen, aber auch die Massen medien als Informa tions geber in den Mittelpunkt. Eltern spielen dagegen eine heraus ragende Rolle, wenn es um den Dialog über Nutzungs weisen und um die Ver mitt lung von Werten geht: Selbst wenn Eltern kein aus geprägtes Wissen über Soziale Netz werk platt formen haben, können sie als ver trauens würdige Dialogpartner positiven Einfluss auf einen ver antwor tungs vollen Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit ihrer Kinder nehmen. Dialoge mit Eltern, aber auch mit Lehrern und Pädagogen in der Jugendarbeit helfen Jugend lichen und jungen Erwachsenen vor allem dann, wenn sie sich auf konkret erlebte Anlässe be ziehen und man sich dabei „auf Augenhöhe“ be gegnet. Informie ren und miteinander sprechen sind Maßnahmen, die noch nicht per se das Können im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen erhöhen, aber ein Bewusstsein für Risiken und Chancen schaffen können und damit Maßnahmen der Sensibilisie rung sind. Tendenz „Aktivie rung“ Manchen der von uns interviewten Experten sind Maßnahmen zur Sensibilisie rung in Form von Informa tion und Dialog zu wenig, um Kompetenzen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen zu erhöhen. Sie plädie ren für eine Aktivie rung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen in der Weise, dass sie 300 darin an geleitet und unter stützt werden, eigene Erfah rungen im Internet im Allgemeinen und in Sozialen Netz werken im Besonde ren zu sammeln. Maß nahmen zur Aktivie rung zielen darauf ab, dass junge Nutzer über Risiken, aber auch über Chancen nicht nur nach denken und sprechen, sondern selbst aktiv werden. Dazu gehört einer seits, dass man z. B. PrivatsphäreEinstel lungen eigenständig aus probiert, mit ver schiedenen Funktionali täten diverser Platt formen experimentiert oder andere Bedien fertig keiten direkt einübt. Anderer seits ge hören dazu auch Projekte der aktiven Medienarbeit: Indem man eigene multimediale Inhalte produziert, ver breitet und sich mit anderen darüber aus tauscht, kann man ge wissermaßen am eigenen Leib spüren, was passiert und wie es sich anfühlt, wenn man in Sozialen Netz werk platt formen erfolg reich oder auch zu sorg los agiert. Da junge Nutzer natür lich infolge der Ver wendung Sozialer Netz werk platt formen ohnehin praktisch tätig sind, man also auch argumentie ren könnte, dass eine Aktivie rung gar nicht nötig sei, muss zu dieser eine pädagogi sche Beglei tung kommen, damit die ge machten Erfah rungen von ver schiedenen Seiten be leuchtet und reflektiert werden können. An dieser Stelle kommt erneut der oben schon be schriebene Dialog ins Spiel, der, so einige Hinweise, Bestand teil aktiver Medienarbeit sein muss. Ähnlich wie bei Informa tions angeboten ist es auch bei Erfah rungs angeboten eine wichtige Frage, wie man diese ge staltet, um positive Wirkun gen zu er zielen. Dazu finden sich in den Aus sagen der interviewten Experten leider kaum konkrete Anhaltspunkte. In ver gleich barer Weise wie bei Maßnahmen der Sensibilisie rung ist auch bei Maßnahmen der Aktivie rung zu fragen, wo der am besten ge eignete Ort dafür ist: Hier kommt zunächst die Schule in Frage, die dazu aber deut lich mehr Freiräume geben müsste, als es in der Regel der Fall ist. Vor diesem Hinter grund er scheinen aktuell zumindest außerschuli sche Orte für Maßnahmen der Aktivie rung offen bar die bessere Wahl. Eigene Erfah rungen zu machen und darin be gleitet zu werden, hat wohl die größte Chance, Einfluss nicht nur auf Einstel lungen, sondern auf konkrete Ver haltens weisen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu nehmen. Tendenz „Selbstregula tion“ Ein kleiner Teil der Experten vorschläge wählt ge wissermaßen das Gegen teil der ersten Tendenz, die wir als „externe Regula tion“ be zeichnet haben. Vor schläge, die sich in Richtung „Selbstregula tion“ als Gegen pol zur externen Regula tion bewegen, nehmen die Annahme zum Aus gangs punkt, dass wir im Internet im Allgemeinen und auf Sozialen Netz werk platt formen im Besonde ren längst die Kontrolle über private Daten und Informa tionen ver loren haben bzw. eine solche Kontrolle gar nicht möglich sei. Diese Annahme geht mit der Forde rung einher, dass wir einen Wandel in der Auf fassung über Privat heit und Öffentlich keit brauchen. Damit ist nicht ge meint, dass man sich mit der 301 unkontrollierten Ver brei tung persön licher privater Daten und Informa tionen ge wissermaßen passiv ab findet und vor dieser neuen Situa tion resigniert. Vielmehr geht es darum, die Idee von informa tio neller Selbst bestim mung zu über denken und zu lernen, dass im Internet publizierte Informa tionen öffent liche Informa tionen per se sind. Ändern müssten sich daher nicht die Platt formen, sondern die Handlun gen und das Bewusstsein der Nutzer, die selbst Ver antwor tung dafür über nehmen müssen, wie sie mit ihren Daten im Internet umgehen. Im weitesten Sinne zur Selbstregula tion könnte man zudem Vor schläge zählen, die darauf hinaus laufen, dass die Nutzer das Netz im Allge meinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren selbst kontrollie ren und sich auf diesem Wege gegen seitig schützen. Dazu gehört z. B., Auf fällig keiten an Internetdienst leister zu melden, aber auch „un geschriebene Gesetze“ zu etablie ren und weiter zugeben, die insbesondere den gegen seiti gen Respekt aus drücken und fördern. Empfeh lungen dieser Art propagie ren einen kulturellen Wandel in der netzbasierten sozialen Inter aktion, der sich nicht extern ver ordnen und auch nicht direkt be einflussen lässt, sondern sich nur allmäh lich ent wickeln kann. 303 6 Zusammen fassung Julia Niemann & Michael Schenk Zum Ab schluss des empiri schen Teils und bevor in Teil III eine juristi sche Betrach tung erfolgt, werden hier die wichtigsten Ergeb nisse der durch geführten Studien noch einmal kurz zusammen gefasst. Ein resümie ren des Fazit erfolgt zu Beginn von Teil IV, der auch Hand lungs empfeh lungen ent hält. Zur Beantwor tung der Forschungs fragen wurde eine Kombina tion aus quantitativen und qualitativen Methoden ver wendet, die Leitfaden interviews mit jungen Nutzern und Experten, eine Sekundäranalyse und eine standardisierte Befra gung mit Tracking beinhaltete. Über die ver schiedenen Einzelstudien hinweg lassen sich Parallelen und allgemeine Trends be obachten. Die Sekundäranalyse der Daten aus dem von der DFG ge förderten Projekt ergab deut liche Unter schiede zwischen Digital Natives und Digital Immigrants. Die jungen Nutzer ver halten sich bei der SocialWebNutzung insgesamt aktiver. Soziale Netz werk platt formen werden von den Digital Natives deut lich häufiger ge nutzt. Digital Natives geben häufiger ihren Namen, Geburts tag und ihren Beruf an. Sensible Daten wie Kontaktinforma tionen werden von allen Alters gruppen seltener ge teilt. Junge Nutzer ver öffent lichen öfter Bilder als die älteren und schränken den Zugriff auf diese weniger oft ein. Ein ähnlicher Unter schied ist bei der Sicht bar keit von Kontakten fest zustellen. Dennoch gibt es bei der Sorge um die eigene Privatsphäre keine Unter schiede zwischen den Alters gruppen. Jüngere Personen sind jedoch etwas unvorsichti ger als ältere, wenn es um techni sche Schutz maßnahmen geht. Mit Hilfe einer Regres sions analyse konnte ge zeigt werden, dass das Alter einen Einfluss auf die Selbstoffenba rung im Social Web ausübt. Dieser fällt jedoch geringer aus, wenn die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen als zusätz licher Einfluss faktor in das Modell ein geführt wird. Da die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen den größten Erklä rungs beitrag für die OnlineSelbstoffenba rung liefert, er scheinen die Platt formen in diesem Kontext be sonders relevant zu sein. Die Daten der aktuellen standardisierten Befra gung und auch der qualitativen Interviews be stäti gen, dass Soziale Netz werk platt formen in der Alters gruppe 304 der 12 bis 24Jährigen tatsäch lich die am häufigsten ver wendeten SocialWeb Anwen dungen darstellen. Dabei ist Facebook das am weitesten ver breitete An gebot. Die Dauer und Häufig keit, mit der Netz werk platt formen ge nutzt werden, steigt mit zunehmen dem Alter an. Grundsätz lich können unter schied liche Gratifika tionen bei der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen ent stehen, primär dienen sie aber dazu, bereits be stehende, offline ge knüpfte Kontakte zu pflegen. Dass die rezeptive Nutzung gegen über der kommunikativen über wiegt, ver wundert nicht. Die ver schiedenen Kommunika tions funk tionen der Platt formen sind dennoch die zentralen Elemente und werden differenziert ge nutzt. Die Möglich keit, sich selbst darzu stellen und über die Platt formen das eigene Identi täts management voran zutreiben, steht aus Sicht der Nutzer gegen über der sozialen Inter aktion im Hinter grund. Die eigene Selbst darstel lung wird notwendig, um online inter agie ren zu können. Es ist den jungen Nutzern wichtig, auch online authentisch, einzigartig und positiv zu er scheinen. Zum Selbstoffenba rungs verhalten haben wir insbesondere im quantitativen Part vier Bereiche differenziert: Das Teilen von Informa tionen im Nutzer profil, die Kommunika tion auf den Platt formen, Schutz verhalten über die Nutzung der PrivatsphäreOptionen und die Größe und Zusammen setzung der Kontakt listen, die die jungen Nutzer pflegen. Auf dem Nutzer profil teilen die Befragten viele Informa tionen mit, wie Name, Geschlecht, Geburts datum und Hobby, die sie identifizier bar machen. Kontaktinforma tionen und intime Details, die dort mitunter ab gefragt werden, be handeln sie aber ver hältnis mäßig restriktiv. Wenn über die Platt formen kommuniziert wird, erfolgt zumeist eine differenzierte Wahl der Kommunika tions mittel. Für private Konversa tionen werden private Kommunika tions kanäle, wie der Chat oder die private Nachricht, ver wendet. (Semi)öffent liche Kom mu ni ka tion erfolgt seltener und die Jugend lichen und jungen Erwachsenen posten dabei vor rangig positive oder wertneutrale Inhalte, die sie selbst als risikofrei ansehen. So können sie sicherstellen, dass ihre OnlineSelbst darstel lung in keinem sozialen Kontext als unangemessen empfunden wird. Der Großteil der Nutzer hat sich bereits mit den PrivatsphäreOptionen be schäftigt. Der Zugriff auf die Inhalte wird mehr heit lich auf die be stätigten und selbst hinzu gefügten Kontakte be schränkt, weshalb diesem Kontakt netz werk eine hohe Bedeu tung zukommt. Die Befragten ver fügen im Durch schnitt über 169 Kontakte. Nur 44 Prozent geben an, dass sie alle dieser Kontakte bereits persön lich ge troffen haben. Im Umkehrschluss be deutet das, dass die Mehrheit der jungen Nutzer Kontakte in ihrer Kontakt liste hat, die sie nicht aus dem OfflineLeben kennen. Aus den Variablen zur Selbstoffenba rung konnten drei grundständige Ver haltens typen ge bildet werden, die in ihrer Aus rich tung differie ren. Nur eine Gruppe zeigt als Vieloffen barer ein in Bezug auf die eigene Privatsphäre irrationales Ver halten. Sie ist mit 14 Prozent der Nutzer die kleinste. Die anderen 305 beiden Gruppen zeichnen sich ent weder durch generelle Zurück haltung bei der OnlineSelbstoffenba rung aus (Wenigoffen barer) oder regulie ren ihre Privat sphäre über die restriktive Einstel lung der PrivatsphäreOptionen und kom munizie ren innerhalb ihrer ver hältnis mäßig großen Netz werke (Privatsphäre Manager). Dass die Digital Natives un bedacht und sorg los mit ihren Daten umgehen, können wir nicht be stäti gen. Ein Pauschalurteil er scheint ohnehin unangebracht. Diesen Eindruck be stäti gen auch die be fragten Experten. Die jungen Nutzer sehen in den Anwen dungen Gefahren, die sich jedoch eher auf die institutio nelle Privatsphäre, also die Nutzung ihrer Daten durch den Anbieter be ziehen. Soziale Risiken werden geringer ein geschätzt. In Bezug auf die Privatsphäre gibt es be stimmte Tabuthemen, die online nicht thematisiert werden, wie Familien angelegen heiten und persön liche Probleme in der Be zie hung, der Aus bildung oder im Beruf und finanzielle Schwierig keiten. Allein durch die Sorge um die Privatsphäre kann das Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen hingegen kaum erklärt werden. Weitere Einfluss variablen, wie die subjektiv wahrgenommenen sozialen Normen und die Nutzungs motive, spielen eine wichtige Rolle. Teil III Rechts gutachten zum Daten schutz und zu Persönlich keits rechten im Social Web, insbesondere von Social Networking-Sites Silke Jandt & Alexander Roßnagel 309 1 Fragestel lung des Gutachtens Thema der Unter suchung ist die Fragestel lung, wie der Daten schutz und die Gewährleis tung der Persönlich keits rechte auf Social NetworkingSites effektiv um gesetzt werden können. Die neuen Dienste angebote des Web 2.0 be gründen neue Chancen und Risiken für den Daten schutz und die Persönlich keits rechte, indem sie neue Hand lungs möglich keiten eröffnen. Die neuen techni schen Möglich keiten dürfen nicht dazu führen, dass die ver fassungs recht lich garan tierten Schutz güter des Daten schutzes und der freien Persönlich keits entfal tung faktisch unter laufen werden. Die Effektivi tät und Wirksam keit der Rechts ordnung muss daher immer wieder im Hinblick auf die techni sche Fort entwick lung über prüft und ge gebenen falls in Bezug auf die neuen Risiken an gepasst werden. Um den Gefähr dungen des Internet für den Daten schutz und die Persönlich keits rechte zu be gegnen, wurden in der Ver gangen heit bereits vom Gesetz geber be reichs spezifi sche Vor schriften er lassen, und in der Literatur finden sich zahl reiche Ver öffent lichungen, die sich mit Einzelfragen be schäfti gen. Diesen Vor schriften und Unter suchungen ist jedoch gemeinsam, dass sie in Bezug auf die Internetdienste von einem klaren AnbieterNutzerVerhältnis aus gehen. Dies hat zur Folge, dass gesetz liche Rechte und Pflichten eindeutig zu geordnet werden konnten. Im Web 2.0 kann potenziell jeder sowohl Anbieter als auch Nutzer von Informa tion sein, so dass auch die Rechte und Pflichten nicht mehr eindeutig adressiert werden können. Im Folgenden wird unter sucht, wo durch die An gebote des Web 2.0 der gesetz liche Daten und Persönlich keits schutz an seine Grenzen stößt und welche Schutz defizite ent stehen. Dies erfolgt durch die Ermitt lung der Chancen und Risiken anhand von beispiel haft aus gewählten An geboten sozialer Netz werk dienste. Des Weiteren wird eine detaillierte Prüfung der für Soziale Netz werk platt formen gelten den daten schutz recht lichen Anforde rungen unter Berücksichti gung der spezifi schen Anforde rungen für Kinder und Jugend liche vor genommen. Ab schließend werden die recht lichen Rege lungs defizite zusammen fassend dargestellt. 311 2 Social NetworkDienste, Foren & Co. Das Internet hat sich mit rasender Geschwindig keit in der Bevölke rung ver breitet und nimmt mittlerweile einen be deuten den Stellen wert nicht nur im Berufs, sondern auch im Privatleben ein. Mit dem Web 2.0 hat das World Wide Web (WWW) bereits eine neue Stufe er reicht. Die ursprüng lich be stehende Trennung zwischen Anbietern des WWW auf der einen und Nutzern des WWW auf der anderen Seite wird zunehmend auf gehoben. Im so ge nannten MitmachInternet hat sich eine neue Konstella tion ergeben. Jeder kann zum Akteur, jeder kann zum Autor von Inhalten im Internet avancie ren. Die Provider über nehmen nicht mehr primär die Funktion, Inhalte und Dienste angebote im Internet zur Ver fügung zu stellen, sondern zielen durch die Bereit stel lung von Mitmachplatt formen auf die Aktivie rung der breiten Masse der Internetnutzer ab. Diese werden in immer stärke rem Maß auf gefordert, das World Wide Web aktiv mitzu gestalten. Zu den zahl reichen An geboten des Social Web zählen Film und Bildsamm lungen, Weblogs, Foren und Wikis, Podcasts und NetworkingPlatt formen, Feed Reader und FeedAggregatoren, kollektive Ver schlagwor tungs systeme und SocialNewsDienste. Einige der in Deutschland be kanntesten und er folgreichsten Beispiele sind studiVZ, Myspace, Xing, Twitter, Facebook oder spickmich, die für Millionen eher junger Menschen zu Platt formen der Selbst darstel lung und des Aus tauschs ge worden sind. Im allgemeinen Sprach gebrauch werden soziale Netz werk dienste als Kom mu nika tions platt formen im OnlineBereich definiert, die es dem Einzelnen er möglichen, sich Netz werken von gleich gesinnten Nutzern anzu schließen oder solche zu be gründen (Art. 29Daten schutz gruppe, 2009, S. 163). Im recht lichen Sinne handelt es sich beim An gebot Sozialer Netz werk platt formen um Dienst leis tungen der Informa tions gesell schaft gemäß Art. 1 Nr. 2 der Richtlinie für die Dienste der Informa tions gesell schaft. Faktisch weisen alle sozialen Netz werk dienste be stimmte gemeinsame Merkmale auf (Art. 29Daten schutz gruppe, 2009, S. 163). Erstens werden die Nutzer auf gefordert, personen bezogene Daten zur Erstel lung einer Beschrei bung von sich selbst anzu geben, die ein persön liches Profil ergeben. Zweitens bieten die Sozialen Netz werk platt formen Funk 312 tionen an, mit denen die Nutzer selbst ge nerierte Inhalte, wie zum Beispiel Bilder, Tagebuch einträge, Musik oder Videoclips ver öffent lichen können. Drittens, die Nutzung des sozialen Netz werks erfolgt über vor gegebene Platt formfunk tionen wie zum Beispiel Kontakt listen oder Adress bücher, mittels derer die Ver weise auf die anderen Mitglieder der Netzgemein schaft ver waltet und zu Inter aktionen mit diesen ge nutzt werden können. Soziale Netz werk platt formen sind in vielerlei Hinsicht für die Nutzer funk tional. Zu den wichtigsten Gratifika tionen gehört, neben sozialkommunikativen, auch die Selbst darstel lung der Nutzer (vgl. Teil I Ab schnitt 2.1.4). Das Internet ist das moderne Nach schlagewerk schlechthin. Gegen über herkömm lichen Informa tions samm lungen und medien wie zum Beispiel Zeit schriften und Zeitun gen, TV und Radioprogrammen oder Lexika weist die Informa tions vermitt lung über das Web 2.0 zahl reiche Vor teile auf. Die Vielfalt der Informa tionen steigt enorm an, indem grundsätz lich jeder Internetnutzer sein „Experten“Wissen über dieses Medium ver breiten kann. Eine Filte rung oder Kontrolle der Informa tionen findet nicht statt. Die Kenntnis nahme ist eben falls grundsätz lich durch jeden Internetnutzer möglich. Zudem findet auf den Informa tions platt formen vielfach eine Reflexion der Informa tionen durch die Empfänger statt, indem ihnen Werkzeuge zur Korrektur und Bewer tung zur Ver fügung ge stellt werden. Neben der Vielfalt liegt auch eine stark ver besserte Ver fügbar keit der Informa tionen vor. Das Internet ver gisst grundsätz lich nicht. Selbst Internet seiten, die deaktiviert oder ge löscht worden sind, können häufig noch in einer ge spiegelten Form im Internet auf gefunden werden. Mittlerweile werden auf grund der Schnell lebig keit des Internet auch Archive von Internet seiten er stellt.1 Durch diese Maßnahmen soll der Zeitraum der Ver fügbar keit von Informa tionen im Internet demjenigen medien gebundener Informa tionen auf Papier oder elektroni schen Daten speichern an genähert wer den. Über mobile Endgeräte, die den Zugriff auf das Internet oder spezifi sche Apps er möglichen, ist es technisch möglich, die Informa tionen jederzeit und von jedem Ort aus abzu rufen. Während Informa tions bereit stel lung und abruf jeweils als einseitige und voneinander unabhängige Nutzungs formen des Internet charakterisiert werden können, er fordert Kommunika tion und Inter aktion bi oder multipolare Bezie hungen der Internetnutzer. Im ursprüng lichen Ver ständnis ist Kommunika tion eine soziale Handlung, die der Problemlö sung und der Über windung von Hinder nissen dient. Etwas spezifi scher wird unter Kommunika tion der Aus tausch sowohl von Wissen, Erkenntnis und Erfah rungen als auch von Gedanken, Vor stel lungen und Meinun gen zwischen Individuen ver standen. Im Zusammen hang mit der Informa tions und Kommunika tions technologie fließen auch 1 S. www.archive. org/. 313 techni sche Aspekte wie die Signal übertra gung, wechselseitige Steue rung oder auch einfach die Ver bindung techni scher Geräte in die Begriffs defini tion mit ein. Die Vor teile, die das Web 2.0 im Kontext der Informa tion bietet, gelten auch für den Bereich Kommunika tion und Inter aktion. Die Anzahl der Personen, die von jedermann über das Web 2.0 er reicht werden kann, ist ungleich höher, als die bei den bisheri gen Kommunika tions medien. Rundfunk und Fernsehen können zwar eine ver gleich bare Breiten wirkung er reichen, bieten aber nur sehr be grenzte Möglich keiten für Aus tausch und Inter aktion. Im Web 2.0 können sich dagegen neue Ideen durch Blogs inter aktiv heraus bilden und in kurzer Zeit zu be eindrucken den Projekten weiter entwickeln. Neue Partner für unter schied lichste Projekte können über Social Software auf grund ihrer EPortfolios ge funden und in Projekt netz werke ein gebunden werden (Beyer, Kirchner, Kreuzberger & Schmeling, 2008, S. 598). Multi User OnlineSpiele wie Second Life oder World of Warcraft er lauben den Teilnehmern in neue Rollen zu schlüpfen und sich in einer Phantasiewelt auszu leben und zu ent wickeln.2 Der Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen basiert im Wesent lichen auf Kommunika tion und Inter aktion. Dennoch kommt dieser Kategorie eine darüber hinaus gehende Bedeu tung zu. Kommunika tion und Inter aktion findet zwischen Individuen auch einmalig zum Beispiel zu einem isolierten Thema oder einem Projekt statt. Soziale Beziehungen setzen dagegen Inter aktions ketten voraus und be stehen nur dann, wenn das Denken, Handeln und Fühlen von zwei Individuen oder Gruppen gegen seitig aufeinander bezogen ist. Unabhängig von der Frage, ob soziale Beziehungen, die nur im Cyberspace statt finden, reale soziale Beziehungen vollständig er setzen können oder sollten, existie ren beide Beziehungs formen. Insbesondere die SocialNetworkSites Stay Friends, VZNetz werke (studi, schüler oder mein) oder werkenntwen sind darauf aus gerichtet, dass die Nutzer ihnen be kannte Personen, die sie im realen Leben aus den Augen ver loren haben, wieder finden. Sie leisten damit einen wesent lichen Beitrag zur Beziehungs pflege. Auf grund der immer weiter zunehmen den Mobilität der Menschen kann diese nicht mehr nur durch ein unmittel bares Zusammentreffen gewährleistet werden, das zudem immer auf wendi ger wird. Die gleiche Funktion er füllen auch Facebook, Myspace, spickmich oder Xing, die allerdings als weiteren Schwerpunkt die Gründung von OnlineCommunitys erfolg reich fokussie ren. Schließ lich ist das Web 2.0 ein neues und optimales Forum für die Selbst darstel lung. Darunter sind alle be wussten Handlun gen einer Person oder Per sonen gruppe zu ver stehen, die ihr Erschei nungs bild in der öffent lichen Wahr 2 S. zu Massive Multiplayer Online Roleplay Games (MMORPG) und ihren Rechtsproblemen z. B. Krasemann, MMR 2006, S. 351; Koch, JurPC WebDok. 57/2006; Lober/Weber, MMR 2005, S. 653; dies., CR 2006, S. 837; Trump/Wedemeyer, K&R 2006, S. 397; Rippert/Weimer, ZUM 2007, S. 272. 314 neh mung be einflussen. Selbst darstel lung im Web 2.0 erfolgt sowohl, wenn über YouTube eigene Darbie tungen präsentiert werden als auch durch die Teilnahme an Blogs und Meinungs foren. Das für die Selbst darstel lung er forder liche Publikum findet sich im Internet ohne Probleme, da die Nutzung der sozialen Netz werk dienste in der Regel kosten los ist. Das Web 2.0 eröffnet gegen über der Selbst darstel lung in der realen Welt wesent liche neue Möglich keiten. Die Virtuali tät und grundsätz liche Anonymi tät des Internet erlaubt es, in ganz unter schied lichen Kontexten unter schied liche Identi täten anzu nehmen und damit die Selbst darstel lung viel facetten reicher zu ge stalten, als dies im realen Leben möglich ist. 315 3 Chancen und Risiken sozialer Netz werk dienste Die bisheri gen Aus führungen lassen den Eindruck ent stehen, dass das Web 2.0 zu einem enormen Gewinn an Freiheit führt: Die Freiheit, un gefiltert Informa tionen zu ver breiten und zu konsumie ren. Die Freiheit, über räum liche Ent fernungen und Ländergrenzen hinweg zu kommunizie ren und zu inter agie ren. Schließ lich die Freiheit, sich selbst der Weltöffentlich keit in Form von Bildern, Filmen, Sprachsequenzen, Geschichten, Gewohn heiten, Meinun gen und Einstel lungen darzu stellen und Gemein schaften zuzu ordnen. Die Kehrseite der Frei heits ausü bung ist allerdings häufig die mit ihr einher gehende Frei heits begren zung anderer. Wird die Freiheit im Web 2.0 nicht ver antwor tungs voll aus geübt, sondern missbraucht, werden die Rechte Dritter ver letzt. Das Web 2.0 bietet auch einen neuen Raum für krimi nelle Aktionen, Kriegs und Gewalt verherr lichungen sowie Kinder und Jugendgefähr dungen. Von be sonde rem Interesse sind jedoch die Missbräuche, die die spezifi schen Stärken des Web 2.0 aus nutzen. Im Folgenden werden daher die Chancen und Risiken dargestellt, die das Web 2.0 in Bezug auf die frei heit lich demokrati sche Grundord nung und insbesondere die im Grundgesetz ver bürgten Frei heits rechte hat. 3.1 Chancen Web 2.0 ver spricht die Träume von Freiheit und Demokratie in einer „civil informa tion society“, die ursprüng lich mit dem Internet ver bunden waren (Roßnagel, 1997, S. 26 ff.), zu er füllen. Die dargestellten Funktionen des Web 2.0 fördern unmittel bar die Persönlich keits entfal tung und informatio nelle Selbst bestim mung, Meinungs und Informa tions frei heit, die soziale Kommunika tion und Bildung sowie die Gemeinschafts bildung. Sie er weitern den Kreis der Freiheit und ver bessern die Ver wirklichungs bedin gungen der ge nannten Grund rechte. Neue Chancen für die freie Persönlich keits entfal tung bietet das Web 2.0 nicht nur durch den freien Zugang zu SocialWebAngeboten, sondern vor allem durch die neuen Hand lungs optionen, die diese offerie ren. Web 2.0 fördert 316 allgemein die freie Ent faltung der Persönlich keit und – so wider sprüch lich es zunächst auch klingen mag – die informatio nelle Selbst bestim mung des Einzel nen als be sondere Aus prägung dieses Grundrechts. Das Grundgesetz (GG) schützt durch Art. 2 Abs. 1 die freie Ent faltung der Persönlich keit. Dieses Grund recht ist vom Bundes verfassungs gericht einer seits zur allgemeinen Hand lungs frei heit aus geweitet worden, anderer seits wurde es unter Berufung auf Art. 1 Abs. 1 GG zu einzelnen Persönlich keits rechten fort entwickelt. Als Antwort auf die „modernen Bedin gungen der Daten verarbei tung“ hat das Bundes verfassungs gericht auch das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung aus den ge nannten Grundrechten ab geleitet. „Das Grundrecht gewährleistet die Befugnis des Einzelnen, grundsätz lich selbst über die Preis gabe und Ver wendung seiner persön lichen Daten zu be stimmen“ (BVerfGE 65, 1, 43). Es schützt als be sondere Aus prägung des Rechts auf freie Ent faltung der Persönlich keit die selbst bestimmte Ent wick lung und Ent faltung des Einzelnen. Diese kann nur in einer für ihn kontrollier baren Selbst darstel lung in unter schied lichen sozialen Rollen und der Rückspiege lung durch die Kommunika tion mit anderen ge lingen. Dementsprechend muss er in der Lage sein, selbst zu ent scheiden, welche Daten er über sich in welcher Rolle und in welcher Kommunika tion preis gibt. Die informatio nelle Selbst bestim mung richtet sich dagegen, dass Dritte personen bezogene Daten über den Betroffenen gegen dessen Willen erheben, ver arbeiten oder nutzen. Sie richtet sich jedoch nicht gegen die selbst bestimmte Ver öffent lichung eigener Daten. Durch sie be stimmt der Betroffene vielmehr selbst über die Preis gabe seiner Daten und übt damit gerade seine informatio nelle Selbst bestim mung aus. Sie umfasst auch die Freiheit zur Selbstexhibi tion, der im Web 2.0 kaum Grenzen gesetzt werden. Wenn Nutzer un gefiltert durch Mediatoren unmittel bar mit anderen Nutzern kommunizie ren können, er weitert das Web 2.0 ihre aktive Kommunika tions, Informa tions und Meinungs frei heit und dies nicht nur in Bezug auf Themen des Privatlebens, sondern auch auf gesell schaft licher und insbesondere politi scher Ebene. Diese Grundrechte beruhen auf Art. 5 Abs. 1 und Abs. 2 GG. Die Meinungs äuße rungs frei heit gemäß Art. 5 Abs. 1 Satz 1, 1. Halbsatz GG gewähr leistet das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu ver breiten. Die Informa tions frei heit ist in Art. 5 Abs. 1 Satz 1, 2. Halbsatz GG als das Recht definiert, sich aus allgemein zugäng lichen Quellen un gehindert zu unter richten. Die Kommunika tions frei heit wird aus der Gesamt heit der in Art. 5 GG gewährleis teten Freiheiten als auch der Pressefrei heit sowie der Freiheit der Rundfunk und Filmberichterstat tung ab geleitet. Die Meinungs frei heit be trifft die Perspektive des Kommunikators, die Informa tions frei heit diejenige des Rezipienten und die Medien frei heit schützt die Mittler der Kom munika tion. Neue Chancen für die Kommunika tions frei heit bietet das Web 2.0, indem nicht mehr nur Zeitun gen und Rundfunksen der, sondern vor allem Blogs zu ent scheiden den Medien in der politi schen Willens bildung und zu relevanten 317 Instrumenten von Wahl kämpfen werden. Für den letzten amerikani schen Wahl kampf billigten Medien analysen diesen Web 2.0Anwen dungen sogar eine größere politi sche Relevanz zu als „Mainstream Media“ (Moll, 2008, S. 36 f.; Brauck, Hornig & Hülsen, 2008, S. 95 f.). Web 2.0 be seitigt Hierarchien und er möglicht jedem die direkte Teilnahme an der Bildung von Meinun gen, dem Ent stehen von Moden, an der Fort entwick lung der Kultur und an der demokrati schen Willens bildung. Während in Art. 26 der Allgemeinen Erklä rung der Menschen rechte aus drück lich ein Recht auf Bildung deklariert wird, formuliert das Grundgesetz kein derarti ges Grundrecht. Es kann aber aus ver schiedenen Grundrechten die Pflicht des Staates ab geleitet werden, Bildungs chancen zu offerie ren. Die Pflicht zur Einrich tung des Bildungs wesens ergibt sich zum einem aus dem Gleich heits grundsatz gemäß Art. 3 Abs. 3 GG. Die Chancen gleich heit fordert, dass jeder die gleichen Zugangs möglich keiten zur Bildung er halten muss. Daneben hat Art. 7 GG das Wohl von Kindern und Jugend lichen im Auge und ist eben falls ein Aus druck der staat lichen Ver pflich tung zur möglichst gleichen Ver gabe der Bildungs chancen. Schließ lich lässt sich das Recht auf Bildung auch aus dem Sozialstaatsprinzip ab leiten. Soziale Netz werk dienste er lauben einen un kontrollierten und un begrenzten Zugang zu unzähli gen Informa tions und Bildungs angeboten. Das Web 2.0 er möglicht vielfach den Zugriff auf Tages zeitun gen, Lehrbücher, wissen schaft liche Publika tionen, OnlineEnzyklopädien, Fernseh und Rundfunk programme. Daneben finden sich auch konkrete Lern angebote zum Beispiel für Fremdsprachen. Die Gemeinschafts bildung wird im Grundgesetz maß geblich durch die sogenannten Kollektivgrundrechte gewährleistet. Hierzu ge hören die Ver samm lungs frei heit gemäß Art. 8 GG und die Ver eini gungs und Koali tions frei heit gemäß Art. 9 GG. Zwar umfasst die Ver samm lungs frei heit nur ein tatsäch liches Zusammen kommen der Grundrechts träger an einem physischen Ort (Depen heuer, 2011, Art. 8 GG, Rn. 45). Allerdings können diese Ver samm lungen durch das Web 2.0 er heblich leichter organisiert werden, wie die Beispiele zahl reicher Flashmobs zeigen, so dass sie die Chancen der Grundrechts ausü bung er weitern. Die allgemeine Ver eini gungs frei heit schützt die Freiheit natür licher oder juristi scher Personen, sich für längere Zeit zu einem gemeinsamen Zweck zu einer Ver eini gung zusammen zuschließen und einer gemeinsamen Willens bildung zu unter werfen. Web 2.0 bietet, wie die statt findende aus geprägte Community Bildung zeigt, ver besserte Möglich keiten über Landes grenzen hinweg Personen aufzu spüren, die die gleichen Interessen ver binden, und die Kommunika tion und Organisa tion der WebCommunitys zu ver einfachen. 318 3.2 Risiken Web 2.0 wäre ein ideales Medium für die Persönlich keits entfal tung und für die Stärkung der Meinungs und Informa tions frei heit, wenn immer nur ver antwort lich mit ihm um gegangen würde. Da dies nicht der Fall ist, wird es auch zu einem Instrument massiver Beeinträchti gungen der gleichen Frei heits gewährleis tungen, die das Web 2.0 fördert. Die Ausübung der freien Ent faltung der Persönlich keit des Einzelnen kann gleichzeitig Risiken für den Persönlich keits schutz der anderen Grundrechts träger ent falten. Soziale OnlineNetz werke werden zunehmend ge nutzt, um andere Personen an den Pranger zu stellen oder persön liche „Rachefeldzüge“ durch zuführen. Durch die Anonymi tät des Internet und die fehlende persön liche Präsenz ent steht offensicht lich eine Distanz, die solche Hand lungs weisen fördert. Immer mehr Menschen finden sich gegen ihren Willen mit ihrem Foto, ihrem Namen, ihrer Adresse, Lebens weg und Vor lieben auf Websites wieder, weil sie anderen miss liebig auf gefallen sind. Der be kannteste Fall ist der elektroni sche Pranger des „Dog Shit Girl“, einer jungen Koreanerin, deren Schoß hund in der UBahn seinen Darm ent leeren musste. Da sie den Haufen nicht be seiti gen wollte, fotografierte ein Zeuge das Geschehen und lud die Bilder in einen populären Blog hoch. Innerhalb von Stunden hatten andere Namen und Lebens geschichte der Hundehalterin zusam men getragen und im Internet ver öffent licht. Monatelang wurde über das Ver halten, aber auch die Persönlich keit des Mädchens öffent lich im Web diskutiert (Oehmke, Spiegel 31/2008, S. 144). Inzwischen sind in Flickr Menschen zu sehen, denen vor geworfen wird, zu laut in ihr Handy zu sprechen. In Meinprof werden Tausende von Professoren be wertet (Heise Online vom 28. 4. 2008) und in spickmich eine sehr große Zahl von Lehrern be urteilt (OLG Köln, K&R 2008, S. 40; LG Duisburg, ZUM 2008, S. 700; LG Köln, MMR 2007, S. 734). In YouTube gibt es massen haft mit der Handykamera auf genommene Kurzfilme über „aus flippende Lehrer“ oder sich blamierende Mitschüler. Ent täuschte Ehepartner rächen sich an ihren Ehemali gen durch „InternetShaming“, indem sie intime Details ver öffent lichen. Auf Dontdatehimgirl warnen Frauen vor schlechten Liebhabern. Auf Plate Wire werden Nummernschilder von an geblich schlechten Autofahrern gesammelt. In Rottenneighbor sind Häuser in Stadt plänen markiert, in denen an geblich ver kommene Menschen, streitsüchtige Nachbarn oder gar Kinder schänder leben (Oehmke, Spiegel 31/2008, S. 144; Roggen kamp, 2008, S. 326). Rechts radikale ver öffent lichen die persön lichen Daten linker Aktivisten im Netz (Kleinhubbert, 2008, S. 52). Die von diesen Aktionen be troffenen Personen werden durch Diffamie rungen, Beleidi gungen und Rufschädi gung in ihren Persönlich keits rechten ver letzt. Diesen Personen wird die Möglich keit ge nommen, über ihre Selbst darstel lung und ihr Auf treten in der Öffentlich keit frei zu be stimmen. Sie 319 können weder die Inhalte noch die Empfänger dieser Inhalte be einflussen, geschweige denn kontrollie ren. Sobald die Bilder, Videos oder Bewer tungen einen konkreten Personen bezug – wenn auch nur für einzelne Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen – auf weisen, wird durch diese Ver öffent lichungen zudem die informatio nelle Selbst bestim mung der be troffenen Personen massiv be einträchtigt. Das Recht darüber zu ent scheiden, wer was wann bei welcher Gelegen heit über mich weiß, wird nahezu auf gehoben. Hinzu kommt das Risiko der Daten auswer tung. Dritte können die im Internet ver fügbaren Daten aus werten, mit anderen Daten zusammen führen, zu Bezie hungs, Interessen und Persönlich keits profilen ver arbeiten und diese ver kaufen oder nutzen. Interessiert an den Daten könnten viele sein: Arbeit geber, Ver mieter, Aus kunfteien, Ver siche rungen, Ver trags partner, Kollegen, Konkurrenten und auch Behörden. Wer etwa zur Imagepolitur Bilder oder Videos vom Koma Trinken oder von Extremsport ins Web stellt oder in seinem Blog über persön liche Konflikte oder Schulden be richtet, darf sich nicht wundern, wenn er später Schwierig keiten hat, einen Arbeits platz oder eine Wohnung zu finden. Aber auch wer weniger brisante Informa tionen ver öffent licht, muss damit rechnen, dass Daten aus dem Kontext gerissen werden und in andere Zusammen hänge ge stellt ein unzu treffen des Bild über ihn ergeben. Teilweise zerren Medien unternehmen einzelne Personen und ihre Geschichte in die Öffentlich keit und er zielen Auf merksam keit damit, dass sie Kuriosi täten dieser Personen darstellen (BVerfGE 101, 361; BVerfG, NJW 2008, 1793; EGMR, NJW 2004, 2674; Gounalakis & Rhode, 2002, S. 99, 186 ff.; HoffmannRiem, 2009, S. 20). Diese Risiken bilden die be kannten Probleme des Presse, Daten, Arbeitnehmer und Ver braucher schutzes. Nicht nur der Umfang der zur Aus wertung im Web 2.0 zur Ver fügung stehen den Daten steigt, sondern auch die techni schen Möglich keiten der Daten auswer tung werden immer weiter ver bessert. Aktuell weisen zwar häufig Bilder und Videos von Personen nur für diejenigen SocialNet worker einen Personen bezug auf, die die Person im realen Leben kennen. Dies wird sich aber ver mutlich mit den immer größeren Fortschritten von Bilderken nungs programmen in kürzester Zeit ändern (Heise Online vom 13. 3. 2009 und vom 4. 5. 2010). Ein be sonde res Risiko ent steht im MitmachInternet durch die Unkontrolliert heit der Inhalte. Niemand über prüft die Richtig keit oder den Wahr heits gehalt vor der Ver öffent lichung. Diese Publika tionen können ganze Lebens wege zerstören – in einer Zeit, in der immer mehr Menschen – vom potenziellen Arbeit geber über den ehemali gen Schulfreund bis hin zum Flirtpartner – andere Menschen vor einem näheren Kennen lernen erst mal „googeln“. Diese Nach richten sind nicht mehr erfolg reich zu löschen. Sie werden irgendwo im Internet immer ge speichert bleiben und über Suchmaschinen für alle er reich bar bleiben. Dies gilt für die proaktive Imagepflege durch EPortfolios und sonstige Formen der Selbst darstel lung, die die Nutzer selbst ins Netz stellen, ebenso wie für die 320 Abbil dung sozialer OnlineNetz werke, die stolz zur Demonstra tion sozialer Bedeu tung präsentiert werden. Auch wenn be stimmte Darstel lungen der eigenen Persönlich keit oder der Kontakt zu be stimmten Personen zu einem späteren Zeitpunkt lieber ge leugnet würden – das Internet ver gisst nichts. Prinzipiell kann alles ge funden werden, was jemals zu der ge suchten Person im Netz er schienen ist. Der Nutzer ver liert die Kontrolle über seine Daten (Beyer, Kirchner, Kreuzberger et al., 2008, S. 598). Die Förde rung der Kommunika tions frei heit durch Bildung von Social Com munities setzt die Möglich keit des Zugangs zum Internet voraus. Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich in diesem Zusammen hang der Begriff „Digital Divide“ etabliert. Der Begriff steht für die Befürch tung und damit das Risiko, dass die Chancen auf den Zugang zum Internet und anderen (digitalen) Informa tions und Kommunika tions techniken ungleich ver teilt und stark von sozialen Faktoren ab hängig sind. Diese Chancen unterschiede wirken sich als gesell schaft liches Risiko aus, dass nicht alle sozialen Gruppen die gleichen Chancen auf Informa tion und Bildung haben. Der Förde rung sozialer Kommunika tion und Gemeinschafts bildung durch soziale Netz werk dienste stehen die Risiken der Ab stempe lung und Aus gren zung gegen über. Dies bezieht sich nicht auf die techni sche Möglich keit der Teilnahme, sondern die faktisch statt findende Aus gren zung einzelner Personen, wie sie in jeder sozialen Gruppe aus unter schied lichen Gründen er folgen kann. Jeder hat zwar auch das Recht, auf den sozialen Aus tausch und die Mitglied schaft in Communitys freiwillig zu ver zichten. In der Regel gibt es zwar keine Zugangs vorausset zungen zu den sozialen Netz werk diensten und SocialCommu nities, allerdings kann das Ignorie ren von Beiträgen faktisch dazu führen, nicht in eine Gruppe integriert zu werden. Zudem werden zum Beispiel durch die Rückmel dung und Bewer tung von ge posteten Beiträgen häufig einzelne Personen ab gestempelt. Zusammen gefasst kann fest gehalten werden: Die neuen Möglich keiten der Frei heits ausü bung bieten auch neue Formen des Frei heits missbrauchs. Das Web 2.0 er weitert nicht nur die Persönlich keits entfal tung, sondern schränkt sie auch ein. 321 4 Privatsphäre in der Psychologie und im Recht In sozialen Netz werk diensten werden Handlun gen durch geführt, die die freie Ent faltung der Person fördern und die Privatsphäre in unter schied licher Weise be treffen. Wie bereits dargestellt, ist es eine essenzielle Aufgabe des Rechts, die Persönlich keits entfal tung und die Privatsphäre zu schützen. Umfang und Grenzen der Schutz bereiche werden allerdings nicht ab strakt durch den Gesetz geber fest gelegt, sondern sie folgen aus der individuellen Lebens wirklich keit des Einzelnen sowie der Aus gestal tung und Ent wick lung der Gesell schaft. Diese werden wiederum maß geblich durch techni sche Ent wick lungen be einflusst. Das Recht muss dabei die Funktion über nehmen, die Technik zu steuern, indem rechts widrige Technologien ver hindert werden und grundsätz lich rechtmäßige Technologien die recht liche Werteord nung nicht unter laufen. Dabei ist jedoch zu be achten, dass auch die gesell schaft lichen Werte einem Wandel unter liegen. Die computer vermittelte Kommunika tion weist zum Beispiel einen ent hemmen den Effekt in Bezug auf die Selbstoffenba rung auf (vgl. Teil I, Ab schnitt 2.3.3). Faktisch kann dies dazu führen, dass der Nutzer die Grenzen seiner Privatsphäre aktiv ver schiebt. Immer mehr Aspekte des Privatlebens werden im Social Web ein gestellt und somit zum Gegen stand des öffent lichen Lebens ge macht. Aus recht licher Sicht muss daher über prüft werden, ob auch der ver fassungs recht lich gewährte Schutz bereich der Privatsphäre den gesell schaft lichen Bedürf nissen an gepasst werden sollte. Der Begriff der Privatsphäre wird jedoch nicht nur im juristi schen Kontext, sondern gleichermaßen in der Psychologie ver wendet und als selektive Kontrolle des Zugangs zum Selbst ver standen (vgl. Teil I, Ab schnitt 2.3.1). Das Ausmaß der an gestrebten Privatsphäre ist für jede Person und in Ab hängig keit von der jeweili gen Situa tion ver schieden. Es unter liegt daher ebenso wie das recht liche Ver ständnis von der Privatsphäre einem zeit lichen Wandel. Um in dem For schungs projekt die recht lichen und die psychologi schen Unter suchungen zur Privatsphäre miteinander zu ver knüpfen, wird vor der Über prüfung des An passungs bedarfs der recht lichen Schutz bereichs gewährleis tung eine fachspezifi sche Gegen überstel lung der ver schiedenen Dimensionen und Teilaspekte vor genommen. 322 Die Psychologie unter scheidet vier unter schied liche Dimensionen der Privat sphäre, die einen zunehmen den Öffentlich keits bezug auf weisen. Den Kernbereich der Privatsphäre bildet die physische Privatsphäre, die in einem persön lichen räum lichen Rückzugs bereich des Individuums besteht. Die psychologi sche Privatsphäre der zweiten Dimension schützt dagegen den Einzelnen vor der äußeren Einfluss nahme auf persön liche Gedanken, Werte und Einstel lungen. Die dritte Dimension der inter aktionalen Privatsphäre er fordert die Kontrolle darüber, wo und mit wem soziale Beziehungen statt finden und schließ lich umfasst die informatio nelle Privatsphäre als vierte Dimension die Kontrolle darüber, wer Informa tionen über das Selbst sammelt und ver breitet. Jeder dieser psychologi schen Dimensionen der Privatsphäre kann ein spezifi sches Grundrecht und damit eine recht liche Schutz gewährleis tung gegen über gestellt werden. Ein physischräum licher Schutz der Privatsphäre wird durch die Un verletzlich keit der Wohnung gemäß Art. 13 Abs. 1 GG gewährleistet. Das Grundrecht soll dem Einzelnen einen elementaren Raum zur freien Ent faltung der Persönlich keit gewährleisten (BVerfGE 42, 212, 219; 51, 97, 110) und ihm das Recht geben, in Ruhe ge lassen zu werden (BVerfGE 27, 1, 6). Der Begriff Wohnung soll aus drück lich die räum liche Privatsphäre er fassen (BVerfGE 65, 1, 40). Der psychologi schen Privatsphäre der zweiten Dimension kann aus dem recht lichen Kontext die durch Art. 5 Abs. 1 GG gewährleistete Meinungs und Willens bil dungs frei heit gegen über gestellt werden. Diese sind der primäre Zweck, dem die Meinungs äuße rungs und Informa tions frei heit dienen. Ohne den Diskurs und die Möglich keit, sich umfassend aus unter schied lichen Quellen zu informie ren, ist eine für die Persönlich keits entfal tung ent scheidende freie Meinungs und Willens bildung nicht denk bar. Die Inter aktion mit anderen – die dritte Dimen sion der Privatsphäre in der Psychologie – wird in der Ver fassung, soweit sie nicht von der Kommunika tions frei heit umfasst ist, durch die Kollektivgrund rechte der Ver samm lungs und Ver eini gungs frei heit gemäß Art. 8 und Art. 9 GG und das Auffang grundrecht der allgemeinen Hand lungs frei heit des Art. 2 Abs. 1 GG geschützt. Die Kollektivgrundrechte gewährleisten jeweils auch die negative Ausübung der Grundrechte, indem es jedem freisteht, an keiner Ver samm lung teilzunehmen und sich keiner Ver eini gung anzu schließen. Die allgemeine Hand lungs frei heit in dem weiten Ver ständnis, dass jeder tun und lassen kann, was er will, schließt auch ein, keine Kontakte zu anderen Personen zu pflegen. Schließ lich ent spricht die vierte Dimension der informa tio nellen Privatsphäre dem Schutz bereich der informa tio nellen Selbst bestim mung gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver bindung mit Art. 1 Abs. 1 GG. Jeder soll selbst darüber ent scheiden können, wann und innerhalb welcher Grenzen persön liche Lebens sach verhalte über ihn offenbart werden (BVerfGE 65, 1, 42). Dies hat das Bundes verfassungs gericht aus drück lich in Bezug auf die be sonde ren Risiken, die mit der elektroni schen Daten verarbei tung einher gehen, fest gestellt (BVerfGE 65, 1, 43). Ergänzend gewährleistet das Grundgesetz in weiteren Einzel bestim 323 mungen die Privatsphäre insbesondere durch den be reichs spezifi schen Schutz der Ehe in Art. 6 GG sowie den Ver traulich keits schutz der Kommunika tion durch das Brief und Fern meldegeheimnis in Art. 10 GG (Nettes heim, 2010, S. 5). Über greifend zu diesen spezifi schen Grundrechten greift das Auffang grundrecht des allgemeinen Persönlich keits rechts. Durch dieses wird zum Beispiel die räum liche Privatsphäre auch über den Schutz bereich des Art. 13 Abs. 1 GG hinaus geschützt, auch wenn deut lich weitere Beschrän kungen des Grundrechts aus Art. 2 Abs. 1 GG möglich sind. Abbil dung 32: Privatsphäre in der Psychologie und im Recht Psychologie Recht Physische Privatsphäre: Raum Schutz der Wohnung: Art. 13 GG Psychologische Privatsphäre: Meinungs-, Willensbildungs- & Werte und Einstellungen Informationsfreiheit: Art. 5 I GG Interaktionale Privatsphäre: Versammlungs- & Vereinigungs- soziale Beziehungen freiheit: Art. 8 & Art. 9 | GG Handlungsfreiheit: Art. 2 I GG Informationelle Privatsphäre: Informationelle Selbstdarstellung durch Selbstbestimmung: Informationen Art. 2 I i.V.m. 1 I GG A llg . P e r sö n lic h k e itsre c h t: A r t. 2 I i.V .m . 1 I G G 325 5 Grundlagen des Daten schutz rechts Die Risiken, die durch die automatisierte Daten verarbei tung anderer ent stehen, zu minimie ren oder zu ver hindern, ist eigent lich die normative Aufgabe der informa tio nellen Selbst bestim mung. Um sie zu schützen, regeln viele Daten schutz gesetze Anforde rungen an die Zulässig keit und die Art und Weise des Umgangs mit personen bezogenen Daten. Diese Regelun gen sind jedoch aus zwei Gründen nicht ge eignet, den Daten schutz im Web 2.0 aus reichend zu gewährleisten. Erstens ist die Anwend bar keit und Durch setz barkeit nationaler Gesetze grundsätz lich auf das jeweilige staat liche Territorium be grenzt, für das der Gesetz geber über die Gesetz gebungs hoheit ver fügt (Ipsen, 2004, S. 244). Das Web 2.0 kennt dem gegen über keine staat lichen Grenzen, so dass den inter nationalen daten schutz recht lichen Gefähr dungen nicht mit einem rein nationalen Schutz konzept wirksam be gegnet werden kann. Zweitens ent halten auch die be sonde ren Vor schriften des Telemedien gesetzes, das den Daten schutz in der Internet kommunika tion regelt, keine risikospezifi schen Vor gaben für die Dienste angebote des Web 2.0. Zum Schutz der personen bezogenen Daten in Blogs, Chatrooms, Video und Fotosamm lungen können allen falls die allgemeinen Daten schutz regeln heran gezogen werden. Sofern man den Daten schutz über die be stehen den gesetz lichen Vor schriften hinaus als Gestal tungs aufgabe sowohl der Technik entwick lung als auch der Rechts fortbil dung be greift, kann zudem auf die allgemeinen daten schutz recht lichen Grundprinzipien zurück gegriffen werden. 5.1 Daten schutz im welt weiten Web 2.0 Das Web 2.0 kennt keine staat lichen Grenzen. Wer im Web 2.0 agiert, wird sehr schnell in die Situa tion geraten, dass bei seinen Handlun gen ein Aus lands bezug ent steht, ohne dass er sich dessen bewusst sein muss. Sei es, weil er eine im Ausland ge hostete SocialNetworkSite benutzt, wie zum Beispiel facebook. com, mit aus ländi schen Nutzern der Social Community kommuniziert oder die von ihm über die Soziale Netz werk platt form zur Ver fügung ge stellten 326 Informa tionen im Ausland ab gerufen werden. Es stellt sich immer die Frage, ob der Daten und Persönlich keits schutz im Web 2.0 und somit in einer Rege lungs materie, die sowohl auf der rein techni schen als auch auf der Anwen dungs ebene inter national aus gerichtet ist, effektiv durch recht liche Vor gaben gewährleistet wird. Im recht lichen Kontext stellen sich bei Sach verhalten mit Aus lands bezug parallel immer die beiden Fragen, welche Rechts ordnung anwend bar ist sowie in welchem Staat die Rechte geltend zu machen und durch zusetzen sind. Grund vorausset zung für den Schutz der Persönlich keit im Web 2.0 für deutsche Nutzer wäre eine lücken lose Anwend bar keit und Durch setz barkeit nationaler und inter nationaler Daten schutz vorschriften. Zu be achten ist allerdings, dass nicht in allen Ländern ein ent sprechend hohes Daten schutz niveau wie in Deutschland besteht be ziehungs weise in einigen Ländern auch gar keine Daten schutz gesetze vor handen sind. In Deutschland existie ren mit dem Telemedien gesetz und den Daten schutz gesetzen des Bundes und der Länder gesetz liche Vor schriften, die dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung der Web 2.0Nutzer dienen. Diese Regelun gen ent halten insbesondere detaillierte Bestim mungen, unter welchen Voraus setzungen personen bezogene Daten rechtmäßig erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden dürfen, welche Rechte den Betroffenen der Daten verarbei tung zustehen und wie die Einhal tung der Daten schutz vorschriften kontrolliert und ge ahndet werden kann. Die Durch setzung der Daten schutz vorschriften obliegt dabei zum einen den deutschen Daten schutz behörden als Kontrollorgane und zum anderen können individuelle Rechts verlet zungen von den Betroffenen selbst an deutschen Gerichten geltend ge macht werden. Das deutsche Daten schutz recht wurde maß geblich durch die europäi schen Vor gaben ge prägt. Zahl reiche deutsche Daten schutz vorschriften dienen der Umset zung ent sprechen der europäi scher Richtlinien, wie zum Beispiel die allgemeine Daten schutz richtlinie (DSRL) vom 24. Oktober 1995,3 die Daten schutz richtlinie für die elektroni sche Kommunika tion (EKDSRL) vom 12. Juli 20024 und die Richtlinie über die Vorrats speiche rung von Daten (VDRL) vom 3 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr („Daten schutz richtlinie“), ABl. EG 1995, L 281, 21 vom 23. 11. 1995, s. zum Hinter grund und dem Inhalt der Richtlinie Simitis, in: ders., 2011, Einl. Rn. 203 ff.; Burkert, in: Roßnagel, 2003, Kap. 2.3, Rn. 44 ff.; Dammann, in: Simitis, 2011, Einl. BDSG, Rn. 1 ff.; Ehmann/Helfrich, 1999, Einl. DSRL, Rn. 1 ff. 4 Richtlinie 02/58/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 12. Juli 2002 über die Ver arbei tung personen bezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektroni schen Kommunika tion („Daten schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion“), ABl. EG 2002, L 201, 37 vom 31. 7. 2002. Die Richtlinie ersetzt gemäß Art. 19 der Daten schutz richtlinie für elektroni sche Kommunika tion die Telekommunika tions Daten schutz richtlinie von 1997, RL 97/66/ EG. 327 15. März 2006.5 Insofern besteht in den Ländern der Europäi schen Union und dem Europäi schen Wirtschafts raum (EWR) ein nahezu einheit lich hohes Daten schutz niveau, auch wenn die Richtlinien den Mitgliedstaaten in Detailfragen teil weise einen Umset zungs spiel raum be lassen. Dem Betroffenen ist es allerdings grundsätz lich nicht möglich, sich hinsicht lich seiner daten schutz recht lichen Belange direkt auf die Richtlinien zu berufen. Stattdessen muss er seine daten schutz recht lichen Ansprüche immer auf das Umset zungs gesetz des jeweili gen Landes stützen. Ent sprechend erfolgt die Rechts durchset zung auch zunächst durch die jeweili gen nationalen Behörden und vor den Gerichten der jeweili gen Mitgliedstaaten.6 Zu den Staaten außerhalb der Europäi schen Union und des Europäi schen Wirtschafts raums, den so ge nannten Dritt staaten, können keine allgemeingül tigen Aus sagen über das Bestehen von Daten schutz vorschriften und deren Durch set zungs möglich keiten ge troffen werden. Erfolgt die Rechts beeinträchti gung im außereuropäi schen Ausland, gelten grundsätz lich die Gesetze desjenigen Staates, und die Rechts durchset zung muss auch in diesem Staat er folgen. Das Recht stößt somit bei einer inter nationalen Rege lungs materie zwangs läufig an seine Grenzen. Sowohl die Gesetz gebungs hoheit als auch die Gesetzes durchset zung ist von der Grundidee national be grenzt. Es existie ren zwar Vor schriften, die Lösungen für recht liche Kolli sions probleme vor sehen, diese führen jedoch keines falls zu einem inter national einheit lichen Rechts niveau. Insbesondere das deutsche Recht zum Schutz der Privatsphäre und personen bezogener Daten weist im inter nationalen Ver gleich einen hohen Standard auf. Auch der Jugendschutz hat in Deutschland eine ver gleich bar hohe Bedeu tung, so dass ent sprechend viele Regulie rungs maßnahmen er griffen worden sind, die in anderen Ländern nicht un bedingt vor herr schen. Wenn das Recht in dieser technik geprägten Materie nur bedingt ge eignet ist, Daten schutz und Privatsphäre der Nutzer zu gewährleisten, ist er gänzend ein alternativer Ansatz zu wählen. Das Daten schutz recht muss durch die Technik selbst unter stützt werden (Roßnagel, 2007, S. 173). Daten schutz techniken können unmittel bar inter national wirken und haben somit Aus wirkungen auf die Rege lungs materie in ihrer Gesamt heit. Bezogen auf das Web 2.0 be deutet dies insbesondere, dass die Dienstangebote so fort entwickelt werden sollten, dass die recht lichen Grundsätze der Transparenz, Zweck begren zung, Selbst bestim 5 Richtlinie 06/24/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 15. 3. 2006 über die Vorrats speiche rung von Daten, die bei der Bereit stel lung öffent lich zugäng licher Kommunika tions dienste oder öffent licher Kommunika tions netze erzeugt oder ver arbeitet werden („Richtlinie zur Vorrats daten speiche rung“), und zur Änderung der Richtlinie 02/58/ EG, ABl. EG 2006, L 105, 54 vom 13. 4. 2006. 6 Nur im Aus nahmen fall ist es nach den Europäi schen Ver trägen von der Daten verarbei tung be troffenen EUBürgern möglich, direkt gegen Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Richtlinie der Europäi schen Union, zu klagen, wenn sie davon „unmittel bar und direkt“ be troffen sind. 328 mung und des Schutzes der Persönlich keits sphäre implementiert werden.7 Dem Schutz der Persönlich keit dient es zum Beispiel, wenn soziale Netz werk dienste anonyme oder pseudonyme Nutzungs möglich keiten vor sehen oder dem Nutzer Konfigura tions möglich keiten für die Ab rufbar keit online ge stellter Daten anbieten. Es ist allerdings zu be rücksichti gen, dass die Ver brei tung und Effektivi tät der Daten schutz technik um gekehrt wieder auf das Daten schutz recht an gewiesen ist (Roßnagel, 2007, S. 173). Das Recht kann frühzeitig auf Technik entwick lungen einwirken, indem sozialschäd liche Technologien oder unerwünschte Technik folgen frühzeitig ver boten und sozialfreund liche ent sprechend ge fördert werden können (Jandt, 2008, S. 38). Außerdem kann auf die Einsatz möglich keiten und die Aus gestal tung einer Technologie so Einfluss ge nommen werden, dass eine ursprüng lich als rechts widrig zu be urteilende Technik zumindest für einzelne Einsatz möglich keiten rechtmäßig wird. Das deutsche Recht sollte daher der technologi schen Ent wick lung voran gehen und techni sche Innova tionen er möglichen und fördern (Roßnagel, 2001, S. 198), in der Hoffnung, dass sich die Daten schutz technik zu einem inter nationalen Technikstandard ent wickelt. 5.2 Schutz konzept des Daten schutz rechts Das Grundrecht auf informatio nelle Selbst bestim mung ist die ver fassungs recht liche Antwort auf die be sonde ren Risiken der automatisierten Daten verarbei tung für die Selbst bestim mung des Individuums. Es ent faltet eine Ab wehrfunk tion gegen über staat lichen Eingriffen und eine Schutz funk tion des Staates gegen über privaten Eingriffen. Um dem zunächst „ab strakten“ Grundrecht zu einer effektiven Wirksam keit zu ver helfen, hat das Bundes verfassungs gericht in mehreren Ent schei dungen Anforde rungen zum Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung ab geleitet. Die Vor schriften der Daten schutz gesetze dienen in vielen Bereichen der Umset zung dieses normativen Schutz programms und ent sprechen auch den Grundprinzipien des Daten schutzes, wie sie in der Europäi schen Daten schutz richtlinie fest gelegt sind. Führen der Einsatz neuer Technik oder neuer Technikanwen dungen zu neuen daten schutz recht lichen Risiken, muss gewährleistet werden, dass diese durch eine konsequente Um set zung des Schutz konzepts des Daten schutz rechts minimiert werden. 7 Dieser Ansatz wird auch als privacy by design be zeichnet. 329 5.2.1 Zulassungs vorausset zung Jeder Umgang mit personen bezogenen Daten stellt nach der Konzep tion der informa tio nellen Selbst bestim mung einen Eingriff in dieses Grundrecht dar (BVerfGE 100, 313, 366; BVerfGE 84, 192, 195).8 Die Daten verwen dung ist daher nur zulässig, wenn der Gesetz geber sie durch eine Erlaubnis vorschrift oder der Betroffene selbst durch seine Einwilli gung ge billigt haben (Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 36 f.). § 12 Abs. 1 TMG und § 4 Abs. 1 BDSG stellen mit ihrem Zulassungs vorbehalt für Informa tions eingriffe die im jeweili gen Anwen dungs bereich zentrale Norm im Gesamt konzept des Daten schutz rechts zur Siche rung der Selbst bestim mung dar (Walz, 2011, § 4 BDSG, Rn. 2). Im Anwen dungs bereich des Telemedien gesetzes sind § 14 TMG für Bestand daten und § 15 TMG für Nutzungs daten die maß geblichen Erlaubnis tatbestände. Zentraler Zulassungs tatbestand für nichtöffent liche Stellen im Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetztes ist § 28 BDSG. Dieser regelt die Daten verarbei tung zu eigenen Zwecken. Daneben normiert der Zulassungs tatbestand des § 29 BDSG die Daten verarbei tung nichtöffent licher Stellen für fremde Zwecke. Allerdings ver weist dieser be züglich ent scheiden der Aspekte auf § 28 BDSG. Durch § 28 BDSG werden die Erhebung, Speiche rung, Ver ände rung und Über mitt lung personen bezogener Daten zur Erfül lung des Geschäfts zwecks legitimiert, wenn es zum einen der Zweck bestim mung eines Ver trags verhältnis ses mit dem Betroffenen dient (Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 17 ff.)9 oder zum anderen zur Wahrung be rechtigter Interessen der ver antwort lichen Stelle er forder lich ist, sofern kein Grund zu der Annahme besteht, dass das schutz würdige Interesse des Betroffenen an dem Aus schluss der Ver arbei tung oder Nutzung über wiegt (Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 31 ff.).10 Die Grundnorm für die daten schutz recht liche Einwilli gung ist § 4a BDSG. Dieser legt die Anforde rungen an die Einwilli gung des Betroffenen fest. Für ihre Wirksam keit wird von dem gelten den Daten schutz recht, mit Ab weichungen im Einzelnen, eine umfassende und recht zeitige Unter rich tung über die be absichtigte Daten erhe bung und Daten verarbei tung sowie eine be wusste, frei willige und aus drück liche Erklä rung grundsätz lich in schrift licher Form ver langt. Im Anwen dungs bereich des Telemedien gesetzes sieht § 13 Abs. 2 TMG Locke rungen der strengen Einwilli gungs vorausset zungen vor, indem auch die elektroni sche Erklä rung der daten schutz recht lichen Einwilli gung zulässig ist.11 8 Dies gilt auch für die Daten verwen dung durch private Stellen – s. BVerfGE 84, 192, 195. 9 § 28 Abs. 1 Nr. 1 BDSG; s. z. B. Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 17 ff. 10 § 28 Abs. 1 Nr. 2 BDSG; s. z. B. Hoeren, in: Roßnagel, 2003, Kap. 4.6, Rn. 31 ff. 11 Davon zu unter scheiden ist die grundsätz liche Möglich keit der daten schutz recht lichen Einwilli gung in elektroni scher Form gemäß § 126 Abs. 3 in Ver bindung mit § 126a BGB: 330 5.2.2 Daten vermei dung und Daten sparsam keit Das Prinzip der Daten vermei dung fordert, dass die Gestal tung und Auswahl von Daten verarbei tungs systemen sich an dem Ziel orientiert, keine oder so wenig personen bezogene Daten wie möglich zu erheben, zu ver arbeiten oder zu nutzen, wobei der Begriff Daten vermei dung ent gegen seinem Wortlaut nicht die Ver meidung von Daten schlechthin, sondern nur die Ver meidung des Personen bezuges von Daten beinhaltet (Roßnagel, in: Eifert & HoffmannRiem, 2011, S. 46). Die Reduzie rung des Auf kommens personen bezogener Daten ver ringert zugleich das Schaden spotenzial der techni schen Systeme (Scholz, 2003, S. 373). Neben der Erforderlich keit fordert dieses neue Daten schutz kriterium, dem eine Gestal tungs funk tion zukommt, den Zweck selbst zum Gegen stand der Erforderlich keits prüfung zu machen. Es soll ein prinzipieller Ver zicht auf personen bezogene Angaben er reicht werden, indem von den daten verarbeiten den Stellen eine aktive Gestal tung ihrer technischorganisatori schen Ver fahren in der Form ver langt wird, dass diese keine oder so wenig perso nen bezogene Daten wie möglich ver arbeiten (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 101). Einer von vornherein Daten ver meiden den Technik muss der Vorrang vor einer Technik, die ein großes Daten volumen be nötigt, ein geräumt werden. Die ge gebenen oder ge planten Konstanten (Zwecke, techni sches System, Daten verarbei tungs prozess) können so ver ändert werden, dass der Personen bezug nicht mehr er forder lich ist (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 101). Aus dieser Gestal tungs anforde rung resultiert für die daten verarbeitende Stelle die Rechtspf licht, die Ver fahren und Systeme „daten sparsam“ zu ge stalten, wenn dies technisch möglich und ver hältnis mäßig ist. Dieses daten schutz recht liche Grundprinzip ist somit dreistufig an gelegt (Roßnagel, 2011, S. 46). Zunächst ent hält es die Vorgabe, auf personen bezogene Daten vollständig zu ver zichten, wenn die Funktion auch anderweitig er bracht werden kann. Wenn dieses Ziel mangels alternativer Möglich keiten nicht er reicht werden kann, ist die Ver arbei tungs stelle ge halten, den Ver arbei tungs prozess so zu ge stalten, dass die Ver wendung personen bezogener Daten minimal ist. Die zweite Stufe beinhaltet somit den Grundsatz der Daten sparsam keit, der die Ver arbei tung von Daten auf den für das Erreichen eines be stimmten oder ver einbarten Zwecks un bedingt notwendi gen Umfang be grenzt. Die dritte Stufe beinhaltet die zeit liche Be schrän kung, die personen bezogenen Daten frühest möglich zu löschen, zu anonymisie ren oder zu pseudonymisie ren (Roßnagel, 2003, Kap. 1, Rn. 40). 5.2.3 Zweck bindung Die gesetz lichen Erlaubnis vorschriften und auch die Einwilli gung be ziehen die daten schutz recht liche Erlaubnis immer auf einen be stimmten Zweck (BVerfGE 65, 1, 46). Die Zulässig keit der Erhebung, Ver arbei tung und Nutzung 331 personen bezogener Daten ist daher immer auf diesen Zweck be grenzt. Sollen die Daten für weitere Zwecke ver wendet werden, bedarf diese Zweckände rung einer eigenständi gen Erlaubnis. Ziel der daten schutz recht lichen Zweck bindung ist es, Betroffene in die Lage zu ver setzen, die Ver wendung der auf ihre Person be zogenen Daten ent sprechend ihrer sozialen Rolle im jeweili gen sozialen Kontext selbst zu steuern (v. Zezschwitz, 2003, S. 221 ff.). Die Zweck bindung macht es er forder lich, eine informatio nelle Gewaltentei lung sicher zustellen und den Zugriff Un berechtigter auf diese Daten zum Beispiel durch den Einsatz von Zugriffs schutz mechanismen zu ver hindern (BVerfGE 65, 1, 49). Zudem ist eine Daten verarbei tung auf Vorrat grundsätz lich unter sagt12 und die Bildung umfassen der personen bezogener Persönlich keits und Bewe gungs profile ver boten (BVerfGE 65, 1, 46, 52 f.; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 41 f.; Jandt, 2008, S. 95 ff.). 5.2.4 Erforderlich keit Die Ver wendung personen bezogener Daten ist immer nur dann zulässig, wenn sie er forder lich ist, um den zulässigen Zweck zu er reichen. Das Erforderlich keits prinzip be schreibt somit eine ZweckMittelRelation. Erforder lich ist die Daten verarbei tung, wenn auf sie zum Erreichen des Zwecks nicht ver zichtet werden kann, also wenn die aus dem Zweck sich er gebende Aufgabe der ver antwort lichen Stelle ohne die Daten verarbei tung nicht, nicht recht zeitig, nicht vollständig oder nur mit un verhältnis mäßigem Aufwand erfüllt werden könnte (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 98). Die bloße Eignung oder Zweck mäßig keit eines Datums zur Auf gabenerfül lung allein be gründet keines falls die Erforderlich keit. Die Geeignet heit ist zwar notwendige, nicht aber hin reichende Bedin gung der Erfül lung des Erforderlich keits begriffs (Globig, 2003, Kap. 4.7, Rn. 58). In zeit licher Hinsicht ist die Daten verarbei tung auf die Phasen zu be schränken, die für das Erreichen des Zwecks notwendig sind. Ist der Zweck er reicht und ent fällt somit die Erforderlich keit der Daten, sind sie zu löschen (BVerfGE 65, 1, 46; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 43 ff.). 5.2.5 Transparenz Informatio nelle Selbst bestim mung setzt voraus, dass die Daten verarbei tung gegen über der be troffenen Person transparent ist. Sie muss in der Lage sein zu er fahren, „wer was wann und bei welcher Gelegen heit über sie weiß“ (BVerfGE 65, 1, 43). Nur, wenn der Betroffene über aus reichende Informa tionen be züglich der Erhebung personen bezogener Daten, über die Umstände, Ver 12 S. hierzu auch BVerfG, NJW 2010, 833, Rn. 213 ff. zur Vorrats speiche rung von Telekommunika tions verkehrs daten. 332 fahren und Struktur ihrer Ver arbei tung und die Zwecke ihrer Ver wendung ver fügt, kann er ihre Rechtmäßig keit über prüfen und ihre Rechte in Bezug auf die Daten verarbei tung geltend machen. Dies gilt für alle Phasen der Daten verarbei tung. Ohne Transparenz der Daten verarbei tungs vorgänge geht das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung ins Leere und die be troffene Person wird faktisch recht los ge stellt (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, 82). Daher sind die personen bezogenen Daten grundsätz lich beim Betroffenen zu erheben. Als weitere ver fahrens recht liche Schutz vorkeh rungen sind dem Betroffenen umfassende Auf klä rungs und Aus kunfts rechte zur Seite zu stellen (BVerfGE 65, 1, 46), die ihm individuelle Kontroll möglich keiten er möglichen. Zur Gewährleis tung der Transparenz stehen somit zahl reiche, komplementär wirkende Instrumente zur Ver fügung – wie Unter rich tungen, Hinweise, Kennt lichmachungen, Zugriffs möglich keiten, Aus künfte.13 5.2.6 Mitwir kung Informatio nelle Selbst bestim mung er fordert, dass dem Betroffenen Kontroll und Mitwirkungs rechte zustehen. Ein Teil dieser Betroffenen rechte – Auf klä rungs und Aus kunfts ansprüche – wurden bereits als konkrete Voraus setzung für die Gewährleis tung der Transparenz ge nannt. Über den reinen Informa tions anspruch hinaus muss der Betroffene aber auch spezifi sche Mitwirkungs rechte haben, um die Daten verarbei tung ge zielt be einflussen zu können. Denn der Grundrechts eingriff wird selbst verständ lich nicht bereits dadurch zulässig und aus geglichen, dass der Betroffene darüber Kenntnis er langen kann, sondern er muss ge zielt auf die Daten verarbei tung Einfluss nehmen können. Der Betrof fene muss zum Beispiel eine Berichti gung inhalt lich falscher oder eine Löschung unzu lässiger weise er hobener personen bezogener Daten er reichen können. Nor miert sind daher zugunsten der Betroffenen Aus kunfts rechte, Korrekturrechte hinsicht lich Berichti gung, Sperrung und Löschung sowie das Recht zum Wider spruch (Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 12 ff.).14 Außerdem besteht die Möglich keit, Schadens ersatz einzu fordern, wenn durch die unzu lässige oder unrichtige Ver arbei tung personen bezogener Daten ein Schaden ein getreten ist (Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 35 ff.; Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 47). 5.2.7 Kontrolle Auch wenn dem Betroffenen grundsätz lich eigene Instrumente zur Siche rung seines Rechts auf informatio nelle Selbst bestim mung zustehen, so erübri gen sich dadurch nicht über greifende und unabhängige Daten schutz kontrolleinrich 13 S. z. B. §§ 4 Abs. 2 und 3, 4a Abs. 1, 6b Abs. 2 und 4, 6c Abs. 1, 2 und 3, 19, 19a, 33 und 34 BDSG. 14 Z. B. §§ 19, 19a, 33, 34, 35 BDSG. 333 tungen. Sie haben zum einen die Funktion, dem Betroffenen bei der Durch setzung seiner Rechte behilf lich zu sein, zum anderen in präventiver Weise die Einhal tung der Daten schutz bestim mungen zu über wachen (Heil, 2003, Kap. 5.1, Rn. 1 ff.). Daneben obliegt ihnen auch die Aufgabe der Beratung der be treffen den ver antwort lichen Stellen. Daten schutz kontrolle kann in Form der Fremdkontrolle durch unabhängige Kontrollstellen, aber auch in Form einer Selbst kontrolle durch be trieb liche und behörd liche Daten schutz beauftragte durch geführt werden. Ihre Befug nisse und Möglich keiten be stehen grundsätz lich aus Aus kunfts und Kontroll rechten und ihnen stehen Beanstan dungs, Bera tungs und Berichts kompetenz zu. Eine Befugnis, eine Sperrung, Löschung oder Ver nich tung von Daten anzu ordnen, besteht seit dem 1. September 2009. Bei schwerwiegen den Ver stößen oder Mängeln, insbesondere solchen mit einer be sonde ren Gefähr dung des Persönlich keits rechts, kann die Auf sichts behörde unter einschränken den Bedin gungen sogar den Umgang mit personen bezogenen Daten unter sagen (Roßnagel, 2009, S. 2721). 5.3 Daten schutz für Kinder und Jugend liche Ziel des Projekts Daten schutz und Persönlich keits rechte im Social Web, Foren und Co. ist es, das diesbezüg liche Problembewusstsein junger Nutzer zu analy sie ren und darauf auf bauend Konsequenzen für medien pädagogi sches Handeln abzu leiten. Die Zielgruppe besteht aus Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12 bis 24 Jahren.15 Diese wird in weitere Subgruppen der Alters gruppe 12 bis 14 Jahre, 15 bis 17 Jahre, 18 bis 20 Jahre und 21 bis 24 Jahre unter gliedert.16 Diese für die Empirie ge troffene Eintei lung in Alters gruppen findet allerdings recht lich keine Ent sprechung. Das Recht trifft zwar auch Alters defini tionen, an die unter schied liche Rechte und Pflichten an knüpfen, aber in anderer Weise.17 Die recht lichen Aus sagen, die sich auf be stimmte Alters gruppen be ziehen, ent sprechen somit nicht immer den Alters gruppen, die in den empiri schen Studien unter schieden werden. Das Zivil recht differenziert grundsätz lich zwischen Minderjähri gen und Volljähri gen. Volljährig ist gemäß § 2 BGB jede Person, die das achtzehnte Lebens jahr vollendet hat.18 Ab diesem Lebens alter gilt eine Person als er wachsen. Für volljährige Personen existie ren nur noch wenige gesetz liche 15 S. Teil II, Kap. 1. 16 S. Teil II, Kap. 2. 17 Im Folgenden wird nur auf die gesetz lichen Alters grenzen ein gegangen, die gesetz lich eindeutig fest gelegt und im vor liegen den Kontext relevant sind. 18 Ab der Volljährig keit erlangt eine Person z. B. auch das passive Wahl recht gemäß Art. 38 Abs. 2 GG, das heißt die Fähig keit ge wählt werden zu können, so dass die zivil recht liche Defini tion auch Aus wirkungen auf andere Rechts gebiete hat. 334 Alters differenzie rungen. Eine wichtige Aus nahme stellt hier das Strafrecht dar. Im Straf und Jugendstrafrecht wird differenziert zwischen Kindern, Jugend lichen, Heran wachsen den und Erwachsenen. Kinder, das heißt Personen bis vierzehn Jahren, sind gemäß § 19 StGB schuldunfähig und daher strafun mündig. Sie können für die von ihnen be gangenen Straftaten strafrecht lich nicht ver folgt werden. Jugend liche im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren sind dagegen strafmündig, aber für sie gelten gemäß § 1 Abs. 1 Jugendgerichts gesetz (JGG) be sondere Ver fahrens vorschriften. Auf Heran wachsende im Alter von achtzehn bis einundzwanzig Jahren kann gemäß § 1 Abs. 2 JGG aus nahms weise das Jugendstrafrecht an gewendet werden. Das Jugendschutz gesetz kennt diese Zwischen stufe zum Erwachsenen allerdings nicht, sondern differenziert gemäß § 1 Abs. 1 Jugendschutz gesetz nur zwischen Kindern, Personen, die noch nicht vierzehn sind, und Jugend lichen, Personen, die vierzehn, aber noch nicht achtzehn Jahre alt sind. Im Daten schutz recht gibt es keine aus drück lichen Vor schriften, die an eine Alters differenzie rung an knüpfen. Tabelle 60: Alters grenzen der empiri schen Studie und im Recht Alter 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Empirische Studien 12–14 15–17 18–20 21–24 Zivilrecht Minderjährig: geschäftsunfähig Minderjährig: beschränkt geschäftsfähig Volljährig: geschäftsfähig Strafrecht Kinder: strafunmündig Jugend- liche: straf- mündig, JGG an- wendbar Heran- wach- sende: straf- mündig, JGG aus- nahms- weise anwend- bar Erwach- sene: Straf- mündig, StPO anwend- bar Jugendschutzrecht Kinder Jugendliche Datenschutzrecht Nicht einwilligungs- fähig Einwilligungsfähig 5.3.1 Grundrechts fähig keit und Grundrechts mündig keit Das Recht auf informatio nelle Selbst bestim mung gewährleistet den Schutz des Einzelnen, selbst darüber zu be stimmen, wer was wann bei welcher Gelegen heit über ihn weiß. Der Grundrechts schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung steht jeder natür lichen Person im Anwen dungs bereich des deutschen Grundgesetzes unabhängig von seinem Alter zu (Starck, 2010, Art. 2 GG, Rn. 43 f.). Auch Kinder und Jugend liche haben ein ver fassungs recht lich gewähr leiste tes Recht auf ihre informatio nelle Selbst bestim mung und sind somit 335 Grundrechts träger. Die Pflicht des Staates, die grundrecht lichen Gewähr leistungen zu schützen, be schränkt sich im Kontext der informa tio nellen Selbst bestim mung darauf zu ver hindern, dass zwangs weise personen bezogene Daten erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden. Der Schutz auftrag des Staates, den er durch den Erlass von Daten schutz gesetzen erfüllt, endet daher grundsätz lich, wenn personen bezogene Daten freiwillig preis gegeben werden. Hier schlägt das staat liche Schutz prinzip in das frei heit liche Ver antwortlich keits prinzip des Bürgers um. Für den Bereich der sozialen Netz werk dienste ergibt sich daher, dass die grundsätz lich freie Ent schei dung, in einer Social Community mitzu wirken, der Regulie rung des Staates ent zogen ist oder sogar sein sollte (Gurlit, 2006, S. 4). Nach dem Ver antwortlich keits prinzip muss jeder selbst die Konse quenzen seines Handelns tragen. Dies gilt zumindest, sofern die Person er wachsen ist. Dies schließt allerdings nicht aus, dass der Staat einen Missbrauch von Ver trags macht mit Regelun gen des Daten und Ver braucher schutzes ent gegen tritt. Gegen über Minderjähri gen und Jugend lichen be stehen deut lich weiter rei chende Schutz pflichten des Staates. Die Pflege und Erziehung von Kindern sind zwar gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG das natür liche Recht der Eltern und die ihnen zuvorderst obliegende Pflicht, allerdings ist dem Staat gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG ein diesbezüg liches Wächteramt zu gewiesen. Dieses beruht primär auf dem be sonde ren Schutz bedürfnis des Kindes und dient somit dem Interesse des Kindes wohls. Diese Schutz funk tion des Staates, die sich in der allgemeinen Aus rich tung der Rechts ordnung nieder schlägt, wirkt sich auch auf die informatio nelle Selbst bestim mung aus. Während die Grundrechts träger schaft von natür lichen Personen unstreitig ab der Geburt ge geben ist, besteht in Bezug auf das Grundrecht der informa tio nellen Selbst bestim mung Uneinig keit, ab wann Kinder und Jugend liche die Fähig keit zur Grundrechts ausü bung haben. Für die informatio nelle Selbst bestim mung besteht eine aktive Grundrechts ausü bung darin, personen bezogene Daten selbst bestimmt an Dritte weiter zugeben oder offen zulegen. Die daten schutz recht liche Einwilli gung ist somit eine Ausübung des Rechts auf infor matio nelle Selbst bestim mung, da durch sie der Umgang mit den personen bezogenen Daten legitimiert wird (vgl. Bäumler, Breinlinger & Schrader, 2003, „E“ S. 1; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 2 f.; Geiger, 1989, S. 37).19 Mangels einer spezialgesetz lichen Regelung wird das Problem, ab welchem Alter ein Minderjähri ger zur Grundrechts ausü bung be rechtigt ist – also ins besondere eine daten schutz recht lich wirksame Einwilli gung er teilen kann – 19 A. A. Robbers, JuS 1985, S. 928, der in der Einwilli gung einen (partiellen) Grundrechts verzicht sieht. 336 unter dem Stichwort der Grundrechts mündig keit20 oder im Kontext der Frage nach der Rechts natur der Einwilli gung be handelt.21 Einig keit besteht insofern, als keine allgemeingültige Aussage ge troffen werden kann, ab welchem Alter die Einsichts fähig keit anzu nehmen ist. Unab hängig von der Rechts natur der Einwilli gung wird einer nach dem konkreten Ver wen dungs zusammen hang differenzie ren den Betrach tungs weise der Vorzug ge geben. Im Kontext der daten schutz recht lichen Einwilli gung wird deut lich, dass Selbst bestim mung die Einwilli gungs fähig keit voraus setzt, das be deutet die Einsichts fähig keit des Betroffenen in die Tragweite seiner Ent schei dung (Scholz, 2003, S. 279 ff.; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; Berg mann, Möhrle & Herb 2004, § 4 BDSG, Rn. 28a; Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 214). Andernfalls ergeht seine Ent schei dung nicht wie von § 4 Abs. 1 BDSG ge fordert freiwillig. Bei Kindern und Jugend lichen wird davon aus gegangen, dass die Einwilli gungs fähig keit noch nicht im gleichen Maße aus geprägt ist, wie bei Erwachsenen. Das Ver antwortlich keits prinzip ist daher bei Kindern und Jugend lichen insofern ein geschränkt, als ihnen die Einwilli gungs fähig keit nicht oder nur be schränkt zu gestanden wird. Hierdurch wird nicht ihr Grund rechts schutz ver kürzt, sondern sie werden ledig lich in der Grundrechts ausü bung ein geschränkt. Dies dient dazu, Kinder und Jugend liche davor zu schützen, dass sie ihren Grundrechts schutz selbst be schränken, ohne die Konsequenzen über blicken zu können. Die Einsichts fähig keit des Minderjähri gen muss somit im Einzelfall positiv fest gestellt werden. Ab gesehen von der Frage, welche Möglich keiten über haupt be stehen, um bei OnlinePortalen die Einsichts fähig keit eines minder jähri gen Nutzers prüfen zu können, führt die Individualfest stel lung für die daten verarbeiten den Stellen zu einer er heblichen Rechts unsicher heit. 5.3.2 Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit Wie bereits dargelegt, finden sich im Daten schutz recht keine aus drück lichen Vor schriften, die an das Alter des Betroffenen der Daten verarbei tung an knüpfen. Allerdings ist eine Voraus setzung einer wirksamen daten schutz recht lichen Einwilli gung gemäß § 4a Abs. 1 Satz 1 BDSG, dass sie auf einer freien Ent schei dung des Betroffenen beruht. Dabei kommt es mangels rechts geschäft lichen 20 Allgemeine Aus führungen zur Grundrechts mündig keit s. Schwenke, 2006, S. 183 sowie Hohm, NJW 1986, S. 3109 ff., der aber die Grundrechts mündig keit als ver fassungs recht liche Kategorie grundsätz lich im Ergebnis ablehnt. 21 Die daten schutz recht liche Einwilli gung wird ent weder als tatsäch liche Handlung, so z. B. Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; Schaffland & Wiltfang 2005, § 4a BDSG, Rn. 21, als geschäfts ähnliche Handlung, Holznagel & Sonntag, 2003, Kap. 4.8 Rn. 21 ff. oder als rechts geschäft liche Willen serklä rung an gesehen, so z. B. Simitis, in: ders., 2011, § 4a BDSG, Rn. 20. Bei den beiden letzt genannten Ansichten werden die zivil recht lichen Vor schriften über die Willen serklä rung analog oder unmittel bar an gewendet. Aus führ lich zum Stand der Diskussion Schwenke, 2006, S. 182 ff. 337 Charakters der Einwilli gung nicht auf die Geschäfts fähig keit des Betroffenen, sondern ledig lich auf seine Fähig keit an, ob er die Konsequenzen seiner Einwilli gung zu über sehen vermag (Schaffland & Wiltfang, 2005, § 4a BDSG, Rn. 21; Auernhammer, 1993, § 4 Rn. 11; Gola & Schomerus, 2010, § 4a BDSG, Rn. 10; aber Weichert, 2003, Kap. 132, Rn. 154; Bergmann, Möhrle & Herb, 2004, § 4 BDSG, Rn. 28, 28a m. w. N.; Podlech & Pfeifer, 1998, S. 152; Kothe, 1985, S. 152 ff.).22 Dem geschäfts unfähigen Minderjähri gen wird in Anleh nung an § 104 Nr. 1 BGB oder die Strafmündig keit gemäß § 19 StGB die Einwilli gungs fähig keit grundsätz lich ab gesprochen. Seine Einwilli gungs erklä rung ist recht lich unwirksam (Bizer, 1999, S. 346). Werden personen bezogene Daten eines Minderjähri gen unter sieben Jahren ver wendet, so muss die daten schutz recht liche Einwilli gung des gesetz lichen Ver treters, in der Regel der Erziehungs berechtigte, ein geholt werden. Minderjährige über sieben Jahre können dagegen grundsätz lich in eine Ver wendung ihrer Daten einwilli gen.23 Von der Frage der Wirksam keit daten schutz recht licher Einwilli gungen von Kindern und Jugend lichen streng zu unter scheiden ist die Frage, ob sie einen wirksamen Dienst leis tungs vertrag über die Nutzung der sozialen Netz werk dienste ab schließen können.24 Hierfür ist nicht die Einwilli gungs fähig keit, sondern die Geschäfts fähig keit des Handelnden maß geblich. Gemäß § 104 Nr. 1 BGB sind Kinder unter sieben Jahre nicht geschäfts fähig. Kindern und Jugend lichen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren wird gemäß § 106 BGB eine be schränkte Geschäfts fähig keit zu gebilligt. Von ihnen ab gegebene Willens erklä rungen sind grundsätz lich unwirksam, es sei denn, es liegt die Zustim mung des gesetz lichen Ver treters vor. Erfolgt keine vor herige Zustim mung (Einwilli gung), ist das Rechts geschäft bis zur Ertei lung der nach träg lichen Zustim mung (Genehmi gung) schwebend unwirksam (Heinrichs, 2010, § 108 BGB, Rn. 1). Von diesem Grundsatz be stehen im Wesent lichen drei Aus nahmen. Bringt der Ab schluss eines Rechts geschäfts für den Minderjähri gen ledig lich einen recht lichen Vorteil, ist die von ihm ab gegebene Willen serklä rung gemäß § 107 BGB wirksam. Ist Folge der Willen serklä rung (auch) ein recht licher Nachteil, ist die Wirksam keit der Willen serklä rung gemäß § 107 und § 108 BGB wiederum von der Zustim mung des gesetz lichen Ver treters ab hängig. Die zweite Aus nahme für eine wirksame Willen serklä rung von be schränkt geschäfts fähigen Kindern 22 Keine Geschäfts fähig keit ver langt auch Simitis, in: ders., 2011, § 4 BDSG, Rn. 28, der in der Einwilli gung aber gleichwohleine rechts geschäft liche Erklä rung sieht. Letzteres hat vor allem für die Frage der Anfech tung Bedeu tung. S. hierzu etwa Larenz & Wolf, 2004, § 22 Rn. 34. 23 Zur Problematik der Einwilli gung durch Minderjährige s. Bizer, 1999, S. 346; Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 214 f. Nach Ansicht des LG Bremen, DuD 2001, S. 620 f. ver stößt die unter schieds los und undifferenziert sowohl von Geschäfts unfähigen, be schränkt Geschäfts fähigen und uneingeschränkt Geschäfts fähigen ab verlangte, formularmäßig fest gelegte Einwilli gungs erklä rung – jeden falls bei den ersten beiden Gruppen – gegen §§ 104 ff. BGB und damit gegen § 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB (= § 9 Abs. 2 Nr. 1 AGBG a. F.). 24 Ein Dienst leis tungs vertrag, der die gegen seiti gen Rechte und Pflichten zwischen Anbieter und Nutzer der SocialNetworks regelt, wird auch dann geschlossen, wenn der Dienst un entgelt lich an geboten wird. 338 und Jugend lichen sieht die sogenannte Taschen geldrege lung gemäß § 110 BGB vor. Kann die be schränkt geschäfts fähige Person den recht lichen Nachteil – insbesondere eine Zahlungs pflicht – mit Mitteln er füllen, die ihr von einem Dritten zur freien Ver fügung über lassen worden sind, ist das Recht geschäft eben falls von Anfang an wirksam. Die dritte Aus nahme ist im Arbeits bereich an gesiedelt. Jeder Minderjährige über sieben Jahre kann gemäß § 113 Abs. 1 BGB bei einer ent sprechen den Ermächti gung des gesetz lichen Ver treters durch eine eigene wirksame Willen serklä rung ein Dienst oder Arbeits verhältnis be gründen (Heinrichs, 2010, § 113 BGB). Nehmen Personen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren an einer Sozialen Netz werk platt form teil, ist zu prüfen, ob ihre Willen serklä rung zur Begrün dung der Mitglied schaft, die auch konkludent durch die Anmel dung bei dem Dienst erklärt werden kann, wirksam ist. Bei einem kosten losen Dienste angebot liegt die Ver mutung nahe, dass dieses Dienste angebot als ledig lich recht lich vor teil haft ge wertet werden könnte. Ein recht licher Nachteil ist allerdings nicht allein in einer Geldleis tungs pflicht zu sehen. Ent scheidend ist nicht die wirt schaft liche Betrach tung, sondern maß geblich sind alle für den Minderjähri gen ent stehen den recht lichen Folgen (Heinrichs, 2010, § 107 BGB, Rn. 2). Umfasst wird jegliche Ver schlechte rung von Rechtsposi tionen als Folge des Ab schlusses des Rechts geschäfts. Folge des Ab schlusses des Nutzungs vertrags ist häufig, dass die von dem Platt formbetreiber fest gelegten Allgemeinen Geschäfts bedin gungen gelten. Diese ent halten regelmäßig von den gesetz lichen Vor gaben zu Lasten des Ver brauchers ab weichende Bestim mungen. Bereits diese Ver schlech te rung der Rechtsposi tion ist als recht licher Nachteil zu werten. Des Weiteren stellt die ver trag lich be gründete Mitglied schaft in Social Communities für den Dienste anbieter auf grund des hierdurch be gründeten AnbieterNutzerVerhält nisses in Ver bindung mit den §§ 14 und 15 TMG die Legitimie rung der Ver arbei tung der personen bezogenen Daten dar.25 Durch die Mitglied schaft in der Social Community wird somit das Recht der informa tio nellen Selbst bestim mung der Kinder und Jugend lichen ein geschränkt. Dies stellt einen recht lichen Nachteil dar, so dass für die Wirksam keit der Willen serklä rung die Zustim mung des gesetz lichen Ver treters er forder lich ist. Die Voraus setzungen von § 110 BGB sind eben falls nicht ge geben, da die ver trags mäßig geschuldete nach teilige Leistung von dem Minderjähri gen nicht mit Mitteln bewirkt werden kann, die ihm zur Ver fügung ge stellt worden sind. Über lassene Mittel im Sinn des § 110 BGB sind Geld oder andere Ver mögens werte (Schmitt, 2006, § 110 BGB, Rn. 18), aber gerade keine immateriellen Pflichten.26 Die Leis tungs pflicht 25 S. hierzu aus führ lich Kap. 6. Die Daten verarbei tung personen bezogener Daten Minderjähri ger kann auch nicht auf § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG ge stützt werden, wenn auf grund der Minderjährig keit ein unwirksamer Ver trag vor liegt. 26 S. hierzu aus führ lich Hofmann, 1986, S. 6 f., der auch die analoge Anwen dung von § 110 BGB be gründet ablehnt. 339 des Minderjähri gen besteht bei der Ein gehung des Nutzungs verhält nisses aber in einem Ver zicht auf eine immaterielle und nicht materielle Rechtsposi tion, so dass die Leistung nicht mit Ver mögens werten bewirkt werden kann. Die zivil recht lichen Vor schriften zur Geschäfts fähig keit Minderjähri ger wirken sich somit mittel bar auch auf das Daten schutz recht aus. Ist der Dienst leis tungs vertrag über die Inanspruchnahme des Social NetworkAngebots nicht zustande ge kommen, weil die Willen serklä rung des Kindes oder Jugend lichen unwirksam ist, ist auch der Umgang mit den personen bezogenen Daten unzu lässig, sofern keine formwirksame daten schutz recht liche Einwilli gung vor liegt. Grundsätz lich ist der Anbieter gemäß § 14 und § 15 TMG be rechtigt, die Bestands und Nutzungs daten zu erheben, zu ver arbeiten und zu nutzen, die für das Ver trags verhältnis und die Erfül lung der Ver trags pflichten er forder lich sind. Der Ver trags schluss hat somit die Folge, dass die Ver arbei tung personen bezogener Daten durch den Dienste anbieter für den Ver trags zweck erlaubt ist, wenn die weiteren Voraus setzungen der Vor schriften vor liegen. Ist der Ver trag allerdings unwirksam, kann die Daten verarbei tung nicht auf § 14 und § 15 TMG ge stützt werden. Das Alter des Minderjähri gen ist somit ein wesent liches Kriterium für die daten schutz recht liche Zulässig keit des für den Platt form betreiber er forder lichen Umgangs mit personen bezogenen Daten. Um zu gewähr leisten, dass die §§ 14 und 15 TMG als Erlaubnis tatbestand greifen, müsste er somit vor dem Ab schluss des Nutzungs vertrags immer das Alter des potenziellen Nutzers mittels eines taug lichen Alters verifika tions systems über prüfen. Nur wenn der Nutzer volljährig ist, liegen die Voraus setzungen der daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften vor. 5.3.3 Interessen abwä gung Die daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbestände dienen dazu, Daten verarbei tungen in be stimmten Beziehungen zwischen daten verarbeiten den Stellen und Betroffenen sowie in be stimmten Anwen dungs konstella tionen, die regelmäßig und in hoher Anzahl auf treten, zu legitimie ren. In diesen Fällen hat der Gesetz geber die Interessen abwä gung zwischen der Notwendig keit der Daten verarbei tung und dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung allgemeingültig ent schieden. Einen Kompromiss zwischen einer generellen Erlaubnis vorschrift und einer individuellen Einwilli gung zur Legitimie rung von Daten verarbei tungs vorgängen stellen diejenigen Erlaubnis normen dar, die Aus nahmen vom Regelfall durch das Erfordernis einer Interessen abwä gung einfangen, wie zum Beispiel § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und Nr. 3 BDSG. Die Zulässig keit der Daten verarbei tung er fordert bei diesen Erlaubnis tatbeständen mit unter schied lichen Ab stufungen neben der Erfül lung weiterer Tatbestands vorausset zungen, dass das schutz würdige Interesse des Betroffenen gegen über den Interessen des Daten verarbeiters nicht oder nicht offensicht lich über wiegt. Das Interesse auf 340 Seiten des Betroffenen besteht grundsätz lich in dem Schutz seiner informa tio nellen Selbst bestim mung. Für die Bewer tung der Beeinträchti gung des Grund rechts schutzes durch die Daten verarbei tungs maßnahme sind als Kriterien die Eingriffs intensi tät, die Eingriffs dauer und der Eingriffs zweck zu be rücksichti gen. Die Eingriffs intensi tät be stimmt sich vor allem nach Art und Umfang der personen bezogenen Daten sowie der konkreten Beziehung zur daten verarbeiten den Stelle. Die Eingriffs dauer kann von wenigen Minuten bis hin zu einer lebens langen Speiche rung variieren. Werden Daten im Internet bereit gestellt, ist bei der Eingriffs dauer auch zu be rücksichti gen, dass die daten verarbeitende Stelle zwar die Daten auf ihrem Server löschen kann, aber die Daten in der Regel irgendwo an anderer Stelle im Internet dauer haft ver fügbar bleiben. Der Zweck der Daten verarbei tung ist in Relation zum Eingriff zu be werten. Es ist insbesondere zu über prüfen, ob neben der daten verarbeiten den Stelle der Betroffene nicht einen eigenen Zweck mit der Daten verarbei tung ver folgt. Sind Kinder oder Jugend liche von der Daten verarbei tung be troffen, muss ihre be sondere Schutz bedürftig keit immer er gänzend bei der Interessen abwä gung be rücksichtigt werden. Diese liegt darin be gründet, dass Kinder und Jugend liche in der Regel nicht in der Lage sein werden, die Gefahren und lang fristi gen Konsequenzen der Bereit stel lung personen bezogener Daten im Internet einzu schätzen. Zudem kann nicht voraus gesetzt werden, dass sie über aus reichende Kennt nisse über mögliche Schutz maßnahmen und die ihnen zustehen den Rechte einschließ lich ihrer Durch set zungs möglich keiten ver fügen. Insofern ist dem Daten schutz für Kinder und Jugend liche bei der Interessen abwä gung in be sonde rer Weise Rechnung zu tragen. 341 6 Daten verarbei tung in Social NetworkDiensten Bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten werden regelmäßig sehr viele Nutzer daten ver arbeitet. Die Teilnahme an den ver schiedenen Com mu nities er fordert häufig eine Anmel dung, bei jedem Vorgang des Einloggens wird mindestens die IPAdresse des Rechners be nötigt, die Nutzer über mitteln Daten unter schiedlichster Art und rufen gleichzeitig Daten anderer Nutzer ab, die der Betreiber der Platt form be reithält. Alle diese Daten verarbei tungs vorgänge haben nur eine daten schutz recht liche Relevanz, wenn es sich dabei um personen bezogene Daten handelt. Denn nur der Umgang mit personen bezogenen Daten stellt nach der Konzep tion der informa tio nellen Selbst bestim mung einen Eingriff in dieses Grundrecht dar (BVerfGE 100, 313, 366).27 Daraus folgt, dass der Umgang mit nicht personen bezogenen Daten keinen daten schutz recht lichen Beschrän kungen unter worfen ist. 6.1 Anwend bares Daten schutz recht Das Bundes daten schutz gesetz gilt gemäß § 1 Abs. 2 BDSG für alle öffent lichen Stellen des Bundes (Nr. 1), für die öffent lichen Stellen der Länder nur, soweit der Daten schutz nicht durch Landes gesetze geregelt ist (Nr. 2), und für nicht öffent liche Stellen (Nr. 3). § 1 Abs. 3 Satz 1 BDSG normiert aber den Grundsatz der Subsidiari tät des Bundes daten schutz gesetzes gegen über anderen spezial gesetz lichen Vor schriften. Spezialgesetz liche Daten schutz vorschriften für Inter net dienst leis tungen sind in den §§ 11 bis 15a TMG geregelt. Gemäß § 1 Abs. 1 TMG ist der Anwen dungs bereich des Gesetzes dahin gehend fest gelegt, dass es für alle Telemedien gilt, das heißt für alle elektroni schen Informa tions und Kommunika tions dienste, soweit sie nicht Telekommunika tions dienste nach § 3 Nr. 24 TKG, telekommunika tions gestützte Dienste nach § 3 Nr. 25 TKG oder Rundfunk nach § 3 RStV sind. Zu den Telemediendiensten ge hören alle Online 27 Dies gilt auch für die Daten verwen dung durch private Stellen – s. BVerfGE 84, 192 (195). 342 Angebote von Waren und Dienst leis tungen, die unmittel bar ge nutzt werden können.28 Social NetworkDienste sind in den vor gestellten Formen als Tele medien dienst zu qualifizie ren, so dass die Daten schutz vorschriften des Tele medien gesetzes vor rangig und diejenigen des Bundes daten schutz gesetzes sub sidiär zu be achten sind. 6.2 Personen bezogene Daten Personen bezogene Daten sind nach der Legaldefini tion des § 3 Abs. 1 BDSG und dem ihm ähnlichen Art. 2 Lit. a Daten schutz richtlinie „Einzelangaben über persön liche oder sach liche Ver hält nisse einer be stimmten oder be stimm baren natür lichen Person (Betroffener)“. Unter diesen Begriff fallen alle Einzelangaben, die Informa tionen über den Betroffenen selbst oder über einen auf ihn bezieh baren Sach verhalt ent halten (Roßnagel & Scholz, 2000, S. 722 f.; Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 5 f.). Die Person ist be stimmt, wenn die Informa tionen selbst ohne zusätz liche komplexe Opera tionen einen unmittel baren Rückschluss auf die Identität der Person zulassen. Eben falls aus reichend ist nach dem Wortlaut des Gesetzes die Bestimm bar keit der Person. Dies ist der Fall, wenn sie objektiv, also nach allgemeiner Lebens erfah rung und mittels des Zusatz wissens des Daten verwenders, identifiziert werden kann (Roßnagel & Scholz, 2000, S. 723). Dies hat zur Folge, dass die Personen bezogen heit relativ ist und dieselben Daten für den einen Daten verwen der personen bezogen sein können, für den anderen aber nicht (Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 9). Der Begriff der Einzelangaben wird weit interpretiert, so dass grundsätz lich jede Informa tion, einschließ lich von Werturteilen erfasst ist, die über die Person etwas auszu sagen vermag (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 12). Es kommt nicht darauf an, zu welchem Zweck die Informa tionen erfasst worden sind, woher sie stammen und in welcher Form sie repräsentiert werden (z. B. auch Bild und Tondaten) (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 4). Auch die Formulie rung „sach lich“ und „persön lich“ hat der Gesetz geber ge wählt, da er alle Daten, die über die Bezugs person etwas aus sagen, schützen will, unabhängig davon, unter welchem Aspekt sie gesehen werden oder welcher Lebens bereich an gesprochen ist (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 7). Eine präzise Defini tion der Begriffe ist daher nicht er forder lich. Angaben über sach liche und persön liche Ver hält nisse sind beispiels weise Name, Anschrift, Telefon nummer, EMail Adresse, Familien stand, Geburts datum, Staats angehörig keit, Konfession, Beruf und Gesund heits zustand, aber auch Rasse des Haustie res oder das Fabrikat des Fahr rades. Nicht personen bezogene Daten sind dagegen Daten, die keine 28 S. die aus führ lichen Beispiele der Gesetzes begrün dung BTDrs. 16/3078, 13 f. 343 Personen angaben beinhalten. Diese sind daten schutz recht lich irrelevant (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723).29 Eine be sondere Bedeu tung kommt im Daten schutz recht den anonymen und pseudonymen Daten zu. Nach allgemeinem Ver ständnis sind anonyme Daten Einzelangaben über eine Person, ohne dass die Person bekannt ist (Tinnefeld & Ehmann, 1998, S. 187; Scholz, 2003, S. 186). Die anonymen Daten sind zwischen den nicht personen bezogenen und den personen bezieh baren Daten an gesiedelt und daher nach beiden Seiten abzu grenzen. Den allgemeinen Anforde rungen des Daten schutz rechts unter liegen die anonymen Daten aber nur, wenn sie personen bezieh bar sind. Bei anonymen Daten ist die Möglich keit, die Einzel angaben über die Person dieser zuzu ordnen nicht grundsätz lich aus geschlossen, sondern es besteht ledig lich die Besonder heit, dass die Kenntnis der Zuord nungs möglich keit von Anfang an fehlt oder nach träg lich be seitigt wurde (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723). Zusatz wissen, durch das der Personen bezug hergestellt werden kann, ist aber vor handen, so dass das Risiko einer DeAnony misie rung nicht vollständig aus geschlossen werden kann. Die Personen bezieh bar keit anonymer Daten ist somit eine Frage der Wahrscheinlich keit (Roß nagel & Scholz, 2000, S. 723). In Anleh nung an § 3 Abs. 6 BDSG, wonach für das Fehlen eines Personen bezuges aus reichend ist, wenn die Zuord nung „nur mit einem un verhältnis mäßig großen Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeits kraft“ möglich ist, ist Anonymi tät dadurch ge kennzeichnet, dass die Wahrschein lich keit der Herstel lung eines Personen bezuges so gering ist, dass sie nach der Lebens erfah rung oder dem Stand der Wissen schaft praktisch aus scheidet. Nach dieser Defini tion sind anonyme Daten keine personen bezogenen Daten. Auch die Pseudonymisie rung hat ebenso wie die Anonymisie rung das Ziel, den Personen bezug auszu schließen. Die Ver wendung eines Pseudonyms er möglicht aber anders als die Anonymi tät, dass die Identität des Nutzers im Aus nahmefall auf gedeckt werden kann. „Pseudonymisie ren“ ist in § 3 Abs. 6a BDSG als „das Ersetzen des Namens und anderer Identifika tions merkmale durch ein Kennzeichen zu dem Zweck, die Bestim mung des Betroffenen auszu schließen oder wesent lich zu er schwe ren“ definiert. Die Herstel lung des Perso nen bezuges erfolgt bei pseudonymen Daten über eine Zuord nungs regel, in der das Zusatz wissen ab gespeichert ist. Im Zusammen hang mit der Frage, ob Pseudonyme personen bezieh bar sind, ist die Relativi tät des Personen bezuges von er heblicher Bedeu tung. Denn für den Kenner der Zuord nungs regel ist die Identifizie rung der sich hinter dem Pseudonym verber genden Person einfach, so dass die Daten für ihn personen bezieh bar sind (Scholz, 2003, S. 189). Fehlt anderen Daten verarbeitern die Zuord nungs regel, besteht hinsicht lich der Ab 29 Aggregierte Daten, die keine Einzelangaben über eine Person ent halten, sind keine anonymen Daten, sondern Daten ohne Angaben über eine Person, so z. B. Roßnagel & Scholz, 2000, S. 723. 344 gren zung zu personen bezieh baren Daten kein Unter schied zu anonymen Daten (Scholz, 2003, S. 189). Ebenso wie bei diesen ist darauf abzu stellen, ob es nach Aufwand an Zeit, Kosten und Arbeits kraft ver hältnis mäßig ist, den Personen bezug herzu stellen (s. Scholz, 2003, S. 190 ff.).30 Die Klassifizie rung eines Datums als personen bezogen, nicht personen bezogen, anonym oder pseudonym ist weder an einen Zeitpunkt – z. B. die Erhebung – ge bunden, noch für die Zukunft fest geschrieben. Jedes Datum durch läuft in dem Zeitraum, in dem es in Daten verarbei tungs vorgängen ver wendet wird, eine variable Ent wick lung. So kann ein nicht personen bezogenes Datum durch die Weiter verarbei tung (zum Beispiel Kombina tion mit anderen Daten) zu einem personen bezogenen Datum werden. Es kann keine allgemeingültige Aussage ge troffen werden, ob Social Net workDienste personen bezogene Daten ver arbeiten und daher die Berücksichti gung der Daten schutz vorschriften er fordern oder nicht. Es ist jeweils im Einzelfall zu prüfen, ob der Dienste anbieter objektiv einen Umgang mit per sonen bezogenen Daten vornimmt. Dies ist immer anzu nehmen, wenn ein SocialNetworkAngebot so aus gestaltet ist, dass der Nutzer bei der Anmel dung seinen bürger lichen Namen und ge gebenen falls noch weitere personen bezogene Angaben, wie zum Beispiel Geburts datum, Wohnort oder be suchte Schulen an geben muss. Dies ist in der Regel der Fall, wenn die Netzgemein schaft zu dem Zweck ge gründet worden ist, bereits in der realen Welt existierende Gemein schaften zu ver netzen. In diesen Fällen wird der bürger liche Name be nötigt, damit sich die Mitglieder dieser Gemein schaften finden und wieder erkennen können. Zu diesen Social NetworkDiensten zählen zum Beispiel Stay Friends, das den Zweck ver folgt, Schulfreunde wieder zusammen zuführen, studiVZ, das aus gerichtet auf Studien freund schaften ist, oder Xing, das den Schwerpunkt auf die Ver netzung von Berufs und Karrierekontakten legt. Foren sind dagegen im Schwerpunkt themen bezogen und dienen der Ver netzung von Personen, die die gleichen Interessen ver folgen und sich gegen seitig in be stimmten Themen gebieten bei Problemen unter stützen, wie zum Beispiel ein Forum für Garten freunde oder Freizeit köche. Blogs dienen meist sehr allgemein der Darstel lung von Aspekten des eigenen Lebens oder der Äußerung von Meinun gen sowie dem Aus tausch von Informa tionen, Gedanken und Erfah rungen als auch der Kommunika tion. Die Teilnahme an Foren und Blogs erfolgt daher sehr häufig unter einem Pseudonym, so dass die Daten für den Anbieter der Social NetworkDienste nicht personen bezogen sind. Ein Sonderproblem besteht bei der Einord nung der IPAdressen der Nutzer von Social NetworkDiensten, deren Ver arbei tung technisch bei jeder In 30 Es ist eine weiter gehende Differenzie rung anhand unter schied licher Pseudonymarten möglich, die auf grund ihrer be sonde ren Eigen schaften unter schied liche Wahrscheinlich keit für die Personen bezieh bar keit aus weisen. 345 anspruch nahme eines Telemediendienstes er forder lich ist. IPAdressen sind für den jeweili gen Internet zugangsProvider (auch Acces sprovider ge nannt) der Nutzer personen bezogene Daten (BGH, MDR 2011, S. 343).31 Dieser ist in seiner Funktion als Telekommunika tions dienst leister gemäß § 111 Abs. 1 Nr. 1 bis Nr. 3 TKG ver pflichtet, bei der Anmel dung eines Internetanschlusses neben der Anschluss kennung auch den Namen, die Anschrift und das Geburts datum des Anschlussinhabers zu erheben und für die Dauer des Ver trags zu speichern. Auf grund der Relativi tät des Personen bezugs könnte die IPAdresse der Nutzer dennoch für den Anbieter der Social NetworkPlatt form ein nicht personen bezogenes Datum sein. Recht lich ist zu differenzie ren, ob es sich um eine statische oder eine dynami sche IPAdresse handelt. In Bezug auf statische IPAdressen besteht in Literatur und Rechtsprechung Einig keit, dass diese für Anbieter von Social NetworkAngeboten personen bezieh bare Daten sind (Schmitz, 2011, Teil 16.2, Rn. 81). Der Personen bezug kann relativ einfach hergestellt werden, da statische IPAdressen einem be stimmten Nutzer oder dessen Rechner dauer haft zu gewiesen werden. Höchst umstritten in Recht sprechung und Literatur ist dagegen die Frage, ob dynami sche IPAdressen für andere Internetdienst leister als Acces sprovider personen bezogene Daten sind.32 Das Amts gericht München lehnt den Personen bezug von dynami schen IPAdres sen für Serviceprovider ab (AG München, K&R 2008, S. 767 f.). Eine Identifizie rung des Nutzers sei dem Betreiber der Webseite nur möglich, wenn ihm illegaler weise von dem Zugangs provider mitgeteilt werden würde, welcher Person er die IPAdresse zu einem be stimmten Zeitpunkt zu geordnet hatte. Diese theoreti sche Möglich keit könne aber nicht die Grundlage dafür bilden, dynami sche IPAdressen als personen bezogen anzu sehen.33 Für das Amts gericht Berlin ist dagegen gerade die potenzielle Missbrauchs möglich keit das ent scheidende Argument, um den Personen bezug dynami scher IPAdressen für Serviceprovider generell zu bejahen (AG Berlin, 2007, S. 600 f.). Es bleibt zu konstatie ren, dass eine gesicherte Rechts lage zu dieser Proble matik nicht besteht. Ein viel wesent licherer Aspekt bei der recht lichen Bewer tung des Bestehens eines Personen bezugs sind gegen über der potenziellen Missbrauchs möglich keit die techni schen Möglich keiten, einen Personen bezug durch das Zusammen führen und Aus werten im Internet ver fügbarer Daten herstellen zu können. Selbst wenn die Einschät zung, dass aktuell zu hohe techni sche Spezialkennt nisse er forder lich sind und ein zu hoher Aufwand be 31 Der BGH geht davon aus, dass eine Erlaubnis norm für die Speiche rung der IPAdresse durch den Tele kommunika tions dienst leister ge geben sein muss. 32 Ausführ lich zu diesem Problem Kirch bergLennartz & Weber, 2010, S. 479 ff. 33 S. auch Schmitz, in: Hoeren/Sieber, 2011, Teil 16.2, Rn. 83, der zudem argumentiert, dass es eben keine vielfälti gen Möglich keiten zur Zusammen führung personen bezogener Daten im Internet gibt, da die IPAdres sen nicht in einer öffent lichen oder zentralen Datei vor gehalten werden. 346 trieben werden müsste, um diesen noch als ver hältnis mäßig hoch zu be werten, zutreffend ist, so kann sich dies mit der techni schen Weiter entwick lung sehr schnell ändern. Unter Berücksichti gung zukünfti ger Risiken ist daher davon auszu gehen, dass die dynami sche IPAdresse zukünftig auch für Serviceprovider als personen bezogenes Datum zu be werten sein wird. 6.3 Ver antwort liche Stelle Neben dem Betroffenen der Daten verarbei tung knüpft das Daten schutz recht die normierten Rechte und Pflichten an den Begriff der ver antwort lichen Stelle an. Dieser wird in § 3 Abs. 7 BDSG definiert als jede Person oder Stelle, die personen bezogene Daten für sich selbst erhebt, ver arbeitet oder nutzt oder dies durch andere im Auftrag vornehmen lässt. Als ver antwort liche Stelle kommt somit jeder in Betracht, der Träger von Rechten und Pflichten sein kann und damit rechts fähig ist. Dies sind neben natür lichen Personen die juristi schen Personen des Privatrechts und des öffent lichen Rechts (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 225). Die Defini tion der ver antwort lichen Stelle schließt nach ihrem Wortlaut auch nicht aus, dass der Betroffene selbst ver antwort liche Stelle sein könnte. Allerdings sind die Vor schriften des Bundes daten schutz gesetzes auf den Umgang mit Daten zu seiner eigenen Person nicht anwend bar, weil sich in dieser Konstella tion die Risiken für die informatio nelle Selbst bestim mung gerade nicht ver wirk lichen (Dammann, 2011, § 3 BDSG, Rn. 226). Bei der Nutzung von Social NetworkDiensten ist die Beantwor tung der Frage, wer ver antwort liche Stelle ist, durch aus problematisch, auch wenn sie in Literatur und Rechtsprechung bisher kaum diskutiert wird.34 Regelmäßig wird mit Selbst verständlich keit davon aus gegangen, dass der Anbieter der Sozialen Netz werk platt form die daten schutz recht lich ver antwort liche Stelle ist (s. z. B. Erd, 2011, S. 20 f.). Dies mag in Bezug auf einige Daten verarbei tungs vorgänge, die bei Social NetworkDiensten er folgen, zutreffend sein. Daneben sollte in Erwägung ge zogen werden, dass der Nutzer der Sozialen Netz werk platt form auch ver antwort liche Stelle sein kann, wenn er personen bezogene Daten Dritter über das Netz werk ver öffent licht. Fraglich ist daher, was die wesent lichen Elemente zur Unter schei dung des für die Ver arbei tung Ver antwort lichen von anderen Akteuren sind. Die Kom mentarliteratur zu § 3 Abs. 7 BDSG ver weist diesbezüg lich im Wesent lichen auf die Vor gaben von Art. 2 lit. d 1 DSRL (Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 48). Dort wird der Begriff „für die Ver arbei tung Ver antwort licher“ als eine Rolle im europäi schen Daten schutz recht definiert. Ab gesehen von dem personen 34 S. die sehr knappen Aus führungen z. B. bei Kamp, 2011, S. 23. 347 bezogenen (natür liche oder juristi sche Person, Behörde, Einrich tung oder jede andere Stelle) und dem pluralisti schen Aspekt („allein oder gemeinsam mit anderen“) wird voraus gesetzt, dass der Ver antwort liche „über die Zwecke und Mittel der Ver arbei tung von personen bezogenen Daten ent scheidet“ (Art. 29 Daten schutz gruppe, WP 169, S. 1). Die Fähig keit über eine Daten verarbei tung ent scheiden zu können, setzt weder eine formale Benen nung voraus, noch ist sie, falls sie erfolgt ist, maß geblich. Relevant ist vielmehr, wer bei einer Analyse der faktischen Elemente und Umstände auf die Daten verarbei tung einen tatsäch lichen Einfluss ge nommen hat, zum Beispiel indem er sie ver anlasst hat, und bei wem daher de facto die Ver antwor tung liegt (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 11). Die Ent schei dungs möglich keit muss sich jedoch nicht nur auf das „Ob“, sondern auch auf das „Wie“ der Daten verarbei tung be ziehen. Die Ent schei dung über das „Mittel“ umfasst techni sche und organisatori sche Fragen, zum Beispiel welche Hard und Software ein gesetzt wird, sowie die konkreten Umstände, zum Beispiel die Art der Daten, die Speicherdauer und die Zugriffs möglich keiten (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 17). Die Ent schei dung über den „Zweck“ legt das Ergebnis fest, das be absichtigt ist oder die ge planten Aktionen leitet (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 16). Prägnant ge fasst be stimmen die Mittel das „Wie“ und der Zweck das „Warum“ der Daten verarbei tung. Die Ent schei dung über den Zweck ist die Schwelle für die Begrün dung daten schutz recht licher Ver antwortlich keit. Wer diese Ent schei dung trifft, ist de facto für die Ver arbei tung Ver antwort licher. Die Ent schei dung über die Mittel kann dagegen delegiert werden, zum Beispiel auf den Auf trags daten verarbeiter, ohne dass die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit automatisch ent fällt. Bezogen auf Social NetworkDienste lässt sich dennoch keine eindeutige Aussage treffen, wer die ver antwort liche Stelle ist. Die Ent schei dung über den Zweck der Daten verarbei tung wird durch die Aus gestal tung der Platt form – die Fest legung des themati schen Kontexts und die ver schiedenen Funktionen – teil weise von dem Dienste anbieter vor gegeben oder zumindest be einflusst. Diese Einfluss nahme kann sehr unter schied lich aus geprägt sein. Je enger die Vor gaben auf einer Platt form sind und je weniger Gestal tungs optionen sie dem Nutzer be lassen, desto eher ist von einer aus schließ lichen Ver antwortlich keit des Platt formbetreibers auszu gehen. Einige Personen bewer tungs portale, wie zum Beispiel spickmich. de und meinprof. de, geben Rahmen angaben, Bewer tungs kriterien und das Bewer tungs system sehr detailliert vor. Die Abgabe der Lehrer oder ProfessorenBewer tung gleicht dem Aus füllen eines Formulars, so dass sie dem Nutzer so gut wie keinen inhalt lichen Gestal tungs spiel raum belässt. Neben dem Zweck, der Community eine Platt form zur Ver fügung zu stellen, wird zudem von dem Dienste anbieter der weitere Zweck ver folgt, individualisierte Werbung anbieten zu können. Im Detail ent scheidet aber auch der die Daten ein gebende Nutzer über den Zweck der Daten verarbei tung, indem 348 er die Daten aus wählt, ihren Ver brei tungs grad fest legt und auch Einfluss auf die Dauer der Ver fügbar keit durch Löschung nehmen kann. Die Ent schei dungs macht über die techni sche und organisatori sche Aus gestal tung der Daten verarbei tung liegt wiederum eindeutig beim Dienste anbieter. Ist faktisch eine eindeutige Zuord nung der Ver antwortlich keit nicht möglich, ist zu prüfen, ob nicht eine kumulative Ver antwortlich keit in Betracht kommt. Die Defini tion der ver antwort lichen Stelle in § 3 Abs. 7 BDSG trifft hierzu keine Aussage. In der Literatur wird aber zum Beispiel im Zusammen hang mit Ver bund dateien, in die mehrere Stellen selbst ständig Daten sätze ein geben können und in der diese Stellen auch zur Ver ände rung der Daten sätze be rechtigt sind, die kumulative Ver antwortlich keit bejaht (Weichert, 2007, § 3 BDSG, Rn. 54). Die Daten schutz richtlinie normiert zudem aus drück lich den pluralisti schen Ansatz mit der Formulie rung „allein oder gemeinsam“. Soweit die Daten schutz richtlinie aus drück lich eine kumulative Ver antwor tung vor sieht, ist diese im Zweifel durch das nationale Recht umzu setzen. Es ist daher auch im deutschen Daten schutz recht davon auszu gehen, dass mehrere Stellen gleich zeitig für eine Daten verarbei tung ver antwort lich sein können. Die Anbieter sozialer Netz werk dienste sind für die Ver arbei tung ver antwort lich, weil sie sowohl über die Zwecke als auch die Mittel der personen bezogenen Daten von Nutzern und Dritten ent scheiden. Die Nutzer der Netz werke sind, wenn sie personen bezogene Daten über das Netz werk ver öffent lichen, eben falls als Ver antwort liche einzu stufen (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 169, S. 26). Sofern nur ihre eigenen personen bezogenen Daten be troffen sind, sind allerdings die Vor schriften des Daten schutz rechts nicht anwend bar, so dass die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit nur in Bezug auf die personen bezogenen Daten Dritter besteht. Zu be achten ist allerdings, dass nichtöffent liche Stellen gemäß § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG nicht der Reglementie rung des Gesetzes unter liegen, wenn die Erhebung, Ver arbei tung oder Nutzung der Daten aus schließ lich für persön liche oder familiäre Tätig keiten erfolgt. Persön liche Tätig keiten bilden den Gegen satz zu be ruflichen oder gewerb lichen Tätig keiten und be ziehen sich auf die Privatperson des Einzelnen. Diese Form der Daten verarbei tung umfasst zum Beispiel Adressen von Freunden oder Korrespondenz, die der Freizeit zuzu ordnen ist (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 149 ff.). Familiäre Tätig keiten be ziehen sich auf die Rolle des Einzelnen im Rahmen der Familie, wie zum Beispiel den Kontakt mit Ver wandten (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 151). Diese Tätig keiten werden unter der Annahme, dass sie keine Risiken für die Privatsphäre des Einzelnen mit sich bringen, da die Daten verarbei tung ledig lich im eigenen häus lichen Bereich und nur für den eigenen Gebrauch erfolgt, aus dem Anwen dungs bereich des Daten schutz rechts heraus genommen (Brühann, 2009, Art. 3 DSRL, Rn. 13). Ab gesehen von der Frage, ob diese Risikoeinschät zung grundsätz lich zutreffend ist, wenn Daten über das Internet ver breitet 349 werden und durch Suchmaschinen für jedermann auf find bar sind, können ver schiedene Kriterien als Indiz für eine nicht rein persön liche und private Tätig keit heran gezogen werden. Dies ist zunächst der Zweck der Sozialen Netz werk platt form selbst. Besteht dieser zum Beispiel darin, be rufliche Kontakte zu knüpfen, liegen die Voraus setzungen von § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG eindeutig nicht vor. Auch Anwen dungs platt formen zur Förde rung kommerzieller, politi scher oder karitativer Zielset zungen liegen außerhalb rein privater oder familiärer Tätig keiten. Zudem finanzie ren sich alle erfolg reich ver brei teten sozialen Netz werk dienste über Werbe einnahmen. Denn die Daten werden nach dem Einstellen auf die Platt form nicht nur von „Freunden“ ab gerufen, sondern sie sind auch für den Platt formbetreiber aus wert bar. Ein weiteres Indiz sind die Zugriffs möglich keiten auf Profilinforma tionen. Selbst wenn der Nutzer den Zugriff auf seine Daten auf „Freunde“ be grenzt und die Informa tionen auch nicht über Suchmaschinen allen Internetnutzern zugäng lich sind, sind diese Daten nicht dem Zugriff des Platt formbetreibers ent zogen, so dass auch dann nicht von einer aus schließ lich persön lichen oder familiären Tätig keit aus gegangen werden kann. Dies gilt erst recht, wenn alle Mitglieder einer Community die Daten einsehen. Dann hat der Nutzer nicht einmal Kenntnis davon, wer alles auf seine Daten zugreifen kann, geschweige denn, dass eine persön liche Beziehung zu allen CommunityMitgliedern besteht. Sind die Daten nicht der Indexie rung durch Suchmaschinen ent zogen, ist auch nicht aus geschlossen, dass über die Snippets der Ergebnis liste personen bezogene Daten der breiten Öffentlich keit zugäng lich ge macht werden. In diesem Fall greift die Aus nahme vorschrift des § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG eben falls nicht (Art. 29Daten schutz gruppe, WP 163, S. 8).35 Bei der Über prüfung der Einzelfälle ist immer zu be rücksichti gen, dass § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG als Aus nahme vorschrift restriktiv auszu legen ist (Dammann, 2011, § 1 BDSG, Rn. 148). Soweit Zweifel auf tauchen, ob die Daten verarbei tung aus schließ lich familiäre oder persön liche Aktivi täten be trifft, sind diese zu gunsten einer Anwend bar keit der Bundes daten schutz gesetzes auszu räumen. Nur so können wesent liche Lücken des Daten schutzes ver mieden werden. Parallel zu der Regelung in § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG gelten die in den §§ 27 bis 32 BDSG geregelten Rechts grundlagen der Daten verarbei tung gemäß § 27 Abs. 2 Satz 1 BDSG nicht, wenn der Umgang mit den personen bezogenen Daten aus schließ lich für persön liche oder familiäre Zwecke erfolgt. 35 Zu be rücksichti gen ist allerdings, dass Nutzer sozialer Netz werk dienste unter weitere Aus nahmerege lungen fallen können, so beispiels weise unter die Aus nahme der Ver arbei tung personen bezogener Daten, die allein zu journalisti schen, künstleri schen oder literari schen Zwecken erfolgt. In diesen Fällen ist die Freiheit der Meinungs äuße rung gegen das Recht auf Privatsphäre abzu wägen, Art. 29Daten schutz gruppe, WP 163, S. 8. 350 6.4 Zulässig keit der Daten verarbei tung Die Konzep tion des Daten schutz rechts er fordert es, grundsätz lich jeden einzel nen Umgang mit personen bezogenen Daten einzeln und in Bezug auf die konkrete daten verarbeitende Stelle daten schutz recht lich zu über prüfen. Ent sprechend der zeit lichen Abfolge wird zunächst die Zulässig keit der Daten verarbei tung durch den Nutzer des Social NetworkDienstes über prüft. Ein Umgang mit den personen bezogenen Daten der Nutzer und Dritter erfolgt eben falls durch den Platt formbetreiber. Hier werden im Folgenden im Schwer punkt das zur Ver fügung stellen der personen bezogenen Daten für den Abruf der Mitglieder der Social Community und die Aus wertung der Nutzer daten durch den Platt formbetreiber für Werbedienst leis tungen analysiert. Zusätz liche Risiken ergeben sich bei Social NetworkDiensten aber, wie dargelegt (s. Kap. 3.2), durch die Begehrlich keiten anderer Dienste anbieter an diesem Daten pool, wie zum Beispiel Headhunter, die auf Social NetworkPlatt formen auf der Suche nach qualifizierten Arbeits kräften sind. Ist allerdings die Daten verarbei tung durch den Nutzer oder den Platt formbetreiber nicht rechtmäßig erfolgt, so ist jegliche weitere Daten verarbei tung eben falls rechts widrig. Schließ lich ist neben der daten schutz recht lichen Zulässig keit des Umgangs mit Bild nissen, die gleichzeitig personen bezogene Daten sind, die urheber recht liche Zulässig keit zu prüfen. 6.4.1 Daten verarbei tung durch die Nutzer von sozialen Netz werk diensten Adressaten des Telemedien gesetzes sind Dienste anbieter gemäß § 2 Nr. 1 TMG. Nach dieser Vor schrift ist Dienste anbieter jede natür liche oder juristi sche Person, die eigene oder fremde Telemedien zur Nutzung be reithält oder den Zugang zur Nutzung ver mittelt. Grundsätz lich können unter einer Domain meh rere Telemediendienste an geboten werden, so dass sowohl der Portal betreiber als auch ein Nutzer, zum Beispiel wenn er auf einer Ver kaufsplatt form ein ge werb liches An gebot einstellt und Waren oder Dienst leis tungen anbietet, Dienste anbieter sein kann (LG München I, WRP 2005, S. 1042; LG Memmingen, MMR 2004, S. 769; LG Berlin, WRP 2004, S. 1198). Liegt allerdings ein einheit lich ge stalte ter Gesamt auftritt vor, innerhalb dessen die Unter seiten keine hinreichende kommunika tions bezogene Eigenständig keit auf weisen, liegt nur ein Telemediendienst vor und nur der Portal betreiber ist Dienste anbieter im Sinne des § 2 Nr. 1 TMG. Dies ist auch bei den Social NetworkDiensten anzu nehmen, da sie regelmäßig themati sche und einheit liche ge stalteri sche Vor gaben geben. Daher sind in Bezug auf die Nutzer als ver antwort liche Stelle nicht die Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes vor rangig anwend bar, sondern aus schließ lich das Bundes daten schutz gesetz. 351 Anschließend stellt sich die Frage, ob der Nutzer als ver antwort liche Stelle gemäß § 3 Abs. 7 BDSG selbst die Daten verarbei tung vornimmt oder ob er sie durch den Platt formbetreiber im Auftrag vornehmen lässt. Letzteres wäre nur rechtmäßig, wenn zwischen Nutzer und Platt formbetreiber eine zulässige und wirksame Daten verarbei tung im Auftrag gemäß § 11 BDSG vor liegen würde. Wäre dies der Fall, bliebe der Nutzer gemäß § 11 Abs. 1 Satz 1 BDSG die ver antwort liche Stelle. Die Vor schrift ent faltet eine Zurech nungs wirkung, indem sie die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit des Auftrag gebers (Nutzer der Sozialen Netz werk platt formen) für die fremden Handlun gen des Auf tragnehmers be gründet (Sutschet, 2004, S. 98). Die Daten verarbei tung im Auftrag setzt gemäß § 11 BDSG voraus, dass die durch den Auf tragnehmer (Platt form betreiber) er brachte Daten verwen dung durch Weisun gen oder durch über lassene Werkzeuge (zum Beispiel Programme) sehr genau be stimmt wurde und keine recht liche Ver fügungs befugnis über die zu ver wenden den Daten besteht. Der Auf trags schwerpunkt ist auf die Durch führung der Daten verarbei tung gerichtet und der Auf tragnehmer steht weder in einer eigenen recht lichen Beziehung zum Betroffenen noch hat er ein eigenes inhalt liches Interesse an den Daten (Kilian & Heussen, 2009, Rn. 36 f.; Regie rungs präsidium Darmstadt 2007, S. 2). Als Indizien gegen eine Auf trags daten verarbei tung können die Kriterien heran gezogen werden, inwieweit die Daten verwen dung auf eigene Rechnung erfolgt und eigene, über die über tragene Daten verwen dung hinaus gehende Geschäfts zwecke ver folgt werden. Weiter hin sprechen die fehlende Einfluss möglich keit des Auftrag gebers auf Teil bereiche der Daten verarbei tung und die Tatsache, dass die zu ver arbeiten den Daten erst auf grund einer eigenständi gen Rechts beziehung des Auf tragnehmers mit dem Betroffenen erhoben werden, gegen eine Auf trags daten verarbei tung. Wie bereits aus geführt, haben sowohl der Nutzer als auch der Platt form betreiber eigenständige Ent schei dungs befug nisse in Bezug auf Zweck und Mittel der Daten verarbei tung. Ein Über und Unter ord nungs verhältnis derart, dass der Nutzer gegen über dem Platt formbetreiber weisungs befugt sei und die Daten verarbei tung einseitig steuern kann, besteht aber gerade nicht. Sind die personen bezogenen Daten auf dem Server des Platt formbetreibers ge speichert, ver folgt dieser eigene Interessen an den Daten. Der Platt formbetreiber wertet die Nutzer daten aus, um individualisierte Werbung auf den Nutzer seiten zu platzie ren. Für diese Dienst leis tung zahlen die werben den Firmen nicht unerheb liche Preise. Bei Social NetworkDiensten erfolgt parallel die eigene Daten verarbei tung durch den Nutzer, für den Zweck der Teilnahme an Social Communities und unabhängig davon die Daten verarbei tung durch den Platt formbetreiber zu wirtschaft lichen Zwecken. Eine Auf trags daten verarbei tung gemäß § 11 BDSG liegt somit nicht vor. Für die Daten verarbei tung durch die Nutzer ist gemäß § 4 Abs. 1 BDSG eine Rechts grundlage er forder lich, wenn dieser personen bezogene Daten Dritter 352 über die OnlinePlatt form zur Ver fügung stellt und diese Daten verarbei tung nicht aus schließ lich für persön liche oder familiäre Tätig keiten erfolgt. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn eine Person in einem Blogeintrag aus führ lich über eine Lehr veranstal tung eines be stimmten Professors be richtet und diese Informa tionen allen oder nur den als Freunden deklarierten Nutzern des Social Network Dienstes zugäng lich sind. Grundsätz lich kommen die gesetz lichen Erlaubnis tatbestände für die Daten verarbei tung nichtöffent licher Stellen gemäß §§ 28 ff. BDSG in Betracht. Das Hochladen der Daten durch den Nutzer auf den Server des Dienste anbieters stellt gemäß § 3 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 BDSG eine Über mitt lung von Daten dar. Problematisch ist allerdings, dass alle Erlaubnis tatbestände des Bundes daten schutz gesetzes für private Stellen die Ver folgung eines eigenen Geschäfts zwecks oder die geschäfts mäßige Daten verarbei tung voraus setzen. Obwohl die Formulie rung ledig lich den akzessori schen Charakter der Ver arbei tung ver deut licht, muss letzt lich die Daten verarbei tung als Hilfs mittel für einen geschäft lichen, be ruflichen oder gewerb lichen Zweck auf einen wirtschaft lichen Erfolg aus gerichtet sein (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4; Simitis, 2011, § 28 BDSG, Rn. 23). Dies trifft zwar auf die Anbieter der Social NetworkDienste zu, aber allen falls im Aus nahmefall auf deren Nutzer, die personen bezogene Daten Dritter auf der CommunityPlatt form einstellen. Eine einschlägige Erlaub nis vorschrift für die Daten verarbei tung ist im Bundes daten schutz gesetz somit nicht ge geben. Die Tatsache, dass für nichtöffent liche Stellen aus schließ lich Erlaubnis vorschriften für gewerb liche Daten verarbei tung existie ren, nicht aber für die private Daten verarbei tung, ist vor dem histori schen Hinter grund des Bundes daten schutz gesetzes nach vollzieh bar. Ursprüng lich hat der Gesetz geber die Daten schutz vorschriften mit dem Vor stel lungs bild einer Technologie er lassen, die der öffent lichen Ver waltung und privaten Unter nehmen gleichermaßen helfen sollten, Informa tions probleme effektiver be wälti gen zu können (Simitis, 2011, § 27 BDSG, Rn. 45). Die modernen Informa tions und Kommunika tions technologien stehen mittlerweile aber gleichermaßen Privaten zur Ver fügung und werden auch für private Zwecke im er heblichen Umfang ge nutzt. Ein undifferenziertes Aus klammern aller Ver arbei tungen personen bezogener Daten zu privaten oder familiären Zwecken führt allerdings dazu, die Wirksam keit und auch die Glaubwürdig keit des Daten schutzes er heblich in Frage zu stellen. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Internettechnologie, die immer das Risiko der „öffent lichen“ Daten verarbei tung in sich birgt. Diese ursprüng liche Vor stel lung des Gesetz gebers ent spricht somit spätestens seit der flächen decken den Ver brei tung des Internet auch in Privathaushalten nicht mehr der Realität. Privatpersonen ver arbeiten in enormen Umfang perso nen bezogene Daten und nehmen auch die Möglich keit wahr, sie über das Internet einem un begrenzten Personen kreis zugäng lich zu machen. Es ist daher 353 zwar nicht der Grundgedanke des Bundes daten schutz gesetzes, rein private oder familiäre Daten verarbei tungen aus dem Anwen dungs bereich der Daten schutz gesetze heraus zunehmen, von der Realität über holt worden. Es sind aber wohl die ge wählten Ab gren zungs kriterien nicht mehr technikadäquat. Die daten schutz recht lichen Risiken ver wirk lichen sich nicht durch die Zweck bestim mung be ruflich, geschäft lich oder gewerb lich im Gegen satz zu familiär oder privat. Aus gehend von der Grundinten tion der informa tio nellen Selbst bestim mung als Schutz der freien Ent faltung der Persönlich keit ist vielmehr der öffent liche oder allgemein zugäng liche Umgang mit personen bezogenen Daten als Gegen satz zu einer rein privaten oder familiären Tätig keit zu sehen. In Bezug auf den Umgang mit personen bezogenen Daten durch Private zu privaten Zwecken, die nicht aus dem Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetzes heraus fallen, ist eine analoge Anwen dung der §§ 28 ff. BDSG zu über prüfen.36 Die Analogie kann unter drei Voraus setzungen vor genommen werden (Larenz & Wolf, 2004, § 4 Rn. 80; Larenz, 1991, S. 381 ff.): Erstens darf für einen be stimmten Sach verhalt keine Rechts norm existie ren, so dass eine Rege lungs lücke vor liegt. Diese Rege lungs lücke darf zweitens vom Gesetz geber nicht be absichtigt ge wesen, sondern muss planwidrig sein. Drittens muss zwischen dem un geregelten Sach verhalt und dem Tatbestand, dessen Rechts folge über nommen werden soll, eine ver gleich bare Interessen lage vor liegen. Eine Rege lungs lücke besteht, da die Daten verarbei tung durch Privatpersonen für private Zwecke, wie sie zum Beispiel bei der Teilnahme an Social Network Diensten erfolgt, zwar in den Anwen dungs bereich des Bundes daten schutz gesetzes fällt, aber die Erlaubnis tatbestände für nichtöffent liche Stellen nicht anwend bar sind. Vor dem dargestellten histori schen Hinter grund ist davon auszu gehen, dass diese Rege lungs lücke nicht vom Gesetz geber ge wollt war. Unter der Prämisse, dass die Ver arbei tung personen bezogener Daten zu privaten Zweck nicht in den Anwen dungs bereich fiel, war es schlicht nicht er forder lich, diesbezüg liche gesetz liche Erlaubnis tatbestände in das Bundes daten schutz gesetz aufzu nehmen. Gleichzeitig ist das mit dieser Daten verarbei tung ver bundene Risiko für die informatio nelle Selbst bestim mung der Betroffenen deut lich geringer, als wenn die Daten verarbei tung zu gewerb lichen Zwecken von Unter nehmen durch geführt wird. Diese Daten verarbei tung muss daher erst recht unter den gegen über einer daten schutz recht lichen Einwilli gung er leichterten Bedin gungen einer gesetz lichen Erlaubnis möglich sein. Da zwischen dem Nutzer eines Social NetworkDienstes und dem Betroffenen kein irgendwie gearte tes rechts geschäft liches Ver hältnis besteht, ent spricht die Interessen lage am ehesten derjenigen gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG. Nach dieser Vor schrift ist der Umgang mit personen bezogenen Daten zulässig, soweit er 36 In der Rechts wissen schaft ist eine Analogie die Über tragung der für einen Tatbestand im Gesetz vor gesehenen Rechts folge auf einen anderen, aber rechts ähnlichen Tatbestand. 354 zur Wahrung be rechtigter Interessen der ver antwort lichen Stelle er forder lich ist und keine Anhaltspunkte für ein über wiegen des ent gegen stehen des Interesse des Betroffenen be stehen. Die Interessen abwä gung umschreibt den noch trag baren Kompromiss im Wider streit zwischen der informa tio nellen Selbst bestim mung des Betroffenen und dem Recht auf freie Meinungs äuße rung und Kom munika tions frei heit des Nutzers von Social NetworkDiensten (Simitis, 2011, § 28 BDSG, Rn. 133).37 Stellt ein Nutzer personen bezogene Daten Dritter auf der Sozialen Netzwerk platt form zur Ver fügung, ist diese Daten verarbei tung gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG analog zulässig, wenn seine be rechtigten Interessen dasjenige des Betroffenen am Aus schluss der Ver arbei tung oder Nutzung über wiegen. Berech tigtes Interesse des AccountInhabers ist in erster Linie seine von Art. 5 Abs. 1 GG geschützte Meinungs frei heit. Nicht von der Meinungs frei heit geschützt sind allerdings alle personen bezogenen Daten, die falsche Tatsachen wieder geben, eine Formal beleidi gung38 oder Schmähkritik39 darstellen (BVerfGE 54, 208, 219; Schemmer, 2011, Art. 5 GG, Rn. 6 ff.). In diesen Fällen ist bereits das be rechtigte Interesse des Nutzers abzu lehnen. Das schutz würdige Interesse des Betroffenen liegt vor allem im Schutz seiner informa tio nellen Selbst bestim mung. Die Funktion der informa tio nellen Selbst bestim mung er schöpft sich nicht im Abwehr recht gegen den Staat, sondern ent faltet als Grundrecht auch Dritt wirkung gegen über der Daten verarbei tung Privater (BGH, NJW 2009, S. 2891). Die notwendige Ab wägung zwischen beiden Interessen muss immer im Einzelfall er folgen, da prägende Bestand teile der (legitime) Zweck des Nutzers und die Qualität der personen bezogenen Daten sind. Gleichzeitig hat der Einzelne keine ab solute Herrschaft über seine personen bezogenen Daten, die jede Ver wendung durch Dritte aus schließen würde (BGH, NJW 2009, S. 2891). Der einzelne muss als Teil der sozialen Gemein schaft im Gemein schafts interesse grundsätz lich Einschrän kungen seiner informa tio nellen Selbst bestim mung in Kauf nehmen. Liegt ein über wiegen des Interesse des Betroffenen am Aus schluss der Daten verarbei tung vor, ist das Einstellen der personen bezogenen Daten Dritter durch die Nutzer von Social NetworkDiensten nur zulässig, wenn eine wirksame Einwilli gung des Dritten gemäß § 4a BDSG vor liegt. Dies wird insbesondere auf grund des Schrift formerforder nisses gemäß § 4a Abs. 1 Satz 2 BDSG nicht der Fall sein. 37 Von dieser Interessen konstella tion geht auch BGH, NJW 2009, S. 2891 aus. 38 Eine Formal beleidi gung ist eine be leidigende Äußerung wahrer Tatsachen. Diese ist nur aus nahms weise gemäß § 192 StGB straf bar. Dies kann z. B. der Fall sein, wenn ein be sonders herab würdi gen der Ton oder eine be sonders ge hässige Einklei dung ge wählt wird. 39 Schmähkritik ist eine Äußerung, durch welche eine Person ver ächt lich ge macht werden soll und bei der es nicht mehr um eine Auseinander setzung in der Sache geht. 355 6.4.2 Daten verarbei tung durch den Anbieter des Social NetworkDienstes Die Daten verarbei tung der Anbieter der Sozialen Netz werk platt form ist gemäß § 12 Abs. 1 TMG nur zulässig, wenn eine gesetz liche Ermächti gungs grundlage sie erlaubt oder eine Einwilli gung des Betroffenen vor liegt. Social Network Diensten ist gemeinsam, dass von den Nutzern personen bezogene Daten auf die Platt form hoch geladen und von dem Dienste anbieter zum Abruf durch andere Nutzer zur Ver fügung ge stellt werden. Häufig bieten die Social Network Dienste zudem die Möglich keit an, Nutzer profile, zum Beispiel mit Angaben über Hobbys, Interessen, Urlaubs ziele, und soziale Beziehungen innerhalb des Systems fest zulegen, etwa Kontakte innerhalb einer Freundes liste oder Personen, über deren Einträge der Nutzer automatisch be nachrichtigt werden möchte. Schließ lich werten die Platt formbetreiber die Nutzer daten aus, um anderen Unter nehmen die Dienst leis tung individuell platzierter Werbung auf der Social NetworkPlatt form anzu bieten. Werden die Daten von dem Nutzer auf der Platt form ein gestellt, ist dies gleichzeitig für den Platt formbetreiber eine Erhebung von Daten gemäß § 3 Abs. 3 DBSG.40 Das Beschaffen von Daten im Sinne der Norm er fordert nicht die konkrete Abfrage einzelner Informa tionen, sondern es reicht aus, wenn die Platt form gerade den Zweck ver folgt, dass der Nutzer Informa tionen für Dritte bereit stellen kann.41 Die er stmalig vom Nutzer er hobenen personen bezogenen Daten werden in mehrfacher Hinsicht ver arbeitet. Um die Ab rufbar keit der Daten für andere Nutzer zu er möglichen, speichert der Dienste anbieter sie gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 1 BDSG. Bereits das Bereithalten personen bezogener Daten zur Einsicht oder zum Abruf durch Dritte erfüllt zudem die Voraus setzungen einer Daten übermitt lung gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 3b BDSG. Schließ lich finanzie ren sich nahezu alle Social NetworkDienste über Werbe einblen dungen. Die Nutzer daten werden daher in der Regel aus gewertet, um individualisierte Werbung vornehmen zu können. Dies stellt gemäß § 3 Abs. 4 BDSG eine Ver arbei tung und gemäß § 3 Abs. 5 BDSG eine Nutzung von Daten dar. Die Daten verarbei tung durch den Dienste anbieter weist somit ver schiedene Facetten auf, die differenziert zu unter suchen sind. Zunächst wird der Umgang mit den personen bezogenen Daten der CommunityMitglieder zu den unmittel baren Zwecken des Social NetworkDienstes und zu Werbezwecken unter sucht. Anschließend werden die gleichen Zulässig keits fragen in Bezug auf den Umgang mit personen bezogenen Daten Dritter be antwortet. 40 Aufgrund der kollektiven Ver antwortlich keit von Nutzer und Platt formbetreiber besteht kein Wider spruch darin, einen Daten verarbei tungs vorgang für eine ver antwort liche Stelle als Über mitt lung und für den Empfänger als Erhebung anzu sehen. 41 Ein Erheben liegt nicht vor, wenn die personen bezogenen Daten unaufgefordert zu geschickt werden, Gola & Schomerus, 2010, § 3 BDSG, Rn. 24. S. auch kritisch hierzu Feldmann, AnwBl. 2011, S. 251. 356 6.4.2.1 Ver arbei tung der Daten von Nutzern Es ist zu prüfen, ob diese Daten verarbei tungs vorgänge gemäß § 14 oder § 15 TMG zulässig sind.42 Gemäß § 14 Abs. 1 TMG ist die Erhebung und Ver wendung von personen bezogenen Daten durch den Dienste anbieter ohne die Einwilli gung des Nutzers zulässig, soweit sie für die Begrün dung, inhalt liche Aus gestal tung oder Änderung eines Ver trags verhält nisses mit ihm über die Nutzung von Telemedien er forder lich sind. Diese Daten werden als Bestands daten be zeichnet. Hierzu zählen bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten insbeson dere die Anmeldedaten, sofern der Zugang auf die Platt form von einem An melde erfordernis ab hängig ist. § 15 Abs. 1 Satz 1 TMG erlaubt die Erhebung und Ver wendung personen bezogener Daten, soweit dies er forder lich ist, um die Inanspruchnahme von Telemedien zu er möglichen und abzu rechnen. Zu diesen Nutzungs daten zählen insbesondere Merkmale zur Identifika tion des Nutzers, wie zum Beispiel die Nutzer kennung einschließ lich der Identifikations nummer (PIN), Transak tions nummern (TANs), IPAdressen, Angaben über Beginn und Ende sowie über den Umfang der jeweili gen Nutzung einschließ lich der an gefallenen Gebühren einheiten, wenn es ein kosten pflichti ger Dienst ist (Geis, 2002, S. 668 f.). Als Bestands und Nutzungs daten sind Profile und Fest legun gen über die sozialen Kontakte innerhalb des Systems anzu sehen. Diese Informa tionen wirken sich unmittel bar auf die konkrete Aus gestal tung des Dienstes für den einzelnen Nutzer aus. Die Dienst leis tung des Platt form betreibers umfasst häufig die Teilleis tungen, das Informa tions angebot auf grund des Nutzer profils nutzer spezifisch anzu passen und personen bezogene Daten nur für be stimmte Mitglieder der Community sicht bar zu machen, für andere dagegen zu sperren. Die Ab gren zung von Bestands und Nutzungs daten ist somit nicht immer eindeutig und kann sich auch über schneiden (Jandt & Laue, 2006, S. 320). Auch Nutzer name und Pass wort sind in der Regel Bestands daten und gleichzeitig Nutzungs daten, wenn sich der Nutzer vor jeder einzelnen Inanspruchnahme des Dienstes neu einloggen muss. Die Frage der Zulässig keit der Daten verarbei tung ist daher in Bezug auf jeden einzelnen Daten verarbei tungs vorgang ge sondert zu über prüfen. Fraglich ist jedoch die Einord nung derjenigen personen bezogenen Daten in die Dogmatik des Telemediendaten rechts, die sich in den vom Nutzer selbst vor genommenen Einträgen finden und an die anderen CommunityMitglieder adressiert sind. Diese Daten könnten allen falls als Nutzungs daten qualifiziert werden. Dagegen spricht allerdings, dass sie zwar bei einem Nutzungs vorgang von einem Nutzer des Social NetworkDienstes von diesem ein gegeben werden, aber nicht auf grund der techni schen Ab wick lung des Dienstes ent stehen. Durch die Erbrin gung des Telemediendienstes mittels Telekommunika tion ent stehen 42 Zur Anwend bar keit des Telemedien gesetzes s. Kap. 6.1. 357 spezifi sche Risiken der Daten verarbei tung, die durch die daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbestände des Telemedien gesetzes ab gefangen werden sollen. Bei den Nutzerinhalten be stehen diese spezifi schen Risiken aber gerade nicht, da sie keine eigenständige Funktion bei der Erbrin gung oder Ab rech nung des Telemediendienstes er füllen (Grimm, Löhndorf & Scholz, 1999, S. 275). Sie sind daher nicht als Bestands oder Nutzungs daten zu be werten. In Ab gren zung zu diesen werden sie als Inhalts daten be zeichnet (s. auch Lerch, Krause, Hotho et al., 2010, S. 456 f.; Spindler & Nink, 2010, § 15 TMG, Rn. 5a). Zur Gruppe der Inhalts daten ge hören all diejenigen Informa tionen, die sich aus den für andere Mitglieder der Community ab rufbaren Einträgen der Nutzer ergeben, unabhängig davon, ob sie für alle oder nur einige Nutzer der Community sicht bar sind. Die Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Inhalts daten richtet sich mangels Spezial rege lungen im Telemedien gesetz nach den Vor schriften des Bundes daten schutz gesetzes. Maß gebliche Erlaubnis vorschriften für den Umgang mit personen bezogenen Daten durch private Stellen sind die §§ 28 ff. BDSG. Der Bundes gerichts hof hat in Bezug auf ein Schüler bewer tungs portal aus drück lich klargestellt, dass das Medien privileg des § 41 BDSG in Ver bindung mit § 57 RStV ent gegen der in der Literatur teil weise ver tretenen Ansicht (Greve & Schärdel, 2008, S. 647 f.; Plog, 2007, S. 669; a. A. Walz, 2011, § 41 BDSG, Rn. 7 ff.) nicht zugunsten der Betreiber von sozialen Netz werk diensten greift (BGH, NJW 2009, S. 2890). Mögliche Rechts grundlage für die Daten verarbei tung ist ent weder § 28 oder § 29 BDSG. Es ist im Einzelfall zu über prüfen, ob der Portal betreiber ent sprechend der Voraus setzung gemäß § 28 BDSG einen eigenen Geschäfts zweck ver folgt oder dieser allein im Zweck der Über mitt lung besteht. Ein rein altruisti sches An gebot, das aus schließ lich der Unter stüt zung der CommunityBildung dient und bei dem die Nutzer daten nicht zu anderen Zwecken aus gewertet werden, wird wohl nur sehr selten ge geben sein. In der Regel werden die Dienste anbieter mehrere Zwecke ver folgen, so dass auf den Schwerpunkt der Zweckset zung abzu stellen ist. Der Bundes gerichts hof ist zum Beispiel bei der Bewer tungs platt form spickmich. de davon aus gegangen, dass § 29 BDSG und nicht, wie von den Vor instanzen an genommen, § 28 BDSG anwend bar sei (BGH, NJW 2009, S. 2891; OLG Köln, MMR 2008, S. 675). Die Portal betreiber würden ent gegen der Voraus setzung von § 28 BDSG keinen eigenen Geschäfts zweck ver folgen. Dieser darf nicht in der Daten verarbei tung selbst be stehen, sondern das geschäft liche Interesse muss auf einen darüber hinaus gehen den wirtschaft lichen Erfolg aus gerichtet sein (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4). Die Daten verarbei tung darf ledig lich ein Mittel darstellen, um diesen Geschäfts zweck zu er reichen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Onlineshop personen bezogene Daten ver arbeitet, um den Kauf vertrag er füllen und die Ware an den Kunden ver senden zu können. § 29 BDSG regelt dagegen die Zulässig keit der 358 geschäfts mäßigen Erhebung, Speiche rung, Ver ände rung oder Nutzung personen bezogener Daten zum Zweck der Über mitt lung. Wesent liches Ab gren zungs merkmal zwischen diesen beiden Erlaubnis tatbeständen ist das Eigen interesse der ver antwort lichen Stelle an den personen bezogenen Daten, weil sie mit dem Betroffenen in Kontakt steht oder treten will (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 4). Der Bundes gerichts hof hat bei spickmich. de an genommen, dass der Anbieter mit der Bereit stel lung einer CommunityPlatt form den Zweck ver folge, Interessen gemein schaften zu ver netzen sowie den gegen seiti gen Aus tausch von Informa tionen und die Kommunika tion der Mitglieder unter einander zu er möglichen (BGH, NJW 2009, S. 2891). Daher würden die Daten für die Über mitt lung an Dritte erhoben und ge speichert. Die Geschäfts mäßig keit ergäbe sich bereits aus der Tatsache, dass die Tätig keit auf Wieder holung gerichtet und auf eine ge wisse Dauer an gelegt sei (BGH, NJW 2009, S. 2891). Eine Gewerbs mäßig keit sei darüber hinaus nicht er forder lich, so dass die Voraus setzungen von § 29 BDSG erfüllt seien, unabhängig davon, ob es sich um ein kosten pflichti ges oder kosten freies An gebot handele. Die Finanzie rung des Internetportals über Werbe einnahmen stelle nicht den Hauptz weck des Dienstes dar. Über andere Soziale Netz werk platt formen ist hingegen bekannt, dass die Direkt werbung wesent licher Bestand teil ihres Geschäfts modells ist und ihnen er hebliche Einnahmen garantiert. Dabei werden ganz unter schied liche Werbe modelle ver folgt, die auch in unter schied lichem Umfang die Aus wertung der Nutzer daten voraus setzen. Kontextbezogene Werbung ist auf die Inhalte zu geschnitten, die der Nutzer innerhalb der Social Community aufruft. Segment bezogene Werbung ver sorgt ge wisse Zielgruppen von Nutzern mit Werbeprojek tionen. Die Zuord nung der Nutzer zu be stimmten Gruppen erfolgt durch den Nutzer selbst, indem er sich vor gegebenen Gruppen an schließt, oder er wird von dem Platt formbetreiber durch eine Aus wertung der vom Nutzer zur Ver fügung ge stellten Informa tionen ein geordnet. Ver haltens bezogene Werbung orientiert sich an der Beobach tung und Analyse der Aktivi täten des Nutzers über einen ge wissen Zeitraum. Die Analyse der Nutzer daten erfolgt bei den meisten Geschäfts modellen durch die Platt formbetreiber selbst: Die indivi dua lisierte Werbung wird direkt auf der Social NetworkPlatt form ein geblendet. Denkbar ist jedoch auch, dass der Platt formbetreiber die aus gewer teten Nutzer daten an Firmen für Marketingzwecke ver kauft und diese andere Werbe maßnahmen, wie zum Beispiel EMailWerbung, selbst ständig vornehmen. Liegt der Schwerpunkt der Tätig keit des Platt formbetreibers tatsäch lich in der Förde rung der Informa tion und Kommunika tion der CommunityMitglieder, ist § 29 BDSG die maß gebliche Rechts grundlage. Die Erhebung und Speiche rung personen bezogener Daten für den Geschäfts zweck der Daten übermitt lung ist gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 BDSG insbesondere erlaubt, wenn ent weder kein Grund zu der Annahme besteht, dass das schutz würdige Interesse 359 des Betroffenen an dem Aus schluss des Daten umgangs über wiegt oder die Daten aus öffent lich zugäng lichen Quellen stammen. Stellt der Betroffene Daten über die eigene Person auf einer Social NetworkPlatt form zur Ver fügung, ent spricht dies seinem eigenen Interesse. Es liegen somit keine Anhaltspunkte für die Über prüfung eines ent gegen stehen den Interesses des Betroffenen vor. Der Anbieter des Social NetworkDienstes ist gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG be rechtigt, die personen bezogenen Daten zum Abruf durch andere Community Mitglieder bereit zuhalten. Dient die Soziale Netz werk platt form dagegen dem Dienste anbieter primär dazu, an zahl reiche personen bezogene Daten zu ge langen, um diese für Marke tingdienst leis tungen nutz bar zu machen, ver folgt er einen eigenen Geschäfts zweck. Maß gebliche Rechts grundlage für den Abruf der personen bezogenen Daten für andere CommunityMitglieder ist § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG. Diese Vor schrift erlaubt das Über mitteln der Daten, wenn es für die Durch führung des rechts geschäft lichen Schuld verhält nisses mit dem Betroffenen er forder lich ist. Die Teilnahme an einer Social Community erfolgt nicht nur, um Daten über sich zu präsentie ren, sondern sie be friedigt auch die eigene Neugier, mehr über die anderen CommunityMitglieder zu er fahren. Gegen stand der Dienst leis tung des Platt formbetreibers ist es also, die personen bezo genen Daten aller CommunityMitglieder ab rufbar zu halten. Somit liegt die Erforderlich keit gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG vor. Differenzierte Regelun gen für die darüber hinaus gehende Daten auswer tung für die Marketingdienst leis tung finden sich in § 28 Abs. 3 BDSG. Aus Abs. 3 Satz 1 folgt der Grundsatz, dass der Umgang mit personen bezogenen Daten für Werbezwecke nur zulässig ist, soweit der Betroffene ein gewilligt hat. Eine Aus nahme besteht durch das in Abs. 3 Satz 2 der Vor schrift normierte Listen privileg (s. aus führ lich Patzak & Beyerlein, 2009, S. 525; Roßnagel, 2009, S. 2720). Dieses greift allerdings nur im Hinblick auf Werbung für eigene Angebote, die be rufliche Tätig keit des Betroffenen unter seiner be ruflichen Anschrift oder für Spenden werbung. Alle drei Aus nahmefälle werden bei Social NetworkDiensten regelmäßig nicht ge geben sein. Für die Werbung für fremde An gebote dürfen die Daten gemäß § 28 Abs. 3 Satz 5 ge nutzt werden, wenn für den Betroffenen bei der Ansprache zum Zwecke der Werbung die ver antwort liche Stelle eindeutig erkenn bar ist. Durch diese Aus nahme wird zum Beispiel die Einschal tung eines LetterShops privilegiert, der „im Auftrag“ der ver antwort lichen Stelle die von dem Werbenden bereit gestellte Post ver sendet (Gola & Schomerus, 2010, § 28 BDSG, Rn. 58). Will ein Platt formbetreiber die Aus wertung der Nutzer daten zu Werbezwecken auf diese Vor schrift stützen, muss er sich demnach eindeutig als Ab sender der jeweili gen Werbung zu er kennen geben. Liegt dagegen keine der ge nannten Aus nahmen vor, ist die Aus wertung der Nutzer daten für die Marketingdienst leis tungen aus schließ lich mit einer wirksamen Einwilli gung der Betroffenen möglich. 360 6.4.2.2 Ver arbei tung der Daten von Dritten Werden personen bezogene Daten von dritten Personen, unabhängig davon, ob sie ein Mitglied der Community sind oder nicht, über diese ver breitet, ist die maß gebliche Recht grundlage § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, § 28 Abs. 3 oder § 29 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 BDSG. Die Über prüfung der Voraus setzung sowohl des § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 als auch des § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG setzt notwendiger weise eine Interessen abwä gung voraus (Gola & Schomerus, 2010, § 29 BDSG, Rn. 10). Von dem be rechtigten Interesse der daten verarbeiten den Stelle geht der Gesetz geber gemäß § 29 Abs. 1 BDSG aus, wenn diese im Rahmen der vor gegebenen Zweck bestim mungen erfolgt. Ein ent gegen stehen des Interesse des Betroffenen kann sich insbesondere aus einer un verhältnis mäßigen Beeinträchti gung seiner grund recht lich geschützten Rechts güter ergeben. Wie bereits dargelegt, stellt die Ver brei tung personen bezogener Daten eine Ver letzung der informa tio nellen Selbst bestim mung des Betroffenen gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver bindung mit Art. 1 Abs. 1 GG dar. Je nach Inhalt der Daten kann darüber hinaus eine Ver letzung seines allgemeinen Persönlich keits rechts vor liegen, wenn die Informa tionen falsche Tatsachen wieder geben, eine Formal belei dung43 oder Schmähkritik44 darstellen. Die Qualifizie rung einer Äußerung als Werturteil oder Tatsachen behaup tung ist nach ihrem Inhalt zu be stimmen, so wie sie in ihrem Gesamt zusammen hang von den an gesprochenen Ver kehrs kreisen ver standen wird (BGH, NJW 1988, S. 1589). Ein Eintrag auf einer Sozialen Netz werk platt form ist insgesamt trotz werten der Elemente als Tatsache zu werten, wenn die Wertung sich als zusammen fassen der Aus druck von Tatsachen behaup tungen darstellt und damit eine Beweis aufnahme über die Wahrheit der behaup teten tatsäch lichen Umstände möglich ist (BVerfG, AfP 2003, S. 43, 45). Ist die Äußerung hingegen durch die Elemente der Stellung nahme, der Beurtei lung und der Wertung ge prägt, liegt eine Meinungs äuße rung vor (BVerfG, NJW 1985, S. 3303; OLG Hamburg, AfP 1992, S. 165; Wenzel & Burk hardt, 2003, Kap. 4, Rn. 48). Das Gleiche gilt, wenn der tatsäch liche Gehalt der Äußerung so substanzarm ist, dass er gegen über dem Wertungs charakter in den Hinter grund tritt (BGH, NJW 1992, S. 1439, 1440; BGH, NJWRR 2001, S. 411). Die Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Daten Dritter kann demnach nicht pauschal fest gestellt werden, sondern bedarf einer inhalt lichen Einzelfall prüfung. 43 Eine Formal beleidi gung ist eine be leidigende Äußerung wahrer Tatsachen. Diese ist nur aus nahms weise gemäß § 192 StGB straf bar. Dies kann z. B. der Fall sein, wenn ein be sonders herab würdi gen der Ton oder eine be sonders ge hässige Einklei dung ge wählt wird. 44 Schmähkritik ist eine Äußerung, durch welche eine Person ver ächt lich ge macht werden soll und bei der es nicht mehr um eine Auseinander setzung in der Sache geht. 361 Das Daten schutz recht fordert demnach vom Platt formbetreiber, die be schriebene Interessen abwä gung in Bezug auf jeden einzelnen Nutzer eintrag, der personen bezogene Daten Dritter beinhaltet, zu über prüfen. Ab gesehen davon, dass dies in Bezug auf Anzahl und Umfang der Nutzer einträge nicht zu leisten ist,45 ist der Platt formbetreiber nicht in der Lage, den jeweili gen Wahr heits gehalt der Äußerun gen zu be urteilen. Die von § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG ge forderte Interessen abwä gung kann der Platt formbetreiber faktisch nicht vornehmen. Da einer seits das Recht nichts Unmög liches ver langen darf und anderer seits der Daten schutz umfassend gewährleistet werden muss, ist die be stehende gemeinsame daten schutz recht liche Ver ant wort lich keit des Nutzers und des Platt formbetreibers in eine ge stufte kollektive Ver antwortlich keit zu konkretisie ren. Danach kann jede Daten ver arbeitende Stelle nur für die Einhal tung derjenigen Daten schutz vorschriften ver antwort lich sein, die sie tatsäch lich er füllen kann. Dieser Gedanke ent spricht den Ver antwortlich keits vorschriften der §§ 7 ff. TMG.46 Gemäß § 7 Abs. 1 TMG ist der Dienste anbieter nur für eigene Informa tionen in vollem Umfang ver antwort lich. Für fremde Informa tionen besteht gemäß §§ 8 bis 10 TMG eine ge stufte Ver antwortlich keit, je nach Art seiner Tätig keit und damit einher gehenden inhalt lichen und techni schen Einfluss möglich keiten als Network und AccessProvider (§ 8 TMG), CacheProvider (§ 9 TMG) oder HostProvider (§ 10 TMG). Über tragen auf die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit ist der Nutzer, der personen bezogene Daten Dritter auf der CommunityPlatt form zum Abruf bereit stellt, primär für die daten schutz recht liche Zulässig keit dieser Daten verarbei tung ver antwort lich, da es seine eigenen Informa tionen sind. Diese Daten dürfen von dem Platt formbetreiber grundsätz lich ohne eine detaillierte Interessen abwä gung ver wendet werden. Erhöhte Anforde rungen an die Interes sen abwä gung können sich aber zum Beispiel dadurch ergeben, dass der Dienste anbieter durch die Themen vorgabe des Portals die Wahrscheinlich keit unwahrer Tatsachen behaup tungen und Beleidi gungen selbst erhöht. Erhält er allerdings konkrete Anhaltspunkte, dass ent gegen stehende Interessen des Betroffenen vor liegen, ist er spätestens von diesem Zeitpunkt an zur Vornahme einer einzel fallspezifi schen Interessen abwä gung ver pflichtet (Gola & Schomerus, 2010, § 29 BDSG, Rn. 14). Gegebenen falls tritt dann auch eine Löschungs pflicht für die Daten ein. Gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 BDSG ist der Umgang mit personen bezogenen Daten Dritter dem Dienste anbieter eines Social NetworkDienstes zudem ge 45 Das soziale Netz werk „Facebook“ hat mittlerweile allein in Deutschland 20 Millionen Mitglieder, die sich mindestens einmal im Monat im Netz werk anmelden, s. www.datenschutzzentrum.de/suchmaschinen/ 20080206datenschutzbeisuchmaschinen. html. 54 S. z. B. www.netzpolitik.org/2011/facebookaktiviertautomatischegesichtserkennung/. 366 Abs. 1 GG. Das Recht am eigenen Bild sichert dem Einzelnen Einfluss und Ent schei dungs möglich keiten in Bezug auf die Anferti gung und Ver wendung von Fotografien oder Auf zeich nungen seiner Person durch andere Personen (BVerfGE 34, 238, 246; 35, 202, 220; 87, 334, 340; 97, 228, 268 f.). Die einfach gesetz liche Aus gestal tung des Rechts am eigenen Bild findet sich in § 22 Kunsturheber gesetz (KUG). Gemäß dieser Vor schrift dürfen Bildnisse nur mit Einwilli gung des Ab gebildeten ver breitet oder öffent lich zur Schau ge stellt werden. Die Ver wendung von Bildern auf Social NetworkPlatt formen muss daher nicht nur daten schutz recht lich, sondern auch urheber recht lich erlaubt sein. In sehr vielen Social NetworkDiensten bildet der Aus tausch von persön lichen Fotografien einen wesent lichen Bestand teil der in der Community kommunizierten Inhalte. Gemäß § 22 KUG bedarf die Ver brei tung von Bild nissen der Einwilli gung des Ab gebildeten. Bildnis im Sinne der Vor schrift ist die Darstel lung einer oder mehrerer Personen, die die äußere Erschei nung des Ab gebildeten in einer für Dritte erkenn baren Weise wieder gibt (Götting, in: Schricker/Löwenheim, 2010, § 22 KUG, Rn. 14). Auf dem Bild muss erkenn bar eine reale Person ab gebildet sein. Die Tatbestand vorausset zung des Ver breitens er fordert den Ver trieb von körper lichen Bildnissen, so dass sie nicht durch eine Ver öffent lichung eines digitalen Fotos im Internet erfüllt werden kann. Die nicht körper liche Ver brei tung wird aber durch die Tatbestandsalternative des öffent lichen Zurschaustellens ab gedeckt. Hierunter ist jegliche Handlung zu ver stehen, durch die einer nicht be grenzten Anzahl von Personen die Möglich keit eröffnet wird, das Bildnis wahrzunehmen (Schertz, in: Schricker/Löwen heim, 2010, § 18 KUG, Rn. 13). Daraus folgt, dass bereits das Hochladen eines Fotos mit Personen der Einwilli gung der Ab gebildeten bedarf. Fehlt sie, liegt eine rechts widrige Ver letzung des Rechts am eigenen Bild vor. Durch das Bereithalten der Fotos zum Abruf durch den Anbieter des Social Network Dienstes begeht er eine eigenständige Ver letzung von § 22 KUG. Die Rechts natur der urheber recht lichen Einwilli gung ist ebenso um stritten, wie diejenige der daten schutz recht lichen Einwilli gung. Insofern ist auch hier die Einwilli gungs fähig keit von Minderjähri gen von deren Einsichts fähig keit ab hängig (s. Kap. 5.3.2). Im Unter schied zur daten schutz recht lichen Einwilli gung ist die urheber recht liche Einwilli gung nicht an eine be sondere Form ge bunden. Sie kann daher aus drück lich, konkludent oder sogar stillschwei gend er folgen (Götting, in: Schricker & Löwenheim, 2010, § 22 KUG, Rn. 43). Von einer stillschweigen den Einwilli gung ist zum Beispiel auszu gehen, wenn die ab gebildete Person die Herstel lung der Auf nahme in Kenntnis ihres Zwecks billigt (BGH, GRUR 1968, S. 654). Werden die Fotos von vornherein für den Zweck der Ver öffent lichung im Internet an gefertigt, so ist von einer Einwilli gung der ab gebildeten Personen auszu gehen. Die Einwilli gung bezieht sich dann nicht nur auf das er stmalige Hochladen der Fotos, sondern gilt 367 auch für alle im Internet üblichen Nutzungs vorgänge. Hierzu zählt insbesondere auch die Ver wertung der Fotos durch Suchmaschinen. Die Rechtsprechung geht in einer Ent schei dung über einen urheber recht lich be gründeten Unter lassungs anspruch davon aus, dass derjenige, der Bilder im Internet ohne Einschrän kungen frei zugäng lich macht, mit den üblichen Nutzungs hand lungen rechnen muss. Das Crawlen der Internet seiten durch Suchmaschinen und die Ver linkung der Seiten in der Trefferliste gehört zu den üblichen Nutzungs hand lungen, denen im Internet repräsentierte Informa tionen aus gesetzt sind. Ergreift der Berechtigte keine techni schen Siche rungs maßnahmen, um das Auf finden von Informa tionen durch oder die Zugänglich keiten der Internet seiten für Such maschinen zu ver hindern, so ist von einer (schlichten) Einwilli gung des Berech tigten in diese Nutzungs hand lungen auszu gehen (BGH, MMR 2010, 479). Die urheber recht lichen Anforde rungen für die rechtmäßige Ver wendung von Bildnissen auf Social NetworkPlatt formen und deren weitere Ver wendung durch andere Internetdienst leister und insbesondere die Betreiber von Such maschinen sind demnach deut lich niedri ger im Ver gleich zu den daten schutz recht lichen Anforde rungen. Ist ein Bildnis gleichzeitig als personen bezogenes Datum zu qualifizie ren, sind sowohl die Voraus setzungen von § 22 KUG als auch der §§ 28 f. BDSG zu er füllen. 6.5 Transparenz Die Transparenz der Ver wendung personen bezogener Daten wird im Wesent lichen durch zwei Gestal tungs ansätze gewährleistet, die an unter schied lichen Phasen der Daten verarbei tung ansetzen. Der Ursprung jeden Umgangs mit personen bezogenen Daten liegt in deren Erhebung. Hat der Betroffene keine Kenntnis davon, welche personen bezogenen Daten über ihn existie ren, ist eine transparente Daten verwen dung per se aus geschlossen. Daher manifestiert § 4 Abs. 2 Satz 1 BDSG den Grundsatz, dass personen bezogene Daten direkt beim Betroffenen zu erheben sind, sofern nicht eine der in § 4 Abs. 2 Satz 2 BDSG normierten Aus nahmen vor liegt. Dieser Grundsatz steht zumindest teil weise in einem Wider spruch zur Funk tions weise von Social NetworkDiensten. Diese dienen der Begrün dung und Pflege sozialer Kontakte im Internet und dem Aus tausch von Interessen gemein schaften. Daher ist es ein ihnen wesent liches Merkmal, dass sich die Informa tionen, die von den einzelnen CommunityMitgliedern im Netz werk zur Ver fügung ge stellt werden, auch gerade auf ihre soziale Integra tion be ziehen. Die Informa tionen umfassen daher häufig nicht nur eigene personen bezogene Daten, sondern auch diejenigen Dritter. Besonders deut lich wird dieser Zusammen hang bei Personen bewer tungs platt formen, die grundsätz lich jedem be liebigen sozialen 368 Kontext zu geordnet sein können.55 Stellt ein CommunityMitglied personen bezogene Daten Dritter in der Social Community zur Ver fügung, wird dies häufig ohne Kenntnis des Betroffenen er folgen.56 Die Daten erhe bung ver stößt somit grundsätz lich gegen das Prinzip der Direkterhe bung beim Betroffenen (so auch ULD, 2009, S. 4). Fraglich ist, ob zugunsten der Erhebung durch den Nutzer einer der Aus nahmetatbestände des § 4 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1, Nr. 2a oder 2b BDSG eingreift. Die Tatbestands vorausset zungen von Nr. 1 sind erfüllt, wenn die Rechts vorschrift aus drück lich fest legt, dass Daten zur Erfül lung einer Aufgabe ohne Mitwir kung des Betroffenen erhoben werden dürfen (Gola & Schomerus, 2010, § 4 BDSG, Rn. 23). Nicht aus reichend ist eine allgemeine Ermächti gungs grundlage, die die Daten erhe bung ge stattet. Die Voraus setzungen von § 4 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 BDSG sind eben falls nicht erfüllt, da nicht er sicht lich ist, dass der Geschäfts zweck der Social NetworkDienste eine Erhebung ohne Mitwir kung des Betrof fenen ver langt oder die Pflicht zur Mitwir kung des Betroffenen für den Nutzer einen un verhältnis mäßigen Aufwand im Sinn des § 4 Abs. 2 Nr. 2b BDSG darstellt.57 Für die Erhebung durch den Platt formbetreiber gelten grundsätz lich die gleichen Argumente. Darüber hinaus zeichnen sich Social NetworkDienste gerade durch die freie inhalt liche Aus gestal tung der Nutzer aus. Der Platt formbetreiber gibt in der Regel allen falls Rubriken für mögliche Eintra gungen vor, um so eine Systematisie rung der Informa tionen zu er reichen, die maß geblich für eine schnelle Auf find bar keit ist. Die Nutzer sind aber gerade nicht ver pflichtet, be stimmte Informa tionen bereit zustellen. Der Geschäfts zweck von Social NetworkPlatt formen besteht zwar auch darin, dass Nutzer sich gegen seitig Informa tionen zur Ver fügung stellen, die Ent schei dung über den Umfang und die Auswahl der Inhalte wird aber bewusst dem Nutzer selbst über lassen. Da die Voraus setzungen der Aus nahmetatbestände des § 4 Abs. 2 BDSG sowohl in Bezug auf den Nutzer als auch den Platt formbetreiber nicht ge geben sind, müsste grundsätz lich eine Direkterhe bung beim Betroffenen er folgen. Selbst wenn davon auszu gehen wäre, dass eine Aus nahme von dem Grund satz der Direkterhe bung zulässig ist, würde sich das weitere Problem der 55 Z. B. Bewer tungs foren für Lehrer, Ärzte oder Rechts anwälte. Der Bewertende be richtet über seine persön lichen Erfah rungen mit dem Bewer tungs subjekt, das – häufig im Unter schied zum Bewerten den selbst – nament lich ge nannt wird. 56 Fotografiert der Nutzer eine Person, so ist in der Erstel lung des Fotos die originäre Erhebung personen bezogener Daten zu sehen. Diese ver stößt allerdings in der Regel nicht gegen den Grundsatz der Direkterhe bung, wenn die Person mitbekommt, dass sie fotografiert wird und sich nicht dagegen wehrt. Stellt der Nutzer dieses Foto auf einer Platt form im Internet ein, ist dies gleichzeitig für den Platt formbetreiber eine Erhebung personen bezogener Daten. 57 So im Ergebnis auch ULD, 2009, S. 12 aus schließ lich in Bezug auf Tarife gemäß § 40 Abs. 3 EnWG, ab lehnend aber, wenn nur Ab rech nungs daten über einen be stimmten Ab rech nungs zeitraum be nötigt werden ULD, 2009, S. 5 f. 369 Benachrichti gungs pflicht gemäß § 33 BDSG an schließen (Sokol, in: Simitis, 2011, § 4 BDSG, Rn. 38). Gemäß § 33 Abs. 1 Satz 1 BDSG ist der Betroffene von der ver antwort lichen Stelle zu be nachrichti gen, wenn erstmals personen bezogene Daten ohne seine Kenntnis ge speichert werden. Die Benachrichti gung muss Informa tionen über die Speiche rung, die Art der Daten, die Zweck bestim mung der Erhebung, Ver arbei tung oder Nutzung und die Identität der ver antwort lichen Stelle umfassen. Diese Benachrichti gungs pflicht trifft den Nutzer, der Daten von Dritten auf Social NetworkPlatt formen einstellt und somit die er stmalige Speiche rung vornimmt. Werden personen bezogene Daten geschäfts mäßig zum Zweck der Über mitt lung ohne Kenntnis des Betroffenen ge speichert, ist dieser gemäß § 33 Abs. 1 Satz 2 BDSG von der er stmali gen Über mitt lung und der Art der über mittelten Daten zu be nachrichti gen. Diese Benachrichti gungs pflicht ist vom Platt form betreiber zu er füllen und sie ent steht spätestens im Zeitpunkt des ersten Daten abrufs durch einen anderen Nutzer des Social NetworkDienstes.58 Gemäß § 33 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 BDSG ent fällt die Benachrichti gungs pflicht allerdings, wenn sie auf grund der Vielzahl von Fällen un verhältnis mäßig wäre oder der Ge schäfts zweck durch die Benachrichti gungs pflicht ge fährdet wäre und das Interesse an der Benachrichti gung die Gefähr dung nicht über wiegt. Eine er hebliche Gefähr dung liegt erst dann vor, wenn die Erreichung der Geschäfts zwecke unmög lich zu werden droht (Dix, in: Simitis, 2011, § 33 BDSG, Rn. 104). Rein praktisch kann der Platt formbetreiber die Benachrichti gungs pflicht gemäß § 33 Abs. 1 Satz 2 BDSG nur er füllen, wenn die Person, ohne deren Wissen Daten ein gestellt worden sind, eben falls bei dem sozialen Netz werk dienst an gemeldet ist. Anderen falls ver fügt der Dienstanbieter über keine Kontakt mög lich keit zu dem Betroffenen. In Bezug auf die CommunityMitglieder würde die Erfül lung der Benachrichti gungs pflicht voraus setzen, dass der Dienste anbieter alle Daten, die die Nutzer auf der Platt form einstellen, auf ihren Personen bezug über prüft. Der hierfür er forder liche Aufwand würde dazu führen dazu, dass das Geschäfts modell der Social NetworkDienste nicht mehr umzu setzen wäre. Die Benachrichti gungs pflicht muss daher ent fallen. Im Anschluss an die Phase der Daten erhe bung wird die Transparenz der weiteren Daten verarbei tung durch die gesetz liche Aus kunfts pflicht ab gesichert. Der Betroffene kann gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 BDSG Aus kunft über die zu seiner Person ge speicherten Daten (Nr. 1), Empfänger oder Kategorien von Empfängern bei einer Daten weitergabe (Nr. 2) sowie den Zweck der Speiche rung ver langen (Nr. 3). Die Nutzer von Social NetworkDiensten können diesen Aus kunfts anspruch gegen über dem Platt formbetreiber gelten machen. Die von 58 Kritisch zur Benachrichti gungs und Aus kunfts pflicht allerdings ohne recht liche Prüfung Feldmann, AnwBl. 2011, S. 251. 370 der Daten verarbei tung be troffenen Dritten, über die eben falls personen bezogene Daten auf der Platt form ab rufbar sind, können die Aus kunft zusätz lich vom dem Nutzer ver langen, der die Informa tionen über sie online ge stellt hat. Problematisch in Bezug auf Social NetworkDienste ist die Erfül lung der Aus kunft über die Empfänger bei einer Daten weitergabe. Die Aus kunfts pflicht gemäß Nr. 2 bezieht sich im Unter schied zu derjenigen gemäß Nr. 1 gemäß § 33 Abs. 1 Satz 3 BDSG aus drück lich nicht auf die ohnehin ge speicherten Daten (Dix, in: Simitis, 2011, § 34 BDSG, Rn. 23). Innerhalb eines sozialen Netz werk dienstes erfolgt die Daten übermitt lung häufig zum Beispiel durch den Aufruf der Seiten einzelner Mitglieder. Sofern die Anzahl der Abrufe vom Platt formbetreiber ge speichert werden,59 ist der Dienstanbieter demnach ver pflichtet, jeden Abruf der einzelnen Seiten durch andere Mitglieder zu proto kollie ren (Roßnagel, Jandt, Müller et al., 2006, S. 88). Diese Protokoll pflicht ist vor dem Hinter grund daten schutz konformer Social NetworkDienst eher kontraproduktiv, da durch sie deut lich mehr personen bezogene Daten von dem Dienste anbieter ver arbeitet werden müssten, als die Erforderlich keit ge bietet. Zudem sind die Protokoll daten ge eignet, das jeweilige Nutzungs verhalten detailliert nach zuvollziehen. Die Pflicht zur Benachrichti gung gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 BDSG ent fällt allerdings gemäß § 34 Abs. 7 BDSG, wenn auch keine Pflicht zur Benachrichti gung des Betroffenen über die er stmalige Daten speiche rung besteht. Unabhängig von der Frage des Bestehens von Unter rich tungs und Benach richti gungs pflichten ergibt sich bei der Betroffen heit von Kindern und Jugend lichen die Frage, an wen die Unter rich tung oder Benachrichti gung zu richten ist. Grundsätz lich ist der Betroffene individuell zu informie ren (Dix, in: Simitis, 2011, § 33 BDSG, Rn. 38). Bei Minderjähri gen ist jedoch nicht auszu schließen, dass das Ziel der Transparenz, eine selbst bestimmte Daten verarbei tung zu er möglichen, nicht er reicht wird, wenn diese die Informa tionen schlicht nicht ver stehen. Ebenso wie bei der Einsichts fähig keit wird daher davon aus gegangen, dass Unter rich tungen und Benachrichti gungen nur dann an den Minderjähri gen selbst zu richten sind, wenn dieser die er forder liche Ver standes reife auf weist. Anderen falls müssen die Benachrichti gungen an dessen gesetz lichen Ver treter – also in der Regel die Eltern – er folgen (Däubler, in: Däubler, Klebe, Wedde & Weichert, 2007, § 33 BDSG, Rn. 13).60 Gleiches gilt für die Erfül lung der gesetz lichen Aus kunfts pflicht gemäß § 34 BDSG. Ist der Minderjährige selbst zu informie ren, ergeben sich zudem be sondere Anforde rungen an die Aus gestal tung der Unter rich tung. Um die Transparenz 59 Bei einigen Social Networks erhält der Nutzer regelmäßig eine Auf stel lung, wie viele Personen sein Profil in einem be stimmten Zeitraum auf gerufen haben. 60 Die Art. 29Daten schutz gruppe ver tritt die Auf fassung, dass bei Minderjähri gen die Informa tionen immer dem gesetz lichen Ver treter mitzu teilen sind und nach Erreichen der an gemessenen Kompetenz auch dem Minderjähri gen, s. Art. 29Daten schutz gruppe, WP 160, S. 11. 371 zu gewährleisten, muss die Unter rich tung für den Betroffenen unmiss verständ lich und nach vollzieh bar sein (Sokol, in: Simitis, 2011, § 4 BDSG, Rn. 55). Dies er fordert auch eine adressaten gerechte Auswahl, Darstel lung und Formulie rung der er forder lichen Informa tionen. Erhöhte Anforde rungen in Bezug auf Ver ständlich keit und Nachvollzieh bar keit müssen insbesondere von Social Network Diensten be achtet werden, die sich ge zielt an Kinder und Jugend liche richten, wie zum Beispiel schülerVZ (s. auch Art. 29Daten schutz gruppe, WP 160, S. 11). 6.6 Rechte der Betroffenen Der Persönlich keits schutz insbesondere in der Aus prägung der informa tio nellen Selbst bestim mung er fordert als Voraus setzung und als Bestand teil, dass dem Betroffenen Kontroll und Mitwirkungs rechte zustehen. Ein Teil dieser Betrof fe nen rechte – Auf klä rungs und Aus kunfts ansprüche – wurden bereits als konkrete Voraus setzung für die Gewährleis tung der Transparenz ge nannt. Über den reinen Informa tions anspruch hinaus muss der Betroffene aber auch spezifi sche Mitwirkungs rechte haben, um die Daten verarbei tung ge zielt be einflussen zu können. Denn der Grundrechts eingriff wird selbst verständ lich nicht bereits dadurch zulässig und aus geglichen, dass der Betroffene darüber Kenntnis er langen kann, sondern er muss zum Beispiel die Berichti gung inhalt lich falscher oder die Löschung unzu lässiger weise er hobener personen bezogener Daten er reichen können. Normiert sind daher zugunsten der Betroffenen Korrekturrechte hinsicht lich Berichti gung, Sperrung und Löschung sowie das Recht zum Wider spruch.61 Außerdem besteht die Möglich keit, nach den allgemeinen Vor schriften Schadens ersatz einzu fordern, wenn durch die unzu lässige oder unrichtige Ver arbei tung personen bezogener Daten ein Schaden ein getreten ist. Bei den Betroffenen rechten ist zu differenzie ren, gegen wen die Ansprüche gerichtet werden können. Im Kontext der Social NetworkPlatt formen können dem Betroffenen der Daten verarbei tung sowohl gegen über dem Platt form betreiber als auch ge gebenen falls gegen über anderen Social NetworkNutzern, wenn diese personen bezogene Daten eines anderen – des Betroffenen – auf der Platt form hinter legen, Berichti gungs, Sper rungs und Löschungs ansprüche zustehen. Gegen über dem Platt formbetreiber besteht gemäß § 35 Abs. 1 Satz 1 BDSG ein Anspruch auf Berichti gung unrichti ger personen bezogener Daten. Unrichtig sind die Daten, wenn ihr Tatsachen gehalt nicht mit der Realität über einstimmt, sie unvollständig sind oder sich auf grund eines Kontext verlustes oder einer Kontext verfälschung ein falsches Bild ergibt (Dix, in: Simitis, 2011, § 35 BDSG, 61 Z. B. §§ 19, 19a, 33, 34, 35 BDSG; s. auch Wedde, 2003, Kap. 4.4, Rn. 12 ff. 372 Rn. 9). Un beacht lich ist die Ursache, die zur Unrichtig keit der Daten ge führt hat. Die Berichti gungs pflicht der daten verarbeiten den Stelle ent steht, sobald sie Kenntnis von der Unrichtig keit der Daten erhält, unabhängig von einem Berich ti gungs verlangen des Betroffenen (Dix, in: Simitis, 2011, § 35 BDSG, Rn. 9). Der Anspruch wird erfüllt, indem die unrichti gen durch die richti gen Infor ma tionen ersetzt werden.62 Lässt sich weder die Richtig keit noch die Unrichtig keit der Daten fest stellen, tritt an die Stelle des Berichti gungs anspruchs gemäß § 35 Abs. 4 BDSG ein Anspruch auf Sperrung der Daten. Sperren ist gemäß § 3 Abs. 4 Nr. 4 BDSG das Kennzeichnen ge speicherter personen bezogener Daten, so dass ihre weitere Ver arbei tung oder Nutzung ein geschränkt ist. Ein Anspruch auf Löschung personen bezogener Daten kann gemäß § 35 Abs. 2 Satz 2 BDSG insbesondere be gründet sein, wenn die Speiche rung der Daten unzu lässig war (Nr. 1), die Richtig keit von be sonde ren Arten personen bezogener Daten gemäß § 3 Abs. 9 BDSG nicht von der ver arbeiten den Stelle be wiesen werden kann (Nr. 2) oder in Bezug auf Daten, die zu Über mitt lungs zwecken ge speichert worden sind, nach Weg fall der Erforderlich keit (Nr. 4). Eine Löschung er fordert gemäß § 3 Abs. 4 Satz 2 Nr. 5 BDSG das Unkennt lich machen der personen bezogenen Daten. Im Kontext der Social NetworkDienste ist § 35 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 BDSG von be sonde rer Relevanz. Konkrete Voraus setzung für den Löschungs anspruch ist, dass am Ende des dritten Kalender jahres be ginnend mit dem Kalender jahr, das der er stmali gen Speiche rung folgt, eine Über prüfung erfolgt, ob eine länger währende Speiche rung für den Über mitt lungs zweck er forder lich ist. Muss die Erforderlich keit ver neint werden, sind die Daten zu löschen. Soziale Netz werk platt formen weisen zum Beispiel regelmäßig die Funktion auf, dass jedes Mitglied der Netzgemein schaft ein persön liches Profil anlegt. Diese Daten sollen in der Regel für die Dauer der Zu gehörig keit zu der Community er halten bleiben – auch wenn sie lebens läng lich ist. Ob darüber hinaus auch jede Mit tei lung, die an die Community weiter gegeben wird, von einem dauer haften Interesse für die Netzgemein schaft ist, kann nicht pauschal be antwortet werden. Während die Idee von Blogs ursprüng lich ein elektroni sches und öffent liches Tagebuch war, das durch aus die Funktion haben kann, eine Ent wick lung zu dokumentie ren und somit auch aus der histori schen Perspektive interessant sein kann, ist die Besonder heit von TwitterNachrichten,63 dass sie in Echtzeit über das Internet ver breitet werden. Je nachdem, wie der Zweck der Zurverfü gungs tellung der personen bezogenen Daten definiert wird, wäre ein Löschungs anspruch ge geben oder nicht. Die Inten tion des Gesetz gebers war auf zeit lich be fristete Über mitt lungs zwecke aus gerichtet. Auf Social NetworkPlatt formen 62 Wäre bei Wikipedia z. B. als Geburts jahr von Mark Zuckerberg 1964 ge nannt, müsste es in 1984 geändert werden. 63 Twitter wird allerdings auch als Microblog be zeichnet. 373 ist dieser Gedanke nicht ohne Weiteres über trag bar und die Gesetzes formulie rung lässt hier zumindest sehr viel Spiel raum für Diskussionen. Ein Löschungs anspruch ist aber eindeutig immer dann ge geben, wenn sich eine Person bei einem sozialen Netz werk dienst ab gemeldet hat. Schließ lich kann dem Betroffenen ein Anspruch auf Schadens ersatz zustehen. Gegen über dem Platt formbetreiber kommt für die Nutzer der Platt form ins besondere ein ver trag licher Anspruch gemäß § 280 BGB bei einer schuld haften Ver letzung der Daten schutz vorschriften, zum Beispiel einer unzu lässigen oder unrichti gen Daten verwen dung, auf Ersatz eines hierdurch ent standenen Ver mögens schadens in Betracht. Immaterielle Schäden sind dagegen nur im Aus nahmefall bei einer gravie ren den Persönlich keits verlet zung ersatz fähig, indem sie durch ein Schmerzens geld aus geglichen werden. Gegen über be troffenen Dritten besteht keine ver trag liche Haftung, so dass ein Schadens ersatz anspruch nur als Folge der Delikts haftung gemäß § 7 BDSG be stehen kann. Gegen über dem die Daten einstellen den Nutzer des Social NetworkDienstes kann sich ein Schadens ersatz anspruch des Betroffenen eben falls nur aus der Delikts haftung gemäß § 7 BDSG ergeben, insbesondere wenn die ver öffent lichten Informa tionen die Intimsphäre be treffen oder Schmähkritik und Ver unglimp fungen darstellen. In diesem Fällen besteht eine Umkehr der Beweis last für die Sorgfalts widrig keit. Die daten verarbeitende Stelle muss nach weisen, dass sie die ge botene Sorgfalt be achtet hat. 375 7 Daten schutz recht liche Rege lungs defizite Das Daten schutz recht ent hält zahl reiche Regelun gen, die grundsätz lich auf das Web 2.0 anwend bar sind. Vielfach bietet es aus reichende Lösungs ansätze für die spezifi schen daten schutz recht lichen Risiken an, obwohl im Telemedien und Bundes daten schutz gesetz keine spezifi schen Regelun gen für das Web 2.0 vor handen sind. Allerdings sind auch einige Rege lungs defizite fest zustellen. Diese sind darauf zurück zuführen, dass sich seit dem Zeitpunkt des Erlasses der einschlägi gen Vor schriften sowohl die Geschäfts modelle des Internet als auch die Technik in eine Richtung weiter entwickelt haben, die nicht vorher gesehen und ent sprechend be rücksichtigt werden konnte. Das Recht muss stetig hinsicht lich seiner Tauglich keit an den ver änderten Wirklich keits bedin gungen über prüft und ge gebenen falls an gepasst werden, sofern eine Antizipa tion recht licher Risiken und des daraus resultie ren den recht lichen Rege lungs bedarfs nicht ge lungen ist. Bis auf wenige Aus nahmen greift das gesetz liche Daten schutz konzept erst, wenn ein Umgang mit personen bezogenen Daten vor liegt. Dies ist insbesondere in Bezug auf die Weiter entwick lung der Bilderken nungs programme und Such maschinen ein er hebliches Problem. Es ist davon auszu gehen, dass in naher Zukunft Personen auf Bildern anhand biometri scher Merkmale durch Gesichts erken nungs programme eindeutig be stimmt werden können, wenn ent sprechen des Ver gleichs material zur Ver fügung steht. Findet sich im Internet nur ein Foto von einer Person im Zusammen hang mit der Nennung des bürger lichen Namens, wie dies zum Beispiel bei Stay Friends üblich ist, können zukünftig ver mutlich alle anderen Fotos im Internet, auf denen dieselbe Person ab gebildet ist, auf gefunden und zu geordnet werden. Gleichzeitig können Suchmaschinen die Bilder mit allen im Internet über die Person auf find baren Daten zusammen führen. Die Prognose über die Bestimm bar keit des Personen bezugs von Daten wird sich demnach wesent lich ver ändern.64 Um diese Risiken abzu fangen, ist 64 S. zu gesetz geberi schen Maßnahmen zur Gesichts erken nungs diensten www.heise.de/newsticker/ meldung/AignersorgtsichumGesichtserkennungsdiensteimNetz1145134. html. 376 es daher er forder lich, ver stärkt daten schutz recht liche Vor sorgerege lungen zu er lassen (Roßnagel, Pfitz mann & Garstka, 2001, S. 61; Roßnagel, 2007, S. 185 ff.). Das Daten schutz recht geht von einer eindeuti gen Rollen vertei lung der ver antwort lichen Stelle, des Betroffenen und Dritter aus und weist dementsprechend eindeutige Ver antwortlich keits bereiche zu. Das Web 2.0 stellt insofern eine be sondere daten schutz recht liche Heraus forde rung dar, als diese eindeutige Rollen vertei lung insbesondere auf Social NetworkPlatt formen faktisch nicht ge geben ist. Die daten schutz recht liche Ver antwortlich keit der daten verarbeiten den Stelle setzte ursprüng lich voraus, sowohl inhalt lich als auch technisch Einfluss nehmen zu können.65 Inhalt lich traf die ver antwort liche Stelle die Ent schei dung über Art und Umfang des Umgangs mit personen bezogenen Daten ebenso wie über die Einhal tung der daten schutz recht lichen Grundsätze der Zweck bestim mung und der Erforderlich keit. Technisch musste die ver antwort liche Stelle insbesondere auf die Daten sicher heit Einfluss nehmen können. Im Web 2.0 trennen sich die inhalt liche und die techni sche Einfluss nahmemöglich keit zunehmend. Die Inhalte werden nicht primär von den Internetdienst leistern zur Ver fügung ge stellt, sondern fast aus schließ lich von den Nutzern. Der Schwerpunkt der Internetdienst leis tung liegt in der techni schen Umset zung eines Social NetworkAngebots. Aus gehend von dieser rein tatsäch lichen Trennung ergibt sich eine kollektive Ver antwortlich keit, die sich zwar mit der Defini tion der ver antwort lichen Stelle grundsätz lich ver einbaren lässt, allerdings Rechts unsicher heiten bei der Zuord nung der daten schutz recht lichen Pflichten auf wirft. Im Bundes daten schutz gesetz fehlen Regelun gen, die auch bei einer kollektiven Ver antwortlich keit eine klare Pflichten zuwei sung er möglichen und realen Umständen aus reichend Rechnung tragen. Für die Zulässig keit der Daten verarbei tung in Social NetworkDiensten ist der Begriff der allgemeinen Zugänglich keit personen bezogener Daten von ent scheiden der Bedeu tung. Der Gesetz geber wollte durch die Erlaubnis vorschriften, die auf die allgemeine Zugänglich keit personen bezogener Daten als Voraus setzung ab stellen, einen ver fassungs verträg lichen Aus gleich zwischen der infor ma tio nellen Selbst bestim mung der Betroffenen einer seits und der in Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG dem Einzelnen garantierten Informa tions frei heit anderer seits herbei führen (Simitis, in: ders., 2011, § 28 BDSG, Rn. 184 m. w. N.). Die Kon sequenzen dieser daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften für das Informa tions medium Internet sind jedoch kaum über schau bar. Es führt letzt lich dazu, dass jede im Internet allgemein zugäng liche Informa tion unabhängig von ihrem Kontextbezug, ihrer Richtig keit und der Ver wen dungs absicht durch Dritte ge nutzt werden darf. Ob unter diesen Voraus setzungen noch von einem Interessen ausgleich ge sprochen werden kann, mag be zweifelt werden. 65 Weichert, 2011, S. 253 setzt an scheinend nur die techni sche Kontroll möglich keit voraus, sieht aber in der Rollendefini tion eben falls ein Gesetzes defizit in Bezug auf soziale Netz werke. 377 Vor schriften zum Kinder und Jugendschutz im Internet finden sich im Wesent lichen im Jugendmedien schutzStaats vertrag (JMStV). Gemäß § 1 JMStV ist es das Ziel des Staats vertrags, Jugend liche vor An geboten in elektroni schen Informa tions und Kommunika tions medien zu schützen, die deren Ent wick lung oder Erziehung be einträchti gen oder ge fährden, sowie der Schutz vor solchen An geboten in elektroni schen Informa tions und Kommunika tions medien, die die Menschen würde oder sonstige durch das Strafgesetz buch geschützte Rechts güter ver letzen. Die Schutz rich tung der Vor schriften ist somit eindeutig an gebotsorientiert. Wie die Auf listung unzu lässiger An gebote gemäß § 4 Abs. 1 JMStV ver deut licht, soll ver hindert werden, dass Kinder und Jugend liche durch per se jugendgefährdende An gebote be einträchtigt werden. Nicht vom Schutz ziel des Jugendmedien schutzStaats vertrags umfasst ist allerdings ein spezifi scher Daten schutz für Kinder und Jugend liche. Ab gesehen von den Einschrän kungen hinsicht lich der Einwilli gungs und Geschäfts fähig keit66 gelten die daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften gleichermaßen für Erwachsene und Minderjährige. Hierbei bleibt nicht nur die Tatsache un berücksichtigt, dass viele Kinder und Jugend liche noch kein Risikobewusstsein in Bezug auf ihre personen bezogenen Daten ent wickelt haben (s. die Experten aussagen in Kap. 6.2.1). Ergänzend sind auch die daten schutz recht lichen Transparenz anforde rungen an den Ent wick lungs stand der Kinder und jungen Erwachsenen zum Beispiel bei der Erfül lung von Informa tions pflichten anzu passen (s. Aussage der Expertin Tamara N. Kap. 6.1.2 und der Jugend lichen Kap. 3.1.1). Selbst wenn der Gesetz geber allerdings be sondere Daten schutz vorschriften für Minder jährige einführen würde, stellt sich für die Internetdienst leister das Problem der zuverlässigen Alters verifika tion, wie es bereits im Kontext der Schutz vorschriften des Jugendmedien schutzStaats vertrags auf getreten ist (BGH, NJW 2008, S. 1882 ff.). Die Ent wick lung der Personal Computer und mobilen Endgeräte sowie des Internet haben dazu ge führt, dass personen bezogene Daten in großem Umfang nicht mehr vor rangig durch Behörden und Unter nehmen, sondern gleichermaßen durch Privatpersonen erhoben, ver arbeitet und ge nutzt werden. Privatpersonen werden, da dieser Umgang mit personen bezogenen Daten nicht mehr nur für private und familiäre Tätig keiten erfolgt, eben falls zu ver antwort lichen Stellen. Die daten schutz recht lichen Erlaubnis vorschriften setzen aber immer eine Ge schäfts mäßig keit voraus, die häufig nicht ge geben sein wird. Dies führt nach dem Wortlaut der Regelun gen in § 28 und § 29 BDSG zu einer un gerecht fertigten Privilegie rung kommerzieller Anbieter. Diese kann nur durch eine analoge Anwen dung dieser Erlaubnis tatbestände auf private, nicht geschäfts mäßige Daten verarbeiter aus geglichen werden (s. Kap. 6.4.1). Für die Rechts sicher heit 66 Die Geschäfts fähig keit ist bei den daten schutz recht lichen Erlaubnis tatbeständen er heblich, die auf einem wirksamen Ver trags schluss basieren, wie z. B. § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 1. Alt. BDSG. 378 förder licher wäre jedoch, die Rege lungs lücke durch eine explizite Regelung zu schließen. Zudem stellt die Ab hängig keit der daten schutz recht lichen Erlaubnis tat bestände von der Interessen abwä gung die Anbieter von Social NetworkDiensten vor er hebliche prakti sche Probleme. Grundsätz lich haben die Anbieter kein Eigen interesse an dem Inhalt der Informa tionen, die durch die Nutzer für andere Nutzer über die Social NetworkPlatt form zur Ver fügung ge stellt werden. Zur Über prüfung der Rechtmäßig keit der von ihnen vor genommenen Daten verarbei tung ist es aber notwendig, die Daten inhalt lich auszu werten. Denn dies ist eine Voraus setzung sowohl für die Über prüfung der Herkunft der Daten – stammen sie vom Betroffenen selbst oder von einem Dritten – als auch für die gemäß § 28 Abs. 1 Nr. 3 und § 29 Abs. 1 Nr. 2 BDSG er forder liche Interessen abwä gung. Die daten schutz recht liche Anforde rung der Interessen abwä gung beinhaltet somit selbst eine daten schutz recht liche Beeinträchti gung. Schließ lich ent sprechen auch die Benachrichti gungs pflichten nicht mehr der ver änderten Realität. Der Daten umsatz von einigen Internetdienst leistern hat mittlerweile solche Ausmaße an genommen, dass insbesondere die Pflicht zur Aus kunft über die zu einem Betroffenen ge speicherten Daten gemäß § 34 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BDSG häufig die Grenzen der Zumut bar keit für den Dienste anbieter über schreiten wird. Eine ver hältnis mäßige Einschrän kung des Aus kunfts anspruchs könnte bei Social NetworkDiensten zum Beispiel dadurch er reicht werden, dass der Aus kunfts berechtigte sein Aus kunfts begehren konkretisie ren muss. Beispiels weise könnte er nur Aus kunft be gehren, welche personen bezogenen Daten von ihm auf den Seiten einzelner CommunityMitglieder ge speichert worden sind. Dies würde dem Platt formbetreiber eine ge zielte Suche nach diesen Daten er möglichen. Ein an schau liches Beispiel für Maßnahmen des Gesetz gebers mit dem Ziel ein Rege lungs defizit zu be seiti gen, bietet § 32 Abs. 6 Satz 3 des Gesetz entwurfes zur Neurege lung des Beschäftigtendaten schutzes.67 Sollte § 32 BDSGE in das Bundes daten schutz gesetz ein gefügt werden, würde er die erste Vor schrift darstellen, die aus drück lich den Umgang mit personen bezogenen Daten reguliert, die in Social NetworkDiensten ver fügbar sind. Dem Arbeit geber soll es nicht ge stattet sein, Daten von Bewerbern aus Social NetworkDiensten zu erheben, es sei denn, die Social Community dient der Darstel lung der be ruflichen Qualifika tion der Mitglieder.68 Ziel der Vor schrift ist es, die grundsätz lich zulässige Erhebung von personen bezogenen Daten aus allgemein zugäng lichen Quellen im Kontext des Arbeits verhält nisses zu be schränken. Der Gesetz geber führt hierzu aus, dass für den Bewerber eine be sondere Interessens beeinträchti 67 Entwurf eines Gesetzes zur Regelung des Beschäftigtendaten schutzes, BTDrs. 17/4230. 68 Dem Arbeit geber wäre gemäß § 32 Abs. 6 Satz 3 BDSGE z. B. die Suche nach Bewerbern in Xing erlaubt, bei Facebook aber ver boten. 379 gung ent steht, da die Daten teil weise schon sehr alt sein können, aus dem Kontext heraus gelöst werden und der Betroffene keine Herrschaft über die Daten hatte (BTDrs. 17/4230, S. 16). Auch kann es sein, dass sie nicht von ihm selbst ein gestellt worden sind oder dass sie nicht oder nicht mehr der Wahrheit ent sprechen. Sollte dieser Gesetz entwurf gelten des Recht werden, würde § 32 Abs. 6 BDSGE gerade auch in Bezug auf Minderjährige und Jugend liche eine für das zukünftige Arbeits leben wesent liche Schutz vorschrift darstellen. Personen, die jetzt minder jährig sind, wachsen bereits mit Social NetworkDiensten auf und eine Vielzahl von ihnen ist in Social Communities aktiv. Bis zu dem Zeitpunkt, in dem sie in das Berufs leben eintreten, ent weder in einen Aus bil dungs beruf unmittel bar nach dem Schulabschluss oder erst deut lich später nach Ab schluss eines Studiums, werden schon eine Unmenge personen bezogener Daten und Bildnisse von ihnen im Internet auf find bar sein. Diese können sich für den Einstieg in das Berufs leben durch aus negativ aus wirken. Durch die Social NetworkDienste wird sich zwar nicht Art und Umfang der „Jugend sünden“ ändern. Sind sie aber einmal auf einer Social NetworkPlatt form bekannt gemacht worden, sei es als eigene Prahlerei oder als böser Scherz von Dritten, können sie grundsätz lich dauer haft und durch jeden Internetnutzer auf gedeckt werden. Eine derartige Weit sichtig keit, dieses Risiko voraus zusehen, kann von Minderjähri gen und Jugend lichen nicht er wartet werden. 381 8 Geplante Rechts ände rungen Auf nationaler Ebene ist eine Novellie rung der Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes vor gesehen. Ihre Notwendig keit wird primär mit den daten schutz recht lichen Risiken von Telemediendiensten mit nutzer generierten In halten, denen insbesondere Social NetworkDienste zu gerechnet werden, be gründet. Ent sprechend sieht der Gesetz entwurf vor, Sonder vorschriften für diese Dienste einzu führen. Nahezu zeit lich parallel wurde auf europäi scher Ebene die HerkulesAufgabe der Reform des europäi schen Daten schutz rechts in Angriff ge nommen. Die Europäi sche Kommission be absichtigt, die bisherige Daten schutz richtlinie69 durch eine „Daten schutzGrund verord nung“ und den Rahmen beschluss zur Daten verarbei tung im Bereich der Straf verfol gung und Gefahren abwehr70 durch eine ent sprechende Richtlinie zu er setzen (s. Hornung, ZD 2012, S. 99 ff.). In dem Ent wurf einer „Ver ordnung zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr“ (KOM, 2012, 11 endg. – im Folgenden DSGVOE) ist unter anderem eine detaillierte Regelung zum Daten schutz bei Kindern vor gesehen. 8.1 Novellie rung des Telemedien gesetzes Am 8. Juli 2011 hat der Bundesrat einen Ent wurf zur Änderung des Telemedien gesetzes in den Bundestag ein gebracht.71 Mit diesem Gesetz gebungs vorhaben wird das Ziel ver folgt, den Daten schutz in Social NetworkDiensten zu ver bessern. Kernrege lung ist die Einfüh rung eines neuen § 13a TMGE, der eine Reihe zusätz licher Pflichten für Anbieter von Telemedien mit nutzer generierten 69 Richtlinie 95/46/ EG des Europäi schen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natür licher Personen bei der Ver arbei tung personen bezogener Daten und zum freien Daten verkehr (Daten schutz richtlinie). 70 Council Framework Decision 2008/977/JHA of 27 November 2008 on the protection of personal data processed in the framework of police and judicial cooperation in criminal matters. 71 Gesetz entwurf zur Änderung des Telemedien gesetzes vom 8. 7. 2011, BRDrs. 156/11. 382 Inhalten vor sieht. In dieser Norm ist zudem eine Sonder rege lung zum Minder jährigen schutz in Social NetworkDiensten vor gesehen. Durch die Änderung von § 13 Abs. 1 TMG soll allgemein die Transparenz der Daten verarbei tung durch die Erweite rung der Informa tions pflichten und zusätz liche Anforde rungen an ihre Darstel lung ver stärkt werden. Eine Spezial vorschrift für Social NetworkDienste findet sich in § 13 Abs. 4 TMGE. Gemäß Nr. 3 der Norm sollen die Dienste anbieter zur Einfüh rung eines neuen Bedien elements – eines Lösch knopfs für das Nutzer konto – ver pflichtet werden. Ein Nutzer konto ist gemäß § 2 Satz 1 Nr. 3 TMGE das persön liche Daten konto eines Nutzers bei einem Telemediendienst, be stehend aus Bestands daten und ge gebenen falls zusätz lichen personen bezogenen Daten, durch das der Nutzer die zugangs beschränkten Funktionen dieses Telemediendienstes nutzen kann. Der Lösch knopf soll dem Nutzer eine einfache, jederzeit ver fügbare und schnelle Möglich keit bieten, dem Anbieter mitzu teilen, dass er sein Nutzer konto löschen möchte.72 Die Umset zung der Löschung erfolgt allerdings erst durch den Anbieter selbst (BTDrs. 17/6765, S. 9). Durch § 3 Abs. 4 Nr. 4 TMGE werden Anbieter von Social NetworkDiensten zudem ver pflichtet, eine Löschroutine für Nutzer konten einzu halten. Die Funk tions weise von Social NetworkPlatt formen ist auf ein Dauernut zungs verhältnis aus gelegt. In der wenn auch kurzen Geschichte dieses Dienstangebots ist jedoch zu be obachten, dass häufig nach einer mehr oder weniger intensiven Nutzungs phase, der Dienst bei den Nutzern nach und nach in Ver gessen heit gerät. Der Nutzer trifft in der Regel keine be wusste Ent schei dung darüber, ab welchem Zeitpunkt er den Dienst nicht mehr in Anspruch nehmen möchte, so dass das Nutzungs verhältnis auch nicht durch einen be wussten Akt beendet wird. Der Anbieter selbst hat kein Interesse, ein Nutzungs konto zu löschen, selbst wenn es über einen langen Zeitraum nicht in Anspruch ge nommen wurde. Die Einfüh rung der Löschroutine soll ver hindern, dass beim Anbieter umfang reiche „Daten friedhöfe“ ent stehen, deren Risikopotenzial für die Persönlich keits rechte des Nutzers nicht automatisch durch den Zeitablauf ver ringert wird. Die Löschungs pflicht ent steht mit Ablauf des Jahres, das dem Jahr der letzten Nutzung folgt. Diese etwas umständ liche Frist fest legung dient dem Interesse des Anbieters, nicht täglich und individuell bezogen auf jeden einzelnen Nutzer die Löschroutine praktizie ren zu müssen, denn dies wäre mit einem un verhältnis mäßigen Aufwand ver bunden (BTDrs. 17/6765, S. 9). Eine Spezial vorschrift nur für Dienste angebote mit nutzer generierten Inhal ten, wie sie insbesondere Social NetworkDienste darstellen, ist § 13a TMGE. Gemäß Abs. 1 der Norm sollen die Anbieter dazu ver pflichtet werden, vor der ersten Nutzung eines Kontos die Sicher heits einstel lungen auf der höchsten 72 Eine aktive Unter stüt zung bei der Löschung von Daten schlagen auch die Medien experten als ge eignete Maßnahme vor und sehen diesbezüg lich den Gesetz geber in der Pflicht s. Kap. 6.2.1 S. 24 und 25. 383 Sicher heits stufe gemäß dem Stand der Technik vor einzustellen73 und die Nutzer über diese Vor einstel lungen zum Schutz der Privatsphäre zu unter richten.74 Es ist zwingend, die Einstel lungs möglich keit anzu bieten, dass das Nutzer konto sowie sonstige nutzer generierte Inhalte nicht von externen Suchmaschinen ge funden oder aus gelesen werden können. Diese Einstel lung muss bei Nutzern unter sechzehn Jahren solange aktiviert bleiben, bis sie das Alter von sechzehn Jahren er reicht und die Sicher heits einstel lung geändert haben.75 Gemäß Abs. 2 der Norm sind die Nutzer über Risiken für Daten schutz und Persönlich keits rechte der Nutzer und auch Dritter zu unter richten. Alle nutzer generierten Inhalte des Nutzers sind im Fall der Löschung des Nutzer kontos zu löschen oder zu anonymisie ren. Diese Regelun gen zu den Sicher heits einstel lungen zielen insgesamt auf die Ver besse rung des Selbst daten schutzes und damit der Selbst bestim mung ab. In der Ver gangen heit waren die Sicher heits einstel lungen der Anbieter, sofern sie denn einen ab gestuften Daten schutz er möglichten, auf dem niedrigsten Niveau vor eingestellt. Unmittel bar nach der ersten Anmel dung zum Social Network Dienst stehen für den Nutzer die ver schiedenen Funktionen des Dienstes und seine Nutzungs optionen im Vordergrund und nicht die Sicher heits einstel lungen, die zudem in der Regel schwer auf find bar sind. Dem Risiko, dass die Möglich keit von Sicher heits einstel lungen über haupt erst wahrgenommen wird, wenn die Daten des Nutzers in nicht von ihm ge wollten Umfang ver arbeitet werden, soll durch die Pflicht der Vor einstel lung der höchsten Sicher heits stufe be gegnet werden. Ein niedrige res Sicher heits niveau muss bewusst vom Nutzer ein gestellt werden. Es ist davon auszu gehen, dass er sich dabei der jeweili gen Konsequen zen bewusst ist. Inwieweit durch diese Ver pflich tung der Dienste anbieter tatsäch lich eine Ver besse rung des Nutzer daten schutzes er reicht werden kann, ist allerdings frag lich, da flankierend keine grundsätz liche Pflicht normiert wurde, be stimmte Sicher heits einstel lungen in den Dienst zu implementie ren. Eine Aus nahme hiervon stellt die Regelung gemäß § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE dar. Es muss die Einstel lungs möglich keit vor handen sein, die perso nen bezogenen Daten vor einem Auf finden durch externe Suchmaschinen zu schützen (BTDrs 17/6765, S. 10). Diese Regelung soll primär die Zweck bindung der Daten gewährleisten. Grundsätz lich er fordert die Nutzung von Social NetworkDiensten eine NutzerAnmel dung. Dadurch wird der Eindruck sugge riert, dass die personen bezogenen Daten nur von legitimierten Nutzern des Social NetworkDienstes ein gesehen werden können. Die Regelung dient der Lösung des Problems, dass derzeit häufig die auf den Nutzer kreis be grenzte 73 Dieser Ansatz wird als privacy by default be zeichnet. 74 Eine Ver einfachung der Privatsphäre einstel lungen wird auch allgemein von den Medien experten ge fordert s. Kap. 6.2.1 S. 23 f. und 25 und Kap. 6.2.2. 75 Von den Experten wurde allgemein vor geschlagen, dass Internetdienst leister Neuerun gen des Dienstes nicht einführen dürfen, ohne dass sie zuvor von den Nutzern aktiviert werden, s. Kap. 6.2.1 S. 25 und Kap. 6.2.2. 384 Kenntnis nahme der Daten durch deren Auf find bar keit durch externe Such maschinen und die Anzeige als Suchergebnis unter laufen wird. Die daten schutz recht liche Wirkung dieser Vor schrift sollte allerdings nicht über schätzt werden, da durch das Anmelde erfordernis letzt lich rein faktisch niemand der Zugang zu Social NetworkPlatt formen ver weigert wird. Daneben erzeugt die Vor schrift aber noch eine weitere, in der Gesetzes begrün dung nicht er wähnte Rechts wirkung. Personen bezogene Daten, die über Suchmaschinen auf find bar sind, gelten gleichzeitig als Daten, die allgemein zugäng lich sind. Auf dieses Kriterium stellen mehrere daten schutz recht liche Erlaubnis tatbestände ab – wie z. B. § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 oder § 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BDSG – und be gründen damit, dass die Daten zu be liebigen Zwecken ver wendet werden dürfen, sofern nicht ein offensicht lich über wiegen des Interesse des Betroffenen am Aus schluss der Ver arbei tung besteht. § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE hat somit den Nebeneffekt, dass der Wirkungs bereich dieser gesetz lichen Erlaubnis tatbestände deut lich ein geschränkt wird, wenn der Nutzer die Einstel lung aktiviert hat. Allerdings bietet die Einschrän kung in § 13a Abs. 1 Satz 4 TMGE, dass Satz 3 nicht für Telemediendienste gelten soll, deren Zweck bei objektiver Betrach tung die Auf find bar keit oder Ausles barkeit von Inhalten mittels externer Suchmaschinen umfasst, viel Raum für eine Umgehung dieser Sicher heits einstel lung. Als Beispiel für derartige Dienste werden in der Gesetzes begrün dung allgemein zugäng liche Blogs und Diskus sions foren – sofern sie nicht Bestand teil eines Social NetworkDienstes sind – ge nannt. Die gleiche Funktion beinhaltet derzeit die häufig an gebotene Möglich keit, personen bezogene Daten nur zur Kenntnis nahme durch be stimmte Nutzer innerhalb des Social Network Dienstes – zum Beispiel „Freunde“ oder „Freunde und deren Freunde“ – freizugeben. Hierdurch wird regelmäßig auch die Auf find bar keit durch Such maschinen technisch unter bunden. Durch die vor gesehene gesetz liche Regelung wird somit ein Mindest schutz niveau an gestrebt, das allerdings durch differen zierte und effektivere Einstel lungs möglich keiten, die bereits häufig in der Praxis an geboten werden, ver bessert werden kann.76 Im Zusammen hang mit der Einstel lungs möglich keit zur Auf find bar keit der Daten auf Social NetworkPlatt formen durch Suchmaschinen ist in dem Gesetz entwurf auch eine Stärkung des Minderjährigen schutzes vor gesehen. Personen unter sechzehn Jahren dürfen keine Einwilli gung zur Ausles barkeit und Auf find bar keit ihrer personen bezogenen Daten in Suchmaschinen geben. Da der Gesetz geber davon aus geht, dass eine zuverlässige Alters verifika tion nicht möglich oder mit einem unzu mutbaren Aufwand für die Dienste anbieter ver bunden ist, greift dieser Minderjährigen schutz allerdings nur bei denjenigen Nutzern, die bei der Anmel dung selbst ein Alter unter sechzehn Jahren an 76 S. hierzu Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 12 f., ab rufbar unter http:// www.fsm.de/inhalt.doc/VK_Social_Networks. pdf. 385 geben. Die Anbieter dürfen auf die Alters angabe der Nutzer ver trauen. Diese Regelung ist kaum ge eignet, einen effektiven Daten schutz für Minderjährige zu gewährleisten. Die be sonde ren Vor schriften werden nur er forder lich, weil gerade nicht davon aus gegangen werden kann, dass Minderjährige die Risiken von Social NetworkDiensten für ihren Persönlich keits schutz einschätzen kön nen. Warum sollten sie dann aber bei der Nutzung von Social NetworkDiensten ihr Alter zutreffend an geben, wenn sie sich dadurch Nutzungs möglich keiten der Social NetworkDienste ab schneiden? § 13a Abs. 2 TMGE kommt neben der Transparenz funk tion eine weitere daten schutz recht liche und auch eine jugendschutz recht liche Funktion zu. Die Auf klärung der Nutzer von Social NetworkPlatt formen über die Risiken der Ver öffent lichung von personen bezogenen Daten soll nicht nur be wirken, dass sie in Bezug auf die Bereit stel lung ihrer eigenen personen bezogenen Daten eine größere Sorgfalt walten lassen. Indem die Nutzer darauf auf merksam ge macht werden, dass die Einstel lung personen bezogener Daten Dritter nur mit deren vor heri ger, schrift licher Einwilli gung rechtmäßig ist, soll das Ver antwor tungs bewusstsein der Nutzer von Social NetworkDiensten an gesprochen werden. Nur so kann auch der Daten schutz derjenigen Nutzer oder auch NichtNutzer der Netz werke ge stärkt werden, deren Daten von anderen ver öffent licht werden (BTDrs. 17/6765, S. 11). Diese eindeutige Rechts lage wird den wenigsten Nutzern von Social NetworkDiensten bekannt sein, so dass Auf klä rungs bedarf besteht. Der Jugendschutz wird in dieser Norm adressiert, indem die Warnhin weise nicht nur in allgemein ver ständ licher, sondern in einer für den Nutzer ver ständ lichen Form an geboten werden müssen. Der Dienste anbieter hat bei der Formu lie rung und beim Umfang der Unter rich tungs pflichten die Auf fassungs fähig keit seiner potenziellen Kunden zu be rücksichtigten. Richtet sich eine Soziale Netz werk platt form ge zielt an Kinder und Jugend liche, müssen die Informa tionen für diese ver ständ lich sein (BTDrs. 17/6765, S. 11). Die in § 13a Abs. 3 TMGE vor gesehene Ver pflich tung bei einer Löschung des Nutzer kontos auch alle nutzer generierten Inhalte eines Nutzers zu löschen, be gründet nicht erst die Rechtspf licht, sondern dient dazu, Rechts unsicher heiten zu ver meiden (BTDrs. 17/6765, S. 12).77 Eine wesent liche Eigen schaft von Social NetworkDiensten ist es, dass die Beiträge der Nutzer unter einander ver netzt werden, so dass Informa tionen von und über eine Person nicht nur in ihrem „Nutzer konto“ vor handen, sondern im gesamten Netz werk ver teilt sind. Um zweck widrige Ver wendungen der personen bezogenen Daten zu ver meiden, muss der Nutzer die Gewiss heit haben, dass bei einem Aus tritt aus dem Netz werk alle Daten über ihn ge löscht werden. Nur aus nahms weise ist gemäß § 13a 77 Die Pflicht zur Löschung der personen bezogenen Nutzer daten ergibt sich bereits aus der allgemeinen Löschungs pflicht gemäß § 35 Abs. 2 Satz 2 BDSG, die mit der Beendi gung des Nutzungs verhält nisses besteht. 386 Abs. 3 Satz 2 TMGE die Anonymisie rung der Daten aus reichend. Diese und die in § 13 Abs. 4 Nr. 3 und Nr. 4 TMGE normierte Löschungs pflicht sind zwar grundsätz lich daten schutz fördernd, dennoch be stehen gegen sie auch Bedenken. Sie suggerie ren dem Nutzer, er könnte die Daten tatsäch lich aus der Welt schaffen. Das ist jedoch auf grund der welt weit möglichen Speiche rung aller einmal im Internet ver öffent lichten Daten ein gefähr licher Trugschluss. Ab gesehen von den bereits dargelegten Kritik punkten ist es grundsätz lich zu be grüßen, dass der Gesetz geber das Daten schutz recht auf grund der Ent wick lung des An gebots der Social NetworkDienste novellie ren möchte. Aller dings reichen die vor gesehen Regelun gen nicht aus, um die dargestellten Rege lungs defizite zu be seiti gen (s. Kap. 7). Der Gesetzes entwurf sieht keine Vor sorgerege lungen für den Umgang mit nicht personen bezogenen Daten vor, zu denen sich auf grund der fortschreiten den Technik entwick lung, zum Beispiel bei der Bilderken nungs software, ver mutlich sehr bald ein Personen bezug her stellen lassen wird. Das Problem der kollektiven Ver antwortlich keit – insbeson dere der immer weiter zunehmen den Daten verarbei tung durch Private zu nicht geschäfts mäßigen Zwecken – wird eben falls keiner Lösung zu geführt (s. aus führ lich Jandt & Roßnagel, ZD 2011, S. 160). Schließ lich kommt der Gesetz geber seiner Pflicht zum Schutz der Jugend nicht aus reichend nach, wenn er auf eine gesetz lich ver pflichtende Alters verifika tion ver zichtet. Dabei ist zu be rücksichti gen, dass die Alters verifika tion nicht nur im Zusammen hang mit § 13a Abs. 1 Satz 5 TMGE er forder lich ist, sondern bereits, um die Voraus setzungen der Zulässig keit der Daten verarbei tung über prüfen zu können (Kap. 5.3.2; Jandt & Roßnagel, MMR 2011, S. 673). Mit der Einfüh rung des elektroni schen Personal ausweises, zu dessen Besitz jeder Bundes bürger ab sechzehn Jahren ver pflichtet ist, gibt es eine kosten günstige und sichere Möglich keit der Alters verifika tion. Dies sollte sich auch in den daten schutz recht lichen Vor schriften nieder schla gen. Die Anpas sung des Daten schutz rechts an die Heraus forde rungen der neuen Technik entwick lung und der neuen Dienste angebote wird aber vor allem nicht dadurch er reicht, dass das be stehende Daten schutz recht um einzelne spezifi sche Vor schriften ergänzt wird. Dabei wird über sehen, dass der grundsätz liche Interessen ausgleich, der durch viele be stehende Regelun gen erzielt werden soll, auf nicht mehr ge gebenen tatsäch lichen Grundannahmen basiert. Dies ist bei den Erlaubnis tatbeständen, die an das Kriterium der allgemeinen Zugänglich keit personen bezogener Daten an knüpfen, be sonders deut lich. Als diese Vor schriften er lassen worden sind, existierte das Internet noch nicht mit der Möglich keit, dass jeder eine potenziell un begrenzte Anzahl von Informa tionen einer potenziell un begrenzten Anzahl von Personen zugäng lich machen konnte. Allgemein zugäng lich waren vor allem Daten in Zeitschriften, Büchern oder auf Flugblättern – alles Medien, die einen deut lich geringe ren Ver brei tungs grad auf weisen und die zudem nicht jedem für die Ver öffent lichung von Informa 387 tionen zur Ver fügung standen. Daher ist es er forder lich, alle be stehen den Vor schriften auf ihre Konsequenzen auf Social NetworkDienste im Einzelnen zu über prüfen. Dies wird dazu führen, dass eine grundsätz liche Neukonzep tion des Daten schutz rechts er forder lich ist. 8.2 Reform des europäi schen Daten schutz rechts Am 25. Januar 2012 hat die EUKommission einen lange er warteten Vor schlag für die Reform des europäi schen Daten schutz rechts vor gelegt. Kernbestand teil ist der Ent wurf einer „Daten schutzGrund verord nung“. Der Wechsel des europa recht lichen Instruments zur Regulie rung des Daten schutz rechts von einer Richtlinie hin zu einer Ver ordnung hat weitreichende recht liche Folgen für die Mitgliedstaaten (Hornung, ZD 2012, S. 100). Bezogen auf den Daten schutz auf Social NetworkPlatt formen sind insbesondere die materiellrecht lichen Konse quenzen relevant. Dem nationalen Gesetz geber wäre es – sofern die Daten schutzGrund verord nung gelten des Europarecht werden würde – zukünftig bis auf spezifisch normierte Aus nahmen ver wehrt, konkretisierende nationale Bestim mungen zu er lassen. Die Daten schutzGrund verord nung würde die Daten schutz vorschriften des Telemedien gesetzes einschließ lich der ge planten Neurege lung und das Bundes daten schutz gesetz nahezu gegen stands los werden lassen. Maß geblich für die daten schutz recht liche Bewer tung von Social Network Diensten wäre dann primär das Europarecht. Im Unter schied zur europäi schen Daten schutz richtlinie (DSRL) und zum aktuellen nationalen Daten schutz recht sind in der Daten schutzGrund verord nung Detail rege lungen zum Daten schutz bei Kindern vor gesehen. Gemäß Art. 4 Abs. 8 DSGVOE sind Kinder alle Personen unter achtzehn Jahren. Die be sondere Schutz bedürftig keit von Kindern wird damit be gründet, dass sich diese den Risiken, Folgen, Vor sichts maßnahmen und ihrer Rechte bei der Ver arbeitung personen bezogener Daten weniger bewusst seien (Erwä gungs grund 29 DSGVOE). Die wichtigste Regelung in Art. 8 Abs. 1 DSGVOE gilt allerdings aus drück lich nur für Kinder bis zum vollendeten dreizehnten Lebens jahr. Die Ver arbei tung personen bezogener Daten von Kindern bis zu dieser Alters grenze ist nur rechtmäßig, wenn die Einwilli gung oder Zustim mung der Erziehungs berechtigten vor liegt. Diese stringente Regelung erfährt allerdings durch Art. 8 Abs. 1 Satz 2 DSGVOE eine starke Ab schwächung, da der für die Ver arbei tung Ver antwort liche unter Berücksichti gung vor handener Techno logien ledig lich an gemessene Anstren gungen unter nehmen muss, um eine nach prüf bare Einwilli gung zu er halten. Des Weiteren soll dem Daten schutz von Minderjähri gen durch Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVOE Rechnung ge tragen werden. Im Daten schutz recht ist die Zulässig keit der Ver arbei tung personen bezogener Daten häufig durch eine 388 Interessen abwä gung zu be urteilen (s. Kap. 5.3.3). Hierbei sind die be rechtigten Interessen der daten verarbeiten den Stelle den Interessen der be troffenen Person am Schutz ihrer personen bezogenen Daten gegen über zustellen. Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVOE geht im Grundsatz davon aus, dass eine für die Interessen der daten verarbeiten den Stelle er forder liche Daten verarbei tung erst dann nicht mehr zulässig ist, wenn die Interessen des Betroffenen über wiegen. Dieses Über wiegen kann ent sprechend der weiteren Formulie rung insbesondere dann vor liegen, wenn es sich bei der be troffenen Person um ein Kind handelt. Durch diesen Zusatz soll allerdings der dargestellte Grundsatz des für die Unzulässig keit er forder lichen über wiegen den Interesses des Betroffenen nicht zugunsten des Kindes ver schoben werden, sondern es ist ledig lich eine be sonders sorg fältige Interesseabwä gung er forder lich (Erwä gungs grund 38 DSGVOE). Dem Zusatz kommt somit eine klarstellende Funktion zu, indem darauf hin gewiesen wird, dass die be sondere Schutz bedürftig keit von Kindern immer bei der Interessen abwä gung zu be rücksichti gen ist. Gegen über der bisheri gen Rechts lage nach nationalem Daten schutz recht würde diese Vor schrift keine Änderung be wirken, sondern unter Berücksichti gung der Erwä gungs gründe ledig lich zu einer Klarstel lung führen (s. Kap. 5.3.3). Der Daten schutz von Minderjähri gen soll auch durch die Umset zung von Transparenz anforde rungen ver bessert werden. Gemäß Art. 11 Abs. 2 DSGVE sind durch die daten verarbeitende Stelle alle Informa tionen und Mittei lungen in ver ständ licher Form unter Ver wendung einer klaren, einfachen und adressaten gerechten Sprache zur Ver fügung zu stellen. Richtet sich die Daten verarbei tung speziell an Kinder, konkretisiert sich diese Anforde rung zu einer kindgerechten Sprache (Erwä gungs grund 46 DSGVOE). Diese Regelung korrespondiert mit dem hierfür fest gestellten Rege lungs bedarf (s. Kap. 7) und würde insofern eine Rechts lücke schließen, die aktuell im nationalen Daten schutz recht besteht. Allerdings ist die Wirksam keit der in der Daten schutzGrund verord nung vor gesehenen Regelung ungewiss. Erstens ergibt sich die Konkretisie rung für die Minderjähri gen nicht unmittel bar aus der Vor schrift der Ver ordnung, sondern nur aus den er gänzen den Erwä gungs gründen. Zweitens handelt es sich nicht um eine zwingende Norm, wie der Formulie rung „sollten“ statt „müssen“ zu ent nehmen ist, so dass die Nichteinhal tung ver mutlich keine Rechts folgen aus lösen wird. Drittens – und dies wiegt am schwersten – steht diese Transparenz anforde rung unter der Einschrän kung, dass sich die Daten verarbei tung speziell an Kinder richtet. Die Social NetworkDienste, die sich bei Kindern und Jugend lichen aktuell der größten Beliebt heit er freuen, sind gerade kein aus drück lich an diese gerichte tes An gebot, sondern sie werden auch rein faktisch gleichermaßen von Erwachsenen ge nutzt. Dies hätte ver mutlich zur Folge, dass die Transparenz anforde rung für Kinder und Jugend liche vielfach nicht greifen würde. 389 Die Daten schutzGrund verord nung trägt auch im Zusammen hang mit dem in Art. 17 Abs. 1 vor gesehenen Recht auf Ver gessen werden dem Minderjährigen schutz Rechnung. Mit diesem Recht soll dem Grundsatz, dass das Internet auf grund seiner techni schen Infrastruktur nichts ver gisst, ent gegen getreten werden. Die daten verarbeitende Stelle soll bei einer Ver öffent lichung der Daten ver pflichtet werden, alle ver tret baren Schritte zu unter nehmen, um Dritte, die die Daten ver arbeiten, über die Löschung der Quell daten und die daher er forder liche Löschung der Quer verweise auf diese Daten oder von Kopien oder Replika tionen zu informie ren. Es ist sehr zweifel haft, inwieweit dieses Recht auf Ver gessen werden zu einem gegen über dem Löschungs anspruch ver besserten Daten schutz führen kann (Hornung, ZD 2012, 103). Gegen über der in § 13a Abs. 3 TMGE vor gesehenen spezifi schen Löschungs pflicht nutzer generierter Inhalte bei einer Löschung des Nutzer kontos würde diese Regelung allerdings einen weiter reichen den Daten schutz gewährleisten. Schließ lich wird der Daten schutz von Kindern in Art. 33 Abs. 2 lit. d DS GVOE als spezifi sches Risiko hervor gehoben, so dass der für die Ver arbei tung Ver antwort liche vorab immer zu einer Daten schutzFolgen abschät zung ver pflichtet ist. 390 Literatur Art. 29Daten schutz gruppe (2009). Stellung nahme 2/2009 zum Schutz der personen bezogenen Daten von Kindern (Allgemeine Leitlinien und Anwen dungs fall Schulen). WP 160. Art. 29Daten schutz gruppe (2009). Stellung nahme 5/2009 zur Nutzung sozialer Online Netz werke. WP 163. Art. 29Daten schutz gruppe (2010). Stellung nahme 1/2010 zu den Begriffen „für die Ver arbei tung Ver antwort licher“ und „Auf trags verarbeiter“. WP 169. Auernhammer, H. (1993). Bundes daten schutz gesetz: Kommentar. Köln: Heymanns Verlag GmbH. Bäumler, H., Breinlinger, A. & Schrader, H.H. (2003). Daten schutz von AZ. Neuwied: HaufeLexware. Beckedahl, M. (2011, 7. Juni). Facebook aktiviert automati sche Gesichts erken nung. Netzpolitik Online. Ver fügbar unter: www. ldi. nrw.de/mainmenu_Service/submenu_Tagungsbaende/ Inhalt/2006_Total_trans parent_die_Zukunft_der_informationellen_Selbstbestimmung/Total_transparent_ die_Zukunft_der_informationellen_Selbstbestimmung. pdf Heil, H. (2003). In: A. Roßnagel (Hrsg.), Handbuch Daten schutz recht: Die neuen Grundlagen für Wirtschaft und Ver waltung. München: C. H. Beck. Heinrichs, H. (2010). In O. Palandt (Hrsg.), Bürger liches Gesetz buch Kommentar. München: C. H. Beck. Heise Online (2008, 28. April). Daten schützer ver hängt Buß geld gegen Bewer tungs portal meinprof. de. Ver fügbar unter: www.heise.de/newsticker/meldung/ DatenschuetzerverhaengtBussgeldgegenBewertungsportalmeinprofde203635. html Heise Online (2010, 4. Mai). Face. com öffnet Gesichts erken nungs technik für Ent wickler. Ver fügbar unter: www.jurpc.de/aufsatz/20060057. htm Kothe, W. (1985). Die recht fertigende Einwilli gung. Archiv für die civilisti sche Praxis (185), 106–161. Krasemann, H. (2006). Onlinespiel recht – Spielwiese für Juristen. Multi Media und Recht (6), 351–357. Larenz, K. & Wolf, M. (2004). Allgemeiner Teil des Bürger lichen Rechts. München: C. H. Beck. Larenz, K. (1991). Methoden lehre der Rechts wissen schaft, (6. Aufl.). Berlin, Heidel berg, New York: Springer. 393 Lerch, H., Krause, B., Hotho, A., Roßnagel, A. & Stumme G. (2010). Social Book marking Systeme – die unerkannten Daten sammler – Un gewollte personen bezogene Daten verarbei tung. Multi Media und Recht (7), 454–458. Lischka, K. (2011, 11. März). Vorgefiltertes Web: Die ganze Welt ist meiner Meinung. Spiegel Online. Ver fügbar unter: www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750111, 00. html Lober, A. & Weber, O. (2005). Money for Nothing? Der Handel mit virtuellen Gegen ständen und Charakte ren. Multi Media und Recht (10), 653–660. Lober, A. & Weber, O. (2006). Den Schöpfer ver klagen – Haften Betreiber virtueller Welten ihren Nutzern für virtuelle Güter? Computer und Recht (12), 837–844. Löwenheim, U. (2010). Handbuch des Urheber rechts (2. Aufl.). München: Beck Juristi scher Verlag. Mangoldt, H. v., Klein, F. & Starck, C. (2010). Kommentar zum Grundgesetz. München: Vahlen. Maunz, T. & Dürig, G. (2011). Grundgesetz – Kommentar. Bd. II Art. 6 bis 15 GG. München: C. H. Beck. Moll, S. (2008, 17. September). Ab teilung Attacke. Frank furter Rundschau (218), 36–40. Nettes heim, M. (2010, 29. September – 2. Oktober). Grundschutz der Privat heit. Vortrag im Rahmen der Tagung der Ver eini gung der Deutschen Staats rechts lehrer, Berlin. Oehmke, P. (2008). Big Brother im Netz. Der Spiegel (31), 144–145. Palandt, O. (2010). Bürger liches Gesetz buch Kommentar (69. Aufl.). München: Beck Juristi scher Verlag. Patzak, A. & Beyerlein, T. (2009). Adress daten handel unter dem neuen BDSG. Multi Media und Recht (8), 525–531. Plog, P. (2007). Zur Zulässig keit eines Bewer tungs portals für Lehrer (spickmich. de). Computer und Recht (10), 666–668. Podlech, A. & Pfeifer, M. (1998). Die informatio nelle Selbst bestim mung im Span nungs verhältnis zu modernen Werbestrategien. Recht der Daten verarbei tung (4), 139–154. Rippert, S. & Weimer, K. (2007). Rechts beziehungen in der virtuellen Welt. Zeitschrift für Urheber und Medien recht (4), 272–281. Robbers, G. (1985). Der Grundrechts verzicht – Zum Gegen satz „volenti non fit iniuria“ im Ver fassungs recht. Juristi sche Schulung (12), 928–931. Roggen kamp, J. D. (2008). I Rate U – Bewer tungs platt formen im recht lichen Span nungs feld. In J. Taeger & A. Wiebe (Hrsg.), Von Adwords bis Social Networks – Neue Ent wick lungen im Informa tions recht (S. 325–334). Olden burg: O|WIR Verlag für Wirtschaft, Informatik und Recht. Roßnagel, A. & Scholz, P. (2000). Daten schutz durch Anonymi tät und Pseudonymi tät – Rechts folgen der Ver wendung anonymer und pseudonymer Daten. Multi Media und Recht (12), 721–731. Roßnagel, A. (1997). Globale Datennetze: Ohn macht des Staates – Selbst schutz der Bürger. Thesen zur Änderung der Staats aufgaben in einer „civil informa tion society“. Zeitschrift für Rechtspolitik (1), 26–30. Roßnagel, A. (2001). Rechts wissen schaft. In G. Ropohl (Hrsg.), Erträge der Interdis ziplinären Technik forschung: Eine Bilanz nach 20 Jahren (S. 195–212). Berlin: Erich Schmidt Verlag. 394 Roßnagel, A. (2003). In A. Roßnagel (Hrsg.), Handbuch Daten schutz recht: Die neuen Grundlagen für Wirtschaft und Ver waltung. München: Beck Juristi scher Verlag. Roßnagel, A. (2007). Daten schutz in einem informatisierten Alltag. Berlin: Friedrich EbertStiftung. Roßnagel, A. (2009). Die Novellen zum Daten schutz recht – Scoring und Adress handel. Neue Juristi sche Wochen schrift (37), 2716–2722. Roßnagel, A. (2011). Das Gebot der Daten vermei dung und sparsam keit als Ansatz wirksamen technik basierten Persönlich keits schutzes? In M. Eifert & W. Hoffmann Riem (Hrsg.), Innova tion, Recht und öffent liche Kommunika tion: Innova tion und Recht IV (S. 41–66). Berlin: Duncker & Humblot. Roßnagel, A., Jandt, S., Müller, J., Gutscher, A. & Heesen, J. (2006). Daten schutz fragen mobiler kontextbezogener Systeme. Wiesbaden: Deutscher Universi täts verlag. Roßnagel, A., Pfitz mann, A. & Garstka, H. (2001). Modernisie rung des Daten schutz rechts. Berlin: BMI. Säcker, F. J. & Rixecker, R. (Hrsg.) (2006). Münchener Kommentar zum Bürger lichen Gesetz buch: BGB, Bd. 1. München: C. H. Beck. Schaffland, H.J. & Wiltfang, N. (2005). Bundes daten schutz gesetz Kommentar. Berlin: Erich Schmidt. Schemmer, F. (2011). In V. Epping & C. Hill gruber (Hrsg.), Beck’scher OnlineKom mentar Grundgesetz (Stand: 2005). Ver fügbar unter: beckonline.beck.de Default. aspx?typ= reference&y= 400&w= BeckOK&name= VerfR Schertz, C. (2010). In G. Schricker & U. Loewenheim (Hrsg.), Urheber recht Kommentar. München: C. H. Beck. Schmitt, J. (2006). In F. J. Säcker & R. Rixecker (Hrsg.), Münchener Kommentar zum Bürger lichen Gesetz buch: BGB, Bd. 1. München: C. H. Beck. Schmitz, P. (2011). In T. Hoeren & U. Sieber (Hrsg.), Handbuch MultimediaRecht. München: C. H. Beck. Scholz, P. (2003). Daten schutz beim InternetEinkauf: Gefähr dungen – Anforde rungen – Gestal tungen. BadenBaden: Nomos. Schwan, B. (2009, 13. März). Gesichts erken nung: Apple gegen Google. Heise Online. Ver fügbar unter: www.datenschutzzentrum.de/suchmaschinen/ 20080206datenschutzbeisuchmaschinen. html Weichert, T. (2011). Daten schutz und Meinungs frei heit: Regulie rung im BDSG. Anwalts blatt (4), 252–255. Wenzel, K. E. & Burk hardt, E. H. (2003). Das Recht der Wort und Bildberichterstat tung – Handbuch des Äuße rungs rechts (5. Aufl.). Köln: Otto Schmidt. Wolter, C. (2011, 8. Juni). Gesichts erken nung bei Facebook: Gesucht, erkannt, ver linkt. FAZ Online. Ver fügbar unter: www.mpfs.de/index. php?id= 192 Müller, S. (2009, 3. Februar). Jugend liche im Internet. SeelenStriptease bei Schüler VZ. Frank furter Rundschau online. Ver fügbar unter: www. fronline.de/ frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/?em_cnt= 1669759 Neuberger, C. (2011). Soziale Netz werke im Internet: Kommunika tions wissen schaft liche Einord nung und Forschungs überblick. In C. Neuberger & V. Gehrau (Hrsg.), StudiVZ. Diffusion, Nutzung und Wirkung eines sozialen Netz werks im Internet (S. 33–96). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissen schaften. Roßnagel, A. (2007). Daten schutz in einem informatisierten Alltag. Ver fügbar unter: http:// library.fes.de/pdffiles/stabsabteilung/04548. pdf Süd deutsche. de (2009, 29. Januar). Tränen in den Augen: Selbstentblößung im Netz. Ver fügbar unter: www.zeit.de/online/2009/08/facebookagbsgeschaeftsbedingungenprotest 413 2 Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik Gabi Reinmann unter Mitarbeit von JanMathis Schnur 2.1 Akteure und Adressaten von Hand lungs empfeh lungen Wenn es im Rahmen dieser Studie ab schließend darum geht, Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik zu geben, muss man zunächst einmal genauer spezifizie ren, wer „die Medien pädagogik“ ist. Da hier nicht der Ort einer akademi schen Begriffs bestim mung (Schiefner, 2011; Tulodziecki, 1997) sein kann, sondern an gesichts der Ziele der Studie eine pragmati sche Antwort ver langt wird, kann man ver einfacht fest halten: Medien pädagogik muss Wissen schaft und Praxis gleichermaßen umfassen und sich letzt lich auch an konkreten Personen und Personen gruppen festmachen. Folglich bilden medien pädagogisch arbeitende Wissen schaftler, Lehrer und Pädagogen außerhalb der Schule (z. B. in Jugendeinrich tungen) zusammen „die Medien pädagogik“ bzw. Akteure der Medien pädagogik. Die Akteure aus der medien pädagogi schen Praxis sind aber gleichzeitig auch Adressaten von Hand lungs empfeh lungen. Letzteres gilt ebenso für weniger medienaffine und erfahrene Lehrer und Pädagogen oder mit pädagogi schen Auf gaben be traute Personen außerhalb der Schule, die mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen inter agie ren und prinzipiell Einfluss auf diese bzw. auf deren Kennt nisse, Fähig keiten und Haltun gen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen nehmen können. Zu diesen kommen die Eltern, die eben falls nur in Aus nahmefällen (z. B. auf grund be stimmter Berufe oder spezieller Sozialisa tions erfah rungen) be sonders medienaffin und erfahren sind und damit meistens einen Bedarf an Hand lungs empfeh lungen haben. Einfluss nehmen schließ lich auch die Medien auf das Bewusstsein und die Ver haltens weisen Jugend licher und junger Erwachsener in OnlineCommunities, ohne aber Akteure speziell der Medien pädagogik zu sein. Die jungen Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen sind die primäre Zielgruppe aller Maßnah men; ihr Denken und Handeln ist somit auch das eigent liche Ziel aller Emp feh lungen. 414 Die nach folgende Abbil dung ver deut licht, dass Wissen schaftler sowie medien affine und erfahrene Lehrer und Pädagogen außerhalb der Schule (Experten, wie auch wir sie interviewt haben) zusammen die Akteure medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen bilden: Die Theorien, empiri schen Erkennt nisse, prakti schen Erpro bungen und Erfah rungen sowie im besten Fall die wissen schaft lich initiierten und/oder beglei teten Ent wick lungs und For schungs projekte dieser Akteure können Hinweise für eine be rechtige Formulie rung von Empfeh lungen geben. Diese richten sich an Eltern, weniger medien affine und erfahrene Lehrer und Pädagogen, die mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen zu tun haben, oder auch direkt an die Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Eine Sonder stel lung nehmen die Medien ein, die wissen schaft liche Erkennt nisse oder auch Thesen auf nehmen, bisweilen eigen willig filtern und oftmals direkt von den jungen Nutzern Sozialer Netz werk platt formen, aber natür lich auch von Eltern, Pädagogen und anderen Bezugs personen rezipiert werden. Wichtig ist, dass es immer auch Rück wirkun gen der Adressaten solcher Empfeh lungen auf die Akteure gibt. Abbil dung 33: Akteure und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen Wenn man sich den Informa tions fluss zwischen Akteuren und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen vor Augen hält, wird deut lich, dass diese auf ihrem Weg vielfälti gen Ver ände rungs und Anpassungs prozessen aus gesetzt sein können. Das kann vor teil haft sein, weil auf diese Weise eventuell zu praxis fern formulierte Empfeh lungen an be stehende Erforder nisse an gepasst werden. Es kann sich aber auch nach teilig aus wirken, vor allem, wenn die Adressaten in ihrer Rolle als pädagogi sche Akteure eine mangelnde Offen heit Wissenschaftler/innen Medienaffine und -erfahrene Lehrer/innen Medienaffine und -erfahrene Pädagogen Eltern Lehrer/innen Pädagogen Jugendliche und junge Erwachsene Medien MedienMedien 415 mitbringen und/oder die er haltenen Empfeh lungen nur unter einer speziellen, eventuell ein geschränkten Perspektive wahrnehmen, ver stehen und umsetzen können. Diese Hinweise sollen den Empfeh lungs teil nicht ver komplizie ren, sondern nur darauf auf merksam machen, dass das vielschichtige Beziehungs und Kommunika tions geflecht zwischen Akteuren und Adressaten bei der Weiter gabe und Umset zung medien pädagogi scher Empfeh lungen be rücksichtigt werden muss. Als Grundlage der folgen den Hand lungs empfeh lungen für Eltern, Lehrer und Pädagogen sowie Personen mit pädagogi schen Auf gaben außerhalb der Schule (z. B. in Jugendeinrich tungen) werden die Ergeb nisse sowohl des quanti tativen als auch des qualitativen Teils der vor liegen den Studie heran gezogen und mit Erkennt nissen aus anderen Forschungs projekten sowie der aktuellen Theorielage ver bunden. Für die Struktur der Empfeh lungen leitend sind die Ergeb nisse der Experten interviews, in welchen insgesamt 13 Fachleute aus den Domänen Schule, Jugendarbeit und Medien ihre Empfeh lungen für eine wirk same Kompetenzförde rung dargelegt haben (vgl. Teil II Kap. 6). Die folgen den Empfeh lungen werden zu zwei Gruppen ge bündelt, die jeweils ein be sonde res Span nungs feld im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen thematisie ren: zum einen das Span nungs feld zwischen Wissen und Handeln, in welchem wir die beiden zentralen Interven tionen des Sensibilisierens und des Aktivierens einordnen werden, und zum anderen das Span nungs feld zwi schen Steue rung und Kontroll verlust, in welchem wir zwei Heraus forde rungen für einen kulturellen Wandel – Beteili gung und Ver ände rung – positionie ren werden. In beiden Empfeh lungs gruppen werden wir jeweils Vor schläge für die Familie, die Schule und Jugendeinrich tungen formulie ren. 2.2 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Wissen und Handeln 2.2.1 Das Span nungs feld Wissen und Handeln Informa tions und Dialogangebote sind die am nächsten liegen den pädagogi schen Interven tionen, wenn man fest stellt, dass das Wissen und Risikobewusst sein von Jugend lichen und jungen Erwachsenen im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen nicht hoch ist oder zumindest nicht aus reicht. Informa tion und Dialog sind adäquate Maßnahmen, um junge Nutzer für die Gefahren, aber auch Chancen Sozialer Netz werk platt formen zu sensibilisie ren und sie wissen der zu machen. Die Ergeb nisse der vor liegen den Studie legen nahe, dass speziell das Risikowissen der Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen höher ist als noch vor ein paar Jahren, was auf jeden Fall auch auf einen ge wissen Erfolg zahl reicher Informa tions angebote und Medien berichte zurück geführt 416 werden könnte. Auf die Bedeu tung der Medien zur Ver brei tung einer Art „Grundwissen“ speziell zu Risiken im Internet ver weisen auch viele der Jugend lichen und jungen Erwachsenen in unseren Interviews. Wissen führt aber nicht automatisch zum Handeln bzw. Risikowissen ist keine hinreichende Bedin gung für risikoarmes Ver halten. Das gilt selbst verständ lich auch für das Wissen um Chancen von OnlineCommunitys: Auch diese muss man kennen, um sie nutzen zu können, ohne dass es in der Regel aus reicht, nur Kennt nisse darüber zu haben. Die Ergeb nisse unserer Interviews und der standardisierten Befra gung machen an mehreren Stellen deut lich, dass zwischen Wissen und Handeln zum einen eine Kluft liegen kann (das heißt, man handelt wider be sseren Wissens), zum anderen aber auch Konflikte auf treten können: Einer seits existie ren eigene Bedürf nisse und Emotionen sowie soziale Normen, die den aktiven Gebrauch Sozialer Netz werk platt formen fördern, insbesondere um in Netz werken präsent zu sein und am sozialen Aus tausch teilhaben zu können. Anderer seits stehen diese im Wider streit zum Wissen über Risiken, zu Sorgen und Ängsten sowie zu Ge und Ver boten, die sich vor allem auf den Schutz der Privatsphäre be ziehen. Erfah rungs und Unter stüt zungs angebote etwa in Form von Projekten der aktiven Medienarbeit ver suchen, diese Schwierig keit aufzu greifen und Jugend liche und junge Erwachsene nicht nur zu sensibilisie ren, sondern auch zu aktivie ren. Eigene Erfah rungen anzu regen und zu unter stützen (z. B. indem die ge machten Erfah rungen auch unter einander aus getauscht und reflektiert werden), sind Zielset zungen, die man mit ver schiedenen pädagogi schen Interven tionen er reichen kann. Gemeinsam ist diesen in der Regel, dass nicht allein, sondern in der Gruppe etwas aus probiert und/oder produktiv erarbeitet wird, dass dabei eigene Vor stel lungen der Jugend lichen integriert werden und „Fehler“ erlaubt sind. Eigene Erfah rung und deren Unter stüt zung machen die Teilnehmer solcher Maßnahmen im besten Fall hand lungs fähiger. Aus den Ergeb nissen der vor liegen den Studie lässt sich schließen, dass sich eine ganze Reihe von jungen Nutzern von Sozialen Netz werk platt formen immer oder unter be stimmten Bedin gungen durch aus kompetent ver hält, Ent schei dungen auf der Basis aus reichen der Informa tionen trifft und das eigene Handeln auch im Hinblick auf länger fristige Folgen aus richtet. Bei einigen ist dies aber nicht, nicht zweifels frei oder nicht immer der Fall. Vor diesem Hinter grund sind Maßnahmen der Aktivie rung neben Maßnahmen der Sensibilisie rung auf jeden Fall an gezeigt, da sie mehr als bloße Informa tions und Dialogangebote nicht nur Einfluss auf das Wissen, sondern auch auf das Handeln nehmen können. Allerdings können Projektarbeit oder das Einüben von Bedien fertig keiten ohne Wissen auch zu unreflektierten Routinen und Ver haltens weisen führen. Außerdem ent wickeln sich aus einmalig aus probierten Handlun gen meist noch keine Haltun gen und Disposi tionen, die ein lang fristi ges sowohl risikobewusstes als auch die Chancen nutzen des Handeln auf Sozialen Netz werk platt formen sicherstellen. 417 Wissen und Handeln sind so gesehen ein Span nungs feld: Hand lungs empfeh lungen müssen in der Folge beide Seiten – das Wissen und das Handeln – be rücksichti gen und dürfen nicht das eine auf Kosten des anderen über treiben. Anzustreben ist eine Balance zwischen Informa tions und Dialogangeboten auf der einen Seite und Erfah rungs und Unter stüt zungs angeboten auf der anderen Seite. Bei beiden Maßnahmen gruppen kann es auch ein Zuviel geben: Zu viele, zu umfang reiche und zu einseitig die Risiken thematisierende Informa tionen und Dialoge können Ab lehnung aus lösen, aber auch Ver wirrung stiften. Zu viele oder über fordernde Anregun gen für eigene Erfah rungen und ein Zwang zur Reflexion können als Einmischung in die eigene Lebens welt erlebt werden und vor allem bei jüngeren Nutzern auf mehr Skepsis als Zustim mung stoßen. Wissen kann das Handeln be fördern, aber auch be hindern oder mit diesem in Konflikt geraten. Bisherige pädagogi sche Interven tionen be rücksichti gen diesen Span nungs aspekt mitunter zu wenig und unter schätzen die möglicher weise resultie ren den Konflikte für Jugend liche und junge Erwachsene. 2.2.2 Inhalte für pädagogi sche Interven tionen Aus gehend von den empiri schen Ergeb nissen der vor liegen den Studie gibt es trotz der ge wachsenen Kennt nisse auf Seiten junger Nutzer Sozialer Netz werk platt formen noch eine ganze Reihe von Wissens lücken, die speziell Gegen stand von Informa tions angeboten sein können. Nennen möchten wir hier be sonders – das Wissen darüber, wie sich persön liche Daten im Internet ver breiten und wie dies mit Eigen schaften von Informa tion im Internet zusammen hängt (Boyd, 2007, S. 9; Boyd, 2008, S. 27; Boase & Wellmann, 2004, S. 2 f.): Persistenz (Inhalte werden automatisch ge speichert und archiviert), Replizier bar keit (Inhalte können ohne nennens werte Kosten dupliziert werden), Durch such bar keit (Inhalte können über eine Suche auf gefunden werden), Bearbeit bar keit (Inhalte können ver ändert werden), Skalier bar keit (potenzielle Reichweite der Inhalte ist sehr hoch und das Publikum nicht bekannt) und Kontext übertra gung (Inhalte können mit anderen Inhalte ver knüpft und in Informa tions kontexte über tragen werden); – das Wissen darüber, wie persön liche Daten im Internet von Unter nehmen ge nutzt werden: z. B. Aus wertung von Interessen, Hobbys, Kauf vorlieben und anderen persön lichen Daten für Zwecke der Markt forschung, Adress daten samm lung durch Gewinn spiele, Integra tion von Unter nehmens werbe bot schaften in persön liche soziale Netz werke (z. B. „Sponsored Stories“ in Facebook) sowie Aus wertung von Profilinforma tionen für personalisierte Werbung etc.; – das Wissen darüber, wie persön liche Daten aus Sozialen Netz werk platt formen von Privatpersonen ge nutzt werden: Suche nach Profilen durch 418 Personen, die als er wünschte Kontakte gelten (z. B. Schulfreunde), und solche, die unerwünschte Kontakte sind (z. B. Pädophile), Hochladen oder Ver knüpfen unerwünschter Fotos, Weiter gabe persön licher Informa tionen an fremde Personen oder Bullying/Mobbing etc.; – das Wissen über Rechte (und Pflichten) sowie über juristi sche Folgen etwaiger un bedachter oder auch be absichtigter Handlun gen auf Sozialen Netz werk platt formen, die im Wider streit zu Gesetzen stehen. Dazu ge hören z. B. Ver letzungen der Persönlich keits rechte und des Urheber rechts. Problematisch ist neben fehlen der (oder auch falscher) Informa tion, wenn die Kommunika tion zwischen Jugend lichen und Erwachsenen abreißt, weil beide Seiten dem Medien nut zungs verhalten der jeweils anderen Genera tion ab lehnend gegen über stehen. Negativismus in der Medien berichterstat tung oder Informa tions veranstal tungen, die einseitig nur die Risiken be handeln, er schwe ren die Kommunika tion zwischen den Genera tionen. Diese Problembereiche wurden von mehreren der von uns interviewten Experten verbalisiert. Vor diesem Hinter grund sind Dialogangebote von essenzieller Bedeu tung, um fehlen des Wissen wie auch Vor urteile bzw. unangemessene Annahmen abzu bauen. Dazu gehört z. B. – das Wissen darüber, warum Jugend liche und junge Erwachsene Soziale Netz werk platt formen nutzen und was sie daran be geistert (vgl. Teil II, Kap. 5.2.3; vgl. BITKOM, 2011; vgl. Boyd, 2007; vgl. Döring, 2011; vgl. Garitaonandia & Garmenida, 2007; vgl. Gerhards, Klingler & Trump, 2008; vgl. Lampert, 2010; vgl. Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009), – das Wissen darüber, wie Jugend liche und junge Erwachsene mittels Sozialer Netz werk platt formen ihren Alltag organisie ren und welche Kommunika tions formen sie dabei wählen (z. B. Freizeitpla nung im Freundes kreis, sozio emotionale Unter stüt zung in persön lichen oder teilöffent lichen Nachrichten, virtueller Aus tausch über den Schulalltag, Informa tion über be liebte Themen und Aktivi täten zur Siche rung der sozialen Zu gehörig keit etc.), – das Bewusstsein, dass die Nutzung Sozialer Netz werk platt formen durch Jugend liche und junge Erwachsene dann nicht mehr optional, sondern Voraus setzung für soziale Teilhabe ist, wenn die Kommunika tion in ihrem sozialen Umfeld hauptsäch lich darüber abläuft (RaynesGoldie, 2010), – das Bewusstsein, dass Soziale Netz werk platt formen für Jugend liche und junge Erwachsene ein virtueller Lebens raum sind, in den man sich als Erwachsener nicht unerlaubt „einschleichen“ sollte (Holzer, 2011, S. 181; Schmidt, PausHasebrink & Hasebrink, 2009, S. 208 ff.; Boyd & Elison 2008, S. 211), – das Bewusstsein, dass die Ver öffent lichung persön licher Daten im Internet durch Jugend liche und junge Erwachsene von Eltern, Lehrern oder Päda 419 gogen nicht kontrolliert werden kann wie eine Anzeige in der Zeitung oder der Aushang an einer physischen Pinnwand etc. 2.2.3 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Sensibilisie rung und Aktivie rung Der Kontext Familie Eltern sind eine wichtige Zielgruppe für Informa tionen über das Internet und Soziale Netz werk platt formen und deren Bedeu tung im Leben Jugend licher und junger Erwachsener. Um mit ihren Kindern im Dialog bleiben und als An sprechpartner im Bedarfs fall bereit stehen zu können, ist es wichtig, dass sich Eltern vom Informa tions fluss über digitale Medien nicht ab koppeln, sondern im Gegen teil möglichst gut informiert sind. Die Ergeb nisse unserer Studie zeigen, dass speziell für jüngere Nutzer die Eltern nach wie vor wichtige Ver trauens personen sind, die sie vor allem auch dann nennen, wenn es um private Daten und Informa tionen sowie um Konflikte ver schiedenster Art geht. Eltern sind ein Teil dessen, was viele Jugend liche als „Privat heit“ definie ren. Umso wichti ger ist, dass sie sich an ihre Eltern wenden können, wenn sie sich in ihrer Privatsphäre etwa durch Ereig nisse auf Sozialen Netz werk platt formen bedroht fühlen (vgl. Boyd & Marwick, 2011), sich Sorgen um ihre persön lichen Informa tionen machen oder ver unsichert sind, weil sie sich wider sprüch lichen Anforde rungen (z. B. Zu gehörig keit zu virtuellen sozialen Gruppen und Schutz der Privat heit) aus gesetzt sehen (vgl. Barnes, 2006). Informa tions angebote für Eltern sind daher aus unserer Sicht von großer Bedeu tung, wobei es wenig sinn voll er scheint, einseitig die Risiken darzu stellen und auf diesem Wege ein Klima der Angst zu produzie ren, das zu Ver boten und im Bedarfs fall zu wenig kompetenter Unter stüt zung der eigenen Kinder führt. Aus gewogene und aktuelle Informa tionen können Eltern unter stützen, ihre Rolle als Dialogpartner wahr zunehmen. Ein Dialog vor allem über die Risiken in Sozialen Netz werk platt formen – das be stäti gen vor allem die interviewten Experten auf diesem Gebiet – funktioniert nur vor dem Hinter grund einer trag fähigen Ver trauens basis. Hierfür bringen Eltern aus den oben schon ge nannten Gründen prinzipiell eine gute Voraus setzung mit, die es ent sprechend zu nutzen gilt. Im Dialog können Eltern ge eignetes Informa tions material an ihre Kinder auch weiter geben, wenn dieses aus reichend einfach und kurz ge staltet ist. Informa tionen auf Papier oder online, als Text, Audio oder Video können dann auch als gemeinsamer Anker für Diskussionen dienen. Aus einem linearen Informa tions fluss, der auch Probleme be reiten kann (z. B. wenn Eltern falsch ver standene Informa tionen weiter geben) ent steht so ein Dialog über ver fügbare Informa tionen. Nicht zu unter schätzen sind schließ lich (ältere) Geschwister in den Familien, von denen Jugend liche und junge Erwachsene Rat einholen und auch 420 be kommen, wenn es um Fragen und Heraus forde rungen rund um Online Communities geht. Dies macht deut lich wie wichtig es ist, Informa tionen auch für Jugend liche und junge Erwachsene direkt zur Ver fügung zu stellen und nicht nur über den Filter durch Eltern, Lehrer oder Pädagogen oder andere Personen außerhalb der Schule. Eine direkte Aktivie rung von eigenen Erfah rungen und deren Unter stüt zung er scheint im Elternhaus dagegen schwierig. Worauf Eltern allerdings achten sollten ist, dass ihre Kinder Erfah rungen im Internet und auf Sozialen Netz werk platt formen machen können, wenn sie dies wollen. Eltern sollten zudem bereit sein, Jugend liche als „wissen der“ zu akzep tie ren, wenn diese sich besser als sie selbst mit der techni schen Bedie nung von Sozialen Netz werk platt formen aus kennen. Wenn dies funktioniert, lassen sich Jugend liche auch ihrer seits eher da von technisch ver sierte ren Peers informie ren, wo sie selbst noch Lücken haben. Der Kontext Schule Die Schule wird von den meisten der von uns interviewten Jugend lichen und jungen Erwachsenen kaum ge nannt, wenn es um die Auf klärung über Risiken auf Sozialen Netz werk platt formen und darum geht, wie man diesen be gegnen kann. Eher wird auf ein tendenziell geringes Ver trauens verhältnis zu den Lehrern hin gewiesen. Dennoch ver weisen die von uns interviewten Experten mehrfach auf die Schule als möglichen Ort zum Erwerb von Kompetenzen, wobei fast immer ein hoher Fortbil dungs bedarf bei den Lehrenden artiku liert wird (vgl. Breiter, Welling & Stolpmann, 2010; vgl. Homann, Reisser, Schleihagen & Weisel, 2011). Vor diesem Hinter grund sind neben den Eltern die Lehrer eine weitere wichtige Zielgruppe für Informa tion. Informa tions angebote für Lehrer können in vielen Aspekten denen für Eltern gleichen. Ergänzt werden sollten diese mit Hinweisen, wie Lehrende in ihrer Vor berei tungs und Unter richtspraxis selbst OnlineCommunities nutzen können und worauf sie dabei zu achten haben. Nur durch eigene Medien praxis machen Lehrer unmittel bare Erfah rungen mit Sozialen Netz werk platt formen. Das er scheint in der Schule wichti ger als im Elternhaus, denn: Lehrer sind zunächst einmal keine natür lichen Ver trauens personen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Sie können sich aber als Dialogpartner „qualifizie ren“, indem sie selbst als Vorbild im Umgang mit digitalen Medien fungie ren. Des Weiteren können sie sich zumindest durch aus reichen des Wissen und Ver ständnis für die Lebens welt Jugend licher als Ansprechpartner anbieten. Prinzipiell ist die Schule als Ort für die direkte Informa tion von jungen Nutzern erst einmal prädestiniert, weil auf diesem Wege alle Jugend lichen und jungen Erwachsenen er reicht werden können. In den Interviews mit Experten wurde deut lich, dass die Schulfächer an sich aus reichend Anker für Informa tions angebote zu Privat heit und Öffentlich keit im Netz (Dietz, 2011) bieten. Anders als Informa tion 421 benöti gen dagegen Erfah rungs und Unter stüt zungs angebote zur Aktivie rung von Schülern ver gleichs weise viel Zeit. Hier setzen starre und/oder volle Lehrpläne pädagogi schen Interven tionen enge Grenzen. Als ebenso ungünstig er weisen sich die vielfach praktizierten Ver bote der Nutzung internet fähiger Handys und Smartphones in der Schule. Projekte der aktiven Medienarbeit sind in Schulen zwar möglich, er fordern aber höchst engagierte Lehrkräfte und Schulleiter, die bereit sind, die notwendi gen Spiel räume dafür zu finden und zu nutzen. Hier besteht aus unserer Sicht noch ein großer Nach holbedarf (vgl. Breiter, Welling & Stolpmann, 2010). Kaum ge nutzt wird in der Regel die Chance, die zahl reichen Vor komm nisse an Schulen, die in einem engen Zusammen hang mit der Ver letzung von Privat sphäre oder Rechten anderer stehen, als Anlass für pädagogi sche Interven tionen zu nutzen und alters gerecht aufzu greifen. Hier mangelt es sowohl an der notwendi gen Aus bildung der Lehrer als auch an einem aus reichend flexiblen Umfeld, welches es zulässt, auch und gerade unplan bare Ereig nisse pädagogisch aufzu greifen und sowohl für eine Sensibilisie rung als auch für eine Aktivie rung von Jugend lichen und jungen Erwachsenen heran zuziehen. Genau solche Vor gehens weisen aber, die mit der persön lichen Betroffen heit von Jugend lichen und jungen Erwachsenen arbeiten, würden in hohem Maße der in den Interviews oft ge nannten Forde rung nach kommen, an der Lebens welt der Jugend lichen und an konkreten Beispielen anzu setzen. In der Folge würde man keine „Wissens konserven“ produzie ren, sondern situativ ver ankerte Erkennt nisse. Der Kontext Jugendeinrich tung Jugendeinrich tungen sind seit jeher der bevor zugte Ort für pädagogi sche Inter ven tionen, mit denen Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit digitalen Medien aktiviert, also zu eigenen Erfah rungen an geregt und dabei unter stützt werden können und sollen. Sie bieten sich deswegen an, weil sie sich anders als die Schule eine hohe Flexibili tät in ihrem Programm er lauben können und damit anderen Rahmen bedin gungen unter liegen. Die Teilnahme an Projekten ist freiwillig, was die soziale Inter aktion mit den Jugend lichen und jungen Erwachsenen tendenziell einfacher macht. Dieser Vorzug ist gleich zeitig ein Nachteil pädagogi scher Inven tionen an Jugendeinrich tungen: Es kann immer nur ein kleiner Teil von Jugend lichen und jungen Erwachsenen er reicht werden. Von daher würden sich auch Koopera tionen zwischen Schulen und Jugendeinrich tungen anbieten, die es teil weise bereits gibt, aber in jedem Fall aus baufähig wären. Projekte mit Social Media sind in der Jugendarbeit durch aus bereits an gekommen. Es fehlen aber nach wie vor der Erfah rungs schatz und auch die flächen deckende Ver brei tung, die man beispiels weise bei Radio oder vor allem Filmprojekten hat. Recht liche Bedenken und Unsicher heiten gerade im Hinblick auf Privatsphäre und Urheber recht sowie techni sche Hürden 422 insbesondere infolge der Schnell lebig keit von Endgeräten und OnlineAnwen dungen stellen nicht nur für die Schule, sondern auch für Jugendeinrich tungen ein Problem dar: Projekte der aktiven Medienarbeit er fordern authenti sche Bedin gungen, die gleichzeitig nicht risiko los sind und hohe Anforde rungen an die be teiligten Pädagogen stellen. Auch Personen in Jugendeinrich tungen können vor diesem Hinter grund selbst Zielgruppe von Informa tions angeboten sein und benöti gen die Unter stüt zung vor allem von Rechts experten wie auch von Personen mit hoher techni scher Expertise. Gleichzeitig sind Jugendeinrich tungen natür lich auch ihrer seits Informa tions geber sowohl für Eltern und Lehrer (was z. B. ein Anlass für die gerade ge nannte Koopera tion sein kann) als auch für die Jugend lichen und jungen Erwachsenen. In der Folge kann es in aktivie ren den Projekten z. B. auch darum gehen, sich das er forder liche Wissen für einen ver antwor tungs vollen Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen gemeinsam zu erarbeiten. Schließ lich haben Jugendeinrich tungen wohl die besten Voraus setzungen dafür, die Chance einer „Peer Educa tion“ zu nutzen und das Lernen von Jugend lichen und jungen Erwachsenen unter einander zu unter stützen. Auch wenn die von uns interviewten Experten diesem Ansatz eher skeptisch be gegnen, ver weisen die Jugend lichen und jungen Erwachsenen in unseren Inter views doch in hohem Maße auf die Bedeu tung von Peers, wenn sie einen Informa tions oder Dialogbedarf haben. Dieses Ergebnis zeigt sich auch in der quantitativen Daten erhe bung und analyse, insbesondere wenn man das Struktur gleichungs modell (Teil II, Kap. 4.5.2) be trachtet. Jugend liche und junge Erwach sene richten ihr Ver halten auf den Platt formen an den Normen aus, die sie bei Gleichaltri gen und Freunden be obachten. In einigen Bereichen, wie etwa bei der Handha bung der PrivatsphäreEinstel lungen, haben sich bereits Standards etabliert, von denen nur wenige Nutzer ab weichen. Andere Bereiche werden (noch) individuell ge handhabt. Gerade vor dem Hinter grund eher spontaner Aktivi täten im Social Web können die subjektiv wahrgenommenen Normen der PeerGruppe hand lungs leitend wirken. Wir halten es daher für einen viel versprechen den Ansatz, die Auseinander setzung darüber, welches Ver halten an gemessen ist und welches nicht, auch zwischen Gleichaltri gen zu fördern. 2.3 Empfeh lungen für das Handeln im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust 2.3.1 Das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust Sensibilisie rung und Aktivie rung sind pädagogi sche Maßnahmen, die Jugend liche und junge Erwachsene weit gehend als Adressaten an sprechen (wenn auch mit dem Ziel, deren Wissen und Hand lungs fähig keit als „Akteure in Sozialen Netz werk platt formen“ zu erhöhen). Diese Maßnahmen setzen am Individuum 423 an und wollen individuelle Kompetenzen (im Sinne von Wissen, Können und Haltun gen) auf bauen und stärken. Richtet man seine Auf merksam keit aus schließ lich auf den Kompetenzaspekt, ist man in vielen Fällen in einer reaktiven Rolle: Soziale Netz werk platt formen ver ändern sich, führen neue Funktionali täten ein, ge stalten die techni schen Rahmen bedin gungen neu oder stellen neue Anforde rungen für die Mitglied schaft. Maßnahmen mit dem Ziel, Informa tion, Dialog, Erfah rung und Unter stüt zung anzu bieten, können darauf besten falls rasch reagie ren, junge Nutzer für Neuerun gen „fit zu machen“ und damit immer nur indirekt auf die Ent wick lungen Einfluss nehmen. Wechselt man allerdings die Perspektive von pädagogi schen Interven tionen zu kulturellen Prozessen, wird deut lich, dass Jugend liche und junge Erwachsene nicht nur Adressaten von InternetAngeboten wie auch von pädagogi schen An geboten sind, sondern auch Akteure des kulturellen Wandels sein können. Mit diesem Perspektiven wechsel vom Adressaten zum Akteur bzw. von der Interven tion zur Kultur ist selbstredend auch eine Ver ände rung des Zeithorizonts ver bunden: Während man pädagogi sche Interven tionen punktuell und zeit lich be grenzt implementie ren kann, sind kulturelle Prozesse lang fristi ger Natur und nicht „implementier bar“ in dem Sinne, dass man diese in irgendeiner Form anbieten oder gar ver ordnen kann. Empfeh lungen dazu, wie man im Span nungs feld von Wissen und Handeln pädagogisch agieren kann, bewegen sich letzt lich auf dem klassi schen Feld der Medien erziehung und können die dort ge machten zahl reichen Erfah rungen nutzen und für Fragen des be sseren Umgangs mit Sozialen Netz werk platt formen bzw. mit Privat heit und Öffentlich keit im Netz anpassen. Empfeh lungen dazu, wie man im Span nungs feld von Steue rung und Kontroll verlust (Backes, 2011, S. 194; Seemann, 2011) hand lungs fähig bleiben kann, können dagegen kaum auf ge wachsene und be währte Erkennt nisse zurück greifen. Während die Medien erziehung von Normen aus geht, welche die Gestal tung pädagogi scher Interven tionen leiten (im Falle von Netz werk diensten z. B. die Norm, die Privatsphäre, wie wir sie bisher kennen, zu schützen), stehen wir bei kulturellen Prozessen im Zusammen hang mit dem Internet und den dort existenten Sozialen Netz werk platt formen vor der Schwierig keit, dass Normen ins Wanken geraten oder zumindest in Frage ge stellt werden, weil sie z. B. mit der Funk tions fähig keit Sozialer Netz werk platt formen kollidie ren (Barnes, 2006). Unsere Studien haben ge zeigt, dass auch junge Nutzer diesen Wider spruch bereits direkt erleben; die interviewten Experten formulie ren diesen mitunter explizit: Einer seits leben Soziale Netz werk platt formen von der Weiter gabe privater Daten, und persön liche Informa tionen machen die Funk tions weise derselben aus. Anderer seits stellt der Umgang mit privaten Daten und persön lichen Informa tionen auf Sozialen Netz werk platt formen ein Risiko dar, das den Nutzer auch über fordern kann. In der Folge werden zum einen die Rufe nach mehr Regulie rung (Bundes ministerium des Innern, 2011) und recht licher (Bundes ministerium des Innern, 424 2012; Dreyer, 2011; LeutheusserSchnarren berger; 2011; Krempl, 2011; Ott, 2011; dpa, 2010) sowie techni scher Kontrolle (Kindelan, 2011; Landgraf, 2010) lauter. Zum anderen werden aber auch die Stimmen zahl reicher, die Daten und Informa tionen für öffent lich halten, sobald sie im Internet ver fügbar sind, und Ver suche als ver geblich be zeichnen, deren Ver brei tung zu kontrollie ren oder diese für ver schiedene Nutzer oder Zwecke zu be grenzen bzw. zu filtern (Biermann, 2011; Seemann, 2011). Diesem komplexen Span nungs feld kann man be gegnen, indem man den dahinter stehen den Wandel (z. B. mit recht lichen Mitteln) be kämpft und ver sucht, den früheren Status quo wieder herzu stellen. Die meisten der Experten, mit denen wir ge sprochen haben, halten das aber für ein erfolg loses Unter fangen. Alternativ kann man ver suchen, auch dieses Span nungs feld in medien pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen aufzu nehmen und ent sprechend neue Vor schläge zu machen. Es ist damit zu rechnen, dass man mit solchen neuen Vor schlägen erst einmal experimentie ren muss (sowohl in Form von Gedanken experimenten als auch in Form von Realexperimenten) bevor man diese als Empfeh lungen einer breite ren Zielgruppe weiter geben kann. Teilhaben und Ver ändern sind aus unserer Sicht zwei Richtun gen, die man einschlagen kann, wenn es darum geht, dass auch Jugend liche und junge Erwachsene die Rolle von Akteuren nicht nur als Nutzer von Sozialen Netz werk platt formen, sondern als Bürger2 in kulturellen Ent wick lungs prozessen über nehmen. Zur Über nahme dieser Rolle kann man sie einer seits ermuti gen, anderer seits kann man sie dabei be gleiten. Wenn Jugend liche und junge Erwach sene am kulturellen Wandel teilhaben, be deutet das allerdings genau nicht, dass man sie darin konkret anleiten kann, denn das hieße ja, das man bereits genau weiß, wohin der Wandel geht. Dennoch setzt eine Teilhabe natür lich Wissen und Können voraus, also z. B. Risikowissen und Hand lungs fähig keit im Umgang mit Sozialen Netz werk platt formen, wie man es mit pädagogi schen Interven tionen zur Sensibilisie rung und Aktivie rung er reichen kann. Eine auf geklärte Teilhabe an der digitalen Gesell schaft setzt ebenso voraus, die eigene Auf fassung von Privat heit und Öffentlich keit und den faktischen Einfluss digitaler Technologien auf diese Konzepte zu reflektie ren und im Bedarfs fall anzu passen: Wenn Daten und Informa tionen im Internet per se öffent lich sind und ein Aus tausch derselben in Sozialen Netz werk platt formen de facto nicht nur ein Kommunika tions akt, sondern ein Publika tions akt ist, dann ver schiebt dies das Ver hältnis zwischen Privat heit und Öffentlich keit eben nicht nur individuell für den einzelnen Nutzer, sondern auch für die gesamte Gesell schaft. 2 Die Ver wendung des Wortes „Bürger“ impliziert, dass sich, wie in der Vor gänger studie (Schmidt, Paus Hasebrink, & Hasebrink, 2009) bereits an gedeutet, der geschützte Raum der Jugend auflöst. Während früher Eltern ihre Kinder bis zu einem be stimmten Alter in den schützen den und disziplinie ren den Institu tionen des Elternhauses und der Schule kontrollie ren konnten, ver lassen die Jugend lichen über das Internet heute er heblich früher selbst diese Kontroll räume. Sie kommen dadurch früher mit Risiken in Kontakt. 425 Ändern müssen sich dann nicht nur individuelle Ver haltens weisen im Internet (z. B. Wahl anderer Werkzeuge für im engeren Sinne private bzw. persön liche Kommunika tion), sondern auch Normen und Regeln ver schiedener gesell schaft licher Systeme in der Nutzung des Internet (z. B. Wirtschaft und Arbeit geber und deren Rekrutie rungs strategien unter Nutzung Sozialer Netz werke). Als Jugend licher und junger Erwachsener an solchen Prozessen teilzuhaben, be deutet, dass die eigenen Nutzungs weisen und Strategien nicht nur Gegen stand pädagogi scher Interven tionen, sondern auch ein Aspekt gesamt gesell schaft licher Prozesse ebenso wie ein Anlass für die Gestal tung solcher Prozesse sind. Noch einen Schritt weiter als die Teilhabe geht die Verände rung: Man kann Jugend liche und junge Erwachsene auch als Akteure von direkten Ver ände rungen im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit unter Nutzung digitaler Technologien sehen. In unseren Experten interviews wurde ver einzelt das politi sche Engagement an gesprochen, das man bei Jugend lichen und jungen Erwach senen heute vielerorts ver misst. Genau dieses politi sche Engagement ist es, das die Teilhabe zur expliziten Ver ände rung macht bzw. machen kann. Das Potenzial zur Ver ände rung geht mit der Forde rung einher, dass auch junge Nutzer in ihrer Rolle als Bürger Ver antwor tung nicht nur für sich, sondern auch für ihr soziales Umfeld über nehmen. Es sind stets konkrete Menschen bzw. die Auf summie rung vieler Einzel entschei dungen, die das Internet im Allgemeinen und Soziale Netz werk platt formen im Besonde ren ver ändern und weiter entwickeln; dasselbe gilt für recht liche Rahmen bedin gungen und techni sche Möglich keiten. Überall dort finden sich Anker und Anlässe für Ver ände rungen, die auch von Jugend lichen und jungen Erwachsenen kommen können, wo speziell die Peers als Einfluss größen auf den Umgang auch mit Privat heit und Öffentlich keit explizit ins Spiel kommen. Kultureller Wandel im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust unter Nutzung von Konzepten wie „politi sches Engagement“ mag an dieser Stelle noch vage klingen: Ereig nisse in der arabischen Welt, bei denen das Internet und Soziale Netz werk platt formen gerade unter jungen Menschen auch einen wichtige Rolle ge spielt haben und nach wie vor spielen, sowie die Ent stehung neuer politi scher Gruppie rungen, die das Internet und Forde rungen nach Öffnung und Transparenz im Umgang mit Informa tion zum Leitbild erhoben haben, könnten durch aus als Anzeichen für Ent wick lungen in diese Richtung ge deutet werden. Diese Anzeichen und damit ver bundenen Ziel rich tungen auch im Kontext pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen zum Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit mitzu denken, ist unserer Einschät zung nach eine Aufgabe, der man sich in Familie, Schule und in Jugendeinrich tungen stellen sollte. 426 2.3.2 Pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen zwischen Steue rung und Kontroll verlust Der Kontext Familie Immer dann, wenn es nicht so sehr um zeit lich und thematisch be grenzte pädagogi sche Interven tionen, sondern um länger fristige Prozesse, um Meinun gen und Haltun gen sowie um Kultur und kulturelle Prozesse geht, ist die Familie ein wichti ger und wirkungs voller Ort: Zu denken ist etwa an die Vor bildfunk tion von Eltern, Geschwistern und anderen Familien mitgliedern, denen man täglich oder zumindest oft be gegnet, oder an die zahl reichen informellen Gespräche, die man an gesichts ebenso vielfälti ger Anlässe in der Familie führt. Geht man davon aus, dass Jugend liche und junge Erwachsene im Umgang mit dem Internet und Sozialen Netz werk platt formen nicht nur Adressaten pädagogi scher Interven tionen, sondern auch Akteure eines kulturellen Wandels sind, dann ist die Familie ein Kontext, dem man aus reichend Beach tung schenken muss. „Empfehlen“ kann man Familien vor diesem Hinter grund, dass sie sich vor dem technologi schen Wandel nicht ver schließen, sondern diesen, so gut es geht, in ihr Leben integrie ren und dort nach eigenen Bedürf nissen ge stalten. Das heißt: Wenn Familien digitale Medien zur Informa tion, Kommunika tion, Bildung und Unter haltung sicht bar und integriert in den Alltag nutzen, haben Jugend liche eine Chance, an ver schiedenen digitalen Welten teilzuhaben. Wenn Familien digitale Medien in diesem Zusammen hang auch hinter fragen und an ihre Bedürf nisse anpassen, wenn sie informierte Ent schei dungen treffen und selbst er proben, was diese ihnen nutzen und wo sie ihnen eher schaden, dann er möglichen sie auch den Jugend lichen nicht nur die Über nahme sozialer Routinen (bis hin zu Zwängen), sondern die Teilhabe im hier ver standenen Sinne. Nur wenn Jugend liche und junge Erwachsene am Internet teilhaben, können sie sich bewusst auch an den Stellen von digitalen (Teil)Öffentlich keiten (vgl. Schmidt, 2009, S. 105) ab grenzen, wo dies den persön lichen Wün schen und Bedürf nissen oder selbst ge bildeten Meinun gen und Positionen zuwiderläuft. Der Kontext Schule Auch die Schule kann auf ihre Weise Jugend lichen und jungen Erwachsenen eine Teilhabe an der digitalen Gesell schaft er möglichen, indem sie Computer und Internet als selbst verständ lichen Bestand teil heuti ger Informa tion und Kommunika tion in die Schule integriert. Dazu gehört allem voran die Nutzung digitaler Räume und Werkzeuge, aber auch digitaler Sozialer Netz werke im Fach unterricht. Es mangelt nicht an theoretisch und empirisch unter fütterten didakti schen Empfeh lungen dafür, wie man Computer und Internet sinn voll 427 für LehrLernprozesse nutzen kann. Es fehlt aber immer noch an der ent sprechen den Aus und Fortbil dung der Lehrenden, an der techni schen Infra struktur und vor allem am politi schen Willen, auch die Rahmen bedin gungen so zu ge stalten, dass sie den Medien einsatz im Unter richt (und damit das Engagement medienaffiner und erfahrener Lehrer) fördern und nicht be hindern (Breiter, Welling & Stolpmann, 2010). Zwar ver fügen 89,5 Prozent der Schulen bereits über Computer, allerdings stehen in nur 7,5 Prozent der Fälle tatsäch lich jedem Schüler im Klassenzimmer ein PC, Notebook oder Netbook zur Ver fügung. Die Ver mitt lung von digitaler Kompetenz wird dem privaten Umfeld über lassen (Peterhans & Sagl, 2011). Empfeh lungen für die Schule, die weniger das Span nungs feld Wissen und Handeln, sondern eher das Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust im Blick haben, sind daher nicht so sehr medien erzieheri scher, sondern zunächst einmal mediendidakti scher Art: Erst wenn die digitalen Medien zum Alltags geschäft der Schule ge hören, können Lehrer und Schüler deren Chancen und Risiken für Informa tion, Kommunika tion und Lernen gemeinsam erleben. Das wiederum ist die Voraus setzung dafür, auf der Grundlage von Wissen und Erfah rungen die Vor und Nachteile der Medien nutzung zu ge wichten und die Nutzungs formen ent sprechend auszu bal ancieren. Auf diesem Wege schafft man Normen und neue Standards im Umgang mit digitalen Technologien und kann die Schüler daran direkt be teili gen. Punktuell wird das heute bereits deut lich, wenn einzelne medienaffine Lehrer selbst Mitglied bei OnlineCommunities sind. So haben sich noch keine sozialen Regeln dafür etablie ren können, wie ein solcher Lehrer z. B. mit Kontakt anfragen seiner Schüler umgehen sollte. Soziale Regeln aber können sich nur aus bilden, wenn sie aus gehandelt werden und sich be währen. Während man in der Schule – mehr Offen heit im skizzierten Sinne voraus gesetzt – aus unserer Sicht prinzipiell gute Möglich keit hat, die Teilhabe zu fördern, dürfte es an gesichts der vielfälti gen Auf gaben der heuti gen Schulen in den meisten Fällen eher eine Über forde rung darstellen, auch die Ver ände rung im Sinne eines politi schen Engagements im schuli schen Umfeld auf die Agenda zu nehmen. Der Kontext Jugendeinrich tungen Jugend liche und junge Erwachsene in ihrer Rolle als Akteure der Verände rung zu sehen und sie darin zu ermuti gen wie auch zu be gleiten, könnte be sonders gut in Jugendeinrich tungen ge lingen. Wenn wir an dieser Stelle von Jugend einrich tungen sprechen, haben wir allerdings nicht nur die klassi schen Jugend verbände und vereine im Blick, die sich dem Feld der sozialen Arbeit zuordnen lassen. Jugendarbeit im weitesten Sinne be treiben auch Sport, Musik und Freizeiteinrich tungen sowie Einrich tungen, in denen sich speziell junge Erwach sene ehren amtlich oder im Rahmen eines sozialen Jahres oder im Zuge des Bundes freiwilligendienstes einbringen. Diese Erweite rung ist für das Handeln 428 im Span nungs feld Steue rung und Kontroll verlust deswegen von großer Bedeu tung, weil nur in einer Vielzahl von Hand lungs kontexten so etwas wie kultureller Wandel an gestoßen und ge staltet werden kann. Exemplarisch möchten wir an dieser Stelle zunächst auf den Sport bzw. auf Sport verbände und vereine ver weisen, die auch in einem der Experten interviews zur Sprache ge kommen sind und in der Lebens welt vieler Jugend licher und junger Erwachsener laut eigenen Darstel lungen in unseren Interviews eine nicht unerheb liche Rolle spielen3: Im Sport treffen Jugend liche und junge Erwachsene mit ver schiedenen sozialen und bil dungs bezogenen Hinter gründen zusammen, so dass bereits aus diesem Grund eine Vielfalt an gesell schaft lichen Themen präsent ist, z. B. Freund schaft und zwischen mensch liche Konflikte oder soziale Einbin dung und Aus gren zung. Im Sport konzentrie ren sich junge Menschen auf den ersten Blick nur auf einen Aspekt, nämlich die gemeinsame Bewegung, das Spiel und/oder den Wett bewerb. Genau dabei aber werden eben falls viele darüber hinaus gehende Themen tangiert: z. B. Fairness und Regel konformi tät, Konkurrenz und sozialer Ver gleich etc. Die Koordina tion im Mannschafts wie im Freizeitsport wird von vielen Jugend lichen und jungen Erwachsenen über Soziale Netz werk platt formen ab gewickelt; Erleb nisse und Fotos aus dem Sport werden in Online Communities ver breitet, körper liche Mängel und Misserfolge sind potenzielle Anlässe z. B. für CyberMobbing bzw. Bullying (Brandzaeg, Staksrud, Hagen & Wold, 2009; Grimm, Rhein & ClausenMuradian, 2008; Smith, Mahdavi, Carvalho & Tippett, 2006). Der Sport ist für viele junge Menschen eine Lebens welt, die sich auch auf Sozialen Netz werk platt formen wider spiegelt und in der es viele Anlässe gibt, nicht nur über Privat heit und Öffentlich keit nach zudenken, sondern damit auch zu experimentie ren und einen ausbal ancierten Umgang mit den damit ver bundenen Freiheiten und neuen Begren zungen zu finden. Bislang allerdings sind Trainer und Übungs leiter im Sport für diese Heraus forde rungen, Jugend liche bei der Teilhabe an digitalen (Teil)Öffentlich keiten indirekt zu be gleiten, in der Regel noch weniger vor bereitet als Lehrer oder Pädagogen an Jugendeinrich tungen im engeren Sinne. Auch hinken Sporteinrich tungen bei der Nutzung digitaler Medien für ihren Gegen stand häufig der techni schen Ent wick lung hinter her. Hier kann man mit Informa tions angeboten und Koopera tionen ent sprechend ansetzen. Ein Feld für politi sches Engagement schließ lich, das in unseren Interviews mit jungen Erwachsenen nur einmal direkt ge nannt wurde, sind keines wegs nur Parteien, sondern auch Ver eine und Ver bände, die soziale oder ökologi sche Ziele ver folgen. All diese Felder können und sollen unserer Einschät zung nach nicht zu Akteuren aktiver Medienarbeit im klassi schen Sinne werden. Jedoch sollten sie ihr Potenzial er kennen, den 3 An der Stelle muss man zwar er gänzen, dass der Kontakt zu ungefähr einem Drittel der Jugend lichen im Rahmen der Studie über Sport vereine zustande kam; allerdings waren auch die Jugend lichen, die nicht über Sport vereine rekrutiert wurden, mehr heit lich Mitglied in mindestens einem Sport verein. 429 kulturellen Wandel im Umgang mit Privat heit und Öffentlich keit bei Jugend lichen und jungen Erwachsenen mitzu gestalten. 2.4 Zusammen fassung Über welches Wissen müssen Eltern, Pädagogen und weitere gesell schaft liche Ent scheider ver fügen, um junge Menschen adäquat in ihrer digitalen Nutzung zu be gleiten bzw. auf den Ordnungs rahmen einzu wirken? Wie kann Medien pädagogik junge Menschen zielgruppen gerecht für Fragen des Daten schutzes und der Wahrung von Persönlich keits rechten (Andrejevic, 2005; Astheimer, 2011; Boyd & Marwick, 2011; Preibusch, 2011; Solove, 2007) sensibilisie ren? Fragen dieser Art, die – neben anderen Fragen – der vor liegen den Studie zugrunde lagen, ver langen nach Hand lungs empfeh lungen, die sich aus den empiri schen Daten der Studie nicht direkt ab leiten lassen. Bei genaue rer Betrach tung der Erkenntnis lage drängen sich zudem Zweifel auf, ob die klassi schen Formen der Sensibilisie rung und Aktivie rung, die auch im Falle der Nutzung Sozialer Netz werk platt formen in jedem Fall (noch) an gezeigt sind, die besten und die einzigen Maßnahmen sind. Ob insbesondere Wissen aus reicht, um die Probleme, die Jugend liche und junge Erwachsene in OnlineCommunities haben, zu lösen, er scheint wenig wahrschein lich. Welches Wissen dies zudem genau sein muss, lässt sich nur aktuell be stimmen und kann in kurzer Zeit auf grund des technologi schen Wandels schon wieder ver altet sein. Vor diesem Hinter grund haben wir uns als Grundgerüst für die „Hand lungs empfeh lungen an die Medien pädagogik“ für ein Modell ent schieden, welches die Empfeh lungen zum einen auf das Span nungs feld zwischen Wissen und Handeln lenkt, mit denen eher klassi sche pädagogi sche Interven tionen an gesprochen sind. Zum anderen richtet es die Empfeh lungen auf ein zweites Span nungs feld aus, für das es wenig be währte Erkennt nisse gibt: Auf dem Span nungs feld zwischen Steue rung und Kontroll verlust geht es weniger um punktuelle pädagogi sche Interven tionen als um einen kulturellen Wandel. Mit den Begriffen „Teilhabe“ und „Ver ände rung“ haben wir ver sucht, erste Vor schläge zu ent wickeln, wie man Jugend liche und junge Erwachsene in ihrer Rolle als Akteure im Internet und in der Gesell schaft ermuti gen und be gleiten kann. Diese Vor schläge haben zum gegen wärti gen Zeitpunkt orientie ren den Charakter. Für die so ent stehen den „vier Felder“ (siehe hierzu die nach folgende Abbil dung) haben wir die Kontexte Familie, Schule und Jugendeinrich tungen näher be leuchtet und ent sprechende Empfeh lungen bzw. Hinweise formuliert und Argumente ge liefert, die in der medien pädagogi schen Diskussion auf gegriffen werden könnten. 430 Abbil dung 34: Span nungs felder medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen Sensibilisieren Aktivieren Teilhaben Verändern S p an n u n g sf el d S p an n u n g sfeld Pädagogische Intervention Kultureller Wandel W is se n & H an d el n W is se n & H an d el n S teu eru n g & K o n tro llv erlu st S teu eru n g & K o n tro llv erlu st 431 Literatur Andrejevic, M. (2005). The work of watching one another: Lateral surveillance, risk, and governance. Surveillance & Society, 2(4), 479–497. Verfügbar unter: http:// www.surveillanceandsociety.org/articles2(4)/ lateral. pdf Astheimer, J. (2011). Gläserne OnlineWelt: Daten sicher heit und Daten schutz auf Social Networking Sites. In K. NeumannBraun & U. P. Auten rieth (Hrsg.), Schriften reihe „Short cuts – cross media“: Vol. 2. Freund schaft und Gemein schaft im Social Web. Bildbezogenes Handeln und PeergroupKommunika tion auf Facebook & Co (1. Aufl., S. 261–268). BadenBaden: NomosVerl.Ges. Ed. Fischer. Backes, M. (2011). Bild mit Ver falls datum. Möglich keiten und Grenzen der Sicher heits software Xpire. Forschung & Lehre, 18(3), 194–195. Barnes, S. B. (2006). A privacy paradox: Social networking in the United States. First Monday, 11(9). Ver fügbar unter: firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index. php/ fm/article/view/1394/1312 Biermann, K. (2011, 18. April). Die Daten exhibitionisten. Ver fügbar unter: www. zeit.de/digital/internet/201104/spackeriapostprivacy BITKOM (2011). Jugend 2.0. Eine repräsentative Unter suchung zum Internet verhalten von 10 bis 18Jährigen. Ver fügbar unter: www.bitkom.org/files/documents/ BITKOM_Studie_Jugend_2.0. pdf Boase, J. & Wellman B. (2004). Personal relationships: on and off the internet. In D. Perlman & A. L. Vangelisti (Hrsg.), Handbook of personal relations. Oxford: Blackwell. Verfügbar unter: www.chass.utoronto. ca/~wellman/undergrad05/ Boase,%20Wellman%20%20PERSONAL_RELATIONSHIPS_ON_AND_OFF_ INTERNET. pdf Boyd, D. (2008). Taken Out of Context. American Teen Sociality in Networked Publics. Verfüg bar unter: www.danah.org/papers/TakenOutOfContext. pdf Boyd, D. (2008). Why Youth (Heart) Social Network Sites: The Role of Networked Publics in Teenage Social Life. In D. Buckingham (Hrsg.), The John D. and Catherine T. Macarthur Foundation series on digital media and learning. Youth, identity, and digital media (S. 119–142). Cambridge Mass: MIT Press. Boyd, D. & Ellison, N. B. (2007). Social Network Sites: Definition, History, and Scholarship. Journal of ComputerMediated Communication, 13(1), 210–230. doi:10. 1111/j.10836101.2007.00393.x Boyd, D. & Marwick, A. E. (2011). Social Privacy in Networked Publics: Teens’ Attitudes, Practices, and Strategies (Preprint). Verfüg bar unter: www.danah. org/papers/2011/SocialPrivacyPLSCDraft. pdf Brandzaeg, P., Staksrud, E., Hagen, I. & Wold, T. (2009). Norwegian children’s experience of cyberbullying when using technological platforms. Journal of Children and the Media, 3(4), 349–365. Breiter, A., Welling, S. & Stolpmann B. E. (2010). Medien kompetenz in der Schule. Integra tion von Medien in den weiter führen den Schulen in NordrheinWest falen. Schriften reihe Medien forschung der Landes anstalt für Medien NordheinWest falen: Bd. 64. Berlin: VISTAS. 432 Buckingham, D. (Hrsg.) (2008). The John D. and Catherine T. Macarthur Foundation series on digital media and learning. Youth, identity, and digital media. Cambridge Mass: MIT Press. Bundes ministerium des Innern (2011, 8. September). Bundesinnen minister und Facebook ver ständi gen sich auf stärke ren Schutz der Nutzer. Ver fügbar unter: www. bmi.bund.de/SharedDocs/ Pressemitteilungen/ DE/2011/09/facebook. html?nn= 109632 Bundes ministerium des Innern (2012, 25. Januar). Bundesinnen minister Dr. HansPeter Friedrich zu den Reform vorschlägen des Daten schutz rechts auf EUEbene. Ver fügbar unter: www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/ DE/2012/01/ datenschutz. html?nn= 109632 Dietz, S. (2011). Zwischen Privatsphäre und Öffentlich keit. Soziale (digitale) Netz werke aus philosophi scher Sicht. Forschung & Lehre, 18(3), 188–189. Döring, N. (2011). Pflege von sozialen Kontakten und Beziehungen. Zur Psychologie der Netz werkNutzer. Forschung & Lehre, 18(3), 192–193. dpa/Heise Online (2010, 5. Dezember). Justizministerin will Daten schutz grundlegend er neuern. Ver fügbar unter: www. hansbredowinstitut.de/ de/publikation/entwick lungspfadefuereinnetzwerkgerechtesjugendmedienschutzrecht Fuhs, B., Lampert, C. & Rosenstock, R. (Hrsg.). (2010). Kinder und Jugend liche in virtuellen Erfah rungs räumen. München: Kopäd. Garitaonandia, V. & Garmenida, M. (2007). How young people use the Internet: Habits, Risks and Parental control. Verfüg bar unter: www2.lse.ac.uk/media@lse/ research/EUKidsOnline/ EU%20Kids%20I%20(20069)/Papersand Presenta tions. aspx Gerhards, M., Klingler, W. & Trump, T. (2008). Das Social Web aus Rezipienten sicht: Motiva tion, Nutzung und Nutzer typen. In A. Zerfaß, M. Welker & J. Schmidt (Hrsg.), Kommunika tion, Partizipa tion und Wirkun gen im Social Web. Grundlagen und Methoden: Von der Gesell schaft zum Individuum (S. 129–148). Köln: von Halem. Grimm, P., Rhein, S., ClausenMuradian, E. & Koch, E. (2008). Gewalt im Web 2.0: Der Umgang Jugend licher mit ge walthalti gen Inhalten und CyberMobbing sowie die recht liche Einord nung der Problematik. Schriften reihe der NLM: Bd. 23. Berlin: VISTAS. Holzer, B. (2011). Sozial kapital oder Hypothek? Die Ambivalenz der Netz werke. Forschung & Lehre, 18(3), 180–181. Homann, B., Reisser, M., Schleihagen, B. & Weisel, L. (2011). Medien und Informa tions kompetenz – immer mit Bibliotheken und Informa tions einrich tungen! Empfeh lungen von Bibliothek & Informa tion Deutschland (BID) für die EnqueteKommis sion „Internet und digitale Gesell schaft“ des Deutschen Bundestages. Ver fügbar unter: www.bibliotheksverband.de/dbv/themen/medienundinformations kompetenz. html Kindelan, K. (2011, 2. Februar). Privacy Advocates Launch „Net Safety Tips“ App With Support from Google, Verizon. Verfüg bar unter: idwonline.de/pages/ de/news402953 LeutheusserSchnarren berger, S. (2011, 25. April). Das Recht auf Ver netzung. Ver fügbar unter: www.socialnet.de rezensionen/isbn. php?isbn= 9783832956950 Ott, D. (2011, 11. Februar). Verbraucherrechte im Internet für alle OnlineDienste durch setzen! Ver fügbar unter: www.initiatived21.de/presseinformationen/ verbraucherrechteiminternetfueralleonlinedienstedurchsetzen Perlman, D. & Vangelisti, A. L. (Hrsg.) (2004). Handbook of personal relations. Oxford: Blackwell. Peterhans, M. & Sagl, S. (2011). Bildungs studie: Digitale Medien in der Schule: Eine Sonder studie im Rahmen des (N)Onliner Atlas 2011. Ver fügbar unter: www. initiatived21.de/presseinformationen/ bildungsstudieschulenhabendeutlichen nachholbedarfbeidigitalenmedien RaynesGoldie, K. (2010). Aliases, creeping, and wall cleaning: Understanding privacy in the age of Facebook. First Monday, 15(1). Ver fügbar unter: www.first monday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/ fm/article/view/2775/2432 Schiefner, M. (2011). Medien pädagogik – Strömun gen, Forschungs fragen und Auf gaben. Ver fügbar unter: http:// l3t. eu Schmidt, J.H. (2009). Das neue Netz: Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0. Konstanz: UVKVerl.Ges. Schmidt, J.H., PausHasebrink, I. & Hasebrink, U. (2009). Heran wachsen mit dem Social Web: Zur Rolle von Web 2.0Angeboten im Alltag von Jugend lichen und jungen Erwachsenen. Schriften reihe Medien forschung der Landes anstalt für Medien NordrheinWest falen: Bd. 62. Berlin: VISTAS. Seemann, M. (2011, Dezember). Kontrolle und Kontroll verlust. Eröff nungs vortrag Inter diziplinäre Tagung „Neueste Medien unter Kontrolle? Medien und kultur wissen schaft liche Perspektiven auf die strittige Neugestal tung unserer Kommunika tion“, Freiburg. Ver fügbar unter: www. ctrlverlust.net/kontrolleundkontrollverlust/ Smith, P., Mahdavi, J., Carvalho, M. & Tippett, N. (2006). An investigation into cyber bullying, its forms, awareness and impact, and the relationship between age and gender in cyberbullying. Verfüg bar unter: www.plymouthcurriculum.swgfl. org.uk/resources/ict/cyberbullying/ 434 Tulodziecki, G. (1997). Medien in Erziehung und Bildung: Grundlagen und Beispiele einer hand lungs und ent wick lungs orientierten Medien pädagogik (3. Aufl.). Bad Heil brunn: Klink hardt. Zerfaß, A., Welker, M. & Schmidt, J. (Hrsg.) (2008). Kommunika tion, Partizipa tion und Wirkun gen im Social Web. Grundlagen und Methoden: Von der Gesell schaft zum Individuum. Köln: von Halem. 435 3 Gestal tungs vorschläge für den Gesetz geber Silke Jandt & Alexander Roßnagel Social NetworkDienste können sowohl grundrechts fördernd als auch grund rechts verletzend sein (s. aus führ lich Teil III Kap. 3). Daher kann es – ab gesehen von der prakti schen Umsetz barkeit – nicht das Ziel der Gesetz gebung sein, sie zu ver bieten. Sie sind stattdessen so zu ge stalten, dass die Nutzer die Chancen zur Persönlich keits entfal tung, Informa tions und Meinungs frei heit wahrnehmen können und gleichzeitig die Risiken der Ver letzung von Persönlich keits rechten und von der informa tio nellen Selbst bestim mung minimiert werden. Jedes Grundrecht muss bei der Inanspruchnahme von Social NetworkDiensten in dem jeweils weitest gehenden Umfang ver wirk licht werden können. Dieser Interessen ausgleich kann nicht nur durch gesetz liche Ge und Ver bote herbei geführt werden, sondern auch durch die Gestal tung von Social NetworkPlatt formen – insbesondere des organisatori schen Umgangs mit den personen bezogenen Daten. Die bereits vor gestellten und weiteren Regulie rungs hinweise sollten diese Gestal tungs vorgaben flankie ren, damit sie recht liche Ver bindlich keit er halten. Die folgen den Schutz vorkeh rungen orientie ren sich an den dar gestellten daten schutz recht lichen Prinzipien, die das grundsätz liche Schutz programm im Daten schutz recht darstellen.4 Bei den folgen den Gestal tungs vorschlägen ist zu be rücksichti gen, dass diese sich auf die Aus gestal tung der Social NetworkDienste be ziehen und somit an die Anbieter von Social NetworkDiensten adressiert sind. Die maß gebliche Weichen stel lung für einen effektiven Daten schutz ist allerdings häufig die Ent schei dung, personen bezogene Daten auf die Social NetworkPlatt form einzu stellen. Dieser Akt fällt in die Ver antwortlich keit der Nutzer der Social Network Dienste, sowohl in Bezug auf eigene personen bezogene Daten als auch in Bezug auf die personen bezogenen Daten Dritter, die von ihnen ver öffent licht werden. Einwirkungs möglich keiten des Anbieters be stehen hier eher be grenzt. Es ist 4 S. zu den Prinzipien Teil III Kap 5. 2. 436 aber zumindest möglich, für die Nutzung von Social NetworkDiensten ver bind liche Nutzungs regeln in Form eines communityinternen Ver haltens kodex aufzu stellen, die der Nutzer beim Anmelde vorgang akzeptie ren muss. Bestand teil der Nutzungs regeln sollte zum Beispiel in Anleh nung an § 13a Abs. 2 TMGE die Vorgabe sein, dass personen bezogene Daten nur mit der Einwilli gung des Betroffenen sowie strafrecht lich oder jugendrecht lich unzu lässige Inhalte5 gar nicht ver öffent licht werden dürfen. Erhält der Anbieter Hinweise, dass gegen die Nutzungs regeln ver stoßen worden ist, muss er Auf klä rungs maßnahmen er greifen und die umstrittenen Inhalte sollten bis zu einer eindeuti gen Klärung ge sperrt werden. Auch sollten Sanktionen für einen Ver stoß gegen die Ver haltens regeln bis hin zum Aus schluss aus der Social Community ein deutig fest gelegt und auch bei einem Zuwider handeln vollzogen werden. 3.1 Anmel dung und Profiler stel lung Die Anmel dung auf einer Social NetworkPlatt form erfolgt in der Regel mit der Absicht, Kontakte und Freundes kreise auf einer Platt form abzu bilden und somit private Kommunika tion zu ver einfachen. Der Aspekt, neue Kontakte zu knüpfen und Menschen kennen zulernen, steht nicht un bedingt im Vordergrund.6 Wer einen Social NetworkDienst nutzt, möchte daher in diesem ge funden werden und um gekehrt aber auch andere Personen finden und wissen, mit wem er es zu tun hat. Dies ist das Hauptargument der Anbieter für die Anmel dung mit realem Vor und Nachnamen und gegen das daten schutz fördernde An gebot pseudonymer Netz werke.7 Dieses Argument mag für einige soziale Netz werk platt formen, zum Beispiel Stay Friends oder studiVZ, zutreffend sein, aber längst nicht für alle, zum Beispiel Foren und Blogs. Setzt die sinn volle Nutzung des Dienstes tatsäch lich die Ver wendung des bürger lichen Namens voraus, so wird die Identität der Nutzer durch die derzeit üblichen Anmelde vorgänge nicht gewährleistet. In der Regel werden bei der Anmel dung neben dem Namen die EMailAdresse, das Geburts datum und das Geschlecht ab gefragt. Dies sind alles Informa tionen, die sich von anderen Personen sehr leicht heraus finden lassen. Es erfolgt keine Über prüfung, ob sich tatsäch lich die Person in dem Netz werk anmeldet, die vor gegeben wird. Die Anbieter ver zichten auf eine 5 Verbotene Inhalte sind z. B. Propagandamittel und Kennzeichen ver fassungs widri ger Organisa tionen, Aus schwitz lüge, Kinder, Tier oder Gewaltpornografie, Menschen rechts verlet zungen. S. auch die Auf listung im Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 11, www.fsm.de/inhalt.doc/ VK_Social_Networks. pdf. 6 S. Teil II, Ab schnitt Kap. 4.2.3. 7 S. Ver haltens subkodex für Betreiber von Social Communities der FSM, 13, www.fsm.de/inhalt.doc/ VK_Social_Networks. pdf. 437 Identi täts prüfung, da sie nicht nur für sie selbst, sondern insbesondere für den Nutzer mit einem höheren Aufwand ver bunden ist, der diesen von der Anmel dung ab halten könnte. Es existie ren allerdings ganz unter schied liche Möglich keiten der Identi täts prüfung. Ein deut lich be sserer Schutz könnte bereits durch die zusätz liche Abfrage der Personal ausweis nummer er reicht werden. Ein sicherer Identi täts schutz er fordert aber den Einsatz des Post IdentVerfahrens, des elektroni schen Personal ausweises und der DeMail. Der Nachteil des Post IdentVerfahrens ist allerdings, dass es einen Medien bruch er fordert, da es nicht rein elektronisch ab gewickelt werden kann. Insofern sind die ge nannten alternativen Ver fahren vorzu ziehen. Die sichere Identifizie rung bietet nicht nur die Gewähr dafür, dass die Nutzer über den Social NetworkDienst mit dem „echten“ alten Freund oder Bekannten kommunizie ren können, sondern sie ist auch die Voraus setzung dafür, die Nutzer bei Rechts verstößen in der Social Community haft bar zu machen. Ein weiterer Vorteil der Identi täts prüfung ist, dass diese unmittel bar mit einer zuverlässigen Alters verifika tion ge koppelt werden kann. Diese ist er forder lich, um die Voraus setzungen der Zulässig keit des Umgangs mit personen bezogenen Daten über prüfen zu können. Sollte § 13a TMGE gelten des Recht werden, wären zudem die Sicher heits einstel lungen alters abhängig differenziert einzu stellen. Im unmittel baren zeit lichen Zusammen hang mit der Anmel dung sollte der Nutzer auf die Privatsphäre einstel lungen hin gewiesen werden. Diese sollten nicht nur wie von § 13a Abs. 1 Satz 3 TMGE ge fordert, die Einstel lungs möglich keit bieten, dass die nutzer generierten Inhalte nicht von externen Suchmaschinen auf gefunden werden können. Darüber hinaus sollten differen zierte Einstel lungs profile über die Zugänglich keit der nutzer generierten Inhalte – Fotos, Freundes listen, Profildaten, Status meldun gen – im Social Network Dienst selbst, wie zum Beispiel die Fest legung, dass die Daten nur von aner kannten Freunden ein gesehen werden können, vor handen sein. Auch sollte differenziert werden können, ob andere Nutzer durch automati sche Hinweise über Daten informiert werden, die neu auf der Sozialen Netz werk platt form ein gestellt worden sind, oder ob die Daten nur auf der Seite des jeweili gen Nutzers einseh bar sind. Jeder Nutzer sollte selbst darüber be stimmen können, ob andere Nutzer Einträge auf seiner Seite, zum Beispiel auf einer Pinnwand, vornehmen oder ob von anderen Nutzern ein gestellte Informa tionen mit den eigenen ver linkt werden können, sogenanntes Tagging. Eine Ab stufung dahin gehend, dass Beiträge aus geschlossen, nur nach Bestäti gung sicht bar oder un beschränkt möglich sind, ist hier sinn voll. Häufig werden von dem Social NetworkDienst automatisch Nutzungs vorgänge, wie zum Beispiel das Ansehen eines Nutzer profils oder die Nutzung einer integrierten Applika tion, dokumen tiert und ver öffent licht. Auch dies sollte der Nutzer durch eine Einstel lungs option ver hindern können. Diese Privatsphäre einstel lungen sollten, wie von 438 § 13a Abs. 1 Satz 1 TMGE ge fordert, standardmäßig auf dem höchsten Sicher heits niveau vor eingestellt sein. Unmittel bar im Anschluss an die Anmel dung erfolgt regelmäßig die Erstel lung des eigenen Nutzer profils. Auf den Profilseiten von Social NetworkPlatt formen finden sich vor gegebene Kategorien, wie zum Beispiel Basisinforma tionen, Kontaktinforma tionen, Aus bildung oder Beruf, mit jeweils vor definierten Einzelangaben, wie zum Beispiel in der Rubrik Basisinforma tionen Geburts datum, Wohnsitz und Familien stand. Social NetworkDienste, die eine pseudo nyme Nutzungs möglich keit vor sehen, sollten die Profilinforma tionen so gering wie möglich halten, damit diese keine Auf deckung des Profils er möglichen. Zum Schutz von Minderjähri gen sollte keine Eingabemöglich keit für Kontakt daten, insbesondere Adresse und Telefon nummer, vor gesehen sein, um das Risiko der Kontakt aufnahme mit den Minderjähri gen außerhalb der Platt form einzu schränken. 3.2 Nutzungs funk tionen Die Nutzungs funk tionen von Social NetworkDiensten sind so vielfältig und werden ständig weiter entwickelt, so dass hier nur ansatz weise Gestal tungs vorschläge ent wickelt werden können. Jegliche Funktion muss den Grundsatz der informa tio nellen Selbst bestim mung der Nutzer be rücksichti gen, der auf die einfachste Formulie rung ge bracht be deutet, dass jeder selbst be stimmen können muss, wer was wann über ihn weiß. Mit diesem Grundsatz ist es insbesondere nicht ver einbar, dass neue Funktionen in Social NetworkDiensten implementiert werden, ohne dass der Nutzer diese aktivie ren muss, geschweige denn über haupt über die Änderung informiert wird.8 Gerade das Negativbeispiel der automati schen Gesichts erken nung auf von Nutzern ein gestellten Fotos hat gravierende Folgen für die informatio nelle Selbst bestim mung der be troffenen Personen.9 Werden die auf dem Foto ab gebildeten Personen durch die Gesichts erken nungs software identifiziert, handelt es sich um personen bezogene Daten die aus schließ lich mit Einwilli gung des Betroffenen ver öffent licht werden dürfen. Nicht dem Schutz der informa tio nellen Selbst bestim mung, aber dem Schutz der freien Ent faltung der Persönlich keit wider sprechen Maßnahmen des Anbie ters, die den über das Netz werk über mittelten Nachrichten strom an den Nutzer für diesen nicht erkenn bar be einflussen. Nicht nur bei Suchmaschinen, sondern 8 S. z. B. die Einfüh rung der automati schen Gesichts erken nung von Facebook, www.faz.net/aktuell/ technikmotor/computerinternet/gesichtserkennungbeifacebookgesuchterkanntverlinkt1657009. html. 9 S. zur daten und urheber recht lichen Bewer tung Teil III Kap. 6.4.4 439 auch in Social Netz works ist mittlerweile der Einsatz von Algorithmen üblich, die zu einer nutzerindividuellen Filte rung von Informa tionen führen.10 Somit ent scheiden die Software und die Anwender der Dienste angebote, welche Informa tionen ein Nutzer erhält. In vielen Fällen mögen die Filter Voraus setzung dafür sein, dass die Nutzer die Informa tions flut – auch in Social Networks – über haupt be wälti gen können. Gleichzeitig bergen sie aber das enorme Risiko der Beschnei dung der Informa tions und Meinungs frei heit und können die grundsätz lich freie Persönlich keits entfal tung massiv be einträchti gen (s. Teil III Kap. 3.1). Ein Aus gleich dieses Interessen konflikts kann nur er reicht werden, wenn derartige Funk tions ände rungen für den Nutzer transparent er folgen und – sofern möglich – von ihm aktiviert werden müssen. Nahezu alle sozialen Netz werk dienste ver fügen über eine interne Suchfunk tion, durch die die anderen Nutzer auf gefunden werden können. Hier ist ein Aus gleich zwischen der Effektivi tät der Suchfunk tion und dem Persönlich keits schutz er forder lich, der durch die Auf find bar keit für andere be einträchtigt wird. Zum einen kann ein individueller Persönlich keits schutz er reicht werden, indem die Profileinstel lungen die Funktion auf weist, nur be stimmte Informa tionen für die Suchfunk tion zu aktive ren. Ein allgemeiner Persönlich keits und insbesondere auch Minderjährigen schutz er fordert darüber hinaus, be stimmte Informa tionen als Suchkritierien auszu schließen. Hierzu sollten insbesondere die Kontakt daten ge hören, sofern sie im Profil hinter legt sind und bei Minder jähri gen zusätz lich das Alter und Geburts datum. Fast alle Social NetworkDienste finanzie ren sich über Werbung. Unabhängig von der Frage, ob den Nutzern bekannt ist, dass ihre personen bezogenen Daten – Profildaten, nutzer generierte Inhalte und Nutzungs daten – für personalisierte Werbung aus gewertet werden, ist dies nur mit der aus drück lichen Einwilli gung des Nutzers daten schutz schutz recht lich zulässig (s. Teil III Kap. 6.4.3). Die Einblen dung nicht personalisierter Werbung ist dagegen daten schutz recht lich irrelevant. Die Social NetworkDienste müssen demnach so ge staltet werden, dass bei einer fehlen den Einwilli gung eines Nutzers, seine Daten zu Werbe zwecken auszu werten, auch tatsäch lich keine Daten auswer tung erfolgt. Um zudem den Minderjährigen schutz zu gewährleisten, ist es er forder lich, dass Werbe einblen dungen auf Minderjährige ab gestimmt sein müssen. Unzulässig ist insbesondere Werbung für Produkte, die nicht an Minderjähri gen ver kauft werden dürfen, wie zum Beispiel Alkohol oder jugendgefährdende Bücher, Videos, CDs oder Sport wetten sowie Werbung, die in ihrer konkreten Aus gestal tung ge eignet ist, die Unerfahren heit von Kindern und Jugend lichen auszu nutzen (BGH, MMR 2009, S. 112 f.). 10 S. hierzu www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750111,00. html. 440 3.3 Ab meldung Auch wenn das Internet nichts ver gisst und somit nie aus geschlossen werden kann, dass einmal in das Internet ein gestellte Daten auf irgendeinem Server oder in irgendeinem Cachespeicher dauer haft ver fügbar sind, ist die Löschung von Daten von er heblicher Bedeu tung. Ent sprechend der Forde rung von § 13 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 und Satz 2 TMGE sollte jede Social NetworkPlatt form über ein leicht erkenn bares, unmittel bar er reich bares und ständig ver fügbares Bedien element ver fügen, durch das der Nutzer alle seine personen bezogenen Daten unmittel bar löschen oder zumindest die Löschung durch den Dienste anbieter ver anlassen kann. Die Löschung muss das Nutzer profil, alle weiteren nutzer generierten Inhalte und auch die Nutzungs daten umfassen. Waren die personen bezogenen Daten des Nutzers mit anderen Inhalten in der Platt form ver linkt, so müssen diese Links nach der Löschung ins Leere führen oder eben falls ge löscht werden. 441 Abbildungs und Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbil dung 1: Einfluss variablen in Anleh nung an das integrierte Ver haltens modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Abbil dung 2: Konkurrierende Einfluss dimensionen auf das Selbst darstel lungs verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Abbil dung 3: Nutzungs häufig keit der Social WebAnwen dungen . . . . . . . 135 Abbil dung 4: Aktivi täts grad pro Anwen dung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Abbil dung 5: Alters gruppen nach Aktivi täts grad im Social Web . . . . . . . . 138 Abbildung 6: Geteilte Informationen im Social Web nach Altersgruppen . . . 144 Abbil dung 7: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 13–24 Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Abbil dung 8: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 25–34 Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Abbil dung 9: Zugang zu den ge teilten Informa tionen (Alters gruppe 35+ Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Abbildung 10: Durchschnittliche Häufigkeit kommunikativer Handlungen . . . 184 Abbil dung 11: Nutzungs motive Sozialer Netz werk platt formen . . . . . . . . . 196 Abbil dung 12: Preis gabe von Profilinforma tion . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Abbil dung 13: Über legungen beim Ändern des Profils (Mittelwerte) . . . . . . 206 Abbil dung 14: Thema der Seite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Abbil dung 15: Über legungen beim Fan einer Seite werden (Mittelwerte) . . . . 209 Abbil dung 16: Typen von Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Abbil dung 17: Form von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen . . . . . . . 214 Abbil dung 18: Inhalte von Status meldun gen und Pinnwandeinträgen . . . . . . 215 Abbil dung 19: Imaginiertes Publikum von Status meldun gen und Pinnwand einträgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Abbil dung 20: Über legungen beim Posten von Pinnwandeinträgen und Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 Abbil dung 21: Fotos in Fotoalben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Abbil dung 22: Restriktivi tät der PrivatsphäreOptionen . . . . . . . . . . . . . 221 Abbil dung 23: Anzahl der Kontakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 Abbil dung 24: Bekannt heits grad und Nähe der Kontakte . . . . . . . . . . . . 225 Abbil dung 25: Bekannt heits grad der hinzu gefügten und be stätigten Kontakte (Tracking) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 442 Abbil dung 26: Dauer des Kennens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 Abbil dung 27: Über legungen beim Freunde hinzu fügen und Freundschafts anfragen be antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 Abbil dung 28: Modell 1 – Strukturmodell mit der Anzahl der Profil informa tionen als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . 255 Abbil dung 29: Modell 2 – Strukturmodell mit den Selbstoffenba rungs Aktivi täten als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Abbil dung 30: Modell 3 – Strukturmodell mit den PrivatsphäreOptionen als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Abbil dung 31: Modell 4 – Strukturmodell mit der Anzahl der Kontakte als ab hängige Variable . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 Abbil dung 32: Privatsphäre in der Psychologie und im Recht . . . . . . . . . . 323 Abbil dung 33: Akteure und Adressaten medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 Abbil dung 34: Span nungs felder medien pädagogi scher Hand lungs empfeh lungen 430 Tabellen Tabelle 1: Soziale Netz werk platt formen in Deutschland . . . . . . . . . . . . 22 Tabelle 2: Zuord nung der Forschungs fragen zu den Unter suchungs schritten . 78 Tabelle 3: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Jugend lichen und jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Tabelle 4: Nutzer typologie nach Aktivi täts grad . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Tabelle 5: Internet und SocialWebSelbst wirksam keit nach Alters gruppen . 139 Tabelle 6: Neigung zur Selbstoffenba rung nach Alters gruppen . . . . . . . . 140 Tabelle 7: Sorge um Privatsphäre und techni scher Schutz im Social Web nach Alters gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Tabelle 8: Prädiktoren der OnlineSelbstoffenba rung . . . . . . . . . . . . . . 151 Tabelle 9: Prädiktoren der OnlineSelbstoffenba rung inkl. Nutzungs aktivi tät der Social WebAnwen dungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Tabelle 10: Programm blöcke der standardisierten OnlineBefra gung . . . . . . 161 Tabelle 11: Quoten erfül lung der standardisierten OnlineUmfrage . . . . . . . 163 Tabelle 12: Teilnehmer nach Bundes ländern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 Tabelle 13: Auf treten der Events und Fallzahl der Kontext fragebögen im Ver gleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Tabelle 14: Interneterfah rung in Jahren nach Geschlecht und Alter . . . . . . . 173 Tabelle 15: Interneterfah rung in Jahren nach formaler Bildung . . . . . . . . . 174 Tabelle 16: Dauer der täglichen Internetnut zung nach Geschlecht und Alters gruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Tabelle 17: Dauer der täglichen Internetnut zung nach formaler Bildung . . . . 175 Tabelle 18: Ort der Internetnut zung nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . 176 Tabelle 19: Ort der Internetnut zung nach formaler Bildung . . . . . . . . . . . 177 Tabelle 20: Internetaktivi täten nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . 178 Tabelle 21: Genutzte Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter . . . . . 180 443 Tabelle 22: Genutzte Netz werk platt formen nach formaler Bildung . . . . . . . 181 Tabelle 23: Haupt netz werk nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 182 Tabelle 24: Haupt netz werk nach formaler Bildung . . . . . . . . . . . . . . . . 182 Tabelle 25: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 Tabelle 26: Aktivi täten auf Sozialen Netz werk platt formen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Tabelle 27: Häufig keit, Anzahl der Nutzer und Dauer der DomainVisits und URLAufrufe je Nutzungs aktivi tät . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Tabelle 28: Mittelwerte und Standardabweichung der Nutzungs motive . . . . . 195 Tabelle 29: Nutzungs motive nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 197 Tabelle 30: Nutzungs motive nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . 198 Tabelle 31: Profilinforma tionen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . 204 Tabelle 32: Profilinforma tionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . 205 Tabelle 33: Kommunika tion nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . 210 Tabelle 34: Kommunika tion nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . 211 Tabelle 35: Faktoren analyse der Status meldun gen . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Tabelle 36: PrivatsphäreOptionen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . 222 Tabelle 37: PrivatsphäreOptionen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . 223 Tabelle 38: Kontakte nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 Tabelle 39: Kontakte nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . 226 Tabelle 40: Selbstoffenba rung nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . 231 Tabelle 41: SozioDemografie, Nutzungs häufig keit und Nutzungs motive nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Tabelle 42: Faktoren analyse zur Sorge um die Privatsphäre . . . . . . . . . . . 236 Tabelle 43: Faktoren analyse zur Risikoeinschät zung . . . . . . . . . . . . . . . 237 Tabelle 44: Mittelwerte und Standardabweichung der Risikoeinschät zung . . . 239 Tabelle 45: Korrela tionen zwischen den Indices zur Sorge um die Privatsphäre 240 Tabelle 46: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 Tabelle 47: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach formaler Bildung und Haupt netzwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Tabelle 48: Sorge, Autonomiebedürfnis und Risiken nach Selbstoffen ba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 Tabelle 49: Negative Erfah rungen nach Geschlecht und Alter . . . . . . . . . . 244 Tabelle 50: Negative Erfah rungen nach formaler Bildung und Haupt netz werk . 245 Tabelle 51: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach Geschlecht und Alter . 246 Tabelle 52: Einstel lung zu Persönlich keits rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 Tabelle 53: Umgang mit Urheber rechten nach Geschlecht und Alter . . . . . . 248 Tabelle 54: Umgang mit Urheber rechten nach formaler Bildung und Haupt netz werk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Tabelle 55: Negative Erfah rungen, Umgang mit Persönlich keits rechten und Urheber recht nach Selbstoffenba rungs typ . . . . . . . . . . . . . . 249 Tabelle 56: Einfluss der Sorge um die Privatsphäre auf die OnlineSelbst offenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 444 Tabelle 57: Einfluss der Persönlich keits eigen schaften auf die OnlineSelbst offenba rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 Tabelle 58: Korrela tionen zwischen Motiven, Einstel lungen, Normen und Selbst wirksam keit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254 Tabelle 59: Zusammen stel lung der Stichprobe für die Interviews mit Experten 273 Tabelle 60: Alters grenzen der empiri schen Studie und im Recht . . . . . . . . 334 445 Die Autoren Yvonne Allgeier, cand. B. Sc., studierte von 2009 bis 2012 den Bachelorstudien gang Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und war 2012 als studenti sche Mitarbeiterin an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Dr. Alexander Florian hat in Köln Pädagogik (Dipl.) studiert und in Augsburg promoviert. Ab 1998 war er am Lehrstuhl für Pädagogi sche Psychologie der Universi tät zu Köln be schäftigt. Von 2005 bis 2010 war er wissen schaft licher Mitarbeiter am Institut für Medien und Bildungs technologie der Universi tät Augsburg bei der Professur für Medien pädagogik. Parallel war er freiberuf lich als ELearningEntwickler tätig. Seit 2010 ist er an der Universi tät der Bundes wehr München bei der Professur für Lehren und Lernen mit Medien be schäftigt. Interessens felder sind ELearning und Mediendidaktik in Hoch schullehre und Erwachsenen bildung sowie die Ent wick lung techni scher Werkzeuge. Cornelia Graupner-Küsel studierte Pädagogik (Mag. phil.) mit dem Schwer punkt Beratung und Grundlagen der Psychotherapie sowie Psychologie an der Universi tät Innsbruck. Seit 2011 arbeitet sie als wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Ihre Interessen schwerpunkte liegen im Bereich Online Coaching, OnlinePsychotherapie, Selbst wahrneh mung bei Essstö rungen und be finden sich in der Schnitt menge von (Medien)Pädagogik, Psychologie und Mediendidaktik. Silvia Hartung, M. A., ist seit 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Zuvor war sie am Institut für Medien und Bildungs technologie (Professur für Medien pädagogik) der Universi tät Augsburg tätig, wo sie auch ihr Studium in „Medien und Kommunika tion“ (B. A. und M. A.) ab solviert hat. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen in der Konzep tion, Durch führung und Evalua tion medien gestützter Lehre sowie in der Gestal tung kompetenzorientierter Assess ment und lernförder licher FeedbackVerfahren. 446 Dr. jur. Silke Jandt hat nach dem Studium der Rechts wissen schaften ihre Disserta tion mit „Ver trauen im Mobile Commerce – Vor schläge für die rechts verträg liche Gestal tung von Location Based Services“ 2008 ab geschlossen, die von der ErichBeckerStiftung, eine Stiftung der Fraport AG zur Förde rung von Wissen schaft und Forschung, durch einen Druck kosten zuschuss ge fördert wurde. Sie ist Preisträgerin des Wissenschafts preises 2008 der Gesell schaft für Daten schutz und Daten siche rung e. V. Seit Februar 2011 ist sie Geschäfts führerin der „Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet)“ im Forschungs zentrum für Informa tions technikGestal tung der Universi tät Kassel. Marianne Kamper, M. A., ist seit 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. An der Universi tät Augsburg hat sie das Studium „Medien und Kommunika tion“ und an der Hoch schule für Musik Nürnberg ein Studium der Elementaren Musik pädagogik und Klavierpädagogik ab solviert. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen im Bereich EPortfolios, insbesondere der Unter stüt zung selbst gesteuerten und reflexiven Lernens sowie in der Ver bindung musik pädagogi scher und mediendidakti scher Themen, so z. B. dem Einsatz digitaler Medien in der künstleri schen Musiker ausbil dung. Julia Niemann, M. A., studierte von 2004 bis 2009 Medien management an der Hoch schule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Seit 2009 ist sie als wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Universi tät Hohenheim im Fachgebiet Kommunika tions wissen schaft und Sozialforschung und an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Ihre Interes sen schwerpunkte liegen in der Medien wirkungs forschung und der Medien nutzung Jugend licher, insbesondere dem Social Web. Tamara Ranner, M. A., ist seit April 2010 wissen schaft liche Mitarbeiterin an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Zuvor hat sie an der Universi tät Augsburg ihr Studium „Medien und Kommunika tion“ (B. A. und M. A.) ab geschlossen. An der Universi tät der Bundes wehr München ist sie vor wiegend für die Koordina tion und wissen schaft liche Beglei tung von Forschungs und Ent wick lungs projekten ver antwort lich. Ihre Arbeits schwerpunkte liegen im Bereich Videoreflexion, Implementa tions forschung und Mediendidaktik. 447 Prof. Dr. Gabi Reinmann studierte Psychologie (Dipl.), promovierte an der LudwigMaximiliansUniversi tät München in den Fächern Psychologie, Päda gogik und Psycholinguistik und habilitierte dort auch zum Thema Wissens management. Nach der Promo tion war sie wissen schaft liche Mitarbeiterin am Institut für Empirische Pädagogik und Pädagogi sche Psychologie (Lehrstuhl Prof. Mandl). 2001 bis 2010 ging sie als Professorin für Medien pädagogik an die Universi tät Augsburg; seit April 2010 hat sie eine Professur für Lehren und Lernen an der Universi tät der Bundes wehr München inne. Ihre Schwerpunkte in Forschung, Lehre und Ent wick lung sind Hoch schuldidaktik, Lehren und Lernen mit Medien in ver schiedenen Bildungs kontexten, Wissen und Lernen in Organisa tionen (Wissens management) sowie Evalua tions und Ent wick lungs forschung. Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel hat nach dem Studium der Rechts wissen schaften 1981 seine Disserta tion und 1991 seine Habilita tion ab geschlossen. Er ist Universi täts professor für Öffent liches Recht mit dem Schwerpunkt Recht der Technik und des Umweltschutzes an der Universi tät Kassel und wissen schaft licher Leiter der „Projekt gruppe ver fassungs verträg liche Technik gestal tung (provet)“ im Forschungs zentrum für Informa tions technikGestal tung der Uni versi tät Kassel. Von 2003 bis Februar 2011 war er Vizepräsident der Universität Kassel. 1993 erhielt er den Forschungs preis Technische Kommunika tion der AlcatelLucent Stiftung, 1995/96 war er Stif tungs professor der AlcatelLucent Stiftung am Zentrum für Interdis ziplinäre Technik forschung der Technischen Universi tät Darmstadt. Seit 1999 gibt er den wissen schaft lichen Kommentar zum Informa tions und Kommunika tions diensteGesetz und Mediendienste Staats vertrag „Recht der Multimediadienste“ heraus, der in der für 2013 an gekündigten Neu auflage unter dem Titel „Beck’scher Kommentar zum Recht der Telemediendienste“ fort geführt wird. 2001 er stellte er im Auftrag des Bundesinnen ministeriums ein Gutachten zur „Modernisie rung des Daten schutz rechts“ und gab 2003 das Handbuch Daten schutz recht heraus. 448 Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk ist Leiter der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung an der Universi tät Hohenheim (Stutt gart). Nach seinem Studium der Betriebs wirtschafts lehre an der Universi tät Regens burg, Promo tion und Habilita tion an der Universi tät Augsburg wirkte er von 1983 bis 1985 als Professor für Medien wirtschaft und Medien wirkung an der Universi tät Mainz. Seit 1986 ist er ordent licher Professor für Kommunika tions wissen schaft und Sozialforschung an der Universi tät Hohenheim (1986 bis 1991 als Stif tungs professor des Süd deutschen Rundfunks). Er leitete das Institut für Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim bis Anfang 2012. Seit 2012 ist er zusätz lich als Gast professor für Medien und Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Fribourg/Schweiz tätig. Die Schwerpunkte der Forschung von Michael Schenk liegen im Bereich der Medien wirkungs forschung und der Neuen Medien. Von 2008 bis 2011 leitete er u. a. das von der Deutschen Forschungs gemein schaft ge förderte Projekt „Die Diffusion der Medien innova tion Web 2.0. Determinanten und Aus wirkung aus Perspektive der Nutzer“. Jan-Mathis Schnurr, M. A., ist seit 2011 wissen schaft licher Mitarbeiter an der Professur für Lehren und Lernen mit Medien an der Universi tät der Bundes wehr München. Im Jahr 2010 schloss er den Masterstudiengang „Medien und Kommunika tion“ an der Universi tät Augsburg ab. Dort war er in den Jahren 2008 und 2009 bereits an Forschungs und Ent wick lungs projekten im Bereich digitaler Medien be teiligt. Seine Arbeits schwerpunkte sind Kommunika tion, Kollabora tion und Koopera tion im Internet. Seit 2012 arbeitet er in einem Projekt mit der Forschungs gruppe Koopera tions systeme München an der Ein füh rung einer Sozialen Netz werk platt form für Sani täts offiziere der Bundes wehr. Doris Teutsch, B. A., schloss 2010 den Bachelor Kommunika tions wissen schaft an der LMU München ab. Seitdem studiert sie im Masterstudiengang Empirische Kommunika tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und ist an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung als studenti sche Mitarbeiterin tätig. Kim Wlach, cand. B. Sc., studierte von 2009 bis 2012 im Bachelor Kommuni ka tions wissen schaft an der Universi tät Hohenheim und war von 2011 bis 2012 als studenti sche Mitarbeiterin an der Forschungs stelle für Medien wirtschaft und Kommunika tions forschung be schäftigt. Seit Oktober 2012 studiert sie im dualen Master Strategic Sales Management an der ESB Reutlingen. 69 65 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 66 67 70 68 Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik herausgegeben von Dieter Dörr, Christoph Klimmt und Gregor Maschmann Mitarbeit: Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn 232 Seiten, 17 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,– (D) Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge von Nadine Klass 148 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-554-2 Euro 12,– (D) Mit Computerspielern ins Spiel kommen Dokumentation von Fallanalysen von Jürgen Fritz und Wiebke Rohde 136 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-548-1 Euro 10,– (D) Wie Computerspieler ins Spiel kommen Theorien und Modelle zur Nutzung und Wirkung virtueller Spielwelten von Jürgen Fritz 176 Seiten, 12 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-547-4 Euro 12,– (D) Kompetenzen und exzessive Nutzung bei Computerspielern: Gefordert, gefördert, gefährdet von Jürgen Fritz, Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Tanja Witting Mitarbeit: Marius Drosselmeier, Wiebke Rohde, Christiane Schwinge und Sheela Teredesai 312 Seiten, 61 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-546-7 Euro 21,– (D) Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 66, 67 und 68; ISBN 978-3-89158-549-8 Gesamtpreis Euro 35,– (D) Skandalisierung im Fernsehen Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten von Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler und Claudia Töpper 272 Seiten, 60 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-542-9 Euro 18,– (D) 64 58 59 60 61 63 62 Medienkompetenz in der Schule Integration von Medien in den weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Welling und Björn Eric Stolpmann 352 Seiten, 88 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-539-9 Euro 22,– (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2. unveränderte Auflage, April 2011 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2. Auflage 2010 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) 53 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 54 55 56 Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Weitere Details zu allen Bänden in der Schriftenreihe der LfM finden Sie gerne im Internet : Soziale Netzwerkplattformen sind aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene nutzen sie, um Kontakte zu pflegen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei müssen und wollen sie zahlreiche Informationen über sich preisgeben. Dies kann dazu führen, dass sie ihre eigene Privatsphäre gefährden. Die Nutzung der Plattformen erfolgt in einem Spannungsfeld zwischen wahrgenommenen Chancen und Risiken. Die vorliegende Studie untersucht, wie 12- bis 24-Jährige Soziale Netzwerkplattformen nutzen, welche Informationen sie von sich dort preisgeben, wie sie die Risiken einschätzen und ihre Privatsphäre online schützen. Diese Fragestellungen wurden in einer empirischen Untersuchung mit einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden beantwortet. Neben qualitativen Interviews mit jungen Nutzern und Experten, wurde eine standardisierte Befragung inklusive einer Trackingstudie durchgeführt. Außerdem be inhaltet der Band ein ausführliches Rechtsgutachten zum Datenschutz. Anhand der Ergebnisse wurden Gestaltungsvorschläge für den Gesetzgeber und die Medienpädagogik formuliert. Die Herausgeber: V Prof. Dr. Dr. habil. Michael Schenk Leiter der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ der Universität Hohenheim V Julia Niemann M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin der „Forschungsstelle für Medienwirtschaft und Kommunikationsforschung“ an der Universität Hohenheim V Prof. Dr. Gabi Reinmann Professorin für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München V Prof. Dr. jur. Alexander Roßnagel Leiter der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungszentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel Weitere Autoren: V Dr. jur. Silke Jandt Geschäftsführerin der „Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet)“ im Forschungs- zentrum für Informationstechnik-Gestaltung der Universität Kassel V Jan-Mathis Schnurr M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Lehren und Lernen mit Medien an der Universität der Bundeswehr München ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,- (D) Digitale Privatsphäre 71 Sc he nk , N ie m an n, R ei nm an n, R oß na ge l ( H rs g. ) Di gi ta le P ri va ts ph är e VV V V Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen Digitale Privatsphäre Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 71 Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann, Alexander Roßnagel (Hrsg.) Arbeitet bei: Goethe Schule Wohnt in Neustadt, Germany In einer Beziehung Geboren am 28.09.1978 Layout_LfM-Schriftenreihe_Band_71 Korr 5_. 05.09.12 08:12 Seite 1
Forschung
Journalismus (LfM Band 74) Volker lilienthal, Stephan Weichert, DenniS reineck, annika Sehl, SilVia Worm Digitaler Journalismus Dynamik – teilhabe – technik Schriftenreihe medienforschung der landesanstalt für medien nordrhein-Westfalen band 74 Volker lilienthal Stephan Weichert DenniS reineck annika Sehl SilVia Worm Digitaler Journalismus Dynamik – teilhabe – technik lfm-SchriFtenreihe meDienForSchUnG 74 Bibliografi sche Informa tion der Deutschen National bibliothek Die Deutsche National bibliothek ver zeichnet diese Publika tion in der Deutschen National bibliografie; detaillierte bibliografi sche Daten sind im Internet über dnb.d‑nb. de ab rufbar. Heraus geber: Landes anstalt für Medien Nordrhein‑West falen (LfM) Zoll hof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 77 007 ‑ 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E‑Mail: info@lfm‑nrw. de Internet: www. lfm‑nrw. de 2. unveränderte Auflage Redaktion: Antje vom Berg, LfM Copyright © 2014 by Landes anstalt für Medien Nordrhein‑West falen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag Judith Zimmermann und Thomas Köhler GbR Lößniger Straße 60b 04275 Leipzig Tel.: 0341 / 24 87 20 10 E‑Mail: medienverlag@vistas. de Internet: www.vistas. de Alle Rechte vor behalten ISSN 1862‑1090 ISBN 978‑3‑89158‑604‑4 Umschlag gestal tung: disegno visuelle kommunika tion, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch‑Druck, Landshut 5 inhalt Vorwort des Herausgebers 13 teil a 1 Einlei tung 17 1.1 Medien und Journalismus im Strukturwandel 18 1.2 Der Begriff des Digitalen Journalismus 20 1.3 Erkenntnis interesse, Gegen stand und Aufbau der Unter suchung 24 2 Evolu tion und Revolu tion: Journalisti sche Qualität und Digitaler Journalismus 29 2.1 Kontinui täten zwischen tradi tio nellem und digitalem Journalismus 29 2.1.1 Demokratietheoretisch‑normative Kriterien 30 2.1.2 Funktional‑systemorientierte Kriterien 33 2.1.3 Nutzer bezogen‑hand lungs orientierte Kriterien 35 2.2 Neue Maßstäbe und Probleme im Digitalen Journalismus 38 2.3 Neue Formen des journalisti schen Handwerks im Digitalen Journalismus 40 2.3.1 Partizipativer Journalismus 41 2.3.2 Technisie rung, Computerisie rung und Automatisie rung 43 2.3.3 Spezialisie rung 46 2.4 Digitaler Journalismus in Theorie und Praxis 48 6 teil b 3 Der Nutzer als Kommentator: Eine quantitative Inhalts analyse partizipativer Formen und Formate auf journalisti schen Websites und Blogs 53 3.1 Problemstel lung und Zielset zung 53 3.2 Forschungs stand 55 3.3 Methodi sche Umset zung 58 3.3.1 Stichprobe und Unter suchungs zeitraum 58 3.3.2 Analyse‑ und Codier einheit 60 3.3.3 Kategorien system 60 3.3.4 Über legungen zur Validität und Reliabili tät 63 3.4 Ergeb nisse 63 3.4.1 Ver teilung der Stichprobe auf die Erhe bungs tage 63 3.4.2 Ebene der Start seite 65 3.4.2.1 Themen bereiche 65 3.4.2.2 Partizipative An gebote 67 3.4.2.2.1 Weiter lei tungs funk tion 69 3.4.2.2.2 Soziale Netz werke 71 3.4.2.2.3 Online‑Leserbriefe 72 3.4.2.2.4 Bewer tungs funk tion 73 3.4.2.2.5 Onlinekommentare 74 3.4.2.2.6 Microblogging 75 3.4.2.2.7 Rankings 76 3.4.2.2.8 Social Bookmarking 77 3.4.2.2.9 Votings 78 3.4.2.2.10 Redak tionsblogs 79 3.4.2.2.11 Nutzerblogs 80 3.4.2.2.12 Leseranzahl/Beitrag 80 3.4.2.2.13 Forum 81 3.4.2.2.14 Fotos und Videos 82 3.4.3 Ebene des Beitrags 82 3.4.3.1 Themen bereiche 82 3.4.3.2 Multimediale Elemente der Beiträge 83 7 inhalt 3.4.3.3 Darstel lungs formen der Beiträge 85 3.4.3.4 Aktuali tät der Beiträge 87 3.4.3.5 Name des Autors 88 3.4.4 Ebene des Beitrags kontexts 90 3.4.4.1 Kontakt zum Autor 90 3.4.4.2 Anzahl an Kommentaren pro Beitrag 91 3.4.4.3 Anzahl der Zustim mungen pro Beitrag 92 3.4.5 Zusammen hänge zwischen Merkmalen der journalisti schen Beiträge und Kommentie rungen und Zustim mungen 93 3.5 Fazit 96 4 Die ewige Wieder kehr des Gleichen? Eine Deskrip tion partizipativer Formen und Formate auf aus gewählten journalisti schen Websites 99 4.1 Erkenntnis interesse und Methode 99 4.2 Ergeb nisse 100 4.2.1 Weiter lei tungs funk tion 100 4.2.2 Empfeh lungs‑/Bewer tungs funk tion 102 4.2.3 Soziale Netz werke 103 4.2.4 Microblogging 109 4.2.5 Kommentarfunk tion 110 4.2.5.1 Registrie rungs pflicht 111 4.2.5.2 Klartextnamen 112 4.2.5.3 Freischal tung 113 4.2.5.4 Netiquette 114 4.2.5.5 Bewer tungen von Onlinekommentaren durch andere Nutzer 117 4.2.6 Fotos und Videos 118 4.2.7 Foren 118 4.2.8 Blogs 123 4.2.8.1 Nutzer blogs 123 4.2.8.2 Redak tions blogs 123 4.3 Fazit 127 8 5 Tempo, Tiefe und Teilhabe: Chancen und Heraus forde rungen des Digitalen Journalismus aus der Sicht von Redak tions verantwort lichen 131 5.1 Die Dimensionen des Digitalen Journalismus 131 5.2 Methodi sche Umset zung 136 5.3 Brüche und Umbrüche: Analyse ergeb nisse der Experten befra gung 139 5.3.1 Das Bild vom pluralisierten Publikum 140 5.3.1.1 Schneller, höher, weiter? Medien nutzung in der digitalen Ver triebs kultur 143 5.3.1.2 Mobil oder stationär? 146 5.3.1.3 Ästhetik und Ver trieb in der Digitali tät 150 5.3.1.4 Offline‑Online‑Verzah nung 152 5.3.1.5 Themen setzung und Traffic aus Social Media 154 5.3.2 Redak tions organisa tion digital 159 5.3.2.1 Redak tio neller Work flow 160 5.3.2.2 Permanenz und Rhythmus in der Digitali tät 161 5.3.2.3 Synergien zwischen digitaler und analoger Welt 165 5.3.2.4 Neue Organisa tions‑ und Kommunika tions formen 166 5.3.3 Die Neuen Kompetenzen des Digitalen Journalismus 170 5.3.3.1 Die kognitiv‑rezeptiven Kompetenzen 170 5.3.3.2 Die kommunikativen Kompetenzen 175 5.3.3.3 Die produk tio nellen Kompetenzen 183 5.3.4 Journalisti sche Effekte von Partizipa tion aus Experten sicht 189 5.3.4.1 Quali täts steigernde Effekte und andere Vor teile 190 5.3.4.2 Probleme und Grenzen der Partizipa tion 194 5.3.4.3 Ent wick lungs bedarfe im Dialog mit dem Publikum 200 5.3.4.4 Prognosen zur zukünfti gen Rolle des Publikums 202 6 Technisie rung, Automatisie rung und der Digitale Journalismus 207 6.1 Forschungs design: Konzep tion, Durch führung, Daten aufberei tung 211 6.1.1 Forschungs fragen 211 6.1.2 Beobach tung als Erhe bungs methode 212 6.1.3 Journalisti sches Handeln be obachten 213 9 inhalt 6.1.4 Stichprobe: Auswahl der Redak tionen und Beobach tungs personen 214 6.1.5 Beobach tungs instrument 215 6.1.6 Vor berei tungen der Beobach tung und Durch führung 218 6.1.7 Aus wertungen der Beobach tungs daten 219 6.2 Analyse ergeb nisse: Aus differenzie rung journalisti scher Berufsprofile 220 6.2.1 Beobach tung: Profile der Redakteure und Redak tionen 221 6.2.2 Hand lungs abläufe im journalisti schen Produk tions prozess 226 6.2.2.1 Recherche 226 6.2.2.2 Produk tion und Publika tion 234 6.2.2.3 Rezep tionen von Nutzer feedback 247 6.2.2.4 Planung – Organisa tion – Kommunika tion 253 6.3 Journalisten unter Beobach tung: Redaktio nelle Quali täts siche rung im Zeitalter der Digitalisie rung 259 7 Publikums vertrauen und Publikums bild: Befra gung und Vignetten analyse unter Journalisten und Bloggern 267 7.1 Eine Frage des Ver trauens 267 7.2 Methodi sches Vor gehen 268 7.3 Kontakt freudig, aber geringschätzig: Wie Journalisten ihrem Publikum gegen über stehen 276 7.3.1 Vignetten analyse zum Ver trauen in Nutzer botschaften (EF1) 276 7.3.2 Bild der Journalisten und Blogger vom partizipie ren den Publikum (EF2) 280 7.3.3 Einschät zung der Nutzer partizipa tion (EF3) 281 7.3.4 Umgang mit Nutzer partizipa tion (EF4) 283 7.4 Fazit 285 8 Facetten der Nutzer partizipa tion und partizipative Nutzer typen: Inhalts‑ und Netz werkanalyse aus gewählter partizipativ‑journalisti scher Formate 289 8.1 Nutzer partizipa tion: Fluch oder Segen? 289 8.2 Methodi sches Vor gehen 290 10 8.3 Ergeb nisse 294 8.3.1 Diskurs@DRadio: Debatten zum Thema Digitalisie rung 294 8.3.1.1 Inhalt und Themen der Kategorie „Politik“ von Diskurs@DRadio 295 8.3.1.2 Form und Qualität der Nutzer kommentare: Viel Meinung, viel Informa tion 296 8.3.2 ZDF log in: Nutzer liefern Statements für die Livesen dung 301 8.3.2.1 Inhalt und Themen von ZDF log in 302 8.3.2.2 Form und Qualität der Nutzer kommentare: Mehr Emotion als Informa tion 304 8.3.3 Spiegel Online-Forum: Nutzer unter sich 309 8.3.3.1 Ver lauf und Themen der Kommunika tion im Spiegel Online-Forum 310 8.3.3.2 Form und Qualität der Nutzer kommentare: Viel Nutzerinterak tion und Informa tion 312 8.3.4 DerWesten. de auf Twitter: Umschlagplatz für redaktio nelle Links 316 8.3.4.1 Ver lauf und Themen der Kommunika tion zu DerWesten. de auf Twitter 317 8.3.4.2 Form und Qualität der Nutzer tweets: Viel Informa tion, kaum Meinung 319 8.3.5 Typologie der Nutzer partizipativer Formate 325 8.4 Fazit 332 teil c 9 Posi tions bestim mung und Ent wick lungs potenziale des Digitalen Journalismus: Zusammen fassung und Hand lungs empfehlungen 341 9.1 Zusammen fassung der Ergeb nisse 342 9.1.1 Quantitative Inhalts analyse partizipativer Formen und Formate im Digitalen Journalismus 342 9.1.2 Qualitative Deskription der partizipativen Angebote auf aus gewählten journalisti schen Websites 344 9.1.3 Leitfaden gespräche mit Redak tions verantwort lichen 345 11 inhalt 9.1.4 Beobach tung von Handlun gen und Automatisie rungs tendenzen in Redak tionen 346 9.1.5 Vignetten analyse zum Ver trauen in Nutzer botschaften und Befra gung unter Journalisten und Bloggern 348 9.1.6 Inhalts‑ und Netz werkanalyse der Qualität von Nutzer kommentaren in partizipativen Formaten 350 9.2 Normative Implika tionen der Ergeb nisse 351 9.2.1 Demokratietheoretisch‑normative Konsequenzen 353 9.2.2 Funktional‑systemorientierte Konsequenzen 356 9.2.3 Nutzer bezogen‑hand lungs orientierte Konsequenzen 358 9.3 Fazit: Hand lungs empfeh lungen und Lösungs optionen für die Medien praxis 359 9.3.1 Schluss folge rungen und Hand lungs empfeh lungen 360 9.3.2 Aus blick 365 10 Literatur 369 teil D anhang Codebuch der quantitativen Inhalts analyse 391 Erhe bungs instrument zur Redak tions beobach tung 409 Fragebogen Vignettenanalyse 423 Codebuch Inhalts‑ und Netz werkanalyse 437 Teilstichprobe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote der quantitativen Inhalts analyse 452 Die Autoren 453 Danksagung 455 13 Vorwort Des herausgebers Die Durch drin gung privater und be ruflicher Lebens bereiche durch digitale Medien macht auch vor dem profes sio nellen Journalismus nicht halt. Die Bedin gungen des journalisti schen Arbeitens, die Generie rung von Inhalten und ebenso die Beziehung zu den Rezipienten sind von einschneiden den Umbrüchen ge kennzeichnet. Bereits in der LfM‑Studie „Journalisti sche Recherche im Internet“ (2008) konnte auf gezeigt werden, wie sich der journalisti sche Produk tions prozess durch die Nutzung von Online‑ Anwen dungen maß geblich ver ändert hat. Wenige Jahre später haben sich die techni‑ schen Möglich keiten jenseits des Einsatzes von Suchmaschinen weiter aus differenziert und die Automatisie rungs tendenzen einen noch zentrale ren Stellen wert ein genommen. An diesen Aspekt knüpft die vor liegende Studie der Landes anstalt für Medien Nord‑ rhein‑West falen (LfM) an, die die aktuellen Aus prägungen des digitalen Journalismus in der Breite in den Blick nimmt. Die an der Universität Hamburg unter der Projektleitung von Volker Lilienthal und Stephan Weichert angesiedelte Untersuchung fokussiert neben den techni schen Innova tionen insbesondere auf die Kommunika tion und Inter aktion zwischen Redak‑ tion und Nutzern. Dabei werden die Konsequenzen der Digitalisie rung des Journalismus für das Berufs feld selbst, aber auch für die öffent liche Meinungs bildung systematisch und detailliert analysiert. Mittels eines breit an gelegten Methoden designs liefert die Studie ein umfassen des Bild von unter schied lichen Formen und Quali täten der Nutzer partizipa tion und den damit ver bundenen Chancen sowie inhalt lichen und strukturellen Heraus forde rungen. Dabei wird deut lich, dass das Potential dieser neuen Ent wick lungen für die Pro‑ fessionalisie rung des Journalismus zwar hoch ist, jedoch nicht aus reichend anerkannt bzw. adäquat ge nutzt wird. Aus gehend von diesen Erkennt nissen können und müssen sowohl journalisti sche Quali täts standards um digitalspezifi sche Kriterien er weitert als auch – daran anlehnend – konkrete Hand lungs empfeh lungen für Redak tionen ge geben werden. Wir hoffen, mit der vor liegen den Studie für diesen Prozess hilf reiche Impulse geben zu können. Dr. Jürgen Brautmeier Prof. Dr. Werner Schwaderlapp Direktor der Landes anstalt Vorsitzender der für Medien NRW (LfM) Medienkommission der LfM teil a 17 1 einlei tung Am Sonntagmorgen des 23. März 2014 passierte etwas, das die Gemüter der Medien‑ branche er hitzte und das man normaler weise als den üblichen Schlagabtausch unter Journalisten* ver buchen würde: Harald Staun, Medien redakteur der Frank furter All- gemeinen Sonntags zeitung, hatte in der Kolumne „Die lieben Kollegen“ einen bissigen Kommentar über Stefan Plöchinger, den Chefredakteur von Süd deutsche. de, ver fasst. Staun verball hornte Plöchingers Ansinnen, in die Chefredak tion der ge druckten Süd- deutschen Zeitung aufzu rücken, mit den Worten: „Wobei ja vielleicht wirk lich nichts dagegen spricht, einen Internetexperten in die Führungs riege der Zeitung aufzu nehmen. Wäre es aber dann nicht sinn voll, auch einen Journalisten in die Chefredak tion von Süd deutsche. de zu holen?“ (Staun, 2014, S. 45). Die Resonanz folgte auf dem Fuße: Noch am gleichen Vor mittag solidarisierten sich etliche Internet‑User, darunter viele Journalisten, mit Plöchinger und twitterten unter dem Hashtag #hoodiejournalismus ihre Selbst porträts (Selfies) im Kapuzen‑ pulli – weil Plöchinger einige Tage zuvor in einem Zeit‑Artikel (vgl. Fichter, 2014) außerdem noch als „Kapuzen pulliträger“ ver unglimpft worden war. Innerhalb kurzer Zeit wurde der umgangs sprach lich als „Hoodie“ be zeichnete Kapuzen pullover zum Klei dungs stück der Stunde und zum Symbol für die Genera tion der Journalisten, die das Internet als ihren an gestammten Arbeits platz be trachten, sich in ihrer Berufs rolle als Internetexperten aber schon länger zu Journalisten zweiter Klasse ab qualifiziert fühlen. Das Resultat der Hoodie‑Debatte – Hunderte Solidari täts‑Tweets mit Kommen‑ taren und Selfies junger Journalistinnen und Journalisten – ließ sich bereits wenig später in einem eigenen Tumblr‑Blog be staunen.1 Plöchinger be dankte sich umgehend via Twitter aus dem Urlaub: „+++ Candystorm durch Kapuzen sturm ab gelöst +++ Journalisten‑Hoody dankt #oderso“. 1 journalisten-hoodies.tumblr. com/ [14. 04. 2014] abbilDung 1.1: tweet des Süd deutsche. de- chefredakteur stefan Plöchinger * Für den gesamten Forschungsbericht gilt: Wann immer wir lediglich männliche Formen (das sog. generische maskulinum) verwenden, sind Frauen jeweils mitgemeint. 18 War dies nun eine „über flüssige, weil unnötige Debatte? Oder ein Aus druck der anhalten den Graben kämpfe zwischen Print‑ und Onlinejournalisten?“, fragte der Branchen dienst Meedia (vgl. Meier, 2014, o. S.). Wer diese Debatte als Aus tausch von Eitel keiten und Befindlich keiten abtun wollte, ver kennt ihren Kern. Es geht dabei um mehr als nur eine Personalie: Es geht um die Ver teidi gung der journalisti schen Berufs‑ ehre und die Sorge um Geschäfts modelle. Es geht um einen Genera tionen konflikt und darum, wie Journalisten mit Technik und sozialen Netz werken umgehen sollen. Es geht um die Heraus forde rung, wie Redak tionen in einen Dialog mit ihren Usern treten und dadurch ihre Einwegkommunika tion auf brechen. Und es geht, im Ganzen gesehen, vor allem um respekt volle Umgangs formen unter Kollegen – und damit um die Gretchen frage, „ob Menschen in Kapuzen pulli echte Journalisten sein können“ (vgl. Wrusch, 2014, o. S.). Die Kontroverse um Plöchinger legt offen, dass es nach wie vor um den profes‑ sio nellen Stellen wert, aber auch den sozialen Status des Handwerks geht, das wir im Folgenden „Digitalen Journalismus“ nennen. Zwar tobt kein Kulturkampf mehr in den Redak tionen wie noch vor wenigen Jahren, doch hat die Twitter‑Solidarisie rungs‑ welle ge zeigt, dass immer noch ein „Riss durch deutsche Redak tionen“ (Ulrich & Wegner, 2014, o. S.) zu gehen scheint, wo der „Dünkel der Tradi tion“ einer „Arroganz des Fortschritts“ ent gegen stehe. Einer seits steht außer Zweifel, dass es im Journalismus Berüh rungs ängste mit der Digitali tät gibt, die ein durch aus unter schied liches Ver‑ ständnis hervor rufen, ob das, was da im Internet ent steht, über haupt unter seriösem Journalismus zu fassen ist. Anderer seits macht das deklamierte „Hoch auf den Hoodie“ deut lich, dass die jüngst ver spot teten Protagonisten der Digitalisie rung sich nicht mehr kleinmachen lassen wollen. 1.1 meDien unD Journalismus im strukturwanDel Zäsuren wie die Digitalisie rung lassen sich in der histori schen Ent wick lung des Jour‑ nalismus immer wieder be obachten: die Erfin dung der Schrift, des Buchdrucks, der Telegrafie, der industriellen Massen ferti gung ge druckter Medien, die Einfüh rung der elektroni schen Medien, be ginnend mit dem Radio, und, wie es hier vor geschlagen wird, die Digitalisie rung des Medien sektors können im Schumpeter’schen Sinn auch als Disrup tion be griffen werden, die das Innova tions geschehen im Journalismus massiv voran treibt, indem sie die Herstel lung von Öffentlich keit – und damit die Funk tions‑ weise des Systems Journalismus als gesell schaft licher Kontrollinstanz – auf eine voll‑ kommen neue Basis stellt. Jede der ge nannten Innova tionen hat sich als unumkehr‑ 19 1 einleitung bar er wiesen und führte zu einem massiven Strukturwandel der Öffentlich keit (vgl. Habermas, 1962), der stets Folgen für mediale Kommunika tions formen und Rezep‑ tions weisen hatte. Das gilt auch für die aktuell zu be obachten den Umwäl zungen des Journalismus – als kulturelle Praxis, als Agent der Öffentlich keit und als Profession. Dabei gab es stets und gibt es auch heute Befürch tungen, die sich an ver muteten Folgen für die Qualität des Journalismus festmachen. Was es hingegen auch gibt: Chancen für die qualitative Weiter entwick lung journalisti scher Arbeits‑ und Darstel‑ lungs weisen. Der Journalismus, seine Akteure und Produkte durch laufen einen tiefgreifen den Strukturwandel, der den Journalismus in historisch einmali ger Weise be flügelt – sowohl das journalisti sche Handwerk als auch die redak tio nellen Kommunika tions‑ und Produk tions praktiken, aber auch die journalisti sche Darstel lung sind von den Einflüssen der Digitalisie rung erfasst. Um sich weiter entwickeln zu können, müssen Journalisten grundlegend umdenken, vor allem im Hinblick auf die radikalisierte Konkurrenz und die forcierte Anspruchs haltung des Publikums, und sie müssen Bewährtes in eine neue, dialogisch orientierte Medien umwelt trans formie ren. Journalismus, also die Profession, die seit Jahrhunderten für die Beobach tung und Beschrei bung unserer Gesell schaft sorgt und von ihr lebt, ist also seit einigen Jahren konfrontiert mit gravie ren den kommunikativen, wirtschaft lichen, medien politi schen und technologi schen Heraus forde rungen. Zwar hat die Digitalisie rung fast aller Lebens‑ bereiche in vielen, aber noch längst nicht allen Medien häusern zu einem Umdenken ge führt, mancherorts auch zu einer grundlegen den Neujustie rung im Hinblick auf die eigene Zukunfts fähig keit – sei es im Hinblick auf die neuen Distribu tions wege auf mobilen Endgeräten, auf flexiblere Abläufe innerhalb der Redak tionen, auf stärker automatisierte Recherche‑ und Publika tions prozesse oder Experimente mit multimedia‑ len Darstel lungs formen. Doch zugleich hat der Strukturwandel Konsequenzen für den Journalisten beruf und das professio nelle Selbst verständnis: Was ist seine zukünftige Rolle auf digitalen Kommunika tions platt formen, auf denen er unmittel bar, ohne ein Regime von Frequenz‑ und Kanal vertei lung, mit un gezählten anderen Signalen und Botschaften kommerzieller, politi scher, institu tio neller und individueller Art konkurriert? Wie kann er in dieser Lage (noch) Relevanz ent falten und Wirkung zeiti gen? Was von seinen Tradi tionen (Informa tion und Recherche, Auf klärung und Kritik) kann er wie in die digitale Moderni tät retten? Was kann, was muss der Journalismus für demokrati sche Gesell‑ schaften leisten? Es wird nur gehen – um eine Hypothese unserer Unter suchung vor‑ wegzunehmen – über ein grundlegend neues Ver hältnis zum Publikum, über eine neue Dialogkultur, über die sogenannte Dialogisie rung. 20 Vielerorts nimmt im Journalismus die Akzeptanz, mindestens aber das lernende Interesse an den digitalen Möglich keiten tendenziell zu. Eine Ab wehrhal tung, wie sie noch vor wenigen Jahren in den meisten Zeitungs verlagen, aber auch in den öffent‑ lich‑recht lichen Rundfunkanstalten ver breitet war, gilt an gesichts der Dominanz des Netzes inzwischen als unzeit gemäß. Vielerorts herrscht im Nachrichten geschäft sogar eine positive Grundstim mung. Beschleuni gung und Dynamisie rung sind offen bar keine Kategorien mehr, vor denen sich Journalisten generell fürchten, sondern etwas, das ihren Beruf positiv be einflussen kann. Die Digitalisie rung wird in vielen Medien‑ häusern und Redak tionen inzwischen als Chance be griffen, die es zu er greifen gilt. Klar ist dabei auch, dass wir derzeit einen lang andauernden Prozess be obachten, der allen Beteiligten eine ge wisse Anpassungs fähig keit ab verlangt, und bei dem die Visibili‑ tät dessen, was am Ende der Ent wick lung stehen wird, derzeit noch gering ist. In dieser Hinsicht eine umfang reiche Bestands aufnahme zu leisten, ist zentrales An liegen der vor liegen den Unter suchung. Bei allem Pessimismus, den die meisten Debatten über die Zukunft des Journalis‑ mus häufig mit sich bringen, besteht kein Zweifel, dass der Einsatz digitaler Techno‑ lo gien (z. B. multimediale Formen der Darstel lung, cross mediale Ver wer tungs ketten) den Journalismus in seiner Reichweite und seinen handwerk lichen Möglich keiten generell be reichern kann (vgl. Witschke, 2012). Technik und Innova tion müssen im Journalismus demnach zusammen gedacht werden – das eine bedingt das andere, und nur durch Innova tions bemühungen wird Journalismus über lebens fähig bleiben. So ver weist auch die Berufs‑ und Ideengeschichte des Journalismus auf psychologi sche Merkmale, die – meist an getrieben durch bahnbrechende techni sche Erfin dungen – nicht nur von der Notwendig keit seiner steti gen eigenen Erneue rung zeugen, sondern auch von dem freien Willen ge trieben waren, sich den jeweili gen sozialen, ökonomi‑ schen und politi schen Notwendig keiten unter Beibehal tung seiner Prinzipien und Leitlinien anzu passen (vgl. Requate, 1995). 1.2 Der begriff Des Digitalen Journalismus Als Anfangs punkte dieser Neuperspektivie rung des Journalismus lassen sich einer seits der Start des World Wide Webs am 6. August 1991, anderer seits, in Deutschland, die Lancie rung der ersten journalisti schen Website, Spiegel Online, am 25. Oktober 1994 be nennen. Was damals seinen be scheidenen Anfang nahm (siehe Spiegel Online, 1996), hat seither eine rasante, durch Dynamisie rung und Vielfalt ge kennzeichnete Ent wick‑ lung ge nommen, sodass wir 20 Jahre nach dem Erscheinen der ersten journalisti schen 21 1 einleitung Präsenz im deutsch sprachigen WWW von einem vollwerti gen, eigenständi gen Digi talen Journalismus sprechen können. Diese Studie geht, auch vor dem Hinter grund der jüngsten Umwäl zungen im Journalismus durch das Social Web (vgl. Ebers bach u. a., 2008; Schmidt, 2011), der Generalfrage nach, welche qualitativen Folgen diese Ver‑ ände rungen für die Beschaffen heit der Profession er bracht haben. Im Jahr 2012 gab es in Deutschland nach Angaben des Deutschen Journalisten‑ Verbandes rund 72.500 haupt beruf liche Journalisten (vgl. Kaiser, 2012). Natürlich arbeiten nicht alle von ihnen in sogenannten Online‑Redak tionen, aber alle sind vom digitalen Medien wandel mehr oder weniger stark be troffen. Zu den größ ten Heraus‑ forde rungen für diese systemrelevante Berufs gruppe ge hören heute neben der viel‑ beschworenen „Krise des Quali täts journalismus“ auf grund ökonomi scher Knapp heit und Rationalisie rung, der Hegemonie von Gratis‑Erwar tungen auf Seiten des Publikums und der damit ver bundenen schleppen den Suche nach alternativen Geschäfts modellen (vgl. King, 2010; Kolo & Weichert, 2014) vor allem Anfech tungen durch die Kon‑ kurrenz neu ent standener „parajournalisti scher“ Inhalte im Internet (Gillmor, 2006): An gebote von Blogs, in Wikis und Video‑Portalen, die größtenteils von Nicht‑Jour‑ nalisten be trieben werden und mit journalisti schen An geboten im direkten Wettbewerb um die Auf merksam keit der Nutzer stehen. Hinzu kommt die Ab wendung junger Publikums schichten von tradi tio nellen journalisti schen Medien wie der ge druckten Zeitung oder dem linearen Programm fernsehen (vgl. Radke, 2009; Weichert & Kramp, 2009; Weichert u. a., 2009). Diese Ab wendung hat den Druck auf traditio nelle Medien‑ unternehmen erhöht, dem „digitalen Tsunami“ (Clasen, 2013) und den damit ver‑ bundenen disruptiven Ent wick lungen – wie in den USA – mit nach halti gem Innova‑ tions management zu be gegnen (vgl. Kramp & Weichert, 2012; Ruß‑Mohl, 2009). Die „Gesichter des Journalismus“ haben sich im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte unaufhör lich ver ändert (vgl. Zelizer, 2009): Soziale Netz werke, mobile Endgeräte und inter aktive Technologien haben neue journalisti sche Kommunika tions‑, Präsenta tions‑ und Recherchemöglich keiten geschaffen (vgl. Gynnild, 2013), die Gegen stand wissen‑ schaft licher Forschung waren und sind. Dabei prägt „Online‑Journalismus“ als um‑ gangs sprach licher Begriff noch immer die Debatte, sowohl die fachwissen schaft liche als auch die branchen interne, wenn von webbasierten Medien angeboten die Rede ist. Doch der Begriff ist eindimensional, gibt er doch im Grunde nur an, auf welchem Über tra gungs weg Journalismus statt findet. Im Gegen satz dazu präferie ren wir den Aus druck „Digitaler Journalismus“ (vgl. Anderson u. a., 2012; Jones & Salter, 2012). Das voran gestellte Eigenschafts wort signalisiert, dass sich der Journalismus als kulturelle Praxis insgesamt wandelt. Ver glichen mit dem herkömm lichen, dem „analogen“ Jour‑ nalismus von Presse, Hörfunk und Fernsehen bedingt und er möglicht die Digitali tät, 22 also ein techni sches Movens, eine Vielzahl neuer Chancen, aber auch Heraus forde‑ rungen. 20 Jahre nach dem Markt zutritt der ersten journalisti schen Website in Deutschland er scheint es daher gerecht fertigt, von einem „neuen Journalismus“ (Weichert, 2011) zu sprechen, der eine kontinuier liche Neuvermes sung seiner An gebote und Beziehungs‑ geflechte nicht nur recht fertigt, sondern unter dem Eindruck der Digitalisie rung auch er forder lich macht (vgl. Herbert, 2001; Neuberger u. a., 2009; Peters & Broersma, 2013). Denn die Digitali tät, ver bunden mit der neuen starken Rolle des teilhaben den, den Journalismus mitprägen den Publikums und dem neuen wettbewerbs stimulie ren den Einfluss von Social‑Media‑Umgebun gen (vgl. Lilienthal, 2013), ent faltet mittlerweile eine Dynamik mit unabseh baren Konsequenzen für den Journalismus im Besonde ren und für die Meinungs‑ und Willens bildung, mithin die politi sche Debatten kultur und Politik vermitt lung in unserer Gesell schaft, im Allgemeinen (vgl. Friedrichsen & Kohn, 2013; Weichert, 2014). Hinzu kommt, dass die techni sche Konvergenz der Medien die vormals separierten, „analogen“ Mediengat tungen auf digitalen Platt formen zusam‑ men führt, etwa in Form von Fernseh‑Mediatheken, Podcasts oder Zeitungs‑ und Zeitschriften‑Apps (Bucher u. a., 2010). Hieraus resultierende Konsequenzen dieser „Troubling Evolu tion of Journalism“ (Dahlgren, 2009, S. 146) ver stehen wir demnach mit Blick auf mögliche Heraus forde‑ rungen, insbesondere bei der Leis tungs erbrin gung des Journalismus für demokrati sche Gesell schaften und seine Funktion bei der Herstel lung einer kritischen Gegen öffentlich‑ keit, aber auch positiv mit Interesse an den offensicht lichen Chancen dieser technologie‑ und publikums getriebenen Ent wick lung. 1. Zunächst be deutet Digitaler Journalismus technisch nicht nur die ver änderte Ver‑ triebs‑ und Publika tions form auf Basis des Internets bzw. des World Wide Webs; infolge der Ent wick lung immer neuer miniaturisierter Endgeräte (Smartphones, Tablets) resultiert hieraus auch eine zeit‑ und orts souveräne Omnipräsenz der Medien nutzung und eine zeit liche Permanenz, die der journalisti schen Aktuali tät und damit ihren Akteuren einiges ab verlangt. Kürzere Ent wick lungs zyklen techni‑ scher Endgeräte und dynamisierte Publika tions prozesse haben in vielen Medien‑ häusern zu einem innova tion turn ge führt, der den Journalisten beruf auch techno‑ logisch‑publizistisch neu konturie ren hilft (vgl. Kramp & Weichert, 2012). 2. Digitaler Journalismus be deutet darüber hinaus neue Ressourcen und Techniken der (digitalen) Recherche. Innovative Spielarten wie der Daten journalismus ver‑ mögen große Mengen an z. B. sozialstatisti schen Rohdaten computer gestützt und vollautomatisiert auszu werten (Gray u. a., 2012). Der Daten journalismus erlaubt es interessierten Nutzern aber auch, ihre jeweils eigene Auswahl aus dem auf berei‑ 23 1 einleitung teten Material zu treffen bzw. ihre eigenen Geschichten in den Daten zu finden und die journalisti sche Aus wertung über haupt prüfend nach zuvollziehen. Dank Open Source ist somit eine radikale Quellentransparenz möglich. 3. Digitaler Journalismus kann eine konsequente Teilhabe des Publikums – wir nennen diesen Prozess „Dialogisie rung“ – in einem medien historisch gesehen revolutionären Ausmaß be deuten: von der Kommentie rung und Diskussion einzel‑ ner publizisti scher Beiträge über den Transfer von Argumenten in den journalisti‑ schen Produk tions prozess bis hin zur tatsäch lichen Mitwir kung der Nutzer bei Recherchen, der kollektiven Bearbei tung von Dokumenten oder bei der Fortschrei‑ bung journalisti scher Geschichten (vgl. Schmidt, 2011). 4. Digitaler Journalismus ist universaler Journalismus, weil die ihm im Web zur Ver‑ fügung stehen den Quellen tendenziell unend lich sind und weil er dank neu arti ger Möglich keiten der multimedialen Präsenta tion – vom Webvideo über die Slideshow bis zum Multimedia‑Dossier – journalisti sche Erkennt nisse nicht ver kürzen muss, sondern diese aus führ lich, vielfältig und auf eine für die jeweilige Ziel gruppe attraktive Weise darstellen und multimedial er zählen kann (vgl. Holzinger & Sturmer, 2010; Simons, 2011; Sturm, 2013). 5. Digitaler Journalismus ist – zusammen fassend ge sprochen – zugleich Zeuge und Akteur eines Epochen wechsels, der sich als digitaler Strukturwandel der Öffentlich‑ keit (Habermas, 1962; Weichert u. a., 2010) darstellt und sich mit dem Begriff der „digitalen Moderne“ (Kramp u. a., 2013) zeithistorisch fassen lässt: Mobile End geräte, innovative Technologien, be schleunigte Kommunika tions‑ und Publika‑ tions rhythmen, aber auch das Internet als öffent licher Diskurs‑ und Resonanzraum hinter lassen in jedem Winkel der Gesell schaft ihre Spuren, die etablierte Medien‑ häuser als Organisa tionen vor gravierende Heraus forde rungen stellen, vor allem wegen der zunehmenden Zersplitte rung in Teilöffentlich keiten im Hinblick auf den Zusammenhalt demokrati scher Gesellschafts ordnun gen (Habermas, 2007). Der Begriff „Digitaler Journalismus“ soll also einer seits aus drücken, dass es sich um eine neue Gestalt des Journalismus handelt, die inzwischen von techni schen Innova‑ tionen ge prägt, be schleunigt und in ihrer Weiter entwick lung an getrieben wird. In mehrfacher Weise bricht das Digitale mit dem Dagewesenen, insofern der darin auf‑ gehende Journalismus neuen Typs anderen Gesetzen, Ritualen und Normen ge horcht. Die reziproke Echtzeit kommunika tion auf digitalen Medien platt formen (vgl. Lewis u. a., 2013), multimediale Erzähl weisen und der ständige Aktualisie rungs zwang von Informa tionen zeichnen diesen Journalismus aus. Die ge nannten Faktoren eröffnen Medien häusern, aber auch Redakteuren und freien Journalisten alternative Möglich‑ keiten der journalisti schen Betäti gung. Dass die Digitalisie rung des Journalismus damit 24 nahezu revolutionäre Züge trägt, lässt sich vor allem am ver änderten Nutzungs verhalten des Publikums er kennen: Mobiltelefone, soziale Netz werke, Blogs, Video‑Communitys und andere Nutzungs optionen, die häufig nicht‑journalisti schen Ursp rungs sind, fordern die Profession als Ganzes heraus und zwingen sie dazu, ihren Platz – und ihre Berechti‑ gung – in den digitalen Um gebun gen zu finden. Auf der anderen Seite ist es nicht so, dass der Journalismus grundlegend neu er‑ funden würde: Es ist unstrittig, dass die Presse in Demokratien gegen wärtig und wahrschein lich auch in Zukunft die Aufgabe haben wird, Öffentlich keit herzu stellen und unter schied liche Meinun gen abzu bilden, um den politi schen Willens bil dungs pro‑ zess der Bürger in Gang zu halten (vgl. Fenton, 2011). Auch wenn sich die professionelle Berufs rolle und das Selbst verständnis von Journalisten als Kritik‑ und Kontrollagenten der politisch‑gesell schaft lichen Ver hält nisse vor allem durch die Inter aktions möglich‑ keiten weiter hin stetig wandeln (vgl. Anderson, 2013; Downie & Schudson, 2009; Rössing, 2013; Kovach & Rosenstiel, 2003), über nimmt Journalismus damit eine essenzielle Aufgabe im Dienste der Gesell schaft, indem er aktuelles, relevantes Wissen einem dispersen Publikum öffent lich zugäng lich macht (vgl. Maletzke, 1963; Mott & Casey, 1937; Rühl, 1980; Scholl & Weischen berg, 1998). Professio nelle Routinen wie die Recherche und Prüfung von Fakten, das adäquate Auf bereiten und Ver öffent lichen von Neuig keiten sowie die Interpreta tion und Analyse von Informa tionen be halten im digitalen Zeitalter nach wie vor ihre Relevanz – ob und in welcher Form diese Routinen als reformulierte Standards für die Funk tions rollen des Journalisten be stehen bleiben oder sich ver ändern, ist Gegen stand dieser Studie. Diese evolutionären Kontinui täten gilt es zu fokussie ren, wenn es im Folgenden um journalisti sche Qualität unter digitalen Vor zeichen geht. 1.3 erkenntnis interesse, gegen stanD unD aufbau Der unter suchung Unser wissen schaft liches Erkenntnis interesse fächert sich wie folgt auf: Wie ver ändern digitale Formen der Nutzer partizipa tion die journalisti schen Routinen? Gehen hiervon quali täts steigernde Effekte auf die Inhalte aus? Inwiefern nutzen Journalisten die Beiträge des Publikums – von schlichter Fehlerkorrektur über Themen wünsche und ‑hinweise bis zu eigenständi gen Artikeln oder Argumenten – in ihren eigenen profes‑ sio nellen Kommunikaten? Haben sich dafür neuartige Adap tions‑ und Produk tions‑ weisen heraus gebildet? Welche Rolle spielt schließ lich die technik getriebene Automatisie‑ rung? Was macht den neuen Journalismus unter digitalen Vor zeichen von seinem 25 1 einleitung Selbst verständnis her aus? Was kann und soll Journalismus – auch in Zukunft – für die demokrati sche Gesell schaft leisten? Dies soll auf den folgen den Seiten er forscht und reflektiert werden. Anstatt diesen Fragen in einer einzigen großen Erhebung nach zugehen, haben sich die Autorinnen und Autoren ent schieden, eine Bandbreite an Methoden einzu setzen, um die Vielfalt des Digitalen Journalismus und seine Ent wick lungs dynamik abzu bilden. Dabei setzen die Methoden an unter schied lichen Stellen im journalisti schen Kommunika tions prozess an (siehe Abbil dung 1.2) und be fassen sich mit den folgen den Themen: – Quantitative Inhalts analyse partizipativer Formen und Formate im Journalismus (Kapitel 3), – Deskrip tion aus gewählter journalisti scher Partizipa tions angebote (Kapitel 4), – Leitfaden gespräche mit Redak tions verantwort lichen (Kapitel 5), – Beobach tung von Handlun gen und Automatisie rungs tendenzen in Redak tionen (Kapitel 6), – Vignetten analyse zum Ver trauen von Journalisten und Bloggern in Nutzer botschaf‑ ten und Onlinebefra gung zur Nutzer partizipa tion (Kapitel 7), – Inhalts- und Netz werkanalyse der Qualität von Nutzer kommentaren in partizipativen Formaten (Kapitel 8). Aus der Summe dieser Einzel bausteine hoffen wir ein vielschichti ges Bild von dem ab leiten zu können, was Digitalisie rung für die Praxis von Quali täts journalismus be‑ deutet und ab sehbar be deuten wird. Den Konsequenzen der Digitalisie rung für die journalisti sche Qualität kommt in dieser Studie eine be sondere Bedeu tung zu. Deshalb werden die sechs methodi schen Bausteine in Kapitel 2 in einen theoreti schen Rahmen ein gebettet, der reflektiert, welche (positiven oder negativen) Impulse für journalisti sche Produk tions‑ und Rezep‑ tions weisen von der Digitalisie rung aus gehen. Dabei sind Nutzer partizipa tion, Automa‑ tisie rung und Spezialisie rung drei zentrale Schlagworte, mit denen jüngste Trends charakterisiert werden können und die unsere Studie auch theoretisch in den Blick nimmt. Soziale Communities, Blogs oder Foto‑ und Videoportale – innovative An gebots‑ formen und ‑formate des Social Web sind heute kaum noch aus der Medien nutzung wegzu denken, weder aus der mobilen noch der stationären. Ent sprechend haben pro‑ fessio nell‑journalisti sche Medien angebote reagiert und offerie ren inzwischen eben falls partizipative Möglich keiten auf ihren Websites oder deren Repräsentanzen, z. B. auf sozialen Netz werken, um ihre Nutzer aktiv in die Produk tion von Inhalten einzu‑ binden. Im ersten empiri schen Teilprojekt (Kapitel 3) werden mittels einer breit an ge‑ legten quantitativen Inhalts analyse partizipative Elemente auf journalisti schen Web sites 26 ab bi lD u n g 1. 2: m et ho di sc he b au st ei ne i m k on te xt d es d ig it al -j ou rn al is ti sc he n ko m m un ik a t io ns pr oz es se s 27 1 einleitung unter sucht. Die Inhalts analyse zeigt das Spektrum und die Praktiken der Nutzer‑ einbin dung auf journalisti schen Websites auf. Vor der Folie der ver änderten Quali täts‑ kriterien im Digitalen Journalismus stehen dabei vor allem das Ausmaß der Nutzer‑ partizipa tion und ferner der partizipative Einfluss auf die Qualität journalisti scher Inhalte im Mittelpunkt des Erkenntnis interesses. Die quantitative Inhalts analyse wird durch eine qualitative Beschrei bung (Kapitel 4) aus gewählter journalisti scher Websites ergänzt und ver tieft. Hierbei war es unsere Absicht, innovative Formen und Formate der Nutzer partizipa tion auf diesen Websites genauer zu be schreiben. Dazu wurden auf Basis der quantitativen Inhalts analyse und in Ab stim mung mit dem Sample für die Leitfaden interviews – siehe nächster Ab‑ schnitt – 15 digitale Medien aus gewählt. Aus schlag gebend für die Auswahl waren dabei quantitative (ver gleichs weise hohe Nutzer beteili gung in An gebot und Nutzung) und qualitative Aspekte der Partizipa tion (vor allem be sonders innovative Formen), um auf diese Weise das Unter suchungs ziel, be sonders einfalls reiche An gebote zu be schrei‑ ben, einzu lösen. Ferner sollten unterschiedliche Mediengattungen vertreten sein. Inhalt lich ergänzt und ver tieft wird die Status quo‑Beschrei bung der Inhalts‑ analysen durch Leitfaden gespräche mit 15 Redak tions verantwort lichen (Kapitel 5). Diese Teilstudie zielt auf eine qualitative Erhebung von Ab sichten, Hinter gründen, Einschät zungen, Ver tiefungen und Prognosen von Experten: Explizit geht es in den Gesprächen um die konzeptio nell‑publizisti sche Ver anke rung, aber auch um den Nutz‑ wert partizipativer An gebote innerhalb des journalisti schen Produk tions prozesses. Dabei kommen weniger quantitative als qualitative Aspekte der Nutzer partizipa tion – etwa auch der Innova tions gehalt oder der professio nelle Umgang mit User‑Kommentaren – zur Sprache: Die Experten gespräche geben insbesondere Auf schluss darüber, inwieweit die Nutzer einbin dung in den journalisti schen Produk tions prozess zukunfts fähig ist, in welche, möglicher weise auch problemati sche Richtung sich derartige Formate poten‑ ziell ent wickeln und wie partizipative Elemente von den Redak tionen konsequent auf gegriffen werden können, damit sie zur journalisti schen Quali täts siche rung oder ‑steige rung beitragen. Die Experten gespräche fokussie ren somit auf die redaktio nelle bzw. professio nelle Realität des Digitalen Journalismus der jeweili gen Medien angebote. Gefragt wurde nach Kommunika tions plänen und Management kompetenzen; es interes‑ sierten insbesondere die Chancen und Risiken der Einbet tung partizipativer Elemente in redaktio nelle Strukturen, Abläufe und Inhalte. Bestimmte Automatisie rungs tendenzen lassen sich in der journalisti schen Inhalte‑ Produk tion unter dem Einfluss techni scher Hilfs mittel (Hardware, Software) er kennen und auf sehr unter schied lichen Hand lungs ebenen in unter schied licher Intensi tät (nied‑ rig, mittel, hoch) be obachten, be schreiben und be werten. Die Beobach tungs studie 28 (Kapitel 6) zielt demnach auf journalisti sche Hand lungs prozesse ab. Dabei interessierten insbesondere Handlun gen und Hand lungs abläufe, die im redak tio nellen Arbeits alltag der aus gesuchten vier Redak tionen be obachtet werden können. Neben digital ge stützten Routinen und dem ge zielten Einsatz von Hard‑ und Software, z. B. bei der Recherche in sozialen Netz werken, wurde schwerpunkt mäßig unter sucht, inwiefern Automatisie‑ rungs prozesse in journalisti sche Handlun gen und Hand lungs abläufe integriert sind, vor allem im Hinblick auf redaktio nelle Produk tions abläufe und die Integra tion des Publikums. Unter sucht wurde auch, inwiefern diese Prozesse die Qualität journalisti‑ scher Arbeit be einflussen und inwiefern sich aus einem technisierten Arbeits kontext neue be schreib bare Anforde rungs profile für den profes sio nellen Journalismus ergeben. Katastrophen und krisen hafte Ereig nisse stellen den Journalismus vor be sondere Heraus forde rungen, was die Informa tions beschaf fung be trifft. Deshalb greifen Jour‑ nalisten und Blogger immer häufiger auf Informa tionen aus dem Social Web zurück. Im vor letzten Teilprojekt (Kapitel 7) geht es deshalb in einer Vignetten analyse um die Faktoren, die bei der Beurtei lung der Ver trauens würdig keit von Nutzer botschaften eine Rolle spielen. Darüber hinaus wird er mittelt, welches Bild Journalisten und Blogger von ihrem partizipie ren den Publikum haben und wie sie die Nutzer partizipa tion insgesamt einschätzen. Schließ lich werden auch Informa tionen über den konkreten Umgang mit partizipativen Nutzer botschaften ein geholt. Zur Beantwor tung dieser Fragen kommt eine webbasierte Befra gung unter journalisti schen Redak tionen und Blogs, die in sozialen Netz werken be sonders aktiv sind, zum Einsatz. Der letzte methodi sche Baustein (Kapitel 8) widmet sich dem konkreten Mehrwert, den Nutzer bei partizipativen Formaten in den Journalismus einbringen. Anhand von vier Fall beispielen werden ver schiedene Eigen schaften der Nutzer kommunika tion (Infor‑ ma tion, Emotion, Meinung, Inter aktion) quantitativ erfasst und deren Konsequenzen für die journalisti sche (Zusatz‑)Qualität heraus gearbeitet. Dabei kommen eine Inhalts‑ und eine Netz werkanalyse zum Einsatz. Die Ergeb nisse lassen auch Rückschlüsse auf ver schiedene Nutzer typen zu, von denen sich manche eher konstruktiv, andere eher destruktiv im Rahmen journalisti scher Partizipa tions formate be teili gen. Deshalb wird in diesem Teilprojekt zusätz lich mittels einer Cluster analyse eine Nutzer typologie entwickelt und es werden die ver schiedenen identifizierten Nutzer typen genauer be‑ schrieben. 29 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus In diesem Kapitel wird aus gelotet, in welcher Hinsicht und in welchen Bereichen sich die profes sio nellen Standards und Quali täts kriterien des Journalismus ver ändern. Diese Kriterien stellen die wissen schaft liche Brille dar, durch die der Journalismus unter digitalen Vor zeichen in den folgen den Kapiteln normativ in den Blick ge nommen werden soll. Das Kapitel gliedert sich in drei Teile: Im ersten Teil werden in Anleh nung an Klaus Arnolds (2009) Dimensionen journalisti scher Qualität traditio nelle Kriterien für guten Journalismus auf den Digitalen Journalismus über tragen. Der zweite Teil widmet sich neuen Quali täts kriterien, die ent weder grundlegende Innova tionen dar‑ stellen oder Aspekte, die im tradi tio nellen Journalismus eine unter geordnete Rolle ge spielt haben. Dort geht es auch um virulente Probleme des Journalismus unter digitalen Vor zeichen. Schließ lich wird im dritten Teil auf neue Formen und Berufs‑ profile im Digitalen Journalismus ein gegangen, die sich aus den digital ge triebenen Innova tionen im Jour nalismus (bislang) ergeben haben. 2.1 kontinui täten zwischen traDi tio nellem unD Digitalem Journalismus Im Folgenden soll, aus gehend von den Kriterien des klassi schen, prä‑digitalen Jour‑ nalismus, auf gezeigt werden, welche Quali täts kriterien unter digitalen Vor zeichen ihre Gültig keit be halten. Diese „tradi tio nellen“ Kriterien sind es, im Ver bund mit neueren Merkmalen (vgl. Kap. 2.2), die in den empiri schen Bausteinen dieser Studie zur Beurtei‑ lung neuer Formen der Nutzer partizipa tion, Automatisie rung und Spezialisie rung zum Einsatz kommen. Dabei wird auf den Ansatz von Klaus Arnold (2009) zurück gegriffen, der 1. demokratietheoretisch‑normative, 2. funktional‑systemtheoreti sche und 3. nutzer‑ bezogen‑hand lungs orientierte Aspekte von journalisti scher Qualität integriert hat. In der ersten Dimension geht es um die „fundamentalen Werte […] einer demokratisch‑ pluralisti schen Gesell schaft“, die etwa in Gesetzes normen oder profes sio nellen Ethik‑ kodizes ver ankert sind (Arnold, 2009, S. 185 f.). Die zweite Dimension widmet sich den notwendi gen Bedin gungen für die Erfül lung der wichtigsten Funktion des Systems Journalismus, die Gesell schaft mit „aktuellen, relevanten und faktischen Informa tionen“ zu ver sorgen (Arnold, 2009, S. 165). In der dritten, nutzer bezogen‑hand lungs orientierten 30 Dimension sind diejenigen Leistun gen des Journalismus zusammen gefasst, die für das Publikum in seiner Lebens welt relevant sind (Arnold, 2009, S. 201). In jeder dieser Dimensionen lassen sich mehrere Quali täts kriterien identifizie ren, die in der digitalisierten Medien welt ihre Gültig keit be halten. Die ge wählten Kriterien leiten sich einer seits aus der Relevanz im Digitalen Journalismus ab, anderer seits spielten bei der Auswahl auch pragmati sche Aspekte wie die empiri sche Messbar keit eine Rolle. 2.1.1 Demokratietheoretisch-normatiVe kriterien Kritik und Kontrolle Die Kritik- und Kontroll funk tion gehört zu den wichtigsten Auf gaben des Journalismus in demokrati schen Gesell schaften (vgl. Pürer, 2003, S. 407; Stöber, 2005). Dabei geht es um die „Unter rich tung der Öffentlich keit, Auf deckung von Miss ständen und Kom‑ mentie rung von Maßnahmen der politi schen und gesell schaft lichen Ent schei dungs‑ träger“ (Tonnemacher, 2003, S. 47). Im an gelsächsi schen Sprachraum wird der Journa‑ lismus auf grund dieser Funktion häufig als „Watchdog“ und „Muckraker“ be zeichnet (Jebril, 2013; Overholser & Jamieson, 2005; Requate, 1995, S. 33 ff., 44 ff.; Schudson, 1978). Welche Konsequenzen hat die Digitalisie rung der Kommunika tion für die Aus‑ übung der Kritik‑ und Kontroll funk tion des Journalismus? Auf Whist leblower‑ und Leaking‑Platt formen wie Wikileaks, Brussels Leaks oder Globa Leaks werden Informa‑ tionen anonym bereit gestellt, die ein kritisches Licht auf Politik und Wirtschaft werfen können (Rosen bach & Stark, 2011). Redak tionen wie DerWesten. de haben deshalb elektroni sche Briefkästen ein gerichtet, in denen regional relevante Informa tionen dieser Art hinter lassen werden können (Baetz, 2010). Auch Neugrün dungen wie das gemein‑ nützige Recherche‑Portal Correct!v machen sich diese Möglich keit des anonymen Teilens brisanter Informa tionen zunutze. Ein weiteres Beispiel ist, dass Journalisten über die sozialen Netz werke außer dem neue Quellen hinzu gewinnen: Bei Facebook, YouTube oder Twitter er halten sie Informa tionen, die woanders möglicher weise nicht zugäng lich sind. Bruns (2008), Hermida (2010) und Heinrich (2011) haben hervor‑ gehoben, dass Journalisten auf diese Quellen an gewiesen sind, um ein Bild von Ereig‑ nissen zu be kommen, das offi zielle Ver lautba rungen er gänzen oder unter Umständen auch konterkarie ren kann; ebenso ver weist Schmidt (2011, S. 136 ff., 2013, S. 43 ff.) auf den prakti schen Nutzen von Social Media als Recherche‑ und Informa tions‑ ressource. Allerdings stellt die Digitalisie rung Journalisten beim Informanten schutz 31 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus vor be sondere Heraus forde rungen, wie der Skandal um den US‑Geheimdienst NSA ge zeigt hat (Rosen bach & Stark, 2014). Glaubwürdig keit Glaubwürdig keit ist die wichtigste Währung journalisti scher Medien. Die journalisti‑ sche Glaubwürdig keit hängt eng mit dem Sach verstand und der Integri tät eines Kom‑ mu nikators zusammen (Wirth, 1999, S. 58 ff.). Bucher leitet daraus die Maxime ab: „Sage nichts, was nicht wahr ist oder wofür es keine Beweise gibt“ (Bucher, 2003, S. 24). Dazu gehört auch, mit un vermeid lichen „Wahr heits beeinträchti gungen“ trans‑ parent umzu gehen (Pött ker, 2000, S. 384) und der Unter wande rung des Journalismus durch interessen geleitete Informa tionen zu wider stehen (Lilienthal, 2011; Netz werk Recherche & Schnedler, 2011). Ohne Glaubwürdig keit wird der Journalismus nicht zuletzt als Kritik‑ und Kontrollinstanz nicht mehr ernst ge nommen (Donsbach u. a., 2009). Wie steht es nun um die Glaubwürdig keit des Journalismus unter digitalen Vor‑ zeichen? Hier gelten zunächst dieselben Grundsätze wie im tradi tio nellen Journalismus: Eine ver bürgte Nachrichten gebung sorgt ebenso für Ver trauen wie die Einhal tung des Grundsatzes der Trennung von Redak tion und Werbung. Auch können etablierte Medien marken, denen schon in der analogen Medien umwelt Ver trauen ent gegen‑ gebracht wurde, von ihrem Renommee, diesem symboli schen Kapital, bis auf Weiteres auch in der digitalen Welt profitie ren. Allerdings ist Ver trauen dort auch ungleich schneller ver spielt: Journalisti sche Fehl leis tungen werden von der Netzgemeinde rasch ent deckt und massen haft skandalisiert. Wer eben noch als publizisti scher „Leucht turm“ in einem Meer des Falschen und Belang losen galt, kann im nächsten Moment in einen „Shits torm“ geraten. So ver standen ist Quali täts siche rung im Digitalen Journalismus auch eine Vor‑ kehrung, um das knappe Gut „Ver trauen“ zum Vorteil des eigenen Digitalmediums zu er halten. Glaubwürdig keit wächst im Digitalen Journalismus zudem stärker als bisher auch aus der Ressource Mensch und ihrem digital be obacht baren Ver halten in der Berufs rolle: Journalisten, die mit ihrem eigenen Namen und Konterfei für ihre Produkte einstehen, die sich der Kritik stellen und die den Dialog mit dem Publikum konsequent annehmen, werden wahrschein lich eher als glaubwürdig gelten als solche, die ihre Identität ver bergen und auf Feedback mit Schweigen reagie ren. Das alles gilt übrigens nicht nur für professio nelle Journalisten, sondern auch für Blogger, die mit ihrem Namen, mit Fachkunde und Engagement für etwas einstehen und sich damit das Ver trauen der Netzgemeinde publizistisch erarbeiten. 32 Richtig keit Betrachtet man Journalismus als eine von vielen Möglich keiten, die Wirklich keit zu be schreiben, wird der Begriff der „Objektivi tät“ problematisch (Weischen berg, 1995). Rager bevor zugt deshalb im Zusammen hang mit der inter subjektiven Über prüf bar keit journalisti scher Aus sagen den Begriff der „Richtig keit“ (Rager, 1994): Richtige Aus sagen sind demnach solche, die sich nach empiri scher Über prüfung als zutreffende Wieder‑ gaben der inter subjektiv zugäng lichen Wirklich keit er weisen. Die gründ liche Recherche und Gegen recherche seien in diesem Zusammen hang die wichtigsten journalisti schen Quali täts routinen. Auch Wyss u. a. (2012, S. 116) betonen, die Recherche dürfe im Internet zeitalter „keine lästige Pflicht sein, sondern handwerk liche Notwendig keit und Chance, sich von anderen Medien abzu grenzen“. Die Digitalisie rung hat auch im Hinblick auf die Richtig keit ambivalente Folgen. Einer seits ist die Fakten recherche heute, an gesichts der Vielfalt der ver fügbaren Informa‑ tionen im World Wide Web, für jedermann problem los möglich. Anderer seits sieht sich gerade der tagesaktuelle Nachrichten journalismus durch den Aktuali täts zwang (siehe Kap. 1.1.2) so sehr unter Druck gesetzt, dass häufig die Über prüfung einfacher Tatsachen behaup tungen unter bleibt. Eine Beobach tungs studie von Machill u. a. (2008) ergab, dass recherchierende Journalisten im Durch schnitt nicht mehr als zwei Minuten am Tag für den Fakten check auf wenden. Außerdem wird fast aus schließ lich die Suchmaschine Google zur Internetrecherche ver wendet. Dabei gibt es längst an spruchs‑ vollere Methoden für die internetbasierte Recherche (Gray u. a., 2012; Schiffe res u. a., 2012). Sachlich keit Anstelle des von Arnold vor geschlagenen Kriteriums der Aus gewogen heit (Arnold, 2009, S. 195 f.) wird hier das Kriterium der Sachlich keit vor geschlagen (vgl. Hagen, 1995)2. Unter Sachlich keit ver stehen wir das Gegen teil von Emotionalisie rung und Dramatisie rung (Reineck, 2014). Sachlicher Journalismus be richtet die Fakten und über lässt die Meinungs bildung dem Publikum. Er gilt als ein Kriterium, mit dem sogenannte Quali täts medien von sogenannten Boulevardmedien abzu grenzen sind (Uribe & Gunter, 2007). 2 Sachlich keit ist frei lich kein un bedingter Gegen satz zu aus gewogen heit. Vielmehr kann die sach liche und möglichst vollständige Darstel lung unter schied licher einschät zungen zu einem Sach verhalt im Resultat die inhalt liche aus gewogen heit eines journalisti schen beitrags oder eines an gebots im Ganzen be deuten. Die medien bleiben jedoch frei, ihre tendenz entschei dungen zu treffen und jeweils wertende akzente zu setzen. Das bundes verfassungs gericht hat in seinem dritten rundfunkurteil von 1981 mit bezug auf privatrecht- liche rundfunk veranstalter zutreffend formuliert: „bei einem ‚außen pluralisti schen‘ modell obliegt den einzelnen Ver anstaltern keine aus gewogen heit; doch bleiben sie zu sach gemäßer, umfassen der und wahr heits gemäßer informa tion und einem mindestmaß an gegen seiti ger achtung ver pflichtet.“ (bVerfGe 57, 295 vom 16. 6. 1981) 33 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus In der digitalen Medien welt ist die Sachlich keit vor allem dadurch ge fährdet, dass die an geblich geringe Auf merksam keits spanne der Nutzer die Journalisten zu spekula‑ tiven Thesen und plakativen Schlagzeilen ver leitet. Vor allem Facebook, YouTube und Twitter tragen zur Zuspit zung journalisti scher Botschaften bei, weil journalisti sche Inhalte gerade im Internet noch stärker als bisher mit nicht‑journalisti schen Informa‑ tionen und reinen Unter hal tungs angeboten um die Auf merksam keit konkurrie ren. Vor allem an gesichts der Extremposi tionen und der starken Emotionalisie rung, von denen Online diskussionen wie die sogenannte #auf schrei‑Debatte um Sexismus im Alltag (Caspari, 2014, Lilienthal, 2013) häufig be stimmt sind, könnten journalisti sche An‑ gebote als Anlaufstellen in der digitalen Welt an Bedeu tung gewinnen, bei denen tatsäch lich sach lich informiert wird. 2.1.2 funktional-systemorientierte kriterien Vielfalt Ein Mindestmaß an journalisti scher Vielfalt ist notwendig, um über haupt von einem demokratischen Medien system sprechen zu können. Strukturell meint Vielfalt möglichst ver schieden artige Programm sparten und ‑formen, inhalt lich eine möglichst große Bandbreite an Themen und Akteuren (Schatz & Schulz, 1992, S. 693 ff.). Während Binnen pluralismus auf die innere Vielfalt eines Medien angebotes ab stellt (z. B. ver‑ schie dene Darstel lungs formen und Themen), be zeichnet Außen pluralismus die Vielfalt im gesamten Medien system, also über alle Medien angebote hinweg (McQuail, 1992, S. 145 f.). Die Digitalisie rung hat zunächst einmal zu einer großen Vielzahl journalisti scher Medien angebote ge führt, von denen viele kosten los für jeden Nutzer einseh bar sind. Der Bürger kann sich relativ schnell über eine Vielzahl unter schied licher Themen und Akteure kundig machen (Neuberger, 2008). Hinzu kommen funktional äquivalente Kommunika tions genres, die dem Journalismus seine Rolle als Gatekeeper für kriti‑ sche Meinungs äuße rungen streitig machen, z. B. Blogs und soziale Medien, wenn gleich viele Themen auf gegriffen werden, die von journalisti schen Medien gesetzt wurden (vgl. z. B. Buhl, 2014). Einzelne Nachrichten websites er reichen an einem Tag jedoch selten die Binnen vielfalt einer Zeitungs ausgabe (Dogruel u. a., 2010). Auch ob diese Vielfalt tatsäch lich von Nutzern wahrgenommen wird, darf be zweifelt werden (Napoli, 1997). In diesem Zusammen hang wird es zunehmend als journalisti sche Aufgabe be‑ trachtet, der zunehmen den Fragmentarisie rung ent gegen zuwirken (Neuberger, 2009, S. 20). 34 Relevanz Journalismus ver sorgt sein Publikum mit Informa tionen, die gesell schaft liche Relevanz be sitzen. Systemtheoretisch gesehen ist es diese Selek tions leis tung, die das Funk tions‑ system Journalismus in erster Linie für die Gesell schaft über nimmt (Kohring, 2010). Seit Schatz und Schulz (1992, S. 696 f.) hat es sich ein gebürgert, Relevanz analog zur Nachrichten wert theorie zu interpretie ren, der zufolge Nachrichten auf der Grundlage be stimmter Merkmale für ver öffentlichens wert ge halten werden (z. B. kulturelle Nähe, Prominenz usw.). Wyss hat außerdem darauf auf merksam ge macht, dass Relevanz auch davon ab hängig ist, an welcher Anspruchs gruppe sich der Journalismus orientiert (Wyss, 2002, S. 133 ff.). Führt die Digitalisie rung zu einer Ver ände rung der Relevanz zuschrei bungen? Es wird be fürchtet, dass der Digitale Journalismus der Boulevardisie rung des Journalismus Vor schub leistet, also zu einer Bevor zugung von „soft“ gegen über „hard news“ (Scott, 2005). Man könnte auch von einer Ver lage rung, weg von kommunikatorzentrierter hin zu publikumsorientierter Relevanz sprechen. Beiler (2013) hat zudem auf die Problematik von Automatisie rungs tendenzen im Internet hin gewiesen (vgl. Kap. 6), die zu einer Ver schie bung der Relevanz zuschrei bungen im Journalismus führen können, konkret ge sprochen: Algorithmen von Nachrichten suchmaschinen wählen Themen und Beiträge anders aus und führen so zu einem anderen journalisti schen Agenda Setting als journalisti sche Nachrichten werte. Gleiches gilt für soziale Netz werke wie Facebook, bei denen Botschaften eben falls auf der Grundlage eines Algorithmus sortiert werden: Der Edge Rank‑Algorithmus von Facebook sortiert Facebook‑Botschaften und ordnet sie dem Fenster Top News zu – dabei spielen vor allem Inter aktions häufig keit, Art der Bezugnahme und Aktuali tät der Botschaft eine Rolle; nur ein Bruchteil der an jemanden adressierten Botschaften landen in den Top News (Bucher, 2012). Aktuali tät Aktuali tät spielt im Nachrichten journalismus eine maß gebliche Rolle. Der Zeitungs‑ wissen schaftler Dovifat sah in der Aktuali tät ein Wesens merkmal der Zeitung, die „jüngstes Gegen warts geschehen“ zu ver mitteln habe (Dovifat, 1955, S. 6). Merten hat darauf hin gewiesen, dass zur Aktuali tät nicht nur ein zeit liches, sondern auch ein sinn haftes Moment gehört (Merten, 1973, S. 216 f.). Aktuell ist demnach nicht nur, was vor möglichst kurzer Zeit geschehen ist. Aus den unzähli gen Dingen, die sich fort während ereignen, ist nur das für einen Menschen aktuell, was für ihn von Bedeu‑ tung ist. Insofern sind die beiden Quali täts kriterien der Aktuali tät und der Relevanz eng miteinander ver zahnt (Ruß‑Mohl, 1992, S. 86). 35 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus In der digitalen Welt kann die Aktuali tät zu einer Ver nachlässi gung der Sorgfalt führen. Die Devise der US‑Nachrichten agentur UPI „Get it first, but first get it right“ wird mitunter um gekehrt (vgl. Meier, 2003, S. 253), wenn Redak tionen sich darum bemühen, eine Nachricht baldmöglichst zu ver öffent lichen, ohne dass die notwendige Gegen recherche erfolgt. Nutzer er warten vom Digitalen Journalismus eine be sonders aktuelle Berichterstat tung. Bei dem Microblogging‑Dienst Twitter beispiels weise er‑ reichen journalisti sche Meldun gen innerhalb der ersten vier Stunden ihrer Ver öffent‑ lichung die meiste Resonanz (Keyling u. a., 2013). Das führt unter anderem dazu, dass Journalismus sich heute nicht mehr in einer ab geschlossenen Produkt form – die fertige Zeitung, die fertige Sendung –, sondern idealer weise als ein liquider, sich selbst aktuali‑ sie ren der Prozess darstellt (vgl. Deuze, 2006; Weichert, 2011). 2.1.3 nutzer bezogen-hanD lungs orientierte kriterien Informa tions bedürfnis3 Die Informa tionsfunk tion stellt die „zentrale Leistung der Massen medien“ dar (Burkart, 1998, S. 396), insbesondere des Journalismus. Als pragmati sche Defini tion bietet sich in diesem Zusammen hang jene von Prakke an, der Informa tion be schrieben hat als „Kommunika tion von Inhalten, die dem Rezipienten vor der Rezep tion nicht bekannt waren“ (Prakke, 1968, S. 156). Zugleich dient die Informa tions funk tion als Grundlage journalisti scher Quali täts kriterien, etwa der Vollständig keit, Objektivi tät oder der Ver ständlich keit (vgl. Wilden mann & Kaltefleiter, 1965, S. 15 ff.). Darüber hinaus ist Informa tion auch ein ge nuines Bedürfnis von Medien nutzern (vgl. Merten, 1999, S. 305), wie Uses‑and‑Gratifica tions‑Studien von Anfang an zeigen konnten (vgl. etwa Katz u. a., 1973), deshalb sprechen wir von Informa tions bedürfnis. In der digitalen Medien welt ist Informa tion keines wegs ein knappes Gut. Nutzer er halten sie nicht nur von journalisti schen Websites, sondern auch auf der Seite ihres E‑Mail‑Anbieters, in sozialen Netz werken oder auf Videoplatt formen. Doch um glaub‑ würdige, weil ge prüfte, vielfältige und relevante Informa tionen zu er halten, dafür sind journalisti sche An gebote immer noch für viele Menschen die Anlaufstelle der Wahl. Das lässt sich anhand des größeren Ver trauens belegen, das dem Journalismus im Ver‑ gleich zu funktionalen Äquivalenten wie Blogs ent gegen gebracht wird (vgl. Neuberger u. a., 2009, S. 276). Allerdings er halten Unter hal tungs themen im Social Web mehr Resonanz als informative (vgl. z. B. Blecken, 2014). 3 informa tion wurde den nutzer bezogenen kriterien zu geordnet, weil es aus der Uses-and-Gratifica tions-Forschung ab geleitet wurde. 36 Unter hal tungs bedürfnis Unterhal tung gehört zu den mensch lichen Grundbedürf nissen (vgl. Vorderer, 2001). Wie Klaus heraus gestellt hat, be schränkt sich das Unter hal tungs bedürfnis keines wegs auf explizite Unter hal tungs formate, sondern es wird durch aus auch mit journalisti schen Medien angeboten be friedigt (Klaus, 1996; Scholl u. a., 2007). Uses‑and‑Gratifica tions‑ Studien haben auf die Wichtig keit dieses Kriteriums hin gewiesen (Katz u. a., 1973), und die Bedeu tung der Unter haltung hat sich auch in der Forschung zur Internetnut‑ zung be stätigt (vgl. Papacharissi & Rubin, 2000). Arnold ver steht Unter haltung vor allem als „eine Motiva tion, um journalisti sche Informa tionen zu rezipie ren“ (Arnold, 2009, S. 221). So gesehen kann journalistisch er zeugte Unter haltsam keit zur nach halti‑ gen Informa tions vermitt lung und Meinungs bildung in einer von Journalisten inten‑ dierten Richtung beitragen. Unter digitalen Vor zeichen gewinnt das Unter hal tungs bedürfnis insofern an Bedeu‑ tung, als Nutzer nicht mehr passiv sind, sondern ge wünschte Inhalte intuitiv über Suchmasken ein geben können oder sogar spielerisch in An gebote ein gebunden werden – Stichworte Gamifica tion und Ludifica tion. Weil sie die Wahl haben, welche Beiträge sie ge zielt abrufen, fällt diese Wahl nicht selten auf Inhalte, die einen hohen Unter‑ hal tungs wert ver sprechen. Der Anteil an der deutschen Bevölke rung, der das Internet zur reinen Unter haltung nutzt, hat sich seit 2000 mehr als ver dreifacht (Busemann & Engel, 2012, S. 135). Dies könnte (lang fristig) zu einer Trivialisie rung der Informa tion führen, um diesen ver muteten Publikums bedürf nissen zu ent sprechen (Sadrozinski, 2010). In den sozialen Netz werken er zeugen beispiels weise Nachrichten oder Debatten über politi sche Persönlich keiten und Skandale (auch sog. Shits torms) schon heute eine höhere Resonanz bei den Nutzern als reine Sachthemen (vgl. Aus serhofer & Maireder, 2013; Burgess & Bruns, 2012; Weichert, 2014). Nutz wert Nutzer er warten von journalisti schen Medien, dass sie ihnen Orientie rung im Alltag bieten. Ratgeber journalismus gewinnt an Bedeu tung (Eickel kamp & Seitz, 2013; Weischen berg et al., 2006, S. 280 ff.). Haller definiert Nutz wert als die „persön liche Ver wert bar keit von Informa tionen“ (Haller, 2003, S. 190). Arnold nennt die Anwend‑ bar keit in unmittel barem Zusammen hang mit der Zielgröße „dialogorientierter Jour‑ nalismus“ (Arnold, 2009, S. 466). Auch wenn Arnolds Habilita tions schrift noch stark der (ge druckten) Zeitung ver haftet war, prognostizierte er mit diesem Begriff doch genau das, was sich nun im Digitalen Journalismus ent wickelt hat und sich unter dem Paradigma des „Reciprocal Journalism“ (Lewis u. a., 2013) derzeit weiter entwickelt. 37 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus Digitaler Journalismus organisiert genau diesen Dialog über lebens welt liche Bezüge. Die ge botenen Informa tionen werden aber auch von Nutzern, basierend auf deren Erfah rungen, an gereichert, sie werden kritisiert und komplettiert (Braun & Gillespie, 2011). Die Diskussion solcher Fragen in Foren ist dafür nur ein Beispiel. Problematisch ist im Internet die häufige Ver mischung von Nutz wert‑Beiträgen mit Produkt werbung. Während es für die Kennzeich nung von Werbebot schaften etablierte Standards in der Offline‑Welt gibt, können sich Onlineangebote im Internet über solche Standards hinweg setzen und PR‑ und Werbebot schaften im Gewand von Nutz wertbeiträgen ver breiten. Hinzu kommt die Gefahr, dass unabhängige Platt formen unter wandert werden, wie das Beispiel Wikipedia, wo etwa PR‑Agenturen regelmäßig Einträge für Unter nehmen oder Einzelpersonen manipulie ren, zeigt (Stegbauer & Bauer, 2010). Ver ständlich keit Informa tionen nutzen Rezipienten nichts, wenn sie nicht ver ständ lich formuliert sind. Daher hat sich auch die Verständlich keit als am Medien nutzer orientiertes Quali täts‑ kriterium in der Forschung etabliert. Hagen hat diesen Faktor in die Quali täts debatte ein geführt (vgl. Hagen, 1995). Das sprachwissen schaft liche Hamburger Ver ständlich‑ keits modell definiert Ver ständlich keit als eine Mischung aus Einfach heit, Gliede rung/ Ordnung, Kürze/Prägnanz und anregen den Zusätzen (vgl. Langer u. a., 2002). Die Digitalisie rung des Journalismus birgt, wie bereits er läutert, die Gefahr, dass Texte ver knappt, Hinter grundinforma tionen ver nachlässigt werden. Dossiers können allerdings helfen, diese Defizite wettzumachen, indem sie die fragmentierten Informa‑ tionen zusammen führen und damit Nutzern helfen, komplexe Zusammen hänge zu be greifen. Im Social Web und auch in Online‑Kommentaren er halten Nutzer bisweilen auch Zusatzinforma tionen, Erläute rungen und Einord nungen, die der Digitale Jour‑ nalismus in dieser Aus führlich keit nicht zur Ver fügung stellt (Maireder, 2011). In dieser Hinsicht kann Publikumspartizipa tion auch zur Ver ständlich keit von Journalis‑ mus beitragen. Zum Handwerk des Digitalen Journalisten ge hören auch die neuen Formen des digitalen Storytellings (Eick, 2014; Sturm, 2013; Heijnk, 2013; Haller, 2013; Schumacher, 2009), also innovative Erzähl weisen und Darstel lungs formen, die auf den techni schen Möglich keiten der Multimediali tät und Inter aktivi tät basieren und die für eine Ver‑ ständlich keit sorgen können, die aus digital inszenierter Anschaulich keit wächst. Dabei geht es nicht nur um die reine Ver knüp fung von Text, Ton und Bild bzw. Bewegt‑ bild, sondern im Idealfall um eine weiter entwickelte Typologie digitaler Darstel lungs‑ konzepte, die das bisherige analoge An gebots spektrum wesent lich er weitern: Sturm (2013, S. 89 ff.) beispiels weise unter scheidet in seiner Nomen klatur nach medium‑ und 38 funk tions orientierten Darstel lungs formen, von der Audio‑Slideshow über die Multi‑ media‑Reportage bis hin zu daten journalisti schen Gesamt kunst werken, etwa inter aktive Live‑Karten wie den preis gekrönten Zugmonitor der Süd deutschen Zeitung, in denen Nutzer ihre eigenen Geschichten finden können (Sturm 2013, S. 124 f.). 2.2 neue massstäbe unD Probleme im Digitalen Journalismus Nachdem be sprochen wurde, wie sich traditio nelle Quali täts kriterien auch im digitalen Kontext als relevant er weisen, soll nun auf gezeigt werden, welche zusätz lichen Ver‑ ände rungen sich durch die Digitalisie rung des Journalismus ergeben haben und welche Konsequenzen das für seine spezifi sche Qualität hat. In der Ver gangen heit hatte der Journalismus ein weit gehendes Informa tions‑ monopol. Zugleich wurde Journalisten vor geworfen, die in der Gesell schaft ver brei teten Meinun gen nicht an gemessen zu repräsentie ren (Donsbach, 1982; Köcher, 1985). Durch die inter aktiven Möglich keiten des World Wide Web erhält der Journalismus heute die Möglich keit, das Publikum in einem nie dagewesenen Maße in die eigene Arbeit einzu binden (Hansen, 2012). Durch die Artikula tions möglich keit des Publikums büßt er aber auch zunehmend Teile seines Informa tions‑ und Deutungs monopols ein, u. a. weil er – bedingt durch die techni sche Ent wick lung und deren Adaption seitens des Publikums – unfreiwillig seine Rolle als alleiniger Gatekeeper ver liert (vgl. Bruns, 2005). Neben etablierten Formen der Publikums einbin dung wie dem Online‑Kom mentar oder Foren kommen neue Formen hinzu, beispiels weise Möglich keiten der Anschluss‑ kommunika tion durch Weiter leitung, Bewer tung oder Empfeh lung journalisti scher Beiträge. Hinzu kommen Möglich keiten, sich zu artikulie ren oder zu diskutie ren, z. B. auf Social‑Media‑Platt formen oder durch die Einbin dung in Crowdsourcing‑Aktionen4 (vgl. Howe, 2008; Kramp u. a., 2011). Nutzer artikula tion und ‑partizipa tion scheinen sich zu neuen Quali täts kriterien in der digitalen Welt zu ent wickeln (vgl. Loosen & Schmidt, 2012; Loosen u. a., 2013), was sich übrigens nicht nur im Jour nalismus, son‑ dern auch in Politik und Wirtschaft ab zeichnet (vgl. Friedrichsen & Kohn, 2013). Über die Artikula tions funk tion im Digitalen Journalismus hinaus gewinnt die Dialogorientie rung – wir nennen es Dialogisie rung – und Inter aktion unter digitalen Vor zeichen an Bedeu tung. War ein Aus tausch zwischen Rezipienten und Kommuni‑ 4 Unter „crowdsourcing“ ver steht man die Zuliefe rung von informa tionen durch ein disperses publikum und die an schließende bünde- lung und präsenta tion durch den Journalismus (muthukumaras wamy, 2010). ein beispiel dafür war der vom Guardian ausg ewer tete Skandal um die aus gaben britischer parlaments abgeordneter (Daniel & Flew, 2010). 39 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus katoren in der klassi schen Medien welt auf Leserbriefe oder Live‑Anrufe be schränkt, nimmt die Diskursivi tät, die auch im tradi tio nellen Journalismus eine Rolle spielte (Brosda, 2008), im digital ver mittelten Journalismus zu. Allerdings kommt Sehl (2013) zu dem Schluss, dass beispiels weise Lokal redak tionen das diskursive Potenzial im Digitalen Journalismus kaum aus schöpfen. Und auch dort, wo Bürger selbst verantwort‑ lich und ohne Bezug zum profes sio nellen Journalismus be richten können, lässt die Qualität laut Engesser (2013) zu wünschen übrig. Gerade im Social Web (Bumgarner, 2007; Raacke & Bonds‑Raacke, 2008) spielt die Inter aktion als Nutzungs motiv eine wichtige Rolle. Der Journalismus sollte sich darum bemühen, diese diskursive Energie auch in Richtung eines Diskurses über aktuelle Themen von gesell schaft licher Relevanz zu kanalisie ren. Für den Journalismus wird es in den digitalen Um gebun gen darüber hinaus zu einer Über lebens frage, ob und wie seine Inhalte ge funden werden können. Gerade weil vielfach Suchmaschinen ge nutzt werden, um nach Informa tionen zu suchen, ist die Auffind bar keit ein neues Kriterium, dem journalisti sche Redak tionen mit den Mitteln der Suchmaschinen optimie rung gerecht zu werden ver suchen, ein Thema, das inzwischen auch die Medien regulie rung als relevant erkannt hat (vgl. Fuchs, 2012). Neben Suchmaschinen etablie ren sich Applika tionen für die Aggrega tion von Nach‑ richten auf Mobiltelefonen, und auch im Social Web werden Nachrichten auf der Grundlage individueller Relevanz zuschrei bungen weiter verbreitet, eben falls durch den Einsatz von Aggregatoren: Redakteure können mithilfe der Filte rung von Artikeln, Fotos und Videos nach Über schriften und Schlagworten ent scheiden, was sie über Social Medien ver öffent lichen oder auch nicht. Hinzu kommt, dass journalisti sche Botschaften in den digitalen Lebens welten des Publikums nur ein Element unter vielen sind. So spielen Social Media wie z. B. Facebook oder Twitter im redak tio nellen Praxisalltag nicht nur für das Publizie ren bzw. die Inter aktion mit Nutzern eine zentrale Rolle (vgl. Neuberger u. a., 2010, S. 64 f.), sondern Facebook oder Twitter werden auch zu wichti gen Ver triebs kanälen von Redak tionen (Ahmad, 2010), indem Links und kurze Botschaften zum Zwecke des Marketings über sie ver breitet werden. Aber natür lich kommt es im Digitalen Journalismus auch zu Fehl entwick lungen, die Konsequenzen für die journalisti sche Qualität haben können. Die Prognose Francks (1998), eine Auf merksam keits ökonomie werde die Geldökonomie er setzen, hat sich hier bisher auf ironische Weise bewahr heitet: Das WWW ge neriert zwar sehr viel Auf merksam keit, nur Geld lässt sich dort zumindest nicht in dem Umfang ver dienen, wie es journalistisch orientierte Medien häuser in der klassi schen Medien welt ge wohnt waren. So halbierten sich die Nettowerbe erlöse deutscher Zeitungs verlage, trotz ihres Online engagements, im Zeitraum von 2000 bis 2010 (vgl. Beck u. a., 2010). In den 40 USA schrumpfte das Anzeigen aufkommen im Zeitungs markt zwischen 2003 und 2013 gar um 60 Prozent (Grill, 2014, S. 133). Auf grund der Ver knappung der finanziellen Ressourcen im Journalismus werden andere wichtige Ressourcen wie Zeit und Arbeits kraft sparsam ein gesetzt, um mit weniger Personal den redak tio nellen Alltag auf rechterhalten zu können. Fengler und Ruß‑Mohl (2005, S. 121) weisen darauf hin, dass es dazu kommen kann, dass Jour‑ nalisten deshalb weniger Zeit mit Recherche ver bringen und „die Grenzkosten der Informa tions beschaf fung und ‑verarbei tung gegen den Grenznutzen abwägen“. Wo weniger Zeit für Reflexion ist, nimmt auch die Koorientie rung unter Jour‑ nalisten zu, sodass „die journalisti sche Wirklich keit unsensibel [wird] für nicht‑mediale Perspektiven auf die Welt“ (Weischen berg u. a., 2006, S. 81; Paterson, 2008). Eine weitere Folge der an gespannten Finanzlage im Digitalen Journalismus ist eine ge wisse Skepsis gegen über zeit aufwendi gen Formen der Nutzer partizipa tion, die Ressourcen in Anspruch nimmt, welche auch in die Produk tion qualitativ hochwerti gen Journalis‑ mus fließen könnten (Eberwein u. a., 2012). Da sich eine ent sprechende Rollen‑ und Tätig keits spezialisie rung im Bereich Nutzer partizipa tion erst allmäh lich ent wickelt, mussten und müssen Redakteure teil weise immer noch andere Tätig keiten und die Betreuung partizipativer Formen und Formate parallel be wälti gen, was eine weiter‑ gehende Dialogisie rung des Journalismus ver hindert (Paulussen & Ugille, 2008). Unter den an gesprochenen Fehl entwick lungen ist auch der von Medien kritikern wie Stefan Niggemeier5 vielfach dokumentierte und kritisierte Umstand anzu führen, dass viele Medien‑Websites hinter ihren publizisti schen Möglich keiten zurück bleiben und sich in Boulevardisie rung, PR‑naher Berichterstat tung und der bloßen Reproduk‑ tion kursie ren der Nachrichten mit einem Schwerpunkt bei Unter haltung er schöpfen (Netz werk Recherche, 2005; Range & Schweins, 2007; Lilienthal, 2010; Netz werk Recherche, 2011). 2.3 neue formen Des Journalisti schen hanDwerks im Digitalen Journalismus Mit den techni schen und inhalt lichen Neuerun gen des Journalismus unter digitalen Vor zeichen geht auch eine Aus differenzie rung neuer journalisti scher Formen und Formate sowie neuer Tätig keits felder einher. Als wichtigste Neuerun gen der letzten Jahre lassen sich nennen: (1) der partizipative Journalismus, (2) Technisie rungs‑ und 5 Fortlaufend z. b. in seinem medien kritischen Watchblog www.stefan-niggemeier. de [14. 04. 2014] 41 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus Automatisie rungs tendenzen des Journalismus und (3) eine Spezialisie rung der Berufs‑ rollen im Digitalen Journalismus. 2.3.1 PartiziPatiVer Journalismus Pött ker hat Wechselseitig keit als eine journalisti sche Haltung und als ein Ver fahren definiert, welches „das journalisti sche Produkt dem Publikum nicht ver birgt, sondern im Gegen teil klarmacht, dass und wie es auf das Medium und seine Inhalte zurück‑ wirken kann“ (Pött ker, 2000, S. 389). An gedeutet ist damit eine aktive Haltung von Journalisten und Redak tionen, sich für Partizipa tion des Publikums nicht nur formal offen zu zeigen, weil es dem Gedanken der „Netz werk gesell schaft“ (Castells, 2003) ent spricht, sondern diese Teilhabe aktiv zu er möglichen – durch nieder schwellige Ver‑ fahren der Mitwir kung, Initiie rung, Modera tion und Stimula tion von Forums diskus‑ sionen, durch Auf forde rung zur Kritik und nicht zuletzt durch Offen legung der einem Produkt zugrunde liegen den Quellen (Lewis u. a., 2013). Die Modelle der Open‑ Source‑Bewegung ent halten so gesehen auch Lehren für den Digitalen Journalismus. Bei der Partizipa tion von Nutzern am Digitalen Journalismus lassen sich unter‑ schied liche Formen unter scheiden, die mit noch mehr unter schied lichen Begriffen bedacht sind (siehe u. a. die Zusammen stel lung bei Neuberger 2007, S. 69). Engesser (2008, S. 48) spricht in Bezug auf partizipative Medien formate im Internet sogar von einer „Begriffs hyperinfla tion“. Umso wichti ger ist es, den für diese Studie ver wendeten Begriff partizipativer Journalismus inhalt lich zu füllen und sauber abzu grenzen. Engesser (2008) ver sucht mit der Methode der Begriffs explika tion die Begriffs‑ vielfalt einzu schränken. Dazu sammelt er frühere und neuere Formen der partizipativen Ver mitt lung sowie die in der Literatur dafür ver wendeten Begriffe. Danach wählt er anhand der Adäquanzkriterien Ähnlich keit, Exakt heit und Frucht bar keit den treffend‑ sten Begriff aus und definiert ihn neu (vgl. Engesser, 2008, S. 48): „Partizipativer Journalismus be teiligt die Nutzer zumindest am Prozess der Inhaltsproduk tion, wird außerhalb der Berufstätig keit aus geübt und er möglicht die aktive Teilhabe an der Medien öffentlich keit“ (Engesser, 2008, S. 66). Sehl (2013) knüpft an diese Defini tion an, stellt aber in Anleh nung an Nip (2006, S. 216) klar, dass partizipativer Journalismus nicht gleich bedeutend ist mit Bürger journalismus, sondern gerade im profes sio nellen Kontext statt findet. Um partizipativen Journalismus in diesem Sinne feiner zu be stimmen, greift Sehl (2013, S. 90 ff.) auf die Aus führungen von Lasica (2003) und Outing (2005) zurück, die auf ver schiedenen Stufen nach dem Ausmaß der Nutzer beteili gung differenzie‑ 42 ren – von Online‑Kommentaren zu journalisti schen Beiträgen bis zu Websites, die professio nelle und partizipative Beiträge neben einander präsentie ren, wobei jedoch die jeweilige Herkunft klar bleibt. Auch Domingo u. a. (2008) bewegen sich auf der Ebene der Feinabstim mung. Sie ent wickeln einen analyti schen Schlüssel, der differenziert erfasst, auf welcher Stufe des Produk tions prozesses das Publikum ein gebunden wird: von „access/observa tion“, „selec tion/filtering“, „processing/editing“ und „distrubu tion“ bis zur „interpreta tion“ der Nachricht nach der Ver öffent lichung (Domingo u. a., 2008, S. 331). Als Defini tion schlägt Sehl (2013, S. 94) ent sprechend vor: „Im partizi pa‑ tiven Journalismus binden professio nelle journalisti sche Medien institu tionen ihr Publi‑ kum in redaktio nelle Prozesse ein und be teili gen es an der Produk tion von Inhalten.“ Die Arbeit profes sio neller Journalisten werde dadurch unter stützt und er gänzt, nicht aber ersetzt. Dabei seien die Aus prägungen des partizipativen Journalismus äußerst vielfältig. Engesser be obachtet bei den von ihm sogenannten professio nell‑redak tio nellen Webangeboten (Hervor hebung durch die Autoren) „einen Spagat“: „Einer seits sollen die Nutzer an der Medien öffentlich keit be teiligt werden. […] Anderer seits sollen die journalisti schen Normen, Routinen und Quali täts standards beibehalten und die Ent‑ schei dungs hoheit nicht aus der Hand ge geben werden.“ (Engesser, 2013, S. 88 f.) Deshalb finde häufig nur eine „symboli sche Partizipa tion“ statt. Dagegen würden „professio‑ nell‑partizipative Webangebote“ (Hervor hebung durch die Autoren) Nutzer eigenstän‑ dige Beiträge ver fassen lassen (Engesser 2013, S. 91). Geht man von partizipativem Journalismus im oben definierten Sinne aus, so sind Redak tionen sehr wohl professio nell ge fordert. Sie sind dann in der Pflicht, Partizipa‑ tion zu er möglichen, zu moderie ren, im Zweifels fall auch in geordnete Bahnen zu lenken oder zu unter binden, wenn partizipative Formen aus dem Ruder laufen. So hat beispiels weise die Forschung in an gelsächsi schen Ländern ge zeigt, dass die Anonymi‑ tät im partizipativen Journalismus zu „weniger zivilisierten“ Formen des Ver haltens führt (Santana, 2013). Heinrichs Konzept des „Network Journalism“ geht von der Beobach tung aus, dass die früheren professio nell‑journalisti schen Oligopole der Nachrichten gebung sich als geschlossenes System auf lösen und mit neuen Akteuren, wie z. B. den sozialen Netz‑ werken, zu inter agie ren be ginnen: „Instead of a rather ‚closed‘ system of news gathering, produc tion and distribu tion, in which only a limited number of partakers had the power to make and shape news, the network journalism sphere is an open space of informa tion exchange.“ (Heinrich, 2012, S. 767) Es ent steht somit eine neue Kommuni‑ ka tions ökologie mit weiter reichen den, heute noch nicht vollends ab sehbaren Folgen für die journalisti sche Selbst defini tion (Heinrich, 2011, S. 34). 43 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus Schließ lich spielt im Zusammen hang mit partizipativem Journalismus die „perma‑ nente Konnektivi tät“ (Steinmaurer, 2013, S. 88) eine wichtige Rolle, ver standen als ein Zustand allumfassen der digitaler Ver netzung, die vom Internetnutzer selbst über diverse Endgeräte interessen geleitet hergestellt und die von sozialen Netz werken, aber eben auch von journalisti schen Medien ge steuert und stimuliert wird. Es ent steht ein Wett‑ bewerb, etwa mit Bloggern, den Websites von Institu tionen und sozialen Netz werken, die des Journalismus’ als Trans mis sions riemen zum Publikum nicht mehr be dürfen (Disintermedia tion nach Neuberger, 2013, S. 105). Hier ent steht eine „neue Öffentlich‑ keit“ (Machill u. a., 2014), deren Bedeu tung für eine ver änderte Meinungs bildung bislang weder kartographiert noch annähernd ver messen ist. 2.3.2 technisie rung, comPuterisie rung unD automatisie rung Schon 1982 be schrieb Weischen berg den Umstand, dass die zunehmende Technisie‑ rung am Arbeits platz unter dem Paradigma der Computer gesell schaft konkret erfahr‑ bare Folgen mit sich bringe: „Zwänge des Mediums und seiner Technologie lassen sich aus der Selbst defini tion von Berufs kommunikatoren endgültig nicht mehr aus klam‑ mern“ (Weischen berg, 1982, S. 19; auch Weischen berg, 1998). Mehr als 30 Jahre später manifestiert sich das Metier der Journalisten als ein technikaffines, wenn nicht sogar technikabhängi ges – zwar nicht ver gleich bar mit dem Beruf eines Ingenieurs oder dem eines Elektrotechnikers, jedoch so stark auf die Prädominanz neuer (Web‑)Technologien synchronisiert, dass sich plötz lich ein neues Span nungs feld zwischen Inhalt und Form auftut.6 Im Gefolge der technologi schen Innova tionen der ver gangenen 15 Jahre hebt der Trend zur Automatisie rung im berufs soziologi schen Sinne auf eine durch und durch modernisierte Arbeits welt ab, in der Automaten (Maschinen) zunehmend die Arbeits‑ kraft von Menschen ersetzen, um die wirtschaft liche Effizienz und Produktivi tät zu 6 So gesehen stellt die implementie rung des computers in Zeitungs- und rundfunkredak tionen seit den späten 1970er-Jahren die nächste Stufe in der evolu tion des journalisti schen handwerks dar, die in der kommunika tions wissen schaft unter dem begriff der „technisie rung des Journalismus“ diskutiert wird (vgl. altmeppen & arnold, 2013, S. 55–61; loosen & Weischen berg, 2002; prott, 1984; Weischen berg, 1982). im Zuge der „computerisie rung“ (Weischen berg, 1998; vgl. kimpeler u. a., 2007), die im ansatz bereits neuartige Formen der recherche und textdarstel lung er möglichte (z. b. Sonnleitner u. a., 1998, machill u. a., 2008), ent standen auch neue produk tions formen und tätig keits felder, die den Journalismus nach haltig ver änderten. Die eigent liche revolu tion aber fand mit der etablie rung des internets und der digitalen Daten übertra gung statt, die sich in der informa tions beschaf fung, der produk tion, der publika tion und Ver brei tung von journalisti schen inhalten nieder schlägt: Spätestens ab mitte der 1990er-Jahre konnten mittels höher ent wickelter informa tions- und kommunika tions technologien (iuk) größere Daten mengen – Fotos, töne, Videos – ge speichert, über- tragen, empfangen und ver arbeitet werden (vgl. altmeppen u. a., 1999). 44 steigern, aber auch, um den Anforde rungen einer flexibilisierten und spezialisierten globalen Welt wirtschaft gerecht zu werden (vgl. Sennet, 1998; Rifkin, 2004). Im Wirtschafts kontext wird unter Automatisie rung analog dazu vor allem die „Über tragung von Funktionen des Produk tions prozesses, insbesondere Prozess steue rungs- und -rege- lungs aufgaben vom Menschen auf künst liche Systeme“ ver standen (Voigt 2013, o. S.; vgl. auch zum Automatisie rungs begriff in der Wirtschafts informatik, Ferstl & Sinz, 2013, S. 124 ff., Kap. 6). Auch im Journalismus ist der Wunsch nach Beschleuni gung, Flexibili tät und Spezialisie rung bei gleichzeiti ger Ver besse rung des Produkts in den ver gangenen Jahren unter dem Vor zeichen der Digitalisie rung größer ge worden.7 Anderer seits er fordern die neuen Publika tions rhythmen und publizisti schen Dynamiken des digitalen Wandels alternative Transak tionen, die zur Auf gabenentlas tung und Arbeits diffusion führen, sind Journalisten doch im Hinblick auf die komplexer werdende Planung, Ver waltung, Steue rung und Quali täts kontrolle, vor allem aber wegen des prozess haften Wesens journalisti scher Produkte, vor extreme Heraus forde rungen ge stellt. Automatisie rungs‑ tendenzen im journalisti schen Produk tions prozess lassen sich vor allem unter Einsatz von Computertechnik (Hardware) und teils webbasierter Programme (Software) er‑ kennen, die ent sprechend als sukzessive Ab lösung des Menschen durch Maschinen und Algorithmen interpretiert werden könnten (vgl. Kap. 6). Automatisie rung meint in diesem Zusammen hang, dass die Arbeits realität von Journalisten nicht nur wie schon immer technik gestützt ist, sondern immer stärker technikgesteuert und sogar technik determiniert er scheint in dem Sinne, dass be stimmte Routinen ohne die not ‑ wendige Technik nicht ab laufen würden – und manche Abläufe und Handlun gen in Redak tionen nur wegen der technologi schen Rahmen bedin gungen über haupt statt‑ finden (vgl. Franklin, 2012; van Dalen, 2012; Steensen, 2011). Unter dem Stichwort der „Algorithmisie rung des Journalismus“ wird in vielen jour‑ nalisti schen Redak tionen ein Trend be obachtet, wonach die journalisti sche Recherche und Quellen prüfung zunehmend auf den Ergeb nissen durch computer gesteuerte Such‑ prozesse, sogenannte Algorithmen, basiert. Dabei werden Algorithmen einer seits als Ab folgen von Rechen anwei sungen ver standen, die Komplexi tät reduzie ren und „aus großen Daten mengen eine für den Menschen handhab bare Zusammen fassung […] extrahie ren“ (Kurz & Rieger, 2013, S. 51; vgl. Diakopou los, 2013, S. 3 ff.). Anderer seits geht es darum, „einmal ent worfene Berech nungs regeln oder andere sich oft wieder‑ holende Abläufe zu be schleunigen“ (Kurz & Rieger, 2013, S. 51). Im konkreten Fall 7 Vgl. zur in der kommunika tions wissen schaft ge führten Debatte über die zunehmende technisie rung und Digitalisie rung des Journalisten berufs neverla (1998a+b), Weischen berg (1998) und engels (2002); siehe hierzu auch die heraus bildung eines „Daten- bank-Journalismus“ unter dem eindruck der ent wick lung neuer techniken, loosen & Weischen berg, 2002. 45 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus der Suchmaschinen‑Recherche, nach deren Prinzipien nicht nur Google, sondern die meisten Suchmaschinen arbeiten, stützen sich die Ergeb nisse auf Page‑Ranks, die durch die Beliebt heit be stimmter Links und auf grund fortlaufen der Nutzer anfragen er stellt werden. Aber gerade die nach Populari tät sortierten, er gebnis optimierten Suchindizes sind es, so der Haupt vorwurf, die Interessen gebiete und Wahrnehmungs radien der Nutzer extrem einschränken (vgl. Kurz & Rieger, 2013, S. 65 ff.): Diakopou los (2013, S. 3–9) differenziert bei der „Algorithmic Power“ zwischen vier „atomic decisions“, die Algorithmen den Nutzern – also auch Journalisten – ab nehmen und damit deren Such‑ und Aus wer tungs verhalten von Informa tion maß geblich be einflussen und steuern: Priorisie rung (u. a. Page‑Ranks), Klassifizie rung (Kategorisie rung von Inhalten), Assozia- tion (Clusterbil dung durch Hyperlinks) und Filte rung (Inklusion und Exklusion von Informa tionen). Auf allen vier Ebenen weist Diakopou los auf einher gehende „biases“ in der Informa tions suche hin, vor allem Ver stärker‑, Filter‑ und Zensureffekte im Hinblick auf die Suchmaschinen nutzung – worin er auch die von Eli Pariser auf‑ gebrachte These der „Filter Bubble“ (2011) be stätigt sieht. Das Phänomen der Algorithmisie rung bleibt für den Journalismus ein hochkontro‑ verses Thema: Auch wenn Mitte März 2014 ein vollautomati sches Programm namens „Quakebot“ der Los An geles Times innerhalb weniger Minuten noch vor irgend einem Journalisten als Erstes über das Erdbeben in Los An geles be richtete (vgl. Oremus, 2014), lässt sich die Annahme nicht be kräfti gen, dass Roboter in naher Zukunft den Reporter vollständig er setzen werden (vgl. Ingram, 2014). Dabei ist die Sicht weise, dass Journalisten und Maschinen partner schaft lich agieren, durch aus zwiespältig. Denn um den profes sio nellen Anforde rungen gerecht zu werden, die diese Tendenzen zur Automatisie rung und Algorithmisie rung im Lichte der digitalen Revolu tion an (fast) alle Journalisten stellen, sehen sich Berufs angehörige vor ein intellektuelles Dilemma ge stellt: Wollen sie die Kontrolle über ihre Produkte weiter be halten, müssen sie sich mit den technologi schen Zwängen arrangie ren, nehmen aber zugleich in Kauf, dass sie er heblich weniger Zeit für die eigent liche inhalt lich‑journalisti sche Arbeit auf bringen können (Altmeppen & Arnold, 2013, S. 56 f.). Insofern führt die Utopie der Substitu‑ tion durch einen sogenannten Roboter‑Journalismus letzt lich dazu, „dass Journalisten ihre eigene Rolle und Schlüsselqualifika tionen über denken“ und damit immerhin das Refle xions niveau des Journalismus insgesamt ge steigert wird (van Dalen, 2012, o. S.). Trotz oder gerade wegen des vielfälti gen Wandels von Kommunika tions berufen gelten die Automatisie rungs tendenzen im Journalismus vielen Praktikern daher gar nicht un bedingt als Teufels zeug, sondern als Heils versprechen – nicht nur wegen der Aus‑ sicht auf mögliche Kosten reduk tion und Arbeits entlas tung (vgl. Anderson, 2012, S. 6): Sie glauben, dass, wenn journalisti sche Routine aufgaben in Zukunft mehr und mehr 46 von Maschinen er ledigt werden, Journalisten mehr Zeit für investigative Recherchen auf bringen können (van Dahlen, 2012). Eine weitere Hoffnung liegt darin be gründet, dass Informa tionen durch Algorithmen leichter zu be schaffen, zu organisie ren, zu strukturie ren und aufzu bereiten sind (vgl. Ahrens & Gerhard, 2002); Automatisie‑ rung gilt in dieser Perspektive sozu sagen als ein operatives Hilfs mittel journalistischer Wissens organisa tion.8 Diesen Optimisten scheint der aktuelle Trend zur automatisierten Textproduk tion in Bereichen wie Sport‑, Immobilien‑ oder Finanzjournalismus, bei Restaurant kritiken, Hochzeits anzeigen, Nachrufen und wie im oben er wähnten Beispiel der Erdeben warnung zumindest Recht zu geben (vgl. Bell, 2012; Chow, 2012; Dyer, 2013; Fassler, 2012; Goldberg, 2013; Mulligan, 2012; O. V., 2010; Schweitzer, 2012). Dennoch bleibt die Gefahr, dass Journalisten im durch automatisierten Arbeits alltag irgendwann nur noch Journalismus simulie ren an statt ihrer Tätig keit autonom, selbst‑ bestimmt und ohne das Gefühl, maschi nell ab hängig zu sein, nach gehen zu können – vom eigenen Anspruch, hochwerti gen digitalen Quali täts journalismus zu machen, ganz zu schweigen: „Essentially, this is journalism done by robots for robots“ (Morozov, 2012, o. S.). 2.3.3 sPezialisie rung Der digitale Medien wandel führt auch dazu, dass sich die klassi schen journalisti schen Berufsprofile immer weiter aus differenzie ren und sich neue, sehr spezielle Anforde‑ rungs profile heraus bilden. Die zentrale Frage ist jedoch zunächst, welche speziellen Journalismus‑Formen sich bilden und weiter, welche Merkmale die speziellen Tätig‑ keits felder kennzeichnen. Bisher gibt es kaum umfassende Unter suchungen dazu, wie sich spezielle Arbeits‑ profile im Digitalen Journalismus, z. B. Daten journalismus, Social‑Media‑Journalismus oder multimediale Arbeits profile darstellen. Aus Praxis handbüchern zum Journalismus (z. B. Eick, 2014; Jakubetz u. a., 2011; Matzen, 2014, Sturm, 2013) weiß man um die technologisch be dingten ver änderten Arbeits weisen wie cross mediales Arbeiten, multi‑ mediale Auf berei tung von Themen und die Einbin dung der Nutzer in den journalisti‑ schen Produk tions prozess. Und auch aus Studien zum Internet‑ bzw. Onlinejournalismus (z. B. Loosen u. a., 2013; Neuberger u. a., 2009; Quandt, 2005) sowie aus Befra gungen zum Wandel von Kommunika tions berufen (z. B. Röttger u. a., 2009) lassen sich ver‑ 8 Vgl. zur restrukturie rung sozialer Strukturen und institu tionen in der Wissens gesell schaft im Zuge einer „reflexiven modernisie rung“ beck (1996). 47 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus änderte Anforde rungen und Tätig keits merkmale ablesen, die auf neue Formen der Spezialisie rung im Digitalen Journalismus hindeuten. Durch die zuneh mende Digita‑ lisie rung kommt es zu technisch be dingten Ver ände rungs prozessen und Spezialisie‑ rungen, etwa durch das ge stiegene Informa tions aufkommen in Redak tionen, die zunehmende Einbin dung der Nutzer in journalisti sche Produk tions prozesse, den per‑ ma nenten Zeitdruck in Ent schei dungs‑ und Produk tions prozessen, den ge wachsenen wirtschaft lichen Druck sowie die Ver schmel zung der Mediengat tungen und die daraus resultierende Notwendig keit, cross medial zu arbeiten (vgl. z. B. Loosen u. a., 2013; Röttger u. a., 2009). In der Studie „Journalismus in Deutschland“ stellten Malik & Scholl 2005 fest (2009, S. 184), dass sich die be ruflichen Tätig keiten von Online‑Journalisten im Ver‑ gleich zu den klassi schen Journalisten nicht wesent lich unter scheiden. Online‑Jour‑ nalisten recherchierten, ver fassten und redigierten Texte und Beiträge, wählten Infor‑ ma tions materialien aus, redigierten Beiträge der Kollegen, hatten Kontakt mit dem Publikum und waren mit Organisa tions‑ und Ver wal tungs aufgaben be schäftigt – genauso wie die klassi schen Berufs kollegen. Die Spezialisie rung liegt jedoch nicht zwangs läufig in der Tätig keit selbst, sondern ebenso in der Art und Weise der Durch führung der Tätig keit. Hinzu kommt, dass sich die Anforde rungs profile für digitale Journalisten in den letzten zehn Jahren deut lich ver ändert und auch geschärft haben. Die technologi schen Möglich keiten des Digitalen Journalismus sind mittlerweile so vielfältig ge worden, dass es im Grunde zwangs läufig zu speziellen Profilen kommt. Hier seien nur drei neue Formen des Digitalen Jour‑ nalismus an gerissen, die ver deut lichen sollen, welche Bandbreite die Aus differenzie rung spezialisierter Berufs rollen er reicht hat. Im Daten journalismus sind die zentralen Produk tions phasen – Daten recherche, die Daten auswer tung und die Daten aufberei tung – in der Regel mit speziellen Fähig‑ keiten und Fertig keiten ver knüpft, etwa der Programmie rung oder der Ver wendung von Visualisie rungs‑ und Grafiksoftware (vgl. Gray u. a., 2012; Leß möllmann, 2012). Aufwand und Zeit für die Produk tion eines Daten projektes unter scheiden sich deut lich von einem klassi schen Textbeitrag, den beispiels weise ein Onlinejournalist auf Basis von Agenturmel dungen schreibt und ver öffent licht, obwohl sich die Tätig keiten (Recherche, Selek tion, Auf berei tung) im Produk tions prozess ähneln. Eine weitere Spezialisie rung ist im Social‑Media‑Bereich zu be obachten. In eini‑ gen Redak tionen (z. B. Tagesschau. de, Spiegel Online, Rhein-Zeitung, DRadio Wissen, DerWesten. de) arbeiten bereits sogenannte Social-Media-Redakteure, die ihren Arbeits‑ schwerpunkt auf die Sozialen Medien aus richten. Zu ihren spezialisierten Kerntätig‑ keiten ge hören das Monitoring, Recherchie ren und Ver breiten von Themen, Beiträgen, 48 Bildern, Videos in den Social Media (Loosen u. a., 2013). Darüber hinaus ist aber auch der regelmäßige Kontakt mit Nutzern sowie die Be‑ und Ver arbei tung von nutzer‑ generiertem Content ein zentrales Tätig keits element. Schließ lich nutzen Reporter beim Mobile Reporting Smartphones und Web‑Applika‑ tionen, um Texte, Videos und Tondokumente in sendefähiger Qualität herzu stellen und direkt über das Internet zu ver breiten. Für diesen Typus des Berichterstatters, der häufig auch mit mobilem Endgerät von Live‑Ereig nissen be richtet, hat sich die Bezeich‑ nung MoJo (Mobile Journalist) bzw. MoJane (die weib liche Form) etabliert (Allan, 2009). In Deutschland gibt es erst ver einzelt Redak tionen, die solche MoJos be schäf‑ ti gen. Da sich das Feld im Fluss be findet und sicher nicht alle Spezialprofile, die sich aktuell heraus bilden, über leben werden, ist es wohl zu früh, von aus geformten Berufs‑ profilen zu sprechen. Weiter kommt hinzu, dass die speziellen Formen oftmals in den Arbeits ablauf von Onlineredakteuren integriert sind, sprich: eine strikte Trennung beispiels weise zwischen Onlinejournalist und Daten journalist noch nicht überall ge‑ geben ist. 2.4 Digitaler Journalismus in theorie unD Praxis In diesem Kapitel wurden alte und neue Quali täts kriterien daraufhin ge prüft, welche Rolle sie in einem neu ver standenen Digitalen Journalismus spielen. Die Sichtung hat ergeben, dass viele Grundsätze des klassi schen Journalismus in einer digitalen Medien‑ welt ihre Gültig keit be halten. Unter demokratietheoreti schen Gesichtspunkten bleibt es eine journalisti sche Aufgabe, kritische, glaubwürdige, richtige und sach liche Bericht‑ erstat tung zu leisten. Funktional gesehen sollte der Digitale Journalismus aber auch weiter hin eine hohe Vielfalt, Relevanz und Aktuali tät an streben. Dabei sind vor rangig die Informa tions‑ und Unter hal tungs bedürf nisse von Nutzern zu be achten, die eine nütz liche und ver ständ liche Berichterstat tung er warten. Natür lich ließen sich, in An‑ leh nung an Ruß‑Mohl (1994), auch Span nungs felder zwischen den Einzel kriterien er kennen. Sowohl die Richtig keit und die Aktuali tät der Berichterstat tung, als auch das Informative und das Unter haltende stehen beispiels weise im Digitalen Journalismus in einem ge wissen Span nungs verhältnis. Unter digitalen Vor zeichen kommen allerdings auch neue Kriterien und Probleme hinzu. Zu den neuen Maßstäben, an denen sich Journalismus heute messen lassen muss, ge hören die Artikula tion, die Dialogisie rung (Audience Engagement), digitales Storytelling und die Auf find bar keit journalisti scher Inhalte. Als Fehl entwick lungen 49 2 eVolu tion unD reVolu tion: Journalisti sche Qualität unD Digitaler Journalismus ließen sich unter entwickelte Recherchepraktiken, über steigerte Selbstreferenz sowie eine unzu reichende Aus differenzie rung der redak tio nellen Berufs rollen identifizie ren, also ein Fachkräftemangel an Spezialisten für neue Auf gaben felder wie Social Media, Multimedia Storytelling, Daten visualisie rung etc. Zwar gibt es drei große Felder, auf denen sich Ver ände rungen ab zeichnen und auf denen in den Redak tionen perso nell auf gestockt wird: partizipativer Journalismus, Automatisie rung und Technisie rung des Journalismus sowie Spezialisie rung von Berufs rollen. Aber in diesen Bereichen gibt es aktuell noch großen Nach holbedarf, wie erste empiri sche Studien ge zeigt haben, auch weil sich diese Spezialisie rungen immer weiter aus prägen (vgl. Kap. 2.3.3). Diese Studie knüpft an den geschilderten Forschungs stand an und zielt in den folgen den Kapiteln darauf ab, empiri sche Beiträge zur Beurtei lung des derzeiti gen Digitalen Journalismus in Deutschland zu leisten. In einem weiteren Schritt geht es uns um Prognosen und praxisorientierte Empfeh lungen. teil b 53 3 Der nutzer als kommentator: eine QuantitatiVe inhalts analyse PartiziPatiVer formen unD formate auf Journalisti schen websites unD blogs 3.1 Problemstel lung unD zielset zung Ob soziale Communitys, Microblogging oder Foto‑ und Videoplatt formen – im Zuge der technologi schen Ent wick lung sind partizipative Formen und Formate9 im Internet ent standen, die die Medien nutzung – aktiv wie passiv – in den ver gangenen Jahren wesent lich ge prägt haben (u. a. Busemann, 2013). Gemeinsam ist diesen An geboten, dass sie den kommunikativen Zugang zur Öffentlich keit er heblich ver einfacht haben. Das Publikum ist nicht mehr nur Rezipient, sondern kann auch in die Rolle des Kom‑ munikators wechseln (vgl. u. a. Neuberger, 2009, S. 37). Dadurch wird die Rolle des Journalismus als Gatekeeper im Internet geschwächt (vgl. Bruns, 2005; Kap. 2.2). In der Folge haben professio nell‑journalisti sche Medienanbieter reagiert und bieten in‑ zwischen eben falls partizipative Formen und Formate im Internet an, um ihre Nutzer in die Produk tion von Inhalten einzu binden (u. a. Neuberger u. a., 2009a; Singer u. a., 2011; Sehl, 2013). Dabei steht unter anderem zur Debatte, welche Chancen und Risiken solche Partizipa tions formen für den profes sio nellen Journalismus beinhalten. Dieses Kapitel unter sucht mittels einer breit an gelegten quantitativen Inhalts analyse, welche partizipativen Formen und Formate journalisti sche Medien auf ihren Websites integriert haben. Im Mittelpunkt des Erkenntnis interesses stehen das Ausmaß der Nutzer partizipa tion und der Einfluss derselben auf die Qualität der journalisti schen Websites. Dabei wird nach unter schied lichen Publikums‑ und Leis tungs rollen unter‑ schieden, von der Kommentie rung journalisti scher Inhalte über die Mitwir kung von Nutzern am redak tio nellen Produk tions prozess, z. B. als Leserreporter, bis zur Publika‑ tion eigenständi ger Beiträge, z. B. in einem Blog (vgl. Neuberger, 2009, S. 79 f.). Ferner finden sich in der Literatur Vor schläge zur Systematisie rung des Unter suchungs gegen‑ standes gemäß der redak tio nellen Steue rung und dem Ausmaß der Nutzer beteili gung (vgl. Lasica, 2003; Nip, 2006; Outing, 2005) sowie ent lang der ver schiedenen Stufen des redak tio nellen Produk tions prozesses (vgl. Domingo u. a., 2008). Bei der Quali täts frage wird auf die Ebene des Medien angebots fokussiert und neben zentralen klassi schen Quali täts kriterien insbesondere auf die zusätz lichen Quali‑ 9 Unter partizipativen Formen und Formaten werden sowohl einzelne beitragselemente in profes sio nellen medien formaten als auch beiträge in denselben oder vollständig partizipative medien formate ver standen (vgl. engesser, 2008, S. 58). 54 täts kriterien im digitalen Journalismus (vgl. Kap. 2) rekurriert. Schlüsse auf das Handeln von Redakteuren oder Nutzern sind dagegen weit gehend nur indirekt möglich. Hier er gänzen Beobach tung (Kap. 6: Handeln von Redakteuren) und Netz werkanalyse (Kap. 8: Handeln von Nutzern) die Inhalts analyse. Zum Status quo der Nutzer einbin dung auf Websites von deutschen Medien liegen bereits einige Studien vor (u. a. Neuberger u. a., 2009a; Sehl, 2013; Trost & Schwarzer, 2012; siehe den folgen den Ab schnitt zum Forschungs stand). Im Gegen satz zu dieser Studie basieren sie jedoch auf Inhalts analysen nur einer journalisti schen Medien‑ gattung, den Websites von Tages zeitun gen (Sehl, 2013; Trost & Schwarzer, 2012) oder wählten die Methode der Befra gung (Neuberger u. a., 2009a). Als valideste Methode, um das Angebot an partizipativen Formen und Formaten seitens der Redak tion zu er fassen, kann jedoch die Methode der Inhalts analyse gelten, da sie sich den partizi‑ pativen Formen und Formaten selbst zuwendet und diese direkt unter die Lupe nimmt. Diese Studie analysiert also als Erste die Websites aller Mediengat tungen (für eine Stichproben beschrei bung siehe unten) umfäng lich mittels quantitativer Inhalts analyse. Gleichzeitig ist gerade Partizipa tion am Journalismus ein derart dynami scher Gegen‑ stand, dass Status quo‑Erhebun gen immer nur Moment aufnahmen sein können und regelmäßig wieder holt werden sollten, um den aktuellen Stand zu er fassen und Ent‑ wick lungen auf zeigen zu können. Im Mittelpunkt der quantitativen Inhalts analyse stehen folgende Forschungs fragen: F1: Welche Medien er möglichen Partizipa tion in ihren Online‑Angeboten? F2: Welche Formen und Formate von Partizipa tion bieten die Redak tionen an? F3: Welche Resonanz er reicht die Inter aktivi tät mithilfe solcher Formen und Formate deutschlandweit, in lokalen und regionalen Blogs in Nordrhein‑West‑ falen (NRW) und in be sonders innova tions affinen An geboten? Daraus ab geleitet sollen zwei weitere Fragen be antwortet werden: F4: Welche unter schied lichen Rollen und Funktionen nehmen die Nutzer dabei ein? F5: Inwiefern tragen die partizipativen Formen und Formate zur Steige rung oder zum Ver fall der Qualität der unter suchten journalisti schen An gebote bei? Die quantitative Inhalts analyse umfasst drei Stichproben: 1) eine umfassende deutschlandweite Stichprobe journalisti scher Online‑Angebote, 2) eine Vollerhe bung lokaler und regionaler Blogs in NRW und 3) ausgewählte innovative journalisti sche Online‑Angebote. Die drei Stichproben dienen dem Ziel, repräsentative Aus sagen über die Quantität und Qualität von partizipativen Formen und Formaten in digitalen publizisti schen 55 3 Der nutzer als kommentator An geboten in Deutschland zu machen und diese mit den partizipativen Leistun gen lokaler und regionaler Blogs in NRW und dem Innova tions potenzial bewusst aus‑ gewählter An gebote zu ver gleichen. Im folgen den Kapitel wird zunächst der Forschungs stand zum Thema kurz auf‑ gearbeitet. Im Anschluss wird die Methodik der Teilstudie geschildert, bevor die Ergeb nisse präsentiert werden. 3.2 forschungs stanD In diesem Ab schnitt soll ein kurzer Abriss über einige zentrale Studien zur Nutzer‑ partizipa tion auf deutschen journalisti schen Websites ge geben werden, um die eigenen Ergeb nisse später besser einordnen und interpretie ren bzw. Ent wick lungen auf zeigen zu können. Ein Anspruch auf Vollständig keit besteht indes nicht. Die am breitesten an gelegte Unter suchung haben Neuberger u. a. (2009a) mit ihrer Monographie „Journalismus im Internet. Profession – Partizipa tion – Technisie‑ rung“ vor gelegt. In der auf einem DFG‑Projekt basieren den Studie stellen sie unter anderem Ergeb nisse einer Anbieter befra gung zur Beziehung zwischen profes sio neller, partizipa tiver und techni scher Kommunika tion im Internet vor. Dazu be fragten sie in einer Voll erhe bung Redak tions leiter von Online‑Redak tionen tradi tio neller Medien (Tages zeitun gen, Publikums zeitschriften, Wochen zeitun gen, Rundfunk, Nachrichten‑ agenturen) sowie Nur‑Internetanbieter (professio nelle Nur‑Internetanbieter, Portale, Nachrichten suchmaschinen10, Nutzer platt formen, Blogs). Der Rücklauf betrug 183 von 413 ver sendeten Fragebögen (44 %) (vgl. Neuberger u. a., 2009b, S. 235). Zentrales Ergebnis: Fast drei Viertel (73 %) der Befragten gaben an, dass ihr An‑ gebot Nutzern mindestens eine von ver schiedenen vor gegebenen Beteili gungs möglich‑ keiten anbiete. Die häufigste Beteili gungs form ist zum Zeitpunkt der Befra gung 2007, eigene Fotos zur Ver öffent lichung einzu senden. Dies ist bei fast der Hälfte der Anbieter möglich. Eben falls relativ häufig, nämlich in zwei Fünftel der Fälle, haben Nutzer die Gelegen heit, Beiträge von Redakteuren auf der gleichen Seite zu kommentie ren. Aller‑ dings: Nur in einem Viertel der Fälle dürfen die Nutzer die Themen ihrer Beiträge auch selbst wählen. Neuberger u. a. (2009c, S. 282 f.) sehen daher keine völlig neue Form der Partizipa tion unter digitalen Vor zeichen, sondern eher eine Art Leserbrief 2.0: 10 in der ergebnis darstel lung schließen die autoren die fünf nachrichten suchmaschinen aus (vgl. neuberger u. a., 2009b, S. 236), sodass sie hier auch keine weitere erwäh nung finden. 56 „Damit werden allerdings noch nicht jene Möglich keiten über troffen, welche Leserbriefschreiber schon lange in der Presse haben. Hier wie dort kann das Publikum nur zu jenen Themen und Meinun gen Stellung nehmen, die Journalisten ihnen ‚vor geschrieben‘ haben.“ Neuberger u. a. (2009c) fragten die publizisti schen Anbieter zudem, welche Elemente der Nutzer beteili gung zum Zeitpunkt der Befra gung in den nächsten zwölf Monaten ge plant seien. Dabei zeigte sich, dass vor allem Beteili gungs möglich keiten wie das Einsenden von eigenen Fotos und das Kommentie ren journalisti scher Artikel weiter aus gebaut werden sollten. Daneben gaben die Redak tions leiter jedoch auch häufig an, dass Nutzer künftig ver mehrt die Redak tion beim Schreiben und Recherchie ren unter‑ stützen oder selbst Beiträge, z. B. als Blogger, ver öffent lichen können sollten (vgl. Neuberger u. a., 2009c, S. 283). Wie sich die Ent wick lung fort gesetzt hat, wird die eigene empiri sche Studie zeigen. Sehl (2013) führte mit einem Lehrforschungs projekt am Institut für Journalistik der Technischen Universi tät Dortmund eine Inhalts analyse der Websites von Tages‑ zeitun gen (publizisti sche Einheiten) an einem Stichtag im Juni 2008 durch. Sie zeigt, dass die gängigste Möglich keit für Tages zeitun gen, den Dialog mit den Nutzern zu führen, zum Erhe bungs zeitpunkt online immer noch der Leserbrief ist (57 % bei Mehrfachnen nungen möglich; n = 129). Auch Onlineabstim mungen und Umfragen bietet fast die Hälfte der Tages zeitun gen ihren Lesern auf der Website an (47 %). Kommentarfunk tionen sind mit 46 Prozent eben falls weit ver breitet. Etwas weniger Tages zeitun gen (43 %) haben ein Leserforum ein geführt. Leserfotogalerien werden auf etwa einem Viertel der Zeitungs websites ver öffent licht. Weitere detaillierte Ergeb nisse der Inhalts analyse zeigt Tabelle 3.1. Sehl ordnet die Befunde nach einem „analytical grid“ von Domingo u. a. (2008) ein. Das inter nationale Forscherteam unter scheidet zwischen Partizipa tion auf ver‑ prozent häufig keit leserbriefe/-mails 57 % 74 ab stim mungen/Umfragen 47 % 61 kommentarfunk tion 46 % 59 leserforum 43 % 55 Foto-Upload/-galerien 26 % 33 communitys 19 % 25 blogs 18 % 23 bewer tung von artikeln 7 % 9 Video-Upload/-galerien 6 % 8 tabelle 3.1: Partizipative elemente auf zeitungs websites, ergeb nisse einer inhalts analyse im Juni 2008 in Prozent der fälle (mehrfachnen nungen), n = 129 (Quelle: sehl, 2013, s. 195) 57 3 Der nutzer als kommentator schiedenen Stufen im „news produc tion process“: Von „access/observa tion“, „selec tion/ filtering“, „processing/editing“ und „distribu tion“ bis zur „interpreta tion“ der Nachricht nach der Ver öffent lichung (Domingo u. a., 2008, S. 331). „Legt man an diese Ergeb nisse den analyti schen Schlüssel nach Domingo et al. (2008) an […], wird deut lich, dass die Publikums beteili gung nicht auf allen fünf Stufen des journalisti schen Produk tions prozesses gleich aus geprägt ist. Nur die Stufe Kritik nach der Ver öffent lichung ist nennens wert geöffnet. Alle vier vor heri‑ gen Stufen – von der Beobach tung der Themen über die Auswahl und das Schrei‑ ben bis zur Ver öffent lichung – sind deut lich weniger offen für Publikums beteili‑ gung“ (Sehl, 2013, S. 196). Die Ergeb nisse decken sich also im Wesent lichen mit denen von Neuberger u. a. (2009c). Trost und Schwarzer (2013) legen mit ihrer Studie „Social Web auf Online‑Portalen deutscher Zeitun gen. Eine empiri sche Unter suchung des Nutzungs verhaltens“ die aktuellste Inhalts analyse zum Thema vor. Sie unter suchten im November 2010 die Web sites der 300 auf lagen stärksten (Print‑)Zeitun gen in Deutschland und konnten dafür 173 eigenständige Online‑Portale erheben. Dabei er fass ten sie sowohl allgemeine Merkmale des Online‑Journalismus als auch partizipative Elemente. Im Folgenden werden die im Hinblick auf die eigene Inhalts analyse rele vanten Variablen zur Partizipa‑ tion und ihre Ergeb nisse be schrieben, um die eigenen Ergeb nisse später dazu in Bezug setzen zu können. Bei User‑Generated Content (UGC) er fassten die Autoren unter einfach zu realisie‑ ren den Partizipa tions formen, ob Nutzer beispiels weise Artikel kommentie ren oder an Umfragen teilnehmen können. Unter auf wendige ren Formen des UGC dagegen fassten sie, ob die Website ein Forum anbietet und ob Leser Artikel, ein Wiki oder Multimedia‑ Inhalte einstellen können. Dabei zeigt sich, dass „ver stärkt An gebots formen wie Kommentare zu Artikeln oder Umfragen ein gesetzt [werden, d. A.]. […] Aus giebigere und partizipative Arten des UGC in Form von Web‑Foren, Leser‑Artikeln oder ‑Blogs kommen ebenso wie Leser‑Multimedia nur punktuell zum Einsatz“ (Trost & Schwarzer, 2013, S. 145). Auch Social Communitys wurden von Trost und Schwarzer unter die Lupe ge nommen. Dabei zeigt sich erwar tungs gemäß eine Dominanz von Twitter (77 %) und Facebook (72 %), während andere soziale Netz werke zum Erhe bungs zeitpunkt nach rangig sind. 58 Mit großem Abstand folgt danach das StudiVZ‑Netz werk (31 %), eine Community, die sich vornehm lich an Studierende wendet. Eine eigene Community für die Nutzer bietet jede vierte unter suchte Zeitung (26 %) an. Es folgt das Video‑Portal YouTube, auf dem 22 Prozent der Zeitun gen mit einem eigenen Kanal ver treten sind. Die weiteren sozialen Netz werke MySpace (5 %), LinkedIn (3 %), Xing (2 %), Seven load (1 %) und Flickr (1 %) werden nur ver einzelt von den Zeitun gen be spielt (vgl. Trost & Schwarz, 2013, S. 123). Die meisten Zeitun gen sind dabei bei zwei oder drei sozialen Netz werken aktiv. Immerhin 12 Prozent der Zeitun gen sind bei gar keinem sozialen Netz werk ver treten (vgl. Trost & Schwarzer, 2013, S. 124). Alle zitierten Studien unter streichen, dass die Redak tionen mit der techni schen Ent wick lung Schritt halten, gerade im Sinne eines partizipativen Journalismus bisher jedoch die digitalen Möglich keiten nicht in Gänze nutzen. Sie be schränken sich mehr‑ heit lich auf partizipative Formen und Formate, die Nutzer auf die Rolle von Kommen‑ tatoren redaktio nell er stellter Inhalte fest legen. Die Redak tionen er lauben ihnen nur selten, auch eigene Inhalte zu produzie ren. Die eigene empiri sche Studie wird zeigen, inwieweit diese Grund tendenz heute noch zutreffend ist und ob und welche neuen par‑ tizipativen Formen und Formate dazu gekommen sind und sich durch gesetzt haben. 3.3 methoDi sche umset zung 3.3.1 stichProbe unD unter suchungs zeitraum Die Stichprobe der quantitativen Inhalts analyse umfasst journalisti sche Online‑Ange‑ bote der Gattun gen Print, Hörfunk und Fernsehen sowie reine Online‑Angebote und ist dreiteilig: 1) Eine deutschlandweite Stichprobe von journalisti schen Online-Angeboten Dazu wurden nach den Auf greifkriterien Tagesaktuali tät und Universali tät Medien‑ angebote und ihre Websites aus unter schied lichen, sich er gänzen den Ver zeich nissen zusammen getragen (KEK‑Daten bank, IVW‑Print‑Listen, IVW‑Online, Listen des Mediadaten‑Verlags/Zimpel‑Online, KEF‑Bericht) und nur einmal erfasst. Bei Tages zeitun gen wurde die Ebene der sogenannten „Publizisti schen Einheiten“ (Schütz, 2007) erfasst. Medien angebote mit (nahezu) identi schen Websites in Rubriken oder Inhalten bei Privat radios wurden einzeln gesichtet, nur einmal erfasst und dabei nach Zufall aus gewählt, um Ver zerrungen zu ver meiden. Auch bei öffent lich‑recht lichen Rund funk angeboten wurde nur die Haupt seite erfasst, nicht die Seiten der ver schiedenen Wellen, was deshalb für ver tret bar ge halten 59 3 Der nutzer als kommentator wurde, weil die Einzelsen der fast aller Rundfunkanstalten auf je einer Website dargestellt waren. Die Größe dieser Teilstichprobe redu zierte sich so von anfäng‑ lich 1.704 Websites auf 270 Websites. 2) Eine Vollerhe bung von lokalen und regionalen Blogs in Nordrhein-West falen Ergänzend sollten auch journalisti sche Blogs mit lokalem, regionalem oder NRW‑ Bezug erfasst werden. Die Blogs wurden dafür eigens recherchiert, da unseres Wissens bisher kein solches Ver zeichnis vor liegt. Dazu wurden die Städte‑ und Gemeinden amen in NRW11 nach einander zusammen mit den Begriffen Blog in die Suchmaschine Google ein gegeben und dann die ersten drei Treffer seiten aus‑ gewertet.12 Voraus setzung, um in die Stichprobe auf genommen zu werden, waren auch hier die Kriterien Aktuali tät und Universali tät, die jedoch sehr weich aus‑ gelegt wurden. Es ge nügte, wenn ein Blog mindestens drei neue Beiträge in den letzten drei Monaten vor dem Stichtag im Mai 2013 ent hielt. Ein lokaler, regionaler oder NRW‑Bezug musste erkenn bar sein, und es durfte sich darüber hinaus nicht um ein reines Special‑Interest‑Angebot handeln. Kennt liche Blogs von Politikern und Parteien sowie offizielle Städte‑ und Gemeinde auftritte wurden eben falls aus geschlossen. Bei Blog‑Platt formen wie localxxl. de wurde nach dem Zufalls‑ prinzip nur ein Blog aus NRW aus gewählt. Insgesamt gingen 83 An gebote in die Stichprobe ein. 3) Bewusst aus gewählte innovative Online-Angebote Ergänzt wurde das Sample durch eine be wusste Auswahl 35 weiterer Online‑ Angebote, die von den Projekt leitern und ‑mitarbeitern sowie vom Projekt beirat auf der Grundlage des eigenen Branchen wissens fest gelegt wurden. Diese dritte Gruppe erhebt daher keinen Anspruch auf Repräsentativi tät und kann nicht mit den anderen beiden Stichproben in ein direktes Ver hältnis gesetzt werden. Nichts‑ destotrotz ist sie wichtig, um einen Ver gleichs maßstab zu haben und aufzu zeigen, wie der Stand der Nutzer einbin dung bei innovativen Online‑Angeboten wie z. B. myheimat. de, altona. info oder publikative. org ist (Liste der Websites in dieser Gruppe siehe Anhang). Im Gegen satz zu den anderen Stichproben wurden hier auch reine Special‑Interest‑Angebote, z. B. vocer. org, auf genommen sowie ver einzelt An gebote, die nicht im Kern journalistisch sind wie das Crowdfunding‑Portal startnext. de. 11 Diese wurden von der Website des landes betriebs für informa tion und technik für nordrhein-West falen ent nommen: www. it.nrw.de/links/kreise [20. 05. 2013]. 12 nach blog wurde zunächst auch der begriff Forum ein geben. reine Foren wurden später aber wegen der mangelnden Ver gleich bar- keit aus der Stichprobe ge nommen. Vereinzelte misch formen aus blogs und Foren blieben hingegen in der Stichprobe ent halten. obwohl es sich streng ge nommen also nicht um eine reine Stichprobe aus blogs handelt, wird im Folgenden der einfach heit halber von blogs ge sprochen. 60 Die dreiteilige Stichprobe dient dem Zweck, erstens repräsentative Aus sagen über die Quantität und Qualität von Nutzer partizipa tion bei digitalen Medien angeboten treffen zu können, zweitens Äquivalente zum profes sio nellen Journalismus in NRW be sonders intensiv zu be trachten und drittens anhand bewusst aus gewählter innovativer Online‑ Angebote zu skizzie ren, wo eventuell Spiel raum für Ver besse rungen ist. Unter suchungs zeitraum war eine künst liche Woche im Zeitraum 10. Juni bis 28. Juli 2013. Auf diese Weise wurde sicher gestellt, dass alle Wochen tage gleich‑ berechtigt ver treten waren, und es wurde ent sprechen den Ver zerrungen vor gebeugt. An jedem Wochentag dieser künst lichen Woche wurde ein Siebtel des Gesamtsamples codiert.13 Bei den Teilstichproben gab es speicher bedingt minimale Schwan kungen (siehe Ab schnitt 3.4.1). Die Websites wurden mittels der Speicher‑Software HTTrack automatisiert ge speichert bzw. ggf. manuell nach gespeichert. 3.3.2 analyse- unD coDier einheit Die primäre Erhe bungs einheit war ein publizisti sches Webangebot (= Gesamt heit der Websites, Start seite und Unter seiten, mit einem gemeinsamem Namen oder Titel, z. B. Spiegel Online). Die Codie rung fand innerhalb des Webangebots, wie auch bei Engesser (2013), auf drei Ebenen statt (Start seite, Beitrag, Kontext).14 Pro Webangebot wurden drei journalistische Beiträge per Zufalls auswahl von der Start seite aus gewählt. Dies galt allerdings nur, wenn die Beiträge der Website grundsätz lich eine Kommentarfunk tion hatten. Denn durch die Ver quic kung von Beitrags‑ und Kontextebene sollte ge prüft wer‑ den, welche journalisti schen Merk male zu welcher quantitativen Resonanz führen. 3.3.3 kategorien system Das 65 Variablen umfassende Codebuch (siehe Anhang) ist ent lang der drei vor‑ gestellten Ebenen auf gebaut. Die Ebene der Start seite wird durch die Variablen 1 bis 39 ab gedeckt (siehe Tabelle 3.2). Hier werden neben formalen Variablen die vor‑ handenen Themen bereiche einer Website sowie die Partizipa tions möglich keiten für Nutzer erhoben. Dabei wird Partizipa tion bewusst weit ge fasst, auch werden Elemente wie beispiels weise ein Ranking der meist gelesenen oder meist kommentierten Artikel 13 es wäre wünschens wert ge wesen, alle Websites an allen tagen der künst lichen Woche zu codieren. Das war jedoch bei einer derart umfassen den Stichprobe aus kapazi täts gründen nicht möglich, da es den aufwand der codie rung versiebenfacht hätte. 14 Für eine genaue Defini tion der ebenen siehe codebuch im anhang. 61 3 Der nutzer als kommentator formale Variablen auf der ebene der start seite – nummer des Webangebots – name des Webangebots – internetadresse – Datum der Speiche rung – Uhrzeit der Speiche rung themen bereiche des webangebots – anzahl der themen bereiche – themen bereich: politik – themen bereich: Wirtschaft – themen bereich: nachrichten allgemein – themen bereich: kultur – themen bereich: Sport – themen bereich: panorama – themen bereich: Wissen – themen bereich: karriere – themen bereich: reise – themen bereich: netz welt – themen bereich: lokales – themen bereich: meinung – themen bereich: Service – Sonstige themen bereiche Partizipative elemente – angabe der leseranzahl pro beitrag – ranking der meist gelesenen/meistkommentierten beiträge – Weiter leitung journalisti scher inhalte – Social bookmarking – bewer tungs funk tion – Votings – kommentarfunk tion – kommentarfunk tion: registrie rung – online-leserbriefe – Soziale netz werke – microblogging-Dienste – nutzer blogs – redak tions blogs – Forum – Forum: modera tion – Forum: Wahlfrei heit bei themen – Fotos – Videos – Sonstige partizipative elemente tabelle 3.2: Variablen 1 bis 39 des codebuchs (ebene der start seite) 62 codiert. Damit soll keine theoreti sche Wertung vor genommen werden, wo Partizipa tion beginnt, vielmehr sollen die Formen und Formate, in denen sich die Inter aktion Redak tion‑Nutzer wider spiegelt, umfassend ab gebildet werden. Die Beitragsebene umfasst die Variablen 40 bis 56 (siehe Tab. 3.3). Für jeden der drei Beiträge einer Website werden hier sowohl formale Variablen als auch die jour‑ nalisti schen Merkmale eines Beitrags erfasst. Die übrigen Variablen 57 bis 65 (siehe Tab. 3.4) be ziehen sich auf den Kontext eines Beitrags und umfassen vor allem die quantitative Nutzer resonanz auf einen Beitrag. Variablen auf der ebene des kontexts eines beitrags – kontakt zum autor – anzahl der leser – anzahl der bewer tungen interne Zustimmungs funk tion – anzahl der bewer tungen externe Zustimmungs funk tion – anzahl der bewer tungen bewer tungs skala – minimalwert bewer tungs skala – maximalwert bewer tungs skala – Durch schnitt liche bewer tung – anzahl der kommentare formale Variablen auf beitragsebene – nummer des beitrags – position des beitrags auf der Start seite – Datum der Ver öffent lichung – Uhrzeit der Ver öffent lichung – Datum der aktualisie rung – Uhrzeit der aktualisie rung Journalisti sche merkmale eines beitrags – themen bereich – anzahl der Wörter – Fotos und illustra tionen – Foto-Slideshow – traditio nelle Grafiken – animierte und inter aktive Grafiken – audio-elemente – Video-elemente – Journalisti sche Darstel lungs form – aktuali tät – name des autors tabelle 3.4: Variablen 57 bis 65 des codebuchs (ebene des kontextes) tabelle 3.3: Variablen 40 bis 56 des codebuchs (beitragsebene) 63 3 Der nutzer als kommentator Im Anschluss an die Codie rung wurden weitere Identifika tions variablen ergänzt (Stichprobe, Mediengat tung). 3.3.4 Über legungen zur ValiDität unD reliabili tät Misst der Codierplan wirk lich, was er messen soll? Diese Frage nach der Validität des Erhe bungs instruments ist be deutsam für die Qualität der er zeugten Forschungs ergeb‑ nisse und soll daher kurz diskutiert werden. Es wird dabei auf die zentralen Kriterien Analysevalidi tät, Inhalts validi tät, Kriteriums validi tät und Inferenz validi tät ein gegangen (vgl. Rössler, 2010, S. 205 ff.). Die Analysevalidi tät wurde in der Pretest phase zwischen Forschern und den fünf Codierern mitgetestet und konnte über alle Variablen hinweg als gut be urteilt werden. Um Inhalts validi tät sicher zustellen, waren vor allem zwei Über legungen wesent lich. Zum einen baut das Codebuch auf vor liegen den Unter suchungen zum partizipativen Journalismus auf (insbesondere Engesser, 2013; Sehl, 2013), die modifiziert und ergänzt wurden. Es greift somit auf er probte Kategorien systeme zurück. Zum anderen wurde das so theoretisch ent wickelte Kategorien system in einer Pretest phase aus führ lich am Erhe bungs material ge testet und ent sprechend an gepasst. Bezüg lich der Kriteriums validi tät, die dazu dient, die Ergeb nisse der Inhalts analyse einzu schätzen, sollen dieselben später mit dem eingangs kurz ge nannten Forschungs‑ stand in Beziehung gesetzt werden. Inferenz validi tät ist für diese Unter suchung nicht zentral, da sie nicht an strebt, auf Basis der Inhalts analyse Inferenz schlüsse zu ziehen, z. B. auf die von Nutzern präferierten partizipativen Formen und Formate. Ein Reliabili täts test nach Holsti über zehn Medien und insgesamt 30 Fälle auf Beitragsebene ergab für die fünf Codierer nach aus führ licher Codier schu lung gute bis sehr gute Werte. Alle Variablen lagen zwischen 0,8 und 1,0. 3.4 ergeb nisse 3.4.1 Ver teilung Der stichProbe auf Die erhe bungs tage Bevor auf die konkreten Ergeb nisse der Inhalts analyse ein gegangen wird, soll kurz dargestellt werden, wie sich die Medien auf die einzelnen Erhe bungs tage ver teilen. Abbil dung 3.1 zeigt, dass sich das Gesamtsample nahezu gleichmäßig über die sieben Erhebungstage der künstlichen Woche verteilt. 64 abbilDung 3.1: anteil der jeweili gen erhe bungs tage am gesamtsample in Prozent (n = 388) hier und bei weiteren Grafiken und tabellen ergeben sich ab weichungen von kumulierten 100 prozent aus rundungs fehlern. Differenziert nach den einzelnen Teilstichproben ergeben sich für die Stichproben der journalisti schen Online‑Angebote und der lokalen und regionalen Blogs in NRW minimale Ab weichungen (maximale Schwan kungen von 3 bzw. 5 Prozent zwischen den Erhe bungs tagen). Sie resultie ren aus techni schen Problemen bei der Speiche rung, denn nicht alle Websites konnten an dem Erhe bungs tag fehler frei ge speichert werden, für den sie vor gesehen waren und mussten an anderen Erhe bungs tagen nach gespeichert werden.15 Prozentual etwas größer sind die Ab weichungen in der Gruppe der bewusst aus gewählten Online‑Angebote mit bis zu 8 Prozent Schwan kung zwischen den Er‑ he bungs tagen. Der relativ hohe Prozent wert ist jedoch durch die geringe Gruppen größe be einflusst. Tatsäch lich handelt es sich in ab soluten Zahlen ledig lich um einen Unter‑ schied von bis zu drei Websites. Zudem ist zu be denken, dass der Erhe bungs tag bei fast allen Variablen ohne Bedeu tung ist, da wieder kehrende Merkmale wie partizipative Elemente, multimediale Elemente oder ständige Themen bereiche etc. unter sucht werden, aber nur wenige tages abhängige Merkmale der Berichterstat tung. 15 Die automatisierte massen-Speiche rung des digitalen materials funktionierte bei vielen Websites nicht fehler frei, sodass manuell nach gespeichert werden musste. kontrolle und nachspeiche rung wurden grundsätz lich am jeweili gen Speichertag durch geführt. einige techni sche Fehler im Detail fielen bei den großen Daten mengen jedoch erst später auf. Montag, 10.06.2013 15% Dienstag, 18.06.2013 15% Mittwoch, 26.06.2013 13% Donnerstag, 04.07.2013 13% Freitag, 12.07.2013 16% Samstag, 20.07.2013 14% Sonntag, 28.07.2013 15% 65 3 Der nutzer als kommentator 3.4.2 ebene Der start seite 3.4.2.1 themen bereiche Die unter suchten Online‑Angebote weisen eine Vielzahl an Themen bereichen – hier ge messen an der Anzahl der Rubriken – auf. Dabei zeigt sich der größte Unter schied zwischen den Stichproben der journalisti schen Online‑Angebote und den lokalen und regionalen Blogs in NRW. Während die journalisti schen Online‑Angebote im arithmeti‑ schen Mittel über 8,95 Themen bereiche ver fügen (Standardabweichung (SD)16 = 3,395; n = 270), bringen es die lokalen und regionalen Blogs nur auf durch schnitt lich 6,43 Themen bereiche (SD = 4,467; n = 83). Die Gruppe der bewusst aus gewählten innova‑ tiven Online‑Angebote liegt mit 7,54 Themen bereichen (SD = 3,738; n = 35) in der Mitte. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote zeigt sich im Detail, dass die Websites der Zeitun gen mehr Themen bereiche umfassen als die von Radio‑ oder Fernsehsendern bzw. Rundfunkanstalten. Dies gilt für regionale und über regionale Tages zeitun gen gleichermaßen wie für Wochen zeitun gen. Den höchsten Wert an Themen bereichen weisen die Nur‑Online‑Angebote mit durch schnitt lich 11,5 Themen‑ bereichen auf, allerdings liegt hier mit 9,754 auch die höchste Standardabweichung vor. Zudem ist die geringe Fallzahl zu be achten (n = 8). tabelle 3.5: arithmeti sches mittel der anzahl der themen bereiche pro mediengat tung in der stichprobe der journalisti schen online-angebote medium mittelwert Standardabweichung n regionale tages zeitung 9,80 2,518 103 Über regionale tages zeitung 11,33 2,598 9 Wochen zeitung 9,43 3,780 7 privater radiosen der 7,79 2,827 92 privater Fernsehsen der 7,18 2,351 17 Öffent lich-recht liche rundfunkanstalt 9,21 4,098 14 nur-online-medium 11,5 9,754 8 Zeitschrift 9,16 3,671 19 gesamt 8,95 3,395 270 16 Die Standardabweichung ist die Quadrat wurzel der Varianz, also der Summe der quadrierten ab weichungen aller mess werte vom arithmeti schen mittel, dividiert durch die anzahl aller mess werte. Sie ist damit, ver einfacht gesagt, ein maß für die Streuung der Werte eines merkmals um dessen arithmeti sches mittel. 66 abbilDung 3.2: themen bereiche auf den unter suchten websites, relative häufig keiten in Prozent (journalisti sche online-angebote: n = 270, lokale und regionale blogs in nrw: n = 83, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 35) 41 63 48 46 16 49 18 15 10 6 10 8 4 21 21 27 34 24 7 15 6 2 0 2 4 4 46 17 23 17 31 11 20 17 9 11 3 0 0 Kultur Nachrichten Sport Lokales Politik Service Wirtschaft Panorama Wissen Netzwelt Reise Meinung Karriere Prozent Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewälte innovative Online-Angebote 67 3 Der nutzer als kommentator Die häufigsten fünf Themen bereiche in der Stichprobe der journalisti schen Online‑ Angebote (n = 270) sind Nachrichten (63 %, Mehrfachcodie rungen möglich), Service (49 %), Sport (48 %), Lokales (46 %) und Kultur (41 %) (siehe Abbil dung 3.2). In der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW (n = 83) liegen dagegen die Themen bereiche Lokales (34 %), Sport (27 %), Politik (24 %), Nachrichten und Kultur (jeweils 21 %) vorn. In der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑ Angebote (n = 35) führen die Themen bereiche Kultur (46 %), Politik (31 %), Sport (23 %), Wirtschaft (20 %) sowie zu gleichen Anteilen Lokales, Nachrichten und Pano‑ rama (jeweils 17 %) das Ranking an. Hier wird folg lich eine redaktio nelle Aus rich tung an Special‑Interest‑Themen deut lich. Auch wenn die ab soluten Zahlen bei einer differenzierten Aus wertung der Stich‑ probe der journalisti schen Online‑Angebote sehr klein werden, sollen doch Unter schiede zwischen den ver schiedenen Mediengat tungen an gedeutet werden. So kommt eine allgemeine Nachrichten‑Rubrik im Ver gleich zu einer Politik‑Rubrik bei regionalen Tages zeitun gen und privaten Radio‑ und Fernsehsendern deut lich häufiger vor. Um‑ gekehrt ver hält es sich bei den über regionalen Tages‑ sowie Wochen zeitun gen. Auch darüber hinaus zeigt sich bei den über regionalen Tages‑ sowie Wochen zeitun gen eine deut lichere Spezialisie rung in klassische Ressorts. 3.4.2.2 PartiziPatiVe an gebote Welche partizipativen Formen und Formate integrie ren die unter schied lichen Online‑ Angebote? Gibt es dabei Unter schiede zwischen den journalisti schen Online‑Angeboten, den lokalen und regionalen Blogs in NRW und den bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angeboten? Abbil dung 3.3 gibt einen Über blick über die ver schiedenen partizi‑ pativen Formen und Formate auf den unter suchten Websites. Tabelle 3.6 zeigt die Auf teilung nach Mediengat tungen für die Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote, bevor alle partizipativen Formen und Formate einzeln vor gestellt werden. 68 abbilDung 3.3: Partizipative an gebote auf den unter suchten websites, relative häufig keiten in Prozent (journalisti sche online-angebote: n = 270, lokale und regionale blogs in nrw: n = 83, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 35) * bei blogs wurde die aus prägung „blog der redak tion“ nicht erhoben 79 55 84 63 86 68 36 19 22 23 12 9 2 5 1 57 84 49 45 40 40 12 15 0 5 8 11 4 1 1 91 83 86 74 57 66 32 31 28 17 11 11 14 6 3 Weiterleitung Onlinekommentare Soziale Netzwerke Bewertungsfunktion Online-Leserbriefe Microblogging Rankings Social Bookmarking Redaktionsblogs* Votings Fotos Forum Leseranzahl/Beitrag Nutzerblogs Videos Prozent Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewälte innovative Online-Angebote 69 3 Der nutzer als kommentator tabelle 3.6: top 10-Partizipative formate nach mediengat tungen in der stichprobe der journalisti schen online-angebote, relative häufig keiten in Prozent partizipative an gebote reg. tZ (n = 103) Überreg. tZ (n = 9) Wochen- ztg. (n = 7) priv. radio (n = 92) priv. tV (n = 17) Öff.- rechtl. (tV und radio) (n = 14) nur-on- line (n = 8) Zeit- schrift (n = 19) weiter leitung (cramer-V = 0,329)*** 96 % 78 % 86 % 54 % 76 % 86 % 88 % 84 % soziale netz werke (cramer-V = 0,180) 87 % 78 % 86 % 86 % 88 % 71 % 63 % 84 % online-leserbriefe (cramer-V = 0,188) 91 % 78 % 100 % 86 % 71 % 79 % 75 % 79 % bewer tungs funk tion (cramer-V = 0,393)*** 81 % 100 % 57 % 40 % 65 % 50 % 63 % 74 % onlinekommentare (cramer-V = 0,441)*** 76 % 89 % 71 % 28 % 53 % 36 % 63 % 63 % microblogging (cramer-V = 0,279)** 81 % 78 % 71 % 51 % 71 % 79 % 63 % 68 % rankings (cramer-V = 0,369)*** 65 % 78 % 71 % 3 % 24 % 14 % 38 % 32 % social bookmarking (cramer-V = 0,257)* 17 % 11 % 0 % 13 % 47 % 29 % 38 % 32 % Votings (cramer-V = 0,438)*** 45 % 11 % 43 % 8 % 6 % 0 % 13 % 11 % redaktionsblogs (cramer-V = 0,347)*** 31 % 78 % 29 % 9 % 12 % 29 % 13 % 21 % *** p < 0,001, ** p < 0,01, * p < 0,05. 3.4.2.2.1 weiter lei tungs funk tion Eine Weiter lei tungs funk tion für journalisti sche Inhalte gehört zu den einfachsten partizipativen Anwen dungen, die Redak tionen ihren Nutzern auf ihrer Website anbieten können. Dabei können Nutzer journalisti sche Beiträge anderen über eine ent sprechende Funktion an ihre E‑Mail‑Adresse weiter leiten oder über ein soziales Netz werk teilen oder empfehlen. Gleichzeitig zeigt die Aus wertung, dass diese Funktion auch im Durch schnitt aller drei Stichproben die am häufigsten an gebotene partizipative Form ist. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote bieten mehr als drei Viertel der Redak tionen (79 %, n = 270) ihren Nutzern diese Funktion an. Etwas über die Hälfte der Online‑ 70 Angebote (51 %) bietet dabei sowohl eine Weiter lei tungs‑/Empfeh lungs funk tion per E‑Mail als auch per sozialem Netz werk an, 6 Prozent nur per E‑Mail und 21 Prozent aus schließ lich über ein soziales Netz werk. Dabei zeigt sich in der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote ein mittle rer und höchst signifikanter Zusammen hang zwischen dem Vor handensein einer Weiter lei tungs‑/Empfeh lungs funk tion und der Mediengat tung17 (Cramer‑V = 0,324; p = 0,000). Eine Weiter lei tungs‑/Empfeh lungs funk tion ist auf den Websites über‑ regionaler Tages zeitun gen (78 %, n = 9), privater Fernseh‑ (76 %, n = 17) und Radio‑ sender (54 %, n = 92) deut lich seltener ver treten als bei den anderen Gattun gen, in denen die Anteile jeweils deut lich über 80 Prozent liegen, im Fall der regionalen Tages zeitun gen sogar bei 96 Prozent (n = 103).18 In der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW bieten dagegen mit etwas über der Hälfte (57 %, n = 83) deut lich weniger Anbieter eine Weiter lei tungs‑/ Empfeh lungs funk tion für Inhalte an. Fast ein Viertel (23 %) der Blog‑Anbieter setzt dabei sowohl auf eine E‑Mail‑Weiterlei tung als auch auf Empfeh lung über soziale Netz werke, 6 Prozent nur auf eine E‑Mail‑Funktion und 28 Prozent aus schließ lich auf soziale Netz werke zu diesem Zweck. Am weitesten ver breitet und mit 91 Prozent schon nahezu Standard ist die Wei‑ terlei tungs funk tion in der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑ Angebote. 37 Prozent dieser Stichprobe (n = 35) bieten die Weiter leitung bzw. Empfeh‑ lung dabei über beide Kanäle an, nur 3 Prozent aus schließ lich über eine E‑Mail‑Funktion, aber 51 Prozent exklusiv über soziale Netz werke. Die ver gleichs weise hohe Ver brei tung der Weiter lei tungs‑/Empfeh lungs funk tion in allen drei Stichproben kann erklärt werden mit dem geringen Programmier aufwand für die Redak tionen bei einem gleichzeitig hohen Werbenutzen, wenn ihre journalisti‑ schen Artikel durch Nutzer weiter ver breitet werden. Denn in der Regel werden nur kurze Teaser eines Artikels weiter geleitet und der vollständige Artikel darunter ver linkt. Der Nutzer muss also zum Lesen des gesamten Artikels die Website des Medien‑ angebots be suchen und erhöht damit den Traffic auf der Website. Auch auf seiten der Nutzer er fordert eine Weiter lei tungs‑/Empfeh lungs funk tion nur ein geringes Partizipa‑ tions niveau, denn der Nutzer produziert selbst keinen Inhalt, sondern ver breitet nur weiter. 17 Dabei wurden folgende aus prägungen ein geschlossen: regionale tages zeitung, über regionale tages zeitung, Wochen zeitung, privater radiosen der, privater Fernsehsen der, öffent lich-recht liche rundfunkanstalt, nur-online-medium und Zeitschrift. 18 ausgeschlossen werden bei der detaillierten aus wertung der Gruppe der journalisti schen online-angebote nach Gattun gen hier und im Folgenden agenturen, denn hier wurde nur ein an gebot unter sucht. 71 3 Der nutzer als kommentator 3.4.2.2.2 soziale netz werke Ein soziales Netz werk er möglicht es Nutzern in der Regel, sich selbst ein Profil anzu‑ legen und sich mit anderen Nutzern zu ver netzen. Je nach Netz werk können sie darüber hinaus selbst Inhalte ver öffent lichen oder Inhalte von anderen Nutzern lesen und diese kommentie ren, „liken“, empfehlen etc. Oftmals können dabei auch multimediale Inhalte wie Fotos oder Videos ge teilt werden. Soziale Netz werke ver einen somit eine Reihe Funktionen, die Websites von journalisti schen Medien ansonsten ver einzelt anbieten, wie beispiels weise eine Foto‑ oder Video‑Uploadmöglich keit, Kommentar‑ oder Bewer tungs funk tion. Bei der Daten erhe bung wurde danach differenziert, ob die Websites über eine Ver bindung zu einem internen Netz werk oder einem externen Netz werk oder beides ver fügen. Außerdem wurde genauer erfasst, um welche sozialen Netz werke es sich handelt. Beides wurde an der Start seite ab gelesen. Microblogging‑Dienste wie Twitter wurden an dieser Stelle nicht codiert, sondern separat erfasst. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote bieten über drei Viertel eine Schnitt stelle zu einem externen sozialen Netz werk an (76 %, n = 270). Weitere 7 Prozent bieten ein internes und externes soziales Netz werk an. Aus schließ lich auf ein internes soziales Netz werk setzen nur 2 Prozent der journalisti schen Online‑ Angebote. Am häufigsten innerhalb der journalisti schen Online‑Angebote werden soziale Netz werke insgesamt auf den Websites privater Fernsehsen der (88 %, n = 17), regionaler Tages zeitun gen (87 %, n = 103) und privater Radiosen der (86 %, n = 92) an geboten. Bei allen anderen Gattun gen liegt der Anteil im Bereich zwischen 63 und 78 Prozent. In der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW ver fügen mit 48 Pro‑ zent (n = 83) weniger An gebote über eine Schnitt stelle zu einem externen Netz werk, und nur ein An gebot hat sowohl ein internes als auch ein externes soziales Netz werk. Auch in der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote zeigt sich eine starke Offen heit für eine Ver bindung zu sozialen Netz werken, insgesamt jedoch etwas geringer als in der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote. 66 Prozent (n = 35) ver fügen über eine Schnitt stelle zu einem externen sozialen Netz‑ werk, nur 3 Prozent über ein internes soziales Netz werk und weitere 17 Prozent über beides. Über alle drei Stichproben hinweg wird bei den externen sozialen Netz werken aus nahms los Facebook an geboten (100 % der Websites, die eine Schnitt stelle zu einem externen sozialen Netz werk haben). Zusätz lich zu Facebook wird häufig noch Google+ an geboten (journalisti sche Online‑Angebote, die eine Schnitt stelle zu einem externen 72 sozialen Netz werk haben: 59 %, n = 224; lokale und regionale Blogs in NRW: 34 %, n = 41; bewusst aus gewählte innovative Online‑Angebote: 43 %, n = 30). Innerhalb der journalisti schen An gebote gilt dies vor allem für die über regionalen Tages zeitun gen (86 % der An gebote, die eine Schnitt stelle zu einem externen sozialen Netz werk haben, n = 7), öffent lich‑recht lichen Sender (82 %, n = 11) und regionalen Tages zeitun gen (74 %, n = 89). Ver gleichs weise selten wird eine Ver knüp fung mit Google+ hingegen auf den Websites der privaten Radiosen der an geboten (33 %, n = 78). In selten eren Fällen werden weitere soziale Netz werke wie YouTube, Wer kennt wen, MySpace oder LinkedIn an geboten. Die Beliebt heit von sozialen Netz werken bei Anbietern lässt sich damit er klären, dass sich darüber eigene Inhalte weiter ver breiten lassen und sie in der Regel alle Funktionen integrie ren, die die Redak tionen sonst als separate Elemente anbieten. Gleichzeitig sind private soziale Netz werke die Anwen dung im Social Web mit den meisten Nutzern, wie die repräsentative ARD/ZDF‑Online‑Studie zeigt. Demnach nutzte im Jahr 2013 fast die Hälfte (46 %, n = 1.389) der Onliner ab 14 Jahren ein soziales Netz werk zumindest selten. In den jüngeren Alters gruppen 14 bis 19 Jahre und 20 bis 29 Jahre waren es sogar 87 bzw. 80 Prozent (vgl. Busemann, 2013, S. 391 f.). Allerdings ist die Suche nach und der Aus tausch über tagesaktuelle Informa tionen, z. B. aus Politik oder Wirtschaft, bei der Nutzung deut lich nach rangig gegen über dem persön lich‑privaten Aus tausch (vgl. Busemann, 2013, S. 394). 3.4.2.2.3 online-leserbriefe Den Leserbrief gibt es schon seit den Anfängen der Zeitung, und er ist bis heute die klassi sche Form der Kommunika tion zwischen einer Zeitung und ihren Lesern (vgl. u. a. Mlitz, 2008). Im Online‑Zeitalter wird er, nicht nur bei Zeitun gen, um den Online‑Leserbrief ergänzt. In dieser Kategorie wurde also erfasst, ob das Webangebot über eine Möglich keit ver fügt, durch die der Nutzer online einen Leserbrief einreichen kann. Eine Mailadresse der Redak tion wurde dabei als aus reichend an gesehen, z. B. redak tion@ … oder politik@ … Die persön lichen Mailadressen der Redakteure zählten dagegen nicht. Der Kontakt zum Autor wurde in einer separaten Variablen erfasst (siehe Ab schnitt 3.4.4.1). Es wurden auch Unter seiten wie beispiels weise „Kontakt“ oder „Impressum“ an geschaut. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote ver fügen 86 Prozent (n = 270) der Websites über eine Möglich keit für Nutzer, online einen Leserbrief einzu‑ reichen. Bei Wochen zeitun gen ist dies sogar bei aus nahms los allen An geboten möglich 73 3 Der nutzer als kommentator (n = 7) und bei den Websites regionaler Tages zeitun gen bei 91 Prozent (n = 103). Bei den über regionalen Tages zeitun gen bieten dagegen nur 78 Prozent (n = 9) diese Möglich‑ keit an. Am seltensten in der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote wird der Online‑Leserbrief auf den Websites privater Fernsehsen der an geboten (71 %, n = 17), ge folgt von den Websites reiner Online‑Angebote (75 %, n = 8). Dieses Ergebnis kann so interpretiert werden, dass die Medien angebote, die traditio nell auf einen Leserbrief gesetzt haben, dies nun auch im Social Web mit einer Online‑Variante öfter tun als journalisti sche Mediengat tungen, bei denen diese Form der Kommunika tion mit dem Publikum weniger traditio nell ge wachsen ist. In der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW bieten dagegen nur 40 Prozent (n = 83) ihren Nutzern eine Option, online einen Leserbrief einzu reichen. Eine Erklä rungs möglich keit liegt im Format des Blogs. Er bietet für Feedback an den Blogbetreiber in erster Linie die Kommentarfunk tion an. Die Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote liegt mit 57 Prozent (n = 35) zwischen der großen Stichprobe der journalisti schen Online‑ Angebote und den lokalen und regionalen Blogs in NRW. 3.4.2.2.4 bewer tungs funk tion Redaktio nelle Beiträge be werten können Nutzer auf 63 Prozent (n = 270) der Websites aus der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote. Dabei werden unter schied‑ liche Formen zur Beitrags bewer tung ein gesetzt: Es werden sowohl einfache dichotome Ab stim mungen, z. B. Daumen hoch oder Daumen runter, als auch komplexere, bei‑ spiels weise mit Punkte‑ oder Sterne vergabe, an geboten. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote zeigt sich ein mittle rer und höchst signifikanter Zusammen hang zwischen dem Ver handensein einer Bewer‑ tungs funk tion und der Mediengat tung (Cramer‑V = 0,393; p = 0,000). Besonders ver‑ breitet in der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote sind Bewer tungs funktio‑ nen auf den Websites der über regionalen Tages zeitun gen (100 %, n = 9), der regionalen Tages zeitun gen (81 %, n = 103) sowie auf den Websites von Zeitschriften (74 %, n = 19). Bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW bieten weniger als die Hälfte der Blogger (45 %, n = 83) ihren Nutzern eine Bewer tungs funk tion an. In der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote sind es dagegen mit über drei Vierteln (76 %, n = 37) im Gruppen vergleich die meisten. Eine Bewer tungs funk tion kann Nutzern einen Eindruck davon geben, wie anderen Nutzern ein Beitrag ge fällt. Bei vielen Beiträgen ist die Anzahl der Bewer tungen jedoch 74 so gering (siehe Ab schnitt 3.4.4.3), dass sich daraus keine ver allgemeiner baren Aus sagen ab leiten lassen. 3.4.2.2.5 onlinekommentare Eine Kommentarfunk tion wird in der Regel unter halb eines Beitrags an geboten. Die Nutzer können sich in einem freien Textfeld zu einem Beitrag und dessen Thema äußern. Nutzer können sich aber nicht nur auf den vor heri gen Beitrag, sondern auch auf die Kommentare anderer Nutzer be ziehen und unter einander diskutie ren. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote er möglichen es über die Hälfte (55 %, n = 270) der Anbieter ihren Nutzern, einen Onlinekommentar zu einem Beitrag zu schreiben. Dabei liegt in dieser Stichprobe ein mittle rer und höchst signi‑ fikanter Zusammen hang zwischen dem An gebot einer Kommentarfunk tion und der Mediengat tung vor (Cramer‑V = 0,441; p = 0,000). Dabei bieten die über regionalen Tages zeitun gen eine Kommentarfunk tion am häufigsten an (89 %, n = 9), ge folgt von den regionalen Tages zeitun gen (76 %, n = 103) und den Wochen zeitun gen (71 %, n = 7). Reine Online‑Angebote und die Websites von Zeitschriften liegen mit je 63 Prozent (n = 24 bzw. 19) im Mittelfeld. Am seltensten innerhalb der Stichprobe der journalisti‑ schen Online‑Angebote bieten die Radio‑ und Fernsehsen der – unabhängig davon, ob öffent lich‑recht lich oder privat organisiert – eine Kommentarfunk tion an. Konkret sind es auf den Websites der öffent lich‑recht lichen Sender 36 Prozent (n = 14) sowie bei den privaten Radio‑ und Fernsehsendern 28 und 53 Prozent (n = 92 bzw. 17). Bei der Kommentarfunk tion zeigt sich folg lich eine klare Gruppie rung nach journalisti‑ schen Mediengat tungen, die die Zeitun gen anführen. Eine Erklä rungs variante ist, dass für die Zeitun gen der Onlinekommentar eine Weiter entwick lung und unmittel barere Form des Leserbriefs online ist und sich deshalb so großer Beliebt heit erfreut. In der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW ist der Online‑ kommentar Bestand teil auf 84 Prozent (n = 83) der unter suchten An gebote. Dass dieser Anteil höher ist als bei den journalisti schen Online‑Angeboten, lässt sich leicht damit er klären, dass eine Kommentarfunk tion charakteristisch ist für ein Blog und auch in der Regel bereits als Vor einstel lung in den Content Management Systemen ein gestellt ist. Auch in der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote ist eine Kommentarfunk tion mit eben falls 83 Prozent (n = 35) weit ver breitet. Deutliche Unter schiede zwischen den drei Gruppen ergeben sich auch bei der Frage, ob die Anbieter eine Registrie rungs pflicht für Kommentatoren vor schreiben 75 3 Der nutzer als kommentator oder nicht. Während dies bei 66 Prozent der journalisti schen Online‑Angebote mit Kommentarfunktion (n = 146) der Fall ist, ver langen dies nur 11 Prozent (n = 70) der Betreiber lokaler und regionaler Blogs in NRW und 52 Prozent (n = 29) der Anbieter in der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote. Die Unter‑ schiede zwischen den journalisti schen Online‑Angeboten und den Blogs sind ein Indiz dafür, dass der professio nelle Journalismus durch eine Registrie rungs pflicht an strebt, eine ge wisse Diskus sions kultur auf seinen Websites zu sichern. 3.4.2.2.6 microblogging Microblogging be deutet, dass Nutzer kurze Textnachrichten im Internet ver öffent lichen können. Diese können von anderen Nutzern abonniert werden, die sie weiter leiten oder darauf antworten können. Aktive Nutzer müssen sich dazu ein Profil anlegen. Ihre Einträge werden ähnlich wie bei Blogs in um gekehrter Reihen folge an gezeigt, d. h. die aktuellste Nachricht steht immer oben. Der am weitesten ver breitete Micro‑ blogging‑Dienst ist Twitter (siehe zum Ver hältnis Twitter und Journalismus in Deutsch‑ land Neuberger u. a., 2010). In der Erhebung wurde be rücksichtigt, ob ein Medium bzw. ein Blog bei einem Microblogging‑Dienst einen eigenen Account besitzt. Dies wurde auf der Start seite ab gelesen. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Medien ver fügen fast zwei Drittel der Websites (68 %, n = 270) über einen redaktio nellen Microblogging‑Account. Dabei liegt ein schwacher, aber hoch signifikanter Zusammen hang zwischen dem Vor handensein eines eigenen Microblogging‑Accounts und der Mediengat tung vor (Cramer‑V = 0,279; p = 0,004). Besonders häufig wurde die Einbin dung von Micro‑ blogging‑Diensten auf den Websites regionaler Tages zeitun gen (81 %, n = 103), öffent‑ lich‑recht licher Sende anstalten (79 %, n = 14) sowie über regionaler Tages zeitun gen (78 %, n = 9) ge zählt. Am seltensten wird ein Microblogging‑Account von den privaten Radiosendern unter halten (51 %, n = 92). In der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW sind dagegen nur zwei Fünftel (40 %, n = 83) der Anbieter bei einem Microblogging‑Dienst aktiv. Dies mag daran liegen, dass das eigene Blog bereits – wenn auch in anderem Zuschnitt und vor allem anderer Länge – ähnliche Funktionen des Ver öffentlichens und Ver‑ netzens bietet wie ein Microblogging‑Dienst. In der Gruppe der bewusst aus gewählten, innovativen Online‑Angebote sind 66 Prozent (n = 35) bei einem Microblogging‑Dienst vertreten. 76 Hier gilt über alle drei Gruppen hinweg – ähnlich wie bei den sozialen Netz‑ werken: Die Vielfalt der Anbieter ist be grenzt. In allen Fällen wird Twitter als Micro‑ blogging‑Dienst an geboten, äußerst ver einzelt alternative Dienste wie Tumblr. Schaut man sich die Nutzungs zahlen des Microblogging‑Dienstes Twitter bzw. dessen Zuwachs raten an, so ver wundert es nicht, dass Redak tionen hier aktiv sind. Zwar weist Twitter laut der ARD/ZDF‑Onlinestudie 2013 mit insgesamt 3,89 Millionen Nutzern ab 14 Jahren deut lich weniger Nutzer auf als das soziale Netz werk Facebook, aber dennoch mehr als jedes andere soziale Netz werk. Außerdem sind im Ver gleich zum Vorjahr 1,81 Millionen Nutzer hinzu gekommen, was einem Zuwachs von 87 Pro‑ zent ent spricht. Insgesamt nutzen 7 Prozent der Onliner ab 14 Jahren Twitter. Unter den jüngeren Onlinern ist der Dienst dabei deut lich be liebter. 14 Prozent der 14‑ bis 29‑Jährigen be sitzen einen eigenen Account. Schon bei den 30‑ bis 49‑Jährigen fällt der Anteil von Nutzern mit eigenem Profil auf 6 Prozent, um bei den ab 50‑Jährigen schließ lich bei nur noch 3 Prozent anzu kommen (vgl. Busemann, 2013, S. 397 f.). Für Redak tionen kann der zusätz liche Zeitaufwand für das Betreiben eines Micro‑ blogging‑Accounts Sinn machen, um eigene Inhalte zu be werben und zu ver breiten oder um, insbesondere im Lokalen, auf Themen hin gewiesen zu werden oder solche zu recherchie ren. 3.4.2.2.7 rankings In dieser Kategorie wurde erhoben, ob ein Webangebot generell ein Ranking der meist gelesenen oder/und meist kommentierten Beiträge angibt. Dies wurde auf der Start seite ab gelesen. Dabei zeigt sich, dass ledig lich ein gutes Drittel (36 %, n = 270) der journalisti‑ schen Online‑Angebote ihren Nutzern diese Informa tion gibt. Jeweils 17 Prozent der Redak tionen bieten ent weder ein Ranking der meist gelesenen Beiträge oder sowohl ein Ranking der meist gelesenen als auch meist kommentierten Beiträge an. Nur 2 Pro‑ zent der Websites be schränken sich, wenn sie ein Ranking haben, auf die meist‑ kommentierten Beiträge. Im Detail zeigt sich ein mittle rer und höchst signifikanter Zusammen hang zwi‑ schen der Ver öffent lichung eines Rankings und der Mediengat tung (Cramer‑V = 0,369; p = 0,000). Ein Ranking wird vor allem von Zeitun gen ge nutzt: So informie ren über‑ regionale Tages zeitun gen (78 %, n = 9), Wochen zeitun gen (71 %, n = 7) und regionale Tages zeitun gen (65 %, n = 103) ihre Nutzer mittels eines Rankings deut lich häufiger als der Durch schnitt über die meist gelesenen oder/und meist kommentierten Beiträge. 77 3 Der nutzer als kommentator Fast nie (3 %, n = 92) wird ein Ranking auf den Websites privater Radiosen der ver‑ öffent licht. Auch auf den Websites der öffent lich‑recht lichen Sender sowie der privaten Fernsehsen der wird ein Ranking ver gleichs weise selten ver öffent licht (14 bzw. 24 %, n = 14 bzw. 17). Eine Erklä rungs möglich keit für diese Gattungs unterschiede mag darin liegen, dass Zeitun gen in der Regel eine höhere Anzahl an Beiträgen auf ihrer Website ver öffent lichen, sodass ein Ranking ihren Nutzern hier eine bessere Orientie rung bieten kann, was be sonders häufig ge lesene oder kommentierte Artikel sind. Dagegen ver öffent lichen ledig lich 12 Prozent (n = 83) der lokalen und regionalen Blogs in NRW ein Ranking der meist gelesenen oder/und meist kommentierten Beiträge, 8 Prozent be schränken sich auf die meist gelesenen Beiträge, 2 Prozent zeigen die meist‑ kommen tierten Beiträge und ein Prozent beides.19 Da im Sample der lokalen Blogs auch viele An gebote mit geringe rer Reichweite sind – auch wenn diese nicht ge sondert erho‑ ben wurde –, so ist eine Erklä rungs möglich keit, dass die Betreiber über ein Ranking nicht noch ge sondert auf die geringen Leserzahlen oder die niedrige Zahl der Kommentatoren hinweisen möchten. Auch ist in den meisten Fällen die Anzahl der aktuell publizierten Artikel nicht so hoch wie bei den journalisti schen Online‑Angeboten, sodass es hier weniger notwendig er scheint, dem Nutzer durch ein Ranking Orientie rung zu bieten. In der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote weist fast ein Drittel ein Ranking der meist gelesenen oder/und meist kommentierten Beiträge auf (n = 35). Im Gegen satz zur größeren Stichprobe der journalisti schen Online‑Ange‑ bote setzen hier die meisten Anbieter jedoch auf ein reines Ranking der meist gelesenen Beiträge (23 %), und nur wenige bieten eine Kombina tion aus meist gelesen und meist‑ kommentiert oder eine Beschrän kung auf meist kommentiert an (6 bzw. 3 %). Die Ergeb nisse und Unter schiede zwischen den Gruppen sprechen dafür, dass ein Ranking als eine Möglich keit gesehen wird, die Nutzer auf oft ge lesene oder kommen‑ tierte Beiträge hinzu weisen und ihnen damit Orientie rung in einem großen An gebot zu geben. Gleichzeitig offenbart es aber auch, wenn ein An gebot nur wenige Nutzer hat, die Beiträge lesen und/oder kommentie ren. 3.4.2.2.8 social bookmarking Social Bookmarks sind Internet‑Lesezeichen, die von ver schiedenen Nutzern über einen Dienst wie beispiels weise Delicious, Digg oder Stumble Upon im Internet ab gelegt und mit Schlagworten und Kommentaren ver sehen werden können, sodass die Nutzer 19 Die Differenz zu 12 prozent insgesamt ergibt sich aus rundun gen. 78 gemeinsam darauf zugreifen können. Unter der Kategorie Social Bookmarking wurde erfasst, ob das Webangebot generell die Möglich keit bietet, dass Nutzer Beiträge per Social Bookmarking markie ren können. Dies wurde an Hinweisen in Beiträgen auf der Start seite ab gelesen. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote bietet ein Fünftel eine Social Bookmarking‑Funktion an (19 %, n = 270). Dabei liegt ein schwacher, aber signifikanter Zusammen hang zwischen dem Ver handensein einer Social Bookmarking‑ Funktion und der Mediengat tung vor (Cramer‑V = 0,257; p = 0,013). Während fast die Hälfte (47 %, n = 17) der privaten Fernsehsen der eine solche Funktion auf ihren Websites bietet und immerhin noch 38 Prozent der Nur‑Online‑Angebote (n = 24) sowie 32 Pro‑ zent der Zeitschriften (n = 18), existiert Social Bookmarking auf den Websites der Wochen zeitun gen gar nicht (n = 7). Auch bei den Websites der über regionalen und regionalen Tages zeitun gen (11 % bzw. 17 %, n = 9 bzw. 103) sowie bei den privaten Radiosendern ist Social Bookmarking kaum ver treten (13 %, n = 92). Eine mögliche Erklä rung, warum Social Bookmarking bei Wochen zeitun gen oder auch über regionalen Tages zeitun gen gar nicht oder so gut wie gar nicht an geboten wird, mag sein, dass diese An gebote als solche ohnehin schon bekannt sind und daher nicht als Internet‑ Lesezeichen ge teilt werden müssen und dass die Redak tionen einzelne Beiträge eher über andere Kanäle wie eine Weiter lei tungs‑/Empfeh lungs funk tion ver breiten. In der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW haben nur 15 Prozent (n = 83) eine Social Bookmarking‑Schnitt stelle. In der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote sind es ver gleichs weise hohe 31 Prozent (n = 35). Auch die Nutzung von Social Bookmarking mag ein Grund sein, warum Anbieter eher ver halten sind. Laut der ARD/ZDF‑Onlinestudie, die zuletzt 2010 die Daten für Lesezeichen samm lungen auswies, nutzten ledig lich 2 Prozent der Onliner ab 14 Jah‑ ren Lesezeichen samm lungen selten und nur 1 Prozent zumindest wöchent lich (vgl. Busemann & Gescheidle, 2010, S. 362). 3.4.2.2.9 Votings Votings bieten Nutzern die Möglich keit, ihre Meinung zu einer be stimmten Frage in Form einer Ab stim mung zu äußern, beispiels weise bei einer Frage des Tages. Ob das An gebot ein Voting umfasst, wurde auf der Ebene der Start seite ab gelesen. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Medien beinhaltet fast ein Viertel (23 %, n = 270) der Websites ein Voting. Dabei liegt ein mittle rer und höchst signi‑ fikanter Zusammenhang zwischen dem An gebot eines Votings und der Mediengat tung 79 3 Der nutzer als kommentator vor (Cramer‑V = 0,438; p = 0,000). Während jeweils 45 bzw. 43 Prozent der Websites von regionalen Tages zeitun gen und Wochen zeitun gen (n = 103 bzw. 7) über ein Voting ver fügen, sind dies in der rest lichen Ver teilung nur zwischen 13 Prozent (Nur‑Online‑ Angebote, n = 8) und 0 Prozent (öffent lich‑recht liche Sender, n = 14). Alle anderen Mediengat tungen liegen dazwischen. Obwohl die Voting‑Option ein einfach zu er‑ stellen des und inhalt lich zu füllen des partizipatives An gebot ist, über dessen Ergebnis zudem be richtet werden kann, wird es also als regelmäßiges An gebot ver gleichs weise selten auf Websites journalisti scher Medien ein gesetzt. Bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW bieten sogar nur 5 Prozent (n = 83) ein Voting an. Dies mag sich daraus er klären, dass ein Voting keine gängige Vor‑ einstel lung bei den meisten Blogs oftwares ist, sondern ge sondert ein gerichtet werden muss. Etwas höher liegt der Anteil der Websites mit Voting‑Option bei den bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angeboten. Hier sind es 17 Prozent (n = 35). 3.4.2.2.10 reDak tionsblogs Blogs sind An gebote, in die regelmäßig Beiträge in um gekehrter zeit licher Reihen folge einfließen und ent sprechend an gezeigt werden. In der Regel können andere Nutzer Blogeinträge kommentie ren. Blogs charakterisiert ferner, dass sie sich mit anderen Blogs über Ver weise ver netzen (zu Blogs siehe z. B. Schmidt, 2006). Blogs der Redak tion sind dabei inhalt lich breit ge fächert – von themati schen Blogs bis zu solchen, die die Redak tions arbeit für den Nutzer transparent machen und beispiels weise journalisti sche Ent schei dungen be gründen (siehe Ab schnitt 4.2.8). Fast jedes vierte Medium (22 %, n = 270) in der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote be treibt ein Redak tions blog auf der eigenen Website. Dabei zeigt sich ein mittle rer und höchst signfikanter Zusammenhang zwischen diesem An gebot und der Mediengat tung (Cramer‑V = 0,347; p = 0,000). Mit großem Abstand Spitzen‑ reiter sind die über regionalen Tages zeitun gen, bei denen über drei Viertel (78 %, n = 9), also mehr als dreimal so viele wie in der Teilstichprobe insgesamt, über ein Redak‑ tions blog ver fügen. Danach folgen – allerdings erst mit 31 Prozent (n = 103) – die regionalen Tages zeitun gen. Alle anderen Mediengat tungen liegen zwischen 29 (Wochen‑ zeitun gen, n = 7) und 9 Prozent (private Radiosen der, n = 92). Redak tions blogs sind demnach vor allem bei Zeitun gen beliebt. Eine Erklä rungs‑ möglich keit dafür ist, dass die Redakteure bereits von einem schreiben den Medium kommen und das Blog ihnen nur eine andere Darstel lungs form eröffnet. Gerade wenn 80 ein Redak tions blog aber auch dazu ge nutzt wird, journalisti sche Prozesse und Ent‑ schei dungen transparent zu machen, würde es sich aus Nutzer sicht auch und erst recht bei den technisch komplexe ren Medien Radio und Fernsehen anbieten. Bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW wurde diese Variable sinn voller‑ weise nicht erhoben. Bei den Websites der bewusst aus gewählten innovativen Online‑ Angebote ver fügen mit fast einem Drittel (28 %, n = 32)20 etwas mehr An gebote über ein Redak tions blog als in der breiten Stichprobe der journalisti schen An gebote, was dafür spricht, dass die Redakteure partizipativen Formen und Formaten selbst auf‑ geschlossener gegen über stehen. 3.4.2.2.11 nutzerblogs Nicht nur die Redak tion kann auf der eigenen Website bloggen, sondern sie kann auch Nutzern die Möglich keit dazu einräumen. Davon wird allerdings über alle drei Medien‑Gruppen hinweg nur sehr marginal Gebrauch ge macht. Während nur 5 Prozent (n = 270) der journalisti schen Online‑Angebote ihren Nutzern eigene Blogs, ein gebettet in das digitale Gesamtmedium, anbieten, sind es bei den lokalen Blogs ein Prozent (n = 83) und bei den bewusst aus gewählten innova‑ tiven Online‑Angeboten 6 Prozent (n = 35). Damit machen die unter suchten journalisti‑ schen An gebote auch kaum Gebrauch davon, ihre Nutzer und/oder be kannte Blogger anzu sprechen und zum Bloggen auf der eigenen Website zu motivie ren. Outing (2005) sieht im Ansprechen (lokaler) Blogger eine Möglich keit, Berichterstat tungs lücken bei Nischen themen wie Minder heiten sportarten zu schließen, die die Redak tion selbst aus Kapazi täts gründen nicht be arbeiten kann. Diese Chance wird aber offen bar kaum von Redak tionen ge nutzt. 3.4.2.2.12 leseranzahl/beitrag Wie viele Nutzer Beiträge lesen, können Websites nicht nur wie oben erwähnt in Rankings aus weisen, sondern auch einzeln pro Artikel. So können sich Nutzer ein Bild davon machen, wie viele andere Nutzer ein be stimmter Artikel eben falls interessiert hat. Diese Funktion wird jedoch nur selten ein gesetzt. 20 Die Differenz aus drei Fällen zur Größe der gesamten teilstichprobe ergibt sich auch hier daraus, dass diese Variable bei blogs sinn voller weise nicht codiert wurde. 81 3 Der nutzer als kommentator Ledig lich 2 Prozent (n = 270) der Websites in der Gruppe der journalisti schen Online‑Angebote zeigen die Anzahl der Leser bei jedem Beitrag an. Auf grund der geringen ab soluten Zahlen wird darauf ver zichtet, eine Differenzie rung nach Medien‑ gattungen vorzu nehmen. Bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW liegt der Anteil der Websites, die die Anzahl der Leser pro Eintrag aus weisen mit 4 Prozent (n = 83) leicht höher, aber immer noch im niedri gen Bereich. Auf fällig ist, dass in der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑ Angebote dagegen 14 Prozent der Anbieter (n = 35) ihren Nutzern diese Angabe zur Ver fügung stellen. 3.4.2.2.13 forum Ein Forum er möglicht es Nutzern, dass sie Informa tionen, Meinun gen und Erfah run‑ gen zu be stimmten Themen aus tauschen können. Dabei er stellt ein Nutzer einen Beitrag, auf den andere Nutzer antworten können, sodass sich ein Diskus sions verlauf ergibt. Im Gegen satz zum Onlinekommentar, bei dem der Artikel das Thema vorgibt, ist ein Forums eintrag in der Themen wahl in der Regel frei. Redak tionen können aber auch zur Diskussion be stimmter Themen oder Fragestel lungen motivie ren, indem sie einen sogenannten Thread, also themati schen Beitrags strang, dazu eröffnen. Allerdings sind Foren auf den Websites aus der Stichprobe der Online‑Medien deut lich seltener ver treten als die Kommentarfunk tion. Nur 9 Prozent (n = 270) der Websites in dieser Gruppe ver fügen über ein Forum. Auch hier wird auf die detaillierte Aus wertung nach Mediengat tungen auf grund der geringen ab soluten Zahlen ver zichtet. Bei den regionalen Tages zeitun gen ver fügen allerdings mit 16 Prozent (n = 103) fast doppelt so viele Websites über ein Forum wie der Durch schnitt aller journalisti schen Online‑Angebote. Bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW weisen dagegen er staun liche 11 Prozent (n = 83) ein Forum auf, obwohl es nicht der gängigen Funktionali tät eines Blogs in Form von Blogposts und Kommentaren ent spricht. Das Ergebnis erklärt sich bei genaue rem Hinschauen damit, dass es sich nicht bei allen An geboten um Blogs in reiner Form handelt, sondern teils auch um Misch formen zu Foren (siehe Stich‑ proben beschrei bung in Ab schnitt 3.3.1). Bei den bewusst aus gewählten innovati‑ ven Online‑Angeboten findet sich eben falls auf 11 Prozent (n = 35) der Websites ein Forum. 82 3.4.2.2.14 fotos unD ViDeos Nutzer können auch multimediale Inhalte wie Fotos und Videos einsen den oder hochladen, die in das reguläre An gebot ein gebunden oder in einem separaten Bereich dargestellt werden. Davon machen die unter suchten Medien jedoch ver gleichs weise selten Gebrauch: Nur 12 Prozent (n = 270) der Websites in der Stichprobe der jour‑ nalisti schen Online‑Angebote bieten ihren Nutzern die Möglich keit, Fotos einzu senden oder hochzuladen, bei Videos ist es sogar nur ein Prozent (n = 270). Obwohl also gerade der sogenannte Leserreporter der Bild‑Zeitung im Jahr 2006 eine kontroverse Diskussion über Partizipa tion am Journalismus in Gang setzte (siehe z. B. Spaeth, 2006; für eine empiri sche Analyse der Nachrichten werte siehe Engesser u. a., 2010), wird diese Form der Partizipa tion nur ver einzelt über ent sprechende An gebote ein gesetzt. Da hier jedoch nur explizite Rubriken erfasst wurden, ist es dennoch möglich, dass Redak tionen ihre Nutzer unabhängig davon zu be stimmten Themen um Fotos und Videos bitten. Von den lokalen und regionalen Blogs in NRW bieten 8 Prozent (n = 83) ihren Nutzern die Möglich keit, Fotos einzu senden oder hochzuladen, und ein Prozent er‑ möglicht dies für Videos. Leicht höher, aber immer noch marginal sind die Anteile bei den bewusst aus‑ gewählten innovativen Online‑Angeboten mit 11 Prozent (n = 35) für Fotos und drei Prozent für Videos. 3.4.3 ebene Des beitrags 3.4.3.1 themen bereiche Zusätz lich zur Betrach tung auf Ebene der gesamten Start seite wurden einzelne jour‑ nalistische Beiträge von der Start seite für eine genauere Analyse aus gewählt – voraus‑ gesetzt, das An gebot ver fügte über eine Kommentarfunk tion. Dazu wurden pro An‑ gebot drei Beiträge per Zufall aus gesucht.21 Abbil dung 3.4 zeigt, wie sich die Beiträge auf die einzelnen Themen bereiche ver teilen – sofern sie von der Redak tion einem Themen bereich per Rubrik zu geordnet waren. Vor allem bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW war dies jedoch mehr heit lich nicht der Fall (58 % ohne Zuord nung, n = 210) und auch bei den anderen beiden Stichproben längst nicht immer ge geben 21 bei sieben an geboten konnten nur weniger als drei beiträge vollständig codiert werden, weil es bezahlschranken gab. bei zwei weiteren angeboten war die Speicherung defekt, sodass hier keine beiträge codiert werden konnten. 83 3 Der nutzer als kommentator abbilDung 3.4: themen bereich22 der beiträge in Prozent (journalisti sche online-angebote: n = 373, lokale und regionale blogs in nrw: n = 89, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 51) (journalisti sche Online‑Angebote: 16 % ohne Zuord nung, n = 441; bewusst aus gewählte innovative Online‑Angebote: 39 % ohne Zuord nung, n = 84). 3.4.3.2 multimeDiale elemente Der beiträge Im Folgenden werden einige Merkmale der journalisti schen Beiträge be trachtet, die an sich nicht partizipativ sind. Diese Merkmale wurden jedoch miterfasst, um später (siehe Ab schnitt 3.4.5) analysie ren zu können, ob es einen Zusammen hang zwischen diesen Merkmalen und der Partizipa tion (Kommentare und Zustim mungen) der Nutzer gibt. Betrachtet man, ob die Beiträge multimedial sind bzw. ein multimediales Element ent halten, so zeigt sich, dass die multimedialen Möglich keiten des Internets bei Weitem nicht aus genutzt werden – und zwar weder in der großen Stichprobe der journalisti‑ schen Online‑Angebote, noch bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW, oder den bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angeboten. Ledig lich Fotos ge hören zum Standard. Zudem kommen Bilder strecken und Videos noch ge legent lich vor, wie Abbil dung 3.5 zeigt. 22 Die aus prägung „Sonsti ges“ ent hält einzelthemen wie „Gesund heit und Diät“, „Fernsehen“, „Uni“ (bildung), vereinzelt unspezifi- sche Sammel-rubriken wie „Über regionales“, dann begriffe, die keine themen sind wie z. b. Sendungs namen oder „mitmachen“. Zudem umfasst sie alle beiträge, die explizit per rubrizierung der Startseite zugeordnet waren und das ausschließlich. 30 9 10 26 20 2 17 53 49 8 7 16 Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewählte innovative Online- Angebote Prozent Nachrichten Lokales Sonstiges Sport Politik Kultur Service Panorama Wirtschaft Wissen Reise Netzwelt Meinung Karriere 84 Trennt man die multimedialen Darstel lungs formen in der Stichprobe der jour‑ nalisti schen Online‑Angebote nach Mediengat tungen, so zeigt sich erwar tungs gemäß, dass die Radio‑ und Fernsehsen der – privat wie öffent lich‑recht lich – einen im Ver‑ gleich höheren Wert an Audio‑ und Video‑Elementen auf weisen. Insbesondere der hohe Anteil an Video‑Elementen (92 %, n = 24) bei den privaten Fernsehsendern fällt ins Auge und spricht dafür, dass diese oftmals ihre Beiträge direkt auf die Start seite stellen. Bei den Videos zeigt sich auch der stärkste Zusammen hang zwischen einem multimedialen Element und der Mediengat tung (Cramer‑V = 0,640; p = 0,000). 81 15 11 3 1 1 76 6 6 0 0 0 75 11 12 5 5 0 Fotos, Illustrationen Bilderstrecken Video-Elemente Audio-Elemente Trad. Grafiken Anim. u. int. Grafiken Prozent Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewälte innovative Online-Angebote abbilDung 3.5: multimediale elemente der beiträge in Prozent (journalisti sche online-angebote: n = 430, lokale und regionale blogs in nrw: n = 210, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 84) 85 3 Der nutzer als kommentator tabelle 3.7: multimediale elemente der beiträge nach mediengat tungen in der stichprobe der journalisti schen online-angebote multimediale elemente reg. tZ (n = 223) Überreg. tZ (n = 24) Wochen- ztg. (n = 15) priv. radio (n = 78) priv. tV (n = 24) Öff.- rechtl. (radio und tV) (n = 15) nur-on- line (n = 15) Zeit- schrift (n = 36) fotos und illustra tionen (cramer-V = 0,211)** 82 % 83 % 100 % 81 % 54 % 100 % 73 % 81 % bilder strecken (cramer-V = 0,204)* 19 % 13 % 13 % 8 % 0 % 20 % 40 % 11 % traditio nelle grafiken (cramer-V = 0,238)** 0 % 8 % 0 % 0 % 0 % 0 % 7 % 3 % animierte und inter- aktive grafiken (cramer-V = 0,137) 0 % 0 % 0 % 1 % 0 % 7 % 0 % 3 % audio-elemente (cramer-V = 0,244)* 1 % 0 % 0 % 12 % 0 % 7 % 0 % 0 % Video-elemente (cramer-V = 0,640)*** 5 % 21 % 0 % 4 % 92 % 27 % 0 % 11 % *** p < 0,001, ** p < 0,01, * p < 0,05. 3.4.3.3 Darstel lungs formen Der beiträge Für die Analyse der Darstel lungs formen der journalisti schen Beiträge gilt, was für den Ab schnitt zuvor schon konstatiert wurde: Hier handelt es sich nicht um Nutzer‑ partizipa tion im unmittel baren Sinne, sondern um ein Merkmal des journalisti schen Beitrags, das später (Ab schnitt 3.4.5) in ein Ver hältnis zur Partizipa tion der Nutzer gesetzt werden soll. Bei den Darstel lungs formen dominie ren Nachrichten und Berichte – und zwar in allen drei Stichproben. Allerdings fällt in der Stichprobe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote auf, dass hier die Hinter grundartikel mit 13 Prozent (n = 84) einen deut lich höheren Anteil aus machen als in den beiden anderen Stichproben, zudem fallen deut lich mehr Beiträge in die Kategorie „Sonsti ges“ (29 %). Abbil dung 3.6 gibt einen Über blick über die Ver teilung der Darstel lungs formen in den drei Stichproben. 86 abbilDung 3.6: Darstel lungs formen der beiträge in Prozent (journalisti sche online-angebote: n = 430, lokale und regionale blogs in nrw: n = 210, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 84) Schaut man sich die Ergeb nisse aus der Stichprobe der journalisti schen Online‑ Angebote differenziert nach journalisti schen Mediengat tungen an, so zeigt sich, dass die Websites der öffent lich‑recht lichen Sender und der privaten Fernsehsen der die Darstel lungs form Interview ver gleichs weise häufig nutzen. Für Erstere gilt dies auch bei der Darstel lungs form Reportage. Bei Kommentar/Kritik liegen die Wochen zeitun‑ gen dagegen mit großem Abstand vor allen anderen Mediengat tungen, wie Tabelle 3.8 zeigt. Hier zeigen sich in Tendenzen also auch die spezifi schen Profile der einzelnen journalisti schen Mediengat tungen. Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewälte innovative Online-Angebote 68 15 7 4 3 1 2 70 22 1 2 0 4 0 39 29 13 11 7 0 1 Bericht/Nachricht Sonstiges Hintergrund Kommentar/Kritik Interview Andere meinungs- betonte Form Reportage Prozent 87 3 Der nutzer als kommentator tabelle 3.8: Darstel lungs formen der beiträge nach mediengat tungen in der stichprobe der journalisti schen online-angebote Darstel lungs form reg. tZ (n = 223) Überreg. tZ (n = 24) Wochen- ztg. (n = 15) priv. radio (n = 78) priv. tV (n = 24) Öff.- rechtl. (radio und tV) (n = 15) nur-on- line (n = 15) Zeit- schrift (n = 36) bericht/nachricht 73 % 58 % 67 % 68 % 75 % 53 % 73 % 36 % interview 2 % 4 % 0 % 3 % 0 % 20 % 0 % 6 % hinter grund/analyse 6 % 8 % 0 % 6 % 13 % 0 % 13 % 11 % reportage 2 % 4 % 0 % 0 % 0 % 13 % 0 % 8 % kommentar/kritik 3 % 4 % 27 % 3 % 0 % 0 % 0 % 6 % andere mei nungs- betonte Form 0 % 4 % 0 % 3 % 0 % 0 % 0 % 0 % Sonstige 13 % 17 % 7 % 18 % 13 % 13 % 13 % 33 % 3.4.3.4 aktuali tät Der beiträge Auch die Variable Aktuali tät weist keinen unmittel baren Bezug zur Partizipa tion auf. Wie schon die vor heri gen Merkmale journalisti scher Berichterstat tung wurde sie vor dem Hinter grund erhoben, später (Ab schnitt 3.4.5) Korrela tionen zur Partizipa tion der Nutzer be rechnen zu können. Die Aktuali tät der Beiträge wurde nur dann codiert, wenn es sich explizit um Berichterstat tung über ein Ereignis handelte. Dabei zeigt sich deut lich, dass die Berichterstat tung nach einem Ereignis dominiert. Oft ist dabei der Zeitpunkt des Ereig nisses nicht genau aus der Berichterstat tung zu er kennen oder es wird innerhalb von zwei Tagen nach einem Ereignis be richtet. Seltener wird noch am selben Tag oder mehr als zwei Tage nach einem Ereignis be richtet. Allerdings gibt es eine Auf fällig keit in der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW: Hier wird deut lich häufiger auch vor einem Ereignis (30 %, n = 167) be richtet als in den anderen beiden Gruppen (journalisti sche Online‑Angebote: 17 %, n = 312; bewusst aus gewählte innovative Online‑Angebote: 21 %, n = 42). Das lässt darauf schließen, dass offen bar viele Blogs ihre Funktion in der Aktivie rung von Bürgern und in deren Beteili gung an (lokalen) Ereig nissen sehen. Abbil dung 3.7 gibt einen Über blick über die Ver teilungen. Unter schiede zwischen den Mediengat tungen innerhalb der Stichprobe der jour‑ nalisti schen Online‑Angebote sind gering und die Fallzahlen zudem niedrig. Tendenziell ist die Vorab‑Berichterstat tung bei privaten Radiosendern und öffent lich‑recht lichen 88 Rundfunkanstalten (je 25 %, n = 56 bzw. 12) sowie Nur‑Online‑Angeboten und Zeit‑ schriften höher (29 bzw. 30 %, n = 14 bzw. 20) als bei den regionalen und über‑ regionalen Tages zeitun gen (14 bzw. 18 %, n = 176 bzw. 11). 3.4.3.5 name Des autors Ob journalisti sche Beiträge mit dem Namen des Autors ge kennzeichnet sind, wurde als weitere Variable erhoben, um später (Ab schnitt 3.4.5) Zusammen hänge zur Partizipa‑ tion der Nutzer unter suchen zu können. Der Name des Autors wird über alle drei abbilDung 3.7: aktuali tät der beiträge in Prozent (journalisti sche online-angebote: n = 310, lokale und regionale blogs in nrw: n = 167, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 42) 27 17 22 14 5 10 5 22 30 18 11 11 5 2 24 21 5 12 14 12 12 danach, Zeitpunkt nicht erkennbar vor dem Ereignis bis zu zwei Tage nach dem Ereignis nach dem Ereignis, aber am selben Tag mehr als zwei Tage nach dem Ereignis nicht erkennbar während des Ereignisses Prozent Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewälte innovative Online-Angebote 89 3 Der nutzer als kommentator Gruppen hinweg bei der Mehrheit der Beiträge an gegeben – und zwar bei den jour‑ nalisti schen Online‑Angeboten in 72 % (n = 430) der unter suchten Beiträge, bei lokalen und regionalen Blogs in NRW in 79 % (n = 210) der Einträge und bei den bewusst aus gewählten, innovativen Online‑Angeboten in 75 % (n = 84) der Fälle. Während dies in der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote mehr heit‑ lich mit dem Vor‑ und Nachnahmen oder den Namen einer oder mehrerer Agenturen geschieht, ist in der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW naturgemäß ein bei Blogs übliches Kürzel oder ein Nickname am ver breitet sten, wie Abbil dung 3.8 zeigt. Die Werte be ziehen sich dabei aus schließ lich auf die Beiträge, die mit einem Namen ge kennzeichnet waren. abbilDung 3.8: name des autors in beiträgen in Prozent (journalisti sche online-angebote: n = 310, lokale und regionale blogs in nrw: n = 167, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 63) 41 16 30 3 7 4 1 38 47 2 9 4 0 0 71 19 0 8 2 0 0 Vor- und Nachname Kürzel/Nickname Name einer oder mehrerer Agenturen Sonstiges Name des Web-Angebots Kombination von Kürzel und einer oder mehreren Agenturen Kombination von Name des Webangebots und einer oder mehreren Agenturen Prozent Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewälte innovative Online-Angebote 90 Auf die differenzierte Aus wertung der Stichprobe der Online‑Angebote nach journalisti schen Mediengat tungen wird hier auf grund teils geringer Fallzahlen ver‑ zichtet. Es zeigen sich in der Grund tendenz zudem keine großen Unter schiede. Es soll ledig lich darauf hin gewiesen werden, dass in den unter suchten Beiträgen auf den Websites privater Fernsehsen der Agenturen zumindest niemals ge nannt werden (n = 13). Stattdessen werden die Beiträge mehr heit lich mit dem Namen des Webangebots oder dem Vor‑ und Zunamen des Autors unter schrieben. 3.4.4 ebene Des beitrags kontexts 3.4.4.1 kontakt zum autor Während also der Name des Autors relativ häufig an gegeben ist, gilt dies nicht für einen Kontakt zum Autor. Mit dieser Variable wurde erfasst, ob es für den Nutzer eine Möglich keit gibt, mit dem Autor Kontakt aufzu nehmen (z. B. über ein Kontakt‑ formular oder eine E‑Mail‑Adresse), sofern ein persönlicher Autor mit Name oder Kürzel/Nickname angegeben war. Die Kommentarfunk tion wurde hier nicht erfasst. Als Kontakt möglich keit zählte auch die Nennung eines Autors mit zentraler Kon takt‑ möglich keit bzw. Angaben der Kontakt daten auf der Website. Es zählten jedoch nicht allgemeine Kontaktadressen zur Redak tion, d. h. Funk tions post fächer wie redaktion@… oder politik@… etc. Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewälte innovative Online-Angebote 87 13 72 28 54 46 Kein Kontakt zum Autor vorhanden Kontakt zum Autor vorhanden Prozent abbilDung 3.9: kontakt zum autor von beiträgen in Prozent (journalisti sche online-angebote: n = 186, lokale und regionale blogs in nrw: n = 141, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 57) 91 3 Der nutzer als kommentator Hier zeigt sich, dass es dem Nutzer nicht leicht ge macht wird, jenseits der Kom‑ mentarfunk tion direkt den Autor eines Beitrags anzu schreiben. Bei den journalisti schen Online‑Angeboten ist dies nur bei 13 Prozent (n = 186) der unter suchten Beiträge möglich. Etwas besser, gleichwohl aber auch auf niedri gem Niveau, sieht es bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW aus. Hier ist bei jedem vierten unter suchten Eintrag (28 %, n = 141) ein Kontakt zum Autor zu finden. Allerdings ist dies bei Blogs auch einfacher, da es oftmals, wenn gleich auch nicht immer, auch nur einen Autor gibt. Die bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote heben sich ab, denn hier bietet fast die Hälfte (46 %, n = 57) einen direkten Kontakt zum Autor an. Auch hier wird innerhalb der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote auf eine Differenzie rung nach Mediengat tungen ver zichtet, weil die Tendenz durch weg gleich und die Fallzahl teils sehr gering ist. Ledig lich bei den Nur‑Online‑Anbietern deutet sich eine Aus nahme an. Hier ist bei 60 Prozent der Beiträge ein Kontakt zum Autor an gegeben, allerdings bei einer Fallzahl von nur n = 5, da viele Beiträge vorher schon aus dem Sample ge fallen sind, weil z. B. kein Autor an gegeben war. 3.4.4.2 anzahl an kommentaren Pro beitrag Betrachtet man die Anzahl an Kommentaren pro unter suchtem Beitrag, so fällt das arithmeti sche Mittel eher niedrig aus – allerdings mit Unter schieden zwischen den drei Gruppen. Die unter suchten Beiträge in der Stichprobe der journalisti schen Online‑ Angebote bringen es dabei ledig lich im Mittel auf 3,68 Kommentare bei einer recht hohen Standardabweichung von 14,745 (n = 357) (siehe Abbil dung 3.10). 79 Prozent der Beiträge haben keinen Kommentar. abbilDung 3.10: arithmeti sches mittel der anzahl von online-kommentaren pro beitrag (journalisti sche online-angebote: n = 357, lokale und regionale blogs in nrw: n = 206, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 76) 3,68 0,91 7,63 Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewählte innovative Online-Angebote Anzahl 92 Bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW liegt das arithmeti sche Mittel der Kommentare pro Beitrag mit nur 0,91 (SD = 5,712, n = 206) noch deut lich darunter und 88 Prozent der Beiträge sind ohne Kommentar. Eine Erklä rung dafür ist, dass Blogs in der Regel weniger Nutzer haben als die professio nell‑journalisti schen Websites im Sample. Am höchsten ist die Kommentaranzahl pro Beitrag im Durch schnitt in der Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote – und zwar bei 7,63, allerdings eben falls bei einer hohen Standardabweichung von 18,156 (n = 76). 59 Prozent der Beiträge haben keinen Kommentar. 3.4.4.3 anzahl Der zustim mungen Pro beitrag Bei der Aus wertung, wie oft Nutzer mittels Zustimmungs funk tionen Wertschät zung für das journalisti sche An gebot aus drücken, zeigt sich ein deut licher Unter schied zwischen internen und externen Zustimmungs funk tionen, beispiels weise über Facebook. Während nur bei der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote über haupt Daten für die interne Zustimmungs funk tion vor liegen, so liegt diese im arithmeti schen Mittel nur bei 1,12, bei einer Standardabweichung von 4,131 (n = 49). Hingegen be‑ trägt die Anzahl der externen Zustim mungen für diese Stichprobe im arithmeti schen Mittel 22,87 bei einer sehr hohen Standardabweichung von 135,368 (n = 181) (siehe Abbil dung 3.11). Dies zeigt, dass es wenige Aus reißer mit sehr hohen Werten gibt (Maximum: 1.342), die das arithmeti sche Mittel nach oben ver zerren. Tatsäch lich liegt der Median bei 0. Nur wenige Beiträge er halten also von sehr vielen Nutzern Zustim mung, viele werden gar nicht be wertet. abbilDung 3.11: arithmeti sches mittel der anzahl von externen zustim mungen pro beitrag (journalisti sche online-angebote: n = 181, lokale und regionale blogs in nrw: n = 81, bewusst aus gewählte innovative online-angebote: n = 35) 22,87 3,51 22,11 Journalistische Online-Angebote Lokale und regionale Blogs in NRW Bewusst ausgewählte innovative Online-Angebote Anzahl 93 3 Der nutzer als kommentator In der Gruppe der lokalen und regionalen Blogs in NRW liegt das arithmeti sche Mittel der externen Zustim mungen mit 3,51 (SD = 7,6, n = 81) deut lich niedri ger, was – wie auch bei den Kommentaren – an den bei vielen Blogs im Ver gleich zu den professio nell‑journalisti schen Websites niedrige ren Zugriffs raten liegen mag. Bei den bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angeboten liegt das arithmeti‑ sche Mittel der externen Zustim mungen mit 22,11 (n = 35) etwas niedri ger als bei der großen Stichprobe der journalisti schen An gebote, jedoch klar über den Blogs. Allerdings ist auch hier die hohe Standardabweichung von 71,437 zu be achten. Ent sprechend liegt der Median auch nur bei 1. 3.4.5 zusammen hänge zwischen merkmalen Der Journalisti schen beiträge unD kommentie rungen unD zustim mungen Schaut man sich die Zusammen hänge zwischen ver schiedenen journalisti schen Merkma‑ len und der Tatsache an, ob die Beiträge kommentiert wurden bzw. ob ihnen zugestimmt wurde oder nicht (externe Zustimmungs funk tion), so zeigen sich in allen drei Gruppen einige signifikante, wenn auch größtenteils schwache Zusammen hänge. Die Anzahl an Kommentie rungen und Zustim mungen wurde dabei von einer Intervall skalie rung in eine dichtotome Variable umkodiert (vor handen/nicht vor handen). Dies war notwen‑ dig, weil die Anzahl der Kommentare und externen Zustim mungen, wie dargestellt, stark streute und sonst keine Signifikanzen ver läss lich hätten be rechnet werden können. Die meisten signifikanten Zusammen hänge treten in der Stichprobe der journalisti‑ schen Online‑Angebote auf, was jedoch auch durch die Stichproben größe bedingt sein kann. Tabelle 3.9 gibt einen Über blick aus schließ lich über die signifikanten Zusammen‑ hänge. Nicht signifikante Zusammen hänge werden nicht auf geführt. Betrachtet man den mittle ren Zusammen hang zwischen dem Themen bereich des journalisti schen Beitrags und dem Vor handensein von Kommentaren in der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote genauer und be rechnet das arithmeti sche Mittel der Kommentare pro Themen bereich, so zeigt sich: Am häufigsten kommentiert werden Beiträge aus den Themen bereichen Politik (MW = 34,15 Kommentare; SD = 47,789; n = 20 Artikel mit Kommentarfunk tion), ge folgt von – allerdings mit sehr geringer Fallzahl – Netz welt (MW = 13 Kommentare; SD = 18,385; n = 2 Artikel mit Kommentar‑ funk tion) und Wissen (MW = 11,5 Kommentare; SD = 12,433; n = 8 Artikel mit Kom‑ mentarfunk tion). Selten werden dagegen Beiträge kommentiert, die dem Themen bereich Nachrichten allgemein (MW = 0,89 Kommentare; SD = 5,373; n = 89 Artikel mit Kom‑ 94 23 Die korrela tion der vor liegen den Variablen mit dem Vor handensein von kommentaren/Zustim mungen wurde mit phi bzw. cramer’s V be rechnet. cramer’s V wurde ver wendet, wenn die unabhängige Variable mehr als zwei aus prägungen hatte, z. b. themen bereiche. bei einer 2x2-tabelle wurde phi als maß zahl ver wendet, z. b. bei bilder strecken (vor handen/nicht vor handen). 24 phi und cramer’s V sind Zusammen hangs maße. Sie sind von 0 bis 1 normiert. Statisti sche Unabhängig keit liegt bei 0 vor. ein perfekter statisti scher Zusammen hang liegt bei 1 vor. bis 0,3 wird von einem schwachen Zusammen hang aus gegangen. Danach und bis 0,5 spricht man gewöhn lich von einem mittle ren Zusammen hang und ab 0,5 von einem starken Zusammen hang. tabelle 3.9: zusammen hänge zwischen journalisti schen merkmalen der beiträge und kommentie rungen bzw. zustim mungen (externe zustimmungs funk tion) Journalisti sche online-angebote Unabhängige Variable (uV) abhängige Variable (aV) kontingenz- koeffizient23, 24 p n anzahl der Wörter des artikels kommentare (vor handen/nicht vor handen) 0,290 (cramer-V) 0,000*** 357 themen bereiche (ohne Sonstiges) 0,486 (cramer-V) 0,000*** 255 Darstel lungs formen 0,204 (cramer-V) 0,022* 357 bilder strecken 0,127 (phi) 0,016* 357 traditio nelle Grafiken 0,143 (phi) 0,007** 357 animierte oder inter aktive Grafiken 0,143 (phi) 0,007** 357 Video-elemente 0,156 (phi) 0,003** 357 name des autors 0,316 (cramer-V) 0,000*** 357 anzahl der Wörter des artikels Zustim mungen (externe Zustimmungs funk tion) (vor handen/nicht vor handen) 0,250 (cramer-V) 0,043* 184 themen bereiche (ohne Sonstiges) 0,405 (cramer-V) 0,022* 136 traditio nelle Grafiken 0,147 (phi) 0,046* 184 name des autors 0,269 (cramer-V) 0,039* 184 lokale und regionale blogs in nrw anzahl der Wörter des artikels kommentare (vor handen/nicht vor handen) 0,294 (cramer-V) 0,003** 206 Darstel lungs formen 0,389 (cramer-V) 0,000*** 206 name des autors 0,243 (cramer-V) 0,033* 206 bilder strecken Zustim mungen (externe Zustimmungs funk tion) (vor handen/nicht vor handen) 0,237 (phi) 0,033* 81 bewusst aus gewählte innovative online-angebote themen bereiche (ohne Sonstiges) kommentare (vor handen/nicht vor handen) 0,825 (cramer-V) 0,023* 26 bilder strecken 0,413 (phi) 0,000*** 76 traditio nelle Grafiken 0,284 (phi) 0,013* 76 Video-elemente 0,239 (phi) 0,037* 76 Fotos und illustra tionen Zustim mungen (externe Zustimmungs funk tion) 0,426 (phi) 0,012* 35 *** p < 0,001, ** p < 0,01, * p < 0,05. 95 3 Der nutzer als kommentator mentarfunk tion) oder dem Lokalen (MW = 3,53 Kommentare, SD = 9,611, n = 79 Artikel mit Kommentarfunk tion) zu geordnet sind. Der Unter schied zwischen den Themen‑ bereichen Politik und Nachrichten allgemein er scheint zunächst über raschend. Schaut man sich jedoch die Länge der journalisti schen Artikel an, so ordneten die Redak tionen über durch schnitt lich viele kurze Artikel (26 % mit 0–99 Wörtern) den allgemeinen Nachrichten zu. Eine Erklä rungs möglich keit ist daher, dass Nutzer hier nur die knappe Informa tion konsumie ren, sich aber nicht zum Diskutie ren an geregt fühlen. Sonst scheinen Nutzer vor allem bei Themen aktiv zu werden, die eine mögliche Kontroverse beinhalten können, wie Politik, aber auch Wissen oder die internetaffin sind wie Netz welt. Über raschend ist die ver gleichs weise geringe Anzahl an Kommentaren im Lokalen, da hier die Nahwelt der Nutzer an gesprochen wird. Eine Erklä rungs möglich‑ keit hier ist, dass über regionale Tages zeitun gen und Wochen zeitun gen im Sample häufiger kommentiert werden als regionale Tages zeitun gen. Damit heben sie den Gesamtdurchschnitt in den über regionalen Themen bereichen, während sie in den Regel über keine lokale Rubrik ver fügen. Bei den Darstel lungs formen zeigt sich, dass durch schnitt lich am häufigsten – bei geringer Fallzahl – Reportagen (MW = 21,67 Kommentare, SD = 36,922, n = 9 Artikel mit Kommentarfunk tion), Hinter grundberichte/Analysen (MW = 15,32 Kommentare, SD = 40,389, n = 22 Artikel mit Kommentarfunk tion) und sonstige mei nungs bezogene Beiträge (MW = 15,75 Kommentare, SD = 31,5, n = 4 Artikel mit Kommentarfunk tion) kommentiert werden. Berichte/Nachrichten, die den Großteil der Stichprobe aus‑ machen, er halten dagegen im arithmeti schen Mittel nur 2,45 Kommentare (SD = 9,170, n = 249 Artikel mit Kommentarfunk tion). Offensicht lich führen also subjektive und/ oder mei nungs orientierte Darstel lungs formen zu mehr Nutzer‑Kommentaren als nach‑ richt liche Darstel lungs formen. Allerdings passt die Darstel lungs form Kommentar selbst hier nicht ins Interpreta tions schema, denn sie erzielt mit durch schnitt lich 3,71 Nutzer‑ Kommentaren (SD = 7,395, n = 14 Artikel mit Kommentarfunk tion) kaum mehr Reso‑ nanz als ein Bericht/eine Nachricht. Bei der Anzahl der Zustim mungen über eine externe Zustimmungs funk tion wie Facebook zeigt sich eben falls, dass politi sche Themen durch schnitt lich am häufigsten dazu führen, dass Nutzer einen externen Zustimmungs button wie Facebook klicken (MW = 239 externe Zustim mungen, SD = 501,558, n = 7 Artikel mit externer Zustim‑ mungs funk tion). Zu be achten sind allerdings die sehr hohe Standardabweichung und die geringe Fallzahl. Beiträge aus der Rubrik „Nachrichten allgemein“ er halten be züglich der externen Zustimmungs funk tion dagegen wenig Resonanz (MW = 1,02 externe Zustim mungen, SD = 3,638, n = 47 Artikel mit externer Zustimmungs funk tion). Ver‑ gleichs weise häufig zu gestimmt wird auch bei lokalen Beiträgen (MW = 10,95 externe 96 Zustim mungen, SD = 33,076, n = 38 Artikel mit externer Zustimmungs funk tion). Ferner zeigt sich, dass Berichte/Nachrichten durch schnitt lich am häufigsten Zustim‑ mungs klicks er halten (MW = 20,01 externe Zustim mungen, SD = 126,276, n = 125 Artikel mit externer Zustimmungs funk tion), ge folgt von – bei geringer Fallzahl – Hinter grund‑/Analyse‑Artikeln (MW = 12,46 externe Zustim mungen, SD = 31,152, n = 13 Artikel mit externer Zustimmungs funk tion). Bei den lokalen und regionalen Blogs in NRW zeigt sich eben falls ein signifikanter Zusammen hang zwischen der Darstel lungs form und dem Vor handensein von Kommentaren. Dabei führen vor allem Kommentare/Kritik zu Onlinekommentaren (MW = 6,25 Kommentare, SD = 7,848, n = 4 Artikel mit Kommentarfunk tion). Berichte/Nachrichten – das Gros der Beiträge – werden dagegen deut lich seltener kommentiert (MW = 0,29 Kommentare, SD = 1,819, n = 143 Artikel mit Kommentarfunk tion). In der Stichprobe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote wird auf eine detaillierte Aus wertung des Zusammen hangs zwischen Themen bereich des Artikels und der Resonanz der Nutzer ver zichtet, da viele Themen bereiche durch nur einen Artikel ab gedeckt sind. In allen drei Stichproben be stehen signifikante Zusammen hänge zwischen ver‑ schiedenen multimedialen Elementen und der Nutzer partizipa tion. Allerdings sind diese positiven Zusammen hänge25 über wiegend schwach aus geprägt. Ledig lich in der Stichprobe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote liegt zwischen Bilder strecken und dem Vor handensein von Kommentaren sowie Fotos/Illustra tionen und dem Vor handensein von externen Zustim mungen ein mittle rer Zusammen hang vor. Effekte durch Darstel lungs form oder Themen bereiche zeigen sich über wiegend ver gleichs weise aus geprägter und im Fall der Themen bereiche sogar als stark in der Stichprobe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote. 3.5 fazit Die quantitative Inhalts analyse hat ge zeigt, dass alle unter suchten Websites sich der Nutzer partizipa tion geöffnet haben – allerdings in einem eng definierten Rahmen. Sie bieten über wiegend Funktionen an, die sich auf ein Feedback be schränken und somit einem bloßen Leserbrief 2.0 gleichkommen, wie z. B. Bewer tungs‑ und Kommentar‑ 25 Gemäß ihrem nominalen Skalen niveau wurde der Zusammen hang hier mittels phi bzw. cramer’s V be rechnet. es gibt jedoch nicht an, ob es sich um einen positiven oder einen negativen Zusammen hang handelt. Da die multimedialen elemente binär kodiert waren (0 = nicht vor handen, 1 = vor handen) wurde zusätz lich eine korrela tion nach Spearman be rechnet, um eine aussage über die richtung des Zusammen hangs treffen zu können. in allen Fällen handelt es sich um einen – er war tungs gemäß – positiven Zusammen hang. 97 3 Der nutzer als kommentator funk tionen oder die Möglich keit, online einen Leserbrief einzu reichen. Eigene Themen einzu bringen und zu diskutie ren, beispiels weise in Blogs oder in Foren, ist für Nutzer von journalisti schen Websites dagegen seltener möglich. Zentrale journalisti sche Tätig‑ keiten wie Themen auswahl, Erstel lung und Publika tion journalisti scher Inhalte bleiben weit gehend in der Hand der Journalisten. Der Nutzer wird über wiegend erst auf der Interpreta tions stufe ein gebunden (vgl. u. a. auch Domingo u. a., 2008; Neuberger, 2008; Sehl, 2013). Hier sind Blogs eine Alternative für Nutzer, über eigene Themen und Schwer‑ punkte zu be richten und sie mit anderen zu diskutie ren. Allerdings liegt bei vielen lokalen und regionalen Blogs, wie die Ergeb nisse ge zeigt haben, die Anzahl an Kom‑ mentaren noch deut lich niedri ger als auf journalisti schen Websites. Darüber hinaus sind bei klassi schen Medien Anbin dungen an soziale Netz werke, insbesondere Facebook, beliebt, um in den Dialog mit den Nutzern zu treten. Auf diese Weise können sie viele Nutzer er reichen und ver suchen, sie über Beitragsempfeh‑ lungen teil weise auch auf die eigene Website zu ziehen. Auch die Anzahl der Zustim‑ mungen über externe Zustimmungs funk tionen zeigt, dass sich hier einfacher viele Nutzer an sprechen lassen. Die ohnehin seltener an gebotenen internen Zustimmungs‑ funk tionen werden auch ver gleichs weise seltener von Nutzern ge klickt. Am weitesten ver breitet sind insgesamt also partizipative An gebote, bei denen Nutzer die Rollen von Kommentatoren oder Netz werkern einnehmen können. Eigene Inhalte als Kreative können sie deut lich seltener er stellen. Viele Formen und Formate aus dem Bürger journalismus werden also vom profes sio nellen Journalismus nicht integriert. Diese Aussage trifft mit Nuancen für alle drei Stichproben zu. In der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote sind dabei jedoch fast alle partizipativen Formen und Formate häufiger ver treten als in der Stichprobe der lokalen und regionalen Blogs in NRW – die dafür aber an sich schon ein bürger journalisti sches Format sind. Nur bei der Möglich keit, Beiträge zu kommentie ren, ist dies anders – hier über treffen die Blogs die journalisti schen Online‑Angebote deut lich. Ein naheliegen der Grund ist, dass eine Kommentarfunk tion in der Regel bei Blog‑Anbietern schon vor einge‑ stellt ist. Innerhalb der Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote zeigen sich zudem Unter schiede zwischen den einzelnen Mediengat tungen. In Summarum kann gesagt werden, dass die Online‑Ableger von Printangeboten deut lich häufiger Online kommen‑ tare anbieten, häufiger auf aktuelle Elemente wie Votings setzen und nicht zuletzt auch Rankings der meist gelesenen oder kommentierten Artikel häufiger aus geben als elektroni sche Muttermedien. Eine Interpreta tions möglich keit ist, dass die Zeitun gen 98 in der Regel mehr Inhalte bereit stellen und sich damit solche Funktionen, die der Über sichtlich keit dienen, erst lohnen. Die Gruppe der bewusst aus gewählten innovativen Online‑Angebote liegt erwar‑ tungs gemäß häufig vor der großen Stichprobe der journalisti schen Online‑Angebote. Nur in einem Fall schneidet sie klar schlechter ab – bei der Möglich keit, online einen Leserbrief einzu senden. Gleichzeitig ist hier jedoch häufiger die Möglich keit ge geben, einen Onlinekommentar zu schreiben, sodass von einer Substitu tion aus gegangen werden kann. In der Grund tendenz ent sprechen die Ergeb nisse damit auch dem dargestellten Forschungs stand, der eben falls eine ein geschränkte Partizipa tion ge zeigt hatte. Ab‑ weichungen in den genauen Werten ergeben sich dabei teil weise aus der Methodik. So gehen beispiels weise Neuberger u. a. (2009c, S. 282) von einer weiter ver brei teten Möglich keit aus, Fotos einzu senden, als dies die vor liegende Inhalts analyse fest stellt. Neuberger u. a. (2009a) er mittelten ihre Erkennt nisse jedoch in einer Befra gung, sodass die Befragten alle Möglich keiten an geben konnten, die sie ge legent lich einsetzen. Bei der Inhalts analyse wurden dagegen nur Formen der Partizipa tion erfasst, die einen festen Platz im An gebot haben und darüber hinaus schon auf der Start seite der Medien zu er kennen sind. Außerdem haben die Werte bei einigen partizipativen An geboten deut lich zu genommen. Bewer tungs funk tionen oder neue soziale Netz werke sind bei‑ spiels weise hinzu gekommen – worin auch die Dynamik der Ent wick lung sicht bar wird. Auf fällig ist zudem, dass über mehrere frühere Studien hinweg (Sehl, 2013 [Erhebung 2008]; Trost & Schwarzer, 2013 [Erhebung 2010]) der Anteil an Foren bei Tages zeitun gen deut lich höher lag, als es nun die Unter suchung ergibt. Dies lässt ver‑ muten, dass diese Form der Partizipa tion an Bedeu tung ver loren hat. Eine mögliche Erklä rung dafür ist, dass soziale Netz werke die Funktion von Foren mitabdecken. Mit der Beschrän kung der partizipativen Formate auf Feedback formate können Medien angebote in erster Linie Feedback zur eigenen Berichterstat tung er halten, möglicher weise auch die Nutzer bindung stärken und über soziale Netz werke auch eigene Inhalte be werben. Über eine Steue rung der Partizipa tion, vor allem eine Re‑ gistrie rungs pflicht für Kommentatoren, ver suchen die Medien gleichzeitig, eine ge wisse Qualität des Diskurses zu gewährleisten. Sie sichern so auf der einen Seite eine Relevanz der diskutierten Themen, da der professio nelle Journalismus sie selbst vorgibt. Auf der anderen Seite bringen sie sich dabei jedoch weit gehend um neue Themen ideen und Informa tionen, die von Nutzern ein gebracht werden könnten. Gleichwohl ist sicher lich auch nur eine Teilgruppe der Nutzer willens und in der Lage, diesen journalisti schen Mehrwert zu leisten. 99 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? eine DeskriP tion PartiziPatiVer formen unD formate auf aus gewählten Journalisti schen websites 4.1 erkenntnis interesse unD methoDe Die quantitative Inhalts analyse (Kapitel 3) soll durch die qualitative Beschrei bung aus gewählter journalisti scher Websites in diesem Kapitel ergänzt und ver tieft werden. Erkenntnis interesse ist hierbei, innovative Formen und Formate der Nutzer partizipa‑ tion auf diesen Websites zu be schreiben und zu kontrastie ren. Dazu wurden auf Basis der quantitativen Inhalts analyse und in Ab stim mung mit dem Sample für die Leitfaden‑ interviews (Kapitel 5) 15 Medien bewusst aus gewählt.26 Aus schlag gebend für die Auswahl waren quantitative (ver gleichs weise hohe Nutzer beteili gung in An gebot und Nutzung) und qualitative Aspekte der Partizipa tion (innovative Formen wie Recherche‑ blogs etc.), um auf diese Weise das Unter suchungs ziel, innovative An gebote zu beschrei‑ ben, er reichen zu können. Zudem sollten Websites ver schiedener Medien gattungen, konkret Zeitun gen und Zeitschriften, Radio sowie Fernsehen, ver treten sein. Eine bloße Konzentra tion auf nationale Medien bzw. ihre Websites sollte ver mieden werden, daher wurden auch Ver treter regionaler Medien bzw. ihre Websites auf genommen: Konkret gingen in die qualitative Analyse folgende 15 journalisti schen Websites mit ihren relevanten27 partizipativen An geboten ein: Antenneduesseldorf. de, Bild. de, DerWesten. de, Dradiowissen. de, FAZ. net, Freitag. de, KStA. de, Rhein-Zeitung. de, Spiegel Online, Stern. de, Süd deutsche. de, Tagesschau. de, taz. de, Welt. de und Zeit Online. Ihre Websites bzw. die partizipativen An gebote auf diesen Websites wurden vom 1. Februar bis 31. März 2014 be trachtet. Im Folgenden werden die einzelnen partizipativen An gebote genauer be schrieben. Dabei ist das Kapitel von partizipativen Formen und Formaten mit geringer Nutzer‑ aktivi tät wie Weiter leitungen oder Empfeh lungen/Bewer tungen hin zu solchen mit höherer Partizipa tion, beispiels weise Nutzer blogs, sortiert. Im Gegen satz zur quanti‑ tativen Inhalts analyse werden dabei Aus prägungen von Partizipa tion auf der gesamten Website be trachtet und nicht nur auf der Start seite. 26 Die hier aus gewählten Websites überschneiden sich nicht mit der Stichprobe der innovativen journalisti schen Websites aus der quantitativen inhalts analyse. Das Sample der innovativen journalisti schen Websites der quantitativen inhalts analyse umfasste auch Special interest-angebote, die 15 Websites der qualitativen inhalts analyse dagegen nur universelle journalisti sche Websites. 27 auf eine beschrei bung von elementen wie Social bookmarking oder Votings wird ver zichtet, da das Varia tions- und innova tions- potenzial hier be grenzt scheint. 100 4.2 ergeb nisse Tabelle 4.1 gibt zunächst einen Über blick über die jeweils bei den be trach teten Medien analysierten partizipativen Formen und Formate, bevor sie im Detail be schrieben und kontrastiert werden. 4.2.1 weiter lei tungs funk tion Alle 15 be trach teten digitalen Medien angebote bieten eine Weiter lei tungs funk tion an, also eine Funktion, die es Nutzern erlaubt, Beiträge an andere weiter zuleiten bzw. zu teilen. Das Ergebnis über rascht nicht, denn die quantitative Inhalts analyse hatte bereits ergeben, dass es sich dabei um die am weitesten ver breitete partizipative Form handelt. Dabei stellt eine Weiter lei tungs funk tion auch nur geringe Anforde rungen an die Nutzer wie an die Redak tionen und ist – für Redak tionen – ver bunden mit der Hoffnung, ihre Inhalte möglichst weit zu ver breiten. Unter schiede gibt es jedoch in der Art und Weise, wie die Weiter lei tungs funk tion aus gestaltet ist. Unter schieden werden kann zwischen einer Weiter lei tungs funk tion per E‑Mail und einer über soziale Netz werke. Von den aus gewählten 15 Medien bieten elf Medien eine Weiter lei tungs funk tion per E‑Mail an, wie sie in Abbil dung 4.1 exemplarisch illustriert ist. abbilDung 4.1: weiter lei tungs funk tion per e-mail auf Süd deutsche. de Quelle: Screen shot von Süd deutsche. de, 23. 02. 2014 101 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? ta be ll e 4. 1: Ü be r b lic k üb er p ar ti zi pa ti ve f or m en u nd f or m at e au f de n au s g ew äh lt en 1 5 jo ur na lis ti sc he n w eb si te s Vi si ts n ac h iV W on lin e- au sw er tu ng 02 /2 01 4 (g es am t: on lin e un d m ob il) W ei te r- le it un g em pf eh lu ng / be w er tu ng So z. n et z- w er ke m ic ro - bl og gi ng on lin e- ko m m en ta re Fo re n nu tz er - bl og s re da k t io ns - bl og s Fo to s/ Vi de os an te nn ed ue ss el do rf . d e 15 1. 20 5 + + + + – – – – – bi ld . d e 26 2. 74 8. 79 0 + + + + + + – – + De rW es te n. de 14 .1 65 .5 74 + + + + + + – + + Dr ad io w is se n. de ni ch t au s g ew ie se n + + + + + – – + – Fa Z. ne t 32 .0 03 .9 68 + + + + + – – + – Fr ei ta g. de 67 5. 56 3 + + + + + – – – – kS ta . d e 6. 05 4. 32 2 + + + + + – – + – rh ei n- Ze it un g. de 2. 50 0. 37 3 + + + + + + – + – Sp ie ge l o nl in e 19 4. 47 3. 23 7 + + + + + + – + – St er n. de 28 .2 15 .0 71 + + + + – – – + – Sü d d eu ts ch e. de 49 .2 78 .8 96 + + + + + – – + – ta ge ss ch au . d e ni ch t au s g ew ie se n + + + + + – – + – ta z. de 4. 53 1. 72 0 + + + + + – – + – W el t. de 50 .2 15 .1 95 + + + + + – – + – Ze it o nl in e 35 .3 32 .4 15 + + + + + – + + – + = vo r h an de n, – = n ic ht v or ha nd en 102 Alle unter suchten journalisti schen Websites bieten zudem die Funktion einer Empfeh lung bzw. eines Teilens über soziale Netz werke an. Dabei sind Twitter und Google+ in allen Fällen ver treten. Ein Teilen über Facebook ist in acht Fällen möglich. In den weiteren sieben Fällen kann hier nur eine Empfeh lung ab gegeben werden (siehe Kap. 4.2.2). Daneben gibt es teil weise noch weitere, kleinere Netz werke. Abbil dung 4.2 zeigt exemplarisch die Weiter lei tungs funk tionen über die sozialen Netz werke Facebook, Twitter und Google+ auf Bild. de. Die unter suchten Medien setzen also gleichermaßen auf E‑Mail wie soziale Netz‑ werke, um ihre Inhalte zu ver breiten. Da eine Weiter lei tungs funk tion nicht mit einem hohen techni schen und redak tio nellen Aufwand ver bunden ist, nutzen sie so größten‑ teils beide Optionen, um ihre Inhalte so breit wie möglich zu ver teilen. 4.2.2 emPfeh lungs-/bewer tungs funk tion Bei der Empfeh lungs‑/Bewer tungs funk tion, die eben falls sehr geringe Anforde rungen an den Nutzer stellt, kann zwischen einer websiteinternen und externen Empfeh lungs‑ funk tion, z. B. über Facebook, unter schieden werden. Außerdem ist eine Bewer tung mittels Bewer tungs skala möglich. Dabei bietet eine interne Empfeh lungs funk tion ledig lich ein An gebot, FAZ. net, an. Eine externe Empfeh lungs funk tion ist dagegen bei allen An geboten ver treten, in allen Fällen über Facebook und ver einzelt über wei‑ tere soziale Netz werke. Per Bewer tungs skala über eine be stimmte Anzahl Sterne kön‑ nen Nutzer Artikel ledig lich auf drei journalisti schen Websites be werten, auf Rhein- Zeitung. de, Stern. de und Tagesschau. de. Hier zeigt sich also, im Gegen satz zum Weiter leiten, dass Redak tionen beim Empfehlen und Bewerten von Beiträgen nahezu aus schließ lich auf externe Netz werke setzen und nur selten auf interne Bewer tungs funk tionen wie Bewer tungs skalen. Das abbilDung 4.2: weiter lei tungs funk tion über soziale netz werke auf Bild. de Quelle: Screen shot von Bild. de, 23. 02. 2014 103 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? mag in der höheren Quantität von Nutzern externer Netz werke und in der leichten Installa tion der Schnitt stelle auf der eigenen Website be gründet sein. 4.2.3 soziale netz werke Die aus gewählten Medien angebote zeichnen sich bei den sozialen Netz werken durch deut liche Unter schiede aus. Zunächst einmal kann auch hier unter schieden werden, ob sie ein internes oder externes soziales Netz werk anbieten oder beides. Dabei zeigt sich, dass – wie auch im Sample der quantitativen Inhalts analyse – nur wenige Medien ein eigenes soziales Netz werk anbieten, nämlich sechs An gebote. Diese An gebote sind unter schied lich aus gestaltet, wie im folgen den Ab schnitt näher be‑ schrieben wird. Interne soziale Netz werke Bild. de bietet eine eigene Community an, bei der Nutzer sich eine personalisierte Start seite mit den Themen, die sie interessie ren, zusammen stellen, anderen Bild. de‑ Nutzern folgen und Themen in einem Forum diskutie ren können. Mittels Benachrichti gungen wird der Nutzer darüber informiert, was sich in der Community ereignet: „Wir informie ren Sie mit einem Zähler neben dem Benutzer‑ namen sofort, wenn andere Nutzer Ihnen folgen, Antworten auf Kommentare schreiben oder es News zu Ihren Lieblingsthemen gibt.“28 Um die Community nutzen zu können, muss der Nutzer sich mit Vor‑ und Nachnamen sowie einer Mailadresse registrie ren. Eine Anmel dung über Facebook ist dabei auch möglich. Danach kann sich der Nutzer ein Profil anlegen. In der „Über Mich“‑Rubrik er scheinen dann ein Foto des Nutzers sowie Informa tionen zu 28 www.bild.de/bild-community/2012/community/social-news-community-ist-da-26413138.bild. html [24. 02. 2014] abbilDung 4.3: bewer tungs skala mit sternen auf Rhein-Zeitung. de Quelle: Screen shot von Rhein-Zei tung. de, 02. 04. 2014 104 Name, Alter, Wohnort, Beruf und ein Link zur persön lichen Internet seite, falls vor‑ handen. Ähnliche Funktionen finden sich unter Mein FAZ. net. Auch hier können sich Nutzer registrie ren, um weitere An gebote zu nutzen: Sie können Artikel nicht nur kommentie ren, sondern auch ihre Lesermei nungen ver walten und, falls sie das zu einem späteren Zeitpunkt möchten, auch wieder selbst löschen. Sie können FAZ- Autoren und anderen Nutzern folgen und so deren Beiträge er halten, Beiträge ablegen oder einen News letter be ziehen und Abonnements ver walten. Auch die Erstel lung eines Profils ist möglich (siehe Abbil dung 4.5). Ferner können sich Nutzer unter „Mein Depot/Watchlist“ ein virtuelles Musterdepot anlegen und be obachten sowie Wertpapiere über einen be stimmten Zeitraum be obachten und ihre Ent wick lung ana‑ lysie ren. Aller dings zeigt sich bei Mein FAZ.NET im Gegen satz zur Bild. de-Com‑ munity, dass hier stärker Community‑Aspekte wie Ver netzen mit Service‑Aspekten, einem Merkzettel und einem News letter sowie mit Abonnements verwal tung ver‑ mischt werden. Alle personalisierten Leistun gen – auch jenseits der Partizipa tion am Journalismus – werden dabei unter Mein FAZ. net zusammen gefasst. Nutzer melden sich unter Mein FAZ. net mit ihrem echten Vor‑ und Nachnamen und einer E‑Mail‑Adresse an. Der Klartext name wird bei Lesermei nungen an gegeben und kann nicht durch ein Pseudonym ersetzt werden (siehe Kommentarfunk tion, Ab‑ schnitt 4.2.5). Auch Süd deutsche. de ver fügt mit dem sued-café über eine eigene Community, die es erlaubt, dass sich Mitglieder unter einander aus tauschen können. Auf der Start‑ seite heißt es dazu: „Süd deutsche. de bietet Lesern eine Gemein schaft: sued‑café, die abbilDung 4.4: einla dung an nutzer, sich ein konto bei der Bild. de-community anzu legen Quelle: Screen shot von Bild. de, 24. 02. 2014 105 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? Leser‑Lounge. Leser haben hier die Möglich keit, sich kennen zulernen und auszu‑ tauschen.“29 abbilDung 4.6: leser-lounge sued-café auf Süd deutsche. de Quelle: Screen shot von suedcafe.sueddeutsche. de, 04. 03. 2014 um 13.10 Uhr30 29 suedcafe.sueddeutsche.de/faq [04. 03. 2014] 30 Wenn es sich nicht um statische, sondern um dynami sche inhalte handelt – wie hier die einblen dung der aktuell be liebtesten mitglieder – wird neben dem ab rufdatum auch die ab rufuhrzeit an gegeben. abbilDung 4.5: Vor teile von Mein FAZ. net in der eigendarstel lung Quelle: Screen shot von FAZ. net, 24. 02. 2014 106 Dazu können sie sich eine Profilseite anlegen. Diese umfasst auch ein Gästebuch, in dem sich Mitglieder Nachrichten hinter lassen können. Dabei kann zwischen privaten Nachrichten und öffent lich sicht baren Nachrichten unter schieden werden. Außerdem können Mitglieder ihrem Profil, wie gängig bei Communitys, Freunde hinzu fügen. Schließ lich werden auf der Start seite der Community die aktuellsten Leser‑Kommentare zu Artikeln an gezeigt. Um Mitglied zu werden und das An gebot nutzen zu können, müssen sich die Nutzer zuerst mit ihrem realen Namen und einer Mailadresse registrie‑ ren. Danach können sie sich auch mit einem fiktiven Nutzer namen einloggen. Auch KStA. de ver fügt mit Stadtmen schen über eine interne Community, die aber über die Start seite nicht auf find bar ist. Zudem erfährt man, wenn man die URL, ksta. stadtmen schen. de, direkt eingibt, in einem internen Blogeintrag, dass der Verlag das An gebot zum September 2013 schließen oder in eine reine Foto‑Community um‑ gestalten möchte.31 Dennoch war im Februar 2014 noch eine Anmel dung möglich. Gründe für die Ver lags entschei dung werden im Blogeintrag nicht mitgeteilt. Allerdings scheint insbesondere der Blogbereich des An gebots nicht be sonders intensiv ge nutzt zu werden. Das An gebot insgesamt er möglicht, dass Nutzer sich ein Profil anlegen, andere Nutzer kontaktie ren, Bilder hochladen und bloggen können. Auch können sie im „Ausgeh‑Club“ Gastronomiebetriebe be werten, ebenso wie Eltern ihre Meinung zu Betreuungs einrich tungen und weiteren An geboten mit Bezug zu Kindern ab geben können. Ver eine können sich ein eigenes Profil anlegen. Eine deut lich umfassendere Community in dem Sinn, dass Nutzer auch eigene Beiträge schreiben und nicht nur kommentie ren oder in einem Forum diskutie ren können, findet sich auf Freitag. de. Auf der Website heißt es zu den Möglich keiten für Community‑Mitglieder: „Als Community‑Mitglied können Sie alle Beiträge auf freitag. de kommentie ren und sich mit anderen Nutzern aus tauschen. Sie er halten außerdem ein eigenes Blog, auf dem Sie Beiträge er stellen und ver öffent lichen können. Besonders ge lungene Beiträge werden von der Onlineredak tion hervor gehoben und exponiert auf der Start seite präsentiert. Sie haben zudem die Möglich keit, sich mit anderen Community‑Mitgliedern zu ver netzen, indem Sie Blogger des Freitag abonnie ren und deren Beiträgen folgen.“32 31 ksta.stadtmenschen.de/blogs/mod_blogs_eintrag/blog/kstablog/thema/vermischtes/eintrag/Stadtmenschen_blog_ abschalten/ocs_ausgabe/ksta_blogs/index. html [25. 02. 2014] 32 www.freitag.de/registrator [24. 02. 2014] 107 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? Für die Community ist eine Registrie rung mit E‑Mail‑Adresse notwendig. Beiträge oder Kommentare kann ein Nutzer auch mit einem Pseudonym unter zeichnen. Neben seinen Beiträgen wird ein Foto und ein Spruch, der Wohnort, seit wann die Mitglied‑ schaft in der Community besteht, das letzte Login, die Anzahl der eigenen Beiträge und eigenen Kommentare, die eigene Homepage, sofern vor handen, sowie die Anzahl der Schreiber und Leser an gegeben, die eben falls mit Profil zu sehen sind. Freitag. de be reitet die Community‑Beiträge dabei auf einer Extra‑Seite auf, die nach Themen‑ bereichen geordnet ist, wie beispiels weise die Politik‑ oder die Kultur‑Community. In der linken Spalte stehen dabei jeweils die neuesten Community‑Beiträge. Rechts findet sich unter anderem ein Hinweis auf die meist kommentierten Beiträge – sowohl von Redakteuren als auch von Nutzern. Bei Nutzer beiträgen ist ent sprechend erwähnt, dass sie aus der Community kommen, wie Abbil dung 4.7 zeigt. Ein spezielles inhalt liches Konzept ver folgt die interne Community einestages von Spiegel Online. Hierbei handelt es sich um ein zeit geschicht liches Portal, bei dem Nutzer Zeitzeugen berichte ver fassen, Fotos und Dokumente wie Aus weise oder Briefe hochladen, aber auch Themen vor schlagen, Hinweise geben oder mit anderen Mit‑ abbilDung 4.7: Die community auf Freitag. de Quelle: Screen shot von www.freitag.de/community, 07. 02. 2014 um 22.59 Uhr 108 gliedern diskutie ren können (siehe Abbil dung 4.8). Spiegel Online be schreibt das An‑ gebot wie folgt: „Hier können Sie Geschichte sehen, Geschichte lesen – und Geschichte schreiben. Denn einestages macht Sie, die Leser zu Partnern in einem neuen und einmaligen Projekt: dem Aufbau eines kollektiven Gedächt nisses unserer Geschichte.“33 Bei einestages werden Fotos und Textbeiträge nach Angabe der Redak tion ge prüft, bevor sie ver öffent licht werden. Auch regt die Redak tion ge zielt dazu an, an be stimmten Themen mitzu arbeiten oder diese zu diskutie ren. Damit ist einestages ein Community‑ Angebot, das sich einem speziellen Thema widmet, zu dem Nutzer nicht nur diskutie‑ ren, sondern auch eigene Informa tionen und Materialien einbringen können. Dabei zeichnet das An gebot zudem aus, dass es redaktio nell stark ge steuert wird. Interne Communitys unter scheiden sich also danach, ob es ledig lich Räume sind, in denen Nutzer sich ver netzen und Feedback geben, weitere Serviceangebote seitens des Mediums in Anspruch nehmen oder tatsäch lich mit eigenen Inhalten zum An gebot beitragen können. Alle An gebote ver fügen auch über einen Account bei den externen sozialen Netz‑ werken Facebook und Google+. Allerdings sind die Accounts nicht immer über die Website des Mediums aufzu finden. Beispiels weise wird auf Rhein-Zeitung. de zwar der Twitter‑Account relativ prominent an gezeigt, Facebook jedoch nicht. Die externen 33 einestages.spiegel.de/page/aboutStaff. html [25. 02. 2014, hervor hebung im original] abbilDung 4.8: Die community einestages von Spiegel Online Quelle: Screen shot von einestages.spiegel.de/page/allauthors. html, 04. 03. 2014 109 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? Accounts werden über wiegend ge nutzt, um Artikel zu be werben, aber teil weise, vor allem bei DerWesten. de, auch, um Diskussionen dazu anzu regen wie Abbil dung 4.9 zeigt. Auf die externen sozialen Netz werke soll an dieser Stelle nicht so aus führ lich ein‑ gegangen werden wie auf die internen, weil sie schon qua identi schen Rahmens weniger Varia tions möglich keiten auf weisen. 4.2.4 microblogging Beim Microblogging haben alle unter suchten journalisti schen Websites einen Account bei Twitter. Allerdings lässt sich dieser nicht in allen Fällen über die medien eigene Web‑ site einfach auf finden, weil er dort nicht be worben wird, z. B. auf Antenneduesseldorf. de oder taz. de. In allen Fällen ist es jedoch möglich, Beiträge über Twitter zu teilen. Inhalt lich wird Twitter dabei in der Vielzahl der Fälle als das ver wendet, was im Branchen jargon „Link‑Schleuder“ ge nannt wird – ein auf merksam keits‑ und traffic‑ erzeugen des Instrument zur möglichst weitreichen den techni schen Ver brei tung von abbilDung 4.9: facebook-Post auf DerWesten. de Quelle: Screen shot von https:// de-de. facebook.com/waz, 29. 03. 2014 um 23.35 Uhr 110 Hinweisen auf die eigenen An gebote, wie auch Abbil dung 4.10 zeigt. Es werden aber auch, z. B. auf dem Twitter‑Account von DerWesten. de, Fragen an die Nutzer ge stellt oder kurze Einblicke in die Redak tion ge geben. Auch an dieser Stelle wird auf eine tiefer gehende Analyse der externen Micro‑ blogging‑Dienste ver zichtet und dazu auf die Netz werkanalyse ver wiesen (Kapitel 8). 4.2.5 kommentarfunk tion Fast alle der 15 Medien angebote bieten eine Kommentarfunk tion an. Aus nahmen sind ledig lich die Webauftritte Antenneduesseldorf. de, Dradiowissen. de und Stern. de. Die Kom mentarfunk tion wird in der Regel unter einem redak tio nellen Artikel an gezeigt und gibt Nutzern die Möglich keit, auf den Artikel zu reagie ren. Außerdem können Nutzer unter einander über die Inhalte diskutie ren. Ein wesent licher Unter schied zum klassi schen Leserbrief ist damit, dass Nutzer schneller und – ab gesehen von Löschungen aus recht lichen Gründen – in der Regel auch in größerer Breite die Reaktionen anderer Nutzer lesen und auch aufeinander reagie ren können. Das mag auch einer der Gründe sein, warum fast alle Medien diese Funktion anbieten. Hinzu kommt sicher lich, dass sie einfach in ein redak tio nelles Content Management System (CMS) zu integrie ren abbilDung 4.10: tweets von Spiegel Online Quelle: Screen shot von twitter.com/SpieGel_alles, 31. 03. 2014 um 11.28 Uhr 111 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? ist. Sie setzt jedoch einen Administra tions‑ oder Kontroll aufwand (siehe den Aspekt Freischal tung, Ab schnitt 4.2.5.3) voraus. 4.2.5.1 registrie rungs Pflicht Bei den meisten Medien der aus gewählten An gebote müssen sich die Nutzer, um einen Onlinekommentar schreiben zu können, zuerst registrie ren. Ledig lich bei taz. de und Welt. de ist es möglich, als Gast und damit ohne Registrie rung einen Kommentar zu hinter lassen. Im Fall von taz. de wird dieser dann jedoch von der Redak tion freigeschal‑ tet und geht nicht automatisch online. Alternativ können sich Nutzer für die taz- Kommune, eine interne Community, registrie ren und direkt publizie ren. Welt. de prüft Onlinekommentare – ob von Gast‑ oder registrierten Nutzern – immer vor deren Ver öffent lichung. Eine Erklä rungs möglich keit ist, dass Medien mittels der Registrie‑ rungs pflicht an streben, die Kommentarquali tät zu fördern. Mit dieser Begrün dung hatte beispiels weise der gemeinsame Online‑Auftritt der fünf nordrhein‑west fälischen Tages zeitun gen der Funke‑Medien gruppe, DerWesten. de, nach einer Phase der Zugangs‑ offen heit Anfang des Jahres 2011 eine Registrie rungs pflicht ein geführt. Die meisten Medien websites bieten eine Registrie rung über ihr eigenes An gebot an. Einige bieten zusätz lich die Möglich keit, sich über soziale Netz werke, vor allem Face‑ book, anzu melden (Bild. de, Rhein-Zeitung. de, Spiegel Online, Süd deutsche. de, Welt. de). Im Fall von Welt. de haben Nutzer die größte Bandbreite an Möglich keiten, sich anzu‑ melden – vom Standard Facebook über Google und Twitter bis zur Kommentarsoftware Disqus34, die von einem externen amerikani schen Unter nehmen stammt und auf der Zeitungs‑Website integriert ist (siehe Abbil dung 4.11). 34 Dabei handelt es sich um einen onlineservice, der eine zentralisierte Diskus sions platt form anbietet: www.disqus. com. abbilDung 4.11: anmeldefeld auf Welt. de mit den anmeldeop tionen über Disqus, facebook, twitter oder google Quelle: Screen shot von Welt. de, 04. 02. 2014 112 4.2.5.2 klartextnamen Bei fast allen Medien ist es zulässig, dass sich Nutzer einen Nicknamen, also einen Phantasienamen, zulegen, unter dem ihr Kommentar ver öffent licht wird. Eine Aus‑ nahme ist FAZ. net. Hier müssen die Nutzer nicht nur ihre Personen identi tät offen legen, sondern ihre Onlinekommentare auch mit ihrem Klartextnamen, also dem realen Vor‑ und Nachnamen, kennzeichnen. Bild. de empfiehlt seinen Nutzern ledig lich, den richti gen Namen anzu geben. Ein Blick auf die Onlinekommentare der Website verrät jedoch, dass Nutzer dieser Empfeh lung oft nicht folgen. Die Redak tion von FAZ. net be gründet auf ihrer Registrie rungs seite die Pflicht zum Klartextnamen mit Qualität: „Wir glauben, dass die besten Beiträge von Mitgliedern er stellt werden, die für ihre Meinung mit ihrem Namen einstehen.“35 Zusätz lich, aber eben nicht aus schließ lich, ist ein Nickname zulässig, wie Abbil dung 4.12 zeigt. 35 www.faz.net/mein-faz-net/registrierung/ [04. 02. 2014] abbilDung 4.12: lesermei nungen auf FAZ. net mit klartextnamen und nickname Quelle: Screen shot von www.faz.net/aktuell/politik/strassenschlachten-in-kiew-auch-vitali-klitschko-ist-angeschlagen- 12759294. html, 19. 01. 2014 um 18.21 Uhr 113 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? Mit dem über wiegen den Ver zicht auf Klartextnamen weichen die Redak tionen von einer Praxis ab, die beim Print‑Leserbrief die Regel ist, und passen sich der größeren Anonymi tät im Social Web an. Allerdings heißt das nicht, dass den Redak tionen die realen Namen der kommentie ren den Nutzer nicht bekannt wären, denn diese müssen in der Regel bei der Registrie rung an gegeben werden. Auf Süd deutsche. de heißt es dazu: „Wir müssen Sie schon aus recht lichen Gründen bitten, uns bei der Anmel dung Ihren echten Namen zu nennen. Wir be halten uns vor, Ihre Angaben zu prüfen. Ihr echter Name muss später allerdings nicht über Ihren Beiträgen stehen – es bleibt Ihnen über lassen, ob Sie auf unserer Seite ein Pseudonym ver wenden wollen.“36 Wer sich über ein soziales Netz werk wie Facebook anmeldet, kommentiert und dort, wie er forder lich, unter seinem Klartextnamen an gemeldet ist, kommentiert auch auf der Medien website automatisch unter seinem realen Namen. 4.2.5.3 freischal tung Gleichzeitig ver zichtet die Mehrheit der Medien in der bewusst aus gewählten Gruppe darauf, Onlinekommentare vor der Ver öffent lichung zu prüfen und dann erst frei‑ zuschalten. In der Regel werden Onlinekommentare unmittel bar und ohne Vorab‑ Sichtung publiziert37. Das gilt jedoch nicht für Süd deutsche. de, Welt. de und im Fall von taz. de für Gast nutzer, also für nicht registrierte Nutzer. Süd deutsche. de argumentiert mit recht lichen Gründen. Die Redak tion bittet Nutzer nicht nur um Geduld, wenn die Freischal tung etwas Zeit in Anspruch nimmt, sondern er läutert auch allgemein die Regeln der Freischal tung: „Wir bitten Sie um Geduld, wenn spätnachts oder zu Stoß zeiten Ihr Beitrag ver‑ zögert ver öffent licht wird. Wenn wir einen Beitrag gar nicht bringen oder nach‑ träg lich ent fernen, er klären wir in der Regel kurz per Mail, welche Leitlinie wir ver letzt gesehen haben. Immer ent fernt werden Troll‑ und Spam‑Beiträge, zu denen auch mehrfach ab geschickte Beiträge zählen. Wir werden Nutzer sperren, die sich wieder holt nicht an die Regeln halten.“38 36 www.sueddeutsche.de/service/debattesz-welche-regeln-gelten-hier-1.1359960 [04. 02. 2014] 37 bei journalisti schen blogs herrscht hingegen eine präferenz für die prämodera tion, also die ex ante Sichtung und Freischal tung von nutzer kommentaren, vor (siehe Vignettenanalyse, kap. 7). 38 www.sueddeutsche.de/service/debattesz-welche-regeln-gelten-hier-1.1359960 [04. 02. 2014] 114 Welt. de be gründet die Vorab‑Prüfung zusätz lich damit, die Diskus sions kultur garantie‑ ren zu wollen: „Eine offene Kommentarfunk tion gewährleistet zwar lebhafte Debatten, lockt aber auch ‚Trolle‘ an, die liberale Community‑Regeln bewusst aus nutzen und sach liche Debatten ge zielt stören oder von vornherein unmög lich machen. Deswegen haben wir uns schweren Herzens dazu ent schlossen, die Leserkommentare portalweit und vor Ver öffent lichung einer Prüfung zu unter ziehen.“39 Die Onlinekommentare werden von einem Team von Welt‑Mitarbeitern vorab ge prüft, und zwar werktags von 6 bis 23 Uhr (samstags, sonntags und feiertags von 7 bis 23 Uhr). Aus Kapazi täts gründen schließt die Redak tion nach zwei bis drei Tagen dann die Kommentarfunk tion zu Artikeln. Falls zu einem Artikel zu viele Kommentare ab gegeben werden, die gegen Regeln ver stoßen, behält sich die Redak tion weiter vor, den Kommentarbereich zum ent sprechen den Artikel früher zu schließen. Einige Medien – ob mit oder ohne Vorab‑Prüfung – ver zichten bei manchen, in der Regel heiklen Themen und Artikeln, die Diskriminie rungen, Beleidi gungen etc. provozie ren könnten, von Anfang an auf die Möglich keit, Nutzer kommentie ren zu lassen, z. B. Bild. de, DerWesten. de oder Tagesschau. de. Einige Medien bieten einen „Melde“‑Button an, mit dem Nutzer bedenk liche Kommentare anderer Nutzer der Redak tion anzeigen können, so DerWesten. de oder Bild. de. Sie binden ihre Nutzer so auch in die Modera tion der Kommentare ein, wenn‑ gleich diese keine Ent schei dung treffen können, ob ein Kommentar ge löscht wird oder nicht. 4.2.5.4 netiQuette Nahezu alle Medien der aus gewählten Medien angebote ver fügen über eine Netiquette bzw. Nutzungs bedin gungen, die Informa tionen darüber be reithalten, wie die Redak‑ tion sich Onlinekommentare und den Diskurs unter ihren Nutzern vor stellt. Eine Aus nahme bildet Rhein-Zeitung. de, bei der sich zumindest auf der Website keine solchen Informa tionen finden lassen. Typischer weise werden dabei folgende Punkte an gespro‑ chen, wie sie auch Welt. de nennt:40 39 www.welt.de/debatte/article112018452/Die-kommentarfunktion-der-Welt. html [04. 02. 2014] 40 www.welt.de/debatte/article13346147/nutzungsregeln. html [04. 02. 2014] 115 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? – Diskriminie rungen, Beleidi gungen oder Provoka tionen sind nicht erlaubt. – Der Kommentar muss von Relevanz sein, d. h. in einem inhalt lichen Zusammen‑ hang zum Artikel stehen. – Zitate müssen korrekt an gegeben und das Urheber recht muss be achtet werden. – Werbung ist nicht erlaubt, und personen bezogene Daten dürfen nicht weiter gegeben werden. – Auch die allgemeinen Gesetze sind selbst verständ lich zu be achten. FAZ. net weist in seinen „Richtlinien für Lesermei nungen“ zudem darauf hin, dass auch „sach lich falsche oder in an gemessener Zeit nicht nach prüf bare Behaup tungen“41 nicht ver öffent licht werden. Ob Links in Onlinekommentaren grundsätz lich erlaubt oder ver boten sind, wird unter schied lich ge handhabt. Während sie in Lesermei nungen bei FAZ. net beispiels‑ weise unter sagt sind, heißt es auf Süddeut sche. de: „Bauen Sie gerne Links in Ihre Beiträge ein. Wir über nehmen aber keine Ver antwor tung für ver linkte Inhalte und be halten uns vor, sie zu löschen, falls sie nicht unseren Regeln ent sprechen.“42 Die maximale Länge der Kommentare wird dabei ge legent lich auch an gegeben, z. B. 1.000 Zeichen bei FAZ. net oder 2.000 Zeichen bei taz. de. Auch Tagesschau. de be grenzt Nutzer kommentare und be gründet dies mit dem Prüfaufwand: „Auf grund der Vielzahl der Beiträge, die täglich bei uns eintreffen, sind wir ge‑ zwungen, die er laubte Menge auf 1.000 Zeichen zu be grenzen, um eine Modera‑ tion in einem adäquaten Zeitrahmen zu gewährleisten. Mehrteilige Beiträge können daher leider nicht be rücksichtigt werden.“43 Auf korrekte Groß‑ und Kleinschrei bung legt u. a. taz. de Wert, auf korrekte Rechtschrei‑ bung weist Zeit Online u. a. hin. Und auf Bild. de werden die Nutzer darüber aufgeklärt, dass „Großbuchstaben […] innerhalb einer Community als ‚Geschrei‘ und äußerst aggressiv empfunden“44 werden. Wird die Netiquette innerhalb der Nutzungs bedin gungen er läutert wie z. B. bei Tagesschau. de, lassen sich die Medien dieselben in der Regel vom Nutzer, z. B. mittels Setzen eines Häkchens, be stäti gen. 41 www.faz.net/hilfe/richtlinien-fuer-lesermeinungen-160626. html [04. 02. 2014] 42 www.sueddeutsche.de/service/debattesz-welche-regeln-gelten-hier-1.1359960 [04. 02. 2014] 43 meta.tagesschau.de/richtlinien [04. 02. 2014] 44 www.bild.de/bild-community/agb/bildchannel-home/netiquette-4480440.bild. html [04. 02. 2014] 116 Süd deutsche. de be schreibt nicht nur, was Nutzern in Onlinekommentaren unter sagt ist, sondern auch, wie sich die Redak tion eine ideale Nutzer zuschrift vor stellt, die den journalisti schen Beitrag er gänzen kann: „Wir wollen eine echte Debatte führen – und deshalb über reine Kurzkommentare zu unseren Artikeln hinaus gehen. Wir freuen uns über fundierte Argumenta tionen, die die Diskussion be reichern; über konstruktive Beiträge, die zum Teil der Ge‑ schichte werden; oder auch über ihre Einschät zungen zu Sachfragen. Um Leser zu würdi gen, die die Qualität der Auseinander setzung auf diese Art heben, und um die Diskussion insgesamt zu strukturie ren, wollen wir # wertvolle Leser beiträge unter unseren Artikeln als beste Beiträge heraus stellen und einige von ihnen regelmäßig auch in der ge druckten SZ ver öffent lichen, # in der Modera tion auf gute Ansprache, gute Sprache und guten zwischen mensch‑ lichen Stil der Beiträge aller Leser achten – mehr dazu unten –, und # Sie außerdem bitten, Antworten auf Beiträge anderer Leser direkt unter den jeweili gen Beitrag zu schreiben. Wir haben dafür eigens eine Antwort‑Funktion ein gerichtet, damit Sie direkt auf Gesprächspartner ein gehen können. Beiträge, die eigent lich Antworten auf andere sind, werden in der Regel nicht ver öffent‑ licht.“45 An dieser Auf listung wird deut lich, dass die Redak tion von Süd deutsche. de für gute Nutzer zuschriften sowohl den Nutzer in der Pflicht sieht als auch sich selbst in der Modera tion, indem sie beispiels weise Auf merksam keit für be sonders ge lungene Leser‑ beiträge schafft. Auch taz. de ver öffent licht in ihrer Netiquette neben einer Liste, was nicht akzeptiert wird, eine „Wir wünschen uns“‑Liste, die Folgendes umfasst: – „Beiträge, die eine Bereiche rung der Diskussion darstellen – Neue Informa tionen und Perspektiven auf ein Thema – An genehmes Diskus sions klima, in dem Meinungs vielfalt respektiert wird – Sachliche Diskussionen“46. Zeit Online gibt den Nutzern sogar ganz konkrete Tipps zur Frage, was einen guten Kommentar ausmacht. So empfiehlt die Redak tion beispiels weise eine aus sagekräftige Über schrift für Onlinekommentare. Ferner sollen Nutzer nach Meinung der Redak tion sparsam mit Zynismus und Ironie umgehen. 45 www.sueddeutsche.de/service/debattesz-welche-regeln-gelten-hier-1.1359960 [04. 02. 2014] 46 www.taz.de/leserinnen-kommentare/!118006/ [04. 02. 2014] 117 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? 4.2.5.5 bewer tungen Von onlinekommentaren Durch anDere nutzer Bei etwa der Hälfte der aus gewählten Medien angebote können Nutzer die Online‑ kommentare anderer Nutzer auch be werten. Auf Bild. de können sie beispiels weise auf einen „Daumen hoch“ klicken, auf FAZ. net einen Stern ver geben und Süd deutsche. de hat einen „SZ Lesens wert“‑Button. Bei einigen An geboten kann man nur be werten, wenn man an gemeldet ist, bei anderen auch als externer Nutzer. Rhein-Zeitung. de setzt für eine Bewer tung voraus, dass sich der Nutzer über Facebook an gemeldet hat. Auf Zeit Online können nicht nur Nutzer einen Onlinekommentar eines anderen Nutzers be werten, auch die Redak tion kann Empfeh lungen aus sprechen: „Wenn Kommentare den Artikel sinn voll er gänzen, einen Standpunkt be sonders über zeugend ver treten, wertvolle Informa tionen liefern oder zum Nachdenken anregen, ver sehen wir sie mit einer Redak tions empfeh lung. Das be deutet nicht, dass die Redak tion damit der Meinung des Lesers zustimmt.“47 Das be deutet, ähnlich wie bei Süd deutsche. de, wo die Redak tion eben falls aus gewählte Leser beiträge hervor hebt (siehe Ab schnitt 4.2.5.4), dass Redakteure als Profis Laien‑ beiträge be werten. Dabei legt Zeit Online hier Kriterien offen, die auf die Parti zipa‑ tion ab gestimmt sind, z. B. ob der Onlinekommentar den journalisti schen Beitrag ergänzt. Zusammen fassend kann fest gehalten werden, dass fast alle hier genauer be trach‑ teten journalisti schen Websites eine Kommentarfunk tion anbieten und dafür in der Regel auch eine Registrie rung der Nutzer ver langen. Ein Klartextname ist jedoch für die Ver öffent lichung eines Onlinekommentars nur selten notwendig. Die meisten dieser An gebote ver öffent lichen Nutzer meinun gen automatisiert und kontrollie ren ex post. Auf diese Weise kann der Nutzer in der Regel rund um die Uhr an allen Tagen kommentie ren und seinen Kommentar sofort lesen, während es im anderen Fall zu Warte zeiten kommen kann. Dabei ver öffent lichen fast alle eine Netiquette oder Nut‑ zungs bedin gungen, in denen der Nutzer erfährt, was erlaubt und ver boten ist und wie ein „guter“ Kommentar in der Vor stel lung der Redak tion aus sieht. Nutzer können oftmals auch die Onlinekommentare anderer Nutzer be werten und so helfen, Auf‑ merksam keit für be stimmte Kommentare zu schaffen. 47 www.zeit.de/administratives/2010-03/netiquette [04. 02. 2014] 118 Neben der Kommentarfunk tion hat auch der Leserbrief im Online‑Zeitalter noch nicht aus gedient. Er kann jedoch bei fast allen unter suchten Medien angeboten in‑ zwischen auch online ein gereicht werden. Dabei kann unter schieden werden, ob es, wie beispiels weise bei Spiegel Online, ein Formular dafür unter jedem einzelnen Artikel gibt, oder ob ledig lich ein allgemeines Kontakt formular oder eine allgemeine Mail‑ adresse zu diesem Zweck zur Ver fügung ge stellt wird. 4.2.6 fotos unD ViDeos Eine dezidierte Auf forde rung, Fotos und/oder Videos einzu senden, ent hielten – außer‑ halb anderer Formate wie Communitys – nur zwei Medien websites: Bild. de mit dem „Leserreporter“ (Fotos und Videos) und DerWesten. de (Fotos). In beiden Fällen fließen die Nutzer fotos in die Berichterstat tung ein. Im Fall von DerWesten. de waren Nutzer im September 2013 über die Leser‑Fotoapp „Scoopshot“ auf gerufen, der Redaktion Problem‑ zonen für Fahr radfahrer in Essen zu melden, indem sie Fotos von diesen Stellen hoch‑ laden. Anschließend wurde über das Ergebnis dieses Crowdsourcings be richtet, wie Abbil dung 4.13 zeigt und der Artikel im Erhebungszeitraum nochmal aktuell verlinkt. Bekannter ist die Rubrik „Leserreporter“ der Bild‑Zeitung, die es bereits seit 2006 für Leserfotos gibt und die 2008 um Videos ergänzt wurde. Inzwischen bietet die Boulevardzei tung ihren Lesern auch die App „1414“ an, ein Auf nahmetool für Smart‑ phones und Tablets. Inhalt lich bewegen sich die ver öffent lichten Leserfotos zwischen Prominenten aufnahmen, kuriosen Fotos und Tieraufnahmen (vgl. Ammann u. a., 2010). Aus gewählte Fotos er scheinen auch in der Druck ausgabe und der Nutzer erhält dafür ein Honorar von 100 (Lokalteil) oder 500 Euro (über regionale Seite). 4.2.7 foren Foren sind kaum vor handen auf den Websites der unter suchten aus gewählten Medien‑ angebote. Ledig lich 4 von 15 Anbietern ver fügen über ein solches. Das Forum auf Bild. de wurde schon im Rahmen der Bild. de‑Community (siehe Ab schnitt 4.2.3) vor gestellt. Hier können Nutzer, nachdem sie sich registriert haben, Artikel des Tages mit anderen Nutzern diskutie ren. Eigene Themen anlegen können sie nicht. Und auch die Redak tion gibt keine Themen in die Diskussion, die über die Artikel hinaus gehen. Das Forum ent spricht somit im Wesent lichen der Kommentar‑ funk tion, wie sie sich unter den Artikeln findet. 119 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? Im Gegen satz dazu wirft die Redak tion bei Spiegel Online in einem Forum Fragen zu Themen von Artikeln auf, die die Nutzer diskutie ren können. Die Themen sind nach Themen bereichen geordnet. Sie sind dabei durch aus breit an gelegt von Politik bis zu unter halten den Fragen wie Abbil dung 4.14 zeigt. Die meist diskutierten Themen werden auf der Start seite an gezeigt und er reichen Beitrags zahlen in den Tausendern. Ob alle Themen aber annähernd so gut diskutiert sind, lässt sich schwer über blicken, weil – anders als in noch folgen den Foren – keine Beitrags anzahl pro Thread, also abbilDung 4.13: crowdsourcing-artikel auf DerWesten. de, basierend auf nutzer fotos zu Problemzonen für fahr radfahrer im straßen verkehr, die über die app scoopshot ein gereicht wurden Quelle: Screen shot von www.derwesten.de/staedte/essen/ wo-leser-in-essen-problemzonen-fuer-fahrradfahrer-sehen- id8485833. html, 05. 02. 2014 um 9.13 Uhr 120 pro diskutiertem Themen strang, an gegeben wird. Hier gibt die Netz werkanalyse jedoch für das Themen feld Politik Auf schluss (siehe Kapitel 8). Im Forum auf Rhein-Zeitung. de ist es dagegen auch möglich, dass Nutzer selbst gesetzte Themen diskutie ren können. Zwar gibt die Redak tion auch hier Themen in die Diskussion bzw. ver linkt schlicht und kommentar los redaktio nelle Artikel ins Forum, aber darüber hinaus können Nutzer eigene Threads eröffnen. Allerdings sind nur wenige Beiträge viel diskutiert. Viele haben nur wenige Antworten. Wenn man sich für das Forum auf Rhein-Zeitung. de registriert, muss man die Foren regeln akzeptie ren. Darin heißt es: „Obwohl die Administratoren und Moderatoren von Forum Rhein‑Zeitung ver‑ suchen, alle unerwünschten Beiträge/Nachrichten von diesem Forum fernzuhalten, ist es für uns unmög lich, alle Beiträge/Nachrichten zu über prüfen. Alle Beiträge/ abbilDung 4.14: frage zum thema: „was singen sie unter der Dusche?“ im Spiegel Online-Forum Quelle: Screen shot von forum.spiegel.de/showthread. php?t= 895, 06. 02. 2014 um 10.28 Uhr 121 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? Nachrichten drücken die Ansichten des Autors aus und die Eigentümer von Forum Rhein‑Zeitung, Adduco Digital oder vBulletin Solu tions, Inc. (Ent wickler von vBulletin) können nicht für den Inhalt jedes Beitrags ver antwort lich ge macht werden. Durch die Annahme unserer Regeln garantie ren Sie, dass Sie keine Nachrichten schreiben, die obszön, vulgär, sexuell orientiert, ab scheu lich oder bedroh lich sind oder sonst gegen ein Gesetz ver stoßen würden. Die Eigentümer von Forum Rhein‑ Zeitung haben das Recht, Themen und Beiträge zu löschen, zu be arbeiten, zu ver schieben oder zu schließen.“48 Es findet also keine Vorab‑Prüfung statt, sondern eine laufende Prüfung der Beiträge, wobei die Redak tion sich weit gehende Rechte vor behält, Beiträge auch zu be arbeiten oder zu ver schieben. Das Forum von DerWesten. de ist dagegen strukturierter. Hier sind die Beiträge nach Oberkategorien wie Über regionales und Lokales geordnet, und darunter findet sich eine teils kleinteilige Unter gliede rung, z. B. nach Städten (siehe Abbil dung 4.15). Aktuelle Beiträge werden auf der Start seite hervor gehoben. Es gibt ein be sonders umfassen des Dossier mit Regeln und Hilfen für Nutzer, die sich erstmals im Forum umsehen. Im Forum von DerWesten. de können sowohl Nutzer als auch redaktio nelle Moderatoren Beiträge anlegen und Diskussionen starten. Dabei heißt es in den Nut‑ zungs bedin gungen explizit, dass die „Board‑Administra tion […] ent schieden haben [kann, d. A.], dass in dem Forum, in dem Sie einen Beitrag er stellt haben, die Beiträge zuerst ge prüft werden müssen. Es ist auch möglich, dass die Administra tion Sie zu einer Gruppe von Benutzern hinzu gefügt hat, bei denen sie die Beiträge erst be gutachten möchte, bevor sie auf der Seite sicht bar werden.“49 Die Redak tion behält sich also vor, nicht alle Beiträge vorab zu prüfen, aber bei be‑ sonders brisanten Themen oder auf fälli gen Nutzern eine solche Prüfung vorzu nehmen. Spuren der Modera tion finden sich teil weise im Forum, z. B. „[Editiert von Moderator: Bitte posten Sie nur Bilder, an denen Sie die Rechte halten]“50. Auf den ersten Blick sieht das Forum auf DerWesten. de sehr aktiv aus. So sind in der lokalen Rubrik „Im Westen“ beispiels weise am 04. 03. 2014 abends 1.849 Themen 48 www.rhein-zeitung.de/forum/register. php [04. 03. 2014] 49 forum.derwesten.de/faq. php#f2r11 [04. 03. 2014] 50 forum.derwesten.de/ausland-f256/was-geschieht-in-der-ukraine-t28292. html [04. 04. 2014] 122 mit insgesamt 59.166 Beiträgen ab gelegt. Allerdings muss man be achten, dass das Forum bereits seit dem Start von DerWesten. de im Jahr 2007 besteht. Auf den zweiten Blick zeigt sich außerdem auch hier, dass viele Beiträge nur wenige Antworten er halten und nur wenige lang und kontrovers diskutiert werden. Insgesamt zeigen sich also zwei grund verschiedene Strategien, Foren seitens der Redak tionen anzu legen: Themen vorzu geben bzw. sogar nur die Themen der eigenen redak tio nellen Berichterstat tung zuzu lassen oder den Nutzern zumindest auch Wahl‑ frei heit für Themen zu er lauben. Im letzte ren Fall kann ein Forum auch ein Barometer dafür sein, was Nutzer gerade, insbesondere im Lokalen, umtreibt. Digitaler Jour‑ nalismus mit konsequenter Nutzer partizipa tion er möglicht der Zivilgesell schaft, aber auch der (kommunalen) Politik insofern eine permanente Beobach tung von Zeit stim‑ mungen und ihrer Ent stehung. Zur prozessualen Meinungs bildung wird ein geladen. Ihre Ergeb nisse stehen der Gesell schaft zur ständi gen Wahrneh mung und Selbst‑ beobach tung in systemtheoreti scher Perspektive zur Ver fügung. abbilDung 4.15: forum auf DerWesten. de Quelle: Screen shot von forum.derwesten. de, 04. 03. 2014 um 18.58 Uhr 123 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? 4.2.8 blogs 4.2.8.1 nutzer blogs Bei Blogs kann unter schieden werden zwischen Blogs von Nutzern und solchen der Redak tion. Dabei ist – wie auch schon in der quantitativen Inhalts analyse – auf fällig, dass auch die für die qualitative Analyse aus gewählten Medien fast aus schließ lich auf Redak tions blogs setzen. Nur in einem Fall bietet ein Webangebot, Zeit Online, auch Blogs für Nutzer an. Bei der „Zeit der Leser“ handelt es sich um „ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die ge druckte ZEIT“51. Konkret heißt das, Leser können in erster Linie Texte für eine Leser seite der Print ausgabe einsen den. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Kategorien wie „Zeitsp rung“, „Was mein Leben reicher macht“ oder „Kritze leien“, zu denen die Leser auf gerufen sind. Die Texte, die dort ver öffent‑ licht werden, er scheinen zugleich auch im Blog. Ebenso werden Texte, die in der Print ausgabe keinen Platz fanden, teil weise von der Redak tion im Blog ver öffent licht. Andere Nutzer können die Leser beiträge dort kommentie ren. Die Redak tion weist dabei darauf hin, dass Leser beiträge auch ge kürzt oder redaktio nell be arbeitet werden können. Es handelt sich damit also um ein Nutzer blog, bei dem die Beiträge zwar von Lesern und Nutzern stammen, aber von der Redak tion aus gewählt und in einem gemeinsamen Blog in regelmäßigen Ab ständen online ge stellt werden. Auf diese Weise ver sucht die Redak tion offen bar, die Qualität des An gebots zu sichern. 4.2.8.2 reDak tions blogs Redak tions blogs sind, streng ge nommen, kein partizipatives Format im Sinne der anderen An gebote. Hier nutzt die Redak tion vielmehr eine Darstel lungs weise aus dem Bürger journalismus, um eigene Inhalte zu publizie ren. Die Partizipa tions möglich keit der Nutzer besteht dagegen in der Regel ledig lich in der Kommentarfunk tion, ge‑ legent lich auch weiteren Optionen wie der Möglich keit, bei Rechercheblogs Dokumente hochzuladen. Dennoch sollen Redak tions blogs hier näher be schrieben werden, weil sie zeigen, wie der professio nelle Journalismus ein Format des Bürger journalismus inzwischen adaptiert hat. Redak tions blogs werden von vielen der unter suchten Medien ge nutzt. Dabei lassen sich ver schiedene inhalt liche Aus rich tungen identifizie ren: thema‑ ti sche Blogs, Rechercheblogs, Hausblogs und Videoblogs. 51 blog.zeit.de/zeit-der-leser/ [16. 02. 2014] 124 Themati sche Blogs sind am häufigsten und bei vielen der unter suchten Anbieter zu finden. Ein Beispiel dafür ist „Fazit – Das Wirtschafts blog“ auf FAZ. net. Im Unter‑ titel heißt es „Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant be schrieben und kenntnis reich analysiert von Autoren der Frank furter Allgemeinen Zeitung und der Sonntags zeitung“52. Dabei schreiben ver schiedene Redakteure des Wirtschafts‑ Ressorts regelmäßig über Wirtschafts themen. Oftmals handelt es sich dabei auch um Über nahmen oder Über arbei tungen aus den Print ausgaben. Einen anderen Ansatz für ein themati sches Blog bzw. mehrere Blogs praktiziert KStA. de. Hier bloggen eben falls die Mitarbeiter, jedoch nicht in einem gemeinsamen Blog, sondern in persön lichen Blogs, die alle über eine gemeinsame Start seite anzu‑ steuern sind. Im Februar 2014 waren es drei ver schiedene Blogs. Die Themen reichen dabei von „Große Politik und kleine Geschichten zwischen Sizilien und Köln“ über „in der digitalen Sphäre“ bis zu „Kochen und Medizin“. Allerdings datieren in allen drei Blogs die aktuellsten Beiträge aus dem ver gangenen Jahr, eine regelmäßige Aktuali‑ sie rung findet also offensicht lich nicht (mehr) statt. Dafür lesen sich viele Beiträge so, als seien sie ge zielt für das Blog geschrieben worden. Eine große Vielfalt an Redakteurs‑ blogs zu unter schied lichen Themen findet sich beispiels weise auch bei Stern. de, Zeit Online, Welt. de oder Rhein-Zeitung. de. Hier bloggen Redakteure über ihre Themen‑ schwerpunkte und teil weise auch über persön liche Interessen und geben so einen ge‑ bündelten Einblick in be stimmte Themen oder persön liche Sicht weisen. Ein reines „Rechercheblog“ unter hält DerWesten. de. Im „Über uns“‑Text schreibt David Schraven, der zum Erhebungs zeitpunkt Leiter des Ressorts Recherche bei der West deutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) war: „Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die Zeugen zweifel hafter Vor gänge sind. Wir wissen genauso, dass es viele Menschen gibt, die über Dokumente, Filme oder Ver träge ver fügen, die sie ver öffent licht sehen wollen, um Miss stände zu offen baren und Diskussionen anzu regen. Wenn Sie wollen, dass wir diesen Dingen auf den Grund gehen, dann rufen Sie uns an, schicken Sie eine Email, ein Fax oder einen Brief. […] Sie können uns auch ganz einfach anonym elektroni sche Dokumente senden, wenn Sie das wünschen. Dabei müssen Sie uns nicht einmal eine E‑Mail schicken oder auf anderem Weg mit uns reden. Ihre Daten werden bei diesem elektroni‑ schen Dokumenten‑Upload technisch anonymisiert.“53 52 blogs.faz.net/fazit/ [03. 03. 2014] 53 www.derwesten-recherche.org/ueber/ [02. 03. 2014] 125 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? Auf dem Blog stellt das Recherche‑Ressort aktuelle Artikel bereit sowie Beiträge, die auf Dokumenten basieren, die die Redakteure über die be schriebene Upload‑Seite (siehe Abbil dung 4.16) er reichen. Dabei war das Thema Keime in Kliniken im Februar und März 2014 ein großes Thema, zu dem die Redak tion nach Angaben des damaligen Leiters des Rechercheteams David Schraven über hundert Rückmel dungen von Nutzern be kommen hat. In typischen Wochen bekomme die Redak tion aber weniger Ein‑ reichun gen und Hinweise von Nutzern, etwa 10–15 pro Woche. Darunter seien sowohl lokale und regionale wie auch über regionale Themen. Manche Nutzer würden das Blog dabei eher allgemein als Kontakt möglich keit sehen, andere tatsäch lich die anonyme Upload‑Funktion als Whist leblower nutzen.54 Auch Welt. de bietet ein investigatives Blog an, das eben falls einen anonymen Briefkasten umfasst. taz. de ver fügt über ein Rechercheblog, allerdings ohne die Mög‑ lich keit für Leser, anonym Dokumente einzu senden. Einen anderen inhalt lichen Ansatz stellen sogenannte Hausblogs dar, z. B. bei taz. de. Dazu heißt es in „Das Blog der taz über die taz“: „Im Hausblog er scheinen die Haus mittei lungen der taz, sowie Neuig keiten aus der täglichen Zeitungs produk tion in der Rudi‑Dutschke‑Str. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Redak tion und Verlag schreiben hier über ihre Arbeit, über neue Projekte, Aktionen und An gebote der taz sowie über die Lage auf dem Zeitungs‑ und Medien markt.“55 54 telefonat mit David Schraven am 01. 04. 2014. 55 blogs.taz.de/hausblog/bio/ [20. 02. 2014] abbilDung 4.16: upload-tool, um anonym Dokumente einzu reichen, auf dem „rechercheblog“ von DerWesten. de Quelle: Screen shot von www.derwesten-recherche. org, 04. 02. 2014 126 Daneben gibt es Über sichten über die freiwillige Zahlungs bereit schaft der Nutzer im Hausblog auf taz. de genauso wie aus führ lich dokumentierte Kritik der Leser an der Bericht erstat tung. Einen ähnlichen Ansatz wählen Zeit Online und Süd deutsche. de. Zeit Online bietet ihren Nutzern – so der teilweise Unter titel des Blogs – „Ein Fenster ins Innen leben von ZEIT ONLINE“56 und be richtet, immer wenn es Neuerun gen gibt, über Neuerun‑ gen in dem digitalen Medien angebot, wie z. B. im Februar 2014 die Gründung eines Ressorts für investigative Recherche, und diskutiert in größeren Ab ständen redaktio‑ nelle Ent schei dungen. Die Seiten leiste des Hausblogs von Süd deutsche. de fasst die inhalt lichen Schwer punkte zusammen: „Neues aus der Redak tion///Debatten in der Redak tion///Diskussion mit Ihnen“57. Im Gegen satz zum Hausblog auf taz. de scheinen beide Hausblogs weniger regelmäßig aktualisiert zu werden. Anfang Februar 2014 stammt der aktuellste Beitrag jeweils aus dem November des Vor jahres. Die Redak‑ tionen scheinen ledig lich dann Inhalte einzu stellen, wenn es neue Produkte oder Produkt weiter entwick lungen gibt oder kontroverse Ent schei dungen be gründet werden sollen. Auf einer täglichen Basis wird die redaktio nelle Arbeit dagegen nicht be gründet oder für den Leser transparent ge macht. Schließ lich publiziert auch Spiegel Online ein Blog, das Elemente eines Hausblogs ent hält. Auf der Start seite heißt es: „Reden Sie mit uns über den SPIEGEL. Hier im SPIEGELblog stellen wir uns der Diskussion, geben Einblicke in die Arbeit der SPIEGEL‑Redak tion und führen Debatten weiter, die der SPIEGEL aus gelöst hat.“58 Allerdings finden sich im Blog vor allem Beiträge, in denen Redakteure ihre Lieblings‑ artikel aus dem ge druckten Spiegel empfehlen. Ein Blog, in dem ver schiedene Mitarbeiter zu unter schied lichen Themen schreiben, bietet Tagesschau. de an. Aus lands korrespondenten schreiben hier genauso wie Modera‑ toren oder die Chefredak tion. Dabei liegt die Besonder heit des Blogs auch darin, dass er nicht rein aus Text oder aus Text und Fotos besteht, sondern naheliegender weise auch Videos umfasst. Tagesschau. de schreibt dazu: „Die Kolleginnen und Kollegen im ARD‑Haupt stadt studio und auch unsere Korrespondenten welt weit haben eine ganze Menge mehr zu er zählen, als sie dies 56 blog.zeit.de/zeitansage/ [05. 03. 2014] 57 www.sueddeutsche.de/thema/SZblog [20. 02. 2014] 58 www.spiegel.de/thema/spiegelblog/ [05. 03. 2014] 127 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? in ihren Beiträgen für die ARD‑Hörfunk wellen, für die Tagesschau, die Tages‑ themen, das Nachtmagazin, den Weltspiegel oder den Bericht aus Berlin tun können. Die Chefredakteure von ARD‑aktuell bieten darüber hinaus Einblicke in die Arbeit der Tagesschau‑ und Tagesthemen‑Redak tion, über Themen auswahl und Themen gewich tung und über Ent wick lungen in der wichtigsten Nachrichten‑ sendung Deutschlands.“59 Das Blog ent hält im Februar 2014 für die ver gangenen Monate jeweils einige Einträge, es wird also aktualisiert. Insgesamt zeigt sich bei Blogs also erstens, dass es kaum Nutzer blogs gibt, aber viele Redak tions blogs. Bei diesen können zweitens ver schiedene Aus rich tungen unter‑ schieden werden: Themati sche Blogs dominie ren, wobei teil weise schlicht „normale“ redaktio nelle Artikel ins Blog ge stellt und teil weise eigene ver fasst werden. Einige Medien haben persön liche Blog‑Sites für Redakteure, andere gemeinsame Blogs meh‑ rerer Redakteure. Auch Rechercheblogs und Hausblogs lassen sich bei mehreren Medien finden und sollen den Redak tionen so zu brisantem Material ver helfen oder redaktio‑ nelle Neuerun gen und Ent schei dungen bekannt machen oder be gründen. Ein Problem aus Sicht der Redak tionen besteht offen kundig jedoch in der Notwendig keit, die Blogs regelmäßig zu aktualisie ren. Einige wurden nur selten aktualisiert, was daran liegen könnte, dass sich das – gerade bei eigens geschriebenen Beiträgen – nicht immer leicht mit dem redak tio nellen Alltag und Zeitdruck ver binden lässt. 4.3 fazit Die qualitative Beschrei bung der aus gewählten Medien websites hat die Ergeb nisse der quantitativen Inhalts analyse für aus gewählte An gebote ver tieft und illustriert. Es hat sich ge zeigt, dass die unter suchten Medien in erster Linie partizipative Formen und Formate anbieten, die der Ver netzung der Nutzer oder der Kommentie rung professio‑ nell‑journalistisch er stellter Beiträge dienen. Es gibt nur wenige An gebote, die es Nutzern er möglichen, auch eigene Themen einzu bringen und zu diskutie ren wie beispiels weise in einem Forum oder Nutzer blog. Damit gilt für die aus gewählten genauer be schriebenen Websites Ähnliches wie für das gesamte Sample der quantitativen Inhalts analyse und wie für den Forschungs stand (u. a. Neuberger, 2008; Sehl, 2013, Trost & Schwarzer, 2012). Und selbst, wenn diese partizipativen Formate vor handen 59 blog.tagesschau.de/uber-uns/ [05. 03. 2014] 128 sind – was sich als Aus nahme er wiesen hat –, so steuert auch hier die Redak tion in vielen Fällen die Themen. Wenngleich Redak tionen so die Chance ver ringern, dass Nutzer eigene Themen einbringen können, liegt der Vorteil einer an gelei teten Partizipa‑ tion und guten redak tio nellen Betreuung in der Siche rung von Qualität. In diesem Fall werden Leser‑/Nutzer beiträge auch im Muttermedium ab gedruckt, sodass die redak tio nellen Ressourcen, die für die Betreuung be nötigt werden, sich auf zwei Kanälen aus zahlen. Nur wenige der unter suchten An gebote fordern zudem ihre Nutzer auf, Fotos und bzw. oder Videos einzu senden. Gleichwohl gibt es Beispiele, dass dies inzwischen unkompliziert per App möglich ist. Unabhängig davon, ob Redak tionen um Material zu be stimmten Themen bitten oder Nutzern die Themen wahl über lassen, be richten sie über aus gewähltes Bildmaterial bzw. binden es in ihre Berichterstat tung ein. Auf fällig ist indes, dass Nutzer blogs zwar die große Aus nahme sind, im Sample der aus gewählten Medien aber Redak tions blogs sehr häufig vor kommen. Der professio‑ nelle Journalismus hat folg lich das bürger journalisti sche Format des Blogs für sich ent deckt, um den Nutzer in anderer Darstel lungs form mit Informa tionen zu ver sorgen. Dabei wird hier auch mit unter schied lichen inhalt lichen Ansätzen ge spielt – von Themen blogs über Rechercheblogs bis hin zu Hausblogs. Aber auch auf diese Weise wird Partizipa tion um gesetzt: indem Nutzer Beiträge kommentie ren, vor allem aber zur Recherche beitragen können oder Einblicke in redaktio nelle Produk tions‑ und Ent schei dungs prozesse er halten. Nahezu alle der näher unter suchten Medien ver fügen über eine Netiquette bzw. Nutzungs bedin gungen, die Informa tionen darüber be reithalten, wie die Redak tion sich Onlinekommentare und den Diskurs unter ihren Nutzern vor stellt. Bei den meisten unter suchten Medien müssen sich die Nutzer, um einen Onlinekommentar schreiben zu können, zuerst registrie ren. Dabei ist es bei fast allen Medien zulässig, dass sich Nutzer einen Nickname, also einen Phantasienamen, zulegen, unter dem ihr Kommen‑ tar ver öffent licht wird. Dass der Klartextname er forder lich ist, bildet die Aus nahme. Die Mehrheit der unter suchten Medien ver zichtet darauf, Onlinekommentare vor der Ver öffent lichung zu prüfen und dann erst freizuschalten. In der Regel werden Online‑ kommentare unmittel bar und ohne Vorab‑Sichtung publiziert. Bei etwa der Hälfte der aus gewählten Medien angebote können Nutzer die Onlinekommentare anderer Nutzer auch be werten und damit Auf merksam keit für be sonders gute oder schlechte Kommentare schaffen. Welche Vor gehens weisen beim Umgang mit Nutzer kommen‑ taren, z. B. Kennzeich nung mit Klartextnamen etc. Bestand haben bzw. welche Stan‑ dards sich heraus bilden werden, wird sich ver mutlich wesent lich danach richten, ob und welche Regeln der Deutsche Presserat für Onlinekommentare und Foren auf den 129 4 Die ewige wieDer kehr Des gleichen? Websites von Zeitun gen und Zeitschriften ver öffent lichen wird. Dies hat er für Herbst 2014 an gekündigt (vgl. u. a. Lütkemeier & Müller, 2013). Deutlich ge worden ist nicht zuletzt, dass viele Medien auf externe soziale Netz‑ werke, vor allem Facebook und Twitter, setzen und nur wenige eigene An gebote, selbst initiierte Netz werke, diesbezüg lich pflegen. Dabei spielt ver mutlich das Gesetz der Masse eine Rolle, d. h. dass sich über externe soziale Netz werke, die insgesamt bereits über eine hohe Mitglieder zahl ver fügen, Nutzer einfacher für die eigene Seite dort gewinnen lassen, als wenn ein Mitglieder stamm für ein internes soziales Netz werk erst mühsam auf gebaut werden muss. Nichts destotrotz zeigen die be schriebenen internen Communitys wie z. B. einestages von Spiegel Online, dass eigene An gebote, voraus gesetzt der inhalt liche Zuschnitt stimmt und die redak tio nellen Ressourcen zur intensiven Betreuung sind vor handen, einen inhalt lichen Mehrwert bieten können. 131 5 temPo, tiefe unD teilhabe: chancen unD heraus forDe rungen Des Digitalen Journalismus aus Der sicht Von reDak tions Verantwort lichen Inhalts analytisch ließ sich be obachten, was Digitalen Journalismus inhalt lich aus macht und inwieweit auf journalisti schen Websites die Äußerun gen und Rückäuße rungen von Nutzern schon als integraler Bestand teil ernst genommen und publizistisch ge nutzt werden. Doch welche Konzepte stehen dahinter? Welche Strategien ver folgen Redak‑ tions verantwort liche, welche Rolle und welchen Status billi gen sie dem Publikum zu? Welche Probleme ergeben sich aus der Teilhabe von Nutzern, wie können sie gelöst werden? Die Experten gespräche fokussierten somit auf die redaktio nelle bzw. professio nelle Realität des Digitalen Journalismus der jeweili gen Medien angebote, es interessierten Chancen ebenso wie Risiken, die sich aus der Einbet tung partizipativer Elemente in redaktio nelle Strukturen und Abläufe ergeben können. Insbesondere sollten sie Auf‑ schluss darüber geben, inwieweit die strategi sche Nutzer einbin dung in den journalisti‑ schen Produk tions prozess zukunfts fähig ist, in welche Richtung sich derartige Formate potenziell ent wickeln und wie partizipative Elemente von den Redak tionen auf gegriffen werden können, damit sie zur journalisti schen Quali täts siche rung, möglicher weise sogar zu deren Steige rung, beitragen. 5.1 Die Dimensionen Des Digitalen Journalismus Die 15 Redak tions verantwort lichen, die für diese Studie zwischen August und Novem‑ ber 2013 in Leitfaden interviews befragt wurden, prägen den Digitalen Jour nalismus in Deutschland maß geblich. Sie sind in ihrer jeweili gen journalisti schen Berufs aus‑ übung aber auch einem tiefgreifen den Umwäl zungs prozess unter worfen, der Berufs‑ normen in Frage stellt, eine medien historisch einmalige Kunden orientie rung ver langt und Journalisten sowie Redak tionen dazu nötigt, sich neue Kompetenzen anzu eignen und neue An gebots formen zu ent wickeln. Was der digital ge triebene Wand lungs prozess den Journalisten nicht erlaubt: abseits zu stehen oder sich den neuen techni schen Möglich keiten und der neuen Rolle des Publikums gar ganz zu verweigern. Alle redaktio nell Ver antwort lichen – dies zeigen die Leitfaden gespräche – haben ein gutes bis sehr gutes Bewusstsein von der Einmalig keit und Komplexi tät des von ihnen und ihren Mitarbeitern zu be wälti gen den Wandels. Sie wissen, dass Digitaler 132 tabelle 5.1: Über blickstabelle leitfaden gespräche (nach alphabeti scher reihung der medien)60 medium: aus kunfts person, Funktion, ort 1. Antenne Düsseldorf: Daniel Fiene61, redakteur und moderator, Düsseldorf 2. Bild. de: manfred hart62, chefredakteur, berlin 3. DRadio Wissen: anja Stöcker, redak tions leiterin online und Social media, köln 4. Faz. net: mathias müller von blumen cron, chefredakteur für digitale produkte, Frank furt (main) 5. Der Freitag/Freitag. de: philip Grass mann, Stellv. chefredakteur, berlin 6. Kölner Stadt-Anzeiger/KStA. de: michael krechting, redak tions leiter Digitale medien63, köln 7. Rhein-Zeitung/Rhein-Zeitung. de: marcus Schwarze, leiter Digitale inhalte/mitglied der chefredak tion, koblenz 8. Spiegel Online: rüdiger Ditz64, chefredakteur, hamburg 9. stern. de: anita Zielina65, leitung stern.de/Stellv. chefredakteurin Stern, hamburg 10. Süd deutsche. de: Stefan plöchinger, chefredakteur, münchen 11. Tagesschau. de: andreas hummelmeier 66, redak tions leiter, hamburg 12. taz. de: Julia niemann67, redak tions leiterin online, berlin 13. DerWesten. de: katrin Scheib68, chefin vom Dienst, essen 14. Welt. de: oliver michalsky, Stell vertreten der chefredakteur Welt-Gruppe, berlin 15. Zeit Online: Jochen Wegner, chefredakteur, berlin/hamburg Journalismus weit mehr meint, als be liebige journalisti sche Inhalte nur auf einem anderen Ver triebs weg und Informa tions träger (als Papier und Rundfunk frequenzen) zum Publikum zu bringen. Bei aller Neuartig keit hebt Mathias Müller von Blumen cron, früher Chefredakteur des Spiegel und seit Herbst 2013 Chefredakteur von FAZ. net, aber doch hervor, dass 60 Zwischen zeit lich haben einige der interviewpartner ihre be rufliche Stellung ge wechselt. Wir dokumentie ren dies in den folgen den Fußnoten, zitieren aus sagen im Zuge der aus wertung aber so, als seien die experten noch beim jeweili gen medium tätig. 61 Fiene ist inzwischen als „reporter mit dem Schwerpunkt Digitales“ zur regionalzei tung Rheinische Post, eben falls in Düsseldorf, ge wechselt (twitter-informa tion von Fiene selbst [26. 03. 2014]). 62 Die chefredak tion von Bild. de hat hart zum 1. Februar 2014 an Julian reichelt ab gegeben und firmiert nun als chefredakteur für digitale ent wick lungs projekte bei Bild (http://www.axelspringer.de/presse/manfred-hart-wird-chefredakteur-fuer-digitale- entwicklungsprojekte-bei-bilD-Julian-reichelt-uebernimmt-chefredaktion-von-bilD. de_19515289. html [11. 04. 2014]). 63 Die Funk tions bezeich nung lautet inzwischen: leiter Digital-redak tion Kölner Stadt-Anzeiger (e-mail-auskunft vom 31. märz 2014). 64 Ditz wechselte zwischen zeit lich als Geschäfts führen der redakteur zum Spiegel, hamburg. Die chefredak tion von Spiegel und Spiegel Online liegt heute in einer hand, in der von Wolfgang büchner. Stell vertretende chefredakteure sind barbara hans und Florian harms. barbara hans saß auch im beraterkomitee für die vor liegende Studie. 65 im September 2014 wurde bekannt, dass Zielina den Stern bzw. stern.de mit unbekanntem Ziel verlassen hat. nachfolger soll philipp Jessen werden (http://meedia.de/2014/09/19/stern-vizechefredakteurin-anita-zielina-verlaesst-gruner-jahr/ [22. 09. 2014]). 66 hummelmeier hat die leitung von Tagesschau. de inzwischen ab gegeben und arbeitet wieder als chef vom Dienst für die „tagesschau“. neue redak tions leiterin von Tagesschau. de ist christiane krogmann (http://www.tagesschau.de/inland/tagesschaudeleitung100. html [23. 07. 2014]). 67 neben niemann wird im impressum von taz. de inzwischen auch rieke havertz auf geführt, die im Juli 2014 ernannt wurde. beide sollen unter stützt werden von Daniél kretschmar (http://kress.de/tagesdienst/detail/beitrag/127063-neben-rieke-havertz-daniel- kretschmar-auch-tazde-ressortleiter. html [23. 07. 2014]). 68 katrin Scheib ist derzeit freigestellt und lebt in moskau. 133 5 temPo, tiefe unD teilhabe auch der Digitale Journalismus seine „zentrale Basis [im] guten Journalismus“ habe und behalte (Müller von Blumen cron/FAZ. net, P. 4469). Dieser Quali täts journalismus funktioniere „nach den ganz alten tradi tio nellen Regeln“, unter streicht Müller von Blumen cron – eine Auf fassung, die sich bei vielen digitalen Journalisten findet und die häufig auch mit klassi schem journalisti schem Handwerk apostrophiert wird. Die Multimediali tät des Digitalen Journalismus, die modulare Integra tion diverser Darstel lungs formen, Reak tions geschwindig keit, die Ver knüp fung mit der „Community“ und die Recherche in Social Media – dieses Quartett der Potenziale benennt der FAZ. net‑Chefredakteur in seiner Defini tion des Digitalen Journalismus (P. 44). Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Süd deutsche. de, hebt hervor: „Alle anderen Medien gehen in diesem Medium auf, das be deutet, man hat alle Kombina tions möglich keiten mit den bisheri gen Medien Audio, Video, Text. Das ist erst mal grundsätz lich natür lich ein viel größeres Potenzial. Das Zweite ist, dass es ein inter aktives Medium ist und man kann innerhalb von wenigen Sekun‑ den mit Lesern inter agie ren, mit Nutzern inter agie ren und auch deren Lesequote in Echtzeit ab fragen […]. Das ist potenziell gefähr lich, das ist potenziell gut. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht, aus dieser Inter aktivi tät.“ (Plöchinger/Süd deutsche. de, P. 8) Oliver Michalsky, der für Welt Online ver antwort liche stell vertretende Chefredakteur der Welt‑Gruppe, ver steht Digitalen Journalismus als Prozess-Journalismus, dessen Inhalte fortlaufend präzisiert werden könnten. Michalsky schätzt (wie auch Plöchinger, P. 8) die permanente Möglich keit für Redak tionen, Fehler zu korrigie ren und einen bereits publizierten Beitrag fortzuschreiben und dabei zu optimie ren. Herkömm liche Artikel seien mit Anfang und Ende zweidimensional und ab geschlossen ge wesen. Im Digitalen Journalismus aber komme die fortschreitende Zeit als dritte Dimension hinzu: „Diese zeit liche Komponente macht den Online‑Journalismus aus meiner Warte besser, weil man einfach auf be stimmte Einflüsse reagie ren kann, um so letzten Endes für den Nutzer des Artikels, der später dazu kommt, […] diesen Artikel komplett auf Stand [zu] haben […]. Vor allem in der Fehler frage, in der Frage 69 Zitate aus den Forschungs interviews weisen wir mittels der position (= p) nach, die die be treffende aussage während der codie- rung in der aus wer tungs software maxQDa 11 er langte. Vgl. dazu aus führ lich kap. 5.2 methodi sche Umset zung. beim er stmali gen auf tauchen wird die Quelle komplett zitiert (beispiel: müller von blumen cron/FaZ. net, p. 44), später genügt die angabe „p. 44“, sofern aus dem kontext hervor geht, wer spricht. 134 weiterer Recherche zum Thema und natür lich auch auf der Zeitschiene be trachtet.“ (Michalsky/Welt. de, P. 15) Zeit ist auch ein Argument für Anja Stöcker, die Redak tions leiterin Online und Social Media bei DRadio Wissen, wenn sie das „Tempo“ der digitalen Informa tions beschaf‑ fung über das Web und über Social Media hervor hebt (Stöcker/DRadio Wissen, P. 10), und für Michael Krechting, den Redak tions leiter Digitale Medien beim Kölner Stadt- Anzeiger. Die neue Schnellig keit, die Möglich keit zur Berichterstat tung fast in Echtzeit, wie man es vom Mobile Live Reporting kennt, ein Zeit vorteil, der auch das ehedem schnellste Medium, das Radio, zu schlagen vermag, diese Aspekte werden von Krechting betont. Er weist aber zugleich auf die Bedeu tung der „Bewer tungs kompetenz“ hin (Krechting/KStA. de, P. 81). Gemeint ist damit, dass Journalisten in der Lage sein müssen, Sach verhalte rasch auf ihre tatsäch liche Relevanz hin zu be urteilen. Sie sollten nicht vor schnell etwas online setzen, was sich hinter her als „Riesen blase“ ent puppt – Fehler, wie sie auch der Online‑Redak tion des Kölner Stadt-Anzeigers immer wieder unter liefen, wie Krechting selbst kritisch einräumt. Seiner Einschät zung nach kommt „diese Live‑Tickeritis der deutschen Online‑Medien“ (P. 89) auch bei vielen Lesern nicht gut an. Diese seien eher an Bewer tungs kompetenz interessiert. Der Live‑Taktung des Web, dem „Publika tions druck“ nicht frag los und unge‑ prüft nach zugeben, das ist das Plädoyer von Katrin Scheib, Chefin vom Dienst bei DerWesten. de. Auch unter dem Gesetz digitaler Beschleuni gung müsse weiter das ameri‑ kani sche Reporterprinzip gelten: „Be first but first be right“ (Scheib/DerWesten. de, P. 21). Für Philip Grass mann, den stell vertreten den Chefredakteur des Freitag und von Freitag. de, machen die neuen Möglich keiten der Partizipa tion des Publikums am Journalismus sowie die technisch er weiterten Formen der Auf berei tung von Texten den Digitalen Journalismus vor rangig aus (Grass mann/Freitag. de, P. 6). Zudem nennt er die er weiterten Informa tions quellen im Web (P. 18). Das Kommunika tions schema Redak tion ➝ Publikum ist beim Freitag nicht mehr unidirektional und über windet die „klassi sche Schüler‑Lehrer‑Situa tion“ (P. 6). Beim Freitag ist es möglich, dass Bei‑ träge, die Leser in die „Community“ von Freitag. de ein gebracht haben, später auch auf Papier ge druckt in der Wochen zeitung er scheinen können. „Für uns geht es nach Qualität und nicht nach journalisti schem Handwerk […]. Die Originali tät des Ge‑ dankens ist uns wichti ger als die Herkunft des Textes“, sagt Grass mann, „und das er möglicht einen ganz anderen Zugriff auf Themen und auch auf neue Aspekte eines Themas, die man so als klassi scher Journalist, der ich ja selber auch mal ge wesen bin, gar nicht sehen könnte.“ (P. 7) Leser könnten den Journalisten Einiges sagen, und es wäre laut Grass mann „töricht, das zu ignorie ren, was da draußen los ist“ (P. 87). 135 5 temPo, tiefe unD teilhabe Jochen Wegner, seit März 2013 Chefredakteur von Zeit Online, wendet sich eben‑ falls stark dem Publikum zu, wenn er als Option des Digitalen Journalismus die mög‑ liche Quellentransparenz hervor hebt. Zum einen könnten den Nutzern die Original‑ dokumente, auf denen ein journalisti scher Beitrag sich stütze, ge zeigt werden. Zum anderen sieht Wegner aber auch Crowdsourcing, also die ge zielte Beteili gung von Nutzern an der Aus wertung großer, für einzelne Journalisten oder Redak tionen unüber‑ schau bar Informa tions bestände als Chance für Digitalen Journalismus an (Wegner/ Zeit. de, P. 33). Daniel Fiene, der zum Zeitpunkt der Befra gung als Redakteur bei dem Lokalsen‑ der Antenne Düsseldorf vor allem für multimediale Erweite rungen des linearen Radio‑ programms zuständig war, sieht das Web als große Chance, den Hörfunk zu digitalisie‑ ren und ihn zugleich weiterzu entwickeln. Nach dem Scheitern des DAB‑Standards sieht er die Zukunft des digitalen Hörfunks unter anderem im mobilen Internet, wo allerdings der Wettbewerb viel größer sei als im klassi schen UKW. Wenn beispiels weise Antenne Düsseldorf mittels einer App via Smartphone zu hören sei, stehe man nicht nur mit dem WDR, sondern auch mit anderen Alternativen in Konkurrenz, die auf dem Smartphone nur einen Klick weit ent fernt sind. Es geht also um radikalisierten Wettbewerb der journalisti schen Marken, aus dem für Programm verantwort liche z. B. eine Ab gren zungs notwendig keit ent steht: „Wofür stehe ich inhalt lich?“ (Fiene/Antenne Düsseldorf, P. 19). Das Web sei auch deshalb eine große Chance, weil es selbst kleinen Medien‑ anbietern wie z. B. Podcastern ohne eine größere Medien organisa tion im Hinter grund die Möglich keit gebe, weiter hin wahrgenommen zu werden und mittels Ver netzung mit anderen Podcastern eine neue alternative Medien struktur aufzu bauen. Ent wick‑ lungen in den USA gingen in diese Richtung, so Fiene (P. 19). So ver standen, ver ändert Digitaler Journalismus grundsätz lich auch das Medien‑ system selbst und ent wickelt neue Organisa tions formen, mindestens aber neue Pro‑ dukte und Ver triebs wege. Diese Produkt formen ent stehen nicht un bedingt ge plant, sondern können sich evolutionär und experimentell, z. B. aus der Auseinander setzung mit dem Publikum, in Reaktion auf dessen Erwar tungen und Interessen ergeben. In diese Richtung scheint auch Marcus Schwarze, der Leiter Digitale Inhalte und Mit‑ glied der Chefredak tion der Rhein-Zeitung in Koblenz, zu denken, wenn er Digita‑ len Journalis mus als einen offenen Prozess be schreibt, bei dem ein gefahrene Routinen und vor gefertigte Standards (der Darstel lung usw.) potenziell immer wieder ver‑ lassen werden können und Neues an die Stelle des Alten tritt: „Wir sind schneller, wir sind aus führ licher, wir sind multimedialer, haben mehr Möglich keiten. Alle Möglich keiten, die das Web einem bietet. Wir können ver schiedene Techniken, ver‑ 136 schiedene Medien einsetzen, kombinie ren, neue er finden.“ (Schwarze/Rhein‑Zeitung, P. 10). Die technik getriebene Ent wick lungs dynamik wird nach Auf fassung von Plöchinger (Süd deutsche. de) oft unter schätzt: „Die techni schen Möglich keiten sind umfassen der, als nur die anderen Medien zu ver einnahmen.“ (P. 8) Das Spektrum beginne bei der Ver‑ arbei tung großer Daten mengen und deren Ver fügbarmachung „bis hin zu der Prä sen‑ tier bar keit von journalisti schen Inhalten in völlig neuen Möglich keiten“. Plöchinger weist auf die möglichen Quali täts effekte hin: „An gefangen von Bildschirmgröße bis hin zu inter aktiven Ab läufen kann das Medium noch viel mehr, als einfach nur die bisheri‑ gen Medien darstellen. Das alles ist etwas, was ein Quali täts‑Ermög licher ist.“ (P. 8) Im folgen den Teil kapitel wird zunächst das methodi sche Vor gehen bei der Auswahl und Befra gung der Redak tions verantwort lichen sowie bei der Aus wertung der Aus‑ sagen vor gestellt. Im Anschluss daran er läutern wir das Bild vom Publikum, das sich bei den Befragten fest stellen ließ, und fragen, inwieweit diese Vor stel lungen handlungs‑ leitend sein können. Im Anschluss daran werden die neuen Auf gaben der Ver triebs‑ kultur und der Redak tions organisa tion er läutert. In einem weiteren Kapitel werden die für avancierten Digitalen Journalismus er forder lichen neuen Kompetenzen er läutert, bevor wir zum Ab schluss auf die von den be fragten Experten ver muteten Effekte und fest gestellten Probleme bei der Partizipa tion des Publikums zu sprechen kommen. 5.2 methoDi sche umset zung Bei der Auswahl der 15 be fragten Experten wurde vor rangig auf die Repräsentanz von Leit‑ und Quali täts medien ge achtet, denen in der Medien branche eine tragende Rolle bei der digitalen Weiter entwick lung des Journalismus und ein hoher Innova tions grad zu gesprochen werden. Die digitalen Ver sionen namhafter Zeitun gen und Zeitschriften sollten ebenso ver treten sein wie Hörfunk und Fernsehen, möglichst auch Rund‑ funkanbieter in privatrecht licher Träger schaft. Eine Fixie rung auf nationale Elitemedien war indes zu ver meiden. Daher wurden auch mehrere Ver treter regionaler Medien häuser auf genommen. Aus dem Bereich des privaten Rundfunks schien trotz intensiver Suche nur das Lokal radio Antenne Düsseldorf ge eignet, in dieses Sample journalistisch ambi‑ tionierter Digitalmedien auf genommen zu werden. Die qualitativen Befra gungen dieser Studie stützen sich auf einen teilstandardi‑ sier ten Leitfaden mit offen formulierten Fragen, auf die der Befragte frei antworten konnte, um alle vom Erkenntnis interesse vor gegebenen Aspekte ver läss lich zu erheben und eine Ver gleich bar keit der Aus sagen zu gewährleisten (vgl. Flick, 1999; Schmidt, 137 5 temPo, tiefe unD teilhabe 2005; Mayer, 2009; Ries meyer, 2011): Dabei dient uns der Leitfaden als Gerüst, das sicherstellen soll, „dass nicht wesent liche Aspekte der Forschungs frage im Interview über sehen werden“ (Mayer, 2009, S. 37). Gleichwohl konnte die Reihen folge der Fragen, konnten einzelne Fragen formulie rungen ver ändert und neue, detaillierte Nachfragen ge stellt werden, um die Un gezwungen heit der Interviewatmosphäre nicht zu be ein‑ trächti gen, die Gefahr einer Eindimensionali tät des Gesprächs zu minimie ren sowie eine ge wisse Flexibili tät zu gewährleisten (vgl. Mayer, 2009, S. 44, 46). Natür lich sind die er langten Aus sagen auf grund des exklusiven Panels von 15 Teil‑ nehmern nur ein geschränkt ver allgemeiner bar.70 Ganz sicher aber sind sie typisch für die Realprozesse, die derzeit in allen deutschen Medien häusern be arbeitet werden, in denen es darum geht, das System Journalismus digital zu adaptie ren und weiterzu‑ entwickeln.71 Insofern sind die ge wählten Experten als exponierte Repräsentanten ihrer Berufs gruppe zu be trachten (vgl. Mayer, 2009, S. 38), die auf grund ihrer Vor gesetz‑ ten funk tion die redak tio nellen Gescheh nisse – etwa Arbeits abläufe und Anforde rungen an die Mitarbeiter – stets im Blick haben.72 Als Experte gilt mithin jemand, „der auf einem be grenzten Gebiet über ein klares und ab rufbares Wissen ver fügt“, wobei seine Ansichten auf sicheren Behaup tungen gründen und seine Urteile „keine bloße Raterei oder un verbind liche Annahmen“ darstellen (Mayer, 2009, S. 41). Zentrales Interesse von Experten interviews ist es, „Erkennt nisse zu gewinnen, die über den unter suchten Fall hinaus reichen“ (Mayer, 2009, S. 39) – in unserer Studie zielten sie auf eine qualitative Erhebung von Ab sichten, Hinter gründen, Einschät zungen, Ver tiefungen und Prognosen. Explizit ging es in unseren Leitfaden interviews um die konzeptio nell‑publizisti sche Ver anke rung, aber auch um den alltags realen Nutz wert par ti zi pativer An gebote innerhalb des journalisti schen Arbeits prozesses. Dabei kamen weniger quantitative als qualitative Aspekte der Nutzer partizipa tion – etwa auch der Innova tions gehalt oder der professio nelle Umgang mit User‑Kommentaren – zur Sprache: Die Experten gespräche sollten insbesondere auch Auf schluss darüber geben, inwieweit die strategi sche Nutzer einbin dung in den journalisti schen Produk tions prozess 70 Vgl. zur nicht-repräsentativi tät von leitfaden interviews in der Journalis musforschung ries meyer (2011, S. 229 f.). 71 Die interviews hatten längen von 38 bis 87 minuten, wurden mit einem digitalen auf nahmegerät auf gezeichnet und nach anerkannten trans krip tions regeln ver schrift licht. Die trans kripte umfassen insgesamt 267 Seiten. Sie wurden mittels der aus wer tungs- Software maxQDa 11 codiert. Zur Quali täts siche rung galt dabei die regel, dass jedes interview jeweils von einem anderen team mitglied als dem interviewer codiert wurde. anschließend prüfte der interviewer, ob der erstcodie rer relevante passagen aus gelassen hatte. in einigen wenigen Fällen wurde nach codiert, um informa tions verluste zu korrigie ren. Die hier vor gelegte aus wertung er folgte kategorien geleitet. Statt eines pretests, der wegen der exklusivi tät des befragten kreises nicht in Frage kam, wurden nach dem ersten interview mit rüdiger Ditz (Spiegel Online) noch einige kleinere korrekturen an den Fragen formulie rungen in der original version des interview-leitfadens vor genommen. 72 mayer (2009, S. 38) weist darauf hin, dass im experten interview dem instrument des leitfadens eine noch stärkere Steue rungs- funk tion zukomme, weil es dessen zentrale Funktion sei, „den befragten auf das interessierende expertentum zu be grenzen“ und damit unliebsame themen setzun gen auszu klammern. 138 zukunfts fähig ist, in welche Richtung sich derartige Formate potenziell ent wickeln und wie partizipative Elemente von den Redak tionen konsequent auf gegriffen werden können, damit sie zur journalisti schen Quali täts siche rung, möglicher weise sogar zu deren Steige rung, beitragen. Die Struktur des Leitfadens orientierte sich an folgen den Themen schwerpunkten, die ent lang des journalisti schen Produk tions prozesses ent wickelt und konzipiert wurden: – Chancen und Risiken des Digitalen Journalismus, in diesem einführen den Fragen‑ komplex wurde nach den möglichen Quali täts steige rungen gegen über analogen Journalis musformen, aber auch den Nachteilen ge fragt, die die Digitalisie rung für die Qualität journalisti scher Inhalte mit sich bringt. – Kompetenz, Recherche und Produk tion, in diesem Fragen block ging es um die Ver‑ ände rung von Recherche und Informa tions gewin nung unter digitalen Vor zeichen sowie die Heraus bildung neuer Berufs bilder in den Redak tionen. – Publika tion und Distribu tion, dieser Fragen komplex zielte auf den Wandel von Gestal tung und Ver trieb journalisti scher Inhalte, insbesondere den Einfluss mobiler Endgeräte auf die journalisti sche Themen setzung bzw. ‑aufberei tung. – Rezep tion und Partizipa tion, dieser für unsere Befra gung zentrale Fragen schwer‑ punkt be fasste sich mit den unter schied lichen Aus prägungen der Nutzer partizipa‑ tion sowie deren Vor‑ und Nachteilen – insbesondere mit: – der generellen Bedeu tung der Publikumsteilhabe für die Redak tion, – der konkreten Einbin dung des Publikums in den journalisti schen Arbeits‑ prozess (anhand eines Beispiels), – der Sinnhaftig keit der Publikums beteili gung für die Redak tion, – dem qualitativen Mehrwert auf be stimmten redak tio nellen Ebenen (Recherche, Fakten prüfung, Themen findung etc.), – den Ebenen und Formen, auf denen sich die Nutzer einbin dung auf die Quali‑ tät kontraproduktiv aus wirkt (anhand eines Beispiels), – den Rück koppe lungen auf das journalisti sche An gebot über soziale Netz werke, – dem Recht ferti gungs druck, dem sich ggf. Redakteure durch den Dialog mit den Nutzern aus gesetzt sehen, – den unter schied lichen Nutzer typen, die sich partizipativ einbringen, – den neuen redak tio nellen Auf gaben, die im Dialog mit den Nutzern ent stehen, – der Möglich keit, ob und inwiefern das Publikum auf Augenhöhe mit den Redak tionen agiert, u. a. im Sinne profes sio neller journalisti scher Tätig keit. – Strategisch-prognosti scher Aus blick, u. a. konzentrierte sich dieser Fragen block auf die Prognose zur künfti gen Rolle des Publikums und die ein gesetzten redak tio‑ nellen Strategien, die zur intensive ren Nutzer einbin dung ein gesetzt werden. 139 5 temPo, tiefe unD teilhabe Da das hier ge wählte methodi sche Ver fahren der Hermen eutik zuzu ordnen ist,73 geht es uns nicht vor rangig darum, „ein einzelnes Interview so exakt und aus führ lich wie möglich zu interpretie ren, sondern die Problembereiche zu identifizie ren, die den einzelnen Fragen des Leitfadens des Interviews zu geordnet werden können. Nicht jeder Satz muss also bei der Aus wertung heran gezogen werden […]“ (Lamnek, 1995a, S. 206). Vielmehr wurden die Daten (hier: Texte) mithilfe der qualitativen Inhalts analyse (Mayring, 2008) systematisch be arbeitet und unter Ver wendung der Analyse‑Software MaxQDA 11 computer gestützt aus gewertet. Die qualitative Inhalts analyse gilt als inter subjektiv nach prüf bare Methode der Textanalyse und geht bei der Aus wertung regelgeleitet vor, folgt also einem be stimmten Ablauf. Bei der hier ge wählten strukturie- ren den Analyse wurden die Kategorien in einem explorativen Ver fahren ge wonnen, das wir als Wechselspiel zwischen theoreti schen Voran nahmen und der intensiven Aus‑ einander setzung mit dem er hobenen Material be schreiben, wobei das zuvor ent wickelte Instrument des Leitfadens die grobe themati sche Struktur bereits vorgab. Die ab ge‑ leiteten Kategorien strukturie ren die Ergebnis präsenta tion auf den folgen den Seiten. Aus wer tungs ziel dieser Methode nach Mayring ist die Erfas sung des Über individuell‑ Gemeinsamen sowie die Identifizie rung wichti ger und relevanter Fragestel lungen quer zu den Fällen (hier: Leitfaden gespräche), sodass eine sinn volle Reduk tion und Ver‑ dich tung des er hobenen Materials er reicht werden kann. Ferner ist bei der Aus wertung der Gespräche jedoch zu be achten, dass zwar Aus sagen der Befragten zu Themen ge bündelt wurden, es jedoch nie eine eindeutige Interpreta tion von derlei Gesprächen geben kann; vielmehr steht „jedes Interview einer Anzahl konkurrie ren der Deutun gen offen“ (Mayer, 2009, S. 47). 5.3 brÜche unD umbrÜche: analyse ergeb nisse Der exPerten befra gung Mit der digitalen Weiter entwick lung von Journalismus ver bunden sind er hebliche Umbrüche, zuallererst im Ver hältnis zum Publikum, dann aber auch bei notwendi gen neuen Kompetenzen und der Redak tions organisa tion. Schließ lich gilt es, die Effekte von Partizipa tion auf das publizisti sche Gesamtangebot einzu schätzen. Die Teilhabe des Publikums bringt nicht nur Vor teile, sondern auch be stimmte Probleme mit sich, für die nach Lösungen ge sucht wird. All dies hat die Experten befra gung er bracht. 73 Zu hermen eutischen Ver fahren in den Sozialwissen schaften vgl. allgemein lamnek (1995a, 1995b) und kleining (1995). 140 5.3.1 Das bilD Vom Pluralisierten Publikum Nie hatten Journalisten und Redakteure häufige ren und ein gehende ren Kontakt mit ihrem Publikum. Der ge legent liche Leserbrief über den Post weg gehört der Ver gangen‑ heit an, das spontan über mittelte digitale Feedback ist Alltags praxis im Medien gebrauch mancher Rezipienten ge worden. Die Permanenz, mit der das Publikum heute auf Digitalen Journalismus reagiert, ist in ihrer Intensi tät medien historisch neu und kann für Jour nalisten vielerlei be deuten: unangenehme Kritik, aber auch motivie ren des Lob, andere Meinun gen, die zum Über denken der eigenen Position anregen, und nicht zuletzt Hinweise und Informa tionen, die zum Weiter recherchie ren oder zur Produk tion ziel gruppen spezifi scher Beiträge ge nutzt werden. Vor allem aber wächst aus der Vielzahl der Inter aktionen mit dem Publikum auch ein neues, gegen über früheren Phasen der Journalismus entwick lung konkretisiertes Bild von den Lesern, Zuschauern und Hörern (Loosen u. a., 2013, S. 35 ff.) Eine allgemein gültige Typologie der „Nutzer“ oder „User“, wie sie in den Online‑ Redak tionen meistens ge nannt werden, hat sich indes noch nicht etabliert. Dies zeigen unsere Leitfaden‑Interviews mit den 15 Redak tions verantwort lichen. Der Begriff des „Trolls“ ist im Sprach gebrauch von digitalen Redak tionen vor herrschend, wenn es darum geht, negativ kommentierende bis propagandistisch agitierende Medien nutzer zu be zeichnen (vgl. Kap. 8). Tabelle 5.2 zeigt die fest gestellten Negativbegriffe, Tabelle 5.3 die Positivbegriffe, die zugleich auf ein journalisti sches Wunsch bild vom idealen Partner hindeuten. Das in Tabelle 5.2 und 5.3 zusammen gefasste Publikums bild wirkt eher un diffe‑ renziert und an einigen wenigen Schlagworten orientiert. Von einer echten Nutzer‑ typologie, nach der die Redak tionen ihr Handeln aus richten könnten, kann insofern nicht die Rede sein. Dies kann als Lücke be trachtet werden, die zu strategi schem redak tio nellen Handeln anregen sollte. Wohl aber zeugen die Bezeich nungen von einem Bewusstsein, dass es der Digitale Journalismus mit einem stark pluralisierten Publikum zu tun be kommen hat. Mit dieser neuen Aus gangs lage sind aber nicht nur unter schied liche Umgangs weisen mit und Erwar tungs haltun gen an ein digitales Medien angebot formuliert. Vielmehr müssen Ver antwort liche mit Blick auf das (partiell partizipa tions interessierte) Publikum auch techni sche Neuerun gen – z. B. die ver mehrte mobile Nutzung journalisti scher Inhalte – sowie den medien bezogenen Zeithaushalt der Nutzer im Blick be halten, wovon im Weiteren noch die Rede sein wird. Die oben zitierten kritischen Bezeich nungen drücken keines falls Geringschät zung aus. Zum einen stehen ihnen die positiv konnotierten Erwar tungen an produktive Nutzer, die digitale Medien mit ihren Beiträgen be reichern, gegen über. Zum anderen 141 5 temPo, tiefe unD teilhabe tabelle 5.2: negativbegriffe zur kennzeich nung von nutzern digitaler medien angebote negativbegriff interviewpartner „trolle“ Ditz/Spiegel online, p. 116 müller von blumen cron/FaZ. net, p. 213 krechting/kSta. de, p. 194 michalsky/Welt. de, p. 193 niemann/taz. de, p. 185 Scheib/DerWesten. de, p. 65 Zielina/stern. de, p. 162 „Ver schwö rungs theoretiker“ Ditz/Spiegel online, p. 116 müller von blumen cron/FaZ. net, p. 213 „Spinner“ Fiene/antenne Düsseldorf, p. 171 „Quartals-irre“ Wegner/Zeit online, p. 233 „Spammer“ michalsky/Welt. de, p. 193 „Wut-leser“ Grass mann/Freitag. de, p. 175 „Grundgeraunze“ hummelmeier/tagesschau. de, p. 100 „politische extremisten“, „braune Fraktion“ krechting/kSta. de, p. 194 „kopf-ab-Fraktion“ Schwarze/rhein-Zeitung, p. 148 „pöbler“ plöchinger/Süd deutsche. de, p. 158 „krawallo“, „reflexschimpfer“ Scheib/DerWesten. de, p. 129 „besserwisseri sche“ Schwarze/rhein-Zeitung, p. 208 „Unser alter Freund Soundso“ Stöcker/Dradio Wissen, p. 221 tabelle 5.3: Positivbegriffe zur kennzeich nung von nutzern digitaler medien angebote positivbegriffe interviewpartner „engagierte minder heit“, „aktives und kritisches publikum“, „die tatsäch lich eine meinung zu etwas haben“, „einzelne perlen“ hummelmeier/tagesschau. de, p. 141, 86, 100, 141 „Die Wieder kommen den“ niemann, taz. de, p. 217 „Die konstruktiven“ Zielina/stern. de, p. 162 „Die hinweis geber“ Grass mann/Freitag. de, p. 175 „Fans“ plöchinger/Süd deutsche. de, p. 158 „Sehr fleißige leser“ Scheib/DerWesten. de, p. 65 „Die ziel strebigen trendsetter“ Stöcker/Dradio Wissen, p. 125 142 stellt die Gruppe der „Trolle“74 ein ernst zunehmen des Problem für viele Online‑Redak‑ tionen dar (vgl. aus führ lich Kap. 5.3.4.2). Die Befra gung zeigt, dass die Ver antwort lichen auf anderen wichti gen Feldern des redak tio nellen Handelns sehr klare Vor stel lungen vom Medien nut zungs verhalten ihres Publikums haben und darauf zu reagie ren ver suchen. Die Rede ist hier von notwendi‑ gen Anpas sungen des Medien angebots a) an neuere digitale Endgeräte (wie Smartphone, Tablet) sowie b) an im Tages verlauf ver änderte Informa tions erwar tungen des Publikums (Breunig & Schröter, 2014). Zielina sieht es als strategi sche Aufgabe für Medien häuser an, sich auf die Partizipa‑ tions erwar tungen des Publikums fortlaufend und weiter entwickelnd einzu lassen. Ihrer Auf fassung nach gibt es in der Bevölke rung, „ein wachsen des Grundbedürfnis […], in eine Konversa tion mit Medien zu treten“ (P. 207). Eine Medien marke, die dieses Grundbedürfnis nicht hinreichend be antworte oder gar ignoriere, werde an – publizisti‑ scher, aber auch an gesell schaft licher – Relevanz einbüßen. Strategi sche Aufgabe be deutet für Zielina auch, Erkennt nisse über Nutzungs gewohn‑ heiten des Publikums in der Gestal tung des eigenen Medien angebots zu operationalisie‑ ren. Was bislang nur die Programm gestal tung des Fernsehens betraf, nämlich das für Programm planer ver fügbare tagesaktuelle Wissen über Sehbeteili gungen bei be stimmten Formaten und die Ent wick lung der TV‑Marktanteile, dieses Wissen haben nun auch Anbieter digitaler Medien angebote. Die auf den Servern einlaufen den Ab rufdaten können minuten‑ bis sekunden genau auf bereitet werden – mit der Folge, dass ganze Redak tionen sofort wissen, welches Thema „ge klickt“ wird und welches nicht, und welche Informa tionen – und wie ge staltet – von den Lesern goutiert werden oder nicht. Die publikumsorientierten Gesetze der Fernseh‑Programm planung gelten – radika li‑ siert – längst auch für die redaktio nelle Planung digitaler Medien angebote. „Darauf gehen Online‑Redak tionen in der Form noch gar nicht ein und das wird sicher eine große Heraus forde rung der nächsten Jahre“, prognostiziert Zielina (P. 68). Die technisch registrierten Nutzungs szenarien müssten permanent analysiert und es müssten planeri sche Antworten auf diese Frage ge geben werden: „Wie kann ich für genau den richti gen User in genau der richti gen Phase seines Tages die ent sprechen den Inhalte bereit stellen?“ (P. 68) Faktoren, die dabei mitbedacht werden müssten: Tages‑ zeiten, (ver mutete) Lebens situa tionen und auch die Endgeräte, die bei den Nutzern, tages zeit lich variierend, zum Einsatz kämen. Eine medien strukturelle Konsequenz aus all dem sei die „Aus weitung der Redak tions zeiten zu 24‑Stunden‑Redak tionen“ (P. 81). 74 Unter „trollen“ ver stehen wir, in anleh nung an hardaker (2010, S. 237), nutzer, die unter dem Vorwand der „normalen“ teilnahme be absichti gen, Diskussionen zu torpedie ren oder auseinander setzun gen ge zielt zu provozie ren. Dies kann im extremfall die Form dissozialen Diskurses annehmen. 143 5 temPo, tiefe unD teilhabe Dies sei eine Reaktion darauf, „dass man jetzt sieht, dass man punkt genau ablesen kann, wie viele User tatsäch lich zu welcher Tages‑ und vor allem Nachtzeit auch online sind“ (P. 81). Vom Ende redak tio neller Pausen be richtet auch Plöchinger für Süd deutsche. de: „Es gibt quasi keine Nachrichten abendzeiten mehr, Ruhezeiten für uns.“ (P. 52) Der durch‑ schnitt liche Nutzer wolle permanent informiert werden, be ginnend beim Auf stehen und eventuell endend mit Beginn der Nachtruhe. „Der Druck auf uns, wirk lich abzu‑ bilden, was auf der Welt gerade los ist, ist nicht nur stärker ge worden, sondern auch weit über den Tag ver teilt.“ (P. 52) Dies ver ändere notwendiger weise die „Taktung“ einer digitalen Redak tion: „Tempo ist einfach ein wichti ges Ding ge worden, zum Beispiel. Aber auch Tiefe, das wird oft unter schätzt. Handys sind Geräte, auf die schaue ich in reiner Zeit‑ dauer oft sehr, sehr lange rein. Ich weiß nicht, wie die Durch schnitts werte sind, aber jeder von uns kennt das. In der S‑Bahn, ich habe nichts zu lesen dabei, die S‑Bahn ver spätet sich, ich schaue aufs Handy. Ich habe im Ver gleich zu den durch schnitt lichen Zeiten im Web eine relativ lange Nutzung.“ (P. 52) Tempo und Tiefe also – beides enorme Heraus forde rungen an das journalisti sche Leis tungs vermögen, zumal beide Quali täts merkmale im Konflikt miteinander stehen können. Andreas Hummelmeier, Redak tions leiter von Tagesschau. de, hebt hervor, dass die von Nutzern ge wollte Beschleuni gung der Nachrichten gebung journalistisch positiv sei, dass sie aber auch „Oberflächlich keit und Ver kürzung“ mit sich bringen könne (P. 32). Dies ist auch eine Folge des journalisti schen Ver triebs. 5.3.1.1 schneller, höher, weiter? meDien nutzung in Der Digitalen Ver triebs kultur Digitale Medien angebote müssen für mobile Endgeräte neu justiert und adaptiert, mit Rücksicht auf die neuen Nutzungs formen aber auch anders ver trieben werden (vgl. Schmitz Weiss, 2013) – Plöchinger nennt hier den Unter schied zwischen „Lean For‑ ward“‑ (PC am Arbeits platz) und „Lean Back“‑Geräten (Tablet, Smartphone). Gerade die mobilen Devices nutzen die Menschen demnach „in allen möglichen Lebens situa‑ tionen“. Die Folge für Redak tionen: „An vielen Stellen, wo wir bisher eigent lich nicht damit rechnen mussten, dass Leute uns nutzen, müssen wir jetzt plötz lich damit rechnen.“ (P. 52; vgl. Plöchinger, 2013a) 144 Als ein weiterer Trend unter fest gestellten Nutzungs erwar tungen wird die Indivi‑ dualisie rung eines Medien angebots ge nannt. Nutzer sollen sich ihr eigenes Menü zusammen stellen bzw. eine Auswahl aus Vor handenem treffen können. Zielina von stern. de glaubt nicht, dass dieses Interesse eine Mehrheit unter den Nutzern hegt. Da es aber sicher lich ein Teil sei, wenn auch ein kleiner, müssten digitale Medien auch diese Erwar tung be friedi gen: „Ein User, der sich für einen Teil bereich unseres An gebotes interessiert und in diesem Teil bereich aktiver Teilnehmer ist und an diesem Teil bereich ein sehr hohes Interesse und eine sehr hohe Wieder kehr rate hat, ist für mich als Chefredakteurin genauso wertvoll wie ein User, der sich für alles interessiert und mal hier und mal dorthin hüpft.“ (P. 76) Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, hat be obachtet, dass der morgend liche Leser nach richten orientiert ist. Er will wissen, was sich seit dem Vortag zu getragen hat. Diese Erwar tung bedeute für digitale Redak tionen, schon um 5.00 oder 6.00 Uhr morgens ein ent sprechen des An gebot parat zu haben: „Wir haben lange ge sucht, bis dafür ge‑ eignete Formate ge funden waren.“ (P. 126) Diese Nutzung früh am Tag laufe hauptsäch‑ lich über mobile Endgeräte („Mobile“). Abends steige die Nutzung von Zeit Online nach 20:00, 21:00 Uhr nochmals an. Dann kämen „iPad und Laptop auf dem Sofa“ zum Einsatz. Viele Nutzer seien dann bereit, „sehr lange Geschichten“, „Longreads“, wahrzunehmen (P. 126). Sich auf tages zeit lich variierende Informa tions wünsche des Publikums einzu stellen, diese Notwendig keit stellt sich für die regionale Rhein-Zeitung aus Koblenz etwas anders dar als für die national ver breitete Wochen zeitung Die Zeit und ihr Digital‑ medium. Die Rhein-Zeitung betont auch geschäft liche Erwägun gen, nämlich die, ob es sinn voll ist, „exklusive“ Zeitungs inhalte im „Kosten los‑Kanal“ des Web zu ver‑ schenken (Schwarze/Rhein‑Zeitung, P. 65). Redak tion und Verlag in Koblenz scheinen nicht mehr der – in Deutschland erstmals vom Medienhaus Axel Springer aus gege be‑ nen – Devise „Online first“ anzu hängen, sondern ver fahren eher restriktiv mit digi talen Vor veröffent lichungen von Zeitungs inhalten schon am Vortag. Laut Schwarze werden diese Inhalte großen teils erst nach Erscheinen der Zeitung online ge stellt. Wohin gegen aktuelle Ereig nisse, die zudem viele Leser in ihrem Alltag be träfen – Schwarze bringt das Beispiel eines großen Staus morgens zur Haupt verkehrs zeit – sofort auch auf der Website be richtet werden müssten, weil die Leser die Ursache kennen wollten (P. 65). Tages zeiten und Endgeräte können Indikatoren für die redaktio nelle Planung sein, lang fristig aber auch ver änderte Medien präferenzen von Alters gruppen. Fiene weist 145 5 temPo, tiefe unD teilhabe darauf hin, dass Facebook, wo heute noch viele Medien ihre Kolonien unter halten, um wahrgenommen zu werden und Traffic für die eigene Website zu er zeugen, bei vielen Jugend lichen bereits ein „alter Hut“ sei (P. 228). Diesen Trend hat auch Schwarze im Blick und führt das Beispiel einer Schul klasse an. Von 28 Schülern nutzten 20 den – inzwischen von Facebook über nommenen – Kurznachrichtendienst WhatsApp. Noch sei ihm keine Zeitung bekannt, die mit ihren Inhalten nun auch auf diesem Portal präsent sei. Die Rhein-Zeitung müsste es seiner Ansicht nach an gehen, bis sie sagen kann: „Wir sind Deutschlands erste Zeitung bei WhatsApp.“ (P. 110) Die Vielzahl von Hard‑ und Software75 stellt immer neue Anforde rungen an die Redak tionen bzw. an den digitalen Ver trieb der Medien häuser (vgl. Kap. 6). Journalisti‑ scher Content muss an Endgeräte ebenso an gepasst werden wie an die Formate von Portalen wie Facebook oder Apps wie WhatsApp. Plöchinger fügt das Beispiel unter‑ schied licher Bildschirmgrößen von Tablets hinzu und sagt: „Die Produkt entwick lung dreht sich gerade darum, wie man Content sehr strukturiert bekommt und dann sehr stark an gepasst auf die ver schiedenen Geräte liquide aus spielen kann. Und das ändert Produkt entwick lungs philosophien.“ (P. 56) Müller von Blumen cron spricht von der „Smartphone‑Revolu tion“, die weitere und immer wieder neue Konfektionie rungen des redak tio nellen An gebots er fordere: „Plötz‑ lich sind eben die Bildschirme nicht nur Smartphone und PC, sondern jetzt hat man Smartphone, Tablet, kleines Tablet, großes Smartphone usw., also eine Vielzahl von Größen. Wie biete ich mein Produkt darauf an? Wie muss ich es möglicher weise inhalt lich ändern? Knifflige Fragen.“ (P. 91) Das Beispiel des Freitag mit seiner aktiven und produktiven Community mag dagegen stehen – insgesamt deutet aber vieles darauf hin, dass es für Medien häuser, zumal regionale, nicht mehr lohnt, eigene Communitys und/oder Portale aufzu bauen. Der Kölner Stadt-Anzeiger ist hier zwar immer noch aktiv, doch Krechting sagt, dass Facebook inzwischen deut lich wichti ger sei „als unsere eigene Leser‑Community“ (P. 265). Dies ist die Konsequenz aus der Dominanz von Facebook auf dem Markt der individuellen und gruppen bezogenen Kommunika tion. Selbst ein vielgenutztes Medien angebot wie Bild. de muss mit der Tatsache umgehen, dass junge Nutzer andere Gewohn heiten haben, als täglich treu die Medien marke online aufzu suchen. In den Worten von Hart: „Junge Leute […] gehen ganz selten noch zu der Marke. Die warten, dass die Nachricht, das Video, das Foto, der Hinter grund, dass sie dem be gegnen auf Facebook oder sie es auf Twitter ver folgen.“ (P. 207) 75 als Software sollen hier auch apps ver standen werden. 146 Nachvollzieh bar ge lingt es den Medien häusern nur in be grenztem Umfang, User und damit Traffic von dort weg auf die eigene Website, in die eigene Community zu locken. Sie haben nur die Option, selbst mit journalisti schen Präsenzen auf die großen Portale (Facebook) und in die Dienste (Twitter) zu gehen, um so Auf merksam keit für die eigenen journalisti schen Inhalte zu er zeugen (vgl. dazu Kap. 3: Inhaltsanalyse). Medien häuser investieren publi zisti sche und unter nehmeri sche Energie in partizipative Platt formen. Ein Beispiel ist die Foto platt form Nahraum der Ruhr-Nachrichten, immer‑ hin noch existent und von Nutzern aktualisiert. Die WAZ‑Medien gruppe, heute Funke‑Gruppe, aber schloss im Januar 2010 ihre Community auf DerWesten. de76, wenn gleich dort heute noch Foren an geboten werden.77 5.3.1.2 mobil oDer stationär? Eng ge koppelt an die Nutzungs erwar tungen und den Aufbau von redak tio nellen Communitys ist die Logik der digitalen Ver triebs kultur. Sie erlaubt nicht nur innovative Erzählformen für mobile Anwen dungen (vgl. Eick, 2014; Radü, 2013; Sturm, 2013), sondern auch „eine auf Endgeräte konfektionierte redaktio nelle Berichterstat tung“, sagt Ditz (P. 46). Bei einer guten Geschichte sei es vor allem die Frage, wie man sie präsen‑ tiere. Ditz ist daher der Auf fassung, dass journalisti sche Geschichten in der mobilen Auf berei tung sogar einen „anderen Wert“ (P. 52) bzw. eine „andere Wertig keit“ (P. 56) bekämen: Er illustriert diese Aussage mit einer Meldung über einen Flughafen streik in Frank furt, die Spiegel Online mobil anders und anderswo platzie ren würde als im stationären Web: „Weil wir eben wissen, die Leute sind unter wegs“ (P. 52). Er be gründet dies mit „anderen Erwar tungen“ (P. 60) der Nutzer, die wissen wollten, „was los ist in ihrer speziellen Situa tion“. Auch das An gebot von Bild. de öffnet sich strategisch den neuen Möglich keiten des mobilen Ver triebs: Hart (P. 106) glaubt, dass „spätestens Ende 2014 50 Prozent des Traffics von allen Nachrichten‑Websites auf den mobilen Geräten sein wird“. Die erste Heraus forde rung, Nachrichten auf dem Smartphone zu präsentie ren, bestehe darin, dass das Display so klein sei, „die Menschen wollen da kurze Nachrichten lesen“. Eine „Riesens tory“ speichere man sich eher ab und lese sie abends irgendwo, aber in der U‑Bahn sei das schwierig. Essenziell scheinen für Hart daher die Fragen: „Wie 76 „Die DerWesten-community sagt adieu“, www.derwesten.de/leserservice/wartungsarbeiten/die-derwesten-community-sagt- adieu-id2346617. html [11. 02. 2014] 77 forum.derwesten. de/ [11. 02. 2014] 147 5 temPo, tiefe unD teilhabe erzählt man Geschichten auf den Smartphones? Braucht man über haupt so eine große Flut an Storys? Will die der User über haupt?“ (P. 106). Nicht nur in den journalisti schen Darstel lungen, auch in den knappen Zeitspannen der Nutzer liegt laut Hart die zweite große Heraus forde rung, die einer aus greifen den Präsenta tion journalisti scher Inhalte ent gegen stehen: „Fünf Minuten sind schon viel auf einem Smartphone“, sagt Hart, „vielleicht hast du nur eine Minute. Was kannst du in einer Minute über haupt auf nehmen?“ (P. 106) Als drittes kommt hinzu, dass Smart‑ phones „viel schwerer zu navigie ren“ seien, deshalb könne es „sehr mühsam sein“, eine Fotogalerie auf einem Smartphone anzu schauen, selbst wenn man guten Empfang habe (P. 106). Deshalb er scheint es konsequent, dass Bild. de mit einer eigenen Redak tion und „eigenem Desk“ operiere, die mobile Inhalte für Tablets und Smartphones pro‑ duzieren (P. 112). Hart prognostiziert, dass sich innerhalb der nächsten 12 bis 20 Monate „richtig groß journalistisch was“ bewege, indem Inhalte als Erstes von den Mobilgeräten her ge dacht würden und erst im Anschluss deren Umset zungen für stationäre Endgeräte folgten: „Die Menschen sind ver wöhnt von den Apps. Eine App kann so was von vielem, was du hier auf dem stationären Rechner gar nicht hinkriegst und es ver ändert die rezipie ren den Gewohn heiten einfach. Es ist ja ein extremer Reiz an optischen Elementen, was so eine App hat, die muss ich da inkludie ren. Aber du kannst damit inter aktiv spielen, du kannst sie be nutzen. Eine App ist nie Lean‑Back, eine App ist immer etwas, was du aktiv ja steuern musst.“ (P. 106) Dass in Anbetracht der schwanken den Auf merksam keits spannen der Nutzer und der Wertig keit der Inhalte Letztere für be stimmte Endgeräte von einer separaten Redak tion auf bereitet und speziell zu geschnitten werden, ist in den Online‑Redak tionen der be‑ fragten Redak tions leiter keines wegs Usus: Hummelmeier (P. 66) hält es für sinn voll, dass sein Webangebot „eins zu eins so in der App aus gespielt wird“: „Wir machen also kein spezielles An gebot für den mobilen Nutzer. Ich würde das auch für nicht sinn voll halten, weil die Grenzen immer weiter ver schwimmen. Ist der, der auf dem Sofa sitzt und sich auf dem iPad unsere Seite anguckt, ist das ein mobiler Nutzer? Oder ist das nur einer, der gleichzeitig fern sieht und eben noch andere Informa tionen über uns haben will? Ich glaube, dass das An gebot schon sehr gleich sein sollte. Es muss in ge wisser Weise technisch an gepasst werden, aber inhalt lich sollte es identisch sein.“ (P. 66) 148 Auch Michalsky (P. 87) räumt auf der perso nellen Ebene ein, es gebe „nicht einen einzigen Redakteur bislang, der sich nur um Mobile kümmert“. Mobile laufe am Online‑Balken immer mit; allerdings wolle er „dort eigene Strukturen auf bauen, sehr, sehr kurzfristig jetzt und [wir; Hinzufü gung der Autoren] werden die mit Sicher heit mittelfristig eher stärken“ (P. 87). Der Status, vor allem aus perso nellen Gründen keine eigenen Leute dafür einzu setzen und „extra Ver sionen“ (P. 99) für mobile Endgeräte zu publizie ren, gilt für taz. de aus Ressourcen knapp heit seit ehedem (vgl. Niemann/ taz. de, P. 197) – außer einer Reduk tion des inhalt lichen An gebots gibt es dort keinerlei redaktio nelle Anpassungs bemühungen an die mobilen Um gebun gen. Dasselbe gilt auch für den Freitag, der bisher gar keine App hat. Das Thema mobile Endgeräte ist für Chefredakteur Grass mann (P. 51) insofern „nur zweitrangig“. Niemann ist sich allerdings bewusst, dass taz. de in Bewegung ist und ihre Redak tion „die Möglich keiten der grafischen Gestal tung im Internet nutzen und nicht so statisch wie ein Printprodukt daher kommen“ sollte (P. 89). Ein Distink tions gewinn im Ver gleich zur Print ausgabe kann nach Niemanns Auf fassung vor allem durch das ästheti sche Erschei nungs bild er reicht werden. Weder eine „mobiloptimierte Webseite“ noch „sehr viel mobil‑spezielle Inhalte“ hat laut Fiene (P. 62) Antenne Düsseldorf zu bieten, vor allem aus techni schen Gründen. Die Redak tion habe sich daher mit einem News letter be holfen, der morgend lich ver‑ schickt wird: „Das heißt, wenn die Leute morgens als Erstes ihre E‑Mails checken, dass sie dann auch Kontakt mit uns haben. Weil das macht man als Erstes, dass man guckt, was ist auf Facebook passiert, was für Mails sind ge kommen.“ Fiene hofft, dass sich durch ein solches Szenario der direkten Ansprache morgens nach dem Auf wachen viele Nutzer an gesprochen fühlten, wünscht sich aber zugleich, dass seine Redak tion „möglichst schnell eine mobiloptimierte Seite bekommt, damit es mehr Spaß macht, da unter wegs zu sein“, „gerade weil das so eine schöne Ver bindung ist, weil man uns auf dem Smartphone und Tablet wunder bar hören kann“. Zwar wurde auch bei DRadio Wissen die redaktio nelle Notwendig keit erkannt, sich alleine schon wegen der internetaffinen Zielgruppe des digitalen Radiosenders sehr viel mobiler über Smartphones und Tablet‑PCs aufzu stellen – dafür spricht zumindest auch die groß angelegte Programm‑ und Strukturreform, die von Herbst 2013 bis zum Frühjahr 2014 dauerte und nach der sich der Sender nun in einem stark reduzierten Web‑Look („flat design“) präsentiert.78 Bis dahin sei die eigene Website jedoch „nicht kompatibel mit diesen Geräten“ ge wesen, sagt Redak tions leiterin Stöcker 78 Vgl. Fischer, 2013 und kap. 6.2.1. 149 5 temPo, tiefe unD teilhabe (P. 83): „Wenn Sie DRadio Wissen auf einem Telefon auf rufen, dann brauchen Sie einen Zahnstocher, um die [Website; Hinzufü gung der Autoren] be dienen zu können.“ Die Redak tion ver suche [zum Zeitpunkt der Befra gung], diese Defizite derweil via Facebook und andere soziale Netz werke über brücken zu können. Die Möglich keit des mobilen Ver triebs nutzen ansatz weise auch die Online‑ Redakteure von Rhein-Zeitung. de, die „ahnen, dass wir das müssen“, es tatsäch lich aber noch zu wenig täten, wie Schwarze (P. 70; vgl. Krechting/KStA. de; P. 335) selbst kritisch bemerkt. Zum Zeitpunkt des Interviews mit Schwarze gab es den mobilen Auf tritt der Rhein-Zeitung gerade erst vier Wochen, zuvor habe sich seine Redak tion – ähnlich wie DRadio Wissen – mit eher sehr speziellen, mobiltaug lichen Inhalten be holfen, z. B. über Twitter oder Facebook: „Wir sind schon eine ganze Weile mobil präsent, natür lich huckepack bei den sozialen Medien. Bei Facebook ganz be sonders und bei Twitter eben auch und diese Kürze der Nachricht ist eben auch be sonders fürs Handy ge eignet. Tatsäch‑ lich, wenn man denn mal sich unseren mobilen Auf tritt anguckt, also die Nach‑ richten selbst, die sind 1 : 1 aus dem Online‑Dienst über nommen.“ (P. 70) Bei den Regional angeboten zeigen sich auch die Aus spiel kanäle der Online‑Ausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers überaus mobil‑ambitioniert – zumindest ist für Redak tions‑ leiter Michael Krechting obligatorisch, dass die Tablet‑Ausgabe der Print version nicht nur ein PDF der Zeitung sein darf, wenn sie den Nutz wert des Gedruckten digital er weitern soll. Insofern stehe man Elementen wie Bewegtbild, Anima tionen, Grafiken und O‑Tönen offen gegen über, um „die Zeitung er lebbarer [zu] machen“ (P. 132): „Es gibt unsere Website in der mobil‑optimierten Ver sion, wir haben ein eigenes Produkt für Tablets an den Start ge bracht, was wir jetzt gerade relauncht haben, wo zwischen iPad und Android jetzt ein Produkt unterschied ist. Aber wenn man sich auf die iPad‑Ausgabe bezieht, ist das natür lich ein spezielles An gebot im Digitalen. Und ansonsten haben wir das, was natür lich auch viele Online‑Medien anbieten. Also man kann unsere Inhalte als RSS‑Feed haben.“ (P. 158) Krechting zufolge erwägt der Kölner Stadt-Anzeiger, mit seinem An gebot auf redak‑ tions fremden Platt formen zur News‑Aggrega tion wie Flipboard oder Google Currents (jetzt: Google Play Kiosk) ver treten zu sein, „wo wir neben vielen anderen stehen, die uns aggregie ren“ (P. 158). Dort sollen dann weitere Formate und Darstel lungs formen ent wickelt und aus pro biert werden. Insbesondere Bezahl‑Apps wie eine von Google 150 ent wickelte, wo Nutzer exklusiven Zugang zu den Inhalten von KStA. de be kommen, wäre für Krechting eine Option, neue Erlös quellen zu er schließen. Auf die Frage, wie Inhalte seiner Meinung nach aus sehen sollten, die speziell für ‚Mobile‘ ge dacht sind, antwortet Krechting mit einem Beispiel: Das offen bar seit August 2013 nicht mehr aktualisierte Format Köln am Mittag79 solle den Nutzern in der Mittags pause „kurz sagen, was in der Stadt passiert ist“ (P. 172): „Das sind dann wirk lich kurze Zusammen‑ fassun gen mit Links zum Weiter lesen“, erklärt Krechting. Bei der Konzep tion sei es um diejenigen Nutzer ge gangen, die „einmal über die Seite scrollen und gucken“, und dies sei „ein erster Ver such, so ein Format mal an den Start zu bringen“. 5.3.1.3 ästhetik unD Ver trieb in Der Digitali tät Kürzer, knackiger, spezieller – so wollen sich die An gebote der Experten in der digitalen Ära am liebsten präsentie ren, ohne gleich den Journalismus neu er finden zu müssen. Knack punkte der neuen Ver triebs kultur sind aber nicht nur rein distributive, sondern offen kundig auch ästheti sche Fragen. Publizistisch auf bereitete Mobilformate ge horchen ganz eigenen Ästhetik‑Regeln, „vor allem bei aktuellen Geschichten“, sagt Hart von Bild. de: „Bei Live‑Berichterstat tungen musst du zumindest 50 Prozent auf Mobile auch denken. Du kannst die Optik nicht so groß machen, du musst die Über schriften zum Teil anders machen. Du musst wissen, wenn du einen Push ver sendest, wie kommt die Geschichte dazu? […] Es ist nicht nur ein Handwerk, es ist auch eine große Heraus forde rung, mit einem kürzeren Text die Leute so bei Laune zu halten, dass sie wieder zu dir kommen.“ (P. 116) Ganz ähnlicher Auf fassung ist auch Wegner: Wenn man erst einmal ge merkt habe, dass Storytelling‑Projekte wie „Snowfall“80 – die ambitionierte und preis gekrönte Multimedia‑Reportage der New York Times, bei der User das Erlebnis von Winter‑ sportlern, die von einer Lawine ver schüttet wurden, nach erleben können (vgl. Branch, 2012; Rue, 2013) – grundsätz lich funktionierten, denke man „natür lich jede Geschichte so“ (P. 117): „Du möchtest immer eine opulente Optik zu einem Text haben“, sagt 79 www.ksta.net/koeln/koeln-am-mittag-koeln-ist-cool-aber-haesslich,15187530,24052098. html [04. 03. 2014] 80 www.nytimes.com/projects/2012/snow-fall/= tunnel-creek [24. 07. 2014] 151 5 temPo, tiefe unD teilhabe Wegner. Diesen Wunsch bringt auch Niemann zum Aus druck, wenn sie sagt, sie wolle gerne eine Seite haben, „die attraktiver ist und die auch ein bisschen originärer ist. Also, dass wir mehr Online‑Journalisten sein können“ (P. 227). Trotzdem steht laut Wegner bei Zeit Online im Vordergrund, „dass wir Texte produzie ren“ – das sei eher „so einer ge wissen konservativen Art der Leser, aber auch der Redak tion geschuldet.“ (P. 117) Folglich spielt bei der ästheti schen Umset zung auch das „responsive Design“ eine tragende Rolle, wie Michalsky, ver antwort lich für Welt. de, bemerkt (P. 83): Responsives Design meint den ge stalterisch‑techni schen Ansatz, mit dessen Hilfe sich Website‑ Inhalte optisch an das jeweilige Format des Endgeräts automatisch anpassen – bei gleichbleiben dem Erschei nungs bild und egal, ob es sich um einen Desktop‑PC, ein Smartphone oder Tablet‑PC mit unter schied licher Screen‑Größe handelt (vgl. Ertl & Laborenz, 2014). Michalsky er wartet, dass beide ursprüng lichen Designs – die Mobile‑ Ansicht und die WWW‑Ansicht – künftig noch stärker zusammen wachsen und dass dies vollkommen automatisiert funktionie ren sollte (P. 99; vgl. zur Automatisie rung Kap. 6), „weil Sie sicher gehen müssen, dass Sie einen Artikel er stellen, von dem Sie mutmaß lich noch auf längere Sicht, […] be stimmt noch zwei Jahre, immer von der WWW‑Form des Artikels aus gehen“. „Das wird irgendwie auf eine clevere Art und Weise zusammen fließen müssen, und man wird von einer der Ansichten aus gehen, und man muss aber als Redakteur total sicher sein, dass das Mobile genauso sitzt wie das WWW sitzt oder auf einem Tablet sitzt.“ (P. 99) Weil das Smartphone „immer wichti ger“ werde (P. 79), wie der Welt. de‑Verantwort liche betont, werde es „im Web, was Reichweiten be trifft, […] eher zu einer Stagna tion kommen […], wenn nicht sogar zu einem leichten Fallen der Reichweiten“, während sich das „Mobile weiter hin stark steigend ent wickeln wird, je mehr Leute Smartphones haben, je mehr günstige Tarife es auch gibt zum Surfen und je mehr junge Leute sich auch ein Smartphone leisten können oder ge leistet be kommen.“ (P. 83) Diese Ent wick‑ lung bedeute für die Redak tion gravierende Einschnitte, weil „wir bislang auch in unserer täglichen […] Redak tions arbeit an WWW denken, wir Mobile eher, auch was Strukturen be trifft, am Rande denken.“ Das Mobile werde zwar immer mitgedacht, „aber wenn man ganz ehrlich“ sei, sei das bisher „im Prinzip nur ein Derivat“ (P. 83). In diesem Ein geständnis Michalskys spiegeln sich auch die Bedenken der Ver lags häuser wider, inwieweit es für Redak tionen auf lange Sicht rentabel ist, ein eigenes Redak tions team zu be schäfti gen, das sich, 152 vollkommen ent koppelt von der Haupt redak tion, nur mit der Produk tion einer eigenen App‑Ausgabe befasst (vgl. Wolf, 2014). „Aus meiner Sicht müssen wir uns noch viel mehr Gedanken darüber machen, wie wir auf die konkrete Nutzungs situa tion ‚mobile‘ ein gehen und dafür eigene Inhalte schaffen“, ist Krechting sicher (P. 172). Derzeit gehe es in seiner Redak tion ledig lich um „eine andere Darstel lung“. Krechting sagt, dass kürzere Texte alleine noch „keinen eigenen mobilen Journalismus“ aus machten. Dies werde aber umso wichti ger, je stärker sich die Rolle auch des Publikums wandelt: „Da wird was passie ren, weil der Megatrend ‚Mobile‘ dazu führt, dass Leute […] viel stärker in jeder Lebens situa tion auch mit ihrem Gerät partizipie ren können.“ (P. 389) Nicht jeder werde „sein Smartphone dazu nutzen, überall zu fotografie ren und das der Zeitung zu schicken“ – das sei wiederum auch nur ein kleine rer Kreis. Aber die Partizipa tion werde „noch stärker durch das Vor preschen der mobilen Nutzung unmittel barer, schneller vielleicht in der konkreten Situa tion sein“ (P. 389). So vielfältig sich die von den ver antwort lichen Redakteuren ein gebrachten Be mü‑ hungen und Spielarten, in der digitalen Ver triebs kultur publizistisch und redaktio nell Fuß zu fassen, auch darstellen und so sehr die neuarti gen Publika tions möglich keiten und Nutzungs gewohn heiten inzwischen aus probiert werden, so er nüchternd klingt doch die Einschät zung einiger der Befragten, dass ihre Medien angebote bei Weitem nicht das gesamte Darstel lungs‑ und Ver triebs spektrum ab decken, das die Digitali‑ tät zu bieten hat. Die Selbsterkenntnis, bisher ledig lich ein „Derivat“ (Michalsky, P. 83) zu publizie ren, also einen Ab kömmling aus der analogen (Print‑)Welt eins zu eins in die digitale Sphäre zu über tragen, über rascht auf grund der Ressourcen bei vielen Medien häusern nicht. Immerhin lässt sich aus den eher in die Zukunft gerich‑ teten Willens bekun dungen, dass einige redaktio nell‑organisatori sche Voraus setzungen und Bedin gungen erst noch geschaffen werden müssten, um im Journalismus unter digitalen Vor zeichen zu reüssie ren, ein deut licher publizisti scher Experimentierwille heraus lesen. 5.3.1.4 offline-online-Verzah nung Eine Hürde scheint dagegen immer weniger in der Offline‑Online‑Verzah nung zu liegen, deren Gelingen von den be fragten Online‑Akteuren klar ge wollt wird, in der Umset zung von unter schied lichen Faktoren aber nach wie vor be einträchtigt ist. So gibt Grass mann zu Protokoll, dass „wir ver suchen, die Grenzen oder die Mauern, die es zwischen Print und Online gibt, abzu bauen“ (P. 51). Seiner Redak tion gehe es darum, 153 5 temPo, tiefe unD teilhabe „diese beiden medialen Ver triebs kanäle möglichst zu ver einen“. Sie ver suche dies, „indem wir die Blogger aus dem Netz möglichst nah ran an die Redak tion holen und ver suchen, die Redak tion möglichst nah an die Blogger zu bringen“. (P. 51; vgl. Grass‑ mann, 2013) Dass dies kein Lippen bekenntnis ist, sondern realiter um gesetzt wird, belegt Grass‑ mann mit Beispielen, die in Print und Online statt finden. Eines dieser Beispiele ist das Format „meet and read“, für das sich Blogger aus der Freitag‑Community auf Eigen initiative zusammen schließen und sich ver abreden, ein be stimmtes Buch zu lesen und an schließend darüber zu schreiben: „Wir sprechen mit so einer Print‑Online‑Verzah nung unter schied liche Leser schich‑ ten an, die nicht notwendiger weise die gleichen sind. Es gibt Leute, die lesen den Freitag nur digital, es gibt Leute, die lesen den nur als Zeitung und ich glaube schon, dass diese Ver schrän kung dieser beiden Ver triebs kanäle, sage ich mal, eine gute Möglich keit ist, unter schied liche Lesergruppen anzu sprechen.“ (P. 46) Stöcker (P. 57) hat den Eindruck, dass bei DRadio Wissen „das Internet von Anfang an eine ganz andere Bedeu tung“ hatte, weil die meisten Hörer das Programm ohnehin „über das Netz“ konsumie ren und die Redak tion deshalb in dem Bewusstsein lebe, dass „wenn man uns hört, […] man die Seite offen“ habe. Fiene (P. 62) sieht eine ge‑ glückte Ver zahnung von Print und Online vor allem aus der Macher‑Sicht: Einige Reporterkollegen würden stets beide Aus spiel kanäle – das digitale Programm medium und das An gebot der Website – mitdenken, indem sie bei zeit kritischen Terminen immer mit zwei Geräten arbei teten: „Nämlich einmal mit dem klassi schen Auf nahme‑ gerät und dann auch mit dem Smartphone“, weil sie mit dem Smartphone schon direkt einen Ton in die Nachrichten schicken könnten. (P. 62) Ein Beispiel sei, dass diese Kollegen „sogar unaufgefordert Material für die Homepage mitbringen. Dass die sich über legen: ‚Hey, lass uns doch hier das ganze Interview auf die Seite packen. Ich tippe Dir das auch gerne ab‘.“ (P. 57) Nach Einschät zung von Zielina können sich Print‑ und Online‑Produkte sogar gegen seitig be flügeln – sie meint damit das Erfolgs modell der Zeit: Bei der Hamburger Wochen zeitung hätten sich „gleichzeitig das Printprodukt und das Online produkt neu er funden“ (P. 148) und beide „aufeinander eine ver stärkende und positive Wirkung“ gehabt: „Ich glaube, durch die Neuerfin dung des Printprodukts haben mehr Leute Zeit Online an gesehen und durch die Neuerfin dung des Onlineprodukts, glaube ich auch, dass mehr Leute sich ein Zeit‑Abo be stellt haben.“ Generell sei es in Bezug auf Medien marken wie den Stern jedoch wichtig zu ver stehen, dass es für den Leser 154 „komplett egal [ist], ob er ihn auf dem iPad oder auf seinem Laptop oder auf Papier liest. Die Marke ist die Marke und selbst wenn Zeit und Zeit Online sehr viel Wert darauf legen, zwei ge trennte Marken zu sein. Der über wiegende Großteil der Leser nimmt das als Zeit wahr. Und das heißt, dass Investi tionen in Produkt‑ und sozu sagen Leserbin dung […] immer eine Investi tion in die Marke und in Markentreue sind. Und ich glaube, dass die dann relativ platt formneutral wirksam sein kann.“ (P. 148) Zumindest organisatorisch‑praktisch scheint der digitale Graben dem Eindruck der be fragten Experten nach weit gehend über wunden – in allen Redak tionen arbeiten Offliner und Onliner daran, Print bzw. Rundfunk und Digital zu ver netzen (vgl. Zielina/stern. de, P. 232). Die neue Technologie wird somit als Chance des Digitalen Journalismus be griffen, um die Ver zahnung auch im Hinblick auf die in den Köpfen lange Zeit existente Trennung zwischen Offline‑ und Online‑Kollegen in den Redak‑ tionen Wirklich keit werden zu lassen – dies geschieht teils unter Einbezug der Commu‑ nity, teils mithilfe techni scher Neuerun gen sowie durch die damit zusammen hängende Nutzungs optimie rung für die mobilen Endgeräte (vgl. Radü, 2013). 5.3.1.5 themen setzung unD traffic aus social meDia Die von Zielina oben an gesprochene Markentreue ist auch für die Themen setzung und ‑aufberei tung von großer Bedeu tung: Nach Ansicht der Befragten spielen dabei gerade die sozialen Netz werke für den digitalen Ver trieb eine ent scheidende Rolle. Vor allem bei Tagesschau. de ist Hummelmeier davon über zeugt, dass sie für die Marke Tagesschau ein wichti ger Ver triebs kanal seien (P. 58). Dazu teile man beispiels weise den inzwischen rund 383.600 Followern81 von Tagesschau. de auf Twitter mit: „Das ist das An gebot, das wir Euch heute machen.“ Insgesamt be trachtet wolle man durch die Nutzung von Twitter „noch ein bisschen schneller werden, ein bisschen unmittel barer“, zum anderen gehe es darum, dass „die Korrespondenten, die be richten, eben nicht nur ihre klassi schen Medien be dienen, sondern auch selber die Nachricht ver breiten und ein bisschen deut lich machen, unter welchen Bedin gungen sie da aktiv sind und unter welchen Bedin gungen sie arbeiten.“ (P. 58) 81 Summe der twitter-accounts (gerundet) @tagesschau (ca. 242.000 Follower), @tagesschau_blog (ca. 84.200) und @tagesschau_ eil (ca. 57.400) [26. 03. 2014]. 155 5 temPo, tiefe unD teilhabe Auch für Grass mann ist Twitter gleich nach Facebook der zweit wichtigste soziale Ver triebs weg im Netz (P. 59). Genauso wie für Fiene von Antenne Düsseldorf, der beides zur Erzeu gung von Traffic regelmäßig einsetzt: Twitter sei für seine persön liche Arbeit das „wertvollste Netz werk“ (P. 145) – auch wenn er relativiert, dass sich der Micro‑ blogging‑Dienst an ein „Fachpublikum“ richte. Für Radiomacher, die sich an die Masse wenden wollten, sei jedoch Facebook „the place to be“ (P. 145): „Ich glaube, es gibt kein Werkzeug, wo man so einfach die meisten seiner Hörer er reicht. […] Die demografi schen Angaben sind da sehr identisch und das Engage‑ ment ist auch für uns dort wichtig, dort präsent zu sein. Zum Beispiel, weil wir dort die Quali täts merkmale unserer Radiomarke unter stützen können, d. h. wenn wir dort sehr informativ auf treten, sehr lokal, dann ver binden das die Leute mit uns, weil sie halt dort ja auch ge wisse Sachen von uns immer lesen und sie wissen ungefähr den Stil, den wir da posten. Wir siezen z. B. auch unsere Facebook‑ Freunde, einfach um das zu unter stützen, was wir on air machen. Und wir glauben ganz fest daran, dass das dann auch, wenn die Leute ge fragt werden bei der Quoten erhe bung, da werden ja nicht nur quantitative sondern auch qualitative Werte ab gefragt, dass das dann auch auf die Marke einzahlt. Was ja dann am Ende Aus wirkungen auf die Quote hat.“ (P. 145) Fiene be richtet, dass seine Redak tion eine Erhebung unter den Hörern von Antenne Düsseldorf ge macht habe, die ge zeigt hätte, dass sich bei rund einem Drittel der be‑ fragten Radiohörer durch regelmäßige Facebook‑Postings in ihrer Timeline der Ein‑ schalt impuls steigern ließ und somit eine stärkere Nutzer bindung zu ver zeichnen sei: „Wenn man sich über legt, dass wir so im Monat auf zwei Millionen Marken kontakte auf Facebook kommen, würde ich sagen, ist das schon quoten relevant“, bemerkt Fiene (P. 145). Krechting schreibt Facebook eine ähnlich prominente Rolle für den Ver trieb von Inhalten zu – „auch wenn man es be messen will in der Zahl derjenigen, die über Facebook auf unsere Inhalte auch zugreifen“. Da sei Facebook mit „weitem Abstand das wichtigste Medium. Dann folgt irgendwann Twitter. Twitter ist an Platz zwei trotz‑ dem richtig an gesiedelt, weil es wichti ger ist als Nachrichten agentur, als es Facebook im Moment noch ist.“ (P. 293) An dritter Stelle nennt Krechting die kosten lose Foto‑ und Video‑Sharing‑App Instagram, das für den Fotobereich beim KStA. de eine nicht unwichtige Rolle spiele. Weit ab geschlagen rangierten dagegen „Netz werke wie Google+, wo wir noch nicht wirk lich einen Effekt sehen, dass sich Nutzer erstens mit uns dort als Marke be schäfti gen, aber wir auch eine Rück kopp lung be kommen“. Das Gleiche 156 gelte für das soziale Netz werk Pinterest, in dem die Nutzer Bilder oder Ideen für Projekte an virtuelle Pinnwände heften können (P. 293). Auch die anderen be fragten Redak tions leiter weisen auf die Bedeu tung sozialer Netz werke im Hinblick auf die Generie rung von Web‑Traffic hin: Schwarze von Rhein-Zeitung. de erwähnt eben falls die Foto‑ und Video‑Sharing‑App Instagram, für die seine Redak tion das Hashtag „Rheinstagram“ ein geführt habe, woraus sich seither eine spezielle, sehr fotoaffine Community konstituiert habe, Personen, die sich auch im realen Leben träfen: „Das ver suchen wir zu nutzen und ver suchen, Leute an uns zu binden. Wie das aber früher bei den Zeitun gen eben auch der Fall war, nur mit anderen Mitteln“ (P. 84). Ferner nennt der Online‑Chef Schwarze Storify, einen Dienst, der etwa Tweets, Fotos und YouTube‑Videos zu einer konsistenten Storyline ver‑ knüpft (P. 14). Auch für Wegner von Zeit Online sind Facebook und Twitter die ersten Vertriebs kanäle, als weitere Möglich keit nennt er die Blogging‑Platt form Tumblr (P. 197). Grass mann ver deut licht, dass beim Freitag die inhalt liche Resonanz in den sozialen Netz werken am größten sei, wenn eine provokante These im Raum stehe, es um ein Pro und Contra gehe oder Fragen der Redak tion direkt an die Community ge stellt würden, um ein Feedback zu ge nerie ren: Twitter und vor allem Facebook, wegen der Likes, seien daher „die Kanäle, mit denen wir am besten mit der Community kom‑ munizie ren können. Twitter ist für uns wichtig, aber wie gesagt nur in der Ver brei tung unserer Inhalte und da gibt es kein Feedback.“ (P. 130) Auch Schwarze von Rhein- Zeitung. de ist der Auf fassung, dass Twitter für den digitalen Ver trieb nur bedingt relevant ist (P. 76): Er komme bei seinen Twitter‑Followern auf „ein paar Tausend, die da mit uns inter agie ren wollen“: „Die, die bei uns über Social Media mit uns reden, insbesondere bei Twitter, [sind] nur ein ganz kleiner Teil der Bevölke rung. Das sind am Ende des Tages vielleicht 500 Leute, die irgendwo draußen sind und irgendwas sehen oder irgendwas lesen und uns da auf irgendwas hinweisen.“ (P. 76) Doch eines, das macht z. B. Hart von Bild. de deut lich, darf nicht unter schätzt werden: die Agenda‑Setting‑Funktion von Twitter. Neben dem Live‑Effekt, den Twitter mit seiner Sogwir kung vor allem auf die politikjournalisti sche Themen setzung schon länger ausübe, bahnten sich auch immer mehr originäre Inhalte von Twitter ihren Weg in das etablierte publizisti sche An gebot (P. 251) – ein Einfluss, den auch neuere Studien be stäti gen können (vgl. Neuberger u. a., 2010, v. a. S. 69 f.; Kramp & Weichert, 2012, S. 120 ff.). Weniger als Echolot des Boulevardjournalismus, sondern vielmehr als öffent licher Diskurs raum fasziniert der Kurznachrichtendienst Müller von Blumen cron: Der Chef 157 5 temPo, tiefe unD teilhabe von FAZ. net kann sich vor allem für die „Paralleli tät von Online und Fernsehen“ (P. 108) be geistern. Dies sei eine „Form der Parallel berichterstat tung zu einem Fernseh‑ ereignis, die wahnsinnig interessant“ sei. Als Beispiel nennt Blumen cron „die Twitterei neben dem Tatort“ – zwar kein journalisti sches Beispiel, aber in seiner Funk tions‑ logik deckungs gleich mit dem, was sich viele Redak tionen unter einem ge glückten Community‑Building mit starker Nutzer bindung vor stellen. Deutlich wird an diesen Beispielen, dass soziale Netz werke durch aus mehr (sein) können als ein digitaler Marketing‑Kanal, den Journalisten zur Marken bildung ihres journalisti schen Portfolios einsetzen (vgl. Zielina/stern. de, P. 126). Sie können als Ergän zung zum regulären Ver triebs weg dienen und darüber hinaus ihrer Funktion als Lager feuer in der „Online‑Parallelwelt“ (Müller von Blumen cron/FAZ. net, P. 108) gerecht werden, indem sie als wertvolles Partizipa tions instrument zum Community‑ Building beitragen, das – wie Fiene es aus drückt – „auf die Marke einzahlt“ (P. 145). Auch Stöcker von DRadio Wissen ist über zeugt, dass Facebook noch vor Twitter und Google+ derzeit das wichtigste Netz werk sei, wobei jedes Netz werk seine Vorzüge und Nachteile habe: „Facebook, sagt man ja, ist so ein bisschen das emotionale Netz werk. Da ist mehr Traffic, aber eben oft auch ein bisschen ‚off topic‘ oder ein bisschen emotionaler. Bei Google+, die haben ja das Image und die ver stehen sich auch selber so, dass sie die ganz sach lichen, naturwissen schaft lich orientierten Leute sind. Da kommt man vielleicht am ehesten an wirk liche Fakten oder Hinweise, wenn man zu einem Thema recherchiert. Und Twitter ist natür lich super, um den Markt zu be obachten, also um zu gucken, was passiert auf der Welt? Und was ich gut finde, sind einfach diese 140 Zeichen, also diese Kürze. Die Leute kommen direkt auf den Punkt, genauso wie wir auch, und man kann es so nett scannen. Und deshalb, finde ich, hat jedes Netz werk so seine Vor‑ und Nachteile.“ (P. 194) Wegen der redak tio nellen Ent schei dung von DRadio Wissen, bei der Höreransprache „mehr auf Social Media“ statt auf die Kommentarfunk tion zu setzen (P. 135), habe man sich [noch vor der Struktur‑ und Programm reform, Anmer kung der Autoren] von dem Anspruch ver abschiedet, die eigene Website konsequent als ersten Ver triebs‑ weg zu nutzen, bevor „Sachen im Programm laufen“ (P. 73). Auch DRadio Wissen hatte sich wie Axel Springer ursprüng lich zur Strategie „online first“ bekannt – allerdings, wie sich nun heraus stellte, mit ein geschränktem Erfolg. Stöcker erklärt, warum man von dieser Ursp rungs idee mittlerweile ab gekommen sei: 158 „Wenn wir irgendwas haben, können wir es direkt online stellen und weisen darauf hin, dass die Leute es dann online finden. Dann haben wir aber fest gestellt, dass das gar nicht so gut funktioniert. Wenn Sie jetzt einen Beitrag haben und der wird nicht anmoderiert und damit ein geordnet, ver steht der Hörer den vielleicht gar nicht so gut. Die Klickzahlen waren jetzt auch nicht so be rauschend, wie wir uns das ge wünscht hätten. Und dann sind wir auf die Idee ge kommen, dass wir tatsäch lich die Sachen im Nach hinein online stellen, anmoderiert und ein geordnet.“ (P. 73) Erschwerend kommt bei dem Digitalsen der hinzu, dass aus eigener Erfah rung die „Grundidee, über Social Media holen wir Leute auf unsere Website, eher nicht funk‑ tioniert“ (P. 135). Die Redak tion habe beispiels weise fest stellen müssen, dass die meisten User sich die zur Diskussion ge stellten Audiobeiträge gar nicht erst an gehört hätten, sondern sich Debatten ledig lich anhand der Teaser dieser Beiträge ent facht und sich dann meist in eine ganz andere Richtung ent wickelt hätten, als dies von der Redak tion an gedacht worden sei (P. 135). Eine Erklä rung dafür könnte aus Stöckers Sicht sein, dass es bei den sozialen Netz werken oft gar nicht darum gehe, den ganzen Tag „irgendwelche Hardcore‑Fakten“ zu äußern. Vielmehr schaue man von unter wegs schnell auf Facebook, wenn man in der Schlange an der Post warte und poste kurz etwas, aber man setze sich nicht hin und „äußert sich total dezidiert zu einem Thema“. Stöcker ist der Meinung, dass es „die Mischung macht“ – eine Mischung aus Hard Facts und einer „Gesprächig keit“, die auch Meinun gen und Lebens welten repräsentierten (P. 135). Auch wenn die Hoffnung der Redak tionen un verkenn bar und ihr Wunsch un‑ gebrochen ist, die sozialen Kanäle für ver trieb liche Zwecke als Stimmungs barometer und Resonanzraum zu nutzen, scheint eine be rechtigte Skepsis auf: „Der Traffic […] steht noch nicht im Ver hältnis zu dem Aufwand, den wir da be treiben, auch bei anderen Seiten nicht“, bekennt Michalsky für Welt. de (P. 174). In Deutschland gebe es „keine Seite, selbst Bild nicht, die […] mehr als zwei oder drei Prozent ihres Traffics von dort bezieht“ (P. 174). „Wir sind dort, sage ich ganz selbst kritisch, noch nicht gut genug, weil wir noch zu selten dann dort auf Kommentare ein gehen. Das machen wir schon. Wir löschen auch auf Facebook Posts zuweilen. Wir sind auf Twitter, was ja in Deutsch land keine dolle Durch drin gung hat, wenn man ganz ehrlich ist, bei dem ganzen Twitter‑Hype, den man da draußen so hört. Den gibt es ja in Wahrheit über haupt nicht, also Traffic‑relevant nicht mal ansatz weise. Aber dennoch ist Twitter ein 159 5 temPo, tiefe unD teilhabe gutes – ja, was ist das eigent lich? – eine Platt form, auf der man sich auch gut aus tauschen kann mit Leuten, die es wirk lich interessiert. Das ist eine ganz be‑ grenzte Kundschaft, aber wo man viel mehr noch auch antworten muss. Wir […] schaffen es gar nicht, weil wir gar nicht so auf gestellt sind, auf jedes Post, was es wert wäre, zu antworten. Und das werden wir intensivie ren.“ (P. 174) Zusammen fassend gesagt, ist die be schriebene Resonanz fast einhellig: Facebook ist und bleibt bis auf Weiteres der Social‑Media‑Vertriebs kanal der Stunde, um eine breite Masse zu er reichen. Twitter ist hingegen das professio nelle Fach‑ und Nachrichten‑ medium für „eine Gruppe von Aficionados“ (Wegner/Zeit Online, P. 201), das nach Meinung einiger Befragter sogar über bewertet ist, aber von einigen auch als unter schätzt empfunden wird. Aus Twitter be dienen sich Journalisten bisher, wenn sie spannende Debatten und vor allem aktuelle Themen auch außerhalb der tradi tio nellen Medien‑ umge bungen finden und/oder weiter drehen wollen, während sich Facebook de facto inzwischen als populärer Ver triebs kanal be hauptet, mit dessen Hilfe der meiste Traffic aus den sozialen Medien auf die redak tio nellen Websites gesch aufelt wird: „Das finde ich ganz interessant, und insofern könnte es sein, dass Twitter vielleicht für die jour‑ nalisti sche Arbeit sogar ein bisschen wichti ger ist als Facebook. Von der Reichweite her ist es um gekehrt“ (P. 201), glaubt Wegner. Der Einsatz sonsti ger Social Media wie Instagram, Pinterest oder Tumblr ist dagegen eher zurück haltend, weshalb den meisten der be fragten Experten zumindest in diesem Bereich ein eher konven tio neller Zugang im Ver trieb zu attestie ren ist, wobei experimentierfreudige Redak tionen wie die Rhein-Zeitung als Aus nahme von der Regel ver standen werden müssen. 5.3.2 reDak tions organisa tion Digital Wie wird eine digitale Redak tion ge führt? Gibt es be sondere Anforde rungen an das Management? Welche strukturellen Besonder heiten ergeben sich aus den technik‑ zentrierten Planungs‑ und Organisa tions abläufen? Welchen Einfluss haben digitale Publika tions weisen und die Publikumsteilhabe auf den redak tio nellen Work flow? Und welche Aus wirkungen hat die digital arbeitende Redak tion für journalisti sche Berufs‑ bilder und Funk tions rollen? Diese Fragen werden in der Forschungs literatur höchst unter schied lich be handelt. Vor allem an der Schnitt stelle zum Medien management liefert der letzte Stand der anwen dungs orientierten Fachliteratur derzeit kaum be‑ friedigende Antworten (vgl. Weichler, 2003; Wyss, 2002; Sauer & Grüner, 2010), was 160 vor allem daran liegt, dass Redak tionen als „Organisa tions systeme organisierten Han‑ delns“ (Altmeppen, 2006) dabei sind, sich unter dem Eindruck von Technisie rung und Spezialisie rung neu zu formie ren. 5.3.2.1 reDak tio neller work flow Die Digitalisie rung ver ändert die organisatori sche Ver fasst heit radikal, vor allem im Hinblick auf den Work flow, die Gefäße und die Strukturen, aber auch die neu ver‑ teilten Ressourcen und die tägliche redaktio nelle Zusammen arbeit. Die Experten sind sich im Klaren darüber, dass durch den digitalen Wandel für den Journalisten „die techni schen Anforde rungen immer weiter wachsen“, obgleich das auch schon zu Zeiten der computer gestützten Umbruch systeme, also noch lange vor der Digitalisie rung schon so ge wesen sei, wie Grass mann meint (P. 192). Sowohl die Arbeits abläufe als auch die konkrete Arbeits teilung er lebten, so sieht es Plöchinger, einen tiefgreifen den Wandel, der eine dauer hafte Neujustie rung er fordere: „Wir bauen unsere Redak tion faktisch jedes Jahr um. Also nicht völlig radikal, aber doch weit gehend“ (P. 47). Beispiele sind die Abläufe der Redak tions konferenz, die Themen planung oder die Ressort struktur der Website, die seit seinem Antritt einige Male ver ändert wurden: „Also ganz, ganz viele Sachen, wo ich eher sagen würde, die wirk liche Ver ände rung durch das Digitale ist die Anpassungs fähig keit und Flexibilisie‑ rung von Redak tionen.“ (P. 47) Wegner, seit März 2013 Chef von Zeit Online und davor Chefredakteur und Geschäfts führer von Focus Online, teilt den Eindruck von Plöchinger. Für ihn ist der redaktio nelle Work flow, speziell die „Agilität von Redak‑ tionen“, ein zentrales Thema (P. 273). Er und sein Team seien inzwischen von einer normalen Konferenz struktur ab gekommen und hielten ver mehrt „Ad‑hoc‑Meetings“ ab: „Diese heißen bei uns ‚Themen‑Inseln‘ und sind auch inspiriert von der agilen Software‑Entwick lung. Die Zusammen arbeit mit der Technik haben wir bereits auf agile Prozesse um gestellt. Das ist z. B. ein Thema, wie sich Redak tionen in Zukunft organisie ren, wenn sie wirk lich online sind. Viele arbeiten nämlich noch wie Tages zeitun gen, so, als müssten sie immer noch einen Drucktermin einhalten.“ (P. 273) Es sei an geraten, „Produkt entwick lung und die Redak tions arbeit zu einem kontinuier‑ lichen Fluss“ zu ver binden und weg von der Organisa tions form zu kommen, sich 161 5 temPo, tiefe unD teilhabe morgens und abends zu treffen – „und dazwischen bleibt die Welt stehen“: „Denn so ist es ja nicht, und das ver suchen wir gerade immer stärker zu leben und zu adaptie ren. Das funktioniert er staun lich gut.“ (P. 273) Nach dem Eindruck Weg ners halten sich Journalisten bei Online‑Medien mit allzu Unwichti gem auf: Sie würden sich „lange und ineffektiv“ (P. 277) gegen seitig be stäti gen, wie wichtig sie seien. Sich zu er zählen, was man so mache, führe jedoch zu keiner Idee, sondern dies sei „nur so ein sich gegen seitig davon be richten, was draußen los ist“ (P. 277). Das ver suchten er und seine Redak tion auf ein Minimum zu reduzie ren: „Wir treffen uns morgens nur so ganz kurz und sagen: ‚War was über Nacht, was wir dringend …?‘ und ‚Danke dann einen guten Tag‘.“ (P. 277) Darüber hinaus gibt es laut Wegner noch Google Docs, in dem ge plant werde, woran die Ressorts gerade arbeiten. Einmal am Tag gebe es eine lange Konferenz, wo auch nur die Frage sei: „Haben wir was über sehen? Was interessiert euch eigent lich? Was be‑ schäftigt euch gerade?“ (P. 277) Wegner glaubt, dass diese flexible Arbeits weise aus „einer anderen Kultur“ (P. 277) komme und einen direkten positiven Einfluss auf den Work flow und die Organisa tion innerhalb der Redak tionen haben könne: Er er wartet, dass sich die gesamte Organisa‑ tions kultur in den kommen den Jahren noch einmal dramatisch wandelt in Richtung einer „News room‑Organisa tion“ (P. 277; vgl. Kap. 6). Stöcker ver weist in diesem Zusam‑ men hang darauf, dass auch das interdis ziplinäre Arbeiten ein Trend sei, der eine größere Bedeu tung für das Redak tions management bekommt, bei DRadio Wissen habe sich das bewährt (P. 95). 5.3.2.2 Permanenz unD rhythmus in Der Digitali tät Ein von den Experten immer wieder ge nanntes Merkmal des Digitalen Journalismus ist die „dramati sche Beschleuni gung, die wir erleben“ (Hummelmeier/Tagesschau. de, P. 23). Sie zwingt vor allem diejenigen Redak tionen, die im News‑Bereich ihren Schwer‑ punkt setzen, dazu, eine aus geklügelte Logistik und Infrastruktur vorzu halten, die den gesamten Redak tions betrieb auch bei extremen Nachrichten lagen am Laufen hält. In der zeit lichen Dimension be trachtet ergibt sich daraus für die Publika tions‑ rhythmen und für den Personaleinsatz im Digitalen Journalismus eine zentrale Heraus‑ forde rung, die wir „Permanenz“ nennen – also eine dauer hafte Ver fügbar keit von Ressourcen auf publizisti scher und redak tio neller Seite, die im Ver gleich zu anderen, analogen Medien vor allem Konsequenzen für das redaktio nelle Beziehungs geflecht mit sich bringt, aber auch durch aus Aus wirkungen auf das journalisti sche Selbst‑ 162 verständnis hat: „Eine Zeitung hat einmal am Tag Redak tions schluss, zwei, drei Mal dann mit den Nachausgaben, aber Redak tions schluss Online ist nie oder immer“, sagt Müller von Blumen cron (P. 64). Dabei scheinen nach Ansicht der Experten die Gefahren in diesem Bereich zu über wiegen: Ditz spricht von „Ver führungen“ (P. 12), wenn es um die digitale Perma‑ nenz geht: „Wer keinen Redak tions schluss hat, kann immer publizie ren, kann immer ver öffent lichen und die Frage ist eben, wann ist eine Geschichte wirk lich fertig?“ Wenn man einen Redak tions schluss habe, müsse die Geschichte zu einem be stimmten Zeit punkt fertig sein und dann könne man ent scheiden, ob man sie mitnimmt oder nicht: „Und diese Frage müssen wir uns also jederzeit und laufend stellen, quasi 24/7.“ (P. 12) Für Hart ist die Live‑Berichterstat tung ein ent scheiden der Faktor, der die Beschleuni gung im Digitalen Journalismus unmittel bar antreibt: Etliche Redakteure und Reporter be schäftige Bild. de, die über Twitter ihre Geschichten – sei es vom Roten Teppich oder bei Koali tions verhand lungen – quasi live auf den sozialen Netz werken er zählten: „Wir bilden das bei Bild. de direkt ab, und wir können eben neben der Geschichte, die auf Bild. de kontinuier lich, […] einmal die Stunde, drei Mal am Tag aktualisiert wird, wird die aber auch von außen permanent ge füttert. […] Als die Flut in Deutschland war, hatten wir 50 Reporter draußen, die in ein Live‑Modul rein ge twittert haben.“ (P. 126) Im gleichen Atemzug mit der zunehmen den Schnellig keit wird von Hummelmeier der Eindruck einer „ge wissen Oberflächlich keit“ (P. 23) als Makel digitaler Redak tions‑ arbeit be schrieben. Auch Michalsky sieht darin einen ambivalenten Prozess, „der Risiken birgt, weil der Online‑Journalismus natür lich per se hektischer ist“ (P. 21). Es sei eben nicht mehr wie früher, dass man sich zum Ver fassen eines Artikels für mehrere Stunden zurück ziehen könne und der Text danach noch im Kollegen kreis mehrere Feedback‑ und Korrekturschleifen durch laufe, bis er er scheint: „Heute gibt es natür lich unter dem zu Recht be stehen den Konkurrenz druck zwischen den Portalen schon das Interesse der Redak tions leitung, dass be stimmte Geschichten sehr schnell kommen. Man macht sich unglaubwürdig als Online‑ Nachrichten‑Distributeur, wenn man mit be stimmten Nachrichten spät kommt. Deswegen gibt es auch die Gattung, […] die es ja im Print gar nicht gibt, der Eilmel dungen. Das muss ganz schnell gehen, da gibt es auch keine große Kontrolle, wenn die Kanzlerin zurück tritt und die dpa haut das raus und wir haben guten 163 5 temPo, tiefe unD teilhabe Grund anzu nehmen, dass die dpa da richtig liegt, dann werden wir diese Meldung sehr schnell machen. Da können ganz schnell Fehler ent stehen, weil es dort natür‑ lich nur in seltenen Fällen ein Vier‑Augen‑Prinzip geben kann, gerade bei schnellen Geschichten, und da schleichen sich Fehler ein, ganz klar.“ (P. 21) In der be schleunigten Arbeits umge bung hat sich offen bar die Haltung durch gesetzt, dass es schnell gehen muss, sogar um den Preis der Fehleranfällig keit – denn „wenn wir es heute nicht haben, machen wir es morgen nicht mehr, weil dann ist es zu spät“ (Niemann/taz. de, P. 23). Schwarze zufolge hat die redaktio nelle Dauer bereit schaft auch mit der Erwar tungs haltung der User zu tun, „dass man reagiert“: „Und wir kriegen nachts um halb drei Anfragen: ‚Warum kreist hier ein Polizei‑ hubschrauber?‘ Das muss man den Leuten draußen erstmal er klären, dass man eben auf einem Samstagmorgen um halb drei eben nicht in der Redak tion besetzt ist. Die meisten ver stehen das auch, aber wenn dann einer meinet wegen auf einem Samstag um 14 Uhr eine Frage stellt, dann er wartet er möglicher weise schon, dass um 14:10 Uhr eine Antwort vor liegt oder zumindest ein ‚Wir kümmern uns.‘ Der Druck wächst, dass man da reagie ren muss und mit steigen der Leserzahl wird das auch immer mehr und dafür brauchen wir auch immer mehr Leute.“ (P. 19) Auf der anderen Seite werde das große Ver sprechen des Internets, effizienter zu sein und Redak tionen effizienter machen zu können, „weil wir beispiels weise schneller ganze Bilder serien zusammen stellen können, dadurch wieder ein bisschen gefähr lich“. Laut Schwarze kommt man „in so eine Mühle, dass man da ständig reagie ren muss und sich um die eigent lichen Inhalte dann gar nicht mehr richtig kümmert.“ (P. 19) Dazu gehört auch die ständige Erreich bar keit, z. B. per Mail, die Redakteure vor „ganz harte Auf gaben“ (P. 226) logisti scher Natur stellt, findet Schwarze. Es werde ein innerer Druck erzeugt, der im Bereich der Redak tions organisa tion mitunter sogar soweit führe, dass die Redakteure gar nicht mehr „offline“ seien, bemerkt Plöchinger: „Der Redakteur ist in aller Regel eigent lich immer irgendwie Redakteur und nie außer Dienst. Und das Spannende ist, dass es niemanden stört“ (P. 112). Für Plöchinger ist gerade Twitter eines der vielen neuen Instrumente, die diese Permanenz im Digitalen Journalismus perpetuie ren, weil „so viel Kommunika tion im Kleinen schon im Neben‑ her“ ablaufe. Es komme vor, dass Redakteure die ganze Zeit „anget wittert“ würden, z. B. von Kollegen oder Politikern. Positiv be trachtet sei „Twitter tatsäch lich ein wahn‑ sinniger Türöffner für viele alte Print kollegen“ ge wesen, um mit Leuten relativ un‑ kompliziert „in Kontakt zu kommen da draußen“ (P. 116). 164 Dass diese Dauerhaftig keit Konsequenzen für die perso nelle Beset zung und deren Tätig keits profile hat, liegt auf der Hand: Scheib etwa wirft in Bezug auf die Social‑ Media‑Aktivi täten ein, dass jeder Redakteur bei DerWesten. de alle anfallen den Auf gaben machen bzw. können müsse, was vor allem mit den Schichtdiensten in der Redak tion zu tun habe (Scheib/DerWesten. de, P. 155); ein ähnliches Bild ergibt sich in der Redak‑ tion von DRadio Wissen: „Und deshalb glauben wir, dass wir das einfach cross medial alles be spielen müssen.“ (P. 99) Schwarze gibt zu er kennen, dass seine Redak tion an‑ gesichts der Rund‑um‑die‑Uhr‑Nutzung eben falls über lege, die Zeiten auszu weiten (P. 23), obwohl Nachtschichten für die von ihm ge leitete Website als Regional redak tion nicht zwingend notwendig seien. Zielina zufolge ist der Trend, die Redak tions zeiten auf 24 Stunden auszu weiten, „natür lich eine Reaktion darauf, dass man […] punkt genau ablesen kann, wie viele User tatsäch lich zu welcher Tages‑ und vor allem Nachtzeit auch online sind“ (P. 81). Dennoch unter werfe sich ein Großteil der Online‑Redak tionen nach wie vor willkür‑ lich einem „Print‑Tages zei tungs‑Rhythmus“ (P. 68), obwohl das gar nicht notwendig sei. Der reguläre Arbeits rhythmus einer Redak tion ent spreche gar nicht mehr notwendi‑ ger weise dem Rhythmus der Nutzer: „Wir sehen beispiels weise, dass wir durch aus mittags den höchsten Peak haben bei der Nutzung. Aber wir sehen, dass wir am Abend z. B. über die Tablet‑Nutzung einen extremen Anstieg haben, auch etwa in der Videonut zung. Das heißt, da kommt einfach ein Bedürfnis dazu, abends auf der Couch mit dem iPad sozu sagen sich noch mal durch den Tag zu surfen. […] Und darauf gehen Online‑Redak‑ tionen in der Form noch gar nicht ein, und das wird sicher eine große Heraus‑ forde rung der nächsten Jahre. Die Nutzungs szenarien sich genauer anzu sehen und zu sagen: ‚Wie kann ich für genau den richti gen User in genau der richti gen Phase seines Tages die ent sprechen den Inhalte bereit stellen?‘“ (P. 68) Permanenz und Publika tions rhythmen haben im Digitalen Journalismus also insgesamt viel mit einer „onlinemäßigeren Denke“ zu tun, wie Müller von Blumen cron betont (P. 81), nämlich damit, dass vom Nutzer er wartet werde, dass man bei dramati schen Ereig nissen online schnell und permanent reagiert – und dies müsse auch von den Ver antwort lichen mitgedacht werden: „Es passiert ein dramati sches Ereignis und die Über legungen, die dann an gestellt werden, sind deut lich andere als bei einer klassi‑ schen Zeitung. Vor allem: Welche Themen stränge ergeben sich aus dem Ereignis? Wie be arbeiten wir sie kontinuier lich, wie fächern wir das auf? Brauchen wir einen Live‑ ticker? Brauchen wir Video?“ (P. 81) 165 5 temPo, tiefe unD teilhabe 5.3.2.3 synergien zwischen Digitaler unD analoger welt Wer jedoch den ideologi schen Konflikt zwischen digitaler und herkömm licher Redak‑ tion längst über wunden glaubte (vgl. zur Hoodie‑Debatte Kap. 1 und zur sogenannten Blogger‑Debatte, Weichert & Zabel, 2009), wird in einigen der Experten gespräche ent täuscht – zumindest halten Redak tions leiter wie Niemann die Zusammen arbeit zwischen beiden Sphären für ver besse rungs würdig (P. 31). Auch Michalsky glaubt nach wie vor „gravierende Unter schiede zwischen Print und Online“ (P. 15) zu er kennen, die „sich natür lich auch auf die Qualität des journalisti schen Ergeb nisses […] aus‑ wirken“ (P. 15). Der ent scheidende Unter schied liegt für Michalsky darin, dass der Printartikel ein Produkt und der digitale Artikel ein Prozess sei, weil Letzterer auch „in der Realität eine Lebens geschichte hat, in der er rezipier bar ist, aber gleichzeitig sich noch ändert“ (P. 15). Das Prozess hafte bestehe darin, dass der Artikel, nachdem er publiziert wurde, „weiterer Aktualisie rungen, Änderun gen, Korrekturen, Ver besse‑ rungen oder Fortschrei bungen bedarf“; er nennt dies einen „Lebens prozess des Artikels an stoßen“ (P. 15; vgl. Deuze, 2006, 2008; Robinson, 2011). Als Bindeglied zwischen digitaler und analoger Welt hat sich bei Welt. de der News room, in dem die Redakteure von Online und Print schon seit einiger Zeit zusammen arbeiten, als praktikabel er wiesen (vgl. P. 69). Mit Perspektive auf den (in‑ zwischen vollzogenen) Umzug in den neuen Springer‑News room „in dieser riesen großen Halle“ (P. 69) prophezeit der Welt. de‑Chef: „Es wird ein kompletter Online‑News room sein, und wir werden das noch intensivie ren, was wir jetzt machen: Geschichten zu machen, und zu einem be stimmten Zeitpunkt des Tages holen sich die Blattmacher die Geschichten, die sie für ge eignet finden aus Online und basteln die Zeitung zusammen.“ (P. 69) Auf die Frage, ob sich schon alle Printjournalisten auf die neuen Online‑Anforde rungen ein gestellt hätten, sagt Michalsky offen: „Nein, das haben sie nicht. Das hat auch kein Mensch er wartet, weil das ein un‑ fass barer Paradigmen wechsel ist, […] der von vielen Redakteuren extrem gut mit‑ getragen und auch voran getrieben wird. Aber man kann sich natür lich auch denken, dass es Kollegen gibt, denen das nicht so leicht fällt. Es gibt auch Kollegen, die gar nicht mit sehr großer Offen heit rangehen, für die es aber auch keinen Ausweg gibt daraus. Es ist eine strategi sche Ent schei dung, dass wir digital bei Axel Springer und in der Welt‑Gruppe speziell voran marschie ren, dass wir parallel schauen, dass wir die Welt am Sonntag als Printprodukt stärken und dass aber im normalen Tages geschäft die Welt‑Print hinter Welt. de zurück tritt. Das ist ein Prozess, der wird uns noch Jahre be gleiten, aber wir sind da ja nicht so erfolg los.“ (P. 73) 166 Während sich Axel Springer in der digitalen Welt ver ortet, findet sich bei KStA. de noch eine „sehr konservative Heran gehens weise an das Thema, wo dann im End effekt Artikel aus Print online ge stellt werden am nächsten Tag“, wie Krechting konsta tiert (P. 97). Man habe sich nicht so „in dieses Netz reingegraben“ (P. 97), wie es die Wettbewerber getan hätten. Der regionale Bezug sei immer wichtig ge wesen, anderer‑ seits müsse man sagen, dass das natür lich eine Frage der Digitalstrategie sei: In der von ihm ge führten Redak tion laute das Prinzip nicht „online first“, sondern eher „news first“ (P. 97). Fiene hält es „für einen Geburts fehler des Internets, dass von Anfang an die Internetpräsenzen bei klassi schen Medien marken von der klassi schen Redak tion ge‑ trennt worden sind“ (P. 47). Er sei froh, dass in seiner Redak tion „alles aus einer Hand kommt und dass die Leute, die gleichzeitig das On‑Air‑Programm machen, auch das Online‑Programm machen. Ich glaube, dass das ein Vorteil ist.“ (P. 47) Bei der Zeit hingegen gebe es inzwischen immer mehr Print‑Kollegen, die aktiv den User‑Dialog suchten und den Wunsch gegen über den Online‑Kollegen formulierten, regelmäßig über die Aktivi täten der Community informiert zu werden, be richtet Wegner (P. 218–219). Freitag‑Vize Grass mann reklamiert für das Redak tions team des Freitag: „Es gibt hier keine Trennung, sondern alle machen alles. Das heißt, alle müssen Print und Online können.“ (P. 36) 5.3.2.4 neue organisa tions- unD kommunika tions formen Digitaler Journalismus bringt zweifel los Organisa tions‑ und Kommunika tions formen hervor, die in unter schied licher Intensi tät ver änderte professio nelle Hand lungs abläufe er forder lich machen. Unter den Befragten herrscht weit gehend Einig keit darüber, dass „die einzelnen Kompetenzen bei be stehen den Berufen oder Berufs beschrei bungen sich […] er weitert haben“, wie Fiene erklärt (P. 47). Dagegen ist seine Einschät zung, dass bereits viele Journalisten wüssten, wie man journalisti sche Geschichten im Netz weiter‑ erzählt, wohl eher ein Wunsch als Realität: Auch wenn Journalisten keine HTML‑ Kennt nisse benöti gen, gehört es heute zu den Qualifika tions standards im Digitalen Journalismus, im Netz recherchie ren, für die Website zu texten und mit sozialen Netz werken wie Facebook und Twitter umgehen zu können (vgl. Fiene/Antenne Düsseldorf, P. 47; Grass mann/Freitag. de, P. 192). Eine der größten Heraus forde rungen scheint dabei der redaktio nelle Umgang mit Kommentaren von Nutzern darzu stellen, die, wie Wegner bemerkt, in eine positive, aber auch in eine negative Richtung ab driften können (vgl. Wegner/Zeit Online, P. 154, 223). 167 5 temPo, tiefe unD teilhabe Für die Redak tionen ist daher schon länger eine Klarnamen‑Pflicht in der Diskussion, die Wegner allerdings ablehnt, obwohl sie die Arbeits abläufe er leichtern würde: „Wenn man sich das leisten kann, sollte man das nicht machen […]. Weil viele Kommentatoren sehr kluge Sachen sagen, aber anonym bleiben wollen. Ich habe das öfter erlebt, irgendwann war klar, das muss ein DAX‑Vorstand sein. Und die er reicht man nun einmal nicht, wenn man […] Klarnamen‑Pflicht hat. Ich kann aber ver stehen, dass man dem irgendwann nicht mehr Herr wird. Es ist für kleine Redaktionen zu viel Aufwand, dies alles zu be arbeiten.“ (P. 154) Bei Bild. de be sorgen die Kommentarlese wie bei vielen anderen Redak tionen keine Redakteure, sondern Studenten: „Wir haben ein Team aus fest an gestellten Studenten, die jeden Tag jeder für sich rund tausend Kommentare lesen, die relativ schnell be‑ werten und die auch mit den Nutzern kommunizie ren“ (P. 318). Nicht immer sind diese Kommunika tions formen allerdings einer rei bungs losen Redak tions organisa tion zuträg lich, denn häufig müssen sich Journalisten mit den unliebsamen Reaktionen der Nutzer herum schlagen. Um den hier ent stehen den Workload einzu dämmen, führen allzu emotionale Reaktionen bei Tagesschau. de im Extremfall dazu, dass die Kommentar‑ funk tion ab geschaltet wird – das sei allerdings eine Aus nahme, be teuert Online‑Chef Hummelmeier: „Wir haben es […] so geregelt, dass jeder Kommentar vorher freigeschaltet werden muss. Wir schauen uns das […] an, es gibt be stimmte Regeln, eine Netiquette, an die die User sich zu halten haben. Da gehört natür lich Gewalt verherr lichung, Pornografie dazu, dass wir so etwas nicht freischalten. Es gibt eine Auf forde rung zum freund lichen Umgang miteinander. Sicher lich interpretier bar, was da noch drunter fällt und was nicht mehr, aber dass wir eben ver hindern, dass User sich gegen seitig be schimpfen. […] Wir reagie ren in der Regel nicht so, dass wir be‑ stimmte Themen aus klammern aus der Diskussion, sondern dass wir die Form be stimmter Beiträge, be stimmter Kommentare nicht dulden und dann eben nicht ver öffent lichen.“ (P. 105) Auf die Kommentare der User zu reagie ren, damit müssen sich die Journalisten also auch im Rahmen ihres Redak tions managements auseinander setzen – ignorie ren können sie diese nicht. Mitunter gebe es auch immer mal wieder Mitarbeiter in der Redak tion, die das als „an strengend empfinden“, wie Krechting (P. 335) formuliert. Dabei sind die meisten Redak tionen noch weit davon ent fernt, ein nach halti ges Instrument zu 168 etablie ren, das den Meinungs strom der Nutzer aus siebt, strukturiert und steuert (vgl. Scheib/DerWesten. de P. 110, 159). Erkenn bar werden jedoch redaktio nelle Einzelmaßnahmen, die das „Klima […] in den Kommentaren“ positiv be einflussen (P. 177; vgl. auch Niemann/taz. de, P. 213), etwa die Registrie rungs pflicht der E‑Mail‑Adressen oder die „Netiquette“, also ein Be nimm regelwerk, das Redak tionen publizie ren, um Störer von ihrer Website fern‑ zuhalten oder sie in ihre Schranken zu ver weisen (P. 209, Krechting/KStA. de, P. 186, Grass mann/Freitag. de, P. 125). Michalsky formuliert eine weitere redaktio nelle Innova tion durch Nutzer einbin‑ dung – die permanente Kontrolle: „Das heißt für uns, dass wir im Gegen satz zum Zeitungs redakteur früher unter Echtzeit‑Beobach tung unserer Kundschaft stehen. Was ich einen unglaub lichen Gewinn finde […]. Sie haben kaum einen Artikel raus gehauen und schon kriegen Sie ihn von den Lesern um die Ohren ge hauen. Manchmal auch zu Recht, nicht immer.“ (P. 105) Überaus konstruktive Erfah rungen im Hinblick auf die Redak tions organisa tion hat Niemann mit dem Nutzer feedback ge macht (P. 105). Eine qualitative Besonder heit der neuen Kommunika tions kanäle mit dem Nutzer scheint zu sein, dass gerade im redak‑ tio nellen Tages geschäft die im Netz vielfach ge lebten Transparenz vorstel lungen zur prakti schen Anwen dung kommen: Neben den Möglich keiten der digitalen Erreichbar‑ keit per E‑Mail‑Adresse, die Schwarze zufolge (P. 217) bisher nicht für alle Redakteure selbst verständ lich zu sein scheint, gehe es vor allem unter den Lokalchefs beispiels weise um „psychologi sches Geschick“ (P. 217), um mit allzu auf dring lichen Nutzer anfragen diplomatisch umzu gehen. Ferner gibt es von Nutzern offen bar gerade im Lokalen den Wunsch nach einer ‚gläsernen Redak tion‘, ver bunden mit einer „Transparenz über unsere Arbeits bedin‑ gungen“, so Scheib: „Wir kriegen ganz viele Fragen: ‚Von wann bis wann seid ihr so an Deck? Wie seid ihr besetzt, wenn Derby ist?‘ […]. Ich glaube, Journalismus muss man jetzt nicht ver rätseln.“ (P. 73) Das Dialogi sche sei, so interpretiert es Niemann, ein großer Vorteil: „Das ist eine Form von direkter Kommunika tion, die uns […] sehr gut steht und die bei uns auch sehr gut funktioniert, mit unserer Community“ (P. 105). Man könne jedoch auch einiges falsch machen, z. B. wenn Interna aus dem Hausblog zu schnell nach außen dringen würden, das sei dann wiederum „die Kehrseite“ (P. 105). Ditz ver weist zudem auf die Modera tion von Nutzer foren. Der „stete Prozess der Feedback‑Kultur“ (P. 28) er fordere im Digitalen Journalismus abzu wägen: „Da ist 169 5 temPo, tiefe unD teilhabe natür lich Meinungs frei heit versus sozu sagen Strafrecht ein Punkt, den man be achten muss. Früher war das eben eine Sache, die nicht von Redakteuren in erster Linie be‑ handelt wurde, sondern wahrschein lich von Leser service‑Abtei lungen.“ (P. 28) Ditz spricht nicht von Über forde rung, macht aber deut lich, dass da enorme Arbeit auf die Redak tionen zukäme. Zwei feste und eine Handvoll freie Mitarbeiter be schäftigt Ditz, die als Forums‑ moderatoren des Nachrichten portals im Zweifels fall ent scheiden, ob bei derzeit 500 bis 600 Kommentaren, die die Redak tion pro Stunde (!) er reichen („Manche er gießen sich über mehrere Seiten. Was nicht schlecht sein muss, aber manche sind natür lich auch sehr kurz. Aber das sind eben Tausende pro Tag“, P. 155), die Netiquette von Spiegel Online ein gehalten wird oder ob persön lich be leidigende und/oder strafrecht lich relevante Inhalte heraus gefiltert werden müssen (vgl. P. 142). Einen weiteren mode‑ rativen Eingriff er fordern zuweilen Diskussionen im Forum, die thematisch ab schweifen: „Was wir auch machen ist, wenn eben Diskussionen komplett aus dem Ruder laufen – sprich: Wir wollen diskutie ren über die Zeitung der Zukunft, und plötz lich ist diese Diskussion bei Gott und der Welt“ (P. 142) angelangt. Als neuen Typus definiert Grass mann auch diejenigen Redakteure, die im Commu‑ nity‑Ressort arbeiten und zugleich Social Media ab decken: Sogenannte Community‑ Redakteure kümmerten sich aus schließ lich darum, „die User auf der Freitag. de‑Platt‑ form anzu sprechen, die Texte zu moderie ren, aber auch die Inhalte von Online in die Zeitung zu bringen, also Print und Online miteinander zu ver zahnen“, sagt Grass mann. Konsequent ver folgt der Freitag damit seine Publika tions strategie, nicht nur das zu machen, „was in der großen, weiten Welt passiert, sondern eben auch in der Commu‑ nity‑Welt“ (P. 23). Was in der Community los sei, sei auch Bestand teil in den Print‑ konferenzen, wo die Redakteure über Themen nach dächten, die letzt lich ins Blatt kommen: „Es gibt da sozu sagen einen Aus tausch von Themen.“ (P. 23) Was nun aber echte Nutzer kollabora tionen angeht, wie sie etwa beim britischen Guardian schon im Rahmen von Crowdsourcing‑Projekten82 laufen, übt man sich in den Redak tionen der meisten Befragten eher in Zurück haltung. Grass mann gibt mit Blick auf den Guardian auch zu, dass dem Freitag für solche Projekte die Manpower fehle: „Dafür sind wir ehrlich gesagt ein bisschen zu klein“ (P. 96). Das Organisa tions management in den Redak tionen ändert sich durch die Digi‑ talisie rung radikal – vom redak tio nellen Work flow über alternative strukturelle 82 beim crowdsourcing ver suchen redak tionen, möglichst viele User in die aus wertung von Dokumenten einzu binden, die ihrer schieren menge wegen sonst nicht zu be wälti gen wären. So ließ der Guardian seine online-leser ab 2009 700.000 Dokumente durch- forsten, aus denen sich unzu lässige Spesen abrech nungen britischer parlamentarier (z. b. erstat tung privater renovie rungs kosten durch den Staat) rekonstruie ren ließen (http://www.theguardian.com/news/datablog/2009/may/15/mps-expenses-houseofcommons [24. 07. 2014] und www.theguardian.com/news/datablog/2009/jun/18/mps-expenses-houseofcommons [24. 07. 2014]). 170 Anforde rungen an das System „Redak tion“ bis zum Wandel der internen und externen Kommunika tions kultur. Eine große Ver unsiche rung resultiert für die Befragten daraus nicht, wohl aber stellen sich an ihres gleichen neuartige Heraus forde rungen, die sich aus den Rhythmen der ständi gen Ver fügbar keit von Ressourcen und aus der sozialen Temperatur durch die Publikumsteilhabe ergeben. Hervor gehoben werden aber ebenso ent stehende Synergien zwischen digitalem und analogem Journalismus, die als produktiv und quali täts steigernd empfunden werden. 5.3.3 Die neuen komPetenzen Des Digitalen Journalismus Eine chroni sche Schwäche des wissen schaft lichen und be rufsinternen Diskurses über Journalismus und die Frage, was be sondere Merkmale seiner Qualität sein könnten, liegt in der pauschalen Berufung auf ein nicht näher be nanntes „journalisti sches Handwerk“, das die Grundlage alles Guten sei. Dabei blendet der vor industrielle Handwerks begriff die Prozesse und Folgen der Industrialisie rung aus, denen auch Journalismus spätestens seit dem 20. Jahrhundert unter worfen ist. Dieses Manko des Diskurses über tradi tio nellen Journalismus kann und soll an dieser Stelle nicht behoben werden. Wohl aber kann auf grund der Befra gung von 15 Ver antwort lichen digitaler Medien angebote systematisch be schrieben werden, worin die handwerk lichen Merkmale des neuen Digitalen Journalismus be stehen, welche be sonde ren Kompetenzen Jour‑ nalisten in Online‑Redak tionen bislang aus gebildet haben und über welche Fähig keiten und Fertig keiten sie ver fügen sollten. Die Kompetenzen lassen sich gliedern – in kognitiv‑rezeptive (z. B. Recherche), – in kommunikative (Umgang mit den Rückmel dungen des Publikums) und – in produktio nelle (cross‑ und multimediale Darstel lungs formen, Publika tion). 5.3.3.1 Die kognitiV-rezePtiVen komPetenzen In Wissen schaft und Berufs diskurs ist es Konsens, dass Recherche die Basis jeglichen Journalismus ist (Haller, 2008; Neuberger/Kapern, 2013; Lilienthal, 2014). Ohne aus reichende Erkundi gung und sorgfältige Quellen auswer tung kann kein journalisti‑ sches Produkt ent stehen, das den frag lichen Wirklich keits ausschnitt (Thema) auch nur nähe rungs weise realistisch oder gar authentisch wider gibt. 171 5 temPo, tiefe unD teilhabe Mit dem Auf kommen des Internets hat sich auch die Recherche deut lich ver ändert. In einer Erhebung für 2005 war noch eine tägliche Recherchezeit von 106 Minuten speziell bei Online‑Journalisten fest gestellt worden (vgl. Malik & Scholl, 2009, S. 184). Doch dieser Wert (knapp zwei Stunden bei einem acht stündi gen Arbeits tag insgesamt) ist nur auf den ersten Blick relativ hoch. Für die damali gen Journalisten insgesamt ergab nämlich dieselbe Erhebung, dass der tägliche Aufwand für Recherche gegen über der vor heri gen Befra gung im Jahre 1993 (140 Minuten) um 23 Minuten auf nur noch 117 Minuten ab genommen hatte (vgl. Weischen berg u. a., 2006, S. 80). Der zu be‑ obachtende und bei Weitem noch nicht ab geschlossene Prozess ist mehrdimensional: Durch die Möglich keit, sich Quellen mittels einer einfachen Google‑Suche in die Redak tion zu holen, hat sich Recherche weiter ent lokalisiert – ein Trend, der mit der Erfin dung des Telefons einsetzte. Die Orte des Geschehens müssen nicht mehr zwingend auf gesucht werden, das persön liche Gespräch mit Akteuren und Betroffenen kann mindestens teil weise ersetzt werden, z. B. auch durch E‑Mail‑Kommunika tion, die das früher standardmäßige Telefonie ren ersetzt. Dieser Prozess hat Vor teile, die in Beschleuni gung und Arbeits vereinfachung liegen, er kann aber auch den Nachteil eines ge wissen Wirklich keits verlustes mit sich bringen. Dieser wird umso eher eintreten, wie Journalisten der Ver suchung einer digitalen Monokultur er liegen, so hat unsere Experten befra gung er bracht. Man denke an Lokaljournalisten, die ihre Stadt nur noch über Google er fahren und lange nicht mehr persön lich auf dem Marktplatz oder im Rathaus waren. Ditz sieht es als „Ver führung“ an, die Primärquellen zugunsten der leicht ver fügbaren Online‑Quellen zu ver nachlässigen: „Früher hat man zum Telefon ge griffen und hat sich mit Leuten ge troffen, mittlerweile bekommt man ganz viele Informa tionen zu ganz vielen Sach verhalten übers Web und letztend lich ist man dann immer noch einen Schritt zu weit ent fernt von der Primärquelle.“ (P. 12) Anderer seits halte auch das Web zahl lose Primärquellen bereit, offizielle Regie rungs dokumente etwa oder wissen schaft‑ liche Berichte. „Recherche beginnt grundlegend anders, Informa tion ist vielseiti ger ver fügbar“, sagt Plöchinger, Chefredakteur von Süd deutsche. de (P. 19). Beschleuni gung – Informa‑ tions gewin nung „innerhalb von Sekunden bruchteilen“ (P. 19) – ist für ihn ein weiteres Merkmal. Recherche mittels digitaler Techniken sei heute „tiefgründi ger und schneller als früher“ möglich, merkt Michalsky an (P. 26). Allerdings sei auch mehr Selbst‑ ständig keit beim Auf finden von Informa tionen er forder lich. Weil das digital ver fügbare An gebot an Rohinforma tionen „unend lich viel mehr“ sei, brauche der digitale Journalist ein Wissen, „wo macht es Sinn zu suchen, um dann richtig […] auszu wählen“ (P. 31). 172 Gefragt sind also professio nelle Suchstrategien. „Es ist ja alles schnell zusammen‑ gegoogelt“ – diese Äußerung von Schwarze, Chef Digitales bei der Rhein-Zeitung, dürfte der Komplexi tät der digitalen Quellensuche und ‑prüfung nicht ganz gerecht werden (P. 29). In einer Minder heiten posi tion ist Niemann, die Online‑Chefin der taz, wenn sie sagt: „Ich glaube nicht, dass die [die Recherche, Hinzufü gung der Autoren] sich ver ändert hat. Ich denke nicht, dass das eine andere Form von Arbeiten ist.“ (P. 38, ähnlich P. 50) Insgesamt müssen unter schied liche Professionalisie rungs grade in einzelnen Redak tionen an genommen werden. Stöcker sagt über DRadio Wissen, es gebe bislang „keinen Ablauf, keinen Work flow“ zur Recherche, den sie be nennen könne (P. 20). Aus Sicht des Chefredakteurs von FAZ. net, Müller von Blumen cron, hat das Web mit seinen Techniken und Inhalten die Recherche zunächst „dramatisch er leichtert“: „Ich kann mich schnell orientie ren, viel, viel schneller als früher. Ich kann dann aber auch schneller in die Tiefe gehen, d. h. ich kann über Daten banken, aber auch über das Netz selbst in wenigen Minuten Quellen aus der ganzen Welt zu einem Sach verhalt er schließen und damit wesent lich umfassen der eine Vor recherche an stellen als bisher.“ (P. 55) Wie Ditz (P. 12) warnt aber auch er vor einer Ver nachlässi gung von nicht technisch ver mittelten Primärkontakten: „Wenn ich mich in der Recherche darauf be schränke, wenn ich denke, dass ich mir die Vorort‑Recherche, die Dokumenten analyse, die Experten gespräche sparen kann bei komplexen Geschichten, dann habe ich natür lich ein Problem. Denn das ist natür lich nicht so. Die heraus ragen den Geschichten beruhen immer noch auf einem ganz eigenen Zugang, der möglicher weise aus einer ganz anderen Dimension als einer digitalen kommt.“ (P. 55) Die Vor teile der digitalen Recherche sind enorm – journalisti sche Auswahl‑ und Prüfkompetenz voraus gesetzt, dürften sie die möglichen Nachteile über wiegen. Das Internet hält eine Vielzahl von Diensten, das World Wide Web eine nach Milliarden zählende Vielfalt von Inhalten bereit, die allesamt zu Quellen werden können. Das für Journalisten (und nicht nur sie) ver fügbare Wissen ist in den ver gangenen 20 Jahren exponentiell ge wachsen. Mehr Quellen be deutet aber auch mehr Prüfung, d. h. höheren Aufwand bzw. die Notwendig keit, neue Ver fahren zu ent wickeln, um aus dem Daten‑ uni versum des Web aus schließ lich Quellen mit ver bürgten Aus künften und ge prüftem Wissen heraus zufiltern. Als mögliche Quellen sind auch die individuellen Äußerun gen in sozialen Netz‑ werken anzu sehen. Plöchinger sieht deren Haupt funk tionen im „Themen‑Scouting“ und in der Zitatbeschaf fung (P. 140) und nennt den Zeit vorsp rung – „eine Stunde, 173 5 temPo, tiefe unD teilhabe zwei Stunden vor den Agenturen“ (P. 140) – als Leis tungs merkmal. Ditz ver weist darauf, dass Social Media gerade auch im inter nationalen Kontext, wenn Journalisten in Krisen‑ oder Kriegs gebieten nicht vor Ort sein können, an Bedeu tung ge wonnen hat – Syrien als „Paradebeispiel“ (P. 90). Dank Internet erfahre man von Vor fällen „quasi in Echtzeit“ (P. 12). Die Haupt aufgabe digitaler Journalisten liege dann in der Quellen prüfung: Kann stimmen, was zu sehen ist und was be hauptet wird? „Alles ist durch die Technik mittlerweile […] ver hältnis mäßig leicht manipulier bar, dass man da einfach sehr, sehr sorgsam damit umgehen muss.“ (P. 22) Aus gehend von dem Wissen, dass Bilder und Videos digital leicht ge fälscht werden können, haben Jour‑ nalisten und Redak tionen Ver fahren ent wickelt, um Original und Fälschung zu unter‑ scheiden. Hummelmeier spricht für Tagesschau. de von einem notwendi gen „zusätz lichen Recherche aufwand im Rahmen der Ver ifika tion von Informa tionen, die uns über das Netz er reichen“ (P. 42). Dazu gehört die Prüfung von Meta‑ und etwaigen Geo‑Daten, ver borgen in einer Bild datei, aber auch die technisch nicht substituier bare Orts kenntnis eines er fahrenen Redakteurs.83 Sogenannte Geocodes werden nach Aus kunft von Hart auch von Bild. de ge nutzt, um visuelle Flickr‑Inhalte oder Leserfotos, z. B. vom Absturz eines Heiß‑ luftballons in Ägypten, zu ver ifizie ren.84 Der Chefredakteur der Boulevard‑Website formuliert den Anspruch einer „Mischung aus Schnellig keit und trotzdem einem hohen Grad an Ver ifika tion“ und den Ehrgeiz, den Nachrichten agenturen zuvorzukommen (P. 50). Das innerredaktio nelle Ver fahren be schreibt Hart als „Hybrid“, der „innerhalb von 20 Minuten und nicht erst in drei Stunden“ (P. 50) das ge wünschte Ergebnis bringen soll. Soziale Netz werke haben wachsende Bedeu tung gerade für den Lokaljournalismus. Für Krechting ist Twitter „eine zusätz liche lokale Nachrichten agentur“ (P. 103). Scheib hebt den „zeit lichen Vor sprung“ hervor, den es auch gegen über konkurrie ren den Medien be deuten kann, von einem Ereignis in der Stadt eine halbe bis eine Stunde früher er‑ fahren zu haben, und gibt dafür ein Beispiel aus dem Bereich „klassi scher Servicethemen“ („Warum ist die Soundso‑Straße ge sperrt? Warum fährt der Zug nicht?“) (P. 203). 83 Scheib: „Wenn Sie solche Sachen haben, Unglücke, katastrophen, melden sich viele leute, die auf merksam keit möchten, profil- neurotiker usw.“ (p. 273) Sie erwähnt die erfah rung, vom einsturz des kölner Stadtarchivs am 3. märz 2009 innerredaktio nell sehr früh durch den tweet eines DerWesten. de-nutzers er fahren zu haben. Doch die informa tion war zunächst nicht zu ver ifizie ren, Skepsis schien an gezeigt. „Wir hatten nun zufällig das Glück, dass wir im team eine kollegin hatten, die sich in der ecke in köln ganz gut aus kennt. Und der [informant; hinzufü gung der autoren] war auch total ge willt, mit ihr zu telefonie ren.“ Die person habe erkenn bar nichts zu ver bergen gehabt. Die Journalistin im team konnte mit ihren orts kennt nissen die Glaubwürdig keit der Schilde rung einschätzen. „Dann hat er Fotos geschickt, wo man dann auch sehr gut sehen konnte, das hätte der in dem tempo so kurz danach nicht photos- hoppen können.“ Doch auch hier bleibt ein rest zweifel: Der informant hätte die bildbelege von langer hand vor bereiten und die eigene Fälschung dann in einer medienak tion lancie ren können. 84 Solche prüf verfahren werden auch bei DerWesten. de ge nutzt (Scheib/DerWesten. de, p. 86). 174 Viele der dafür notwendi gen Einzelinforma tionen kommen heute aus Tweets oder von Facebook. Dafür sind neue Aspekte der Quellen prüfung er forder lich. Krechting würde sich nicht an mangel hafter Orthographie85 stoßen, sondern eher auf den Konkre‑ tions grad der Ereignis beschrei bung achten und sich auf grund eigener Orts kenntnis fragen, ob die Beobach tung plausibel er scheint (vgl. dazu auch Kap. 7). Zudem gilt auch bei Tweets das journalisti sche Mehrquellen prinzip: Melden mehrere Personen ein Ereignis in der Stadt, steigt aus Sicht des Journalisten (hier: Krechting) die Wahr‑ scheinlich keit, dass es zutrifft (P. 219). Hier ist aber kritisch einzu wenden – Stichwort: Flashmob –, dass es für eine Gruppe von Internetnutzern, die über Facebook oder Twitter miteinander ver netzt sind, technisch ein Leichtes ist zu ver abreden, dass mehrere Personen gleichlautende Behaup tungen, sprach lich jeweils leicht variiert, in dichter zeit licher Abfolge an ein Medium schicken – und die dortige Redak tion hält dann den Hoax für die Wahrheit und ver meldet ihn fälsch lich als ver bürgt. Wie Krechting zählt auch Fiene, Moderator und Redakteur von Antenne Düsseldorf, die Fähig keit zur Quellen prüfung zur notwendi gen digitalen Kompetenz. Allerdings deutet er im Interview ein nicht ganz unproblemati sches Ver fahren an, das üblich zu sein scheint: Wenn ein Hörer melde, dass es irgendwo in der Stadt brenne, einerlei ob er das über ein Facebook‑Posting oder durch einen Anruf im Sender mitteile, werde er als Moderator das „nicht un gefiltert als Fakt weiter geben“, sondern über prüfen. Dies schließt aber offen bar nicht aus, dass das ver meint liche Feuer in der Zwischen zeit doch schon im laufen den Programm des Radiosenders bzw. auf dessen Website ge meldet wird: „Hörer melden uns, wir über prüfen das gerade mit Polizei und Feuerwehr“ (P. 34). Nur als Option fügt er hinzu, was eigent lich die Regel sein müsste: „Oder ich mache das halt sogar zuerst“. Speziell im Lokaljournalismus, so Fiene, seien die meisten Informa tionen, die von Rezipienten kämen, auf einem basalen Niveau leichter Über prüf bar keit (P. 38). Dies gelte für Unfall‑ und Staumel dungen sowie Blitzer warnun gen. Werde das be hauptete Ereignis von mehreren ge meldet, steigt für Fienes Ver ständnis offen bar die Glaubwür‑ dig keit der ge gebenen Informa tion. Anderes könne bei Polizei und Feuerwehr nach‑ gefragt werden. Wo aber für Informa tionen zunächst keine weiteren Quellen zu er halten sind, gelte es, die Glaubwürdig keit der Erst quelle zu prüfen. Fiene zufolge ist es ein be währtes Ver fahren, sich erstens einen Eindruck vom Twitter‑Profil der be treffen den Person zu ver schaffen (Wirkt es authentisch und seriös, wenn ja, warum?; vgl. dazu auch Kap. 7). In einem zweiten Schritt gehört zum Ver fahren aber auch die Kontakt‑ 85 ein merkmal, das auch Stöcker ver nachlässigbar findet. mangel hafte orthographie könne daher kommen, dass ein twitter-autor nicht deutscher muttersprachler sei. Das spreche aber nicht ohne Weiteres gegen den inhalt der mittei lung (Stöcker/Dradio Wissen, p. 202). 175 5 temPo, tiefe unD teilhabe aufnahme zu erkenn baren Followern, die man nach der Personen identi tät der Erst quelle fragen könne, so Fiene sinn gemäß. Scheib, Chefin vom Dienst bei DerWesten. de, er läutert ihr Ver ifika tions verfahren bei Social‑Media‑Quellen so: „Sie gucken z. B. ob das, was er jetzt twittert, stimmig ist mit dem, was er vorher so ge twittert hat. Ist es plausibel, dass er dort ist gerade, wo er be hauptet zu sein? Ist es ein sehr neuer Account, der noch keine Follower hat? Das ist kein Aus‑ schluss kriterium, aber es ist jeden falls nicht jemand, dem ich aus dem Stand blind ver trauen würde. Hingegen, wenn das jemand ist, dem ich seit Langem folge, oder wo ich merke, einer aus dem Team ist dem schon mal ge folgt, auch das zeigt Ihnen Twitter ja inzwischen sehr prominent an. Dann ist dessen Hinweis vielleicht der, den Sie als Erstes prüfen, weil er Ihnen plausibler vor kommt.“ (P. 265) Wie andere Experten betont aber auch Scheib, dass die Prüfung digitaler Quellen die persön liche Nachfrage nicht er setzen kann. Mindestens in Zweifels fällen müsse bei identifizierten Quellen an gerufen werden. Twitter‑Äußerun gen seien dafür „kein Ersatz“, sondern nur ein „Impuls“, den eine Redak tion oft früher als auf herkömm lichen Meldewegen bekomme (P. 265). Für DRadio Wissen hält Stöcker fest, dass Personen‑ recherche bei dem Digitalsen der weniger über soziale Netz werke, wohl aber über Webquellen laufe. Gefundene Ansprechpartner würden dann „ganz klassisch per Telefon“ kontaktiert (P. 170, auch P. 26). Marcus Schwarze erwähnt, dass Journalisten sich an die Pressestelle des Twitter‑Dienstes wenden können, um die Personen identi tät bei ver ifizierten Accounts über prüfen zu lassen – Beispiel: Ist „Harald Schmidt“ wirk‑ lich Harald Schmidt? (P. 33). Bei DerWesten. de sind diese Fragen inzwischen auch in die Aus bildung von Volontären ein geflossen: „Was gibt es so für Merkmale? Woran kann ich merken, dass jemand ein Fake ist? Wie kann ich aus dem Kontext raus was recherchie ren oder was ver ifizie ren?“ (Scheib/DerWesten. de, P. 261). 5.3.3.2 Die kommunikatiVen komPetenzen Der Digitale Journalismus ist einer, der ungleich mehr als alle histori schen Vor formen publikumsorientiert ist. Ursäch lich dafür ist zunächst die Rück kanalfähig keit des Internets. Auf dieser techni schen Basis haben sich an schließend neue soziale Praktiken, d. h. Nutzungs weisen und ‑erwar tungen im Umgang mit (digitalen) Medien heraus‑ gebildet und habitualisiert (vgl. Schmidt, 2009). Große Teile des Publikums er warten 176 heute mehr vom Journalismus und sie artikulie ren deut lich, z. B. in Onlinekommen‑ taren, ihre Ent täuschung, wenn das An gebot hinter den Erwar tungen zurück bleibt. Eine Minder heit der Rezipienten will zu Produzenten werden und sich an der Erstel‑ lung von Inhalten be teili gen (vgl. Busemann & Gescheidle, 2012, S. 386). Drittens resultiert die radikalisierte Publikumsorientie rung des Digitalen Journalismus aus der techni schen Möglich keit der Echt zeitmes sung realer Nutzungs zahlen für Websites mit ihren einzelnen Beiträgen – auch dies ein Resultat der Rück kanalfähig keit. Aus all dem folgt eine völlig neue Beziehung zwischen Kommunikatoren und Rezipienten – bei zugleich ver wischen den Grenzen. Aus früherer Einbahnstraßen‑ kommunika tion wird eine permanente Dialogisie rung, die für Journalisten vielerlei be deutet: ganz be stimmt mehr Kunden orientie rung, auf der anderen Seite aber auch das neue Gefühl, bei der Arbeit be obachtet zu werden und be ständig Leistung bringen zu müssen. Als Konsequenz daraus ent wickelt sich idealer weise ein neuer Journalisten‑ typ. Zielina stellt sich darunter Menschen vor, „die ver stehen, dass Journalismus nicht einfach die Produk tion von Inhalten ist, sondern genauso […] die Modera tion der Konversa tion darüber, das Ver folgen und Auf spüren von Themen, die Menschen gerade bewegen, das Heraus filtern dieser Themen aus Social Networks, das Begleiten dieser Gespräche über diese Themen auf der eigenen Platt form, das Bewusstsein, dass das genauso eine wichtige Kernaufgabe ist, wie dann tatsäch lich dieses Stück Text im Endeffekt daraus zu schreiben.“ (P. 54) Das Zeit gespräch der Gesell schaft er möglichen – diese von Otto Groth (1960) stam‑ mende frühe Funk tions beschrei bung für Journalismus scheint hier im Begriff „Kon‑ versa tion“ wieder auf. Im Grunde macht erst der Digitale Journalismus die Ideal vorstel‑ lung vom „Zeit gespräch der Gesell schaft“ möglich, weil es nicht mehr nur Journalisten sind, die Stimmen aus der Gesell schaft auf nehmen, ge wichten und weiter tragen, sondern weil das Publikum selbst dieses Zeit gespräch für sich – in sozialen Netz‑ werken – organisiert und dann in journalisti schen Medien Ver stärker und Deuter findet. Mit dem Auf treten der sozialen Netz werke bzw. Social Media emanzipierte sich der Publikums diskurs über Journalismus ein Stück weit von den anbieten den Medien selbst. Die medien integrierten Foren ver loren an Bedeu tung86, die Medien mussten 86 Stöcker be richtet: „es gibt die kommentarfunk tion auf unserer Website, die aber deut lich weniger ge nutzt wurde, als wir dachten. Dann haben [wir; hinzufü gung der autoren] ge dacht, wir müssen ja jetzt nicht die nutzer gewohn heiten der leute ändern, können wir sowieso nicht.“ (Stöcker/Dradio Wissen, p. 135, ähnlich krechting, p. 23) 177 5 temPo, tiefe unD teilhabe auf Facebook und andere reagie ren, wollten sie nicht im Wettbewerb um Auf merksam‑ keit Medien nut zungs zeit und damit eigenen Traffic an die Kollektivmedien neuen Typs ver lieren. Diese Reaktion sah größtenteils so aus, dass die jeweilige Medien marke auf Facebook u. Ä. eine Kolonie gründete, um dort das ver streute Publikum wieder zu ver sammeln und für die eigenen journalisti schen Produkte zu interessie ren. Dieser bei Weitem noch nicht ab geschlossene Prozess einer völlig neuarti gen Publikumsinterak tion hat in den Redak tionen vielerlei be obacht bare und inzwischen auch be schreib bare Konsequenzen. Der heute übliche „unmittel bare Kunden kontakt“ führt unweiger lich zu einer Ver ände rung des journalisti schen Berufs bilds (Ditz/Spiegel Online, P. 36; Grass mann/Freitag. de, P. 32). Regelmäßige Kommunika tions partner im Außen sind nun nicht mehr wie früher Gesprächspartner bei der Recherche, sondern mindestens ebenso sehr die normalen Rezipienten. Mit diesen umgehen zu wollen und zu können wird damit zu einer wichti gen Eigen schaft, die von Journalisten natür‑ licher weise ver langt wird. Nicht nur von spezialisierten Social‑Media‑Redakteuren, sondern von allen journalisti schen Mitarbeitern werde er wartet, im Rahmen der zeit‑ lichen Möglich keiten auf Leserfeedback zu antworten und sich auch in laufende Debatten „einzu mischen“, so Ditz (P. 36). Dem Spiegel Online‑Chefredakteur zufolge gilt das „mittlerweile mehr im Social Web als im Forum“ (P. 36). Dies be stätigt die oben be schriebene Bewegung der Nutzer weg vom medien integrierten Forum hinein in die sozialen Netz werke. Dabei wird zwischen den Netz werken funktio nell differenziert: Facebook ist demnach „eher ein Ver triebs kanal“, eine traffic‑erzeugende Bekanntmachung neuer Inhalte von Spiegel Online, Twitter mehr eine „Recherche‑Platt form“ für die digitalen Journalisten selbst (Ditz/Spiegel Online, P. 105).87 Ebenso Schwarze: „Dieses Twitter ist ein Journalisten‑Netz.“ (P. 208) Müller von Blumen cron sieht es als alltäg liche Grundü bung an, „ins Netz zu lauschen und zu sehen, welche Geschichten sind gut ge laufen, und welche Themen sind in den Netz werken gerade ‚hot‘, die wir möglicher‑ weise noch nicht gesehen haben?“ Solche ver streuten Einzel beobach tungen würden dann zu einer „Informa tion für die Redak tions konferenz“ (P. 218). Als Beitrag zur journalisti schen Quali täts steige rung würdigt Scheib die sozialen Netz werke. Sie seien ein probates Mittel zur Auf findung „populärer Themen, wo ist Bedarf? […] Dann ist da die ganze Partizipa tion wirk lich eine große Hilfe.“ (P. 91) 87 kaum akzeptanz, weder in den redak tionen noch bei den nutzern, findet bislang Google+. im Urteil von Scheib: „Das ist für viele oder für einige offen bar ein gutes netz. meiner beobach tung nach vor allen Dingen, wenn sie sehr stark in richtung netzthemen, Gadgets, nerd-themen gehen. es ist für uns mit unserem portfolio so ein kleiner ge kachelter raum und wir rufen da zwar rein und dann hören wir uns auch das echo an und es wird dann wieder leise. egal, wie sehr wir auch da dialogig formulie ren, zu inter aktionen auf fordern. insofern, glaube ich, ist das nicht eine richtung, in die wir uns ent wickeln werden.“ (Scheib/DerWesten. de, p. 219) 178 Feedback werde nicht nur aus gewertet, sondern auch mittels journalisti scher Formate stimuliert. Im Redak tions jargon von DerWesten. de heißt das z. B. „Nutzer stimmen‑ Stück“, das üblicher weise alle zwei Wochen produziert werde. Scheib nennt das Beispiel einer Umfrage zur Nahverkehrs auslas tung und dem Erlebnis über füllter Züge (P. 115). Doch nicht alle Servicethemen würden an genommen, so z. B. „Experten‑Livechats zur Kranken versiche rung“ (P. 219). In solchen Fällen sei es besser Nutzer einzu laden, Fragen zum Thema in die Redak tion zu mailen, und anzu kündi gen, es werde eine journa‑ listi sche Themen seite dazu geben. Neben dem Livechat nennt Scheib auch Google‑ Hangouts, die nicht an genommen würden. Die Expertin ver mutet die zeit liche Ge‑ bunden heit des An gebots als Ursache: Der User müsste sich zu einem Zeitpunkt an einem Rechner oder sonsti gem Interface einloggen (P. 219). Dies ent spricht offen bar nicht mehr heuti gen Nutzungs gewohn heiten. Die Nutzer gemeinde mit ihren Wahrneh mungen vielerorts, mit ihrem großen Alltags wissen zu nutzen – eine Vor stel lung, wie sie in der Netzkultur als „Weisheit der Vielen“ an klingt (Surowiecki, 2004) –, dieses Konzept wird von den Befragten kaum an gesprochen. Nur bei Zielina88 und Schwarze klingt es an. Letzterer sagt: „300 Augen‑ paare im Land sehen mehr als 20 Augen paare einer Redak tion. Die sehen einfach mehr. Natür lich ist das nicht alles wichtig, was die sehen, und manchmal gibt es da auch ganz unter schied liche Ansichten, wenn die Leute draußen sagen: ‚Das müsst ihr jetzt aber be richten.‘ Aber eine Aufgabe der Redak tion wird zunehmend, sich in die anderen Augen paare zu ver setzen.“ (P. 98) Als Indikator für Stimmun gen und Themen unter den Nutzern wird Facebook von Daniel Fiene geschätzt (P. 34). Mit Blick auf die Besonder heiten eines Radiosenders fügt er hinzu, dass die früher im Hörfunk übliche Beteili gungs form des Call‑in heute so nicht mehr an genommen werde (P. 85). Sich nur per Telefon in eine Sendung einzu‑ schalten, das könne man Hörern heute nicht mehr vor schreiben. Wenn diese sich lieber über Facebook artikulie ren wollten, „dann muss man halt die Abläufe in der Redak‑ tion so anpassen, dass das […] in die richti gen Kanäle kommt“ (P. 85). Fiene zufolge sollte die Publikums beteili gung nicht nur passiv ent gegen genommen, sondern aktiv stimuliert werden. Antenne Düsseldorf setze jeden Morgen ein „Nachrichten‑Posting“ auf Facebook und variiere das über den Tag mit zwei bis vier weiteren Postings – Heraus stel lung von Sendungs themen mit der Einla dung, die eigene Meinung kund‑ zutun. Fiene be obachtet auch bei anderen Sendern, „dass es ganz gut läuft, dass die 88 „ob man das jetzt ‚Wisdom of the crowd‘ nennt oder ob man es partizipa tion nennt oder ob man es ‚User engagement‘ nennt, ist ganz egal. in Wirklich keit fassen diese Worte alle zusammen, dass die masse der leser, die uns lesen oder unsere beiträge ansehen, immer gescheiter ist als der einzelne Journalist.“ (Zielina/stern. de, p. 28) 179 5 temPo, tiefe unD teilhabe fünf Postings ver fassen und damit gut fahren, hohe Inter aktions raten hinbekommen“ (P. 149). „Hohe Inter aktions raten“ sind ein erster quantitativer Hinweis auf die schiere Menge an Rückäuße rungen aus dem Publikum, die digitale Redak tionen, zumindest die populärsten unter ihnen, be wälti gen müssen. Extrem ist es bei Bild. de, so der Chefredakteur der Website Hart: „Wir lesen am Tag zwischen sechs‑ und dreizehn‑ tausend Kommentare bei uns auf der Seite. Wir haben nochmal so viel ungefähr auf Facebook und Twitter zu lesen und irgendwie wahrzunehmen, und das ist echt ein großer Brocken.“ (P. 184) Wie in vielen anderen Redak tionen89 auch wird diese Lese‑ arbeit von studenti schen Hilfs kräften er ledigt, die be sonders instruiert sind und die sich an Guidelines er laubter und nicht er laubter Meinungs äuße rungen orientie ren. Hart zufolge geht es hierbei aber nicht nur um die Vor kehrung, keinen Rechts verstoß zu ver öffent lichen, vielmehr um eine produktive journalisti sche Aus wertung der auf‑ laufen den Äußerun gen: „Wir nutzen das [die Inhalte des Nutzer‑Feedbacks; Hinzu‑ fügung der Autoren] auch immer mehr als Quelle.“ (P. 184) Hart sagt, Leser seien für Bild. de nicht nur „Klick‑Vieh“ („das bringt uns Traffic auf die Seite“), sondern sie würden ernst genommen. Nutzer seien nütz lich, schon allein mit ihren Fehlerhin weisen (P. 184). Soziale Netz werke bergen aus Sicht von Hart viele interessante Informa tionen, die Bild. de als „die zehn wichtigsten heute“ hervor heben möchte – ein Auswahl vorgang, den Hart zum „Kuratie ren“ zählt und für eine „jour‑ nalisti sche Leistung“ hält (P. 205). Zur Sichtung der Social Media setzt Bild. de ihm zufolge auch – nicht näher be nannte – techni sche Tools ein. Ein damit er kannter Trend im Meinungs klima sei aber „noch keine Idee für eine Geschichte“ (P. 241, auch P. 265) – mitdenkende Journalisten seien daher un verzicht bar. Jedes Ressort von Bild. de ver fügt Hart zufolge seit 2013 über einen eigenen Social‑Media‑Redakteur. Der sei aber nicht einfach „der Twitter‑Schreiber“, sondern ein Kollege, der als „Kom petenz‑ inhaber“ sein Wissen an andere weiter geben und diese „fit machen“ soll, um z. B. Twitter „als Agentur nebenbei, als zusätz liche Agentur“ nutzen zu können (P. 241) – ein Hinweis auf die Art der innerredak tio nellen Organisa tion neuer Kompetenzen. Auch Hummelmeier hebt darauf ab, dass die journalisti sche Auf nahme des Mei‑ nungs stroms aus den sozialen Netz werken sich nicht natur haft ergibt, sondern organi‑ siert werden soll. Er nimmt das Beispiel der „Trending Topics“, also be stimmter be‑ 89 So auch bei Welt. de: „Wir lassen das [die Sichtung und prüfung von leser-kommentaren; hinzufü gung der autoren], so wie alle anderen auch, Studenten machen, die geschult sind. Die sich auch aus kennen, die klare Guidelines haben und die das auch fast immer zur vollen Zufrieden heit machen und die dann quasi so der Gatekeeper sind, die dann so in die redak tion hinein wirken und sagen: ‚hey, da passiert das und das.‘“ (michalsky/Welt. de, p. 164) 180 sonders stark diskutierter Themen in einem Netz werk, wie sie mittlerweile von Twitter und Facebook automatisch an gezeigt werden: „Wir be obachten die Trending Topics, um daraus ggfs. Themen zu gewinnen. Und alle Mails, die User, die Zuschauer an uns schreiben, werden ge lesen und, soweit sie Tagesschau. de be treffen, auch von uns be antwortet, und zwar im Prinzip von allen Redakteuren. Wir haben eine Schicht, wo das zu den Neben aufgaben gehört, auf solche Mails zu antworten. […] Man muss sich schon große Mühe in dieser Redak tion geben, um das User‑Feedback nicht mitzu bekommen. Es gehört so zu unserem Alltag.“ (P. 113)90 Es ist aber noch nicht in allen Redak tionen so, dass alle Mitarbeiter den permanenten Dialog mit dem Publikum vor behalt los an genommen und die Bereit schaft dazu ver‑ inner licht hätten. Wenn beispiels weise ein politi scher Kommentar von den Online‑ Lesern „sehr kontrovers diskutiert wird“ und Argumente dagegen ge nannt werden, hielte es Krechting für an gezeigt, dass der journalisti sche Autor „diese Argumente aus seiner Sicht noch mal be wertet oder sagt, warum er die halt in seinem Kommentar nicht be leuchtet hat. Ich glaube, dass das mitunter auch unseren Leser‑Kommentatoren fehlt.“ Jeder Autor/Redakteur sollte Krechting zufolge in solchen Fällen über legen, „an welcher Stelle es sich lohnt, da noch mal die Debatte mit den Nutzern aufzu nehmen“ (P. 31). Zeigt sich Journalismus nicht nur ge legent lich, sondern ständig und ver läss lich dialogbereit, wirkt das mittei lungs motivierend auf das Publikum, so Krechting: „Wir haben das ge merkt durch eine […] konsequente Beantwor tung jedes Hinweises bei Twitter. […] Ich glaube, dass das ein weiter wachsen des Feld ist, wenn wir […] so offen agieren. […] Wenn wir passiv darauf warten, dass es mehr wird, wird es auch nicht un bedingt mehr werden.“ (P. 27) Ent sprechen den Ent wick lungs bedarf gibt es auch noch bei der Rhein-Zeitung, obwohl diese deutschlandweit als Pionierin der Social‑Media‑Nutzung im Journalismus gilt. Die Koblenzer Zentrale habe ihren Social‑ Media‑Redakteur, so Digitalchef Schwarze (vgl. Kap. 6). Allerdings will er dies nicht ver hehlen: „Wir haben ja 13 Lokal redak tionen, die haben auch alle ihren Facebook‑ Account und haben auch Twitter‑Accounts. Da geht auch schon mal was ver loren, weil nicht in jeder Lokal redak tion Social Media so intensiv ge pflegt wird wie hier für die Zentrale.“ (P. 88) 90 trending topics werden auch bei DerWesten. de regelmäßig als tool ge nutzt: „immer ein guter indikator“ (Scheib/DerWesten. de, p. 199). Scheib ver weist außerdem auf die Düsseldorfer Website 10000flies. de – Die Social-Media-News-Charts, die eben falls aktuelle themen konjunkturen abzu bilden ver sucht (p. 91). 181 5 temPo, tiefe unD teilhabe Auch in der Redak tion von Welt. de scheinen nicht alle Mitarbeiter auf permanente Dialogisie rung erpicht zu sein, wie Michalsky in dieser Äußerung andeutet: „Ich selber gucke auch regelmäßig in Kommentarbereiche, um mal zu gucken, was da so läuft. Das machen auch viele andere Redakteure, viele machen es auch nicht, weil es sie auch nicht interessiert. Die sagen: ‚Ich will den Pöbel da gar nicht kennen lernen, der da im Netz unter wegs ist.‘ Aber ja, es ist auch Teil eines heuti gen Berufs bildes, das wahrzunehmen.“ (P. 164) Ständig mit seinem Publikum zu inter agie ren bindet aber auch Zeit und Auf merksam‑ keit. Natür lich geht in allen Redak tionen wie z. B. Spiegel Online die journalisti sche Produk tion vor, es gibt die Ansage an die Mitarbeiter: „Ihr habt in allererster Linie zu be richterstatten, und wenn Zeit ist […] oder wenn es euch treibt, dann kümmert euch um das Feedback.“ (Ditz/Spiegel Online, P. 110). So gesehen ist die programma‑ tisch er wünschte Dialogisie rung noch nur eine Sekundärfunk tion. Zu einer gleich‑ berechtigten neben journalisti scher Produk tion könnte sie nur bei einer ent sprechen den perso nellen Auf stoc kung werden, wie auch Ditz andeutet (P. 71). „Journalisten sind es zu einem über wiegen den Teil noch nicht ge wohnt, dass Inter aktion mit dem Leser eine ihrer Kernaufgaben ist“, stellt auch Zielina fest. (P. 153) Dies müsse ge lernt werden, und Redak tionen müssten ihre Mitarbeiter dabei unter‑ stützen, dies zu lernen: „Wie man sich auf Twitter mit jemandem unter hält und wie man reagiert, wenn man in den Kommentaren für etwas an gegriffen wird.“ (P. 153) Der Stern bzw. stern.de habe die Absicht, seine Redakteure dahin gehend zu schulen, „wie Social‑Media‑Kanäle funktionie ren, wie Inter aktion funktioniert, was mit offenen Fragen passiert, wie: ‚Darf ich eigent lich auf Twitter so etwas schreiben oder was passiert, wenn ich auf Facebook eine Seite like, die vielleicht meinem Arbeit geber nicht ge fällt?‘ […] Es geht von so ganz, ganz, ganz schlichten arbeits‑ recht lichen Fragen bis hin zu dieser ganz schwieri gen Grauzone: ‚Wie gebe ich mich in Social Networks?‘“ (P. 153) Konversa tion könne man nur zu einem kleinen Bruchteil regeln, so Zielina. Die Gefahr eines „Regel‑Korsetts“ sollte ver mieden werden. In den sieben Jahren bei der Wiener Tages zeitung Standard, wo Zielina eben falls für den Online‑Auftritt ver antwort lich war, seien sie und ihre Mitarbeiter gut ge fahren mit folgen der Grundregel: „Nicht sagen, was man in einem Raum vor 500 oder 1.000 Menschen nicht auch sagen würde. Ja, es kann ein bisschen […] flapsiger oder ein bisschen lockerer in der Sprache sein, 182 aber inhalt lich muss man sozu sagen dahinter stehen.“ Zweitens: „Es ist ganz gut, bevor man etwas twittert oder facebookt oder googleplust oder was auch immer, noch mal fünf Sekunden kurz durch zuatmen und es durch zulesen.“ (P. 153) Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, fordert eine spezifi sche Stress resistenz gegen über der Freiheit des Publikums, journalisti sche Arbeit jederzeit kritisie ren zu dürfen: „Wir sollten die Kraft haben, das auszu halten. Und wenn wir sie haben, dann ver edelt oder ver bessert das den Journalismus […]. Wenn wir diese Kraft nicht haben, wenn wir Angst haben, einen Kommentar zu ver öffent lichen, dann führt das wahrschein lich zu einer sehr trauri gen Art von Journalismus. Man muss das Feedback wahrnehmen, ernst nehmen, aber man darf nicht zum Spiel ball der sozialen Medien werden.“ (P. 137) Die Zurück haltung mancher Redakteure und Journalisten beim Trend zur Dialogisie‑ rung kann nicht nur mit dem Standes dünkel einiger Traditionalisten erklärt werden. Vielmehr gibt es neben psychologi schen Vor behalten auch objektive Faktoren wie Stress und Über lastung, die aus einem Nutzer‑Feedback dann ent stehen können, wenn dieses über bordet oder vielleicht sogar die Ausmaße eines „Shits torms“ annimmt. Niemann hat es erlebt, „dass man gar nicht mehr zum Weiter arbeiten kommt, weil man mit einer Flut von Leserkommentaren über rannt wird, weil unter Umständen ein Thema ein Tempo oder einen Dreh auf genommen hat, der vielleicht nicht im Ver hältnis steht, vielleicht aber auch zu Recht“ (P. 163). Digitale Redak tionen sind auf gerufen, an gemessene Umgangs formen mit dem Leser‑Feedback zu finden – auch das gehört zur be gonnenen Ent wick lung neuer digitaler Kompetenzen. Scheib be schreibt die be sondere Situa tion in Wochenend‑ diensten, wenn Leser detaillierte Fragen stellten, die die „Stall wache“ nicht be antworten kann, weil der Fachautor erst am Montag wieder im Dienst sei. Mindestens müsse dann ein Zwischen bescheid ge geben werden, etwa nach diesem Muster: „Gar kein Problem, wir melden uns. Können wir aber heute nicht klären, wird wahrschein lich Montagmittag.“ (P. 69) Dies gehöre auch zu einer ge wissen Sozialisa tion des Lesers, der sich auf Antworten ver lassen können sollte, aber daran ge wöhnt werden müsse, diese nicht immer jetzt und sofort be kommen zu können, so die Chefin vom Dienst. Auch digitale Journalisten müssen sich nicht be leidi gen lassen, stellt Scheib klar. Die Redak tion sollte die einlaufen den Echos sortie ren. Wer sich „pestig“ äußere, habe womög lich „kein legitimes Anliegen“, ebenso „Reflexschimpfer: Man macht einen 183 5 temPo, tiefe unD teilhabe Tippfehler und plötz lich ist man zu dumm für alles, einschließ lich die Bild‑Zeitung“ (P. 129). Eine an gemessene Replik könne dann sein: „Häkchen dran, so nicht. Bitte melde dich, wenn du ab gekühlt bist.“ (P. 129) Im Redak tions‑Wiki sind solche Empfeh‑ lungen aber auch bei DerWesten. de noch nicht hinter legt (P. 159), obwohl das nahe‑ liegend wäre. 5.3.3.3 Die ProDuk tio nellen komPetenzen Online‑Journalismus, dieser landläufige Begriff für Digitalen Journalismus, benennt an sich nur den techni schen Über tra gungs weg journalisti scher Inhalte: in Daten kabeln bzw. über Funk verbin dungen und um gewandelt in den Binärcode von 0 und 1. Aus dieser Grund tatsache resultiert zum einen die enorme Schnellig keit der digitalen Nachrichten gebung: Eine Neuig keit ist sofort nach ihrer Publika tion in aller Welt; es ist keine physisch‑materielle Herstel lung und Distribu tion (wie beim Zeitungs druck und ‑vertrieb) zwischen geschaltet. Jeder digitale Beitrag kann fort geschrieben und aktualisiert, auch korrigiert werden, sollte die Erst fassung Fehler ent halten haben. Wirklich zurück holen lässt sich aber nichts, weil durch die Eigenart der Netz struktur des Internets sich immer irgendwo Kopien und Spiege lungen er halten. Die Möglich keit zur Echtzeit‑Kommunika tion hat darstelleri sche Formate wie den sogenannten Liveticker hervor gebracht: eine Art Nachrichtenrolle, bei der Partikel von Neuig keiten immer oben auf der Website neu ein gespeist werden, während der Leser nach unten scrollend den Ver lauf der Gescheh nisse in Richtung Ver gangen heit nach‑ vollziehen kann. Gebaut sind diese Liveticker, die vor allem zu Zeiten politi scher Krisen mit „sich über schlagen den Ereig nissen“ ein gesetzt werden (Beispiel: Maidan‑Proteste und Ukraine‑Krise Anfang 2014), nicht nur aus Textelementen. Sie ent halten auch Fotos oder Videos sowie Links zu anderen Webangeboten. Der Liveticker simuliert Gegen wärtig keit und Augenzeugen schaft und ist eine genuin digitale Darstel lungs form. Müller von Blumen cron sieht hier „eine neue Dimen‑ sion“ er reicht, „das ist […] so eine Art geschriebenes Radio“ und „auch zu einer eigenen Kunst form ge worden“ (P. 96). Der FAZ. net‑Chefredakteur erinnert sich an die Frühzeit der Ent wick lung: „Es wurde lange über diese Liveticker ge spottet. Wenn man es gut macht und ein gutes Team von Leuten hat und das Ereignis es auch hergibt, dann ist das eine richtige Kunst form ge worden.“ (P. 96) Über dieses be sondere Format hinaus ist formale Vielfältig keit über haupt kenn‑ zeichnend für Digitalen Journalismus: Jedes seiner Themen kann er multimedial 184 auf bereiten (muss es aber nicht). Ditz bringt es auf den Punkt: „Wir ver einen ja im Grunde auf unserer medialen Platt form alle Möglich keiten, die es in den herkömm‑ lichen Medien bisher gibt, als Rundfunk, TV, Print.“ (P. 7) Auf dieser Basis sind vielfältige Möglich keiten des sogenannten Storytellings ge‑ geben. Damit ver bunden ist eine Vielzahl an darstelleri schen Möglich keiten. Alle für ein Thema zu nutzen ist infolge be grenzter perso neller und zeit licher Ressourcen weder praktisch mach bar, noch ist es stets sinn voll, weil der Rezipient z. B. kompakte Informa‑ tion statt ästheti scher Spielerei er wartet. Der digitale Journalist steht also üblicher weise vor Fragen wie diesen: Welche zusätz lichen Darstel lungs formen (über den Text hinaus) geben meine Rohmaterialien über haupt her? Welche formale Variante ist an gezeigt und wünschens wert, z. B. um einen Sach verhalt zu ver anschau lichen? Ditz benennt weitere hand lungs leitende Fragen: „Wie ver binde ich denn mein Video mit meinem Text und mit meinen Grafiken? Und wo haben wir animierte Grafiken, wo haben wir nur Bilder und Stills? Wie er zählen wir Audio‑Slides hows?“ (P. 36). Für den Spiegel Online‑Chefredakteur zeigt sich auch bei solchen notwendi gen Über legungen die Ver ände rung des journalisti schen Berufs bilds.91 Seinen „Kernsatz“ in Einstel lungs gesprächen formuliert Ditz so: „Du musst deinen Horizont auf machen, was die Darstel lungs form angeht. Du hast nun mal diese technologi schen Möglich keiten, zu ver öffent lichen. Also überleg dir: ‚Was ist meine Geschichte, und wie erzähle ich sie mit den multimedialen Möglich keiten, die das Web bietet, am besten?‘ Das ist ein klarer Auftrag an alle. Im Nachrichten geschäft ist das natür lich eher hinfällig, weil man so schnell Nachrichten nicht multimedial auf bereiten kann. Aber bei den aus geruhte ren längeren Stücken ist ein Jeder dazu auf gefordert.“ (P. 36) Multimediale Themen aufberei tungen sind modular auf gebaut. Dies be deutet zum einen, dass einzelne Module (wie ein fertig geschnittenes Video) später dazu kommen können. Es gibt keinen Zwang, sofort alle vor stell baren Elemente zu publizie ren; der Prozess ist tendenziell offen. Zum anderen ver bindet sich mit der Modulari tät auch eine Ermuti gung zu langen Formen, sofern der Informa tions kern auch in kurzer Form an geboten wird. Der Nutzer kann, aber er muss nicht alles rezipie ren. Plöchinger schätzt die Nutzungs gewohn heiten wie folgt ein: „Menschen lesen auch lange Stücke mobil. Auch da wieder sicher nicht im totalen Durch schnitt, aber bei einer Nachrichten‑ 91 krechting zufolge gehört es mittlerweile zum berufs bild auch eines lokal reporters, zu über legen, ob er ein irgendwie gearte tes bewegtbild von einem termin in der Stadt mitbringen kann (krechting/kSta. de, p. 112). 185 5 temPo, tiefe unD teilhabe seite, die ein Quali täts leseangebot macht, ist der Fall, dass Menschen über interessante Texte stolpern und die lange lesen, relativ wahrschein lich.“ (P. 52) Auch Wegner glaubt, dass Nutzer „Storytelling‑Projekte“ schätzen. Sie „ver sinken“ dann in dem An gebot, so Wegner bild lich, die durch schnitt liche Ver weildauer steige bei solchen Formaten auf eine halbe Stunde, während sie beitrags bezogen normaler weise eigent lich bei Bruchteilen davon liege (P. 113). Infolge der digitalen Weiter entwick lung und Ver kleine rung von Videotechnik ist auch das Bewegtbild, früher die Domäne des Fernsehens, inzwischen ein Regelangebot des Digitalen Journalismus, auch wenn natür lich weiter hin Begren zungen perso neller Art oder bei der techni schen Aus stat tung von Redak tionen existie ren. Hart be schreibt, dass es bei Bild. de normal ge worden sei, mit kleinen Digital kameras – „ein tolles Device“ – unter wegs zu sein. „Die Qualität ist […] immens gut ge worden.“ (P. 146) Michalsky sieht mit der Option „Video“ das journalisti sche Berufs bild eben falls er weitert und be schreibt eine Arbeits teilung zwischen Reporter und nach bearbeiten der Video‑Redak tion: „Es ist Teil der neuen Tätig keiten im Online‑Journalismus für jemanden, der lange im Print ge arbeitet hat, von denen wir auch hier in der Welt‑Gruppe sehr viele haben. Die müssen im Hinter kopf haben oder sie müssen sich die Frage stellen: ‚Gibt es zu der Story, die ich gerade schreibe, […] auch ein Video?‘ Wir haben Fälle, da bringt ein Redakteur, der bis vor vier Jahren nur Artikel geschrieben hat, […] auch ein eigenes Video mit. Und wenn es nur eine rohe Auf nahme ist, die er mit seinem Handy ge macht hat, von seiner Reportage‑Reise und gibt die in die Video‑Redak tion, damit die Video‑Redak tion dort ein auf führbereites Video er stellt. Was dann auch be sprochen wird, wo be stimmte andere Bilder rein ge‑ schnitten werden und insofern spielt das da mit rein. Aber dennoch braucht man natür lich separate Video‑Journalisten, die imstande sind, schnell zu den richti gen Themen die richti gen Clips zu er stellen. Die auch wissen, welche Daten banken man anzapfen kann, was eben dann aber auch nicht heißt, dass die sogenannten normalen Redakteure davon völlig befreit sind, sich um sowas zu kümmern.“ (P. 45) Wegner indes dreht das Qualifika tions argument um und sieht auch die Inhaber neuer Berufs‑ und Funk tions rollen, wie den Videojournalisten (VJ), in der Pflicht, sich eher traditio nelle journalisti sche Fertig keiten anzu eignen: „Auch ein VJ muss schreiben können, natür lich.“ Denn eine Videoredak tion produziere schließ lich Inhalte, und diese bräuchten „Kontext außerhalb des Bewegbildes“ (P. 74). 186 Etwas zurück halten der wird Videojournalismus offen bar auf der Website des Kölner Stadt-Anzeigers ge nutzt – und das, obwohl die Zeitungs redak tion über ein eigenes Fernsehstudio aus Zeiten ver fügt, als das Ver lags haus über einen größeren Einstieg ins sogenannte Web‑TV nach dachte. Die Studiomitarbeiter ge hören inzwischen zu center. tv Köln92, an dem der Verlag M. DuMont‑Schauberg zu 24,4 Prozent be teiligt ist.93 Krechting zufolge arbeitet ein Team von center. tv eigens für den „Aus gabekanal“ ksta. tv. Produziert würden kurze Clips von eineinhalb Minuten Länge für die Sendung „Rheinzeit“ (P. 116). Mengen mäßig soll es sich den Angaben zufolge um ein bis drei lokale Videos täglich handeln (P. 136). Daneben werden noch über regionale Videos, ein gekauft bei Agenturen wie Reuters, an geboten, „wo ich allerdings keinen wirk lichen Quali täts gewinn für unsere Nutzer sehe“ (P. 136). Während dessen werde das existierende TV‑Studio nur noch wenig ge nutzt, u. a. deshalb, weil Fernsehen im Web keiner linearen Zeit struktur mehr folgt, User also nicht zu einer be stimmten Zeit vor dem Monitor zu ver sammeln sind. Krechting zufolge findet in dem Studio noch dreimal im Monat eine Auf zeich nung statt, z. B. eines Interviews beim Redak tions besuch eines Politikers oder eines Musikers (P. 128). Das Beispiel zeigt, dass bauliche Investi tionen in Medien häusern manchmal von der techni schen Ent wick lung über holt werden. Der Kölner Stadt-Anzeiger ist da kein Einzelfall. Auch bei der Rhein-Zeitung in Koblenz gibt es ein TV‑Studio, das bei Einrich tung 10.000 Euro ge kostet habe, so Schwarze, aber nie für eine Live‑Sendung aus gelegt war. Dies nach zurüsten, um auf der eigenen Website ein Live‑Erlebnis zu bieten, würde erneut Erheb liches kosten. Inzwischen aber, darauf weist Schwarze hin, kann man schon mit dem iPad filmen und den Stream mit einer App wie „Bambuser“ ins Netz stellen (P. 234). Groß strukturen, wie sie auch kleinere TV‑Studios in Zeitungs‑ redak tionen einst darstellten, haben sich also infolge miniaturisierter Digitaltechnik weit gehend er ledigt. Möglich sind heute Live‑Streaming‑Video‑Formate. Dabei werden beispiels weise zwei Politiker zum Streit gespräch ein geladen. Für digitale Redak tionen, die dies auf ihren Websites präsentie ren, resultie ren hieraus neue Modera tions aufgaben. Zum Bei‑ spiel kann eine simultane Diskussion des Web‑TV‑Ereig nisses auf Twitter initiiert werden und Tweets, z. B. mit Fragen an die Politiker, auf genommen und an die Gäste ge stellt werden. Dieses von Wegner geschilderte Beispiel (P. 247) steht für eine Konver‑ 92 koeln.center.tv/home/ [01. 04. 2014] Das lokalfernsehen tut sich schwer: im märz 2014 wurde das aachener Fenster ein- gestellt, auch das für münster soll geschlossen werden. www.dwdl.de/nachrichten/45279/centertv_aachen_stellt_noch_heute_ sendebetrieb_ein/ [01. 04. 2014] 93 www.dumont.de/dumont/ de/101528/presse [01. 04. 2014] 187 5 temPo, tiefe unD teilhabe genz hin zum Social‑TV. Der Chefredakteur von Zeit Online sieht die permanente Ver netzung Redak tion/Publikum aber auch darin, dass „viele Geschichten schon vom Sozialen her ge dacht“ seien: „Wir schreiben nicht für Facebook, aber wir ver suchen mitzu denken, wie sich ein Thema dort ver breiten könnte.“ (P. 121) Dem Video formal nahe ist das sogenannte „Mobile Reporting“, also die digitale Berichterstat tung unmittel bar vom Ort des Geschehens und dies möglichst ohne Zeit‑ verlust. Laut Fiene gibt es für Radioreporter (und nicht nur für diese) keine Ausrede mehr, wenn sie in der Stadt unter wegs seien und zufällig etwas Interessantes ent deckten. Jedes bessere Smartphone, er weitert um ein leicht trag bares kleines Reportermikrofon, mache es möglich, Soundfiles in den Sender zu schicken (P. 70 und 74). Für Bild. de ist es laut Hart inzwischen Standard, z. B. an Wahlaben den „komplett live“ zu be‑ richten: „Wir sind nicht Fernsehen, wir wollen auch nicht Fernsehen sein. Online ist Online, aber bei solchen Geschichten, bei solchen Live‑Elementen müssten eigent lich Kriterien gelten, die für andere auch gelten.“ (P. 156) Mobile Reporting bietet digitalen Medien die Chance, dass der eigene Reporter mit einem Gesicht, vielleicht sogar mit seiner eigenen Stimme auf tritt und so für Wieder erkenn bar keit beim Publikum sorgt. Schwarze zufolge plant die Rhein-Zeitung dergleichen mit der eigenen Multimedia‑Redakteurin, die von unter wegs mit der Videokamera be richten und damit „so ein bisschen das Gesicht“ der Zeitung werden soll (P. 46; vgl. Kap. 6). Möglicher weise macht hier das im Fernsehen üblich ge wordene Presenter‑Format im Digitalen Journalismus Schule. Zum Mobile Reporting ge hören aber auch einfachere Formen wie z. B. journalisti‑ sches Twittern aus Rats sitzun gen, um noch einmal das Beispiel des Lokaljournalismus zu fokussie ren. Krechting zufolge ist es sinn voll, dies zu be schränken auf Sitzun gen, in denen wirk lich Ent schei dungen fallen, deren Ergebnis der Reporter vor Ort dann sofort auf der Website ver melden könne. Journalistisch unproduktiv fände er es, „während der Ver anstal tung schon kurze Häppchen“ heraus zugeben. Besser sei es, unmittel bar nach Sitzungs schluss kompakte Informa tionen abzu setzen, dem sogenann‑ ten Küchen zuruf ent sprechend: „Die drei Dinge sind passiert, das wollen wir online haben.“ Krechting sähe anderen falls die Gefahr, „dass das Berichten dessen, was geschieht, nachher die Betrach tung be einträchtigt, was über haupt da wirk lich passiert ist“ (P. 55). Sein anderes Beispiel kommt aus der Sportberichterstat tung: „Da ist ein Liveticker ein qualitatives Medium, was wir immer einsetzen. Aber die Kollegen, die den Liveticker schreiben, sehen sich nicht in der Lage, danach zu be urteilen, wie das Spiel eigent lich war. Weil sie sagen: Ich habe mich so darauf konzentriert, immer direkt zu schreiben, wer eigent lich gerade am Ball ist, dass 188 ich nachher das große Ganze [nicht mehr im Blick haben kann; Hinzufü gung der Autoren]. Deswegen geht man dort zu zweit sogar vor.“ (P. 59) An gesprochen wird hier das folgende denk bare Problem: Der rezeptive Anteil an der journalisti schen Arbeit (d. i. Wahrnehmen und Ver stehen) wird durch die produktio‑ nelle Seite (d. i. Produk tion und Publika tion) über lagert und über formt. Dies wird umso eher der Fall sein, wenn Produk tion und Publika tion unter digitalen Vor zeichen er folgen und damit häufig zeitbeschleunigt oder sogar echt zeitnah, quasi „live“ er fol‑ gen müssen. „Die Gefahr ist einem bewusst, dennoch ist es alternativ los, würde die Kanzlerin sagen“, sagt Michalsky dazu (P. 49). Diese Art von Multitas king, die Simul‑ tanei tät von Ver stehen und Publizie ren, hält der stell vertretende Welt‑Chefredakteur für grundsätz lich mach bar: „Wir merken halt, dass es wichtig ist, Leute an Ereig nissen live teilnehmen zu lassen. So wie man eben früher es für selbst verständ lich erachtet hat, dass man einer Live‑Reportage eines Fußballspiels im Fernseher oder im Radio teilhaftig wird, will man das heute auch lesen in ver schiedenster Art und Weise, vielleicht sogar illustriert durch ein Bild, was ich selber gerade auf genommen habe im Stadion, wenn ich die Rechte daran hätte. Aber es gibt ja auch andere Ereig nisse, wo es Live‑Berichterstat tung gibt und ganz klar ist, das gehört, finde ich, ganz klar zur journalisti schen Fähig keit heutzutage, dies zu machen.“ (P. 49) Eine Erweite rung journalisti scher Qualifika tionen, gar ein neues Berufs bild will Michalsky darin jedoch nicht sehen: „Auch schon vor 30 Jahren ge hörte es zum Berufs bild be stimmter Journalisten, live zu be richten, nur dass es halt nur im Rundfunk und Fernsehen war.“ (P. 49) Zu den neuen produk tio nellen Kompetenzen gehört auch der Daten journalismus. Hierbei handelt es sich um einen Hybrid an der Schnitt stelle zwischen (digitaler) Recherche, journalisti scher Aus wertung und digitaler Darstel lung (vgl. Kap. 6). Avan‑ cierte daten journalisti sche Formate er möglichen es den Nutzern, eine eigene Auswahl aus den zu einem Thema dargebotenen Daten zu treffen und das journalisti sche An‑ gebot insofern inter aktiv zu individualisie ren.94 94 einige beispiele für Daten journalismus: www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/datenlese-175-jahre-im-zeitraffer- bevoelkerung-morphing-a-940443. html; www.Süddeutsche.de/multimedia/alle-infografiken-alle-datenjournalismus-projekte- entdecken-sie-den-datagraph-1.1617815; www.theguardian.com/news/datablog [alle 11. 04. 2014] 189 5 temPo, tiefe unD teilhabe Müller von Blumen cron sieht hier eine anhaltende Experimentierphase und betont den Aspekt des Visualisierens von Daten (P. 100), ähnlich auch Wegner (P. 33) – obwohl Daten journalismus mehr sein kann, nämlich eine rechner gestützte Ent deckung von Bedeu tungen, die in Rohdaten ver borgen sein können, oder auch ein inter aktives Aus‑ wahlangebot, das der Nutzer selbst mitgestalten kann. Krechting be richtet von Schulun‑ gen in Daten journalismus und davon, dass die Redak tion hier die Zusammen arbeit mit Programmierern und „Daten visualisierern“ sucht (P. 107) – eine Koopera tion, die ihren Grund ver mutlich auch in be grenzten finanziellen und fach lichen Ressourcen des Medien hauses hat. Ditz zufolge steckt der Daten journalismus insgesamt noch „in den Kinder schuhen“ (P. 40). Doch hat die Beobach tung ge zeigt, dass Spiegel Online tatsäch lich schon sehr weit in der Ent wick lung daten journalisti scher Ver fahren ist (vgl. Kap. 6). Auf Professionalisie rung deutet auch hin, dass bei Zeit Online die Stelle eines „Head of Data Journalism“ ein gerichtet wurde (P. 52). Zusammen fassend kann gesagt werden, dass der Beruf des digitalen Journalisten Technikaffini tät voraus setzt. Im Zuge der be ruflichen Aus differenzie rung wurden auch Fähig keiten wie das journalisti sche Darstel lungs vermögen weiter entwickelt, z. B. zum „Digital Storyteller“. Die be fragten Experten schätzen die Möglich keit, Arbeits anteile zu automatisie ren, eher zurück haltend ein und betonen demgegenüber die mensch liche Kreativi tät. Trotz der Vielzahl an Kompetenzen, die avancierter Digitaler Journalismus ver‑ langt, betonen Ver antwort liche, dass auch die individuelle Konzentra tion auf ein Gewerk eine notwendige Bedin gung für Qualität sein kann: „Nicht jeder Journalist muss […] dazu ver pflichtet werden, gleich immer alles zu können. Also nicht jeder muss jetzt irgendwie eine Kamera halten und ein Filmchen machen. Da kommt dann im Zweifels fall nämlich nichts mit Qualität raus.“ (P. 13) 5.3.4 Journalisti sche effekte Von PartiziPa tion aus exPerten sicht Während die neuen digitalen Kompetenzen weitest gehend Elemente der internen journalisti schen Professionali tät sind, die man mit Lern‑ und Trainings verfahren lernen kann oder nicht, eröffnet sich mit der Inter aktion mit dem Publikum und mit der publizisti schen Integra tion von deren Äußerun gen und Rückäuße rungen ein offenes, nicht rest los kalkulier bares Feld, auf dem auch journalisti sche Profis derzeit noch Erfah rungen sammeln. Sie setzen sich mit ver muteten und er wünschten Effekten der Publikumsteilhabe auseinander und suchen Lösungen für auf tretende Probleme. 190 5.3.4.1 Quali täts steigernDe effekte unD anDere Vor teile „Die Kreativi tät des Digitalen Journalismus ist wesent lich größer als die des analogen“ (Grass mann/Freitag. de, P. 12). Grass mann ver bindet diese Einschät zung unmittel bar mit der Einbeziehung von Lesern. Dass der Input des Publikums quali täts steigernd sein kann, ist eine ge teilte Grund auffas sung aller be fragten Experten. Die Chancen, die in der Partizipa tion liegen, über wiegen demnach deut lich die damit ver bundenen Probleme. Unter den Vor teilen wird die enge „Online‑Site‑Leserbin dung“ (Ditz/Spiegel Online, P. 85) hervor gehoben. Bindung und Identifika tion ent stehen demnach auf natür‑ lichem Wege, wenn Nutzer mit ihren Einschät zungen und Erfah rungen ge fragt sind und von den Redak tionen nach weis lich gehört werden. Fiene glaubt, dass es bei Nutzern gut ankomme, „wenn sie das Gefühl haben, sie könnten sich be teili gen“ (P. 114). Mit der Bindung kann sich auch das Image eines Mediums wandeln. Habe der ge‑ druckte Spiegel früher den „Nimbus des Unnah baren“ gehabt, so sei mit Spiegel Online eine neue „Nahbar keit“ ent standen, so Ditz (P. 90). Diese neue Nahbar keit ist aber mehr als nur Imagebil dung. Vielmehr steht auch das Interesse an Reichweiten‑ steigerung dahinter, wie Krechting hervor hebt: „Natür lich ist das Ziel da, das Publi‑ kum zu er reichen, und auch das Publikum, das man dann er reicht, zu ver größern.“ (P. 233) Fiene zeigt sich „persön lich sehr froh, dass die Hürde zum Publikum oder zur Hörer schaft jetzt durch das Netz so stark ab gebaut wird“. Seine Wertschät zung gründet sich auch auf dem Nutzen, den er als Journalist dadurch erfährt. Die ge knüpften Netz werke bei Facebook und Twitter helfen ihm demnach bei Themen vorberei tung und Themen recherche. Das Erlebnis von Feedback und Kritik sei „Teil des Alltags“ von Journalisten ge worden, hebt Hummelmeier hervor: „Ich persön lich empfinde das als Bereiche rung, weil ich denke, dass jeder Journalist es schätzen sollte, wenn er gesagt bekommt: ‚Interessant zu lesen‘. Oder auch wenn er gesagt bekommt: ‚Den Ansatz dieses Beitrags ver stehe ich über haupt nicht‘.“ (P. 72) Journalisten bekämen so auch einen „Einblick in die Gedanken welt unserer Leser“ (P. 178) – diesen Aspekt fügt Krechting hinzu. Auch dies ein Einblick, der nicht zweck frei ist, sondern zur kunden‑ gerechte ren Gestal tung digitaljournalisti scher Produkte führen kann. Zu den wichti gen und unmittel bar quali täts steigernden Grundleis tungen der Partizipa tion gehört der schlichte Fehlerhinweis. Plöchinger sagt: „Eine unmittel bare Quali täts steige rung bei Rechtschreibfehlern, inhalt lichen Fehlern etc. ist möglich.“ (P. 8, ebenso Schwarze/Rhein‑Zeitung. de, P. 6 und 158) 15 bis 20 Mal am Tag sei das 191 5 temPo, tiefe unD teilhabe bei Süd deutsche. de der Fall (P. 67). Niemann sagt für taz. de: „Das ist tatsäch lich […] positiv, gerade wenn man auch korrekturmäßig so unter besetzt ist wie wir.“ (P. 143) Müller von Blumen cron hält es für mittlerweile selbst verständ lich, Fehler nicht nur stillschweigend zu korrigie ren, sondern darauf redaktio nell hinzu weisen und sich beim Hinweis geber zu be danken. Hier habe sich „eine ganz andere Fehlerkultur als früher“ ent wickelt (P. 200, ebenso Plöchinger/Süd deutsche. de, P. 63). Hummelmeier sagt: „Hinweise auf Tippfehler, inhalt liche Fehler greifen wir sofort auf. Und wir achten und bemühen uns immer stärker darum, daraus auch Themen zu gewinnen. Das ist noch in der Anfangs phase.“ (P. 66) Aus den Artikula tionen des Publikums neue Themen abzu lesen, diese Grundü bung ist also noch in der Ent wick lung be griffen. Journalisten seien in der Regel Generalisten, so Fiene. Zu speziellen Themen gebe es aber im Publikum immer noch jemanden, der „klüger ist als man selbst“. Dieses Wissen aufzu finden, anzu nehmen und für das übrige Publikum redaktio nell zu organi‑ sie ren, sei „eine sehr wichtige Funktion, die über diese inter aktiven Formate möglich ist“ (P. 114). Ähnlich äußert sich Müller von Blumen cron: „Wir sind auf Experten an gewiesen in vielen Fällen, um Sach verhalte darzu stellen bzw. zu er gründen und binden sie dann quasi in den Text ein. Und Experten kann ich bei be stimmten Themen aber auch im Publikum finden.“ (P. 140) Die Experten suche und ‑auswahl bleibt dabei aber eine journalisti sche Aufgabe, die bei aktuell auf kommen den Themen rasch und treff sicher er folgen muss, so der Chefredakteur von FAZ. net: „Ein Experte kann auch ein Experte für einen Tag sein, weil das irgendwie in seinem Terrain, in seinem lokalen Terrain passiert oder in seinem Wissens ter rain, in seinem Hobbybereich, was auch immer. Plötz lich wird der ganz wichtig aus irgendeinem Grund und dann brauchen wir die Leute, die sich da richtig gut aus kennen. Die sich mit irgendeiner Wissen schaft be schäfti gen, von der wir vorher noch nicht ansatz weise irgendwas wussten, aber irgendwie gibt es da Leute und plötz lich werden die ganz wichtig.“ (P. 234) Auf einen anderen wichti gen Aspekt weist Krechting hin: Journalismus, der Feedback auf greift und nutzt sowie recherchierend in sozialen Netz werken unter wegs ist, ver‑ breitert die Informa tions basis der darauf fußenden späteren Berichterstat tung: „Quali‑ täts gewinn durch Teilhabe kann sein, dass uns sehr viel mehr Informa tionen zur Ver fügung ge stellt werden […], aber auch weitere Hinweise und Beobach tungen, die wir dann natür lich noch über prüfen müssen, die wir auch nicht 1 : 1 über nehmen können.“ Im Resultat führe die Teilhabe dazu, „dass wir die Geschichte sehr viel 192 schneller und mit einer breite ren Informa tions basis weiter drehen können“. Die Häufig‑ keit, in der sinn voll auszu wertende Hinweise in der Redak tion eintreffen, sollte indes nicht über schätzt werden. Dies sei „nicht jeden Tag zehn Mal der Fall“, schränkt Krechting ein (P. 13). Seinen Aus sagen zufolge kommt es aber doch wohl regelmäßig vor: jeweils zwei bis drei Hinweise pro Woche über Facebook und Twitter (P. 23). Gleichlautend die Aus kunft von Schwarze über Rhein-Zeitung. de: „Zwei, drei Mal die Woche so wertvolle Tweets, dass daraus Geschichten ent stehen.“ (P. 93) Der Dialog mit dem Publikum wirke quali täts steigernd, so auch Grass mann: „Ich glaube, dass das Produkt interessanter und besser wird, wenn man die Leute ernst nimmt und guckt, was sie zu den Themen zu sagen haben.“ (P. 207) Auch werde das Produkt „innovativer“ und es komme zu einer gegen seiti gen intellektuellen Befruch‑ tung von Medium und Community – diese Merkmale fügt Grass mann an anderer Stelle hinzu (P. 65). Die „Wächterfunk tion“ sieht der stell vertretende Chefredakteur von Freitag. de weiter hin als Aufgabe profes sio neller Redak tionen. Im Bereich des Meinungs journalismus und der Analyse könnten „kreative Formen“ der unmittel baren Mitwir kung von Nutzern auf Beitragsebene ent wickelt werden (P. 197). Müller von Blumen cron sieht die Chance, „neue Formen“ wie z. B. Debatten formate im Zusammen wirken mit dem Publikum zu ent wickeln. Ergebnis sei ein „möglicher weise für den Leser dann wiederum viel interessante res Produkt […] als alleine als Journalist. Wir haben die Wahrheit nicht ge pachtet bzw. das Exper‑ tentum. […] Gemeinsam mit meinen Lesern etwas zu ent wickeln, gibt einmal dem Leser eine wesent lich stärkere […] Bindung, bindet ihn wesent lich stärker an das Produkt. Macht das Produkt anfass barer, macht die Redak tion zugäng licher und auf der anderen Seite: macht das Produkt besser, reich halti ger.“ (P. 140) Um dies zu er möglichen, müsse sich u. a. das Rollen verständnis von Journalisten ändern: „ein Stückchen mehr Moderator und nicht etwa Meinungs diktator“ (P. 119), wie es Müller von Blumen cron zu gespitzt formuliert. Für Plöchinger steht fest: „Als Journalist mich Input zu ver weigern, halte ich für hochproblematisch. Wir haben da draußen einfach sehr viele Leute, die auf Fach‑ gebieten z. B. schlauer sind als wir Generalisten‑Journalisten. Wieso sollten wir mit denen nicht in Kontakt treten? Wieso sollten wir uns denen ver weigern?“ In dem Süd deutsche. de‑Projekt „Die Recherche“ werden Nutzer regelmäßig um Themen vor‑ schläge und inhalt liche Hinweise ge beten. „Tausende Leute stimmen darüber ab, wohin wollen wir recherchie ren“, hebt Plöchinger hervor (P. 91). Einmal wurde z. B. nach Bildung ge fragt: „So viele Kinder kann man als Redak tion gar nicht haben, um da 193 5 temPo, tiefe unD teilhabe interessante Aspekte auch wirk lich in toto zu er fassen. Es ist total klug, Leute zu fragen.“ (P. 121) Ergebnis war das digitale Dossier „Was im Bildungs system falsch läuft“.95 „Es gibt immer Leute, die klüger sind als wir“, ist auch die Über zeugung von Wegner mit Blick auf die produktive, quali täts steigernde Rolle des Publikums (P. 167). Aber werden Journalisten deshalb über flüssig? Krechtings Erfah rungen zufolge werden Journalisten im Nachrichten bereich nicht ersetzt, aber doch ergänzt von Menschen, die im öffent lichen Raum unter wegs seien und von dort Beobach tungen und Ereig‑ nisse meldeten (P. 367). Die „Hoheit der Nachrichten weitergabe“ liegt nicht mehr nur beim Journalisten, hat Fiene fest gestellt (P. 189). Hart bringt das Beispiel eines Ratgeber‑Dossiers zur Frage „Wie kann ich mir mit möglichst wenig Geld ein Haus leisten?“. Hier seien weiter hin „Fachkollegen“ und journalisti sche Experten für Baufinanzie rung ge fragt, das Thema zu recherchie ren und den „Nutz wert“ für Leser aufzu bereiten (P. 380). Dieses Argument wird nach vollzieh‑ bar, wenn man auf nicht‑journalisti sche, rein nutzer getriebene Ratgeber portale wie Gutefrage. net oder Yelp. de blickt. Da stellen Laien Fragen, häufig zu Alltags problemen oder Freizeitinteressen, und be kommen Antworten, eben falls von Laien. Die Antworten sind aber häufig mutmaßend oder er weisen sich als unzu treffend, wenn der ursprüng‑ liche Fragesteller die an gebotene Lösung aus probiert. Zudem sind diese Ratgeber portale häufig von einer Unüber sichtlich keit mit einer Vielzahl von mehr oder weniger brauch‑ baren Antworten ge prägt. Dies trägt nicht gerade zur Usability bei. Ganz anders dagegen der (Digitale) Journalismus, der nur ge prüfte Antworten weiter gibt und diese auf ihren Wesentlich keits kern konzentriert. Die Erfah rungen von Nutzern kommen aber auf der Beispielebene, dann, wenn es um die Ver anschau lichung von Sach verhalten geht, wieder ins Spiel. Darauf weist Müller von Blumen cron hin: „Mit welchen Beispielen illustrierst du diese ab strakte gesund heits politi sche Thematik? Finde die Beispiele! Das kannst du über die sozialen Medien er heblich einfacher machen. Das kannst du über das Netz über haupt er heblich einfacher machen. Und dann eben die Weite rungen – Debatten, Diskussionen. Also, ich finde es eine ab solute Bereiche rung.“ (P. 124) Auch Plöchinger zählt den Dialog mit dem und die Teilhabe des Publikums zu den „Quali täts‑Ermöglichern“ beim Digitalen Journalismus, neben anderen Faktoren wie der Multimediali tät und der Möglich keit, große Daten mengen zu ver arbeiten und zu präsentie ren (P. 8). 95 www.sueddeutsche.de/bildung/agenda-das-laeuft-falsch-im-bildungssystem-1.1794945 [09. 04. 2014] 194 5.3.4.2 Probleme unD grenzen Der PartiziPa tion Aus den multifunk tio nellen digitalen Produk tions weisen (vgl. Kap. 6.2.2.2) wie auch aus dem permanenten Dialog mit dem Publikum können Über las tungs momente für Journalisten resultie ren. Zeit-Online‑Chefredakteur Wegner be richtet von einem Arbeits‑ tag, an dem mit einem Blogeintrag zum Leis tungs schutz recht eine Twitter‑Debatte ent facht wurde, die ihn bis abends um 22 Uhr in Atem ge halten habe, bis er den Diskutanten, denen er antwortete, sagen musste: „Ich kann jetzt nicht mehr. Wir müssen noch was anderes machen. Lasst uns nächste Woche auf Skype weiter dis ku‑ tieren.“ (P. 233) Aus der Redak tion von taz. de be richtet Niemann, dass dem Nach verfolgen von Publikums reak tionen und deren Beantwor tung enge perso nelle Grenzen gesetzt seien: „Es fehlt uns (…) die Manpower, da jetzt das alles zu ver folgen. Wir sind mit unserem Tages geschäft sozu sagen sehr gut aus gelastet, dass man das ganz ehrlich nicht weiter groß ver folgen kann.“ (P. 131). Zielina zufolge ist dies kein Einzelfall: „Es ist in Deutschland und auch im anderen deutsch sprachigen Raum immer noch so, dass unsere Online‑Redak tionen perso nell deut lich dünner besetzt sind als die dazu gehöri gen Print‑ oder TV‑ oder Radioredak tionen. Das ist natür lich ein Nachteil, der nicht dazu führen muss, dass qualitativ schlechte rer Journalismus ge macht wird. Das ist ein ganz ent scheiden der Punkt, aber es kann natür lich im Einzelfall dazu führen, dass weniger Zeit für eine Recherche da ist, dass mehr Druck auf dem einzelnen Redakteur lastet. Wie die Redak tionen damit umgehen, wie die Redak tions leitun gen damit umgehen, das ent scheidet dann im Endeffekt darüber, ob sich dieser, wie soll ich sagen, fast Standortnachteil dann tatsäch lich auch in schlechtere Qualität umsetzt. Das kann er, das muss er aber nicht.“ (P. 33) Je populärer ein digitales Medium wird, je weiter seine Community wächst, desto eher sind für die Redak tion die Grenzen der Kommunika tion und des Community‑Mana‑ gements er reicht. Bei Spiegel Online ist dieser Fall inzwischen ein getreten, wie Ditz be richtet: „Bei uns ist das natür lich mittlerweile eine giganti sche Welle, die jeden Tag und eigent lich jederzeit auf uns zuschwappt. Wir sind also nicht in der Lage […] zu antworten […] und mit unseren Lesern dann auch in Kommunika tion einzu treten, weil es einfach zu viel ist. Wir kriegen Tausende, Zehntausende Postings jeden Tag, Tausende E‑Mails, im Social Web haben wir Hundert tausende Follower. Es 195 5 temPo, tiefe unD teilhabe ist einfach schwierig, da jedem gerecht zu werden und das wird uns mittlerweile zum Teil ja auch als Malus aus gelegt, weil keiner weiß, was da jeden Tag auf uns zurollt. […] Ich habe nur einfach nicht die Leute, die sich eben darum kümmern. Da müsste man eine ähnlich große Redak tion nur dafür haben, also [eine] reine Geld frage letzt lich.“ (P. 71) Obwohl deut lich kleiner als Spiegel Online, ist die Lage bei Freitag. de nicht unähn lich, wie Grass mann be richtet: „Irgendwann ist natür lich auch der Zeitpunkt er reicht, wo man das im Grunde nicht mehr im Auge be halten kann, wo die Community eigent lich zu groß ist. Wir haben jetzt 16.000 an gemeldete User. Deswegen haben wir uns dazu ent‑ schlossen, die sogenannte Soft‑Modera tion einzu führen. Das heißt, die User können unter ihren Artikeln selber Kommentare einklappen und sie können, daran arbeiten wir noch, aber es wird jetzt demnächst so sein, sie können auch Nutzer sperren. Das heißt, es kann da nicht jeder mehr unter dem Artikel seinen Kommentar ab lassen. Wenn man sagt: ‚Ich will nicht, dass der hier was schreibt‘, dann ist der für diesen Artikel ge sperrt. Dann kann er da nichts machen.“ (P. 105) Grass mann zufolge hat Freitag. de eine Community, die sich auch selbst reguliert, weil es dort aktive Nutzer gebe, „die so ein bisschen mäßigend auf den ein oder anderen einwirken“ (P. 101). An die „These von den Selbstreini gungs kräften“ glaubt indes Scheib auf grund ihrer Erfah rungen mit DerWesten. de „nur sehr bedingt“. Sie hält es für notwendig, dass sich die Medien kompetenz auch des Publikums weiter entwickelt (P. 177). Medien kompetenz in diesem Sinne kann mehrere Dimensionen haben: die Fähig‑ keit, sich in einer ent grenzten digitalen Medien umwelt selbst vor schäd lichen Einflüssen zu schützen, kränkende oder be leidigende Wirkun gen extremer Äußerun gen zu anti‑ zipie ren, also zu ver meiden und über haupt zu einem zivilisierten Diskurs beizu tragen. Dass dieser Diskurs möglich bleibt und nicht (politi sche) Hasstiraden über hand nehmen, ist aber auch eine redaktio nelle Aufgabe des Community‑Managements. Die Experten treffen sich in dem strategi schen Ziel, für die eigent liche Zielgruppe einen geschützten Raum für Meinungs austausch bereit zustellen. Das Stamm publikum soll sich wohl‑ fühlen, diese Vor stel lung tauchte wört lich mehrfach auf. Hart sieht die Leitung von Bild. de in der Pflicht, dafür zu sorgen, „dass […] eine ver nünftige Diskussion, in der sich alle wohlfühlen, statt findet“ (P. 310). Auch Scheib spricht von einem Umfeld, „wo sich andere Leute wohler fühlen und mehr diskutie ren wollen“ (P. 177). Plöchinger 196 zufolge werden unerwünschte Kommentare bei Süd deutsche. de inzwischen „sehr streng“ moderiert, und zwar „aus einem simplen Grund: Wenn Sie das lesen als jemand, der da nicht kommentiert, dann fühlen Sie sich in welcher Gemein schaft? In einer guten oder in einer schlechten?“ (P. 71). Ein Clubgefühl zu er zeugen ist das, was viele quali täts orientierte Digitalmedien an streben: „Da […] ist ein wichti ges […] geisti ges Konzept, so etwas wie einen Leserclub zu er richten, in dem man den Leuten das Gefühl ver mittelt und auch die Sicher heit gibt […], dass sie in einer Gemein schaft von interessierten Menschen [sind; Hinzufü‑ gung der Autoren], die sich für das, was unsere Gesell schaft aus macht und was auf der Welt geschieht, interessie ren und darüber klug debattie ren.“ (P. 75) In der Beurtei lung des Süd deutsche. de‑Chefredakteurs werden indes beim Commu‑ nity‑Building viele Fehler ge macht: „Wenn Sie den Leserdialog falsch führen, die Auf wände nicht richtig kanalisie ren, die Methodik nicht stimmt, wenn Sie sich nicht über legt haben, was Sie eigent lich er reichen wollen, nämlich nicht, dass da unten möglichst viele Leute irgendwas ab lassen können, sondern dass Sie eine Art Gemein schaft schaffen wollen, wenn das Ziel also falsch definiert ist, haben Sie da ganz plötz lich Probleme, die Sie nicht haben wollen. Sie wollen ein Community‑Building, den Leserdialog. Und auf den meisten Seiten sehen Leserdialog‑Funktionen nicht so aus, als ginge es um Community‑Building, sondern um [eine] Müll halde für Menschen, die pöbeln wollen. Das kann nicht das Ziel sein.“ (P. 71) Das größte Problem, dem sich digitale Medien gegen über sehen, sind be leidigende Äußerun gen und politi scher Extremismus.96 Davon be richten Ditz (P. 96), Hart (P. 303), Scheib (P. 100) und Schwarze (P. 148). Müller von Blumen cron, früher auch ver antwort‑ lich für Spiegel Online, be richtet aus der damali gen Zeit, dass nur ungefähr 60 Prozent der ein gegangenen Kommentare über haupt ver öffent licht wurden: „30 bis 40 Prozent der Kommentare kann ich gar nicht auf die Seite bringen, weil sie so unter irdisch sind be ziehungs weise sogar den strafrecht lichen Rahmen sprengen. Das ist er schreckend, 96 Die sich online aus breiten den hass reden sind nicht nur ein politi sches und juristi sches problem. auch für die von beleidi gungen be troffenen Journalisten selbst kann davon Stress aus gehen. „Das geht bis zu Stal king in einzelfällen bei uns“, sagt Ditz. „Da muss man schon auch geschützt sein und geschützt werden durch chefredak tion, rechts abtei lung und man muss natür lich ein dickes Fell haben.“ (p. 133) angriffe gehen „teil weise ins persön liche“, be richtet hummelmeier: „ich habe von einem der herren, die da regelmäßig ver öffent lichen, zu Weihnachten ein speziell für mich geschriebenes Gedicht be kommen, das als illustra tion einen Grabstein hatte.“ (p. 109) Für Schwarze und andere steht fest: „ich muss mich hier nicht anpöbeln lassen.“ (p. 163) müller von blumen cron weiß aus seiner langjähri gen erfah rung, dass es für einige Journalisten „zuerst mal einen Schock [be deutet; hinzufü gung der autoren], denn wenn man […] die härte in den kommentaren erfährt bzw. zum ersten mal in so einem Sturm steht und wegen einer aussage so richtig einen auf die mütze bekommt, […] das schockiert viele. Und der ton ist unerbitt lich.“ (p. 115) 197 5 temPo, tiefe unD teilhabe aber das ist eine Frage der Steue rung. Das ist nicht eine Frage, ob Partizipa tion gut oder schlecht ist.“ (P. 170) Der Umgang mit „Trollen“ ist also durch aus als Management aufgabe zu ver stehen (Unter bindung von strafbewehrten oder menschen unwürdi gen Äußerun gen, Zivilisie‑ rungs versuche) und als Störfaktor im Ver hältnis zu den interessierten und konstruktiven Nutzern, die jedes digitale Medium gerne an sich binden möchte. Aggressive Äußerun‑ gen be leidi gen und be drohen Einzelne, Schmäh‑ und Hass reden ge fährden aber auch den Clubcharakter, der für Einvernehmen und Wellness‑Gefühle innerhalb einer digital‑medialen Community sorgen soll. Keinem Redak tions verantwort lichen kann es gleichgültig sein, wenn Stamm leser, die man mit Blick auf die unsiche ren Erlös modelle des Digitalen Journalismus möglichst (bald) zu zahlen den Kunden machen möchte, von Personen, die sich online vorzu gs weise ge hässig äußern, ver trieben werden. Zielina sieht hier eine Art Fürsorge pflicht des Medien anbieters, die aber auch dessen wohl verstandenem Eigen interesse an Nutzer bindung folgt: „Der wichtigste Teil einer Community sind eigent lich die, die zuschauen und zuhören. Und umso wichti ger ist es, dass der kleine Teil, der partizipiert, also aktiv partizipiert, indem er sich einbringt, nicht über rannt wird von Trollen. Umso wichti ger ist es, dass man daran arbeitet, dass dieser kleine Teil ein mehrwert‑ stiften der Teil ist, weil der eben den Ton in der Konversa tion sozu sagen setzt.“ (P. 162) Hart be richtet, dass die Redak tion von Bild. de gegen über Störern und bei allen Äuße‑ run gen, die sich außerhalb des Werterahmens des Grundgesetzes be wegten, nötigen falls er zieherisch auf trete und sich die Möglich keit eines Platz verweises, die ultima ratio einer Exklusion vor behalte: „‚Hey, wenn du jemanden anpöbelst wegen seiner Religion, dann bist du hier nicht richtig. Dann sorgen wir dafür, dass du hier keinen Platz findest.‘ Wir reden tatsäch lich auch mit den Leuten, also wir ver warnen die Leute auch. Wir ver‑ suchen, die Leute auch dazu zu er ziehen, sich irgendwie produktiv und ver nünftig in die Diskussion einzu bringen. Und es gibt immer wieder Leute, bei denen das nicht funktioniert und die schmeißen wir auch raus.“ (P. 310) Um an dieser Stelle eine Analogie aus der Polizeisprache zu bemühen: Zunächst wird eine Gefährder ansprache ver sucht. „Wir haben aber eine E‑Mail‑Adresse von denen, d. h. wir können die kontaktie ren.“ (P. 310) Der Nutzer wird auf die Anstößig keit 198 seiner Äußerung hin gewiesen und auf gefordert, die online publizierte Netiquette97 einzu halten. Im Falle er neuten Zuwider handelns wird der Nutzer für Bild. de ge sperrt. Das, so Hart, habe ebenso wenig mit „Zensur“ zu tun wie rassisti sche, rechts radikale oder gar antisemiti sche Äußerun gen mit Meinungs frei heit. Weniger stark scheint das Problem in der Community von Zeit Online aus gebildet zu sein. „Es wird zwar nicht vor gefiltert, aber nach gegärtnert ganz ordent lich“, sagt Chefredakteur Wegner. Die Community‑Redak tion achte „sehr auf das grundlegende Niveau“ (P. 150). Zeit Online habe im Netz den Ruf, dass es dort sehr zivilisiert zugehe, weswegen man sich dort auch „als sterb licher Intellektueller“ äußern könne. Wegner fügt hinzu: „Ich würde mich z. B. nie bei Spiegel Online im Forum äußern, […] das ist eine eigene Welt des Irrsinns.“ (P. 150) Weg ners Wahrneh mung eines Wettbewerbs unter den digitalen Medien angeboten, hier: die negative Einschät zung von Spiegel Online, zeigt, dass Störer unter den Nutzern einer digital‑medialen Community sehr wohl zu einem Imageproblem für das be troffene Medien angebot werden können. Als eine andere Reak tions weise scheint sich in manchen Redak tionen eine – jour‑ nalistisch und politisch nicht unproblemati sche – Ver mei dungs haltung heraus gebildet zu haben. Artikel über multikulturelles Zusammen leben („Integra tions themen“), so Scheib, würden „ge kapert“, z. B. von Mitgliedern der NPD. Solche Themen poste DerWesten. de daher nicht bei Facebook (P. 100). In Facebook „nie etwas über Jerusalem, Israel, Nazis“, warnt auch Schwarze, „das ruft immer merk würdige Gestalten aus der ganzen Republik und darüber hinaus auf den Plan. […] Es gibt Reaktionen auf Themen, die möchte man nicht lesen.“ In Reaktion darauf über lege die Rhein-Zeitung ihr Forum, „das klassi sche Forum eines Zeitungs‑Online‑Auftritts“, noch weiter in den Hinter grund zu schieben oder ganz abzu schalten (P. 148). Neben der Ver meidung von Themen, die zweifel hafte Nutzer anziehen könnten, ist die Einschrän kung oder Lenkung von Partizipa tion eine dritte Variante von Regula‑ tion. Noch wollen sich nicht alle dazu be kennen; so hat ein Experte eine Äußerung in diesem Sinne nicht zur Ver öffent lichung freigegeben. Ditz aber be richtet von internen Diskussionen bei Spiegel Online: „Die Frage […], die wir uns im Moment stellen: Ver‑ suchen wir nicht lieber, das zu kanalisie ren? Zu kanalisie ren heißt: lieber auf Klasse zu setzen in dieser Feedback‑Kultur und nicht so sehr auf Masse. Denn wir haben natür‑ lich auch unglaub liches Feedback, auf das man gut und gern ver zichten kann.“ (P. 71) Auch Müller von Blumen cron nennt für FAZ. net die Option, „die Leserkommen‑ tare noch stärker zu filtern, sodass nur das er scheint, was nütz lich für die Debatte ist. 97 „Damit sich jeder innerhalb der Bild. de-community wohlfühlt, gelten auch hier be stimmte Umgangs formen. nur gegen seiti ger respekt und höflich keit sorgen für eine rege Diskussion.“ www.bild.de/bild-community/agb/bildchannel-home/netiquette- 4480440.bild. html [11. 02. 2014] 199 5 temPo, tiefe unD teilhabe Natür lich setzt man sich damit dem Zensur vorwurf aus, aber auf der anderen Seite gewähren wir auch eine Öffentlich keit. Und wenn wir die Debatte an sich akzeptie ren, einschließ lich der Kritik an unserem eigenen Produkt, aber dann quasi das als Aus‑ gangs punkt nehmen, um eine richtige Diskussion in Gang zu bringen, dann sollten wir auch darauf achten, dass diese Diskussion ein be stimmtes Niveau behält.“ (P. 240) Dass das wünschens werte Niveau oft unter schritten wird, diese Ent täuschung deutet auch Krechting für KStA. de an (P. 239, 247). Neben der Aufgabe des richti gen Umgangs mit problemati scher Partizipa tion stellt sich die Frage, wie sich über haupt ein Journalismus weiter entwickeln wird, der in medien historisch einmali ger Weise unter dem Einfluss der Präferenzen und Ab nei‑ gungen des Publikums steht. Dies ist eine publizisti sche Frage. Grundsätz lich wird die Teilhabe von Nutzern von allen Befragten akzeptiert. Allerdings wird auch die Gefahr gesehen, dass Digitaler Journalismus nur noch die Themen setzt, die von einer Community oder von sozialen Netz werken vor gegeben werden. Plöchinger plädiert für einen selbst bewussten Journalismus, der im Zweifel auch seine eigene Agenda setzen muss: „Wenn wir stärker vom Publikum ab hängig werden, werden wir gar nicht drumherum kommen, dem Publikum eine ent sprechend starke Rolle zuzu weisen. Das heißt nicht, alles zu machen, was dem Publikum ge fällt, sondern auch, das Publikum zu fordern, heraus zufordern, geistig heraus zufordern, nicht nach dem Mund zu schrei‑ ben.“ (P. 178) Wegner erinnert daran, dass der technisch ge messene Traffic „an sich ja schon User‑Feedback“ sei. Eine Redak tion sollte nicht „zu stark darauf [schielen; Hinzufü‑ gung der Autoren], was jetzt wie viel Reichweite hat. […] Sie soll es wissen, aber sie soll nicht primär danach arbeiten.“ Wenn doch, so Wegner, „wird das ein Problem werden“ (P. 188). Und an anderer Stelle: „Wir sind schon heute durch aus Feedback‑ getrieben. Wenn das noch er heblich stärker wird, habe ich Angst vor Rück kopp lungs‑ effekten.“ (P. 261) Müller von Blumen cron warnt davor, digitale Medien angebote zu stark auf ein momentan ge messenes Publikumsinteresse auszu richten: „Wir haben ja alle Realtime‑Statistiken, mit deren Hilfe wir sehen können, wie die Geschichten auf der Seite ge klickt werden. Wenn ich nach dieser Statistik meine Seite baue, dann kann ich das tun, aber ich bekomme dann ein ent sprechen‑ des Ergebnis. […] Jemand, der das perfekt macht, ein ganzes journalisti sches Produkt nach Publikums geschmack zu bauen, […] dann bekomme ich Buzz Feed und nicht mehr den Spiegel oder die Frank furter Allgemeine.“ (P. 166) 200 Das Ergebnis sei eine Mischung, „die nicht unseren Vor stel lungen von einem quali‑ täts halti gen Medium ent spricht“ (P. 166). Der FAZ. net‑Chefredakteur betont: „Be‑ stimmte Arbeiten sollte man den Profis über lassen, nach wie vor.“ (P. 166) Und sein Kollege von Süd deutsche. de, Plöchinger, sekundiert: „Wenn ich die ganze Zeit nur darauf schiele, wo wird viel ge klickt, mache ich eine andere Seite, als wenn ich sie nach publizisti schen Kriterien mache. Man muss alle diese Möglich keiten in ein kluges Gewicht stellen zueinander und zu dem, was Journalismus eigent lich soll, und dann immer als erstes publizistisch ent scheiden und erst in nach rangi ger Ordnung über Reichweite, Umsatz etc. Das ist auch alles wichtig, aber da haben wir sicher lich in den ersten Jahren Online‑ Journalismus zu sehr auf Faktoren geschielt, die ich jetzt nicht als Quali täts orientie‑ rung be schreiben würde.“ (P. 13) Wegner sieht das ebenso: „Ich würde nie vollständig die Grenze auf lösen zwischen beidem [Nutzern und Journalisten; Hinzufü gung der Autoren]. Das ist auch so eine Erkenntnis der letzten zehn Jahre.“ (P. 178) 5.3.4.3 ent wick lungs beDarfe im Dialog mit Dem Publikum Die Dialogisie rung als neue journalisti sche Grundhal tung im Ver hältnis zum Publikum stößt an ihre Grenzen, wo die dafür nötigen Fertig keiten noch unter entwickelt sind oder der Zeitmangel von Journalisten und die Unter beset zung von Redak tionen sich bemerk‑ bar machen. „Wir diskutie ren mit, soweit es uns möglich ist“, formuliert Niemann einschränkend (P. 153). Bei manchen Journalisten, auch in digitalen Redak tionen, scheint aber auch die Bereit schaft, den einmal ein gegangenen Dialog be ständig fortzuführen, noch unter‑ entwickelt zu sein. Krechting sagt über KStA. de: „Bei den Blogs unserer Redakteure ist das Problem, dass mir da die Frequenz viel, viel zu niedrig ist. Sie haben es sich vielleicht mal an geschaut, wie alt die letzten Beiträge der Kollegen sind. Und insofern über legen wir tatsäch lich gerade ernst‑ haft, ob uns das auf Dauer weiter bringt. Wenn es nicht möglich ist, dass man sich einmal in der Woche dort meldet, dann habe ich auch keine stetige Nutzer‑ schaft.“ (P. 269) 201 5 temPo, tiefe unD teilhabe Ein anderer zukunfts weisen der Aspekt ist der Ver such, sinn stiftende Nutzer kommentare stärker als bisher zu integralen Bestand teilen von journalisti schen Beiträgen zu machen. Ohne schon eine Lösung präsentie ren zu können, er läutert Stöcker: „Wir denken darüber nach, wie wir Social Media auf die Website bringen, also in Form einer Einbin dung. Aber nicht einfach dieses schlichte Einbinden, dass da die letzten Kommentare auf tauchen. Sondern ich möchte da eine echt kluge, durch dachte Lösung haben, dass das wirk lich themen spezifisch ist, dass das auch zum Look and Feel der Homepage passt. […] Dieses ‚Embedded‘ ist ja ganz schön, aber die Idee ist ja auch ein paar Jahre alt und wirkt immer so ein bisschen reingenagelt. Das würde ich schon gerne besser lösen.“ (P. 275) In eine ähnliche Richtung denkt Wegner für Zeit Online: „Wir integrie ren immer mehr Feedback direkt in die Geschichten. In der Weiter entwick lung der Site ist dies ein zentraler Punkt: Wie integrie ren wir die Community stärker in das Storytelling?“ (P. 178). abbilDung 5.1: „readers’ Perspectives“ auf nytimes. com 202 Wie so etwas aus sehen könnte, macht die New York Times mit „Readers’ Perspec‑ tives“ vor – mit Leserkommentaren unmittel bar zum Thema, die prominent gleich neben dem journalisti schen Beitrag98 platziert werden – und nicht weit darunter, wie es heute noch üblich ist (siehe Abb. 5.1). 5.3.4.4 Prognosen zur zukÜnfti gen rolle Des Publikums Keiner der be fragten Experten traut sich zu, die weitere Ent wick lung zu prognostizie‑ ren.99 Einig sind sie sich aber darin, dass die Dynamik der Ent wick lung noch lange nicht nach lassen wird. Als Faktoren, die sich schon heute absehen lassen, werden zunächst wieder techni sche ge nannt: „der Megatrend ‚Mobile‘“ in den Worten von Krechting. Die weiter wachsende Nutzung von mobilen Endgeräten (Smartphones, Tablets usw.) werde dazu führen, dass Nutzer „noch viel stärker in jeder Lebens situa‑ tion […] theoretisch partizipie ren können“. Rückmel dungen auf journalisti sche Arbeit würden „noch unmittel barer oder schneller“ eintreffen. „Nicht jeder“, fährt Krechting fort, „wird sein Smartphone dazu nutzen, überall zu fotografie ren und das der Zeitung zu schicken. Das ist dann wirk lich wiederum auch ein kleine rer Kreis. Aber die Partizipa tion […] wird […] durch das Vor preschen der mobilen Nutzung unmittel barer, schneller vielleicht in der konkreten Situa tion sein.“ (P. 389) Die Rolle des Publikums „wird sich radikalisie ren“, er wartet Michalsky, „technisch ge trieben zunächst“. Noch wisse aber niemand, welche informa tions techni schen Neue‑ run gen es in den nächsten zwei Jahren geben werde. Der Welt. de‑Verantwort liche zählt auf: „Was wird das Device sein, auf dem wir nachher mobil surfen? Wird es eher ein iPad mini sein oder muss es ein iPad mini sein, was noch ein bisschen kleiner ist, aber mit dem man auch telefonie ren kann? Fragen, die einfach nicht ab schließend ge klärt sind. Werden die Tablets jemals, ich sage nein, jemals ein Massen produkt werden? […] Ich glaube, es wird ein Smartphone sein. Aber ein Smartphone, das ein bisschen größer ist als die aktuellen iPhones. Was muss dieses Ding können? 98 a race to Save the orange by altering its Dna, www.nytimes.com/2013/07/28/science/ 1397777484a-race-to-save-the- orange-by-altering-its-dna. html?_r= 0 [09. 04. 2014]. plöchinger kommentiert: „ich finde den ent wurf der New York Times natür lich nett, das ist auch noch ein experiment bei denen, weil es relativ viel manueller aufwand ist.“ (p. 91) 99 Der von sich wandelnden publikums gewohn heiten aus gehen den Ver ände rungs dynamik unter liegen nach experten einschät zung auch die heute noch extrem populären sozialen netz werke und Suchmaschinen. michalsky sagt: „Wird in zwei Jahren Facebook noch wichtig sein, finde ich, ist über haupt nicht ent schieden. Werden wir in fünf Jahren noch mit Google suchen? Würde ich mal sagen, ist wahrschein lich, aber muss über haupt nicht so sein.“ (p. 225) 203 5 temPo, tiefe unD teilhabe Absolut nicht ent schieden. Und man sieht ja immer wieder, dass die Nutzer extrem offen sind, sowas Neues auch zu nutzen. […] Ich gebe keinerlei Prognose ab, was wir in einem Jahr tun werden. Es wird irgendwie digital sein. Aber was genau und was dann unsere Themen sind, weiß ich nicht. Wir haben vor einem Jahr noch nicht so über Mobile ge sprochen, wie wir heute über Mobile sprechen.“ (P. 225) „Was glauben Sie“, lautete eine Frage in unserem Interview‑Leitfaden, „wird das Publi‑ kum je auf Augenhöhe mit Ihren Redakteuren agieren können? Und zwar in dem Sinne, dass beide Partner Journalismus können?“ Müller von Blumen cron war der einzige, der darauf mit einem „Ja klar“ (P. 231) antwortete. Nicht aufzu lösende Unter‑ schiede und Leis tungs rollen ver bleiben aber auch aus seiner Sicht: „Es bleibt dann trotzdem ein Unter schied zwischen Journalist und Leser. Von einem Leser erwarte ich nicht, dass er unparteiisch ist. Ich erwarte nicht, dass er sich in einem Text der journalisti schen Ethik unter wirft. Es ist eben ein Leser‑ beitrag und der kann ge färbt sein und möglicher weise nicht nach unseren Regeln recherchiert usw. […] Auf der anderen Seite können Leser bei der Recherche eben sehr hilf reich sein, weil sie etwa Experten sind. Weil sie selbst etwas quasi jour‑ nalistisch heraus gefunden haben. Und dennoch glaube ich, dass es auf Dauer eine professio nelle Ebene geben wird, die das Ganze organisiert, die Permanenz in der Berichterstat tung sicherstellt. Auf klärung und Wahr heits findung werden sich auch in Zukunft nicht einfach von selbst organisie ren.“ (P. 234) Scheib äußert sich skeptisch zur Augenhöhe‑Frage: „Im Moment ist es keine Gleich‑ berechti gung, weil das traditio nelle System Massen medien ist halt noch da und das andere wächst so langsam. Wenn ich jetzt in die Zukunft gucke: […] klar ver schiebt sich das und wird sich sicher lich auch noch weiter ver schieben. Ich bin mir nicht sicher, ob es zu einer Gleich berechti gung kommen wird.“ (P. 169) Fiene zufolge hat die Bedeu tung von Journalismus im digitalen Zeitalter nicht ab genommen, im Gegen teil: „Man hat ja eher das Gefühl, das wird noch wichti ger, weil einfach so viele Informa tionen da sind, dass alle einfach total über fordert sind. Und ich glaube, das ist dann auch so die Stärke oder auch die Haus aufgabe, die wir machen müssen, dass wir irgendwie Halt bieten. Und die Leute ent scheiden sich dann halt für einen, wenn man so eine Art Heimat bietet, im Sinne von, wenn das Lebens‑ 204 gefühl der Person an gesprochen wird. Und jede Person, wir sind ja alle so viel‑ fältig, hat halt ver schiedene Lebens gefühle, die dann gerne an gesprochen werden.“ (P. 203) Hart er wartet, dass sich mehr „Content‑Parallelwelten zum klassi schen Journalismus“100 heraus bilden (P. 376) und glaubt gleichwohl, wie weiter oben schon dargelegt, an die Unentbehrlich keit von sortie ren dem Journalismus. Medien haben aber ihr Informa‑ tions‑ und Deutungs monopol ver loren – wenn sie es denn je hatten. Für Journalisten gibt es keinen Rückweg mehr in die „splendid isola tion“, wie Hummelmeier sagt: „‚Ich erkläre euch die Welt und ihr habt es so zu akzeptie ren, wie wir das sehen.‘ Das ist heute nicht mehr so, sondern aus der relativ einseiti gen Kommunika tion ist […] ein, ich will nicht sagen Dialog, aber jeden falls eine Rückmeldebeziehung auf Augenhöhe ge worden.“ (P. 128) Wie andere glaubt auch Plöchinger nicht, dass Leser und Nutzer „eigent lich unseren Job machen wollen und nur deswegen mal so ein bisschen mit uns reden, aber es eigent lich besser wissen oder besser können“. Noch immer sei eine Erwar tungs haltung vor herrschend: „‚Sagt mir, was auf der Welt passiert. Ich möchte mir das nicht selber erarbeiten, sagt es mir.‘ […] Die kommen zu uns, weil sie das nicht selbst machen wollen. Das heißt aber nicht, dass sie nichts beizu tragen haben. Vielleicht lesen sie etwas und haben dann Gedanken beizu tragen. Dafür offener zu werden, ist schon relativ wesent lich, weil: wenn wir bei den Leuten so viel Emotionali tät erzeugt haben, dass sie sich zu etwas ver halten wollen, dann ist das erst mal gut. Sie be schäfti gen sich mit uns. Und auf diesen Willen der Leute, sich mit uns zu be schäfti gen, einzu gehen, halte ich für über lebens wichtig.“ (P. 168) Zielina zufolge wird der Großteil des Publikums nie selbst dauer haft in eine Produ‑ zenten rolle schlüpfen wollen, die Journalismus substituie ren könnte, „schon […] allein deshalb [nicht; Hinzufü gung der Autoren], weil es eine sehr zeit aufwendige und an‑ stren gende Arbeit ist“ (P. 195). Ein Umfeld zu schaffen, in dem sich „andere Leute wohler fühlen und mehr diskutie ren wollen“ – das kann, in den Worten von Scheib, als ein strategi sches Ziel 100 harts beispiel kommt aus der Gesund heits informa tion: „Vor allem, es gibt ja viele inter aktive netz werke von menschen, die eine krank heit haben, die sich gegen seitig aus tauschen: ‚Wie kann ich mir helfen? Wo ist der beste arzt? Welches medikament ist auf dem markt?‘ oder schwangere Frauen, die sich gegen seitig tipps geben. Das hat nichts mit der klassi schen Website zu tun, aber das sind ja schon be stimmte Dinge, die ohne Journalisten aus kommen.“ (p. 376) 205 5 temPo, tiefe unD teilhabe wohl aller digitalen Redak tionen mit Interesse an ihrer jeweili gen Community um‑ schrieben werden. Scheib schränkt ein: „Diese These von den Selbstreini gungs kräften funktioniert nur sehr bedingt.“ (P. 177) Die Expertin scheint an Nutzer wie Journalisten gleichermaßen zu denken, wenn sie sagt: „Medien kompetenz muss sich auch ändern. Ich muss eben auch wissen, was heißt das, wenn der das schreibt, wie wahr ist das dann? Das muss ich wissen, wenn ich einem journalisti schen Text gegen über stehe. Was ist das für ein Haus? Was ist das für ein Typ? Wie fundiert ist der? Was kann da an Unter nehmens linie drinstecken, an politi scher Positionie rung des Mediums? Über solche Sachen muss ich nach denken. Muss ich ganz genauso, wenn einer drüber bloggt oder twittert oder sonst irgendwas. Was sind dessen Interessen, wie sauber recherchiert der? Ist das ein ge sponserter Blog‑Post?“ (P. 177). „Auch eine Community muss Qualität liefern“, er wartet sich Grass mann (P. 82). Hier deutet sich ein weiterer Aspekt von „Wechselseitig keit“ (Pött ker, 2000, S. 389) an. Die Inter aktionen zwischen Journalismus und Publikum be deuten einen Lernprozess nicht nur für Journalisten, sondern lang fristig auch für Nutzer, deren Mitwir kung sich weiter‑ entwickeln wird – was Ver haltens weisen, Inter aktions stile und bei gesteuerte Inhalte angeht. Der Wandel, den die Digitalisie rung für alle Kommunika tions verhält nisse, be sonders aber für die medial ver mittelten, be deutet, ist immer ein beidseiti ger. Mit der Weiter entwick lung des Journalismus sind er hebliche Umbrüche und Soll‑ bruchstellen ver bunden – gerade im dialogi schen Ver hältnis zum Publikum, aber auch bei notwendi gen digitalen Kompetenzen, im Ver trieb und in der Redak tions organisation zeigen sich wichtige Chancen ebenso wie Heraus forde rungen für den Jour nalismus unter digitalen Vor zeichen. Insbesondere zeigt sich, dass die Teilhabe des Publikums nicht nur Vor teile hat, sondern auch Probleme mit sich bringt, für die die Befragten nach Lösungen suchen. Insgesamt er fordert das heterogene Publikum unter schied liche redaktio nelle Maßnahmen und ein sensibles Vor gehen, wenn es in die Kreativ‑ und Produk tions prozesse einbezogen werden soll, d. h. vor allem und konkret, dass es auch techni sche Antworten auf den partizipativen Umgang mit ihm geben muss. Aus den zahl reichen Projekten und Beispielen der Befragten schließen wir auf einen großen Experimentierwillen der gesamten Branche, der sich auch an den Be‑ mühungen ablesen lässt, den bisheri gen Graben zwischen „Offline“‑ und „Online“‑ Redak tionen zu über winden und daraus möglichst Synergien zu schöpfen. Dies zeigt sich u. a. an der cross medialen Ver schrän kung der be stehen den Ver triebs kanäle von Presse bzw. Rundfunk und den zu gehöri gen Digital angeboten. 206 Insgesamt er scheint vor allem die Rolle des Publikums als eine wichtige Einfluss‑ größe bei der Nutzung neuer Gestal tungs potenziale im Digitalen Journalismus; diese Einschät zung wird von den meisten Experten ge teilt und hängt unmittel bar mit der Quali täts siche rung im Journalismus zusammen, für die viele Beispiele ge nannt wor‑ den sind. Alle be fragten Experten teilen darüber hinaus die Auf fassung, dass die Chancen, die in dieser Dialogisie rung liegen, die damit ver bundenen Probleme klar über wiegen. 207 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Die neue Journalisten genera tion ist agil und ge nügsam, kennt keinen Redak tions schluss und gehört keinem Berufs verband an, der für ihre Tariferhöhungen streitet. Sie ver‑ richtet im Akkord und mit allerhöchster Präzision den Job klassi scher Nachrichten‑ produzenten: Sie recherchiert, selektiert, koordiniert und be reitet publizisti sche Inhalte zielgruppen gerecht auf – vom Exklusivfoto über die aktuelle News, den Twitter‑Stream bis zur Storify‑Reportage. Die Rede ist hier von einem Schreck gespenst, das seit einigen Jahren sein Unwesen in der Medien branche treibt: Vielfach heraufbeschworen, zuerst als techni sche Errungen schaft ge feiert, dann doch wieder als bloße Schimäre ab getan, hat sich der „Roboterjournalismus“ als futuristi sches Bedrohungs szenario in die Köpfe derer ein gebrannt, die seit den krisen haften Ver werfungen der Medien landschaft um ihre Existenz fürchten müssen. Als gäbe es wegen fehlen der Geschäfts modelle und der Auf lösung tradi tio neller Ver triebs wege nicht schon einige gewichtige Heraus forde‑ rungen, müssen sich Reporter und Redakteure auch noch damit herum schlagen, dass ihnen Maschinen möglicher weise den Arbeits platz streitig machen (vgl. Bell, 2012; Fassler, 2012; Fischer, 2013; Mozorov, 2012; Levy, 2012; von Dalen, 2012, 2013; Schweitzer, 2012).101 Im Lichte der profes sio nellen Wirklich keit be trachtet muss die allseits ge hegte Befürch tung, Journalisten könnten berufs mäßig durch Roboter ersetzt werden, frei lich als un begründet gelten – nicht, weil man Automaten keinen Platz in der Redak tion zuweisen würde, Computer sind ja bereits fest in den journalisti schen Alltag integriert. Sondern weil das, was Algorithmen zu leisten ver mögen, nicht annähernd etwas mit dem Berufsethos von Journalisten zu tun hat – weder mit dem Instinkt für morali sche Ver fehlungen, der Leiden schaft für investigative Recherchen, noch mit der nötigen Wachsam keit gegen über den Mächti gen aus Politik und Wirtschaft (vgl. Diakopou los, 2013). Inzwischen herrscht unter Experten jedoch Einig keit darüber, dass automatisierte Lösungen der Textproduk tion, die US‑Softwarefirmen und Start‑ups wie Narrative Science, Journatic, Automatic Insights (vormals: Stats heet Network) oder Demand 101 Die Debatte um die Zukunft des (Digitalen) Journalismus ist auch anliegen einer Studien reihe der Graduate School of Journalism an der columbia University in new york, die seit 2010 von der ehemali gen Guardian-Journalistin emily bell ge führt wird. Die Studien be fassen sich damit, wie sich Journalismus in den digitalen Um gebun gen weiter entwickeln kann (vgl. anderson u. a., 2012; Diakopoulos, 2014; Downie, Jr./Schudson, 2009; Grueskin u. a., 2011; nolan & Setrakian, 2013). Speziell mit dem phänomen der automatisierten nachrichten setzen sich vor allem anderson u. a. auseinander (2012, S. 25 ff.), insbesondere mit den möglichkeiten datenjournalistischer anwendungen: „if the answer to the question ‚what do algorithms do better?‘ is that they produce stories that come from structured data, and if the world of structured data of a personal, local, national and international nature is exponentially increasing, then an estimate of 90 percent of the universe of ‚stories‘ being automated is not far-fetched.“ (anderson u. a., 2012, S. 26) 208 Media anbieten, offen bar in der eher flos kel‑ und statistik getriebenen Sport‑ und Börsen berichterstat tung, vor allem im Daten journalismus, also dort, wo Standard texte ge fordert sind oder Statistiken und Daten aggregiert werden, prinzipiell funktionie ren, aber in weiteren Journalismus bereichen kaum reüssie ren werden (vgl. Bell, 2012; Fassler, 2012; Goldberg, 2013; Mozorov, 2012; van Dalen, 2012, 2013; Weichert 2012).102 Und bei aller Objektivi tät und Akkuratesse, die Automaten mensch lichen Journalisten voraus haben mögen: Haltung ist kein Konzept, das sich Maschinen beibringen lassen. Es scheint also, als würden mensch liche Redakteure (jeden falls bis auf Weiteres) unersetz lich bleiben, selbst dann, wenn es nur um eine Prüfung von Informa tionen, eine Vor‑Ort‑Recherche, das Ver fassen einer Reportage oder den Dialog mit dem Publikum geht.103 Dennoch darf die wieder ab flauende Diskussion um die bevor stehende Invasion der Roboterjournalisten nicht darüber hinweg täuschen, dass eine Vielzahl maschi neller Prothesen schon länger in den Redak tions betrieb Einzug ge halten hat – und dass deren Aus wirkungen auf die Geistes verfas sung des Journalismus noch relativ unerforscht sind: Allerlei Tools, Gears und Gadgets, Hardware‑Apparaturen und Software‑Anwen‑ dungen, Nachrichten‑Management‑Systeme und Redak tions‑Wikis, Grafik verarbei‑ tungs‑ und Instant‑Messenger‑Programme, News Apps und Twitter‑Suchmaschinen haben eine Verbreitung im redak tio nellen Betrieb erlangt und be schleunigen einen Trend, den wir hier „Automatisie rung“ nennen wollen.104 Im Bereich der Wirtschafts informatik sind mit „Automatisie rung“ technisch‑ maschi nelle Anwen dungs systeme be schrieben worden, die im Rahmen von Geschäfts‑ prozessen mit der autonomen Durch führung von Auf gaben befasst sind (vgl. Ferstl & Sinz, 2013, S. 124 ff., 220 ff.). Dabei wird unter schieden zwischen – vollautomatisiert (vollständige Durch führung der Aufgabe von einem Anwen dungs‑ system), – nicht-automatisiert (vollständige Durch führung der Aufgabe von einer Person) und – teilautomatisiert (kooperative Durch führung von einem Anwen dungs system und einer Person) (vgl. Ferstl & Sinz, 2013, S. 220). Auch die Automatisie rung von Transak tionen lässt sich nach dieser Ab stufung er‑ mitteln, wobei sich zu den (voll)automatisierten Transak tionen solche zählen lassen, 102 in Deutschland können Start-ups wie tame. it, datawrapper. de, niiu. de, teleocon. de und retrecso. de als Ver treter dieser automatisie- rung auf gefasst werden. ihr kern merkmal ist jedoch mehr heit lich die Sammlung, aggrega tion, Visualisie rung und/oder semanti sche auf berei tung von Daten, weniger die erstel lung von texten. 103 interessanter als die Diskussion um eine mögliche Substitu tion von Journalisten durch automaten bzw. maschinen scheint die Frage zu sein, ob eine automatisierte texterstel lung dazu führt, dass es in naher Zukunft zielgruppen spezifi sche anpas sungen journalisti scher beiträge zum gleichen thema geben wird (vgl. hierzu mozorov, 2012). 104 Vgl. zum hier nur am rande be handelten trend zur algorithmisie rung des Journalismus den theorieteil (kap. 2) und Diakopou los (2013). 209 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus die von einem Kommunika tions system Mensch‑Computer (M‑C) bzw. Computer‑ Computer (C‑C) um gesetzt werden (z. B. E‑Mail, elektroni sche Daten übertra gung) und zu den nicht‑automatisierten Trans kationen diejenigen, die von einem Kommunika‑ tions system Mensch‑Mensch (M‑M) durch geführt werden (z. B. münd lich direkte Kommunika tion oder per Telefon, papier gestützt) (vgl. Ferstl & Sinz, 2013, S. 220). In dieser Systemperspektive werden Computer und Mensch als Partner be trachtet, die gemeinsam an der Zielerreichung von Lösungen arbeiten (vgl. Ferstl & Sinz. 2013, S. 126). Diesem Schema ent sprechend lässt sich der Automatisie rungs grad einer Abfolge unter schied licher Auf gaben und Transak tionen er mitteln oder eben über tragen auf journalisti sche Produk tions prozesse – wie sie in Kap. 6.2.2 bei Journalisten be obachtet wurden – eine Abfolge unter schied licher Handlun gen und Tätig keiten. Im Wirtschafts kontext wird unter Automatisie rung dagegen vor allem die „Über‑ tragung von Funktionen des Produk tions prozesses, insbesondere Prozess steue rungs‑ und -rege lungs aufgaben vom Menschen auf künst liche Systeme“ ver standen (Voigt, 2013, o. S.). Unter Automatisie rung im Journalismus ver stehen wir in Anleh nung an den Kontext von Wirtschafts wissen schaft (vgl. Voigt, 2013) und Wirtschafts informatik (vgl. Ferstl & Sinz, 2013) somit Aufgaben und Transak tionen im journalistisch-publizisti- schen Produk tions prozess, die von techni schen Anwen dungs systemen, vor allem von Pro- grammen und Software-Anwen dungen, kooperativ (anteilig) oder vollständig (autonom) über nommen werden, vorzungsweise in den Bereichen: – Recherche, Sammlung und Selek tion von Informa tionen, – Produk tion (auch Vor‑ und Post produk tion) von Inhalten, – Be‑ und Ver arbei tung von Beiträgen, – Publika tion und Distribu tion von Inhalten, – Rezep tion von Nutzer‑Feedback und Feedback verarbei tung, – Planungs‑, Koordina tions‑ und Organisa tions kommunika tion sowie – sonstige computer‑/technik gestützte Kommunika tion (inkl. Konferenzen). Automatisie rungs tendenzen lassen sich in der journalisti schen Inhalte‑Produk tion unter dem Einfluss techni scher Hilfs mittel (Hardware, Software) er kennen. Der Grad der Automatisie rung – niedrig, mittel oder hoch – richtet sich jeweils nach dem Anteil, den diese Hilfs mittel am gesamten journalisti schen Hand lungs ablauf haben bzw. inwiefern und zu welchen Anteilen diese Hilfs mittel eine von Journalisten aus geübte Tätig keit graduell adaptie ren oder über formen. Die uns interessie ren den Automatisie‑ rungs merkmale konzentrie ren sich dabei auf Handlun gen und Hand lungs abläufe, die in der Praxis tatsäch lich be obachtet werden können. Die Redak tions beobach tung konzentriert sich zunächst darauf, ob und wie sich die professionellen Reali täten im Digitalen Journalismus unter Berücksichti gung kon‑ 210 kreter redak tio neller Einsatz gebiete, Tätig keits felder und spezifi scher Berufsprofile im Einklang mit automatisierten Handlun gen und Arbeits routinen ab bilden lassen: Mit der quali tativen Beobach tungs studie wird die Manifesta tion individueller Handlun gen ebenso fokussiert wie Hand lungs abfolgen von Journalisten. Unter Beobach tung stehen sämt liche koordinierenden und planeri schen, aber auch recherchierende, produktio nelle, publi zierende und ver trieb liche Tätig keiten. Beobachtet wurden insgesamt zehn Redak‑ teure in vier unter schied lichen Online‑Redak tionen bei der Ver rich tung ihrer Arbeit, jeweils einen ganzen Tag lang. Der ent scheidende Vorteil des methodi schen Vor gehens lag dabei in der unmittel baren empiri schen Zugänglich keit zu den Forschungs subjekten und den weit gehend un verfälschten Einblicken in deren redaktio nelle Arbeits umge‑ bung.105 Tatsäch liches journalisti sches Handeln gilt unter den Bedin gungen der Digi‑ ta li sie rung als empirisch schwer zu fassen, weil Digitaler Journalismus an gesichts der Ent wick lung immer neuer techni scher Endgeräte und der dynamisierten Inhalteproduk‑ tion in einem andauernden Über gangs zustand be griffen ist: „Journalismus als Dauerbau‑ stelle“ (Plöchinger, 2013, o. S.). Auch aus diesem Grund lässt sich die professio nelle Realwelt der Akteure, so zumindest die Annahme, konkret in einer Moment aufnahme einfangen: In einer Beobach tung wie dieser lässt sich ein Muster aus detaillierten Einzelhand lungen und Ab folgen mit unter schied licher Hand lungs tiefe er fassen, das – ab gesichert durch er‑ gänzende Ab schluss gespräche mit den be obach teten Akteuren – für die jeweili gen journalisti schen Tätig keits bereiche als typisch erachtet wird, wenn gleich auf grund der geringen Fallzahlen kein Anspruch auf Repräsentativi tät erhoben werden kann. Um be rufliches Handeln anhand solcher Einzelfälle dennoch hinreichend und diffe ren‑ zierend be schreiben zu können, be schränkte sich das Vor gehen auf spezifi sche Berufs‑ profile und damit einher gehende Hand lungs typiken eines aus schnitt haften Teils der Beobach tungs realität. Automatisie rungs tendenzen lassen sich im Journalismus auf sehr unter schied lichen Hand lungs ebenen in unter schied licher Intensi tät be obachten, be schreiben und be werten. Ziel war es zu analysie ren, worin sich der mögliche Quali täts zuwachs journalisti scher Arbeit (vgl. Kap. 2) im automatisierten redak tio nellen Umfeld aus drückt und welche herkömm lichen sowie innovativen Werkzeuge der Quali täts siche rung in der heuti gen Arbeits realität zum Einsatz kommen. Ein weiteres Ziel der Beobach tung war die Identifizie rung von Spezialisie rungen von Redakteuren, die in einem innovativen 105 Von der Studien anlage her können keine rückschlüsse auf die redak tion als organisa tion und auch keine redak tions übergreifen- den rückschlüsse ge zogen werden. 211 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Arbeits bereich technikorientiert arbeiten und hohen techni schen Standards unter ge‑ stiegenem Zeitdruck ge nügen müssen – etwa die Profile von Social‑Media‑Redakteuren, Multimedia‑Redakteuren oder Daten journalisten. Interessiert hat auch, wie professio‑ nelle Journalisten ihre techni schen Werkzeuge ver wenden, welches Spektrum an Kern‑ kompetenzen dies für den Journalismus unter digitalen Vor zeichen er fordert und inwiefern anhand der be obach teten Daten womög lich ein Trend zur Deprofessionalisie‑ rung durch die Automatisie rung zu er kennen ist – dies alles auch im Hinblick auf notwendige Reformen in der Aus‑ und Weiter bildung von Journalisten ge dacht. Im Fazit nehmen wir eine holisti sche Perspektive ein und leiten auf Basis der qualitativen Beobach tungs daten ab, inwiefern die zunehmende Technologieabhängig‑ keit in den Redak tionen zu einem Quali täts gewinn oder zu einer Unter minie rung journalisti scher Arbeit führen kann und was diese Implika tionen für den Journalismus unter digitalen Vor zeichen insgesamt be deuten.106 6.1 forschungs Design: konzeP tion, Durch fÜhrung, Daten aufberei tung Im Schwerpunkt wird unter sucht, ob und inwiefern techni sche Automatisie rungs‑ tendenzen in journalisti sche Handlun gen und Hand lungs abläufe integriert sind – und zwar im Hinblick auf redaktio nelle Produk tions prozesse sowie in Bezug auf die Integra‑ tion des Publikums, und inwiefern diese möglicher weise die Qualität journalisti scher Arbeit positiv oder negativ be einflussen. 6.1.1 forschungs fragen Im Rahmen einer qualitativ an gelegten, teilnehmen den Beobach tung in vier aus‑ gewählten Online‑Redak tionen wurden je zwei (DRadio Wissen, Spiegel Online) bzw. drei (Rhein-Zeitung, Tagesschau. de) Redakteure einen Arbeits tag lang be obachtend be gleitet, insgesamt also zehn Redakteure mit unter schied lichen Auf gaben bereichen. Aus der über geordneten Forschungs frage wurden folgende fünf explorativen Forschungs‑ fragen ab geleitet: 106 Vgl. zu den gesell schaft lichen konsequenzen techni scher lösungen allgemein morozov (2013). 212 (EF1): In welchen Redak tions bereichen und bei welchen Tätig keiten bzw. Handlun- gen ist am ehesten eine Automatisie rung im Journalismus fest zustellen? (EF2): Welche innovativen techni schen Werkzeuge und Instrumente finden im redak- tio nellen Alltag Anwen dung? (EF3): Inwiefern lassen sich die Formen und Muster profes sio neller Automatisie rung er kennen und be schreiben? (EF4): Wie be einflussen automatisierte Software-Anwen dungen journalisti sche Produk- tions abläufe? (EF5): Inwieweit be einflussen Automatisie rungs prozesse die journalisti sche Qualität insgesamt? Die Beobach tung von Automatisie rungs tendenzen im Journalismus und deren Einfluss auf dessen Qualität ist ein noch wenig be forschtes Gebiet, sodass die Formulie rung der Unter suchungs fragen relativ offen an gelegt ist, um möglichst viele Aspekte er fassen zu können. 6.1.2 beobach tung als erhe bungs methoDe Zur Beantwor tung der Forschungs fragen wurde die wissen schaft liche Methode der Beobach tung ge wählt. Die Literatur bietet ver schiedene Defini tionen der Methode. Eine einschlägige Defini tion, bezogen auf den Unter suchungs gegen stand – sicht bare journalisti sche Hand lungs abläufe –, und in Ab gren zung zur alltäg lichen Beobach tung, liefern Brosius, Koschel und Haas (2009),107 die dem Ver ständnis der für diese Studie um gesetzten Beobach tung ent spricht: „Die wissen schaft liche Beobach tung ist die selektive und systemati sche Erfas sung und Protokollie rung von sinn lich wahrnehm baren Aspekten prinzipiell sicht baren mensch lichen Ver haltens. Die Erfas sung beruht auf einem hierfür konzipierten 107 Die vor geschlagene Defini tion der autoren rekurriert auf Defini tionen von attes lander, 1995, S. 87, Friedrichs, 1980, S. 269 und Gehrau, 2002, S. 25 f. Die einschlägigste Defini tion von wissen schaft licher beobach tung lieferte zwar Gehrau, die aber nicht ganz unkritisch zu über nehmen ist. mit seiner Defini tion von beobach tung schließt Gehrau sinn lich wahrnehm bares Ver halten aus, welches sprach lich ver mittelt oder auf Dokumenten im Sinne von Video aufzeich nungen basiert, und weist die erfas sung dieser Unter suchungs- gegenstände der befra gung und inhalts analyse zu (vgl. Gehrau, 2002, S. 26). im hinblick auf die ab gren zung zur befra gung und zur inhalts analyse macht sein Defini tions vorschlag Sinn. Dennoch greift dieser mit blick auf den Unter suchungs gegen stand insofern zu kurz, als verbales Ver halten ein wesent licher bestand teil von sinn lich wahrnehm barem Ver halten sein und mithilfe der beobach tung erfasst werden kann. Darüber hinaus kann auch mensch liches Ver halten aus Video aufzeich nungen teil einer beobach tung sein. hier schlagen brosius u. a. (2009) eine differenziertere Unter schei dung vor, wobei auf zeich nungen von mensch lichem Ver halten im Sinne von authenti schem Ver halten der beobach tung zu gewiesen und die analyse von medial inszeniertem Ver halten der inhalts analyse zu gewiesen werden kann (vgl. brosius u. a., 2009, S. 180 f.). 213 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Erhe bungs instrument und kann durch mensch liche Beobachter oder apparative Vor rich tungen er folgen. Sie beruht auf einer wissen schaft lichen Fragestel lung, ist in ihrem Vor gehen inter subjektiv nach prüf bar und wieder holbar, indem alle rele‑ vanten Aspekte offen gelegt werden.“ (Brosius u. a., 2009, S. 182) Die durch geführte Beobach tung wurde als qualitatives Ver fahren offen passiv‑teil neh‑ mend an gelegt. Diese ge wählte Variante be deutet, dass der Beobach tungs person die Beobach tungs situa tion bewusst ist, die Beobachter jedoch nicht aktiv in die Gescheh‑ nisse und Hand lungs abläufe eingreifen. Der Vorteil dieser Vor gehens weise besteht darin, dass die Beobachter in der Lage sind, die Arbeit und Handlun gen umfassend wahrzunehmen. Der Nachteil jedoch, der grundsätz lich als spezifi sches Problem bei Beobach tungen ein tritt, ist die hohe Reaktivi tät. Die Gefahr dieses Problems besteht darin, dass dem be obach teten Redakteur die Beobach tungs situa tion bewusst ist und dieser möglicher weise ein sozial er wünschtes Ver halten äußern könnte, was wiederum zu einer Ver zerrung des natür lichen Ver haltens und demnach zu einer Ver zerrung der Beobach tungs ergeb nisse führen könnte (vgl. Brosius u. a., S. 195 f.; Gehrau, 2002, S. 32 ff.; Scheufele & Engelmann, 2009, S. 196 f.). Aus diesem Grund sollten allfällige Stör‑ und Einfluss faktoren in der Beobach‑ tungs situa tion auf ein Minimum reduziert werden, damit der be obachtete Redakteur sich während der Feldphase so natür lich und normal wie möglich ver hält. Zur Vor‑ berei tung auf die Beobach tung wurden deswegen im Vorwege Gespräche mit den be obach teten Redakteuren ge führt und dahin gehende Beobachterregeln fest gelegt, die u. a. das Ver halten des Beobachters und den räum lichen Abstand zwischen Beobachter und Redakteur regeln sollten. 6.1.3 Journalisti sches hanDeln be obachten Beobachtet wurden Hand lungs abläufe von Redakteuren. Handeln im Sinne von jour‑ nalisti schem Handeln wird in dieser Teilstudie in Anleh nung an Altmeppens Defini‑ tions vorschlag108 ver standen als „soziales Handeln ver ständi gungs orientierter Individuen unter den Bedin gungen journalisti scher Aus sagen produk tion“ (Altmeppen, 2004, 108 aus platzgründen muss an dieser Stelle auf eine komplexe theoreti sche herlei tung des begriffs „journalisti sche handlung“ ver- zichtet werden, er wird daher nur knapp dargestellt. es sei darauf ver wiesen, dass die herlei tung des begriffs im Wesent lichen auf die klassi sche Defini tion von max Weber rekurriert, nach dem handeln nur sozial zu ver stehen ist und demnach soziales handeln ein handeln ist, „das seinem von dem oder den handelnden ge meinten Sinn nach auf das Ver halten anderer bezogen wird und daran in seinem ablauf orientiert ist.“ (Weber, 1972, zit. nach altmeppen, 2004, S. 421) 214 S. 421). Da Journalismus erst aus dem Zusammen wirken von sozialem Handeln und Systemeinflüssen ent steht, muss journalisti sches Handeln nach Baum auch ver standen werden „als soziales Handeln in seinen gleichzeitig lebens welt lichen und systemi schen Bezügen“ (Baum, 1994, S. 395). Diesem Ver ständnis folgend ist journalisti sches Handeln zunächst ge prägt durch be stimmte redaktio nelle (Strukturen und Arbeits bedin gungen innerhalb der Organisa‑ tion) und äußere Bedin gungen (gesell schaft liche Funk tions systeme, z. B. Gesell schaft, Politik, Wirtschaft), konstituiert sich aber erst in Ver bindung mit den spezifi schen Berufs erwar tungen und Anforde rungen an den Journalismus (vgl. Altmeppen, 2004, S. 421 ff.). Darüber hinaus und über tragen auf den redak tio nellen Alltag be deutet journalisti sches Handeln jedoch nicht, dass Handlun gen sich analog und einzeln von‑ einander ab gegrenzt vollziehen, sondern diese stellen vielmehr einen fließen den Vorgang aus Hand lungs absicht und Vollzug dar (vgl. Altmeppen, 2004, S. 423), woraus sich Hand lungs abläufe ergeben, die in der Beobach tungs studie im Vordergrund stehen. Orientiert an den Hand lungs routinen der jeweili gen journalisti schen Produk tions‑ phasen (Recherche, Produk tion, Publika tion, Rezep tion von Nutzer feedback, Planung, Organisa tion, Kommunika tion), wurden einzelne Hand lungs abläufe und Arbeits schritte kategorial protokolliert. Dabei wurden nicht selektiv be stimmte Handlun gen des be‑ obach teten Redakteurs erfasst, sondern es wurden sämt liche Handlun gen, die der Redakteur am Beobach tungs tag vollzogen hatte, chronologisch und ent sprechend des Unter suchungs instruments (vgl. Kap. 6.1.5) strukturiert auf genommen. 6.1.4 stichProbe: auswahl Der reDak tionen unD beobach tungs Personen Beobach tungen sind in ihrer Konzep tion und Umset zung sehr auf wendig in Bezug auf Zeit, Personal und die Daten erhe bung selbst. Die vor liegende Studie basiert auf einer qualitativ orientierten Anlage mit teil weise standardisierten Elementen, sodass die unter suchten Beobach tungs fälle Fallstudien charakter auf weisen und die Ergeb nisse demnach auch keinen Anspruch auf ver allgemeinernde Aus sagekraft erheben. Die Aus‑ wahl der Beobach tungs fälle (Redak tionen) er folgte mithilfe eines be wussten Auswahl‑ verfahrens, bei dem die Beobach tungs fälle und ‑personen nach sachlogi schen Erwägun‑ gen aus gewählt werden bzw. danach, wie zentral die Auswahl für die Beant wor tung der Forschungs frage ist (vgl. Brosius u. a., 2009, S. 83). Die be wusste Auswahl konzen‑ trierte sich zunächst auf den Kernbereich des Digitalen Journalismus, sprich Redak‑ tionen, die im Wesent lichen digitalen Informa tions‑ und Nachrichten journalismus 215 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus be treiben. Darüber hinaus ging es bei der Auswahl in Anleh nung an die forschungs‑ leiten den Fragen darum, inwieweit innovative Technologien und neue Tätig keits profile – etwa daten journalisti sche Projekte, der redaktio nelle Umgang mit Social Media und multimediale Arbeits formen – in den Redak tionen zur Anwen dung kommen, diese also in ge wisser Weise als „Best Practices“ wahrgenommen werden. Nach diesem Prinzip wurden für die Beobach tungs studie vier Online‑Redak tionen aus gewählt, deren Muttermarken den unter schied lichen Mediengat tungen Radio (DRadio Wissen), regio‑ nale Tages zeitung (Rhein-Zeitung), Print‑Nachrichten magazin (Spiegel Online) und Fernsehen (Tagesschau. de) zuzu ordnen sind (vgl. Kap. 6.2.1). 6.1.5 beobach tungs instrument Für die Beobach tungs studie wurde ein kategorien geleite tes Unter suchungs instrument ent wickelt. Die strukturgeben den Beobach tungs kategorien wurden offen konzipiert,109 um möglichst umfassende Informa tionen der be obach teten Handlun gen zu ge nerie ren. Aus gehend von den Kennt nissen journalisti scher Hand lungs routinen, u. a. aus Praxis‑ lehrbüchern110 sowie auf Grundlage von bereits durch geführten Beobach tungs studien in unter schied lichen Journalismus bereichen (z. B. Altmeppen, 1999; Blöbaum u. a., 2011; Quandt, 2005), konnten im Hinblick auf das zentrale Forschungs interesse Hand lungs‑ kategorien ab geleitet und neue ent wickelt werden. Beobachtet wurden alle Hand lungs‑ abläufe des jeweils be obach teten Redakteurs am Beobach tungs tag.111 Alle be obach teten Handlun gen wurden in einem strukturierten Beobach tungs tagebuch hand schrift lich dokumentiert (Abb. 6.1). Die grundsätz liche und strukturgebende Systematik der Beobach tung und Proto‑ kollie rung aller Hand lungs abläufe orientierte sich an folgen den über geordneten Leit‑ fragen: 109 neben der identifizie rung von automatisie rungs tendenzen war ein zentrales interesse, hand lungs abläufe zu be obachten, die sich z. b. auf grund technik bedingter einflüsse bzw. spezieller berufsprofile manifestie ren, etwa im bereich Social media. Die offene anlage der kategorien wurde somit bewusst ge wählt, um mögliche hand lungs aspekte, die vorab nicht definiert wurden, nicht von vornherein auszu schließen. 110 handlun gen, tätig keiten und innova tionen der journalisti schen praxis sind in der literatur umfang reich dokumentiert und boten eine fundierte Grundlage zur konzep tion der Gesamtanlage der beobach tung und des hier ver wendeten instruments (z. b. allen, 2009; anderson, 2013; beam & kosicki, 2014; Fengler & kretz schmar, 2009; Franklin, 2012; Grueskin, u. a. 2011; himel boim & mccreery, 2012; Jakubetz, 2011; Jakubetz u. a., 2011; Jones & Salter, 2012; kramp, u. a. 2013; kramp & Weichert, 2012a, 2012b; la roche, u. a., 2013; meier, 2010; neuberger & kapern, 2013; olson, 2013; Schnell, 2008; reich, 2013; robinson, 2011; Schmidt, 2011; Weichert, 2012; Weichert, u. a. 2008, 2010; Witschge, 2012). 111 Diese wurden chronologisch erfasst, jeweils mit einer laufen den nummer sowie der Uhrzeit ver sehen und darüber hinaus einer über geordneten hand lungs ebene zu geordnet (formale kategorien). Jede definierte hand lungs ebene wurde mit einem code ver sehen (100 bis 600), und innerhalb der jeweili gen hand lungs ebene wurden weitere differenzierte hand lungs kategorien zur orientie rung für die beobachter definiert. 216 – Was macht der Redakteur gerade (eigent liche Handlung)? – Welche Technik (Hardware‑ und Software‑Anwen dungen, auch online) setzt er ein? – Welcher Ebene ist seine Handlung zuzu ordnen (Recherche, Produk tion, Publikation, Rezep tion, Planung/Organisa tion/Kommunika tion oder Redak tions konfe renz)? Das Unter suchungs instrument umfasste insgesamt sechs Hand lungs ebenen, innerhalb derer offene Hand lungs kategorien als Beobach tungs kriterien formuliert wurden: Recherche (100) Die Zuwei sung einer Recherchehand lung orientierte sich an den Leitfragen, wie der be obachtete Redakteur Informa tionen sucht, sammelt, selektiert und zusammen stellt. Da die Hand lungs absicht, Informa tionen für einen Beitrag zu suchen, schwer zu be‑ obachten ist, wurden zunächst Handlun gen wie das Sichten von Printdokumenten, Websites, Audio‑ oder Videomaterialien usw. als Recherchetätig keit erfasst und durch Rück fragen be stätigt oder aus geschlossen. Zentrale Beobach tungs kriterien innerhalb dieser Hand lungs ebene waren: – Recherchehand lung: Wie sucht und sammelt der be obachtete Redakteur Informa‑ tionen für Themen oder seinen Beitrag bzw. für ge plante Themen oder Beiträge? – Onlinerecherche (Quellen): Welche Onlinequellen nutzt der Redakteur? – Offlinerecherche (Quellen): Welche Offlinequellen nutzt der Redakteur? – Arbeits mittel: Welche Technik setzt der Redakteur ein (Hardware und Software) bzw. welche anderen Hilfs mittel werden zur Recherche ein gesetzt? Produk tion (200) Der Hand lungs ebene Produk tion wurden alle Hand lungs abläufe zu geordnet, die mit der Auf berei tung, Fertigstel lung und Abnahme von journalisti schen Beiträgen zu tun haben. Zentrale Beobach tungs kriterien innerhalb der Hand lungs ebene Produk tion waren: abbilDung 6.1: auszug aus dem beobach tungs tagebuch nr. Zeit handlung (oberbegriff) ebene hand lungs- ablauf technik (hardware) technik (Software/online) anmer kungen 217 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus – Handlung/Produk tion: Welche Handlung übt der Redakteur im Produk tions prozess aus und wie geht er dabei vor? – Technische Geräte (Hardware): Welche techni schen Geräte ver wendet der Redakteur? (z. B. PC/Arbeits platz, Laptop, Fotokamera, Auf nahmegeräte usw.) – Technische Arbeits mittel (Software): Welche Software ver wendet der Redakteur? (z. B. CMS, Textverarbeitungsprogramm, Onlinetools, Wordpress usw.) Publika tion (300) Publika tions hand lungen wurden protokolliert, sofern ein Beitrag oder ein Social‑Media‑ Beitrag tatsäch lich ver öffent licht wurde. Weitere Beobach tungs kriterien waren: – Ausspiel kanal: Über welchen Kanal wurde der fertige Beitrag aus gespielt? – Technische Geräte (Hardware): Welche techni schen Geräte ver wendet der Redakteur? – Technische Arbeits mittel (Software): Welche Software ver wendet der Redakteur? Rezep tion von Nutzer feedback (400) Hier wurden alle Handlun gen zu geordnet, bei denen der be obachtete Redakteur Nutzer feedback rezipiert. Zentrale Beobach tungs kriterien innerhalb der Hand lungs‑ ebene Rezep tion von Nutzer feedback waren: – Formen der Feedback bearbei tung (Handlung): Wie rezipiert der Redakteur Nutzer‑ feedback? – Wertende Reaktion auf Feedback: Wie reagiert der be obachtete Redakteur auf das Nutzer feedback? – Kontakt mit Nutzer: Über welchen Kanal bekommt der be obachtete Redakteur Kontakt mit dem Nutzer bzw. eine Rückmel dung vom Nutzer? – Technische Geräte (Hardware): Welche techni schen Geräte ver wendet der Redakteur? – Technische Arbeits mittel (Software): Welche Software ver wendet der Redakteur? Planung/Organisa tion/Kommunika tion (500) Neben den klassi schen journalisti schen Hand lungs prozessen sind weitere Tätig keiten wie Planung, Organisa tion, Koordina tion oder Kommunika tion wesent liche Bestand‑ teile im journalisti schen Arbeits alltag. Zentrale Beobach tungs kriterien innerhalb der Hand lungs ebene Planung/Koordina tion/Kommunika tion waren: – Handlung: Welche Handlung übt der Redakteur innerhalb dieser Hand lungs ebene aus und wie geht er vor? – Technische Geräte (Hardware): Welche techni schen Geräte ver wendet der Redakteur? – Technische Hilfs mittel (Software): Welche Software ver wendet der Redakteur? 218 Redak tions konferenz (600) Sofern der be obachtete Redakteur während seiner Schicht an einer Redak tions konferenz teilgenommen hat, wurde diese eben falls be obachtet und protokolliert, um den Ablauf und die Einbin dung des Redakteurs zu er fassen, inklusive ge nutzter Technik und anderer Arbeits mittel. Die systemati sche Zuord nung der Handlun gen zu unter schied lichen Hand lungs‑ ebenen er möglicht in der Ergebnis darstel lung eine bessere Beschrei bung der unter‑ schied lichen Kernbereiche journalisti scher Praxis und möglicher Ver ände rungen – auch in Bezug auf Quali täts routinen. Sofern es vorkam, dass Handlun gen fließend ineinander über gingen oder simultan ge tätigt wurden und damit zwei oder mehrere Hand lungs‑ ebenen be trafen, wurden die Handlun gen auch mehreren Hand lungs ebenen zu geordnet. 6.1.6 Vor berei tungen Der beobach tung unD Durch fÜhrung Sämtliche Beobach tungen in den aus gewählten Redak tionen wurden im Spätsommer/ Herbst 2013 durch geführt, und zwar im Zeitraum 1. August 2013 bis 26. September 2013.112 Nach der Konzep tion des Unter suchungs instruments wurde das Beobachter‑ team ein gehend geschult113 (vgl. Brosius u. a., 2009, S. 204 f.). Im Vorwege der eigent‑ lichen Beobach tung wurde das Beobach tungs instrument einem Pretest114 unter zogen, um dessen Funktionali tät und Reliabili tät zu testen (vgl. Brosius u. a., 2009, S. 205; Scheufele & Engelmann, 2009, S. 196 f.). Insgesamt wurden zwei Pretests durch geführt: Im Nachgang zum ersten Test mussten einige Modifika tionen des Unter suchungs‑ instruments vor genommen werden, die sich im zweiten Pretest be währten, sodass das Instrument aus gereift war für die tatsäch liche Feldphase. Während des darauf folgen den Beobach tungs prozesses wurden alle Handlun gen handschrift lich in dem strukturierten Beobach tungs tagebuch erfasst (vgl. Kap. 6.1.5). 112 ein nach träg licher beobach tungs termin fand am 8. 11. 2013 bei Spiegel Online statt. 113 Während des Schu lungs prozesses (beobachtertraining) lernten die beobachter, richtig mit dem Unter suchungs instrument zu arbeiten. Sie wurden auf ihre beobachter rollen vor bereitet und trainierten, die be obach teten handlun gen unter berücksichti gung der interessie ren den kriterien präzise und nach vollzieh bar in eigenen Worten zu er fassen. auf grund der qualitativen anlage der Studie ist es von hoher bedeu tung, dass alle beobachter ein einheit liches Ver ständnis von sämt lichen auf treten den hand lungs abläufen haben, um eine hohe reliabili tät zu er zielen. 114 ein pretest stellt eine ver kleinerte Simula tion der eigent lichen Unter suchung dar, mit dem primären Ziel, die reliabili tät des Unter suchungs instruments zu testen. es gilt vor allem fest zustellen, ob das beobachterteam die be obach teten Situa tionen richtig einschätzt und handlun gen einheit lich, ent sprechend der formulierten hand lungs kategorien er fassen kann, ob das instrument auch tatsäch lich alle wichti gen aspekte be rücksichtigt und diese adäquat erfass bar sind, ob und welche Störun gen bei der beobach tung auf tauchen und ob die beobach tungs situa tion an gemessen ist für alle beteiligten (vgl. Gehrau, 2002, S. 80 f.). 219 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Dabei wurde eine explorative Vor gehens weise ver folgt, um möglichst umfassende Informa tionen zu ge nerie ren. Die Erfas sung basierte auf ab grenz baren Handlun gen der be obach teten Redakteure innerhalb zusammenhängender Hand lungs abläufe, z. B. Einzelhand lungen während einer Recherche, während des Produk tions prozesses usw. Um die Handlun gen im Gesamt zusammen hang zu ver stehen und voll umfäng lich zu er fassen, durften die Beobachter während des Beobach tungs prozesses mithilfe von Nachfragen zusätz liche Informa tionen oder unklare Sach verhalte er fragen.115 Besonde‑ res Augen merk wurde auf innovative Technologien gelegt und auf die Frage, inwieweit diese in den journalisti schen Hand lungs prozessen integriert sind, um Automatisie‑ rungs ten den zen im Arbeits alltag identifizie ren zu können. Am Ende des Beobach‑ tungs tages wurde außerdem mit jedem be obach teten Redakteur ein Ab schluss gespräch ge führt, in dem etwaige Unklar heiten an gesprochen wurden. 6.1.7 aus wertungen Der beobach tungs Daten Bevor die tatsäch liche Analyse des Beobach tungs materials be ginnen konnte, wurden die handschrift lichen Beobach tungs protokolle im ersten Schritt elektronisch über tragen, nochmals durch die Beobachter über prüft in Bezug auf Fehler, Vollständig keit sowie Nachvollzieh bar keit und schließ lich für die Daten auswer tung ent sprechend auf bereitet. Die auf gezeichneten Ab schluss gespräche mit den be obach teten Redakteuren wurden trans kribiert und als Zusatzinforma tionen zum Beobach tungs material hinzu gezogen. Die Inhalte der Beobach tungs protokolle wurden systematisch mithilfe der quali‑ tativen Inhalts analyse (vgl. Mayring, 2008) unter Anwen dung der Aus wer tungs software MaxQDA 11, einer Software zur computer gestützten qualitativen Daten analyse, ver‑ codet und aus gewertet. Die Aus wertung orientierte sich am Ab laufmodell der inhalt‑ lichen Strukturie rung: 1) Bestim mung der Analyse einheiten (Handlun gen/Technik/Software), 2) Fest legung der Strukturdimensionen (Kategorien und Unter kategorien in MaxQDA er stellen), 3) Formulie rung von Defini tionen, Anker beispielen und Kodierregeln zu den einzel‑ nen Kategorien (Memos in MaxQDA), 115 bereits im Vorwege der beobach tungen wurde jedem redakteur ein Vor abfragebogen geschickt, in dem biographi sche, berufs- biographi sche Daten sowie angaben zum aktuellen journalisti schen profil und zur Stellung in der redak tion ab gefragt wurden. außerdem wurde in Vor gesprächen mit den be obach teten redakteuren die Vor gehens weise am beobach tungs tag be sprochen und ab gestimmt. Das Ziel war, einen beobach tungs modus zu finden, der den be obach teten redakteur bzw. die redakteurin in seinen bzw. ihren alltäg- lichen arbeits abläufen so wenig wie möglich be einträchtigt und ein möglichst authenti sches Ver halten sicherstellte. 220 4) Materialdurchlauf (Strukturie rung der Beobach tungs daten mithilfe der Codie rung), 5) Reduk tion des Materials und Extrak tion, 6) Ergebnis darstel lung (vgl. Mayring, 2008, S. 82 ff.). Im Ver gleich zur quantitativen Analyse orientiert sich die qualitative Analyse eher an Einzelfällen und erlaubt eine offene, deskriptive und interpretierende Heran gehens weise an das Unter suchungs material (vgl. Mayring, 2008, S. 21). Bei der ge wählten Variante der strukturie ren den Analyse (vgl. Mayring, 2008, S. 82 ff.) wurden die be obach teten Handlun gen im zweiten Schritt der Daten aufberei tung ent sprechend der Vor strukturie‑ rung des Unter suchungs instruments inhalt lich extrahiert. Darüber hinaus wurden induktiv und regelgeleitet aus dem Material heraus weitere Unter kategorien ge bildet und die Handlun gen ent sprechend ver codet. Ziel dieser Vor gehens weise war, differenzierte Hand lungs abläufe der be obach teten Redakteure innerhalb der über geordneten Hand lungs ebenen (100 bis 600) heraus‑ zufiltern, um diese im Hinblick auf die unter schied lichen Berufsprofile zu be schreiben. Um die Fehleranfällig keit bei der Aus wertung des Beobach tungs materials zu minimie‑ ren, haben die be teiligten Forscher (a) vorab zwei Beobach tungs protokolle über einstimmend codiert (Inter coder reliabi‑ lität), (b) die Beobach tungs protokolle gegen seitig durch den jeweils anderen noch einmal nach codiert (Kontroll codie rung), (c) nach Ab schluss der Codie rung den Interpreta tions rahmen auf Basis des induktiv ent wickelten Kategorien systems fest gelegt, (d) das Beobach tungs material im dritten Schritt der Auf berei tung kategorien geleitet weiter reduziert, zusammen gefasst und schließ lich interpretiert. Im folgen den Kapitel finden sich die zentralen Ergeb nisse der Beobach tung von Redak‑ teuren in den aus gewählten Redak tionen. 6.2 analyse ergeb nisse: aus Differenzie rung Journalisti scher berufsProfile Die Redak tions beobach tung unter sucht, inwiefern technologi sche Innova tionen und Automatisie rungs prozesse in journalisti sche Hand lungs abläufe integriert sind. Darüber hinaus gilt es heraus zufinden, wie daraus individuell‑spezifi sche Anforde rungen und Qualifika tions profile im Hinblick auf neue Berufs bilder ent stehen, aber auch, wie und an welchen Stellen existente Abläufe und Routinen im Redak tions alltag künftig an‑ gepasst werden müssen. Die Darstel lung der Analyse ergeb nisse be schränkt sich zunächst 221 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus auf die reine Beschrei bung der be obach teten Hand lungs abläufe ent lang des Kategorien‑ schemas (vgl. Kap. 6.1.5) und die damit zusammen hängende Forschungs frage, inwieweit sich in den be obach teten Redak tionen Automatisie rungs tendenzen in journalisti schen Handlun gen identifizie ren lassen. Interpreta tionen im Hinblick auf technik gestützte Routinen der Quali täts siche rung und Konsequenzen für das journalisti sche Berufs bild werden ab schließend im Kapitelfazit im Rahmen der explorativen Forschungs fragen (vgl. Kap. 6.3) diskutiert. 6.2.1 beobach tung: Profile Der reDakteure unD reDak tionen Auf gesucht und be obachtet wurden insgesamt zehn Redakteure je einen Arbeits tag116 in vier unter schied lichen deutschen Online‑Redak tionen (DRadio Wissen, Rhein-Zeitung, Spiegel Online, Tagesschau. de), die im Folgenden jeweils vor gestellt werden: DRadio Wissen, mit Redak tions‑ und Studiositz in Köln‑Raderberg, ist primär ein Digital‑ bzw. Internetradiosen der, der neben seinem Hörfunk programm stark auf das Web aus gerichtet ist.117 Der ver gleichs weise junge Sparten kanal (Sendestart 18. Januar 2010) ist programm lich und technologisch gesehen das Aus hängeschild des öffent lich‑ recht lichen Deutschlandradios. So spielt das Internet für das gesamte Programmangebot von DRadio Wissen, das klassi sches Hören und inter aktive Radionut zung miteinander ver binden will, eine zentrale Rolle.118 Zielgruppe des Konzepts sind sogenannte „ziel‑ strebige Trendsetter“, so Anja Stöcker, Redak tions leiterin für Online und Social‑Media. Dies seien teils Studenten, teils junge Berufstätige, vor allem jedoch „urbane, mobile Menschen bis 29 Jahre“, die global aus gerichtet und sehr quali täts bewusst seien.119 Insgesamt soll der Onlineauftritt das Programm von DRadio Wissen be gleiten und er gänzen. Zum zeit versetzten Abruf wird das Audio‑Angebot auch als Podcast auf der 116 Wegen einiger terminkollisionen konnten zwei redakteure ledig lich einige Stunden be obachtet werden, mit einer redakteurin musste ein termin zur nach beobach tung ver einbart werden. 117 DRadio Wissen ist werbefrei und wird nicht über UkW aus gestrahlt, sondern ist aus schließ lich online, über Digital radios (Dab+) sowie über kabel und Satellit zu empfangen. programm chef ist Dr. ralf müller-Schmid, redak tions leiter Wort ist Dr. christian Schütte, redak tions leiterin online und Social media anja Stöcker. 118 Die Sendung „redak tions konferenz“ ver folgt beispiels weise ein cross mediales konzept mit Social media-anbin dung, bei dem die hörer inter agie ren (vgl. dradiowissen.de/redaktionskonferenz). Zwar war bei neugrün dung des programms noch die idee, das prinzip „online first“ durch zusetzen, dies erwies sich jedoch als wenig praxistaug lich und wird kaum mehr an gewandt, so die online- redak tions leiterin anja Stöcker im interview. 119 interview mit a. Stöcker vom 26. September 2013. Faktisch sind die hörer jedoch deut lich älter, deshalb durch lief DRadio Wissen von herbst 2013 bis zum Frühjahr 2014 (also nach der beobach tung) eine umfang reiche Struktur- und programm reform. Das neue konzept umfasst u. a. eine grundlegende Über arbei tung der Website mit einem stark reduzierten Design („flat design“), das im Gegen- satz zur vor heri gen Website kompatibel für die Darstel lung auf mobilen endgeräten ist. 222 Website oder im Apple‑Store iTunes ver trieben. Seit der Struktur‑ und Programm‑ reform besteht die gesamte Redak tion aus 94 Personen (Redak tion und Modera tion), davon 14 fest an gestellte Kollegen in der Redak tion sowie 80 freie Mitarbeiter in Redak tion und Modera tion. Ein Social‑Media‑Dienst kümmert sich täglich um die sozialen Netz werke und hat den Transfer zwischen Modera tion, Planung und Social Media im Blick.120 Für die Studie wurden am 26. September 2013 folgende Redakteure be gleitet: – Julia Rosch (Alter: 30):121 seit 2013 bei DRadio Wissen festangestellte Online‑ Redakteurin mit den Auf gaben bereichen Radiobeiträge, Social Media und Tages‑ pla nung. – Valentin Mayr (33): seit Juni 2013 als Social‑Media‑Redakteur in freier Mitarbeit bei DRadio Wissen be schäftigt. Rhein-Zeitung. de ist das Online‑Portal der regionalen Tages zeitung Rhein-Zeitung mit Redak tions sitz beim Mittel rhein‑Verlag in Koblenz. Die Rhein-Zeitung (RZ) bot 1995 als erste deutsche Tages zeitung einen Online‑Dienst mit eigener Redak tion an.122 Als E‑Paper ist die Rhein-Zeitung seit 2001 am PC und seit 2012 über eine App für iPhone und iPad kosten pflichtig ab rufbar. Im Jahr 2009 wurden redaktio nellen Struk‑ turen bei der RZ ver ändert: Die Gruppe der Lokal redakteure teilte sich in die beiden Teams Blattmacher und Reporter auf. Erst genannte sitzen seitdem in der „Zentralen Produk tion“ in Koblenz und er stellen die Lokalseiten der ver schiedenen Print ausgaben mithilfe von Text‑ und Bildbeiträgen, sorgen aber auch für die cross mediale Ver zahnung von Print‑ und Web‑Ausgabe, indem sie Beiträge online stellen und diese für die Website be arbeiten. Diese Beiträge werden wiederum von den Repor tern ge liefert, die in den jeweili gen Lokal redak tionen vor Ort operie ren. Die RZ hat laut Chefredakteur Christian Lindner 6,5 Stellen reine Online‑Redakteure: „Brutto sind es sieben Redak‑ teure. Nicht unwichtig: Unsere Aus bil dungs chefin macht zur Hälfte Aus bildung, zur 120 „pro tag arbeiten in online-Zusammen hängen vier kollegen in je einem Dienst. Drei dieser kollegen sind Sendungs strecken zu- geordnet. ein onliner behält den Über blick über den ganzen tag, be stückt die Start seite und kümmert sich um koordinierende Dinge bzw. themen specials etc. Die kollegen online und Social media arbeiten nicht nur in diesem bereich. Die mehrheit über nimmt auch planungs dienste. Die leute können also einen onlinedienst über nehmen und in einer anderen Woche einen planungs dienst. mit dem programm-Update im Februar haben wir die onlineredak tion als zusammen hängen den arbeits platz auf der news fläche ver ändert. Die onliner sitzen nun zusammen mit den planen den kollegen und den moderatoren einer Sendung. idee: direkte anbin dung, reibungs- verluste ver meiden, planung für onlinefragen sensibilisie ren und um gekehrt.“ (mail von a. Stöcker vom 12. mai 2014). DRadio Wissen ist ver treten bei twitter (ca. 23.000 Follower), Facebook (ca. 42.000 likes) und Google+ (ca. 10.000 Follower) [Stand: 09. 07. 2014]. 121 alle alters angaben zum Zeitpunkt der Unter suchung. 122 Die Rhein-Zeitung hatte im 2. Quartal 2013 pro monat durch schnitt lich 2,26 millionen Visits und ist auf den Social-media-platt- formen Facebook (ca. 14.600 likes), twitter (ca. 36.600 Follower), Google+ (ca. 6.200 Follower), youtube (ca. 340 abonnenten) und wer-kennt-wen (ca. 6.000 mitglieder) präsent [Stand: 07. 03. 2014]. Über den zentralen twitter-account (@rheinzei tung) hinaus pflegen die mitarbeiter der rZ diverse Sub-accounts und personalisierte accounts, deren tweets auf Rhein-Zeitung. de einlaufen. Des Weiteren ver öffent lichen einige mitarbeiter von Zeit zu Zeit beiträge in eigenen blogs auf Rhein-Zeitung. de. Seit kurzem ist die Zeitung auch bei Whatsapp ver treten, einem kurzmittei lungs dienst, der be sonders von Jugend lichen ge nutzt wird. chefredakteur der rZ ist seit 2004 christian lindner, leiter von Rhein-Zeitung.de ist marcus Schwarze, der eben falls mitglied der chefredak tion ist. 223 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus anderen Hälfte arbeitet sie im Online‑Bereich. Und das ist kein Zufall: Aus bildung digitalisiert sich auch bei uns immer mehr“123. Seit 2009 setzt die RZ als eine der ersten regionalen Medien häuser ver stärkt auf Social Media und mobilen Journalismus und be schäftigt seither einen fest an gestellten Social‑Media‑Redakteur. Ebenso fest integriert in die Redak tion ist die Stelle der Multimedia‑Reporterin (bzw. MoJane), die im Ver brei tungs gebiet unter wegs ist und mittels techni schen Equipments Text‑, Bild‑ und Videobeiträge produziert.124 Am 22. August 2013 wurden folgende Redak‑ teure be obachtet: – Tim Kosmetschke (34): seit 2011 stell vertreten der Redak tions leiter der Koblenzer Lokal redak tion und „Blattmacher“. – Jennifer de Luca (31): seit November 2012 als Multimedia‑Reporterin bei der Rhein-Zeitung be schäftigt. – Lars Wienand (39): seit 2009 Social‑Media‑Redakteur bei der Rhein-Zeitung. Spiegel Online mit Sitz in der Hamburger Hafen city wurde im Oktober 1994 als Ableger des Nachrichten magazins Der Spiegel ge gründet. Es handelt sich um das welt‑ weit erste Nachrichten magazin im Netz, das in den ver gangenen 20 Jahren nicht nur in Deutschland die digitale Nachrichten kultur er heblich mitgeprägt hat. Das inter‑ nationale Korrespondentennetz von Spiegel Online ist nach eigenen Angaben „das größte unter den deutschen Online‑Medien“.125 Es gibt Redak tions standorte in Brüssel, Washington, New York, London, Moskau, Beirut und Istanbul. Die Zahl der Unique User liegt im Monats durchschnitt bei rund 11 Millionen (vgl. AGOF internet facts 2013‑11). Mit rund 140 Online‑Redakteuren, von denen ein Großteil in der Hamburger Haupt redak tion arbeitet (15 Spiegel-Online-Redakteure be richten aus Berlin, jeweils ein Reporter aus München und Düsseldorf),126 ist ‚Spon‘, wie die Website auch ge‑ nannt wird, rein redaktio nell gesehen das größte Nachrichten portal Deutschlands und gilt in der Medien branche als politi scher Agenda Setter und als be sonders innovativ (vgl. Kramp/Weichert 2010),127 z. B. sind seit drei Jahren zwei Social‑Media‑Redakteu‑ rinnen sowie mehrere (studenti sche) Community‑Manager im Einsatz;128 außerdem 123 mail von c. lindner am 27. Februar 2014. 124 Vgl. zum berufsprofil des moJo Jarvis, 2008. 125 www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/home.nsf/0/ceF3a44164aeD9bbc1256F720034cbac [01. 04. 2014] 126 angaben be stätigt durch mail von m. haselmann am 5. märz 2014. 127 Den aktuellen nutzungs zahlen (03/2014) der iVW (informa tions gemein schaft zur Fest stel lung der Ver brei tung von Werbeträgern zufolge gehört Spiegel Online mit 153.301.120 Visits im monat ferner zu den meist besuchten deutschen nachrichten websites (vgl. ausweisung. ivw-online.de/index. php?i= 111. [09. 04. 2014]). pro tag ver öffent licht das portal eigener Darstellung zufolge etwa 120 neue artikel und 20 Videos. 128 Für den bereich soziale medien sind zwei redakteurinnen tätig: „Das Social-media-team betreut rund 800.000 Fans auf mehreren Facebook-Seiten und 155.000 Friends auf Google+, postet aus gewählte beiträge sowie Wissens wertes aus dem Web und gibt einblick in die redak tions arbeit. Schon mehr als 1,6 millionen User folgen Spiegel Online auf twitter“. (http://www.spiegelgruppe.de/ spiegelgruppe/home.nsf/navigation/ceF3a44164aeD9bbc1256F720034cbac?openDocument [07. 03. 2014]) 224 setzt die Redak tion seit einiger Zeit daten journalisti sche Projekte im eigenen Hause um.129 Seit März 2011 gibt es eine kosten lose iPhone‑App von Spiegel Online, drei Monate später wurde auch eine Android‑App ver öffent licht. Im Rahmen der Beobach‑ tung wurden am 6. und am 8. November 2013 folgende Redakteurinnen be gleitet:130 – Maike Haselmann (33): seit 2011 Social‑Media‑Redakteurin bei Spiegel Online. – Christina Elmer (30): seit Mai 2013 Wissenschafts redakteurin mit methodi schem Schwerpunkt Daten journalismus. Tagesschau. de, das Online‑Angebot der von ARD‑aktuell produzierten Haupt nach‑ richten sendung „Tagesschau“ mit Redak tions sitz beim NDR in Hamburg‑Lokstedt, besteht seit August 1996 und ist in Deutschland – nach Spiegel Online und Bild. de – eines der reichweiten stärksten journalisti schen Nachrichten‑Angebote im Netz. In den Anfängen aus schließ lich als Programm beglei tung der ARD‑Fernsehsen dung Tagesschau konzipiert, hat sich die Website in den ver gangenen Jahren zum Online‑Haupt nach‑ richten portal des ARD‑Verbunds ent wickelt. Das ARD‑Nachrichten portal im Internet be schäftigt laut Aussage des (ehemaligen) Redak tions leiters Andreas Hummelmeier „etwa 40 Mitarbeiter im redak tio nellen Bereich, viele davon in Teilzeit. Ungefähr die Hälfte sind fest an gestellt, der Rest frei“ (vgl. Kap. 5).131 ARD‑aktuell unter hält ein sogenanntes Content Center, das die Social‑Media‑Auftritte der Tagesschau pflegt und zudem darauf spezialisiert ist, Materialien und Quellen – vor allem Fotos und Video‑ material – aus dem Internet auf Glaubwürdig keit hin zu über prüfen und die Rechte zu klären (z. B. YouTube‑Videos, soziale Netz werke), bevor sie für die Website oder die Sendun gen ver wendet werden.132 Neben Live‑Streams, On‑Demand‑Streams und Podcasts zu ARD‑Nachrichten sendun gen133 umfasst das An gebot von Tagesschau. de Video‑, Audio‑, Text‑ und Bildbeiträge sowie Text‑ und Videoblogs von Redakteuren und Korrespondenten.134 Das Redak tions team arbeitet eng zusammen mit den ver‑ schiedenen ARD‑Landes rundfunkanstal ten und publiziert bzw. ver linkt aus gewählte 129 im april 2013 startete Spiegel Online einen daten journalisti schen blog unter dem titel Daten lese (http://www.spiegel.de/thema/ daten/ [07. 03. 2014]). 130 maike haselmann 06. 08. 2013 und christina elmer 06. 08. 2013 sowie am 08. 11. 2013 ein nachtermin mit elmer. 131 mail von a. hummelmeier am 27. Februar 2014. 132 Das content center wurde im Frühjahr 2011 von arD-aktuell ein gerichtet: redakteure recherchie ren dort im Zweischichtbetrieb nachrichten, bilder und Videos in den sozialen medien und klären sowohl deren Ursprung als auch Wahr heits gehalt für eine mögliche Ver wendung im tV und/oder online ab. Zudem sind sie für die Distribu tion von Tagesschau. de-inhalten auf den einzelnen Social-media- platt formen sowie die etwaige modera tion von dort ent stehen den nutzer diskussionen zuständig. pro Schicht ist das content center mit einem redakteur besetzt. alles in allem arbeiten im Social-media-team zehn personen, die in anderen arbeits schichten ihren ursprüng lichen tätig keiten als klassi sche Fernseh- und/oder online-redakteure nach gehen (vgl. bouhs, 2012, S. 3; loosen u. a., 2013, S. 24; Siegert, 2011). 133 Darunter die aus gaben von Tagesschau, Tagesthemen, Nachtmagazin, Wochen spiegel, Bericht aus Berlin, Tagesschau in 100 Sekunden und Tagesschau24. 134 Tagesschau. de ist mit Social-media-präsenzen auf Facebook (ca. 228.200 likes), Google+ (ca. 40.000 Follower), twitter (ca. 233.000 Follower) und youtube (ca. 11.500 abonnenten) ver treten. im Januar 2014 er zielte Tagesschau. de 32,9 millionen Visits und 92,7 millionen page impres sions. 225 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Beiträge auf Tagesschau. de.135 Am 1., 8. und 29. August 2013 wurden folgende Mit‑ arbei ter be obachtet:136 – N. N. (52): seit 2002 Chef vom Dienst bei Tagesschau. de. – Jan Oltmanns (38): seit 2009 als Online‑Redakteur in unter schied lichen Bereichen tätig (wechselt von Schicht zu Schicht), hauptsäch lich als Planungs redakteur. – Marjan Parvand (42): seit 2010 Redakteurin bei den Tagesthemen und Social‑ Media‑Redakteurin. In den be suchten Redak tionen sind technologi sche Innova tionen im be obach teten Hand lungs kontext – bei der Recherche, Produk tion, Publika tion und Partizipa tion des Publikums – in hohem Maß elementare Bestand teile journalisti scher Praxis. Zur be sseren Darstel lung der Ergeb nisse wurden die be obach teten Redakteure im Rahmen der Aus wertung wie folgt gruppiert: – Planer/CvD (zwei Personen) – Online-Redakteure (zwei Personen) – Social-Media-Redakteure (vier Personen) – Multimedia-Redakteure (Daten journalistin und Multimedia-Reporterin, zwei Personen) Diese Schwerpunkte beruhen zum einen auf der Tatsache, dass die be obach teten Redakteure aus unter schied lichen Redak tionen ein ver gleich bares Profil auf weisen und ähnliche Handlun gen vollziehen, und zwar unter stützt von ähnlichen techni schen Hilfs mitteln in ähnlicher Frequenz. Zum anderen basierte diese Gruppie rung auf der Hoffnung der Forscher, dass sich ent lang der be obach teten Kategorien möglichst konsistente Profile im Hinblick auf das digitale journalisti sche Berufs bild, aber auch 135 Des Weiteren sind bei Tagesschau. de insgesamt rund 35 sogenannte multimedia-assistentinnen und -assistenten be schäftigt. Diese kümmern sich um die modera tion von nutzer kommentaren auf der Diskus sions platt form meta.tagesschau. de und dem redak- tions blog blog.tagesschau. de. Gleichzeitig sind sie für die auf berei tung von audio- und Videobeiträgen für die homepage sowie die Über prüfung der techni schen Funktionali tät von inhalten ver antwort lich. hierfür werden vier multimedia-assistenten im Schichtdienst ein gesetzt (vgl. loosen u. a., 2013, S. 25). 136 n. n. 1. 8. 2013; Jan oltmanns 8. 8. 2013; marjan parvand 29. 8. 2013. abbilDung 6.2: gesamt übersicht: schwerpunkte be obachte ter handlun gen nach unter schied lichen redakteurs gruppen 226 auf die Quali täts siche rung im Journalismus be schreiben lassen, anders gesagt: Die Gruppierung soll eine zielführende, weil be rufsprofil bezogene Interpreta tion der Ergeb‑ nisse er möglichen und Rückschlüsse auf be stimmte Journalistentypen sowie damit ver knüpfte Aspekte (z. B. techni sche Kompetenzanforde rungen) er lauben. 6.2.2 hanD lungs abläufe im Journalisti schen ProDuk tions Prozess Im Folgenden werden ent lang der Hand lungs ebenen im journalisti schen Produk tions‑ prozess die be obach teten Hand lungs abläufe der jeweili gen Redakteurs gruppen auf Grundlage der aus gewer teten Beobach tungs protokolle beispiel haft dargestellt. Mit Blick auf die forschungs leiten den Fragen wird heraus gestellt, ob und wie Automa‑ tisierungs tendenzen im Arbeits alltag integriert sind. Die Ergeb nisse der Beobach‑ tung werden ergänzt durch Infor ma tionen aus den Ab schluss gesprächen mit den beobach teten Redakteuren, den Vor abfragebögen und den er stellten Redak tions pro‑ filen. Auf grund der großen Daten menge wurde bei der Aus wertung vor allem komplexi‑ täts reduzierend vor gegangen, d. h. die Ergeb nisse in diesem Kapitel werden zusammen‑ fassend, stark ver dichtet und er gebnis orientiert dargestellt. Die Protokolle dienen dabei methodisch als Beleg dargestellter Handlungsabläufe. Darüber hinaus basieren sämt liche Kontextinforma tionen auf Kommentaren, Anmer kungen und Ab schluss gesprächen mit den be obach teten Redakteuren. Wegen der komprimierten Darstel lung der Ergeb nisse werden nur wört lich zitierte Stellen im Text direkt kennt lich ge macht, ebenso Bezüge aus der wissen schaft lichen Literatur. Auf grund der qualitativen Anlage der Beobach‑ tungs studie haben sämt liche Einstu fungen der Ergeb nisse ledig lich interpretativen Charakter und stellen keine ver allgemeinernden Aus sagen über die jeweili gen journalisti‑ schen Tätig keits felder dar. Die Ergeb nisse können insofern eine Grundlage bilden für weitere, quantitativ an gelegte Folgestudien. 6.2.2.1 recherche Wie recherchie ren Redakteure unter schied licher Mediengat tungen und unter schiedlicher Profile unter digitalen Vor zeichen? Im Hinblick auf ihre klassi schen journalisti schen Tätig keiten unter scheiden sich die be obach teten Redakteure nicht wesent lich voneinan‑ der. Betrachtet man aber speziell die Schwerpunkt setzung ihrer täglichen Arbeit, die 227 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus explizite Vor gehens weise ihrer Arbeits schritte im journalisti schen Produk tions prozess und den Einsatz technologi scher Arbeits mittel, können vielfältige Hand lungs abläufe, Unter schiede der Rechercheziele sowie der Einsatz gebiete techni scher Arbeits mittel be obachtet werden. Im Einzelnen wurden die folgen den exemplarisch be schriebenen Recherchehand lungen für die unter schied lichen Redakteurs gruppen be obachtet: Die Recherche als zentrale journalisti sche Handlung spielt bei den be obach teten Planern/CvD s (Tim Kosmetschke von der Rhein-Zeitung und N. N. von Tagesschau. de) im redak tio nellen Alltag eine eher unter geordnete Rolle. Ihre Haupt aufgaben konzen‑ trie ren sich vielmehr auf Kommunika tion, Planungs‑ und Koordina tions tätig keiten (vgl. Kap. 6.2.2.4) sowie Produk tions prozesse (vgl. Kap. 6.2.2.2). Zwar er folgen Kommu‑ ni ka tions hand lungen auch zu Recherchezwecken, z. B. im Zuge von Überprü fungs- recherchen bei der Artikel‑ oder Beitrags abnahme, aber im Wesent lichen er füllen diese eher eine planeri sche und koordinierende Funktion. Anders hingegen ver hielt es sich am Tag der Beobach tung bei den Online-Redak- teuren von tageschau. de (Jan Oltmanns) und DRadio Wissen (Julia Rosch) in den Hand lungs abläufen. Julia Rosch von DRadio Wissen war am Tag der Beobach tung für die Onlineschicht ein geteilt, bei der sie die Website von DRadio Wissen mit bereits ferti gen Audiobeiträgen be stücken sollte. Der Ablauf ge staltet sich in der Regel so, dass die Ver öffent lichung der Beiträge simultan im Radio und online erfolgt. Koordina‑ tions bedingt ver zögert sich die Online veröffent lichung hin und wieder, weil zu den Beiträgen auch An‑ und Ab modera tionen geschnitten und Onlinetexte ver fasst werden müssen. Ver waltet und be arbeitet werden die Beiträge im Content‑Management‑System Papaya, ebenso die Steue rung der Bestüc kung der Website. Die meisten be obach teten Recherchehand lungen hatten demnach eher das Ziel der Überprü fungs- und Ver- vollständi gungs recherche zu bereits ferti gen Beiträgen. Dazu ge hören beispiels weise die Recherche von Namen be teiligter Protagonisten oder Fach begriffe mithilfe der Internet‑ recherche vorrang über die Google‑Suchmaschine, aber auch die themen bezogene Bildrecherche auf Portalen wie Flickr. com137 oder dpa‑Picture‑Alliance. Die ge zielte Informa tions recherche zur Vor berei tung eines Interviewbeitrags konnte bei dem Onlineredakteur Jan Oltmanns von Tagesschau. de be obachtet werden. Am Tag der Beobach tung arbeitete er als Onlineredakteur in einer Sonder schicht. In anderen Schichten, die als Rota tions system an gelegt sind, wird er auch im TV‑ und Social‑Media‑Bereich sowie als Planungs redakteur ein gesetzt. Seine Tätig keiten als Onlineredakteur bei Tagesschau. de konzentrie ren sich im Schwerpunkt vor allem auf 137 Flickr ist ein internetbasiertes Dienst leis tungs portal mit community-elementen, auf dem nutzer digitale bilder und Videos hoch- laden und anderen nutzern zugäng lich machen können. 228 die Planung und Realisie rung von Beiträgen, wobei die klassi schen Produk tions abläufe wie Recherche, Schreiben, Redigie ren und Vor berei tung der Publika tion zentrale Bestand teile seines Arbeits alltags darstellen. Zu Beginn der Schicht und nach dem Monitoring der aktuellen Themen lage in den Redak tions systemen Sophora138 und Open‑Media139 recherchiert der Onlineredakteur Informa tionen zu einem Interview, welches er mit einem Experten im Rahmen der Beziehungen zwischen Russ land und den USA später führen soll. Der detaillierte Ablauf der Recherchehand lung zur Vor‑ berei tung des Interviews ver anschau licht der folgende Protokollauszug (Tab. 6.1). Waren die Recherchehand lungen bei DRadio Wissen im Wesent lichen auf das Internet bezogen, zeigen auch die be obach teten Recherchehand lungen bei Tagesschau. de 138 Sophora ist das content-management-System, mit dem Tagesschau. de arbeitet. 139 open-media ist ein nachrichten-management-System und wird bei Tagesschau. de als planungs system für themen und beiträge ein gesetzt. tabelle 6.1: rechercheablauf zur Vor berei tung eines zu führen den interviews nr. Zeit handlung (oberbegriff) ebene hand lungs ablauf technik (hardware) technik (Soft- ware/online) 4 9:38 recherche 100 in einer art redak tions internem „experten adress buch“ sucht Jan oltmanns nach einem experten zum recherchethema. Öffnet internes Wiki zu experten von arD aktuell, googelt namen einer dort ge fundenen expertin und schaut sich ihren lebens lauf auf einer internet seite an. pc/arbeits- platz open media Wiki in Sophora Google Forschungs stelle. uni- bremen. de 5 9:41 planung und kommunika- tion/bewe- gung 500 Jo wird zum chef gerufen. er geht in sein büro und be spricht mit ihm ge- plante, interne Social-media-Schulun- gen und den Dienst plan. papier/Stift 6 9:43 recherche 100 Zurück an seinem arbeits platz, googelt Jo zum recherchethema. Schaut über Google news, was andere onlinemedien zum thema geschrieben haben, liest mehrere artikel und macht sich dazu notizen. klickt auf zeit. de auf weiteren artikel, liest ihn und macht sich dazu notizen. Googelt weitere Such begriffe in Google news. Sucht in Dradio- Sendungs archiv nach ver öffent lichten experten interviews. pc/arbeits- platz Google Google news Google news tagesspiegel. de Zeit. de Google news Dradio. de (archiv) 229 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus deut lich, dass die Onlinerecherche einen zentralen Stellen wert bei der Suche nach Informa tionen besitzt. Dieses Ergebnis ver wundert nicht, wurde diese Ent wick lung doch bereits durch viele Studien zur Recherche im Internet belegt (vgl. z. B. Malik & Scholl, 2009; Neuberger u. a., 2009). Die Befunde zeigen weiter, dass die Auf merksam‑ keit der Recherchequellen neben den internen Archiven und Wikis im Web trotz der vielfälti gen Möglich keiten auf nur wenige An gebote (z. B. Forschungs stelle Uni Bremen, Konkurrenz medien, Archive) gerichtet war, und dass die Suchmaschine Google in beiden be suchten Redak tionen eine vielgenutzte Such hilfe im Web und damit einen wesent lichen Zugangs weg zu Quellen darstellte. Die be obach teten Social-Media-Redakteure gehen bei der Recherche in ihrer Ziel‑ setzung anders vor. In allen be suchten Redak tionen konnte je ein Social‑Media‑ Redakteur bei der Recherche be obachtet werden. Im Ver gleich zu den anderen be‑ obach teten Berufsprofilen waren die zentralen Befunde, dass Social‑Media‑Redakteure schwerpunkt mäßig online recherchie ren und bei der Recherche vor allem ein Recherche‑ ziel ver folgen: Themen monitoring. Marjan Parvand, Social‑Media‑Redakteurin bei Tagesschau. de, ist redaktio nell ein gebunden in das sogenannte Content Center. Die Redakteure dort arbeiten im Zweischicht system, recherchie ren im Schwerpunkt Themen, Bilder und Videos in den sozialen Medien und prüfen deren Ursprung und Wahr heits gehalt für die Ver wendung in der Online‑ bzw. TV‑Berichterstat tung (vgl. Loosen u. a., 2013, S. 24 f.). Neben der Ver ifizie rung von Bildern und Videos sind die Social‑Media‑Redakteure dort für die Ver brei tung der Tagesschau. de‑Inhalte in sozialen Medien sowie für die etwaige Modera‑ tion auf kommen der Nutzer diskussionen ver antwort lich. Die zentralen Auf gaben der be obach teten Social‑Media‑Redakteurin bei Spiegel Online umfassen vor allem das Themen monitoring, die Themen auswahl, Betex tung und Kommunika tion über die sozialen Netz werke von Spiegel Online und auch die Realisie rung von speziellen Social‑ Media‑Projekten, z. B. Twitter‑Reporter.140 Und auch die be obach teten Social‑Media‑ Redakteure Lars Wienand von der Rhein-Zeitung sowie Valentin Mayr von DRadio Wissen sind im Auftrag ihrer Redak tionen für alle Social‑Media‑Aktivi täten, Themen‑ monitoring und Kommunika tion mit Nutzern ver antwort lich. In allen vier be suchten Redak tionen konnten im Hinblick auf die Recherche ähnliche Hand lungs abläufe be obachtet werden, die im Folgenden beispiel haft ver gleichend er läutert werden. 140 bei den twitter-reportern handelt es sich um ein Social-media-projekt, bei dem nutzer zu be stimmten ereig nissen – wie zuletzt zu den olympischen Spielen 2012 in london – als twitter-reporter in die twitter-berichterstat tung von Spiegel Online ein gebunden werden (vgl. www.spiegel.de/sport/sonst/olympia-twitter-reporter-kommentieren-fuer-spiegel-online-london2012-a-846819. html [20. 03. 2014]). 230 Die Suche nach ge eigneten Themen erfolgt über ein breit an gelegtes Themenmoni‑ toring, dessen Ziel es ist, stets aktuelle Themen, Trends und die Ereignis lage im Blick zu haben, um neue Social‑Media‑Themen zu finden und dann auf Social‑Media‑Platt‑ formen zu ver öffent lichen. Beobachtet werden vor allem die eigene redaktio nelle Web‑ site, Konkurrenz medien, Blogs, Agenturmel dungen und soziale Medien wie Face book und Twitter, Foto‑ und Videoportale. Beim Einsatz der techni schen Rechercheinstru‑ mente konnten unter schied liche Suchstrategien be obachtet werden. Während der Social‑ Media‑Redakteur von DRadio Wissen im Wesent lichen die Beiträge der Website für soziale Medien wie Facebook auf bereitete, war das Themen monitoring bei Spiegel Online breiter an gelegt. Maike Haselmann be obachtet regelmäßig neben der Nachrich‑ ten lage auf der eigenen Redak tions seite z. B. Newsticker von Nach richten agenturen über InnoTel News line,141 diverse Konkurrenz medien, nationale und inter nationale Blogs und eine Reihe von News‑Aggregatoren.142 Dabei liest sie die ver schiedenen Quellen und Beiträge, selektiert ge eignete Themen und notiert diese in der Planungs liste. Zur Vor‑ berei tung auf eine mögliche Ver brei tung und Einbin dung in spätere Beiträge kürzt die Spiegel-Online‑Redakteurin bereits die dazu gehöri gen Links mithilfe des URL‑Shorteners Bitly.143 Neben der Themen‑ und Nachrichten lage konnte bei Tagesschau. de auch die Videorecherche stärker be obachtet werden, die vor allem im internen Nachrichten‑ Management‑System Open‑Media erfolgt, aber auch auf diversen Videokanälen von YouTube. de. Weiter sichtet die Redakteurin regelmäßig ihr Netvibes‑Dashboard,144 um Neuig keiten zu er fahren. Die recherchierten Themen vorschläge werden notiert, in der Redak tions konferenz mit den anderen Kollegen be sprochen und nach Ab stim mung in die Planungs liste von Open‑Media ein getragen und schließ lich be arbeitet. Als weite‑ rer zentraler Arbeits bereich konnte bei allen beob ach teten Social‑Media‑Redakteuren das regelmäßige Facebook‑ und Twittermonitoring be obachtet werden. Auch bei der Vor gehens weise ähnelten sich die Handlun gen. Die Redakteure sichten mehrmals pro Tag die redak tions eigenen Accounts von Facebook und Twitter, suchen nach ge eigne‑ ten Themen, und be obachten darüber hinaus Nutzer reak tionen und Diskussionen. Unter stützende Onlineprogramme (siehe Tab. 6.2) waren Tweet Deck (Spiegel Online, Tagesschau. de, Rhein-Zeitung), Tame (Tagesschau. de) und Twitter Analytik (DRadio 141 innotel news line ist eine kosten pflichtige Ver teiler platt form für nachrichten. nutzer dieses Dienstes er halten computerbasiert und modularisiert aktuelle nachrichten unter schied licher nachrichten agenturen in text-, bild-, Grafik- und audioformat. 142 news-aggregatoren sammeln, sortie ren und fassen mithilfe einer crowd automatisch informa tionen zusammen und bieten einen Über blick über die neusten meldun gen und nachrichten. aus Wettbewerbs gründen wurde uns leider unter sagt, die bezeich nungen der ver wendeten news-aggregatoren im Forschungs bericht zu nennen. 143 bitly ist ein onlinedienst zum kürzen von Urls. Diese ver kürzten links werden vor allem zum teilen von informa tionen über soziale medien ge nutzt. 144 netvibes ist ein Social-media-recherche-tool. auf dem sogenannten Dashboard können themen spezifi sche nachrichten, blogs, soziale netz werke, Videos, musik, Spiele oder Finanzen auf einer Seite zusammen gestellt und in Spalten und tabs geordnet werden. 231 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Wissen). Für das Monitoring auf Facebook und Google+ wurden von allen Akteuren redak tions eigene Accounts ohne aggregierende Onlineprogramme ge nutzt. Social‑Media‑Redakteure sind in ihrem Arbeits alltag hauptsäch lich mit dem per‑ manenten Monitoring von Themen und Nachrichten be schäftigt. Die Ergeb nisse der Beobach tung zeigen, dass die Social‑Media‑Redakteure sehr hohe Informa tions mengen in hoher Geschwindig keit sichten, be werten und ge gebenen falls ver arbeiten müssen. Weiter deuten die Ergeb nisse darauf hin, dass die journalisti sche Recherche zunehmend automatisch mithilfe vielfälti ger technologi scher Online‑Programme erfolgt. Die Heraus‑ forde rung besteht allerdings darin, die großen Informa tions mengen aus unter schied‑ lichsten Quellen und Kanälen unter Zeitdruck zu be werten und weiter zu ver arbeiten. Daraus wiederum folgt insofern eine ge wisse Ab hängig keit, als dass Social‑Media‑ Redakteure häufiger Themen auf greifen, die in sozialen Medien gesetzt werden, statt zu eigenen Themen zu recherchie ren. Demnach sind auch im Social‑Media‑Bereich die Themen und Prozesse am wenigsten plan bar und er fordern eine permanente und kurzfristige Koordina tion, um Themen zu finden, zu schreiben, zu be arbeiten, zu posten und Zeitpunkte fest zulegen, wann welche Posts und Tweets auf welcher Platt‑ form und in welcher Reihen folge ver öffent licht werden. Ein ganz anderes Recherchebild wiederum zeigt sich bei der be obach teten Gruppe der Multimedia‑Redakteure: Die Multimedia‑Redakteurin der Rhein-Zeitung, Jennifer de Luca, hat für eine Zeitungs‑ und Videoreportage bei einer Vor‑Ort‑Recherche per‑ sön liche Interviews ge führt, Fotos ge macht und Videos ge dreht (vgl. dazu Kap. 6.3.2.2). Gerade bei Reportagen spielen Vor‑Ort‑Szenen eine wichtige Rolle, um den Nutzer näher an das Geschehen heran zuholen, sodass eine Vor‑Ort‑Recherche unumgäng lich ist. Das Beobach tungs ergebnis zeigt einer seits, dass die Reporterin im Sinne des klassi‑ tabelle 6.2: recherchetools zum twittermonitoring recherchetool erläute rung nutzung be obachtet tweet Deck Tweet Deck ist eine anwen dung, die eine persön liche ordnung von nachrichten auf dem eigenen Desktop er möglicht. tweets, messa- ges und User können in echtzeit (ohne manuelle aktua li sie rung) sortiert, in Gruppen ein geteilt und durch sucht werden. Spiegel Online Tags schau. de Rhein-Zeitung tame Tame ist ein analyse- und recherchewerkzeug für twitter. tame ist in der lage, inhalte der ver gangenen 24 Stunden bis zu sieben tage rück wirkend und ent sprechend der ein gestellten kriterien zu suchen und in einer timeline zusammen zustellen. Tagesschau. de twitter analytik Twitter Analytik ist eine anwen dung zur analyse der account- aktivi täten und inter aktions daten von tweets. DRadio Wissen 232 schen journalisti schen Handwerks relativ konventio nell bei der Recherche vorgeht. Deutlich wurde aber auch, dass dieser Vor‑Ort‑Termin so an gelegt war, dass die zu recherchie ren den Informa tionen konzeptio nell für mehrere Kanäle und Formate ein‑ geholt wurden. Neben dem schrift lichen Interview, welches in einer Reportage für die Zeitung ver arbeitet wurde, machte de Luca gleichzeitig Fotos und Video aufnahmen zum gleichen Thema für die parallele Online verbrei tung auf der Website und in den sozialen Medien. Im Nachgang zur Vor‑Ort‑Recherche unter nimmt die Multimedia‑ Redakteurin zur Ver vollständi gung der Namen der interviewten Protagonisten eine Über prü fungs‑ und Ergän zungs recherche, die im Wesent lichen wieder online erfolgt. Die zweite multimedial arbeitende Redakteurin, die Daten journalistin Christina Elmer, die bei Spiegel Online im Ressort Wissen schaft mit dem methodi schen Schwer‑ punkt Daten journalismus arbeitet, recherchiert wieder auf andere Weise. Das Ziel ist die Daten recherche. Um Daten aus findig zu machen, werden beispiels weise Daten‑ banken mithilfe von SQL‑Abfragen oder mit Recherchetools wie z. B. Chooser145 durch sucht. Diese Ab frageprogramme zum Suchen und Sammeln von Daten funktio‑ nie ren ähnlich wie Suchoperatoren in Suchmaschinen. Der bei Elmer be obachtete daten journalisti sche Produk tions prozess (Vor produk‑ tion, Produk tion, Post produk tion) vollzieht sich in drei wesent lichen Hand lungs‑ schritten (vgl. auch Kap. 6.2.2.2): (1) Daten beschaf fung, z. B. durch ge zielte Daten recherche oder durch Zuliefe rung von Daten inhabern; (2) Auswer tung der Daten, z. B. mithilfe von Excel oder Statistik programmen im Hin‑ blick auf be stimmte Fragestel lungen oder Themen des journalisti schen Beitrags; (3) Visualisie rung der Daten, z. B. in Form von Diagrammen, inter aktiver Grafiken oder Karten formate. Am Tag der Beobach tung konnte die Recherche und Vor berei tung zur wöchent lichen Daten lese aus Wikipedia be obachtet werden. Auf bereitet werden sollten die sogenannten Wikipedia‑Aufsteiger der Woche. „Wikipedia‑Aufsteiger“ meint die Karrieren von Themen und Artikeln, die in der Nutzer statistik auf grund hoher Aufrufe und Logs im Ver lauf auf fallend stark auf steigen. Die Gründe dabei sind unter schied licher Natur: Dies können aktuelle Themen und Ereig nisse aus den Nachrichten sein, zu denen sich Nutzer weitere Hinter grundinforma tionen suchen. Es können aber auch Themen sein, die vielleicht gerade erst auf kommen und für Nutzer immer interessanter werden, worauf hin sich diese an schließend auf Wikipedia ent sprechende Informa tionen holen. 145 Das recherchetool ist ein von Spon ent wickeltes programm, welches an der Daten schnitt stelle zu Wikipedia arbeitet und von dort aus die ab gerufenen Daten in excel einspeist. 233 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Diese Wikipedia‑Aufsteiger werden im Arbeits team von Christina Elmer regel‑ mäßig, meistens jeden Freitag in der Wikipedia‑Daten lese, auf Spiegel Online146 ver‑ öffent licht. Dabei werden mithilfe von Daten visualisie rungen die Ver läufe der Themen‑ entwick lung (Themen karrie ren) dargestellt. Der Work flow stellt sich wie folgt dar: Bevor die ent sprechen den Daten für die Auf berei tung ab gerufen werden, sichten und be sprechen die Kollegen in einem Team‑Meeting zunächst sämt liche Aus wertungen von Wikipedia aus gedruckt in einem Papierdokument mit dem Ziel, ge eignete Daten‑ lese‑Themen zu finden. Gewählt wurden schließ lich der Fall Jassir Arafat, der Münche‑ ner Kunst fund und die Schachweltmeister schaft. In den nächsten Schritten folgen vor bereitende Tätig keiten. Dazu ge hören die Abfrage von Daten über das Recherchetool Chooser, das die Daten ge zielt von Wikipedia abruft und von dort aus in Excel importiert. Parallel zur Abfrage, die immer einige Zeit dauert, be reitet Elmer im Content‑Management‑System von Spiegel Online die Artikelmaske vor und sucht passende Bilder zu den jeweili gen Themen. Zu den selektierten Bildern macht sie online eine Über prü fungs recherche, um zu sehen, ob und in welchem Kontext die Bilder in früheren Artikeln bereits ver wendet wurden. Bevor Elmer den eigent lichen Artikel zu den Daten schreibt, erfolgt im Über gang zwischen Recherche und Produk tion die sogenannte Vor produk tion, in dem be obach‑ teten Fall die Auf berei tung und Visualisie rung der ab gerufenen Wikipedia‑Daten. Mithilfe des Visualisie rungs programms Datawrapper fängt Elmer an, für jedes der drei Themen die Daten aus Excel in die Eingabemaske des Datawrappers einzu fügen. Nachdem die Daten ein gespeist sind, visualisiert das Programm die Daten automatisch in mehreren Grafiken. Im dritten Schritt prüft Elmer, ob die Daten richtig auf bereitet und dargestellt sind, fügt die Daten quelle ein und ver sieht sämt liche Grafiken jeweils mit einer Über schrift. Im letzten Schritt schließ lich werden die ferti gen Grafiken aus Datawrapper in HTML ein gebettet, zur Anpas sung für die Website. Die Beobach tungs ergeb nisse zeigen, dass die Suche nach den aufzu bereiten den Daten zunächst nicht‑automatisiert und mithilfe von Papierdokumenten erfolgt, was dem Umstand geschuldet war, dass Wikipedia als regelmäßiger Daten lieferant für die wöchent liche Daten lese fungiert. Die ge zielten Daten abfragen und die visuelle Um‑ set zung von Daten in Grafiken er folgen hingegen halb‑automatisch mithilfe technologi‑ scher Arbeits mittel. In welchem Maß lassen sich nun auf Basis der Ergeb nisse Automatisie rungs‑ tendenzen im Rechercheprozess er kennen? Ohne Frage sind technologi sche Arbeits‑ mittel in einem hohen Grad im redak tio nellen Arbeits alltag ver ankert und werden zur 146 Vgl. www.spiegel.de/netzwelt/web/wikipedia-statistik-schachzuege-im-verborgenen-a-932590. html [07. 03. 2014] 234 Recherche ge nutzt. Betrachtet man speziell den Automatisie rungs grad, sprich, inwiefern die Technik explizit die Handlung, die sie ohne Technik normaler weise selbst aktiv aus‑ führen würden, der Redakteure unter stützt oder gar über nimmt, können die Recherche‑ hand lungen in ihrem Automatisie rungs grad (wie in Tab. 6.3 zu sehen) ein gestuft werden. Die Einschät zung des Automatisie rungs grades richtete sich danach, ob und wie aktiv die be obach teten Redakteure mithilfe welcher Technik recherchierten. Demnach konnten ent sprechend der Rechercheziele folgende Grade von Automatisie rung er mittelt werden: – Niedrig, sofern der Redakteur aktiv und ge zielt mithilfe eines techni schen Hilfs‑ mittels eine Informa tion sucht, z. B. aktive Telefonrecherche, Interviews mithilfe eines Auf nahmegeräts, E‑Mail‑Anfragen; – Mittel, sofern der Redakteur aktiv mithilfe von techni schen Such hilfen in Daten‑ banken, Archiven oder online nach Informa tionen sucht; – Hoch, sofern der Redakteur eher passiv, sprich mithilfe von Aggregatoren, program‑ mierten Daten suchern, automatisch suchen den Recherchetools usw. nach Informa‑ tionen sucht. 6.2.2.2 ProDuk tion unD Publika tion Die Produk tions‑ und Publika tions rhythmen im Digitalen Journalismus sind, wie die Rechercheabläufe, eben falls von Automatisie rungs einflüssen mit unter schied licher Intensi tät ge prägt: Technik‑ bzw. computer gestützte Handlun gen lassen sich in unter‑ schied lichen Bereichen be obachten – von rein kommunikativen Handlun gen über den eigent lichen Produk tions prozess inklusive der Abnahme von Beiträgen bis zur jour‑ nalisti schen Publika tion sowie dem regelmäßigen Ab setzen von Tweets und Facebook‑ Post. Den beiden Prozessebenen Produk tion (200) und Publika tion (300) sind folgende be obach teten Handlun gen zu gehörig: tabelle 6.3: einschät zung des automatisie rungs grades im rechercheprozess der be obach teten redakteure redakteurs-Gruppe Zielset zung automatisie rungs grad planer/cvD Über prü fungs recherche niedrig onlineredakteure Über prü fungs- und ergän zungs recherche sowie informa tions recherche mittel Social-media-redakteure themen-monitoring hoch multimedia-reporterin Vor-ort-recherche niedrig Daten journalistin Daten recherche/bildrecherche hoch/mittel 235 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus – Produk tion bzw. Vor produk tion und Publika tion von Text‑, Audio‑ und Video‑ Beiträgen; – Bearbei tung bzw. Nach bearbei tung von Text‑, Audio‑ und Video‑Beiträgen; – Layout, Bearbei tung, Umbau der Website bzw. Zeitungs seite; – Redigatur und Abnahme von Beiträgen; – Erstel lung bzw. Bearbei tung von Fotos und Grafiken; – Ver fassen und Ab setzen von Tweets und Facebook‑Posts; – Kommunika tion im Produk tions prozess; – Vor berei tung von techni schen Geräten. Die im redak tio nellen Produk tions prozess be obach teten Handlun gen und die dabei ein gesetzten Software‑Anwen dungen bzw. Online‑Tools sind wie zu er warten je nach journalisti schem Einsatz gebiet recht unter schied lich. Während beispiels weise die Gruppe der CvDs und Planer stark mit Koordina tions aufgaben befasst ist, kümmern sich die Online‑Redakteure naturgemäß um die konkrete (Nach‑)Bearbei tung eigener Beiträge und die Social‑Media‑Redakteure vor allem um die Bestüc kung von Facebook‑ und Twitter‑Accounts. Im Einzelnen ließen sich in den unter schied lichen Redakteurs gruppen folgende Handlun gen be obachten: Planer/CvDs sind offen bar weniger auf den Einsatz von (innovativer) Technik an gewiesen als die anderen Redakteurs gruppen. Da ihre Auf gaben vor allem aus Kommunika tions‑ und Koordina tions aufgaben be stehen, kommt zwar be stimmte Hard‑ und Software regelmäßig zum Einsatz, zu den wesent lichen Arbeits mitteln ge‑ hören jedoch eher gewöhn liche digitale Arbeits instrumente bzw. Online‑Quellen wie Lotus Notes (Instant Messenger), YouTube, Nachrichtenticker, Redak tions‑Wikis, Content‑Management‑Systeme oder rein analoge Arbeits mittel wie Papier und Stift. Kernaufgabe der beiden be obach teten Redakteure ist es auch, die „Redak tions seite umzu bauen“ oder redaktio nelle Anpas sungen am Layout der Website vorzu nehmen. N. N. von Tagesschau. de ver bringt außerdem einen Großteil seiner Produk tions aufgaben damit, Beiträge zu redigie ren, Texte umzu formulie ren oder einzu kürzen, Fakten nach‑ zurecherchie ren und den Ab nahmeprozess mit seinen Kollegen einzu leiten, mithin deren Beiträge für die Publika tion vorzu bereiten und danach freizugeben. Der eigent liche Produk tions prozess wird ab geschlossen mit der Freigabe und Publika tion des journalisti schen Beitrags. Dabei zeigt sich deut lich, dass alle Gattun‑ gen auf den be obach teten Publika tions platt formen im Internet cross medial ver schmel‑ zen, sobald dort zu gelieferte Elemente aus Text, Audio und Video ko‑publiziert werden. Im Publika tions prozess materialisiert sich damit eine maß gebliche Schnitt stelle zwischen Redak tion und Öffentlich keit, die als be sondere Anforde rung des Digitalen Journalis‑ mus gelten kann (vgl. Kap. 5). Bei Tagesschau. de sitzt N. N. an dieser Cross media‑Stelle, 236 indem er ab genommene Beiträge über das CMS auf Tageschau. de kontinuier lich ein‑ speist und die Konstella tion der Beiträge er neuert, also neue Rang folgen fest legt, Formatie rungen anpasst und das Layout der Website umbaut. Parallel dazu konzentrie ren sich die Hand lungs abläufe des CvD darauf, Mitarbei‑ tern Anwei sungen zu geben und sich mit ihnen im persön lichen Gespräch abzu‑ stimmen – im Protokollauszug (Tab. 6.4) geht es z. B. um einen Ab stimmungs prozess per E‑Mail mit einer redak tio nellen Arbeits gruppe. Die AG hat Beitragselemente zu einer Web‑Sendung namens „Wahlschau“ mit Social Stream zur Bundestags wahl 2013 ent worfen und vor produziert – im konkreten Fall: einen Opener‑Entwurf zum „Wahl‑ schau‑Dummy“, der auf YouTube ver öffent licht werden soll (Nr. 12). N. N. sichtet den Opener und schickt der AG „Wahlschau“ Ver besse rungs vorschläge per Mail zurück. Dabei nutzt der CvD außer dem E‑Mail‑Programm Lotus Notes YouTube. com als Online‑Kanal zur Sichtung des Beitrags. Ein weiterer Hand lungs ablauf zeigt den Abnahme vorgang eines Beitrags aus der ARD‑Haupt stadtredak tion: des Video‑Podcasts „Deppen dorfs Woche“ von Ulrich tabelle 6.4: Produk tions hand lungen: aus schnitt beobach tungs tagebuch cvD (Tages schau. de) nr. Zeit handlung (oberbegriff) ebene hand lungs ablauf technik (hardware) technik (Soft- ware/online) anmer- kungen 11 14:43 kollegen kom- munika tion wegen nach träg- licher korrektur einzelner bei- träge 200 n. n. geht zu einem kollegen, der für die teletext seiten der tagesschau zuständig ist, und gibt ihm anwei sungen zur Änderung einzelner aus- drücke bzw. Über schriften, an schließend geht n. n. an seinen arbeits platz zurück. tV fest am Schreibtisch des teletext- kollegen mit Fernbedie- nung, notizen auf blatt tagesschau- nachrichten- seiten im tele- text über tV 12 14:47 kollegen kom- munika tion per e-mail zur pla- nung/konzep- tion einer Web- Sendung namens „Wahlschau“ mit Social Stream zur bundestags- wahl 200 n. n. liest eine e-mail, in der es um den opener für die Web-Sendung „Wahlschau“ geht. Die e-mail ent hält einen link zu einem opener- entwurf („Wahlschau Dummy“) auf youtube. n. n. öffnet den link und sieht sich den opener an (ca. 40 sec.) und schickt der „Wahlschau“-arbeits gruppe im anschluss Ver besse rungs- vorschläge per e-mail zurück. pc fest auf Schreibtisch, kopfhörer e-mail-pro- gramm lotus notes, www. youtube. com 237 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Deppen dorf, Studioleiter und Chefredakteur Fernsehen im ARD‑Haupt stadt studio. Parallel zu anderen Kommunika tions hand lungen kümmert sich N. N. insbesondere um die Neuformulie rung des Teasers zu diesem Video‑Podcast, wobei hier das redak‑ tions eigene Content‑Management‑System Sophora147 zum Einsatz kommt. Auch Tim Kosmetschke, seit 2011 stell vertreten der Leiter der Lokal redak tion in Koblenz, hat für die Rhein-Zeitung über wiegend mit dem Redigie ren oder der Ver‑ edelung bzw. Finalisie rung journalisti scher Beiträge zu tun – allerdings für Print und Online zugleich: Als sogenannter „Blattmacher“ steuert und koordiniert er nicht nur die Ver öffent lichung der Online‑Beiträge der RZ-Reporter; Kosmetschke ist auch dafür ver antwort lich, dass Print‑ und Web‑Ausgabe cross medial aufeinander ab gestimmt werden.148 Für das Web ver linkt er Texte, fügt Bilder ein, gruppiert Text‑ und Bild‑ elemente zueinander, formuliert Teaser, schreibt ge legent lich Meldun gen um, passt Artikel in das Layout der Website ein und ver knüpft Fotos und Texte mit dem CMS – allesamt typische Tätig keiten für das Profil eines modernen Blattmachers, wie ihn die Rhein-Zeitung definiert. Dennoch folgen die Printartikel bei der Publika tion dem Prinzip „Print first“, bevor diese in der Regel einen Tag später online ge stellt und über Facebook an geteasert werden. Aus nahmen be stehen natür lich bei reinen Onlinethemen oder bei Eilmel dungen, die schnellst möglich über alle Kanäle publiziert werden müssen. Kosmetsch kes wesent licher digitaler Arbeits bereich (für Print und Online) ist dabei das Redak tions system red. web, ein „All Channel Publis hing System“, über das ver‑ schiedene Module und Funktionen auf gerufen werden. Die Entwicklerin von red. web ist eine eigene Ab teilung des Mittel rhein‑Verlags, wobei laut Christian Lindner „die Redak tion der RZ Ideengeber, ver längerte Werk bank und Labor für System entwickler des Ver lages“ ist.149 147 Sophora ist ein Web-content-management-System bzw. ein redak tions system mit einer intuitiven und leicht bedien baren oberfläche, integrierter Suchfunk tion und integriertem bild-editor und einfacher bedie nung mittels Drag & Drop. als Desktop-anwen- dung er möglicht Sophora editor ein schnelle res arbeiten als herkömm liche Web-applika tionen. 148 Das von der RZ 2009 ein geführte Strukturkonzept, ihre redakteure in die beiden teams „blattmacher“ und „reporter“ aufzu teilen, sieht vor, dass sich erstere für die erstel lung der lokalseiten der ver schiedenen print ausgaben zuständig fühlen, während letztere die beiträge zuliefern – d. h. beide redakteurs gruppen gleichzeitig für die print- und die online-ausgabe arbeiten. 149 mail von c. lindner vom 7. märz 2014. bei red. web handelt es sich demnach um ein vom mittel rhein-Verlag (in dem die rZ er- scheint) ent wickeltes, mobiles redak tions system (vgl. www. red-web. com/), mit dem inzwischen 20 deutsche und sechs außerdeut sche regionalzei tungs redak tionen arbeiten. Unter schied liche Softwarefunk tionen (module) binden ver schiedene abläufe des redak tions alltags in eine webbasierte Umgebung ein: red. web-cross media ist eine medienneutrale Daten bank, in der artikel, materialien und bilder – sowohl eigene beiträge als auch Fremdcontent – ver waltet werden; red. web layout bildet die Seiten einer ausgabe in ver kleinerter Form ab, in diesem programm können sowohl texte in das layout ein gegeben als auch das Seiten layout ge staltet werden; red. web page manager ist ein Seiten pla nungs tool, das einen Über blick in listen form bietet; red. web Wiki ist ein planungs- und kommunika tions instrument (bspw. für Druck pläne) und red. web agentur ver waltet ein gehende agenturmel dungen und ver arbeitet text-, Grafik-, bildformate und Geodaten; mithilfe von Filtermechanismen und Suchoperatoren lassen sich darin ge zielt meldun gen ab fragen. Das gesamte redak tions system dient der themen planung und der auf berei tung sowie publika tion von content für cross mediale produk tions kanäle von Zeitungs redak tionen (vgl. www. red-web.com/start. html). 238 Im konkreten Fall beispiel (vgl. Tab. 6.5) wird das cross mediale, automatisierte Arbeiten bei der Rhein-Zeitung mithilfe des Redak tions systems be sonders deut lich, wenn Kosmetschke Beiträge sowohl für die Print‑ als auch für die Online‑Ausgabe quasi zeit gleich be arbeitet, diese ent sprechend layoutet und das System mit den jeweils an gepassten Inhalten be stückt. Die be obach teten CvDs und Planer sind die zentralen Bindeglieder im Getriebe der digitalen Redak tion, auch im Hinblick auf die cross mediale Ver zahnung mit den Muttermedien – in diesem Falle der Zeitung und dem Fernsehen. Ein Großteil ihrer Produk tions hand lungen findet allerdings ebenso analog‑kommunika tions basiert (u. a. persön liche Mitarbeiter gespräche) wie digital‑technik gesteuert (u. a. Web‑Content‑ Management‑Systeme) statt. Hervor zuheben sind bei diesen Arbeits abläufen die jeweili gen Redak tions systeme als zentrale Ressource, die nicht nur auf die Un verzicht bar keit solcher Systeme an sich, sondern auch auf zunehmende Automatisie rungs tendenzen bei der redak tio nellen Pro‑ duk tion schließen lassen: Das vom Zeitungs verlag selbst ent wickelte, webbasierte Redak tions system red. web wird bei der Rhein-Zeitung vor allem als cross mediales Planungs instrument, Recherche‑Tool und Layout‑Werkzeug für die parallele Zeitungs‑ und die Online‑Produk tion ein gesetzt. Bei Tagesschau. de kommen das Nachrichten‑ Management‑System Open Media (Annova Systems), das speziell für News rooms im TV‑Bereich ent wickelt wurde, sowie das Web‑Content‑Management‑System Sophora150 häufig zum Einsatz – beides eben falls multifunktionale, webbasierte Redak tions systeme, die cross mediales Publizie ren unter stützen. Mit Papaya und dira! Highlander151 sind bei DRadio Wissen ähnlich umfassende Systeme im Einsatz. Spiegel Online arbeitet mit dem eigens inhouse ge bauten Content‑Management‑System CE (Content Entry). Die produk tio nellen Tätig keiten der Gruppe der Online-Redakteure sind nicht grund verschieden von denen der CvDs und Planer, jedoch konzentrie ren sich ihre Handlun gen qua Auf gaben profil eher auf die handwerk liche Ebene, also in erster Linie auf die Erstel lung und Bearbei tung journalisti scher Beiträge. Erwar tungs gemäß nehmen bei ihnen unter schied liche techni sche Hilfs mittel einen prominente ren Raum ein: In der Produk tion sind die beiden be obach teten Redakteure – Jan Oltmanns von Tagesschau. de und Julia Rosch von DRadio Wissen – vor allem mit der Beitrags produk‑ tion, vorzu gs weise der Produk tion von Texten, befasst. Erkenn bar sind zunächst inein‑ 150 nDr und arD waren die ersten deutschen Unter nehmen, die die Software Sophora der hamburger subshell Gmbh seit 2007 ein- gesetzt haben. 151 dira! highlander ist ein von vielen deutschen radiosendern ein gesetztes content-management-System für Sendepla nung und produk tions abwick lung. es bietet umfang reiche tools für die produk tion, aus strah lung und automa tion von radiobeiträgen (vgl. www.scisys.co.uk de/ wo-wir-arbeiten/media-broadcast/unsere-produkte/redaktionswerkzeuge/dira-highlander. html) [27. 03. 2013]. 239 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus tabelle 6.5: Produk tions hand lungen: aus schnitt beobach tungs tagebuch blattmacher tim kosmetschke (Rhein-Zeitung) nr. Zeit handlung (oberbegriff) ebene hand lungs ablauf technik (hardware) technik (Soft- ware/online) anmer- kungen 59 11:43 Zeitungs seite layouten/bauen 200 tk fügt einen Fremdartikel in das Seiten layout der nächs- ten ausgabe an (Seitenbau) und passt text und Größe an die Vor gaben an. pc red. web-cross- media 60 11:44 beitrag „bau- maschine ge- stohlen“ bear- beiten 200 tk bekommt eine polizeimel- dung per e-mail und be reitet diese meldung für die online- seite vor. Zusätz lich fügt tk ein bild aus dem bildarchiv ein. pc outlook red. web-cross- media cmS 61 11:47 telefon kom- munika tion/ produk tion zum thema „bau- maschine ge- stohlen“ 500/ 200 tk arbeitet parallel: telefon klingelt, tk nimmt Gespräch an und kommuniziert. paral- lel be arbeitet er die polizeimel dung zur ge- stohlenen baumaschine weiter. telefon pc red. web-cross- media 62 11:49 planung und kommunika tion 500 Die über arbeitete Seite zum thema balduin-brücke ist per e-mail von einem kollegen zurück gekommen. tk be- wertet die Über arbei tung und findet das layout der Seite nun besser. tk schreibt dem kollegen per e-mail zurück und gibt sein ok. pc outlook red.web-cross- media 63 11:51 Zeitungs seite layouten 200 tk layoutet die lokalseiten für die nächste ausgabe. pc red.Web layout 64 11:53 beitrag be- arbeiten 200 tk be arbeitet polizeimel dung weiter und passt diesen für die onlinepublika tion an. pc red. web-cross- media 65 11:56 publikation des beitrags 300 tk publiziert polizeimel dung online auf der redak tions- website. pc red.web-cross- media cmS 66 11:57 beitrag be- arbeiten 200 tk schreibt den text für die print ausgabe um und passt das layout an. pc red.web-cross- media 240 ander greifende Hand lungs abläufe, die offen kundig eng mit denen der CvDs und Planer bzw. der jeweili gen Vor gesetzten oder Schichtleiter korrespondie ren: – Beiträge: Vor berei tung bzw. Planung, Kontrolle bzw. Redigat und Fehlerkorrektur, Umschreiben und Abnahme von Eigen‑ und Fremdbeiträgen, Publika tion von freigegebenen Beiträgen, – CMS: Anlegen, Formatie rung, Anpas sung bzw. Layout, Ver linkung und Kontrolle von Artikeln bzw. Audiobeiträgen, – Kommunika tion: – Vorgesetzte: Ent gegen nahme von Arbeits aufträgen, Abnahme durch CvD, persön liche Rücksprache mit dem oder Lob vom Vor gesetzten, – Kollegen: Ent gegen nahme und Ertei lung von Arbeits aufträgen, Ab sprache, Informa tion und Diskussion mit Kollegen über Themen wahl und bzw. oder Beiträge, Bitte um Mithilfe (z. B. bei Recherche). Einzelne handwerk liche Tätig keiten der Online-Redakteure umfassen ferner beispielsweise: – Recherchen (Google‑Begriffs recherche, Wikipedia‑Schlagwortrecherche, Bild recher‑ che, Recherchen auf journalisti schen Websites, Recherche themen verwandter Artikel bzw. Audio‑Beiträge auf eigener Website), – Nachrecherchen (z. B. von Agenturen), – Formatie rung von Texten und Bildern, – Interview‑Trans krip tionen, – Einfügen von Bildern und Bild unterschriften, Metadaten, Links, – Nach bearbei tung bzw. Zuschnitt von Fotos, – Formulie rung von Teasern, Über schriften, Infoboxen, Zwischen überschriften, – Rechtschreibprü fung. Schon an dieser Auf stel lung wird kennt lich, dass das gesamte be obachtete Hand lungs‑ spektrum der Online-Redakteure von techni schen Vor gängen be gleitet wird, d. h. kaum eine journalisti sche Tätig keit – außer die persön liche Kommunika tion mit Kollegen und Vor gesetzten – wird ohne Einsatz von Hardware oder Software vollzogen. Dabei sind die ein gesetzten techni schen Hilfs mittel ebenso zahl reich wie vielfältig (siehe Tab. 6.6). Dies spricht für einen hohen Grad an Technisie rung in der täglichen Redak‑ teursarbeit. Am Beispiel der Tätig keits abfolge von Tagesschau. de‑Redakteur Jan Oltmanns (Tab. 6.7) wird deut lich, dass der Anteil technik gestützter Handlun gen am Gesamt‑ korpus relativ hoch ist: Der im hier ge wählten Aus schnitt während einer halben Stunde dokumentierte Arbeits vorgang – der Produk tions prozess eines Online‑Beitrags bis zur Vor stufe seiner Publika tion – zeigt stark ver dichtete, teils parallel ab laufende Handlungs‑ sequenzen, die (bis auf die persön lichen Rücksprachen mit dem an diesem Tag zuständi‑ 241 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus gen CvD) aus nahms los mit techni schen Hilfs mitteln be werkstelligt werden. Dies kann für den Arbeits bereich eines Online‑Redakteurs kaum ver wundern, stellen die be‑ obach teten Tätig keiten doch eine für den Digitalen Journalismus mehr oder weniger erwart bare Hand lungs spezifik dar. Über diese Erkenntnis hinaus er scheint dafür umso interessanter, dass neben einer aus geprägten Multi‑Tasking‑Fähig keit die zur Ver fügung stehende Zeit, in der solche Auf gaben zu erledi gen sind, die Struktur dieser Hand‑ lungs muster wesent lich be stimmt: Schnelle Rhythmen be stimmen das Tages geschäft im Nachrichten journalismus, online allemal, und so ist davon auszu gehen, dass auch die Produk tions abläufe selbst, wie sie be obachtet wurden, von einer ganz speziellen Eigendynamik erfasst werden, die zügiges und präzises Handeln er forder lich machen. Zum anderen fällt als Indikator für Technisie rungs‑ und Automati sie rungs tendenzen auch hier die be sondere Rolle webbasierter Content‑Management‑Systeme ins Gewicht: Wie schon zuvor bei den CvDs und Planern be schrieben, haben sich Redak tions systeme wie Sophora zu ganz wesent lichen, voll‑ bis teilautomatisierten Schalt stellen im jour‑ nalisti schen Online‑Betrieb ent wickelt, die nicht nur den zu nehmen den Einsatz von Technik (Technisie rung) in den Redak tionen, sondern auch die sukzessive Ab lösung mensch licher Hand lungs abläufe und Produk tions schritte durch techni sche Hilfs mittel und Systeme (Automatisie rung) voran treiben – auch dies auf den ersten Blick kein sonder lich über raschen der Befund, wohl aber einer, der auf grund seiner immensen Bedeu tung für den gesamten Produk tions prozess allemal größere Beach tung ver dient. redak tion online-redakteur Software/online-Quellen DRadio Wissen Julia rosch adobe photoshop arstechnica. com dira! highlander Dradiowissen. de krebsonsecurity. com microsoft outlook microsoft Word papaya pixlr. com Tageschau. de Jan oltmanns adobe photoshop Facebook FotoWeb ibm lotus notes intranet nDr microsoft Word open media Sophora tagesschau. de tabelle 6.6: einsatz von software: online-redakteure Julia rosch (DRadio Wissen) und Jan oltmanns (Tagesschau.de) 242 tabelle 6.7: Produk tions hand lungen: aus schnitt beobach tungs tagebuch online-redakteur Jan oltmanns (Tagesschau.de) nr. Zeit handlung (oberbegriff) ebene hand lungs ablauf technik (hardware) technik (Soft- ware/online) anmer- kungen 15 12:38 beitrag be- arbeiten 200 Fügt interview/artikel aus Word ins cmS ein. recher- chiert die genaue experten- bezeich nung seines interview- partners. redigiert/formatiert text im cmS (fügt Zwischen über schrif- ten ein etc.) pc/arbeits- platz Sophora intranet nDr 16 12:50 bewegung 500 Geht zu cvD, um mit ihm ein Detail des artikels zu be- sprechen. 17 12:52 beitrag be- arbeiten 200 redigiert/formatiert text weiter an seinem pc: schreibt teaser (Vor spann), liest etwas zum thema in einem vor handenem tagesschau. de- artikel und ändert daraufhin etwas im teaser. ergänzt Zwischen überschriften etc. im text. pc/arbeits- platz Sophora tagesschau. de 18 12:56 bewegung 500 Druckt ferti gen text aus und bringt diesen zum cvD, damit dieser ihn kontrolliert. pc/arbeits- platz Drucker Sophora 19 12:58 bild zum beitrag 200 Zurück am pc sucht Jo im cmS nach einem passen den bild für den artikel, forma- tiert dieses und fügt eine bild unterschrift ein, fügt weitere bilder und bild- unterschriften ein. pc/arbeits- platz Sophora 20 13:06 kollegen- kommunika tion im produk tions- prozess bewegung 200/ 500 co-cvD kommt vorbei, lobt Jo’s arbeit, be spricht formale Details und Über schrift. Sie ändern gemeinsam die Über- schrift. Jo geht mit dem co-cvD zu dessen arbeits- platz und be spricht dort wei- tere Details zum artikel. papier pc/arbeits- platz Sophora 243 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus nr. Zeit handlung (oberbegriff) ebene hand lungs ablauf technik (hardware) technik (Soft- ware/online) anmer- kungen 21 13:12 bewegung/ beitrag be arbeiten 500/ 200 Geht zurück und sucht an seinem pc themen verwandte tagesschau. de-artikel auf der homepage zusammen, um sie am ende des ferti gen artikels zu ver linken (die artikel sucht er zunächst online und danach im cmS). pc/arbeits- platz Sophora tagesschau. de 22 13:13 Fotos zum beitrag 200 Findet innerhalb der artikel andere passende bilder, die ihm besser ge fallen, und ersetzt die zuvor ge wählten bilder mit den neuen. Fügt ent sprechend neue bild- unterschriften ein. pc/arbeits- platz Sophora tagesschau. de 23 13:20 bewegung 500 Geht kurz zum cvD und sagt bescheid, dass artikel fertig ist. 24 13:22 publika tions- prozess 300 Schaltet den artikel an sei- nem pc „auf grün“ (publika- tion) und gibt ihn für den cvD frei (damit er ihn auf der Start seite platziert). cvD setzt es praktisch sofort um, doch dann gibt es pro- bleme mit der Formatie rung/ dem Design (Jo: nach Umstel lung auf das neue tagesschau. de-layout pas- siere das hin und wieder). pc/arbeits- platz Sophora (Ver öffent- lichung erfolgt später auf tagesschau. de) 25 13:27 kommunika tion im produk tions- prozess beitrag be arbei- ten 200 Drei redakteure kommunizie- ren „rufend“ durchs büro, um das problem zu lösen. Jo ändert Formatie rung im cmS, sagt bescheid, dass Fehler behoben sein müsste. Die anderen geben Feedback. Diskussion im büro. pc/arbeits- platz Sophora 26 13:35 bewegung/ kommunikation im produktions- prozess 500/ 200 Jo geht zu cvD und be spricht die Formatie rungs probleme direkt mit ihm. 244 Auch bei Julia Rosch (DRadio Wissen) treffen ver schiedene Hand lungs elemente aufeinander, die parallel be wältigt und als typisch für das Hand lungs muster eines Online‑Redakteurs auf gefasst werden können: Rosch ist für die Dauer der Beobach‑ tung mit der Vor berei tung, Änderung, Ver linkung und Erstel lung journalisti scher Beiträge (vor allem: Bild und Text) befasst. Auch in ihrem redak tio nellen Zugriffs‑ bereich erweist sich das Content‑Management‑System von DRadio Wissen (Papaya) als zentrale Produk tions ressource, die automatisierte Abläufe journalisti schen Handelns steuert. Einziger wesent licher Unter schied zu Oltmanns, dessen Handlun gen sich an den Programminhalten der ARD‑Tagesschau orientie ren, ist, dass Roschs Tätig keiten stark auf das cross mediale Zusammen spiel von Audioinhalten von bzw. für DRadio Wissen und deren Website aus gerichtet sind.152 Das Produk tions spektrum der vier be obach teten Social-Media-Redakteure Maike Haselmann (Spiegel Online), Lars Wienand (Rhein-Zeitung), Valentin Mayr (DRadio Wissen) und Marjan Parvand (Tagesschau. de) ist im Ver gleich zu den Online‑Redak‑ teuren qua Profil stark auf Social‑Media‑Inhalte be schränkt. Neben kommunikativen Handlun gen (über E‑Mail, Chat‑ und Instant‑Messenger‑Programme, Skype, telefo‑ nisch, persön lich), die in der Regel zur Planung oder Ab stim mung von Themen und Produk tions abläufen, zuweilen dem Aus tausch von Informa tionen und Recherchequellen dienen, kreisen sämt liche Handlun gen um die kontinuier liche Befül lung der Social‑ Media‑Kanäle: Twitter und Facebook, ge legent lich Google+ und YouTube sind hier die maß geblichen Reviere, in denen die be obach teten Redakteure mittels teils unter schied‑ licher techni scher Hilfs mittel das journalisti sche Tagwerk ver richten (siehe Tab. 6.8). Auch wenn hier keinerlei Aus sagen über die ab soluten Häufig keiten ge troffen werden sollen, zeichnet sich bei den vier be obach teten Redakteuren in der Produk‑ tions phase doch ein reger Einsatz vor allem von Facebook und Twitter zum Ver weis auf eigene (und fremde) journalisti sche Quellen ab; Google+ wird nur ge legent lich ge nutzt, weitere Social‑Media‑Platt formen werden gar nicht be spielt. Facebook und Twitter haben sich, so auch die Ergeb nisse der quantitativen Inhalts analyse (Kap. 3) und der Experten befra gung (Kap. 5), offen kundig als sehr präsente und wesent liche Ver teil systeme nach dem Empfeh lungs prinzip im Web 2.0 etabliert, zumindest in den vier be obach teten Redak tionen von Spiegel Online, Rhein-Zeitung, DRadio Wissen und Tagesschau. de. Neben diesen Haupt aufgaben ähneln die sonsti gen Handlun gen der vier Social‑ Media‑Redakteure denen der beiden Online‑Redakteure: Text‑, Audio‑ oder Video‑ 152 Während oltmanns etwa das speziell für tV-nachrichten anbieter ent wickelte programm open media nutzt, arbeitet rosch mit dira! highlander. 245 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Beiträge be arbeiten (kürzen, umschreiben bzw. umschneiden, redigie ren, anpassen, Über schriften bzw. Teaser formulie ren, be bildern, ver linken, einbetten auf der Website) und das jeweilige Redak tions system be dienen, dies alles gehört auch bei den be obach‑ teten Akteuren zum journalisti schen Standardrepertoire, wenn es auch nicht ihre vor rangige Aufgabe ist. Eine Automatisie rung drückt sich dabei noch am ehesten in den automa tisierten Hilfs mitteln zur Vor berei tung, Bearbei tung und Publika tion von Meldun gen aus, die über Twitter ab gesetzt werden: Automati sche URL‑Shortener und Kurzlinks, automatisierte Twitterfeeds, Software‑gestützte Zeitschaltuhren zur automati‑ schen Publika tion von Tweets, Copy‑Paste‑Methoden zum Ab setzen von Tweets sowie tabelle 6.8: Produk tions hand lungen, social-media-kanäle und techni sche hilfs mittel Social-media-kanal Facebook twitter Google+ handlung posts ver fassen, be- arbeiten, publizie ren und kontrollie ren bilder, Videos, Screen- shots hochladen, ein- passen und einbinden links eigener und fremder Websites ein- binden und be arbeiten nachrichten (posts) liken, kommentie ren, teilen tweets vor bereiten, ver fassen, redigie ren, einkürzen und ab- setzen links eigener und fremder Web- sites (texte, bilder, Screen- shots, audio etc.) einbinden und be arbeiten Uhrzeit programmie ren zur automati schen Ver öffent lichung von tweets hashtags einfügen tweets re-tweeten, favorisie ren posts ver fassen, be- arbeiten, publizie ren und kontrollie ren links eigener und fremder Websites (texte, bilder, Screens hots, audio etc.) einbinden und be arbeiten nachrichten (posts) emp- fehlen (plus), kommentie- ren, teilen tools Facebook-Debugger (Fehlerkorrektur-tool) Facebook Developers (modera tions- Werkzeug) Facebooktipps. com (Facebook-eigene Website für User) icerocket. com (crawler) tweetdeck (real-time-client) twitterfall (real-time-client) tame. it (crawler/real-time- client) hootsuite (Dashboard/analyse- tool) Dlvr. it (Search-client) icerocket. com (crawler) bitly. com (Url-Shortener) twitter analytic (Statistik-tool) twitter-app – 246 diverse Social‑Media‑Management‑Dashboards,153 Follower‑ und Such‑Dienste (Craw‑ ler), Statistikanalyse‑Werkzeuge und Client‑Programme, mit deren Hilfe Accounts, Topics und Trends bei Twitter vollautomatisiert durch sucht, sortiert und publiziert wer‑ den, lösen durch aus Assozia tionen zur eingangs ge zeichneten Schimäre eines Roboter‑ Journalismus aus – wenn hinter diesen techni schen Prothesen nicht nach wie vor reale Personen stünden, die diesen Twitter‑News flow professio nell be dienen, bändi gen und steuern. Die letzte Gruppe der Multimedia-Redakteure ist in weitaus komplexere Produk‑ tions schritte ein gebunden, die einer individuelle ren Betrach tung be dürfen. Dass bei Wissenschafts‑ und Daten journalistin Christina Elmer (Spiegel Online) und Multimedia‑ Reporterin154 Jennifer de Luca (Rhein-Zeitung) weniger kommunika tions‑ oder system‑ basierte Tätig keiten im Zentrum ihrer Arbeit stehen, sondern das autonome Tagewerk, wurde bereits im vorigen Kapitel be schrieben (vgl. Kap. 6.2.2.1). Da dort auch die Produk tions schritte von Elmer an einem Beispiel aus führ lich illustriert wurden, werden nach folgend die einzelnen Handlun gen eines typischen Produk tions ablaufs der Multi‑ media‑Reporterin Jennifer de Luca am Beobach tungs tag anhand eines Work flow‑ Diagramms beispiel haft dargestellt und analysiert: Jennifer de Luca arbeitet, so zeigt die Ver anschau lichung (vgl. Abb. 6.3), explizit auf ein autonomes Produkt hin, statt in einem Kontinuum aus simultanen Einzelhand‑ lungen ge fangen zu sein – wenn gleich auch die Multimedia‑Reporterin (ebenso die Daten journalistin) in ein digitales Kommunika tions netz ein gebunden ist, das ihr ebenso den Kontakt in die eigene Redak tion als auch zur Außen welt erlaubt. Anders als die Redakteure der anderen drei Gruppen sind ihre Handlun gen (am jeweili gen Beobach‑ tungs tag) jedoch wesent lich fließen der und nicht so erkenn bar den Unwäg bar keiten des Nachrichten stroms im Web aus gesetzt: Ihre Arbeit auf den drei Produk tions stufen zeigt nicht nur, dass von Beginn an mehrere Medien kanäle und techni sche Aus‑ spielformate kongenial zusammen gedacht werden. Es ist darüber hinaus erkenn bar, dass es sich, zumindest im dargestellten Work flow, um eine ganz heit liche, lineare Abfolge mehrerer originär journalisti scher Tätig keiten handelt, die nicht von Dis‑ kontinui täten be einträchtigt sind, sondern einen Anfang und ein (vor läufiges) Ergebnis haben. 153 Dashboards sind controlling-Softwareprodukte, in diesem Fall zur Ver waltung und aus wertung sozialer netz werke. 154 in der regel sollte ein multimedia-reporter bei der Rhein-Zeitung einen artikel zu einem thema schreiben, ein Video dazu drehen und Fotos zum thema machen. bei größeren Ver anstal tungen wie bspw. einer Demonstration, sollte der multimedia-reporter vom ort des Geschehens aus auch twittern und posts auf Facebook ab setzen. 155 bei der im geschilderten produk tions ablauf ein gesetzten Software und den online-ressourcen handelte es sich um: red. web- cross media (cmS), red. web layout (cmS), Windows live Fotogalerie (bildprogramm), adobe premiere pro (Schnitt programm), microsoft Word, microsoft outlook, Sonofind (musiksuche/-börse), Google. de, chip. de, Free m4a to mp3 konverter (konvertie rungs programm mpeG-4 audio in mp3), itunes, Rhein-Zeitung.de, Website Gesell schaft zur Förde rung beruf licher integra tion (GFbi). 247 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus 6.2.2.3 rezeP tionen Von nutzer feeDback Der Publikums dialog als wesent licher Bestand teil journalisti scher Hand lungs prozesse (vgl. z. B. Hohlfeldt, 2013; Loosen u. a., 2013; Neuberger, 2009; Neuberger & Quandt, 2010; Simons, 2011) ist im Digitalen Journalismus nicht mehr wegzu denken. Für Redakteure be deutet dies, ihr Publikum permanent in den Blick zu nehmen, dessen Bedürf nisse zu er kennen und deren aktive Partizipa tion am journalisti schen Prozess zu unter stützen. Die permanente Beobach tung der Resonanzen, der unter schied lichen Nutzer reak tionen, z. B. über Kommentare, Foren oder soziale Medien, sowie die Inter‑ aktion mit Nutzern nehmen dabei ent scheidend Einfluss auf Themen entwick lung und journalisti sche Produk tions prozesse. In den be suchten Redak tionen konnten folgende abbilDung 6.3: work flow-Diagramm zur Produk tion einer multimedia-reportage von Jennifer de luca (Rhein-Zeitung)155 Bildproduktion: Datenüberspielung/ Speicherung, Bildauswahl für Bilderstrecke, Bild- bearbeitung, weitere Bildauswahl für Zeitungs- produktion Foto-Shooting: Aufnahmen beteiligter Protagonisten, von der Umgebung und Gegen- ständen mit digitaler Spiegelreflexkamera Videodreh: Aufnahmen beteiligter Protagonisten, von der Umgebung und Gegenständen; O-Töne einfangen und Interview mit Protagonisten führen Installation technischer Endgeräte: Aufbau digitale Videokamera und Vorbereitung Fotokamera (SD-Karte), Anschluss Mikrofon Check technischer Hardware: Digitale Spiegelreflexkamera, Digitale Videokamera, Mikrofon, Akku-Auflade- gerät, SD-Karte, Kopf- hörer, iPhone Videoproduktion/ -schnitt: Datenüberspie- lung/-speicherung, Bild- schnitt, Hintergrund- musik, Off-Text ein- sprechen, Vorspann und Abspann produzieren Textproduktion : Verfassen und layouten des Artikels im CMS, Nachrecherche, Verlinkung mit Video, Korrektorat/Redigat, Abstimmung zur Publika- tionsterminierung Inhaltliche Vorbereitung auf Interviews: Schlagwörter aufschreiben (Collegeblock, Stift), ausgedruckte Informa- tionsblätter Vorbereitende Kommunikation: Briefing, Vorgespräche und Absprachen mit den Interviewpartnern P ro d u k ti o n I II P ro d u k ti o n I I P ro d u k ti o n I 248 partizipative Formen und Formate156 im Rahmen ihrer redak tio nellen Webpräsenzen be obachtet werden (Tab. 6.9): Doch wie, über welche Kanäle und mithilfe welcher techni schen Arbeits programme bzw. Software rezipie ren Redakteure von heute das ein gehende Feedback und inwiefern lassen sich in den Rezep tions abläufen Automatisie rungs tendenzen er kennen? Es konnten für alle Redakteurs gruppen folgende Formen der Feedback verarbei tung identifiziert werden: – Regelmäßige Kontrolle von Klickzahlen und Nutzer statistiken redak tio neller An‑ gebote, – regelmäßiges Monitoring von Nutzer kommentaren zu redak tio nellen An geboten, – regelmäßiges Social‑Media‑Monitoring, – Be‑ und Ver arbei tung von E‑Mail‑Feedback. Je nach be obachte ter Redakteurs gruppe waren die Formen unter schied lich stark aus‑ geprägt. Im redak tio nellen Produk tions prozess ist die Resonanz auf publizierte Beiträge elementar für die Ermitt lung von Reichweiten und Reaktionen, für die Quali täts‑ kontrolle sowie für die Planung, wie auch beim CvD von Tagesschau. de be obachtet. Neben der permanenten Beobach tung der Nachrichten lage sichtet N. N. auch regel‑ mäßig die Zugriffs zahlen der Redak tions seite und der Beiträge. Server sammeln und registrie ren Seiten abrufe und Klickzahlen der Beiträge automatisch und in Echtzeit. Diese werden dann stünd lich von der IT in Excel über tragen und den Redakteuren zum Abrufen in Sophora bereit gestellt. Weiter liest N. N. regelmäßig Nutzer kommen‑ tare auf der ge sondert aus gewiesenen Kommentar‑ und Diskus sions platt form meta. 156 Die tabelle dokumentiert ledig lich die Formen und Formate zum Zeitpunkt der beobach tung. tabelle 6.9: beobachtete partizipative formen und formate der be suchten redak tionen besuchte redak tionen Tagesschau. de Spiegel Online Rhein-Zeitung DRadio Wissen beobachtete par- tizipative Formen und Formate meta.tagesschau. de (aus gewiesene kom- mentar- und Diskus- sions platt form) präsenzen auf: Facebook, twitter, Google+, youtube. de mail kontakt kommentar- funktion präsenzen auf: Facebook, twitter, Google+, youtube. de mail kontakt kommentar- funktion präsenzen auf: Facebook, twitter, Google+, youtube. de mail kontakt teilfunk tion der beiträge über soziale netz werke präsenzen auf: Facebook, twitter, Google+, youtube. de mail kontakt 249 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Tagesschau. de. Die Beobach tung von Nutzer feedback jeglicher Art hilft, zeitnah auf ge nutzte Inhalte zu reagie ren und Beiträge zu aktualisie ren. Auch die Gruppen Online-Redakteure und Multimedia-Redakteure be obachten die Resonanz ihrer Beiträge, lesen online Kommentare und er halten Nachfragen per Mail. Christina Elmer von Spiegel Online prüft im CMS, wie lange ein von ihr produzierter Artikel bereits online ge stellt ist und wie viele Klickzahlen bereits ver zeichnet waren. Im nächsten Schritt schaut sie direkt auf Spiegel Online, um zu sehen, ob ihr Artikel noch immer auf der Start seite steht, und liest parallel Nutzer‑Kommentare. Per E‑Mail erhält sie außerdem die Nachricht, dass eine Kollegin ihren Artikel über Twitter re tweetet hat. Bei den be obach teten Social-Media-Redakteuren spielt der Nutzer offen bar in mehrfacher Hinsicht eine Rolle im journalisti schen Produk tions prozess. Mit Blick auf ihr zentrales Arbeits feld, die sozialen Medien, konnte ein viel intensive rer Kontakt, viel mehr Inter aktion und ein Wechselspiel unter schied licher Nutzer rollen innerhalb der Arbeits abläufe wahrgenommen werden. Deutlich wurde bei den Ergeb nissen auch, dass die Rezep tion von Nutzer feedback im Arbeits bereich der Social-Media-Redakteure nicht ohne Weiteres isoliert von den anderen Hand lungs ebenen Recherche und Produk‑ tion nach zuzeichnen ist. Die Gründe be stehen darin, dass zum einen die Recherche, Produk tion und Rezep tion von Nutzer feedback viel enger miteinander ver zahnt sind, und zum anderen, weil der Nutzer und seine Äußerun gen viel stärker als bei den anderen Redakteurs gruppen integraler Bestand teil des journalisti schen Prozesses sind. Folglich nimmt der Nutzer implizit unter schied liche Rollen im journalisti schen Prozess der Social‑Media‑Redakteure ein, die je nach Produk tions ebene variieren können. Wie dieses Wechselspiel aus sieht und wie der Nutzer integriert wird in die Arbeits prozesse, soll beispiel haft anhand einiger be obachte ter Hand lungs ausschnitte von Maike Hasel‑ mann, Spiegel Online und Lars Wienand, Rhein-Zeitung ver anschau licht werden. Zu Schichtbeginn startet Wienand zunächst mit dem Themen‑ und Social‑Media‑ Monitoring und scannt sämt liche Agenturmel dungen, Social‑Media‑Platt formen (da‑ runter auch alle Twitter‑Accounts der Redak tions kollegen) und Nachrichten seiten ab. Einen Großteil ihrer Arbeitszeit ver bringen Wienand wie auch Haselmann damit, die Themen lage und Nutzer resonanzen zu prüfen sowie potenzielle Themen für Social Media zu finden. Demnach fließen in das Monitoring auch Produk tions abläufe mit ein, sobald Posts und/oder Tweets ge funden und diese be arbeitet, mit Links ver sehen und über die jeweili gen Redak tions‑Accounts weiter verbreitet werden. Mithilfe des Comment Modera tion Tools,157 eines Monitoring‑Werkzeugs von Facebook, scannt 157 mit dem comment modera tion tool kann lars Wienand posts und kommentare von allen Facebook-nutzern (auch jene, die nicht in der Freundes liste von der rhein-Zeitung ent halten sind) ver folgen und lesen, die links zu rhein-Zeitung. de ent halten. 250 Wienand außerdem Kommentare und Reaktionen von Nutzern auf redak tions generierte Inhalte der Rhein-Zeitung und Rhein-Zeitung.de. Während dieser Hand lungs abläufe wird der Nutzer implizit zum Beobach tungs objekt, zur Quelle journalisti scher Recherchen und zum Teil der Bericht erstat tung. Im nächsten Beispiel wird der Nutzer zum Hinweis geber für ein potenzielles Thema. Über einen Nutzer post auf Facebook er reicht Wienand der Hinweis auf einen Sirenen‑ alarm in einem Nachbarort von Koblenz. Er ruft sodann eine Kollegin in der zuständi‑ gen Lokal redak tion an, die bis dato noch nichts über dieses Ereignis ge wusst hat, aber nach dem Hinweis sofort recherchie ren will. Wenige Minuten nach der Weiter gabe an die Kollegin ruft diese zurück, klärt Wienand über die Ereignis lage zum Sirenen‑ alarm auf, der dies wiederum dem Nutzer über Facebook mitteilt und sich außerdem bei ihm für den Hinweis bedankt.158 Ein anderes Beispiel zeigt, wie sich Nutzer als Multiplikatoren von Meldun gen engagieren. Kolleginnen vom Nachbartisch machen Lars Wienand auf eine Vermissten‑ meldung auf merksam, die er innerhalb weniger Minuten nach der Kollegen mittei lung auf Rhein-Zeitung. de ver öffent licht, Posts dazu auf Facebook und Google+ sowie Tweets über den Redak tions‑Account als auch über seinen privaten Account absetzt. Innerhalb kürzester Zeit teilen oder retwe eten Nutzer diese Vermis sten meldung. Das nächste Beispiel – ver anschau licht am Tagebuch auszug von Haselmann – ver‑ deut licht, welche Hand lungs abläufe in Gang gesetzt werden können, sobald der Nutzer als konstruktiver Kritiker in Erschei nung tritt (siehe Tab. 6.10). Während des Social‑ Media‑Monitorings er blickt Haselmann im Onlineprogramm Tweetdeck einen Nutzer‑ Tweet, der eine kritische Anmer kung zu einem auf Spiegel Online ver öffent lichten Artikel beinhaltet, dem sie auf den Grund geht und schließ lich auf klärend mit dem Nutzer in Inter aktion tritt.159 Die sozialen Medien bieten Redakteuren und Nutzern auf grund ihres Community‑ Charakters eine niedrigschwellige Inter aktions möglich keit. Das permanente Monitoring beider Seiten er möglicht es, direkt und schnell aufeinander zu reagie ren. In der Folge rücken Nutzer und Redakteur immer näher zusammen und der Nutzer wird immer öfter aktiv in Produk tions prozesse eingebunden.160 Aber nicht nur die Nutzereinbindung war zu be obachten. Auch um gekehrt wird der Redakteur in die Nutzer community einbezogen.161 Für Lars Wienand beispiels weise be deutet die Arbeit in der Community 158 Ähnliches wurde in der inhalts- und netz werkanalyse (kap. 8) bei DerWesten auf twitter be obachtet. 159 auch hier gab es eine ähnliche episode bei DerWesten auf twitter (vgl. kap. 8). 160 Die qualitative anlage und die explorative Vor gehens weise der Studie er lauben ledig lich interpreta tionen zur einord nung der nutzer in be stimmte rollen im journalisti schen produk tions prozess von Social-media-redakteuren. Weitere Studien zum thema wären wünschens wert. 251 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus tabelle 6.10: beispiel eines hand lungs ablaufs zur Ver arbei tung von nutzer feedback nr. Zeit handlung (oberbegriff) ebene hand lungs ablauf technik (hardware) technik (Soft- ware/online) anmer- kungen 57 9:19 Feedback von leser 400 maike haselmann ent deckt in tweetdeck einen tweet von einem leser, der an Spiegel online gerichtet ist mit der Frage, warum in einem be- stimmten Spon-artikel von einem android-phone die rede ist und nicht von einem iphone wie bei allen anderen medien. Daraufhin sieht sich haselmann be sagten artikel aus dem ressort netz welt auf Spiegel online an. laptop auf Schreibtisch tweetdeck, www.spiegel. de 58 9:20 kollegen- kommunika tion im produktions- prozess 200 maike haselmann schreibt über den aol instant mes- senger aim eine nachricht an den autor des artikels (S. 57). laptop auf Schreibtisch aol instant messenger aim 59 9:21 Feedback von leser 400 maike haselmann sieht sich den twitter-account des lesers über ihren privaten twitter-account über twitter an. anschließend öffnet sie den tweet des lesers über die Detailansicht in tweet- deck (S. 57). laptop auf Schreibtisch www. twitter. com, tweetdeck 60 9:21 kollegen- kommunika tion im produktions- prozess 200 maike haselmann schickt dem autor des artikels über den aol instant messenger aim den link zum tweet des lesers in der Detailansicht (S. 59). Der autor des artikels antwortet direkt. laptop auf Schreibtisch tweetdeck, aol instant messenger aim 61 9:23 produk tion eines tweets – antwort auf Feedback von leser 400/ 200 maike haselmann richtet einen tweet an den leser, dass die informa tion mit dem android- phone von dem betroffenen im artikel selbst kam (S. 60). laptop auf Schreibtisch tweetdeck 62 9:24 publika tion eines tweets – antwort auf Feedback von leser 400/ 300 maike haselmann publiziert den tweet (S. 61). laptop auf Schreibtisch tweetdeck 252 nach eigener Aussage, dass er innerhalb der Social‑Media‑Commu nity als die Rhein- Zeitung.de wahrgenommen werde und dies wiederum bringe dann auch mit sich, dass er sehr oft zum ersten Ansprechpartner und Ver antwort lichen ge macht werde, wenn z. B. das E‑Paper der Zeitung ver spätet er scheint. Als Beschwerde empfänger habe er dann viel Koordina tions aufwand, Fehler oder Beschwerden zu beheben. In welchem Maß lassen sich nun auf Basis der Ergeb nisse Automatisie rungs‑ tendenzen im Rezep tions prozess von Nutzer feedback er kennen? Betrachtet man speziell den Automatisie rungs grad, sprich: inwiefern die Technik explizit die Handlung der Redakteure technisch unter stützt oder gar über nimmt, die er ohne Technik normaler‑ weise selbst aktiv tätigen würde, konnten die Formen der Feedback verarbei tung in ihrem Automatisie rungs grad wie folgt ein gestuft werden162 (siehe Tab. 6.11). Die Einschät zung des Automatisie rungs grades richtete sich danach, wie und mit‑ hilfe welcher Technik das Feedback über haupt zustande kam und wie die be obach teten Redakteure dieses ver arbeitet hatten. Demnach konnten folgende Grade von Automa‑ tisie rung er mittelt werden: – Niedrig meint den Leseprozess selbst. Obwohl das Feedback technisch bedingt zu‑ stande kommt, muss der Redakteur den Inhalt ohne techni sche Hilfe selbst lesen. – Mittel, sofern der Redakteur aktiv mithilfe von techni schen Arbeits programmen Feedback ge zielt auf sucht, liest und ggf. be‑ oder ver arbeitet, z. B. E‑Mails schrei‑ ben, ge zielt Nutzer kommentare lesen. – Hoch, sofern der Redakteur eher passiv, sprich, mithilfe von automati schen Zugriffs‑ und Aktivi täts messun gen, z. B. Klickzahlen messung, Monitoring‑Programmen oder automati schen Feeds Zugang zu Nutzer feedback bekommt. 162 aufgrund der qualitativen anlage der Studie haben diese einstu fungen ledig lich einen interpretativen charakter und stellen keine ver allgemeiner baren aus sagen über die jeweili gen Formen der Feedback verarbei tung dar. Diese ergeb nisse jedoch können die Grundlage einer weiteren, quantitativ an gelegten Studie bilden. tabelle 6.11: einschät zung des automatisie rungs grades im rezep tions prozess von nutzer feedback Formen der Feedback verarbei tung automatisie rungs grad Zugriffs zahlen er fassen und messen hoch Social-media-aktivi täten über monitoring-programme er fassen und über wachen hoch monitoring von nutzer kommentaren mittel be- und Ver arbei tung von e-mail-Feedback mittel leseprozess von Feedback niedrig 253 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus 6.2.2.4 Planung – organisa tion – kommunika tion Planung und Organisa tion basieren in der Regel auf kommunikativen Handlun gen, die weithin automatisie rungs frei sind – sollte man meinen. Die zentralen Abläufe fußen jedoch auch in diesen Bereichen in großem Maße auf dem Einsatz von Technologien im Bereich Hard‑ und Software, was allerdings nicht zwingend mit einer Automatisie‑ rung gleichzusetzen ist. Anders als bei den bisheri gen Kategorien sind die be obach teten Handlun gen eher ab strakt und schwerer zu fassen, vor allem, weil sie oft kein prakti‑ sches, greif bares Ergebnis zeigen. Planungs‑ und Organisa tions tätig keiten einschließ‑ lich der zur Ab stim mung ge führten Kommunika tion schließen im Digitalen Journalis‑ mus vor allem folgende Handlun gen ein: – Kommunika tion: technisch (Telefon, Skype, E‑Mail, Chat etc.), persön lich‑münd‑ lich (z. B. Kollegen gespräche), – Themen monitoring zu Informa tions‑, Ab stimmungs‑ und Planungs zwecken, ins‑ besondere auch über Facebook und Twitter, – Koordina tions tätig keiten (gegen warts bezogen), insbesondere Regelung des Einsatzes von Mitarbeitern ent sprechend der Arbeits‑ und Redak tions organisa tion, Anwei‑ sung von Mitarbeitern (Arbeits aufträge), – Planungs tätig keiten (zukunfts orientiert) wie Themen planung und Themen listen, Seiten‑ und Programm planung (Online, Hörfunk und Print), Planungs gespräche über Themen setzung, Termine, generelle Ab stim mung, Umset zung von Beiträgen etc., – allgemeine Organisa tions- und Ver wal tungs aufgaben (Organisa tion des Arbeits platzes, Software‑Updates, persön liche Tages‑ bzw. Arbeits planung inklusive Termin verwal‑ tung, Dokumente und E‑Mails ver walten, Kopier‑ und Druckarbeiten, Post sortie‑ ren), – Vorberei tung von Meetings, Jourfixes und Gesprächen, – Besuch von Redak tions konferenzen, – Koordina tion und Über gabe zum Schicht wechsel (Arbeits ergeb nisse, Planun gen, Ereig nisse), – Tests von Technik und Tools, einschließ lich der Lösung techni scher Probleme,163 In den be obach teten Tätig keiten, die zu vier Hand lungs schwerpunkten ver dichtet wurden, werden folgende Kommunika tions wege ge wählt bzw. technologi schen Hilfs mittel ein‑ gesetzt. 163 kleinere techni sche probleme (Drucker, browser, layout, Wlan) und Wartungs arbeiten treten im kontext der beobach tung ge- legent lich auf, diese kommen hier nicht prominenter zur Sprache. 254 Über die techni schen Kommunika tions standards von E‑Mail, Skype und Telefon hinaus, sind in der redak tions internen wie ‑externen Kommunika tion vor allem Anwen‑ dungen wie die Software IBM Lotus Notes164 u. a. für E‑Mail und Instant‑Messaging oder das Chat‑Programm AOL Instant Messenger (AIM) im täglichen Redak tions‑ betrieb ge bräuch lich (vgl. Kap. 6.2.2.2). Einen hohen Stellen wert hat nach wie vor die persön lich‑münd liche Kommunika tion bzw. das spontane Kollegen gespräch, das gilt zuvorderst für Gespräche zum Zwecke der Beratung, der Ab stim mung, des inhalt lichen Feedbacks oder der ver trau lichen Kritik an journalisti schen Beiträgen unter Kollegen. Formale Ab stimmungs fragen werden dagegen ver mehrt auf techni schem Wege kommu‑ niziert, also per Telefon, E‑Mail und Instant Messaging ge klärt. Für das externe und interne Themen monoring zu Informa tions zwecken sichten165 fast alle be obach teten Redakteure kontinuier lich Agenturmel dungen über automatisierte News‑Feeds (z. B. Ticker‑/Eilmel dungen über die Nachrichten‑Management‑Systeme Open Media bei Tagesschau. de und red. web Agentur bei der Rhein-Zeitung), diverse News letter, journalisti sche Referenz‑ und Leitmedien, Twitter bzw. Facebook, Blogs sowie unmittel bar konkurrierende Online‑Angebote, aber vor allem auch die eigene redaktio nelle Website. Letzteres über rascht insofern kaum, als dass die digitalen Inhalte selbst des eigenen redak tio nellen Outputs ständig Ver ände rungen unter worfen sind: Was vom Redakteur in der einen Minute online ge stellt wurde, kann von einem Kollegen oder vom CvD in der anderen schon wieder um geräumt, neu geordnet oder von der Seite ge nommen worden sein. Die Notwendig keit, sich einen Über blick über die Nachrichten lage auch im eigenen An gebot zu ver schaffen, ist somit relativ groß. Zugleich ist das Monitoring des publizisti schen Portfolios auch im jeweili gen Mutter‑ medium (TV, Radio, Zeitung) in den be obach teten Fällen obligatorisch, um in eigenen Beiträgen publizisti sche Lücken auszu gleichen oder um Redundanzen zu ver meiden: – So informiert sich beispiels weise der CvD von Tagesschau. de, N. N., regelmäßig via Redak tions‑CMS Open Media über die Sende ablaufpläne des Schwester‑ angebots im ARD‑Hörfunk programm oder der Tagesschau‑Ausgaben im Fernsehen. – Gleiches gilt für Tim Kosmetschke von der Rhein-Zeitung, der mittels des Redak‑ tions‑Management‑Systems red. web einen ständi gen Ab gleich zwischen der Zei‑ tungs ausgabe und dem Online‑Angebot der Rhein-Zeitung vornimmt. 164 ibm lotus notes ist eine umfassende kommunika tions software für Unter nehmen (ein pendant zu microsoft outlook). mittels Windows-client wird auf eine zentral ver waltete platt form zu gegriffen, und es können e-mails, kalender, chats, soziale netz werke und weitere kommunika tions tools ge nutzt werden. 165 mit „Sichten“ ist hier sowohl das über blicksartige Querlesen, aber auch die tiefgründige lektüre ge meint, einschließ lich der nach verfol gung von links in den gesich teten artikeln bzw. der an gebote. 255 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Im Bereich Organisa tion kommt es neben den er wähnten direkten Kommunika tions‑ mitteln Mail und Telefon auch häufig zum persön lichen Gespräch als technik freiem Bereich, etwa zur Ab stim mung und Über gabe anläss lich eines Schicht wechsels, bei der Selek tion und Freigabe von Beiträgen oder zur organisatori schen Ab stim mung im Produk tions prozess. Dass dabei Auf gaben delegiert werden und Mitarbeiter Anwei‑ sungen zur Über arbei tung von Beiträgen oder zum Umbau der Website be kommen, ist vor allem dem Ver antwor tungs bereich des CvDs oder des Blattmachers vor behalten – auch wenn in einigen Fällen einzelne Redakteure eben falls Arbeits aufträge er teilen, etwa die Social‑Media‑Redakteurin von Spiegel Online an studenti sche Aus hilfen. Ersteren fällt dabei auch die Aufgabe zu, den gesamten Produk tions‑ und Publika‑ tions prozess der Beiträge im Auge zu be halten und zu über wachen, und zwar im hier ge meinten Sinn der Koordina tion. Dezidiert zum Einsatz kommen bei der Organisa‑ tion auch elaborierte Tools, die eine redaktio nelle Koordina tion von Arbeits prozessen ver einfachen sollen. Bei der Planung geht es im Wesent lichen um die Pflege von redak tio nellen Planungs‑ listen, um die tagesaktuelle Themen lage vorzu halten und eine konsistente Themen ‑ planung zu er möglichen – im be sonde ren Fall vor allem der drei bi‑ bzw. trimedial arbeiten den Redak tionen (Tagesschau. de, Rhein-Zeitung.de, DRadio Wissen) geht es dabei auch um die Sondie rung und Über nahme von sender‑ bzw. ver lagsinternen Themen‑ angeboten (z. B. von Korrespondenten oder Redakteuren von Hörfunk, TV oder Print). Auf der Planungs ebene werden ver stärkt Planungs software‑Tools ein gesetzt, etwa das Nachrichten‑Management‑System von Tagesschau. de, Open Media, in das eine Pla‑ nungs liste integriert ist, Microsoft Outlook und Excel zur Pflege von Dienst plänen und Kalendernut zung sowie das webbasierte Cloud‑Programm Google Drive. – Social‑Media‑Redakteurin Maike Haselmann von Spiegel Online benutzt zur Themen planung etwa den sogenannten SPON‑Tagesplaner, ein Dokument auf Google Drive,166 auf das alle Mitarbeiter zugreifen können und in das die Ressorts vor der Morgen konferenz ihre ge planten Tagesthemen eintragen. Problematisch ist, dass es bei dieser Anwendung kaum Vorkehrungen zum Daten‑ schutz gibt. – Online‑Redakteurin Julia Rosch von DRadio Wissen nutzt zur redak tions internen Planung den Kalender Microsoft Outlook; dort ist auch das Sendeschema des 166 Google Drive ist eine von Google an gebotene Web-anwen dung zur Synchronisa tion von Dateien zwischen ver schiedenen rechnern und Google-nutzern. Damit er möglicht es online eine Daten siche rung, den parallelen Zugriff mehrerer nutzer auf dieselben Daten, sowie ver schiedene möglich keiten der bearbei tung dieser Daten (text, tabellen, bildschirmpräsenta tionen etc.). Änderun gen in den Dokumenten werden allen nutzern in echtzeit an gezeigt. 256 Hörfunk programms von DRadio Wissen einseh bar. Die Programm planer von DRadio Wissen stellen Informa tionen zu allen ge planten Beiträgen ein.167 – Daten journalistin Christina Elmer von Spiegel Online greift zur Themen planung dagegen auf ein redak tions internes Google Doc zu, das die Themen des Tages vorhält. Ferner nutzt sie Confluence, eine kommerzielle Wiki‑Software des Unter‑ nehmens Atlassian, welche Unter nehmen und Organisa tionen hauptsäch lich zur Kom munika tion und zum internen Wissens austausch einsetzen. – Bei Rhein-Zeitung.de ist eben falls ein Redak tions wiki im Einsatz: Tim Kosmetschke setzt red. web Wiki ein, das Teil des Multifunk tions‑CMS red. web ist und über eine Internet verbin dung ge nutzt wird. Für den Blattmacher ist dies nach eigener Aussage das wichtigste Planungs instrument, da es für die Kommunika tion mit allen Schwesterredak tionen dient, Urlaubs pläne sowie Druck pläne (der Zeitungs‑ ausgabe) und die Kürzel der Redak tions mitarbeiter ent hält. Zwei institutionalisierte Koordina tions vorgänge innerhalb der Redak tions organisa tion werden an dieser Stelle explizit heraus gegriffen und genauer be schrieben – der Schicht‑ wechsel und die Redak tions konferenz. Während es beim Schicht wechsel vor rangig um Ab stim mung und Über gabe an die folgende Redak tions schicht geht, steht bei der Redak tions konferenz die Themen planung und „Sitekritik“ (im Redaktionsjargon analog zur Blatt kritik) im Mittelpunkt. Der Schicht wechsel konnte in unserer Studie bei DRadio Wissen168 und bei Tagesschau. de explizit be obachtet werden.169 Für den 24‑Stunden‑Dauer betrieb einer Nachrichten‑Website ist der Schicht wechsel von Früh‑ und Spätdiensten das wesent‑ liche Drehkreuz kollegialer Kommunika tion. Funktioniert er nicht oder nur ein‑ geschränkt, könnte dies die gesamte Maschinerie ins Stocken bringen. Umso wichti ger er scheint der rei bungs lose Ablauf einer solchen Stab übergabe. Was sich in unserer Beobach tung darstellt, ist ein beinahe gänz lich technik freier, zugleich hochprofes sio‑ neller Ab stimmungs prozess unter Mitarbeitern, in dessen Zentrum vor bereitende Tätig‑ keiten und persön liche Gespräche mit den nach folgen den Kollegen stehen. Konkret wird der Planungs stand anhand von Listen über geben, es werden an stehende Auf gaben 167 Die „onliner“ (redakteure der online-Schicht) wissen dadurch, was sie auf ihrer Website ver öffent lichen können, denn die online- Veröffent lichung muss zeit lich mit den teils automatisch einlaufen den audiobeiträgen genau ab gestimmt werden. rosch arbeitet dabei mit zwei bildschirmen: auf dem linken bildschirm hat sie die programm planung in outlook geöffnet, auf dem rechten das cmS zur texteingabe. 168 interessanter weise gibt es bei DRadio Wissen eine online- und eine radio-Schicht. 169 bei Spiegel Online gibt es eben falls Schichtdienste und Schicht wechsel, die aber nicht in unsere beobach tung fielen. beispiels- weise arbeiten die beiden Social-media-redakteurinnen von Spiegel Online, maike haselmann und Vera kämper, montags bis freitags in zwei Schichten (Früh-, Spätschicht). Unter stützt werden sie unter der Woche täglich von einer Social-media-aushilfe (eine Schicht von 9 bis 18 Uhr). am Wochen ende arbeiten die Social-media-aushilfen in zwei Schichten (8 bis 14 Uhr und 14 bis 20 Uhr). insgesamt gibt es bei Spiegel Online rund zehn solcher Social-media-aushilfen. 257 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus und der „Nachklapp“ bzw. die „Weiter drehe“ von Themen be sprochen sowie der aktuelle Abnahme‑ und Betreuungs status von Beiträgen be richtet.170 Auch Redak tions konferenzen, auf die hier aus Gründen der Ver traulich keit nicht näher inhalt lich ein gegangen wird, muten im Hinblick auf den Technik gebrauch eher konventio nell an: Die Mitglieder ver sammeln sich regelmäßig und zu unter schied lichen Tages zeiten (morgens, abends, mittags) um einen Konferenztisch in einem Groß raum‑ büro (Spiegel Online, Tagesschau. de) oder an aus gewählten Büroinseln (Rhein-Zeitung), um durch aus kontrovers über Themen vom Vortag zu diskutie ren und diesbezüg lich Feedback zu geben (Sitekritik),171 Recherchen und neue Themen umset zungen vorzu‑ schlagen (Themen‑ bzw. Seiten planung), sich Notizen zu machen, Arbeits aufträge zu be kommen und sich ggf. mit Kollegen über ihre Beiträge kollektiv oder individuell zu beraten; auch Gestal tungs‑ und Auf machungs fragen werden diskutiert (vgl. Kap. 5). Derlei Konferenzen praktizie ren drei der Online‑Redak tionen – Spiegel Online, Rhein- Zeitung.de, Tagesschau. de – im Beobach tungs zeitraum, mal in größerem (gesamte Redak tion), mal in kleine rem (Ressort‑) Rahmen.172 Planung, Koordina tion und Kommunika tion sind, soweit sich das in unserem Rahmen be obachten ließ, wichtige Eckpfeiler im journalisti schen Tages geschäft unter digitalen Vor zeichen. Zentral für diese Tätig keiten ist, dass die be obach teten Redak‑ teure in vielen Situa tionen offen bar noch ohne techni sche Hilfs mittel aus kommen und beispiels weise die persön lich‑münd liche Ab sprache unter Kollegen einer technik‑ gestützten Kommunika tion vor ziehen, sofern ihnen dies zeit lich und organisatorisch möglich ist. Bei den meisten Handlun gen haben aber auch in diesem Schwerpunkt techni sche Prozesse sowie allerlei Hardware‑Tools und Software‑Anwen dungen Einzug ge halten – sei es in der Ab sprache bei der Themen planung, bei allgemeinen Organisa‑ tions‑ und Ver wal tungs aufgaben oder bei der redak tio nellen Gesamt koordina tion des laufen den Betriebs. Dass dies nicht unweiger lich ein Indikator für die Automatisie rung journalisti schen Handelns sein muss, zeigen die CvDs und Planer, bei denen die Hauptarbeits last in diesem Bereich ver ortet liegt. Wie sich im Kapitel Recherche (Kap. 6.2.2.1) und Produk tion (Kap. 6.2.2.2) andeutete, besteht die Kernaufgabe dieser Redakteurs gruppe darin, innerredaktio nelle Handlun gen zu koordinie ren und unter‑ 170 Zum einsatz kommen dabei die office-anwen dung microsoft outlook mit aktuellem planungs kalender oder einschlägige mail- Dienste, über die mittei lungen an die kollegen zum arbeits stand ver fasst werden. 171 bei Spiegel Online gibt es die Website sponti.spiegel. de, eine vom Spiegel ge hostete interne platt form, auf die unter anderem die Sitekritiken der morgen konferenz hoch geladen werden. Diese können dann von Spiegel-Online-mitarbeitern herunter geladen werden. 172 technische hilfs mittel kommen dabei ent weder gar nicht oder allen falls ge legent lich zum einsatz – beispiels weise das telefon für eine konferenz schal tung, eine power point-präsenta tion sowie Webcam und Flachbildschirm für eine externe Sitekritik mittels einer Videokonferenz mit den redak tio nellen außen stellen (Spiegel Online). im einsatz sind bei solchen treffen auch Smartphones, auf die von einigen der be obach teten redakteure während solcher Sitzun gen beispiels weise zur personen- oder themen recherche kurzfristig zu gegriffen wird. 258 stützend auf den gesamten Planungs prozess einzu wirken. Die CvDs und Planer üben innerhalb der Redak tion also eine aktive Schnitt stellen funk tion aus, ohne die das komplexe Organisa tions gebilde sicher nicht so rei bungs los funktionie ren würde. Alle anderen Redakteurs gruppen haben in dieser Beobach tungs kategorie eher eine Nebendarsteller rolle. Zwar nutzen auch sie Planungs‑Tools und Redak tions‑Wikis, über geben den Stand ihrer Schicht mittels Kalender programmen ge wissen haft an die Kollegen und greifen zur Vor berei tung, aber auch während Redak tions konferenzen, auf techni sche Hilfs mittel zurück. Weil sich redaktio nelle Organisa tions‑ und Koordina‑ tions tätig keiten in der Beobach tung jedoch eher als Chefsache darstellen, sind sowohl die Social‑Media‑, die Online‑ und die Multimedia‑Redakteure in diesen Handlungs‑ bereichen weniger aktiv und stärker auf das Produk tions moment hin engagiert. Koordi‑ nierende und planeri sche Handlun gen wie die Sichtung der redak tio nellen Themenpla‑ nung, die persön liche Terminpla nung und der direkte Aus tausch im Kollegen gespräch zeigen sich also am ehesten dort, wo sie dem über geordneten Ziel der Ver öffent lichung eines Beitrags dienen und ge wissermaßen Mittel zum Zweck sind; ansonsten ver bringen die drei Redakteursgrup pen den Großteil ihrer Arbeits zeit mit der Recherche, Produk‑ tion und Publika tion. Eine Hand lungs zone, die sich zweifels frei als stark technik getrieben und im engeren Sinne als durch automatisiert darstellt, sind die Redak tions- und Content-Management- Systeme, die hier noch einmal Beach tung finden sollen. Wie schon zuvor auf Pro‑ duktions‑ und Publika tions ebene sind sie im Digitalen Journalismus gerade auch für die redaktio nelle Planung, Organisa tion und Koordina tion ein unersetz liches Werk‑ zeug – ein Multi‑Tool, das mit allen möglichen Systemkomponenten aus staffiert ist. Eines dieser redak tio nellen Planungs‑ und Koordina tions systeme ist das weiter oben be schriebene red. web der Rhein-Zeitung, das wie hier ge zeigt, auch auf der Pla‑ nungs‑ und Organisa tions ebene dauer haft zum Einsatz kommt und vor allem für die parallel ar beitende Redak tion von der Rhein-Zeitung und Rhein-Zeitung. de von Bedeu tung ist. Auch Tagesschau. de operiert im Redak tions betrieb mit solchen redak tio nellen Multifunk tions systemen: Sophora und Open Media, die dort am meisten ge nutzten Systemanwen dungen, zeugen eben falls davon, dass die Praxis des Digitalen Journalismus zumindest an diesen zentralen Schnitt stellen hochgradig systemabhängig ist, vielleicht sogar im engeren Sinne systemimmanent, und zwar stärker als es Print‑ und Audio‑ visions medien je waren. In dieser Technik fließen einer seits nicht nur vollkommen unter schied liche journalisti sche Hand lungs ebenen und ‑abläufe zusammen und werden dort systemisch ge bündelt; de facto er möglichen sie anderer seits erst das Handwerk, das wir landläufig unter Digitalem Journalismus ver stehen. 259 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus Dass es sich dabei um teil‑, wenn nicht sogar vollautomatisierte Abläufe handelt, bedarf einer ab schließen den Reflexion – auch in Bezug auf die Aus gangs frage der Unter suchung, ob hierbei im Detail auch Quali täts steige rungen zu be obachten sind oder ob solche Automatisie rungs tendenzen dem Leitbild eines qualitativ hochwerti gen Journalismus ent gegen stehen. 6.3 Journalisten unter beobach tung: reDaktio nelle Quali täts siche rung im zeitalter Der Digitalisie rung In der Beobach tungs studie ging es darum, Automatisie rung im Journalismus nach‑ zuweisen, nämlich sämt liche Handlun gen im journalistisch-publizisti schen Produk tions- prozess, die von techni schen Systemen, vor allem von Programmen und Software-Anwen- dungen, selbst tätig über nommen werden. Wenn vorher von „Automatisie rungs tendenzen“ ge sprochen wurde, kann es sich demnach um vollautomatisierte, aber auch um halb- automatisierte Vor gänge ge handelt haben, wobei Letztere folgerichtig die teil weise, also (noch) nicht ganz selbst tätige Über nahme journalisti scher Handlun gen durch techni‑ sche Systeme be zeichnen. Ein gedenk des er klärten Forschungs ziels wurde bei der Ergebnis darstel lung anhand eines qualitativen Ver fahrens eine möglichst „dichte Beschrei bung“ (Geertz, 1983) des Digitalen Journalismus um gesetzt, indem zehn Redakteure mit unter schied lichen Auf gaben bereichen und Tätig keits profilen in den vier deutschen Online‑Redak tionen von DRadio Wissen, Spiegel Online, Tagesschau. de und der Rhein-Zeitung ge zielt be ob‑ achtet wurden. Um deren journalisti sche Hand lungs prozesse in ihrer Komplexi tät möglichst reali täts getreu ab bilden und dahin gehende Automatisie rungs tendenzen in unter schied lichen Aus prägungen adäquat fassen zu können, wurden im Beobach tungs‑ feld handschrift liche Tagebücher ge führt (Beobach tungs protokolle), die später in einem komplexi täts reduzie ren den Ver fahren – mittels der Software MaxQDA – strukturiert, codiert, ver dichtet und aus gewertet wurden. Außerdem flossen er gänzende Redak‑ tions profile, Interviews mit den be obach teten Akteuren und Hinter grundinforma tionen (z. B. IVW‑Zahlen) in die Aus wertung und an schließende Interpreta tionen dort ein, wo sie für die Einord nung und Nachvollzieh bar keit der Beobach tungs informa tionen hilf reich waren, z. B. um redaktio nelle Hand lungs abfolgen aus Sicht der Redakteure besser ins Ver hältnis setzen zu können. Zur Unter suchung des Gegen standbereichs haben wir aus der ursprüng lichen Forschungs frage (vgl. Kap. 6.1.1) fünf Einzelfragen destilliert, die im Folgenden nach einander diskutiert werden: 260 (EF1): In welchen Redak tions bereichen und bei welchen Tätig keiten bzw. Handlun- gen ist am ehesten eine Automatisie rung im Journalismus fest zustellen? Sämtliche Hand lungs kategorien summie ren sich zu einem Mosaik aus technik gestützten Arbeits vorgängen, in denen immer wieder Automatisie rungs tendenzen auf scheinen, die sich vor allem im Einsatz unter schied licher Hardware‑Tools und Software‑Anwen‑ dungen unter scheiden, die sich aber auch an be stimmten kommunikativen Tätig keits‑ abfolgen nach vollziehen lassen. Wie in den vorigen Kapiteln ge zeigt, ist vor allem bei der Recherche, aber auch während der Produk tion bzw. Publika tion journalisti scher Inhalte und in der journalisti schen Rezep tion von Nutzer feedback ein mittle rer Grad an Automatisie rung eingeschätzt worden, während in der gesamten Organisa tions‑ und Planungs kommunika tion zwar durch gängig technik gestützte Handlun gen im Vorder‑ grund stehen, sich darunter aber er heblich weniger technikautonome, vollautomatisierte Ab folgen be obachten ließen als in den anderen Bereichen. Zur graduellen Bestim mung des Automatisie rungs grades journalisti scher Tätig keiten bzw. Handlun gen auf grund des Technikeinflusses kann ent lang der be obach teten Hand lungs radien der Redak tions‑ bereiche folgende Matrix ge bildet werden (vgl. Tab. 6.12). Dabei richtet sich die Bestim mung des Automatisie rungs grades danach, ob und wie aktiv die be obach teten Redakteure und mithilfe welcher technologi schen Arbeits‑ mittel sie in ihrem Arbeits alltag handeln: – Niedrig, sofern der Redakteur aktiv und mithilfe eines techni schen Hilfs mittels (z. B. Telefon, Auf nahmegerät, Fax, Drucker) eine Handlung vollzieht; – Mittel, sofern der Redakteur mithilfe von techni schen Arbeits programmen (E‑Mail‑ Programme, Software, Tools) aktiv eine Handlung vollzieht; – Hoch, sofern der Redakteur mithilfe von techni schen Arbeits programmen eher passiv eine Handlung vollzieht, z. B. Informa tions samm lung mithilfe von Aggrega‑ toren, automati sche Aktivi täts messun gen und Erstel lung von Statistiken usw. tabelle 6.12: automatisie rungs grad im journalisti schen Produk tions prozess beobachtete hand lungs ebene automatisie rungs grad recherche, Sammlung und Selek tion von informa tionen mittel produk tion und publika tion von inhalten mittel rezep tion und Ver arbei tung von nutzer feedback mittel planungs- und organisa tions kommunika tion (inkl. konferenzen) niedrig 261 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus (EF2): Welche innovativen techni schen Werkzeuge und Instrumente finden im redak- tio nellen Alltag Anwen dung? Während der Bereich Recherche, aber auch die Rezep tion von Nutzer feedback sowie die Produk tion bzw. Publika tion in der Beobach tungs studie den höchsten Automatisie‑ rungs grad auf weisen, sind planeri sche und koordinierende Tätig keiten im redak tio nellen Alltag davon mittelmäßig bis wenig be einflusst. Die dazu ver wendeten techni schen Werkzeuge und Instrumente wurden in den Unter kapiteln detailliert be schrieben und ihr Innova tions gehalt ent sprechend illustriert. Besonders hervor zuheben ist im Zusam‑ men hang mit der Automatisie rung, dass auf den Beobach tungs ebenen unter schied liche techni sche Hilfs mittel zum Einsatz kommen – je nachdem, welches Ziel die be obach‑ teten Handlun gen ver folgen (vgl. Tab. 6.13). Im Detail der Beobach tungs ebenen zeigt sich, dass Automatisie rungs tendenzen im Digitalen Journalismus vor allem an den Schnitt stellen sicht bar werden, wo über individuelle Ent schei dungs prozesse und zwischen mensch liche Kommunika tion hinweg beispiels weise hoch entwickelte Content‑Management‑Systeme, selbst tätige Monitoring‑ Programme, vollautomatisierte Social‑Media‑Clients oder Software‑Anwen dungen zur visuellen Daten aufberei tung (z. B. Datawrapper) das originäre journalisti sche Handwerk tabelle 6.13: Über blick techni scher hilfs mittel ent lang der beobach tungs ebenen und hand lungs ziele beobach tungs ebenen technische hilfs mittel hand lungs ziel recherche/planung, organisa tion, kommunika tion nachrichten-aggregatoren, news- Feeds, Suchmaschinen, nachrichten- management-Systeme, online- anwen dungen themen-monitoring, recherche und Über prü fungs recherche produk tion/publika tion Software zur text verarbei tung, bildbearbei tung und Videoschnitt herstel lung und bearbei tung journalisti scher beiträge produk tion/publika tion redak tions- und content-manage- ment-Systeme alloka tion und publika tion von cross medialen inhalten produk tion/publika tion Social-media-clients, u. a. Url- Shortener, Dashboards, crawler-pro- gramme, Statistikanalyse-Werkzeuge management, pflege und publika tion von Social-media-content rezep tion von nutzer feedback Social-media-monitoring-programme erfas sung, Ver waltung und Über- wachung von nutzer feedback recherche/publika tion Visualisie rungs- und Datamining- tools aus wertung und Visualisie rung von Daten und Daten banken planung, organisa tion, kommunika tion organisations-tools, content-mana- gement-Systeme, cloud-Software und messaging-programme redaktio nelle planung, kommunika- tion und koordina tion 262 der be obach teten Redakteure über lagern oder sogar vollständig ersetzen. An den Hardware‑ und Software‑Tools wird deut lich, dass im Digitalen Journalismus in‑ zwischen Programme oder Programm‑Erweite rungen regelmäßig im Einsatz sind. Über sie lassen sich viele Arbeits schritte steuern, im Ver antwor tungs bereich der Social‑Media‑ Redakteure etwa das zeit lich programmierte Ab setzen eines vor formatierten Tweets oder die automati sche Befül lung und Über wachung von Twitter‑Accounts, aber auch der vollautomati sche Einlauf von Social‑Media‑Einträgen auf der redak tions eigenen Website. Darüber hinaus, auch das zeigt die Unter suchung, nimmt Technik an sich ohnehin einen breiten Raum bei den meisten Handlun gen und auf allen Beobach tungs ebenen ein – und dies durch aus im Sinne einer technologi schen Dominanz ge meint. Zwar soll hier keinem Technik determinismus das Wort geredet werden, doch er scheint der Anteil techni scher Hilfs mittel am gesamten publizisti schen Hand lungs prozess derart essenziell, dass die ge lebte Praxis des Digitalen (zeit gemäßen) Journalismus schlicht nicht mehr ohne sie ge dacht werden kann. (EF3): Inwiefern lassen sich die Formen und Muster profes sio neller Automatisie rung er kennen und be schreiben? Ohne Anspruch auf Vollständig keit zu erheben, lassen sich aus den Beobach tungs‑ ergeb nissen auch Formen und Muster profes sio neller Automatisie rung er kennen und be schreiben, die sich am ehesten in der Gruppen ansicht der jeweili gen Redakteursprofile isoliert be trachten lassen. Ab gesehen davon, dass alle Redakteurs gruppen von der er‑ wähnten Technik dominanz er griffen sind und manuelle Tätig keiten vor allem in der Bedie nung von Computern zu identifizie ren sind, kann in Tab. 6.14 ver deut licht werden, dass aus nahms los alle be obach teten Handlun gen der ein geteilten Redakteurs gruppen hochgradig von Technik ab hängig sind, sich ihr Tätig keits spektrum aber im Grad der Automatisie rung (gering fügig) voneinander unter scheidet. Während im gesamten Social‑Media‑Bereich mit einem hohen Anteil an halb‑ automati schen bis automati schen Ver fahren ge arbeitet wird, ist diese Tendenz im redakteurs gruppen automatisie rungs grad cvD/planer mittel online-redakteure mittel Social-media-redakteure hoch multimedia-redakteure mittel tabelle 6.14: affinität zur automatisie- rung: beobachtete redakteurs gruppen 263 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus journalisti schen Produk tions‑ und Publika tions bereich, der vor allem bei den Online‑ und Multimedia‑Redakteuren an gesiedelt ist, nur bedingt erkenn bar (Daten journalismus bildet hier die Aus nahme). In der eher kommunika tions basierten Redak tions planung und ‑organisa tion kommen eben falls zu gleichen Teilen nicht‑automatisierte Hand‑ lun gen zum Tragen, wenn gleich auch hier konstant mit technologi schen Hilfs mitteln operiert wird. (EF4): Wie be einflussen automatisierte Software-Anwen dungen journalisti sche Produk- tions abläufe? Dahin gehend kann die Frage, ob der Einsatz automatisierter Programme und Systeme redaktio nelle Produk tions abläufe be einflusst, eindeutig bejaht werden. Wie sie dies tun, also ob positiv oder negativ, muss allerdings fall bezogen be antwortet wer den. Dass techniklastige und Software‑getriebene Arbeiten das professio nelle (Selbst‑)Bewusstsein von Redakteuren be einträchti gen, lang fristig sogar eine Ver schie bung ihrer journalisti‑ schen Rolle hin zu einem stark technikzentrierten Berufsprofil be wirken können, ist nicht auszu schließen. Zumindest lassen sich aus den in unserer Beobach tung doku‑ mentierten Redakteurstätig keiten ebenso hochkomplexe wie an spruchs volle handwerk‑ liche Prozesse heraus lesen, die nicht nur innovativ, sondern für die redaktio nelle Arbeit im Digitalen Journalismus künftig grundlegend sind. Diese Hand lungs abläufe sind – je nach journalisti schem Tätig keits feld – als ambivalent zu be zeichnen, weil sie das klassi sche journalisti sche Rollen verständnis durch den durch gängi gen Technikeinsatz tendenziell aufzu brechen scheinen, d. h. es kommt zu technisch be dingten Spezialisie‑ rungen und Ver ände rungen in der journalisti schen Produk tion, aber auch im Redak‑ tions management. Zum anderen bergen automatisierte Produk tions abläufe und die starke Technik prägung auch große Chancen, z. B. im Hinblick auf die Bewälti gung umfang reicher Daten mengen im Kontext auf wendi ger Recherchen oder im strukturier‑ ten Umgang mit Nutzer‑Kommentaren oder bei der technik basierten Integra tion von Social‑Media‑Feedback in die redaktio nelle Arbeit. (EF5): Inwieweit be einflussen Automatisie rungs prozesse die journalisti sche Qualität insgesamt? Die Frage, inwieweit Automatisie rungs prozesse die journalisti sche Qualität nun ins‑ gesamt und ganz direkt be einflussen, lässt sich auf Basis der Beobach tung folgender‑ maßen problematisie ren: Im Umfeld des Digitalen Journalismus sind auf grund innova‑ tiver Arbeits weisen auch neue Quali täts routinen ent standen, die sich größtenteils mit 264 den hergebrachten Methoden journalisti scher Quali täts siche rung decken. Der Fakten‑ und Quellen check bei der Recherche ist von der Grundidee ebenso wenig ein anderer wie der Prozess der Abnahme und das Redigie ren journalisti scher Beiträge in der Produk tion oder die institutionalisierte Blatt‑ bzw. Sitekritik während einer Redak‑ tions konferenz – nur haben sich eben Gestalt und Gefäße solcher Maßnahmen ver‑ ändert. Auf grund der Kategorisie rung lassen sich anhand der be obach teten Redak tionen folgende Ebenen der digitalen Quali täts siche rung adressie ren: – Bei der Recherche kommen ver schiedene Maßnahmen der Quali täts siche rung zum Tragen, etwa das regelmäßige Themen monitoring, die Über prüfung von Beiträgen sowie der obligatori sche Quellen‑ und Fakten check einschließ lich Nachrecherche. – Auf Ebene der Produk tion/Publika tion lassen sich in erster Linie vor bereitende Maßnahmen von Produk tions hand lungen sowie Vor gänge der Abnahme und des Redigierens bzw. der Modifika tion journalisti scher Beiträge vor der Ver öffent‑ lichung nennen. – Bei der journalisti schen Rezep tion von Nutzer feedback handelt es sich bei der Quali täts siche rung um Maßnahmen, die den gesamten Bereich der redak tio nellen Publikumsorientie rung sowie der Reaktion auf Nutzer feedback umfassen; u. a. der intensive Dialog mit den Usern, die Ver arbei tung von Nutzer hinweisen auf Fehler, die gegen seitige Beobach tung von Accounts der Redakteurs kollegen sowie die Kontrolle sozialer Medien im Hinblick auf Klickzahlen und Reaktionen auf Beiträge. – Auf der Ebene der redak tio nellen Organisa tion, Planung und Kommunika tion lassen sich schließ lich sämt liche Handlun gen als Quali täts routinen aus legen, die dem gesamten Bereich der Kollegen kommunika tion zuzu ordnen sind, also Blatt‑ bzw. Sitekritiken und jegliche redaktio nelle Konferenz formate, in denen Feedback zur Sprache kommt. Zusammen fassend lässt sich sagen, dass der digitale „neue Journalismus“ (Weichert, 2011), wie er be obachtet werden konnte, nicht komplett andersartig ist als der klassi‑ sche. Erwar tungs gemäß ist er jedoch er heblich technikabhängi ger, von seinen Vor‑ gehens weisen her arbeits teili ger und in vielen Bereichen durch automatisierter – wodurch sich die journalisti schen Inhalte und Produk tions weisen zunehmend von Raum und Zeit emanzipie ren (vgl. Altmeppen & Arnold, 2013, S. 60 f.). Das Handwerk im Digitalen Journalismus ist, wie ge zeigt werden konnte, hoch ver dichtet und durch simultan ab laufende Handlun gen aus vielen fragmentierten Arbeits schritten durch setzt. Um den journalisti schen Arbeits alltag und diese darin ver ankerten Handlun gen in den Details kennt lich zu machen, hat sich die Methode der qualitativen Beobach tung als äußerst nütz lich er wiesen. Es konnten ver gleichs weise kleinteilige Hand lungs abfolgen 265 6 technisie rung, automatisie rung unD Der Digitale Journalismus in den unter suchten Redak tionen rekonstruiert und damit der Grad der Automatisie‑ rung sowie einher gehe Maßnahmen zur Quali täts siche rung genauer interpretiert werden. Eine wichtige Erkenntnis ist die, dass sich Automatisie rungs tendenzen im Digitalen Journalismus auf den unter suchten Hand lungs ebenen in unter schied licher Intensi tät finden lassen – er heblich mehr als noch vor zehn Jahren (vgl. Quandt, 2005). Aus den Befunden kann ge folgert werden, dass ein prinzipieller Quali täts zuwachs journalisti scher Arbeit in einem technisch‑innovativem redak tio nellen Umfeld sowie unter Anwen dung be währter handwerk licher journalisti scher Methoden und dynami‑ sierter Arbeits weisen weitläufig erkenn bar ist. Dort also, wo technologi sche Innova tionen auf be kanntes Terrain treffen, er reicht die redaktio nelle Quali täts siche rung eine neue Dimension, in der auch neue Instrumente zum Einsatz kommen – auch dank ver än‑ derter Berufsprofile, alternativer Hand lungs konzepte und einer stark aus differenzierten Arbeits teilung, die unter dem ge stiegenen Zeitdruck ein ver ändertes Set an Quali täts‑ standards be ansprucht (vgl. Kap. 2.3). Die ge stiegene Technologieabhängig keit im Digitalen Journalismus darf dabei letzt lich jedoch nicht zu einer vollständi gen Auf‑ weichung journalisti scher Standards und Prinzipien führen, die womög lich einer profes sio nellen Quali täts siche rung ent gegen stehen könnte. Vielmehr steht zu hoffen, dass die be schleunigten Dynamiken im Journalismus, wie mittels der Beobach tung in vielen Nuancen zu zeigen war, nicht negativ auf die Ver fasst heit des journalisti schen Handwerks einwirken, sondern das auf scheinende Technik primat den Journalismus auf eine neue, digitale Quali täts stufe zu stellen hilft. Dies ist z. B. auch der Fall, wenn voll‑ oder halbautomatisierte Abläufe zu einer positiven Beschleuni gung Auf gaben‑ erledi gung und damit zu einem Zeit gewinn für andere redaktio nelle Tätig keiten führen. 267 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD: befra gung unD Vignetten analyse unter Journalisten unD bloggern 7.1 eine frage Des Ver trauens Im Juli 2010 kam es in Duisburg auf dem Musik festival Loveparade zu einer Massen‑ panik, 21 Besucher starben. Augenzeugen berich teten via Twitter und Facebook über das Gesehene, Bilder und Videos der Katastrophe kursierten unter anderem auf der Videoplatt form YouTube. Auch journalisti sche Medien wie das ZDF heute journal und Bild. de griffen in ihrer Berichterstat tung auf diese Erlebnis berichte und das Bildmaterial zurück, das in sozialen Netz werken und über andere Onlinequellen ver öffent licht worden war (vgl. Lückerath, 2010). Der Fall ver deut licht eine Ent wick lung, die Axel Bruns als „Gatewatching“ und Alfred Hermida als „Ambient Journalism“ be schrieben haben (vgl. Bruns, 2008; Hermida, 2010). Der Journalismus, so Bruns und Hermida, sei heutzutage auf ein feines Senso rium für Ereig nisse und Trends, aber auch Krisen (z. B. Arabischer Frühling, Fukushima) an gewiesen, über die zuerst in sozialen Netz werken oder auf ähnlichen, nutzer getrie benen Kommunika tions kanälen be richtet werde173. Im World Wide Web kursie ren allerdings be kanntermaßen nicht nur handfeste Fakten, sondern auch Ge‑ rüchte und Behaup tungen, die sich schwer über prüfen lassen. Immer wieder kommt es zu Falsch mel dungen. Beispiels weise wurde im April 2013 über den Twitter‑Account der Nach richten agentur Associated Press (AP) be hauptet, US‑Präsident Barack Obama sei bei einer Explosion im Weißen Haus ver letzt worden. Hacker hatten den Zugang von AP ge kapert und eine ent sprechende Meldung lanciert, die amerikani sche Börse Dow Jones reagierte binnen Minuten und sank innerhalb kürzester Zeit um ein Prozent, was einem vorüber gehenden Wert verlust von rund 140 Milliarden Euro ent sprach (vgl. von Marschall & Obertreis, 2013). Das ist ein Hinweis darauf, dass offiziellen Twitter‑ Accounts in solchen Fällen dasselbe Ver trauen ent gegen gebracht wird wie tradi tio nellen Kommunika tions kanälen. Wie steht es aber um Nutzer, die die Redak tion nicht kennt? Gerade bei Unglücksfällen wie der Duisburger Loveparade stellt sich die Frage: Wem können Redak tionen ver trauen? 173 eine nicht-repräsentative befra gung der dpa-tochter news aktuell unter Journalisten aller mediengat tungen (n = 452) im Jahre 2013 ergab allerdings ein ge mischtes bild von den Social-media-kennt nissen der Journalisten. rund ein Viertel be zeichnete sich als „profi“ im Umgang mit Social media, fast die hälfte gab an, „einige erfah rung“ zu haben und rund ein Viertel sah für sich „noch nach holbedarf“ (news aktuell, 2013: 6). 268 Dieses Kapitel befasst sich vor allem mit den Fragen, von was die Ver trauens‑ würdig keit partizipativer Botschaften aus Redakteurs sicht ab hängig ist, und welches Bild die Redakteure von ihrem Publikum und dem, was es in den Journalismus einbringt, haben. Zu diesem Zweck wurde eine Befra gung unter Journalisten und Bloggern aus Redak tionen und journalistisch aus gerich teten Blogs durch geführt, die auf Twitter und Facebook be sonders aktiv sind. Es handelt sich also nicht um eine Vollerhe bung bei allen journalisti schen Redak tionen und Blogs Deutschlands, sondern es wurden solche aus gesucht, die im Social Web be sonders viel Zuspruch er halten174. 7.2 methoDi sches Vor gehen Die Glaubwürdig keits‑ und Ver trauens forschung widmete sich im Kontext der Jour‑ nalis musforschung bisher meist der Erforschung der Glaubwürdig keit von und dem Ver trauen in Journalisten, in ihre Arbeit und die Ergeb nisse dieser Arbeit (vgl. z. B. Wirth, 1999; Kohring, 2004). An gesichts der Aus weitung öffent licher, digitaler Kom‑ munika tions kanäle stellt sich heute aber nicht mehr nur die Frage, wem der Medien‑ nutzer am Ende der Kommunika tions kette ver traut, sondern auch, wem der professio‑ nelle Journalist (oder Blogger) in früheren Stadien der journalisti schen Arbeit, etwa bei der Recherche oder beim Sichten und Aus wählen von Berichterstat tungs themen, Ver trauen schenkt175. Die in diesem Teil kapitel be handelte Befra gung ent hält einer seits eine Vignetten analyse (zur Erläute rung, siehe unten), mit der ge testet wird, welche Faktoren die Ver trauens würdig keit von Nutzer botschaften be einflussen. Anderer seits ent hält sie mehrere Zusatz-Items, in denen es um ver schiedene Aspekte des Ver hält‑ nisses zwischen den journalisti schen Redak tionen oder Blogs und dem Publikum bzw. dessen Aktivi täten geht. Vier explorative Forschungs fragen leiten das Interesse: EF1: Von welchen Faktoren hängt die Ver trauens würdig keit partizipativer Botschaften ab? Im Zuge der Aus weitung der Nutzer partizipa tion stellt sich die Frage, ob und auf welche Weise Journalisten und Blogger ihrem Publikum ver trauen. Um dies heraus‑ 174 Dies war deshalb be deutsam, weil die be fragten redakteure über ent sprechende erfah rungen ver fügen sollten. Wäre das nicht der Fall ge wesen, wäre es zu sogenannten „non-opinions“ ge kommen – die befragten bilden dann ihre meinung spontan, einstel lungen werden also erst durch den Fragebogen erzeugt, statt dass sie bereits vor handen sind und durch den Fragebogen ab gefragt werden, was der eigent liche Zweck von befra gungen ist (vgl. brosius u. a., 2009, S. 101 f.). 175 Zwar hat es auch zum Ver trauens verhältnis zwischen Journalisten und ihren Quellen schon Forschung ge geben (vgl. z. b. maier, 2005; porlezza u. a., 2012), aber in der digitalen Welt kommt hinzu, dass anonyme nutzer häufig hinweise geben und der Journalist u. a. ent scheiden muss, mit wem er über haupt kontakt auf nimmt. 269 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD zufinden, kommt eine Vignetten analyse zum Einsatz, mit der unter sucht wird, von wel‑ chen Faktoren die Ver trauens würdig keit partizipativer Botschaften abhängt. Vignetten‑ analysen oder faktorielle Surveys eignen sich dazu, Einfluss größen zu analysie ren, die sich auf die Ent schei dungen von Menschen – im vor liegen den Fall von Journalisten und Bloggern – aus wirken. Vignetten sind Situa tions beschrei bungen, die systematisch variiert werden. Durch die systemati sche Varia tion der unter schied lichen, einer Vignette zugrundeliegen den Variablen kann man testen, wie stark ver schiedene Einfluss faktoren auf Ent schei dungen wirken (Diekmann, 2010, S. 346–348). Ein Problem bei Vignetten‑ analysen ist, dass sich die Anzahl der be nötigten Vignetten mit jeder in das Unter‑ suchungs design ein gebauten Variablen mindestens ver doppelt176. Hinzu kommt, dass die Anzahl der zugemu teten Vignetten von der Motiva tion der Befragten abhängt und dass die Validität der Erhebung sinkt, je mehr Vignetten die Befragten zu sichten und zu be werten haben (Frings, 2010, S. 222). Gerade bei der Befra gung von Journalisten (und Bloggern) ist daher ein über schau bares Vignettendesign ratsam, möchte man nicht auf komplexe und z. T. problemati sche Vignetten reduk tions verfahren zurück‑ greifen (Steiner & Atzmüller, 2006, S. 120–124; Auspurg u. a., 2009, S. 72–73). Für die vor liegende Analyse liegen den Vignetten daher drei binäre Variablen zugrunde. Als Vignetten wurden fiktive Twitterprofile von Nutzern inklusive der letzten beiden Tweets, die der jeweilige Nutzer ab gesetzt hat, konstruiert. Als situativer Kontext dient folgende fiktive Situa tion: dpa meldet in einer Eilmel dung, dass es bei einer Katastrophe auf einer Ver anstal tung in der Nähe des Sitzes Ihres Blogs bzw. Ihrer Redak tion Tote und Ver letzte ge geben hat. Dann herrscht erst einmal Funkstille. Ihre Redak tion ver öffent licht die Kurz mel- dung auf der Website und über Twitter. Wenige Minuten später er scheint ein Tweet eines Nutzers, der sich auf das Ereignis bezieht. Die Befragten sollen einschätzen, ob sie dem Nutzer auf Grundlage seines Profils und des sicht baren Tweet‑Verhaltens177 ver trauen würden. Twitter wurde in erster Linie ge wählt, weil sich Twitter‑Profile und ‑Botschaften mit ver tret barem Aufwand und auf über schau barem Raum simulie ren lassen. In einem Pretest mit Journalisten wurden diese und die Zusatzitems des Fragebogens ge testet und kleine Änderun gen vor‑ 176 Werden Vignetten beispiels weise anhand von drei binären Variablen konstruiert, bedarf es insgesamt 2 × 2 × 2 = 8 Vignetten. eine zusätz liche Variable würde heißen, dass 2 × 2 × 2 × 2 = 16 Vignetten be nötigt würden. haben Variablen mehr als zwei aus- prägungen, steigt die anzahl der Vignetten eben falls be trächt lich. Würde man im ersten beispiel statt drei binär aus geprägten Variablen solche mit drei aus prägungen nehmen, dann bräuchte man statt 8 Vignetten 3 × 3 × 3 = 27 Vignetten. 177 tweets sind botschaften, die über twitter ver schickt werden (siehe auch kap. 6 und 8). 270 genommen, um die Items der redak tio nellen Realität anzu passen. Variiert werden folgende drei binäre Faktoren: 1. Anonymi tät: Im einen Fall ent hält das Profil einen Klarnamen und ein Foto des Nutzers. Es sind Profil bilder von lächelnden Männern im Alter zwischen 50 und 60 Jahren zu sehen, als Vor‑ und Nachnamen werden herkömm liche deutsche Namen ver wendet, um Einflusseffekte auf grund der Geschlechts zugehörig keit oder der ethnischen Herkunft zu ver hindern.178 Im anderen Fall ent hält das Profil ein offensicht liches Pseudonym (z. B. Hase33) und ein ent sprechen des Symbol bild (z. B. einen Hasen); 2. Detailliert heit der Botschaft: Im einen Fall ent hält die Botschaft mehrere Details zu dem, was der Nutzer von dem Ereignis mitbekommen hat, im anderen ist es nur eine kurze Botschaft (z. B. „@Redak tion: Hab’s gesehen.“); 3. Sprachniveau: Im einen Fall ent halten die letzten beiden Tweets mehrere Recht‑ schreib fehler und Aus drücke im Soziolekt (z. B. „boa“, „krass“), im anderen Fall sind die Tweets fehler los und die Sprache ist ge hobener (z. B. „bin fassungs los“). Als ab hängige Variablen dienen zum einen die Einschät zung der Ver trauens würdig keit auf einer Skala von 1 bis 6 und zum anderen die Wahrscheinlich keit, dass die Redak‑ 178 natür lich kann man nicht ganz aus schließen, dass die Fotos oder die namen dennoch eine aus wirkung auf die einschät zung der Ver trauens würdig keit haben könnten. Dies musste jedoch in kauf ge nommen werden, um eine möglichst realisti sche Simula tion zu gewährleisten. hätten wir immer dasselbe Foto und denselben namen für jedes profil ge nommen, was mögliche Ver zer rungs effekte ver hindert hätte, wäre die Simula tion den teilnehmern zweifel los vollkommen unrealistisch und künst lich vor gekommen. abbilDung 7.1: beispiel einer Vignette 271 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD tion oder das Blog mit dem Nutzer in Kontakt treten würde, eben falls auf einer Skala von 1 bis 6. Darüber hinaus werden ver schiedene Personen variablen erhoben um heraus zu‑ finden, ob sie eben falls einen Einfluss auf die Einschät zung der Ver trauens würdig keit haben. Dazu ge hören das Alter, das Geschlecht, die Berufs zufrieden heit, die Position innerhalb der Redak tion und inwiefern der Befragte partizipative Beiträge von Nutzern insgesamt persön lich für interessant hält. Bei den Vignetten variablen ist die Fallzahl aus reichend hoch für eine OLS‑Regres sions analyse179, weil sie sich hier aus dem Pro‑ dukt der Anzahl der Vignetten und der Anzahl der Befragten ergibt (Journalisten: n = 8 × 40 = 320; Blogger: n = 8 × 20 = 160). Bei den Personen variablen sind die Fallzahlen jedoch für eine solche Regression zu niedrig (Journalisten: n = 40; Blogger: n = 20). Deshalb werden Journalisten und Blogger für die Personen variablen zu einer Stichprobe zusammen gefasst und es werden statt der (zu voraus set zungs reichen) multiplen Regression paar weise Mann‑Whitney‑Tests180 durch geführt, die zeigen kön‑ nen, ob die binarisierten Variablen einen signifikanten Einfluss auf die Ver trauens‑ würdig keit haben oder nicht. EF2: Welches Bild haben Journalisten und Blogger von ihrem partizipie renden Publi- kum? Um heraus zufinden, was für ein Bild die Befragten von denjenigen Nutzern haben, die sich über soziale Netz werke oder über andere Kanäle wie Onlinekommentare bei journalisti schen Medien angeboten und Blogs einbringen, wird danach ge fragt, wie sich die Redakteure und Blogger ihr Publikum vor stellen. Dazu sollen sie an geben: 1. Bildungs grad: Welcher Anteil der teilnehmen den Nutzer hat Abitur? 2. Berufstätig keit: Welcher Anteil der teilnehmen den Nutzer ist be rufstätig? 3. Geschlecht: Welcher Anteil der teilnehmen den Nutzer ist männ lich? 4. Alter: Welcher Anteil der teilnehmen den Nutzer ist unter 25 Jahren? 179 bei der olS- oder ordinary-least-Squares-regression wird die lineare ab hängig keit einer ab hängi gen Variablen von einer oder mehreren unabhängi gen Variablen mit einer Gleichung approximiert. Das ergebnis lässt sich kausal interpretie ren, d. h. die unabhängi- gen Variablen sollen die ab hängige er klären (vgl. bortz & Schuster, 2010, S. 339 ff.). 180 mit mann-Whitney-tests kann man die Daten von Fall gruppen im hinblick auf die Varianz einer Variablen ver gleichen. erweist sich der test als signifikant, heißt das, dass sich die Gruppen in der Variablen varianz unter scheiden. Daraus kann man schließen, dass das kriterium, anhand dessen die Stichprobe in Gruppen ge teilt wurde, einen einfluss auf die unter suchte Variable hat. ein beispiel: Unter teilt man eine Stichprobe nach Geschlecht in zwei Gruppen und stellt fest, dass der mann-Whitney-test bei der Variablen Ver- trauen signifikant ist, dann heißt das, dass das Geschlecht offen bar einen signifikanten einfluss auf die Variable Ver trauen hat. mann-Whitney-tests haben gegen über t-tests den Vorteil, dass die Variablen nicht normal ver teilt sein müssen (vgl. bortz & Schuster, 2010, S. 130–132). 272 Redak tionen können in der Regel nicht wissen, wer sich hinter den Internet‑Identi täten ver birgt, die auf ihren Nachrichten‑, Facebook‑Seiten oder über Twitter aktiv sind. Aus Unter suchungen wie der ARD‑ZDF‑Onlinestudie ist aber bekannt, dass Frauen heute fast ebenso häufig das Internet nutzen wie Männer (im Gegen satz zu den Anfängen des World Wide Webs, vgl. Klumpe, 2011, S. 370), dass Berufstätige das Internet weit häufiger nutzen als Nicht‑Berufstätige und dass Nutzer unter 30 Jahren das Internet häufiger und länger nutzen als Ältere (vgl. van Eimeren & Frees, 2013, S. 360 f.). Internetnutzer waren von Anfang an höher ge bildet als der Durch schnitts‑ bürger und das ist, trotz leichter Angleichungs tendenzen, so ge blieben (vgl. Initiative D21, 2013, S. 23). Studien zu sozialen Netz werken kommen zu ähnlichen Ergeb nissen, was Alter und Geschlecht der Nutzer schaft be trifft (vgl. Bitkom, 2013)181. Inwie‑ fern dies auch für Nutzer gilt, die sich bei journalisti schen Internet‑Angeboten aktiv einbringen, müsste noch er forscht werden. Es könnte aber sein, dass sich Redakteure bei ihrer Einschät zung dieses Publikums auf das be kannte Wissen stützen, das sie aus der (hauseigenen oder allgemeinen) Medien forschung haben (vgl. dazu auch Hohlfeld, 2003). EF3: Wie wird die Nutzer partizipa tion ein geschätzt? Die Befragten sollen zudem be werten, wie gut aus ihrer Sicht partizipative Inputs sind. Ver schiedene Aspekte werden anhand von vier Items ab gefragt. 1. Konstruktivi tät: Welcher Anteil der partizipie ren den Nutzer be teiligt sich kon struk‑ tiv? Die Befragten sollen summarisch einschätzen, welcher Anteil der Nutzer sich konstruk‑ tiv in Diskussionen einbringt. Diejenigen, die im operativen Alltags geschäft mit der Betreuung von Nutzer beiträgen betraut sind, und redaktio nell Ver antwort liche sollten hier auf ent sprechende Erfah rungs werte zurück greifen können. 2. Qualität: Welche Qualität haben partizipative Beiträge insgesamt? Während es bei der Frage nach dem Anteil der konstruktiv partizipie ren den Nutzer um die Ebene der Nutzer geht, sollen die Befragten bei diesem Item auch auf der inhalt lichen Ebene summarisch die Qualität der partizipativen Beiträge be urteilen. 181 eine (selbstselektive) Stichprobe von tagesschau-nutzern (n = 354) hat ergeben, dass fast die hälfte mindestens 50 Jahre alt war, etwas mehr als 45 prozent waren voll oder teil weise be rufstätig und mehr als zwei Drittel hatten abitur (vgl. loosen u. a., 2013). 273 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD 3. Kollegen: Welche Einstel lung haben andere Journalisten oder Blogger in der Redak‑ tion? Die Befragten sollen an geben, welche Haltung ihre Kollegen gegen über der Nutzer‑ partizipa tion haben. Interessant ist in diesem Kontext, wie die Bereit schaft der Redak‑ teurs kollegen, die nicht hauptamt lich mit Nutzer partizipa tion zu tun haben, insgesamt ein geschätzt wird. 4. Vorgesetzte: Welche Einstel lung haben die (Online‑)Redak tions leiter? Schließ lich stellt sich die Frage, welche Haltung die Redak tions leiter bzw. die Betreiber des jeweili gen Blogs zur Nutzer partizipa tion haben, denn sie ent scheiden darüber, welche Innova tionen für die Nutzer beteili gung in den Redak tionen zum Einsatz kommen (vgl. Kramp & Weichert, 2012, S. 212). EF4: Wie sieht der Umgang mit Nutzer partizipa tion konkret aus? Schließ lich hat die Frage des Ver trauens auch etwas mit den konkreten Erfah rungen und dem Umgang mit partizipie ren den Nutzern zu tun. Hier interessierten vier Punkte: 1. Bester Kanal: Welcher partizipative Kanal funktioniert am besten? Über welchen Kanal, z. B. Facebook, Twitter, Onlinekommentare usw., funktioniert die Nutzer partizipa tion aus Sicht der Journalisten und Blogger konkret am besten? Bei der Bewer tung des besten Kanals spielen voraus sicht lich auch Aspekte des Be‑ treuungs aufwandes und der Nützlich keit des Kanals für die Redak tion eine Rolle. 2. Hinweise von Nutzern: Wie häufig er halten Redak tionen Hinweise, bei denen sich eine Weiter recherche lohnt? Je häufiger eine Redak tion nütz liche Hinweise von partizipie ren den Nutzern bekommt, desto bereit willi ger ist sie voraus sicht lich, sich auf die Nutzer partizipa tion einzu lassen. Deshalb wird ab gefragt, wie häufig solche Hinweise zur Weiter recherche bei den Redak tionen ein gehen. 3. Richtlinien für Nutzer dialog: Gibt es in Redak tionen und bei Blogs interne Richt‑ linien für den Nutzer dialog? Interne Richtlinien ver hindern eine ge wisse Willkür beim Umgang mit partizipativen Beiträgen. Bei Spiegel Online gab es beispiels weise in der Ver gangen heit immer wieder öffent liche Auseinander setzun gen um die Modera tions praxis (siehe Kap. 8). Deshalb ist es interessant zu er fahren, ob solche Richtlinien in den Redak tionen existie ren. 274 4. Modera tion: Wie werden partizipative Beiträge moderiert? Es gibt drei Arten, mit Nutzer beiträgen umzu gehen: Prä‑, Post‑ oder keine Modera‑ tion. Bei der Prämodera tion werden Nutzerinputs zunächst von der Redak tion gesichtet, bevor sie freigeschaltet werden. Bei der Post modera tion werden Nutzerinputs gesichtet, nachdem sie ver öffent licht wurden und ggf. ge löscht oder ver ändert. Beim Ver zicht auf eine Modera tion werden die Nutzer beiträge weder vor noch nach der Freischal tung selektiert. Auch die Form der Modera tion kann als Aussage zum Ver trauen der Modera‑ tion gegen über den Nutzern ge deutet werden. Prämodera tion könnte auf ge wisse Vor behalte gegen über der Qualität der Nutzer beiträge hindeuten, Post modera tion kann so ge deutet werden, dass die Redak tion zunächst von konstruktiven Beiträgen aus geht, weshalb sie eine Über prüfung erst im Anschluss an die Ver öffent lichung für notwendig hält. Die Teilnehmer der Studie wurden auf Grundlage einer Liste der bei Facebook und Twitter aktivsten journalisti schen Redak tionen und Blogs rekrutiert182. Die relativ kleine Stichprobe von insgesamt n = 60 Teilnehmern schien aus reichend, weil erstens nur die be sonders aktiven Redak tionen, die wirk lich über ent sprechende Erfah rungen mit der Nutzer partizipa tion ver fügen, in Frage kamen und zweitens, weil es sich nur um ein Teilprojekt unserer Gesamt studie handelte und ein größerer Aufwand deshalb auch forschungs pragmatisch nicht ver tret bar ge wesen wäre. Die Teilnehmer wurden zunächst im Zeitraum vom 11. November 2013 bis 11. De‑ zem ber 2013 rekrutiert. Redak tionen wurden telefonisch kontaktiert und um Unter‑ stüt zung ge beten. Bei einer Zusage wurde ihnen eine E‑Mail mit dem Link auf den Online fragebogen zu gestellt. Um die Anzahl der Teilnehmer zu erhöhen, fand eine zweite Rekrutie rungs aktion zwischen dem 11. Dezember 2013 und 11. Januar 2014 statt. 68 journalisti sche Redak tionen und 36 Blogs wurden insgesamt kontaktiert und ge beten, an der Befra gung teilzunehmen. Sowohl Onlineredak tions leiter als auch jene Redak teure, die für partizipative Formate wie soziale Netz werke und Onlinekommentare ver antwort lich zeichneten, wurden um Teilnahme ge beten. Damit lag die Zahl mög‑ 182 Zur auswahl wurden die journalisti schen redak tionen jeweils in bezug auf die anzahl ihrer twitter-Follower und Facebook-likes in vier Quartile ein geteilt. eine „1“ er hielten dabei beispiels weise jene redak tionen, die zu den 25 prozent der redak tionen mit den meisten Followern und likes ge hörten, eine „4“ jene, die zu den untersten 25 prozent zählten, usw. Der Durch schnitts wert dieser Scores für Facebook und twitter wurde dann als rankingindikator für die aktivsten redak tionen ge nommen. Wenn beispiels weise eine redak tion zu den 25 prozent der redak tionen mit den meisten Facebook-likes und twitter-Followern ge hörte, erhielt sie das ranking (1 + 1) / 2 = „1“. Gehörte sie bei den Facebook-likes zum obersten, bei den twitter-Followern jedoch zum untersten Viertel, erhielt sie das ranking (1 + 4) / 2 = „2,5“. nach diesem Ver fahren wurden insgesamt 68 journalisti sche redak tionen identifiziert, die mindestens ein ranking von „1,5“, und 36 blogs, die mindestens ein ranking von „2,5“ hatten. 275 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD licher Teilnehmer, wenn man je journalisti scher Redak tion und je Blog von zwei Teilnehmern – dem Leiter und dem für Nutzer partizipa tion ver antwort lichen Redak‑ teur – aus geht, bei 136 bzw. 72. Davon nahmen schließ lich 40 Journalisten und 20 Blogger an der Befra gung teil, was Aus schöp fungs quoten von 29 bzw. 28 Prozent ent spricht. Die be fragten Blogger sind etwas älter als die be fragten Redakteure und Redak‑ tions leiter. Der Median des Alters der Journalisten liegt zwischen 30 und 39, bei den Bloggern liegt er zwischen 40 und 49 Jahren. 70 Prozent der Journalisten sind männ‑ lich, verg lichen mit fast 90 Prozent bei den Bloggern. Bei den journalisti schen Redak‑ tionen stammen etwas mehr als zwei Drittel der Befragten von einem mit einer Tages‑ zeitung ver bundenen Medien angebot, ein Fünftel von Rundfunkmedien (Fern sehen, Hörfunk), die rest lichen 13 Prozent ver teilen sich auf sonstige Mediengat tungen (z. B. Wochen zeitung, Zeitschrift). 43 Prozent der journalisti schen Teilnehmer stammen aus kleinen Redak tionen mit weniger als 20 Redakteuren, 25 Prozent aus mittelgroßen mit 20 bis 100 Redakteuren und 33 Prozent aus Groß redak tionen mit mehr als 100 Redakteuren. Zwei Drittel der Blogs ver fügen über vier bis acht Blogger. Drei Viertel der journalisti schen Redak tionen sind regional aus gerichtet, ein Viertel über‑ regional. Von 40 be fragten Journalisten sind sieben in leiten den Positionen tätig, bei den Blogs sind es zwölf von 20. Die Stichprobe lässt sich auch ver gleichen mit den Befunden der Inhalts analyse journalisti scher Medien angebote in Deutschland (siehe Kap. 3). Ein direkter Ver gleich zeigt, dass die Redak tionen in der Befra gungs stichprobe über durch schnitt lich häufig in sozialen Netz werken (100 Prozent) und auf Twitter (100 Prozent) aktiv sind, ver‑ glichen mit 84 bzw. 68 Prozent der journalisti schen Redak tionen in ganz Deutschland. 83 Prozent der Journalisten und 95 Prozent der Blogger arbeiten für eine Website, die über eine Onlinekommentarfunk tion ver fügt. Im Gegen satz dazu haben nur 55 Prozent der journalisti schen Websites insgesamt eine solche Funktion. Auch bei anderen parti‑ zipativen Anwen dungen sind die Redak tionen aktiver als der Rest. So stammen die Journalisten in der Stichprobe zu 30 Prozent aus einer Redak tion, die ein Forum be treibt (Bundes durchschnitt: 8 %) und zu 15 Prozent aus Redak tionen, die Nutzern die Möglich keit bieten, ein eigenes Blog zu be treiben (Bundes durchschnitt: 4 %). Das zeigt, dass sich die Journalisten und Blogger in der Stichprobe tatsäch lich, wie be‑ absichtigt, be sonders im Bereich der Nutzer partizipa tion engagie ren. 276 7.3 kontakt freuDig, aber geringschätzig: wie Journalisten ihrem Publikum gegen Über stehen 7.3.1 Vignetten analyse zum Ver trauen in nutzer botschaften (ef1) Insgesamt 40 Journalisten und 20 Blogger er hielten den Fragebogen zum Ver trauen in partizipative Beiträge von Nutzern. Die Vignetten analyse war in den Fragebogen ein gebettet. Jede Vignette besteht aus einem Profil eines fiktiven Nutzers (siehe Abb. 7.1). Die Reihen folge der Vignetten wurde randomisiert, d. h. per Zufalls generator pro Teilnehmer jedes Mal neu erzeugt, sodass die Reihen folge keine Rolle für die Beurtei‑ lung der Vignetten spielt – Lerneffekte haben damit keine systemati sche Aus wirkung auf das Antwort verhalten. Die Befragten sollten für jede der acht Vignetten, in denen die Anonymi tät des Profils, die Detailliert heit des (katastrophen bezogenen) Tweets und das Sprachniveau der letzten beiden Tweets variiert wird, auf einer Skala von 1 bis 6 be stimmen, für wie ver trauens würdig sie den letzten Tweet des Nutzers hielten und ob sie mit dem Nutzer Kontakt auf nehmen würden. Methodisch kommt eine multiple, lineare Regres sions analyse183 bei der Aus wertung zum Einsatz, bei der der Einfluss der unabhängi gen Variablen (Anonymi tät, Detailliert heit, Sprachniveau) auf die ab hängi gen Variablen (Ver trauen, Kontakt aufnahme) ge messen wird. Es zeigen sich beim Ver trauen als ab hängi ger Variablen stärkere Effekte als bei der Kontakt aufnahme (siehe Tab. 7.1). Auf die möglichen Gründe wird weiter unten ein gegangen. Bei den Journalisten er weisen sich alle drei Einfluss faktoren als höchst signifikant für das Ver trauen (p < 0,001). Die Nicht‑Anonymi tät des Profils be einflusst das Ver trauen am stärksten (0,289), ge folgt vom Sprachniveau der Tweets (0,230) und der Detailliert heit des letzten Tweets (0,215). Bei den Bloggern ist dies nur beim Sprachniveau der Tweets der Fall, die (Nicht‑) Anonymi tät erweist sich als hoch‑ signifikant (p < 0,01), die Detailliert heit des letzten Tweets immerhin auch noch als signifikant (p < 0,05). Das Sprachniveau spielt hier für das Ver trauen die wichtigste Rolle (0,275). Knapp dahinter rangiert die Nicht‑Anonymi tät des Profils (0,263), die Detailliert heit des Tweets hingegen ist weniger wichtig (0,168). Damit spielen zwar sowohl bei Journalisten als auch bei Bloggern alle ver wendeten Einfluss faktoren eine Rolle, wenn es um das Ver trauen in partizipative Beiträge geht. Die Aus führlich keit der Botschaft scheint aber die geringste Bedeu tung zu haben. Alle Zusammen hänge 183 Die Voraus setzungen für diese methode, also keine multikollineari tät, keine heteros kedastizi tät und normal verteilte Variablen, waren ge geben. 277 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD sind eher schwach aus geprägt, sodass ledig lich von kausalen Tendenzen die Rede sein kann, nicht aber von einer starken Determina tion. Bei den Journalisten erklärt das Regres sions modell 17,5 Prozent der Varianz der ab hängi gen Variablen Ver trauen, bei den Bloggern sind es 15,5 Prozent. Das ist für ein Drei‑Variablen‑Modell kein schlechtes Ergebnis. Bei der Frage, ob die Teilnehmer zu dem jeweili gen Nutzer Kontakt auf nehmen würden, er weisen sich nur zwei Variablen bei den Journalisten als signifikant. Die Nicht‑Anonymi tät des Profils ist höchst signifikant (p < 0,001) und das Sprachniveau der Tweets ist ein hoch signifikanter Einfluss faktor auf die Wahrscheinlich keit der Kontakt aufnahme (p < 0,01). Die Detailliert heit des letzten Tweets hat keinen signi‑ fikanten Einfluss (p = 0,066). Beide signifikanten Einfluss faktoren, die Nicht‑Anonymi‑ tät des Profils (0,190) und das Sprachniveau der Tweets (0,187), sind schwach aus‑ geprägt. Bei den Bloggern erweist sich die Detailliert heit des letzten Tweets auch als nicht signifikant, ebenso allerdings die Nicht‑Anonymi tät des Profils. Ledig lich das Sprachniveau der Tweets ist ein signifikanter (p < 0,05), aber schwacher (0,176) Prä‑ diktor für eine Kontakt aufnahme mit dem jeweili gen Nutzer. Die er klärte Varianz liegt bei der ab hängi gen Variablen Kontakt aufnahme er heblich niedri ger als bei der Variablen Ver trauen. Bei den Journalisten er klären die drei Einfluss faktoren nur 7,2 Pro‑ zent der Varianz der Wahrscheinlich keit der Kontakt aufnahme, bei den Bloggern sind es nur 3,4 Prozent. tabelle 7.1: ols-regres sions modelle zur erklä rung der einschät zung der Ver trauens würdig keit und der wahrscheinlich keit der kontakt aufnahme Unabhängige Variablen ab hängige Variablen Ver trauens würdig keit kontakt aufnahme β’s Journalisten (n = 320 Fälle) β’s blogger (n = 160 Fälle) β’s Journalisten (n = 320 Fälle) β’s blogger (n = 160 Fälle) nicht-anonymi tät (profil) 0,289*** 0,263** 0,190*** n. s. Detailliert heit (tweet) 0,215*** 0,168* n. s. n. s. Sprachniveau (tweets) 0,230*** 0,275*** 0,187** 0,176* korr. r2 0,175 0,155 0,072 0,034 erläute rung: Unabhängige Variablen: nicht-anonymi tät des profils, Detailliert heit des letzten tweets, Sprachniveau der tweets im profil; ab hängige Variablen: Ver trauens würdig keit des nutzer tweets (Für wie ver trauens würdig halten Sie den nutzer und seinen letzten tweet, auf einer Skala von 1 (= über haupt nicht) bis 6 (= sehr)?); Wahrscheinlich keit der kontakt aufnahme mit dem nutzer (Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlich keit ein, dass Sie bzw. ihre redak tion in der geschilderten Situa tion (katastrophe ➝ dpa-eilmel dung ➝ User-tweet) in Verbindung treten würden, auf einer Skala von 1 (= sehr gering) bis 6 (sehr hoch)?); Signifikanzen: *** p < 0,001; ** p < 0,01; * p < 0,05; n. s. = nicht signifikant; korr. r2 = korrigierte er klärte Varianz der jeweili gen ab hängi gen durch die unabhängi gen Variablen. 278 Dass die unabhängi gen Variablen die Ver trauens würdig keit von Nutzer botschaften besser er klären als die Kontakt aufnahme, heißt nicht, dass Ver trauens würdig keit und Kontakt aufnahme nichts miteinander zu tun hätten. Bei den Journalisten ist der Korrela tions zusammen hang zwischen den beiden Variablen höchst signifikant und stark (Pearson’s r: 0,695). Im Durch schnitt ist bei den Journalisten, aber auch bei den Bloggern die durch schnitt liche Wahrscheinlich keit der Kontakt aufnahme (3,4 bzw. 3,9 auf einer Skala von 1 bis 6) stärker aus geprägt als das Ver trauen (3,0 bzw. 2,8). Das spricht dafür, dass die Hemmschwelle, mit Nutzern über Twitter in Kontakt zu treten, so niedrig ist und der mögliche Gewinn an Informa tionen im Ver hältnis dazu als so aus sichts reich gilt, dass die Redak tionen trotz z. T. geringe rer Ver trauens würdig‑ keit eher Kontakt zum jeweili gen Nutzer auf nehmen würden als darauf zu ver zichten. Das würde auch er klären, warum die Detailliert heit der Botschaft in allen Modellen die geringste Rolle spielt. Schon die kleinste Andeu tung, dass ein Nutzer nütz liche Informa tionen liefern könnte, scheint den Redak tionen im Zweifels fall zu ge nügen, um mit ihm in Kontakt zu treten. Warum bei den Journalisten die Nicht‑Anonymi tät der stärkste Prädiktor ist, bei den Bloggern hingegen das Sprachniveau, ist schwer zu er klären. Vielleicht basieren die Unter schiede auf unter schied lichen Erfah rungen, etwa weil journalisti sche Redak‑ tionen bei Unfällen und ähnlichen Ereig nissen häufiger kontaktiert werden und dabei die Erfah rung ge macht haben, dass die Rechtschrei bung in solchen Situa tionen mitunter schlecht aus fällt, weil die Nutzer einer seits unter Stress stehen, anderer seits solche Botschaften häufig mit einem Mobiltelefon ver schicken, was eben falls die höhere Zahl der Rechtschreibfehler er klären kann. Zudem machen journalisti sche Redak tionen immer wieder die Erfah rung, dass anonyme Nutzer sich nicht an Netiquette‑Regeln halten (vgl. Santana, 2013). Dies könnte bei Blogs anders sein, da sich anonyme Nutzer hier weniger in der Masse ver stecken können als bei großen Medien angeboten. Deshalb könnte die Anonymi tät hier ein geringe res Problem sein als bei den journalisti schen Redak tionen. Die unabhängi gen Personen variablen werden, auf grund der geringen Fallzahl (n = 60), für die Mann‑Whitney‑Tests binarisiert184. Für die ab hängi gen Variablen (Ver trauen, Kontakt aufnahme) werden im Folgenden nur die Mittelwerte be richtet und die Ergeb nisse des paar weisen Mann‑Whitney‑Tests auf Varianzhomogeni tät (siehe dazu Fußnote 180). Mit den Tests wird über prüft, ob die fünf Personen variablen einen signifikanten Einfluss auf das Ver trauen und die Kontakt aufnahme haben: 184 Dadurch gehen zwar die detaillierten informa tionen des metrischen Skalen niveaus ver loren, allerdings gewinnen wir dadurch die möglich keit, mann-Whitney-tests durch führen zu können um fest zustellen, ob die personen variablen einen signifikanten einfluss auf die ab hängi gen Variablen haben. 279 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD – Alter: Bei den unter 40‑Jährigen (n = 33)185 liegt der Mittelwert der Ver trauens‑ einschät zungen (auf einer Skala von 1 bis 6) bei 2,95, bei den über 40‑Jährigen (n = 24) ebenso. Der Mann‑Whitney‑Test erweist sich daher als nicht‑signifikant. Das Alter der Befragten spielt demnach keine statistisch signifikante Rolle bei der Einschät zung der Ver trauens würdig keit von Nutzer tweets. – Geschlecht: Frauen (n = 14) schätzen die Ver trauens würdig keit der Tweets im Schnitt mit 2,80 ein, Männer (n = 43) durch schnitt lich mit 3,00. Mit dem Mann‑Whitney‑ Test lässt sich auch hier kein signifikanter Einfluss des Geschlechts nach weisen. Auch das Geschlecht ist demnach weit gehend irrelevant für das Ver trauen. – Berufs zufrieden heit: Befragte, die weniger zufrieden sind, also weniger als vier Punkte auf einer 6‑Punkt‑Skala zur Berufs zufrieden heit ver geben (n = 11), kommen auf eine durch schnitt liche Ver trauens wertung von 2,89, während die zufriedene‑ ren Kollegen, die vier oder mehr Punkte ver geben (n = 46), mit 2,97 nicht viel mehr Ver trauen schenken. Auch hier produziert der Mann‑Whitney‑Test keine signifikanten Ergeb nisse. – Führungs posi tion: Redakteure ohne Leitungs funk tion (n = 37) ver geben im Schnitt 2,83 Ver trauens punkte, während Redak tions‑ und Blogleiter (n = 20) einen Mittel‑ wert von 3,18 er reichen. Dieser Unter schied reicht allerdings – vielleicht auch auf grund der geringen Fallzahlen – nicht aus, um sich im Mann‑Whitney‑Test als statistisch signifikant bemerk bar zu machen. – Interesse an Nutzer beiträgen: Befragte, die weniger als vier Punkte auf einer 6‑Punkt‑ Skala ver geben, wenn sie danach ge fragt werden, für wie interessant sie persön lich die Nutzer beiträge insgesamt halten (n = 16), kommen auf 2,62 Ver trauens punkte im Schnitt, während die interessierte ren Kollegen (n = 41) einen Schnitt von 3,08 er reichen. Auch hier ist der Mann‑Whitney‑Test nicht signifikant. Wie steht es um die Wahrscheinlich keit der Kontakt aufnahme? Hier zeigt sich ein ähnliches Bild. Die über 40‑Jährigen sind etwas weniger bereit, in Kontakt zu treten (3,48), als die unter 40‑Jährigen (3,68). Bei Frauen (3,38) ist diese Bereit schaft durch‑ schnitt lich auch etwas geringer als bei den Männern (3,67). Journalisten und Blogger, die mit ihrem Beruf eher unzu frieden sind (3,15), sind schon deut lich weniger bereit, Kontakt aufzu nehmen, als solche, die zufrieden sind (3,70). Einfache Redakteure (3,40) sind auch weniger dazu bereit als Redak tions leiter (3,95). Und schließ lich, Befragte, die Nutzer botschaften eher nicht interessant finden (2,96), neigen er heblich seltener dazu, Nutzern zu antworten, als die Interessierten (3,84). In keinem Fall erweist sich 185 manche personen ver weigerten die angabe be stimmter Variablen. Daraus ergeben sich im Folgenden die Diskrepanzen zwischen Gesamt- und teilstichproben. 280 der Mann‑Whitney‑Test als signifikant, allerdings wird die Signifikanz bei der Variablen „Interesse an Nutzer botschaften“ (p = 0,054) nur knapp ver fehlt. Aus den Ergeb nissen lässt sich – bei aller Vor sicht an gesichts der geringen Fallzahlen und der Komplexi täts reduk tion vom metrischen auf das nominale Niveau – tendenziell schließen, dass Personen variablen eine geringere Rolle bei der Einschät zung der Ver‑ trauens würdig keit und der Kontakt aufnahme spielen als die sicht baren Eigen schaften der Nutzer bzw. ihrer Botschaften. Es gab keine signifikanten Befunde. Allerdings scheinen das Interesse an Nutzer botschaften und die Position innerhalb der Redak tion, der Tendenz nach, noch die größte Rolle für das Ver trauen zu spielen. Bei der Kontakt‑ aufnahme er wiesen sich eben falls das Interesse an Nutzer botschaften, die Position in der Redak tion und zusätz lich die Berufs zufrieden heit als die wichtigsten Variablen. Wünschens wert wäre, dass die Rolle der Personen variablen in Zukunft anhand einer größeren Stichprobe mit mehr Befragten über prüft wird, was allerdings voraus setzt, dass journalisti sche Redak tionen bis dahin häufiger institutio nell ver ankerte Rollen für die Nutzer betreuung vor weisen können, als das heute der Fall ist (siehe Kap. 5). 7.3.2 bilD Der Journalisten unD blogger Vom PartiziPie ren Den Publikum (ef2) Wenn Journalisten und Blogger sich bei ihrem Bild vom partizipie ren den Nutzer an den be kannten Erkennt nissen der Medien forscher über Internetnutzer orientie ren würden, müssten sie ihr Publikum als höher ge bildet, be rufstätig, jung und eher männ‑ lich (wenn gleich Letzteres nur noch mit leichter Tendenz) einschätzen. Fast 50 Prozent der be fragten Journalisten und etwas mehr als 50 Prozent der be fragten Blogger geht davon aus, dass mehr als die Hälfte der partizipie ren den Nutzer tabelle 7.2: bild der be fragten Journalisten und blogger vom partizipie ren den Publikum Welcher anteil der nutzer … Journalisten (n = 37–39) blogger (n = 15–19) < 50 % ≥ 50 % < 50 % ≥ 50 % … hat ein abitur. 20 [53 %] 18 [47 %] 7 [47 %] 8 [53 %] … ist be rufstätig. 10 [27 %] 27 [73 %] 3 [18 %] 14 [82 %] … ist unter 25. 34 [87 %] 5 [13 %] 17 [90 %] 2 [11 %] … ist männ lich. 4 [10 %] 35 [90 %] 8 [42 %] 11 [58 %] erläute rung: itemformulie rung: „keiner weiß so genau, wer sich hinter Userkommentaren oder -tweets ver birgt. Was schätzen Sie, welcher anteil der nutzer, die sich über partizipa tions kanäle (z. b. onlinekommentare, twitter, Facebook) ihrer redak tion einbringen …“; hier und bei den folgen den tabellen ergeben sich ab weichungen von kumulierten 100 prozent aus rundungs fehlern. 281 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD ein Abitur hat (siehe Tab. 7.2). Damit halten die Befragten das partizipierende Publikum für deut lich ge bildeter als die Gesamtbevölke rung. Nur vier Journalisten und drei Blogger gehen davon aus, dass weniger als ein Viertel des partizipie ren den Publikums die Hoch schul berechti gung besitzt. Über 70 Prozent der Journalisten und über 80 Prozent der Blogger sind der Meinung, dass mehr als die Hälfte der partizipie ren‑ den Nutzer be rufstätig ist. Da die derzeitige Arbeits losen quote unter zehn Prozent liegt, gehen die Befragten also davon aus, dass Nicht‑Berufstätige in den Kommentar‑ spalten, auf Twitter, Facebook und anderen Partizipa tions kanälen präsenter sind als in der Gesamtbevölke rung. Immerhin fast 30 bzw. 20 Prozent der Journalisten und Blogger gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte derjenigen, die sich partizipativ zu Wort melden, keiner geregelten Arbeit nach geht. Die Journalisten und Blogger glauben nicht, dass die Genera tion der unter 25‑Jähri‑ gen, die sich über durch schnitt lich häufig und lang im Internet aufhält, auch mehr‑ heit lich für die Nutzer partizipa tion ver antwort lich ist. Im Gegen teil, fast alle Jour‑ nalisten und Blogger gehen davon aus, dass diese jungen Nutzer weniger als die Hälfte der partizipie ren den Nutzer aus machen. 41 Prozent der Journalisten und 47 Prozent der Blogger meinen, dass sie weniger als ein Viertel der Nutzer aus machen. Der einzige größere Unter schied zwischen Journalisten und Bloggern zeigt sich beim ver muteten Geschlecht der Nutzer: Während fast 90 Prozent der Journalisten davon aus gehen, dass mehr als die Hälfte der partizipativen Nutzer Männer sind, sind es bei den Bloggern weniger als 60 Prozent. 7.3.3 einschät zung Der nutzer PartiziPa tion (ef3) Die Befragten sollten auch an geben, wie sie die Nutzer partizipa tion be werten und wie auf geschlossen ihre Kollegen und Vor gesetzten für Nutzerinputs sind. Sowohl Journalisten als auch Blogger schätzen die Mehrheit der partizipie ren den Nutzer als wenig konstruktiv ein. Mehr als zwei Drittel der be fragten Journalisten und mehr als die Hälfte der be fragten Blogger schätzen, dass sich weniger als die Hälfte der Nutzer konstruktiv in Themen diskussionen einbringt (siehe Tab. 7.3). Dies deutet, insbesondere bei den Journalisten, auf ein skepti sches bis negatives Publi kums‑ bild hin. 25 Prozent der Journalisten gehen sogar davon aus, dass nicht einmal ein Viertel der Nutzer, die sich einbringen, konstruktiv agiert. Ein ähnliches Meinungs bild zeigt sich, wenn die Befragten um eine Einschät zung der inhalt lichen Qualität der Nutzer partizipa tion insgesamt ge beten werden. Auf einer metrischen Skala von 1 (= sehr schlecht) bis 6 (= sehr gut) ver geben Journalisten wie 282 Blogger eher schlechte Noten. Codiert man die Ergeb nisse um, sodass die 6 wie im Schulnoten system üblich die schlechteste und 1 die beste Note ist, kommt man bei den Journalisten auf eine Durch schnitts note von 3,76 und bei den Bloggern auf eine Note von 3,55 (siehe Tab. 7.4). Aus Sicht der Befragten sind die partizipativen Beiträge insgesamt also als „be friedigend“ bis „aus reichend“ einzu schätzen. Nur je ein Journalist und ein Blogger vergab die Note „sehr gut“, nur zwei Journalisten und drei Blogger die Note „gut“. Schließ lich wurden die Befragten auch um ihre Einschät zung ge beten, wie auf‑ geschlossen die Redak tions kollegen und Redak tions leiter für die Nutzer partizipa tion sind. Auf einer 6‑Punkte‑Skala zwischen 1 (= über haupt nicht) und 6 (= sehr auf‑ geschlossen) ver geben die Journalisten für ihre Kollegen im Durch schnitt 3,93 und die Blogger 4,94 Punkte. Sowohl die be fragten Journalisten als auch die Blogger, die sich in erster Linie mit Nutzer partizipa tion be fassen, schätzen also ihre Kollegen als eher positiv ein gestellt ein, bei den Bloggern allerdings positiver als bei den Journalisten. Dieses Ver hältnis be stätigt sich auch bei der Frage, wie auf geschlossen die Redak tions‑ tabelle 7.3: einschät zung der konstruktivi tät des partizipie ren den Publikums durch die be fragten Journalisten und blogger Welcher anteil der nutzer … Journalisten (n = 40) blogger (n = 19) < 50 % ≥ 50 % < 50 % ≥ 50 % … trägt konstruktiv zu themen diskussionen bei? 27 [68 %] 13 [33 %] 11 [58 %] 8 [42 %] erläute rung: itemformulie rung: „keiner weiß so genau, wer sich hinter Userkommentaren oder -tweets ver birgt. Was schätzen Sie, welcher anteil der nutzer, die sich über partizipa tions kanäle (z. b. onlinekommentare, twitter, Facebook) ihrer redak tion einbringen …“ note Journalisten (n = 38) blogger (n = 20) 1 = sehr gut 1 [ 3 %] 1 [ 5 %] 2 2 [ 5 %] 3 [15 %] 3 12 [32 %] 6 [30 %] 4 13 [34 %] 4 [20 %] 5 10 [26 %] 6 [30 %] 6 = sehr schlecht 0 [ 0 %] 0 [ 0 %] mittelwert 3,76 3,55 erläute rung: Skala von 6 bis 1 auf 1 bis 6 umcodiert; itemformulie rung: „nutzer bringen sich über diverse onlinekanäle in den Journalismus ein. bezogen auf die redak tion, für die Sie hauptsäch lich arbeiten: Wie würden Sie die Qualität auf einer Skala von 1 (= sehr schlecht) bis 6 (= sehr gut) be urteilen?“ tabelle 7.4: einschät zung der Qualität der nutzer partizipa tion 283 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD leiter gegen über der Nutzer partizipa tion sind. Auch hier gehen die Blogger von einer größeren Auf geschlossen heit ihrer Vor gesetzten (5,75) aus als die Journalisten (4,94)186. Beide Befragten gruppen be scheinigen ihren Vor gesetzten damit eine große Auf ge‑ schlossen heit. Sowohl die Blogger als auch die Journalisten schätzten die Redak tions‑ bzw. Blogleiter um einen Skalen punkt auf geschlossener ein als die Kollegen. 7.3.4 umgang mit nutzer PartiziPa tion (ef4) Schließ lich interessiert uns, wie die Journalisten und Blogger in ihrem redak tio nellen Alltag mit der Nutzer partizipa tion umgehen. Dazu gehört die Frage, welche Partizipa‑ tions formate sie konkret für die besten halten. Hier wird sowohl von den Journalisten als auch von den Bloggern Facebook am häufigsten ge nannt (siehe Tab. 7.5). Bei den Journalisten liegt Twitter auf Platz zwei und die Kommentarfunk tion auf Platz drei, bei den Bloggern folgt zuerst die Kommentarfunk tion und dann Twitter. Dass Facebook und Twitter jeweils unter den Top drei Formaten ge nannt werden, könnte auch daran liegen, dass die Redak tionen nach dem Kriterium aus gesucht wurden, wie aktiv sie bei Facebook und Twitter sind. Dass jedoch Facebook so deut lich bei Jour nalisten und Bloggern am be liebtesten ist, lässt sich damit nicht hinreichend er klären. Ein Befragter erklärt dies im Onlinefragebogen mit „geringem Zeitaufwand“, was ein Hinweis ist, dass neben der Qualität der Diskussionen auch der Betreuungs aufwand bei der Einschät zung des „besten“ Kanals eine Rolle spielt. 186 bei diesem item wurden die redak tions leiter aus geschlossen, sodass sich die Fallzahl auf 33 bzw. 8 befragte ver ringerte. tabelle 7.5: einschät zung des besten Partizipa tions formats bestes partizipa tions format Journalisten (n = 40) blogger (n = 20) Facebook 36 [90 %] 18 [90 %] twitter 13 [32 %] 4 [20 %] kommentarfunk tion 8 [20 %] 5 [25 %] Votings 4 [10 %] 0 [ 0 %] Google+ 0 [ 0 %] 2 [10 %] Sonstige je 1 [3 %] / erläute rung: mehrfach auswahl möglich; itemformulie rung: „Welcher dieser kanäle funktioniert aus ihrer Sicht am besten? bitte tragen Sie den besten kanal oder die besten kanäle in das dafür vor gesehene Feld ein.“ 284 Das zweite diesbezüg liche Item ist der Frage ge widmet, wie häufig in den Redak‑ tionen Hinweise der Nutzer zum Anlass ge nommen werden, weiter zu recherchie ren. Sowohl in den journalisti schen Redak tionen als auch bei den Blogs geschieht dies in der Regel mehrmals im Monat (Median). Immerhin 30 Prozent der Journalisten und 25 Prozent der Blogger arbeiten in Redak tionen und Blogs, die mehrmals wöchent lich solche Hinweise er halten und 10 Prozent der Journalisten in Redak tionen, bei denen dies mehrmals täglich der Fall ist. Explizite Richtlinien für den Nutzer dialog können den Umgang mit Nutzer‑ partizipa tion für Redak tionen er leichtern und für Nutzer be rechen barer machen. Der Anteil der Befragten, die bei journalisti schen Redak tionen und Blogs arbeiten, die über solche Richtlinien ver fügen, liegt zwischen 50 und 60 Prozent. Hier scheint es also Nach holbedarf bei den Redak tionen zu geben. Redak tionen müssen ent scheiden, wie sie mit partizipativen Beiträgen auf ihren Websites (z. B. Kommentare, Foren) oder auf anderen Platt formen (z. B. Facebook, Twitter) umgehen. Auf der eigenen Website können sie sich zwischen einer Prä‑, Post‑ oder keiner Modera tion ent scheiden. Auf externen Platt formen lässt sich nur die tabelle 7.6: häufig keit der nutzer hinweise, die zur weiter recherche führen häufig keit von hinweisen Journalisten (n = 40) blogger (n = 20) nie 1 [ 3 %] 0 [ 0 %] Seltener 6 [15 %] 3 [15 %] mehrmals monat lich 17 [43 %] 12 [60 %] mehrmals wöchent lich 12 [30 %] 5 [25 %] mehrmals täglich 4 [10 %] 0 [ 0 %] median mehrmals monat lich mehrmals monat lich erläute rung: itemformulie rung: „Wie häufig kommt es vor, dass ihre redak tion anregun gen von normalen nutzern (informa tionen oder themen ideen) erhält, die Sie zu einer Weiter recherche ver anlassen?“ tabelle 7.7: redak tionen mit expliziten nutzer dialogrichtlinien explizite richtlinien? Journalisten (n = 39) blogger (n = 20) Ja 23 [58 %] 11 [55 %] nein 16 [40 %] 9 [45 %] Weiß nicht 1 [ 2 %] / erläute rung: itemformulie rung: „Ver fügt ihre redak tion über explizite nutzer dialogrichtlinien, die fest legen, wie mit nutzer- botschaften um gegangen wird?“ 285 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD Post modera tion ver wirk lichen oder man ver zichtet auf eine Modera tion. Während die Mehrzahl der Blogger bei Blogs arbeitet, die bei den Onlinekommentaren eine Prä‑ modera tion be treiben (63 %), sind die be fragten Journalisten mehr heit lich bei Redak‑ tionen an gestellt, die auf eine Post modera tion setzen (53 %). Auch die 13 Journalisten, die bei Redak tionen arbeiten, die Foren anbieten, geben an, dass dort mehr heit lich eine Post modera tion zum Einsatz kommt (62 %). Fast alle Journalisten und Blogger arbeiten in Redak tionen, in denen eine Post modera tion bei Facebook statt findet (95 bzw. 80 %). Bei Twitter hingegen geschieht dies laut den Journalisten in rund der Hälfte der Fälle (49 %), laut den Bloggern in einem Drittel der Fälle (33 %). 7.4 fazit Vier explorative Forschungs fragen galt es in diesem Teil kapitel zu be antworten. Für das Ver trauen in Nutzer botschaften (EF1) er wiesen sich die (Nicht‑)Anonymi tät des Nutzer profils (Journalisten) und das Sprachniveau der Nutzer tweets (Blogger) als beste er klärende Variable für die Ver trauens würdig keit einer Nutzer botschaft. Die Aus‑ führlich keit der Botschaft spielte eine ver gleichs weise unter geordnete Rolle. Journalisten und Blogger ver trauen Nutzern also eher, wenn sie ihre Identität offen legen und über einen ge pflegte ren Sprachstil ver fügen, der auf ein höheres Bildungs niveau schließen lässt. Je besser sich Redakteure ein Bild von ihren Nutzern machen können, desto eher ver‑ trauen sie ihnen an scheinend. Wie viel der Nutzer von der Szene des Geschehens be richtet, ist dabei – zumindest auf Twitter, wo ohnehin nicht mehr als 140 Zeichen mitgeteilt werden können – offen bar zweitrangig. Schwächere Zusammen hänge zeigten sich beim Einfluss der drei er klären den Variablen auf die Wahrscheinlich keit, mit der die Befragten bereit ge wesen wären, tabelle 7.8: Praktizierte art der modera tion bei partizipativen formaten Journalisten (n = 13–39) blogger (n = 18–20) modera tions art prä- post- keine prä- post- keine onlinekommentare 14 [44 %] 17 [53 %] 1 [ 3 %] 12 [63 %] 5 [26 %] 2 [11 %] Forum 3 [23 %] 8 [62 %] 2 [15 %] / / / Facebook / 37 [95 %] 2 [ 5 %] / 16 [80 %] 4 [20 %] twitter / 17 [49 %] 18 [51 %] / 6 [33 %] 12 [67 %] erläute rung: itemformulie rung: „nutzer/innen tragen nicht immer konstruktiv zu einer Diskussion bei. Findet bei den folgen den nutzer kanälen ihrer redak tion eine modera tion statt und wenn ja, was für eine?“ 286 Kontakt zum Nutzer aufzu nehmen. Auch hier waren die Nicht‑Anonymi tät des Profils (Journalisten) und das Sprachniveau der Tweets (Journalisten, Blogger) signifikante Einfluss variablen. Dass sich das Ver trauen besser er klären ließ als die Kontakt aufnahme, lag wohl daran, dass die Hemmschwelle, mit Twitternutzern in Kontakt zu treten, relativ niedrig ist, sodass Redak tionen dazu auch bereit sind, wenn die Ver trauens würdig keit eines Nutzers nicht so hoch ist, wie sie sein sollte. In der Praxis ist allerdings ent sprechende Vor sicht ge boten, da manche Berichterstatter eventuell zu sehr auf ihre Menschenkennt‑ nis setzen und dann Personen, die Fehlinforma tionen lancie ren wollen, auf sitzen könnten. Die Personen variablen spielten im Ver hältnis eine weniger starke Rolle, auch wenn dies nochmals anhand einer größeren Stichprobe über prüft werden sollte, um es differenzierter zu er fassen. Ob ein Journalist oder Blogger eine Nutzer botschaft ins‑ gesamt für interessant hielt oder nicht, und ob es sich um einen einfachen Redakteur bzw. Blogger handelte oder um einen in leiten der Stellung, spielte die größte Rolle für das Ver trauen, wie der Mittelwert vergleich zeigte. Bei der Kontakt aufnahme gab es zudem einen Unter schied, je nachdem, wie zufrieden der Befragte mit seinem Beruf war. Allerdings erwies sich keine der Personen variablen beim Mann‑Whitney‑Test als signifikant. Das Alter und das Geschlecht der Befragten spielten keinerlei Rolle. Demnach scheint die Ver trauens würdig keit von Nutzer botschaften ent weder von anderen Personen variablen abzu hängen oder relativ unabhängig von Personen merkmalen zu sein. Bei der Suche nach ge eigneten Redakteuren für die Betreuung sozialer Netz werke können Redak tionen sich vielleicht am ehesten daran orientie ren, ob sich diese für Nutzer botschaften interessie ren (Interesse) und ob ihnen die Aufgabe Spaß macht (Berufs zufrieden heit). Ist das nicht der Fall, kann es sein, dass sie weniger häufig Hinweisen nach gehen, die ggf. für die Redak tion interessant wären. Das Nutzer bild bei den journalisti schen Redak tionen und Blogs (EF2) steht einer‑ seits im Einklang mit dem, was man aus der Medien forschung über Onlinenutzer weiß. Sie sind mehr heit lich besser ge bildet und be rufstätig. Allerdings nimmt ein nicht unerheb licher Anteil der Befragten auch an, dass mehr als die Hälfte der Nutzer, die sich einbringen, nicht be rufstätig ist. Da es sich hier gerade nicht um die Alters gruppe der unter 25‑Jährigen handelt – die Befragten gehen, hier auch ab weichend von der allgemeinen Internet forschung, von einem eher älteren Publikum aus –, muss man annehmen, dass sich dahinter die Ver mutung ver birgt, es handle sich häufig um Arbeits lose. Schließ lich gehen die meisten Befragten auch ab weichend von der For‑ schung, die eine Angleichung des Ver hält nisses von männ lichen und weib lichen Online‑ nutzern belegt, davon aus, dass partizipierende Nutzer mehr heit lich Männer sind. Es wäre interessant, dies mit den realen Nutzer daten zu ver gleichen. Es gibt allerdings 287 7 Publikums Vertrauen unD Publikums bilD aktuell keine repräsentativen Befunde zur Zusammen setzung der partizipie ren den Nutzer schaft auf journalisti schen Websites in Deutschland. Eine Gefahr, die hier sicher besteht, ist, dass Redak tionen ihr partizipie ren des Publikum nicht ernst nehmen, weil sie sich darunter vor wiegend arbeits lose, wenn auch eher ge bildete Männer mittle ren Alters vor stellen. Im Einklang mit diesem Befund zeigt sich auch bei der Bewer tung der Nutzer‑ partizipa tion (EF3) ein eher pessimisti sches Bild. Das partizipierende Publikum wird als wenig konstruktiv wahrgenommen, die bei gesteuerten Inhalte er halten insgesamt eine Schulnote zwischen 3 und 4. Man muss sich vor Augen führen, dass die Mehrheit der Befragten tagtäg lich mit Nutzer partizipa tion zu tun hat und dass es sich um Redak‑ tionen handelt, die auf diesem Gebiet sehr aktiv sind. Was andere Redakteure und Redak tionen denken, die von vornherein weniger Nutzer partizipa tion be treiben, wurde zwar nicht erfasst. Es kann aber ver mutet werden, dass die Bewer tung bei diesen nicht besser aus fällt. Immerhin wurde den Redak tions kollegen und den Redak tions leitern eher Auf geschlossen heit gegen über der Nutzer partizipa tion be scheinigt. Vor dem Hinter‑ grund dieser Befunde sind Zweifel an gebracht, ob Redak tionen die Nutzer partizipa tion weiter aus bauen werden, an gesichts ihres negativen Bildes vom Publikum und dessen Wortmel dungen. Die Antworten deuten jeden falls bereits auf einen ge wissen Partizipa- tions verdruss hin. Anzeichen dafür gibt es auch bei den be fragten 15 Redak tions ver‑ antwort lichen (siehe Kap. 5). Noch halten sie am Common Sense fest, dass Publikums‑ beteili gung gut sei und die Dialogisie rung als Heraus forde rung an genommen werden müsse. Auf grund be stimmter ent täuschen der Realer fahrun gen sind aber auch sie skepti‑ scher ge worden und sehen eine sinn volle, nicht kontraproduktive Beteili gung eher als Ziel – und als Management aufgabe – denn als alltäg lich ge geben an. Gefragt nach der konkreten Praxis (EF4), gaben die meisten Befragten an, dass Facebook der ge eignetste Partizipa tions kanal sei, wohl einer seits auf grund des geringen Auf wands der Betreuung der Facebookseiten, verg lichen etwa mit Onlinekommentaren, und anderer seits auch wegen der Fremd verantwortlich keit der Inhalte, die hier nicht bzw. nur bedingt unter die Impressums pflicht der Redak tionen fallen. Die Redak tionen und Blogs er hielten meist mehrmals im Monat Hinweise von Nutzern, die die Weiter- recherche lohnten. Vor dem Hinter grund des eher pessimisti schen Bildes der Journalisten und (in etwas geringe rem Maße) der Blogger drängt sich das Bild einer Zwei‑Klassen‑ Nutzer schaft auf. Einige wenige Nutzer liefern brauch bares Material, die breite Basis allerdings liefert aus Sicht der Befragten wenig Konstruktives, qualitativ Minderwerti ges, kurz: viel Über flüssiges. Explizite Nutzer dialogrichtlinien kannte nur rund die Hälfte der Befragten aus ihrer Redak tion. Gerade vor dem Hinter grund der mitunter als willkür lich wahrgenommenen Modera tions praxis von Redak tionen über rascht auch 288 dieses Ergebnis. Journalisti sche Redak tionen sollten neben solchen Richtlinien auch mehr auf Prämodera tion setzen, um die Qualität der Diskussionen auf ihren Seiten zu erhöhen. Interessanter weise schreiten hier die Blogs mit gutem Beispiel voran. Zu‑ gegeben, eine Prämodera tion ist mit viel Aufwand ver bunden, aber Ver stöße gegen die Netiquette oder gelten des Recht, die für jeden sicht bar sind, bevor sie ge löscht werden, ver ursachen ver mutlich einen größeren Imageschaden für journalisti sche Medien‑ angebote als eventuelle Ver zöge rungen bei der Freischal tung von Nutzer kommentaren. 289 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen: inhalts- unD netz werkanalyse aus gewählter PartiziPatiV-Journalisti scher formate 8.1 nutzer PartiziPa tion: fluch oDer segen? Im Januar 2012 wurde auf techcrunch. com, einem Leitmedium für technologi sche Innova tionen in den USA, lebhaft über das Thema Nutzer kommentare diskutiert (vgl. Constine, 2012). Die Befürworter stellten auf dem Blog Nutzer kommentare als Be‑ reiche rung für ihre Websites dar und machten Vor schläge, wie diese in geordnete Bahnen zu lenken seien. Die Gegner be trach teten Nutzer kommentare als lästige Zusatz‑ aufgabe und klagten über „Trolle“, also Nutzer, die jegliche Diskussion durch ihr destruktives Ver halten ver hinderten, und über „Spammer“, also Nutzer, die Kommentare ver öffent lichten, um für ihre Produkte und Dienst leis tungen Werbung zu machen. Die Gegner zogen daraus die Konsequenz, Nutzer kommentare komplett abzu schaffen. Inzwischen hat das Thema auch deutsche Redak tionen er reicht und auch hier‑ zulande ist umstritten, was von der Diskurs qualität der Nutzer partizipa tion zu halten ist: Ist sie eine arbeits intensive Last ohne erkenn baren Mehrwert, oder stiftet sie tat‑ säch lich einen (publizisti schen) Mehrwert, den es zu er halten oder gar auszu bauen gilt? Im Rahmen dieses Projekt bausteins werden vier journalisti sche Online‑Formate unter sucht, die sich be sonders intensiv um die Einbeziehung ihrer Nutzer bemühen. Ziel der Unter suchung ist es heraus zufinden, wie und in welcher Aus prägung sich die Nutzer kommunika tion in diesen partizipativen Formaten manifestiert und welchen qualitativen Surplus der Dialog mit den Nutzern schafft. Aus gewählt wurden vier redaktio nelle An gebote aus ver schiedenen Mediengat tungen (Hörfunk, Fernsehen, Zeitschrift, Zeitung), die ver schiedene Schwerpunkte setzen: – Diskurs@DRadio – ZDF log in, – Spiegel Online-Forum, – DerWesten. de auf Twitter. Die Auswahl erfolgte in Anleh nung an das Prinzip der minimalen und maximalen Kontrastie rung der Grounded Theory (vgl. Strauss & Corbin, 1990, S. 176 ff.). Zwar kommt die Grounded Theory in diesem Kapitel nicht zum Einsatz – es wird quantitativ statt qualitativ ge arbeitet. Aber bei nur vier Fall beispielen bietet sich das Prinzip der Kontrastie rung als Auswahl verfahren an, um Gemeinsam keiten und Unter schiede aus gewählter Partizipa tions formate heraus zuarbeiten. Zwei partizipative Formate wur‑ 290 den ge wählt, die über einen längeren Zeitraum vor wiegend nutzergesteuert ab liefen (Diskurs@DRadio, Spiegel Online-Forum) und zwei, die in einem relativ knappen Zeitintervall viele Wortmel dungen von Nutzern ge nerierten, in denen aber auch er‑ heblich mehr redaktio nelle Inputs in kurzer Zeit er folgten (ZDF log in, DerWesten. de auf Twitter). An gesichts der Fülle des Materials, kann allerdings immer nur ein be‑ stimmter Aus schnitt der unter suchten Formate ab gebildet werden, sodass die Ergeb nisse in diesem Kapitel als exemplarisch und explorativ, nicht aber als repräsentativ zu interpretie ren sind. 8.2 methoDi sches Vor gehen Um die Kommunika tion in partizipativen Formaten zu er fassen und zu ver gleichen, wurde ein Codebuch mit vier Kategorien ent wickelt, das bei der Inhalts‑ und Netz‑ werkanalyse zum Einsatz kam. Die Kategorien, die im Folgenden vor gestellt werden, sind zwar deskriptiv‑beschreibend an gelegt, haben aber meist einen festen Bezug zu be stimmten journalisti schen Quali täts kriterien: Informa tion: Mit dieser Kategorie wird der Informa tions gehalt der Kommentare ge messen, also ob und in welchem Maße die Nutzer der unter suchten Formate neue Informa tionen in die Diskussion einbringen187. Der ideale Nutzer steuert aus Sicht der Redak tionen Zusatzinforma tionen bei, die die Berichterstat tung insgesamt be‑ reichern (siehe Kap. 4). Drei Typen von Informa tion werden empirisch erhoben: 1. Tatsachen behaup tungen ohne Quellen angabe oder Link: Äußerun gen dieser Art lagen vor, wenn etwas be hauptet wurde, das empirisch über prüf bar ist; 2. Tatsachen behaup tungen mit Quellen angabe, aber ohne Link: Äußerun gen dieser Art waren (theoretisch) empirisch über prüf bar und be riefen sich auf eine Informa‑ tions quelle, ohne jedoch auf diese Quelle im Internet zu ver linken; 3. Tatsachen behaup tungen mit einem Link: Diese Äußerun gen waren empirisch über‑ prüf bar und ent hielten darüber hinaus einen Weblink, der es anderen Nutzern er laubte, das Behauptete direkt bei der Originalquelle zu über prüfen. Emotion: Der emotionale Gehalt von Kommentaren, inwiefern also Nutzer ihren Emo‑ tionen in partizipativen Formaten freien Lauf lassen oder nicht, ist normativ ambivalent. Auf der einen Seite kann „Emotion“ positiv ge fasst werden, als „Involvement“ (vgl. z. B. Pantti, 2010; Peters, 2011; Richards & Rees, 2011), auf der anderen ist gerade 187 Da „informa tion“ im theoriekapitel als nutzer bezogenes Quali täts kriterium definiert wurde, sei auf die dort an geführte Forschungs- literatur ver wiesen (siehe kap. 2). 291 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen bei partizipativem Journalismus ein aus geprägter Negativismus vor herrschend (vgl. Engesser, 2013), der wenig konstruktive Kommunika tions formen (bis hin zu Beleidi‑ gungen) annehmen kann. Solche Auseinander setzun gen haben zwar für das Publikum durch aus einen Unter hal tungs wert (vgl. Papacharissi & Rubin, 2000), doch sehen Nutzer die primäre Aufgabe von journalisti schen Medien gerade nicht darin, Emotionen und Gefühle zu wecken (vgl. Donsbach u. a., 2009, S. 73). Im Social Web zeigt sich das Er regungs potenzial daran, dass Skandale über proportional viel Auf merksam keit er halten (vgl. Aus serhofer & Maireder, 2013). Indikatoren von „Emotion“ werden wie folgt erhoben: 1. Emoticons: Zeichen folgen wie :‑) = „sich freuen“ drücken bild haft eine Emotion aus; 2. Emotions anzeigende Kurzformeln: Ab kürzungen wie lol = „laugh out loud“ bzw. „laut lachen“ drücken, meist in englischer Sprache, eine Emotion aus; 3. Emotions anzeigende Satz zeichen: Mehrere Ausrufe‑ oder Fragezeichen hinter einander wie Hallo!!! = freudige Begrüßung drücken eine Emotion aus; 4. Sehr negative Aus drucks formen: Beleidi gungen oder sehr ab wertende Aus drücke wie „Dummschwätzer“ für Journalisten und/oder Nutzer, deren Beiträge oder Berichterstat tungs objekte wurden als emotional codiert; 5. Sehr positive Aus drucks formen: Formulie rungen, die von einer Begeiste rung für Journalisten, Nutzer, deren Beiträge oder Berichterstat tungs objekte zeugten, wie „supertolle Sendung“, wurden eben falls als emotional codiert. Meinung: Diese Kategorie erfasst den Meinungs gehalt der Kommentare, also ob positive oder negative Meinungs äuße rungen in den Formaten eine Rolle spielen188. Eine Studie von Maireder (2011) zur Weiter leitung von Medien links auf Twitter hat ergeben, dass trotz der Einschrän kung auf 140 Zeichen mehr als die Hälfte der Twitterbot schaften (Tweets) einen individuellen Kommentar oder eine Wertung ent hielt. Demnach scheint es Nutzern ein Bedürfnis zu sein, ihre Meinung zu aktuellen Nachrichten kundzutun. Es wird zwischen zwei Typen der Meinungs äuße rung unter schieden: 1. Zustimmende Meinun gen: Eindeutig positive Bewer tungen von Journalisten und/ oder Nutzern, deren Beiträgen oder Berichterstat tungs objekten; 2. Ablehnende Meinun gen: Eindeutig negative Bewer tungen von Journalisten und/ oder Nutzern, deren Beiträgen oder Berichterstat tungs objekten. Interak tion: Inter aktion, also inwiefern ein kommunikativer Aus tausch zwischen Nutzern einer seits, und zwischen der Redak tion und den Nutzern anderer seits statt findet, gewinnt 188 Zur herlei tung dieser kategorie sei auf das theoriekapitel ver wiesen, wo es um die artikula tions funk tion im Digitalen Journalismus geht (siehe kap. 2). 292 im Digitalen Journalismus deut lich an Bedeu tung (siehe Kap. 2). Twitter wird beispiels‑ weise in erster Linie dazu ver wendet, mit anderen in Kontakt zu treten (vgl. Chen, 2011). Im Kontext dieses Bausteins werden zwei Arten von Inter aktion be rücksichtigt: 1. Einfache Inter aktion, bei der sich ein Nutzer auf einen Journalisten und dessen Beitrag oder auf einen anderen Nutzer und dessen Kommentar bezieht; 2. Reziproke Inter aktion, bei der die Bezugnahme er widert wird. Als einzige Kategorie wird diese anhand zweier Indikatoren netz werkanalytisch auf Nutzer ebene erhoben, während die anderen Kategorien inhalts analytisch auf Kom‑ mentar ebene ge messen werden: 1. Indegree: Gemessen wird, wie viele andere Nutzer einen Nutzer adressie ren oder er wähnen – es handelt sich hier also um Alter‑Ego‑Bezugnahmen; 2. Outdegree: Gemessen wird, wie viele andere Nutzer ein Nutzer selbst adressiert oder erwähnt – es handelt sich um Ego‑Alter‑Bezugnahmen. Die be schriebenen vier Kategorien – Informa tion, Emotion, Meinung und Inter aktion – sollen etwas über die Art und Weise aus sagen, wie sich die partizipative Kommunika‑ tion in den vier unter suchten journalisti schen Formaten darstellt. Ent sprechend adressie‑ ren sie vier explorative Forschungs fragen: EF1: Wie informativ sind die Kommentare von Nutzern in ver schiedenen Arten von partizipativ‑journalisti schen Formaten? EF2: Wie emotional sind die Kommentare von Nutzern in ver schiedenen Arten von partizipativ‑journalisti schen Formaten? EF3: Wie mei nungs betont sind die Kommentare von Nutzern in ver schiedenen Arten von partizipativ‑journalisti schen Formaten? EF4: Wie interaktiv sind die Kommentare von Nutzern in ver schiedenen Arten von partizipativ‑journalisti schen Formaten? Zusätz lich zu den vier explorativen Forschungs fragen wird eine Typologie zur Klassifi‑ zie rung der Nutzer er stellt: NT: Welche Nutzer typen lassen sich in den unter suchten Fall beispielen partizipativ‑ journalisti scher Formate identifizie ren? Bei der Erarbei tung der Nutzer typologie (NT) gilt es zu be achten, dass es sich um vier unter schied liche Fall beispiele handelte. Da sie allerdings mit demselben Instru‑ mentarium ge messen werden und eine ge trennte Typologie für jedes Fall beispiel als wenig hilf reich erachtet wird, wird eine Gesamt typologie aus den Daten aller vier 293 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Formate ent wickelt. Dies ist deshalb möglich, weil der Cluster analyse die relativen und nicht die ab soluten Informa tions‑, Emotions‑, Meinungs‑ und Kommentaranteile zugrunde gelegt werden. Es zählt also beispiels weise nicht, wie viele informative Kom‑ mentare ein Nutzer ver fasst hat, sondern nur, welcher Anteil seiner Kommentare informativ ist189. In die Stichprobe fließen vier journalisti sche Fall beispiele ein, von denen jedes eine eigene Variante der Nutzer partizipa tion darstellt. Als unter schied liche Formen der Nutzer partizipa tion wurden eine Online‑Kommentarspalte (1), ein Format, das auf mehrere soziale Medien zurück greift (2), ein klassi sches Onlineforum (3) und ein journalisti scher Twitter‑Account (4) aus gewählt: – 1. Diskurs@DRadio war ein experimentelles Format des Deutschlandradios, das von Februar 2012 bis Januar 2013 be trieben wurde. Für das Debatten portal richtete der öffent lich‑recht liche Hörfunksen der eine eigene Website ein, auf der Text‑ und Videobeiträge zu Themen rund um die Digitalisie rung der Gesell schaft ver öffent‑ licht wurden. Auf der Seite wurde die Onlinekommentarspalte aus der Rubrik „Politik“ analysiert (n = 284). – 2. ZDF log in ist ein experimentelles Fernsehformat, das seit Ende 2010 auf ZDFinfo aus gestrahlt wird. Die Nutzer partizipa tion für dieses An gebot läuft sowohl über eine medien interne Platt form (ZDF Blog), als auch über medien externe Platt formen wie Twitter, Facebook oder Google+. Am 5. November 2014 wird die Sendung eingestellt. Die Nutzer kommentare zur Sendung vom 17. April 2013 wurden analysiert (n = 921). – 3. Das Spiegel Online-Forum ist eines der meist frequentierten General‑Interest‑ Foren im deutsch sprachigen Raum. Es existiert seit 1994 und ist in die Online‑ präsenz von Spiegel Online integriert. Ein Thread, d. h. eine themati sche Dis kussion, aus der Rubrik „Politik“ des Forums, der im November 2012 zu Ende ging, wurde analysiert (n = 296). – 4. Auf Twitter unter hält DerWesten. de, das Onlineportal der NRW‑Regional‑ zeitungen der Funke‑Medien gruppe, mehrere Accounts, über die in der Haupt‑ sache Meldun gen des Onlineportals ver schickt werden. Die Portal‑bezogenen Tweets (Kurzbot schaften auf Twitter) vom 14. und 15. Juli 2013 wurden analysiert (n = 1.062). 189 nicht be rücksichtigt werden konnten die netz werk daten (in-Degree und out-Degree), da unklar ge wesen wäre, auf welcher bezugs größe hier die relativen Daten hätten basieren sollen. 294 8.3 ergeb nisse 8.3.1 DiSkuRS@DRADiO: Debatten zum thema Digitalisie rung Das „Debatten portal“ Diskurs@DRadio wurde anläss lich einer Konferenz zum 50. Sen‑ der jubiläum des Deutschlandfunks Ende Januar 2012 ins Leben gerufen und existierte ein Jahr lang. Inzwischen ist es nicht mehr online zugäng lich. Selbsterklärtes Ziel des Portals war es, Essays, Auf sätze und Interviews über die „Konsequenzen der digitalen Revolu tionen und Evolu tionen“ in Politik, Medien und Öffentlich keit auf dem Portal zu ver öffent lichen. Nutzer des Portals wurden „herz lich ein[ge]laden […], mit uns zu diskutie ren“ und explizit auf gefordert, ihre Meinung in die Diskussion einzu bringen (Diskurs@DRadio, 2013). abbilDung 8.1: Diskurs@Dradio Quelle: Screen shot von diskurs.dradio.de/2012/02/08/livestream-berliner-debatte-digital [23. 01. 2013] 295 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen 8.3.1.1 inhalt unD themen Der kategorie „Politik“ Von DiSkuRS@DRADiO Von den insgesamt 108 Beiträgen, die im Zeitraum Februar 2012 bis Januar 2013 auf Diskurs@DRadio er schienen, widmen sich die meisten dem Thema „Politik“ (44 Bei‑ träge), ge folgt von „Internet“ (38) und „Journalismus“ (31). Für diese Studie wird die Rubrik „Politik“ näher unter die Lupe ge nommen. In den ersten drei Monaten nach Einrich tung des Portals waren die Nutzer in dieser Rubrik am aktivsten, danach flaute die Aktivität merk lich ab (siehe Abb. 8.2). Ein Fünftel der Beiträge in der Rubrik „Politik“ befasst sich mit dem Thema politi sche Meinungs bildung in der digitalen Welt. Daneben sind die Themen Netz‑ politik und Videointerviews von der Jubiläumskonferenz des Deutschlandfunks sehr präsent. Von den 44 Beiträgen aus der Rubrik Politik sind 27 Textbeiträge, sieben Audio‑ und zehn Videobeiträge (siehe Tab. 8.1). Kommentiert werden die Textbei träge deut lich häufiger (∅ 10,4) als Beiträge mit Ton (∅ 1,1) und/oder Bild (∅ 1,4). Am häufigsten wird ein Beitrag des Pfarrers Christian Wolff der Thomas kirche in Leipzig kommentiert, in dem dieser die Piraten partei als orientie rungs los und destruktiv kritisiert. Der netzpoliti sche Fragebogen der Redak tion des Deutschlandfunks wird eben falls rege kommentiert. Weitere, für die Ver hält nisse des Portals häufig abbilDung 8.2: häufig keit der nutzer kommentie rung in der rubrik „Politik“ auf Diskurs@Dradio (ab solute häufig keit pro tag) 0 5 10 15 20 25 30 35 40 0 3 .0 2 .2 0 1 2 1 7 .0 2 .2 0 1 2 0 2 .0 3 .2 0 1 2 1 6 .0 3 .2 0 1 2 3 0 .0 3 .2 0 1 2 1 3 .0 4 .2 0 1 2 2 7 .0 4 .2 0 1 2 1 1 .0 5 .2 0 1 2 2 5 .0 5 .2 0 1 2 0 8 .0 6 .2 0 1 2 2 2 .0 6 .2 0 1 2 0 6 .0 7 .2 0 1 2 2 0 .0 7 .2 0 1 2 0 3 .0 8 .2 0 1 2 1 7 .0 8 .2 0 1 2 3 1 .0 8 .2 0 1 2 1 4 .0 9 .2 0 1 2 2 8 .0 9 .2 0 1 2 1 2 .1 0 .2 0 1 2 2 6 .1 0 .2 0 1 2 0 9 .1 1 .2 0 1 2 2 3 .1 1 .2 0 1 2 0 7 .1 2 .2 0 1 2 2 1 .1 2 .2 0 1 2 0 4 .0 1 .2 0 1 3 1 7 .0 1 .2 0 1 3 296 kommentierte Themen sind die Digitalisie rung der Politik auf EU‑Ebene und politi‑ sche Blogs (siehe Tab. 8.2). Sachthemen stehen auf dem Portal im Vordergrund, Nutz‑ wert themen wie der Schutz der eigenen digitalen Privatsphäre spielen eine unter‑ geordnete Rolle. 8.3.1.2 form unD Qualität Der nutzer kommentare: Viel meinung, Viel informa tion Die Form der Kommunika tion wird in vier Kategorien ge messen: Informa tion, Emotion, Meinung und Interak tion. Die ersten drei Kategorien werden mittels einer Inhalts analyse unter sucht, die letzte mittels einer Netz werkanalyse. 190 tabellen, die mit dem hinweis „aus schnitt“ ver sehen sind, ent halten nur einen aus schnitt der vollständi gen tabellen, da sie teils sehr lang waren. tabelle 8.1: themen der beiträge der rubrik Politik auf Diskurs@Dradio und anzahl der nutzer kommentare (aus schnitt)190 thema anzahl beiträge text text + audio text + Video ab solute und durch schnitt liche anzahl nutzer kommentare politische meinungs bildung 9 9 / / 62 ∅ 6,9 netzpolitik 8 5 1 2 69 ∅ 8,6 konferenzbeiträge 7 / / 7 6 ∅ 0,9 piraten partei 3 2 1 / 72 ∅ 24,0 politische blogs 3 2 1 / 16 ∅ 2,7 … summe 44 27 7 10 284 ∅ 6,8 tabelle 8.2: fünf meist kommentierte beiträge in der rubrik Politik auf Diskurs@Dradio meist kommentierte beiträge anzahl kommentare christian Wolff: Die partei der ahnungs losen 58 Diskurs@Dradio: Der netzpoliti sche Fragebogen 27 niklas hofmann: politische blogs – irrelevant? 17 kirsten Fiedler/Joe mcnamee: Von eDemocracy keine Spur. Digitale bürger beteili gung ist auf europäi scher ebene nahezu unmög lich! 16 Diskurs@Dradio: netzpoliti scher Fragebogen: Die antworten der linken 15 297 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Informa tion (EF1) Der Informa tions gehalt der Nutzer kommentare wird, wie bereits er läutert, anhand der Tatsachen behaup tungen mit Links sowie mit oder ohne Nennung der Quelle ge messen. Ledig lich 17 Beiträge (6 %) ent halten Links, um anderen Nutzern die Möglich keit zu geben, Tatsachen behaup tungen direkt zu über prüfen (siehe Tab. 8.3). Unter anderem werden Links auf Spiegel Online, Wikipedia und ver schiedene politi sche Blogs gesetzt. 12 Beiträge (4 %) ent halten Informa tionen und berufen sich dabei auf eine Quelle, ohne auf einen ent sprechen den Link zu ver weisen. Zitiert werden etwa der Chef eines Private‑Equity‑Unternehmens, das Telekommunika tions gesetz oder Wikipedia. Mit 142 Beiträgen (50 %) ver zichten die allermeisten Nutzer bei ihren Tatsachen behaup‑ tungen allerdings auf die Angabe von Quellen oder weiter führen den Links. Beispiels‑ weise ent spinnt sich bei der Debatte um den Beitrag des Pfarrers Christian Wolff zur Piraten partei eine Diskussion um die Rolle der Kirche, bei der es unter anderem auch um die Geschichte der Kirche, demokrati sche Praktiken innerhalb der Kirche und die Rolle der Kirche in der DDR geht. Jeder zweite Beitrag auf Diskurs@DRadio ent hält eine Zusatzinforma tion und damit einen informativen Mehrwert für Nutzer, die die Kommentarspalten lesen. Die Sachlich keit der Kommunika tion auf Diskurs@DRadio wird über prüft, indem das Zusammen hangs maß (Cramer’s V191) zwischen der Informativi tät und der Emotio‑ nali tät der Kommentare ge messen wird. Es kann kein signifikanter Zusammen hang (p = 0,768) nach gewiesen werden, was dafür spricht, dass die Kommentare in der Rubrik Politik von Diskurs@DRadio selten Informa tion und Emotion ver quicken. Anders gesagt: Informative Beiträge sind in der Regel unemotional. 191 cramer’s V ist ein maß, das den statisti schen Zusammen hang zwischen zwei Variablen misst, die ein nominales Skalen niveau haben. alle ver wendeten kategorien wurden binär ge messen, bis auf die netz werkanalyti sche kategorie inter aktion. Daher kommt immer das Zusammen hangs maß cramer’s V zum einsatz. Zur interpreta tion des maßes: 0 = kein Zusammen hang; 1 = maximaler Zusammen hang (vgl. benninghaus, 2007, S. 113–116). tabelle 8.3: anzahl und anteil informativer nutzer kommentare insgesamt in der rubrik Politik auf Diskurs@Dradio (n = 284 nutzer kommentare, n = 109 nutzer) inFormation mit links mit Quellen ohne Quellen gesamt* anzahl kommentare 17 12 142 171 anteil an kommentaren insgesamt 6 % 4 % 50 % 60 % * Diskrepanzen zwischen der Summe der einzel kategorien und der Gesamt kategorie ergeben sich hier und bei späteren tabellen aus der tatsache, dass mehrfachzuwei sungen zulässig sind – kommentare, bei denen mehrere kategorien als zutreffend codiert wurden, werden in der Gesamt kategorie nur einmal be rücksichtigt 298 Emotion (EF2) Was das Aus flaggen von Emotionen mit parasprach lichen Mitteln angeht, ist das DRadio‑Debatten portal eindeutig emo tions arm. Nur vier Beiträge (1 %) ent halten ein Emoticon, kein einziger Beitrag ver wendet eine emotionale Kurzformel und nur 31 Bei‑ träge (11 %) fallen durch emo tions anzeigende Zeichen setzung auf (siehe Tab. 8.4). Auf der Ebene konkreter Aus drucks formen zeigt sich allerdings, dass mit 84 Kom mentaren (30 %) rund 30 Prozent der Beiträge einen Beitrags urheber, die Gegen stände des Beitrags oder andere Nutzer ab qualifizie ren. Der Tonfall der Kommentare ist demnach sehr negativ, zumal sich nur 15 Beiträge (5 %) aus gesprochen positiv zum Beitrags‑ urheber, ‑gegen stand oder zu den Kommentaren anderer äußern. Es gibt Nutzer, die be sonders emotional argumentie ren, um die Auf merksam keit anderer Nutzer zu er halten. An dieser Stelle interessiert deshalb, ob die folgende Gesetz mäßig keit zutrifft: Je emotionaler das Kommentar verhalten eines Nutzers, desto häufiger be ziehen sich andere Nutzer auf seine Kommentare. Dieser Zusammen hang stellt sich als sehr stark heraus. Cramer’s V liegt bei 0,646 und der Zusammen hang ist höchst signifikant (p < 0,001). Demnach er halten Nutzer, die sich sehr emotional äußerten, auf Diskurs@DRadio auch signifikant mehr Reaktionen von anderen Nutzern als jene, die sich sach lich und ohne Emotionen einbringen. Dies könnte Nutzer ermuti‑ gen, möglichst emotional (und damit unsach lich) zu argumentie ren. Meinung (EF3) Wie bereits bei der Kategorie Emotion an gedeutet (dort allerdings bezogen auf die Aus drucksform, hier auf den -inhalt), ist das Meinungs bild der Kommentare eher negativ. Es sei daran erinnert, dass die Kategorie „Meinung“ so codiert wird, dass nur ent weder eine insgesamt positive oder eine insgesamt negative Meinung ge messen wird. Um als Meinung codiert zu werden, muss eine klare Tendenz erkenn bar sein. Das ist ein Unter schied gegen über der Kategorie „Emotion“, wo Beiträge auch als emotional codiert werden, die sowohl sehr positive als auch sehr negative Formulie‑ tabelle 8.4: anzahl und anteil emotionaler nutzer kommentare insgesamt in der rubrik Politik auf Diskurs@Dradio (n = 284 nutzer kommentare, n = 109 nutzer) emotion emoticons kurzformeln Satz zeichen Sehr negativ Sehr positiv gesamt anzahl kommentare 4 0 31 84 15 114 anteil an kommentaren insgesamt 1 % 0 % 11 % 30 % 5 % 40 % 299 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen rungen ent halten. 176 negative Meinun gen (62 %) stehen 31 positiven (11 %) gegen über (siehe Tab. 8.5). Damit geben rund drei Viertel der Kommentare eine eindeutige Wer‑ tung ab. Eine Meinung zu äußern ist nicht be sonders an spruchs voll. Ob ein Thema, ein Beitrag oder ein Nutzer kommentar für gut oder schlecht be funden wird, lässt sich relativ spontan be urteilen. Von Kommentaren oder Leitartikeln im Journalismus ver‑ langt man darüber hinaus, dass sie ihre Meinung be gründen und mit Sachargumenten unter füttern (vgl. Nowag & Schal kowski, 1998). Über tragen auf die Nutzer kommentare kann man ver langen, dass Nutzer nicht nur ihre Meinung äußern, sondern diese auch mit Informa tionen be gründen. Inwiefern dies der Fall ist, wurde eben falls ge messen. Cramer’s V ergibt für den Zusammen hang zwischen Meinung und Informa tion einen schwachen Wert von 0,159, der allerdings signifikant ist (p < 0,05). Meinun gen werden zwar mit Fakten unter füttert, allerdings nicht so oft. Etwas mehr als ein Viertel aller mei nungs betonten Kommentare ent hielt keine Zusatzinforma tionen. Interak tion zwischen Nutzern und mit der Redak tion (EF4) Wie oben er läutert, lässt sich Inter aktion als einfaches oder als reziprokes soziales Handeln definie ren. Diese Kategorie wird netz werkanalytisch ge messen. Einfache Inter aktion liegt vor, wenn sich ein Akteur (Ego) auf einen anderen bezieht (Nutzer‑ Nutzer, Nutzer‑Urheber oder Urheber‑Nutzer), reziproke, wenn diese Kommunika tion von dem an gesprochenen Akteur (Alter) er widert wird. Im Gegen satz zu den inhalts‑ analyti schen Kategorien wird hier nicht auf der Kommentarebene, sondern auf der Ebene der Nutzer ge messen. Selbst verständ lich liegt der Anteil der einfachen Bezug‑ nahmen der Nutzer auf publizisti sche Beiträge stets bei 100 Prozent, weil sich jeder Nutzer kommentar per definitionem auf einen journalisti schen Beitrag bezieht. Etwa jeder fünfte Kommentar bezieht sich auf den Onlinekommentar eines anderen Nutzers. Nur fünfmal antwortet ein Nutzer allerdings reziprok auf den Kommentar eines anderen Nutzers (siehe Tab. 8.6). Ledig lich vier Prozent der Nutzer sind in einen sol‑ chen Aus tausch involviert. tabelle 8.5: anzahl und anteil mei nungs betonter nutzer kommentare insgesamt in der rubrik Politik auf Diskurs@Dradio (n = 284 nutzer kommentare, n = 109 nutzer) meinUnG negativ positiv gesamt anzahl kommentare 176 31 207 anteil an kommentaren insgesamt 62 % 11 % 73 % 300 Die Reziprozi tät oder Wechselseitig keit der Kommunika tion zwischen Nutzern und Beitrags urhebern ist demnach nicht be sonders stark aus geprägt und kommt nur in einem Fall nennens wert zustande, nämlich bei dem Beitrag des Pfarrers Wolff. Ein Nutzer zeigt sich in den Kommentaren des Beitrags so ent täuscht von der aus gebliebe‑ nen Inter aktion auf dem Portal, dass er der Ent täuschung eine Woche später wie folgt Luft macht: „Eine Reaktion auf meinen Beitrag […] erwarte ich nicht mehr. Ich muss fest stellen, dass hier das übliche Einbahnstraßen prinzip praktiziert wurde. […] Dieser Diskurs ist gescheitert!“192 (D216, 03. 03. 2012, Diskurs@DRadio) Die Redak tion greift auch moderierend in die Kommunika tion auf dem Portal ein. Von den neun redak tio nellen Wortmel dungen auf dem Portal, die direkt an Nutzer adressiert waren, be ziehen sich drei auf Hinweise von Nutzern auf techni sche Aspekten des Portals (z. B. dass es keine Absätze gab) und dreimal werden Nutzer zur Sachlich‑ keit ermahnt. In der Regel wird zeitnah reagiert. Die Netz werk visualisie rung zeigt, dass es einige Beiträge auf dem Portal gibt, die über haupt nicht kommentiert werden (Abb. 8.3, links unten – z. B. D82 oder D22). Neben diesen netz werktechnisch isolierten Urhebern gibt es auch Beiträge, die nur von wenigen Nutzern kommentiert werden, die sonst keine anderen Beiträge kommen‑ tie ren (links oben – z. B. D45 oder D109). Es handelt sich hier also um isolierte Gruppen, die sich mit speziellen Themen be schäfti gen. Typisch für Netz werke, die aus Onlinekommentaren be stehen, ist die sternförmige Anord nung der Kommunika‑ tion, mit den journalisti schen Beiträgen jeweils in der Mitte solcher Sterne (z. B. D84 mittig rechts oder D154 unten links). Der kommunikativste Nutzer (D62, unten rechts) schreibt sehr viele Kommentare, ohne dass die adressierten Beitrags urheber oder Nutzer ihm in nennens wertem Umfang antworten würden. 192 alle nutzer kommentare werden in diesem teil kapitel un verfälscht und wort wört lich, inklusive eventueller rechtschreib- und Grammatik fehler, wieder gegeben. tabelle 8.6: anzahl und anteil einfacher und reziproker inter aktiver bezugnahmen unter nutzern und beitrags urhebern (n = 284 nutzer kommentare, n = 109 nutzer) interaktion einfach reziprok nutzer mit beitrags urheber nutzer mit nutzer nutzer mit beitrags urheber nutzer mit nutzer kommentare insgesamt 284 [100 %] 59 [20 %] 22 [8 %] 10 [4 %] beteiligte nutzer 126 [100 %] 43 [34 %] 11 [9 %] 5 [4 %] 301 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen 8.3.2 ZDF lOg in: nutzer liefern statements fÜr Die liVesen Dung ZDF log in wurde am 23. November 2010 als Sendeformat ins Leben gerufen. Die Sendung wird im ZDF Infokanal und per Livestream auf der Website des ZDF im Internet aus gestrahlt. Nutzer können über Twitter, Facebook, Google+ und das ZDF abbilDung 8.3: netz werk visualisie rung der kommunika tion in der rubrik Politik von Diskurs@Dradio erläute rung: grau ge füllte kreise: autoren; schwarz ge füllte kreise: nutzer; weiß ge füllte kreise: track backs; volle linie: nutzer-nutzer-bezugnahme; ge strichelte linie: nutzer-autor-bezugnahme; ge punktete linie: track back-autor-bezugnahme; Größe der kreise: anzahl der kommunika tionen des akteurs insgesamt; breite der linien: anzahl der kommunika tionen zwischen zwei akteuren; pfeil rich tung: richtung der bezugnahme abbilDung 8.4: ZDF log in im zDf-blog Quelle: Screen shot von blog.zdf.de/zdflogin/page/99 [22. 02. 2013] 302 Blog teilnehmen. In einem der ersten Trailer zur Sendung hieß es, die Themen der Sendung seien „jung und kontrovers, aus Politik, Wirtschaft und Gesell schaft“. Bei log in gehe es um das, „was Menschen zwischen 20 und 40 bewegt“ (ZDF log in, 2012). Das Konzept sieht vor, dass Nutzer sich vor und während der Sendung parti‑ zipativ mit ihrer Meinung zum Thema einbringen. 8.3.2.1 inhalt unD themen Von ZDF lOg in Im Zeitraum von August 2011 bis August 2013193 wurden 78 ZDF-log-in‑Sendun gen, meist wöchent lich mit saisonalen Unter brechungen, aus gestrahlt. Am häufigsten wurden im Zeitraum August 2011 bis August 2013 die Themen Wirtschafts‑ und Schulden‑ krise, Gesund heit, politi sche Parteien und Familie be handelt. Durch schnitt lich am häufigsten wurden allerdings die nutz wertorientierten Themen Konsum und Gesund‑ heit im ZDF‑Blog194 kommentiert. Im Folgenden wird die Sendung vom 17. April 2013 mit dem Titel „Doppelpass – doppelt krass: Sind Türken wirk lich willkommen?“, die dem Thema doppelte Staats‑ bürger schaft ge widmet war, näher unter die Lupe ge nommen. Erwar tungs gemäß er‑ reicht die Partizipa tion am Aus strah lungs tag der Sendung ihren Höhepunkt. Facebook blieb an allen sieben Tagen der wichtigste Partizipa tions kanal. Während der Sendung waren die Nutzer auch auf Twitter be sonders aktiv (siehe Abb. 8.5). Die Nutzer er halten vor, während und nach der Sendung insgesamt 105 Impulse, z. B. Fragen, Zitate oder Trailer, in denen das Thema prägnant und polarisierend präsentiert wird (siehe Tab. 8.7). Am meisten redaktio nelle Impulse werden über Twitter (55) ge streut, ge folgt von Facebook (18) und Google+ (17). Bei YouTube werden nur ein Trailer, eine Kurz zusammen fassung und ein Mitschnitt der Sendung publiziert, weshalb die durch schnitt liche Nutzer beteili gung dort am höchsten ist. Facebook ent‑ hält fast die Hälfte aller Nutzer kommentare, Twitter rund ein Viertel. Die YouTube‑ Videos aus genommen, werden Textbeiträge im Schnitt doppelt so häufig kommentiert wie Videobeiträge. 193 Dieser Zeitraum wurde ge wählt, weil sich die themen der Sendung im ZDF-blog rück wirkend bis zum 24. august 2011 recherchie- ren ließen. Das Format war (teils unregelmäßig) bereits seit ende november 2010 aus gestrahlt worden. 194 Die partizipa tions quote bei Facebook, twitter oder Google+ konnte ex post nicht er mittelt werden. es ist durch aus möglich, dass mit der zunehmen den Diffusion dieser sozialen netz werke eine Ver lage rung der kommunika tion vom ZDF-blog auf diese kanäle statt- gefunden hat. Dennoch stützen wir uns auf die partizipa tions daten beim ZDF-blog, da andere Quellen nicht ver fügbar sind, und gehen davon aus, dass der er wähnte mögliche ab wande rungs effekt nicht so stark ins Gewicht fällt, dass man die Daten nicht im Zeit verlauf ver gleichen könnte. 303 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Während der Livesen dung werden 259 Kommentare ver öffent licht, wobei der Livechat im ZDF‑Blog dabei nicht be rücksichtigt wird, weil eine Speiche rung des gesamten Chatprotokolls nicht möglich war (siehe Tab. 8.8). Vor allem auf grund der vielen Nutzer kommentare bei YouTube erhält auch die Kurz zusammen fassung nach der Sendung sehr viel Auf merksam keit. Der Auf forde rung, Fragen an die Studio gäste zu stellen, wird vor allem auf Facebook Folge ge leistet. Schließ lich ge hören auch die abbilDung 8.5: zeitlicher Ver lauf der nutzer kommentare je Partizipa tions kanal und insgesamt pro tag (ohne youtube) 0 50 100 150 200 250 300 350 400 12.04.13 13.04.13 14.04.13 15.04.13 16.04.13 17.04.13 18.04.13 19.04.13 20.04.13 A n za h l d er K o m m en ta re Twitter Google+ Facebook Blog Gesamt tabelle 8.7: redaktio nelle impulse nach Partizipa tions kanal und kommunika tions modus und die ab solute und relative anzahl der nutzer kommentare anzahl redak tions- impulse text text + bild Video ab solute und durch schnitt liche anzahl nutzer kommentare twitter 49 2 4 235 ∅ 4,3 Facebook 4 10 4 444 ∅ 24,7 Google+ 4 9 4 67 ∅ 3,9 youtube / / 3 145 ∅ 48,3 ZDF-blog 1 6 5 30 ∅ 2,5 summe 58 27 20 921 ∅ 8,8 304 beiden Videotrailer, in denen das Thema der Sendung vor gestellt wurde, zu den meist‑ kommentierten redak tio nellen Impulsen. 8.3.2.2 form unD Qualität Der nutzer kommentare: mehr emotion als informa tion Die Inhalte (Informa tion, Emotion, Meinung) der Nutzer kommentare sowie die Inter‑ aktions daten werden im Folgenden für das gesamte An gebot be richtet. Darüber hinaus wird an ge eigneter Stelle auf interessante Gemeinsam keiten und Unter schiede zwischen den unter schied lichen Partizipa tions kanälen hin gewiesen. Informa tion (EF1) Knapp ein Viertel der Kommentare (249), die von Nutzern zur log-in‑Sendung vom 17. April 2013 ab gegeben werden, ent halten Informa tion (siehe Tab. 8.9). Infor ma‑ tive Kommentare kommen am häufigsten ohne Quelle vor. Rund ein Fünftel der Kommentare (193) beinhaltet eine solche Tatsachen behaup tung ohne Quellen angabe. Über proportional häufig kommt dies beim ZDF‑Blog, bei Facebook und Google+ vor. Links werden nur in etwas mehr als fünf Prozent der Kommentare (51) ge teilt, die meisten über Twitter. Sehr selten gibt es informative Kommentare mit Quellen angaben, aber ohne Links (5). Insgesamt spielt der Aus tausch von Informa tionen in den Nutzer‑ kommentaren bei der unter suchten Ausgabe von ZDF log in eine unter geordnete Rolle. In punkto Sachlich keit erweist sich der Zusammen hang zwischen Informa tions‑ und Emotions gehalt der Nutzer kommentare als schwach (Cramer’s V: 0,110), aber hoch signifikant (p < 0,01). Demnach hält sich die Emotionali tät der informativen Kommentare in Grenzen, zumal eine Über prüfung mit nominalen und metrischen Zusammen hangs maßen ergibt, dass es sich in Wirklich keit um einen leicht negativen tabelle 8.8: meist kommentierte redaktio nelle impulse bei der unter suchten zDf-log-in-sendung redaktio nelle impulse ZDF-blog Facebook twittwer Google+ youtube kommentare gesamt Zum chat & livestream 2 63 193 1 \ 259 ZDF-log-in kompakt Zusammen fassung 0 25 0 2 118 145 Stell Deine Fragen für log-in direkt 6 109 5 7 \ 127 Zweiter trailer \ 58 0 \ 38 96 erster trailer 2 57 \ 5 \ 64 305 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Zusammen hang handelt. Wenn ein Kommentar also informativ ist, dann ist er tenden‑ ziell nicht‑emotional. Emotion (EF2) Mit einem Anteil von mehr als einem Drittel aller Kommentare (392) sind die Nutzer‑ kommentare zur log-in‑Sendung deut lich emotionaler als informativ (siehe Tab. 8.10). Ein Fünftel ent hält Emotion anzeigende Satz zeichen (179) und etwas mehr als zwölf Prozent (118) ent halten ab qualifizierende Bemer kungen. Letzteres ist vor allem im ZDF‑Blog, auf Facebook und YouTube der Fall. Bei Google+ spielen sehr negative Äußerun gen eine kleinere, bei Twitter fast gar keine Rolle. Mit über acht Prozent der Kommentare (76) werden auch ver hältnis mäßig viele Emoticons ver wendet, vor allem bei Twitter und YouTube. Sehr positive oder be geisterte Äußerun gen (11) und Emotion anzeigende Kurzformeln (8) kommen hingegen so gut wie gar nicht vor. Wird mit emotional kommunizie ren den Nutzern be sonders viel inter agiert? Da‑ rüber informiert der Zusammen hang zwischen emotionalem Kommentargehalt und inter aktionaler Auf merksam keit (indegree). Der Zusammen hang erweist sich als un‑ signifikant (p = 0,493). Demnach wird Emotionali tät bei ZDF log in nicht mit Auf‑ merksam keit belohnt. In diesem Zusammen hang sei erwähnt, dass die Redak tion im August 2012 eine Netiquette publizierte, um emotionalen Auseinander setzun gen vorzu‑ beugen. Als unerwünscht werden darin „Spam‑Postings […], Unfug und unsinnige Texte“ sowie Kommentare be zeichnet, „die be leidigend, fremden feind lich, rassistisch, tabelle 8.9: anzahl und anteil informativer nutzer kommentare insgesamt zur zDf-log-in-sendung vom 17. 4. 2013 (n = 921 nutzer kommentare, n = 433 nutzer) inFormation links mit Quellen ohne Quellen gesamt anzahl kommentare 51 5 193 225 anteil an kommentaren insgesamt 6 % 1 % 21 % 24 % tabelle 8.10: anzahl und anteil emotionaler nutzer kommentare insgesamt zur zDf-log-in-sendung vom 17. 4. 2013 (n = 921 nutzer kommentare, n = 433 nutzer) emotion emoticons kurzformeln Satz zeichen Sehr negativ Sehr positiv gesamt anzahl kommentare 76 8 179 118 11 335 anteil an kommentaren insgesamt 8 % 1 % 19 % 13 % 1 % 36 % 306 sexistisch, diskriminierend, gewalt verherrlichend, ehrverletzend, homophob, jugend‑ gefährdend, pornografisch, die Persönlich keits rechte ver letzen oder in sonsti ger Weise straf bar sind“ (ZDF‑log‑in, 2012). Meinung (EF3) Fast die Hälfte aller Kommentare, die zur log-in‑Sendung ab gegeben werden, ent hält eine eindeutige Meinungs äuße rung zum Thema, zur Sendung oder zu einem Kom‑ mentar eines anderen Nutzers. Dabei zeigt sich, ähnlich wie bei Diskurs@DRadio, ein aus geprägter Negativismus. Es werden fast sieben Mal mehr negative als positive Kommentare ab gegeben. Dass die Kommunika tion so mei nungs lastig ist, liegt offen‑ kundig auch am polarisie ren den Konzept der Sendung: 42 Prozent der Kommentare (382) ent halten eine negative, 6 Prozent (57) eine positive Meinung (siehe Tab. 8.11). Es herrscht also ein dezidiert kritisches Kommunika tions klima vor. Besonders negativ geht es beim ZDF‑Blog (57 %), YouTube (51 %) und Facebook (46 %) zu. Bei Twitter (28 %) und Google+ (33 %) liegt der Anteil unter einem Drittel der Kommentare. Inwiefern werden die in Nutzer kommentaren ver tretenen Meinun gen mit Informa‑ tionen be gründet? Dazu wird das Zusammen hangs maß zwischen den Variablen Mei‑ nung und Informa tion er mittelt. Der Zusammen hang erweist sich als nicht signifikant (p = 0,09). Meinun gen kommen also in der Regel ohne Informa tionen aus. Fast 80 Pro‑ zent der Kommentare, die eine eindeutige Meinung ent halten, sind reine Meinungs‑ äuße rungen, ohne inhalt liche Begrün dung. Interak tion zwischen Nutzern und mit der Redak tion (EF4) Was die reziproke Inter aktion zwischen Nutzern und der Redak tion be trifft, fällt diese sehr spär lich aus. Es gibt nur zweimal einen Aus tausch zwischen der Redak tion oder Studiogästen und dem Publikum (siehe Tab. 8.12). Ein Studiogast antwortet einmal über Twitter auf einen fremden feind lichen Nutzer kommentar und die Redak tion ver‑ teidigt ein anderes Mal ihren ersten Trailer für die Sendung, in dem eine türkische Komikerin zur Teilnahme auf fordert. Ein Twitter‑Nutzer kritisierte diesen zuvor als tabelle 8.11: anzahl und anteil nutzer kommentare mit meinun gen insgesamt zur zDf-log-in-sendung vom 17. 4. 2013 (n = 921 nutzer kommentare, n = 433 nutzer) meinUnG negativ positiv gesamt anzahl kommentare 382 57 439 anteil an kommentaren insgesamt 42 % 6 % 48 % 307 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen „Rassismus pur“, „weil mit ‚Kanacksprache‘ eine be stimmte Gruppe raus gesucht wird und diese als Trottel vor führt wird“ (Z811, 13. 04. 2013, ZDF log in). Der Anteil der Kommentare, in denen sich ein Nutzer auf einen Kommentar eines anderen Nutzers bezieht, liegt bei über einem Drittel aller Kommentare. Das zeugt von einer ver hältnis mäßig regen Inter aktion zwischen den Nutzern. Auch der Anteil der reziproken Kommunika tionen unter Nutzern – etwas über ein Sechstel aller Kom‑ mentare – erweist sich als viel höher als jener zwischen Nutzern und Redak tion bzw. Studiogästen. Bei Weitem den höchsten Anteil reziproker Bezugnahmen gibt es bei YouTube (30 %), vor allem, weil sich dort rechts konservative Nutzer mit einem Nutzer, der offen bar einen Migra tions hintergrund hat, ein langes Wort gefecht liefern. Bei Twitter (14 %) und Facebook (7 %) wird seltener wechselseitig kommuniziert, allerdings ist der Anteil der einfachen Bezugnahmen (31 bzw. 29 %) recht hoch. Wie bereits erwähnt, findet kaum reziprok‑kommunikatives Handeln zwischen Redak tion und Nutzern statt. Neben den Inputs der Redak tion, die zur Teilnahme animie ren sollen, werden Nutzer immer wieder auf die Netiquette hin gewiesen. Kurz nach der Ver öffent lichung des Themas schreibt die Redak tion: „Liebe User Innen, wir löschen Kommentare, die gegen die log in‑Netiquette ver stoßen, so schnell es geht. Danke […] an alle, die hier sach lich diskutie ren – Rassismus hat bei log in keinen Platz!“ (12. 04. 2013). Auf die Kritik einer Nutzerin am Tag nach der Aus strah lung, die Redak tion reagiere zu langsam auf fremden feind liche Wortmel dungen, heißt es: „Hallo […], danke für deine Nachricht! Wir bemühen uns derzeit, sämt liche fremden‑ feind liche und rassisti sche Kommentare hier auf Facebook konsequent zu löschen …!“ (17. 04. 2013). Die Netiquette wird allerdings, soweit ex post erkenn bar, sehr aktiv ein gefordert, Nutzer werden ver warnt und Kommentare ge löscht. Bei YouTube waren beispiels weise zum Zeitpunkt der Erhebung 14 Prozent der Kommentare ge löscht worden. tabelle 8.12: anzahl und anteil einfacher und reziproker inter aktiver bezugnahmen zwischen nutzern und Journalisten bzw. studiogästen; (n = 921 nutzer kommentare, n = 433 nutzer) interaktion einfach reziprok nutzer-Journalist/ Gast* nutzer-nutzer nutzer-Journalist/ Gast* nutzer-nutzer anzahl kommentare 923 [100 %] 326 [35 %] 4 [0,4 %] 159 [17 %] beteiligte nutzer 433 [100 %] 227 [52 %] 2 [1,0 %] 47 [11 %] * hier wird erfasst, inwiefern sich nutzer auf einen Journalisten oder Gastautoren einfach be ziehen oder diese bezugnahme reziprok er widert wird 308 An gesichts der Vielzahl der Nutzer muss die Netz werk visualisie rung bei diesem Fall beispiel etwas anders ge staltet werden (siehe Abb. 8.6). Ab gebildet sind keine Einzel‑ nutzer, sondern die Partizipa tions kanäle und die ent sprechen den Nutzer‑Nutzer‑Bezug‑ nahmen (Ego‑Alter) sowie die Bezugnahmen der Nutzer auf redaktio nelle Inputs, die Redak tion und die Studiogäste. Die Visualisie rung zeigt, dass die meiste Kom munika‑ tion und Inter aktion über Facebook läuft (siehe die Breite der ge strichelten Pfeile, rechts oben). Es wird auch deut lich, dass sich die Auf merksam keit bei Twitter vor allem auf die Livesen dung (Z33, Mitte rechts) fokussiert, während sich die Kom mentare bei Facebook auf mehrere redaktio nelle Inputs vor, während und nach der Sendung ver teilen. Bei YouTube wird vor allem der Kompakt mitschnitt der Sendung (Z73, unten links) kommentiert. Google+ (links oben) und das ZDF‑Blog (Mitte unten) spielen sicht lich eine unter geordnete Rolle bei der Nutzer partizipa tion. Die Redak tion ist vor allem auf Facebook und Twitter mit Hinweisen präsent (siehe die Pfeile, die von der Redak tion dorthin führen). Studiogäste werden zwar immer wieder von Nutzern an gesprochen (siehe Pfeile), antworten aber fast nie. Dies bleibt der Livesen dung vor behalten. Einzelne Inputs, auf die kein Nutzer ein geht, gibt abbilDung 8.6: netz werk visualisie rung der kommunika tion zur zDf-log-in-sendung vom 17. 04. 2013 erläute rung: grau: redaktio nelle inputs; schwarz: nutzer; kreise: ZDF-blog; Vierecke: Facebook; rauten: twitter; Dreiecke: Google+; kugeln: youtube; volle linie: nutzer-nutzer-bezugnahme; ge strichelte linie: nutzer-beitrag/redak tion/Studiogast-bezugnahme; Größe der kreise: anzahl der kommunika tionen auf partizipa tions kanal insgesamt; breite der linien: anzahl der kommunika tionen zwischen zwei akteuren; pfeil rich tung: richtung der bezugnahme; ego = bezu gnehmen der nutzer in einem partizipa tions kanal; alter = nutzer, auf den in einem partizipa tions kanal bezug ge nommen wird 309 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen es vor allem bei Twitter, bei Google+ und dem ZDF‑Blog. Ein Nachteil des Formats besteht darin, dass die Diskussionen auf den Kanälen weit gehend unabhängig statt‑ finden und dass die Beiträge für die Livesen dung aus dem Kontext gerissen werden. Dass in den Netz werken eigenständige Diskussionen statt finden, bleibt un berücksich‑ tigt. 8.3.3 Spiegel Online-FORuM: nutzer unter sich Das Spiegel Online-Forum ist eines der ältesten und umfangreichsten deutsch sprachigen Foren im World Wide Web (WWW). Im Juli 1994 hob man die damals noch Spiegel‑ Forum ge nannte Platt form für den Nutzer austausch aus der Taufe (vgl. Krik kel u. a., 1994). Allerdings stellte das Forum damals noch eine geschlossene Ver anstal tung dar abbilDung 8.7: Spiegel Online-Forum Quelle: Screen shot von forum.spiegel.de/f4/darf-deutschland-den-europaeischen-nachbarlaendern-sparmassnahmen- diktieren [09. 06. 2013] 310 und musste abonniert werden. Heute ist das Spiegel Online-Forum ein frei zugäng liches Nutzer forum. Nutzer, die sich mit ihrer E‑Mail‑Adresse registrie ren, können in dem Forum Kommentare in den themati schen „Threads“, d. h. in den fortlaufen den Themen‑ diskussionen, hinter lassen. 8.3.3.1 Ver lauf unD themen Der kommunika tion im Spiegel Online-FORuM Die Themen des Spiegel Online-Forums, die im Zeitraum vom 1. Januar bis 31. Dezem‑ ber 2012 als Thread beendet wurden, waren mehr heit lich politisch (siehe Tab. 8.13). Von den 90 ab geschlossenen Threads war über die Hälfte (48) in der Rubrik Politik an gesiedelt. Es folgten die Rubriken Panorama (12), Sport (9), Wirtschaft (8) und Kultur (5). Die rest lichen Rubriken spielten eine unter geordnete Rolle. Die Threads aus der Rubrik Politik ge nerierten auch die meisten Nutzer kommentare, ge folgt vom Sport, der Kultur und der Wirtschaft. Allerdings wurden Threads zur Rechtschrei bung und zur Fußball‑Bundes liga am häufigsten kommentiert. In der Rubrik Politik war das Thema Außen politik mit elf Threads am stärksten ver treten, ge folgt von den Themen Europapolitik (6), Wahlen (5), politi sches System (5) und politi sche Persönlich keiten (5) (siehe Tab. 8.13). In ab soluten Zahlen bezogen sich die meisten Kommentare auf die Außen politik (7.750), ge folgt vom politi schen System (5.549) und Land tags‑ bzw. Bundestags wahlen (5.469). Die Beiträge mit den meisten Kommentaren widmeten sich dem Rücktritt des Bundespräsidenten Christian Wulff, der Piraten partei, dem Syrien konflikt und dem be ginnen den Bundestags wahl kampf 2013 (siehe Tab. 8.14). tabelle 8.13: themen der im zeitraum 1. 1. bis 31. 12. 2012 geschlossenen threads aus der rubrik Politik auf dem Spiegel Online-Forum (aus schnitt) thema anzahl threads ab solute und durch schnitt liche anzahl nutzer kommentare außen politik 11 7.750 ∅ 704,5 europapolitik 6 1.183 ∅ 197,2 Wahlen 5 5.469 ∅ 1.093,8 politisches System 5 5.549 ∅ 1.109,8 politische persönlich keiten 5 4.823 ∅ 964,6 … gesamt 48 31.032 ∅ 646,5 311 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Aus forschungs ökonomi schen Gründen wurde nur ein Thread näher unter sucht. Die Wahl fiel auf einen Thread zum Thema „Darf Deutschland den europäi schen Nachbarländern Sparmaßnahmen diktie ren?“, in dem es um den Umgang der deutschen Bundes regie rung mit der griechi schen Schulden krise ging. Ähnlich wie bei Diskurs@ DRadio fand das Gros der Aktivität in den ersten drei Monaten statt. Der Höhepunkt wurde im Februar 2012 er reicht, als es um ein zweites EU‑Rettungs paket für Griechen‑ land ging (siehe Abb. 8.8). tabelle 8.14: Die fünf meist kommentierten threads der rubrik Politik im Spiegel Online-Forum (1. 1. bis 31. 12. 2012) meist kommentierte beiträge anzahl kommentare Gelten für den bundespräsidenten strengere regeln als für den normal bürger? 3.209 hat die piraten partei eine Zukunft? 2.761 Sollte der Westen die syrische opposi tion stärker unter stützen? 2.159 Gabriel der richtige SpD-kanzlerkandidat? 2.080 SpD welche chancen hat peer Steinbrück als kanzlerkandidat? 1.909 abbilDung 8.8: zeitlicher Ver lauf der nutzer kommentare pro tag im thread „Darf Deutschland …“ im Spiegel Online-Forum 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 0 3 .1 2 .2 0 1 1 1 7 .1 2 .2 0 1 1 3 1 .1 2 .2 0 1 1 1 4 .0 1 .2 0 1 2 2 8 .0 1 .2 0 1 2 1 1 .0 2 .2 0 1 2 2 5 .0 2 .2 0 1 2 1 0 .0 3 .2 0 1 2 2 4 .0 3 .2 0 1 2 0 7 .0 4 .2 0 1 2 2 1 .0 4 2 0 .1 2 0 5 .0 5 .2 0 1 2 1 9 .0 5 .2 0 1 2 0 2 .0 6 .2 0 1 2 1 6 .0 6 .2 0 1 2 3 0 .0 6 .2 0 1 2 1 4 .0 7 .2 0 1 2 2 8 .0 7 .2 0 1 2 1 1 .0 8 .2 0 1 2 2 5 .0 8 .2 0 1 2 0 8 .0 9 .2 0 1 2 2 2 .0 9 .2 0 1 2 0 6 .1 0 .2 0 1 2 2 0 .1 0 .2 0 1 2 0 3 .1 1 .2 0 1 2 1 2 .1 1 .2 0 1 2 312 8.3.3.2 form unD Qualität Der nutzer kommentare: Viel nutzerinterak tion unD informa tion Im Gegen satz etwa zu Diskurs@DRadio oder ZDF-log-in wurden beim Spiegel Online‑ Forum nicht die Kommentare zu mehreren Beiträgen oder redak tio nellen Inputs ana‑ lysiert, sondern die Kommentare aus einem be stimmten Thread. Deshalb steht die Nutzerinterak tion, wie bei einem Forum zu er warten, im Mittelpunkt. Informa tion (EF1) Über die Hälfte der Kommentare im unter suchten Thread des Spiegel Online‑Forums ent hält eine Informa tion (171) (siehe Tab. 8.15). Meistens handelt es sich um Tat sachen‑ behaup tungen ohne Quellen angabe (142). Etwa jeder zwölfte Beitrag ent hält einen Link als Quellen angabe (25), nur fünf Kommentare berufen sich auf eine Quelle, ohne einen Link anzu geben. Der Informa tions gehalt der Nutzer äuße rungen ist damit un‑ gefähr auf demselben Niveau wie bei Diskurs@DRadio. Werden die Informa tionen sach lich vor getragen oder spielen Emotionen eine Rolle? Der Zusammen hang zwischen dem Informa tions‑ und dem emotionalen Gehalt der Kommentare erweist sich als nicht signifikant (p = 0,078). Die Informa tion wird demnach nicht systematisch emotional be wertet und dient in der Regel einem sach‑ lichen Aus tausch von Argumenten, was natür lich nicht aus schließt, dass in einzelnen Fällen emotionale Auseinander setzun gen eine Rolle spielen. Emotion (EF2) Fast jeder dritte Kommentar ist emotional auf geladen (87) (siehe Tab. 8.16). Ins gesamt sorgt die Diskussion um die Schulden krise in Griechen land also teils für emotionale Auseinander setzun gen. Dabei spielt die negativisti sche Kritik an anderen Nutzern, im Gegen satz etwa zu Diskurs@DRadio, eine unter geordnete Rolle. Nur jeder elfte Kom‑ mentar ent hält stark negative Aus drucks formen (27), dagegen jeder siebte eine emotio‑ nalisierende Zeichen setzung (46), also z. B. mehrere Aus rufezeichen. Dass immerhin tabelle 8.15: anzahl und anteil informativer nutzer kommentare insgesamt im unter suchten thread des Spiegel Online-Forums (n = 296 nutzer kommentare, n = 97 nutzer) inFormation mit links mit Quellen ohne Quellen gesamt anzahl kommentare 25 5 142 171 anteil an kommentaren insgesamt 9 % 2 % 48 % 58 % 313 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen etwas mehr als sechs Prozent der Kommentare Emoticons ent halten (19), zeugt von einer ge wissen Ver traut heit der Nutzer. Emotionale Kurzformeln (1) oder be sonders positive Äußerun gen (2) spielen so gut wie keine Rolle. Wird Emotionali tät von den Nutzern mit Auf merksam keit honoriert? Dies kann eindeutig zurück gewiesen werden. Zwar ist der Zusammen hang zwischen dem Anteil emotionaler Kommentare, die auf das Konto eines Nutzers gehen, und der Anzahl der Kommentare, die ihn referenzie ren, hoch signifikant (p < 0,001). Aber das Zusammen‑ hangs maß Cramer’s V weist einen schwachen Zusammen hang von 0,138 aus, der zudem – das zeigt die Über prüfung mit dem metrischen Zusammen hangs maß Pearson’s r – negativ aus geprägt ist. Das heißt, dass Emotionali tät im Gegen teil negativ sanktioniert wird, also dass ein be sonders emotionales Kommunika tions verhalten in der Summe eher dazu führt, dass der be treffende Nutzer in der Diskussion ignoriert wird. Meinung (EF3) Fast 40 Prozent der Kommentare im Spiegel Online‑Thread ent halten eine eindeutige Meinung (115) (siehe Tab. 8.17). Das zeigt, dass die Gesprächskultur in dem Thread durch aus ab wägende Wortmel dungen zulässt, die sich nicht eindeutig positionie ren. Über ein Drittel der Kommentare (108) ent hält eine negative Meinung zum Thema oder zum Kommentar eines anderen Nutzers. Ledig lich sieben Kommentare können dem Thema oder den Kommentaren anderer Nutzer etwas Positives ab gewinnen. Damit be stätigt sich, was sich schon bei den anderen bisheri gen Fall beispielen ab‑ tabelle 8.16: anzahl und anteil emotionaler nutzer kommentare insgesamt im unter suchten thread des Spiegel Online-Forums (n = 296 nutzer kommentare, n = 97 nutzer) emotion emoticons kurzformeln Satz zeichen Sehr negativ Sehr positiv gesamt anzahl kommentare 19 1 46 27 2 87 anteil an kommentaren insgesamt 6 % 0,3 % 16 % 9 % 1 % 29 % tabelle 8.17: anzahl und anteil mei nungs betonter nutzer kommentare insgesamt im unter suchten thread des Spiegel Online-Forums (n = 296 nutzer kommentare, n = 97 nutzer) meinUnG negativ positiv gesamt anzahl kommentare 108 7 115 anteil an kommentaren insgesamt 37 % 2 % 39 % 314 gezeichnet hat: Nutzer wider sprechen oder kritisie ren deut lich häufiger, als dass sie zustimmen oder etwas unter stützen. Inwiefern werden die Meinun gen mit Informa tionen unter füttert? Dies wird erneut auf der Kommentarebene unter sucht, indem das nominale Zusammen hangs maß Cramer’s V für die Variablen Meinung und Informa tion erhoben wird. Das Ergebnis fällt negativ aus. Es gibt keinen signifikanten Zusammen hang zwischen Meinungs‑ äuße rungen und informativen Kommentaren (p = 0,653). Mit anderen Worten, Meinun‑ gen werden nicht systematisch mit Hinter grundinforma tionen ver sehen. Nur etwas mehr als die Hälfte der Kommentare, die eine eindeutige Meinung ent halten, liefern zudem mindestens eine Hinter grundinforma tion. Interak tion zwischen Nutzern und mit der Redak tion (EF4) Wie bereits an gedeutet, findet im Thread des Spiegel Online‑Forums keinerlei Inter‑ aktion zwischen Journalisten und Nutzern statt. Das über rascht kaum, sind Foren doch i. d. R. Platt formen für den Aus tausch von Nutzern. Redak tionen machen sich nur bemerk bar, wenn sie Nutzer kommentare löschen. In den ver gangenen Jahren gab es beim Spiegel Online‑Forum immer wieder Auseinander setzun gen um die Modera‑ tions praxis (vgl. Degen u. a., 2008; Hoffmann, 2011), was zeigt, dass diese Aufgabe, die häufig von studenti schen Hilfs kräften über nommen wird, eine heikle An gelegen‑ heit ist. Im unter suchten Thread gibt es keine Indizien für weitreichende Eingriffe von Seiten der Forums modera tion. Ledig lich ein Nutzer spielt darauf an, indem er seinen Beitrag mit dem Zusatz ver sieht: „[I]ch glaube kaum das dieser Beitrag durch die Zensur kommt“ (S247, 27. 02. 2012, Spiegel Online-Forum). Was die Inter aktion zwi‑ schen den Nutzern be trifft, weist das Spiegel Online‑Forum erwar tungs gemäß den größten Anteil inter aktiver Bezugnahmen unter allen Fall beispielen auf. Über 70 Prozent der Kommentare be ziehen sich auf einen Kommentar eines anderen Nutzers (212) tabelle 8.18: anzahl und anteil einfacher und reziproker inter aktiver bezugnahmen zwischen nutzern und Journalisten (n = 296 nutzer kommentare, n = 97 nutzer) interaktion einfach reziprok nutzer mit beitrags urheber nutzer mit nutzer nutzer mit beitrags urheber nutzer mit nutzer anzahl kommentare 296 [100 %] 212 [72 %] 0 [0,0 %] 110 [37 %] beteiligte nutzer 97 [100 %] 79 [81 %] 0 [0,0 %] 28 [29 %] 315 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen (siehe Tab. 8.18). Von diesen gibt es 55 reziproke Paare, bei denen ein Nutzer einen an ihn gerich teten Kommentar be antwortet, ein Anteil von über einem Drittel aller Kommentare. Der Nutzer, dessen Kommentare am häufigsten, nämlich zwölf Mal auf gegriffen werden, war auch derjenige, der als erster seinen Kommentar zum Thema ab gegeben hatte. Je früher ein „Forist“195 seinen Kommentar im Forum abgibt, desto größer ist die Wahrscheinlich keit, dass er häufig zitiert werden wird. Das liegt daran, dass andere Nutzer einen Thread meist chronologisch und damit die ersten Kommentare zuerst lesen. Sind diese nicht vollkommen wirr und schlecht, werden sie häufig als Aus gangs‑ und Referenz punkt für die weiter gehende Diskussion ge nutzt. Die Netz werk visualisie rung zeigt, dass be stimmte Nutzer sehr viel Auf merksam‑ keit er halten und auch, dass be stimmte reziproke Ver bindungen sehr stark sind. Der Nutzer, der den ersten Kommentar ab gegeben hatte (S61 – Abb. 8.9, rechts oberhalb der Mitte), wird von den meisten anderen Nutzern referenziert, nämlich von 12. Auch 195 „Foristen“ sind in der Sprache der Spiegel Online-redak tion nutzer, die sich im Forum von Spiegel Online einbringen. abbilDung 8.9: netz werk visualisie rung der kommunika tion im unter suchten thread des Spiegel Online-Forums; nur nutzer erläute rung: grau ge füllte kreise: autoren; schwarz ge füllte kreise: nutzer; weiß ge füllte kreise: track backs; volle linie: nutzer-nutzer-bezugnahme; ge strichelte linie: nutzer-autor-bezugnahme; ge punktete linie: track back-autor-bezugnahme; Größe der kreise: anzahl der kommunika tionen des akteurs insgesamt; breite der linien: anzahl der kommunika tionen zwischen zwei akteuren; pfeil rich tung: richtung der bezugnahme 316 S56 (oben, links der Mitte), der Nutzer, der als zweites seinen Kommentar hinter ließ, erhält recht viel Auf merksam keit. Im Ver lauf der Diskussion kristallisiert sich allerdings ein Duell zwischen zwei Nutzern heraus, die Extremposi tionen zum Thema ver treten. Auf der einen Seite tritt S1 (links unten) für eine harte Haltung gegen über Griechen‑ land ein. Sein Wider part, S75, kritisiert die Position Deutschlands als über heblich und schäd lich. Wie das Netz werk an schau lich zeigt, sind diese beiden Nutzer für die meisten Kommentare ver antwort lich und werden auch häufig von anderen Nutzern adressiert. Wie bei den anderen Fall beispielen gibt es auch hier Nutzer, deren Kom‑ mentare keinerlei Auf merksam keit er fahren (oben links) und Gruppen, die in die Diskussion mit der Allgemein heit ein gebunden sind (oben rechts). 8.3.4 DeRWeSTen. De auf twitter: umschlagPlatz fÜr reDaktio nelle links Twitter wurde 2006 als „Microblogging“‑Dienst ins Leben gerufen. Nutzer können über die Kommunika tions platt form Botschaften mit maximal 140 Zeichen ver schicken. Solche Botschaften, sogenannte Tweets, können vier Elemente ent halten: einfachen Text, sogenannte Hashtags (#), Adressie rungen anderer Nutzer (@) und das Symbol für Retweets (RT). Hashtags zeigen Themen an, um die es in einem Tweet geht (z. B. #bundes liga). Adressie rungen mit dem @‑Zeichen über mitteln Botschaften direkt an eine Person, die den ent sprechen den Nutzer namen hat (z. B. @maxmustermann). Retweets schließ lich sind Weiter leitungen des Tweets eines anderen Nutzers, der abbilDung 8.10: Derwesten. de auf twitter Quelle: Screen shot von twitter.com/DerWesten [02. 03. 2014] 317 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen twittert. Im Unter schied zur klassi schen E‑Mail ist die Kommunika tion über Twitter in der Regel öffent lich. DerWesten. de, das Online‑Portal der größten Regionalzei tungen der Funke‑Gruppe (ehemals WAZ‑Gruppe) in Nordrhein‑West falen, ging 2007 an den Start. Bald darauf startete die Redak tion von DerWesten. de ihre Kommunika tion über den Microblogging‑ Dienst Twitter. Am 16. Juli 2013 ver fügte die Redak tion mit ihrem Hauptaccount (@ DerWesten) über 63.741 Follower (Abonnenten) und war damit das reichweiten‑ stärkste regional orientierte Nachrichten angebot Deutschlands auf Twitter. 8.3.4.1 Ver lauf unD themen Der kommunika tion zu DeRWeSTen. De auf twitter Für diese Studie wurde die Kommunika tion an zwei Tagen, Sonntag, den 14. und Montag, den 15. Juli 2013, näher unter die Lupe ge nommen. Statt die Auswahl auf be stimmte Hashtags oder Accounts zu be schränken, wurden alle Erwäh nungen von DerWesten. de in die Analyse einbezogen. Erwar tungs gemäß wird am Sonntag seltener ge twittert als am Montag. Ansonsten ver läuft die Aktivi täts kurve aber er staun lich ähnlich (siehe Abb. 8.11). An beiden Tagen gibt es einen ersten kleinen Höhe punkt der Twitteraktivi tät in den Morgen stunden um 9 Uhr herum. Danach flaut die Kommunika tion ab, um gegen Mittag wieder an Fahrt auf zu nehmen. Die meisten Tweets werden am Sonntag gegen 13 Uhr ab gesetzt, am Montag gegen 14 Uhr. Weitere Spitzen werden am Sonntag um 14.30 und 17 Uhr er reicht, am Montag um 12 und um 18 Uhr. An den beiden unter suchten Tagen ist der Hauptaccount @DerWesten erwar‑ tungs gemäß am aktivsten. 77 Impuls‑Tweets werden über den Account ver schickt. @ DerWesten Sport setzt 32 Tweets an den beiden Tagen ab. Die Lokal redak tionen tweeten dagegen nur zwischen einem und vier Mal. Text tweets kommen am häufigsten vor. Retweets, also Weiter leitungen der Tweets von anderen Twitter‑Account‑Nutzern – in der Regel anderer redak tio neller Twitter‑Accounts von DerWesten. de – werden sieben Mal ver schickt196. Obwohl im Unter suchungs zeitraum keine Fußball‑Bundes liga statt fand, spielt der Sport eine große Rolle. Insgesamt befasst sich etwas weniger als ein Drittel der 196 retweets werden im Folgenden in die analyse einbezogen. Zwar könnte man argumentie ren, retweets ent hielten keine nennens- werte Zusatz leis tung, keinen mehrwert gegen über dem original-tweet. Für seine empfänger ist der retweet jedoch ebenso informativ wie der original-tweet, voraus gesetzt, sie haben den Ursp rungs-tweet nicht bereits empfangen. 318 verschickten Tweets im Unter suchungs zeitraum (35) mit dem Thema Sport (siehe Tab. 8.19). Dass DerWesten. de ein regionales Onlineportal ist, zeigt sich daran, dass die zweitmeisten Tweets (34) aus der Rubrik „Städte“ stammen. Die Städte‑Tweets werden etwa doppelt so oft weiter geleitet wie die Sport‑Tweets, und Nutzer be ziehen sich in ihren Tweets fast dreimal so häufig auf sie. Allerdings sind die Kürzel der abbilDung 8.11: zeitlicher Ver lauf der nutzer-tweets, die „Derwesten“ er wähnten (14./15. 07. 2013) 0 5 10 15 20 25 30 35 I 0 0 :0 0 – 0 0 :2 9 I 0 1 :3 0 – 0 1 :5 9 I 0 3 :0 0 – 0 3 :2 9 I 0 4 :3 0 – 0 4 :5 9 I 0 6 :0 0 – 0 6 :2 9 I 0 7 :3 0 – 0 7 :5 9 I 0 9 :0 0 – 0 9 :2 9 I 1 0 :3 0 – 1 0 :5 9 I 1 2 :0 0 – 1 2 :2 9 I 1 3 :3 0 – 1 3 :5 9 I 1 5 :0 0 – 1 5 :2 9 I 1 6 :3 0 – 1 6 :5 9 I 1 8 :0 0 – 1 8 :2 9 I 1 9 :3 0 – 1 9 :5 9 I 2 1 :0 0 – 2 1 :2 9 I 2 2 :3 0 – 2 2 :5 9 II 0 0 :0 0 – 0 0 :2 9 II 0 1 :3 0 – 0 1 :5 9 II 0 3 :0 0 – 0 3 :2 9 II 0 4 :3 0 – 0 4 :5 9 II 0 6 :0 0 – 0 6 :2 9 II 0 7 :3 0 – 0 7 :5 9 II 0 9 :0 0 – 0 9 :2 9 II 1 0 :3 0 – 1 0 :5 9 II 1 2 :0 0 – 1 2 :2 9 II 1 3 :3 0 – 1 3 :5 9 II 1 5 :0 0 – 1 5 :2 9 II 1 6 :3 0 – 1 6 :5 9 II 1 8 :0 0 – 1 8 :2 9 II 1 9 :3 0 – 1 9 :5 9 II 2 1 :0 0 – 2 1 :2 9 II 2 2 :3 0 – 2 2 :5 9 A n za h l d er Tw ee ts tabelle 8.19: themen redak tio neller tweets von Derwesten. de-accounts, 14./15. 7. 2013 (aus schnitt) rubrik redaktio nelle impulse nutzer-retweets von redak tions- tweets nutzer- tweets retweets der nutzer-tweets Durch schnitt liche Zahl der nutzer-tweets pro impuls politik 10 (+ 29) 52 77 8 ∅ 3,5 Wirtschaft (21) 0 74 20 ∅ 3,5 Sport 35 (+ 35) 43 107 20 ∅ 2,4 Städte 34 (+ 174) 83 289 33 ∅ 1,9 region (16) 1 39 14 ∅ 3,3 … gesamt 82 (+ 315) 220 642 110 ∅ 2,4 erläute rung: in klammern: redaktio nelle impulse außerhalb des Unter suchungs zeitraums, auf die sich nutzer bezogen 319 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Fußball vereine die Hashtags, die am häufigsten vor kommen. Sehr oft be ziehen sich Nutzer auch auf Tweets ver gangener Tage (siehe in Tab. 8.19 die Anzahl der redak ‑ tionellen Impulse in Klammern). In der Rubrik „Wirtschaft“ sind beispiels weise alle Beiträge, auf die sich Nutzer‑Tweets bezogen, an den Tagen vor dem Unter suchungs‑ zeitraum er schienen. In diesem Sinne stellt Twitter offen bar eine Art wochen aktuelles Gedächtnis dar, in dem redaktio nelle Meldun gen der ver gangenen Tage teils tagelang weiter kursie ren197. Über Meldun gen zu Politik und Wirtschaft wird durch schnitt lich am häufigsten kommuniziert, über Kultur und andere kleine Rubriken am seltensten. Die meisten Nutzer tweets ruft ein drohen des Verbot der Auf führung von Monty Pythons „Das Leben des Brian“ auf grund eines alten Feiertags gesetzes hervor, was auch daran liegt, dass die Redak tion Nutzer dazu auf forderte, ihre Lieblings zitate aus dem Film via Twitter zu teilen. Auch die Geschichte eines über fahrenen Hundes erhält viel Auf merksam keit. Die anderen drei Top‑Themen der beiden Tage, von denen eines regionale und die anderen beiden nationale Bedeu tung haben, haben durch aus gesell‑ schaft liche Relevanz (siehe Tab. 8.20). 8.3.4.2 form unD Qualität Der nutzer tweets: Viel informa tion, kaum meinung Wie bereits betont, werden nicht Tweets von einem be stimmten DerWesten. de‑Account oder mit dem Hashtag #DerWesten analysiert, sondern alle Tweets, die „DerWesten“ zumindest einmal er wähnen. Das gilt es zu be achten, wenn im Folgenden die Ergeb‑ nisse präsentiert werden. 197 Dies steht in einem ge wissen Span nungs verhältnis zu den befunden von keyling u. a. (2013), nach denen das maximum der auf einen journalisti schen artikel be zogenen tweets häufig schon nach vier Stunden er reicht ist. offen bar ver selbst ständigt sich die Ver brei tung der nachrichten auf eine art und Weise, die nur bedingt mit Share-trackern ab gebildet werden kann. tabelle 8.20: meldun gen von DerWesten. de mit der größten resonanz, 14./15. 7. 2013 beiträge mit den meisten nutzer-tweets bzw. -retweets anzahl tweets nrZ: Skandal um monty-python-Satire in bochum könnte zu Gesetzes ände rung führen 36 nrZ: Über fahrener hund bruce wird leicht ver letzt im Gebüsch ent deckt 24 WaZ: ab schirmdienst ent deckt 2012 rund 400 extremisten in bundes wehr 18 ikZ: 150 Flüchtlinge in neusser klinik nicht alle er wünscht 15 WaZ: Drei millionen kinder fahren wegen armut nicht in den Urlaub 15 320 Informa tion (EF1) Twitter erweist sich bei DerWesten. de als Umschlagplatz für Links. Über 90 Prozent der Tweets, die das Suchwort „DerWesten“ ent halten, sind mit dem Portal ver linkt (siehe Tab. 8.21). Nun könnte man meinen, dass das Ergebnis mit dem Studiendesign zu tun hat, dass also der Anteil der Beiträge mit Links deshalb so hoch ist, weil das Auf greifkriterium (Tweets, die den Begriff „DerWesten“ ent halten) solche Tweets bevor zugt. Nimmt man allerdings die Tweets heraus, die „DerWesten“ nur als Teil eines Links er wähnen, bleibt der Anteil der Tweets, die einen Link ent halten, bei über 85 Prozent. Das spricht dafür, dass es sich bei diesem Befund nicht um ein Artefakt des Unter suchungs designs handelt198. Fast alle informativen Tweets ent halten einen Link auf einen Beitrag auf DerWesten. de. Ein Prozent ver linkt auf eine externe Quelle, etwa Spiegel Online, Welt. de oder die Website der Dortmunder Piraten partei. Nur drei Tweets ent halten Informa tionen mit einer Quellen angabe, aber ohne einen Link, und ein einziger Tweet ent hält eine Tatsachen behaup tung ohne Quellen angabe. Auf fällig ist, dass sich be stimmte Nutzer be sonders aktiv als Linksammler und ‑distributo ren betäti gen. Die drei aktivsten Multiplikatoren ver breiten 181 Links auf das Portal. Der Zusammen hang zwischen Emotion und Informa tion ist hoch signifikant (p < 0,001) und eher schwach aus geprägt. Cramer’s V liegt bei 0,336. Dies mag über‑ raschen, da über Twitter sehr viel Informa tion (siehe oben) und sehr wenig Emotion (siehe unten) ver breitet wird. Eine Kontrolle mit ordinalen und metrischen Zusammen‑ hangs maßen zeigt jedoch, dass dieser Zusammen hang eigent lich ein negatives Vor‑ zeichen haben müsste, was auf dem nominalen Niveau nicht sicht bar ist. Der Zusam‑ men hang ist also eher so zu interpretie ren, dass informative Tweets in der Regel nicht emotional sind. Der erste Eindruck, dass auf Twitter recht sach lich kommuniziert wird, be stätigt sich damit auch statistisch. 198 Dies steht außerdem im einklang mit den ergeb nissen von hughes u. a. (2012), die ge zeigt haben, dass twitternutzer in den USa ein stärke res interesse an informa tionen haben, verg lichen mit Facebook-nutzern. tabelle 8.21: anzahl und anteil informativer nutzer kommentare insgesamt, Derwesten. de auf twitter, 14./15. 7. 2013 (n = 1.062 nutzer tweets, n = 573 nutzer) inFormation mit DerWesten. de- links mit externen links mit Quellen ohne Quellen gesamt anzahl kommentare 980 9 3 1 995 anteil an kommentaren insgesamt 92 % 1 % 0,3 % 0,1 % 94 % 321 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Emotion (EF2) Nur etwas mehr als sieben Prozent der Tweets, die das Suchwort „DerWesten“ enthal‑ ten, sind emotional auf geladen. Auf fällig ist, dass neben den Satz zeichen (31) vor allem die Emoticons (22) ge nutzt werden, um Emotionen auszu drücken (siehe Tab. 8.22). Da Twitter fest in die digitale Lebens welt der Nutzer integriert ist, werden diese Zeichen der relativen Ver traut heit immer wieder ge nutzt. Ein zweiter interessanter Punkt ist, dass negativ‑emotionale Aus brüche selten vor kommen. Im Gegen teil: Es gibt sogar mehr be geisterte als be leidigende Tweets – allerdings gibt es von beidem sehr wenige. In der Regel bleibt es bei der einfachen Informa tion über ein Ereignis, häufig in Form einer einfachen Weiter leitung mit oder ohne Retweet‑Zeichen (RT). Der Zusammen hang zwischen dem Anteil emotionaler Kommentare und der Auf‑ merksam keit, die einem Nutzer zuteil wird, erweist sich als nicht‑signifikant (p = 0,496). Es gibt also keine nach weis bare Kausal verknüp fung zwischen der Emotionali tät des Kommunika tions verhaltens eines Nutzers und der Anzahl der Nutzer, die sich auf seine Kommentare be ziehen. Das ver wundert kaum, da auf Twitter vor allem Links ge teilt werden, d. h. informatives Ver halten wird – zumindest bezogen auf DerWesten. de im Unter suchungs zeitraum – eher honoriert als emotionales. Meinung (EF3) Aus demselben Grund, weshalb die Kommunika tion weitest gehend ohne Emotionen vonstatten geht, gibt es auch relativ selten eindeutige Meinungs äuße rungen zu den ver brei teten Inhalten. Nur etwas mehr als zehn Prozent der Tweets ent halten eine solche Stellung nahme (siehe Tab. 8.23). Die allermeisten ver zichten darauf und ver‑ breiten Informa tionen, ohne sie zu be werten. Während die sehr positiven Wort mel‑ dungen in der Kategorie Emotion häufiger vor kommen als die sehr negativen, zeigt sich insgesamt bei den Meinungs äuße rungen wieder ein Trend zum Negativismus, allerdings nicht so stark wie bei den anderen Fall beispielen. Das Ver hältnis negativer zu positiven Meinungs äuße rungen liegt ungefähr bei 2 : 1. tabelle 8.22: anzahl und anteil emotionaler nutzer kommentare insgesamt, Derwesten. de auf twitter, 14./15. 7. 2013 (n = 1.062 nutzer tweets, n = 573 nutzer) emotion emoticons kurzformeln Satz zeichen Sehr negativ Sehr positiv gesamt anzahl kommentare 22 3 32 7 12 74 anteil an kommentaren insgesamt 2 % 0,3 % 3 % 1 % 1 % 7 % 322 Der Zusammen hang zwischen Meinung und Informa tion erweist sich als nicht‑ signifikant (p = 0,224). Das liegt vor allem daran, dass die allermeisten Informa tionen nicht mit Meinun gen einher gehen. Filtert man die Tweets heraus, die keine Meinung ent halten und sieht sich aus schließ lich die Meinungs‑Tweets an, stellt sich heraus, dass 90,9 Prozent auch eine Informa tion ent halten. Insofern liefert dies ein anderes Bild: Die seltenen Meinungs äuße rungen werden, wenn sie vor kommen, sehr häufig mit Informa tionen be gründet. Allerdings ist die Reihen folge wohl eher um gekehrt: Informa‑ tionen gehen den Meinungs äuße rungen meist voraus und werden beim Weiter leiten ab und zu mit einer Bewer tung ver sehen. Interak tion zwischen Nutzern und mit der Redak tion (EF4) Von den insgesamt 1.062 Tweets, die im Unter suchungs zeitraum das Suchwort „DerWesten“ ent halten, zitieren mehr als zwei Drittel (735) eine Meldung von DerWesten. de wort wört lich. Ein weiteres Fünftel leitet einen redak tio nellen Tweet als Retweet weiter (233). Die rest lichen Tweets adressie ren die Redak tion ent weder direkt (77) oder er wähnten das Onlineportal, ohne Inhalte zu zitieren. Darüber hinaus er‑ wähnen 18,3 Prozent der Tweets auch einen anderen Nutzer (194). Mehr als die Hälfte dieser Tweets sind ein Retweet (117), fügen dem, was ein anderer Nutzer geschrieben hatte, also nichts hinzu. Insgesamt wird also weniger auf Twitter inter agiert, als Informa tion von der Redak tion zu den Nutzern und dann von Nutzer zu Nutzer weiter gereicht. Es gibt ledig lich 20 reziproke Inter aktionen zwischen Nutzern und der Redak tion und zwei unter den Nutzern199 (siehe Tab. 8.24). Die Redak tion bringt sich ver hältnis mäßig rege in die Kommunika tion auf Twitter ein. Neben den 105 redak tio nellen Inputs der beiden unter suchten Tage, die in der Regel eine Kurznachricht und den Link auf das Onlineportal ent halten, werden den Nutzern auch Fragen ge stellt. Diese er zeugen meist eine ordent liche Resonanz. Beispiels‑ 199 bei den nutzer-nutzer-interak tionen kann es allerdings sein, dass mehr wechselseitige inter aktion statt findet, dass diese aber auf grund des auf greifkriteriums (die tweets mussten das Suchwort „DerWesten“ ent halten) nicht vom programm nodeXl, mit dem die tweets exportiert wurden, erfasst worden sind. tabelle 8.23: anzahl und anteil mei nungs betonter nutzer kommentare insgesamt, Derwesten. de auf twitter, 14./15. 7. 2013 (n = 1.062 nutzer kommentare, n = 573 nutzer) meinUnG negativ positiv gesamt anzahl kommentare 78 42 120 anteil an kommentaren insgesamt 7 % 4 % 11 % 323 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen weise antworten 19 Nutzer auf die Frage, welches ihr Lieblings witz aus dem Film „Das Leben des Brian“ sei. Am Sonntagmorgen startet die Redak tion mit der Frage in den Tag: „Was macht ihr denn heute Schönes?“ Von zehn Nutzern kommt eine Antwort. Einem dieser Nutzer empfiehlt die Redak tion, die Sonnen creme nicht zu ver gessen, woraufhin dieser zurück twe etete: „Man achtet auf das Wohl der Leser. Löblich! :)“ (T790, 14. 07. 2013, Twitter). Dieser fast freund schaft liche Umgang mit den Lesern ist typisch für das Kommunika tions klima zwischen der Redak tion und den Nutzern auf Twitter200. Zugleich kommen auch immer wieder Hinweise von Nutzern, die an die Redak‑ tion adressiert sind. Ein Nutzer schreibt beispiels weise: „Großeinsatz der Feuerwehr hier an meiner Uni. #Dortmund/@DerWesten_DO @DerWesten“. Innerhalb von zehn Minuten hatte die Redak tion recherchiert und klärt den Nutzer auf: „@Nutzer Es sieht bis jetzt so aus, als wäre es falscher Alarm. Sollte es anders sein, melden wir uns.“ Daraufhin der Nutzer: „@DerWesten danke :) naja könnte teuer werden. Habe 11 Einsatz wagen der Feuerwehr in allen Größen ge zählt.“ (T482, 15. 07. 2013, Twitter) Die Episode zeigt, dass die Redak tion Hinweisen von Seiten der Nutzer nach geht. Kritik kommt von einem Nutzer, der eine Diskrepanz in der Berichterstat tung über die Besucherzahlen beim Festival „Bochum Total“ auf DerWesten. de und in der ge‑ druckten Ausgabe der West deutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) fest gestellt hatte. Die Redak tion reagiert binnen zwei Minuten: „@Nutzer Guter Hinweis, nehmen wir mit in die Blatt kritik nachher in der Konferenz./@DerWestenBochum“ (T89, 15. 07. 2013, Twitter). Weil das Netz werk aus redak tio nellen Inputs und Nutzern zu umfang reich ist, um es sinn voll darzu stellen, gibt die Visualisie rung in diesem Fall, ähnlich wie beim 200 Dass DerWesten sowohl auf informa tion, als auch auf inter aktion setzt, steht auch im einklang mit der einord nung von Zalkau, die die twitter strategie von DerWesten als kombina tion aus einer informativen und einer inter aktiven aus rich tung be schrieben hat (vgl. Zalkau, 2011). tabelle 8.24: anzahl und anteil einfacher und reziproker inter aktiver bezugnahmen zwischen nutzern und Journalisten (n = 1.062 nutzer kommentare, n = 573 nutzer) interaktion einfach Davon reziprok nutzer mit redak tion nutzer mit nutzer nutzer mit redak tion nutzer mit nutzer kommentare insgesamt 1.062 [100 %] 194 [18 %] 40 [3 %] 4 [0,4 %] beteiligte nutzer 573 [100 %] 236 [41 %] 16 [3 %] 4 [0,7 %] 324 Spiegel Online‑Forum, nur die Inter aktionen zwischen den Nutzern wieder. Was sofort auf fällt, ist die extreme Fragmentie rung der Kommunika tion (siehe Abb. 8.12). Der Über sichtlich keit halber werden die 337 Nutzer weg gelassen, die isoliert sind, die also kein anderer Nutzer adressiert oder erwähnt und die selbst keinen anderen er wähnen. Auf der linken Seite be finden sich zahl reiche isolierte Gruppen, die nur aus einer Bezugnahme be stehen. Dabei handelt es sich meist um Retweets mit Pfeilen, die nur in eine Richtung gehen. Beispiels weise leitet Nutzer W432 dreimal Tweets von Nutzer W190 weiter (links unter halb der Mitte). Die Netz werk visualisie rung doku mentiert also in erster Linie, wie Informa tionen auf Twitter weiter getragen werden. Es bilden sich keine langen Ketten, bei denen eine Meldung sozu sagen von Nutzer zu Nutzer ge tragen wird, sondern meist hat die Kette nur zwei Glieder. Die längsten Ketten im Netz werk haben vier Glieder. Hier wird ein Tweet also in der Regel dreimal weiter geleitet. Zum Beispiel wird die Meldung „#BDI‑Chef warnt vor Ab wande rung von #Industrie‑Betrieben aus Dtl. wg zu hoher Strompreise #EEG #Energiewende http:// t.co/ougbLmxzhn“ des Nutzers W588 von den Nutzern W562, W426 und W466 in dieser Reihen folge weiter geleitet (links, oberhalb der Mitte). Die Netz werk visualisie rung zeigt aber auch, dass zum Teil komplexere Subnetz werke ent‑ abbilDung 8.12: netz werk visualisie rung der kommunika tion über Derwesten. de auf twitter, 14./15. 7. 2013; nur nutzer-tweets erläute rung: schwarze kreise: nutzer; Größe der kreise: anzahl der kommunika tionen auf partizipa tions kanal insgesamt; breite der linien: anzahl der kommunika tionen zwischen zwei akteuren; pfeil rich tung: richtung der bezugnahme; ohne isolierte knoten 325 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen stehen. Sie gruppie ren sich um be stimmte Themen herum (z. B. das größte Netz werk oben rechts, be stehend aus 16 Fußball‑Interessenten), oder die ver bundenen Nutzer sind be freundet und tauschen sich unter einander über eine Meldung aus (z. B. Mit‑ glieder der NRW‑Piraten partei: W44, W74, W138, W439, W454 und W557, oben, rechts der Mitte). Der „Nutzer“, auf den sich die meisten anderen Nutzer be ziehen, W262 (unten rechts), ist in Wirklich keit kein Nutzer, sondern der WAZ-Journalist Jürgen Overkott. Seine Tweets werden neun Mal auf gegriffen. 8.3.5 tyPologie Der nutzer PartiziPatiVer formate Da es sich insgesamt um 1.211 Nutzer handelt, ist eine hierarchi sche Cluster analyse zur Ermitt lung der Nutzer typen nicht möglich, da die Rechnerkapazi tät für eine solche Analyse nicht aus gereicht hätte. In diesem Fall ist es üblich, auf die partitionierende Cluster analyse zurück zugreifen. Das Problem bei der partitionie ren den Cluster analyse ist, dass man die Anzahl der Cluster, die erzeugt werden soll, vorab be stimmen muss. Zur Defini tion der Aus gangs cluster wird deshalb eine binäre Systematik zugrunde 201 Der Schwellen wert für die Variable kommentaranteil wurde auf 0,25 gesetzt, da dies das maximum war, das irgendein nutzer empirisch er reichte. Dieser nutzer war also für ein Viertel der gesamten nutzer kommentare im ent sprechen den Fall beispiel ver antwort- lich. tabelle 8.25: idealtypen, die der cluster- analyse zugrunde lagen informa tions- gehalt emotions- gehalt meinungs- gehalt kommentar- anteil201 typ 1 – – – – typ 2 – – + – typ 3 – + – – typ 4 – + + – typ 5 + – – – typ 6 + – + – typ 7 + + – – typ 8 + + + – typ 9 – – – + typ 10 – – + + typ 11 – + – + typ 12 – + + + typ 13 + – – + typ 14 + – + + typ 15 + + – + typ 16 + + + + 326 gelegt. Man könnte dieses Ver fahren als „Idealtypen‑Cluste rung“ be zeichnen, da es sich in der Tat, wie bei Max Webers Idealtypen (vgl. Weber 1968, S. 190 ff.), um eine Vor abfest legung der möglichen Typen durch den Forscher handelt. Dabei wird empi‑ risch ge testet, welchen dieser Typen die Nutzer konkret zu gerechnet werden können. Wie die übliche Cluster analyse hängt auch das Ergebnis dieses Ver fahren davon ab, welche Variablen in die Berech nung ein gehen. Es können nur auf der Grundlage der be rücksichtigten Variablen (Informa tion, Emotion, Meinung, Kommentare) Typen er mittelt werden. Der Vorteil des idealtypi schen Ver fahrens liegt auch darin, dass sich die Ergeb nisse sehr gut interpretie ren lassen. Die 16 idealtypisch fest gelegten Ausgangs‑ typen sind Tab. 8.25 zu ent nehmen. Von den ursprüng lich in der Idealtypologie ent haltenen 16 Typen ließen sich neun in der Cluster analyse empirisch nach weisen, die im Folgenden vor gestellt werden sollen (siehe Tab. 8.26). Die Wissbegieri gen Die Wissbegieri gen melden sich selten zu Wort und teilen auch selten Informa tionen, Emotionen oder Meinun gen mit. Stattdessen stellen sie häufig Fragen, um heraus‑ zufinden, was andere Nutzer, Studiogäste oder Journalisten denken. Über ein Drittel der Teilnehmer bei ZDF log in lässt sich diesem Typus zurechnen, im Spiegel Online‑ Forum‑Thread ist es ein Sechstel. Bei den anderen beiden Fall beispielen spielen die Wissbegieri gen eine unter geordnete Rolle. Bei ZDF log in gibt es viele Wissbegierige, weil sich die Redak tion immer wieder mit Auf forde rungen an die Nutzer wendet. So heißt es noch am Vor mittag der Live‑ tabelle 8.26: idealtypen, die in der cluster analyse empirisch nach gewiesen werden konnten* Diskurs@ Dradio ZDF log in Spiegel online Forum DerWesten. de twitter gesamt 1: Wissbegierige (typ 1) 2 [ 2 %] 160 [37 %] 16 [17 %] 43 [ 8 %] 221 [18 %] 2: meinungs freudige (typ 2) 17 [16 %] 47 [11 %] 5 [ 5 %] 2 [0,3 %] 71 [ 6 %] 3: Die emotionalen (typ 3) 1 [ 1 %] 49 [11 %] 4 [ 4 %] 14 [ 2 %] 68 [ 6 %] 4: Die Vehementen (typ 4) 12 [11 %] 62 [14 %] 11 [11 %] 5 [ 1 %] 90 [ 7 %] 5: Ver mittler (typ 5) 4 [ 4 %] 18 [ 4 %] 18 [19 %] 451 [ 79 %] 491 [41 %] 6: kommentatoren (typ 6) 32 [29 %] 32 [ 7 %] 15 [16 %] 24 [ 4 %] 103 [ 9 %] 7: propagandisten (typ 7) 0 [ 0 %] 4 [ 1 %] 5 [ 5 %] 20 [ 4 %] 29 [ 2 %] 8: allrounder (typ 8) 29 [27 %] 7 [ 2 %] 2 [ 2 %] 7 [ 1 %] 45 [ 4 %] 9: kommunikative (typ 16) 12 [11 %] 53 [12 %] 21 [22 %] 7 [ 1 %] 93 [ 8 %] * Summen größer als 100 % sind auf rundungs fehler zurück zuführen 327 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen sen dung: „Darüber hinaus braucht Sandra Rieß immer noch eure Fragen an die Gäste Cihan Süğür und Stephan Mayer! Also stellt jetzt eure Fragen fürs log in‑direkt!“ (Z304, 17. 04. 2013, ZDF log in/Facebook) Da für die Sendung immer zwei Studiogäste ein geladen werden, die miteinander debattie ren sollen, richten die Nutzer ihre Fragen zum Teil auch an einen der Protagonisten. Eine Frage lautet etwa: „@Cihan Süğür: Gibt es Ihrer Ansicht nach Fälle, in denen man sich für einen Pass ent scheiden muss?“ (Z313, 17. 04. 2013) Bei dieser Art der Partizipa tion geht es manchen Nutzern in erster Linie darum, im Fernsehen erwähnt zu werden, wie aus dem folgen den Kommentar hervor geht: „Danke das mein Komi [= Kommentar] vor gelesen wurde, und ich bedanke mich auch für die schöne Sendung.“ (Z464, 17. 04. 2013) Wissbegierige werfen aber auch Grundsatz fragen auf, an denen sich andere Nutzer wiederum abarbeiten. Insofern fungie ren die Wissbegieri gen immer wieder auch als Katalysatoren, die die Diskussion voran bringen. Die Meinungs freudi gen Meinungs freudige sind in den vier Fall beispielen selten zu finden. Immerhin ist etwa jeder Sechste bei Diskurs@DRadio und jeder Zehnte bei ZDF log in ein solcher Nutzer, der ab und zu seine Meinung äußert, ohne diese allerdings näher zu be gründen. Diese Nutzer zielen mit ihrer Partizipa tion vor allem darauf ab, ihre eigene Bewer tung abzu‑ geben. Es ist kein Wunder, dass Diskurs@DRadio die meisten Meinungs freudi gen auf‑ weist, da Nutzer in erster Linie ihre Meinung in Kommentarspalten von Onlinebeiträ‑ gen hinter lassen. Ein Nutzer kritisiert einen Beitrag zur Piraten partei, der unter stellte, sie ver berge die eigene Posi tions losig keit hinter dem Begriff der Freiheit, mit den Worten: „Klingt ein bisschen, wie etwas in ein Schema pressen zu wollen, wofür es keines gibt.“ (Z26, 26. 04. 2012, Diskurs@DRadio) Ein anderer meint zu den netzpoliti‑ schen Positionen der FDP‑Bundestags frak tion: „Wieviel bleibt von den Positionen wohl in den nächsten 5 Jahren übrig? Nix!“ (D260, 12. 12. 2012) Auch Nutzer wurden, wenn auch weniger oft, kritisiert: „@Nutzer: Ich ver stehe Ihren Beitrag nicht. […] Da geht m. E. vieles nicht zusammen.“ (D231, 17. 02. 2012) Die Emotionalen Emotionale Nutzer, die ihren Gefühlen freien Lauf lassen und dabei weder Informa‑ tionen beitragen noch eine klare eigene Meinung äußern, sind ebenso selten zu finden wie die Meinungs freudi gen. Bei ZDF log in finden sich mit Abstand die meisten Emotionalen, fast jeder neunte Nutzer. Dies liegt auch am kontro versen Thema, der doppelten Staats bürger schaft, das dazu führt, dass sich Befürworter und Gegner verbale 328 Schlachten liefern. Während die Meinungs freudi gen jedoch sach lich bleiben, scheuen die Emotionalen nicht vor ge fühls betonten Äußerun gen zurück. Als Illustra tion soll zunächst ein Ver treter dieses Typus heran gezogen werden, der über Facebook bei ZDF log in mitdis kutiert. Zunächst be zeichnet er die Diskussion um die doppelte Staats bürger schaft als „Schwachsinn“. Dennoch be teiligt er sich an ihr. Politiker seien seiner Meinung nach die falschen Ansprechpartner in dieser Sache. Er plädiert für eine Ab schaf fung der „dummen wörter wie migranten und integra tion“, prangert an, dass das Wort Migrant immer im Zusammen hang mit straffälli gen und nicht mit erfolg reichen Türken ver wendet werde, nennt den Kurden führer Öcalan einen „Babymörder“ und das türkische Staatsober haupt Erdogan einen „Dumm schwätzer“ (D367, 27. 04. 2013, ZDF log in). Das Beispiel be stätigt, dass die anonyme Diskussion in sozialen Netz werken eine ent hemmende Wirkung haben kann. Manche Kommentare bewegen sich hart an der Grenze zur Ver unglimp fung. Es ist zu ver muten, dass be‑ sonders extreme Ent glei sungen bereits von der Modera tion aus gefiltert wurden – wenn auch teil weise nicht so zeitnah, wie dies manche Nutzer er warteten. Besonders bei YouTube gibt es grenzwertige Kommentare. Auf Twitter und im ZDF‑Blog ist die Diskussion wesent lich sach licher, auf Facebook zeigt sich ein ge mischtes Bild. Wie bei den Meinungs freudi gen gibt es natür lich auch positive Emotionale, aber diese sind deut lich in der Minder heit. Die Vehementen Die Vehementen äußern ihre Meinung eben falls auf emotionale Weise und ohne diese zu be gründen. Im Unter schied zu den Emotionalen, die meist reine Gefühlsäuße rungen ohne erkenn bare Meinung zum Thema einbringen, ist bei den Vehementen aber immerhin erkenn bar, worauf sie hinaus wollen. Sie äußern also eine klare Meinung zum Thema der Berichterstat tung. Bei ZDF log in stellen die Vehementen etwa 25 Pro‑ zent der aktiven Nutzer, beim Spiegel Online-Forum etwas mehr als 15, bei Diskurs@ DRadio rund 12 Prozent. Bei ZDF log in sorgt beispiel weise ein Video („Log Dich ein, Klatsch kind“), das eine Komödiantin zeigt, die in türkischem Soziolekt zur Teilnahme an der Sendung auf fordert, für ein kritisches Echo. Der von der Redak tion als „tolles Video“ an‑ gekündigte Einspieler ruft Reaktionen hervor wie, „@ZDFlogin Toll? Ihr habt mal nen ver queren Geschmack“ (Z796, 12. 04. 2012, ZDF log in/Twitter) oder „@ZDFlogin Und für solch geschmack losen, obendrein aus länder feind lichen Unsinn kassiert Ihr die Demokratieabgabe! #GEZ #Auf schrei“ (Z810, 12. 04. 2012). Beim Spiegel Online- Forum richtet sich die Wut der Vehementen vor allem auf die Politiker, die aus Sicht der Nutzer an der Wirtschafts krise Schuld seien. Ein Nutzer wirft den Politikern in 329 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Griechen land Korrup tion vor und fügt hinzu, „denen scheint die Zukunft Europas und dem EURO wohl scheiss egal zu sein“ (S4, 03. 12. 2011, Spiegel Online‑Forum). Ein anderer weist auf die Erhöhung der Politikerdiäten in Nordrhein‑West falen hin und kommentiert: „Ich weiß nicht, wieviel ich k..... soll, wenn ich mir diesen Mist jeden Tag anhören muss.“ (S128, 08. 02. 2012) Angela Merkel wird als „völlige unfähige“ Kanzlerin be zeichnet, der Präsident der US‑amerikani schen Federal Reserve Bank als „Ver schul dungs junkie“ (S89, 17. 12. 2011). Aber auch die Ergeb nisse politi scher Arbeit werden kritisiert. Das Kyoto‑Protokoll sei etwa ohne China „ein hirn loser Schwachsinn“ (S88, 16. 12. 2011). Vermittler Ver mittler teilen Informa tionen mit anderen Nutzern, ohne diese zu werten. Bei DerWesten. de auf Twitter beträgt der Anteil der Ver mittler fast 80 Prozent, beim Spiegel Online-Forum fast 20 Prozent. Dieser Typus spielt bei den anderen beiden Fall beispielen kaum eine Rolle. Wie bereits erwähnt, ist Twitter ein wichti ger Umschlagplatz für die Ver brei tung journalisti scher Links. So ver wundert es nicht, dass viele Nutzer als Ver mittler auf‑ treten und Links auf das Onlineangebot von DerWesten. de weiter leiten, indem sie diese „retwe eten“ oder einfach den Link über Twitter ver breiten und damit empfehlen. Dies ist im Unter suchungs zeitraum die häufigste Art und Weise, auf Twitter über DerWesten. de zu kommunizie ren. Retweets folgen in der Regel dem Muster: „RT @ DerWesten Sport: Die Offensivreihe des FC #Schalke über zeugte gegen Aachen. @ Andi Ernst be richtet vom Tivoli: http:// t.co/KtnVKBdC4F #s04“ (T1118, 14. 07. 2013, Twitter). Normale Empfeh lungen sehen i. d. R. wie folgt aus: „Der Tierschutz verein Olpe hat gegen die ehemali gen Halter einer vierjähri gen Mischlings hündin Straf‑ anzeige … http:// t.co/jiXTr3gZef“ (T1125, 14. 07. 2013). Kommentatoren Wie Leitartikler und Kommentatoren von Tages zeitun gen ihre wohl begründete Mei‑ nung kundtun, äußern Nutzer als Kommentatoren nicht nur ihre Meinung, sondern unter füttern diese mit ent sprechen den Informa tionen. Fast ein Drittel der Nutzer, die bei Diskurs@DRadio einen Artikel kommentie ren, lassen sich unter diesem Typus subsumie ren. Beim Spiegel Online-Forum sind es über 15 Prozent. Ein Nutzer liefert bei Diskurs@DRadio ein ganzes Koreferat zu einem Beitrag, in dem es um die Ideale der Onlinedemokratie ging. Unter anderem be gründet er seine Skepsis, dass diese Ideale realisier bar seien, mit dem Argument, dass sich vor allem Gebildete und politisch Interessierte politisch engagie ren würden. Dies sei „[a]us empiri‑ 330 schen Studien“ bekannt. „Somit könnte auch im Internet dieses Ungleich gewicht zustande kommen, dies würde die Ideale ge fährden.“ (D228, 15. 02. 2012, Diskurs@ DRadio) Bei der Diskussion um die Piraten partei würdigt ein Kommentator die Stärken eines Beitrags sehr aus führ lich, kritisiert aber auch – unter Ver weis auf Fehl entwick‑ lungen in den USA –, wie häufig der Autor religiöse Bezüge herstellt. Die Beispiele zeigen, dass Kommentatoren Themen durch aus differenziert reflektie ren. Propagandisten Propagandisten be richten nicht nur Fakten, sondern diese werden emotional auf geladen und taktisch ein gesetzt. Dieser Typus kommt insgesamt am seltensten vor. Im Spiegel Online-Forum, bei dem sich dieser Typus am häufigsten findet, sind es nur knapp über fünf Prozent der Nutzer. Ein Propagandist weist im Spiegel Online-Forum beispiels weise darauf hin, dass Deutschland „immer einen großen, auch über proportionalen Beitrag in die EU‑Kassen ge leistet“ habe und zählt Infrastrukturprojekte auf, die diese Behaup tung unter mauern sollten. Anderer seits wirft er einem anderen Nutzer vor, aus einer „an gelsächsi schen oder südeuropäi schen Propaganda‑ und Agita tions abtei lung […] ent laufen“ zu sein, und meint zu den Vor würfen, Deutschland strebe wieder eine Vor macht stel lung in Europa an, dass solche „dümm lichen Nazi‑Keulen aus der histori schen Motten kiste“ ihm „am A… vorbei“ gingen (S118, 25. 01. 2012, Spiegel Online‑Forum). Die Ver‑ bindung aus polemi scher Argumenta tion und sach lichen Argumenten ist typisch für die Propagandisten. Auch werden polemi sche oder ver schwöreri sche Botschaften ab und zu mit Links ver sehen. Dafür ist der folgende Kommentar ein gutes Beispiel, bei dem der Link wohl auch die Funktion hat, die un verhohlene Kritik zu recht ferti gen: „Ja die Griechen kennen auch die ‚toten Seelen‘, genauso wie die CSU/CDU die ‚jüdische Ver mächt nisse‘ … übrigens lesens wert gutenberg.spiegel.de/buch/ 3166/1 ;o)“ (S143, 16. 02. 2012). Allrounder Allrounder ver sorgen andere Nutzer nicht nur mit eigenen Informa tionen und Meinun‑ gen, sondern lassen auch ihre Emotionen in die Kommunika tion einfließen. Für diesen Typus bieten partizipative Formate ein Forum, sich engagiert einzu bringen. Während diese Art von Nutzer bei den anderen Fall beispielen selten anzu treffen ist, ist über ein Viertel der Nutzer von Diskurs@DRadio Allrounder. Die Allrounder tragen bei Diskurs@DRadio über durch schnitt lich lange Kommen‑ tare bei, in denen sie meist engagiert und fundiert ihre Meinung ver treten. Ein Kom‑ mentar zu den EU‑Hilfs zahlun gen für das über schuldete Griechen land differenziert 331 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen beispiels weise wie folgt: „Man muss zwischen Griechen land und dem Rest der Euro‑ staaten unter scheiden. In Griechen land hat sich über Jahrzehnte eine durch und durch korrupte Ver waltung heraus gebildet […] Das ist also keine reine Euro‑ sondern vielmehr eine Staats krise. Auf der anderen Seite stehen Staaten mit hoher Ver schul dung, die aber prinzipiell funktionie ren. Wenn man da wie ver rückt spart, um das Haushalts defizit so schnell wie möglich abzu bauen, kann sich so ein Land kaputtsparen […].“ (D5, 22. 05. 2012, Diskurs@DRadio) Eine andere Nutzerin ver fasst einen umfang reichen Aufsatz zum Thema Cyberwar, inklusive zahl reicher Beispiele. Letzt lich stellen die All‑ rounder, gemeinsam mit den Kommunikatoren, jenen Musternutzer dar, den sich Redak‑ tionen wünschen, weil seine Beiträge in der Regel konstruktiv und be reichernd sind. Kommunikative Ähnlich wie der Allrounder, teilt der Kommunikative sowohl Informa tionen, eigene Gefühle als auch Meinun gen mit den anderen Nutzern. Im Unter schied zum Allrounder ist er aber sehr redselig. Rund ein Fünftel der Nutzer des Spiegel Online‑Forums sind solche Kommunikatoren, bei Diskurs@DRadio und ZDF log in sind es etwas mehr als zehn Prozent. Die Nutzer, die am meisten Kommentare beisteuern, ge hören in der Regel in diese Kategorie. Die beiden kommunikativsten Nutzer im Thread des Spiegel Online-Forums geben jeweils 28 Kommentare ab und ge hören ent sprechend zu den Kommunikativen. Der erste ver tritt die Position, Deutschland habe das Recht, Bedin gungen an die Griechen‑ landhilfe zu knüpfen. Dabei scheut er nicht vor polemi schen Formulie rungen zurück und be zeichnet Griechen land als Land, „in dem es zur Tradi tion gehört Renten massen weise auch an Ver storbene weiter zu über weisen, die […] haben […] keinerlei Willen Sparmaßnahmen zu unter nehmen“ (S117, 20. 01. 2012, Spiegel Online‑Forum). Allerdings über nimmt er auch freiwillig die Rolle eines Modera tions assistenten. Zum Beispiel ermahnt er andere Nutzer, beim Thema zu bleiben, mit Kommentaren wie: „Es ver schließt sich jetzt meinem Begriffs vermögen, inwieweit Ihr Post zum Thema etwas sagt. Klären Sie uns bitte zu dieser Frage auf“ (S36, 08. 12. 2012). Der Kom‑ munikative mit den zweitmeisten Kommentaren im Spiegel Online-Thread ver tritt die ent gegen gesetzte Meinung und liefert sich hauptsäch lich mit dem ersten einen Schlag‑ abtausch. Seine Polemik gipfelt in dem Satz: „Was Panzer nicht ver mochten soll jetzt mithilfe der Krise geschafft werden: Europa unter deutscher Fuchtel!“ (S97, 13. 01. 2012) Allerdings nimmt er seine Mitdis kutanten insofern auch ernst, als er deren Argumente Punkt für Punkt er widert und selten eine Wortmel dung, die an ihn gerichtet ist, ignorierte. Das größte Problem bei den Kommunikativen besteht aber darin, dass sie mit ihrer Geschwätzig keit Diskussionen zum Erlahmen bringen können. 332 8.4 fazit Die Ergeb nisse sollen nun im Hinblick auf die vier Forschungs fragen (EF1 bis EF4) und die Nutzer typologie (NT) zusammen fassend interpretiert werden. Dabei wird auch auf mögliche Implika tionen für den Umgang journalisti scher Redak tionen mit partizipativen Formaten ein gegangen.202 Wie steht es nun um die Aus prägung und Qualität der partizipativ‑journalisti schen Kommunika tion in den vier Fall beispielen? Da bewusst vier unter schied liche Formate ge wählt wurden, ist kaum ver wunder lich, dass die Informa tions‑, Emotions‑, Meinungs‑ und Inter aktions quoten teil weise sehr unter schied lich waren. Jedes An gebot hatte ein eigenes Profil. Allerdings lassen sich markante Gemeinsam keiten und Unter schiede be nennen. Was den Informa tions gehalt der Fall beispiele be trifft (EF1), war allen Fall beispielen bis auf DerWesten. de auf Twitter gemeinsam, dass Nutzer vor allem Tatsachen behaup‑ tungen ohne Quellen oder Links beisteuern. Im Gegen satz zu Journalisten sind Nutzer nicht ver pflichtet zu recherchie ren, bevor sie eine Behaup tung in die Welt setzen. Von diesem Privileg wird aus giebig Gebrauch ge macht, was die Glaubwürdig keit solcher Behaup tungen schmälert. Vor stell bar wäre, dass eine Redak tion sich einmal die Mühe macht, solche Behaup tungen von Lesern zu sammeln, gegen zurecherchie ren und die Ergeb nisse an die Nutzer zurück zuspielen, ähnlich wie dies beim ARD‑Format Hart aber fair mit dem Fakten check – allerdings dort bezogen auf die Behaup tungen der Studiogäste – geschieht. Das hätte mit Sicher heit positive Aus wirkungen auf die Kommentarkultur, weil Nutzer sich dann stärker ver pflichtet fühlen würden, ver läss‑ liche Informa tionen zu liefern. DerWesten. de auf Twitter ist in dieser Hinsicht anders als die anderen Fall beispiele. Die Platt form stellt im Alltag einen Umschlagplatz für Links dar. Der Nutzer typ des Ver mittlers (NT), der sehr viele Informa tionen ver breitet, kam auch auf grund der vielen Exemplare bei DerWesten. de auf Twitter, insgesamt am häufigsten vor. Interes‑ santer weise ist dies bei ZDF log in ganz anders. Dort wurde zwar auch sehr rege auf Twitter diskutiert. Es hängt aber offensicht lich maß geblich vom redak tio nellen Input ab, wie sich Nutzer einbringen. Da DerWesten. de hauptsäch lich Links ver schickt, ist das Weiter leiten dieser Links die Haupt beschäfti gung seiner Nutzer. Die ZDF log in‑ Sendung hatte den geringsten Anteil informativer Kommentare, weil die polarisierende Behand lung des Themas doppelte Staats bürger schaft den Nutzern eine eindeutige 202 an dieser Stelle sei aber nochmals daran erinnert, dass es sich nicht um repräsentative, sondern um explorative Daten handelt. Die ergeb nisse sind daher als erste hinweise auf mögliche Zusammen hänge zu ver stehen und nicht be liebig ver allgemeiner bar. 333 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Positionie rung ab verlangte, an statt sich inhalt lich stärker mit der Thematik auseinander‑ zusetzen. Dass die in der Sendung thematisierten Nutzer aussagen meist vehemente Meinungs äuße rungen waren, trug sicher nicht zu einer objektive ren Diskussion bei. Wie man in den digitalen Wald hinein ruft, so könnte man sagen, so schallt es heraus. Der Zusammen hang zwischen dem informativen und dem emotionalen Gehalt der Nutzer kommentare stellte sich bei drei Fall beispielen als nicht‑signifikant heraus. Bei diesen Fall beispielen (Diskurs@DRadio, Spiegel Online‑Forum, DerWesten. de) wurden Informa tionen also nicht systematisch emotional auf geladen. Bei ZDF log in fand sich ein schwacher, signifikanter Zusammen hang, der allerdings negativ zu interpretie ren ist. Informative Kommentare waren hier also tendenziell emo tions los und um gekehrt. Das heißt nicht, dass ohne Emotionen diskutiert wurde, sondern nur, dass die ver‑ hältnis mäßig wenigen informativen Kommentare bei der Sendung nicht emotional auf geladen waren. Die Propagandisten, Nutzer, die gemäß Typologie (NT) Informa tion und Emotion be sonders stark ver mischen, kamen dementsprechend am seltensten in den Fall beispielen vor. Emotionen spielten insgesamt in den Fall beispielen eine unter geordnete Rolle (EF2). Nur bei ZDF log in war der Anteil der emotionalen Kommentare höher als der Anteil der informativen, was sicher lich auch am Thema lag. Die log in‑Redak tion ver suchte die Emotionali tät der Staats bürger schafts debatte durch Ver weise auf die Netiquette und konsequentes Löschen be leidi gen der Äußerun gen einzu dämmen, was insgesamt gelang, wenn auch – v. a. nach der Aus strah lung der Sendung – nicht immer zeitnah. Die Diskussion um die Piraten partei sorgte dafür, dass der Anteil sehr negativer Aus drucks formen bei Diskurs@DRadio am höchsten war. Nutzer können in partizi‑ pativen Formaten ihren Emotionen freien Lauf lassen, so lange sie nicht gegen die jeweilige Netiquette ver stoßen. Die prototypi schen Emotionalen (NT) machten nur rund fünf Prozent der Nutzer schaft der Fall beispiele insgesamt aus. Moderatoren obliegt die Aufgabe zu be stimmen, ab wann Äußerun gen die Grenze zur Beleidi gung über‑ schreiten. Unter Umständen kann es aber auch sinn voll sein, früher einzu greifen und Nutzer daran zu erinnern, dass sie auf einer journalisti schen Platt form diskutie ren, die für die Kommentare ihrer Nutzer geradestehen muss. Am emo tions losesten war die Kommunika tion bei Twitter von der DerWesten. de. Das lag einer seits daran, dass hauptsäch lich Links und nicht Meinun gen aus getauscht wurden. Anderer seits pflegte die Redak tion auch ein nahezu freund schaft liches Ver‑ hältnis zu den Nutzern, weshalb die Grundstim mung eine positive war. Der häufige Dialog mit den Nutzern kann dementsprechend dazu beitragen, Involvement und Engagement zu er halten und gleichzeitig be leidigende Formen der Kommunika tion gar nicht erst auf kommen zu lassen. Weitere Vor kehrungen, um die Emotionali tät ein‑ 334 zu dämmen, könnte die inzwischen weit ver breitete Registrie rungs pflicht (vgl. Constine, 2012) sein, oder wenn Nutzer erst nach einem be stimmten Zeitintervall die Möglich‑ keit hätten, einen Beitrag zu kommentie ren (vgl. Braun, 2013). Letzteres ver hindert, dass Nutzer impulsiv und ohne den journalisti schen Beitrag ge lesen zu haben, emotio‑ nale Kommentare ab geben. Meinun gen wurden sehr rege aus getauscht (EF3). Bis auf DerWesten. de auf Twitter, ent hielten alle Fall beispiele einen Anteil von mindestens einem Drittel Kommentare, die eine eindeutige Meinung ver traten. Dabei über wogen bei allen Fall beispielen die negativen Bewer tungen.203 Im Spiegel Online-Forum war dieser Anteil mit knapp unter 40 Prozent am geringsten, was daran lag, dass die dorti gen „Foristen“, wie sie in der Spiegel Online‑Redak tion ge nannt werden, sich durch aus öfter einen aus gewogenen oder differenzierten Kommentar er laubten. Sie standen weniger unter Zeitdruck als beispiels weise bei ZDF log in und hatten keinen be grenzten Raum zur Ver fügung, wie bei Twitter. Die Kehrseite bestand allerdings darin, dass Diskussionen mit essayistischem Verve ge führt wurden, was dazu führte, dass viele Nutzer sukzessive aus der Diskussion aus stiegen und zwei ver feindete Lager sich bis zum Ende gegen seitig mit Argumenten be harkten. Ähnlich er stickte ein Nutzer, der für ein Viertel der Kom mentare auf Diskurs@DRadio ver antwort lich war, gegen Ende der Laufzeit des Projekts jegliche Diskussion. Solche Nutzer des Typus Kommunikative (NT), die rund acht Prozent der Nutzer schaft insgesamt aus machten, reißen eine Diskussion oft mit vielen, häufigen, langen Kommentaren an sich. Wie ist damit umzu gehen? Redak tionen müssen hier zwischen der Meinungs freiheit ihrer Nutzer und dem Schutz der Mehrheit der Nutzer vor den essayisti schen Aus‑ wüchsen Einzelner abwägen. Die Anzahl oder Länge der Kommentare eines Nutzers zu be grenzen wären Managementmaßnahmen, die beispiels weise auf Foren und in sozialen Netz werken – wenn der Umfang nicht ohnehin, wie bei Twitter, technisch be grenzt ist – ver mutlich nicht von den Nutzern akzeptiert würden. Nutzer können aber darauf hin gewiesen werden, dass ihre Kommentare nichts mit einem Thema zu tun haben. Wenn die Kapazi täten dafür nicht vor handen sind, könnten be sonders aktive Nutzer als eine Art „Hilfs sheriff“ rekrutiert werden, um der Redak tion bei der Modera tion zu assistie ren. Wurden Meinun gen in der Regel be gründet? Der Zusammen hang zwischen Infor‑ ma tion und Meinung erwies sich nur in einem Fall, bei Diskurs@DRadio, als signifikant aber schwach aus geprägt. Bei den anderen Fall beispielen gingen Meinun gen nicht immer mit Hinter grundinforma tionen zur Begrün dung einher. Bei ZDF log in wurden 203 Vgl. auch zum aus geprägten negativismus im partizipativen Journalismus, engesser, 2013. 335 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen nur rund 20 Prozent der Meinun gen mit Informa tionen unter füttert und beim Spiegel Online-Forum war es etwas mehr als die Hälfte. Dass der Zusammen hang auch bei DerWesten. de auf Twitter insignifikant war, obwohl mehr als 90 Prozent der mei nungs‑ betonten Tweets auch eine Informa tion ent hielten, liegt daran, dass hier insgesamt viel mehr informative (mehr als 90 %) als mei nungs betonte (weniger als 10 %) Botschaften ver schickt wurden. Letzt lich hängt auch die Frage, ob Meinun gen be gründet werden, mit der Frage zusammen, wie das partizipative Format ge staltet ist. Die Online kom‑ mentare von Diskurs@DRadio und, mit Ab strichen, auch das Spiegel Online-Forum eigneten sich offen bar am besten dazu, Meinun gen zu be gründen, weil die Nutzer so viel Zeit und Raum haben, wie sie wollen. Das macht deut lich, dass die Redak tion aus tarie ren muss, inwiefern sie den Umfang der Beiträge be grenzt und inwiefern sie den Nutzern Raum lässt, ihre Meinun gen aus führ lich zu be gründen. Mehr als acht Prozent der Nutzer insgesamt waren Kommentatoren (NT), die ihre Meinun gen in der Regel mit Informa tionen unter mauerten. Die Inter aktion wurde in sehr unter schied lichem Maße er möglicht (EF4). Inter‑ aktion zwischen Nutzern und Redak tion, Gastautoren oder Studiogästen fand nur selten statt. Wo sie statt fand, z. B. bei der Diskussion um die Piraten partei bei Diskurs@ DRadio oder wenn die Nutzer von DerWesten. de auf Twitter direkt mit Fragen adressiert wurden, bestand eine rege Bereit schaft der Nutzer, sich einzu bringen. Wie ist diese redaktio nelle Zurück haltung zu deuten? Kritisch könnte man ver muten, dass Redak‑ tionen kein Interesse an der Inter aktion mit ihren Nutzern haben. Auch die Ergeb nisse der Experten befra gung (vgl. Kap. 5) zeugen mitunter von einer ge wissen Skepsis gegen‑ über der Nutzer partizipa tion. Hinzu kommt, dass eine solche Inter aktion (zeit liche) Ressourcen bindet, die anders ver wendet werden könnten. Wohlwollend könnte man aber auch ver muten, dass Redak tionen ihre Nutzer nicht bevor munden wollen und partizipative Formate allen falls als Spielwiesen be greifen, auf denen sich die Nutzer selbst organisie ren können, wenn nicht sogar als strategi sches Instrument, die Nutzer als Community stärker an sich zu binden. Das Motiv ist sicher von Fall zu Fall ver‑ schieden und sollte auch ein Gegen stand zukünfti ger Forschung sein. Jeden falls zeigte sich in den Fall beispielen, dass die Nutzer es honorie ren, wenn Redak tionen ihre redaktio nelle Deutungs hoheit ein Stück weit auf geben und sich bei Diskussionen auf Twitter oder Facebook – also in den digitalen Lebens welten der Nutzer, nicht auf immer neuen Platt formen – auf eine Ebene mit ihrem Publikum begeben. Je nachdem, wie die redak tio nellen Inputs ge staltet sind, können soziale Netz werke auch zur Inter aktion der Nutzer unter einander beitragen. Das zeigte das Beispiel ZDF log in, wo die Nutzer sehr rege miteinander auf Twitter und Facebook diskutierten. Werden hauptsäch lich Links auf das eigene Onlineportal ver breitet, bleiben inter aktive 336 Diskussionen unter den Nutzern weit gehend aus, so bei DerWesten. de auf Twitter. Auch Onlinekommentare laden nur bedingt dazu ein, sich mit den Ansichten anderer Nutzer auseinander zusetzen. Zu sehr sind sie an den journalisti schen Beitrag ge koppelt, um eine selbst läufige Anschlussinterak tion unter den Nutzern zu er möglichen, wie man am Beispiel Diskurs@DRadio er kennen kann. Im Gegen satz dazu scheint das Forum das ideale Mittel zu sein, will man Nutzern die Möglich keit geben, sich über ein journalistisch gesetztes Thema auszu tauschen. Das beim Spiegel Online-Forum fest gestellte Ausmaß an Nutzer‑Nutzer‑Interak tion wurde von keinem anderen Fall‑ beispiel er reicht. Dass über drei Viertel der Nutzer in den unter suchten Formaten den als eher kon‑ struktiv ein geschätzten Nutzer typen zuzu ordnen sind (Wissbegierige, Ver mittler, Kom‑ men tatoren, Allrounder) ist be achtens wert – und deckt sich damit nicht un bedingt mit den Eindrücken der be fragten Experten, die die Nutzer partizipa tion in ihren An geboten teil weise als wenig konstruktiv einschätzen (siehe Kap. 5). Allerdings stellen zumindest bei Diskurs@DRadio und dem Spiegel Online-Forum die Kommunikativen einen beacht‑ lichen Anteil der Kommentare, sodass es nicht nur auf die Zusammen setzung der Nutzer schaft, sondern auch darauf ankommt, welche Nutzer sich wie häufig einbringen. Auf mögliche Maßnahmen, dies einzu dämmen, ist oben ein gegangen worden. Letzt lich erweist sich ge lungene Nutzer partizipa tion aus Sicht der Redak tionen als eine kluge Mischung aus Konzep tion und Modera tion. Insgesamt scheinen die strategisch‑publizisti schen Bemühungen, lang fristig funktionierende partizipative For‑ mate zu etablie ren, zumindest bei den unter suchten Redak tionen, aufzu gehen. Wie ge zeigt wurde, hängen die Funk tions weise und somit der redaktio nelle Nutzen dieser wechselseiti gen Kommunika tion allerdings ganz wesent lich von der redak tio nellen Betreuung sowie von der Wahl der unter schied lichen partizipativen Formate ab. So eignet sich Twitter eher für Redak tionen, die Links weiter verbreiten und damit die Nutzer bindung erhöhen wollen (DerWesten. de) und für Livesen dungen (ZDF log in). Facebook ist nah an der Lebens welt der Nutzer und ein wichti ger Ort für Anschluss‑ kommunika tion (ZDF log in). Sollen Nutzer aus Sicht der Redak tion vor wiegend unter einander inter agie ren, ist das Forum offen bar das Format der Wahl (Spiegel Online-Forum). Dort und auch in Onlinekommentaren (Diskurs@DRadio) werden offen bar viele Informa tionen von Nutzern ein gebracht. Schließich eignen sich polarisie‑ rende partizipative Sendun gen (ZDF log in) oder Onlinekommentare (Diskurs@DRadio) dazu, die Meinun gen der Nutzer zu einem Thema zu er fahren. Je nachdem, welches strategisch‑prakti sche Ziel die Redak tion an strebt, sollte das ent sprechende Kommunika‑ tions format ge wählt und sollten dafür auch die ent sprechen den redak tio nellen Ressour‑ cen für deren Einsatz bereit gestellt werden. 337 8 facetten Der nutzer PartiziPa tion unD PartiziPatiVe nutzer tyPen Die Form der Nutzer partizipa tion hängt aber auch von der Art und Weise ab, wie intensiv und mit welchen Ressourcen sich die Redak tion in die Kommunika tion mit den Nutzern einbringt. In den unter suchten Formaten gab es selten direkte Inter‑ aktion der Redak tionen mit den Nutzern. Wo dies der Fall war, wurde es von den Nutzern honoriert. Die Redak tionen sollten also den direkten Kontakt zu ihren Nutzern suchen, dabei aber be achten, nicht zu sehr in die Debatten einzu greifen. Denn eine aktive Modera tion, wie bei allen Fall beispielen, ist zwar empfehlens wert. Allerdings sollten Redak tionen sich auch hier darum bemühen, ihre Eingriffe transparent zu be gründen. Allzu oft wird ge löscht, ohne dies mit einem ent sprechen den Hinweis zu ver sehen. Solche Eingriffe er scheinen Nutzern als ominöser deus ex machina – als Eingriff aus heiterem Himmel. Ein solch autoritäres Bild möchten die meisten Redak‑ tionen, das zeigt auch die Experten befra gung (siehe Kap. 5), ver mutlich eher nicht von sich ver mitteln. teil c 341 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs- Potenziale Des Digitalen Journalismus: zusammen fassung unD hanD lungs - emPfehlungen In der vor liegen den Studie ging es darum, den Journalismus vor dem Hinter grund des digitalen Medien wandels wissen schaft lich zu ver messen. Es ging um eine Posi‑ tions bestim mung neuer kommunikativer Leistun gen und darum, Ent wick lungs poten‑ ziale zu identifizie ren sowie eventuelle Risiken zu problematisie ren. Im Vordergrund stand die Frage, wohin der Journalismus unter digitalen Vor zeichen steuert, ob und wie der Quali täts journalismus er halten werden kann, und welche Rolle die Partizipa‑ tion des Publikums, aber auch die Automatisie rungs tendenzen im Jour nalismus, dabei spielen. Vor der Einschät zung, in Zukunft sei ohnehin aller Journalismus digital, ist jedoch zu warnen: Die von uns an gesprochenen Wand lungs prozesse werden sich erst allmäh‑ lich vollziehen, dafür aber – so unsere Prognose – umso nach halti ger. Gesell schaft liche Innova tion ver läuft nie abrupt. Deshalb stehen auch sogenannte traditio nelle Medien – von der Presse bis hin zum Rundfunk, gleich in welcher Form, ob öffent lich‑recht‑ lich oder privatrecht lich, ob national oder lokal aus gerichtet – vor der Heraus forde rung, die Neuerun gen des Digitalen für ihre An gebote produktiv zu adaptie ren. D. h. sie können neue Formen aus probie ren und Experimentierfelder schaffen, auf denen sie dem Publikum die ihm zustehende mitbestimmende Rolle einräumen. Zu Beginn unserer Studie hatten wir be gründet, warum der Journalismus mit den digitalen Ver ände rungen seiner Produk tions‑, Ver triebs‑ und Rezep tions weisen in eine neue Ent wick lungs phase ein getreten ist, die wir als Zäsur be zeichnet und mit dem Begriff des Digitalen Journalismus ver sehen haben. Den Digitalen Journalismus ver‑ stehen zu wollen, macht es er forder lich, die unter suchten Wand lungs prozesse stets im Ver hältnis zu den tradi tio nellen Medien empirisch zu be schreiben und zu analysie ren. Für die Prognose von Ent wick lungs chancen und ‑problemen ist es darüber hinaus erforderlich, auch noch nicht etablierte Potenziale, wie sie aus techni schen Innova tionen resultie ren, in den Blick zu nehmen. Denn gegen über dem prä‑digitalen, analogen Journalismus gibt es Kontinui täten ebenso wie Diskontinui täten, die Folgen für die spezifi schen Quali täten haben, durch die der neue Journalismus ge kennzeichnet ist – sowohl handwerk lich‑praktisch als auch publizistisch und organisatorisch‑strukturell gesehen. In der vor liegen den Studie haben wir die Einwir kungen auf den Journalismus unter Einsatz eines breiten Methoden spektrums ein gehend er forscht. In diesem Kapitel werden noch einmal die wichtigsten Ergeb nisse referiert und auf Basis der in Kapitel 2 342 heraus gearbei teten Kriterien für einen „Digitalen Quali täts journalismus“ interpretiert. Anschließend werden Hand lungs empfeh lungen und Lösungs optionen formuliert, die nicht nur Probleme und Risiken thematisie ren, sondern vor allem die Chancen heraus‑ stellen, die auf grund der digitalen Um gebun gen ent stehen. 9.1 zusammen fassung Der ergeb nisse Um die Dynamik des Digitalen Journalismus und ihre prakti schen Implika tionen möglichst vielschichtig ab bilden und reflektie ren zu können, werden die wichtigsten Analyse ergeb nisse der sechs Unter suchungs bausteine aus den vorigen Kapiteln hier systematisch zusammen gefasst: 1. Quantitative Inhalts analyse partizipativer Formen und Formate im Digitalen Jour‑ nalismus, 2. Qualitative Deskription der partizipativen Angebote auf ausgewählten journalisti‑ schen Websites, 3. Leitfaden gespräche mit Redak tions verantwort lichen, 4. Beobach tung von Handlun gen und Automatisie rungs tendenzen in Redak tionen, 5. Vignetten analyse des Ver trauens von Journalisten in Nutzer botschaften, 6. Netz werkanalyse der Qualität von Nutzer kommentaren in partizipativen Formaten. 9.1.1 QuantitatiVe inhalts analyse PartiziPatiVer formen unD formate im Digitalen Journalismus Mittels einer breit an gelegten quantitativen Inhalts analyse wurde unter sucht, welche partizipativen Formen und Formate journalisti sche Medien auf ihren Websites integriert haben. Im Mittelpunkt des Erkenntnis interesses stand dabei das Ausmaß der Nutzer‑ partizipa tion. Die Stichprobe der quantitativen Inhalts analyse umfasste journalisti sche Online‑ Angebote der Gattun gen Print, Hörfunk und Fernsehen sowie reine Online‑Angebote und war dreiteilig: Eine deutschlandweite Stichprobe von journalisti schen Online‑ Angeboten, eine Vollerhe bung von lokalen und regionalen Blogs in Nordrhein‑West falen und 35 bewusst aus gewählte innovative Online‑Angebote. Die dreiteilige Stichprobe diente dem Zweck, erstens repräsentative Aus sagen über die Quantität und Qualität von Nutzer partizipa tion bei digitalen Medien angeboten treffen zu können, zweitens Äquivalente zum profes sio nellen Journalismus in NRW be sonders intensiv zu be trachten 343 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus und drittens anhand bewusst aus gewählter innovativer Online‑Angebote zu skizzie ren, wo noch Ent wick lungs potenzial zu er kennen ist. Unter suchungs zeitraum war eine künst liche Woche im Zeitraum vom 10. Juni bis 28. Juli 2013. Die primäre Er hebungs‑ einheit war ein publizisti sches Webangebot (= Gesamt heit der Websites, Start seite und Unter seiten, mit einem gemeinsamem Namen oder Titel, z. B. Spiegel Online). Die Codie rung fand innerhalb des Webangebots auf drei Ebenen statt (Start seite, Beitrag, Kontext). Pro Webangebot wurden jeweils drei journalistische Beiträge per Zufalls‑ auswahl von der Start seite aus gewählt. Dies galt allerdings nur, wenn die Beiträge der Website grundsätz lich eine Kommentarfunk tion hatten. Denn auf der Grundlage des Ver hält nisses von Beitrags‑ und Kontext ebene sollte ge prüft werden, welche journalisti‑ schen Merkmale zu welcher quantitativen Resonanz führen. Die quantitative Inhalts analyse zeigt, dass sich journalisti sche Websites der Nutzer‑ partizipa tion konzeptio nell geöffnet haben – allerdings in einem eng definierten Sinne. Sie bieten über wiegend Funktionen an, die sich auf ein Nutzer‑Feedback be schränken, z. B. Bewer tungs‑, Kommentarfunk tionen oder Möglich keiten, online einen „Leserbrief“ einzu reichen. Eigene Themen vorschläge und Inhalte einbringen, beispiels weise in Nutzer blogs oder Foren im Rahmen des redak tio nellen An gebots, können Nutzer der unter suchten Websites dagegen seltener. Stattdessen machen die analysierten Medien den Nutzern ver mehrt Dialogangebote, die auf den sozialen Netz werken, vorzu gs weise Facebook, statt finden. Vor allem hier ver sprechen sie sich offenbar, viele Nutzer im Sinne eines funktionie ren den Audience Engagements zu er reichen, auch um sie auf die eigene Website zu lenken. Dass sich über Social Media eine breite Nutzer schaft an‑ sprechen lässt, zeigt sich auch an der ver gleichs weise großen Akzeptanz der externen Zustim mungs funk tionen, vor allem des „Like“‑Buttons von Facebook. Am weitesten ver breitet sind damit partizipative Formen und Formate, bei denen Nutzer die Rollen von Kommentatoren professio nell‑journalistisch er stellter Inhalte einnehmen oder sich mit der Redak tion oder anderen Nutzern ver netzen können. Eigene Inhalte kreieren oder produzie ren können sie bei nur wenigen An geboten. Viele Formen und Formate des Bürger journalismus, wie beispiels weise Nutzer blogs, Foren, aber auch Nutzer fotos und ‑videos, werden vom profes sio nellen Journalismus nur selten integriert. 344 9.1.2 QualitatiVe DeskriPtion Der PartiziPatiVen angebote auf aus gewählten Journalisti schen websites Eine qualitative Analyse aus gewählter journalisti scher Websites er gänzte und ver tiefte die Ergeb nisse der quantitativen Inhalts analyse. Erkenntnis interesse war hierbei, inno‑ vative Formen und Formate der Nutzer partizipa tion auf diesen Websites zu be schreiben und zu kontrastie ren. Dazu wurden auf Basis der quantitativen Inhalts analyse und in Ab stim mung mit dem Sample für die Leitfaden interviews 15 Medien bewusst aus‑ gewählt. Aus schlag gebend für die Auswahl waren quantitative (ver gleichs weise hohe Nutzer beteili gung in An gebot und Nutzung) und qualitative Aspekte der Partizipa tion (innovative Formen wie Rechercheblogs etc.), um auf diese Weise das Unter suchungs‑ ziel, innovative An gebote zu be schreiben, er reichen zu können. Zudem sollten Websites ver schiedener „Muttermedien“, konkret Zeitun gen und Zeitschriften, Radio sowie Fernsehen, ver treten sein. Eine bloße Konzentra tion auf nationale Medien bzw. ihre Websites sollte ver mieden werden, daher wurden auch Ver treter regionaler Medien bzw. ihre Websites auf genommen: Konkret gingen in die qualitative Analyse folgende 15 journalisti schen Websites mit ihren relevanten partizipativen An geboten ein: Antenneduesseldorf. de, Bild. de, DerWesten. de, DRadioWissen. de, FAZ. net, Freitag. de, KStA. de, Rhein-Zeitung. de, Spiegel Online, Stern. de, Süd deutsche. de, Tagesschau. de, taz. de, Welt. de und Zeit Online. Ihre Websites bzw. die partizipativen An gebote auf diesen Websites wurden vom 1. Februar bis 31. März 2014 be trachtet. Es zeigt sich, dass das unter suchte Sample in erster Linie Partizipa tions angebote enthält, die nicht nur der Kommentie rung professio nell‑journalisti scher Beiträge, son‑ dern auch der Ver netzung der Nutzer dienen. Allerdings wurden nur wenige Formen und Formate identifiziert, die es Nutzern er möglichen, auch eigene Themen einzu‑ bringen und zu diskutie ren, wie beispiels weise in einem redaktio nell be treuten Forum oder einem Nutzer blog. Selbst wenn solche partizipativen Formate an geboten werden – was sich aber als Aus nahme erwies –, behält auch in diesen Fällen die Redak tion fast immer die Kontrolle über die Themen findung. Auf fällig ist, dass von Nutzern geschriebene Blogs innerhalb des redak tio nellen An gebots zwar die große Aus nahme bei den unter suchten Websites sind, Blogs von Redakteuren oder der Redak tion jedoch ver gleichs weise häufig vor kommen. Der professio nelle Journalismus be ansprucht folg‑ lich das Textformat des Blogs für sich, um Nutzer in anderer Darstel lungs form zu informie ren. Deutlich ge worden ist auch in der Teil untersuchung, dass viele der aus‑ gewählten Medien auf die externen sozialen Netz werke – vor allem Facebook und Twitter – setzen, um ihre User‑Gemein schaften zu pflegen statt eigene Communitys 345 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus zu initiie ren. Nichts destotrotz zeigen die wenigen internen Community‑Angebote, dass sie einen inhalt lichen Mehrwert bieten können – vorausgesetzt allerdings, dass der inhalt liche Zuschnitt stimmt und redaktio nelle Ressourcen für eine intensive Betreuung vor gehalten werden. Was die Modera tion der Debatten mit den Nutzern be trifft, zeigt die Teilstudie, dass die be treffen den Redak tionen inzwischen Erfah rungen gesammelt und daraus ent sprechende redaktio nelle Kodizes (Netiquette) für nutzer generierte Inhalte ab geleitet haben. 9.1.3 leitfaDen gesPräche mit reDak tions Verantwort lichen Alle 15 be fragten Redak tions verantwort lichen, vom Redak tions leiter bis zum Chef‑ redakteur, sind in ihrer jeweili gen journalisti schen Berufs rolle einem Umwäl zungs‑ prozess unter worfen, der neue handwerk liche Kompetenzen und techni sche Innova‑ tionen er fordert. Allen Akteuren wird eine hohe Anpassungs bereit schaft ab verlangt. Viele der Befragten haben ein aus geprägtes Bewusstsein von der Außer gewöhnlich keit und Komplexi tät des zu be wälti gen den Strukturwandels: Digitaler Journalismus be‑ deutet ihrer Ansicht nach mehr, als be liebige journalisti sche Inhalte auf einem digitalen Ver triebs weg zum Publikum zu bringen. Vor allem in der Multimediali tät, der Integra‑ tion von Darstel lungs formen mit unter schied lichen Kombina tions möglich keiten, der Inter aktion mit der Community einschließ lich der Möglich keiten zur Partizipa tion des Publikums sowie bei der digitalen Recherche, z. B. in sozialen Medien, ver orten die Befragten quer zu allen Mediengat tungen die größten Potenziale für den Digitalen Journalismus. Weitere Chancen werden in der journalisti schen Quellentransparenz gesehen, etwa in Form einer Offen legung von Originaldokumenten, und im sogenann‑ ten Crowdsourcing, also der Einla dung an Nutzer, sich redaktio nell vor strukturiert an der Recherche, Aus wertung und Auf berei tung großer Daten‑ und Informa tions‑ bestände zu be teili gen. Insbesondere die technik getriebene Ent wick lungs dynamik geht dabei über die reine Ab sorp tion der bisheri gen Medien angebote hinaus: Sie wird als Quali täts-Ermög licher be trachtet, der Ent wick lungs möglich keiten in vielen Dimensionen des Journalismus eröffnen kann. Mit der Weiter entwick lung des Journalismus ver bunden sind nach Ansicht der Ex‑ perten ferner er hebliche Umbrüche und Soll bruchstellen – im Ver hältnis zum Publikum, aber auch bei notwendi gen neuen Kompetenzen im digitalen Ver trieb und in der Redak tions organisa tion. Wie sich heraus stellt, bringt die Teilhabe des Publikums nicht nur Vor teile, sondern auch be stimmte Probleme für jedes publizisti sche An gebot mit 346 sich, für die – zumindest im Kreise der Befragten – aktuell nach Lösungen gesucht wird. Hier ist insbesondere der Umgang mit Störern („Trollen“) bzw. mit politisch und/oder recht lich an stößigen Äußerun gen zu nennen. Das Spektrum der möglichen Reak tions‑ weisen reicht vom Ver such der Zivilisie rung bis hin zum Aus schluss von Personen, die sich nicht an die vom jeweili gen Medium auf gestellten Benimm regeln halten. Die Leitfaden gespräche zeigen, dass es der Digitale Journalismus insgesamt mit einem stark pluralisierten Publikum zu tun hat, das nicht nur unter schied liche redaktio‑ nelle Heran gehens weisen und Partizipa tions erwar tungen einfordert, sondern auch techni sche Neuerun gen er forder lich macht. Dazu ge hören unter anderem die ein‑ geschränkten Zeitbudgets und Auf merksam keits spannen der Nutzer für journalisti sche Inhalte und die ver mehrte mobile Nutzung, aus der neue Anforde rungen an die Aktuali tät eines digitalen Medien angebots resultie ren (Stichwort „Echtzeit‑Jour nalis‑ mus“). Alle Redak tions vertreter zeigen sich ambitioniert, ihre An gebote so zu konfek‑ tionie ren, dass sie auf mobilen Endgeräten best möglich rezipiert werden können. Die Selbsterkenntnis einiger geht jedoch dahin, dass sie bisher ledig lich ein Derivat zu publizie ren glauben, also nur einen Ab kömmling, der aus der analogen Print‑Welt eins zu eins in die digitale Sphäre über tragen wird. Trotzdem lassen sich aus den Willens‑ bekun dungen ein deut licher publizisti scher Experimentierwille und eine Auf bruchstim‑ mung heraus lesen, die sich an vielen Beispielen aus dem Arbeits alltag der Befragten illustrie ren lässt. Eine Hürde liegt dabei immer weniger in der Offline‑Online‑Verzah‑ nung: Alle Redak tionen sind glaub haft bemüht, die Ver triebs kanäle von Print bzw. Rundfunk und Digitalmedien, auch unter Einbezug der Community, zu ver schränken. Von den Experten werden be stimmte Synergien zwischen digitalem und analogem Journalismus hervor gehoben, die im Idealfall als produktiv und quali täts steigernd empfunden werden. Auch werden die Kreativmöglich keiten im Digitalen Journalismus wesent lich größer als die des analogen ein gestuft; diese Einschät zung wird eben falls unmittel bar mit der Einbeziehung des Publikums ver bunden. Alle be fragten Experten teilen darüber hinaus die Auf fassung, dass die Chancen, die in der Partizipa tion liegen, deut lich die damit ver bundenen Probleme über steigen. 9.1.4 beobach tung Von hanDlun gen unD automatisie rungs tenDenzen in reDak tionen Die Beobach tung fokussierte automatisierte Arbeits weisen im Journalismus und damit sämt liche Handlun gen im journalistisch‑publizisti schen Produk tions prozess, die von techni schen Systemen, vor allem von Programmen und Software‑Anwen dungen, selbst‑ 347 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus tätig über nommen werden. Dazu wurden zehn Redakteure mit unter schied lichen Auf gaben bereichen und Tätig keits profilen in den vier deutschen Online‑Redak tionen von DRadio Wissen, Spiegel Online, Tagesschau. de und Rhein-Zeitung be obachtet, um deren journalisti sche Handlun gen in ihrer Komplexi tät empirisch ab bilden und etwaige Automatisie rungs tendenzen in unter schied lichen Aus formungen fest halten zu können. Die Ergeb nisse zeigen, dass sich sämt liche be obach teten Hand lungs abläufe ent lang des journalisti schen Produk tions prozesses auf schlüsseln und zu einem Mosaik aus technik‑ gestützten Arbeits vorgängen summie ren lassen, in denen immer wieder Automatisie‑ rungs tendenzen auf scheinen. Die bei der Unter suchung differenzierten Hand lungs ebenen a) Recherche, Samm‑ lung und Selek tion von Informa tionen, b) Produk tion und Publika tion von Inhalten, c) Rezep tion und Ver arbei tung von Nutzer feedback und d) Planungs‑ und Organisa‑ tions kommunika tion unter scheiden sich vor allem im Einsatz von Hardware‑Tools und Software‑Anwen dungen. Dabei richtet sich die Bestim mung des Automatisie rungs grades danach, ob und wie aktiv die be obach teten Redakteure sind und mithilfe welcher technischen Arbeits mittel sie in ihrem Arbeits alltag handeln: Während vor allem bei der Recherche, in den Ab läufen der Produk tion/Publika tion journalisti scher Inhalte und in der redak tio nellen Rezep tion und Betreuung von Nutzer feedback ein mittle rer Grad an Automatisie rung fest gestellt werden konnte, stehen in den gesamten Organisa‑ tions‑ und Planungs abläufen sowie der Kommunika tion zwar durch gängig technik‑ gestützte Handlun gen im Vordergrund. Diese stellen sich jedoch als er heblich weniger technikautonom dar als die anderen be obach teten Hand lungs felder, d. h. sie sind weniger automatisiert. Im Detail der Beobach tung zeigt sich auch, dass Automatisie rung im Digitalen Jour nalismus vor allem an den Schnitt stellen erkenn bar wird, wo beispiels weise Content‑ Management‑Systeme, Monitoring‑Programme, Social‑Media‑Clients oder Open‑Source‑ Tools zur visuellen Daten aufberei tung die Arbeit der be obach teten Redakteure nicht nur unter stützen, sondern selbst tätig bzw. vollautomatisch über nehmen. An be stimmten Handlun gen oder Hand lungs abfolgen lässt sich ablesen, dass inzwischen autonome Programme und Softwaremodule (Plug‑ins) regelmäßig im Einsatz sind, die das jour‑ nalisti sche Handwerk tendenziell über formen. Über sie lassen sich viele Arbeits schritte steuern und automatisie ren, im Bereich Social Media etwa das zeit lich pro grammierte Ab setzen vor formatierter Tweets, die automati sche Betreuung von Twitter‑Accounts und der vollautomati sche Einlauf von Social‑Media‑Einträgen auf der redak tions eigenen Website. Weil die Praxis des Digitalen Journalismus nicht ohne technische Hilfs mittel ge‑ dacht werden kann, deuten wir dies als Dominanz des Technischen, d. h. das gesamte 348 Hand lungs spektrum aller Redakteure ist hochgradig von Technik ab hängig – selbst manuelle Tätig keiten sind oftmals technik gestützt. Allerdings unter scheidet sich die Intensi tät der Automatisie rung: Während im Social‑Media‑Bereich immerzu mit halb‑ und vollautomati schen Ver fahren ge arbeitet wird, trifft dies auf die journalisti sche Produk tion und Publika tion nur bedingt zu. Die Redak tions planung und ‑organisa tion sind von eher nicht‑automatisierten Handlun gen ge prägt, allerdings wird auch hier konstant mit technologi schen Hilfs mitteln operiert. Die Frage, ob der Einsatz automa‑ tisierter Programme redaktio nelle Produk tions abläufe be einflusst, muss bejaht werden – wobei im Raume stehen bleibt, ob diese technik geleitete Redakteursarbeit auch das professio nelle Selbst verständnis der Akteure be einflusst und damit lang fristig einen Wandel journalisti scher Identität herbei führen kann. Dank der technik geprägten Arbeits weisen und Apparaturen in den be obach teten Redak tionen wurden auch zeit‑ und ortsungebundene Quali täts routinen er möglicht, die sich größtenteils mit den tradi tio nellen Methoden journalisti scher Quali täts siche‑ rung decken, aber auf grund der technologi schen Innova tionen eine neue Stufe er‑ reichen – auch auf grund der arbeits teili gen Spezialisie rungen und Aus differenzie rungen im Digitalen Journalismus. Die Ebenen der Quali täts siche rung sind recht unter schied‑ lich: Sie reichen vom intensiven Themen monitoring (Recherche) über redaktio nelle Vor gänge der Abnahme und des Redigierens (Produk tion und Publika tion), dem integrierten Dialog mit Usern (Rezep tion von Nutzer feedback) bis zur regelmäßigen Sitekritik (Organisa tion/Planung). 9.1.5 Vignetten analyse zum Ver trauen in nutzer botschaften unD befra gung unter Journalisten unD bloggern 40 Onlinejournalisten und 20 Blogger von nach richt lich orientierten Blogs sollten für diesen methodi schen Baustein Aus kunft darüber geben, für wie ver trauens würdig sie Nutzer botschaften halten, welches Bild sie vom partizipie ren den Publikum haben, wie sie die Nutzer partizipa tion insgesamt einschätzen und wie mit Nutzer botschaften konkret um gegangen wird. Die be fragten Kommunikatoren stammten aus Redak tionen oder von Blogs, die auf Facebook und Twitter be sonders aktiv waren, und waren ent‑ weder für Nutzer partizipa tion zuständig oder Redak tions leiter. Für die erste For‑ schungs frage, nach den Faktoren, die die Ver trauens würdig keit von Nutzer botschaften beeinflussen, wurde zusätz lich zu der üblichen Form des Onlinefragebogens eine 349 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus Vignetten analyse durch geführt. Im Rahmen dieser Analyse sollten die Befragten fiktive Twitter‑Profile und ‑Botschaften im Hinblick auf ihre Ver trauens würdig keit be urteilen und an geben, ob sie mit den Nutzern in Kontakt treten würden. Bei der Konstruk tion der Profile, die auch die beiden letzten Tweets ihrer fiktiven Besitzer ent hielten, wurden drei Variablen (Anonymi tät des Besitzers, Detailliert heit der Tweets, Sprachniveau der Tweets) variiert. Die Vignetten analyse hat ergeben, dass die Anonymi tät des Profils, die Detailliert‑ heit der Tweets und das Sprachniveau der Tweets einen signifikanten, wenn auch schwachen Einfluss auf die Ver trauens würdig keit der fiktiven Nutzer tweets haben. Bei Journalisten wirkt die Anonymi tät des Profils am stärksten, bei den Bloggern das Sprachniveau. Dies gilt auch für die Frage, mit welchen Nutzern die Journalisten und Blogger in Kontakt treten würden. Allerdings sind die Effekte hier schwächer aus‑ geprägt, was dafür spricht, dass die Hemmschwelle, mit Nutzern über Twitter in Kontakt zu treten, gering ist. Personen variablen (Alter, Geschlecht, Berufs zufrieden heit, Führungs posi tion, Interesse an Nutzer botschaften) spielen eine unter geordnete Rolle. Die Kommunikatoren stellen sich das partizipierende Publikum als vor wiegend männ‑ lich, ge bildet, älter und be rufstätig vor, wobei der Anteil der arbeits losen Nutzer von mehr als einem Viertel der Journalisten auf mehr als 50 Prozent geschätzt wird. Die Journalisten und Blogger schätzen auch das, was diese Nutzer einbringen, eher negativ ein. Der Anteil der Nutzer, die keine konstruktiven Beiträge einbringen, wird als recht hoch ein geschätzt. Insgesamt liegt die Bewer tung der Qualität der partizipativen Nutzer beiträge zwischen den Schulnoten 3 und 4. Die Kollegen und Vor gesetzten der Befragten werden hingegen als recht auf geschlossen gegen über der Nutzer partizipa tion ein geschätzt. Nutzer botschaften, die zur Weiter recherche anregen, er halten die meisten Redak tionen mehrmals im Monat. Aus den ge nannten Befunden lässt sich eine ge wisse Skepsis von Journalisten und (in geringe rem Maße) von Bloggern gegen über der Nutzer partizipa tion heraus lesen. Redak tionen und Blogs er halten zwar immer wieder nütz liche Hinweise von Nutzern. Die durch schnitt liche Partizipa tion wird jedoch eher als lästige Pflicht, denn als wahre Bereiche rung des Journalismus gesehen. Die Hemmschwelle, mit Nutzern in Kontakt zu treten, ist dabei relativ niedrig, sodass Gelegen heiten, bei denen Nutzer etwas potenziell Nützliches beizu tragen haben, wahrschein lich in der Regel wahr genommen werden. Das birgt die im Digitalen, auf grund der Anonymi tät vieler Akteure im Social Web ge gebene virulente Gefahr, dass Falschinformanten das Ver trauen von Kommuni‑ katoren missbrauchen und mit ge posteten Behaup tungen über an gebliche Gescheh nisse in die Irre führen könnten. 350 9.1.6 inhalts- unD netz werkanalyse Der Qualität Von nutzer kommentaren in PartiziPatiVen formaten Diese letzte Teilstudie widmet sich dem konkreten Mehrwert, den Nutzer partizipativ in den Journalismus einbringen. Dabei wurde unter sucht, in welchem Maße die Nutzer beiträge informativ, emotional oder mei nungs betont sind und ob Nutzer mit Redak tionen und unter einander inter agie ren. Weil die Form der Nutzer partizipa tion auch Rückschlüsse auf ver schiedene Nutzer typen zulässt, wurde zudem eine Typologie partizipativer Nutzer ent wickelt. Zur Unter suchung der ge nannten Fragestel lungen wurden vier unter schied liche partizipativ‑journalisti sche Formate aus ver schiedenen Mediengat tungen aus gewählt: das Portal Diskurs@DRadio, die Fernsehsen dung ZDF log in, das Spiegel Online-Forum und DerWesten. de auf Twitter. Die in diesen Formaten ver fassten Nutzer kommentare wurden in be stimmten Rubriken über einen be grenzten Zeitraum analysiert. Bei zwei Fall beispielen umfasste dieser Zeitraum ein Jahr und länger (Diskurs@DRadio: n = 284; Spiegel Online-Forum: n = 296), bei den anderen beiden hingegen wenige Wochen oder Tage (ZDF log in: n = 921; DerWesten. de auf Twitter: n = 1.062). Zur Ermitt lung des Informa tions‑, Emotions‑ und Meinungs gehalts der Nutzer kommentare wurde eine Inhalts analyse durch geführt. Das Ausmaß der Inter aktion zwischen Redak tion und Nutzern einer seits und den Nutzern unter einander anderer seits wurde netz werkanaly‑ tisch erfasst. Für die Nutzer typologie kam eine partitionierende Cluster analyse zum Einsatz. Die ver schiedenen partizipativen Formate haben unter schied liche Stärken und Schwächen. Der Twitter‑Account von DerWesten. de erwies sich als Umschlagplatz für Links (und damit Informa tionen) des Onlineportals der WAZ-Zeitun gen in Nordrhein‑ West falen. Am emotionalsten und am stärksten mei nungs betont erweist sich über‑ raschender weise das Portal Diskurs@DRadio. Aber auch ZDF log in ent hält viel Meinung und Emotion, bei wenig Informa tion. Das Spiegel Online-Forum ist durch eine rege Nutzer‑Interak tion ge kennzeichnet. Daraus folgt, dass sich Redak tionen sehr gut über‑ legen sollten, welche Art von Nutzer partizipa tion sie fördern wollen. Wie sie partizipa‑ tive Formate ge stalten (Konzep tion, Modera tion), wirkt sich stark auf die Form und Qualität der Partizipa tion aus. Neun Nutzer typen lassen sich identifizie ren. Drei Viertel der Nutzer in den unter suchten Formaten ent stammen eher konstruktiven Typen (Wissbegierige, Ver mittler, Kommentatoren, Allrounder), während ein Viertel anderen Typen (Meinungs freudige, Emotionale, Vehemente, Propagandisten, Kommunikative) zuzu ordnen war. 351 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus Für Redak tionen besteht die Heraus forde rung darin, den Umgang mit weniger konstruktiven Diskutanten zu meistern und diese einzu binden, ohne dass die Diskussion insgesamt darunter leidet. Darüber hinaus zeigt sich, dass Nutzer eher Meinun gen äußern, als dass sie Zusatzinforma tionen in den Journalismus einbringen. Redak tionen, die über partizipative Formate nach denken, sollten sich vor allem darüber Gedanken machen, welche Art von Partizipa tion sie fördern und welche sie unter binden wollen. Während beispiels weise Facebook oder die Diskus sions foren digitaler Medien Nutzern auch längere Beiträge er möglichen, dient Twitter eher dem punktuellen Feedback und der Weiter leitung von Kurznachrichten bzw. Links. Inhalt lich gesehen laden polarisie‑ rende Inputs von Seiten der Redak tionen ge legent lich zur Lager bildung unter den Partizipie ren den ein, was schnell zu unerwünschten, wenig konstruktiven Wort gefechten führen kann. So kann sich die Gestal tung der Partizipa tions möglich keiten von redak‑ tio neller Seite, d. h. die Struktur der Platt formen und die Art der redak tio nellen Inputs, auch auf die Qualität der Nutzer beteili gung aus wirken. 9.2 normatiVe imPlika tionen Der ergeb nisse Die Dynamik der techni schen, aber auch der gesell schaft lichen Digitalisie rung ver‑ ändert die Matrix des Journalismus nach haltig, vor allem dessen Funk tions weise und profes sio nelles Selbst verständnis. Gerade in der Betrach tung der – nicht immer trenn‑ scharfen – Merkmale von Analogi tät und Digitali tät lassen sich zahl reiche Implika‑ tionen und Hand lungs spezifika für den Digitalen Journalismus er kennen, die innovative Möglich keiten der Recherche, der Produk tion und Publika tion journalisti scher Inhalte, aber auch produktive Formen und Formate der Dialogisie rung, sowie neue Strukturen der redak tio nellen Planung und Organisa tion er möglichen. Die Eigen schaften der Digitalisie rung können direkt und indirekt Quali täten des journalisti schen Handwerks steigern, auch wenn dieses Potenzial in der Regel nicht ohne professio nelle Einschrän‑ kungen und Heraus forde rungen bleibt: 1. Simultanei tät gehört zu den zentralen Attributen von Digitali tät; sie er möglicht eine vom Publikum erwartete Echt zeitberichterstat tung, die zugleich eine perma‑ nente Inanspruchnahme für die Redak tionen be deutet; 2. Vernet zung ist innerhalb und außerhalb journalisti scher Organisa tionen und Institu‑ tionen essenziell; nur sie er möglicht es, dass sich Nutzer und Journalisten, aber auch Journalisten unter einander produktiv ver koppeln und in einen Dialog treten können. Dieser Dialog birgt qualitatives Potenzial auf drei Ebenen: 1. für die Ver‑ 352 ständi gung Journalismus/Publikum, 2. für die Unter rich tung bzw. Meinungs‑ bildung des Publikums, 3. für die journalisti schen Produkte, sofern Publikumsinput von den Redak tionen auf genommen und weiter verarbeitet wird; 3. Digitale Technologie steht für einzelne Journalisten, aber auch für ganze Redak‑ tionen im Zentrum der Berufs ausü bung, weil sie die prakti sche Grundlage für deren tägliche Arbeit bildet. Sie er möglicht die Ver arbei tung, Speiche rung und Über tragung von Daten, die als neue Informa tions währung des Journalismus be trachtet werden müssen; 4. Multi-Cross mediali tät ist typisch für den Digitalen Journalismus und er weitert seine publizisti schen Dimensionen: Erzählhal tungen und Darstel lungs formen ändern sich grundlegend, aber auch das strategi sche Publizie ren journalisti scher Beiträge über mehrere Medien platt formen hinweg. Diese Eigen schaften der Digitalisie rung dienen uns als Aus gangs punkt für ein theorie‑ geleite tes Fazit, das die Qualität, also die Beschaffen heit des Digitalen Journalismus, der sich unter dem Vor zeichen des Strukturwandels auszu formen beginnt, wissen‑ schaft lich er klären hilft. Ein auf unserer Theoriebasis ent wickeltes Raster zur Quali‑ täts messung digitaler An gebote und Arbeits weisen er fordert zunächst eine Interpre‑ tation der geschilderten Einzelergeb nisse, die sich auf die ursprüng lich formu lierten Quali täts kriterien von Arnold (2009) stützt. Diese Kriterien werden sodann auf die Rahmen bedin gungen im Digitalen Journalismus über tragen, wobei wir nor mative Impli ka tionen des sogenannten Quali täts journalismus – nämlich in der Per spektive von Journalismus als öffent licher Gemeinwohl aufgabe – in den Vordergrund stellen. Im Folgenden werden fünf Kriterien zur Beschrei bung der be sonde ren Qualität des Digitalen Journalismus vor geschlagen, die wir als dezidierten „Beitrag zur Ver‑ besse rung der publizisti schen Praxis“ (Arnold, 2008, S. 503) ver standen wissen wollen: Artikula tion, Dialogisie rung, Prozessuali tät, digitales Storytelling und Auffind bar keit er setzen die be stehen den journalisti schen Quali täts standards nicht, sondern er gänzen und er weitern sie: – Artikula tion von Nutzern kann im Rahmen von journalisti schen An geboten einen wesent lichen Beitrag zur Kritik‑ und Kontroll funk tion des Journalismus leisten (durch Hinweise etc.), die Meinungs vielfalt be reichern und den Informa tions gehalt erhöhen; – Dialogisie rung mit den Nutzern kann zur Meinungs vielfalt, aber auch zur Richtig‑ keit und Glaubwürdig keit journalisti scher Arbeit beitragen, aber auch die Relevanz journalisti scher An gebote erhöhen; somit kommt es im Prozess der Dialogisie rung zu einer publizisti schen Mitbestim mung des Publikums über Inhalte und Formatie‑ rung digitaler Medien angebote; 353 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus – Prozessuali tät kann die Richtig keit und Glaubwürdig keit des journalisti schen An‑ gebots und auch dessen Nutz wert und Aktuali tät erhöhen; – Digitales Storytelling kann die journalisti sche Berichterstat tung ver ständ licher, unter haltsamer und für das Publikum nutz werti ger machen; – Auffind bar keit an möglichst vielen relevanten digitalen Orten (z. B. Suchmaschinen, soziale Netz werke) zwingt den Journalismus dazu, die Relevanz seiner Botschaften klar zu formulie ren und einen zeitnahen Zugriff zu relevanten Informa tionen zu er möglichen. Für die Nutzer be deutet Auf find bar keit dreierlei: einen tendenziell unerschöpf lichen Informa tions reichtum, zeitsou veräne Aus wahlfrei heit sowie die Ver net zungs fähig keit von Wissen. Mithilfe dieses Sets an tradi tio nellen und digitalen Quali täts kriterien wird reflektiert, was sich aus den empiri sch‑theoretischen Befunden für die Qualität des Digitalen Jour nalismus ab leiten lässt. 9.2.1 Demokratietheoretisch-normatiVe konseQuenzen Ein erster Befund besteht in der oft noch zaghaften Umset zung der Dialogisie rung mit dem Nutzer: Die Inkonsequenz im Ver gleich zum viel be kundeten guten Willen auf‑ seiten der Redak tionen lässt sich auch daran zeigen, dass noch zu wenige Freiräume gewährt werden und die Journalisten/Redakteure noch zu selten aktiv auf die Nutzer zugehen bzw. Diskussionen in Foren moderierend mitgestalten. Die quantitative Inhalts‑ analyse (Kap. 3) hat ge zeigt, dass Nutzer auf journalisti schen Websites häufig auf die tabelle 9.1: raster zur Quali täts messung im tradi tio nellen und im Digitalen Journalismus Quali täts dimension traditio nelle Quali täts kriterien Digitale Zusatz kriterien demokratietheoretisch-normativ kritik/kontrolle artikula tion Glaubwürdig keit Dialogisie rung richtig keit Sachlich keit funktional-systemorientiert Vielfalt auf find bar keit relevanz prozessuali tät aktuali tät nutzer bezogen-hand lungs orientiert informa tion Digitales Storytelling Unter haltung nutz wert Ver ständlich keit 354 Rolle des Kommentators be schränkt werden. Seltener können sie eigene Inhalte er‑ stellen. Viele Formen und Formate aus dem Bürger journalismus (vgl. Kap. 3), wie z. B. Blogs, werden vom profes sio nellen Journalismus nur ge legent lich integriert. Zentrale journalisti sche Tätig keiten wie Themen auswahl, Erstel lung und Publika tion journalisti‑ scher Inhalte bleiben weit gehend in der Hand und Kompetenz der Journalisten. Der Nutzer wird über wiegend erst auf der Ebene der Anschluss kommunika tion ein gebun‑ den. Auch die Inhalts‑ und Netz werkanalyse (Kap. 8) partizipativer Formate zeigte, dass Redak tionen im direkten Umgang mit ihren Nutzern zurück haltend sind. Dort aber, wo der Dialog auch seitens der Redak tionen ge sucht wird, be teili gen sich Nutzer ver hältnis mäßig rege. Aber selbst bei Formaten wie ZDF log in, die explizit auf Nutzer‑ partizipa tion an gelegt sind, werden Nutzer kommentare aus dem Zusammen hang gerissen, sodass das Publikum auch hier ledig lich auf die Rolle eines Zulieferers plaka‑ tiver Statements reduziert wird. Ein Grund könnte darin zu suchen sein, dass dem Publikum insgesamt nicht viel zu getraut wird. So ergab die Befra gung von Journalisten aus Redak tionen, die in sozialen Netz werken be sonders aktiv sind (Kap. 7), dass Nutzer kommentare insgesamt für eher schlecht und die meisten Nutzerinputs für wenig konstruktiv ge halten werden. Die Einstel lung der Redak tions verantwort lichen, ergo: die Selbst wahrneh mung der eigenen Arbeit fällt hierzu frei lich differenzierter aus (Kap. 5): Sie heben hervor, der Input von Nutzern sei häufig sinn voll und be reichernd und könne in journalisti scher Weiter verarbei tung quasi ver edelt werden. Allerdings betonen auch sie, dass dies (derzeit noch) nicht sehr häufig vor komme und dass es massive Probleme mit Personen gebe, die einen zivilisierten Diskurs störten. Vor diesem Hinter grund von einer Partizipa tions verdrossen heit der Redak tionen zu sprechen, wäre zu weit gehend – immerhin bemühen sich viele um einen ernst haften Dialog und nutzen auch technisch gesehen jede greif bare Möglich keit, dass dieser ge lingen kann (Kap. 6). Ebenso wurde der Dialog mit dem Publikum von den Redak‑ tionen als Management aufgabe erkannt. Der Nutzen der Partizipa tion, so die allgemeine Einsicht, ergebe sich nicht in einem natur haften Prozess, sondern müsse ge staltet werden. Hin gewiesen wurde auch auf die notwendige Medien kompetenz des Publi‑ kums. Der anfäng liche naive Optimismus, dem User Generated Content gehöre die Zukunft, ist jedoch einer wachsen den Zurück haltung ge wichen. Die zweite Erkenntnis lautet, dass das Publikum seine Rolle als Kritik‑ und Kontrollinstanz des Journalismus nur teil weise wahrnimmt – oder zumindest noch zu wenige Möglich keiten ge boten bekommt. Nutzer bringen sich selektiv in die journa‑ listi sche Arbeit ein. Die repräsentative Inhalts analyse (Kap. 3) ergab, dass im Unter‑ suchungs zeitraum journalisti sche Beiträge insgesamt recht selten kommentiert wurden, 355 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus einige Beiträge, vor allem auf Websites über regionaler An gebote, allerdings sehr viel häufiger. Ähnliches gilt für die Bewer tung von Artikeln auf Facebook. Die Inhalts‑ und Netz werkanalyse der partizipativen Formate (Kap. 8) zeigte zudem, dass Nutzer in erster Linie Meinun gen zu be stimmten Themen beisteuern und im Ver hältnis dazu die Gelegen heit, Zusatzinforma tionen in eine Debatte einzu bringen, relativ selten nutzen. Allerdings zeigt der vor gefundene Negativismus der Kommentare, dass durch‑ aus kritisch mit der Berichterstat tung ins Gericht ge gangen wird. Dieser Eindruck, dass Kommentare von Usern intern durch aus selbst kritisch diskutiert werden (z. B. in Redak tions konferenzen), be stätigt sich auch bei den be obach teten Handlun gen z. B. der Social‑Media‑Redakteure (Kap. 6). Es gilt ferner fest zuhalten, dass immerhin mehr als die Hälfte der Redak tionen den Nutzern die Möglich keit einräumt, ihr publizisti‑ sches An gebot zu kommentie ren (Kap. 3). Da im Rahmen dieser Unter suchung keine Nutzer befra gung durch geführt wurde, kann an dieser Stelle nur spekuliert werden, woran es liegen könnte, dass sich das Publikum insgesamt bei der Partizipa tion zurück hält. Zunächst ist fest zuhalten, dass es trotz der ein getretenen Normalisie rung digitaler Umwelten im Medien nut zungs‑ verhalten der allermeisten Bürger noch keine Habitualisie rung der Selbstautoren schaft gibt: Man kann, aber man muss nicht die eigene Meinung öffent lich kundtun; bislang tun es die wenigsten. Bremsend wirkt wohl auch die er wähnte Zurück haltung der Redak tionen, die dem Publikum nur selten umfassendere Partizipa tions gelegen heiten einräumen. Wenn Nutzer von vornherein journalisti schen Botschaften nur zustimmen oder sie ab lehnen dürfen, dann wirkt das auf viele Nutzer möglicher weise nicht moti‑ vierend und es gibt für die meisten offen bar keinen Grund, sich argumentativ einzu‑ bringen. Auf der anderen Seite scheint es aber auch einen kleinen Kreis sehr aktiver Nutzer zu geben, die partizipative Formate mit einer Vielzahl eigener Äußerun gen dominie ren, was aber im Gegen zug dazu führen kann, dass anderen Nutzern die Partizipa tion ver leidet wird, weil sie sich von Viel rednern quasi über stimmt fühlen. Letzt lich sollte man aber vom Durch schnitts nutzer nicht zu viel er warten – vielen reicht es offen bar, bei ihrer Rolle als passiver Konsument journalisti scher Medien‑ angebote zu bleiben. Drittens lässt sich fest stellen, dass Redak tionen viel Aufwand be treiben, um die Sachlich keit und Rechtmäßig keit partizipativer Formate zu gewährleisten. Im Wege der nach träg lichen Prüfung (Post‑Modera tion, teil weise auch Prä‑Modera tion) werden Nutzer kommentare auf unerlaubte und/ oder unerwünschte Inhalte hin durch sucht und ge gebenen falls aus gesondert (Kap. 5). Wegen der Menge der be sonders bei populä‑ ren Digitalmedien ein gehen den Kommentare (mehrere Tausend täglich) be deutet dies nicht zuletzt ein perso nelles Kapazi täts problem. Bei der Inhalts‑ und Netz werkanalyse 356 partizi pativer Formate (Kap. 8) zeigte sich vor allem, dass kontroverse Themen hohe Wellen schlagen können und für viele emotionale, unsach liche Nutzer kommentare sorgen. Für den Umgang mit Nutzern ver fügt interessanter weise nur etwas mehr als die Hälfte der be fragten journalisti schen Redak tionen und Blogs über Richtlinien (Kap. 7), aber immerhin ver fügten fast alle der in Kapitel 4 be schriebenen journalistischen Websites über eine Netiquette. Daneben werden beispiels weise rassisti sche Äußerun gen regel mäßig ge löscht. Einzelne Redak tionen sprechen bei Bedarf Störer direkt an und fordern sie zu einem zivilisierten Kommunika tions verhalten auf. Scheitert dies, kann es zum Aus schluss der be treffen den Person kommen. Um die Sachlich keit im Diskurs sicher zustellen und insbesondere die eigent lich er wünschten Zielgruppen nicht mit einem unguten Klima von Streit und Hass zu ver schrecken, denken einige Medien inzwischen auch über eine Einschrän kung des Zugangs zu Kommentarfunk tionen und Diskus sions foren nach. Nach gedacht wird über einen breite ren Einsatz von Identi‑ fizie rungs‑ und Registrie rungs pflichten. Alle digitalen Medien haben ein fundamentales strategi sches Interesse daran, dass sich das von ihnen ge wünschte Stamm publikum wohlfühlt und nicht von dissozialem Diskurs ab geschreckt wird. 9.2.2 funktional-systemorientierte konseQuenzen Journalisti sche Websites in Deutschland sind, trotz der er wähnten Einschrän kungen, durch eine Vielfalt partizipativer Formen und Formate ge kennzeichnet. Wie die quanti‑ tative Inhalts analyse (Kap. 3) zeigte, kommen gängige Partizipa tions formate wie die Weiter lei tungs funk tion, die Einbin dung sozialer Netz werke oder der Online‑Leserbrief bei mehr als drei Vierteln der journalisti schen Websites zum Einsatz. Darüber hinaus gibt es auch bei über der Hälfte Onlinekommentare, eine Bewer tungs funk tion und/ oder ein Microblogging‑Angebot. Aktivere Formen der Mitgestal tung wie z. B. Nutzer‑ blogs, Foren oder Optionen zum Publizie ren von Nutzer‑Videos und ‑Fotos kamen hingegen seltener vor. Die Beschrei bung partizipativer Formate auf journalisti schen Websites (Kap. 4) hat aber auch ge zeigt, dass Redak tionen eigene innovative An gebote ent wickeln. Dabei werden teil weise sogar Formate des Bürger journalismus für die eigene, professio nelle Berichterstat tung adaptiert. Redak tionen beherr schen demnach die Standards und experimentie ren in dem einen oder anderen Bereich, wenn gleich noch er heblicher Spiel raum existiert, zumal das Sample innovativer Onlineangebote im Ver gleich zu den sonsti gen journalisti schen Websites im Bereich der partizipativen An gebote aktiver ist. Inhalt lich gesehen schränken Redak tionen dadurch das Potenzial 357 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus der Nutzer ein, zur publizisti schen Vielfalt beizu tragen (vgl. auch Sehl, 2013). Die Inhalts‑ und Netz werkanalyse aus gewählter Formate (Kap. 8) belegt auch, dass die redaktio nelle Gestal tung eines Formats bis zu einem ge wissen Grad determiniert, wie die Nutzer ihre Beiträge inhalt lich ge stalten. Journalisti sche Botschaften sind heute längst nicht mehr auf den konfektionie ren‑ den Rahmen journalisti scher Websites be grenzt, sondern sie werden über das Teilen (Sharing) mittels sozialer Netz werke zu normalen Bestand teilen der digitalen Lebens- welten ihrer Nutzer – egal, ob es sich um Neuig keiten und Meinun gen handelt, die in die Twitter‑ oder in die Facebook‑Community hinein ge postet werden (Kap. 6). Dadurch, dass Redak tionen und Nutzer journalisti sche Links beispiels weise über Twitter weiter leiten (Kap. 8), tragen sie einer seits zur Auf find bar keit journalisti scher Inhalte im Internet bei. Anderer seits gewinnen Meldun gen durch die Filterfunk tion der Netz werke an persön licher Relevanz für Nutzer, die solche Links von Gleich‑ gesinnten er halten. Social‑Media‑Redakteure ver bringen einen großen Teil ihrer Arbeits‑ zeit mit der Auf berei tung und Ver brei tung journalisti scher Inhalte über solche Kanäle (Kap. 6). Bei Microblogging‑Diensten wie Twitter sind es rund zwei Drittel, die das Angebot nutzen (Kap. 3). Die Journalisten und Blogger aus Redak tionen, die in sozialen Netz werken be sonders aktiv sind, bevor zugen dabei Facebook (Kap. 7). Die sozialen Netz werke sind auch ein Faktor, der zur Beschleuni gung und Ver dich- tung der Berichterstat tungs abläufe beiträgt. Dies ließ sich am deut lichsten bei den spezialisierten Journalisten be obachten, deren Arbeit von automatisie ren Ab läufen durch setzt ist: Social‑Media‑Redakteure stehen beispiels weise vor der Heraus forde rung, mit techni schen Hilfs mitteln große Informa tions mengen in kurzer Zeit zu filtern, zu be werten und weiter zuverarbeiten (Kap. 6). Auch Mobile Journalisten (MoJos) müssen nahezu jederzeit imstande sein, ihre text liche Berichterstat tung gleichzeitig durch Foto‑ und Videomaterial anzu reichern – diese professio nelle Doppelqualifika tion wird auch zu einer der zentralen digitalen Kompetenzen ge zählt. Online‑Journalisten und Planer/CvDs wiederum arbeiten oft an mehreren Auf gaben parallel, von denen sie organisatorisch und publizistisch, aber auch intellektuell stark ge fordert werden. Dies führt dazu, dass Journalismus sich immer stärker als – tendenziell unabgeschlossener – Prozess ent faltet und nicht mehr als statisches Produkt gesehen werden darf. Dafür spricht auch die zunehmende Automatisie rung im gesamten journalisti schen Hand‑ lungs spektrum der journalisti schen Recherche, Produk tion und Publika tion: diese sorgt maß geblich dafür, dass sich Prozessuali tät z. B. in der Form cross medialer Hand lungs‑ abläufe oder parallel ab laufen der Koordina tions tätig keiten in den Redak tionen als eigenständi ges Quali täts verfahren stärker ent falten kann (Kap. 6). 358 9.2.3 nutzer bezogen-hanD lungs orientierte konseQuenzen Es wurde bereits darauf hin gewiesen, dass das Ausmaß an Zusatzinforma tionen, die Nutzer partizipativ in den Journalismus einbringen, insgesamt be grenzt ist. Allerdings profitie ren Redak tionen immer wieder von ihrer neuen Gatewatching-Rolle (Bruns, 2008) in sozialen Netz werken, wenn sie sachdien liche Hinweise er halten, die ihre Recherchen unter stützen. Neben Crowdsourcing‑Aktionen, bei denen Nutzer auf gerufen werden, Informa tionen zu liefern, sind be sonders Botschaften von Nutzern für Redak‑ tionen interessant, die zur Weiter recherche animie ren. Bei der Inhalts‑ und Netz‑ werkanalyse aus gewählter partizipativer Formate (Kap. 8) wurden dafür ver einzelt Beispiele ge funden. Die meisten der online be fragten Journalisten und Blogger (Kap. 7) gaben an, dass dies mehrmals im Monat geschieht. Die Vignetten analyse im Rahmen derselben Befra gung lieferte zudem Hinweise, dass die Bereit schaft zur Kontakt‑ aufnahme mit Nutzern hoch ist und in einem ge wissen Maße auch unabhängig von der Ver trauens würdig keit der Nutzer botschaften. Dass zumindest diejenigen Redak tionen, die sich einen Social‑Media‑Redakteur leisten, nicht nur auf Hinweise von Nutzern warten, sondern soziale Netz werke auch aktiv nach Themen und Hinweisen durch forsten, hat die Redak tions beobach tung er bracht (Kap. 6). Sie lieferte ebenso Hinweise darauf, dass Online‑Redakteure solchen Hinweisen von Nutzern, etwa zu Recherchezwecken, nach gehen. Auch dringen Kom‑ mentare in der Binnen kommunika tion der Redak tionen vor bis in die Redak tions‑ konferenzen, wo dann z. B. das Ver halten negativ auf fälli ger Nutzer („Trolle“) proble‑ matisiert wird (Kap. 6). Von einer automati schen redak tio nellen Bearbei tung des Partizipa tions inputs der Nutzer kann bislang kaum ge sprochen werden, weil sich die Pflege und Inanspruch‑ nahme der Community doch als derart an spruchs voll und be treuungs intensiv darstellt, dass sie nicht oder nur bedingt von Software‑Systemen über nommen werden kann. Denkbar wäre jedoch, dass in naher Zukunft Tools ent wickelt werden, die – ähnlich der Idee des „Roboter‑Journalismus“ auf der Ebene der Texterstel lung (siehe Kap. 2 und 6) – Nutzer kommentare einer Vor prüfung auf ihre Tauglich keit hin unterziehen, die von Journalisten dann nur noch akzeptiert oder ab gelehnt werden müssen. Automatische Texterken nung könnte z. B. recht lich fragwürdige Beiträge von vornherein aus sieben. Die Beobach tung brachte auch Hinweise auf neue narrative und Visualisie rungs- formen im Digitalen Journalismus, mit denen beispiels weise ab strakte Daten in an‑ schau liche Berichte und Grafiken über führt werden (Kap. 6). Das neue Handwerk des Daten journalisten wird von den be fragten Experten wiederum als wichtige Option an gesehen, die allerdings für viele noch Neuland ist – wie es auch viele der anderen, 359 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus durch gehend technik getriebenen Spezialisie rungen und Aus differenzie rungen der be‑ obach teten Berufsprofile zeigen. Vielerorts fehlt es jedoch noch an Kompetenz und/ oder finanziellen Ressourcen, diese Kompetenz einzu kaufen oder selbst aus‑ bzw. weiter zubilden – Stichwort „Lernende Organisa tion/Organisationales Lernen“. Das grundsätz liche Interesse beruht dabei aber nicht auf einem Technikoptimismus. Viel‑ mehr wurde in den Redak tionen erkannt, dass der Umgang mit Daten, aber auch multimediale Erzählformen (digitales Storytelling) eine Chance bieten zu mehr An‑ schaulich keit und zum be sseren Ver ständnis journalisti scher Inhalte. Das visuelle Auf bereiten von Rohdaten, die Sach verhalte dokumentie ren, birgt zudem eine zusätz‑ liche Option für mehr Inter aktivi tät mit dem Publikum: Spielerisch kann sich der Nutzer den ihn be sonders interessie ren den Daten ausschnitt (Beispiele: meine Stadt, mein Bundes land) wählen und „seine“ Geschichte darin finden. 9.3 fazit: hanD lungs emPfeh lungen unD lösungs oPtionen fÜr Die meDien Praxis Auf Grundlage unserer systemati schen Bestands aufnahme des Journalismus unter digitalen Vor zeichen werden im Folgenden Hand lungs empfeh lungen und Lösungs‑ optionen auf gezeigt, die sich auf die empiri schen Forschungs ergeb nisse stützen. Diese Empfeh lungen an die Medien praxis orientie ren sich an den Chancen des Digitalen Journalismus, nehmen aber auch dessen Heraus forde rungen und Risiken in den Blick. Einige dieser Empfeh lungen haben medien politi schen Charakter, indem wir die zu‑ künftige Positionie rung des Journalismus als Faktor und Institu tion der öffent lichen Meinungs‑ und Willens bildung diskutie ren. Um diese Funktion für die Demokratie sicher zustellen, sehen wir Auf gaben im Bereich der journalisti schen Aus‑ und Weiter‑ bildung (Journalismus bezug) sowie bei der Medien kompetenzförde rung (Publikums‑ bezug). Aus gehend von dem hier ge wählten normativen Theorieansatz werden aber vor allem die technisch‑publizisti schen Neuerun gen im Hinblick auf eine wünschens‑ werte Ab siche rung von Quali täts journalismus be wertet. Besonde res Augen merk legen wir dabei auf die Beantwor tung der Forschungs frage, welchen Anforde rungen ein Digitaler Quali täts journalismus hinsicht lich seiner Leistun gen für demokrati sche Gesell‑ schaften ge nügen muss, damit die Ver zahnung zwischen klassi schen Leitbildern und Routinen journalisti scher Arbeit unter den innovativen digitalen Vor zeichen produktiv ge lingen kann und die öffent liche Meinungs bildung tatsäch lich ver bessert wird. Die Konse quenzen der Erkennt nisse dieser Studie werden dazu im Folgenden anhand von 17 Handlungsempfehlungen für die Medien praxis thesenartig verdichtet. 360 9.3.1 schluss folge rungen unD hanD lungs emPfeh lungen 1) Die Digitalisie rung des Journalismus wird in den Redak tionen weithin als Chance be griffen. Journalisten sind in ihrer Berufs ausü bung jedoch einem komplexen Wand lungs prozess unter worfen, der neue handwerk liche Kompetenzen voraus setzt und den Journalisten eine hohe Anpassungs bereit schaft an die digitalen Um gebun gen ab verlangt. Digitaler Journalismus bietet dabei ein weitaus größeres Potenzial der Informationsvermittlung, als nur journalisti sche Inhalte auf einem anderen Infor‑ ma tions träger (digital statt bisher analog) zum Publikum zu bringen: Die wichtigsten Innova tionen der Digitali tät liegen in der Multimediali tät, der modularen Integra‑ tion von Darstel lungs formen, der Inter aktion mit der „Community“ und in neuen Recherchemög lich keiten, z. B. in sozialen Medien. Technische Innova tionen und die neue Rolle des Publikums zu ignorie ren oder sich ihnen komplett zu ver weigern, würde für Medien häuser ebenso wie für Journalisten strategi sche Nachteile be deuten. 2) Um die publizisti schen Experimentiermöglich keiten im Digitalen Journalismus zu steigern, müssen bei Medien häusern ent sprechende Ressourcen vor gehalten und redaktio nell‑organisatori sche Infrastrukturen geschaffen werden – ansonsten bleiben Willens bekun dungen nur Lippen bekennt nisse. Gedruckte und digitale Medien‑ produkte können sich dabei gegen seitig be flügeln, indem sie aufeinander eine be reichernde Wechselwir kung ausüben; Voraus setzung dafür ist eine platt form- neutrale Investi tion in die Medien marke und eine Stärkung der Markentreue bei den Nutzern. 3) Auch der Journalismus unter digitalen Vor zeichen wurzelt in gutem, also qualitativ hochwertigem Journalismus, der nach den klassi schen, im Einzelfall zu definie ren‑ den journalisti schen Hand werks regeln und Wertmaßstäben funktioniert – aller‑ dings haben sich dessen Routinen und Konzepte geändert: Digitaler Journalismus muss als prozess haft ver standen werden, d. h. journalisti sche Inhalte können perma‑ nent präzisiert, korrigiert und – auch noch nach einigem Zeitablauf – fort geschrie‑ ben werden. Die Möglich keiten reichen u. a. von der einfachen Fehlerkorrektur über eine inhalt liche Aktualisie rung publizierter Beiträge, über die Nach verfol gung nutzer induzierter Recherchehin weise bis hin zum nutzerinduzierten Argumente- transfer in die journalisti sche Analyse oder den Kommentar hinein. 4) Digitaler Journalismus ist von en ormem Tempo ge prägt – sowohl in der Informa‑ tions beschaf fung über das Web und über Social Media als auch in der Berichterstat‑ tung nahezu in Echtzeit (kritisches Stichwort: „Live‑Tickeritis“). Die extreme Beschleuni gung, an getrieben durch die neuen techni schen Möglich keiten, erzeugt einen Aktuali täts druck, der Redak tionen vor allem aus dem News‑Bereich dazu 361 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus zwingt, eine funktionierende Logistik und technische Infrastruktur vorzu halten, um den gesam ten Redak tions betrieb auch bei extremen Nachrichten lagen auf recht‑ zuhalten. 5) Journalisten müssen trotz der wachsen den Hektik in der Lage sein, Sach verhalte auf ihre tatsäch liche Relevanz zu be urteilen und diese sorgfältig zu prüfen. Die Erhal tung, ja die Stärkung der journalisti schen Bewer tungs kompetenz wird von vielen Nutzern wert geschätzt. Sortieren der, einordnen der Journalismus bleibt unse‑ rer Auffassung nach also unentbehr lich – obwohl Medien ihre frühere Informa‑ tions‑ und Deutungs hoheit ver lieren und sich sogenannte Content-Parallelwelten im Verhältnis zum klassi schen Journalismus heraus bilden. 6) Die Taktung der digital arbeiten den Redak tion wird wesent lich davon dominiert, dass Nutzer über den gesamten Tag ver teilt permanent informiert und ihre An‑ fragen be antwortet haben wollen: Nie hatten Journalisten und Redakteure intensive- ren Publikums kontakt. Doch die Resonanz und techni sche Messung, ob ein jour‑ nalisti sches An gebot an genommen („ge klickt“) wird oder nicht, erfolgt in so kurzer Zeit, dass Redak tionen häufig zu schnellen Reaktionen ge nötigt werden oder sich dazu ver leitet fühlen. Es besteht die Gefahr, dass die Themen setzun g an momen‑ tane und flüchtige Konjunkturen im Publikumsinteresse an gepasst wird. Zudem gibt es, anders als bei nicht‑digitalen Medien angeboten, keinen Redak tions schluss mehr. Dadurch steigt der innerredaktio nelle Druck auf Journalisten, nie außer Dienst, also ständig ver fügbar und gar nicht mehr offline sein zu können. Im Digitalen Journalismus sorgen neue Publika tions rhythmen und die ver kürzte Reak tions dynamik auf der Zeitachse somit für eine publizistisch-redaktio nelle Permanenz, mithin eine dauer hafte Ver fügbar keit204, die Aus wirkungen auf den Personal bedarf hat. 7) Die Digitalisie rung ver ändert auch das Redak tions- und Quali täts management tiefgreifend, vor allem im Hinblick auf den Work flow, die Gefäße und die Struk‑ turen sowie die neu ver teilten Ressourcen und die tägliche redaktio nelle Zusam‑ men arbeit: Produkt entwick lung und Redak tions arbeit ver schmelzen im Digitalen immer mehr zu einer Einheit, wobei sich die flexible Arbeits weise der Organisa‑ tions form einer crossmedialen News room-Kultur durch zusetzen scheint, in der das Team work mit unter schied lichen Kompetenzanforde rungen (z. B. Recherche, Re‑ 204 Digitale medien angebote werden zunehmend auch zu nächt licher Zeit ab gefragt. als konsequenz aus dieser nutzer gewohn heit haben Spiegel Online und Welt. de inzwischen redakteure in aus tralien installiert, die von dort innerhalb einer normalen tagesschicht aktuelle berichterstat tung für die randzeiten in Deutschland sicherstellen können (Quellen: meedia.de/2014/07/10/relevanz- reichweite-erloese-die-wichtigsten-punkte-der-spiegel-online-agenda/ [23. 07. 2014] und meedia.de/2013/05/28/welt-schickt- nachtschicht-nach-australien/ [23. 07. 2014]). 362 por tage, Video, Programmie rung, Statistik, Design) groß geschrieben wird. Das interne Quali täts management muss dabei einen Mangel an Personal und Ressourcen bei gleichzeitig zunehmen der Agilität und ständi ger Ver fügbar keit der einzelnen Redak teure kompensie ren, was Negativeffekte für den einzelnen, potenziell überlas‑ te ten Mitarbeiter und das gesamte Arbeits klima in den Redak tionen haben kann. 8) Das tradierte unidirektionale Kommunika tions schema von der Redak tion zum Publi‑ kum wird im Digitalen Journalismus auf gebrochen: Kommunika tion ver läuft nicht mehr nach dem „Einbahnstraßen prinzip“, sondern ist multilateral und ‑direktional be schaffen; diese Mehrwegkommunika tion eröffnet für Journalisten neue Themen‑ zugriffe und ‑perspektiven, die sich auch auf das journalisti sche Selbst verständnis aus wirken. Im Kern prägt eine tendenzielle Offen heit die Arbeit im Digitalen Journalismus, indem sie sich abseits be kannter Routinen auf neue Organisa tions‑ und Produkt formen sowie Ver triebs wege stützt, die sich experimentell weiter‑ entwickeln können, z. B. aus der Auseinander setzung mit den Erwar tungen und Interessen der Nutzer. 9) Durch die Möglich keit, sich Quellen und Informa tionen mittels einer einfachen Suchmaschinensuche (v. a. Google) in die Redak tion zu holen, hat sich Recherche ent lokalisiert, d. h. Orte und Akteure des Geschehens müssen nicht mehr persön‑ lich von Journalisten auf gesucht werden. Dabei über wiegen die Vor teile der digi‑ talen Recherche – z. B. Informa tions vielfalt, Zugang zu Primärquellen, Barriere‑ frei heit –, wenn es nicht bei einer digitalen Monokultur bleibt, sondern immer wieder Primärquellen in der Realwelt ge sucht werden. Bei der Zusammen fassung und Extrak tion großer Daten mengen durch Suchalgorithmen ist jedoch wahr‑ schein lich, dass deren vor sortierte, er gebnis optimierte Indizes (Page‑Ranks, Link‑ Populari tät, Einfluss nahme durch Werbung und PR) die Recherche von Journalisten durch Priorisie rungs‑, Klassifika tions‑ und Assozia tions mechanismen nach teilig be einflussen und steuern. Dies führt im Such verhalten zu Ver stärker‑, Filter‑ und Zensureffekten. 10) Unter schätzt wird häufig die Tiefen anforde rung digitaler Informa tions angebote – vor allem im Mobil bereich: Im Ver gleich zu den durch schnitt lichen Ver weilzeiten im Web werden z. B. Texte über mobile Endgeräte (Smartphone, Tablet) ver gleichs‑ weise lang und intensiv ge nutzt – ein Trend, der sich noch massiv ver stärken könnte. Erkennt nisse aus der minuten‑ bis sekunden genauen Auswer tung der Nutzungs gewohn heiten und den ver änderten Medien präferenzen des Publikums in die Gestal tung und redaktio nelle Planung des Medien angebots einfließen zu lassen, wird deshalb zu einer zentralen Orientie rungs größe des redak tio nellen Manage‑ ments. Der Rück koppe lung des ge messenen Response an Themen auswahl und 363 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus Gestal tung des redak tio nellen An gebots, auf die unsere repräsentative Inhalts analyse bereits einige Hinweise ge geben hat, könnte in Nachfolgestudien nach gegangen werden. Interessant wäre zu unter suchen, ob die zunehmende Kunden orientie rung in digitalen Medien zu inhalt lichen Effekten in Richtung von Popularisie rung, Ent politisie rung und Sensationalismus führt. 11) Die Logik der digitalen Ver triebs kultur er fordert innovative Erzählformen für mobile Anwen dungen und eine auf Endgeräte konfektionierte Berichterstat tung – mit dem Ergebnis, dass journalisti sche Beiträge in der Mobilität zuweilen eine andere Wertig keit er halten. Kürzere Texte machen jedoch noch keinen mobilen Journalismus aus – im Gegen teil muss das Mobile bei der journalisti schen Distribu‑ tion sowohl von der Ästhetik als auch von der publizisti schen Heran gehens weise her neu ge dacht werden, weil stationäres und mobiles Internet immer mehr zu‑ sammen fließen. Ein Vorteil für den Nutzer – z. B. im Ver gleich zur Print ausgabe – bei nahezu identi schen journalisti schen Inhalten wird vor allem durch ihr ästheti- sches Erschei nungs bild und das responsive Design er reicht, das die redak tio nellen Anpassungs bemühungen an die mobilen Um gebun gen unter streicht und sich von der statischen Form des Printprodukts klar abhebt. Digitale Ver sionen von Zeitun‑ gen und Zeitschriften (wie z. B. die App der Süd deutschen Zeitung und des Spiegel) bieten seit längerem Zusatz angebote (Add‑ons), die einzelne Artikel aus der Print‑ ausgabe digital anreichern: animierte Cartoons zur Erläute rung eines Sach verhalts, Fotogalerien, Interviews in AV‑Form, Leseproben u. v. m. Um einer bloßen Über‑ tragung von Printinhalten ins Digitale vorzu beugen, sollte der Mobil journalis mus insgesamt noch stärker den mobilen Rezep tions gewohn heiten folgen. 12) Die tägliche Arbeit des Digitalen Journalismus ist durch setzt von Technik: Der zunehmende Einsatz von Hardware und Software-Tools stellt neue Anforde rungen an die Kompetenzen in den Redak tionen bzw. an den digitalen Ver trieb der Medien häuser, wobei journalisti scher Content an Endgeräte ebenso an gepasst werden muss wie an die Formate von sozialen Netz werken und die unter schied‑ lichen Bildschirmgrößen von Smartphone, Tablet und PC („responsives Design“). Teil- und vollautomatisierte Hand lungs abläufe er möglichen dabei nicht nur eine produktive Gleichzeitig keit (Multi‑Tasking) journalisti scher Tätig keiten, sondern be günsti gen auch deren Aggrega tion und Ver dich tung – etwa mit Vor teilen für einen kontrollierten (und mengen mäßig zu be wälti gen den) Umgang mit User‑ Beiträgen, aber auch mit möglicher weise nach teili gen Folgen für die notwendi gen Refle xions zonen im journalisti schen Produk tions prozess. 13) Der hohe Stellen wert von Technologien aller Art materialisiert sich nicht nur im regen Einsatz techni scher Hilfs mittel und Hardware. Beispiels weise be fähigen 364 Redak tions‑ und Content‑Management‑Systeme Redak tionen, komplexe Arbeits‑ vorgänge aus unter schied lichen Ab teilungen zu zentralisie ren und mit einer Vielzahl von Redakteuren und Auf gaben zu koordinie ren. Im Ergebnis trägt diese Technisie‑ rung zu einer Ent räum lichung und Alloka tion von Ressourcen bei, die eine Pro‑ fessionalisie rung der journalisti schen Produk tions weisen be deuten kann – indem z. B. sich wieder holende Abläufe be schleunigt und präzisiert werden können. Zugleich erhöht sich bei zunehmen der Technikabhängig keit auch die Gefahr der Ver nachlässi gung von menschlich und analog ge steuerten Quali täts siche rungs‑ maßnahmen. 14) Das Berufs bild des Digitalen Journalisten setzt eine hohe Technikaffini tät voraus: Im Zuge der profes sio nellen Aus differenzie rung ist daher die Technik auch der größte Innova tions treiber bei der Weiter entwick lung und/oder Spezialisie rung journalisti scher Fertig keiten, z. B. zum Community‑Manager, zum Daten jour‑ nalisten, zum Social‑Media‑Redakteur oder zum Digital Storyteller. Die bisher an gewandten Möglich keiten der arbeits anteili gen Automatisie rung bleiben dabei jedoch hinter den Leistun gen mensch licher Intelligenz zurück. Noch in einem frühen Ent wick lungs stadium be findet sich die produktio nelle Kompetenz zum Daten journalismus, einem Hybrid an der Schnitt stelle zwischen digitaler Recherche, journalisti scher Erzäh lung und visueller Darstel lung von Daten beständen. Noch handelt es sich hier um ein Handwerk einiger weniger Spezialisten, das längst nicht zum Allgemeingut in den Redak tionen ge worden ist. Die journalisti schen Leistun gen im Digitalen können dabei neue Dimensionen von der Recherche bis zu den Erzähl weisen eröffnen – auch dank der Aus lage rung journalisti scher Kreativ‑ und Produk tions prozesse unter Einbezug der User (Crowdsourcing). 15) Die Dialogisie rung im Ver hältnis zum Publikum ist in ihrer Intensi tät medien‑ historisch neu und impliziert für Journalisten sowohl Kritik und Lob als auch Meinun gen und Hinweise, die zum Weiter recherchie ren oder zur Produk tion zielgruppen affiner Beiträge einladen. Die Teilhabe des Publikums bringt allerdings nicht nur Vor teile, sondern auch Heraus forde rungen für das professio nelle Audience Engagement mit sich. Eine über steigerte Aus rich tung des publizisti schen An gebots auf momentan fest stell bare, gleichwohl flüchtige Publikums wünsche kann eines dieser Probleme sein. Ein anderes ist im irritie ren den Einfluss von Störern („Trollen“) zu sehen, die mit dissozialem Diskurs das Gesprächsklima innerhalb einer Com‑ munity ver giften und die vom Medien anbieter eigent lich er wünschten seriösen Diskutanten ver treiben können. Damit ver bunden ist auch die Gefahr für digitale Medien, un gewollt zum Forum für politi schen Extremismus oder zum Opfer von Hetzkampagnen zu werden. Aus der Vielzahl der Inter aktionen mit dem Publikum 365 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus er wächst auch ein konkretisiertes Bild des (inter agie ren den) Publikums – allerdings noch ohne allgemeingültige Typologie, nach der die Redak tionen ihr Handeln aus‑ richten; bisher herrschen in der Vor stel lungs welt der Journalisten und Redak tionen Negativ‑ oder Idealtypen vor. 16) Soziale Netz werke sind im Digitalen Journalismus nicht nur Marketing‑Kanal und Ergän zung zum regulären Ver triebs weg, sondern sie dienen dem Community- Building, das die Geltung der journalisti schen Marke er weitern und stärken kann. Im redak tio nellen Tages geschäft werden die beiden sozialen Netz werke Facebook und Twitter weithin zur Ver brei tung von Inhalten, zur Erzeu gung von Traffic und zur Nutzer bindung ein gesetzt. Weil es vielen Medien häusern nur ansatz weise ge lingt, Traffic von sozialen Netz werken auf die eigene Website zu lenken, ver suchen sie, dieses Auf merksam keits defizit mit eigenen journalisti schen Präsenzen auf den großen Netzwerken Facebook und Twitter zu kompensie ren. Während Twitter als profes sio nelles Fach‑ und Nachrichten medium eine aus geprägte Agenda-Setting- Funktion für die journalisti sche Arbeit über nimmt, dient Facebook als reichweiten‑ stärkstes Stimmungs barometer und öffent licher Resonanzraum, wo Debatten voran getrieben werden und das Zeit gespräch der Gesell schaft abzu lesen ist. Auf anderen sozialen Netz werken und Platt formen wie z. B. Google+, Instagram, Tumblr oder Pinterest sind nur geringe Publika tions- und Rück kopp lungs-Effekte zu ver zeichnen, sie spielen als digitale Ver triebs kanäle bislang kaum eine nennens‑ werte Rolle. 17) Trotz der prinzipiellen Bereit schaft der Nutzer, sich gemein schaft lich an Dialogisie‑ rungs‑ und Produk tions prozessen zu be teili gen, ist eine Substitu tion des Journalismus durch das Publikum nicht ab sehbar, da der Großteil der Nutzer nie dauer haft in eine Produzenten rolle wird schlüpfen wollen. Dennoch wird die Dynamik der Digi- talisie rung in Bezug auf die exponierte Rolle des Publikums lange nicht nach lassen. Vielmehr werden neue Technologien weiter die mobilen Nutzungs bedin gungen be einflussen und dazu führen, dass Nutzer noch häufiger in jeder erdenk lichen Lebens situa tion rezipie ren, reagie ren und partizipie ren wollen. Somit wird sich die Rolle des Publikums ab sehbar weiter im Ver hältnis zum Kommunikator ent grenzen. 9.3.2 aus blick Automatisie rung, Permanenz, Mobilität und Dialogisie rung – all das hat zweifel los Aus wirkungen auf das journalisti sche Selbst verständnis. Ob diese nun als Einschrän‑ kungen oder Erweite rungen im Hinblick auf den Journalismus in seiner Funktion der 366 öffent lichen Meinungs‑ und Willens bildung wahrgenommen werden, liegt sicher im Auge des (wissen schaft lichen) Betrachters. Aus gehend von unserem normativen Ansatz deuten wir diese Neuerun gen vor allem als quali täts steigernde Momente im Journalismus zum Wohle demokrati scher Gesell schaften. Trotz einiger er heblicher Heraus forde rungen über wiegen aus unserer Sicht die Chancen, die mit der Ver zahnung des Analogen und des Digitalen einher gehen. In der Studie wurde gezeigt, dass die Partizipa tion des Publikums und der Digitale Journalismus im Idealfall ein Ver hältnis gegen seiti ger Stimulanz ein gehen können. Beide Seiten profitie ren, tendenziell ver bessert sich die Kommunika tions ökologie der Gesell schaft insgesamt. Dieser Prozess steht aber noch am Anfang. An gesichts der enormen Dynamik des Forschungs gegen stands sollte man sich mit Prognosen zurück halten. Fest zuhalten bleibt, dass der Lernbedarf auf beiden Akteursseiten noch er heblich ist: – journalis musseitig bei der Ent wick lung und Ver steti gung neuer Kompetenzen bis hin zu techni schen Fertig keiten, vor allem aber hinsicht lich des reifen kommu ni‑ kativen Umgangs mit einem an spruchs vollen Publikum; – publikums seitig in der Ent wick lung von Medien kompetenz, die die Bereit schaft zu zivilisiertem Diskurs ebenso einschließt wie die Wertschät zung und das Bewusst‑ sein für journalisti sche Logiken der Reali täts wahrneh mung und ‑verarbei tung, die nicht immer mit den Präferenzen des Publikums konform gehen müssen. Die ver schiedenen Ent wick lungs bedarfe sollten Konsequenzen haben für die journalisti‑ sche Aus‑ und Weiter bildung sowie für die Medien kompetenzförde rung. In die Aus‑ und Weiter bildung sollten die Medien anbieter investie ren – daraus folgen bessere digitale Produkte, die sich über den Markt lang fristig eher rentie ren werden. Denn auch dies steht fest: Das Publikum, so wie wir es heute kennen, ist hoch an spruchs voll und wird ausschließlich einen qualitativ hochwertigen Journalismus als preis-würdig anerkennen. Die Teilhabekompetenz des Publikums kann schon heute als hoch ein geschätzt werden. Allerdings ist es eine Minder heit, die sich derart einmischt und am Projekt Digitaler Journalismus ge staltend teilhat. Das Interesse daran und die Fähig keit dazu in weitere Bevölke rungs gruppen zu tragen, ist Aufgabe der zivilgesell schaft lichen, staat lichen und halbstaat lichen Medien kompetenzförde rung. Vor stell bar sind Qualifika‑ tions kurse, in denen Journalisten und Nutzer zusammen lernen und Muster des digitalen Quali täts journalismus ent wickeln. Medien kompetenz kann aber auch den zu er lernen den Selbst schutz der Nutzer be deuten, die eigene Reputa tion nicht durch un bedachte Äußerun gen in der medial‑digitalen Öffentlich keit zu ge fährden. 367 9 Posi tions bestim mung unD ent wick lungs Potenziale Des Digitalen Journalismus Der Digitale Journalismus ist neben den Social Media das stärkste Element, das zu der be gonnenen Umwäl zung der gesamt gesell schaft lichen Kommunika tions verhält‑ nisse beiträgt und weiter beitragen wird. In positiver Perspektive resultiert daraus mehr Wissen für alle – und resultieren neue Formen und Formate von Öffentlich keit. Die ge steigerte mediale Teilhabe kann für Einzelne auch eine ver besserte Wahrneh mung der eigenen Leben schancen be deuten. Mindestens aber wird die Teilhabe am gesell‑ schaft lichen Leben sowie an der politi schen Willens bildung ver bessert. Ebenso wie die Politik wird auch der Journalismus mit einem radikalisierten und permanenten Legitima tions zwang leben lernen müssen. Das kräftigt die Demokratie. Auf der anderen Seite sind er hebliche Gefahren für die demokrati sche Diskurs rationa‑ li tät (wie digital multiplizierte Hass rede, ge zielte Inszenie rung von Misstrauen gegen Institu tionen, Ver brei tung von manipulierten, nicht hinreichend ver ifizierten Netz‑ Informa tionen bis hin zu Fälschungen mit propagandisti schem Hinter sinn) nicht zu über sehen. Umso mehr bedarf es eines Journalismus, der auch in Zukunft seine Kritik‑ und Kontroll funk tion schärft und kompetent wahrnimmt. Und dies zu allen Seiten hin. 369 10 literatur Ahmad, A. M. (2010). Is Twitter a Useful Tool for Journalists? Journal of Media Practice, 11(2), 145–155. Allan, S. (2009). Online News: Journalism and the Internet. Maidenhead: Open University Press. Altmeppen, K.‑D. (1997). Der Wandel journalisti scher Arbeit zwischen neuen Medientechnolo‑ gien und ökonomi scher Rationali tät der Medien. Industrielle Beziehungen, 4(1), 11–26. Altmeppen, K.‑D., Donges, P. & Engels, K. (1999). Trans forma tion im Journalismus: Journalistische Qualifika tionen im privaten Rundfunk am Beispiel nord deutscher Sender. Berlin: Vistas. Altmeppen, K.‑D. (2004). Theorien zur Analyse von Basis kategorien journalisti schen Handelns. In M. Löffelholz (Hrsg.), Theorien des Journalismus: Ein diskursives Handbuch (2. Aufl., S. 419–433). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Altmeppen, K.‑D. (2006). Journalismus und Medien als Organisa tionen: Leistun gen, Strukturen und Management. Wiesbaden: VS Verlag. Altmeppen, K.‑D. & Arnold, K. (2013). Journalistik: Grundlagen eines organisationalen Hand- lungs feldes. München: Olden bourg. Ammann, I., Krämer, B. & Engesser, S. (2010). Bildhafte Themen und kuriose Typen: Die Bedeu tung der Fotos der Bild‑Leserreporter. Medien & Kommunika tions wissen schaft, 58(1), 83–101. Anderson, C. W., Bell, E. & Shirky, C. (2012). Post-Industrial Journalism: Adapting to the Present. Verfüg bar unter towcenter.org/research/post‑industrial‑journalism [07. 04. 2014]. Anderson, C. W. (2013). Rebuilding the News: Metropolitan Journalism in the Digital Age. Phila‑ delphia: Temple University Press. Arlt, H.‑J. & Storz, W. (2010). Wirtschafts journalismus in der Krise: Zum massen medialen Umgang mit Finanzmarkt politik. Frank furt a. M.: Otto‑Brenner‑Stiftung. Arnold, K. (2008). Qualität im Journalismus – ein integratives Konzept. Publizistik, 53, 488–508. Arnold, K. (2009). Quali täts journalismus: Die Zeitung und ihr Publikum. Konstanz: UVK. Attes lander, P. (1995). Methoden der empiri schen Sozialforschung. Berlin: De Gruyter. Auspurg, K., Hinz, T. & Liebig, S. (2009). Komplexi tät von Vignetten, Lerneffekte und Plausibili tät im Faktoriellen Survey. Methoden – Daten – Analysen, 3(1), 59–96. Aus serhofer, J. & Maireder, A. (2013). National Politics on Twitter. Information, Communication & Society, 16(3), 291–314. Baetz, B. (2012). Petz-Netz: WAZ will eigenes Wiki Leaks. Ver fügbar unter www.deutschland funk.de/petz‑netz.862.de. html?dram:article_id= 123663 [07. 04. 2014]. Baum, A. (1994). Journalisti sches Handeln: Eine Kritik der Journalis musforschung. Opladen: West deutscher Verlag. Beam, M. A. & Kosicki, G. M. (2014). Personalized News Portals: Filtering Systems and Increased News Exposure. Journalism & Mass Communication Quarterly, 91(1), 59–77. Beck, K., Reineck, D. & Schubert, C. (2010). Journalisti sche Qualität in der Wirtschafts krise. Konstanz: UVK. 370 Beck, U. (1996). Wissen oder Nicht‑Wissen? Zwei Perspektiven reflexiver Modernisie rung. In U. Beck, A. Giddens & S. Lash, Reflexive Modernisie rung: eine Kontroverse (S. 289–320). Frank furt a. M.: Suhrkamp. Beiler, M. (2013). Nachrichten suche im Internet: Inhalts analyse zur journalisti schen Qualität von Nachrichten suchmaschinen. Konstanz: UVK. Bell, E. (2012). The robot journalist: an apocalypse for the news industry? Verfüg bar unter http:// www.theguardian.com/media/2012/may/13/robot‑journalist‑apocalypse‑news‑industry [11. 04. 2014]. Benninghaus, H. (2007). Deskriptive Statistik: Eine Einfüh rung für Sozialwissen schaftler. Wies‑ baden: VS Verlag. Bitkom (2013). Soziale Netz werke 2013: Eine repräsentative Unter suchung zur Nutzung sozialer Netz werke im Internet (3., er weiterte Studie). Ver fügbar unter www.bitkom.org/files/ documents/SozialeNetzwerke_2013. pdf [08. 03. 2014]. Blecken, O. (2014). „Social TV Buzz“-Ranking von Mediacom: „GNTM“ im Februar top, „Circus Halli Galli“ vor bild lich. Ver fügbar unter medienkritik‑schweiz.ch wp‑content/uploads/2010/11/ TA_Blum. pdf [16. 03. 2014]. Bortz, J. & Schuster, C. (2010). Statistik für Human- und Sozialwissen schaftler. Berlin: Springer. Bouhs, D. (2012). Medien und Beruf: Das Netz hilft. Medium Magazin, 3, 36–37. Bowman, S. & Willis, C. (2003). We media: How audiences are shaping the future of news and information. Reston: Media Center at the American Press Institute. Branch, J. (2012). Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek. Verfüg bar unter www. nytimes.com/projects/2012/snow‑fall/#/?part= tunnel‑creek [08. 04. 2014]. Braun, H. (2013). Was ihr so meint. c’t – Magazin für Computertechnik, 17, 154–157. Braun, J. & Gillespie, T. (2011). Hosting the Public Discourse: Hosting the Public. Journalism Practice, 5(4), 383–398. Breunig, C., Hofsümmer, K.‑H., Schröter, C. (2013). Funktionen und Stellen wert der Medien – das Internet im Kontext von TV, Radio und Zeitung. Media Perspektiven, 3, 122–144. Brosda, C. (2008). Diskursiver Journalismus: Journalisti sches Handeln zwischen kommunikativer Ver nunft und medien systemi schem Zwang. Wiesbaden: VS Verlag. Brosda, C. (2013). Digitale Chancen für das gesell schaft liche Zeit gespräch. In M. J. Eumann, F. Gerlach, T. Rößner & M. Stadelmaier (Hrsg.), Medien, Netz und Öffentlich keit: Impulse für die digitale Gesell schaft (S. 171–181). Essen: Klartext. Brosius, H.‑B., Koschel, F. & Haas, A. (2009). Methoden der empiri schen Kommunika tions- forschung: Eine Einfüh rung (5. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag. Bruns, A. (2005). Gatewatching: Collaborative Online News Production. New York: Peter Lang. 371 10 literatur Bruns, A. (2010). The Active Audience: Transforming Journalism from Gatekeeping to Gate‑ watching. In C. Paterson & D. Domingo (Hrsg.), Making Online News: The Ethnography of New Media Production (S. 171–184). New York: Peter Lang. Bucher, H.‑J. (2003). Journalisti sche Qualität und Theorien des Journalismus. In H.‑J. Bucher & K.‑D. Altmeppen (Hrsg.), Qualität im Journalismus: Grundlagen, Dimensionen, Praxis modelle (S. 11–34). Wiesbaden: West deutscher Verlag. Bucher, H.‑J., Gloning, T. & Lehnen, K. (Hrsg.) (2010). Neue Medien – neue Formate: Aus- differenzie rung und Konvergenz in der Medien kommunika tion. Frankfurt a. M.: Campus. Bucher, T. (2012). Want to be on the Top? Algorithmic Power and the Threat of Invisibility on Facebook. New Media & Society, 14(7), 1164–1180. Buhl, F. (2014). Agenda‑Setting‑Prozesse zwischen Massen medien und Blogosphäre: Eine Zeitreihen analyse politi scher Thematisie rungs prozesse in Deutschland. In D. Frieß, J. Jax & A. Michalski (Hrsg.), Sprechen Sie EU? Das kommunikative Ver sagen einer großen Idee (S. 51–70). Berlin: Frank & Timme. Bumgarner, B. A. (2007). You have been poked: Exploring the uses and gratifications of Facebook among emerging adults. Ver fügbar unter firstmonday.org/article/view/2026/1897 [01. 02. 2014]. Burgess, J. & Bruns, A. (2012). The Twitter Election: The Dynamics oft he #ausvotes Conver‑ sation in Relation to the Australian Media Ecology. Journalism Practice, 6(3), 384–402. Burkart, R. (1998). Kommunika tions wissen schaft: Grundlagen und Problemfelder: Umrisse einer interdis ziplinären Sozialwissen schaft. Wien: Böhlau. Busemann, K. & Gscheidle, C. (2010). Web 2.0: Nutzung steigt – Interesse an aktiver Teilhabe sinkt: Ergeb nisse der ARD/ZDF‑Onlinestudie 2010. Media Perspektiven, 7–8, 359–368. Busemann, K. & Gscheidle, C. (2012). Web 2.0: Habitualisie rung der Social Communitys. Media Perspektiven, 7–8, 380–390. Busemann, K. & Engel, B. (2012). Wandel der Medien nut zungs profile im Zeitalter des Internet: Analysen auf Basis der ARD‑/ZDF‑Langzeit studie Massen kommunika tion. Media Perspek- tiven, 3, 133–146. Busemann, K. (2013). Wer nutzt was im Social Web? Ergeb nisse der ARD/ZDF‑Onlinestudie 2013. Media Perspektiven, 7–8, 391–399. Caspari, L. (2014). Sexismus-Debatte: Der #auf schrei und seine Folgen. Ver fügbar unter http:// www.zeit.de/politik/deutschland/2014‑01/sexismus‑debatte‑folgen [16. 03. 2014]. Castells, M. (2003). Das Informa tions zeitalter: Der Auf stieg der Netz werk gesell schaft (Bd. 1). Opladen: Leske + Budrich. Chen, G. M. (2011). Tweet this: A Uses and Gratifications Perspective on how Active Twitter Use Gratifies a Need to Connect with Others. Computers in Human Behavior, 27(2), 755–762. Chow, C.‑Y. (2012). Rise of the robot journalist. Verfüg bar unter www.scmp.com/article/ 1007279/rise‑robot‑journalist [11. 04. 2014]. Clasen, N. (2013). Der digitale Tsunami: Das Innovator’s Dilemma der tradi tio nellen Medien- unternehmen. Leipzig: CreateSpace. Constine, J. (2012). Do Blogs need Comment Reels? Yes, and here’s how. Verfüg bar unter http:// www.techcrunch.com/2012/01/04/blogs‑need‑comments/ [12. 01. 2014]. 372 Dahlgren, P. (2009). The troubling Evolution of Journalism. In B. Zelizer (Hrsg.), The Chang- ing Faces of Journalism. Tabloidization, Technology and Truthiness (S. 146–161). London: Routledge. Dalen, A. van (2012). The Algorithms behind The Headlines. Journalism Practice, 6(5+6), 648–658. Dalen, A. van (2013). Automatisierte Nachrichten – Albtraum oder Chance? Ver fügbar unter www.vocer.org/automatisierte‑nachrichten‑albtraum‑oder‑chance/ [29. 10. 2013]. Daniel, A. & Flew, T. (2010). The Guardian Reportage of the UK MP Expenses Scandal: A Case Study of Computational Journalism. Communications Policy and Research Forum 2010, 15–16 November 2010, Sydney. Davies, N. (2009). Flat Earth News: An Award-winning Reporter Exposes Falsehood, Distortion and Propaganda in the Global Media. London: Chatto & Windus. Degen, H.‑W., Beckschwarte, B., Hoffmann, W., Seifert, P., Augen stein, L. & Hohmann, R. (2008). Modera tion im Forum. Ver fügbar unter object‑innovation.de/kommunikation/ anschreiben_zum_forum. pdf [22. 01. 2014]. Dernbach, B. & Quandt, T. (Hrsg.) (2009). Spezialisie rung im Journalismus. Wiesbaden: VS Verlag. Deuze, M. (2006). Liquid Journalism: Working Paper. Verfüg bar unter scholarworks. iu.edu/dspace/bitstream/handle/2022/3202/Deuze%20Liquid%20Journalism%202006. pdf?sequence= 1 [08. 04. 2014]. Deuze, M. (2008). The Changing Context of News Work: Liquid Journalism and Monitorial Citizenship. International Journal of Communication, 2, 848–865. Diakopoulos, N. (2014). Algorithmic Accountability Reporting: On the Investigation of Black Boxes. Verfüg bar unter towcenter.org/algorithmic‑accountability‑2 [07. 03. 2014]. Diekmann, A. (2010). Empirische Sozialforschung: Grundlagen – Methoden – Anwen dungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Diskurs@DRadio (2013). Über Diskurs@Deutschlandfunk. Ver fügbar unter diskurs.dradio. de/about/ [01. 09. 2013]. Dogruel, L., Beck, K. & Reineck, D. (2011). Wirtschaft Online: Zweit verwer tung oder publi‑ zisti scher Mehrwert? Eine Analyse aus Kommunikatorsicht. Publizistik, 55(3), 231–251. Domingo, D., Quandt, T., Heinonen, A., Paulussen, S., Singer, J. & Vujnovic, M. (2008). Participatory journalism practices in the media and beyond: An international comparative study of initiatives in online newspapers. Journalism Practice, 2(3), 326–342. Donsbach, W. (1982). Legitima tions probleme des Journalismus: Gesell schaft liche Rolle der Massen- medien und beruf liche Einstel lung von Journalisten. Freiburg: Alber. Donsbach, W., Rentsch, M., Schielicke, A.‑M. & Degen, S. (2009). Entzaube rung eines Berufs: Was die Deutschen vom Journalismus er warten und wie sie ent täuscht werden. Konstanz: UVK. Dovifat, E. (1955). Zeitungs lehre I: Theoreti sche und recht liche Grundlagen – Nachricht und Meinung – Sprache und Form. Berlin: De Gruyter. Downie, J. L. & Schudson, M. (2009). The Reconstruction of American Journalism. Verfüg bar unter www.journalism.columbia.edu/system/documents/1/original/Reconstruction_ of_Journalism. pdf [07. 03. 2014]. 373 10 literatur Dyer, Z. (2013). I, Reporter: Robots in the Newsroom: Journalism in the Americas Blog. Verfüg‑ bar unter knightcenter.utexas.edu/blog/00‑13238‑i‑reporter‑robots‑newsroom [07. 04. 2014]. Ebers bach, A., Glaser, M., & Heigl, R. (2008). Social Web. Konstanz: UVK. Eberwein, T., Brinkmann, J. & Sträter, A. (2012). Zivilgesell schaft liche Medien regulie rung: Chancen und Grenzen journalisti scher Quali täts siche rung durch das Social Web. In A. Filipovic, M. Jäckel & C. Schicha (Hrsg.), Medien- und Zivilgesell schaft (S. 245–258). Weinheim: Beltz Juventa. Eick, D. (2014). Digitales Erzählen: Die Dramaturgie der Neuen Medien. Konstanz: UVK. Eickel kamp, A. & Seitz, J. (2013). Journalismus-Bibliothek: Ratgeber: Basis wissen für die Medien- praxis (Bd. 11). Köln: Herbert von Halem. Eimeren, B. van & Frees, B. (2013). Rasanter Anstieg des Internet konsums – Onliner fast drei Stunden täglich im Netz: Ergeb nisse der ARD/ZDF‑Onlinestudie 2013. Media Perspektiven, 7–8, 358–372. Engels, K. (2002). Kommunika tions berufe im sozialen Wandel: Theoreti sche Über legungen zur Ver ände rung institu tio neller Strukturen er werbsorientierter Kommunika tions arbeit. Medien & Kommunika tions wissen schaft, 50(1), 7–25. Engesser, S. (2008). Partizipativer Journalismus: Eine Begriffs analyse. In A. Zerfaß, M. Welker & J. Schmidt (Hrsg.), Kommunika tion, Partizipa tion und Wirkun gen im Social Web: Strategien und Anwen dungen: Perspektiven für Wirtschaft, Politik und Publizistik, (Bd. 2, S. 47–71). Köln: Herbert von Halem. Engesser, S., Krämer, B. & Ammann, I. (2010). Bereichernd oder belang los? Der Nachrichten‑ wert partizipativer Pressefotografie im Boulevardjournalismus. Publizistik, 55(2), 129–151. Engesser, S. (2013). Die Qualität des Partizipativen Journalismus im Web: Bausteine für ein inte- gratives theoreti sches Konzept und eine explanative empiri sche Analyse. Wiesbaden: Springer VS. Entman, R. M. (2009). Projections of Power: Framing News, Public Opinion and U. S. Foreign Policy. Chicago: The University of Chicago Press. Ertl, A. & Laborenz, K. (2014). Responsive Webdesign: Anpassungs fähige Websites programmie ren und ge stalten. Bonn: Galileo Press. Fassler, J. (2012). Can the Computer at Narrative Science Replace Paid Writers? The Atlantic. Ver fügbar unter www.zeit.de 2014/13/sueddeutsche‑zeitung‑ploechinger [15. 04. 2014]. Fischer, F. (2013). Ferngesteuerte Meinungs macher. Ver fügbar unter www.zeit.de/digital/ internet/2013‑05/twitter‑social‑bots [17. 03. 2014]. 374 Fischer, S. (2014). Mit Gefühl. Süd deutsche Zeitung, 20. 02. 2014, 27. Franck, G. (1998). Ökonomie der Auf merksam keit: Ein Ent wurf. München: Hanser. Franklin, B. (2012). The Future of Journalism. Journalism Studies, 13(5+6), 663–681. Friedrichs, J. (1980). Methoden der empiri schen Sozialforschung. Opladen: West deutscher Verlag. Friedrichsen, M. & Kohn, R. A. (2013). Digitale Politik vermitt lung: Chancen und Risiken inter- aktiver Medien. Wiesbaden: Springer VS. Frings, C. (2010). Soziales Ver trauen: Eine Integra tion der soziologi schen und der ökonomi schen Vertrauens theorie. Wiesbaden: VS Verlag. Fuchs, T. (2013). Raus aus dem Korsett: Auf find bar keit als neues Paradigma der Medien regulie‑ rung. In L. Hachmeister & D. Anschlag (Hrsg.), Rundfunk politik und Netzpolitik: Struktur- wandel der Medien politik in Deutschland (S. 130–139). Köln: Herbert von Halem. Geertz, C. (1983). Dichte Beschrei bung: Beiträge zum Ver stehen kultureller Systeme. Frank furt a. M.: Suhrkamp. Gehrau, V. (2002). Die Beobach tung in der Kommunika tions wissen schaft. Konstanz: UVK. Gillmor, D. (2006). We the Media: Grassroots Journalism by the People, for the People. Peking: O’Reilly. Glotz, P. & Langen bucher, W. (1969). Der missachtete Leser: Zur Kritik der deutschen Presse. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Goldberg, S. (2013). Robot Writers and the Digital Age. Verfüg bar unter cjrarchive.org/img/posts/report/The_Story_ So_Far. pdf [07. 04. 2014]. Grüner, U. & Sauer, Ch. (2010). Quali täts management in Redak tionen. Das Coaching‑Buch für Chefs & solche, die es werden. Norder stedt: Books on Demand. Gynnild, A. (2013). Journalism innovation leads to innovation journalism: The impact of compu- tational explora tion on changing mindsets. Ver fügbar unter jou.sagepub.com/content/ early/2013/05/19/1464884913486393.full. pdf+html [10. 04. 2014]. Habermas, J. (1962). Strukturwandel der Öffentlich keit: Unter suchungen zu einer Kategorie der bürger lichen Gesell schaft. Neuwied: Luchterhand. Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns: Hand lungs rationali tät und gesell- schaft liche Rationalisie rung (Bd. 1). Frank furt a. M.: Suhrkamp. Habermas, J. (2008). Ach, Europa: Kleine politi sche Schriften XI. Frank furt a. M.: Suhrkamp. 375 10 literatur Habermas, J. (2007). Medien märkte und Konsumenten. „Die be sondere Natur der Waren Bildung und Informa tion“ – Die seriöse Presse als Rück grat der politi schen Öffentlich keit. Süd deutsche Zeitung, 16. 05. 2007, 13. Hagen, L. M. (1995). Informa tions qualität von Nachrichten: Mess methoden und ihre Anwen dung auf die Dienste von Nachrichten agenturen. Opladen: West deutscher Verlag. Haller, M. (2003). Qualität und Benchmarking im Printjournalismus. In H.‑J. Bucher & K.‑D. Altmeppen (Hrsg.), Qualität im Journalismus: Grundlagen, Dimensionen, Praxis modelle (S. 181–202). Wiesbaden: West deutscher Verlag. Haller, M. (2008). Recherchie ren (7. Aufl., unver. Nachdruck). Konstanz: UVK. Haller, M. (2013). Welche Storys sollen Journalisten er zählen? Message, 1, 76–78. Hansen, E. (2012). Aporias of digital journalism. Journalism, 14(5), 678–694. Hardaker, C. (2010): Trolling in asynchronous computer‑mediated communication: From user discussions to academic definitions. Journal of Politeness Research, 6(2), 215–242. Heijnk, S. (2013). Zu viel Hü und zu viel Hott. Message, 1, 68–71. Heinrich, A. (2011). Network Journalism: Journalistic Practice in Interactive Spheres. New York: Routledge. Herbert, J. (2001). Journalism in the Digital Age: Theory and Practice for Broadcast, Print and On-line Media. Oxford: Focal Press. Hermida, A. (2010). Twittering the News: The Emergence of Ambient Journalism. Journalism Practice, 4(3), 297–308. Himelboim, I. & McCreery, S. (2012). New technology, old practices: Examining news websites from a professional perspective. Covergence, 18, 427–444. Hoffmann, W. (2011). Der Spiegel und der Rechts-Terrorismus: Leserbrief an den Spiegel. Ver‑ fügbar unter spiegelkritik.de wp‑content/uploads/2011/11/SpiegelKritik_Leserbrief_ 20111116. pdf [22. 01. 2014]. Hohlfeld, R. (2003). Journalismus und Medien forschung: Theorie, Empirie, Transfer. Konstanz: UVK. Hohlfeld, R. (2013). Journalisti sche Beobach tungen des Publikums. In K. Meier & C. Neuberger (Hrsg.), Journalis musforschung: Stand und Perspektiven (S. 135–147). Baden Baden: Nomos. Holzinger, T. & Sturmer, M. (2010). Die Online-Redak tion: Praxis buch für den Internetjournalis- mus. Heidelberg: Springer. Howe, J. (2008). Crowdsourcing: Why the Power of the Crowd is Driving the Future of Business. New York: Crown Business Publishing. Hughes, D. J., Rowe, M., Batey, M. & Lee, A. (2012). A Tale of two Sights: Twitter vs. Facebook and the Personality Predictors of Social Media Usage. Computers in Human Behavior, 28(2), 561–569. Ingram, M. (2014). A print newspaper generated by robots: Is this the future of media or just a sideshow? Ver fügbar unter: gigaom.com/2014/04/14/ a‑print‑newspaper‑generated‑by‑ robots‑is‑this‑the‑future‑of‑media‑or‑just‑a‑sideshow/ [14. 04. 2014]. Initiative D21. (2013). D21 – Digital – Index: Auf dem Weg in ein digitales Deutschland?! Eine Studie der Initiative D21, durch geführt von TNS Infratest. Ver fügbar unter www. initiatived21.de/ wp‑content/uploads/2013/05/digialindex_03. pdf [29. 11. 2013]. Jakubetz, C. (2012). Cross media (2. Aufl.). Konstanz: UVK. 376 Jakubetz, C., Langer, U. & Hohlfeld, R. (Hrsg.) (2011). Universalcode: Journalismus im digitalen Zeitalter. München: eurylcia. Jandura, O., Quandt, T. & Vogelgesang, J. (Hrsg.) (2011). Methoden der Journalis musforschung. Wiesbaden: VS Verlag. Jarvis, J. (2008). Every Journalist a Mojo. Verfüg bar unter www.buzzmachine.com 2008/ 02/ 11/every‑journalist‑a‑mojo [20. 03. 2014]. Jebril, N. (2013). Is Watchdog Journalism Satisfactory Journalism? A Cross-national Study of Public Satisfaction with Political Coverage (Working Paper). Verfüg bar unter reutersinstitute. politics.ox. ac.uk/fileadmin/documents/Publications/Working_Papers/Watchdog_ Journalism_and_Public_Satisfaction. pdf [05. 04. 2014]. Jönsson, A. M., & Örnebring, H. (2011). User‑generated content and the news: Empowerment of citizens or interactive illusion? Journalism Practice, 5(2), 127–144. Jones, J. & Salter, L. (2012). Digital Journalism. London: Sage. Jung, I. (2009). Gehackt: Wie ein Anonymus die Medien hinters Licht führte: Gutten berg und der Wiki‑Wilhelm. Hamburger Abendblatt, 12. 02. 2009, 1. Kaiser, U. (2012). Arbeits markt und Berufschancen. Ver fügbar unter www.djv.de en/ startseite/info/themen‑wissen/aus‑und‑weiterbildung/arbeitsmarkt‑und‑berufschancen. html [05. 04. 2014]. Katz, E., Gurevitch, M. & Haas, H. (1973). On the use of the Mass Media for important things. American Sociological Review, 38(2), 164–181. Kayser, B. (2013). Wie Computer den Journalismus ver ändern. In L. Kramp, L. Novy, D. Ball‑ wieser & K. Wenzlaff (Hrsg.), Journalismus in der digitalen Moderne: Einsichten – Ansichten – Aus sichten (S. 135–139). Wiesbaden: Springer VS. Kepplinger, M. (1979). An gepasste Außen seiter: Wie Journalisten denken und wie sie arbeiten. Freiburg i. B.: Karl Alber. Kern, H. & Schumann, M. (1977). Industriearbeit und Arbeiter bewusstsein: eine empiri sche Unter suchung über den Einfluss der aktuellen techni schen Ent wick lung auf die industrielle Arbeit und das Arbeiter bewusstsein. Frank furt a. M.: Suhrkamp. Keyling, T., Karnowski, V., Leiner, D. (2013). Nachrichtendiffusion in der virtuellen Media‑ Polis sozialer Netz werke: Wie sich Nachrichten artikel über Facebook, Twitter und Google+ ver breiten. In B. Pfetsch, J. Greyer & J. Trebbe (Hrsg.), Media Polis – Kommunika tion zwischen Boulevard und Parlament: Strukturen, Ent wick lungen und Probleme von politi scher und zivilgesell schaft licher Öffentlich keit (S. 209–227). Konstanz: UVK. Kimpeler, S., Mangold, M. & Schweiger, W. (Hrsg.) (2007). Die digitale Heraus forde rung: Zehn Jahre Forschung zur computer vermittelten Kommunika tion. Wiesbaden: VS Verlag. King, E. (2010). Free for All: The Internet’s Transformation of Journalism. Evanston: Northwestern University Press. Klaus, E. (1996). Der Gegen satz von Informa tion ist Desinforma tion, der Gegen satz von Unter‑ haltung ist Langeweile. Rundfunk und Fernsehen, 44(3), 402–417. Kleining, G. (1995). Lehrbuch Ent deckende Sozialforschung: Von der Hermen eutik zur qualitativen Heuristik (Bd. 1). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union. Klumpe, B. (2011). 15 Jahre Onlineforschung bei ARD und ZDF. Media Perspektiven, 7–8, 370–376. 377 10 literatur Köcher, R. (1985). Spürhund und Missionar: Eine ver gleichende Unter suchung über Berufsethik und Aufgaben verständnis britischer und deutscher Journalisten. Disserta tion, Universi tät München. Kohring, M. (2004). Vertrauen in Journalismus: Theorie und Empirie. Konstanz: UVK. Kohring, M. (2010). Ver trauen in Medien? In M. K. Schweer (Hrsg.), Vertrauens forschung: A State of the Art (S. 125–150). Frank furt a. M.: Peter Lang. Kolo, C. & Weichert, S. (2014). Germany: Evaluating Alternatives to Finance Quality Journa‑ lism. In Murschetz, P. (Hrsg.), State Aid for Newspapers. Theories, Cases, Actions. (S. 215–235). Berlin: Springer. Kovach, B. & Rosenstiel, T. (2007). The Elements of Journalism: What News people Should Know and the Public Should Expect (2. überarb. Aufl.). New York: Three Rivers Press. Kramp, L. & Weichert, S. (2010). Die Meinungs macher: Über die Ver wahrlo sung des Haupt- stadtjournalismus. Hamburg: Hoffmann und Campe. Kramp, L., Weichert, S. & Nieland, J.‑U. (2011). Das Publikum als Quali täts instanz: Plädoyer für eine neue Beschwerdekultur. Forschungs journal Soziale Bewegun gen, 1, 87–92. Kramp, L. & Weichert, S. (2012a). Bedingt innovativ: Wie Zeitun gen auf die Medien krise reagie ren. epd medien, 16, 5–9. Kramp, L. & Weichert, S. (2012b). Innova tions report Journalismus: Ökonomi sche, medien politi- sche und handwerk liche Faktoren im Wandel. Bonn: Friedrich‑Ebert‑Stiftung. Kramp, L., Novy, L., Ballwieser, D. & Wenzlaff, K. (2013). Journalismus in der digitalen Moderne: Einfüh rung. In L. Kramp, L. Novy, D. Ballwieser & K. Wenzlaff (Hrsg.), Jour- nalismus in der digitalen Moderne: Einsichten – Ansichten – Aus sichten, (S. 7–14). Wiesbaden: Springer VS. Krik kel, D., Leymann, N., Schrenk, G. & Stand, A. (1994). Das Auf brechen der „klassi schen Kommunika tions kategorien“ durch die Internetdienste. Ver fügbar unter http:// ig.cs. tu‑berlin. de/oldstatic/s94/511/Reader/www/ F/index_html [17. 11. 2013]. Kurz, C. & Rieger, F. (2012). Die Daten fresser: Wie Internet firmen und Staat sich unsere persön- lichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurück erlangen. Frank furt a. M.: S. Fischer. Lamnek, S. (1995a). Qualitative Forschung: Methodologie (Bd. 1, 3. korr. Aufl.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union. Lamnek, S. (1995b). Qualitative Forschung: Methoden und Techniken (Bd. 2, 3. korr. Aufl.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union. Lang, K. (2014). Hubert Burda: „Allein mit Quali täts journalismus kann heute niemand mehr leben“. Ver fügbar unter www.ojr.org/ojr/ workplace/1060217106. php [30. 01. 2014]. Lazars feld, P. F., Berleson, B. & Gaudet, H. (1944). The People’s Choice: How the Voter Makes Up his Mind in a Presidential Campaign. New York: Duell, Sloan and Pearce. Leif, T. (2010). „Qualität kommt von Qual“: Warum Fact‑Checking das Leis tungs versprechen des Quali täts journalismus ist? In Netz werk Recherche (Hrsg.), Fact-Checking: Fakten fin- den, Fehler ver meiden (S. 4–5). Dokumenta tion zur nr‑Fachkonferenz, 27./28. März 2010, Hamburg. Leinemann, J. & Schnibben, C. (1995). Cool bleiben, nicht kalt: Der Fernsehmoderator Hans‑ Joachim Friedrichs über sein Journalisten leben. Der Spiegel, 13, 112–119. Levy, S. (2012). Can an Algorithm Write a Better News Story Than a Human Reporter? Wired, 24. 04. 2012, 132–139. Lewis, S. C., Holten, A. E. & Coddington, M. (2014). Reciprocal Journalism. Journalism Practice, 8(2), 229–241. Leß möllmann, A. (2012). Daten journalismus: Chance für den Journalismus von morgen: Für die Journalistik eröffnet sich ein interessantes Forschungs feld. Ver fügbar unter www.dwdl.de/magazin/27050/die_geschichte_einer_zuflligen_ recherche_zur_tragdie/ [07. 01. 2014]. 379 10 literatur Lückerath, T. (2014). Frank Plasberg: „Mir ist die Hutschnur ge platzt“. Ver fügbar unter http:// www.dwdl.de/interviews/44218/frank_plasberg_mir_ist_die_hutschnur_geplatzt/ [17. 01. 2014]. Lütkemeier, C. & Müller, S. (2014). Presserat will Regeln für Online-Kommentare. Ver fügbar unter fedora.phaidra.univie.ac.at/fedora/get/ o:64004/bdef:Content/get [24. 02. 2014]. Maletzke, G. (1963). Psychologie der Massen kommunika tion. Hamburg: Hans Bredow Institut. Malik, M. & Scholl, A. (2009). Eine be sondere Spezies: Strukturen und Merkmale des Internet‑ journalismus. In C. Neuberger, C. Nuernberg & M. Rischke (Hrsg.), Journalismus im Internet: Profession, Partizipa tion, Technik (S. 169–195). Wiesbaden: VS Verlag. Marschall, C. von & Obertreis, R. (2013). Gefähr liches Zwitschern: Eine Twitter‑Falschmeldung führt zum Einbruch des Dow Jones – das könnte künftig häufiger passie ren. Der Tages- spiegel, 24. 04. 2013, 17. Matzen, N. (2014). Onlinejournalismus (3. überarb. Aufl.). Konstanz: UVK. Mayer, H. O. (2009). Qualitative Befra gung – Das Leitfaden interview. In H. O. Mayer. Interview und schrift liche Befra gung: Grundlagen und Methoden empiri scher Sozialforschung (S. 37–57). München: Olden bourg. Mayring, P. (2008). Qualitative Inhalts analyse: Grundlagen und Techniken (10. Aufl.). Weinheim: Beltz. McQuail, D., Blumler, J. G. & Brown, J. R. (1972). The Television Audience: A Revised Perspective. In D. McQuail (Hrsg.), Sociology of Mass Communications (S. 135–165). Harmonds worth: Penguin. McQuail, D. (1992). Media Performance: Mass Communication and the Public Interest. London: Sage. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest. (Hrsg.) (2013). JIM-Studie: Jugend, Informa- tion, (Multi-)Media – Basis untersuchung zum Medien umgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart: MPFS. Meier, C. (2014): Eine kleine Typologie der Tweets zum Thema #Hoodiejournalismus. Meedia, 24. 3. 2014. www.slate.com/articles/technology/ future_tense/2012/03/narrative_science_robot_journalists_customized_news_and_the_ danger_to_civil_discourse_. html [11. 04. 2014]. Morozov, E. (2013). To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. New York: Public Affairs. Mott, F. L. & Casey, R. D. (Hrsg.) (1937). Interpretations of Journalism: A Book of Readings. New York: F. S. Crofts & Co. Mulligan, M. (2012). The Rise of The Robot. Verfügbar unter www.niemanlab.org/2012/12/ the‑rise‑of‑the‑robot/ [20. 03. 2014]. Muthukumaraswamy, K. (2010). When the media meet crowds of wisdom: How journalists are tapping into audience expertise and manpower for the processes of newsgathering. Journalism Practice, 4(1), 48–65. Napoli, P. M. (1997). Rethinking Program: Diversity Assessment: An Audience‑Centered Approach. The Journal of Media Economics, 10(4), 59–74. Netz werk Recherche e. V. (Hrsg.) (2005). Online-Journalismus: Chancen, Risiken und Neben- wirkun gen der Internet-Kommunika tion. Wiesbaden: Color Druck Leimen. Netz werk Recherche e. V. (Hrsg.) (2011). Online-Journalismus. Zukunfts pfade und Sack gassen. Wiesbaden: Color Druck Leimen. Netz werk Recherche e. V. & Schnedler, T. (2011). Getrennte Welten? Journalismus und PR in Deutschland. URL: www.netzwerkrecherche.de/files/ nr‑werkstatt‑20‑getrennte‑welten‑ 2011. pdf [12. 03. 2014]. Neuberger, C. (2007). Nutzer beteili gung im Online‑Journalismus: Perspektiven und Probleme der Partizipa tion im Internet. In H. Rau (Hrsg.), Zur Zukunft des Journalismus (S. 61–94). Frank furt a. M.: Peter Lang. Neuberger, C. (2008). Internet und Journalis musforschung: Theoreti sche Neujustie rung und Froschungs agenda. In T. Quandt & W. Schweiger (Hrsg.), Journalismus online – Partizipa- tion oder Profession? (S. 17–42). Wiesbaden: VS Verlag. Neuberger, C., Nuernbergk, C. & Rischke, M. (2008). Der Leser: Unser neuer Mitarbeiter: Viele Ver lage setzen auf Nutzer beteili gung: Doch ihre Web‑Angebote profitie ren nicht immer vom Dialog mit dem Leser, wie die bislang größte Erheb nung in Online‑Redak‑ tionen offenbart. Message, 1, 10–16. 381 10 literatur Neuberger, C. (2009). Internet, Journalismus und Öffentlich keit: Analyse des Medien umbruchs. In C. Neuberger, C. Nuernberg & M. Rischke (Hrsg.), Journalismus im Internet: Profession – Partizipa tion – Technik (S. 19–105). Wiesbaden: VS Verlag. Neuberger, C., Nuernbergk, C. & Rischke, M. (Hrsg.) (2009a). Journalismus im Internet: Pro- fession – Partizipa tion – Technik. Wiesbaden: VS Verlag. Neuberger, C., Nuernbergk, C. & Rischke, M. (2009b). Crossmedialität oder Ablösung? An‑ bieter befragung I: Journalismus im Übergang von den traditionellen Massenmedien ins Internet. In C. Neuberger, C. Nuernbergk & M. Rischke (Hrsg.), Journalismus im Internet: Profession – Partizipa tion – Technik (S. 231–269). Wiesbaden: VS Verlag. Neuberger, C., Nuernbergk, C. & Rischke, M. (2009c). Profession, Partizipa tion, Technisie‑ rung: Anbieter befra gung II: Internetjournalismus im Beziehungs geflecht. In C. Neuberger, C. Nuernbergk & M. Rischke (Hrsg.), Journalismus im Internet: Profession – Partizipa tion – Technik (S. 269–294). Wiesbaden: VS Verlag. Neuberger, C. & Quandt, T. (2010). Internet‑Journalismus: Vom tradi tio nellen Gate‑Keeping zum partizipativen Journalismus? In W. Schweiger & K. Beck (Hrsg.), Handbuch Online- Kommunika tion (S. 59–79). Wiesbaden: Springer VS. Neuberger, C., vom Hofe, H. J. & Nuernbergk, C. (2010). Twitter und Journalismus: Der Einfluss des „Social Web“ auf die Nachrichten. Düsseldorf: Landes anstalt für Medien Nord rhein‑ West falen. Neuberger, C. (2013). Public Value im Internet. In N. Gonser (Hrsg.), Die multimediale Zukunft des Quali täts journalismus: Public Value und die Auf gaben von Medien (S. 103–118). Wies‑ baden: Springer VS. Neuberger, C. & Kapern, P. (2013). Grundlagen des Journalismus. Wiesbaden: Springer VS. Neverla, I. (Hrsg.) (1998a). Das Netz-Medium: Kommunika tions wissen schaft liche Aspekte eines Mediums in Ent wick lung. Opladen: West deutscher Verlag. Neverla, I. (1998b). Die ver spätete Profession: Journalismus zwischen Berufs kultur und Digita‑ lisie rung. In W. Duchkowitsch, F. Hausjell, W. Hömber, A. Kutsch, A. & I. Neverla (Hrsg.), Journalismus als Kultur: Analysen und Essays: Fest schrift für Wolfgang R. Langen bucher (S. 53–62). Opladen: West deutscher Verlag. News Aktuell (2013). Social Media Trendmonitor 2013: „Kommunika tions profis, Journalisten und das Web“. Ver fügbar unter www.newsaktuell.de/pdf/social_media_trendmonitor_ 2013. pdf [11. 03. 2014]. Nip, J. Y. M. (2006). Exploring the second phase of public journalism. Journalism Studies, 7(2), 212–236. Nolan, K. & Setrakian, L. (2013). Seeking the Single-Subject News Model. Verfüg bar unter towcenter.org/seeking‑the‑single‑subject‑news‑model [07. 03. 2014]. Nowag, W. & Schal kowski, E. (1998). Kommentar und Glosse. Konstanz: UVK. Olson, E. (2013). The Open Newsroom. In L. Kramp, L. Novy, D. Ballwieser & K. Wenzlaff (Hrsg.), Journalismus in der digitalen Moderne: Einsichten – Ansichten – Aus sichten (S. 117–124). Wiesbaden: Springer VS. Oppong, M. (2014). Verdeckte PR in Wikipedia: Das Welt wissen im Visier von Unter nehmen: Eine Studie der Otto Brenner Stiftung. Frank furt a. M.: Otto‑Brenner‑Stiftung. 382 Oremus, W. (2014). The First News Report on the L. A. Earthquake Was Written by a Robot. Verfüg bar unter www.slate.com/blogs/future_tense/2014/03/17/quakebot_los_ angeles_times_robot_journalist_writes_article_on_la_earthquake. html [08. 04. 2014]. Oswald, B. (2013). Vom Produkt zum Prozess. In L. Kramp, L. Novy, D. Ballwieser & K. Wenzlaff (Hrsg.), Journalismus in der digitalen Moderne: Einsichten – Ansichten – Aus- sichten (S. 63–80). Wiesbaden: Springer VS. Outing, S. (2005). The 11 Layers of Citizen Journalism. Verfüg bar unter www.poynter. org/content/content_view. asp?id= 83126 [01. 11. 2012]. o. V. (2010). Rise of the Machines: Robot Reporting and Automated Journalism. Verfüg bar unter www.obercom. pt/ojs/index.php/obs/article/view/148/107 [20. 03. 2014]. Paulussen, S., & Ugille, P. (2008). User Generated Content in the Newsroom: Professional and Organisational Constraints on Participatory Journalism. Westminster Papers in Communi- cation and Culture, 5(2), 24–41. Peters, C. (2011). Emotion aside or emotional side? Crafting an ‚experience of involvement‘ in the news. Journalism, 12(3), 297–316. Peters, C. & Broersma, M. (Hrsg.) (2013). Rethinking Journalism: Trust and Participation in a Transformed News Landscape. New York: Routledge. Plöchinger, S. (2013a). Wie wir nach vorne denken sollten – acht Thesen zur Zukunft. Beitrag für das Jahrbuch 2013 des BDZV. Ver fügbar unter ploechinger.tumblr.com/post/ 61688994730/wie‑wir‑nach‑vorne‑denken‑sollten‑acht‑thesen‑zur [08. 04. 2014]. Plöchinger, S. (2013b). Innova tion Journalismus INNOVATION. In L. Kramp, L. Novy, D. Ball‑ wieser & K. Wenzlaff (Hrsg.), Journalismus in der digitalen Moderne: Einsichten – Ansichten – Aus sichten. (S. 161–172). Wiesbaden: Springer VS. Pött ker, H. (2000). Kompensa tion von Komplexi tät: Journalis mustheorie als Begründung journalisti scher Quali täts maßstäbe. In M. Löffelholz (Hrsg.), Theorien des Journalismus: Ein diskursives Handbuch (S. 375–390). Opladen: West deutscher Verlag. Porlezza, C., Maier, S. & Russ‑Mohl, S. (2012). News Accuracy in Switzerland and Italy. Journalism Practice, 6(4), 530–546. Prakke, J. H. (1968). Kommunika tion der Gesell schaft: Einfüh rung in die funktionale Publizistik. Münster: Regens berg. 383 10 literatur Prott, J. (1984). Die Elektronik ent zaubert den Journalismus: Technik dominiert den Arbeits‑ alltag von Zeitungs redakteuren. Media Perspektiven, 2, 114–119. Pürer, H. (2003). Publizistik- und Kommunika tions wissen schaft: Ein Handbuch. Konstanz: UVK. Quandt, T. (2005). Journalisten im Netz: Eine Unter suchung journalisti schen Handelns in Online- Redak tionen. Wiesbaden: VS Verlag. Quandt, T. (2011). Journalisten unter Beobach tung: Grundlagen, Möglich keiten und Grenzen der Beobach tung als Methode der Journalis musforschung. In O. Jandura, T. Quandt & J. Vogelgesang (Hrsg.). Methoden der Journalis musforschung. (S. 277–297). Wiesbaden: VS Verlag. Raacke, J. & Bonds‑Raacke, J. (2008). MySpace and Facebook: Applying the uses and gratifi‑ cations theory to exploring friend‑networking sites. CyberPsychology and Behavior, 11(2), 169–174. Radke, K. (2013). Medien für Eliten: Die Zukunft des guten Fernsehens in einer digitalen Welt. Berlin: Berlin University Press. Radü, J. (2013). Technologie als Chance: Auf welche Weise Smartphones, Tablets und die Medientechnologie der Zukunft journalisti sche Qualität sicher helfen. In L. Kramp, L. Novy, D. Ballwieser & K. Wenzlaff (Hrsg.), Journalismus in der digitalen Moderne (S. 173–183). Wiesbaden: Springer VS. Rager, G. (1994). Dimensionen der Qualität: Weg aus den allseitig offenen Richters kalen? In G. Bentele & K. R. Hesse (Hrsg.), Publizistik in der Gesell schaft: Fest schrift für Manfred Rühl (S. 189–210). Konstanz: UVK. Randazzo, G. (2011). Disruptive vs. Sustaining Innova tions. Ver fügbar unter www.editor andpublisher.com/Columns/Article/Disruptive‑vs‑Sustaining‑Innovations [20. 03. 2014]. Range, S. & Schweins, R. (2007). Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet. Wie das Web den Journalismus ver ändert. Berlin: Friedrich Ebert Stiftung. Reich, Z. (2013). The Impact of Technology on News Reporting: A Longitudinal Perspective. Journalism & Mass Communication Quarterly, 90(3), 417–434. Requate, J. (1995). Journalismus als Beruf. Göttingen: Vanden hoeck & Ruprecht. Richards, B. & Rees, G. (2011). The management of emotion in British journalism. Media Culture Society, 33(6), 851–867. Ridder, C.‑M. & Engel, B. (2010). Massen kommunika tion 2010: Funktionen und Images der Medien im Ver gleich: Ergeb nisse der zehnten Welle der ARD/ZDF‑Langzeit studie zur Medien nutzung und ‑bewer tung. Media Perspektiven, 11, 537–548. Rifkin, J. (2004). Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frank furt a. M.: Fischer. Ries meyer, C. (2011). Das Leitfaden interview: Königsweg der qualitativen Journalis musforschung? In O. Jandura, T. Quandt, & J. Vogelgesang (Hrsg.), Methoden der Journalis musforschung (S. 223–236). Wiesbaden: VS Verlag. Robinson, S. (2011). „Journalism as Process“: The Organizational Implications of Participatory Online News. Journalism & Communica tion Monographs, 13(3), 137–210. Rössing, Th. & Podschuweit, N. (Hrsg.) (2013). Politische Kommunika tion in Zeiten des Medien- wandels. Berlin: de Gruyter. Rössler, P. & Wirth, W. (Hrsg.) (1999). Glaubwürdig keit im Internet: Fragestel lungen, Modelle, empiri sche Befunde. München: Reinhard Fischer Verlag. 384 Rössler, P. (2010). Inhalts analyse (2., über arbeitete Aufl.). Konstanz: UVK. Rössner, T. (2013). Anspruch auf Mitsprache: Die zunehmende Bedeu tung der Medien politik. In L. Hachmeister & D. Anschlag (Hrsg.), Rundfunk politik und Netzpolitik: Strukturwandel der Medien politik in Deutschland (S. 240–255). Köln: Herbert von Halem. Röttger, U., Preusse, J. & Schmitt, J. (2009). Kommunika tions berufe im Wandel? Aus gewählte Ergeb nisse einer berufs feld übergreifen den Studie. In B. Dernbach & T. Quandt (Hrsg.), Spezialisie rung im Journalismus (S. 221–226). Wiesbaden: VS Verlag. Rosen bach, M. & Stark, H. (2011). Staats feind Wikileaks: Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt heraus fordert. München: DVA. Rosen bach, M. & Stark, H. (2014). Der NSA-Komplex: Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung. München: DVA. Rue, J. (2013). The ‚Snow Fall‘ effect and dissecting the multimedia longform narrative. Verfüg‑ bar unter multimediashooter.com wp/2013/04/21/the‑snow‑fall‑effect‑and‑dissecting‑ the‑multimedia‑longform‑narrative/ [08. 04. 2014]. Rühl, M. (1980). Journalismus und Gesell schaft: Bestands aufnahme und Theorie entwurf. Mainz: Hase & Koehler. Ruß‑Mohl, S. (1992). Am eigenen Schopfe: Quali täts siche rung im Journalismus: Grundfragen, Ansätze, Nähe rungs versuche. Publizistik, 37(1), 83–96. Ruß‑Mohl, S. (1994). Der I-Faktor: Quali täts siche rung im amerikani schen Journalismus – Modell für Europa? Zürich: Ed. Inter from. Ruß‑Mohl, S. (2009). Kreative Zerstö rung: Niedergang und Neuerfin dung des Zeitungs journalismus in den USA. Konstanz: UVK. Sadrozinski, J. (2010). Tiefgreifen der Trans foma tions prozess. In S. Weichert, L. Kramp & H.‑J. Jakobs (Hrsg.), Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf ver ändert (S. 131–136). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Santana, A. D. (2013). Virtuous or vitriolic: The effect of anonymity on civility in online newspaper reader comment boards. Ver fügbar unter www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/17 512786.2013.813194#.UjR_7IXwBOx [13. 01. 2014]. Schatz, H. & Schulz, W. (1992). Qualität von Fernsehprogrammen: Kriterien und Methoden zur Beurtei lung von Programm qualität im dualen Fernseh system. Media Perspektiven, 11, 690–712. Scheufele, B. & Engelmann, I. (2009). Empirische Kommunika tions forschung. Konstanz: UVK. Schiffe res, S., Newman, N., Thurman, N., Corney, D., Goker, A. S. & Martin, C. (2014). Identifying and verifying news through social media: Developing a user-centred tool for pro- fessional journalists. Verfüg bar unter: openaccess.city.ac.uk/3071/1/IDENTIFYING %20AND%20VERIFYING%20NEWS%20THROUGH%20SOCIAL%20MEDIA. pdf [20. 03. 2014]. Schmidt, C. (2005). Analyse von Leitfaden interviews. In U. Flick, E. von Kardorff & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung: Ein Handbuch (S. 447–456). Reinbek: Rowohlt. Schmidt, J. (2006). Weblogs: Eine kommunika tions soziologi sche Studie. Konstanz: UVK. Schmidt, J. (2011). Das neue Netz: Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0 (2., er weiterte Aufl.). Konstanz: UVK. Schmidt, J. (2013): Social Media. Konstanz: UVK. 385 10 literatur Schmitz Weiss, A. (2013). Exploring News Apps and Location‑Based Services on the Smart‑ phone. Journalism & Mass Communication Quarterly, 90(3), 435–456. Schnell, M. (2008). Innova tionen im deutschen Tages zei tungs markt: Eine Analyse des Wettbewerbs- verhaltens überregionaler Tages zeitun gen vor dem Hinter grund struktureller Markt verände- rungen. Berlin: Lit. Scholl, A., Renger, R. & Blöbaum, B. (2007). Journalismus und Unter haltung: Theoreti sche Ansätze und empiri sche Befunde. Wiesbaden: VS Verlag. Scholl, A. & Weischen berg, S. (1998). Journalismus in der Gesell schaft: Theorie, Methodologie und Empirie. Opladen: West deutscher Verlag. Schröder, M. & Schwanebeck, A. (Hrsg.) (2011). Qualität unter Druck: Journalismus im Internet- Zeitalter. Baden‑Baden: Nomos. Schudson, M. (1978). Discovering the News: A Social History of American Newspapers. New York: Basic Books. Schütz, W. J. (2007). Redaktio nelle und ver legeri sche Strukturen der deutschen Tagespresse: Über sicht über den Stand 2006. Media Perspektiven, 38(11), 589–598. Schumacher, P. (2009). Rezep tion als Inter aktion: Wahrneh mung und Nutzung multimodaler Darstel lungs formen im Online-Journalismus. Baden‑Baden: Nomos. Schweitzer, E. C. (2012). Berichte vom Roboter. Die Zeit, 29, 20. Scott, B. (2005). A Contemporary History of Digital Journalism. Television & New Media, 6(1), 89–126. Sehl, A. (2013). Partizipativer Journalismus in Tages zeitun gen: Eine empiri sche Analyse zur publi- zisti schen Vielfalt im Lokalen. Baden‑Baden: Nomos. Sennett, R. (1998). Der flexible Mensch: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Verlag. Siegert, S. (2011). Social Media: Revolu tion! Ver fügbar unter www.journalist. de/?id= 574 [23. 03. 2014]. Simons, A. (2011). Journalismus 2.0. Konstanz: UVK. Singer, J. B. (2010). Quality control: Perceived effects of user‑generated content on newsroom norms, values and routines. Journalism Practice, 4(2), 127–142. Singer, J. B., Hermida, A., Domingo, D., Heinonen, A., Paulussen, S., Quandt, T., Reich, Z. & Vujnovic, M. (2011). Participatory Journalism: Guarding Open Gates at Online Newspapers. Malden: Wiley‑Black well. Sonnleitner, M., Stadthaus, M. & Weichert, S. (1998). Online Recherchie ren. In I. Neverla (Hrsg.), Das Netz-Medium (S. 245–261). Opladen: West deutscher Verlag. Spaeth, A. (2006). Das Baggern um Bilder: Wie „Bild“ und „stern“ sich exklusives Bildmaterial sichern und an den Fotos ihrer Leser Geld ver dienen wollen: Innen ansichten der „Leser‑ reporter“‑Front. Medium Magazin, 22(10), 20–24. Spiegel Gruppe. (2014). Spiegel Online – im Web Zuhause: Nummer eins im News-Netz. Ver‑ fügbar unter www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/home.nsf/0/CEF3A44164AED 9BBC1256F720034CBAC?OpenDocument [01. 04. 2014]. Spiegel Online. (1996): SPON 1996. Ver fügbar unter www.spiegel.de/static/spon1996/ [12. 03. 2014]. Staun, H. (2014): Die lieben Kollegen. Frank furter Allgemeine Sonntags zeitung, 23. 3. 2014, S. 45. 386 Steensen, S. (2011). Online Journalism and the Promise of New Technologies. Journalism Studies, 12(3), 311–327. Stegbauer, C. & Bauer, E. (2010). Die Ent stehung einer positionalen Struktur durch Konflikt und Koopera tion bei Wikipedia: Eine Netz werkanalyse. In T. Sutter & A. Mehler (Hrsg.), Medien wandel als Wandel von Inter aktions formen (S. 231–255), Wiesbaden: VS Verlag. Steiner, P. M. & Atzmüller, C. (2006). Experimentelle Vignettendesigns in faktoriellen Surveys. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 58(1), 117–146. Steinmaurer, T. (2013). Public Value in den digitalen Netzen – auf dem Weg zu einem „Network Value“? In N. Gonser (Hrsg.), Die multimediale Zukunft des Quali täts journalismus: Public Value und die Auf gaben von Medien (S. 89–102). Wiesbaden: Springer VS. Stöber, R. (2005). Deutsche Pressegeschichte: Von den Anfängen bis zur Gegen wart. Konstanz: UVK. Strauss, A. & Corbin, J. (1990). Basics of Qualitative Research: Grounded Theory Procedures and Techniques. Newbury Park: Sage. Streit, A. von & Weichert, S. (2012). New York Digital: Wie eine Metropole den Journalismus neu er findet. In Meedia. (Hrsg.), Das Jahrbuch der Medien branche 2012 (S. 112–119). Hamburg: Meedia Ver lags GmbH. Sturm, S. (2013). Digitales Storytelling: Eine Einfüh rung in neue Formen des Quali täts journalismus. Wiesbaden: Springer VS. Surowiecki, J. (2004). The Wisdom of Crowds: Why the Many Are Smarter Than the Few and How Collective Wisdom Shapes Business, Economies, Societies and Nations. Doubleday: New York City. Tonnemacher, J. (2003). Kommunika tions politik in Deutschland: Eine Einfüh rung. Konstanz: UVK. Trost, K. E. & Schwarzer, B. (2012). Social Web auf Online-Portalen deutscher Zeitun gen: Eine empiri sche Unter suchung des Nutzungs verhaltens. Baden‑Baden: Nomos. Ulrich, B. & Wegner, J. (2014). 12 Thesen zu Print und Online. Die Zeit, 14, 26. 3. 2014. www.zeit.de/2014/14/print‑online‑redaktion‑thesen‑journalismus [15. 04. 2014]. Uribe, R. & Gunter, B. (2007). Are ‚sensational‘ news stories more likely to trigger viewers’ emotions than non‑sensational news stories? European Journal of Communication, 22(2), 207–228. Vlašić, A. (2004). Die Integra tions funk tion der Massen medien: Begriffs geschichte, Modelle, Opera- tionalisie rung. Wiesbaden: VS Verlag. Voigt, K.‑I. (2013). Automatisie rung. Ver fügbar unter wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/ 72569/automatisierung‑v6. html [20. 03. 2014]. Vorderer, P. (2001). Was wissen wir über Unter haltung? In S. J. Schmidt, J. Westerbarkey & G. Zurstiege (Hrsg.), A-effektive Kommunika tion: Unter haltung und Werbung (S. 111–132). Münster: Lit. Vujnovic, M., Singer, J. B., Paulussen, S., Heinonen, A., Reich, Z., Quandt, T., Hermida, A. & Domingo, D. (2010). Exploring the political‑economic factors of participatory journalism: Views of online journalists in 10 countries. Journalism Practice, 4(3), 285–296. 387 10 literatur Weaver, D. H., Beam, R. H., Brownlee, B. J., Voakes, P. S. & Wilhoit, G. C. (2007). The American Journalist in the 21st Century: U. S. News People at the Dawn of a New Millennium. Mahwah: Earl baum. Weber, M. (1968). Gesammelte Auf sätze zur Wissenschafts lehre. Tübingen: J. C. B. Mohr. Weichert, S. (2008). Journalismus. In L. Hachmeister (Hrsg.), Grundlagen der Medien politik: Ein Handbuch (S. 182–189). München: DVA. Weichert, S. & Kramp, L. (2009). Das Ver schwinden der Zeitung? Inter nationale Trends und medien politi sche Problemfelder: Wissen schaft liches Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert- Stiftung. Berlin: Friedrich‑Ebert‑Stiftung. Weichert, S., Kramp, L. & Jakobs, H.‑J. (Hrsg.) (2009). Wozu noch Zeitun gen? Wie das Internet die Presse revolutioniert. Göttingen: Vanden hoeck & Ruprecht. Weichert, S. & Zabel, C. (2009). Digitale Leit wölfe: Das Paradoxon des neuen Alpha‑Jour na‑ lismus 2.0. In S. Weichert & C. Zabel (Hrsg.), Alpha-Journalisten 2.0.: Deutschlands neuen Wortführer im Portrait (S. 11–43). Köln: Herbert von Halem. Weichert, S., Kramp, L. & Jakobs, H.‑J. (Hrsg.) (2010). Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf ver ändert. Göttingen: Vanden hoeck & Ruprecht. Weichert, S., Kramp, L. & von Streit, A. (2010). Digitale Mediapolis: Die neue Öffentlich keit im Internet. Köln: Herbert von Halem. Weichert, S. (2011a): Journalist 2.0: Was die mobilen und inter aktiven Medientechniken für die Zukunft des Journalismus be deuten. Neue Zürcher Zeitung, 16. 08. 2011, 48. Weichert, S. (2011b): Der neue Journalismus. Publizistik, 4(56), 363–371. Weichert, S. (2012). Eine Grafik sagt mehr als tausend Daten: Wie die Computertechnik den Journalismus ver ändert. Neue Zürcher Zeitung, 03. 04. 2012, 32. Weichert, S. (2013). Der dritte Weg: Warum wir stif tungs finanzierte Medien brauchen. In L. Kramp, L. Novy, D. Ballwieser & K. Wenzlaff (Hrsg.), Journalismus in der digitalen Moderne: Einsichten – Ansichten – Aus sichten (S. 213–231). Wiesbaden: Springer VS. Weichert, S., Kramp, L. & Welker, M. (2013). Die Zeitungs macher: Auf bruch in die digitale Moderne. Wiesbaden: Springer VS. Weichert, S. (2014). Digitale Integra tion: Wie die Zivilgesell schaft künftig diskutie ren wird. In J. Hörisch & U. Kammann (Hrsg.), Organisierte Phantasie: Medien welten im 21. Jahr- hundert – 30 Positionen (S. 247–255). Paderborn: Wilhelm Fink. Weichert, S., Kramp, L. & Welker, M. (2014). Die Zeitungs macher: Auf bruch in die digitale Moderne. Wiesbaden: Springer VS. Weichler, K. (2003). Redak tions management. Konstanz: UVK. Weischen berg, S. (1982). Journalismus in der Computer gesell schaft: Informatisie rung, Medientechnik und die Rolle der Berufs kommunika tion. München: De Gruyter Saur. Weischen berg, S. (1995). Journalistik: Theorie und Praxis aktueller Medien kommunika tion: Medientechnik, Medien funk tionen, Medienakteure (Bd. 2). Opladen: West deutscher Verlag. Weischen berg, S. (1998). Pull, Push und Medien‑Pfusch. Computerisie rung – kommunika‑ tions wissen schaft lich revisited. In I. Neverla (Hrsg.), Das Netz-Medium (S. 37–61). Opladen: West deutscher Verlag. Weischen berg, S., Malik, M. & Scholl, A. (2006). Die Souffleure der Medien gesell schaft: Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK. 388 Wilden mann, R. & Kaltefleiter, W. (1965). Funktionen der Massen medien. Frank furt a. M.: Athenäum. Wirth, W. (1999). Methodologi sche und konzeptio nelle Aspekte der Glaubwürdig keits forschung. In P. Rössler & W. Wirth (Hrsg.), Glaubwürdig keit im Internet: Fragestel lungen, Modelle, empiri sche Befunde (S. 47–68). München: Reinhard Fischer Verlag. Witschge, T. (2012). The ‚tyranny‘ of technology. In P. Lee‑Wright, A. Phillips & T. Witschge (Hrsg.), Changing Journalism (S. 99–114). Abingdon: Routledge. Wolf, C. (2014). Journalisti sche Apps etablierter Medien unternehmen. Media Perspektiven, 5, 271–282. Wolling, J., Will, A. & Schumann, C. (Hrsg.) (2011). Medien innova tionen. Konstanz: UVK. Wrusch, P. (2014): Kapuzen pullis für Plöchinger. taz, 23. 3. 2014. Verfügbar unter www. taz. de/!135403/ [15. 04. 2014]. Wyss, V. (2002). Redak tio nelles Quali täts management: Ziele, Normen, Ressourcen. Konstanz: UVK. Wyss, V., Studer, P. & Zwyssig, T. (2012). Medien qualität durch setzen. Quali täts siche rung in Redak tionen: Ein Leitfaden. Zürich: Orell Füssli. Zalkau, F. (2011). Twitternde Redak tionen – Neuer Journalismus durch Web 2.0? In M. Anasta‑ siadis & C. Thimm (Hrsg.), Social Media. Theorie und Praxis digitaler Soziali tät (S. 167–198). Frank furt a. M.: Peter Lang. ZDF log in. (2012). Netiquette. Ver fügbar unter blog.zdf.de/zdflogin/2012/08/25/netti quete/ [21. 12. 2013]. Zelizer, B. (Hrsg.) (2009). The Changing Faces of Journalism: Tabloidization, Technology and Truthiness. Abingdon: Routledge. teil D anhang 391 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse Die primäre Erhe bungs einheit ist ein publizisti sches Webangebot (= Gesamt heit der Web sites, Start seite und Unter seiten, mit einem gemeinsamem Namen oder Titel, z. B. Spiegel Online). Die Codie rung findet innerhalb des Webangebots auf drei Ebenen statt (Start seite, Beitrag, Kontext des Beitrags). Pro Webangebot werden drei journalistische Beiträge aus gewählt. ebene: start seite Mit der Start seite ist die zentrale Website des publizisti schen Webangebots ge meint, die bei der Eingabe der Internetadresse in den Browser auf gerufen wird. Die Start seite ist Aus gangs punkt für die Naviga tion und ist zu diesem Zweck in der Regel mit einem Haupt menü ver sehen. 1) Nummer des Webangebots (NR_WEB): Hier wird die laufende Nummer des Webangebots erfasst. nUm nummer des Webangebots z. b. 1, 2, 3, usw. 2) Name des Webangebots (NAME): Hier wird der Name des Webangebots erfasst, wie er auf der Start seite an gegeben wird. StrinG name des Webangebots z. b. Spiegel online 3) Internetadresse (URL): Hier wird die Internetadresse der Start seite erfasst, wie sie im Browser an gegeben wird. StrinG internetadresse z. b. www.spiegel. de 4) Datum der Speiche rung (DAT_WEB): Hier wird das Datum erfasst, an dem das Webangebot ge speichert wurde. Das Datum wird im Format TT.MM.JJJJ. dokumentiert. tt.mm.JJJJ Datum der Speiche rung z. b. 08. 04. 2013 392 5) Uhrzeit der Speiche rung (UHR_WEB): Hier wird die Uhrzeit erfasst, an dem das Webangebot ge speichert wurde. Die Uhrzeit wird im Format HH:MM doku‑ mentiert. Da die Websites immer um 10.00 Uhr gespeichert wurden, wird sie standardmäßig mit 10:00 codiert. hh:mm Datum der Speiche rung 10:00 Themen bereiche des Webangebots 6) Anzahl der Themen bereiche (ANZ_THEMA): Hier wird die Anzahl der Themen‑ bereiche des Webangebots erfasst. Sie lässt sich auf der Start seite des Webangebots ablesen. Es werden alle Haupt menüebenen be rücksichtigt. Die Hauptmenüebene „Startseite“ zählt dabei als eigene Rubrik. Falls außer ihr keine weiteren Themen‑ bereiche aus gewiesen werden, wird die Codeziffer „1“ ver geben. n anzahl der themen bereiche z. b. 1, 5 oder 8 7) Themen bereich: Politik (THEMA_POL): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Politik“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Politik“, „Innen politik“, „Europa“, „Außen politik“. Lokalpolitik wird separat unter der Variablen 17 erfasst. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 8) Themen bereich: Wirtschaft (THEMA_WIRT): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Wirtschaft“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Wirtschaft“, „Finanzen“, „Börse“, „Ver braucher“, „Unter nehmen“, „Märkte“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 9) Themen bereich: Nachrichten allgemein (THEMA_NACH): Hier wird erfasst, ob die Themen bereiche des Webangebots das Themen feld „Nachrichten“ ab decken, indem sie dafür eine allgemeine Rubrik haben. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 393 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse 10) Themen bereich: Kultur (THEMA_KULT): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Kultur“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Kultur“, „Kino“, „Musik“, „TV“, „Medien“, „Literatur“, „Theater“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 11) Themen bereich: Sport (THEMA_SPOR): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Sport“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Sport“, „Fußball“, „Leichtathletik“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 12) Themen bereich: Panorama (THEMA_PAN): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Panorama“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Panorama“, „Leute“, „Gesell schaft“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 13) Themen bereich: Wissen (THEMA_WISS): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Wissen“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Wissen“, „Mensch“, „Natur“, „Technik“, „Medizin“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 14) Themen bereich: Karriere (THEMA_KAR): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Karriere“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Karriere“, „Berufs start“, „Berufs leben“, „Bewer bung“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 15) Themen bereich: Reise (THEMA_REISE): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Reise“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Reisen“, „Städtereisen“, „Deutschland“, „Europa“, „Fernreisen“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 394 16) Themen bereich: Netz welt (THEMA_NETZ): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Netz welt“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Netz welt“, „Netzpolitik“, „Web“, „Games“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 17) Themen bereich: Lokales (THEMA_LOK): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Lokales“ ab decken (inkklusive Lokal‑ politik), z. B. durch Rubriken mit regionalem, lokalem und hyperlokalem Bezug. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 18) Themen bereich: Meinung (THEMA_MEIN): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Meinung“ ab decken, z. B. durch die Rubriken „Meinung“, „Kommentare“, „Leserbriefe“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 19) Themen bereich: Service (THEMA_SER): Hier wird erfasst, ob die Themen‑ bereiche des Webangebots das Themen feld „Service“ ab decken, z. B. durch eine Rubrik „Ratgeber“. 0 themen bereich nicht ab gedeckt 1 themen bereich ab gedeckt 20) Sonstige Themen bereiche (THEMA_SONST) StrinG Sonstige themen bereiche Partizipative Elemente 21) Angabe der Leseranzahl pro Beitrag (LES): Hier wird erfasst, ob das Web‑ angebot generell die Anzahl der Leser pro redaktionellem Beitrag angibt. Dies kann in der Regel bereits (an den Beiträgen) auf der Start seite ab gelesen werden. Die Anzahl der Leser pro Beitrag wird auf Beitragsebene erfasst. 0 keine angabe der leseranzahl pro beitrag 1 angabe der leseranzahl pro beitrag 395 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse 22) Ranking der meist gelesenen/meist kommentierten Beiträge (RANK): Hier wird erfasst, ob das Webangebot generell ein Ranking der meist gelesenen oder/ und meist kommentierten redaktionellen Beiträge angibt. Dies lässt sich auf der Start seite ablesen. 1 keine rankings 2 ranking der meist gelesenen beiträge 3 ranking der meist kommentierten beiträge 4 ranking sowohl der meist gelesenen als auch meist kommentierten beiträge 23) Weiterlei tung journalisti scher Inhalte (WEIT): Hier wird erfasst, ob das Web‑ angebot generell die Möglich keit bietet, dass Nutzer redaktio nelle Beiträge weiter‑ leiten können. Dies kann in der Regel bereits an den Beiträgen auf der Start seite ab gelesen werden. 3 + 4 Weiter lei tungs funk tion für redaktio nelle Beiträge über Social Net working Sites wird auch bei Empfeh lungen über Twitter codiert. Bei Facebook zählen „Teilen“ und „Empfehlen“ als Weiter lei tungs funk tion. 1 keine Weiter lei tungs funk tion für redaktio nelle beiträge 2 Weiter lei tungs funk tion für redaktio nelle beiträge per mail 3 Weiter lei tungs funk tion für redaktio nelle beiträge über Social networking Sites 4 Weiter lei tungs funk tion für redaktio nelle beiträge per mail UnD Social networking Sites 24) Social Bookmarking (BOOK): Hier wird erfasst, ob das Webangebot generell die Möglich keit bietet, dass Nutzer Beiträge per Social Bookmarking markie ren können, z. B. über Delicious, Digg etc. Dies kann in der Regel bereits an Hin‑ weisen/Beiträgen auf der Start seite ab gelesen werden. 0 keine Social bookmarking-Funktion 1 Social bookmarking-Funktion 396 25) Bewer tungs funk tion (BEW): Hier wird erfasst, ob das Webangebot generell über eine Bewer tungs funk tion für redaktio nelle Beiträge ver fügt. Dies kann in der Regel bereits an den Beiträgen auf der Start seite ab gelesen werden. Die Bewer‑ tung der einzelnen Beiträge wird auf Beitragsebene erfasst. Es zählen auch seiten‑ interne Empfeh lungs funk tionen. Bei Facebook zählt sowohl die „Gefällt mir“‑Funktion als auch die „Empfehlen“‑ Funktion als Bewer tung, sofern hinter letzte rer die Anzahl der Personen an geben ist, die einen Beitrag empfehlen. 0 keine bewer tungs funk tion für redaktio nelle beiträge 1 bewer tungs funk tion für redaktio nelle beiträge 26) Votings (VOT): Hier wird erfasst, ob das Webangebot generell Nutzern die Möglich keit bietet, an Votings teilzunehmen, z. B. einer Frage des Tages. Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite ein Hinweis darauf findet. 0 kein hinweis 1 hinweis auf ein Voting 27) Kommentarfunk tion (KOM): Hier wird erfasst, ob das Webangebot generell über eine Kommentarfunk tion für redaktionelle Beiträge ver fügt. Dies kann in der Regel bereits an den Beiträgen auf der Start seite ab gelesen werden. Die Kom‑ mentare werden auf Beitragsebene genauer erfasst. 0 keine kommentarfunk tion zu redak tio nellen beiträgen 1 kommentarfunk tion zu redak tio nellen beiträgen 28) Kommentarfunk tion: Registrie rung (REG_KOM): Hier wird erfasst, ob Nutzer sich, um redaktio nelle Beiträge oder die Kommentare andere Nutzer kommentie‑ ren zu können, vorher dazu auf der Website registrie ren müssen, indem sie einen Account anlegen oder nicht. Die Informa tion kann in der Regel im Umfeld des Eingabeformulars für einen Kommentar ab gelesen werden. 0 keine registrie rung zum kommentie ren notwendig 1 registrie rung zum kommentie ren notwendig 99 nicht fest stell bar 88 keine kommentarfunk tion 397 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse 29) Online-Leserbriefe (BRIEF): Hier wird erfasst, ob das Webangebot über eine Möglich keit ver fügt, dass der Nutzer online einen Leserbrief einreichen kann. Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite ein Hinweis darauf findet (ggf. über die Start seite weiter verfolgen). Eine Mailadresse der Redak tion wird dabei als aus reichend an gesehen, z. B. redak tion@ oder politik@. Die persön lichen Mailadressen der Redakteure zählen dagegen nicht. 0 kein hinweis 1 hinweis auf die möglich keit, online einen leser- brief einzu senden 30) Soziale Netz werke (NETZ): Hier wird erfasst, ob das Webangebot über eine Ver bindung (d. h. Link, Schnitt stelle) zu einem oder mehreren externen sozialen Netz werken ver fügt (z. B. Facebook, MySpace), bei denen es einen eigenen Account be treibt, oder ein internes soziales Netz werk anbietet. Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite oder den Beiträgen auf der Start seite ein Hinweis auf ein oder mehrere externe oder interne soziale Netz werke findet. 1 kein netz werk 2 internes soziales netz werk 3 Ver bindung zu externem sozialen netz werk 4 internes und externes soziales netz werk 31) Microblogging-Dienste (MICRO): Hier wird erfasst, ob das Webangebot bei einem oder mehreren Microblogging‑Diensten einen eigenen Account besitzt. Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite ein Hinweis auf die Ver wendung eines oder mehrerer Micro blogging‑Dienste (z. B. Twitter, Tumblr) findet. 0 kein hinweis 1 hinweis auf microblogging-Dienst 32) Nutzerblogs (NUTZ_BLOGS): Hier wird erfasst, ob das Webangebot ein oder mehre Blogs anbietet, die von Nutzern geschrieben werden (nicht nur kommen‑ tiert). Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite ein Hinweis darauf findet. 0 kein hinweis 1 hinweis auf blog(s) von nutzern 398 33) Redak tionsblogs (RED_BLOGS): Hier wird erfasst, ob das Webangebot ein oder mehre Blogs anbietet, die von der Redak tion geschrieben werden, z. B. um Nutzern die Arbeit der Redak tion transparent zu machen. Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite ein Hinweis darauf findet. Achtung: Bei Blogs wird diese Variable mit „88“ codiert. 0 kein hinweis 1 hinweis auf blog(s) der redak tion 88 an gebot selbst ist ein blog 34) Forum (FOR): Hier wird erfasst, ob das Webangebot ein Forum anbietet, in dem Nutzer Themen diskutie ren können. Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite ein Hinweis darauf findet. 0 kein hinweis 1 hinweis auf Forum 35) Forum: Modera tion (MOD_FOR): Hier wird erfasst, ob das Forum von der Redak tion moderiert wird, in dem z. B. Diskussionen zu be stimmten Themen an gestoßen oder strukturiert werden. Dazu wird die Unter seite mit dem Forum auf gerufen und auch in „Netiquette“, AGBs und Impressum nach Hinweisen ge‑ sucht. Wenn nicht fest gestellt werden kann, ob ein Forum moderiert ist oder nicht, wird „99“ codiert. Achtung: Nicht erfasst wird hier die recht liche Kontrolle von Forums einträgen durch die Redak tion. 0 nicht moderiert 1 moderiert 99 nicht fest stell bar 88 kein Forum 36) Forum: Wahlfrei heit bei Themen (WAHL_FOR): Hier wird erfasst, ob die Redak tion die Themen, die im Forum diskutiert werden können, vorgibt oder nicht. Hier wird die Unter seite mit dem Forum auf gerufen. Wenn die Wahlfreiheit bei Themen nicht erkenn bar ist, wird „99“ codiert. 1 themen sind durch redak tion vor gegeben 2 themen können von nutzern frei ge wählt werden 3 redak tion gibt themen teils vor, teils können sie von den nutzern selbst ge wählt werden 99 nicht fest stell bar 88 kein Forum 399 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse 37) Fotos (FOTOS): Hier wird erfasst, ob das Webangebot generell Nutzern die Möglich keit bietet, Fotos einzu senden/hochzuladen. Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite ein Hinweis darauf findet. Inbegriffen sind auch Foto‑ Communitys auf der Website. 0 kein hinweis 1 hinweis auf einsende/Uploadmöglich keit für Fotos 38) Videos (VIDEOS): Hier wird erfasst, ob das Webangebot generell Nutzern die Möglich keit bietet, Videos einzu senden/hochzuladen. Dies lässt sich daran ablesen, ob sich auf der Start seite ein Hinweis darauf findet. Inbegriffen sind auch Video‑ Communitys auf der Website. 0 kein hinweis 1 hinweis auf einsende/Uploadmöglich keit für Videos 39) Sonstige partizipativen Elemente (PART_SONST) StrinG Sonstige ebene: beitrag (nur wenn kommentarfunk tion ge geben ist) Auswahl der Beiträge: Es werden pro Webangebot drei Beiträge per Zufalls auswahl von der Start seite aus gewählt. Dazu werden nur die journalisti schen bzw. dem Jour‑ nalismus äquivalente Beiträge von oben nach unten und von links nach rechts durch‑ numme riert. Für die Platzie rung zählt jeweils der Beginn eines Beitrags, in der Regel mit der Über schrift. Pay Wall: Liegt ein Beitrag hinter einer Paywall, so wird dies bei Variable 47 an gegeben und der Beitrag nicht weiter codiert. 40) Nummer des Beitrags (NR_BEI): Hier wird die laufende Nummer des Beitrags erfasst. Die Zählung erfolgt für jedes Webangebot ge trennt. nUm nummer des beitrags 1, 2 oder 3 400 41) Position des Beitrags auf der Start seite (POS_BEI): Hier wird die Position des Beitrags auf der Start seite erfasst (siehe oben). nUm nummer des beitrags auf der Start seite 1, 2, 3 usw. 42) Datum der Ver öffent lichung (DAT_VER): Hier wird das Datum erfasst, an dem der Beitrag erstmals ver öffent licht wurde. Das Datum wird im Format TT.MM.JJJJ dokumentiert. Wenn das Datum der Ver öffent lichung nicht erkenn‑ bar ist, wird „11.11.2222“ codiert. tt.mm.JJJJ Datum der Ver öffent lichung des beitrags z. b. 08. 04. 2013 43) Uhrzeit der Ver öffent lichung (UHR_VER): Hier wird die Uhrzeit erfasst, zu der der Beitrag erstmals ver öffent licht wurde. Die Uhrzeit wird im Format HH:MM dokumentiert. Wenn die Uhrzeit der Ver öffent lichung nicht erkenn bar ist, wird „33:33“ codiert. Wenn „vor xx Minuten ver öffent licht“ an gegeben ist, wird „22:22“ codiert. hh:mm Datum der Ver öffent lichung des beitrags z. b. 16:30 44) Datum der Aktualisie rung (DAT_AKT): Hier wird das Datum erfasst, an dem der Beitrag nach seiner Ver öffent lichung zum letzten Mal aktualisiert wurde. Das Datum wird im Format TT.MM.JJJJ dokumentiert. Wenn es keine Aktualisie rung gab, wird „11.11.2222“ codiert. tt.mm.JJJJ Datum der aktualisie rung des beitrags z. b. 09. 04. 2013 45) Uhrzeit der Aktualisie rung (UHR_AKT): Hier wird die Uhrzeit erfasst, zu der der Beitrag aktualisiert wurde. Die Uhrzeit wird im Format HH:MM dokumen‑ tiert. Wenn es keine Aktualisie rung gab, wird „33:33“ codiert. Wenn „vor xx Minuten aktualisiert“ an gegeben ist, wird „22:22“ codiert. hh:mm Uhrzeit der aktualisie rung des beitrags z. b. 11:30 401 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse 46) Themen bereich (THEMA_BEI): Hier wird der Themen bereich des Beitrags erfasst. Er wird in der Regel an der Rubrik zuord nung oder der Ver schlagwor tung des Beitrags ab gelesen. 1 politik 2 Wirtschaft 3 nachrichten allgemein 4 kultur 5 Sport 6 panorama 7 Wissen 8 karriere 9 reise 10 netz welt 11 lokales 12 meinung 13 Service 14 & StrinG Sonsti ges 88 keinem themen bereich (rubrik) explizit zu geordnet 47) Anzahl der Wörter (ANZ_WORT): Hier wird die Anzahl der Wörter des Beitrags ge zählt. Dazu zählen alle Wörter des Fließtexts inkl. Über schrift, Unter zeile, Vor spann, Zwischen überschriften und Bildbeschrif tungen. Aus genommen sind Schlagwörter, Quellen angaben unter/über dem Artikel, Datum und Uhrzeit der Ver öffent lichung, Informa tionen zum Autor, zur Anzahl der Leser, zur Bewer tung durch die Leser, zur Anzahl der Kommentare sowie die Kommentare selbst. Die Zählung wird mithilfe von Word vor genommen. 1 0–99 Wörter 2 100–199 Wörter 3 200–299 Wörter 4 300–399 Wörter 5 400–499 Wörter 6 500 und mehr Wörter 88 pay Wall 48) Fotos und Illustra tionen (BEI_FOT): Hier wird erfasst, ob es ein oder mehrere Fotos im und zum Beitrag gibt. Achtung: Bilder strecken werden ge trennt in der folgen den Variablen codiert. Wenn allerdings das erste Bild wie ein „normales“ Foto in den Beitrag integriert ist, zählt es zudem auch hier als Foto. 0 keine Fotos 1 Fotos 402 49) Bilder strecken (BEI_FSLIDE): Hier wird erfasst, ob es eine oder mehrere Bilder‑ strecken im und zum Beitrag gibt. Achtung: Audio‑Slides hows werden als Video‑ Elemente ge zählt. 0 keine bilder strecken 1 bilder strecken 50) Traditio nelle Grafiken (BEI_TRADGRAF): Hier wird erfasst, ob es eine oder mehrere Grafiken im und zum Beitrag gibt. Unter Grafik sind alle künstleri schen und techni schen Zeich nungen sowie deren Reproduk tionen zu ver stehen. Achtung: Nicht erfasst werden hier Grafiken mit animierten und inter aktiven Elementen. 0 keine tradi tio nellen Grafiken 1 traditio nelle Grafiken 51) Animierte und inter aktive Grafiken (BEI_INTGRAF): Hier wird erfasst, ob es eine oder mehrere Grafiken mit animierten und inter aktiven Elementen gibt. Dazu zählen auch solche, die auf daten journalisti schen Aus wertungen beruhen. 0 keine animierten und inter aktiven Grafiken 1 animierte und inter aktive Grafiken 52) Audio-Elemente (BEI_AUDIO): Hier wird erfasst, ob es ein oder mehrere Audio‑ Elemente im und zum Beitrag gibt. Achtung: Audio‑Slides hows werden als Video‑ Elemente ge zählt. 0 keine audio-elemente 1 audio-elemente 53) Video-Elemente (BEI_VIDEO): Hier wird erfasst, ob es ein oder mehrere Video‑ Elemente im und zum Beitrag gibt. Hier werden auch Audio‑Slides hows erfasst. 0 keine Video-elemente 1 Video-elemente 403 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse 54) Journalisti sche Darstel lungs form (DARST): Hier wird die journalisti sche Dar‑ stel lungs form des Beitrags erfasst (nach La Roche, 2013). Nachricht: Eine Nachricht ist die um Objektivi tät bemühte Mittei lung eines allgemein interessie ren den, aktuellen Sach verhalts in einem be stimmten formalen Aufbau (das Wichtigste steht am Anfang, die sieben W‑Fragen werden be antwortet). Interview: Ein Interview ist ein Gespräch zwischen Journalist und Aus kunfts‑ person, das bei der Ver öffent lichung noch vom Leser, Hörer, Zuschauer als solches zu er kennen ist. Möglich sind zwei Formen: Die strenge Form des Interviews gibt ein Gespräch in ununterbrochenem Dialog wieder. Die freie Form des Interviews hebt zwar auch auf Frage‑Antwort ab, unter bricht aber die Wieder gabe des Ge‑ sprächsverlaufs durch Zusammen fassun gen aus gelassener Gesprächsphasen in indirekter Rede sowie durch Beobach tungen. Hintergrund/Analyse (bei La Roche: Korrespondenten bericht): Der Hinter grund‑ bericht liefert Hinter gründe zu einer aktuellen Meldung und teilt nicht nur vorder‑ gründige Abläufe mit. Der Hinter grundbericht ist interpretierend und daher subjektiv, aber kein Kommentar, und mit dem Namen oder Kürzel des Autors ge kennzeichnet. Reportage: In der Reportage schildert der Reporter konkret, eindrück lich und detail reich Zustände und Abläufe, die er vor Ort be obachtet und erfährt. Eine Reportage erzählt ein ab straktes Thema anhand eines konkreten Beispiels und ist nicht hierarchisch, sondern dramaturgisch auf gebaut. Die konkreten Geschichten sind mit Fakten unter füttert. Kommentar: In einem Kommentar drückt ein Journalist seine Meinung über eine relevante Nachricht aus. Mögliche Formen sind: Argumenta tions‑Kommentar, Geradeaus‑Kommentar (Kritik oder Lob ohne Argumenta tion) und Einer seits‑ Anderer seits‑Kommentar (abwägen mit oder ohne Ent schei dung für eine Alter‑ native). Kritik (bei La Roche: Rezension): Die mei nungs betonte Form in der Literatur und Kunst kritik. Beispiele: Buch besprechung, Filmkritik, werten der Bericht über eine Gemälde ausstel lung oder Meinungs äuße rung auf einem anderen Gebiet der Künste (Theater, Oper, Ballett, Architektur, Design …). Informa tion und Beurtei‑ lung werden dabei ver mischt. Weitere mei nungs betonte Form: z. B. Glosse (unter scheidet sich vom Kommen‑ tar im Stil. Die Glosse ist nicht argumentierend, sondern bloß stellend, nicht ab‑ wägend, sondern hart, ironisch, witzig, listreich). 404 Sonsti ges: z. B.: Porträt, Ratgeber beitrag, Feature. 1 bericht/nachricht 2 interview 3 hinter grund/analyse 4 reportage 5 kommentar/kritik 6 andere mei nungs betonte Form 7 & StrinG Sonsti ges 55) Aktuali tät (AKT): Hier wird erfasst, wie aktuell das be richtete Thema ist. Diese Variable wird nur für Beiträge mit einem Ereignis codiert. Die Zeitangabe muss explizit im Artikel stehen. 1 Zeitpunkt gar nicht erkenn bar 2 vor dem ereignis 3 während des ereig nisses 4 nach dem ereignis, aber am selben tag 5 bis zu zwei tage nach dem ereignis 6 mehr als zwei tage nach dem ereignis 7 danach, Zeitpunkt des ereig nisses nicht erkenn bar 88 kein ereignis 56) Name des Autors (AUT): Hier wird erfasst, in welcher Form der Name des Autors an gegeben wird. 1 name wird nicht an gegeben 2 Vor- und nachname 3 kürzel/nickname (blogs) 4 name des Webangebots 5 name einer oder mehrerer agentur/ en 6 kombina tion von name und einer oder mehreren agenturen 7 kombina tion von kürzel und einer oder mehre- ren agenturen 8 kombina tion von name des Webangebots und einer oder mehreren agenturen 9 & StrinG Sonsti ges 405 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse ebene: kontext Des beitrags 57) Kontakt zum Autor (KONT_AUT): Hier wird erfasst, ob es eine Möglich keit gibt, mit dem Autor Kontakt aufzu nehmen (z. B. Kontakt formular, E‑Mail‑ Adresse). Die Kommentarfunk tion wird hier nicht erfasst. Als Kontakt möglich keit zählt auch die Nennung eines Autors mit zentraler Kontakt möglich keit bzw. Angaben der Kontakt daten auf der Website. Es zählen jedoch nicht allgemeine Kontaktadressen zur Redak tion wie redak tion@ oder politik@ etc. Wird kein persönlicher Autor mit Name oder Kürzel/Nickname an gegeben (Variable 57), wird „88“ codiert. Wird der Autor dagegen so ange geben, aber keine Kontakt möglich keit, wird „0“ codiert. 0 keine kontakt möglich keit 1 kontakt möglich keit vor handen 88 kein persönlicher autor mit name oder kürzel/ nickname an gegeben 58) Anzahl der Leser (ANZ_LES): Hier wird die Anzahl der Leser des Beitrags erfasst. Wenn die Redak tion keine Anzahl der Leser angibt, wird „8888“ codiert. n anzahl der leser 59) Anzahl der Bewer tungen der internen Zustimmungs funk tion (ANZ_INZUS): Hier wird die Anzahl der internen Bewer tungen des Beitrags erfasst, so wie sie die Redak tion angibt. Wenn die Redak tion keine Anzahl der Bewer tungen angibt, wird „9999“ codiert. Wenn es keine interne Zustimmungs funk tion gibt, wird „8888“ codiert. n anzahl der bewer tungen über Zustimmungs- funk tion 406 60) Anzahl der Bewer tungen der externen Zustimmungs funk tion (ANZ_EXZUS): Hier wird die Anzahl der externen Bewer tungen des Beitrags erfasst, so wie sie die Redak tion angibt. Dabei wird neben „Gefällt mir“ auch „Empfehlen“ erfasst, sofern bei Letzterem die Anzahl der empfehlen den Personen an gegeben ist. Werden mehrere externe Zustimmungs funk tionen an gegeben, werden die Bewer tungen addiert. Wenn die Redak tion keine Anzahl der Bewer tungen angibt, wird „9999“ codiert. Wenn es keine externe Zustimmungs funk tion gibt oder die Anzahl nicht festgestellt werden kann, wird „8888“ codiert. n anzahl der bewer tungen über Zustimmungs- funk tion („i like“) 61) Anzahl der Bewer tungen mittels Bewer tungs skala (ANZ_BEWSKA): Hier wird die Anzahl der Bewer tungen des Beitrags mittels Bewertungsskala erfasst, so wie sie die Redak tion angibt. Wenn die Redak tion keine Anzahl der Bewer tungen angibt, wird „9999“ codiert. Wenn es keine Bewer tungs skala gibt, wird „8888“ codiert. n anzahl der bewer tungen über bewer tungs skala 62) Minimalwert mittels Bewer tungs skala (MIN_BEW): Hier wird der Minimal‑ wert der Bewer tungs skala erfasst. Unter Minimalwert wird der Wert ver standen, der der schlechtmög lichsten Bewer tung ent spricht, z. B. „1“ bei einer Skala von 1 bis 5. Ver wendet die Skala Symbole zur Bewer tung, werden diese in numeri sche Äquiva lente über tragen (z. B. ent spricht „keine Sterne“ der Codeziffer 0). Gibt es keine Bewer tungs funk tion, wird „88“ ver geben. n minimalwert 63) Maximalwert mittels Bewer tungs skala (MAX_BEW): Hier wird der Maximal‑ wert der Bewer tungs skala erfasst. Unter Maximalwert wird der Wert ver standen, der der best möglichen Bewer tung ent spricht, z. B. „5“ bei einer Skala von 1 bis 5. Ver wendet die Skala Symbole zur Bewer tung, werden diese in numeri sche Äquiva‑ lente über tragen (z. B. ent spricht „5 Sterne“ der Codeziffer 5). Gibt es keine Bewer tungs funk tion, wird „88“ ver geben. n maximalwert 407 coDebuch Der QuantitatiVen inhalts analyse 64) Durchschnitt liche Bewer tung (DURCH_BEW): Hier wird die durch schnitt liche Bewer tung des Beitrags durch die Leser erfasst, so wie ihn die Redak tion angibt. Bei un geraden Werten wird gerundet (ab 0,5 auf gerundet, vorher ab gerundet). Wenn die Redak tion keine Anzahl der durch schnitt lichen Bewer tungen angibt, wird „88“ codiert. n Durch schnitt liche bewer tung 65) Anzahl der Kommentare (ANZ_KOM): Hier wird die Anzahl der Kommentare zum Beitrag erfasst. n anzahl der kommentare 8888 kommentarfunk tion bei diesem konkreten bei- trag ab geschaltet 409 erhe bungs instrument zur reDak tions beobach tung Vor bemer kung Das im Folgenden dokumentierte Erhe bungs instrument besteht aus zwei zentralen Teilen: A: Hand lungs kategorien und Erklä rungen B: Kurzfas sung der Hand lungs kategorien Ziel der passiv offen‑teilnehmen den und teil weise strukturierten Beobach tung ist es, die redak tio nellen Handlun gen und Abläufe eines Redakteurs eines Reporters im Hin‑ blick auf den Einsatz innovativer Technologien möglichst detailgetreu zu dokumentie‑ ren – z. B. bei der Recherche, zur Auf berei tung und Darstel lung von Informa tion oder im Zuge einer Inter aktion mit Nutzern. Wir gehen davon aus, dass der redaktio nelle Einfluss der Technisie rung und sogenannter Automatisie rungs prozesse auf das jour‑ nalisti sche Handwerk stark ge stiegen ist und sich in einem computerisierten Arbeits‑ kontext neue Anforde rungs profile für den profes sio nellen Journalismus ergeben. Die teilnehmende Beobach tung ist bewusst teilstandardisiert‑offen an gelegt. Das be deutet, dass die be obach teten Handlun gen und Abläufe im Arbeits alltag des jeweili gen Redak‑ teurs/Reporters teil weise strukturiert und offen erfasst werden. a. hanD lungs kategorien unD erklä rungen 1. Einfüh rungs gespräch am Beobach tungs tag Vor der eigent lichen Beobach tung be spricht der Beobachter die Vor gehens weise der Beobach tung am Beobach tungs tag. Das Ziel ist, einen Beobach tungs modus zu finden, der den Redakteur in seinen bzw. ihren alltäg lichen Arbeits abläufen wenig be ein träch‑ tigt. Zu ver einbaren sind folgende Punkte: – Entfer nung Beobach tungs posi tion zwischen Beobachter und Redakteur (empfohlen werden 0,5 Meter Abstand) – Einsatz von techni schen Hilfs mitteln im Bedarfs fall klären (z. B. Auf nahmegeräte beim Erklären von Tätig keits abläufen) – Abstimmen, in welchen Situa tionen die Beobachterin nach fragt – Abstimmen, in welchen Situa tionen Redakteurin/Redakteur Arbeits schritte erklärt – Mit dem be obach teten Redakteur ein Signal fest legen, um den Beginn einer neuen Handlung zu signalisie ren bzw. ver einbaren, dass der Redakteur anleitend arbeitet und jede neue Handlung ankündigt (z. B. sagt der Redakteur, dass er nun eine 410 Recherche zum Thema XY beginnt; oder er sagt, er speist jetzt den Beitrag in das CMS ein usw.) Für den Beobachter be deutet es dann, den Hand lungs ablauf ent- sprechend der Kriterien zu er fassen. Während der Beobach tung notiert der Beobachter offene Fragen (z. B. Ver ständnis‑ fragen in Bezug auf Hand lungs abläufe), die im Laufe des Beobach tungs tages ent stehen und be spricht diese am Ende des Beobach tungs prozesses mit dem be obach teten Redak‑ teur in einem Ab schluss gespräch. 2. Durch führung der Beobach tung – grundlegende Anmer kungen zur Hand- habung des Unter suchungs instruments Die Beobach tung konzentriert sich auf die vier über geordneten Ebenen des redak tio‑ nellen Produk tions prozesses: a. Recherche: Wie werden Themen be obachtet, aus gewählt und recherchiert? b. Produk tion: Wie werden Themen gesetzt und publizistisch auf bereitet? c. Publika tion (Distribu tion): Wie und über welche Kanäle werden Themen ver öffent licht und ver breitet? d. Rezep tion von Nutzer-Feedback (durch den Redakteur): Wie geht der Redakteur mit Nutzer feedback um? e. Sonstige Tätig keit, und zwar … sowie Redak tions konferenz als weitere Hand lungs ebenen außerhalb der klassi schen Produk tions prozesse Beobachtet werden Handlun gen (Analyse ebene) der aus gewählten Beobach tungs person, die immer einer dieser Prozessebenen zu geordnet werden. Handeln ist immer ein fließen der Vorgang, der sich aus einer Absicht und einem Hand lungs vollzug zusammen‑ setzt. Deshalb wird vorher eine Handlung einer über geordneten Ebene zu geschrieben, innerhalb derer dann die einzelnen Tätig keits schritte nach be stimmten Beobach tungs‑ kriterien erfasst werden. WICHTIG: Die Beobach tung der Handlun gen orientiert sich an definierten Hand lungs kategorien. Ziel ist, einen umfassen den Hand lungs ablauf journalisti scher Tätig keiten zu be schreiben. Während der Beobach tung sind alle be obacht baren Hand‑ lun gen nach der Struktur des Beobachtertagebuchs in zeit lich chronologi scher Reihen‑ folge zu er fassen. Neben den definierten Kategorien sind vor allem folgende Leitfragen als über geordnete Aspekte bei der Beobach tung zentral: – Was macht der be obachtete Redakteur gerade? (Handlung) – Welches techni sche Hilfs mittel setzt er ein? (Technik) – Welche Hand lungs ebene be trifft seine Handlung? 411 erhe bungs instrument zur reDak tions beobach tung „Journalismus unter Digitalen Vor zeichen“ Um Tätig keiten im Gesamt zusammen hang zu ver stehen und vollständig zu er fassen, sollte der Beobachter mithilfe von Nachfragen unklare Sach verhalte oder nicht beobacht‑ bare Informa tionen bzw. Hand lungs schritte er fragen. Im nächsten Ab schnitt werden die Beobach tungs kriterien im Detail er läutert, die als Grundlage der Beobach tung dienen. Hand lungs kategorien und Beobach tungs kriterien Formale Kategorien Zu Beginn einer jeden Handlung wird im ersten Schritt quasi ein Fall an gelegt und mit einer laufen den Nummer (lfd. Nr.) ver sehen, um bei der Aus wertung einen Rück‑ bezug herstellen zu können. Außerdem werden jedem Fall vorab formale Merkmale zu gewiesen (lfd. Nr., Uhrzeit und Oberbegriff), bevor die Hand lungs abläufe ent‑ sprechend der Hand lungs kategorien notiert werden. Die Erfas sung dieser formalen Kriterien zu jeder Handlung sichert die systemati sche Zuord nung der Handlun gen zu einer der über geordneten Prozessebenen und erlaubt die Rekonstruk tion der Handlun‑ gen und Abläufe im Nachgang zur Beobach tung. Jede Handlung ent spricht einem Fall (lfd. Nr). Zur Ab gren zung einer jeden neuen Handlung ist es er forder lich, dass der be obachtete Redakteur im ersten Schritt signali‑ siert, dass er eine neue Handlung vornehmen möchte oder dass er ein neues Ziel ver folgt, nämlich eine Recherche, die Produk tion, die Publika tion oder die Rezep tion von Nutzer feedback. Das ent sprechende Signal könnte so aus sehen und ist vorab der Beobach tung mit dem be obach teten Redakteur abzu stimmen: „Jetzt beginne ich eine Recherche“ oder „Jetzt beginne ich, meinen Beitrag zu schreiben“ oder „Jetzt ist der Beitrag fertig und ich mache …“ oder „Jetzt lese ich die Kommentare zu meinem Beitrag“. Mit diesem Signal bekommt der Beobachter schon eine Differenzie rung in eine Prozessebene und kann innerhalb dieser Prozessebene den Hand lungs ablauf unter Angabe einer laufen den Nummer er fassen. Sind die Signale nicht eindeutig bzw. der be obachtete Redakteur möchte sich auf diese Art der Signalge bung nicht einlassen oder die Grenzen zwischen den Handlun‑ gen sind nicht eindeutig genug, dann ist eine neue Handlung immer dann ge geben, sobald der be obachtete Redakteur ein neues techni sches Hilfs mittel (Hard‑ oder Software) ver wendet, um eine Tätig keit zu vollziehen. Im Zweifel gilt immer: nach‑ fragen! 412 Folgende Kriterien sind zu jeder Handlung zu notieren: lfd. nr. laufende nummer der handlung codieren nummer codieren: 01, 02, 03, 04 usw. Uhrzeit bitte zu beginn einer jeden handlung die Uhrzeit notieren z. b. 8:30 Uhr usw. oberbegriff handlung als oberbegriff der be sseren Über sicht halber notieren. offen notieren Zuord nung der Handlung zu einer Hand lungs ebene Im zweiten Schritt wird jede Handlung einer über geordneten Hand lungs ebene zu‑ geordnet. Innerhalb der über geordneten Prozessebenen werden dann die einzelnen Handlun gen und Tätig keiten ent sprechend der Hand lungs kategorien erfasst. hand lungs ebene Was tut der be obachtete redakteur gerade, und welcher über geordneten prozess- ebene wird seine handlung zu geordnet? 100 recherche > Weiter mit hand lungs kategorien 1) indikatoren: Wie werden themen recherchiert? Wie werden informa tionen gesam- melt und zusammen gestellt? indikatoren für recherchehand lungen sind zum bei- spiel: suchen, sammeln, gesammelte informa tionen zusammen stellen 200 Produk tion > Weiter mit hand lungs kategorien 2) indikatoren: Wie werden themen/beiträge journalistisch auf bereitet? indikatoren für produk tions hand lungen sind zum beispiel: planung/konzep tion des beitrags, selbst schreiben/audio- oder Video aufnahmen, bild auswahl, rediga tions prozesse (eigene und fremde beiträge), onlinearbeiten, z. b. Facebook-posts, tweets, Ver- linkungen setzen usw., auf berei tung von Daten sätzen; Zusammen arbeit mit anderen ab teilungen etc. 300 Publika tion (Distribu tion) > Weiter mit hand lungs kategorien 3) eine publika tion ist erst dann eine handlung, sobald ein journalisti scher beitrag tatsäch lich ver öffent licht ist. in diesem Fall ist der aus spiel kanal zu notieren. 400 rezep tion (partizipa tion) > Weiter mit hand lungs kategorien 4) Wie bekommt der redakteur nutzer feedback (über welchen kanal?), wie reagiert er darauf und welche handlung vollzieht der redakteur, sobald er Feedback rezipiert? 413 erhe bungs instrument zur reDak tions beobach tung „Journalismus unter Digitalen Vor zeichen“ 500 sonstige tätig keit: und zwar … indikatoren: hier wird alles notiert, was neben dem eigent lichen journalisti schen hand lungs prozess abläuft bzw. jene tätig keiten, die keiner oben ge nannten hand- lungs ebene zugordnet werden können. Sonstige handlun gen können z. b. folgende sein: kommunika tion, z. b. informelle kommunika tion mit kollegen; pausen (rau- cherpause, Frühstücks- oder mittags pause); meetings, die keine redak tions- konferenz sind; koordina tions tätig keiten; termine mit kollegen, z. b. praktikanten oder Volontäre einarbeiten bzw. arbeits aufträge er teilen; mitarbeiter anleiten; all- gemeine organisa tions- und Ver wal tungs aufgaben, die nicht direkt mit einem be- arbei teten beitrag oder journalisti schen produkt zu tun haben; allgemeines themen monitoring, z. b. beobachten der presse- und medien landschaft zur Ver- schaf fung eines Über blicks; klicks be obachten und zählen usw.; kaufmänni sche tätig keiten, z. b. budgetpla nung, reisepla nung- und ab rech nung usw. 600 redak tions konferenz (bitte den ablauf der konferenz notieren) nimmt der be obachtete redakteur an einer redak tions konferenz teil, dann sind folgende aspekte relevant: – Wie wird der redakteur in die konferenz ein gebunden? – Wie bringt er sich selbst in die konferenz ein? – ist seine be sondere expertise ge fragt im meeting (z. b. daten journalisti sche kennt nisse, be sondere techni sche oder gar Social-media-kompetenzen)? – macht er themen vorschläge? – Werden ihm themen zu gewiesen? – Wird über die Umset zung von themen ge sprochen? – Wird über ver gangene beiträge und deren resonanz ge sprochen? – Wird generell über rückmel dungen von außen ge sprochen? 1. Hand lungs kategorien für den Recherche-Prozess In diesem Bereich des journalisti schen Handelns steht vor allem die Frage im Vorder‑ grund, wie und wo der be obachtete Redakteur Informa tionen für seine Themen und Beiträge recherchiert. Bei der Anlage der Kategorien steckt die Systematik dahinter, dass man zuerst identifiziert, wie, also mit welchem techni schen Hilfs mittel der be obachtete Redakteur recherchiert und im zweiten Schritt be obachtet, wo, also welche Quelle der be obachtete Redakteur nutzt. handlung/ recherche Welche handlung vollzieht der be obachtete redakteur zur recherche? Wichtig sind die Fragen: – Wie sucht und sammelt der be obachtete redakteur informa tionen für seinen bei- trag oder seinen ge planten beitrag? – Wie geht er vor? tb bitte offen notieren 414 onlinerecherche Welche onlinequellen nutzt der be obachtete redakteur zur recherche? beispiele: besuchte Websites, Daten banken, Social-media-platt formen oder andere onlinequellen) tb bitte offen notieren offlinerecherche Welche Quellen außerhalb des internet nutzt der be obachtete redakteur zur recherche? beispiele: pressemittei lungen, experten, interviewpartner, Dokumente, literatur, Zeitun gen usw. tb bitte offen notieren technische hilfs mittel der recherche Welche techni schen hilfs mittel (hardware und Software) ver wendet der redakteur? beispiele: pc, laptop, mobilgeräte, kamera, spezielle Software, programme usw. tb bitte offen notieren 2. Hand lungs kategorien für den Produk tions prozess In diesem Bereich des journalisti schen Handelns steht vor allem die Frage im Vorder‑ grund, wie der be obachtete Redakteur seine Beiträge produziert. Bei der Anlage der Kategorien steckt die Systematik dahinter, zu er fassen, wie und mit welchen Arbeits‑ schritten er seinen Beitrag auf bereitet (Tätig keit/Handlung) und welche techni schen Hilfs mitteln dieser nutzt. handlung/ produktion Welche handlung übt der redakteur im produk tions prozess aus und wie geht er dabei vor? beispiele: planung/konzep tion eines beitrags, eigenen text schreiben, eigenen audio- oder Videobeitrag auf nehmen, bilder aus wählen für einen beitrag, posts auf Facebook schreiben, tweets schreiben, eigen marketing auf einer Social-network- platt form, Zusammen arbeit mit anderen ab teilungen, kommunika tion im produk- tions prozess mit kollegen oder anderen personen, online verlin kungen setzen, Daten auswer tung usw. tb bitte offen notieren technische hilfs mittel zum produzie ren (hardware) Welche techni schen hilfs mittel ver wendet der redakteur zur produk tion seines beitrages? beispiele: pc, laptop, mobilgeräte usw. tb bitte offen notieren 415 erhe bungs instrument zur reDak tions beobach tung „Journalismus unter Digitalen Vor zeichen“ technische hilfs mittel zum produzie ren (Software) Welche Software ver wendet der redakteur zur produk tion seines beitrages? bitte namen bzw. die bezeich nung der ver wendeten Software notieren tb bitte offen notieren 3. Hand lungs kategorie für den Publika tions-Prozess In diesem Bereich ist vor allem die Frage wichtig, was mit dem journalisti schen Beitrag/ Produkt nach Fertigstel lung passiert und auf welchem Kanal dieses aus gespielt wird. aus spielmedium Über welchen kanal wird der fertige beitrag aus gespielt? hier ist nur die nennung des reinen kanals notwendig. Diese kategorie greift, sofern der beitrag tatsäch lich ver öffent licht wird. tb bitte offen notieren technische hilfs mittel (hardware) Welche techni schen hilfs mittel ver wendet der redakteur? beispiele: pc, laptop, mobilgeräte usw. tb bitte offen notieren technische hilfs mittel (Software) Über welche Software/tool wird der beitrag aus gespielt? beispiel: cmS, tweetdeck usw. tb bitte offen notieren 4. Hand lungs kategorien für die Rezep tion von Nutzer feedback In diesem Bereich sind vor allem die Fragen wichtig, wie der be obachtete Redakteur Feedback von Nutzern rezipiert und damit umgeht und dieses weiter verarbeitet, und auch, wie das partizipative Potenzial der Nutzer in den journalisti schen Hand lungs‑ prozess einfließt. Formen der Feedback bear- beitung (handlung) hier geht es darum, zu be obachten, welche handlung der be obachtete redakteur vollzieht, sobald er kontakt mit einem nutzer hat bzw. sobald er eine rückmel dung bekommt oder selbst aktiv Feedback liest und/oder be- oder ver arbeitet. beispiele: klickzahlen checken, kommentare lesen, kommentare moderie ren, Feed- back be arbeiten, mit kollegen über Feedback sprechen usw. tb bitte offen notieren 416 Wertende reaktion auf Feedback Wie reagiert der be obachtete redakteur auf das nutzer feedback, z. b. lacht, zieht Grimasse usw.? Die reaktionen des redakteurs nur er fassen, sofern diese offensicht lich be obacht bar sind. tb bitte offen notieren kontakt mit nutzer Über welchen kanal bekommt der be obachtete redakteur kontakt mit dem nutzer bzw. eine rückmel dung vom nutzer? beispiele: post weg, e-mail, online, Social-media-platt form usw. tb bitte offen notieren technische hilfs mittel (hardware) Welche techni schen hilfs mittel ver wendet der redakteur? beispiele: pc, laptop, mobilgeräte usw. tb bitte offen notieren technische hilfs mittel (Software) Welche Software/onlinetool ver wendet der redakteur? beispiel: e-mailprogramm, kommentarfunk tion auf Facebook oder auf der eigenen redak tions seite usw. tb bitte offen notieren 5. Hand lungs kategorie „sonstige Tätig keiten, und zwar …“ In diesem Bereich werden vor allem die Handlun gen erfasst, die der Redakteur außer‑ halb des eigent lichen Produk tions prozesses vollzieht inklusive der ver wendeten Technik (Hard‑ und Software) handlung Welche handlung übt der redakteur innerhalb dieser hand lungs ebene aus und wie geht er vor? beispiele: kommunika tion (kommunika tion, die nicht mit dem produk tions prozess zusammenhing), planungs tätig keiten (themen planung, Seiten planung), koordina- tions tätig keiten, termine, Gespräche mit kollegen, z. b. arbeits anwei sungen geben, Schicht wechsel be sprechen, kollegen anleiten, allgemeine organisa tions- und Ver- wal tungs aufgaben, allgemeines themen monitoring zu informa tions- oder planungs- zwecken, kaufmänni sche tätig keiten, z. b. budgetpla nung, reisepla nung, pausen. tb bitte offen notieren technische hilfs mittel (hardware) Welche techni schen hilfs mittel ver wendet der redakteur? beispiele: pc, laptop, mobilgeräte usw. tb bitte offen notieren 417 erhe bungs instrument zur reDak tions beobach tung „Journalismus unter Digitalen Vor zeichen“ technische hilfs mittel (Software) Über welche Software/tool wird der beitrag aus gespielt? beispiel: cmS, tweetdeck usw. tb bitte offen notieren b. kurzfas sung Der hanD lungs kategorien Über geordnete Leitfragen für den gesamten Beobach tungs prozess: WAS macht der Redakteur gerade (Handlung)? WELCHE Technik (Hardware‑ und Software) benutzt er? Bei Unklar heiten um Mithilfe der Redakteurs bitten und nach fragen. Formale Kategorien 1) Nummer 2) Uhrzeit 3) Oberbegriff 4) Ebene 100 Recherche > Wie werden Themen recherchiert? Wie werden Informa tionen gesammelt und zusammen gestellt? Indikatoren für Recherchehand lungen sind zum Beispiel: suchen, sammeln, gesammelte Informa tionen zusammen‑ stellen 200 Produk tion > Wie werden Themen/Beiträge journalistisch auf bereitet? Indika‑ toren für Produk tions hand lungen sind zum Beispiel: Planung/Konzep tion des Beitrags, selbst schreiben/Audio‑ oder Video aufnahmen, Bild auswahl, Rediga tions prozesse (eigene und fremde Beiträge), Onlinearbeiten, z. B. Face‑ book‑Posts, Tweets; Ver linkungen setzen usw. Auf berei tung von Daten sätzen; Zusammen arbeit mit anderen Ab teilungen etc. Unter Produk tion fallen alle Hand lungs prozesse, die mit der Auf berei tung und Fertigstel lung von journalisti schen Beiträgen zu tun haben. 418 300 Publika tion > Eine Publika tion ist erst dann eine Handlung, sobald ein journalisti scher Beitrag tatsäch lich ver öffent licht ist. In diesem Fall ist der Aus spiel kanal zu notieren. 400 Rezep tion von Feedback > Wie bekommt der Redakteur Nutzer feedback (über welchen Kanal?), wie reagiert er darauf und welche Handlung vollzieht der Redakteur, sobald er Feedback rezipiert? 500 Sonstige Tätig keit: und zwar … > Hier wird alles notiert, was neben dem eigent lichen journalisti schen Hand lungs prozess abläuft bzw. jene Tätig keiten, die keiner oben ge nannten Hand lungs ebene zugordnet werden können. Sons‑ tige Handlun gen können z. B. folgende sein: Kommunika tion, z. B. informelle Kommunika tion mit Kollegen; Pausen (Raucherpause, Frühstücks‑ oder Mittags pause); Meetings, die keine Redak tions konferenz sind; Koordina tions‑ tätig keiten; Termine mit Kollegen, z. B. Praktikanten oder Volontäre ein‑ arbeiten bzw. Arbeits aufträge er teilen; Mitarbeiter anleiten; allgemeine Organi‑ sa tions‑ und Ver wal tungs aufgaben, die nicht direkt mit einem be arbei teten Beitrag oder journalisti schen Produkt zu tun haben; Allgemeines Themen‑ monitoring, z. B. Beobachten der Presse‑ und Medien landschaft zur Ver schaf‑ fung eines Über blicks; Klicks be obachten und zählen usw.; Kaufmänni sche Tätig keiten, z. B. Budgetpla nung, Reisepla nung‑ und Ab rech nung usw. 600 Redak tions konferenz > Nimmt der be obachtete Redakteur an einer Redak‑ tions konferenz teil, dann sind folgende Aspekte relevant: Wie wird der Redak‑ teur in die Konferenz ein gebunden? Wie bringt er sich selbst in die Konferenz ein? Ist seine be sondere Expertise ge fragt im Meeting (z. B. daten journalisti‑ sche Kennt nisse, be sondere techni sche oder gar Social‑Media‑Kompetenzen)? Macht er Themen vorschläge? Werden ihm Themen zu gewiesen? Wird über die Umset zung von Themen ge sprochen? Wird über ver gangene Beiträge und deren Resonanz ge sprochen? Wird generell über Rückmel dungen von außen ge sprochen? 1. Recherche 5) Recherchehand lung Wie sucht und sammelt der be obachtete Redakteur Informa tionen für Themen, für seinen Beitrag, für ge plante Themen/Beiträge? 419 erhe bungs instrument zur reDak tions beobach tung „Journalismus unter Digitalen Vor zeichen“ 6) Onlinerecherche (Quellen) Welche Onlinequellen nutzt der Redakteur? (z. B. Websites, Daten banken, Archive usw.) 7) Offlinerecherche (Quellen) Welche Offlinequellen nutzt der Redakteur? (z. B. Experten, Papierarchiv, Vor‑ ortbegehungen, Bücher usw.) 8) Technische Hilfs mittel der Recherche Welche Technik setzt der Redakteur ein (Hardware‑ und Software)? 2. Produktion 9) Technische Geräte zum Produzie ren (Hardware) Welche techni schen Geräte ver wendet der Redakteur zur Produk tion seines Themas/Beitrags? (z. B. PC/Arbeits platz; Laptop, Fotokamera, Auf nahmegeräte usw.) 10) Technische Hilfs mittel zum Produzie ren (Software) Welche Software ver wendet der Redakteur zur Produk tion seines Beitrages/Pro‑ duktes? (z. B. InDesign, Photoshop, Wordpress usw.) 11) Handlung/Produk tion Welche Handlung übt der Redakteur im Produk tions prozess aus? Auch parallele Handlun gen er fassen, z. B. Redigie ren am PC und parallel handschrift liche Notizen. Beispiele für Handlun gen: Planung/Konzep tion eines Beitrags, Eigenen Text schreiben, Eigenen Audio‑ oder Videobeitrag auf nehmen, Bilder aus wählen für einen Beitrag, Posts auf Facebook ver öffent lichen, Tweets auf Twitter einstellen, Eigen marketing auf einer Social‑Network platt form, Zusammen arbeit mit anderen Ab teilungen, Kollegen kommunika tion zum Beitrag, Online verlin kungen setzen, Daten auswer tung usw. 12) Fertigstel lung eines Beitrags/Themas Was passiert mit einem fertig gestellten Beitrag? Wohin geht dieser? Wo landet der Beitrag? (z. B. Weiter stel lung im Redak tions system; Weiter leitung an Kollegen oder Vor gesetzte, aus drucken, Weiter leitung an andere Ab teilungen usw.) 420 3. Publikation 13) Aus spielmedium Über welchen Kanal wird der fertige Beitrag (voraus sicht lich) aus gespielt? Hier ist das Ver öffentlichungs medium zu notieren (z. B. Zeitung, Radio, TV, Online (eigene Redak tions seite); Online (z. B. Facebook), eigene App (mobiles Medium), noch nicht sicher, ferti ger Beitrag wird nach allen Rediga tions schleifen auf Halde ge‑ halten für spätere Aus gaben usw. 4. Rezeption von Nutzerfeedback 14) Kontakt mit Nutzer Über welchen Kanal bekommt der be obachtete Redakteur Kontakt mit dem Nutzer bzw. eine Rückmel dung vom Nutzer? (z. B. Post weg, Telefon, E‑Mail, Online, z. B. über ein Forum oder Kommentar) usw. 15) Formen der Feedback bearbei tung (Handlung) Hier geht es darum, zu be obachten, welche Handlung der be obachtete Redakteur vollzieht, sobald er Kontakt mit einem Nutzer hat bzw. sobald er eine Rückmel‑ dung bekommt oder selbst aktiv Feedback liest und/oder be‑ oder ver arbeitet. (z. B. Kollege kommt persön lich und über bringt Feedback (Kommunika tion), Redakteur liest Kommentare online, Redakteur moderiert ein Nutzer forum online, Redakteur reagiert per E‑Mail auf Nutzer rückmel dungen, Redakteur leitet Rück‑ mel dungen an andere Ab teilung weiter, Feedback ist Basis einer neuen Recherche oder eines neuen Themas usw. 16) Wertende Redak tion auf Feedback (nur offensicht lich be obachtete Reaktionen er fassen) Wie reagiert der be obachtete Redakteur auf das Nutzer feedback? (z. B. R. lächelt, freut sich, R. wirkt ge drückt, R. wirkt ver ärgert, R. regt sich verbal auf, R. kommuniziert mit Kollegen über Feedback usw.) 421 erhe bungs instrument zur reDak tions beobach tung „Journalismus unter Digitalen Vor zeichen“ 5. Sonstige Tätigkeit, und zwar … 17) Welche Handlung übt der Redakteur innerhalb dieser Hand lungs ebene aus, und wie geht er vor? 18) Welche techni schen Hilfs mittel ver wendet der Redakteur (Soft- und Hard- ware)? 423 fragebogen Vignettenanalyse 424 425 fragebogen Vignettenanalyse (Variante reDaktionen) 426 427 fragebogen Vignettenanalyse (Variante reDaktionen) 428 429 fragebogen Vignettenanalyse (Variante reDaktionen) 430 431 fragebogen Vignettenanalyse (Variante reDaktionen) 432 433 fragebogen Vignettenanalyse (Variante reDaktionen) 434 435 fragebogen Vignettenanalyse (Variante reDaktionen) 437 coDebuch inhalts- unD netz werkanalyse Unter suchungs einheit Es werden folgende An gebote unter sucht: – Diskurs@DRadio (Hörfunk): Alle Beiträge der Website mit dazu gehöri gen Kom‑ men taren, die der Rubrik Politik zu geordnet sind (rund 300 Kommentare) – ZDFlog in (Fernsehen): Sendung und alle partizipativen Beiträge, die sich vor, während und nach der Sendung auf sie be ziehen (rund 600 Beiträge über Twitter, Facebook, Google+ und das eigene Forum) – #rheinzei tung oder #derwesten (Tages zeitung): Twitter‑Tweets, die sich im Laufe einer Woche auf die Rhein‑Zeitung be ziehen (rund 500 Tweets) – Spiegel Online-Forum (Zeitschrift): Thread durch schnitt licher Länge (rund 400 Posts) Erhe bungs einheit Es wird auf Beitragsebene codiert. Als Beitrag gelten sowohl die journalisti schen Inputbeiträge (Artikel, Video‑ und Audiobeiträge, TV‑Sendun gen), als auch alle parti‑ zipativen Beiträge der Nutzer, die vorher, während oder im Anschluss an die journalisti‑ schen Beiträge ent stehen und sich auf sie be ziehen. Bei vielen Kategorien wird zudem auf Satzebene über prüft, ob be stimmte (informative, emotionale, fragende) Elemente im Beitrag ent halten sind und, wenn sie ent halten sind, wird dies bezogen auf den Gesamtbeitrag codiert. Bei allen Kategorien wird NUR der Eigen beitrag der Journalisten oder Nutzer codiert, NICHT die zitierten Sätze von Journalisten oder anderen Nutzern aus der aktuellen Diskussion (interne Bezüge). Wenn also ein Beitrag einen vor heri gen Beitrag eines anderen Nutzers oder Journalisten aus dem Thread zitiert, der Links und Emoticons ent hielt, wird dies NICHT codiert, sondern nur der Eigenanteil, den der Nutzer/Journalist zusätz lich beiträgt. Wenn hingegen andere Quellen zitiert werden, die nicht aus dem An gebot selbst stammen, sondern von woanders (externe Bezüge), dann wird alles (z. B. auch Links und Emoticons) mitcodiert. Ob es sich um interne oder externe Bezüge handelt, lässt sich bei der Haupt codie rung aus dem Kontext er‑ schließen. Aussage einheit Die codierten Einzel beiträge werden dann aggregiert und personen bezogen aus gewertet. Am Ende werden also nicht die Beiträge selbst das Thema sein, sondern die Personen, 438 die sich in den Beiträgen äußern. Diese werden im Rahmen der Netz werkanalyse aufeinander bezogen. Es folgt das eigent liche Codebuch (formale Kategorien, z. B. Datum usw., werden ge‑ trennt erfasst): Kategorie/Unter kategorie Beschrei bung Aus prägungen 1. Informa tion Der Informa tions gehalt eines Beitrags wird mittels dreier Indikatoren ge messen (siehe Unter kategorien). Als informativ gilt ein Beitrag, wenn er mindestens eines der folgen‑ den Kriterien erfüllt: – Der Beitrag ent hält mindestens einen weiter führen Link – Der Beitrag ent hält mindestens eine andere Informa tions quelle – Der Beitrag ent hält mindestens eine eigene Tatsachen-/Fakten behaup tung 1.1 Info-Links Ein Link ist eine Internetadresse (meist in der Form www.xy. de oder www.xy. de), der auf ein anderes Internetangebot ver weist. In dieser Kategorie wird ge‑ zählt, wie viele externe Links ein Beitrag ent hält. Vorgehens weise: Suchen Sie nach Zeichen folgen, die mit http oder www be ginnen. Bei YouTube sind die Links teil weise auch ohne diese Anfangs buchstaben kombina‑ tion. Beispiel Da sind wir dann in der Tat bei Quellen wie Christen‑ tum, Auf klärung und Humanis mus. Aber nicht automa‑ tisch bei jeder Religion. vgl. https:// de.wikipedia.org/ wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-DiktumUnd, wenn 0 = keine Links im Beitrag 1 = mindestens ein Link im Beitrag 439 coDebuch inhalts- unD netz werkanalyse (kaPitel 8) ich das hinzu fugen darf, wir sind auch nicht automatisch bei Kirche [= 1 Link]. 1.2 Infos von anderen Quellen Andere Infoquellen sind meist Personen, Institu tionen oder aktuelle Dokumente, die heran gezogen werden, um Tatsachen‑ oder Fakten behaup tungen zu unter mauern. Es geht hier um an geführte Aus sagen, Zitate oder Argu‑ mente dieser anderen Quellen, die direkt oder indirekt zitiert werden oder sinn gemäß wieder gegeben werden. Es reicht also nicht die Erwäh nung von Personen usw., sondern diesen muss auch eine Aussage oder Position zu geschrieben werden. Wenn eine solche Quelle mit einem Link ver sehen ist, wird sie nur in Kategorie 1.1 codiert und NICHT noch einmal in Kategorie 1.2. Zitate des journalisti schen Beitrags, der kommentiert wird (im Spiegel Online-Forum häufig als „Sysop“ be zeichnet), oder Zitate von anderen Nutzern (tauchen v. a. häufig im Spiegel Online-Forum am Anfang eines Beitrags auf) gelten nicht als Infos von anderen Quellen. Vorgehens weise: Suchen Sie zuerst nach Personen (z. B. öffent lichen Persönlich keiten), Institu tionen (z. B. Organi‑ sa tionen, Unter nehmen, Ver einen usw.) oder Namen von Dokumenten (z. B. Ver träge, Gesetzes texte, Bücher, Zei‑ tun gen, Internetangebote usw.) und sehen Sie dann nach, ob Ihnen eine be stimmte Aussage, Informa tion oder Posi‑ tion zu geschrieben wird (z. B. mit Formulie rungen wie „laut XY“, „nach Informa tionen von XY“, „Quelle: XY“, „XY hat gesagt“, „Zitat von XY:“, „XY ist ja dafür, dass“ usw.). Beispiele Und ich frage mich, wie denn die Piraten partei auf das Problem reagiert, das sich aus der sehr klugen Fest stel lung 0 = keine Infos von anderen Quellen im Beitrag 1 = mindestens eine Info von einer anderen Quelle im Beitrag 440 des ehemali gen Bundes verfassungs richters Böcken förde ergibt: Der frei heit liche Rechts staat lebt von Voraus set‑ zung, die er nicht selbst schaffen kann. Was uns indes viel mehr aufregt, ist die Tatsache, dass nicht ge liefert wird, wie’s BuMi Rösler so ent larvend formuliert hat. KEINE ANDERE INFOQUELLE IST FOLGENDES GEGENBEISPIEL: Was man sich trotzdem fragt ist, warum Institu tionen wie das ZDF oder die Bundes zentrale für politi sche Bil‑ dung oder der Deutschlandfunk immer weniger wahr‑ genom men werden. [Grund: Institu tionen werden nur erwähnt, ihnen wird keine Aussage zu geschrieben]. 1.3 Tatsachen-/Fakten behaup tung Der Beitrag be hauptet eine be stimmte Tatsache, ohne Belege dafür (Link, andere Quelle) anzu führen. Eine solche Behaup tung ist daran erkenn bar, dass sie – Aussagen sind: Aus sagen enden nicht mit Frage- zeichen, – sach lich sind: Aus sagen mit Adjektiven wie gut – schlecht, häss lich – schön, langweilig – spannend sind nicht sach lich, sondern wertend, Aus sagen mit Aus rufezeichen sind nicht sach lich, Formulie rungen wie „denke ich“, „meiner Meinung nach“, „ich per‑ sön lich finde“ zeigen eher eine Meinungs äuße rung an und sind deshalb auch nicht sach lich; auch For‑ mu lie rungen wie „soll“, „muss“, „gehört ver boten“ sind normativ und unsach lich, – Informa tionen liefern: Informa tionen sind von Mei‑ nun gen (sind wertend) und Möglich keits behaup‑ tungen (sind im Konjunktiv) abzu grenzen, d. h. eine Bewer tung oder ein Konjunktiv in einem Satz schließt aus, dass der Satz als Tatsachen behaup tung 0 = keine Tatsachen- behaup tungen im Beitrag 1 = mindestens eine Tatsachen behaup tung im Beitrag 441 coDebuch inhalts- unD netz werkanalyse (kaPitel 8) ge wertet werden kann; informativ ist eine Aussage, wenn sie theoretisch eine Antwort auf eine W‑Frage (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Womit?) be züglich des Themas sein kann UND wenn theo‑ retisch (mit ent sprechen den Ressourcen) empirisch an der Realität über prüf bar wäre, ob die Behaup tung „wahr“ oder „falsch“ ist; irrelevant ist, ob die Infor‑ ma tionen auf grund Ihres aktuel len Wissens stimmen oder nicht. Sie sollten aber zum über geordneten Thema des journalisti schen Beitrags oder von Nut‑ zer beiträgen geäußert werden und nicht zur Person des Journalisten, seiner Redak tion, zu anderen Nut‑ zern oder zu sich selbst. Es geht hier v. a. darum heraus zufinden, ob Informa‑ tionen mitgeteilt werden und ob Meinun gen aus anderen Sätzen auch sach lich be gründet werden. Vorgehens weise: Suchen Sie nach Sätzen ohne Frage‑ und Aus rufezeichen, ohne wer tende Aus sagen, Konjunktive oder subjektive Meinungs äuße rungen. Über prüfen sie, ob die Äußerung auf das Thema des journalisti schen oder eines Nutzer beitrags bezogen ist und nicht über einen anderen Beitrags schreiber oder über sich selbst ist. Prüfen Sie dann der Reihe nach, ob einer der Sätze sich als Antwort auf eine W‑Frage ver stehen lässt UND ob sie sich theoretisch empirisch über prüfen ließe. Codiert wird auf der Ebene des Satzes – es ist also egal, wenn ein späterer/früherer Satz wertend ist, Frage‑ oder Aus‑ rufezeichen ent hält usw. Beispiele Natür lich werden in der Evangeli schen Kirche alle Ämter per Wahl besetzt – in der Regel auch die Pfarr‑ stellen. [Grund: Aussage, nicht‑wertend, Informa tion über die Kirche wird ge liefert, als mögliche Antwort auf die Frage: Wie werden die Ämter in der Evangeli schen Kirche besetzt?]. 442 Allein das Exportvolumen von Rheinmetall liegt bei diesem Deal bei 280 Millonen US-$. [Grund: Aussage, nicht‑wertend, Informa tionen über ein Handels geschäft, als mögliche Antwort auf die Frage: Wie groß ist das Exportvolumen des Handels geschäfts?]. KEINE TATSACHENBEHAUPTUNGEN SIND FOL- GENDE GEGENBEISPIELE: Ich bin in keiner Partei und in keiner Kirche. [Grund: Bezieht sich auf eigene Person, nicht auf das Thema]. Drohnen sind Spielzeug, es macht den Krieg noch per‑ ver ser, die west lichen Länder schicken Drohnen in die Länder in denen die Zivil bevölke rung teilweiße in Mas‑ sen ver hungert, es werden nicht mehr Menschen dorthin geschickt. [Grund: Aussage ist auf grund des Adjektivs „perverser“ wertend]. Wer die Netzneutralitat be wahren will, der darf nicht schon von vornherein „Einschnitte und Beschran kungen“ mit einplanen. [Grund: Aussage ist auf grund des norma‑ tiven Verbs „darf“ wertend]. Die netzpoliti schen Sprecher sind einiger massen im Thema. [Grund: Adverb „einiger maßen“ ist wertend]. 2. Emotion Die Emotionali tät eines Beitrags wird mit vier Indikatoren ge messen (siehe Unter‑ kategorien). Als emotional gilt ein Beitrag, wenn er mindestens eines der folgen den Kriterien erfüllt: – Der Beitrag ent hält mindestens ein Emoticon, – Der Beitrag ent hält mindestens eine emo tions anzeigende Kurzformel, – Der Beitrag ent hält mindestens einen Fall, wo mehr als ein Ausrufezeichen oder Fragezeichen hinter einander, oder wo ein?! bzw.!? auftauchen, – Der Beitrag ent hält mindestens eine beleidigende oder be schimpfende Bemer kung über Personen oder Institu tionen der Berichterstat tung, über die Berichterstatten‑ den, andere Kommentie rer, Dinge oder Ereig nisse, 443 coDebuch inhalts- unD netz werkanalyse (kaPitel 8) – Der Beitrag ent hält mindestens eine begeisterte Bemer kung über Personen oder Institu tionen der Berichterstat tung, über die Berichterstatten den oder andere Kommentie rer, Dinge oder Ereig nisse. 2.1 Emoticons Ein Emoticon ist eine Zeichen kombina tion oder ein gra‑ fisches Symbol, das eine be stimmte Emotion aus drücken soll. Gezählt wird, wie viele Emoticons ein Artikel enthält. Vorgehens weise: Suchen Sie nach auf fälli gen Zeichen‑ kombina tionen, die für sich ge nommen keinen Sinn ma‑ chen. Über prüfen Sie dann anhand der Tabelle oder der Website, ob es sich um einschlägige Emoticons handelt. Beispiele für Emoticons Quelle: www.desig‑n.de smileys‑emoticons. htm (am besten mit Tasten kombina‑ tion Strg‑F nach in Frage stehen den Zeichen kombina‑ tionen suchen) KEIN EMOTICON IST FOLGENDES GEGENBEISPIEL: irgendwie [= HTML‑Code] 0 = kein Emoticon ent halten 1 = mindestens ein Emoticon ent halten 444 2.2 Emotions anzeigende Kurzformeln Unter emo tions anzeigen den Kurzformeln werden Ab‑ kürzungen und formel hafte Kurz aussagen ge fasst (z. B. lautmaleri sche Bemer kungen wie *huch*, *juhu* usw.), die sich auf Emotionen oder auf emotionale Indizien be ziehen. Diese Kategorie wird nur codiert, wenn Sie bei 2.1 keine 1 stehen haben. Vorgehens weise: Suchen Sie nach auf fälli gen Ab kür‑ zungen oder lautmalerischen/emotionalen Kurzwörtern. Über prüfen Sie, ob es sich dabei wirk lich um emo tions‑ anzeigende Fälle handelt, die Freude, Leid, Über raschung, Ent täuschung usw. aus drücken. Beispiele lol (= laughing out loud) *schnief* (= Aus druck von Trauer/Wehmut) G (= Grins) OMG (= oh my God) WTF (= what the fuck) *schäm* (= Aus druck von Scham) NICHT EMOTIONAL SIND FOLGENDE GEGEN- BEISPIELE: fyi (= for your information) BTW (= by the way) 2.3 Satz zeichen Hier wird codiert, ob ein Beitrag an einer oder mehre‑ ren Stellen mehrere Aus rufe zeichen, Fragezeichen oder Punkte ent hält oder wenn an einer oder mehreren Stellen ein Aus rufezeichen oder ein Fragezeichen direkt auf‑ 0 = keine emo tions anzei- gende Kurzformel ent halten 1 = mindestens eine emo tions anzeigende Kurzformel ent halten 0 = kein Satz mit mehre- ren dieser Zeichen hinter einander 445 coDebuch inhalts- unD netz werkanalyse (kaPitel 8) einander folgen oder um gekehrt. Diese Kategorie wird nur codiert, wenn Sie bei 2.1 oder 2.2 keine 1 stehen haben. Vorgehens weise: Gehen Sie den Beitrag durch und suchen Sie nach Stellen, an denen mehrere? oder! hinter einander auf tauchen. Beispiel Also für die SPD ist das dann Allgemein verbind lich?! Sehr lustige Geschichte!!! Was fällt Dir eigent lich ein??? Na also, geht doch … NICHT RELEVANT SIND FOLGENDE GEGEN BEI- SPIELE: Sehr schön geschrieben! [Grund: Nur ein Aus rufezeichen] Worauf zielte das nochmal ab? [Grund: Nur ein Frage‑ zeichen] 2.4 Ver bale Aggression Ver bale Aggression kann sich ent weder auf die Akteure in der Berichterstat tung (Per sonen, kollektive Akteure), auf die Berichterstatter bzw. Autoren oder die Redak tion (des in Frage stehen den Beitrags) oder auf andere Mit‑ glieder des Publikums (= Kom mentie rer) be ziehen, oder allgemeiner auf Dinge oder ein Ereignis. Sie liegt vor, wenn diese Person/ en be leidigt oder mit Schimpfwörtern an gegriffen werden, indem sie oder ihre Handlun gen oder Ereig nisse im Allgemeinen mit negativ konnotierten Adjektiven belegt werden (ahnungs los, dumm, schwach‑ sinnig usw.) oder mit negativ konnotierten Dingen ver‑ glichen werden (Affe, Windbeutel usw.). 1 = mindestens ein Satz mit mehr als einem!,? oder. hinter einander oder mindestens einer Zeichen kombina tion!? oder?! 0 = kein Satz mit be lei di- gen der oder ab schät- ziger Bemer kung 1 = mindestens ein Satz mit be leidi gen der oder ab schätziger Bemer- kung 446 NICHT Bemer kungen mit Begriffen wie „schlecht“, „falsch“ oder „Scheinargu ment“ sind per se verbal aggres‑ siv, sondern ver letzende Bemer kungen wie „grotten‑ schlechte Argumenta tion“, „dumm“, „häss lich“, „Scheiße“ usw., die sich also auf Akteure und ihre Handlun gen be ziehen und die die Ehre des Akteurs ver letzen. Als Faustregel kann gelten, ob Sie sich selbst von einer solchen Bemer kung ver letzt fühlen würden, wenn sie von einer Ihnen fremden Person stammt. Ironie und Satire zählen auch als Beleidi gung/Herab würdi gung. Die Bemer kung sollte ge eignet sein, den Schreiber als „Feind“ und „Gegner“ desjenigen zu qualifizie ren, über den oder das er sich äußert. Diese Kategorie wird nur codiert, wenn Sie bei 2.1, 2.2 oder 2.3 keine 1 stehen haben UND wenn bei 3. (Meinung) eine negative Meinung codiert wurde. Vorgehens weise: Suchen Sie nach werten den Aus sagen über Personen, Dinge oder Ereig nisse, die mit be sonders starken Adjektiven oder Adverben belegt werden, die be leidigend oder be schimpfend sein können. Suchen Sie außerdem nach ironischen oder satiri schen Aus sagen, die also genau das Gegen teil von dem meinen, was sie sagen. Über legen Sie sich dann, ob Sie sich selbst be leidigt füh‑ len würden, wenn auf diese Weise über Sie selbst, Ihre Handlun gen und die Dinge/Ereig nisse, die mit Ihnen ver bunden sind, ge sprochen werden würde. Beispiele Super Haltung, Herr Maschinist. Keine Gebühren zah‑ len, aber hier beim Deutschland funk unter wegs sein. [klare Ironie; Kommentie rer Maschinist wird für seine wider sprüch liche Haltung kritisiert]. Altkanzler Helmuth Kohl vor gestern in BILD zur Krise der EU‑Schulden‑Union: „Wir haben allen Grund zu Optimismus, dass wir, dass unser Europa auch aus der 447 coDebuch inhalts- unD netz werkanalyse (kaPitel 8) gegen wärti gen Krise ge stärkt hervor geht – wenn wir es nur wollen.“ Dann weiter: „Wir müssen die Krise als Chance nutzen. Wir brauchen – gerade jetzt – mehr und nicht weniger Europa!“ Zitat Ende. Super – genau die Standard‑Totschlag‑Beriese lung, die nichts bringt. [Aus‑ sage von Altkanzler Kohl wird als „Standard‑Totschlag‑ Beriese lung“ ab schätzig qualifiziert]. Die Öffent lichen Recht lichen machen sich für Daten‑ journalismus stark. Ein Thema, bei dem sie komplett ver sagen. [„komplettes Ver sagen“ qualifiziert die Bemü‑ hungen der Ö‑R im Bereich Daten journalismus ab]. NICHT BELEIDIGEND/ABSCHÄTZIG SIND FOL- GENDE GEGENBEISPIELE: Ich frage mich, warum wir uns der Journalismus darüber nicht informiert. Es ist wir oben geschrieben „ökonomie‑ fol klore“ die uns in den Wirtschafts sendun gen an geboten wird. Wozu tägliche Börsen werte, wenn niemand Zusam‑ men hänge erklärt. Diese Kritik muss sich auch der DLF anhören. [Grund: Beitrag ist zwar als Kritik aus geflaggt, diese wird aber sach lich und ohne be leidigende oder ab schätzige Bemer kungen vor getragen]. Geld ist ein zentraler Bestand teil unseres Lebens, aber er wird nirgends gut erklärt. [Grund: Keine be leidigende/ ab schätzige Bemer kung; kein klarer Adressat]. 2.5 Ver bale Zunei gung Ver bale Zunei gung kann sich eben falls ent weder auf die Akteure in der Berichterstat tung (Personen, kollektive Akteure), auf die Berichterstatter bzw. Autoren oder die Redak tion (des in Frage stehen den Beitrags) oder auf andere Mitglieder des Publikums (= Kommentie rer) be‑ ziehen, oder allgemeiner auf Dinge oder ein Ereignis. Sie liegt vor, wenn diese Person/ en verbal ge feiert werden, indem sie oder ihre Handlun gen oder Ereig nisse im All‑ Anzahl der lobenden Bemer kungen als Zahl 448 ge meinen mit positiv konnotierten Adjektiven belegt wer‑ den (heraus ragend, brillant, geil usw.) oder mit positiv kon notierten Dingen verg lichen werden (Checker, Genie usw.). NICHT Bemer kungen mit Begriffen wie gut, richtig oder „ganz schön“ sind per se ein Aus druck verbaler Zunei gung, sondern be sonders positiv zu gewandte For‑ mu lie rungen wie „supergute Argumenta tion“, „be ein‑ drucken des Wissen“, „erste Sahne“ usw., die sich also auf Akteure und ihre Handlun gen be ziehen und die den Akteur als etwas Besonde res aus weisen. Um Begeiste rung für eine Person oder eine Sache zu qualifizie ren reicht es nicht, etwas als gut oder schlecht zu be werten. Dies muss auch mit über schwäng lichem Wortschatz geschehen. Als Faustregel kann gelten, ob Sie sich selbst von einer solchen Bemer kung be sonders geehrt fühlen würden, wenn sie von einer Ihnen fremden Person stammt. Die Bemer kung sollte ge eignet sein, den Schrei‑ ber als „Fan“ und „Unter stützer“ desjenigen zu qualifizie‑ ren, über das er sich äußert. Diese Kategorie wird nur codiert, wenn Sie bei 2.1, 2.2, 2.3 oder 2.4 keine 1 stehen haben UND wenn bei 3. (Meinung) eine positive Mei‑ nung codiert wurde. Vorgehens weise: Suchen Sie nach werten den Aus sagen über Personen, Dinge oder Ereig nisse, die mit be sonders starken Adjektiven oder Adverben belegt werden, die eine über schweng lich positive Konnota tion haben. Über legen Sie sich dann, ob Sie sich selbst be sonders geehrt fühlen würden, wenn auf diese Weise über Sie selbst, Ihre Hand‑ lun gen und die Dinge/Ereig nisse, die mit Ihnen ver‑ bunden sind, ge sprochen werden würde. Beispiele Supertoller Artikel. Danke. Sowas ver misst man in den Zeitun gen und Fernseh pro grammen oft. [Autor wird gelobt]. 449 coDebuch inhalts- unD netz werkanalyse (kaPitel 8) Sehr schön, dass sich der DLF für Diskussionen öffnet :‑D [Lob für Redak tion]. Besser hätte ich es nicht sagen können, Chapeau, Helminchen [Lob für andere Kom men tiererin]. NICHT LOBEND SIND FOLGENDE GEGEN BEI- SPIELE: Was für ein wunder schöner Tag … [Grund: Tag ist kein Akteur, Ding oder Ereignis]. Der Beitrag ist ganz gut [Grund: „ganz gut“ ist nicht „über schweng lich“ genug, um als emotionaler Aus bruch gelten zu können]. 3. Meinung Meinungs beiträge sind Beiträge, die eine Meinung zu einem Thema, einem publizisti schen Beitrag oder zu einer Wortmel dung eines anderen Nutzers ent halten. Meinun gen sind daran erkenn bar, dass sie das Thema, den Beitrag oder die Wortmel dung positiv oder negativ be werten. Es wird hier summarisch be urteilt, ob der Beitrag als ganzer eine be stimmte Meinung zu einem Thema, Beitrag oder einer Wortmel dung ver tritt oder nicht. Es sollte erkenn bar sein, ob der Beitrag eine eher zustimmende oder eher ab lehnende Haltung ver tritt. Meinungs äuße rungen werden häufig mit Formulie‑ rungen wie „Ich denke“, „meiner Meinung nach“, „Ich sehe es so“, „Wenn ihr mich fragt“ usw. ein geleitet oder ent halten Formulie rungen wie „meines Erachtens“ und häufig be wertende Adjektive wie gut – schlecht, schön – häss lich, toll – blöd, usw. Auch Deklara tionen ge hören dazu, z. B. „Das will ich gar nicht sehen“. Dies muss nicht der Fall sein, ist aber häufig so. Eine Meinung kann ent weder vor allem auf das Sach thema bezogen sein oder auf einen anderen Beitrag; 0 = Beitrag ver tritt keine be stimmte Meinung 1 = Beitrag ver tritt eine negative Meinung 2 = Beitrag ver tritt eine positive Meinung 450 dies gilt es zuerst zu identifizie ren; wenn sich ein Beitrag explizit auf einen anderen bezieht, dann ist die Meinung (Zustim mung/Ab lehnung) zu codieren, die er zu diesem Beitrag hat; wenn er sich nur zum Thema äußert ohne Querbezüge ist nur zu codieren, ob er sich positiv oder negativ zum Phänomen äußert, das Thema ist. Positive Meinun gen be züglich eines anderen Beitrags sind an zustimmen den und positiven Formulie rungen, meist am Anfang oder am Ende eines Kommentars, zu er kennen („Ich denke auch“, „wie XY schon sagte“, „es ist doch so und so“), negative Meinun gen an ab lehnen den und negativen Formulie rung („Ich denke nicht“, „anders als XY sagt“, „es ist doch nicht so und so“). Positive Meinun gen zum Thema lassen sich am positiven Wort‑ schatz er kennen (z. B. gut, richtig, Unter stüt zung) er‑ kennen, negative am negativen Wortschatz (z. B. schlecht, falsch, Ab lehnung). Wenn Meinun gen zu mehreren Nutzer beiträgen und/oder dem journalisti schen Beitrag und/oder einem Thema geäußert werden, ist die Meinung zu codieren, die im Beitrag den größten Raum (Wörter/Zeilen) ein‑ nimmt. Vorgehens weise: Suchen Sie zunächst am Anfang und am Ende des Beitrags nach einleiten den oder resümie‑ ren den Bewer tungen. Lesen Sie dann den gesamten Bei‑ trag durch und ent scheiden Sie, ob darin eine eindeutige Meinung zum Thema, zum journalisti schen oder zu einem Nutzer beitrag artikuliert wird. Bleibt es insgesamt unklar, wie die Gesamtbewer tung aus fällt, codieren Sie 0. Wenn mehrere Aspekte an gesprochen werden, orientie‑ ren Sie sich an dem Thema, das insgesamt den größten Raum in dem Beitrag einnimmt (= „pi mal Daumen“ die meisten Wörter/Zeilen). Ent scheiden Sie dann auf‑ grund der Argumenta tion und des Wortschatzes, ob der Beitrag dies insgesamt eher positiv/unter stützend oder eher negativ/ab lehnend be wertet. 451 coDebuch inhalts- unD netz werkanalyse (kaPitel 8) Beispiele ja, das ist wirk lich schön, vor allem, daß man beim DLF nicht den fehler des DRW macht: das ganze auf facebook auszu rlagern. Am Ende kann man sich nur an den Kopf fassen. Wenn Herr Keese glaubt, daß das #LSR Springer hilft, können wir alle nur hoffen, daß seine Wünsche in Erfüllung gehen. NICHT MEINUNGSRELEVANT SIND FOLGENDE GEGENBEISPIELE: Ich kann mich irgendwie nicht ent scheiden, was ich davon halten soll … [Grund: Keine eindeutige Haltung]. Hier kommt noch ein Link, der vielleicht weiter hilft: www.dradio.de/aktuell/ 1870712/ [Grund: es wird keine Meinung geäußert]. 4. Fragen Hier wird erfasst, ob Fragen im Beitrag ge stellt werden, erkenn bar an der Anzahl der Fragezeichen – allerdings werden zwei Fragezeichen un mittel bar hinter einander nur als eine Frage ge zählt. Auch rhetori sche Fragen zäh‑ len als Fragen, nicht aber Frage zeichen, die ohne Ver‑ bindung zu einer Aussage stehen. Beispiele Was war nun der Punkt? Worauf wolltest Du hinaus? [wird als zwei Fragen ge zählt]. Ist das wirk lich alles, was Dir dazu einfällt??? Na dann … [wird als eine Frage ge zählt]. KEINE FRAGE IST FOLGENDES GEGENBEISPIEL: ? Also ich ver stehe dich nicht. Es ist doch ganz anders … [Fragezeichen steht ganz allein und ist nicht mit Aussage ver bunden]. 0 = Es kommen keine Fragen vor 1 = Es kommt mindestens eine Frage vor 452 teilstichProbe Der bewusst aus gewählten innoVatiVen online-angebote Der QuantitatiVen inhalts analyse 1. www.16vor. de 2. www.20zwoelf. de 3. www.2470media. com 4. www.altona. info 5. www.blog. sell‑news.com/blog/sellnews/ 6. www.dokublog. de 7. www.erdbeerlounge. de 8. www.fluter. de 9. www.frauenzimmer. de 10. www.freundevonfreunden. com 11. www.gamestar. de 12. www.giessener‑zeitung. de 13. www.heddesheimblog. de 14. www. hh‑mittendrin. de 15. www.kindernetz. de 16. www.krautreporter. de 17. www.marcel‑ist‑reif. de 18. www.meinesueddstadt. de 19. www.migazin. de 20. www.myheimat. de 21. www.prenzlauerberg‑nachrichten. de 22. www.publikative. org 23. www.qiez. de 24. www.readers‑edition. de/ 25. www.slanted. de 26. www.spox. com 27. www.startnext. de 28. www.stefan‑niggemeier. de 29. www.suite101. de 30. www.tegernseerstimme. de 31. www.top. de 32. www.vocer. org 33. www.wasmitmedien. de 34. www.webnews.de/augenzeuge 35. www.zeitjung. de 453 Die autoren Dr. phil. Volker Lilienthal ist Inhaber der Rudolf‑Augstein‑Stif tungs professur für Praxis des Quali täts journalismus und Professor für Journalistik und Kommunika tions‑ wissen schaft an der Universi tät Hamburg. Bis zu seiner Berufung im Jahr 2009 war er Ver antwort licher Redakteur des Fachdienstes „epd medien“ in Frank furt am Main. In seinen 20 Jahren als Medien‑Fachjournalist wurde Lilienthal mehrfach preis gekrönt, vor allem 2005/06 für seine investigative Recherche zur Schleichwer bung im ARD‑ Fernsehen. Sein Studium der Journalistik an der Universi tät Dortmund hatte er 1983 als Diplom‑Journalist ab geschlossen. Darauf folgte ein Studium der Neueren Deutschen Literaturwissen schaft an der Universi tät Siegen, das er 1987 mit der Promo tion be‑ endete (Diss. „Literaturkritik als politi sche Lektüre“, 1988). Lilienthal wirkt in mehreren Jurys von Medien preisen mit, u. a. beim Otto Brenner Preis für Kritischen Journalismus, und gibt die inter nationale Journalismus‑Zeitschrift „Message“ heraus. Wissen schaft‑ liche Forschungs‑ und Publika tions schwerpunkte: Journalis muspraxis und ‑forschung, Medienethik und ‑kritik. Neueste Ver öffent lichungen: Recherchie ren (UVK 2014), Qualität im Gesund heits journalismus (Hrsg., Springer VS 2014). Dr. phil. Stephan Weichert ist Professor für Journalismus und Kommunika tions‑ wissen schaft an der Macromedia Hoch schule, University of Applied Sciences in Ham‑ burg und wissen schaft licher Leiter des Masterstudiengangs Digital Journalism sowie Programm direktor der Executive Educa tion Journalism an der Hamburg Media School (HMS). Weichert studierte Soziologie, Psychologie, Journalistik und Kommunika‑ tions wissen schaft (Magister) an den Universi täten Hamburg und Trier. Nach dem Studium freie journalisti sche Tätig keit für Tages zeitun gen und Fachpresse (u. a. Tages- spiegel, Süd deutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, Der Freitag, Medium Magazin). 2005 bis 2009 wissen schaft licher Projekt leiter am Institut für Medien‑ und Kommuni‑ ka tions politik (IfM) in Berlin. 2006 Promo tion mit einer Arbeit über den 11. September im deutschen Fernsehen. Forschungs aufenthalte u. a. an der Columbia University New York und an der City University of New York. Grün dungs herausgeber des Debatten‑ portals VOCER. org und Direktor des VOCER Innova tion Medialab sowie Grün dungs‑ mitglied des Vereins für Medien- und Journalis muskritik e. V. Heraus geber der Jour- nalismus-Bibliothek – Basis wissen für die Medien praxis (Herbert von Halem Verlag). Wissen schaft liche Forschungs‑ und Publika tions schwerpunkte: Digitaler Strukturwandel der Öffentlich keit, Quali täts journalismus, Medien politik und politi sche Kommunika‑ tion, Medien journalismus, Innova tionen im Journalismus, Medien ereig nisse, Krisen und Krisen journalismus, Terrorismus und Medien. 454 Dennis Reineck, M. A. studierte Publizistik‑ und Kommunika tions wissen schaft an der Ludwig‑Maximilians‑Universi tät in München und der Freien Universi tät Berlin. Nach Projektarbeit und Lehraufträgen an der FU Berlin war er von 2009 bis 2014 wissen schaft licher Mitarbeiter an der Rudolf‑Augstein‑Stif tungs professur für Praxis des Quali täts journalismus an der Universi tät Hamburg. Aktuell arbeitet er für die Deutsche Welle Akademie im Bereich Forschung und Ent wick lung und promoviert zur sozialen Konstruk tion journalisti scher Qualität. Zu seinen aktuellen Themen‑ und Forschungs interessen zählen u. a. Quali täts forschung, Wissenschafts kommunika tion und Medien entwick lungs zusammen arbeit. Dr. phil. Annika Sehl ist Akademi sche Rätin auf Zeit am Institut für Journalistik der Technischen Universi tät Dortmund, wo sie 2012–2013 auch die Professur für Online‑ und Printjournalismus ver treten hat. Im Wintersemester 2014/15 vertritt sie eine Professur für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. Im hier berichteten Projekt hat sie als externe Projektmitarbeiterin zwei Teilstudien eigenständig durchgeführt. Sehl wurde 2011 mit einer Disserta tion über partizipativen Journalismus in Tages zeitun gen an der Fakultät Kulturwissen schaften der TU Dortmund promo‑ viert. Sie studierte Journalistik auf Diplom mit dem Zweit fach Politik wissen schaft und dem Zusatz fach Wirtschafts politik in Dortmund mit Auslandssemester in Göteborg (2000–2006). Sie volontierte beim Nachrichten sender N24 in Berlin, Hamburg und München (2002–2003). Ihre Forschungs interessen sind Journalis musforschung (ins‑ besondere partizipativer Journalismus und Qualität im Journalismus), Rezep tions‑ forschung, ver gleichende Forschung und Methoden. Silvia Worm, M. A. in Kommunika tions‑ und Politik wissen schaft, promoviert am Institut für Journalistik und Kommunika tions wissen schaft der Universi tät Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die journalistische Berufsfeldforschung unter Bedin‑ gungen des digitalen Medienwandels, die Journalistenausbildung sowie die Methoden empirischer Kommunikationswissenschaft. 455 Danksa gung Über eineinhalb Jahre der forscheri schen Beschäfti gung mit dem Digitalen Journalismus liegen hinter uns. Die Ergeb nisse liegen ge bündelt in diesem Buch vor und können nun von den Lesern wahrgenommen, diskutiert und be wertet werden. Wir hoffen, dass sie für Wissen schaft und Medien praxis gleichermaßen Bedeu tung haben. Die Autorinnen und Autoren möchten Dank sagen: unseren be fragten Experten und den Journalisten in den Redak tionen, die sich bei ihrer Alltagsarbeit be obachten ließen. Unser Dank gilt auch der Medien journalistin und Bloggerin Ulrike Langer, Seattle/USA, und Barbara Hans, stell vertretende Chefredakteurin von Spiegel Online, die uns zur Halbzeit des Forschungs projekts in einem zweitägi gen Workshop beraten haben und wichtige Hinweise gaben, damit wir empirisch auf der richti gen Spur blieben. Denn dieses Fundamentalproblem der wissen schaft lichen Beschäfti gung mit dem Digitalen Journalismus war uns von Anfang an klar: Der Gegen stand unseres Interesse ist hochdynamisch und weist eine derartige Ent wick lungs geschwindig keit auf, dass Wissen schaft sich sputen muss, um ihm empirisch und theoretisch auf den Fersen zu bleiben. Die beiden Projekt leiter, Volker Lilienthal und Stephan Weichert, danken der Landes anstalt für Medien Nordrhein‑West falen (LfM), die uns Zeit und Mittel gab, den „Journalismus unter digitalen Vor zeichen“ (so der Titel der ursprüng lichen Aus‑ schrei bung des Forschungs projekts) zu unter suchen. Wir danken unseren Mitarbeite‑ rinnen und Mitarbeitern Annika Sehl (Technische Universi tät Dortmund), Dennis Reineck und Silvia Worm (beide Universi tät Hamburg) für nicht nach lassende Energie, Ideen reichtum und Sorgfalt bei der Umset zung unseres Forschungs konzepts – bis in die Endkorrektur der vor liegen den Buchpublika tion hinein. Unser aller Dank geht nicht zuletzt an die vielen studenti schen Hilfs kräfte, die uns bei der empiri schen Basisarbeit und so manch anderem ge holfen haben. Dies waren von der TU Dortmund: Niklas Dummer, Jana Fischer, Jasmin Maxwell, Nicolas Miehlke und Moritz Tschermak (Inhalts analyse) sowie von der Universi tät Hamburg: Aissatou Diallo (Netz werkanalyse), Birte Kohring (Vignetten analyse), Corinna Ballweg, Kerstin Düring und Dhala Rosado (Redak tions beobachtung). Beim Korrekturlesen halfen Kirsten Cassau, Simone Düwel und Florian Hohmann aus dem Institut für Journalistik und Kommunika tions wissen schaft der Universi tät Hamburg, ebenso Sigrun Lehnert von der Hamburg Media School. Danke sagen möchten wir nicht zuletzt Corinna Ohlmeier (Universi tät Hamburg) für die Finanz‑ und Personal verwal tung des Projekts. 76 75 73 74 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 72 Social TV Aktuelle Nutzung, Prognosen, Konsequenzen von Klaus Goldhammer, Florian Kerkau, Moritz Matejka, Jan Schlüter 274 Seiten, 120 Abb./Tab., DIN A5, 2015 ISBN 978-3-89158-612-9 Euro 19,– (D) Kinder und Onlinewerbung Erscheinungsformen von Werbung im Internet, ihre Wahrnehmung durch Kinder und ihr regulatorischer Kontext von Stephan Dreyer, Claudia Lampert, Anne Schulze 452 Seiten, 102 Abb./Tab., DIN A5, 2014 ISBN 978-3-89158-606-8 Euro 26,– (D) Digitaler Journalismus Dynamik – Teilhabe – Technik von Volker Lilienthal, Stephan Weichert, Dennis Reineck, Annika Sehl, Silvia Worm 460 Seiten, 109 Abb./Tab., DIN A5, 2014 ISBN 978-3-89158-604-4 Euro 26,– (D) Medienintegration in Grundschulen Untersuchung zur Förderung von Medienkompetenz und der unterrichtlichen Mediennutzung in Grundschulen sowie der Rahmenbedingungen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Aufenanger, Ines Averbeck, Stefan Welling, Marc Wedjelek 324 Seiten, 85 Abb./Tab., DIN A5, 2013 ISBN 978-3-89158-587-0 Euro 22,– (D) Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie herausgegeben von Ulrike Wagner, Christa Gebel und Claudia Lampert Mitarbeit: Susanne Eggert, Christiane Schwinge und Achim Lauber 356 Seiten, 50 Abb./Tab., DIN A5, 2013 ISBN 978-3-89158-585-6 Euro 22,– (D) 71 70 69 68 66 64 65 Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netzwerkplattformen herausgegeben von Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann und Alexander Roßnagel Mitarbeit: Silke Jandt und Jan-Mathis Schnurr 456 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2012 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,– (D) Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik herausgegeben von Dieter Dörr, Christoph Klimmt und Gregor Maschmann Mitarbeit: Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn 232 Seiten, 17 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,– (D) Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge von Nadine Klass 148 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-554-2 Euro 12,– (D) Mit Computerspielern ins Spiel kommen Dokumentation von Fallanalysen von Jürgen Fritz und Wiebke Rohde 136 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-548-1 Euro 10,– (D) Kompetenzen und exzessive Nutzung bei Computerspielern: Gefordert, gefördert, gefährdet von Jürgen Fritz, Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Tanja Witting Mitarbeit: Marius Drosselmeier, Wiebke Rohde, Christiane Schwinge und Sheela Teredesai 312 Seiten, 61 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-546-7 Euro 21,– (D) Skandalisierung im Fernsehen Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten von Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler und Claudia Töpper 272 Seiten, 60 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-542-9 Euro 18,– (D) Medienkompetenz in der Schule Integration von Medien in den weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Welling und Björn Eric Stolpmann 352 Seiten, 88 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-539-9 Euro 22,– (D) 63 62 61 60 56 59 58 Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2. unveränderte Auflage, April 2011 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2. Auflage 2010 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) 55 54 50 49 51 53 Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Weitere Details zu allen Bänden in der Schriftenreihe der LfM finden Sie im Internet. VISTAS Verlag J. Zimmermann & T. Köhler GbR Telefon: 03 41/ 24 87 20 10 Lößniger Straße 60b E-Mail: medienverlag@vistas.de 04275 Leipzig Internet: www.vistas.de Der Medienverlag
Die Seiten-Url wurde in der Zwischenablage gespeichert.