Suche

39 Treffer für „frequenzen“

Materialien und Publikationen

Forschung

junger Menschen mit Migrationshintergrund. Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen : Nationaler Integrationsplan, Integrationsgipfel und Islamkonferenz sind Stichworte, die deutlich machen, dass die soziale Integration von Zuwanderern und ihren Nachkommen – der „Menschen mit Migrationshintergrund“ – in die deutsche Gesellschaft weit oben auf der politischen Agenda steht. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur die Bedeutung der Massenmedien für die Förderung oder aber Behinderung von Integrationsprozessen diskutiert. Auch die Frage, welche Medienkompetenz junge Menschen mit Migrations - hintergrund aufweisen und ob gezielte Maßnahmen zur Medienkompetenzvermittlung in diesen Zielgruppen angestrebt werden sollten, ist Gegenstand des gesellschaftspoliti- schen Diskurses. Die LfM-Studie geht diesen Fragen in den zwei größten Teilgruppen junger Migranten in Nordrhein-Westfalen nach. Im Ergebnis der empirischen Erhebungen werden repräsenta- tive Basisdaten zur Mediennutzung und Medienkompetenz junger Migranten ermittelt, im Kontext der Integrationsproblematik analysiert und im Hinblick auf Maßnahmen zur Medienkompetenzförderung diskutiert. Die Untersuchungsergebnisse umfassen sowohl die „klassischen“ Massenmedien Radio, Fernsehen, Presse als auch die „neuen“ Individu- almedien wie PC, Internet, Handy oder Spielkonsolen. ❯ Prof. Dr. Joachim Trebbe Universität Freiburg/Schweiz, Departement für Medien- und Kommunikationswissen- schaft ❯ Annett Heft, M. A. Freie Universität Berlin, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ❯ Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß GöfaK Medienforschung, Potsdam ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,- (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund 63 Tr eb be /H ef t/ W ei ß M ed ie nn ut zu ng ju ng er M en sc he n m it M ig ra ti on sh in te rg ru nd ❯❯❯ ❯ Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 63 Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß Ab b. T ite l © d pa p ic tu re -a lli an ce /Z B, R üc ks ei te : © D iv er se /f ot ol ia .c om BEL_LfM-Bd_63:. 08.01.10 09:22 Seite 1 Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 63 Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen unter Mitarbeit von Regine Hammeran Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2010 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-518-4 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Die Ver mitt lung von Medien kompetenz gehört zu den wesent lichen Aufgaben der LfM. Die Förderaktivitäten sollen dabei auf die spezifi schen Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe aus gerichtet werden. Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage, inwieweit für junge Menschen mit Migrations hintergrund spe- zielle Maßnahmen der Förde rung von Medien kompetenz zu er greifen sind. Zu diskutieren ist also, ob sich aus der alltäg lichen Medien praxis der Heran- wachsenden besondere Bedarfe ergeben, an denen sich die Medien kompe tenz- förde rung orientieren sollte. Die vor liegende LfM-Studie gibt Aufschluss darüber, wie Personen türki- scher Herkunft und russische Aussiedler im Alter von 12 bis 29 Jahren Medien nutzen. Analysiert werden die Befunde auch im Hinblick auf die Problematik der sozialen Integra tion. Die Studie zeigt auf, welchen Medien sich Jugend- liche mit Migrations hintergrund zuwenden und weshalb sie dies tun. Dabei wird die Nutzung von sowohl klassi schen Massen medien wie Radio und Fern- sehen als auch Individualmedien wie Internet und Handy unter sucht. Die Ergebnisse der repräsentativen Befra gung und der Gruppen diskus sio- nen machen deut lich, dass allein migrations spezifi sche Faktoren zur Erklä rung des Medien handelns der unter suchten Teilgruppen nicht aus reichen. Vielmehr scheinen auch das Milieu, der lebens welt liche Kontext und soziodemografi- sche Faktoren, etwa Bildung und Geschlecht, eine ent scheidende Rolle für die Medien nutzung zu spielen. Im Ver gleich der Medien nutzung von Jugend lichen mit Migrations hinter- grund zu den Nutzungs zahlen der Gesamtbevölke rung zeigen sich interessante Unterschiede. Insgesamt jedoch über wiegen bei den Heranwachsenden die Gemeinsam keiten. Auch dies spricht für Formen der Medien kompetenzförde- rung, die sich zwar auch, aber nicht aus schließ lich an migrations spezifi schen Faktoren orientieren. Die Studie soll auf der Basis repräsentativer Daten Impulse für die weiter- führende Diskussion über den Stellen wert von Medien für die soziale Integra- tion von Heranwachsenden mit Migrations hintergrund bieten. Gleichzeitig soll die Untersuchung auch Anregun gen geben, wo mögliche zu er greifende Maß- nahmen der Medien kompetenz vermitt lung ansetzen können. Prof. Dr. Norbert Schneider Frauke Gerlach Direktor der LfM Vorsitzende der Medienkommission der LfM 7 Inhalt 1 Einfüh rung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1.1 Fragestel lungen der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1.2 Die Konzep tion der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . 10 1.3 Die Methode der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.4 Durchfüh rung der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.5 Aufbau der Publika tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 2 Medien nutzung und soziale Integra tion von jungen Migranten 19 2.1 Gesellschafts politi scher Forschungs kontext . . . . . . . . . . 20 2.2 Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 2.3 Forschungs stand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 3 Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Migranten 31 3.1 Gesellschafts politi scher Forschungs kontext . . . . . . . . . . 31 3.2 Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 3.3 Forschungs stand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 4 Zusammen fassung und Schluss folge rungen für die Konzep tion der LfM-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 4.1 Forschungs kontext und Forschungs probleme . . . . . . . . . . 51 4.2 Probleme der auf Medien nutzung und soziale Integra tion von Migranten bezogenen Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . 52 4.3 Probleme der auf Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Migranten bezogenen Forschung . . . . . . . . . . . . 55 4.4 Konzeptionelle Schluss folge rungen für die LfM-Studie . . . . 57 5 Methode und Ergebnisse der Telefonumfragen . . . . . . . . . 61 5.1 Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 5.2 Die Stichproben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 5.3 Ethnische Identität und soziale Integra tion . . . . . . . . . . 68 8 5.4 Medien ausstat tung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 5.5 Massen medien und soziale Integra tion . . . . . . . . . . . . . 86 5.6 Individualmedien nutzung und Medien kompetenz . . . . . . . 98 5.7 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 6 Methode und Ergebnisse der Gruppen diskussionen . . . . . . . 119 6.1 Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 6.2 Ethnische Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 6.3 Medien ausstat tung und Nutzungs präferenzen . . . . . . . . . 128 6.4 Medien kompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 6.5 Zusammen fassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 7 Medien nutzung und soziale Integra tion junger Migranten – Kausalzusammen hänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 7.1 Ausgangs lage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 7.2 Modell und Operationalisie rung . . . . . . . . . . . . . . . . 167 7.3 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 7.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 8 Medien nutzung und Medien kompetenz: Jugend liche mit und ohne Migrations hintergrund im Ver gleich . . . . . . . . . . . . 175 8.1 Soziodemografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 8.2 Medien ausstat tung und Medien nutzung . . . . . . . . . . . . 178 8.3 Internet- und Funktionsmedien: Nutzung und Reflektion . . . 181 9 Perspektiven einer zielgruppen spezifi schen Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten . . . . . . . . . . . . . . . 195 9.1 Von Defiziten zu Differenzen: Reformulie rung der Fragestel lung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 9.2 Empirische Ausgangs punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 9.3 Maßnahmen zur Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 10 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 11 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . 217 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 9 1 Einfüh rung Die Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) hat im Dezember 2007 eine Studie zur Untersuchung der „Medien nutzung Jugend licher und junger Erwachsener mit Migrations hintergrund in Nordrhein-West falen“ aus- geschrieben. „Unter Berücksichti gung bestehender Studien“ sollte „der Fokus auf die Zielgruppe der 12- bis 29-Jährigen sowie auf Menschen mit Herkunft aus der Türkei oder der Russischen Födera tion sowie – wenn möglich – weite- rer relevanter Migranten gruppen in Nordrhein-West falen gelegt werden“ (LfM 2007a). Die GöfaK Medien forschung GmbH, Potsdam, erhielt im Juni 2008 den Auftrag, diese Studie durch zuführen. Wir werden sie im Folgenden kurz als „LfM-Studie“ bezeichnen. 1.1 Fragestel lungen der LfM-Studie Die Ausschrei bung der Studie knüpft an die neuere sozialwissen schaft liche Forschung zur Medien nutzung von „Menschen mit Migrations hintergrund“1 in Deutschland an. Medien nutzung wird dabei ähnlich wie der Sprachgebrauch als Teil ihrer Alltags kultur an gesehen und in einen Zusammen hang mit der Integra tion dieses Bevölkerungs segments in die deutsche Gesell schaft gebracht. Dieser Zusammen hang wird in den theoreti schen Konzepten der Migrations-, Integrations- und Medien forschung sehr unter schied lich modelliert. Denkbar ist nicht nur ein – zum Teil förder licher, zum Teil hemmender – Einfluss der Nutzung deutsch- und fremdsprachiger Medien angebote auf soziale Integra- 1 Die Bezeich nung eines bestimmten Bevölkerungs segments in Deutschland als „Menschen mit Migrations- hintergrund“ markiert seit dem Mikrozensus 2005 einen Fortschritt der amtlichen Statistik, auch wenn die Begrifflich keit als solche eher schwerfällig ist. Sie fasst Menschen mit und ohne eigene Migrations erfah rung (Migranten/Nicht-Migranten) sowie Menschen mit und ohne deutsche Staats bürger schaft (Ausländer/Deutsche) sach lich sinn voll zusammen (vgl. Kap. 2). Wir werden im Folgenden allerdings aus Gründen der Lesbar keit auch den Begriff der „Migranten“ synonym zur korrekten Lang formel der „Menschen mit Migrations hinter- grund“ ver wenden – und meinen damit sowohl die Frauen als auch die Männer in diesem Bevölkerungs- segment. 10 tions prozesse. Der Zusammen hang könnte auch um gekehrt sein: Der Integra- tions status der Menschen mit Migrations hintergrund könnte sich auf ihre Me- dien auswahl und ihre Medien nutzungs gewohn heiten aus wirken. Beide Modelle sind jeweils für sich genommen plausibel und werden empirisch unter stützt.m Die Fokussie rung der Studie auf jüngere Menschen mit Migrations hinter- grund ist nun allerdings mit einer zusätz lichen, weiter führenden Fragestel lung ver bunden. Neben der Nutzung der klassi schen Massen medien – Presse, Hör- funk, Fernsehen – soll insbesondere auch der „Umgang mit und die Einstel- lung zu neuen Medien wie Internet, Computerspiele und Handy“ differenziert erfasst werden (LfM 2007a: 7). Der Hintergrund für diese Fragestel lung ist das medien pädagogi sche Konzept der Medien kompetenz. Die Fähig keit zu einem sach lich an gemessenen, selbst bewusst-kritischen Umgang mit den Medien wird als eine Bildungs ressource an gesehen, die vor allem in Bezug auf die Potenziale der neuen Informations technologien von zentraler indivi- dueller und sozialer Bedeu tung ist. Geprüft werden soll, ob und wie junge Menschen mit Migrations hintergrund an diesen Potenzialen teilhaben. Je nach Ergebnis ist dann aus medien pädagogi scher Perspektive zu diskutieren, ob – und falls ja: welche – zielgruppen spezifi sche Maßnahmen zur Medien kom pe- tenzförde rung in diesem Bevölkerungs segment anzu streben sind. 1.2 Die Konzep tion der LfM-Studie Ein auf diese beiden Fragestel lungen aus gerichtetes Projekt steht konzeptionell vor dem Problem, dass zwei Forschungs stränge miteinander ver knüpft werden müssen, die bisher weit gehend un verbunden neben einander ver folgt wurden:m (1) Studien zur Medien nutzung von „Ausländern“, heute von „Menschen mit Migrations hintergrund“, haben in Deutschland durch aus eine gewisse Tradi- tion.2 Parallel zur zunehmenden Relevanz der Integrations problematik im öffent lichen und politi schen Diskurs hat gerade in letzter Zeit auch die Zahl der Studien zu genommen, die sich mit dieser Thematik befassen. Während jedoch die Medien nutzung der deutschen Mehrheits gesell schaft durch Studien der Medien wirtschaft auf hohem methodi schem Niveau kontinuier lich reprä- sentativ erfasst wird, gibt es keine ver gleich bare Forschung zur repräsentativen Ermitt lung der Medien nutzung der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrations hintergrund. Und das, obwohl sie mittlerweile fast ein Fünftel der deutschen Bevölke rung stellen. Stattdessen wurden und werden von unter- schied lichen Auftrag gebern Einzelstudien durch geführt, die sich zumeist auf 2 Vgl. dazu Kapitel 2. 11 einzelne Migranten gruppen beziehen – am häufigsten auf die beiden größten Gruppen: Personen mit türkischem Migrations hintergrund und Spät aussiedler aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. Für diese Schwerpunkt bildung gibt es gesellschafts politi sche, aber auch methodi sche Gründe. Wenn man die komplexe nationale bzw. ethnische Struk- tur der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrations hintergrund be trach- tet, wird schnell deut lich, dass es sach lich unsinnig und methodisch unmög- lich ist, die Medien nutzung „der“ Menschen mit Migrations hintergrund in Deutschland repräsentativ er fassen zu wollen. Insofern bleibt in diesem Feld die selektiv auf einzelne Teilpopula tionen bezogene Forschung der sach lich und methodisch sinn vollste Weg. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die gar nicht mehr so geringe Zahl repräsentativer Umfragen zur Medien nutzung von Menschen mit Migra- tions hintergrund nicht identisch ist mit der Zahl der Studien, bei denen die Abfrage der Medien nutzung systematisch mit der Erhebung von Indikatoren zur sozialen Integra tion der Befragten ver knüpft wird (Übersicht 1.1). Dieses Defizit betrifft leider auch die aktuellste Repräsentati verhe bung in diesem Forschungs feld, die im Auftrag der ARD/ZDF-Medien kommission durch ge- führte Studie „Migranten und Medien 2007“, der immerhin zu sechs Migran- Übersicht 1.1: Referenzstudien zu den Telefonumfragen der LfM-Studie Kurzbezeichnung Alter der Befragten Grundgesamtheit/Stichprobe (Ungewichtete Fallzahlen) Literatur G. I. F.-Studie 1999 ab 18 Jahren Russische Aussiedler, n = 463 Pfetsch/Weiß 2000; Pfetsch/Trebbe 2003; Ivanova 2009 BPA-Studie 2000 ab 14 Jahren Personen türkischer Herkunft, n = 1.842 Weiß/Trebbe 2001; Trebbe/Weiß 2001; Trebbe 2002 WDR-Studie 2006 14–49 Jahre Personen türkischer Herkunft, n = 503 Trebbe/Weiß 2006, 2007; Trebbe 2007a, b; Trebbe 2009; Simon/Kloppenburg 2007 ARD/ZDF-Studie 2007 ab 14 Jahren Sechs Teilpopula tionen mit Migrations hintergrund, n = 3.010, darunter mit türkischer Herkunft: n = 500; russische Aussiedler: n = 501 ARD/ZDF 2007; Simon 2007; Walter/Schlinker/Fischer 2007 JIM-Studie 2008 (seit 1998) 12–19 Jahre Deutsch sprachige Jugend- liche, n = 1.208 Medien pädagogi scher For- schungs verbund Südwest (mpfs) 2008 KIM-Studie 2008 (seit 1999) 6–13 Jahre Deutsch sprachige Schul - kinder, n = 1.206 Medien pädagogi scher For- schungs verbund Südwest (mpfs) 2009 12 ten gruppen repräsentative Medien nutzungs daten zu ent nehmen sind3 (ARD/ ZDF 2007). An drei der Studien, in denen Zusammen hänge zwischen Medien nutzung und sozialer Integra tion unter sucht werden, haben die Autoren dieses Berichts mitgewirkt. Eine davon bezieht sich auf russische Spät aussiedler, zwei auf Personen mit türkischem Migrations hintergrund: – G. I. F.-Studie (1999): Eine 1999 durch geführte Telefonumfrage, die für in Niedersachsen lebende russ land deutsche Spät aussiedler ab 18 Jahren re- präsentativ ist. Projekt förde rung: German-Israel-Founda tion/G. I. F.; Feld- forschung: ZUMA Mannheim. – BPA-Studie (2000): Eine 2000 durch geführte Face-to-Face-Befra gung, die für die in Deutschland in Privathaushalten lebende türkisch stämmige Wohn bevölke rung ab 14 Jahren repräsentativ ist. Auftrag geber: Presse- und Informations amt der Bundes regie rung/BPA; Feldarbeit: GfK-Fernseh for- schung Nürnberg. – WDR-Studie (2006): Eine 2006 durch geführte Telefonumfrage, die für in Nordrhein-West falen lebende Personen mit türkischem Migrations hinter- grund zwischen 14 und 49 Jahren repräsentativ ist. Auftrag geber: West- deutscher Rundfunk/WDR; Feldarbeit: ENIGMA Wiesbaden. Vor diesem Hintergrund ist es ein zentrales Ziel der LfM-Studie, Daten zur Medien nutzung Jugend licher und junger Erwachsener mit Migrations hinter- grund in Nordrhein-West falen zu erheben, die an diese Studien konzeptionell und methodisch anschluss fähig sind. (2) Die in den letzten Abschnitten beschriebene Forschung ist unter medialen Gesichtspunkten insofern „konservativ“, als die repräsentativen Studien zur Medien nutzung von Menschen mit Migrations hintergrund bisher weit gehend auf die tradi tionellen Massen medien – Presse, Hörfunk, Fernsehen – be- schränkt sind. Erst seit Kurzem wird dort auch die Nutzung des Internets erfasst, jedoch ohne weitere Spezifika tion der mit dem Internet ver bundenen individuellen und massen medialen Nutzungs möglich keiten. Auch hier ist die auf die deutsche Mehrheits gesell schaft bezogene Medien forschung deut lich weiter, speziell der Teil dieser Forschung, der sich auf die Medien nutzung junger Menschen bezieht. Die Nutzung der manchmal auch als „Funktions medien“ oder „Indivi dual- medien“ bezeichneten neuen digitalen Medien durch Kinder und Jugend liche 3 Dabei handelt es sich um Personen mit türkischem Migrations hintergrund, („russische“ bzw. „russ land- deutsche“) Spät aussiedler aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion sowie Menschen, deren Migrations- hintergrund im ehemaligen Jugos lawien, in Polen, Italien oder Griechen land ver ankert ist. 13 erfährt seit Jahren ver stärkte Aufmerksam keit, vor allem in der medien päda- gogi schen Forschung.4 Neben vielen Einzelstudien sind hierbei insbesondere zwei kontinuier liche Repräsentati verhe bungen zu nennen, die der Medien päda- gogi sche Forschungs verbund Südwest (mpfs) seit 1998/1999 durch führt: – KIM-Studie (1999-lfd.): Seit 1999 werden – unter den Stichworten „Kinder und Medien, Computer und Internet“ – jähr lich deutsch sprachige Schul- kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren (unter Einbeziehung der „pri- mären Erziehungs personen/Haupterzieher“) zu ihrer Medien nutzung, ein- schließ lich Computer, Internet und Handy befragt. – JIM-Studie (1998-lfd.): Schon ein Jahr früher wurde – unter den Stich- worten „Jugend, Informa tion, (Multi-)Media“ – die jähr liche Befra gung deutsch sprachiger Jugend licher im Alter zwischen 12 und 19 Jahren in Telefonhaushalten gestartet. Auch hier stehen neben den klassi schen die neuen digitalen Medien im Mittelpunkt. Bisher fehlt es jedoch vollkommen an Umfragen, in denen die Nutzung der neuen digitalen Medien im spezifi schen Milieu von Kindern und Jugend lichen mit Migrations hintergrund – in etwa ver gleich bar zu den KIM- oder JIM- Studien – repräsentativ erfasst wird. Ein zweites Ziel der LfM-Studie ist es daher, repräsentative Daten zur Nutzung der neuen digitalen Medien in jüngeren Bevölkerungs segmenten mit Migra- tions hintergrund so zu er fassen, dass sie konzeptionell und methodisch an diese beiden Studien anschluss fähig sind. 1.3 Die Methode der LfM-Studie Im Rahmen der Konkretisie rung des Forschungs auftrags mussten vor allem zwei Punkte geklärt werden: die genaue Eingren zung des Personen kreises, auf den sich die Untersuchung bezieht, sowie die Fest legung der Erhebungs- verfahren. Im Ergebnis dieses Klärungs prozesses wurde fest gelegt, dass sich die LfM- Studie auf zwei Teilpopula tionen der in Nordrhein-West falen lebenden Men- schen mit Migrations hintergrund beziehen sollte: zum einen auf Personen türkischer Herkunft und zum anderen auf Spät aussiedler aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, jeweils im Alter zwischen 12 und maximal 29 Jah- 4 Vgl. dazu Kapitel 3. 14 ren.5 Die exakte Defini tion der Grundgesamt heiten und die Stichproben ver- fahren unter scheiden sich jedoch je nach Erhebungs verfahren. Telefonumfragen Der Schwerpunkt der Studie liegt eindeutig darauf, über haupt erst einmal re- präsentative Basis daten zur Medien nutzung und Medien kompetenz in zwei quantitativ umfang reichen und damit gesell schaft lich besonders relevanten Teil popula tionen jüngerer Menschen mit Migrations hintergrund zu generieren. Mit dieser Zielset zung wurden zwei repräsentative Telefonumfragen mit ca. 300 Befragten durch geführt. Die Grundgesamt heiten der Telefonumfragen waren (1) Personen mit türki- schem Migrations hintergrund sowie (2) Personen mit dem Migrations hinter- grund der „russ land deutschen“ Spät aussiedler im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in privaten Haushalten mit Telefoneintrag (Fest netz/Mobil) in Nord- rhein-West falen. Beide Haushalts stichproben wurden auf der Basis des Ono- mastik-Verfahrens aus gewählt (Humpert/Schneider heinze 2000). Die Stich- proben ziehung er folgte zweistufig (1. Stufe: regionale Schich tung; 2. Stufe: Auswahl der Zielperson), die Stichproben wurden auf der Basis der Daten des Mikrozensus 2007 für Nordrhein-West falen nach Alter und Geschlecht ge- wichtet. Für beide Teilpopula tionen wurden zweisprachige Befragungs instrumente ent wickelt. Ein großer Teil der Fragen wurde einer seits aus der WDR-Studie und anderer seits aus der JIM-Studie über nommen. Die CATI-Interviews wur- den von zweisprachigen Interviewerinnen durch geführt, jedoch war bei beiden Umfragen die Interviewsprache in mehr als 80 Prozent der Fälle Deutsch. Gruppen diskussionen In Ergän zung zur Erhebung quantitativer und repräsentativer Basis daten zur Medien nutzung war es das Ziel der Studie, auch einen qualitativen Einblick in den Medien gebrauch junger Menschen mit Migrations hintergrund zu er- 5 Die Alters vorgabe „12–29 Jahre“ war Teil des Forschungs auftrags. Faktisch er streckt sich die Grundgesamt- heit der Studie in beiden Migranten stichproben damit über drei Lebens- bzw. Entwicklungs phasen, die – folgt man der einschlägigen Literatur – auf der Basis von „Alters schnitten“ nicht eindeutig gegen einander abzu- grenzen sind: Die späte Kindheit geht im Prinzip bis zum 14. Lebens jahr, als junge Erwachsene könnte man Personen ab dem 21. Lebens jahr bezeichnen und dazwischen (bzw. diese Unter- und Obergrenze über- lappend) liegt die Übergangs phase der Jugend. In der Shell-Jugendstudie werden Personen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren befragt (Hurrelmann/Albert/TNS Infratest Sozialforschung 2006). Die beiden o. g. mpfs- Studien zur Medien nutzung und Medien kompetenz von Kindern und Jugend lichen bezeichnen 6- bis 13-Jäh- rige als „Kinder“ (KIM) und 12- bis 19-Jährige als „Jugend liche“ (JIM). Vor diesem Hintergrund wird in der vor liegenden Studie, insbesondere bei der Betrach tung einzelner Alters gruppen innerhalb der Stichproben, eine aus gesprochen pragmati sche „Ad-hoc-Begrifflich keit“ ver wendet. 15 halten. Die hierzu durch geführten Gruppen diskussionen sind in doppelter Weise selektiv: Erstens wurden sie auf das jüngere Segment der beiden Teilpopula tionen beschränkt. Das Alter der Diskussions teilnehmer liegt – analog zur Alters- struktur der JIM-Studie – zwischen 12 und 19 Jahren. Und zweitens wurde der Diskussions leit faden stark auf die Nutzung der neuen digitalen Medien und hierauf bezogene Fragen der Medien kompetenz fokussiert. In beiden Teilpopula tionen wurden drei Gruppen diskussionen durch geführt: jeweils eine Diskussion mit 12- bis 15-Jährigen und 16- bis 18-Jährigen sowie eine zusätz liche Diskussion mit den Eltern der 12- bis 15-Jährigen. An jeder Diskussion nahmen acht bis neun Personen teil. Die Diskussions teilnehmer/-innen wurden nach einem vor gegebenen Screening-Verfahren bewusst aus gewählt. Dabei wurde auf eine Aussteue rung der Gruppen zusammen setzung nach Geschlecht und Schul bildung geachtet. Das heißt, die Ergebnisse der Gruppen diskussionen sind nicht repräsentativ, sie sind eher als explorative Ergän zung zu den repräsentativen Befunden der Telefonumfragen zu lesen. 1.4 Durchfüh rung der LfM-Studie Auf der Seite der GöfaK Medien forschung GmbH, Potsdam, sind Joachim Trebbe und Hans-Jürgen Weiß sowie Annett Heft für die Konzep tion und Realisa tion der LfM-Studie ver antwort lich. Während Joachim Trebbe und Hans-Jürgen Weiß im Vorfeld der Studie vor allem zum Thema Medien- nutzung und Integra tion geforscht und publiziert haben, über nahm Annett Heft die Aufgabe, sich in die theoreti schen, methodi schen und empiri schen Aspekte der Medien kompetenzforschung einzu arbeiten, die für die medien- pädagogi schen Aspekte der LfM-Studie von Bedeu tung sind. Die Telefonumfragen wurden im Oktober/November 2008 von der ENIGMA GfK Medien- und Marketing forschung GmbH, Wiesbaden, durch geführt. Das Institut wirkte, ver treten durch Bettina Klumpe, nicht nur an der prakti schen, sondern auch an der konzep tionellen Entwick lung des Untersuchungs instru- ments mit. Dabei profitierte die LfM-Studie von der Erfah rung, die ENIGMA GfK in beiden Untersuchungs schwerpunkten hat: ENIGMA GfK führte unter anderem die auf Medien nutzung und Integra tion bezogene WDR-Studie 2006 durch und ist auch für die Feldarbeit der JIM-Studie ver antwort lich. Für die eben falls im Oktober/November 2008 durch geführten Gruppen- diskussionen war das Forschungs institut result gmbh, Köln, ver antwort lich. Ver treten durch Regine Hammeran und Sabine Haas wirkte das Institut an der Entwick lung der Konzep tion der Teilstudie und des Leitfadens für die Gruppen diskussionen mit. Der Ergebnis bericht wurde von Regine Hammeran 16 ver fasst. Auch hier war es für die LfM-Studie von Vorteil, dass das Institut im Rahmen der WDR-Studie 2006 schon Gruppen diskussionen mit türkischen Jugend lichen durch führte. Um die Ergebnisse der empiri schen Erhebun gen der LfM-Studie aus me- dien pädagogi scher Perspektive an gemessen einordnen zu können, ver anstaltete die GöfaK-Forschungs gruppe im Mai 2009 einen Experten-Workshop. Externe Teilnehmer des Works hops waren: Stefan Aufenanger (Universität Mainz), Susanne Berns mann (Stiftung Digitale Chancen), Kai-Uwe Hugger (Universität Bielefeld), Helga Theunert (JFF München) und Claudia Wegener (Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam-Babels berg). Auf der Basis einer Zusammen fassung der zentralen Untersuchungs ergebnisse der LfM-Studie wurde diskutiert, (1) ob und wie sich die unter suchten Personen mit Migra- tions hintergrund von gleichaltrigen Personen ohne Migrations hinter grund in ihrer Medien nutzung und Medien kompetenz unter scheiden, (2) ob das ggf. primär auf ihren Migrations status oder andere Faktoren zurück zu führen ist und (3) ob sich daraus prakti sche medien pädagogi sche Konsequenzen ergeben. In den folgenden Kapiteln werden nun die Grundlagen und Ergebnisse der ver schiedenen Teilerhe bungen und Arbeits schritte der LfM-Studie vor gestellt. Zuvor jedoch noch ein kurzer Blick auf den Aufbau der Publika tion. 1.5 Aufbau der Publika tion Zunächst wird der – sowohl gesellschafts politisch als auch wissen schaft lich – doppelte Hintergrund der LfM-Studie skizziert. Die nicht selten unter dem Begriff des Medien ghettos diskutierte Frage nach der Bedeu tung der Nutzung deutscher und heimatsprachiger Massen medien für die soziale Integra tion von Migranten in Deutschland wird in Kapitel 2 auf gegriffen, theoretisch ver ortet und mit dem aktuellen Forschungs stand konfrontiert. Daran schließt sich in Kapitel 3 eine theoreti sche und empiri sche Auseinander setzung mit der Ver- mutung an, die jüngere Genera tion der Migranten in Deutschland wäre in der Verfüg bar keit der neuen digitalen Medien benachteiligt bzw. würde diese „Individual- bzw. Funktions medien“ nicht un bedingt zu ihrem eigenen (Bil- dungs-)Vorteil nutzen. Der Stand und die Defizite dieser Forschung werden im vierten Kapitel zusammen gefasst und im Hinblick auf die konzep tionellen und methodi schen Optionen der LfM-Studie erörtert. Im Übergang zur Darstel lung der Ergeb- nisse der LfM-Studie in den Folgekapiteln wird außerdem eine knappe Zu- sam men fassung der konzep tionellen Prämissen und methodi schen Eckpunkte der LfM-Studie gegeben. Die zentralen Ergebnisse der Telefonumfragen werden in Kapitel 5, die Befunde der Gruppen diskussionen in Kapitel 6 dargestellt. Das ist insofern 17 kein einfaches Unterfangen, weil erstens in beiden Kapiteln jeweils die Ergeb- nisse von zwei Teilerhe bungen zu präsentieren sind: für die Personen türki- scher Herkunft und für die russ land deutschen Spät aussiedler. Und zweitens wird ver sucht, in beiden Kapiteln – soweit es von der Daten lage her an ge- bracht scheint – nach Alters gruppen zu differenzieren: im Fall der Telefon- umfragen zwischen 12- bis 19- bzw. 20- bis 29-Jährigen, bei den Gruppen- diskussionen zwischen 12- bis 15- und 16- bis 19-Jährigen. Der Schlussteil dient der wissen schaft lichen und prakti schen Einord nung der Ergebnisse der LfM-Studie. Er wird mit einem Kapitel eröffnet, in dem im Anschluss an ver gleich bare Auswer tungen anderer Studien kausalen Frage- stel lungen zur Rolle der Medien in Integrations prozessen nach gegangen wird (Kapitel 7). Dabei geht es vor allem um die Frage, ob sich in den sehr jungen Migranten gruppen der LfM-Studie ähnliche oder anders gelagerte Medien- effekte auf integrations relevante Einstel lungen und Ver haltens weisen fest stellen lassen. In Kapitel 8 werden dann die Befunde der Telefonumfragen der LfM-Studie für die 12- bis 19-Jährigen in den beiden Migranten gruppen mit den Daten verg lichen, die im Rahmen der JIM-Studie für gleichaltrige „Deutsche“ (bzw. genauer: „deutsch sprachige“ Personen) er mittelt wurden. Ziel dieses Kapitels ist es, den Stellen wert der Befunde der LfM-Studie für zwei jugend liche Migranten gruppen vor dem Hintergrund des durch schnitt lichen Medien- nutzungs verhaltens in dieser Alters gruppe in Deutschland an gemessen einzu- schätzen. Abgeschlossen wird die Publika tion mit Überle gungen zur prakti schen Bedeu tung der Befunde der empiri schen Erhebun gen der LfM-Studie (Kapi- tel 9). Der Schwerpunkt liegt hier auf der Medien kompetenzproblematik und der Frage, ob sich aus den Daten Hinweise ergeben, die in spezifi schen Pro- grammen zur Medien kompetenzförde rung in jugend lichen Migranten milieus auf gegriffen werden könnten. Grundlage dieses Kapitels sind die Diskussio- nen, die die Autoren des Berichts in dem o. g. Workshop mit medien pädagogi- schen Experten führten. Da die Methoden dokumenta tion zu den durch geführten Telefonumfragen und Gruppen diskussionen insgesamt mehr als 200 Seiten umfasst, wird sie nicht in gedruckter Form ver öffent licht. Stattdessen wird sie als PDF-Doku- ment unter www. lfm-nrw.de/forschung/schriftreihe auf die Homepage der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) gestellt. 19 2 Medien nutzung und soziale Integra tion von jungen Migranten Die Frage nach der Bedeu tung der Massen medien für die Integra tion der „Menschen mit Migrations hintergrund“ in die deutsche Gesell schaft ist in den letzten Jahren stärker in den Fokus der öffent lichen Debatte gerückt. Dies hat zum einen damit zu tun, dass dieses Thema ganz allgemein als politi sches Problem definiert und auf die Tagesord nung der bundes deutschen Regierungs- politik gesetzt wurde (Ausländer bericht 2007, Integrations indikatoren bericht 2009) und in der Folge auch Gegen stand sozialwissen schaft licher Studien (Bertels mann-Stiftung 2009, Berlin-Institut 2009) und journalisti scher Schlag- zeilen (Küpper 2009) wurde. Zum anderen sind – und dies geschah zum Teil schon vor der intensivierten öffent lichen Integrations debatte – in den letzten Jahren mehrere repräsentative Einzelstudien zur Medien nutzung von Migran- ten durch geführt worden (ARD/ZDF 2007), von denen einige auch mit Indi- katoren zur Integra tion aus gestattet waren (Weiß/Trebbe 2001, Trebbe/Weiß 2007). Darüber hinaus sind in der Zwischen zeit eine ganze Reihe akademi- scher Arbeiten er schienen, die sich explizit mit dem Zusammen hang von Medien nutzung und Integra tion bei Menschen mit Migrations hintergrund be- schäftigen (Geißler/Pött ker 2005a, 2006, 2009, Bonfadelli/Moser 2007, Ruhr- mann 2009, Trebbe 2009). Vor dem Hintergrund dieser Entwick lung werden in diesem Kapitel vor allem zwei Diskussions stränge auf gegriffen und über blicks mäßig aktualisiert. Dafür wird zunächst in dem folgenden Abschnitt 2.1 auf den medien- und gesellschafts politi schen Forschungs kontext ein gegangen. Vor allem die Frage, warum es wünschens wert und politisch bedeutsam ist, objektivier bare Daten zur Medien nutzung von Migranten zu erheben, wird dabei im Mittelpunkt stehen. Daran schließen sich zwei sozial- und kommunikations wissen schaft- lich orientierte Abschnitte zur Theorie (Abschnitt 2.2) und zum Forschungs- stand (Abschnitt 2.3) in diesem Untersuchungs feld an. Sowohl im Hinblick auf integrative Nutzungs motive von Migranten als auch in Bezug auf integra- tive Medien wirkun gen werden dort einige zentrale Überle gungen und empiri- sche Befunde der einschlägigen Forschung diskutiert. 20 2.1 Gesellschafts politi scher Forschungs kontext Nationaler Integrations plan (2007), Integrations gipfel und Islamkonferenz sind nur einige Maßnahmen der deutschen Bundes regie rung, die deut lich machen, dass die Integra tion von Zuwanderern – hier als gesell schaft liches Ziel for mu- liert – auf der politi schen Agenda in Deutschland in den letzten Jahren einige Plätze gutgemacht hat. Dazu gehört auch, dass man heutzutage nicht mehr einfach von „Ausländern“ (als Nachfolgebegriff zu „Gastarbeitern“) spricht, sondern dass sich für Ausländer und zu gewanderte Deutsche bzw. ihre Nach- kommen die Bezeich nung „Personen mit Migrations hintergrund“ durch gesetzt hat. Nach der Defini tion des Statisti schen Bundesamts zählen seit dem Mikro- zensus 2005 zu diesem Personen kreis „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewander- ten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deut- sche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutsch- land geborenen Elternteil“. (Statisti sches Bundesamt 2009: 6) Dieser Defini tion ent sprechen nach den aktuell verfüg baren Daten des Mikro- zensus 2007 etwa 15,4 Millionen Personen, was bei einer Gesamtbevölke rung von 82,2 Millionen einen prozentualen Anteil von 18,7 Prozent aus macht. Die Zahl der Ausländer im Sinne von Personen mit einer anderen als der deutschen Staats bürger schaft (wie früher gebräuch lich) ist im Ver gleich dazu mit 5,6 Mil- lionen erheb lich geringer (6,8 Prozent). Die Zahl der Personen mit eigener Migrations erfah rung (Ausländer und Deutsche) liegt mit 10,5 Millionen (12,7 Pro zent der Gesamtbevölke rung) etwa in der Mitte der beiden anderen genannten Werte (alle hier und im Folgenden zitierten Daten: Statisti sches Bundesamt 2009). Das Herkunfts land Türkei spielt in allen genannten Bezugs rahmen eine bedeutende Rolle. Die Wurzeln dieser Migranten gruppe liegen in der Arbeits- migra tion, Grundlage dafür war das 1961 zwischen Deutschland und der Türkei ver einbarte „Abkommen zur Anwer bung türkischer Arbeits kräfte für den deutschen Arbeits markt“. Trotz Anwerbestopp (1973) und Rück kehrförde- rung (1983) nahm die Zahl türkischer Migranten weiter zu, die wesent lichen Ursachen dafür waren Familien zusammen führung und die Erleichte rung der Einbürge rung. „Kamen zu Beginn der türkischen Zuwanderung fast ausschließlich erwerbstätige Männer in die Bundesrepublik, sind inzwischen nur noch ein Viertel der türkisch- stämmigen Menschen als ‚Gastarbeiter‘ nach Deutschland gekommen: 53 Prozent wan- derten im Zuge der Familienzusammenführung ein, und 17 Prozent der erwachsenen Türkinnen und Türken sind bereits hier geboren.“ (Şen 2002) 21 Etwa 2,5 Millionen Menschen mit türkischem Migrations hintergrund leben heute in Deutschland, das sind 3,1 Prozent der Gesamtbevölke rung und 16,3 Pro zent der Personen mit Migrations hintergrund. Unter den 5,5 Millionen in Deutschland lebenden Ausländern sind sie mit 1,2 Millionen (21,1 Prozent) die größte Gruppe. Nach der neuen Defini tion gibt es zurzeit aber auch 4,9 Millionen Deutsche mit Migrations hintergrund, darunter 2,8 Millionen, die als Spät aussiedler bzw. Aussiedler bezeichnet werden (vgl. zum Folgenden den Migrations bericht 2007, S. 46 ff.).6 In der ersten Hälfte der 1990er Jahre lagen die Zuzugs quoten dieser Migranten gruppe nach Deutschland bei über 200.000 Personen pro Jahr. Vor ihrer Einreise nach Deutschland haben Spät aussiedler sowie deren Ehegatten und Nachkommen die Rechts stel lung eines „Deutschen ohne Staats angehörig- keit“ („Status deutsche“). Werden sie als Spät aussiedler anerkannt, wird ihnen bei der Einreise nach Deutschland automatisch die deutsche Staats bürger schaft ver liehen. Die meisten Spät aussiedler kommen aus Gebieten bzw. Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Nach Schneider sind „bis Ende 2004 […] ins- gesamt rund 2,5 Millionen Menschen als Aussiedler, Spät aussiedler oder deren Angehörige aus der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten zu gewandert“ (Schneider 2005). Das heißt: Die Menschen, die zusammen genommen dem Bevölkerungs segment der – wie wir sie im Folgenden nennen werden – „rus- sischen Aussiedler“ zuzu ordnen sind, sind neben den Menschen türkischer Her kunft die bedeutendste Gruppe der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrations hintergrund. Angesichts dieser Zahlen sind für die Massen medien in Deutschland Men- schen mit Migrations hintergrund in mehrfacher Hinsicht eine relevante Ziel- gruppe. Nicht nur ökonomisch relevant, auch wenn über 15 Millionen Menschen ein ökonomi sches Potenzial repräsentieren, sondern besonders ge- sell schafts politisch relevant, wenn die aus Art. 5 des Grundgesetzes ab- geleitete Integrations funk tion der Massen medien auch als Leistung für nach Deutschland Zugewanderte und ihre Angehörigen auf gefasst wird. Besonders den klassi schen, konven tionellen Massen medien wie Fernsehen, Radio und Tages zeitung wird in dieser Hinsicht eine große Bedeu tung zu geschrieben, weil sie noch immer über alle gesell schaft lichen Gruppen und Segmente hin- weg die größte Reichweite für die Ver brei tung gesell schaft lich relevanter Inhalte haben – jeden falls soweit sie auch tatsäch lich genutzt werden. Gerade dieser letzte Punkt ist vor einigen Jahren im Zusammen hang mit der Medien- nutzung von Ausländern immer wieder in Zweifel gezogen worden. Im öffent- lichen, aber auch im wissen schaft lichen Diskurs wurde die Befürch tung 6 Möglicher weise unter schätzt der Mikrozensus jedoch die Aussiedler quote in Deutschland, was insbesondere die exakte Ermitt lung der Zahl der in Deutschland lebenden Aussiedler betreffen würde. (Seifert 2008) 22 geäußert, dass sich in Migrations milieus immer mehr Menschen der massen- medialen Kommunika tion mit deutschen Medien ent ziehen, durch die exklusive Nutzung heimatsprach licher Medien in die mediale Parallelgesell schaft ab- gleiten und sich gesell schaft lich isolieren (Heckmann 1992). Massen weise in- stallierte Satelliten schüsseln auf den Balkons typischer Migranten quartiere galten als Synonym für das selbst gewählte Medien ghetto. Der Begriff „Medien ghetto“ ist Anfang des neuen Jahrtausends in aller Munde – allerdings finden sich bei einer (subjektiven und selektiven) Durch- sicht von Tages zeitungs artikeln und Google-Nachweisen aus der damaligen Zeit zum Thema Migranten und Medien kaum Protagonisten, die die These von der Isola tion der Migranten durch einseitig auf die ehemalige Heimat aus gerichtete Medien nutzung noch ernst haft ver treten, denn zu diesem Zeit- punkt wird sie schon plakativ für die Kommunika tion gegen teiliger Befunde genutzt. Eine repräsentative Studie des Bundespresseamts der deutschen Bundes regie rung hatte im Jahre 2000 gezeigt, dass die befragten Türken und Deutschen türkischer Herkunft zwar sehr stark auf türkische und türkisch- sprachige Medien zurück greifen, wenn es darum geht, sich zu unter halten oder über die Türkei zu informieren. Gleichzeitig aber nutzen sie auch die deutsch sprachigen Medien angebote aus Fernsehen, Radio und Presse, um sich über ihre aktuelle Situa tion und ihren Alltag in Deutschland auf dem Lau- fenden zu halten. (Weiß/Trebbe 2001) Die Studie fiel in eine Zeit, in der die öffent liche Diskussion immer stärker auf eine differenzierte Regelung statt einer pauschalen Abwehr von Einwande- rung hinaus lief und damit ver bunden die Frage nach der Integra tion der Eingewanderten und ihrer Nachkommen stärker in den Mittelpunkt rückte. Vor läufiger Höhepunkt dieser öffent lichen und politi schen Debatte war die Ver abschie dung des Zuwanderungs gesetzes im August 2004 nach voraus- gegangenen erheb lichen Auseinander setzun gen im Bundesrat bezüg lich des Abstimmungs verhaltens einzelner Bundes länder vertreter und die Interpreta tion des damaligen Bundes rats vorsitzenden Klaus Wowereit betreffend. Aber zurück zur Medien ghetto-These. Nach einer Bibliografie des Komtech- Instituts (Becker 2000) kann man den Begriff das erste Mal bei Aktan (1981) lesen, der in diesem Zusammen hang noch zeit gemäß von „Gastarbeitern“ spricht und von einer „Ghettositua tion im massen kommunikativen Bereich“ aus geht. Goldberg, Mitarbeiter am Zentrum für Türkeistudien (ZfT), greift den Begriff Ende der 90er Jahre wieder auf, wenn er in einem Aufsatz von „medialer Ghettoisie rung“ im Kontext medialer Vielfalt spricht (Goldberg 1998). Auch Güntürk – eben falls Mitarbeiterin am ZfT – spricht in einem Beitrag Ende der 90er Jahre von „medialer Isola tion“ bezogen auf die Medien- nutzung von Migranten, insbesondere von Migranten türkischer Herkunft (Güntürk 1999). In neueren Studien des ZfT wird diese These immer noch kolportiert (Şen/Sauer/Halm 2001: 70), auch wenn die eigenen Daten zum 23 Teil deut lich gegen einen solchen Trend sprechen (ebd.: 72–74). Und so muss man Becker beipf lichten, wenn er fest stellt, dass das Medien ghetto vor allem im Fall der türkischen Migranten in Deutschland von „jedermann“ fest gestellt wird, während etwa die Rolle der russischen Presse für die russischen Spät- aussiedler in Deutschland weit gehend un beobachtet und von dieser Diskus- sion un berührt bleibt (Becker 2007: 45). Nach der Publika tion der Studie des Bundespresseamts im Jahre 2001 kommt die Diskussion um das türkische Medien ghetto in Deutschland erneut in Gang. Am häufigsten zitiert ist in diesem Zusammen hang wohl Meier- Braun, Integrations beauftragter des Südwestrundfunks, der sich 2002 vehement gegen die These von den „Migranten in Deutschland – Gefangen im Medien- ghetto“ wendet und in einem Beitrag vor allem Studien zitiert, die für eine komplementäre Nutzung türkisch- und deutsch sprachiger Medien sprechen (Meier-Braun 2002). Spätestens ab diesem Zeitpunkt findet man auch in der öffent lichen Debatte nur noch sehr ver einzelt Ver treter einer Isolations- oder Ghettoisierungs these im Kontext der Medien nutzung von Migranten (Schulte 2002). In der Zwischen zeit gilt sie als empirisch hinreichend wider legt, was jedoch nicht als Negie rung spezifi scher Medien nutzungs gewohn heiten von Menschen mit Migrations hintergrund ver standen werden darf (Trebbe 2009: 97) – wir werden im folgenden Abschnitt darauf zurück kommen. 2.2 Theorie Zur Integrations funk tion von Massen medien – insbesondere im Zusammen- hang mit Migra tion -steht inzwischen reich lich Literatur zur Ver fügung (Esser 2000, Schatz/Holtz-Bacha/Nieland 2000, Imhof/Jarren/Blum 2002, Vlasic 2004, Bonfadelli/Moser 2007, Bonfadelli et al. 2008), auch synopti sche Über- blicke über die Rolle der Medien in der letzten Phase des Migrations prozesses (Piga 2007, Müller 2005). Selbst Bibliografien zum Thema sind vor handen und werden ständig aktualisiert (Becker 2000, Geißler/Pött ker 2005b, Ruhr- mann 2009). Dieser Literatur soll hier kein weiterer Überblick hinzu gefügt werden. Für den Fortgang dieser Studie scheint es uns zweck dien licher, die aktuellen theoreti schen Perspektiven kurz zu benennen und unseren theoreti- schen Standpunkt bzw. die konzeptionelle Ver anke rung der empiri schen Teil- studien zu klären. Das Ver halten von Migranten und ihren Nachkommen in ihrer neuen Um- welt ist inzwischen zentraler Gegen stand vieler, zum Teil sehr unter schied- licher Disziplinen und ihrer theoreti schen Ansätze geworden. Dabei zeichnen sich diese nicht un bedingt durch eine gegen seitige Wahrneh mung geschweige denn eine Anerken nung der jeweiligen Ansätze und Forschungs ergebnisse aus. Traditionell ist das soziale Handeln im Migrations kontext eine Domäne der 24 Soziologie. Die sog. Chicagoer Schule um den Soziologen Robert E. Park hat bereits Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts Ansätze und empiri- sche Studien zur Rolle der „Immigrant Press“ (1922) in den Ver einigten Staaten vor gelegt. Aber auch die Kulturwissenschaften und Cultural Studies beschäftigen sich mit der Identitätsbildung und Veränderung ethnischer Minderheiten, die durch Wanderungsprozesse zwischen unterschiedlichen Gesellschaften entstehen (Cottle 2000). Häufig ist hier auch von virtuellen Gemeinschaften („imagined communities“, Anderson 1983) oder Diaspora (Cohen 1997) die Rede, die vor allem dann entstehen, wenn Migranten aus gleichen Herkunftskontexten in verschiedenen sozialen Umgebungen sich zwar untereinander unbekannt sind, aber doch einander zugehörig fühlen. Insbesondere diese Perspektive wird häufig genutzt, wenn es darum geht, Kommunikationsvorgänge via Massen- und Individualmedien über kulturelle und Ländergrenzen hinweg zu beschrei- ben. Zusätzlich zu den zwei genannten Perspektiven existiert noch eine ganze Reihe weiterer Ansätze, etwa aus der neueren Sozialanthropologie und den humangeografisch orientierten Wissenschaften, die aber in diesem Rahmen nicht weiter beschrieben werden sollen (für einen Überblick vgl. Trebbe 2009). In früheren Studien haben sich die Verfasser (Weiß/Trebbe 2001) vor dem Hintergrund einer sozialwissenschaftlich ausgerichteten Kommunikations- wissen schaft stärker an einem traditionell soziologischen Blick auf die Inte- gration von Migranten in Mehrheitsgesellschaften orientiert. Die soziale Lebens welt zwischen Herkunfts- und Ankunftskontext wird in diesem Zu- sammenhang als entscheidend für den Integrationsstatus von Migranten an- gesehen. Hierauf wird Bezug genommen, wenn in letzter Zeit verstärkt vom Milieu der Migranten die Rede ist. Allgemein werden in der Soziologie „unter ‚sozialen Milieus‘ Gruppen Gleichgesinnter verstanden, die jeweils ähnliche Werthaltungen, Prinzipien der Lebensgestaltung, Beziehungen zu Mitmenschen und Mentalitäten auf- weisen“ (Hradil 2006: 4). Vor diesem theoretischen Hintergrund werden zum Beispiel in den Sinus-Milieustudien nationale Gesellschaften oder auch ein- zelne Bevölkerungssegmente mithilfe multivariater statistischer Verfahren nach Wertorientierung, Lebensstil und sozialer Lage in unterschiedliche Cluster, Typen bzw. eben „Milieus“ aufgeteilt (Hradil 2006: 9; Wippermann/Flaig 2009). In der Migrationsforschung wird der Milieubegriff zur Beschreibung von zwei Sachverhalten gebraucht. Zum einen wird er genutzt, um die soziale Lebenswelt von Migranten (s. o.) zunächst pauschal gegenüber derjenigen der Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Zum anderen dient das Milieu konzept aber auch dazu, den Blick für die „Pluralisierung von Migra- tionskulturen“ (Wippermann/Flaig: 6) zu schärfen. Neben der horizontalen 25 Differenzierung dieses Bevölkerungssegments nach Herkunft (und den damit verbundenen kulturellen Prägungen und subjektiven Werthaltungen unter schied- licher Ethnien etc.) geht es dabei vor allem um vertikale, sozialstrukturelle Differenzierungsmerkmale wie sozioökonomischer Status, Bildung, Ein kom- men, Berufstätigkeit, aber auch um Alter, Migrationserfahrung usw. Im Rah- men der LfM-Studie wird der Milieubegriff in beiden Konnotationen ver- wendet. Nach Esser (2000) ist eine von vier Integrationsdimensionen die Kultura- tion, womit die Aneignung sozialer Fertigkeiten und Kenntnisse gemeint ist, mit denen man sich in seiner sozialen Lebenswelt bewegt und behauptet. Im Falle von Menschen mit Migrationshintergrund spricht man auch von Akkul- turation, um deutlich zu machen, dass es sich um einen erneuten Kultu- rationsprozess, quasi um einen zusätzlichen oder Zweiterwerb der genannten sozialen Fertigkeiten handelt. Das Konzept einer Systematisierung der Akkul- turationsstrategien von dem Sozialpsychologen Berry (1997) knüpft hier an (Übersicht 2.1). Übersicht 2.1: Akkulturationsstrategien (eigene Darstellung nach Berry 1997) Identifika tion/Einstel lung gegen über dem … … Herkunfts kontext der ethnischen Gruppe positiv negativ … Ankunfts kontext/Mehrheits - gesell schaft positiv Integra tion Assimila tion negativ Separa tion Marginalisie rung In einer Vierfeldermatrix unterscheidet er positive und negative Strategien gegenüber dem gesellschaftlichen Herkunftskontext und dem Ankunftskontext. Die Systematisierung hat den Vorteil, dass positive und negative Strategien gegenüber der Mehrheitsgesellschaft unabhängig von der Einstellung zur Her- kunftsgesellschaft beschrieben werden können – und das ist der entscheidende Unterschied zur Medienghetto-These: Eine Affinität zur eigenen ethnischen, nationalen und soziokulturellen Herkunft erlaubt nicht a priori Aussagen über die Einstellung zur Mehrheitsgesellschaft am „neuen“ Lebens- und Auf ent- haltsort. Darüber hinaus hilft die These bei der Unterscheidung zentraler Be- griffe wie Assimilation, Integration, Separation und Marginalisierung (Trebbe 2007a, 2007b, 2009): Danach ist Integration die Akkulturationsstrategie, die verfolgt wird, wenn beide sozialen Kontexte positiv beurteilt werden, sowohl der Ankunfts- als auch der Herkunftskontext. Assimilation bedeutet die Vernachlässigung der Herkunft zugunsten der „neuen“ sozialen Umwelt und von Separation spricht man, wenn Menschen mit Migrationshintergrund ausschließlich dem Her- kunfts kontext gegenüber positiv eingestellt sind. Schließlich wird mit Margi- nalisierung eine Abwendung von beiden gesellschaftlichen Zusammenhängen bezeichnet. 26 Es liegt auf der Hand, dass die Sicht auf die Akkulturationsstrategien von Migranten – wenn auch zunächst nur aus einer deskriptiven Perspektive – auf fast alle Bereiche der sozialen Lebenswelt angewandt werden kann, etwa Sprache, soziale Beziehungen und Interaktion, Informationsbedürfnisse und eben auch Medien und Medieninhalte. Aus kommunikations wissen schaft licher Perspektive schließt sich allerdings hier eine weitere Frage an: die nach der genauen Positions bestim mung der Massen medien in diesen Akkulturations prozessen. Theoretisch kann man dabei von drei ver schiedenen Möglich keiten aus gehen, die nicht un bedingt über- schneidungs frei sein müssen: – Erstens können Medien nutzungs vorgänge von Menschen mit Migrations- hintergrund als Indikator für das Integrations- oder besser: Akkulturations- verhalten auf gefasst werden – so wäre z. B. die deutsch- bzw. türkisch spra- chige Medien nutzung einfach ein Zeichen für die individuelle Ausrich tung auf beide gesell schaft lichen Kontexte zwischen Marginalisie rung und Assi- mi la tion. Wenn man so will, kann man viele der mehr oder weniger aus- schließ lich auf die Erfas sung und Beschrei bung der Medien nutzungs vor- gänge von Migranten aus gerich teten Studien hier einordnen – etwa die ARD/ZDF-Studie aus dem Jahr 2007, in der sechs ver schiedene ethnische Minder heiten nach ihren Medien nutzungs gewohn heiten befragt wurden. – Eine zweite Möglich keit ist es, Medien nutzung als Folge eines bestimmten Integrations stadiums zu sehen und so quasi die Akkulturations strategie einer Person als Ursache, als Grund, als Motiv für die Nutzung von sog. Heimat- oder Mehrheits medien zu sehen (Weiß/Trebbe 2001, Trebbe/Weiß 2006, Trebbe 2007b). In gewisser Weise schließt diese Perspektive die erst- genannte mit ein, denn über die Erhebung von Integrations- und anderer sozialer Lebens welt-Indikatoren hinaus ist eine Beschrei bung des Medien- nutzungs verhaltens ja „inbegriffen“. – Drittens schließ lich kann man Massen medien als Wirkungs ursache oder mindestens als Katalysator für den Integrations status, die Akkultura tion von Menschen mit Migrations hintergrund sehen – eine Annahme, die ja auch in der oben beschriebenen Medien ghetto-These mehr oder weniger implizit mitschwingt. Besonders zur Wirkungs kraft der Medien im Migra- tions- und Integrations prozess gibt es, ganz im Widerspruch zur öffent- lichen Debatte, bisher ver gleichs weise wenig gesicherte empiri sche Er- kenntnisse. Zumindest aber konnten anhand der Daten der WDR-Studie 2006 einige grundlegende Mechanismen zwischen deutsch- und heimat- sprach licher Medien nutzung auf der einen und sozialer Interak tion auf der anderen Seite identifiziert werden (Trebbe 2009). Wir werden die Befunde im nächsten Abschnitt im Zusammen hang mit anderen diskutieren. Solange allerdings nicht im Rahmen von kontinuier lich 27 durch geführten „Single-Source-Studien“ zusammen hängende Langzeitdaten zur Medien nutzung und Integra tion der Bevölke rung mit Migrations hinter- grund in Deutschland erhoben werden, wird die Frage nach dem Wechselspiel zwischen Akkultura tion als Motiv und Akkultura tion als Wirkung der Me- dien nutzung weit gehend offen bleiben. Wie amerikani sche Studien zeigen, bietet sich in diesem Bereich auch die Durchfüh rung von Panelstudien an (Jeffres 2000). Über die drei zuletzt auf gezeigten Forschungs linien hinaus gibt es eine ganze Reihe weiterer theoreti scher Perspektiven und bezogen darauf Studien, die sich mit Medien und Teilpopula tionen mit Migrations hintergrund befassen (vgl. dazu vor allem auch Kapitel 3). So diskutieren etwa Korupp und Szydlik vor dem Hintergrund der These eines „Digital Divide“ die Minder ausstat tung bzw. -nutzung von Computer und Internet auch als Folge einer ethnischen Herkunft (Korupp/Szydlik 2005: 412). Sie führen Sekundäranalysen anhand des sozioökonomi schen Panels (SOEP) durch, in dem zwischen 1997 und 2003 auch zwischen 2 und 3 Prozent türkische Staats bürger ver treten waren. Eben- falls von digitaler Kluft spricht Kissau (2008: 36), die 98 jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion zu ihrer Internetnut zung befragte und im Ergebnis ihrer Studie das Internet als „Integrations monitor“ bezeichnet (ebd.: 184). Aus einer politik wissen schaft lichen Perspektive sieht sie Informa tion und Kommunika tion als der politi schen Partizipa tion vor geschaltete Funk tio- nen des Internets. 2.3 Forschungs stand Insbesondere im Hinblick auf den Forschungs stand zur Integra tion und Me- dien nutzung der Türken in Deutschland kann man einige Basis befunde fest- halten, die als Ausgangs punkt für die hier vor liegende Studie dienen sollen. So ließen sich in den Querschnitt studien des Bundespresseamts im Jahr 2000 und des WDR im Jahr 2006 ver schiedene, klar abgrenz bare typische Inte- grations muster identifizieren (Weiß/Trebbe 2001, Trebbe/Weiß 2006). Diese reichten von einer eindeutigen Abwen dung von der deutschen Mehrheits- gesell schaft in Bezug auf alle er hobenen Indikatoren (politi sches Interesse, Ver trauen in deutsche Institu tionen, soziale Interak tion, Staats bürger schafts- wunsch, Bleibeabsicht, Sprachgebrauch) bis hin zu zwei ver schiedenen, der Mehrheits gesell schaft zu gewandten Integrations typen, von denen der eine eher über formale Variablen und politi sche Partizipa tion und der andere über soziale Interak tion und das Lebens umfeld als integriert beschrieben werden konnte.m Schon in der ersten Typologie aus dem Jahr 2001 wurde dabei auch sicht- bar, dass etwa die weniger stark der Mehrheits gesell schaft zu gewandten Be- fragten einen über durchschnitt lichen Anteil an älteren Personen und Personen 28 mit geringerer Aufenthalts dauer auf wiesen. Auffällig keiten hinsicht lich des Alters zeigten sich also vor allem bei den älteren Segmenten der Stichprobe. Jüngere Befragte (Mindestalter der Befra gung: 14 Jahre) waren in allen Inte- grations typen gleichmäßig ver treten. Darüber hinaus – und das ist weiter oben ja schon angek lungen – gab es weitaus geringere Unterschiede in der Medien- nutzung der Integrations typen, als man das vor dem Hintergrund der öffent- lichen Diskussion damals er warten konnte. So hatten speziell diejenigen auch eine starke türkisch sprachige Medien nutzung, die der deutschen Mehrheits- gesell schaft über durchschnitt lich zu gewandt waren (für eine detaillierte Zu- sam men fassung der Typologien vgl. Trebbe 2009). In zwei weiteren Sekundäranalysen der Daten des Bundespresseamts (Trebbe 2007a) und der WDR-Daten (Trebbe 2007b) zeigten sich für die jüngeren Befragten zwischen 14 und 21 Jahren starke Zusammen hänge zwischen den gewählten Akkulturations strategien und den Medien nutzungs- mustern. Auch bei Jugend lichen, die in Deutschland geboren waren bzw. in Deutschland den weitaus größten Teil ihres Lebens ver bracht hatten, war eine Affinität zu Medien angeboten in türkischer Sprache fest stell bar, korres pon die- rend mit einem grundsätz lichen Interesse an der Türkei und ihrer Herkunfts- kultur bzw. der Heimat ihrer Eltern. Mangelndes Interesse an deutscher Politik und politi schen Informa tionen in deutscher Sprache war eindeutig eher auf ein grundsätz liches politi sches Desinteresse zurück zuführen als auf eine be- wusste Abwen dung vom deutschen Kontext – das Interesse an türkischer Politik befand sich parallel dazu eben falls auf sehr niedrigem Niveau (Trebbe 2007a: 205–206). Die Fähig keit, die deutsche Sprache zu ver stehen, ist bei der Betrach tung des Zusammen hangs von Integra tion und Medien nutzung von ent scheidender Bedeu tung (Trebbe 2007b: 184). Sie ist der ent scheidende intervenierende Erklärungs faktor, wenn man ver sucht, die Akkulturations strategie als Medien- nutzungs motiv zu beschreiben. Kausal analytisch kann man zeigen, dass Hand- lun gen und Vorstel lungen zur Integra tion in die deutsche Mehrheits gesell schaft – zumindest bei Personen türkischer Herkunft – sich auf die Nutzung deutsch- sprachiger Medien aus wirken. Und dies sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Mit anderen Worten: Personen, die im täglichen Leben der Mehrheits gesell schaft zu gewandt sind, haben gute Gründe, auch die Medien dieser Mehrheits gesell schaft zu nutzen. Personen, die sich ab wenden, wenden sich auch von den deutschen Medien ab. Genau dieser kausale Zusammen- hang wird dann über Sprache als Erklärungs faktor moderiert: Nur wenn die Sprachkompetenz ein bestimmtes Niveau hat, kommt er zustande. Auf der anderen Seite der Akkulturations matrix von Berry funktionieren diese kausal- analyti schen Modelle übrigens kaum oder gar nicht: So lässt sich die Nutzung türkischer bzw. türkisch sprachiger Medien weitaus schlechter als Folge der Ab- oder Zuwen dung zur deutschen Mehrheits gesell schaft er klären. Das be- 29 stätigt noch einmal die Ergebnisse der genannten Typologien: Die Nutzung türkisch sprachiger Medien ist bei den meisten Befragten unabhängig vom individuellen Integrations status; Integrierte und weniger Integrierte wenden sich gleichermaßen den Massen medien aus dem Herkunfts kontext zu. Wie oben beschrieben, ist die Wirkungs kraft der Mehrheits- und Minder- heits medien auf den Integrations- bzw. Akkulturations prozess ver gleichs weise wenig er forscht. Aber immerhin zeigen inzwischen ver tiefte multivariate Ana ly- sen, dass insbesondere die Nutzung deutsch sprachiger Medien einen posi tiven Effekt auf integrative und assimilative Ver haltens strategien von Migranten haben kann (Trebbe 2009: 261), während – und das ist vor dem Hintergrund des bisher Ausgeführten folgerichtig – kaum negative Effekte einer intensiven türkisch sprachigen Nutzung identifiziert werden konnten. Im Gegenteil: Am stärksten der Mehrheits gesell schaft zu gewandt und durch soziale Interak tion mit ihr ver bunden scheinen diejenigen Menschen mit Migrations hintergrund zu sein, die sich dieses Hintergrunds bewusst sind und ihn (noch) nicht auf- gegeben haben. Diese Befunde beschränken sich übrigens nicht nur auf die türkisch stäm- mige Bevölke rung in Deutschland, sondern wurden auch – wenn auch weit weniger differenziert und aus geprägt – schon 2003 in einer Befra gung von russischen Aussiedlern fest gestellt (Pfetsch/Trebbe 2003). Insgesamt aber be- findet sich die Erforschung von Medien wirkun gen im Integrations prozess von Migranten an gesichts einer sich immer weiter aus differenzierenden Medien- nutzung noch in einem frühen Stadium. Abschließend noch ein gesonderter Blick auf Zusammen hänge zwischen Medien nutzung und Integra tion in Bezug auf die Teilpopula tion der Kinder und Jugend lichen mit Migrations hintergrund. Die Forschungs lage ist hier aus mehreren Gründen dürftig. Zwar gibt es zur Medien nutzung deutsch sprachi- ger Kinder und Jugend licher (bzw. von Kindern und Jugend lichen in deutsch- sprachigen Haushalten) repräsentative Daten. Eine besondere Stellung haben hier zwei jähr lich wieder holte Kinder- und Jugendmedien studien (vgl. zuletzt: KIM 2008, JIM 2008). Ob diese beiden Studien im Prinzip auch für die Ana- lyse der Medien nutzung von Kindern und Jugend lichen mit Migrations hinter- grund (als Teilmenge der insgesamt er fassten Kinder und Jugend lichen) ge- nutzt werden könnten (das heißt: ob der Status „Migrations hintergrund“ er fasst wird), ließ sich im Vorfeld der LfM-Studie nicht klären. Eine ent sprechende Methoden-Dokumenta tion ist nicht publiziert. Fest steht nur, dass 95 Prozent der in der JIM-Studie 2008 Befragten in Deutschland geboren wurden. Ohne- hin werden in beiden Studien keine Integrations indikatoren erhoben, ihr Schwer gewicht liegt auf Fragen der Medien kompetenz. Wir werden das je- doch insofern nutzen, als wir die Daten der JIM-Studie als Ver gleichs hinter- grund für einen Teil der Ergebnisse der LfM-Studie für jüngere türkische Migranten und russische Aussiedler heran ziehen werden (vgl. Kapitel 4 und 8). 30 Neben wenigen qualitativen Studien zum Thema Medien nutzung und Inte- gra tion/ Identität von jugend lichen Migranten (Görling 2007, Hameran/Baspi- nar/Simon 2007, Hugger 2009) und einigen internationalen Studien (Bickham et al. 2003, D’Haenens/Koeman/Saeys 2007) sind daher eigent lich nur zwei quantitative Studien im deutsch sprachigen Raum zu nennen, deren Vorgehen und Befunde im Problemkontext der LfM-Studie nütz lich sein können. So hat im Rahmen der für die türkische Wohnbevölke rung ab 14 Jahren repräsentativen BPA-Studie (Weiß/Trebbe 2001) auch eine zusätz liche – aller- dings nicht repräsentative – Befra gung von 255 Kindern im Alter zwischen 6 und 13 Jahren statt gefunden (Granato 2001). Zu den wichtigsten Befunden dieser Studie gehörte erstens, dass die befragten Kinder, die größtenteils in Deutschland geboren worden waren, im Hinblick auf ihre Freizeit gestal tung – einschließ lich der Medien nutzung – den türkischen und deutschen Kontext gleichermaßen nutzten und schätzten. Zweitens zeigte die Studie, dass die Unterschiede zu deutschen Kindern in diesen Ver haltens dimensionen ver- gleichs weise gering aus fielen, ledig lich Radiohören wurde von den Kindern türkischer Migranten sehr selten als Beschäfti gung an gegeben. Außerdem ergab sich aus dieser Studie, dass die befragten Kinder ihre eigene Zukunft über wiegend in Deutschland und nicht in einer möglichen Rück kehr in die Türkei sahen (Granato 2002: 49). In der Schweiz haben Bucher und Bonfadelli (2007) 1.500 Schüler im Alter zwischen 12 und 16 Jahren mit und ohne Migrations hintergrund nach ihren Medien nutzungs gewohn heiten befragt (s. a. Bonfadelli et al. 2008). Auch hier zeigten sich sehr viele Gemeinsam keiten zwischen den Jugend lichen ver- schiedener Herkunft. Die Autoren folgern daraus, dass „Migrations jugend liche zunächst einmal primär Jugend liche sind“ (Bucher/Bonfadelli 2007: 142). Für die wenigen, tatsäch lich identifizierten Unterschiede zwischen Jugend lichen mit und ohne Migrations hintergrund machen sie ver stärkt die Faktoren Bil- dung und Geschlecht ver antwort lich. Im Hinblick auf die Medien ausstat tung sehen die Autoren gering fügige Defizite bei Printmedien, wogegen elektroni- sche und Internetmedien tendenziell häufiger in den Zimmern der Migrations- jugend lichen anzu treffen sind. Bei der Nutzung von Medien inhalten sehen die Autoren geringe Unterschiede, ab gesehen von der Sprache (die ja in der Schweiz auch für Kinder ohne Migrations hintergrund eine besondere Rolle spielt) und der Anschluss kommunika tion (ebd.).7 7 Eine im Hinblick auf die Stichprobe von Bucher und Bonfadelli vergleichbare Befragung wurde von Wagner et al. unter Hauptschülern durchgeführt. Auch hier lag der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund unter den Befragten Hauptschülern zwischen 10 und 16 Jahren bei etwa einem Drittel. Da hier aber Bil- dungsprozesse im Zusammenhang mit Medien stärker im Mittelpunkt standen, werden wir diese Studie im nächsten Kapitel besprechen (Wagner 2008). 31 3 Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Migranten Die Frage, welche „Medien kompetenz“ junge Menschen mit Migrations hinter- grund auf weisen und welche Ansatz punkte für Maßnahmen der Medien- kompetenz vermitt lung für diese Zielgruppe sinn voll sind, ist in jüngerer Zeit ver stärkt Gegen stand des gesellschafts politi schen Diskurses. Im aktuellen Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008 wird dazu postuliert, dass den jungen Menschen mit Migrations hintergrund bei der Ver- mitt lung von Medien kompetenz „besondere Aufmerksam keit“ zu widmen sei (Medien- und Kommunikations bericht 2008: 50). Zum einen wird auch hier auf eine wichtige Rolle der Medien für die Integra tion dieser Menschen in die deutsche Gesell schaft hin gewiesen (ebd.). Zum anderen wird „Medien kompe- tenz“ als eine zentrale Schlüsselqualifika tion in der modernen Informations- und Wissens gesell schaft an gesehen (Luca/Aufenanger 2007). 3.1 Gesellschafts politi scher Forschungs kontext Inwiefern einzelne Bevölkerungs gruppen über „Medien kompetenz“ ver fügen, wird im aktuellen öffent lichen Diskurs und auch in der Medien pädagogik besonders in Bezug auf die neuen digitalen Funktions- bzw. Individualmedien, aber durch aus auch hinsicht lich der „klassi schen“ Massen medien diskutiert, wie etwa prakti sche Förderprojekte wie die „Nationale Initiative Printmedien – Zeitun gen und Zeitschriften in der Demokratie“8 und aktuelle wissen schaft- liche Studien zur Medien kompetenzförde rung9 zeigen. In der vor liegenden 8 Vgl. www.bundesregierung.de/Webs/Breg/ DE/Bundesregierung/BeauftragterfuerKulturundMedien/ Medienpolitik/InitiativePrintmedien/nationale-initiative-printmedien. html [25. 06. 2009]. 9 In den letzten Jahren wurden mit den Arbeiten von Burk hardt (2001), Luca/Aufenanger (2007) und Six/ Gimmler (2007) gleich drei wissen schaft liche Studien vor gelegt, welche sich mit der Förde rung von Medien- kompetenz in ver schiedenen sozialen Kontexten sowohl im Hinblick auf klassi sche als auch neue Medien befassen. Gleichwohl ist auch dort eine deut liche Fokussie rung auf Computer und Internet fest zustellen. 32 Analyse wird jedoch der Schwerpunkt auf die Individualmedien Computer/ Internet sowie Handy und Spiel konsole gelegt. Die LfM-Studie schließt damit an die Diskussion der These eines soge- nannten „Digital Divide“ an: einer digitalen Spaltung der Gesell schaft in In- formations reiche und Informations arme. Ihr Ausgangs punkt ist die Beobach- tung, dass ver schiedene Bevölkerungs gruppen Unterschiede im Zugang zu den neuen Kommunikations medien, insbesondere zum Internet, auf weisen (Kubicek/Welling 2000). Diese Debatte bezog sich in den 1990er Jahren zunächst nur auf die Frage des technologi schen Zugangs zu den Medien Computer und Internet (Niesyto 2008). Hier wird ver mutet, dass der Migra- tions hintergrund neben anderen Faktoren Ursache dafür sein könnte, dass die ent sprechenden Bevölkerungs gruppen nur ein geschränkten Zugang zu diesen Medien und deren Bildungs- und Partizipations potenzialen finden (LfM 2007b). Die daraus ab geleitete Befürch tung ist, dass gerade diejenigen mit niedrigeren Chancen auf Bildung, Beruf, politi sche Teilhabe und persön liche Entwick lung in Zukunft noch stärker benachteiligt sein könnten, wenn sie geforderte Kenntnisse im Umgang mit den digitalen Medien angeboten nicht er werben können. Das ursprüng lich dichotome Modell der digitalen Spaltung wurde für seine Undifferenziert heit kritisiert und durch neue Modelle ersetzt, die neben dem technologi schen Zugang auch inhalt liche Ausrich tungen des Medien gebrauchs berücksichtigen (van Dijk 2005, Zillien 2006).10 Mit dem mittlerweile in die Diskussion ein geführten Schlagwort des „Second Digital Divide“ soll darauf auf merksam gemacht werden, dass wesent liche Unter- schiede nicht im Zugang zu den Individualmedien, sondern in der Intensität und vor allem der Qualität ihrer Nutzung ver mutet werden (Niesyto 2008: 11). Ein besonderes Augen merk wird dabei auf den Medien umgang sozial benach- teiligter Kinder und Jugend licher gelegt, weil man davon aus geht, dass diese Kinder und Jugend lichen Medien „häufig extensiv und unkritisch“ (LfM 2007b: 43) nutzen. Man befürchtet, dass durch derartige Medien nutzung „… die durch ihre Lebens situa tion bedingten Beeinträchti gungen kognitiver, sprach licher und kultureller Fähig keiten eher ver stärkt als ver ringert“ (LfM 2007b: 43) würden. Auch die medien pädagogi sche Forschung weist auf den Einfluss des Faktors „Bildungs benachteili gung“ auf den Medien umgang Heran- wachsender hin. So konstatieren zum Beispiel Wagner und Eggert: „Die Ergebnisse der medienpädagogischen Forschung verweisen darauf, dass jene Kinder und Jugendlichen, die als bildungsbenachteiligt gelten und aus sozial unter- privilegierten Milieus stammen, eher den risikobehafteten Angeboten des Medien- marktes zugetan sind und sich die Möglichkeiten und Potenziale, die vor allem die 10 Van Dijk (2005) unter sucht neben dem technologi schen Zugang auch Motiva tionen, die der Nutzung oder Nicht-Nutzung des Internets zugrunde liegen (motivational access), sowie ver schiedene Kompetenzen im Umgang mit Computer und Internet (skills access, usage access). 33 multifunktionalen Medien Computer und Internet zur Kommunikation, Interaktion und Beteiligung bieten, nicht in der Bandbreite erschließen, wie Heranwachsende, die in bildungsbevorzugten Milieus aufwachsen.“ (Wagner/Eggert 2007: 15) Kinder und Jugend liche mit Migrations hintergrund sind von Bildungs benach- teili gung besonders betroffen. Nach den Daten des jüngsten Berichts zur „Bildung in Deutschland 2008“ (Autoren gruppe Bildungs berichterstat tung 2008) sind Schüler mit Migrations hintergrund selbst bei gleichem Sozialstatus seltener auf dem Gymnasium und häufiger in den niedriger qualifizierenden Schularten ver treten als Kinder ohne Migrations hintergrund. Sie ver lassen doppelt so häufig wie Schüler ohne Migrations hintergrund eine allgemein- bildende Schule, ohne zumindest den Haupt schulabschluss zu er reichen, und sie benötigen deut lich länger, um einen Ausbildungs platz der dualen Ausbil- dung zu finden. Diese Zusammen hänge sind – grundsätz lich und methodisch – an gemessen zu berücksichtigen, wenn es in empiri schen Studien um die Frage geht, ob sich junge Menschen mit Migrations hintergrund von jungen Men- schen ohne Migrations hintergrund in der Nutzung der neuen digitalen Medien unter scheiden. 3.2 Theorie Im medien pädagogi schen Diskurs findet seit den 1970er Jahren eine konti- nuier liche Auseinander setzung mit dem Thema Medien kompetenz statt (Baacke 1973, 1999; Theunert 1999, Luca/Aufenanger 2007). Dies führte jedoch nicht zu einer eindeutigen Begriffs bestim mung und Konzeptualisie rung, vielmehr liegen ver schiedene Modelle und Systematisie rungen der inhalt lichen Bereiche von Medien kompetenz vor. Ein breiter Überblick über klassi sche und neuere Modelle der Medien- kompetenz wird an dieser Stelle nicht gegeben. Hierzu kann auf die jüngst von Renate Luca und Stefan Aufenanger vor gelegte Aufarbei tung ver schie- dener Medien kompetenz-Modelle ver wiesen werden (Luca/Aufenanger 2007: 17–33). Im vor liegenden Kontext soll eine kurze Herlei tung der Begrifflich- keiten genügen. Im Anschluss daran wird das Medien kompetenzmodell von Theunert näher er läutert, welches aus einer medien pädagogi schen Blickrich- tung heraus Medien kompetenz als Ziel aktiver Medienarbeit konzeptionalisiert. Dieses Modell wird später für die Konzep tion des qualitativen Teils der LfM- Studie genutzt. Medien kompetenz ist nach Baacke – einem der „Väter“ der deutschen Medien pädagogik – ein Teil bereich der kommunikativen Kompetenz, worunter er „alle Sinnesakte der Wahrneh mung“ ver steht (Baacke 1999: 32). Medien- kompetenz wird darüber hinaus in das Konzept der Handlungs kompetenz inte- griert. Damit sind „… alle Formen der Weltbemächti gung und Welt verände- 34 rung gemeint, die zwar durch kommunikative Akte begleitet werden, aber über diese insofern hinaus gehen, als hier Objekte, Gegenstände und Sach- verhalte ‚ver rückt‘ werden“ (ebd.: 32). Medien kompetenz sei insgesamt als ein Konzept zu sehen, welches sich nicht auf Bildung und Erziehung beschränke oder die Ver mitt lung von Informa tionen und Wissen für beruf liche Karrieren, vielmehr schließe Medien kompetenz auch den Bereich unter haltender Ange- bote sowie „einen Reflexions raum des Wissens, Überlegens und Nachdenkens über den ‚Sinn‘ von Kommunika tion“ mit ein (Baacke 1999: 34). Während also im gesell schaft lichen Diskurs die Funktionalität von Medien- kompetenz für Bildung und Beruf sowie für effektiven Jugend- und Ver- braucher schutz betont wird, geht die wissen schaft liche Vorstel lung von Me- dien kompetenz weit darüber hinaus. Entsprechend warnen Stimmen aus der Medien pädagogik auch vor einer derartigen normativen Ver engung und for- dern, „… die Frage der Medien kompetenz stärker auf Themen und Praxen der alltäg lichen Lebens bewälti gung und der darauf bezogenen medien ver mit- tel ten Formen der Weltaneig nung und Identitäts bildung zu beziehen.“ (Niesyto 2008: 14) Auf diesen Aspekt werden wir bei der Darstel lung bisheriger For- schungs befunde zurück kommen. Helga Theunert schließt mit ihren Überle gungen an Baacke an, indem sie wie dieser Medien kompetenz als integrierten Bestand teil von Kommunikativer Kompetenz und Handlungs kompetenz fasst (Theunert 1999, 2008). Medien- kompetenz lässt sich mit Theunert ver stehen als „… die Fähigkeit, die Medien und Techniken, die gesellschaftliche Kommunikation unterstützen, steuern und tragen, erstens zu begreifen, zweitens sinnvoll damit um- zugehen und drittens sie selbstbestimmt zu nutzen.“ (Theunert 1999: 53) Damit grenzt sich die Autorin von Konzepten ab, welche Medien kompetenz auf instrumentelle Fertig keiten ver kürzen. Vielmehr betont sie, dass sich Medien kompetenz nicht auf den prakti schen Umgang mit Medien beschränkt, sondern zum Beispiel auch die Reflexion über Chancen und Gefahren des Medien gebrauchs mit einschließt. Medien kompetenz ent stehe durch ein Zu- sammen spiel unter schied licher Fähig keiten, die sich in den folgenden vier Dimensionen von Medien kompetenz ver deut lichen lassen (Theunert 1999, 2008): 35 Übersicht 3.1: Medienkompetenzdimensionen (Eigene Darstellung nach Theunert 2008) Wissens dimension: Das Wissen um die Beschaffen heit der Medien systeme, um Funktionen ver schiedener Medien als auch instrumentelle Fähig keiten im Umgang mit Medien und Kommunikations technologien bilden eine Basis, um mediale Symbol systeme zu ent schlüsseln und Medien zu begreifen und zu handhaben. Reflexions dimension: Notwendig ist ferner die Fähig keit, die Medien mit ihren Strukturen und Angeboten als auch das eigene Handeln kritisch zu analysieren und zu reflektieren. Dabei fließen sowohl ästheti sche als auch ethisch-soziale Kriterien in die Reflexion ein. Handlungs dimension: Die Fähig keit, Medien selbst bestimmt und kreativ zu gestalten, sich diese als Mittel der Kommunika tion und aktiven Partizipa- tion am sozialen, kulturellen und politi schen Leben zu er schließen, impliziert wiederum instrumentelle Fertig keiten, Kenntnisse der Medien funk tionen und reflexive Bewer tung. Orientierungs fähig keit: Die gesell schaft liche Teilhabe mittels Medien be- ruht auf einer Einord nung des verfüg baren Medienensembles und einer indi- viduellen Abwägung und Positionie rung ihm gegen über. 36 3.3 Forschungs stand Überblick In den vorigen Kapiteln wurde schon darauf hin gewiesen, dass die Medien- nutzung und Medien kompetenz der Minder heit junger Menschen mit Migra- tions hintergrund in Deutschland nicht in gleicher Weise systematisch, konti- nuier lich und repräsentativ er forscht wird, wie das im Hinblick auf Kinder und Jugend liche der Mehrheits gesell schaft der Fall ist. Zu den jähr lich durch- geführten KIM- und JIM-Studien (siehe dazu die Hinweise in den letzten beiden Kapiteln) oder Einzelstudien wie die von Luca/Aufenanger (2007), Six/Gimmler (2007) und Treumann et al. (2007) gibt es keine ent sprechenden Äquivalen zstudien, in denen die Medien kompetenz von jungen Menschen mit Migrations hintergrund hinsicht lich der Individualmedien Computer/ Internet, Handy und Spiel konsole repräsentativ erfasst wird. Zwar wurden in den letzten Jahren einige repräsentative Studien zur Me- dien nutzung von Menschen mit Migrations hintergrund durch geführt (vgl. dazu die Hinweise auf die BPA-Studie, WDR-Studie und ARD/ZDF-Studie in den letzten Kapiteln). Deren Schwerpunkt liegt jedoch auf den klassi schen Medien Zeitung/Zeitschrift, Radio und Fernsehen. Das Internet wird nur ganz all- gemein im Hinblick auf Nutzungs dauer und Nutzungs häufig keiten berück- sichtigt und eine weiter gehende Erfas sung von Medien kompetenzaspekten er- folgt in diesen Studien nicht. Außerdem befassen sich diese Studien im Prinzip mit der Medien nutzung von Erwachsenen (BPA-Studie, ARD/ZDF-Studie: Personen ab 14 Jahren) bzw. „jüngeren Erwachsenen“ (WDR-Studie: Personen ab 14 bis 49 Jahren).11 Daneben gibt es eine Reihe neuerer, nicht repräsentativer Studien, welche explizit den Medien umgang von jungen Menschen mit Migrations hintergrund aus kompetenzbezogener Perspektive beleuchten (Übersicht 3.2). Annette Trei- bel (2006) unter sucht die Medien kompetenz russ land deutscher und türkisch - stämmiger Haupt schüler. Susanne Eggert (2006) befasst sich mit der Medien- aneig nung 10- bis 16-Jähriger aus der ehemaligen Sowjetunion und mit der Integrations funk tion alter und neuer Medien. Mareike Strotmann (2006, 2008) analysiert, welche Faktoren die Aneig nung neuer Medien durch Jugend liche mit türkischem Migrations hintergrund unter stützen oder er schweren. Die Rolle neuer Medien für Identitäts bildungs prozesse steht im Mittelpunkt der Studie von Hugger (2009). 11 Das schließt Sekundäranalysen dieser Studien zur Medien nutzung jüngerer Personen gruppen allerdings nicht aus. Vgl. dazu etwa die Sekundäranalyse der BPA-Studie für 14- bis 21-Jährige (Trebbe 2007a). 37 Übersicht 3.2: Neuere empirische Studien zur Mediennutzung und Medienkompetenz von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland („Explizite Mi- gran tenstudien“) Autoren Stichprobe/Methode Erhebungs schwerpunkte Hugger 2009 n = 20 Junge Erwachsene mit türkischem Migrations hintergrund im Alter von 20 bis 25 Jahren, die aktive Nutzer aus gewählter Online-Communities sind Episodi sche Interviews Nutzung von Online-Communities für individuelle Identitäts bildungs prozesse Strotmann 2006, 2008 n = 29 Jugend liche mit türkischem Migra- tions hintergrund aus 8. und 10. Klassen Kölner Haupt schulen und Gymnasien Leitfaden interviews Medien nutzung, Medien kompetenz: Computer und Internet, Unterstüt zung bei der Aneig nung neuer Medien Hammeran/ Baspinar/ Simon 2007 n = 57 Fernsehzuschauer türkischer Herkunft im Alter von 14 bis 49 Jahren Gruppen diskussionen Lebens situa tion, Selbst bild, Medien nut- zung und Präferenzen in Bezug auf Com- puter und Internet, Print, Radio und TV Treibel 2006 n = 16 Russ land deutsche und türkisch- stämmige Haupt schüler aus 9. Klassen im Alter von durch schnitt lich 15 Jahren Leitfaden interviews Medien nutzung und Medien kompetenz: Computer, Internet, Handy (Bedien-, Struktur-, Handlungs wissen), Sprach- kompetenz Eggert 2006 n = 24 10- bis 16-Jährige aus der ehe- maligen Sowjetunion mit max. 4-jähriger Aufenthalts dauer in Deutschland Leitfaden interviews Medien nutzung, Medien funk tionen und Medien kompetenz: Radio, TV, Print, Computer, Internet, Spiele In diesen Studien kommen meist qualitative Leitfaden- oder Tiefen inter- views zur Anwen dung, die interessante Einblicke in den Medien umgang der genannten Teilpopula tionen geben, auf grund kleiner Fallzahlen und mangeln- der Repräsentativität aber keine allgemeinen Aussagen über die Medien nutzung und Medien kompetenz junger Menschen mit ihren spezifi schen Migrations- hintergründen in Deutschland er lauben. Im Übrigen ist auf fallend, dass sich auch die meisten Untersuchungen dieses Typs auf die großen Migranten- gruppen in Deutschland – junge Menschen türkischer Herkunft und russische Aussiedler – beziehen. Neben diesen wenigen Medien nutzungs- und Medien kompetenz studien, die sich explizit mit jungen Migranten beschäftigen, könnten sich im Grundsatz aus solchen Studien Hinweise zur Medien nutzung und Medien kompetenz dieser Bevölkerungs gruppe ergeben, zu deren Untersuchungs popula tion junge Migranten de facto, wie zum Beispiel im Fall von Schul- bzw. Schüler studien, zählen. 38 Übersicht 3.3: Neuere empirische Studien zur Mediennutzung und Medienkompetenz von jungen Menschen in Deutschland („Studien mit Migrantenanteilen“) Autoren Stichprobe/Methode Erhebungs schwerpunkte Wagner 2008 n = 903 Haupt schüler im Alter von 10 bis 16 Jahren, darunter zwei Drittel mit Migra- tions hintergrund, aus 20 Haupt- und Ge- samtschulen in sozialen Brenn punkten/ strukturschwachen Gebieten von Groß- städten in 6 Bundes ländern Teilstandardisierte schrift liche Befra gung der Schüler, ergänzt durch leit faden- gestützte Interviews mit n = 39 Klassen- lehrern und Gruppen diskussionen mit n = 111 Heranwachsenden Ausstat tung und Nutzungs häufig keiten in Bezug auf Computer/Internet, Handy und Spiel konsolen; Medientätig keiten, Nutzungs motive und Integra tion der Medien in die Lebens gestal tung, indivi- duelles Medien handeln in Bezug auf Spielen, Kommunizieren in virtuellen Räumen, Produzieren und Ver öffent- lichen Pfeiffer et al. 2008 n = 6.000 Schüler vierter Klassen und n = 17.000 Schüler neunter Klassen aus elf Städten und Landkreisen sechs ver- schiedener Bundes länder, Anteil der Be- fragten mit Migrations hintergrund nicht dokumentiert Schrift liche Befra gung Medien ausstat tung und Medien nutzung, familiäres und schuli sches Umfeld, Schulleis tungen, Freizeit verhalten Otto et al. 2004 n = 50 Jugend liche zwischen 14 und 23 Jahren mit Haupt- und Realschul- abschluss, darunter eine un genannte Anzahl an Jugend lichen mit Migrations- hintergrund Explorative Leitfaden interviews in Jugendeinrich tungen Nutzungs erfah rungen/-strukturen/ -präferenzen in Bezug auf Internetange- bote (MSN, Chat, Foren etc.), Qualitäts- vorstel lungen und Problemfelder Bernart/ Billes-Gerhart 2004 n = 103 Jugend liche aus 6. Klassen an Haupt schulen in Baden-Würt temberg im durch schnitt lichen Alter von 13 Jahren, darunter n = 57 Jugend liche mit Migra- tionshintergrund (davon n = 20 Jugend- liche mit türkischem und n = 19 Jugend- liche mit osteuropäi schem Migrations- hintergrund) Schrift liche Befra gung Sprach verhalten und Freundes kreis; Medien nutzung, Medien funk tionen und Medien kompetenz in Bezug auf Handy, Computer/Internet und Spielen utzung Fromme/ Meder/ Vollmer 2000 n = 1.111 Heranwachsende aus Schulen im Raum Bielefeld im Alter zwischen 8 und 14 Jahren, darunter n = 80 Aus- siedler, n = 88 Schüler türkischer Herkunft sowie Schüler mit anderen Migrations hintergründen Schrift liche Befra gung sowie qualitative Interviews mit n = 21 Heranwachsenden Umgang mit Computerspielen: Spiel- verhalten (Nutzungs häufig keit, Lieblings- spiel und -genre, Angaben zur Hard- ware), Spielumge bung (Zusammen spiel mit anderen, Wissens erwerb zu Spielen, andere Freizeitaktivitäten), Bewer tung ver schiedener Merkmale von Computer- spielen (mediale Präsenta tion, Dramatur- gie, Kompetenzanforde rungen) Die KIM- und JIM-Studien wären hier nochmals zu nennen, ebenso eine aktuelle umfassende Studie zum Medien handeln und der Medien kompetenz Jugend licher im Hinblick auf alte und neue Medien, die von einer For scher- gruppe um Klaus Peter Treumann auf Basis des sog. „Bielefelder Kompe- 39 tenzmodells“ durch geführt wurde (Treumann et al. 2007).12 Ähnliches gilt für eine qualitative Studie zur „Computerpraxis Jugend licher“ (Welling 2008), in der die Relevanz des Computers für Jugend liche und diesbezüg liche Aneig- nungs weisen analysiert, auf den Migrations hintergrund einiger Befragter aber nicht näher ein gegangen wird.13 Dieser Studientyp erfasst junge Menschen mit Migrations hintergrund nur rudimentär, da die jeweils zugrunde liegende Defini tion der Grundgesamt heit diese Fall gruppe weder explizit aus-, noch explizit einschließt. Die ethnische Zugehörig keit der Jugend lichen wird bei den Daten analysen in der Regel nicht explizit berücksichtigt. Auf der anderen Seite stehen Erhebun gen wie die Analyse zum „Medien- handeln in Haupt schulmilieus“ (Wagner 2008), bei der zwei Drittel der be- fragten Schülerinnen und Schüler einen Migrations hintergrund auf weisen.14 Hier lassen sich instruktive Ver mutungen über die Besonder heiten der Medien- nutzung und Medien kompetenz junger Menschen mit Migrations hintergrund ab leiten. Weitere Ansatz punkte geben die zusätz lich in Übersicht 3.3 auf- geführten neueren Studien, die neben deutschen Kindern und Jugend lichen auch Heranwachsende mit Migrations hintergrund berücksichtigen. Allerdings liefert auch dieser Studientyp auf grund der Defini tion der Grundgesamt heiten, Auswahl verfahren und Stichproben zusammen setzun gen keine repräsentativen Aussagen über die jeweiligen Migranten popula tionen. Ergebnisse expliziter Migranten studien Im Folgenden werden die wichtigsten Befunde der zwar nicht repräsentativen, aber immerhin explizit auf junge Menschen mit Migrations hintergrund bezo- genen Studien zusammen gefasst, deren Eckdaten in Übersicht 3.2 aus gewiesen sind. Wie in der Übersicht auch, wird mit den jüngsten Studien befunden be- gonnen. 12 In dieser Studie wird eine differenzierte Erfas sung ver schiedener Medien kompetenzdimensionen geleistet. Ein Kriterium der Defini tion der Grundgesamt heit war, dass die befragten Jugend lichen aus drei Bundes- ländern im Alter von 12 bis 20 Jahren (n = 3.271) Deutsch als Muttersprache beherrschten. Daneben wurde die Nationalität erfasst (deutsch/eine andere, und zwar …) und er mittelt, ob die Befragten schon immer in Deutschland leben oder aus dem Ausland (und falls ja: vor wie viel Jahren) zu gezogen sind. 13 Welling führte zwischen 2002 und 2004 Gruppen diskussionen mit Nutzern ver schiedener Jugendeinrich- tungen durch. In einigen Gruppen diskussionen hatten die Befragten über wiegend einen Migrations hinter- grund, was bei der Ergebnis präsenta tion jedoch nicht diskutiert wird. 14 In der Studie wurden n = 903 Haupt schüler im Alter von 10–16 Jahren aus 20 Haupt- und Gesamtschulen in sozialen Brenn punkten/strukturschwachen Gebieten von Groß städten in 6 Bundes ländern teilstandardisiert schrift lich befragt, darunter 67 Prozent mit Migrations hintergrund (dazu wurde für Vater und Mutter gefragt „kommt aus Deutschland“ vs. „kommt woanders her, und zwar …“). 40 Hugger (2009): Potenziale neuer Medien für Identitäts bildungs prozesse Medien kompetenz drückt sich auch darin aus, wie der Medien umgang zur Orientie rung und Positionie rung des Einzelnen, zur individuellen Lebens- bewäl ti gung beiträgt. In diesem Kontext ist eine explorative Forschungs arbeit von Hugger an gesiedelt, die danach fragt, wie sich türkische Migranten jugend- liche spezielle Online-Communities für ihre Identitäts bildungs prozesse zunutze machen. Auf Basis qualitativer Interviews mit jungen Erwachsenen mit türki- schem Migrations hintergrund15 wird in dieser Studie gezeigt, dass Online- Communities unter bestimmten Vorausset zungen Räume sein können, in denen die jungen Erwachsenen ihre „,prekäre‘ Zugehörig keit und die damit ver bun- denen Anerkennungs probleme verarbeiten können“ (Hugger 2009: 282, Herv. i. O.). In diesen Communities könnten die jungen Türken ihre gemein schaft- lichen türkischen und biografi schen Wurzeln reflektieren und Anerken nung für ihre Person er fahren. Ob daraus eine „erfolg reiche Selbst findung“ (ebd.: 282, Herv. i. O.) sowohl in der Online- als vor allem auch der Offline-Welt resultiert, scheint nach den Hinweisen aus dieser Studie davon abzu hängen, inwiefern in den Communities starke und ver trauens würdige soziale Bindun- gen zu Anderen hergestellt werden können – ein Aspekt, der wiederum selbst auf die Notwendig keit von instrumentellen, wissens bezogenen, gestalteri schen und reflexiven Fähig keiten ver weist. Strotmann (2006, 2008): Unterstüt zung bei der Aneig nung neuer Medien Strotmann (2006, 2008) geht in ihrer Studie der Frage nach, welche Faktoren der Settings Familie, Peers, Schule und außerschuli sche Institu tionen die An- eig nung von neuen Medien durch Jugend liche mit türkischem Migrations- hintergrund er leichtern oder er schweren.16 Bei der Analyse wurde der Schwer- punkt vor allem auf die Betrach tung geschlechts spezifi scher Unterschiede gelegt. So stellt die Autorin fest, dass sich die eher technikorientierten Jungen früher und intensiver dem Computer zuwenden als die befragten Mädchen. Unter den Jugend lichen, die neue Medien kaum oder gar nicht nutzen, fanden sich deut lich mehr Mädchen. Die Schule wurde von den meisten der befragten Jugend lichen als Ort mit hohem „Aufforderungs charakter“ bei der Aneig nung von neuen Medien be- zeichnet. Vor allem aber wurden die Eltern als diejenigen benannt, welche dies deut lich unter stützen. So beschrieben die Befragten in den Interviews, 15 Basis der Studie sind episodi sche Interviews mit n = 20 jungen Erwachsenen mit türkischem Migrations- hintergrund im Alter von 20 bis 25 Jahren, die aktive Mitglieder bestimmter Online-Communities sind. Die Befragten ver fügen über mittlere Reife und höhere Schulabschlüsse. 16 Dazu führte die Autorin im Jahr 2004 29 Intensivinterviews mit Jugend lichen mit türkischem Migrations- hintergrund aus Haupt schulen und Gymnasien in Köln. Die Jugend lichen stammten aus der achten und zehnten Klasse. Als weitere Auswahl kriterien wurden Geschlecht sowie das Vorliegen von Affinität bzw. keine Affinität zu neuen Medien ein gesetzt. 41 dass ihre Eltern in der Nutzung des Computers eine Möglich keit sehen, den Schul- und Berufsweg ihrer Kinder positiv zu beeinflussen und dem PC einen hohen oder sogar einen zentralen Stellen wert in der Gesell schaft einräumen. Jedoch nutzen zwei Drittel der Eltern laut den Angaben der Jugend lichen PC und Internet selbst selten oder nie, was zur Folge hat, dass diese Eltern ihre Kinder nicht direkt bei Problemen mit dem Computer durch Hilfestel lungen und Rat unter stützen können. Die Jugend lichen sind also ver stärkt auf andere Settings an gewiesen. Zum einen spielen hier Familien mitglieder der gleichen Genera tion, also Brüder und Cousins, eine große Rolle. Bei den außerschuli schen Settings zeigen sich nach Strotmann geschlechts spezifi sche Unterschiede dahingehend, dass Mädchen ver stärkt geschlossene Angebote, also z. B. Kurse in Moscheen oder privaten Schulen, nutzten, während Jungen eher offene Angebote zum Beispiel in Internetcafés und Bürger- oder Jugendzentren in Anspruch nahmen. Dabei stehe bei den Jungen aber häufig das Treffen von Freunden im Mittelpunkt, die Medien nutzung erfolge eher nebenbei. Die Autorin betont jedoch, dass sich für die Jungen aus dieser gemeinsamen Medien nutzung vielfältige Un- terstützungs möglich keiten ergeben.17 Die geringe Unterstützungs möglich keit seitens der Eltern sei dagegen insbesondere für Mädchen, die stärker auf die Familie als Aneignungs ort an gewiesen scheinen, als problematisch einzu- schätzen, während den Jungen offensicht lich mehr alternative Möglich keiten zur Ver fügung stehen: „Wenn die Jungen keine (weiteren) Kompetenzträger in der Familie haben, können sie sich diese zum Teil über ihr soziales Netzwerk eröffnen. Die Mädchen scheinen dies jedoch nicht zu können oder zu wollen.“ (Strotmann 2008: 137) Hammeran et al. (2007): Selbst bild und Medien nutzung junger Erwachsener türkischer Herkunft Dass Computer und Internet für die 14- bis 19-Jährigen eine besondere Rolle spielen, beschreibt für türkisch stämmige Jugend liche eine qualitative Studie im Auftrag der WDR-Medien forschung.18 Der Computer ist für die Jugend- lichen nach deren Selbsteinschät zung das wichtigste Medium. Besonders das Webportal MSN werde genutzt, um mit Freunden und der Familie in der Türkei zu kommunizieren. Durch die in der Türkei lebenden Familien ange- hörigen erfahre man alle wichtigen Neuig keiten über dort statt findende Ereig- nisse, auch würde das Internet zur Informations recherche – zum Beispiel über 17 Zum Beispiel schauen sich die Jüngeren Fertig keiten bei den älteren Jugend lichen ab bzw. lassen sich von ihnen die Handha bung neuer Medien er klären. 18 In der Studie wurden im Jahr 2006 leit faden gestützte Gruppen diskussionen mit insgesamt n = 57 türkisch- stämmigen Personen zwischen 14 und 19, 20 und 29 sowie 30 und 49 Jahren (je zwei homogene Gruppen pro Alters gruppe) durch geführt. 42 Google – genutzt. Die jugend lichen Befragten nutzten demnach zur Informa- tion über Ereignisse in der Türkei weniger Presse und Fernsehen, sondern vor allem die Gespräche mit Ver wandten in der Türkei, die über Internet kosten- günstig zu er reichen sind. Bei den 20- bis 29-Jährigen scheint dagegen das Internet neben dem Fernsehen den gleichen Rang einzu nehmen. Von den jun- gen Erwachsenen werde stärker die Informations aufnahme durch das Internet betont, auch zeigten sich nach den Daten dieser Studie die jungen Erwachsenen kompetenter im Umgang mit Recherchemethoden, indem sie zum Beispiel gezielt die Nachrichten portale bekannter Zeitschriften ansteuern. In Bezug auf die Fernsehnachrichten zeigten sich die Befragten der Studie insofern kritisch, als unabhängig vom Alter alle Befragten angaben, Nachrichten, die mit ihnen bzw. der Türkei zu tun haben, zu ver gleichen, da die deutschen Nachrichten quellen als einseitig ein geschätzt werden (Hammeran/Baspinar/ Simon 2007). Treibel (2006): Medien kompetenzen an der Haupt schule Treibel betrachtet Medien kompetenzen aus der Perspektive ethnischer und geschlecht licher Differenz.19 Die Autorin sieht für die weib lichen Aussiedler- jugend lichen die Ver mutung eines er schwerten Zugriffs auf Computer und Internet bestätigt. Sie hebt jedoch auch hervor, dass die Jugend lichen, die zu Hause keinen Internet zugang haben, gewisse Ausweichstrategien ent wickeln und mangelnde Ausstat tung aus gleichen, indem sie bei Freunden, Ver wandten, in der Schule oder in Internetcafés das Internet nutzen.20 Es kann daher ver- mutet werden, dass sich Migranten jugend liche neue Medien in spezifi schen Formen aneignen, indem sie auf familiäre Unterstützungs netz werke und öffent- liche Angebote zurück greifen. Für die Relevanz weiterer Kompetenzen in Bezug auf neue Medien sind die Jugend lichen jedoch anscheinend nicht sensibilisiert. Gefragt nach dem Interesse an Wissens- und Kompetenz zuwachs bezüg lich des Internets, sahen die Jugend lichen keinen Bedarf und hielten ihre Kompetenz für aus reichend – eine Einschät zung, die von der Autorin der Studie nicht geteilt wird: „Medien- kompetenz (Herv. i. O.) im Sinne von Bedien-, Struktur- und Handlungs wissen ist bedingt vor handen.“ (Treibel 2006: 223 f.) Nach Treibel zeigten die befrag- ten Haupt schüler hier eine Haltung zwischen Pragmatismus und der Abwehr von Kompetenzerwar tungen: „Der durch aus rationale Blick auf Kompetenz- erwar tungen in der Lehre und im Beruf wird mehr heit lich nicht getätigt.“ (ebd.: 223) Die Unterstützungs leis tung der Familie für den Kompetenzerwerb 19 In der Studie wurden im Jahr 2004 16 Leitfaden interviews mit russ land deutschen und türkisch stämmigen Haupt schülern aus 9. Klassen an drei Haupt schulen des Karls ruher Stadt gebietes durch geführt. Die Jugend- lichen waren im Schnitt 15 Jahre alt und mehr heit lich in Deutschland geboren. 20 Die unter suchten Migranten familien sind im Ver gleich zu den Daten der JIM-Studien unter proportional mit den Medien Computer, Internet und Handy aus gestattet. Neun der sechzehn Familien sind Offliner. 43 wird ambivalent ein geschätzt, die Mehrheit der Jugend lichen könne nicht auf die Familien als Kompetenzträger zurück greifen. Neue Medien, so macht Treibel am Beispiel des Handys deut lich, können zum einen den Kontroll wünschen der Eltern gegen über ihren Kindern ent- gegen kommen. So sei die Anschaf fung des Handys meist von den Eltern aus- gegangen, die ihre Kinder er reichen können und deren Aufenthaltsorte kon trol- lieren wollen. Zum anderen scheinen die neuen Medien auch neue Freiräume zu eröffnen. So wird von einem Mädchen berichtet, welches im Chat bewusst gerade Jungen kontaktiert, ohne sich elter lichen Kontrollen aus gesetzt zu sehen. Primär für die Aussiedler wird eine Brücken funk tion der neuen Medien hervor- gehoben. E-Mails würden genutzt, um mit der Herkunfts region in Verbin dung zu bleiben. In diesem Zusammen hang ist auch eine offensicht lich hohe sprach- liche Flexibilität der Migranten jugend lichen hervor zuheben. In der Kommu- nika tion werde sowohl Deutsch als auch die Herkunfts sprache je nach Bedarf ein gesetzt, auch die Freundes kreise seien bei der Mehrheit der Befragten multiethnisch zusammen gesetzt. Eggert (2006): Medien aneig nung Heranwachsender aus der ehemaligen Sowjetunion Ein etwas anderes Bild ergibt eine Studie von Eggert, in der die Rolle von Medien für die Integra tion Heranwachsender aus der ehemaligen Sowjetunion unter sucht wird.21 Die Ausstat tung der Befragten mit Computer und Internet war – geschuldet der aktuellen Lebens situa tion – zwar unter durchschnitt lich, die Autorin konstatiert jedoch ein großes Interesse am Internet und weist ähnlich wie Treibel darauf hin, dass die Kinder und Jugend lichen auf öffent- liche Orte, Ver wandte oder Bekannte zurück greifen, um Computer bzw. Inter- net nutzen zu können.22 Auch Eggert weist auf eine Brücken funk tion des Internets hin. Dieses werde zum Recherchieren, zum Beispiel für die Schule, und zum Spielen genutzt, aber auch zur Kontakt aufnahme mit Onkeln und Tanten im Herkunfts land per SMS. Besonders die älteren Befragten nutzten der Studie zufolge das Internet, um sich an russisch sprachigen Chats zu beteiligen oder um sich mit anderen Auswanderern in Deutschland und welt weit auszu tau schen. Hier wurde zum Beispiel die russisch sprachige Internet seite „mail. ru“ genannt. Die Chat bekannt- 21 Dazu wurden 24 Leitfaden interviews mit russ land deutschen Spät aussiedlern/jüdischen Kontingentflüchtlingen im Alter von 10 bis 16 Jahren geführt, die seit längstens 4 Jahren in Deutschland leben. Die Begren zung auf eine maximale Aufenthalts dauer von 4 Jahren wurde gewählt, damit sich die Befragten noch an ihre erste Zeit in Deutschland erinnern konnten. Die Mehrheit der Befragten wohnte zum Befragungs zeitpunkt noch in einem Übergangs wohnheim. Ebenso besuchte ein Teil der Befragten noch Übergangs klassen. 22 Die Interpreta tion dieser Befunde wird dadurch er schwert, dass der Bildungs hintergrund der Befragten nicht klar ist. Zum Teil werden Übergangs klassen besucht mit dem Wunsch, danach in Realschule oder Gymnasium zu wechseln. Ein anderer Teil besucht zum Befragungs zeitpunkt die Haupt schule. 44 schaften beschränken sich, so Eggert, nicht notwendiger weise auf den Chat an sich, sondern sie er fahren eine Fortset zung im „realen“ Leben, indem man telefonisch Kontakt auf nimmt. Auch hier wird die sprach liche Flexibilität der Heranwachsenden hervor gehoben. So berichtet Eggert, dass Computer und Internet auch in Hinblick auf russisch sprachige Medien nutzung eine Rolle spielen, was sich zum Teil in russisch sprachigen Benutzer oberflächen auf den Computern äußert. Problematisiert wird die Nutzung von Computer- und Onlinespielen. Hier lassen die Ergebnisse von Eggert ver muten, dass bei den männ lichen Heran- wachsenden mit Aussiedlerhintergrund actionhaltige und kampfbetonte Ange- bote über durchschnitt lich beliebt sein könnten – eine Problematik, die auch in anderen Studien für Kinder und Jugend liche mit Migrations hintergrund thema- tisiert wird (Eggert 2006: 249, 254; Fromme/Meder/Vollmer 2000, Granato 2001). In diesem Zusammen hang deuten die Ergebnisse dieser Studie auch darauf hin, dass der Medien konsum der Kinder durch die Eltern so gut wie nicht reglementiert wird. Ergebnisse von „Studien mit Migranten anteilen“ Die in Übersicht 3.3 auf geführten neueren Studien zur Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Menschen in Deutschland berücksichtigen neben Kindern und Jugend lichen ohne Migrations hintergrund auch Heranwachsende mit Migrations hintergrund. Die wichtigsten Befunde, die in diesen Studien für den Medien umgang junger Menschen mit Migrations hintergrund aus ge- wiesen werden, sind im Folgenden dargestellt. Die Darstel lung folgt wieder der Aktualität der Studien, es wird mit den jüngsten Studienergebnissen be- gonnen. Wagner 2008: Medien handeln in Haupt schulmilieus Die Ergebnisse der von Wagner publizierten Untersuchung scheinen die Be- funde der bisher referierten Studien teil weise zu unter mauern. Sie deuten jeden falls auf einige Besonder heiten im Medien umgang von jungen Migranten im Ver gleich zu gleichaltrigen Personen ohne Migrations hintergrund hin. Auch hier werden Einschrän kungen der Mädchen mit Migrations hintergrund in Bezug auf den persön lichen Besitz von Computer und Internet ver zeichnet, was diese ver anlasst, auf andere Nutzungs orte auszu weichen. Insgesamt nutzen Jugend liche mit Migrations hintergrund nach dieser Studie aber Internet und Handy häufiger als solche ohne. Dabei scheint sich zu be- stätigen, dass die Kommunika tion via Internet von besonderer Bedeu tung für Jugend liche mit Migrations hintergrund sein könnte: Chat, E-Mail und SMS via Internet werden von ihnen häufiger genutzt, um kosten günstig mit Freunden und der Ver wandt schaft im Herkunfts land zu kommunizieren, wobei neben 45 Deutsch auch die Sprachen der Herkunfts kulturen ein gesetzt werden. Bezüg- lich des Stellen werts von Computerspielen spielt der Migrations hintergrund offensicht lich kaum eine Rolle, nach den Daten von Wagner werden diesbezüg- lich keine Differenzen heraus gestellt. Unterschiede berichten die Autoren jedoch in Bezug auf die Rezep tion von digitalen Fotos, Videos, Filmen und Musik, die bei den Jugend lichen mit Migrations hintergrund stärker aus geprägt sei, als auch bei der Produk tion von Fotos, Videos und Musik durch multi- funktionale Medien. Bei den Befragten mit Migrations hintergrund zeige sich eine höhere Rate beim Selber machen und Ver öffent lichen im Internet als bei den Befragten ohne Migrations hintergrund – für die Autoren ein Hinweis darauf, dass ein größerer Teil der Jugend lichen mit Migrations hintergrund produktiv in vor allem musik bezogenen jugendkulturellen Szenen ver ankert ist. Dabei könnten Befragte mit Migrations hintergrund jedoch seltener auf Eltern als Wissens- quelle zurück greifen als Befragte ohne Migrations hintergrund, dies gilt nach der vor liegenden Studie sowohl für Produk tion und Rezep tion als auch für die Informations suche im Internet. Vor dem Hintergrund der gesellschafts politi schen Diskussion er scheint es über raschend, dass die Jungen mit Migrations hintergrund im Ver gleich zu den Jungen ohne Migrations hintergrund nach den vor liegenden, nicht repräsen ta- tiven Daten häufiger angaben, das Internet zu Informations zwecken zu nutzen. Insgesamt stützen sich die Befragten mit Migrations hintergrund dabei offen- bar stärker auf konkrete Internetadressen als auf Suchmaschinen, welche von Befragten ohne Migrations hintergrund häufiger als Recherchestrategie genannt wurden. Bei den Recherchethemen werden dagegen keine Differenzen be- richtet. Pfeiffer et al. (2008): Die PISA-Verlierer und ihr Medien konsum Pfeiffer et al. zeichnen ein etwas kritischeres Bild vom Medien umgang junger Menschen mit Migrations hintergrund, wenn sie heraus stellen, dass diese stärker „ent wicklungs beeinträchtigende Medien inhalte“ (ebd.: 283) nutzen würden. Grundlage dieser Einschät zung ist die an gegebene Häufig keit der Nutzung von Filmen und Computerspielen, die nach der USK-Einstu fung erst ab 16 bzw. ab 18 Jahren freigegeben sind. Die Kinder mit Migrations hintergrund nutzten nach den Daten dieser Studie ent sprechende Angebote mehr als doppelt so häufig wie die befragten Kinder ohne Migrations hintergrund.23 Für die befragten Kinder mit Migrations hintergrund werden eine bessere Medien- 23 Die Studie stützt sich auf eine 2005 durch geführte Schüler befra gung von 6.000 Viert kläss lern (10-Jährige) und 17.000 Neunt kläss lern (15-Jährige) aus elf Städten und Landkreisen sechs ver schiedener Bundes länder. Die Ergebnisse werden unter anderem nach Befragten mit und ohne Migrations hintergrund differenziert, es finden sich jedoch keine Angaben zur Anzahl der Befragten mit Migrations hintergrund. 46 ausstat tung im eigenen Zimmer (eigener Fernseher, Konsole und PC) und höhere Werte bei der Medien nutzungs dauer berichtet. Otto et al. (2004): Soziale Ungleich heit im virtuellen Raum Ähnlich wie Hugger weisen Otto et al. auf die Rolle der Onlinekommunika- tion für die Identitäts bildungs prozesse von Jugend lichen mit Migrations hinter- grund hin. Demnach scheint die Selbstrepräsenta tion in Chats und Foren durch schrift lichen Ausdruck und visuelle Selbst beschrei bung, durch die sich die Jugend lichen als Angehörige einer Gruppe darstellen, für die Jugend lichen mit Migrations hintergrund eine besonders hohe Bedeu tung zu haben. Bernart/Billes-Gerhart (2004): Sprach verhalten und Medien nutzung von Migranten jugend lichen Eine frühere Studie zum Medien umgang und Sprachgebrauch von Migranten- jugend lichen aus Haupt schulen im Ver gleich zu ihren deutschen Mitschülern zeigte ein noch etwas anderes Bild (Bernart/Billes-Gerhart 2004). Nach den Daten dieser Studie24 standen bei den Jugend lichen mit Migrations hintergrund das Surfen im Internet und vor allem Computerspiele im Vordergrund, wäh- rend das Chatten, E-Mails und die gezielte Suche eine deut lich nachrangige Rolle spielten. Ähnlich wie Strotmann argumentieren auch Bernart/Billes- Gerhart auf Basis der Orte der Computer- und Internetnut zung, dass bei Jugend lichen mit Migrations hintergrund Schule und Peergroup eine wichtigere Rolle bei der Mediensozialisa tion zu spielen scheinen als bei deutschen Jugend lichen. Die Autoren haben sich ferner für das Sprach verhalten der Jugend lichen mit Migrations hintergrund interessiert und auf gezeigt, dass die Zweisprachig- keit im Umgang mit Familie und Freundes kreis für mehr als ein Drittel der befragten Migranten anscheinend eine Selbst verständlich keit ist. Dies äußert sich offensicht lich auch in der Nutzung muttersprach licher Seiten im Internet, die von der Hälfte der befragten Migranten jugend lichen berichtet wurde. Schon in dieser Studie zeigen sich jedoch Differenzen zwischen den einzelnen Migranten gruppen.25 So deuten die Daten zum Beispiel darauf hin, dass anders sprachige Internet seiten für Jugend liche osteuropäi scher Herkunft eine größere Rolle spielen könnten als für die Jugend lichen türkischer Herkunft. 24 Im Jahr 2003 wurden n = 103 Jugend liche aus sechsten Klassen an Haupt schulen in Baden-Würt temberg befragt, darunter n = 57 Jugend liche mit Migrations hintergrund (davon n = 20 türkischer Migrations hinter- grund, n = 19 osteuropäi scher Hintergrund). Der Alters durchschnitt lag bei 12,8 Jahren. 25 In der Studie erfolgt – allerdings auf der Basis sehr geringer Fallzahlen – eine gesonderte Auswer tung für die Teilpopula tionen der west- und südeuropäi schen, osteuropäi schen, türkisch sprachigen und außereuropäi- schen Jugend lichen. 47 Fromme/Meder/ Vollmer (2000): Computerspiele in der Kinderkultur Die Studie der Autoren zur Nutzung von Video- und Computerspielen durch 8- bis 14-Jährige deutet darauf hin, dass Kinder aus ver schiedenen Kultur- kreisen in ihrem Spiel verhalten und der Spielumge bung unter schied liche Vor- lieben auf weisen.26 Die Kinder aus dem west deutschen Kulturkreis, Aussiedler- kinder und Kinder aus dem moslemi schen Kulturkreis scheinen sich in der Bevorzu gung von Kampfspielen und von Denk- und Geschicklichkeits spielen zu unter scheiden, während andere Genres in etwa gleich beliebt sind. Nach den vor liegenden Daten ist der Anteil von Spielern, die am liebsten Kampf- spiele spielen, unter den Aussiedlerkindern besonders hoch, und auch Kinder des moslemi schen Kulturkreises mögen demnach Kampfspiele über durch- schnitt lich häufig, während die west deutschen Kinder dieses Genre deut lich seltener als ihr Lieblings genre bezeichneten. Dieses Ver hältnis drehe sich nach den Autoren bei den Denk- und Ge- schicklichkeits spielen auf niedrigerem Niveau um. Auch bei den Spielhäufig- keiten und den Kompetenzanforde rungen, an denen die Kinder Interesse haben, scheinen sich die Kinder mit von Kindern ohne Migrations hintergrund zu unter scheiden. Demnach sind die Anforde rungen „logisch denken, über- legen“, „geschickt steuern“ und „Phantasie haben“ bei den west deutschen Kindern am beliebtesten, während die Aussiedlerkinder es am liebsten haben, wenn sie sich schnell zurecht finden müssen, gefolgt von „kämpfen, angreifen“ und „schnell reagieren“. Die Kinder aus dem moslemi schen Kulturkreis gaben in dieser Studie besonders häufig an, dass sie gerne „kämpfen, angreifen“, gefolgt von „Phantasie haben“ und „genau planen“. Zusammen fassung Die Forschungs lage zur Medien kompetenz von jungen Menschen mit Migra- tions hintergrund ist disparat. Betrachtet man die Ausstat tung mit und den Zugang zu den neuen Medien, so berichten die meisten Studien eine generell gute, zum Teil sogar bessere eigene Ausstat tung der jungen Menschen mit Migrations hintergrund mit neuen Medien. Allerdings gibt es mehrere Hin- weise darauf, dass sich der Zugang für Mädchen mit Migrations hintergrund pro blemati scher gestalten könnte. Die vielfach genannten alternativen Nut- zungs orte (bei Freunden, öffent liche Orte) scheinen für Mädchen weniger zugäng lich zu sein, gleichzeitig sind Mädchen anscheinend stärker auf Unter- 26 In der Studie wurden n = 1.111 Heranwachsende aus Schulen im Raum Bielefeld im Alter zwischen 8 und 14 Jahren befragt, darunter n = 80 Aussiedler, n = 88 Schüler türkischer Herkunft sowie Schüler mit anderen Migrations hintergründen. Aus den Nationalitäten und der Herkunft wurde die Kategorie Kulturkreise ge- bildet. Die west deutschen Schüler wurden als ein Kulturkreis behandelt (n = 803). Die Kinder von Aussiedler- familien aus Russ land und Polen wurden zur Kategorie „Aussiedlerkinder“ (n = 121), die Kinder türkischer, kurdischer und bosnischer Herkunft wurden zum „moslemi schen Kulturkreis“ (n = 126) zusammen gefasst.m 48 stützungs leis tungen seitens der Familie an gewiesen. Die Befunde deuten ins- gesamt auf eine wichtige Rolle der Familie und der Peergroup bei der Aneig- nung neuer Medien hin. Sie ver weisen aber auch darauf, dass von den Eltern mit Migrations hintergrund kaum Hilfe und Unterstüt zung geleistet werden kann. Insbesondere bei Fragen, die sich mit einem reflektierten Medien umgang sowie mit Interessen und Motiven des Umgangs mit neuen Medien befassen, sind die Befunde sehr heterogen. So wird zum Beispiel einer seits eine häufi- gere Nutzung von Computerspielen und insbesondere eine Zuwen dung zu problematischeren Spielen und Filminhalten konstatiert (speziell ein höheres Interesse an Kampfspielen), während andere Befunde keine Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrations hintergrund beim Umgang mit Computerspielen aus weisen. Auch deutet die Forschung darauf hin, dass ein großes Interesse an Computer und Internet besteht und auch die Eltern diesen Medien einen hohen Stellen wert einräumen. Auf der anderen Seite scheint es so zu sein, dass ein niedriges Kompetenzniveau im Umgang mit den Möglich- keiten der neuen Medien als aus reichend an gesehen wird und die Motiva tion, sich weitere Kompetenzen anzu eignen, nur bedingt aus geprägt ist. Mehrere Befunde deuten durch aus auf eine reflektierte Medien nutzung hin, wenn über die ver gleichende Nutzung deutscher und heimatsprach licher Nachrichten in Fernsehen und Internet und über eine ver gleichende Informations recherche, insbesondere bei konkreten Anlässen, berichtet wird. Reflek tion zeigt sich auch in Hinblick auf die Kosten situa tion, wenn etwa die Vorzüge der günstigen Kommunika tion via Internet betont werden. Darüber hinaus liegen jedoch bisher wenige Erkenntnisse zum Risikobewusstsein im Umgang mit neuen Medien und zur Einschät zung von Gefahren bzw. Erfah rungen mit Missbrauch durch neue Medien vor. Die wenigen Befunde deuten darauf hin, dass der Umgang der jungen Menschen mit den neuen Medien über die Kosten kon- trolle hinaus durch die Eltern kaum reglementiert wird. Betrachtet man das aktive Medien handeln der jungen Menschen mit Mi- gra tions hintergrund, so deuten einige Befunde auf einen aus geprägten kom- mu nikativen Gebrauch neuer Medien hin, was sich insbesondere in der Brücken funk tion der neuen Medien aus drückt. Diese werden demnach zur kosten günstigen Kommunika tion mit Familie und Freunden aus dem Her- kunfts land genutzt. In dem Zusammen hang sticht die sprach liche Flexibilität der Nutzer hervor, die je nach Kontext in der Herkunfts- oder der Mehrheits- sprache kommunizieren. Allerdings gibt es auch hier wider sprüch liche Be- funde durch Studien, die konstatieren, dass vor allem das Surfen und das Spielen im Internet im Vordergrund stehe, während Chatten und E-Mails eine nachrangigere Rolle spielten. Bezogen auf den individuellen Bereich wird auch von partizipativer und gestaltender Nutzung berichtet, wenn zum Beispiel Fotos, Videos und Musik produziert und mit der Community oder Freunden 49 und der Familie geteilt werden. Andere Studien heben den präsentativen und kommunikativen Gebrauch neuer Medien hervor und zeigen auf, wie diese zur Selbst präsenta tion genutzt werden, was Identitäts bildungs prozesse unter- stützen und auch neue Freiräume eröffnen kann. Insgesamt stehen den Ver mutungen über einen benachteiligten Medien- zugang und Medien umgang bei jungen Menschen mit Migrations hintergrund heterogene Forschungs befunde gegen über. Neben der Fest stel lung von Diffe- renzen im Ver gleich zu gleichaltrigen Personen ohne Migrations hintergrund weisen einige Studien auf vielfältige Aneignungs weisen und Potenziale der neuen Medien in der Popula tion der jungen Migranten hin. Unglück licher- weise ist die Generalisier bar keit der Ergebnisse dieser Studien jedoch aus methodi schen Gründen gering. 51 4 Zusammen fassung und Schluss folge rungen für die Konzep tion der LfM-Studie 4.1 Forschungs kontext und Forschungs probleme In der Einfüh rung (Kapitel 1) haben wir darauf hin gewiesen, dass die spezifi- sche Aufgabe der vor liegenden Studie zur Medien nutzung junger Migranten in Nordrhein-West falen darin besteht, an zwei Forschungs tradi tionen anzu- schließen und diese miteinander zu ver binden: – Der erste Forschungs strang ist in den Kontext der sozialwissen schaft lichen Erforschung der Lebens verhältnisse und Ver haltens weisen ethnischer Min- der heiten in modernen Industriegesell schaften ein gebettet. Die Medien- nutzung von Zuwanderern, ihren Familien angehörigen und Nachfahren wird als Teil dieser Lebens verhältnisse und Ver haltens weisen an gesehen. Gefragt und unter sucht wird, ob und wie die Medien nutzung in einem Zusammen hang mit dem Einleben in das neue soziale Umfeld oder aber mit ent sprechenden Abgren zungen steht. – Der zweite Forschungs strang ist der pädagogisch motivierten Jugendmedien- forschung zuzu ordnen. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ver brei- tung der neuen digitalen Medien in allen Lebens- und Gesellschafts berei- chen wird „Medien kompetenz“ als eine zentrale Schlüsselqualifika tion in der modernen Informations- und Wissens gesell schaft an gesehen. Die For- schung in diesem Bereich zielt nicht nur darauf ab, den Status quo des Medien umgangs junger Menschen zu er mitteln, sondern auch die Voraus- set zungen für die Entwick lung an gemessener zielgruppen spezifi scher Maß- nahmen der Medien kompetenzförde rung zu identifizieren. Der Überblick über die theoreti schen Ansätze und empiri schen Befunde dieser Forschung in den letzten beiden Kapiteln kann in doppelter Perspektive ge- lesen werden. Auf den ersten Blick gibt es genügend Anknüpfungs punkte, auf die man sich bei der Konzep tion einer Studie wie der hier vor gelegten be- ziehen kann. Auf den zweiten Blick ist die Forschungs situa tion jedoch eher un befriedigend: 52 – Das gilt vor allem dann, wenn man darauf beharrt, dass es vor dem Hin ter- grund fehlenden Fakten wissens zunächst einmal darum gehen muss, empi- risch belast bare Basisinforma tionen über grundlegende, medien bezogene Ver haltens weisen und Einstel lungen im Milieu junger Migranten zu er- mitteln. Diese sind nur auf der Basis methodisch auf wändiger, kosten inten- siver und daher selten durch geführter Repräsentati verhe bungen zu haben.m – Zu demselben Urteil kommt man, wenn man als Maßstab für wissen schaft- lichen Fortschritt die Prinzipien der Kumula tion, Replika tion und Varia- tion benennt, d. h. die Anknüp fung an einschlägige Studien mit dem Ziel, bestimmte Teile davon zu über nehmen und andere zu ändern. Die Mini- mal vorausset zung dafür ist eine hinreichende Methoden dokumenta tion der einschlägigen Studien, die in diesem Forschungs feld jedoch offensicht lich nicht selbst verständ lich ist. – Eng ver knüpft damit sind Schwierig keiten bei der Umset zung eines kom- paratisti schen Forschungs konzepts. Vorausset zung dafür sind ver gleich bare Untersuchungs kategorien (gleiche oder zumindest äquivalente Fragen und Antwort vorgaben) und klar gegen einander abgrenz bare Untersuchungs- popula tionen. Bezogen auf den zweiten Punkt gibt es nicht nur immanente Stichproben probleme der auf Migranten bezogenen Forschung. Proble ma- tisch ist auch, dass viele der auf die Mehrheits gesell schaft bezogenen Stu- dien de facto Menschen mit Migrations hintergrund einschließen (nämlich dann, wenn sie deutsch sprechen), diese aber nicht gesondert aus weisen. – Schließ lich ist auf die fehlende Zeit- bzw. Entwicklungs perspektive der bisherigen Forschung hinzu weisen. Sowohl „Integra tion“ als auch „Medien- kompetenz“ sind nichts Statisches, sondern etwas Prozess haftes. Wenn man jedoch etwas über diese Prozesse bei Menschen mit Migrations hintergrund er fahren will, wird man an kontinuier licher Forschung im Sinne von Zeit- reihen studien nicht vorbei kommen. Im Folgenden werden wir auf die für die LfM-Studie relevanten Details dieser Forschungs problematik ein gehen. 4.2 Probleme der auf Medien nutzung und soziale Integra tion von Migranten bezogenen Forschung Zum Zusammen hang zwischen der Medien nutzung und der sozialen Integra- tion von Menschen mit Migrations hintergrund gibt es in Deutschland durch- aus einige repräsentative Studien. Dennoch sind sie eher als Ausnahme und Einzelfälle zu bezeichnen. Dieses Manko ist sowohl im Hinblick auf die aka- demi sche als auch auf die an gewandte Forschung augen fällig und schmerz- 53 haft. Bedauer lich ist diese Situa tion vor allem deshalb, weil sie nicht so sehr aus finanziellem Mangel, unzu reichender theoreti scher Fundie rung oder feh- lender wissen schaft licher bzw. an gewandter Forschungs kompetenz resultiert, sondern eher die Folge einer mangelnden Koordina tion von Forschungs akti vi- täten zu sein scheint. Dieses Urteil mag deshalb irritieren, weil man bei einem ersten, oberfläch- lichen Blick in die einschlägige Literatur auf nicht wenige Publika tionen, Forschungs berichte und Präsentations bände stößt, in denen es um die Medien- nutzung von Ausländern bzw. Menschen mit Migrations hintergrund geht. Zum Teil sind diese Studien repräsentativ und deshalb mit erheb lichem finanziellen Aufwand ent standen, jedoch findet man darin neben zeit aufwändigen Medien- nutzungs abfragen keine oder nur marginale Indikatoren zur Integra tion der Befragten. Das aktuell wichtigste Beispiel dafür ist die 2007 durch geführte ARD/ZDF-Studie, bei der – neben einigen Fragen zum Sprachgebrauch – keine Fragen gestellt wurden, die eine differenzierte Betrach tung der ethni- schen Identität und migrations spezifi schen sozialen Situa tion der Befragten möglich machen. Dies ist aus der Sicht der Ver antwort lichen für diese Studie möglicher weise gar kein Defizit, für die kommunikations wissen schaft liche Forschung zur Rolle der Medien nutzung in sozialen Integrations prozessen schon. Ein Defizit ganz anderer Art betrifft viele bevölkerungs repräsentative Stu- dien der an gewandten bzw. kommerziellen Mediaforschung. Zwar sind Men- schen mit Migrations hintergrund in den Zufalls stichproben der Media-Analyse, GfK-Fernsehforschung und ver gleich baren Studien de facto ver treten – jeden- falls sofern sie über aus reichende Deutsch kenntnisse ver fügen, um auf Inter- viewfragen in deutscher Sprache antworten zu können. Denn die meisten Auswahl verfahren beziehen sich bei diesen Studien mittlerweile auf die „deutsch sprachige Wohnbevölke rung in Privathaushalten“ als Grundgesamt- heit. Für Sonder analysen ist dieser Personen kreis jedoch nicht greif bar, weil die Erfas sung eines potenziellen Migrations status in den Untersuchungs instru- menten dieser Studien nicht vor gesehen ist. Dass damit die „Ränder“ dieser Daten sätze gegen über den Daten spezifi scher Migranten studien ver schwim- men, und damit komparatisti sche Forschung zusätz lich er schwert wird, haben wir schon erwähnt. Als Sonderfall ist in diesem Zusammen hang eine Studie der Sinus Socio- vision GmbH zu „Stellen wert und Nutzung der Medien in Migranten milieus“ zu nennen (Klingler/Kutteroff 2009). Nach der Eigendarstel lung des Instituts erlaubt diese Studie „zum ersten Mal Aussagen auf gesicherter repräsentativer Basis über den Migrations hintergrund der in Deutschland lebenden Zuwan- derer“ (Sinus Sociovision 2008: 3). Wie diese Repräsentativität methodisch hergestellt wurde, wird jedoch nicht dokumentiert (auch nicht in dem Beitrag 54 von Wippermann/Flaig 2009). Man erfährt ledig lich, dass sich drei Viertel der Befragten acht Herkunfts ländern zuordnen lassen.27 Schon das allein ist ein Ver stoß gegen die Mindestanforde rungen an die Methoden dokumenta tion empiri scher Studien, die zu den selbst verständ lichen Standards der Umfrageforschung zählen.28 Außerdem wird am Beispiel dieser Studie ein grundsätz liches Problem der auf Migranten bezogenen Sozial for- schung deut lich: die Notwendig keit zur Differenzie rung des Bevölkerungs- segments der in Deutschland lebenden „Menschen mit Migrations hintergrund“ nach Herkunfts kontexten. Der Erkenntnis wert von Studien ist zu bezweifeln, die in ihren Repräsentanzmodellen und Ergebnis darstel lungen diese Disparität nicht an gemessen berücksichtigen. Mit anderen Worten: Durch die Auswahl- verfahren dieser Studien muss sicher gestellt werden, dass zumindest über zentrale Teilpopula tionen repräsentative Aussagen gemacht werden können. Das ist zum Beispiel bei der ARD/ZDF-Studie in Bezug auf sechs Migranten- gruppen29 der Fall (ARD/ZDF 2007: 70). Wie unsinnig die Berichterstat tung über die Durchschnitts werte solcher Studien ist, kann man daran ver deut- lichen, dass z. B. 40 Prozent der Befragten der Sinus-Migranten-Studie zwei und knapp drei Viertel der Befragten acht Herkunfts milieus zuzu ordnen sind (Sinus Sociovision 2008: 3). Diese wenigen Teilpopula tionen prägen natür lich die auf alle Befragten bezogenen Ergebnisse solcher Studien – die rest lichen kommen darin so gut wie nicht vor. Auf der anderen Seite dieses Forschungs feldes, und das ist in diesem Fall die sozialwissen schaft lich-orientierte akademi sche Seite, ist der Vorwurf mangelnder Repräsentativität wört lich gemeint. Hier fehlt es nicht mehr an theoreti schen Ansätzen, die ver schiedene Ver haltens- und Einstellungs dimen- sionen im Migrations- und Integrations kontext ver binden und gleichzeitig die Medien nutzung und den Medien umgang in den Blick nehmen. Der Blick in die Forschungs literatur zeigt jedoch vor allem zwei Dinge. Erstens dominieren qualitative Studien, obwohl der Bedarf an explorativer Forschung nicht aus einer an gemessenen Diskussion des Forschungs standes hergeleitet wird. Zwei- tens sind nicht wenige Studien formal „quantitativ“ konzipiert (Untersuchungs- instrument, Anzahl Befragte, Analysestrategie), von Zufalls stichproben oder der Anwen dung anderer repräsentativer Auswahl verfahren kann jedoch keine Rede sein. Forschungs ökonomie ist hier häufig die vor herrschende Rahmen- 27 Personen mit türkischem, ex-jugos lawischem, polnischem, italieni schem, spanischem, portugiesi schem und griechi schem Migrations hintergrund sowie (Spät-)Aussiedler aus dem Bereich der ehemaligen Sowjetunion.m 28 Vgl. dazu zum Beispiel den „Code of Professional Ethics & Practices“ der American Associa tion for Public Opinion Research (AAPOR), das DFG-Memorandum zu „Qualitäts kriterien der Umfrageforschung“ oder, speziell für die medien bezogene Umfrageforschung in Deutschland, das „ZAW-Rahmenschema für Werbe- trägeranalysen“ (AAPOR 2005, DFG 1999, ZAW 1994). 29 Es handelt sich dabei um Personen mit türkischem, ex-jugos lawischem, polnischem, italieni schem und griechi schem Migrations hintergrund sowie (Spät-)Aussiedler aus dem Bereich der ehemaligen Sowjetunion.m 55 bedin gung für die Operationalisie rung der Fragestel lung, weniger Validität und Angemessen heit. Viele dieser Studien zeigen innovative Analysen und interessante Ergebnisse, führen aber auf dem Weg zu gesicherten und ver- allgemeiner baren Erkenntnissen zur Rolle von Massen medien im Integrations- prozess nur bedingt weiter. 4.3 Probleme der auf Medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Migranten bezogenen Forschung An erster Stelle ist fest zuhalten, dass es bisher in Deutschland keine exklusiv auf diese Fragestel lung bezogene Forschung gibt, die den Ansprüchen der Repräsentativität genügt. Mit der LfM-Studie wird daher ab solutes Neuland betreten. Das bedeutet nicht, dass über haupt keine repräsentativen Daten über die Medien nutzung junger Migranten in Deutschland verfüg bar sind. Vielmehr können solche Daten als Teilinforma tionen aus Studien ent nommen werden, die – wie die BPA-, die WDR- oder die ARD/ZDF-Studie – die Medien- nutzung für das gesamte Alters spektrum einzelner Migranten gruppen be schrei- ben. Dabei sind jedoch zwei ent scheidende Einschrän kungen zu beachten. Ent- sprechend der Defini tion der jeweiligen Grundgesamt heiten sind die jüngsten Befragten in diesen Studien, wie in den meisten bevölkerungs repräsentativen Umfragen üblich, 14 Jahre alt. Zweitens gilt etwas Ähnliches wie im Forschungs feld Medien nutzung und Integra tion. Die Variablen struktur dieser Studien erlaubt keine Analysen, die an den aktuellen, prakti schen und theoreti schen Diskurs zum Thema Medien- nutzung und Medien kompetenz junger Menschen anschluss fähig sind. Zum einen bezieht sich die Medien nutzungs abfrage vor wiegend auf die klassi schen Massen medien und kaum auf die neuen digitalen Funktions- bzw. Indivi dual- medien. Zum anderen werden keine Aspekte der Medien kompetenz erfasst, die über pauschale Medien nutzungs werte hinaus gehen. Dieser Befund ist deshalb so fatal, weil die in unserer Gesell schaft ver - breiteten Vorstel lungen über „besondere Medien kompetenzprobleme“ junger Migranten durch aus von Studien unter stützt werden, die alles Mögliche leisten können, nur eines nicht: repräsentative Hinweise auf reale Vertei lungen von Ver haltens weisen in diesem Bevölkerungs segment zu geben. Das gilt für beide Forschungs typen, zwischen denen in Kapitel 3 unter schieden wurde. Im ersten Fall, den wenigstens explizit auf Migranten bezogenen Medien kompetenz- studien, könnte man allein über die geringen Fallzahlen argumentieren (vgl. Übersicht 3.2). Aber das ist gerade nicht unser Argument: Es bezieht sich stets auf das Wechselspiel zwischen der Defini tion von Grundgesamt heiten und hierauf bezogenen, Repräsentativität sichernden Auswahl verfahren. Nimmt 56 man beides zusammen, ver bietet sich jede Ver allgemeine rung der durch diese Studien gewonnenen Basis befunde in Bezug auf „die“ Medien kompetenz „der“ jungen Menschen mit Migrations hintergrund. Diese Einschät zung gilt auch für die zweite Fall gruppe, d. h. für Medien- kompetenz studien mit quasi beiläufig hohen Migranten anteilen (vgl. Über- sicht 3.3). Trotz dieser hohen Fallzahlen sollte man mit den Ergebnissen dieser Studien aus gesprochen vor sichtig umgehen – d. h. die methodi sche „Daten- genese“ muss im Auge behalten werden. Zunächst darf man sich grundsätz- lich von den großen Fallzahlen sog. Schulstudien nicht blenden lassen: Stich- proben theoretisch und stichproben praktisch stehen viele Faktoren der Bildung repräsentativer Stichproben ent gegen (problematisch ist vor allem die Zufalls- steue rung bzw. um gekehrt: die Klumpen bildung bei der Auswahl der Schulen, Schul klassen und Schüler). Dazu kommt bei den in unserem Zusammen hang relevanten Studien, dass bei ihnen der Schwerpunkt auf „Problemschulen“ – nämlich Haupt schulen – und zum Teil dann auch noch auf Schulen in Pro- blemregionen liegt. Prototypisch dafür ist die Studie von Wagner und anderen, für die 20 Haupt- und Gesamtschulen in sozialen Brenn punkten und struk- turschwachen Gebieten von Groß städten aus gewählt wurden (Wagner 2008). Mit Sicher heit sagen die Ergebnisse dieser Studie viel über die Medien kom- petenz junger Migranten an Haupt schulen in Problemregionen aus. Aber es wäre trotz der Bildungs probleme von Migranten fatal, diese Teil ergebnisse auf die Gesamt heit junger Migranten in Deutschland zu projizieren. Bezogen auf junge Deutsche ohne Migrations hintergrund käme niemand auf diese Idee. Am Ende dieses Abschnitts bleibt noch die Frage nach dem „Nutz wert“ der repräsentativen Studien zur Medien kompetenz der in Deutschland leben den Kinder und Jugend lichen für die spezifi schen Problemstel lungen der auf junge Migranten bezogenen Medien kompetenzforschung. Im Kern geht es dabei um das 1998/1999 begonnene Langzeitprojekt des Medien pädagogi schen For- schungs verbundes Südwest (mpfs), die jähr lich durch geführten KIM- und JIM- Studien, auf die in den vor stehenden Kapiteln mehrfach hin gewiesen wurde (vgl. Übersicht 1.1). Auf jeden Fall kann man sagen, dass im Rahmen dieser Forschung zentrale Medien kompetenz Indikatoren erhoben werden, die – vielleicht mit gewissen Einschrän kungen, aber doch im Rahmen dessen, was mit quantitativen Be- fragungs verfahren mach bar ist – z. B. mit den theoreti schen Dimensionen des Medien kompetenzmodells von Theunert korrespondieren (vgl. Übersicht 3.1). Das ist die eine Seite: die der Untersuchungs variablen. Auf der anderen Seite, der Ebene der Falldefini tion, steht man vor dem Problem, das wir schon im letzten Abschnitt in Bezug auf die an gewandte bzw. kommerzielle Reich- weiteforschung beschrieben haben. Auch die KIM- und JIM-Studie definieren ihre Grundgesamt heiten über das Kriterium aus reichender Deutsch kenntnisse der Zielpersonen für ein Interview. Damit sind junge Migranten mit Sicher heit 57 eine Teilmenge in der jeweiligen Stichproben popula tion. Nach unserem Kennt- nis stand sind sie jedoch nicht eindeutig als solche identifizier bar. D. h. sie können weder für Sonder analysen ein gegrenzt noch für komparatisti sche Zwecke, d. h. im Ver gleich mit anderen Studien (bei dem die KIM- oder JIM- Daten für „junge Menschen ohne Migrations hintergrund“ stehen) aus gegrenzt werden. Zusammen fassend kann man fest halten, dass eine bessere Koordina tion zwischen den ver schiedenen Initiatoren und Realisatoren dieser Forschung im Bereich der Medien, der Medien politik und der Wissen schaft mehr als wün- schens wert wäre. So ließen sich z. B. die Potenziale der kontinuier lichen bevöl- kerungs repräsentativen Forschung im Bereich der Medien und Medien päda go- gik (d. h. von Studien, die sich in erster Linie gar nicht speziell auf Menschen mit Migrations hintergrund beziehen) mit relativ geringem Aufwand für Analy- sen nutz bar machen, die dann speziell auf die Medien nutzung in diesem Be- völkerungs segment bezogen sind. Das wäre besonders im Hinblick auf die Ermitt lung repräsentativer Basis daten eine substantielle Ergän zung der akade- mi schen Forschung. Diese wird zwar in der Regel von Fragestel lungen geleitet, die über die pure Deskrip tion hinaus gehen. Ihre empiri schen Befunde sind jedoch selten generalisier bar, weil die dazu er forder liche Daten basis metho- disch nicht gegeben ist. 4.4 Konzeptionelle Schluss folge rungen für die LfM-Studie An erster Stelle der Untersuchungs konzep tion, die wir für die LfM ent wickel- ten, steht in Bezug auf beide Forschungs felder – (Massen-)Medien nutzung und Integra tion, (Individual-)Medien nutzung und Medien kompetenz – das Prinzip der Repräsentativität und davon aus gehend das Prinzip der Anschluss- fähig keit (vgl. Kapitel 1). Insbesondere für die Konzep tion der quantitativen Telefonumfragen sind das die zentralen Kriterien (vgl. Kapitel 5, 7 und 8). Als dritter Gesichtspunkt kommt dann noch speziell in Bezug auf die Medien- kompetenzproblematik das Kriterium des Praxis bezugs der LfM-Studie hinzu – als Leitlinie für die Durchfüh rung von Gruppen diskussionen (vgl. Kapitel 6) und einem Experten-Workshop (vgl. Kapitel 9). Repräsentativität Durch die Ausschrei bung der LfM waren die Grundgesamt heiten für Reprä- sen tati verhe bungen bis auf einen Punkt vor gegeben: Fest gelegt waren der re- gio nale Rahmen (Nordrhein-West falen) und das Alter der Zielgruppe (12 bis 29 Jahre). Sieht man von Personen türkischer Herkunft ab, war die weitere Eingren zung des Migrations hintergrundes etwas unscharf. Konkret wählten 58 wir dann den Migrations hintergrund der sog. „Russ land deutschen“ aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion als zweiten, klar umrissenen Unter- suchungs kontext. Damit sind Personen türkischer Herkunft sowie – wie wir sie hier nennen – russische Aussiedler die beiden Migranten gruppen, zu denen in der LfM-Studie repräsentative Daten erhoben werden. Der Haupt grund für diese Entschei dung ist die Zielset zung, durch zwei statistisch voneinander unabhängige Teilerhe bungen für jede dieser beiden Grundgesamt heiten repräsentative Informa tionen zur Medien nutzung, sozialen Integra tion und Medien kompetenz zu er halten, die dann in einem kompara- tiven Analysedesign sowohl miteinander als auch mit Ergebnissen anderer Studien (über gleiche oder andere Popula tionen – z. B. gleichaltrige Personen ohne Migrations hintergrund) ver wendet werden können. Anschluss fähig keit Dieses Prinzip bezieht sich vor allem auf die Operationalisie rung der theoreti- schen Konzepte zu Zusammen hängen zwischen Medien nutzung und sozialer Integra tion bzw. Medien nutzung und Medien kompetenz im Rahmen der ein- schlägigen Repräsentati verhe bungen in diesem Forschungs feld. Denn nur, wenn die ent sprechenden Formulie rungen aus den Untersuchungs instrumenten früherer Studien über nommen werden, ist kumulative, replikative und kom- paratisti sche Forschung möglich: Eine Forschung, die sich systematisch auf den bisherigen Wissens stand bezieht und die Ergebnisse der LfM-Studie mit bisher vor liegenden Untersuchungs befunden ver gleicht. In der Grundlogik der Erfas sung der Nutzung der Massen medien sowie bei der Erhebung von Indikatoren für soziale Integra tion folgt die LfM-Studie drei früheren Migranten studien (G. I. F.-Studie 1999, BPA-Studie 2000 und insbesondere der WDR-Studie 2006). Die sehr viel komplexere Methode der Tages ablauferhe bung, die in der ARD/ZDF-Studie 2007 zur Anwen dung kam, war im Budgetrahmen der LfM-Studie nicht zu realisieren. Insbesondere bei der Erfas sung der Nutzung der neuen Individualmedien (Internet etc.) und bei der Abfrage unter schied licher Dimensionen von Medien- kompetenz folgen wir weit gehend den Vorgaben der JIM-Studie. Ganz einfach war das nicht, weil dazu keine öffent lich zugäng liche Methoden dokumenta- tion existiert, die den professionellen Standards der Sozialforschung genügt (vgl. dazu den Hinweis auf die einschlägigen AAPOR-, DFG- und ZAW- Regeln in Abschnitt 4.2). Auch auf direkte Nachfrage wurde uns das Unter- suchungs instrument von den Ver antwort lichen für diese Studie nicht in vollem Umfang zugäng lich gemacht. Stattdessen wurden einzelne Fragen und Ant- wort vorgaben, die wir zum Teil aus der Berichterstat tung über die Ergebnisse der JIM-Studie, zum Teil durch Nachfragen er mittelten, zur Verwen dung im Rahmen der LfM-Studie freigegeben. Hierfür bedanken wir uns. 59 Praxis bezug Da die Ausschrei bung der LfM-Studie mit dem Auftrag ver bunden war, den Bedarf für zielgruppen spezifi sche Maßnahmen zur Medien kompetenzförde- rung in Migranten milieus zu reflektieren und dazu ggf. prakti sche Empfeh lun- gen zu formulieren, wurde die quantitative Repräsentati verhe bung in diesem Feld durch qualitative Gruppen diskussionen ergänzt. Hierzu wurde das Alters- spektrum der Zielpersonen für diese Diskussionen auf die 12- bis 19-Jährigen ver engt (d. h. auf die Grundgesamt heit, auf die sich auch die JIM-Studie be- zieht, und die noch am ehesten durch medien pädagogi sche Angebote erreich- bar sein dürfte). Die Diskussionen wurden in zwei Alters segmenten, den 12- bis 15-Jährigen und den 16- bis 19-Jährigen, durch geführt. Im jüngeren Alters segment wurde Kinder- und Elternbefra gung (in jeweils getrennten Gruppen) kombiniert. Der Leitfaden für die Gruppen diskussionen ist einer seits an der theoreti- schen Systematisie rung der Medien kompetenzproblematik durch Theunert orien tiert (vgl. Übersicht 3.1). Anderer seits sollten die Gespräche an die Fragen- komplexe der JIM-Studie anschließen und diese ver tiefen. Die Ergebnisse aller Teilstudien der LfM-Studie wurden in einem ab- schließenden Experten-Workshop zusammen geführt und aus medien pädagogi- scher Perspektive erörtert. Dabei stand die Frage im Vordergrund, welche prakti schen Schluss folge rungen aus ihnen gezogen werden können. 61 5 Methode und Ergebnisse der Telefonumfragen 5.1 Methode Zwischen dem 13. Oktober und dem 9. November 2008 wurden die Telefon- interviews zur Medien nutzung Jugend licher und junger Erwachsener in Nord- rhein-West falen durch geführt. Die Feldarbeit er folgte mit einem standardi- sierten Fragebogen in Form telefoni scher computer gestützter Interviews (CATI) durch ENIGMA GfK.30 Das Institut war an der Entwick lung des Fragebogens beteiligt und für die telefongerechte Aufberei tung zuständig. Grundgesamt heiten und Stichproben Insgesamt wurden zwei voneinander unabhängige repräsentative Stichproben aus den beiden Grundgesamt heiten: – „Personen türkischer Herkunft im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in pri- vaten Haushalten mit Telefoneintrag in Nordrhein-West falen“ und – „Russische Aussiedler zwischen 12 und 29 Jahren in privaten Haushalten mit Telefoneintrag in Nordrhein-West falen“ nach dem Onomastik-Verfahren (Humpert/Schneider heinze 2000) gezogen. Die Treffer genauig keit betrug für die „türkisch stämmige Stichprobe“ 91 Pro- zent, d. h. in 9 Prozent der an gerufenen Haushalte lebte keine Person mit türkischem Migrations hintergrund. Für die Spät aussiedler stichprobe waren es 88 Prozent. Die Stichproben ziehung er folgte zweistufig: Die Stichproben wur- den regional nach Gemeindekennziffern geschichtet, die Personen auswahl im Haushalt war zufalls gesteuert (Last-Birthday-Methode). Die Bruttostichprobe betrug für Personen mit türkischem Migrations hinter- grund n = 2.136 Personen, die um qualitäts neutrale Ausfälle bereinigte Netto- 30 Vgl. zum Folgenden den Methoden bericht der ENIGMA GfK Medien- und Marketing forschung (ENIGMA GfK 2008), der als PDF-Dokument unter www. lfm-nrw.de/forschung/schriftreihe auf der Homepage der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) abruf bar ist. 62 stichprobe n = 1.508 Personen. Interviews konnten mit n = 1.078 Personen begonnen werden (Ausschöpfungs quote 71 Prozent) und n = 302 Personen er füllten schließ lich das vor gegebene Alters kriterium von 12 bis 29 Jahren. Für die Spät aussiedler umfasste die Bruttostichprobe 2.225 Personen, die Netto stichprobe 1.664, von denen 1.159 für ein Interview erreich bar waren (Ausschöpfungs quote 70 Prozent). n = 303 Personen er füllten das Alters- kriterium. Die Stichprobendaten wurden nachträg lich hinsicht lich Alter und Geschlecht auf der Basis der Mikrozensus daten von 2007 gewichtet. Damit liegt die durch schnitt liche Schwankungs breite (die Fehler spanne der statisti schen Induk tion von der Stichprobe auf die Grundgesamt heit) zwischen 2,5 und 5,8 Prozentpunkten, je nach geschätztem Anteils wert (5/95 bzw. 50/50 Prozent) und ist damit zwar gerade noch ver tret bar, erlaubt es aber nur bei sehr großen Gruppen unterschieden von der Stichprobe auf die Grund- gesamt heit zu schließen – im Durchschnitt müssen diese Unterschiede > 5 Pro- zentpunkte sein. Fragebogen und Interviews Die Interviews dauerten im Durchschnitt knapp 40 Minuten. Sie wurden in einem Zeitraum von 4 Wochen durch geführt. Die Untersuchungs instrumente lagen in beiden Sprachen vor. Alle (aus schließ lich weib lichen) Interviewerinnen waren zweisprachig, d. h. sie konnten das Interview nicht nur in Deutsch, sondern auch vollständig in Türkisch bzw. Russisch durch führen. Bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund wurden 19 Prozent der Inter- views in türkischer Sprache durch geführt. Bei den russischen Aussiedlern waren es 14 Prozent aller Interviews, die in russischer Sprache geführt wur- den. Das Untersuchungs instrument bestand aus einem Screening-Fragebogen zum Migrations hintergrund, der Haushalts situa tion und zur Zielpersonen aus- wahl (insgesamt 8 Fragen) und dem eigent lichen Fragebogen mit insgesamt 53 Fragen und 15 Fragen zur Soziodemografie. Die Fragen komplexe ent- sprachen den Untersuchungs feldern der Studie und waren in die Bereiche Freizeitaktivitäten, Ausstat tung mit und Nutzung von Massen medien, Internet, Computern, Handys und Spielen sowie Fragen zu Integra tion und ethnischer Identität gegliedert. Den Schluss des Interviews bildeten die Fragen zur Sozio- demografie und die Interviewer einschät zung der Sprachkompetenz der Be- frag ten. 63 Darstel lung der Ergebnisse Wir werden im nächsten Abschnitt einige methodisch relevante Daten, die der Beschrei bung der Stichprobe dienen, noch einmal auf greifen. Vorher jedoch noch ein paar Bemer kungen zur Ergebnis darstel lung. Wann immer möglich, werden wir die beiden Stichproben parallel betrachten. Dies geschieht nicht, um die zwei zum Teil sehr unter schied lichen Teilpopula tionen ständig mit- einander zu ver gleichen oder – was genauso unangebracht wäre – „in einen Topf zu werfen“. Es wäre vielmehr aus gesprochen redundant und einer les baren Darstel lung abträg lich, die Stichproben sukzessive abzu arbeiten. Außerdem lassen sich durch die parallele Betrachtungs weise vielleicht tatsäch lich einige Besonder heiten der zwei ethnischen Gruppen heraus arbeiten. Beide Stichproben werden noch einmal in zwei Alters gruppen (12 bis 19 Jahre bzw. 20 bis 29 Jahre) unter teilt. In der Regel werden Prozent werte berichtet, die sich auf die jeweiligen Tabellen(zellen) beziehen. Bei der Dar- stel lung der Medien nutzung werden wir zumeist – soweit sinn voll – das in- zwischen bewährte Standardmaß des „Stammnutzers“ anwenden: Ein Stamm- nutzer ist eine Person, die das ent sprechende Medium/Medien angebot an mindestens 4 von 7 Tagen einer „normalen“ oder „durch schnitt lichen“ Woche nutzt – das Gleiche gilt für die Darstel lung der Freizeitaktivitäten der Be- fragten. 5.2 Die Stichproben Alter, Geschlecht und Bildung Da beide Stichproben nach den Vertei lungen von Alter und Geschlecht der Mikrozensus daten gewichtet wurden, spiegeln sie in dieser Hinsicht die Ver- tei lung der Grundgesamt heit exakt wider (Tabelle 5.1 und Tabelle 5.2).31 Tabelle 5.1: Alter der Befragten (in Prozent, gew.)* Alter Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 12–13 Jahre 20 – 11 16 – 7 14–19 Jahre 80 – 41 84 – 36 20–29 Jahre – 100 48 – 100 57 Gesamt 100 100 100 100 100 100 * Von 100 Prozent abweichende Werte sind Rundungsfehler. 31 Zur Kritik der Erfas sung der Aussiedler im Rahmen des Mikrozensus vgl. allerdings Seifert (2008). 64 Bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund sind 48 Prozent der Befragten der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen zuzu ordnen. 41 Prozent sind zwischen 14 und 19 Jahre alt, 11 Prozent sind 12 oder 13 Jahre alt. Auch bei den Spät aussiedlern ist die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen mit 57 Prozent zahlen mäßig am stärksten, die 12- bis 19-Jährigen haben einen Stichproben- anteil von insgesamt 43 Prozent, darunter die 12- oder 13-Jährigen mit 7 Pro- zent. Tabelle 5.2: Geschlecht der Befragten (in Prozent, gew.) Geschlecht Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Männlich 54 50 52 54 47 50 Weiblich 46 50 48 46 53 50 Gesamt 100 100 100 100 100 100 In der Stichprobe der türkisch stämmigen Befragten gibt es vor allem unter den jüngeren Befragten bis 19 Jahre etwas mehr Männer bzw. Jungen als Frauen bzw. Mädchen (54 : 46 Prozent). In der Gesamtstichprobe fällt das Ver- hältnis deshalb mit 52 : 48 Prozent leicht zu Gunsten des männ lichen Ge- schlechts aus. Unter den Aussiedlern ist das Ver hältnis in der Gesamtstichprobe genau ausgeg lichen, die zwei Alters gruppen ver halten sich spiegel bild lich – leichter Männer über hang bei den bis 19-Jährigen (54 Prozent) und mehr Frauen bei den 20- bis 29-Jährigen (53 Prozent). Die Heterogenität der Stichproben zeigt sich besonders bei der formalen Bildung der Befragten (Tabelle 5.3). In beiden Stichproben besuchen die Befragten, die jünger als 19 Jahre sind, mehr heit lich noch die Schule (88 bzw. 84 Prozent), während bei den 20- bis 29-Jährigen die Schulzeit in der Regel beendet ist (94 bzw. 93 Prozent). Das führt im Stichproben mittel bei den türkisch stämmigen Befragten zu einer Schüler quote von 49 Prozent und bei den Aussiedlern zu einem Anteils wert von 41 Prozent. 65 Tabelle 5.3: Schulbildung der Befragten (in Prozent, gew.) Formale Bildung Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Schüler (aktuelle Schule) 88 6 49 84 8 41 Haupt schule 26 1 14 21 1 10 Realschule/weiterf. 27 2 15 28 1 13 Gymnasium 20 1 11 22 3 11 Sonstiges 15 2 9 13 3 7 Ausbil dung/Beruf etc. 12 94 51 16 93 59 Kein Abschluss 1 6 4 1 3 2 Haupt schule 2 25 13 5 25 16 Realschule/weiterf. 3 17 10 10 33 23 (Fach-)Abitur 6 46 25 1 32 18 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Bei den Daten zur Schul bildung ist zu beachten, dass es sich nur bei den Nicht-Schülern um Angaben zum Schulabschluss handelt. Bei den Schülern sind es dagegen Angaben zu der Schulart oder Schulstufe, die zum Zeitpunkt der Befra gung besucht wird. In beiden Teilstichproben besuchen die 12 bis 19-jährigen Schüler in etwa zu gleichen Teilen (jeweils zwischen 20 und 28 Prozent) die Haupt schule, die Realschule bzw. weiter führende Schularten sowie das Gymnasium. Die mit 13–15 Prozent relativ große Gruppe „Sonstiges“ lässt sich aus den Befragungs- unterlagen nicht weiter konkretisieren. Bei den 20 bis 29-jährigen Nicht- Schülern zeigen sich dann allerdings Unterschiede in den Schulabschlüssen der beiden Migranten gruppen. Zwar ist der Anteil der Haupt schulabschlüsse mit jeweils 25 Prozent gleich. Von den türkisch stämmigen Befragten hat aber ein relativ großer Anteil (46 Prozent) mindestens Fachabitur, bei den russi- schen Aussiedlern sind es mit 32 Prozent deut lich weniger. In Kapitel 2 wurde darauf ver wiesen, dass man die Lebens welt von Migran- ten auf der Basis weiterer Milieufaktoren differenziert betrachten kann (und sollte). Ein denk barer Zugang hierzu sind die hier vor gestellten Daten zu Alter, Geschlecht und Bildung. Die Ver mutung ist naheliegend, dass die Medien- nutzung der beiden jungen Migranten gruppen, die im Mittelpunkt der LfM- Studie stehen, von diesen Faktoren maß geblich beeinflusst wird. In der nach- folgenden Präsenta tion und Diskussion der Untersuchungs ergebnisse wird „stan dardmäßig“ auf den Faktor Bezug genommen, der die stärkste Hete ro- genität innerhalb der beiden Popula tionen erzeugt: das Alter (das wiederum eng ver knüpft ist mit dem Status als Schüler bzw. Nicht-Schüler, der privaten und wirtschaft lichen Selbst ständig keit bzw. Abhängig keit usw.). Soweit sach- lich geboten und im Rahmen der vor liegenden Publika tion möglich, werden die anderen beiden Faktoren – Geschlecht und Bildungs status – eben falls thematisiert. Bevor man jedoch bestimmte Befunde zur Medien nutzung und 66 Medien kompetenz vor schnell durch den einen oder anderen Milieu-Indikator erklärt, sollte man prüfen, ob und wie diese Faktoren unter einander ver knüpft sind. Im vor liegenden Fall haben ent sprechende Tests Folgendes ergeben: – In beiden Teilstichproben gibt es keinen signifikanten Zusammen hang zwi- schen der Alters struktur und dem Geschlecht der Befragten. – In beiden Teilstichproben gibt es denselben signifikanten Zusammen hang zwischen der Alters struktur und der Schul bildung (besuchte Schule/Schul- abschluss) der Befragten. Der Anteil der Haupt schüler ist bei den 12 bis 19-Jährigen und den 20 bis 29-Jährigen gleich. Jedoch sind in der Gruppe der 12 bis 19-Jährigen die Realschüler und in der Gruppe der 20 bis 29-Jäh- rigen die Gymnasiasten stärker ver treten. – In beiden Teilstichproben gibt es auch einen signifikanten Zusammen hang zwischen Geschlecht und Bildung – er weist jedoch inhalt lich in eine je- weils unter schied liche Richtung: In der türkisch stämmigen Stichprobe sind die Mädchen häufiger als die Jungen in der Gruppe der Realschüler ver- treten, die Jungen dagegen häufiger in der Gruppe der Gymnasiasten. In der Stichprobe der jungen russischen Aussiedler ist es in der Tendenz um- gekehrt. Die Mädchen sind häufiger in der Gruppe der Gymnasiasten ver- treten, die Jungen häufiger bei den Haupt schülern. Natür lich ist das letzt genannte Ergebnis ein Hinweis darauf, dass die Rolle von Jungen und Mädchen in den beiden unter suchten Migranten popula tionen jeweils kulturspezifisch geprägt ist (und dass „Geschlecht“ im Bezug auf die Fragestel lung der LfM-Studie nicht als generalisierter Milieu-Indikator ge nutzt werden darf). Im vor liegenden Zusammen hang ist ein zweiter Punkt jedoch wichtiger: Wenn die nachfolgenden Ergebnisse nach Alter, Geschlecht und Schul bildung spezifiziert werden, spiegeln sich darin stets „Drittvariablen- Spuren“, d. h. die hier dargestellten Wechsel beziehungen zwischen Alter, Schul- bildung und Geschlecht. Nur in den in Kapitel 7 dargestellten multivariaten Kausal analysen werden diese Interak tionen neutralisiert. Haushalts größe und Haushalts zusammen setzung Medien umge bungen, d. h. die Ausstat tung mit ent sprechender Hardware, der tägliche Umgang mit Medien und ihre Nutzung sind in vielfacher Hinsicht an den familiären Haushalt gebunden. Dies gilt auch für mobile Kommunikations- mittel, denn Abonnements, Abrech nungen und Anschaf fungen betreffen – be- sonders in den Alters gruppen dieser Umfrage – fast immer das familiäre Gesamtbudget. Daher ist es für die Perspektive dieser Untersuchung wichtig, die Haushalts situa tion der Befragten zu kennen und das familiäre Umfeld im Alltag als Teil der Soziodemografie zu beschreiben. 67 Tabelle 5.4 zeigt zunächst, wie viele Personen in den Haushalten der Be- fragten leben. Es ist erwart bar, dass die wenigsten der 12- bis 19-Jährigen allein leben – Einpersonen haushalte kommen in dieser Alters gruppe so gut wie nicht vor. Auch bei den 20- bis 29-Jährigen ist die Lebens form des Allein- lebens in beiden Teilstichproben noch nicht sehr ver breitet (10 bzw. 7 Prozent). In beiden ethnischen Gruppen lebt ein ver gleich bar großer Anteil der Be- fragten im Durchschnitt der Gesamtstichproben in Vierpersonen haushalten (37 bzw. 38 Prozent). Befragte mit türkischem Migrations hintergrund leben ver gleichs weise häufiger in größeren Haushalts zusammen hängen. Der Anteil der Fünfundmehrpersonen haushalte ist mit 38 Prozent ver gleichs weise hoch – noch höher ist er sogar bei den 12- bis 19-Jährigen. Hier lebt mehr als jeder zweite Befragte in einem Haushalt, der fünf und mehr Personen umfasst. Tabelle 5.4: Haushaltsgröße (in Prozent, gew.) Personen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Eine Person – 10 5 1 7 4 Zwei Personen 1 6 3 4 18 12 Drei Personen 12 25 18 20 32 27 Vier Personen 36 38 37 50 29 38 Fünf und mehr Personen 53 22 38 26 24 19 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Die Haushalts größen der russischen Aussiedler sind im Durchschnitt kleiner. Dreipersonen haushalte sind mit 27 Prozent häufiger ver treten als Haushalte mit fünf und mehr Personen (19 Prozent). Es ist unmittel bar einsichtig, dass eine starke familiäre Bindung der Befragten – zum Teil auf grund ihres Alters, zum Teil als Charakteristik der ethnischen Gruppe – Auswir kungen auf den individuellen Medien umgang der Befragten hat, insbesondere was Medien betrifft, die je Haushalt nur einmal vor handen sind. Wir werden darauf im nächsten Kapitel zurück kommen. Noch deut licher als die Zahl der Haushalts mitglieder zeigt die Vertei lung der im Haushalt lebenden Angehörigen die Familien bindung der befragten Jugend lichen und jungen Erwachsenen (Tabelle 5.5). In beiden Teilstichproben lebt bei mehr als 70 Prozent der Befragten mindestens ein Elternteil mit im Haushalt. Die junge Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen lebt fast ohne Aus- nahme in beiden Migrations gruppen noch bei den Eltern (98 bzw. 99 Prozent). Auf der anderen Seite sind in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen in beiden Popula tionen schon eigene Kinder mit im Haushalt (36 bzw. 31 Prozent) – eine Tatsache, die das Lebens- und Medien umfeld eben falls maß geblich be- ein flusst. 68 Tabelle 5.5: Haushaltsmitglieder (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Familien angehörige Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Lebens-/Ehepartner – 38 18 – 41 23 Kinder 4 36 19 1 31 18 Mutter 98 52 76 99 71 71 Vater 97 50 74 92 66 66 Geschwister 83 34 60 78 47 47 Groß mutter 4 1 3 5 5 5 Groß vater 4 2 3 1 2 2 Zusammen fassung Zusammen fassend kann man für die er weiterte Soziodemografie und den Mi- gra tions hintergrund der Befragten fest halten, dass die Alters spanne zwischen 12 und 29 doch eine jeweils sehr heterogene Teilstichprobe erzeugt, die man so nicht vor Augen hat, wenn von „Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit Migrations hintergrund“ die Rede ist. Schon an dieser Stelle der Analysen zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen den zwei tabellierten Alters gruppen einer Teilstichprobe zum Teil erheb lich größer sind als mögliche Unterschiede zwischen den Teilstichproben selbst (auch wenn diese Perspektive nicht im Zentrum der Analyse steht). Schon im nächsten Abschnitt, der Beschrei bung der Medien ausstat tung der Befragten, wird man diese manifesten Unterschiede in den Lebens welten der zwei Alters gruppen berücksichtigen müssen. 5.3 Ethnische Identität und soziale Integra tion Wie ist das Ver hältnis zwischen Herkunfts- und Ankunfts kontext, zwischen Migrations hintergrund und Mehrheits gesell schaft bei den Befragten? Bevor wir uns der Ausstat tung mit und der Nutzung von Medien zuwenden, sollen an dieser Stelle einige zentrale Indikatoren zur ethnischen Identität bzw. zu den in Kapitel 2 genannten Akkulturations strategien betrachtet werden. Dabei geht es im Grundsatz um die Frage, wie stark bzw. positiv sich die Jugend- lichen und jungen Erwachsenen der deutschen Mehrheits gesell schaft zuwenden und wie stark bzw. positiv sie sich parallel dazu noch mit ihrer Herkunft, bzw. der Herkunft ihrer Eltern identifizieren. 69 Migrations erfah rung, Aufenthalts dauer und Staats bürger schaft Eigene Migrations erfah rung haben in der Stichprobe der Türkisch stämmigen nur die wenigsten (Tabelle 5.6). Ledig lich ein Fünftel (19 Prozent) ist selbst nach Deutschland zu gewandert. Bei einem über wältigenden Teil der Befragten dieser Teilstichprobe bezieht sich der Migrations hintergrund auf die vorher- gehende Genera tion, meistens beide Elternteile (66 Prozent), manchmal auch nur Vater oder Mutter (zusammen 11 Prozent). Tabelle 5.6: Zuwanderungsstatus (in Prozent, gew.) Zuwande rung Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Befragte(r) zu gewandert 6 32 19 79 96 88 Beide Eltern zugew. 69 63 66 1 1 1 Vater zu gewandert 10 1 6 2 – 1 Mutter zu gewandert 8 1 5 19 4 10 Nichts davon 6 3 5 – – – Gesamt 100 100 100 100 100 100 Ganz anders die Gruppe der russischen Aussiedler: Hier haben 88 Prozent der Stichprobe selbst er fahren, was es bedeutet, den gesell schaft lichen Kontext zu wechseln, in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen sind es sogar 96 Prozent. Für die hier Geborenen gilt, dass dann fast immer die Mutter zu gewandert ist (10 Prozent), sehr selten beide Elternteile oder nur der Vater. Tabelle 5.7: Aufenthaltsdauer (in Prozent, gew.) Aufenthalts dauer Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 In Deutschland geb. 94 69 82 21 4 11 1 bis 5 Jahre 1 4 3 7 6 6 6 bis 10 Jahre 3 9 6 30 30 30 11 bis 15 Jahre 3 8 5 34 36 35 Mehr als 16 Jahre – 10 5 8 25 17 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Die Daten zur Zuwande rung lassen schon ver muten, was Tabelle 5.7 be- stätigt. Die meisten der türkisch stämmigen Befragten sind in Deutschland ge- boren (82 Prozent), am größten ist der Anteil bei den Jüngsten zwischen 12 und 19 Jahre (94 Prozent). Unter den 20- bis 29-Jährigen gibt es zusätz lich 10 Prozent, die mehr als 16 Jahre ihres Lebens in Deutschland zu gebracht haben. 70 In der Stichprobe der Aussiedler dominieren dagegen die Zuwanderer. Ins- gesamt sind nur 11 Prozent der Befragten in Deutschland geboren. Gut die Hälfte lebt jedoch schon seit mehr als 10 Jahren in Deutschland. Der größte Teil der Befragten ist mit den Eltern ein gewandert, d. h. die große Ein wan- derungs welle der Aussiedler Ende der 1990er Jahre wird in der Tabelle gut sicht bar. Tabelle 5.8: Staatsbürgerschaft (in Prozent, gew.) Staats bürger schaft Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Deutsch 33 40 37 92 92 92 Türkisch 64 60 62 – – – Deutsche Staats bürger schaft gewünscht: Ja, sicher 21 20 20 Ja, vielleicht 19 12 16 Nein 24 27 26 Russisch – – – 5 1 2 Doppelstaats bürger (D+) 3 – 2 3 8 6 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Der unter schied liche Zuwanderungs hintergrund zeigt sich auch in der Staats- bürger schaft der beiden Teilpopula tionen (Tabelle 5.8). Die meisten jungen Aussiedler sind qua Status Deutsche (92 Prozent) und haben nur in einigen Ausnahmefällen (auch) die russische Staats bürger schaft (6 Prozent). Für die türkisch stämmige Popula tion sind die Daten in dieser Hinsicht inte- ressanter, denn sie zeigen unter anderem, welche Bedeu tung die Verwen dung einer weiter gefassten Defini tion von „Migrations hintergrund“ hat. So sind in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen 40 Prozent deutsche Staats bürger mit türkischem Migrations hintergrund. Wenn man allerdings bedenkt, dass 69 Pro- zent in dieser Gruppe in Deutschland geboren sind, er scheint das Ver hältnis von 40 : 60 für die deutsche bzw. türkische Staats bürger schaft in dieser (voll- jährigen!) Alters gruppe kein besonders hoher Wert. (Die Gruppe der 12- bis 19-Jährigen sollte man an dieser Stelle außer Betracht lassen, da hier noch nicht alle Freiheits grade für eine solche Entschei dung gegeben sind.) Etwas besser ver ständ lich werden diese Zahlen, wenn man die Antworten auf die Frage nach dem Wunsch, die deutsche Staats bürger schaft eines Tages anzu nehmen, hinzu zieht. Tatsäch lich streben die meisten der jungen Türkinnen und Türken in dieser Stichprobe die deutsche Staats bürger schaft an. Jeder Fünfte will „sicher“ Deutscher werden (20 Prozent) und etwas weniger ant- wor ten auf diese Frage mit „Ja, vielleicht“ (16 Prozent). Das bedeutet aller- dings von der anderen Seite aus betrachtet, dass etwa ein Viertel der Befragten die deutsche Staats bürger schaft ablehnt und explizit Türkin bzw. Türke bleiben 71 will – mit Blick auf die Alters struktur der Stichprobe ist das kein geringer Anteil. Sprache Ein Merkmal, das zwischen Soziodemografie und ethnischer Identität an ge- siedelt ist und als Indikator für ganz unter schied liche Sach verhalte in ver schie- denen Lebens bereichen dienen kann, ist die Sprache. In den später folgenden Abschnitten zur Identität und Integra tion der Befragten werden wir uns näher mit der Sprache im Alltag und Sprachkompetenzen befassen. Zur Charakte- risie rung der Stichprobe soll jedoch an dieser Stelle schon ein erster Blick auf die Sprachpraxis in den Familien geworfen werden. Tabelle 5.9 zeigt die Ver- tei lung der Sprachen, die in diesem familiären Kontext vor herrschend sind.m Tabelle 5.9: Sprachgebrauch in der Familie (in Prozent, gew.) Sprache Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Nur Herkunfts sprache* 22 36 29 21 31 27 Meistens Herkunfts sprache 19 21 20 13 20 17 Beides gleich häufig 51 36 44 32 29 31 Meistens Deutsch 6 4 5 16 7 11 Nur Deutsch 2 3 2 18 12 15 Gesamt 100 100 100 100 100 100 * Mit Herkunftssprache ist hier die Sprache des Migrationshintergrundes gemeint, also in der Regel Türkisch in der ersten und Russisch in der zweiten Teilstichprobe. Deutsch ist als familiäre Alltags sprache weder bei den türkisch stämmigen Befragten noch bei den Aussiedlern vor herrschend. Aber es wird in beiden Popula tionen – jeden falls laut Selbsteinschät zung – zu großen Teilen mit der Herkunfts sprache gemischt. Dabei werden in den Familien mit türkischem Migrations hintergrund beide Sprachen sehr häufig parallel genutzt (44 Prozent), ohne Türkisch findet jedoch kaum familiäre Kommunika tion statt (7 Prozent). In den russischen Spät aussiedler familien ist die Präsenz des Deutschen stärker. Zusammen genommen wird bei einem Viertel der Befragten zu Hause meistens oder nur Deutsch gesprochen. Aber auch der Anteil der Familien, in denen nur oder meistens Russisch gesprochen wird, ist mit zusammen 44 Pro- zent ver hältnis mäßig hoch. Dazu kommen noch 31 Prozent, die an geben, beide Sprachen etwa gleich häufig in der Familie zu benutzen. Der vollkommene Ver zicht auf die Herkunfts sprache ist in den türkisch- stämmigen Familien der Ausnahmefall (2 Prozent). Im Milieu der russischen Spät aussiedler kommt das häufiger vor, ist im Gesamt zusammen hang gesehen mit 15 Prozent aber doch selten. 72 Man kann diese Analyse auf zwei weitere auf schluss reiche Lebens bereiche aus weiten: den Sprachgebrauch in der Freizeit und im Schul- bzw. Berufs- leben. Aber vorher noch ein kurzer Blick auf die Sprachkompetenz der Be- fragten. Man kann sie – auch vor dem Hintergrund der hohen Zahl der auf Deutsch durch geführten Interviews und der guten Bewer tung durch die Inter- viewerinnen (vgl. Abschnitt 5.1) für beide Teilpopula tionen als gut bis sehr gut bezeichnen (Tabelle 5.10). Die 12- bis 29-Jährigen Befragten mit türkischem Migrations hintergrund schätzen sich dann auch ent sprechend ein. Zusammen genommen behaupten 82 Prozent der Befragten gut oder sehr gut Deutsch zu sprechen, nur 6 Prozent bezeichnen ihre Fähig keiten dies- bezüg lich als gering oder sehr gering. In der Spät aussiedler stichprobe sind die Zahlen ähnlich. 88 Prozent votieren für gut bis sehr gut, wenn sie um eine Selbsteinschät zung gebeten werden, nur 2 Prozent bewerten ihre Sprach kennt- nisse in Deutsch mit gering oder sehr gering. Das sind zwar – wenn man das jugend liche Alter und die hohe Zahl der in Deutschland Geborenen berück- sichtigt – keine über raschenden Zahlen, sie sind aber dennoch relevant, denn sie zeigen, dass die meisten Befragten in beiden Stichproben die Wahl haben, jeden falls was ihre Kompetenzen angeht: Deutsch und Türkisch bzw. Deutsch und Russisch stehen der Mehrheit der jungen Erwachsenen und Jugend lichen für eine Ver ständi gung in beiden Kontexten zur Ver fügung. Tabelle 5.10: Selbsteinschätzung: Sprachkompetenz – Deutsch sprechen (in Prozent, gew.) Deutsch sprechen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Sehr gut 41 49 45 54 34 43 Gut 46 29 37 39 50 45 Zufrieden stellend 16 10 11 7 14 11 Gering 1 10 5 – 1 1 Sehr gering – 3 1 – 1 1 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Ein Blick auf die professionelle Sphäre des täglichen Lebens zeigt dann auch, wie notwendig es für die meisten Befragten ist, sprach lich auf den Mehr- heits kontext umschalten zu können. Nur eine Minder heit ist in der Lage, in Schule, Ausbil dung oder am Arbeits platz auf Deutsch zu ver zichten. Dabei haben am ehesten noch die türkisch stämmigen Befragten die Möglich keit, beide Sprachen benutzen zu dürfen oder zu können (22 Prozent), nur oder meistens Türkisch sprechen sie dagegen kaum (5 Prozent). Bei den Aussiedlern ist das Bild noch viel deut licher. 8 Prozent sprechen auch Russisch im Arbeits- alltag, nur Russisch spielt gar keine Rolle in dieser Popula tion (Tabelle 5.11). Sieht man sich – quasi als Kontrast zur alternativ losen Arbeits- und Aus- bildungs welt auf der einen und der traditionell am stärksten auf den Migra- 73 tions kontext aus gerich teten Familien umwelt auf der anderen Seite – den Sprach- gebrauch in der Freizeit an, so scheint dieser ein guter Indikator für die soziale Integra tion der Befragten zu sein (Tabelle 5.12). Tabelle 5.11: Sprachgebrauch in Schule/Universität/Arbeitsplatz (in Prozent, gew.) Sprache Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Nur die Herkunfts sprache 1 8 5 – – – Meistens Herkunfts sprache 3 3 3 – 1 – Beides gleich häufig 22 22 22 7 8 8 Meistens Deutsch 22 14 19 10 13 12 Nur Deutsch 51 52 51 83 78 80 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Und tatsäch lich zeigt sich hier ein eher aus geglichenes Bild. Die extrem hohen Werte für die mehr oder weniger aus schließ liche Nutzung der Her- kunfts sprache in der Familie werden in der Freizeit deut lich unter schritten. Es wird mehr Deutsch gesprochen, ohne dass jedoch die Werte aus Schule und Beruf er reicht werden. Die Mittelposi tion, der gleichberechtigte Sprachgebrauch ist übrigens in beiden Teilstichproben nahezu konstant (45 Prozent in der türkisch stämmigen Stichprobe und 31 Prozent in der russischen Aussiedler- stichprobe; Familie: 44 und 31 Prozent). Dagegen sind die Werte für den ex- klusiven Gebrauch der Herkunfts sprache im Freizeit kontext extrem niedrig, besonders in den Alters segmenten der 12- bis 19-Jährigen, und dies in beiden befragten Popula tionen (6 bzw. 3 Prozent). Tabelle 5.12: Sprachgebrauch in der Freizeit (in Prozent, gew.) Sprache Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Nur die Herkunfts sprache 6 16 11 3 24 15 Meistens Herkunfts sprache 10 16 13 4 13 9 Beides gleich häufig 44 46 45 28 34 31 Meistens Deutsch 15 11 13 15 8 11 Nur Deutsch 26 11 19 51 20 34 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Diese Betrach tung zeigt sehr deut lich, dass erstens die ver schieden stark reglementierten und sozialem Druck aus gesetzten Lebens welten den Sprach- gebrauch der Jugend lichen mitbestimmen und dass zweitens die soziale Inter- ak tion in der Freizeit stark bis sehr stark auf den deutschen Mehrheits kontext aus gerichtet ist, allerdings auch hier nicht ohne den Herkunfts kontext sprach- 74 lich zu pflegen und so im Sinne der Terminologie von Berry mehr heit lich eine integrative Akkulturations strategie zu ver folgen. Geht man davon aus, dass die bisher beschriebenen Bereiche Familie, Frei- zeit und Schule/Beruf diejenigen Lebens welten sind, die den größten Teil des sozialen Alltags lebens einnehmen, so lohnt sich ab schließend ein zusammen- fassender Überblick über diese Bereiche. Tabelle 5.13 zeigt einen gleich ge- wich teten Summen index aller drei Indikatoren. Hier wird besonders deut lich, dass aus dieser Perspektive der deutsche Sprachgebrauch für fast alle Befrag- ten dominant ist. Insbesondere die extremen Werte für die professionelle Lebens welt schlagen hier voll durch. Tabelle 5.13: Index des Sprachgebrauchs (Familie, Freizeit, Schule/Beruf) (in Prozent, gew.) Sprache Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Nur die Herkunfts sprache 2 6 4 – – – Meistens Herkunfts sprache 9 19 14 6 20 14 Beides gleich häufig 45 48 46 20 41 32 Meistens Deutsch 41 25 33 45 27 35 Nur Deutsch 3 3 3 30 12 20 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Nur noch insgesamt 18 Prozent der Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit türkischem Migrations hintergrund sprechen im Alltag mehr Türkisch als Deutsch, bei den 12- bis 19-Jährigen sind es sogar nur noch 11 Prozent. Bei den russisch sprachigen Aussiedlern ist es ähnlich. 14 Prozent sprechen mehr Russisch als Deutsch, niemand spricht aus schließ lich die „alte“ Herkunfts- sprache, und von den 12- bis 19-Jährigen Befragten aus dieser Stichprobe sprechen nur noch 6 Prozent im Alltag über wiegend Russisch. Aus dieser letzten – zugegeben wenig differenzierten Perspektive – deuten die Daten ein- deutig auf eine eher im deutschen Sprachkontext ver ankerte soziale Interak tion als auf irgendeine Art von sprach licher Abschot tung hin. Deutsch wird von fast allen jeden Tag gebraucht, und fast alle Befragten sind auch in der Lage, dieser Anforde rung in den ver schiedenen Alltags bereichen zu genügen. Im Ver gleich der zwei Popula tionen kann man für die türkisch stämmigen Jugend- lichen und jungen Erwachsenen vielleicht einen etwas stärkeren Hang zur Pflege der Herkunfts sprache, zur Sprache der älteren Genera tionen in den Familien identifizieren. Dabei muss man sich für die Aussiedler allerdings vor Augen führen, dass für diese Popula tion die Sprache der älteren Genera- tion oftmals Deutsch ist und war. 75 Soziale Interak tion Kontakte in die Mehrheits gesell schaft bestehen bei den zwei Befragten grup pen in erheb lichem Umfang – neben dem Umgang mit Freunden und Bekannten aus dem gleichen Migrations milieu (Tabelle 5.14). In der Teilstichprobe der Spät aussiedler halten sich im Gesamtdurchschnitt die Treffen mit Freunden und Bekannten mit und ohne Migrations hintergrund die Waage (69 bzw. 67 Prozent). Außerdem zeigt sich, dass bei den jüngeren Befragten die freund schaft lichen Kontakte außerhalb der Familie im Grund- satz wichtiger sind als in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen. In der türkischen Teilstichprobe gibt es ein leichtes Übergewicht für die türkisch stämmigen Freunde und Bekannten. 78 Prozent der Befragten treffen sich täglich bzw. mehrmals pro Woche mit Freunden, die eben falls einen türkischen Migrations- hintergrund haben, 59 Prozent geben an, dies (auch) mit deutschen Bekannten zu tun. Tabelle 5.14: Freunde und Bekannte treffen ((fast) täglich/mehrmals pro Woche, Mehr- fach nen nung, in Prozent, gew.) Freunde und Bekannte Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Türk. bzw. russ. Freunde 80 76 78 76 63 69 Deutsche Freunde 61 57 59 85 55 67 Besonders in den jüngeren Alters gruppen findet darüber hinaus der soziale Alltag auch in den Ver einen statt (Tabelle 5.15). 41 Prozent der 12- bis 19-Jäh- rigen Türkisch stämmigen und 38 Prozent der Aussiedler in dieser Alters- gruppe sind Mitglied in einem Sport verein. In den älteren Segmenten sind es tendenziell weniger, aber immerhin noch zwischen 20 (Aussiedler) und 30 Pro- zent (Türkisch stämmige). In den sehr wenigen Fällen sind dabei die Befragten mit Migrations hintergrund unter sich. So sind in allen Sport vereinen zwar auch Mitglieder mit der gleichen Herkunft zu finden, die Mehrheit stellen sie aber nur in wenigen Fällen – 11 Prozent bei den türkisch stämmigen Befragten und 5 Prozent bei den Aussiedlern. 76 Tabelle 5.15: Mitgliedschaft in Vereinen (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Vereins mitglied schaft Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Sportverein 41 30 36 38 20 28 … auch „Lands leute“ 35 22 29 29 15 21 … mehr als die Hälfte 14 8 11 7 3 5 Kirche/religiöse Gruppe 8 6 7 5 7 6 … auch „Lands leute“ 7 4 5 3 7 5 … mehr als die Hälfte 6 4 5 2 5 3 Politische Gruppe 2 4 3 3 1 2 … auch „Lands leute“ 1 1 1 3 1 2 … mehr als die Hälfte 0 1 1 1 1 1 Andere als Sport vereinsaktivitäten spielen im Übrigen so gut wie keine Rolle. Kirch liche und religiöse Gruppen werden von 7 bzw. 6 Prozent der Be fragten regelmäßig besucht, hier deutet sich an, dass der Migrations hinter- grund dabei eine starke Gemeinsam keit der Mitglieder sein könnte. Da aber die Anteile insgesamt sehr klein sind, er lauben sie an dieser Stelle keine detaillierte Analyse. Politische Gruppen haben mit 3 bzw. 2 Prozent nur eine marginale Bedeu tung im sozialen Alltag der Befragten. Nicht faktisch, sondern projektiv gefragt, also weniger auf die eigene Per- son als mehr auf die ethnische Gemein schaft bezogen, zeigt die Bewer tung des Umgangs mit deutschen Freunden und Bekannten, wie die Einstel lung zur Mehrheits gesell schaft aus fällt (Tabelle 5.16). Wie man sieht – und vor dem Hintergrund der vielfältigen individuellen Kontakte auch er warten konnte –, fällt diese Bewer tung durch weg positiv aus. 75 bzw. 82 Prozent der Befragten in den jeweiligen Teilstichproben „finden es gut“, wenn die eigenen Lands- leute viele deutsche Freunde und Bekannte haben. Tabelle 5.16: Einstellung zur sozialen Interaktion („finde ich gut“ Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Freunde und Bekannte Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Lands leute mit vielen deutschen Freunden oder Bekannten 72 78 75 82 82 82 Lands leute, die eine(n) Deutsche(n) heiraten 31 40 36 57 68 63 Einen Schritt weiter geht dann die projektive Frage nach der Einheirat in die deutsche Mehrheits gesell schaft. Die Antworten fallen in beiden Popula tionen deut lich kritischer aus. Bei den Befragten mit türkischem Migrations- hintergrund sagen ledig lich 36 Prozent, dass sie es gut finden, wenn ihre 77 Lands leute eine(n) Deutsche(n) heiraten, in der Teilstichprobe der Aussiedler sind es mit 63 Prozent deut lich mehr als in der türkischen Stichprobe, aber eben falls deut lich weniger als auf die Frage nach Freund schaft und Bekannt- schaft. Einstel lungen zur deutschen Mehrheits gesell schaft Das Ver trauen in deutsche Institu tionen ist groß (Tabelle 5.17). An der Spitze der Ver trauens rangliste stehen in beiden Popula tionen deutsche Ärzte und Kranken häuser (86 bzw. 82 Prozent), gefolgt von deutschen Schulen (76 bzw. 82 Prozent). Das deutsche Fernsehen als „ver trauens würdige Institu tion“ nimmt eben falls – zumindest bei den türkisch stämmigen Befragten – einen hohen Rang ein (72 Prozent) und liegt in beiden Popula tionen vor den Tages zeitun- gen. Abgeschlagen übrigens sind in diesem Ver gleich die deutschen Parteien mit 39 Prozent bei Befragten mit türkischem Migrations hintergrund bzw. 37 Pro zent bei den Aussiedlern. Die Ranglisten gleichen sich sehr im Ver gleich der zwei Stichproben. Eine erheb liche Abweichung in der Bewer tung der Ver trauens würdig keit zeigt sich eigent lich nur in Bezug auf die deutsche Bundes wehr. Diese kommt bei den Befragten der Aussiedler stichprobe ver gleichs weise besser an als bei den türkisch stämmigen Befragten (72 Prozent bzw. 61 Prozent). Tabelle 5.17: Vertrauen in deutsche Einrichtungen („sehr/etwas“ Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Deutsche Einrich tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 14–19 J. nw = 124* 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 270 14–19 J. nw = 111* 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 282 Ärzte und Kranken häuser 83 88 86 90 77 82 Schulen 76 75 76 86 80 82 Fernsehen 71 72 72 71 62 66 Polizei und Gerichte 68 74 71 81 75 77 Behörden am Wohnort 59 70 65 74 66 69 Zeitun gen 60 63 62 72 63 66 Gewerk schaften 59 62 60 66 61 63 Bundes wehr 57 64 61 80 67 72 Deutsche Parteien 37 40 39 48 30 37 * Die Frage wurde 12- und 13-Jährigen nicht gestellt. Insgesamt stehen die Jugend lichen und jungen Erwachsenen der deutschen Politik und ihren Akteuren eher skeptisch gegen über (Tabelle 5.18). 78 Tabelle 5.18: Einstellungen zur deutschen Politik (Statements) („voll und ganz/weit gehend“ Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 14–19 J. nw = 124* 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 270 14–19 J. nw = 111* 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 282 Die deutschen Politiker kümmern sich darum, was Leute wie ich denken 30 25 27 35 27 30 Ich traue mir zu, in einer poli - tischen Gruppe eine aktive Rolle zu über nehmen 40 38 39 21 13 16 Leute wie ich haben Einfluss darauf, was die deutsche Regie rung tut 45 39 42 33 23 27 * Die Frage wurde 12- und 13-Jährigen nicht gestellt. So gleicht sich das Bild bei der Einschät zung der Interessen vertre tung durch die deutschen Politiker. 30 Prozent der befragten Aussiedler fühlen sich gut ver treten, bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund sind es 27 Prozent. Sehr unter schied lich dagegen werden die Statements zur aktiven Beteili gung an und zum Einfluss auf die deutsche Politik in den zwei Teil- stichproben bewertet. In der türkisch stämmigen Teilstichprobe ist das Ver- trauen in die eigenen politi schen Fähig keiten mit 39 Prozent relativ stark aus- geprägt, ebenso das Ver trauen darauf, Einfluss auf die deutsche Regie rung nehmen zu können (42 Prozent). Unter den Spät aussiedlern herrscht weniger Zuversicht. Ledig lich 16 Prozent der Befragten in dieser Teilstichprobe trauen sich eine aktive Rolle in einer politi schen Gruppe zu, und 27 Prozent schätzen die Einfluss möglich keiten auf die deutsche Regie rung positiv ein. Dabei sind die jungen Befragten bis 19 Jahre, vor allem in der Stichprobe der russischen Aussiedler deut lich optimisti scher als die 20- bis 29-Jährigen. Wie stark das Interesse auf der einen Seite für den Herkunfts kontext und auf der anderen Seite für den deutschen Ankunfts kontext ist, zeigt Tabelle 5.19. Die Befragten beider Stichproben wurden gefragt, inwieweit sie sich für aktuelle Ereignisse und das politi sche Geschehen in ihrem Herkunfts land und in Deutsch land interessieren. Die Strukturen sind eindeutig und im Hinblick auf die zwei Teilstichproben durch aus unter schied lich. 79 Tabelle 5.19: Informationsbedürfnisse („sehr/etwas“ Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Informations bedürfnisse Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Aktuelle Ereignisse im Herkunfts land 81 88 84 60 58 59 Aktuelle Ereignisse in Deutschland 73 79 76 73 86 80 Aktuelle Ereignisse „hier in der Gegend“ 82 83 82 83 78 80 Politisches Geschehen im Herkunfts land 65 82 73 40 53 48 Politisches Geschehen in Deutschland 57 76 66 59 76 68 Politisches Geschehen „hier in der Gegend“ 65 74 70 62 62 62 Die Spät aussiedler richten den Schwerpunkt ihrer Informations bedürfnisse ganz eindeutig auf den deutschen Kontext und dabei gleichermaßen auf das nationale und das lokale Umfeld (jeweils 80 Prozent interessieren sich für aktuelle Ereignisse in Deutschland und in ihrer Gegend). Der Wert für das Interesse an Informa tionen aus dem Herkunfts land fällt dagegen mit 59 Pro- zent deut lich ab. Das gleiche Resultat zeigt sich – wenn auch auf niedrigerem Niveau – für das politi sche Geschehen. Die Werte für Deutschland und die lokale Politik liegen bei 68 bzw. 62 Prozent, während das politi sche Geschehen in der ehemaligen Sowjetunion mit weitaus weniger Interesse ver folgt wird (48 Prozent). Trotzdem muss man aber fest halten, dass dieses Interesse nach wie vor vor handen ist – auf gegeben wird es von den befragten Jugend lichen nicht. Im Übrigen zeigen sich hier wieder starke Unterschiede zwischen den Alters gruppen, die nationale Perspektive interessiert die älteren Befragten ab 20 Jahre sehr viel mehr als die jüngeren. Das Interesse der türkischen Befragten an aktuellen Ereignissen in der Türkei und türkischer Politik ist ungleich größer. 84 Prozent der Jugend lichen und jungen Erwachsenen interessieren sich für aktuelle Ereignisse aus ihrem Herkunfts land, das sind mehr als für aktuelle Ereignisse in Deutschland (76 Pro zent) und etwa genauso viele wie für aktuelle lokale Ereignisse (82 Pro- zent) – und das ohne nennens werte Unterschiede zwischen den Alters gruppen. Und auch das politi sche Geschehen wird mit gleich starkem Interesse in der Türkei und auf lokaler Ebene in Deutschland ver folgt (73 bzw. 70 Prozent). Das Interesse für nationale deutsche Politik fällt dagegen gering fügig ab (66 Pro zent). Und auch hier kann man einen Unterschied zwischen den Alters- gruppen aus machen. Die jüngeren Befragten zeigen ein deut lich geringeres politi sches Interesse (für Deutschland und für die Türkei) als diejenigen Be- fragten, die älter als 20 Jahre sind. 80 Den Übergangs bereich zwischen pauschalen Informations bedürfnissen und konkreter Medien nutzung bildet die Frage nach der Relevanz medialer und interpersonaler Quellen für Informa tionen aus dem Herkunfts land bzw. Deutsch land (Tabelle 5.20). Tabelle 5.20: Informationsquellen („sehr/etwas“ Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Informations quellen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Aktuelle Ereignisse im Herkunfts land Deutsch sprachige Medien 71 76 73 64 64 64 Medien in der Herkunfts - sprache 77 87 82 53 59 56 Freunde, Ver wandte etc. 83 88 85 70 73 72 Aktuelle Ereignisse in Deutschland Deutsch sprachige Medien 77 75 76 77 85 82 Medien in der Herkunfts - sprache 69 69 69 43 41 42 Freunde, Ver wandte etc. 81 77 79 73 84 80 Dabei ist vor allem die „gegen läufige“ Informations suche interessant, also wie stark etwa türkisch- bzw. russisch sprachige Medien genutzt werden, um sich über Deutschland zu informieren und um gekehrt. In der türkischen Teil- stichprobe werden türkisch sprachige Medien als relevante Informations quellen für beide Informations bedürfnisse an gegeben, allerdings werden deutsch spra- chige Medien für Ereignisse in Deutschland (76 Prozent gegen über 69 Prozent) und türkisch sprachige Medien für Ereignisse in der Türkei bevor zugt (82 Pro- zent gegen über 73 Prozent). Bei den Spät aussiedlern ist das Bild weitaus weni- ger symmetrisch. Deutsch sprachige Medien stehen auch dann im Vordergrund, wenn es um Informa tionen aus dem Herkunfts kontext geht (64 Prozent) und werden nicht nur für Informa tionen aus Deutschland genutzt (82 Prozent). Die Werte für russisch sprachige Medien als Informations quellen sind sowohl für Informa tionen aus der ehemaligen Sowjetunion (56 Prozent) als auch für Informa tionen aus Deutschland (42 Prozent) erheb lich geringer. Viel interessanter ist in diesem Zusammen hang aber vielleicht die heraus- ragende Bedeu tung der interpersonalen Kommunika tion. In fast allen Feldern, für Informa tionen aus Deutschland für die türkisch stämmigen Befragten (79 Pro zent), für Informa tionen aus der Türkei (85 Prozent der türkisch stäm- migen Befragten), für Informa tionen aus der ehemaligen Sowjetunion (72 Pro- zent der Aussiedler) sind Gespräche mit Freunden, Bekannten und Ver wandten die bevor zugte Informations quelle, zum Teil genauso häufig, zum Teil häufiger genannt als herkunfts sprach liche und deutsche Medien. 81 5.4 Medien ausstat tung Das Fernsehen ist allgegen wärtig. Es ist nach wie vor das Massen medium, das in fast allen Haushalten vor handen und im Alltag jedes Befragten präsent ist, ganz gleich in welcher Alters gruppe und mit welchem Migrations hinter- grund (Tabelle 5.21). Tabelle 5.21: Medienausstattung im Haushalt: Klassische Massenmedien (Mehrfachnen- nung, in Prozent, gew.) Ausstat tung/Haushalt Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehgerät 99 97 98 97 94 96 Radiogerät 52 58 55 74 58 65 Zeitungs abonnement 15 14 15 28 12 19 Internet zugang 92 93 93 93 88 90 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Die Prozent werte schwanken knapp unter halb der 100-Prozentmarke zwi- schen 96 und 99 Prozent. Folgt man der Ansicht, dass ein Internet zugang als Medien platt form genutzt werden kann und es sich damit um ein Ausstattungs- merkmal der Medien umge bung handelt, dann muss man konstatieren, dass das Internet nahe daran ist, die Ver breitungs werte des Fernsehens zu er reichen. In beiden Teilstichproben liegen die Prozent werte für einen Internet zugang im Haushalt an oder über der 90-Prozentmarke. Dagegen fallen die anderen, konven tionellen Mediengat tungen stark ab – ein Trend, der schon aus anderen Umfragen unter Migranten bekannt ist. Am schlechtesten schneidet in dieser Hinsicht die Abonnements zeitung ab, wobei sicher berücksichtigt werden muss, dass ein Zeitungs abonnement sich typi- scher weise auf eine deutsche Zeitung bezieht und damit ein wesent licher Teil mög licher Zeitungs zugänge für Menschen mit Migrations hintergrund nicht erfasst wird, denn einzeln am Kiosk gekaufte Exemplare herkunfts sprach- licher Boulevard- oder Sport zeitun gen werden so nicht erhoben, sie sind als (Auslands-)Abonnement oft nicht verfüg bar. Insgesamt geben 15 Prozent der türkisch stämmigen Befragten an, ein Zeitungs abonnement im Haushalt zu haben, bei den Aussiedlern sind es 19 Prozent. Das Radiogerät liegt in diesem Ver gleich zwar noch vor der Zeitung, ist aber im Hinblick auf die vor handenen Fernseh- und Internetinfrastrukturen ab geschlagen. Bei den Befragten, die aus der Türkei stammen, sind es 55 Pro- zent, die ein solches Gerät im Haushalt haben, bei den Aussiedlern sind es mit 65 Prozent gering fügig mehr – vielleicht ein Hinweis auf eine etwas höhere deutsche Sprachkompetenz, wenn man davon aus geht, dass Radiogeräte in der Mehrzahl noch an lokale und regionale oder zumindest nationale Ver brei- 82 tungs gebiete deutscher Radiosender gebunden sind (im Gegensatz zu digital ver brei teten Internetradios ohne Gebiets- und Frequenzbin dung). Der Blick auf die Haushalts ausstat tung der Befragten mit techni schen Ab- spielmöglich keiten zeigt für die unter schied lichen Medientypen auch unter- schied liche Ver breitungs grade moderner oder konven tioneller Wieder gabe- technik (Tabelle 5.22). Tabelle 5.22: Medienausstattung im Haushalt: Massen- und Funktionsmedien (Mehrfach- nen nung, in Pro zent, gew.) Ausstat tung/Haushalt Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Videorekorder 51 40 46 68 51 59 DVD-Rekorder 60 46 53 60 50 54 FP-Rekorder 12 24 18 25 18 21 MP3-Player/iPod 78 52 66 88 65 75 Walkman/Discman 13 15 14 17 15 16 Computer 95 91 93 96 91 93 Spielkonsole 65 38 52 55 37 45 Mobile Spielkonsole 48 23 35 40 19 28 Handy 99 96 98 98 97 98 Bei den türkisch stämmigen Befragten dominiert für die Bewegtbildauf- zeich nung und Wiedergabe der DVD-Rekorder (53 Prozent), gefolgt vom Video rekorder. Fest platten rekorder spielen mit 18 Prozent dagegen eine unter- geordnete Rolle. Bei den Spät aussiedlern steht der Videorekorder mit 59 Pro- zent auf oder über dem Niveau des DVD-Rekorders (54 Prozent), aber auch hier setzt sich der Fest platten rekorder mit 21 Prozent (noch) nicht durch – vielleicht wegen der häufig fehlenden Möglich keit, auch mobile Medien (DVD, CD, Speicherkarte) wieder geben zu können. Für die Audiomedien wieder gabe gilt: MP3-Player und andere fest platten- gestützte Wiedergabegeräte dominieren die konven tionellen CD- und Kassetten- abspielgeräte. 66 Prozent der türkisch stämmigen Befragten ver fügen im Haus- halt über mindestens einen MP3-Player, bei den Jüngeren zwischen 12 und 19 Jahren sind es sogar 78 Prozent – der Walk-/Discman liegt weit ab ge schla- gen mit ca. 14 Prozent dahinter. In der Teilstichprobe der Spät aussiedler ist der Unterschied noch deut licher. Hier leben drei Viertel der Befragten in Haus- halten mit mindestens einem MP3-Player, 16 Prozent ver fügen über einen Walk-/Discman. Computer sind häufig noch eine Vorausset zung für den Internet zugang, und deshalb ist die große Zahl der PCs in den Haushalten vor dem Hintergrund der weit ver brei teten Internetanschlüsse (s. o.) auch erwart bar. Die Quote der Computerhaushalte liegt zwischen 91 und 96 Prozent, die Schwan kungen zwischen den Teilpopula tionen und in den Subgruppen sind gering. Konsolen 83 als Spezialhardware für Spiele sind dagegen vor allem bei der jüngeren Alters- gruppe beliebt. Bei den 12- bis 19-jährigen Befragten mit türkischem Migra- tions hintergrund sind es 65 Prozent der Haushalte, bei den Spät aussiedlern der gleichen Alters gruppe 55 Prozent. In der älteren Alters gruppe der 20- bis 29-Jährigen sind die Zahlen zwar niedriger, aber nicht extrem, so dass im Stichproben mittel 52 bzw. 45 Prozent der Haushalte über eine Spiel konsole ver fügen. Unangefochten auf Platz 1 der Ausstattungs liste liegen die Mobiltelefone. Es gibt in der Stichprobe so gut wie keinen Haushalt, in dem nicht mindestens ein Mobiltelefon verfüg bar ist. Da das Handy, zumindest die Geräte der neuesten Genera tion, sich inzwischen zu multimedialen Platt formen für alle möglichen massen medialen und individuellen Kommunikations vorgänge ent- wickelt haben, sind solche Ver breitungs zahlen nicht mehr über raschend. Den- noch kann man mit Blick auf die Ausstattungs quoten mit Medien empfangs- und Medien nutzungs geräten konstatieren, dass die Haushalte mit Migra- tions hintergrund in dieser Stichprobe weitest gehend nicht von einer „digitalen“ Kluft betroffen sind – die Daten ent sprechen weitest gehend den Ausstattungs- merkmalen deutscher Haushalte ohne Migrations hintergrund. Dieses Bild wird man im Hinblick auf die Befragten noch genauer zeichnen können, wenn man sich die individuelle Medien- und Kommunikations ausstat tung vor Augen führt, was wir – nach einem Blick auf die Fernsehempfangs situa tion der Haus- halte – auch tun werden. Fernsehprogramme kann man heute – auch auf einem konven tionellen Fern- sehgerät – auf sehr vielen unter schied lichen Wegen empfangen. Tabelle 5.23 zeigt jedoch, dass die analoge, terrestri sche Variante, also mit einer Antenne am Gerät oder im Haus, selten geworden ist. Tabelle 5.23: Fernsehempfangssituation (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Fernsehempfang/ HH Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehgerät im HH 99 97 98 97 94 96 Kabelanschluss 34 35 34 36 36 36 … mit Digital receiver 24 19 21 17 13 15 Satelliten empfang 59 65 62 62 62 62 … mit Digital receiver 49 56 52 53 50 51 Antenne 13 5 9 11 7 9 … mit Digital receiver 6 1 3 2 1 1 Abo-Fernsehen 26 22 24 13 9 11 Empfang herkunfts sprach - licher Programme möglich 87 81 84 74 60 66 In beiden Teilstichproben kommt Fernsehen nur noch in 9 Prozent der Fälle über eine terrestri sche Antenne in die Haushalte, und wenn man es genau 84 nehmen will, muss man davon noch diejenigen Haushalte ab ziehen, die zwar via Antenne, aber mit einer Set-Top-Box digitales terrestri sches Fernsehen empfangen (DVB-T), auch wenn das bei den Befragten noch sehr selten der Fall ist (zwischen 1 und 6 Prozent). Dagegen sind Satelliten empfangs anlagen weit ver breitet – in beiden Stichproben liegt der Anteil bei 62 Prozent, und der weitaus größte Teil ermög licht den Empfang digitaler Programme (und damit eben eine Ver vielfachung des Programmangebotes und die Möglich- keit, auch viele fremdsprachige Programme zu empfangen). Der Kabelanschluss über eine Ver breitungs gesell schaft oder einen Telekommunikations anbieter ist der zweihäufigste Weg, Fernsehprogramme zu empfangen, und auch hier nutzt ein großer Teil der Befragten schon die digitale Variante – 21 Prozentpunkte von 34 Prozent bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund und 15 Prozentpunkte von 36 Prozent bei den Aussiedlern. Alles zusammen genommen ver fügen 76 Prozent der Befragten aus der türkisch stämmigen Stichprobe über eine digitale Empfangs möglich keit und 67 Prozent der russischen Aussiedler. Das schlägt sich dann auch in der Möglich keit nieder, Fernsehprogramme aus dem Herkunfts kontext empfangen zu können. Diese Möglich keit ent spricht für die Aussiedler mit 66 Prozent ziem lich genau der Digitalisierungs quote, in der anderen Teilstichprobe wird diese mit 84 Prozent noch über troffen, was mit der Einspei sung türkisch- sprachiger Programme auch in die analogen Kabelnetze in Nordrhein-West- falen zusammen hängt. Darüber hinaus nutzen 24 Prozent der Haushalte der Befragten in der türkisch stämmigen Teilstichprobe die Möglich keit, über die digitalen Empfangs wege auch bezahltes Abonnements fernsehen zu empfangen, ein relativ hoher Wert im Ver gleich zur Quote in der anderen Teilstichprobe (11 Prozent). Man kann die Betrach tung der individuellen Medien welten der Befragten noch ein bisschen fokussieren, wenn man von der Ausstat tung der Haushalte auf die individuelle Verfüg bar keit bzw. den Besitz der techni schen Infra- struktur zur Medien nutzung über geht. In Tabelle 5.24 sind die wichtigsten Massen medien und Nutzungs platt formen für Individual- und Funktions medien zusammen gefasst. Auf den ersten Blick fällt auf, dass das Fernsehgerät beim Übergang zur individuellen Perspektive an Bedeu tung ver liert. Fernsehen ist unter den Be- fragten beider Teilstichproben weniger an die Person als an den Haushalt ge- knüpft – ganz im Gegensatz zum Mobiltelefon. So ver fügen ledig lich 68 Pro- zent der türkisch stämmigen Befragten über einen eigenen Fernseher (12- bis 19-Jährige: 58 Prozent), ein Wert der etwa auf dem Niveau der Besitzquote für die jugend lichen Aussiedler liegt (63 Prozent, 12- bis 19-Jährige: 58 Pro zent). In eine ähnliche Richtung weist der Besitz von Computern. Die Prozent- werte für den individuellen Besitz sind erheb lich kleiner als die Haushalts- quoten, wenn auch nicht ganz so stark rückläufig wie die Ver gleichs werte für 85 Fernsehgeräte. 74 Prozent der Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit türkischem Migrations hintergrund und 67 Prozent der Spät aussiedler geben an, über einen eigenen Computer zu ver fügen. Dabei sind die Werte bei dieser letzt genannten Gruppe in den Alters segmenten sehr konstant (65 bzw. 68 Pro- zent), während es in der anderen Teilstichprobe große Unterschiede zwischen den jüngeren (66 Prozent) und den älteren Befragten (82 Prozent) gibt. Tabelle 5.24: Individuelle Medienausstattung der Befragten (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Ausstat tung/Befragte(r) Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehgerät 58 79 68 58 67 63 Radio 25 42 33 34 31 32 Zeitungs abonnement* 15 14 15 28 12 19 Computer 66 82 74 65 68 67 Internetzugang 56 77 66 48 57 53 Handy 89 92 90 93 88 90 Spiel konsole 44 31 38 37 30 33 Mobile Spiel konsole 33 17 25 25 14 19 Videorekorder 17 26 21 17 25 22 DVD-Rekorder 23 19 21 19 10 14 MP3-Player/iPod 68 48 59 81 55 66 * Die Daten sind identisch mit denjenigen aus Tabelle 5.21 und werden hier nur der Vollständigkeit halber wieder- holt – Zeitungsabonnements wurden nicht als individuelles Ausstattungsmerkmal erfasst. Für die Ausstat tung der Befragten mit Mobiltelefonen zeigt die Tabelle vor allem zwei Befunde: Erstens ist das Handy auf Rang 1, was die Ver brei tung in den Stichproben angeht, kein Gerät ist häufiger im Besitz der Befragten als das trag bare Telefon (90 Prozent in beiden Stichproben). Und zweitens ist das Handy das Gerät, das am stärksten „individualisiert“ ist, denn die Prozent- werte für die einzelnen Befragten zeigen die geringste Abweichung von den quasi gesättigten Ausstattungs quoten für die Haushalte, und dies gilt konstant über alle Alters segmente in beiden Teilstichproben. Die Frage, inwieweit sich diese zwei Befunde auch auf die Nutzung des Mobiltelefons über das Tele- fonieren hinaus aus wirken, kann an dieser Stelle noch nicht beantwortet wer- den (vgl. dazu den nächsten Abschnitt). Eben falls hoch im Kurs stehen MP3-Player unter den individuellen Aus- stattungs merkmalen, vor allem bei den jüngeren Befragten bis 19 Jahre. Bei den Spät aussiedlern geben in dieser Gruppe 81 Prozent an, ein eigenes Gerät zu besitzen, im Durchschnitt der Teilstichprobe sind es knapp zwei Drittel der Befragten (66 Prozent). Bei der anderen Teilstichprobe sind die Werte ähnlich hoch (68 Prozent für die 12- bis 19-Jährigen und 59 Prozent in der gesamten Teilstichprobe der türkisch stämmigen Befragten). Radiogeräte laufen – ebenso 86 wie auf Haushalts ebene „unter ferner liefen“. Die Besitzquote liegt in beiden Popula tionen bei etwa einem Drittel der Befragten und damit auf dem Niveau der Spiel konsolen, allerdings noch vor DVD- und Videorekordern, die Werte zwischen 14 und 26 Prozent, je nach Alters gruppe er reichen. Zusammen fassend kann man für die Medien ausstat tung der befragten Ju- gend lichen und jungen Erwachsenen konstatieren, dass von den klassi schen, eindeutig auf Massen kommunika tion fest gelegten Geräten der Fernseher noch immer am weitesten ver breitet ist, dass aber andere Geräte, die zum Teil schon die Möglich keit für die Nutzung der gleichen Inhalte bieten, zum Teil noch weiter ver breitet sind. Der Computer, insbesondere mit Internetanschluss, und das Mobiltelefon als multimediale Platt formen für audio-visuelle Inhalte sind eindeutig stärker präsent in den Medien umwelten der Befragten. Das muss sich nicht un bedingt auf den Medien konsum, die konkrete Nutzung der Massen medien aus wirken. Schließ lich ist das Fernsehen am Computer auch Fernsehen, aber es kann eben auch bedeuten, dass etwa Inhalte von Inter net- platt formen stärker in das Medien nutzungs menü drängen als das bei vor heri- gen Genera tionen der Fall war. Das ist übrigens kein migrations spezifi scher Befund. Er gilt auch für Jugend- liche ohne Migrations hintergrund, oder besser: für Jugend liche mit und ohne Migrations hintergrund. Ein Ver gleich mit Daten aus der JIM-Studie (JIM 2008) zeigt bezüg lich der Ausstattungs merkmale keine gravierenden Unterschiede bzw. Besonder heiten zwischen dem jüngsten Bevölkerungs segment aus Zu- wander erfamilien und deutschen Jugend lichen – wir werden auf den Ver gleich mit externen Daten noch zurück kommen (vgl. Kapitel 8). 5.5 Massen medien und soziale Integra tion In diesem Abschnitt steht die Nutzung der konven tionellen Massen medien Fernsehen, Radio und Zeitung lesen im Vordergrund. Wir fassen in diesem Zusammen hang zunächst aus pragmati schen Gründen die Internetnut zung pauschal mit unter diesen Medien nutzungs begriff, auch wenn klar ist, dass es „die Internetnut zung“ nicht gibt und die interpersonale Kommunika tion durch E-Mail und Chat mindestens einen genauso hohen Stellen wert hat, wie die eher massen mediale Nutzung von Web-Seiten zur Informa tion und/oder Unter- hal tung. Im Abschnitt 5.6 werden wir der Funktions nutzung von Computer, Internet, Handy und Spielen diesbezüg lich noch genauer auf den Grund gehen, auch wenn wir – der Vollständig keit halber und des besseren Überblicks wegen – schon hier einige der pauschalen Nutzungs daten mit betrachten. Im zweiten Teil dieses Abschnittes werden wir dann auf kurzem Wege der Frage nach Korrela tionen zwischen Medien nutzung und Integra tion insbesondere sprachgebundenen Medien umgangs und ethnischer Identität nach gehen. 87 Medien nutzung Auf einer pauschalen Ebene, d. h. ohne weitere Berücksichti gung der genutzten Inhalte, zeigt sich bei der Betrach tung der Stammnutzer daten, dass die im vor herigen Abschnitt dargestellten Ausstattungs merkmale gute Prädiktoren für den Umfang der Nutzung der ver schiedenen Medien sind (Tabelle 5.25). Tabelle 5.25: Mediennutzung (Stammnutzer*) (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehen 92 85 88 86 84 85 Radio 16 35 25 34 51 44 Zeitung 18 39 28 12 27 20 Internet 69 66 67 73 68 70 Computer 60 62 61 71 66 68 Handy 79 84 81 75 75 75 Spiele PC/Konsole 30 8 19 28 9 17 * Personen, die angeben, das Medium an 4, 5, 6 oder 7 Tagen einer normalen Woche zu nutzen. Unter den konven tionellen Massen medien steht das Fernsehen auf dem ersten Platz der Nutzungs rangliste. 88 Prozent der türkisch stämmigen Be- fragten und 85 Prozent der jungen Aussiedler nutzen an mindestens 4 Tagen einer normalen Woche das Fernsehen. Die Schwan kungen in den zwei tabel- lier ten Alters segmenten sind dabei in beiden Teilstichproben nicht besonders groß, dem Fernsehen wenden sich alle Befragten gleichermaßen häufig zu. Die Bedeu tung von Radio und Zeitung bleibt dahinter deut lich zurück. In der Popula tion der Personen mit türkischem Migrations hintergrund kann man die Ränge von Hörfunk und Presse kaum noch unter scheiden. Das Radio wird von 25 Prozent, die Zeitung von 28 Prozent der Befragten regelmäßig jede Woche an mindestens 4 Tagen genutzt, dabei stellen sich insbesondere die Jüngeren bis 19 Jahre als eher ab gewandte Radiohörer (16 Prozent) und Zei- tungs leser (18 Prozent) heraus. Bei den Spät aussiedlern wird dagegen eindeutig das Radio bevor zugt (44 Prozent Stamm hörer), Zeitung lesen fällt dagegen mit 20 Prozent Stamm leser anteil dramatisch zurück. Und auch in dieser Teil stich- probe ver lieren Radio und Tages zeitung in der Gruppe der ganz Jungen von 12 bis 19 Jahre noch einmal deut lich an Boden (Stamm hörer: 34 Prozent, Stamm leser: 12 Prozent). Nimmt man das Internet als multimediale Platt form hinzu, die zwischen den konven tionellen Massen medien und den Funktions medien steht, so zeigt sich – wie sich eben falls schon bei den Ausstattungs indikatoren andeutete –, dass die Internetnut zung in Bezug auf die zeit liche und wieder kehrende Nut- zung dem Fernsehen dicht auf den Fersen ist. 67 Prozent (Türkisch stämmige) bzw. 70 Prozent (Aussiedler) der Befragten sind Stammnutzer des Internets, 88 d. h. sind an mehr als vier Tagen pro Woche online. Und die Werte schwanken kaum in den Alters gruppen, d. h. – ganz anders als bei Radio und Zeitung – hat sich die Internetnut zung in allen Alters segmenten gleichermaßen durch- gesetzt, es handelt sich weder um eine Domäne der ganz Jungen noch um eine Tätig keit, die eher bei den Älteren mit eigenem Haushalt anzu siedeln wäre – die Internetnut zung ist auf dem Wege, ebenso wie das Fernsehen, zum alltäg lichen Medien umgang zu werden. Computer sind das bevor zugte Werkzeug für die Internetnut zung, in der Stichprobe gehen die Werte für die Stammnutzer schaften des Computers allerdings kaum über diejenigen der Internetnut zung hinaus. In Abschnitt 5.6 werden wir den Inhalten und Funktionen bei der Computernut zung noch genauer auf den Grund gehen. Das Mobiltelefon ist trotz seiner zunehmenden multimedialen Fähig keiten wohl noch in erster Linie ein Telefon. Inwieweit hier Massen kommunikations prozesse vor liegen, muss eben falls im nächsten Abschnitt genauer betrachtet werden. Was die reine Nutzungs frequenz betrifft, so kann man fest halten, dass der Stammnutzer anteil in beiden Teilstichproben bei (Aussiedler) bzw. über (Türkisch stämmige) drei Viertel der jeweiligen Gesamtstichprobe liegt – eben falls ohne große Schwan kungen zwischen den Alters gruppen. Spiel konsolen nutzung spielt dagegen vor allem bei den jünge- ren Befragten (in beiden Popula tionen gleichermaßen) eine er wähnens werte Rolle. Dort liegen die Anteile für Stammnutzer bei 30 bzw. 28 Prozent, was zusammen mit der marginalen Nutzung in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen zu Durchschnitts werten von 19 bzw. 17 Prozent für „Stamm spieler“ führt. Wenn man die quantitative Medien nutzung der beiden jungen Migranten- popula tionen unter Bildungs gesichtspunkten differenziert, sieht man in beiden Stichproben über einstimmend eine ver gleichs weise große „Bildungs kluft“ in der Nutzung der Individualmedien Internet, PC und Handy (Tabelle 5.26). Tabelle 5.26: Mediennutzung (Stammnutzer) nach Bildung (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Medien gat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler Haupt- schule nw = 80 Real- schule nw = 101 Abitur nw = 110 Gesamt* nw = 302 Haupt- schule nw = 77 Real- schule nw = 131 Abitur nw = 89 Gesamt** nw = 303 Fernsehen 94 91 83 88 87 84 83 85 Radio 17 22 36 25 44 42 47 44 Zeitung 21 26 39 28 27 18 19 20 Internet 54 67 81 67 58 67 83 70 Computer 41 64 76 61 56 68 80 68 Handy 73 82 91 81 67 72 87 75 Spiele PC/Konsole 29 20 12 19 18 17 17 17 ** Fehlende Werte: n = 11 (kein Abschluss) ** Fehlende Werte: n = 6 (kein Abschluss) 89 Die Stammnutzungs werte nehmen exakt am Bildungs status ent lang zu, sie liegen bei den Gymnasiasten bzw. Abiturienten in der Regel 20 und mehr Prozentpunkte über denen der anderen Bildungs gruppen. Bei den türkisch- stämmigen Gymnasiasten kommen noch eine geringere Fernseh- und Spiele- nutzung sowie eine höhere Radio- und Zeitungs nutzung dazu. Diese Diffe- renzen sind bei den jungen russischen Aussiedlern nicht fest zustellen, Im Gegen teil, bei den Haupt schülern findet man mehr Zeitungs leser als bei den Gymnasiasten (was allerdings durch die Drittvariablen Alter und Geschlecht begründet sein kann). Bei der Differenzie rung der quantitativen Medien nutzung nach Geschlecht zeigt sich, dass dieser „Milieu-Faktor“ in der Stichprobe der türkisch stäm- migen Befragten sehr viel wichtiger ist als bei den russischen Aussiedlern (Tabelle 5.27). In der letzt genannten Gruppe findet man nur zwei geschlechts- spezifi sche Differenzen: sehr viel mehr männ liche als weib liche Computer- spieler (28 zu 7 Prozent) und etwas mehr männ liche Zeitungs leser. In der türkisch stämmigen Stichprobe wenden sich die weib lichen Befragten vor allem stärker als die Jungen bzw. Männer dem Fernsehen zu (95 zu 83 Prozent). Spiele (27 zu 10 Prozent), Computer (68 zu 54 Prozent) sowie Internet und Zeitungs lektüre sind dagegen eher männ liche Medien nutzungs domänen. Tabelle 5.27: Mediennutzung (Stammnutzer) nach Geschlecht (Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler männ lich nw = 157 weib lich nw = 145 Gesamt nw = 302 männ lich nw = 152 weib lich nw = 151 Gesamt nw = 303 Fernsehen 83 95 88 86 84 85 Radio 23 28 25 44 44 44 Zeitung 33 24 28 24 16 20 Internet 72 62 67 72 69 70 Computer 68 54 61 69 66 68 Handy 80 83 81 74 76 75 Spiele PC/Konsole 27 10 19 28 7 17 Mit Blick auf die Fragestel lung der Studie ist die sprachgebundene Medien- nutzung, also die differenzierte Beschrei bung der Zuwen dung zu den Massen- medien danach, in welcher Sprache sie erfolgt, besonders relevant (Tabelle 5.28). Anzunehmen ist, dass sich die in Abschnitt 5.3 dargestellten, unter schied- lichen Befunde zum Sprach verhalten und zur Sprachkompetenz der Befragten in den beiden Teilpopula tionen ent sprechend auch in den Befunden zur Medien- nutzung nieder schlagen. Die deutsch sprachigen Medien dominieren die Medien nutzung – und das gilt für jede der Teilstichproben, für jede Mediengat tung und für (fast) jede 90 Alters gruppe. Für die türkisch stämmige Teilstichprobe gilt: Fernsehen wird regelmäßig in deutscher und türkischer Sprache genutzt, mit einem leichten Vorsp rung für das deutsch sprachige Fernsehen (71 Prozent bzw. 65 Prozent). Der Blick auf die Alters gruppen dieser Stichprobe zeigt dann auch die einzige Ausnahme von der pauschalen Präferenz für die deutsch sprachigen Massen- medien: In der Gruppe der 20- bis 29-jährigen Jugend lichen und jungen Er- wachsenen liegt das deutsche Fernsehen mit einem Stamm seher anteil von 58 Pro zent hinter dem türkisch sprachigen Fernsehen mit 64 Prozent. Ins ge- samt zeigt die Tabelle recht deut lich, dass die Nutzung der türkisch sprachigen Medien den Kindern und Jugend lichen in den türkischen Familien nicht „in die Wiege gelegt“ wird, sondern erst später, größtenteils erst im eigenen Haus- halt an Bedeu tung gewinnt. Denn in der Gruppe der 12- bis 19-jährigen Be- fragten sind deut lich mehr deutsch sprachige Medien stammnutzer zu finden als in der Gruppe der 20- bis 29-jährigen Erwachsenen. Die Rang folge der Medien bleibt im Übrigen er halten: Fernsehen und Internet ganz oben auf der Liste, Zeitung und Radio eher ab geschlagen. Tabelle 5.28: Sprachgebundene Mediennutzung (Stammnutzer, Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Fernsehen (Deutsch) 82 58 71 83 80 81 Fernsehen (Türk. bzw. Russ.) 65 64 65 20 30 25 Radio (Deutsch) 11 25 18 32 50 42 Radio (Türk. bzw. Russ.) 6 13 10 2 2 2 Tages zeitung (Deutsch) 14 28 21 10 24 18 Tages zeitung (Türk. bzw. Russ.) 9 24 16 2 3 2 Internet (Deutsch) 66 52 59 71 56 63 Internet (Türk. bzw. Russ.) 25 34 29 17 36 27 Bei der Betrach tung der sprachgebundenen Medien nutzung für die Spät- aussiedler zeigt sich ein ganz anderes Bild – allerdings nicht im Hinblick auf die Rang folge der beliebtesten Mediengat tungen, sondern im Hinblick auf die Medien nutzung in der Herkunfts sprache. Diese fällt nämlich hinter der deutsch sprachigen Rezep tion deut lich zurück. Radio- und Zeitungs nutzung in russischer Sprache sind so gut wie kaum noch vor handen in dieser Gruppe, die Werte liegen unabhängig vom Alter der Befragten bei ca. 2 Prozent für Stamm leser der Tages zeitung und Stamm hörer des Radios in russischer Sprache. Bei der Fernseh- und Internetnut zung sind Unterschiede zwischen deutsch- und russisch sprachiger Nutzung weniger dramatisch, aber gleichfalls sehr deut- lich. Das deutsch sprachige Fernsehen er reicht einen Stamm seher anteil von 91 81 Prozent, das russisch sprachige Fernsehen nutzt dagegen ledig lich ein Viertel der Befragten regelmäßig. Die Internetnut zung findet für beide Teilpopula tionen gleichermaßen priori- tär in deutscher Sprache statt (59 bzw. 63 Prozent), die herkunfts sprach liche Nutzung liegt etwa bei der Hälfte dieser Anteils werte (29 bzw. 27 Prozent). Und auch hier fällt auf, dass eher die Älteren in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen gelegent lich den Blick auf russisch sprachige Portale richten, sowohl bei den Türkisch stämmigen als auch bei den Aussiedlern (34 bzw. 36 Prozent), die jüngeren Befragten interessiert das ver gleichs weise weniger (25 bzw. 17 Pro zent). Im Übrigen wird ein nicht geringer Teil der Internetnut zung vermut lich auch in englischer Sprache statt finden, die für diesen Ver gleich nicht erhoben wurde. Die größere Homogenität der sprachgebundenen Medien nutzung in der Stichprobe der jungen russischen Aussiedler wird nicht zuletzt auch dadurch bestätigt, dass sich hier nur eine geringe bildungs- und geschlechts spezifi sche Varianz zeigt (Tabelle 5.29 und Tabelle 5.30). Tabelle 5.29: Sprachgebundene Mediennutzung nach Bildung (Stammnutzer, Mehrfach- nen nung, in Pro zent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler Haupt- schule nw = 80 Real- schule nw = 101 Abitur nw = 110 Gesamt* nw = 302 Haupt- schule nw = 77 Real- schule nw = 131 Abitur nw = 89 Gesamt** nw = 303 Fernsehen (Dt.) 74 77 66 71 82 80 79 81 Fernsehen (Türk. bzw. Russ.) 69 68 56 65 25 24 25 25 Radio (Dt.) 11 12 29 18 44 38 47 42 Radio (Türk. bzw. Russ.) 9 10 8 10 – 5 1 2 Tages zeitung (Dt.) 8 18 35 21 22 17 17 18 Tages zeitung (Türk. bzw. Russ.) 15 13 19 16 5 2 2 3 Internet (Dt.) 43 63 73 59 51 60 79 63 Internet (Türk. bzw. Russ.) 27 29 33 29 26 25 30 27 ** Fehlende Werte: n = 11 (kein Abschluss) ** Fehlende Werte: n = 6 (kein Abschluss) 92 Tabelle 5.30: Sprachgebundene Mediennutzung nach Geschlecht (Stammnutzer, Mehrfach- nen nung, in Prozent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler männ lich nw = 157 weib lich nw = 145 Gesamt nw = 302 männ lich nw = 152 weib lich nw = 151 Gesamt nw = 303 Fernsehen (Deutsch) 74 67 71 82 80 81 Fernsehen (Türk. bzw. Russ.) 54 77 65 22 29 25 Radio (Deutsch) 20 16 18 43 41 42 Radio (Türk. bzw. Russ.) 5 15 10 1 4 2 Tages zeitung (Deutsch) 26 16 21 22 13 18 Tages zeitung (Türk. bzw. Russ.) 19 12 16 2 3 3 Internet (Deutsch) 66 52 59 66 60 63 Internet (Türk. bzw. Russ.) 32 27 29 24 32 27 Vor allem eine Ausnahme ist jedoch er wähnens wert: Während sich die Bildungs gruppen in der Nutzung russisch sprachiger Internetangebote kaum unter scheiden, steigt die Nutzung deutsch sprachiger Internetangebote linear mit dem Bildungs niveau an. Nur die Hälfte der Haupt schüler, aber fast vier Fünftel der Gymnasiasten nutzen deutsch sprachige Internetangebote. In der türkisch stämmigen Stichprobe ist dagegen der enge Zusammen - hang zwischen der Nutzung deutsch sprachiger Medien angebote und dem Bil- dungs grad unüberseh bar. Abgesehen vom Fernsehen steigt die Zuwen dung zu deutsch sprachigen Medien angeboten mit dem Grad der Schul bildung. Um- gekehrt hat die Schul bildung keinen durch gehenden Einfluss auf die stärkere oder schwächere Nutzung türkisch sprachiger Medien angebote. Aufschluss- reich ist auch, dass es vor allem die Mädchen und jungen Frauen in dieser Migranten gruppe sind, die sich stärker dem türkisch sprachigen Fernsehen zuwenden (77 zu 54 Prozent). Weiterführende Analysen zeigen, dass nur 9 Prozent der männ lichen, aber 28 Prozent der weib lichen türkisch stämmigen Befragten ausschließ lich türkische (und keine deutschen) Fernsehprogramme nutzen. Am Beispiel der Fernsehnut zung kann man sehr gut deut lich machen, wie die Kombinations muster im Hinblick auf die sprachgebundene Rezep tion ver- teilt sind (Tabelle 5.31). Tabelle 5.31: Sprachgebundene Fernsehnutzung (Stamm seher, in Prozent, gew.) Fernsehnut zung Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Türk. bzw. Russ. und Deutsch 55 37 46 16 25 21 Nur deutsches Fernsehen 27 21 24 67 55 60 Nur türk. bzw. russ. Fernsehen 10 27 18 3 5 4 Kein Fernsehstammnutzer 8 15 12 14 16 15 Gesamt 100 100 100 100 100 100 93 Für die Aussiedler – um für dieses Mal mit dieser Teilstichprobe zu be- ginnen – kann man eindeutig die mehr heit liche Präferenz für eine aus schließ- lich deutsch sprachige Fernsehnut zung ablesen. Der Wert für solche ent schie den deutsch sprachigen Stamm seher liegt bei 60 Prozent. Fernsehen ausschließ lich in russischer Sprache hat für diese Popula tion so gut wie keine Bedeu tung mehr (4 Prozent). Wenn es zur Gewohn heit der Befragten gehört, dann fast immer parallel und in Ergän zung zur deutsch sprachigen Fernsehnut zung – aber auch dieser Wert ist mit 21 Prozent ver gleichs weise gering. Nicht zu ver nachlässigen ist auch die Gruppe derjenigen, die weder die eine noch die andere Sprache bevor zugen, 15 Prozent der befragten Aussiedler schauen nicht (mehr) regelmäßig fern, genauer gesagt an weniger als 3 Tagen einer normalen Woche. Der Anteil der Nicht seher ist auch in der anderen Teilpopula tion mit 12 Pro- zent nicht als ver nachlässig bar zu bezeichnen, die Kombinations muster für deutsch- bzw. türkisch sprachige Fernsehnut zung sind jedoch ganz anders ge- lagert. Die größte Gruppe, die allerdings mit 46 Prozent noch knapp unter der 50-Prozentmarke liegt, ist die der Kombinierer – sie sind sowohl türkisch- als auch deutsch sprachige Fernsehstamm zuschauer. Nur deutsch sprachiges Fern- sehen nutzen weit aus weniger (24 Prozent), allerdings ist der Anteils wert in der Stichprobe immer noch höher als derjenige für die exklusiv türkisch- sprachige Fernsehnut zung mit 18 Prozent. Insgesamt gesehen spielt also das türkisch sprachige Fernsehen hier eine bedeutendere Rolle als das russisch- sprachige Fernsehen in der anderen Gruppe – vor herrschend ist die heimat- sprach liche Fernsehnut zung aber in keiner der beiden Migrations gruppen, wenn auch in unter schied lich starker Ausprä gung. Um die Analyse zu ver vollständigen, kann man die Darstel lung der sprach- gebundenen Medien nutzung auf alle vier Gattun gen (Fernsehen, Radio, Tages- zeitung und Internet) er weitern (Tabelle 5.32). Tabelle 5.32: Sprachgebundene Medienkombinationen (Fernsehen, Radio, Zeitung, Internet) (Stamm seher in Prozent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Türk. bzw. Russ. und Deutsch 69 56 63 28 47 39 Nur deutsche Medien 23 24 24 68 48 57 Nur türk. bzw. russ. Medien 4 18 11 2 2 2 Kein Stammnutzer 4 2 3 2 3 3 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Statistisch gesprochen, erhöht man damit erstens die Wahrscheinlich keit, Kombina tionen zwischen deutsch- und herkunfts sprach licher Medien nutzung auf Stammnutzer niveau zu identifizieren, und zweitens ver ringert man damit 94 die Wahrscheinlich keit für Nichtnutzer, denn es werden ja vier Medien gleich- zeitig betrachtet. Die Tabelle zeigt, dass dies jedoch an den hohen Anteils- werten für die gemischt sprach liche bzw. exklusiv deutsch sprachige Nutzung wenig ändert. Die Werte für die kombinierte herkunfts sprach liche und deutsch- sprachige Medien nutzung steigen zwar in beiden Teilpopula tionen gering fügig und die Zahl der Nichtnutzer nimmt ab. Insgesamt aber, insbesondere, was die Relevanz der Kombinations muster und die Vertei lungen innerhalb der Teilstichproben angeht, bleiben die Ver hältnisse mehr oder weniger konstant. Dies trifft besonders auf die Stammnutzer daten für eine exklusiv deutsch- sprachige Medien nutzung zu. Sie ist in der türkisch sprachigen Teilstichprobe ver gleichs weise gering, aber keines wegs marginal (24 Prozent), und in der Spät aussiedler stichprobe dominant (57 Prozent). Zusammen hänge Nimmt man in einem ersten Schritt den alltäg lichen Sprachgebrauch als starken Indikator für die soziale Interak tion in der Mehrheits gesell schaft in den Blick, zeigen sich erstens sehr deut liche Zusammen hänge zwischen All- tags sprache und Medien nutzung und zweitens sehr unter schied liche Struktu- ren dieser Zusammen hänge für die zwei Teilstichproben (Tabelle 5.33). Wie man er warten konnte, gibt es bei den türkisch stämmigen Befragten jeweils positive Zusammen hänge zwischen deutschem Sprachgebrauch und der Medien nutzung in deutscher Sprache (.19) bzw. türkischem Sprachgebrauch und türkisch sprachiger Medien nutzung (.28). Interessanter sind in diesem Zusammen hang die negativen Korrela tionen mit der jeweils anderen Sprache. So hängen deutscher Sprachgebrauch und türkische Medien nutzung negativ zusammen (–.21), ebenso wie türkischer Sprachgebrauch und deutsche Medien- nutzung (–.12). Also kann man konstatieren: Je häufiger eine der beiden Sprachen im Alltag gesprochen wird, je häufiger werden auch die Medien in dieser Sprache genutzt und je seltener werden Medien in der jeweils anderen Sprache genutzt. Dieser eindeutige, für beide Sprachen geltende Zusammen- hang ist nicht über raschend. So zeigte eine ver gleich bare Analyse für türkisch- stämmige Befragte im Alter zwischen 14 und 49 Jahren ähnliche Zusammen- hänge, übrigens eben falls mit etwas stärkeren Koeffizienten für die türkische Sprache (Trebbe 2009: 248). 95 Tabelle 5.33: Sprachgebrauch und sprachgebundene Mediennutzung (Korrelationen, r)* Sprachgebrauch, in Prozent (Familie, Freizeit, Schule/Beruf) Medien nutzung (Stammnut zung TV, Radio, Zeitung, Internet) Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Deutsch Türkisch Zweisprachig Deutsch .19 –.21 –.15 Türkisch –.12 .28 Zweisprachig .12 Russische Spät aussiedler (nw = 303) Deutsch Russisch Zweisprachig Deutsch –.53 –.38 Russisch .45 .33 Zweisprachig .16 * Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05, Wertebereich: +1.0 (starker posi tiver Zusammenhang), 0 (kein messbarer Zusammenhang) und –1.0 (starker negativer Zusammenhang), leere Zellen: statistisch nicht signifikant. Interessant ist in diesem Zusammen hang die Analyse der zweisprachigen Medien nutzung. Die Indikatoren haben hohe Werte für eine stark aus geprägte Medien nutzung in beiden Sprachen bzw. eine hohe Ausgewogen heit des deut- schen und türkischen Sprachgebrauchs im Alltag. Dabei ist Korrela tion zwi- schen diesen beiden Indikatoren eben falls nicht über raschend (.12): Wer beide Sprachen im Alltag häufig und zu etwa gleichen Teilen nutzt, wendet sich auch Massen medien häufig in beiden Sprachen zu. Auffällig ist vielmehr der negative Zusammen hang zwischen zweisprachiger Medien nutzung und dem Gebrauch von Deutsch als Alltags sprache (–.15). Er besagt, dass ein hohes Maß an Deutsch im Alltag auf Kosten der zweisprachigen Medien nutzung in beiden Sprachen geht, oder anders aus gedrückt: Die Befragten, die im Alltag viel Deutsch sprechen (müssen), konzentrieren sich häufig auch bei der Medien- nutzung auf diese Sprache. In der Stichprobe der russischen Spät aussiedler zeigt sich eine andere Struktur. Die Medien nutzung in deutscher Sprache ist bei diesen Befragten unabhängig vom alltäg lichen Sprachgebrauch. Ganz im Gegensatz zur russisch- sprachigen Medien nutzung. Diese zeigt einen stark positiven Zusammen hang mit dem Gebrauch der russischen Sprache im Alltag (.45) und einen fast ebenso großen negativen Zusammen hang mit dem deutschen Sprachgebrauch (–.53). Zusammen mit dem Befund, dass auch Zweisprachig keit im Alltag und die Nutzung der russisch sprachigen Medien positiv ver bunden sind (.16), deutet dies auf eine Ergänzungs funk tion der russisch sprachigen Medien hin – deutsche Medien sind der Alltag, russische kommen bei einigen Befragten dazu, und dies vor allem dann, wenn die russische Sprache im Alltag auch noch eine aktive Rolle spielt. In diese Richtung zeigt auch die stark negative Korrela tion zwischen der zweisprachigen Medien nutzung und dem Gebrauch der deutschen Sprache im Alltag (–.38). Eine aus geprägte Nutzung russisch sprachiger Massen- medien findet also wohl besonders bei denjenigen Befragten statt, bei denen Deutsch als Alltags sprache häufig in den Hintergrund gerückt wird. 96 Zum Zusammen hang von sozialer Interak tion, hier operationalisiert durch die Zahl der Kontakte zu deutsch- bzw. herkunfts sprachigen Freunden und Bekannten, zeigen sich weniger eindeutige Strukturen (Tabelle 5.34). Für den Kontakt mit deutsch sprachigen Freunden und Bekannten zeigen sich zwei mit den Befunden zum Sprachgebrauch ver gleich bare Zusammen hänge. Er korre- liert positiv mit der deutsch sprachigen und negativ mit der türkisch sprachigen Medien nutzung (.18 bzw. –.16). Zusätz lich zeigt sich ein Zusammen hang zwi- schen deutsch sprachiger Medien nutzung und einer stark zu beiden Sprachen orientierten Interak tion mit Freunden und Bekannten. Das kann darauf hin- deuten, dass in der türkisch stämmigen Popula tion deutsch sprachige Medien An schluss kommunika tion ermög lichen, die in den er weiterten Freundes kreisen genutzt werden kann. Tabelle 5.34: Soziale Interaktion und sprachgebundene Mediennutzung (Korrelationen, r)* Treffen mit Freunden und Bekannten Medien nutzung (Stammnut zung TV, Radio, Zeitung, Internet) Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Deutsch Türkisch Zweisprachig Deutsche Freunde/Bekannte .18 –.16 Türkische Freunde/Bekannte Dt. und türk. Freunde/Bekannte .15 Russische Spät aussiedler (nw = 303) Deutsch Russisch Zweisprachig Deutsche Freunde/Bekannte –.20 –.17 Russische Freunde/Bekannte .17 Dt. und russ. Freunde/Bekannte * Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05. In der Stichprobe der jungen Aussiedler zeigen sich vor allem Zusammen- hänge mit der Nutzung russisch sprachiger Medien – negativ mit der Inter- aktion mit deutschen Freunden (–.20) und positiv mit der Interak tion mit russisch sprachigen Freunden und Bekannten (.17); ent sprechende Korrela tio- nen für die deutsch sprachige Medien nutzung zeigen sich im Übrigen nicht – sie scheint mehr oder weniger unabhängig von der (herkunfts gebundenen) Interak tion mit Freunden und Bekannten zu sein. Eine aus geprägte zwei spra- chige Medien nutzung geht hier übrigens erneut auf Kosten des Zusammen- seins mit deutsch sprachigen Freunden und Bekannten (–.17). Russisch sprachige Medien nutzung, ganz gleich, ob für sich allein betrachtet oder im Kanon mit der deutsch sprachigen Medien nutzung, scheint – stärker als dies bei der türki- schen Popula tion der Fall ist – der sozialen Interak tion mit der Mehrheits- gesell schaft ent gegen zulaufen. Abschließend ein Blick auf das Interesse für den Herkunfts- und den An- kunfts kontext. Es liegt nahe anzu nehmen, dass Zusammen hänge zwischen Informations bedürfnissen und Medien nutzung existieren (Tabelle 5.35). 97 Tabelle 5.35: Informationsbedürfnisse und sprachgebundene Mediennutzung (Korrela tio- nen, r)* Informations bedürfnis: Aktuelle Ereignisse und politi sches Geschehen Medien nutzung (Stammnut zung TV, Radio, Zeitung, Internet) Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Deutsch Türkisch Zweisprachig Deutschland .12 Türkei .23 .14 Türkei/Deutschland .18 Russische Spät aussiedler (nw = 303) Deutsch Russisch Zweisprachig Deutschland Russ land, ehemalige SU .30 .12 Russ land, ehemalige SU/Deutschland .27 .16 * Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05. Die Daten zeichnen in diesem Fall für die türkischstämmige Stichprobe und die befragten Aussiedler ein ähnliches und erwartetes Bild – mit ein paar geringfügigen Einschränkungen. So zeigt sich bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit türkischem Migrationshintergrund ein Zusammenhang zwi- schen dem Interesse an Politik und Ereignissen aus Deutschland und der deutschsprachigen Mediennutzung (.12). Türkischsprachige Medien werden dagegen eher im Zusammenhang mit der Türkei genutzt (.23). Diejenigen, die sich für einen der zwei gesellschaftlichen Kontexte stärker interessieren, nutzen also auch die entsprechenden Medien überproportional häufig. Negative Koeffi zienten findet man übrigens nicht: So zeigen sich keine negativen Zu- sammenhänge zwischen einem starken Interesse für die Türkei und der deutsch sprachigen Mediennutzung, d. h. ein Interesse für den Kontext des eige- nen Migrationshintergrundes geht nicht zu Lasten der deutschsprachigen Me- dien nutzung. Darüber hinaus sind Informationen über die Türkei in türkischer Sprache eine funktionale Ergänzung für die meisten Befragten. Befragte mit ausgeprägt zweisprachiger Mediennutzung interessieren sich sehr stark für die Ereignisse in der Türkei (.14), genauso wie Befragte, die sich gleichermaßen stark für Deutschland und die Türkei interessieren, eher türkische Medien nutzen (.18). Genau wie bei allen anderen für die Spätaussiedler beschriebenen Integra- tionsindikatoren, zeigen sich auch hier keine signifikanten Zusammenhänge mit der deutschsprachigen Mediennutzung. Das kann bedeuten, dass deutsche Medien so stark und über alle anderen Unterschiede hinweg gleichmäßig von den Befragten genutzt werden, dass sich keine Zusammenhänge zu den inte- grationsrelevanten Dimensionen zeigen. Die Daten für die russischsprachigen Medien sind dagegen eindeutig und im Grundsatz ähnlich gelagert wie in der anderen Teilstichprobe. Russischsprachige Medien werden vor allem von denen genutzt, die sich für Ereignisse im Herkunftskontext interessieren (.30), dabei ist es gleichgültig, ob man dies isoliert oder im Zusammenhang mit einem 98 hohen Informationsbedürfnis auch für Deutschland betrachtet (.27). Und auch die andere Perspektive kann man – analog zur türkischen Stichprobe – ein- nehmen: Eine ausgeprägt zweisprachige Mediennutzung kommt meistens mit einem grundsätzlich stark ausgeprägten Informationsbedürfnis zusammen (.16) oder mit einem, dass sich explizit auf die ehemalige Sowjetunion bzw. Russ- land bezieht (.12). Führt man sich abschließend noch einmal die Besonderheiten und Gemein- samkeiten der zwei Teilstichproben vor Augen, so kann man an dieser Stelle sicher schon drei zentrale Befunde festhalten. Erstens zeigen die Spätaussiedler ein stärker und exklusiver auf die deutschen Medien ausgerichtetes Medien- nutzungsverhalten. Zweitens entspricht dieses Mediennutzungsverhalten ihrer weniger auf den Herkunftskontext ausgerichteten ethnischen Identität – was vor dem Hintergrund ihrer ja häufig deutschstämmigen Tradition und Herkunft nicht verwundert. Und drittens schließlich zeigen sich für beide Teilstich- proben funktionale Differenzierungen in der Mediennutzung und eindeutige Zusammenhänge zwischen sprachgebundener Mediennutzung und sozialer Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Medien werden in beiden Populationen im Kontext sozialer Interaktion in dieser Mehrheitsgesellschaft „eingesetzt“, sind aber gleichzeitig für viele eine Möglichkeit, den Kontakt zur Herkunftsgesellschaft zu halten – und diese zwei Funktionen existieren offenbar in beiden Gruppen ohne sich gegenseitig zu beeinträchtigen. 5.6 Individualmedien nutzung und Medien kompetenz Die Ausfüh rungen in Kapitel 3 haben gezeigt, dass mit den Begriffen „Indivi- dual medien“ bzw. „Funktions medien“ ganz unter schied liche Dinge wie Hard- und Software, techni sche Platt formen bis hin zu Medien inhalten bezeichnet werden können. In der quantitativen Befra gung der Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit Migrations hintergrund haben wir uns – auch mit Blick auf die ver tieften Nachfragemöglich keiten in den Gruppen diskussionen – für einen pragmati schen Weg ent schieden und die Erhebung auf die pauschale Nutzung, die präferierten Inhalte und einige Einstellungs fragen zur PC- und Internetnut- zung, zum Mobiltelefon und zu Spielen fokussiert. Wir beschränken uns hier also auf die Handlungs dimension von Medien kompetenz mit einigen zusätz- lichen Aspekten der Reflexions dimension. Vollständig oder gar er schöpfend kann und will dieser Erhebungs teil nicht sein. Dennoch kann man – so zeigen es die Daten – für die zwei Alters gruppen der befragten Teilstichproben inte- ressante Befunde fest halten. Interessant vor allem deshalb, weil sie häufig den öffent lich und zum Teil auch wissen schaft lich geäußerten Thesen zur Benach- teili gung der Kinder und Jugend lichen mit Migrations hintergrund wider spre- chen. 99 Wie im voran gehenden Abschnitt gezeigt, ist die pauschale Internetnut zung in beiden Teilstichproben und in beiden hier analysierten Alters gruppen schon auf dem zweiten Rang der Massen medien nutzung an gekommen, jeden falls wenn man als Ver gleichs währung die Stammnut zung, d. h. die Zuwen dung an mindestens vier Tagen einer durch schnitt lichen Woche ver wendet. In Ta- belle 5.36 ist jetzt die Internetnut zung noch einmal im Zusammen hang mit den anderen Funktions medien und den häufigsten Freizeitaktivitäten der Be- fragten tabelliert. Tabelle 5.36: Mediennutzung und Freizeitaktivitäten (Stammnutzer, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Aktivitäten Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Internet 69 66 67 73 68 70 Computer 60 62 61 71 66 68 Handy 79 84 81 75 75 75 Spiele PC/Konsole 30 8 19 28 9 17 MP3 78 58 68 79 52 64 Freunde treffen 46 21 39 72 37 52 Musik CD/ MC hören 51 44 47 49 57 53 Nichts tun 40 32 36 42 38 40 Sport treiben 32 22 27 37 18 26 Bücher lesen 27 22 25 22 20 21 Digital fotografieren 26 20 23 15 9 11 Es zeigt sich gleich, dass – einmal abgesehen vom Mobiltelefon (vgl. dazu auch Abschnitt 5.5) – vor allem die Musiknutzung via MP3, Musikkassetten und CD der Internetnutzung Konkurrenz macht. Besonders in den jungen Alters gruppen beider Stichproben ist die Nutzung von MP3-formatierten Hör- stücken stark verbreitet (78 bzw. 79 Prozent), aber auch in den Stich proben- mitteln liegt die Nutzung dieser Medien mit 68 bzw. 64 Prozent etwa auf dem Niveau der Internetnutzung (67 bzw. 70 Prozent). Musikkassetten und CD als Tonträger verlieren dagegen an Boden, sind aber im Vergleich zu anderen Medien mit 47 Prozent (Türkischstämmige) bzw. 53 Prozent (Aussiedler) Stammnutzung noch immer sehr beliebt. PC-Spiele und Spielkonsolen sind vor allem bei den jüngeren Befragten bis 19 Jahre beliebt (30 bzw. 28 Prozent), während die Älteren dieser Aktivität deutlich weniger Zeit widmen (8 bzw. 9 Prozent). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Stammnutzer- anteil für das Lesen von Büchern. 25 Prozent der Befragten mit türkischem Migrationshintergrund geben an, an mindestens 4 von 7 Tagen zu lesen. Das ist mehr als etwa der entsprechende Anteil für die Tageszeitungslektüre (21 Pro- zent, vgl. Tabelle 5.28), und auch in der Aussiedlerstichprobe ist der Anteil mit 21 Prozent vergleichsweise hoch. 100 Der Favorit bei anderen, nicht-medialen Tätigkeiten ist der Umgang mit Freunden – allerdings in den Teilstichproben und den jeweiligen Altersgrup- pen sehr unterschiedlich verteilt. Durchschnittlich 39 Prozent der jungen Erwachsenen und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund treffen ihre Freunde häufiger als viermal pro Woche – für die Aussiedlerstichprobe ist dieser Anteil mit 52 Prozent erheblich höher, in der Gruppe der unter 20-Jährigen Aussiedler sind es sogar 72 Prozent (46 Prozent bei den 12- bis 19-Jährigen mit türkischer Abstammung). Dahinter folgen dann die Anteils- werte fürs Nichts tun (36 bzw. 40 Prozent) und Sport treiben (27 bzw. 26 Pro- zent). Internet Das Internet wird über wiegend zu Hause genutzt (Tabelle 5.37). 69 Prozent der Türkisch stämmigen und 78 Prozent der Spät aussiedler geben an, häufig in den eigenen vier Wänden online zu sein. In der Gruppe der 20- bis 29-Jäh- ri gen sieht man einen leichten Trend zur ver stärkten Nutzung im Rahmen von Schule und Ausbil dung – die Werte (22 bzw. 17 Prozent) liegen deut lich über denjenigen der jüngeren Alters gruppe bis 19 Jahre (10 bzw. 13 Prozent). Im Ver gleich zur Nutzung zu Hause sind diese Werte jedoch noch immer ver- gleichs weise niedrig. Bei Freunden und Ver wandten wird das Internet am wenigsten häufig genutzt, und wenn dann eher durch die jüngeren Befragten, die ja, wie gerade beschrieben, auch prinzipiell häufiger ihre Freunde treffen. Tabelle 5.37: Orte der Internetnutzung („häufig“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Nutzungs orte Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Zu Hause 71 67 69 86 73 78 In der Schule 10 22 16 13 17 15 Bei Freunden, Bekannten, Ver wandten 11 6 9 13 4 8 Öffent liche Orte 6 3 5 2 1 1 Schließ lich sind Prozentanteile von 11 Prozent in der Gruppe der unter 20-jährigen türkischen Migranten und 13 Prozent für die Aussiedler dieser Alters gruppe jedoch nicht zu unter schätzen, da diese Form der Nutzung be- deuten kann, dass sie ohne Aufsicht oder zumindest Kenntnis der Eltern statt- findet. Öffent liche Orte wie Internet-Cafés oder Jugendzentren sind dagegen offensicht lich kein Ort, um ins Internet zu gehen – 5 Prozent bzw. 1 Prozent in beiden Teilstichproben zeigen das deut lich. Trotzdem: Je selbst verständ- licher die mobile Kommunika tion im Internet wird, je stärker werden diese Werte in den nächsten Jahren ansteigen. Nach dem Stand der hier er hobenen 101 Daten sind jedoch Eltern und Familie die Hauptansprechpartner, wenn es um Informa tion und Aufklä rung zum Thema Internetnut zung geht. Fragt man die Jugend lichen und jungen Erwachsenen danach, was sie im Internet tun, bzw. welche Dienste und Anwen dungen sie nutzen, zeigt sich schnell die vielfältige und mehrdimensionale Bedeu tung des Internets als Kom munikations platt form, interpersonale Kommunikations technologie und Massen medium (Tabelle 5.38). Tabelle 5.38: Tätigkeiten und genutzte Dienste im Internet (Stammnut zung, Mehrfachnen- nung, in Prozent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Messenger, ICQ etc. 66 49 58 61 27 42 Suchmaschinen 60 55 57 57 52 54 E-Mail 45 47 46 33 34 34 Musik/Sounds hören 48 31 40 45 21 31 Online-Communities 39 21 30 46 24 34 Chat 35 15 26 41 16 27 Surfen 32 33 33 37 32 34 Filme/Videos ansehen 28 15 22 23 11 16 Info für Schule/Beruf 24 24 25 22 18 20 Aktuelle Nachrichten 20 43 31 23 21 22 News group lesen 8 8 8 17 13 15 Online-Spiele allein 9 3 6 10 2 6 Multi-User-Spiele 6 4 5 12 3 7 Die ab soluten „Killer-Applika tionen“ sind Kommunikations dienste wie ICQ oder Instant Messenger und Suchmaschinen. Sie er reichen – wiederum auf der Basis des Stammnutzer kriteriums – die höchsten Werte in beiden Stich- proben. Dabei treten große Unterschiede zwischen den Alters gruppen vor allem für die Nachrichtendienste auf. So nutzen beispiels weise 61 Prozent der jünge- ren Aussiedler in der Stichprobe häufig solche Dienste, während es in der älteren Gruppe der 20- bis 29-Jährigen gerade 27 Prozent sind – bei den Türkisch stämmigen sieht es ähnlich aus. Ganz anders dagegen das Bild bei den Suchmaschinen: Ihre Nutzung gehört zum Standardinventar der Internet- nut zung und zeigt nur geringe Schwan kungen in den Alters gruppen und ver- gleich bare Stammnutzungs anteile in beiden Stichproben (57 bzw. 54 Prozent). Das Schreiben von E-Mails gehört für mehr als die Hälfte der Befragten in der türkisch stämmigen Stichprobe nicht zur alltäg lichen Internetnut zung. Der Anteil der Stammnutzer liegt bei 46 Prozent, in der Teilstichprobe der Aus- siedler sind es sogar nur 34 Prozent. Die Messenger-Dienste bieten hier an- scheinend direktere Kommunikations möglich keiten im Zeitalter von „Flat- rates“ und DSL-Anschlüssen. 102 Musik hören gehört eben falls zu den häufigen Tätig keiten im Internet – jeden falls bei den türkisch stämmigen Befragten (40 Prozent), unter den Aus- siedlern geht vor allem die Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen dieser Tätig- keit regelmäßig nach (45 Prozent), die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen nutzt diese Möglich keit kaum und er reicht in dieser Stichprobe nur 21 Prozent. Abschließend noch ein kurzer Blick auf Tätig keiten, die der konven tio- nellen Informations nutzung von Massen medien ähneln. Das eher rezeptions- orientierte „Surfen“, also das Springen von Internet seite zu Internet seite über Suchmaschinenergebnisse, Empfeh lungen und Hyperlinks er reicht Stamm- nutzer werte zwischen 33 Prozent (Türkisch stämmige) und 34 Prozent (Aus- siedler) und ist damit eher im Mittelfeld der ab gefragten Dienste und Tätig- keiten zu finden (in den jungen Alters gruppen gering fügig häufiger). Die zwei Tätig keiten „Informa tionen für Schule oder Beruf suchen“ und „aktuelle Nach- richten“ lesen er reichen in beiden Popula tionen Werte über 20 Prozent und rangieren damit zwar weit hinter den genannten „Killer-Applika tionen“, aber immerhin noch deut lich vor Online-Spielen, die zwischen 5 und 7 Prozent der befragten Jugend lichen regelmäßig im Internet spielen. Die Einschät zung einiger vor gegebener Ansichten und Einstel lungen zum Internet gleichen sich in beiden Teilstichproben sehr (Tabelle 5.39). Sie zeigen, dass das Internet für den über wiegenden Teil der Befragten eine Selbst- verständlich keit ist, mit der sie im Alltag umgehen, die aber zum Teil auch von Unsicher heit bis hin zu (vielleicht alters bedingter und -gerechter) Naivität geprägt ist. Die mit Abstand größte Zustim mung er fahren Statements, die diese Alltäglich keit betonen („gehört heute einfach dazu“ – 93 Prozent in beiden Stichproben), die Nützlich keit für Schule und Beruf hervor heben (90 Pro zent der Türkisch stämmigen bzw. 96 Prozent der Aussiedler) und die Ver brei tung und Nutzung im Freundes kreis thematisieren (85 bzw. 86 Prozent), Letztere besonders bei den jüngeren Befragten im Alter zwischen 12 und 19 Jahren in beiden Stichproben. Die Befragten mit türkischem Migrations hintergrund (und hier wieder be- sonders die jüngere Alters gruppe) zeigen etwas mehr Selbst bewusstsein, wenn es darum geht, das eigene Wissen über er laubte und unerlaubte Angebote im Internet zu bewerten. 77 Prozent der türkisch stämmigen Befragten behaupten von sich, diese Unterschei dung voll und ganz bzw. weit gehend treffen zu kön- nen, unter den Aussiedlern sind es ledig lich 69 Prozent. Noch stärker unter- scheiden sich die zwei Popula tionen jedoch in einer anderen Funktions zuwei- sung an das Internet. Die jugend lichen Aussiedler nutzen das Internet sehr viel häufiger als Kontakt börse, 73 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass man über das Internet „gut neue Leute kennen lernen“ könne. Bei den türkisch stämmigen Befragten sind das mit 57 Prozent in der Gesamtstich- probe erheb lich weniger. Diese Funktions zuwei sung ist hier höchstens bei den 103 jüngeren Befragten stärker ver breitet (67 Prozent), bei der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen stimmen weniger als die Hälfte (46 Prozent) dem Statement zu.m Tabelle 5.39: Ansichten zum Internet („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Internet gehört heute einfach dazu 91 96 93 94 91 93 Internet ist für die Schule, Ausbil dung, Studium bzw. Beruf nütz lich 89 92 90 95 97 96 Die meisten meiner Freun- dinnen und Freunde beschäf- tigen sich mit dem Internet 92 78 85 90 83 86 Wenn ich das Internet nutze, weiß ich genau, was erlaubt ist und was nicht 83 71 77 79 60 69 Über das Internet wird viel zu viel Aufhebens gemacht 56 63 60 52 55 54 Über das Internet kann man gut neue Leute kennen lernen 67 46 57 76 70 73 Was im Internet steht, hat vorher jemand auf die Richtig keit über prüft 26 17 22 30 25 27 Dass das Selbst bewusstsein im Umgang mit dem Internet nicht immer gerecht fertigt ist, zeigt die Zustim mung zu dem bewusst provokativ gestellten Statement der „geprüften“ Richtig keit aller im Internet verfüg baren Inhalte. In beiden Stichproben stimmte mehr als jeder fünfte Befragte dieser Einschät- zung (zumindest weit gehend) zu. In der Stichprobe der Aussiedler ist es sogar jeder Vierte (27 Prozent). Die Werte zeigen, dass trotz – oder wegen – der Alltäglich keit des Umgangs mit dem Internet durch aus noch Potenzial für zusätz liche Informa tion und Aufklä rung über die Internetinhalte sicht bar wird, zumindest bei den hier befragten jüngeren Erwachsenen bzw. Jugend lichen. Dass dies im Übrigen keine Besonder heit für Befragte mit Migrations hinter- grund ist, zeigt ein Ver gleich mit den Daten der JIM-Studie (JIM 2008). Hier stimmten eben falls 28 Prozent der dort befragten 12- bis 19-jährigen Jugend- lichen (mit und ohne Migrations hintergrund) dem Statement zu – dies nur als kleiner Vorgriff auf Kapitel 8, in dem wir auf die Ver gleichs daten der JIM- Studie detaillierter ein gehen werden. Computer Die Computernut zung ver läuft größtenteils analog zur und im Zusammen- hang mit der Internetnut zung, das zeigten schon die Nutzungs daten zu Beginn dieses Abschnitts, und das zeigen auch die Nutzungs orte für die PC-Benut- 104 zung in Tabelle 5.40. Computer werden in erster Linie zu Hause genutzt (70 bzw. 78 Prozent) und in geringerem Umfang auch in der Schule bzw. der Ausbildungs stätte (20 Prozent). Etwa 10 Prozent der jüngeren Befragten zwi- schen 12 und 19 Jahre beider Stichproben haben darüber hinaus die Möglich- keit, einen Computer bei Freunden oder Ver wandten zu nutzen. Tabelle 5.40: Orte der Computernutzung („häufig“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Nutzungs orte Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Zu Hause 72 67 70 83 74 78 In der Schule 14 27 20 16 22 20 Bei Freunden, Bekannten, Ver wandten 10 7 9 10 4 7 Öffent liche Orte 5 2 4 2 4 3 Bezogen auf alle Befragten fallen andere Tätig keiten und Funktionen im Ver gleich zur oben beschriebenen Internetnut zung doch erheb lich ab (Ta- belle 5.41). Insbesondere die Nutzung an mindestens 4 Tagen, also so gut wie an jedem Arbeits tag von Montag bis Freitag, findet für diese Funktionen weit- aus weniger Ver brei tung. Tabelle 5.41: Tätigkeiten bei der Computernutzung (Stammnut zung, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Tätig keiten Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Schule, Ausbild., Beruf 20 21 20 14 20 18 Text verarbei tung 12 25 18 12 19 16 Musik zusammen stellen 12 5 9 4 4 4 Bilder/Filme bearbeiten 12 5 9 6 5 5 DVD ansehen 10 4 7 6 5 6 Malen, Zeichnen, Grafik 7 6 7 6 3 4 CDs brennen 9 5 7 1 3 2 Präsenta tionen/Ref. 4 8 6 4 3 3 Lernprogramme nutzen 3 7 5 2 4 3 Programmieren 4 4 4 2 1 1 Musik machen 3 4 4 2 2 2 Soundbearbei tung 3 4 4 4 3 3 DVD brennen 2 2 2 2 – 1 An erster Stelle steht dennoch der Einsatz für Schule, Ausbil dung und Beruf, und das in beiden Teilstichproben (20 bzw. 18 Prozent) und auch ver- gleichs weise konstant in den Alters gruppen (Ausnahme: 12- bis 19-jährige Aussiedler mit 14 Prozent). Etwas spezifi scher auf Text verarbei tung bezogen, 105 gehen die Anteils werte für die Stammnut zung gering fügig zurück. Im Durch- schnitt nutzen 18 Prozent der türkisch stämmigen jungen Erwachsenen und Jugend lichen regelmäßig diese Funktion, in der Aussiedler stichprobe sind es 16 Prozent, bei den 20- bis 29-Jährigen jeweils etwas mehr als in der jüngeren Gruppe der 12- bis 19-Jährigen. Danach rücken private Computer anwen dungen in den Vordergrund, die vor allem mit den techni schen Eigen schaften des PC als Multimediaplatt form zu- sammen hängen. Dabei fällt erstens auf, dass Tätig keiten wie Musik zusam- men stellen (9 bzw. 4 Prozent), Bilder bearbeiten (9 bzw. 5 Prozent) oder DVD ansehen (7 bzw. 6 Prozent) in der türkisch sprachigen Stichprobe im Durch- schnitt durch gängig mit höheren Stammnutzer anteilen ver sehen sind als in der Teilstichprobe der Aussiedler. Und zweitens kann man fest halten, dass im Ver gleich zu anderen Freizeit- und Medien nutzungs aktivitäten, wie sie in Tabelle 5.36 beschrieben wurden, die Freizeit gestal tung am PC eindeutig nach- rangig ist, jeden falls was die regelmäßige Nutzung mehrmals in der Woche betrifft. Auch in der Bewer tung der vor formulierten Aussagen zum Computer zeigt sich die prioritär auf professionelle Funktionen aus gerichtete Einschät zung und Nutzung des Computers (Tabelle 5.42). So gut wie jeder der Befragten sieht die Nützlich keit der Technik für Schule, Ausbil dung und Universität (94 bzw. 96 Prozent). Tabelle 5.42: Ansichten zum Computer („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Computer sind für die Schule, Ausbil dung, Universität oder Beruf nütz lich 94 95 94 95 97 96 Es macht Spaß, mit dem Computer zu lernen oder zu arbeiten 87 74 81 81 73 76 Computer sind eine schöne Freizeitbeschäfti gung 69 63 66 60 62 61 Eigent lich würde ich mich ganz gerne häufiger mit Computern beschäftigen 48 44 46 27 28 27 Fragt man nach dem „Spaß“, den die Arbeit am Computer macht, geht die Zahl der zustimmenden Bewer tungen schon zurück. 81 Prozent der türkisch- stämmigen Stichprobe und 76 Prozent der Aussiedler können dem zustimmen. Eine schöne Freizeitbeschäfti gung sehen immerhin noch 66 bzw. 61 Prozent in der Benut zung eines Computers, damit liegen die Prozent werte aber den- noch deut lich unter denjenigen für die Nützlich keit des PC als Arbeits gerät in 106 Schule und Beruf. Und schließ lich fallen die zustimmenden Antworten unter die 50-Prozentmarke, wenn man nach der Auswei tung der Beschäfti gung mit dem Computer fragt. Besonders niedrig sind die Werte für die jungen Aus- siedler. Hier wollen ledig lich 27 Prozent der Befragten einer solchen Aussage zustimmen, ganz gleich in welcher der zwei Alters gruppen. Bei den türkisch- stämmigen Befragten sind es mit im Durchschnitt 46 Prozent dagegen noch deut lich mehr. Zusammen genommen bekommt man bei der Durchsicht der Daten für die Internet- bzw. PC-Nutzung und -Bewer tung den Eindruck, als sei die Popula- tion der Jugend lichen und jungen Erwachsenen mit türkischem Migrations- hintergrund etwas intensiver mit der Nutzung digitaler Technik beschäftigt. Die Befragten aus der Teilstichprobe der Aussiedler zeigen sowohl bei den in Anspruch genommenen Diensten im Internet als auch beim multimedialen Einsatz des eigenen Computers im Durchschnitt häufig ein paar Prozentpunkte weniger in den Stammnutzer- und Zustimmungs anteilen. Mobiltelefon Das Handy ist als multimediales und individuelles Funktions medium am wei- testesten ver breitet, und es wird auch am häufigsten genutzt. Wie im voran- gehenden Abschnitt gezeigt, liegen Ausstattungs- und Nutzungs daten auch in der Alters gruppe dieser Befra gung etwa auf dem Niveau des Massen mediums Fernsehen, wenn man diesen Ver gleich denn anstellen will. Im Folgenden werden einige Daten dazu beschrieben, wie und wofür das Handy von den Be fragten der zwei Stichproben ein gesetzt wird. Zunächst zu den Kosten (Tabelle 5.43). Tabelle 5.43: Vertragsart und Kosten (in Prozent, gew.) Vertragsart/Kosten Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Prepaid 65 29 48 66 27 44 Vertrag 23 62 42 24 65 47 Weiß nicht 1 0 1 1 – – Kein Handynutzer 10 10 10 10 9 9 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Kosten pro Monat (∅) € 22 € 33 € 27 € 18 € 28 € 24 Davon: Eigenanteil (∅) € 10 (n = 140) € 29 (n = 132) € 19 (n = 273) € 10 (n = 119) € 25 (n = 156) € 19 (n = 274) Vertrags- und Prepaid-Handys halten sich in den Stichproben etwa die Waage. Erwart bar ist die Schwerpunkt bildung in den Alters gruppen. Im Seg- ment der 12- bis 19-Jährigen dominiert die Guthaben telefonie in beiden Stich- 107 proben (65 bzw. 66 Prozent), im älteren Segment zeigen sich etwa die gleichen Anteile für die Ver trags bindung (62 bzw. 65 Prozent) – die jeweils andere Variante liegt dann etwa bei einem Viertel in der Alters gruppe. Die Kosten pro Monat liegen zwischen 18 und 33 Euro, wobei die Befragten mit türki- schem Migrations hintergrund tendenziell mehr Geld für das mobile Telefo nie- ren aus geben – zwischen 4 und 5 Euro mehr, je nach Alters gruppe. Ein erheb- licher Teil der Kosten wird von den Befragten selbst getragen, mit Ausnahme der Befragten bis 19 Jahre, hier schwankt der Eigenanteil um die 50 Prozent der Kosten. Moderne Mobiltelefone lassen sich mit einem Tastendruck auf die ge- wünschte Benutzer sprache umstellen. Wir haben die Teilnehmer an der Um- frage gebeten, uns zu sagen, in welcher Sprache die Menüs auf ihrem Telefon- Display er scheinen. Das Ergebnis ist deut lich, wenn auch vor dem Hintergrund der Analysen zum Sprachgebrauch und zur sprachgebundenen Medien nutzung nicht mehr sehr über raschend (Tabelle 5.44). In der türkisch stämmigen Stich- probe, und hier besonders unter den Befragten zwischen 20 und 29, gibt es ver gleichs weise viele Handynutzer, die eine türkische Menüfüh rung ein ge- stellt haben. 17 Prozent dieser Alters gruppe bedienen ihr Telefon in türkischer Sprache, was im Stichproben mittel zu einem Anteil von 10 Prozent führt. Dagegen spielt in der anderen Teilstichprobe die russische Sprache bei der Handynut zung so gut wie keine Rolle. Nur eine sehr kleine Minder heit von 2 Prozent nutzt diese Option. Tabelle 5.44: Menüsprache des Handys (in Prozent, gew.) Menüsprache Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Deutsch 85 73 79 88 89 88 Türkisch/Russisch 3 17 10 2 2 2 Englisch 3 1 2 1 – – Kein Handynutzer 10 10 10 10 9 9 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Fragt man – analog zu den anderen Funktions medien – nach den konkreten Anwen dungen, die mit dem Telefon aus geführt werden, zeigt sich – vermut lich nicht zuletzt auch ver ursacht durch die Kosten struktur – doch eine ver gleichs- weise starke Fokussie rung auf die Telefonfunk tionen des Handys. Einzige Aus- nahme: Kurznachrichten senden und empfangen (Tabelle 5.45). Anrufe ent gegen nehmen und jemanden anrufen, das sind die Funktionen des Telefons mit den höchsten Stammnutzer anteilen, also die Gruppe, die an mindestens 4 von 7 Tagen diese Funktion nutzt. Ein leichtes Übergewicht liegt dabei auf dem Angerufen werden (73 bzw. 70 Prozent) gegen über dem selbst Wählen (65 bzw. 62 Prozent). Eine Tendenz die durch die, eben falls mit 108 dem Alter zusammen hängende, Budget struktur der Befragten unmittel bar ver- ständ lich ist. Es ist allerdings über raschender weise nicht so, dass vor allem die jüngeren Befragten an gerufen werden (65 bzw. 63 Prozent), sondern in beiden Stichproben sind die Werte in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen höher (82 bzw. 76 Prozent). Die Unterschiede lassen sich im Kontext der anderen Werte er klären – alle Handyfunk tionen werden grundsätz lich weniger in den jüngeren Alters gruppen beider Stichproben genutzt. Da aber die pau- schalen Ausstattungs- und Nutzungs zahlen in diesen Gruppen nur gering fügig niedriger sind, scheint das Mobiltelefon hier einfach noch stärker für „Notfall- situa tionen“ reserviert zu sein und noch nicht ganz so routiniert in der Alltags- kommunika tion ein gesetzt zu werden. Und eine zweite systemati sche Ver- schie bung in der Tabelle fällt auf: Im Grundsatz fallen die Werte für alle ab gefragten Funktionen und Dienste in der Teilstichprobe der türkisch stäm- mi gen Befragten höher aus als bei den Aussiedlern. Und auch diese Unter- schiede lassen sich nicht allein mit einer gering fügig höheren Stammnut zung bei den türkisch stämmigen Befragten er klären – diese scheinen auch bei der Benut zung des Mobiltelefons stärker auf die vielfältigen techni schen Funk tio- nen zurück zugreifen, die über das reine Telefonieren hinaus gehen. Tabelle 5.45: Tätigkeiten bei der Handynutzung (Stammnut zung, Mehrfachnen nung, in Pro zent, gew.) Tätig keiten Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Angerufen werden 65 82 73 63 76 70 Jemanden anrufen 57 73 65 48 73 62 SMS bekommen 61 66 64 54 46 49 SMS schicken 54 61 57 43 42 42 Musik MP3 hören 61 23 43 59 21 37 Fotos/Filme machen 35 24 30 22 10 15 Fotos/Filme senden MMS 3 1 2 2 – 1 Fotos/Filme senden Bluetooth 27 12 20 15 6 10 Im Internet surfen 2 1 2 1 1 1 MP3 senden Bluetooth 27 10 19 14 3 8 MP3 senden MMS 4 2 3 – 1 1 Handyspiele 11 5 8 6 6 6 Handy-Fernsehen 3 0 1 1 – – Handy-Radio 4 4 4 – 2 1 Mails abrufen 7 4 5 2 2 2 Mails senden 7 6 7 3 2 3 So belegen SMS bekommen und ver schicken in beiden Teilstichproben die Plätze drei und vier, wenn es um die genutzten Funktionen des Handys geht. Die einzige nicht telefonspezifi sche Funktion, die es schafft, ver gleich bare Nutzungs zahlen zu er zeugen, ist das Abspielen von MP3-formatierten Musik- 109 stücken. Mit Blick auf die heraus ragende Relevanz des Musik hörens in beiden Stichproben ist das wiederum nicht über raschend. Die meisten Telefone bieten diese Funktion und die Befragten nutzen sie – besonders die Jüngeren unter 20 Jahre (61 bzw. 59 Prozent, über 20-Jährige: 23 bzw. 21 Prozent). Danach allerdings werden die Abstände in der Tabelle größer. Fotos und Filme nehmen 30 Prozent der Befragten mit türkischem Migrations hinter- grund regelmäßig auf, bei den Aussiedlern sind es 15 Prozent. MP3-Dateien via Bluetooth (keine Übertragungs gebühren) zu ver senden ist für 19 bzw. 8 Pro zent in den Teilstichproben eine regelmäßige Tätig keit. Spiele werden auf dem Handy von 8 Prozent der türkisch stämmigen Befragten und von 6 Pro zent der Aussiedler an 4 bis 7 Tagen pro Woche aus geführt. Alle anderen Funktionen, vom Fernsehen oder Radiohören auf dem Handy bis zum Abrufen und Senden von E-Mails spielen mit Werten zwischen 1 und 7 Prozent nur eine unter geordnete Rolle. Alles zusammen genommen kann man wohl kaum von der Nutzung einer multimedialen Platt form durch die Befragten sprechen. Vielleicht ab gesehen von digitaler Fotografie und der Nutzung als „Walkman“ wird das Telefon doch in erster Linie in seiner Primärfunk tion genutzt, bei den meisten schon allein aus Kosten gründen. In einer standardisierten Befra gung nach gewalthaltigen Inhalten oder Porno grafie zu fragen ist schwierig – soziale Erwünscht heit und Tabuisie rung sind nur zwei Effekte, die in diesem Zusammen hang Verzer rungen er zeugen können. In der Telefonumfrage wurden diese Themen deshalb auch nur über das Vehikel des un beteiligten Dritten an gesprochen, dennoch sind die Ant- worten mit Vorsicht zu genießen (Tabelle 5.46). Tabelle 5.46: Gewalt und Pornografie auf dem Handy (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Gewalt/Pornografie Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Davon gehört 59 43 51 82 61 70 Im Bekannten kreis 25 19 22 26 19 22 Eltern nach gefragt nach gespeicherten Inhalten? 35 n/e – 25 n/e – Immerhin geben 51 Prozent der Befragten mit türkischem Migrations- hinter grund und 70 Prozent der Aussiedler an, schon einmal „davon gehört“ zu haben. An diesem Ergebnis ist vor allem der ver gleichs weise niedrige Wert in der türkisch stämmigen Teilstichprobe über raschend – gerade die in allen anderen Handyfunk tionen eher ver sierteren Befragten sind bei diesem Thema weniger gut informiert als ihre Alters genossen in der Aussiedler stichprobe. Nach Auskunft der türkisch stämmigen Befragten unter 20 Jahre (und nur für diese Gruppe wurde die Frage gestellt), fragen hier die Eltern öfter nach als 110 in der Gruppe der gleichaltrigen Aussiedler. Im pauschal thematisierten Be- kannten kreis sind dann die Werte in beiden Stichproben wieder auf etwa dem gleichen Niveau – 22 Prozent geben an, von solchen Inhalten auf den Tele- fonen „im Bekannten kreis“ zu wissen. Wir werden an dieser Stelle nicht spekulieren, sondern ab schließend noch auf drei andere Fallen für junge Nutzer im Zusammen hang mit der Handy- nut zung ein gehen (Tabelle 5.47). Tabelle 5.47: Käufe mit dem Handy (Zustim mung, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Verträge/Käufe Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Ungewollt Ver trag ab ge- schlossen 12 6 9 11 10 11 Versehent lich bestellt 3 1 2 2 3 3 Teure Servicen ummern 12 8 10 8 11 10 So hat – jeden falls laut Selbsteinschät zung – etwa jeder Zehnte der Be- fragten schon einmal un gewollt einen Ver trag ab geschlossen oder eine teure Servicen ummer an gerufen. Die Anteile liegen zwischen 9 Prozent und 11 Pro- zent. Ver sehent liche Bestel lung von Waren oder Software spielen dagegen in beiden Teilstichproben so gut wie keine Rolle, zwischen 1 und 3 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen das schon einmal passiert ist. Spiele Zur Erinne rung: Der Anteil der „Stamm spieler“, also derjenigen, die an min- destens vier Tagen einer normalen Woche Spiele am PC oder auf der Konsole nutzen, liegt in den zwei Stichproben bei 19 bzw. 17 Prozent mit einem starken Bias zugunsten der jüngeren Befragten bis 19 Jahre. Wenn im Folgenden jeweils alle Befragten nach dem Umgang mit solchen Spielen gefragt werden, so sind darunter viele, die nur gelegent lich oder selten spielen – Nichtspieler werden in den Tabellen extra aus gewiesen, um weiter hin die Gesamtstich- proben im Blick behalten zu können. Tabelle 5.48 zeigt zunächst, in welchem Kontext die Befragten spielen. Etwa ein Fünftel der Befragten gibt an, eher allein zu spielen (22 der Türkisch- stämmigen bzw. 18 Prozent der Aussiedler). 111 Tabelle 5.48: Spielsituation (in Prozent, gew.) Spielsitua tion Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 20–29 J. nw = 146 Gesamt nw = 302 12–19 J. nw = 132 20–29 J. nw = 171 Gesamt nw = 303 Eher allein 30 12 22 17 19 18 Mit anderen: 38 27 32 50 30 39 Freunde/Bekannte 17 9 13 29 12 20 Familie 5 6 5 4 5 4 Sowohl als auch 16 12 14 17 13 15 Keine Spielen utzung 32 60 46 33 52 43 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Das ist bezogen auf die Spielerinnen und Spieler die Minder heit, denn 32 bzw. 39 Prozent der Befragten spielen eher zusammen oder mindestens ab und zu mal mit anderen, also nicht grundsätz lich allein. Bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund gibt es über durchschnitt lich mehr Allein- spieler in der jungen Alters gruppe, während bei den Aussiedlern die Anteils- werte über die Alters gruppen relative konstant sind. Wenn mit anderen gespielt wird, dann eher mit Freunden und Bekannten (13 bzw. 20 Prozent). Familien mitglieder werden ver gleichs weise selten als Mitspieler gesucht, die Anteile liegen zwischen 4 Prozent (Aussiedler) und 5 Prozent (Türkisch stämmige). Allerdings sind Familien mitglieder auch nicht explizit aus geschlossen, zwischen 14 und 15 Prozent geben an, dass sie sowohl in der Familie als auch mit Freunden Computerspiele gemeinsam nutzen. In beiden Teilpopula tionen gibt die Hälfte der jüngeren Befragten an (nur die 12- bis 19-Jährigen wurden hier gefragt), die Nutzung von Computer- spielen würde in den Familien kontrolliert (Tabelle 5.49).32 Diese Aussagen beziehen sich sowohl auf die Dauer der Spiele als auch auf den Inhalt dessen, was da auf dem Bildschirm abläuft. Das heißt im Umkehrschluss, dass sich jeder Zweite in dieser Alters gruppe im Umgang mit Computerspielen weit- gehend selbst über lassen bleibt. 32 Ausgangs punkt für die Konzep tion dieses Fragen komplexes ist ein Untersuchungs instrument von Maria von Salisch, Astrid Kristen und Caroline Oppl (2007). 112 Tabelle 5.49: Aussagen der 12- bis 19-Jährigen zu Computer- und Konsolenspielen („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrationshintergrund Russische Spät aussiedler 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 Meine Eltern wissen, wie lange ich Bildschirmspiele spiele 54 52 Meine Eltern wissen, welche Bildschirmspiele ich spiele 54 50 Ich habe Streit mit meinen Eltern, weil ich so lange Bildschirmspiele spiele 18 6 Wenn ich mich richtig schlecht fühle, spiele ich Bildschirmspiele, damit es mir wieder besser geht 15 5 Ich werde unruhig und nervös, wenn ich mal einen Tag nicht spielen kann 8 3 Streit mit den Eltern wegen ihres Spiel verhaltens haben die jungen Be frag- ten dagegen relativ selten – zumindest räumen nur wenige solche Konflikte offen ein. Am ehesten ist das bei den türkischen Kindern und Jugend lichen der Fall (18 Prozent), sie äußern sich auch eher über emotionale Motive des Spielens (15 Prozent).33 Zusammen hänge Vor dem Hintergrund der Ausfüh rungen in Kapitel 3 werden im Folgenden zwei konkurrierende Zusammen hangs strukturen betrachtet (Tabelle 5.50 und Tabelle 5.51). Die erste Zusammen hangs struktur betrifft die These, dass ein migrations- bzw. integrations spezifi scher Nachteil, eine Kluft, auf der Seite der Jugend lichen mit Migrations hintergrund existiert. Danach müssten sich vor allem diejenigen weniger mit den neuen digitalen Medien beschäftigen, die weniger stark in die deutsche Mehrheits gesell schaft integriert sind. Da- gegen kann man die These ver treten, dass Unterschiede in der Individual- medien nutzung stärker über den sozialen Status, also über Daten wie Alter, Bildung und Geschlecht zustande kommen (vgl. dazu auch die Ausfüh rungen theoreti schen Teil). Zunächst also zum Zusammen hang von sozialer Integra tion und Individual- medien nutzung. Folgt man der Ansicht, dass der Sprachgebrauch ein starker Indikator für die soziale Interak tion und Integra tion der Befragten in die deutsche Mehrheits gesell schaft ist, so kann man mit einer Korrelations matrix 33 Vgl. dazu auch die ent sprechenden Befunde der Gruppen diskussionen. Aufschluss reich ist, dass nicht nur die quantitative, sondern auch die qualitative Ermitt lung von Daten zu diesem Thema bei Kindern und Jugend- lichen durch die öffent liche Kritik an bzw. am Computerspielen er schwert wird. Anzunehmen ist, dass viele Antworten im Sinne „sozialer Erwünscht heit“ ver zerrt sind. 113 zwischen Sprachgebrauch und Individualmedien nutzung die Hypothese prüfen, inwieweit ein Zusammen hang zwischen diesen beiden Handlungs dimensionen besteht. Tabelle 5.50 zeigt eindrück lich, dass dieser Zusammen hang für Be- fragte mit türkischem Migrations hintergrund nicht besteht. Die Dimensionen Sprachgebrauch und quantitativer Nutzungs umfang von Handy, Computer, Internet und PC-Spielen sind in der Stichprobe der türkisch stämmigen Jugend- lichen und jungen Erwachsenen unabhängig voneinander: Der Sprachgebrauch hat keinen direkten Einfluss auf den quantitativen Umfang der Individual- medien nutzung. Tabelle 5.50: Individualmediennutzung und Sprachgebrauch (Korrelationen, r)* Individualmedien nutzung (Tage/Woche) Sprachgebrauch (Freunde, Familie, Schule/Beruf) Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Deutsch Türkisch Zweisprachig Mobiltelefon Computer/ PC Internet PC- und Konsolen spiele Russische Spät aussiedler (nw = 303) Deutsch Russisch Zweisprachig Mobiltelefon Computer/ PC Internet –.26 .21 PC- und Konsolen spiele .26 –.20 * Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05. In der Aussiedler stichprobe findet man dagegen zwei Hinweise, die für eine integrations- bzw. akkulturations spezifi sche Internetnut zung sprechen. Befragte, die mehr Deutsch im Alltag sprechen, nutzen seltener das Internet (–.26). Und: Diejenigen, die mehr Russisch sprechen, nutzen es öfter (.21). Dieses Resultat spricht sehr für die These, dass in dieser Popula tion das Inter- net tatsäch lich (noch) genutzt wird, um den Kontakt mit dem Herkunfts- kontext zu pflegen, jeden falls bei denjenigen, die diesem Kontext noch sehr stark zu gewandt und dem deutschen Kontext eher ab gewandt sind. Die quanti- tative Nutzung der PC- und Konsolen spiele dagegen korreliert in der Aus- siedler stichprobe positiv mit dem deutschen Sprachgebrauch (.26). Das könnte ein weiterer Indikator für Anschluss kommunika tion (auf dem Schulhof, in der Klasse) unter denjenigen sein, die sprach lich stark und eindeutig in die deutsche Mehrheits gesell schaft ein gebunden sind. Die konkurrierende These, dass die Soziodemografie der Befragten weitaus stärker mit der Individualmedien nutzung zusammen hängt als der Integrations- status, scheint – jeden falls für die in dieser Studie er hobenen Daten – mehr empiri sche Evidenz zu er langen (Tabelle 5.51). 114 Tabelle 5.51: Individualmediennutzung und Soziodemografie (Korrelationen, r) Individualmedien nutzung (Tage/Woche) Soziodemografie Türkisch stämmige Befragte (nw = 302) Alter* Formale Bildung** Geschlecht*** Mobiltelefon .19 Computer/ PC .29 –.14 Internet .23 –.13 PC- und Konsolen spiele –.34 Russische Spät aussiedler (nw = 303) Alter Formale Bildung Geschlecht Mobiltelefon Computer/ PC .19 Internet .16 PC- und Konsolen spiele –.35 –.34 *** Produkt-Moment-Korrelationen nach Pearson, alle Koeffizienten p(α) < .05. *** Rangkorrelationen nach Spearman p(α) < .05 (Kontrollvariable Alter). *** Dichotom codiert mit 1 = männlich und 2 = weiblich. Das Alter der Befragten wirkt sich dabei allerdings ledig lich auf die Nut- zung der Computer- und Konsolen spiele aus – und zwar gleichermaßen in beiden Popula tionen (–.34 bzw. –.35). Der Zusammen hang ist er wartungs- gemäß um gekehrt proportional, d. h. je jünger die Befragten, desto häufiger nutzen sie solche Spiele. Das war schon im Zuge der deskriptiven Tabellen- analyse als Unterschied zwischen den zwei Alters gruppen deut lich sicht bar. Stärker wirkt in diesem Zusammen hang die Bildung der Befragten auf die quantitative Nutzung der Individualmedien. In beiden Stichproben zeigen sich ver gleichs weise starke und signifikante Zusammen hänge für die Computer- nut zung und die Internetnut zung (.29 und .23 bzw. .19 und .16). Die Koeffi- zienten sind positiv, das heißt in diesem Kontext, je höher der bereits er reichte Bildungs abschluss bzw. die zum Zeitpunkt der Befra gung besuchte Schule, desto größer die Nutzung von PC und Internet.34 In der Stichprobe der türkisch stämmigen Jugend lichen und jungen Er wach- senen gilt dieser positive Zusammen hang zusätz lich auch für das Mobiltelefon (.19), in der Aussiedler stichprobe wird er durch die Drittvariable Alter neu- tralisiert. Darüber hinaus zeigen sich – eben falls exklusiv für die türkisch- stämmigen Befragten – signifikante Zusammen hänge zwischen Geschlecht und PC- bzw. Internetnut zung. Jungen und junge Männer nutzen signifikant häufiger PC und Internet als ihre weib lichen Alters genossen (–.14 und –.13). Das Geschlecht spielt bei der PC- und Internetnut zung in der Aussiedler stich- probe keine Rolle, dagegen zeigt sich hier ein signifikanter Koeffizient für den Zusammen hang von Geschlecht und PC-/Konsolen spielen – männ liche Befragte spielen häufiger als weib liche. 34 Zur Operationalisie rung der Bildungs variable vgl. Abschnitt 5.1. Für die Variable Bildung wurden alle Korre- la tionen gegen die Variable Alter kontrolliert. 115 Insgesamt kann man mit Blick auf die Zusammen hangs analysen fest halten, dass mehr und eindeutigere Zusammen hänge zwischen konven tionellen sozio- demografi schen Variablen und der Individualmedien nutzung der Befragten identifizier bar sind, als solche zwischen deutschen bzw. türkischem Sprach- gebrauch und der Individualmedien nutzung. Damit kann man sicher keine ab- schließende Entschei dung über die oben formulierten konkurrierenden Thesen treffen. Aber vor dem Hintergrund der Ergebnisse anderer Studien, in denen der Sprachgebrauch als stärkster Indikator für die integrations spezifi sche Position von Migranten identifiziert und validiert werden konnte, zeigen sich zumindest eindeutige Hinweise auf eine starke Rolle der individuellen Lebens- situa tion (und hier insbesondere der Bildung der Befragten) für die Individual- medien nutzung und Medien kompetenz von jungen Menschen mit Migrations- hintergrund. 5.7 Zusammen fassung Die Ergebnisse der Telefonbefra gung, in der n = 302 Jugend liche und junge Erwachsene mit türkischem Migrations hintergrund und n = 303 Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion bzw. Russ land im Alter zwischen 12 und 29 Jahren befragt wurden, muss man in mehrfacher Hinsicht als heterogen bezeichnen. Schon bei der Beschrei bung der Stichprobe hat sich gezeigt, dass der Alters schnitt der zwei Teilstichproben (mindestens) zwei sehr unter schied- liche Alters segmente ver eint. Auf der einen Seite Jugend liche, zum Teil noch Kinder, ab 12 Jahren, die in großen Teilen noch im Haushalt der Eltern leben, zur Schule gehen und in ihren Lebens gewohn heiten über wiegend durch den familiären Haushalt geprägt sind. Auf der anderen Seite junge Erwachsene, die in der Ausbil dung oder berufstätig sind, einen eigenen Haushalt führen und selbst ständig über ihre Lebens umstände ent scheiden können. Darüber hinaus hat sich schon bei der ersten Durchsicht der Stichproben- daten gezeigt, dass beide Popula tionen sehr unter schied liche Migrations tradi- tionen repräsentieren, die sich zum Beispiel bei der Aufenthalts dauer und der Staats bürger schaft der Befragten, aber auch im deutschen Sprachgebrauch zei- gen. So sind in der türkisch stämmigen Stichprobe die meisten in der zweiten Genera tion in Deutschland, während die Aussiedler größtenteils eigene Migra- tions erfah rung gemacht haben. Die jugend lichen Aussiedler sind in der über- wiegenden Mehrheit schon mit der deutschen Staats bürger schaft aus gestattet, bei den türkisch stämmigen Befragten sind es gerade 40 Prozent der Befragten. Ein Viertel der Aussiedler spricht in der Familie meistens oder über wiegend Deutsch, von den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund ist es nicht einmal jeder Zehnte. 116 Die Daten zur ethnischen Identität im dritten Abschnitt dieses Kapitels bestätigen den Eindruck, dass es sich um zwei Gruppen handelt, die aus der Perspektive der Mehrheits gesell schaft, also „von außen“ betrachtet vor allem den Migrations hintergrund gemeinsam haben, dass aber innerhalb dieser Popu- la tionen ganz unter schied liche Positionen zur Mehrheits gesell schaft und zur eigenen Herkunft bestehen. So ist die deutsche Sprachkompetenz in beiden Teilstichproben hoch, genauso wie der gesell schaft liche Druck auf beide groß ist, zumindest im professionellen Leben mehr heit lich die deutsche Sprache zu benutzen. Und mit Blick auf den Sprachgebrauch in der Freizeit, kann man nicht sagen, dass unter den Aussiedlern mehr Deutsch gesprochen wird als bei den türkisch stämmigen Befragten, es wird nur häufiger auf die Herkunfts- sprache ver zichtet, die Anteile derjenigen, die in ihrem Alltag nur noch Deutsch sprechen, sind höher. Und so zeigt sich, dass über alle betrach teten Indikatoren hinweg, die türkisch stämmigen Befragten ihre ethnische Identität als Türken sehr stark pflegen und den Kontakt zur türkischen Herkunfts gesell schaft halten. Die Aussiedler dagegen konzentrieren sich stärker auf die deutsche Ankunfts- gesell schaft. Dabei kann man nicht behaupten, dass sie weniger Wert auf ihre eigene ethnische Identität legen, da ja in ihrem Fall häufig das „Deutsch sein“ Teil dieser Identität ist. Der Kontext jeden falls, in dem die russischen Aus- siedler bis zu ihrer Migra tion nach Deutschland gelebt haben, ist für weitaus weniger Befragte ein Teil ihrer ethnischen Identität als es der türkische Kontext für die Türken und Deutschtürken in Deutschland ist. In Bezug auf die Medien ausstat tung der Befragten, die häufig an die Aus- stat tung eines familiären Haushalts gebunden ist, schlagen sich die Alters- unterschiede zwischen den Befragten stark nieder. So ist das Massen medium Nr. 1, das Fernsehen in so gut wie jedem Haushalt verfüg bar, über ein eigenes Gerät ver fügen aber nur knapp 60 Prozent der 12- bis 19-jährigen Befragten – übrigens in beiden Stichproben. Auf der individuellen Ebene er reicht dann auch die Computer ausstattungs quote die Werte für das Fernsehen. Ein PC gehört heute mehr zur alltäg lichen Medien umge bung als etwa dezidierte Radio- geräte oder ein Zeitungs abonnement. Vor allem an die Stelle des Radios scheint mehr und mehr der MP3-Player zu treten. Zusammen mit multimediafähigen Mobiltelefonen kann man davon aus gehen, dass die Ver breitungs rate von MP3-taug lichen Abspielgeräten nahezu 100 Prozent beträgt. Das Mobiltelefon übrigens gehört bei 9 von 10 Befragten zum individuellen Besitz, ganz gleich ob 15 oder 28 Jahre alt, ob Aussiedler oder türkischer Migrations hintergrund.n Was die Zuwen dung zu diesen Medien betrifft, folgt die Nutzung der Aus- stat tung. Fernsehen ist das wichtigste Massen medium, und Computer und Internet beanspruchen deut lich mehr Zeit im Alltag der Befragten als Radio- hören oder Zeitung lesen. Telefonieren mit dem Mobiltelefon und Musik hören via MP3 gehören häufig zusammen und sind im Alltag der Befragten präsent. Die russischen Aussiedler wenden sich stärker und häufiger exklusiv den deut- 117 schen Medien zu, während die türkisch stämmigen Befragten stärker kombi- nieren und seltener auf Medien aus ihrem Herkunfts kontext ver zichten. Dabei lassen sich für die sprachgebundene Medien nutzung und die Pflege des Her- kunfts kontextes signifikante Zusammen hänge identifizieren, die soziale Inter- ak tion mit der deutschen Mehrheits gesell schaft ver folgen beide Popula tionen aber zum Teil unabhängig von der Nutzung der Medien aus dem Herkunfts- kontext. Der Umgang mit den sogenannten Funktions medien ist für die meisten der Befragten ein Stück Alltag. Am Computer wird vor allem das Internet genutzt und dabei wiederum vor allem Messen gerdienste, Suchmaschinen und E-Mail- Dienste, und auch hier spielt Musik im Format MP3 eine große Rolle. Die moderne Technik wird selbst bewusst und routiniert ein gesetzt, auch wenn dies – vor allem bei jüngeren Befragten – zu Miss verständnissen und Fehleinschät- zungen der Gefahren neuer Medien führt. Das Mobiltelefon wird – häufig aus Kosten gründen – in erster Linie auf seine Primärfunk tion reduziert, Tele- fonieren und Kurznachrichten senden sind die dominierenden Anwen dungen, Musik und Fotos finden sich auf vielen Mobiltelefonen, werden aber kaum (kosten pflichtig) herunter geladen oder per Multimedianachricht ver sandt. Com puterspiele sind vor allem bei den jüngeren Befragten eine beliebte Frei- zeitbeschäfti gung, die jedoch nach Aussage der Befragten in den Familien stark kontrolliert wird. Im Ver gleich der beiden ethnischen Gruppen zeigen sich durch gängig etwas höhere Werte für die Nutzung digitaler Hardware und der multimedialen Dienste in der türkisch stämmigen Popula tion. Die befragten Aussiedler zeigten sich hier im Durchschnitt etwas zurück haltender im Umgang mit den neuen Kommunikations medien. Insgesamt gesehen, und vor dem Hintergrund der Korrelations analysen, muss man aber konstatieren, dass die Nutzung der Funk- tions medien in beiden Popula tionen offensicht lich stärker mit dem sozio demo- grafi schen Profil der Befragten – und hier insbesondere mit der formalen Bildung – zusammen hängt als mit der sozialen Integra tion der Befragten. Es zeigte sich ver gleichs weise deut lich: Je höher das Bildungs niveau, desto höher die Affinität zu den Funktions medien, je jünger die Befragten, desto eher nutzen sie Computerspiele, und männ liche Befragte aus der Popula tion der Aussiedler sind häufiger am PC oder im Internet beschäftigt als ihre weib- lichen Alters genossen. Insbesondere vor dem Hintergrund der zuletzt genannten Befunde zur Be- deu tung des sozialen Status der Befragten für ihren Medien umgang wird es interessant sein, die Daten für die zwei Stichproben unserer Studie den Daten der JIM-Studie gegen über zustellen, in der Jugend liche mit und ohne Migra- tions hintergrund zu ihrer Medien ausstat tung und -nutzung befragt wurden. 119 6 Methode und Ergebnisse der Gruppen diskussionen35 Um den Umgang mit und die Einstel lung zu neuen Medien wie Computer, Internet, Handy und Konsolen- sowie Computerspielen ver tiefend zu erheben und soziokulturelle und milieuspezifi sche Faktoren der Medien nutzung und Medien kompetenz junger Menschen mit Migrations hintergrund zu identifizie- ren, wurden Gruppen diskussionen in Teilpopula tionen der Grundgesamt heiten geführt, auf die sich die repräsentativen und quantitativen Telefonumfragen beziehen. Zielgruppe der Gruppen diskussionen sind Personen mit türkischem Migrations hintergrund und russische Aussiedler im Alter zwischen 12 und 19 Jahren – d. h. im Kindheits- und Jugendalter. Im Mittelpunkt der Gruppen- diskussionen standen die Erfas sung der Medien kompetenz der Kinder und Jugend lichen und die Ermitt lung der Kontextbedin gungen des Kompetenz- erwerbs. In diesem Zusammen hang ist von Interesse, welche Kenntnisse und Nutzungs weisen die Eltern vor allem der jüngeren Zielpersonen im Umgang mit neuen Medien auf weisen, wie sie den Medien konsum ihrer Kinder be- werten und inwiefern sie die Aneig nung neuer Medien durch ihre Kinder unter- stützend oder regulierend begleiten. Daher wurden auch Gruppen diskussionen mit Eltern durch geführt. 6.1 Methode Zur Erfas sung der medien pädagogisch relevanten Aspekte des Umgangs der 12- bis 19-jährigen Kinder und Jugend lichen mit den Medien Computer, Internet und Handy sowie der Rolle von Computerspielen wurden zwischen dem 30. Oktober und 5. November 2008 in jeder der beiden Teilpopula tionen zwei leit faden gestützte Gruppen diskussionen mit den Zielpersonen und eine Gruppen diskussion mit Eltern durch geführt. Die Beschrän kung der Gruppen- 35 Dieses Kapitel des Forschungs berichts basiert auf dem Projekt bericht der result gmbh, Köln, der von Regine Hammeran er stellt wurde. 120 diskussionen auf das Segment der 12- bis 19-Jährigen wurde gewählt, um zum einen der besonderen Relevanz der Medien kompetenzproblematik in diesem Alters segment Rechnung zu tragen. Zum anderen sollten möglichst homogene Diskussions gruppen gebildet werden. In jeder Teilpopula tion (türkischer Migrations hintergrund/russische Aus- siedler) wurden zwei homogene Gruppen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren sowie 16 und 19 Jahren zusammen gestellt. Wenn im Folgenden zur Unter- schei dung dieser beiden Alters gruppen von „Kindern bzw. Jüngeren“ gespro- chen wird, bezieht sich das auf die Gruppen der 12- bis 15-Jährigen. Die Gruppen der 16- bis 19-Jährigen wird nachfolgend als „Jugend liche bzw. Ältere“ bezeichnet. D. h. in beiden Fällen handelt es sich um Arbeits begriffe, die aus schließ lich auf den Kontext der Studie beschränkt sind, deren Ergeb- nisse hier vor gestellt werden. Um den milieutypi schen Lebens kontexten der Befragten und der Rolle der Familie bei der Aneig nung der neuen Medien Rechnung zu tragen, wurde zusätz lich je eine Diskussions runde mit den Eltern der 12- bis 15-jährigen Pro banden ab gehalten.36 Alle Gruppen diskussionen wurden von dem For- schungs institut result gmbh, Köln, unter Leitung von Sabine Haas und Regine Hammeran durch geführt und aus gewertet. Die Teilnehmer der Gruppen dis- kussionen wurden bewusst aus gewählt – es handelt sich also um keine Zufalls- stichproben. Die Rekrutie rung der Teilnehmer er folgte durch zwei Test institute, Jim Markt forschung, Köln, und Trend Census, Essen. Sie er folgte Face-to-Face, mit der Zielset zung einer Gleich vertei lung der Zielpersonen nach Geschlecht und einer breiten Streuung nach Schul bildung. Insgesamt nahmen 18 Kinder und Jugend liche sowie 9 Eltern in der Ziel- gruppe der russischen Aussiedler und 16 Kinder und Jugend liche sowie 8 Eltern in der türkischen Zielgruppe an den Gruppen diskussionen teil. Die Gruppen der Kinder und Jugend lichen setzten sich zu gleichen Anteilen aus Jungen und Mädchen zusammen. Für die Elterngruppen konnten deut lich mehr Mütter als Väter gewonnen werden. Hinsicht lich der Schul bildung wurde bei der türki- schen Zielgruppe nahezu eine gleichmäßige Vertei lung der Bildungs niveaus er reicht. In den Diskussionen mit den russischen Aussiedlern waren Teil- nehmer mit höherer Bildung über repräsentiert. 36 Diese Gruppen diskussionen fanden getrennt von den Diskussionen mit den 12- bis 15-Jährigen statt. 121 Tabelle 6.1: Die Zusammensetzung der Gruppendiskussionen Geschlecht Türkischer Migrations hintergrund 12- bis 15-Jährige Eltern der 12- bis 15-Jährigen 16- bis 19-Jährige Männlich 4 2 4 Weiblich 4 6 4 Gesamt 8 8 8 Geschlecht Russische Aussiedler 12- bis 15-Jährige Eltern der 12- bis 15-Jährigen 16- bis 19-Jährige Männlich 5 3 4 Weiblich 4 6 5 Gesamt 9 9 9 Schule 12- bis 19-Jährige Türkischer Migrations hintergrund Russische Aussiedler Volks-/Haupt schule 6 4 Weiterf. Schule 5 6 Abitur 5 8 Gesamt 16 18 Um ein ver trauens würdiges und offenes Gesprächsklima zu schaffen, wur- den die Diskussions runden jeweils durch muttersprach liche Moderatoren ge- leitet, welche die Diskussionen wahl weise in deutsch oder russisch bzw. türkisch moderierten. Die Gruppen diskussionen mit den russischen Aussiedlern fanden in Köln statt und wurden von Frau Prof. Dr. Swetlana Franken (FH Köln, Fakultät für Wirtschafts wissen schaften/ FH Bielefeld, Fachbereich Wirtschaft) am 30. und 31. Oktober 2008 durch geführt. Die Diskussions runden mit den türkisch stämmigen Teilnehmern wurden von der Diplom-Psychologin Deniz Baspinar in Essen moderiert und fanden am 31. Oktober und 5. November 2008 statt. Die Gesprächsrunden dauerten jeweils ca. zwei Stunden. Die Teilnehmer schilderten in den Gruppen diskussionen zunächst ihr Selbst verständnis und ihr Zugehörigkeits gefühl innerhalb der deutschen Gesell schaft, um ihre spe- zi fi schen Anforde rungen an mediale Inhalte und ihren Medien umgang vor diesem Hintergrund einordnen zu können. Exploriert wurde hier, welche Rolle die Herkunft der Befragten spielt, in welchen Freundes- und Bekannten kreis sie ein gebunden sind und welche Sprache im Alltag relevant ist. Anschließend wurden die Medien ausstat tung und Vorlieben für bestimmte Medien erhoben. Im Mittelpunkt der Gesprächsrunden mit den Kindern und Jugend lichen stand schließ lich die Erfas sung ver schiedener Aspekte der Medien kompetenz der Befragten in Bezug auf die Medien Handy, PC und Internet sowie Spiele bzw. Spiel konsolen. Als Referenz für die „klassi schen“ Medien wurde zudem der Stellen wert des Fernsehens diskutiert. Die Gesprächsrunden orientierten sich in dieser Phase eng an den in Kapitel 3 vor gestellten Dimensionen von Medien- 122 kompetenz nach Theunert (1999, 2008). Es wurde auf die Bereiche Medien- wissen/Technik kompetenz, den reflexiven Umgang mit neuen Medien und Bewertungs kompetenzen sowie ver schiedene Aspekte eines aktiven und krea- tiven Medien umgangs (Handlungs kompetenz) ein gegangen.37 Im Mittelpunkt der Gesprächsrunden mit den Eltern stand neben den Fragen nach Selbst verständnis und Medien bedeu tung die eigene Medien kompetenz der Eltern. Hier ging es darum, zu er fassen, über welches Wissen die Eltern in Bezug auf neue Medien ver fügen und inwiefern sie den Kindern und Jugend- lichen Hilfestel lung im Umgang mit diesen Medien geben können. Es wurde diskutiert, welche Potenziale und Ängste bzw. Gefahren die Eltern mit den neuen Medien ver binden und welche Maßnahmen die Eltern er greifen, um den Medien gebrauch ihrer Kinder zu unter stützen und zu regulieren. Die Gesprächsrunden wurden sowohl auf Audio- als auch auf Video- kassetten auf gezeichnet und anschließend wört lich trans kribiert. Die Auswer- tung er folgte qualitativ-interpretierend auf Basis von post hoc ent wickelten Kategorien. Zu diesem Zweck wurden die Argumente und Äußerun gen geord- net und nach inhalt lichen Aspekten im Sinne einer vor sichtigen Gewich tung von Mehrheits- bzw. Minderheits meinun gen analysiert. Auf Unterschiede hin- sicht lich Migrations hintergrund, Alter und Geschlecht wird gesondert hin- gewiesen. 6.2 Ethnische Identität Russische Spät aussiedler und deren Eltern Einige der Kinder und Jugend lichen mit russischem Migrations hintergrund (Spät aussiedler aus Russ land) sind in Deutschland geboren (vor allem die 12- bis 15-Jährigen), die Übrigen sind mit ihren Eltern im (Klein-)Kindalter nach Deutschland gekommen. Sie erleben sich (zum Ärger derjenigen Eltern, die sich als Spät aussiedler ver stehen) mehr heit lich als russische Zuwanderer.38 Nur einige der Kinder äußerten sich hier differenzierter: Man sei „zu 70 % deutsch“ bzw. „komplett deutsch, weil hier geboren“. 37 Beispiel hafte Fragestel lungen zu den einzelnen Dimensionen sind dem Interviewleit faden zu ent nehmen, der als PDF-Dokument unter www. lfm-nrw.de/forschung/schriftreihe auf der Homepage der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) abruf bar ist. 38 Die Diskussion um Selbst verständnis und Identität konnte mit den Jüngeren kaum ernst haft geführt werden, da sich noch nicht alle mit der Identitäts frage beschäftigt hatten. Bei den Kindergruppen fiel insgesamt auf, wie unter schied lich der jeweilige Entwicklungs stand in dieser Alters gruppe ist. Es ist daher schwierig, sie als eine homogene Gruppe zu behandeln. 123 „Ich bin praktisch Deutscher. Ich kann vielleicht russisch, aber in der Schule werde ich fast wie ein Deutscher behandelt, es hat überhaupt keine Auswirkungen.“ (Mikhael, 12 Jahre, Russland) „Ich fühle mich zu 70 % deutsch, weil ich hier lebe, aber 30 % sind russisch, weil ich da aufgewachsen bin.“ (Kyrill, 13 Jahre, Russland) Anders als die Eltern und auch große Teile der 16- bis 19-Jährigen sprechen die Kinder akzentfrei deutsch. Ihren Freundes kreis beschreiben sie als „ge- mischt deutsch-russisch“, ent sprechend sei auch die Sprachwahl: Mit russischen Freunden spricht man russisch, mit deutschen deutsch. Im Elternhaus wird dagegen durch gängig fast nur russisch gesprochen. „Es gibt natürlich auch deutsche Freunde, aber die besten Freunde sind meistens russische oder polnische.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) „Zu Hause spreche ich russisch, mit meinen Freunden deutsch.“ (Swetlana, 13 Jahre, Russland) „Mit russischen Freunden spreche ich natürlich russisch, mit den deutschen deutsch.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) Die Zufrieden heit mit ihrem Leben in Deutschland ist bei der Alters gruppe 12 bis 15 Jahre deut lich von der Lebens zufrieden heit der Eltern geprägt: Die- jenigen, deren Eltern und Familien angehörige sich etabliert haben, fühlen sich deut lich stärker zufrieden, als Kinder, deren Eltern sich unwohl in Deutsch- land fühlen. Hier ist der Einfluss der Familie offensicht lich.39 Von Ausgren- zungen in der Mehrheits gesell schaft spricht dagegen in dieser Alters gruppe niemand, man werde von der deutschen Peergroup zwar als Ausländer identi- fiziert, aber nicht diskriminiert. „Das sind nur Witzchen. Ich werde nicht diskriminiert, aber man nennt mich ständig Russe, aber freundschaftlich, das ist jetzt nicht als Beleidigung gedacht.“ (Alexej, 14 Jahre, Russland) Vor allem bei den 16- bis 19-Jährigen finden sich viele, die im Kindesalter (zwischen drei und neun Jahren) mit ihren Eltern aus Russ land nach Deutsch- land gekommen sind. Der Freundes kreis der Jugend lichen ist in Abhängig keit vom Zuwanderer- bzw. Hier-Geboren-Sein-Status gemischt … „Ich habe viele russische Freunde, aber ich treffe mich genauso mit Deutschen.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) 39 Ein Beispiel ist eine Familie, in der die Mutter kein Deutsch spricht und die ältere Schwester in Deutschland so unglück lich war, dass sie zurück in die Ukraine gegangen ist. Das befragte Mädchen fühlt sich in Deutsch- land nicht wohl, obwohl sie es für sich nicht begründen kann. 124 „Die meisten meiner Freunde sind Russen.“ (Angelika, 17 Jahre, Russland) … bzw. nur deutsch: „Ich habe überwiegend mehr deutsche Freunde als russische.“ (Inga, 18 Jahre, Russland) „Hier in Deutschland habe ich gar keine russischen Freunde, alles nur deutsch.“ (Anna, 18 Jahre, Russland) Entsprechend ist auch die Sprachwahl im Freundes kreis deutsch oder ge mischt. Ähnlich wie die Elterngruppe und anders als die 12- bis 15-Jährigen bevor- zugten die jugend lichen Teilnehmer unter einander die russische Sprache. Genau wie die Kinder erleben sich die Jugend lichen durch gehend als russische Zu- wanderer. Zur Elterngruppe beider Zielgruppen sind über wiegend die Mütter er schie- nen. Sie fühlen sich offen bar in Hinsicht auf die Kindererziehung als Haupt- zuständige. Auch wenn die meisten der befragten Frauen durch aus berufstätig sind, sehen sie den größten Part der Ver antwor tung für die Erziehung bei sich. Die Diskussions runden mit den Eltern der Spät aussiedler aus Russ land fanden auf Deutsch statt, wobei die Teilnehmerinnen unter einander bevor zugt russisch sprachen. Bei allen war ein deut lich hörbarer Akzent fest stell bar. Alle sind in Russ land geboren, im Durchschnitt sind sie seit ca. 5 Jahren in Deutsch- land. Der wichtigste Grund, Russ land zu ver lassen, war für die meisten die wirtschaft liche Lage, die wenig Perspektive (auch für die Kinder) bot. „Die wirtschaftliche Situation in Russland ist total schlecht, außerdem hatte ich für meine beiden Söhne große Angst vor der Armee.“ (Vater, Russland) „Ich bin wegen meiner Tochter nach Deutschland gekommen. Sie soll es mal besser haben.“ (Vater, Russland) Die aus Russ land spät ausgesiedelten Mütter und Väter sehen sich selber als „zwischen zwei Stühlen“ sitzend: Sie fühlen sich in Deutschland als Russen, in Russ land als Deutsche behandelt. „Ich bin als deutsche Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen und in Russland habe ich gefühlt, dass ich zu dieser Nationalität gehöre. Und als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich plötzlich gefühlt, dass ich Russin bin. Das ist meine Kultur, meine Mentalität, und da bin ich auch stolz drauf.“ (Mutter, Russland) Daher sieht sich die Mehrheit als russische Zuwanderer, der Bezug zu deut- schen Vorfahren wird nur ver einzelt hergestellt und betont. 125 „Ich bin Spätaussiedler, aber nach acht Jahren in Deutschland würde ich sagen, dass ich zu 60 % russisch und zu 40 % deutsch bin. Weil alle meine Vorfahren deutsch sind, aber seelisch bin ich immer noch in Omsk.“ (Vater, Russland) Alle berichten von er lebten Diskriminie rungen in Deutschland, vor allem auf- grund der Sprache. Man hat das Gefühl, dass der hörbare Akzent bei den Deutschen den (un begründeten) „Ver dacht“ auslöst, dass man beruf lich nicht so viel leisten kann, wie ein Deutscher. Vor diesem Hintergrund zeigen sich drei Eltern deut lich unzu frieden. Sie berichten von jahrelanger Arbeits losig keit bzw. von Problemen, einen der in Russ land genossenen Ausbil dung adäquaten Job zu bekommen. „Wir leisten mehr als Deutsche, wir müssen uns mehr bemühen, um etwas zu er- reichen.“ (Vater, Russland) „Ich fühle mich nicht als Russe. Aber die Deutschen sehen mich so: Ich mache die gleiche Arbeit wie ein Deutscher und bekomme viermal weniger, weil ich keine deutsche Ausbildung habe. Meine Ausbildung in Russland wird nicht anerkannt, obwohl sie sehr gut war.“ (Vater, Russland) Nur drei der befragten Eltern zeigen sich wirk lich zufrieden, und drei finden zwar das Leben in Deutschland „bequem“, ver missen allerdings „mensch liche Wärme“. Dies sei auch Ausdruck ihrer „russischen Mentalität“: Russen seien emotionaler, gehen stärker auf andere zu, „empfangen Fremde warm und zuvor- kommend“. „Ich fühle mich natürlich total von der russischen Kultur angezogen, ich bin Russin. In Deutschland ist es schon sehr bequem zu leben, aber von der Atmosphäre her finde ich es auffällig kalt.“ (Mutter, Russland) Entsprechend habe man in erster Linie aus „Gleichgesinnten“ zusammen ge- setzte Freundes kreise, die eben falls aus Russ land stammen. Dies erachtet man als sehr wichtig, da die Deutschen „grundsätz lich zu kalt und zu distanziert“ seien. „Ich werde hier nicht anerkannt, deshalb ist es sehr gut, einen russischen Kreis zu haben, in dem sich die Leute miteinander verstehen.“ (Vater, Russland) Türkisch stämmige Kinder und Jugend liche und deren Eltern Die türkisch stämmigen Kinder und Jugend lichen unter scheiden sich ledig lich in einem Punkt: Je jünger sie sind, desto weniger stellt sich die Identitäts frage als Problem dar. Zumeist haben sich die 12- bis 15-Jährigen mit dem Thema noch gar nicht auseinander gesetzt und zeigen sich von der Frage über rascht. 126 Die Antwort ist dann allerdings bei allen gleich: „Wir sind Türken, die in Deutschland leben.“ Man spricht selbst verständ lich mit den Freunden deutsch – auch wenn sich der Freundes kreis durch aus „gemischt“ gestaltet – und in der Familie türkisch und fühlt sich in beiden Identitäten „zu Hause“. „Zu Hause spreche ich türkisch, mit meinen Freunden deutsch.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) Den „gemischten“ Freundes kreis führen die Kinder und Jugend lichen darauf zurück, dass in der Schule ein großer Ausländer anteil ist, sodass sich diese multikulturellen Freund schaften „von selber“ ergeben. „Meine Freunde sind mehrheitlich Türken. Kam so durch die Grundschule, da war man mehr mit Türken zusammen und jetzt kennt man die halt besser als die Deut- schen.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) Entsprechend zählen neben deutschen und türkischen Kindern auch Klassen- kameraden aus dem Libanon oder aus Afghanistan zum engeren Freundes- und Bekannten kreis. Über spezielle Diskriminierungs erfah rungen berichten weder die Kinder noch die Jugend lichen. Die türkisch stämmigen Eltern sind über wiegend in Deutschland geboren, einige wenige der er schienenen Frauen sind sogenannte „Heirats migrantinnen“. Die Proband Innen sprechen in den Gruppen türkisch, zeigen sich glück lich, in „ihrer“ Sprache miteinander reden zu können. Wenige Frauen, die Kopftuch tragen, berichten von einschlägigen Vorurteils erfah rungen: „Ich habe als Kopftuchträgerin als Objektleiterin gearbeitet und ich wurde von den Kollegen nicht freundlich empfangen. Nachdem ich den Schleier abgelegt habe, wurde ich akzeptiert.“ (Mutter, Türkei) Andere zeigen sich moderner und können diese Erfah rungen für sich nicht bestätigen. Die Türkei ist die „Heimat“, die man liebt. „Ich bin in Deutschland aufgewachsen, fühle mich daher hier wohler als in der Türkei. Trotzdem liebe ich meine Heimat Türkei.“ (Mutter, Türkei) Trotz allem fühlt man sich jedoch in Deutschland wohler als in der Türkei, bei Türkei aufenthalten ver misst man Deutschland. „Obwohl ich regelmäßig in der Türkei bin, vermisse ich dann Deutschland.“ (Mutter, Türkei) 127 Vergleich der beiden Popula tionen Die Gruppen der Personen mit türkischem Migrations hintergrund unter schei- den sich von denen der Spät aussiedler aus Russ land in erster Linie durch eine längere und damit intensivere Migrations erfah rung. Bereits die befragten Eltern mit türkischem Migrations hintergrund zählen mindestens zur zweiten Genera tion. Je jünger die befragten Kinder bzw. Jugend lichen sind, desto weni- ger haben sie sich bislang mit der Identitäts frage auseinander gesetzt. Über einschlägige Diskriminierungs erfah rungen berichten in dieser Gruppe ledig- lich die Mütter, die sich (durch das Tragen eines Kopftuches) äußer lich sicht bar zu ihrer Religion bekennen. Dennoch fühlen sich alle Probanden mit türki- schem Migrations hintergrund in Deutschland zu Hause und sicher. Während die Mütter durch die Verwen dung der türkischen Sprache unter einander noch einen stärkeren Bezug zur früheren Heimat auf weisen, sprechen die Jugend- lichen und Kinder unter einander wie selbst verständ lich Deutsch, dies ist für sie die Alltags sprache, mit der sie sich innerhalb der Peergroup bewegen. Pro- banden aus Russ land zeigen sich zumindest über die Sprache zumeist stärker „heimat verbunden“: Sowohl die Eltern als auch die 16- bis 19-Jährigen spre- chen unter einander russisch, wird ins Deutsche gewechselt, ist bei Eltern und Jugend lichen ein deut licher Akzent zu ver zeichnen. Fast alle Kinder und Jugend lichen sind im (Klein-)Kindalter mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, zählen in diesem Sinne also zur ersten Genera tion. Entsprechend fällt es ihnen schwerer, für sich eine klare Identitäts-Defini tion zu ent wickeln: Man ist noch nicht so weit wie viele Personen mit türkischem Migrations- hinter grund, die sich eine eigene „Zwischen-Identität“ als „Türke in Deutsch- land“ geschaffen haben, sondern „rudert“ noch hin und her, indem man sich „prozentual“ leicht stärker der „alten“ Heimat (Russ land) ver bunden fühlt. Dies wird nur durch die ganz jungen Teilnehmer auf gehoben: Für sie ist klar, dass das Geburts land – bei einigen Deutschland, bei den meisten Russ land – die Identität jeweils stärker bestimmt. Stärker als die türkische Ver gleichs- gruppe berichten die er wachsenen Spät aussiedler aus Russ land über Vorurteils- erfah rungen. Insbesondere beruf lich sind ihnen seit ihrer Ankunft viele Steine in den Weg gelegt worden: Russische Schulabschlüsse/Berufs ausbil dungen werden nicht anerkannt, man arbeitet „unter Wert“ und sieht sich nicht zuletzt auch auf grund des hörbaren Akzents vielen beruf lichen Vorurteilen aus gesetzt. Den geringsten Unterschied in ihrer Selbst wahrneh mung weisen die 12- bis 15-jährigen Kinder auf: Weder der türkische noch der russische Migrations- hintergrund spielt für ihr Selbst verständnis – bislang – eine Rolle. Dieses Ergebnis dürfte stark dem Entwicklungs stand der Kinder dieser Alters gruppe geschuldet sein: Die Peergroup beider Gruppen ist v. a. durch Kinder mit Migrations hintergrund geprägt, so dass Diskriminierungs erfah rungen bislang nicht wahrgenommen bzw. spielerisch umgangen werden konnten. 128 6.3 Medien ausstat tung und Nutzungs präferenzen Medien ausstat tung Alle Familien sind mit den „gängigen“ Medien bestens aus gestattet: Über einen Fernseher ver fügen alle Haushalte, die meisten Kinder haben zudem ein eigenes Gerät im Kinderzimmer, das sie, je nach individueller Situa tion, mit den Geschwistern teilen. Ähnlich sieht es mit dem PC aus: Nahezu alle Be- fragten mit russischem Migrations hintergrund ver fügen im Haushalt über einen PC/Laptop, nur 2 Befragte mit türkischem Migrations hintergrund können zu Hause keinen Computer nutzen. Auch hier berichten viele Kinder und Jugend- liche, dass sie ent weder am PC der Eltern arbeiten bzw. darüber ins Internet gehen oder aber sich mit mehreren Geschwistern einen PC teilen. Dass MP3- Player und Digicam eben falls fast flächen deckend vor handen sind, liegt vor allem daran, dass die Handys mittlerweile fast alle mit diesen Features aus- gestattet sind. Ver gleicht man die beiden Migrations gruppen, fallen tendenzielle Unter- schiede ins Auge: Von 27 Diskussions teilnehmern, die einen russischen Migra- tions hintergrund auf weisen, ver fügen mit 26 Personen bzw. Haushalten nahezu alle über einen Internet zugang. Dies fällt in den teilnehmenden Haushalten mit türkischem Migrations hintergrund leicht geringer aus. Umgekehrt waren die Diskussions teilnehmer aus den türkischen Haushalten tendenziell besser mit Spiel konsolen aus gestattet. Wichtig keit und Nutzung Fernseher, Handy, PC (Laptop) und Internet zugang gelten bei den meisten als nahezu un verzicht bar. Dabei über nehmen die ersten drei genannten Medien zumeist unter schied liche Funktionen: Der Fernseher gilt vor allem bei den Kindern/Jugend lichen als „Medium gegen Langeweile“; den Eltern ist er zudem wichtig für die aktuelle Informations aufnahme. Das Handy wird spon- tan vor allem für die Erreich bar keit genutzt; Kinder und Eltern bezeichnen es als wichtig, wenn man in einer „Notlage“ ist. Das Handy ist das Medium, das in den Haushalten so häufig vor handen ist, wie es Familien mitglieder gibt – oft berichten die Kinder/Jugend lichen zudem, dass der Vater oder die Mutter über zwei Handys ver fügen. Die Wichtig keit des PC/Laptops rührt vor allem daher, dass es ohne ihn nicht möglich ist, das Internet zu nutzen. Vor allem Kinder und Jugend liche geben an, den PC fast aus schließ lich dazu zu nutzen, sich ins Internet einzu- wählen. Einige Teilnehmer betonen, der PC mit dem dazu gehörigen Internet- anschluss ersetze mittlerweile einige der anderen Medien: So könne man über das Internet Filme schauen, Musik hören, kaufen und ver kaufen etc. 129 Die Wichtig keit von Internet, Handy, PC/Laptop und Fernseher zeigt sich auch im Ranking der einzelnen Medien. Diese vier Medien gehören unmittel- bar zum Alltag der Befragten, man nutzt sie täglich, sie sind aus dem Alltags- leben nicht mehr wegzu denken. Tendenzielle Unterschiede im Ranking zeigen sich im Geschlecht: Das Handy ist eher für Mädchen wichtig (15 von 17 vs. 12 von 17), Jungen geben tendenziell dem PC/Laptop den Vorzug (16 von 17 vs. 9 von 17). Das im Ver gleich zu den russisch stämmigen Befragten geringere Interesse der türkisch stämmigen Befragten an Internet und PC/Laptop ist in erster Linie auf die Haltung der türkisch stämmigen Mütter zurück zuführen. Sie gehören zumeist zu der Gruppe der gering Gebildeten. Auch im weiteren Gesprächsverlauf wird deut lich, dass auf ihrer Seite die größten Unsicher- heiten im Umgang mit den neuen Medien – insbesondere dem Internet – zu ver zeichnen sind. Mit dem Fernseher sind die Befragten sozialisiert, vor allem ältere Jugend- liche sehen aber seine Ersetz barkeit durch das Internet bzw. die Möglich keit, über den PC Filme (ent weder als Download oder als Leih-DVD) zu nutzen. Vor die Wahl gestellt, würde man ent sprechend eher auf den Fernseher als auf einen internet fähigen PC ver zichten. Einen wichtigen Vorteil vor dem Fern seher hat auch die Portabilität von Handy und Laptop. Die meisten Kinder/ Jugend lichen wünschen sich daher – sofern noch nicht vor handen – einen internet fähigen Laptop, den man dann „auch mal mit zu Freunden nehmen kann“. MP3-Player nutzt man im Gegensatz zu den vier Spitzen reitern nicht täg- lich, sondern eher in Einzelfällen („wenn mir unter wegs langweilig ist“). Entsprechend landet dieses Medium auf einem eher hinteren Rang. Zudem ver fügen mittlerweile auch viele Handys über die Möglich keit, Musik zu speichern und abzu spielen. Tages zeitung und Radio ver danken ihren sechsten bzw. siebten Platz im Ranking den Jugend lichen zwischen 16 und 19 Jahren. Für die Kinder zwischen 12 und 15 Jahren sind diese beiden Medien nicht relevant. Insbesondere die Tages zeitung wollten viele der 12- bis 15-jährigen Kinder beider Migrations- gruppen aus ihrem Ranking komplett streichen. Das Radio ist als integrierter Bestand teil anderer elektroni scher Medien bereits so selbst verständ lich, dass es als eigenes Medium zumindest bei den jüngeren Kindern keinerlei Relevanz mehr besitzt und laut ihren Aussagen auch nicht gezielt ein geschaltet wird. Die regelmäßige Nutzung pendelt sich vor allem bei den Medien Internet, Handy, Computer/Laptop und Fernseher ein und bestätigt damit das zuvor beschriebene Ranking. Es scheint, als seien die übrigen Medien eher Zusatz- medien, die in bestimmten Situa tionen oder Stimmun gen genutzt werden, nicht aber zum täglichen Gebrauch bestimmt sind. 130 Im Nutzungs repertoire der elektroni schen Medien über haupt nicht mehr vor handen ist der Platten spieler. Er gilt als „vorsint flut liches Relikt“, nur einige der Spät aussiedler aus Russ land geben an, in der „alten Heimat“ noch „so ein Gerät“ zu haben. Ein ähnliches Schicksal teilt der Kassetten rekorder, und auch der Walkman gehört zu den Medien, an die man sich kaum mehr erinnert. 6.4 Medien kompetenz Im Folgenden werden das Wissen, die Fähig keiten und die Fertig keiten im Umgang mit den Medien Handy, PC / Laptop, Internet, Spiele/Spiel konsolen sowie Fernsehen näher beleuchtet. Dabei wird auf der einen Seite der Wissens- und Fähigkeits stand der befragten Kinder und Jugend lichen beschrieben, auf der anderen Seite wird dargelegt, wie die Eltern mit den einzelnen Medien umgehen, welche Kompetenz sie sich selber und ihren Kindern zuschreiben und wie sie ver suchen, mit Gefahren einzelner Medien umzu gehen. Die ver- schiedenen Aspekte der Wissens-, Reflexions- und Handlungs dimension wer- den pro unter suchtem Medium zusammen gefasst beleuchtet. Anhand einer imagi nierten Recherche aufgabe wird zusätz lich der Medien umgang der Kinder und Jugend lichen über die Medien hinweg betrachtet. Auf Unterschiede hin- sicht lich Migrations gruppe, Alter und Geschlecht wird gesondert hin gewiesen. Handy Das Handy gehört bei allen befragten Kindern und Jugend lichen – unabhängig vom Herkunfts land – zur medialen Grund ausstat tung. Auch die Jüngeren ver- fügen zum Teil bereits seit mehreren Jahren über ein eigenes Handy; das „Einstiegsalter“ liegt bei allen Kindern bzw. Jugend lichen zwischen 10 und 12 Jahren. Der Wunsch nach einem Handy ist bei den meisten befragten Kin- dern und Jugend lichen dadurch aus gelöst worden, dass „alle“ in der Peergroup über eines ver fügen und man selber nicht zurück stehen wollte. Zum Teil be- richten die Kinder/Jugend lichen, ihre Eltern erst (z. B. mit guten Schulnoten) zu einem eigenen Handy über redet zu haben. Bei vielen war das erste Handy dann ein Gebrauchtes von den älteren Geschwistern oder den Eltern selber.m „Das, was ich davor hatte, war ein Handy aus dem Mittelalter.“ (Mikhael, 12 Jahre, Russland) „Ich habe das alte von meinem Bruder bekommen.“ (Alina, 13 Jahre, Russland) „Meine Eltern haben erst gesagt, du bist noch zu jung für ein Handy, da musste ich sie erst mal ein bisschen überreden. Ich habe ihnen gesagt, dass alle meine Freunde auch eins haben. Das hat genutzt.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) 131 Bei der Wahl des ersten – gebrauchten – Handys zeigen sich die Eltern prag- matisch: Dies sei zum einen kosten günstiger gewesen, zum anderen habe das Kind erst einmal „lernen können, wie man damit umgeht“, um dann später im Umgang mit einem Handy „nach Wunsch“ souveräner zu sein. „Ich fand es sinnvoller, ihr erst mal ein altes zu geben. Wenn sie damit dann Unsinn macht, ist der Verlust nicht so groß.“ (Mutter, Russland) „Ich wollte erstmal sehen, ob er es nur haben wollte, weil alle eins haben, oder ob er es auch benutzt.“ (Mutter, Türkei) In der Wahl des Wunsch-Handys zeigt sich eben falls eine starke Orientie rung an der Peergroup: „Ich habe das, das alle in meiner Umgebung haben“. Wich- tigste Features sind für die befragten Kinder/Jugend lichen die Möglich keit, mit dem Handy Musik hören, fotografieren und spielen zu können. „Für mich war wichtig, Musik hören zu können, es muss laut sein.“ (Artur, 16 Jahre, Russland) „Fotografieren, MP3 hören und spielen ist mir wichtig.“ (Slava, m, 18 Jahre, Kristina, 13 Jahre, Russ land/Cangül, w, 16 Jahre, Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Ich höre viel Musik damit.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) „Dass es laut ist, dass man es zum Musikhören nutzen kann.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) Im Blick auf Aussehen und Ausstat tung finden sich klare Geschlechts unter- schiede: Für Mädchen muss es vor allem „elegant“ aus sehen: „Viel Speicher, Aussehen … meine ganze Gegend [soziale Umgebung] hat das gleiche Handy.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Mir ist das Design wichtig, es muss elegant aussehen, flach und schick.“ (Anna, 18 Jahre, Russland) „Das Wichtigste ist das Design des Handys, klein, flach und schön.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Die Form muss schmal und nicht so dick sein, dann ist das Akku auch wichtig, da habe ich mich beraten lassen.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) Für Jungen steht die techni sche Ausstat tung an erster Stelle: Speicherkapazität, Fotoqualität und Stärke des Akkus wurden von ihnen immer wieder genannt:n „Mir war wichtig, dass es Musik spielen kann, eine Kamera hat, viel Megapixel, da habe ich drauf geachtet.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Fünf Megapixel muss es mindestens haben.“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) 132 „Ich habe darauf geachtet, wie gut die Qualität ist, die allgemeine Fotoqualität.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Speicherplatz und Kamera.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Meine erste Frage ist nach dem Akku.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) Bei der Auswahl, die die Eltern zumeist den Kindern über lassen, lassen sich die Befragten von Freunden, Werbespots und Anzeigen „beraten“. Man fühlt sich auf der „sicheren“ Seite, wenn man „das Allerneueste“ und damit der Peergroup gegen über einen Vorsp rung hat. „Ich habe das Allerneueste, dann haben die anderen mir das nachgekauft.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Ich gucke bei den Freunden rum.“ (Alina, 13 Jahre, Russland) Je älter die Befragten, desto intensiver findet eine Informations recherche statt. Statt sich nur auf Ratschläge von Freunden zu ver lassen, werden Zeitschriften oder Experten in ent sprechenden Läden zu Rate gezogen. Ein Unterschied zwischen den Migranten gruppen lässt sich hier nicht finden. „Erst mal sieht man das Modell im Fernsehen. Dann geht man in den Handyladen und lässt sich da informieren.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Man nimmt sich Beispiele, ich mache das über Fernsehen oder Zeitschriften.“ (Dogan, 19 Jahre, Türkei) Die Einrich tung des Handys haben ent weder der (technikaffine) Vater, ältere Geschwister (oft Brüder) oder Freunde über nommen. „Ich lasse mich da selber beraten, zum Beispiel von meinem Bruder, ich denke, der hat mehr Erfahrung und kennt sich damit aus.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Mein Vater macht mir die Programme drauf.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) „Fort geschrittene“, die bereits über ein zweites oder drittes Handy ver fügen, richten selber ein. So haben mehrere der Jugend lichen auch ihren Müttern bei der Wahl des neuen Handys beratend zur Seite gestanden. „Mein Vater hat mein erstes Handy eingerichtet. Mittlerweile kann ich das selbst.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) „Ich habe das selber eingerichtet. Ist ja jetzt mein drittes Handy, irgendwann kann man das. Vorher habe ich mir das von Freunden zeigen lassen.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) 133 „Meine Mutter wollte sich ein neues Handy kaufen und hat von so was überhaupt keine Ahnung Da bin ich dann mitgegangen, und wir haben uns beraten lassen.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) Internet oder Fernsehfunk tionen hat niemand. Hier zeigen sich sowohl die Kinder als auch die Jugend lichen erstaun lich differenziert: Diese Features seien zu auf wendig und auch zu teuer, als dass man sie nutzen würde. Würde sich allerdings die Kosten frage nicht stellen, wären zumindest die Jungen – unabhängig vom Migrations hintergrund – begeistert von dieser Möglich keit. „Manche Handys haben die Möglichkeit, ins Internet zu gehen, das würde ich nie machen, das ist mir zu teuer.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Wenn das nicht so teuer wäre, würde ich es machen.“ (Salia, w, 16 Jahre, Türkei) „Nein, Fernsehen kann mein Handy nicht, will ich aber auch gar nicht wegen der Kosten.“ (Oleg, m, 15 Jahre, Russland) Zumindest bei den 12- bis 15-Jährigen scheint die eigent liche Aufgabe des Handys – anrufen und an gerufen werden – nicht auf Platz 1 in der Rang folge zu stehen. Hier über nimmt das Handy eher die Funktion eines „Sitten wäch- ters“: Die Eltern bestehen z. B. darauf, von unter wegs an gerufen zu werden, in dem Bestreben, „jederzeit zu wissen, wo sich mein Kind gerade aufhält.“ Diese „Kontroll funk tion“ nutzen sowohl Eltern mit russischem als auch mit türkischem Migrations hintergrund. „Meine Mama anrufen, nach der Schule. Wenn ich nach Hause komme, sage ich ihr Bescheid.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Ich rufe meine Mutter an, wenn ich z. B. länger bei einem Freund bleibe oder so.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Meine Mutter lässt mich nicht raus, wenn ich mein Handy nicht dabei habe, denn sie möchte dann immer, dass ich erreich bar bin.“ (Michelle, 15 Jahre, Russ land) „Ich habe ein Handy, seit ich in der ersten Klasse war. Mein Vater musste mich immer erreichen, weil ich immer zum Training fahren musste.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) „Kurz Bescheid sagen, wann man kommt.“ (Burak, m, 12 Jahre, Türkei) Für die 16- bis 19-Jährigen dagegen ist die wichtigste Funktion des Handys die Kommunika tion, wobei längere Telefonate auch für sie nicht im Mittel- punkt stehen, eher das „schnelle Kontaktieren“, um sich zu ver abreden. SMS und Telefonieren stehen sich dabei in nichts nach. „Das Telefonieren ist das Allerwichtigste.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) 134 „Die Erreichbarkeit, dafür ist das Handy da.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „SMS, wenn man gerade nicht sprechen kann, oder gleich anrufen.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Es ist eigentlich nur dafür gedacht, dass man sich kurz verabredet. Nur wenn man sich länger nicht sieht, dann erzählt man sich auch was.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Die „Kontroll funk tion“ durch die Eltern erleben auch die jugend lichen Be- fragten zwischen 16 und 19 Jahren – hier sind es allerdings vornehm lich Jugend liche mit türkischem Migrations hintergrund, die davon berichten. Wäh- rend die Kinder die ständige Erreich bar keit für die Eltern kaum in Frage stellen, zeigen sich die Jugend lichen hier tendenziell ver ärgert und ver suchen, die Eltern auszu tricksen. „Die [Eltern] rufen dauernd an, ich sage immer, ich komme gleich nach Hause und nach einer Stunde rufen sie wieder an.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Es ist ja auch okay, wenn die Eltern mal fragen, wo bist du, was machst du, wann kommst du. Das nervt aber auch manchmal.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) „Abschalten geht ja nicht, weil dann mein Vater sagt, dass ich es gar nicht brauche. Aber ich gehe manchmal nicht ran.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) Die türkische Elterngruppe gibt diese Kontroll funk tion auch ohne Zögern zu: „Mit dem Handy kann man die Kinder gut kontrollieren, wenn was passiert, können sie sich jederzeit bei den Eltern melden.“ (Mutter, Türkei) „Meine Kinder haben alle ein Handy. Dient nur der Erreichbarkeit, nicht zur Unter- haltung.“ (Mutter, Türkei) „Da hat man die Kinder auch ein bisschen mit unter Kontrolle. Aber ich weiß, dass meine Kinder schlau sind.“ (Mutter, Türkei) Je älter die Befragten, desto wichtiger wird die SMS-Funktion. Die ver wen- dete Sprache der Jugend lichen mit türkischem Migrations hintergrund für SMS ist deutsch, da es in erster Linie dem Kontakt mit der Peergroup dient, mit der man sich auch im Alltag zumeist auf Deutsch unter hält. Jugend liche Spät- aussiedler aus Russ land kontaktieren per SMS eben falls in erster Linie ihre gleichaltrigen Freunde in Deutschland. Solange es sich um russisch sprachige Freunde handelt, ist die ver wendete SMS-Sprache häufig russisch, allerdings zumeist mit lateini schen Buchstaben. Dies liegt allerdings weniger an den Features des Handys als vielmehr daran, dass man kyrillisch häufig besser handschrift lich als über Tastaturen beherrscht. Dies „dauert“ zu lange, wes- halb man sich mit den lateini schen Buchstaben in der „eigenen“ Sprache be- 135 dient. Von einer Kommunika tion per SMS mit Ver wandten/Freunden in der Türkei bzw. in Russ land war dagegen in den Gruppen diskussionen keine Rede. Das Handy scheint für eine derartige „Brücken funk tion“ zwischen Herkunfts- und Ankunfts gesell schaft keine große Rolle zu spielen. Vielmehr erwies sich für die Kommunika tion mit der Ver wandt schaft im Herkunfts land das Internet als relevant, wie später noch gezeigt wird. Eine spontane Antwort auf die Frage nach den Gefahren des Handys war bei jugend lichen Mädchen – unabhängig vom Herkunfts land – das „Strahlen- Risiko“, vor dem vor allem die Mütter „immer warnen“ würden. Die Mütter scheinen in ihrer auf mangelnde Kompetenz zurück zuführenden Hilflosig keit auf sämt liche Risiken, die sie in Zeitschriften oder Fernsehberichten finden, zurück zugreifen, um den Handygebrauch der jungen Mädchen einzu schränken. Diese Warnun gen treffen bei den befragten Jugend lichen allerdings auf wenig Gehör: Sie glauben nicht daran. „Die Strahlen sollen schädlich sein. Hat zumindest meine Mutter gesagt, aber ich nehme das nicht ernst.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Strahlung, ich habe aber noch nichts davon bemerkt.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Ich glaube nicht an dieses Gerücht mit der Strahlung.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Andere Gefahren werden in „Kostentricks ereien“, wie z. B. bei Klingelton- Abonnements, die man ver sehent lich ein geht, oder in teuren Rückrufnummern gesehen. Vor allem Jungen haben diese Erfah rungen am eigenen Leib gemacht, andere haben zumindest im Freundes- und Bekannten kreis davon gehört. Eine gewisse Vorsicht lassen mittlerweile alle walten, und sei es, um Ärger mit den Eltern zu ver meiden. „Ich habe aus Versehen so ein Abo gemacht. Spy Game. Das war so ein Internetstand, da bekam man ein Gratisspiel. Da habe ich meine Handynummer eingegeben, die haben mir ein Passwort geschickt, das habe ich im PC eingegeben und dann stand da, ‚Ihr Abo wird gebucht‘. Ich wusste nicht, wie ich das wegmachen kann.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Mir ist das mal passiert, als ich kleiner war, da hatte ich plötzlich so ein Abo und da wurde immer Geld abgezogen, bis ich nichts mehr hatte. Dann habe ich die Karte weggeworfen. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass ich das hätte kündigen können.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Ich musste meinem Vater versprechen, dass ich vorsichtiger bin, sonst würde er mir das Handy abnehmen. Seitdem mache ich da auch nichts mehr.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Mein Bruder hat mir von solchen Sachen erzählt. Dem ist das passiert und seitdem passe ich auf.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) 136 „Meiner Klassenlehrerin ist das mit diesen teuren Rückrufnummern passiert.“ (Mikhael, 12 Jahre, Russland) Weitere Risiken, wie z. B. die un gefragte Weiterlei tung von Bildern oder das Phänomen des „happy slapping“, scheinen dagegen als Gefahren potenziale der alltäg lichen Handynut zung wenig präsent zu sein. Die Kinder und vor allem die Jugend lichen zwischen 16 und 19 Jahren kennen diese Gefahren zwar aus dem Freundes- und Bekannten kreis, und auch mitgefilmte Prügeleien sind aus der Schule bekannt, man ist aber selber damit – angeb lich – noch nicht konfrontiert worden. Zwar wird als Vorsichts maßnahme an gegeben, dass man Bilder nur im engsten Freundes kreis ver schicke, ansonsten sind diese Phänomene für die Kinder und Jugend lichen in den Gruppen diskussionen kaum Thema. Einzig in der Gruppe der türkisch stämmigen Jugend lichen wird der Sach verhalt etwas lebhafter diskutiert. Hier wird zum Beispiel berichtet, dass an einer Schule seit einem solchen Zwischen fall Handy verbot bestehe.m „Ich schicke keinen Leuten Bilder von mir oder so, nur meinen Freunden.“ (Kristina, w, 13 Jahre, Russland) „Auf meiner alten Schule war ein Mädchen, die hatte ein Video von sich selbst und das hat sie einer Freundin im Vertrauen weitergeschickt über Bluetooth. Und am Ende hatte das die ganze Schule und sie hat sich dafür geschämt.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Mir ist das auch schon passiert, auf einer Klassenfahrt hat mich einer beim Duschen aufgenommen, der hat es nicht verschickt, aber gezeigt.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „An unserer Schule wurde ein Junge verprügelt und alle standen drum herum und haben das aufgenommen. Dann gab es auch Handyverbot an der Schule, das besteht immer noch.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) Auch in den Elterngruppen werden Gefahren wie Mobbing per Handy oder „happy slapping“ kaum wahrgenommen. Zwar gibt es in der Hinsicht ein diffuses Gefahren bewusstsein, was sich darin äußert, dass zum Beispiel SMS der Kinder kontrolliert werden: „Auch ich kontrolliere, meine Tochter weiß das. SMS schaue ich mir an. Das tue ich nur deswegen, um zu sehen, ob meine Kinder negativen Einfluss haben.“ (Mutter, Türkei) Direkt wird von den Eltern auf gewalthaltige Bilder oder Videos nicht ein- gegangen. Stattdessen werden eher die hohen Kosten als Gefahren quelle ge- nannt. Außerdem meinen sie, durch Erklä rung und Anlei tung die Kinder/ Jugend lichen aus reichend schützen zu können: 137 „Gleich von Anfang an erklären. Das habe ich beiden Kindern beigebracht, über Handy nur wichtige Informationen mitzuteilen, wenn du klatschen willst, dann Fest- netz.“ (Mutter, Russland) Zusätz lich wird von den Eltern das Spielen am Handy kritisch ein geschätzt, da man es kaum unter binden könne: „Sie benutzen dieses Handy auch als Spielkonsole. Mein Sohn spielt immer, überall, ich kann es nicht kontrollieren. Bei Computer oder Internet kann ich es machen, aber beim Handy nicht. Deshalb kaufe ich meinem Sohn nur ganz einfache Geräte und billige.“ (Vater, Russland) Die Zahlung der Handykosten ist unter schied lich geregelt und stark vom Alter der Befragten ab hängig: Während die 12- bis 15-Jährigen fast durch gängig eine – von den Eltern als zusätz liches Taschen geld finanzierte – Prepaidcard (im Durchschnitt ca. 15 Euro) haben, ver fügen vor allem Ältere aus der Gruppe der 16- bis 19-Jährigen mittlerweile über ein Ver trags-Handy. Allerdings be- richten auch diese Befragten, anfangs ein Karten-Telefon besessen zu haben. Je älter die Kinder werden, desto mehr trauen die Eltern ihnen einen ver ant- wortungs- und kosten bewussten Umgang mit dem Handy zu, und es werden Ver träge ab geschlossen. Auch diese Kosten werden zum Teil von den Eltern über nommen oder vom Taschen geld selbst bestritten. „Kein Vertrag, nein, eine Karte. Ich bekomme einmal im Monat von meinen Eltern eine Karte für 15 Euro. Wenn die früher leer ist, bekomme ich eine neue.“ (Hatice, w, 14 Jahre, Türkei) „Erst Prepaid, dann Vertrag.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Nee, nicht sofort Vertrag. Die wollten auch erst sehen, wie ich damit klarkomme.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) Im Durchschnitt berichten die Kinder von Handykosten zwischen 10 und 20 Euro im Monat, bei den 16- bis 19-Jährigen liegt der Durchschnitt mit 15 bis 40 Euro monat lich etwas höher. Nur selten berichten Befragte mit türkischem Migrations hintergrund, die mit Ver trag telefonieren, über deut lich zu hohe Kosten, was unmittel bar von den Eltern bestraft wurde, indem man diese Kosten selber tragen musste. Ein Handy verbot vonseiten der Eltern er- folgt hier aber nicht, was den befragten Jugend lichen durch aus bewusst ist: „Die würden sich ja ins eigene Fleisch schneiden, indem sie mich nicht mehr kontrollieren können“. Insbesondere die befragten Jugend lichen mit türkischem Migrations hintergrund scheinen sich der Wichtig keit des Handys als „Kontroll- instrument“ der Eltern sehr sicher zu sein: Man ist in dem Bewusstsein, dass die Eltern das Handy nie komplett ent ziehen würden, leichtsinniger als die 138 Alters genossen mit russischem Migrations hintergrund, über schreitet auch schon mal die von den Eltern gesetzten Grenzen. „Ich hatte mal eine Rechnung über 75 Euro, weil ich von Base aus einen Kollegen mit D2 angerufen habe. Ich wusste nicht, dass das so teuer ist. Da war mein Vater ziemlich sauer. Die musste ich von meinem Taschengeld bezahlen.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Ich hatte erst einen Vertrag, mein Vater hat gesagt, ich darf 40 Euro nicht über- schreiten. Ja, und dann habe ich aber doch über 40 Euro auf der Rechnung gehabt, da hat mein Vater mir dann die Vertragskarte weggenommen, und seitdem benutze ich eine normale Karte und bekomme im Monat 15 Euro Guthaben.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Mein Vater hat mir mein Handy mal abgenommen, weil die Rechnung zu hoch war. Aber meine Mutter hat ihn dann überzeugt, es mir wiederzugeben. Ich glaube, weil sie Angst hatte, dass ich dann nicht mehr erreichbar bin und auch in Notfällen nicht mehr anrufen kann. Wenn ich spät abends z. B. den Bus verpasse.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) In der Nutzung des Handys erleben die befragten Kinder und Jugend lichen kaum Reglements durch die Eltern. Ihnen ist vor allem wichtig, dass nicht „über Gebühr“ telefoniert wird und sie sehen es nicht gerne, wenn das Handy für Spiele genutzt wird. Da sie dies aber nicht erfolg reich unter binden können, ohne das Handy als Kontrollinstanz zu ver lieren, wird das Spielen still schwei- gend geduldet. Die Eltern hoffen hier auf die Ver nunft ihrer Kinder. Letztere (vor allem Jungen) unter laufen die „Mahnun gen“ ihrer Eltern in dem Bewusst- sein, dass sie ihnen in den meisten Fällen im Umgang mit dem Handy ein- deutig über legen sind. „Meine Mutter will nicht, dass ich Spiele auf dem Handy spiele, sie meint, ich soll mich lieber auf die Schularbeiten konzentrieren, ich mach es aber trotzdem manch- mal.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Das kann sie ja nicht kontrollieren, sie kann ja nicht sehen, dass ich gespielt habe.“ (Alexej, 13 Jahre, Russland) PC/Laptop und Internet Nahezu alle Teilnehmer der Gruppen diskussionen berichten, dass in ihren Haus halten mindestens ein PC bzw. Laptop – zumeist mit Internet zugang – vor handen ist. Leichte Einschrän kungen sind ledig lich bei den Befragten mit türkischem Migrations hintergrund zu ver zeichnen: Hier sind es einige Mäd- chen, denen als Konsequenz nach unvorsichtigem Ver halten der Internet zugang bewusst ent zogen worden ist (s. u.). Für die Kinder/Jugend lichen ist der PC vor allem als „Medium für den Internet zugang“ wichtig; die reine Nutzung 139 des PC gehört zum selbst verständ lichen Alltag, ohne ihn ist die „normale Schularbeit“ nicht mehr denk bar. Auch wenn nicht alle über einen eigenen PC ver fügen, teilen sie ihn sich zumindest mit den Eltern oder Geschwistern. „Ich habe keinen eigenen, aber wenn ich was brauche, gehe ich zu meiner Mutter und kann dann ihren Rechner benutzen.“ (Michelle, 15 Jahre, Russland) „Ich teile mir auch mit meinen Eltern einen.“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) „Ich teile den mit meiner Schwester.“ (Alina, 13 Jahre, Russland) Teilt man „nur“ mit den Eltern, sieht man sich zumeist in der glück lichen Position, selber Haupt nutzer zu sein. Die Eltern ver wenden den PC fast nur als Kontakt mittel zur Ver wandt schaft in der Türkei bzw. Russ land, über lassen ihn ansonsten (vor allem im Glauben, dass die Kinder ihn für die Schule brauchen) den Kindern. Entsprechend war für die meisten Kinder/Jugend- lichen auch die Schule der Vorwand für die Anschaffungs- und Nutzungs- notwendig keit von PC und Internet zugang. Wissend, dass die Eltern den Inter- netmöglich keiten eher unerfahren gegen über stehen, werden schuli sche Belange vor geschoben, obwohl das Interesse – unabhängig von der Migrations gruppe – in erster Linie bei Unterhaltungs- und Kommunikations features liegt. „Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich einen für die Schule brauche, zum lernen.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Ja, ich habe ihnen gesagt, dass ich Mathe lernen muss. Aber eigentlich ist chatten oder Musikhören wichtiger.“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) „Für die Schule nutze ich das auch, dass ich z. B., wenn wir ein Referat schreiben müssen, nach bestimmten Themen ‚google‘. Aber die anderen Sachen sind mir wich- tiger.“ (Nicole, 16 Jahre, Russland) Ist man ein jüngeres Geschwisterkind, sieht es mit der Nutzung oft nicht so aus, wie man es gerne hätte: Die älteren Geschwister erheben stärkeren An- spruch auf den Rechner, sie begründen dies wiederum mit Schularbeiten. Meist steht der zu teilende Computer ent sprechend auch im Zimmer des älteren Ge- schwisters. „Ich teile mir das mit meinem Bruder.“ (Burak, m, 12 Jahre, Türkei) „Ich nutze das Teil mit drei Geschwistern.“ (Melika, w, 12 Jahre, Türkei) „Ich muss es mir mit meinem Bruder teilen, aber er nimmt es mir immer weg.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) Die wenigen Befragten, die zu Hause nicht die Möglich keit haben, ins Internet zu gehen, weichen auf die Schule, Freunde oder auch Internetcafés aus: 140 „Man kann ja auch in die Schule gehen und es dort machen, da ist ja auch Internet.“ (Nicole, w, 16 Jahre, Russland) „Ich kann in der Schule Internet nutzen.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Wir haben in der Schule eine Computer-AG, also auch mit Internetzugang, da geh ich dann ins Internet.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) Wichtigster Nutzungs grund ist für die Kinder/Jugend lichen der Zugang zum Internet: Es wird Musik gehört und downgeloaded, Filme an gesehen oder (vor allem Jungen zwischen 12 und 15 Jahren, s. u.) gespielt. Vielen – auch den ganz Jungen – ist dabei klar, dass das Internet die klassi schen Medien er- setzen kann. So ist die Zeitung aus den Köpfen der jungen Befragten zwischen 12 und 15 Jahren mehr oder weniger komplett ver schwunden. „Wenn man sich z. B. speziell über einen Verein informieren möchte, das geht ja mit der Zeitung gar nicht, da findet man so was nicht so einfach. Dann geht man einfach ins Netz und findet alles.“ (Michelle, 15 Jahre, Russland) „Weil es das größte Medium überhaupt ist, weil ich telefonieren kann, mir Filme downloaden kann, ich kann alles damit machen, alles angucken, alles lesen, Spiele online spielen.“ (Alexej, 14 Jahre, Russland) Auch die Tatsache, dass nicht alles, was im Internet steht, richtig ist, ist den meisten bewusst, wird aber, weil die Möglich keiten so unend lich sind und die Bedien bar keit so einfach er scheint, billigend in Kauf genommen. „Das Internet ist schneller und umfangreicher: Wo soll man denn sonst die Infor- mationen herbekommen?“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) „Da finde ich alle Informationen, die ich brauche, vielleicht auch mal fehlerhafte, aber ich kann sie bekommen. Auch Bilder, Filme, Bücher, alles.“ (Alexej, 14 Jahre, Russland) In der Schule wird nach Berichten der befragten Kinder/Jugend lichen heut- zutage der sichere Umgang mit dem Internet voraus gesetzt. Von speziellem Unter richt, der die notwendigen Fähig keiten und Fertig keiten einübt, wird da- gegen kaum gesprochen. Man empfindet sich eher als Autodidakt, der „durch Probieren“ die Hürden meistert. „Leitfiguren“ bei größeren Problemen sind in den seltensten Fällen Lehrer oder Eltern – der Elterngenera tion wird hier ins- gesamt wenig zu getraut – als vielmehr (ältere) Freunde oder Geschwister. „Bei uns wird das auch erwartet. Ohne Internet geht es nicht mehr, wer kein Internet hat, der hat auch keine Chance in der Oberstufe.“ (Michelle, 15 Jahre, Russland) 141 „Nee, an der Schule gibt es keinen, der einem hilft, das gibt es nicht. Aber ich komme schon zurecht. Einfach ausprobieren, dann geht es schon. Ansonsten frage ich halt einen Freund oder so.“ (Angelika, 17 Jahre, Russland) Die Einschät zung der eigenen Nutzungs dauer liegt in Abhängig keit vom Alter der Befragten zwischen zwei und vier Stunden täglich: Jungen zwischen 12 und 15 Jahren rühmen sich gerne, länger als die Freunde und Mitschüler am PC zu ver bringen, Mädchen spielen die eigene Nutzungs dauer gerne herunter, indem sie auf die über mäßige Nutzung von Schul kameraden ver weisen. „Ich kann da auch schon mal einen halben Tag oder länger verbringen.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Drei Stunden sind für mich das Mindeste.“ (Mikhael, 12 Jahre, Russland) „Meine Freunde sitzen den ganzen Tag am PC, die lernen nichts.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) Ältere Jugend liche wirken in ihrer Einschät zung dagegen realisti scher: „Zwischen zwei und vier Stunden, das ist noch vergleichsweise wenig.“ (Yasin, w, 16 Jahre, Türkei) „Ich versuche schon, mir das einigermaßen einzuteilen, damit es nicht überhand nimmt. Also so zwei Stunden oder so, in Ausnahmefällen auch mal drei.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) „Man muss auch schon immer selber ein bisschen gucken, damit man nicht zu lange rumsurft. Dann kommt man ja zu nichts anderem mehr.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Irgendwas zwischen zwei und vier Stunden, je nachdem, was man sucht. Man kommt auch schon mal von Hölzchen auf Stöckchen und bleibt länger als geplant.“ (Nicole, 16 Jahre, Russland) Entsprechend der Nutzungs motive war den meisten bei der Anschaf fung eines Computers die Ausstat tung wichtig; zwar hatte kaum einer der Befragten aus der Kinder- bzw. Jugendgruppe beim Kauf des Computers eine wirk liche Ent- scheidungs befugnis, dennoch hat man die Eltern gebeten, auf Grafik- und Sound karte und hohe Übertragungs geschwindig keit zu achten. Auch dies haben die Befragten mit schuli schen Nutzungs motiven begründet. Russische bzw. türkische Seiten dienen Eltern und Jugend lichen ab 16 Jahre oft als Ergän zung, wenn es darum geht, sich über Ereignisse rund um das Herkunfts land zu informieren. Die Kinder beider Migrations gruppen stehen Nachrichten generell eher distanziert gegen über. Ohne „äußeren Zwang“ pas- siert hier keine Informations recherche. 142 Ohne Unterschiede zwischen Herkunfts land oder Geschlecht er scheint es den befragten Jugend lichen unerläss lich, Nachrichten über „ihr“ Land ver- gleichend zu nutzen. Diese Vorgehens weise scheint durch die Haltung der Eltern geprägt, die genau dieselben Argumente nennen: Man hat das Gefühl, deutsche Medien seien eher anti-türkisch bzw. anti-russisch, während die Medien im Herkunfts land über trieben pro-türkisch bzw. pro-russisch seien. Durch den Vorteil, beide Sprachen zu ver stehen, „bastelt man sich seine eigene Wahrheit zurecht.“ „Nur weil das eine auf deutsch und das andere auf türkisch ist, heißt das noch lange nicht, dass das eine falsch und das andere richtig ist. Am besten vergleicht man, dann kommt man der Wahrheit im Zweifel am nächsten.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Wenn irgendwas in Georgien los ist, gucke ich mir die Nachrichten im Internet an, dann reichen mir deutsche Nachrichten nicht mehr, dann will ich vergleichen.“ (Artur, 16 Jahre, Russland) „Wenn man die deutschen Medien anguckt, alles nur Antipropaganda gegen Russland und in Russland ist eigentlich nur Propaganda für Russland, aber man kann ja beides vergleichen und sich ein Bild davon machen.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) Die Brows er einstel lung ist über wiegend in deutscher Sprache. Allerdings ist den meisten Befragten die Möglich keit, auf die Herkunfts sprache umzu stellen, bekannt. Oft wird diese Umstellungs möglich keit von den Eltern vor genom men, den Kindern/Jugend lichen scheint dies eher nicht notwendig. „Man kann das einstellen, ich habe es aber immer auf Deutsch.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) „Wenn meine Mutter ins Internet geht, stellt sie vorher auf russisch um, ich nutze die deutsche Einstellung.“ (Nikita, m, 14 Jahre, Russland) Über aktuelle Informa tionen hinaus werden türkische bzw. russische Seiten vor allem von den Kindern zwischen 12 und 15 Jahren genutzt: Animiert durch Eltern oder Großeltern schaut man gerne alte Filme oder TV-Serien aus dem Herkunfts land – diese zumeist mit den Eltern/Großeltern zusammen. „Wenn ich einen schönen alten türkischen Film sehen will, kann ich das über das Internet.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Ich gucke mir im Internet meine Lieblingsserie an, Bukiny. Wir können im Moment keine russischen Fernsehsender empfangen und da ist das eine gute Alternative.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) „Mein Opa guckt schon mal so alte Filme im Internet, die so ganz kitschig sind, die gucke ich dann mit ihm zusammen.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) 143 Auch die Jugend lichen weisen dem Internet in diesem Aspekt eine hohe Rele- vanz zu, ohne jedoch explizit auf russische/türkische Seiten abzu zielen. Wich- tiger ist für sie, dass das Internetangebot welt weit ist, man sich an allem bedienen kann, was man gerne möchte und nicht auf spezielle Fernsehkanäle o. Ä. an gewiesen ist. Ein Bedürfnis nach „Extra-Seiten“ für Türken in Deutsch- land oder Spät aussiedler aus Russ land besteht bei den Kindern/Jugend lichen allerdings nicht. Weder kennt man solche Angebote noch hat man sich bisher danach auf die Suche gemacht. Den Befragten sind eher die Inhalte, weniger die Sprache wichtig. „Ich wüsste jetzt nicht, wofür ich das brauche.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) „Wozu sollte das gut sein, ich kriege doch alles, was ich will über das Netz, wenn ich türkische Musik hören will, kann ich mir die da holen, wenn ich eine Serie gucken will, auch.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) Auch die Möglich keit, mit Freunden zu chatten, steht bei den Befragten hoch im Kurs. Dabei können bei den türkisch stämmigen Befragten keine Unter- schiede nach Alter oder Geschlecht fest gestellt werden. Für Kinder mit russi- schem Migrations hintergrund dagegen stellt das Chatten bislang nur selten eine Option dar. Hier sind es vor allem die 16- bis 19-Jährigen, die darüber berichten. Beim Chat ist der Kommunikations partner aus schlag gebend für die Sprachwahl: Kommunizieren die Kinder/Jugend liche mit türkischem Migra- tions hintergrund mit (Schul-) freunden, findet dies auf Deutsch statt, unter hält man sich mit Freunden/Ver wandten im bzw. aus dem Herkunfts land, wird deren Sprache gewählt. „Mit Freunden chatten, auf Deutsch.“ (Yasin, w, 16 Jahre, Türkei) „MSN ist eigentlich immer an, ich chatte mit meinen Freunden und meinen Cousins in der Türkei. Da ist dann auch die Kamera an. Mit den Cousins dann auch in Türkisch, die können ja kein Deutsch.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Chat in die Türkei auf türkisch, Chat mit meinen Freunden auf deutsch.“ (Yasin, w, 16 Jahre, Türkei) Ähnlich ver halten sich auch die jugend lichen Spät aussiedler aus Russ land: Auch sie wählen die Sprache in Abhängig keit vom Chatpartner. Nur wenige der Spät aussiedler aus Russ land sehen sich dabei in der Lage, die kyrilli schen Buchstaben zu nutzen. Dies liegt wiederum weniger an der Ausstat tung des Rechners als vielmehr an der Fähig keit, die Buchstaben einzu tippen. Kyrillisch funktioniere zwar mit der Hand, nicht aber auf der Tastatur – zumindest nicht „schnell“ genug (s. Abschnitt zum Handy). 144 „Ich chatte mit meinen Freunden in der Ukraine. Dann immer in russisch, aber mit lateinischen Buchstaben. Ich kann Kyrillisch nur mit der Hand gut schreiben, sonst bin ich zu langsam.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) „Mal in Russisch, mal in Deutsch. Aber Russisch mit lateinischen Buchstaben.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Ich habe die kyrillischen Buchstaben auf meiner Tastatur, kann wechseln.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) Zwei türkische Mädchen (16 bis 19 Jahre) berichten, dass ihnen gerade das Chatten zum Ver hängnis geworden sei: Ihre Mütter seien, nicht zuletzt wegen der Negativpresse in Hinsicht auf die Kommunikations möglich keiten mit Frem- den, misstrauisch geworden und hätten den Internet zugang ver boten. Beide nutzen nun das Internet bei Freunden – vorgeb lich nur für schuli sche Belange. „Meine Mutter wollte das nicht mehr, weil sie meinte, wir chatten zuviel und machen zuwenig für die Schule.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Wir haben auch keinen Internetzugang mehr, meine Mutter hat einen schlechten Eindruck vom Internet allgemein, sie denkt, wir machen da schlimme Sachen, z. B. mit Jungs chatten.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Ich nutze jetzt bei Freunden das Internet. Meine Mutter weiß das, ich mache das nur für die Schule, z. B. wenn ich ein Referat halten soll. Meine Mutter kennt das auch nicht so, sie hat nicht so viel damit zu tun.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) Es wird nicht nur über MSN oder Skype mit den (Schul-)Freunden gechattet, auch auf sogenannten Social Networking Sites kennen sich die Kinder und Jugend lichen aus. Hier werden die bekannten Platt formen genutzt: StudiVZ, SchülerVZ, Netlog oder MySpace sind den meisten Befragten ein Begriff. „Ich bin bei Netlog angemeldet, da kann man Bilder kommentieren und bei Umfragen mitmachen.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Ich bin bei StudiVZ, gucke nach alten Schulkollegen.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Man bekommt eine Einladung zu SchülerVZ, halt von Schulkameraden, die sind da alle.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Zumindest eine Zeit lang war es fast Pflicht, bei SchülerVZ angemeldet zu sein, weil es alle waren.“ (Nikita, m, 14 Jahre, Russland) „Ich habe nur ein paar Videos von meinem Hund da reingestellt.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) Türkische oder russische Ver gleichs angebote werden kaum genannt. Vielmehr scheint es eine Art Gruppen zwang in der Peergroup zu sein, sich auf den 145 „gängigen“ Seiten zu bewegen, man möchte „dazu gehören“. Ledig lich die rus- sischen Kinder/Jugend lichen nennen die russische Seite „odnoklass niki“. Sie scheinen ihrem Herkunfts land, indem sie zumeist tatsäch lich noch geboren und auf gewachsen sind, stärker ver bunden als türkische Migranten der dritten bzw. vierten Genera tion. „Ich habe Bilder bei odnoklassniki eingestellt, damit meine Freunde in Russland das sehen können.“ (Angelika, 17 Jahre, Russland) „Ich bin bei odnoklassniki. Da habe ich dann Verbindung zu meinen Freunden in Russland.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) Allerdings scheint der große Boom von Social Networking Sites mittlerweile ab genommen zu haben. Viele der Befragten haben ent weder selber negative Erfah rungen gemacht oder davon gehört, und sich daher wieder ab gemeldet.m „Ich war mal bei SchülerVZ, meine Cousine war auch drin. Dann habe ich erfahren, dass es nichts Gutes ist. Da sind ja auch andere Mitschüler drin und man wird ver- arscht.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Ich habe mir mal Knuddels angeguckt, ich habe von Freunden einen Namen be- kommen, damit ich mal reingehe zum testen. War aber doof, da sind auch ältere Leute drin, man wird blöde angequatscht.“ (Burak, m, 12 Jahre, Türkei) „Das sieht ja jeder, das hätte ich nicht so gerne. Man wird da auch beleidigt.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Es passiert auch ständig, dass man da beleidigt oder angemacht wird. Aber man kann sich ziemlich einfach dagegen wehren, einfach sagen, der soll aufhören. Bei so was gibt es auch Konsequenzen.“ (Alexej, 14 Jahre, Russland) „Es gibt auch so Chatrooms, da verabreden sich Leute, um gemeinsam zu sterben. Das Thema kommt auch im Abitur vor.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) „Ich verstehe nicht, warum man sein Privatleben öffentlich machen muss. Ich glaube, das sind irgendwelche Menschen, die Minderwertigkeitskomplexe haben und Bestäti- gung suchen.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Zum Teil ver bieten die Mütter mit türkischem Migrations hintergrund die Kom munika tion über die Social Networking Sites, die sie für noch gefähr- licher halten, als den Chat mit Freunden. Aus der Presse sind ihnen genügend Beispiele bekannt, dass fremde Erwachsene die Seiten zur Kontakt aufnahme mit minder jährigen Mädchen nutzen. Vor allem Mütter von Töchtern sind hier sehr misstrauisch. „Meine Mutter hat erfahren, dass da vor allem Jungs drin sind, und dann musste ich mich abmelden.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) 146 „Netlog darf ich nicht drauf, hat meine Mutter mir verboten, weil man da von jedem angesprochen werden kann.“ (Salia, w, 16 Jahre, Türkei) Schließ lich ist bei einigen Jugend lichen auch schlicht der Reiz des Neuen ver- flogen, man war an gemeldet, hat fest gestellt, dass die Pflege des Profils eini- ges an Aufwand und Zeit ver langt und sich irgendwann nicht mehr darum gekümmert bzw. sich ab gemeldet. „Ich war früher bei Netlog, dann habe ich aufgehört, hatte einfach keine Lust mehr.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Ich sehe auch keinen Sinn darin, warum soll ich meine Sachen vor allen Leuten ins Internet stellen.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Das ist auch das Problem bei StudiVZ, ich habe da kein einziges Foto von mir reingetan, aber du wirst ja ständig verlinkt, dann hast du ständig Verlinkungen und bist überall drauf.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) „Man muss halt die richtigen Freunde haben, um die zu bitten, die Fotos raus zu neh- men, wenn man da nicht gesehen werden will.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Auch weitere Gefahren über un gewollte Kontakte mit Fremden hinaus sind insbesondere den meisten befragten Jugend lichen bekannt. Geschichten über die Weitergabe von Daten in Verbin dung mit „Kosten fallen“ kennt man z. B. ent weder aus dem Bekannten kreis oder aus dem Fernsehen. Bekannte und etablierte Internet seiten sind allerdings von diesem Misstrauen aus geschlossen, hier zeigen sich sowohl türkisch- als auch russisch stämmige Jugend liche sehr ver trauens voll. „Solange es so eine Seite wie eBay ist, die weltberühmt ist, habe ich keine Angst, meine Daten einzutragen, die ist schon sicher.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) „Aber wenn man seine Daten nicht angibt, also egal bei welcher Seite, ist es sowieso nicht gefährlich.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) „Es gibt bestimmt viele Seiten, die dann doch etwas kosten, wo man in eine Kosten- falle tappen kann. Man muss schon vorsichtig sein.“ (Anna, 18 Jahre, Russland) „Man bekommt schon Informationen über die Risiken. Z. B. von Freunden, denen was passiert ist, oder durchs Fernsehen.“ (Yonca, w, 17 Jahre, Türkei) Das Internet ist für die – meist für die Erziehung haupt verantwort lichen – Mütter die große Unbekannte. Während sie das Chatten mit Freunden und Ver- wandten noch nachvollziehen können (nutzen sie doch selbst diese Möglich- keit, um mit Ver wandten im Herkunfts land in Kontakt zu bleiben), reagieren 147 sie auf die vielen – ihnen eher un bekannten – Möglich keit des Internets mit Misstrauen. Zum einen ist ihnen bewusst, dass ihre Kinder, auch um in der Schule mithalten zu können, „internet fähig“ sein müssen, zum anderen sehen sie dadurch (und durch ihr eigenes Unwissen) kaum Möglich keiten, kontrollie- rend auf ihre Kinder einzu wirken. Die meisten Eltern betonen, mit ihren Kin- dern über die Gefahren zu sprechen und den Dingen ansonsten ihren Lauf zu lassen, in der Hoffnung, ihren Kindern ver trauen zu können. Nur wenige – die klar der Gruppe der höher Gebildeten zuzu ordnen sind und (im Falle türkisch- stämmiger Probanden) eine „moderne“ Sicht weise haben – ver suchen, sich selbst mit dem Internet auseinander zusetzen, um so eher auf das Nutzungs- verhalten ihrer Kinder Einfluss nehmen zu können. Die meisten anderen greifen aus Angst vor Sucht verhalten zu dem Mittel der zeit lichen Begren- zung. „Aussprache und Aufklärung ist wichtig. Ich finde, dass eine geheime Kontrolle nichts bringt. Wir müssen unsere Kinder aufklären und mit ihnen darüber reden. Mein Kind ist 17 und kann mittlerweile das Gute vom Bösen unterscheiden. Zudem erlaube ich ihm auch, gewisse Seiten zu besuchen, da es wichtig ist, dass die Kinder mit be stimm- ten Themen konfrontiert werden.“ (Mutter, Türkei) „Ich rede kontinuierlich auf meine Kinder ein und versuche, sie auf wichtigere Dinge aufmerksam zu machen.“ (Mutter, Türkei) „Spiele online sind verboten, nur am Wochenende und dann auch zeitlich begrenzt. Bildungsseiten sind grenzenlos erlaubt. Internetzeiten sind begrenzt.“ (Mutter, Türkei) Weitere Kontroll mechanismen zeugen oft von Hilflosig keit, zumal sich die Eltern – und durch aus auch die Kinder – darüber bewusst sind, den Fähig- keiten ihrer Kinder unter legen zu sein. So ver sucht man, die Internetnut zung direkt zu kontrollieren, indem die Kinder nur in ihrem Beisein ins Netz gehen bzw. die Kinderzimmertüren während der Nutzung offen bleiben. Wer sich etwas besser aus kennt, hat außerdem bestimmte Seiten sperren lassen. Dieses Wissen ist allerdings offen kundig nicht jedem zugäng lich. Vor allem Mütter mit türkischem Migrations hintergrund äußern hier ganz offen ihre Unkenntnis. „Ich muss zugeben, dass ich mich nicht so gut im Internet auskenne wie mein Sohn, nein, um Gottes willen, wirklich nicht.“ (Mutter, Türkei) „Das Internet bietet schockierende Seiten, wie Porno“ – „Die können Sie sperren lassen“. – „Ich kann das nicht, ich bin keine Fachfrau.“ (Mutter, Türkei) „Meine Jüngste wird vor diesen Seiten bewahrt, sie wird kontrolliert. Ich habe Angst, dass meine Kinder vom Internet negativ beeinflusst werden.“ (Mutter, Türkei) „Ich kontrolliere so weit es geht, er muss die Zimmertür offen lassen, dann weiß er, dass er kontrolliert wird.“ (Mutter, Türkei) 148 Viele der türkisch stämmigen Mütter fühlen sich auf grund der Überlegen heit der Kinder oft aus getrickst. Sie wissen zum Teil sehr genau, dass ihre Kon- troll mechanismen von den Kindern gezielt umgangen werden; drastischste Maß nahme einer Mutter ist es, im Zweifels fall den „Stecker zu ziehen“. Die übrigen ver schließen die Augen und hoffen – erneut – auf die Ver nunft ihrer Kinder: „Ich kenne meinen Sohn, ich kann ihm ver trauen“. „Aber unsere Kinder können uns auch überlisten. Man kann auf einer Seite mehrere Fenster öffnen, wenn ich reingehe, kann ich sehen, dass alle geöffneten Fenster wieder verkleinert werden.“ (Mutter, Türkei) „Ich persönlich kann die besuchten Seiten meiner Kinder nicht kontrollieren, da ich mit PC und Laptop nicht vertraut bin.“ (Mutter, Türkei) „Ich kenne mich mit solchen E-Mails nicht aus, ich kann mich deswegen nicht mit meinen Kindern damit auseinandersetzen.“ (Mutter, Türkei) „Wenn es gar nicht anders geht, entstöpsele ich WLAN.“ (Mutter, Türkei) „Man kann sie gar nicht richtig kontrollieren, Kinder sind clever.“ (Mutter, Türkei) Die Eltern mit russischem Migrations hintergrund würden dagegen das Pro- blem gerne weiter reichen, z. B. an die Schulen oder die Politik. Sie greifen hier möglicher weise auf staat liche Reglementierungs mechanismen zurück, die ihnen aus der „alten“ Heimat bekannt sind. „Die Regierung muss die Medien kontrollieren, das Kultusministerium.“ (Vater, Russland) „Ich sehe das auch ganz klar als Aufgabe der Schulen an.“ (Vater, Russland) Auch den Kindern und Jugend lichen ist ihre Überlegen heit zumeist bewusst. Mehrheit lich halten sie sich im Umgang mit dem Computer für „fitter“ als ihre Eltern. Die Nutzung der Eltern beschränke sich auf Kommunika tion mit der Ver wandt schaft (eben falls MSN, aber auch per E-Mail) und allen falls „mal einen Brief schreiben“. Überlegen sind ledig lich ältere Geschwister, bei denen man sich die ver schiedenen Nutzungs möglich keiten ab schaue. „Mein älterer Bruder ist zwar besser, aber ich bringe meiner Mama auch mal was bei.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Die älteren Geschwister sind besser als wir, aber wir sind besser als unsere Eltern.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Meine Mutter möchte z. B. ins Internet rein und weiß nicht, wie das geht. Dann zeige ich ihr das.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) „Ich habe so einen Kinderschutz, dass ich Pornoseiten nicht besuchen darf.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) 149 „Meine Mutter kennt sich kaum mit dem Internet aus, von daher gibt es keine Ein- schränkungen.“ (Artur, 16 Jahre, Russland) „Nein, meine Eltern können mir nicht helfen, sie bekommen Hilfe von mir.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) Computer- und Onlinespiele sowie Spiel konsolen Der Umgang mit Spiel konsolen war in den Explora tionen das mit Abstand schwierigste Thema. Zum einen ist das Thema Spiele zu umfang reich, als dass man es im Rahmen einer Gruppen diskussion neben anderen Medien ver- tiefend beleuchten kann. Anderer seits ent stand insbesondere in den Gruppen der 12- bis 15-Jährigen, zum Teil aber auch bei den Jugend lichen der Ein- druck, dass die befragten Kinder/Jugend lichen hier auch nicht wirk lich „mit der Sprache raus rücken“. Die Hardware (trag bare oder feste) Spiel konsole spielt in der täglichen Nutzung – angeb lich – nur eine geringe Rolle. Am ehesten sind es die 12- bis 15-jährigen Jungen mit türkischem Migrations- hintergrund, die an geben, regelmäßig zu spielen. Die Nutzungs dauer wird dabei als sehr gering beschrieben. „Nur am Wochenende, weil ich da nichts mehr für die Schule tun muss.“ (Ersin, m, 13 Jahre, Türkei) „Meine Mutter hat mir verboten, in der Woche zu spielen, weil ich mich dann nicht auf die Schule konzentrieren würde. Ich tue es aber trotzdem schon mal.“ (Emre, m, 14 Jahre, Türkei) „Vielleicht zwei- oder dreimal in der Woche und dann auch nur so 20 Minuten lang.“ (Burak, m, 12 Jahre, Türkei) Sehr deut lich wird die Rolle des Alters für das Interesse am Spielen. Sowohl in der Gruppe der russischen als auch in der Gruppe der türkisch stämmigen 16- bis 19-Jährigen wird von den Älteren berichtet, dass sie „früher“ mehr ge- spielt und jetzt die jüngeren Geschwister größeres Ver gnügen daran hätten. Man selbst spiele gar nicht bzw. sehr selten und dann auch nur aus Langeweile. „Ich habe früher mal gespielt, aber jetzt bei den neuesten Spielen ist meine Grafik- karte zu schwach. Deswegen lasse ich das.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Ich spiele keine Spiele. Habe keine Spielkonsole. Brauche ich nicht.“ (Sendar, m, 19 Jahre, Türkei) „Wenn der PC vielleicht besetzt ist und im Fernsehen nichts läuft und mir mal lang- weilig ist, dann schalte ich vielleicht die Konsole ein.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) 150 „Ja, früher mehr, und jetzt im Prinzip habe ich schon einige Spiele auf dem Computer, aber auf die greife ich vielleicht einmal in der Woche zurück.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) Je nach Situa tion wird allein oder auch mit Freunden gespielt. An dieser Stelle wird in den Diskussions runden deut lich, dass Online-Spiele die Nutzung von Spiel konsolen zumeist ab gelöst haben. Vornehm lich werden Sportspiele ge- spielt; sogenannte „Baller spiele“ oder auch Spiele „von denen man süchtig werden kann“ – hier werden Rollen spiele genannt – kennt man interessanter- weise „nur von anderen“. Hier sind keine Unterschiede bzgl. Alter, Geschlecht oder Herkunfts land zu ver zeichnen. „Ich spiele mit Kollegen FIFA.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) „Ich spiele mit meinen Cousins alles mögliche, Autorennen z. B.“ (Hatice, w, 14 Jahre, Türkei) „Selten, vielleicht mal mit meinem kleinen Nachbarn, wenn mir langweilig ist.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Sportspiele, wir spielen meist am PC gegeneinander, Fußball, wie FIFA oder UEFA- Spiele, NBA, halt all diese Sportspiele.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) „Kampfspiele, wo man sich so abschießt, die spiele ich nicht, mein Bruder spielt die, ich gucke nur zu.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) Die Nutzung von Spiel konsolen wird am ehesten durch die Eltern zeit lich ein- gegrenzt. Erlaubt ist das Wochen ende, wenn nichts mehr für die Schule an- steht. Ver boten sind „gewalthaltige Baller spiele“. Erneut ein Verbot, das die Kin der zu umgehen wissen, und bei dem sich die Eltern über dessen Nutz- losig keit im Klaren sind: „Kinder finden immer eine Quelle, um an gefähr- liche Dinge zu gelangen.“ – Dies bestätigen die Kinder auch un bewusst, indem sie immer wieder auf die Möglich keit, im Internet zu spielen, ver weisen. „Meine Mutter will nicht, dass mein Bruder diese Kampfspiele spielt, aber sie weiß ja, dass mein Bruder das eh machen wird. Die kann ihm das ja nicht wirklich ver- bieten.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) „Dann geht man z. B. zum Nachbarn oder Freund und spielt es halt da.“ (Kyrill, 13 Jahre, Russland) „Die versuchen schon, das zu verbieten, aber es wird nicht eingehalten.“ (Hakan, m, 15 Jahre, Türkei) „Wir dürfen keine Gewaltspiele spielen. Aber man macht es trotzdem.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) 151 Eine größere Gefahr als in der Gewalthaltig keit der Spiele sehen die Kinder/ Jugend lichen in der Sucht tendenz. Man hat „Berichte im Fernsehen“ gesehen oder von „ent fernten Bekannten“ gehört, die „nicht mehr auf hören können zu spielen“. „Ich habe mal gehört, dass manche zuviel gespielt haben, die sind dann verhungert, nachdem sie die ganze Nacht durchgespielt haben.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) „Also die Suchtgefahr ist auf jeden Fall ein Thema.“ (Inga, 18 Jahre, Russland) „Ich habe vieles gehört, dass man durch Spiele sich schnell von den anderen isoliert und dass es wirklich so eine starke Sucht ist, dass man die Realität, vor allem bei Kindern ist das so, nicht trennen kann.“ (Elena, 18 Jahre, Russland) „Ich kenne Leute, bei mir in der Stufe gibt es ein oder zwei, die spielen so ein Spiel, WOW heißt das, das ist sehr berühmt. Da spielen Menschen aus aller Welt. Und wenn man da einmal drin ist, rutschen die so tief rein, dass sie nicht mehr rauskommen. Die vergessen das reale Leben um sich herum komplett.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) Die Spiel konsolen werden in beiden Elterngruppen am ehesten als das Me- dium genannt, welches „über flüssig“ bzw. am wenigsten wichtig sei. In der russischen Elterngruppe wird vor allem „diese Schießerei“ als gefähr lich ein- geschätzt. Danach gefragt, wie mit derartigen gefähr lichen Inhalten umzu- gehen sei, besteht jedoch keine Einig keit innerhalb der Elterngruppen. Ein Teil der befragten Eltern plädiert für strikte Ver bote, andere Eltern betonen dagegen die Wichtig keit von Erklä rungen und Gesprächen: „Poker-Spiele finde ich gefährlich für Kinder, wegen Spielsucht. Im Internet kann ich diese Seiten codieren lassen.“ (Mutter, Türkei) „Es besser überwachen und wenn es nicht klar kommt, dann einfach verbieten, dann bestimmt man das.“ (Vater, Russland) „Die Tür zum Zimmer lasse ich offen, so weiß mein Kind, dass es kontrolliert wird. Mein Jüngster spielt Onlinespiele.“ (Mutter, Türkei) „Man darf nicht nur verbieten, sondern muss erklären, warum es verboten ist. Ein Befehl ist nicht so gut, man muss Beispiele zeigen und so weiter.“ (Vater, Russland) „Wenn das Kind aggressive Computerspiele spielt, dann wird es nicht davon aggressiv, dass es aggressive Spiele spielt, sondern dass es selbst aggressiv ist und nicht gut erzogen ist. Das ist etwas ganz anderes. Auf diese Weise wird es seine Aggression los. Deshalb ist die Frage, ob es gesund oder schädlich ist, das ist psychologisch gesehen. Natürlich ist Kontrolle wichtig, wir sind die Eltern, wir müssen die Situation kon trol- lieren, aber nicht verbieten. Es ist wichtig, dass man miteinander spricht.“ (Mutter, Russland) 152 Dass ihre Kontrollmöglichkeiten eingeschränkt sind, ist den Eltern, wie bereits erwähnt, bewusst: „Es gibt noch mehr Möglichkeiten für Kinder, zum Beispiel in ein Internetcafé zu gehen und dann alles zu machen.“ (Vater, Russland) Zusätz lich werden in der russischen Elterngruppe neben den Risiken und Ge- fahren auch positive Aspekte der Computer- und Konsolen spiele thematisiert, was darauf ver weist, dass die Haltung zu Spielen spielspezifisch zu betrachten ist: „Einige Spiele lehren nachzudenken und zu planen.“ (Mutter, Russland) „Ich persönlich bereue, dass zu meiner Zeit, als ich Kind war, dass es solche Spiele nicht gab, die Technik, die Grafik ist so schön, so eine Art Monopoly, wenn Sie es im Internet aufbauen, eine Strategie entwickeln, es kommt darauf an. Meine Tochter spielt nicht, aber mein Sohn, der heute nicht da ist, der ist 18 und er spielt viel zu viel. Das ist die Sache, als Mutter, es ist abgrenzend genug, jetzt geh an die frische Luft oder mach etwas anderes, aber im Großen und Ganzen, diese schöne Grafik, manchmal bewundere ich es. Das ist wirklich eine fantastische Welt, dann müssen sie die Städte aufbauen und diese Zivilisation.“ (Mutter, Russland) Fernsehen Die meisten der befragten Kinder/Jugend lichen beider Migrations gruppen ver- fügen über einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer. Schaut man dort, wer- den über wiegend deutsche Privat sender genutzt. Genannt werden vor allem ProSieben, SAT.1, RTL, Kabel1, RTL 2, VOX, Nick und MTV. Fernsehen ist für alle befragten Kinder und Jugend lichen eine Selbst verständlich keit, die oft parallel – z. B. während der Haus aufgaben – und aus Langeweile läuft. Jün gere schauen gerne Trick filmserien, wie „Die Simpsons“ oder Anime-Sendun gen auf RTL 2. Dies sind auch die Sendun gen, die ihnen die Eltern, neben gemein- sam geschauten Formaten, er lauben. Schaut man mit den Eltern zusammen, wird oft auf Sender aus dem Herkunfts land zurück gegriffen. Dies geschieht vor allem auf Wunsch der Eltern, die sich hier – auch sprach lich – ein „Stückchen Heimat“ holen. „Türkische Filme gucke ich zusammen mit meinen Eltern, die sind immer so span- nend.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Türkisches Fernsehen gucke ich mit meinen Eltern, meine Eltern gucken nicht so gerne deutsch.“ (Melika, w, 12 Jahre, Türkei) „So alte russische Filme gucken wir mit der ganzen Familie.“ (Alina, 13 Jahre, Russland) 153 „Mit meinen Eltern russisch, weil mein Vater kein Deutsch kann.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) Auch die TV-Nachrichten gehören für die Kinder beider Migrations gruppen er wartungs gemäß nicht zu den Formaten, die man freiwillig anschaut. Zwar werden sie hin und wieder von den Eltern dazu an gehalten, die Nachrichten zu schauen, dies geschieht allerdings eher wider willig und ohne große Auf- merk sam keit. „Nachrichten sind nicht so mein Ding.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Ich gucke ganz selten Nachrichten, manchmal N24.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Nachrichten nur für die Schule oder wenn was Besonderes ist. Finde ich eigentlich eher langweilig.“ (Oleg, 15 Jahre, Russland) Jugend liche beider Migrations gruppen nutzen Fernseh-Nachrichten vor allem bei „besonderen“ Ereignissen in der und um die „Heimat“. Ähnlich wie beim Internet nutzt man in diesem Fall sowohl deutsche als auch Nachrichten aus dem Herkunfts land, um sich durch den Ver gleich eine eigene Meinung bilden zu können. Qualitativ geben die 16- bis 19-Jährigen allerdings den deutschen Nachrichten den Vorzug. So, wie es auch die Eltern der 12- bis 15-Jährigen formulieren, er scheinen ihnen deutsche Nachrichten als „seriöser, knapper und auf den Punkt gebracht“. Insbesondere türkische Nachrichten seien mittler- weile reines „Boulevard“. Aber auch Jugend liche mit russischem Migrations- hintergrund halten die „nüchternen Nachrichten“ der deutschen TV-Sender für glaubwürdiger. „Die türkischen Nachrichten machen immer aus einer Mücke einen Elefanten.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) „Lieber deutsche Nachrichten, das geht schneller, da bekommt man in 10 Minuten alles, was man braucht und nicht noch so ein überflüssiges Brimborium.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) „Deutsche Nachrichten sind reeller.“ (Slava, m, 18 Jahre, Russland) Bei der Diskussion über erlebte Diskriminie rung im Fernsehen kommen Ju- gend liche aus Russ land und der Türkei zu der Einschät zung, die Berichterstat- tung sei oft negativ gefärbt und „über trieben“, es würden „nur die schlechten Seiten“ von Türken bzw. Russen dargestellt: „Wenn ein Deutscher ein Verbrechen begeht, wird das nicht so übertrieben. Aber wenn ein türkischer Landsmann dasselbe macht, dann wird das so übertrieben.“ (Cangül, w, 16 Jahre, Türkei) 154 „Türken machen ja auch mal was Gutes und darüber wird komischerweise nie be- richtet. Nur die schlechten Seiten, da fühle ich mich schon sehr provoziert.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) „Als mal zwei Russen einen Deutschen umgebracht haben, habe die direkt voll Palaver gemacht. Aber wenn Deutsche das machen, dann sind die Engel.“ (Angelika, 17 Jahre, Russland) „Man hat schon das Gefühl, dass über uns immer nur Klischees berichtet werden, es hat immer was mit Wodka-Trinken zu tun.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) Fernseh verbote er teilen die Eltern nur den jüngeren Kindern. Die Jugend lichen berichten, hier eigen verantwort lich ent scheiden zu können. Dabei sind die Fern seh verbote für die 12- bis 15-Jährigen zumeist weniger dazu gedacht, sie von bestimmten Formaten abzu halten. Vielmehr werden sie als er zieheri sche Maßnahme im Falle schlechter Schulnoten u. Ä. an gewandt. Es wird ledig- lich darauf geachtet, dass nicht „zuviel“ ferngesehen wird; jugendgefährdende Formate würden sowieso „so spät aus gestrahlt“, dass hier kein Risiko bestehe.n „Mein Sohn ist jetzt 12 Jahre alt, er darf nur zu bestimmten Uhrzeiten fernsehen, nur Zeichentrickfilme, Tierdokumentationen.“ (Mutter, Türkei) „Mein Sohn ist 19, daher kann ich ihm keine Vorschriften machen. Mein jüngster ist 12, er darf bis 21.00 Uhr fernsehen, wenn wir gemeinsam interessante Sendungen sehen, darf er auch mal länger aufbleiben.“ (Mutter, Türkei) „Meiner Meinung nach gibt es im Fernsehen nichts, was meinen Kindern schaden könnte.“ (Mutter, Russland) „Natürlich sind Sex- und Erotiksendungen gefährlich für Kinder, aber die werden eher zu späten Stunden ausgestrahlt.“ (Mutter, Türkei) „Die jeweiligen Sendungen warnen auch, wenn sie für Kinder nicht geeignet ist. So ist man vorbereitet und kann den Sender wechseln. Ich rede da auch mit meinen Kindern drüber.“ (Mutter, Türkei) Ein zu hoher Fernsehkonsum ist einigen wenigen Kindern mit türkischem Migrations hintergrund zum Ver hängnis geworden: Der Fernseher im Kinder- zimmer ist ent fernt worden, es wird nur noch gemeinsam geschaut. Auch diese Maßnahme hat weniger etwas mit gefährdenden Inhalten zu tun als vielmehr mit der Befürch tung, die Kinder würden der Familie ent gleiten. „Kinder verbringen zuviel Zeit im eigenen Zimmer als mit der Familie. Deshalb habe ich Grenzen gesetzt. Mein Sohn hatte bis zum 13. Lebensjahr einen eigenen Fernseher, jetzt nicht mehr.“ (Mutter, Türkei) 155 „Seit meine Kinder einen eigenen Fernseher hatten, sind gemeinsame Abende weniger geworden, sie haben die Hausaufgaben vernachlässigt. Deshalb haben sie jetzt keinen Fernseher mehr.“ (Mutter, Türkei) Aktiver Medien umgang der Kinder und Jugend lichen über die Medien hinweg betrachtet Ein sinn voller und selbst bestimmter Umgang mit Medien drückt sich in ver- schiedenen Fähig keiten aus (vgl. Kapitel 3). Die berichtete Nutzung der Mög- lich keiten des Internets, um mit Freunden und der Familie aus dem Herkunfts- land kosten günstig in Verbin dung zu treten, ist nur ein Beispiel für eine aktive Aneig nung neuer Medien als Kommunikations- und Partizipations mittel. Um den aktiven und zielgerich teten Medien umgang der Kinder und Jugend lichen medien übergreifend er fassen und evaluieren zu können, wurde in den Grup- pen diskussionen eine Imaginations aufgabe ein gesetzt. Die Kinder und Jugend- lichen sollten sich vor stellen, sie müssten für die Schule ein Referat zu einem gesellschafts politi schen Thema sowie einem Thema aus dem Bereich Pop- musik ausarbeiten. Sie wurden gebeten, der Gruppe zu er läutern, wie sie dabei vor gehen würden, welche Quellen sie nutzen würden und wie sie ihre Ergeb- nisse präsentieren. Damit wurde vor allem auf die Handlungs- und die Re- flexions kompetenz der Diskussions teilnehmer ab gezielt. Generell scheint der Umgang mit den neuen Medien für die befragten Kin- der und Jugend lichen eine Selbst verständlich keit zu sein. Alle berichten im Laufe der Gesprächsrunde, bereits Bilder, Musik oder Filme aus dem Internet geladen zu haben, was man sich anfangs von älteren Geschwistern oder Schul freunden habe zeigen lassen. Es sei aber so einfach, dass man das im „Handumdrehen“ selber könne. „Beim ersten Mal brauchte ich noch Hilfe, aber nachher konnte ich das alleine.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Man guckt dann zu und später probiert man halt so lange rum, bis es klappt. Ist ja eigentlich alles ganz einfach.“ (Inga, 18 Jahre, Russland) Auch der Umgang mit Powerpoint-Präsenta tionen und Beamern oder das Er- stellen von Diagrammen ist mittlerweile bekannt und wird in den Schulen offen bar auch ein gesetzt. Insbesondere die Jugend lichen haben Erfah rungen mit Referaten. „Ich mache das schon gerne, keine Ahnung, das gehört einfach dazu.“ (Inga, 18 Jahre, Russland) „Wir haben das in der Schule erst mal kurz gelernt und dann hatten wir einen be- stimmten Zeitraum Zeit, um das in der Gruppe vorzubereiten.“ (Salih, m, 18 Jahre, Türkei) 156 In Bezug auf die konkrete Aufgabe, ein Referat zu er stellen, zeigen sich die 12- bis 15-Jährigen unabhängig vom Herkunfts land sehr einseitig auf das Inter net fixiert. Sie würden zum ent sprechenden Thema bei Google und/oder Wikipedia suchen; Zeitun gen er scheinen ihnen zu auf wendig, weil man „da ja alles durch suchen“ müsse. Die Übernahme der Informa tionen erfolgt dann erstaun lich unreflektiert: Ledig lich ein Mädchen mit türkischem Migrations- hintergrund gab an, das im Internet Gefundene anschließend anhand eines Lexikons zu ver ifizieren, alle anderen ver trauen auf die Internet-Inhalte. „Ich gebe bei Google das Stichwort ein und schreibe mir dann die Sachen ab.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Ich würde das einfach nur abschreiben, ich gucke nicht noch woanders, ob das auch stimmt.“ (Büsca, w, 14 Jahre, Türkei) „Ich würde das dann noch vergleichen, in Büchern, z. B. im Lexikon nachgucken, ob die Geschichte auch stimmt.“ (Ösgün, w, 12 Jahre, Türkei) „Google, Wikipedia und dann alles ausdrucken, auch was unnötig ist.“ (Kristina, 13 Jahre, Russland) „In einer Zeitung ist es halt schwerer, etwas zu einem Thema zu finden, es sei denn, es ist hochaktuell.“ (Michelle, 15 Jahre, Russland) Die Eltern zu Rate zu ziehen, er scheint den Kindern hier nicht als sinn volle Option. Eher würde man auf „Experten meinun gen“, wie zum Beispiel von Lehrern, zurück greifen. Auch die 16- bis 19-Jährigen nutzen vornehm lich das Internet, um Infor- ma tionen für Referate oder Aufsätze zu bekommen. Sie gehen allerdings etwas differenzierter mit dem Informations angebot um, wissend, dass z. B. Wikipedia nicht immer inhalt lich vollständig richtige Beiträge bereithält. Entsprechend würde man ver gleichen, indem man zusätz lich offline und online auf seriöse Zeitschriften zurück greifen würde. „Bei Google steht dann kurz aufgelistet die Inhaltsangabe und dann guckt man, ob das zum Thema passt.“ (Sezen, w, 17 Jahre, Türkei) „Man muss bei Wikipedia aber auch aufpassen, denn da kann ja jeder etwas rein- schreiben, es steht auch ziemlich viel Scheiße da drin.“ (Nika, 19 Jahre, Russland) „Also wenn es um ein gesellschaftspolitisches Thema geht, würde ich online zu einer Zeitschrift gehen, Spiegel oder so, da ist ja das Wichtigste zusammengefasst und dann kann man zusätzlich noch auf anderen Seiten gucken.“ (Michael, 17 Jahre, Russland) 157 „Ich würde hauptsächlich mit dem Internet anfangen, da kann man ja auch auf Zei- tungen zugreifen, auf Videos, da hat man alles gebündelt.“ (Dogan, m, 19 Jahre, Türkei) Weblogs oder eigene Homepages haben bislang nur ver einzelt Teilnehmer er- stellt. Die Seiten sind vor allem für das soziale Umfeld gedacht: „Eigentlich hauptsächlich für die Freunde, die da draufgehen. Urlaubsbilder hoch- laden, aber jetzt keine wirklichen Reiseberichte.“ (Anna, 18 Jahre, Russland) Unabhängig vom Alter scheint es an Ehrgeiz zu fehlen, an den Möglich keiten des Internets aktiver zu partizipieren. Man ist von der eigenen Kompetenz, sich Zugang zu allen Möglich keiten zu ver schaffen, über zeugt, bleibt aller- dings zumeist in der Konsumenten haltung ver haftet. 6.5 Zusammen fassung Die Ergebnisse der Gruppen diskussionen deuten darauf hin, dass sich Spät- aussiedler aus Russ land und Diskussions teilnehmer mit türkischem Migra- tions hintergrund in der Art der Identitäts zuwei sung durch die unter schied lich lange und intensive Migrations erfah rung unter scheiden. Zwar ver stehen sich beide Gruppen ihres Herkunfts landes ent sprechend als „Zuwanderer“, die in Deutschland ihr neues Zuhause gefunden haben. Während aber die Befragten mit türkischem Migrations hintergrund mindestens zur zweiten Genera tion ge- hören und sich dadurch bereits eine eigene Identität als „Türke in Deutschland“ geschaffen haben, sitzen die russisch stämmigen Eltern und – in Abhängig keit vom Geburts land – auch die Jugend lichen und Kinder emotional zwischen zwei Stühlen: Das Herz hängt an der russischen Mentalität, die sie als „wärmer“ und „herz licher“ beschreiben als die deutsche Art im mensch lichen Umgang. An Deutschland bevor zugt man die stabilere wirtschaft liche Lage und das „bequemere“ Leben. Richtig „an gekommen“ zu sein scheinen zumindest Eltern und Jugend liche mit russischem Migrations hintergrund noch nicht. Dies sieht vor allem bei den in Deutschland geborenen russisch stämmigen Kindern anders aus: Sie haben sich bislang mit der Identitäts frage kaum auseinander- gesetzt, Deutschland als Geburts land ist gleichzeitig auch Heimatland. Ent- sprechend fühlen sich die Spät aussiedler aus Russ land – die sich selber kaum so sehen, ihre Selbst beschrei bung lautet „russische Zuwanderer“ – tendenziell stärker mit ihrem Herkunfts land ver bunden als die Befragten mit türkischem Migrations hintergrund. Auffällig ist in beiden Kinder- und Jugendgruppen, dass die jeweiligen Freundes kreise vor allem aus Personen mit Migrations- hintergrund zusammen gesetzt sind. Deutsche Freunde sind eine Minder heit. 158 Die Sozialisa tion findet somit in einem Umfeld statt, das auf ähnliche Erfah- rungen zurück greift. Alltags sprache bei den Eltern ist zumeist die Sprache des Herkunfts landes, dies betrifft sowohl die russische als auch die türkische Gruppe. Auch innerfamiliär sprechen aus nahms los alle die Herkunfts sprache. Während die 12- bis 15-jährigen Kinder unter einander deutsch sprechen, fällt bei der Gruppe der 16- bis 19-jährigen Spät aussiedler aus Russ land auf, dass auch sie – wie ihre Eltern – unter einander bevor zugt russisch sprechen. Die Medien Fernseher, Handy, PC/Laptop und Internet zugang, mit denen die Diskussions teilnehmer umfassend aus gestattet sind, stehen weit oben in der individuellen Prioritäten liste und werden ent sprechend häufig genutzt. Hier zeigen sich zwischen den befragten Migrations gruppen nur leichte Unter- schiede: Während die russisch stämmigen Befragten fast aus nahms los über einen Internet zugang ver fügen, fällt dies in den befragten Haushalten mit türkischem Migrations hintergrund leicht geringer aus. Umgekehrt waren in den befragten türkischen Haushalten mehr Spiel konsolen vor handen. Im Ranking nach Wichtig keit löst der Internet zugang bei den Kindern und Jugend lichen den Fernseher ab. Während der Fernseher zumeist als Lücken füller bzw. „Pa- rallel medium“ an gesehen wird, erleben sich die jungen Befragten im Umgang mit dem PC – insbesondere im Internet – selbst als aktiver. Das Handy gehört zur medialen Grund ausstat tung aller Befragten. Für die 12- bis 15-Jährigen dient es in erster Linie als Kommunikations mittel mit den Eltern, in zweiter Linie ist es für die Kinder ein Medium, mit dem man spielt, über das man Musik hört und das im besten Fall eine Digital kamera hat. Bei den 16- bis 19-Jährigen über wiegt als wichtigste Funktion die Kommunika tion mit Freunden, das schnelle Kontaktieren, um sich zu ver abreden. Sie nutzen Telefon und SMS-Funktion gleichermaßen, die dabei ver wendete SMS-Sprache ist über wiegend deutsch. Die übrigen Features gehören für sie zwar auch zur Grund ausstat tung eines guten Handys, stehen aber nicht so stark im Fokus wie bei den Jüngeren. Dennoch findet die Auswahl eines neuen Handys über die Ausstat tung mit zahl reichen Features und techni sche Merkmale sowie – vor allem bei den Mädchen – über die Optik statt. Jüngere lassen sich ohne große Reflexion von dem leiten, „was in der Peergroup in ist“, Ältere „hinter- fragen“ ver schiedene Handymodelle mittels gezielterer Informations recherche. Mit Blick auf die instrumentellen Fertig keiten zeigt sich bei den befragten Kindern und Jugend lichen eine hohe Kompetenz, die allerdings auf die per- sön lich relevanten Features des Handys beschränkt ist. Die Kinder und Jugend- lichen treffen eine selektive Auswahl dessen, was sie für sinn voll und er for- der lich erachten. Mit diesen Features setzen sie sich auseinander, alle anderen Funktionalitäten des Handys werden – selbst wenn vor handen – bewusst vom Umgang aus geschlossen und auch nicht auf ihre Funktions weisen hin über- prüft. Diese „Lücke“ in der Kompetenz gehen die Befragten allerdings durch- aus bewusst und ohne das Gefühl, ihnen fehle etwas, ein. 159 Die Eltern der Kinder zwischen 12 und 15 Jahren ver stehen – unabhängig vom Migrations hintergrund – das Handy als Kontrollinstrument über ihre Kin der: Sie stehen in dauerndem Kontakt, fühlen sich in Sicher heit in dem „Wissen“, wo sich ihr Kind aufhält und wann es nach Hause kommt. Anders als Eltern mit russischem Migrations hintergrund üben türkisch stämmige Eltern diese Kontrolle auch auf die 16- bis 19-Jährigen aus, die darauf tendenziell ver ärgert reagieren und ver suchen, die Eltern auszu tricksen. Die befragten Jugend lichen sind sich darüber im Klaren, dass sie sich über die von den Eltern gesetzten Grenzen hinweg setzen können, gerade weil diese unmög lich auf das Kontrollinstrument Handy ver zichten möchten. Auch in Hinblick auf die Kinder er schwert das er zieheri sche Moment des Handys gleichzeitig die Kontrolle der Nutzung durch die Kinder. So haben die Eltern anfangs bei „Missbrauch“ (z. B. zu hohe Kosten, ver boten erweise zuviel gespielt) das Handy tage weise ein gezogen, mussten dabei aber fest stellen, dass sie ihr Kind nicht mehr unter Beobach tung hatten. Handy-Entzug findet daher kaum noch statt – und die Kinder und Jugend lichen – insbesondere türkisch stämmige Jungen – nutzen dies aus. Die Überlegen heit der Kinder und Jugend lichen im Umgang mit dem Handy wird auch daran deut lich, dass diese selbst, aber auch Mütter in den Gesprächsrunden berich teten, dass Kinder den Müttern bei der Ein- rich tung ihrer Handys behilf lich sind, nicht aber um gekehrt. Haben die Kinder Probleme bei der Installa tion, wenden sie sich an ältere Geschwister oder Freunde, in seltenen Fällen an den Vater. Generell gehören die „Leitfiguren“ in Sachen „neue Medien“ kaum der Elterngenera tion an, der man per se erst einmal nicht so viel zutraut wie der Peergroup. Gefahren bewusstsein bzw. kritische Bewer tung ist bei den Kindern und Jugend lichen oft erst dann vor handen, wenn sie negative Erfah rungen ent- weder am eigenen Leib oder im näheren Umfeld gemacht haben. So kennt man die „Kosten fallen“, auch problemati sche Inhalte wie Pornografie- oder Gewalt fotos und -videos sind den Kindern und Jugend lichen aus dem eigenen Umfeld oder aus Fernsehberichten bekannt. Allerdings findet die einzige effek- tive er zieheri sche Maßnahme seitens der Eltern in Hinblick auf die Kosten statt: Das erste Handy, dass die Kinder bekommen, ist zumeist ein gebrauchtes Prepaid-Handy, damit die Kinder den Umgang mit einem kosten günstigen Handy üben und gleichzeitig die Kosten im Blick behalten können. Traut man den Kindern und Jugend lichen einen eigen verantwort lichen Umgang zu, be- kommen sie ein Handy ihrer Wahl, oft ver bunden mit einem Ver trag. Regle- mentierende und unter stützende Maßnahmen in Bezug auf die Inhalte werden dagegen nicht er griffen. Die Wichtig keit, die die Kinder und Jugend lichen dem PC/Laptop ein- räumen, ist vor allem dem „Mittel zum Zweck“ zu ver danken: Ohne PC kein Internet zugang. Alle sehen es in der heutigen Zeit als unerläss lich an, sich im Internet auszu kennen, sei es aus schuli schen oder beruf lichen Gründen oder 160 aber auch (und vor allem), um mit der Peergroup mithalten zu können. PC/ Laptop und auch Internet zugang sind in fast allen befragten Haushalten vor- handen, nur in wenigen Fällen sind türkisch stämmige Mädchen auf PCs in der Schule oder im Internetcafé an gewiesen. Geschwister teilen sich einen PC/Laptop oder man greift auf das Gerät der Eltern zu. Auch wenn schuli- sche Belange als Auslöser für die Anschaf fung eines PC/Laptop gelten, sind für die befragten Kinder/Jugend lichen – alters-, geschlechts- und herkunfts- landunabhängig – Unterhaltungs- und Kommunikations features eindeutig wich- tiger. Man spielt auf dem PC, man hört Musik und lädt Musik, Videos oder Filme aus dem Internet herunter. Kommunika tion via Internet ist sowohl für Jungen als auch Mädchen, für Personen mit türkischem wie auch russischem Migrations hintergrund wichtig. Man nutzt MSN, um in ständigem Kontakt mit den Freunden zu sein. Allein die russisch stämmigen Kinder zwischen 12 und 15 Jahren er wähnen die Möglich keit des MSN-Chats kaum. Die ver wen- dete Sprache ist bei beiden Migrations gruppen ab hängig vom Interaktions- partner, hier zeigen sich die befragten Kinder und Jugend lichen sehr souverän. Auch Social Networking Sites werden genutzt; hier über wiegt bei allen be- fragten Kindern und Jugend lichen die Nutzung der in der Peergroup „gängi- gen“ Angebote wie SchülerVZ, StudiVZ, Netlog und MySpace. Türkische oder russische Ver gleichs angebote werden kaum genannt. Ledig lich die russischen Kinder und Jugend lichen nutzen zusätz lich zu den anderen Anbietern die russische Seite „odnoklass niki“, vor allem im Austausch mit Freunden im Herkunfts land. Russische bzw. türkische Internet seiten gelten für die Befrag- ten ab 16 Jahren auf wärts als Ergän zung; vor allem, wenn es darum geht, Informa tionen rund um das Herkunfts land zu er halten, die man mit deutschen Informa tionen ver gleicht. Die 16- bis 19-Jährigen zeigen sich auch in der imagi nierten Präsentations vorberei tung im Umgang mit Informa tionen diffe- ren ziert. Sie würden ver schiedene Quellen nutzen und ab gleichen. Die 12- bis 15-Jährigen gaben sich dagegen in der Imaginations aufgabe zur Informations- recherche und -verwen dung aus gesprochen unreflektiert. Sie würden fast aus- schließ lich im Internet suchen und das, was sie an Informa tionen finden, relativ wider spruchs los als wahr über nehmen. Das Wissen um die ver schiedenen Möglich keiten des Internets wird – meist durch trial and error – auf eigene Interessen aus geweitet. Vorbilder bzw. Leitfiguren sind hier (ältere) Freunde; der Elterngenera tion traut man dies- bezüg lich zu wenig zu. Insgesamt weisen die befragten Kinder und Jugend- lichen auch rund um das Internet eine hohe Wissens kompetenz auf, sie wächst mit zunehmendem Alter sowie zunehmender Dauer des Umgangs mit dem Internet. Der kritische Umgang mit dem Medium Internet bezieht sich bei den be- fragten Kindern und Jugend lichen fast aus schließ lich auf die Gefahren hin- sicht lich des Social Networking. Fast alle kennen das Risiko, auf solchen 161 Seiten von Personen mit „gefakten“ Profilen aus gehorcht zu werden. Zwar hat man diese Erfah rungen nicht zwangs läufig selber gemacht, es reicht vielen aber schon, auf solchen Seiten von anderen Jugend lichen beschimpft worden zu sein. Weitere Gefahren, wie Suchtrisiken, Kosten fallen oder die un gewollte Weitergabe von Daten werden von den Kindern und Jugend lichen beider Migra tions gruppen durch aus benannt. Die Frage des Daten schutzes hat bei einigen dazu geführt, dass sie die Networking Sites nur noch passiv nutzen. Im Hinblick auf Kosten fallen fühlt man sich bereits dadurch geschützt, dass man seine Daten nur auf Seiten, die über ein gewisses Renommee ver fügen (z. B. eBay, YouTube, SchülerVZ etc.), angibt. Social Networking löst auch zwischen Eltern und Kindern die größten Konflikte in der Internetnut zung aus. Vor allem türkisch stämmige Mütter von Töchtern haben aus Fernsehen und Presse viele negative Informa tionen bekommen und ver suchen, das Social Networking ihrer Töchter zu unter binden. Für die Eltern – insbesondere die Mütter – ist das Internet eine Blackbox, der man mit Angst und Misstrauen begegnet. Dabei spielen Kosten fallen für diese Ängste kaum eine Rolle, größer ist die Angst – vor allem der türkischen Mütter – vor Erwachsenen, die die Naivität ihrer Kinder – vor allem Töchter – via Social Networking Sites aus- nutzen. Dieser Sorge stehen die Eltern allerdings nahezu hilf los gegen über. So ist zum Beispiel nicht allen Müttern die Möglich keit bekannt, bestimmte Internet seiten sperren zu lassen. An zweiter Stelle rangiert die Befürch tung, die Kinder (vor allem Jungen) könnten Internet-süchtig werden. Diese Befürch- tung teilen russisch- und türkisch stämmige Eltern. Gegen letztere Sorge gibt es aus Sicht der Eltern ein probates Mittel: Man führt zeit liche Begren zungen in der Internet-Nutzung ein. Dies glaubt man zumeist auch kontrollieren zu können, indem man z. B. den Laptop in die Küche stellt oder aber man von Zeit zu Zeit ins Kinderzimmer geht, um die Internetnut zung zu beobachten, und ggf. den „Stecker zu ziehen“. Insgesamt sieht man aber, ähnlich wie beim Handy, wenige Möglich keiten, kontrollierend und unter stützend auf die Kin- der und Jugend lichen einzu wirken. Die Eltern sind sich darüber bewusst, dass der Umgang mit dem PC und dem Internet in der heutigen Zeit unerläss lich ist und die Kinder und Jugend lichen für eine erfolg reiche beruf liche Zukunft bereits früh an die Möglich keiten heran geführt werden müssen. Entsprechend fühlt man sich nicht berechtigt, den Internet zugang komplett zu ver hindern. Eher wird – vor allem von den russisch stämmigen Eltern – die Ver antwor tung für einen kompetenten Umgang mit dem Medium Internet an „höhere“ In- stanzen, wie zum Beispiel die Schulen, ver wiesen. Die Hemmun gen der für die Erziehung haupt verantwort lichen Mütter, sich mit dem Medium Internet auseinander zusetzen, führen dazu, dass sich die Kinder und Jugend lichen in der kritischen Auseinander setzung einer hohen Eigen verantwor tung aus gesetzt sehen. Dieser Ver antwor tung sind sich die meisten (vor allem mit zuneh men- dem Alter) bewusst: Man wägt genau ab, welche durch die unsicheren Eltern 162 gesetzten Grenzen man über schreitet und welche nicht. Ähnlich wie beim Handy sehen sich auch im Hinblick auf PC/Laptop und Internet die Kinder und Jugend lichen ihren Eltern über legen. Spiel konsolen sind vor allem bei 12- bis 15-jährigen Jungen vor handen, mit der Funktions weise von Spiel konsolen und Internetspielen sind die be- fragten Kinder und Jugend lichen gut ver traut. Sie spielen aber offen bar in der täglichen Nutzung eine eher unter geordnete Rolle. Die Befragten behaupten, pro Woche maximal eine Stunde mit der Spiel konsole zu spielen; die Nutzung sei im Laufe der Jahre zurück gegangen. Im Gegensatz zur Internetnut zung, ins besondere z. B. der Teilhabe an Social Networking Sites, scheint die Nutzung von Spielen insgesamt eher unreflektiert zu sein. Gefahren werden relativiert, Erfah rungen haben immer nur „die anderen“ gemacht; es wird in den Gruppen viel gekichert und geschwatzt. Das Wissen über die Risiken von (Online-) Spielen scheint insgesamt eher gering, ent sprechend fallen die Antworten schwammig aus, es werden ledig lich vor urteilsartige Schlagworte (Sucht, Ge- walt) genannt. Dies lässt die Ver mutung zu, dass es sich bei diesem Punkt um ein Tabuthema handelt. Es findet keine kritische Auseinander setzung mit Pädagogen oder Eltern statt, weil man um deren Ableh nung der Angebote weiß und sich deshalb nicht zu fragen traut. Fragen könnten auf decken, dass man sich ver boten erweise doch mit den Spielen beschäftigt. Die Nutzung von Spiel konsolen wird von Eltern insgesamt nicht gerne gesehen. Sie berichten (im Gegensatz zu den Kindern), dass die Kinder zu viel spielen würden, und sie schränken die Nutzung von Konsolen zeit lich stark ein oder gestatten die Nutzung nur am Wochen ende. Die Eltern befürchten neben der Ver nachlässi- gung von Schularbeiten eine suchtähn liche Abhängig keit. Da die Nutzung von Spiel konsolen eindeutig den Schluss zulässt, dass das Kind spielt und nichts anderes macht, scheint hier ein Verbot im Ver gleich zu den übrigen Medien einfacher und wird auch rigoroser an gewendet und von den Kindern offen bar befolgt. Statt mit der Spiel konsole wird nun allerdings auf dem Handy oder online gespielt. Eine ab solute Selbst verständlich keit im täglichen Umgang stellt das Fern- sehen dar. Mit steigendem Alter nimmt auch die kritische Auseinander setzung zu; so werden Nachrichten zunehmend wichtiger und häufiger einer kritischen Analyse unter zogen. Hier profitieren die Befragten von ihrer Zweisprachig- keit, indem sie insbesondere Nachrichten rund um ihr Herkunfts land sowohl im deutschen wie auch im türkischen bzw. russischen Fernsehen konsumieren und einander gegen über stellen. Auch scheint es, dass sich die Eltern in Punkto Fernsehen auf der „sicheren Seite“ fühlen. Das Fernsehen ist ein Medium, mit dem sie sich bestens aus kennen. Man meint zu wissen, dass jugendgefährdende Inhalte erst zu nachtschlafender Zeit oder bei Sparten sendern zu finden sind, deren Konsum sich durch Codie rung ver hindern lässt. Man richtet sich nach Anmer kungen in TV-Zeitschriften oder im Vorspann einer Sendung, um über 163 die Nutzung spontan ent scheiden zu können. Insgesamt würde man sich zwar wünschen, dass die Kinder ver mehrt „sinn volle“, d. h., lehr reiche Sendun gen nutzen, kann allerdings nicht von der Hand weisen, dass man selber das Fern- sehen auch oft genug als reines Unterhaltungs medium nutzt und ver traut hier einfach auf das „reifer und er wachsener Werden“ der Kinder. Zwischen den Fertig keiten der Kinder und Jugend lichen und ihren Eltern in Bezug auf die neuen Medien klafft insgesamt eine Lücke. Sowohl die Eltern wie auch die Kinder und Jugend lichen schreiben der jüngeren Genera tion die eindeutig höheren Kompetenzen zumindest mit Blick auf die neuen Medien zu, was insbesondere bei den für die Erziehung haupt verantwort lichen Müttern zu großer Unsicher heit führt. Nur wenige der befragten Mütter sehen sich in der Lage, dieser Unsicher heit zu begegnen, indem sie sich selbst mit den ihnen eher un bekannten Medien wie Handy oder PC/Laptop oder der Internetnut- zung auseinander setzen. Diejenigen Mütter, die dies tun, sind eindeutig der Gruppe der höher Gebildeten (zumeist Mütter mit russischem Migrations- hintergrund) zuzu ordnen und weisen (zumindest in Hinblick auf die türkisch- stämmigen Mütter) eine modernere Lebens einstel lung auf. Die Mehrheit der türkisch stämmigen Mütter zeigt sich dagegen hilf los. Sie betonen ihr Be- mühen, sich mit den Kindern auseinander zusetzen und sehen sich der „Clever- ness“ ihrer Kinder gleichzeitig aus geliefert. Oft hilft ihnen nur noch, „den Stecker zu ziehen“ – wissend, dass ihr Sohn oder ihre Tochter dann bei Freun- den „Zuflucht“ sucht. Auch die Kinder wissen um ihre Überlegen heit und geben offen zu, diese im Falle von „hilf losen“ mütter lichen Ver boten auszu- nutzen. 165 7 Medien nutzung und soziale Integra tion junger Migranten – Kausalzusammen hänge Schon der kurze Blick auf die Korrela tionen zwischen Indikatoren zur sozia- len Integra tion und zur sprachgebundenen Medien nutzung in Kapitel 5 (Ab- schnitt 5.5) hat gezeigt, dass für die Nutzung der herkunfts sprach lichen Medien vielfache Zusammen hänge in beiden Teilstichproben identifizier bar waren, während für die deutsch sprachige Medien nutzung vor allem in der Stichprobe der türkisch stämmigen Befragten Zusammen hänge mit der Alltags sprache und der sozialen Interak tion erkenn bar wurden. Im Folgenden wollen wir diese Zusammen hänge genauer in den Blick nehmen. Dafür werden wir an ein multiples Kausalmodell anknüpfen, das anhand der Daten der im Jahre 2006 er hobenen WDR-Studie für türkisch stämmige Migranten von 14 bis 49 Jahren in Nordrhein-West falen ent wickelt und erfolg reich getestet wurde.40 Das Ziel dieser Analyse ist es erstens, fest zustellen, ob für die Befragten mit türkischem Migrations hintergrund in der vor liegenden Studie ver gleich- bare Kausalstrukturen zur Erklä rung unter schied licher Akkulturations strate- gien identifiziert werden können. Eine Bestäti gung dieser Kausalstrukturen würde eine Validie rung der für die WDR-Daten nach gewiesenen Medien- nutzungs effekte bedeuten und damit ein weiterer Schritt zur Beschrei bung von Medien wirkun gen im sozialen Integrations prozess sein. Ein weiteres Ziel ist es zweitens, zu prüfen, ob diese für die türkischen Migranten identifizierten Effekte im Grundsatz auch auf die Jugend lichen und jungen Erwachsenen aus der Popula tion der Aussiedler über trag bar sind. Hier würde ein positives Er- geb nis die Generalisier bar keit der bisherigen Forschungs ergebnisse erhöhen und z. B. die Nutzung deutsch sprachiger Medien als wichtigen Integrations fak- tor für eine weitere, relevante Gruppe von Zuwanderern beschreib bar machen. 40 Vgl. zum Folgenden auch Trebbe (2009): 226–233. 166 7.1 Ausgangs lage Die deskriptiven und bivariaten Analysen in Kapitel 5 haben gezeigt, dass die sprachgebundene Medien nutzung ein Indikator für die soziale Interak tion und die soziale Integra tion sein kann. Dabei zeigen sowohl die Medien nutzungs- daten als auch die Integrations indikatoren der vor liegenden Studie in die gleiche Richtung wie die ent sprechenden Indikatoren aus der WDR-Studie des Jahres 2006. Wie stark diese Übereinstim mung ist, kann man an dieser Stelle an drei zentralen Indikatoren für die türkisch stämmigen Befragten aus beiden Studien zeigen (Tabelle 5.1). Die deutsche Sprachkompetenz ist – laut Selbsteinschät zung – in beiden Studien hoch (85 bzw. 82 Prozent). Im Alltag wird in beiden Stichproben in erster Linie Deutsch gesprochen. In der Regel parallel zu Türkisch (53 bzw. 46 Prozent), aber auch mit deut lichem Schwer- punkt auf Deutsch, vor allem in der aktuellen, etwas „jüngeren“ Stichprobe (24 bzw. 36 Prozent). Der Anteil der dominant Türkisch sprechenden Be- fragten liegt relativ konstant bei etwa einem Viertel der Stichprobe. Tabelle 7.1: Studienvergleich: Sprache und sprachgebundene Fernsehnutzung (in Prozent, gew.) Türkischer Migrations hintergrund Studie WDR 2006 Studie LfM 2009 14–29 J. nw = 226 12–29 J. nw = 302 Sprachkompetenz Deutsch (gut/sehr gut) 85 82 Sprachgebrauch im Alltag Deutsch und Türkisch gleich häufig 53 46 Meistens Deutsch 24 36 Meistens Türkisch 23 28 Fernsehnut zung (Stamm seher) Deutsch und Türkisch gleich häufig 45 46 Meistens Deutsch 21 24 Meistens Türkisch 24 18 Die zweisprachige Fernsehnut zung, also etwa gleich häufig türkisch- und deutsch sprachige Programme anzu sehen, dominiert in beiden Stichproben die Vertei lung mit nahezu identi schen Anteils werten (45 bzw. 46 Prozent). Der Anteil der Befragten, die eher deutsch sprachiges Fernsehen nutzen, ist eben- falls ver gleich bar hoch in beiden Stichproben (21 bzw. 24 Prozent), der Anteil der exklusiv türkisch sprachigen Fernsehprogrammnutzer ist in der aktuellen Stichprobe etwas kleiner als in der Stichprobe aus dem Jahre 2006 (18 bzw. 24 Prozent). Wir werden den Ver gleich der deskriptiven Daten für die türkisch stäm- migen Befragten an dieser Stelle nicht auf die Spitze treiben. Die drei Bei- spiele zeigen aber deut lich, dass sich ver gleichs weise stabile Strukturen in den 167 zwei unabhängig voneinander und mit einem Abstand von mehr als 2 Jahren gezogenen Stichproben zeigen. Für die Daten der WDR-Studie hat sich in den multivariaten Analysen gezeigt, dass sich neben soziodemografi schen Effekten auf die Akkulturations strategien der Befragten vor allem die deutsch sprachige Medien nutzung als Wirkungs faktor identifizieren lässt, während die heimat- sprach liche, in dem Fall türkisch sprachige Medien nutzung ver gleichs weise geringe Auswir kungen auf die soziale Integra tion gezeigt hat (Trebbe 2009: 233). Diesen Befund werden wir im Folgenden für die zwei Popula tionen der vor liegenden Studie über prüfen. 7.2 Modell und Operationalisie rung Die kausal analyti sche Modellie rung orientiert sich – soweit wie möglich – an den aktuellsten Analysen der Daten der WDR-Studie (Abbil dung 1). Dort wur den multiple, lineare Regressions analysen durch geführt, um den Einfluss Soziodemografie Alter Geschlecht Bildung Bleibewunsch Deutsche Staatsbürgerschaft (ja) Relative Aufenthaltsdauer Mediennutzung Herkunftssprachliche Mediennutzung Deutschsprachige Mediennutzung Zweisprachige Mediennutzung Akkulturationsstrategien Integration (D+/H+)* Assimilation(D+/H–) Separatismus (D–/H+) Marginalisierung (D–/H–) Abbildung 7.1: Kausalmodell * D± = Positive bzw. negative Ausprägungen im Hinblick auf den deutschen Kontext, H± = Positive bzw. negative Ausprägungen in Bezug auf den Herkunftskontext. 168 sozio demografi scher Indikatoren und der Medien nutzung auf die Akkultu- rations strategien nach Berry ab schätzen zu können (s. a. Kapitel 2). Diese Akkulturations strategien werden als ab hängige Variable auf gefasst und durch Indizes der Indikatoren Sprachgebrauch im Alltag (Deutsch bzw. Herkunfts- sprache), soziale Interak tion mit Freunden/Bekannten, politi sches Interesse für Deutschland bzw. das Herkunfts land und die Relevanz von Informations- quellen aus Deutschland bzw. dem Herkunfts kontext operationalisiert. Dabei werden positive Ausprägungen in Bezug auf beide gesell schaft lichen Kontexte (Herkunft und neuer deutscher Kontext) als integrativ, ausschließlich positive für den deutschen Kontext als assimilativ und ausschließlich positiv auf den Herkunftskontext gerichtete Einstellungen als separatistisch inter pre- tiert. Von Marginalisierung wird gesprochen, wenn beiden gesellschaftlichen Kontexten eher kritisch gegenübergestanden wird. Auf der Seite der unabhängigen, erklärenden Variablen werden zwei Indi- katorenblöcke zur Soziodemografie und zur Mediennutzung synchron betrach- tet.41 Die Soziodemografie umfasst neben den klassischen Variablen Alter, Geschlecht und Bildung drei migrationsspezifische Indikatoren: den Wunsch, für immer in Deutschland zu bleiben, die deutsche Staatsbürgerschaft sowie den relativen Anteil der Lebenszeit jedes Einzelnen, die in Deutschland verbracht wurde. Unter Mediennutzung werden hier die sprachgebundenen Nutzungsvorgänge zu Fernsehen, Radio und Tageszeitung, gemessen durch die Anzahl der Tage einer normalen bzw. durchschnittlichen Woche, auf- summiert. Zusätzlich zu den konventionellen Massemedien wurde auch die sprachgebundene Internetnutzung in die Summenindizes eingerechnet. Ins ge- samt wurden drei Indizes gebildet, die deutschsprachige Nutzung, die türkisch- sprachige Nutzung und die zweisprachige Nutzung. Letzterer hat dann hohe Werte für die Befragten, wenn die Differenz zwischen herkunftssprachlicher und deutschsprachiger Nutzung möglichst gering ist. 41 Bei der multivariaten Analyse der WDR-Daten war es das Ziel, den über die soziodemografi schen Variablen hinaus gehenden Effekt für die Medien nutzungs indikatoren, also den Erklärungs zuwachs, zu identifizieren, deshalb wurde dort schritt weise vor gegangen. Auf der Basis dieses Erkenntnis standes werden für die hier vor liegenden Daten beide Indikatoren gruppen synchron betrachtet. 169 7.3 Ergebnisse Die linearen Regressionsanalysen wurden jeweils für die zwei Teilstichproben getrennt durchgeführt. In Tabelle 7.2 werden die Ergebnisse für die türkisch- stämmigen Befragten und die russischen Aussiedler gegenübergestellt. Zunächst zur Erklärungskraft der Kausalmodelle (R2). Für die türkisch- stämmige Stichprobe bestätigt sich der Befund der WDR-Studie, dass durch eine Kombination von soziodemografischen und Mediennutzungsvariablen die assimilative und die separatistische Akkulturationsstrategie vergleichsweise besser erklärt werden können (jeweils R2 = .12) als Integration und Margina- lisierung (jeweils .08). Relativ gesehen stimmt dieser Befund auch für die Kausalmodelle, die für die Aussiedler berechnet wurden. Assimilation (R2 = .31) und Separation (R2 = .18) lassen sich mit dem gewählten Variablenset auch in dieser Population besser vorhersagen als Integration (R2 = .11) und Marginalisierung (R2 = .05). Darüber hinaus macht die Gegenüberstellung der Koeffizienten deutlich, dass – jedenfalls auf dieser pauschalen Betrach tungs- ebene – die Erklärungskraft der Regressionsmodelle für die Aussiedler bei den Akkulturationsindizes grundsätzlich besser ist als für die Befragten mit türkischem Migrationshintergrund. Betrachtet man die Modelle im Einzelnen, so zeigen sich einige interessante Befunde für die zwei Teilstichproben, auch und besonders im Vergleich zu den Resultaten aus der WDR-Studie. Für die integrative Akkulturationsstrate- gie, also die gleichermaßen positiv und aktiv auf den deutschen Mehrheits- kon text und den Migrationshintergrund ausgerichteten Einstellungen und Inter- aktionen, zeigt sich im Fall der türkischen Befragten ein starker Einfluss der Variablen zum sozialen Status (Alter, Bildung und Aufenthaltsdauer), d. h. je älter die Befragten, je höher ihre Bildung und je länger sie in Deutschland sind, desto eher vorfolgen sie eine solche Strategie. Im Vergleich zur WDR- Studie fällt hier ein Vorzeichenwechsel bei der Wirkung der Variable Alter auf. Während dort (d. h. bei den 14- bis 49-Jährigen) die integrative Strategie mit dem Alter abnahm, ist es hier genau umgekehrt, d. h. unter den 12- bis 29-Jährigen sind es eher die „älteren“ jungen Erwachsenen, die sich beiden Kontexten aktiv zuwenden. Auf diese Strategie wirkt dann auch eine aus- gewogene, auf beide Sprachen bezogene Mediennutzung als positiver Effekt – je stärker die Mediennutzung in beiden Sprachen stattfindet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine ebenfalls auf beide Kontexte ausgerichtete Integrationsstrategie. 170 Tabelle 7.2: Multiple, lineare Regressionen zur Erklärung der Akkulturationsstrategien* Beta Akkulturations strategien (Indizes) Integra tion Assimila tion Separa tion Marginali sie rung Stichprobe Tk. Mh. Aussdl. Tk. Mh. Aussdl. Tk. Mh. Aussdl. Tk. Mh. Aussdl. Konstante (Modell) 2.0 1.8 .84 .85 .82 Soziodemografie Alter .16 –.12 Geschlecht (weib lich) –.14 Bildung (Abi/Gymn.) .13 .12 –.24 Bleibewunsch (ja) .12 Rel. Aufenthalts dauer .19 –.25 –.14 .17 Dt. Staats bürger schaft (ja) –.12 Medien nutzung Deutsch sprachig Türkisch bzw. Russisch –.22 –.44 .16 .21 –.25 Ausgewogen zweisprachig .16 –.12 Adj. R2 .08 .11 .12 .31 .12 .18 .08 .05 * Standardisierte Regressionskoeffizienten (BETA), alle angegebenen Koeffizienten p(α) ≤ .05. Für die Befragten aus der Aussiedlerstichprobe zeigen sich im Gegensatz dazu kaum integrative Effekte für die soziodemografischen Variablen. Ledig- lich die Minderheit derjenigen, die (noch) keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, verfolgt eine gleichermaßen auf die Herkunft als auch auf Deutschland bezogene Integrationsstrategie. Mediennutzung und vor allem zweisprachige Mediennutzung spielt dabei keine Rolle. Im Hinblick auf die zwei gut erklärbaren Strategien Assimilation und Sepa- ration zeigen sich Effekte für die sprachgebundene Mediennutzung, die in bisherigen Kausalanalysen nicht erkennbar waren. Für die assimilative Stra- tegie finden sich beispielsweise negative Effekte der herkunftssprachlichen Mediennutzung. Besonders gut sichtbar sind diese in der Stichprobe der jungen Aussiedler: Eine stark ausgeprägte russischsprachige Mediennutzung steht einer assimilativen Akkulturation explizit entgegen (BETA: –.44). In der türkischstämmigen Stichprobe zeigt sich der gleiche negative Effekt, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt (BETA: –.22). Und darüber hinaus erkennt man – und das ist in diesem Zusammenhang plausibel – für beide Teilstichproben entsprechende positive Effekte der türkisch- bzw. russischsprachigen Medien- nutzung auf eine separatistische, d. h. dem deutschen Mehrheitskontext ab- gewandte Akkulturationsstrategie (BETA: .16 bzw. .21). Weiter zeigt sich ein positiver Bildungseffekt für die assimilative Strategie im Fall der türkischen Befragten (BETA: .12), während sich für die Aussiedler zeigen lässt, dass Assimilation dann am wahrscheinlichsten ist, wenn die Zu- wanderung nach Deutschland in besonders jungen Jahren erfolgt ist (BETA: –.12). Die Kausalanalyse für die einseitige Zuwendung zum Herkunftskontext (Separation) zeigt für die zwei Stichproben starke Parallelitäten. Hier schlägt 171 die Aufenthaltsdauer der Befragten als Erklärungsfaktor durch: Der eher kri- tische Umgang mit dem deutschen Gesellschaftskontext findet vor allem bei denjenigen statt, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben, und er ist für männliche Befragte wahrscheinlicher als für weibliche – dies allerdings nur im Fall der jugendlichen Aussiedler. Marginalisierte Akkulturationsstrategien sind im Fall der türkischstämmi- gen Befragten vor allem an Bildungsnachteile gekoppelt, während bei den russischen Aussiedlern eine längere Aufenthaltsdauer unter bestimmten Um- ständen zu einer Abwendung von beiden Kontexten führen kann – auch wenn sie mit dem Wunsch verknüpft ist, in Deutschland zu bleiben. Vor allem aber zeigt sich hier ein negativer Effekt für die Nutzung russischsprachiger Medien (BETA: –.25). Auch wenn dieses schwächste Modell mit Vorsicht interpretiert werden muss, kann man festhalten: Je mehr Herkunftsmedien genutzt werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, in beiden Lebenswelten nicht zu Hause zu sein. 7.4 Diskussion Die Ergebnisse der Kausalanalysen zeigen aus einer mehrdimensionalen Per- spektive noch einmal deutlich auf, wo die Besonderheiten der in dieser Studie untersuchten Populationen mit Migrationshintergrund liegen. So kann man sie etwa mit Blick auf die Altersstruktur sowohl als homogen als auch als heterogen bezeichnen. Homogen ist die Gruppe der 12- bis 29-jährigen Be- fragten auf der einen Seite im Vergleich zu anderen, breiter angelegten Stich- proben, weil das „jüngste“ Drittel der zwei größten Bevölkerungssegmente mit Migrationshintergrund in den Blick genommen wird, und damit be stimmte, in späteren Lebensphasen relevante Integrationsdimensionen ausgeblendet wer- den. So kann man an den Daten der aktuellen Umfragen sehr gut ablesen, dass der deutsche Mehrheitskontext für die jüngeren Migrationsgruppen routi- nierter ist und die soziale Interaktion in der Mehrheitsgesellschaft durch Sprache, gesellschaftliches Leben und Freizeitaktivitäten zum selbstverständ- lichen Bestandteil ihres Alltagslebens geworden ist – selbst bei denjenigen, die noch eigene Zuwanderungserfahrungen gemacht haben. Auf der anderen Seite führt die Fokussierung auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dazu, dass bestimmte Eigenheiten und Differenzierun- gen innerhalb dieses Alterssegments deutlicher zutage treten und nicht durch gegenläufige Ausprägungen in den älteren Gruppen ausgeglichen und damit im Durchschnitt quasi aufgehoben werden. Am deutlichsten wird diese Hete- ro genität am Beispiel der Stichprobe der türkischstämmigen Befragten. Über 80 Prozent der befragten 12- bis 29-Jährigen sind in Deutschland geboren. Dadurch unterscheiden sie sich in einem ganz entscheidenden Merkmal von 172 der Generation ihrer Eltern und Großeltern, die zum größten Teil eigene Migra tionserfahrungen gemacht haben und nicht in einem bikulturellen Um- feld sozialisiert wurden. Dies hat für viele der Jugendlichen zur Folge, dass die Auseinandersetzung mit der türkischen Seite ihrer Identität ausschließlich – oder zumindest in großen Teilen – über die Familie geschieht, während der deutsche Mehrheitskontext in Schule und Freundeskreis dominiert. War es für frühere Generationen türkischer Migranten häufig so, dass der deutsche Ge- sellschaftskontext derjenige war, der zu ihrer türkischen Identität dazu kam, ist es für viele Jugendliche heute umgekehrt. Im deutschen Alltag entwickelt sich ein vorherrschender Teil ihrer Identität, zu dem ihre türkische Herkunft dazu kommt. In diesem Sinne ist die Stichprobe der türkischstämmigen Be- fragten äußerst heterogen, denn die Zuwanderungsquote bei den 12- bis 19-Jährigen, also denjenigen, die noch besonders stark durch den elterlichen Familienhaushalt geprägt werden, beträgt nur 6 Prozent (gegenüber 32 Prozent bei den 20- bis 29-Jährigen), so dass selbst zwischen diesen „jungen“ Gruppen noch große Unterschiede im Verhältnis von türkischem und deutschem Teil ihrer Identität sichtbar werden. Aus dieser Perspektive kann man die türkischsprachige Mediennutzung in dieser Altersgruppe in einem etwas anderen Licht sehen, als es für die älteren Generationen angemessen ist. Für die meisten Jugendlichen und jungen Er- wachsenen ist der Blick in die türkische Kultur und Gesellschaft – auch via Benutzung der Sprache und Zuwendung zu Massenmedien – ein Blick in die Kultur und Gesellschaft ihrer Eltern und damit auch ein Blick zurück. Wäh- rend die Angehörigen früherer Migrantengenerationen ihre türkische Identität nach Deutschland mitgebracht und hier gepflegt haben, wird sie von den jün- geren Generationen parallel zu ihrer deutschen (Teil-) Identität erworben. Das erklärt vielleicht erstens, warum eine auf beide Kontexte gerichtete, integrative Akkulturationsstrategie innerhalb dieses jungen Segments mit steigendem Alter wahrscheinlicher wird und zweitens, warum die Nutzung türkisch spra- chi ger Medien einer durch steigende Bildung verstärkten, assimilativen Akkul- turationsstrategie entgegen wirken kann, bis hin zur expliziten Abwendung vom deutschen Mehrheitskontext. Auf die russischen Aussiedler sind diese Überlegungen natürlich in keiner Weise übertragbar. Die Mehrheit dieser Migrantengruppe hat selbst Migra- tions erfahrungen gemacht, 9 von 10 Befragten sind mit den Eltern nach Deutsch land gekommen und vorher in einem anderen gesellschaftlichen Um- feld aufgewachsen. Allerdings spielt auch für diese Gruppe die ethnische Identität ihrer Eltern bzw. Großeltern eine wichtige Rolle. Ebenfalls 9 von 10 Befragten bringen die deutsche Staatsbürgerschaft qua ihres Status als Spätaussiedler mit, auch wenn sie selbst und ihre Eltern einen großen Teil ihres Lebens in Russland oder einer anderen Region der ehemaligen Sowjet- union verbracht haben. Sie bringen so einen Teil ihrer deutschen Identität aus 173 diesen Ländern nach Deutschland mit, der ihnen – und hier wiederum besteht Ähnlichkeit mit den Deutschtürken – in erster Linie durch das familiäre Um- feld vermittelt wurde. Diese mehrfachen Windungen einer deutsch-russisch- deutschen Herkunftsperspektive lassen sich an den vorliegenden Daten zur sozialen Interaktion und Integration sehr gut ablesen. Die Befragten der Aus- siedlerstichprobe sind sehr viel stärker auf den deutschen Mehrheitskontext ausgerichtet, die russische Herkunft wird leichter zurückgelassen und schneller aufgegeben als bei den türkischstämmigen Befragten – und dies trotz Migra- tionserfahrung am eigenen Leib. Die zeigt sich sowohl bei Sprache, sozialer Interaktion und den auf den Herkunftskontext bezogenen Informations bedürf- nissen: Assimilative Strategien sind häufiger anzutreffen als integrative, die Herkunftskultur stärker einbeziehende Einstellungen und Aktivitäten. Vor diesem Hintergrund hat auch die sprachgebundene Mediennutzung eine andere Bedeutung und andere Wirkungen. Sie ist einerseits weitaus weniger relevant für die Aussiedler als für die türkischstämmigen Befragten. Der deutschsprachigen Mediennutzung wird häufiger der (exklusive) Vorzug vor russischsprachigen Informations- oder Unterhaltungsangeboten gegeben. Ande- rer seits wirkt es dem assimilativen Mainstream in dieser Population extrem entgegen, wenn russischsprachige Medien genutzt werden. Diejenigen, die sich (noch immer) mit der russischen Herkunft und Kultur befassen, tun dies dann auch durch und mit Medien. Dem deutschen und vor allem deutsch- sprachigen Alltag können jedoch die meisten nicht auf Dauer ausweichen. Das ist vermutlich der Grund, warum sich separatistische Strategien im Zu- sammenhang mit der russischsprachigen Mediennutzung vor allem bei Be- fragten zeigen, die erst seit vergleichsweise kurzer Zeit in Deutschland sind.m Für beiden Populationen gleichermaßen kann man abschließend festhalten, dass im Zusammenhang mit den zum Teil sehr unterschiedlichen Migrations- und Integrationsstadien die Nutzung der deutschen Medien vergleichsweise wenig Varianz und Wirkung zeigt. In dieser Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist der Umgang mit konventionellen und „neuen“ Medien im Alltag selbstverständlich. Deutsche Medien werden nahezu unabhängig vom sozialen Integrationsstatus genutzt. Mehr noch: Die Nutzung deutscher Medien erlaubt in vielen Fällen weder eine Prognose zur Nutzung der her- kunfts sprachlichen Medien noch zum Verhältnis zur deutschen Mehrheits- gesellschaft – sie gehört in dieser Altersgruppe zur gesellschaftlichen Norma- li tät. 175 8 Medien nutzung und Medien kompetenz: Jugend liche mit und ohne Migrations hintergrund im Ver gleich Wie in Kapitel 1 und 4 er läutert, führt der Medien pädagogi sche Forschungs- verbund Südwest (mpfs), eine Einrich tung der Landes anstalt für Kommunika- tion (LFK) und der Landes zentrale für Medien und Kommunika tion Rhein- land-Pfalz (LMK), in regelmäßigen Abständen die Studie „Jugend, Informa tion, (Multi-)Media (JIM)“, eine Studie zur Medien nutzung 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, durch. Die zum Zeitpunkt der Erstel lung dieses Berichts aktuellste Erhebung wurde 2008 durch geführt und ent hält Resultate von 1.208 Inter views mit Jugend lichen aus dem gesamten Bundes gebiet. Die Grund gesamt heit ist definiert als „die sieben Millionen Jugend lichen im Alter von 12 bis 19 Jahren in Telefon-Haushalten der Bundes republik Deutschland“ (JIM 2008: 4). Da sich die JIM-Studie auf ein Alters segment bezieht, das auch in den beiden Migranten-Stichproben der LfM-Studie ver treten ist, eignet sie sich im Prinzip gut für einen Ver gleich mit den Daten, die in der LfM-Studie zur Medien nutzung und Medien kompetenz von zwei Migranten gruppen erhoben wurden. Dieser Ver gleich wird im Folgenden vor genommen, jedoch ist er mit einigen Einschrän kungen ver bunden, auf die wir zum Teil schon in Kapitel 4 ein gegangen sind: Da ist zum einen der unter schied liche regionale Bezugs rahmen der beiden Untersuchungen. Die JIM-Studie bezieht sich auf die gesamte Bundes republik, die LfM-Studie ist aus schließ lich auf Nordrhein-West falen fokussiert. Zum anderen wird in der JIM-Studie der Migrations status der Befragten nach unserem Wissens stand nicht erfasst. Daher ist davon auszu gehen, dass sich in der JIM-Stichprobe eine nicht bekannte Anzahl von Personen mit Migrations hintergrund befindet (die einzige diesbezüg liche Informa tion ist das Geburts land der Befragten: 95 Prozent sind in Deutschland geboren). Insofern betrifft der im Folgenden beschriebene Ver gleich der Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen faktisch auf der einen Seite Jugend liche mit türkischem Migrations hintergrund und russische Aussiedler und auf der anderen Seite 176 deutsch sprachige Jugend liche – vor wiegend ohne, zum Teil aber auch mit Mi- grations hintergrund. Außerdem beziehen sich die Angaben der LfM-Studie zur Medien nutzung aus Gründen der Anschluss fähig keit an bevölkerungs repräsentative Studien in der Regel auf die in der Reichweiteforschung ein geführte „Währung“ der Stamm nutzer. Das sind Personen, die ein Medium bzw. ein bestimmtes Medien- angebot nach eigener Aussage an mindestens 4 Tagen einer „normalen Woche“ nutzen. Die Daten der JIM-Studie sind damit nicht direkt ver gleich bar, als Äquivalent haben wir uns für die Zusammen fassung der Selbsteinschät zung von „täglich“ und „mehrmals pro Woche“ (= mindestens mehrmals pro Woche) ent schieden. 8.1 Soziodemografie Zunächst ein Blick auf einige soziodemografi sche Indikatoren. In Bezug auf das Alter (Tabelle 8.1) und das Geschlecht der Befragten (Tabelle 8.2) sind alle drei Teilstichproben ähnlich auf gebaut. Der Anteil der Jugend lichen zwischen 14 und 19 Jahren liegt etwa bei 80 Prozent, die 12- bis 13-jährigen Kinder repräsentieren etwa ein Fünftel der Stichproben. Tabelle 8.1: Alter der Befragten (in Prozent, gew.)* Alter Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 12–13 Jahre 20 16 23 14–19 Jahre 80 84 76 Gesamt 100 100 100 * Von Hundert abweichende Prozente sind Rundungsfehler. Die männ lichen Befragten sind in allen drei Stichproben in der Mehrheit, in den Stichproben mit Migrationshintergrund noch etwas deutlicher (54 Pro- zent) als in der JIM-Studie (51 Prozent). Tabelle 8.2: Geschlecht (in Prozent, gew.) Geschlecht Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Männlich 54 54 51 Weiblich 46 46 49 Gesamt 100 100 100 177 Ganz anders – und mit den aus anderen Studien hinreichend bekannten Verschiebungen – fällt der Vergleich der zum Zeitpunkt der Befragung be- suchten Schulformen aus (Tabelle 8.3). Der Anteil der Hauptschüler ist in den zwei Stichproben mit Migrationshintergrund etwa doppelt so hoch (26 bzw. 21 Prozent) wie in der bundesweit repräsentativen Stichprobe aller Jugend- lichen in dieser Altersgruppe (10 Prozent). Und auch, wenn die Daten ggf. im Hinblick auf die Werte für Real- bzw. weiterführende Schulen nicht ganz vergleichbar sind, zeigt sich doch für das Gymnasium ein deutlicher Unter- schied zwischen dem Wert für die 12- bis 19-Jährigen in der Gesamtbevölke- rung (40 Prozent) und den türkischstämmigen Befragten bzw. den Aussiedlern (20 bzw. 22 Prozent). Dies ist vor dem Hintergrund der in Kapitel 5 be schrie- benen starken Zusammenhänge zwischen Bildungsvariablen und Funktions- mediennutzung besonders bedeutsam. Die Frage, inwieweit ggf. Unterschiede zwischen Befragten mit Migrations- hintergrund und bundes deutscher Gesamtbevölke rung bereits in der Alters- gruppe der 12- bis 19-Jährigen auf eine unter schied liche Bildungs perspektive zurück zuführen sind, wird im weiteren Ver lauf dieses Ver gleichs zu berück- sichtigen sein. Tabelle 8.3: Schulbesuch (in Prozent, gew.) Schul besuch Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Schüler 88 84 88 Haupt schule 26 21 10 Realschule/weiterf. 27 28 23 Gymnasium 20 22 40 Sonstiges 15 13 4 Kein Schüler 12 14 12 Studium (Uni/ FH) 4 2 k. A. Berufstätig/Ausbil dung 6 13 12 Sonstiges 2 1 1 Gesamt 100 100 100 178 8.2 Medien ausstat tung und Medien nutzung Im Hinblick auf die individuelle Medien ausstat tung der Befragten zeigen sich sowohl Unterschiede als auch Gemeinsam keiten (Tabelle 8.4). Tabelle 8.4: Individuelle Medienausstattung: Massenmedien (in Prozent, gew.) Ausstat tung/Befragte Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Fernsehgerät 58 58 61 Radiogerät 25 34 77 Zeitungs abonnement* 15 28 59 Internet zugang 56 48 51 * Zeitungsabonnements werden nur auf der Ebene der Haushalte erhoben. Zu den Gemeinsam keiten gehört das Fernsehgerät im eigenen Zimmer. Jeweils 58 Prozent der türkisch stämmigen Migranten und der Aussiedler ver- fügen über einen eigenen Fernseher. Laut JIM-Studie 2008 trifft das auch auf 61 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in der Gesamtbevölke rung zu. Und auch ein eigener Internet zugang ist in etwa im gleichen Umfang in allen drei Stich- proben ver treten (zwischen 48 Prozent bei den Aussiedlern und 56 Prozent bei den türkisch stämmigen Befragten). Große Unterschiede zeigen sich vor allem bei der Ausstat tung mit Radio- geräten und Zeitungs abonnements. 59 Prozent der Befragten der JIM-Studie ver fügen über ein Zeitungs abonnement im Haushalt, bei den Jugend lichen mit Migrations hintergrund sind es mit 15 bzw. 28 Prozent deut lich weniger, und auch der Abstand zwischen türkisch stämmigen Befragten (15 Prozent) und Aussiedlern (28 Prozent) in dieser Alters gruppe ist groß. Noch deut licher sind die Unterschiede beim Besitz von Radiogeräten. Während der Anteil bei den 12- bis 19-Jährigen in der Gesamtbevölke rung bei 77 Prozent liegt und damit noch über dem Anteils wert für Fernsehgeräte, sind es in der vor liegenden Studie nur 25 bzw. 34 Prozent. Dies spricht sehr für die bereits in Kapitel 5 geäußerte Ver mutung, dass gerade Zeitung und Radio erstens ein besonders hohes Sprach verständnis er fordern (hören und ver stehen) und dass zweitens diese Medien und ihre Inhalte traditionell stark an regionale bzw. lokale Ver- breitungs gebiete gebunden sind und deshalb durch ent sprechende Angebote im Internet oder digitalen Fernsehen ver drängt werden. Weitaus weniger gravierend sind die Unterschiede zwischen den Popula- tionen im Hinblick auf die Ausstat tung mit Funktions medien (Tabelle 8.5). 179 Tabelle 8.5: Individuelle Medienausstattung: Funktionsmedien (in Prozent, gew.) Ausstat tung/Befragte Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Computer 66 65 71 Handy 89 93 95 Spiel konsole 44 37 45 Mobile Spiel konsole 33 25 41 Die 12- bis 19-jährigen Befragten aus der Gesamtbevölke rung ver fügen zu mehr als zwei Dritteln über einen eigenen Computer. In den zwei migrations- spezifi schen Stichproben liegen die Werte mit 66 bzw. 65 Prozent knapp darunter und im Rahmen der zufalls bedingten Stichproben streuung. Das Gleiche gilt für die Verfüg bar keit von Mobiltelefonen: 89 Prozent der türkisch- stämmigen Jugend lichen, 93 Prozent der Aussiedler und 95 Prozent der Jugend lichen in der Gesamtbevölke rung haben ein eigenes Handy. Einzig für die Spiel konsolen, die aus Ver gleichs gründen hier getrennt nach fest installier- ten und mobilen Geräten aus gewiesen werden, lassen sich Unterschiede zwi- schen den Jugend lichen aus der Aussiedler stichprobe und den zwei anderen Gruppen fest stellen. Diese Popula tion ist mit 37 Prozent bzw. 25 Prozent weniger häufig im Besitz solcher Geräte als die Ver gleichs gruppen aus der Gesamtbevölke rung (45 bzw. 41 Prozent) und den türkisch stämmigen Befrag- ten (44 bzw. 33 Prozent). Im Grundsatz gilt auch für den Ver gleich mit den Nutzungs daten der JIM- Studie die Fest stel lung, dass die Nutzung der Ausstat tung folgt, bzw. als guter Indikator dienen kann (Tabelle 8.6). Tabelle 8.6: Mediennutzung (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Mediengat tungen Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Fernsehen 92 86 89 Radio 16 34 72 Zeitung 18 12 43 Internet 69 73 84 Computer 60 71 89 Handy 79 75 84 Spiel konsole 21 16 26 ** Personen, die angeben, das Medium an 4, 5, 6 oder 7 Tagen einer normalen Woche zu nutzen. ** Täglich/mehrmals pro Woche. 180 Im Fall der Jugend lichen aus der Gesamtbevölke rung sind die Unterschiede zwischen den meist genutzten Medien allerdings nicht so groß wie im Fall der zwei Migranten-Stichproben. So ist das Fernsehen bei den 12- bis 19-Jährigen aus der Gesamtbevölkerung mit 89 Prozent gleich auf mit der Computernut- zung (jeweils 89 Prozent), während in den anderen zwei Stichproben eher größere Abstände zwischen TV- und PC-Nutzung zu finden sind.42 Ebenfalls eher im Bereich von Fernsehen und Computer bewegen sich die Werte für die häufige und regelmäßige Internet- und Handynutzung (jeweils 84 Prozent). In den Stichproben für die jugendlichen Aussiedler bzw. türkischstämmigen Befragten schwanken die Stammnutzeranteile für PC und Internet eher um 70 Prozent, insbesondere die Computernutzung bei den türkischstämmigen Jugendlichen ist mit 60 Prozent Stammnutzeranteil vergleichsweise gering. Eindeutiger und auffälliger sind aber auch bei den Nutzungsdaten die Unterschiede im Umgang mit Radio und Tageszeitung. Obwohl auch bei den Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung die zwei Massenmedien eher am unteren Ende der Beliebtheitsskala zu finden sind (einmal abgesehen von der Spielkonsole), fallen die Werte mit 72 Prozent für Radionutzung und 43 Pro- zent für die Tageszeitungsnutzung doch deutlich höher als in den Vergleichs- stichproben aus. Und dabei ist das Radio bei den 12- bis 19-jährigen Aus- siedlern mit 34 Prozent Stammhöreranteil noch deutlich beliebter als bei den türkischstämmigen Jugendlichen mit nur 16 Prozent. Die Tageszeitung ist in allen drei Stichproben das Massenmedium mit den schwächsten Nutzungs- zahlen, in den migrationsspezifischen Stichproben liegt die Nutzung mit 18 bzw. 12 Prozent jedoch auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Die Spiel- konsole als Funktionsmedium liegt mit ihren Nutzungszahlen ebenfalls eher am Ende der Rangliste, für alle drei Stichproben auf vergleichbarem Niveau (zwischen 16 und 26 Prozent). Der Blick auf andere Medien- und Freizeitaktivitäten (Tabelle 8.7) stellt noch einmal die in Kapitel 5 berichtete hohe Bedeutung der Musiknutzung für Jugendliche heraus. Der Gebrauch von MP3 ist nicht nur bei den Befrag- ten mit Migrationshintergrund, sondern auch bei den Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung sehr stark verbreitet. Bei diesen nimmt zusätzlich das aktive Musik machen mit 18 Prozent einen höheren Stellenwert ein als bei beiden Stichproben mit Migrationshintergrund (7 bzw. 5 Prozent). 42 Da die Daten der JIM-Studie hier nicht direkt vergleichbar mit den Daten der LfM-Studie sind, werden wir weniger auf die konkreten Prozentwerte für die „Stammnutzung“ eingehen und eher die – jeweils interne – Rangreihe der häufig bzw. regelmäßigen Mediennutzungsvorgänge in den Blick nehmen. 181 Tabelle 8.7: Mediennutzung und Freizeitaktivitäten (Nutzung, Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Aktivitäten Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Freunde treffen 46 72 88 MP3 78 79 82 Sport treiben 32 37 71 Nichts tun 40 42 69 Musik CD/ MC hören 51 49 68 Bücher lesen 27 22 40 Zeitschriften lesen 8 10 29 Musik machen 7 5 18 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Deutliche Unterschiede zwischen den drei Teilstichproben zeigen sich bei den außerhäuslichen Aktivitäten. Während 88 Prozent der Befragten der JIM- Studie sich häufiger als viermal pro Woche mit Freunden treffen, trifft dies nur für 46 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen und für 72 Prozent der Aussiedler zu. Die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtstichprobe sind daneben deutlich häufiger mit sportlichen Aktivitäten beschäftigt. Sie geben allerdings auch häufiger an, in der Freizeit einfach nichts zu tun. Die Nutzungsdaten für Zeitschriften bestätigten das schon bei der Zeitungsnutzung festgestellte niedri gere Niveau in den migrationsspezifischen Stichproben. Dies dürfte wiederum teilweise darauf zurückzuführen sein, dass in den entsprechenden Haushalten weniger Zeitschriftenabonnements vorhanden sind (Haushalte der türkischstämmigen Befragten: 8 Prozent, Aussiedler: 21 Prozent, JIM: 44 Pro- zent). Die Ergebnisse kann man nicht vorschnell als generelle Unlust am Lesen interpretieren. Vielmehr geben immerhin 27 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen und 22 Prozent der Aussiedler an, an mindestens 4 von 7 Tagen Bücher zu lesen. Insbesondere zwischen den türkischstämmigen Befragten und den Jugendlichen der JIM-Studie bestehen hier also keine enormen Diffe- renzen. 8.3 Internet- und Funktionsmedien: Nutzung und Reflektion Vor dem Hintergrund der Debatten um die Medien kompetenz von Menschen mit Migrations hintergrund ist von besonderem Interesse, inwiefern sich Jugend liche mit Migrations hintergrund durch besondere Nutzungs weisen des Internets aus zeichnen. Im Ver gleich der drei Stichproben popula tionen soll daher im Folgenden auf Gemeinsam keiten und Unterschiede in der Aneig- 182 nung des Internets durch die 12- bis 19-Jährigen ein gegangen werden. Damit ist an dieser Stelle aus drück lich keine Bewer tung oder Einschät zung ver bun- den, ob aus dieser Art des Medien umgangs eher förder liche oder eher kritische Potenziale er wachsen. Betrachtet man zunächst die eher kommunikations orientierten Tätig keiten wie E-Mail oder Messenger, ergibt sich ein über wiegend einheit liches Bild (Tabelle 8.8). Tabelle 8.8: Kommunikationsorientierte Tätig keiten und Dienste im Internet (Nutzung, Mehr fachnen nung, in Prozent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Messenger, ICQ etc. 66 61 71 Online-Communities 39 46 55 E-Mail 45 33 47 Chat 35 41 28 Internet-Telefonie 3 5 7 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Die Messenger-Nutzung er reicht in allen Teilstichproben die höchsten Nut- zungs werte, für rund zwei Drittel und mehr der befragten 12- bis 19-Jährigen gehört der Messenger zur alltäg lichen Internetnut zung dazu. Internet-Telefonie ist dagegen bisher in keiner der drei Teilstichproben in nennens wertem Um- fang ver breitet. Deutlichere Nutzungs unterschiede zeigen sich bei den Online- Communities und der Chatnut zung. Während die Communities etwas stärker von den 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung genutzt werden (55 Pro- zent gegen über 39 bzw. 46 Prozent), weisen die Teilstichproben der Jugend- lichen mit Migrations hintergrund jeweils etwas höhere Stammnutzer anteile beim Gebrauch von Chats auf (35 bzw. 41 Prozent gegen über 28 Prozent). Be- sonders die russischen Spät aussiedler nutzen diese Kommunikations mög lich - keit sehr häufig. In den Gruppen diskussionen wurde auf die Brücken funk tion der neuen Kommunikations dienste hin gewiesen, die via Chat und Messenger kosten günstig die Kontakt aufnahme und den Austausch mit Freunden und Familie aus den Herkunfts gebieten ermög lichen. Hierin kann eine Erklä rung für die höheren Stammnutzer werte der türkisch stämmigen Jugend lichen und der Spät aussiedler bei der Chatnut zung liegen. Auffälliger sind die Unterschiede zwischen Jugend lichen mit Migrations- hintergrund und aus der Gesamtbevölke rung bei den stärker informations- orientierten Tätig keiten (Tabelle 8.9). 183 Tabelle 8.9: Informationsorientierte Tätig keiten und Dienste im Internet (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Suchmaschinen 60 57 71 Surfen 32 37 42 Informa tionen für Schule/Beruf 24 22 38 Private Informa tionen 22 21 38 Aktuelle Nachrichten 20 23 32 Veranstaltungs informa tionen 8 4 13 News group lesen 8 17 22 Weblogs lesen 1 2 7 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Hier weisen die JIM-Befragten in allen Tätigkeits bereichen höhere Nut- zungs werte auf als die Befragten der zwei Ver gleichs stichproben. Insbesondere die Recherche von Informa tionen für Schule/Beruf bzw. den privaten Bereich gehört für jeweils 38 Prozent der 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung zur alltäg lichen Internetnut zung. In den beiden Ver gleichs stichproben er reichen diese beiden Tätig keiten jeweils nur Werte knapp über 20 Prozent. Auch das Interesse an aktuellen Nachrichten ist bei den 12- bis 19-Jährigen der Gesamt- bevölke rung etwas höher aus geprägt. Vor dem Hintergrund einer zum Teil negativen Konnota tion des „Surfens“ im Internet und der Forschungs literatur ist an dieser Stelle noch interessant, dass die Befragten der migrations spezifi- schen Teilstichproben beim Surfen keines wegs höhere Nutzungs werte auf wei- sen als die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung. Musik hören oder Filme/Videos im Internet ansehen ist in allen drei Teil- stichproben gleichermaßen beliebt (Tabelle 8.10). Für die türkisch stämmigen Befragten spielt zudem das Internet fernsehen eine deut lich größere Rolle. Die regelmäßige Nutzung von Online-Spielen hat für alle Befragten eine deut lich geringere Relevanz als zum Beispiel die Suche nach schuli schen/beruf lichen Informa tionen. Hier weisen die 12- bis 19-Jähri- gen der Gesamtbevölke rung höhere Nutzungs werte auf als die Befragten der zwei Ver gleichs stichproben. Mit kreativen und gestaltenden Tätig keiten beschäftigt sich insgesamt nur eine Minder heit der Jugend lichen (Tabelle 8.11). Am aktivsten sind hier noch die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung, bei denen immerhin jeweils 13 Prozent an geben, eine eigene Homepage zu betreiben oder sich in News- groups einzu bringen. Bei den russischen Spät aussiedlern werden derartige Formen der Selbst präsenta tion jedoch kaum ver folgt. Für die Jugend lichen 184 mit türkischem Migrations hintergrund stößt allein das Einstellen und Teilen von Fotos und Videos auf größere Gegen liebe. Tabelle 8.10: Rezeptionsorientierte und unterhaltende Tätig keiten und Dienste im Internet (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Musik/Sounds hören 48 45 46 Filme/Videos ansehen 28 23 26 Multi-User-Spiele 6 12 19 Online-Spiele allein 9 10 15 Internet-Radio 4 6 8 Internet-TV 10 4 2 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Tabelle 8.11: Produktive Tätig keiten und Dienste im Internet (Mehrfachnen nung, in Pro- zent, gew.) Internetdienste Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Weblogs schreiben 1 2 2 News group schreiben 4 7 13 Foto/Video einstellen 14 4 10 Eigene Homepage 1 – 13 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Über die Einschät zungen und Ansichten der Jugend lichen mit Migrations- hintergrund zu ver schiedenen Aspekten des Internets, insbesondere der Reflek- tion über das eigene Wissen, wurde bereits in Kapitel 5 ausführ lich berichtet. Die Gegen überstel lung der migrations spezifi schen Teilpopula tionen zu den Befragten der JIM-Studie in Tabelle 8.12 zeigt hier noch einmal deut lich, dass sich die Jugend lichen weder in der Relevanz, die dem Internet zu ge- schrie ben wird, groß artig unter scheiden noch in ihrer Selbsteinschät zung, über das Internet Bescheid zu wissen. Der Nützlich keit des Internets für Schule und beruf lichen Bildungs weg stimmen 95 Prozent der Aussiedler, 93 Prozent der Befragten der JIM-Studie und 89 Prozent der türkisch stämmigen Jugend- lichen zu. Im Freundes kreis ist die Internetnut zung jeweils gleichermaßen weit ver breitet. Mehr Vorsicht zeigen die Jugend lichen der Gesamtbevölke rung, wenn es darum geht, Erlaubtes von Unerlaubtem zu trennen. 75 Prozent sagen 185 hier, sie wüssten genau, was erlaubt ist. Die Jugend lichen mit türkischem Migrations hintergrund treten in dieser Hinsicht mit einer Zustimmungs quote von 83 Prozent etwas selbst sicherer auf. Sie zeigen sich im Ver gleich zu den Aussiedlern und ähnlich wie die Befragten der JIM-Studie etwas reservierter, wenn es um das Internet als Kontakt börse geht. Hier könnten sich die großen Vorbehalte und Sorgen gegen über im Internet geknüpften Kontakten, die in den Gruppen diskussionen vor allem von den türkisch stämmigen Eltern ge- äußert wurden, wider spiegeln. Dass das Selbst bewusstsein der Jugend lichen in Hinblick auf ihre eigene Internet kompetenz durch aus kritisch zu hinter- fragen ist, zeigen die Zustimmungs werte zur Frage nach der Überprü fung der Inhalte im Internet. Über alle Teilstichproben hinweg wähnt sich hier mehr als jeder Vierte in Sicher heit. Tabelle 8.12: Ansichten zum Internet* („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2007) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.204 Internet gehört heute einfach dazu 91 94 91 Internet ist für die Schule, Aus- bil dung, Studium bzw. Beruf nütz lich 89 95 93 Die meisten meiner Freundinnen und Freunde beschäftigen sich mit dem Internet 92 90 91 Wenn ich das Internet nutze, weiß ich genau, was erlaubt ist und was nicht 83 79 75 Über das Internet wird viel zu viel Aufhebens gemacht 56 52 54 Über das Internet kann man gut neue Leute kennen lernen 67 76 69 Was im Internet steht, hat vorher jemand auf die Richtig keit über - prüft 26 30 28 * Da diese Abfrage in 2008 nicht erfolgte, wird hier auf die Daten aus der JIM-Studie 2007 zurückgegriffen. Computer Einem kompetenten Umgang mit dem Computer und der Vielzahl an Pro- grammen und Anwendungen wird ein hoher Stellenwert für die Wahrnehmung bildungs- und berufsbezogener Chancen zugesprochen. Wie vielfältig und differenziert die Aneignung und der Umgang mit dem Computer in den drei Vergleichsstichproben ausfällt, zeigt Tabelle 8.13. Die in allen drei Gruppen geringen Stammnutzer anteile für Tätig keiten am Computer, die in keinem Zusammen hang mit dem Internet stehen, bestätigen 186 die Funktion des Computers als Mittel zum Zweck: Der Computer ist vor allem dafür da, den Zugang zum Internet und seinen Inhalten bzw. Diensten sicher zustellen. Für die türkisch stämmigen Jugend lichen und die Aussiedler unter mauern diese Daten die Eindrücke aus den Gruppen diskussionen. In diesen räumten die Kinder und Jugend lichen ein, man habe die Anschaf fung des Computers vor allem durch den Ver weis auf schuli sche Notwendig keiten forciert, aber eigent lich sei das Internet das wichtigste. Der Einsatz für Schule, Ausbil dung oder Beruf führt in allen drei Teil- stich proben die Rangliste der Offlinetätig keiten an. Allerdings zeigen sich hier doch recht deut liche Unterschiede zwischen den jeweiligen Befragten gruppen. Während in der JIM-Studie 37 Prozent der Befragten an geben, den Computer täglich oder mehrmals pro Woche für die Schule etc. zu nutzen, liegen die Stammnutzer anteile bei den türkisch stämmigen Jugend lichen (20 Pro zent) und insbesondere den Aussiedlern (14 Prozent) doch deut lich darunter. Auch mit Text verarbei tung oder dem Erstellen von Präsenta tionen beschäftigen sich die Jugend lichen der migrations spezifi schen Teilstichproben nur halb so häufig wie die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung. Bei den kreativen Tätig keiten wie Musik oder Bilder bzw. Filme zusammen stellen und bearbeiten, heben sich die Unterschiede zumindest zwischen den türkisch stämmigen Jugend- lichen und den JIM-Befragten wiederum auf. Hier fällt allein die Teilstich- probe der Aussiedler mit zum Teil deut lich niedrigeren Nutzungs werten auf.m Tabelle 8.13: Tätigkeiten bei der Computernutzung (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Tätig keiten Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Schule, Ausbil dung, Beruf 20 14 37 Text verarbei tung 12 12 27 Musik zusammen stellen 12 4 18 Bilder/Filme bearbeiten 12 6 13 DVD ansehen 10 6 10 Malen, Zeichnen, Grafik 7 6 9 CDs brennen 9 1 8 Präsenta tionen/Referate 4 4 8 Lernprogramme nutzen 3 2 8 Programmieren 4 2 6 Musik machen 3 2 4 Soundbearbei tung 3 4 6 DVDs brennen 2 2 2 ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. Bei der Bewer tung ver schiedener Statements zum Computer finden sich, ähnlich wie beim Internet, deut liche Gemeinsam keiten zwischen den Jugend- 187 lichen aller drei Teilstichproben (Tabelle 8.14). Dies trifft vor allem auf die Einschät zung der Relevanz von Computern für Schule, Ausbil dung und Beruf zu. 94 Prozent der türkisch stämmigen Jugend lichen, 95 Prozent der Aussiedler und 92 Prozent der JIM-Befragten bezeichnen den Computer in dieser Hin- sicht als nütz lich. Daneben stechen die Befragten der migrations spezifi schen Teilstichproben dadurch hervor, dass sie häufiger über Spaß beim Lernen oder Arbeiten mit dem Computer berichten. Vor dem Hintergrund des bisherigen Forschungs- standes interessant und zum Teil kritisch einzu schätzen sind dagegen die Dif- ferenzen in den Zustimmungs werten zu den drei letzt genannten Statements. Fast die Hälfte der türkisch stämmigen Jugend lichen äußert das Interesse, sich häufiger mit Computern zu beschäftigen. Dieser ver gleichs weise hohe Zustim- mungs wert korrespondiert an der Stelle mit den Stammnutzer werten dieser Teilpopula tion, die deut lich unter denen der Ver gleichs stichproben liegen. Er- staun lich bleibt dann aber der mit 38 Prozent doch noch recht hohe Zu stim- mungs wert der JIM-Befragten, bei denen bereits für 89 Prozent der Computer zur alltäg lichen Medien nutzung dazu gehört. Die Aussiedler stichprobe wiederum liegt, was die Stammnutzer zahlen angeht, zwischen den Ver gleichs stich pro- ben – fällt aber hier durch ein ver gleichs weise geringes Interesse an häufige- rer Computernut zung (27 Prozent) auf. Tabelle 8.14: Ansichten zum Computer („voll und ganz/weit gehend“, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Statements Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2007) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.204 Computer sind für die Schule, Ausbil dung, Universität oder Beruf nütz lich 94 95 92 Computer sind wichtig, um einen Beruf zu finden 76 70 78 Es macht Spaß, mit dem Com- puter zu lernen oder zu arbeiten 87 81 70 Computer sind eine schöne Freizeitbeschäfti gung 69 60 64 Eigent lich würde ich mich ganz gerne häufiger mit Computern beschäftigen 48 27 38 Meine Eltern halten nichts von Computern 46 37 25 Computer sind eher etwas für Jungen als für Mädchen 20 17 13 * Da diese Abfrage in 2008 nicht erfolgte, wird hier auf die Daten aus der JIM-Studie 2007 zurückgegriffen. Für die türkisch stämmigen Jugend lichen gilt, dass diese sich mit ihrem höheren Interesse an Computernut zung einem ver gleichs weise „computerkriti- 188 schen“ Familien umfeld aus gesetzt sehen, so jeden falls die Einschät zung der Jugend lichen in Hinblick auf ihre Eltern. Nahezu die Hälfte der türkisch- stämmigen Jugend lichen geht davon aus, dass die Eltern „nichts von Computern halten“. In der Stichprobe der Aussiedler stimmen diesem Statement immerhin noch 37 Prozent zu, bei den 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung sind es nur ein Viertel der Befragten. In dieser Hinsicht zeichnen die Daten der vor liegenden Repräsentativbefra gung – auf Basis der Einschät zung der Jugend- lichen – ein deut lich anderes Bild als bisher in der Forschungs literatur be- schrieben (Strotmann 2006, 2008). Hierin könnten sich wiederum die Distanz gerade der türkischen Eltern und deren Ängste hinsicht lich Computer und Internet, die in den Gruppen diskussionen auch von den Eltern selbst beschrie- ben wurden, wider spiegeln. Mobiltelefon Mit einem Handy sind die Befragten aller drei Populationen gleichermaßen gut ausgestattet (vgl. Tabelle 8.5), und auch bei den monatlichen Handykosten und der Frage, wie viel Eigenverantwortlichkeit den Jugendlichen von ihren Eltern im Umgang mit dem Handy zugestanden wird, unterscheiden sich die Teilstichproben kaum (Tabelle 8.15). Tabelle 8.15: Vertragsart und Kosten (in Prozent, gew.) Vertragsart Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Prepaid 65 66 67 Vertrag 23 24 28 Weiß nicht 1 1 k. A. Kein Handynutzer 10 10 5 (kein Besitz). Gesamt 100 100 100 Kosten pro Monat (MW) € 22 € 18 € 17 Davon: Eigenanteil (MW) € 10 (n = 140) € 10 (n = 119) € 11 Bei allen 12- bis 19-Jährigen überwiegt die Kostenkontrolle mittels Prepaid- Karten, über Vertragshandys mit mehr Verantwortung verfügen jeweils rund ein Viertel der Befragten. Stellt man analog zu den anderen Funktionsmedien auch die konkreten Tätigkeiten bei der Handynutzung gegenüber, zeigen sich nur bei einigen An- wendungen Differenzen (Tabelle 8.16). Zum einen wurde in Kapitel 5 bereits erwähnt, dass die Werte für alle abgefragten Funktionen in der Teilstichprobe der türkischstämmigen Befrag- ten höher ausfallen als bei den Aussiedlern. Dieses Bild bleibt auch bestehen, 189 wenn man die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölkerung als weitere Ver- gleichsgruppe hinzuzieht. Beim Umgang mit dem Handy finden sich nur ein- zelne Unterschiede zwischen den Befragten der JIM-Studie und den türkisch- stämmigen Jugendlichen. Die Aussiedler sind diejenige Vergleichsgruppe, in der die möglichen Handyfeatures jeweils die geringsten Nutzerwerte auf- weisen. Differenzen zeigen sich zum einen beim Erhalten und Senden von SMS, das bei den 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölkerung etwas stärker ausgeprägt ist als bei den türkischstämmigen Jugendlichen (76 Prozent versus 61 Prozent SMS bekommen, 69 Prozent versus 54 Prozent SMS senden). SMS bekommen nimmt bei den JIM-Befragten den ersten Rangplatz der Handy- funktionen ein, bei den migrationsspezifischen Teilstichproben steht das an- gerufen werden an erster Stelle. Ein weiterer Unterschied zeigt sich bei der Relevanz des Musikhörens. Während das Hören von MP3 für die türkisch- stämmigen Jugendlichen und die Aussiedler wichtiger als die SMS-Funktion und das eigene Anrufen ist, nimmt die Musiknutzung bei den Jugendlichen der Gesamtbevölkerung einen deutlich niedrigeren Stellenwert ein. Nur für 43 Prozent gehört das Musikhören zur regelmäßigen Handynutzung dazu. Bei den Werten für Handyfotografie und vor allem bei den Nutzungswerten für Handyspiele unterscheiden sich die türkischstämmigen Jugendlichen dagegen nicht von den 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölkerung. Tabelle 8.16: Tätigkeiten bei der Handynutzung (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Tätig keiten Türkischer Migrationshintergrund* Russische Spät aussiedler* Gesamtbevölke rung (JIM 2008)** 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 SMS bekommen 61 54 76 Angerufen werden 65 63 71 SMS schicken 54 43 69 Jemanden anrufen 57 48 57 Musik MP3 hören 61 59 43 Fotos/Filme machen 35 22 37 Fotos/Filme senden Bluetooth 27 15 23 MP3 senden Bluetooth 27 14 23 Handy-Radio 4 – 11 Handyspiele 11 6 10 MP3 senden MMS 4 – 5 Fotos/Filme senden MMS 3 2 2 Im Internet surfen 2 1 2 Mails abrufen 7 2 2 Handy-Fernsehen 3 1 1 Mails senden 7 3 k. A. ** 4, 5, 6 oder 7 Tage einer normalen Woche. ** Täglich/mehrmals pro Woche. 190 Auf die Schwierigkeiten, in einer standardisierten Befragung nach gewalt- haltigen Inhalten oder Pornografie zu fragen, wurde bereits in Kapitel 5 hin- gewiesen. In der JIM-Studie wird ebenso versucht, sich dem Themengebiet anzunähern. Danach gefragt, ob sie schon davon gehört haben oder ihnen bekannt ist, dass gewalthaltige Videos oder pornografische Bilder und Filme per Handy verschickt werden, signalisieren jeweils vier Fünftel der Befragten der JIM-Studie und der Teilstichprobe der Aussiedler Zustimmung (Tabelle 8.17). Bei den türkischstämmigen Jugendlichen fällt dieser Wert mit rund drei Fünftel deutlich niedriger aus. Im eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis so etwas mitbekommen zu haben, berichtet rund ein Viertel der Befragten in allen drei Teilstichproben. Die Zustimmungswerte fallen also hier bei den migrationsspezifischen Teilstichproben keinesfalls höher aus als bei den Be- fragten der Gesamtbevölkerung. Ein Befund, der aufgrund der erwähnten möglichen sozialen Erwünschtheit beim Antwortverhalten mit Vorsicht zu interpretieren ist. Tabelle 8.17: Gewalt und Pornografie auf dem Handy (Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Gewalt/Pornografie Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Davon gehört 59 82 80 Im Bekannten kreis 25 26 29 Nicht nur das er wähnte Phänomen des „happy slapping“ stellt ein Gefah- ren potenzial im Umgang mit dem Handy dar, weitere potenzielle Gefahren liegen im Bereich finanzieller Ver luste bzw. Ver pflich tungen, wenn die Jugend- lichen zum Beispiel mit dem Handy un gewollt Ver träge ab schließen oder auf teure Servicen ummern hereinfallen (Grimm/Rhein 2007, Behrens/Höhler 2007). Jeweils rund 10 Prozent der Befragten der migrations spezifi schen Teil- stichproben sind von derartigen Kosten fallen durch Ver träge oder teure Service- n ummern bereits betroffen gewesen (Tabelle 8.18). Ein Ver gleich mit den Er- geb nissen der JIM-Studie ist an dieser Stelle schwierig, da der ent sprechende Themen komplex dort mit ab weichenden, uns un bekannten Frageformulie run- gen erfasst wird. 191 Tabelle 8.18: Käufe mit dem Handy (Zustim mung, Mehrfachnen nung, in Prozent, gew.) Verträge/Käufe Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Ungewollt Ver trag ab geschlossen 12 11 3 Versehent lich bestellt 3 2 3 Teure Servicen ummern 12 8 1 Spiele Abschließend noch ein Wort zum Spielen allgemein, egal ob am Computer oder an Spiel konsolen (Tabelle 8.19). Die Gegen überstel lung der drei Teilstichproben zeigt hier, dass sich der Anteil an Stammnutzern zwischen den migrations spezifi schen Teilstichproben und den Befragten der JIM-Studie nicht unter scheidet, die Jugend lichen mit Migrations hintergrund also nicht häufiger als die 12- bis 19-Jährigen der Gesamtbevölke rung Computer- oder Konsolen spiele spielen. Auf die Spiel- kontexte und Ansichten zu Computer- und Konsolen spielen wurde bereits in Kapitel 5 ein gegangen. Aufgrund der Daten lage ist hier ein Ver gleich zu den Jugend lichen der Gesamtbevölke rung nicht möglich. Tabelle 8.19: Spielenutzung Computer und Konsole (in Prozent) Nutzungs frequenz PC/Konsole Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Stammnutzer (4–7 Tage) 30 28 30 Seltener 31 35 35 Nie 40 37 35 Gesamt 100 100 100 In der vorliegenden Studie wurde auch ermittelt, welche Computerspiele die Kinder und Jugendlichen am liebsten spielen (Tabelle 8.20). 192 Tabelle 8.20: Lieblingsspiele Computer und Konsole (1. Nennung, in Prozent) Lieblings spiele Türkischer Migrations hintergrund Russische Spät aussiedler Gesamtbevölke rung (JIM 2008) 12–19 J. nw = 156 12–19 J. nw = 132 12–19 J. nw = 1.208 Die Sims – 4 10 FIFA 9 4 7 Counter Strike 5 8 5 Need for Speed 9 5 4 Pro Evo Soccer 7 – k. A. Gesamt 100 100 100 In der Teilstichprobe der türkischstämmigen 12- bis 19-Jährigen wird die Rangliste der Lieblingsspiele (erstgenanntes Lieblingsspiel) angeführt von Spie- len aus dem Bereich Fußball oder Motorsport, nämlich „FIFA“ und „Need for Speed“ (jeweils 9 Prozent), gefolgt von „Pro Evo Soccer“ (7 Prozent) und dem Shooter- bzw. Action-Spiel „Counter Strike“ (5 Prozent). Bei den 12- bis 19-jährigen Aussiedlern führt „Counter Strike“ als erstes Lieblingsspiel mit 8 Prozent der Nennungen die Rangliste an, gefolgt von „Need for Speed“ (5 Prozent) und „FIFA“ sowie dem Strategiespiel „Die Sims“ (jeweils 4 Pro- zent). Ein Vergleich zu den Befragten der JIM-Studie ist hier schwierig, in der JIM-Dokumentation wird nicht die Rangliste der liebsten Einzelspiele aufge- führt, sondern die Spiele werden bestimmten Spielegruppen zugeordnet. Es kann also hier nicht die Rangliste der liebsten Einzelspiele der 12- bis 19-Jäh- rigen der Gesamtbevölkerung gegenübergestellt werden. Die Verantwortlichen der JIM-Studie haben uns aber zu den von den migrationsspezifischen Teil- stichproben genannten ersten Lieblingsspielen die korrespondierenden Daten für die JIM-Befragten übermittelt. Danach nennen 10 Prozent „Die Sims“ als erstes Lieblingsspiel, 7 Prozent „FIFA“, 5 Prozent benennen „Counter Strike“ und 4 Prozent votieren für „Need for Speed“. Diskussion Im Detail der verglichenen Dimensionen der Mediennutzung und Medien- kompetenz sind durchaus Unterschiede zwischen den Befragten mit und ohne Migrationshintergrund erkennbar. Bei den klassischen Massenmedien betrifft das vor allem die Nutzung von Radio und Zeitung. Die Nutzungszahlen sind hier bei den Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung erheblich höher als bei denjenigen mit Migrationshintergrund. Mit Sicherheit spielen hier die unter- schiedlichen Bildungsniveaus zwischen den verglichenen Populationen eine große Rolle. Die befragten Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung nutzen darüber hinaus häufiger den Computer und das Internet, und sie tun dies auch stärker 193 in Verbindung mit einer funktionalen Nutzung für Schule, Ausbildung und Beruf. Andere Dienste im Internet werden in allen Vergleichsgruppen etwa gleich stark genutzt, etwa die Nachrichten- und Messengerdienste. Die Nutzung von E-Mail ist darüber hinaus ein gutes Beispiel für stärkere Unterschiede innerhalb der migrationsspezifischen Populationen als zwischen diesen und den Jugendlichen aus der Gesamtbevölkerung. Die türkischstämmigen Be- fragten schreiben erheblich öfter E-Mails als die gleichaltrigen Aussiedler. Ähnliches kann man – mit umgekehrten Vorzeichen – für die Nutzung der internetbasierten Chatdienste festhalten. Hier zeigen sich vor allem höhere Werte für die Aussiedler, sowohl im Vergleich zur Gesamtbevölkerung als auch zu den türkischstämmigen Befragten. Das Mobiltelefon wiederum wird häufiger von den Befragten mit Migra- tionshintergrund genutzt. Insbesondere Befragte mit türkischem Migrations- hintergrund zeigen eine starke Affinität zum Handy, und dies sowohl im Ver- gleich zu den Jugendlichen der Aussiedlerstichprobe als auch zu Gleichaltrigen aus der Gesamtbevölkerung. Insgesamt gesehen ist die Übereinstimmung zwischen allen drei Vergleichspopulationen bei der Einschätzung des Internets und der anderen neuen Medien hoch; sie werden in ihrer Alltags- und Berufs- relevanz gleichermaßen geschätzt. In der Zusammenschau der Ergebnisse dieses Kapitels kann man auf keinen Fall pauschal von einer Kluft zwischen der Mediennutzung und Medienkom- pe tenz junger Migranten auf der einen und ihrer Altersgenossen in der Gesamt- bevölkerung auf der anderen Seite sprechen. Dieses Urteil gilt natürlich mit der Einschränkung, dass es sich ausschließlich auf die in diesem Kapitel betrachteten Untersuchungspopulationen und Vergleichsdimensionen stützt. Festzuhalten ist, dass es bei den jungen Migranten ganz offensichtlich einige, für ihren jeweiligen Migrationshintergrund typische Besonderheiten bei der Auswahl der Inhalte und der Intensität der Nutzung von Massen- und Indivi- dualmedien gibt. Die beiden Teilpopulationen der LfM-Studie unterscheiden sich dabei jedoch zum Teil stärker untereinander als gegenüber den Gleich- altrigen der Gesamtbevölkerung. Zur Bedeutung der migrationsspezifischen Milieufaktoren für die Mediennutzung und Medienkompetenz junger Migran- ten kommen dann jedoch weitere – weitgehend migrationsunabhängige – Dif- ferenzierungsfaktoren hinzu wie z. B. Alter, Schüler- vs. Nicht-Schüler-Status und außerdem der Faktor Geschlecht, der allerdings in seiner „sozialen Be- deutung“ durchaus durch die jeweilige Migrantenkultur geprägt ist. Insofern ist die weiterführende Forschung in diesem Bereich gut beraten, wenn sie versucht, den Einfluss migrationsspezifischer Primär- und Sekundärfaktoren sowie migrationsunabhängiger Faktoren auf die Mediennutzung und Medien- kompetenz junger Migranten synchron zu erfassen. 195 9 Perspektiven einer zielgruppen spezifi schen Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten Der Blick der Mehrheits gesell schaft auf Minder heiten, und dazu zählen trotz ihrer großen Zahl in Deutschland die sog. „Menschen mit Migrations hinter- grund“, ist im Grunde stets von der latenten Annahme geleitet, man würde dort auf ab weichendes Ver halten stoßen.43 Ein Ver halten, das ab weicht von dem, was in der Mehrheits gesell schaft als „normal“, „gut“ oder einfach als „durch schnitt lich“ an gesehen wird. Das gilt auch für den öffent lichen und politi schen Diskurs, der in Deutschland über die Medien nutzung und Medien- kompetenz von Migranten geführt wird. Unabhängig davon, wie intensiv sie sich wirk lich den zumeist fremdsprachigen Medien zuwenden, die in ihrem Herkunfts- oder Migrations kontext ver ankert sind, befürchtet wird Schlimmes: Abwen dung von der deutschen Mehrheits gesell schaft, Integrations verweige- rung, Separa tion. Die in Kapitel 2 an gesprochene These vom „Medien ghetto“ bringt diese Perspektive genau auf den Punkt. Sie hat deshalb ein so großes Gewicht, weil sie sich auf einen zentralen Aspekt der Alltags realität bezieht. Addiert man alle Medien zusammen, kommt „der durch schnitt liche Deutsche“ auf eine tägliche Medien nutzung von neun bis zehn Stunden pro Tag (van Eimeren/ Frees 2009: 348), und in dieser Zeit werden natür lich vor allem deutsch- sprachige Medien genutzt. Inwiefern das der Integra tion der deutschen Gesell- schaft dient, ist eine berechtigte und wissen schaft lich wie politisch spannende Frage. Sie wird allerdings aus dem Blick winkel der Medien ghetto-Debatte gar nicht erst gestellt. Auch im Fall der in Kapitel 3 skizzierten Medien kompetenzdebatte geht es um Abweichung. Zwar wendet sich die Kritik weniger gegen das Ver halten junger Migranten, sondern eher gegen die Ver hältnisse, die bei jungen Migran- ten bestimmte Ver haltens weisen und Einstel lungen begünstigen und andere 43 „Berichte über ‚Migranten‘ befassen sich meist mit ‚Problemlagen‘ und stehen damit von vornherein im Horizont einer Defizitperspektive, […], schein bar getrieben von der Sorge um Anomie, Devianz und Parallel- welten, […].“ (Wippermann/Flaig 2009: 4) 196 ver hindern. Tatsäch lich steht im Hintergrund der These vom „Digital Divide“ – auch in ihrer revidierten, auf inhalt liche Nutzungs aspekte bezogenen Form (vgl. dazu Kapitel 3) – ganz generell die Unterschei dung zwischen einem normativ für gut befundenen, gesell schaft lich er wünschten Umgang mit den neuen Medien und davon negativ ab weichenden Ver halten schancen oder tat- säch lichem Ver halten. Exemplarisch hierfür sind die Ausfüh rungen zur „Digi- talen Spaltung“ der Gesell schaft im Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008. Ausgehend von der Unterschei dung zwischen einer gut gebildeten Informations elite und weniger gebildeten und politisch interes- sier ten Bevölkerungs kreisen wird fest gestellt, dass Letztere „die mit der Digi- talisie rung der Medien angebote eröffneten Chancen für Bildung, Beruf, politi- sche Teilhabe und persön liche Entwick lung trotz techni schen Zugangs […] nicht an gemessen für sich aus schöpfen“ (Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008: 49). Insbesondere junge Menschen hätten „noch kein kritisches Bewusstsein für die Qualität der von ihnen genutzten Online- angebote“ aus gebildet (ebd.: 49). Das ist der Ausgangs punkt, von dem die nachfolgend er läuterten „Grundprinzipien medien pädagogi scher Maßnahmen der Bundes regie rung“ (ebd.: 49–50) ab geleitet werden – darunter auch die- jenigen, die sich auf junge Menschen mit Migrations hintergrund beziehen. Innerhalb der medien pädagogi schen Profession ist dieser Ansatz allerdings umstritten. So war es ein wesent liches Ergebnis des Works hops, den die Ver- fasser zu dieser Aufgaben stel lung mit Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Medien pädagogik durch führten (vgl. dazu Abschnitt 1.4), diese Defizitperspektive in Frage zu stellen. Wir werden diese Problemstel lung daher im Folgenden im Hinblick auf die beiden Zielgruppen der LfM-Studie auf greifen und reformulieren (Abschnitt 9.1). Im Anschluss daran werden die zentralen empiri schen Ausgangs punkte im Vorfeld potenzieller Maßnahmen zur Medien kompetenzförde rung im Bevölkerungs segment von Migranten zu- sam men gefasst (Abschnitt 9.2), ehe dann der Ver such gemacht wird, einen strukturierten Überblick über das breite Spektrum denk barer Maßnahmen zu geben (Abschnitt 9.3). Wie schon an gedeutet, profitieren unsere Ausfüh rungen in diesem Kapitel maß geblich von den Argumenten der Kolleginnen und Kollegen, die an dem medien pädagogi schen Workshop zur LfM-Studie teilgenommen haben. Es ist allerdings schwer möglich, sie an dieser Stelle einzeln und im Detail zu zitieren.44 Insofern über nehmen wir auch die volle Ver antwor tung für alles, was wir im Rahmen dieses Kapitels nieder geschrieben haben. 44 Noch einmal herz lichen Dank an Stefan Aufenanger, Susanne Berns mann, Kai-Uwe Hugger, Helga Theunert und Claudia Wegener! 197 9.1 Von Defiziten zu Differenzen: Reformulie rung der Fragestel lung Die Suche nach Unterschieden zwischen – wie auch immer definierten – sozialen Gruppen ist eine der Basis strategien der empiri schen Sozialforschung. Ausgehend von den Durchschnitts werten, die für die Gesamtpopula tion ermittelt worden sind, wird ver sucht, gruppen spezifi sche Eigen heiten, d. h. Varianz zwischen Teilpopula tionen zu identifizieren und zu er klären. Das gilt in besonderer Weise für die komparatisti sche Forschung, in der unter schied- liche Popula tionen miteinander verg lichen werden. Diese Strategie liegt auch der Konzep tion und Durchfüh rung der LfM- Studie zugrunde. Die Indikatoren zur Medien kompetenz der beiden Ziel- gruppen mit Migrations hintergrund wurden deshalb mit zum Teil denselben Fragen wie in der JIM-Studie erfasst, weil wir die spezifi schen Daten zur Medien kompetenz junger Migranten nicht nur für sich genommen beschreiben, sondern auch mit den Durchschnitts werten der gesamten deutsch sprachigen Alters gruppe ver gleichen wollten. Das statisti sche Ziel der durch geführten und in Kapitel 8 präsentierten Analysen war die Identifika tion von Differenz vs. Nicht-Differenz – interpretiert haben wir die er mittelten Ergebnisse zunächst vor dem Hintergrund der Digital-Divide-Debatte in dem Bezugs rahmen Defizit vs. Kein Defizit. Dass diese Perspektive der Daten interpreta tion zu kurz greift, um nicht zu sagen: in die Irre leitet, ging relativ rasch und eindeutig aus der Diskussion mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich der Medien pädagogik hervor. Das ist besonders dann der Fall, wenn man diese Perspektive über ein funktionalisti sches, instrumentelles Ver ständnis von Medien kompetenz hinaus aus weitet und im Sinne eines „Second Digital Divide“ auch auf die Qualität der Medien nutzung bezieht. Tatsäch lich ver weisen empirisch er mittelte Grup- pen differenzen zunächst vollkommen wertneutral auf gruppen- bzw. milieu- spezifi sche Besonder heiten. Wenn man diese nicht als solche „stehen lassen“ will, als etwas, was einfach ein gruppen spezifi sches Merkmal ist, steht man unter Begründungs zwang. Das heißt, die Bewer tung von gruppen spezifi schen Besonder heiten als Schwächen, Stärken, Potenziale etc. kann nur in einem normativen Bezugs rahmen er folgen, der seiner seits wiederum begründungs- bedürftig ist. Solche Begrün dungen sind durch aus denk bar. Das beginnt beim instru- men tellen Nutzen bestimmter Medien kompetenzen für Ausbil dung und Beruf, geht über die Potenziale eines reflektierten Medien gebrauchs für die persön- liche Bildungs biografie, bis hin zu den individuellen Konstitutions bedin gun- gen für eine funktionierende demokrati sche Öffentlich keit. Aus medien päda- gogi scher Perspektive dürfte allerdings ent scheidend sein, dass der jeweilige Status quo des Einzelnen oder einer Gruppe nie für sich genommen disquali- 198 fiziert, sondern stets als Ausgangs punkt für Ver ände rung oder aber Bestär- kung akzeptiert wird. Insofern lohnt sich im Vorfeld der Diskussion denk barer Maßnahmen zur Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten ein offener, nicht primär von einem Defizitparadigma gesteuerter Blick in die Daten. Und auch ein Blick, der nicht aus schließ lich auf die Identifika tion von Differenzen zwischen ihnen und der Mehrheit der Gleichaltrigen fokussiert ist, sondern erstens nach gruppen übergreifenden Gemeinsam keiten und zweitens nach gruppen imma- nenten Besonder heiten forscht. 9.2 Empirische Ausgangs punkte Klassische Massen medien: Radio und Zeitung Das aus der „Differenz perspektive“ mit Abstand wichtigste Ergebnis der LfM-Studie bezieht sich auf die Nutzung klassi scher Massen medien: auf das Radiohören und Zeitungs lesen bei jungen Menschen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren: – Insgesamt gesehen ist das Radiohören in diesem Alters segment eine weit ver breitete Medien nutzungs gewohn heit. Mehr als 70 Prozent der 12- bis 19-Jährigen, die 2008 in der JIM-Studie befragt wurden, geben an, zu- mindest mehrmals pro Woche Radio zu hören. Dabei geht es natür lich primär um Musik, aber selbst „Jugendsender“ bieten mehr als das. Das Wortprogramm ver bindet die jungen Hörer mit (Musik- und Jugend-)Kultur und Gesell schaft, d. h. die Nutzung von MP3-Playern hat nicht genau die- selbe Funktion wie das Radiohören. – Die Zeitung tut sich grundsätz lich schwer, jugend liche Leser zu finden. Folgt man den Daten der JIM-Studie, geben nur 4 von 10 der Befragten an, „mehrmals in der Woche“ in eine Zeitung zu schauen. Das mag mit den typischen Inhalten von Zeitun gen zusammen hängen: ihre Fokussie- rung auf eine in Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Kultur etc. auf geteilte „Erwachsenen welt“. Möglicher weise ist es aber auch ein medien spezifi- sches Problem im engeren Sinn, d. h. dahinter könnte sich eine Distanz junger Menschen zu (kompletten, fertigen) Texten, zur „Literalität“ ver- bergen. Bezogen auf beide Medien unter scheiden sich die Heranwachsenden mit tür- kischem Migrations hintergrund und junge russischer Aussiedler deut lich vom Durchschnitt ihrer Alters genossen: – Anders als bei diesen hat das Radio bei ihnen einen geringen Stellen wert. 199 – Und die Zeitung ist für sie noch viel weniger als für andere Kinder und Jugend liche ein Medium, mit dem sie sich gerne beschäftigen. Sieht man einmal von der Sprache als Erklärungs möglich keit ab (was sich sowohl auf eine Ver weigerungs haltung der jungen Migranten gegen über deutsch sprachigen Radio- und Zeitungs angeboten als auch auf das Fehlen ent- sprechender Angebote in türkischer oder russischer Sprache beziehen könnte), ist man vor allem auf die prägende Funktion des Elternhauses ver wiesen. Die Ver mutung liegt nahe, dass die Medien ausstat tung des Elternhauses und das Modell der Medien nutzung der Eltern den stärksten Einfluss haben. Wenn eben kein Radiogerät im Haushalt steht, das regelmäßig „läuft“, und wenn keine abonnierte Tages zeitung herum liegt und regelmäßig gelesen wird, fehlen die Gelegen heiten zum Einstieg in die Radio- und Zeitungs nutzung. Digitale Individualmedien: PC und Internet Bezogen auf die Nutzung der neuen digitalen Medien ist das wichtigste Er- gebnis der LfM-Studie, dass man bei einem Ver gleich der Daten der LfM- Studie mit den Ergebnissen der JIM-Studie die Unterschiede nicht findet, die die öffent liche Diskussion über Probleme der Medien kompetenz junger Migran- ten bestimmen. Die individuelle Medien ausstat tung (Handy, PC, Internet- zugang, Spiel konsole) der beiden Zielgruppen der LfM-Studie ähnelt den Durch schnitts werten der JIM-Studie für alle deutsch sprachigen Kinder und Jugend lichen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren, und die pauschalen Nut- zungs werte sind hoch. So nutzen z. B. nach eigener Aussage 7 von 10 der Be- fragten der LfM-Studie das Internet mindestens an vier Tagen einer durch- schnitt lichen Woche.45 Auch im Hinblick auf die ver schiedenen individuellen Zwecke, die die neuen digitalen Medien für den Einzelnen er füllen können, sind die Gemein- sam keiten der Heranwachsenden mit und ohne Migrations hintergrund offen- sicht lich sehr viel größer als die Unterschiede. Erst wenn man stärker ins Detail geht, kommt man einer eventuell „nach haltigeren“ Differenz auf die Spur. Sie betrifft zum einen die PC-Nutzung als solche (also unabhängig von der Internetnut zung) und zum anderen die Nutzung von PC und Internet zu Informations- und Arbeits zwecken, insbesondere im Zusammen hang mit Schule und Beruf. Hier sind die JIM-Daten für alle deutsch sprachigen 12- bis 19-Jährigen deut lich höher als die Daten der LfM-Studie für die beiden Mi- gran ten gruppen. 45 Die in der Regel etwas höheren Werte für die Befragten der JIM-Studie sind mit Vorsicht zu interpretieren, sie können auch eine Folge des im Ver gleich zum „Stammnutzer“ (= mindestens vier Tage pro Woche) etwas „weicheren“ Ver gleichs wertes (= täglich/mehrmals pro Woche) sein. 200 Auch hier dürfte das soziale Umfeld der jungen Migranten und in diesem Rahmen das Elternhaus eine wichtige Rolle spielen. Darauf weisen vor allem Aussagen von Befragten mit türkischem Hintergrund hin. Die Hälfte von ihnen stimmt den beiden Aussagen zu: „Eigent lich würde ich mich ganz gerne häufiger mit Computern beschäftigen“ und „Meine Eltern halten nichts von Computern“. Bei den Befragten der JIM-Studie findet das letzt genannte State- ment nur 25 Prozent Zustim mung. In diesem Zusammen hang ist auch an die generelle Unsicher heit der Eltern gegen über dem Umgang ihrer Kinder mit neuen digitalen Medien zu erinnern, die in den Gruppen diskussionen der LfM- Studie zutage traten. Lebens welt- und Milieufaktoren: Bildung und Geschlecht Es gehört zu den Selbst verständlich keiten der Medien reichweite- und Medien- nutzungs forschung, dass man von einer Varianz der individuellen Medien- nutzungs gewohn heiten in Abhängig keit von Lebens welt- oder Milieufaktoren aus geht. Man kann diese „traditionell“ durch soziodemografi sche Kennwerte wie Alter, Geschlecht, Schul(aus)bildung, Berufstätig keit, Einkommen, sozio- ökonomer Status etc. indizieren oder mithilfe komplexerer statisti scher Ver- fahren soziale Milieus bzw. diesen Milieus zu gehörige Typen konstruieren (Klingler/Kutteroff 2009). Bezogen auf die Medien nutzung von Migranten stellt sich in diesem Zusammen hang die öffent lich und politisch nur selten diskutierte Frage, ob sie tatsäch lich primär durch migrations spezifi sche Fak- to ren (wie z. B. ethnische Zugehörig keit, Sprachkompetenz etc.) oder ob sie – entweder zusätz lich oder zum Teil sogar unabhängig davon – durch ganz andere Lebens welt- und Milieufaktoren geprägt ist. Aus der Zusammen schau der einzelnen Befunde der LfM-Studie und dem Ver gleich dieser Ergebnisse mit den Daten der JIM-Studie geht ja ganz ein- deutig hervor, dass das Medien nutzungs verhalten der Zielpersonen beider Studien in erster Linie (und in einer schon fast globalen Art und Weise) jugendkulturell geprägt ist. Die größten Differenzen würde man er halten, wenn man diese Daten mit den Medien nutzungs daten älterer Personen – gleich welcher Provenienz – ver gleichen würde! Immanent betrachtet weisen die Daten der LfM-Studie vor allem auf die differenzierende Bedeu tung der Schul bildung und des Geschlechts hin. In beiden Migranten gruppen ist fest zustellen, dass es signifikante Zusammen- hänge zwischen der Schul bildung und der PC- sowie Internetnut zung gibt. Diejenigen, die weiter führende Schulen besuchen, sind auch die stärkeren Nutzer. Das trifft im Übrigen im türkischen Herkunfts milieu stärker zu als im Milieu der russischen Aussiedler. Dort (und nur dort) sieht man auch eine wichtige Auswir kung des Geschlechts: Die jungen Mädchen im türkischen 201 Migranten milieu sind im Ver gleich zu den Jungen die schwächeren PC- und Internetnutzer. Beide Befunde stimmen mit Hinweisen überein, die sich auch aus einigen der in Kapitel 2 und 3 besprochenen Studien ergeben. 9.3 Maßnahmen zur Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten Zielset zungen der Medien kompetenzförde rung Auf den ersten Blick könnte man die in Kapitel 3 dieses Berichts skizzierten Modelle, in denen die unter schied lichen Ebenen und Zielset zungen einer komplex ver standenen Medien kompetenzförde rung systematisiert werden, so interpretieren, dass bestimmte kognitive, evaluative und konative Leistun gen der jeweiligen medien pädagogi schen Zielgruppe (als Subjekten) gegen über Medien (als Objekten) „an gestoßen“, strukturiert, differenziert etc. werden sollen. Zumindest weist die Strukturie rung von Medien kompetenz in unter- schied liche Dimensionen – z. B. in Wissen, Reflexion, Handlung und Orien- tie rung (Theunert 2008; vgl dazu Übersicht 3.1 in diesem Bericht) – in diese Richtung. Der Workshop mit medien pädagogi schen Experten über denk bare Maßnahmen zur Förde rung der Medien kompetenz junger Migranten brach diese starre „Subjekt-Objekt-Relation“ jedoch rasch auf. Viele der dort disku- tierten Anregun gen und Erfahrungs beispiele könnte man vielmehr als reflexive Medien pädagogik bezeichnen, deren Ziel es ist, durch einen spezifi schen Um- gang mit Medien die persön liche Identität und soziale Geltung der Kinder und Jugend lichen mit Migrations hintergrund zu stärken. Dies ent spricht im Grunde der in Abschnitt 3.2 zitierten Forde rung von Niesyto (2008), Medien kompetenz stärker auf die alltäg liche Lebens bewälti- gung sowie medien vermittelte Formen der Weltaneig nung und Identitäts bil- dung zu beziehen. In dieselbe Richtung ver weisen die „Überle gungen zur zu- künftigen Gestal tung geschlechtersensibler Medien kompetenzförde rung“ von Luca und Aufenanger (2007: 188–192). Sie warnen vor einer eindimensionalen Ziel bestim mung medien pädagogi scher Maßnahmen und betonen stattdessen den Interaktions aspekt zwischen einer thematisch-medialen Ziel bestim mung und den subjektiven Motiven, Handlungs bedin gungen etc. der Zielgruppe, auf die sich medien pädagogi sches Handeln bezieht: „… Ansätze der Medienkompetenzförderung werden verkürzt gedacht […], wenn nur die Zieldimension in den Blick genommen wird. Pädagogische Prozesse unterliegen einer komplexen Beziehungsdynamik, in welcher die Zieldefinition einen Faktor neben anderen darstellt. Die Expertinnen und Experten selbst betonen die für den Erfolg der Arbeit wichtigen Faktoren: die Interaktionen in der Gruppe und der Arbeit an 202 einem für die Adressatinnen und Adressaten bedeutsamen Thema.“ (Luca/ Aufenanger 2007: 189; Herv. im Original) Bezogen auf die Fragestel lung dieses Kapitels bedeutet das, dass die beiden themati schen Stränge der LfM-Studie in dieser interaktionisti schen bzw. re- flexiven Perspektive der Medien pädagogik zusammen geführt werden. Medien- kompetenzförde rung im Milieu von Migranten erhält damit einen Doppel- charakter. Neben der Hinfüh rung zu einem selbst bewussten Umgang mit alten und neuen Medien geht es immer auch um Selbst darstel lung und Selbst wahr- neh mung junger Migranten im Spiegel der Medien und des Medien gebrauchs. Zielgruppen der Medien kompetenzförde rung Im Wesent lichen sind es in den beiden Migranten popula tionen der LfM- Studie Schüler, die sich als Zielgruppe für medien pädagogi sche Programme anbieten. Dass diese nicht nur unter Alters gesichtspunkten, sondern auch nach Schultypen zu differenzieren sind, liegt auf der Hand. Dabei sollte ein Miss- verständnis ver mieden werden: – Im Ver gleich zu Gleichaltrigen ohne Migrations hintergrund ist bei ihnen der Anteil von Haupt schülern über repräsentiert. Das zeigt sich nicht nur im Ver gleich der Schuldaten der LfM- und der JIM-Studie, sondern auch in der Zusammen setzung der Teilnehmer an thematisch einschlägigen Haupt- schulstudien: Zum Beispiel haben zwei Drittel der für die Haupt schulstudie von Wagner (2008) aus gewählten Schüler einen Migrations hintergrund. – Betrachtet man die Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen in den beiden Migranten gruppen jedoch jeweils für sich genommen, ist der Anteil der Haupt schüler geringer als der Anteil der rest lichen Schüler, die zumindest eine weiter führende Schule und immerhin zu 20 bis 30 Prozent auch das Gymnasium besuchen (vgl. Tabelle 5.3 in diesem Bericht). Mit anderen Worten: Haupt schüler sind mit Sicher heit eine zentrale Ziel- gruppe medien pädagogi scher Programme, die an junge Migranten adressiert sind. Das darf aber nicht um gekehrt bedeuten, dass sich derartige Programme ausschließ lich an Haupt schüler richten! Anderer seits darf ein zentrales Argument nicht über sehen werden, das dann doch wieder die Haupt schüler – zumindest im Hinblick auf die neuen digitalen Medien – in den Mittelpunkt rückt: Wenn die Intensität und damit voraus- sicht lich auch die Funktionalität des Computer- und Internet gebrauchs mit dem Grad der Schul bildung steigt (vgl. Tabelle 5.47 in dieser Publika tion), heißt das um gekehrt, dass kompensierende und stimulierende Maßnahmen vor allem in den unteren Bildungs einrich tungen er forder lich sind. 203 Bezogen auf dieselben Medien rückt in der Popula tion der türkischen Migranten außerdem der Faktor Geschlecht in den Mittelpunkt. Weil die Distanz der Mädchen zur Nutzung und zum Nutzen von Computer und Internet in diesem sozialen Milieu signifikant größer ist als die der männ- lichen Heranwachsenden im selben Milieu, sollte sich eine spezifisch auf die Lebens verhältnisse türkischer Migrantinnen und Migranten bezogene, „ge- schlech tersensible“ Medien kompetenzförde rung mit diesem Sach verhalt be- fassen. Schließ lich ist ganz generell auf die Bedeu tung der Mediensozialisa tion für das Medien handeln von Kindern und Jugend lichen hinzu weisen (Luca/ Aufenanger 2007: 184 f.) und in diesem Rahmen auf die zentrale Rolle von Elternhaus und Familie. Wir haben schon im Zusammen hang mit dem ver- gleichs weise niedrigen Stellen wert der Zeitung und zum Teil auch des Radios in den beiden Jugendkulturen mit türkischem und russ land deutschem Migra- tions hintergrund auf die zum Teil fehlende Medien ausstat tung zu Hause und zum Teil auch nicht gegebenes „Modell verhalten“ der Eltern hin gewiesen. Die Gruppen diskussionen der LfM-Studie bestätigen das im Hinblick auf die neuen digitalen Medien. Hier kommt – zusätz lich zur fehlenden Kompetenz der Eltern im Umgang mit PC, Internet, Spiel konsolen und einem Teil der Handyfunk tionen – jedoch besonders auch noch ihre Angst hinzu, den Kindern könnte aus dem nicht sachgemäßen bzw. gesell schaft lich nicht er wünschten Gebrauch dieser Medien Schaden er wachsen. Faktisch resultiert daraus ein fatales Gemisch aus Hilf- losig keit und Ver boten. Im Übrigen ist diese Angst in doppelter Weise weib- lich: Sie ist stark bei Müttern ver breitet und bezieht sich besonders auf die Mädchen, die in Migranten milieus auf wachsen. Aus der Perspektive der Medien kompetenzförde rung rücken damit die Eltern junger Migranten in den Blick punkt. Dabei geht es nicht nur vor der- gründig um Medien ausstat tung, Medien verhalten und Medienimages in der Familie, sondern im Hintergrund auch um milieuspezifi sche Besonder heiten in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die sich zum einen Teil in Indifferenz, zum anderen Teil aber auch in der Blockie rung bestimmter Medien tätig keiten der Kinder nieder schlagen können. Soziale Kontexte der Medien kompetenzförde rung Wie zuvor schon an gesprochen, beziehen sich die Befunde der LfM-Studie, die für Maßnahmen der Medien kompetenzförde rung relevant sind, im Kern auf die Alters gruppe der 12- bis 19-Jährigen, von denen der weitaus größte Teil noch zur Schule geht. Dementsprechend ist es naheliegend, ent sprechende Maßnahmen vor allem im Kontext von Schulprojekten durch zuführen (was nicht zwingend identisch ist, aber identisch sein könnte mit ent sprechenden 204 Unterrichtsprojekten). Gegen den Einwand, dass es sich dabei ja nicht um zielgruppen spezifi sche Projekte mit jungen Migranten handelt, setzen wir vor allem auf zwei Argumente: – Zum einen hat die LfM-Studie in Bezug auf die beiden er forschten jungen Migranten gruppen die Ver mutung – um es salopp zu formulieren – „flächen- deckender Medien kompetenzdefizite“ nicht bestätigt, die von der Sache her zwingend auf zielgruppen spezifi sche Förderungs projekte hinaus laufen müssten. Vielmehr wurden im Ver gleich zum Durchschnitt der Gleich- altrigen in Deutschland einige Differenzen im Detail fest gestellt, aber auch, dass ihr Medien handeln in aus geprägter Form einem globalisierten Trend der Jugendkultur folgt und nur partiell in spezifi schen ethnischen bzw. migrations spezifi schen Hintergründen ver ankert ist. Das spricht nach unse- rer Auffas sung schon für sich genommen dafür, nicht primär eigenständige Projekte zur Medien kompetenzförde rung junger Migranten zu konzipieren, sondern dieses Förderungs ziel eher in über greifende Schul- bzw. Unter- richtsprojekte zu integrieren. – Dazu kommt ein zweiter Grund. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, wie eine „adressaten sensible“ Medien kompetenzförde rung in den- jenigen Schulen eigent lich aus sehen sollte, deren Klassen sich zu einem großen Teil aus Schülern mit Migrations hintergrund zusammen setzen. Es ist ganz eindeutig: Sowohl im Hinblick auf die tradi tionellen Massen- medien – Fernsehen, Radio, Zeitung – als auch im Hinblick auf die neuen Medien – Handy, PC, Internet – müsste sie an den Besonder heiten der Medien kulturen einer seits und der Lebens welt der Schüler anderer seits an- setzen (Holzwarth 2008). Um es am Beispiel der Zeitung zu ver deut lichen: Über die wechselseitige Vor- stel lung und den Ver gleich zum Beispiel deutscher, türkischer und russischer Zeitun gen könnten die Schüler sehr viel über ihre eigene Identität und die der anderen lernen – und auch über die Funktion, die Zeitun gen in unter schied- lichen System- und Lebens welt zusammen hängen haben. Zugleich würden sie durch diesen komparatisti schen Ansatz für die spezifi schen Konstruktions- prinzipien sensibilisiert, die hinter „Medien realitäten“ stehen. Umgekehrt ist fest zuhalten, dass die Beschrän kung eines ent sprechenden Schulprojekts auf deutsche Zeitun gen nicht nur didakti sche Chancen ver schenken, sondern die soziale Wirklich keit eines Großteils der Adressaten dieser Maßnahmen ver- nachlässigen würde. Vor dem Hintergrund der Befunde der LfM-Studie bleiben allerdings einige Probleme offen, die evtl. doch mit außerschuli schen und zielgruppen spezifi- schen Maßnahmen im Milieu von Migranten anzu gehen wären. In allen Fällen geht es dabei um den direkten und indirekten Einfluss der Eltern auf den Umgang ihrer Kinder mit den neuen Medien: 205 – Um fehlende Förde rung bzw. sogar Einschrän kungen, die die Möglich- keiten von Mädchen türkischer Herkunft betreffen, PC und Internet zu nutzen, sowie – um eine gewisse Indifferenz im türkischen Migranten milieu gegen über dem schuli schen und beruf lichen Nutzen eines kompetenten Umgangs mit PC und Internet als Arbeits- und Informations medien. In beiden Fällen dürfte das Haupt problem darin bestehen, wie man in Migran- ten milieus mit ent sprechenden Medien kompetenzprojekten über haupt an Mütter und Väter, Töchter und Brüder etc. heran kommt. D. h. die Grundprobleme einer „elterngestützten“ Medien kompetenzförde rung (Burk hardt 2001) ver- mehren sich hier um ein Vielfaches. Schluss bemer kungen Die in diesem Kapitel zusammen gefassten Überle gungen, Daten und Argu- mente machen nach unserer Auffas sung deut lich, dass eine migranten spezifi- sche Medien kompetenzförde rung nicht vollkommen neu er funden werden muss. Erstens spricht sowohl konzeptionell als auch von den empiri schen Daten her Vieles gegen eine Programmatik, die exklusiv migranten spezifisch aus gerichtet ist. Und zweitens kann man sehr gut an Handlungs empfeh lungen anknüpfen, die es (a) zum Teil in diesem Feld schon gibt, und mehr noch an solchen, die (b) auf die Grundprobleme in diesem Feld anwend bar sind, ohne sich direkt auf das Milieu von Migranten zu beziehen. Zur ersten Gruppe zählen zum Beispiel die am Kompetenz zentrum Technik-Diversity-Chancen- gleich heit e. V. erarbei teten „Handlungs empfeh lungen zur Optimie rung der Onlinekompetenz von Migrantinnen und Migranten“ (Kampmann/Lins 2009), aber z. B. auch die Arbeiten von Holzwarth (2008), Niesyto (2007, 2008) und Hugger (2009). Im Rahmen der zweiten Gruppe sind in den letzten Jahren mehrere aus- führ liche, forschungs fundierte Katalogisie rungen und Erörte rungen von Maß- nahmen publiziert worden, die zu unter schied lichen Feldern und Problem- zusammen hängen der Medien kompetenzförde rung ent standen sind: – bezogen auf das Medien handeln in Haupt schulmilieus die Untersuchung von Wagner (2008), – zur Förde rung von Medien kompetenz im Kindergarten die Studie von Six/ Gimmler (2007), – zur Medien erziehung durch Eltern die Expertise von Burk hardt (2001) – und schließ lich zur Problematik einer geschlechtersensiblen Medien kompe- tenzförde rung die Untersuchung von Luca/Aufenanger (2007). 206 Die Zielset zungen und Probleme der Medien kompetenzförde rung im spezi- fischen Milieu junger Migranten lassen sich zu einem großen Teil diesen Feldern zuordnen und konkretisieren. Der besondere Charakter der Medien- kompetenzförde rung in diesem Milieu ist weniger in Besonder heiten des Medien handelns junger Migranten begründet als vielmehr in der zusätz lichen Chance, sie bei der – um den Titel der Publika tion von Kai-Uwe Hugger zu gebrauchen – „Suche nach sozialer Anerken nung und Ver gewisse rung der Zu- gehörig keit“ zu unter stützen (Hugger 2009). 207 10 Literatur Übersicht 10.1: Für die Fragestellung der LfM-Studie relevante offizielle Materialien Kurzbezeich nung im Text Literatur Integrationsindikatoren- bericht 2009 Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Inte- gration (2009): Integra tion in Deutschland. Erster Integrations indikatoren- bericht: Erpro bung des Indikatoren sets und Bericht zum bundes weiten Integrations monitoring. Berlin. Medien- und Kommuni- kationsbericht 2008 Der Beauftragte der Bundes regie rung für Kultur und Medien (2008): Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008. Berlin. Migrations bericht 2007 Bundes ministerium des Inneren (Hrsg.) (2008): Migrations bericht des Bundesamtes für Migra tion und Flüchtlinge im Auftrag der Bundes regie- rung. Migrations bericht 2007. Berlin. Ausländerbericht 2007 Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Inte- gration (2007): Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Berlin. Integrationsplan 2007 Die Bundes regie rung (2007): Der Nationale Integrations plan. Neue Wege – Neue Chancen. Berlin. Aktan, Mehmet (1981): Gastarbeiter und Massen medien. Ghettositua tion im massen- kommunikativen Bereich. In: Migra tion, Heft 1, S. 73–93. American Association for Public Opinion Research (AAPOR) (2005): Code of Professional Ethics & Practices. URL: www.aapor.org/aaporcodeofethics (12. 07. 2009). Anderson, Benedict (1983): Imagined communities. London. ARD/ZDF (2007): Migranten und Medien 2007: Ergebnisse einer repräsentativen Studie der ARD/ZDF-Medien kommission. URL: unternehmen.zdf.de fileadmin/files/Download_Dokumente/DD_Das_ZDF/Ver anstaltungs dokumente/ Migranten_und_Medien_2007_-_Handout_neu. pdf (12. 07. 2009). Autoren gruppe Bildungs berichterstat tung (Hrsg.) (2008): Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatoren gestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I. Bielefeld. Baacke, Dieter (1973): Kommunika tion und Kompetenz. München. Baacke, Dieter (1999): Medien kompetenz als zentrales Operations feld von Projekten. In: Baacke, Dieter/Susanne Kornblum/Jürgen Lauffer/Lothar Mikos/Günter A. Thiele (Hrsg.): Handbuch Medien: Medien kompetenz. Modelle und Projekte. Bun- des zentrale für politi sche Bildung. Bonn, S. 31–35. 208 Becker, Jörg (2000): Bibliographie zur deutsch-türkischen Medienkultur. Teil I. URL: www.komtech.org/dokumente/5/ 5. pdf (16. 07. 2009). Becker, Jörg (2007): Für Vielfalt bei den Migrantenmedien: Zukunftsorientierte Thesen. In: Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.): Medien und Migration. Europa als multi kultureller Raum? Wiesbaden, S. 43–52. Behrens, Ulrike/Lucie Höhler (2007): Mobile Risiken – Jugendschutz relevante Aspekte von Handys und Spielekonsolen. In: merz medien + er ziehung. zeitschrift für medien pädagogik, Jg. 51, Heft 3, S. 20–26. Berlin-Institut für Bevölke rung und Entwick lung (Hrsg.) (2009): Ungenutzte Poten ziale. Zur Lage der Integra tion in Deutschland. 1. Auflage. Berlin. URL: www. berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/Integration_RZ_online. pdf (16. 07. 2009) Bernart, Yvonne/Elke Billes-Gerhart (2004): Sprach verhalten und Medien nutzung von Migranten jugend lichen im soziologi schen Blick. Göttingen. Berry, John W. (1997): Immigration, acculturation, and adaptation. In: Applied Psycho- logy: An International Review. Jg. 46, Heft 1, S. 5–34. Bertels mann Stiftung (2009): Zuwanderer in Deutschland. Ergebnisse einer reprä sen- tativen Befra gung von Menschen mit Migrations hintergrund. Durchgeführt durch das Institut für Demos kopie Allens bach im Auftrag der Bertels mann Stiftung. Güters loh. URL: www.sachsen-anhalt.de/LPSA/fileadmin/Elementbibliothek/ Bibliothek_Integrationsportal/Dokumente/startseite/Juni/BST-Studie-Integration- 15-06-09_1_. pdf (16. 07. 2009). Bickham, David S./Elizabeth A. Vandewater/Aletha C. Huston/June H. Lee/Allison Gilman Caplovitz/John C. Wright (2003): Predictors of Childrens Electronic Media Use. An Examination of Three Ethnic Groups. In: Media Psychology, Heft 5, S. 107–137. Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.) (2007): Medien und Migration: Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden. Bonfadelli, Heinz/Priska Bucher (2007): Alte und neue Medien im Leben von Jugend- lichen mit Migrations hintergrund. In: Kompetenz zentrum Informelle Bildung (Hrsg.): Grenzen lose Cyberwelt? Zum Ver hältnis von digitaler Ungleich heit und neuen Bildungs zugängen für Jugend liche. Wiesbaden, S. 137–151. Bonfadelli, Heinz/Priska Bucher/Christa Hanet seder/Thomas Hermann/Mustafa Ideli/ Heinz Moser (2008): Jugend, Medien und Migra tion. Empirische Ergebnisse und Perspektiven. Wiesbaden. Bucher, Priska/Heinz Bonfadelli (2007): Medien nutzung von Jugend lichen mit Migra- tions hintergrund in der Schweiz. In: Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.): Medien und Migra tion. Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden, S. 119–145. Bundes ministerium des Inneren (Hrsg.) (2008): Migrations bericht des Bundesamtes für Migra tion und Flüchtlinge im Auftrag der Bundes regie rung. Migrations bericht 2007. Berlin. Burk hardt, Wolfgang (2001): Förde rung kind licher Medien kompetenz durch die Eltern. Grundlagen, Konzepte, Zukunfts modelle. Opladen (Schriften reihe Medien for schung der Landes anstalt für Rundfunk Nordrhein-West falen; Bd. 40). Cohen, Robin (1997): Global diasporas. London. 209 Cottle, Simon (Hrsg.) (2000): Ethnic minorities in the media. Changing cultural boundaries. Buckingham. D’Haenens, Leen/Joyce Koeman/Frieda Saeys (2007): Digital Citizenship among Ethnic Minority Youths in the Netherlands and Flanders. In: New Media & Society, Jg. 9, Heft 2, S. 278–299. Der Beauftragte der Bundes regie rung für Kultur und Medien (2008): Medien- und Kommunikations bericht der Bundes regie rung 2008. Berlin. [Medien- und Kommu- nikationsbericht 2008] Deutsche Forschungs gemein schaft (DFG) (1999): Qualitäts kriterien der Umfrage for- schung. Denkschrift. Hg. von Max Kaase. Berlin. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2007): Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Berlin. [Ausländerbericht 2007] Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2009): Integra tion in Deutschland. Erster Integrations indikatoren bericht: Erpro bung des Indikatoren sets und Bericht zum bundes weiten Integrations monitoring. Berlin. [Inte- grationsindikatorenbericht 2009] Die Bundes regie rung (2007): Der Nationale Integrations plan. Neue Wege – Neue Chancen. Berlin. [Integrations plan 2007] Eggert, Susanne (2006): Von „mail. ru“ bis „ProSieben“ – Zur Medien aneig nung Heran- wachsender aus der ehemaligen Sowjetunion. In: Treibel, Annette/Maja S. Maier/ Sven Kommer/Manuela Welzel (Hrsg.): Gender medien kompetent. Medien bildung in einer heterogenen Gesell schaft. Wiesbaden, S. 235–255. Esser, Hartmut (2000): Assimilation, Integration und ethnische Konflikte: Können sie durch „Kommunikation“ beeinflusst werden? In: Schatz, Heribert/Christina Holtz- Bacha/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Migranten und Medien: Neue Herausforderungen an die Integrationsfunktion von Presse und Rundfunk. Wiesbaden, S. 25–37. Fromme, Johannes/Norbert Meder/Nikolaus Vollmer (2000): Computerspiele in der Kinderkultur. Opladen (Reihe Virtuelle Welten; Bd. 1). Geißler, Rainer/Horst Pött ker (Hrsg.) (2005a): Massen medien und die Integra tion ethni scher Minder heiten in Deutschland. Problem aufriss, Forschungs stand, Biblio- graphie. Bielefeld. Geißler, Rainer/Horst Pött ker (2005b): Bibliographie. In: dies. (Hrsg): Massen medien und die Integra tion ethnischer Minder heiten in Deutschland. Problem aufriss, For- schungs stand, Bibliographie. Bielefeld, S. 409–508. Geißler, Rainer/Horst Pöttker (Hrsg.) (2006): Integra tion durch Massen medien: Medien und Migra tion im internationalen Ver gleich/Mass media-integra tion: Media and migra tion: A comparative perspective. Bielefeld. Geißler, Rainer/Horst Pöttker (Hrsg.) (2009): Massen medien und die Integra tion ethni- scher Minder heiten in Deutschland. Forschungs befunde. Bielefeld. Goldberg, Andreas (1998): Mediale Vielfalt versus mediale Ghettoisierung. In: Zeit- schrift für Migration und Soziale Arbeit, Heft 2, S. 35–41. Görling, Reinhold (2007): Heterogene Medienwelten – Medienbiografien junger Er- wachsener mit türkischer Herkunft. In: Westdeutscher Rundfunk (Hrsg.): Zwischen den Kulturen. Fernsehen, Einstellungen und Integration junger Erwachsener in NRW. Köln, S. 42–47. 210 Granato, Mona (2001): Freizeitgestaltung und Mediennutzung bei Kindern türkischer Herkunft. Eine Untersuchung des Presse- und Informationsamtes der Bundes regie- rung zur „Mediennutzung und Integration der türkischen Bevölkerung in Deutsch- land“ und zur „Mediennutzung und Integration türkischer Kinder 2000 in Deutsch- land“. Endbericht. Bonn. Granato, Mona (2002): Medien und Freizeit bei Kindern türkischer Herkunft. In: Meier-Braun, Karl-Heinz/Martin A. Kilgus (Hrsg.): Integration durch Politik und Medien. 7. Medienforum Migranten bei uns. Baden-Baden, S. 49–57. Grimm, Petra/Stefanie Rhein (2007): Slapping, Bullying, Snuffing! Zur Problematik von gewalthaltigen und pornografi schen Videoclips auf Mobiltelefonen von Jugend- lichen. Berlin (Schriften reihe der MA HSH; Bd. 1). Güntürk, Reyhan (1999): Mediennutzung der Migranten – mediale Isolation? In: Butter- wege, Christoph/Gudrun Hentges/Fatma Sarigöz (Hrsg.): Medien und multi kultu- relle Gesellschaft. Opladen, S. 136–143. Hammeran, Regine/Deniz Baspinar/Erk Simon (2007): Selbstbild und Mediennutzung junger Erwachsener mit türkischer Herkunft: Ergebnisse einer qualitativen Studie. In: Media Perspektiven, Heft 3, S. 126–135. Heckmann, Friedrich (1992): Ethnische Minder heiten, Volk und Nation. Stuttgart. Holzwarth, Peter (2008): Migra tion, Medien und Schule. Fotografie und Video als Zugang zu Lebens welten von Kindern und Jugend lichen mit Migrations hintergrund. München (Reihe Medien pädagogi sche Praxis forschung; Bd. 3). Hradil, Stephan (2006): Soziale Milieus – eine praxisorientierte Forschungsperspektive. In: APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte), Heft 44–45, S. 3–10. Hugger, Kai-Uwe (2009): Junge Migranten online. Suche nach sozialer Anerken nung und Ver gewisse rung von Zugehörig keit. Wiesbaden. Hunger, Uwe/Kathrin Kissau (Hrsg.) (2009): Internet und Migra tion. Theoreti sche Zugänge und empiri sche Befunde. Wiesbaden. Humpert, Andreas/Klaus Schneider heinze (2000): Stichproben ziehung für telefoni sche Zuwander erumfragen – Einsatz möglich keiten der Namen forschung (Onomastik). In: ZUMA-Nachrichten, Heft 47, S. 36–63. Hurrelmann, Klaus/Mathias Albert/TNS Infratest Sozialforschung (2006): Jugend 2006. 15. Shell Jugendstudie. Frank furt. Imhof, Kurt/Otfried Jarren/Roger Blum (2002): Integration und Medien. Wiesbaden.m Ivanova, Ana (2009): Kommunikations verhalten, Identität und Integra tion von russ- land deutschen Aussiedlern (1999). Eine Sekundäranalyse. Berlin (un veröff. Magister- arbeit an der Freien Universität Berlin). Jeffres, Leo W. (2000): Ethnicity and ethnic media use: A panel study. In: Communica- tion Research, Jg. 27, Heft 4, S. 496–535. Kampmann, Birgit/Cornelia Lins (2009): Handlungs empfeh lungen zur Optimie rung der Onlinekompetenz von Migrantinnen und Migranten. Hg. vom Bundes ministe- rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin. URL: www.bmfsfj.de bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/optimierung- onlinekompetenzen-migranten,property= pdf,bereich= bmfsfj,sprache= de,rwb= true. pdf (24. 08. 2009). Kissau, Kathrin (2008): Das Integrationspotential des Internet für Migranten. Wies- baden. 211 Kissau, Kathrin/Uwe Hunger (2009): Politische Sphären von Migranten im Internet. Neue Chancen im „Long Tail“ der Politik. München. Klingler, Walter/Albrecht Kutteroff (2009): Stellen wert und Nutzung der Medien in Migranten milieus. In: Media Perspektiven, Heft 6, S. 297–308. Korupp, Sylvia E./Marc Szydlik (2005): Causes and Trends of the Digital Divide. In: European Sociological Review, Jg. 21, Heft 4, S. 409–422. Kubicek, Herbert/Stefan Welling (2000): Vor einer digitalen Spaltung in Deutschland? Annähe rung an ein ver decktes Problem von wirtschafts- und gesellschafts politi scher Brisanz. In: Medien & Kommunikations wissen schaft, Jg. 48, Heft 4, S. 497–516. Küpper, Mechtild (2009): Studie zur Integration. Gut integriert, wenig angepasst, ab- rutsch gefährdet. In: FAZ.NET, 29. 01. 2009. URL: www.faz.net/s/Rub594835 B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EB514F79F3EE14328AAD16DF29E0A715 4~ATpl~Ecommon~Scontent. html (16. 07. 2009). Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) (2007a): „Medien nutzung Jugend- licher und junger Erwachsener mit Migrations hintergrund in Nordrhein-West falen“. Ausschreibungs unterlagen und Projekt beschrei bung. Düsseldorf. URL: http:// www. lfm-nrw.de/downloads/anhaenge-pressemit /ausschr-mediennutzung. pdf (12. 07. 2009). Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) (Hrsg.) (2007b): Medien kom- petenzbericht 2006 der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM). Düssel dorf (LfM-Dokumenta tion; Bd. 31). Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM) (Hrsg.) (2008): Medien kom pe- tenzbericht 2008 der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM). Düssel- dorf. Luca, Renate/Stefan Aufenanger (2007): Geschlechtersensible Medien kompetenzförde- rung. Medien nutzung und Medien kompetenz von Mädchen und Jungen sowie medien pädagogi sche Handlungs möglich keiten. Berlin (Schriften reihe Medien for- schung der LfM Nordrhein-West falen; Bd. 58). Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (mpfs) (Hrsg.) (2007): KIM-Studie 2006. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basis untersuchung zum Medien- umgang 6–13jähriger in Deutschland. Stuttgart. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (mpfs) (Hrsg.) (2007): JIM 2007. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis studie zum Medien umgang 12- bis 19-Jäh- ri ger in Deutschland. Stuttgart. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (mpfs) (Hrsg.) (2009): KIM-Studie 2008. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basis untersuchung zum Medien- umgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest (mpfs) (Hrsg.) (2008): JIM 2008. Jugend, Informa tion, (Multi-)Media. Basis studie zum Medien umgang 12- bis 19-Jäh- riger in Deutschland. Stuttgart. Meier-Braun, Karl-Heinz (2002): Gefangen im Medien ghetto? Migranten in Deutsch- land. In: tendenz, Magazin für Funk und Fernsehen der Bayerischen Landes- zentrale für neue Medien, Heft 1, S. 4–9. Müller, Daniel (2005): Die Mediennutzung der ethnischen Minderheiten. In: Geißler, Rainer/Horst Pöttker (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer 212 Minderheiten in Deutschland: Problemaufriss – Forschungsstand – Bibliographie. Bielefeld, S. 359–387. Niesyto, Horst (2007): Interkulturelle Medien pädagogik – Anforde rungen an (digitale) Medien angebote für Jugend liche aus Haupt schul- und Migrations milieus. In: Schulen ans Netz e. V. (Hrsg.): Lernen, Migra tion und digitale Medien. Potenziale für Jugend liche mit Migrations hintergrund. Dokumenta tion der LIFT-Fachta gung. S. 39–46. Niesyto, Horst (2008): Die soziale Frage in Medien forschung und Medien pädagogik. In: Dokumenta tion des Fachkongresses „Soziale Ungleich heit, Medien pädagogik, Partizipa tion“ 17./18. 10. 2008, Bonn, JFF – Institut für Medien pädagogik/Päda- gogi sche Hochschule Ludwigs burg, Teil 2, S. 6–24. URL: www.jff. de/dateien/ Tagungs doku_SozU_2ter_Teil. pdf (06. 07. 2009). Otto, Hans-Uwe/Nadia Kutscher/Alexandra Klein/Stefan Iske (2004): Soziale Un gleich- heit im virtuellen Raum: Wie nutzen Jugend liche das Internet? Erste Ergebnisse einer empiri schen Untersuchung zu Online-Nutzungs differenzen und Aneignungs- strukturen von Jugend lichen. Überarbeitete Ver sion (Stand: August 2005). Publika- tion im Rahmen der Bundesinitiative Jugend ans Netz. URL: www.bmfsfj. de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungs berichte,did=14282. html (29. 06. 2009).m Park, Robert E. (1922): The immigrant press and its control. In: The American Journal of Sociology, Jg. 27, Heft 6, S. 807–809. Pfeiffer, Christian/Thomas Mößle/Matthias Kleimann/Florian Rehbein (2008): Die PISA-Verlierer und ihr Medien konsum. Eine Analyse auf der Basis ver schiedener empiri scher Untersuchungen. In: Dittler, Ullrich/Michael Hoyer (Hrsg.): Auf wachsen in virtuellen Medien welten. Chancen und Gefahren digitaler Medien aus medien- psychologi scher und medien pädagogi scher Perspektive. München, S. 275–305. Pfetsch, Barbara/Hans-Jürgen Weiß (2000): Die kritische Rolle der Massen medien bei der Integra tion sozialer Minder heiten. Anmer kungen aus einem deutsch-israeli schen Forschungs projekt. In: Schatz, Heribert/Christina Holtz-Bacha/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.): Migranten und Medien. Neue Herausforde rungen an die Integrations funk- tion von Presse und Rundfunk. Wiesbaden, S. 116–126. Pfetsch, Barbara/Joachim Trebbe (2003): Mass media use and social integration of German-Russian immigrants in Germany. San Diego (Paper submitted to the 53rd Annual Conference of the International Communication Association, May 23–27, 2003, San Diego). Piga, Andrea (2007): Mediennutzung von Migranten: Ein Forschungsüberblick. In: Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.): Medien und Migration: Europa als multi- kultureller Raum? Wiesbaden, S. 209–234. Ruhrmann, Georg (2009): Migranten und Medien. Dokumentation zum Forschungs- stand der wichtigsten Studien über die Mediendarstellung, Nutzung und Rezeption von Migranten und ethnischen Minderheiten von 2003 bis 2009 für CIVIS Medien- stiftung. Jena. URL: www.civismedia.eu tv/civis/downloads/Dokumenta- tion_Migranten_und_Medien. pdf (16. 07. 2009). Schatz, Heribert /Christina Holtz-Bacha/Jörg-Uwe Nieland (2000): Migranten und Medien: Neue Herausforderungen an die Integrationsfunktion von Presse und Rund- funk. Wiesbaden/Opladen. 213 Schmidt, Jan-Hinrik/ Ingrid Paus-Hasebrink/Uwe Hasebrink (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugend- lichen und jungen Erwachsenen. Kurzfas sung des Endberichts für die Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM). Hamburg/Salzburg. Schneider, Jan (2005): Die Geschichte der Russ land deutschen. URL: www.bpb. de/ themen /AA1Q8R,4,0,Die_Geschichte_der_Russlanddeutschen. html#art4 (07. 08. 2009). Schulte, Joachim (2002): Medienghetto – Nutzen türkische Migranten hauptsächlich türkische Medien? In: Tendenz, Heft 1, S. 10–11. Seifert, Wolfgang (2008): Aussiedlerinnen und Aussiedler – neue Erfassungs möglich- keiten und sozioökonomi sches Profil. In: Landesamt für Daten verarbei tung und Statistik Nordrhein-West falen (Hrsg.): Statisti sche Analysen und Studien Nordrhein- West falen. Band 53. S. 11–23. Şen, Faruk (2002): Türkische Minderheit in Deutschland. In: Informationen zur poli- ti schen Bildung. Heft 277. URL: www.bpb.de/publikationen/7LG87X. html (16. 11. 2009). Şen, Faruk/Martina Sauer/Dirk Halm (2001): Intergeneratives Verhalten und (Selbst-) Ethnisierung von türkischen Zuwanderern. Gutachten des ZfT für die Unabhängige Kommission „Zuwanderung“. Essen. Simon, Erk (2007): Migranten und Medien 2007: Zielset zung, Konzep tion und Basis- daten einer repräsentativen Studie der ARD/ZDF-Medien kommission. In: Media Perspektiven, Heft 9, S. 426–435. Simon, Erk/Gerhard Kloppen burg (2007): Das Fernsehpublikum türkischer Herkunft. Fernsehnut zung, Einstel lungen und Programmerwar tungen. Ergebnisse einer Reprä sentativbefra gung in Nordrhein-West falen. In: Media Perspektiven, Heft 3, S. 142–152. Sinus Sociovision (2008): Zentrale Ergebnisse der Sinus-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland. Heidel berg (Auszug aus dem Forschungs bericht). URL: http:// www.sociovision.de/uploads/tx_mpdownloadcenter/MigrantenMilieus_Zentrale_ Ergebnisse_09122008. pdf (12. 07. 2009). Six, Ulrike/Roland Gimmler (2007): Die Förde rung von Medien kompetenz im Kin- dergarten. Eine empiri sche Studie zu Bedin gungen und Handlungs formen der Medien erziehung. Berlin (Schriften reihe Medien forschung der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen; Bd. 57). Statistisches Bundesamt (2009): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2007. Wiesbaden. URL: www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg / bpm.html.cms.cBroker. cls?cmspath= struktur,vollanzeige. csp&ID= 1023128 (07. 08. 2009). Stiftung Lesen (Hrsg.) (2009): Lesen in Deutschland 2008. Eine Studie der Stiftung Lesen. Die zentralen Ergebnisse. Mainz. Strotmann, Mareike (2006): „Die wollen, dass ich mich mit Computer beschäftige.“ – Der Aufforderungs- und Unterstützungs charakter von Familie, Schule und außer- schuli scher Einrich tung bei der Aneig nung der Neuen Medien durch Jugend liche mit türkischem Migrations hintergrund. In: Treibel, Annette/Maja S. Maier/Sven Kommer/Manuela Welzel (Hrsg.): Gender medien kompetent. Medien bildung in einer heterogenen Gesell schaft. Wiesbaden, S. 257–275. 214 Strotmann, Mareike (2008): Die Rolle der Familie bei der Aneig nung eines neuen Mediums am Beispiel von Jugend lichen mit türkischem Migrations hintergrund. In: Theunert, Helga (Hrsg.): Interkulturell mit Medien. Die Rolle der Medien für Integra tion und interkulturelle Ver ständi gung. München, S. 125–139. Theunert, Helga (1999): Medien kompetenz: Eine pädagogisch und alters spezifisch zu fassende Handlungs dimension. In: Schell, Fred/Elke Stolzen burg/Helga Theunert (Hrsg.): Medien kompetenz: Grundlagen und pädagogi sches Handeln. München, S. 50–59. Theunert, Helga (2008) (Hrsg.): Interkulturell mit Medien. Die Rolle der Medien für Integra tion und interkulturelle Ver ständi gung. München. Theunert, Helga (2008): Jugendmedien schutz und Medien kompetenz: Kongruenz, Koexistenz, Konkurrenz. In: Dörken-Kucharz, Thomas (Hrsg.): Medien kompetenz. Zauberwort oder Leerformel des Jugendmedien schutzes? Baden-Baden, S. 35–46. Theunert, Helga/Ulrike Wagner/Kathrin Demmler (2007): Integrations potenziale neuer Medien für Jugend liche mit Migrations hintergrund. Expertise. Institut für Medien- pädagogik. München. Trebbe, Joachim (2002): Medien nutzung und Integra tion. Eine Integrations typologie der türkischen Bevölke rung in Deutschland. In: Donsbach, Wolfgang/Olaf Jandura (Hrsg.): Chancen und Gefahren der Mediendemokratie. Konstanz, S. 416–430. Trebbe, Joachim (2007a): Akkulturation und Mediennutzung von türkischen Jugend- lichen in Deutschland. In: Bonfadelli, Heinz/Heinz Moser (Hrsg.): Medien und Migration: Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden, S. 183–208. Trebbe, Joachim (2007b): Types of integration, acculturation strategies and media use of young Turks in Germany. In: Communications – The European Journal of Communication Research, Jg. 32, Heft 2, S. 171–191. Trebbe, Joachim (2009): Ethnische Minder heiten, Massen medien und Integra tion. Eine Untersuchung zu massen medialer Repräsenta tion und Medien wirkun gen. Wiesbaden (Habilitations schrift am Fachbereich Politik und Sozialwissen schaften der Freien Universität Berlin). Trebbe, Joachim/Hans-Jürgen Weiß (2001): Medien nutzung der türkischen Bevölke- rung in Deutschland. Ausgewählte Ergebnisse einer Umfrage des Presse- und Infor mations amtes der Bundes regie rung. In: Nord Süd Aktuell, Jg. 15, Heft 4, S. 633–644. Trebbe, Joachim/Hans-Jürgen Weiß (2006): Integration und Mediennutzung: Eine Typologie junger Türkinnen und Türken in Nordrhein-Westfalen. In: Westdeutscher Rundfunk (Hrsg.): Zwischen den Kulturen: Fernsehen, Einstellungen und Inte gra- tion junger Türkinnen und Türken in Nordrhein-Westfalen. Köln, S. 30–39. Trebbe, Joachim/Hans-Jürgen Weiß (2007): Integration als Mediennutzungsmotiv? Eine Typologie junger türkischer Erwachsener in Nordrhein-Westfalen. In: Media Perspektiven, Heft 3, S. 136–141. Treibel, Annette (2006): Medien kompetenzen an der Haupt schule. Zur Relevanz von Migra tion, Gender und Individualisie rung bei russ land deutschen und türkisch stäm- migen Jugend lichen. In: Treibel, Annette/Maja S. Maier/Sven Kommer/Manuela Welzel (Hrsg.): Gender medien kompetent. Medien bildung in einer heterogenen Gesell schaft. Wiesbaden, S. 209–233. 215 Treumann, Klaus Peter/Dorothee M. Meister/Uwe Sander/Eckhard Burkatzki/Jörg Hagedorn/ Manuela Kämmerer/ Mareike Strotmann/Claudia Wegener (2007): Medien handeln Jugend licher. Medien nutzung und Medien kompetenz. Bielefelder Medien kompetenzmodell. Wiesbaden. Van Dijk, Jan A. G. M. (2005): The Deepening Divide. Inequality in the Information Society. Thousand Oaks, London, New Delhi. Van Eimeren, Birgit/Beate Frees (2009): Die Internetnutzer 2009 – multimedial und total ver netzt? Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2009. In: Media Perspek- tiven, Heft 7, S. 334–348. Vlasic, Andreas (2004): Die Integrationsfunktion der Massenmedien: Begriffs ge- schichte, Modelle, Operationalisierung. Wiesbaden. Von Salisch, Maria/Astrid Kristen/Caroline Oppl (2007): Computerspiele mit und ohne Gewalt. Auswahl und Wirkung bei Kindern. Stuttgart. Wagner, Ulrike (Hrsg.) (2008): Medien handeln in Haupt schulmilieus. Mediale Inter- aktion und Produk tion als Bildungs ressource. München. Wagner, Ulrike/Susanne Eggert (2007): Quelle für Informa tion und Wissen oder unter- haltsame Action? Bildungs benachteili gung und die Auswir kungen auf den Medien- umgang Heranwachsender. In: merz medien + er ziehung. zeitschrift für medien- pädagogik, Jg. 51., Heft 5, S. 15–23. Walter, Mignon/Ute Schlinker/Christiane Fischer (2007): Fernsehnut zung von Migran- ten. Ergebnisse der ARD/ZDF-Studie „Migranten und Medien 2007“. In: Media Perspektiven, Heft 9, S. 436–451. Weiß, Hans-Jürgen/Joachim Trebbe (2001): Medien nutzung und Integra tion der tür- kischen Bevölke rung in Deutschland: Ergebnisse einer Umfrage des Presse- und Informations amtes der Bundes regie rung. Berlin/Potsdam. Welling, Stefan (2008): Computerpraxis Jugend licher und medien pädagogi sches Han- deln. München (Reihe Medien pädagogi sche Praxis forschung; Bd. 4). Wippermann, Carsten/Berthold Bodo Flaig (2009): Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten. In: APuZ (Aus Politik und Zeitgeschichte), Heft 5, S. 3–11. Zentral verband der deutschen Werbewirt schaft (ZAW) (1994): ZAW-Rahmenschema für Werbeträger-Analysen. Bonn (8. Aufl.). Zillien, Nicole (2006): Digitale Ungleich heit. Neue Technologien und alte Ungleich- heiten in der Informations- und Wissens gesell schaft. Wiesbaden. 217 11 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbildung 7.1: Kausalmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Übersichten Übersicht 1.1: Referenzstudien zu den Telefonumfragen der LfM-Studie . . . 11 Übersicht 2.1: Akkulturationsstrategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Übersicht 3.1: Medienkompetenzdimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Übersicht 3.2: Neuere empirische Studien zur Mediennutzung und Medien- kompetenz von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland („Explizite Mi gran tenstudien“) . . . . . . . . . 37 Übersicht 3.3: Neuere empirische Studien zur Mediennutzung und Medien- kompetenz von jungen Menschen in Deutschland („Studien mit Migrantenanteilen“) . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Übersicht 10.1: Für die Fragestellung der LfM-Studie relevante offizielle Materialien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Tabellen Tabelle 5.1: Alter der Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Tabelle 5.2: Geschlecht der Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Tabelle 5.3: Schulbildung der Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Tabelle 5.4: Haushaltsgröße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Tabelle 5.5: Haushaltsmitglieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Tabelle 5.6: Zuwanderungsstatus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Tabelle 5.7: Aufenthaltsdauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Tabelle 5.8: Staatsbürgerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Tabelle 5.9: Sprachgebrauch in der Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Tabelle 5.10: Selbsteinschätzung: Sprachkompetenz – Deutsch sprechen . . . . 72 Tabelle 5.11: Sprachgebrauch in Schule/Universität/Arbeitsplatz . . . . . . . . 73 Tabelle 5.12: Sprachgebrauch in der Freizeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Tabelle 5.13: Index des Sprachgebrauchs (Familie, Freizeit, Schule/Beruf) . . . 74 Tabelle 5.14: Freunde und Bekannte treffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 218 Tabelle 5.15: Mitgliedschaft in Vereinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Tabelle 5.16: Einstellung zur sozialen Interaktion . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Tabelle 5.17: Vertrauen in deutsche Einrichtungen . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Tabelle 5.18: Einstellungen zur deutschen Politik (Statements) . . . . . . . . . 78 Tabelle 5.19: Informationsbedürfnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Tabelle 5.20: Informationsquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Tabelle 5.21: Medienausstattung im Haushalt: Klassische Massenmedien . . . 81 Tabelle 5.22: Medienausstattung im Haushalt: Massen- und Funktionsmedien . 82 Tabelle 5.23: Fernsehempfangssituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Tabelle 5.24: Individuelle Medienausstattung der Befragten . . . . . . . . . . . 85 Tabelle 5.25: Mediennutzung (Stammnutzer) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Tabelle 5.26: Mediennutzung (Stammnutzer) nach Bildung . . . . . . . . . . . 88 Tabelle 5.27: Mediennutzung (Stammnutzer) nach Geschlecht . . . . . . . . . 89 Tabelle 5.28: Sprachgebundene Mediennutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Tabelle 5.29: Sprachgebundene Mediennutzung nach Bildung . . . . . . . . . . 91 Tabelle 5.30: Sprachgebundene Mediennutzung nach Geschlecht . . . . . . . . 92 Tabelle 5.31: Sprachgebundene Fernsehnutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Tabelle 5.32: Sprachgebundene Medienkombinationen (Fernsehen, Radio, Zeitung, Internet) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Tabelle 5.33: Sprachgebrauch und sprachgebundene Mediennutzung . . . . . . 95 Tabelle 5.34: Soziale Interaktion und sprachgebundene Mediennutzung . . . . 96 Tabelle 5.35: Informationsbedürfnisse und sprachgebundene Mediennutzung . 97 Tabelle 5.36: Mediennutzung und Freizeitaktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . 99 Tabelle 5.37: Orte der Internetnutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Tabelle 5.38: Tätigkeiten und genutzte Dienste im Internet . . . . . . . . . . . 101 Tabelle 5.39: Ansichten zum Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Tabelle 5.40: Orte der Computernutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Tabelle 5.41: Tätigkeiten bei der Computernutzung . . . . . . . . . . . . . . . 104 Tabelle 5.42: Ansichten zum Computer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tabelle 5.43: Vertragsart und Kosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Tabelle 5.44: Menüsprache des Handys . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Tabelle 5.45: Tätigkeiten bei der Handynutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Tabelle 5.46: Gewalt und Pornografie auf dem Handy . . . . . . . . . . . . . . 109 Tabelle 5.47: Käufe mit dem Handy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Tabelle 5.48: Spielsituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Tabelle 5.49: Aussagen der 12- bis 19-Jährigen zu Computer- und Konsolen- spielen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Tabelle 5.50: Individualmediennutzung und Sprachgebrauch . . . . . . . . . . 113 Tabelle 5.51: Individualmediennutzung und Soziodemografie . . . . . . . . . . 114 Tabelle 6.1: Die Zusammensetzung der Gruppendiskussionen . . . . . . . . . 121 Tabelle 7.1: Studienvergleich: Sprache und sprachgebundene Fernsehnutzung 166 Tabelle 7.2: Multiple, lineare Regressionen zur Erklärung der Akkultura tions- strategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Tabelle 8.1: Alter der Befragten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Tabelle 8.2: Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Tabelle 8.3: Schulbesuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 219 Tabelle 8.4: Individuelle Medienausstattung: Massenmedien . . . . . . . . . . 178 Tabelle 8.5: Individuelle Medienausstattung: Funktionsmedien . . . . . . . . 179 Tabelle 8.6: Mediennutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Tabelle 8.7: Mediennutzung und Freizeitaktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . 181 Tabelle 8.8: Kommunikationsorientierte Tätig keiten und Dienste im Internet . 182 Tabelle 8.9: Informationsorientierte Tätig keiten und Dienste im Internet . . . 183 Tabelle 8.10: Rezeptionsorientierte und unterhaltende Tätig keiten und Dienste im Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Tabelle 8.11: Produktive Tätig keiten und Dienste im Internet . . . . . . . . . . 184 Tabelle 8.12: Ansichten zum Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Tabelle 8.13: Tätigkeiten bei der Computernutzung . . . . . . . . . . . . . . . 186 Tabelle 8.14: Ansichten zum Computer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Tabelle 8.15: Vertragsart und Kosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 Tabelle 8.16: Tätigkeiten bei der Handynutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Tabelle 8.17: Gewalt und Pornografie auf dem Handy . . . . . . . . . . . . . . 190 Tabelle 8.18: Käufe mit dem Handy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Tabelle 8.19: Spielenutzung Computer und Konsole . . . . . . . . . . . . . . . 191 Tabelle 8.20: Lieblingsspiele Computer und Konsole . . . . . . . . . . . . . . . 192 221 Die Autoren Joachim Trebbe, Dr., ist ordent licher Professor für Medien- und Kom mu- nikations wissen schaft mit dem Schwerpunkt empiri sche Kommunikations for- schung an der Universität Freiburg/Schweiz. Seine Forschungs schwerpunkte sind Medien und Migranten, Fernsehprogramm forschung und Methoden ent- wick lung. Annett Heft, M. A., ist wissen schaft liche Mitarbeiterin am Institut für Publi- zistik- und Kommunikations wissen schaft der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungs schwerpunkte sind Medien und Migranten, Politische Kommunika- tion in Deutschland und in Europa sowie Europäi sche Öffentlich keit. Hans-Jürgen Weiß, Dr., ist Professor im Ruhestand und wissen schaft licher Leiter der GöfaK Medien forschung GmbH, Potsdam. Seine Forschungs schwer- punkte sind Medien und Migranten, Fernsehprogramm forschung sowie Mas- sen medien und Wahlen. S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 61 60 63 62 59 Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2009 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 58 57 56 55 54 Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung von Ulrike Six und Roland Gimmler 368 Seiten, 53 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-459-0 Euro 21,– (D) Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 53 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 49 48 Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-397-5 Euro 25,– (D) S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) : Nationaler Integrationsplan, Integrationsgipfel und Islamkonferenz sind Stichworte, die deutlich machen, dass die soziale Integration von Zuwanderern und ihren Nachkommen – der „Menschen mit Migrationshintergrund“ – in die deutsche Gesellschaft weit oben auf der politischen Agenda steht. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur die Bedeutung der Massenmedien für die Förderung oder aber Behinderung von Integrationsprozessen diskutiert. Auch die Frage, welche Medienkompetenz junge Menschen mit Migrations - hintergrund aufweisen und ob gezielte Maßnahmen zur Medienkompetenzvermittlung in diesen Zielgruppen angestrebt werden sollten, ist Gegenstand des gesellschaftspoliti- schen Diskurses. Die LfM-Studie geht diesen Fragen in den zwei größten Teilgruppen junger Migranten in Nordrhein-Westfalen nach. Im Ergebnis der empirischen Erhebungen werden repräsenta- tive Basisdaten zur Mediennutzung und Medienkompetenz junger Migranten ermittelt, im Kontext der Integrationsproblematik analysiert und im Hinblick auf Maßnahmen zur Medienkompetenzförderung diskutiert. Die Untersuchungsergebnisse umfassen sowohl die „klassischen“ Massenmedien Radio, Fernsehen, Presse als auch die „neuen“ Individu- almedien wie PC, Internet, Handy oder Spielkonsolen. ❯ Prof. Dr. Joachim Trebbe Universität Freiburg/Schweiz, Departement für Medien- und Kommunikationswissen- schaft ❯ Annett Heft, M. A. Freie Universität Berlin, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ❯ Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß GöfaK Medienforschung, Potsdam ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,- (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund 63 Tr eb be /H ef t/ W ei ß M ed ie nn ut zu ng ju ng er M en sc he n m it M ig ra ti on sh in te rg ru nd ❯❯❯ ❯ Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendiskussionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 63 Joachim Trebbe, Annett Heft, Hans-Jürgen Weiß Ab b. T ite l © d pa p ic tu re -a lli an ce /Z B, R üc ks ei te : © D iv er se /f ot ol ia .c om BEL_LfM-Bd_63:. 08.01.10 09:22 Seite 1

Materialien und Publikationen

Forschung

Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie (Schriftenreihe Medienforschung der LfM, Band 72) : Medien durchdringen zunehmend den Alltag von Kindern und Familien. Die Komplexität der Medienwelt erschwert es den Eltern, den Überblick über die Mediennutzung ihrer Kinder zu behalten und diese angemessen zu begleiten. Wie gehen Eltern mit dem Thema Medienerziehung in ihrem Alltag um? Welche Ansprüche werden formuliert und wo liegen die Hindernisse, diese umzusetzen? Was wünschen sich Eltern an Informationen und wie können sie erreicht werden? Diesen und andere Fragen geht die vorliegende Studie in einer Untersuchung mit Familien mit Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren nach. Die Ergebnisse zeigen, an welchen Stellen elterliche Vorstellungen mit der familialen All tags bewältigung und den Bedürfnissen der Kinder kollidieren und es werden medien - erzie herische Informations- und Unterstützungsbedarfe identifiziert sowie Konsequenzen für die medienpädagogische Elternarbeit diskutiert. Die Herausgeber: V Dr. Ulrike Wagner JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München V Christa Gebel JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München V Dr. Claudia Lampert Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-585-6 Euro 22,- (D) Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie 72 W ag ne r, Ge be l, La m pe rt ( H rs g. ) Zw is ch en A ns pr uc h un d Al lt ag sb ew äl ti gu ng : M ed ie ne rz ie hu ng in d er F am ili e VV V Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 72 Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert (Hrsg.) RZ_LfM-Schriftenreihe_Band_72_11032013_. 11.03.13 07:52 Seite 1 Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert (Hrsg.) Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 72 Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert (Hrsg.) Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie unter Mitarbeit von Susanne Eggert, Christiane Schwinge, Achim Lauber Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2013 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-585-6 Bildnachweis Buchumschlag: Christian Lohmann, Bochum Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Die Medien nutzung von Kindern beginnt häufig bereits im frühen Kindesalter. Der erste Kontakt mit Medien findet in der Familie statt, und die Familie ist die erste und wesent liche Instanz, durch die Grundmuster der Medien nutzung ge prägt und be einflusst werden. Zum einen be gleiten Eltern ihre Kinder mehr oder weniger bewusst in ihrem Medien handeln. Zum anderen sind die Eltern durch ihre eigenen medialen Nutzungs weisen, die sie vor leben, für die Kinder in einer Vor bildrolle. Nicht selten besteht bei den Eltern an gesichts des vielfälti­ gen Medien angebotes und der Attraktivi tät dieser An gebote für Kinder große Ver unsiche rung, wie die Medien nutzung ihrer Kinder alters gerecht be gleitet werden kann und wie diese Beglei tung zwischen möglichen Ansprüchen und der Bewälti gung des Alltags aus sehen kann. Die Landes anstalt für Medien Nordrhein­West falen (LfM) hat das JFF – Institut für Medien pädagogik und das Hans­Bredow­Institut für Medien for­ schung mit einem Forschungs projekt zum Thema „Medien erziehung in der Familie“ be auftragt. Im Rahmen der Studie wurden mittels einer Kombina tion aus qualitativen und quantitativen Methoden das medien erzieheri sche Handeln in der Familie be trachtet, unter schied liche Erziehungs muster identifiziert und Möglich keiten auf gezeigt, wie Eltern in Fragen der Medien erziehung unter stützt werden können. Wie die Studie zeigt, sind die Familien konstella tionen, die Medien angebote und auch die Erziehungs muster in Familien sehr heterogen und ständig im Wandel. Um Eltern bei der Beglei tung der kind lichen Medien nutzung zu unter­ stützen, funktionie ren keine Patentrezepte. Vielmehr müssen Unter stüt zungs­ angebote auf diese vielfälti gen Lebens lagen ein gehen können. Die Studie soll allen, die Familien auf unter schied liche Weise be gleiten, eine Grundlage bieten, sich dieser Heraus forde rung zu stellen. Insbesondere die Hand lungs empfeh­ lungen am Ende der Unter suchung geben hierzu Anregun gen. Dr. Jürgen Brautmeier Dr. Frauke Gerlach Direktor der Landes anstalt Vorsitzende der für Medien NRW (LfM) Medienkommission der LfM 7 Inhalt Vorwort (Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert) . . . . . . 11 1 Medien erziehung in der Familie ver stehen und unter stützen. Eine Einlei tung (Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert) . 13 2 Zum elter lichen Umgang mit Medien. Ein Über blick über den Stand der Forschung (Claudia Lampert, Christiane Schwinge) . . 19 2.1 Parental media tion und Medien erziehung . . . . . . . . . . . . 20 2.2 Forschung zur parental media tion . . . . . . . . . . . . . . . . 22 2.2.1 Fernsehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.2.2 Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.2.3 Computer spiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 2.3 Medien erziehung in der Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 2.3.1 Erziehungs stile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3.2 Intentionales medien erzieheri sches Handeln in der Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.3.3 Modelle und Typologien medien erzieheri schen Handelns 42 2.3.4 Die Medien erziehung be einflussende Faktoren . . . . . 46 2.4 Zusammen fassung und Schluss folge rungen für die empiri sche Unter suchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 3 Vor gehens weise bei den empiri schen Unter suchungs schritten (Claudia Lampert) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 3.1 Bestands aufnahme und Analyse von Informa tions­ und Bera tungs angeboten zur Medien erziehung . . . . . . . . . . . 54 3.2 Standardisierte Face­to­Face­Befragung . . . . . . . . . . . . . 54 3.2.1 Aufbau und Inhalte des Fragebogens . . . . . . . . . . 56 3.2.2 Aus wertung der standardisierten Befra gung . . . . . . . 57 8 3.3 Qualitative Familien­Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 3.3.1 Rekrutie rung und Zusammen setzung des Samples . . . 58 3.3.2 Erhe bungs instrumente und Durch führung . . . . . . . . 60 3.3.3 Aus wertung der Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . 62 3.4 Ver knüp fung der Ergeb nisse der Teilstudien . . . . . . . . . . 64 4 Medien erziehung aus Elternsicht. Ergeb nisse der repräsentativen Elternbefra gung (Christa Gebel unter Mitarbeit von Achim Lauber) 65 4.1 Die Stichprobe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 4.2 Kontexte der Medien erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 4.2.1 Medientätig keiten der be fragten Eltern . . . . . . . . . 68 4.2.2 Medien ausstat tung der Kinder . . . . . . . . . . . . . . 70 4.2.3 Medientätig keiten der Kinder . . . . . . . . . . . . . . 73 4.2.4 Gemeinsame Medientätig keiten . . . . . . . . . . . . . 77 4.3 Medien erzieheri sche Grundannahmen . . . . . . . . . . . . . . 80 4.3.1 Annahmen über den Einfluss von Medien auf Kinder . 80 4.3.2 Sorgen in Bezug auf die Medien nutzung der Kinder . . 83 4.3.3 Notwendig keit von Medien erziehung . . . . . . . . . . 86 4.3.4 Zuständig keit von Institu tionen für die Medien erziehung 88 4.4 Subjektive medien erzieheri sche Kompetenz und Informa tions bedürfnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 4.4.1 Kenntnis der vom Kind ge nutzten Medien angebote . . . 91 4.4.2 Sicher heit in der Medien erziehung . . . . . . . . . . . . 93 4.4.3 Informa tions bedürfnis zur Medien erziehung . . . . . . . 96 4.4.4 Genutzte Informa tions quellen zur Medien erziehung . . 99 4.5 Medien erzieheri sches Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 4.5.1 Zuständig keit für Medien erziehung innerhalb der Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 4.5.2 Konflikte in der Medien erziehung . . . . . . . . . . . . 102 4.5.3 Regeln zur Medien nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . 104 4.5.4 Technische Moderie rung der Internetnut zung . . . . . . 111 4.5.5 Media tion­Stile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 4.5.6 Medien erzieheri sches Handeln und an genommener Medien einfluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 4.6 Zusammen fassung der Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . . . 126 4.6.1 Medien übergreifende Resultate . . . . . . . . . . . . . . 127 4.6.2 Medien spezifi sche Ergeb nisse . . . . . . . . . . . . . . 128 4.6.3 Soziodemografi sche Besonder heiten . . . . . . . . . . . 132 9 5 Muster medien erzieheri schen Handelns (Susanne Eggert, Christiane Schwinge, Ulrike Wagner) . . . . . . . 141 5.1 Trends und Auf fällig keiten im familiären Medienalltag . . . . 142 5.2 Ver ortung der Muster und ihre Grundcharakteristika . . . . . . 143 5.3 Die Muster im Einzelnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 5.3.1 Laufen lassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 5.3.2 Beobachten und situativ eingreifen . . . . . . . . . . . . 158 5.3.3 Funktionalistisch kontrollie ren . . . . . . . . . . . . . . 168 5.3.4 Normgeleitet reglementie ren . . . . . . . . . . . . . . . 177 5.3.5 Rahmen setzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 5.3.6 Individuell unter stützen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 Exkurs: Besonder heiten in Familien mit Migra tions hintergrund in Hinblick auf Medien erziehung und Medien umgang der Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 5.4 Die Muster im Ver gleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 5.4.1 Medien erzieheri scher Alltag in den unter suchten Familien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 5.4.2 Reibungs punkte und Erschwer nisse in der Umset zung von Medien erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 5.4.3 Elter liche Auseinander setzung mit dem Medien gebrauch der Jungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 5.5 Zwischen fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 6 Informa tions angebote, ‑verhalten und ‑bedürf nisse von Eltern zur Medien erziehung (Claudia Lampert) . . . . . . . . . . . . . . 221 6.1 Über blick über das An gebot ver fügbarer Informa tions­ materialien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 6.2 Informa tions verhalten der Eltern . . . . . . . . . . . . . . . . 224 6.2.1 Bekannte und ge nutzte Informa tions quellen . . . . . . . 224 6.2.2 Informa tions­ und Bera tungs bedarfe aus Sicht der Eltern 229 6.2.3 Erwar tungen an Medien anbieter, Staat und Schule/Kindertages einrich tungen . . . . . . . . . . . . 231 6.3 Umstände, die eine erfolg reiche Ansprache von Eltern er schwe ren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 6.4 Zwischen fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 10 7 Medien erziehung zwischen Anspruch und Alltags bewälti gung. Zusammen führung und Fazit (Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert) . . . . . . . . . . 243 7.1 Medien erzieheri scher Unter stüt zungs bedarf . . . . . . . . . . . 244 7.2 Nach Mustern differenzierte Unter stüt zungs möglich keiten . . . 251 7.3 Konsequenzen für die medien pädagogi sche Elternbil dung . . . 254 7.3.1 Zielset zungen medien pädagogi scher Elternbil dung . . . 255 7.3.2 Empfeh lungen für die Arbeit mit Familien mit be sonde rem medien erzieheri schem Unter stüt zungs bedarf 260 7.3.3 Über greifende Anforde rungen an eine ge lingende Unter stüt zung von Medien erziehung . . . . . . . . . . . 264 7.4 Weiterer Forschungs bedarf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Abbildungs‑ und Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 Anhang A1: Fragebogen der Repräsentativbefragung . . . . . . . . 284 Anhang A2: Screening­Fragebogen für die qualitative Teilstudie . . 305 Anhang A3: Elternkurzfragebogen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 Anhang A4: Leitfaden für die Elterninterviews . . . . . . . . . . . 310 Anhang A5: Leitfaden für die Kinderinterviews . . . . . . . . . . . 318 Anhang A6: Codesystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Anhang A7: Überblick über die Zusammensetzung des Samples . . 332 Anhang A8: Medienpädagogische Informationsmaterialien . . . . . 333 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347 11 Vorwort Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert „Amerikaner schießt Laptop seiner Tochter zusammen“, lautete am 11. Februar 2012 eine Schlagzeile auf Spiegel Online1. Der Vater sei von den Nörgeleien seiner Tochter über ihre häus lichen Pflichten auf Facebook so ge nervt ge wesen, dass er, um sie zu be strafen, ihren Computer mit mehreren Schüssen zerstörte. Das Video stellte er gleich darauf bei YouTube ein. Dass diese Meldung aus den USA den Weg in die deutsche Online­Presse findet, liegt nicht allein daran, dass der Vater mit der Ver öffent lichung seiner Tat auf YouTube selbst für Populari tät sorgt. Es scheint auch damit zu tun zu haben, dass der Medien umgang und die Medien erziehung in vielen Familien ein konflikt trächti ges Thema darstellen, Eltern jedoch glück licher weise selten zu solchen Mitteln greifen und dies auch noch öffent lich inszenie ren. Das zu gegebenermaßen extreme Beispiel zeigt nicht nur, dass in dieser Familie ein kommunikatives Problem herrscht, es ver deut licht auch, dass Medien Erziehungs probleme evozie ren oder – wie in diesem Fall – zu Tage treten lassen können (indem die Tochter ihren Unmut über ihre Eltern auf Facebook kundtut) und dass Eltern immer häufiger, wenn auch meistens nicht auf derart drasti sche Weise, die Medien für Sanktionie rungs maßnahmen heran­ ziehen, wohl wissend, dass sie ihre Kinder damit in be sonde rer Weise treffen. Medien nehmen so gesehen in der allgemeinen Erziehung einen immer größeren Stellen wert ein. Um gekehrt zeigt sich auch, dass Medien erziehung einen Erziehungs bereich mit wachsen der Bedeu tung darstellt, da Medien den Alltag von Kindern zunehmend durch dringen, indem sie immer stärker mit den ver schiedenen Lebens bereichen der Kinder ver knüpft sind, so z. B. mit Hobbys und Interessen, schuli schen Belangen und der Pflege von Freund schaften mit den Peers. Aber auch für Erwachsene ist vor allem der be rufliche Alltag zunehmend in der einen oder anderen Form mit Medien ver bunden, und die familiäre Medien­ ausstat tung mit diversen (mobilen) Geräten ist weiter an steigend. 1 www.spiegel.de/panorama/gesellschaft /erziehung­extrem­amerikaner­schiesst­laptop­seiner­tochter­ zusammen­a­814724. html. 12 Eltern stehen insofern permanent vor der Heraus forde rung, be züglich des Medien umgangs Ent schei dungen zu treffen bzw. Maßnahmen zu er greifen, die sowohl auf das Alter und den Ent wick lungs stand der Kinder ab gestimmt sind als auch zum eigenen Medien umgang und zur eigenen er zieheri schen Grund­ haltung passen. Im Rahmen von Elternaben den in Kindertages stätten und Schulen wird seitens der Eltern oft der Wunsch nach konkreten Informa tionen und vor allem rezeptarti gen Ratschlägen in Bezug auf den Medien umgang von Kindern geäußert. Zumeist interessiert Eltern die Frage, wie viel Zeit ein Kind mit den Medien ver bringen darf, ohne Schaden durch diese zu nehmen, und welche Inhalte gut bzw. unge eignet sind. Während einige Eltern auf ihr Gefühl bzw. ihre eigenen Maßstäbe ver trauen, benöti gen andere konkrete Anhaltspunkte und Hilfestel lungen, um medien bezogene Konflikt situa tionen meistern zu können, sei es in Form von Bera tungs­ oder Unter stüt zungs angeboten oder in Form von Informa tions materialien. Insbesondere in Zeiten, in denen eine alarmisti sche Berichterstat tung zu über wiegen scheint, die deut liche Züge einer Boulevardisie rung trägt, stehen medien pädagogi sche Praxis und Forschung vor der Aufgabe, die ge botene Differenzie rung zu wahren und jenseits von Schwarz­Weiß­Malerei Eltern und pädagogi schen Fachkräften adäquate Unter stüt zung zukommen zu lassen. Die vor liegende Studie will einen Beitrag dazu leisten, medien erzieheri sche Fragen differenziert zu diskutie ren und dabei den Bedin gungen familiären Alltags Rechnung zu tragen. Hierzu ist es notwendig, die Eltern nicht nur zu be fragen, wie sie mit der Medien nutzung der Kinder umgehen, sondern das Medien handeln aus einer systemi schen Perspektive zu be trachten und zu unter­ suchen, welchen Anspruch die Eltern selbst an Medien erziehung formulie ren, inwieweit sich dieser im Familienalltag umsetzen lässt und wo mögliche Ansatz punkte be stehen, Eltern in ihrer (Medien­)Erziehungs arbeit zu unter­ stützen. Neben der Landes anstalt für Medien Nordrhein-West falen (LfM), die nicht nur seit vielen Jahren medien pädagogi sche Praxisprojekte, sondern auch For­ schungs projekte wie dieses fördert, möchten wir uns an dieser Stelle bei Dr. Walter Klingler, Thomas Rathgeb, Lena Ebert und Ulrike Karg für die Koopera­ tion und Bereit stel lung von Informa tionen zur FIM-Studie sowie bei Bettina Klumpe und Laura Nöllen burg von ENIGMA GfK für die Durch führung der standardisierten Befra gung be danken. Ein be sonde rer Dank geht zudem an Tobias Beutler, Franziska Buschhaus, Dr. Bettina Fromm, Rika Groeneveld, Benedikt Homann, Ver onika Krönert, Achim Lauber, Anja Schwedler, Daniela Spengler, Aline Studemund und Lorena Toledo für ihre hilf reiche Unter stüt­ zung in den einzelnen Modulen. Den be fragten Eltern und Kindern in Hamburg, Köln, Leipzig und München danken wir herz lich für ihre Teilnahme­ und Aus kunfts bereit schaft sowie für das Ver trauen, uns Einblick in ihren medien­ erzieheri schen Alltag zu gewähren. 13 1 Medien erziehung in der Familie ver stehen und unter stützen. Eine Einlei tung Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert „Ja, den Kindern … ’nen passen den Umgang mit den Medien … vorzu leben und … hoffen, dass es irgendwie da ankommt.“ (Frau Rösler) „[A]lso die Medien er ziehen nicht, sondern ich ver suche zu er ziehen, wie man mit den Medien umgeht. Das würde ich da drunter ver stehen. Und setzte natür lich meinen eigenen Maßstab da an. Na und da bin ich mal, denke ich, relativ locker und mal halt auch nicht.“ (Frau Thönnies) „[I]ch ver suche (es) so gut wie möglich hinzu kriegen, meine Kinder so zu er ziehen, wie ich denke, dass es gut ist. Wenn es mir nicht ge lingt, ist es nicht ge lungen, aber ich mache es so, wie ich denke, dass es gut ist.“ (Frau Aslani) Die Sicht weisen auf Medien erziehung und Erziehung im Alltag von Familien sind – wie die oben stehen den Zitate zeigen – sehr unter schied lich. Einig sind sich die Eltern aber durch aus in ihrem Anspruch, ihre Kinder so gut wie möglich beim Auf wachsen zu unter stützen. Dieser Anspruch wird von der Wahrneh mung und dem Wissen be gleitet, dass Eltern zum einen nicht alles unter Kontrolle haben können und dass es zum anderen kein Patentrezept gibt, das sich ohne Weiteres auf alle Familien über tragen lässt, auch wenn sich viele ein solches wünschen. Medien erziehung beginnt in der Familie Die Familie ist der zentrale Ort, an dem Kinder erstmals mit Medien in Berüh­ rung kommen (vgl. z. B. Six/Gimmler/Vogel 2000, Walberg 2008, Theunert/ Lange 2012). Noch bevor sie selbst eigene Erfah rungen machen und Medien aus probie ren, sehen sie, wie Eltern und ältere Geschwister mit den Medien umgehen (vgl. Theunert/Lange 2012): „[V]om ersten Lebens tag an ent scheidet sich in der Familie, mit welchen Medien Kinder in Berüh rung kommen, wie nah sie diesen Medien kommen dürfen, und welchen Stellen wert Medien ange­ bote und medien basierte Aktivi täten im Alltag gewinnen“ (ebd., S. 10). Werden die Kinder älter, sind sie es, die Medien(an gebote) z. B. aus dem Freundes kreis 14 – nicht immer zur Freude der Eltern – in die Familie hinein tragen und damit auch das Medien repertoire der Familie ver ändern (vgl. ebd.). Medien sind Bestand teil des Familien lebens, sie über nehmen ganz unter­ schied liche Funktionen im Rahmen des familiären Alltags: z. B. dienen sie der Herstel lung von gemeinsamen Erleb nissen und sozialer Nähe (z. B. Götz/ Bachmann/Hoffmann 2007, Weise 2010), Medien umgang setzt Impulse zur Diskussion über Werte oder für die Aus tragung von Konflikten (vgl. z. B. Barthelmes/Sander 2001, Weise 2010, Steiner/Goldoni 2011). Der Umgang mit Medien ist also als integraler Bestand teil familiärer Erziehung anzu sehen (Lange/Sander 2010, Theunert/Lange 2012). Dabei ist zu unter scheiden zwischen der alltäg lichen Praxis, wie mit Medien in der Familie um gegangen wird, und zielgerichte tem Handeln, das explizit die Medien als Gegen stand der Erziehung in den Blick nimmt (vgl. z. B. Kammerl 2011). Medien erziehung in diesem Ver ständnis wird erstens be einflusst vom Medien­ umgang der Eltern, dies be trifft z. B. ihre eigene Medien biografie, ihre Haltung gegen über Medien, ihr Wissen um die Möglich keiten, mit Medien umzu gehen sowie ihre eigene Medien kompetenz. Zum zweiten ist zentral, welche Einstel­ lungen die Eltern gegen über dem Medien handeln ihrer Kinder ent wickeln, was sich z. B. in der Bewer tung von medialen Präferenzen ihrer Kinder aus drückt und für die Förde rung von medien bezogenen Fähig keiten be deutsam ist. Medien erziehung stellt aber auch nur einen Aus schnitt aus der Vielfalt allgemeiner Erziehungs aufgaben dar, der jedoch gerade durch die Tatsache, dass über Prozesse der Medien aneig nung auf vielfältige Weise Weltaneig nung vollzogen wird, eng mit allgemeinen Erziehungs konzepten ver woben ist. Medien erziehung stellt Eltern vor Heraus forde rungen Eltern be gegnen im Kontext von Medien erziehung ver schiedenen Dilemmata: Einer seits wird betont, dass Medien heute integraler Bestand teil des Alltags­ und Soziallebens von Kindern sind und dass Medien kompetenz eine notwendige Grundlage für die be rufliche Zukunft darstellt. Anderer seits werden die Eltern durch die öffent liche Berichterstat tung mit z. T. alarmisti schen Berichten kon­ frontiert, die auf medien bezogene Risiken und negative Wirkun gen ver weisen, deren Relevanz und Richtig keit sie in Bezug auf die eigenen Kinder jedoch nicht einschätzen können. Dies gilt insbesondere für lang fristige Wirkun gen von neueren Medien angeboten, mit denen Eltern selbst keine oder nur wenige Erfah rungen haben (z. B. Soziale Netz werk dienste und Computer spiele). Bei vielen Eltern schürt dieses Dilemma Unsicher heiten, wie sie mit dem Thema Kinder und Medien umgehen sollen (vgl. Six/Gimmler/Vogel 2000). Eine weitere Ursache für eine ein geschränkte Urteils sicher heit von Eltern ist darin zu sehen, dass sie neueren Medien entwick lungen häufig wesent lich distanzierter gegen über stehen als ihre Kinder und auch das Medien handeln 15 der Kinder nicht immer nach vollziehen können, geschweige denn gutheißen (vgl. Theunert/Lange 2012). Dies gilt insbesondere für weniger technikaffine Eltern, aber auch für solche, die neuere Medien wie z. B. das Internet zwar nutzen, dies aber in anderer Weise als ihre Kinder. Hinzu kommt, dass Eltern unter den Bedin gungen zunehmen der räum licher und zeit licher Ent gren zung des Alltags lebens immer weniger Einblick in das Medien handeln ihrer Kinder haben. Zum einen lässt sich anhand der Medien ausstat tung der Kinder eine Ver lage rung der kind lichen Medien nutzung ins Kinderzimmer fest stellen, zum anderen zeichnet sich auf grund der rapiden Ver brei tung von multifunktionalen und internet fähigen Handys zumindest bei den etwas älteren Kindern und Jugend lichen ein Trend zur mobilen Medien nutzung ab. Beide Ent wick lungen haben zur Folge, dass die Medien nutzung aus dem Blick feld der Eltern gerät (vgl. z. B. Hasebrink/Lampert 2011, Wagner/Lampert 2013). Ein weiteres Dilemma zeichnet sich im Hinblick auf das elter liche Ver trauen ab, das Steiner und Goldoni als „prekäre Ressource“ (Steiner/Goldoni 2011, S. 92) be schreiben. Einer seits bringen viele Eltern ihren Kindern ein hohes Ver­ trauen im Hinblick auf die Medien nutzung ent gegen, anderer seits eröffne der Ver trauens vorschuss den Zugang zu neuen Medien angeboten und ­nut zungs­ formen, die wiederum zu einer großen Ver unsiche rung auf Seiten der Eltern beitragen können. Nichts destotrotz sehen sich die Eltern im Familienalltag ständig mit der Heraus forde rung konfrontiert, be züglich des Medien umgangs Ent schei dungen zu treffen bzw. Maßnahmen zu er greifen. In diesem Zusammen hang stellt sich die Frage, vor welchem Hinter grund sie ihre Ent schei dungen treffen bzw. welche Leit vorstel lungen ihr medien erzieheri sches Handeln be einflussen. Aus der Tatsache, dass Medien erziehung tagtäg lich in der Familie statt findet, wird oftmals vor schnell die Schluss folge rung ab geleitet, dass Eltern allein für die Medien nutzung und Medien erziehung ihrer Kinder (sowie diverse andere Themen) ver antwort lich seien, was Eltern im Alltag unter Druck setzt und bisweilen ihre Ressourcen über steigt (Henry­Huthmacher 2008a, b, Oelkers/ Lange 2012). Insbesondere Eltern aus sozial be nachteiligten Familien stehen auf grund ihrer sozialen Bedin gungen und be sonde ren Problembelas tungen unter einem er höhten Problemdruck (Paus­Hasebrink/Bichler 2008, Paus­Hasebrink 2009, S. 48; s. a. Walberg 2008). Aktuelle Ansätze der Familien forschung weisen in diesem Zusammen hang darauf hin, dass sich nicht nur das Bild vom Kind ver ändert hat, sondern auch das Konzept ‚Familie‘ durch gesell schaft liche Ver ände rungen einem Wandel unter worfen ist. Familie wird nicht länger als eine selbst verständ liche Ressource be trachtet, sondern als eine von allen Mit­ gliedern zu er bringende Leistung, was mit dem Begriff „Doing Family“ be­ schrieben wird (Schier/Jurczyk 2007, Oelkers/Lange 2012, Theunert/Lange 2012). Dabei wird nicht nur eine hohe Erwar tungs haltung von außen an die 16 Eltern heran getragen; auch die Eltern stellen an sich selbst hohe Anforde rungen, das Projekt ‚Familie‘ erfolg reich umzu setzen und ihre Elternrolle so gut wie möglich auszu füllen (vgl. Henry­Hutmacher 2008a, b). An gesichts dieser gesell­ schaft lichen und selbst auf erlegten Erwar tungen fühlen sich viele Familien unter Druck gesetzt, im Erziehungs alltag ge stresst und bisweilen über fordert (vgl. ebd.). Medien kommt in diesem Zusammen hang eine Doppelfunk tion zu: Einer seits bieten sie vielfältige Möglich keiten, die den Familienalltag er leichtern und zu einer Stress reduzie rung beitragen, z. B. wenn über Skype mit ge trennt lebenden Elternteilen kommuniziert, der Familienalltag über mobile Kommuni­ ka tions möglich keiten organisiert wird oder die gemeinsame Medien nutzung als be ziehungs stiften des Moment ge nutzt wird. Sie er weisen sich in dieser Hinsicht als be deutsame Ressource. Anderer seits stellen sie selbst einen Erzie­ hungs bereich dar, der nicht selten mit Konflikten be haftet ist, die sich auf die familiäre Gesamt situa tion aus wirken. Die Eltern stehen insofern ständig vor der Heraus forde rung, die Chancen und die Risiken für ihre jeweils eigene Familiensitua tion abzu wägen und ihren eigenen Medien umgang sowie ihr medien erzieheri sches Handeln auszu bal ancieren. Anliegen der Studie Ziel der vor liegen den Studie ist es, einen theoretisch und empirisch fundierten Über blick über das medien erzieheri sche Handeln in Familien zu geben und Möglich keiten aufzu zeigen, wie Eltern in Fragen der Medien erziehung unter­ stützt werden können. Im Ertrag sollen dabei Schluss folge rungen ge zogen werden, die basierend auf aktuellen empiri schen Erkennt nissen die Konzep tion von An geboten und Materialien für die medien pädagogi sche Elternarbeit in den Blick nehmen, insbesondere in Bezug auf die Aus rich tung medien pädagogi­ scher Elternarbeit auf ver schiedene Zielgruppen und ihre lebens welt lichen Bedin gungen, die inhalt liche Gestal tung von An geboten und Materialien sowie die Wege, über die medien pädagogi sche Elternarbeit aus sichts reich er scheint. Eine wertschätzende und ressourcen orientierte Haltung gegen über den Eltern bildet dabei den zentralen Aus gangs punkt, um Eltern zu ihrer medien erzieheri­ schen Praxis zu be fragen, diese zu ver stehen, einzu ordnen und Konsequenzen in Hinblick auf Unter stüt zungs möglich keiten daraus abzu leiten. Der Studie ist dabei ein breites Ver ständnis von Medien erziehung zugrunde gelegt, das sowohl intendiertes medien erzieheri sches Handeln als auch nicht­intendiertes Handeln im Rahmen familiärer Medien umgangs weisen be rücksichtigt. Es wird untersucht, wie Eltern mit der kind lichen Nutzung ver schiedener Medien – ins besondere Fernsehen, Computer/ Internet, Computer spiele und mit Einschrän kungen auch Mobiltelefon – im Alltag umgehen und welche Medien erziehungs konzepte sich identifizie ren lassen. Von der medien erzieheri schen Alltags praxis in der Familie aus gehend wird der Frage nach gegangen, durch welche Leit vorstel lungen diese gerahmt wird. 17 Dies be trifft die Haltung gegen über Medien, die allgemeinen Erziehungs ziele und konkreten Vor stel lungen von Medien erziehung. Ein Fokus der Studie ist auf die Diskrepanzen zwischen medien erzieheri­ schem Anspruch und der prakti schen Umset zung im Familienalltag gerichtet. In diesem Zusammen hang wird eruiert, inwieweit Vor stel lungen und Umset zung von Medien erziehung vom Alter und Geschlecht der Kinder, dem Bildungs­ hintergrund der Eltern, dem Medien umgang und medien biografi schen Erfah­ rungen der Eltern sowie medien spezifi schen Besonder heiten ab hängig sind. Zudem wird der Frage nach gegangen, woher Eltern ihre Informa tionen zu medien erzieheri schen Fragen be ziehen und welche Rolle in diesem Zusammen­ hang die Medien selbst sowie medien pädagogi sche Kampagnen bzw. Informa­ tions angebote spielen. Zwar gibt es Informa tions­ und Bera tungs angebote zur Medien erziehung in unter schied licher Form, allerdings liegen zu den Fragen, inwieweit diese von Eltern wahrgenommen und als hilf reich erlebt werden und inwieweit darüber hinaus Bedarf an spezifi schen An geboten besteht, bisher wenig aktuelle Erkennt nisse vor. Die vor liegende Studie leistet in ver schiedener Hinsicht einen Beitrag zum Thema Medien erziehung in der Familie. Einleitend wird ein umfassen der Über blick über den inter nationalen Stand der Forschung zum elter lichen Umgang mit der Medien nutzung von Kindern ge geben, der einer seits Befunde zu einzelnen Strategien auf zeigt und anderer­ seits auf zentrale Variablen ver weist, die sich im Kontext von Medien erziehung als relevant er weisen (Kapitel 2). Die Studie liefert umfang reiche eigene empiri sche Befunde zum Thema Medien erziehung in der Familie, denen ein Mehrmethoden design zugrunde liegt. Dieses umfasst einen Über blick zum An gebot an Informa tionen zum Themen komplex Medien erziehung, eine standardisierte Befra gung einer reprä­ sentativen Stichprobe von Eltern und qualitative Fallstudien mit 48 Familien (zur methodi schen Umset zung siehe Kapitel 3). Die Ergeb nisse der standardi­ sierten Befra gung von Eltern mit Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren zeigen, welche konkreten elter lichen Umgangs weisen im Zusammen hang mit Fernsehen, Computer und Internet, Computer spielen sowie dem Handy im Alltag Anwen dung finden (Kapitel 4). Die komplexen Bedin gungen und Aus­ formungen medien erzieheri scher Umgangs weisen und Leit vorstel lungen wurden im Rahmen der Fallstudien eruiert und zu sechs ver schiedenen Mustern medien­ erzieheri schen Handelns ge bündelt (Kapitel 5). Neben den Befunden zu den medien erzieheri schen Leit vorstel lungen und Praktiken geben die quantitativen und qualitativen Ergeb nisse zudem Auf schluss über das Informa tions verhalten von Eltern sowie über deren Informa tions bedarf im Zusammen hang mit dem Thema Medien erziehung (Kapitel 6); darüber hinaus bieten sie Anhaltspunkte für künftige Maßnahmen der medien erzieheri schen Elternbil dung und medien­ pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen (Kapitel 7). 19 2 Zum elter lichen Umgang mit Medien. Ein Über blick über den Stand der Forschung Claudia Lampert, Christiane Schwinge Zu der Frage, wie Eltern die Medien nutzung ihrer Kinder be gleiten und regulie­ ren, liegen inzwischen zahl reiche, empiri sche Studien vor, die z. T. in unter­ schied liche Richtun gen weisen: Manche Eltern sehen keinen (großen) Bedarf, die Medien nutzung in be sonde rem Maße zu be gleiten oder zu reglementie ren, weil sie meinen, die Medien nutzung ihrer Kinder gut im Blick und die Medien­ erziehung im Griff zu haben (Rideout 2007). Bei genaue rer Betrach tung zeigt sich jedoch, dass einige Eltern oft nicht genau wissen, welche Medienerfah­ rungen ihre Kinder machen, was in Bezug auf mediale Risiken und eine sinn­ volle Medien erziehung zu Fehleinschät zungen führen kann (vgl. Livingstone et al. 2011). Unter schät zungen können zur Folge haben, dass Kinder mit Risiken allein ge lassen werden, wohingegen eine Über schät zung eher mit restriktive ren Maßnahmen seitens der Eltern einher geht, woraus nicht selten Erziehungs­ konflikte resultie ren (vgl. Kammerl et al. 2012). Andere Familien bemühen sich indes ge zielt darum, ihre Kinder sukzessive an die Medien heran zuführen und gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass sie möglichst keine negativen Erfah rungen machen und richten danach ihr (medien­)er zieheri sches Handeln aus. Die Forschung befasst sich zum einen mit den konkreten Umgangs weisen von Eltern und zum anderen mit der Frage, welche Praktiken ge eignet sind, Kinder vor Risiken zu schützen und/oder sie zu eigenständi gen, im Umgang mit neuen Technologien ver sierten Medien nutzern zu er ziehen, um daraus ge­ neralisier bare medien pädagogi sche Hand lungs empfeh lungen abzu leiten. Dem jeweili gen Fokus ent sprechend unter scheiden sich die Studien hinsicht lich ihres theoreti schen Bezugs punktes und ihrer empiri schen Umset zung. Im Folgenden wird ent lang der zentralen theoreti schen Konzepte ein Über blick über die empiri sche Daten lage zum medien erzieheri schen Handeln in der Familie ge­ geben, um darauf basierend die vor liegende Studie im Forschungs feld zu ver­ orten. 20 2.1 Parental media tion und Medien erziehung Die Forschungen zum elter lichen Umgang mit Medien lassen sich grob zwei Paradigmen und damit ver bundenen Forschungs rich tungen zuordnen (vgl. Tabelle 2­1): Die eine Forschungs rich tung umfasst Studien (vor allem aus den USA, Großbritannien und den Niederlanden), die sich mit parental media tion2 bzw. mit der Frage be fassen, wie Eltern den Medien umgang ihrer Kinder be­ gleiten. Davon unter scheiden lassen sich Studien, die sich dezidiert mit Medien­ erziehung oder mit Mediensozialisa tion in der Familie als informelle Form der Medien erziehung be fassen und an die deutsch sprachige Erziehungs stilforschung an knüpfen. Stellt man beide Konzepte einander gegen über, lassen sich einige Unter schiede heraus stellen: Die Studien zur parental media tion stehen über­ wiegend in der Tradi tion der Wirkungs forschung3 und sind in der Psychologie ver ortet, genauer in der Ent wick lungs psychologie und der Kogni tions psychologie (vgl. Mendoza 2009, S. 30), neuere Arbeiten wurden zudem auch in den Medien­ und Kommunika tions wissen schaften sowie in den Sozialwissen schaften durch­ geführt. Die vor wiegend psychologi sche Perspektive schlägt sich auch in den Forschungs annahmen und der methodi schen Umset zung nieder. Die Studien sind vornehm lich quantitativ aus gerichtet, wobei bislang noch kein einheit liches Messinstrument ent wickelt wurde. In den Studien wird zumeist auf bereits er probte Skalen zurück gegriffen, wobei diese immer wieder modifiziert und ver ändert werden. In der Regel konzentriert sich die Erhebung auf die Befra­ gung eines Elternteils, seltener wird das dazu gehörige Kind mit einbezogen und somit beide Perspektiven erfasst (z. B. Nikken/Jansz 2004). Studien zur Medien erziehung hingegen ist zumeist eine (medien­)pädagogi­ sche Perspektive inhärent, die an den Diskurs zur Medien kompetenzförde rung an schließt. Das Forschungs interesse ist ge prägt durch eine symbolisch inter­ aktionisti sche Grund auffas sung und ist auf die Medien aneig nung und weniger auf wirkungs bezogene Fragen gerichtet. Ent sprechend kommen in Studien zu medien erzieheri schen Fragen häufig qualitative oder Kombina tionen aus quali­ tativen und quantitativen Methoden zum Einsatz. Da sich Medien erziehung zwischen Eltern und Kindern ab spielt, wird zumeist ver sucht, die Sicht weisen sowohl von Eltern als auch von Kindern zu be rücksichti gen (z. B. EU Kids Online, Kammerl et al. 2012). Innovativ sind in diesem Zusammen hang Unter­ suchungen, die alle Familien mitglieder der Kernfamilie in die Befra gung 2 Karbach (2011) weist darauf hin, dass für den Begriff parental media tion bislang noch keine wissen­ schaft lich anerkannte deutsche Über setzung vor liegt (S. 28). Da zudem der deutsche Begriff Media tion auf grund seiner differenten Bedeu tung aus Sicht der Autorinnen nicht ohne Weiteres über trag bar ist, wird im Folgenden von der englischen Schreib weise Gebrauch ge macht. 3 So wird media tion beispiels weise als effektive Maßnahme gesehen, um Heran wachsende vor den negativen Einflüssen der Medien zu schützen (vgl. z. B. Nathanson 2001a, Bujzen/Valken burg 2005). 21 einbeziehen, wie z. B. die FIM­Studie des Medien pädagogi schen Forschungs­ verbundes Südwest (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2012). Als ein weiterer ent scheiden der Unter schied zwischen den Perspektiven von parental media tion und Medien erziehung lässt sich die Zielorientie rung heraus­ heben: Wird mit Studien zur parental media tion insbesondere der Umgang der Eltern mit der Medien nutzung ihrer Kinder sowie die Wirkung der elter lichen Beglei tung auf die Medien nutzung der Kinder erfasst, zielen Studien zur Medien erziehung in der Regel auf die Förde rung von Medien kompetenz, die Kinder be fähigt, Medien selbst ständig und eigen verantwort lich zu nutzen.4 Ver bindungen zwischen den beiden Konzepten ergeben sich z. T. über die medien bezogenen Hand lungs weisen, die Eltern anwenden und die sich in beiden Konzepten wieder finden lassen, wie z. B. Maßnahmen zur aktiven Beglei tung der Medien nutzung (active media tion), die passive Beglei tung der Medien­ nutzung (co-viewing) oder einschränkende Maßnahmen (restrictive media tion). Dies führt bisweilen dazu, dass die Begriffe parental media tion und medien ­ 4 Allerdings weist Kammerl (2011) zu Recht darauf hin, dass das intentionale Ver ständnis von Medien­ erziehung durch empiri sche Studien revidiert wurde und auch Mediensozialisa tion als Teil nicht­intendierter Medien erziehung be trachtet werden kann (vgl. Kammerl 2011, S. 184 ff.). 5 Maccoby/ Martin (1983), zitiert nach Schneewind (2002), S. 119. parental mediation Medienerziehung Bezugsdisziplin Psychologie, Kommunikations­ wissenschaft Erziehungswissenschaft Kontext Schwerpunkt USA, GB, NL Schwerpunkt DE, AT, CH Methoden Quantitativ Meist Fokus auf Elternteil Kein einheitliches Mess­ instrument Qualitativ, teils in Kombination mit quanti­ tativen Methoden Meist Fokus auf Kind und/oder Elternteil Kein einheitliches Instrument Zentrale Fragestellungen Wie wird mit der Mediennutzung von Kindern umgegangen? Welche Umgangsweise ist er­ folgreich, um Kinder vor Risiken zu schützen? Wie kann man einen eigenständigen, verant­ wortungsvollen Umgang mit Medien fördern? Wie kann man Kinder vor medienbezogenen Risiken schützen? Durch welche Faktoren wird das medien­ erzieherische Handeln beeinflusst? Ziele Schutz/Bewahren vor negativen Erfahrungen Förderung von Medienkompetenz Heran­ wachsender (unter Berücksichtigung von Mediensozialisation als nicht­intentionale Medienerziehung) Stile (Beispiele) restrictive evaluative guidance unfocused restrictive active media tion co­viewing Autoritär (zurückweisend, stark macht­ ausübend) Permissiv (akzeptierend, wenig fordernd) Autoritativ (akzeptierend, klar strukturierend) Vernachlässigend (zurückweisend, wenig Orientierung gebend)5 Tabelle 2‑1: Gegen überstel lung parental media tion und Medien erziehung 22 erzieheri sches Handeln gleich gesetzt bzw. synonym ge braucht werden (vgl. z. B. Steiner/Goldoni 2011, Karbach 2011) bzw. Medien erziehung auf die Medien nutzung be gleitende Maßnahmen reduziert wird und der eigent liche bzw. weiter führende Anspruch der Medien kompetenzförde rung der Kinder in den Hinter grund tritt.6 Beide Konzepte geben wertvolle, wenn gleich durch aus unter schied liche Impulse für die Forschung zum elter lichen Umgang mit Medien. Im Folgenden wird zunächst ein Über blick über den bisheri gen Forschungs stand zur parental media tion (Kapitel 2.2) sowie zum Thema Medien erziehung in der Familie (Kapitel 2.3) ge geben, um daran an schließend Schluss folge rungen für die Konzep tion der vor liegen den Studie abzu leiten (Kapitel 2.4). 2.2 Forschung zur parental media tion Die Anzahl inter nationaler Studien, die Fragestel lungen zur parental media- tion, also zum elter lichen Umgang mit der Medien nutzung der Kinder be­ handeln, ist immens. Dies kann unter anderem damit erklärt werden, dass bereits seit über 30 Jahren in diesem Feld ge forscht wird.7 Es liegen auch ertrag reiche Arbeiten vor, in welchen der Forschungs stand systematisch auf­ gearbeitet wird (z. B. Nathanson 2001a, Mendoza 2009, Karbach 2011). Aller­ dings wird deut lich, dass es sich um ein schwer einzu grenzen des Feld handelt, da es den vor liegen den Studien sowohl an einer definitori schen Bestim mung und Herlei tung des media tion­Begriffs sowie an einer einheit lichen theoreti­ schen Rahmung mangelt. So stellt auch Nathanson (2001a) bei ihrem Ver such, konzeptio nelle Klarheit im Bereich media tion zu schaffen, fest, dass die For­ schung in diesem Bereich ebenso umfang reich wie er giebig sei, aber gleichzeitig ein profundes Problem dahin gehend bestehe, dass den unter schied lichen Studien ein gemeinsames Ver ständnis dafür fehle, was der Begriff konkret be deutet und welche Ver haltens weisen er impliziert, was nicht zuletzt daran deut lich wird, dass der Begriff über wiegend quasi selbst verständ lich ge nutzt wird. In einigen wenigen Arbeiten finden sich jedoch Defini tionen: Nathanson (2001a) 6 Steiner und Goldoni (2011) lehnen sich konzeptuell an die media tion­Stile an, be rücksichti gen jedoch auch den Aspekt der Medien kompetenzförde rung. Sie unter scheiden auf kommunikative Ver ständi gung und Motivie rung des Kindes aus gerichtete Interven tionen (aktive Media tion), kontrollierend­überwachende Interven tionen (Monitoring) und regelsetzende und auf Ver bote setzende Interven tionen (restriktive Media tion). 7 Bereits in den 1960er­ und 1970er­Jahren wurden Unter suchungen zu den Effekten der Fernsehnut zung auf Heran wachsende durch geführt. Zudem gab es ver einzelte Bemühungen, restriktive Maßnahmen von Eltern zu er forschen (vgl. Bybee/Robinson/Turow 1982, S. 699). Maß geblicher Einfluss auf die Forschung der letzten drei Jahrzehnte ging von der 1982 er schienenen Studie von Bybee/Robinson/Turow aus, in welcher erstmals ein mehrdimensionales Konzept an gewandt worden ist und drei Stile des elter lichen Umgangs mit der Fernsehnut zung der Kinder identifiziert wurden. 23 selbst definiert media tion im Zusammen hang mit Fernsehen als Inter aktionen zwischen Eltern und Kind, die vor, während oder im Anschluss an die Fernseh­ nut zung statt finden: „At the most general level, mediation refers to interactions with children about television. This interaction can take place before, during, or after viewing.“ (ebd., S. 117) Dieser Begriffs bestim mung zufolge umfasst media tion jedwedes fernseh­ bezogenes8 Inter agie ren mit Kindern, wobei dies ver schiedene Personen prakti­ zie ren könnten, wenn gleich sich die meisten der vor liegen den Studien auf elter liche media tion be ziehen (vgl. ebd., S. 117). Böcking (2006) ver steht unter media tion „den elter lichen Umgang mit der Medien nutzung […] ihrer Kinder“ (ebd., S. 601). Warren (2001) subsumiert unter dem Begriff „any strategy parents use to control, supervise, or interpret [media] content“ (ebd., S. 212). Mendoza (2009) ergänzt Warrens Defini tion um die Empfänger dieser elter lichen Strate­ gien, nämlich Kinder und Jugend liche (vgl. ebd., S. 29). Im Ver gleich zu Nathansons Defini tion ist diese somit enger ge fasst, da sie auf den Medieninhalt rekurriert, nur die Eltern als Performer von media tion­Strategien einschließt und durch den Gebrauch des Strategien­Begriffs auf ein zielgerichte tes inten­ tionales Handeln ver weist.9 Im Folgenden soll unter media tion, sofern nicht anders an gegeben, der elter liche Umgang mit der Medien nutzung der Kinder ver standen werden. Der fehlende Konsens die Defini tion be treffend führe, so Potter (2004), zu „[…] ambiguities in the literature. Researchers have examined a variety of techniques labeled differently and measured in different ways“ (ebd. zit. nach Mendoza 2009, S. 30). Es wird be mängelt, dass auf grund eines nicht vor­ handenen einheit lichen Begriffs verständ nisses unter schied lichste Ver haltens­ weisen unter dem Label media tion unter sucht würden, wohingegen in anderen Studien wiederum keinerlei Gebrauch von diesem Begriff ge macht würde, obgleich Fragestel lungen unter sucht werden, die ebendiesen Bereich be rühren (vgl. Nathanson 2001a). Dieser aus bleibende Konsens er schwere es, einen Über blick in diesem Bereich zu gewinnen (vgl. ebd., S. 116). Umfang reiche Forschungs aktivi täten im Bereich media tion finden in den USA statt (z. B. Austin et al. 1999, Nathanson 2001a). Zudem sind in den Niederlanden (z. B. Valken burg et al. 1999, Nikken/Jansz 2004) sowie in Groß­ britannien (z. B. Livingstone/Helsper 2008) einschlägige Studien er schienen. 8 Nathanson (2001a) geht in ihrem Beitrag aus schließ lich auf Studien zur media tion im Kontext Fernsehen ein, weswegen sie ihre Defini tion auf dieses Medium be grenzt. 9 Oftmals wird von dem Begriff parental media tion Gebrauch ge macht, wenn gleich media tion meist eben­ falls auf das elter liche Handeln im Kontext Medien bezogen wird. Bybee/Robinson/Turow (1982) nutzten in ihrer weg weisen den Studie zudem den Begriff guidance, welcher mittlerweile allerdings vom media- tion­Begriff ab gelöst wurde. 24 Darüber hinaus gibt es in der Schweiz (Böcking 2006, Steiner/Goldoni 2011) sowie in Deutschland (Karbach 2011, Hasebrink/Schröder/Schumacher 2012) Ansätze, Instrumente zur Erfas sung von media tion­Strategien für den deutsch­ sprachigen Raum zu adaptie ren. Neben Ergeb nissen zum elter lichen Umgang mit der Fernsehnut zung Heran wachsen der (z. B. Bybee/Robinson/Turow 1982) liegen mittlerweile auch Ergeb nisse zu media tion­Strategien im Bereich der Computer spielen utzung (z. B. Skoien/Berthelsen 1996) sowie der Internet nutzung (z. B. Eastin/Green berg/Hofschire 2006) vor. Die Studien konzentrie ren sich dabei in der Regel auf den elter lichen Umgang mit einem Medium (Aus nahme: Steiner/Goldoni 2011). Medien unabhängig sind drei Forschungs schwerpunkte erkenn bar: 1. Die Identifizie rung und Beschrei bung unter schied licher media tion­Stile sowie die Erfas sung ihrer Ver brei tung, 2. die Erforschung von Faktoren, die den elter­ lichen Umgang mit der Medien nutzung Heran wachsen der be einflussen sowie 3. die Unter suchung der Effektivi tät bzw. Wirksam keit der unter schied lichen Umgangs weisen, wobei letzte rer Schwerpunkt weitaus seltener im Fokus steht als die ersten beiden. Bei den Aus prägungen der elter lichen Umgangs weisen mit der Medien­ nutzung Heran wachsen der sind studien übergreifend drei Stile bzw. Muster identifizier bar: restriktive bzw. einschränkende Maßnahmen, aktiv be gleitende Maßnahmen sowie passiv be gleitende Maßnahmen. Zur ersten Kategorie zählen Regeln und Ver bote, wie z. B. die zeit liche Einschrän kung des Medien nutzungs­ umfangs, das Fest legen von Medien nut zungs zeiten oder das Verbot be stimmter Medien angebote. Aktiv be gleitende Maßnahmen umfassen z. B. das Erklären von Medien inhalten durch die Eltern oder die Differenzie rung zwischen Realität und Fiktion. Zu den passiv be gleiten den Maßnahmen zählt die gemeinsame Medien nutzung von Eltern und Kind (z. B. co-viewing). Im Gegen satz zur aktiven Beglei tung der kind lichen Medien nutzung wird die gemeinsame Medien­ nutzung in den meisten Studien als nicht intentional ver standen.10 In den letzten Jahren wurden diese drei Stile vor dem Hinter grund der digital­interaktiven Medien Internet und Computer spiele modifiziert und ergänzt. Beispiels weise identifizie ren Nikken/Jansz (2004) in ihrer Studie zur parental video game media tion das conscious co-playing, also die gemeinsame Nutzung von Com­ puter spielen von Eltern und Kind, welches im Gegen satz zum fernsehbezogenen passiven co-viewing von den Eltern durch aus zielgerichtet praktiziert wird. Insgesamt wurden in den ver schiedenen Unter suchungen wieder holt ähnliche media tion­Muster reproduziert, wenn gleich diese meist unter schied lich be­ zeichnet wurden. 10 Für eine aus führ liche Beschrei bung der drei media tion­Stile im Kontext Fernsehen siehe Nathanson (2001a), S. 120 ff. 25 Im Folgenden wird der inter nationale Stand der Forschung zur parental media tion differenziert nach den Medien Fernsehen, Computer spiele und Internet dargestellt.11 2.2.1 Fernsehen Beim Blick auf den Forschungs stand zu media tion wird schnell er sicht lich, dass zu den elter lichen Umgangs weisen mit dem Medium Fernsehen bis dato die meisten Ergeb nisse vor liegen.12 Dies kann zum einen mit der geschicht­ lichen Tradi tion des Fernsehens und der generellen Relevanz dieses Massen­ mediums erklärt werden. Zum anderen spielt es seit jeher eine wichtige Rolle im familialen Alltag und kann auch gegen wärtig noch als das Familien medium be zeichnet werden (vgl. z. B. FIM­Studie, Medien pädagogi scher Forschungs­ verbund Südwest 2012, S. 63). Einschlägig ist in diesem Kontext insbesondere die Studie von Bybee/ Robinson/Turow (1982), die ein dreidimensionales Konzept des elter lichen Umgangs mit der Fernsehnut zung der Kinder empirisch erarbeitet haben: restrictive, evaluative und unfocused guidance.13 In darauffolgen den Studien wurde dieser Ansatz repliziert bzw. adaptiert (vgl. z. B. van der Voort/Nikken/ van Lil 1992). Eine weitere weg weisende Studie wurde 1999 von Valken burg et al. vor gelegt, welche in ihrer Unter suchung die Stile von Bybee/Robinson/ Turow (1982) revidiert haben. Media tion-Stile Was die Identifizie rung unter schied licher elter licher Umgangs weisen mit der Fernsehnut zung ihrer Kinder sowie ihre Ver brei tung be trifft, sind Studien zu unter scheiden, in denen der fernsehbezogene Umgang im Allgemeinen unter­ sucht wird und solche, in denen ein Stil, wie z. B. active media tion differenzier­ ter be trachtet wird. Bybee/Robinson/Turow (1982) konnten in ihrer Studie mittels Faktoren­ analyse erstmals drei ver schiedene Stile des elter lichen Umgangs mit der Fernsehnut zung ihrer Kinder aus machen: evaluative, restrictive und unfocused guidance.14 Letztere Aus prägung, die neben der gemeinsamen Fernsehnut zung auch die Kommunika tion über das Gesehene beinhaltet und wenig zielgerichtet 11 Studien zur parental media tion der Handynut zung liegen bislang noch nicht vor. 12 Die Bedeu tung des Mediums wird auch darin offensicht lich, dass der Begriff media tion lange Zeit synonym für den elter lichen Umgang mit der kind lichen Fernsehnutzung ver wendet wurde (vgl. z. B. Nathanson 2001a). 13 Im Folgenden werden die Begrifflich keiten der jeweili gen Autoren über nommen, so dass es mitunter zu Unter schieden in der Schreib weise kommt (z. B. co­viewing/coviewing). 14 Die Stichprobe (N = 200) bestand aus schließ lich aus Medien wissenschaftlern (mass media scholars), von denen 86 Prozent männ lich waren. 26 ist (ebd., S. 704), wird von den be fragten Eltern am häufigsten praktiziert, von einschränken den Maßnahmen wird hingegen am seltensten Gebrauch ge macht. Dorr/Kovaric/Doubleday (1989) unter suchten in ihrer Studie mit dem so­ genannten co-viewing eine weitere Heran gehens weise elter licher media tion und er gänzten die von Bybee/Robinson/Turow (1982) identifizierten Stile somit um einen vierten. Co-viewing impliziert „[…] that parents and children were in the same room attending to the program most of the time it was broadcast“ (Dorr/Kovaric/Doubleday 1989, S. 49). Unbeantwortet bleibt im Rahmen dieser Studie allerdings, ob neben der bloßen physischen Anwesen heit auch Gespräche oder andere Inter aktionen zwischen dem anwesen den Elternteil und dem Kind statt finden. In der niederländi schen Replika tions studie der Skala von Bybee/Robinson/ Turow (1982) unter suchten van der Voort/Nikken/van Lil (1992) den elter lichen Umgang mit der kind lichen Fernsehnut zung, wobei sie das Messinstrument um zwei co-viewing­Items15 er gänzten. Auch sie identifizierten die drei parental guidance­Dimensionen restrictive, evaluative und unfocused guidance, wobei Letzterer die beiden neu hinzu gefügten Items zu geordnet werden konnten.16 Austin (1993) legte in ihrer Unter suchung den Fokus auf aktiv be gleitende Maßnahmen und orientiert sich bei der Operationalisie rung von active media- tion an Messaris (1982), der zwischen categoriza tion, valida tion sowie supple- menta tion unter scheidet (vgl. ebd., S. 151). Categoriza tion bezieht sich auf die Kommunika tion über die Frage, ob bzw. inwieweit Fernsehinhalte die Realität wider spiegeln, valida tion meint das Befürworten respektive das Ab lehnen des Gesehenen durch die Eltern, während supplementa tion die Ergän zung rezipierter Inhalte durch weiter führende Informa tionen durch die Eltern be deutet (vgl. ebd., S. 148). Bezug nehmend auf diese Ergeb nisse stellen Austin et al. (1999) fest, dass bei der active media tion zwischen positiven (be fürworten den Kom­ mentaren) sowie negativen Ver haltens weisen (ab lehnen den Kommentaren) unter schieden werden kann, wobei es sich nicht um zwei einander aus schließende Tendenzen handelt, sondern Eltern vielmehr von beiden Formen der avtive media tion Gebrauch machen. Valkenburg et al. (1999) führten eine weitere Replika tions studie zu Bybee/ Turow/Robinson (1982) in den Niederlanden durch und identifizierten eben falls drei Dimensionen des elter lichen Umgangs mit der Fernsehnut zung ihrer Kinder, welche sie als instructive media tion, restrictive media tion und social coviewing be zeichnen. Instructive media tion bezieht sich auf die Kategorien categoriza- tion und valida tion als Aus prägungen von active media tion nach Austin et al. 15 So wird neben der Frage, ob die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern fernsehen („Watch TV with the child?“), auch danach ge fragt, ob dies auf Initiative des Elternteils („Coview TV for benefit of the child?“) oder des Kindes („Coview TV at the request of the child?“) geschieht (vgl. ebd., S. 67). 16 Siehe auch van der Voort / Vooijs (1990). 27 (1999) und be rücksichtigt somit sowohl negative als auch positive Ver haltens­ weisen. Die Befunde zeigen, dass gemeinsames Fernsehen von Eltern und Kind am häufigsten statt findet und be stäti gen Bybee/Turow/Robinson (1982) dahin­ gehend, dass Eltern von restriktiven Maßnahmen am seltensten Gebrauch machen. Außerdem kommen Valken burg et al. (1999) zu dem Ergebnis, dass es sich bei der unfocused guidance nach Bybee/Turow/Robinson (1982) um ein methodisches Artefakt handelt, „resulting from a forced interpretation of items that loaded on a ‚left­over‘ factor“ (Valkenburg et al. 1999, S. 54). Böcking (2006) setzte in ihrer Unter suchung in der Deutsch schweiz die (über setzte) Skala von Valken burg et al. (1999) ein, er gänzte diese um drei weitere Items von Austin et al. (1999) sowie um ein neues Item17 (vgl. ebd., S. 610). Die Ergeb nisse be stätigten die drei media tion­Stile von Valken burg et al. und Austin et al. (vgl. ebd., S. 611), allerdings gab es Unter schiede hinsicht­ lich der Frequenz. So werden restriktive Maßnahmen am häufigsten aus geübt, aktiv be gleitende weniger häufig und co-viewing am seltensten, wobei alle drei Formen insgesamt eher häufig aus geübt werden (vgl. ebd., S. 615). Die jüngsten Ergeb nisse stammen von Hasebrink/Schröder/Schumacher (2012), die in ihrer Studie zum Kinder­ und Jugendmedien schutz aus Sicht der Eltern die Skala von Böcking (2006) erstmals an einer deutschen Stichprobe unter suchten und die drei Faktoren aktive Media tion, gemeinsames Sehen und restriktive Media tion be stätigten. Die zeit liche Beschrän kung der Fernseh­ nutzung, also eine restriktive Maßnahme wird am häufigsten an gewandt. Das Verbot, be stimmte Sendun gen zu sehen, wird hingegen am seltensten aus­ gesprochen (vgl. ebd., S. 27). Da die drei Faktoren relativ hoch zusammen­ hängen, kommen die Autoren ferner zu dem Ergebnis, dass sich die be fragten Eltern vor allem in der Intensi tät der Auseinander setzung mit der kind lichen Fernsehnut zung unter scheiden (vgl. ebd., S. 28). Einfluss faktoren Bei der Frage danach, welche Variablen die Ausübung der unter schied lichen Umgangs weisen mit der kind lichen Fernsehnut zung be einflussen, werden in der Regel demografi sche Faktoren sowie die von Eltern er warteten (negativen) Effekte der Fernsehnut zung be rücksichtigt. Die vor liegen den Studien kommen hinsicht lich der Einfluss faktoren zum Teil zu wider sprüch lichen Ergeb nissen. Das Alter der Eltern hat keinen Einfluss auf die elter liche Beglei tung der kind lichen Fernsehnut zung (vgl. Bybee/Robinson/Turow 1982). Das Alter der Kinder spielt insofern eine Rolle, als bei jüngeren Kindern alle media tion­Stile häufiger an gewandt werden als bei älteren Kindern (vgl. ebd., Hasebrink/ Schröder/Schumacher 2012). Werden bei jüngeren Kindern noch stärker restrik­ 17 „Wie oft weisen Sie Ihr Kind darauf hin, dass die Sprache der gesehenen Sendung unschön ist?“ (ebd., S. 612) 28 tive (Bybee/Robinson/Turow 1982, van der Voort/Nikken/van Lil 1992) sowie instruktive Maßnahmen (Valken burg et al. 1999)18 an gewandt, gewinnt das gemeinsame Sehen bzw. die unfocused guidance mit an steigen dem Alter der Kinder an Bedeu tung19, was auf ver mehrte gemeinsame Interessen von Eltern und Kindern zurück geführt wird (vgl. Bybee/Robinson/Turow 1982, Dorr/ Kovaric/Doubleday 1989, Böcking 2006).20 Zudem zeigt sich, dass Eltern Fern­ sehinhalte weniger er klären, wenn die Kinder älter sind (vgl. Böcking 2006). Hinsicht lich des Geschlechts der Eltern zeigt sich ziem lich deut lich: Mütter be schränken die Fernsehnut zung stärker als Väter (Bybee/Robinson/Turrow 1982, van der Voort/Nikken/van Lil 1992, Valken burg et al. 1999). Plausibel scheint die Begrün dung von Valken burg et al. (1999), dass es sich hier um die primary caregivers handelt, d. h. dass nicht das Geschlecht der Eltern bei der Ausübung von media tion ent scheidend ist, sondern ob es sich um den Haupt­ erzieher handelt.21 Ein Einfluss des Geschlechts des Kindes konnte bisher nicht fest gestellt werden (Bybee/Robinson/Turow 1982, van der Voort/Nikken/van Lil 1992, Hasebrink/Schröder/Schumacher 2012). Der Bildungs hintergrund der Eltern erweist sich dahin gehend als be deutsam, dass formal höher ge bildete Eltern die Fernsehnut zung eher aktiv be gleiten als formal niedri ger Gebildete (van der Voort/Nikken/van Lil 1992, Hasebrink/ Schröder/Schumacher 2012). Höher ge bildete Eltern schränken die Fernseh­ nut zung zudem eher ein, wobei der Bildungs grad kein Prädiktor von restrictive media tion ist (Valken burg et al. 1999). Van der Voort/Nikken/van Lil 1992 kommen zu dem Ergebnis, dass formal höher ge bildete Eltern alle Formen der guidance häufiger praktizie ren als formal niedri ger Gebildete. Neben den soziodemografi schen Faktoren erwies sich die Einstel lung der Eltern gegen über dem Medium Fernsehen bzw. die Annahme von negativen Wirkun gen des Fernsehens als be deutsam: In der Sorge der Eltern be züglich negativer Effekte auf die Kinder wird ein be deutsamer Prädiktor für die generelle Ausübung von media tion gesehen (Valken burg et al. 1999). Anti­ zipierte negative Effekte gehen eher mit evaluative guidance und restrictive guidance einher als er wartete positive Effekte (Bybee/Robinson/Turow 1982, van der Voort/Nikken/van Lil 1992, Nathanson 2001b). Dorr/Kovaric/ Doubleday (1989) kommen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass co-viewing eher von Eltern praktiziert wird, die von positiven Effekten des Fernsehens 18 Der Zusammen hang zwischen dem Alter der Kinder und instructive media tion ist allerdings nicht signi­ fikant. 19 Van der Voort / Nikken/van Lil (1992) kommen zu dem Ergebnis, dass unfocused guidance eher bei jüngeren Kindern statt findet. 20 Valkenburg et al. (1999) zufolge wird social co-viewing nur durch den Umgang der Fernsehnut zung des Kindes determiniert: Je mehr das Kind fernsieht, desto häufiger findet social co-viewing mit den Eltern statt. 21 Hasebrink/Schröder/Schumacher (2012) zufolge hat das Geschlecht der Eltern keinen Einfluss auf den Umgang der Eltern mit der Fernsehnut zung ihrer Kinder. 29 aus gehen, wobei auch hier ähnliche Sehgewohn heiten und ­vorlieben von Eltern und Kindern als primärer Einfluss auf das gemeinsame Fernsehen identifiziert werden. Zur Wirksam keit fernsehbezogener media tion Neben der Erfas sung fernsehbezogener media tion­Stile und der Unter suchung ihrer Ver brei tung werden seltener auch die Wirksam keit sowie Effekte dieser Maßnahmen unter sucht. In Studien zur Wirksam keit von media tion stehen oftmals die nicht inten­ dierten Effekte im Fokus. Nathanson be schäftigte sich mehrfach mit diesbezüg­ lichen Fragestel lungen. In einer Studie zur Wahrneh mung der Präsenz und Bedeu tung von parental media tion im Kontext ge walthalti ger TV­Inhalte aus Eltern­ und Kinder sicht, kam sie zu dem Ergebnis, dass Kinder restrictive media tion als Missbilli gung der ge walthalti gen Inhalte durch die Eltern wahr­ nehmen, während sie active media tion und coviewing als Bestär kung hinsicht­ lich des Gesehenen einschätzen (vgl. Nathanson 2001b). Letztere Stile können demnach unerwünschte Effekte zur Folge haben. Darüber hinaus unter suchte sie, welche Aus wirkungen die ver schiedenen media tion­Stile bei Jugend lichen in puncto Wahrneh mung der Eltern, Einstel lung zu den Eltern, Einstel lung zu den mediated Inhalten und zum Umfang der Nutzung von mediated Inhalten mit Freunden haben (vgl. Nathanson 2002). Der Fokus lag auf ge walthalti gen sowie sexuellen TV­Inhalten. Jugend liche, deren Eltern bei ge walthalti gen sowie sexuellen TV­Inhalten von restriktiven Maßnahmen Gebrauch machen als auch Jugend liche, deren Eltern mit ihnen gemeinsam ebendiese Inhalte sehen (co- viewing), stehen diesen Inhalten eher positiv gegen über und gucken diese öfter gemeinsam mit Freunden. Einziger Unter schied: Jugend liche, deren Zugang zu ge walthalti gen und sexuellen Inhalten von den Eltern restriktiv ge handhabt wird, sind ihren Eltern gegen über negativer ein gestellt. Messaris und Kerr (1984) zeigten mit ihrer Unter suchung, dass coviewing einen negativen Einfluss dahin gehend hat, dass Kinder TV­Charaktere für reale Personen halten.22 Dorr/Kovaric/Doubleday (1989) hingegen konnten keinen signifikanten Einfluss des gemeinsamen Fernsehens auf das social reality judgement der Kinder nach weisen. Allerdings erwies sich coviewing als signifikanter Prädiktor für Lerneffekte (learning gratifica tions). Auch Salomon (1977) stellte Lerneffekte fest, wenn Kinder gemeinsam mit ihren Eltern Sesamstraße schauten. Austin (1993) unter suchte die Wirksam keit von active media tion und fand heraus, dass dies eine effektive Maßnahme ist, um die kind liche Interpreta tion von TV­Inhalten zu be einflussen. Active media tion ist als einziger media tion­ 22 Befragt wurden Mütter (N = 296) und Kinder (N = 296). 30 Stil ein Prädiktor für scepticism, also die kritische Rezep tion von TV­Inhalten. Zudem ist active media tion ein Prädiktor für public affairs media use sowie für ein persön liches Engagement für Themen öffent lichen Interesses. 2.2.2 Internet Der zweite Medien schwerpunkt, zu dem im Bereich media tion ge forscht wird, ist der elter liche Umgang mit dem Internet. Media tion-Stile Eastin/Green berg/Hofschire (2006) adaptierten zur Erfas sung des elter lichen Umgangs23 mit dem Internet die Skala von Valken burg et al. (1999) und er­ gänzten diese um Items, die sich auf den Einsatz von Monitoring­Software be ziehen. Sie identifizierten vier unter schied liche Stile internetbezogener media- tion: interpretative media tion (gemeinsames Diskutie ren über und Bewerten von Onlineinhalten), coviewing media tion, restrictive media tion sowie technolo- gical media tion (Einsatz von Monitoring­Software). Bei technological media- tion handelt es sich um die media tion­Form, von der die be fragten Mütter am seltensten Gebrauch machten. Livingstone und Helsper (2008) unter suchten die parental media tion im Kontext Internet mit Fokus auf Onlinerisiken, wobei sowohl Eltern als auch Kinder befragt wurden. Erkannt wurden die Stile active co-use (Hybrid aus active media tion und co-use), technical restric tions und interac tion restric tions (Aus differenzie rung restriktiver Maßnahmen) sowie monitoring (ver gleich bar mit der technological media tion nach Eastin et al. 2006). Die Ergeb nisse zeigen, dass Eltern von denselben Strategien wie bei der fernsehbezogenen media tion Gebrauch machen und diese adaptie ren. Sie be stätigten Eastin/Green berg/ Hofschire (2006) dahin gehend, dass Eltern soziale Formen der media tion gegen über techni schen präferie ren, d. h. die Eltern ziehen active co-use den technical restric tions oder Maßnahmen des monitoring vor. Karbach (2011) knüpfte in ihrer Studie an die Ergeb nisse von Livingstone und Helsper (2008) an und er gänzte das Messinstrument um weitere Items, die sich an Informa tions materialien orientierten.24 Sie identifizierte sechs Stile der Parental Media tion Online (PMO): aktiv, techni sche Regeln, ver haltens- basierte Regeln, Monitoring, Druck, Vor beugung.25 Die Stile werden von den Eltern parallel und nicht ge trennt voneinander aus geführt, wobei von Vor- beugung, ver haltens basierten sowie techni schen Regulie rungen am häufigsten Gebrauch ge macht wird. 23 Befragt wurden Mütter (N = 520) von Kindern im Alter von 13 bis 18 Jahren. 24 Konkret bezog sich Karbach (2011) auf Empfeh lungen aus Informa tions materialien von jugendschutz. net. 25 Zur genaue ren Beschrei bung der Stile siehe ebd., S. 59 f. 31 Einfluss faktoren Hinsicht lich der Faktoren, die Einfluss auf den Umgang der Eltern mit der kind lichen Internetnut zung haben, zeigen sich einige Parallelen zum Umgang mit dem Fernsehen: Der Einfluss der Eltern auf die Internetnut zung der Kinder nimmt mit zunehmen dem Alter der Kinder ab (vgl. Livingstone/Helsper 2008, Hasebrink et al. 2009, Steiner/Goldoni 2011, Duerager/Livingstone 2012). Bezüg lich des Geschlechtes des Kindes wurden keine Unter schiede im elter lichen Umgang mit der Internetnut zung fest gestellt (vgl. Livingstone/Helsper 2008, Lee 2012). Mütter stimmen der Ausübung von internetbezogener media tion eher zu als Väter (vgl. Karbach 2011). Sie präferie ren restriktive Stile (verhaltens basierte und techni sche Regeln), ge folgt von be gleiten den Maßnahmen (aktiv). Väter üben am häufigsten verhaltens basierte Regeln aus, am seltensten machen sie von techni schen Regeln Gebrauch. Je weniger Geschwisterkinder im Haushalt leben, desto seltener werden die Stile Monitoring und Druck aus geübt (vgl. ebd.). Eltern mit höherem sozioökonomi schem Status machen insgesamt öfter von Regeln und weiteren Maßnahmen Gebrauch, als Eltern mit niedrige rem sozio­ ökonomi schem Status (Livingstone/Helsper 2008). Den Bildungs hintergrund der Eltern be treffend stellte Karbach (2011) fest, dass Eltern ohne Studien­ abschluss der Ausübung der PMO-Stile eher zustimmen als Eltern mit Studien­ abschluss, wobei alle Eltern dem Stil Monitoring am ab lehnendsten gegen über­ stehen. Im europäi schen Ver gleich zeigte sich, dass deutsche Eltern häufiger von restriktiven Maßnahmen Gebrauch machen und die Kinder ferner über durch­ schnitt lich häufig aktiv bei der Internetnut zung unter stützen (vgl. Duerager/ Livingstone 2012). In Bezug auf die elter lichen Einstel lungen zum Internet, stellte Lee (2012) fest: Je stärker die Eltern von negativen Effekten des Internets über zeugt sind, desto aus geprägter fallen ihre restriktiven Maßnahmen aus. Laut Karbach (2011) stellen diejenigen Eltern, die dem Internet gegen über negativ ein gestellt sind, am häufigsten techni sche Regeln auf, ge folgt von Druck, also restriktive Maßnahmen. Eastin/Green berg/Hofschire (2006) unter suchten den Einfluss des Erzie- hungs stils26 und des Internet zugangs27 auf die Ausübung der internetbezogenen 26 Abgefragt wurden die Erziehungs stile mit dem parenting style index nach Steinberg et al. (1992, 1994). Es wurden die vier Stile autoritativ, autoritär, permissiv und ver nachlässigend identifiziert, wobei die permissiven Mütter auf grund der kleinen Stichproben zahl (N = 34) bei der Aus wertung nicht be rücksichtigt wurden. 27 Es wird differenziert zwischen einem Internet zugang im Haushalt und im Kinderzimmer (vgl. ebd., S. 494). 32 media tion von Müttern. Der Erziehungs stil wies signifikante Effekte bei allen Formen der media tion auf. So wird interpretative media tion, also aktiv be­ gleitende Maßnahmen, am häufigsten von autoritativen Müttern jüngerer Jugend­ licher aus geübt. Männliche Jugend liche mit autoritativen Eltern werden häufiger beim Surfen be gleitet (co-viewing). Jüngere männ liche Jugend liche mit Eltern, die einen ver nachlässigen den Erziehungs stil ausüben, er fahren weniger Ein­ schrän kungen in Bezug auf den Nutzungs umfang als andere Jugend liche. Bezüg lich des Zusammen hangs zwischen dem elter lichen Wissen über Moni­ toring­Software und dem Einsatz solcher Technologien zeigte sich eine nicht signifikante positive Korrela tion. Die Autoren stellten ferner fest, dass sowohl autoritäre als auch autoritative Mütter häufiger media tion ausüben, als Eltern mit ver nachlässigen dem Stil. Ob die Kinder einen Internet zugang im eigenen Zimmer haben, spielt in diesem Zusammen hang keine Rolle. Anders beim Internetnut zungs umfang: Dieser steigt signifikant an, wenn ein Zugang im Kinderzimmer ver fügbar ist, wobei der Erziehungs stil keinen Einfluss auf die Internetnut zungs dauer hat. Zur Wirksam keit internetbezogener media tion Duerager und Livingstone (2012) be schäftigten sich mit der Wirksam keit internetbezogener media tion im Kontext von Risiken und Chancen und kamen zu folgen dem Ergebnis: Restrictive media tion minimiert für die Kinder das Risiko, im Internet negative Erfah rungen28 zu machen. Gleichzeitig werden die internetbezogenen Chancen29 nicht aus geschöpft, was wiederum die Aus­ bildung der Internet kompetenz der Kinder be grenzt. Active media tion minimiert einer seits das Risiko, negative Erfah rungen zu machen und dadurch Schaden zu nehmen, anderer seits geht es mit mehr Onlineaktivi täten und Kompetenzen im Umgang mit dem Internet einher. Der Einsatz techni scher Filter zeigt keinen Effekt in Bezug auf eine Minimie rung der Gefahr, dass Kinder im Internet auf Risiken stoßen.30 Auch Lee (2012) kommt zu dem Ergebnis, dass restrictive media tion Onlinerisiken minimiert und ferner mit einem niedrige ren Internet­ nut zungs umfang einher geht.31 28 Zu den internetbezogenen Risiken zählen die Autorinnen Pornografie, Cyberbullying und den Kontakt zu Fremden (vgl. ebd., S. 1). 29 Als internetbezogene Chancen werden Lernen, Kommunika tion, Partizipa tion und Spaß ge nannt (vgl. ebd., S. 1). 30 Livingstone und Helsper (2008) kamen zu dem Ergebnis, dass keiner der unter schied lichen media tion­ Stile den Kontakt der Kinder mit Onlinerisiken minimie ren kann. 31 Darüber hinaus kam Lee (2012) zu dem Ergebnis, dass restricitive media tion keine wirksame Maßnahme ist, um suchtähn liches Ver halten (addictive tenden cies) zu minimie ren. 33 2.2.3 Computer spiele Bereits Mitte der 1990er­Jahre unter suchten Skoien und Berthelsen die computer­ spiel bezogene parental media tion. Mitte der 2000er legten Nikken und Jansz weitere Ergeb nisse vor. Insgesamt kann die Forschungs lage zum elter lichen Umgang mit Computer spielen als über schau bar be zeichnet werden. Media tion-Stile 1996 er schien eine Studie, in der erstmals eine „Fernseh skala“ für die Unter­ suchung des elter lichen Umgangs mit der Computer spielen utzung32 adaptiert wurde.33 Skoien und Berthelsen griffen hierfür auf die Skalen von Bybee/ Robinson/Turow (1982) sowie von van der Voort/Nikken/van Lil (1992) zurück, was sie damit be gründen, dass es neben nutzu ngs bezogenen Unter schieden (Computer spiele sind im Gegen satz zum Fernsehen inter aktiv), auch Gemein­ sam keiten be züglich des elter lichen Umgangs gebe, wie z. B. Sorgen über mögliche negative Effekte oder die gemeinsame Nutzung mit den Kindern. Aus den „Fernsehs kalen“ konnten neun Items über nommen werden, wobei Begrifflich keiten ent sprechend an gepasst wurden. Weitere vier Items mussten modifiziert werden, um dem Medium Computer spiele gerecht zu werden. Hervor zuheben an dieser Unter suchung ist, dass ver sucht wurde, ein umfassen­ des Bild von der Computer spielen utzung im Kontext der Familie zu zeichnen. So wurden neben den beiden Skalen auch Variablen be rücksichtigt, die den konkreten Umgang mit Computer spielen innerhalb der Familie be einflussen können.34 In diesem Kontext wurden auch Fragen zur differenzierten Erfas sung restriktiver Maßnahmen ge stellt. Skoien und Berthelsen (1996) identifizierten für den elter lichen Umgang mit der Computer spielen utzung ihrer Kinder eben­ falls drei Faktoren: unfocused, evaluative und restrictive guidance. Anders als Skoien und Berthelsen (1996) be fassten sich Nikken und Jansz (2004) im Kontext des elter lichen Umgangs mit Computer spielen mit der Frage, ob eine Über trag bar keit der Ergeb nisse aus dem Bereich TV­Nutzung auf grund der inter aktiven Eigen schaften von Computer spielen35 ohne Weiteres möglich ist. 32 Skoien und Berthelsen (1996) nutzen über wiegend den Begriff „Video Games“, be ziehen sich allerdings sowohl auf Konsolen als auch auf PC­Spiele (vgl. ebd., S. 3). 33 Zu hinter fragen ist die Über trag bar keit der Ergeb nisse, da die Stichprobe über wiegend aus formal höher ge bildeten Frauen bestand und somit nur eine spezielle Bevölke rungs gruppe be rücksichtigt (N = 117, 82 % Frauen, 18 % Männer) (vgl. ebd., S. 5). 34 Abgefragt wurden diese in drei weiteren Frageblöcken: Family Demographics, Parental Experience with Computers, Video Games and Home Life (vgl. ebd., S. 7). 35 Nikken und Jansz (2004) subsumie ren unter den Begriff „games“ bzw. „video games“ sowohl fest installierte als auch portable Konsolen sowie PC­Spiele (vgl. ebd., S. 7). 34 „Television is something you watch, video games are something you do, a world that you enter, and, to a certain extent, they are something you ‚become‘“ (Turkle 1984, S. 66 f., zit. nach Nikken/Jansz 2004, S. 3). Spielen sei im Ver gleich zur Fernsehnut zung eine weitaus immer sivere Tätig­ keit, daneben be dürften Computer spiele eines ge wissen Zeitvolumens, um sich diese zu er schließen. Eltern, die selber nicht spielen, dürften Schwierig keiten haben, nach zuvollziehen, was bei der Nutzung von Computer spielen vor sich geht (vgl. Nikken/Jansz 2004), wobei dieser Umstand sicher lich nicht nur für die Nutzung von Computer spielen gelten dürfte. Neben diesen Computer­ spielcharakteristika wird der soziale Kontext der Medien nutzung als zweiter relevanter Unter schied auf geführt. Im Gegen satz zur Fernsehnut zung sei Spielen nach Ansicht der Autoren eine Aktivität, welche im Familien kontext eher alleine aus geübt werde (vgl. ebd.). Wird gemeinsam ge spielt, dann primär mit Freunden und weniger mit den Eltern (vgl. ebd., S. 3). Un geachtet der Unter­ schiede zwischen digitalen Spielen und Fernsehen wird auf mögliche Ähnlich­ keiten zum Umgang mit dem Fernsehen ver wiesen. Den elter lichen Umgang mit Computer spielen erheben Nikken und Jansz mit 15 Fragen, welche auf die bisheri gen be kannten drei Stile aus der media- tion­Forschung rekurrie ren, wobei sowohl Eltern als auch Kinder befragt wurden. Es werden eben falls drei Stile identifiziert, welche als restrictive media tion, conscious co-playing und evaluative media tion be zeichnet werden. Nach Aus schluss von zwei Items konnten bei den Eltern und den Kindern dieselben Stile identifiziert werden.36 Was die Ver brei tung der einzelnen Stile be trifft, so geben Eltern und Kinder restriktive Maßnahmen als die ge bräuch­ lichsten an, conscious co-playing hingegen findet am seltensten statt. Einfluss faktoren Neben der Erfas sung unter schied licher computer spiel bezogener media tion­Stile, bildete eine selbst ent wickelte Skala zu den elter lichen Beliefs about Video Games einen weiteren Schwerpunkt der Unter suchung von Skoien und Berthelsen (1996), aus gehend von der Annahme, dass die elter lichen Vor stel lungen über Computer spiele maß geblich die parental guidance be einflussen. Dabei wurde ein ver gleichs weise differenziertes Spektrum ab gefragt, welches über eine Erfas sung von positiven und negativen Einstel lungen hinaus geht. Vier Faktoren wurden identifiziert, die als Prädiktoren in Zusammen hang mit den jeweils aus geübten Formen der elter lichen guidance stehen: Eltern, die bei der Nutzung von Computer spielen Lerneffekte ver muten (educational value), spielen eher zusammen mit ihren Kindern (unfocused guidance). Eltern, die sich Sorgen 36 Für ein Item gilt dies allerdings nicht: Während bei den Eltern das Erklären von Spielinhalten der evaluative media tion zu geordnet wird, nehmen Kinder dieses Ver halten als restriktiv wahr (vgl. ebd., S. 8). 35 wegen der Inhalte von Computer spielen machen (program content), üben eher aktiv be gleitende Praktiken aus (evaluative guidance). Eltern, die darüber besorgt sind, dass die Nutzung von Computer spielen mit der Ver drän gung anderer Freizeitaktivi täten einher geht (displacement) und Angst davor haben, ihr Kind könnte in den Spielen ver sinken und sich von der Realität ent fernen (withdrawal from reality), üben restriktive Maßnahmen aus. Die Prädiktoren der jeweili gen guidance­Formen be treffend, stellen Skoien und Berthelsen fest, dass vor allem jüngere Mütter mit Computer erfah rung unfocused guidance praktizie ren. Weder bei der evaluative noch bei der restrictive guidance konnten neben dem Zusammen hang mit den elter lichen Vor stel lungen Variablen identi­ fiziert werden, welche die Stile vorher sagen. Nikken und Jansz (2004) kommen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass, anders als bei der fernsehbezogenen media tion, ein restriktiver Umgang häufiger in Familien mit geringe rer formaler Bildung praktiziert wird, häufiger von Müttern als von Vätern und darüber hinaus häufiger von Eltern, die selber oft spielen, als auch von Eltern, die negative Effekte von der Computer spiele nutzung er warten. Zudem er fahren Mädchen und jüngere Kinder eher ein schrän kende Maßnahmen. Evaluative media tion findet eben falls häufiger in Familien mit geringe rer formaler Bildung statt und wird häufiger von Müttern als von Vätern aus geübt und zudem von Eltern, die selber oft spielen sowie von Eltern, die negative Effekte antizipie ren, aus geübt. Auch hier sind es die jüngeren Kinder, die aktiv bei der Nutzung be gleitet werden. Einziger Unter schied: Viel spielende Kinder er fahren eher aktiv be gleitende Maßnahmen. Das conscious co-playing be treffend stellen Nikken und Jansz fest, dass dies eher von Eltern praktiziert wird, die selber viel spielen und von positiven Effekten der Computer spiele­ nutzung aus gehen sowie von Eltern jüngerer Kinder. Diese Form des Umgangs be zeichnen Nikken und Jansz als „goal directed kind of media tion, instead of an occasional, unfocused activity“ (ebd., S. 13). Die Autoren stellen zusammen­ fassend fest, dass positive Einstel lungen zu Spielen auf Seiten der Eltern ebenso wie aktiv be gleitende Maßnahmen bei den Kindern mit einem höheren Nutzungs­ umfang und der Nutzung von alters unangemessenen Spielen einher gehen. Zu der Wirksam keit computer spiel bezogener media tion liegen bislang keine empiri schen Ergeb nisse vor. 2.3 Medien erziehung in der Familie Parallel zur parental media tion­Forschung wurde in ver schiedenen, vor allem deutsch sprachigen Studien (aus Öster reich, Deutschland sowie aus der Schweiz), der elter liche Umgang mit Medien aus einer Perspektive unter sucht, die stärker an (medien­)pädagogi sche Konzepte an knüpft. Ähnlich wie die Forschung zur parental media tion bezieht sich auch der Großteil der empiri schen Forschung 36 auf das Thema Fernseherziehung.37 Wurden in den ersten Studien vor allem die Eltern (bzw. Mütter) befragt, nehmen neuere Studien Eltern­Kind­Dyaden bzw. alle Familien mitglieder in den Blick (vgl. FIM­Studie, Medien pädagogi­ scher Forschungs verbund Südwest 2012). Studien zur Medien erziehung in der Familie be rücksichti gen nicht nur die intentionale Einfluss nahme der Eltern, sondern auch nicht­intentionale, medien­ sozialisatori sche Einflüsse (vgl. Kammerl 2011), da Kinder den Medien umgang nicht nur durch direktes Handeln der Eltern er lernen, sondern auch bzw. von Beginn an durch Beobach tung des Medien nut zungs verhaltens der Eltern oder der älteren Geschwister (van der Voort/Vooijs 1990, Six et al. 2000, Mohr/ Schumacher 2004). Aufenanger (2004) unter scheidet diesbezüg lich zwei Kon­ zepte: Zum einen lernen die Kinder ohne das Zutun von Erwachsenen durch learning-by-doing, zum anderen lernen sie, indem sie von Erwachsenen oder älteren Geschwistern an die Medien heran geführt werden (Apprenticeship- Modell). Die Heran führung bezieht sich dabei nicht nur auf die techni sche Nutzung, sondern auf alle Dimensionen eines medien kompetenten Handels. Inwieweit das elter liche Handeln zur Medien erziehung bzw. zur Medien­ kompetenzförde rung beiträgt, hängt von ver schiedenen Faktoren ab. Im Folgen­ den wird derjenige Teil des Forschungs standes dargestellt, der sich aus einer engeren medien erzieheri schen Perspektive mit dem zielgerich teten, d. h. inten­ tionalen, auf die Förde rung eines selbst ständi gen und eigen verantwort lichen Medien umgangs, aus gerich teten medien bezogenen Handeln von Eltern befasst. 2.3.1 Erziehungs stile Erziehungs ziele und das elter liche Werte system manifestie ren sich in dem jeweili gen Medien erziehungs konzept (Aufenanger 1988, 1994) bzw. Medien­ erziehungs stil (vgl. Panyr 2006). Diese wiederum sind gesell schaft lichen und damit ver bundenen familiären Wand lungs prozessen unter worfen.38 So konstatiert Panyr (2006) mit Bezug auf Klages/Gensicke (1994) einen Wandel von einem nomozentri schen (auf gesell schaft lichen Normen basieren den) zu einem auto­ zentri schen Selbst­ und Welt verständnis, in dessen Mittelpunkt die Ent faltung von Selbst ständig keit, Mündig keit, Partizipa tion und eigener Urteils fähig keit steht (ebd., S. 242). In der moderne ren Erziehungs stil­Forschung werden inzwischen keine Erziehungs stile, sondern vielmehr ver schiedene Erziehungs stil­Dimensionen unter schieden (vgl. Tausch/Tausch 1998, Flammer/Alsaker 2011, Rheinberg/ 37 Studien, die sich mit Medien erziehung im Kontext von Computer spielen oder zum Internet be fassen, sind bislang rar bzw. knüpfen an die parental media tion­Forschung an. 38 Ebenso ließen sich in diesem Zusammen hang die medialen Ver ände rungen (z. B. Ent wick lung und Ver­ brei tung ver schiedener Technologien) sowie die Ver ände rungen in der Wirkungs forschung anführen, die einen be deutsamen Einfluss auf die medien pädagogi schen Zielset zungen hatten bzw. haben. 37 Bromme/Minsel/Winter/Weiden mann 2001).39 Als unabhängige Dimensio­ nen können dabei einer seits Wärme/Zuneig nung versus Kälte und anderer seits viel versus wenig Kontrolle identifiziert werden (Tausch/Tausch 1973, nach Flammer/Alsaker 2011).40 Andere differenzie ren die Dimensionen Unterstüt- zung bzw. einfühlsame Zuwen dung sowie Kontrolle/Lenkung bzw. Monitoring41 des kind lichen Ver haltens (Rheinberg et al. 2001). Während Wärme/Zunei gung bzw. Unterstützung/einfühlsame Zuwen dung als wichtige Ressource anerkannt sei und positiv be wertet würde, würden hinsicht lich der Dimension Kontrolle/ Lenkung bzw. Monitoring durch aus unter schied liche Vor stel lungen ver treten, nicht zuletzt weil die Aus wirkung von Kontrolle auch mit Zuwen dung zum Kind zusammen hänge (ebd., S. 290). Aus der Kombina tion der ge nannten Dimensionen (mit jeweils niedri ger und hoher Aus prägung) lassen sich mit Bezug auf Maccoby und Martin (1983) vier Ver haltens muster ab leiten, die z. T. auf die ursprüng lichen Erziehungs stile ver weisen: autoritär (zurück weisend und stark macht ausübend), vernachlässi- gend (zurück weisend und wenig Orientie rung gebend), permissiv (akzeptierend und wenig fordernd) und autoritativ (akzeptierend und klar strukturierend) (Maccoby/Martin 1983, zitiert nach Schnee wind 2002, S. 119, s. a. Baumrind 1971, Steinberg 2001, Rheinberg et al. 2001, Panyr 2006, Flammer/Alsaker 2011).42 39 Zuvor wurden mit Bezug auf die Forschung zu Führungs stilen drei Erziehungs­Typen unter schieden: der autoritäre oder autokrati sche, demokrati sche oder sozial­integrative sowie der Laissez­faire­Erziehungs­ stil (vgl. Tausch/Tausch 1998, Flammer/Alsaker 2011); für einen Über blick über die Ent wick lung der Erziehungs stilforschung siehe Maccoby/ Martin 1983. Tausch und Tausch (1998) sprechen von konzept­ orientierten Dimensionen: „Das Konzept ist: Haltun gen und komplexe Aktivi täten in zwischen mensch­ lichen Beziehungen, die be deutsam die seelischen Grund vorgänge beim anderen, seine konstruktive Persönlich keits entwick lung fördern und ein gemeinsames be friedi gen des Zusammen leben mit den Lebens­ werten Selbst bestim mung, Achtung der Person, soziale Ordnung und Förde rung der Funk tions fähig keit er möglichen.“ (S. 101). Dimensionen er zieheri schen Handelns scheinen aus ihrer Sicht an gemessener, da sie eine differenziertere Zuord nung zulassen als die ursprüng lichen Erziehungs stile, die aus ihrer Sicht „Extremausprä gungen der emotionalen und der Lenkungs­Dimension“ (S. 111) darstellen. 40 In der Literatur werden die Dimensionen jeweils unter schied lich benannt. Tausch und Tausch (1998) be nennen in Anleh nung an Carl Rogers (1957) drei Dimensionen: Achtung­Wärme­Rücksichtnahme, vollständi ges, einfühlen des Ver stehen und Echtheit­Übereinstim mung­Aufrichtig keit (S. 100). Als vierte Dimension er gänzten sie „fördernde, nicht­dirigierende Einzeltätig keiten“, die allerdings auch eng mit den anderen Dimensionen ver bunden sind bzw. mit diesen einher gehen können (S. 101). Die Dimensionen sind nicht nur im Kontext von Erziehung, sondern für jegliche Art von zwischen mensch licher Beziehung be deutsam, da es sich um „humane Dimensionen“ (S. 102) handele. 41 Monitoring be schreibt kein direktes Eingreifen der Eltern, sondern vielmehr das Informiert sein der Eltern über die Aktivi täten des Kindes (Rheinberg et al. 2001, S. 290). 42 Oerter (1987) kritisiert, dass das Konzept des Erziehungs stils nicht hinreichend ist, will man Familie aus einer ökologi schen Perspektive be trachten. Aus seiner Sicht würden zu wenig materielle häus liche Bedin­ gungen, soziale Unter stüt zungs systeme (Nachbar schaft, Großeltern etc.), die Sozialisa tions geschichte der Eltern sowie die wechselseiti gen Einflüsse innerhalb einer Familie be rücksichtigt (S. 95). Auch Barthelmes und Sander (1997) ver treten die Auf fassung, dass es für die Unter suchung des Umgangs mit Medien in der Familie nicht hinreichend sei, nur die Medien erziehungs konzepte und das medien bezogene Handeln der Eltern zu be rücksichti gen, sondern dass auch das Familien klima bzw. die Kommunika tion innerhalb der Familie einbezogen werden sollte. Dabei unter scheiden sie zwischen den Dimensionen „Konzept­ Orientie rung“ und „Sozio­Orientie rung“ (vgl. ebd. S. 131 f.). 38 Die Erziehungs konzepte sind nicht für einen be stimmten Elterntyp konstitutiv, vielmehr weist elter liches Ver halten (auch je nach Thema) unter schied liche Kom­ bina tionen aus den ge nannten Dimensionen auf (vgl. Flammer/Alsaker 2011). Tabelle 2‑2: Eine Vierfelder‑Klassifika tion elter licher Ver haltens muster Unterstützung Kontrolle/Lenkung/Monitoring Hoch Niedrig Hoch („Wärme“) Autoritatives Verhalten Permissives Verhalten Niedrig („Kälte“) Autoritäres Verhalten Vernachlässigendes Verhalten/Laissez­faire Quelle: In Anleh nung an Rheinberg et al. 2001, S. 290 (er weiterte Darstel lung). Ein autoritatives Erziehungs verhalten wird dabei als wünschens wert bzw. als optimale Form der Erziehung (vgl. Baumrind 1968, Steinberg 2001, Panyr 2006) be trachtet, weil es die Eltern­Kind­Beziehung positiv be einflusse, aber auch gleichzeitig die Ver antwor tungs­ und Leis tungs bereit schaft der Kinder fördere (vgl. Rheinberg et al. 2001).43 Autoritative Eltern sind der Beschrei bung von Flammer/Alsaker (2011) zufolge „für ihre Kinder zugäng lich, emotional warm, lassen ihnen Autonomie innerhalb klar gesetzter Grenzen und setzen diese Grenzen auch konsequent um (Kontrolle). Sie er­ ziehen gern mit Lob und Ermuti gung und geben für ihre Grenz setzung und Anforde­ rungen rationale Argumente, sofern sie von den Kindern nach vollzieh bar sind.“ (S. 183 f.) Die Einstel lung sich autoritativ ver halten der Eltern ist zudem dadurch ge kenn­ zeichnet, dass sie ihren Kindern eine hohe Wertschät zung ent gegen bringen und „ihre Anforde rungen immer wieder, aber nicht nach Zufall und nicht nach Lust und Laune, den neuen Umständen anpassen“ (Flammer/Alsaker 2011, S. 184), womit auch die Über gangs phase vom Kindes­ ins Jugendalter ein ge­ schlossen ist. Sehr deut lich spiegle sich die Einstel lung der Eltern in der Kom­ munika tion mit den Kindern wider. Von der elter lichen Meinung ab weichende Standpunkte würden ernst ge nommen und in der Diskussion be rücksichtigt (ebd.). Die positiven Effekte eines autoritativen Ver haltens von Eltern auf soziale Kompetenzen, Ver antwortlich keit, Selbst ständig keit und Interessiert heit von Kindern wurden in ver schiedenen Studien be stätigt (vgl. Maccoby/Martin 1983, Steinberg 2001, Flammer/Alsaker 2011).44 Um gekehrt konnte ge zeigt werden, 43 Tausch und Tausch (1998) konstatie ren allerdings, dass allein ein durch Einfühlsam keit, Achtung, Auf­ richtig keit und Unter stüt zung ge prägtes Ver halten der Eltern (Erzieher oder Lehrer) noch kein Garant für eine „an gemessene Ent wick lung“ von Heran wachsen den sei, weil diese durch diverse andere Faktoren be einflusst werde (S. 99). 44 Flammer/Alsaker (2011) weisen jedoch darauf hin, dass die Frage nach der Wirkungs rich tung nicht eindeutig zu klären sei, da das Ver halten eines Kindes auch das Erziehungs handeln der Eltern be einflusse (S. 185). 39 dass autoritäres Ver halten die Aus bildung von Selbst ständig keit und Unabhängig­ keit be hindert und ein ver nachlässigen der Stil im Sinne eines Laissez­faire zu einer Ver unsiche rung von Heran wachsen den beiträgt (vgl. Flammer/Alsaker 2011). Im Zusammen hang mit dem letzt genannten Stil ver weisen Maccoby und Martin (1983) auf die Bedeu tung des elter lichen involvements, ver standen als „degree to which a parent is committed to his or her role as a parent, and to the fostering of ‚optimal child development‘“ (S. 48). Dabei ver weisen sie u. a. auf eine finnische Studie von Pulk kinnen (1982), die einer eltern­zentrierten (selbst süchti gen) Erziehung eine kindzentrierte Lenkung (child-centered guidance) gegen über stellt. Zu den Kennzeichen einer kindorientierten Haltung zählen: „Parent knows child’s whereabouts, activities, and associates when child is away from home. Parent is interested in events at child’s school. Daily conversation occurs between parent and child. Parent consider child’s opinion.“ (Maccoby/Martin 1983, S. 50) Weitere Kennzeichen sind Ver trauen, in sich konsistentes und be ständi ges Ver halten, an gemessene an stelle willkür licher Sanktionen (unter Aus bleiben von physischen Strafen) sowie eine demokrati sche Atmosphäre (ebd.). Martin und Maccoby zufolge korrespondiert elter liches Involvement mit einem autori­ tativen Erziehungs stil und wirke sich zudem positiv auf die kind liche Ent wick­ lung aus (vgl. ebd., S. 51). Um eine über mäßige, der kind lichen Ent wick lung abträg liche Kindzentrie rung zu ver meiden, schlagen sie vor, das elter liche Involvement an dem kind lichen Ent wick lungs stand auszu richten und mit zu­ nehmen dem Alter der Kinder zurück zunehmen. 2.3.2 Intentionales medien erzieheri sches Handeln in der Familie Die oben ge nannten Dimensionen elter lichen Handelns wurden u. a. auch auf das medien erzieheri sche Handeln über tragen. Medien erziehung – ver standen als intentionales Handeln – zielt auf die Medien kompetenzförde rung von Kindern und kann in Anleh nung an Kammerl (2011) folgender maßen definiert werden: „Im engeren Sinne kann – an gelehnt an den intentionalen Erziehungs begriff von Brezinka (1974) – Medien erziehung zunächst ver standen werden als intentionale Hand­ lun gen, mit denen ver sucht wird, Kindern einen als positiv be werteten Umgang mit (i. d. R. positiv be werteten) Medien beizu bringen. In dieser allgemeinen Bestim mung schließt dies die Handlun gen ein, die auf eine Förde rung von Medien kompetenz ab­ zielen. Die Defini tion würde aber eben falls all jene Handlun gen mit einschließen, die ver suchen, die Medien nutzung der Kinder zeit lich oder inhalt lich zu be einflussen“ (ebd., S. 184 f.). 40 Neben der zeit lichen und inhalt lichen Beeinflus sung ließe sich zudem der Aspekt der Zugangs regulie rung er gänzen, da Eltern die Medien nutzung in erster Linie dadurch be einflussen, welches Medien angebot sie ihren Kindern bereit stellen. Intentionales medien erzieheri sches Handeln kann unter schied lich ge staltet sein, setzt aber streng ge nommen voraus, dass sich Eltern Gedanken über die Ziel rich tung ihres er zieheri schen Handelns machen. Die meisten empiri schen Befunde liegen zum Thema Fernseherziehung vor (s. a. Über blick bei Aufenanger 1988). Wie unter schied lich Eltern beispiels weise mit der Fernsehnut zung ihrer Kinder umgehen, zeigt die Studie von Kübler und Swoboda (1998) am Beispiel von Vor schul kindern. 72 Prozent der 469 be fragten Eltern gaben an, Regeln zum Fernsehen auf gestellt zu haben. Zu den wichtigsten Ver einba rungen zählten die Regeln zur Dauer und Tages zeit der Nutzung und zur Auswahl der Sendun gen. Andere Eltern gaben an, dass die Kinder nur fernsehen dürften, wenn be stimmte Bedin gungen erfüllt seien (z. B. Zimmer auf geräumt, Schul aufgaben ge macht). 3 Prozent gaben an, dass die Kinder über haupt nicht fernsehen dürften (Fernsehabstinenz). In den Antworten spiegelte sich zudem wider, dass manche Eltern die Regeln nicht allzu ernst nehmen oder dass sie Regeln formulie ren, die genaugenommen keine sind (z. B. das Kind sollte nicht so häufig umschalten). In 27 Prozent der Fälle gaben die Eltern an, die Fernsehnut zung gar nicht zu reglementie ren, worunter auch die Eltern fallen (die Autoren sprechen von zwei Fällen), die im Sinne des Laissez­ faire ihren Kindern zu gestehen, alles machen zu können, was sie wollen. Schorb und Theunert (2001) unter suchten im Rahmen einer Studie zur Akzeptanz des Jugendmedien schutzes u. a. auch das fernseherzieheri sche Ver­ halten von Eltern. Dabei unter scheiden sie zwischen einer argumentativen Fernseherziehung, die sich dadurch aus zeichnet, dass mit den Kindern gemein­ sam über ihr Fernseh verhalten beraten und mit ihnen gemeinsam aus gehandelt wird, was sie an schauen dürfen. Auch findet eine Anschluss kommunika tion über gesehene Sendun gen statt. Die direktive Fernseherziehung basiert dem­ gegenüber auf klaren Vor gaben der Eltern, wann Fernsehen erlaubt ist und welche Inhalte die Kinder sehen dürfen. Bei der begleiten den Fernseherziehung sehen die Eltern gemeinsam mit den Kindern fern und bei der Laissez-faire- Praxis setzen sich die Eltern nicht mit der Fernsehnut zung der Kinder aus­ einander und lassen sie selbst ent scheiden, was und wie viel sie fernsehen (S. 67). Die Ergeb nisse der Studie zeigen, dass die Mehrheit der Befragten45 die argumentative dicht ge folgt von der direktiven Fernseherziehung be fürworten und insbesondere die Laissez­faire­Praxis kaum Zustim mung erfährt. In der 45 Befragt wurden 1.010 Erwachsene (mit und ohne Kinder) sowie 552 Abonnenten des damali gen Bezahl­ fernsehsenders Premiere World (eben falls mit und ohne Kinder). 41 Praxis greifen die Eltern46 allerdings an erster Stelle auf direktive Maßnahmen zurück. Die Autoren konstatie ren vor dem Hinter grund der Befunde, dass Fernseherziehung weder statisch ist, noch in Reinform auf trete: „Selbst Eltern, die davon über zeugt sind, dass der beste Weg, Kindern einen sinn vollen Umgang mit dem Fernsehen beizu bringen, im gemeinsamen Aus handeln, also auf argumentativer Basis beruht, kommen an gesichts der Fernsehlust ihrer Kinder oftmals nicht umhin, klare Grenzen zu setzen. Ein situa tions geleite ter Mix unter schied licher Maßnahmen ist in vielen Familien die Regel, insbesondere wenn die Eltern keine rigiden Erziehungs konzepte ver folgen und die Kinder im fernsehbegeisterten Alter sind.“ (ebd. S. 70) Über dies stellten die Autoren fest, dass die fernseherzieheri schen Maßnahmen der Eltern bis zum 15. Lebens jahr reichen und danach zurück gehen, was mit einem Anstieg der Laissez­faire­Praxis mit zunehmen dem Alter der Kinder einher gehe (vgl. ebd., S. 72). Das Ergebnis korrespondiert mit den Befunden von Barthelmes und Sander (1997), die in ihrer Unter suchung zur Rolle von Medien im Alltag von Jugend­ lichen fest stellten, dass die Medien konzepte der Eltern mit zunehmen dem Alter der Kinder „auf weichen“. Zwar würden auch medien bezogene Risiken und Konflikte benannt, doch sei die allgemeine Haltung der Eltern gegen über Medien eher positiv und tolerant. Bezüg lich des medien erzieheri schen Ver hal­ tens unter scheiden die Autoren vier Konzepte: konsequent (streng, be stimmend), inkonsequent (wider sprüch lich, nicht folgerichtig), akzeptierend (billigend, annehmend), permissiv (locker, gewährend) (S. 121). In den in der Studie unter­ suchten 22 Familien fand sich bei den Eltern eine über wiegend akzeptierende Haltung gegen über den Medien und der Medien nutzung der Heran wachsen den und ein ent sprechend aus gerichte tes medien erzieheri sches Handeln, für das u. a. charakteristisch ist, dass den Jugend lichen die Ver antwor tung für ihre Medien nutzung zu gestanden wird. Sie nutzen zwar die Medien häufiger allein, jedoch zeigen die Eltern ein großes Interesse an ihren Medien vorlieben.47 Neuere Studien liegen inzwischen im Hinblick auf den er zieheri schen Umgang mit Computer, Internet und Spielen in der Familie vor, die häufig Konflikte hervor rufen (z. B. Steiner/Goldoni 2011, Kammerl et al. 2012 zur exzessiven Internetnut zung). Den Ergeb nissen der Studie von Steiner und Goldoni (2011) zum medien erzieheri schen Handeln von Eltern mit Kindern im Alter von 10 bis 17 Jahren zufolge sprechen 70 Prozent der Eltern mit ihren 46 Die Teilstichproben umfassen 322 Befragte mit Kindern der Bevölke rungs stichprobe und 248 Befragte mit Kindern der Abonnenten stichprobe. 47 Für eine Gegen überstel lung des „konsequenten“ und des „akzeptie ren den“ Medien erziehungs konzepts siehe Barthelmes/Sander 1997, S. 126 f. Bemerkens wert sind die in dieser Gegen überstel lung be rück­ sichtigten „Tendenzen“: So kann ein akzeptie ren des Konzept bei Über forde rung durch aus zu einem permissiven Umgang (locker, gewährend) führen. 42 Kindern immer oder oft über ihre Erfah rungen im Internet. Fast ebenso viele Eltern gaben an, auf die Alters freigaben von Computer spielen zu achten. 64 Prozent limitie ren die Medien nutzung in zeit licher Hinsicht und über die Hälfte der Eltern hat eine Schutz­/oder Kontrollsoftware installiert. Unabhängig vom Bildungs hintergrund der Eltern und dem Alter der Kinder zeigte sich, dass das medien erzieheri sche Handeln der Eltern geringer aus fällt, wenn das Kind einen internet fähigen Computer im eigenen Zimmer stehen hat. In einigen Studien finden sich auch Anhaltspunkte, wie Kinder das auf ihre Medien nutzung be zogene Ver halten wahrnehmen: So zeigt eine österreichi sche Unter suchung von 3­ bis 10­Jährigen, dass die Eltern z. B. wissen wollen, was die Kinder am Computer machen (2010: 42 %, 2007: 35 %), dass sie schimpfen, wenn die Kinder zu lange am Computer sitzen (2010: 36 %, 2007: 27 %) oder dass die Eltern in der Wahrneh mung der Kinder es nicht gern sehen, wenn diese am Computer sitzen (2010: 27 %, 2011: 17 %). Demgegenüber gaben allerdings nur 15 Prozent der Kinder an, mit ihren Eltern oft gemeinsame Zeit am Computer zu ver bringen (2007: 23 %) (Bildungs Medien Zentrum 2010).48 2.3.3 Modelle und Typologien medien erzieheri schen Handelns Die Forschung zum medien erzieheri schen Handeln von Eltern zeichnet sich im Gegen satz zur parental media tion­Forschung u. a. dadurch aus, dass sie das unmittel bar auf die Medien nutzung be zogene Handeln in einen größeren Kontext einbettet und be rücksichtigt, dass Medien erziehung von ver schiedenen Faktoren be einflusst wird. Aufenanger (1988) stellte in einem Modell ver schiedene Faktoren zusammen, die aus seiner Sicht ein elter liches Medien erziehungs­ konzept49, ver standen als eine hand lungs leitende Alltagstheorie (vgl. Aufenanger 1994), kennzeichnen (s. Abbil dung 2­1): „Dieses Konzept umfaßt u. a. Regeln des Zugangs zum Fernsehen, elter liche Vor stel lungen über die Wirkun gen von Medien, Erziehungs stile, Wert vorstel lungen, Alltags routinen und familiale Kommunika tions formen“ (Aufenanger 1988, S. 429).50 Vor dem Hinter grund dieses Modells unter suchte Aufenanger das medien­ erzieheri sche Handeln in 85 Familien mit Kindern im Alter von 3 bis 10 Jahren. Die Ergeb nisse zeigen, dass die Eltern sehr unter schied liche Vor stel lungen zur 48 In der Studie wurden 503 Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren (Face­to­Face), 300 Eltern von Kindern im Alter von 3 bis10 Jahren (Face­to­Face) sowie 200 Pädagogen in Kindergärten und Volks schulen (CATI) befragt. 49 Aufenanger (1994) unter scheidet fünf Medien erziehungs konzepte: Lizenzie rung (Ertei lung der Fernseh­ erlaubnis), Limitie rung (Einschrän kung der Fernsehdauer), Akzeptanz (im Sinne von Laufen­ und Sehen­ lassen), Ableh nung (Fernseh verbot), Akzeptanz (im Sinne eines in die Familie integrierten Medien angebots). 50 Kammerl (2011) plädiert zudem dafür, auch die emotional­affektive Dimension von Familien strukturen im Kontext der familialen Medien nutzung zu be rücksichti gen: „Die emotionale Qualität der Eltern­Kind­ Beziehung scheint ein maß geblicher Indikator zur Erklä rung von Differenzen in der Quantität der Medien nutzung, aber auch in der Erklä rung von Art und Funktionen der Medien nutzung zu sein“ (S. 190). 43 Wirkung von Medien haben, die auch ihr medien erzieheri sches Handeln be­ einflussen. Im Hinblick auf das Alter zeigte sich, dass die Eltern die Programm­ auswahl bei jüngeren Kindern stärker be stimmen als bei älteren Kindern. Hinsicht lich des Geschlechts des Kindes oder das Vor handensein von Ge­ schwistern konnten keine gravie ren den Unter schiede fest gestellt werden. Eine be deutende Rolle spielten indes schichtspezifi sche Variablen: „Tendenziell neigen Eltern mit niedri ger Aus bildung und geringem Berufs status zu rigide ren Regeln und zu mehr Ver boten; Kinder dieser Eltern konsumie ren auch regel­ mäßig täglich Fernsehprogramme“ (Aufenanger 1988, S. 434). In der Studie „Kinder und Medien 2003/2004“ (Mohr/Schumacher 2004) wurde u. a. unter sucht, welchen Stellen wert Eltern den Medien und insbesondere dem Fernsehen zuschreiben, welche Funktion das Fernsehen für sie hat, wie sie die medien bezogenen Aktivi täten ihrer Kinder be werten und wie die Fernseherziehung im Familienalltag aus sieht. Mit Blick auf die fernseherzieheri­ schen Aspekte zeigen die Ergeb nisse: 65 Prozent der Eltern gaben an, dass sie gemeinsam mit ihren Kindern ent scheiden, welche Sendun gen diese sehen. Eltern nutzen das Fernsehen durch aus als Mittel zur Beloh nung, aber noch mehr zur Bestra fung: 56 Prozent ver bieten ihrem Kind das Fernsehen, wenn es un gezogen war. Die Hälfte der be fragten Eltern nutzt das Fernsehen auch schon mal, um Zeit für sich zu haben. Eben falls 50 Prozent sind der Meinung, Gesellschafts- Ebene Institutionelle Ebene Eltern Kind soziale Schicht, sozial-ökonomische Faktoren kulturell bedingte Normen und Wertvorstellungen Familienform, -struktur und -dynamik Mediennutzung Medienpräferenz Medienerziehungskonzept – Bedeutung von Medien – pädagogischer Stellenwert von Medien – unterstellte Wirkung – Auswahl- und Zugangsregeln – soziale Kontrollformen bei Medienproblemen Mediennutzung Persönlichkeits- Medienpräferenz struktur intervenierende Variablen Alter und Geschlecht des Kindes Geschwisterkinder Persönlichkeit des Kindes Allgemeines Erziehungs- konzept Abbil dung 2‑1: Dimensionen und Beziehungen des elter lichen Medien erziehungs konzepts Quelle: Aufenanger, Stefan (1988): Die medien pädagogi sche Bedeu tung von elter lichen Medien erziehungs­ konzepten, S. 429. 44 dass Kinder sich beim Fernsehen nach den Erwachsenen richten müssten. Wie mit dem Fernsehen um gegangen wird, ist vom Alter der Kinder, von der Einstel lung der Eltern gegen über Medien, aber vor allem ab hängig von dem Bildungs hintergrund der Eltern: Höher ge bildete Eltern kontrollie ren die Fern­ sehnut zung ihrer Kinder stärker und ver wenden es weniger als Sank tions mittel oder als Babysitter.51 Im Hinblick auf das Alter der Kinder zeigt sich, dass die Eltern den jüngeren Kindern weniger Autonomie in Bezug auf die Sendungs­ auswahl einräumen als den älteren. Mittels Cluster analyse wurden sechs Eltern­ typen ge bildet, die ent lang der Dimensionen formale Bildung und Alter der Kinder ver ortet wurden (vgl. Abbil dung 2­2).52 Abbil dung 2‑2: Elterntypologie nach formaler Bildung und Fernseherziehung der Eltern N = 2.065 Eltern 6­ bis 13­jähri ger Kinder Quelle: ARD/ZDF­Studie „Kinder und Medien 2003/2004“. Aus: Mohr, Inge / Schumacher, Gerlinde (2006): Die Rolle der Eltern – Medien nutzung und Erziehungs stile, S. 33. 51 Vgl. auch Paus­Hasebrink/Bichler (2008), die hierzu korrespondierend mit Blick auf die von ihnen unter­ suchten sozial­benachteiligten Familien fest stellen, dass die Eltern – und insbesondere alleinerziehende Mütter – den Fernseher häufig als Babysitter einsetzen, um in der Zwischen zeit etwas anderes machen zu können. 52 Die formale Bildung sowie das Alter der Kinder er wiesen sich als starke Einfluss variablen und wurden in die Elterntypologie mit einbezogen. Die Elterntypologie basiert auf einer Befra gung von 2.065 Eltern mit Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren. ältere Kinder jüngere Kinder höhere Bildung Gleichgültige 23% Fernseh-Affine 24% Medien- kritische 8% New Media Affine 9% Stimulations- sucher 16% Restriktive 18% niedrigere Bildung 45 Im Hinblick auf die Fernseherziehung zeigt sich, dass die Fernsehaffinen (24 %) die Fernsehnut zung ihrer Kinder sehr stark kontrollie ren und das Fernsehen häufig als Beloh nung einsetzen. Es wird gemeinsam ent schieden, was das Kind sehen darf, aber die Eltern informie ren sich auch über an gebotene Kinder sendun gen.53 Den Fernseherziehungs stil der Gleichgülti gen (23 %) (mit älteren Kindern) wird als Laissez­faire charakterisiert. Die Kinder dürfen die Sendun gen, die sie sehen möchten, selbst aus wählen und auch die zeit liche Dauer der Nutzung be stimmen. Das Fernsehen wird nur selten zur Sanktionie rung ein gesetzt. Gemeinsames Fernsehen findet in der Regel nicht statt. Die Stimula tions sucher (16 %) weisen dem Fernsehen eine hohe kommu­ nikative und Orientie rungs funk tion zu. Auch wenn sie der Fernsehnut zung der Kinder ambivalent gegen über stehen, darf das Kind durch aus allein fernsehen. Das Fernsehen wird auch als Sank tions mittel ein gesetzt und bei schlechten Schulleis tungen reduziert. Aus Sicht der Autorinnen ist bei diesem Typ die Kluft zwischen der negativen Einstel lung gegen über Medien und der medien­ erzieheri schen Praxis be sonders groß (S. 36). Ihrer Bezeich nung ent sprechend praktizie ren die Restriktiven (18 %) eine ver gleichs weise rigide Fernseherziehung, die durch einen geringen Grad an kind licher Autonomie ge kennzeichnet ist. Dem Fernsehen wird eher ein nega­ tives Wirkungs potenzial zu geschrieben. Eltern dieses Typus’ setzen Fernsehen im Ver gleich am häufigsten als Sank tions mittel ein (Entzug bei Un gezogen heit, Reduk tion bei schlechten Schulleis tungen). Die New Media Affinen (9 %), bei denen es sich größtenteils um Väter handelt, haben eine hohe Affinität für neue Medien und zeigen sich auch der Computer­ und Internetnut zung von Kindern gegen über positiv ein gestellt. Das Fernsehen wird hinsicht lich seiner Wirkun gen als neutral ein geschätzt. Der Fernsehnut zung des Kindes stehen die Eltern ver gleichs weise gleichgültig gegen über. Gemeinsames Fernsehen ist den Eltern nicht wichtig. Zudem zeigen sie sich auch nicht be sonders gut über das Kinderfernsehprogramm informiert. Ähnlich wie die Stimula tions sucher und die Restriktiven sehen die New Media Affinen im Fernsehentzug ein durch aus probates Erziehungs mittel. Die Medien kritischen (8 %) haben ein negatives Bild vom Fernsehen und seinen Wirkun gen. Die Eltern ent scheiden in der Regel über die Inhalte und den zeit lichen Umfang der Fernsehnut zung. Anders als die Restriktiven nutzen sie das Fernsehen jedoch nicht als Sank tions mittel. Eine ähnliche Typologie er stellten Schorb und Theunert (2001) mit Blick auf die Fernseherziehung im Familienalltag und das Thema Jugendmedien­ 53 Die Typen können in diesem Kontext nur ver kürzt dargestellt werden. Für eine detailliertere Beschrei bung siehe Mohr/Schumacher (2004). 46 schutz. Auf der Basis qualitativer Interviews54 wurden fünf „Ver haltens typen“ identifiziert (vgl. S. 98 f.): Reglementie rer: Richti ger Umgang mit Fernsehen resultiert aus Reglementie­ rung und Kontrolle. Erzieher: Richti ger Umgang mit dem Fernsehen resultiert aus be wusster und aktiver Erziehung. Flexible: Flexible Steue rung lenkt den Fernsehumgang in die richti gen Bahnen. Technische Jugendschutz technik ver hindert unerwünschten Fernsehkonsum. Regulie rer: (Wenn weiter gehende Medien erziehung statt findet, dann mit starren Regeln.) Negierer: Es ist allein Sache der Eltern, wie Kinder mit dem Fernsehen umgehen. (Reglementie rung wird für andere Familien be­ fürwortet, Probleme mit dem Fernsehen werden in der eigenen Familie jedoch nicht erkannt.) Im muster übergreifen den Ver gleich er wiesen sich insbesondere die Einstel­ lungen der Eltern gegen über dem Fernsehen, ihre eigenen Nutzungs gewohn­ heiten sowie das Maß an Erziehungs aktivi tät als be deutsame Faktoren (vgl. ebd., S. 130). Auch wenn die dargestellten Typologien mittels unter schied licher Ver fahren erfasst wurden und eine unter schied liche Anzahl an Typen identifizie ren, sind die Studien insofern auf schluss reich als sie deut lich machen, dass es sinn voll ist, die Eltern nicht nur im Hinblick auf ihr medien bezogenes Handeln zu unter scheiden, sondern dabei auch die Einstel lung der Eltern gegen über Medien sowie die eigene Nutzung mit ein zubeziehen. 2.3.4 Die Medien erziehung be einflussende Faktoren Die obengenannten Modelle und Typologien medien erzieheri schen Handelns ver weisen darauf, dass dieses von ver schiedenen Faktoren ab hängig ist bzw. durch ver schiedene Faktoren be einflusst wird (vgl. u. a. Aufenanger 1988, Hein/ Hirsch häuser 2012), die durch weitere empiri sche Befunde differenziert und ergänzt werden. 54 Insgesamt wurden 53 Eltern und 62 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren befragt. Die Aus wertung er folgte in einem zweistufigen Ver fahren: Zunächst wurden alle Aus sagen auf Familienebene interpretiert und daran an schließend familien übergreifende Muster zur Familien erziehung und zum Umgang mit dem Jugendmedien schutz identifiziert, denen die Familien zu geordnet werden konnten. Aus gangs punkt für die Musterbil dung bildete die Frage, wie ein er wünschter Fernsehumgang aus der Perspektive der Eltern er reich bar ist (S. 97). Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass die Familien diese Typen nicht in Reinform ver körpern. 47 Die medien biografi schen Erfah rungen der Eltern, ihre persön lichen Medien­ präferenzen und ­nut zungs gewohn heiten, ihre Einstel lungen gegen über Medien (und deren Einfluss auf das Familien leben) sowie ihre Selbsteinschät zung be züglich Medien kompetenz be einflussen in hohem Maße ihr medien erzieheri­ sches Ver halten (u. a. Barthelmes/Sander 1997). So zeigen beispiels weise die Ergeb nisse der FIM­Studie, dass sich Eltern in Fragen der Medien erziehung größtenteils (sehr) kompetent fühlen, die den Einfluss der Medien auf das Familien leben positiv be werten, im Gegen satz zu denjenigen, die den Einfluss eher negativ einschätzen und sich eher weniger bzw. gar nicht kompetent fühlen (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2012, S. 87).55 Steiner und Goldoni (2011) stellen zudem fest, dass eine geringe Medien kompetenz der Eltern mit einem geringen Maß an medien erzieheri schen Aktivi täten einher geht (Steiner/Goldoni 2011). Über dies wird Medien erziehung durch die Sensibili tät der Eltern für bzw. die Wahrneh mung von potenziellen Risiken be einflusst. Aktuelle Studien zur Onlinenut zung von Kindern ver weisen zum Beispiel darauf, dass Eltern dazu neigen, den Kontakt ihrer Kinder mit manchen Risiken zu über schätzen, während sie andere negative Online erfah rungen ihrer Kinder nicht mitbekom­ men (vgl. z. B. Livingstone et al. 2011). Neben diesen eher medien bezogenen Faktoren lassen sich auch allgemeine Faktoren anführen (vgl. Six et al. 2000, Hein/Hirsch häuser 2012). Hierzu zählen z. B. soziodemografi sche Merkmale der Eltern bzw. Familien, das Familien klima (inklusive der Kommunika tion innerhalb der Familie), der allgemeine Erziehungs stil sowie Werte­ und Normen vorstel lungen, aber auch situative Faktoren wie z. B. familien spezifi sche Alltags belas tungen oder be­ sondere Problemsitua tionen (z. B. Schei dungs situa tion o. Ä.). In der Studie von Kammerl et al. (2012) zur exzessiven Computer­ und Internetnut zung Jugend­ licher konnte ge zeigt werden, dass es in Familien, in denen gravierende Pro­ bleme be züglich der Computer­ und Internetnut zung be stehen, zwar viele Regeln gibt, aber Defizite bei der klaren Kommunika tion der Regulie rungen be stehen (Hirsch häuser/Rosen kranz/Kammerl 2012, S. 158), was darauf hindeutet, dass elter liche Maßstäbe – sofern sie denn vor handen sind – nicht immer hinreichend transparent sind.56 Einen weiteren be deutsamen Faktor stellt die emotionale Nähe zwischen Eltern und Kindern dar. Analog zu den Erkennt nissen der Erziehungs stil for­ schung, die den Aspekt der emotionalen Wärme be rücksichtigt, stellen Neumann­ 55 Der Zusammen hang gilt natür lich auch in um gekehrter Richtung, d. h. dass Eltern mit geringer Selbst­ einschät zung be züglich der eigenen Medien kompetenz auch eine negative Haltung gegen über Medien haben. 56 Die Autoren werten dies als „einen Mangel im Erziehungs handeln der Familien“ (S. 158), weil es an orientie rungs stiften den Strukturen fehle, die „zentrales Merkmal be währter Medien erziehung“ (ebd.) seien. 48 Braun/Charlton/Roesler (1993) mit Bezug auf Schnee wind/Beckmann/Engfer (1983) fest, dass der „Dichte der Eltern­Kind­Beziehung“ eine ent scheidende Rolle zukomme: Je enger die Beziehung zum Kind ist, desto intensiver setzen sich die Eltern mit dessen Medien nutzung (hier: die Fernsehnut zung) auseinander und haben im Blick, was und wie viel es sieht (Neumann­Braun/Charlton/ Roesler 1993, S. 499). Bezüg lich der soziodemografi schen Faktoren zeigt sich, dass die Mütter, die in der Regel immer noch die haupterziehende Person sind, ihren Beitrag zur Medien erziehung höher einschätzen als Väter und häufiger an geben, mit den Kindern über neue Medien zu sprechen, sie aber auch bei der Medien­ nutzung ge zielt einzu schränken (Steiner/Goldoni 2011). Allerdings fühlen sich der FIM­Studie zufolge die Väter in Fragen der Medien kompetenz etwas kompetenter als die Mütter (vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2012). Die Befunde zum Einfluss des formalen Bildungs hintergrundes sind hetero­ gen. Während Kübler und Swoboda (1998) im Zusammen hang mit der Fernseh­ nut zung von Vor schul kindern keinen signifikanten Zusammen hang zwischen dem Bildungs hintergrund und dem Vor handensein von Regeln fest stellen, zeigen andere Studien, dass bil dungs fernere Familien sich weniger mit dem Thema Medien erziehung be fassen. Sie kommunizie ren weniger mit dem Kind über Medien und stellen auch weniger Regeln und Ver bote auf (Steiner/Goldoni 2011). Zudem finden sich in den vor liegen den Studien Hinweise, dass insbesondere in sozial­benachteiligten Familien ein inkonsequentes und wider sprüch liches (Medien)er ziehungs verhalten praktiziert wird, in dem medien kompetenz för­ dernde Maßnahmen keinen Platz haben (vgl. Paus­Hasebrink/Bichler 2008, 2009, Kammerl 2011). Vielmehr werden Grenzen willkür lich gesetzt oder Regeln auf gestellt, aber nicht auf deren Einhal tung ge achtet. Eine kommunikative, der Medien kompetenz förder liche Auseinander setzung mit der Medien nutzung und den Medien erleb nissen der Kinder findet in diesen Familien nicht statt (vgl. Paus­Hasebrink/Bichler 2008, 2009, Paus­Hasebrink 2010). Im Hinblick auf die Frage, inwieweit die Familien konstella tion einen Einfluss hat, liegen nur wenige Befunde vor. Den Ergeb nissen von Steiner/Goldoni (2011) zufolge lassen sich be züglich des medien erzieheri schen Handelns keine Unter schiede zwischen Alleinerziehen den und Familien mit zwei Elternteilen fest stellen.57 Offensicht lich kommt der Aspekt dann zum Tragen, wenn die familiären Rahmen bedin gungen ungünstig sind. So stellten Paus­Hasebrink/ Bichler (2008, 2009) in ihrer Studie zu sozial­benachteiligten Familien fest, 57 Die Autoren ver weisen in dem Zusammen hang auf eine niederländi sche Studie, der zufolge in Familien mit geschiedenen Eltern deut lich weniger medien erzieheri sche Aktivi täten fest zustellen waren (Notten/ Kraakamp 2009). 49 dass die alleinerziehen den Mütter den Fernseher häufig als Babysitter einsetzen, weil sie Zeit für sich selbst und ge gebenen falls für den neuen Partner benöti­ gen. 2.4 Zusammen fassung und Schluss folge rungen für die empiri sche Unter suchung In der Forschung zum elter lichen Umgang mit der Medien nutzung ihrer Kinder lassen sich zwei zentrale Forschungs rich tungen bzw. Konzepte unter scheiden: Zum einen das Konzept der parental media tion, das sich aus einer eher psychologi schen Perspektive mit der Frage befasst, wie Eltern die Medien­ nutzung ihrer Kinder be gleiten und wie sich diese Beglei tung auf die Medien­ nutzung der Kinder aus wirkt bzw. welche Form der Beglei tung sich als beste erweist. Aus gehend von der Forschung zum elter lichen Umgang mit Fernsehen wurden die Instrumente zur Erfas sung sogenannter media tion­Stile auf neue Medien über tragen, an gepasst und er weitert. Auch wenn die Befunde unein­ heit lich und auf grund der unter schied lichen Unter suchungs anlagen und ver­ wendeten Begrifflich keiten nur bedingt ver gleich bar sind, kristallisiert sich als zentrales Ergebnis heraus, dass zwar restriktive Maßnahmen ge eignet sind, um Kinder von problemati schen bzw. risikobehaf teten Inhalten fernzuhalten und dadurch negative Wirkun gen zu reduzie ren. Allerdings wird in diesem Zusammen hang – insbesondere in neueren Studien, die sich mit den Chancen und Risiken von Onlinemedien be fassen – auch darauf hin gewiesen, dass restriktive Maßnahmen sowohl die Nutzung der Potenziale als auch die Aus­ bildung eines kompetenten Umgangs mit den aktuellen Technologien be­ schneiden (vgl. Duerager/Livingstone 2012). Zum anderen liegen Studien vor, die sich aus einer (medien­)pädagogi schen Tradi tion heraus mit dem Thema Medien erziehung be fassen und der Frage nach gehen, wie Eltern ihre Kinder zu kompetenten Medien nutzern er ziehen und sie dabei unter stützen können, die Potenziale der Medien eigen verantwort­ lich und für sie gewinn bringend zu nutzen und dabei das Risikopotenzial so gering wie möglich zu halten bzw. mit potenziellen Risiken souverän umzu­ gehen. Die Befunde dieser Studien deuten darauf hin, dass insbesondere ein autoritatives Ver halten der Eltern, das sich einer seits durch emotionale Ver­ bunden heit mit dem Kind und anderer seits durch ein hohes Maß an Unter ­ stützung aus zeichnet, die besten Voraus setzungen bilden, um einem Kind einen eigenständi gen Umgang mit den Medien zu er möglichen. Zudem ver weisen die Studien darauf, dass Medien erziehung mehr umfasst als die Regulie rung der kind lichen Medien nutzung bzw. dass diese von ver­ schiedenen Faktoren be einflusst wird: Die Haltung der Eltern gegen über Medien, ihre Vor stel lungen über Medien wirkun gen, ihr eigenes Medien nut zungs verhalten 50 sowie ihre allgemeinen Vor stel lungen von Erziehung haben ebenso wie die familiären Rahmen bedin gungen (z. B. Familien konstella tion, Bildungs hinter­ grund, Einkommen, Problembelas tungen etc.) einen Einfluss darauf, welcher Stellen wert den Medien im Familienalltag bei gemessen wird, inwieweit Eltern ihren Kindern einen Zugang zu Medien eröffnen, ob und auf welche Weise sie sich mit der Medien nutzung ihrer Kinder auseinander setzen und inwieweit sie einen eigen verantwort lichen und reflektierten Umgang mit Medien fördern. Beide Konzepte geben wichtige Impulse für die vor liegende Studie. Mit ihrem Anliegen, die medien erzieheri schen Ansprüche und Leit vorstel lungen von Eltern einer seits und die prakti sche Umset zung im Familienalltag anderer­ seits zu unter suchen, liegt der vor liegen den Studie in doppelter Hinsicht ein weiter Begriff von Medien erziehung zugrunde: Zum einen wird der Blick der parental media tion Forschung er weitert, indem das Medien handeln der Eltern im Kontext der familialen Situa tion be trachtet bzw. vor dem Hinter grund der elter lichen Leit vorstel lungen zur Medien erziehung reflektiert wird. Zum anderen folgt die Studie einer weiten Auf fassung von Medien erziehung, die neben den intendierten auch die nicht­intendierten (mediensozialisatori schen) Einflüsse sowie die familialen Rahmen bedin gungen be rücksichtigt. Schließ lich wird der Blick auch noch dahin gehend ge weitet, dass der Frage nach gegangen wird, wodurch die elter lichen Leit vorstel lungen ge prägt wurden. Bisherige Studien zur parental media tion oder zur Medien erziehung unter­ suchten den elter lichen Umgang mit der Medien nutzung der Kinder in der Regel am Beispiel eines Mediums. An gesichts der zunehmen den Mediatisie rung von Familie und dem mit dem Alter der Kinder umfäng licher werden den Medien repertoire müssen Eltern jedoch nicht nur ihre Vor stel lungen von Medien erziehung im Hinblick auf sehr unter schied liche Medien angebote ent­ wickeln, sie müssen auch in der Praxis jeweils medien spezifi sche Umgangs­ formen finden bzw. diese den sich ver ändernden medialen Gegeben heiten anpassen. Der Über trag bar keit ist dabei – wie sich auch sehr deut lich an den in den Studien modifizierten Skalen und Stilen zur parental media tion zeigt – Grenzen gesetzt. Ver bunden mit dem Ziel, zum einen ein differenziertes Bild des Medien umgangs in Familien zu zeichnen und zum anderen medien über­ greifende Hand lungs empfeh lungen zu formulie ren, wird die Perspektive in der vor liegen den Studie insofern ge weitet als der Umgang mit Medien in ihrer Gesamt heit und insbesondere mit Fernsehen, mit Computer spielen, dem Com­ puter bzw. Internet58 und mit dem Handy/Smartphone be rücksichtigt59 wird. 58 Am Beispiel des Internets werden eben falls die Grenzen der Über trag bar keit von medien erzieheri schen Strategien deut lich. So sind Regeln für die Nutzung von Websites nicht ohne Weiteres auf die Nutzung von sozialen Netz werk platt formen über trag bar. 59 Das Handy kann aus forschungs ökonomi schen Gründen nicht im selben Umfang wie die anderen ge­ nannten Medien be rücksichtigt werden, zumal es sich in vielerlei Hinsicht von den anderen unter scheidet. 51 Für die vor liegende Studie wurde eine Kombina tion quantitativer und quali­ tativer Ver fahren ge wählt, die es erlaubt, sowohl an die Studien der parental media tion­Forschung anzu schließen und zugleich medien erzieheri sches Handeln in die Alltags praxis ein gebettet sowohl aus Eltern­ als auch aus Kinder sicht zu be trachten. Die standardisierte Repräsentativbefra gung zielt insbesondere darauf, gene­ ralisier bare Aus sagen zur Ver brei tung medien erzieheri scher Einstel lungen, Praktiken und subjektiver Bedarfe zu machen. Darüber hinaus sollen Hinweise auf weiter gehende Fragen und Zusammen hänge eruiert und diese im Rahmen der qualitativen Familien studie ver tieft werden. Wie ge zeigt wurde, basiert der über wiegende Teil der Forschung zum Thema Medien erziehung und insbesondere die Studien zur parental media tion auf der Befra gung von Eltern. Da das medien erzieheri sche Handeln jedoch immer zwischen Eltern und Kindern statt findet, scheint es sinn voll, nicht nur die Perspektive der Erwachsenen in die Unter suchung mit einzu beziehen, sondern auch die Perspektive der Kinder. Sie kann Auf schluss darüber geben, wie sie ihre Eltern in der Rolle als Medien erzieher erleben (Wer ist der Medien experte? Wer ist für Medien erziehung zuständig und stellt die Regeln auf?), inwieweit die Regeln wahrgenommen, be wertet, ein gehalten oder mitunter umgangen werden. Zugleich gibt sie Auf schluss darüber, wie ernst sich die Kinder im Hinblick auf ihren Medien umgang ge nommen fühlen. In der Umset zung wurde eine qualitative Befra gung von Eltern und jeweils einem Bezugs kind durch­ geführt und deren Sicht weisen auf das Thema Medien erziehung zusammen­ fassend aus gewertet. Ergänzt werden die Befra gungen durch eine Bestands aufnahme bereits vor handener Informa tions­ und Bera tungs angebote für Eltern, um einer seits deren Bekannt heit und Einfluss auf die medien erzieheri schen Einstel lungs­ und Hand lungs weisen zu er fassen und anderer seits den Bedarf an weiter führen den Informa tions angeboten ab schätzen zu können. 53 3 Vor gehens weise bei den empiri schen Unter suchungs schritten Claudia Lampert Die vor liegende Studie zielt darauf ab, einer seits die empiri sche Basis zum Thema Medien erziehung in Familien mit Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren zu er weitern und zum anderen Hand lungs empfeh lungen im Hinblick auf bedarfs­ gerechte medien pädagogi sche An gebote für Eltern und Familien zu formulie­ ren. Dieser Zielset zung ent sprechend wurde ein modulares Forschungs design ent wickelt, das sowohl qualitative als auch quantitative Ver fahren miteinander kombiniert (vgl. Abbil dung 3­1). Das Gesamtprojekt hatte eine Laufzeit von 15 Monaten und wurde von Juli 2011 bis September 2012 vom JFF – Institut für Medien pädagogik in Forschung und Praxis in München und dem Hans­ Bredow­Institut für Medien forschung in Hamburg durch geführt. Abbil dung 3‑1: Über blick über die Anlage der Studie Modul 1: Auswertung des internationalen For- schungsstands im Bereich Medienerziehung in der Familie Modul 2: Bestandsaufnahme und Analyse von Informations- und Beratungsangeboten zur Medienerziehung Modul 3: Standardisierte computergestützte Face-to-Face-Befragung von Eltern mit Kin- dern im Alter von 5 bis 12 Jahren (N = 453) Untersuchung elterlicher Mediennutzung, Medienerziehungskonzepte, subjektiver medienerzieherischer Kompetenz und prakti- zierter Medienerziehung in den Familien sowie vorhandener Informationsbedarfe und Informa- tionsquellen. Modul 4: Qualitative Familien-Interviews mit Eltern und Kindern (N = 48) Erforschung der Medienerziehung im familialen Kontext, der Ursachen für eine mögliche Dis- krepanz zwischen medienerzieherischem/-er Anspruch und Wirklichkeit sowie spezifischer Bedarfslagen bzw. Informationsbedürfnisse. Modul 5: Formulierung von Handlungsempfehlungen Herausarbeiten von Bedarfen elterlicher Medienkompetenzförderung unter Berücksichtigung unterschiedlicher Akteurs- und Zielgruppen sowie unter Einbezug bereits bestehender Konzepte und Materialien. 54 3.1 Bestands aufnahme und Analyse von Informa tions­ und Bera tungs angeboten zur Medien erziehung Es gibt eine Reihe von Informa tions angeboten, die an Eltern adressiert sind und sich mit der Medien nutzung und der Medienthemen Heran wachsen der be fassen. Im Rahmen dieses Projekts wurde eine Bestands aufnahme vor liegen­ der (über regional) zugäng licher Materialien zur Medien erziehung vor genommen, um zu er mitteln, wie breit und wie vielfältig das An gebot aus sieht und auf dieser Basis eventuelle Lücken und Ansatz möglich keiten zu identifizie ren. Über dies bilden die Ergeb nisse eine wichtige Folie für die quantitative und qualitative Befra gung, in denen die Eltern nach der Kenntnis und Nutzung konkreter Materialien ge fragt wurden. Tabelle 3‑1: Über blick über die Material analyse Einbezogenes Material Medien pädagogi sche Informa tions materialien (Flyer, Broschüren, Internet seiten), die sich an Eltern und Familien richten Anzahl der er fassten Titel 180 Berücksichtigt wurden Materialien, die im Internet als Download zur Ver­ fügung stehen oder in ge druckter Form erhält lich sind (z. B. Broschüren, Flyer, Faltblätter etc.).60 Die Recherche er folgte größtenteils internetbasiert. Im ersten Schritt wurden die Websites von Landes medien anstalten sowie von Ministerien und Behörden auf Bundes­ und Landesebene, inklusive an gegliederter Einrich­ tungen wie BpB oder BZgA, im Hinblick auf Informa tions angebote für Eltern zum Thema Medien gesichtet. Über eine Google­Recherche konnten weitere Informa tions materialien identifiziert werden. Die Ergeb nisse der Bestands aufnahme fließen in das Kapitel 6 ein. Eine Über sicht über die er fassten Materialien findet sich im Anhang. 3.2 Standardisierte Face­to­Face­Befragung Um einen Über blick über die Medien erziehungs praktiken von Eltern zu be­ kommen, wurde im Rahmen der Studie eine standardisierte computer gestützte Face­to­Face­Befra gung (CAPI) mit einer quotierten repräsentativen Stichprobe von 453 Eltern (Haupterziehende) von Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren 60 Bücher bzw. Ratgeberliteratur wurden nicht be rücksichtigt, da diese auf Seiten der Eltern bereits ein ge zieltes Interesse an der Thematik voraus setzen und in Hinblick auf die Bildungs vorausset zung von Eltern als höherschwellig einzu stufen sind (Mühling/Smolka 2007, S. 39). 55 durch geführt. Quotiert wurde nach den Merkmalen Alter und Geschlecht des Bezugs kindes, höchster Bildungs abschluss der Eltern, Migra tions hintergrund, Region (Nielsen gebiete) und Orts größe (politisch).61 Die Quoten vorgaben waren laut TDWI repräsentativ für Haushalte mit mindestens einem Kind im Alter von 5 bis 12 Jahren. Die Durch führung fand im Zeitraum vom 27. November bis 4. Dezember 2011 statt.62 Tabelle 3‑2: Über blick über die quantitative Teilstudie Stichprobe N = 453 Eltern (Haupterziehende) von Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren Rekrutie rungs kriterien Alter und Geschlecht des Bezugs kindes, höchster Bildungs abschluss der Eltern, Migra tions hintergrund, Region und Orts größe. Erhe bungs zeitraum 27. November bis 4. Dezember 2011 Erhe bungs methode Standardisierte computergestützte Face­to­Face­Interviews (CAPI) Erhe bungs instrumente Standardisierter Fragebogen Themen felder – Basis daten zur Medien nutzung und zu Medientätig keiten von Eltern und Kindern sowie zum Medien besitz des Kindes – Elter liche Einstel lungen und Meinun gen zu Fragen der Medien­ erziehung – Subjektive Kompetenz in Bezug auf das medien erzieheri sche Handeln – Medien erzieheri sche Praxis in der Familie – Informa tions bedürfnis und Informa tions nutzung in Bezug auf Medien­ erziehung Interviewdauer Ca. 30 Minuten Die Konzep tion des Fragebogens baut auf dem Forschungs stand zur Medien­ erziehung in der Familie bzw. zur „Parental Media tion“ auf, der zunächst umfassend recherchiert und an schließend im Hinblick auf Aktualisie rungs­ und weitere Forschungs bedarfe aus gewertet wurde. Bei der Ent wick lung des Instruments wurde von Beginn an mit dem Medien­ pädagogi schen Forschungs verbund Südwest (mpfs) kooperiert, der zum Zeit­ punkt des Projekt starts eine Befra gung zur Medien nutzung und Inter aktion in der Familie (FIM­Studie) konzipiert hatte, (Medien pädagogi scher For­ schungsverbund Südwest 2012). Ziel der Koopera tion war es, inhalt liche An­ schlussmög lich keiten an die FIM­Studie zu nutzen, ohne Ergebnis bereiche zu doppeln. In Ab sprache mit dem mpfs wurden zwei Fragen im Bereich der Medientätig­ keiten von Eltern und Kindern sowie zwei Fragen zu kindbezogenen Regeln 61 Die Zusammen setzung der Stichprobe wird aus führ licher in Kapitel 4 be schrieben. 62 Mit der Durch führung wurde das Forschungs institut Enigma/GfK betraut, das die Erhebung als CAPI­ Befra gung mit einer Dauer von 30 Minuten umsetzte. 56 für den Medien umgang in den Fragebogen über nommen.63 Diese grundlegen­ den Fragen wurden zum Teil modifiziert, um diese der Logik des Instruments anzu passen. Auf diese Über nahmen und Modifizie rungen von Fragen der FIM­Studie wird in späteren Ergebnis darstel lungen jeweils ent sprechend hin­ gewiesen. 3.2.1 Aufbau und Inhalte des Fragebogens Ein zentrales Anliegen der Repräsentativbefra gung bestand darin, ein differen­ ziertes Bild im Hinblick auf den er zieheri schen Umgang der Eltern in Bezug auf ver schiedene Medien zu zeichnen. Während sich das Gros der vor liegen den Studien auf ein schmales Medien spektrum, häufig sogar nur ein Medium konzentriert, wurde in der vor liegen den Unter suchung an gestrebt, möglichst viele relevante Medien zu be rücksichti gen. Mit Blick auf die ökonomi sche Durch führ bar keit war jedoch eine inhalt liche Schwerpunkt setzung und Kon­ zentra tion auf aus gewählte Medien notwendig sowie eine Fokussie rung der ver haltens nah formulierten Fragen zur Praxis der Medien erziehung auf ein nach Quoten plan aus gewähltes Kind der Familie (Bezugs kind). Thematisiert wurden die elektroni schen Medien Fernsehen, Computer­/Konsolen spiele in ihrer Gesamt heit (mobil/stationär sowie online/offline), Computer/ Internet sowie Handy/Smartphone. Das Handy/Smartphone konnte allerdings auf grund der be sonde ren Nutzungs möglich keiten und ­praktiken nicht in gleicher Tiefe be rücksichtigt werden wie die drei anderen Medien. Auch auf Kontext fragen zu allgemeinen Erziehungs zielen und ­idealen musste zugunsten einer detaillier­ ten Erfas sung der Medien erziehungs praxis ver zichtet werden. Das Instrument für die standardisierte Elternbefra gung umfasst neben Kontextangaben zur Familien struktur und Soziodemografie folgende Frage­ bereiche:64 – Basis daten zur Medien nutzung und zu Medientätig keiten von Eltern und Kindern sowie zum Medien besitz des Kindes – Elter liche Einstel lungen und Meinun gen zu Fragen der Medien erziehung – Subjektive Kompetenz in Bezug auf das medien erzieheri sche Handeln 63 Die zusammen hängen den Fragen H1 und H2 zu Medientätig keiten im Fragebogen (vgl. Anlage) sind aus der FIM­Studie über nommen (dort Fragen 25 und 25b). Die Modifizie rung bezieht sich zum einen auf eine gröbere Skalie rung im Bereich unter halb einer Nutzungs frequenz von einmal wöchent lich, zum anderen auf eine Differenzie rung in Hinblick auf die Computernut zung. Frage H4 lehnt sich eben falls an die FIM­Studie an (dort 23b), betont jedoch die aktiven Medientätig­ keiten des Kindes, während die FIM­Studie auf die Geräten utzung/­mitnut zung zielt. Die Fragen H21, H22, H23 greifen die medien bezogenen Items der FIM­Fragen 22a, 22b und 22c nach Regeln auf und differenzie ren in Hinblick auf zeit liche Regeln weiter aus. Ferner wurde die Frage 24 ergänzt, die eruieren soll, inwieweit die Kinder die Regeln mitgestaltet haben. 64 Der Fragebogen findet sich im Anhang A1. 57 – Medien erzieheri sche Praxis in der Familie – Informa tions bedürfnis und Informa tions nutzung in Bezug auf Medien­ erziehung 3.2.2 Aus wertung der standardisierten Befra gung Alle inhalt lichen Variablen wurden auf soziodemografi sche Unter schiede ge­ testet. Neben den Quotie rungs merkmalen (geografi sche aus genommen) wurden hierfür folgende Variablen be rücksichtigt: – Geschlecht der Befragten – Alter der Befragten: bis 39 Jahre vs. ab 40 Jahre – Alleinerziehend vs. nicht alleinerziehend65 – Geschwister im Haushalt vs. keine – Geschwister im Jugendalter (13 bis 19 Jahre) im Haushalt vs. keine Darüber hinaus wurden natür lich inhalt liche Zusammen hänge innerhalb und zwischen den Fragebereichen statistisch ge prüft.66 Die Aus wertung er folgte mit Hilfe einer statisti schen Standardsoftware (SPSS Statistics 20). 3.3 Qualitative Familien­Interviews Um die Ergeb nisse aus der quantitativen Erhebung zu ver tiefen und die Ein­ bettung der Medien erziehung in familiale Lebens zusammen hänge sowie die subjektive Bedeu tung der Medien im Alltags handeln ein gehen der zu eruieren, wurden in vier Groß städten Eltern und Kinder aus insgesamt 48 Familien interviewt. Befragt wurden Eltern von Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren. Wie auch in der standardisierten Befra gung stand in Hinblick auf die Medien­ erziehung ein konkretes Kind der Familie im relevanten Alter (Bezugs kind) im Mittelpunkt des Elterninterviews. Dieses Bezugs kind wurde eben falls befragt, um die Darstel lung der Eltern durch die Kinderperspektive zu er­ gänzen.67 Die Berücksichti gung von vier Städten in unter schied lichen Bundes­ ländern sollte vor allem die Varianz der Familien erhöhen. Die Erhebung konzentrierte sich auf Groß städte, da hier von ver gleichs weise guten Voraus­ 65 Als alleinerziehend sind hier diejenigen Befragten definiert, die nicht in einer Ehe oder eheähn lichen Gemein schaft leben. Diejenigen, die keine Angaben zur familiären Lebens situa tion machten, wurden direkt ge fragt, ob sie alleinerziehend sind. 66 In allen Unter schieds­ und Zusammen hangs tests wurde eine alpha­Fehlerwahrscheinlich keit von kleiner 5 % (zweiseitig) akzeptiert. 67 Aus methodi schen Gründen wurden nur Kinder einbezogen, die bereits die Grundschule be suchten, andernfalls wurde nur das Elternteil befragt. 58 setzungen für die Inanspruchnahme er zieheri scher Informa tions­ und Bera­ tungs angebote aus gegangen werden kann. Tabelle 3‑3: Über blick über die qualitative Teilstudie Sample N = 48 Familien (48 Elterninterviews und 43 Kinderinterviews) Rekrutie rungs kriterien Alter und Geschlecht der Kinder, höchster formaler Bildungs abschluss der Eltern Erhe bungs zeitraum März/April 2012 Erhe bungs methode Qualitative leit faden gestützte Interviews Erhe bungs instrumente Leitfaden (Eltern/Kinder), Kurzfragebogen (Eltern), Gedächtnis protokoll Themen felder – Rolle der Medien für Eltern/Kind – Medien nutzung (bevor zugte Medien, Lieblings angebote) – Umgang mit den Medien in der Familie – Medien kompetenz (Selbst­ und Fremdeinschät zung) – Ver ständnis von Medien erziehung, subjektive Medientheorien – praktizierte Medien erziehung, Regeln, Wider stände – Informa tions­ und Bera tungs bedarfe, Kenntnis ent sprechen der An gebote Interviewdauer Elterninterviews in der Regel ca. eine Stunde, Kinderinterviews in der Regel ca. eine halbe Stunde Aus wertung Qualitative Inhalts analyse in zwei Aus wer tungs gängen: a) familien bezogene Fallstudien und fall übergreifende Aus wertung zur Identifizie rung von Mustern der Medien erziehung b) zusätz lich themen fokussierte Aus wertungen Aus wer tungs instrument gemeinsamer Codewortbaum für Eltern­ und Kinderinterviews (MAXQDA 10) Fallstudien: Deskrip tions­ und Vignetten schema 3.3.1 Rekrutie rung und Zusammen setzung des Samples Für die qualitative Teilstudie wurden in Köln, Leipzig, München und Hamburg jeweils zwölf Familien rekrutiert, so dass sich das Sample aus 48 Familien zusammen setzt.68 Die Rekrutie rung der Familien er folgte auf unter schied liche Weise und unabhängig von der Stichprobe der standardisierten Befra gung, zum einen über persön liche Kontakte (zu ver schiedenen Institu tionen) zum anderen über öffent liche Aus hänge und Aufrufe im Internet. Da die Teilnahmebereit­ schaft von Eltern mit niedrige rem Bildungs hintergrund erfah rungs gemäß gering ist, wurden be sondere Anstren gungen unter nommen, um diese zu er reichen, z. B. über persön liche Ansprache in Freizeiteinrich tungen für Kinder und Familien in sozial schwäche ren Stadt teilen. In einem Screen ing fragebogen wurden beim Erst kontakt zentrale Angaben der Familien erfasst (u. a. Kontakt­ daten, Zusammen setzung der Familie, Alter der Kinder, höchster Schulabschluss der Eltern), um daran an schließend das Sample nach dem ge wählten Rekrutie­ 68 Eine vollständige Über sicht über das Sample findet sich in Kapitel 5. 59 rungs schlüssel zusammen zusetzen. Bei der Rekrutie rung wurden das Alter des Bezugs kindes (differenziert nach vier Alters gruppen), das Geschlecht des Kindes sowie der höchste formale Bildungs abschluss des be fragten Elternteils mitberück­ sichtigt. Befragt wurde bei Elternpaaren derjenige Elternteil, der die meiste Zeit mit den Kindern ver bringt (insgesamt 43 Mütter und fünf Väter).69 Die Alters spanne der be fragten Eltern reicht von 24 bis 49 Jahren, wobei ledig lich drei der Befragten unter 30 Jahre alt sind. Die Mehrheit der Eltern (25 Personen) ist zwischen 30 und 40 Jahre alt. Das Durch schnitts alter liegt bei 38,7 Jahren. Die meisten be fragten Eltern leben in ehelicher (27) oder eheähn licher (10) Lebens gemein schaft. Von den elf alleinstehen den Befragten sind drei geschieden und ein Elternteil lebt in Trennung. Ein Drittel der be fragten Eltern (16) hat einen Hoch schulabschluss (FH, Universi tät). Insbesondere in der Alters gruppe der sieben­ bis achtjähri gen Kinder sind Eltern mit einem hohen Bildungs abschluss über repräsentiert. Darüber hinaus haben vier Befragte einen Ab schluss der Polytechni schen Oberschule (alle mit Berufs ausbil dung), elf einen Realschulabschluss (10 davon mit Berufs ausbil dung) und sechs einen Haupt schulabschluss (zwei davon zudem eine Berufs ausbil dung). Ein Elternteil hat keinen Schulabschluss.70 Tabelle 3‑4: Zusammen setzung des Samples nach Bildungs stand der Eltern sowie Alter und Geschlecht des Bezugs kindes Alter des Kindes Bildungsstand des befragten Elternteils Niedrig Hoch w m w m 5/6 Jahre 1 2 1 3 7/8 Jahre 3 2 4 8 9/10 Jahre 4 1 4 2 11/12 Jahre 3 5 1 4 Gesamt 11 10 10 17 Niedrig = alle Schulabschlüsse unter halb der Hoch schul reife, hoch = Abitur, Fachabitur Die Mehrheit der Bezugs kinder (35) hat Geschwister, jedoch ledig lich zwölf von ihnen mehr als eines. In 21 Fällen ist das Bezugs kind das älteste in der Familie, in zehn Fällen das jüngste, und in drei Fällen hat das Bezugs kind sowohl jüngere als auch ältere Geschwister; in zwei Fällen gibt es einen gleichaltri gen Zwilling. 69 In drei Fällen nahmen beide Eltern am Interview teil (Bach, Celik, Muhr). 70 In zwei weiteren Fällen ist dieser Punkt un geklärt: In einem Fall wurde ledig lich eine Berufs ausbil dung an gegeben, und in einem Fall wurde keine Angabe ge macht. 60 3.3.2 Erhe bungs instrumente und Durch führung Die Durch führung der Interviews fand bei den Familien zuhause statt, um einen Eindruck von der Wohnsitua tion und insbesondere der medialen Aus­ stat tung zu be kommen.71 Für die Interviews mit den Eltern und den Kindern wurde jeweils ein eigener Interviewleit faden konzipiert.72 Der Elternleit faden umfasste acht Fragen bereiche:73 1. Familiäre Lebens situa tion 2. Rolle der Medien für die eigene Person im Alltag 3. Rolle der Medien in der Familie 4. Rolle der Medien im Kontakt mit dem Bezugs kind 5. Einschät zung der Medien nutzung und Medien kompetenz 6. Einstel lung gegen über Medien 7. Medien erziehung 8. Nutzung medien pädagogi scher Informa tions­ und Bera tungs angebote sowie vor handener Informa tions­ und Bera tungs bedarf Als Gesprächs anreize wurden in den Interviews ver schiedene Materialien ein­ gesetzt, z. B. Karten mit Familien symbolen, um sich die Zusammen setzung der Familie be schreiben zu lassen (Kinderinterview), Medien karten, um das Medien repertoire der Eltern und Kinder zu er fassen (Kinder­ und Elterninter­ view). In dem Elterninterview wurden zudem zwei Karten sets ein gesetzt, um den Eltern einen konkreten Anlass für Äußerun gen zu bieten, die Auf schluss über ihre medien erzieheri schen Einstel lungen und Alltagstheorien geben. Ein Kartenset umfasste ver schiedene Statements zum Thema Kinder und Medien, zu denen die Eltern auf gefordert wurden Stellung zu nehmen. Die Statements lauteten wie folgt: „Kindheit sollte am besten frei von Medien sein.“ „Medien geben Kindern vielfältige Möglich keiten und Chancen.“ „Die Medien nutzung kann sich negativ auf die kind liche Ent wick lung aus wirken.“ „Kinder wachsen heutzutage selbst verständ lich mit Medien auf und können daher sehr gut mit ihnen umgehen.“ „Kinder ver fügen noch nicht über die Voraus setzung bzw. Fähig keiten, um die Medien selbst ständig und kompetent zu nutzen.“ 71 Ledig lich in einem Fall ver einbarte ein Vater den Interviewtermin in einem der be teiligten Institute. Die Familien er hielten für die Teilnahme an der Studie eine Auf wandspauschale von 35,00 Euro. 72 Der Leitfaden wurde in einer ersten Ver sion mit zwei Pretest­Familien in München und Hamburg erprobt und daran an schließend über arbeitet. Eine Schulung der Interviewer fand in den jeweili gen Städten statt (in einem Fall telefonisch). 73 Die Konzep tion der Leitfäden orientierte sich insbesondere an der Studie von Paus­Hasebrink und Bichler (2008) zur Mediensozialisa tion be nachteiligter Kinder. 61 Das zweite Set bestand aus vier Szenarien74, in denen typische medien bezogene Situa tionen geschildert wurden, zu denen die Befragten Empfeh lungen aus­ sprechen sollten. Auf diese Weise sollten Eltern zum einen in die Rolle der Experten ver setzt werden, die anderen kompetente Empfeh lungen geben, und zum anderen sollte den Eltern die Möglich keit ge geben werden, ihre Meinung zu einigen konkreten medien erzieheri schen Heraus forde rungen äußern zu können, ohne auf ihr eigenes Erziehungs verhalten Bezug nehmen zu müssen. Die Szenarien lauteten: „Ein Kind möchte mit dem älteren Geschwister eine Sendung sehen, die die Eltern für nicht ge eignet halten. Was wäre aus Ihrer Sicht eine gute Lösung?“ „Das Kind be schäftigt sich aus Sicht der Eltern zu sehr mit Medien. Was würden Sie den Eltern raten?“ „Ein Kind bringt ein Computer spiel mit nach Hause, das bei seinen Freunden gerade sehr an gesagt ist, aber nicht für das Alter des Kindes ge eignet ist. Wie sollten sich die Eltern ver halten?“ „Eine Mutter be richtet, dass ihr Kind un bedingt Facebook nutzen möchte, es ist aber noch nicht 13 Jahre alt. Wie würden Sie sich an Stelle der Mutter ver halten?“ Beendet wurde das Interview mit der Frage, was in der Familie passie ren würde, wenn für eine Woche der Strom aus fiele und weder Fernsehen, Com­ puter, Internet, Radio etc. ge nutzt werden könnten. Die Interviews mit den Eltern dauerten zwischen 45 und 105 Minuten.75 Im Anschluss wurden die Eltern ge beten, einen kurzen Fragebogen zur Ver vollständi gung von Sozio­ demo grafie und Medien nut zungs daten auszu füllen. Der Kinderleit faden umfasste weit gehend die gleichen Fragebereiche wie der Elternleit faden war jedoch im Aufbau stärker ent lang der ge nutzten Medien strukturiert. Neben Fragen zur allgemeinen Lebens situa tion und zur Rolle der Medien für die eigene Person im Alltag bestand er aus Fragen komplexen zur Nutzung der individuell relevanten Medien angebote (Fernsehen, Computer/ Laptop, Internet, Computer­/Konsolen spiele, Handy), in denen insbesondere auf die Nutzung des Kindes, die gemeinsame Nutzung (mit Eltern und/oder Geschwistern) sowie auf die Regelun gen zur Medien nutzung und deren Ein­ hal tung ein gegangen wurde. Darüber hinaus wurde erfasst, wie die Kinder das Interesse der Eltern an ihrer Medien nutzung sowie ihre eigene Medien kompe­ tenz und die ihrer Eltern einschätzen, welche Rolle den Medien aus ihrer Sicht 74 Die Idee der Szenarien stammt aus der Studie von Aufenanger (1988). Die von ihm in Anleh nung an Cook­Gumperz ver wendeten Szenarien lauteten: „Ihr ältestes Kind sieht eine Fernsehsen dung und Ihr jüngeres Kind sieht dies mit; diese Sendung scheint Ihnen aber unge eignet für das jüngere Kind“, „Ihr Kind möchte gern eine Sendung sehen, weil alle Freunde das auch gucken dürfen. Sie halten diese Sendung aber für Ihr Kind nicht ge eignet“, „Ihr Kind be schäftigt sich ihrer Meinung nach zu viel mit Medien, mit denen Sie nicht einverstanden sind (Heftchen, Comics, Cassetten etc.).“ (vgl. Aufenanger 1988, S. 432, Fußnote 35). 75 Das längste Interview weicht mit knapp 2,5 Stunden er heblich davon ab. 62 in der Familie zukommt, inwieweit über Medien ge sprochen wird und inwieweit das Thema Medien auch zu Konflikten innerhalb der Familie führt. Den Ab­ schluss bildete wie bei den Eltern die Frage, was passie ren würde, wenn für eine Woche lang der Strom aus fiele. Die Interviews mit den Kindern dauerten zwischen 20 und 60 Minuten. Die Interviewer er stellten im Anschluss an jedes Familien interview ein Gedächtnis protokoll, in welchem die interviewten Personen und ihre jeweilige Wohnsitua tion kurz charakterisiert sowie Besonder heiten der Interviewsitua tion fest gehalten wurden. 3.3.3 Aus wertung der Interviews Es wurden familien bezogene Fallstudien durch geführt, in der Eltern­ und Kindperspektive aufeinander bezogen aus gewertet wurden. Die Interviews wurden dem Wortlaut nach trans kribiert und vollständig anonymisiert. Die Namen der Kinder und Eltern wurden durch Alias namen bzw. er wähnte Personen durch andere Formen (BRUDER; SCHWESTER; VATER) ersetzt. Es wurden zwei voneinander relativ unabhängige Aus wer tungs schritte vor­ genommen: a) Auf der Basis der Eltern­ und Kinderinterviews wurden familien bezogene Fallstudien er stellt, die in der Identifizie rung medien erzieheri scher Hand­ lungs muster mündeten. b) Zusätz lich wurden einzelne Aspekte themen fokussiert aus gewertet, wie z. B. die Nutzung medien erzieheri scher Informa tion­ und Bera tungs angebote sowie geäußerte Informa tions­ und Bera tungs bedürf nisse der Eltern. Basis für beide Aus wer tungs gänge war eine Codie rung der Interviews mit einem Programm zur computer gestützten Aus wertung qualitativer Daten (MAXQDA 10). Da die Familie die Analyse einheit darstellte, wurde ein gemein­ samer Codewortbaum für die Eltern­ und Kinderinterviews er stellt (s. Anhang A6). Der Codewortbaum orientierte sich am Leitfaden und gliedert sich in sieben Bereiche: 1. Allgemeine Lebens situa tion [u. a. Tages ablauf des Kindes; Kommunika tion in der Familie; Streit/Kon­ flikte in der Familie; Kommunika tions klima] 2. Rolle der Medien für Eltern bzw. Kinder [u. a. Rolle der Medien für alle Familien mitglieder; Nutzung mit dem Bezugs kind; Relevanz einzelner Medien; Medien zugang im Kinderzimmer; Kenntnis der Nutzung des Bezugs kindes; Lieblings angebote des Kinders; Rolle der Medien in der bzw. für die Familie; Kommunika tion über Medien; 63 Beschrei bung der gemeinsamen Nutzung; Funktion der Medien in der Familie; Rituale/feste Gewohn heiten] 3. Einstel lung zu Medien [u. a. allgemeine Einstel lung zum Thema Kinder und Medien; konkrete Statements zum Thema Kinder und Medien (s. o.); ge eignete und unge eignete Medien für Kinder] 4. Medien kompetenz [u. a. subjektives Medien kompetenzkonzept; Selbsteinschät zung; Medien­ kompetenz des Bezugs kindes; Einschät zung der Medien kompetenz des Bezugs kindes aus Eltern­ und Kinder sicht; Medien experte in der Familie; Ansprechpartner bei unangenehmen Inhalten; techni schen Fragen oder bei Medien produk tionen] 5. Medien erziehung [u. a. Kommunika tion über medien erzieheri sche Fragen; allgemeine Erzie­ hungs haltung; Thema, das Eltern in Bezug auf die Medien nutzung ihres Kindes be schäftigt; konkrete Beispiel szenarien (s. o.); medien erzieheri sche Vor stel lungen beider Elternteile; wichtige Aspekte der Medien erziehung; Einstel lung zur Medien erziehung; größte medien erzieheri sche Heraus forde­ rung aus Sicht der Eltern; Sicher heit in medien erzieheri schen Fragen; Um­ set zung medien erzieheri scher Vor stel lungen; Bewer tung von Regulie rungs­ maßnahmen aus Kinder sicht; Orientie rungs maßstab für die Eltern; Umgang mit Aus nahmen und Ver boten; Medien als Erziehungs instrument; Einschät­ zung der eigenen Vor bildfunk tion] 6. Medien pädagogi sche Informa tions- und Bera tungs angebote [u. a. Kenntnis, Nutzung und Suche medien pädagogi scher Informa tions­ und Bera tungs angebote; Informa tions­ und Bera tungs bedarf; ge wünschte Form der Informa tion und Beratung; Zuschrei bung von Zuständig keiten] 7. Ab schluss frage [Eltern und Kinder stellen sich vor, dass der Strom für eine Woche aus fällt und weder Fernseher, Computer, Internet, Radio etc. ge nutzt noch die Akkus für Handy, Smartphone, iPad etc. auf geladen werden können. Was würde zuhause passie ren?] Für die familien bezogenen Fallstudien wurde in einem weiteren Schritt für jede Familie eine Deskrip tion er stellt, in der zentrale Aus sagen aus dem Eltern­ und dem dazu gehöri gen Kinderinterview zur Rolle der Medien in der Familie, zur Einstel lung der Eltern zu den Medien, zur Medien kompetenz (von Kind und Eltern), zum Thema Medien erziehung sowie zu dem medien bezogenen Informa tions­ und Bera tungs bedarf zusammen gefasst wurden. Auf der Basis der Interviews, der Deskrip tionen sowie der Daten aus dem Kurzfragebogen und dem Gedächtnis protokoll wurde für jede Familie eine Fallvignette er stellt, in der die Aus sagen im Hinblick auf die medien erzieheri­ 64 schen Leit vorstel lungen (Erziehungs ziele und ­konzepte, Medien bewer tung) sowie das medien erzieheri sche Handeln (Umgang mit Regeln, Setzung von Grenzen, Berücksichti gung der Bedürf nisse des Kindes) interpretiert wurden. Dabei wurde ver sucht, das medien erzieheri sche Handeln der Familien mit einem knappen Motto zu be schreiben. Um die Familien hinsicht lich ihres medien erzieheri schen Handelns zu ver­ gleichen, wurden die Familien auf einer Matrix ent lang der Dimensionen „Kind­ orientie rung“ und „medien erzieheri sches Aktivi täts niveau“ ver ortet. Auf dieser Matrix nahe bei einander liegende Familien wurden als Muster ge bündelt und diese in einem letzten Schritt ent lang ver schiedener Kategorien be schrieben: – Medien erzieheri sches Handeln in der Familie: Dazu ge hören der Umgang mit Regelun gen und Grenz ziehungen, die Berücksichti gung der medien­ bezogenen Bedürf nisse des Kindes im familiären Alltag sowie das Aktivi­ täts niveau in der Medien erziehung. – Leit vorstel lungen, die von den Eltern artikuliert werden in Bezug auf ihre Haltung gegen über Medien, ihre Erziehungs ziele und ­konzepte sowie die Kindorientie rung in Bezug auf medien erzieheri sche Fragen. – Über einstim mung zwischen Leit vorstel lungen und Umset zung der Medien­ erziehung. 3.4 Ver knüp fung der Ergeb nisse der Teilstudien In einem weiteren Schritt wurde eine zusammen führende Analyse einer seits des An gebots an medien erzieheri schen Informa tions materialien und anderer­ seits des in der quantitativen und qualitativen Teilstudie er fassten Informa­ tions­ und Bera tungs bedarfes vor genommen. Den Ab schluss bildet eine inter­ pretative Ver zahnung der Ergeb nisse der ver schiedenen Unter suchungs teile zum einen unter medien bezogenen und zum anderen unter familien bezogenen Gesichtspunkten. 65 4 Medien erziehung aus Elternsicht. Ergeb nisse der repräsentativen Elternbefra gung Christa Gebel unter Mitarbeit von Achim Lauber Auch wenn standardisierte Befra gungen an großen Stichproben Informa tionen zur medien erzieheri schen Praxis in den Familien nur relativ oberfläch lich er­ fassen können, so ver mitteln sie doch ein Bild der quantitative Ver brei tung relevanter Einstel lungen und Hand lungs weisen sowie deren Zusammen hänge mit soziodemografi schen Merkmalen der Familien. Eine ge wisse Anfällig keit standardisierter Befra gungen für Ver zerrungen in Richtung (ver meint lich) sozial er wünschter Antworten ist, obwohl diese Tendenz durch eine wohl überlegte Formulie rung der Fragen stets minimiert wurde, nicht völlig auszu schließen. Daher sind die Ergeb nisse zur eigenen medien erzieheri schen Kompetenz und zum medien erzieheri schen Handeln auch unter dem Blick winkel zu lesen, dass die be fragten Eltern hier bis zu einem nicht näher be stimm baren Grad ihr Ideal von Medien erziehung ver mitteln. Das ent wertet die Ergeb nisse mit Blick auf den Zweck der Unter suchung jedoch nicht, denn damit geben die Befragten auch Hinweise darauf, in Hinblick auf welche Vor stel lungen von ge lingen der medien erzieheri scher Praxis sie unter stützt werden wollen. Im Folgenden werden nach einer kurzen Stichproben beschrei bung die Ergeb­ nisse zunächst ent lang der Fragebereiche (Kontexte der Medien erziehung, medien erzieheri sche Grundannahmen, subjektive medien erzieheri sche Kompe­ tenz und Informa tions bedürf nisse und medien erzieheri sches Handeln) unter Berücksichti gung soziodemografi scher Differenzie rungen dargestellt.76 In Bezug auf das medien erzieheri sche Handeln wird eine weitere Analyse ebene eröffnet: Zum einen wird hier das auf Faktoren analysen basierende Konzept der media- tion­Stile auf gegriffen und danach ge fragt, ob sich medien übergreifende Stile identifizie ren lassen, zum anderen werden die Grundannahmen der Eltern in Hinblick auf mögliche positive und negative Einflüsse von Medien auf Kinder 76 Zur Interpreta tion der Befunde wurden folgende Signifikanzniveaus fest gelegt: p < 0,01**, p < 0,05* (zweiseitig). 66 durch eine Cluster analyse weiter gehend differenziert, und es wird dargestellt, inwieweit die diesbezüg lichen elter lichen Vor stel lungen Zusammen hänge zum er zieheri schen Handeln auf weisen. In der Zusammen fassung werden die Ergeb nisse ab schließend unter drei Aspekten ge bündelt: Medien übergreifende Trends, medien spezifi sche Ergeb­ nisse sowie Besonder heiten in Bezug auf soziodemografi sche Merkmale der Familien bzw. Befragten. 4.1 Die Stichprobe Die Grundgesamt heit der vor liegen den Studie bilden Eltern in der Bundes­ republik Deutschland mit Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren, die die meiste Zeit mit den Kindern ver bringen, also für die Erziehung der Kinder auch in Hinblick auf Medien am ehesten ver antwort lich sind. Aus dieser Grundgesamt­ heit wurde eine bundes weite quotierte Stichprobe von 453 Personen befragt. Viele der Fragen be ziehen sich auf ein konkretes Kind der Familie im relevanten Alter (im Folgenden als Bezugs kind be zeichnet). Die Quotie rungs kriterien waren daher Alter und Geschlecht des Bezugs kindes (Gleich vertei lung bezogen auf Zweijahres stufen) sowie Regionen (Nielsen gebiete), politi sche Orts größe, Migra tions hintergrund der Familie und höchster Schulabschluss der Erziehungs­ berechtigten. Die realisierte Stichprobe ist repräsentativ für Haushalte mit mindestens einem Kind im Alter von 5 bis 12 Jahren. Die Stichprobe der Unter suchung zeichnet sich durch einen deut lich höheren Anteil an weib lichen Befragten (86,5 %) aus, was sich daraus ergibt, dass diejenige Person im Haushalt befragt werden sollten, die am meisten mit der Erziehung der Kinder zu tun hat. In der Alters vertei lung der be fragten Eltern ist die mittlere Kategorie von 35 bis 44 Jahre mit einem Anteil von 57,4 % am stärksten ver treten, am geringsten die Kategorie ab 45 Jahren mit 13 %; das Durch schnitts alter beträgt 37,9 Jahre. Knapp ein Drittel (30,7 %) der Befragten ist voll be rufstätig, fast die Hälfte (47 %) arbeitet in Teilzeit und etwa ein Fünftel (22,3 %) ist nicht be rufstätig. Ein Viertel der Befragten (25,6 %) ist alleinerziehend.77 Die Familien Die Anzahl der Kinder und Jugend lichen (bis 19 Jahre), die im Haushalt der Befragten leben, be schränkt sich in 40 % der Familien auf ein Kind. In eben­ falls etwas weniger als der Hälfte der Fälle (45 %) leben im Haushalt zwei 77 Als alleinerziehend wurden diejenigen Befragten kategorisiert, die nicht in einer ehelichen oder eheähn­ lichen Gemein schaft leben oder auf Nachfrage (falls sie keine Angabe zur Lebens form ge macht hatten) angaben alleinerziehend zu sein. 67 Kinder. In gut einem Zehntel der Familien (11 %) leben drei Kinder und nur ein sehr kleiner Teil weist vier oder mehr Kinder auf. In 16,1 % der Familien gibt es einen elter lichen Migra tions hintergrund, wobei europäi sche Herkunfts länder und an grenzende Staaten am stärksten ver treten sind (Basis: Einwande rung der Befragten, der Partnerin/des Partners oder ihrer Eltern nach 1950). Das formale Bildungs niveau der Familie, das in den folgen den Ergeb nissen der Testung von Bildungs unterschieden zugrunde liegt, umfasst drei Stufen – bis einschließ lich Volks­ oder Haupt schulen (25,4 %), weiter führen den Schule ohne Abitur (45,9 %), Abitur und/oder Studium (28,7 %) – und orientiert sich am höchsten elter lichen Bildungs abschluss. Dabei wurden die Ab schlüsse beider Elternteile zugrunde gelegt, sofern diese zusammen leben, da davon auszu gehen ist, dass für die relevanten medien erzieheri schen Grundannahmen, Kompetenzen und Hand lungs weisen der Einfluss des miterziehen den Elternteils eben falls von Bedeu tung ist. Die Bezugs kinder Die be fragten Eltern wurden jeweils ge zielt zu einem ihrer Kinder (Bezugs­ kind) näher befragt.78 Der Anteil der Jungen unter den Bezugs kindern liegt mit 52,5 % etwas höher als der der Mädchen. Auf grund der Quotie rungs vorgabe sind die vier Alters gruppen gleich häufig ver treten mit einer in etwa gleich­ mäßigen Ver teilung der Geschlechter. Drei Fünftel (60,3 %) der Kinder haben Geschwister, wobei ein knappes Viertel (24,7 %) Geschwister im Jugendalter (13 bis 19 Jahre) hat, was einen Einfluss auf den Medien umgang der Bezugs­ kinder haben könnte (vgl. Alt/Teubner 2012). Rund die Hälfte der Befragten gibt an, dass – ab gesehen von der Betreuung der Bezugs kinder durch sie selbst bzw. ihren Partner – regelmäßig eine weitere individuelle Betreuung der Bezugs kinder statt findet, wobei diese hauptsäch lich (92 %) durch Großeltern und andere Ver wandte ab gedeckt wird. Neben der individuellen (51 %) ist auch die institutio nelle Betreuung von Bedeu tung: Mehr als zwei Fünftel (44 %) der Befragten nehmen diese Betreuungs form in An­ spruch, die sich vor allem auf den Schülerhort oder eine andere Art der Nachmittags betreuung in der Schule bezieht, sowie bei den 5­ bis 6­Jährigen auch auf Kindergarten oder ­tages stätte. Knapp ein Drittel (30 %) der Eltern gibt an, dass sich ab gesehen von ihnen selbst oder ihrem Partner in einer ganz normalen Woche niemand anderes um ihr Kind bzw. ihre Kinder kümmert. 78 Wenn im Weiteren von Kindern die Rede ist, so ist in der Regel das Bezugs kind ge meint. 68 4.2 Kontexte der Medien erziehung Medien erziehung durch Eltern vollzieht sich im Kontext der familiären Medien­ ausstat tung und Medien nutzung. Die wichtigsten Parameter sind hier die Medientätig keiten – die der Eltern selbst, die der Kinder und diejenigen, die sie gemeinsam ausüben – sowie der Medien besitz der Kinder, auf die sich die Erfas sung der Kontexte zugunsten einer breiten Erhebung medien erzieheri scher Leit vorstel lungen und medien erzieheri schen Handelns be schränkt. 4.2.1 Medientätig keiten der be fragten Eltern Die Medien erziehung der Eltern kann nicht unabhängig von ihrer eigenen Medien nutzung gesehen werden. Nicht alle Eltern sind mit allen Medientätig­ keiten, die Kinder heute selbst verständ lich ausüben (wollen), in gleichem Maße ver traut oder können auf eigene Erfah rungen zurück greifen. Wenig über raschend ist zunächst fest zuhalten, dass fast alle Eltern regelmäßig fernsehen, wie auch in der FIM­Studie fest gestellt wird (vgl. Medien pädagogi­ scher Forschungs verbund Südwest 2012, S. 59 f.).79 Auch die Internetnut zung80 gehört für die über wiegende Zahl der be fragten Eltern in das Repertoire regelmäßig aus geübter Medientätig keiten (vgl. Abb. 4­1). Das Handy wird allerdings noch ver gleichs weise selten ge nutzt, um ins Internet zu gehen. Vielmehr dient es der großen Mehrheit der Befragten zum Telefonie ren oder Ver senden von SMS. Mit Computer spielen81 be schäftigt sich nur gut ein Drittel regelmäßig. Knapp die Hälfte der be fragten Eltern nutzen dagegen regel­ mäßig einen Computer im be ruflichen, schuli schen oder Aus bil dungs zusammen­ hang, wobei nicht er staunt, dass dies desto häufiger der Fall ist, je höher das formale Bildungs niveau der Familie82 aus fällt, an steigend von 25,2 % (täglich/ 79 Neben grundsätz lichen Unter schieden in der Anlage (z. B. Befra gung beider Elternteile in der FIM­Studie) unter scheiden sich die beiden Studien in einigen Details der Operationalisie rung. Konkret weicht in der Erfas sung der Medientätig keiten die Skalie rung voneinander ab. Während in der FIM­Studie eine sieben­ stufige Skala ver wendet wurde (täglich, mehrmals pro Woche, einmal pro Woche, einmal in 14 Tagen, einmal im Monat, seltener, nie), setzte die vor liegende Studie eine fünfstufige Skala ein (täglich, mehrmals pro Woche, einmal pro Woche, seltener, nie), wobei die Stufen „einmal pro Woche“ und „mehrmals pro Woche“ nach träg lich zusammen gefasst wurden. Für die Berech nungen statisti scher Unter schiede in den Nutzungs häufig keiten wurden in diesem wie in den nach folgen den Kapiteln Kruskal­Wallis H­Tests bzw. Mann Whitney U­Tests durch geführt. 80 Die Formulie rung lautete: „Das Internet nutzen, z. B. auch E­Mails, Chatten, Instant Messenger, Online Communitys wie Facebook und andere Dinge“. 81 Die Formulie rung lautete: „An Computer oder Spiel konsole spielen, egal ob online oder offline und egal ob auf stationären oder trag baren Geräten“. In diesem und allen weiteren Kapiteln wird der Kürze halber der Begriff Computer spiele ver wendet (oder in Abbil dungen teil weise auch Games), wenn Computer­ und Konsolen spiele ge meint sind. Sofern nicht weiter differenziert wird, sind stets sowohl Online­ wie Offline­ Spiele ein geschlossen als auch Solo­ wie Multiplayer sowie stationäre und mobile Zugänge. 82 Das Bildungs niveau der Familie be stimmt sich aus dem höchsten Bildungs abschluss beider Eltern. Ähnliche Resultate erhält man hier auch, wenn der individuelle Bildungs abschluss der Befragten ein gesetzt wird. 69 ein­ bis mehrmals wöchent lich) im niedrigsten auf 63,8 % im höchsten Bildungs­ niveau. Abbildung 4‑1: Häufig keit der Medientätig keiten der Befragten Prozent der Befragten, N = 453, Frage H1 Unter schiede in Bezug auf den Bildungs hintergrund zeigen sich in Bezug auf die Fernsehnut zung, wenn es um die tägliche Praxis geht: Je höher das formale Bildungs niveau der Familie, desto weniger Befragte geben eine tägliche Fernsehnut zung an und desto mehr antworten, ledig lich mehrmals wöchent lich fernzusehen (vgl. Abb. 4­2).83 Abbildung 4‑2: Fernsehnut zung der Befragten nach formalem Bildungs niveau der Familie Prozent der jeweili gen Gruppe, N = 453, Frage H1 83 Dieses Ergebnis korrespondiert mit den Befunden der KIM 2010 zur größeren Fernsehaffini tät von Eltern mit niedrige rer Bildung (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 59 f. und S. 61). 6,6 51,7 32,7 16,8 9,1 68,4 8,2 31,1 39,5 30,7 31,8 30,2 7,1 7,3 11,3 20,3 24,7 78,1 9,9 16,6 32,2 34,4 0% 20% 40% 60% 80% 100% Internet via Handy Handy (Telefon/SMS) Internet Computer Schule/Ausb./Beruf Computerspiele Fernsehen täglich ein-/mehrmals i.d.W. seltener nie 84,3 70,7 50,8 15,7 28,4 46,2 0% 20% 40% 60% 80% 100% VS/HS (n = 115) wtf. Schule ohne Abi (n = 208) Abi/Studium (n = 323) täglich ein-/mehrmals i.d.W. seltener nie 70 Der einzige weitere Unter schied be züglich des Bildungs niveaus be trifft die Internetnut zung via Handy/Smartphone: Während nur 8,6 % der Eltern mit Volks­ oder Haupt schulabschluss regelmäßig diesen Weg ins Internet nutzen, liegt der Anteil bei Eltern, die eine weiter führende Schule be suchen oder besucht haben, bereits bei 14,9 % und bei denen mit Abitur oder Studium sogar bei 20 %. Das Alter der Befragten spielt bei der Internet­ und Handynut zung eine Rolle. Die jüngeren Befragten (unter 40 Jahren) haben diese neuen Medien stärker in Gebrauch: Ein gutes Drittel (36,1 %) der Jüngeren (n = 266) nutzt das Internet täglich, dagegen nur ein gutes Viertel (27,8 %) der Älteren (n = 187).84 Weit über die Hälfte (57,9 %) der Befragten unter 40 Jahren nutzt das Handy täglich, um zu telefonie ren oder SMS zu ver schicken; bei den Älteren sind es dagegen nur gut zwei Fünftel (42,8 %). Weitere soziodemografi sche Unter schiede sind ledig lich im Hinblick auf die tägliche Internetnut zung be deutsam. Während über die Hälfte (55,7 %) der be fragten Väter (n = 61) täglich das Internet nutzt, trifft dies auf nicht einmal ein Drittel (29,1 %) der Mütter (n = 392) zu. Darüber hinaus zeigen Allein­ erziehende in diesem Punkt eine Besonder heit: Während für nur 29,1 % der Eltern, die in einer ehelichen oder eheähn lichen Gemein schaft leben (n = 337), die Internetnut zung zur täglichen Praxis gehört, sind Alleinerziehende offen bar kontinuier licher online: Bei ihnen liegt der ent sprechende Anteil bei 43,1 % (n = 116). 4.2.2 Medien ausstat tung der Kinder Der Medien besitz der Kinder und die Gestal tung der Medien umge bung in der Familie sind sowohl als Resultat als auch als Kontext der Medien erziehung zu be trachten. Eine wichtige Variable ist in diesem Zusammen hang die Medien­ ausstat tung der Kinderzimmer, weil das Vor handensein ent sprechen der Geräte einen freieren Zugang zur Nutzung be deuten kann. Mit zunehmen dem Alter der Bezugs kinder sind die Kinderzimmer breiter mit den ent sprechen den Medien aus gestattet (vgl. Abb. 4­3). 84 Vgl. auch ähnliche Ergeb nisse der FIM­Studie, Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2012, S. 59. 71 Abbildung 4‑3: Handybesitz und Medien geräte im Kinderzimmer, differenziert nach Alter Prozent der jeweili gen Alters gruppe, N = 453, Frage H5 Einen deut lichen Sprung gibt es zum Ende des Grundschulalters. Jeweils über die Hälfte der 9­ bis 10­Jährigen ver fügt im Kinderzimmer über ein Fernsehgerät und eine Spiel konsole, mehr als ein Drittel über einen Computer mit Internet zugang. Auch der Handybesitz macht hier nochmals einen ge walti gen Sprung, wobei in dieser Alters gruppe auch Handys mit Internet zugang erstmals einen er wäh­ nens werten Anteil von 9,6 % er reichen.85 Einen Geschlechter unterschied gibt es in Hinblick auf Spiel konsolen: Nur gut ein Drittel der Mädchen hat eine solche im Zimmer (36,3 %) im Gegen satz zu 45,5 % der Jungen (vgl. auch Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 8). Beim Handybesitz ver hält es sich um gekehrt, hier sind Mädchen (41,9 %) besser aus gestattet als Jungen (30,7 %).86 85 Vgl. zum Computer besitz Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 25, zum Handybesitz Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 44. 86 Nach Ergeb nissen der KIM­Studie 2010 besitzt jeweils gut die Hälfte der Mädchen und Jungen ein Handy (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 8). Ver mutlich fällt hier die ältere Alters­ spanne (6 bis 13 Jahre) ins Gewicht. 74,6% 37,2% 15,0% 58,4% 54,9% 45,1% 16,1% 7,1% 43,8% 38,4% 18,6% 8,0% 9,8% 42,0% 32,1% 5,3% 0,9% 2,8% 20,4% 16,7% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% Handybesitz (ohne Internetzugang) Computer mit Internetzugang Computer ohne Internetzugang Spielkonsole ohne Internetzugang Fernsehgerät 11–12 Jahre9–10 Jahre7–8 Jahre5–6 Jahre 72 Das formale Bildungs niveau der Familie ist von Bedeu tung für die Aus­ stat tung der Kinderzimmer mit Fernseher und Spiel konsole (vgl. Abb. 4­4). In nur einem Viertel der Familien mit dem höchsten Bildungs niveau findet sich ein Fernsehgerät im Kinderzimmer im Ver gleich zu ca. zwei Fünfteln bei den anderen Familien. Für Spiel konsolen beträgt der Anteil ein Drittel im Ver gleich zu nahezu der Hälfte im mittle ren und zwei Fünfteln im niedrigsten formalen Bildungs niveau. Abbildung 4‑4: Handybesitz und Medien geräte im Kinderzimmer, differenziert nach Bil‑ dungs niveau der Familie Prozent der Bildungs gruppe, N = 453, Frage H5 signifikante Ergebnisse sind mit ** (p < 0,01) bzw. * (p < 0,05) markiert In deut lich mehr Familien mit Migra tions hintergrund steht im Kinderzimmer ein Computer mit Internet zugang (25,7 %) als in Familien ohne Migra tions­ geschichte (13,9 %). Möglicher weise spielt dafür das Image von Computer und Internet als Lern medien eine Rolle. So legen nach Merkle/Wippermann (2008) Eltern in ver schiedenen Migranten milieus großen Wert auf Bildung und Aus­ bildung der Kinder. Nach Strotmann (2006) hegen z. B. türkische Eltern oft hohe Bildungs erwar tungen in Bezug auf neue Medien und ermuti gen ihre Kinder zur Auseinander setzung mit dem Computer und auch Treibel (2006) weist auf eine Motivie rung und Förde rung der Eltern in Hinblick auf neue Medien hin. (vgl. auch Theunert 2007) 35,7% 15,2% 7,1% 40,2% 39,3% 37,0% 16,7% 9,3% 47,1% 40,2% 34,6% 14,7% 9,3% 33,3% 25,6% 0% 10% 20% 30% 40% 50% Handybesitz (ohne Internetzugang) Computer mit Internetzugang Computer ohne Internetzugang Spielkonsole ohne Internetzugang* Fernsehgerät* VS/HS (n = 115)wtf. Schule ohne Abi (n = 208)Abi/Studium (n = 115) 73 4.2.3 Medientätig keiten der Kinder Auch die Frage, ob und in welchem Umfang die Kinder Medien nutzen, lässt sich einer seits als Resultat der medien erzieheri schen Aktivität der Eltern ver­ stehen, anderer seits muss die Medien nutzung der Kinder als Kontext der Medien erziehung ver standen werden, da sie ab gesehen von den Aktivi täten der Eltern vielerlei Einfluss größen, z. B. Zugangs möglich keiten bei Gleichaltri gen, Nutzung in der Schule etc., unter liegt. Gefragt wurde danach, wie häufig die Kinder die jeweili gen Medien nutzen, egal ob allein oder gemeinsam mit anderen. Nach Aus kunft der be fragten Eltern sehen beinahe alle (94,7 %) Kinder fern, nur gut drei Viertel (76,1 %) spielen an Computer oder Spiel konsole, egal ob online oder offline, stationär oder mobil (vgl. Abb. 4­5). Abbildung 4‑5: Häufig keit der Medientätig keiten der Bezugs kinder, täglich/ein‑ bis mehr‑ mals wöchent lich Prozent der Befragten, N = 453, Frage H3 Den Computer nutzen für die Schule mehr als die Hälfte der Kinder, wobei hier zu be denken ist, dass noch nicht alle Kinder ein geschult sind. Internet und Handy werden von ca. der Hälfte der Kinder ge nutzt, die Internetnut zung via Handy spielt dagegen noch kaum eine Rolle.87 Für den Umfang der Medien nutzung ist das Alter der Kinder eine ent­ scheidende Einfluss größe. Ab gesehen vom Fernsehen, steigt der Anteil der 87 Die Nutzungs daten der Kinder stimmen weit gehend mit be kannten Befunden überein, so zum Fernsehen (vgl. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 19, ders. 2012, S. 60), Computer spielen (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 44), Computernut zung für die Schule (ebd., S. 27) und Internet (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 30; ders. 2012, S. 61). 13,3 6,7 2,9 11,9 58,3 4,2 23,5 24,8 35,8 48,5 34,1 3,5 13,7 15,5 17,6 15,7 90,9 49,4 53,0 43,8 23,9 5,3 0% 20% 40% 60% 80% 100% Internet via Handy Handy (Telefon/SMS) Internet Computer für Schule Computerspiele Fernsehen täglich ein-/mehrmals i.d.W. seltener nie 74 regelmäßigen Nutzerinnen und Nutzer mit dem Alter der Kinder deut lich an (vgl. Abb. 4­6). Abbildung 4‑6: Medientätig keiten der Bezugs kinder, differenziert nach Alters gruppen, täglich/ein‑ bis mehrmals wöchent lich Prozent der Alters gruppe, N = 453, Frage H3 Die Nutzung des Computers für die Schule ist bereits für ein knappes Drittel der 7­ bis 8­Jährigen regelmäßig der Fall und steigert sich enorm gegen Ende der Grundschulzeit sowie zum Beginn der weiter führen den Schule im Alter von 11 bis 12 Jahren. Dies ist auch die Alters stufe, in der die regelmäßige Internet­ und Handynut zung einen großen Zuwachs erfährt. Das regelmäßige Computer­ spielen steigt dagegen schon bei den 7­ bis 8­Jährigen sprung haft an.88 88 Zu ver gleich baren Ergeb nissen kommt auch die KIM­Studie 2010 be züglich der Nutzung des Computers für die Schule (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 28), des Internets (ebd., S. 30) und von Computer spielen (ebd., S. 44). 10,5% 69,3% 65,0% 73,7% 77,2% 91,2% 7,1% 38,0% 35,4% 46,9% 72,5% 92,9% 3,5% 24,8% 17,7% 28,3% 61,9% 93,8% 0,9% 14,2% 7,1% 4,4% 90,3% 16,7% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Internet via Handy Handy (Telefon/SMS) Internet Computer für die Schule Computerspiele Fernsehen 11–12 Jahre9–10 Jahre7–8 Jahre5–6 Jahre 75 Geschlechter unterschiede in der Häufig keit der Tätig keiten ergeben sich nur für das Spielen an Computer und Konsole, was Jungen sehr viel häufiger tun als Mädchen: So spielen gut zwei Drittel der Jungen (65,6 %) regelmäßig (täglich/ein­ bis mehrmals wöchent lich) im Ver gleich zu nur gut der Hälfte der Mädchen (54,7 %). Vor allem im täglichen Spielen unter scheiden sich die Ge­ schlechter: Hier sind es doppelt so viele Jungen (16,4 %) wie Mädchen (7 %).89 Das Bildungs niveau der Familie ist – wie bereits für die Aus stat tung der Kinderzimmer mit Fernsehgeräten – auch für die Fernseh häufig keit der Kinder von Bedeu tung. In Familien mit dem höchsten formalen Bildungs niveau sehen 40 % der Kinder täglich fern, bei Familien mit mittle rem Bildungs niveau sind es 59,1 % und bei Familien mit niedri gem 76,5 %. Ein weiterer Bildungs­ unterschied ergibt sich in Hinblick auf die – insgesamt geringe – Nutzung des Internets via Handy bzw. Smartphone: Während 12,3 % bzw. 11,5 % der Kinder aus Familien mit dem höchsten bzw. mittle ren Bildungs niveau auf diese Weise das Internet nutzen, trifft dies nur auf 1,7 % der Kinder aus Familien mit niedri gem Bildungs niveau zu. Die oben ge nannten Unter schiede bei den Eltern spiegeln sich also in ver kleinertem Maßstab auch in der Nutzung der Kinder wider. Leben Jugend liche im Haushalt, wirkt sich dies offen bar steigernd auf die regelmäßigen (mindestens einmal wöchent lich) Medientätig keiten der Bezugs­ kinder aus. Sind die Geschwister 13 bis 19 Jahre alt, spielen Bezugs kinder ver mehrt an Computer oder Konsole (72,3 % zu 56,5 %) und nutzen das Internet (42,3 % zu 28 %) sowie das Handy (49,5 % zu 32,7 %) häufiger. Außerdem sehen sie ver mehrt täglich fern (67,9 % zu 55,2 %). Das Alter, mit dem die Kinder be gonnen haben, die jeweili gen Medien zu nutzen, gibt Aus kunft darüber, seit wann für die Eltern der Umgang des Kindes mit dem jeweili gen Medium von medien erzieheri scher Relevanz ist (bzw. sein sollte). Ähnlich wie die aktuelle Medien nutzung der Kinder ist der Beginn der jeweili gen Medien nutzung aber auch als Resultat der elter lichen Medien­ erziehung zu be trachten. Die Angaben zum Alter, mit dem die Kinder mit den ver schiedenen Medien­ tätig keiten be gonnen haben (vgl. Tab. 4­1), passen zu dem Bild, das sich zu den Alters unterschieden in den Nutzungs häufig keiten ab zeichnet (vgl. Abb. 4­6). So lässt sich der Anstieg der Computernut zung für die Schule im mittle ren Grundschulalter ebenso nach vollziehen wie das etwas spätere Anwachsen der Handy­ und Internetnut zung und die frühere Nutzung von Computer spielen. Gleichzeitig fällt auf, dass die medien erzieheri schen Auf gaben der Eltern deut­ lich anwachsen, wenn das Alter von ca. 8 Jahren er reicht wird, da hier die Zahl der ge nutzten Medien steigt. 89 Die größere Affinität von Jungen zu Computespielen zeigt sich auch in der KIM­Studie 2010 (Medien­ pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 5, 10, 27 und 44). 76 Tabelle 4‑1: Durch schnitt liches Alter zu Beginn der Medientätig keiten Medientätig keit N Alter zu Beginn der Medientätig keit (MW) Gesamt Differenziert nach Alter der Eltern bis 34 35 bis 44 ab 45 Fernsehen 409 3,60 3,53 3,63 3,65 An Computer­ oder Spielekonsole spielen** 335 6,56 6,06 6,68 6,90 Den Computer für die Schule nutzen 247 7,95 7,58 8,03 8,04 Mit dem Handy telefonie ren oder SMS ver schicken** 223 8,07 6,83 8,29 8,76 Das Internet nutzen** 207 8,36 7,24 8,53 8,92 Mit Handy oder Smartphone das Internet nutzen 39 8,72 7,67 9,30 9,50 Aktuelles Durch schnitts alter der Bezugs­ kinder** 453 8,54 7,28 8,95 9,61 N = Kinder, die die jeweilige Tätig keit zumindest selten ausüben, Frage H4 Frage H4, Alter der Eltern: Einfaktorielle ANOVA, zweiseitig mit p < 0,01 (**), p < 0,05 (*) Auf fällig ist, dass Eltern unter 35 Jahren jeweils durch schnitt lich ein deut­ lich niedrige res Anfangs alter an geben als ältere Befragte. Dies be stätigt den Befund der FIM­Studie, dass bei jüngeren Eltern der Einstieg der Kinder in die Medien welt deut lich früher statt findet (vgl. Medien pädagogi scher For­ schungs verbund Südwest 2012, S. 62 f.). Signifikant sind die Unter schiede jedoch nur für das Computer spielen sowie die Internet­ und Handynut zung. Allerdings ist bei der Interpreta tion des Ergeb nisses Folgendes zu be achten, wie auch die Autorinnen und Autoren der FIM­Studie zu be denken geben: Das Alter der Eltern korrespondiert mit dem Alter der Kinder – Bezugs kinder von Eltern über 40 Jahren sind mit durch schnitt lich 9,61 Jahren gut zwei Jahre älter als Kinder von Eltern unter 35 Jahren (vgl. Tab. 4­1). Je höher aber das derzeitige Alter der Kinder ist, desto höher kann auch das anzu gebende Einstiegsalter in die Medientätig keit aus fallen.90 Damit ist dieser Effekt bis zu einem ge wissen Maße der methodi schen Beschrän kung zuzu rechnen. Zudem ist nicht auszu schließen, dass bei älteren Befragten Erinne rungs­ verzer rungen dazu beitragen, höhere Alters angaben zu machen. In diesem Kontext ist auch das wenig plausible Ergebnis zu sehen, dass Kinder mit jugend lichen Geschwistern im Durch schnitt erst später damit be gonnen haben sollen, den Computer für die Schule nutzen oder mit dem Handy zu telefonie­ ren/SMS zu ver schicken (vgl. hierzu auch Alt/Teubner 2012). Das Resultat, dass bei jüngeren Eltern der Medien einstieg der Kinder vor­ verlagert ist, kann also nur als recht wahrschein lich, jedoch nicht letzt gültig sicher gelten. Die Frage, ob es sich um einen Trend handelt, der fortzuschreiben ist, ließe sich nur in einer Langzeiterhe bung klären. 90 So können z. B. Eltern eines 7­jähri gen Kindes, das das Internet nutzt, nicht an geben, es habe damit im Alter von 8 Jahren be gonnen. 77 Eltern mit Migra tions hintergrund geben in Bezug auf das Computer spielen mit 6,15 Jahren ein signifikant früheres Anfangs alter an als Eltern ohne Migra­ tions geschichte (6,64). Dieser Unter schied von einem halben Jahr er scheint zunächst nicht be sonders auf fallend. Er steht jedoch, wie noch zu sehen sein wird, in einer Reihe weiterer Ergeb nisse, die auf eine geringere Zurück haltung von Eltern mit Migra tions hintergrund gegen über der Nutzung von Computer­ spielen hinweisen. 4.2.4 Gemeinsame Medientätig keiten Geht es um die Medientätig keiten, die die Eltern mit dem Bezugs kind gemein­ sam ausüben, erweist sich auch hier das Fernsehen als die am häufigsten aus­ geübte Tätig keit. Über vier Fünftel der Befragten sehen zumindest einmal pro Woche mit ihrem Kind fern (vgl. Abb. 4­7),91 aber nur jeweils ca. ein Fünftel der Eltern übt die übrigen ab gefragten Medientätig keiten mindestens einmal in der Woche gemeinsam mit dem Kind aus.92 Jeweils über die Hälfte der Befragten nutzt Computer spiele, den Computer für die Schule, Internet und Handy sogar niemals mit dem Kind gemeinsam.93 Abbildung 4‑7: Häufig keit der gemeinsamen Medientätig keiten mit dem Bezugs kind Prozent der Befragten, N = 453, Frage H2 91 Zur heraus ragen den Stellung des Fernsehens vgl. auch aus Elternperspektive Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2012, S. 63 sowie aus Kinderperspektive ders. 2011, S. 14 und Medien­ pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2012, S. 65. 92 Ähnlich geringe Werte be richtet für das gemeinsame Computer spielen und die Computernut zung für die Schule sowie für die Internetnut zung die KIM 2008 (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2009, S. 61) und die FIM­Studie (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2012, S. 81). 93 Prozentangaben und statisti sche Tests be ziehen sich auf die Gesamtstichprobe, d. h. Eltern, die selbst die be treffende Medientätig keit nie ausüben, und daher nicht ge fragt wurden, wie oft sie dies gemeinsam mit dem Kind tun, sind der Kategorie „nie“ zu gerechnet. 22,3 18,5 19,2 22,1 20,3 61,8 4,6 21,4 25,6 24,7 28,0 13,9 92,1 57,4 54,5 52,5 50,8 0% 20% 40% 60% 80% 100% Internet via Handy Handy (Telefon/SMS) Internet Computer Schule/Ausb./Beruf Computerspiele Fernsehen täglich ein-/mehrmals i.d.W. seltener nie 78 Wie häufig die be fragten Eltern mit den Kindern gemeinsam Medientätig­ keiten nach gehen, hängt unter anderem vom Alter der Kinder ab. So fällt auf, dass nur ein knappes Drittel (34,5 %) der Eltern von 5­ bis 6­Jährigen zumindest selten gemeinsam mit dem Bezugs kind Computer­ oder Konsolen spiele spielt, während es bei den Eltern älterer Kinder mehr als die Hälfte sind (je nach Alters stufe zwischen 53 % und 55 %). Dies ist im Zusammen hang damit zu sehen, dass die jüngste Alters gruppe insgesamt nur wenig an Computer oder Konsole spielt. Wenig über raschend nimmt der Anteil derjenigen Eltern, die mit dem Kind gemeinsam den Computer für Haus aufgaben oder Schule nutzen, mit dem Alter des Bezugs kindes kontinuier lich zu, von 21,2 % der Eltern der Jüngsten auf 64 % der Eltern der Ältesten. Ver gleich bares gilt für die gemeinsame Internet­ nut zung, die von 22,1 % auf 67,5 % an steigt. Mit dem Bezugs kind zu telefonie ren oder SMS zu ver schicken, ist eben falls eine Tätig keit, die sich mit dem Alter des Kindes steigert. Dies be trifft sowohl die Ver brei tung als auch die Häufig keit dieser gemeinsamen Aktivität, was ver mutlich auf den wachsen den Aktions radius der Kinder zurück zuführen ist. Ein deut lich höherer Anteil von Eltern in Familien mit Migra tions hintergrund nutzt das Handy regelmäßig, d. h. mindestens einmal in der Woche, gemeinsam mit dem Kind zum Telefonie ren oder zum Ver senden von SMS (31,5 % zu 19,2 %). Da in Familien mit Migra tions hintergrund weder Eltern noch Kinder für sich ge nommen das Handy signifikant häufiger nutzen als in Familien ohne Migra tions hintergrund, kommt nur eine Erklä rung in Frage, die die Gestal tung des Kontaktes zwischen Eltern und Kindern via Handy be trifft. Möglicher weise spielt hier ein höheres elter liches Kontroll verhalten eine Rolle, wie es Ergeb­ nisse von Trebbe, Heft und Weiß (2010, S. 134) für türkische Eltern von Jugend­ lichen nahelegen. Die Höhe des Bildungs abschlusses der jeweils Befragten94 wirkt sich darauf aus, wie häufig sie mit dem Bezugs kind täglich gemeinsam fernsehen: Je höher der eigene Ab schluss, desto seltener sehen die Befragten täglich mit dem Kind fern (fallend von 28,6 % auf 10,1 %) und desto häufiger ist dies einmal/mehrmals in der Woche der Fall (steigend von 55,6 % auf 71,9 %) (vgl. auch Medien­ pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2012, S. 64). Dies korrespondiert mit dem Ergebnis, dass Befragte mit höherer Bildung weniger fernsehen (vgl. Kap. 4.2.1). In um gekehrter Richtung wirkt sich der Bildungs abschluss auf die gemein­ same Nutzung des Computers für die Schule aus. Über zwei Drittel (67,7 %) derjenigen, die maximal den Volks­ bzw. Haupt schulabschluss er reicht haben, geben an, den Computer niemals mit dem Kind gemeinsam für die Schule zu 94 Legt man nicht den Bildungs abschluss der Befragten, sondern das Bildungs niveau in der Familie zugrunde, fallen die Ergeb nisse nur gering fügig ab weichend aus. 79 nutzen, wohingegen dieser Anteil bei Befragten mit Abitur oder Studium nur bei gut zwei Fünfteln liegt (41,6 %). Der Einfluss der formalen Bildung erklärt auch den Befund, dass sich der Umfang der Berufstätig keit positiv auf die gemeinsame Nutzung des Computers für die Schule aus wirkt:95 Je weniger die Eltern be ruflich ein gebunden sind, desto geringer der Anteil derjenigen, die den Computer mit dem Kind gemein­ sam für Haus aufgaben und Schule nutzen. So nutzen insgesamt nur 37,6 % der Eltern, die nicht be rufstätig sind, den Computer gemeinsam mit dem Kind für Haus aufgaben und Schule, während dieser Anteil bei den Vollzeitberufstäti gen, die ja eigent lich über weniger Zeit ver fügen, bei 50,4 % liegt. Ähnliche Ergeb­ nisse finden sich für die gemeinsame Internetnut zung, was die Alltags beobach­ tung stützt, dass auch die Internetnut zung für Haus aufgaben und Schule von Bedeu tung ist (vgl. Abb. 4­8).96 Kein Unter schied in Ab hängig keit vom Umfang 95 Der Umfang der Berufstätig keit steigt mit dem Bildungs abschluss der Befragten. Das Alter der Kinder – eine alternative Hypothese zur Erklä rung des Zusammen hangs – korreliert nicht mit dem Umfang der Berufstätig keit. 96 Das stark ab weichende Ergebnis für das gemeinsame Fernsehen ist in der nach stehen den Abbil dung aus Platz gründen unter drückt. 7,2% 25,9% 23,0% 26,6% 17,2% 1,9% 21,6% 20,6% 24,0% 22,1% 1,0% 13,9% 13,9% 14,9% 24,8% 0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% Internet via Handy* Handy (Telefon/SMS)* Internet* Computer Schule/Ausb./Beruf* Computerspiele Vollzeit berufstätig (n = 139) Teilzeit berufstätig (n = 213)Nicht berufstätig (n = 101) Abbildung 4‑8: Regelmäßige Medientätig keiten gemeinsam mit dem Bezugs kind (täglich/ ein‑ bis mehrmals wöchent lich), differenziert nach Umfang der Berufstätigkeit Prozent der jeweili gen Gruppe, N = 453, Frage H2 signifikante Ergebnisse sind mit ** (p < 0,01) bzw. * (p < 0,05) markiert 80 der Berufstätig keit zeigt sich im Hinblick auf die Fernsehnut zung (82 % bis 85 % täglich/einmal wöchent lich).97 4.3 Medien erzieheri sche Grundannahmen In das medien erzieheri sche Handeln der Eltern fließen sowohl normative Vor­ stel lungen über einen an gemessenen Umgang von Kindern mit Medien als auch zugrundeliegende Annahmen über die Bedeu tung von Medien für die kind liche Ent wick lung ein. Solche Annahmen lassen sich nur sehr be grenzt durch stan­ dardisierte Befra gungen eruieren. In der aktuellen Erhebung wurden einige basale elter liche Vor stel lungen zur Rolle der Medien für Kinder und zur Notwendig keit von Medien erziehung erfasst sowie zur Frage, wer für die Medien erziehung in der Familie zuständig ist. 4.3.1 Annahmen über den Einfluss von Medien auf Kinder Dafür, wie Eltern die Medien nutzung von Kindern ge stalten, dürfte nicht zuletzt von Bedeu tung sein, von welchen Annahmen über den Einfluss von Medien auf Kinder sie aus gehen. In der öffent lichen Diskussion tauchen immer wieder alarmierende Thesen über Medien wirkun gen auf. Auf der anderen Seite werden z. B. Computer und Internet immer wieder als Medien ge handelt, deren souveräne Nutzung eine wichtige Voraus setzung für schuli schen und be ruflichen Erfolg ist (vgl. z. B. Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 58). Heftig diskutiert wird zum Beispiel auch immer wieder, inwieweit Medien im Kindergarten ihren Platz haben sollten. Anstatt zu ver folgen, inwieweit einzelne Thesen zur Medien wirkung, die den Konjunkturen der öffent lichen Diskussion unter liegen, von Eltern auf genommen und ver treten werden, wurden die Eltern in der Befra gung ge beten, den Einfluss von Medien auf Kinder grundsätz licher einzu schätzen. Die Eltern sollten an geben, für wie stark sie jeweils den mög­ lichen positiven und den negativen Einfluss der Medien Fernsehen, Computer­ spiele sowie Computer/Internet auf Kinder (im Alter des Bezugs kindes) halten. Im Ergebnis schätzen Eltern den möglichen negativen Einfluss aller Medien im Durch schnitt als etwas stärker ein als den potenziell positiven Einfluss. Dabei gibt es jedoch deut liche medien spezifi sche Unter schiede (vgl. auch Abb. 4­9). 97 Die FIM­Studie kommt hier zu ab weichen den Ergeb nissen in dem Sinne, dass vollzeit be rufstätige Eltern deut lich weniger gemeinsame Fernsehnut zung an geben als die anderen Gruppen (vgl. Medien pädagogi­ scher Forschungs verbund Südwest 2012, S. 64). Dies ist sehr wahrschein lich auf den stärke ren Einbezug von Vätern in die FIM­Studie zurück zuführen. 81 Abbildung 4‑9: An genommene Stärke des möglichen positiven und negativen Einflusses der Medien auf Kinder Mittelwerte, N = 453, Fragen H7, H8 (invers gepolt, d. h. 1 = kein Einfluss, 2 = gering, 3 = stark, 4 = sehr stark) Den möglichen Einfluss des Fernsehens sehen die Eltern am wenigsten kritisch: Diesem Medium wird der durch schnitt lich stärkste positive und geringste negative Einfluss zu geschrieben. Computer spiele sehen die Eltern dagegen am kritischsten: Ihnen wird der geringste positive und der stärkste negative Einfluss zuerkannt. Computer und Internet liegen dazwischen. Zusammen hänge mit soziodemografi schen Merkmalen Da die Befragten sich am Alter des Bezugs kindes orientie ren sollten, um den möglichen Einfluss der Medien zu be urteilen, liegt die Ver mutung nahe, dass hier alters differenzierte Ergeb nisse aufzu finden wären. Dies ist allerdings nur für den positiven Einfluss von Computer spielen sowie Computer/ Internet der Fall: Je älter die Kinder, desto höher wird jeweils der mögliche positive Einfluss dieser Medien geschätzt.98 Das Alter der Eltern spielt eine ver gleich bare Rolle, 98 Computer spiele steigend von 1,72 bei Eltern von 5­ bis 6­Jährigen auf 2,06 bei Eltern von 11­ bis 12­Jährigen; Computer/ Internet steigend von 1,72 auf 2,56. Zugrunde liegt bei deskriptiven Darstel lungen und Unter schiedstests die Skala: 1 = kein Einfluss, 2 = gering, 3 = stark, 4 = sehr stark. Dabei handelt es sich um eine inverse Polung der ursprüng lichen Skala; die inverse Polung wird wegen der be sseren intuitiven Nachvollzieh bar keit in Abbil dungen ge wählt. Alle Differenzen in der geschätzten Stärke des Medien einflusses wurden mit Kruskal­Wallis H­Tests bzw. Mann Whitney U­Tests ge prüft (zweiseitig, p < 0,05). Um eine Orientie rung über die Größen ordnung der Unter schiede zu geben, werden die Mittelwerte der einzelnen Gruppen an geführt. 1 2 3 4 positiver Einfluss negativer Einfluss Fernsehen Computerspiele PC/Internet 82 was darauf zurück zuführen ist, dass – wie an anderer Stelle bereits erwähnt – das Alter von Eltern und Kindern korrespondiert. Eine Rolle spielt darüber hinaus, ob die Befragten allein oder in einer Partner schaft er ziehen. Alleinerziehende sind in Bezug auf den möglichen positiven Einfluss der Medien auf Kinder deut lich skepti scher als gemeinsam Erziehende.99 Zusammen hänge mit der Häufig keit der Medientätig keiten Wie Eltern den möglichen Einfluss der Medien einschätzen, könnte auch im Zusammen hang damit stehen, wie häufig sie selbst die Medien allein oder gemeinsam mit dem Kind nutzen und wie häufig das Kind die Medien nutzt. Die geschätzte Stärke des positiven Fernseheinflusses korreliert nur schwach mit der Häufig keit der eigenen Fernsehnut zung (0,099*).100 Eine eben falls relativ schwache Korrela tion gibt es sowohl mit der Häufig keit des gemeinsamen Fernsehens mit dem Bezugs kind (0,134**) sowie mit der Fernseh häufig keit des Bezugs kindes (0,124**). Offen bleibt hier wie bei all diesen Korrela tionen die Richtung der Zusammen hänge: Ob häufiger ferngesehen wird, weil positive Einflüsse für möglich ge halten werden oder ob der positive Einfluss höher geschätzt wird, weil z. B. beim gemeinsamen Fernsehen ein solcher Einfluss be obachtet wurde, bleibt dahin gestellt. Kein Zusammen hang ist zwischen der geschätzten Stärke des negativen Fernseheinflusses und der Fernseh häufig keit von Eltern und Kindern erkenn bar. Wenn es um Computer spiele geht, lassen sich etwas stärkere Zusammen­ hänge fest stellen: Die mögliche Stärke des positiven Einflusses der Computer­ spiele korreliert leicht mit der Häufig keit des eigenen Computer spielens der Eltern (0,158**) und noch deut licher mit der Häufig keit des gemeinsamen Spielens (0,256**) sowie der Spielhäufig keit des Bezugs kindes (0,295**). Hier finden sich auch schwache Zusammen hänge mit der Stärke des negativen Einflusses: Je stärker der mögliche negative Einfluss ver mutet wird, desto geringer die Häufig keit des eigenen Spielens (– 0,122**), des gemeinsamen Spielens mit dem Kind (– 0,171**) und des kind lichen Spielens (– 0,181**). Positive wie negative Ver mutungen über den möglichen Einfluss von Computer­ spielen spiegeln sich also nach vollzieh bar in der Nutzungs häufig keit der Com­ puter spiele. Die Zusammen hänge zwischen der Bewer tung der möglichen Einflüsse von Computer/Internet mit der Nutzungs häufig keit des Computers für Haus aufgaben, Schule, Aus bildung oder Beruf stellen sich als noch enger dar, denn gerade hier könnte sich ja ein positiver Einfluss dieser Medien ent falten. Je größer 99 Fernsehen: 2,17 zu 2,34; Computer spiele: 1,76 zu 1,94; Computer/ Internet: 1,99 zu 2,18. 100 Verwendet wurde jeweils Kendal­Tau­b, zweiseitig mit p < 0,05* und p < 0,01**; die ursprüng liche Polung der Items wurde hier beibehalten. 83 der mögliche positive Einfluss geschätzt wird, desto höher fällt die gemeinsame Nutzungs häufig keit des Computers für diesen Zweck (0,336**) sowie die Nutzungs häufig keit des Kindes (0,388**) und auch die eigenen Nutzungs häufig­ keit der be fragten Eltern (0,198**) aus. Hier trägt die eigene Nutzung des Mediums für diesen Zweck eventuell zur höheren Gewich tung der positiven Möglich keiten bei. Aber auch um gekehrt gilt: Je größer der mögliche negative Einfluss von Computer/ Internet auf Kinder ver mutet wird, desto seltener nutzen ihn Eltern mit den Kindern gemeinsam für Haus aufgaben, Schule, Aus bildung, Beruf (– 0,093**), aber auch das Kind allein nutzt ihn hierfür seltener (– 0,109**). Dieser Zusammen hang fällt zwar relativ schwach aus; falls jedoch der mögliche negative Einfluss von Computer/ Internet die Eltern davon ab halten sollte, den Computer häufiger für Haus aufgaben und Schule einzu setzen, ist dies ein be­ denkens wertes Ergebnis, denn mehr als ein Drittel der be fragten Eltern hält diesen Einfluss für stark und über ein Zehntel sogar für sehr stark. Ver gleich bares gilt auch für das Internet: Recht eng ist der Zusammen hang zwischen dem möglichen positiven Einfluss von Computer/ Internet und der Häufig keit der gemeinsamen Internetnut zung (0,323**) sowie der Nutzung durch das Kind (0,312**). Auch hier gilt: Je höher der mögliche negative Einfluss geschätzt wird, desto seltener wird das Internet gemeinsam ge nutzt (– 0,119**) oder nutzt das Kind das Internet (– 0,144**). Wissen, Ver mutungen und Bewer tungen der Eltern zu Risiken und Chancen der Medien stehen also insbesondere im Hinblick auf Computer spiele sowie auf Computer/ Internet in deut lichem Zusammen hang mit der Nutzungs häufig­ keit. 4.3.2 Sorgen in Bezug auf die Medien nutzung der Kinder Um die medien erzieheri schen Grundannahmen der Eltern weiter auszu diffe­ renzie ren, wurden alle Eltern ge fragt, inwieweit sie über be stimmte Aspekte der Medien nutzung des Bezugs kindes besorgt sind. Hier wurden einer seits Sorgen ab gefragt, die medien unspezifisch formuliert waren,101 anderer seits solche, die sich nur auf das Internet be ziehen. Letztere wurden unabhängig davon ge stellt, ob das Bezugs kind das Internet nutzt, da solche Sorgen ja auch gerade ein Grund sein könnten, das Kind von der Internetnut zung fernzuhalten. Es fällt auf, dass – ab gesehen von der Sorge, dass sich das Bezugs kind im Internet schlecht gegen über anderen be nehmen könnte – starke Sorgen in Bezug auf die Internetnut zung wesent lich ver breite ter sind, als die medien unspezifisch formulierten Sorgen (vgl. Abb. 4­10). Dies passt zu dem Ergebnis der KIM­ 101 „…, dass […] in Medien mit Inhalten in Berüh rung kommen könnte, durch die es ge fühlsmäßig über­ fordert ist.“; „…, dass Werbung in den Medien bei […] Konsumwün sche wecken könnte.“; „…, dass sich […] zu häufig oder zu lang mit Medien be schäfti gen könnte.“ 84 Studie 2010, in der vier Fünftel der Eltern der Meinung sind, das Internet sei für Kinder gefähr lich (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 65). Abbildung 4‑10: Sorgen be züglich der Medien nutzung der Kinder, Anteile „sehr besorgt“ Prozent der Befragten, N = 453, Fragen H25, H26 Die Prozent werte für die internetbezogenen Sorgen fallen zum Teil etwas kleiner aus als in anderen Studien, was an der fokussierten Alters gruppe der 5­ bis 12­Jährigen liegt, in der die Internetnut zung noch eine geringere Bedeu­ tung hat als z. B. in der HBI/ZDF­Studie (Hasebrink/Schröder/Schumacher (2012, S. 21) oder der EU Kids Online­Studie (Livingstone et al. 2012, S. 2), die beide auch Eltern von Jugend lichen einbezogen.102 Zusammen hänge mit soziodemografi schen Merkmalen Wie sehr die Eltern jeweils in Bezug auf den Medien umgang der Kinder besorgt sind, erweist sich als weit gehend unabhängig von soziodemografi schen Merk­ malen. Selbst das Alter des Kindes spielt hier keine Rolle. Bedeutsam ist allerdings der Bildungs hintergrund der Eltern, jedoch nur für Befürch tungen in Hinblick auf eine emotionale Über forde rung der Kinder:103 Je geringer das 102 Der Anteil der „weiß nicht / be trifft mein Kind nicht“­Antworten beträgt für die internetbezogenen Items zwischen 15 % und 17 %. 103 Erwähnens wert ist in diesem Zusammen hang, dass eine Befra gung von schweizeri schen Eltern zu unter­ schied lichen Sorgen in Bezug auf die Internetnut zung durch gängig eine geringere Besorgnis der formal niedri ger Gebildeten fest stellt (Steiner/Goldoni 2012, S. 54 f.). 6,4% 17,4% 20,8% 21,0% 21,9% 24,1% 27,8% 32,7% 0% 10% 20% 30% 40% Schlechtes Benehmen gegenüber anderen im Internet Zu intensive Medienbeschäftigung Konsumwünsche durch Werbung in Medien Gefühlsmäßige Überforderung durch Medien Kosten durch Internetangebote Weitergabe persönlicher Informationen im Internet Belästigung im Internet Kontakt mit falschen Leuten im Internet 85 formale Bildungs niveau der Familie, desto weniger sind die Eltern im Durch­ schnitt diesbezüg lich besorgt. (vgl. Abb. 4­11)104 Abbildung 4‑11: Sorge um ge fühlsmäßige Über forde rung des Kindes durch Medien inhalte, differenziert nach formalem Bildungs niveau Prozent der jeweili gen Gruppe, N = 453, Frage H25_1 Denkbar ist, dass diese Sorge im Ver gleich zu schwerwiegende ren Alltags­ und Erziehungs sorgen für Eltern mit niedrige rer Bildung, welche ja häufig mit geringe rem sozioökonomi schem Status ver bunden ist, relativ gering ins Gewicht fällt. Für diese Interpreta tion spricht, dass insgesamt medien bezogene Sorgen für Eltern in Relation zu anderen kindbezogenen Sorgen be trachtet, wie z. B. Schulproblemen oder Gefahren im Straßen verkehr, nicht un bedingt an erster Stelle rangie ren (vgl. Livingstone et al. 2012, S. 2). Alleinerziehende Eltern sind in allen Punkten be sorgter als Eltern, die in ehelicher oder eheähn licher Gemein schaft leben (vgl. Abb. 4­12, S. 86). Hierfür könnte aus schlag gebend sein, dass Alleinerziehen den bewusst ist, dass sie auf grund der höheren Beanspruchung durch Auf gaben der Alltags bewälti gung, über geringere Ressourcen ver fügen, um sich mit dem Medien umgang der Kinder auseinander zusetzen.105 Aber auch die Rangord nung der Sorgen fällt für allein erziehende Eltern anders aus: Die Sorge, dass Werbung in den Medien bei den Kindern Konsumwün sche wecken könnte, hat für Alleinerziehende wesent lich mehr Gewicht und steht für sie – aus gehend von den Durch schnitts­ werten – sogar an erster Stelle, was ver mutlich in der meist schlechte ren wirtschaft lichen Situa tion von Alleinerziehen den be gründet liegt. 104 Kruskal­Wallis H­Test, zweiseitig, p < 0,5. 105 (vgl. www.dji.de/cgi­bin/projekte/output. php?projekt= 1150&Jump1= LINKS&Jump2= 10#5; Daten des AID:A DJI­Survey 2009). 18,3 20,7 23,8 34,8 46,2 41,5 30,4 22,1 25,4 15,7 8,7 7,7 0% 20% 40% 60% 80% 100% VS/HS (n = 115) wtf. Schule ohne Abi (n = 208) Abi/Studium (n = 130) sehr besorgt etwas besorgt kaum besorgt gar nicht besorgt weiß nicht / betrifft mein Kind nicht 86 Abbildung 4‑12: Sorgen be züglich Medien nutzung der Kinder, Alleinerziehende, Anteile „sehr besorgt“ Prozent der jeweili gen Gruppe, N = 453, Frqagen H25, H26 4.3.3 Notwendig keit von Medien erziehung Die Eltern wurden ge beten anzu geben, bis zu welchem Alter man sich ihrer Einschät zung oder Erfah rung nach um den Umgang von Kindern bzw. Heran­ wachsen den mit Fernsehen, Computer spielen und Computer/ Internet kümmern sollte. Bis zum Alter von sechs Jahren sehen nahezu alle Eltern für die drei ab gefragten Medien die Notwendig keit sich um den Medien umgang der Kinder zu kümmern. Ab dem Schulalter be ginnen die Einschät zungen medien spezifisch zu differie ren, wobei den Heran wachsen den der vollkommen selbst ständige Umgang mit dem Fernsehen früher zu getraut wird als die Nutzung der anderen Medien (vgl. Abb. 4­13).106 106 Diese Form der Aus wertung und Abbil dung kumuliert die Angaben der Befragten auf eine Weise, die der Tatsache Rechnung trägt, dass die jeweilige Alters angabe logisch einschließt, dass man sich auch um den Medien umgang aller jüngeren Alters stufen kümmern sollte. (Gibt eine Befragte an, man müsse sich bis zum Alter von 12 Jahren um den Fernsehumgang kümmern, so be deutet dies, dass man sich um den Fernsehumgang 11­Jähriger, 10­Jähriger, 9­Jähriger etc. kümmern muss. Ent sprechend wird die Befragte diesen Alters angaben eben falls zu geschlagen.) 5,0% 15,7% 16,3% 17,8% 20,2% 22,0% 26,1% 29,1% 10,3% 22,4% 33,6% 30,2% 26,7% 30,2% 32,8% 43,1% 0% 10% 20% 30% 40% 50% Schlechtes Benehmen gegenüber anderen im Internet Zu intensive Medienbeschäftigung Konsumwünsche durch Werbung in Medien Gefühlsmäßige Überforderung durch Medien Kosten durch Internetangebote Weitergabe persönlicher Informationen im Internet Belästigung im Internet Kontakt mit falschen Leuten im Internet nicht alleinerziehend (n = 337) alleinerziehend (n = 116) 87 Abbildung 4‑13: Alter, bis zu dem man sich um die Medien erziehung kümmern sollte, kumulierte Aus wertung Angaben in Prozent der Befragten, N = 453 ab züglich jeweils fehlen der Werte („weiß nicht“), Frage H9 Während der Prozent satz der Eltern, die es notwendig finden, sich um den Fernsehumgang und um den Umgang der Heran wachsen den mit Computer­ spielen zu kümmern, z. B. ab der Alters grenze von ca. elf Jahren unter die 90 %­Marke fällt, ist diese Marke in Bezug auf den Umgang mit Computer und Internet um zwei Jahre ver schoben. Nur knapp zwei Drittel (63 %) der Befragten sind der Auf fassung, dass man sich um den Fernsehumgang bis zum Alter von 14 Jahren noch kümmern sollte, während es in Bezug auf Computer­ spiele fast drei Viertel sind (71 %) und in Bezug auf Computer/ Internet mehr als vier Fünftel (84 %).107 Da die Alters gruppe der Bezugs kinder bis 12 Jahre reicht, ist fest zuhalten, dass der Großteil der be fragten Eltern von der Notwendig keit aus geht, dass man sich um den Medien umgang der Bezugs kinder kümmern sollte. Bezieht man das Alter der Bezugs kinder in die Analyse ein, so zeigt sich, dass nur eine Minder heit von jeweils 3,5 % der Ansicht ist, dass ihr Kind dem Alter, in 107 Auffallend ist hier eine Diskrepanz zu fernsehbezogenen Ergeb nissen einer älteren Studie (Schorb/ Theunert 2001): Hier waren nur 42 % einer repräsentativen Bevölke rungs stichprobe der Ansicht, dass Heran wachsende bis 14 Jahren Hilfe in Bezug auf den Fernsehumgang benöti gen. Diese Diskrepanz ist darauf zurück zuführen, dass in 68 % der Haushalte der damals Befragten keine Kinder lebten, also nicht nur Eltern befragt wurden. Auf diese Begrün dung ver weist eine Zusatz auswer tung der Ergeb nisse von 2001: Je mehr Kinder im Haushalt lebten, desto höher schätzten die damals Befragten das Alter ein, bis zu dem Fernseherziehung notwendig ist (r = 0,138*). 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% 6 Ja hr e 7 Ja hr e 8 Ja hr e 9 Ja hr e 10 Ja hr e 11 Ja hr e 12 Ja hr e 13 Ja hr e 14 Ja hr e 15 Ja hr e 16 Ja hr e 17 Ja hr e 18 Ja hr e 19 Ja hr e Fernsehen (n = 433) Computerspiele (n = 430) Computer & Internet (n = 436) 88 dem man sich um den Fernsehumgang und den Umgang mit Computer spielen kümmern sollte, bereits ent wachsen ist. In Bezug auf den Umgang mit Com­ puter/ Internet sind es nur 1,5 %.108 4.3.4 Zuständig keit von Institu tionen für die Medien erziehung In der Frage, welche Erziehungs­ und Bildungs institu tionen (Familie, Tages­/ Nachmittags betreuung wie Kindergarten, Hort usw., Schule) dafür sorgen sollen, dass Kinder einen ver antwor tungs vollen Umgang mit Fernsehen, Computer­ spielen sowie Computer und Internet lernen, herrscht unter den Eltern die Rolle der Familie be treffend große Einig keit: Jeweils ca. 99 % der Befragten sehen die Familie bei allen drei Medien in der Pflicht. Sehr viel geringer ist dagegen die Zustim mung – über die gesamte Stichprobe be trachtet –, wenn es um die Institu tionen der Tages­ und Nachmittags betreuung geht. Nur jeweils ca. 15 % der Eltern insgesamt sehen diese für die drei Medien er zieherisch zuständig. Ein anderes Bild erhält man, wenn man nur die Eltern be trachtet, die eine institutio nelle Tages­/Nachmittags betreuung für ihr Kind in Anspruch nehmen. Gut ein Fünftel dieser Eltern109, die diese Betreuungs­ form nutzen, er warten, dass diese sich um den richti gen Medien umgang der Kinder kümmert (Fernsehen: 23,6 %; Computer spiele: 22,1 %; Computer/ Inter­ net: 22,6 %). Unerwartete Unter schiede ergeben sich zwischen den be fragten Müttern und Vätern: Während gut ein Viertel der Väter von Kita, Hort & Co Medien­ erziehung in Bezug auf Computer spiele und Computer/ Internet er wartet, trifft dies nur auf jeweils ca. 13 % der Mütter zu. In Bezug auf die Fernseherziehung fällt der Unter schied geringer aus (21,3 % zu 15,1 %).110 Ob solche Geschlechter­ unterschiede auch in Bezug auf andere Erziehungs themen be stehen oder spezi­ fisch für die Medien erziehung sind, muss dahin gestellt bleiben. Ferner spielt der Bildungs hintergrund eine Rolle: Bei Eltern mit höherer formaler Bildung ist die Erwar tung, dass sich auch die Tages­ und Nachmittags betreuung um die Medien erziehung kümmern sollte, in deut lich höherem Maße ge geben (vgl. Abb. 4­14). Statistisch signifikant wird dieser Bildungs unterschied allerdings nur in Bezug auf Computer und Internet. Ver mutlich sehen die Eltern mit höherer Bildung, die auch unter einem höheren Bildungs druck stehen bzw. 108 Da die Eltern sich durch normativ aus gelegte Fragen kontrolliert und zu sozial er wünschten Antworten an geregt fühlen könnten, wurde ver sucht den normativen Druck durch die Formulie rung und Platzie rung dieser Frage möglichst gering zu halten. 109 Gut zwei Fünftel der Stichprobe (195 Befragte) nehmen ent sprechende Betreuungs formen (Kindergarten/ ­tages stätte, Schülerhort / Nachmittags betreuung in der Schule) in Anspruch. 110 Statistisch signifikant ist nur der Geschlechter unterschied in Bezug auf Computer/ Internet (Mann­Whitney, p < 0,01). 89 stärkere kindbezogene Bildungs aspira tion zeigen, der aktuellen Diskussion ent sprechend Tages­ und Nachmittags betreuungen stärker als Bildungs institu­ tionen als dies Eltern mit formal niedrige rer Bildung tun (vgl. Merkle/Wipper­ mann, 2008, S. 12 ff. und S. 35, Keddi 2011, Alt/Berngruber/Riedel 2012). Abbildung 4‑14: Zu geschriebene Zuständig keit der Tages‑/ Nachmittags betreuung für die Medien erziehung, differenziert nach Medien und Bildungs hintergrund Mehrfachnen nungen, Prozent der Befragten, N = 453, Frage H10 signifikante Ergebnisse sind mit ** (p < 0,01) bzw. * (p < 0,05) markiert In Hinblick auf die Schule ergibt sich ein nach Medien differenzierte res Bild. Während nur etwas mehr als ein Viertel der Eltern der Meinung ist, die Schule sollte sich darum kümmern, dass Kinder den richti gen Umgang mit dem Fernsehen (27,4 %) sowie Computer spielen lernen (28,9 %), sind in Bezug auf dem Umgang mit Computer und Internet über die Hälfte (51,9 %) dieser Meinung.111 Dass die Zustim mung in diesem Punkt umso breiter aus fällt, je älter die Kinder sind, ist nicht weiter ver wunder lich. Offen bar be greifen Eltern die Medien erziehung im Hinblick auf Computer und Internet in wesent lich höherem Maße als zum Bildungs auftrag der Schule ge hörig, kommen diese Medien doch in der die Schule und für die Haus aufgabens zum Einsatz und er fordern daher ent sprechende Kompetenz der Kinder. Dies wird durch das Ergebnis einer aktuelle Befra gung von Lehrkräften an Grundschulen Nordrhein­ 111 In der KIM 2010 sind sogar vier Fünftel der Eltern der Meinung, dass Kinder den Umgang mit Computer und Internet in der Schule lernen sollten (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 65). 19,2% 18,5% 20,8% 16,8% 14,4% 14,4% 10,4% 10,4% 8,7% 0% 5% 10% 15% 20% 25% Fernsehen Computerspiele Computer & Internet* Abi/Studium (n = 130) wtf. Schule ohne Abi (n = 208) VS/HS (n = 115) 90 West falen be stätigt:112 Lehrkräfte erachten die kompetente Ver wendung von elektroni schen Medien für Recherchezwecke und zur Texterstel lung für Schüle­ rinnen und Schüler am Ende der Grundschulzeit als wichtig. Der Einsatz digitaler Medien in der Schule wird von der Mehrheit der Eltern (aus der Perspektive der Lehrkräfte) durch aus be fürwortet, so ein weiteres Ergebnis der Grundschulstudie. Abbildung 4‑15: Zu geschriebene Zuständig keit der Bildungs institu tionen für die Medien‑ erziehung, differenziert nach Medien, Alleinerziehende Mehrfachnen nungen, Prozent der jeweili gen Gruppe, N = 453, Frage H10 signifikante Ergebnisse sind mit ** (p < 0,01) bzw. * (p < 0,05) markiert In ihren Erwar tungen an die außerfamilialen Erziehungs­ und Bildungs­ institu tionen unter scheiden sich Alleinerziehende er heblich von Eltern, die als Paar er ziehen (vgl. Abb. 4­15). Ein jeweils signifikant höherer Anteil der Alleinerziehen den113 sieht sowohl die Tages­/Nachmittags betreuung als auch die Schule in der Pflicht, sich um den richti gen Umgang der Kinder mit Computer spielen zu kümmern, außerdem sind doppelt so viele Alleinerziehende als Nicht­Alleinerziehende der Auf fassung, dass die Tages­/Nachmittags­ betreuung auch für das Erlernen des richti gen Umgangs mit dem Fernsehen 112 Projekt „Medien kompetenz in der Grundschule“ durch geführt vom Institut für Informa tions management Bremen (Prof. Dr. Andreas Breiter, Ines Averbeck, Dr. Stefan Welling) und der Universi tät Mainz (Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Marc Wedjelek) im Auftrag der LfM. 113 Chi­Quadrat, zweiseitig, p < 0,05. 12,8% 12,5% 12,8% 27,6% 26,4% 50,7% 25,0% 20,7% 20,7% 26,7% 36,2% 55,2% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Fernsehen** Computerpiele* Computer & Internet Fernsehen Computerspiele* Computer & Internet T ag es -/ N ac hm it ta gs - be tr eu un g Sc hu le nicht alleinerziehend (n = 337)alleinerziehend (n = 116) 91 zuständig ist. Dieser letzt genannte Unter schied bleibt auch be stehen, wenn man nur solche Eltern miteinander ver gleicht, deren Kinder eine professio nelle Tages­/Nachmittags betreuung auch in Anspruch nehmen (35 % zu 18,5 %). Es ist daher naheliegend, diese Unter schiede so zu ver stehen, dass Alleinerziehende in der Medien erziehung mehr Unter stüt zung durch außerfamiliale Institu tionen sowohl benöti gen als auch er warten. 4.4 Subjektive medien erzieheri sche Kompetenz und Informa tions bedürfnis Um die subjektive medien erzieheri sche Kompetenz der Eltern zu er fassen, wurde zunächst ge fragt, wie gut sie sich ihrer Meinung nach mit den Medien­ inhalten aus kennen, die das jeweilige Bezugs kind nutzt. Weiter hin wurden die Eltern ge fragt, wie sicher sie sich in der Medien erziehung in Bezug auf die drei aus gewählten Medien fühlen, sofern sie selbst innerhalb der Familie dafür zuständig sind. 4.4.1 Kenntnis der vom Kind ge nutzten Medien angebote Insgesamt scheinen die be fragten Eltern sich subjektiv recht gut mit den von den Kindern ge nutzten Medien angeboten auszu kennen. Im Ver gleich der drei aus gewählten Medien, schätzen sie ihre Kennt nisse be züglich der Fernsehange­ bote der Kinder als am besten ein. Abbildung 4‑16: Selbsteinschät zung der Kenntnis der Medien angebote, die das Kind nutzt, Antwort „sehr gut“ Prozent der Befragten, N = Befragte, deren Kinder das jeweilige Medium nutzen, Frage H16 Die Hälfte der Befragten be wertet die eigenen Kennt nisse diesbezüg lich als sehr gut (vgl. Abb. 4­16), weitere 45 % be urteilen sie als gut. In Bezug auf Computer spiele liegen die Anteile noch bei 41,3 % (sehr gut) be ziehungs weise bei 42,2 % (gut). Nur ein gutes Drittel der Eltern (35,8 %) nimmt für sich in Anspruch, sich sehr gut mit den von ihren Kindern ge nutzten Internetangeboten 35,8% 41,3% 50,4% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Internetangebote & -funktionen (n = 212) Computerspiele (n = 344) Fernsehangebote (n = 427) 92 und ­funk tionen auszu kennen, etwas mehr (43,4 %) meinen sich gut damit auszu kennen, so dass auch hier immerhin noch knapp vier Fünftel der Eltern an gemessene Kennt nisse für sich reklamie ren. Die in Anspruch ge nommenen sehr guten Kennt nisse in Bezug auf die vom Kind ge nutzten Fernsehangebote relativie ren sich, nimmt man das Alter der Bezugs kinder in den Blick. Sind fast zwei Drittel der Eltern von 5­ bis 6­Jähri­ gen (63,5 %) über zeugt, deren Fernsehsen dungen sehr gut zu kennen, nimmt der Anteil mit dem Alter der Kinder kontinuier lich ab und beträgt bei Eltern von 11­ bis 12­Jährigen nur noch gut ein Drittel (vgl. Abb. 4­17). Abbildung 4‑17: Selbsteinschät zung der Kennt nisse der vom Bezugs kind ge nutzten Fernseh‑ angebote, differenziert nach Alter der Kinder, Antwort „sehr gut“ Prozent der jeweili gen Alters gruppe, N = 427, Frage H16 Befragte mit Migra tions hintergrund sind deut lich weniger über zeugt davon, sich mit den Fernsehangeboten der Kinder auszu kennen als Eltern ohne Migra­ tions hintergrund (sehr gut: 39,1 % zu 52,5 %). Da sich Eltern mit und ohne Migra tions hintergrund nicht im Ausmaß des gemeinsamen Fernsehens mit ihren Kindern unter scheiden, ist dieser Befund erklä rungs bedürftig. Einen Hinweis liefern hier die Ergeb nisse von Trebbe, Heft und Weiß (2010): Schauen Eltern mit türkischem und russischem Migra tions hintergrund gemeinsam mit den Kindern fern, so wird in der Regel auf Sender des Herkunfts lands zurück­ gegriffen (ebd. S. 152), während die Kinder in ihren Zimmern vor allem deutsche Privat sender nutzen. Daneben spielt möglicher weise auch eine Rolle, dass Eltern, die selbst in Deutschland auf gewachsen sind, einige populäre Dauer­ brenner des Kinderfernsehens sowie Fernsehadap tionen von Märchen, klassi­ scher Kinderliteratur etc. bereits aus der eigenen Medien biografie kennen. 63,5% 56,5% 45,0% 36,8% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 5–6 Jahre 7–8 Jahre 9–10 Jahre 11–12 Jahre 93 In Bezug auf Computer spiele zeigt sich, dass Eltern sich weniger gut mit den Spielen aus kennen, die das Bezugs kind spielt, wenn in ihrem Haushalt Kinder ab 13 Jahren leben, als wenn dies nicht der Fall ist (35,8 % zu 43,4 %). Auch dieser Befund ist interpreta tions bedürftig. Möglicher weise ver lassen sich diese Eltern darauf, dass die älteren Geschwister der Bezugs kinder ein Auge auf die Spiele auswahl haben, was ein weiterer Hinweis darauf wäre, dass ältere Geschwister in diesen Familien eine Funktion in der Mediensozialisa tion und mitunter auch in der Medien erziehung haben (vgl. Kap. 4.2.3). Ebenso gut ist es möglich, dass es diesen Eltern schwerer fällt, sich einen Über blick über die ge nutzten Spiele zu ver schaffen, weil die älteren Kinder ihre Spielepräferenzen einbringen. Eventuell stehen auch die Eltern von Jugend lichen dem Computer­ spielen der jüngeren Kindern einfach schon ge lassener gegen über als solche, die nur jüngere Kinder haben. 4.4.2 Sicher heit in der Medien erziehung Diejenigen Befragten, die angaben, sich innerhalb der Familie (auch) selbst um den ver antwort lichen Umgang des Bezugs kindes mit dem jeweili gen Medium zu kümmern, wurden direkt an knüpfend ge fragt, wie sicher sie sich damit fühlen. Auch in diesem Punkt zeigen die be fragten Eltern sich recht selbst­ bewusst. Der Großteil fühlt sich in der Medien erziehung sicher oder sehr sicher (Fernsehen 91,1 %, Computer spiele 89,4 %, Computer und Internet 83,7 %), wobei das Alter der Kinder für das Ausmaß der Sicher heit einen wichti gen moderie ren den Faktor darstellt.114 Am höchsten ist die Sicher heit in Bezug auf die 7­ bis 8­Jährigen. Hier geben in Bezug auf alle drei Medien über die Hälfte der Befragten an, sich sehr sicher zu fühlen (vgl. Abb. 4­18). Bei Eltern der jüngsten Alters gruppe trägt wahrschein lich die Frage, wie die Kinder be stimmte Medien inhalte ver stehen und ver arbeiten, dazu bei, dass die er zieheri sche Sicher heit geringer aus fällt. Darauf ver weisen die Ergeb nisse zum inhalt lichen Informa tions bedarf (vgl. Ab schnitt 4.4.3). Am geringsten aus geprägt ist die Sicher heit jedoch bei der Alters gruppe der 11­ bis 12­Jährigen. Hier ist es jeweils nur ca. ein Viertel der be fragten Eltern, die sich in der Medien erziehung sehr sicher fühlen. Dagegen dürfte bei den Eltern von Kindern ab 9 Jahren die zunehmende Selbst ständig keit im Medien umgang und der steigende Umfang der Medien nutzung für die Abnahme der Sicher heit von Bedeu tung sein. 114 Alle Unter schiede be züglich der Sicher heit in der Medien erziehung und zum medien erzieheri schen Infor­ ma tions bedürfnis der Eltern wurden mit Mann­Whitney U­Tests bzw. Kruskal­Wallis H­Tests ge prüft, zweiseitig, mit p < 0,01** bzw. p < 0,05*. 94 Abbildung 4‑18: Sicher heit in der Medien erziehung, differenziert nach Alter des Bezugs‑ kindes, Antwort „sehr sicher“ Prozent der Alters gruppe, N = Eltern der Kinder, die das jeweilige Medium nutzen, Frage H12 signifikante Ergebnisse sind mit ** (p < 0,01) bzw. * (p < 0,05) markiert Einen weiteren Unter schied macht das Geschlecht der Bezugs kinder aus. Während jeweils über zwei Fünftel der Eltern von Mädchen sich sehr sicher damit fühlen, sich um den Umgang der Kinder mit Fernsehen, Computer spielen und Computer/ Internet zu kümmern, sind es bei den Eltern von Jungen jeweils nur ca. ein Drittel. Dass Eltern von Jungen sich weniger sicher fühlen, könnte mit den immer wieder fest zustellen den geschlechts typischen Präferenzen in Hinblick auf mediale Inhalte (z. B. für actionhaltige An gebote) in Zusammen­ hang stehen. Ob sich Eltern die Erziehungs verantwor tung mit einem Partner teilen und ge gebenen falls Erziehungs fragen miteinander be sprechen können oder nicht, macht einen Unter schied be züglich der Sicher heit in der Medien erziehung. Alleinerziehende sind in Hinblick auf die Fernseherziehung und die Erziehung zu einem ver antwor tungs vollen Umgang mit Computer und Internet signifikant weniger sicher, wobei die Differenz bei Computer/ Internet am deut lichsten aus fällt (vgl. Abb. 4­19). 40,0% 50,6% 43,0% 54,1% 53,4% 50,6% 34,8% 29,7% 34,6% 23,6% 25,2% 24,3% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Fernsehen** (n = 443) Computerspiele** (n = 371) Computer & Internet** (n = 380) 5–6 Jahre 7–8 Jahre 9–10 Jahre 11–12 Jahre 95 Abbildung 4‑19: Sicher heit in der Medien erziehung, Alleinerziehende, Antwort „sehr sicher“ Prozent der jeweili gen Gruppe, N = Eltern der Kinder, die das jeweilige Medium nutzen (Fernsehen: 113 alleinerziehend, 330 nicht alleinerziehend; Computer spiele: 96 alleinerziehend, 275 nicht alleinerziehend; 96 alleinerziehend, 284 nicht alleinerziehend), Frage H12 signifikante Ergebnisse sind mit ** (p < 0,01) bzw. * (p < 0,05) markiert Im Punkt Computer/ Internet fühlen sich auch Befragte mit Migra tions­ hintergrund weniger sicher als solche, die keine Migra tions geschichte haben (sehr sicher: 27,4 % zu 39 %). Zu ähnlichen Ergeb nissen kommen Trebbe, Heft und Weiß (2010, S. 129) für be stimmte Migranten gruppen und führen dies auf das häufig geringe Bildungs niveau zurück. Da auch in der vor liegen den Unter­ suchung in Familien mit Migra tions hintergrund eine geringe formale Bildung signifikant häufiger ge geben ist, könnte dies auch hier von Bedeu tung sein, auch wenn das Bildungs niveau allein die Sicher heit in Bezug auf Computer/ Internet nicht signifikant be einflusst. Diskus sions würdig er scheint das Ergebnis, dass Eltern, die durch Informa­ tions broschüren schon einmal etwas zur Medien erziehung er fahren haben, sich in der Fernseherziehung weniger sicher fühlen als Eltern, die ent sprechende Broschüren nicht ge nutzt haben (sehr sicher: 33,9 % zu 40,6 %), und das Gleiche gilt für die Erziehung in Bezug auf Computer spiele (sehr sicher: 32,4 % zu 42,3 %). Dies deutet darauf hin, dass Eltern, die in der Medien erziehung weniger sicher sind, ein höheres Informa tions bedürfnis haben (vgl. auch nach folgende Ergeb nisse zum Informa tions bedürfnis) und daher ent sprechende Broschüren ge nutzt haben, ohne jedoch dadurch ein hohes Maß an medien erzieheri scher Sicher heit zu er reichen. Eine mögliche Erklä rung könnte sein, dass die Vielfalt 33,6% 35,4% 29,2% 39,7% 39,6% 39,8% 0% 10% 20% 30% 40% 50% Fernsehen* (n = 443) Computerspiele (n = 371) Computer & Internet* (n = 380) alleinerziehend nicht alleinerziehend 96 und Heterogeni tät der Informa tionen zu einer Ver unsiche rung bei getragen hat oder dass die Empfeh lungen in starkem Wider spruch zum eigenen medien­ erzieheri schen Anspruch bzw. Handeln stehen. Da nicht rekonstruier bar ist, welche konkreten Broschüren die Eltern ge nutzt haben, sind diese Erklä rungs­ versuche allerdings rein hypotheti scher Natur. 4.4.3 Informa tions bedürfnis zur Medien erziehung Zwar geben die be fragten Eltern über wiegend an, sich mit den von ihren Kindern ge nutzten Medien auszu kennen und sich in der Medien erziehung sicher zu fühlen. Das be deutet jedoch nicht zwangs läufig, dass sie kein Informa tions­ bedürfnis ver spüren. Insgesamt gibt über die Hälfte der Befragten (56,5 %) in Bezug auf mindestens eines der vier ab gefragten Medien ein medien erzieheri­ sches Informa tions bedürfnis an,115 wobei dieser Anteil für Eltern von Jungen mit 61,3 % noch etwas höher aus fällt als der Anteil an Eltern von Mädchen mit 51,2 %. Das höchste Informa tions bedürfnis besteht in Bezug auf Computer und Internet. Hier meldet gut die Hälfte der Eltern Bedarf an (vgl. Abb. 4­20). Knapp ein Drittel der Eltern wünscht sich medien erzieheri sche Informa tionen zu Computer spielen, ein Viertel zu Handys oder Smartphones und nur knapp ein Fünftel zum offen bar ver gleichs weise als ver traut empfundenen Fernsehen. Abbildung 4‑20: Informa tions bedürfnis in der Medien erziehung, differenziert nach Medien Mehrfachnen nungen, Prozent der Befragten, N = 453, Frage H14 115 Auch die KIM­Studie 2010 kommt zu dem Ergebnis, dass das Informa tions bedürfnis der Eltern hoch ist. Mehr als zwei Drittel der dort be fragten Eltern wünschen sich Informa tionen zum Thema Kinder und Medien (Medien pädagogi scher Forschungs verbund Südwest 2011, S. 62). 19,4% 32,7% 50,6% 25,2% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% Fernsehen Computerspiele Computer & Internet Handy/ Smartphone 97 Befragte, die in der Medien erziehung weniger sicher sind, äußern auch ver mehrt ein Informa tions bedürfnis. Dies gilt für alle drei Medien, zu denen der Grad der medien erzieheri schen Sicher heit erfragt wurde.116 So wünschen sich z. B. von denjenigen Eltern, die sich in Bezug auf Computer/ Internet er­ zieherisch unsicher bzw. sehr unsicher fühlen (16,3 %), über zwei Drittel hierzu mehr Informa tionen. Allerdings sehen im Fall von Computer und Internet auch diejenigen Eltern, die sich be züglich der Medien erziehung sicher und sehr sicher fühlen, zu einem hohen Anteil (ca. die Hälfte) für sich einen Informa­ tions bedarf (vgl. Abb. 4­21). Abbildung 4‑21: Informa tions bedürfnis, differenziert nach Sicher heit in der Medien erzie‑ hung in Bezug auf das jeweilige Medium Prozent der Befragten, N = Befragte, die sich in Hinblick auf die ent sprechende Medien erziehung sicher bzw. sehr sicher sind, Fragen H14, H12 Ein er höhtes Informa tions bedürfnis lässt sich eben falls für Eltern fest halten, die mit den Bezugs kindern regelmäßig Konflikte über die Medien nutzung haben.117 So geben beispiels weise von denjenigen Eltern, die mit dem Bezugs­ kind regelmäßig (täglich/ein­ bis mehrmals wöchent lich) Konflikte über die Nutzung von Computer/ Internet haben (ca. ein Fünftel der Befragten), knapp zwei Drittel einen Informa tions bedarf an. Im Ver gleich dazu äußert nur die Hälfte derjenigen, bei denen diese Konflikte seltener auf treten, einen ent­ 116 Mann­Whitney: p < 0,01 für Fernsehen und Computer/ Internet, p < 0,05 für Computer spiele. 117 In gut der Hälfte der Familien (52,3 %) kommen regelmäßig Konflikte über die Nutzung zumindest eines der drei ab gefragten Medien vor. Chi­Quadrat, zweiseitig; p < 0,01 für Fernsehen und Computer spiele, p < 0,05 für Computer/ Internet. 49% 56% 72% 73% 81% 85% 51% 44% 28% 27% 19% 15% 0% 20% 40% 60% 80% 100% sicher (n = 177) sehr sicher (n = 141) Computer & Internet sicher (n = 189) sehr sicher (n = 143) Computerspiele sicher (n = 235) sehr sicher (n = 169) Fernsehen nein ja 98 sprechen den Bedarf. Ab geschwächt findet sich diese Tendenz auch bei den anderen Medien: Von denjenigen Eltern, die regelmäßig Konflikte mit den Kindern über die Nutzung von Computer spielen haben, wünschen sich gut zwei Fünftel medien erzieheri sche Informa tionen zu Computer spielen. Obwohl be züglich der Fernsehnut zung regelmäßiger Konflikte auf treten als in Bezug auf die Nutzung der anderen Medien (vgl. Kap. 4.5.2), ver spürt hier nur ein Viertel der Eltern mit regelmäßigen Konflikten Bedarf nach medien erzieheri­ schen Informa tionen. Dazu trägt wahrschein lich die etwas aus geprägtere fernseh­ bezogene medien erzieheri sche Sicher heit und stärkere Kenntnis der Fernseh­ angebote der Kinder bei. Eltern, die in Bezug auf mindestens ein Medium einen Informa tions bedarf geäußert hatten, wurden weiter gehend ge fragt, welche Art von Informa tion sie für sich wichtig finden bzw. sie sich wünschen würden. Informa tionen zu Risiken werden am häufigsten ge wünscht, ge folgt von Hinweisen auf kind­ gerechte Medien angebote (vgl. Abb. 4­22). Letztere liegen vor allem Eltern von Kindern im Alter von bis zu 8 Jahren am Herzen: über 90 % der Eltern von 5 bis 8­Jährigen, die Informa tionen wünschen, geben hier einen Bedarf an, während es bei den Eltern von 11­ bis 12­Jährigen nur noch 69 % sind. Eben falls häufig ge nannt werden Tipps für eine alters gerechte Erziehung im Bereich Medien (vgl. Abb. 4­22). Drei Viertel derjenigen, die einen Informa­ tions bedarf formulie ren, wünschen sich Erklä rungen, wie Kinder Medien ver stehen und erleben, knapp die Hälfte hätte gerne Hinweise auf Anlaufstellen, bei denen sie sich beraten lassen können. Abbildung 4‑22: Inhalt liche Informa tions bedürf nisse der Eltern zur Medien erziehung Mehrfachnen nungen, Prozent der Befragten, N = 256 Befragte, die einen Informa tions bedarf äußern, Frage H15 87,9% 83,2% 82,8% 74,6% 47,3% 0% 20% 40% 60% 80% 100% Informationen zu Risiken Hinweise auf kindgerechte Medien- angebote Tipps für altersgerechte Erziehung im Bereich Medien Erklärungen, wie Kinder Medien verstehen und erleben Hinweise auf Anlaufstellen 99 4.4.4 Genutzte Informa tions quellen zur Medien erziehung Dem Informa tions bedürfnis auf der einen Seite stehen die bisher durch die Eltern ge nutzten Informa tions quellen zur Medien erziehung auf der anderen Seite gegen über. Andere Eltern im Ver wandten­ und Bekannten kreis stellen mit 78,1 % der be fragten Eltern die häufigste bisher ge nutzte Informa tions quelle für Medien erziehung dar. Für Eltern mit mehreren Kindern trifft dies häufiger zu (81,7 %), als für Eltern, die nur ein Kind haben (72,8 %).118 Dies ist ver­ mutlich darauf zurück zuführen, dass Eltern mit mehreren Kindern im Ver lauf ihrer Eltern schaft insgesamt häufiger Gelegen heiten zum Aus tausch mit anderen Eltern hatten. Von großer Breiten wirkung sind Elternabende in Schule/Kinder­ garten/Hort (66,2 %), wobei es leicht nach zuvollziehen ist, dass diese bereits desto häufiger als Informa tions quelle ge dient haben, je älter die Bezugs kinder sind. Bei Eltern von 5­ bis 6­Jährigen ist es knapp die Hälfte (55,8 %), die bei Elternaben den schon einmal etwas über Medien erziehung er fahren hat, bei Eltern von Kindern im Alter von 11 bis 12 Jahren sind es bereits mehr als zwei Drittel (71,9 %). Zeitschriften bilden eine weitere ver breitete Informa­ tions quelle (64,2 %), wobei unklar bleibt, um was für Zeitschriften es sich im Einzelnen handelt. Knapp über ein Drittel der Befragten (38,6 %) hat schon einmal durch Informa tions broschüren etwas über Medien erziehung er fahren. Etwas weniger werden Ver anstal tungen in Mütterzentren, Elterntreffs, Familien­ bil dungs stätten, Ver einen usw. (27,4 %), sowie Bücher (21 %) und Informa tions­ oder Bera tungs seiten im Internet (20,3 %) an gegeben. In Foren, Chats oder Elterncommunitys haben 16,3 % der Eltern bisher schon einmal etwas über Medien erziehung er fahren. Diese kommunikativen Internetangebote spielen bei Eltern, in deren Haushalt Jugend liche ab 13 Jahren leben, mit 9,8 % eine geringere Rolle, als bei Eltern, in deren Haushalt nur jüngere Kinder leben (18,5 %).119 Ein kleiner Teil der Eltern (6,2 %) gibt noch weitere Informa­ tionsquellen zur Medien erziehung an. Hier handelt es sich zum Beispiel um Beiträge in Fernsehen, Radio oder Zeitung sowie Ver anstal tungen weiterer unter schied licher Träger. Einige Befragte sind auch berufs bedingt – durch Aus­ oder Weiter bildung – mit dem Thema Medien erziehung in Kontakt ge­ kommen. Der Anteil der Eltern, die durch die ab gefragten Quellen schon einmal etwas zur Medien erziehung er fahren haben, fällt im höchsten Bildungs niveau in der Regel am größten aus. Signifikant sind die Bildungs unterschiede jedoch nur für Bücher und Zeitschriften (vgl. Abb. 4­23). Deutlich zeigt sich allerdings, 118 Alle Tests zur Nutzung von Informa tions quellen: Chi­Quadrat, zweiseitig, p < 0,05* bzw. p 1 und/oder S7 > 1 und/oder S8 = 1 und/oder S10 = 1 15% mit Migrationshintergrund in der Befragtenstichprobe sind angestrebt _______________________________________________________________________________________________________________________ Verabschiedung durch den Interviewer _______________________________________________________________________________________________________________________ 305 Anhang A2: Screening­Fragebogen für die qualitative Teilstudie 1 Allgemeines Kontaktperson aus dem Projektteam: _____________________________________________ Kontakt erfolgte am:___________________________________ persönlich telefonisch Bezug zur Untersuchung (wie/wo von der Studie erfahren?):___________________________ Kontaktdaten Name: _____________________________________________________________________ Straße, Hausnummer: _________________________________________________________ Postleitzahl, Ort: _____________________________________________________________ Telefonnummer: _____________________________________________________________ Am besten erreichbar am (Tag/Uhrzeit): __________________________________________ Termin für Interview (sofern schon besprochen): ___________________________________ Angaben zum Elternteil Höchster Bildungsabschluss: Kein Schulabschluss Hauptschulabschluss Realschulabschluss Abitur/Fachhochschulreife Hochschulabschluss (Fachhochschule, Universität) Derzeitige/r ausgeübte/r Tätigkeit/Beruf: _______________________________________ Angaben zur Zusammensetzung der Familie Im Haushalt lebende Personen ((Ehe-)Partner/in, leibliche Kinder, Stiefkinder, etc.): __________________________________________________________________________________________ Angaben zum Kind Alter des Kindes: ____________________________________________________________ Klassenstufe des Kindes: ______________________________________________________ Schultyp: Grundschule Stadtteilschule Gymnasium 306 Anhang A3: Elternkurzfragebogen 1 Elternfragebogen Angaben zur Person 1. Bitte geben Sie Ihr Geschlecht an: weiblich männlich 2. Wie alt sind Sie? ____________ Jahre 3. Welche Position in der Familie haben Sie in Bezug auf das befragte Kind? Mutter Stiefmutter Vater Stiefvater 4. Wie ist Ihr Familienstand? (Sie können mehrere Kreuze machen.) verheiratet in Partnerschaft lebend ledig geschieden verwitwet Zusammensetzung der Familie 5. Bitte tragen Sie Anzahl, Geschlecht und Alter Ihrer Kinder ein: Kind Alter Geschlecht Welches Kind wurde im Kinderinterview befragt? (Bitte ankreuzen) 1 2 3 4 6. Wer wohnt sonst noch alles in Ihrem Haushalt? ((Ehe-)Partner/in, leibliche Kinder, Stiefkinder, etc.) __________________________________________________________________________________ __________________________________________________________________________________ 307 2 Berufliche Situation 7a. Was ist Ihr höchster Bildungsabschluss? 7b. Falls Sie in einer Partnerschaft leben: Was ist der höchste Bildungsabschluss Ihres Partners/Ihrer Partnerin? (wenn Sie keine/n Partner/in haben, bitte weiter mit Fragen 8a/9a) Kein Schulabschluss Kein Schulabschluss Hauptschulabschluss Hauptschulabschluss Realschulabschluss Realschulabschluss Abitur/Fachhochschulreife Abitur/Fachhochschulreife Polytechnische Oberschule Polytechnische Oberschule anderer Schulabschluss: _______________________________________ anderer Schulabschluss: ____________________________________ Berufsausbildung Berufsausbildung Hochschulabschluss (FH, Universität) Hochschulabschluss (FH, Universität) 8a. Welche Tätigkeit üben Sie zurzeit beruflich aus? 8b. Welche Tätigkeit übt Ihr Partner/Ihre Partnerin zurzeit beruflich aus? _________________________________________ _____________________________________ 9a. Falls Sie erwerbstätig sind: Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche? 9b. Falls Ihr Partner/Ihre Partnerin erwerbs- tätig ist: Wie viele Stunden arbeitet er/sie pro Woche? ____________________________ Stunden _______________________ Stunden Medienausstattung 10a. Welche der folgenden Geräte befinden sich in Ihrem Haushalt? 10b. Welches der folgenden Geräte besitzt das Kind, das im Interview befragt wird, im eigenen Zimmer? Fernseher Fernseher Computer Computer Spielekonsole (stationär oder tragbar) Spielekonsole (stationär oder tragbar) Handy/Smartphone Handy/Smartphone 308 3 Mediennutzung 11. Wie lange nutzen Sie im Durchschnitt an einem normalen Werktag in Ihrer Freizeit ... ... den Computer? ____________________________ Minuten ... das Internet? ____________________________ Minuten ... die Spielekonsole (stationär oder tragbar)? ____________________________ Minuten 12. und an einem normalen Tag am Wochenende ... ... den Computer? ____________________________ Minuten ... das Internet? ____________________________ Minuten ... die Spielekonsole (stationär oder tragbar)? ____________________________ Minuten 13. Was machen Sie am Computer bzw. im Internet am häufigsten (z. B. sich informieren, E-Mails schreiben, Communitys nutzen, spielen etc.)? __________________________________________________________________________________ __________________________________________________________________________________ 14. Welche Funktionen Ihres Handys/Smartphones nutzen Sie am häufigsten (z. B. telefonieren, SMS schreiben, im Internet surfen, spielen etc.)? __________________________________________________________________________________ __________________________________________________________________________________ 15. Nutzen Sie mit Ihrem Handy/Smartphone das Internet? ja nein Achtung: Bitte beantworten Sie alle nachfolgenden Fragen für das Kind, das im Rahmen dieser Studie befragt wird. 16. Seit wann nutzt Ihr Kind den Computer? ____________________________________________ 17. Seit wann nutzt Ihr Kind das Internet? ______________________________________________ 18. Seit wann nutzt Ihr Kind eine Spielekonsole (stationär oder tragbar)? _____________________ 19. Seit wann nutzt Ihr Kind ein Handy/Smartphone? ____________________________________ 309 4 20. Was macht Ihr Kind am Computer bzw. im Internet am häufigsten (z. B. sich informieren, E-Mails schreiben, Communitys nutzen, spielen etc.)? __________________________________________________________________________________ 21. Welche Funktionen seines Handys/Smartphones nutzt Ihr Kind am häufigsten (z. B. telefonie- ren, SMS schreiben, im Internet surfen, spielen etc.)? __________________________________________________________________________________ 22. Nutzt Ihr Kind mit seinem Handy/Smartphone das Internet? ja nein 23. Wie lange nutzt Ihr Kind im Durchschnitt an einem normalen Werktag in seiner Freizeit ... ... den Computer? ____________________________ Minuten ... das Internet? ____________________________ Minuten ... die Spielekonsole (stationär oder tragbar)? ____________________________ Minuten 24. und an einem normalen Tag am Wochenende ... ... den Computer? ____________________________ Minuten ... das Internet? ____________________________ Minuten ... die Spielekonsole (stationär oder tragbar)? ____________________________ Minuten 25. An wie vielen Tagen in der Woche (nicht in den Ferien) wird Ihr Kind regelmäßig von anderen be- treut... ... und welche Medien nutzt es da? ___ Kindergarten ganztags ___ Kindergarten halbtags ----------------------------------------------- ___ Hort/Nachmittagsbetreuung ----------------------------------------------- ___ Großeltern/Verwandte ----------------------------------------------- ___ Kinderfrau/Babysitter ----------------------------------------------- ___ sonstige Personen/Betreuung: ---------------------------------------------------- ----------------------------------------------- Vielen Dank! 310 Anhang A4: Leitfaden für die Elterninterviews 1 Elternleitfaden Einleitung: „Es geht in dem Gespräch um die Rolle der Medien in der Familie und darum, wie Eltern im Alltag mit ihnen umgehen. An vielen Stellen werden wir uns auf das Kind konzentrieren, mit dem ich später auch gern noch sprechen möchte. An anderen geht es um die ganze Familie oder auch um Sie selbst.“ I Allgemeine Lebenssituation 1 Familienbeziehungen Können Sie mir zum Einstieg kurz beschreiben, wer alles zu Ihrer Familie gehört? Falls alleinerziehend/getrennt lebend/neuer Partner: Wie lange leben Sie in dieser Zusammensetzung miteinander? Falls getrennt lebend: Wie ist die Beziehung von Kind X zum getrennt lebenden Elternteil? Falls neuer Partner: Wie ist das Verhältnis von Kind X zum neuen Part- ner/zur neuen Partnerin? (Zielrichtung Erziehungsverantwortung) Mit wem verbringt Kind X am meisten Zeit in der Familie? Mit wem verbringt es sonst noch viel Zeit? Kennen Sie die Freunde von Kind X? 2 Kommunikation in der Familie Wenn Sie an einen typischen Tag denken: Über welche The- men wird in Ihrer Familie am häufigsten gesprochen? Nur, wenn es um Medien geht: Wer beteiligt sich an den Gesprächen? Können Sie mit Kind X über alles ruhig sprechen? Gibt es bei bestimmten Themen Streit? (Erzählen lassen) II Rolle der Medien für die eigene Person im eigenen Alltag 3 Rolle der Medien im Alltag Medienkärtchen Sie sehen hier einige Karten mit verschiedenen Medien. Bitte beschreiben Sie doch einmal kurz, welche Medien in Ihrem Alltag vorkommen und welche Rolle sie spielen. 4 Eigene Mediennutzung Welche dieser Medien nutzen Sie selbst in der Freizeit am meisten? Tageszeiten/Situationen, Angebote, Häufig- keit/Umfang der Nutzung 5 Persönliche Relevanz der Me- dien Welche Medien sind für Sie selbst am wichtigsten? Warum? Wenn Bücher wichtig: Nachfragen, ob auch E-Book- Reader genutzt wird 311 2 6 Eigene Medienkompetenz Wenn Sie sich selbst einschätzen sollten, was würden Sie sa- gen: Wie gut kennen Sie sich mit Medien aus? Was gehört für Sie dazu, dass jemand sagen kann, er oder sie kennt sich gut damit aus? Mit welchem Medium kennen Sie sich am besten aus? Sind Sie dann auch der-/diejenige, der/die sich in der Familie am besten damit auskennt? Wenn nein: Wer kennt sich dann am besten aus? Womit kennen Sie sich weniger gut aus? III Rolle der Medien in der Familie 7 Stellenwert der Medien in der Familie Wenn Sie sich noch einmal die Medienkarten ansehen, wel- che Medien spielen in Ihrer Familie die größte Rolle? Warum? Gibt es ein Medium, das für Ihre Familie besonders wichtig ist? Welches? Warum? Würden Ihre Kinder das auch so sehen, dass das genannte Medium das wichtigste der Familie ist? Wenn nein: Warum nicht? 8 Mediennutzung in der Familie Wie sieht die Mediennutzung in Ihrer Familie sonst noch aus? eingespielte Rituale/feste Gewohnheiten Nachhaken: Fernsehen Computer Internet Spielekonsole 9 Gemeinsame Mediennutzung Wenn in der Familie gemeinsam Medien genutzt werden: Wer entscheidet darüber, was im Fernsehen gesehen wird/welches Computerspiel gespielt wird? Wie läuft das ab? Was passiert, wenn die anderen in der Familie etwas anderes sehen/spielen wollen? 10 Kommunikation über Medien Inwieweit sprechen Sie (außerdem) in der Familie über be- stimmte Medien oder Medienangebote? Welche Medien/Medienangebote? Gesprächsinhalte? Wer ist beteiligt? Wenn Sie das mal mit anderen Gesprächsthemen vergleichen: Welchen Stellenwert haben in Ihrer Familie Gespräche über Medien? 2 6 Eigene Medienkompetenz Wenn Sie sich selbst einschätzen sollten, was würden Sie sa- gen: Wie gut kennen Sie sich mit Medien aus? Was gehört für Sie dazu, dass jemand sagen kann, er oder sie kennt sich gut damit aus? Mit welchem Medium kennen Sie sich am besten aus? Sind Sie dann auch der-/diejenige, der/die sich in der Familie am besten damit auskennt? Wenn nein: Wer kennt sich dann am besten aus? Womit kennen Sie sich weniger gut aus? III Rolle der Medien in der Familie 7 Stellenwert der Medien in der Familie Wenn Sie sich noch einmal die Medienkarten ansehen, wel- che Medien spielen in Ihrer Familie die größte Rolle? Warum? Gibt es ein Medium, das für Ihre Familie besonders wichtig ist? Welches? Warum? Würden Ihre Kinder das auch so sehen, dass das genannte Medium das wichtigste der Familie ist? Wenn nein: Warum nicht? 8 Mediennutzung in der Familie Wie sieht die Mediennutzung in Ihrer Familie sonst noch aus? eingespielte Rituale/feste Gewohnheiten Nachhaken: Fernsehen Computer Internet Spielekonsole 9 Gemeinsame Mediennutzung Wenn in der Familie gemeinsam Medien genutzt werden: Wer entscheidet darüber, was im Fernsehen gesehen wird/welches Computerspiel gespielt wird? Wie läuft das ab? Was passiert, wenn die anderen in der Familie etwas anderes sehen/spielen wollen? 10 Kommunikation über Medien Inwieweit sprechen Sie (außerdem) in der Familie über be- stimmte Medien oder Medienangebote? Welche Medien/Medienangebote? Gesprächsinhalte? Wer ist beteiligt? Wenn Sie das mal mit anderen Gesprächsthemen vergleichen: Welchen Stellenwert haben in Ihrer Familie Gespräche über Medien? 312 3 11 Streit & Konflikte über Me- dien Gab es in der Familie schon einmal Konflikte oder Streit in Bezug auf die Medien? Worum ging es da? Welches Medium/Medienangebot? Wie ist es dazu gekommen? Wie sind Sie mit dem Problem umgegangen? Wie hat die Situation dann geendet? Waren Sie selbst mit der Auflösung der Situation zu- frieden? War das aus Ihrer Sicht eine erfolgreiche Lösung (un- mittelbar in der Situation und langfristig)? Wie häufig gibt es im Vergleich zu anderen Themen Streit wegen Medien? Läuft das dann immer ähnlich ab oder unterschiedlich? Wenn unterschiedlich: Wie zum Beispiel noch? IV Rolle der Medien im Kontakt mit Kind X 12 Gemeinsame Mediennutzung Welche Medien nutzen Sie mit Kind X gemeinsam? Wie sieht die gemeinsame Nutzung aus? konkrete Angebote, Qualität der Nutzung Was ist der Grund für die gemeinsame Nutzung? Nachhaken: Fernsehen Computer Internet Spielkonsole 13 Dominantes Thema bzgl. Medien und Kind X Was beschäftigt Sie im Zusammenhang mit Medien am meis- ten, wenn Sie an Kind X denken? Reden Sie darüber auch mit Kind X? Mit wem tauschen Sie sich noch darüber aus? 14 Kommunikation über Medien/Medienangebote Erinnern Sie sich an Gespräche mit Kind X über Medien? Worum ging es dabei? Inhalte, Konflikte etc. (Beispiele beschreiben lassen) Wer hat das Gespräch gesucht? Wenn Eltern: Was war der Anlass für das Gespräch? Wenn Kind X: Was war Ihre erste Reaktion darauf, dass Ihr Kind mit Ihnen über das Thema sprechen wollte? War das eine typische Situation? (Gesprächsanlass, -inhalt, ...) 15 Medien als „Erziehungsin- strument“ Verbieten Sie Ihrem Kind gelegentlich den Umgang mit Me- dien, um es zu bestrafen? Belohnen Sie Ihr Kind hin und wieder mit der Nutzung von Medien? 313 4 V Einschätzung der Mediennutzung und Medienkompetenz Wie würden Sie die Mediennutzung von Kind X beschreiben? Welche Medien nutzt Kind X? jeweils pro Medium: Häufigkeit, Umfang der Nutzung Bei den wichtigsten Medien: Tageszeiten/feste Zeiten/Nutzungsrituale Mit wem, wo? Lieblingsangebote 16 Mediennutzung von Kind X Bei welchen Medien bekommen Sie mehr von der Medien- nutzung Ihres Kindes mit, bei welchen weniger? Wie gut kennen Sie die Mediengewohnheiten Ihres Kindes? Wie gut kann Kind X diese Medien selbstständig bedienen? Schwierigkeiten, besondere Fähigkeiten Hat Kind X schon einmal etwas von einer Sendung, einem Computerspiel oder einem Internetangebot erzählt? Worum ging es dabei? 17 Medienkompetenz von Kind X Inwieweit hat Kind X schon einmal etwas selber mit Medien gemacht, z. B. einen eigenen Film gedreht, Fotos gemacht oder etwas ins Netz gestellt? (Das kann auch in der Kita oder in der Schule stattgefunden haben.) VI Allgemeine Einstellung gegenüber Medien 18 Einstellung der Eltern Kartenset Einstellungen Ich habe hier Karten mit verschiedenen Aussagen zum Thema Kinder und Medien. Ich lese Ihnen die Aussagen jetzt der Rei- he nach vor. Kindheit sollte am besten frei von Medien sein. Medien geben Kindern vielfältige Möglichkeiten und Chan- cen. Die Mediennutzung kann sich negativ auf die kindliche Entwicklung auswirken. Kinder wachsen heutzutage selbstverständlich mit Medien auf und können daher sehr gut mit ihnen umgehen. Kinder verfügen noch nicht über die Voraussetzung bzw. Fähigkeiten, um die Medien selbstständig und kompetent zu nutzen. Welchen dieser Aussagen stimmen Sie am ehesten zu? Warum? Welche Medien haben Sie dabei im Blick? Gibt es Aussagen, denen Sie nicht zustimmen? Inwiefern stimmt die Aussage nicht? 314 5 19 Haltung der Eltern gegenüber kindlicher Mediennutzung Wenn Sie an Kinder in der Altersgruppe von X denken: Wel- che Medien oder Medienangebote sind aus Ihrer Sicht eher geeignet und welche weniger? Warum? Chancen, Risiken, Fähigkeiten der Kinder Wenn alle Medien als geeignet genannt werden: Gibt es bestimmte Angebote, die nicht geeignet sind? VII Medienerziehung 20 „Im Folgenden geht es darum, wie Sie mit der Mediennutzung von Kind X umgehen.“ 21 Medienerzieherisches Handeln (und Verständnis ) Inwieweit versuchen Sie, die Mediennutzung von Kind X zu beeinflussen? Wie machen Sie das? Was möchten Sie damit erreichen? Wie klappt das? 22 praktizierte Medienerziehung ... ... Fernsehen Wer entscheidet darüber, wann und wie lange Kind X fernse- hen darf? Wer entscheidet darüber, was Kind X sehen darf? Wenn Elternteil: Woran orientieren Sie sich bei Ihrer Entscheidung? War das schon immer so bzw. seit wann entscheidet es Kind X selbst? 23 ... Computer/Internet Wie sieht es mit der Nutzung von Computer und Internet aus: Wer entscheidet darüber, was Kind X im Internet nutzen darf? Inwieweit gibt es eine Vereinbarung hinsichtlich der Dauer der Computer-/Internetnutzung? Wenn Elternteil: Woran orientieren Sie sich bei Ihrer Entscheidung? War das schon immer so bzw. seit wann entscheidet es Kind X selbst? 24 ... Computer- und Videospiele Wer entscheidet in der Familie darüber, wie lange Kind X Computerspiele nutzen darf? Wer entscheidet, welche Spiele Kind X nutzen darf? Wenn Elternteil: Woran orientieren Sie sich bei Ihrer Entscheidung? War das schon immer so bzw. seit wann entscheidet es Kind X selbst? 25 ... Handy Wie ist das mit dem Handy: Aus welchen Gründen hat Kind X ein Handy bekommen? Wurden beim Kauf oder später Nutzungsregeln vereinbart? Wenn Sie an Kind X denken: Welche Funktion hat das Handy für Sie und Ihr Kind? 315 6 26 Regeln und Vereinbarungen in der Familie zur Mediennutzung allgemein Gibt es in Ihrer Familie (noch andere) Regeln oder Vereinba- rungen zur Mediennutzung? Wenn ja, welche? Seit wann gibt es diese Regeln? Inwieweit gibt es Unterschiede zwischen den ver- schiedenen Medien? Inwieweit haben sich die Regeln in der Praxis be- währt? Wo gibt es Schwierigkeiten bei der Einhaltung der Re- geln? Wenn nein, Was sind die Gründe, auf Regeln zu verzichten? 27 Medienerziehungsverständnis Wir sind ja schon mitten im Thema Medienerziehung. Jetzt mal etwas allgemeiner: Was verstehen Sie selbst darunter? Was ist Ihrer Meinung nach wichtig, wenn es um die Medien- erziehung von Kindern im Alter von X geht? Worauf sollten Eltern achten? 28 Medienerziehungskonzepte Sind Sie sich mit Ihrem Partner/dem anderen Elternteil in Bezug auf medienerzieherische Fragen einig? Wenn nein: Worin bestehen Differenzen? (Einstellungs- u. Hand- lungsebene) 29 Szenarien Ich habe hier Karten mit unterschiedlichen Alltagssituationen. Ich lese sie Ihnen nun vor und bitte Sie dann jeweils um einen Vorschlag. Ein Kind möchte mit dem älteren Geschwister eine Sen- dung sehen, die die Eltern für nicht geeignet halten. Was wäre aus Ihrer Sicht eine gute Lösung? Das Kind beschäftigt sich aus Sicht der Eltern zu sehr mit Medien. Was würden Sie den Eltern raten? Ein Kind bringt ein Computerspiel mit nach Hause, das bei seinen Freunden gerade sehr angesagt ist, aber nicht für das Alter des Kindes geeignet ist. Wie sollten sich die Eltern verhalten? Nachfrage: Würden Sie das Gleiche vorschlagen, wenn es um einen Film auf DVD statt um ein Computerspiel ginge? (Falls nein: Wie würden Sie da verfahren?) Eine Mutter berichtet, dass ihr Kind unbedingt Facebook nutzen möchte, es ist aber noch nicht 13 Jahre alt. Wie würden Sie sich an Stelle der Mutter verhalten? 316 7 Wie sicher fühlen Sie sich im Bereich Medienerziehung im Vergleich zu anderen Erziehungsbereichen? Wo sehen Sie in der Medienerziehung die größten Herausfor- derungen oder Schwierigkeiten? Es ist ja manchmal nicht ganz einfach, den eigenen Erzie- hungsvorstellungen gerecht zu werden: Gibt es im Bereich Medien Situationen, in denen Sie von Ih- rem eigenen Erziehungsanspruch abweichen? Was sind das für Situationen? Glauben Sie, dass Kinder sich für den Umgang mit Medien ein Vorbild an den Eltern nehmen? Welche Rolle spielt das für Sie selbst? 30 Medienerzieherische Selbsteinschätzung Meinen Sie, dass Sie im Hinblick auf die Mediennutzung Ihres Kindes strenger oder weniger streng sind als die meisten an- deren Eltern? Inwiefern? VIII Nutzung medienpädagogischer Informations- und Beratungsangebote sowie vorhandener Informations- und Beratungsbedarf 31 Genutzte Angebote Haben Sie schon einmal ein Informations- oder Beratungsan- gebot zum Thema Kinder und Medien besucht? Wenn nichts kommt: „z. B. Elternabende, Beratungsstellen und so weiter?“ Was war das? Wie sind Sie auf das Angebot aufmerksam gewor- den? Worum ging es da genau? Was hat Ihnen das Angebot gebracht? Bei Kritik: Was hätte man besser machen können/Was hat Ihnen gefehlt? Erinnern Sie sich an gute Angebote/Was war an denen besser? Es gibt eine Vielzahl in Informationsmaterialien zum Thema Kinder und Medien. Haben Sie selbst auch schon mal solche Materialien gesehen? Wenn ja: Können Sie sich an das Angebot erinnern und es be- schreiben? Wie hat Ihnen das Angebot gefallen? Was hat Ihnen gefallen? Gab es etwas, was Sie gestört hat? Haben Sie schon mal nach Informationsmaterialien zum The- ma Kinder und Medien gesucht? 32 Materialien Zu welchen Themen würden Sie sich persönlich noch mehr Informationen wünschen? Wie sollten die Informationen sein, damit sie Ihnen etwas bringen? 317 8 33 Suche Wenn Sie nach Informationen suchen würden, welche Quel- len würden Sie nutzen bzw. an wen würden Sie sich wenden? 34 Unterstützungsform Wenn in Ihrer Familie Probleme mit der Medienerziehung auftauchen würden, welche Form der Unterstützung würden Sie sich idealerweise wünschen? Danach erst: Gibt es etwas, was Sie sich von der Schule/der Kita wünschen? Vom Staat? Von den Medienmachern/Medienanbietern? IX Abschlussfrage 35 Stellen Sie sich vor, der Strom fällt für eine Woche aus und Sie können weder Fernsehen, Computer, Internet, Radio etc. nutzen noch die Akkus für Ihr Handy/Smartphone/iPad aufladen. Was würde zuhause passieren? 36 Gibt es sonst noch etwas zu diesem Thema, was wir nicht angesprochen haben und das Sie gerne loswerden wollen? 318 Anhang A5: Leitfaden für die Kinderinterviews 1 Kinderleitfaden Einleitung: Vorstellung der eigenen Person, kurze Erläuterung, um was es geht: „Ich interessiere mich dafür, was Kinder mit Medien machen, also zum Beispiel mit Spielkonsole, Computer und Internet. Wir wollen herausbekommen, was Kindern gefällt und was nicht und was sie z. B. mit Medien machen können. Vorher möchte ich Dich aber ein bisschen kennenlernen.“ I Allgemeine Lebenssituation Familienkontext Kartenset Familie Sagst Du mir nochmal Deinen Vornamen und wie alt Du bist? Ich habe hier einige Figuren: Vater, Mutter, Großeltern, Brü- der, Schwestern ... Wer gehört zu Deiner Familie? Mit wem wohnst Du zusammen? o Wenn Großeltern mit ausgewählt wurden: Du hast Großeltern mit ausgesucht: Bist Du bei de- nen auch ab und zu? Wie oft? (Jede Woche, jeden Tag?) Mit wem aus der Familie verbringst Du am meisten Zeit? Unternehmt ihr manchmal etwas gemeinsam mit der ganzen Familie? o Wenn ja, was macht ihr? Spielst Du meistens zuhause in der Wohnung oder drau- ßen? Hast Du ein eigenes Zimmer? Was gefällt Dir daran besonders gut? II Rolle der Medien für die eigene Person im eigenen Alltag Alltagsgewohnheiten/Routinen In welche Klasse gehst Du? Wie lange bist Du jeden Tag in der Schule? Erzähl mir doch einmal, wie Dein Tag aussieht, wenn Du aus der Schule kommst. Regelmäßige Nachmittagsaktivitäten (Hort/Training/Instrumentenunterricht/...) 319 2 Rolle der Medien im Alltag Medienkärtchen ohne Tagezeitungen! Du siehst hier einige Karten mit verschiedenen Medien. Kurz erläutern: Musik- und Hörmedien = Alles, mit dem man Musik- stücke oder Geschichten anhören kann, z. B. CD- Player, MP3-Player, ... Film/Video = Alles, womit man Filme oder Videos angucken kann, z. B. DVD, Videoband ... Wenn Du Dir die Karten noch einmal ansiehst, welche Medien nutzt Du am meisten? Persönliche Relevanz der Medien Von den Karten, die Du ausgewählt hast: Welche Me- dien sind für Dich am wichtigsten? Warum? (Begründen lassen) Auf welches Medium könntest Du am allerwenigsten verzichten? (Begründen lassen) Die Medien im Einzelnen Die drei wichtigsten Medien auf dem Tisch liegen lassen, die anderen beiseite legen. Dann werden die Medien Fernsehen, Computer, Internet, Spielekonsole und Handy in der Reihen- folge ihrer Wichtigkeit nacheinander abgefragt, SOFERN sie überhaupt zu den wichtigen Medien gehören. Wenn ein anderes Medium als diese vier das wichtigste ist (z. B. Buch), ein paar Fragen zu den Lieblingsangeboten stellen. Wenn das Kind nach den Fragen zum ersten Medium schon wenig reagieren sollte, maximal auf ein weiteres Medium eingehen. Die Auswahl dann daran orientieren, welches der Medien sich im Elterninterview möglicherweise als bedeutsam für die Medienerziehung herausgestellt hat. Wenn es kein besonders wichtiges Medium mehr gibt: Auf Fragen nach weiteren Medien verzichten. Fernsehen Nutzung allgemein Hast Du einen eigenen Fernseher? o Wenn ja: Wo guckst Du am häufigsten fern? Was siehst Du denn am liebsten? Was ist Deine Lieblingssendung? Was gefällt Dir daran besonders gut? Kennen Deine Eltern die Sendung auch? Wenn ja: Wie finden sie das denn, dass Du die Sendung so gern siehst? Mit wem schaust Du denn meistens zusammen? 2 Rolle der Medien im Alltag Medienkärtchen ohne Tagezeitungen! Du siehst hier einige Karten mit verschiedenen Medien. Kurz erläutern: Musik- und Hörmedien = Alles, mit dem man Musik- stücke oder Geschichten anhören kann, z. B. CD- Player, MP3-Player, ... Film/Video = Alles, womit man Filme oder Videos angucken kann, z. B. DVD, Videoband ... Wenn Du Dir die Karten noch einmal ansiehst, welche Medien nutzt Du am meisten? Persönliche Relevanz der Medien Von den Karten, die Du ausgewählt hast: Welche Me- dien sind für Dich am wichtigsten? Warum? (Begründen lassen) Auf welches Medium könntest Du am allerwenigsten verzichten? (Begründen lassen) Die Medien im Einzelnen Die drei wichtigsten Medien auf dem Tisch liegen lassen, die anderen beiseite legen. Dann werden die Medien Fernsehen, Computer, Internet, Spielekonsole und Handy in der Reihen- folge ihrer Wichtigkeit nacheinander abgefragt, SOFERN sie überhaupt zu den wichtigen Medien gehören. Wenn ein anderes Medium als diese vier das wichtigste ist (z. B. Buch), ein paar Fragen zu den Lieblingsangeboten stellen. Wenn das Kind nach den Fragen zum ersten Medium schon wenig reagieren sollte, maximal auf ein weiteres Medium eingehen. Die Auswahl dann daran orientieren, welches der Medien sich im Elterninterview möglicherweise als bedeutsam für die Medienerziehung herausgestellt hat. Wenn es kein besonders wichtiges Medium mehr gibt: Auf Fragen nach weiteren Medien verzichten. Fernsehen Nutzung allgemein Hast Du einen eigenen Fernseher? o Wenn ja: Wo guckst Du am häufigsten fern? Was siehst Du denn am liebsten? Was ist Deine Lieblingssendung? Was gefällt Dir daran besonders gut? Kennen Deine Eltern die Sendung auch? Wenn ja: Wie finden sie das denn, dass Du die Sendung so gern siehst? Mit wem schaust Du denn meistens zusammen? 320 3 Gemeinsame Nutzung Wenn Du mit deinen Eltern zusammen fernsiehst, wie sieht das dann aus? o Was schaut ihr gemeinsam an? o Sitzt ihr nebeneinander? o Redet ihr auch über das, was im Fernsehen läuft? o Worüber sprecht ihr da zum Beispiel? Und wie sieht das aus, wenn Du mit Deinen Geschwis- tern zusammen fernsiehst? [Wenn noch Großeltern oder Onkel/Tanten angesprochen wurden, dann auch noch auf diese eingehen] Regelungen zur Fernsehnutzung Wer entscheidet denn darüber, was Du im Fernsehen sehen darfst? o Wenn Eltern: Was darfst Du und was nicht? Und wie findest Du das? Gibt es noch andere/irgendwelche anderen Regeln zum Fernsehen? (Wenn ja beschreiben lassen) o Wie findest Du die Regelung? o Gibt es Situationen, in denen Deine Eltern eine Ausnahme machen? Wenn nichts zu Regelungen kommt: Wenn Du etwas im Fernsehen anschauen willst, wie läuft das dann ab? o Ggf. nachhaken: Darfst Du alles anschauen, wie und wann Du möchtest? o Musst Du jemanden fragen? Und was passiert dann? Erklären Dir Deine Eltern, warum sie Dir etwas verbie- ten/nicht erlauben? Machen Dir Deine Eltern auch manchmal Vorschläge, welche Sendungen Du sehen könntest? o Wenn ja: Was für Sendungen sind das? o Wie findest Du die Sendungen, die Dir Deine El- tern vorschlagen? Umgang des Kindes mit Regelun- gen Was machst Du denn, wenn Du eine Sendung sehen möchtest, aber Deine Eltern erlauben es Dir nicht? 321 4 Computer/Laptop Nutzung allgemein Hast Du einen eigenen Computer/Laptop? o Wenn ja: Seit wann hast Du den? Was machst Du alles am Computer? Was davon ist Dir am wichtigsten? Wenn Spiele/Spielen genannt wird weiter mit Spielen Welches ist Dein Lieblingsspiel? Wenn Internet genannt wird Weiter mit Internet Kennen sich Deine Eltern auch [mit dem genannten An- gebot] aus? Wenn ja: Wie finden Deine Eltern, dass Du [die genannte Tätigkeit] so gern machst? Computer: Gemeinsame Nutzung Nutzt Du den Computer manchmal auch zusammen mit deinen Eltern? o Wie sieht das dann aus? Und nutzt Du den Computer auch manchmal zusammen mit deinen Geschwistern? o Wie sieht das dann aus? (Diese Frage bezieht sich vor allem auf die Qualität der Nut- zung; wird bspw. über Gesehenes gesprochen, erklären die Eltern den Kindern Inhalte, etc.) [Wenn noch Großeltern oder Onkel/Tanten angesprochen wurden, dann auch noch auf diese eingehen] 322 5 Regelungen zur Computernutzung Wer entscheidet denn darüber, was Du (sonst noch) alles am Computer machen darfst? a) Wenn Eltern: o Wie läuft das ab? Was darfst Du und was nicht? o Und wie findest Du das? o Gibt es auch Situationen, in denen Deine Eltern Ausnahmen machen? (Beschreiben lassen) b) Wenn selbst o Wenn Du etwas am Computer machen willst, musst Du dann noch irgendwelche Regeln be- achten? (Beschreiben lassen) o Falls nein: Darfst Du am Computer (sonst) alles machen, was, wann und wie Du willst? (Be- schreiben lassen) Ggf.: Gibt es Situationen, in denen Deine Eltern eine Ausnahme machen? Gibt es noch andere Regeln zur Computernutzung? (Wenn ja beschreiben lassen) o Wie findest Du die Regelung? o Gibt es Situationen, in denen Deine Eltern eine Ausnahme machen? Erklären Dir Deine Eltern, warum sie Dir etwas verbie- ten/etwas nicht erlauben? Falls jetzt noch unklar: Wer entscheidet darüber, wie lange Du den Computer nutzen darfst? o Wenn Eltern: Wie findest Du das? Umgang des Kindes mit Regelun- gen Was machst Du, wenn Du etwas am Computer machen möchtest, Deine Eltern es Dir aber nicht erlauben? 323 6 Internet Nutzung allgemein Wo nutzt Du denn meistens das Internet? (Frage ist räumlich gemeint) An welchem Gerät (PC, Handy, Spielekonsole etc.) nutzt Du das Internet? Welche Internetangebote/-seiten nutzt Du am häufigs- ten? Hast Du auch eine Lieblingswebsite? Wenn ja, welche ist das? Worum geht es da? Was machst Du da? Wenn Spiele/Spielen genannt werden weiter mit Spielen – aber nur, wenn nicht zuvor bei Computer schon ein Durchgang „Spielen“ durchlaufen wurde Kennen Deine Eltern auch [das genannte Angebot]? Wie finden sie das, dass Du [das genannte Angebot] so gern nutzt? Gemeinsame Nutzung (diese Frage bezieht sich vor allem auf die Qualität der Nutzung; wird bspw. über Gesehenes gespro- chen, erklären die Eltern den Kin- dern Inhalte, etc.) Nutzt Du einige [der genannten Internetangebote, abge- sehen von Spielen] manchmal auch zusammen mit dei- nen Eltern? o Wie sieht das dann aus? Und nutzt Du einige [der genannten Internetangebote, abgesehen von Spielen] manchmal auch mit deinen Ge- schwistern? o Was macht ihr dann? [Wenn noch Großeltern oder Onkel/Tanten angesprochen wurden, dann auch noch auf diese eingehen] 324 7 Regelungen zur Internetnutzung Wer entscheidet denn darüber, was Du (sonst noch) alles im Internet machen darfst? a) Wenn Eltern: o Wie läuft das ab? Was darfst Du, was nicht? o Wie findest Du das? b) Wenn selbst o Wenn Du etwas im Internet machen willst, musst Du dann noch irgendwelche Regeln be- achten? (Beschreiben lassen) Falls nein: Darfst Du im Internet (sonst) alles machen, was, wann und wie Du willst? (Be- schreiben lassen) Ggf.: Gibt es Situationen, in denen Deine Eltern eine Ausnahme machen? Gibt es noch andere Regeln zur Internetnutzung? (Wenn ja beschreiben lassen) o Wie findest Du die Regelung? o Gibt es Situationen, in denen Deine Eltern eine Ausnahme machen? Erklären Dir Deine Eltern, warum sie Dir etwas verbie- ten/etwas nicht erlauben? Falls jetzt noch unklar: Wer entscheidet darüber, wie lange Du das Internet nutzen darfst? o Wenn Eltern: Wie lange darfst Du am Tag das In- ternet nutzen? Wie findest Du das? Machen Dir Deine Eltern auch manchmal Vorschläge, welche Internetangebote Du nutzen könntest? o Wenn ja: Was für Angebote sind das? Wie fin- dest Du die Internetangebote/-seiten, die Dir Deine Eltern vorschlagen? Umgang des Kindes mit Regelun- gen Was machst Du denn, wenn Du etwas im Internet ma- chen möchtest, Deine Eltern es Dir aber nicht erlauben? Zurück zu Computernutzung! 325 8 Spielen am Computer/im Internet: Diesen Block nur einmal durchlaufen! Nutzung allgemein Ist das Dein Lieblingsspiel? Wenn ja: Worum geht es da? Was kann man da machen? (Beschreiben lassen) Wenn nein: Was ist denn Dein Lieblingsspiel? Spielt man das auch [am Computer/im Internet?] Worum geht es da? Was kann man da machen? (Beschrei- ben lassen) Kennen Deine Eltern das Spiel auch? o Wenn ja: Wie finden Deine Eltern das Spiel? o Habt ihr das Spiel auch schon mal zusammen ge- spielt? Gemeinsame Nutzung (diese Frage bezieht sich vor allem auf die Qualität der Nut- zung; wird bspw. über Gesehe- nes gesprochen, erklären die Eltern den Kindern Inhalte, etc.) Spielst Du auch manchmal mit Deinem Vater oder Deiner Mutter zusammen Computerspiele? o Wie sieht das dann aus? o Spielt ihr dann zusammen oder gegeneinander? Und spielst Du auch manchmal mit Deinen Geschwistern? o Wie spielt ihr zusammen? [Wenn noch Großeltern oder Onkel/Tanten angesprochen wur- den, dann auch noch auf diese eingehen] Regelungen zum Spielen Wer entscheidet denn darüber, welche Spiele Du [am Com- puter/im Internet] spielen darfst? o Wenn Eltern: Und wie findest Du das? Wer entscheidet darüber, wann und wie lange Du [am Computer/im Internet] spielen darfst? o Wenn Eltern: Wie findest Du das? Wie lange darfst Du am Tag [am Computer/im Internet] spielen? Gibt es auch Situationen, in denen Deine Eltern Ausnahmen machen? (Beschreiben lassen) Gibt es noch andere Regeln zur Computerspielenutzung? Erklären Dir Deine Eltern, warum sie Dir etwas verbieten? Machen Deine Eltern Dir manchmal auch Vorschläge, wel- che Computerspiele Du spielen könntest? o Wenn ja: Was für Spiele sind das? o Wie findest Du die Spiele, die sie Dir vorschlagen? 326 9 Umgang des Kindes mit Rege- lungen Was machst Du denn, wenn Du gerade mitten im Spiel bist und Dein Vater oder Deine Mutter sagt, dass Du aufhören sollst, weil Du schon so lange spielst? Zurück zu Computernutzung! Spielekonsole Nutzung allgemein Hast Du eine eigene Spielekonsole? o Wenn ja: Seit wann hast Du diese? o Hast Du sie geschenkt bekommen oder hast Du sie Dir selbst gekauft? Kann man mit der Spielekonsole auch ins Internet gehen? Wenn nicht-portabel: Wo steht denn die Spielekonsole? Kannst Du mit der Konsole jederzeit spielen oder musst Du erst jemanden fragen? Welches ist Dein Lieblingsspiel? (Beschreiben lassen) Kennen Deine Eltern das Spiel auch? o Wenn ja: Wie finden Deine Eltern das Spiel? o Habt ihr das Spiel auch schon mal zusammen gespielt? Gemeinsame Nutzung (diese Frage bezieht sich vor allem auf die Qualität der Nutzung; wird bspw. über Gesehenes gespro- chen, erklären die Eltern den Kindern Inhalte, etc.) Spielst Du auch manchmal mit Deinem Vater oder Deiner Mut- ter zusammen Computerspiele? o Wie sieht das dann aus? o Spielt ihr dann zusammen oder gegeneinander? Und spielst Du auch manchmal mit Deinen Geschwistern? o Wie spielt ihr zusammen? [Wenn noch Großeltern oder Onkel/Tanten angesprochen wurden, dann auch noch auf diese eingehen] Regelungen zur Nutzung der Spielkonsole Wer entscheidet denn darüber, welche Spiele Du mit der Spie- lekonsole spielen darfst? o Wenn Eltern: Welche darfst Du/welche nicht? Und wie findest Du das? Wer entscheidet darüber, wie lange Du die Spielkonsole nutzen darfst? o Wenn Eltern: Wie lange? Wie findest Du das? o Gibt es auch Situationen, in denen Deine Eltern Aus- nahmen machen? (Beschreiben lassen) Gibt es noch andere Regeln zur Computerspielenutzung? Wenn jetzt noch unklar: Wie lange darfst Du am Tag die Spiel- konsole nutzen? Erklären Dir Deine Eltern, warum sie Dir etwas verbieten/nicht erlauben? Machen Deine Eltern Dir manchmal auch Vorschläge, welche Computerspiele Du spielen könntest? o Wenn ja: Was für Spiele sind das? o Wie findest Du die Spiele, die sie Dir vorschlagen? Umgang des Kindes mit Was machst Du denn, wenn Du gerade mitten im Spiel bist und Dein Vater oder Deine Mutter sagt, dass Du aufhören sollst, 327 10 Regelungen weil Du schon so lange spielst? Handy Nutzung allgemein Hast Du ein eigenes Handy? o Wenn ja: Seit wann hast Du dieses? Hast Du es ge- schenkt bekommen oder hast Du es Dir selbst gekauft? Wer bezahlt die Handykosten? Kann man mit dem Handy auch ins Internet gehen? o Machst Du das auch gelegentlich? o Wenn ja: Was machst Du da? o Wenn nein: Warum nicht? Was machst Du mit dem Handy am häufigsten? Regelungen zur Handynut- zung Gibt es irgendwelche Regeln zur Handynutzung? Gibt es etwas, was Dir Deine Eltern nicht erlauben? o Wie findest Du das? Einschätzung der elterlichen Regulierung/Interesse der Eltern Findest Du, dass Deine Eltern strenger sind als andere Eltern, was Deine Mediennutzung angeht? Wie sehr interessieren Deine Eltern sich für das, [was Du im Fernsehen siehst/im Internet nutzt/am Computer spielst/an der Spielkonsole spielst] Und findest Du, sie interessieren sich zu wenig dafür oder zu viel oder gerade richtig? Wenn zu wenig oder zu viel: Warum? Wenn gerade richtig: Was würde passieren, wenn sie sich mehr dafür interessieren würden? Rolle der Medien in der Familie Kommunikation über Medien/Medienangebote Jetzt hast Du ja schon ganz viel über einzelne Medien erzählt. Mich würde interessieren, ob Du und Deine Eltern, ob ihr auch manchmal miteinander über Medien sprecht. o Wenn ja: Worum geht es da? (Inhalte, Zeit, Konflikte etc., Beispiele beschreiben las- sen) o Wollten Deine Eltern mit Dir darüber sprechen oder Du mit ihnen? (Falls beide: Und von wem ging das aus?) Wenn Eltern: Wie fandst Du das, dass Deine Eltern mit Dir darüber gesprochen haben? Wenn Kind: Warum wolltest Du mit Deinen Eltern darüber sprechen? o Wie fandst Du das Gespräch? o Was hat es gebracht? Wenn nein: Warum sprecht ihr da nicht drüber? 328 11 Habt ihr euch in deiner Familie schon einmal wegen Medien gestritten? o Wenn ja, beschreiben lassen Um welches Medium/Medienangebot ging es? Mit wem wurde gestritten (Eltern/Geschwister/ Großeltern)? Wie ist es dazu gekommen? Wie haben Deine Eltern reagiert? (Auch fragen, wenn sich der Streit zwischen Geschwistern abge- spielt hat) Wie fandst Du das? Wie ist der Streit dann ausgegangen? Wie fandst Du das? Ist so eine ähnliche Situation danach nochmal vor- gekommen? o Wenn ja: Kommt das häufiger vor? Streit & Konflikt Streitet ihr euch über andere Themen häufiger, als über Me- dien? o Wenn ja: Welche Themen sind das? Gegenseitige Einschätzung der Mediennutzung und Medienkompetenz Eigene Medienkompetenz [Bezug zu Kartenset]: Wenn Du Dir nochmal die Kärtchen an- siehst, mit welchen der Medien kennst Du Dich am besten aus? Wieso, was kannst Du besonders gut? Mit welchen kennst Du Dich nicht so gut aus? Wieso? Hast Du selbst auch schon mal einen Film gedreht, Fotos ge- macht oder etwas ins Internet hochgeladen? (Das kann auch in der Kita oder in der Schule stattgefunden haben). Medienkompetenz der Eltern/Kinder Wer kennt sich in Deiner Familie am besten mit dem Compu- ter/Internet/Computerspielen aus? Wen fragst Du, wenn Du ein Problem mit dem Computer hast? Mit wem sprichst Du, wenn Du etwas im Fernsehen oder im Internet gesehen hast, was Dir seltsam oder unheimlich vor- kam? Stell Dir einmal vor, Du müsstest einen Film für die Schule dre- hen, wer aus Deiner Familie könnte Dir dabei am besten helfen? [Nachfragen, ob Kinder Eltern dazu in der Lage sähen, wenn sie die- se nicht nennen] Meinst Du, Deine Eltern könnten Dir auch dabei helfen? Was könn- ten sie machen? Abschlussfrage Stell Dir vor, der Strom fällt für eine Woche aus und ihr könntet weder Fernsehen, Computer, Internet, Radio etc. nutzen noch die Akkus für euer Handy/Smartphone/iPad aufladen. Was würdet ihr machen? 329 Anhang A6: Codesystem 1 1 Allgemeine Lebenssituation Familienzusammensetzung Zentrale Bezugsperson des Kindes Tagesablauf des Kindes Eigenes Zimmer Gemeinsame Unternehmungen Kommunikation in der Familie Allgemeine Themen Kommunikationsklima Streit in der Familie Freunde des Kindes 2 Rolle der Medien für Eltern bzw. Kinder Rolle der Medien für Mutter Ausstattung Nutzung Nutzung mit Kind X Relevanz Rolle der Medien für Vater Ausstattung Nutzung Nutzung mit Kind X Relevanz Rolle der Medien für Kind X Kommunikation über Medien Häufigste Nutzung Medienzugang im Kinderzimmer Nutzung Kind X Relevanz Kenntnis der Mediennutzung von Kind X Rolle der Medien in der Familie Streit/Konflikt über Medien/Medieninhalte Kommunikation über Medien Relevanz Gemeinsame Nutzung (Familie, mehrere Familienmitglieder) Funktionen der Medien in der Familie Rituale/feste Gewohnheiten 3 Einstellung zu Medien Allgemeine Einstellung zum Thema Kinder und Medien Kinder verfügen noch nicht über Voraussetzungen … Kinder wachsen selbstverständlich mit Medien auf Mediennutzung kann sich negativ auswirken Medien bieten vielfältige Chancen Kindheit sollte medienfrei sein Geeignete/ungeeignete Medien für Kinder Ungeeignete Medien Geeignete Medien Einstellung zu Mediennutzung Kind X Zuständigkeit für Medienerziehung 330 2 4 Medienkompetenz Subjektives Medienkompetenzkonzept Selbsteinschätzung Medienkompetenz Kind X Einschätzung MK Kind aus Elternsicht Einschätzung MK Kind aus Kindersicht Medienexperte in der Familie Vater Mutter Kinder/Geschwister Ansprechpartner Bei unangenehmen Inhalten Bei Medienproduktionen Bei technischen Fragen 5 Medienerziehung Kommunikation über medienerzieherische Fragen ohne Kind X Allgemeine Erziehungshaltung (nicht Medienerziehung) Was beschäftigt Eltern Szenarien (konkrete Beispielsituationen) Facebook Angesagtes PC-Spiel Übermäßige Mediennutzung Sendung mit älteren Geschwistern sehen Medienerziehungsvorstellung beider Elternteile Wichtige Aspekte der Medienerziehung Einstellung zu Medienerziehung Verständnis von Medienerziehung Größte Herausforderung aus Sicht der Eltern Einstellung zu konkreten medienerzieherischen Fragen Sicherheit in medienerzieherischen Fragen Umsetzung medienerzieherischer Vorstellungen Inhaltliche Regulierung Zeitliche Regulierung Technische Regulierung Weitere Regeln und Vereinbarungen Beeinflussung der Mediennutzung von Kind X Monitoring Verbote Wahrgenommenes Interesse an kindlicher Mediennutzung Einschätzung der Eltern bzgl. Strenge Vorschläge seitens der Eltern zur Mediennutzung Begründungen medienerzieherischer Maßnahmen Keine Regeln zur Medienerziehung Medien als „Erziehungsinstrument“ Vorbildfunktion der Eltern 331 3 6 Medienpädagogische Informations- und Beratungsangebote Quellen für Informationssuche Wo würden die Eltern suchen Wo wurde schon mal gesucht? Materialien Suche nach Infomaterialien Kenntnis von Informations- und Beratungsangeboten Nutzung von Informations- und Beratungsangeboten Information über/Zugang zum Angebot Informations- und Beratungsbedarf Ideale Form der Unterstützung Von Anbietern/Medienmachern gewünschte Unterstützung Vom Staat gewünschte Unterstützung Von Kita/Schule gewünschte Unterstützung Sonstiges 7 Abschlussfrage Eine Woche ohne Strom Sonstige Anmerkungen zum Thema 332 Anhang A7: Überblick über die Zusammensetzung des Samples 1 Muster Aliasname der Familie Alter des befragten Elternteils Familienstand Anzahl der Kinder Name des Kindes Alter des Kindes Bodmann 46 verheiratet 2 Davina 12 Celik 37 verheiratet 3 Murat 9 Golde 39 ledig 1 Cora 8 Klein 27 in Partnerschaft lebend 1 Mark 6 Lauer 46 verheiratet 1 Dorothee 12 La uf en la ss en Seiler 32 ledig 2 Melanie 10 Aslani 36 verheiratet 2 Bojan 7 Bach 42 verheiratet 2 Isabelle 10 Bruchowsky 40 verheiratet 2 Kevin 6 Heinrich 33 ledig 1 Fiona 7 Hiller 38 verheiratet 3 Jonathan 11 Schefner 39 in Partnerschaft lebend 1 Matthias 12 Welsch 35 verheiratet 3 Franziska 11 Be ob ac ht en u nd s itu a- tiv e in gr ei fe n Wintermeyer 34 in Partnerschaft lebend 2 Marco 8 Andrew 39 ledig 3 Lewis 10 Halder 44 in Partnerschaft lebend 2 Leo 8 Klingsfeld 42 in Partnerschaft lebend 1 Till 8 Kuhn 49 verheiratet 2 Louisa 12 Fu nk tio na l- is tis ch k on - tr ol lie re n Muhr 39 verheiratet 2 Johannes 12 Fischer 31 ledig 2 Kiran 7 Köpke 30 ledig 2 Nils 11 Mahlert 48 verheiratet 2 Lukas 11 Matussek 34 verheiratet 2 Daniel 7 Reimer 36 verheiratet 2 Jakob 11 No rm ge le ite t re gl em en tie re n Yilmaz 39 geschieden 2 Layla 10 Akdogan 43 verheiratet 3 Seray 9 Bayrle 42 verheiratet 2 Thies 11 Bienek 40 verheiratet 1 Marie 7 Franke 29 getrennt lebend 1 Nike 7 Reinhard 39 in Partnerschaft lebend 3 Alicia 10 Rösler 37 ledig 1 Lena 8 Spohn 45 verheiratet 4 Norman 7 Steinmann 46 in Partnerschaft lebend 2 Lars 11 Thönnies 45 geschieden 3 Lilly 7 Wendt 41 verheiratet 2 Holger 7 Ra hm en s et ze n Wisniewsky 38 verheiratet 2 Marek 7 Bergritter 42 verheiratet 5 Lorenzo/Thomaso* 6 Eisler 37 verheiratet 2 Greta* 5 Frey 32 in Partnerschaft lebend 3 Elisa 9 Graefe 44 verheiratet 1 Senia 10 Jacoby 42 verheiratet 2 Karl 8 Keller 36 verheiratet 2 Finn* 5 Lehmann 35 verheiratet, in Partnerschaft lebend 2 Pauline 10 Lindberg 34 geschieden 1 Carlos* 6 Michels 44 verheiratet 1 Marius 11 Pahl 42 verheiratet 3 Emily 7 Schneider 26 in Partnerschaft lebend 1 Rike* 5 In di vi du el l u nt er st üt ze n Schubert 42 in Partnerschaft lebend 3 Tim 9 * Kinder unter 7 Jahren wurden nur befragt, sofern sie bereits die erste Klasse besuchten. 333 A nh an g A 8: M ed ie np äd ag og is ch e In fo rm at io ns m at er ia lie n 1 A ut or /In st itu tio n/ H er au sg eb er Ti te l Ja hr A us ric ht un g Zi el gr up pe M ed iu m Fo rm at Se ite n A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ad en -W ür tte m be rg (A JS ) C om pu te rs pi el e o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e Fa ltb la tt 8 A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n e. V . ( A J) A lle s au f E m pf an g? 19 96 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, C om pu - te rs pi el e, In te rn et , H an dy Fa ltb la tt 38 A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n e. V . ( A J) H an dy in K in de rh an d. In fo rm at io - ne n un d Ti pp s fü r E lte rn , 2 . ü be r- ar be ite te A uf la ge 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn H an dy B ro sc hü re 36 A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n e. V . ( A J) K in de r u nd In te rn et – In fo rm at io - ne n un d Ti pp s fü r E lte rn 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et B ro sc hü re 32 A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n e. V . ( A J) K in de r i m K in o – E in e In fo rm at io n fü r E lte rn , 2 . A uf la ge , N ac hd ru ck 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , p äd ag og i- sc he F ac hk rä fte K in o B ro sc hü re 12 A rb ei ts ge m ei ns ch af t K in de r- u nd J ug en d- sc hu tz (A JS ), La nd es st el le N or dr he in - W es tfa le n e. V . C om pu te rs pi el e – Fr ag en u nd A nt w or te n o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , p äd ag og i- sc he F ac hk rä fte C om pu te rs pi el e B ro sc hü re o. A . A rb ei ts ge m ei ns ch af t K in de r- u nd J ug en d- sc hu tz (A JS ), La nd es st el le N or dr he in - W es tfa le n e. V . Ti pp s fü r E lte rn 20 09 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e P D F 1 A rb ei ts ge m ei ns ch af t K in de r- u nd J ug en d- sc hu tz (A JS ), La nd es st el le N or dr he in - W es tfa le n e. V . K in de r s ic he r i m N et z – G eg en P äd os ex ue lle im In te rn et 20 10 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , p äd ag og i- sc he F ac hk rä fte In te rn et B ro sc hü re 16 A rb ei ts ge m ei ns ch af t K in de r- u nd J ug en d- sc hu tz (A JS ), L an de ss te lle N or dr he in - W es tfa le n e. V ., La nd es kr im in al am t N R W N eu e P hä no m en e be i d er H an - dy nu tz un g du rc h K in de r u nd Ju ge nd lic he 20 06 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r H an dy Fl ye r 10 A rb ei ts ge m ei ns ch af t K in de r- u nd J ug en d- sc hu tz (A JS ), L an de ss te lle N or dr he in - W es tfa le n e. V . G ew al t a uf H an dy s, 4 . A uf la ge 20 07 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, pä da go gi sc he Fa ch kr äf te d er Ju ge nd hi lfe H an dy P D F 16 B ay er is ch e La nd es ze nt ra le fü r n eu e M ed ie n (B LM ), A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts - st el le B ay er n e. V . ( H rs g. ); (S ch el l, Fr ed ; Th eu ne rt, H el ga ; B es t, P et ra ) K in de r s eh en fe rn 20 00 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r Fe rn se he n B ox m it B ro sc hü - re , V id eo ka se tte , C D -R O M 64 B IB E R N et zw er k frü hk in dl ic he B ild un g D at en ba nk : „ W eb si te s fü r K in de r“ 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et Fa ltb la tt o. A . 334 2 B IB E R N et zw er k frü hk in dl ic he B ild un g D as N et zw er k frü hk in dl ic he B il- du ng 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et Fa ltb la tt o. A . B IB E R N et zw er k frü hk in dl ic he B ild un g (J ah n, S on ja ; B er sc he t, C hr is te l; G er la ch , F ra nz ; H of fm an n, L en a; H oh ns , G ab rie le ; S ch ne id er , Ju tta ; E de r, S ab in e; M ül le r, B rit ta ) M itm ac he n im N et zw er k frü hk in d- lic he r B ild un g 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et B ro sc hü re 51 B lin de K uh e .V . D ie In te rn et -S uc hm as ch in e fü r K in de r 20 07 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et Fa ltb la tt 6 B un de sm in is te riu m fü r F am ili e, S en io re n, Fr au en u nd J ug en d (B M FS FJ ), G M K (P al m e, H an s- Jü rg en ) D er ri ch tig e D re h im w w w 20 03 ris ik oo rie nt ie rt, re s- so ur ce no rie nt ie rt E lte rn In te rn et B ro sc hü re , P D F 23 B un de sm in is te riu m fü r F am ili e, S en io re n, Fr au en u nd J ug en d (B M FS FJ ), Ju ge nd sc hu tz ne t ( S ch in dl er , F rie de m an n; B eh re ns , U lri ke ; H öh le r, Lu ci ) H an dy o hn e R is ik o? 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn H an dy B ro sc hü re , C D - R O M 37 B uc hs ta rt M it K in de rn B üc he r g uc ke n o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn B uc h B ro sc hü re 23 B uc hs ta rt H am bu rg fü r E nt de ck er ba by s 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (v on K in - de rn u nt er 3 J ah - re n) B uc h Fa ltb la tt 6 B uc hs ta rt V or le se n m ac ht s ch la u 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (v on K le in - ki nd er n) B uc h B ro sc hü re 11 B un d D eu ts ch er K rim in al be am te r ( B D K ) K rip o- Ti pp s: In te rn et a be r s ic he r! 20 12 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , I nt er ne t- nu tz er In te rn et P D F 59 B un de sa rb ei ts ge m ei ns ch af t K in de r- u nd Ju ge nd sc hu tz (B A J) C om pu te rs pi el e: J ug en ds ch ut z un d A lte rs fre ig ab e, a kt ua lis ie rte A uf la ge 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r C om pu te rs pi el e P D F 4 B un de sm in is te riu m fü r E rn äh ru ng , L an dw irt - sc ha ft un d V er br au ch er sc hu tz (B M E LV ) S ur fe n – ja s ic he r! Ti pp s un d Tr ic ks fü r d at en si ch er es S ur fe n o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et P D F 4 B un de sm in is te riu m fü r F am ili e, S en io re n Fr au en u nd J ug en d (B M FS FJ ) G ef lim m er im Z im m er , 8 . A uf la ge 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n B ro sc hü re 39 B un de sm in is te riu m fü r F am ili e, S en io re n Fr au en u nd J ug en d (B M FS FJ ) E in N et z fü r K in de r. S ur fe n oh ne R is ik o? , 9 . A uf la ge 20 12 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et B ro sc hü re 24 B un de sm in is te riu m fü r F am ili e, S en io re n Fr au en u nd J ug en d (B M FS FJ ), Ju ge nd - sc hu tz .n et G eg en V er he rr lic hu ng v on E ss - st ör un ge n im In te rn et 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et B ro sc hü re , P D F 17 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) B P JM T he m a: C om pu te rs pi el e. 20 F ra ge n un d A nt w or te n zu r ge se tz lic he n R eg el un g un d zu r M ed ie ne rz ie hu ng 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r C om pu te rs pi el e B ro sc hü re 18 335 3 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) Zu v ie l Z ei t a m B ild sc hi rm ? 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e P D F, O nl in e C on te nt (W eb - si te ) 6 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) C om pu te rs pi el e & K on so le ns pi el e o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r C om pu te rs pi el e P D F, O nl in e C on te nt (W eb - si te ) 3 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) Fi lm u nd F er ns eh en 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, F ilm P D F, O nl in e C on te nt (W eb - si te ) 3 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) B P JM T he m a: J ug en dm ed ie n- sc hu tz 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r Fi lm , F er ns eh en , C om pu te r- u nd K on so le ns pi el e, In te rn et , H an dy , Le se - u nd H ör - m ed ie n B ro sc hü re 42 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) In te rn et o. A . ris ik oo rie nt ie rt, re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et P D F, O nl in e C on te nt (W eb - si te ) 3 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) Le se m ed ie n & H ör m ed ie n 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r Le se - u nd H ör m e- di en , B uc h P D F, O nl in e C on te nt (W eb - si te ) 4 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) Ju ge nd m ed ie ns ch ut z 20 06 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r m ed ie nü be rg re ife nd B ro sc hü re 44 B un de sp rü fs te lle fü r j ug en dg ef äh rd en de M ed ie n (B P jM ) ( H ilp er t, W ol fra m ) C om pu te rs pi el e 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r, W is se n- sc ha ftl er C om pu te rs pi el e of fli ne , O nl in e- S pi el e P D F 17 B un de sz en tra le fü r g es un dh ei tli ch e A uf kl ä- ru ng (B Zg A ), G es un dh ei t u nd S ch ul e (G +S )( N eu ß, N or be rt; S ch ill , W ol fg an g) A nr eg un g st at t A uf re gu ng . N eu e W eg e zu r F ör de ru ng v on M e- di en ko m pe te nz in d er F am ili e 20 12 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, pä da go gi sc he Fa ch kr äf te m ed ie nü be rg re ife nd B uc h 18 8 B un de sz en tra le fü r g es un dh ei tli ch e A uf kl ä- ru ng (B Zg A ) O nl in e se in m it M aß u nd S pa ß 20 11 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn (v on J u- ge nd lic he n im A lte r z w is ch en 1 4 un d 18 J ah re n) C om pu te r, In te rn et B ro sc hü re 27 B un de sz en tra le fü r g es un dh ei tli ch e A uf kl ä- ru ng (B Zg A ) K in de r & M ed ie n. T ip ps u nd R eg el n zu m U m ga ng m it Fe rn se - he n un d C om pu te r 20 11 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, C om pu - te r P D F 1 B un de sz en tra le fü r g es un dh ei tli ch e A uf kl ä- ru ng (B Zg A ) Fe rn se he n, C om pu te r & C o 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, C om pu - te r, In te rn et O nl in e C on te nt (W eb si te ) 1 336 4 B un de sz en tra le fü r g es un dh ei tli ch e A uf kl ä- ru ng (B Zg A ) G ut h in se he n un d zu hö re n! T ip ps fü r E lte rn z um T he m a „M ed ie n- nu tz un g in d er F am ili e“ 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, D V D , V id eo , C om pu te r, In te rn et , W er bu ng , H an dy B ro sc hü re 49 B un de sz en tra le fü r p ol iti sc he B ild un g (b pb ) A ug en bl ic k m al … 20 00 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r Fe rn se he n Fa ltb la tt 8 D eu ts ch es K in de rh ilf sw er k e. V . ( D K H W ), K oo p. m it E -P lu s Fi t f ür s H an dy . D er H an dy gu id e fü r K in de r u nd E lte rn , 2 . A uf la ge 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , K in de r H an dy B ro sc hü re , P D F 20 D ro ge nh ilf e K öl n P ro je kt g G m bH H ilf e be i G ef äh rd un g du rc h pr ob - le m at is ch e C om pu te rn ut zu ng o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e Fa ltb la tt 4 ec o – V er ba nd d er d eu ts ch en In te rn et w irt - sc ha ft e. V . E lte rn -L ei tfa de n fü r s ic he re s S ur fe n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et P D F 5 fra gF IN N E in e In fo rm at io ns br os ch ür e fü r E lte rn u nd P äd ag og en o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et B ro sc hü re 15 fra gF IN N G ep rü fte , k in dg er ec ht e S ei te n im In te rn et o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et Fa ltb la tt o. A . Fr ei w ill ig e S el bs tk on tro lle M ul tim ed ia - D ie ns ta nb ie te r ( FS M ) In te rn et gu id e fü r E lte rn o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et P D F 11 G M K (K er sc hb au m er , D ag m ar ; B ec km an n, Ti m ) W as tu n be i D ia le rn , S pa m u nd V ire n? 20 05 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r, K in de r, Ju ge nd li- ch e In te rn et , H an dy B ro sc hü re 46 G M K (K er sc hb au m er , D ag m ar ; B ec km an n, Ti m ) A lle s ne tt im C ha tt? 20 05 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et , S oc ia l W eb B ro sc hü re 34 H an dy se kt or .d e (P in ke rn ei l, M ar tin ; H ei n, B irg it) „O pf er , S ch la m pe , H ur en so hn “. G eg en M ob bi ng 20 12 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, Ju ge nd lic he H an dy M in ifl ye r, P D F 1 H an dy se kt or .d e (P in ke rn ei l, M ar tin ; H ei n, B irg it) Fe rti gm ac he n is t T ab u 20 09 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , J ug en dl i- ch e In te rn et , S oc ia l W eb M in ifa ltb la tt o. A . In iti at iv e E lte rn + M ed ie n (G rim m e In st itu t, Lf M ) E lte rn ab en de z ur M ed ie ne rz ie - hu ng 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn m ed ie nü be rg re ife nd Fa ltb la tt o. A . In te rn et A B C – D as P or ta l f ür K in de r, E lte rn un d P äd ag og en R ec he rc hi er en le rn en m it de m In te rn et . S uc he n, w as g ut is t! Fi nd en , w as g ut is t! 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r, K in de r In te rn et B ro sc hü re 11 In te rn et A B C – D as P or ta l f ür K in de r, E lte rn un d P äd ag og en Ti pp s zu m E in st ie g vo n K in de rn im N et z. W is se n, w ie ’s g eh t! Ze ig en , w ie ’s g eh t!, 2 . A uf la ge 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, K in de r In te rn et B ro sc hü re 12 In te rn et A B C – D as P or ta l f ür K in de r, E lte rn un d P äd ag og en Ti pp s zu m E in st ie g vo n K in de rn in s N et z 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r In te rn et B ro sc hü re 15 In te rn et A B C – D as P or ta l f ür K in de r, E lte rn un d P äd ag og en o. A . o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r, K in de r In te rn et Fa ltb la tt o. A . 337 5 In te rn et A B C – D as P or ta l f ür K in de r, E lte rn un d P äd ag og en G ol de ne T ip ps : S oz ia le N et zw er - ke 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn S oc ia l W eb O nl in e C on te nt (W eb si te ) 1 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik (M ic ha el G ur t) Za pp en , K lic ke n, S ur fe n 20 02 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r Fe rn se he n B ro sc hü re , P D F 8 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik (G eb el , C hr is ta ; S to lz en bu rg , E lk e) V on T ag es sc ha u bi s E xp lo si v: Ä ng st ig en d od er in fo rm at iv fü r K in de r? B au st ei ne z ur M ed ie ne r- zi eh un g in F am ili en . 20 05 re ss ou rc en or ie nt ie rt P äd ag og is ch e Fa ch kr äf te , E lte rn Fe rn se he n B ro sc hü re 72 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik (G eb el , C hr is ta ; S to lz en bu rg , E lk e) V on G am eb oy b is In te rn et : S pi el e oh ne G re nz en ? B au st ei ne z ur M ed ie ne rz ie hu ng in F am ili en . 20 05 re ss ou rc en or ie nt ie rt P äd ag og is ch e Fa ch kr äf te , E lte rn C om pu te rs pi el e, O nl in e- S pi el e B ro sc hü re 67 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik , A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n (a j) (E gg er t, S us an ne ; G ie rs ig , B et tin a; G ur t M ic ha el ; K irc hh of f, A nd re as ; K lo os , N ad in e; W ag ne r, U lri ke ; U m ba ch , K la us ) A uf w ac hs en in A ct io nw el te n. E lte rn m od ul 20 03 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e, O nl in e- S pi el e B ro sc hü re 10 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik , A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n (a j) (E gg er t, S us an ne ; G ie rs ig , B et tin a; G ur t M ic ha el ; K irc hh of f, A nd re as ; K lo os , N ad in e; W ag ne r, U lri ke ; U m ba ch , K la us ) V on P ok em on z um E go -S ho ot er : G ew al ts pi el e al s S pa ßf ak to r o de r G ew al ttr ai ni ng ? A uf w ac hs en in A ct io nw el te n 20 03 ris ik oo rie nt ie rt, re s- so ur ce no rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r C om pu te rs pi el e B ro sc hü re 32 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik , A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n (a j) (E gg er t, S us an ne ; G ie rs ig , B et tin a; G ur t M ic ha el ; K irc hh of f, A nd re as ; K lo os , N ad in e; W ag ne r, U lri ke ; U m ba ch , K la us ) M ed ia le u nd re al e G ew al t – G re nz en u nd Ü be rg än ge . A uf - w ac hs en in A ct io nw el te n 20 03 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r m ed ie nü be rg re ife nd B ro sc hü re 20 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik , A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n (a j) (E gg er t, S us an ne ; G ie rs ig , B et tin a; G ur t M ic ha el ; K irc hh of f, A nd re as ; K lo os , N ad in e; W ag ne r, U lri ke ; U m ba ch , K la us ) M ul tim ed ia l u nd k äu fli ch : A ct io n au f d em M ed ie n- u nd K on su m - m ar kt . A uf w ac hs en in A ct io nw el - te n 20 03 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r m ed ie nü be rg re ife nd B ro sc hü re 24 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik , A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n (a j) (E gg er t, S us an ne ; G ie rs ig , B et tin a; G ur t M ic ha el ; K irc hh of f, A nd re as ; K lo os , N ad in e; W ag ne r, U lri ke ; U m ba ch , K la us ) R eg ul at iv e un d N et ze : W o un d w ie g re ift d er J ug en dm ed ie n- sc hu tz ? A uf w ac hs en in A ct io nw el te n 20 03 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r C om pu te rs pi el e, O nl in es pi el e, K on so - le ns pi el e B ro sc hü re 11 JF F – In st itu t f ür M ed ie np äd ag og ik , A kt io n Ju ge nd sc hu tz , L an de sa rb ei ts st el le B ay er n (a j). P ro je kt : W eb he lm P er sö nl ic hk ei ts re ch te , D at en - sc hu tz & c o. In fo rm at io ne n fü r E lte rn , 2 . A uf la ge 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et B ro sc hü re , P D F 15 338 6 Ju ge nd am t N eu kö lln Ju ge nd am t N eu kö ln in fo rm ie rt: „H ap py S la pp in g“ . G ew al tv id eo s au f H an dy s un d C om pu te r o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te r, H an dy Fa ltb la tt, P D F 2 Ju ge nd sc hu tz .n et S ur fe n. K in de r s ic he r o nl in e 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et , C om pu te r Fa ltb la tt o. A . Ju ge nd sc hu tz .n et C ha tte n oh ne R is ik o? W as E lte rn un d P äd ag og en w is se n so llt en 20 08 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r In te rn et , S oc ia l W eb Fa ltb la tt o. A . Ju ge nd sc hu tz .n et C ha tte n oh ne R is ik o? 20 09 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r In te rn et , S oc ia l W eb B ro sc hü re 35 Ju ge nd sc hu tz .n et S ic he r v er ne tz t 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , K in de r, Ju ge nd lic he S oc ia l C om m un iti es Fa ltb la tt o. A . Ju ge nd sc hu tz .n et IC Q & c o. 20 10 ris ik oo rie nt ie rt, re s- so ur ce no rie nt ie rt E lte rn , K in de r, Ju ge nd lic he S oc ia l W eb Fa ltb la tt o. A . Ju sP ro g e. V . Ju ge nd sc hu tz im In te rn et 20 11 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et Fa ltb la tt 4 K I.K A C om pu te r u nd In te rn et im V or - sc hu la lte r 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (v on K le in - ki nd er n) C om pu te r, In te rn et P D F 9 K I.K A Fe rn se he n im V or sc hu la lte r 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (v on K le in - ki nd er n) Fe rn se he n P D F 6 K lic ks af e C om pu te rs pi el e Ti pp s fü r E lte rn 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e Fa ltb la tt o. A . K lic ks af e, V er br au ch er ze nt ra le N R W e .V . A bz oc ke im In te rn et (D eu ts ch , Tü rk is ch , A ra bi sc h, R us si sc h) o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et Fa ltb la tt o. A . K lic ks af e (M üs ge ns , M ar tin ) D at en sc hu tz tip ps fü r J ug en dl ic he , 1. A uf la ge 20 12 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et B ro sc hü re 30 K lic ks af e In te rn et -T ip ps fü r E lte rn . S o su rft ih r K in d si ch er ! ( D eu ts ch , T ür - ki sc h, R us si sc h, A ra bi sc h) , 2 . A uf la ge 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et B ro sc hü re 14 K lic ks af e In te rn et - u nd C om pu te rs pi el ab - hä ng ig ke it – K lic ks af e- Ti pp s fü r E lte rn . D am it de r S pa ß ni ch t a us de m R ud er lä uf t o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et Fl ye r, P D F 11 K lic ks af e, V er br au ch er ze nt ra le N R W e .V . M us ik im N et z. R un te rla de n oh ne R ei nf al l! o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , J ug en dl i- ch e In te rn et Fa ltb la tt o. A . K lic ks af e K lic ks af e- Ti pp s fü r E lte rn . S ic he - re r i n S oc ia l C om m un iti es o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn S oc ia l W eb B ro sc hü re , P D F 12 K lic ks af e (B ra un , I lja ; D jo rd je vi c, V al ie ; K re u- ze r, Ti ll; O tto , P hi lip p; S pi el ka m p, M at th ia s; W ei tz m an n, J oh n H . ) S pi el re ge ln im In te rn et 1 – D ur ch bl ic k im R ec ht e- D sc hu ng el , 3. A uf la ge 20 12 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et B ro sc hü re 67 339 7 K lic ks af e, iR ig ht s. in fo (K re uz er , T ill ) N ic ht a lle s, w as g eh t, is t a uc h er la ub t! 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et , S oc ia l W eb B ro sc hü re 11 kl ic k- tip ps .n et D ie T O P 1 00 In te rn et se ite n fü r K in de r 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r, K in de r In te rn et P D F 29 K om m is si on fü r J ug en dm ed ie ns ch ut z de r La nd es m ed ie na ns ta lte n V er an tw or tu ng w ah rn eh m en – A uf si ch t g es ta lte n o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn R un df un k, In te rn et Fa ltb la tt 15 K rim in ol og is ch es F or sc hu ng si ns tit ut N ie de r- sa ch se n e. V . K ei ne B ild sc hi rm ge rä te in K in de r- zi m m er n o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, C om pu - te r, C om pu te rs pi el e P D F 8 La nd es an st al t f ür M ed ie n N or dr he in - W es tfa le n (L fM ), M in is te riu m fü r G es un dh ei t, S oz ia le s, F ra ue n un d Fa m ili e N R W , G M K (R öl le ck e, R en at e) M it M ed ie n le be n le rn en . T ip ps fü r E lte rn v on V or sc hu lk in de rn , 2 . A uf la ge 20 07 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te r- u nd K on so le ns pi el e, Fe rn se he n, V id eo B ro sc hü re , P D F 15 La nd es an st al t f ür M ed ie n N or dr he in - W es tfa le n (L fM ), M in is te riu m fü r F am ili e, K in de r, Ju ge nd , K ul tu r, S po rt N R W , G M K (R öl le ck e, R en at e; P ie ls tic ke r, A nj a) M it M ed ie n le be n le rn en . T ip ps fü r E lte rn v on K in de rg ar te nk in - de rn 20 12 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn C om pu te r- u nd K on so le ns pi el e, Fe rn se he n, V id eo , H an dy B ro sc hü re 40 La nd es an st al t f ür M ed ie n N or dr he in - W es tfa le n (L fM ) M it M ed ie n le be n: g ew us st w ie ! – C om pu te rs pi el e 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r, K in de r C om pu te r- u nd K on so le ns pi el e of fli ne B ro sc hü re 23 La nd es an st al t f ür M ed ie n N or dr he in - W es tfa le n (L fM ) M it M ed ie n le be n: g ew us st w ie ! – Fe rn se he n 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n B ro sc hü re 23 La nd es an st al t f ür M ed ie n N or dr he in - W es tfa le n (L fM ) M it M ed ie n le be n: g ew us st w ie ! – R ec he rc hi er en u nd In fo rm ie re n 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et B ro sc hü re 23 La nd es an st al t f ür M ed ie n N or dr he in - W es tfa le n (L fM ) M it M ed ie n le be n: g ew us st w ie ! – de r S in n de s H ör en s, 3 . A uf la ge 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , K in de r, Ju ge nd lic he H ör sp ie le , H ör bü ch er B ro sc hü re 24 La nd es an st al t f ür M ed ie n N or dr he in - W es tfa le n (L fM ) M ed ie n ko m pe te nt n ut ze n! o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r, K in de r, Ju ge nd li- ch e, M ul tip lik at o- re n Fe rn se he n, In te rn et , H an dy , R ad io Fa ltb la tt o. A . La nd es an st al t f ür M ed ie n N or dr he in - W es tfa le n (L fM ), K lic ks af e, In te rn et A B C In te rn et ko m pe te nz fü r E lte rn – K in de r s ic he r i m N et z be gl ei te n 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et , S oc ia l W eb , O nl in e- S pi el e B ro sc hü re , P D F 31 La nd es st el le J ug en ds ch ut z N ie de rs ac hs en (L S J) E lte rn -M ed ie n- Tr ai ne r o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, In te rn et , C om pu te rs pi el e, H an dy , W er bu ng Fa ltb la tt 7 La nd es st el le J ug en ds ch ut z N ie de rs ac hs en (L S J) O ft ge st el lte F ra ge n zu m J u- ge nd m ed ie ns ch ut z 20 10 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn Fi lm , C om pu te rs pi e- le , I nt er ne t Fa ltb la tt 10 La nd es st el le J ug en ds ch ut z N ie de rs ac hs en (L S J) H an dy A B C . E in R at ge be r f ür E lte rn , 3 . A uf la ge o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn H an dy B ro sc hü re 18 340 8 La nd es st el le J ug en ds ch ut z N ie de rs ac hs en (L S J) W el ch e Fi lm e dü rfe n K in de r u nd Ju ge nd lic he s eh en ? In fo rm at io - ne n fü r E lte rn , 4 . A uf la ge 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn K in o, F er ns eh en B ro sc hü re 16 Le rc he nm ül le r, H ils e H . C om pu te rs pi el e: S pi el es pa ß oh ne R is ik o 20 00 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r C om pu te r- u nd K on so le ns pi el e B ro sc hü re 97 m ed ia s m ar t D en b ew us st en U m ga ng m it W er bu ng im In te rn et s tä rk en o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et , W er bu ng P D F 1 m ed ia s m ar t D en c le ve re n U m ga ng m it M e- di en u nd K on su m s tä rk en o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se hw er bu ng P D F 2 m ed ia cu ltu re o nl in e, L M Z C om pu te r- , O nl in e- u nd K on so - le ns pi el e 20 10 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r C om pu te rs pi el e, O nl in es pi el e, K on so - le ns pi el e O nl in e C on te nt (W eb si te ) 34 m ed ia cu ltu re o nl in e, L M Z M ed ie nk ul tu r i n de r F am ili e 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r m ed ie nü be rg re ife nd O nl in e C on te nt (W eb si te ) 23 m ed ia cu ltu re o nl in e, L M Z M ig ra tio ns hi nt er gr un d al s „A uf re - ge r“ in d en M ed ie n? o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r m ed ie nü be rg re ife nd O nl in e C on te nt (W eb si te ) 39 m ed ia cu ltu re o nl in e, L M Z S ic he r s ur fe n im In te rn et o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r In te rn et O nl in e C on te nt (W eb si te ) 30 m ed ia cu ltu re o nl in e, L M Z M ob bi ng 2 .0 20 10 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r In te rn et O nl in e C on te nt (W eb si te ) 28 M ed ie na ns ta lt H am bu rg S ch le sw ig -H ol st ei n (M A H S H ) P rä ve nt iv er J ug en dm ed ie ns ch ut z o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r H an dy Fa ltb la tt o. A . M ed ie na ns ta lt H am bu rg S ch le sw ig -H ol st ei n (M A H S H ) P rä ve nt iv er J ug en dm ed ie ns ch ut z. o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et Fa ltb la tt o. A . M ed ie na ns ta lt H am bu rg S ch le sw ig -H ol st ei n (M A H S H ) P rä ve nt iv er J ug en dm ed ie ns ch ut z o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r In te rn et , S oc ia l W eb B ro sc hü re 6 M ed ie na ns ta lt H am bu rg S ch le sw ig -H ol st ei n (M A H S H ) ( S ix , U lri ke ; G im m le r, R ol an d) M ed ie ne rz ie hu ng in d er F am ili e. E in R at ge be r f ür E lte rn 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, C om pu - te r, C om pu te rs pi el e, In te rn et , H an dy B uc h 16 5 m ed ie nb ew us st .d e M ed ie nr at ge be r 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, In te rn et , H ör m ed ie n, D ig ita le S pi el e, H an dy P D F 40 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) Le se n: 1 0 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn B uc h Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) M ul tim ed ia : 1 0 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn C om pu te r, C om pu - te rs pi el e Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) M ed ie ne rz ie hu ng im K in de rg ar - te n: 1 0 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn m ed ie nü be rg re ife nd Fa ltb la tt 4 341 9 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) G ew al t u nd F er ns eh en : 1 0 A nt - w or te n 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) Fe rn se he n: 1 0 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) W er bu ng : 1 0 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, In te rn et , S oc ia l W eb , C om pu - te rs pi el e, Z ei tu ng , R ad io Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) K ul tu rte ch ni ke n un d M ed ie n: 1 0 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, In te rn et , W er bu ng Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) M ed ie n un d di e E nt w ic kl un g de s K in de s: 1 0 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, K in de r- fil m e, V id eo sp ie le Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) M ed ie n un d W irk lic hk ei t: 10 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, Z ei tu ng , Fi lm Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) H an dy & C o. : 1 0 A nt w or te n 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn H an dy Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) R ad io & C o. : 1 0 A nt w or te n 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn H ör m ed ie n (R ad io , C D e tc .) Fa ltb la tt 4 M ed ie np äd ag og is ch er F or sc hu ng sv er bu nd S üd w es t ( m pf s) In te rn et : 1 0 A nt w or te n 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et Fa ltb la tt 4 m ek on et – M ed ie nk om pe te nz -N et zw er k N R W Fi lte rs of tw ar e au f e in en B lic k 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn In te rn et P D F 6 m ek on et – M ed ie nk om pe te nz -N et zw er k N R W C as tin gs ho w s au f e in en B lic k 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , M ul tip lik a- to rIn ne n de r M e- di en bi ld un g Fe rn se he n P D F 6 O 2, K lic ks af e. de K au f e in es M ob ilt el ef on s o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn H an dy P D F 2 O 2, K lic ks af e. de H an dy u nd In te rn et 20 09 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn H an dy , I nt er ne t, S oc ia l W eb P D F 14 O ffe ne r K an al S ch le sw ig -H ol st ei n G am e Tr ef f. E lte rn te st en C om pu - te rs pi el e o. A . ris ik oo rie nt ie rt, re s- so ur ce no rie nt ie rt E lte rn , L eh re r C om pu te rs pi el e Fl ye r o. A . O ffe ne r K an al S ch le sw ig -H ol st ei n W ic ht ig es ü be r M ed ie n: G am es o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e of fli ne , O nl in e- S pi el e Fa ltb la tt o. A . O ffe ne r K an al S ch le sw ig -H ol st ei n W ic ht ig es ü be r M ed ie n: F er ns e- he n o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r Fe rn se he n Fa ltb la tt o. A . O ffe ne r K an al S ch le sw ig -H ol st ei n W ic ht ig es ü be r M ed ie n: H an dy o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r H an dy Fa ltb la tt o. A . O ffe ne r K an al S ch le sw ig -H ol st ei n W ic ht ig es ü be r M ed ie n: In te rn et o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r In te rn et Fa ltb la tt o. A . 342 10 O ffe ne r K an al S ch le sw ig -H ol st ei n W eb T re ff fü r E lte rn o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et Fl ye r o. A . O ffe ne r K an al S ch le sw ig -H ol st ei n E lte rn M ed ie nL ot se o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r In te rn et , S oc ia l W eb , Fe rn se he n, O nl in e- S pi el e, C om pu te r- sp ie le Fl ye r o. A . P ol iz ei lic he K rim in al pr äv en tio n de r L än de r un d de s B un de s K lic ks -M om en te o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, V id eo , C om pu te rs pi el e, V id eo sp ie le , I nt er ne t B ro sc hü re 43 P ol iz ei lic he K rim in al pr äv en tio n de r L än de r un d de s B un de s G ew al tv id eo s au f S ch ül er ha nd ys o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r H an dy P D F 2 P ro gr am m be ra tu ng fü r E lte rn e .V . ( H rs g. ); JF F/ R ed ak tio n Fl im m o Fl im m o. F er ns eh en m it K in de ra u- ge n se it 19 97 ris ik oo rie nt ie rt, re s- so ur ce no rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r Fe rn se he n B ro sc hü re (P er i- od ik um ), O nl in e C on te nt (W eb - si te ) 54 R es pe ct C op yr ig ht s – E in e In iti at iv e zu m S ch ut z de s O rig in al s A uf d er s ic he re n S ei te . T ip ps u nd In fo rm at io ne n fü r E lte rn z um si ch er en U m ga ng m it de m U rh e- be rr ec ht o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et B ro sc hü re , P D F 5 R es pe ct C op yr ig ht s – E in e In iti at iv e zu m S ch ut z de s O rig in al s Le ga l, si ch er u nd fa ir. N ut zu ng vo n M us ik , F ilm en , S er ie n, B ü- ch er n au s de m In te rn et . E in Le itf ad en fü r E lte rn u nd L eh re r. o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r In te rn et B ro sc hü re , P D F 12 S ch au H in ! K in dg er ec ht er U m ga ng m it de m G am es o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e B ro sc hü re 11 S ch au H in ! K in dg er ec ht er U m ga ng m it de m TV o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n B ro sc hü re 7 S ch au H in ! K in de rg er ec ht er U m ga ng m it de m H an dy o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn H an dy B ro sc hü re 7 S ch au H in ! K in dg er ec ht er U m ga ng m it de m In te rn et o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et B ro sc hü re 11 S ch au H in ! D er M ed ie nr at ge be r f ür E lte rn 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e of fli ne , O nl in e- S pi el e P D F 35 S ch au H in ! S C H A U H IN ! – D er M ed ie nr at ge - be r f ür E lte rn . W is se ns w er te s zu m U m ga ng m it pe rs ön lic he n D at en , A us ga be N r. 3 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et , S oz ia le N et zw er ke , C om pu - te rs pi el e P D F 36 343 11 S ch au H in ! S C H A U H IN ! – D er M ed ie nr at ge - be r f ür E lte rn . K in de r i m S og d er S pi el e – w or au f E lte rn a ch te n so lle n, A us ga be N r. 2 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e P D F 36 S ch au H in ! S ch ut z de r P er sö nl ic he n D at en Ih re r K in de r i m N et z o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et , S oc ia l W eb B ro sc hü re 11 S ch au H in ! Ti pp s zu r M ed ie ne rz ie hu ng o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, C om pu - te rs pi el e, In te rn et , Le rn sp ie le , S oc ia l W eb , H an dy , B üc he r P D F 11 S ch ül er hi lfe E lte rn ra tg eb er N eu e M ed ie n o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n, D V D s un d V id eo s, H ör m e- di en , P C , I nt er ne t, W eb 2 .0 , C om pu te r- sp ie le , H an dy P D F 21 sc hü le rV Z M ed ia E du ca tio n, V . N et zw er ke Lt dZ E in bl ic k fü r E lte rn & L eh re r o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r S oz ia le N et zw er ke (s ch ül er V Z) P D F 6 V Z N et zw er ke L td ., sc hü le rV Z D as n eu e K om m un ik at io ns m ed i- um d er J ug en d 20 11 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r S oz ia le N et zw er ke (s ch ül er V Z) P D F 24 S ei te ne in st ei ge r e .V . B üc he r f ür a lle 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (i n H am - bu rg ) B uc h Fa ltb la tt 6 S ei te ne in st ei ge r e .V . G ed ic ht e fü r W ic ht e 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (i n H am - bu rg ) B uc h Fa ltb la tt 6 S ei te ne in st ei ge r e .V . S ei te ne in st ei ge r 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (i n H am - bu rg ) B uc h Fa ltb la tt 12 S IN – S tu di o im N et z „C om pu te r a uf d er W ie se „: S pi e- le n m it M ed ie n 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (i n M ün - ch en ) C om pu te r Fl ye r 2 S IN – S tu di o im N et z „D en C om pu te rfü hr er sc he in C om p@ ss – e rw er be n un d si ch se in W is se n ze rti fiz ie re n la ss en “ 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (i n M ün - ch en ) C om pu te r Fl ye r 2 S IN – S tu di o im N et z „D as m ac ht S pa ß“ : E m pf eh le ns w er te C om pu - te rs pi el e un d In te rn et se ite n fü r K in de r 20 07 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn C om pu te rs pi el e, In te rn et Fl ye r 2 S IN – S tu di o im N et z „D ar f i ch in s In te rn et ?“ W ie s ch üt - ze ic h m ei n K in d? Im B lic k- pu nk t: Fi lte rs of tw ar e 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (i n M ün - ch en ) In te rn et Fl ye r 2 344 12 S IN – S tu di o im N et z S M S s ch ic ke n un d Fo to s m a- ch en : H an dy – C ha nc en u nd G ef ah re n 20 07 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (i n M ün - ch en ) H an dy Fl ye r 2 S IN – S tu di o im N et z B es se re r U m ga ng m it M e- di en : M ed ie nb ild un g – M ed ie n- sc hu tz – M ed ie nk om pe te nz 20 07 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn (i n M ün - ch en ) m ed ie nü be rg re ife nd Fl ye r 2 S oc ia l M ed ia F ac hg ru pp e im B un de s- ve rb an d di gi ta le W irt sc ha ft e. V . ( B V D W ) ( B ie de rla ck , C hr is tia ne ; B re nc k, C hr is tin a; K na be ns ch uh , S ilk e; P oc he , O liv er ; S ch no or , M ik e) M ei ne K in de r i n so zi al en N et z- w er ke n o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et , S oc ia l W eb P D F 7 S pi el ba r.d e (K oo p. C om pu te rP ro je kt K öl n e. V ., E S L, S pi el ra um ) E lte rn -L A N o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r In te rn et B ro sc hü re , P D F 23 S pi el ra um – In st itu t z ur F ör de ru ng v on M e- di en ko m pe te nz , F H K öl n 7 Ti pp s fü r d en M ed ie na llt ag o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn C om pu te r- u nd K on so le ns pi el e P D F, O nl in e C on te nt (W eb - si te ) 2 S pi el ra um – In st itu t z ur F ör de ru ng v on M e- di en ko m pe te nz , F H K öl n E in ka uf sl ei tfa de n fü r E lte rn o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te r- u nd K on so le ns pi el e P D F 3 S ta at sk an zl ei R he in la nd -P fa lz S ur fe n? A be r s ic he r! 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn In te rn et P D F 34 S ta dt K öl n S pi el - & L er ns of tw ar e 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r O nl in e- S pi el e, L er n- so ftw ar e B ro sc hü re , P D F 50 S tif tu ng L es en Th em at is ch e B uc h- tip ps : D ur ch ge bl ic kt o. A . re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn B uc h P D F 20 S tif tu ng L es en A llt ag st ip ps z ur M ed ie n- N ut zu ng 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn B uc h, D V D P D F 19 S tif tu ng L es en N eu es v om B uc h- u nd M ed ie n- m ar kt fü r K in de r u nd J ug en dl ic he 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn B uc h, H ör bu ch , D V D P D F 65 S tif tu ng L es en W eg e au s de m M ed ie nd sc hu ng el 20 07 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , L eh re r, K in de r Fe rn se he n, C om pu - te r, In te rn et , B uc h P D F 2 S tif tu ng L es en S ic he re r d ur ch d en In te rn et - ds ch un ge l 20 08 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r, K in de r In te rn et , B uc h P D F 2 S tif tu ng W ar en te st (F ei be l, Th om as ) K in dh ei t 2 .0 – S o kö nn en E lte rn M ed ie nk om pe te nz v er m itt el n 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt, ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , p äd ag og i- sc he F ac hk rä fte Fe rn se he n, C om pu - te r- u nd K on so le n- sp ie le , H an dy , I nt er - ne t B uc h 19 2 U na bh än gi ge L an de sa ns ta lt fü r R un df un k un d ne ue M ed ie n (U R L) (S ix , U lri ke ; G im m le r, R ol an d; V og el , I ne s) M ed ie ne rz ie hu ng in d er F am ili e. E in L ig ht fa de n. A nr eg un ge n un d H ilf es te llu ng en fü r E lte rn 20 03 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn m ed ie nü be rg re ife nd B ro sc hü re 35 345 13 U S K U nt er ha ltu ng ss of tw ar e S el bs tk on tro lle K in de r u nd J ug en dl ic he s ch üt ze n 20 11 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn V id eo - u nd C om pu - te rs pi el e B ro sc hü re 42 V is io n K in o gG m bH – N et zw er k fü r F ilm - u nd M ed ie nk om pe te nz M it de r F am ili e in s K in o 20 10 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn K in o, D V D P D F 36 W D R 10 g ol de ne R eg el n fü r „ D ie S ei te m it de m E le fa nt en “ 20 09 re ss ou rc en or ie nt ie rt E lte rn Fe rn se he n P D F 2 W D R , Q ua rk s & C o. W ie v ie l B ild sc hi rm v er kr af te n un se re K in de r? 20 07 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , L eh re r, E rz ie he r C om pu te r, C om pu - te rs pi el e P D F, B ro sc hü re 27 W D R W ie v ie l B ild sc hi rm v er kr af te n un se re K in de r? 20 07 ris ik oo rie nt ie rt E lte rn C om pu te r, C om pu - te rs pi el e P D F 27 ze itb lu et en .c om G ef ah re n un d S ch ut z fü r K in de r un d Ju ge nd lic he im In te rn et o. A . ris ik oo rie nt ie rt E lte rn , E rz ie he r In te rn et P D F 15 347 Die Autoren Dr. Susanne Eggert studierte Medien­ und Kommunika tions wissen schaften, Germanistik, Hispanistik und Psychologie an der Universi tät Leipzig und an der Universi tät Trier. Sie promovierte 2010 zur Frage der Bedeu tung von Medien für die Integra tion von Heran wachsen den aus der ehemali gen Sowjetunion. Seit 1998 ist sie wissen schaft liche Mitarbeiterin am JFF – Institut für Medien päda­ gogik in Forschung und Praxis in München. Seit 2006 ist sie außerdem verant­ wort liche Redakteurin der medien pädagogi schen Fachzeitschrift merz | medien + er ziehung. Ihre Forschungs schwerpunkte liegen in den Bereichen Medien umgang von Kindern, Jugend lichen und Familien sowie Medien und Migra tion. Christa Gebel studierte Diplom­Psychologie mit Neben fach Soziologie an der Universi tät Bamberg. Nach Ab schluss des Studiums arbeitete sie als wissen­ schaft liche Mitarbeiterin an der Universi tät Bamberg in der Ent wick lungs­ und Pädagogi schen Psychologie sowie am Institut Frau und Gesell schaft (ifg) in Hannover. Seit 1999 forscht sie am JFF in München mit den Schwerpunkten Medien in der Familie, Medien umgang von Kindern und Jugend lichen, Compu­ ter spiele sowie Jugendmedien schutz. Dr. Claudia Lampert studierte Erziehungs wissen schaften an der Universi tät Lüneburg und an der Universi tät Hamburg. 2006 promovierte sie mit einer Arbeit über die Potenziale von medialen Unter hal tungs angeboten für die Gesund heits förde rung. Seit 1999 ist sie wissen schaft liche Referentin am Hans­ Bredow­Institut für Medien forschung und dort zuständig für die Themen bereiche Mediensozialisa tion und Gesund heits kommunika tion. Zu ihren aktuellen Themen­ und Forschungs interessen zählen u. a. die Rolle der digitalen Medien in der Lebens welt von Heran wachsen den, die damit ver bundenen Chancen und Risiken sowie die daraus resultie ren den Heraus forde rungen für die Medien­ kompetenzförde rung. 348 Achim Lauber studierte Kommunika tions­ und Medien wissen schaften, Sozio­ logie und Erziehungs wissen schaften an der Universi tät Leipzig. Er war in Forschung und Lehre an der Professur für Medien pädagogik und Weiter bildung der Universi tät Leipzig und am JFF sowie als Referent im Bereich Medien­ kompetenz, Forschung und Programm bei der Thüringer Landes medien anstalt (TLM) tätig. Aktuell leitet er die Geschäfts stelle des Erfurter Netcode e. V. Er engagiert sich insbesondere für die Themen Sozialisa tion in der mediatisierten Gesell schaft, interessen geleitete Medien aneig nung, Kindermedien kulturen, Medien kon vergenz, Jugendmedien schutz. Christiane Schwinge studierte Erziehungs wissen schaft mit dem Schwerpunkt Medien pädagogik an der Johannes Guten berg­Universi tät Mainz und der Uni­ versi tät Hamburg. Während und nach ihrem Studium war sie an ver schiedenen Projekten am Hans­Bredow­Institut be teiligt. Seit Oktober 2010 ist sie als wissen schaft liche Mitarbeiterin im Arbeits bereich Medien pädagogik des Fach­ bereichs Erziehungs wissen schaft der Universi tät Hamburg be schäftigt. Ihre Interessens schwerpunkte liegen im Bereich Medien pädagogik und Medien­ sozialisa tion an der Schnitt stelle zwischen Forschung und medien pädagogi scher Praxis mit Fokus auf digitale inter aktive Medien wie das Social Web und Serious Games. Dr. Ulrike Wagner studierte Kommunika tions wissen schaft und Politik wissen­ schaft an der Universi tät Salzburg und der Università degli Studi di Pavia (Italien). 2010 schloss sie ihre Disserta tion zum Themen bereich Mediensozialisa­ tion und Medienkon vergenz an der Universi tät Leipzig ab. Von 2001 bis 2009 war sie am JFF als wissen schaft liche Mitarbeiterin tätig, seit 2010 ist sie Direktorin des Instituts. Ihre Arbeits­ und Forschungs schwerpunkte umfassen u. a. den Umgang von Kindern und Jugend lichen mit digitalen Medien, Medien­ kon vergenz, Mediensozialisa tions forschung in sozial und bil dungs benachteiligten Milieus, Partizipa tions forschung sowie Methoden der Kind heits­ und Jugend­ forschung. 71 67 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 68 69 72 70 Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie herausgegeben von Ulrike Wagner, Christa Gebel und Claudia Lampert Mitarbeit: Susanne Eggert, Christiane Schwinge und Achim Lauber 356 Seiten, 50 Abb./Tab., DIN A5, 2013 ISBN 978-3-89158-585-6 Euro 22,– (D) Digitale Privatsphäre: Heranwachsende und Datenschutz auf Sozialen Netwerkplattformen herausgegeben von Michael Schenk, Julia Niemann, Gabi Reinmann und Alexander Roßnagel Mitarbeit: Silke Jandt und Jan-Mathis Schnurr 456 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2012 ISBN 978-3-89158-577-1 Euro 25,– (D) Werbung in Computerspielen: Herausforderungen für Regulierung und Medienpädagogik herausgegeben von Dieter Dörr, Christoph Klimmt und Gregor Maschmann Mitarbeit: Franziska Roth, Alexandra Sowka und Nicole Zorn 232 Seiten, 17 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-556-6 Euro 15,– (D) Unterhaltung ohne Grenzen? Der Schutzbereich der Menschenwürde in den Programmgrundsätzen der Medienstaatsverträge von Nadine Klass 148 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-554-2 Euro 12,– (D) Mit Computerspielern ins Spiel kommen Dokumentation von Fallanalysen von Jürgen Fritz und Wiebke Rohde 136 Seiten, DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-548-1 Euro 10,– (D) Wie Computerspieler ins Spiel kommen Theorien und Modelle zur Nutzung und Wirkung virtueller Spielwelten von Jürgen Fritz 176 Seiten, 12 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-547-4 Euro 12,– (D) 66 61 62 63 64 65 Kompetenzen und exzessive Nutzung bei Computerspielern: Gefordert, gefördert, gefährdet von Jürgen Fritz, Claudia Lampert, Jan-Hinrik Schmidt und Tanja Witting Mitarbeit: Marius Drosselmeier, Wiebke Rohde, Christiane Schwinge und Sheela Teredesai 312 Seiten, 61 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-546-7 Euro 21,– (D) Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 66, 67 und 68; ISBN 978-3-89158-549-8 Gesamtpreis Euro 35,– (D) Skandalisierung im Fernsehen Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten von Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler und Claudia Töpper 272 Seiten, 60 Abb./Tab., DIN A5, 2011 ISBN 978-3-89158-542-9 Euro 18,– (D) Medienkompetenz in der Schule Integration von Medien in den weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen von Andreas Breiter, Stefan Welling und Björn Eric Stolpmann 352 Seiten, 88 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-539-9 Euro 22,– (D) Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund Umfragen und Gruppendissionen mit Personen türkischer Herkunft und russischen Aussiedlern im Alter zwischen 12 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen von Joachim Trebbe, Annett Heft und Hans-Jürgen Weiß. Mitarbeit Regine Hammeran 228 Seiten, 81 Abb./Tab., DIN A5, 2010 ISBN 978-3-89158-518-4 Euro 15,– (D) Heranwachsen mit dem Social Web Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen herausgegeben von Jan-Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink und Uwe Hasebrink 360 Seiten, 84 Abb./Tab., DIN A5, 2. unveränderte Auflage, April 2011 ISBN 978-3-89158-509-2 Euro 22,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Fernsehens von Helmut Volpers, Uli Bernhard und Detlef Schnier 276 Seiten, 166 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-485-9 Euro 18,– (D) 60 54 55 56 59 58 Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2. Auflage 2010 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) 50 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 49 48 51 53 Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-397-5 Euro 25,– (D) Weitere Details zu allen Bänden in der Schriftenreihe der LfM finden Sie gerne im Internet : Medien durchdringen zunehmend den Alltag von Kindern und Familien. Die Komplexität der Medienwelt erschwert es den Eltern, den Überblick über die Mediennutzung ihrer Kinder zu behalten und diese angemessen zu begleiten. Wie gehen Eltern mit dem Thema Medienerziehung in ihrem Alltag um? Welche Ansprüche werden formuliert und wo liegen die Hindernisse, diese umzusetzen? Was wünschen sich Eltern an Informationen und wie können sie erreicht werden? Diesen und andere Fragen geht die vorliegende Studie in einer Untersuchung mit Familien mit Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren nach. Die Ergebnisse zeigen, an welchen Stellen elterliche Vorstellungen mit der familialen All tags bewältigung und den Bedürfnissen der Kinder kollidieren und es werden medien - erzie herische Informations- und Unterstützungsbedarfe identifiziert sowie Konsequenzen für die medienpädagogische Elternarbeit diskutiert. Die Herausgeber: V Dr. Ulrike Wagner JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München V Christa Gebel JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München V Dr. Claudia Lampert Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-585-6 Euro 22,- (D) Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie 72 W ag ne r, Ge be l, La m pe rt ( H rs g. ) Zw is ch en A ns pr uc h un d Al lt ag sb ew äl ti gu ng : M ed ie ne rz ie hu ng in d er F am ili e VV V Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung: Medienerziehung in der Familie Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 72 Ulrike Wagner, Christa Gebel, Claudia Lampert (Hrsg.) RZ_LfM-Schriftenreihe_Band_72_11032013_. 11.03.13 07:52 Seite 1

Materialien und Publikationen

Forschung

Medienkompetenzförderung. Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten : Mädchen und Jungen nutzen Medien und insbesondere die digitalen Medien unter- schiedlich. Dabei zeigt sich auch eine differente Ausprägung von Medienkompetenz. Der Band präsentiert aktuelle Diskussionen um den Begriff Medienkompetenz und zeigt Ansätze zum Verstehen von Prozessen geschlechterbezogener Mediensozialisation auf. Ergänzend werden aktuelle Daten zur Mediennutzung von Mädchen und Jungen vorgestellt. Eine Analyse medienpädagogischer Projekte geschlechtersensibler Medien - kompetenzförderung dokumentiert Probleme aber auch Perspektiven für eine ent - sprechende Medienerziehung. ❯ Prof. Dr. Renate Luca Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg ❯ Prof. Dr. Stefan Aufenanger Pädagogisches Institut, Johannes Gutenberg-Universität Mainz ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,- (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung 58 Lu ca /A uf en an ge r Ge sc hl ec ht er se ns ib le M ed ie nk om pe te nz fö rd er un g ❯❯❯ Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 58 Renate Luca, Stefan Aufenanger LfM-Bd_58_RZ_korr:. 24.09.2007 13:17 Uhr Seite 1 Renate Luca, Stefan Aufenanger Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 58 Renate Luca, Stefan Aufenanger Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten unter Mitarbeit von Petra Grell Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2007 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-468-2 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort des Herausgebers Mädchen und Jungen nutzen Medien sehr unterschiedlich. Nutzungsstudien zeigen beispielsweise, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen in ihrer Freizeit lieber den PC nutzen, Mädchen nehmen demgegenüber eher einmal ein Buch zur Hand. Auch wenn das Fernsehen Lieblingsmedium beider Geschlechter ist, divergieren die inhaltlichen Präferenzen jedoch enorm: Während Daily Soaps von den Mädchen wesentlich lieber gesehen werden, liegen die Vorlieben der Jungen bei Sportsendungen und Actionserien und -cartoons. Mädchen und Jungen unterscheiden sich auch in ihren Kompetenzen im Umgang mit Medien. Mädchen wird nachgesagt, dass ihre technischen Kompetenzen eher schwächer ausgebildet sind, so dass der Zugang zum und die Nutzung des PC im Ge- schlechtervergleich bei ihnen weniger ausgeprägt ist. Jungen hingegen – so auch die PISA-Studie – scheinen mit Blick auf eine „kritisch-argumentative Auseinandersetzung“ mit Texten weniger lesekompetent als Mädchen. Diese Ausführungen verdeutlichen im Ansatz die unterschiedlichen media- len Präferenzen und Aneignungsweisen von Mädchen und Jungen. Ziel der vorliegenden Studie war es, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die unter- schiedlichen Nutzungsgewohnheiten und -kompetenzen systematisch aufzu- bereiten, um auf dieser Basis Maßnahmen zur Förderung von Medienkompe- tenz so ausrichten zu können, dass sie den geschlechterspezifischen Fähigkeiten und Defiziten besser gerecht werden. Über die Auswertung bestehender For- schungsergebnisse hinaus wurden beispielhaft Praxisprojekte ermittelt, die eine geschlechterhomogene Medienkompetenzförderung umsetzen. Theoretische Befunde und Praxisbeispiele wurden schließlich kontrastiert, um Bedarfe für die Medienkompetenzforschung und -förderung ableiten zu können. Dabei zeigt sich, dass weniger eine geschlechterspezifische als vielmehr eine geschlech- tersensible Medienpädagogik notwendig ist, bei deren Umsetzung unterschied- liche mediale, personale, soziale und situative Faktoren berücksichtigt werden müssen. Prof. Dr. Norbert Schneider Frauke Gerlach Direktor der LfM Vorsitzende der Medienkommission der LfM Inhalt 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 2 Medienkompetenz – Stand der Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2.1 Ausgangslage – Gesellschaftlicher Diskurs . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2.2 Medienpädagogischer Diskurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2.3 Inhaltliche Differenzierung von Medienkompetenz . . . . . . . . . 17 2.4 Alters- und entwicklungsspezifische Differenzierung von Medienkompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.5 Neuere Konzepte von Medienkompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.6 Exkurs: Internationale Debatte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 3 Theoretische und systematische Aspekte von Mediensozialisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 3.1 Begriffsbestimmung und Grundfragen zur Mediensozialisation 35 3.2 Systematische Ansätze zur Mediensozialisation . . . . . . . . . . . . 37 3.3 Wie entwickeln sich Kompetenzen im Verlauf der Sozialisation? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 4 Geschlecht/Geschlechter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 5 Geschlechtsspezifische Mediennutzung – Quantitative Aspekte . 47 5.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 5.2 Mediennutzung – Fernsehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 5.3 Mediennutzung – Computer und Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 5.4 Mediennutzung – Radio und Tonträger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 5.5 Mediennutzung – Printmedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 5.6 Mediennutzung – Handy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 5.7 Zusammenfassung/Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 7 6 Qualitative Studien zur Mediennutzung von Mädchen und Jungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 6.1 Medienbezogene Einstellung, Interesse und Motivation . . . . . . 89 6.2 Computer- und Interneterfahrung von Mädchen und Jungen . . 94 6.3 Entwicklung geschlechtsspezifischer Präferenzen bei der Medienrezeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 7 Geschlechterspezifische Kompetenzen im Umgang mit Medien . 107 8 Recherche zu Projekten geschlechtsspezifischer Medienkompetenzförderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 8.1 Die Vorrecherche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 8.2 Die Hauptrecherche: Gezielte Recherche auf der Basis eines kategorisierenden Rahmens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 9 Ergebnisse der Interviews mit Expertinnen und Experten von Petra Grell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 9.1 „Jungs ran an die Bücher.“ Leseförderung für Jungen . . . . . . . 128 9.2 Medienprojekt Wuppertal. Reflexive Filmarbeit . . . . . . . . . . . . 133 9.3 Mädchen Medien Projekt. Fotobearbeitung am Computer für Mädchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 9.4 Radio für Jungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 9.5 … aus Mädchensicht. Film für Mädchen . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 9.6 Girls go Movie. Videofilmwettbewerb für Mädchen . . . . . . . . 144 9.7 SiN – Mädchencomputerclub. Multimedia am Computer . . . . 146 9.8 „Mädchen in Bremen, aber sicher.“ Videofilmwettbewerb für Mädchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 9.9 Frauenmusikzentrum. Musikproduktion für Mädchen . . . . . . . 152 9.10 Mediennächte in der Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 9.11 MONA LiesA. Reflexion der Inszenierung von Geschlechts- rollen mit Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 9.12 MiM – Mädchen in Medienberufen. Medienberufe und Medientechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 9.13 Lizzynet. Internetportal/virtuelle Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . 163 9.14 Hardliner. Computer-Gewalt-Spiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 9.15 Multiline. Virtuelle Plattform und Multiplikatorinnen-Netz . . . 169 8 9.16 Roberta. Konstruieren und Programmieren von Computer- technik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 9.17 Reflexion von Medienerlebnissen im Kindergarten . . . . . . . . . 175 9.18 Zusammenfassende Ergebnisse der Untersuchung geschlechtersensibler medienpädagogischer Praxis . . . . . . . . . . 178 10 Schlussfolgerungen und Empfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 10.1 Medienkompetenzdiskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 10.2 Mediensozialisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 10.3 Geschlechterspezifische Mediennutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 10.4 Konzeptionelle Überlegungen zur geschlechterspezifischen Medienkompetenzförderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 11 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 12 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 12.1 Interviewpartner und Interviewpartnerinnen . . . . . . . . . . . . . . . 209 12.2 Formblätter der Projektrecherche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 12.3 Geschlechtersensible Medienprojekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 9 1 Einleitung Die geschlechterspezifische Medienkompetenzförderung ist vor dem Hinter- grund der Annahme, dass Jungen und Mädchen Medien unterschiedlich nutzen und rezipieren eine zentrale Herausforderung der Medienpädagogik. Jedoch liegen noch relativ wenige empirisch fundierte Erfahrungen zu medienpädago- gischen Aktivitäten vor, die diese Betrachtung auch wissenschaftlich begrün- den und belegen. Darüber hinaus fehlt es an einem systematischen Überblick und der Bewertung des aktuellen Forschungsstands zur geschlechtsspezifischen Mediennutzung, zu unterschiedlichen Formen der Rezeption von Medien sowie Effekten in Bezug auf Mediensozialisation. Medienkompetenz kann aktuell als ein zentraler Begriff der Medienpäda- gogik angesehen werden (vgl. Moser 2004, Vollbrecht 2001) und auch in bildungspolitischen Diskussionen nimmt er einen besonderen Raum ein. Seine Bestimmung ist vielfach unternommen worden (vgl. Baacke 1973, 1999; Aufenanger 2000, 2001; Grapski 2001; Groeben/Hurrelmann 2002), aber im empirischen Bereich gibt es noch vielfach Lücken (Schell/Stolzenburg/Theunert 1999). So ist vor allem bei der Förderung spezifischer Aspekte von Medien- kompetenz bei Kindern und Jugendlichen unter geschlechterspezifischen As- pekten ein relevanter Nachholbedarf zu sehen. Zwar gibt es in der medien- pädagogischen Praxis anscheinend eine Vielzahl von Projekten, die u. a. die Vermittlung von Kompetenzen im Bereich der Nutzung von Medien insbeson- dere neuen Medien zum Ziel haben, aber in den meisten Fällen sind diese Aktivitäten theoretisch konzipiert und begründet und es fehlt ihnen an einer Begleitforschung, die Fragen nach dem Erfolg solcher Maßnahmen zu beant- worten sucht. Dies ist besonders vor dem Hintergrund der Annahmen zu sehen, dass Jungen und Mädchen unterschiedliche Zugangs- und Nutzungsweisen von Medien haben, wie etwa die KIM-Studien jährlich verdeutlichen. In einer neueren Übersichtsarbeit (Luca 2003) wird ebenfalls gezeigt, dass das Ge- schlecht eine relevante Variable nicht nur in der Rezeption von Medien, son- dern auch bei deren kompetenter Nutzung sowie unter der Perspektive von Mediensozialisation darstellt. Die bisherigen Diskussionen konzentrieren sich sehr stark auf Mädchen, denen häufig mangelnde Kompetenzen unterstellt werden. Neuere empirische Studien, die dies untermauern würden, fehlen je- 11 doch. Auch konzentriert sich Medienkompetenzförderung zu sehr auf Mädchen, während die Perspektive der Jungen häufig außer Acht gelassen wird. Die vor- liegenden Ansätze zur Förderung von Medienkompetenz wie etwa die Arbeit von Burkhardt (2001) oder der Grundbaukasten Medienkompetenz (Pohlschmidt 2002) greifen zwar diesen Aspekt auf, was jedoch fehlt sind auf wissenschaft- licher Basis fundierte Konzepte. Die vorliegende Studie möchte diese For- schungslücke zwar nicht selbst empirisch schließen, jedoch auf der Grundlage vorfindbarer empirischer Studien und theoretischer Ansätze aus der Medien- pädagogik und der Erziehungswissenschaft als auch von benachbarten Diszipli- nen den geschlechterbezogenen Umgang mit sowie die Rezeption von Medien den aktuellen Diskussionsstand wiedergeben und bewerten. Darüber hinaus werden Projekte zur Förderung von Medienkompetenz unter geschlechter- spezifischen Aspekten dokumentiert und ausgewertet. Aus beiden Perspektiven werden dann Konzeptionen für legitimierbare Projekte zur Förderung von Medienkompetenz vorgestellt. Es soll jedoch ergänzt werden, dass gerade im praktischen Teil dieser Studie nicht alle relevanten Projekte aufgeführt werden können. Zum einen sind nicht alle medienpädagogisch relevanten Projekte dokumentiert, so dass es sicher noch bedeutsame Projekte geben mag, die hier nicht erwähnt werden; zum anderen verbergen sich möglicherweise hinter manchen unbedarften Projekt- titeln Ansätze geschlechtersensibler Medienkompetenzförderung, die nicht sofort erkennbar sind. Uns ging es auch nicht in erster Linie darum, eine umfassende Projektdokumentation vorzulegen, sondern vielmehr darum, anhand einer Viel- zahl von dokumentierten Projekten differente Konzeptionen geschlechtersen- sibler Medienkompetenzförderung deutlich zu machen. Der Aufbau der Studie ist Folgender: Zuerst werden wir die Diskussionen um dem Medienkompetenzbegriff vorstellen und die systematischen Ansätze aufzeigen. Hier gibt es zwar vielfältige Ansätze, aber im Grunde gehen doch alle in die gleiche Richtung. Es scheint in der Medienpädagogik ein gemein- sames Verständnis davon zu geben, was unter Medienkompetenz zu verstehen ist. Auch wird der Begriff in Zusammenhang mit der internationalen Diskussion gestellt, da Medienkompetenz eher ein deutscher Ausdruck ist. Dem schließt sich ein Referat zu Theorien der Mediensozialisation an, die eine Grundlage für die Frage nach geschlechterspezifischer Medienkompetenzförderung dar- stellen sollen. Dass die Diskussionen um den Begriff Geschlechter bzw. zu Fragen von Geschlechtersozialisation noch nicht abgeschlossen sind, wird im nächsten Kapitel deutlich. Hierzu werden die aktuellen Debatten vorgestellt und bewertet. Wie die verschiedenen Medien – ob alt oder neu – aus der Perspektive des Geschlechts genutzt werden, gibt der Überblick über Medien- nutzungsdaten wieder. Dieser wird ergänzt durch Studien, die sich vor allem unter qualitativer Perspektive den geschlechterspezifischen Rezeptionsprozes- sen widmen. 12 Projekte zur geschlechterbetonten Medienkompetenzförderung werden in einem weiteren Kapitel vorgestellt. Hierzu wurden Recherchen vorgenommen, die Projekte katalogisiert und systematisch bezüglich ihrer Ansätze und Metho- den ausgewertet. Ergänzt wird diese Vorgehensweise durch Expertinnen- und Experteninterviews, die zu den Konzepten solcher Ansätze Stellung nehmen. Zum Abschluss des Berichts werden verallgemeinerbare Konzepte zur ge- schlechtersensiblen Medienkompetenzförderung vorgelegt sowie weitere For- schungsperspektiven zur Thematik entwickelt. 13 2 Medienkompetenz – Stand der Diskussion 2.1 Ausgangslage – Gesellschaftlicher Diskurs Der Begriff „Medienkompetenz“ nimmt in der gesamtgesellschaftlichen Debatte um das Leitbild Wissensgesellschaft bzw. Mediengesellschaft eine zentrale Bedeutung ein. Im Hinblick auf den gesellschaftlichen Wandel von der In- dustriegesellschaft zur Informations- und Wissensgesellschaft rückt die me- dienvermittelte Information und Kommunikation in das Zentrum des gesell- schaftspolitischen und wirtschaftlichen Interesses. Vor diesem Hintergrund wird Medienkompetenz oftmals als Schlüsselqualifikation bzw. als Anpas- sungsleistung der Individuen an die veränderten gesellschaftlichen Bedingun- gen betrachtet. Da die strukturellen Veränderungen des technologischen Wandels alle ge- sellschaftlichen Bereiche beeinflussen, wird der pädagogische Begriff „Medien- kompetenz“ auch außerhalb pädagogischer Zusammenhänge diskutiert. Die Debatte um Medienkompetenz findet dabei in anderen wissenschaftlichen Dis- ziplinen wie Politikwissenschaften, angewandter Informatik, Rechts- und Wirt- schaftswissenschaften aber auch in nicht-wissenschaftlichen, öffentlichen Berei- chen statt. Gapski konstatiert in einer explorativen Fallstudie zu Definitionen der Medienkompetenz eine konjunkturelle Verwendung des Begriffs sowohl in Massenmedien als auch in Fachpublikationen (vgl. Gapski 2001).1 Die Populari- tät des Begriffs Medienkompetenz vergleicht Kübler mit dem der „Chancen- gleichheit“ und der „Bildung für alle“ (Kübler 1999). Die steigende politische Relevanz von Medienkompetenz zeigt sich vor allem daran, dass ihre Förde- rung jüngst als Aufgabe der Landesmedienanstalten gesetzlich im Rundfunk- staatsvertrag verankert wurde. Die vielfältigen Ansätze zur Förderung finden dabei auf breiter gesellschaftlicher Ebene statt. Zum Thema Medienkompetenz 15 1 Gapski wertet 104 deutschsprachige Medienkompetenz-Definitionen aus dem Zeitraum 1996 bis 1999 inhalts- analytisch aus. werden unter anderem Tagungen veranstaltet, Ratgeber und Arbeitshefte heraus- gegeben, Projekte initiiert sowie Stiftungen und Förderpreise eingerichtet.2 In den zahlreichen Definitionen und parallelen Diskursen zu „Medien- kompetenz“ wird die unspezifische Substanz des Begriffs besonders deutlich. Selten werden die vielfältigen Umschreibungen und die mit „Medienkompe- tenz“ verbundenen Zielsetzungen in eine gesamtgesellschaftliche Sichtweise integriert. Vielmehr spiegeln sich in den Bestimmungsversuchen die unter- schiedlichen Perspektiven wider, welche der jeweiligen Disziplin verhaftet sind. Inhaltliche Schwerpunkte und Zielsetzungen stehen daher einseitig neben- einander. Beispielsweise wird Medienkompetenz aus wirtschaftlicher Sicht eher als Produktions- und Standortfaktor betrachtet, somit werden berufs- bezogene Qualifikationen und technische Anpassungsleistungen akzentuiert. In gesellschaftspolitisch orientierten Beiträgen wird Medienkompetenz vor allem als Teil der „Demokratiekompetenz“ betrachtet, folglich als Voraussetzung für die Partizipation mündiger Bürger in einer demokratischen Informationsgesell- schaft (vgl. Gapski 2003). Eine Übereinstimmung in den unterschiedlichen Diskursen findet sich ledig- lich in der Auffassung, dass „Medienkompetenz“ eine zentrale Qualifikation innerhalb der Informationsgesellschaft darstellt. Überwiegend wird Medienkom- petenz als individuelle Aufgabe zur Bewältigung von Orientierungsproblemen in einer von Medien durchsetzten Gesellschaft betrachtet. Kontinuierliche Diskussionsstränge findet man in der Debatte um Medien- kompetenz eher selten, vielmehr werden immer wieder neue Definitionen for- muliert. Dabei zeichnen sich die meisten Definitionen dadurch aus, dass sie schnell überholt sind (vgl. Kübler 1999). Das liegt vor allem an dem Umstand, dass vorwiegend medientechnologische Aspekte ins Zentrum der Analysen gerückt werden. Technologische Entwicklungen im Medienbereich bringen aber schnelle Veränderungen mit sich, so dass Definitionen mit medientech- nologischem Inhalt nur kurze Gültigkeit haben (vgl. Aufenanger 1997). Sogar beim medienpädagogischen Diskurs, der durch eine langjährige und vergleichsweise kontinuierliche, inhaltliche Auseinandersetzung mit Medien- kompetenz gekennzeichnet ist, wird in Fachtagungen zunächst geklärt, was unter Medienkompetenz grundsätzlich verstanden werden soll. Hierbei findet zwar eine kritische Auseinandersetzung mit alten Konzeptionen statt, jedoch 16 2 Einige Beispiele: Die Gründung des Europäischen Medienkompetenzzentrums in NRW (ecmc), welches unter- schiedliche Medienprojekte professionell betreut bzw. umsetzt, und das Netzwerk für die Vermittlung von Medienkompetenz in NRW „Mekonet“ wurden u. a. initiiert von der Landesanstalt für Medien NRW. Die Stiftung MedienKompetenz Forum Südwest (MKFS), die u. a. von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz getragen wird, fördert medienpädagogische Maßnahmen und Projekte in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Mit dem Webportal Internet-ABC soll Internetkompetenz auf breiter gesellschaftlicher Ebene gefördert werden. Zu den Mitgliedern des Trägers Internet-ABC e. V. gehören elf Landesmedienanstalten. werden auch hier weitere Definitionen und Komponenten hinzugefügt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es daher auch innerhalb der Medienpädagogik keine einheitliche Sicht auf Medienkompetenz. 2.2 Medienpädagogischer Diskurs Das Thema Medienkompetenz wird innerhalb der Medienpädagogik bereits seit Beginn der 1970er Jahre diskutiert. Dieter Baacke, der zu den einfluss- reichsten Vertretern der Medienpädagogik zählt, führte den Kompetenzbegriff in die medienpädagogische Debatte ein, indem er Chomskys Konzept der linguistischen Kompetenz aufgreift und in Beziehung zu der sozialwissen- schaftlichen Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas setzt. Seiner These nach stützen, „Sprachkompetenz und Verhaltenskompetenz, die zusam- men die kommunikative Kompetenz ausmachen[…]“ die grundlegende Aussage, „[…] dass der Mensch ein kompetentes Lebewesen sei“ (Baacke 1973: 262).m Das Konzept der „Kommunikativen Kompetenz“, in welches Baacke die mediale Kommunikation integriert, wird vielfach als theoretischer Ausgangs- punkt von Medienkompetenz betrachtet (vgl. Theunert 1999). Baacke beschreibt also Medienkompetenz als einen Teilaspekt der kommunikativen Kompetenz. Diese kann wiederum als eine Teilmenge der allgemeinen Handlungskompe- tenz, dem klassischen Erziehungsziel, betrachtet werden. Für Baacke bedeutet „Medienwelt“ immer auch „Lebenswelt“ (Baacke 1999: 31). Medienkompetenz bezieht sich somit auf alle Lebensbereiche und geht insofern über institutionell vermittelte Medienerziehung hinaus. „Kompetenz“ versteht Baacke als übergeordnetes Bindeglied zwischen Bildung und Erziehung (vgl. Baacke 1999). 2.3 Inhaltliche Differenzierung von Medienkompetenz Ein häufiger Kritikpunkt betrifft die Substanzlosigkeit des Medienkompetenz- begriffs. Aufgrund mangelnder Trennschärfe wird eine willkürliche Verwen- dung erleichtert, die wissenschaftliche Erarbeitung eines „universalen und konsensfähigen Begriffs von Medienkompetenz“ (Kübler 1996) aber erschwert. Zur Spezifizierung des Begriffs wurden eine Reihe von Systematisierungs- und Differenzierungsmodellen vorgelegt, in denen verschiedene inhaltliche Dimensionen von Medienkompetenz akzentuiert werden. 2.3.1 Medienkompetenz-Modelle Die nachstehende Tabelle soll einen möglichst breiten Überblick zu klassischen und neueren Medienkompetenz-Modellen geben. Angesichts der vielfältigen inhaltlichen Ausdifferenzierungen, kann an dieser Stelle kein Anspruch auf 17 18 A uf en an ge r (1 99 7) B aa ck e (1 99 9) D ew e /S an d er ( 19 96 ) G ro eb en ( 20 02 ) K B E ( 19 99 ) 1 K og ni tiv e D im en si on – W is se n, V er st än d ni s un d A na ly se v on M ed ie n (M ed ie n- sy st em e, m ed ie n- sp ez ifi sc he S ym b ol e / C od ie ru ng en , M ed ie ni nh al te ) M ed ie nk un d e – in fo rm at iv – in st ru m en te ll- q ua lif i- ka to ris ch S ac hk om p et en z (tä tig ke its b ez og en ) – A nw en d un gs w is se n – au to no m es Z ug rif fs - w is se n – P ro b le m lö se fä hi gk ei t – m ed ia le s S ch lü ss el - w is se n – in te rm ed ia le Ü b er tr a- gu ng s- /T ra ns fe rf äh ig - ke ite n M ed ia lit ät sb ew us st se in /M ed ie nw is se n M ed ia lit ät sb ew us st se in : – M ed ie n si nd K on st ru kt io ne n – 3 E b en en : 1. M ed ia lit ät -R ea lit ät 2. R ea lit ät -F ik tio na lit ät 3. R ea lit ät sb ez ug – Fi kt io na lit ät sb ez ug M ed ie nw is se n: – K en nt ni ss e vo n üb er ge or d ne te n M ed ie ns ys te m en /- st ru kt ur en / -g at tu ng en – K en nt ni ss e vo n M ed ie nf un kt io ne n un d - w irk un gs st ru kt ur en W ah rn eh m un gs ko m p e- te nz D iff er en zi er te , b ew us st e W ah rn eh m un g vo n M ed ie ne in d rü ck en u nd -e rle b ni ss en – Ä st he tik – G es ta ltu ng – S p ra ch e (m ed ie n- sp ez ifi sc h) 2 M or al is ch e D im en si on – m ed ie ns p ez ifi sc he s Ve ra nt w or tu ng s- b ew us st se in – M ed ie ne th ik – M ed ie na nt hr op ol og ie M ed ie nk rit ik – an al yt is ch ( E rf as su ng p ro b le m at is ch er ge se lls ch af tli ch er P ro ze ss e) – re fle xi v (A nw en d un g d es a na ly tis ch en W is se ns a uf s ic h se lb st u nd a uf e ig e- ne s H an d el n) – et hi sc h (s oz ia le V er - an tw or tb ar ke it an al y- tis ch en u nd r ef le xi ve n D en ke ns ) S el b st ko m p et en z (p er sö nl ic hk ei ts - b ez og en ) – ak tiv e A us ei na nd er - se tz un g m it ne ue n M ed ie n – le b en sl an ge s Le rn en – se lb st st än d ig e A ne ig - nu ng – D iff er en zi er un g: R ea - lit ät – vi rt ue lle W el te n – R ef le xi on ( ge se ll. B e- d eu tu ng v on M ed ie n) M ed ie ns p ez ifi sc he R ez ep tio ns m us te r – te ch no lo gi sc h- in st ru m en te lle F er tig - ke ite n – ko m p le xe , ko gn iti ve V er ar b ei tu ng s- m us te r/ ve rs ch ie d en e Ve ra rb ei tu ng s- st ra te gi en z w is ch en M ed ie n un d in ne rh al b e in es M ed iu m s – A uf b au m ed ie ns p ez ifi sc he r, an ge b ot sa b hä ng ig er E rw ar tu ng en Ve ra rb ei tu ng sk om p e- te nz K og ni tiv e Ve ra rb ei tu ng vo n M ed ie ni nh al te n – In -B ez ug -S et ze n zu in ne re r un d ä uß er er E rf ah ru ng sw el t – kr iti sc he R ef le xi on 3 S oz ia le D im en si on – so zi al e un d p ol iti sc he In te ra kt io ne n – p ol iti sc he M ed ie n- sy st em e M ed ie nn ut zu ng – re ze p tiv , an w en d en d – in te ra kt iv , an b ie te nd S oz ia lk om p et en z (s oz ia l au sg er ic ht et ) – Fä hi gk ei t zu m W ec hs el v on R ol le n- p er sp ek tiv en – In te gr at io ns fä hi gk ei t – K on fli kt fä hi gk ei t, K om m un ik at io ns - fä hi gk ei t M ed ie nb ez og en e G en us sf äh ig ke it G en us so rie nt ie ru ng : A us w ah l b es tim m - te r M ed ie na ng eb ot e si tu at io ns ab hä ng ig – em ot io na l (S tim m un g) – m ot iv at io na l (U nt er ha ltu ng sb ed ür fn is ) – es ka p is tis ch B eu rt ei lu ng s- u nd S el ek tio ns ko m p et en z – W er to rie nt ie ru ng i n- ne rh al b v on M ed ie n- an ge b ot en e rk en ne n un d m it ei ge ne n W er te vo rs te llu ng en ab gl ei ch en ( A na ly se , B eu rt ei lu ng ) 19 3 – M ed ie n al s A us - d ru ck s- u nd N ut - zu ng si ns tr um en t fü r so zi al e K oo pe ra tio ne n – R üc kk op p lu ng s- fä hi gk ei t 4 A ffe kt iv e D im en si on – M ed ie n er le b en – an ge m es se ne r U m ga ng m it E m ot io - ne n M ed ie ng es ta ltu ng – in no va tiv – kr ea tiv M ed ie nb ez og en e K rit ik fä hi gk ei t – ko gn iti ve , d is ta nz ie rt -k rit is ch e A na - ly se - un d B ew er tu ng sf äh ig ke it (K rit e- rie n: G la ub w ür d ig ke its in d ik at or en , um fa ss en d es W is se n üb er M ed ie n- st ru kt ur en u nd - p ro ze ss e, ... ) K rit is ch e N ut zu ng s- ko m p et en z – zw ec k- u nd z ie lg e- ric ht et e A us w ah l un d N ut zu ng v er sc hi ed e- ne r M ed ie na ng eb ot e 5 Ä st he tis ch e D im en si on – m ed ia le W ah rn eh - m un g – B er üc ks ic ht ig un g ve r- sc hi ed en er A d re ss a- te n (K ul tu r, A lte r, et c. ) b ei m ed ie ns p ez ifi - sc he r G es ta ltu ng S el ek tio n /K om b in at io n vo n M ed ie n- nu tz un g – O rie nt ie ru ng sk om p et en z – N av ig at io ns ko m p et en z – E nt sc he id un gs ko m p et en z – fle xi b le M ed ie nn ut zu ng sp lu ra lit ät K re at iv e H an d lu ng s- ko m p et en z – P ro d uk tio n un d Ve rb re itu ng e ig en er M ed ie ni nh al te a uf - b au en d a uf d er K en nt ni s vo n üb er - ge or d ne te n M ed ie n- st ru kt ur en 6 H an d lu ng sd im en si on – ko m p et en te r un d q ua lif iz ie rt er U m ga ng m it M ed ie n (M ed ie n al s A us d ru ck s- , G e- st al tu ng s- , In fo rm a- tio ns m itt el u nd E xp e- rim en tie rm ög lic hk ei t) (p ro d uk tiv e) P ar tiz ip at io ns m us te r – P ro d uk tiv itä t – A kt iv itä t 7 A ns ch lu ss ko m m un ik at io ne n – Ve rb in d un g /V er kn üp fu ng v on M ed ie nw el te n un d A llt ag ss itu at io ne n – Te il d es S oz ia lis at io ns p ro ze ss es (H in ei nw ac hs en i n M ed ie nw el te n) – K om m un ik at io n üb er M ed ie ni nh al te b zw . -a ng eb ot e au ße rh al b R ez ep - tio ns ze itr au m 20 K üb le r (1 99 9) La ng e (1 99 9) M os er ( 19 99 ) P öt tin ge r (1 99 7) S ch or b ( 20 05 ) Tu lo d zi ec ki ( 19 97 ) 1 K og ni tiv e Fä hi g- ke ite n – K en nt ni ss e üb er S tr uk tu - re n, O rg an is a- tio ns fo rm en un d F un k- tio ns w ei se n – K en nt ni ss e üb er P ro - gr am m e, D ra m at ur gi en , In ha lte d er M ed ie n In d iv id ue lle E b en e – A us w ah l un d kr iti sc he B eu rt ei lu ng vo n m ed ie n- ve rm itt el te n In ha lte n – M ed ie n al s p er sö nl ic he s A us d ru ck s- m itt el Te ch ni sc he K om p et en z E rw er b e in es g ru nd le ge n- d en T ec hn ik ve rs tä nd ni ss es zu r si nn vo lle n M ed ie nh an d ha b un g – ei nf ac he W ar tu ng s- / In st al lie ru ng sa rb ei te n – U m ga ng m it G ru nd fu nk - tio ne n vo n el ek tr is ch en G er ät en ( „U se rk om p e- te nz en “) – ei nf ac he P ro gr am m ie r- un d N av ig ie rs ch em en – Ve rs te he n vo n Fa ch au s- d rü ck en W ah rn eh m un gs - ko m p et en z – m ed ia le S tr uk - tu re n, G es ta l- tu ng sf or m en , W irk un gs m ög - lic hk ei te n d ur ch sc ha ue n M ed ie nw is se n S tr uk tu rw is se n: üb er - ge or d ne te Z us am m en - hä ng e M ed ie nv er b un d . Fu nk tio ns w is se n: in st ru - m en te ll- q ua lif ik at or is ch e Fä hi gk ei te n, ä st he tis ch es G es ta ltu ng sw is se n, K en nt - ni s vo n P ro gr am m en , D ra - m at ur gi en u nd I nh al te v on M ed ie n. O rie nt ie ru ng s- w is se n: K om p le xi tä t vo n M ed ie n d ur ch sc ha ue n, B ew er tu ng sd im en si on , su b je kt iv e P os iti on f in d en M ed ie na ng eb ot e au s- w äh le n un d n ut ze n – M ed ie na ng eb ot e, m ed ia le P ro d uk te , W er k- ze ug e un d K om m un ik a- tio ns d ie ns te , b ew us st i m S in ne v er sc h. F un k- tio ne n ve rg le ic he n, a us - w äh le n un d n ut ze n 2 A na ly tis ch e un d ev al ua tiv e Fä hi gk ei te n – M ed ie n an ha nd v ie lfä l- tig er K rit er ie n ei ns ch ät ze n un d b eu rt ei le n Q ua lif ik at or is ch e E b en e – m ul tim ed ia le In ha lte a nw en - d en u nd v er - b re ite n R ef le xi ve K om p et en z – kr iti sc he B eu rt ei lu ng v on M ed ie n un d -e nt w ic kl un g – S el b st ei ns ch ät zu ng ü b er ei ge ne s M ed ie n- nu tz un gs -V er ha lte n – R ep er to ire a n K rit er ie n zu r Ü b er p rü fu ng v on M ed ie ni nf or m at io ne n au f S tic hh al tig ke it un d R el e- va nz ( S el ek tio ns fä hi g- ke ite n, F ilt er fä hi gk ei te n) N ut zu ng s- ko m p et en z – M ed ie n( an - ge b ot e) z ie l- ge ric ht et u nd an ge m es se n nu tz en M ed ie nb ew er tu ng – W irk un g un d G es ta ltu ng vo n M ed ie n d ur ch - sc ha ue n – kr iti sc he R ef le xi on v on M ed ie ni nh al te n un te r m ed ie n- et hi sc he n G es ic ht sp un kt en G es ta lte n un d V er b re ite n ei ge ne r M ed ie nb ei tr äg e – A us sa ge n m ed ia l ve r- m itt el n, a ls o ei ge ne M ed ie nb ei tr äg e he rs te l- le n un d v er b re ite n 3 S oz ia l- re fle xi ve Fä hi gk ei te n – no rm at iv e un d m or al is ch e O rie nt ie ru ng en – R ef le xi on ü b er in d iv id ue lle N ut zu ng s- w ei se n, G e- w oh nh ei te n, B ed ür fn is se , G es el ls ch af tli ch e E b en e – O p tim ie ru ng m ul tim ed ia le r R ah m en - b ed in gu ng en (C ha nc en - gl ei ch he it) – R ed uz ie ru ng vo n R is ik en K ul tu re lle K om p et en ze n – O ffe nh ei t, N eu gi er f ür A ng eb ot e ne ue r M ed ie n al s B es ta nd te il ze itg e- nö ss is ch er A llt ag sk ul tu r – kr iti sc he A us ei na nd er - se tz un g – N ut zu ng i nt er m ed ia le r/ in te ra kt iv er I nf or m at io - ne n: l ite ra le , au d iti ve un d b ild sp ra ch lic he H an d lu ng sk om - p et en z – ak tiv e G es ta l- tu ng m it M ed ie n – M ed ie n al s p er sö nl ic he s A us d ru ck sm it- te l (in d iv id ue lle In te re ss en , A nl ie ge n) M ed ie nh an d el n – te ch ni sc he H an d ha b un g – se lb st st än d ig es , p ro d uk - tiv es M ed ie nh an d el n Ve rs te he n un d B ew er te n vo n M ed ie ng es ta ltu ng en – m ed ia le G es ta ltu ng s- m itt el v on S ch rif t, B ild un d T on ( d ie S p ra ch e d er M ed ie n) k en ne n le rn en – M ed ie nd ar st el lu ng en a ls ve rm itt el te o d er i ns - ze ni er te B ot sc ha ft en e r- fa hr en u nd U nt er sc he i 21 3 K om p en sa tio ne n u. a. m . – em ot io na le In te lli ge nz In fo rm at io ne n – O rie nt ie ru ng sk om p et en z – M ul ti- K ul tu re lll e K om p e- te nz : B ew eg en i n ve r- sc hi ed en en S p hä re n ei ne s gl ob al is ie rt en R au m es , kr ea tiv er u nd ge st al te nd er U m ga ng m it ne ue n Fo rm en d er M ed ie nk om m un ik at io n d un gs fä hi gk ei t b ez og en au f ve rs ch ie d en e m ed ia le G es ta ltu ng sa b si ch te n (In fo rm at io n, U nt er ha ltu ng , W er b un g, e tc .) er la ng en . 4 H an d lu ng so rie n- tie rt e Fä hi g- ke ite n – te ch ni sc he H an d ha b un g d er G er ät e – an ge m es se ne , zi el ge ric ht et e un d e rf ol g- re ic he K om - m un ik at io n m it M ed ie n S oz ia le K om p et en ze n – ko m p et en te s Ve rh al te n in m ed ia tis ie rt en B ez ie hu ng sf or m en u nd K om m un ik at io ns m us te rn – O rie nt ie ru ng sf äh ig ke it in re al en u nd v irt ue lle n B ez ie hu ng sg ef le ch te n – fle xi b le E in st el lu ng , A k- ze p ta nz n eu er F or m en d er A rb ei ts or ga ni sa tio n E rk en ne n un d A uf ar b ei te n vo n M ed ie ne in flü ss en – Vo n M ed ie n ge he n E in - flü ss e au f E m ot io ne n, Ve rh al te ns or ie nt ie ru ng , Le is tu ng so rie nt ie ru ng u . W er to rie nt ie ru ng a us . – M ed ia le G es ta ltu ng s- m er km al e, d ie m it b e- st im m te n W irk un ge n ve rb un d en s in d , er - ke nn en , au sd rü ck en u nd an ge m es se n ei no rd ne n b zw . au fa rb ei te n. 5 D ur ch sc ha ue n un d B eu r- te ile n vo n B ed in gu ng en d er M ed ie np ro d uk tio n un d M ed ie nv er b re itu ng – ök on om is ch e, r ec ht lic he , or ga ni sa tio ns b ez og en e so w ie w ei te re i ns tit ut io - ne lle u nd p ol iti sc he b zw . ge se lls ch af tli ch e B ed in - gu ng en d er M ed ie np ro - d uk tio n un d M ed ie nv er - b re itu ng d ur ch sc ha ue n un d b eu rt ei le n Vollständigkeit erhoben werden. Vielmehr sollen die vielschichtigen Bestim- mungs- oder Gliederungsversuche systematisiert werden. Bei Betrachtung der Tabelle fallen zwei Aspekte besonders auf: Zum einen überwiegen deutlich handlungsbezogene Dimensionen und zum anderen wieder- holen sich Dimensionen mit gleichen Inhalten, aber unterschiedlichen Begriffen (vgl. Süss 2003). So werden in den meisten Modellen Kenntnisse über Me- diensysteme, deren Strukturen und Funktionsweisen als eine Ausprägung von Medienkompetenz angeführt. Dahinter steht die Überlegung, dass nur mit einem entsprechenden Hintergrundwissen die in Medien verwendeten Codie- rungen und Zeichensysteme entschlüsselt und somit verstanden werden können (vgl. Aufenanger 1997). Im Vergleich zu anderen Dimensionen werden die mit „Medien-Kunde“ bzw. „Medienwissen“ verbundenen Fähigkeiten sehr unter- schiedlich aufgefasst. Während einige Autoren den Schwerpunkt auf kognitive Prozesse legen (Pöttinger, Aufenanger, Kübler, KBE), bildet beispielsweise Baacke eine instrumentell-qualifikatorische und eine informative Unterdimen- sion. Schorb unterscheidet sogar drei Unterkategorien, um die vielseitigen Komponenten von „Medienwissen“ zu systematisieren. Die kritisch-reflexive Dimension der Medienkompetenz wird ebenfalls von nahezu allen Autoren der oben genannten Modelle integriert. Sie umfasst ana- lytische, reflexive, evaluative und ethische Fähigkeiten bei der Einschätzung und Bewertung von Medienangeboten und -inhalten. Im Gegensatz zur medienkund- lichen Dimension ist die medienkritische daher stärker am Subjekt orientiert.m Instrumentelle Fähigkeiten, die in Zusammenhang mit der Anwendung und Handhabung von Medien stehen, werden meist mit der Dimension „Medien- nutzung“ umschrieben. Diese Fähigkeiten werden von einigen Autoren noch- mals aufgefächert in „Nutzungskompetenz“ und „Handlungskompetenz“ (Pöttin- ger, KBE) bzw. „Mediengestaltung“. Während sich die Nutzungskompetenz lediglich auf die instrumentelle Anwendung bezieht, wird mit Handlungs- kompetenz auf tiefer gehende Fähigkeiten eingegangen. Die kreative, produk- tive und gestalterische Auseinandersetzung mit Medien erweitert dabei die Handlungsspielräume und Ausdrucksmöglichkeiten der Mediennutzerinnen und Mediennutzer. Mit der Einbettung einer „sozialen Dimension“ in das Modell der Medien- kompetenz verweist etwa die Hälfte der oben genannten Autoren auf einen „überindividuellen, sozialen Referenzrahmen“ (Gapski 2001: 172). Hierbei sind die politische Partizipation und soziale Handlungsfähigkeit in der Medien- gesellschaft vordergründig. Außerdem werden ethisch-moralische Aspekte vor dem Hintergrund einer sozialen Verantwortlichkeit in die Betrachtung der Medienkompetenz miteinbezogen. Aufenanger hebt diese durch Bildung einer eigenständigen „moralischen Dimension“ hervor. Die Genuss- und Unterhaltungsfunktion der Medien, die Bedürfnisse von Mediennutzerinnen und Mediennutzern und der angemessene Umgang mit 22 Emotionen sind wichtige Elemente der Mediennutzung. Vor diesem Hintergrund werden emotionale, motivationale und affektive Aspekte des Medienkonsums in die Modelle von Aufenanger und Groeben eingebunden. Die Dimension „Anschlusskommunikation“ bezieht sich auf die Kommuni- kation über Medieninhalte und -angebote außerhalb des Rezeptionszeitraums. Damit skizziert Groeben eine Dimension von Medienkompetenz, die nicht aus- schließlich auf das Subjekt bezogen ist. Bemerkenswert ist auch, dass Elemente der Medienkompetenz und der Mediensozialisation verknüpft werden. Soziali- sationsinstanzen wie Familie, Peer-group und Schule werden in ihrer Funktion als Gesprächspartner bzw. als Raum für Gesprächsthemen über Medien er- stmalig in die Konzeption von Medienkompetenz integriert. Süss unterscheidet zwei Definitionstypen: Definitionen „[…], die Medien- kompetenz vom Kompetenzbegriff in seiner Ausfaltung tragen lassen und solche, die den Umgang mit Medien in den Vordergrund stellen.“ (Süss 2003: 31) Dabei setzen nur wenige Medienkompetenz-Definitionen am allgemeinen Kompetenzbegriff an. In den Begriffsbestimmungen dominiert vielmehr der kompetente Medienumgang (vgl. Süss 2003). Die empirische Unbrauchbarkeit des Medienkompetenzbegriffs wird von Groeben problematisiert. Sie könne überwunden werden, wenn auf übergene- ralisierende Begriffsüberziehung in der theoretischen Explikation verzichtet würde. Um Medienkompetenz empirisch zu operationalisieren, ist eine weitest- mögliche begriffliche Präzision notwendig. Zugleich müsste die Konzept- Explikation, aufgrund der zum Teil raschen Veränderungen im Gegenstands- bereich, offen und flexibel sein (vgl. Groeben 2002). Im Folgenden werden die Kernthemen und grundlegenden Diskurslinien der medienpädagogischen Debatte im Zusammenhang mit Medienkompetenz skizziert. In Bezug auf die inhaltlichen Zielvorstellungen von Medienkompetenz stellt das Verhältnis kritischer Kompetenzen, also die Reflexion und Evaluation von Medieninhalten, zu instrumentellen Kompetenzen ein Spannungsfeld dar. Über- wiegen technische Kompetenzen bei der inhaltlichen Bestimmung, werden ent- sprechende Definitionen oft als zu technokratisch kritisiert. Normative Bestim- mungen des Medienkompetenzbegriffes bilden den Gegenpol. Hierbei steht die pädagogische Zielvorstellung des mündigen, selbstbestimmten, emanzipierten Subjekts im Mittelpunkt der Betrachtung (Gapski 2003: 12). 2.3.2 Subjektbezug Nach Gapski dominieren subjektzentrierte Ansätze die Debatte um Medien- kompetenz. Die Auswertung seiner Analyse ergab „[…], dass der weitaus größte Anteil der Definitionen von Subjekten als Träger von Medienkompetenz ausgeht“ (Gapski 2001: 181). Den deutlichen Bezug auf das Subjekt begründet 23 er damit, dass der kompetente Mediennutzer im Hinblick auf die Förderung von Medienkompetenz und die Gestaltung gesellschaftlicher Rahmenbedin- gungen plastisch besser darzustellen sei (vgl. Gapski 2003). Mit Blick auf den Berufsbildungsdiskurs verweist er allerdings darauf, dass Kompetenz nicht ausschließlich an das Subjekt gebunden ist. Vielmehr könne man Kompetenz sowohl auf Individuen als auch auf Gruppen und Organisationen beziehen. Damit würde man die „strategische Reichweite“ der Medienkompetenzförde- rung erweitern. Am Beispiel Schule illustriert er, dass man Lehrer, Schüler, aber auch die Schule als „[…] soziales System und als medial vernetzte, ler- nende Organisation“ fördern könnte (Gapski 2003: 14–15). Groeben/Hurrelmann hingegen halten weiter am Subjektbegriff fest. Das allgemeine Sozialisationsziel des „gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekts“ könne als normative Leitidee für das Konzept der Medienkompetenz fungieren, weil soziale Handlungsfähigkeit in der Mediengesellschaft von Medienkompe- tenz abhängig ist (vgl. Groeben/Hurrelmann). 2.3.3 Kritik am Konzept der Kommunikativen Kompetenz Seit den 1990er Jahren wird immer häufiger Kritik am Konzept der Kommu- nikativen Kompetenz und somit am theoretischen Fundament der Medien- kompetenz geübt. Die Kritik richtet sich dabei auf mehrere Aspekte. Vor allem wird Baackes theoretische Ableitung aus der universalen Sprach- kompetenz und die damit verbundene anthropologische Perspektive als pro- blematisch erachtet. Da sich Chomskys grammatische Sprachkompetenz auf angeborene Fähigkeiten bezieht, bleibt unklar, ob sich auch der Kompetenz- begriff bei Baacke auf naturgegebene Fähigkeiten bezieht, die über Erziehungs- und Bildungsprozesse aktiv weiterentwickelt werden (vgl. Moser 2003). Wenn Menschen von Natur aus kommunikative Lebewesen sind und somit über kommunikative Kompetenz verfügen, stellt sich angesichts der gegenwärtigen Struktur medialer Kommunikationsformen die Frage, inwieweit diese anthro- pologischen Voraussetzungen heute noch zum Tragen kommen. Kübler zufolge müssen folgende grundlegenden Fragen neu verhandelt werden: „Wie kom- muniziert der Mensch? Wie viel daran ist anthropologische Essenz, wie viel kulturelles und sozialisatorisches Konstrukt? Wie entfaltet und realisiert sich kommunikative Kompetenz unmittelbar, wie in medialen und (informations) technischen Varianten?“ (Kübler 1999: 39) In Bezug auf das Konzept der Kommunikativen Kompetenz wird weiterhin der theoretische Anschluss an „Sprache“ in Frage gestellt (vgl. Moser 2003). Gapski stellt in diesem Zusammenhang die Grundsatzfrage, „[…] inwieweit die Relationen zwischen Sprache und individueller Kompetenz überhaupt als Ausgangspunkt für ein Theoriemodell zur Beschreibung der Beziehung zwischen technischen Medien und der Kompetenz ihres sinnvollen Einsatzes dienen kön- 24 nen“ (Gapski 2003: 13–14). Er weist darauf hin, dass dieses traditionelle Verständnis von Medienkompetenz höchstens auf die Strukturen der Buchkultur anwendbar ist. In den neuen Technologien werden aber sowohl verbale als auch non-verbale Kommunikationsstrukturen eingesetzt (vgl. Gapski 2003). Letztere sprechen das „präverbale Denken“ (Röll 1996: 159) an. So eröffnet das World Wide Web mit seiner grafischen Benutzerschnittstelle neue Nutzungs- möglichkeiten bzw. Handlungsräume. Bei der Bildkommunikation werden etwa bildhafte Symbole und Icons verwendet, um Funktionen und Systemzustände des Computers anzuzeigen. Dies setzt voraus, dass diese vom Benutzer durch assoziativen Analogieschluss verstanden werden. Die zunehmende Bedeutung der Visualisierung bei der medialen Kommunikation wird in den Geistes- wissenschaften und der Erkenntnistheorie seit einigen Jahren mit dem Begriff „iconic turn“ beschrieben. In das Konzept der Medienkompetenz muss demzu- folge auch die visuelle Kompetenz integriert werden (vgl. Böhm/Fischer 2003). Trotz der Zunahme an symbolischen Visualisierungen bleibt aber die Tatsache bestehen, dass die Beherrschung „alter“ Kulturtechniken, also Lesen und Schreiben, grundlegend für die Nutzung neuer Medien ist (vgl. Aufenanger 1997).m 2.4 Alters- und entwicklungsspezifische Differenzierung von Medienkompetenz Medienkompetenz ist nicht gleich Medienkompetenz. Das medienkompetente Handeln eines Erwachsenen ist nicht vergleichbar mit der eines Vorschul- kindes (vgl. Theunert 1999). Der Erwerb von Medienkompetenz wird selten als Prozess dargelegt. Eine altersspezifische Differenzierung von Medienkompe- tenz ist daher neben der Bestimmung inhaltlicher Zielvorstellungen von ent- scheidender Bedeutung (vgl. Aufenanger 1997). Theunert stellt für das me- dienpädagogische Konzept von Medienkompetenz fest, dass im Vergleich zur inhaltlichen Differenzierung von Dimensionen und Fähigkeiten der Medienkom- petenz, die Altersdifferenzierung bisher kaum bearbeitet wurde (vgl. Theunert 1999). Bei einer altersdifferenzierten Konzeption sollten zwei Fragestellungen zentral sein: Zum einen die Frage, „[…] ab welchem Alter medienkompetentes Handeln Relevanz bekommt und damit pädagogisch zu fördern ist“, zum ande- ren die Frage nach dem „Verhältnis von Autonomie und Erziehung“ (Theunert 1999: 58). Im Hinblick auf die Förderung von Medienkompetenz ist entscheidend, wie sich die Medienkompetenz von Kindern in bestimmten Alters- und Entwick- lungsstufen unterscheiden. Bei der altersgerechten Gestaltung von Medien- angeboten kann die Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Ansätze hilfreich sein. Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie geben Aufschluss 25 über kognitive Voraussetzungen in den jeweiligen Altersstufen (vgl. Aufenanger 1997). Kognitive Prozesse (z. B. räumliches Denken) sind insbesondere auf der Performanz-Ebene von Medienkompetenz von Bedeutung, da sie grundlegend für das Verstehen von medialen Angeboten sind. Nach Vollbrecht betrifft Me- dienkompetenz den Erwerb kognitiver Strukturen und weniger den Erwerb kon- kreter Handlungsmuster. Medienkompetenz zeige sich nämlich nicht darin, ob ein Mediennutzer beispielsweise ein Computerprogramm bedienen kann, son- dern darin, dass dieser gelernt hat, sich beliebige Programme anzueignen (vgl. Vollbrecht 2001). In Anlehnung an den Schemabegriff (Piaget, Luhmann) zeich- net Vollbrecht eine entwicklungspsychologische Perspektive der Medienkompe- tenz auf: „Unter Medienkompetenz werden hier also medienbezogene (kogni- tive) Schemata und Skripts verstanden, die das Handeln nicht festlegen, sondern ihre Funktion gerade darin haben, Spielräume für frei gewähltes Handeln zu erzeugen und das Gedächtnis zu strukturieren.“ (Vollbrecht 2001: 58). Im Gegensatz zur inhaltlichen Differenzierung von Medienkompetenz mittels verschiedener Dimensionen, kann die alters- und entwicklungsspezifische Dif- ferenzierung unterschiedlicher Medienkompetenz-Niveaus in Anlehnung an die Stufenmodelle der Entwicklungspsychologie erfolgen. Medienkompetenz wird in dieser Perspektive als Bewältigung von medienbezogenen Entwicklungs- aufgaben aufgefasst. Modelle, in denen der Entwicklungsverlauf von Medien- kompetenz anhand verschiedener Niveaus skizziert wird, wurden beispiels- weise für den kindlichen Umgang mit dem Fernsehen (Barth 1995) oder für die Werbekompetenz (Aufenanger/Neuß 1999) ausgearbeitet. Für eine alters- gerechte Förderung von Medienkompetenz bieten sich solche Entwicklungs- modelle an, da sie einen Aufschluss über den aktuellen bzw. idealen Zustand der Medienkompetenz in der entsprechenden Altersstufe geben. Insbesondere für die Entwicklung von Medienkompetenz gilt, dass der Erwerb neuer Kompetenzen, nicht mit dem Erwachsenenalter endet. Der Be- griff „lebenslanges Lernen“ macht dies besonders deutlich. Mit der stetigen Neuerung von Medientechnologien gehen u. a. gravierende Veränderungen der beruflichen und privaten Kommunikationsabläufe einher, die Erwachsenen stets neue Kompetenzen abverlangen. Bisher vernachlässigte Erkenntnisse aus dem Bereich der Erwachsenenbildung müssen daher bei der altersdifferenzier- ten Betrachtung auf Medienkompetenz ebenfalls berücksichtigt werden (vgl. Aufenanger 1997). In der Erwachsenenbildung wird Medienkompetenz in Zu- sammenhang mit der Debatte um Schlüsselqualifikationen diskutiert. Dewe/ Sanders Medienkompetenz-Modell basiert beispielsweise auf den drei Dimen- sionen der Schlüsselqualifikation „Sach-, Selbst- und Sozialkompetenz“ (Dewe/ Sander 1996: 131). Im Kontext der Neuen Medien hat sich der Diskurs um Schlüsselqualifikationen entscheidend verändert. Ging es bei „Schlüsselquali- fikation“ einst um die Vermittlung konkreter Inhalte, wurden mit dem Begriff 26 „Erschließungskompetenz“ (Tietgens 1989) neue Schwerpunkte in der Erwach- senenbildung gesetzt. Unter Erschließungskompetenz wird dabei „[…] die Fähigkeit einer autonomen, sach- und situationsadäquaten Erschließung von Fertigkeiten und Wissensbeständen“ verstanden (Dewe/Sander 1996: 132). Tietgens betont dabei die „Fähigkeit des Sich-selbst-Befähigens“ (Tietgens 1989: 35). Die Aufgabe der Erwachsenenbildung sieht er in der „Befähigung zu spezifischen Denkbewegungen“ (Tietgens 1989: 34). Damit die Ausbildung von Erschließungskompetenz unterstützt werden kann, sind methodische Kon- zepte und Bildungsmaßnahmen notwendig, die individuelle Kompetenzen und Eigeninitiative stärken. Hierzu zählen u. a. „Lernstattkonzepte“ (Peters 1990), offene Curricula und handlungs- und erfahrungsorientierte Lernformen. Nach Dewe/Sander lässt sich Medienkompetenz bei Erwachsenen systematisch nur in offenen, erfahrungs- und teilnehmerzentrierten Konzepten der Erwachsenen- bildung wie den oben genannten fördern. Für die effektive Medienarbeit mit Erwachsenen gilt im Übrigen auch, dass Konzepte an Alltagserfahrungen der Klientel anknüpfen sollten (vgl. Dewe/Sander 1996). 2.5 Neuere Konzepte von Medienkompetenz Den neueren Konzepten zur Medienkompetenz ist die Erweiterung des theo- retischen Bezugsrahmens gemeinsam. Spanhel und Sutter nehmen den struk- turgenetischen Ansatz (Piaget, Maturana / Varela) zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtung auf Medienkompetenz und beschreiben die Entwicklung kommu- nikativer bzw. sozialkognitiver Kompetenzen. Die ontogenetische Analyse er- gänzen sie durch den systemtheoretischen Ansatz, so werden etwa interne Strukturen des psychischen Systems beim Kleinkind und die Entwicklung von Rahmenbedingungen bei der familiären Mediennutzung veranschaulicht (vgl. Spanhel 1999). Auch Gapski stellt Medienkompetenz in einen systemtheoretischen Rahmen und formuliert in seiner systemtheoretischen Neufassung des Medienkompe- tenzbegriffs sechs Leitlinien. Insbesondere möchte er damit die „traditionellen Bürden“ des Medienkompetenzbegriffs wie den Subjektbezug und den An- schluss an Sprachmodelle überwinden. Die individuell gebundene Medien- kompetenz soll durch ein Konzept ersetzt werden, das „[…] Individuen und soziale Systeme gleichermaßen als Träger von Medienkompetenz beschreibt.“ (Gapski 2003: 15). Anstelle der „fremdgesteuerten Vermittlung von Medien- kompetenz“ befürwortet Gapski eine „selbst organisierte mehrdimensionale Medienkompetenzentwicklung“ und unterstreicht dabei deren Prozesscharakter. Außerdem plädiert er dafür, interdisziplinäre Ansätze in die Konzeption von Medienkompetenz zu integrieren. Mit der Einbeziehung anderer relevanter Gesellschaftsbereiche und Akteure strebt Gapski eine Erweiterung der pädago- 27 gischen Perspektive an, die sich auch in einem wertepluralistischen Dialog widerspiegeln soll (vgl. Gapski 2003). Die Notwendigkeit einer interdiszipli- nären gesamtgesellschaftlichen Bestimmung von Medienkompetenz begründet er vor allem mit dem Ziel einer umfassenderen strategischen Medienkompe- tenzförderung (vgl. Gapski 2003). Eine erweiterte Perspektive auf Medienkompetenz skizziert Pietraß in ihrer rahmenanalytischen Bestimmung von Medienkompetenz. Dabei legt sie den Schwerpunkt auf „Medienerfahrungen“, die Voraussetzung für die Partizipa- tion an der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind (vgl. Pietraß 2003). Der Begriff Medienkompetenz bezieht sich auf die Anpassungsleistung der Mediennutzer im Umgang mit Medien. Auf der anderen Seite müssen Medienangebote be- nutzergerecht konzipiert und präsentiert werden, so dass eine medienkompe- tente Nutzung ermöglicht wird, die mit einem möglichst geringen Aufwand vom Mediennutzer verbunden ist. In diesem Zusammenhang muss die Frage nach der Verantwortlichkeit der Medienproduzenten thematisiert werden (vgl. Aufenanger 1997). In ihrem interaktionstheoretischen Ansatz bezieht Manuela Pietraß sowohl Akteure auf der Produzentenseite als auch Rezipienten in die Bestimmung von Medienkompetenz mit ein. Sie betont, dass Medienkompetenz nicht nur vom Nutzer zu erbringende Qualifikationen umfasst, denn die spezifi- sche Präsentationsweise von Medienangeboten ist eine wesentliche Vorausset- zung für kompetente Mediennutzung. Diesen Zusammenhang skizziert sie anhand der „Rahmenstruktur“, die „Medienangebot“ und „Medienrezeption“ aufweisen. Durch die Rahmenstruktur des Medienangebots und seiner Rezep- tion sind Produzenten von Medienangeboten und Rezipienten verpflichtet, Bedingungen der Medienkommunikation einzuhalten. Medienangebote liegen dem Nutzer als fertige Produkte vor. Damit Rezipienten den Sinn und die Qualität einer Medienbotschaft nachvollziehen und korrekt einordnen, müssen Produzenten ihre Angebote mit klaren Interpretationsanweisungen („Rahmen- hinweise“) versehen. Um die Interpretationshinweise zu verstehen, benötigen Rezipienten Wissen über medienspezifische Gestaltungsmittel und allgemeines Weltwissen („Rahmungswissen“). Die Rezipienten erwerben dieses Wissen im Zuge der (Medien-)Sozialisation bzw. Medienerziehung. Eine Partizipation an medienvermittelten Ereignissen wird möglich, wenn Rezipienten „empathi- sches Engagement“ aufbringen. Produzenten müssen dazu konkrete Zugänge in ihren Medienangeboten bereitstellen, die dieses Engagement zulassen (vgl. Pietraß 2003). Groebens Modell zeigt eine forschungsorientierte Perspektive der Medien- kompetenz. Er prognostiziert, „[…] dass der größte Teil der Forschung zur Ausarbeitung des Konzepts Medienkompetenz noch aussteht“ (Groeben 2002: 186). Die vorgenommene Binnen- und Außendifferenzierung des Medien- kompetenzbegriffs soll dabei als Grundlage für ein empirisch operationalisier- bares Konzept von Medienkompetenz fungieren (vgl. Groeben 2002). 28 Moser schlägt eine Richtungsänderung in der Debatte um Medienkompetenz vor. Er vergleicht das theoretische Konzept der Medienkompetenz mit der Medienbildung und kommt zu dem Schluss, dass sich der Bildungsbegriff eher als theoretisches Fundament eignen würde. Dies begründet er unter anderem damit, dass Fähigkeiten im Medienumgang vor allem informell erworben wer- den. Das Konzept der „Medienbildung“ baut diesbezüglich auf vorhandenen Ressourcen auf, um diese Fähigkeiten zu erweitern und zu systematisieren. Bildungsprozesse beziehen sich auf die Selbstorganisierung und nicht auf funktionalisierte Aneignungsprozesse, die etwa in bildungspolitischen Zusam- menhängen mit Medienkompetenz diskutiert werden (vgl. Moser 2003). Vor dem Hintergrund wechselnder Anforderungen der medialen Umwelt und der damit verbundenen notwendigen Anpassungsleistungen der Nutzer („lebenslanges Lernen“), könne der Begriff Medienkompetenz immer nur einen Ausschnitt der Möglichkeiten und Anforderungen an die Nutzer erfassen, die an die aktuelle Medienentwicklung gekoppelt sind. Mit dem Aufwachsen in einer Welt medial konstruierter Zeichensysteme verändere sich das „anthropo- logische Grundverhältnis des Menschen zur Welt, zu den Mitmenschen und zu sich selbst“ (vgl. Spanhel 2002). Die von der Schule vermittelten Kultur- techniken des Lesens und Schreibens reichen daher nicht mehr aus, um kom- petent am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Neben dem Erwerb von Medienkompetenz durch informelles Lernen in situationalen Kontexten des Alltags sei eine systematische Medienerziehung notwendig, die „kompen- satorisch“, „interkulturell“, „zeichentheoretisch“ und „gesamtgesellschaftlich“ ausgerichtet ist. Spanhel betont, dass die Aufgabe der Erziehungswissenschaft nicht bei der Vermittlung von Medienkompetenz enden darf. Vielmehr sollen Fragen nach Inhalten und Zwecken einer systematischen Medienkompetenz eruiert werden. Dies sei nur über den Bildungsbegriff möglich. 2.6 Exkurs: Internationale Debatte Im angloamerikanischen Raum basiert die medienpädagogische Arbeit vor- wiegend auf dem Konzept der „Media literacy“. Die Konzeptualisierung von „Media literacy“ bezieht sich dabei auf Sprache und Alphabetisierung. In den1980er Jahren wurde in Deutschland ebenfalls von Alphabetisierung, im Hinblick auf die Computeralphabetisierung, gesprochen. Damaliger Ausgangs- punkt war die Annahme, dass jeder zukünftig seinen PC selber programmieren und deshalb entsprechende Programmiersprachen erlernen müsse. Die Regeln des Programmierens wurden hierbei im Sinne einer zu vermittelnden Literalität betrachtet und sollten als „basic skills“ vermittelt werden. Mit der Entwick- lung grafischer Benutzeroberflächen und der Vorherrschaft standardisierter Computerprogramme wurden jedoch Programmierkenntnisse für die alltäg- 29 liche Computernutzung überflüssig. Der Alphabetisierungsbegriff rückte somit in den Hintergrund der medienpädagogischen Diskussion. Das angloamerikani- sche Verständnis von Media literacy ist hingegen breiter gefasst (vgl. Moser 2003). Die überwiegend zitierte Definition ging aus einer Konferenz des „Aspen Institute Leadership Forum on Media Literacy“ und der „Canadian Associa- tion for Media Literacy“ 1992 hervor und wird in der angloamerikanischen Debatte als Meilenstein betrachtet: „Media literacy is the ability to access, analyze, evaluate and produce communication in a variety of forms.“ Hobbs erläutert die vier Komponenten dieser Definition folgendermaßen: Zu den „access skills“, also Fähigkeiten die den Zugang zu Medienbotschaften ermög- lichen, zählt er zum einen die Kenntnis von Regeln und Vokabular. Sie machen das Verstehen von Symbolen möglich. Zum anderen umfasst „access“ Fähig- keiten, die sich auf die Organisierung und Identifizierung von Information beziehen. Hierzu nennt er beispielsweise die adäquate Nutzung von Quellen und Hinweisen in verschiedenen Medien. Außerdem sind instrumentelle techni- sche Fähigkeiten notwendig. Letztere werden auch als „information literacy“ oder „superhighway skills“ bezeichnet. Bei der zweiten Komponente von „Media literacy“ geht es um interpreta- tives Verstehen, also die Kategorisierung der Medienbotschaft, ihre Einord- nung in den richtigen Kontext und die Auseinandersetzung mit den Zielen bzw. dem Standpunkt des Autors. Evaluative Fähigkeiten beziehen sich auf die individuelle Identifizierung der Relevanz und des qualitativen Wertes einer Botschaft. Hobbs betont, dass diese Fähigkeiten stark von dem bereits erworbenen Wissen, den Werten und Einstellungen der Rezipienten Gebrauch machen. Die Fähigkeit, Botschaften zu kommunizieren, bezeichnet Hobbs als Herz- stück der traditionellen Bedeutung von Literacy. Hierbei geht es aber nicht nur um die Lese- und Schreibfähigkeit im herkömmlichen Sinn. Kommunikative Fähigkeiten beziehen sich auf medienspezifische Aspekte (z. B. Text-, Video-, Audioproduktion) aber auch auf generelle Fähigkeiten, die Kommunikation betreffen: „[…] the ability to understand the audience to whome one is com- municating; the effective use of symbols to convey meaning; the ability to organize a sequence of ideas, and the ability to capture and hold the attention and interest of the message receiver“(Hobbs 1996: 2). Im Zuge der Media-literacy-Bewegung Anfang der 1990er Jahre wurde die Definition des Aspen Institutes von den meisten Pädagogen im angloamerikani- schen Raum angenommen und fungiert oftmals als Ausgangspunkt verschiede- ner medienpädagogischer Ansätze in der angloamerikanischen Praxis- und Öffentlichkeitsarbeit. So weicht Livingstone in ihrem elf Jahre später formulierten Vier-Kompo- nenten-Modell nicht erheblich von der ursprünglichen Begriffsbestimmung ab. 30 „[…] I define media literacy as the ability to access, analyse, evaluate and create messages across a variety of contexts“ (Livingstone 2004: 2). Die ver- wendeten Formulierungen „variety of forms“ bzw. „variety of contexts“ lassen sich auf traditionelle und neue Medien anwenden. Außerdem wird in der anglo- amerikanischen Definition von einem erweiterten Textverständnis und einem aktiven Mediennutzer ausgegangen. Bemerkenswert ist die Einbettung ver- schiedener Kontexte in das Konzept der Media literacy. Nach Hobbs sollten vor allem Lehrer und Dozenten erkennen, dass sich „literacy“ nicht nur auf den Erwerb von Fähigkeiten hinsichtlich des dekontextualisierten Decodierens und Verstehens bzw. der Produktion bezieht, sondern auch auf die Kultur und die Kontexte, in denen Lesen und Schreiben genutzt wird (vgl. Hobbs 1996).m Im Unterschied zu inhaltlichen Bestimmungen im deutschsprachigen Raum werden in der angloamerikanischen Definition keine konkreten Fähigkeiten oder Fertigkeiten benannt, die mit Media literacy in Verbindung stehen.3 Der Begriff Kompetenz wird äußerst selten in Zusammenhang mit Media literacy verwendet.4 Während der Begriff Media literacy im nordamerikanischen und britischen Raum nahezu konsensuell verwendet wird, existieren weltweit unterschied- liche Auffassungen. Federov (2003) greift beispielsweise die unscharfe Ver- wendung der Begriffe Media literacy und Media education auf und befragt 26 Experten aus zehn verschiedenen Ländern hinsichtlich ihrer Zustimmung bzw. Ablehnung zu ausgewählten Definitionen von Media education und Media literacy. Der oben erläuterten Definition stimmen am wenigsten Experten (46,15 %) zu. Auch wird sie im Vergleich zu den zwei anderen Definitionen5 am häufigsten abgelehnt (34,61 %). Beim Begriff Media education stimmen demgegenüber fast alle Befragten (96,15 %) der UNESCO-Definition zu: 31 3 Livingstone betont die demokratische Chance zur Erweiterung der Partizipationsräume der Bürger. Media literacy betrifft: „[…] the relationship among textuality, competence and power“ (Livingstone 2004: 6). 4 Die Arbeitsgruppe der California State Universität verwendet den Begriff „Information competence“ und definiert ihn folgendermaßen: „Information competence, at heart, is the ability to find, evaluate, use, and communicate information in all of its various formats. A definition recommended by the Work Group is that information competence is the fusing or the integration of library literacy, computer literacy, media literacy, technological literacy, ethics, critical thinking, and communication skills.“ (Information Competence in the CSU: A Report. Dec. 1995: What Is Information Competence?, www.csupomona.edu/%7Elibrary/ InfoComp/definition.html, Stand 04. 10. 05). 5 „Media literacy proponents contend that the concept an active, not passive user: The medialiterate person is capable recipient and creator of content, understanding sociopolitical context, and using codes and representa- tional systems effectively to live responsibly in society and the world at large“ (International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences, Vol. 14/Eds. N. J. Smelser & P. B. Baltes. Oxford 2001, p. 9494] „Media literacy, the movement to expand notions of literacy to include the powerful postprint media that dominate our informational landscape, helps people understand, produce, and negotiate meanings in a culture made up of powerful images, words, and sounds. A medialiterate person – everyone should have the opportunity to become one – can decode, evaluate, analyze, and produce both print and electronic media“ (Aufderheide, P., Firestone, C. Media Literacy: A Report of the National Leadership Conference on Media Literacy. Queens- town, MD: The Aspen Institute, 1993, p. 1). „Media Education: – deals with all communication media and includes the printed word and graphics, the sound, the still as well as the moving image, delivered on any kind of technology; – enables people to gain understanding of the communication media used in their society and the way they operate and to acquire skills using these media to communicate with others; – ensure that people learn how to analyse, critically reflect upon and create media texts; identify the sources of media texts, their political, social, commercial and/or cultural interests, and their contexts; interpret the messages and values offered by the media; select appropriate media for communicating their own messages or stories and for reaching their intended audience; gain or demand access to media for both reception and production. Media education is part of basic entitlement of every citizen, in every country in the world, to freedom of expression and the right to information and is instrumental in building and sustaining democracy“ (Recommen- dations Addressed to the United Nations Educational Scientific and Cultural Organiza- tion UNESCO 1999: 273–274). Neben „Media literacy“ und „Media education“ wird der Begriff „fluency“ im Kontext der Beherrschung von Informationstechnologie verwendet. Übersetzt bedeutet „fluency“ Gewandtheit oder Geläufigkeit. Häufig wird „fluency“ auf Sprache bzw. auf den Redefluss bezogen. Im Zeitalter der Informationsgesell- schaft erhält „fluency“ jedoch eine besondere Prägung. Eingeführt wurde der Begriff im Beitrag „Being fluent with Information Technology“ des National Research Council, Computer Science and Telecommunications Boards (vgl. American Association of University Women Educational Foundation 2000).m „Fluency with Information Technology“ meint die Aneignung von „skills“ (Qualifikationen, Fertigkeiten), „concepts“ (Konzepte, Begriffssysteme) sowie „capabilities“ (Befähigung). Während „skills“ anwendungsbezogene bzw. be- rufsbezogene Fertigkeiten wie Internetrecherche oder Informationsbeschaffung umfassen, dienen „concepts“ dazu, Hintergründe und Arbeitsweisen von Infor- mationstechnologie zu erklären. In Bezug auf „capabilities“ sind Fähigkeiten gemeint, die Strategien zur Problemlösung bereitstellen. Es geht darum, kom- plexe Systeme zu durchschauen und Lösungsansätze zu eruieren. Skills, con- cepts und capabilities werden dabei als interdependente Wissensbereiche be- trachtet, somit können sie nicht unabhängig voneinander gefördert werden (vgl. American Association of University Women Educational Foundation 2000). Im Forschungsbericht „TechSavvy“ wird die praktische Umsetzung von „fluency“ an einem Projekt für Biologiestudenten exemplarisch erläutert: Im Rahmen eines HIV-Testverfahrens würde Studentinnen und Studenten zunächst die Aufgabe gestellt, ein Informationssystems zu entwerfen. Hierbei soll es um das Feststellen von HIV und um das Protokollieren und Dokumentieren der Ergebnisse gehen. Daraufhin würden mögliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer kontaktiert und über datenschutzrechtliche Maßnahmen informiert. 32 Übertragen auf die drei Aspekte von „fluency“ würde dies Folgendes be- deuten: Skills äußern sich darin, Informationsdatenbanken zu erstellen und zu organisieren. Ebenso fällt die Kontaktaufnahme und Kommunikation mit Per- sonen unter fluency skills. Algorithmisches Denken und die korrekte Hand- habung persönlicher Daten aus datenschutzrechtlichen Gründen sind den „concepts“ zuzuordnen, während „capabilities“ anhaltend logisches Denken, Lösungsvorschläge und Kommunikation über Informationstechniken bereit- stellen würden (vgl. American Association of University Women Educational Foundation 2000). Aus der theoretischen Bestimmung und dem praktischen Umsetzungsvor- schlag lässt sich resümieren: „fluency“ ist weder ein statischer Begriff, noch umfasst er inhaltlich festgelegte Kategorien und Ausprägungen. Vielmehr unter- liegt „fluency“ einem permanenten Wandel und kann daher an den techni- schen Fortschritt, allgemeine und persönliche Veränderungen angepasst werden: „[…] fluency goals must allow for change, enable adaptability, connect to personal goals, and promote lifelong learning. Like language fluency, informa- tion technology fluency should be tailored to individual careers and activities“ (American Association of University Women Educational Foundation 2000: xi). 33 3 Theoretische und systematische Aspekte von Mediensozialisation 3.1 Begriffsbestimmung und Grundfragen zur Mediensozialisation Den Begriff Mediensozialisation findet man in wissenschaftlichen Diskursen eher selten. Vielmehr wird von „Einflüssen“ oder „Wirkungen“ der Medien gesprochen oder die Bedeutung der „sozialen Umwelt“ für die Entwicklung von Medienkompetenz betont (vgl. Aufenanger 2004). Dementsprechend sind theoretische Konzeptualisierungen zur Mediensozialisation rar. Die Begriffsbestimmung von Mediensozialisation muss sich einerseits auf die theoretischen Grundlegungen des Sozialisationsbegriffs6 beziehen und ande- rerseits medienspezifische Situationen in der medialen Umwelt integrieren (vgl. Aufenanger 2004). Sozialisationstheorien befassen sich allgemein mit der Persönlichkeitsentwicklung der Individuen in Interaktion mit der sozialen und materiellen Umwelt (vgl. Tillmann 2000). Süss weist auf die zweifache Rolle der Medien beim Sozialisationsprozess hin. Medien sind zum einen „[…] Teil der sozialen und materiellen Umwelt, mit der sich Heranwachsende und Erwachsene aktiv auseinandersetzen“ und zum anderen „[…] Spiegel und Transporteure anderer Sozialisatoren, welche die Heranwachsenden durch die Medien vermittelt erfahren“ (Süss 2003: 4). Als eine weitere Sozialisations- instanz neben Familie, Schule und Gleichaltrigengruppe bestimmen Medien daher nicht nur den Sozialisationsprozess entscheidend mit. Durch die mediale Vermittlung werden Botschaften anderer Sozialisationsinstanzen verändert bzw. in andere Kontexte gestellt. Begriffe wie Mediengesellschaft oder Medienkind- heit unterstreichen die Tatsache, dass Medien nicht nur Teil der Gesellschaft sind, sondern diese auch entscheidend verändern. Für die soziale Handlungs- 35 6 Der Begriff „Sozialisation“ wird seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wissenschaftlich diskutiert. Hurrelmann beschreibt Sozialisation als „Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persön- lichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und sachlichen Lebensbedingungen die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung eine Gesellschaft existieren“ (Hurrelmann 2002). fähigkeit innerhalb der Mediengesellschaft ist ein adäquater Medienumgang unerlässlich. Medienkompetenz kann in dieser Perspektive als Sozialisations- ziel gelten. Nach Bonfadelli sollten Prozesse der Mediensozialisation als aktive „Sozialisation zur Massenkommunikation“ verstanden werden. Darunter fasst er den „[…] Prozess des aktiven Hinweinwachsens in die Kommunikations- und Informationsumwelt und der damit verknüpften Entwicklung einer Medien- kompetenz in einem umfassenden Sinn, welche die kreative Nutzung und Be- herrschung der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Umwelt des einzelnen Individuums erst ermöglicht“ (Bonfadelli 1981: 8). Aus der zweifachen Rolle der Medien beim Sozialisationsprozess lassen sich zwei Grundfragen zur Mediensozialisation ableiten: „Wie lernen Menschen den Umgang mit Medien und welche Formen des Umgangs lassen sich unterscheiden?“ (Süss 2003: 4) Untersuchungsgegen- stand sind hierbei alltägliche Sozialisationsprozesse, die ohne pädagogische Anleitung stattfinden. Mediennutzer eignen sich den Umgang mit Medien weit- gehend selbst an. Eine Erziehungsinstanz, die den Umgang mit Informations- und Unterhaltungsmedien vermittelt, gibt es als solche nicht. Im Vergleich zur pädagogisch begründeten Medienerziehung (Fremdsozialisation), dominiert daher die Selbstsozialisation (vgl. Fromme 1999). „Wie verändern Medien die allgemeinen Sozialisationsprozesse und sind dies entwicklungsfördernde oder -gefährdende Veränderungen?“ (Süss 2003: 4) In dieser Betrachtungsweise werden Medien als „Katalysatoren“ oder „inter- venierende Variablen“ in einer Vielzahl von Sozialisationskontexten analysiert. Da Medien alle Lebensbereiche durchdringen, könnten mediale Einflüsse und Medieneffekte auf Lebensräume, auf Beziehungskonstellationen zwischen Kindern, Eltern, Lehrern, Peers etc. oder auf Werthaltungen und Verhaltens- tendenzen wie Leistungsbereitschaft, Gewaltbereitschaft oder Hedonismus er- fasst werden (Süss et al. 2003: 34). Wissenschaftliche Studien sollen sozialisatorische Effekte von Medien empi- risch evident darstellen. In den wissenschaftlichen Disziplinen, die sich auf Mediensozialisation beziehen, wie Medienforschung, Medienpädagogik oder Mediensoziologie, gibt es im Verhältnis zu theoretischen Konzeptionen eine Vielzahl empirischer Forschungsergebnisse, die von sich behaupten, mediale Wirkungen nachweisen zu können. Die Ergebnisse lassen sich aber unter- schiedlich interpretieren. Vor allem bleibt unklar, wie stark die nachgewiesenen Effekte seien, unter welchen Bedingungen sie gelten und wie sie letztendlich verallgemeinert werden können (vgl. Aufenanger 2004). Bonfadelli stellt für den publizistikwissenschaftlichen Bereich fest, dass zur Wirkung von Massenmedien „relativ theorielose Mediennutzungsstudien“ und Studien in Tradition der „klassischen Wirkungsforschung“ dominieren. Eine sozialisationstheoretische Fragestellung sei aber notwendig, um die Wirkung von Medien hinreichend nachzuweisen (vgl. Bonfadelli 1981). 36 3.2 Systematische Ansätze zur Mediensozialisation Theoretische Konzepte zum Thema Mediensozialisation wurden im Vergleich zu empirischen Arbeiten bislang eher vernachlässigt. Bezüglich der heutigen „neuen“ Medien Computer und Internet und deren potenzielle Sozialisations- effekte wurden beispielsweise kaum theoretische Konzepte ausgearbeitet (vgl. Aufenanger 2004). Einen Überblick über theoretische Ansätze und Forschungsergebnisse zum Thema Sozialisation und Massenkommunikation nimmt Bonfadelli (1981) vor. Dabei systematisiert er interdisziplinäre Einzelergebnisse, neuere Ansätze und Forschungsmethoden. In Anlehnung an den Paradigmenwechsel der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts und die damit verbundene Hinwendung zum aktiven Rezipienten, diskutiert Bonfadelli Interaktions- und Kommunikations- prozesse aus symbolisch-interaktionistischer Sicht. Er entwirft diesbezüglich ein umfassendes „Strukturmodell der Medien-Interaktion und der sie beein- flussenden Faktoren“ (Bonfadelli 1981: 163). Schorb (2005) unterscheidet drei Perspektiven medialer Sozialisation, die sich auf die Funktion von Medien und ihre Bedeutung im medialen Soziali- sationsprozess beziehen: 1. Als Faktoren der Sozialisation vermitteln Medien Einstellungen, Urteile, Wissen, Verhaltensweisen etc., die im Kontext anderer Sozialisationsfakto- ren insbesondere Kinder und Jugendliche beeinflussen können, da diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung weniger festgelegt sind. 2. Als Mittler der Sozialisation können Medien etwa institutionalisiertes Lernen im Bildungsbereich, aber auch informelles Lernen unterstützen und er- gänzen. 3. Medien können drittens als Instrumente im Sozialisationsprozess fungieren. Hierunter fasst Schorb die bewusste Aneignung von Medien als Werkzeuge zur gesellschaftlichen Partizipation und Kommunikation durch die Sozialis- anden (vgl. Schorb 2005). Ansätze zur Mediensozialisation lassen sich nach den ihnen zugrunde liegenden Konzeptionen des Mensch-Medien-Verhältnisses unterscheiden (vgl. Aufenanger 2004): a) „Medien wirken auf Menschen ein“: Bei diesen eher traditionellen An- sätzen wird Medien entsprechend ihrer Gestaltung, ihrem Inhalt und ihrer Struktur ein besonderes, meist negatives Wirkpotenzial unterstellt. Häufige Themen der kritischen Auseinandersetzung sind Gewalt oder Werbung. Dabei beziehen sich die Ansätze vorrangig auf die Medien Fernsehen, Inter- net oder Computerspiele. 37 b) „Menschen sind medienkompetent und selektieren Medienangebote“: In solchen Ansätzen werden Menschen nicht als passive Opfer von Medien betrachtet, sondern als aktive Nutzer, die bewusst auswählen können und zu einem bestimmten Teil schon medienkompetent sind. So wird Medien- nutzern beispielsweise Genrewissen (Horrorfilm, Ego-Shooter, etc.) unter- stellt, folglich tritt mit Bezug auf das Genre keine Wirkung ein. c) „Menschen und Medien interagieren miteinander, und Einflüsse müssen in diesem Wirkgefüge gesehen werden“: Diese Ansätze stellen eine Beziehung zwischen Rezeptionsprozessen und dem thematischen Gehalt von Medien her. Mediennutzer wählen ihr Medienangebot nach bestimmten themati- schen Präferenzen. Die ausgewählten Medien bzw. Medieninhalte dienen dazu, sich mit bestimmten Charakteren zu identifizieren oder individuelle Probleme in Mediengeschichten zu projizieren. Mediale Einflüsse werden in dieser Betrachtungsweise auch positiv etwa zum Identitätsaufbau (z. B. beim Chatten) oder zur Lebensbewältigung (z. B. beim Fernsehen) gewertet. Wirkungen treten nicht kausal und unmittelbar ein. Mediale Botschaften und Aussagen werden nur wirksam unter gewissen Bedingungen, in Kombi- nation mit anderen Faktoren und mit zeitlicher Verzögerung. In den aktuellen medienpädagogischen Diskussionen wird der letztgenannte Ansatz befürwortet, da ein wechselseitiges Verhältnis von Mensch und Medien auch in empirischen Studien belegt wird. Im Unterschied zu den anderen beiden Ansätzen werden keine rationalen und direkten Wirkweisen unterstellt, die der komplexen Wirklichkeit nicht gerecht werden. Insgesamt fehlt den Ansätzen eine gesellschaftliche und kulturelle Dimension, in der die jeweilige Konzeption eingebettet werden kann. Beispielsweise geht die deutsche Debatte um Jugendmedienschutz von der ersten Position aus, während es in anderen Ländern wie Japan, Spanien oder Italien kaum öffentliche Diskurse um die Wirkungen von Medien gibt, die als Konsequenz Einschränkungen für Kinder und Jugendliche nach sich ziehen (vgl. Aufenanger 2004). Um Mediensozialisation systematisch zu bestimmen, überbrücken einige Autoren theoretische Lücken, indem sie relevante Fragen zur Mediensozialisa- tion aus bestehenden sozialisationstheoretischen bzw. medientheoretischen An- sätzen ableiten. Mediensozialisation wird dabei aus der Perspektive entsprechen- der soziologischer, psychologischer oder medienwissenschaftlicher Basistheorien betrachtet. Süss, der diese Vorgehensweise anwendet, fragt beispielsweise aus lerntheoretischer Sicht: Wie aktiv ist der Mediennutzer? Aus psychoanalyti- scher Sicht: Wie bewusst handelt der Mediennutzer? Aus strukturgenetischer Sicht lautet seine Frage: Wie stark folgt Mediensozialisation vorgegebenen Schritten und Entwicklungsaufgaben in der Ontogenese? Mediensozialisation lässt sich also je nach zugrunde liegender Basistheorie aus unterschiedlichen Perspektiven bestimmen. Süss leitet aus den interdisziplinär verankerten Basis- 38 theorien übergeordnete Rahmenbedingungen für eine Theorie der Mediensozia- lisation ab und ergänzt diese um spezifische Dimensionen der Mediensozialisa- tion. Abschließend fasst er die zentralen Dimensionen der Mediensozialisation und ihre Ausprägungen tabellarisch zusammen (vgl. Süss et al. 2003). Lothar Mikos (2007) bezweifelt in einem neueren Aufsatz, dass es sinnvoll sei, eine eigene Mediensozialisationstheorie zu entwickeln, „weil die Medien zu sehr in den Mittelpunkt gestellt werden“ (Mikos 2007: 28). Vielmehr sei es notwendig, die Wechselbeziehungen zwischen medialen und sozialen Bedin- gungen im Sozialisationskontext zu berücksichtigen und Medien dabei als einen, aber nicht den alleinigen Aspekt der Sozialisation zu betrachten. Dass dies bisher aber noch nicht empirisch umgesetzt worden ist, muss der Autor zugleich feststellen. Es gibt aber auch andere Stimmen (Niesyto 2007), die umgekehrt eine stärkere Beachtung möglicher Einflüsse von Medien auf die Persönlichkeit verlangen und damit auch das in den letzten Jahren favorisierte Modell des „aktiven Subjekts“ in der Medienrezeptionsforschung als unzu- reichend kritisieren. Insgesamt wird deutlich, dass im Bereich der Medien- sozialisation weitreichende theoretische und auch empirische Arbeit fehlen. 3.3 Wie entwickeln sich Kompetenzen im Verlauf der Sozialisation? In den theoretischen Bestimmungen zum Sozialisationsbegriff wird vor allem der Prozesscharakter von Sozialisation stark betont. Sozialisation als lebens- langer Prozess muss auch aus biographischer Perspektive der Heranwachsenden untersucht werden. Innerhalb des Lebenslaufs werden bestimmte Themen und Aufgaben zu verschiedenen Zeitpunkten, je nach gesellschaftlicher Organisa- tion, an die Heranwachsenden herangetragen (vgl. Süss 2004). In jeder Gesell- schaft gibt es Altersnormen, also Überzeugungen, Erwartungen und mehr oder weniger verbindliche Vorschriften bezüglich dessen, was altersgemäß ist. Außer- dem bleiben die im Sozialisationsprozess erworbenen Fähigkeiten nicht gleich, sondern entwickeln sich weiter. Die Sozialisanden haben daher in unterschied- lichen Stadien auch jeweils andere Voraussetzungen. So verfügen Kinder und Jugendliche nicht über die gleichen Verarbeitungsmöglichkeiten wie Erwach- sene, da Verarbeitungsprozesse von der Reifung kognitiver, emotionaler und motorischer Fähigkeiten abhängig sind. Bestimmte Medieninhalte müssten demnach bei Kindern und Jugendlichen andere Effekte auslösen als bei Er- wachsenen, weil sie anders verarbeitet werden (vgl. Süss 2004). Flammer (1991) unterscheidet zwischen „F-Kompetenzen“ (Fähigkeiten) und „B-Kompetenzen“ (Berechtigungen). Am Beispiel Computerspiele wäre F-Kompetenz die Fähigkeit, das Spiel zu beherrschen (Reaktionstempo, Koor- dination, Multitasking). B-Kompetenz wäre demgegenüber die an Altersnormen 39 orientierte Spielberechtigung entsprechend der gesellschaftlich vorgegebenen Altersfreigaben (vgl. Süss 2004). Um den Entwicklungsprozess im Verlauf der Sozialisation zu untersuchen, greift die entwicklungspsychologisch orientierte Sozialisationsforschung u. a. auf das Konzept der „Entwicklungsaufgaben“ von Havighurst zurück. Nach Havighurst (1982) müssen Menschen innerhalb bestimmter Lebensperioden bestimmte Anforderungen erfüllen, deren erfolgreiche Bewältigung zu Glück und Erfolg bei später gestellten Entwicklungsaufgaben beitrage, während Miss- erfolg zu Ablehnung von gesellschaftlicher Seite, zu Unzufriedenheit sowie zu potenziellen Schwierigkeiten bei der Bewältigung späterer Aufgaben führen könne. Manche Entwicklungsaufgaben sind biologisch vorgegeben und zeitlich begrenzt wie das Erlernen von Sprache. Normal entwickelte Kinder erlernen das Sprechen im Alter von ein bis drei Jahren. Werden bestimmte Zeitfenster in der Sprachentwicklung verpasst, können die betroffenen Kinder diese Lücke nie vollständig schließen. Andere Entwicklungsaufgaben sind kulturell bzw. normativ determiniert. So lernen Kinder etwa im selben Alter das Lesen was mit dem gesellschaftlich vorgegebenen Zeitpunkt der Einschulung zusammen- hängt. Entwicklungsaufgaben umfassen zudem individuelle Zielsetzungen oder Werte des Individuums. Entwicklungsrelevante Aufgaben bewirken irreversible strukturelle Verände- rungen beim Heranwachsenden. Nach Flammer vermitteln daher Entwicklungs- aufgaben F-Kompetenzen, während Berechtigungen durch normative Vorgaben der Gesellschaft zugewiesen werden (vgl. Süss 2004). In Bezug auf Medien bzw. den kompetenten und selbstbestimmten Medienumgang müssen Heran- wachsende medienbezogene Entwicklungsaufgaben bewältigen. Konkrete Ent- wicklungsaufgaben für die Lebensabschnitte mittlere Kindheit (6–12 Jahre) und Jugend (13–18 Jahre) benennen Dreher/Dreher (1985), wobei das Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen durch Medienkompetenz ergänzt werden muss (vgl. Süss 2004). In seinem Modell zur Ontogenese der Medienkompetenz drei- bis zehnjähri- ger Vor- und Grundschulkinder bringt Sutter (1999) die Entwicklung subjektiver Fähigkeiten in Zusammenhang mit äußeren Bedingungen und Voraussetzungen der Mediensozialisation. Seinen Ausgangspunkt bilden die Stufen der sozial- kognitiven Entwicklung, die auch die Basis für die Entwicklung des morali- schen Urteilsvermögens sind. Um die sozial-kognitiven Mittel von Vor- und Grundschulkinder beim Verstehen von Medienfiguren und Mediengeschichten aufzuzeigen, skizziert Sutter drei Stufen: Die erste Stufe der „differenzierten Perspektivenkoordination“ tritt ab dem fünften Lebensjahr ein. Kinder in dieser Altersstufe können physische und psychische Merkmale von Personen unterscheiden. Außerdem können sie be- absichtigte und unbeabsichtigte Handlungen trennen. Jedoch verharren sie in 40 ihrer subjektiven Perspektive und orientieren sich moralisch an äußerlicher Autorität und Gehorsam. Bei der zweiten Stufe, der „reziproken Perspektivenkoordination“ (ab 7 Jah- ren), können Kinder den eigenen Standpunkt aus Sicht des anderen betrachten. Die Beziehung zwischen zwei Standpunkten kann jedoch nicht aus einer dritten Beobachterperspektive verstanden werden. Ob Regeln gültig sind, hängt davon ab, welche Perspektive und somit Interessenlage von den Kindern übernommen wird. Die „soziale Perspektivenkoordination“ beginnt ab dem zehnten Lebens- jahr. Kinder können nun die Perspektive eines Beobachters einnehmen und die verschiedenen Beziehungen zwischen Standpunkten reflektieren. Das Stadium der heteronomen Moral wird überwunden und in eine autonome Moral über- führt. Regeln werden nicht mehr als unveränderbar verstanden, sondern als gegenseitige Vereinbarung. Kinder sehen ein, dass soziale Normen für ein gemeinschaftliches Zusammenleben notwendig sind (vgl. Sutter 1999). Für Sutter bilden die jeweils ausgebildeten kognitiven Strukturen „[…] das Einfallstor, durch das die Medienangebote passieren müssen: Überkomplexe Inszenierungen von Figuren und Geschichten können von Kindern bei noch nicht ausreichenden sozial-kognitiven Fähigkeiten umgedeutet oder ignoriert werden“ (Sutter 1999: 77). Die Entwicklung sozial-kognitiver Fähigkeiten ist somit grundlegend für den Umgang mit Medienangeboten bzw. für das Ver- stehen und Bewerten von Medieninhalten. Die individuelle Entwicklung sozialkognitiver Fähigkeiten vollzieht sich in Interaktion mit Instanzen der Sozialisation. Sutter untersucht in diesem Kontext das Verhältnis von individueller Entwicklung und sozialen Interaktionsprozes- sen (vgl. Sutter 1999). In Anlehnung an Piaget stellt er fest, dass die jeweiligen Entwicklungsstufen mit bestimmten Interaktionsformen korrespondieren. Die heteronome Moral reflektiert beispielsweise die autoritäre Beziehung zu den Eltern. Im weiteren Sozialisationsverlauf nimmt der starke Einfluss der Eltern- Kind-Beziehung ab. Die Beziehung zwischen Gleichaltrigen, welche auf Ko- operation und Einverständnis beruht, gewinnt an Einfluss. Dieses Bewusstsein spiegelt sich in der autonomen Moral wider. Für den Umgang mit Medienangeboten in sozialen Kontexten kann fest- gehalten werden, dass kleine Kinder noch auf Unterstützung durch vergleichs- weise kompetentere Interaktionspartner angewiesen sind. Diese können stell- vertretend Deutungen und Explikationen vornehmen. Mit steigendem Alter nimmt der Anteil der selbstbestimmten reflexiven Mediennutzung zu (vgl. Sutter 1999). Um den Stellenwert von Medien im Sozialisationsprozess herauszustellen, bevorzugt Sutter die konstruktivistische Bestimmung von Mediensozialisation. Hierfür skizziert er drei Ebenen (vgl. Sutter 1999): 41 Die Ebene der Massenkommunikation ist durch einen interaktionsfreien Kommunikationsraum gekennzeichnet. Kommunikation ist hierbei nicht an Beschränkungen der sozialen Interaktion gebunden. So ist die Anwesenheit der Interaktionspartner nicht erforderlich. Außerdem kann intersubjektives Verstehen nicht kontrolliert werden. Das Verhältnis von Massenkommunika- tion und Rezipientinnen und Rezipienten kann daher nicht als Interaktion gelten, wobei die Reproduktion des Kommunikationsraumes von sozialen Inter- aktionen und subjektiven Rezeptionsprozessen abhängig ist. Sozialisationsrele- vante Interaktionen finden vielmehr auf der Ebene der Anschlusskommunikation statt. Die Rezeption von Massenkommunikation zieht häufig Anschlusskom- munikation nach sich. Damit sind beispielsweise Gespräche gemeint, die sich auf Medieninhalte oder Medienangebote beziehen und ihre Bedeutung reflek- tieren. Auf der Ebene der subjektiven Rezeptionsprozesse werden Bedeutungen subjektiv konstruiert und können von der sozialen Konstruktion abweichen. Medienangebote werden hier etwa in Auseinandersetzung mit eigenen Erfah- rungen und Lebenslagen gedeutet (vgl. Sutter 1999). 42 4 Geschlecht /Geschlechter Da wir mit der Kategorie Geschlecht arbeiten, ist es angebracht, unser Ver- ständnis von „Geschlecht/Geschlechter“ zu präzisieren. Medienpädagogik muss dabei nicht eine eigene Diskussion um Geschlechter entfachen, sondern kann an die bestehende sozialwissenschaftliche Diskussion anknüpfen. Unangebracht wäre es, die umfangreiche Theoriediskussion in allen Facetten aufzunehmen. Sinn der folgenden Ausführungen ist es, die theoretischen Anknüpfungspunkte zu markieren, also diejenigen Konzepte, welche die Grundlage der von uns verwendeten begrifflichen Kategorien bilden. Dazu reicht eine grobe Skizze zentraler Positionen aus. Eine dichotome Ordnung der Geschlechter galt lange Zeit als stabile und naturgegebene Angelegenheit und wurde vom Mainstream der Sozialwissen- schaft nicht ernsthaft in Frage gestellt. Während die spätestens seit den 1970er Jahren gebräuchliche sprachliche Unterscheidung von biologischem und sozia- lem Geschlecht (sex – gender) weitgehend akzeptiert wurde, irritierte eine Ende der 1980er und Beginn der 1990er Jahre populär werdende grundsätz- liche Infragestellung der scheinbar selbstverständlichen Zweigeschlechtlich- keit. Judith Butler (1991) griff gerade diese Polarisierung von „natürlichem Geschlechtskörper“ und „kultureller Geschlechtsidentität“ an. Butler will „sex“ wie „gender“ als ideologische Fiktion (Butler 1991: 190 f., 200) entlarven. Geschlechtlich bestimmte Identität erscheint hier als Effekt einer bestimmten – heterosexuell dominierten – diskursiven Praxis (vgl. Butler 1991: 39). Es ent- brennt eine breite Debatte um die soziale Konstruiertheit des geschlechtlichen Körpers, das Augenmerk richtet sich auf „Androgynie“, auf „Wandel der Ge- schlechtsinszenierungen“ und auf „permanent stattfindende interaktive Konstruk- tion von Geschlechtszugehörigkeit im Alltag“ (Hirschauer 1989: 102) und es wird die Idee einer geschlechtslosen Gesellschaft diskutiert. Andrea Maihofer (1995) systematisiert die verschiedenen Diskussionsstränge (u. a. Butler 1991, 1995; Hirschauer 1989, 1993a, 1993b; Gildemeister/Wetterer 1992) ebenso kritisch wie präzise. An Butler – als einer prominenten Vertreterin des post- strukturalistischen Diskurses – kritisiert sie, dass „Geschlecht/Geschlechtlichkeit insgesamt zu einem diskursiv produzierten Effekt, zu einem bloßen ideologi- schen Bewusstseinsphänomen wird“ (Maihofer 1995: 52) und damit „weder die 43 Tatsache des Geschlechts als einer Lebens- und Existenzweise noch die gelebte ‚Materialität‘ geschlechtlicher Körper theoretisch reflektiert“ (ebd.) wird. Inzwischen ist die Diskussion fortgeschritten und der Kategorie „Geschlecht“ wird in weiteren Teilen der Forschung und Wissenschaft Beachtung geschenkt. Eine Recherche in der Datenbank Gepris (Stichtag: 20. 07. 05) zeigt, dass von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aktuell 241 Projekte gefördert werden, die „Geschlecht“ thematisieren, im Vergleich zu 329 geförderten Pro- jekte, die „Medien“ thematisieren. Aktuelle Untersuchungen wenden sich selbst- verständlich dem Prozess der sozialen Konstruktion von Geschlechtsidentitäten in alltäglichen pädagogischen Kontexten zu, etwa in der Schule (Budde 2005; Faulstich-Wieland/Weber/Willems 2004). Die Rezeption des Bourdieuschen Konzepts des Habitus (Bourdieu 1982; 1987; Krais/Gebauer 2002) trägt mit dazu bei, dass komplexe Konstruktions- prozesse von Identität /Person und Lebensstil untrennbar mit ihrer gesellschaft- lichen Verwobenheit diskutiert werden. Habitus wird im Anschluss an Bourdieu verstanden als Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, als erzeugtes und erzeugendes Dispositionssystem, das – angeeignet durch soziale Erfah- rungen – zu einem unmittelbaren Teil des sozialen Akteurs geworden ist. Habitus beschränkt sich dabei nicht auf eine kognitiv gesteuerte Praxis der Lebensführung, sondern spiegelt sich bis in die nicht-bewusste Haltung und Bewegung des Körpers. „Was der Leib gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wiederbetrachtbares Wissen, sondern das ist man.“ (Bourdieu 1987: 136). Auch der Körper ist in dieser Sicht Speicher sozialer Erfahrungen, ohne dass er in diesen Erfahrungen aufgeht. Damit ergeben sich interessante Anknüpfungs- punkte zu dem von Maihofer eingebrachten Terminus des Geschlechts „als Existenzweise“ (1995). Dieser enthält eben auch diese doppelte Perspektive und versucht – entgegen den üblichen Dichotomien von Natur und Kultur oder Körper und Geist (vgl. Maihofer 1995: 76) –, begrifflich eine Balance zu finden. Es geht also darum, zwischen der Bedeutung der sozialen Prozesse und symbo- lischen Ordnungen, die Person-Werden in Interaktionen ermöglichen, und der konkreten materiellen Ebene, dem immer schon Person-Sein, zu vermitteln. Damit wird einer scheinbaren Beliebigkeit kognitiver Entwürfe eine materielle Ebene zur Seite gestellt, die nicht „Natur“ ist, sondern ebenso sozial trans- formiert. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Wir fokussieren „Geschlecht“ als ein habituell angeeignetes, komplexes Ensemble von Wahrnehmungs-, Gefühls-, Denk- und Handlungspraxen. Geschlecht ist mehr als ein kognitives Bewussts- einsphänomen und ist nicht willkürlich individuell erzeugbar. Die Praktiken des Erlebens und Handelns sind historisch entstanden und werden auf viel- fältige Weise als binäre Muster im sozialen Raum vermittelt. Mit diesem binärem Muster und den daraus entstehenden geschlechtsbezo- genen Erwartungen werden alle Individuen – Kinder, Jugendliche und Erwach- 44 sene – in ihrem Alltag konfrontiert; dem Zwang zur Annahme des Geschlecht- lichen kann sich niemand entziehen. Insofern ist es sinnvoll, auch den Prozess geschlechtsspezifischer Sozialisation zu analysieren und zu reflektieren. Aller- dings ist diese Perspektive auf gesellschaftliche Realität u. a. durch Theorien, die „Geschlecht“ als bloße soziale Konstruktion auffassen, vernachlässigt wor- den. Andrea Maihofer (2002) weist darauf hin, dass aktuell in der Frauen- forschung die Perspektive einer geschlechtsspezifischen Sozialisation deutlich in den Hintergrund gerückt ist. Sie spricht diesbezüglich sogar von der Errich- tung eines Tabus – einer Tabuierung, die im Zuge der Sorge entstanden ist, nicht an einer Konstruktion von Differenz mitzuwirken und damit zu einer Reproduktion patriarchaler Macht- und Geschlechterverhältnisse beizutragen (vgl. Maihofer 2002: 13 f.). „Zweifelsohne besteht diese Gefahr und es ist notwendig diesen Effekt ständig kritisch zu reflektieren. Unproduktiv wird der ständige Verweis auf diese Gefahr jedoch, wenn damit letztlich jede weitere theoretische und empirische Thematisierung von Geschlechterdifferenz für inopportun [sic] erklärt wird.“ (Maihofer 2002: 14) Die Aufmerksamkeit auf geschlechterspezifische Medienkompetenzförde- rung zu legen, steht vor der Herausforderung, kritisch und reflexiv auf eben diese Prozesse geschlechterspezifischer Sozialisation zu blicken, diese wechsel- wirksamen Prozesse des Herausbildens eines komplexen Ensembles von Wahr- nehmungs-, Gefühls-, Denk- und Handlungspraxen, welche im sozialen Raum vermittelt, angeeignet und re-inszeniert werden. In diesem Sozialisationsprozess sind die Heranwachsenden gefordert, sich in den bestehenden symbolischen Systemen der Zweigeschlechtlichkeit zu orientieren. Auf den unterschied- lichen Ebenen, in denen die Heranwachsenden sich neu zu orientieren haben, kommt der Verortung im symbolischen System der Zweigeschlechtlichkeit eine zentrale Rolle zu. Es geht nicht nur darum, Vorstellungen von „Weiblich- keit“ und „Männlichkeit“ im engeren Sinne zu entwerfen und sich darin zu er- proben, sondern auch auf anderen Ebenen, z. B. in Bezug auf Berufs- und Lebensentwürfe, entfaltet die Kategorie Geschlecht Bedeutung. Das Erforder- nis, sich eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen und dieses ggf. auch erkenn- bar zu repräsentieren, muss in dieser komplexen und bedeutsamen Lebens- phase nicht nur Einengung oder Restriktion für die Jugendlichen bedeuten, sondern kann auch wegen der tatsächlichen oder vermeintlichen Eindeutigkeit Orientierung bieten und als verlässliche Rahmung, als Sicherheit und Kontinuität erlebt werden. Es gibt einige Anzeichen dafür, dass rigide Geschlechtsrollen- vorstellungen und deren Manifestationen in den Medien, Verunsicherungs- prozesse auf Seiten jugendlicher Rezipienten zu kompensieren vermögen (vgl. Luca 2003). Die Rede von „doing gender“ betont den subjektiven Faktor der Aneignung von Geschlecht. So kann leicht übersehen werden, dass in Institutionen, sozia- len Systemen und auch Medien geschlechterrelevante Strukturen eingeschrie- 45 ben sind, so dass wir auch von „engendering“ durch Medien sprechen können. Das gilt offensichtlich auch für den „neuen“ Kommunikationsraum, dem opti- mistisch dekonstruktive Entwürfe zur potenziellen Auflösung der Kategorie Geschlecht zugetraut werden. Neuere Forschungen zeigen, dass auch im Inter- net die Kategorie Geschlecht ein zentrales Ordnungsprinzip bleibt. Aus einer Sozialisationsperspektive bleibt die entscheidende Frage, ob und inwieweit die in den Medien und in den sozialen Räumen – auch in denen der Medienbildung – transportierten Entwürfe von Weiblichkeit und Männlichkeit einer umfassenden Entfaltung von Persönlichkeit förderlich sind oder dieser sogar entgegenstehen, etwa indem die Entwürfe nur Stereotypien präsentieren oder indem latent oder offen Geschlechterhierarchien vermittelt werden. Eine Reihe von neueren Untersuchungen zeigt, dass Geschlecht eine rele- vante Komponente in der Rezeption von Medien (Luca 1993), der kompetenten Nutzung von Medien (vgl. Schulz-Zander 2002) und der Mediensozialisation (vgl. Beinzger 2003) ist. Allerdings konzentriert sich die Diskussion unter der Perspektive „Geschlechterspezifik“ bislang überwiegend auf Mädchen – und auf die Mädchen zugeschriebenen Defizite. Nicht nur die Defizite der Jungen (bspw. bezogen auf die Lesekompetenz) werden häufig außer Acht gelassen, sondern ihre Perspektive auf Medien und ihr Medienumgang bleibt unberück- sichtigt. Welche Perspektive auf ihre eigene geschlechtliche Identität entwickeln Jungen, die in medialen Angeboten – wie von Budde (2003) anhand der täglich ausgestrahlten Fernsehsendung „Big Brother“ analysiert – sehr beschränkten Entwürfen von Männlichkeit begegnen? Wir nehmen – begründet – eine Per- spektive auf Geschlecht, geschlechterspezifische Sozialisation und Medien- kompetenz ein, welche die Praktiken der Aneignung, der Inszenierung, der Variation und der Reflexion von geschlechterbezogenen Stereotypien aller Akteure in Bildungsprozessen hervorhebt. Um Heranwachsenden eine umfassende Entfaltung ihrer Person zu ermög- lichen, ist in dieser Gesellschaft auch Medienkompetenz notwendig und dazu gehört ebenso die Fähigkeit „über das Geschlecht und die damit verbundenen realen und medialen Themen und Vorstellungen“ (Theunert /Lenssen 1999: 67) reflektieren zu können. Dass die neuen Medien mit ihren immateriellen Gestal- tungsmöglichkeiten faszinierende Möglichkeiten bieten, mit idealen Selbst- entwürfen zu spielen (vgl. Luca 2003: 45), macht das Feld der Medienpädago- gik für die Reflexion der Geschlechterthematik ausgesprochen interessant. Dass in den sozialen Räumen der Bildungsarbeit aber auch Stereotypen und das binäre Modell der Zweigeschlechtlichkeit tagtäglich re-inszeniert werden, darf nicht ausgeblendet bleiben. 46 5 Geschlechtsspezifische Mediennutzung – Quantitative Aspekte 5.1 Einführung Jährlich werden deutschlandweit zahlreiche Studien zur Mediennutzung und zum Medienverhalten in unterschiedlichen Altersstufen durchgeführt. Je nach Studienschwerpunkt und -umfang werden dabei bestimmte Medien mit ent- sprechend speziellen Untersuchungskriterien in den Mittelpunkt gestellt. Wie hoch ist der Fernsehkonsum der 6- bis 13-Jährigen? Inwieweit etabliert sich das Handy im Jugendalter? Welche Rolle spielt der Computer im frühen, mittleren und späten Erwachsenenalter? Und inwieweit werden Medien in das Leben älterer Menschen und Pensionäre integriert? Dies sind einige grundsätz- liche Fragen, die in diesen Studien immer wieder aufgegriffen und erforscht werden. Das Ziel dieser Analyse besteht darin, einen Überblick über die verschiede- nen Nutzungsverhalten, -gewohnheiten und -präferenzen der Medien Fernsehen, Bücher, Computer, Internet, Handy, Radio, Zeitungen, Zeitschriften und MP3-Player in Bezug auf alters- und insbesondere geschlechtsspezifische Aspekte zu erhalten. Dazu werden im Folgenden einige der in zahlreichen Studien gesammelten Daten zum Medienverhalten anhand von Tabellen und Anmerkungen zusammengetragen. Um einen möglichst umfangreichen und gleichzeitig vergleichbaren Über- blick über das Nutzungsverhalten allgemein erzielen zu können, liegen der Analyse grundsätzlich folgende Kriterien zugrunde: Mediale Ausstattung, mediale Nutzungsgewohnheiten unter alters-, geschlechts- und zum Teil sozial- spezifischen Aspekten und mediale Nutzungspräferenzen. Diese grundlegen- den Kriterien werden anhand der jeweiligen Medien präzisiert. Eventuell treten vereinzelt bei der Betrachtung des jeweiligen Mediums weitere, in der Wichtig- keit untergeordnete Kriterien auf. Sie werden an entsprechender Stelle genannt. Die Analysen der Medien basieren auf Daten, die in etwa innerhalb der letzten vergangenen zehn Jahre erhoben worden sind. Prinzipiell wird daher versucht, bei der medialen Ausstattung und den Nutzungspräferenzen einen möglichst 47 aktuellen Stand wiederzugeben, während bei den Nutzungsgewohnheiten die Trends im genannten Zeitraum stärker ins Gewicht fallen. Außerdem sei er- wähnt, dass bei den Medien Fernsehen und Bücher in drei Altersstufen unter- teilt wird (Kinder, Jugendliche und Erwachsene), während bei den übrigen Medien die kinder- und jugendspezifischen Daten im Vordergrund stehen. Den Tabellen liegen mehrere Quellen zugrunde. Die daraus entnommenen Daten entstammen überwiegend zwei bekannten Zeitschriftenreihen. Eine dieser Reihen ist die Zeitschrift Media Perspektiven. Sie wird im Auftrag der Ar- beitsgemeinschaft der ARD-Werbegesellschaften monatlich mit bestimmten Schwerpunkten herausgegeben. Diese Daten werden von der AGF/GfK Fern- sehforschung sowie dem Forschungsbereich Media Analyse erhoben. Eine weitere Basis bilden die Daten aus den Forschungsberichten der KIM- und JIM-Studien, die seit 1998/99 nahezu jährlich vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs) herausgegeben werden. Beide Quellen zeichnen sich durch hohe Repräsentanz aus. Gegebenenfalls werden noch wei- tere Zeitschriften und Quellen innerhalb der Analyse der Mediendaten inte- griert. Auf diese wird an entsprechender Stelle verwiesen. Dem Bericht schließt sich exkursartig eine grobe Analyse drei weiterer Forschungsinstitutionen an. Dies sind zum einen die KidsVerbraucherAnalyse 2005, Kinderwelten 2004 und Daten der IP Gesellschaft Deutschland. Durch die Betrachtung der Ergebnisse der erhobenen Nutzungsdaten soll ein Ver- gleichsrahmen zu den Zeitschriften Media Perspektiven und den JIM- und KIM-Studien erbracht werden. 5.2 Mediennutzung – Fernsehen Eine wesentliche Voraussetzung der Fernsehnutzung von Kindern ist entweder der Zugang zum Gerät der Familie oder der eigene Besitz. Letzteres hat sich in den letzten Jahren stark erhöht. Allein von 2000 bis 2006 stieg der Besitz eines eigenen Fernsehapparats bei den 6- bis 13-Jährigen von 34 % auf 44 % (KIM-Studie 2006: 8). Bei der Analyse des Mediums Fernsehen wird zunächst ein aktueller Über- blick über die Ausstattung mit Fernsehgeräten in einzelnen Altersstufen ge- geben. Wie Tabelle 1 zeigt, haben schon sehr kleine Kinder sowie jedes zehnte Kind im Vorschulalter ein eigenes Gerät. Differenzen zwischen Jungen und Mädchen gibt es noch nicht. Mit zunehmendem Alter zeigen sich dann auch geschlechtsspezifische Differenzen. So findet sich bei den männlichen Jugend- lichen häufiger ein eigenes Gerät als bei den weiblichen Jugendlichen, wie Tabelle 1 deutlich macht. 48 Ob diese eigenständige Geräteausstattung jedoch auch zu höheren Nutzungs- zeiten führt, werden die folgenden Daten zur Fernsehnutzung zeigen. Einen ersten Einblick sollen die Daten zur altersspezifischen Fernsehnut- zung bieten. Zuvor müssen jedoch noch drei unterschiedliche Präsentations- kategorien erläutert werden: Die Tagesreichweite (Seher) gibt an, wie viele Kinder einer Altersgruppe durchschnittlich im Verlauf eines Tages überhaupt Fernsehen schauen, während hingegen bei der Sehdauer bzw. Nutzungsdauer die durchschnittlichen Mediennutzungsquantitäten betrachtet werden. Hierbei werden alle Kinder der entsprechenden Altersgruppe berücksichtigt. Daraus wird dann das arithmetische Mittel errechnet. Kinder, die nicht vor dem Apparat sitzen, werden bei dieser Berechnung also auch mitberücksichtigt. Die Verweil- dauer bezieht sich auf die durchschnittliche Fernsehnutzung pro Tag jener Kinder, die auch tatsächlich fernsehen. Betrachtet man die Entwicklung der 3- bis 13-Jährigen Seher in Prozent pro Tag (vgl. Tabelle 2), so sind in den vergangenen zwölf Jahren keine besonders auffälligen Veränderungen festzustellen. Die durchschnittliche Zahl der Nutzer schwankt danach zwischen 66 % im Jahre 1992 und 59 % im Jahre 2006. Auch eine differenzierte Betrachtung der verschiedenen Altersgruppen bringt ein ähnliches Ergebnis, nämlich eine Abnahme der Seher über die zwölf Jahre hinweg. Zwischen den einzelnen Altersgruppen gibt es leichte Abweichungen. Mit Zunahme des Alters steigt der Prozentsatz der Seher pro Tag kontinuierlich an. In keinem Jahr übersteigen die Werte der 3- bis 5-Jährigen die der 6- bis 9-Jährigen und diese wiederum die der 10- bis 13-Jährigen. 49 Fernsehausstattung 6–13 Jahre 12–19 Jahre Jungen 46 64 Mädchen 42 65 Tabelle 1: Fernsehausstattung der 6- bis 13-Jähriger und 12- bis 19-Jähriger 2006 in Prozent Quelle: KIM- und JIM Studie 2006 Jahr 3–13 Jahre gesamt 3–5 Jahre 6–9 Jahre 10–13 Jahre 1992 93 66 97 111 1993 94 64 99 112 1994 93 73 92 108 1995 95 74 92 114 1996 101 81 96 120 1997 95 76 91 113 1998 99 76 96 117 1999 97 77 92 114 2000 97 76 96 111 2001 98 76 93 113 2002 97 70 92 116 2003 93 69 87 113 2004 93 68 88 113 2005 91 71 86 108 2006 90 73 85 106 50 Tabelle 2: Altersspezifische Fernsehnutzung 3- bis 13-Jähriger im Überblick 1992–2004 – Seher Seher in Prozent /Tag, Mo.–So., 00.00–03.00 Uhr, D gesamt Quelle: Feierabend, S. / Klingler, W. (2007): Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, 201 Tabelle 3: Altersspezifische Fernsehnutzung 3- bis 13-Jähriger im Überblick 1992–2006 – Sehdauer Sehdauer in Min./Tag, Mo.–So., 00.00–03.00 Uhr, D gesamt Quelle: Feierabend, S. / Klingler, W. (2007): Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, 201 Jahr 3–13 Jahre gesamt 3–5 Jahre 6–9 Jahre 10–13 Jahre 1992 66 60 66 70 1993 67 60 66 71 1994 63 58 61 69 1995 60 56 60 65 1996 61 55 60 66 1997 60 54 59 64 1998 62 56 62 66 1999 61 56 60 65 2000 62 57 62 65 2001 61 57 60 64 2002 62 57 61 65 2003 60 54 59 64 2004 61 56 60 64 2005 59 54 59 62 2006 59 54 59 62 Ähnliche Tendenzen lassen sich für die Sehdauer der genannten Alters- gruppe feststellen. Sie ist über den Zeitraum von 1992 bis 2006 fast konstant geblieben. In der Altersgruppe der 6- bis 9-Jährigen ist die Sehdauer sogar von 97 Minuten täglich auf 88 Minuten zurückgegangen. Im Durchschnitt lag sie über alle Altersgruppe hinweg bei den 3- bis 13-Jährigen bei 90 Minuten pro Tag (Tabelle 3). Und auch die Verweildauer (Tabelle 4) hat im gleichen Zeitraum bei fast allen Altersgruppen – mit Ausnahme der 10- bis 13-Jährigen – abgenommen. Lagen die Durchschnittswerte 1992 bei 156 Minuten täglich, sanken sie auf 146 Minuten täglich im Jahre 2006. Auffallend ist, dass sowohl der prozentuale Anteil der Seher als auch die Minutenanzahl der Verweildauer leicht rückläufig sind, während hingegen die Sehdauer im Jahresvergleich relativ konstant bleibt. Splittet man erneut die einzelnen Altersgruppen auf, so sind wiederum Unterschiede festzustellen: Je älter die Kinder werden, desto mehr Zeit verbringen sie vor dem Fernseher. Ab dem Alter von sechs Jahren und wiederum ab dem Alter von zehn Jahren sind deutliche Differenzen sowohl in der Sehdauer als auch in der Verweildauer zu erkennen. Insgesamt muss aber konstatiert werden, dass der Fernsehkonsum – egal ob der Anteil der Seher, die Seh- oder die Verweildauer – entgegen vieler öffent- licher Diskussionen im letzten Jahrzehnt nicht angestiegen, vielmehr sogar bei manchen Faktoren rückläufig war. Jahr 3–13 Jahre gesamt 3–5 Jahre 6–9 Jahre 10–13 Jahre 1992 156 129 156 169 1993 154 122 156 169 1994 154 131 154 170 1995 152 127 149 172 1996 159 138 154 177 1997 155 135 148 173 1998 154 130 150 173 1999 153 132 147 170 2000 152 128 150 167 2001 154 127 150 171 2002 151 117 145 172 2003 149 119 140 172 2004 146 116 139 169 2005 147 123 140 168 2006 146 127 138 165 51 Tabelle 4: Altersspezifische Fernsehnutzung 3- bis 13-Jähriger im Überblick 1992–2006 – Verweildauer Verweildauer in Min./Tag, Mo.–So., 00.00–03.00 Uhr, D gesamt Quelle: Feierabend, S. / Klingler, W. (2007): Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, 201 Fernsehnutzung von Kindern mit eigenem Fernsehapparat Aus einem Artikel von Sabine Feierabend und Walter Klingler 2004 „Was Kinder sehen“, veröffentlicht in der Zeitschriftenreihe Media Perspektiven 4/2005, geht hervor, dass es signifikante Unterschiede zwischen Kindern mit einem Fernsehgerät im eigenen Zimmer und denen ohne persönliches Gerät gibt (Vgl. Feierabend/Klingler 2005: 165). Die durchschnittliche Sehdauer im Jahresvergleich spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Die Werte der Kinder mit eigenem TV-Gerät bleiben, mit Ausnahme des Jahres 2002, in dem die durchschnittliche Sehdauer mit 133 Minuten pro Tag über 10 Minuten höher liegt, mit 118 Minuten 2001 und 121 Minuten 2003 und 2004 relativ stabil. Ein ähnliches Verhältnis äußert sich bei der Sehdauer der Kinder ohne einen eigenen Fernsehapparat: 2001 mit 93 Minuten, 2002 mit 90 Minuten, 2003 mit 86 Minuten und 2004 mit 85 Minuten pro Tag. Signifikant ist jedoch der Unterschied zwischen den Kindern mit und ohne eigenes Gerät. Die Werte unterscheiden sich um bis zu 20 bis 40 Prozent. Die Seher-Anzahl liegt sowohl bei den Kindern mit und ohne Gerät, als auch im Jahresvergleich bei beiden betrachteten Gruppen relativ konstant bei rund 60 Prozent. Die Verweildauer der Kinder mit eigenem Gerät steigt im Jahr 2001 von 179 Minuten auf 195 Minuten im Jahr 2002, fällt 2003 auf 189 Minuten zurück und sinkt weiter im Jahr 2004 auf 183 Minuten. Kinder ohne eigenen Fernseher unterscheiden sich auch hier um ca. 40 Prozent. Dies entspricht im Jahr 2001 145 Minuten, 2002 140 Minuten, 2003 138 Minuten und 2004 183 Minuten. (ebd.: 166). Die Tatsache, dass Kinder mit eigenem Gerät meist ein paar Jahre älter sind als die ohne eigenen verfügbaren Fernseher spielt laut Feierabend und Klingler eine weniger bedeutende Rolle, da sich dieses Phäno- men auch innerhalb der untersuchten Altersgruppen wiederfinden ließe (ebd.: 165) Fernsehnutzung von Jugendlichen (12–19 Jahre) Ein den Kindern entgegengesetztes Fernsehnutzungsverhalten lässt sich bei den Jugendlichen feststellen. Dies wirkt sich in dem Sinne aus, dass sowohl der prozentuale Anteil der Seher als auch die Sehdauer und Verweildauer in Minuten im Jahresvergleich 1992 bis 2004 relativ stetig ansteigen. 52 Innerhalb der einzelnen Kriterien ergeben sich zum Teil leichte quantitative Unterschiede. Wie in Tabelle 5 ersichtlich, verbrachten 1992 durchschnittlich 59 Prozent der Jugendlichen ihre Zeit vor dem Bildschirm, 2000 waren es bereits 61 Prozent. Die Sehdauer stieg von 99 Minuten im Jahr 1992 auf 118 Minuten im Jahr 2000 an, und die Verweildauer betrug 169 Minuten im Jahr 1992, während es 2000 bereits 188 Minuten waren. Vergleichbare Untersuchungen zwischen Jugendlichen mit und ohne eigenen Fernsehapparat liegen derzeit nicht vor.m Die Fernsehnutzung der Jugendlichen, der Erwachsenen und Senioren ist durch eine leicht ansteigende Kurve gekennzeichnet. Dies bedeutet, dass mit zunehmendem Alter eindeutig der Fernsehkonsum in Minuten pro Tag ansteigt. Besonders auffällig ist die Nutzung der über 60-Jährigen mit 215 Minuten im Jahr 1991 und 240 Minuten im Jahr 2005. Der Nutzungszuwachs der über 60-Jährigen innerhalb dieses Zeitraums entspricht prozentual in etwa dem der anderen Altersgruppen. Bei allen Altersgruppen ist ein großer Zuwachs in der Nutzungsdauer zu erkennen. Allerdings ist eine große Differenz in der Quanti- tät der Nutzungszeiten unter den Erwachsenen des frühen, mittleren und späten Erwachsenenalters und dem Seniorenalter festzustellen. Während die 50- bis 59-Jährigen beispielsweise 2005 durchschnittlich 200 Minuten am Tag vor dem Fernseher verbrachten, sind es bei den 60- bis 69-Jährigen schon 240 Minuten, bei den über 70-Jährigen sogar 256 Minuten pro Tag. Die Nutzungsquantität ist also im Schnitt bei den Senioren um fast 60 Minuten höher als bei den 50- bis 59-Jährigen. Versucht man einen zusammenfassenden Überblick über das altersspezifi- sche Fernsehnutzungsverhalten zu geben, so ist festzustellen, dass das Fern- 53 Jahr Seher in Prozent/Tag Sehdauer in Min./Tag Verweildauer in Min./Tag 12–19 Jahre gesamt 12–19 Jahre gesamt 12–19 Jahre gesamt 1992 59 99 169 1993 59 100 170 1994 58 101 174 1995 60 109 184 1996 61 114 189 1997 59 111 187 1998 62 117 186 1999 61 121 191 2000 61 118 188 Tabelle 5: Altersspezifische Fernsehnutzung Jugendlicher im Überblick 1992–2000 Seher, Sehdauer und Verweildauer, Mo.–So., 00.00–03.00 Uhr, D gesamt Quelle für 1992–1997: Gerhards, M. / Klingler, W. (1998): Eine Analyse der Fernsehforschungsdaten 1997 von Zwölf- bis 19-Jährigen. Fernseh- und Videonutzung Jugendlicher. In: Media Perspektiven 4, 179 Quelle für 1998–2000: Gerhards, M. / Klingler, W. (2001): Nutzung und Bedeutung des Fernsehens für Jugend- liche im Jahr 2000. Jugend und Medien: Fernsehen bleibt dominierend. In: Media Perspektiven 2, 65 sehen bei allen Altersstufen als zentrales Medium betrachtet wird. Dadurch nimmt es einen wichtigen Bestandteil in der Freizeitgestaltung ein. Zwischen den Altersgruppen gibt es jedoch massive Unterschiede in der Quantität der Nutzung. Geschlechtsspezifische Fernsehnutzung Im Folgenden wird versucht, geschlechtsspezifische Besonderheiten im Fernseh- verhalten der letzten zehn Jahre aufzuzeigen. Die Tagesreichweite des Fern- sehens beträgt sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen im Alter von 3- bis 13 Jahren aktuell einen stabilen durchschnittlichen Wert von ungefähr 60 Pro- zent. Beide Geschlechter zeigen also ein fast gleiches Interesse am Fernsehen. Unterschiede äußern sich jedoch bei der Sehdauer. Jungen dieser Altersstufe verbringen weitaus mehr Zeit mit Fernsehen als Mädchen, und dieser Trend setzt sich über mehrere Jahre fort. Allerdings sinkt die Anzahl der Minuten im Jahresvergleich 1996 bis 2006 bei den Jungen stärker als dies bei den Mädchen der Fall ist. So reduziert sich die Sehdauer bei den Jungen von 108 Minuten auf 91 Minuten, bei den Mädchen hingegen von 93 Minuten auf 88 Minuten (Tabelle 6). Fernsehnutzung von Jungen und Mädchen (3–13 Jahre) Die Fernsehnutzung ist auch bei den Jugendlichen geschlechtsspezifisch betrachtet sehr ähnlich. Jugendliche sehen zu über 90 Prozent täglich bzw. mehrmals pro Woche Fernsehen. Im Jahresvergleich sind nur leichte Schwan- kungen festzustellen. Dies trifft auch auf die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zu. Ähnliches gilt auch für die Seh- und Verweildauer, wobei genauere Daten dazu in den letzten Jahren nicht mehr veröffentlicht wurden. 54 Jahr Seher in Prozent/Tag Sehdauer in Min./Tag 3–13 Jahre männlich 3–13 Jahre weiblich 3–13 Jahre männlich 3–13 Jahre weiblich 1996 63 59 108 93 1997 61 58 101 89 1998 63 60 103 94 1999 62 60 97 96 2000 63 61 98 96 2001 62 60 100 95 2002 62 61 99 95 2003 60 60 94 93 2004 61 60 94 92 2005 59 59 92 89 2006 59 59 91 88 Tabelle 6: Geschlechtsspezifische Fernsehnutzung 3- bis 13-Jähriger 1996–2006 Seher und Sehdauer, Mo.–So., 00.00–03.00 Uhr Quelle: Feierabend, S. / Klingler, W. (2007): Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, 202 Sie werden in aktuellen Veröffentlichungen zu den Erwachsenen gezählt, so dass eine genauere Differenzierung der adoleszenten Altersgruppen nicht mög- lich ist. Der Trend, der sich bei den Kindern und Jugendlichen dadurch auszeich- nete, dass Jungen tendenziell mehr Fernsehen schauen als Mädchen, kann bei den Erwachsenen nicht mehr bestätigt werden. Im Jahresvergleich 1993 bis 2006 übersteigt sowohl die Tagesreichweite, als auch die Nutzungsdauer der Frauen die der Männer, nicht massiv, aber doch kennzeichnend. Im Jahres- vergleich innerhalb des jeweiligen Geschlechts variieren die Werte hingegen nur bei der Fernsehnutzung auffallend stark. Bei den Frauen nimmt die Fern- sehnutzung von 1993 bis 2006 um mehr als 30 Minuten pro Tag zu, bei den Männern um 15 Minuten (Tabelle 7). Zusammenfassend lassen sich Fernsehnutzungsgewohnheiten von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen folgendermaßen charakterisieren: Bei Kin- dern und Jugendlichen ähneln sich die Geschlechter in Bezug auf die allgemeine Nutzung. Geschlechtsspezifische Differenzen kommen deutlich bei der Seh- dauer zum Ausdruck. Diese Unterschiede lassen sich auch bei den Erwach- senen nachweisen. 5.2.1 Nutzungspräferenzen Nutzungspräferenzen von Kindern Welche Sender präferieren Jungen und Mädchen in ihren Altersstufen? Gibt es Sendungen, die das Interesse ganz besonders wecken? Wenn ja, welche sind dies und worin bestehen geschlechtsspezifische Differenzen? Dies sind Fragen, die nun im Folgenden im Zentrum der Diskussion stehen sollen. Grund- lage für diese Analyse sind die Daten der aktuellen KIM-Studie 2005. 55 Jahr Seher in Prozent, mehrmals in der Woche Fernsehnutzung in Min./Tag, Mo.–So., 05.00–24.00 Uhr ab 14 J. Männer ab 14 J. Frauen ab 14 J. Männer ab 14 J. Frauen 1993 92,0 92,2 176 179 1995 93,6 93,9 173 181 1999 94,7 95,2 176 188 2000 89,0 91,0 179 193 2001 89,6 91,7 185 201 2003 88,9 90,9 189 209 2004 87,5 90,7 194 209 2005 88,1 90,1 191 211 2006 87,1 89,8 193 210 Tabelle 7: Geschlechtsspezifische Fernsehnutzung von Personen ab 14 Jahren 1993–2006 Quelle: Media Perspektiven. Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1993–2006 Mädchen und Jungen interessieren sich sowohl für private, als auch für die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter. Die Frage, ob Kinder dieser Alters- stufe generell einen Lieblingssender haben, beantworten 62 Prozent der Mäd- chen und 64 Prozent der Jungen mit einem „Ja“. (KIM 2005: 20) Den ersten Platz erzielt „KI.KA“ mit 34 Prozent der weiblichen und 22 Pro- zent der männlichen Stimmen. Diese Differenz zwischen Mädchen und Jungen ist im Vergleich zu den übrigen genannten Sendern relativ groß. Von den Kindern werden weitere Sender in der Reihenfolge ihrer Beliebtheit wie folgt genannt: „Super RTL“, „RTL“, „RTL II“, „Pro 7“ und „Sat.1“. In einer ge- schlechtsspezifischen Betrachtung liegen Jungen und Mädchen mit ihren pro- zentualen Nennungen recht nah beieinander. Eine Ausnahme bildet jedoch der Sender „RTL II“, da dieser von lediglich sechs Prozent der Mädchen, aber 19 Prozent der Jungen favorisiert wird. Nach KIM 2005 gibt es auch eine Vielzahl von speziellen Sendungen, die Mädchen und Jungen mit großem Interesse ansehen. So bejahen 71 Prozent der Mädchen und 63 Prozent der Jungen, eine Lieblingssendung zu haben. Interessanterweise dreht sich die Frage nach dem Lieblingssender und der Lieblingssendung prozentual gesehen bei Jungen und Mädchen leicht um. Sender allgemein haben scheinbar für Jungen eine größere Bedeutung, für Mädchen spielt eine besondere Sendung eine große Rolle, wenn es um die Frage nach dem Beliebtheitsgrad geht. Mädchen haben dabei eine stärkere Affinität zu Sendungen, die auf „KI.KA“ ausgestrahlt werden und Daily Soaps wie beispielsweise „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „Verliebt in Berlin“ und „Marienhof“, aber auch „Die Sendung mit der Maus“. Jungen interessieren sich hingegen eher für die „Sportschau“, Zeichentrickserien wie „Sponge Bob Schwammkopf“ und Musiksendungen.m Neben dem Geschlecht spielt auch das Alter eine zentrale Rolle. Jüngere Kinder verweilen länger bei dem Sender „KI.KA“ und dementsprechend auch bei Sendungen, die auf diesem ausgestrahlt werden. Mit zunehmendem Alter ist dieser Trend rückläufig. Andere, überwiegend private Sender rücken dann näher in das Blickfeld der Kinder. Nutzungspräferenzen von Jugendlichen Welche Sender sind bei den Jugendlichen wichtig, um „up to Date“ zu bleiben? Worin unterscheiden sich diese Präferenzen nun von denen der Kinder? Grund- lage für diese konkrete Analyse ist die JIM-Studie 2005, durch die ein aktueller Bezug gewährleistet werden soll. Das Interesse an öffentlich-rechtlichen Sen- dern nimmt mit zunehmendem Alter deutlich ab. Wichtig ist bei den 12- bis 19-Jährigen vor allem der private Sender „Pro 7“, für Jungen und Mädchen in ähnlichem Maße (Jungen: 41 %, Mädchen: 39 %). Während der Sender „RTL“ bei Mädchen mit 18 % auf mehr Resonanz stößt als bei den Jungen mit 10 %, zeigt sich ein umgekehrtes Verhältnis bei 56 dem Sender „MTV“ (Mädchen: 10 %, Jungen: 12 %). Weitere, allerdings weni- ger bedeutsame Sender sind für Mädchen und für Jungen nach JIM 2005: „RTL II“, „Sat.1“, „Viva“ und „n-tv“. Andere Sender wie „VOX“ oder „Super RTL“ fallen noch weniger ins Gewicht. Öffentlich-rechlichte Programme wie „Das Erste/ARD“ werden lediglich von drei Prozent der weiblichen und von zwei Prozent der männlichen Zu- schauer zu einem beliebten Fernsehprogramm deklariert. (Vgl. JIM-Studie 2005: 24) Die bevorzugten Sendeinhalte weisen ähnliche Tendenzen wie bei der Alters- gruppe der 6- bis 13-Jährigen auf. Mädchen geben vor allem Daily Soaps als wichtige Sendung an. Regelmäßig ausgestrahlte Sendungen wie „Sex and the City“ werden ebenfalls deutlich häufiger von Mädchen gesehen. Besonders auffällig erscheint, dass Mädchen mit zunehmendem Alter Mystery-Serien (z. B. „Charmed – Zauberhafte Hexen“) und Krimis in ihre Liste der beliebten Sender aufnehmen, eine Tendenz, die sich bei den jüngeren Mädchen überhaupt nicht äußerte. Jungen sprechen sich hingegen vor allem für Zeichentrickserien (z. B. „Die Simpsons“) aus, mit zunehmendem Alter steigt jedoch eher das Interesse der Jungen an Informationssendungen und Nachrichten. Diese sind bei Jungen fast doppelt so beliebt wie bei Mädchen. Ähnliches gilt für Sportsendungen. Sitcoms und Comedysendungen sind ein Renner bei allen männlichen Zu- schauern. Im Vergleich zu vorhergehenden Jahren ist die Differenz zwischen Jungen und Mädchen bei diesem Genre größer geworden. Sie stoßen mit zu- nehmender Tendenz bei den Jungen auf deutlich mehr Resonanz. Talkshows, Gerichts- und Quizsendungen erweisen sich für beide Geschlechter als relativ uninteressant. (Vgl. JIM-Studie 2005: 25) Zusammenfassend lässt sich sagen: Nach JIM 2005 bevorzugen Mädchen Serien wie „O. C. California“, „Desperate Housewives“ und „Sex and the City“ und Daily Soaps wie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „Unter uns“ und „Ver- botene Liebe“ sowie Telenovelas wie „Verliebt in Berlin“. Jungen hingegen präferieren den Cartoon „Die Simpsons“, Comedysendungen wie „TV Total“, „King of Queens“, Sendungen wie „MTV Select“ und „Bundesliga Live“. Fernsehnutzung von Kindern aus verschiedenen Herkunftsmilieus Die zuvor genannten und anhand von Tabellen exemplarisch dargestellten Daten beziehen sich überwiegend auf die soziodemographischen Kriterien Alter und Geschlecht. Ein weiteres wichtiges Kriterium tritt nun an dieser Stelle hinzu. Es handelt sich dabei um die Fernsehnutzung von Kindern, die unterschiedlichen Herkunftsmilieus entstammen. Hintergrund für die folgenden Daten und Kommentare ist ein Beitrag von Katharina Kuchenbuch, die sich dieser Thematik in einem Aufsatz widmet, der in der Zeitschrift Media Perspektiven 1/2003 veröffentlicht wurde. Kuchen- 57 buch verweist in dem Text darauf, dass es bewiesenermaßen eine Korrelation zwischen Herkunftsmilieu, Sozialisation und Fernsehnutzung gibt, deutet aber ebenso an, dass es generell noch an empirischen Daten und bewusster, konkreter Auseinandersetzung mit diesem Kriterium mangelt (Vgl. Kuchenbuch 2003: 2). Um diese (empirische) „Lücke“ auszufüllen, stellt Kuchenbuch das so ge- nannte Sinus-Milieu-Modell vor. Dieses Modell ermöglicht eine differenzierte Untersuchung der Fernsehnutzung in Bezug auf verschiedene Herkunftsmilieus. „Das Sinus-Milieu-Modell […] ist ein sozialwissenschaftliches Analysemodell, das Menschen zusammenfasst, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebens- weise ähneln, also vergleichbare Wertprioritäten haben.“ (Kuchenbuch 2003: 2) Die verschiedenen Dimensionen der Wertorientierung, der Lebensstile und der ästhetischen Vorlieben sowie die soziale Schicht werden in dieses Modell integriert, so dass sich zwölf soziale Milieus herausdifferenzieren lassen7 (ebd.). Die nachstehende Tabelle orientiert sich an zwei Quellen aus dem Text von Kuchenbuch, gibt allerdings die einzelnen Milieus nur überblicksartig wieder. Die Originalquellen hingegen präzisieren die Kennzeichen der verschiedenen Milieus. 58 7 Etabliertes Milieu: Erfolgsorientierte, exklusive Konsumelite; intensive Teilnahme am gesellschaftlichen und kul- turellen Leben; erste Nachkriegsgeneration, gehobenes Bildungsniveau; hohe und höchste Einkommensklassem Intellektuelles Milieu: An Selbstverwirklichung orientiere Werte-Avantgarde; weltoffen, tolerant, umwelt- und gesundheitsbewusst; breites Altersspektrum bis zur Generation der „jungen Alten“; gehobenes Bildungs- und Einkommensniveau Postmodernes Milieu: Individualistische Lifestyle-Avantgarde; bewusst unkonventionell, starkes Bedürfnis nach Unterhaltung; unter 40 Jahre; gehobene Bildungsabschlüsse Adaptives Milieu: Mobiler, pragmatischer Mainstream der jungen modernen Mitte; Aufgeschlossenheit für Neues, starke Freizeitorientierung; unter 40 Jahre, häufig mit Kindern im Haushalt; gut ausgebildet mit gehobenen Einkommen Statusorientiertes Milieu: Beruflich und sozial aufstrebendes Segment der modernen Mitte; starke Status- und Konsumorientierung, exklusive Freizeitaktivitäten; mittlere Altersgruppe (30–50 Jahre); mittlerer Bildungs- abschluss bei mittlerer bis gehobener Einkommensklasse Modernes bürgliches Milieu: Konventionelle neue Mitte; starke soziale Werte, Familienorientierung, Streben nach Harmonie; mittlere Altersgruppen und ältere; qualifizierte mittlere Abschlüsse bei normaler Einkommens- verteilung Traditionelles bürgerliches Milieu: Sicherheits- und status-quo-orientierte Kriegsgeneration; traditionelle Werte (Pflichterfüllung, Anstand, etc.) und Konformismus; Altersschwerpunkt in der Kriegsgeneration; über- wiegend Hauptschule mit abgeschlossener Berufsausbildung bei kleinen bis mittleren Einkommen Traditionelles Arbeitermilieu: An Notwendigkeiten ausgerichtete traditionelle Arbeiterkultur; Bescheidenheit und pragmatisch-nüchterne Sicht der Dinge; 50 Jahre und älter; meist Hauptschulabschluss bei kleinen und mittleren Einkommen Konsummaterialistisches Milieu: Materialistisch geprägte Unterschicht; Konzentration auf das Hier und Heute, Äußerlichkeiten spielen große Rolle; mittlere und ältere Altersgruppen; geringe Formalbildung, untere Einkommensschichten Hedonistisches Milieu: Unangepasste, an Fun und Action orientierte junge Unterschicht; demonstrativ un- konventionell; leben im Hier und Jetzt; bis 40 Jahre; einfache und mittlere Berufsabschlüsse, kleine bis mittlere Einkommen Bürglich-Humanistisches Milieu: Das konservative Bildungsbürgertum, das noch die alten protestantischen Tugenden hochhält DDR-verwurzeltes Milieu: Ehemals staatstragendes Milieu der „abgewickelten“ Führungskader in Partei, Verwaltung, Wirtschaft und Kultur (Kuchenbuch 2003: 3) Hierbei wird deutlich, dass es zwischen den einzelnen Milieus sowohl in den Bevölkerungsanteilen als auch in der Sehdauer in Minuten pro Tag große Unterschiede gibt (Vergleich Postmodernes Milieu mit 6 Prozent und Status- orientiertes Milieu mit 15 Prozent). Betrachtet man die Sehdauer konkreter, so erkennt man beispielsweise beim Intellektuellen und beim DDR-verwurzelten Milieu eine Differenz von 92 Minuten. Die Tabelle 8 beinhaltet allerdings nicht die Fernsehnutzung der 3- bis 13-Jährigen Kinder. Um dies herauszufinden, beruft sich Kuchenbuch erneut auf das Sinus-Milieu-Modell und versucht, durch das Ergänzen einer anderen Variablen, einen Zusammenhang zwischen der Milieuzugehörigkeit der Eltern und dem Fernsehnutzungsverhalten der Kinder aufzuzeigen. „Zu diesem Zweck wurden die Milieus der Haushaltsvorstände (Haupteinkommensbezieher nach AGF/GfK-Fernsehforschung) ermittelt und die zugehörigen Kinder jeweils ihrem Haushaltsvorstand, also im Regelfall der Mutter oder dem Vater, zu- geordnet.“ (Kuchenbuch 2003: 2) Die Daten stammen aus dem Jahr 2000. Daten aus folgenden Jahren sind dem Text nicht zu entnehmen. Der Grund dafür liegt darin, dass bei diesen Untersuchungen generelle Erkenntnisse über milieubezogene Fernsehnutzung gewonnen werden sollten und daher die Aktualität der Daten eine untergeord- nete Rolle spielt. Außerdem ist nach Kuchenbuch davon auszugehen, dass soziale bzw. milieubezogene Kennzeichen über einen langen Zeitraum be- stehen. Grundlage für die folgende Analyse sind 1.771 Kinder zwischen drei und dreizehn Jahren im November 2000. 59 Milieu Bevölkerungsanteil in Prozent Sehdauer in Min./Tag Etabliertes Milieu 8 207 Intellektuelles Milieu 10 186 Postmodernes Milieu 6 214 Adaptives Milieu 8 176 Statusorientiertes Milieu 15 206 Modernes bürgerliches Milieu 8 237 Traditionelles bürgerliches Milieu 14 247 Traditionelles Arbeitermilieu 6 260 Konsum-materialistisches Milieu 11 271 Hedonistisches Milieu 11 230 Bürgerlich-humanistisches Milieu – 236 DDR-verwurzeltes Milieu* – 278 Tabelle 8: Fernsehnutzung Erwachsener ab 14 Jahren nach verschiedenen Herkunftsmilieus 2000 * Die beiden sehr kleinen ostspezifischen Milieus der bürgerlichen Humanisten und der DDR-Verwurzelten, die zusammen nur etwa drei Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden bei der folgenden Analyse nicht berück- sichtigt. Quelle: Kuchenbuch, K. (2003): Eine Analyse anhand des Sinus-Milieu-Modells. Die Fernsehnutzung von Kindern aus verschiedenen Herkunftsmilieus. In: Media Perspektiven 1, 2 f. Betrachtet man nun also konkret die Zugehörigkeit der Kinder zu einzelnen Milieus, so ist es nach Kuchenbuch sehr auffällig, dass die meisten Kinder dem status-orientierten (301) und dem adaptiven Milieu (289) zuzuordnen sind. Auch in den anderen Milieus zeigen sich deutliche Unterschiede, was vor allem auf die verschiedenen Kinderzahlen in den Milieus zurückzuführen ist. Dem traditionellen Arbeitermilieu und dem hedonistischen Milieu fallen die geringsten Kinderzahlen zu. Tabelle 9 veranschaulicht nun die Sehdauer der Kinder aus den Milieus. Die Unterschiede sind auch hier sehr stark, und es lässt sich die allgemein gültige Annahme bestätigen, dass Kinder aus sozial schwächeren bzw. unteren Schichten mehr Fernsehen schauen als Kinder aus der Mittel- und Oberschicht. So verbringen Kinder aus dem post-modernen, dem etablierten und dem adap- tiven Milieu mit 95, 97, bzw. 99 Minuten pro Tag um fast ein Drittel weniger Zeit vor dem Fernseher als Kinder aus dem traditionellen Arbeitermilieu (140 Minuten pro Tag). Noch deutlicher wird diese Differenz bei dem Vergleich der Sehdauer der Kinder aus dem intellektuellen und denen aus dem tradi- tionellen Arbeitermilieu. Bei den Kindern aus dem Arbeitermilieu ist die Seh- dauer doppelt so hoch. Die übrigen Werte pendeln sich in etwa bei 120 Minuten ein und zeigen keine weiteren extremen Abweichungen. Als möglichen Grund bzw. mögliche Ursache erwähnt Kuchenbuch die Einschränkung der Fernseh- nutzung von Seiten der Eltern. Außerdem ergeben sich hier auch Unterschiede innerhalb von ähnlichen sozialen Schichten. Kuchenbuch legt dabei besonderen Wert auf die Grund- orientierungen der einzelnen Schichten und stellt fest, dass Personen aus mo- derneren Milieus weniger Zeit für das Fernsehen und mehr für andere Freizeit- 60 Milieu Fernsehdauer in Min. Etabliertes 97 Intellektuelles 71 Traditionell bürgerliches 124 Statusorientiertes 117 Modernes bürgerliches 103 Adaptives 99 Postmodernes 95 Traditionelles Arbeitermilieu 140 Konsum-materialistisches 123 Hedonistisches 127 Tabelle 9: Fernsehnutzung 3- bis 13-Jähriger 2000 nach Milieutypen Fernsehdauer in Min./Tag, Mo.–So., 00.00 bis 03.00 Uhr Quelle: Kuchenbuch, K. (2003): Eine Analyse anhand des Sinus-Milieu-Modells. Die Fernsehnutzung von Kindern aus verschiedenen Herkunftsmilieus. In: Media Perspektiven 1, 5 aktivitäten aufbringen als jene aus traditionelleren Milieus (vgl. Kuchenbuch 2003: 4). Kuchenbuch kommt zu dem Schluss, dass es eine hohe Korrelation zwischen der Fernsehnutzung der Eltern und der Kinder aus einem Milieu besteht; die Werte verhalten sich also proportional zueinander. Sehen die Eltern viel Fern- sehen, so überträgt sich dies auch auf die Kinder. Entsprechendes gilt für geringeren Fernsehkonsum der Eltern. Die Eltern haben offensichtlich in ihrem Fernsehnutzungsverhalten eine Vorbildfunktion und übertragen milieuspezifi- sche Fernsehtraditionen auf ihre Kinder. Im weiteren Verlauf des Textes präzisiert Kuchenbuch ihre Analyse und weitet sie auf Sendervorlieben, Marktanteile und Nutzung bestimmter Genres aus. Auf diese Analyse wird nun bewusst verzichtet, um die grundlegenden Untersuchungsmerkmale der vorhergehenden Auseinadersetzungen mit der Fernsehnutzung (Reichweite, Seh- und Verweildauer) vom Umfang her beizu- behalten. 5.3 Mediennutzung – Computer und Internet Computer Bereits im frühen und späten Kindesalter verfügen Kinder über einen eigenen Computer oder haben zumindest Zugang zu einem Gerät. Auffällig erscheint jedoch, dass es starke geschlechterbezogene Differenzen gibt, hier zugunsten der Jungen (Tabelle 10). Gut die Hälfte aller Jugendlichen sind also im Besitz eines Computers, allerdings liegt der Anteil bei den Mädchen knapp unter der 50-Prozentmarke, bei den Jungen beträgt der Anteil gut zwei Drittel. Aktuell sind mehr als zwei Drittel aller Kinder zwischen 6 und 13 Jahren Computernutzer. Jungen liegen dabei mit nur wenigen Prozentpunkten vor den Mädchen. Im Vergleich zu 1999 nähern sich die Nutzungszahlen bei Jungen und Mädchen immer weiter an. Die damalige Differenz von 12 Prozent ist um sieben Prozent auf fünf Prozent gesunken (Tabelle 11). 61 Computer-/Laptop-Ausstattung 6–13 Jahre 12–19 Jahre Jungen 21 69 Mädchen 14 51 Tabelle 10: Computerbesitz 6- bis 13-Jähriger und 12- bis 19-Jähriger 2006 in Prozent Quelle: KIM- und JIM Studie 2006 Die Frage nach dem Stellenwert des Computers in der Freizeit als belieb- teste Freizeitgestaltungsmöglichkeit hat sich im Zeitraum von sechs Jahren stark verändert. Dabei ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern bei diesem Kriterium konstant geblieben. Im Vergleich zu den Mädchen geben tendenziell doppelt so viele Jungen an, den Computer gerne in der Freizeit einzusetzen. Zwischenzeitlich schienen sich die Werte nur grob anzunähern, wie zum Bei- spiel im Jahr 2002 ersichtlich (Tabelle 12). Der Computer ist ein Medium, das sich in den vergangenen Jahren bei den Jugendlichen zunehmend etabliert hat. Bisher haben fast alle Jugendlichen im Alter von 12- bis 19 Jahren Erfahrungen mit Computern gemacht. Dies belegt ein aktueller Prozentsatz von 99 Prozent bei den Jungen und 97 Prozent bei den Mädchen. Gegenüber dem Jahr 1998 hat sich der Anteil der jugendlichen Computernutzer bei den Jungen um knapp 20 Prozent, bei den Mädchen sogar um mehr als 30 Prozent gesteigert (Tabelle 13). 62 mindestens einmal im Monat Jungen Mädchen 12–13 Jahre 14–15 Jahre 16–17 Jahre 18–19 Jahre 1998 78 63 71 74 72 67 2006 99 97 96 99 98 99 Tabelle 13: Alters- und geschlechtsspezifische Computernutzung 12- bis 19-Jähriger 1998 und 2006 in Prozent Quelle: JIM-Studie 1998 und 2006 Jahr zumindest selten Jungen Mädchen 1999 57 45 2000 66 55 2002 67 59 2003 72 69 2005 79 74 2006 85 76 Jahr Jungen Mädchen 1999 12 6 2000 19 12 2002 19 15 2003 24 13 2005 20 10 2006 28 15 Tabelle 11: Computernutzung von Jungen und Mädchen (6 bis 13 Jahre) 1999–2006 in Prozent Quelle: KIM-Studie 1999, 2000, 2002, 2003, 2005 und 2006 Tabelle 12: Computernutzung als liebste Freizeitbeschäftigung 6- bis 13-Jähriger 1999–2006 in Prozent Quelle: KIM-Studie 1999–2006 Differenziert man in einzelne Altersgruppen, so stellt man fest: Die Werte steigen nicht kontinuierlich mit zunehmendem Alter an, sondern schwanken insofern, als dass sie ab dem Alter von 14 Jahren zunehmen, um dann ab dem Alter von 18–19 Jahren wieder zu sinken. Altersspezifisch betrachtet, liegt im Jahresvergleich bei den 12- bis 19-Jährigen eine Steigerung von in etwa 20 Pro- zent vor (Tabelle 13). Betrachtet man die Computernutzung von Jungen und Mädchen im Jahresverlauf etwas detaillierter, so wird deutlich, dass Jungen zwar mehr Zeit vor dem PC verbringen als Mädchen, sich ihre Werte aber allmählich annähern (Tabelle 14). Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich im Besonderen bei der täglichen Nutzung. Diese steigt bei beiden Geschlechtern über die Jahre hinweg an, der Wert bleibt bei den Jungen zwar höher, aber dafür auch der prozentuale Anstieg bei den Mädchen. Er verdoppelt sich im Laufe der Jahre, während er bei den Jungen in der gleichen Zeitspanne nur leicht gestiegen ist. Innerhalb der letzten Jahre sind die Mädchen folglich deutlich aktiver im Umgang mit dem Computer geworden. Der prozentuale Anteil derjenigen Jugendlichen, der Computer nie benutzt, ist innerhalb des Zeitraums von sieben Jahren auf ein Minimum zurückgegan- gen (bei den Jungen von 15 auf drei Prozent, bei den Mädchen von 26 auf vier Prozent). Dieser Aspekt kann bei den Mädchen als weiterer Beleg für die stark zunehmende Computernutzung innerhalb der letzten Jahre angesehen werden.m Die Tätigkeiten und Präferenzen in Bezug auf den Computer sind im Laufe der Jahre vielfältiger geworden. So wird der Computer zu einem zentralen Werkzeug, um Aufgaben für die Schule zu verrichten, und neben dem Radio und CD-Player nimmt der PC als Musikmedium stetig an Bedeutung zu. Zwi- schen den beiden Geschlechtern ergeben sich mehr Parallelen als Differenzen. Computerspiele alleine nutzen zu können steht sowohl für Jungen, als auch für 63 Jahr Jungen Mädchen täglich/ mehrmals pro Woche einmal pro Woche/ mehrmals pro Monat einmal pro Monat, seltener nie täglich/ mehrmals pro Woche einmal pro Woche/ mehrmals pro Monat einmal pro Monat, seltener nie 1998 63 13 9 15 33 23 18 26 1999 67 12 7 14 36 26 18 20 2000 70 14 8 9 49 21 19 12 2001 72 12 7 10 56 20 13 11 2002 77 15 6 3 62 23 11 4 2003 80 14 4 2 60 24 11 4 2004 78 12 7 3 64 20 12 4 2005 82 10 5 3 69 19 8 4 Tabelle 14: Computernutzung 12- bis 19-Jähriger 1998–2005 in Prozent Quelle: JIM-Studie 1998–2005 Mädchen an oberster Stelle, dennoch werden Mädchen um 15 Prozent von den Jungen überboten. Ein ähnliches Verhältnis ergibt sich beim Spielen gemeinsam mit anderen. Deutliche Unterschiede stellt man außerdem beim Musikhören via Computer fest. Die Jungen liegen auch hier mit vier Prozent vor den Mäd- chen. Diese bevorzugen den kreativen Umgang mit dem Computer, wozu das Schreiben von Texten, das Erstellen von Zeichnungen oder aber Musik-CDs gehören. Alle übrigen angegebenen Tätigkeiten verzeichnen nur geringe Ab- weichungen zwischen Jungen und Mädchen (Tabelle 15). Diese Tendenzen setzen sich mit leichten Schwankungen relativ konstant über die Jahre hinweg fort. Eine aktuelle Liste von beliebten Computerspielen umfasst Simulations- spiele wie „Die Sims“ und „Formel 1“, Strategiespiele wie „Tetris“, Fun- und Gesellschaftsspiele wie „Harry Potter“, Action- und Jump&Run-Spiele wie „Moorhuhn“, „Barbie“ und „Sponge Bob“, Sportspiele wie „Fußball-Simula- tion“ und „FIFA“, Lernspiele wie „Löwenzahn“ und Adventurespiele wie „Tomb Raider/Lara Croft“. Die Reihenfolge entspricht einer Top-Down-Liste in einer Beliebtheitsskala. Hierbei ergeben sich große Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Zu den Favoriten der Jungen gehören Simulations-, Strategie-, Action-, Sport- und Adventurespiele. Mädchen hingegen widmen sich eher Fun-/Gesellschafts-, Jump&Run- sowie Lernspielen. (vgl. KIM-Studie 2005, 35) 64 Tabelle 15: Tätigkeiten am Computer von 6- bis 13-Jährigen 2005 in Prozent Basis: n = 919, Quelle: KIM-Studie 2005, 29 Tätigkeit Mindestens einmal pro Woche Mädchen Jungen Alleine PC spielen 55 70 Mit anderen PC spielen 45 56 Für die Schule 49 49 Lernprogramme benutzen 44 45 Internet surfen 40 41 Mit PC malen/zeichnen 38 33 Texte schreiben 36 34 PC-Lexikon 27 28 Musik hören 25 29 DVDs anschauen 13 15 DVDs/CDs brennen 9 11 Bilder/Videos bearbeiten 10 9 Musik-CDs erstellen 10 9 Programmieren 8 10 In der KIM-Studie 2000 wurde ein weiteres Kriterium entwickelt, bei dem nach den Computerkompetenzen der Kinder gefragt wurde (Tabelle 16). Dieser Umfrage zufolge schätzt sich lediglich ein geringer prozentualer Anteil der Jungen und Mädchen in Bezug auf Software- und Technik-Kenntnisse als kompetent ein und dies bei beiden Geschlechtern in ähnlicher Art und Weise. Allerdings veranschaulichen die Werte in Tabelle 36, dass sich Jungen dennoch etwas sicherer im Umgang mit dem PC fühlen als gleichaltrige Mädchen. Jugendliche haben bei der Nutzung des Computers ähnliche Interessen wie Kinder. Allerdings fallen die Intensitäten anders aus. Der Schule wird gegen- über den Kindern ein noch größerer Stellenwert zugesprochen. Auch die Funk- tion eines Lexikons kommt hier deutlicher zum Ausdruck als dies noch bei den Kindern der Fall war. Arbeiten am Computer für die Schule belegt ins- gesamt im Jahr 2005 bei den Jugendlichen jedoch nur Platz 3. Angeführt wird die Liste der beliebtesten Tätigkeiten mit dem PC von der Musiknutzung, es folgen Computerspiele, und unmittelbar nach den Arbeiten für die Schule ist das Schreiben von Texten zu erwähnen (Tabelle 17). 65 Tätigkeit Täglich/mehrmals pro Woche Mädchen Jungen mit PC Musik hören 50 67 Computerspiele 15 61 für die Schule arbeiten 37 38 Texte schreiben 35 30 Musik-CDs erstellen 10 17 Bild-, Foto-, Videobearbeitung 14 13 CDs brennen 12 15 Lernprogramme/-software 12 13 Bearbeiten von Tönen, Musik 4 13 DVDs anschauen 5 13 Malen, Zeichnen, Grafiken 9 8 Programmieren 3 10 Einschätzung Eigene Einschätzung der Kinder Jungen Mädchen PC-Software PC-Technik PC-Software PC-Technik sehr gut 5 1 5 2 gut 52 34 46 20 weniger gut 33 44 36 52 gar nicht gut 11 20 12 25 Tabelle 16: Computerkompetenzen 6- bis 13-Jähriger 2000 in Prozent Basis: n = 740, Quelle: KIM-Studie 2000, 36–37 Tabelle 17: Tätigkeiten am Computer von 6- bis 13-Jährigen 2005 in Prozent Basis: n = 1.142, Quelle: JIM-Studie 2005, 31 Zum Vergleich mit den bisherigen Daten sollen die Zahlen der Studie Kin- derwelten 2004 (Schmit, C. / Krapf, M. 2004) herangezogen werden. Auffällig erscheint nach dieser Studie bei der Computernutzung, dass ein großer Teil der Kinder nie Zeit vor dem Computer verbringt (Jungen: 43 %, Mädchen: 45 %). Von häufiger Nutzung kann man auch nicht wirklich sprechen (Jungen: 27 %, Mädchen: 20 %), eher von gelegentlichem PC-Gebrauch, bei dem die Mädchen mit 35 Prozent vor den gleichaltrigen Jungen mit 30 Prozent liegen. Betrachtet man die Computerspiele, so ist festzustellen, dass sie in diesem Alter laut Kinderwelten 2004 nicht den gleichen hohen Stellenwert haben, wie es beispielsweise bei der KIM-Studie 2005 deutlich wurde. 45 Prozent der Jungen und 49 Prozent der Mädchen gaben an, nie Computerspiele zu spielen. Ähnlichkeiten zwischen den Studien zeichnen sich dadurch aus, dass Jungen tendenziell häufiger und intensiver mit Computerspielen beschäftigt sind als Mädchen. Die Werte der häufigen und gelegentlichen Computernutzung liegen bei Jungen bei 24 und 31 Prozent, bei den Mädchen bei 14 und 37 Prozent. Andere Nutzungsintentionen in Bezug auf die beiden Geschlechter wirken sich folgendermaßen aus: Jungen nutzen den PC auf vielfältigere Art und Weise und lassen sich stärker von technischen Funktionen und Möglichkeiten beein- drucken (z. B. Hardware). Mädchen hingegen wenden sich überwiegend der Anwendung von Programmen zu, anstatt sie, wie die Jungen, näher auf ihre technischen Grundlagen hin zu untersuchen. (ebd.: 58) Geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen darin, dass Jungen mehr Musik über den Computer hören, ihn für Spiele nutzen oder zum Programmie- ren, und den Computer als Portal für das Internet betrachten. Mädchen erachten kreative Tätigkeiten für wichtiger, wozu das Schreiben von Texten, Malen und Zeichnen, der Gebrauch von Lernsoftware und Ähnliches gehören. Die Internet- nutzung ist jedoch auch bei den Mädchen recht hoch und der Unterschied zu den Jungen nur sehr gering. Beide begeistern sich in ähnlicher Weise für Lernprogramme und Lexika-Funktionen. Konkretisiert man wiederum das Computerspiel-Angebot, wie bereits bei den Kindern geschehen, bedeutet dies: Jungen mögen vor allem Actionspiele (z. B. „Counterstrike“) und Sport- und Simulationsspiele wie beispielsweise „Need for Speed“ oder auch Rollenspiele, Mädchen bevorzugen hingegen Strategie- und Jump&Run-Spiele (z. B. „Die Sims“). (vgl. JIM-Studie 2005, 33) Über die vergangenen Jahre hinweg werden Computerspiele für Mädchen ebenfalls bedeutender. Jump&Run-Spiele verlieren mit zunehmendem Alter an Attraktivität, Actionspiele hingegen stoßen vermehrt auf Resonanz. Internet Kinder im Alter von 6- bis 13 Jahren verfügen im Jahr 2000 noch zu einem relativ geringen Anteil über einen eigenen Internetanschluss. Innerhalb von fünf Jahren hat sich die Ausstattung jedoch von 4 % auf 7 % fast verdoppelt. 66 Mit zunehmendem Alter erhöhen sich die Möglichkeiten, sich mit dem Internet zu beschäftigen. 41 Prozent der Jungen und 28 Prozent der Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren verfügen über einen eigenen Internetanschluss. Die Internetnutzung 6- bis 13-Jähriger hat sich innerhalb von fünf Jahren stark verändert (Tabelle 18). Markant ist, dass die Internetnutzung, sowohl alters-, als auch geschlechtsspezifisch betrachtet, um ein immenses Maß an- gestiegen ist. Das Alter ist insofern von Bedeutung, da mit zunehmendem Alter der „Internet-Konsum“ stetig ansteigt. Beispielhaft dafür wären die 6- bis 7-Jährigen mit einem prozentualen Anteil von 33 Prozent und die 12- bis 13-Jährigen mit einem mehr als doppelt so hohen Anteil von 84 Prozent im Jahr 2005. Ingesamt ist die Rate der männlichen Internetnutzer im Jahres- vergleich um mehr als das Fünffache gestiegen, bei den Mädchen hat sich der Wert um mehr als Sechsfache erhöht. Die Internetnutzung hat bei beiden Geschlechtern innerhalb von lediglich fünf Jahren stark zugenommen, dabei fällt die tägliche Nutzung weniger stark ins Gewicht. Das Hauptaugenmerk liegt vor allem bei der mehrmaligen Nutzung des Internets innerhalb einer Woche. Über die Hälfte aller Kinder in diesem Alter surfen innerhalb einer Woche im World Wide Web (Tabelle 19). 67 Jahr Jungen Mädchen jeden/ fast jeden Tag ein- oder mehrmals pro Woche seltener jeden/ fast jeden Tag ein- oder mehrmals pro Woche seltener 2002 10 41 49 6 39 55 2006 15 43 43 14 43 42 Zumindest selten Jahr Jungen Mädchen 6–7 Jahre 8–9 Jahre 10–11 Jahre 12–13 Jahre 1999 13 11 3 5 13 23 2000 32 30 16 24 33 37 2002 53 51 36 45 49 66 2003 58 62 38 52 63 71 2005 68 68 33 54 73 84 2006 71 72 31 60 84 91 Tabelle 18: Alters- und geschlechtsspezifische Internetnutzung 6- bis 13-Jähriger 1999–2005 in Prozent Quelle: KIM-Studie 1999–2006 Tabelle 19: Internetnutzungsfrequenz 6- bis 13-Jähriger 2002 und 2005 in Prozent Quelle: KIM-Studie 2002, 2006 Ebenso wie die Internetnutzungsgewohnheiten der Kinder, haben sich auch die der Jugendlichen verändert (Tabelle 20). Jungen liegen auch hier bei der Internetnutzung vorne und bleiben es auch konstant. Doch im Laufe der Jahre nähern sich die prozentualen Anteile der Jungen und Mädchen immer weiter an. Während 1998 21 Prozent der Jungen das Internet genutzt haben, sind es bei den Mädchen gerade mal 14 Prozent. Anders im Jahr 2005: Die Differenz beträgt geschlechterbezogen kaum ein Prozent (Jungen: 87 Prozent, Mädchen: 86 Prozent). Bei der Betrachtung der Gesamtnutzung zwischen 1998 und 2005 bei einem Geschlecht sieht man, dass die Jungen ihre Anzahl mehr als ver- vierfacht haben, bei den Mädchen haben sich die Werte sogar versechsfacht.m Bei den Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren lassen sich ähnliche Tendenzen feststellen (Tabelle 21). Auch die tägliche, wöchentliche, monat- liche und seltene Internetnutzung ist bei den jugendlichen Jungen und Mädchen im Laufe der Jahre sehr ähnlich. Den prozentual größten Teil nimmt die täg- liche Nutzung ein, bei Jungen ebenso wie bei Mädchen. Das Internet wird also bei Jugendlichen zunehmend mehr zu einem täglich verwendeten Medium. 68 Zumindest selten Jahr Jungen Mädchen 1998 21 14 1999 35 23 2000 62 51 2001 67 59 2002 83 83 2003 87 81 2004 86 84 2005 87 86 Jahr Jungen Mädchen täglich/ mehrmals pro Woche einmal pro Woche/ mehrmals pro Monat einmal pro Monat, seltener seltener täglich/ mehrmals pro Woche einmal pro Woche/ mehrmals pro Monat einmal pro Monat, seltener seltener 2000 53 26 6 16 47 29 9 15 2001 66 20 6 8 64 23 7 7 2002 66 24 3 6 59 26 6 9 2003 69 21 4 6 63 27 6 4 2004 61 20 8 12 56 27 5 12 2005 72 18 5 6 68 19 6 7 Tabelle 20: Internetnutzer (12–19 Jahre) 1998–2005 in Prozent Quelle: JIM-Studie 1998–2005, 35 Tabelle 21: Internetnutzung 12- bis 19-Jähriger 2000–2005 in Prozent Quelle: JIM- Studie 2000–2005, 36 Womit beschäftigen sich Kinder, wenn sie im Internet surfen? Was sind ihre Intentionen bei der Beschäftigung mit dem Internet? Wenn Jungen das Internet nutzen, dann kommt den Online- und Netzspielen, sowie den Spiele- Downloads, und weiterhin dem Anhören von Musikdateien, den Downloads und dem Webradio die wichtigste Bedeutung zu. Das Versenden und Empfan- gen von E-Mails und E-Cards, sowie die Möglichkeit zu chatten werden eher von Mädchen bevorzugt, sie gebrauchen das Internet überwiegend für kommu- nikative Zwecke. (vgl. KIM-Studie 2005: 43) Interessanterweise nehmen die Informationssuche für die Schule und zu bestimmten Themen sowie das Versenden und Empfangen von E-Mails einen hohen Stellenwert gegenüber den anderen Nutzungsinteressen ein. Die Möglich- keit, über das Internet auch andere Medien, also zum Beispiel das Fernsehen oder das Radio zu benutzen, wird kaum berücksichtigt. Das Internet bietet hier also keinen Ersatz für andere Medien, sondern wird als Forum für Informa- tionen und Kommunikation betrachtet. Da insgesamt die Nutzungswerte bei der Gruppe der 6- bis 13-Jährigen in einem niedrigeren Bereich liegen, sind Daten zu geschlechtsspezifischen Differenzen nicht besonders aussagekräftig.m Die Liste der meist besuchten Internetseiten 2005 wird bei den Kindern dieser Altersgruppe von jenen angeführt, die zu einer Fernsehsendung gehören, dicht gefolgt von denen, die von einem Fernsehsender stammen. Es folgen Seiten von einer Zeitschrift, der Schule, von Spiele-Anbietern, Comics und Radiosendern. Bei Mädchen dominieren vor allem die Internetseiten von Fern- sehsendungen und -sendern, Jungen favorisieren jene von Spiele-Anbietern und jene, die auf Comics basieren. (vgl. KIM-Studie 2005: 44) Bei der Frage nach den beliebtesten Internetseiten werden „toggo.de“, „kika.de“, „geolino.de“, „bravo.de“ und „tivi.zdf.de“ in dieser Reihenfolge genannt. (vgl. KIM-Studie 2005: 43) Aufgrund der geringen Basiswerte (n = 155 Kinder) ist die Repräsen- tanz dieser Aussagen jedoch schwierig zu beurteilen. Das Internet ist für Jugendliche primär ein Medium, um kommunizieren zu können. Somit gehören der Versand und der Empfang von E-Mails sowie die Möglichkeit zum Chatten und Instant-Messaging zu den beliebtesten und meist- genutzten Tätigkeiten. Hierbei ergeben sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Kommunikation per E-Mails ist für beide Geschlechter in etwa gleichbedeutend, die Mädchen weisen lediglich eine Differenz um zwei Prozent auf. Anders er- scheint dies beim Instant-Messaging, da hierbei die Jungen „die Nase vorn haben“ und sich um 11 Prozent von den Mädchen deutlich abheben. Weiterhin wird das Internet als Medium zur Informationsbeschaffung be- trachtet. Der Suchmaschine „Google“ kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Die gesuchten Informationen reichen von schulischen Aufgaben über Tipps und News zu regionalen Veranstaltungen bis zu einem Überblick über die aktuellen Nachrichten – eine große Bandbreite also. Auch an dieser Stelle liegen die prozentualen Werte der Jungen deutlich vor denen der Mädchen. 69 Handelt es sich jedoch um Informationen, die Berufsschulen und Arbeitsplätze bereithalten, so zeigen Mädchen einen größeren Vorsprung gegenüber den Jungen. Weitere Interessensbereiche im Umgang mit dem Internet sind das Durch- stöbern von Internetauktionen wie beispielsweise „eBay“, der Schwerpunkt besteht jedoch vor allem beim Stöbern, nicht aber beim tatsächlichen Kauf. Hier liegen die Jungen im Vergleich zu den Mädchen ähnlich weit vorn wie beim Downloaden von Musik, Dateien und insbesondere bei Netz-, Multi-User- Spielen sowie bei der Nutzung von Newsgroups. Dies sind Tendenzen, die sich schon im Jahr 1999 herauskristallisiert haben und auch im Jahr 2005 mit leichten Schwankungen bestätigt werden können. In der JIM-Studie 2005 wird darauf verwiesen, dass Jungen und junge Männer nach eigener Einschätzung aufgeschlossener und offener an Aktivitäten im Internet herantreten und somit „[…] ihre persönlichen Interessen und geschlechtsspezifischen Affinitäten im Internet […]“ umsetzen würden als Mädchen (JIM-Studie 2005: 37). Konkretisiert man nun die Aktivitäten im Internet von Jungen und Mädchen, so stellt man fest: Das Ansehen von Filmen und Videos im Internet, Telefonate über das Internet, die Nutzung von Filesharing-Angeboten und die Gestaltung von Websites sind für Jungen von zentraler Bedeutung. Die Bandbreite der Aktivitäten und die Nutzungsfrequenz sind insgesamt bei männlichen Jugend- lichen deutlich höher als bei Mädchen. Diese nutzen das Web ebenfalls haupt- sächlich für Telefonate, Filme oder Videos und Ähnliches, doch der prozentuale Anteil ist mit drei und zwei Prozentpunkten sehr gering. Lieblingswebseiten der Jugendlichen haben sich im Verlauf der vergangenen sechs Jahre stark verändert. Suchmaschinen und Informationsportale haben dabei den größten Zuwachs zu verzeichnen – bei Jungen ebenso wie bei Mädchen. Eine um- gekehrte Richtung lässt sich anhand der TV- und Radiosender ausfindig machen. Noch vor ein paar Jahren standen sie in der Rangliste der beliebten Webseiten bei Jungen und Mädchen weit oben. Dies ist leicht rückläufig, denn sie belegen in einer aktuellen Rangliste von 2005 nur Platz 3, den Internetauktionären auf Platz 2 folgend, die vor allem bei Jungen auf große Resonanz stoßen. Chat-Seiten sind für Mädchen stärker von Bedeutung, ebenso Webseiten, die Stars, „Promis“ und die Zeitschrift Bravo thematisieren. Sportsendungen, vor allem die Bundesliga, sowie Zeitschriften und Zeitungen allgemein sind Bereiche bzw. Seiten im Internet, die hauptsächlich von Jungen genutzt werden. Das Flirtangebot „knuddels.de“ ist wiederum für Mädchen sehr interessant; im Jahr 2005 sprachen sich sieben Prozent der weiblichen Jugendlichen und nur drei Prozent der männlichen für diese Lieblingsseite aus. (Vgl. JIM-Studie 2005: 39 f.) 70 5.4 Mediennutzung – Radio und Tonträger Ein weiteres wichtiges Medium tritt nun an dieser Stelle hinzu – das Radio und andere auditive Medien. Beide sind schon seit langen Jahren fester Bestand- teil bei der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen und sollen daher auch hier einen Platz finden. Die Geräte sind nicht nur in den Haushalten generell stark vertreten, sondern auch in den Kinderzimmern. Die Hälfte aller Kinder hat Radiogeräte, Kassetten- recorder oder Tonbandgeräte in den eigenen vier Wänden. Die Ausstattung von Hifi-Stereoanlagen beträgt hingegen lediglich ein Fünftel. Jugendliche sind ebenfalls sehr gut mit Radiogeräten und CD-Playern ausgestattet. Mit zunehmendem Alter steigt auch die persönliche Ausstattung, die bei den Jungen über 80 %, bei Mädchen sogar über 90 % liegt. Das Radio wird von gut einem Drittel aller 6- bis 13-Jährigen fast täglich genutzt. Dieser Trend lässt sich über die Jahre hinweg verfolgen. Innerhalb der letzten Jahre ist die Nutzung sogar um einiges angestiegen, bei Jungen gleicher- maßen wie bei Mädchen, sie behalten bei der Nutzung eines Radios jedoch konstant die Überhand. Ähnlich ist dies bei anderen Tonträgern, wie Kassetten, CDs und/oder Schallplatten. Die prozentualen Werte pendeln sich um die 30-Prozent-Marke ein. Bei Mädchen ist der Trend recht kontinuierlich, bei den Jungen steigt und fällt der eben genannten Wert. Das Radio wird bei den weiblichen Jugendlichen etwas häufiger genutzt als bei den männlichen Jugendlichen und bewegt sich mit einer gewissen Spann- breite über die Jahre hinweg um die 80 %. Bei den Jungen ist in den letzen Jahren eine geringere Nutzung des Radios festzustellen, die um etwa 10 % niedriger liegt als die Jahre zuvor. Allgemein ist Musik das wichtigste Kriterium beim Radiohören. Nach- richten, Spiele und andere Bereiche werden von Kindern kaum bzw. gar nicht beachtet. Allgemein ist das Radio ein „Nebenbei-Medium“, das neben vielen anderen Tätigkeiten genutzt wird. Die Daten machen zeigen auch deutlich, dass Musik bei den Jugendlichen in Bezug auf die Radionutzung an oberster Stelle steht. An zweiter Stelle folgen Nachrichten und Aktuelles, an dritter die regionalen Veranstaltungshin- weise. Humoreske Beiträge, Sketche, Moderationen und Tipps für Computer- spiele liegen in der prozentualen Verteilung nicht weit auseinander. Allerdings zeigen sich erhebliche Unterschiede in den Präferenzen zwischen Jungen und Mädchen. Musik und Nachrichten sind für beide Geschlechter in ähnlicher Weise von großer Bedeutung. Jungen geben an, vor allem Beiträge zum Sport, Internet- Tipps und Tipps für Computerspiele zu bevorzugen, während Mädchen hin- gegen einen größeren Stellenwert auf Veranstaltungshinweise, Konzertinforma- tionen und Hörerwünsche legen. 71 MP3-Player Musik ist ein Bereich, mit dem sich Kinder und Jugendliche sehr gerne be- schäftigen. Dies wurde bereits bei der Analyse des Mediums „Radio“ deutlich. Bereits im Kindesalter trifft es auf reges Interesse und verstärkt sich mit zu- nehmendem Alter. Anders als bei vielen anderen Medien ist Musik jedoch nicht nur an ein einziges Medium gebunden. Vielmehr zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie durch unterschiedliche Medien genutzt werden kann – Radio, CD-Player, Walkman, Discman, Mini-Disc-Player, MP3-Player und iPods. In den vergangenen Jahren sind der klassische Walkman und Discman immer mehr in den Hintergrund gerückt und durch neuere Techniken von MP3-Playern und iPods ersetzt worden. Bereits im Kindesalter finden Walkman und MP3- Player eine große Zustimmung. Im Jahr 2003 war der Anteil der Kinder, die über einen Walkman verfügen, jedoch noch deutlich höher als der Anteil der Kinder, die mit einem MP3-Player ausgestattet waren (Tabelle 22). Laut KIM 2005 sind im Jahr 2005 die prozentualen Werte noch einmal deutlich angestiegen. Nach den Angaben der Erziehungsberechtigten sind mittlerweile weitaus mehr Kinder mit einem MP3-Player ausgestattet als bei- spielsweise im Jahr 2003 (vgl. KIM-Studie 2005: 13 f.). Die Ausstattung im Haushalt hat sich somit innerhalb des genannten Zeitraums von 0 auf 30 Pro- zent gesteigert, in persönlichem Besitz der Kinder befinden sich 17 Prozent.m Jugendliche sind bestens mit portablen Musikgeräten ausgestattet. Dabei hat sich die Anzahl der Geräte innerhalb von zwei Jahren bei den Jungen fast vervierfacht, bei den Mädchen sind es fast acht Mal so viele Geräte (Tabelle 23). Die Jungen sind dabei jedoch konstant besser ausgestattet. MP3-Player und iPods scheinen zunehmend mehr zu einem medialen Grundrepertoire zu werden. Medium im Haushalt vorhanden im Besitz oder im Zimmer der 6- bis 13-Jährigen MP3-Player 15 2 Walkman 64 49 72 Jahr Mädchen Jungen 2003* 8 22 2005** 61 71 Tabelle 22: MP3-Player- und Walkman-Ausstattung der 6- bis 13- Jährigen 2003 in Prozent Quelle: Frey-Vor, G. / Schumacher, G. (2004): Studie der ARD/ZDF-Medienkommission – Kernergebnisse für die sechs- bis 13-Jährigen Kinder und ihre Eltern. Kinder und Medien 2003. In: Media Perspektiven 9, 428 Tabelle 23: Besitz von MP3-Playern von 12- bis 19-Jährigen 2003 und 2005 in Prozent ** Basis: n = 1.209 (nur MP3-Player berücksichtigt), Quelle: JIM-Studie 2003, 17 ** Basis: n = 1.203, Quelle: JIM-Studie 2005, 10 MP3-Player werden bereits von Kindern genutzt, allerdings noch recht selten. Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen, sofern man von tatsächlichen Differenzen sprechen kann, darin, dass Jungen dieses Medium etwas mehr nutzen als Mädchen. Zentral scheint bei der Betrachtung dieses Mediums vielmehr das Alter. Hier erkennt man: Je älter die Kinder werden, desto höher ist der Musik-Konsum per MP3-Player. Während lediglich drei Prozent der 6- bis 7-Jährigen täglich das Medium nutzen, macht der prozen- tuale Anteil bei den 12- bis 13-Jährigen schon fast ein Fünftel aus. Dies ent- spricht also fast einer Versiebenfachung der Nutzung zwischen den Alters- gruppen der 6- bis 7-Jährigen bzw. 12- bis 13-Jährigen. Mehr als 70 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren nutzen einen MP3-Player regelmäßig, d. h. täglich oder mehrmals pro Woche (Ta- belle 24). Lediglich sieben Prozent nutzen dieses Medium einmal wöchentlich bzw. mehrmals pro Monat, 17 Prozent entfallen auf die Nichtnutzer dieses Mediums. In der Nutzungsintensität liegen die Jungen vor den Mädchen. Die Zahlen verdeutlichen: Mehr Jungen nutzen MP3-Player (Mädchen: 63 %, Jun- gen: 76 %) und analog gehören mehr Mädchen zu der Gruppe der Nichtnutzer (Mädchen: 21 %, Jungen: 12 %). Allerdings darf nicht unbeachtet bleiben, dass dennoch mehr als die Hälfte aller Jugendlichen, ganz gleich welchen Ge- schlechts, MP3-Player nutzt. Der Altersvergleich verdeutlich außerdem: Mit zunehmendem Alter steigt das Interesse an der Nutzung. Während 57 Prozent der 12- bis 13-Jährigen täg- lich/mehrmals pro Woche auf dieses Medium zurückgreifen, liegt der Prozent- wert der 14- bis 15-Jährigen bereits bei 74 Prozent, bei den 16- bis 17-Jährigen sind es sogar 76 Prozent. Die folgende Altersgruppe der 18- bis 19-Jährigen hingegen verbucht einen leichten Rückgang mit 72 Prozent. Welche Rolle kommt dem Computer in Bezug auf das Abspielen von digi- talen Audiodaten zu? Sind MP3-Player und iPods die zentralen Medien oder teilen sie sich den Rang des beliebtesten Abspielgerätes? Wiederum liefert die JIM-Studie 2005 wichtige Antworten. Insgesamt ist die Tendenz festzustellen, dass die ausschließliche Nutzung von flexiblen, tragbaren Geräten, also den MP3-Playern und iPods bevorzugt wird (41 %). 22 Prozent geben an, MP3- Musik oder anderes w m 12/13 J. 14/15 J. 16/17 J. 18/19 J. Täglich/mehrmals pro Woche 63 76 57 74 76 72 Einmal/Woche – mehrmals/Monat 6 7 8 7 5 5 Einmal/Monat, seltener 9 5 8 5 7 7 Nie 21 12 27 14 12 15 73 Tabelle 24: Nutzung von MP3-Playern von 12- bis 19-Jährigen 2005 in Prozent Basis: n = 1.203, Quelle: JIM-Studie 2005, 14 Dateien nur über den Computer zu hören; die Nutzung beider Medien liegt bei 35 %. Auch hierbei zeigen sich Unterschiede in der Nutzung zwischen Jungen und Mädchen. MP3-Player und iPods sind für Mädchen zentral zum Hören von digitalen Audiodateien. Lediglich 19 Prozent geben den Computer an, 28 Prozent entfallen auf die Mischung beider Medien. Bei den Jungen zeigt sich ein eher ausgeglichenes Nutzungsprofil. So nutzen 24 Prozent den PC, 40 Prozent beide Medien und 36 Prozent geben MP3-Player und iPods als wichtiges Medium an. (vgl. JIM-Studie: 13 ff.) Ein weiteres Kriterium in Bezug auf Nutzungspräferenzen ist die Anzahl von gespeicherten MP3-Musiktiteln. Auch hierbei dominieren die Jungen; die Kluft in der Anzahl der Titel ist zwischen Jungen und Mädchen sehr groß. 52 Prozent der Mädchen geben an, unter 100 Titel gespeichert zu haben, die restlichen Prozent entfallen auf 100 bis unter 500 Titel (34 %) sowie 500 bis unter 5.000 Titel (13 %). Wiederum ist das Verhältnis der Anzahl der Titel untereinander bei den Jungen ausgeglichener. Unter 100 Titel verzeichnen einen prozentualen Wert von 38 Prozent, 30 Prozent geben an, 100 bis unter 500 Titel gespeichert zu haben, 23 Prozent verfügen über ein Repertoire von 500 bis unter 5.000 Titel, drei Prozent über eine Anzahl von 5.000 bis unter 10.000 Titel und immerhin vier Prozent der Jungen besitzen 10.000 gespeicherte Titel oder sogar darüber hinaus. (Vgl. JIM-Studie: 15) 5.5 Mediennutzung – Printmedien Buch Die Datenerhebungen zu Buchbesitz und -nutzung sind in der Medienforschung nicht einheitlich, so dass je nach Studie recht unterschiedliche Werte publiziert werden. Die Angaben über den Buchbesitz beruhen zum Beispiel auf Schät- zungen der Befragten. Die folgenden Angaben entstammen überwiegend dem Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest. 74 lesende Kinder Mädchen und Jungen 6–7 Jahre 8–9 Jahre 10–11 Jahre 12–13 Jahre bis unter 20 Bücher 37 26 41 35 43 20 bis unter 50 Bücher 43 31 46 43 49 über 50 Bücher 10 7 7 14 13 Tabelle 25: Buchbesitz 6- bis 13-Jähriger 1999 (Angaben in Prozent) Basis: n = 927, Quelle: KIM-Studie 1999, 35 (die unklaren Prozentsummen bei den Altersgruppen sind auch im Original vorhanden) Das Geschlecht der Kinder spielt in diesem Zusammenhang nach den Be- funden des mpfs eine untergeordnete Rolle. Kennzeichnende Unterschiede zeigen sich in den einzelnen Altersstufen. Vergleicht man die Altersstufen 6–7 Jahre und 8–9 Jahre (Tabelle 25), so steigt der Anteil der Kinder, die unter 20 Büchern und 20 bis 50 Bücher besitzen. Die Angaben über 50 Bücher bleiben konstant. Der Vergleich der Altersstufe 10–11 Jahre und 12–13 Jahre zeigt ähnliche Ergebnisse. Der Buchbesitz der Adoleszenten hingegen zeigt Differenzen hinsichtlich der Geschlechter. Die Mädchen sind laut Tabelle 26 deutlich besser mit Büchern ausgestattet als Jungen dieser Altersgruppe. Gut die Hälfte aller Mädchen besitzt mehr als 50 Bücher, bei den Jungen liegt der prozentuale Anteil deut- lich darunter. Aktuellere Daten sind den weiterführenden KIM- und JIM- Studien nicht zu entnehmen. Während sich die Fernsehnutzungsgewohnheiten bei Jungen und Mädchen im Kindesalter im Laufe der Jahre immer stärker annäherten, zeigen sich bei der Buchnutzung deutliche Unterschiede (Tabelle 27). Die Daten der Mädchen liegen dabei doppelt so hoch wie die der Jungen. Die Werte stagnieren im Jahresverlauf. Jahr Buchnutzung (ohne Schulbuch) Jungen Mädchen 1999 4 9 2003 4 8 2005 4 8 Kriterium Jungen Mädchen Gesamt in Prozent 58 62 unter 20 Bücher in Prozent 24 11 50 Bücher und mehr in Prozent 39 47 75 Tabelle 26: Buchbesitz 12- bis 19-Jähriger 1998 Basis: n = 803, Quelle: JIM-Studie 1998, 21 Tabelle 27: Geschlechtsspezifische Buchnutzung/ liebste Freizeitbeschäftigung 6- bis 13-Jähri- ger 1999, 2003 und 2005 in Prozent Quelle: KIM-Studie 1999, 2003 und 2005 Gut ein Drittel der Jungen und die Hälfte aller befragten Mädchen im Jugendalter sind tägliche Leser oder nutzen dieses Medium zumindest mehr- mals pro Woche (Tabelle 28). Bücher können damit als beständiges Medium im alltäglichen Leben von Jugendlichen angesehen werden. Mädchen liegen im Jahresvergleich kontinuierlich vor den Jungen, die Diffe- renzen liegen zwischen 10 und zum Teil fast 20 Prozent. Die Nutzung der Jungen schwankt über die Jahre hinweg recht stark, vor allem zwischen 2003 und 2004 ist eine enorme Steigerung zu erkennen. Bei den Mädchen ist die Nutzung relativ konstant. Auch hier ist die Nutzung zwischen 2003 und 2004 markant. Nach der Studie Kinderwelten 2004 (Schmit, C. / Krapf, M. 2004) lasen fast die Hälfte aller Mädchen (48 %) im Jahr 2004 häufig Bücher. 37 % der Mädchen lesen gelegentlich und 16 % geben an, nie ein Buch in die Hand zu nehmen. Bei den Jungen fällt dieses Ergebnis ganz anders aus. Lediglich 24 Pro- zent der Jungen der betrachteten Altersgruppe greifen häufig zu einem Buch, dafür liegt die gelegentliche Nutzung bei einem großen prozentualen Wert von 46 Prozent. Die Anzahl der Jungen, die gar nicht lesen ist jedoch fast doppelt so hoch wie bei den weiblichen Nicht-Lesern (31 %). (ebd.: 56) Bei der Frage nach beliebten Büchergenres ist eine Vergleichbarkeit nur schwer durchführbar, da andere Genres bei der Nennung zur Verfügung stan- den. Demnach lesen Mädchen bevorzugt Bücher mit Geschichten, Bücher zu Kinofilmen, Spiel- und Bastelbücher, Bilderbücher und Bücher zu Stars. Jungen hingegen wenden sich überwiegend Comicbüchern und Mangas zu. Beide Geschlechter liegen auf einem ähnlichen prozentualen Wert in Bezug auf Sach- bücher/Lexika. Sie liegen im Gesamtvergleich auf Platz 3, den Büchern mit Geschichten auf Platz 1 und Comicbüchern auf Platz 2 folgend (ebd.). Jahr täglich/mehrmals pro Woche Jungen Mädchen 1998 30 47 2000 25 47 2001 33 45 2002 27 49 2003 30 47 2004 41 52 2005 31 50 2006 34 47 76 Tabelle 28: Geschlechtsspezifische Buchnutzung in der Freizeit 12- bis 19-Jähriger 1998–2006 in Prozent Quelle: JIM-Studie 1998–2006 Nutzungspräferenzens Bilderbücher und Märchen – sind sie die beliebtesten Bücher von Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren oder haben sich die Favoriten im Laufe der Jahre verändert? Generell lässt sich laut KIM 2006 sagen: Fantasiegeschichten und Fernsehbegleitbücher sind Genres, die von Jungen und Mädchen mit ähnlicher Begeisterung genutzt werden. Deutliche Unterschiede ergeben sich bei ande- ren Genres, wie beispielsweise den Comics. Neben Abenteuerbüchern, Sach- büchern/Zeitschriften (ohne Tiere), Detektivgeschichten und Mangas/Animées gehören sie zum beliebtesten Lesematerial der Jungen. Mädchen wenden sich im Besonderen Tiergeschichten, Sachbüchern/Zeitschriften über Tiere, Zauber- und Hexengeschichten sowie Märchen und Bilderbüchern zu. Tabelle 29 bestätigt die Beliebtheit einzelner Genres, in dem einzelne be- kannte und von Kindern genannte Buchtitel konkretisiert werden. Das Alter spielt bei der Beliebtheit des Genres ebenfalls eine große Rolle. Laut KIM 2006 mögen jüngere Kinder vor allem Tiergeschichten, Zaubergeschichten, Bilderbücher und Märchen. Comics, Mangas/Animées bleiben konstant beliebt. Fantasiegeschichten sprechen überwiegend ältere Kinder an. Bei den anderen Themenbereichen sind keine eindeutigen Tendenzen in den Alterskategorien ausfindig zu machen. Jahr Lese sehr gerne Lese gerne Lese nicht so gerne Lese gar nicht gerne Jungen Mädchen Jungen Mädchen Jungen Mädchen Jungen Mädchen 1999 12 20 41 51 41 25 5 3 2003 11 20 34 47 36 23 9 3 2005 10 19 36 45 32 23 12 7 2006 7 25 29 37 33 21 10 4 77 Tabelle 29: Büchertitel – beliebte Bücher von 6- bis 13-Jährigen 2006 in Prozent Basis: n = 1.083; Quelle: KIM-Studie 2006, 28 Tabelle 30: Freude am Lesen 6- bis 13-Jähriger 1999–2006 in Prozent Quelle: KIM-Studie 1999, 2003, 2005 und 2006 Büchertitel Mädchen Jungen „Harry Potter“ 13 24 „Tierbuch“ 11 7 „Märchenbuch“ 3 2 „Die wilden Kerle“ 1 3 „Der Herr der Ringe“ 2 3 „Die wilden Hühner“ 4 0 „Hanni und Nanni“ 4 0 Mädchen zeigen fast doppelt soviel Interesse und Freude am Lesen wie gleichaltrige Jungen, wie Tabelle 30 verdeutlicht. Dementsprechend nimmt die Lesebereitschaft der Jungen ab, also mehr Jungen geben an, nicht so gerne oder gar nicht gerne zu lesen als Mädchen dies tun. Im Jahresvergleich ergeben sich kaum Schwankungen. Die Werte bleiben mit wenigen Ausnahmen stabil. Besondere Bücherpräferenzen von Jugendlichen sind den JIM-Studien nicht zu entnehmen. Ein weiterer Artikel der Zeitschrift Media Perspektiven steht nun im Zentrum der Diskussion, da hier die Relevanz des Lesen bei erwachsenen Personen noch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchtet wird. Der Titel lautet: „Lese-Erlebnistypen und ihre Charakteristika: Bücher – ‚Medienklassiker‘“ mit hoher „Erlebnisqualität“, stammt von den Autoren Ursula Dehm, Christoph Kochhan, Sigrid Beeske und Dieter Storll und wurde in der Ausgabe 10/2005 von Media Perspektiven veröffentlicht. Grundlage für die Analyse des Lese- verhaltens in dem Artikel war eine Repräsentativbefragung von 852 Personen in Deutschland, durchgeführt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem ZDF und forsa im Juni 2005. Das Leseverhalten wird hier mithilfe von Erlebnisweisen charakterisiert, einem Untersuchungsdesign, das ursprünglich auf das Medium Fernsehen be- zogen wurde. Diese Erlebnisweisen lassen sich in die fünf Erlebnisfaktoren Emotionalität, Orientierung, Ausgleich, Zeitvertreib und Soziales Erleben unterteilen. Ihre Relevanz in Bezug auf das Lesen wurde mithilfe von Grati- fikationserwartungen (20 Aussagen) gemessen (Dehm u. a. 2005: 521). Untersuchungsergebnisse zeigten, dass die Emotionalität beim Lesen von zentraler Bedeutung ist. Dieser Erlebnisfaktor integriert den Spaßfaktor (84 %), die Möglichkeiten zu entspannen (81 %), den Tagesablauf durch Abwechs- lung zu unterbrechen (73 %) oder eine Spannung während des Lesens aufzu- bauen (68 %). Außerdem kommt dem Humorfaktor eine wichtige Rolle zu (51 %). Die Orientierungsdimension beinhaltet die Lernfunktion, die Möglich- keit zur Beschaffung von Informationen, Anregungen und Motivationen zum Nachdenken. Außerdem ist der Orientierungsdimension beim Lesen auch inso- fern ein wichtiger Wert beizumessen, da sie Gesprächsstoff integriert, ebenso wie Hilfen zur Meinungsbildung. Die Ausgleichs-Funktion wird von 51 % der Befragten als wichtig empfunden, ebenso die beruhigende Wirkung (46 %). Unter die Dimension Zeitvertreib fallen die Aspekte der sinnvollen Zeitnut- zung (56 %), des Zeitverbringens allgemein (49 %) sowie der Gewohnheit (38 %). Der fünften Dimension, also dem Lesen als Soziales Erleben kommt weitaus weniger Bedeutung zu. Hierbei wird vor allem das Zugehörigkeits- gefühl durch Lesen ausgedrückt, was 21 % der Befragten als wichtig erachten (ebd.: 522). Der Artikel legt weiterhin einen Schwerpunkt auf verschiedene Büchergenres und postuliert einen starken Zusammenhang zwischen dem Lese- erleben und spezifischen Lesegenres. Beispiele dafür wären die belletristische 78 Literatur, die mit einer hohen Emotionalität korreliert oder aber Sachbücher, die eher der Orientierung dienen (ebd.). Alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede beim Leseverhalten lassen sich laut diesem Artikel folgendermaßen beschreiben: Die Faktoren Emotiona- lität, Ausgleich und Zeitvertreib fallen bei allen Altersgruppen recht ähnlich aus, während hingegen dem Orientierungsfaktor und dem des Sozialen Erlebens im jungen Alter kaum eine Bedeutung zugemessen wird. Die vorhergehenden Annahmen, dass Frauen häufiger als Männer zu Büchern greifen, bestätigen sich auch hier, allerdings wird zusätzlich betont, dass Frauen vielfältiger und emotionaler lesen als Männer. Frauen sehen im Lesen vor allem auch den Faktor des Ausgleichs, des Zeitvertreibs und des sozialen Erlebens. Männern hingegen scheint die Orientierung etwas wichtiger zu sein, wobei sich hier keine signifikanten Unterschiede abzeichnen (ebd.: 526 ff.). Im weiteren Verlauf des Artikels werden vier Lese-Erlebnistypen heraus- gearbeitet, denen dann die Erlebnisfaktoren in unterschiedlicher Weise zu- geordnet werden. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang jedoch nur die Benennung der Lese-Typen, da somit eine grobe Tendenz der Lesehäufigkeit dargestellt werden kann. Demnach wird zwischen dem begeisterten Kom- pensationsleser, dem habituellen Wellnessleser, dem informationssuchenden Selektivleser und dem zurückhaltenden Orientierungsleser differenziert (ebd.: 529). Zeitungen Neben der Büchernutzung soll nun auch ein weiteres Printmedium betrachtet werden – Zeitungen. Wie viele Nutzer gibt es in diesem Bereich überhaupt? Zeigen Jungen und Mädchen bei diesem Medium starke Differenzen? Dies sind einige der Fragen, die hier thematisiert werden. Das Hauptkriterium Aus- stattung wird hierbei außen vor gelassen. Zeitungen nehmen einen relativ geringen medialen Stellenwert bei Kindern ein. Täglich lesen im Jahre 2005 sechs Prozent der Kinder Zeitung bzw. schauen sie sich an, ein sehr kleiner Teil also. Im Jahresvergleich ergeben sich praktisch keine Veränderungen, der Wert ist seit Jahren unverändert. Die wöchentliche Nutzung ist deutlich höher. So greifen knapp ein Drittel aller Kinder mehrmals pro Woche zu einer Zeitung. Dieser Wert ist jedoch in den letzten fünf Jahren von 36 % auf 28 % gesunken. Während bei der Altersgruppe der 6- bis 13-Jährigen Mädchen und Jungen mit fast identischen prozentualen Werten daran interessiert sind, Zeitung zu lesen, lassen sich bei den jugendlichen Zeitungslesern Differenzen zwischen Mädchen und Jungen feststellen. Anders als bei der Buchnutzung lesen mehr männliche Jugendliche (49 %) als weibliche Jugendliche (39 %) Zeitung. Diese Werte sind auch bei den Mädchen in den letzten Jahren stärker gesunken als bei den Jungen. 79 Da das Lesen von Zeitungen bei Kindern quasi keine Rolle spielt, kann man auch nicht wirklich von Zeitungspräferenzen sprechen. Dieser Punkt wird daher ausgeklammert. Konkrete Zeitungs-, also Lesepräferenzen sind auch bei den Jugendlichen schwer feststellbar. Zeitschriften Ähnlich wie bei den Zeitungen sind Zeitschriften bei den Kindern wenig be- liebt bzw. nicht weit verbreitet. 2002 waren es nur 11 % der Mädchen und 8 % der Jungen, die eine Zeitschrift nutzten. Zeitschriften stoßen bei Jugendlichen zunehmend weniger auf Resonanz. Ihr Beliebtheitsgrad reduzierte sich inner- halb der letzten sechs Jahre um 17 Prozent. Während Ende der 1990er Jahre noch fast die Hälfte aller Jugendlichen das Lesen von Zeitschriften zu einer wichtigen Freizeitbeschäftigung deklarierte, tun dies aktuell im Jahr 2005 nur noch gut ein Drittel (Tabelle 31). Die Tendenz der vermehrten Printmediennutzung mit zunehmendem Alter lässt sich hier besonders verdeutlichen. Schon bei der Zeitung ist dieser Aspekt hervorgetreten. Zeitschriften erfreuen sich hoher Beliebtheit bei den Jugend- lichen. Dabei zeigen sich Differenzen in der Nutzung zwischen Jungen und Mädchen (Tabelle 31). Diese Unterschiede sind deutlicher ausgeprägt als das bei der Betrachtung des Mediums Zeitung der Fall war. Auffällig erscheint, dass das Medium jedoch über die Jahre hinweg an Reichweite verloren hat, bei den Mädchen ist dies besonders kennzeichnend. Die Abnahme von 11 Pro- zent bei den Mädchen führt dazu, dass sich die Werte 2006 zwischen Jungen und Mädchen sehr stark annähern und lediglich ein Prozent Differenz be- steht.m Welche Zeitschriften führen die Beliebtheitsliste der Kinder und Jugend- lichen an? Womit beschäftigen sie sich am meisten – mit Comics oder anderen Genres? Die Daten, die dieser Analyse zugrunde liegen, können dem Anspruch Jahr täglich/mehrmals pro Woche Jungen Mädchen 1998 45 54 2000 44 46 2001 44 47 2002 42 43 2003 35 41 2004 33 33 2005 32 33 2006 28 33 80 Tabelle 31: Geschlechtsspezifische Nutzung von Zeitschriften und Magazinen von 12- bis 19-Jährigen 1998–2006 in Prozent Quelle: JIM-Studie 1998–2006 auf Aktualität nicht ganz gerecht werden, sondern lediglich eine Tendenz dar- stellen. Die Daten sind der Studie KIM 1999 entnommen, weiterführende In- formationen sind nicht auffindbar. Demnach kann man prinzipiell zwei Kriterien unterscheiden: Die Bekanntheit von Zeitschriften und die tatsächlich von Jungen und Mädchen im Alter zwischen 6 und 13 Jahren bevorzugten Zeitschriften. Besonders populär waren im Jahr 1999 vor allem Comics wie „Donald Duck“ oder „Micky Maus“, dicht gefolgt von „Benjamin Blümchen“. Dabei erkennt man kaum geschlechtsspezifische Unterschiede. Ähnlich ist dies auch bei den Zeitschriften „Play“, „Bravo Screenfun“ und „Pumuckl Magazin“. Anders erscheint dies bei der Nutzung von Zeitschriften wie der „Bravo“, „Bravo Girl“, „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten-Magazin“, „Popcorn“ und „Mäd- chen“, „Bussi Bär“, „Wendy“, „Hit“ und „Sugar“. Diese werden deutlich mehr von Mädchen erkannt und benannt als von Jungen. Bei Jungen hingegen domi- nieren im Bekanntheitsgrad bei Zeitschriften wie „Bravo Sport“ und „Simpsons Comics“. (vgl. KIM-Studie 1999, 37). Doch welche Zeitschriften werden auch tatsächlich von den Kindern gelesen? Am häufigsten und vor allem von Mäd- chen in besonderem Maße wird die Zeitschrift „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ gelesen. Bei den Mädchen beträgt der prozentuale Anteil 50 Prozent, bei den Jungen sind es immerhin 29 Prozent. Es folgen der Reihenfolge nach die Zeitschriften „Bravo Sport“ mit deutlichem Lesevorsprung der Jungen und „Bravo Girl“ und „Mädchen“ mit direkter Umkehrung des Leseverhaltens bei Jungen und Mädchen. Comics wie „Donald Duck“, „Micky Maus“ und „Pumuckl Magazin“ werden von beiden Geschlechtern recht gleichermaßen gemocht und gelesen. Während „Bravo“ wieder deutlich von Mädchen bevor- zugt wird, sprechen die Zahlen der Jungen für die Zeitschrift „Simpsons Comics“ eindeutig für eine Dominanz der Jungen. „Wendy“, „Sugar“, „Bussi Bär“ und „Hit“ sind Zeitschriften, die Mädchen wiederum sehr begeistern. Jungen sprechen sich dabei für „Bravo Screenfun“ und „Play“ aus (vgl. KIM- Studie 1999, 38). Die KidsVerbraucherAnalyse 2005 (KVA 2005) stellt zusammen, welche Titel im Jahr 2005 für Kinder besonders wichtig sind. Das Kriterium lautet hier: Die 36 in der KVA 2005 erhobenen Kaufzeitschriften von neun teil- nehmenden Verlagen. Dabei fallen viele Titel ins Auge, die auch bei der KIM- Studie deutlich wurden. Beispiele dafür sind die Zeitschriften: „Benjamin Blüm- chen“, „Bussi Bär“, „Donald Duck“, „Micky Maus“, „Pumuckl“, „Simpsons“ und „Wendy“. Weitere Zeitschriften treten bei der KVA hinzu: „Banzai!“, „Barbie“, „Bibi Blocksberg“, „Bob der Baumeister“, „Die Maus“, „Digimon“, „Disneys Einfach Tierisch“, „Geolino“, „Löwenzahn“, „Nat. Geographic World“, „Pettersson und Findus“, „Winnie Puuh“ und viele mehr. Die größte Bedeutung haben laut KVA eindeutig die Comics. „Micky Maus“ ist noch immer der beliebteste Comic der 6- bis 13-Jährigen (15,5 %), gefolgt von „Disneys Lustigem Taschenbuch“ (10 %) und „Donald Duck’s 81 Sonderheft“ (8,6 %). Alle bereits erwähnten Zeitschriften spielen für Kinder dieser Altersgruppe eine Rolle, es ergeben sich punktuell geschlechtsspezifi- sche Unterschiede: Während die Zeitschriften „Barbie“ und „Wendy“ mit Werten von 14,2 Pro- zent und 12,5 Prozent die Rangliste der Mädchen anführen, sind es bei den Jungen die Zeitschriften „Micky Maus“ (20,3 %) (bei den Mädchen auf Rang 3 mit 10,5 %) und „Disneys Lustiges Taschenbuch“ (12,3 %). „Die Maus“, „Benjamin Blümchen“ und „Löwenzahn“ liegen bei beiden Geschlechtern gut im Mittelfeld. Auf der Rangliste ganz unten steht bei den Mädchen der Comic „Die Simpsons“, der bei den Jungen sehr zentral positioniert ist. Bei den Jungen ist die Zeitschrift „Mega Hiro Masters“ mit 3,5 % am unbeliebtesten, eine Zeitschrift, die für Mädchen überhaupt keine Rolle spielt und daher gar nicht erwähnt wird. Tierzeitschriften sind ebenfalls für beide Geschlechter von Bedeutung, bei Mädchen jedoch noch stärker als bei Jungen dieses Alters (vgl. KVA 2005). In anderen Studien wie etwa die der Kinderwelten 2004 (Schmit, C. / Krapf, M. 2004) fällt die Häufigkeit der Nutzung von Zeitschriften ebenfalls deutlich geringer aus als bei den Büchern. Jungen und Mädchen geben mit 49 Prozent und 43 Prozent an, gelegentlich Zeitschriften in die Hand zu nehmen, dieser Wert ist im Gesamtüberblick am größten. Anders bei der häufigen Nutzung. Jungen (24 %) wenden sich generell weniger häufig den Zeitschriften zu als Mädchen dies tun (30 %). Der Anteil der Kinder, die auf Zeitschriften ganz und gar verzichten, liegt in einem ähnlichen Rahmen (Jungen: 27 %, Mädchen: 28 %). Dieser Studie ist zu entnehmen, dass die Nutzung von Zeitschriften vor allem von zwei Faktoren abhängig ist: Zum einen vom eigenen Taschengeld und zum anderen von der Kaufbereitschaft der Eltern. Die Nutzungspräferenzen müssen unter dem Gesichtspunkt des Alters und des Geschlechts näher betrachtet werden, da die 6- bis 9-Jährigen eher an Comics wie „Micky Maus“ interessiert sind (vor allem die Jungen), während die Mädchen in diesem Alter bereits eher für Stars und Sternchen Begeiste- rung zeigen. Wichtig sind jedoch vor allem auch Zeitschriften mit Tieren (insbesondere Pferde). Mit zunehmendem Alter wächst das Interesse der Mäd- chen an Informationen zu ihren Stars, weshalb sie Jugend- und Mädchen- zeitschriften präferieren. Jungen hingegen lesen neben Jugendzeitschriften vor allem solche, die Sport und Spiele thematisieren (ebd.: 57). Welche Zeitschriften von Jugendlichen besonders gerne gelesen werden, lässt sich anhand der mpfs-Studien JIM nicht ausfindig machen. Der KIM- Studie von 1999 ist jedoch zu entnehmen, dass die erwähnten Zeitschriften bzw. Comics mit zunehmendem Alter an Popularität zulegen. Zeitschriften, die vor allem für jüngere Altersgruppen ausgelegt sind, werden dabei nicht berück- sichtigt, ihre Bekanntheit bleibt demzufolge stabil. 82 5.6 Mediennutzung – Handy Welche Rolle spielt das Handy bei den Kindern und Jugendlichen? Hat es sich im Laufe der letzten Jahre zu einem weiteren Highlight in der Medien- welt etabliert? Wie viele Kinder und Jugendliche sind überhaupt im Besitz dieses Medium? Und wie gehen sie prinzipiell mit der Verantwortung um, die dieses Medium mit sich bringt? Die Angaben der Kinder zum persönlichen Handybesitz differenzieren sich von denen der Erwachsenen. Den Kindern zufolge liegt die Ausstattung deut- lich höher. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang insbesondere der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Nach der KIM-Studie 2006 haben 43 % der Jungen und 45 % der Mädchen im Alter zwischen 6 und 13 Jahren ein Handy, wobei der Besitz mit dem Alter stark ansteigt. Aber schon bei den Jugendlichen liegt die Ausstattung bei 92 %, wobei die Differenzen zwischen Jungen und Mädchen zu vernachlässigen sind. Da das Medium Handy noch verhältnismäßig jung ist, im Vergleich zu anderen wie dem Fernsehen, mangelt es an vergleichbaren, umfangreichen empirischen Studien. Der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest hat einige Artikel unter gewissen Schwerpunkten zur Handynutzung zusammen- gestellt. Allerdings kann hier nicht die bisherige Einteilung in die Kriterien Nutzer und Nutzungsdauer beibehalten werden. Das Telefon spielt allgemein bei den 6- bis 13-Jährigen schon seit einigen Jahren eine große Rolle. Es wird täglich oder zumindest fast täglich genutzt. Betrachtet man die Nutzung über die Woche verteilt, so bestätigt sich die zuvor genannte Annahme. Innerhalb der letzten Jahre hat sich kein bemerkens- werter Unterschied in der Nutzung verzeichnen lassen, die Werte steigen ledig- lich bei der täglichen Nutzung stark an. Bei diesen Angaben ist aber davon auszugehen, dass das Telefonieren über Festnetz gemeint ist. Die weitaus wichtigste Funktion eines Handys für Kinder als auch Jugend- liche ist das Verschicken von Kurzmitteilungen (über 90 % Prozent der Be- fragten). Je älter die Kinder sind, desto bedeutender wird diese Funktion. Innerhalb der ausgewählten Altersgruppe von 6 bis 13 Jahren werden täglich 3,3 SMS verschickt, wobei Mädchen durchschnittlich 0,5 SMS pro Tag mehr versenden (Mädchen: 3,6 SMS, Jungen: 3,1 SMS; vgl. KIM-Studie 2005, 46).m Zu den Funktionen und Möglichkeiten eines Handys gehören unter ande- rem: Infrarotschnittstellen, Bluetooth, MP3-Player, aber auch die Möglichkeit, mit dem Handy fernsehen zu können oder aber die WAP-Funktion. Die letzt- genannte Möglichkeit ist sehr zentral und gehört zu 68 Prozent bei den Mäd- chen und zu 71 Prozent bei den Jungen zur Grundausstattung. Es folgt die Kamerafunktion an zweiter Stelle, dicht gefolgt von den Klingeltönen und der Infrarotschnittstelle. Der Möglichkeit zum mobilen Fernsehen wird kaum Be- deutung zugemessen (Mädchen: 2 Prozent, Jungen: 7 Prozent). 83 Der „Sieger“ in der Rangliste der Handy-Funktionen bei Jugendlichen ist eindeutig das Verschicken von Kurzmitteilungen. Jungen und Mädchen ver- schicken ähnlich viele SMS pro Tag. 2005 liegen die durchschnittlichen Werte der 12- bis 19-Jährigen bei 4,8 empfangenen SMS und 3,9 gesendeten SMS pro Tag. Gegenüber den Vorjahren ist dies eine leichte Steigerung. Daran schließt sich unmittelbar das Bedürfnis nach Telefonieren, der Verwendung von Spielen und das Fotografieren an. Die Möglichkeit „mal eben einen Schnapp- schuss zu machen“, nutzen sowohl männliche, als auch weibliche Jugendliche zunehmend mehr. Nahezu unwichtig oder irrelevant erscheint die Möglichkeit, mit dem Handy im Internet zu surfen, Fotos an andere weiterzuschicken, Daten auszutauschen, Radio zu hören oder Fernsehen zu schauen. Das letzte Kriterium in Bezug auf Handys befasst sich mit den vielfach im Fernsehen umworbenen Klingeltönen und Logos. Insgesamt haben im Jahr 2005 17 Prozent der Jugendlichen bereits die Möglichkeit genutzt, Klingeltöne und Logos über eine Fernsehwerbung zu bestellen. Der prozentuale Anteil der Mädchen liegt mit 18 Prozent nur um ein Prozent vor den Jungen (17 Prozent). Bedeutend sind also nicht die geschlechtsspezifischen, sondern vielmehr soziale Differenzen. Demnach nutzen deutlich mehr Hauptschüler die Möglichkeit einer Bestellung (JIM 2005: 31 %), als dies Realschüler (JIM 2005: 21 %) oder Gymnasiasten tun (JIM 2005: 7 %; vgl. JIM-Studie: 49 ff.). Diese Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass bei der Nutzung eines Handys bei Jungen und Mädchen die Kommunikationsintentionen eindeutig im Vordergrund stehen.m Nach den Angaben der KidsVerbraucherAnalyse 2005 (KVA 2005) besitzen 27 Prozent der Jungen und 30 Prozent der Mädchen ein Handy. Bei der aktuel- len KIM-Studie 2005 liegen keine Daten zu geschlechtsspezifischen Unter- schieden vor, allerdings sieht man hier den ähnlichen Trend: Viele Kinder sind bereits im Besitz eines Handys, laut KIM 2005 sind es 36 Prozent. Bezieht man die Handyfunktionen mit ein, so sieht man: Das Verschicken von Kurz- mitteilungen ist sehr zentral für Kinder; diese These bestätigen die KVA und KIM 2005, die Werte zwischen den Studien unterscheiden sich nur gering- fügig. 5.7 Zusammenfassung/Fazit Auf der Basis der Auswertung und Analyse der einzelnen Quellen lassen sich die quantitativen Nutzungsdaten bzw. -gewohnheiten der Kinder, Jugendlichen und zum Teil Erwachsenen folgendermaßen zusammenfassen/charakterisieren: Fernsehen – Fernsehen ist und bleibt (noch) das Leitmedium von Kindern und Jugend- lichen und gehört zu ihrer medialen Grundausstattung. 84 – Sehdauer und Verweildauer steigen kontinuierlich mit zunehmendem Alter an, wobei es bei der jüngeren Altersgruppe kaum geschlechtsspezifische Differenzen gibt, im Erwachsenenalter Frauen dagegen deutlich höhere Nutzungsraten zeigen. – Ein Fernsehapparat im eigenen Zimmer erhöht die Sehdauer, jedoch ohne Einfluss auf geschlechts-spezifische Unterschiede. – Kinder (beide Geschlechter) haben ähnliche Interessen (vor allem öffent- lich-rechtliche Sender wie z. B. „KI.KA“). – Jungen präferieren Zeichentrickfilme, Mädchen Daily Soaps; männliche Jugendliche haben vor allem Zeichentrick-Serien, Sitcoms, Info-Sendungen und Nachrichten als Favoriten; weibliche Jugendliche mögen Daily Soaps und Mystery-Sendungen. – Es gibt große Unterschiede in der Nutzung des Fernsehens in verschiede- nen Herkunftsmilieus: Kinder aus sozial schwächeren Milieus weisen deut- lich höhere Nutzungsgewohnheiten auf als Kinder aus anderen Milieus. – Es gibt eine hohe Korrelation zwischen der Fernsehnutzung der Eltern und der Kinder eines Milieus. Bücher – Bücher sind ein zentrales Medium von 6- bis 13-Jährigen, wobei jedoch die tägliche Buchnutzung bei Kindern abnimmt. – Die Buchnutzung der Mädchen zwischen 6 und 13 Jahren ist fast doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Jungen. – Lesen bleibt stetig beliebt bei Jugendlichen mit zum Teil leichtem Anstieg in der Nutzung. – Jugendliche Mädchen lesen lieber und häufiger als Jungen mit zugleich einer hohen Stabilität der Lesetätigkeit bei den Mädchen. – Die Differenzen zwischen Geschlechtern im Erwachsenenalter sind deutlich geringer, trotzdem lesen Frauen lieber und häufiger. – Fantasiegeschichten, Fortsetzungsbücher und Fernsehbegleitbücher sind die wichtigsten Genres für Kinder. – Mädchen favorisieren Tiergeschichten und Sachbücher über Tiere, Jungen hingegen Comics, Detektivgeschichten und Krimis. – Bilderbücher, Märchen und Abenteuerbücher sind für jüngere Kinder und für beide Geschlechter sehr zentral. – Jugendbücher und Romane zu Sendungen sind für Jugendliche sehr wichtig. Computer – Die Computerausstattung ist bei Kindern noch relativ gering, bei Jugend- lichen dagegen schon hoch; Jungen sind deutlich besser ausgestattet als Mädchen. 85 – Etwa drei Viertel der Kinder nutzen den Computer, davon etwa ein Viertel täglich. – Der Computer ist bei Jugendlichen ein zentrales Medium mit einer deut- lich intensiveren Nutzung der männlichen Kinder und Jugendlichen gegen- über den gleichaltrigen Mädchen. – Es ist ein starker Anstieg der Nutzung des Computers durch weibliche Jugendliche in den letzten Jahren zu erkennen. – Im Kindesalter sind die Interessen noch ähnlich bei beiden Geschlechtern, mit zunehmendem Alter sind Jungen eher technischen Möglichkeiten zu- gewandt, Mädchen bevorzugen dagegen eher kreative Tätigkeiten. Internet – Innerhalb der letzten fünf Jahren gab es nahezu eine Verdopplung der An- zahl der Kinder, die über einen eigenen Internetanschluss verfügen; fast die Hälfte aller männlichen Jugendlichen verfügt über einen eigenen Anschluss, Mädchen dagegen deutlich seltener. – Mehr als die Hälfte aller Kinder sind mehrmals in der Woche im Internet, es gibt aber keine starken geschlechtsspezifischen Differenzen in der Nutzungs- intensität. – Eine Vervierfachung der männlichen jugendlichen Internetnutzer ist in den letzten Jahren festzustellen, bei den Mädchen liegt sogar eine Verfünf- fachung bei der Nutzung vor. – Allmähliche Annäherung zwischen Jungen und Mädchen. – Bei den Nutzungspräferenzen führen Kinderseiten die Rangliste an; Jungen präferieren den technischen Umgang; Mädchen hingegen nutzen das Internet als Kommunikationsportal; Internetseiten, die auf andere Medien verweisen, werden von beiden Geschlechtern gerne besucht. – Jugendliche nutzen das Internet hauptsächlich für kommunikative Zwecke. Handy – Handys gehören zur medialen Grundausstattung bei Jugendlichen mit einer mehr als Verzehnfachung des Handybesitzes der männlichen und weib- lichen Jugendlichen zwischen 1998 und 2005. – SMS, Telefonieren und Klingeltöne gehören zu den beliebtesten Tätig- keiten im Umgang mit dem Handy; Funktionen wie Internetzugänge und Fernsehen mit dem Handy sind relativ unwichtig. Radio und Tonträger – Kinder und Jugendliche sind sehr gut mit Radiogeräten ausgestattet; jugend- liche Mädchen verfügen häufiger über eigene Geräte als gleichaltrige Jun- gen. 86 – Mehr als drei Viertel aller Kinder nutzen das Radio täglich, wobei Mäd- chen im Alter zwischen 6 und 13 Jahren das Radio etwas häufiger als Jungen nutzen. – Kinder nutzen Tonträger vor allem, um Geschichten von Kassetten zu hören. – Hoher täglicher Radio-Konsum der Jugendlichen, wobei jugendliche Mäd- chen das Radio häufiger und konstanter nutzen als Jungen; Musik steht eindeutig im Vordergrund, aber auch Nachrichten sind sehr wichtig für Jugendliche. Zeitung – Kinder lesen kaum Zeitung, aber mit zunehmendem Alter steigt das Inte- resse am Zeitunglesen; Jungen lesen tendenziell häufiger Zeitung als Mäd- chen. – Die Zeitung hat bei Jugendlichen eine hohe Glaubwürdigkeit. Zeitschriften – Zeitschriften werden von Kindern mäßig genutzt; wenn sie Zeitschriften lesen, dann lesen Mädchen diese häufiger als Jungen. – Die Hälfte aller Jugendlichen liest Zeitschriften, die Nutzung nimmt ab, bei Mädchen deutlich stärker als bei Jungen. – Frauen lesen häufiger Zeitschriften als Männer. – Jungen bevorzugen Comics; Mädchen mögen vor allem Zeitschriften wie Bravo-Girl oder diejenigen, die auf Fernsehsendungen basieren. MP3-Player – MP3-Player haben für Kinder (noch) keine große Bedeutung, aber die Ten- denz ändert sich relativ schnell. – Die Ausstattung der Jugendlichen ist innerhalb von zwei Jahren stark ge- stiegen, bei Mädchen um das Achtfache, bei Jungen um das Vierfache. 87 6 Qualitative Studien zur Mediennutzung von Mädchen und Jungen 6.1 Medienbezogene Einstellung, Interesse und Motivation Medienbezogene Einstellungen und Interessen von Mädchen und Jungen wer- den häufig im Kontext der Technikdebatte thematisiert. Geschlechtsspezifi- sche Unterschiede bei der Computer- und Internetnutzung werden häufig mit dem geringeren Interesse bzw. der kritisch-distanzierten Einstellung von Mäd- chen zu den Medien Computer und Internet erklärt. Dabei wird vor allem die technische Komponente der „Neuen Medien“ fokussiert. Die PISA-Studie hat den Kompetenzvorsprung der Mädchen in Bezug auf das Lesen deutlich gemacht. Unter anderem konnte ein Zusammenhang zwi- schen Lesemotivation und Leseleistung nachgewiesen werden. Inwieweit sich die Interessen und die Motivation von Mädchen und Jungen unterscheiden, und ob daraus Rückschlüsse auf ein bestimmtes Nutzungs- verhalten gezogen werden können, soll nun am Beispiel Lesen und Computer dargestellt werden. 6.1.1 Computer- und Technikinteresse Die geringere Zuwendung von Mädchen zu den Medien Computer und Internet wird häufig damit begründet, dass Mädchen und Frauen eine distanzierte Ein- stellung zu Technik („Technikdistanz“) hätten. Vielmehr seien sie kommuni- kationsorientiert. Die medienbezogene Einstellung und Orientierung von Mäd- chen und Jungen nimmt damit eine Schlüsselstellung in den Erklärungsansätzen ein. Bislang wurden jedoch nur vereinzelt Einstellungen von Mädchen und Jungen zu Computer bzw. Internet differenziert untersucht. Ein Großteil frühe- rer Untersuchungen wurde im Rahmen der NRW-Studie „Sozialverträgliche Technikgestaltung“ herangezogen und unter neuen Gesichtspunkten bewertet (vgl. Famulla et al. 1992). In Untersuchungen zu computerbezogenen Persön- lichkeitseinstellungen (Famulla et al. 1992) wurde festgestellt, dass in Kindheit und Jugend bei Jungen häufiger eine aufgeschlossene Einstellung zu Computern 89 besteht. Auch konnten Unterschiede in der Art der Einstellung sichtbar gemacht werden. Während Mädchen eine emotional distanzierte Einstellung und häufi- ger negative Meinungen zu Computern haben, personifizieren Jungen den Computer und zeigen bei der Nutzung beispielsweise beim Spielen eine stärkere emotionale Beteiligung (vgl. Famulla et al.1992). Weiterhin werden bei Mäd- chen andere Interessen wie das Lesen trotz Computernutzung nicht zurück- gestellt. Die männlichen Computerfans zeigen im Vergleich ein eingeschränktes sonstiges Informationsverhalten (Sinhart-Pallin 1990). Nach Sinhart-Pallin führt die Computernutzung bei Mädchen zu einer Ausdifferenzierung der Persönlich- keit und des Verhaltens. Umgekehrt ist bei Jungen mit einer Vereinseitigung zu rechnen. Die weibliche Zugangsweise charakterisiert er als ganzheitliche, anwendungsorientierte, verantwortungsbewusste und kritisch-abwägende Aus- einandersetzung mit neuen Technologien (vgl. Sinhart-Pallin 1990). Famulla et al. (1992) interpretieren ihre Ergebnisse dahingehend, dass stereo- type Geschlechterrollen beim Umgang mit Computern vertieft werden. Wäh- rend bei Jungen die Computernutzung in das sich entwickelnde männliche Selbstbild integriert wird, führt diese bei Mädchen zum Konflikt mit dem weiblichen Selbstbild. Hier greifen geschlechtsspezifische Sozialisationsmecha- nismen, in denen Technikkompetenz mit Männlichkeit gleichgesetzt wird. Ein intensiver Umgang mit Computern bestärkt also Jungen in ihrem Selbstbild. Für Mädchen ist es dagegen einfacher die Laienrolle einzunehmen, weil diese eher weiblichen Rollenerwartungen entspricht (Famulla et al. 1992). Fauser (1992) differenziert das Merkmal Computerinteresse als komplexes Gefüge von Wechselbeziehungen, welches vom aktuellen Lernumfeld und von sozialen Beziehungen beeinflusst wird. Er gliedert Computerinteresse in drei Bereiche: – Kognitiver Bereich: Wissen über den Gegenstand Computer – Emotionaler Bereich: Gegenstandsbezogenes Erleben – Wertbereich: Persönlicher und gesellschaftlicher Wert Seine differenzierte Betrachtungsweise führt zu aufschlussreichen Ergebnissen: Mädchen besitzen zwar ein geringeres Technikinteresse. Dieses determiniere jedoch nicht ihr generelles Interesse zum Gegenstand Computer. Jungen be- sitzen meist sowohl ausgeprägtes Technik- als auch Computerinteresse (Fauser 1992). Im Bericht „Tech-Savvy: Educating Girls in the new Computer Age“8 wird die Rolle der Computertechnologie im Leben von Mädchen betrachtet. 90 8 In diesem Bericht werden Ergebnisse aus einer qualitativen Befragung mit ca. 70 Mädchen aus der middle school und high school als auch die Resultate einer Online-Befragung mit 900 Lehrerinnen und Lehrern dargestellt. Zudem wurden bereits existierende Forschungsergebnisse hinsichtlich der Themenstellung syste- matisiert. Die Kommission setzte sich aus 14 Forscherinnen und Forschern, Erzieherinnen und Erziehern, Journalistinnen und Journalisten sowie Unternehmerinnen und Unternehmern zusammen. Dabei wurde festgestellt, dass Mädchen nicht an Computertechnologie um der Technologie willen interessiert sind. Die Probandinnen stellen dabei mehrheit- lich nicht ihre Fähigkeiten in Frage, sondern bekunden offen ihr Desinteresse: „We can, but I don’t want to“ (American Association of University Women Educational Foundation 2000: 7). Karrieremöglichkeiten innerhalb der Informa- tik reizen sie nicht sonderlich, denn nach Meinung der befragten Mädchen sind Programmierstunden langweilig. Die Begeisterung für schnellere und bessere Hardware können sie nicht nachvollziehen. Insgesamt sind sie von der Computerkultur enttäuscht. Vor allem stellen sie die Dominanz technologi- scher Aspekte (Hardware, Geschwindigkeit, Effizienz) gegenüber sozialen, menschlichen und kulturellen Zusammenhängen in Frage. Die Probandinnen interessieren sich mehr für anwendungsbezogene Aspekte der Computertech- nologie. Das Angebot an Computerspielen entspricht ebenso wenig ihren Vor- stellungen. Computerspiele seien langweilig, überflüssig und gewalttätig. Inte- resse hätten sie an Spielen, die Intellektualität und Geschicklichkeit verlangen. Spielhandlungen sollten lebensnah und komplex sein, also verschiedene Per- spektiven zulassen (vgl. American Association of University Women Educa- tional Foundation 2000). Leseinteresse und Lesemotivation Die Studien PISA und IGLU dokumentieren eindrücklich einen signifikanten Kompetenzvorsprung der Mädchen im Bereich Lesen. Neben den Einfluss- faktoren Bildung und soziale Herkunft determiniere insbesondere das Geschlecht die Leseleistung von Schülerinnen und Schülern. Die PISA-Ergebnisse machen deutlich, dass sich die bessere Leseleistung von Mädchen im internationalen Vergleich mit anderen OECD-Staaten fortsetzt. Ein wesentliches Ergebnis von PISA ist, dass Lesemotivation die Leseleistung beeinflussen kann. Je ähn- licher die Leseinteressen von Mädchen und Jungen, umso geringer sind die ge- schlechtsspezifischen Kompetenzunterschiede. Bei gleicher Lesefreude ent- fallen signifikante Leistungsdifferenzen zwischen den Geschlechtern (vgl. Deutsches PISA Konsortium 2001: 265). Zur unterschiedlichen Einstellung von Jungen und Mädchen heißt es: „In der Mehrzahl der PISA-Teilnehmer- staaten ist die Einstellung von Jungen zum Lesen deutlich negativer als die der Mädchen. Im Durchschnitt der OECD-Ländern stimmen insgesamt etwa 46 Prozent der Jungen der Aussage zu, dass sie nur lesen, wenn sie müssen, während dies nur 26 Prozent der Mädchen von sich behaupten. In Deutschland ist der Anteil für die Mädchen mit dem internationalen Wert vergleichbar (ebenfalls 26 %), der Anteil für die Jungen liegt jedoch deutlich höher (52 %)“ (Deutsches PISA Konsortium 2001: 262). Wenn Einstellung und Motivation bedeutsame Einflussfaktoren auf die Leseaktivität und Leseleistung sind, stellt sich die Frage, wie sich Mädchen und Jungen hinsichtlich ihrer Lesemotiva- tion unterscheiden. 91 In der repräsentativen Studie von Richter und Plath (2003) wird die Ent- wicklung der Lesemotivation von Grundschülerinnen und Grundschülern unter- sucht.9 Im Hinblick auf die Förderung von Lesemotivation skizzieren die Auto- rinnen ein Mehrebenen-Modell, das Zusammenhänge zwischen den Bereichen individuelle Motivation, Familie, Peergroup und Schule herstellt. Auf der indi- viduellen Ebene fällt die unterschiedliche Freizeitgestaltung von Mädchen und Jungen auf: Mädchen lesen lieber, während Jungen mehr fernsehen (-.25). Die Autorinnen weisen zwar auf einen Zusammenhang zwischen Fernsehhäufig- keit und individueller Lesemotivation hin, relativieren aber den Einfluss des Fernsehens auf die geschlechtsspezifische Lesemotivation. Die Ausstattung mit einem eigenen Fernseher habe erheblicheren Einfluss auf die Fernseh- häufigkeit. Grundlegend sei der familiäre Kontext: „Je größer der Buchbesitz im Haushalt, umso häufiger wird den Kindern vorgelesen (.09) und um so weniger verfügen die Kinder über ein eigenes Fernsehgerät (-.07)“ (Richter/ Plath 2004: 7). Die Autorinnen konnten auch einen Zusammenhang zwischen der Bücheranzahl im Haushalt und der Leseleistung der Schülerinnen und Schüler feststellen (.10). Auf schulischer Ebene werden wiederum geschlechtsspezifische Unter- schiede deutlich: Die befragten Mädchen gaben öfter an, Spaß am Deutsch- unterricht zu haben. Allerdings nimmt das Interesse am Deutschunterricht bei Mädchen und Jungen von Klasse 2 bis Klasse 4 kontinuierlich ab. Bei den Jungen ist diese Tendenz eindeutiger. Die Freude am Deutschunterricht wirkt sich wiederum unmittelbar auf die Motivation der Schülerinnen und Schüler (.13) aus und korreliert mit der Leseleistung (.22). Ein doppelter Nachteil be- steht für Kinder aus bildungsfernen Familien, da diese im schulischen Deutsch- unterricht keinen Ausgleich finden und Defizite in der Leseleistung eher ver- stärkt werden. Richter/Plath haben im Rahmen der Studie Genrepräferenzen der Schüle- rinnen und Schüler erfragt: Beide Geschlechter interessieren sich für spannende Abenteuergeschichten (mehr als zwei Drittel der Befragten) und Sachbücher (mehr als die Hälfte der Befragten). Bei den Jungen konnte ein Rückgang des Interesses an Märchen und Sagen sowie Tiergeschichten festgestellt werden. Dieser Rückgang ist jedoch nicht mit einem steigenden Interesse an anderen Genres verbunden. Insgesamt decken die Interessen der Befragten ein breites Spektrum ab. In der qualitativen Studie von Bischof und Heidtmann (2002) wurden die Leseinteressen von insgesamt 153 Jungen im Alter von 6 bis 18 Jahren mittels leitfadenorientierter Einzelinterviews eruiert. Für das Grundschulalter stellen Heidtmann/Bischof keine eindeutigen Unterschiede in den Leseinteressen von 92 9 Richter/Plath führten Befragungen mit ca. 1.200 Schülerinnen und Schülern, 900 Eltern und 50 Lehrerinnen und Lehrern durch. Dabei wurden die Lesevorlieben und Leseleistungen der Kinder eruiert. Jungen und Mädchen fest: Jüngere Kinder favorisieren farbenfreudig illustrierte Disney-Bücher oder Begleitbücher zu TV-Serien. Film- und Fernsehbegleit- bücher haben bei älteren Jungen einen deutlich geringeren Stellenwert als bei gleichaltrigen Mädchen. Die Befragung zu Lektüreinteressen ergab, dass die Jungen zwar über- wiegend ein oder mehrere Genres favorisieren. Etwa die Hälfte der Unter- suchungsgruppe war dennoch nicht im Stande, ein Lieblingsbuch oder einen Lieblingsautor zu benennen. Offensichtlich ist ihnen dies auch nicht wichtig (vgl. Bischof/Heidtmann 2002). Bischof/Heidtmann relativieren die bisherige empirisch gestützte Auffas- sung, Jungen würden Informationstexte und Sachbücher bevorzugen10: „Jungen aller Altersstufen nutzen erzählende Literatur – wie andere Medien auch – immer stärker ausschließlich unterhaltungs- und erlebnisorientiert. Der Aspekt des informatorischen Lesens, den frühere Erhebungen bei männlichen Lesern als zentral nachgewiesen haben, verliert an Bedeutung. Um zu lernen, um sich über ein Thema zu informieren, lesen gerade noch 11 % der Befragten. Um Spaß zu haben, um sich mit spannender Lektüre zu unterhalten, um sich die Zeit zu vertreiben, um abzuschalten und sich zu entspannen, lesen 40 % der Jungen“ (Bischof/Heidtmann 2002: 29). Im Alter von zehn bis 13 Jahren lesen Jungen am häufigsten erzählende Literatur. Mit ein bis fünf Titeln pro Monat erreicht die Leseaktivität ihren Höhenpunkt. Zur Lieblingslektüre dieser Altersgruppe gehören: 1. J. K.Rowling: „Harry-Potter“-Bände (mit deutlichem Abstand folgen) 2. R. L. Stines: „Gänsehaut“-Serie 3. Th. Brezina: „Tiger-Team“ und „Knickerbocker-Bande“ 4. E. Blyton: „Fünf-Freunde“- und „Abenteuer-um“-Serien 5. U. Scheffler: „Kommissar Kugelblitz“ 6. A. Hitchcock: „Die drei???“ 7. „TKKG“-Bände (vgl. Bischof/Heidtmann 2002: 3) Bischof/Heidtmann stellen für alle Altersgruppen fest, dass Klassiker der Ju- gend- und Abenteuerliteratur nur noch vereinzelt genannt werden. Die Lektüre- präferenzen der 10- bis 13-Jährigen sind besonders stark an aktuellen Trends, an Vorgaben aus der Peergruppe oder den Medien orientiert. Spannungsliteratur und zeitgemäße Unterhaltungsliteratur stehen eindeutig im Fokus der Lese- interessen und werden auch vermehrt von jüngeren Altersgruppen gelesen. 93 10 B. Hurrelmann resümiert in ihrer Studie zum Leseverhalten der Neun- bis Elfjährigen: „[…] Mädchen und Jungen [unterscheiden] sich in ihren Lesepräferenzen, Lesestilen, Leseerfahrungen, Lesehemmungen – über- haupt in allen Dimensionen ihrer Lesetätigkeit […]. Es gibt einen systematischen Unterschied im Lese- verhalten der Geschlechter schon am Ende des Grundschulalters. […] Jungen sind (bei insgesamt weniger Lektüre) eher an sachbezogener Information interessiert, während die Mädchen (bei insgesamt mehr Lektüre) fiktionale Geschichten bevorzugen“ (Hurrelmann 1994: 25; Hervorhebung im Original). Problemorientierte Literatur z. B. adoleszenzbezogene Bücher sind nicht in der Liste vertreten (vgl. Bischof/Heidtmann 2002). Aus Sicht der befragten Jungen ist also Spannung und Unterhaltung ein zentrales Bedürfnis und spielt beim Lesen bzw. schon bei der Auswahl der Lektüre eine entscheidende Rolle. Die Ergebnisse aus obigen Studien zeigen, dass medienbezogene Einstel- lungen nicht nur geschlechtsspezifische Nutzungsgewohnheiten beeinflussen. Für den Bereich Lesen kann festgehalten werden, dass geschlechtsspezifische Kompetenzunterschiede bei ähnlichen Leseinteressen geringer ausfallen, bei gleicher Lesefreude entfallen sie nahezu. Die medienbezogene Motivation und das Interesse an medialen Angeboten von Mädchen und Jungen kann daher als grundlegender Einflussfaktor für Geschlechterdifferenzen im Umgang mit Medien betrachtet werden. 6.2 Computer- und Interneterfahrung von Mädchen und Jungen Im vorangegangenen Kapitel wurden interessenbezogene und motivationale Differenzen von Jungen und Mädchen vertieft. Wenn Computer für Mädchen und Jungen unterschiedliche Bedeutung haben, sie sich für unterschiedliche Aspekte interessieren, müssten sie sich auch über unterschiedliche Wege dem Medium nähern und somit über unterschiedliche Erfahrungen verfügen. Wäh- rend den Mädchen ein eher pragmatischer Umgang zugeschrieben wird, gelten Jungen als explorative Computernutzer mit viel Erfahrung. In vielen Beiträgen wird jedoch bemängelt, dass die vergleichsweise häufigere Beschäftigung mit dem Computer als kompetenter Umgang bewertet wird (vgl. Eichen 2006, Schelhowe). Nachfolgend werden geschlechterspezifische Erfahrungen mit den Neuen Medien Computer und Internet thematisiert. Dabei werden die Nutzungs- bereiche Computerspiele und computervermittelte Kommunikationsangebote wie Chats fokussiert. Zum einen werden diese von Kindern und Jugendlichen häufig genutzt, und zum anderen handelt es sich hierbei um Angebote, die geschlechtsspezifisch konnotiert sind. In diesem Zusammenhang ist der Ein- fluss des sozialen Umfelds bedeutsam. 6.2.1 Geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit Computerspielen In der Untersuchung „Computerspiele in der Kinderkultur“ (Fromme/Meder/ Vollmer 2000) wurden standardisierte Interviews mit 1.111 Jugendlichen zwi- schen sieben und 15 Jahren durchgeführt. 87 % der befragten Jugendlichen gaben dabei an, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen mit dem Com- 94 puter zu spielen (vgl. Vollmer 2000). Die deutliche Mehrheit der Spielerinnen und Spieler lässt darauf schließen, dass Computerspiele mittlerweile einen festen Platz im Rahmen kindlicher Freizeitaktivitäten einnehmen. Bevorzugte Spielgenres Nach Vollmer (2000) stehen Jump&Run-Spiele bei Mädchen im Alter von sieben bis 14 Jahren mit 48 % an erster Stelle der Beliebtheitsskala. Darüber hinaus spielen Mädchen gerne Denk- und Geschicklichkeitsspiele (19,9 %). Jump&Run-Spiele stehen bei Jungen im Alter von sieben bis acht Jahren hoch im Kurs (32,1 %). Sie wenden sich jedoch mit zunehmendem Alter dem Genre Kampfspiele zu (30,2 %). Sportspiele (21,4 %) und Adventures (10,5 %) sind ebenso beliebt bei älteren Jungen (vgl. Vollmer 2000). Bevorzugte Identifikationsfiguren In der qualitativen Untersuchung zum Internetumgang von Fünf- bis Zwölf- jährigen Kindern von Feil/ Decker/Gieger (2004) konnten unterschiedliche Spielvorlieben bei den weiblichen und männlichen Probanden beobachtet wer- den. Während Mädchen weibliche Identifikationsfiguren präferierten, wurden diese von den Jungen durchweg ignoriert. Umgekehrt wurden Spiele mit männ- lichen Darstellern von den Mädchen nicht gespielt (vgl. Feil/Decker/Gieger 2004). In Bezug auf das Angebot an Spielfiguren wird häufig kritisiert, dass mit ihnen stereotype Geschlechtsrollen transportiert werden11. Aufgrund seiner Umfrageergebnisse zu Computerspielpräferenzen von Kindern und Jugend- lichen vermutet Schindler, dass Mädchen aus Mangel an Identifikationsfiguren auf „niedliche“ Spielfiguren ausweichen (vgl. Schindler 1996). In einer quali- tativen Studie zu Spielinhalten und Spielgenres von Yates/Littleton sollten Mädchen und Jungen im Alter von elf bis zwölf Jahren zwei Versionen eines Spiels mit gleicher Struktur spielen. Die weiblichen Probanden schnitten bei gender-neutralen Spielfiguren besser ab, als bei männlichen Spielhelden. Diese Tendenz spiegelt sich teilweise bei der Untersuchung von Meder und Vollmer wider. Die Mädchen favorisieren die Rolle der Abenteurerin oder Entdeckerin mit 62,7 % und Sportlerrollen (57, 6 %). Im direkten Vergleich mit den männ- lichen Probanden tendieren sie jedoch eher zu fiktiven Comic-Figuren. Tier- figuren stehen bei den Mädchen mit 53 % an dritter Stelle, während Jungen realistische Rollen wie Rennfahrer (76,2 %), Sportler (57,5 %) oder Pilot (69,3 %) als Hauptfigur bevorzugen. 95 11 Schindler (1996) stellt in seinem Beitrag über Rollenstereotype in Computer- und Videospielen mehrere Beispiele für stereotype Figuren vor mit dem Ziel, den „heimlichen Lehrplan“ der Computerspiele zu „ent- larven“. Spielertypen Im Rahmen der Untersuchung „Computerspiele in der Kinderkultur“ wurden über 60 Merkmale von Bildschirmspielen zur Berechnung von Clustern heran- gezogen (Vollmer 2000). Mit dieser Grundlage konnten drei Spielertypen aus- gemacht werden, die sich hinsichtlich ihrer Bewertung zu verschiedenen Spiel- merkmalen unterscheiden. Die Analyse ergab, dass Spielertyp 1 zu 70,3 % aus Jungen besteht. Für diesen Spielertyp ist es besonders wichtig, dass Compu- terspiele realistisch wirken. Bilder, Töne und Figuren sollen möglichst der Wirklichkeit entsprechen. Kampfspiele sind sein Lieblingsgenre. Dabei gefällt sich dieser Spielertyp in der Rolle des kämpfenden Helden. Spielertyp 1 zeich- net sich durch starke emotionale Beteiligung aus und wird insgesamt als „Der involvierte Action-Spieler“ charakterisiert (Vollmer 2000: 138). Der Mädchen- anteil beträgt beim zweiten Spielertyp 53,3 % und ist damit signifikant größer als in der gesamten Stichprobe (42,9 %). Interessanterweise weist Spielertyp 2 die größten Unterschiede zum „involvierten Action-Spieler“ auf. Spielertyp 2 hat auch im Vergleich zu den beiden anderen Clustern ein besonders distan- ziertes Verhältnis zu Bildschirmspielen. Am liebsten schlüpft dieser Spielertyp in die Rolle des Abenteurers/Entdeckers, löst Rätsel oder testet sein Wissen, weshalb dieser Typ als „Der sich und die Spiele testende Spieler“ bezeichnet wird. Spielverhalten Feil/Decker/Gieger beobachteten unterschiedliche Verhaltensweisen, die sich während des Computerspielens offenbarten. Trotz hoher Motivation und offen- kundigem Ehrgeiz wirkten die Mädchen bei Spielbeginn eher zurückhaltend. Bei erfolgreichem Spielverlauf waren sie überrascht über ihre Leistung. Die Jungen hingegen zeigten sich von Anbeginn sehr selbstsicher und waren über- zeugt von ihren spielerischen Fähigkeiten. Ihre Freude über den erfolgreichen Spielausgang signalisierten sie durch eindeutige Körpersprache (Siegerposen, geballte Faust). Bei Misserfolg waren Mädchen und Jungen gleichermaßen verärgert und brachten dies durch Gefühlsausbrüche zum Ausdruck. Die Pro- bandinnen zeigten also bei Misserfolg eine stärkere emotionale Reaktion als beim Spielerfolg. Im Unterschied zu den Jungen schrieben sie den Misserfolg sich selbst bzw. ihren beschränkten Spielerfahrungen zu. Demgegenüber gaben die Jungen dem Rechner oder dem Spiel die Schuld. Auffällig waren auch methodische Differenzen bei Durchführung der Spiele. Jungen gingen beim Spielen eher nach dem Trial-and-Error-Verfahren vor, während die Mädchen eine systematische Vorgehensweise wählten (vgl. Feil/ Decker/Gieger 2004). Nach Ergebnissen von Yates/Littleton sind die Fähigkeiten bei Computer- spielen gleich verteilt. Die Autoren betrachten Computerspielen als sozial 96 konstruierte Aktivität und binden diesen sozialen Kontext in ihr Untersuchungs- design ein. So konnten sie feststellen, dass die Deklaration der gleichen Soft- ware als „Spiel“ oder „Aufgabe“ zu unterschiedlichen Verhalten bei Mädchen und Jungen führt. Wurde den Probanden vorher gesagt sie sollen spielen, schnitten die Jungen besser ab. Hielten die Untersuchungsleiterinnen die Kinder dazu an, Aufgaben zu lösen, konnten keine geschlechtsspezifischen Differenzen identifiziert werden (vgl. Yates/Littleton 1999). Der Forschungsansatz von Yates/Littleton macht deutlich, dass der soziale Kontext nicht nur als theoretischer Einflussfaktor in Überlegungen zu ge- schlechtsbezogenen Nutzungsdifferenzen behandelt werden sollte. Gerade im Hinblick auf doing gender müssten differenzierte Methoden entwickelt werden, mit denen soziale Einflüsse aufgedeckt werden. 6.2.2 Geschlechtsspezifische Nutzungsdifferenzen und soziale Einflüsse Wie eingangs erwähnt, würden Analysen zum geschlechtsspezifischen Medien- nutzungsverhalten zu kurz greifen, wenn sie sich nur auf die Ermittlung von Differenzen beziehen. Vor dem Hintergrund des doing gender gilt es heraus- zufinden, „[…] welche Bedeutung die Medien auf das sozial konstruierte und definierte Geschlecht haben, und wie sich die Medien in gesellschaftliche Interaktionsprozesse einklinken, in denen Genderzuschreibungen immer wieder neu erfolgen“ (Theunert 2005: 11). Vor allem in geschlechtsspezifisch konno- tierten Nutzungsbereichen könnten Nutzungsdifferenzen stark von sozialen Einflüssen abhängen. In der qualitativen Untersuchung zu PC- und Interneterfahrungen von Schüle- rinnen an einer katholischen Mädchenrealschule wird „Nutzungspraxis als funktionales Äquivalent für andere Handlungsmodi“ (Buchen 2004: 67) defi- niert.12 Die Erfahrungen der 14- bis 16-Jährigen Schülerinnen mit den „Neuen Medien“ werden dabei durch Generierung von Habitusformen typisiert. Aus Sicht der befragten Mädchen verlieren Computerspiele mit zunehmendem Alter an Bedeutung: „In unserem Alter ist der PC nicht mehr zum Spielen da“ (Buchen 2004: 69). Bei der Computernutzung steht vielmehr die Informations- suche für die Schule oder Textverarbeitung im Vordergrund. Buchen folgert, dass der spielerische Umgang mit dem PC nicht mehr dem Habitus junger Frauen entspricht. Funktion und Bedeutung des Mediums verändern sich somit im Altersverlauf. Die zweckrationale Nutzungspraxis der Mädchen entspricht vielmehr einem Erwachsenen-Habitus. Damit grenzen sie sich bewusst von 97 12 Die Studie ist Bestandteil einer breiter angelegten qualitativen Untersuchung zum Thema „PC/ Interneterfah- rungen und Habitusformen Jugendlicher unterschiedlicher Schulformen“ (Buchen/Straub). Bislang wurden acht Gruppendiskussionen im Haupt- und Realschulbereich sowie 16 Einzelinterviews in diesen Schulformen erhoben. der Computerspielkultur (vor allem Ego-Shooter, Online-Actionspiele), vom Kinderstatus und von der Spielbegeisterung der Jungen ab. Die Probandinnen geben zwar an, dass Computerspiele nicht mehr ihren altersgemäßen Interessen entsprechen, dennoch kennen sie die angesagten Computerspiele, verschiedene Genres und sind mit der Computerspielpraxis vertraut. Durch gemeinsame Freizeitaktivitäten mit männlichen Peers kommen sie nicht um Computerspiele herum. Sie spielen also weniger aus eigenem Antrieb oder inhaltlichem Inte- resse an ausgewählten Computerspielen, sondern aufgrund sozialer Motive (vgl. Buchen 2004). In Gruppendiskussionen mit jungen berufstätigen Frauen und Männern (Yates/Littleton 2001) stellte sich heraus, dass Frauen ihre Aktivität im Hin- blick auf Computerspiele unterbewerten oder mit der freundschaftlichen Be- ziehung zu männlichen Freunden bzw. Partnern begründen. Yates/Littleton zeigen auf, dass geschlechtsspezifische Differenzen im Umgang mit Computer- spielen vor allem auf die unterschiedliche Bewertung der eigenen Aktivität zurückzuführen sind. Diese Einschätzungen seien sozial und kulturell vor- gegeben. Computerspielen müsse daher als sozial konstruierte Aktivität be- trachtet werden (vgl. Yates/Littleton 1999). Der Nutzungsbereich PC-Spiele könnte daher als Raum für die Konstruktion und Inszenierung von Geschlecht fungieren. In Gruppendiskussionen mit männlichen Jugendlichen der Haupt- und Real- schule (Buchen/Straub 2004) wurde hingegen festgestellt, dass diese ihre indi- viduellen Chat-Erfahrungen bagatellisieren. Bei Nachfrage gaben sie häufig das Motiv „Leute verarschen“ an. Aus den Ergebnissen mehrerer Untersuchun- gen geht jedoch hervor, dass Jungen und Mädchen gleichermaßen Chats zur Kontaktaufnahme nutzen. Dieses Motiv wird allerdings von den befragten Jungen nicht thematisiert. Buchen folgert, dass Chatten von Jungen geringer bewertet wird. Wie beim Nutzungsbereich PC-Spiele wird die Chatnutzung von Jungen und Mädchen unterschiedlich bewertet. Die Geschlechterdifferenz kommt also weniger durch unterschiedliche Nutzungsformen zustande, sondern durch unterschiedliche Bewertung der Chataktivität (vgl. Buchen 2004). Der Einfluss des soziokulturellen Umfelds bei der Bewertung individueller Medienaktivitäten wird deutlich, wenn man die Aussagen der katholischen Mädchen bezüglich ihrer Chat-Erfahrung betrachtet. Sie bewerten Chatten überwiegend als spielerisch unvernünftigen Umgang mit dem PC, während gleichaltrige Mädchen in anderen Realschulmilieus angaben, in ihrer Freizeit über Chat zu kommunizieren. Für den Nutzungsbereich „Chatten“ lassen sich hier milieuspezifische Unterschiede feststellen (vgl. Buchen 2004). In sozialisationstheoretischen und jugendsoziologischen Beiträgen wird stets die besondere Bedeutung der Gleichaltrigengruppe für Jugendliche hervor- gehoben. Oftmals setzt sich die Peergruppe aus gleichgeschlechtlichen Gruppen- mitgliedern zusammen (vgl. Aufenanger 1994). Vor diesem Hintergrund muss 98 der Einfluss der Peergruppe auf die Medienerfahrungen von Jugendlichen aber auch auf die Bewertung medienspezifischer Angebote ernst genommen werden (Straub 2005). In seiner qualitativen Studie zur Bedeutung computervermittelter Kommunikation für männliche Jugendliche nimmt Straub geschlechtshomo- gene Peergruppen in den Blick13. Dieses Vorgehen hat mehrere Gründe: Zum einen verbringen männliche Jugendliche einen Großteil ihrer Freizeit mit Gleich- altrigen, so dass die Peergruppe als gemeinsamer Erfahrungsraum fungiert, in dem Motive und Orientierungen für das individuelle Medienhandeln entfaltet werden. Zum anderen kann die Peergruppe als Kriterium fungieren, um Diffe- renzen innerhalb der „Großgruppe“ Männer aufzuzeigen. Jugendkulturelle Gruppierungen wie Fußballvereine, Pfadfinder oder Gametreffs können sich in ihrem Verhältnis zu Medien und der Intensität der Mediennutzung grundlegend unterscheiden. Für den Bereich der computervermittelten Kommunikation stellt Straub fest, dass jugendkulturelle Szenen Einfluss auf die Nutzungsgewohn- heiten der einzelnen Gruppenmitglieder haben. Die Diskussion mit der Gruppe „Zeltlager“ ergab, dass die Jungen Instant-Messenger-Dienste wie ICQ nutzen. Chatten in öffentlichen Chaträumen lehnen sie ab, weil Gespräche in öffent- lichen Webchats unpersönlicher und anonymer sind. Demgegenüber ziehen sie den Austausch mit Freunden und Bekannten via ICQ vor. Die Jungen der Zeltlager-Gruppe kritisieren an Webchats die Gelegenheit, unehrlich zu kom- munizieren. Straub weist an dieser Stelle darauf hin, dass die Möglichkeit, anderen Chattern die Unwahrheit zu sagen, in anderen Gruppendiskussionen gerade als besonders reizvoll erachtet wird. In der Gruppe „Zeltlager“ hingegen spielen Werte wie Aufrichtigkeit und Verbindlichkeit eine große Rolle. Web- chats werden daher als Bedrohung für diese Werte wahrgenommen. Insgesamt besteht in der Zeltlager-Gruppe eine skeptisch-distanzierte Haltung gegenüber medialen Kommunikationsformen. Diese Haltung bezieht auch andere Kom- munikationsmedien wie Handys ein. Straub spricht von einer „Offline-Orientie- rung“ der Gruppenmitglieder, welche aus einem „Gefühl der Fremdbestim- mung“ durch Medien resultiert (Straub 2005: 8). Demgegenüber zeigen sich die Mitglieder einer schwulen Jugendgruppe offen für computervermittelte Kommunikationsformen. Durch Nutzung von Webchats sehen sie eine Chance, Kontakte zu schließen und Zugang zur schwulen Subkultur zu erlangen. Während sich für diese Jugendlichen Gemein- schaft auch virtuell konstituieren kann, sind andere befragte Gruppen wie Fußballer, Pfadfinder und die Zeltlagergruppe davon überzeugt, dass Gemein- schaft nur offline erlebt werden kann. In Straubs Analyse wird deutlich, dass die Großgruppe „männliche Jugend- liche“ nicht homogen ist. Unterschiedliche Nutzungsformen sind nicht nur auf 99 13 Das Sample der qualitativen Studie besteht aus insgesamt 9 Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren. Geschlechtszugehörigkeit zurückzuführen. Im Hinblick auf Jugendliche sollte daher der Einfluss der Peergruppe auf Medienorientierungen und daraus resul- tierendes Medienhandeln nicht unterschätzt werden (vgl. Straub 2005). 6.3 Entwicklung geschlechtsspezifischer Präferenzen bei der Medienrezeption Offenkundig haben Frauen und Männer, Mädchen und Jungen unterschied- liche Vorlieben für Medien und ihre Inhalte (vgl. Aufenanger 2000). Zur Er- mittlung geschlechtsspezifischer Präferenzen hat die Fernsehforschung einen großen Teil beigetragen. Relativ eindeutig ist die geschlechtsspezifische Zu- wendung zu bestimmten Genres. Während Frauen gefühlsbetonte und bezie- hungsorientierte Genres bevorzugen, schauen Männer lieber actionreiche Fern- sehprogramme. Nach Klaus/Röser spiegeln sich in diesen Rezeptionsmustern „geschlechtsgebundene Kommunikationsstile“ (Klaus/Röser 1996: 37), auf- grund derer Rezipientinnen und Rezipienten mediale Angebote als „männlich“ oder „weiblich“ identifizieren. Medienangebote greifen wiederum diese Kom- munikationsstile auf, um die weibliche bzw. männliche Zielgruppe zu erreichen (vgl. Klaus/Röser 1996). Die männlichen Lieblingsgenres knüpfen dabei an ein „männlich definiertes Konzept von ‚Aktion/Besonderung/Sieg‘“, demgegenüber steht das „weiblich definierte Konzept von ‚Interaktion/Beziehung/Gemeinschaft‘“ (Klaus/Röser 1996: 50). Beim weiblichen Konzept würde beispielsweise das Happy End in der erfolgreichen Herstellung von Gemeinschaft münden, während männliche Rezipienten den erfolgreichen Sieg über den anderen als gelungenes Ende bewerten würden. Die Konstruktion von geschlechterspezifischen Rezeptionsperspektiven ist nicht unumstritten. So sprechen sich insbesondere feministische Autorinnen gegen eine Homogenisierung der weiblichen Rezeptionsweise aus, weil „Frau- sein mit unterschiedlichen Lebenslagen verknüpft ist und hiermit auch unter- schiedliche Lesarten von Medienangeboten verbunden sind“ (Schründer-Lenzen 2004: 561). Die strukturanalytische Rezeptionsforschung begreift Medienrezeption als eine Form des sozialen Handelns. Charlton/Neumann-Braun konnten in Fall- studien mit Vor- und Grundschulkindern beobachten, dass diese Medieninhalte und Themen wählten, die der eigenen Lebenssituation ähnelten. Daraus lässt sich zweierlei schließen: Kinder setzen sich beim Rezeptionsprozess aktiv mit Medieninhalten auseinander. Zweitens hat die Rezeption von Medieninhalten eine große Bedeutung für die individuelle Lebensbewältigung und Identitäts- bildung. Medienrezeption ist somit in einen situativen und kulturellen Kontext eingebettet (vgl. Charlton/Neumann-Braun 1990). 100 Wenn Medienrezeption und Identitätsbildung in engem Zusammenhang stehen, könnten die unterschiedlichen Lebenssituationen von Mädchen und Jungen eine Ursache für geschlechtsspezifische Rezeptionsgewohnheiten sein. In diesem Kontext sind Theorien zur geschlechtsspezifischen Sozialisation bedeutsam. In entwicklungsorientierten Erklärungsansätzen wird der Erwerb der Geschlechtsrolle beschrieben, welcher mit geschlechtsbezogenen Identifika- tionsprozessen und der Entwicklung des Selbstkonzepts einhergeht. Auf dieser theoretischen Grundlage kann einerseits die Entwicklung geschlechtsspezifi- scher Präferenzen im Altersverlauf untersucht werden. Andererseits können die ungleichen Identifikationsprozesse von Mädchen und Jungen unterschied- liche Rezeptionsweisen erklären. Nachfolgend soll die Entwicklung inhaltlicher und genrebezogener Präfe- renzen von Mädchen und Jungen am Beispiel der Fernseh- und Radiorezeption vertieft werden. 6.3.1 Fernsehrezeption und Identitätsentwicklung Das Fernsehen ist über alle Altersstadien hinweg das am häufigsten genutzte Medium und nimmt eine besondere Position im gesamten Medienensemble ein. Es begleitet Kinder von klein auf und wird von ihnen als unverzichtbar eingestuft (vgl. Theunert 2005). Bezüglich der Nutzungshäufigkeit und medialen Präferenz, konnten bislang keine signifikanten geschlechterspezifischen Unter- schiede festgestellt werden. Entscheidende Faktoren für den Umfang des Fern- sehkonsums sind das Alter und das soziale Herkunftsmilieu. Inhaltliche Präfe- renzen (favorisierte Sendungen, Lieblingsfiguren) sind jedoch stark abhängig vom Geschlecht. Geschlechtsspezifische Vorlieben zeigen sich besonders deut- lich mit Beginn des Grundschulalters bis zum Ende der Pubertät (vgl. Theunert 2005). Da Kinder sich in ihrer Geschlechtsrollenentwicklung häufig an den Modellen in den Medien ausrichten, ist es ganz entscheidend, wie dort Ge- schlechtsrollen präsentiert werden (vgl. Aufenanger 2000). In einer Untersuchung von Schorb und Theunert (1992) wurden Befra- gungen mit 96 Kindern zwischen acht und 13 Jahren sowie Tiefeninterviews mit sieben Kindern durchgeführt. Im Rahmen einer Programmanalyse wurde das Fernsehprogramm an einem Wochenende untersucht. Die Analyse des Fernsehprogramms ergab, dass die Angebote vor allem auf die Interessen und Bedürfnisse der Jungen abgestimmt sind. In Kindersendungen sind die Helden meist männlich. Im Hinblick auf Programmvorlieben ergab die Befragung, dass Mädchen und Jungen sich für Unterschiedliches interessieren. Während Jungen Actionserien und deren Helden bevorzugen, sind jüngere Mädchen eher Fans von Serien mit Comic-Charakter. Ältere Mädchen wenden sich dann auch Actionserien zu, rezipieren diese allerdings unter anderen Aspekten. Im Unterschied zu den Jungen, die sich an den kämpferischen Eigenschaften der 101 Heldenfiguren orientieren, interessieren Mädchen mehr deren prosoziale Ver- haltensweisen. In einer anderen Untersuchung von Theunert und Schorb (Schorb/Theunert 1992; Theunert 1993) zum Thema Rezeption von Zeichentrickserien wird unter anderem das Gewaltverständnis von Kindern im Alter von sieben bis elf Jahren betrachtet. Der Großteil der befragten Kinder missbilligt Gewalt in Zeichentrickfilmen. Vor allem Mädchen lehnen Gewalt ab, wobei sie zwischen Action und gewalthaltigen Handlungen differenzieren. Actionreiche Cartoons favorisieren sie solange es sich nicht um brutale Action handelt. In der Rezeptionsstudie von Theunert /Gebel (2000) wurden inhaltliche Prä- ferenzen von 9- bis 15-Jährigen Mädchen und Jungen in Bezug auf TV-Serien untersucht. Es werden sowohl Aneignungsstrukturen der Rezipientinnen und Rezipienten aufgezeigt, als auch eine Analyse der Genres bzw. des Programm- angebots vorgenommen. Die Ergebnisse zeigen, dass geschlechtsspezifische Präferenzen in engem Zusammenhang mit den entwicklungsbedingten Aufga- ben der untersuchten Altersgruppe stehen. Die befragten Mädchen bevorzugen Geschichten über das soziale Zusammenleben. Zwei Drittel schauen daher gerne Daily Soaps wie Marienhof, Gute Zeiten, Schlechte Zeiten oder Ver- botene Liebe. Zu den eingefleischten Soap-Fans gehören die 12- und 13-Jähri- gen. Comedyserien über das Familienleben werden von ihnen zwar gerne ge- schaut, verlieren aber an Attraktivität je näher die Jugendphase rückt. Themen mit Ernsthaftigkeit und Realitätsnähe, wie in Daily Soaps dargestellt, gewinnen mit einsetzender Pubertät an Bedeutung. Bei den befragten Jungen steht span- nende, actionreiche Unterhaltung auch während des Übergangs von der Kind- heit ins Jugendalter an erster Stelle. Sie bevorzugen Action-, Mystery-, Science- fiction- und Krimiserien. Das Interesse an einsam kämpfenden Helden nimmt allerdings mit Beginn des Jugendalters ab und das Zusammenleben in sozialen Gemeinschaften wird wichtiger. Männliche Jugendliche finden dann immer mehr Gefallen an Comedyserien rund um das Familienleben. Die meisten Comedy-Fans sind zwischen 14 und 15 Jahren. Nach Theunert /Gebel reflektieren diese geschlechtsspezifischen Vorlieben die zeitversetzten Pubertätsphasen, in denen sich die befragten Mädchen und Jungen befinden. Mädchen interessieren sich früher für Serien, die vom partner- schaftlichen Zusammenleben und Liebesbeziehungen handeln. Jungen sind zu diesem Zeitpunkt noch auf das familiäre Miteinander fokussiert. Mit Beginn des Jugendalters zeichnet sich dann eine Angleichung der Vorlieben ab. Das Rezeptionsverhalten, also die Zuwendung zu bestimmten Genres und Inhalten, steht daher in enger Beziehung mit der Bewältigung von Entwick- lungsaufgaben. Deutungsmuster hängen vom Alter und dem jeweiligen Ent- wicklungsstadium ab. Für die untersuchte Altersgruppe ist die Ausformung der geschlechtlichen und sozialen Identität zentral. Die Pubertierenden setzen sich daher vornehmlich mit dem Aussehen und Verhalten der männlichen und weib- 102 lichen Seriencharaktere auseinander. Sie vergleichen die abgebildeten Frauen- und Männerbilder mit realen Vorbildern und überprüfen, inwieweit diese Vor- gaben mit der eigenen Persönlichkeit zusammengehen. Im Hinblick auf die eigene Lebensplanung ist das Interesse von Mädchen und Jungen auf die dar- gestellten Lebenssituationen und den Umgang mit Konflikten gerichtet. Serien- favoriten wie Daily Soaps, Comedy- und Actionserien leisten daher einen wichtigen Beitrag zu den Lebensentwürfen von angehenden Jugendlichen (vgl. Theunert /Gebel 2000). Luca (1993) untersuchte in ihrer qualitativ-empirischen Studie mit weiblichen und männlichen Jugendlichen im Alter von 16 bis 18 Jahren Rezeptionsprozesse angesichts zweier ausgewählter Psychohorrorvideos. Die Jugendlichen wurden nicht nur verbal nach ihrer Meinung zu gewalthaltigen Filmen befragt, sondern die Studie zielte darauf ab zu untersuchen, was während der Rezeption in den Köpfen und im emotionalen Erleben der Jugendlichen vorging (vgl. ebd.: 13). Die Ergebnisse geben Aufschluss über kognitive und emotionale Reaktionen auf mediale Gewaltdarstellungen dieser Altersgruppe. Während die Mädchen Erlebnisqualitäten von Machtlosigkeit und Ohnmacht angesichts medialer Gewalt ausdrückten, beschäftigten sich die Jungen mit der Filmhandlung, den Taten, den Mordwerkzeugen und der Filmdramaturgie. Die Studie zeigt deut- lich, dass die geschlechtsspezifischen Klischees der ausgewählten Filme nicht nur nicht erkannt wurden, sondern dass sie sich im subjektiven Medienerleben der Jugendlichen widerspiegelten. Sie erlebten die medialen Bilder von Gewalt entsprechend ihrer Geschlechtsrolle: die Mädchen eher mit Empathie und Angst- fantasien, die Jungen mit Distanz und Allmachtsfantasien (vgl. ebd.: 214 ff.).m In der Studie des IZI wird die Bedeutung von Soaps im Alltag von Kindern und Jugendlichen umfassend untersucht (Götz 2002). Im Mittelpunkt stehen qualitative Befragungen, welche mit 6- bis 19-Jährigen durchgeführt wurden.14 Etwa ab der vierten Klasse beschäftigen sich Mädchen mit den gängigen Soaps im deutschen Fernsehen. Die Rezeption findet dabei meist im Familienkreis statt. Daily Soaps sorgen aber auch für Gesprächsstoff mit Freundinnen. Diese Anschlusskommunikation nimmt einen wichtigen Stellenwert bei der indivi- duellen Interpretation der Handlung ein. Soaps bieten aber nicht nur Anlässe für Kommunikation und Reflexion über das eigene Selbstbild. In sensiblen Momenten der Adoleszenz fungieren sie auch als eine Art Rückzugsmöglich- keit. Sie sind wichtiger Bestandteil des individuellen „doing gender“ (vgl. Götz 2002). Während der Rezeption vergleichen sich die jungen Zuschauer- 103 14 In dieser breit angelegten Studie wurden verschiedene Erhebungsmethoden eingesetzt. Neben der Befragung von 401 Kindern und Jugendlichen wurden geschlechtshomogene Gruppendiskussionen und Morgenkreis- gespräche mit insgesamt 392 Grundschulkindern durchgeführt. Außerdem hat die Autorin alle Handlungs- stränge und Hauptfiguren der deutschen Daily Soaps „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Marienhof“, „Schloss Einstein“ und „Big Brother“ medienanalytisch zusammengefasst. Zusätzlich wurden Organisatorinnen und Organisatoren von deutschen Daily-Soap-Fanclubs schriftlich befragt. innen mit den von ihnen favorisierten Figuren. Weibliche Figuren, die dem Bild des „netten Mädchens“ entsprechen, werden dabei häufiger als Lieblings- figur genannt. Während die Figuren aus den Soaps bei Mädchen im Alter von etwa elf bis 13 Jahren eine wichtige Orientierungsfunktion erfüllen, zeigen 16- bis 19-Jährige distanziertere Aneignungsmuster (vgl. Götz 2002). Im Rahmen der IZI-Untersuchung wurden zusätzlich sechs umfangreiche Fallstudien erstellt und ausgewertet (Winter/Neubauer 2002), die sich speziell auf die Soaps-Rezeption von Jungen beziehen. Fünf der sechs befragten Jungen bekamen über ihre Schwestern oder Mütter Zugang zu ihrer favorisierten Soap „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“. Lediglich einer der Jungen gab Gespräche im Freundeskreis als Beweggrund an. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass Daily Soaps im Alltag der befragten Jungen eine durchgängig hohe Bedeutung einnehmen. Zum Teil wird aber das Interesse an Daily Soaps und ihre Bedeu- tung verdeckt. Die Bedeutungszuweisungen der Befragten sind zudem so unter- schiedlich, dass die Autoren von einer „[…] segmentierten Funktionalität von Soaps für Jungen sprechen […]“ (Winter/Neubauer 2002: 320). Den jüngeren Probanden dient die Rezeptionssituation innerhalb der Familie beispielsweise als Möglichkeit, ihren Müttern nahe zu sein. Inhaltlich interessieren sich die Jungen für Handlungen, die den Übergang zum Jugendalter bzw. zu erwachse- ner Männlichkeit thematisieren. Bedeutend sind auch die in Soaps transportier- ten modernen Männerbilder bzw. die Lebenslagen junger Männer. Es gibt unterschiedliche Aneignungsmuster von Jungen und Mädchen: Soaps bieten für Mädchen und Jungen gleichermaßen Gelegenheiten der Identifika- tion und Distanzierung. Bei der Analyse betonten fünf der Jungen stärker die Distanzseite und gehen kaum auf Identifikationsmöglichkeiten ein. Winter/ Neubauer vermuten unterschiedliche Aneignungsmuster bei Mädchen und Jun- gen. Während sich Jungen mit Soaps durch „Hyperdistanzierung“ auseinander- setzen, ist bei Mädchen eine „Hyperidentifikation“ zu beobachten. Selbst wenn sich die Jungen für eine der männlichen Soap-Figuren interessieren, findet keine umfassende Identifikation statt. Sie zählen vielmehr Eigenschaften auf, die sie an der betreffenden Figur gut finden, möchten aber insgesamt nicht so sein (vgl. Winter/Neubauer 2002). 6.3.2 Radionutzung – Entwicklung musikalischer Präferenzen In einer qualitativen Untersuchung zu Radionutzung und musikalischen Präfe- renzen wurden Gruppendiskussionen und Einzelinterviews mit Kindern und Jugendlichen zwischen neun und 16 Jahren durchgeführt (Hartung 2004). Die Analyse bezieht sich dabei auf geschlechtsspezifische und auf altersbedingte Unterschiede in der Radionutzung. Hartung skizziert die Entwicklung musikali- scher Präferenzen von Mädchen und Jungen im Altersverlauf und berücksich- tigt dabei unterschiedliche Stadien der Pubertät. 104 Die Jüngsten der Untersuchungsgruppe im Alter von neun bis elf hören vorwiegend im Familienkreis Radio. Dabei wird die Auswahl des Radiosenders von den Eltern bestimmt. Das Musikangebot steht in diesem Alter nicht im Mittelpunkt, da die Kinder noch keine persönlichen Musikpräferenzen ent- wickelt haben. Sie benennen zwar Lieblingstitel, können diese jedoch noch keinem Genre zuordnen. Für die Elf- bis Zwölfjährigen ist das Radio bereits eine wichtige Orientie- rungshilfe hinsichtlich der Rezeption und Bewertung von Musik. Sie hören zwar noch die Radiosender der Eltern, wenden sich aber zunehmend Radio- sendern zu, die eine junge Zielgruppe ansprechen. Verstärkt wird diese Zuwen- dung durch Jugendmagazine wie Bravo, in denen unter anderem über musikali- sche Trends und Musikgruppen berichtet wird. Musik wird nun als Möglichkeit wahrgenommen, sich von Erwachsenen abzugrenzen. Eine Zuordnung der ge- hörten Musik in bestimmte Genres gelingt ihnen noch nicht. Wesentlich ist die Aktualität von Musik. Im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren nutzen Mädchen und Jungen das Radio zunehmend selbstbestimmt und hören überwiegend jugendorientierte Radiosender. Während die befragten Mädchen dieser Altersstufe angaben, eher Mainstream zu hören, fühlen sich Jungen bereits zu speziellen Musikgenres hingezogen. Für die Jungen in diesem Alterstadium scheint es wichtig, sich von den Mädchen abzugrenzen. Sie empfinden sanfte, gefühlsbetonte Musik als weiblich und präferieren „harte Musik“ (Hartung 2004: 26). Die Schwärmerei für männliche Popstars und das Nacheifern beliebter Sängerinnen seitens der Mädchen können Jungen nicht nachvollziehen. Programmelemente wie Wer- bung oder Nachrichten empfinden beide Geschlechter als störend, denn es geht ihnen nur um die Musik. Im Verlauf der jugendlichen Individualisierung nimmt die Rezeption von Musik eine wichtige Bedeutung ein. Mit der Entscheidung für eine bestimmte Musikrichtung ist oftmals auch die Zugehörigkeit zu einer entsprechenden Jugendszene verbunden. Hartung weist darauf hin, dass die quantitativ größten Jugendszenen durch gemeinsame Vorliebe eines Musikstils begründet sind (Hip-Hop-Szene, Technoszene). Zwischen 15 und 16 beginnen Jugendliche ihre musikalischen Vorlieben zu differenzieren und ihr Bedürfnis nach indivi- dueller Musikauswahl wächst. Sie distanzieren sich zunehmend vom Musik- angebot der Radiosender, weil sie es als einseitig empfinden und wenden sich verstärkt anderen Hörmedien wie Musik-CDs zu. Das Radio hat nun keine „musikalische Leitfunktion“ (Hartung 2004: 30) mehr, sondern wird über- wiegend als „Klangtapete“ (Hartung 2004: 28) im Alltag genutzt. Allerdings geben auch in diesem Altersstadium Mädchen an, sich am Mainstream-Ange- bot zu orientieren, während sich Jungen stärker in speziellen Genres wieder- finden (vgl. Hartung 2004). 105 7 Geschlechterspezifische Kompetenzen im Umgang mit Medien In den vorangegangenen Kapiteln wurden unterschiedliche Nutzungsformen, Erfahrungen und Interessen von Mädchen und Jungen im Umgang mit Medien dargestellt. Nachfolgend soll es um die medienspezifischen Kenntnisse und Fähigkeiten der Nutzerinnen und Nutzer gehen. Bislang gibt es nur wenige Studien, in denen verschiedene Ausprägungen der Medienkompetenz analysiert werden. Schwerpunkt vieler Untersuchungen ist die Beschäftigung mit den „neuen Medien“ Computer und Internet. Medienkompetenz wird dabei häufig an technischen Kenntnissen festgemacht. Diese einseitige Betrachtungsweise wird vielfach kritisiert, weil andere Dimensionen der Medienkompetenz nicht hinreichend erfasst werden. Andererseits wird häufig darauf hingewiesen, dass mit der Lesekompetenz kognitive Fähigkeiten erworben werden, die grundlegend für die Nutzung aller Medien sind (vgl. Haug 2005). Lesekompetenz könnte somit ein wichtiger Einflussfaktor für die weitere Entwicklung der Medienkompetenz sein. In den Bereichen Computer/ Internet und Lesen zeichnen sich zudem ge- schlechterspezifische Kompetenzen ab. Während Jungen technisch die Nase vorn haben, sind Mädchen bessere Leserinnen. Inwieweit sich diese Aussagen empirisch bestätigen lassen, und welche Folgen daraus für die kompetente Mediennutzung im Alltag abgeleitet werden können, soll im Folgenden thema- tisiert werden. Abschließend werden die Ergebnisse der Bielefelder Medienkompetenz- Studie dargestellt, in der medienbezogene Fähigkeiten von Jugendlichen in Anlehnung an Baackes Dimensionen differenziert untersucht werden. Die Ana- lyse bezieht sich dabei auf den Umgang mit verschiedenen Medien. 7.1.1 Computer- und Internetkompetenz In den KIM- und JIM-Studien wurden unter anderem die technischen Kompe- tenzen von Kinder und Jugendlichen mittels Selbsteinschätzung erfragt. Die Befragten gaben an, wie gut sie die Bedienungsoptionen verschiedener Medien 107 wie Handy, Videorecorder oder Computer beherrschen: Die Altersgruppe der 6- bis 13-Jährigen hat am meisten Erfahrungen im Umgang mit dem Handy. Etwa die Hälfte weiß, wie SMS verschickt werden. Bei computer- und internetbezogenen Tätigkeiten fühlen sich die Befragten weniger kompetent: Während ein Drittel angab, neue Computerprogramme installieren zu können, haben lediglich 15 % erfolgreich Dateiverzeichnisse angelegt. Des Weiteren fühlen sich 14 % kompetent, wenn es um die selbst- ständige Anmeldung im Chat geht. 13 % der Befragten können CD-ROMs brennen und 12 % haben schon mal Dateien aus dem Internet heruntergeladen. Jungen trauen sich bei allen Tätigkeiten mehr zu als Mädchen. Die größte Differenz bezieht sich auf die Programmierung des Videorecorders (Jungen 36 %, Mädchen 21 %). Bei den Internet-Tätigkeiten sinkt die Differenz der Mädchen zu den Jungen auf 5 %. Mit zunehmendem Alter steigt insgesamt die Zuversicht in ihre technischen Kompetenzen (vgl. KIM 2005). Wie bei der KIM- und JIM-Befragung werden geschlechtsspezifische Kom- petenzunterschiede oftmals an den Faktoren Zugangshäufigkeit oder der erfolg- reichen Nutzung von bestimmten Diensten festgemacht. Was den Zugang zu den Medien Computer und Internet betrifft, lassen sich jedoch zunehmend weniger Unterschiede feststellen. Schelhowe plädiert für eine differenziertere Betrachtungsweise: „Nicht an der Quantität, sondern in der Qualität des Zu- gangs zu den Digitalen Medien, […] wird sich zeigen, wie sich das Verhältnis der Geschlechter in der schulischen Bildung und darüber hinaus in den Pro- zessen gesellschaftlicher Praxis entwickelt“ (Schelhowe 2003: 2). Die Kommis- sion der American Association of University Women Educational Foundation betont, dass im Informationszeitalter Gleichberechtigung nicht daran gemessen werden kann, wie viele Mädchen E-Mails versenden, das Internet nutzen oder Power-Point-Präsentationen erstellen. Bei der Computerkompetenz ginge es nicht um die instrumentelle Beherrschung von Maschinen bzw. von deren Grundfunktionen, sondern um ein tiefer gehendes Verständnis etwa über Funk- tionsweisen von Netzwerken und um eigeninitiatives Handeln (vgl. American Association of University Women Educational Foundation 2000).15 Bezüglich der Forschungslage zur geschlechterspezifischen Internetnutzung und -kompetenz bemängelt Winker zum einen die Vielzahl an geschlechter- polarisierenden Studien, und zum anderen die oberflächliche Betrachtung auf 108 15 In diesem Zusammenhang werden die vom National Research Council ausgearbeiteten qualitativen Merkmale der Computerbeherrschung zugrunde gelegt: „unde rstand information technology broadly enough to apply it at work and in their everyday lives; continually adapt to changes in technology and improvise solutions when systems do not act in anticipated ways; apply insights about technology across domains and problems; understand basic concepts of programming and human-computer interfaces; interpret and understand informa- tion available through computer technology; define complex problems and imagine ways that information technology might contribute to the solution; think about information technology abstractly; and communicate effectively to others about it“ (S. 20). die Nutzungsweisen (vgl. Winker 2004). Nach Hargittai (2002) lassen sich Unterschiede in der Internetnutzung unterteilen in Zugangsdifferenzen „Digital Divide“ und Nutzungsdifferenzen „Second-Level-Digital-Divide“. Letztere be- ziehen sich auf Nutzungspräferenzen bzw. die Nicht-Nutzung bestimmter Inter- netdienste und -angebote. Für die Untersuchung von Nutzungsgewohnheiten hat Winker in Anlehnung an DiMaggio/Hargittai (2001) ein Modell mit drei Dimensionen der Internetnutzung entwickelt: Nutzungsautonomie, Medien- kompetenz und Nutzungsvielfalt. Diese Dimensionen werden von weiteren Faktoren beeinflusst. Nutzungsautonomie hängt von den technischen Voraus- setzungen (Ausstattung) und den örtlichen bzw. zeitlichen Bedingungen der Internetnutzung ab. Medienkompetenz von den individuellen Fähigkeiten der Nutzerinnen und Nutzer, aber auch von der Fähigkeit, sich bedarfsgerecht soziale Unterstützung zu verschaffen. Die Nutzungsvielfalt wird beeinflusst von den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer und diesbezüglich auch vom verfügbaren Angebot, z. B. Spieleangebot (vgl. Winker 2004). Mit diesem Untersuchungsrahmen können geschlechterspezifische Ungleichheiten auf den verschiedenen Ebenen der Internetnutzung dargestellt werden. Nach Winker muss bei der Internetnutzung Technikkompetenz von Medienkompetenz unter- schieden werden. Technische Kompetenz ist für die Nutzung der Internetdienste nicht unbedingt erforderlich. Sollten bei der Anwendung Systemfehler auf- tauchen, seien technische Kenntnisse sicherlich hilfreich, aber nicht notwen- dig. Hargittai verweist diesbezüglich auf „social support networks“, die bei Nutzungsproblemen unterstützend wirken. Mit sozialer Unterstützung lassen sich nicht nur technische Defizite ausgleichen, sondern auch neue Nutzungs- bereiche erschließen. Die Verfügbarkeit eines sozialen Netzwerks, also die Kenntnisse und Kompetenzen von Freunden, Bekannten und der Familie, ist daher ein wichtiger Einflussfaktor für die weitere Entwicklung individueller Nutzungsweisen (vgl. Hargittai 2003). In einer Untersuchung zur Telearbeit konnte Winker herausstellen, dass Frauen bei technischen Problemen häufiger soziale Unterstützung organisieren (vgl. Winker 2001). In einer Untersuchung des Kompetenzzentrums Informelle Bildung (KIB) an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld zu Nutzungsweisen und informellen Aneignungsstrukturen von jugendlichen Internetusern (Otto et al. 2005) wurden ca. 50 qualitative Interviews16 mit Jugendlichen im Alter 109 16 Das KIB entwickelte hierzu eine neue Interview-Methode: das „Surf-Interview“. Die Jugendlichen wurden während des Surfens interviewt und konnten in einer ersten Phase frei surfen oder kommunizieren. In diesem ersten Schritt sollen das alltägliche Surfverhalten und die Nutzungsgewohnheiten (z. B. Lieblingsseiten) erfasst werden. In der aufgabenbasierten Phase wurde die Recherchefähigkeit (Informationssuche), das Navigations- verhalten auf unbekannten Seiten und das Erschließen von neuen Kommunikationsräumen getestet. Die Interviewer befragten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konkret zu ihrem Handeln. Dabei hielten sie auch Diskrepanzen zwischen dem beobachteten Surfverhalten und der Selbstbeschreibung fest. Zusätzlich wurden die Interviews mit einem Tonband aufgezeichnet (vgl. Otto et al. 2005). von 14 bis 23 durchgeführt. Thematischer Ausgangspunkt der Analyse ist das Phänomen der sozialen Ungleichheit im Bereich der neuen Medien, welches nach Hargittai/DiMaggio (2001) auch mit dem Begriff „Digital Inequality“ umschrieben wird. Bei Auswahl der Untersuchungsteilnehmerinnen und -teil- nehmer wurden daher unterschiedliche soziodemographische Herkunftsmilieus berücksichtigt, wobei ein Großteil der Untersuchungsgruppe aus Jugendlichen mit formal niedrigem Bildungsniveau bestand. Es waren auch überdurchschnitt- lich viele Jugendliche mit Migrationshintergrund vertreten. Außerdem verfüg- ten die jugendlichen Probanden über eher kurze Interneterfahrung und hatten überwiegend keinen privaten Zugang zum Internet. Bezüglich der Internetnutzung konnten verschiedene Kriterien ausfindig gemacht werden, die sich mehr oder weniger auf die individuelle Nutzung auswirken. Ein wichtiges Ergebnis ist, dass der „Grad der Versiertheit“ und „Erfahrung in der technischen Nutzung“ (Otto et al. 2005: 18) nicht zwangs- läufig zu einer reflexiven Nutzung führen. Technisches Know-how repräsentiert nur einen Teil von Medienkompetenz und hat nur wenig Einfluss auf die Entwicklung und Förderung der anderen Dimensionen wie Reflexionsfähig- keit, kommunikative Kompetenzen und soziale Interaktion (vgl. Otto et al. 2005). „Peerstrukturen und soziale Netzwerke“ spielen wiederum eine große Rolle bei der informellen Erschließung der Internetdienste. Ein gut ausgebautes Netz- werk kann für die individuelle Nutzung förderlich sein. Im Hinblick auf ihre Ergebnisse verweisen die Autoren auf die kapitaltheoretische Annahme (vgl. Bourdieu) und bestätigen, dass „[…] Peerstrukturen aus formal höher Gebilde- ten eine stärkere gegenseitige informative Unterstützung bei Problemen in der Nutzung (z. B. auch als Anregung, einen Kurs zu besuchen) offerieren als bei formal niedriger Gebildeten“ (Otto et al. 2005: 14). Ohne hilfreiche Unterstüt- zung besteht die Gefahr, bei auftretenden Nutzungsproblemen oder Misserfolg aufzugeben, und unverständliche Dienste nicht mehr zu nutzen. Im Vergleich zeigten die Befragten mit formal höherem Bildungsniveau eine größere Nutzungsvielfalt, während solche mit formal niedrigem Bildungs- niveau vor allem Chatangebote nutzen. Beispielsweise waren darunter Jugend- liche mit einer Interneterfahrung von ein bis zwei Jahren, die nur ein Chat- angebot nutzen und keine oder kaum andere Websites kennen. Die Autoren charakterisieren das Surfverhalten der Jugendlichen mit formal niedrigerem Bildungsniveau als „Instant“-Nutzung, da die Befragten angaben, beim Chatten keine Anmeldung vorzunehmen und überwiegend keine E-Mail-Adresse zu haben. Die Gruppe der formal höher Gebildeten konnte sich neue Online- Bereiche überwiegend selbstgesteuert aneignen. Sie beteiligen sich häufiger durch Meinungsäußerungen oder durch Nutzung der Feedback-Funktion. Bei den formal höher Gebildeten zeichnet sich somit ein reflexives Nutzungs- verhalten ab. 110 Während die Nutzungsdifferenzen auf der Bildungsebene sehr deutlich sind, konnten zwischen den weiblichen und männlichen Befragten keine signifikan- ten Nutzungsdifferenzen festgestellt werden. Geschlechterspezifische Unter- schiede sind jedoch an den Aussagen zu qualitativ „guten Internetseiten“ er- kennbar. Für weibliche Jugendliche ist einfache Bedienbarkeit und ansprechende Gestaltung wichtig. Bei der Gestaltung sollten sich Internetseiten den eigenen Interessen entsprechend anpassen lassen. So sollten eigene Fotos und Texte integrierbar sein. Für die männlichen Jugendlichen hingegen ist die einfache Handhabung von Internetangeboten ein eher unwichtiges Qualitätskriterium (vgl. Otto et al. 2005). Die unterschiedlichen Aussagen zur Bedienbarkeit könnten auch ein Indi- kator für Schwierigkeiten im Umgang mit dem Computer sein. In der Unter- suchung der Nielsen Norman Group wurde die Internetkompetenz von Kindern und Jugendlichen mit Blick auf die Website-Usability analysiert (Nielsen 2002).17 In Bezug auf das Surfverhalten der Sechs- bis Zwölfjährigen konnte beobachtet werden, dass sich eindeutig mehr Mädchen an Internetangeboten mit mangelhafter Anleitung stören (76 % der Mädchen, 33 % der Jungen). Eine denkbare Erklärung könnte das unterschiedliche Vorgehen beim Erschließen von Inhalten sein. Feil/ Decker/Gieger beobachteten Mädchen und Jungen beim Computerspielen und stellten methodische Differenzen fest: Während Jungen eher das Trial-and-Error-Verfahren anwenden, gehen Mädchen syste- matisch vor (vgl. Feil/Decker/Gieger 2004). Möglicherweise trifft dieses Ver- halten auch beim Surfen im Internet zu. Die Ergebnisse der Nielsen Norman Group bringen einen weiteren Unter- schied hervor: Jungen beschweren sich häufiger, wenn Internetseiten textlastig gestaltet sind (40 % der Jungen, 8 % der Mädchen). Nielsen begründet dies mit der Annahme, dass Mädchen dieser Altersgruppe einen Vorsprung in der Lese- kompetenz haben und ihnen wortreiche Websites daher keinerlei Probleme bereiten. Eine eher schwache Internetkompetenz attestiert Nielsen der jugend- lichen Testgruppe: „Teens’ poor performance is caused by three factors: insuf- ficient reading skills, less sophisticated research strategies, and a dramatically lower patience level“ (Nielsen 2005). Sowohl bei den beobachteten Kindern als auch bei den Jugendlichen ist Lesefähigkeit ein entscheidender Einfluss- faktor für den kompetenten Umgang mit Internetangeboten. Welche Zusammenhänge zwischen Medienkompetenz und Lesekompetenz bestehen soll nachfolgend vertieft werden. 111 17 Die jüngere Testgruppe setzte sich aus 55 Kindern zusammen. Davon leben 39 in den USA und 16 in Israel. Das Surfverhalten der Sechs- bis Zwölfjährigen wurde mittels teilnehmender Beobachtung festgehalten. Zusätzlich wurden die Kinder aufgefordert, laut zu denken. In einer weiteren Studie wurden 38 Jugendliche im Alter von 13 bis 17 zunächst aufgefordert, ausgewählte Websites zu besuchen. Dazu wurden ihnen Aufgaben gestellt. In einem weiteren Schritt sollten die jugendlichen Probanden frei surfen und ihre Lieblingsseiten vor- stellen. Abschließend wurden in Interviews ihre Surfgewohnheiten im Alltag erfragt. 7.1.2 Lesekompetenz als Voraussetzung von Medienkompetenz Als zentrale Kulturtechnik beinhaltet Lesekompetenz „[…] grundlegende kog- nitive Fähigkeiten, die für den Umgang mit allen Medien wichtig sind“ (Haug 2005: o. S.). Lesefähigkeit kann daher als Basisqualifikation betrachtet werden, die entscheidend für die weitere Entwicklung der Medienkompetenz ist. Bereits in den 1980er Jahren verwiesen Bonfadelli/Saxer auf den Zusam- menhang von Lesehäufigkeit und Medienkompetenz. In ihrer Studie verglichen sie Jugendliche, die im Alltag häufig fernsehen mit solchen die regelmäßig lesen. In einem Test wurden den zwei Gruppen Informationssendungen gezeigt (Nachrichten, Magazine). Anschließend sollten die jugendlichen Probanden die Inhalte wiedergeben. Dabei zeigte sich, dass die geübten Leserinnen und Leser wesentlich mehr Informationen behalten haben. Im Gegensatz zu den Vielsehern konnten sie den Sendungen komplexe Informationen entnehmen und diese besser strukturieren (vgl. Bonfadelli/Saxer 1986). Warum hat jedoch die Leser-Gruppe trotz geringem Fernsehkonsum bessere Ergebnisse erzielt? Saxer begründet: „[…] weil sie es gewohnt sind, den im Vergleich zum Zeige- medium Fernsehen immer relativ abstrakten Schrifttext durch eigene Kombina- tionen und Schlüsse zu ergänzen, statt einfach in die Bilderflut einzutauchen“ (Saxer 1991: 100). Im Kontext der internationalen Leistungsvergleichuntersuchung PISA wurde der Zusammenhang von Lesekompetenz und Medienkompetenz vermehrt auf- gegriffen, wobei der Begriff „Lesekompetenz“ verbunden mit der Forderung nach einer gezielten Leseförderung stärker in den Vordergrund trat. Haug fasst die Diskussion um Medien- und Lesekompetenz folgendermaßen zusammen: „Die bevorzugte Behandlung der Lesekompetenz in Bildungszusammenhängen geschieht aus Sicht vieler Leseforschungs-Experten vollkommen zu Recht, da zahlreiche aktuelle Untersuchungen nahe legen, dass der bessere Leser auch immer der bessere Mediennutzer sei“ (Haug 2005: o. S.). Die PISA-Ergebnisse wurden aber vor allem aus geschlechtsspezifischer Sicht diskutiert. Nachfolgend sollen die Kompetenzunterschiede von Mädchen und Jungen im Bereich Lesen vertieft werden. Geschlechtsspezifische Lesekompetenz Die PISA-Studie gibt Aufschluss über den unterschiedlichen Kompetenzerwerb von Schülerinnen und Schülern im mathematisch-naturwissenschaftlichen und sprachlichen Bereich. Im Hinblick auf geschlechtsspezifische Differenzen inter- pretieren Stanat /Kunter die Ergebnisse wie folgt: „Die größten und konsisten- testen Geschlechterunterschiede sind im Bereich Lesen zu beobachten. In allen PISA-Teilnehmerstaaten erreichen die Mädchen im Lesen signifikant höhere Testwerte als die Jungen.“ (Deutsches PISA-Konsortium 2001: 253). Bei PISA bedeutet Lesekompetenz mehr als „lesen können“. Insgesamt werden drei 112 Dimensionen der Lesekompetenz unterschieden, die den Umgang mit Texten auf verschiedenen Anforderungsniveaus darstellen: „Informationen ermitteln“, „textbezogenes Interpretieren“ und „Reflektieren und Bewerten“ (Deutsches PISA-Konsortium 2001: 89). Es zeigte sich, dass die Geschlechterdifferenz beim Ermitteln von Informationen am geringsten und beim Reflektieren und Bewerten von Textinhalten am größten ausfällt. Der Kompetenzvorsprung der Mädchen wächst also mit steigendem Anspruch an die textbezogenen Fähig- keiten. In der PISA-Studie wurden neben literarischen und informativen Textsorten vor allem nicht-lineare Texte wie Grafiken, Tabellen und Diagramme berück- sichtigt, denn auf diese stoßen Kinder und Jugendliche im Alltag sehr häufig. Hierdurch gelingt es, die veränderte mediale Realität (z. B. Lesen in Hypertext- strukturen) und die daraus folgenden Anforderungen an die Lesefähigkeit zu erfassen (vgl. Haug 2005). Bei den 15-Jährigen zeigte sich unter Beachtung der verschiedenen Textsorten, dass Mädchen im Umgang mit literarischen bzw. kontinuierlichen Texten deutlich besser abschneiden. Die Differenz zu den Jungen sinkt jedoch erheblich bei diskontinuierlichen Texten (Tabellen, Diagramme, Karten). Teilweise konnten die Jungen hier, wenn auch nicht signifikant, eine bessere Leseleistung zeigen (vgl. Deutsches PISA-Konsortium 2001). Es sind jedoch nicht nur Textsorten oder Textstrukturen, die einen erheblichen Einfluss auf die Lesefähigkeit haben. Das Leseverständnis ist auch abhängig vom Medium (vgl. Grütz 2004). Im Rahmen der Schweizer Studie „Literalität im medialen Umfeld“ (Bertschi-Kaufmann/Kassis/Sieber 1999) wurden 202 Kinder im Alter von acht bis zwölf (Klasse 2 bis 5) über einen Zeitraum von 18 Monaten beobach- tet. Dazu wurden in 20 Schulklassen der Primarschule und der Sekundarstufe I multimediale Anlagen eingerichtet, die einen freien Zugang zu einer Auswahl an gedruckten Büchern, interactive books auf CD-ROMs und zum Internet ermöglichen. Während des gesamten Untersuchungszeitraums führten die Probanden Lesetagebücher. Diese sollen zum einen dokumentieren, wie die Schülerinnen und Schüler das Medienangebot genutzt haben. Zum anderen spiegeln die Tagebucheinträge die Leseinteressen der Probanden wider. In den Einträgen finden sich oftmals Bewertungen und Kommentare zu den literari- schen Vorgaben. Bei der Auswertung wurden die Tagebücher mit den Lese- tagbüchern aus einer früheren Studie verglichen. In der vorangegangenen Unter- suchung wurden den Schülern ausschließlich gedruckte Bücher zur Verfügung gestellt. Bezüglich der Leseaktivität von Mädchen und Jungen konnte fest- gestellt werden, dass geschlechtsspezifische Differenzen sinken, wenn die Schüler zwischen Buch- und Bildschirmlektüren auswählen können. Während die Leseaktivität der Jungen in traditioneller Buchumgebung weit hinter den Mädchen liegt, nähert sich die Leseaktivität von Mädchen und Jungen in multi- medialer Umgebung an. Vor allem die Jungen aus der Primarschule, also die 113 Leseanfänger, bevorzugen multimediale Geschichten auf CD-ROM oder bild- unterstützte Printmedien (z. B. Comics). Bertschi-Kaufmann schlussfolgert: „Die Gelegenheit, Leseerfahrungen auch am Bildschirm zu sammeln, stärkt und stabilisiert also vor allem die Lesetätigkeit der Jungen, während Mädchen den PC weniger eindeutig für ihre Leseentwicklung verwerten, seine Möglich- keiten bei der Beschäftigung mit literarischen Versionen aber durchaus auch erkunden“ (Bertschi-Kaufmann 2000: 3). Das starke Interesse der Jungen an Bildschirmtexten ist daher ein relevanter Faktor für die Leseaktivität und müsste etwa im Unterricht stärker beachtet werden. Dieses Interesse bleibt jedoch weitgehend unberücksichtigt (vgl. Grütz 2004). Im Rahmen der IGLU- Studie wird dieser Aspekt ebenfalls problematisiert: „Auf die Frage, inwieweit der Leseunterricht durch den Mangel in verschiedenen Bereichen negativ be- einflusst wird, nennen die Schulleiter an erster Stelle fehlende Computer- fachleute (für 69 % der Schüler wird hier ein Mangel erlebt), an zweiter Stelle den Mangel an Computerprogrammen (5 %) und an dritter Stelle den Mangel an Computern für Unterrichtszwecke (44 %). Erst mit großem Abstand folgen Bücher in der Bibliothek (25 %), audiovisuelle Mittel (22 %) und Lehrpersonal (20 %)“ (Bos et al. 2003: 36–38). Eine geschlechtsbewusste Lesekompetenzförderung müsste die unterschied- lichen Präferenzen von Mädchen und Jungen hinsichtlich der Kommunikations- modi Schrift und Bild einbeziehen. Dies sei aber bislang vernachlässigt worden (vgl. Haug 2005). Zudem stellt sich die Frage, ob und wie sich die geschlechterspezifischen Kompetenzunterschiede beim Lesen auf den Umgang mit anderen Medien aus- wirken. Geht man von dem allgemeinen Zusammenhang von Lesekompetenz und Medienkompetenz aus, könnte man schlussfolgern, dass Mädchen als bessere Leserinnen auch die kompetenteren Mediennutzerinnen seien. Bislang gibt es dazu keine empirische Untersuchung. In den Studien PISA und IGLU wurde Lesekompetenz auf der Grundlage entsprechender Modelle analysiert, somit konnten Kompetenzunterschiede in verschiedenen Dimensionen aufgezeigt werden. Obwohl in der Vergangenheit mehrere Medienkompetenzmodelle ausgearbeitet wurden, sind die unterschied- lichen Ausprägungen von Medienkompetenz bislang nur vereinzelt empirisch überprüft worden. Kompetentes Medienhandeln wird vielmehr an der Nutzungs- ebene festgemacht. In der Untersuchung von Treumann et al. wurde mittels quantitativer Clusteranalyse und qualitativer Interviews das Medienhandeln von Jugendlichen im Alter von zwölf bis 20 analysiert.18 Den theoretischen Ausgangspunkt bildet das Medienkompetenzmodell von Baacke. Zur Opera- tionalisierung des Medienhandelns werden daher die Hauptdimensionen Me- 114 18 Die Stichprobe der quantitativen Analyse betrug n = 1.662. Leitfadenorientierte Interviews wurden mit min- destens fünf Jugendlichen aus jedem Cluster durchgeführt. dienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung inklusive Unterdimensionen zugrunde gelegt. Somit lassen sich inhaltlich voneinander unterscheidbare Teilbereiche von Medienkompetenz rekonstruieren (vgl. Treu- mann et al. 2003). Insgesamt wurden 32 Hauptkomponenten der jugendlichen Mediennutzung ermittelt. Folgende Cluster repräsentieren typische Formen des Medienhandelns (vgl. Treumann et al. 2003): – Bildungsorientierte (20,4 %) – Positionslose (20,3 %) – Kommunikationsorientierte (ca. 18–19 %) – Konsumorientierte (ca. 17–18 %) – Allrounder (12 %) – Deprivierte (7,8 %) – Gestalter (ca. 3–4 %) Die Bildungsorientierten machen 20,4 % der Untersuchungsstichprobe aus, dicht gefolgt von den Positionslosen mit 20,3 %. Bezeichnend für die Bildungs- orientierten (20,4 %) ist ihre Präferenz für Printmedien. Die Nutzung audio- visueller Medien liegt vergleichsweise unter dem Durchschnitt. Im Gegensatz zu den anderen Clustern verfügen die Bildungsorientierten über fundiertes literarisches Wissen. Innerhalb der Untersuchungsgruppe sind es vor allem Mädchen mit formal höherem Bildungsniveau, die das Cluster Bildungsorien- tierte repräsentieren. An zweiter Stelle stehen die Positionslosen, die überwiegend audiovisuelle Medien nutzen. Demgegenüber werden Printmedien von ihnen unterdurch- schnittlich genutzt. Was die Mediennutzung betrifft, kontrastieren sich daher Bildungsorientierte und Positionslose. In Bezug auf die Dimensionen Medien- kunde und Medienkritik zeichnet sich die Gruppe der Positionslosen durch mangelhafte Kenntnisse der informativen Medienkunde und eine unkritische Haltung aus. Die Autoren vermuten hier einen Alterseffekt, da vor allem Jüngere dieses Cluster repräsentieren. Im Vergleich zu den anderen Clustern sind auch häufiger Jugendliche mit formal niedrigerem Bildungsniveau sowie männliche Probanden vertreten. Die Cluster Kommunikationsorientierte (ca. 15–18 %) und Konsumorientierte (ca. 15–17 %) differieren in den Dimensionen Mediennutzung, Mediengestal- tung und instrumentelle sowie informative Medienkunde. Die meist älteren, weiblichen, formal höher gebildeten Kommunikationsorientierten interessieren sich für Musik und Infotainment und nutzen vermehrt entsprechende Angebote. Im Umgang mit computervermittelten Kommunikationsangeboten spiegelt sich ihre kommunikative Orientierung. Unterdurchschnittliche Kenntnisse weisen sie im Bereich Medienkunde auf. Kommunikationsorientierte eignen sich Wissen (z. B. über das Mediensystem) nicht langfristig an, sondern erschließen es je nach Bedarf über soziale Netzwerke. Zu den Konsumorientierten gehören 115 vorwiegend ältere, männliche Jugendliche. Bei ihrer Mediennutzung steht der Unterhaltungsaspekt an erster Stelle, wobei sie sich überwiegend den Neuen Medien zuwenden. Die gesamte Bandbreite an Nutzungsmöglichkeiten schöpfen sie dabei nicht aus. Computer und Internet werden weniger zur Gestaltung oder Informationsrecherche genutzt. Vielmehr steht das Spieleangebot im Vorder- grund. Während Konsumorientierte in ihrem literarischen Bildungswissen unter dem Durchschnitt liegen, kennen sie sich mit sachlichen Zusammenhängen des Mediensystems gut aus. Die größten Gegensätze bestehen bei den Clustern Allrounder (12 %) und Deprivierte (7,8 %). Während die Deprivierten in nahezu allen Bereichen des Medienhandelns erhebliche Defizite aufweisen, triumphieren die Allrounder als überdurchschnittliche Mediennutzer. In beiden Gruppen sind männliche Jugendliche in der Überzahl. Allrounder und Deprivierte unterscheiden sich auch kaum bezüglich ihres soziodemographischen Hintergrunds. Die Autoren schlussfolgern, dass es vielfältige Einflussfaktoren auf das Medienhandeln Jugendlicher gibt, die über geschlechtsspezifische und bildungsspezifische Differenzen hinausgehen. Zudem relativieren sie die öffentliche Auffassung, dass Jugendliche per se kompetente, aufgeschlossene Mediennutzer seien. Ins- gesamt kommen sie zum Ergebnis, dass „[…] Nutzung Neuer Medien keines- wegs heißt, diese in ihrem vielfältigen Angebot zu durchschauen, sich Wissen über Strukturen und Funktionsweisen anzueignen und Medien den eigenen Zwecken gemäß einsetzen zu können.“ (Treumann et al. 2003: 24) Die Analyse der einzelnen Clustertypen zeigt, dass die jugendlichen Probanden innerhalb der Medienkompetenzdimensionen stark differieren, so dass es kaum Sinn macht, von einer Generation jugendlicher Mediennutzer zu sprechen. 116 8 Recherche zu Projekten geschlechtsspezifischer Medienkompetenzförderung Die aktive Recherche von geschlechtersensiblen medienpädagogischen Angebo- ten wurde in zwei Phasen untergliedert: eine Vorrecherche (Abschnitt 8.1) und eine Hauptrecherche (Abschnitt 8.2). Aufbauend auf den Erkenntnissen der Vor- und Hauptrecherche wurde ein verändertes Setting für die Verzahnung von Recherche und Interviewphase mit Expertinnen und Experten medien- pädagogischer Praxis entworfen (Abschnitt 9). Auf diese Weise konnte ein an- gemessenes Bild der konzeptionellen Überlegungen, die hinter der praktischen Arbeit stehen, gewonnen werden, das eine bloße Projektrecherche nicht er- reicht hätte. 8.1 Die Vorrecherche Die Vorrecherche zielte darauf ab, einen schnellen ersten Überblick über das Feld geschlechtersensibler medienpädagogischer Praxis zu gewinnen. Eben- falls sollte getestet werden, ob die entworfenen Recherchewege und die Art der Erfassung der Projekte und Projektkonzeptionen ein angemessenes Wider- spiegeln des Feldes ermöglichen würden oder ob Veränderungen an der Recher- che vorgenommen werden müssten. Die Zielvorgabe für die Vorrecherche war, – zu 20 bis 30 Medienprojekten Informationsmappen, so genannte „Folder“ vorzulegen, die ein ausgefülltes Formblatt („Titelblatt“), einen partiellen Ausdruck der Internetpräsentation, gültige Kontaktdaten und eine Einschät- zung der Bedeutung und der Gender-Aspekte des jeweiligen Projekts ent- halten, – einen Projekt Pool anzulegen, – mögliche „Knackpunkte“ der Recherche zu identifizieren – einen ersten Eindruck zum Spektrum der Projektangebote geben zu können, d. h. anzugeben, welche Projektangebote und -strukturen häufig aufzufinden sind. 117 118 ja ja ja ne in ne in N eu es P ro je kt su ch en E rs ch ei nt d er P ro je kt tit el in te re ss an t? Ü be rb lic k ve rs ch af fe n W ird e in ko nk re te s P ro je kt da rg es te llt ? P ro je kt da rs te llu ng ü be rfl ie ge n Ti te lb la tt N üt zl ic he H in w ei se a uf an de re P ro je kt e? P ro je kt hi nw ei se se pa ra t au fn eh m en (P oo l ne ue r P ro je kt e) M at er ia l ab le ge n Ti te lb la tt Ti te lb la tt Recherchiert wurde in einer Art Schneeballsystem, größtenteils mittels Internet- suchmaschinen und bereits bekannter Datenbanken, nach medienpädagogischen Projekten, die in irgendeiner Form eine Bezugnahme auf Geschlechtsspezifik, Gender, Monoedukation oder Genderthemen sowie nach geschlechterspezifi- schen Bildungsangeboten, die einen Medieneinsatz erkennen ließen. Ergänzend wurde eigenes Wissen eingebracht und aktiv Kontakt zu Expertinnen und Experten der Thematik gesucht (bspw. auf einschlägigen Tagungen) und den hier vorgebrachten Hinweisen nachgegangen. Sämtliche Hinweise auf Projekte 119 zu d iff er en zi er t, th eo rie la st ig , z u sc hw ie rig e in zu or dn en ja ne in zu b an al , k au m in fo rm at io n ne in ja re le va nt , g eh al tv ol lIs t d ie P ro je kt - da rs te llu ng E ve nt ue ll sp ät er br au ch ba r? W ic ht ig st e In fo rm at io ne n, Te xt au ss ch ni tte au sd ru ck en , ko pi er en , no tie re n od er an hä ng en Ti te lb la tt an le ge n, ke nn ze ic hn en "W ie de rv or la ge " G en de r- A sp ek t ei ns ch ät ze n Ti te lb la tt an le ge n, ke nn ze ic hn en al s "ir re le va nt ", gg f. G en de r- A sp ek t ei ns ch ät ze n Ti te lb la tt an le ge n, ke nn ze ic hn en al s "r el ev an t", G en de r- A sp ek t ei ns ch ät ze n W är e w ei te re R ec he rc he (T el ef on ) n üt zl ic h? H in w ei s no tie re n "w ei te re R ec he rc he an st re be n" A bb ild un g 1: A bl au fs ch em a fü r di e er st e R ec he rc he ph as e (2 0 bi s 30 P ro je kt e, k ei ne D at en m as ke ) wurden – ohne direkte Prüfung – in einem so genannten „Pool neuer Projekte“ gesammelt. Zur Handlungsorientierung und zur Vermeidung einer zeitintensiven Analyse in dieser ersten Phase, wurde ein Ablaufschema als Flussdiagramm (siehe Abb. 1) entwickelt. Die Aufmerksamkeit wurde in dieser Auswahlphase der Vorrecherche zu- nächst auf den Projekttitel gerichtet. Die leicht zugänglichen Darstellungen bzw. Beschreibungen der Projekte wurden gesichtet. Projekte, die nach diesem ersten Eindruck in irgendeiner Weise relevant für unsere Thematik schienen, wurden durch die Anlage eines ersten Formblattes, dem so genannten „Titel- blatt“, (siehe Anhang) schriftlich registriert. Festgehalten wurde in diesem „Formblatt“ u. a. ob und an welchem Punkt ein Aspekt der Gender-Sensitivität erkennbar ist: z. B. in der Einschränkung der Zielgruppe durch ein monoedukatives Angebot oder in der Zielsetzung des Projekts (z. B. Geschlechtsstereotype auflösen). Ebenso wurde eingeschätzt wie hoch die Relevanz des Projektes für unsere Recherche ist. Die Güte der herangezogenen Informationsquelle, auf deren Basis diese Entscheidungen getroffen wurden, wurde im Sinne der Transparenz und zur Orientierung bei weiteren Rechercheschritten dokumentiert, ebenso wie die Kontaktdaten geprüft wurden. Wenn die Quelle der Projektdarstellung viele Informationen beinhaltete und das Projekt als relevant eingestuft wurde, wurden bereits während der Vorrecherche genauere Informationen auf einem zweiten Formblatt, dem so genannten „Datenblatt“ (siehe Anhang) festgehalten. Ergänzend wurden Aus- drucke der Internetdarstellungen oder Flyer angeheftet. Ein drittes Formblatt „Genderaspekt im Detail“ (siehe Anhang) wurde in der Vorrecherchephase nicht systematisch eingesetzt, stattdessen wurden auf dem „Datenblatt“ oder „Titelblatt“ entsprechende Informationen handschrift- lich notiert. Am Ende der Phase Vorrecherche lagen – wie angestrebt – zu 31 Projekten Projektfolder vor. Die Vorrecherche konnte insofern erfolgreich abgeschlossen werden und die Instrumente hatten sich weitgehend bewährt. In dieser Vor- recherche wurden bereits erste Hinweise gewonnen, die durch eine kurze und vorläufige Auswertung der dokumentierten Projekte als Zwischenergebnisse systematisiert und schriftlich festgehalten wurden. Diese Zwischenergebnisse werden hier kurz präsentiert. Insgesamt wurden von den 31 Projekten der Vorrecherche zwei als „sehr relevant“, neun als „relevant“ und zwölf als „gering/ irrelevant“ eingeschätzt. Acht Projekte konnten nicht eingeschätzt werden und erhielten die Notiz „un- klar/Wiedervorlage“. Einen „starken“ Genderbezug wiesen 18 der recherchier- ten 31 Projekte auf, ein Projekt wies „gewisse Aspekte“ auf, elf Projekte keine oder marginale Gender-Aspekte. In einem Fall blieb der Gender-Aspekt un- klar. 120 Am Ende der Vorrecherche konnten wir eine Reihe von Erkenntnissen fest- halten. Es fiel auf, dass – sich der Genderaspekt in den Projektbeschreibungen oft nur auf die Ziel- gruppeneinschränkung beschränkt, d. h. es gab Angebote „nur für Mäd- chen“, selten „nur für Jungen“, – im Internet vorrangig dauerhafte bzw. regelmäßige medienpädagogische Angebote zu finden sind und weniger Projekte (und wir von daher über- legen mussten, ob wir nur zeitbegrenzte Projekte oder auch traditionelle Angebote untersuchen), – Medienprojekte für Jungen wenig zu finden sind, – sehr selten solche Projekte dokumentiert sind, die einer kritischen Analyse des Mediums selbst, die einer Analyse von Medieninhalten oder zur Re- flexion eines Themas (z. B. Geschlechterhierarchien) dienen, – das Medium Computer bzw. das Internet vorrangige Themen sind, – es oft um Berufsvorbereitung geht bzw. darum, bei Mädchen Interesse für technische Berufe zu wecken, was eine gewisse Themeneinseitigkeit mit sich bringt. Die Vorrecherche hat darüber hinaus verdeutlicht, dass die Anzahl der im Internet dokumentierten medienpädagogischen Angebote – nicht der geschlech- tersensiblen medienpädagogischen Angebote – enorm ist und dass es schwie- rig ist, angesichts der verschiedenen Plattformen, die bereits Projekthinweise sammeln und vernetzen, in begrenzter Zeit einen angemessenen Überblick zu erhalten. Geschlechterspezifische Projekte sind demgegenüber weitaus schwie- riger zu recherchieren, es lassen sich aber durchaus Angebote und Anbieter finden. Als das zentrale Problem stellte sich – neben einer thematischen und media- len Einseitigkeit – heraus, dass sich zwar medienpädagogische Projekte für Mädchen oder Jungen durch die gewählte Rechercheart recherchieren lassen, dass aber die entsprechenden Konzepte, die hinter der konkreten geschlech- tersensiblen medienpädagogischen Arbeit stehen, auf diese Weise nicht zugäng- lich sind. Konzeptionelle Überlegungen waren entweder nicht oder nur sehr marginal öffentlich dokumentiert. Auf der Basis dieser Erkenntnisse wurde beschlossen, die Hauptrecherche auf eine veränderte Weise durchzuführen. Ebenfalls wurde entschieden, das geplante Ineinandergreifen der Projektrecherche und der Experteninterviews zu überdenken und neu auszurichten. 121 8.2 Die Hauptrecherche: Gezielte Recherche auf der Basis eines kategorisierenden Rahmens Das Ziel der Hauptrecherche war es, durch eine stärker fokussierte Vorgehens- weise, die Vielzahl unterschiedlicher Projektangebote abzubilden und zu doku- mentieren. Die Hauptrecherche sollte dadurch davor „geschützt“ werden, immer wieder ähnliche Projektangebote aufzunehmen. Ein orientierendes Raster mög- licher medienpädagogischer Angebote wurde erstellt, das hinsichtlich des Medieneinsatzes Bücher, Videofilme, Fotografie, Radio, Computer und Multi- media berücksichtigte aber auch zwischen Funktionalität und Inhaltlichkeit unterschied. Dieses Raster („Tableau“) ermöglichte es, gezielt nach „Lücken“ im Feld und bislang unberücksichtigten medienpädagogischen Projektangeboten planvoll zu suchen. Vergleichbar ist ein solches Vorgehen mit einem themati- schen oder theoretischen Sampling, das um ein breites Abbild des Spektrums bemüht ist. Als Zielgröße galt es, das Raster möglichst umfassend mit 50 ver- schiedenen Projektangeboten zu füllen. Eine Einschränkung ergab sich aus der Entscheidung, nur Projekte und Projektkonzepte zu berücksichtigen, die in der Zeit vom 1. Januar 2004 bis zum 30. November 2005 realisiert wurden. Die bereits in der Vorrecherche genutzten Formblätter (siehe Anhang) wurden zur Dokumentation der Projekte weiterhin herangezogen. Raster der Hauptrecherche (Mehrfachnennungen möglich): Projekte, die oft benannte geschlechtsspezifische Kompetenzdefizite/Nutzungs- defizite kompensieren wollen: – Leseförderung für Jungen – Technikförderung für Mädchen – monoeduaktiver Informatikunterricht / -bildung Filmprojekte: – Film-Produktion: Video, DVD – Kurzfilm mit Kindern, ggf. Festival – Manipulationstechniken im Film A: nutzungs- und produktorientierte Computer-Projekte: – Computer-Nutzung – Internet-Nutzung – Internet-Gestaltung: Homepage, Online-Magazin erstellen – CD-ROM erstellen – digitale Fotoerstellung und -bearbeitung – Computerecke im Kindergarten – Software für Kinder (Vorschul- und Grundschulbereich) 122 B: sozial- und interaktionsorientierte Computer-Projekte: – Computerspiele – Chat- und Selbstdarstellungsräume Audio-Projekte: – Musik-Produktion: CD, MP3 – Radio – Handy-Projekte – Handy, SMS – Klingeltöne Text-Projekte: – „Papier“: Zeitung, Buch, Druck – Lesen – Bilderbücher Schreibprojekte Thematischer Fokus Geschlechter: Auseinandersetzung mit „Geschlecht“ (Medieninhalte im Zen- trum), sowie dessen Konstruktion in Medien Manipulationsmöglichkeiten und Perspektivität in Medienprodukten (Film- analyse, Manipulation/Perspektivität, politische Bildung) Sonstige Projekte in Kindergarten oder Vorschule Grundschulprojekte Die Hauptrecherche erfasste neben den inhaltlichen Kategorien (siehe Anhang) auch eine Zuordnung der Projekte nach Geschlecht und Alter: – geschlechtsheterogene Gruppen: 6–9 Jahre, 10–13 Jahre, 14–17 Jahre, 17 Jahre und älter – geschlechtshomogene Gruppen, nur Jungen: 6–9 Jahre, 10–13 Jahre, 14–17 Jahre, 17 Jahre und älter – geschlechtshomogene Gruppen, nur Mädchen: 6–9 Jahre, 10–13 Jahre, 14–17 Jahre, 17 Jahre und älter Innerhalb des Projekttableaus kam es zu Schwerpunktsetzungen, da keines- wegs davon auszugehen war, dass sämtliche Felder gefüllt werden können. Später sollte – so war die Entscheidung – aus dem Kategorienraster eine noch engere und begründete Auswahl von Expertinnen und Experten erfolgen, die näher zu dem jeweiligen Projektkonzept befragt würden. Nur dies würde es ermöglichen, wirklich relevante Informationen über die Projektkonzeptionen 123 zu erhalten. Die ursprüngliche Zahl der Expertengespräche wurde dazu mehr als verdoppelt (siehe unten). Um dies zu ermöglichen, ohne den Gesamt- arbeitsrahmen auszuweiten, wurde die Hauptrecherche – inklusive der vor- recherchierten Projekte – auf insgesamt 50 Projekte begrenzt. Die Hauptrecherche zeigte, dass im Einzelfall Schwierigkeiten auftraten, wenn etwa die vorrecherchierten Projekte oder neue Projekte punktgenau im Tableau zugeordnet werden sollten. Es mussten häufig Mehrfachzuordnungen vorgenommen werden. Weiter stellte sich bei der präzisen Recherche heraus, dass eine größere Zahl unklarer Angaben in Projektdarstellungen vorfindbar war oder dass bspw. andere Alterseinteilungen erfolgten, als wir zugrunde gelegt hatten. Diese Probleme waren durch eine flexible Umgangsform hand- habbar. Schwerer wog das Problem, dass gerade die Vielzahl scheinbar relevanter Medienprojekte es erschwerte, die fehlenden geschlechtersensiblen medien- pädagogischen Angebote zu finden. Gerade zur inhaltlichen Thematisierung von Geschlechterthematiken in Medien fehlen Angebotsdokumentationen. Andererseits weisen viele interessant und innovativ wirkende medienpädagogi- sche Projekte (z. B. zum Medium „Handy“ und zur alternativen Gestaltung entsprechender Klingeltöne) oftmals keinerlei Geschlechtersensibilität in ihren Darstellungen aus. In der Hauptrecherche wurden nun verstärkt Informationen aus Tagungs- bänden, Forschungszusammenhängen und persönlichen Kontakten herangezo- gen. Einbezogen wurden auch Projekte aus Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Obwohl zwischenzeitlich bis zu 61 Projekte aufgenommen wur- den, konnten nach intensiverer Überprüfung nur 45 Angebote als geschlechter- sensible medienpädagogische Projekte in die Datenbank aufgenommen werden. Sie sind im Anhang alphabetisch dokumentiert: Als Erkenntnisse aus der Hauptrecherche lassen sich übergreifend folgende Trends identifizieren. Tendenziell nicht dokumentiert oder über die gängigen Wege kaum zu recherchieren sind Projekte, – die sich geschlechtersensibel an die Produktion oder Auswertung von Kurz- filmen mit Kindern wagen, – die Manipulationstechniken im Film thematisieren (obwohl zu vermuten ist, dass dies indirekter Bestandteil in Filmprojekten ist), – geschlechtersensible Arbeit am Computer im Kinderalter anbieten, etwa im Bereich Software für Vorschul- und Grundschulbereich, – die die thematische Frage untersuchen, wie Geschlecht in den Medien kon- struiert wird (obwohl zu vermuten ist, dass dies ein indirekter Bestandteil in verschiedenen Medienprojekten ist). Ebenso sind in den Bereichen schulische und vorschulische Projekte sowie Textprojekte nur sehr wenige Medienprojekte zu finden. Projekte mit ge- 124 schlechtsspezifischen Aspekten sind noch seltener zu finden. Ähnliches zeigte sich auch bei der Recherche von Handy-Projekten. Es wurden zwar mehrere Angebote gefunden, die aber keinen Bezug auf Geschlecht aufweisen. Auffällig war darüber hinaus, dass – es kaum Medienprojekte für Jungen gibt; wenn es welche gibt, dann fast ausschließlich mit den Medien Radio oder Video, z. B. fehlen Projekte zur Technikförderung für Jungen, – viele Projekte sich vorrangig an Mädchen bzw. Jungen ab 12 Jahren wen- den, – das Internet war zwar anfangs eine ergiebige Quelle darstellte, sich aber immer stärker als beschränkte Möglichkeit der Recherche herausstellte (wes- halb dort meist Projekte gefunden werden, die eine Internetpräsenz zum Ziel haben), – eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Medien in öffentlich zugänglichen Projektdarstellung kaum vorkommt, – eher, aber dennoch wenig, eine inhaltliche Ausrichtung der Projekte auf die Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht festzustellen ist, – es an Projekten mangelt, die sich explizit kritisch mit Geschlechterdarstel- lung in den Medien auseinandersetzen. Inwieweit entsprechende Ansätze und Aspekte sich implizit in den Angebots- darstellungen verstecken, aber (unsichtbar) konzeptionell berücksichtigt sind, wird im Rahmen der Interviews mit Expertinnen und Experten überprüft. 125 9 Ergebnisse der Interviews mit Expertinnen und Experten von Petra Grell Um die unüberwindbaren Defizite der bloßen Recherche von Projekten zu kompensieren, gerade was die konzeptionelle Ebene der geschlechtersensiblen medienpädagogischen Angebote betrifft, wurde die Zahl der Expertinnen- und Expertengespräche mehr als verdoppelt. Die ursprüngliche Planung sah – zur Ergänzung der Rechercheergebnisse – sechs bis acht Interviews vor. Die vor- liegende Untersuchung dreht die Gewichtung der Anteile um. Die Gespräche mit den Expertinnen und Experten stehen nun im Mittelpunkt, da nur sie Auskunft über die Konzepte zulassen. Um eine hohe Informationsdichte zu gewährleisten, wurde in der neuerlichen Planung angestrebt, 14 bis 16 Inter- views zu führen. Dies war realistischer Weise nur durch Telefoninterviews um- zusetzen. Die Auswahl der Expertinnen und Experten erfolgte in zwei Wellen anhand des oben erwähnten Tableaus. 17 Interviews wurden geführt und doku- mentiert. Durch die Veränderung der Gewichtung von Projektrecherche und Interviews konnte eine Vielzahl von relevanten Informationen über das Feld geschlechter- sensibler medienpädagogischer Angebote gewonnen werden. Wir haben 17 Interviews mit Expertinnen und Experten geschlechter- sensibler medienpädagogischer Arbeit führen dürfen. Unsere Expertinnen und Experten stammen aus unterschiedlichen Bereichen, teils führen sie selbst Projekte durch, teils leiten sie Einrichtungen in denen Projekte durchgeführt werden, teils haben sie Projekte wissenschaftlich begleitet oder ausgewertet. Auch die Projekte, auf die sie sich beziehen, unterscheiden sich erheblich: kleine, zeitlich und regional begrenzte Angebote für einige wenige Kinder oder Jugendliche stehen neben großen, teils bundesweiten Angeboten mit über tausend beteiligten Kindern oder Jugendlichen. Andere Angebote richten sich an die Multiplikatorinnen. Diese Mischung war und ist uns wichtig, denn medienpädagogische Arbeit findet in all diesen Facetten statt. Und in all diesen Erscheinungsformen medienpädagogischer Arbeit werden spezifische Erfah- rungen mit Konzepten gesammelt, die als relevant einzuschätzen sind. 127 Wir haben unsere Expertinnen und Experten gebeten, die ursprünglich er- stellten Protokolle der im Durchschnitt halbstündigen Interviews zu autorisie- ren. Auf der Basis dieser Protokolle haben wir unsere Auswertung vorgenom- men. Das heißt, wir haben die Aussagen in spezifischer Weise gebündelt und konzeptionell verdichtet. Die hier präsentierten Darstellungen können also keineswegs einen vollständigen Einblick in die meist weitaus komplexere Arbeit vor Ort geben. Sollten bei der Zusammenfassung inhaltliche Schieflagen ent- standen sein, so sind diese uns und nicht den Interviewpartnerinnen und Inter- viewpartnern anzulasten. 9.1 „Jungs ran an die Bücher.“ Leseförderung für Jungen19 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zur Lesekompetenz, hier kon- kretisiert als Leseförderung für Jungen, konnten wir ein Interview mit Ulrike Buchmann von der Akademie für Leseförderung an der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover führen. Wir sprachen über das Multiplikatoren- Projekt „Jungs ran an die Bücher“. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen des Projekts „Jungs ran an die Bücher“ Multiplikatorenschulungen in Form von Seminaren und Vorträgen für Lehr- kräfte, Erzieherinnen, Eltern, Bibliothekarinnen und Lehramtsstudierende. Ziel ist, eine Sensibilität für geschlechtliche Unterschiede in der Leseentwicklung zu schaffen. 9.1.1 Fokussierung der Ausgangslage: Jungen haben es schwerer, Lesekompetenz zu entwickeln Es herrscht zu wenig Aufmerksamkeit für die geschlechterspezifischen Diffe- renzen im Leseverhalten. Obwohl es in verschiedenen Schulen oder Kinder- tagesstätten bereits Bemühungen zur Leseförderung gibt, wird der geschlechts- spezifische Aspekt meistens nicht wahrgenommen. Jungen sind in diesem Fall die Leidtragenden dieser Situation. Ihre Defizite im Lesen lassen sich auf zwei benachteiligende Aspekte zurückführen: „Einer der Gründe, warum Jungen nicht so gerne lesen, scheint zu sein, dass Jungen hauptsächlich mit weiblichen Erziehungspersonen konfrontiert sind, und diese weib- 128 19 Projekt Nr. 20, siehe Anhang S. 234 lichen Erziehungspersonen haben natürlich ihren eigenen Geschmack und ihre eigenen Vorstellungen und reflektieren selten, dass kleine Jungen vielleicht ganz andere Interes- sen haben.“ (U. B.) Die „Verweiblichung der Pädagogik“, so Ulrike Buchmann, führt – sofern sie nicht von den Pädagoginnen reflektiert wird – dazu, dass Jungen ausgegrenzt werden, indem die sie interessierenden Themen nicht adäquat aufgenommen werden. Lesekompetenz-Defizite hängen darüber hinaus, laut der Erkenntnisse von Frau Buchmann, auch mit den neurobiologischen Voraussetzungen im Gehirn zusammen. „Es scheint in der Verarbeitung sprachlich vermittelter Informationen tatsächlich Unter- schiede zu geben, durch die Jungen benachteiligt sind – auch beim Lesenlernen. Zum anderen unterscheidet sich auch das Leseverhalten sehr deutlich. Deshalb müssen für Jungen und Mädchen unterschiedliche Lese-Angebote gemacht werden.“ (U. B.) Jungen treffen mit ihrem Lesebedürfnis also auf verschiedene Schwierigkeiten: es fällt ihnen durch die physiologischen Voraussetzungen schwerer, Lese- kompetenz zu erreichen, und sie treffen oft auf Pädagoginnen, die zum einen nicht über die geschlechterspezifischen Differenzen aufgeklärt sind und die sich zum anderen für thematische Interessen der Jungen selten begeistern können. 9.1.2 Der konzeptionelle Ansatz: Aufklärung der Pädagoginnen und Anregung geschlechterdifferenter Angebote Um Jungen die für viele schulische Bereiche wichtige Lesekompetenz zu ver- mitteln, bedarf es einer konzertierten Anstrengung. Eine systematische Aufklä- rung der Pädagoginnen und Pädagogen nimmt dabei eine vorrangige Stellung ein. Im Umgang mit den Jungen ist es darüber hinaus wichtig, stets beide Aspekte, die Lesekompetenz und die Lesemotivation, im Auge zu behalten. Die Verknüpfung von einzelnen Angeboten und Initiativen zu einem pädagogi- schen Gesamtarrangement ist wichtig. Aufklärung von Pädagoginnen Das Nachdenken und Infragestellen des selbstverständlichen, geschlechter- unspezifischen pädagogischen Handelns ist ein Dreh- und Angelpunkt der konzeptionellen Arbeit. Den Pädagoginnen müssen keine Handlungsschemata verkauft, sondern substanzielle Kenntnisse vermittelt werden, die es ihnen ermöglichen, die Voraussetzungen und die Praxis von Jungen und Mädchen im Umgang mit dem Lesen differenziert wahrzunehmen, und von dort aus ihren Blick selbstkritisch auf ihre eigene Handlungspraxis zu werfen. „Es ändert sich im Unterricht und im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen nichts, wenn sich nicht Haltungen und Einstellungen ändern. Deswegen muss man erst 129 Bereitschaft dafür erzeugen, über diese Dinge nachzudenken, und dann kommt der nächste Schritt: die Dinge, die man erkannt hat, in die Tat umzusetzen.“ (U. B.) Lehrkräfte machen durchaus die Erfahrung, dass es einen „Leseknick“ gibt und dass Jungen sich vom Lesen abwenden, aber warum die Jungen die Lust am Lesen so rapide verlieren, bleibt unverstanden. Ohne ein Verstehen der Zusammenhänge bleibt das pädagogische Handeln aber ineffektiv. Die Päda- goginnen und Pädagogen werden über die Hintergründe aufgeklärt und ihnen wird eine Verstehensfolie angeboten, die das Handeln der Jungen verstehbar macht. Durch diese Erkenntnisse, dass die Bedürfnisse der Jungen durch die derzeitige Praxis ignoriert werden, kann die Grundlage für eine neue, geschlech- tersensible Praxis entstehen. Unterstützende Materialien anbieten Unterstützt wird diese Aufklärungsarbeit von Multiplikatorinnen durch ver- schiedene Handlungshilfen. Zum einen gibt es Materialien und Vorschläge, welche Art von Lektüre von Jungen geschätzt wird – zum Beispiel in Form von Literaturlisten mit Leseempfehlungen. Zum anderen gibt es konkrete An- regungen und Materialien, um Aktionen zur Förderung der Lesemotivation für Jungen durchzuführen. Zur Verknüpfung von Kompetenz und Motivation Für die direkte Arbeit mit Jungen ist es wichtig, dass Lesekompetenz und Lesemotivation zusammen betrachtet werden. Kinder, deren Lesekompetenz gering ist, lesen auch nicht gerne. Folglich besteht die Gefahr, dass sie eigen- ständig ihre Lesekompetenz nicht verbessern werden. Insofern sei es gerade für diese Kinder wichtig, Leseangebote zu schaffen, die ihr Interesse am Lesen wecken. „Man muss zusehen, dass die leseschwachen Jungen Möglichkeiten erhalten, ihre Lese- kompetenz so zu steigern, dass es ihnen irgendwann Spaß macht zu lesen. Dafür ist eine sehr differenzierte Diagnostik erforderlich, und es sind auch spezielle Fördermaßnahmen nötig. Es gibt immer diese beiden Aspekte zu fördern, einerseits die Lesekompetenz, denn wer nicht gut liest, liest auch nicht gern, und andererseits die Lesemotivation, denn wer kein Interesse hat zu lesen, der wird es auch nicht gern lernen wollen.“ (U. B.) Gelingt es, das Interesse der Jungen zu wecken, so lässt sich auch deren Lese- kompetenz entwickeln. „Das ist der positive Aspekt: Wenn man die Lesemotivation der Jungen nachhaltig fördern kann, dann kann man auch ihre Leseleistung deutlich steigern.“ (U. B.) Das Eingehen auf die Lust am zu lesenden Inhalt ist so wichtig, weil Lese- kompetenz nur durch Lesen, also durch regelmäßiges Üben erlangt werden kann. Das Interesse am Gegenstand und nicht Druck oder eine abstrakte Ver- 130 heißung, später vielleicht einmal gut lesen zu können, kann zur Motivation für die Jungen werden, ihre schwierigere Ausgangssituation zu bewältigen. Systematisierung von Angeboten Die Systematisierung der Leseförderung für Jungen ist eine groß angelegte Aufgabe. Entsprechend müssen gravierende Eingriffe in das schulische Bil- dungssystem erfolgen. Dieses Zukunftsziel ist derzeit noch nicht erreicht, ent- spricht aber dem Ansatz der Arbeit. „Es hat keinen Zweck, wenn man nur vereinzelte Events oder Aktionen macht, sondern man muss Leseförderung systematisch machen. Und nach unserer Meinung geht das nur, wenn man im Schulprogramm ein Lesecurriculum verankert und das immer wieder in der Art eines Spiralcurriculums durch alle Jahrgänge laufen lässt.“ (U. B.) Angestrebt wird ein universelles Gesamtkonzept und Gesamtcurriculum für alle Schulen, alle Jahrgänge und alle Fächer, das die geschlechtsspezifischen Aspekte entscheidend berücksichtigt. Entsprechend zielt die Arbeit weiter- gehend darauf ab, die bestehenden Angebote und Konzepte stärker miteinander zu vernetzen. Der beschriebene Idealzustand sieht wie folgt aus: „Wir möchten, dass das Kind von der Wiege bis zur Bahre sozusagen von einem Lese- konzept begleitet wird. Das heißt, dass man versucht, alle Institutionen dafür zu be- geistern, etwas für die Leseförderung zu tun. Im Bereich der Schulen wäre es dieses Lesecurriculum, aber es müssten genauso Kindertagesstätten und Bibliotheken ein schlüs- siges, systematisches Konzept entwickeln und dieses Konzept müsste mit den Konzepten der übrigen Einrichtungen verzahnt sein. Das wäre der Idealzustand.“ (U. B.) 9.1.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Aha-Effekte Der Aha-Effekt bei den Multiplikatorinnen Erfahrungen wurden mit dem Konzept der Lesekompetenzförderung für Jungen in verschiedener Hinsicht gemacht. Zum einen ist festzustellen, dass in der pädagogischen Praxis noch wenig Sensibilität für die geschlechterspezifischen Differenzen vorherrscht. Dadurch kommt es zu teilweise bizarr anmutenden Positionen. In einem Beispiel wird geschildert, wie auf eine ganz massive Weise die thematischen und inhaltlichen Interessen von Jungen entwertet wer- den: „Ich habe in Schulungen von Grundschullehrerinnen gehört: ‚Das tue ich mir nicht an, dass ich mir die Sachen ansehe, die kleine Jungen sich in ihrer Freizeit ansehen oder womit die sich beschäftigen. Denn das interessiert mich nun wirklich nicht‘. Worauf ich geantwortet habe: ‚Das sollte Sie aber interessieren, wenn Sie möchten, dass diese kleinen Jungen anfangen zu lesen. Denn sie werden nur dann gerne etwas lesen, wenn sie sich dafür interessieren. Und dafür brauchen Sie Kenntnisse darüber, womit die Jungen sich beschäftigen.‘“ (U. B.) 131 Andererseits ist deutlich wahrzunehmen, dass eine Reihe von Pädagoginnen sehr wohl in der Lage und willens ist, die Problematik der gegenwärtigen Situation zu erfassen und entsprechendes Veränderungspotenzial zu entfalten. Neben dem individuellen Handlungspotenzial werden dann auch institutionelle Vorgaben kritisch reflektiert. „Ich habe auf den Fortbildungen vielfach festgestellt, dass vor allem die weiblichen Lehrkräfte plötzlich angefangen haben darüber nachzudenken, dass sie diesen Aspekt bisher noch nicht beachtet haben. Und es gab gewisse Aha-Erlebnisse, auch in Bezug auf die Frage, ob der Literaturunterricht in der Grundschule nicht ganz anders gestaltet sein müsste, um Jungen anzusprechen und zum Lesen zu bringen.“ (U. B.) Es gelingt durch die Aufklärungsarbeit, Pädagoginnen für die bestehende Pro- blematik zu sensibilisieren. Der Prozess über den Aha-Effekt hinaus braucht Zeit, gerade weil er auf Reflexion und selbstkritische Betrachtung der eigenen Handlungspraxis der Pädagoginnen setzt. Langfristige Erfolge verspricht dieses Konzept aber gerade, weil es auf die Sensibilisierung und Qualifizierung des Personals setzt. Rückgespiegelte Praxiserfahrungen Lehrerinnen spiegeln wiederholt zurück, dass der Einsatz jungenrelevanter Themen und die Arbeit im Medienverbund mit unterschiedlichen Textsorten geeignet sind, um Jungen für das Lesen zu gewinnen. Der Widerwillen gegen das Lesen verschwinde und die Jungen beschäftigten sich um der Sache willen mit Texten. Hier zeigt sich, dass das Konzept vorteilhaft in die pädagogische Praxis hineinwirkt. Föderalismus behindert Systematisierung Die Vorstellung eines Lese-Gesamtcurriculums scheitert notwendigerweise an der unumgänglichen Kulturhoheit der Länder. Dies wird als wenig vorteilhaft eingeschätzt; die Neu-Entwicklung von Konzepten in jedem Bundesland er- scheint als Verschwendung von Ressourcen. Daran könne man aber wohl nicht vorbei. „Es ist ja nun leider nicht so wie in Österreich, dass ein Erlass geschrieben wird und alle Lehrkräfte bestimmte Dinge zur Leseförderung tun und nachweisen müssen, sondern wir haben den Föderalismus und die Kulturhoheit der Länder. Das heißt, jedes Land macht im Moment auf seine Art Leseförderung, ohne dass ein Gesamtkonzept vor- liegt.“ (U. B.) So muss man wohl akzeptieren, dass die Entwicklung eines bundeseinheit- lichen Konzepts der Leseförderung von Jungen in naher Zukunft nicht zu realisieren ist. 132 9.1.4 Spezifikum Zu beachten ist die grundlegende Bedeutung der Lesekompetenz. Lesekompe- tenz ist für alle Bereiche wichtig. Gerade im schulischen Bereich ist sie un- abdingbar. Eine Vernachlässigung der Lesekompetenz führt zu gravierenden weiteren Problemen. Auch aus diesem Grund sollten alle Fächer für die Lese- kompetenz in die Pflicht genommen werden. „Das Leseverständnis ist für die Qualität des Unterrichts ganz entscheidend. Wenn die Kinder verstehen, welche Aufgaben sie lösen sollen und wie sie die lösen sollen, dann haben die Lehrkräfte schon große Schwierigkeiten der Unterrichtsgestaltung überwunden und brauchen an anderer Stelle nicht mehr so viel Zeit und Energie zu investieren – wenn die Leseleistung stimmt.“ (U. B.) Dabei geht es beim Thema Lesekompetenz keineswegs nur um eine Förderung des Lesens schöngeistiger Texte. Lesekompetenz ist eine Grundqualifikation, die weit über das Medium Buch hinausweise. „Ich möchte ganz deutlich machen, dass es nicht nur um das Lesen belletristischer Literatur geht, sondern dass die Lesekompetenz für alle Medien von entscheidender Bedeutung ist, weil durch das Lesen bestimmte neuronale Strukturen gebildet werden, die für alle Lernprozesse von großer Bedeutung sind. Nachgewiesenermaßen sind gute Leser auch bessere Internet- und Fernsehnutzer.“ (U. B.) Das Erlangen von Lesekompetenz stellt aus der Sicht von Frau Buchmann quasi die Weichen für die Möglichkeit, eine hohe Kompetenz im Umgang mit einer Vielzahl von Medien entwickeln zu können. 9.2 Medienprojekt Wuppertal. Reflexive Filmarbeit20 Zu dem Bereich geschlechtersensible Angebote zur Filmarbeit konnten wir ein Interview mit Andreas von Hören vom Medienprojekt Wuppertal e. V. führen. Wir sprachen über kein konkretes Einzelprojekt, sondern über den grundsätzlichen Ansatz der Filmarbeit. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des An- gebots widerspiegeln. Im Rahmen des „Medienprojekts“ werden junge Leute im Alter von vier- zehn bis Mitte zwanzig bei ihren Videoproduktionen und deren öffentlicher Präsentation (Kino bis Vertrieb) unterstützt. Etwa tausend Jugendliche sind pro Jahr in die Videoproduktionen involviert, und es entstehen etwa hundert Filme. Ziel ist, die Artikulation von jungen Menschen per Video zu fördern.m 133 20 Projekt Nr. 32, siehe Anhang S. 246 9.2.1 Fokussierung der Ausgangslage: Jugendliche wollen sich ausdrücken und eine kritische Reflexion der Geschlechterverhältnisse in der Medienpädagogik Jugendliche haben ein Interesse an Artikulation Jugendliche jeden Geschlechts haben ein Interesse daran, ihre Meinungen und ihre Einschätzungen zu relevanten Themen im öffentlichen Raum zu präsen- tieren. Das Medium ist dabei eher ein Mittel zum Zweck. „Die Motivation ist meistens, irgendeine Art von Mitteilung zu geben, und nicht, ein Filmemacher oder eine Filmemacherin zu sein. Der kleinere Teil ergreift das Medium, um Filmemacher zu sein und in die Kunst oder in die Kultur einzusteigen. Der größere Teil will mittels des Mediums eine Geschichte, einen Inhalt oder irgendeine künstleri- sche Mitteilung liefern, und damit sind sie de facto Filmemacher in dem Augenblick. Die benutzen das eher als Mittel zum Zweck.“ (A.v. H.) Um diese Artikulation zu ermöglichen, braucht es Vertrauen. Obwohl sich das Medienprojekt auch an Schulklassen und Jugendzentren richtet, nehmen doch mittlerweile überwiegend Privatpersonen teil. Jugendliche – Mädchen wie Jungen – haben etwas zu sagen. Wenn sie realisieren, dass ihre inhaltlichen und künstlerischen Positionen respektiert werden, nehmen sie das verlässlich erscheinende Angebot an. „Es braucht eine Vertrauensebene, dass man sieht, dass man sich hier künstlerisch und inhaltlich frei artikulieren kann und dass man auch ein großes Publikum erreicht. Das ist erst in den Jahren gekommen. Die Breite der Themen war von Anfang an da.“ (A.v. H.) Eine Differenz zwischen Jungen und Mädchen in dem grundsätzlichen Inte- resse, sich auszudrücken, ist nicht vorhanden. Pädagogisch Tätige haben ein Interesse, reflexive und mündige Personen hervorzubringen Pädagoginnen und Pädagogen treten an, um Jugendliche in ihren Bildungs- prozessen zu unterstützen. Eine reflexive Auseinandersetzung mit sich selbst und den Bedingungen des eigenen Aufwachsens oder Daseins ist mittels des Mediums Films möglich. Dies ist bewusst zu forcieren. Ein bloßes filmisches Rollenspiel bleibt oberflächlich und ermöglicht keine tiefgreifenden Erfah- rungen. Insofern ist die Auseinandersetzung mit Inhalten, mit gesellschafts- politischen Themen und insbesondere den großen Jugendthemen Gewalt, Liebe, Sexualität unumgänglich. Geschlechterverhältnisse in der Medienpädagogik In der Vergangenheit war in der medienpädagogischen Arbeit eine Männer- dominanz wahrzunehmen. Ein solches Ungleichgewicht auf Seiten der profes- 134 sionellen Akteure kann durchaus problematisch in das Handlungsfeld hinein- wirken. „Insgesamt in den Medien, in den professionellen Medien aber auch in der pädagogi- schen Medienarbeit, gibt es ein Ungleichgewicht von Männern und Frauen und von Mädchen und Jungen. Das hat mit der Macht dieser Medien zu tun und mit der Bedeu- tung von bestimmten künstlerischen Produktionen innerhalb eines Films, die immer gerne von Männern ausgeführt wurden. Es hat auch damit zu tun, dass manches viel- leicht zu technisch angegangen wurde und dass Männer auch in der Medienpädagogik dominiert haben. Vielleicht ist man nicht in der richtigen Weise vorgegangen, nicht demokratisch genug.“ (A.v. H.) Damit wird ein Problem angesprochen, das sich zum einen auf die Medien- pädagoginnen und Medienpädagogen selbst bezieht, zum anderen aber auch verdeutlicht, dass Jugendliche auch in der Medienpädagogik einem bestimmten an das Geschlecht gebundenen hierarchischen Gefüge begegnen, das möglicher- weise unreflektiert bleibt. 9.2.2 Der konzeptionelle Ansatz: Politische Bildungsarbeit als reflexive Filmarbeit Ein Experimentierfeld zur Selbstreflexion und zur Reflexion lebensweltnaher Themen Im Zentrum der Arbeit des Medienprojekts Wuppertal steht, Jugendliche dabei zu unterstützen, Filme über sich selbst zu erstellen. Angeboten wird ein Expe- rimentierfeld, in dem Reflexion erfolgen kann. „Unser Ansatz ist eine reflexive Filmarbeit. Wir versuchen die Jugendlichen dabei zu unterstützen, Filme über sich selbst zu machen, sich selbst drin vorkommen zu lassen und damit eine Alternative zu Fernsehen und Kino zu sein, wo Drittthemen von Filme- machern recherchiert und gezeigt werden. Diese Dynamik und dieses Wissen, das aus einer Reflexion über sich selbst her kommt, macht die Güte dieser Filme aus.“ A.v. H.) Der Ansatz reflexiver Filmarbeit setzt sich bewusst ab von den Inszenierungen artifizieller Rollenspiele. Der filmische Gegenstand, der durchaus ein Spielfilm sein kann, soll dicht an der Lebenswelt der Protagonisten angesiedelt sein, um Authentizität zu gewährleisten. Argumentiert wird mit Qualität des späteren Produktes. „Es hat keinen Sinn, wenn Jugendliche sich eine Mütze aufsetzen und sagen, sie sind ein Polizist, und dann wickeln sie sich ein Tuch um und sagen, sie sind eine Oma. Das ist Rollenspiel. […] Es ist wichtig, sie selber in den Vordergrund zu rücken, ihr Leben und ihre Szenerien als Drehorte zu nehmen, weil das die Illusion eines Films für den Zuschauer tatsächlich aufbauen kann. Dann haben sie auch die besten Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, die funktioniert.“ (A.v. H.) 135 Ernst genommen wird in diesem Ansatz folglich sowohl die Person, die die Möglichkeit zur reflexiven Auseinandersetzung mit sich und der Welt erhält, als auch das filmische Produkt, das hohe Authentizität und Qualität ausstrahlen soll. Sinn und Zweck geschlechtshomogener Gruppen Geschlechtshomogene Gruppen werden im Rahmen des reflexiven Konzepts bewusst angeregt und forciert, allerdings nur dort, wo der Sinn und Zweck einer Homogenität inhaltlich begründet ist. Bei Themen aus dem Spektrum der Sexualität ist nachvollziehbar, dass der geschützte Produktionsraum zu authen- tischeren Produkten führt. Diese und andere Themen werden von Pädagoginnen und Pädagogen bewusst voran gebracht. „Wenn wir zum Thema ‚Mädchen im Knast‘ einen Film machen wollen, dann kommen ja nicht die Mädchen aus dem Knast auf uns zu, sondern wir sagen, das ist ein gutes Thema, wir recherchieren diese Mädchen. Wenn wir zum Thema ‚Mädchensexualität‘ oder ‚Jungensexualität‘ arbeiten wollen, dann führt der Weg von uns zu den Zielgruppen. Insofern forcieren wir das. Genauso ist es bei den Themen ‚Moslems‘ oder ‚Gewalt an der Schule‘. Wir forcieren das, weil wir wollen, dass authentische Filme gemacht wer- den, die wirkliche Mitteilungen bringen. Und ein Teil der Thematisierungen hat seinen Vorteil in dem Geschlechtsspezifischen.“ (A.v. H.) Der inhaltliche Gegenstand bestimmt die homogene oder heterogene Gruppen- form und nicht andersherum. Einer abstrakten, nicht an einen Gegenstand gekoppelten Förderung einer spezifischen Geschlechtsgruppe steht man skep- tisch gegenüber, aber nur weil die Förderung Benachteiligter durch die Auf- nahme ihrer inhaltlichen Interessen relevanter und auch effektiver erscheint. Wichtig ist, nicht an den Interessen der Akteure vorbei zu arbeiten. „Natürlich haben wir immer das Ziel ‚gegen Diskriminierung‘ und Schwache stark zu machen, aber wir hatten kein explizites Ziel: Wir müssen Mädchen stärken. Man stärkt Mädchen und Jungen in jedem Fall durch Filmemachen, weil das Filmen artikulativ ist. Und bei manchen Filmen ist es nicht schlecht und von Mädchen und Jungen auch gewollt, in ihrer intimen Gruppe zu arbeiten – ohne dass ihnen das ein großer Pädagoge nahe legt –, und manchmal ist es nicht gewollt.“ (A.v. H.) Bewusst werden auch Angebote für Mädchen und für Jungen „reflektiert ge- schlechtsspezifisch“ gemacht. „Wir wollen reflektiert geschlechtsspezifisch arbeiten. Wir wollen Frauen, Mitarbei- terinnen zu Mädchen bringen. […] Wir wollten eine autonome Artikulation hinkriegen. Es war immer klar, es geht nicht nur darum: Wir sind Mädchen und machen einen Mädchenfilm […] einen Film, wie Jungen das auch können, sondern wir wollen mäd- chenspezifische Thematisierungen haben.“ (A.v. H.) Der Blick auf die Geschlechter und ihre Möglichkeiten, sich zu relevanten Themen zu artikulieren, ist unvoreingenommen und entsprechend wurden auch 136 schon früh ungewöhnliche Projekte von den Pädagogen angeboten. Die Wahr- nehmung, dass Jungen kaum Möglichkeiten haben, sich mit ihrer Sexualität eigenständig auseinander zu setzen, führte zu jungenspezifischen thematischen Angeboten. 9.2.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Mutige Produkte und eigene Ansprüche Die Erfahrungen mit dieser Art von reflexiver Filmarbeit sind sehr ermutigend. Die Jugendlichen kommen zu filmischen Artikulationen, die den Rahmen des Üblichen sprengen, die eigenständige Auseinandersetzungen und einzigartige Produkte darstellen, und die durch diese besondere Ausdruckskraft auch für andere Personen interessant sind. „Das Medium trägt die Mitteilung von diesem ‚inner circle‘ im Schutzraum hinaus in die Kälte der Öffentlichkeit. Das ist ein Unterschied zu anderer geschlechtsspezifischer Arbeit außerhalb von Medienarbeit. Wenn normalerweise eine Mädchengruppe an ihrem Mädchentag etwas macht, bleibt es untereinander. […] Das ist bei Filmarbeit anders, da wird etwas erstellt. Die Prozesse bleiben in dem Zirkel, aber das Produkt ist auch ein Teil des Prozesses und spiegelt das auch wider. Es kommen intime Aussagen zum anderen Geschlecht, zu einer anderen Altersgruppe, zu Eltern, zu Leuten, wo es eng werden könnte. Das setzt Mut voraus. Wenn sie nicht geschlechtsspezifisch arbeiten würden, hätten sie diese Fremdsicht stärker bei der Produktion mit drin und müssten sich stärker damit auseinandersetzen. Insofern sind zum Beispiel Filme zum Thema Selbstbefriedigung, wenn Jungen oder Mädchen das beschreiben, bei wirklich sehr Spezifischem für das Geschlecht, wo man sich ungern in die Karten gucken lässt, oder zum Thema sexualisierte Gewalt oder andere Sachen, sehr mutig. Das ist schon sehr mutig, das dem anderen Geschlecht mitzuteilen. Und es ist dadurch auch einzigartig in der Mitteilung selber, von dem Lerneffekt oder, von mir aus, auch für den Unterhaltungs- effekt der gegengeschlechtlichen Zuschauer. Insofern sind unsere Erfahrungen da sehr, sehr positiv.“ (A.v. H.) Die Herausforderung dieser Arbeit liegt darin, sich als Pädagoge nicht mit dem Gegebenen abzufinden, sondern stets auf der Suche nach neuen, jugend- relevanten, auch unbequemen Themen zu sein und sich mit Unbekanntem auseinander zu setzen. Schwierigkeiten treten in der medienpädagogischen Arbeit auf, wenn mit Einrichtungen kooperiert wird, die einen anderen Ansatz geschlechterspezifi- scher Arbeit bevorzugen. „Dort arbeiten zum Teil Kolleginnen und Kollegen, deren Ansatz eher aus der feministi- schen Zeit der siebziger, achtziger Jahre stammt, nicht durch ihr Alter bestimmt, sondern von dem theoretischen Hintergrund oder der Gesellschaftsanalyse her. Ich hab den Eindruck, dass das bei den Jugendlichen – so von außen aufgesetzt – nicht funktioniert.“ (A.v. H.) 137 Andreas von Hören lehnt feministische Positionen inhaltlich nicht ab, seine Erfahrung zeigt nur, dass eine Vielzahl der Jugendlichen die dort identifizierten Unterdrückungsmechanismen nicht wahrnimmt oder sich für diese Perspektive schlicht nicht interessiert. Die Verschiebung des Schwerpunkts auf „Artikula- tion“ bedeutet, die Perspektive der Jugendlichen auf ihre Welt zu akzeptieren; dies ist mit feministischer Bildungsarbeit kaum zu vereinbaren. Der hohe Anspruch und die hohe Qualität bringen durchaus Schwierig- keiten. Auch der pädagogische Prozess nimmt mit der persönlichen Artikula- tion an Dichte zu. Hiermit auf eine angemessene Weise umzugehen, fordert die Pädagoginnen und Pädagogen heraus. „Dadurch, dass immer mehr dazukommt und dass wir einen hohen Erfahrungsschatz haben, wird die inhaltliche Dichte der Filme, die wir forcieren können, stärker. In dem man pointierter wird, wird es auch dichter im pädagogischen Prozess. Die Schwierig- keiten liegen darin, dass man immer enger, immer persönlicher wird und immer größere Werke damit schafft. Das sind Sachen, mit denen man umgehen muss.“ (A.v. H.) 9.2.4 Spezifikum Die öffentliche Präsentation der filmischen Produkte bildet einen wesentlichen Bestandteil der medienpädagogischen Arbeit. Die Jugendlichen wissen, dass die von ihnen investierte Arbeit eine nicht-künstliche öffentliche Anerkennung erfahren wird. Das Produkt ist kein Selbstzweck, sondern wird den pädagogi- schen Schonraum verlassen. Das schafft eine Ernsthaftigkeit. Gleichzeitig schafft die Präsentation einen Anlass für andere Jugendliche, sich mit den filmischen Statements ihrer Peers reflexiv auseinander zu setzen. 9.3 Mädchen Medien Projekt. Fotobearbeitung am Computer für Mädchen21 Zu dem Bereich geschlechtersensible Angebote zur Computernutzung, hier konkretisiert als Fotobearbeitung, konnten wir ein Interview mit Nicole Tritschler vom Jugendbildungswerk Freiburg e. V. führen. Wir sprachen über das „Mädchen Medien Projekt“, das in den Sommer- und Winterferien statt- findet. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. 138 21 Projekt Nr. 28, siehe Anhang S. 242 Angeboten werden im Rahmen des „MädchenMedienprojekts“ dreitägige Ferienangebote für je eine Gruppe von Mädchen ab zwölf Jahren. Ziel ist, den Mädchen einen angstfreien Zugang zum Computer und zur Technik zu ermög- lichen. 9.3.1 Fokussierung der Ausgangslage: Mythos Computerferne von Mädchen In verschiedenen Kontexten, auch dem schulischen Kontext, begegnen Mäd- chen Formen eines Erwartungsdrucks, der einen unbefangenen Umgang mit dem Medium Computer erschwert. Gerade im Bereich Technik sind sie zudem damit konfrontiert, dass ihnen als Angehörigen einer Geschlechtsgruppe wenig Kompetenz zugeschrieben wird. Daraus kann sich Angst und Unsicherheit ent- wickeln. 9.3.2 Der konzeptionelle Ansatz: Unbefangener Umgang und Vorbildfunktion von Fachfrauen Der Ansatz zielt darauf ab, Mädchen einen Zugang zum Medium zu schaffen und ihnen erste Erfahrungen im Umgang mit diesem, frei von jeglichem Leis- tungsdruck, zu ermöglichen. „Der wichtigste Aspekt ist, dass wir den Mädchen das Medium Computer näher bringen und dass sie da recht unbefangen herangehen können, also nicht mit Leistungsdruck […], oder mit einer Angst: ‚Oh je, ich kann das nicht, da kann ich was kaputt machen.‘ Dass einfach klar ist, man kann ausprobieren, es passiert einem nichts und das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man etwas Tolles gemacht hat und vergessen hat zu speichern, und dann ist es halt weg. Aber man kann am Computer nichts kaputt machen, eigentlich auch nichts falsch machen, es gibt immer mehrere Möglichkeiten.“ (N. T.) Inhaltlich wird jeweils an einem von den Pädagoginnen entwickelten Leitthema – zum Beispiel „Königin“ – gearbeitet. Das Thema wird aber durchaus den Bedürfnissen der Zielgruppe angepasst, um authentisch und dicht an der Lebens- welt der Mädchen zu bleiben. Wichtig ist, dass die Mädchen im Rahmen dieser Arbeit Produkte (zum Beispiel Briefpapier, CD-Labels oder Aufdrucke für T-Shirts) erstellen, die sie vorzeigen und mit nach Hause nehmen können. Durch den Einsatz von Fachfrauen, die – entgegen der üblichen Einschät- zung – Ahnung von den Softwareprogrammen und der Technik haben, wird Mädchen eine wichtige Vorbilderfahrung ermöglicht. Darüber hinaus nimmt das Vermitteln von Kenntnissen untereinander ebenfalls einen wichtigen Raum ein, so dass nicht nur die Fachfrauen erklären, sondern auch die erfahreneren Mädchen den weniger erfahrenen Mädchen Kenntnisse vermitteln. Aus diesem Grund sitzen die Mädchen immer zu zweit vor einem PC. 139 9.3.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Transfer in den Alltag Bewährt hat es sich, bei der Auswahl der Fotobearbeitungs-Software darauf zu achten, dass es auch privat angeschafft werden kann. Dies ermöglicht den Mädchen, ihre Kompetenzen eigenständig weiter einzuüben und sich neue Bereiche zu erschließen. „Wir arbeiten extra mit einem Fotobearbeitungsprogramm, das man sich auch privat leisten kann, so dass die Eltern es kaufen können und dass die Mädchen es auch zuhause noch weiter haben und nutzen. Wir hatten es jetzt schön öfters, dass die Mädchen kamen: Ja, klar, sie machen das zuhause weiter und sie können jetzt das schon und jenes. Die bleiben dann dran.“ (N. T.) Die Rückmeldung, dass die Mädchen im Anschluss an ein dreitägiges Angebot „dran bleiben“, verweist auf die Erfolge auch überschaubarer medienpädagogi- scher Projekte, sofern sie auf Nachhaltigkeit angelegt sind. 9.4 Radio für Jungen22 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zum Medium Radio, hier konkretisiert als Jungenradio-Projekt, konnten wir ein Interview mit Sascha Denzel führen, der in Kooperation mit dem Offenen Kanal Westküste ent- sprechende Angebote realisiert. Wir sprachen über eine Reihe von fünf Projek- ten, die sich unter dem Stichwort „Jungs machen Radio“ bündeln lassen. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden jeweils Wochenendseminare für eine Gruppe von Jungen im Alter von zehn bis vierzehn Jahren. Ziel ist, Jungen einen konkurrenzfreien Raum anzubieten, in dem sie sich mit ihrem Junge-Sein reflexiv auseinander- setzen können. 9.4.1 Fokussierung der Ausgangslage: Problematische Zuschreibungen Jungen begegnen im Alltag problematischen Zuschreibungen und Erwartungen an ihre Geschlechtsgruppe. Zum einen herrscht oft Konkurrenz unter ihnen, zum anderen erfahren sie Gewalt als einen legitimen Modus der Auseinander- setzung untereinander. 140 22 Projekt Nr. 19, siehe Anhang S. 233 9.4.2 Der konzeptionelle Ansatz: geschlechterinterne Reflexion im konkurrenzfreien Raum Konkurrenzfreier Raum Jungen lernen sich untereinander in einem Rahmen kennen, in dem es nicht um Konkurrenz geht, sondern in dem jeder mit seinen spezifischen Fähig- keiten etwas zum Gelingen eines gemeinsamen Projektes beitragen kann. „Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Die Erfahrung, die die Jungen machen können: mit andern Jungen an einem Projekt zu arbeiten, ohne Konkurrenz und ohne diese männer- typischen, jungstypischen Strukturen.“ (S. D.) Die Jungen erleben sich in diesem Rahmen, der andere, neue Erfahrungen der Zusammenarbeit mit einem erwachsenen Mann ermöglicht. Hierbei übernimmt der Erwachsene keine Bewertungsfunktion, sondern trägt gemeinsam mit den Jungen zum Gelingen des Projekts und des Produkts bei. Dieser Erfahrungs- und Handlungsraum für Jungen mit erwachsenen Männern ist wichtig, um neben den bestehenden Stereotypien auch alternative Handlungsweisen zu erleben. Geschlechterinterne Reflexion „Junge sein“ Die Reflexion des eigenen Junge-Seins erfolgt anhand von individuellen Er- fahrungen, dem Vergleich dieser mit den Erfahrungen anderer, Älterer und Gleichaltriger, und den medialen Bildern des Junge-Seins. Der Pädagoge regt diese Reflexion auf verschiedene Weise an. „Zu überlegen, was macht mich eigentlich als Junge aus. Und das für andere Jungs hörbar zu machen, es auch nach außen zu transportieren und daraus etwas zu machen, was für andere Jungs spannend klingt. […] Für andere Jungen, die sich das anhören und sich dann selbst mit ihrem eigenen Junge-Sein auseinandersetzen können […]. Der dritte Punkt ist die Auseinandersetzung mit Medienbildern von Jungen. Wie werden Jungen eigentlich dargestellt? Es geht auch um die Reflektion: Bin ich wirklich als Junge so, wie wir in den Medien dargestellt werden? Oder sind wir ganz anders?“ (S. D.) Die Präsentation dieser Reflexion als Radiosendung ermöglicht es anderen Geschlechtsgenossen, sich ebenfalls mit diesen Gedanken auseinander zu setzen und eigene Ideen zu entwickeln. 9.4.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Orientierungsbedarf für jüngere Jungen und die Frage der Anerkennung Dass Jungen diesen Erfahrungsraum mit einem Mann zur Reflexion ihrer eigenen Geschlechtsrolle nutzen und suchen, zeigt sich unter anderem daran, dass ein Teil der Jungen des ersten Projektangebots die folgenden Angebote ebenfalls besucht hat, so dass sich ein „fester Kern“ gebildet hat. Die Überfüh- 141 rung in ein selbstständiges Jungen-Radio (ohne Begleiter) war dagegen nicht erfolgreich. Offensichtlich ist in der Altersgruppe die Orientierung an einem Älteren von großer Bedeutsamkeit. Schwierigkeiten tauchten an den Stellen auf, wo die Jungen sich mit eigenen Gefühlen auseinandersetzen mussten, die ihnen unangenehm sind. „Wenn es darum ging, über sich selbst zu reden oder selbst zu reflektieren. Das war nicht ganz so leicht. Wo sie über ihr eigenes Erleben sprechen, z. B. über Angst. In den ersten Sitzungen, immer mal wieder, war das Thema: Was ist mit Angst und Trauer und Wut. Das war auch etwas, was wir in der Arbeit thematisiert hatten – was so nebenbei gelaufen ist. […] Das war immer nicht ganz so leicht. Es hat eine Zeitlang gedauert, bis sie sich getraut haben, das untereinander zu besprechen.“ (S. D.) Eine verlässliche Vertrauensbasis ist notwendig, um solche Gespräche zu er- möglichen. Problematisch war, dass die Jungen oftmals wenig eigene Themen einbrin- gen mochten. Beim Thema „Krieg“, das die Jungen – auch aufgrund der Tages- politik – sehr stark interessiert hat, war dies anders. Hier wurden viele Ideen eingebracht. Grundsätzlich für bedenklich hält Sascha Denzel den Sachverhalt, dass dem Medium Radio auch in der medienpädagogischen Arbeit viel weniger Auf- merksamkeit geschenkt wird, als es verdient. Videoprojekte gelten oftmals als höherwertig. Dies behindere die Arbeit. 9.5 … aus Mädchensicht. Film für Mädchen23 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zur medienpädagogischen Filmarbeit, hier konkretisiert als Filmprojekt für Mädchen, konnten wir ein Interview mit Uli Hiller vom Frauenzentrum Ludwigsburg führen. Wir spra- chen über das Projekt „Aus Mädchensicht“. Unser Bemühen in dieser Darstel- lung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Das Projekt „Aus Mädchensicht“ ist ein Angebot zur Filmerstellung für eine Gruppe von Mädchen im Alter von zwölf bis vierzehn bzw. vierzehn bis sechzehn Jahren. Ziel ist, durch die Medienhandhabung in der gleichgeschlecht- lichen Gruppe den Umgang mit Technik kennen zu lernen, sich selbst und Themen auszudrücken und langfristig zur Gleichstellung von Frauen beizu- tragen. 142 23 Projekt Nr. 1, siehe Anhang S. 215 9.5.1 Fokussierung der Ausgangslage: Zurückhaltung von Mädchen In gemischtgeschlechtlichen Gruppen verhalten sich Mädchen oft zurückhal- tend und verstehen sich nicht als Bestimmende in der Situation. Hierdurch ent- steht eine Benachteiligungssituation. 9.5.2 Der konzeptionelle Ansatz: Handhabung und Ausdruck, Vorbildfunktion Handhabung und Ausdruck Mädchen erleben einen Raum, in dem ihr Umgang mit Technik als selbst- verständlicher Bestandteil eines Projekts erfolgt. In diesem Raum können sie die Handhabung und den Umgang mit Technik erfahren und ihre Fähigkeiten verbessern. Der Umgang mit Filmtechnik steht in einem inhaltlichen Kontext. „Zum einen geht es um den Umgang mit der Technik und darum, alles mitzuerleben: von der Geschichte bis zum Schnitt. Es geht darum, die Fähigkeiten zu erlangen. Und generell geht es bei jedem Projekt, das wir machen, darum, dass die Mädchen ver- schiedene Ausdrucksformen kennen lernen, um sich selber und ihre Themen auszu- drücken – sei es jetzt durch Theater oder Film oder anderes. Wir haben auch eine Online-Zeitung.“ (U. H.) Der inhaltliche Kontext ist bedeutsam, denn die Mädchen sollen die Medien – und da erfolgt keine grundsätzliche Festlegung auf das Medium Film – als eine Möglichkeit erfahren, sich selbst und die ihnen relevant erscheinenden Themen auszudrücken. Diese Erfahrung, dass die Inhalte und das Produkt den Mädchen wichtig sind, spielt eine wichtige Rolle. Vorbildfunktion Wichtig ist außerdem, dass die Projekte von Fachfrauen begleitet werden, so dass den Mädchen auch in diesem Bereich ältere Geschlechtsgenossinnen als Vorbild dienen. Der Umgang mit den Medien muss als selbstverständlich er- fahren werden. Die homogene Gruppe hilft dabei. Zunehmend können die jüngeren Mädchen dann auch Leitungsfunktionen übernehmen. „Das Team ist jetzt eher durchmischt, aber es ist für die Mädchen klar, wer die eigent- liche Crew ist. Und die Mädchen sind dann auch die Bestimmerinnen im Team. Es ist sicherlich etwas Neues, dass die Mädchen auch Erwachsenen Anweisungen geben. Das ist unser geschlechterspezifischer Ansatz, dass es normal ist.“ (U. H.) Die Mädchen können sich auf diese Weise als bestimmende Personen erfahren. Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht bietet dann ganz selbstverständlich keinen Grund mehr, sich in gemischtgeschlechtlichen Gruppen inhaltlich oder strukturell zurückzuhalten. 143 9.5.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Stolz Die Erfahrung ist, dass die Mädchen Stolz auf ihr Produkt und ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln. Die Fortführung des ersten Projekts in einem zweiten zeigte bereits eine große Selbstverständlichkeit und auch Selbstbewusstsein im Umgang mit den verschiedenen Produktionsanteilen. „Es ist schon so, dass sie ‚mehr dastehen‘, also selbstbewusster werden.“ (U. H.) 9.5.4 Spezifikum: Jungen als Darsteller Obwohl das Angebot an sich ein „reines Mädchenprojekt“ war, werden mittler- weile auch Jungen als männliche Darsteller im Film zugelassen. Im zweiten Projekt – auf Wunsch der Mädchen: einem Liebesfilm – wird ein Junge als männliche Hauptperson benötigt. Film-bestimmende Personen sind weiterhin die Mädchen. 9.6 Girls go Movie. Videofilmwettbewerb für Mädchen24 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zur medienpädagogischen Filmarbeit, hier konkretisiert als Videofilm-Wettbewerb, konnten wir ein Inter- view mit Karin Heinelt vom Jugendkulturzentrum FORUM, Stadtjugendring Mannheim e. V. führen. Wir sprachen über das Projekt „Girls go Movie“. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkennt- nisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen des Projekts „Girls go Movie“ verschiedene Bestandteile. Der Videofilm-Wettbewerb fungiert als Dach, innerhalb dessen Technikausleihe, Workshops und Beratung für institutionell organisierte Mäd- chengruppen oder selbstorganisierte Mädchen und Frauen angeboten und durchgeführt werden. Ziel ist, die Geschichten und die Sichtweisen von Mäd- chen in der Öffentlichkeit darzustellen und so ein fester Programmpunkt im kulturellen Leben der Region zu sein. 9.6.1 Fokussierung der Ausgangslage: Eigene Wege der Technikaneignung Mädchen und Frauen bevorzugen bei der Aneignung von technischen Kennt- nissen durchaus andere Wege als von systematisch geplanten Fortbildungen oder Anleitungen vorgesehen sind. 144 24 Projekt Nr. 11, siehe Anhang S. 225 „Gebrauchsanleitungen sind bei den Mädchen ein eher sehr selten gefragtes Werkzeug, um sich Technik anzunähern.“ (K. H.) Diese mädchenspezifische Herangehensweise an Technik wird zumeist weder wahr- noch aufgenommen. 9.6.2 Der konzeptionelle Ansatz: Individuelle Beratung, eigene Sichtweisen erarbeiten und öffentlich machen Individuelle Beratung Es geht darum, Mädchen – einzelnen wie bestehenden Gruppen –, die mit eigenen filmischen Ideen kommen, bei der Umsetzung der Idee beratend und technisch zu unterstützen. Wichtig ist dabei, ihrer spezifischen Herangehens- weise an Technik gerecht zu werden. „Wir bieten eben nicht allgemeine Fortbildungen an, die am grünen Tisch geplant sind. Wir gehen individuell auf die Bedürfnisse der Mädchen ein. Dadurch kann die Heran- führung an Technik individuell laufen.“ (K. H.) Um eine möglichst professionelle fachliche Beratung zu ermöglichen, werden Kooperationspartner einbezogen. So vermittelt eine Videoproduktionsfirma mit professionellem Equipment vielfältige Möglichkeiten der Kameratechnik, eine Videokünstlerin betreut den Gesamtverlauf fachlich und künstlerisch, zu Dra- maturgie und Filmschnitt können – wenn die Mädchen und Frauen es wollen – qualifizierte Personen in dann konzipierten Workshops unterstützend wirken. Die Angebote werden individuell und flexibel auf die Bedürfnisse zugeschnit- ten. Eigene Themen in einem verlässlichen Rahmen erstellen und öffentlich präsentieren Eine thematische Idee müssen die Mädchen mitbringen. In dem geschlechter- homogenen Rahmen können sie dann inhaltlich und in Auseinandersetzung mit den medialen Möglichkeiten arbeiten. „Wir erleben, dass die Mädchen sich zusammen tun. Es ist ein Bedürfnis da. Ich denke, die Mädchen, die sich dafür entscheiden, schätzen jenen Raum, sich unter Mädchen einem Thema zu nähern. Das letzte Mal war das Thema ‚Außer mir sind alle anders‘, das war schon wirklich ein sehr selbstreflexives Thema. Insofern ist es immer zweierlei, auf der einen Seite die thematische Reflexion und auf der anderen Seite die Möglich- keit, sich mit einem ganz neuen Medium zu beschäftigen.“ (K. H.) Ziel ist es, die Sichtweisen und Geschichten von Mädchen und jungen Frauen zu ihnen wichtig erscheinenden Themen in den öffentlichen Raum zu tragen.m 145 9.6.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Qualitätsverbesserung Mädchen schätzen den Raum, sich in einer geschlechtshomogenen Gruppe mit Themen reflexiv auseinander zu setzen. Sie schätzen es ebenso, wenn diese Produkte den geschützten Raum verlassen und im Kino öffentlich präsentiert werden. Diese Erfahrung, dass die eigene Geschichte in den öffentlichen Raum hineinwirkt, hat eine enorm positive Wirkung auf die Gruppe, die den Film er- stellt hat. Die intensive Beratung hat zu einer erheblichen Qualitätsverbesserung der Filme beigetragen. Auch die Herabsetzung der maximalen Filmlänge für den Wettbewerb von 15 auf zehn Minuten hat sich positiv ausgewirkt. Sie hat den Wettbewerb auch für Neueinsteigerinnen bewältigbar gemacht, ohne für junge Studentinnen dadurch unattraktiv zu werden. Die Mädchen und Frauen, die in Filmproduktionen involviert waren, ent- wickeln durchaus Interessen, diesen Bereich selbstständig und vielleicht sogar beruflich weiter zu verfolgen. Einige Mädchen sind inzwischen regelmäßige Nutzerinnen der Schnittplätze des Offenen Kanals geworden und fragen Prakti- kumsplätze nach. 9.7 SiN – Mädchencomputerclub. Multimedia am Computer25 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zu Multimedia am Computer konnten wir ein Interview mit Hans-Jürgen Palme vom Studio im Netz e. V. in München führen. Wir sprachen insgesamt über das „SiN-Studio im Netz“ und den Bestandteil „Mädchencomputerclub“. Unser Bemühen in dieser Dar- stellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen des „Studios im Netz“ drei verschiedene Clubs, die sich einmal in der Woche treffen, in denen Jungen und Mädchen Mitglied werden können. Der Mädchencomputerclub richtet sich an Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Ziel ist, dass Jungen und Mädchen als Mitglied eines verlässlichen Clubs den aktiven Umgang mit und Einsatz von digitalen Medien und Software ganz selbstverständlich lernen. 146 25 Projekt Nr. 43, siehe Anhang S. 257 9.7.1 Fokussierung der Ausgangslage In einem bestimmten Alter haben Mädchen ein Bedürfnis, ausschließlich unter Mädchen zu sein und in einer Mädchengruppe Dinge auszuprobieren. Sie fühlen sich von Jungen, die oft eine andere Umgangsweise mit dem Computer zeigen, dann durchaus gestört. In einer geschlechtshomogenen Gruppe können sie sich besser entfalten und haben mehr Spaß. In gemischtgeschlechtlichen Gruppen wie dem Jugendcomputerclub zeigt sich oft eine klassische Geschlechtsrollenverteilung: Die Mädchen vermeiden bestimmte technisch konnotierte Bereiche und schicken – mit der Ansage, sie könnten das nicht – ihre männlichen Clubkollegen vor. Dies lässt sich, ohne dass die fachliche Kompetenz der Akteure bedeutsam wird, als spezifisches Interaktionsspiel begreifen. Im Bereich Nutzung von Computerspielen zeigt sich sehr deutlich, dass Mädchen und Jungen sich für völlig unterschiedliche Spiele interessieren. Auch wenn Mädchen unter sich sind, zeigen sie im Spielbereich völlig andere Interessen als gleichaltrige Jungen. 9.7.2 Der konzeptionelle Ansatz: Club-Zugehörigkeit, Verantwortung und Spaß Mitglied in einem aktiven Club Die Arbeit mit Medien erfolgt im Rahmen eines Clubs, in dem man Mitglied werden muss. Es ist kein offenes Angebot, wo die Kinder hin und wieder hingehen, sondern es wird regelmäßige und pünktliche Anwesenheit der Mit- glieder zu den wöchentlichen Clubtreffen erwartet. Die Kinder und Jugend- lichen müssen den Club und den Clubgedanken ernst nehmen. Der Club ist auch kein „getarnter Kurs“, sondern eine Gemeinschaft, die über die Aufnahme neuer Mitglieder auch entscheiden kann. Sie lernen sich untereinander kennen, haben Spaß miteinander und stellen sich gemeinsam verschiedenen Aufgaben, die sie teils selbst entwickeln, die teils auch angeregt werden. Das Lernen des Computerumgangs erfolgt im Club „automatisch“: „Das Wichtigste ist der Club-Gedanke. Oft fragen Mütter und Väter bei uns an und meinen, man lernt Word oder Ähnliches. Wir erklären dann: Das lernt man bei uns automatisch. Wir machen keinen Kurs in Word. Sie lernen aber Word automatisch, weil sie natürlich diverse Sachen aufschreiben müssen; dadurch lernen sie es. Das finde ich den wichtigsten Aspekt bei dem Ganzen, dass es keine speziellen Kurse gibt, sondern dass der Club sich bestimmte Aufgaben stellt. Und man dabei dann das Ganze lernt.“ (H.-J. P.) Der Club stellt sich Aufgaben, die auch durch das Gesamtarrangement an ihn herangetragen werden. Beispielsweise übernimmt jeder Club Verantwortung für thematische Bereiche des herausgegebenen Kinder-Newsletters. Der Mäd- 147 chencomputerclub ist dann etwa gefordert, einen Teil beizusteuern, der für Mädchen relevant ist. Das kann beispielsweise eine „In & Out“-Liste nur für Mädchen sein. Auch die Nutzung unterschiedlicher Medien wie Foto oder Video ist so nie bloß reiner Selbstzweck, sondern ist eingebunden in ein Thema und mit anderen Medien verknüpft. „Im Mittelpunkt steht immer Multimedia. Wenn das Fotos sind, dann werden die ein- gebunden in eine Powerpoint-Präsentation. Wir machen kein reines Videoprojekt oder Fotoprojekt. Die Bilder dienen immer dazu, dass man eine Geschichte damit macht und die dann präsentiert oder Ähnliches.“ (H.-J. P.) Jeder der drei Clubs, auch der Mädchencomputerclub, hat insofern einen spezi- fischen Stellenwert in einem Gesamtgefüge, dessen sich die Mitglieder auch bewusst sind. Die Mitglieder sind aktiv und übernehmen freiwillig Aufgaben, die über das bloße „Spaß-Haben“ mit Medien hinausgehen. Verantwortung und Spaß Der Club arbeitet mit einer Mischung aus Arbeit und Spaß. Die Clubzeit von zwei Stunden wird hälftig geteilt: Die eine Hälfte ist gemeinsame Arbeitszeit, die andere frei zu beliebiger individueller Nutzung. „Zur Hälfte machen wir etwas gemeinsam und zur Hälfte darf man dann auch chatten, eine Mail schicken oder ein Spiel spielen, die Sachen also einfach nutzen. Die Hälfte von der Arbeitszeit. Es ist nicht immer so, dass sie da nur selber aussuchen können, es gibt schon auch Aufgaben.“ (H.-J. P.) Die freie Zeit wird gerne für Computerspiele genutzt. Für die gemeinsame „Arbeitszeit“ werden Impulse gegeben, teils läuft dies auch selbstständig. Das Eingebunden-Sein in einen Club schafft für die Akteure eine Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit gemeinsamer Arbeit. 9.7.3 Positive Erfahrungen und Grenzen Eltern begreifen das Prinzip des Clubs nicht sofort. Sie fragen oft nach Kursen, weil die Vorstellung von „Lernen“ oft nur mit mehr oder weniger schulisch organisierten Formen verbunden ist. „Das ist manchmal schwierig nach außen zu kommunizieren, weil die Eltern immer wollen, dass ihre Kinder dies oder das lernen.“ (H.-J. P.) Dass die Kinder in diesem Club durchaus lernen, mit den verschiedenen Medien und Programmen umzugehen, muss ausführlicher erläutert werden. Eine Grenze des Angebots liegt darin, dass es lokal gebunden ist. Es ist zu aufwändig, aus entfernteren Stadteilen zum zweistündigen Club zu fahren. Insofern rekrutieren sich die Teilnehmenden aus dem lokalen Umfeld. Das mädchenspezifische Angebot wird positiv angenommen. So bringen die weib- 148 lichen Mitglieder Freundinnen mit, die dann auch dabeibleiben. Dass Mädchen die Wahl haben, entweder in den Mädchencomputerclub oder den Jugend- computerclub zu gehen, grenzt nicht diejenigen aus, die gern in einer gemischt- geschlechtlichen Gruppe tätig sein wollen. Dies wird positiv wahrgenommen.m 9.7.4 Spezifikum Der Mädchencomputerclub wurde nicht aus einer Gender-Perspektive heraus geplant oder angelegt, sondern er hat sich dynamisch entwickelt. Mädchen aus dem Kindercomputerclub wurden älter. Einige Mädchen signalisierten ein Bedürfnis, in ihrem Alter unter sich sein zu wollen und nicht einfach in den Jugendcomputerclub überzuwechseln. Deshalb wurde die Gründung eines Mäd- chencomputerclubs ausprobiert, der sich mittlerweile bewährt hat. Einige Mäd- chen der gleichen Altersgruppe möchten aber – gerade weil dort auch Jungen sind – in den Jugendcomputerclub. Bedarf für einen separaten Jungenclub kann nicht ausgemacht werden, so dass es zwei geschlechterheterogene Clubs gibt: den Kindercomputerclub und den Jugendcomputerclub, und einen ge- schlechterhomogenen Club, den Mädchencomputerclub. 9.8 „Mädchen in Bremen, aber sicher.“ Videofilmwettbewerb für Mädchen26 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zur medienpädagogischen Filmarbeit, hier konkretisiert als Videofilm-Wettbewerb, konnten wir weiterhin ein Interview mit Ruken Aytas vom Mädchentreff Gewitterziegen in Bremen führen. Wir sprachen über das Projekt „Mädchen in Bremen ‚aber sicher‘“. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkennt- nisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen des Projekts verschiedene Bestandteile. Der Videofilm-Wettbewerb fungiert als Dach und Koordinierungsplattform, den Gruppen und Kolleginnen wird technische und inhaltliche Unterstützung an- geboten. Ebenso wird in der Einrichtung selbst ein Film produziert. Ziel ist, die thematische Auseinandersetzung und die Entwicklung von Medienkompe- tenz zu fördern. 149 26 Projekt Nr. 27, siehe Anhang S. 241 9.8.1 Fokussierung der Ausgangslage Mädchen können weitaus konzentrierter an einer thematisch relevanten Aus- einandersetzung arbeiten, wenn sie unter sich sind. Wenn Jungen dominant auftreten, ziehen Mädchen sich oft zurück. „Wir sehen auch heute immer wieder, dass das männliche Geschlecht bei gemischt- geschlechtlichen Projekten in den Vordergrund tritt. Weil sie laut sind, weil sie sich besser durchsetzen oder weil sie ihr Selbstbewusstsein so auf die Palme bringt, dass die Mädchen einen Schritt zurück treten. In Projekten, die nur für Mädchen oder auch nur für Jungen sind, läuft es ohne Hemmungen ab. Das heißt, sie machen das, was sie eigentlich machen sollen, ohne sich Gedanken zu machen: ‚Wie sieht das Mädchen mich?‘, wenn es um ein Jungenprojekt geht, oder bei den Mädchen: ‚Wenn ich dies oder das mache, dann finden mich die Jungen doof!‘“ (R. A.) In geschlechterhomogenen Gruppen finden Mädchen entspanntere Handlungs- spielräume. Ohne Jungen und Männer und ohne die ständige Kontrolle, wie ihr Handeln auf Jungen und Männer wirken möge, können sie sich auf das Wesentliche ihres Tuns konzentrieren. Zudem gibt es deutlich weniger Kon- kurrenz unter den Mädchen selbst, wenn keine Jungen anwesend sind. 9.8.2 Der konzeptionelle Ansatz: Themen ernstnehmen, Kompetenzen entwickeln, Geschlecht reflektieren Aufnahme eines relevanten Themas Im Rahmen einer Postkartenaktion der „Aktion zur Mädchenbeteiligung“ schickten viele Mädchen ihre Wünsche und Forderungen an die Bremer Bür- gerschaft. Eines der wichtigsten benannten Themen war „Sicherheit“. Die Wünsche und Forderungen der Mädchen insgesamt wurden in der Bürger- schaft präsentiert. Darüber hinausgehend ist es wichtig, die benannten Themen aufzunehmen. „An dieser Aktion haben sich wirklich viele Mädchen in Bremen beteiligt. Sie haben die Postkarten mit ihren Forderungen und ihren Wünschen gefüllt und an die Bürger- schaft geschickt. Wie gesagt, einer der wichtigsten Aspekte, der immer wieder in den Vordergrund trat, war ‚Sicherheit‘. Aus diesem Grund haben wir diese Forderung zum Anlass genommen, dazu etwas zu machen. Wenn das ein Thema für sie ist, dann muss das aufgenommen und mit Mädchen bearbeitet werden. So ist das Projekt entstanden.“ (R. A.) Die Initiierung und inhaltliche Ausgestaltung des Projekts ist eine direkte Reaktion auf ein von Mädchen in die öffentliche Diskussion eingebrachten Themas. 150 Verknüpfung: Thema und Kompetenz Die Verknüpfung einer thematischen Auseinandersetzung mit dem Erwerb von Medienkompetenzen ist der Kern der konzeptionellen Arbeit. Mädchen und junge Frauen sollen die Möglichkeit nutzen können, sich inhaltlich mit einem relevanten Thema auseinander zu setzen, und gleichermaßen dabei wichtige, auch beruflich möglicherweise relevante Kompetenzen zu erlangen. „Einerseits ist es wichtig, sich mit Themen auseinander zu setzen. […] Andererseits haben wir auch bemerkt, dass Mädchen und junge Frauen dadurch ihre Qualifikation im Umgang mit Medien erwerben und erweitern. Und ihre Medienkompetenzen ent- wickeln und erweitern können. Das ist das Wichtigste. Einerseits sich mit dem Thema auseinander zu setzen und andererseits Kompetenzen im Umgang mit Technik zu er- werben, aber auch in Bereichen, die nicht typisch weiblich sind.“ (R. A.) Der Umgang mit Medien ist nicht Übung oder Selbstzweck, sondern dient der Auseinandersetzung mit einem Thema. Den „männlichen Blick“ erproben und reflektieren In der Arbeit ist es wichtig, sich mit den geschlechtlich geprägten Perspektiven auseinander zu setzen. Dies gelingt durch die erprobende Aneignung eines „männlichen Blicks“ und die Reflexion der Erfahrung damit. Eine solche Herangehensweise erfordert, dass die Mädchen sich sicher sind, in einem geschützten Rahmen zu agieren. „Die Auseinandersetzung mit ‚Geschlecht‘ tritt eher in den Vordergrund, wenn die Mädchen unter sich sind. Wenn sie z. B. eine männliche Rolle übernehmen. Das ist etwas ganz anderes, als wenn es ein koedukatives Angebot wäre. Da würden die Jungs die Männerrolle übernehmen und die Mädchen die Frauenrolle. Aber hier haben sie die Möglichkeit, dem männlichen Blick und auch ihren Vorstellungen dazu nachzugehen und sich damit auseinander zu setzen. Dass es nicht nur unter diesem Blick bleibt, sondern sie sich wirklich gedanklich damit auseinander setzen, z. B. wie benimmt sich ein Mann, wenn er auf der Straße geht. In so einem Projekt ist es sehr sinnvoll, dass sie sich auch den männlichen Blick verschaffen und erfahren, wie sie Männer dann sehen. Wir haben festgestellt, dass dieser Blick auch sehr negativ ist. Das hat oft auch seinen Grund. Deshalb ist es wichtig, sich in der Medienpädagogik damit auseinander zu setzen. Es geht nicht darum, dass wir ein negatives Bild vom männlichen Geschlecht hervorheben, sondern wir wollen, dass sie ihren eigenen Blick in den Vordergrund holen und sich damit auseinandersetzen.“ (R. A.) Eine Anwesenheit von Jungen würde diese Übernahme einer Männerposition unmöglich machen, das Fehlen von Jungen erzwingt sie geradezu. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, sich kritisch mit geschlechterrollenkonformen Hand- lungsweisen und Stereotypen auseinander zu setzen, sie mit ihren (offenen oder verborgenen) Bewertungsmustern wahrzunehmen, sie zu hinterfragen und sich eine reflektierte Position zu erarbeiten. 151 9.8.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Persönliche Ansprache und Fortbildungsproblematik Eine wichtige Erfahrung ist, dass die Mädchen sich nicht einfach trauen, bei dem Projekt und Wettbewerb mitzumachen. Eine direkte Ansprache durch eine vertraute Person ist notwendig und hilfreich. Man kann nicht voraussetzen, dass alle beteiligten Frauen aus mädchen- spezifischen Bildungseinrichtungen selbstverständlich umfangreiche Kompe- tenzen im Umgang mit den neuen Medien vorweisen können. Fortbildung ist hier notwendig. Auch wenn Interesse an einer medienpädagogischen Fortbil- dung vorhanden ist, stellt die Finanzierung dieser oft ein Problem dar. „Diese Qualifikationsmaßnahmen kosten normalerweise unheimlich viel, wenn man sie z. B. an der Volkshochschule macht. Ich glaube, es liegt auch daran, dass viele Kolle- ginnen sich das nicht leisten können, eine weitere Qualifikation auf sich zu nehmen. Auch die Einrichtungen haben nicht genug Geld dafür. Ich denke, ein wichtiger Aspekt ist, dass die Kolleginnen sich damit auseinandersetzen und dann auch entsprechend fortgebildet werden.“ (R. A.) Auch langfristig muss überlegt werden, wie die medienpädagogische Qualifika- tion aller im Bildungsbereich Tätigen gefördert werden kann. 9.9 Frauenmusikzentrum. Musikproduktion für Mädchen27 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zu Musik und Musikmedien konnten wir ein Interview mit Steph Klinkenborg vom Frauenmusikzentrum in Hamburg führen. Wir sprachen über das Kooperationsprojekt „sistars go school“ und teilweise über die Gesamtkonzeption. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facet- ten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen des Modellprojekts „sistars go school“ in Kooperation mit einer Hamburger Schule Arbeitsgruppen für Mädchenbands. Ziel ist, im Sinne eines lebensweltlichen Ansatzes, Mädchen das Musikmachen als eine durchaus professionelle Ausdrucksform nahezubringen. 9.9.1 Fokussierung der Ausgangslage: Mainstream ist Male-stream Die Musikbranche, die einen gesellschaftlich und ökonomisch wichtigen Bereich darstellt, ist stark männlich dominiert. „Mainstream“ ist hier „male-stream“ und zementiert kontinuierlich traditionelle Geschlechterrollen. Es fehlt an posi- 152 27 Projekt Nr. 7, siehe Anhang S. 221 tiven Rollenvorbildern für Frauen und Mädchen. Auch die Tatsache, dass Frauen zwischen 40 und 50 Jahren als aktive Musikerinnen im Bereich der Popmusik quasi nicht sichtbar sind, macht es für nachwachsende weibliche Musikerinnen nicht einfach. Ein weiterer problematischer Aspekt ist, dass Musikerinnen nahezu ausschließlich als Sängerinnen und nur sehr selten als Instrumenta- listinnen, Komponistinnen oder Produzentinnen auftreten. Mädchen und Frauen tauchen in diesem sozialisatorisch bedeutsamen Feld nur als Randfiguren auf.m Diese allgemein gesellschaftlichen Phänomene spiegeln sich sehr konkret auf der Handlungsebene und werden für Mädchen zu Stolpersteinen. Mädchen in jugendlichem Alter, die ein Instrument erlernen, eine Band gründen wollen und um Unterstützung bei der Anschaffung eines Instruments bitten, werden von ihren Eltern öfter blockiert als männliche Jugendliche. Geht es um das Instrument Schlagzeug müssen Mädchen häufiger regelrecht darum kämpfen.m 9.9.2 Der konzeptionelle Ansatz: Machen und Vorbilder schaffen Wichtig ist es, positive Rollenvorbilder zu schaffen. So entsteht eine neue Selbstverständlichkeit, als Mädchen im gesamten Bereich der Musikproduk- tion tätig zu sein. Das Fördern von Musikerinnen in der Außendarstellung als eine Form der Befreiung aus einer bedauernswerten Opferrolle zu verhandeln, erscheint wenig hilfreich. Mädchen sollen den Musikbereich frühzeitig als Form des eigenen Aus- drucks erfahren. Dass sie an Instrumente gehen, soll selbstverständlich und normal sein. „Positive ‚role-models‘ sind wichtig, sich an Instrumentalistinnen zu orientieren, den Dozentinnen, oder sich auch bei der Stückauswahl auf Frauen zu beziehen. Wir haben eine Erhebung gemacht, und die zeigte, dass 95 % der MusikerInnen männlich sind. Und von den 5 % Musikerinnen sind 80 % Sängerin. Es gibt also ganz wenig Instru- mentalistinnen, Komponistinnen und Produzentinnen. Deshalb ist es uns unglaublich wichtig, dass die Mädchen früh an die Instrumente gehen und das mit einer relativen Selbstverständlichkeit machen.“ (S. K.) Ein altersmäßig frühes, auf Freiwilligkeit basierendes Heranführen an Musik- instrumente und das lustvolle Erfahren, dass Instrumente geeignet sind, um sich selbst und etwas auszudrücken, sind wesentliche Faktoren des konzep- tionellen Ansatzes. Da Mädchen und Jungen sich in der Altersgruppe der 7. bis 9. Klasse sowieso häufig ein Stück separat bewegen, ist es selten erforderlich, die Ge- schlechtshomogenität zu begründen (dies ist bei älteren Jugendlichen und jungen Frauen eher der Fall). Ein musikalischer Raum, in dem Frauen – in allen Funktionen – eindeutig dominieren, trägt zur Schaffung einer Selbst- verständlichkeit bei. Wichtig ist, dass die musikalischen Artikulationen den 153 ausschließlich weiblichen Raum verlassen und dass die Bandauftritte auch von männlichem Publikum wahrgenommen werden können. 9.9.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Impulse fruchten Für Mädchen ist es oftmals schwieriger ihre Instrumentenwünsche durch- zusetzen, aber es gelingt durchaus. Auch nach einer relativ kurzen Zeitspanne von etwa einem halben Jahr Anleitung kann es, obwohl es schwierig ist, ge- lungen sein, dass Mädchenbands sich selbst eine verlässliche Struktur ge- schaffen haben, die es ihnen ermöglicht, selbstständig weiterzuarbeiten. Die Kooperation mit der Institution Schule im Musikbereich ist heraus- fordernd wie ertragreich. Lehrerinnen erfahren eine ihnen oftmals unbekannte Seite ihrer Schülerinnen; sie entdecken Kompetenzen, die sie den Mädchen nicht zutrauten. Allerdings kann die Anwesenheit einer Lehrerin im Einzelfall den Prozess durchaus blockieren. Insgesamt werden die Herausforderungen, die in einer solchen Kooperation liegen, oft unterschätzt, da es sich um Handlungs- felder mit verschiedenartigen Interaktionskulturen und Perspektiven handelt.m 9.9.4 Spezifikum Der Ansatz des Frauenmusikzentrums ist umfassender und grundsätzlicher als das Projekt „sistars go school“ vermuten lässt, er umfasst neben dem Musik- Machen auch die Ebene der Analyse der Geschlechter. Unter anderem finden Vorträge statt. „Wir haben nicht nur diesen bipolaren Ansatz. Wir sagen, es gibt mehr als nur zwei Geschlechter. Es gibt eine Veranstaltungsreihe, die heißt ‚Come queer – my gender is music‘. […] Das findet mal mehr, mal weniger Niederschlag. Aber im Prinzip ist es das, was unsere Projekte immer wieder durchzieht. Wir überschreiten da auch gern mal eine Grenze. Wir sind offen für alles, was irgendwie Verwirrung stiftet.“ (S. K.) 9.10 Mediennächte in der Schule28 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zur Computernutzung im schulischen Bereich konnten wir ein Interview mit Marco Fileccia führen. Wir sprachen über eine Reihe von (mädchenspezifischen) Projekten, die er bereits als Lehrer am Bert-Brecht-Gymnasium in Dortmund durchgeführt hat und über die (nicht mehr mädchenspezifschen) „Mediennächte“, die er derzeit als Lehrer am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen anbietet. Unser 154 28 Projekt Nr. 31, siehe Anhang S. 245 Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Wandels der Angebote widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen der „Mediennächte“ vielfältige Medien- interaktionen, die den für die Mediennacht angemeldeten Jungen und Mädchen ab der 9. Klasse zur Benutzung offen stehen. Ziel ist, miteinander im Umgang mit den Computerspielen und anderen Medien Spaß zu haben, ein Stück Me- dienkompetenz zu entwickeln und als Lehrkraft den bestehenden Medien- konsum der Jugendlichen als „critical friend“ zu begleiten. 9.10.1 Fokussierung der Ausgangslage: Die Mediennutzung gleicht sich an, die Medieninhalte nehmen nur Teilinteressen auf Als der Computer und das Internet vor fünf bis sechs Jahren an die Schulen kamen, sprach dies überwiegend die Technikinteressierten an – schwerpunkt- mäßig Jungen. Zu dieser Zeit gab es bei den pädagogisch Tätigen das Gefühl, man müsse den Mädchen etwas mehr helfen als den Jungen. Mittlerweile ist eine Veränderung eingetreten. „Das würde ich als heute nicht mehr notwendig einschätzen. Man ist immer schnell ver- sucht zu sagen, die Jungen können das besser, weil sie damit anders umgehen. Ich weiß nicht, ob das nicht manchmal auch ein Trugschluss ist.“ (M. F.) Zum einen ist die technische Seite ausgereifter, so dass die Geräte und die Softwareanwendungen verlässlich funktionieren, wenn man sie anschaltet bzw. startet. Ein technisches Verständnis ist zur Nutzung nicht mehr zwingend erfor- derlich. Zum anderen greifen, verhältnismäßig gesehen, Mädchen und Jungen vergleichbar auf die Computer und digitale Medien zu, wenn es um Nutzung oder Anwendungen geht. „Die Unterschiede in der Mediennutzung sind viel geringer geworden. Wenn ich mir z. B. anschaue, wie selbstverständlich MP3-Player oder Ähnliches von Jungen und Mädchen genutzt werden oder wie sie Internetrecherchen machen und vieles anderes. Die Frage ist dann, wie sie Inhalte auswählen. Die Herangehensweise ist manchmal eine andere.“ (M. F.) Eine spezielle Förderung für eine Geschlechtsgruppe unter einer Defizitper- spektive ist jedenfalls obsolet geworden. Problematisch ist, dass Jugendliche bei ihren Erfahrungen mit Medien und Medieninhalten selten von Älteren begleitet werden. Eltern sind den Jugend- lichen keine Ansprechpartner, weil sie zumeist wenig über die Medien(inhalte) – etwa die genutzten Computerspiele – Bescheid wissen. Darüber hinaus gibt es auf dem Markt kaum ansprechende Computerspiele, die Interessen von Mädchen aufnehmen und mit denen Mädchen gerne spielen. Ein unkritisches und unreflektiertes Einsetzen nur eines, wenn auch dominanten, medialen 155 „Materials“ wie Strategie-Computerspiele es sind, grenzt Mädchen durch Nicht- aufnahme ihrer Themen aus. 9.10.2 Der konzeptionelle Ansatz: Aufmerksamkeit für Differenzen, Spaß und ein kritischer Freund Aufmerksamkeit für Differenzen ohne Festschreibung derselben Die Mediennächte sind so konzipiert, dass sie Jungen und Mädchen ansprechen. Klassische Mediennächte sind oft in Form von „LAN-Partys“ gestaltet. Diese sprechen fast ausschließlich die Computerspielinteressen von Jungen an. Da an einem LAN-Turnier nur selten Mädchen teilnehmen, wird bewusst auf ein breites Spektrum von Angeboten geachtet, so dass alle Beteiligten in der Me- diennacht Spaß haben. „Wenn man normale LAN-Partys veranstaltet, dann sind dort 90 % Jungen […] Das hängt auch damit zusammen, dass es wenig richtig schöne, adäquate Computerspiele gibt, mit denen sich Mädchen identifizieren und die sie gerne spielen. […] Wir ver- suchen ein Konzept zu entwickeln, mit dem wir auch die Mädchen erreichen. Das sieht dann so aus: Auf der einen Seite machen wir eine normale LAN-Party mit einem Turnier, an dem immer wieder vereinzelt Mädchen teilnehmen. Wir bieten ein Kino an, was beide Geschlechter gleichermaßen anspricht, so ist mein Eindruck. Es gibt ein Internetcafé, in dem viele Mädchen sind und wo wir auch einen Chat anbieten. Und wir veranstalten einen ‚Singstar-Contest‘ mit ‚Playstation‘, zum Singen und Mitmachen. Da sind viele Mädchen gerne dabei. Abgesehen davon, dass es ohnehin ein großer Spaß ist, die Nacht mit solchen Dingen und mit Freunden in der Schule zu verbringen.“ (M. F.) Die gezielte Aufnahme der thematischen Interessen aller ermöglicht es, dass Jungen und Mädchen die Mediennächte gleichermaßen annehmen. Die eben- falls ursprünglich eingeführte Idee, dass sich Jungen und Mädchen paarweise anmelden müssen, um eine ausgeglichene Teilnahme zu gewährleisten, ist mittlerweile überflüssig geworden. Die Regelung wurde aufgehoben. Grundsätzlich sollen die Angebote auf die Persönlichkeit der Jugendlichen ausgerichtet sein und nicht auf ihre Geschlechtszugehörigkeit. „Ideal wäre es, wenn man das gar nicht mehr erwähnen müsste. Wenn man sich selbst in der Hinsicht überflüssig macht und es einfach eine Mediennutzung von Jugendlichen ist. Aber ich denke, es gibt einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen in der Medien- nutzung. Das ist zumindest meine Erfahrung. Ich finde es wichtig und richtig darauf zu reagieren. Die Mädchen müssen jetzt nicht unbedingt Computerspiele spielen oder die Jungen in den Chat-Raum. Das sollen sie so machen, wie es ihnen entspricht, aber das persönlichkeitsbezogen und nicht geschlechterbezogen. Von daher wäre das Beste, wenn man nicht mehr auf einen Geschlechterunterschied reagieren müsste.“ (M. F.) Es geht darum, die Differenzen – und ggf. verborgenen Ausgrenzungsmecha- nismen – zu identifizieren, aber die Differenzen nicht als Geschlechterdifferen- 156 zen zu zementieren. Jede Person soll ein möglichst umfangreiches Tableau an Entwicklungs- und Erprobungsmöglichkeiten nutzen und nach eigenen Inte- ressen auswählen können, ohne dabei Rollenklischees bedienen zu müssen. Gemeinsam Spaß haben und vom kritischen Freund begleitet werden Der Spaß, eine Nacht in der Schule gemeinsam mit anderen zu verbringen und dabei einer Vielzahl von ganz unschulischen Tätigkeiten nachzugehen, ist ein wesentlicher Aspekt der Mediennächte. Er ist aber nicht der einzige. „Der wichtigste Aspekt ist vielleicht, dass die Mediennächte nicht zu sehr pädagogisiert sind und dass im Vordergrund steht, miteinander Spaß zu haben. Dort wirklich etwas zu tun, was große Freude bereitet. Die Intention ist, dass sie ein Stück Medienkompetenz mitnehmen. Ich lasse nur Original-CDs zu, also ich kontrolliere, ob die Spiele und Filme Originale sind. Sie sollen dadurch ein stückweit über Dinge wie Urheberrecht und Raubkopien nachdenken. Ein weiterer Aspekt ist, dass sie erleben sollen, wie man miteinander Spaß haben kann ohne brutale Ego-Shooter und Ballerspiele. Einige Jungs wollen immer auch ‚Counter-Strike‘ spielen, aber dieses Spiel ist ab 16 und ich würde es ohnehin nicht als Schulspiel zulassen. Ich muss zwar mit einigen Schülern diskutieren, aber sie verstehen das relativ schnell. Wir suchen dann halt ein Spiel ab 12, dies ist im Augenblick ‚Warcraft III‘. Dann erleben sie, dass man auch mit einem solchen Spiel ab 12 Jahren schön stundenlang miteinander spielen kann.“ (M. F.) Die Balance von Gemeinschaftserleben, Spaß-Haben und (inhaltlich begründe- ter) Regulation durch den Pädagogen wird gehalten und nicht zugunsten einer Richtung aufgelöst. Der Pädagoge tritt den Schülerinnen und Schülern gegen- über als jemand auf, der durchaus an relevanten Regeln (keine Raubkopien, keine Ego-Shooter) festhält und diese auch gegen ihre Wünsche durchsetzt, der aber gleichermaßen daran interessiert ist, dass Unterhaltung und Spaß aller im Zentrum stehen. Durch die Kenntnis der von ihm zugelassenen und der von ihm begründet abgelehnten Produkte wird er von den Jugendlichen akzeptiert und agiert in der Rolle eines „critical friend“, eines kritischen Begleiters der Mediennutzung. 9.10.3 Positive Erfahrungen und Grenzen Die Mediennächte werden von den Schülerinnen und Schülern so gut an- genommen, dass es mittlerweile nicht mehr erforderlich ist, viel Werbung dafür zu machen; eine Ankündigung reicht aus, um bis zu hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu gewinnen. Durch die Zusammenstellung der Angebote können Mädchen und Jungen gleichermaßen angesprochen werden, es waren zuletzt etwas mehr Mädchen als Jungen anwesend. Eine Erfahrung aus einer reinen Mädchen-LAN-Party aus früheren Jahren zeigte, dass die Mädchen durchaus Spaß am Spielen hatten. Die vorgeschobene Technik-Einheit, um das für die Party notwendige Netzwerk von Computern 157 zu ermöglichen (Einbau der Netzwerkkarten, Einrichten des Netzwerkes) stieß jedoch auf erheblichen Widerstand. Hierzu hatten die Mädchen keine Lust und mussten nahezu gezwungen werden. Eine positive Erfahrung ist, dass der Lehrer durch die Interaktion in den Mediennächten für die Schülerinnen und Schüler zu einem – oft vermissten – respektierten Ansprechpartner der eigenen Mediennutzung wird. „Ein Nebeneffekt ist, dass die Schülerinnen und Schüler mir Dinge anvertrauen, auch außerhalb der Mediennächte, die sie sonst vielleicht niemandem erzählen würden. Also ich gelte nun als Ansprechpartner für ihre weitere Mediennutzung. Sie erzählen mir detailliert von ihrem Spielverhalten (in welchem Level sie sind, wie lange sie spielen, etc). Ich bin mit ihnen im Gespräch und so kann ich auch das ein oder andere Mal kritisch nachfragen, zum Beispiel: ‚Meinst du nicht, du spielst ein bisschen zu viel?‘. Dann bin ich natürlich in einer ganz anderen Rolle, nämlich als akzeptierter Partner.“ (M. F.) Die Organisation der Mediennächte wird größtenteils von Schülern übernom- men, die sich freiwillig dazu bereiterklärt haben. Bislang sind in dem Organi- sationsteam nur Schüler und keine Schülerinnen. Um die Geräte aufzubauen, bedarf es technischen Know-hows. Vermutlich ist dies wenig attraktiv für Mädchen, sich in diese Jungen-Domäne vorzuwagen. Um hier ein ausgewoge- nes Verhältnis von Jungen und Mädchen zu erreichen, ist eine persönliche An- sprache einer Mädchengruppe (nicht Einzelner) wohl erforderlich. Herr Fileccia will das in Angriff nehmen. 9.11 MONA LiesA. Reflexion der Inszenierung von Geschlechtsrollen mit Medien29 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zur thematischen Auseinander- setzung mit Geschlechterrollen, hier konkretisiert als offener Mädchentreff mit thematischen Angeboten, konnten wir ein Interview mit Katja Demnitz von MONAliesA e. V. in Leipzig führen. Wir sprachen über die Gesamtkonzeption und verschiedene kleinere Projekte, bei denen Medien – vorrangig Fotografie, Lesen, Schreiben und Radiotechnik – eingesetzt werden. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfah- rungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen von MONAliesA eine Mädchenbibliothek, offene Mädchentreffen mit wechselndem Veranstaltungsprogramm und themati- sche Workshops mit Medieneinsatz. Die Angebote richten sich schwerpunkt- 158 29 Projekt Nr. 34, siehe Anhang S. 248 mäßig an 14- und 15-Jährige Mädchen. Ziel ist, eine Selbstbestimmtheit bei der Ausbildung einer weiblichen Identität zu erreichen. 9.11.1 Fokussierung der Ausgangslage: Begrenzung durch rigide Rollendefinitionen Mädchen werden im Aufwachsen mit normativen geschlechtsspezifischen Rol- lenerwartungen konfrontiert. Massenmedien bedienen diese klischeehaft und prägen so zum Teil unrealistische Vorstellungen von Weiblichkeit. Mädchen brauchen Freiräume, um diese kritisch zu reflektieren und sich jenseits von einengenden Identitätskonzepten nach ihren eigenen Bedürfnissen und Wün- schen zu entwickeln. 9.11.2 Der konzeptionelle Ansatz: emanzipatorische Bildungsarbeit mittels Medien Die Arbeit mit Medien ist Teil eines umfangreichen geschlechterreflexiven pädagogischen Angebots und eingebunden in das emanzipatorisch-feministi- sche Konzept von MONAliesA. Ziel ist dabei eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit Geschlechtsiden- tität und Geschlechterrollen zu erreichen und die Mädchen bei diesem Bil- dungsprozess kritisch zu begleiten. Um dies zu erreichen, haben die Angebote immer einen konkreten inhaltlichen Schwerpunkt. „Es steht immer im Mittelpunkt, dass die Mädchen angeregt werden sollen, eine selbst- bestimmte weibliche Identität zu entwickeln. Das klingt immer so theoretisch, aber letztendlich geht es immer darum, sich von Begrenzungen zu lösen und das Eigene zu finden und durchzusetzen, auch jenseits von klassischen Rollen.“ (K. D.) Wichtig ist dafür die Rolle der Pädagogin, die durch reflektiertes Vermitteln ihrer eigenen Identität als Frau einen Gegenentwurf darstellen kann. Dies soll nicht im Sinne einer manipulativen Einflussnahme geschehen, sondern zu Grenzüberschreitungen anregen und einen freien, emanzipierten Selbstentwurf ermöglichen. „Mir ist das selbstständige Denken wichtig. Dafür braucht man gerade bei dem Thema ein bisschen Auseinandersetzung. Also ein Angebot, sich selbst eine Meinung dazu bilden zu können. Und vor allem die Zeit und den Raum, um erkennen zu können: Wer bin ich als Mädchen? Oder wie will ich als Frau sein? Was für Bilder gibt es oder welche Rollen werden erwartet?“ (K. D.) Medien wie Lesen, Schreiben, Fotografie und Radiotechnik (Interviews) wer- den dabei als Mittel zur Thematisierung dieser Probleme genutzt, für die Ver- mittlung der Techniknutzung werden externe Fachfrauen herangezogen. Die Auswahl der Methoden und inhaltlichen Bezüge bei den Veranstaltungen, die 159 immer Input, Arbeitsphase mit den Medien und Auswertung beinhalten, orien- tiert sich an der Lebenswelt der Mädchen. 9.11.3 Positive Erfahrungen und Grenzen Obwohl Kontinuität in der offenen Mädchenarbeit, wie in der offenen Jugend- arbeit allgemein, ein Problem darstellt, nehmen die Mädchen mit großem Interesse an den Angeboten teil. Sich mit Geschlechterrollen auseinander zu setzen, trifft den Kern der Identität und ruft teilweise Ängste hervor, dennoch weckt die Arbeit viel Interesse und die Mädchen wünschen oft eine Weiter- führung oder ein anderweitiges Aufgreifen der Projekte. Eine schwierige Er- fahrung ist, dass die eigenen hohen pädagogischen Ansprüche an inhaltliche Auseinandersetzung in der praktischen Arbeit mit den Mädchen nicht immer einzulösen sind. „[In einem Projekt] kamen ganz viele klassische Träume und Wünsche hervor, wie ‚ich möchte Starfrisör von Daniel Küblböck werden‘ oder ‚Modellkarriere‘. Diese Wünsche stehen manchmal so fest, dass wenig Auseinandersetzung darüber möglich ist. Das muss man dann aushalten, das so stehen zu lassen.“ (K. D.) Für Katja Denmitz ist es wichtig, reflektiert mit den eigenen feministischen Ansprüchen umzugehen, um dem Selbstbestimmungsrecht der Mädchen Rech- nung zu tragen. 9.11.4 Spezifikum Weitere Bemühungen von MONAliesA betreffen die Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Jungenarbeit in Leipzig. Im Hinblick auf Multiplikatorinnenarbeit ist eine Kooperation mit der Fachhochschule Leipzig im Gespräch, um dort Semi- nare zur Geschlechterthematik anzubieten. Politisches Ziel ist es, geschlechts- spezifische Arbeit grundlegend als Querschnittsaufgabe in der Jugendarbeit zu verankern. 9.12 MiM – Mädchen in Medienberufen. Medienberufe und Medientechnik30 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zu Berufsorientierung im Medienbereich, hier konkretisiert als Praxisworkshops für Mädchen, konnten wir ein Interview mit Eva Pieper von der Landesarbeitsgemeinschaft Lokale Medienarbeit NRW führen. Wir sprachen über das Modellprojekt „Mädchen in 160 30 Projekt Nr. 33, siehe Anhang S. 247 Medienberufe MiM“. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Inter- view genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen des Projekts Workshops im Praxisfeld – vor- rangig im Bereich Fernsehen, Radio und Computer – für Mädchen zwischen 14 und 21 Jahren. Ziel ist, Mädchen in Kontakt mit professionell tätigen Frauen der Medienbranche zu bringen. Des Weiteren werden zugleich Multiplikatorin- nen als Vermittler von Medienkompetenz geschult. 9.12.1 Fokussierung der Ausgangslage: Behinderungen in der Orientierung hin zu Medienberufen Zu wenige Mädchen erwägen, ernsthaft einen Beruf im Medienbereich zu er- greifen. Für dieses Problem werden mehrere zusammenhängende Ursachen ausgemacht: Mädchen sind im Umgang mit Medientechnik benachteiligt, da sie von Jungen zurückgedrängt werden und so nicht die Gelegenheit haben, Berührungsängste auf ihre eigene, mädchenspezifische Herangehensweise zu überwinden. „Die Jungen wollen grundsätzlich zuerst an die Technik. Die Mädchen sind viel zöger- licher sich zu melden und trauen sich nicht so schnell. Sie haben auch eine ganz andere Herangehensweise. Zuerst fragen sie und hören genauer hin. Die Jungen machen einfach drauflos. Wenn sie feststellen, dass es falsch war, machen sie es einfach noch einmal, während die Mädchen in dieser Hinsicht mehr Zeit brauchen. […] Sie müssen erst eine Scheu überwinden.“ (E. P.) Das gängige Vorurteil der Technikferne von Frauen und die geringe Zahl von Frauen in Medienberufen, die als Vorbilder dienen könnten, verstärken die Hemmschwelle für Mädchen, sich an dieses Berufsfeld heranzuwagen. 9.12.2 Der konzeptionelle Ansatz: Ungestörte Annäherung und Vorbilder In geschlechtshomogenen Gruppen erleben die Mädchen ihre eigene Kompe- tenz im Umgang mit Medien und Technik, da sie sich dort ungestört annähern können. Praxis- und produktorientiertes Arbeiten mit anschließender öffent- licher Präsentation ermöglicht ihnen darüber hinaus, sich selbst als bestim- mende Person wahrzunehmen. „Die Mädchen haben nur dadurch die Chance, an die Technik heranzukommen und auf ihre Art darauf einzugehen, dass sie das Projekt getrennt von den Jungen durchführen. Das ist das eine. Das zweite ist, dass sie von Frauen geschult werden. Wenn es geht, sind es Frauen, die die Medienarbeit vorstellen und die Berufsbilder und das Medien- wissen vermitteln.“ (E. P.) 161 Die Einbindung von Fachfrauen – zum einen aus Medienberufen, zum anderen aus den Gleichstellungsstellen – zielt ganz bewusst auf die Vorbildfunktion und erzeugt eine Selbstverständlichkeit, sich selbst als Mädchen/Frau in diesen Berufsbildern zu denken. Das hat als Kontrast zur Erfahrung von Medien als Männerdomäne eine wichtige Signalwirkung. Des Weiteren ist die Schulung von Multiplikatorinnen innerhalb des Projekts ein wichtiger Aspekt vor dem Hintergrund, dass alle beteiligten Stellen aus lokalen Zusammenhängen stammen. So soll eine Weiterbetreuung der Mädchen nach Projektende einerseits und andererseits die Etablierung der Projektidee in der pädagogischen Landschaft gewährleistet werden. „Einmal ist es die lokale Eingebundenheit, dass verschiedene Stellen in den Orten beteiligt sind: Medienfachleute, die Gleichstellungsstelle und eine Gruppe von Mädchen und Multiplikatorinnen, die diese Mädchen weiter betreuen können. Und das Zweite ist, dass während des Projektes gleichzeitig die Multiplikatorinnen geschult werden. Weil sie die Mädchen betreuen und die Arbeit mitbekommen, können sie die Arbeit dann weiterführen. Wir fahren zweigleisig.“ (E. P.) 9.12.3 Positive Erfahrungen und Grenzen Dass Mädchen sehr wohl Interesse an Medienberufen haben und bei der Orien- tierung dahin spezifische Angebote brauchen, zeigt sich an der unerwartet großen Resonanz auf das Projekt. Einige Mädchen haben sich im Anschluss daran tatsächlich für einen entsprechenden beruflichen Weg entschieden. Er- folgserlebnisse gab es auch im Zusammenhang mit der öffentlichen Präsenta- tion der Ergebnisse: „Das heißt, alle Projekte sind Praxisprojekte und werden in einer Premiere mit einer kleinen Feier der Presse, der Öffentlichkeit oder den Eltern präsentiert. Das Ganze, also die gesamte Form der Vorstellung mit Presse usw. schult enorm das Selbstbewusstsein. Sie haben wirklich etwas geleistet.“ (E. P.) Die für die Mädchen so ermutigende Geschlechtshomogenität des Projekts macht Eva Pieper gleichzeitig auch als Grenze aus, die es in der Zukunft zu überwinden gilt: Im Sinne des Gender Mainstreaming müssten auch Jungen eine geschlechterspezifische Schulung erhalten. 9.12.4 Spezifikum Das Modellprojekt „Mädchen in Medienberufe MiM“ ist als solches bereits abgeschlossen, es soll aber in Form einer Beratungsstelle der Landesarbeits- gemeinschaft Lokale Medienarbeit weitergeführt werden. 162 9.13 Lizzynet. Internetportal/virtuelle Gemeinschaft31 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Internetplattformen/virtuelle Gemein- schaften konnten wir ein Interview mit Ulrike Schmidt von Schulen ans Netz e. V. führen. Wir sprachen über das Projekt „Lizzynet.de“. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfah- rungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten wird im Rahmen von „Lizzynet“ eine Plattform im Internet, die Clubs, Chats, Online-Kurse und vieles andere umfasst, die von erwachsenen Redakteurinnen betreut wird, auf der die teilnehmenden Mädchen aber eben- falls vielfältige, gestaltende Funktionen übernehmen können. Ziel ist eine virtuelle Gemeinschaft („Community“) für Mädchen zu schaffen und einen virtuellen Ort, an dem mädchenspezifische Sichtweisen und Fragestellungen im Mittelpunkt stehen. 9.13.1 Fokussierung der Ausgangslage: Keine virtuellen Orte für Mädchen Im Internet gibt es wenig Orte, an denen mädchenspezifische Sichtweisen im Mittelpunkt stehen und an denen Mädchen Spielräume für Handlungen er- halten. Dadurch fehlen virtuelle Lern- und Erfahrungsräume für Mädchen, in denen sie sich auch in überregionalen Kontexten mit Fragen verschiedenster Art auseinandersetzen können. Infolgedessen wird auch immer wieder fest- gestellt, dass Mädchen sich an bundesweiten Wettbewerben wenig beteiligen.m Auf gemischtgeschlechtlichen Internetplattformen sind Mädchen ständig mit dem „Balzfaktor“ konfrontiert und müssen sich entsprechend den Erwar- tungen an ihre Geschlechtsrolle verhalten, was Lernprozesse behindert. Länger- fristig gesehen wird dadurch die Berufswahlorientierung von Mädchen und Frauen eingeschränkt. 9.13.2 Der konzeptionelle Ansatz: Handlungsspielräume, Kommunikation und Gemeinschaft Im Internet wird ein Ort geschaffen, an dem mädchenspezifische Sichtweisen im Mittelpunkt stehen und an dem konsequent aus dieser Perspektive gearbeitet wird. Dadurch entstehen neue Lernräume und neue Möglichkeiten für Mäd- chen, sich darzustellen und Themen zu bearbeiten. 163 31 Projekt Nr. 26, siehe Anhang S. 245 Medienpädagogisch geschützte, überregionale Handlungsspielräume Die Internetplattform ist ein Ort und eine virtuelle Gemeinschaft, die sich nur für Mädchen öffnet. Dies benötigt eine bestimmte Form der Absicherung. Innerhalb dieses pädagogisch geschützten Experimentierfeldes entstehen für die Mädchen Räume, um Fragen zu stellen, um zu lernen, um sich darzu- stellen und inhaltlich auf ganz verschiedene Weisen in das Gemeinschafts- geschehen einzubringen. „Keine Frage ist zu dumm, nichts ist peinlich. Sie können über alles reden und alles zum Thema machen. Wichtig ist auch, dass sie sich selbst darstellen können, in ihren Homepages, und Themen selbst bearbeiten können, zum Beispiel im ‚Club Religion‘: Was die Mädchen dort für Fragen aufwerfen […]. Insgesamt ist es ein anregendes Lernumfeld. Dadurch, dass es konsequent die geschlechtsspezifischen Sichtweisen gibt, wird es auch sehr gut genutzt.“ (U. S.) Die Sicherheit besteht, nur unter (bei der Plattform angemeldeten) Mädchen zu sein und im Zweifelsfall auf die Kompetenz der Redakteurinnen zurück- greifen zu können. „Ganz wichtig ist, dass es medienpädagogisch betreut wird. Fragen werden beantwortet und wenn es irgendwo hakt, dann haben die Mädchen immer einen Ansprechpartner.“ (U. S.) Die Möglichkeiten der Gestaltung und Nutzung dieser Handlungsspielräume auf der virtuellen Plattform sind enorm vielschichtig. Die Mädchen können, unterstützt durch einen Homepage-Generator, eine eigene Internetseite erstellen, können sich schreibend einbringen, können eigene Clubs gründen und mode- rieren oder Onlinekurse erstellen und nutzen. Ganzheitlicher Ansatz: Kommunikation und Personenorientierung Betont wird insbesondere der Aspekt der Kommunikation. Die Plattform soll kein erweiterter Schulraum sein, sondern ein Ort der Begegnung und des Aus- tausches. Er soll auch Lernerfahrungen ermöglichen und bietet dafür auch Informationen und Werkzeug, wichtig ist aber die Ganzheitlichkeit, die die Mädchen als Personen ernst nimmt. „Es ist eine virtuelle Gemeinschaft nur für Mädchen. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass die mädchenspezifischen Sichtweisen und Fragestellungen im Mittelpunkt stehen. Das ist mit das Wichtigste. Wichtig ist auch, dass wir ein ganzheitliches Konzept haben. Wir sagen nicht, dass die Mädchen hier nur lernen oder nur Informationen finden, sondern wir setzen mit der Kommunikation an, mit dem ‚Community‘-Bereich. Wir geben Informationen und es gibt auch die Möglichkeit zu lernen. Dies alles in seiner Gesamtheit.“ (U. S.) Auf diese kommunikative Weise können eine Reihe vielschichtiger Lernpro- zesse ablaufen, auch indem die Mädchen wechselseitig voneinander lernen. 164 9.13.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Stärkungen und Hemmschwellen Positive Erfahrungen sind, dass die Mädchen Stolz und zunehmende Selbst- sicherheit entwickeln, wenn sie für die Plattform arbeiten. Mit der Verantwor- tung, einen Club zu moderieren oder einen bestimmten Kurs zu einer Pro- grammiersprache zu schreiben, werden wichtige, sie stärkende Erfahrungen gesammelt. Diese Erfahrungen nehmen auch Einfluss auf die Möglichkeit zukünftiger Berufsorientierung. „Wir haben die ersten Mädchen, die im Bereich Medienproduktion studieren und so ihren beruflichen Werdegang machen.“ (U. S.) Dass das Konzept gut angenommen wird, ist daraus ersichtlich, dass ein Groß- teil der Mädchen den Zugang zu „Lizzynet“ über eine Freundin findet. Das Portal wird kontinuierlich weiterempfohlen. Grenzen der Plattform macht Ulrike Schmidt im Bereich der Ansprache der so genannten Bildungsbenachteiligten aus. Hauptschülerinnen ohne privaten Internetanschluss finden den Weg zu „Lizzynet“ nicht. Diese Gruppen werden bislang nicht erreicht. Hier ist es notwendig, vor Ort zu gehen. Auch die Textlastigkeit des Portals mag auf leseungewohnte Mädchen abschreckend wirken. 9.14 Hardliner. Computer-Gewalt-Spiele32 Zu dem Bereich geschlechtersensible Angebote zu Computerspielen, hier kon- kretisiert in Form von Computer-Gewalt-Spielen, konnten wir ein Interview mit Jens Wiemken von „die pädagogen“ führen. Wir sprachen über das Projekt „Hardliner“. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview ge- nannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen des Projekts „hardliner“ mehrtägige Ver- anstaltungen in Innenräumen und Außenräumen für männliche Jugendliche, gemischtgeschlechtliche Schulklassen und auch ältere Jugendgruppenleiter zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Ziel ist, die Interessen der Jugendlichen an Gewaltspielen ernst zu nehmen und pädagogisch aufzunehmen, ihnen die Differenz zwischen Virtualität und Realität zu verdeutlichen, damit sie den realistischen Blick nicht verlieren und sich auf angemessene Weise in der realen Welt positionieren können. 165 32 Projekt Nr. 14, siehe Anhang S. 228 9.14.1 Fokussierung der Ausgangslage: Virtualität vs. Realität Bislang werde dem Phänomen jugendlicher Computer-Gewalt-Spieler, nach Aussage von Jens Wiemken, entweder ignorierend oder bewahrpädagogisch begegnet. Beides reiche nicht hin. Jungen vermissen Authentizität. Sie sind mit ihren Bedürfnissen und Fragen oftmals gezwungen, auf Medienerfahrungen zurückzugreifen. Dazu nutzen sie auch Gewalt-Computer-Spiele. Aber „… die Realität ist kein Computerspiel. […] ich kann hier in der Realität nicht auf ‚reset‘ drücken oder das Spiel vom letzten Speicherstand nochmal starten.“ (J. W.) Computerspiele suggerieren einerseits Klarheit und klare Konsequenzen im Umgang mit feindlichen und gewalttätigen Konfrontationen, bilden aber nur einen ganz bestimmten Teil dieser „Erfahrungen“ ab. Dieser Sachverhalt bleibt oft unreflektiert. Alleingestellt können diese Teilerfahrungen dazu verleiten, den Blick auf die Realität zu verlieren. „Es haben schon viele Medienpädagogen gesagt, auch zum Fernsehen, dass gerade Jungen gefährdet sind, Realität und Virtualität zu vermischen und dass sie in Gefahr sind, den realistischen Blick zu verlieren. Das ist der Punkt, wo wir gezielt ansetzen und versuchen, sie klar in die Realität zurückzuholen.“ (J. W.) 9.14.2 Der konzeptionelle Ansatz: Inszenierung und Reflexion Ursprünglich konzipiert wurde ein reines Jungenangebot, es richtete sich an Jungen, die an Gewaltspielen interessiert oder von diesen fasziniert sind. Die pädagogische Maxime lautet schlicht: die Kinder und Jugendlichen dort abzu- holen, wo sie sind. Inszenierung eines Experimentierfelds, das Computerszenarien in die Realität umsetzt Die Jungen werden mit dem Unterschied zwischen der virtuellen Welt und der Realität ganz konkret und ganz direkt, körpernah konfrontiert. „Der erste Schritt ist die Umsetzung der Computerbilder in die Realität, und dazu muss eben auch gekämpft werden. Denn es muss erst mal erfahren werden, was Kämpfen überhaupt ist. Wie funktioniere ich überhaupt beim Kämpfen. Beim Computerspiel erlebe ich mich die ganze Zeit als ‚der Sieger‘ und ‚der Coole‘. Und wie sieht das aus beim wirklichen Kämpfen?“ (J. W.) Diese realen Kämpfe sollen keinerlei Verletzungen hervorrufen, sie erfolgen nach sehr klaren Regeln, aber sie konfrontieren die Jugendlichen mit dem ganzen Erleben. Die begrenzte virtuelle Erfahrung wird in die Realität mit all ihren Aspekten überführt. In der Realität ist Handeln von Emotionen begleitet, und es führt zu Konsequenzen; ein Neustart der Situation ist nicht möglich.m 166 Die direkte Eins-zu-eins-Kampfsituation wird in ein komplettes Gruppen- szenario in einem größeren Gebiet (Schulgebäude oder freies Gelände) mit zu erfüllenden Aufgaben überführt. Dies entspricht den üblichen Szenarien von gewalthaltigen Computerspielen. Die Jungen bilden Teams und werden mit spezifischen Waffen ausgerüstet. Damit entsteht ein komplexes Experimentier- feld, das durch eindeutige und klare Regelabsprachen definiert wird, und ein pädagogisch abgesicherter Interaktionsraum, der komplexe und extreme Erfah- rungen im Umgang mit einem schwierigen Thema ermöglicht. Die Pädagogen, die dieses extreme Experimentierfeld begleiten und sichern, werden in ihrer fachlichen, persönlichen und sozialen Kompetenz stark heraus- gefordert. In einer höchst anspruchsvollen Weise übernehmen sie die Verant- wortung für ein ungewöhnliches Setting: „Wir machen das halt auch bei Nachtfrost draußen. Diese Kälte und diese Feuchtigkeit usw. sind einfach Extreme, mit denen sie [die Jungen] vorher gar nicht gerechnet haben. Diese äußeren Bedingungen tauchen in den Computerspielen gar nicht auf. Das heißt, es kommen noch Elemente dazu, die unberechenbar sind, denen sie aber ausgesetzt sind. Sie müssen damit klar kommen. Sie erwarten dann auch teilweise […]. Das ist eine spannende Rolle, die wir einnehmen. Uns wird da sehr oft so eine Vaterrolle zu- gesprochen, die wir dann aber ablehnen. Wir geben das wieder an sie zurück und sagen: ‚Sieh zu, wie Du damit klar kommst‘. Das ist ein spannendes Rollengefälle, in dem wir uns immer befinden. Teilweise sind wir die besten Kumpels, weil wir mit ihnen Netz- werkspiele spielen. Dann sind wir die Götter, wenn wir die Waffen verteilen. Und dann sind wir auch – sag ich mal flapsig – die großen Arschlöcher, wenn wir ihnen Hilfe verweigern in so einem Moment oder wenn wir ein Spiel abbrechen, weil da eine Auseinandersetzung oder ein Konflikt ist, der dringend geklärt werden muss und den wir nicht laufen lassen können.“ (J. W.) Die Jugendlichen erfahren sich in diesen extremen Situationen selbst im Tun. Die Anlässe der Pädagogen, das Geschehen zu unterbrechen, führen zum nächsten Punkt. Reflexion Das gesamte Experimentierfeld läuft nie ohne Kontrolle. Es ist in ein umfang- reiches Konzept eingebunden, das hier nicht annähernd vorgestellt werden kann. Einen zentralen Punkt bildet unter anderem die Reflexion des Geschehens. Die Pädagogen greifen an verschiedenen Stellen ein, um bereits im Spiel- Geschehen Konflikte zu klären. In den Reflexionsphasen findet eine Verknüp- fung der extremen Spielerfahrungen vor Ort mit grundlegenden (Gewalt-)Er- fahrungen und aktuellen Schwierigkeiten der Gruppe statt. „Wenn wir einige Tage mit den Gruppen arbeiten und es auch so extrem abläuft, auch das Beziehungsgefälle uns gegenüber, dann kommt man einfach auf den Punkt. Dann kommt man auf die Problematik der Gruppe, die vorherrscht. Auf diese Problematik 167 richten wir die Reflektion aus. Da kommt dann das Problem der Gruppe auf den Tisch.“ (J. W.) Die Reflexion bleibt nicht auf das Medium Computer begrenzt, sondern die Gespräche reichen weit über das konkrete Geschehen hinaus. Das Mediale wird zum Katalysator für relevante Probleme und Schwierigkeiten des Alltags. 9.14.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Intensive Erfahrungen und ein Potenzial, das zu oft ignoriert wird Ein deutlicher Vorteil ist, dass durch den Zugang sehr schnell eine Beziehung zu den Jugendlichen aufgebaut werden kann. Die Jugendlichen erwarten keine Erklärungen, sondern sind bei der Aussage „Wir machen was mit Computer- spielen“ sofort dabei. Dies ist besonders für ein Kurzzeitprojekt bedeutsam.m Die Jugendlichen machen wichtige Erfahrungen. Gerade die extremen Er- fahrungen ermöglichen ihnen, ihre Emotionalität auf eine neue Weise zu inte- grieren. „Diese extremen Erfahrungen, die Jungen in diesem Projekt haben, sind unheimlich wichtig für die Jungen. Weil sie gerade in diesen Extremerfahrungen sich erleben und im Tun etwas erfahren. Und dabei erfahren sie auch, dass sie emotional sind, aber gleichzeitig auch cool, dass sich das nicht aufhebt, sondern dass das nebeneinander existieren kann. Wir können nicht erwarten, dass wir den Jungen innerhalb von vier oder fünf Tagen zeigen, dass es noch einen anderen Weg als den coolen gibt. Das geht nicht, denn sie sind damit aufgewachsen, cool zu sein, und sie brauchen das auch als Panzer. Auf der anderen Seite können wir schon zeigen, dass es Momente gibt, da kann man schon mal emotional sein ohne gleich diesen Panzer zu verlieren und aufgeben zu müssen.“ (J. W.) Hierdurch ergeben sich Chancen, auch schwierige Erlebnisse der Jungen par- tiell aufzuarbeiten oder zumindest kommunikativ verfügbar zu machen. „Weitere positive Aspekte sind die Gespräche, die wir führen. Wir hätten vorher nie ge- dacht, dass wir solche intensiven Gewalterfahrungsgespräche mit Jungen führen könnten. Wir waren teilweise selbst überrascht und erschrocken, wie offen die Jungen in der Umsetzungsphase waren und ihre Erlebnisse mit rein gebracht haben. Auf was für einer Ebene man sich plötzlich mit ihnen befand. Das ist ein Aspekt, den wir als so positiv ansehen, dass wir diese Maßnahmen immer noch weiter machen.“ (J. W.) Wenn diese wichtigen Erfahrungen und Momente in Extremsituationen von den pädagogischen Begleitern verschenkt werden, weil diese sich aus der Interaktionsdynamik herausziehen, ist das besonders bedauerlich. Dies passiert aber durchaus. Dabei besteht die Möglichkeit innerhalb dieses Kurzzeitprojekts sehr viele „Anker“ zu setzen, auf die man später zurückgreifen kann. „Wir können in diesen vier oder fünf Tagen keine Verhaltensänderung herbeiführen. Das einzige, was wir machen können, ist, Anker zu setzen. Wenn diese Anker dann 168 irgendwo liegen bleiben, ohne erkannt zu werden, ohne genutzt zu werden, dann ist das schon sehr traurig. Gerade auch für die teilnehmenden Jugendlichen ist das sehr traurig, weil es wirklich Erfahrungen sind, die ganz tief in ihnen wurzeln. Wenn ich vier oder fünf Monate später mit ihnen etwas tue und einer verhält sich soundso und ich dann sage ‚Stopp mal, genauso hast Du Dich da draußen vor vier oder fünf Monaten verhalten, weißt Du noch, was wir da abgesprochen haben?‘ Also das aufzugreifen.“ (J. W.) Negativ bewertet Jens Wiemken das geringe Interesse von Eltern an den Erfah- rungen ihrer Kinder. Auch um klarzustellen, dass sie keine Wehrsportgruppe sind, die die Jugendlichen ballernd durch den Wald schicken, veranstalten sie Elternabende. Die geringe Resonanz darauf erschreckt immer wieder. In gemischtgeschlechtlichen Gruppen entfaltet das Spiel und die Reflexion eine gänzlich andere Dynamik als in reinen Jungengruppen. Häufig werden hier Geschlechterrollen in der Reflexion zum Thema. 9.14.4 Spezifikum Ein Problem der Arbeit mit Gewalt-Computer-Spielen sind Begrenzungen durch die rechtlichen Vorgaben. Es besteht bislang keine Möglichkeit, in einem päda- gogisch geschützten Setting diejenigen Spiele, die die Jugendlichen real zu Hause spielen – die aber keineswegs ihrer Altersfreigabe entsprechen – einzu- binden. Die Ansprüche an die Pädagogen, ein solch extremes „Experiment“ zu kontrollieren, sind enorm. Auch Jens Wiemken und sein Kollege fahren oft noch mit dem Gefühl einer gewissen Unsicherheit zu so einem „Event“. Denn jedes Projekt entwickelt stets eine Eigendynamik, die auch zugelassen werden muss. Das ist das Spannende und gleichzeitig das Anstrengende daran. 9.15 Multiline. Virtuelle Plattform und Multiplikatorinnen-Netz33 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zum Internet und virtuellen Plattformen, hier konkretisiert als Multiplikatorinnen-Plattform, konnten wir ein Interview mit Karin Eble vom Wissenschaftlichen Institut des Jugendhilfs- werks Freiburg e. V. führen. Wir sprachen über das Projekt „multiline“. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten des Angebots widerspiegeln. 169 33 Projekt Nr. 35, siehe Anhang S. 249 Angeboten wird im Rahmen des Projekts „multiline“ eine Internetplattform und ein virtuelles Netzwerk für in der außerschulischen medienpädagogischen Arbeit tätige Frauen. Ziel ist, durch die Vernetzung von medienpädagogisch tätigen Multiplikatorinnen Chancengleichheit für Mädchen zu schaffen und ihnen einen selbstverständlichen Umgang mit Medien und Technik zu ver- mitteln. 9.15.1 Fokussierung der Ausgangslage: Medien und Technik sind nicht der Schwerpunkt im Arbeitsalltag von Pädagoginnen Jungen werden in unserer Gesellschaft techniknäher sozialisiert als Mädchen. Da alle Personen in ihrer Sozialisation dieser männlichen Konnotation von Technik begegnen, geschieht es auch im Alltag aufgeklärter Frauen, dass – von den Protagonisten oft unbemerkt – technische Aufgaben und Herausforderun- gen an anwesende Männer delegiert werden. Damit werden von Frauen wieder- kehrend Chancen verschenkt, sich im technischen Bereich weiterzuqualifizie- ren. Wenn im Bildungsbereich tätige Frauen in technischen Bereichen geringer qualifiziert sind als Männer, wird sich die Ungleichheit der Chancen von Mädchen und Jungen festschreiben. 9.15.2 Der konzeptionelle Ansatz: Schlüsselpersonen sichtbar machen und vernetzen Um Chancengleichheit von Mädchen im technischen Bereich zu erreichen, ist es notwendig, die mit ihnen im Bildungsbereich arbeitenden Frauen zu er- reichen und diese entsprechend zu qualifizieren. „Der Auftrag für das Netzwerk ist, Multiplikatorinnen zu erreichen, weil wir davon aus- gehen, dass dies die Schlüsselpersonen in der außerschulischen Bildungsarbeit sind, die Zugang zu Mädchen, unter Umständen auch zu bildungsfernen Mädchen haben.“ (K. E.) Die medienpädagogischen Aktivitäten der angesprochenen im Bildungsbereich tätigen Frauen stellen nur einen Aspekt ihrer Arbeit dar. Die Vorstellung, die Frauen könnten mehrmals und an langfristigen Fortbildungen in diesem einen Bereich ihrer Arbeit teilnehmen, ist entsprechend unrealistisch. Hilfreich ist, die bestehenden Kompetenzen zu bündeln. Es geht darum, die im Alltag statt- findende medienpädagogische Arbeit von Frauen sichtbar zu machen und die Pädagoginnen zu vernetzen, so dass sie eine sich wechselseitig voranbringende Gemeinschaft bilden. „Wir arbeiten damit, dass die Ergebnisse, die Erfahrungen, die Menschen selbst hin- kommen, dass sie Foren nutzen, Chats initiieren, ihre Beispiele darstellen. Damit wollen 170 wir die Arbeit sichtbar machen und einen doppelten Effekt erzielen: dass die Gruppen vor Ort und auch die Pädagogin, die immer auch eine Schlüsselposition inne hat, die Medienarbeit in ihre Einrichtung und ihre Arbeit einbezieht und dadurch Vernetzung mit anderen schafft.“ (K. E.) Durch diese Arbeit entwickelt sich die Medienkompetenz der Beteiligten in einem selbstorganisierten Lernprozess, der stets Bezüge zur alltäglichen Arbeit hat. 9.15.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: „Einfach so“ geht es nicht Eine Förderung der Medienkompetenz findet statt. Die Frauen entwickeln bspw. Internetdarstellungen für ihren Träger, was wieder eine positive Rück- wirkung auf die Anerkennung ihrer Arbeit hat. Wissen muss man, dass Plattformen und Foren nicht „einfach so“ ange- nommen und genutzt werden. Vorarbeiten und das Schaffen von Bezügen zur alltäglichen Arbeit haben geholfen, die Plattform bei den Multiplikatorinnen zu implementieren. Es ist viel Arbeit für die Betreuenden, einen hohen Be- teiligungsgrad zu erreichen, aber es funktioniert. „Wir haben gute Erfahrungen und schöne Ergebnisse, dass zum Beispiel Frauen, die sich vorher gar nicht kannten, die aus einem Ort kamen, dann gemeinsam eine medien- pädagogische Aktion vor Ort gemacht haben. Es sind immer kleine Schritte, aber in den Foren sieht man, dass es gelingt und dass es wächst und wächst.“ (K. E.) Um die bestehenden Barrieren der Multiplikatorinnen gegen eine Plattform- teilnahme abzubauen, war es entgegen der ursprünglichen Planung notwendig, Angebote für Mädchen einzubeziehen. So können die Multiplikatorinnen auch etwas „für ihre Mädchen“ tun und nicht nur eine scheinbar individuelle Fort- bildung für sich machen. 9.16 Roberta. Konstruieren und Programmieren von Computertechnik34 Zu dem Bereich geschlechtersensibler Angebote zur Computer- und Technik- förderung, hier konkretisiert als Projekt zur Konstruktion von Robotern, konn- ten wir ein Interview mit Prof. Dr. Heidi Schelhowe von der Forschungs- gruppe „Digitale Medien in der Bildung“ der Universität Bremen führen, die die wissenschaftliche Begleitung des Projekts „Roberta – Mädchen erobern Roboter“ der Fraunhofer Gesellschaft, Autonome Intelligente Systeme durch- 171 34 Projekt Nr. 40, siehe Anhang S. 254 geführt hat. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview ge- nannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten widerspiegeln. Angeboten werden im Rahmen des bundesweiten Projekts „Roberta“ (es gibt elf „Regio-Zentren“) Schulungen für Kursleiterinnen, die dann einen ganz- tägigen Roberta-Kurs mit Mädchengruppen oder gemischtgeschlechtlichen Schulklassen durchführen können. Ziel ist, Mädchen für Technik zu begeistern und damit eine Offenheit für Ingenieurberufe zu schaffen. 9.16.1 Fokussierung der Ausgangslage: Symbolische Besetzung der Technik Die Nutzung von Medien und Technik durch Jungen und Mädchen hat sich weitgehend angeglichen. Wenig Veränderung gibt es im Bereich der Konstruk- tion der Technik. „Die Trennlinie zwischen den Geschlechtern verläuft zwischen Nutzung und Konstruk- tion. […] In der Techniknutzung sehen wir ja in den letzten Jahren, dass sich das Nutzungsverhalten weitgehend angleicht, das ist häufig eine Frage von Neuheit oder nicht. Bei der Frage nach der Konstruktion der Technik tut sich in den letzten Jahren hingegen wenig. Das scheint mir die zentrale Geschlechterlinie zu sein. Das baut sich, meines Erachtens, sehr stark über die Frage von Community-Bildung auf. Mädchen äußern sich – in meiner Generation war es üblich zu sagen ‚davon verstehe ich nichts‘ – stärker dahingehend, dass sie sagen: ‚das ist unattraktiv‘, ‚das ist nicht interessant‘, ‚das ist langweilig‘. Das definiert sich zum Teil über Communities, die Technik-Communi- ties, die sie als eher abstoßend und zu eng empfinden, als nicht attraktiv.“ (H. S.) Die Argumente der Ablehnung von Technik-Konstruktion haben sich ver- schoben. Mädchen äußern nicht, dass sie es nicht könnten, sie definieren den Bereich als für sie uninteressant und unattraktiv. Diese Unattraktivität von Technikkonstruktion für Mädchen und Frauen wird auch damit begründet, dass der Diskurs über Technik in einem Umfeld geführt wird, das als wenig attraktiv eingeschätzt wird. Technik ist symbolisch besetzt und deutlich männlich konnotiert. Jungen erleben den Technikbereich als ihre Domäne, aus der sie Mädchen auch tun- lichst fernhalten müssen. Insgesamt wird Technik oft als etwas Abgeschlossenes begriffen, das man angucken, benutzen oder bewundern kann, das aber keine Eingriffe durch Menschen mehr zulässt. Diese Sichtweise ist unzureichend.m 9.16.2 Der konzeptionelle Ansatz: Mädchen erobern Technik Bislang gibt es kaum von Mädchen geprägte Technik-Communities, dabei würden diese erheblich dazu beitragen, dass Mädchen den Technikbereich für sich und ihre Interessen erobern. 172 „Wir wissen, dass Lernen dadurch gefördert wird und gut stattfindet, wenn man zu einer Community gehört. Wenn man sich mit einer Gruppe identifiziert und dazu gehören will, fängt man an, Kenntnisse zu erwerben und lernt über dieses Gebiet.“ (H. S.) Es ist wichtig die Bildung von Gemeinschaften und Gruppen, in denen Mäd- chen sich lustvoll mit Technikkonstruktion beschäftigen, anzuregen und zu fördern. Mit Roberta wird speziell erstelltes Material angeboten, das den zuvor geschulten Lehrerinnen ermöglicht, Mädchen innerhalb eines Kurstages Grund- kenntnisse der Konstruktion von Robotern bis hin zu deren Programmierung zu vermitteln. Es wird in Kleingruppen ein Roboter gebaut und die Software entsprechend der gewünschten Funktionalität programmiert. Zum Abschluss wird ein Zertifikat über den Roberta-Kursbesuch ausgegeben. Über die Kurse und die Schulungen der Kursleiterinnen hinaus gibt es ver- schiedene Wettbewerbe, an denen sich die Mädchen mit ihren Robotern be- teiligen können. 9.16.3 Positive Erfahrungen und Grenzen: Auflösung und Festschreibung der symbolischen Besetzung in Interaktionen Eine positive Erfahrung ist, dass die Mädchen sich im Anschluss an das Projekt durchaus in einem technischen Beruf sehen können. „In einer Vorher-Nachher-Befragung haben wir die Mädchen gefragt, ob sie sich vor- stellen könnten Computerexpertin zu werden. Nach dem Kurs haben signifikant mehr Mädchen positiv geantwortet.“ (H. S.) Mädchen schaffen es, durch die positiven und lustvollen Erfahrungen im Pro- jekt das „Denkverbot“ zu überwinden, als Frau einen technischen Beruf zu er- greifen. Sie hatten Spaß beim Erstellen ihres Roboters und erlebten durchaus eine Faszination. Die gesellschaftlich vermittelte, symbolische Besetzung von Technik und ihre Festschreibung als männliche Domäne kann auch im Rahmen eines Pro- jekts nicht sofort vollständig überwunden werden, sie spiegelt sich auf ver- schiedenen Ebenen wider: in der Interaktion zwischen Lehrkräften und Schüle- rinnen und Schülern sowie in der Interaktion der Schülerinnen und Schüler untereinander. Auf beiden Ebenen wird versucht (ohne dass dies bewusst sein muss), die symbolische Zuordnung von Geschlecht im Umgang mit Technik in ihrer traditionellen Ausgestaltung zu zementieren. „Uns fielen manche Sachen ins Auge, die man noch stärker bei den Projekten berück- sichtigen muss. Wir haben versucht dies wiederum in den Gender-Seminaren stärker zu betonen, zum Beispiel, dass Mädchen mehr für ihr fleißiges Verhalten gelobt bzw. bestätigt werden und nicht für ihre sachlichen Erfolge. Oder sogar dafür gelobt werden, dass sie nett sind. Diese Ebene haben wir häufig festgestellt. In den Interaktionen in 173 den gemischten Kursen haben wir festgestellt, dass für Jungen Technik ein Medium und Mittel ist, um Mädchen abzuwerten. Das ist ein ganz zentrales Thema, auch ohne dass die Geschlechterfrage von uns oder anderen thematisiert worden wäre. Sofort wird das von den Jungen als Geschlechterthema thematisiert. Über das Mittel Technik wird zwischen Mädchen und Jungen über Geschlecht gesprochen. Seitens der Jungen findet dann eine Abwertung der Mädchen statt. Jungen empfinden es als ihre Domäne, die sie sich nicht wegnehmen lassen wollen.“ (H. S.) Die Jungen, die offensichtlich erhebliche Sorgen haben, dass ihnen ihre „gesell- schaftlich zugesicherte“ Domäne weggenommen wird, schicken teilweise sogar in Präsentationen die von ihnen gebauten Roboter gegen die Roboter der Mäd- chen in die Offensive. Auf symbolische Weise wird verdeutlicht, wie bedeut- sam die Macht über Technik ist und wie bedrohlich es für Jungen erscheint, wenn Mädchen sich anschicken, auf diesem Feld zu agieren. Lehrerinnen wiederum interagieren mit Schülerinnen anders als mit Schü- lern und schreiben so ebenfalls an der Geschlechterzuordnung mit. Selbst unzureichend funktionierende Produkte von Jungen werden von Lehrkräften überschätzt und gelobt, Produkte von Mädchen werden verschiedentlich subtil entwertet. Bereits im Erstellungsprozess greifen Lehrkräfte bei Mädchen eher in die Tastatur. Dadurch, dass Mädchen für ihren Fleiß, ihr nettes Verhalten usw. gelobt werden, ihnen aber für ihre sachlich-funktionalen Erfolge die Anerkennung verweigert wird, wird ihnen subtil vermittelt, dass ihre Aneig- nung des Technik-Bereichs nicht mit den Erwartungen an eine weibliche Ge- schlechtsrolle konform geht. Auch das im Projekt eingesetzte Material kann die Intention des Projekts begrenzen. Es muss analysiert und entsprechend modifiziert werden. Das Mate- rial selbst und seine Begleitinformationen bringen eine spezifische Ausrich- tung mit, welche Geschlechterstereotypien verstärken und die symbolische Zuordnung von Technik und Technikinteresse zementieren kann. „Die im Projekt benutzten ‚Robots lego mindstorms‘, so wie sie ausgeliefert werden, legen nahe, Autos und Panzer zu bauen. Das ist auch die erste Idee, die die Kinder haben, vor allem die Jungs, und das ist etwas, dass auch die Jungen zunächst sehr viel stärker anspricht. Das Interessante in von uns beobachteten Roberta-Kursen war, dass Jungen in dem Moment, wo von den Lehrerinnen andere Fantasien angeregt wurden, etwa Käfer, Tiere, Lebewesen zu bauen, meist sehr rasch von ihren Auto-Vorstellungen abließen, die durch das ursprüngliche Material geweckt worden waren, und es ebenso wie die Mädchen viel spannender fanden, diese zu bauen. Andererseits haben wir bei Mädchen von vornherein eher eine negative Haltung zum Auto-Bauen beobachtet. Alles, die Bauanleitung etwa, ist aber auf Autos angelegt. […] In den Roberta-Kursen muss eine sehr bewusste didaktische Intervention stattfinden, zum Beispiel indem gesagt wird, es darf kein Auto gebaut werden. Man muss das Material direkt umgehen in der Didaktik. Man muss das, was das Material von sich aus anregt, direkt umgehen und didaktische Eingriffe vornehmen.“ (H. S.) 174 Die Erfahrungen zeigen, dass durch begründetes Gegensteuern Jungen wie Mädchen neue Erfahrungswege und Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet werden können. Es fehlt aber nach wie vor an Material, das kein Gegensteuern not- wendig macht, sondern gendersensitiven Unterricht geradezu anregt. 9.16.4 Spezifikum Die Arbeitsgruppe „Digitale Medien in der Bildung“ versteht Technikförde- rung als Bereich der notwendigen Allgemeinbildung. Der heutige Technikstand und insbesondere die in Technik eingesetzte Software ist nicht bloß Mittel, sondern nimmt bereits Einfluss auf die Generierung von Inhalten. Ein umfas- sendes Verständnis von Technik, ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Offen- heit für Eingriffe ist wichtig, um Welt und Handlungszusammenhänge an- gemessen verstehen zu können. 9.17 Reflexion von Medienerlebnissen im Kindergarten Zu dem Bereich geschlechtersensibler Medienkompetenzförderung im Kinder- garten konnten wir ein Interview mit Dr. Norbert Neuß führen. Wir sprachen über die Möglichkeiten „geschlechtsreflektierender Medienarbeit“ und die Erfahrungen, die Norbert Neuß durch die Begleitung verschiedener Projekte machen konnte. Unser Bemühen in dieser Darstellung ist, die im Interview genannten Erkenntnisse und Erfahrungen pointiert zu bündeln. Dadurch können wir nur einige der vielschichtigen Facetten widerspiegeln. Medienarbeit im Kindergarten bezieht sich auf Kinder bis zum Alter von sechs Jahren, die in ihrem Alltag einer Vielzahl von geschlechterspezifischen Zuschreibungen in Medien begegnen. Ziel ist, den Kindern eine Plattform zur Reflexion ihrer Medienerlebnisse zu bieten und beengende geschlechtsspezifi- sche Zuschreibungen und Polarisierungen zugunsten breiterer Handlungsspiel- räume aufzulösen. 9.17.1 Fokussierung der Ausgangslage: Distanz der Erzieherinnen und polarisierte Geschlechtsrollenbilder Medienkompetenzförderung ist derzeit kein etabliertes Kernelement der päda- gogischen Arbeit im Kindergarten. „Die Distanz des Kindergartens zu den neuen technischen Medien (Fernsehen und Computer) ist relativ groß. Das hängt mit traditionellen Aspekten der medientechnischen Zurückhaltung von Erzieherinnen zusammen. Sie haben traditionelle Vorstellungen von Kindheitsentwicklung und sehen medienpädagogische Angebote als etwas, was nicht in die frühe Kindheit gehört. Ich will damit ausdrücken, dass der Bereich der geschlechts- 175 spezifischen Medienkompetenzförderung im Kindergarten insgesamt sehr wenig ver- breitet sein dürfte. Ich denke, das liegt auch daran, dass nicht ganz klar ist, worum es dort gehen könnte.“ (N. N.) Einerseits stehen Erzieherinnen neuen Medien in der pädagogischen Arbeit durchaus skeptisch gegenüber. Andererseits gibt es wenig Konzepte, die einen sinnvollen Einsatz von Computer oder Fernsehen anregen. Die derzeit auf dem Markt befindlichen Produkte für Kinder sind stark geschlechtsrollen-polarisierend. Dies betrifft die Angebote im Fernsehen ebenso wie die auf den Vorschul- und Grundschulbereich ausgerichtete Computer- software. „Es gibt eine Sesamstraßen-Software ‚Spielen mit Elmo‘, die unter dem geschlechtsspe- zifischen Aspekt sehr interessant ist, denn Elmo sagt immer: ‚Mensch Junge, das hast du aber toll gemacht‘. Mädchen kommen in der Anrede überhaupt nicht vor. Kinder merken das sofort. […] Im Softwarebereich gibt es starke geschlechtsspezifische Zuschreibun- gen, vielleicht noch krasser als im Fernsehen. Auch die Einordnung in ‚Software für Mädchen‘ und ‚Software für Jungen‘ ist ziemlich stark. Ich denke da z. B. an ‚Barbie Schönheitsstudio‘. Diese Software ist für die Vor- und Grundschule. Insgesamt geht es darum, eine Barbiepuppe zu frisieren, zu schminken, anzukleiden und auf das Rendezvous mit dem Liebhaber vorzubereiten. Der Handlungsspielraum für die Mädchen, der ihnen von der Software gegeben wird, ist sehr stark eingegrenzt. […] ‚Spielen mit Elmo‘ über- sieht Mädchen auf der sprachlichen Ebene. Und im „Barbie Schönheitsstudio“ werden im Prinzip nur krasse geschlechtsstereotype Handlungsmuster bedient.“ (N. N.) Diese starken Polarisierungen durch Medieninhalte sind besonders problema- tisch, weil Kinder dieser Altersgruppe sowieso zu Geschlechterpolarisierungen neigen. Sie sind diesbezüglich sehr aufmerksam und vergewissern sich – auch mittels der medialen Angebote – was ein „richtiger Junge“ oder ein „richtiges Mädchen“ ist. Mediale Figuren, wie etwa „Wickie“, die nicht durch starke geschlechtsspezifische Zuordnungen eingeschränkt sind und deshalb Mädchen wie Jungen zur Identifikation dienen, sind selten zu finden. 9.17.2 Der konzeptionelle Ansatz: Medien nutzen und symbolisch unterstützte Reflexion von Geschlechterrollen Medien nutzen Medien lassen sich sinnvoll im Kindergarten einsetzen. Eine kritische Auswahl der benutzten Programme ist allerdings notwendig. Auch hier lässt sich aber die Kompetenz von Kindern sinnvoll einbeziehen. „In einem Kindergarten ging es z. B. vorrangig um die Bewertung von Lern- und Spiel- software. Wir haben die Kinder in die Rolle der Experten versetzt und sie die Software aus ihrer Sicht z. B. nach den Kriterien der Akustik oder optischer Aufmachung bewerten lassen.“ (N. N.) 176 Unterstützte Reflexion von Geschlechterrollen Geschlechtsreflektierende Medienarbeit mit Kindern kann nicht im abstrakten Raum erfolgen. Das Konzept umfasst zwei Schritte, die durch den Einbezug symbolischer Darstellungen unterstützt wird. „Die geschlechtsreflektierende Medienarbeit richtet sich eher auf die Medienerlebnisse von Kindern. Es ist nicht technisch ausgerichtet, sondern man versucht über Impulse, Kindern ihre tollste Medienfigur oder Ähnliches in Erinnerung zu rufen. […]. Wenn dem dann genauer nachgegangen wird, kommt man darauf, dass für die Kinder die Aus- einandersetzung mit der eigenen Geschlechtlichkeit ein wichtiges Thema ist. Medien- angebote sind offensichtlich ein wichtiger Bestandteil sich zu vergewissern.“ (N. N.) Wichtig ist bei dieser Reflexion, dass Kinder dabei unterstützt werden, sich auszudrücken. Anders als bei Erwachsenen reicht die Reduzierung des Aus- drucks auf Sprache nicht aus, um hinreichende Tiefe zu erreichen. Möglich ist, mit Zeichnungen oder anderen symbolischen Objektivationen zu arbeiten. Kin- der haben hierbei mehr Zeit und eine konkrete Handlungsplattform, um ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu sortieren. Zeichnungen, Rollenspiele oder das Arrangieren einer Landschaft mit Plastikfiguren sind Möglichkeiten. „Der entscheidende Punkt ist, dass man sich mit Hilfe einer symbolischen Darstellung etwas vor Augen führt. Also auch Kinder führen sich durch die symbolische Darstel- lung etwas vor Augen. Diese symbolischen Darstellungen sind also ein Hilfsmittel für die kognitive Bearbeitung. Neben dem, dass in Zeichnungen auch emotional viel aus- gedrückt wird, kann man von außen als Erzieherin bestimmte Dinge erkennen. […] Über dieses Äußere ergeben sich Kommunikationsmöglichkeiten.“ (N. N.) Über die symbolische Inszenierung können dann auch gemeinsam sprachlich Überlegungen vorgenommen werden, etwa ob Wikingerfrauen auch auf Reise gehen. Wichtig ist, dass stets die innere Beteiligung der Kinder angesprochen wird. So kann bei Kindern ein Nachdenken über geschlechterspezifische Zu- schreibungen angeregt werden. 9.17.3 Positive Erfahrungen und Grenzen Geschlechterreflektierende Medienarbeit im Kindergarten ist möglich, führt allerdings ein gewisses Schattendasein, da oftmals in der Praxis keine Notwen- digkeit dafür gesehen wird. „Für mich ist die Bedarfslage derjenigen, an die man sich richtet, immer entscheidend. Also nicht einen Bedarf wecken zu wollen, von dem ich glaube, dass es sinnvoll ist und er aber vor Ort nicht so empfunden wird. Medienpädagogische Arbeit bewegt sich immer in dieser Schwierigkeit, z. B. an Kindergärten etwas heranzutragen, was sie selbst nicht als Notwendigkeit erkennen.“ (N. N.) Die freie Nutzung von Computern im Kindergarten kann zu Effekten führen, die eine Gegensteuerung erforderlich machen. 177 „In einem Projekt haben wir z. B. bemerkt, dass am Anfang mehr Mädchen im Projekt- raum waren und sich aus dem freien Spielangebot dann mehr und mehr zurückzogen. Oder auch von den Jungen, die etwas lautstärker waren, in den Hintergrund gedrängt wurden. Daraufhin haben wir den vierten Tag der Projektwoche als Mädchentag dekla- riert. Das hieß, dass der Computerraum nur für die Mädchen zur Verfügung stand. Wir haben dann festgestellt, dass es sich bewährt. Die Jungen waren anfangs etwas irritiert und wollten ebenfalls einen Jungentag haben.“ (N. N.) Eine behutsame Gegensteuerung kann ausgleichend wirken. Die Gefahr besteht aber, dass die Spezifik des Mädchen- oder Jungentages von den Kindern als Geschlechterpolarisierung verstanden wird. 9.18 Zusammenfassende Ergebnisse der Untersuchung geschlechtersensibler medienpädagogischer Praxis Eine theoretisch fundierte Recherche geschlechtersensibler medienpädagogi- scher Praxis ist von einer Reihe von Hindernissen begleitet. Es gibt eine nahezu unüberschaubare Vielzahl medienpädagogischer Angebote, die auch über das Internet präsentiert werden. Ob diese einen geschlechtersensiblen Ansatz auf- weisen oder nicht, ist angesichts der gängigen Darstellungspraxis selten erkenn- bar. Eine Suche nach „Angeboten für Mädchen“ und „Angeboten für Jungen“ kann lediglich solche geschlechtersensiblen Angebote identifizie- ren, die auf Geschlechtertrennung setzen. Projekte, die ohne Geschlechter- trennung aber durchaus geschlechtersensibel arbeiten, sind auf diese Weise nicht zu finden. Besonders schwierig ist es, Projekte zu recherchieren, die ihren Bildungs- und Arbeitsschwerpunkt in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Sozialisation und Geschlecht und Geschlechtsrollen/Stereotypen sehen, und die dabei die Jugendlichen (ganz selbstverständlich) anregen, Medien aktiv zur Artikulation zu nutzen. Hier wird Medienkompetenz vermittelt, ohne dass die Pädagoginnen und Pädagogen ein entsprechendes medienpädagogisches Selbstverständnis haben. Handelt es sich zudem um Ansätze, welche die tradi- tionellen Bahnen der „Zweigeschlechtlichkeit“ längst verlassen haben, sind kaum Möglichkeiten gegeben, diese als geschlechtersensible medienpädagogi- sche Projekte zu identifizieren. Diese Projekte waren nur durch komplexe Such- strategien und direkte Gespräche zu finden, die auf der Vorannahme basierten, dass es solche Projekte vernünftigerweise geben müsse. Die Bildungsanstren- gungen der pädagogischen Akteure, die Angebote zu den Themenfeldern „Geschlecht/geschlechtliche Sozialisation“ oder „Medienpädagogik“ kon- zipieren, laufen weitgehend wechselseitig unbeachtet nebeneinander her.m Wir können auf der Basis unserer zielgerichteten Recherche keinerlei Aus- sagen über Häufigkeiten von Angeboten machen. Es lassen sich aber eine Reihe von Trends identifizieren: 178 Traditionell gibt es eine Reihe von Angeboten, die einer Geschlechtsgruppe (zumeist Mädchen) ein Defizit zuschreiben, und die an der Überwindung dieser Defizite arbeiten. Hierunter fallen etwa Angebote, die sich um die technische Kompetenz von Mädchen und Frauen kümmern. Die derzeitige Fokussie- rung der beruflichen Perspektive (Mädchen in technische Berufe) bringt – im Gesamtbild betrachtet – eine gewisse Themeneinseitigkeit hervor, da die ver- schiedenen Aspekte der geschlechterspezifischen Sozialisation in und durch Medien demgegenüber zu wenig Berücksichtigung finden. Defizitorientierte medienpädagogische Arbeit mit Jungen findet sich im Bereich der Entwick- lung der Lesekompetenz. Wenig verwunderlich – aber durchaus kritisch zu reflektieren – ist der gehäufte Einsatz der so genannten neuen Medien. Die Nutzung des Computers und der aktive Zugriff auf das Internet mit seinen multimedialen Angeboten (Text, Bild, Ton, Film, Simulation etc.) und den vergleichsweise unkomplizier- ten Partizipationsmöglichkeiten (eigene Homepage, Chat, Diskussionsforen etc.) prägt auch die medienpädagogische Landschaft. Einzig das Medium (Video-)Film scheint dieser medialen Attraktivität noch standhalten zu können. Andere im Alltag durchaus noch genutzte Medien wie Buch, Zeitung, Ton- band / Kassette, CD oder Radio und Fernsehen drohen demgegenüber in Ver- gessenheit zu geraten. Auch vergleichsweise neue Medien wie Mobiltelefon, Spielkonsole, MP3-Player werden nicht entsprechend ihrer Nutzungs- bedeutung medienpädagogisch aufgenommen. (Einige interessant und inno- vativ wirkende medienpädagogische Projekte z. B. zum Medium „Handy“ und zur Gestaltung von Klingeltönen wiesen keinerlei Geschlechtersensibilität in ihren Darstellungen aus.) Insgesamt erscheint die Engführung der pädagogi- schen Angebote auf bestimmte Medien perspektivisch unzureichend. Ausgesprochen selten stehen die bereits fabrizierten medialen Inhalte im Vordergrund der pädagogischen Arbeit. Kurz gesagt lässt sich formulieren: Die Nutzungskompetenz wird überbewertet, es fehlt an Konzepten zur Förderung der Medienkritik. Wir konnten kaum solche Projekte dokumen- tieren, die eine kritische Analyse des Mediums an sich anstreben oder sich der Analyse von Medieninhalten widmen. Gerade zur inhaltlichen Thematisierung von Geschlechterthematiken in Medien fehlen Angebotsdokumentationen. Es kann wiederkehrend nur vermutet werden, dass die thematische Frage, wie Geschlecht in den Medien konstruiert wird, ein indirekter Bestandteil in den verschiedenen Medienprojekten ist. Belege hierfür finden sich kaum. Jugendlichen eine Möglichkeit zu geben, mittels Medien ihre Meinungen, Wünsche und Perspektiven in den öffentlichen Raum zu tragen, ist erfreulicher- weise ein mehrfach gefundener konzeptioneller Ansatz. Diese Möglichkeit zur jugendspezifischen Auseinandersetzung und Reflexion eines Themas, wird überwiegend anhand des Mediums „Films“ umgesetzt. Hier liegen – auch hinsichtlich der Einbeziehung und Begründung von Geschlechtersensibilität – 179 unterschiedliche Ansätze vor, die jeweils eigene und wichtige Facetten der medialen Sozialisation und medialen Selbstinszenierung in der Bildungsarbeit aufnehmen. Während im Jugendbereich durchaus Angebote vorliegen, bleiben geschlech- tersensible medienpädagogische Projekte, die sich an Kinder bis zum Alter von elf, zwölf Jahren richten, in der Minderzahl. Obwohl „Geschlecht“ ein Thema ist, das Kinder bereits im vorschulischen Alter stark beschäftigt, und obwohl die für diese Altersgruppe produzierten Medienprodukte die bereits vorhandene Neigung der Kinder zur Stereotypenbildung geradezu zu über- treffen versuchen, müssen wir hier weitgehend eine medienpädagogische Leer- stelle konstatieren. Die „dünne“ Dokumentation von Projekten und Konzepten erschwert den Einblick in die Konzepte geschlechtersensibler medienpädagogischer Arbeit. Die Interviews, die geführt wurden, verdeutlichen eine breite Vielfalt von Begründungsmustern, welche die Komplexität des Feldes widerspiegelt. Es zeigt sich, dass selbst ähnlich erscheinende Projekte auf sehr unterschied- lichen Ansätzen basieren können. Unterschiedliche Nutzungsgewohnheiten und unterschiedliche Heran- gehensweisen von Jungen und Mädchen an Medien, insbesondere solche, die eine ausgeprägte Geschlechter-Konnotation aufweisen, werden von Exper- tinnen und Experten häufig beschrieben. Deutlich unterscheiden sich jedoch die Begründungen und Schlussfolgerungen, die daraus für die Angebots- konzeption gezogen werden. Selten werden physiologische Erklärungsmuster für die Defizite einer Geschlechtergruppe herangezogen, ein aktuelles Beispiel ist die Förderung der Lesekompetenz von Jungen. Die entsprechenden Konzepte setzen auf Auf- klärung der pädagogisch Tätigen über die Benachteiligung, die sich durch Sozialisationserfahrungen fortsetzt, und auf systematische Angebote zur Kom- pensation. Der entsprechenden Medienkompetenz wird hierbei ein grundsätz- licher und hoher kultureller Wert beigemessen. Oft werden sozialisatorische Effekte für die unterschiedlichen Heran- gehensweisen von Jungen und Mädchen an Medien verantwortlich gemacht. Die Sozialisation der Kinder und Jugendlichen, die Sozialisation der pädagogi- schen Fachkräfte (und die daraus resultierenden Interaktionsangebote) und die sozialisatorischen Impulse, die durch Medien und Materialien gesetzt werden, werden von den Expertinnen und Experten in ihrem Beitrag zur Entwicklung geschlechterspezifischer Stereotypien unterschiedlich gewichtet. Die Konzepte setzen entsprechend auf Verschiedenes. In vielen Konzeptio- nen ist die Errichtung eines pädagogisch geschützten (meist geschlechtshomo- genen) Raumes bedeutsam, innerhalb dessen im Umgang mit dem Medium zunächst einmal Alternativ- und Kontrasterfahrungen gemacht werden kön- nen. Dies wird als hilfreich verstanden, auch um Mythen über geschlechter- 180 spezifische Medienkonnotationen abzubauen. Die Mediennutzungskompetenz wird meist als wertvoll und zukünftig bedeutsam angesehen; die Fähigkeit, mit dem Medium umgehen zu können, verschafft Zugang zu gesellschaftlich bedeutsamen Feldern. Die Orientierung kann unterschiedlich weit reichen: angefangen beim kurzfristigen Ermöglichen erster, unbelasteter Nutzungserfah- rungen, über symbolisches Wirken und Umsetzen der Kenntnisse im alltäg- lichen privaten Raum, bis zur kleinen oder großangelegten Präsentation im öffentlichen Raum (Filmvorführung im Kino, Bandauftritt). Oft erwähnt wird das systematische Einbeziehen oder Verweisen auf gleichgeschlechtliches Fachpersonal, das eine Vorbildfunktion übernimmt. Andere Konzeptionen nutzen den bereitgestellten pädagogisch geschützten Raum gezielt über die Nutzung und Verwendung hinaus: etwa zur Anregung einer thematischen Auseinandersetzung mit geschlechterrelevanten Themen und zur Selbstreflexion (z. B. Radio für Jungen) oder zur Anregung und Er- möglichung jugendspezifischer Artikulationen. Die Bedeutung der media- len Inhalte tritt bei diesen konzeptionellen Ansätzen gegenüber einer bloßen Nutzungskompetenz in den Vordergrund. Weniger geht es allerdings um die Analyse bestehender Inhalte, meist steht das eigene Gestalten eines nicht- medialen Themas im Zentrum. Unterschiede sind auch hier zu finden: Ein Teil dieser Ansätze arbeitet mit vorgängiger Zielgruppenbeschränkung und nur geschlechterhomogen (z. B. Videofilmwettbewerb), ein andere Teil führt partiell geschlechterhomogene Gruppen ein, um zu authentischen Artikulationen zu gelangen (z. B. reflexive Filmarbeit). Auffallend ist, dass konzeptionelle Arbeit mit und über Medien und Medien- inhalte, die nicht den Nimbus einer kulturellen Bedeutung mitbringen, sondern – wie Computerspiele – ignoriert oder abgelehnt werden, sehr selten zu finden ist. Das Konzept von „Hardliner“ stellt hier eine bedeutsame Ausnahme dar. Es verdeutlicht, wie komplex und anspruchsvoll eine geschlechtersensible medien- pädagogische Arbeit ist, welche die medialen Sozialisationserfahrungen der Beteiligten umfassend einbezieht. Medienpädagogische Arbeit zeigt sich hier im Spannungsfeld von Akzeptanz und pädagogischer Zielorientierung. Hier liegt ein enormes Potenzial, aber auch eine große Herausforderung. Die Studie hat es sich zum Ziel gesetzt, die Vielzahl unterschiedlicher Projektangebote abzubilden und zu dokumentieren. Das Forschungsinteresse liegt darin, die konzeptionelle Ebene der geschlechtersensiblen medienpäda- gogischen Projekte verstehend nachzuvollziehen. In diesem Sinne werden die einzelnen Projektkonzeptionen hier im Kontext von Problemlage und Praxis- erfahrung dokumentiert. Dieses Vorgehen versucht, die Komplexität und Sperrig- keit der Praxis gegenüber der Theorie aufrechtzuerhalten und gleichwohl die theoretischen Überlegungen und empirischen Befunde, wie sie im ersten Teil dieser Studie dokumentiert wurden, einzubeziehen. 181 10 Schlussfolgerungen und Empfehlungen 10.1 Medienkompetenzdiskussion Die Diskussion um den Medienkompetenzbegriff ist im deutschsprachigen Raum sehr weit vorangeschritten. Wie die Übersicht zeigt, gibt es eine Vielzahl von Ansätzen, die mit einigen Modifikationen alle in eine ähnliche Richtung zielen, nämlich Medienkompetenz als Fähigkeit und Fertigkeit für den an- gemessenen und sinnvollen Umgang mit Medien zu sehen. Welche Aspekte dabei in Betracht gezogen werden müssen, wird in den Ansätzen unterschied- lich gewichtet. Folgende Probleme sollten jedoch nicht übersehen werden: Einige Ansätze beziehen sich explizit nur auf die neuen Medien wie Com- puter und Internet, während andere Ansätze auch die traditionellen Medien wie etwa Fernsehen und Radio dazuzählen. Hier wäre eine Ausweitung des Begriffs Medienkompetenz auf jeden Fall sinnvoll. Dabei kann und muss es jedoch bezüglich der unterschiedlichen Medien auch zu differenzierten Gewich- tungen bei den verschiedenen Aspekten von Medienkompetenz kommen. Viel- leicht sollte sich die deutschsprachige Diskussion an die im anglo-amerikani- schen Raum geführte Diskussion um „media literacy“ anschließen. Sinnvoll wäre auch eine systematische Konzeptualisierung von Medienkompetenz, die die bisherigen Ansätze in eine einheitliche Version bringt. Die bisherigen Definitionen von Medienkompetenz erscheinen manchmal sehr „technisch“ im Sinne von klar bestimm- und vermittelbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten. Da aber Medienkompetenz sich auch auf Bereiche beziehen muss, die in der Zukunft der Medienentwicklung liegen, dürfte eine Bestim- mung, die flexibler auf Veränderungen in der Medienlandschaft reagiert, an- gemessener sein. Das Konzept von „media fluency“ zeigt dazu eine Richtung auf. Vielfach wird der Begriff Medienkompetenz nur auf Kinder und Jugend- liche bezogen, jedoch dürften auch Erwachsene von diesen Fähigkeiten und Fertigkeiten profitieren, wenn nicht sogar in manchen Bereichen nötiger haben. Eine Ausdehnung von Medienkompetenz auf alle Alterstufen in den öffent- lichen und fachlichen Diskussionen erscheint deshalb sinnvoll. 183 Es fehlt – und das ist wohl das wichtigste Fazit der vorliegenden Studie – an empirischen Studien, die die systematischen und programmatischen Ent- würfe von Medienkompetenz empirisch stützen. Zwar lassen sich vereinzelt entsprechende Studien finden, aber nur die wenigsten Ansätze versuchen kon- sequent, ihre Konzeption von Medienkompetenz auch durch ein Forschungs- konzept zu untermauern. Es liegen weiterhin eine Vielfalt von Daten zur geschlechterspezifischen Mediennutzung – ob quantitativ oder qualitativ – vor, jedoch kaum solche, die sich mit der Frage geschlechterbezogener Kompetenzen im Medienbereich befassen. Es fehlen Studien, die empirisch valide die jeweiligen Medienkom- petenzen von Jungen und Mädchen im Umgang mit unterschiedlichen Medien erfassen. Nicht zuletzt ist deutlich geworden, dass die interessanten und differen- zierten Konzepte von Medienkompetenz in der medienpädagogischen Praxis kaum angemessen umgesetzt werden. Vielfach beschränken sich die Projekt- ziele auf die technische Handhabung von Medien, ohne dass dabei die schon aufgeführten kognitiven, ästhetischen oder affektiven Aspekte von Medienkom- petenz aufgegriffen werden. Da die meisten Projekte nicht evaluiert werden, ist es sehr fraglich, ob die unterstellten Zielsetzungen überhaupt erreicht wer- den.m Auf der Grundlage dieser Einschätzungen wird empfohlen, zukünftig ver- stärkt Forschungen zu fördern und zu unterstützen, die die zentralen Aspekte von Medienkompetenz in ihrer Struktur, in ihrer Genese sowie in den Möglich- keiten der pädagogischen Förderung untersuchen. Dabei sollte auch systematisch vorgegangen und nicht immer aktuellen Trends gefolgt werden. Die im Jahre 2006 aufkommenden Diskussionen um die problematische Handynutzung ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Fokus auf ein neues Phänomen richtet, ohne dabei zu überlegen, wie grundlegende Aspekte im Umgang mit neuen Medien von Kindern und Jugendlichen erforscht bzw. auch gefördert werden können. 10.2 Mediensozialisation Mediensozialisation ist ein sehr zentrales Phänomen in der Alltagswelt von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, zugleich aber auch ein theoretisch und empirisch wenig beleuchtetes. Die wenigen theoretischen Konzepte – falls man überhaupt davon sprechen kann –, die vorliegen, sind entweder nicht aktu- ell oder knüpfen kaum an sozialwissenschaftliche Diskussionen und Theorien in der Psychologie, Soziologie oder Pädagogik an. Auch fehlt es im deutsch- sprachigen Raum an entsprechenden empirischen Studien, die die Komple- xität des Gegenstandsbereichs berücksichtigen und mit entsprechenden For- 184 schungsdesigns arbeiten. Am weitesten vorangeschritten scheint es im Bereich der Lesesozialisation zu sein, wo eine Vielzahl von quantitativen und quali- tativen Studien vorliegt. Jedoch scheint jeder erforschte Medienbereich nur für sich isoliert betrachtet zu werden, ohne die unter dem Begriff Medienkon- vergenz gefassten Zusammenhänge verschiedener Medien in der Mediennut- zung zu betrachten. Zwar gibt es erste Ansätze dazu, wie etwa zur Frage nach der Bedeutung des Lesens für die Nutzung neuer Medien oder zum Einfluss von Fernsehthemen auf Internetpräferenzen, aber insgesamt wird zu wenig auf das Zusammenspiel unterschiedlicher Medien im Alltag von Menschen ge- achtet.m Weiterhin sind die meisten Studien keine Längsschnittstudien, aber gerade diese könnten Prozesse der Sozialisation durch und mit Medien erst angemes- sen betrachten. Auch fehlt vielen empirischen Studien eine theoretische Grund- legung, so dass konzeptionell in der Forschung zur Mediensozialisation eine Stetigkeit und Weiterentwicklung fehlt. Es wird empfohlen, in Zukunft verstärkt bei der Forschungsförderung auf Aspekte der Medienkonvergenz zu achten und Längsschnittstudien in Betracht zu ziehen, um den aktuellen und zukünftigen Medientrends gerecht zu werden. Außerdem sollten auch theoretische Arbeiten unterstützt werden, die den Blick für Prozesse der Mediensozialisation öffnen. Diese Studien sollten aber inter- disziplinär angelegt sein, damit die fachlichen Debatten in anderen sozial- wissenschaftlichen Disziplinen angemessen aufgenommen werden können. 10.3 Geschlechterspezifische Mediennutzung Die Datenlage zur geschlechtsspezifischen Mediennutzung scheint auf den ersten Blick recht gut zu sein, wie die vielen Tabellen und Aufstellungen zeigen. Jedoch macht ein genauerer Blick deutlich, dass zum einen vielfach die Auswertungsmöglichkeiten vorhandener Daten etwa in Form multivariater Analysen kaum genutzt werden. Dass so wenig zu sozialer Herkunft in Bezug auf Mediennutzung bekannt ist, verdeutlicht dieses Manko. Zum anderen ist ein Schwerpunkt beim Fernsehen zu sehen, während andere Medien nicht so stark in den Fokus empirischer Forschung zum Thema Mediennutzung und Geschlecht gerückt wurden. In Bezug auf das Geschlecht als relevanter Faktor der Mediennutzung ist eine Verknüpfung mit anderen Faktoren wie etwa soziale Herkunft, Familienstruktur oder Migrationshintergrund notwendig. Bei den qualitativen Studien ist häufig eine Vermischung zwischen Typen- bildung und Häufigkeitsauszählung zu finden. Auch werden Verfahren der Triangulation verschiedener Theorien oder Methoden kaum genutzt. Nicht zuletzt bedarf die Problematik der Differenz zwischen dem theoreti- schen Konzept von Geschlecht als soziale Konstruktion und der empirischen 185 Verwendung des biologischen Geschlechts einer Diskussion und Überprüfung, um nicht zu trivialen Ergebnissen zu kommen. Die unkritische empirische Erhebung von Geschlechterdifferenzen in der empirischen Medienforschung birgt die Gefahr in sich, vermeintlich biologische Geschlechterdifferenzen unreflektiert fortzuschreiben. Es wird empfohlen, Daten zur Mediennutzung unter geschlechtsspezifischen Aspekten auf der Grundlage vorliegender Studien und Erhebungen gezielter unter Anwendung multivariater Verfahren auszuwerten. Auch Neuerhebungen sollten sich nicht nur auf eine deskriptive Statistik beschränken, sondern er- probte Verfahren der statistischen Datenauswertung anwenden. 10.4 Konzeptionelle Überlegungen zur geschlechter- spezifischen Medienkompetenzförderung 10.4.1 Vielfalt in der geschlechtersensiblen Medienarbeit Die bestehende Vielfalt von Ansätzen geschlechtersensibler medienpädagogi- scher Arbeit ist positiv. Sie muss Ausgangspunkt jeder Modellüberlegung sein. Es wird vor allem darum gehen, die bestehenden medienpädagogischen Ange- bote gezielt zu ergänzen und systematisch die Angebote zu fördern, die an den sozialisatorischen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen im Umgang mit Medien ansetzen. Auf der Basis der Recherche in diesem Forschungsprojekt ist zu konsta- tieren, dass die Berücksichtigung der Geschlechterthematik in der medien- pädagogischen Praxis in erster Linie die Etablierung einer monoedukativen, also einer geschlechtergetrennten Praxis bedeutet. Dabei überwiegen die An- gebote für Mädchen bzw. junge Frauen. Explizite Angebote nur für Jungen ließen sich deutlich weniger finden. Diese Tendenz kann insofern nicht ver- wundern, als historisch gesehen die monoedukative Praxis für Mädchen in den 80er Jahren in Folge des sechsten Jugendberichts der Bundesregierung (1984) gefordert und gefördert wurde, um in der Jugendarbeit generell einschränkende Sozialisationsbedingungen von Mädchen und jungen Frauen zu kompensieren. Im Zuge dieser Diskussion wurde Mädchenarbeit in der medienpädagogischen Praxis gefordert, um den weiblichen Jugendlichen Raum für die Inszenierung ihrer Themen und Sichtweisen zu geben und um diese ohne Konkurrenz durch männliche Technikdominanz umsetzen zu können. Diese Argumentation ist weiterhin relevant, wie die Expertinnen- und Experteninterviews gezeigt haben. Gleichzeitig haben sich die Perspektiven auf die Problematik ausdifferenziert. Auf politischer Ebene fordert das Konzept des gender-mainstreaming, stärker beide Geschlechter – Mädchen und Jungen – in den Blick zu nehmen. Hier wird argumentiert, dass der Begriff der Mädchenbenachteiligung zu Vereinseiti- 186 gungen und Ausblendungen von gesellschaftlichen Widersprüchlichkeiten führe und die männliche und weibliche Lebensrealität auf diese Weise nicht zutreffend beschrieben würde. Im wissenschaftlichen Diskurs erhebt sich der kritische Einwand, dass das Festhalten an der Geschlechterdifferenz diese gerade hervor- rufe und festige. Die Orientierung an der Annahme der Gleichheit innerhalb der Geschlechtergruppe würde die Ausdifferenzierungen innerhalb der Mäd- chen- und Jungenwelten zu wenig berücksichtigen. Auch aus der Praxis kom- men z. B. von den Mädchen und jungen Frauen selbst Einwände gegen die monoedukative Praxis, weil sich die in theoretischen Analysen konstatierten strukturellen Geschlechterhierarchien in ihren subjektiven Wahrnehmungs- und Deutungsmustern unterschiedlich bis gar nicht widerspiegeln. Trotz der kritischen Stimmen zeigt sich, dass im pädagogischen Feld dann, wenn die Geschlechterperspektive in der medienpädagogischen Arbeit zum Tragen kommt, die Zielgruppenorientierung überwiegend als monoedukative Praxis realisiert wird. Grundsätzlich liegt darin eine Chance der Entschärfung der Bedingungen für die geschlechtliche Darstellung von Mädchen wie Jungen. Mädchen- bzw. Jungengruppen erhalten in konstruktivistischer Perspektive eben nicht ihre Begründung dadurch, dass sie sich in ihren besonderen „weib- lichen“ wie „männlichen“ Eigenschaften unterscheiden, sondern dadurch, dass das „doing gender“ seine Bedeutung in der geschlechterhomogenen Gruppe verändert, weil die permanenten geschlechtlichen Darstellungen und Inszenie- rungen obsolet werden. Quasi männliche Technikdominanz „muss“ nicht mehr inszeniert werden, weibliche Technikabstinenz kann nicht erfolgreich praktiziert werden. Eine Vielzahl interaktiver sozialer Praktiken fällt in geschlechtshomo- genen Gruppen weg, weil sie nur in Bezug auf das jeweils andere Geschlecht praktiziert werden. Ein besonderes Gewicht kommt diesem Aspekt in der Ar- beit mit Jugendlichen zu. Dort, wo es bei der Arbeit mit Medien vorrangig um deren Inhalt geht, Medienkompetenz also eine kritisch-reflexive Dimension einschließt, bietet die monoedukative Praxis Chancen vertiefender Auseinandersetzung mit den medial konstruierten Normierungen von Weiblichkeit und Männlichkeit. In der Tendenz vermitteln Medien ein stereotypes Bild der Geschlechterordnung, das eher Identitätsentwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen beschränkt. Diese Beschränkungen, die sich aus der Identifikation mit und Orientierung an medialen Vorbildern ergeben, können in solchen Settings besonders sichtbar werden, in denen individuelle Handlungen und Einstellungen in Solidarität mit der eigenen Genusgruppe kommuniziert und reflektiert werden. Normierende Geschlechterkonstruktionen lassen sich durch die Schaffung von Handlungs- spielräumen überwinden. Statt fortwährender Festschreibung von Geschlechter- normalität kann ein reizvolles Terrain für Experimente als Überwindung oder Durchbrechung von Heteronormalität stattfinden. Das gilt für Mädchen wie für Jungen. 187 Grundsätzlich kann konstatiert werden, dass der Pädagogin in der medien- pädagogischen Praxis eine zentrale Rolle zukommt. Dieser Aspekt kommt des- halb besonders zum Tragen, weil weibliche erwachsene Vorbilder in Medien- berufen eher fehlen. In der Praxis wird dies von allen Medienprojekten betont, die sich explizit an Mädchen richten. In der Arbeit mit dem Internet, den Video-, Radio- und Computerprojekten übernehmen weibliche Vorbilder für die berufliche Perspektive der weiblichen Jugendlichen generell eine Orientie- rungsfunktion. Diese Funktion kann allerdings in der monoedukativen wie in der koedukativen Praxis wirksam werden. Die Grenzen der monoedukativen Praxis sind dort zu sehen, wo Zwei- geschlechtlichkeit als Zuschreibung feste, vor allem diskriminierende Geschlech- terdifferenzen zementiert oder neu hervorbringt. In der Recherche zeigen sich interessante Öffnungen in Richtung auf koedukative medienpädagogische Settings. Verallgemeinernd lässt sich konstatieren, dass die Chancen in der koedukativen Praxis für die Berücksichtigung der Geschlechterperspektive dort groß sind, wo die Überlegungen zur Prozessorientierung in der Konzeption und Umsetzung berücksichtigt werden. D. h. dies trifft dann zu, wenn Kinder und Jugendliche mit ihren Interessen und Lebenslagen einbezogen werden, und wenn die soziale Interaktion im Hinblick auf diskriminierende oder all- gemein normierende Geschlechterpraxis mitreflektiert wird. Dieser Zusammen- hang verweist auf die Rolle der Pädagogin und des Pädagogen als die Instanz, ohne die eine geschlechtersensible medienpädagogische Arbeit nicht realisier- bar ist.n Bildungsarbeit wird von Menschen gemacht. Wie wichtig die kontinuier- liche Qualifizierung medienpädagogisch Tätiger ist, wird an vielen Stellen der Expertinnen- und Expertengespräche deutlich. Geschlechtersensible medien- pädagogische Arbeit braucht Personen, die nicht nur über Fachwissen ver- fügen, sondern auch einen reflektierten Umgang mit ihrer eigenen geschlecht- lichen Sozialisation und gängigen Stereotypien aufweisen. Eine zukünftige Strategie muss die Qualifizierung des Personals bei jedem Unterfangen berück- sichtigen. 10.4.2 Überlegungen zur zukünftigen Gestaltung geschlechtersensibler Medienkompetenzförderung An der Förderung der Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Er- wachsenen als lebenslange gesellschaftliche Aufgabe besteht kein Zweifel. Die umfangreiche Dokumentation des Begründungsdiskurses sowie die Darstel- lung zahlreicher Modelle zur näheren Bestimmung des Konstrukts „Medien- kompetenz“ belegen dies. Die abschließend zu diskutierende Frage ist, wie in diesem Kontext die Geschlechterthematik angemessen berücksichtigt und kon- kretisiert werden kann. Es geht darum, welche Aspekte aus einer erziehungs- 188 wissenschaftlichen Perspektive bei der Gestaltung geschlechtersensibler Medien- kompetenzförderung bedenkenswert sind. Auf der Ebene der Definitionen von Medienkompetenz zeigt sich – dem Anspruch der Gleichstellung der Geschlechter folgend – ein universeller An- spruch, Medienkompetenz als individuelle Aufgabe zu realisieren, und zwar unabhängig von Alter, Herkunft und Geschlecht. Pointiert formuliert lässt sich daraus folgern: Medienkompetenz hat kein Geschlecht. Auf der Ebene der Ergebnisse empirischer Untersuchungen – die hier dokumentiert sind – wird allerdings unzweifelhaft sichtbar, dass sich in der Quantität und Qualität der Mediennutzung Differenzen in den Dimensionen von Geschlecht, Alter und Bildungsniveau abzeichnen. Wenn Geschlecht also eine wesentliche Dimension im Rahmen der Mediennutzung darstellt, liegt es auf der Hand, dass sie als Dimension ebenfalls bei der Medienkompetenzförderung zu berücksichtigen ist. Auch die Medien selbst, die Medieninhalte und die in der Pädagogik tätigen Personen transportieren geschlechterspezifische Erwartungen und Konnota- tionen. Die Forschungslage unterstützt insofern die Forderung nach Berück- sichtigung der Geschlechterperspektive in diesem Kontext. Anhand der hier eigens durchgeführten Studie mit Expertinnen und Exper- ten aus dem pädagogischen Feld konkretisiert und differenziert sich diese Perspektive sehr anschaulich und plausibel. Die Befragten formulieren unter- schiedliche Problemlagen als Ausgangsbasis für die Entwicklung und Durch- führung medienpädagogischer Interventionen. Sie alle nehmen die Geschlech- terperspektive in den Blick und machen damit gleichzeitig die Vielschichtigkeit der Ausgangslage sichtbar. Die Befragung der Expertinnen und Experten und deren Analyse und kri- tisch-konstruktive Sichtung hat zudem erneut deutlich gemacht, dass Ansätze der Medienkompetenzförderung dann verkürzt gedacht werden, wenn nur die Zieldimension in den Blick genommen wird. Pädagogische Prozesse unter- liegen einer komplexen Beziehungsdynamik, in welcher die Zieldefinition einen Faktor neben anderen darstellt. Die Expertinnen und Experten selbst betonen die für den Erfolg der Arbeit wichtigen Faktoren: die Interaktionen in der Gruppe und der Arbeit an einem für die Adressatinnen und Adres- saten bedeutsamen Thema. Mit der Hervorhebung dieser für die Erreichung von Zielen wesentlichen Faktoren rückt der fürs Lernen wichtige Aspekt der Prozesshaftigkeit in den Blick. Eine solche Vorstellung medienpädagogischer Arbeit knüpft eher an den Begriff der Medienbildung an, wie er eingangs dargelegt wurde. Bildungsprozesse rücken das ins Zentrum, was der Zu-Erzie- hende selbst tut und zu tun beabsichtigt. Dem Subjekt wird Selbstverantwor- tung zugestanden, aber auch abverlangt. Zielformulierungen sind damit nicht obsolet. Die pädagogische Intervention versteht sich dabei aber nicht als eine Ursache-Wirkungs-Relation in dem Sinne, dass auf die Absicht das Resultat schon erfolgen werde. Pädagogische Intervention ist nach diesem Verständnis 189 als intersubjektives Verhältnis zu verstehen, indem es um die wechselseitige Kommunikation und Interpretation der Intention aller Beteiligten geht. Bezogen auf die Förderung von Medienkompetenz ist also neben der Formulierung von Zielen das Bedingungsgefüge zu beschreiben, das fruchtbare Lern- und Bil- dungsprozesse ermöglichen kann. Eine solche Vorstellung von medienpädago- gischer Arbeit kann als Bildungsarbeit bezeichnet werden, die ihren „Mach- barkeitsanspruch“ zu Gunsten eines Verständigungsanspruches zu relativieren weiß. Medienpädagogische Bildungsarbeit ist insofern ein fruchtbarer Ansatz für die geschlechtersensible Medienkompetenzförderung als sie ihren Fokus auf das Subjekt und dessen Ressourcen, Interessen und Lebensbezüge generell legt und so auch mögliche unterschiedliche Bedingungen berücksichtigt, die aus der Geschlechtersozialisation erwachsen. Verallgemeinernd lässt sich eine solche Bildungsarbeit im Rahmen medienpädagogischer Arbeit als Modell skizzieren, in welchem davon ausgegangen wird, dass die einzelnen Elemente des Lernprozesses – Person, Sache und Medium – erst im Wechselverhältnis zueinander ihre Wirksamkeit entfalten. Alle diese Elemente beinhalten ge- schlechterspezifische Erwartungen und Konnotationen. Folgende Elemente bestimmen den Prozess, der jeweils im größeren Rahmen gesellschaftlicher Anforderungen zu sehen ist: Überblicksartig kann gezeigt werden, wie die Geschlechterperspektive in diesem Prozess insgesamt und in den Elementen im Einzelnen zum Tragen kommt: Das Medium an sich beinhaltet bereits Geschlechterkonnotationen, die eng mit der Vorstellung von Techniknähe und Technikferne zu tun hat. 190 Person Thema Medium Interaktion und geschlechterspezifische Konnotation und geschlechterspezifische Rollenerwartung und geschlechterspezifische Implikationen und geschlechterspezifische Sozialisation Abbildung 2: Wechselverhältnis relevanter Aspekte geschlechtersensibler medienpädagogi- scher Bildungsarbeit Entsprechend wird das Buch mit der größten Technikferne den Mädchen und z. B. der Roboter mit großer Techniknähe den Jungen zugeordnet. Gleichzeitig besteht eine enge Verknüpfung zum zweiten Prozesselement: dem Thema bzw. der Sache, die kommuniziert wird. Auch diese trägt ver- borgen oder offen spezielle Implikationen, die auf Geschlecht verweisen. So- lange die Inhalte unreflektiert bleiben, werden auch hier Stereotype transpor- tiert. Personen bringen spezielle Interessenlagen, Motivationen, Defiziten und Stärken mit, die sie in der Sozialisation erworben haben. Dies kann zu speziel- len Vorbehalten gegenüber Medien und Themen führen. Hier kann es notwen- dig werden, Räume für Alternativerfahrungen zu öffnen und nicht davor zurück- zuschrecken, die Konfrontation mit dem Fremden zu wagen. Schließlich ist noch das vierte bedeutsame Element in diesem Prozess zu benennen: die soziale Interaktion in der Gruppe. Wie eingangs im Zusammen- hang mit der geschlechterspezifischen Sozialisation formuliert, werden alle Individuen – Kinder, Jugendliche, Erwachsene – in ihrem Alltag mit Geschlech- terzuschreibungen und geschlechterbezogenen Erwartungen konfrontiert. Selbst- verständlich geschieht dies ebenfalls in jedem pädagogisch initiierten Prozess. Die Projektrecherche belegt, dass eben diese Tatsache zentraler Ausgangs- punkt für eine geschlechtersensible Medienarbeit ist: Es sollen Freiräume ge- schaffen werden, in denen ohne „Konkurrenz“ und Hierarchisierung durch die Geschlechterordnung ein Experimentieren und Präsentieren ermöglicht wird. In dieser Forderung und Praxis liegt einerseits eine viel versprechende Per- spektive und gleichzeitig auch – wie bereits erwähnt – die Gefahr, die dualisti- sche Orientierung von „typisch weiblich“ und „typisch männlich“ festzuschrei- ben, statt sie zu überwinden bzw. zu erweitern. Geschlechtersensible Medienbildung muss sich der Vielfalt medialer Sozia- lisationsprozesse stellen. Eine bloße Herstellungsperspektive bleibt unzurei- chend. Die unreflektierte Vermittlung von einfacher Nutzungskompetenz, die Anpassung der nachwachsenden Generation an die Vorgaben der bestehenden Medien, kann nicht Ziel einer kritischen Medienpädagogik sein. Die Reflexion von Medienerfahrungen, von Mediensozialisation, von Medieninhalten und den Beschränkungen, die subtil von medialen Gestaltungsformen ausgehen, sollten integraler Bestandteil jeder Bildungsveranstaltung sein, um Bildungs- prozesse zu ermöglichen. Im Zuge der Interviewstudie konnte eine nicht unbeträchtliche Anzahl ge- schlechterbezogener medienpädagogischer Projekte umfangreich dokumentiert und in ihrer qualitativen Ausrichtung fundiert dargestellt werden. Diese Pro- jekte stehen exemplarisch für das sehr heterogene Feld der Medienkompetenz- förderung von Mädchen und Jungen. Die Skizzierung des Modells medien- pädagogischer Bildungsarbeit versteht sich als theoretische Folie, die eine Orientierungsfunktion im Kontext dieses Praxisfeldes darzustellen vermag. Der 191 theoretische Diskurs zur Implementierung und Differenzierung von Medien- kompetenz zeigt ebenso wie das Praxisfeld, dass eine funktionalisierte Aneig- nung einzelner isolierter Medienkompetenzdimensionen dann zu kurz greift, wenn die grundlegende lern-, entwicklungs-, sozialisations- und bildungs- theoretische Fundierung fehlt. Zu dieser Fundierung gehört nicht zuletzt der Stand der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung. Allzu leicht wird immer noch ein unkritischer Differenzansatz zugrunde gelegt, der eine ge- schlechtersensible Medienbildung eher verhindert als fördert. 10.4.3 Berücksichtigung und Differenzierung der Ausgangslagen und Problembereiche der Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen Aus den hier zusammengefassten aktuellen Ergebnissen empirischer Studien zur Mediennutzung und Medienrezeption von Mädchen und Jungen ergeben sich Problemlagen, denen bei zukünftigen Projekten der Medienkompetenz- förderung Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. In der gängigen Diskussion um Mediennutzung und Medienkompetenz werden in den Bereichen „Lesekompetenz“ und „Computerkompetenz“ die stärksten Geschlechterkonnotationen konstatiert. Diese Sichtweise hat dazu beigetragen, diese Kompetenzen auf der Achse von Geschlecht eindimensional zu polarisieren, also die Stärken in der Lesekompetenz den Mädchen, die Stärken in der Computerkompetenz den Jungen zuzuordnen und für die Schwä- chen dann entsprechend jeweils den entgegen gesetzten Pol anzunehmen. Diese Annahme ist auf der Grundlage empirischer Ergebnisse zu differenzieren. Der große Vorsprung in der Lesekompetenz der Mädchen bezieht sich auf Leseleis- tungen im Umgang mit literarischen bzw. kontinuierlichen Texten. Berücksich- tigt man nicht-lineare Texte wie Grafiken, Tabellen, Diagramme, also Text- strukturen, wie sie in multimedialen Umgebungen vorzufinden sind, sinkt die Differenz erheblich. Diese unterschiedlichen Kompetenzen sind eng verknüpft mit den jeweiligen Präferenzen von Mädchen und Jungen bezogen auf die spezifischen Textsorten. Eine geschlechterbewusste Lesekompetenzförderung sollte diese unterschiedlichen Präferenzen von Mädchen und Jungen berück- sichtigen, ohne sie zu zementieren. Insofern ist eine Lesekompetenzförde- rung für Mädchen und Jungen anzustreben. Dabei sind die jeweiligen Stärken und Schwächen zu berücksichtigen, ohne vorschnell einer Polari- sierung Vorschub zu leisten. Bezogen auf die Computerkompetenz ist im Hinblick auf Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen ebenfalls eine differenzierte Sichtweise an- gebracht. In der Internettätigkeit ist rein quantitativ eine große Annäherung von Mädchen und Jungen in den letzten Jahren zu verzeichnen. Computerspiele werden weiterhin bevorzugt von Jungen genutzt. 192 Für die Förderung von Kompetenzen im Bereich der Internet- und Compu- ternutzung kann das in der Studie vorgestellte dreidimensionale Modell der Internetnutzung hilfreiche Anregungen geben. Danach ist für die Kompetenz in diesem Bereich nach „Nutzungsautonomie“, „Medienkompetenz“ und „Nut- zungsvielfalt“ zu unterscheiden. Nutzungsautonomie hängt von den techni- schen Voraussetzungen und den örtlichen, bzw. zeitlichen Bedingungen der Internetnutzung ab. Technische Kompetenz ist für die Nutzung nicht unbedingt erforderlich, zwar hilfreich, aber durch die Verfügbarkeit sozialer Netzwerke zu kompensieren. Mit Medienkompetenz ist die individuelle Fähigkeit der Nutzerinnen und Nutzer gemeint, die die Fähigkeit einschließt, sich bedarfs- gerecht Unterstützung zu holen. Nutzungsvielfalt bedeutet, das verfügbare Angebot in seiner ganzen Breite nutzen zu können. Mit dieser Unterscheidung relativiert sich die Relevanz des technischen Know-hows im kompetenten Umgang mit dem Internet und dem Computer. Es wird zu einem Faktor, aber nicht zu dem relevantesten. Technisches Know-How repräsentiert nur einen Teil von Medienkompetenz. Medienpädagogische Maßnahmen in diesem Bereich sind insofern als notwendig, aber nicht als hinreichend zu be- werten. Betrachten wir Nutzungsvielfalt als anzustrebendes Ziel in der Kompetenz- förderung im Umgang mit Internet und Computer, so zeigen sich in den Unter- suchungen weniger Geschlechterdifferenzen als Differenzen auf der Bildungs- ebene. In diesem Bereich ist also speziell das Bildungsniveau zu kompensieren und weniger die Differenzen auf der Ebene der Geschlechter. Im Sinne einer geschlechtersensiblen Praxis ist von daher die Fokussierung auf die Defizit- orientierung im Bereich der technischen Kompetenz von Mädchen als zu ein- seitig und verkürzt zu betrachten. Es geht eher darum, die Nutzungsvielfalt für beide Geschlechter anzustreben und die Orientierung auf das Know- how der Bedienung um analytische, reflexive und kognitive Dimensionen zu erweitern. In dieser Hinsicht ist besonders die in der Studie konstatierte geringe Anzahl von realisierten Projekten für Jungen als negativ zu bewerten.m Qualitative Untersuchungsergebnisse zur Medienrezeption betonen die Ver- knüpfung von Interessen der Mädchen und Jungen und deren Mediennutzung. Dies betrifft alle Medien. Unabhängig vom Alter führt dies – vereinfacht aus- gedrückt – zu den bekannten Genrepräferenzen: im Computerspielbereich zu Kampf-Sport- und Abenteuerspielen bei den Jungen und Denk- und Geschick- lichkeitsspielen bei den Mädchen; im Bereich der Fernsehnutzung zu Action- und Comedyserien auf der einen und Soaps auf der anderen Seite. Besonders im Jugendalter, in dem die Peergruppe für die Identitätsentwicklung der Jugend- lichen relevant ist, wird die Mediennutzung zu einem Faktor der Vergewisse- rung von Zugehörigkeit und damit ein „Sicherheitsfaktor“ in einer psychisch verunsichernden Zeit. Die Mediennutzung ist Teil einer Jugendkultur und damit geeignet zur Abgrenzung von Gruppen untereinander, u. a. zur Abgrenzung 193 entlang der Geschlechterdimension. Mit der Abgrenzung geht gleichzeitig eine Bewertung einher. Das führt dazu, dass die mit Weiblichkeit assoziierten Medien bzw. Genres von den Jungen abgelehnt werden und umgekehrt. Dies bezieht sich auch – wie mehrfach erwähnt – auf die technische Kompetenz, die den Jungen zugeschrieben wird und die sich diese auch zuschreiben. Die symboli- sche Zuordnung von Geschlecht im Umgang mit Technik zementiert die traditionelle Geschlechterordnung insofern, als Jungen dies als ihre Domäne ansehen und in der Interaktion mit Mädchen ihre tatsächliche, häufig nur ihre vermeintliche, Vormachtstellung behaupten wollen. Für Praxisprojekte zur Medienkompetenzförderung bedeutet dies einerseits, im Wissen um solche Zusammenhänge an den Interessen der Jugendlichen anzuknüpfen und phasenweise z. B. in monoedukativen Settings zu arbeiten, um den Interessen der Jugendlichen gerecht zu werden. Gleichwohl ist es anzustreben, die Grenzen zu erweitern und mit Neuem und dem Anderen zu experimentieren. Auf diese Weise können begrenzte Handlungsräume und -per- spektiven wahrgenommen und überwunden werden. Dies gilt auch für den Aspekt der Berufsperspektiven im Medienbereich, in denen Mädchen und junge Frauen durch Praxiserfahrung in Medienprojekten an Selbstbewusstsein gewinnen. Im Übrigen ist dies der Faktor – so sagen es die Untersuchungen –, in dem sich die Geschlechter mehr unterscheiden als in der tatsächlichen Hand- lungskompetenz. Die Untersuchungen weisen das Fernsehen weiterhin als das Leitmedium für Kinder und Jugendliche aus. Ebenso haben Radio, Zeitschriften und ver- mehrt das Handy neben dem Computer einen großen Stellenwert für deren Alltagsgestaltung. Insofern ist die starke Fokussierung im Bereich der Medien- kompetenzförderung auf die neuen Medien als zu eingeschränkt zu bewerten. Alle Medien sollten entsprechend ihrer Nutzungsbedeutung medienpäda- gogisch aufgegriffen werden. Dabei sollte der Aspekt, der unter dem Begriff der Medienkonvergenz gefasst wird, also die Zusammenhänge verschiedener Medien in der Mediennutzung, stärkere Berücksichtigung finden. 10.4.4 Einbezug vernachlässigter Medienkompetenzbereiche Als ein Ergebnis der Projektrecherche wurde die Vielfalt benannt, die in der medienpädagogischen Projektarbeit realisiert wird. Gleichzeitig weisen die Ergebnisse darauf hin, dass einige Medienkompetenzbereiche wenig Beach- tung finden. Die Internetrecherche zu medienpädagogischen Projekten mit Genderbezügen und die zusätzlichen Experteninterviews lassen bei der Zuord- nung zu den einzelnen Medienkompetenzbereichen Lücken sichtbar werden. Eine quantitative Zuordnung der hier dokumentierten Projekte zu den Bereichen: Medienkunde/Medienwissen, Medienkritik, Mediennutzung und Medien- gestaltung zeigt deutlich, in welchen Bereichen Bedarfe zu verzeichnen sind.m 194 Von den 45 im Anhang dokumentierten medienpädagogischen Projekten lassen sich mehr als drei Viertel dem Bereich „Mediengestaltung“ zuordnen. Einen ebenso großen Anteil, auch drei Viertel, hat der Bereich „Medienkunde, Medienwissen“ zu verzeichnen. Der handlungsorientierte Bereich ist also über- repräsentiert. Weit unterrepräsentiert ist der Bereich „Medienkritik“, dort ist etwa nur ein Viertel der Projekte angesiedelt. Im Bereich der „Mediennutzung“ fällt auf, dass die soziale Dimension kaum Berücksichtigung findet. Nur ver- einzelt konnten Projekte gefunden werden, die eine Verbindung und Verknüp- fung von Medienwelten und Alltagssituationen anstreben. Dies Ergebnis spricht dafür, neben Forderungen in den zuvor konstatierten Problembereichen beson- ders Projekte zu fördern, die den Bereich Medienkritik einbeziehen. Unter Genderperspektive bedeutet das die analytische, die ethische, sowie die reflexive Dimension zu betonen, also Geschlechterstereotypisierungen und -bewertungen zu analysieren, diskriminierende Darstellungen aufzuspüren und zu bewerten sowie Medienerfahrungen und -erlebnisse zu reflektieren. Im Bereich der „Me- diennutzung“ ist die alltagsbezogene, soziale Dimension der Mediennutzung stärker einzubeziehen. D. h. im Sinne der Förderung des Medialitätsbewusst- seins sind Mediennutzung und Medienaussagen mit Alltagserfahrungen zu ver- knüpfen, die Anschlusskommunikation über Medieninhalte bzw. -angebote außerhalb des Rezeptionsraums ist zu fördern. Auf diese Weise können bei- spielsweise Heldenszenarien für Jungen und Schlankheitsidole für Mädchen realitätsorientiert kommunizierbar werden. U. a. kann eine solche Ausrichtung medienpädagogischer Arbeit dazu beitragen, für interaktive Praktiken der Her- stellung einer hierarchischen Geschlechterordnung zu sensibilisieren. Dies Ergebnis sei abschließend mit dem Vorschlag verbunden, die Zusam- menarbeit von außerschulischen mit schulischen Projekten im medienpäda- gogischen Kontext allgemein und speziell auch im Zusammenhang mit der geschlechterbewussten Medienkompetenzförderung voranzutreiben. Der außer- schulische Bereich, der auf die Handlungsorientierung fokussiert, wie die Re- cherche gezeigt hat, könnte durch den schulischen Bereich mit einer analy- tisch-reflexiv-ethischen Orientierung ergänzt werden. Von einer Verknüpfung der Bereiche in Form einer mehrdimensionalen Ausrichtung der Projekte könnten die Kinder und Jugendliche im Sinne einer vertiefenden Erfahrung profitieren.n 10.4.5 Orientierungsrahmen für eine geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Zur Orientierung für eine geschlechtersensible Medienkompetenzförderung wurde auf der Basis der eingangs referierten theoretischen Folien der Medien- kompetenz ein kategorialer Orientierungsrahmen konzipiert und im Hinblick auf die Genderperspektive konkretisiert: 195 I. Kompetenzbereich: Medienkunde/Medienwissen (kognitive Dimension) II. Kompetenzbereich: Medienkritik (analytisch-ethisch-reflexive Dimension) 196 Qualifikation Analytisch Medien anhand vielfältiger Kriterien analysieren ethisch Medien einschätzen und beurteilen reflexiv Anwendung des analytischen Wissens auf sich selbst und auf eigenes Handeln Mögliche Inhalte Analyse von Gestaltung und Inhalt verschiedener Medien an Beispielen: Werbung, altersgruppenspezifische Medien-Zeitung, Fernsehen, Computer- spiele, Internet ethisch Einschätzen und beurteilen von Medien im Hinblick auf moralisch-ethische Wertmaßstäbe, im Hinblick auf Jugend- und Datenschutz z. B.: Musik- texte, Computerspiele, Internetplattform reflexiv Eigene Medienerfahrungen und -erlebnisse realisieren, einordnen und re- flektieren, z. B.: Zusammenhänge zwischen Mediengestaltung und der Steuerung von Emotionen erkennen; Faszination von Gewalt in den Medien; Täter- und Opferperspektive Qualifikation a) instrumentell: Wissen um Grundfunktionen zur sinnvollen Hadhabung von Medien b) informativ: Kenntnisse über Inhalte, Strukturen und Funktionen verschiedener Medien und Mediensysteme; Kenntnisse über Medienkonvergenzen; Kenntnisse über Nutzungsgewohnheiten (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) Mögliche Inhalte Ad a) Projekte, die Medien zur Informationsbeschaffung, zur Unterhaltung und zur Kommunikation thematisieren und – in Kombination mit dem Kompe- tenzbereich Mediennutzung – die Vermittlung der Handhabung berücksich- tigen: z. B. Bücherwerkstatt, Computerwerkstatt, Radiowerkstatt, Handykurs etc. Ad b) Analyse von Mediensystemen, medienspezifischen Symbolen, Codierun- gen und Medieninhalten; Analyse von Medienkonvergenz Welche Programmgenres gibt es? Was ist ein duales Rundfunksystem? Wie wird ein Medienverbund (DSDS oder GZSZ) inszeniert? etc. Hinweise für die geschlechtersensible Praxis Ad a) – Prävention und Kompensation sozialisationsbedingter Defizite von Mädchen und Jungen – Ermöglichung monoedukativer Praxis zur Schaffung von „Freiräumen“. – Berücksichtigung der Vorbildfunktion von PädagogInnen bzw. Work- shopleitung Ad b) – Berücksichtigung der Verknüpfung von Mediensystemen und -strukturen mit politischen Machtkonstellationen und deren Geschlechterimplika- tionen – Realisierung der und Sensibilisierung für die Widerspiegelung der symbolischen Geschlechterordnung in der präsentativen (nicht sprach- lichen) Symbolik der Medien III. Kompetenzbereich: Mediennutzung IV. Kompetenzbereich: Mediengestaltung 197 Hinweise für die geschlechtersensible Praxis – Analyse von Geschlechterstereotypisierungen in den Medien; gezielter Einbezug solcher Beispiele, die die Stereotype überwinden, unterbrechen, negieren. Analyse der Geschlechterordnung – Aufspüren diskriminierender Geschlechter-Darstellungen; sensibilisieren für sexistische Darstellungen und Machtkonstellationen in Beziehungen – Reflexion der Erfahrungen, Erlebnisse und Nutzungsgewohnheiten Qualifikation a) rezeptiv und interaktiv: Auswahl und Nutzung von Medienangeboten entsprechend motivationaler und situationsabhängiger Bedürfnisse und Interessen b) affektiv/ästhetisch: Auswahl und Nutzung von Medien entsprechend emotionaler Bedürfnisse; Entwicklung medienbezogener Genussfähigkeit und Selektionskompetenz im Hinblick auf „Geschmacksbildung“ c) sozial: Sozialverantwortliche und sozialverträgliche Mediennutzung. Verbindung und Verknüpfung von Medienwelten und Alltagssituationen Mögliche Inhalte – Informationsbeschaffung zu ausgewählten Themen – Gebrauchswert von Medien zur Bewälti gung des Alltags (unterhalten, spielen, kaufen – Kommunikationsmöglichkeiten (E-Mail, Chatroom, Workspace) – Förderung der Wahrnehmung medialer Präsentationen (Bild, Film, Musik, Video) im Sinne ästhetisch-emotionalen Erlebens: z. B. Film erleben und Musik hören – Verknüpfen von Medienwelten und Alltagssituationen; Medienaussagen an der Realwelt überprüfen im Sinne der Förderung des Medialitäts- bewusstseins – Anschlusskommunikation über Medieninhalte bzw. -angebote außerhalb des Rezeptionsraums Hinweise für die geschlechtersensible Praxis – Akzeptanz heterogener Interessen- und Bedürfnislagen – Eröffnen alternativer Wahrnehmungs- und Erlebnisräume jenseits der Geschlechtergrenzen – Ermöglichung monoedukativer Praxis zur Schaffung von Freiräumen – Sensibilisierung für interaktive Praktiken der Herstellung der Geschlechterordnung: z. B. Vermeidung der Hierarchisierung der Interessen- und Bedürfnislagen: z. B. „Sport“ sei wichtiger als „Soaps“ Qualifikation Gestaltung und Veröffentlichung eigener Ideen mit und in unterschiedlichen Medien Ästhetischer Ausdruck in Sprache, Bild, Ton, Film, Video, Musik Präsentation und Veranschaulichen von Sachverhalten Mögliche Inhalte Medienpädagogische Projektarbeit zu ausgewählten Themen: – Entwürfe von Wirklichkeit – Selbst- und Fremdinszenierung – Aufgreifen gesellschaftspolitischer Themen – Workshops zum künstlerischen Experimentieren – Workshops zur Qualifizierung und Fortbildung Hinweise für die geschlechtersensible Praxis – Akzeptanz heterogener Interessen- und Bedürfnislagen – Ermöglichung monoedukativer Praxis zur Schaffung von Freiräumen und zum Experimentieren mit Selbstentwürfen – Schaffen von Artikulationsmöglichkeiten für heterogene Interessenlagen im Sinne politischer Bildung 11 Literatur American Association of University Women Educational Foundation (2000): Tech- savvy: Education girls in the new computer age. Washington. www.aauw.org member_center/publications/TechSavvy/TechSavvy.pdf (31. 7. 2006) Anmerkungen zur Lieblingsmetapher der Medienpädagogik. In: medien praktisch, H. 2, S. 11–15. Aufderheide, P. / Firestone, C. (1993): Media Literacy: A Report of the National Leader- ship Conference on Media Literacy. Queenstown, MD: The Aspen Institute. Aufenanger, S. (1994): Medienrezeption von Jungen. Sozialisation von Geschlechts- rollen in einer Mediengesellschaft. In: medien + erziehung, H. 2, S. 71–75. Aufenanger, S. (1996): Geschlechtsspezifische Nutzung unterschiedlicher Medien durch Kinder und Jugendliche. In: Praktische Theologie, H. 31, S. 287–284. Aufenanger, S. (1997): Medienpädagogik und Medienkompetenz – Eine Bestandsauf- nahme. In: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Medienkompetenz im Informationszeitalter. Enquete-Kommission „Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft. Deutsch- lands Weg in die Informationsgesellschaft“. Bonn, S. 15–22. Aufenanger, S. (2000): Medienbildung in der Wissensgesellschaft. In: medien praxis. Grundlagen 13. Bonn, S. 33–41. Aufenanger, S. (2001): Multimedia und Medienkompetenz – Forderungen an das Bil- dungssystem. In: Aufenanger, S. / Schulz-Zander, R. / Spanhel, D. (Hrsg.): Jahrbuch Medienpädagogik 1. Opladen, S. 109–122. Aufenanger, S. (2004): Mediensozialisation. Aufwachsen in einer Medienwelt. In: Com- puter + Unterricht, H. 53, S. 6–9. Aufenanger, S. / Neuß, N. (1999): „Alles Werbung, oder was?“ Medienpädagogische Ansätze zur Vermittlung von Werbekompetenz im Kindergarten. Kiel. Baacke, D. (1973): Kommunikation und Kompetenz. München. Baacke, D. (1999): Medienkompetenz als zentrales Operationsfeld von Projekten. In: Baacke, D. et al. (Hrsg.): Handbuch Medien: Medienkompetenz. Bonn, S. 31–36.m Barth, Michael (1995): Entwicklungsstufen des Kinderwerbeverständnisses – ein schema- und wissensbasiertes Modell. In: Aufenanger, S. / Charlton, M., Hoffmann-Riem, W. / Neumann-Braun, K.: Fernsehwerbung und Kinder. Band 2. Rezeptionsanalyse und rechtliche Bedingungen, S. 17–30. Beinzger, D. / Eder, S./Luca, R. / Röllecke, R. (Hrsg.) (1998): Im Wyberspace. Mädchen und Frauen in der Medienlandschaft. Bielefeld. Beinzger, D. (2003): Filmerleben im Rückblick. Der Zusammenhang zwischen Film- rezeption und Geschlechtsidentität aus biographischer Sicht. In: Luca, R. (1998): 199 Medien. Sozialisation. Geschlecht. Fallstudien aus der sozialwissenschaftlichen For- schungspraxis. München, S. 111–126. Bertschi-Kaufmann, A. (2000): „Am Computer muss man nämlich viel von der Ge- schichte selber machen …“ Lesen und Schreiben in der Medienvielfalt. In: schweizer schule 9/2000, S. 31–41. Bischof, U. / Heidtmann, H. (2002): Lesen Jungen ander(e)s als Mädchen: Untersuchung zu Leseinteressen und Lektüregratifikation. In: medien praktisch 3, S. 27–31. Böhm, M. / Fischer, H. U. (2003): „Wir machen uns das Bild von der Welt selbst …“. In: Medienkompetenz und Medienleistung in der Informationsgesellschaft. Tagung der SGKM und der Fachgruppe Medienpädagogik der DGPuK vom 11./12. April 2003. Zürich, S. 115–120. Bonfadelli, H. (1981): Die Sozialisationsperspektive in der Massenkommunikations- forschung. Berlin. Bonfadelli, H. (1999): Leser und Leseverhalten heute – Sozialwissenschaftliche Buch- lese(r)forschung. In: Franzmann, B. / Hasemann, K. / Löffler, D./Schön E. (Hrsg.): Handbuch Lesen. München: Saur, S. 86–144. Bonfadelli, H. / Saxer, U. (1986): Lesen, Fernsehen und Lernen. Wie Jugendliche die Medien nutzen und die Folgen. Zug. Bos, W. et al. (2003): Erste Ergebnisse aus IGLU. Münster. S. 36–38. Bourdieu, P. (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a. M. Bourdieu, P. (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.m Buchen, S. (2004): PC/ Interneterfahrungen von Schülerinnen einer katholischen Mäd- chenrealschule. Die Nutzungspraxis als funktionales Äquivalent für andere Handlungs- modi. In: Buchen, S. / Helfferich, C. / Maier, M. S. (Hrsg.): Gender methodologisch. Empirische Forschung in der Informationsgesellschaft vor neuen Herausforderungen. Wiesbaden, S. 67–87. Buchen, S. / Helfferich, C. / Maier, M. S. (Hrsg.) (2004): Gender methodologisch. Empiri- sche Forschungen in der Informationsgesellschaft vor neuen Herausforderungen. Wiesbaden. Budde, J. (2005): Männlichkeit und gymnasialer Alltag. Doing gender in heutigen Bil- dungsinstitutionen, Bielefeld. Burkhardt, W. (2001): Förderung kindlicher Medienkompetenz durch die Eltern. Grund- lagen, Konzepte und Zukunftsmodelle. Opladen: Leske + Budrich. Butler, J. (1995): Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin. Butler J. (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a. M. Charlton, M. / Neumann-Braun, K. (1990): Medienrezeption und Identitätsbildung. Tübingen. Dehm, U. / Kochhan, C. / Beeske, S. / Storll, D. (2005): Lese-Erlebnistypen und ihre Charakteristika. Bücher – „Medienklassiker“ mit hoher Erlebnisqualität. In: Media Perspektiven 10, S. 521–534. Dewe, B. / Sander, U. (1996): Medienkompetenz und Erwachsenenbildung. In: von Rein, A. (Hrsg.): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Bad Heilbrunn, S. 125–142. DiMaggio, P. / Hargittai, E. (2001): From the „Digital Divide“ to „Digital Inequality“: Studying Internet Use as Penetration Increases. In: Princeton University Center for Arts and Cultural Policy Studies, Working Paper Series, No. 15. 200 Dreher, E. / Dreher, M. (1985): Entwicklungsaufgaben im Jugendalter: Bedeutsamkeit und Bewältigungskonzepte. In: Liepman, D. / Stiksrud, A. (Hrsg.): Entwicklungs- aufgaben und Bewältigungsprobleme in der Adoleszenz. Göttingen, S. 56–70. Egmont Ehapa Verlag (2005): KidsVerbraucherAnalyse 2005. Kinderzielgruppen 6–13 Jahre. Stuttgart. Eichen, R. (2006): Gendergerecht unterrichten. Eine Einführung in das Themenheft von Regina Eichen. In: Computer + Unterricht. Anregungen und Materialien für das Lernen in der Informationsgesellschaft 16, H. 61, S. 3. Famulla, G.-E. et al. (1992): Computer und Persönlichkeit. Opladen. Faulstich-Wieland, H. / Weber, M. / Willems, K. (2004): Doing gender im heutigen Schul- alltag. Empirische Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen. Weinheim. Fauser, R. (1992): Neue empirische Untersuchungen über geschlechtsspezifische Unter- schiede im Interesse am Computer. Voraussetzungen und Folgen. In: Bundesminis- terium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.): Mädchen und Computer. Bad Honnef, S. 22–45. Fedorov, A. (2003): Media Education and Media Literacy: Experts’ Opinions. http:// www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/federov_experts/federov_experts. pdf (14. 09. 2005) Feierabend, S. / Klingler, W. (1998): Eine Analyse der Fernsehnutzung 1997 von Drei- bis 13-Jährigen. Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, S. 167–178. Feierabend, S. / Klingler, W. (1999): Ergebnisse der Studie KIM 99 zur Mediennutzung von Kindern. Kinder und Medien 1999. In: Media Perspektiven 12, S. 610–625. Feierabend, S. / Klingler, W. (2001): Ergebnisse der Studie KIM 2000 zur Medien- nutzung von Kindern. Kinder und Medien 2000: PC/ Internet gewinnen an Bedeu- tung. In: Media Perspektiven 7, S. 345–357. Feierabend, S. / Klingler, W. (2003): Eine Analyse der Fernsehnutzung von Drei- bis 13-Jährigen 2002. Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, S. 167–179. Feierabend, S. / Klingler, W. (2003): Ergebnisse der Studie KIM 2002 zum Medien- umgang Sechs- bis 13-Jähriger in Deutschland. Kinder und Medien 2002. In: Media Perspektiven 6, S. 278–289. Feierabend, S. / Klingler, W. (2004): Eine Analyse der Fernsehnutzung von Drei- bis 13-Jährigen 2003. Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, S. 151–162. Feierabend, S. / Klingler, W. (2005): Eine Analyse der Fernsehnutzung Drei- bis 13-Jäh- riger 2004. Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, S. 163–177. Feierabend, S. / Klingler, W. / Simon, E. (1999): Eine Analyse der Fernsehnutzung 1998 von Drei- bis 13-Jährigen. Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, S. 174–186. Feierabend, S. / Mohr, I. (2004): Ergebnisse der ARD/ZDF-Studie „Kinder und Werbung 2003“. Mediennutzung von Klein- und Vorschulkindern. In: Media Perspektiven 9, S. 453–462. Feierabend, S. / Simon, E. (2000): Eine Analyse der Fernsehnutzung 1999 von Drei- bis 13-Jährigen. Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, S. 159–170. Feierabend, S. / Simon, E. (2001): Eine Analyse der Fernsehnutzung 2000 von Drei- bis 13-Jährigen. Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven 4, S. 176–188. Feil, C. / Decker, R. / Gieger, C. (2004): Wie entdecken Kinder das Internet? Beobach- tungen bei 5- bis 12-jährigen Kindern. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.m 201 Flammer, W. (1991): Entwicklungsaufgaben als Initiationsrituale? Entwicklungsaufgaben anstelle von Initiationsritualen? In: Klosinski, G. (Hrsg.): Pubertätsriten: Äquivalente und Defizite in unserer Gesellschaft. Bern, S. 89–101. Frey-Vor, G. / Schumacher, G. (2004): Studie der ARD/ZDF-Medienkommission – Kern- ergebnisse für die sechs- bis 13-jährigen Kinder und ihre Eltern. Kinder und Medien 2003. In: Media Perspektiven 9, S. 426–440. Fromme, J. / Meder, N. / Vollmer, N. (2000): Computerspiele in der Kinderkultur. Opla- den. Fromme, J. et al. (Hrsg.) (1999): Selbstsozialisation, Kinderkultur und Mediennutzung. Opladen. Gapski, H. (2001): Medienkompetenz. Eine Bestandsaufnahme und Vorüberlegungen zu einem systemtheoretischen Rahmenkonzept. Wiesbaden. Gapski, H. (2003) : Zu den Fragen, auf die „Medienkompetenz“ die Antwort ist. In: Medienkompetenz und Medienleistung in der Informationsgesellschaft. Tagung der SGKM und der Fachgruppe Medienpädagogik der DGPuK vom 11./12. April 2003. Zürich, S. 10–17. Gerhards, M. / Klingler, W. (2004): Trends und Perspektiven bis zum Jahr 2010. Medien- nutzung in der Zukunft – Konstanz und Wandel. In: Media Perspektiven 10, S. 472– 482. Gerhards, M. / Klingler, W. (1998): Eine Analyse der Fernsehforschungsdaten 1997 von Zwölf- bis 19-Jährigen. Fernseh- und Videonutzung Jugendlicher. In: Media Per- spektiven 4, S. 179–189. Gerhards, M. / Klingler, W. (1999): Entwicklungsphasen, Nutzung und Funktionen der Medien für Jugendliche. Jugend und Medien: Fernsehen als Leitmedium. In: Media Perspektiven 11, S. 562–576. Gerhards, M. / Klingler, W. (2001): Nutzung und Bedeutung des Fernsehens für Jugend- liche im Jahr 2000. Jugend und Medien: Fernsehen bleibt dominierend. In: Media Perspektiven 2, S. 65–74. Gildemeister, R. / Wetterer, A. (1992): Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenfor- schung. In: Knapp, G.-A. / Wetterer, A. (Hrsg.): Traditionen Brüche. Entwicklung feministischer Theorie. Freiburg, S. 201–254. Goffman, E. (1994): Interaktion und Geschlecht. Frankfurt a. M., New York. Götz, M. (2002): Typische Aneignungsmuster der Soap. In: Götz, M. (Hrsg.): Alles Seifenblasen? Die Bedeutung von Daily Soaps im Alltag von Kindern und Jugend- lichen. München, S. 251–301. Groeben, N. (2002): Dimensionen der Medienkompetenz: Deskriptive und normative Aspekte. In: Groeben, N. / Hurrelmann, B. (Hrsg.): Medienkompetenz. Vorausset- zungen, Dimensionen, Funktionen. Weinheim und München, S. 160–201. Groeben, N. / Hurrelmann, B. (Hrsg.) (2002): Medienkompetenz. Voraussetzungen, Di- mensionen, Funktionen. Weinheim und München. Grütz, D. (2004): Der geschlechtsspezifische Zugriff auf Lesestrategien – Ergebnisse einer Untersuchung im Rahmen unterrichtsdidaktischer Forschung. www. linguistik-online.net /21_04/gruetz.html (12. 03. 2006) Hargittai, E. (2002): Second-Level Digital Divide. Differences in Peoples’ Online Skills. In: First Monday. Peer-Reviewed Journal on the Internet; Vol. 7, Nr. 4. 202 Hartung, A. (2004): Radio ist Musik. Das Radio als Spiegelbild musikalischer Präferen- zen. In: Medien und Erziehung 48/2, S. 24–31. Haug, K. (2005): Lesekompetenz: „Führerschein für die Datenautobahnen der Zukunft“ www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php (17. 03. 2006) Havighurst, R. J. (1982): Developmental Tasks and Education. New York. Heidtmann, H. / Bischof, U. (2002): Lesen Jungen ander(e)s als Mädchen? In: medien praktisch, H. 3, 27–31. Hirschauer, S. (1989): Die interaktive Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit In: Zeitschrift für Soziologie, H. 2, S. 100–118. Hirschauer, S. (1993a): Die soziale Konstruktion der Transsexualität. Über die Medizin und den Geschlechtswechsel. Frankfurt a. M. Hirschauer, S. (1993b): Dekonstruktion und Rekonstruktion. Plädoyer für die Erforschung des Bekannten. In: Feministische Studien, H. 2., S. 55–67. Hirschauer, S. (1994): Die soziale Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 46, S. 668–692. Hobbs, R.: Expanding The Concept Of Literacy. http:// interact.uoregon.edu/MediaLit / mlr/ readings/articles/hobbs/expanding.html (9. 9. 2005) Hurrelmann, K. (2002): Einführung in die Sozialisationstheorie: über den Zusammen- hang von Sozialstruktur und Persönlichkeit, 8., vollständig überarb. Aufl., Weinheim und Basel. Information Competence in the CSU: A Report. Dec. 1995: What Is Information Competence? www.csupomona.edu/%7Elibrary/ InfoComp/definition.html (4. 10. 2005) International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences (2001). Vol. 14, Eds. N. J.Smelser & P. B. Baltes. Oxford. IP Deutschland GmbH (2001): „Internet 2001 – European Key Facts“. Köln. IP Deutschland GmbH (2002): „Internet 2002 – European Key Facts“. Köln. IP Deutschland GmbH (2001): „Television 2001“. Köln. IP Deutschland GmbH (2002): „Television 2002 – International Key Facts“. Köln. IP Deutschland GmbH (2003): „Television 2003 – International Key Facts“. Köln. IP Deutschland GmbH (2004): „Television 2004“ am 18. 11. 2004. Köln. Klaus, E. / Röser, J. (1996): Fernsehen und Geschlecht. Geschlechtsgebundene Kommu- nikationsstile in der Medienrezeption und -produktion. In: Marci – Boehncke, G. / Werner, P. / Wischermann, U. (Hrsg.): BlickRichtung Frauen: Theorien und Metho- den geschlechtsspezifischer Rezeptionsforschung. Weinheim, S. 37–60. Kochhan, C. / Haddad, D. / Dehm, U. (2005): Unterschiedliches Leseverhalten im Kon- text von Fernsehgewohnheiten. Bücher und Lesen als Freizeitaktivität. In: Media Perspektiven 1, S. 23–32. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Opladen, S. 225–243. Krais, B. / Gebauer, Gunther: Habitus. Bielefeld 2002. Kübler, H. D. (1996): Kompetenz der Kompetenz der Kompetenz … Anmerkungen zur Lieblingsmetapher der Medienpädagogik. In: medien praktisch. H. 20, S. 11–15. Kübler, H. D. (1999): Medienkompetenz – Dimensionen eines Schlagwortes. In: Schell, F. / Stolzenburg, E. / Theunert, H. (Hrsg.): Medienkompetenz: Grundlagen und päda- gogisches Handeln. München, S. 25–50. 203 Kuchenbuch, K. (2003): Eine Analyse anhand des Sinus-Milieu-Modells. Die Fernseh- nutzung von Kindern aus verschiedenen Herkunftsmilieus. In: Media Perspektiven 1, S. 2–11. Livingstone, S. (2004): What is media literacy? www.mediaculture-online.de fileadmin/bibliothek/ livingstone_medialiteracy/ livingstone_medialiteracy.pdf (16. 11. 2005) Luca, R. (1993): Zwischen Ohnmacht und Allmacht. Unterschiede im Erleben medialer Gewalt von Mädchen und Jungen. Frankfurt, New York. Luca, R. (1998): Medien und weibliche Identitätsbildung. Körper, Sexualität und Be- gehren in Selbst- und Fremdbildern junger Frauen. Frankfurt /New York. Luca, R. (2003): Medien. Sozialisation. Geschlecht. Fallstudien aus der sozialwissen- schaftlichen Forschungspraxis. München. Maihofer, A. (1995): Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlech- terdifferenz. Frankfurt a. M. Maihofer, A. (2002): Geschlecht und Sozialisation. In: Benseler, F. / Blank, B. / Keil- Slawik, R. / Loh, W. (Hg.): Erwägen Wissen Ethik. Paderborn, S. 13–74. Media Perspektiven (1991): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1991. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (1993): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1993. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (1994): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1994. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (1995): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1995. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (1996): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1996. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (1997): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1997. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (1998): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1998. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (1999): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 1999. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (2002): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2000. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (2001): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2001. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (2003): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2003. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (2004): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2004. Frankfurt am Main. Media Perspektiven (2005): Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2005. Frankfurt am Main. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (1999): Kinder und Medien. KIM ’99. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Baden-Baden, Juli 1999. 204 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2000): JIM 2000. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jäh- riger in Deutschland. Baden-Baden, Dezember 2000. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2000): KIM-Studie 2000. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Baden-Baden, August 2001. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2001): JIM-Studie 2001. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Baden-Baden, Januar 2002. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2002): JIM-Studie 2002. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Baden-Baden, März 2003. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2002): KIM 2002. PC und Internet. Basisstudie zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Baden- Baden, Dezember 2002. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2003): JIM-Studie 2003. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Baden-Baden, April 2004. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2003): KIM-Studie 2003. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Baden-Baden, Dezember 2003. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2004): JIM-Studie 2004. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart, Dezember 2004. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2005): JIM-Studie 2005. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart, November 2005. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (2005): KIM-Studie 2005. Kinder und Medien, Computer und Internet. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland. Stuttgart, Februar 2006. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.) (99/2000): JIM 99/2000. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Baden-Baden, April 2000. Mikos, L. (2007): Mediensozialisation als Irrweg – Zur Integration von medialer und sozialer Kommunikation aus der Sozialisationsperspektive. In: Hoffmann, D. / Mikos, L. (Hrsg.): Mediensozialisationstheorien. Neue Modelle und Ansätze in der Diskus- sion. Wiesbaden, S. 27–46. Moser, H. (2003): Von der Medienkompetenz zur Medienbildung. In : Medienkompe- tenz und Medienleistung in der Informationsgesellschaft. Tagung der SGKM und der Fachgruppe Medienpädagogik der DGPuK vom 11./12. April 2003. Zürich, S. 26–35 Nielsen, J. (2002): Usability of Websites for Teenagers. www.useit.com/alertbox/ 20050131.html (23. 10. 2005) Nielsen, J. (2002): Kids’ Corner: Website Usability for Children. www.useit.com alertbox/20020414.html (23. 10. 2005) 205 Niesyto, H. (2007): Kritische Anmerkungen zu Theorien der Mediennutzung und -sozia- lisation. In: Hoffmann, D. / Mikos, L. (Hrsg.): Mediensozialisationstheorien. Neue Modelle und Ansätze in der Diskussion. Wiesbaden, S. 47–66. Otto, H.-U.et al. (2004): Soziale Ungleichheit im virtuellen Raum: Wie nutzen Jugend- liche das Internet? Erste Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zu Online- Nutzungsdifferenzen und Aneignungsstrukturen von Jugendlichen. www.bmfsfj. de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungsberichte,did=14282.html (20. 11. 2005)m Peters, S. (1990): Lernstattkonzepte als methodischer Ansatz zur Organisationsentwick- lung und zur betrieblichen Bildung. Eschborn. Pietrass, M. (2003) : Medienkompetenz als „Framing“. In : Medienkompetenz und Medienleistung in der Informationsgesellschaft. Tagung der SGKM und der Fach- gruppe Medienpädagogik der DGPuK vom 11./12. April 2003. Zürich, S. 4–10. Pohlschmidt, M. (Hrsg.) (2002): Grundbaukasten Medienkompetenz. 2. völlig aktuali- sierte und überarbeitete Auflage. Marl: ecmc. Recommendations Addressed to the United Nations Educational Scientific and Cultural Organization UNESCO (Hrsg.) (1999). In: Education for the Media and the Digital Age. Wien, p. 273–274. Richter, K. / Plath, M. (2005): Lesemotivation in der Grundschule. Empirische Befunde und Modelle für den Unterricht. Weinheim. Röll, F.-J. (1996): Sinnsuche im Medienzeitalter – die ästhetische Konstruktion unserer Weltbilder. In: Zacharias, W. (Hrsg.): Interaktiv – Im Labyrinth der Wirklichkeiten. Ess, S. 209–231. RTL DISNEY Fernsehen GmbH & Co.KG (Hrsg.)/ IP Deutschland GmbH (2004): Kinderwelten 2004. Spielen und Medien in der kindlichen Erlebniswelt. Medien- forschung Super RTL. Köln, Juni 2004. Saxer, U. (1991): Lese(r)forschung – Lese(r)förderung. In: Lesen im Medienumfeld. Eine Studie im Auftrag der Bertelsmannstiftung. Gütersloh, S. 99–134. Schelhowe, H. (2003): Digitale Medien in der Schule – Doing Gender. Beitrag für die Fachtagung „Schwimmen lernen im Netz.“ Schell, F. / Stolzenburg, E. / Theunert, H. (Hrsg.) (1999): Medienkompetenz: Grundlagen und pädagogisches Handeln. München. Schindler (1996): Von Super Mario und Super Marion. snp.bpb.de/referate/schind. htm (31. 03. 2006) Schmit, C. / Krapf, M. (2004): Kinderwelten 2004. Spielen und Medien in der kind- lichen Erlebniswelt. Köln. Schorb, B. (2005): Sozialisation. In: Hüther, J. / Schorb, B. (Hrsg.): Grundbegriffe Me- dienpädaogik, 4., vollständig neu konzip. Aufl., München, S. 381–389. Schorb, B. / Theunert, H. (1992): Zwischen Vergnügen und Angst – Fernsehen im Alltag von Kindern. Berlin. Schründer-Lenzen, A. (2004): Gender und Medienpädagogik. In: Glaser, E. / Klika, D. / Prengel, A. (Hrsg.): Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft. Bad Heilbrunn, S. 557–571. Schulz-Zander, R. (2002): Geschlechter und neue Medien in der Schule. In: Fritsche, B. / Nagode, C. / Schäfer, E. (Hg): Geschlechterverhältnisse im sozialen Wandel. Inter- disziplinäre Analysen zu Geschlecht und Modernisierung. Opladen, S. 251–267. 206 Sinhart-Pallin, D. (1990): Die technik-zentrierte Persönlichkeit. Sozialisationseffekte mit Computern. Weinheim. Spanhel, D. (1999): Der Aufbau grundlegender Medienkompetenzen im frühen Kindes- alter. In: Gogolin, I. / Lenzen, D. (Hrsg.): Medien-Generation. Beiträge zum 16. Kon- gress der DGfE. Weinheim. Spanhel, D. (2002): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff der Medienpädagogik? In: forum medienethik 1/2002: Medienkompetenz – Kritik einer populären Universal- konzeption. Stanat, P. / Kunter, M. (2001): Geschlechterunterschiede in Basiskompetenzen. In: Deut- sches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen, S. 249–269. Straub, I. (2005): Neue Freunde durch neue Medien? Die Bedeutung computervermit- telter Kommunikation für männliche Jugendliche. In: Medienpädagogik. Online- Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, www.medienpaed.com 05-2/straub1.pdf (30. 03. 2006) Süss, D. (2004): Mediensozialisation von Heranwachsenden. Dimensionen – Konstanten – Wandel. Weinheim. Süss, D. et al. (2003): Medienkompetenz in der Informationsgesellschaft. Sutter, T. (1999): Entwicklungspsychologische Grundlagen der Mediensozialisation. Drei Ebenen einer Theorie. In: Schell, F. / Stolzenburg, E. / Theunert, H. (Hrsg.): Medienkompetenz: Grundlagen und pädagogisches Handeln. München, S. 73–81.m Theunert, H. (Hrsg.) (1993): ‚Einsame Wölfe‘ und ‚Schöne Bräute‘. Was Mädchen und Jungen in Cartoons finden. München. Theunert, H. (1999): Medienkompetenz: Eine pädagogische und altersspezifisch zu fassende Handlungsdimension. In: Schell, F. / Stolzenburg, E. / Theunert, H. (Hrsg.): Medienkompetenz: Grundlagen und pädagogisches Handeln. München, S. 50–60.m Theunert, H. (2005): Geschlecht und Medien – Der Umgang von Jungen und Mädchen mit Medien. In: Anfang, G. (Hrsg.): Von Jungen, Mädchen und Medien. Theorien und Praxis einer geschlechtsbewussten und -sensiblen Medienarbeit. München, S. 11–23. Theunert, H. / Gebel, Ch. (Hrsg.) (2000): Lehrstücke fürs Leben in Fortsetzung. Serien- rezeption zwischen Kindheit und Jugend. München: Fischer. Theunert, H. / Lenssen, M. (1999): Medienkompetenz im Vor- und Grundschulalter: Altersspezifische Voraussetzungen, Ansatzpunkte und Handlungsoptionen. In: Schell, F. / Stolzenburg, E. / Theunert, H. (Hrsg.): Medienkompetenz. Grundlagen und päda- gogisches Handeln. München 1999, S. 60–73. Tietgens, H. (1989): Von den Schlüsselqualifikationen zur Erschließungskompetenz. In: Petsch, J. / Tietgens, H. (Hrsg.): Allgemeinbildung und Computer. Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung. Bad Heilbrunn, S. 34–43. Tillmann, K.-J. (2000): Sozialisationstheorien: eine Einführung in den Zusammenhang von Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung. Reinbek bei Hamburg. Treumann, K. P. et al. (2003): Das Bielefelder Medienkompetenz-Modell. In: Medien- kompetenz und Medienleistung in der Informationsgesellschaft. Tagung der SGKM und der Fachgruppe Medienpädagogik der DGPuK vom 11./12. April 2003. Zürich, S. 17–26. 207 Van Eimeren, B. / Ridder, C.-M. (2005): Ergebnisse der ARD/ZDF-Langzeitstudie Mas- senkommunikation. Trends in der Nutzung und Bewertung der Medien 1970 bis 2005. In: Media Perspektiven 10, S. 490–504. Vollbrecht, R. (2001): Einführung in die Medienpädagogik. Weinheim und Basel. Vollmer, N. (2000): Nutzungshäufigkeit und Spielvorlieben. In: Fromme, J. / Meder, N. / Vollmer, I. (Hrsg): Computerspiele in der Kinderkultur. Opladen, S. 28–46. Winker, G. (2004): Internetforschung aus Genderperspektiven. In: Buchen, S. / Helfferich, C. / Maier, M. S. (Hrsg.): Gender methodologisch. Empirische Forschung in der Infor- mationsgesellschaft vor neuen Herausforderungen. Wiesbaden, S. 123–143. Winter, R. / Neubauer, G. (2002): Da kannst Du mal sehen … Jungen und Soaps. In: Alles Seifenblasen? Die Bedeutung von Daily Soaps im Alltag von Kindern und Jugendlichen. München: kopaed, S. 319–334. Yates, S. J. / Littleton, K. (1999): Understanding Computer Game Cultures. A situated approach. In: Information, Communication & Society, Volume 2, No. 4, S. 566–583. 208 12 Anhang 12.1 Interviewpartner und Interviewpartnerinnen Ulrike Buchmann (Projektentwicklung), Akademie für Leseförderung an der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover, Interview am 19. 10. 2005 Andreas von Hören (Einrichtungsleitung/Projektleitung), Medienprojekt Wup- pertal e. V., Interview am 20. 10. 2005 Nicole Tritschler (Projektmitarbeiterin), Jugendbildungswerk Freiburg e. V., Interview am 20. 10. 2005 Sascha Denzel (Projektmitarbeiter) Offener Kanal Westküste in Heide/Schles- wig-Holstein, Interview am 20. 10. 2005 Ulrike Hiller (Projektmitarbeiterin), Frauenzentrum Ludwigsburg, Interview am 24. 10. 2005 Karin Heinelt (Einrichtungsleitung/ Projektleitung), Jugendkulturzentrum FORUM, Stadtjugendring Mannheim e. V., Interview am 25. 10. 2005 Hans-Jürgen Palme (Geschäftsführender Vorstand), Studio im Netz e. V. in München, Interview am 31. 10. 2005 Ruken Aytas (Projektmitarbeiterin), Mädchentreff Gewitterziegen in Bremen, Interview am 1. 11. 2005 Steph Klinkenborg (Geschäftsführerin), Frauenmusikzentrum in Hamburg, Interview am 9. 11. 2005 Marco Fileccia (Lehrer/Projektentwicklung), Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen, Interview am 28. 11. 2005 Katja Demnitz (Projektmitarbeiterin), MONAliesA e. V. in Leipzig, Interview am 2. 12. 2005 Eva Pieper (Projektentwicklung), Landesarbeitsgemeinschaft Lokale Medien- arbeit NRW, Interview am 8. 12. 2005 209 Ulrike Schmidt (Einrichungsleitung/ Projektleitung), Schulen ans Netz e. V., Bonn, Interview am 22. 12. 2005 Jens Wiemken (Geschäftsführer), „die pädagogen“, Vechta, Interview am 18. 1. 2006 Karin Eble (Einrichtungsleitung/ Projektleitung), Wissenschaftliches Institut des Jugendhilfswerks Freiburg e. V., Interview am 19. 1. 2006 Prof. Dr. Heidi Schelhowe (Wissenschaftliche Begleitung), Forschungsgruppe „Digitale Medien in der Bildung“ der Universität Bremen, Interview am 31. 1. 2006 Dr. Norbert Neuß (Projektentwicklung), Universität Hamburg, Interview am 6. 2. 2006 210 12.2 Formblätter der Projektrecherche Erstes Formblatt: „Titelblatt“ des Projektfolders 211 Projektname/ Projektbezeichnung: Quelle Hier angeben oder anheften! www. | Flyer o.Ä. | Telefon | E-Mail | Aufsatz | ... Güte der Quelle viel relevante Information | brauchbar | wenig relevante Information Weitere Recherche? | weitere Recherche anstreben Gender-Aspekt Gender stark Aspekte marginal/nicht ( ) unklar Relevanz des Projekts für unsere Arbeit sehr relevant relevant gering/irrelevant ( ) unklar/Wiedervorlage Stand der Recherche kurz gesichtet erste Infos zusammengestellt zentrale Infos zusammengestellt vollständig Blatt angelegt/ergänzt Datum/Name Zeites Formblatt: „Datenblatt“ 212 Projektname/ Projektbezeichnung: Projektbeschreibung Projektträger und Finanzierung Projektdauer Jahre ( ) – Monate ( ) – Wochen ( ) – Tage ( ) Organisationsform Zusammenhängende Projekttage – Wöchentliche Termine – Sonstige Größe der Gruppe = Betreuer/-innen = Feste Projektgruppe – wechselnd zusammengesetzte Gruppe Zielgruppe/ Teilnehmende: nur Mä. | überwiegend Mä. | Mä. + Ju. | überwiegend Ju. | nur Ju. Vorschul~ (0–6 J.) – Grundschul~ (6–10 J.) – Teenager (10–14 J.) – Jugendliche I (14–16 J.) – Jugendliche II (16–18 J.) – Junge Erwachsene (über 18 J.) Wird ein Produkt erstellt? Film : Videofilm – DVD-Film Sendung: Fernsehsendung – Radiosendung Site: Internetseite/Homepage – Internetzeitung – Internetportal Foto: Fotobearbeitung (digital) – Foto (Papier) Text: Fiktionaler Text/Geschichte – fiktionale Fotogeschichte – Comic Text: Dokumentation – Bericht Text: Zeitung (Papier) – Buch – anderes Druckerzeugnis Musik: Musikstück – CD Einmaliges Produkt – periodisch erscheinendes Produkt 213 Was ist Ziel? Kennenlernen eines Mediums Handhabung/Anwendung eines Mediums systematisch einüben Professionelle Handhabung des Mediums einüben Aktives, kreatives Gestalten mithilfe des Mediums Professionell kreativ Gestalten Kritische Analyse von Medieninhalten Kritische Analyse des Mediums selbst Reflexion eines Themas (z.B. Identität, Gesellschaft, Geschlechtsrollenklischees etc.) mithilfe des Mediums Drittes Formblatt: „Genderaspekt im Detail“ 214 Projektname/ Projektbezeichnung: Wo taucht der Aspekt Gender- Sensitivität auf? In der Zielgruppeneinschränkung durch Geschlecht: Zugehörigkeit zum gewünschten Geschlecht ermöglicht Teilnahme Im Ziel des Projekts, geschlechterspezifische Nutzungs- und Kompetenzdefizite abzubauen durch das Ermöglichen eines Zugangs zu Medien durch das Anregen/Fördern eines aktiven Umgangs mit Medien durch intensive Kompetenz-Schulungen Im Ziel des Projekts, Geschlechterstereotypien aufzulösen durch bewusst herbeigeführte nicht-stereotype Handlungserfahrungen durch Analyse und Reflexion geschl.-stereotyper medialer Präsentationen durch das Erstellen medialer Produkte, die Geschlechterstereotypien entlarven oder Gegenentwürfe präsentieren durch Experimentieren mit Stereotypien u. Gegenentwürfen Im Ziel des Projekts, einen geschützten (geschlechtshomogenen) Raum zu schaffen, in dem mit medialer Selbstinszenierung experimentiert werden kann. Im Ziel des Projekts, eine bestimmte Geschlechtsgruppe für ein berufliches Tätigkeitsfeld zu faszinieren, das nicht den Geschlechterstereotypen entspricht (z.B. Mädchen für Technikberufe). In der Personalstruktur die geschlechtshomogen ist (z.B. nur Frauen) in der eine Geschlechtsgruppe überrepräsentiert ist in der Hierarchie nicht an die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht gekoppelt erscheint in der eine Vielfalt von Handlungspraxen einer Geschlechtsgruppe repräsentiert wird 12.3 Geschlechtersensible Medienprojekte Projekt Nr. 1 Projektname … aus Mädchensicht Projektträger und Frauenzentrum Ludwigsburg „Frauen für Frauen Finanzierung e. V.“, Hahnenstraße 47, 71634 Ludwigsburg, Tel.: 0 71 41/22 08 70, E-Mail: info@frauenfuerfrauen-lb. de, www.maedchensicht.de Projekt im Überblick Mädchen aus dem Kreis Ludwigsburg porträtierten in einer filmischen Dokumentation Frauen in geschlechtsuntypischen Berufen. Projektdauer Juni 2005 bis Februar 2006 Veranstaltungsform Feste Projektgruppe Zielgruppe und Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Film, Video Zentrale Absicht Kennenlernen und Handhabung des Mediums Film des Projekts von Drehbuch schreiben über Interviewführung bis zu Kamerabedienung und Filmschnitt; inhaltliche Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen Datum der Recherche 19. 09. 2005 215 Projekt Nr. 2 Projektname Amazone – Mädchenzentrum Projektträger und Mädchenzentrum Amazone, Kirchstraße 39, Finanzierung 6900 Bregenz (Österreich), Tel.: 0 55 74/4 58 01, E-Mail: maedchenzentrum@amazone.or.at, Home- page: www.amazone.or.at Projekt im Überblick Im Mädchenzentrum Amazone wird Mädchen ein eigener Raum geboten. Geschlechtersenible Arbeit findet in den Dimensionen Geschlechtsidentität, Pädagogik, Politik statt. Die Mädchen werden indi- viduell gefördert und in ihrer Autonomie unterstützt. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Workshops, Projekte und ständige Angebote Zielgruppe und Mädchen, junge Frauen Altersstufe Eingesetzte Medien Radio, Video, Webdesign, Digitalfotografie Zentrale Absicht Neudefinition und Aufwertung weiblicher Kompe- des Projekts tenzen; Aufzeigen und Hinterfragen struktureller Ungleichheiten; Kennenlernen und Handhabung von Medien Datum der Recherche 14. 10. 2005 216 Projekt Nr. 3 Projektname Aviva Projektträger und www.aviva-berlin.de, Geschäftsführung und Chef- Finanzierung redaktion: Sharon Adler Gneisenaustraße 46, 10961 Berlin, Tel.: 0 30/6 91 85 03, E-Mail: info@avive-berlin.de Projekt im Überblick Aviva ist ein Onlinemagazin für Frauen, das über vielfältige gendersensitive Projekte informiert und sie initiert. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Onlinemagazin, Plattform Zielgruppe und Erwachsene Frauen Altersstufe Eingesetzte Medien Computer, Internet Zentrale Absicht Plattform für Frauen aus dem IT-Buisness; Multi- des Projekts plikator für Frauen am Medienstandort Berlin Datum der Recherche 02. 08. 2005 217 Projekt Nr. 4 Projektname Buchkinder Projektträger und Freundeskreis Buchkinder e. V. – Kinder machen Finanzierung Bücher, Bernhard-Göring-Straße 110, 04275 Leipzig, Tel.: 03 41/2 25 37 42, E-Mail: info@buchkinder.de, Homepage: www.buchkinder.de Projekt im Überblick Mit der Bücherwerkstatt wird Kindern und Jugend- lichen ein ihnen gemäßer Raum geboten, sich Geschichten auszudenken, Bilderwelten zu bauen und daraus ihr Buch zu machen. Manchmal sind die Bilder vor dem Text da, manchmal wird ein Text illustriert. Spielerisch lernen sie bei der Umsetzung von Text und Bildideen Drucktechniken kennen. Sie erproben sich an Bleisatz und in unterschiedlichen Formen der Buchbindung. Projektdauer Seit April 2001 Veranstaltungsform Feste Gruppen und Termine Zielgruppe und Kinder und Jugendliche von 3 bis 17 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Buch Zentrale Absicht Ermöglichen des Zugangs zu Medien des Projekts Datum der Recherche 13. 10. 2005 218 Projekt Nr. 5 Projektname Computerwerkstatt für Mädchen Projektträger und OffIT CJD Bildungszentrum Offenburg (Bildungs- Finanzierung stätte des CJD Jugenddorfes in Offenburg), Träger: Christliches Jugenddorfwerk Deutschland e. V. (CJD), Jugenddorf Offenburg, Zähringerstraße 42–59, 77652 Offenburg, Tel.: 07 81/9 48 78 16, E-Mail: katrin-suehnel@cjd.de, Homepage: www.cjd- offenburg.de Projekt im Überblick Die Computerwerkstatt für Mädchen ist Teil des Bildungsangebotes der Bildungsstätte. In diesem Kurs wird alles Wichtige rund um den Computer vermittelt: Umgang mit Internet, Textverarbeitung, Bildbearbeitung und Gestaltung einer Präsentation, zudem wird eine CD-ROM erstellt. Projektdauer 35 Unterrichtseinheiten Veranstaltungsform Unterrichtskurs Zielgruppe und Mädchen, die kurz vor dem Schulabschluss stehen Altersstufe Eingesetzte Medien Computer Zentrale Absicht Medium Computer kennenlernen; Handhabung und des Projekts Anwendung üben; zugleich Kennenlernen und Heranführung an Medienberufe; erstellen einer CD-ROM Datum der Recherche 02. 08. 2005 219 Projekt Nr. 6 Projektname Femmes e-magazin Projektträger und Jugendzentrum Wienerberg in Wien, Redaktions- Finanzierung kontakt: renate.wallner@a1.net, Homepage: http:// femme.jugendserver.at oder girlspower. jugendserver.at Projekt im Überblick „Femmes“ war ein medienpädagogisches Projekt des Jugendzentrums Wienerberg, bei dem Mädchen die Möglichkeit hatten, alle Themen und Texte, die sie persönlich interessierten, auch anderen Mädchen zugänglich zu machen. Als freies Redaktionsteam wurden die Mädchen dabei unterstützt, ihre eigenen Ideen und Wünsche journalistisch und technisch umzusetzen. Projektdauer Abgeschlossen (2002–2003); weitere geplant Veranstaltungsform Onlinemagazin Zielgruppe und Mädchen Altersstufe Eingesetzte Medien Computer, Internet Zentrale Absicht Medium Computer durch Redaktion eines Online- des Projekts magazins kennenlernen; Handhabung und Anwen- dung üben; geschützten Raum schaffen, in dem mit der medialen Selbstinszenierung experimentiert werden kann Datum der Recherche 14. 10. 2005 220 Projekt Nr. 7 Projektname fm:z – Frauenmusikzentrum Projektträger und Frauenmusikzentrum Hamburg, Große Brunnen- Finanzierung straße 63 A, 22763 Hamburg, Kontakt: Steph Klinkenborg, Tel.: 0 40/39 27 31 E-Mail: fmz@espressiva.de, Homepage: www.espressiva.de Projekt im Überblick Das fm:z ist seit den Anfängen vor allem Raum für Musikerinnen und deren Austausch mit dem Ziel des Female Empowerments. Das fm:z bietet voll ausge- stattete Proberäume, ein Haus als Treffpunkt für Hamburger Musikerinnen, Vermittlung von musik- aktiven Frauen (Bands, Instrumentalistinnen und Sängerinnen, DJs, Dozentinnen, Licht- oder Tontech- nikerinnen, Bookerinnen, Fotografinnen, etc.) sowie Fortbildung und Qualifizierung durch regelmäßig stattfindende Workshops. Es entstand ein Netzwerk, aus dem heraus sich ein breites Spektrum von Pro- jekten entwickelte, wie z. B. „espressiva – das Musi- kerinnenfestival“ oder „SISTARS – das bundesweite Mädchenbandcoaching“ oder „VerStärker Hamburg – Musikaktivistinnen vernetzt!“ Gleichzeitig werden feministische Ansätze, Strategien und Gender Politics in Veranstaltungen diskutiert. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Feste Gruppen, Workshops, Veranstaltungen, Wettbewerbe etc. Zielgruppe und Junge Bands und Musikerinnen zwischen 12 und 27, Altersstufe teilweise auch älter Eingesetzte Medien Instrumente, Musiktechnik Zentrale Absicht Im Umfeld von Popkultur und Gender ist die des Projekts Intention aller Projekte, eine Selbstverständlichkeit von Musikerinnen und Frauen im Musikbiz zu er- reichen. Neudefinition und Aufwertung von Kompe- tenzen; Hinterfragen struktureller Ungleichheiten Datum der Recherche 19. 09. 2005 221 Projekt Nr. 8 Projektname Frauen ans Netz Projektträger und Die Aktion Frauen ans Netz wird koordiniert beim Finanzierung Kompetenzzentrum Technik – Diversity – Chancen- gleichheit e. V., Wilhelm-Bertelsmann-Straße 10, 33602 Bielefeld, Projektleitung: Birgit Kampmann: Tel.: 05 21/1 06 73 00, E-Mail: kampmann@frauen- ans-netz.de, Homepage: www.frauen-ans-netz.de Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bundesagentur für Arbeit, T-Com, Zeit- schrift Brigitte und Verein Frauen geben Technik neue Impulse e. V. Projekt im Überblick Frauen ans Netz (FaN) hat zum Ziel, den Frauen- anteil im Netz auf mindestens 50 Prozent zu steigern. Zum einen soll eine kostengünstige Internetnutzung ermöglicht werden. Mit dem Projekt sollen Frauen motiviert werden, die Alltagstauglichkeit des Mediums Internet zu erproben und sich an der Gestaltung der Informationsgesellschaft zu beteiligen. Zudem soll gezeigt werden, wie das Internet für Kontakte, Unterhaltung und Information oder auch Weiterbildung genutzt werden kann. Projektdauer 1998 bis 2005 Veranstaltungsform Computer-/ Internetkurse, Homepage (Gestaltung und Pflege) Zielgruppe und Frauen Altersstufe Eingesetzte Medien Internet, Computer Zentrale Absicht Ermöglichen des Zugangs zu Medien; geschlechts- des Projekts spezifische Nutzungs- und Kompetenzdefizite abbauen durch Anregen und Fördern des aktiven Umgangs und Kompetenzschulungen Datum der Recherche 02. 08. 2005 222 Projekt Nr. 9 Projektname Frauen in Sicht Projektträger und Niedersächsische Landesmedienanstalt, Seelhorst- Finanzierung straße 18, 30175 Hannover, Tel.: 05 11/2 84 77-0, E-Mail: info@nlm.de, Homepage: www.nlm.de Projekt im Überblick „Frauen in Sicht“ war ein Projekt zur aktiven Mit- arbeit von Frauen in Bürgermedien, z. B. Radio beim Offenen Kanal Oldenburg, weil Frauen in den Medien – sei es als aktive Macherinnen oder als Personengruppe, über die berichtet wird – unter- repräsentiert sind. Es soll Frauen der aktive Zugang zum Medium Rundfunk erleichtert und so zur Förderung der Medienkompetenz von Frauen beige- tragen werden. Durch spezielle Fortbildungsangebote sowie durch eine intensive Begleitung von Frauen- redaktionsgruppen konnten regelmäßige, frauenspezi- fische Radio- und Fernsehsendungen im Programm des OK Oldenburg etabliert werden. Projektdauer Abgeschlossen Veranstaltungsform Fortbildungsprogramm, Redaktionsgruppen für Radio und Fernsehen Zielgruppe und Frauen Altersstufe Eingesetzte Medien Radio, TV Zentrale Absicht Ermöglichen des Zugangs zu Medien; Förderung des Projekts einer aktiven Beteiligung an Medien; Medien- kompetenz schulen; Anregen und Fördern des aktiven Umgangs Datum der Recherche 08. 09. 2005 223 Projekt Nr. 10 Projektname Frauennet Projektträger und Girlsspace e. V. c/o Ev. Jugendpfarramt, Kartäuser- Finanzierung wall 24b, 50678 Köln, Tel.: 02 21/9 52 67 63, E-Mail: girlspace-verein@netcologne.de, Homepage: www.girlspace.de Projekt im Überblick „Frauennet“ ist das Onlinemagazin des Mädchen- und Frauentreffs Girlsspace. Der Verein bietet speziell Au-pair- Mädchen und Frauen aus aller Welt eine Einführung in die Neuen Medien und deren Nutzung. Soziale und emotionale Kompetenzen sollen durch die Zusammenarbeit in einer gleich- geschlechtlichen Gruppe unterstützt und gestärkt werden. Das Projekt besteht aus zwei Bereichen: Interneteinführungskurs und Onlinemagazin „Frauen- net-Köln“. Projektdauer Dauerhaft seit 2001 Veranstaltungsform Onlinemagazin, Interneteinführungskurse Zielgruppe und Junge Frauen mit Migrationshintergrund Altersstufe Eingesetzte Medien Internet, Computer Zentrale Absicht Einführung ins Internet und dessen Nutzung; des Projekts Erweiterung kommunikativer Kompetenzen (mehr- sprachige Website); Kennenlernen und Austausch mit Frauen in ähnlicher Lebenslage Datum der Recherche 04. 08. 2005 224 Projekt Nr. 11 Projektname Girls go Movie Projektträger und Projektträger: Stadtjugendring Mannheim e. V., Finanzierung Jugendkulturzentrum FORUM, Neckarpromenade 46, 68167 Mannheim; Kontakt: Karin Heinelt, Tel.: 06 21/2 93 76 61, E-Mail: karin.heinelt@forum- mannheim.de Projekt im Überblick Das Projekt „Girls go Movie“ initiiert und unter- stützt die Videofilmproduktion von Mädchen und jungen Frauen. Den Teilnehmerinnen werden Beratung, Betreuung, Qualifizierung und kostenlose Technik angeboten. Das Projekt bietet die Möglich- keit, sich einem öffentlichen Publikum mitzuteilen. Sie können als „Macherinnen“ von Videofilmen agieren und eigene Ideen umsetzen, dem alltäglichen Angebot etwas entgegensetzen und dabei in eine kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Film/Fernsehen treten. Durch den Umgang mit der notwendigen Technik (Kamera, Beleuchtung, Dreh- buch, etc.) erlangen sie Technikkompetenz. Projektdauer Jährlich, aktuelles Projekt von November 2005 bis April 2006 Veranstaltungsform Wettbewerb Zielgruppe und Mädchen und junge Frauen Altersstufe Eingesetzte Medien Video und Filmtechnik Zentrale Absicht Öffentliche Präsenz von Mädchen; Medien- des Projekts kompetenz und kulturelle Bildung; Persönlichkeits- entwicklung; Technikkompetenz schulen Datum der Recherche 19. 09. 2005 225 Projekt Nr. 12 Projektname Girlzine Projektträger und Redaktion Girlzine (Mädchentreff Ludwigsburg) Finanzierung c/o Frauen für Frauen e. V., Hahnenstrasse 47, 71634 Ludwigsburg, Tel.: 0 71 41/22 08 70, E-Mail: redaktion@girlzine.de, Homepage: www.girlzine.de Projekt im Überblick Girlzine ist ein Onlinemagazin von, für und über Mädchen. Mit dem Girlzine sollen Mädchen und junge Frauen aus dem Raum Ludwigsburg die Mög- lichkeit haben, ihre Themen ins World Wide Web zu bringen. Die Onlinezeitung Girlzine ist ein Gemein- schaftsprojekt des Mädchentreffs Ludwigsburg mit ccm webwork&more und der Journalistin Sandra Mross. Begleitet wird das Projekt von Fachfrauen aus den Bereichen EDV/Webdesign und Journalistik. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Onlinemagazin Zielgruppe und Mädchen und junge Frauen Altersstufe Eingesetzte Medien Internet Zentrale Absicht Geschützten Raum für die mediale Selbstinszenie- des Projekts rung und den Ausdruck von Mädchen schaffen; geschlechtsspezifische Nutzungs- und Komeptenz- defizite abbauen; Anregen und Fördern des aktiven Umgangs mit Medien Datum der Recherche 02. 08. 2005 226 Projekt Nr. 13 Projektname Görls – Medienprojekt im Medienzentrum Wien X-tra Projektträger und Verein WienXtra, Medienzentrum: Zieglergasse 49/ II, Finanzierung 1070 Wien (Österreich), Tel.: 01/40 00-8 34 44, E-Mail: medienzentrum@wienXtra.at oder Home- page: goerlskalender.medienzentrum.at Projekt im Überblick Görls, der Mädchenkalender ist ein Projekt des Medienzentrum Wien. Es fördert und unterstützt den aktiven, kreativen und kritischen Umgang mit Medien in der außerschulischen Jugendarbeit. In Radio-, Video-, Zeitungs- und Musikworkshops lernen sie technische und gestalterische Grundlagen kennen. Zur selbstständigen Realisierung eigener Projekte stehen Kameras, Audiosets, Video- und Audio- Schnittmöglichkeiten zur Verfügung. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Workshops Zielgruppe und Mädchen zwischen 16–19 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Zeitung und Homepage (Computer) Zentrale Absicht Anregen und Fördern des aktiven Umgangs mit des Projekts Medien und Kompetenzschulungen; geschützten Raum für mediale Selbstinszenierung schaffen Datum der Recherche 14. 10. 2005 227 Projekt Nr. 14 Projektname Hardliner Projektträger und Die Pädagogen, Büro für Jugend-, Schul- und Finanzierung Kommunalprojekte, Kontakt: Jens Wiemken, Füchtelerstraße 5, 49377 Vechta, Tel.: 0 44 41/ 85 43 85, E-Mail: info@diepaedagogen.de, Home- page: www.diepaedagogen.de Projekt im Überblick Mit dem Hardliner-Konzept wird versucht bei Bild- schirmspielern die begrenzte virtuelle Erfahrung durch authentische Erlebnisse auszugleichen. Com- puterspiele werden in der Wirklichkeit nachgestellt und gespielt. Der „Hardliner“-Ansatz eignet sich für die Arbeit zum Thema Gewaltprävention mit außer- schulischen Gruppen und als Idee für Projektwochen und Bildungsfahrten für Schulklassen. Projektdauer Regelmäßig Veranstaltungsform Zusammenhängende Projekttage Zielgruppe und Jungen zwischen 12 und 16 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computerspiele und reales Erleben Zentrale Absicht Reales Erleben von PC-Spielsettings (Egoshooter); des Projekts Auseinandersetzung mit Differenz von Spiel und Realität und mit Geschlechtsrollen Datum der Recherche 13. 10. 2005 228 Projekt Nr. 15 Projektname Hören Machen – Girls Power Radio Projektträger und Freier Rundfunk Salzburg, Mühlbacherhofweg 5, Finanzierung 5020 Salzburg (Österreich), Tel.: 06 62/84 29 61, E-Mail: office@akzente.net, Homepage: www.akzente.net /Hoeren-machen.744.o.html Projekt im Überblick Anliegen ist eine Plattform für diejenigen zu schaffen, die in den kommerziellen Medien kaum zu Wort kommen. Unter dem Motto „Dein Programm bist du selber“ wird Mädchen die Möglichkeit gebo- ten, Radio von Mädchen für Mädchen zu gestalten. In Workshops wird in Grundbegriffe und Techniken des Radiomachens eingeführt, am Ende erhalten die Mädchen ihre Sendung auf CD. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Workshops Zielgruppe und Mädchen Altersstufe Eingesetzte Medien Radio, digitale Technik Zentrale Absicht Mädchen entwerfen und gestalten ihr eigenes Radio- des Projekts programm; Technikschulung; mediale Selbstinszenie- rung und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen Datum der Recherche 14. 10. 2005 229 Projekt Nr. 16 Projektname jc hafen höft Projektträger und Jugendcafé Hafen Höft, Zum alten Tief 1, Finanzierung 28759 Bremen, Tel.: 04 21/6 60 86 65, E-Mail: JugendcafeHH@t-online.de, Homepage: www.jchafenhoeft.netcup.de Projekt im Überblick In den Medienprojekten soll der Umgang mit den verwendeten Medien, die Darstellung von persön- lichen Artikulationen in den Medien und der Umgang mit sich selbst als soziale Kompetenz vermittelt werden. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Projekte in Form von Arbeitsgemeinschaften Zielgruppe und Mädchen und Jungen Altersstufe Eingesetzte Medien Webdesign, Computer, Film, Foto Zentrale Absicht Kennenlernen und Handhabung eines Medium des Projekts systematisch einüben; Anregen und Fördern des aktiven und inhaltlichen Umgangs mit Medien Datum der Recherche 13. 10. 2005 230 Projekt Nr. 17 Projektname Job Werkstatt Mädchen Projektträger und Technischer Jugendfreizeit- und Bildungsverein Finanzierung (tjfbv) e. V. – Job Werkstatt Mädchen, Rudower Straße 37, 12557 Berlin, Tel.: 0 30/67 48 94 93, E-Mail: jobwerkstattmaedchen@tjfbv.de, Homepage: www.jobwerkstattmaedchen.de, Finanzierung: u. a. Europäischer Sozialfonds (ESF), das Bundesministe- rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Projekt im Überblick Job Werkstatt Mädchen ist ein Projekt der außer- schulischen Bildungsarbeit für Mädchen. Hier finden Mädchen und junge Frauen Zugang zu technischen Berufen der Multi-Media- und der IT-Branche, sie können sich an Grafik-Programmen, digitalen Video- schnittplätzen oder Lötstationen ausprobieren. Sie können sich gezielt auf moderne Berufe vorbereiten, Hilfe bei der Recherche nach Ausbildungsplätzen und Begleitung beim Übergang von der Schule in die Ausbildung erhalten. Projektdauer Dauerhaft seit 1997 Veranstaltungsform Zusammenhängende Projekttage, Gruppengröße von Schulklassen bis zu Einzelpersonen, ständige (wöchentliche) Termine Zielgruppe und Mädchen ab 14 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computer, Video, Lötwerkstatt Zentrale Absicht Kennenlernen eines Mediums; professionelle des Projekts Handhabung eines Mediums systematisch einüben; Heranführung an technischen (Medien-)Berufe Datum der Recherche 31. 07. 2005 231 Projekt Nr. 18 Projektname Jugend ans Netz Projektträger und Projektträger: Internationaler Jugendaustausch- und Finanzierung Besucherdienst der Bundesrepublik Deutschland (IJAB) e. V., Stiftung Demokratische Jugend, Univer- sität Bielefeld, Projektleitung: Andreas Pautzke. Tel.: 02 28/95 06-0, E-Mail: a.pautzke@jugendstiftung. org; mehr Informationen unter www.jugend.info, Förderung: Bundesministerium Familie, Senioren und Sport, Initiative D21. Projekt im Überblick „Jugend ans Netz“ ist eine Initiative für mehr Inter- netanschlüsse in Jugendzentren. Ziel ist ein um- fassendes außerschulisches Informations-, Bildungs- und Beratungsangebot zu schaffen, um möglichst viele jugendliche Nutzerinnen und Nutzer zu er- reichen und ihre Medienkompetenz zu stärken. Außerdem werden mehrtägige medienpädagogische Schulungen für die Leiterinnen und Leiter der Jugendzentren angeboten, damit sie gezielte Medien- projekte durchführen, die die Jugendlichen mit Teil- nahme-Zertifikaten abschließen können. Projektdauer Längerfristig Veranstaltungsform Ausstattungsoffensive und Schulungen für Multi- plikatorInnen Zielgruppe und Mädchen und Jungen Altersstufe Eingesetzte Medien Computer und Internet Zentrale Absicht Ermöglichen des Zugangs zu Medien; geschützten des Projekts Raum für mediale Selbstinszenierung und Ausdruck schaffen; geschlechtsspezifische Nutzungs- und Komeptenzdefizite abbauen; MultiplikatorInnenschu- lung Datum der Recherche 31. 10. 2005 232 Projekt Nr. 19 Projektname Jungs machen Radio Projektträger und Offener Kanal Westküste, Landvogt-Johannsen- Finanzierung Straße 11, 25746 Heide, Tel.: 04 81/33 33, E-Mail: info@okwestkueste.de, Homepage: www.okwestkueste.de, Kontakt: Sascha Denzel Projekt im Überblick In Workshops entwerfen und gestalten Jungen Radiosendungen zu Themen, die sie teilweise selbst wählen. Projektdauer Wiederkehrend Veranstaltungsform Zusammenhängende Projekttage Zielgruppe und Jungen zwischen 10 und 13 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Radio Zentrale Absicht Artikulation im Radio; Auseinandersetzung mit des Projekts relevanten Themen und Geschlechterbildern Datum der Recherche 04. 08. 2005 233 Projekt Nr. 20 Projektname Jungs ran an die Bücher Projektträger und Akademie für Leseförderung der Stiftung Lesen, Finanzierung Waterloostraße 8, 30169 Hannover, Kontakt: Ulrike Buchmann, Tel.: 05 11/1 26 73 08, E-Mail: ulrike. buchman@gwlb.de Projekt im Überblick „Jungs ran an die Bücher“ ist ein Projekt zur Schulung von Multiplikatorinnen, mit dem Ziel Jungen an die Lust zum Lesen heranzuführen und ihre Lesekompetenz zu steigern. Projektdauer Wiederkehrend Veranstaltungsform Seminar Zielgruppe und Lehrerinnen, Bibliothekarinnen (MultiplikatorInnen) Altersstufe Eingesetzte Medien Vortrag, Animation Zentrale Absicht Defizite im Lesen bei Jungen abbauen des Projekts Datum der Recherche 19. 09. 2005 234 Projekt Nr. 21 Projektname Karlsrules Junior Edition Projektträger und Musikmobil SOUNDTRUCK, Saarlandstraße 16, Finanzierung 76187 Karlsruhe, Tel.: 07 21/56 63 41, E-Mail: soundtruck@t-online.de, Homepage: www.soundtruck.de Projekt im Überblick Das Musikmobil Soundtruck führt verschiedene re- gionale Musikprojekte durch. Im Projekt „Karlsrules Junior Edition“ werden gezielt jugendliche HipHop- Künstler gefördert. Sie werden in jede Phase einer CD-Produktion aktiv einbezogen und sind sowohl künstlerisch-gestalterisch als auch technisch tätig. Zum Projekt gehört auch eine CD-Release-Party, dadurch erwerben die Jugendlichen Kenntnisse im Bereich der Bühnen- und Beschallungstechnik. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Zusammenhängende Projekttage Zielgruppe und Jugendliche Hip-Hop-Künstler Altersstufe Eingesetzte Medien Musiktechnik Zentrale Absicht Erlernen eines aktiven und selbstgesteuerten des Projekts Umgangs mit Musikmedien; authentische und ganz- heitliche Einblicke in die Musik-CD-Produktion Datum der Recherche 12. 09. 2005 235 Projekt Nr. 22 Projektname Kinder auf die Spuren bringen Projektträger und Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Forschungs- Finanzierung stelle Jugend-Medien-Bildung; wissenschaftliche Leitung und Kontakt: Prof. Dr. Gudrun Marci- Boehncke; Prof. Dr. Matthias Rath, Tel.: 0 71 41/ 1 40–2 22, E-Mail: rath@ph-ludwigsburg.de, Home- page: www.ph-ludwigsburg.de/956.html Projekt im Überblick Das Projekt „Kinder auf die Spuren bringen – Medienerziehung in der Frühförderung“ ist ein Forschungsprojekt zur Medienerziehung im Kinder- garten. Neben der Datenerhebung steht gleichberech- tigt die Förderung des eigenständigen und kreativen Medienumgangs der Kinder. Die medienpädagogi- sche Intervention wird wiederum wissenschaftlich begleitet, die Ergebnisse an die Erzieherinnen zurückgemeldet, damit diese sie für ihre tägliche Arbeit im Kindergarten nutzen können. Projektdauer Januar 2005 bis Frühjahr 2007 Veranstaltungsform Forschungsprojekt Zielgruppe und Kinder bis 6 Jahre Altersstufe Eingesetzte Medien Medien jeglicher Art Zentrale Absicht Erhebung der Mediennutzungsgewohnheiten von des Projekts Vorschulkindern; Erhebung von Folgen medialer Nutzung auf die kognitiven Kompetenzen; Erhebung von Medienkompetenz, Entwicklung medienerziehe- rischer Konzepte für den Vorschulbereich; Evalua- tion dieser Interventionen Datum der Recherche 31. 07. 2005 236 Projekt Nr. 23 Projektname Klickerkids Projektträger und jaf – Junger Arbeitskreis Film und Video e. V., Finanzierung Bebelallee 22, 22299 Hamburg, Tel.: 0 40/5 11 38 40, E-Mail: info@klickerkids.de, Homepage: www.klickerkids.de Projekt im Überblick Klickerkids ist ein Projekt für Mädchen und Jungen, die Lust haben selber Internetseiten zu gestalten und sie anderen zu präsentieren. Ziel von „klickerkids“ ist Kindern eine gemeinsame Website zur Verfügung zu stellen, wo ihre Interessen und Ideen im Mittel- punkt stehen. Unter medienpädagogischer Anleitung recherchieren, gestalten und programmieren die Kinder zu Themen, die ihnen wichtig sind. Internet und Computer werden zu kreativen Kommunikations- und Erzählwerkzeugen. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Zusammenhängende Projekttage inklusive Präsenta- tion für Eltern und Freunde, offenes Mitmachangebot auf Veranstaltungen oder regelmäßiges wöchentliches Treffen Zielgruppe und Mädchen und Jungen zwischen 7 und 15 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computer und Internet Zentrale Absicht Ermöglichen des Zugangs zu Medien; (geschlechts- des Projekts spezifische) Nutzungs- und Komeptenzdefizite ab- bauen; Anregen und Fördern des aktiven Umgangs Datum der Recherche 04. 08. 2005 237 Projekt Nr. 24 Projektname Leseförderung Jungen Projektträger und Öffentliche Bücherhallen Hamburg, Ansprech- Finanzierung partnerin: Heidi Jakob-Röhl, Tel.: 0 40/4 20 67 93, E-Mail: kinderbibliothek.hamburg@buecherhallen.de, Homepage: www.buecherhallen.de Projekt im Überblick „Leseförderung Jungen“ ist ein Veranstaltungs- konzept der Hamburger Bücherhallen für Jungen und ihre Väter, das ein gemeinsames Leseerlebnis von Männern und Jungen ermöglicht. Projektdauer Tagesveranstaltung Veranstaltungsform Lesereise Zielgruppe und Jungen zwischen 6 und 11 Jahren und ihre Väter Altersstufe Eingesetzte Medien Bücher (Geschichten) Zentrale Absicht Leseförderung des Projekts Datum der Recherche 19. 09. 2005 238 Projekt Nr. 25 Projektname Leyla – Mädchentreff Projektträger und ProMädchen – Mädchenhaus Düsseldorf e. V., Finanzierung Hüttenstraße 32, 40215 Düsseldorf, Tel.: 02 11/ 1 57 95 90, E-Mail: maedchentreff@promaedchen.de, Homepage: www.promaedchen.de Projekt im Überblick Der Mädchentreff „Leyla“ will neben der Förderung von sozialen Kompetenzen auch die Medienkompe- tenz von Mädchen und jungen Frauen schulen. Inter- kulturalität spielt als schöpferische Ressource eine wichtige Rolle. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Workshops, ständige Angebote Zielgruppe und Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computer, digitale Bildbearbeitung, Onlinemagazin „Zickenpost“ Zentrale Absicht Förderung der Sozial- und Medienkompetenz von des Projekts Mädchen Datum der Recherche 13. 10. 2005 239 Projekt Nr. 26 Projektname LizzyNet Projektträger und Schulen ans Netz e. V., Loggia am Stadthaus, Finanzierung Thomas-Mann-Straße 4, 53111 Bonn, Tel.: 02 28/ 91 04 80, Kontakt: Ulrike Schmidt (Leitung), E-Mail: ulrike.schmidt@schulen-ans-netz.de, Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Europäischer Sozialfonds Projekt im Überblick LizzyNet möchte Mädchen einen Platz im World Wide Web geben, damit sie das Netzgeschehen mit- bestimmen können und unter sich über die Themen reden können, die ihnen wichtig sind. Dazu soll das notwendige Know-how vermittelt werden, damit Mädchen das Netz aktiv mitgestalten können. Lizzy- Net ist nicht kommerziell und wird redaktionell und medienpädagogisch betreut. LizzyNet hat im Ange- bot: Onlinekurse z. B. für Html oder Flash, Commu- nities, Lerngruppen etc. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Onlinemagazin, Onlinekurse Zielgruppe und Mädchen ab 12 Jahre Altersstufe Eingesetzte Medien Internet, Onlinemagazin Zentrale Absicht Kennenlernen und Anwendung von Internet und des Projekts Computer; Austausch und Darstellung persönlich bedeutsamer Themen Datum der Recherche 02. 08. 2005 240 Projekt Nr. 27 Projektname Mädchen in Bremen – aber sicher. Projektträger und Mädchentreff Gewitterziegen, Kornstraße 100, Finanzierung 28201 Bremen, Kontakt: Ruken Aytas, Tel.: 04 21/ 53 51 80, E-Mail: maedchentreff@gewitterziegen- bremen.de Projekt im Überblick „Mädchen in Bremen – aber sicher.“ war ein Video- film-Wettbewerb zum Thema Sicherheit aus Sicht von Mädchen in Bremen. Der Mädchentreff Gewitterziegen war eine der VeranstalterInnen und sorgte für technische und pädagogische Begleitung und Unterstützung. Projektdauer September bis Ende Oktober 2005 Veranstaltungsform Videofilm-Wettbewerb Zielgruppe und Mädchen und junge Frauen von 12 bis 18 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Video Zentrale Absicht Kennenlernen und Anwendung von Video-/Film- des Projekts technik,; Auseinandersetzung mit relevantem Thema Datum der Recherche 04. 08. 2005 241 Projekt Nr. 28 Projektname Mädchen Medien Projekt Projektträger und Haus der Jugend im Jugendbildungswerk Freiburg Finanzierung e. V., Uhlandstraße 2, 79102 Freiburg, Kontakt: Nicole Tritschler, Tel.: 07 61/79 19 79-22, E-Mail: nicole.tritschler@jbw.de Projekt im Überblick Im Rahmen des Freiburger Ferienpasses bietet das Jugendbildungswerk Freiburg medienpädagogische Projekte an, zum Beispiel Bildbearbeitung mit Computer, Scanner und Digitalkamera, Herstellung verschiedener Produkte mit Computertechnik. Projektdauer Regelmäßig Veranstaltungsform Zusammenhängende Projekttage Zielgruppe und Mädchen von 11 bis 17 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computer, digitale Fotografie Zentrale Absicht Kennenlernen eines Mediums; Handhabung eines des Projekts Medium systematisch einüben; selbstreflexive Auseinandersetzung anregen Datum der Recherche 19. 09. 2005 242 Projekt Nr. 29 Projektname MaDonna Projektträger und MadonnaMädchenkult.Ur e. V., Falkstraße 26, Finanzierung 12053 Berlin, Tel.: 0 30/6 21 20 48, E-Mail: Madonnamaedchenpower@web.de, Homepage: www.madonnamaedchenpower.de Projekt im Überblick Der Verein für Mädchenarbeit bietet u. a. ein Multi- media-Film-Projekt an. In diesem Projekt soll neben dem Erlernen des technischen Umgangs auch die Lernfreude gestärkt werden und so die schulische und berufliche Qualifikation verbessert werden. Des Weiteren soll durch den Film Anerkennung und Aufmerksamkeit für die Anliegen der Mädchen erreicht werden. Parallel zum Workshop werden Zukunftsperspektiven geklärt und Kontakt zur Berufshilfe geknüpft. Projektdauer Dauerhaft / längerfristig Veranstaltungsform Medienarbeit in Form von Projekten Zielgruppe und Mädchen von 14 bis 22 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Multimedia-Film, digitale Fotografie Zentrale Absicht Technik- und Medienkompetenz fördern; durch des Projekts aktive und kreative Handhabung das Medium Film erlernen; Ausdrucksmöglichkeit für eigene Anliegen bieten Datum der Recherche 19. 09. 2005 243 Projekt Nr. 30 Projektname Medi@culture Projektträger und Das Projekt MediaCulture-Online ist Teil des Finanzierung Projekts Medienoffensive II des Landes Baden- Württemberg (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg). Projektleitung: Dr. Jochen Hettinger; Tel.: 07 11/2 79 25 28, E-Mail: Jochen.Hettinger@km.kv.bwl.de, Homepage: www.mediaculture-online.de Projekt im Überblick Medi@Culture-Online ist ein Internetportal, das Informationen rund um die Themen Medienbildung, Medienpraxis und Medienkultur für den schulischen und außerschulischen Bereich zur Verfügung stellt. Das Angebot gibt Lehrerinnen, Lehrern, Eltern, Studierenden sowie pädagogischen Multiplikatoren Anleitungen und Literatur für die eigene Medien- produktion, Medienanalyse und Mediennutzung an die Hand. In dem Teilprojekt „Mediaculture-Praxis“ wird Kindern und Jugendlichen ermöglicht, für sie interessante Themen mit Medien zu bearbeiten, dabei eigene Ausdrucksformen zu finden und Medienproduktionen herzustellen. Das Projekt folgt dabei einem handlungsorientierten Ansatz. Zugleich ist Mediaculture eine Plattform für Medienarbeit in Baden-Württemberg. Projektdauer 2003 bis 2005 Veranstaltungsform Einzelprojekte mit Workshopcharakter, Plattform Zielgruppe und Jugendliche Mädchen und Jungen Altersstufe Eingesetzte Medien Video, Radio, Internet, digitale Fotografie, CD-ROM, Zeitung, Hörspiel, einmalige Produkterstellung Zentrale Absicht Kennenlernen eines Mediums; aktive und kreative des Projekts Handhabung eines Medium systematisch einüben; Reflexion von Themen mithilfe des Mediums Datum der Recherche 31. 07. 2005 244 Projekt Nr. 31 Projektname Mediennächte Projektträger und Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen, Finanzierung Tel.: 02 08/8 57 89–0, www.gym-elsa-ob.de, E-Mail: EBG@gym-elsa-ob.de organisiert von: Marco Fileccia, Homepage: www.fileccia.de Projekt im Überblick Die Mediennächte sind eine außerschulische Ver- anstaltung am Elsa-Brändström-Gymnasium für die Schüler dieser Schule. Bei dieser Party gibt es viel- fältige Möglichkeiten, sich verschiedenen Medien anzunähern, u. a. LAN-Party, Chat / Internetraum, „Singstar“-Karaoke. Es wird darauf geachtet, dass die Medienangebote jeden ansprechen. Ziel ist, in einem lockeren und dennoch pädagogisch begleiteten Rahmen miteinander und im Umgang mit den Medien Spaß zu haben und Medienkompetenz zu entwickeln. Projektdauer Abendveranstaltung Veranstaltungsform Medienparty Zielgruppe und Mädchen und Jungen ab 14 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Vielfältige Medien Zentrale Absicht Medien erleben und ausprobieren; Medienkompetenz des Projekts schulen Datum der Recherche 02. 08. 2005 245 Projekt Nr. 32 Projektname Medienprojekt Wuppertal Projektträger und Medienprojekt Wuppertal, Kontakt: Andreas von Finanzierung Hören, Hofaue 59, 42103 Wuppertal, Tel.: 02 02/ 5 63 26 47, E-Mail: borderline@wuppertal.de, Homepage: www.medienprojekt-wuppertal.de Projekt im Überblick Das Medienprojekt Wuppertal konzipiert und reali- siert seit 1992 erfolgreich Modellprojekte aktiver Jugendvideoarbeit, dazu gehören: das regelmäßig er- scheinende Jugendvideomagazin „borderline“, thema- tische Videoworkshops und Videoaktionswochen, Doku-Soaps, thematische Dokumentationen, inter- nationale Videoprojekte. Nach dem Motto „Jugend- liche klären am besten Jugendliche auf“ wird die Hälfte der Videos bundesweit über eine eigene Edition und über diverse Verlage als Bildungs- und Aufklärungsmedium vertrieben. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Produktionen, regelmäßige Workshops, Aktions- wochen Zielgruppe und Mädchen und Jungen von 14 bis 28 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Video und Filmtechnik Zentrale Absicht Möglichkeit zur kreativen Artikulation ihrer des Projekts Ästhetiken, ihrer Meinungen und Lebensinhalte bieten; kommunikative Kulturtechniken, Lust an Film und Video sowie am künstlerischen und inhalt- lichen Ausdruck anregen und fördern Datum der Recherche 27. 09. 2005 246 Projekt Nr. 33 Projektname MiM – Mädchen in Medienberufe Projektträger und Landesarbeitsgemeinschaft Lokale Medienarbeit Finanzierung NRW, Emscherstraße 71, 47137 Duisburg; Tel.: 02 03/4 10 58-10, E-Mail: info@medienarbeit-nrw.de Projekt im Überblick Beim „MiM“-Projekt können Mädchen und junge Frauen die Vielfalt der Medienberufe kennenlernen und selbst ausprobieren. In den MiM-Praxiswork- shops werden Videofilme oder Radiobeiträge erstellt, Internetseiten gestaltet und programmiert. Die MiM- Teilnehmerinnen besuchen Redaktionen, Agenturen, Produktionsfirmen und begegnen Frauen, die sich bereits einen Arbeitsplatz in der Medienwelt erobert haben. „MiM“ wurde unterstützt durch die örtlichen Arbeitsämter, Regionalstellen Frau und Beruf, IHKs, Handwerkskammern und Ausbildungsinstitutionen. Medienunternehmen ermöglichen Berufsfelderkun- dungen, Praktika und Ausbildungsplatzangebote für Mädchen. Qualifikationsveranstaltungen für Multi- plikatorInnen, durchgeführt als Fachtagungen und Regionalkonferenzen, runden das MiM-Programm ab. Projektdauer Abgeschlossen Veranstaltungsform Projekttage, Workshops Zielgruppe und Mädchen zwischen 14 und 21 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Je nach Workshop, vorrangig Film, Fernsehen, Radio Zentrale Absicht Technik- und Medienkompetenzförderung bei des Projekts Mädchen; Neudefinition und Aufwertung weiblicher Eigenschaften und Kompetenzen; Mädchenförderung hinsichtlich Berufswahl im Medienbereich Datum der Recherche 02. 08. 2005 247 Projekt Nr. 34 Projektname MONAliesA Projektträger und MONAliesA e. V., Haus der Demokratie, Bernhard- Finanzierung Göring-Straße 152, 04277 Leipzig, Kontakt: Katja Demnitz, Tel.: 03 41/3 06 52 60, E-Mail: monaliesa@leipzigerinnen.de, Homepage: www.monaLiesa.Leipzigerinnen.de Projekt im Überblick Mädchen finden bei MONAliesA einen geschützten Raum, in dem sie sich treffen, austauschen oder eigene Projekte planen und durchführen können. Die regelmäßigen Mädchennachmittage umfassen eine Veranstaltungsreihe mit unregelmäßigen medienpä- dagogischen Angboten und stehen für eine lustvolle Auseinandersetzung mit der weiblichen Identität. Eine Mädchenbibliothek bietet dafür einen breit gefächerten Bestand an Büchern, Videos und CDs für Mädchen aller Altersstufen. Projektdauer Ständiger Mädchentreff, medienpädagogische Projekte unregelmäßig Veranstaltungsform Workshops, Projektarbeit Zielgruppe und Mädchen ab 12 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Video, Foto, Radio Zentrale Absicht Reflektion von Selbstbild und Vorstellungen bezüg- des Projekts lich Geschlecht und Geschlechtsrollen; feministische Mädchenarbeit in der Medien als Mittel zur Aus- einandersetzung eingesetzt werden Datum der Recherche 01. 08. 2005 248 Projekt Nr. 35 Projektname Multiline Projektträger und WI-Fachbereich Fortbildung; Konradstraße 14, Finanzierung 79100 Freiburg, Kontakt: Karin Eble, Tel.: 07 61/ 7 03 61-14, E-Mail: eble@jugendhilfswerk.de, Home- page: www.multiline-net.de Projekt im Überblick Kompetenzen im Umgang mit Neuen Medien zu fördern, ist ein wichtiges Bildungsziel und Voraus- setzung für Chancengleichheit. Als interdisziplinäres Netzwerk bündelt Multiline Ressourcen aus Medien, Pädagogik und Politik, um die Medienkompetenz von pädagogischen Fachkräften sowie Mädchen und jungen Frauen nachhaltig zu stärken. Damit trägt Multiline zur Verbesserung der Chancengleichheit in Bildung und Beruf bei. Multiline bietet auch medienpädagogische Projekte an. Weiterhin sorgt es für Vernetzung, Information und Qualifizierung von Fachkräften aus Praxis und Wissenschaft. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Virtuelle Plattform Zielgruppe und Multiplikatorinnen, Mädchen, junge Frauen Altersstufe Eingesetzte Medien Digitale Fotografie, Radio, Internet, Computerspiele, Kamera (Filmtechnik) Zentrale Absicht Plattform zum Vernetzen, Informieren, Qualifizieren; des Projekts Medienpraxis entwickeln zur Technik- und Medien- kompetenzförderung bei Mädchen Datum der Recherche 19. 09. 2005 249 Projekt Nr. 36 Projektname Neue Medien in der sexualpädagogischen Arbeit in der Schule Projektträger und Leitung: Prof. Dr. Cornelia Helfferich, Evangelische Finanzierung Fachhochschule Freiburg (KGBI), Bugginger Straße 38, 79114 Freiburg, Tel.: 07 61/4 78 12 38, E-Mail: kgbi@efh-freiburg.de, Förderung: Kompe- tenzzentrum für Genderforschung und Bildungs- fragen in der Informationsgesellschaft (KGBI), E-Mail: kgbi@freiburg.de, Homepage: www.kompetenzgbi.de Projekt im Überblick „Neue Medien in der sexualpädagogischen Arbeit in der Schule – Mediennutzung und Geschlechterinter- aktion im Entwicklungsbezug“ ist ein Forschungs- projekt zu Erfahrungen von Jugendlichen mit sexuel- len Inhalten im Internet. Es wird untersucht, wie Mädchen und Jungen interagieren, wenn sie sexuelle und sexualpädagogische Inhalte im Internet aufsu- chen. Zusätzlich werden in einem Workshop pädago- gische Fachkräfte befähigt, den sexualpädagogischen Unterricht im Hinblick auf die Vermittlung von Medien- und Genderkompetenz besser auf die Ent- wicklungslagen und subkulturellen Vorstellungswelten von Mädchen und Jungen zuschneiden zu können. Projektdauer 2003 bis 2006 Veranstaltungsform Forschungsprojekt, Seminare Zielgruppe und Mädchen und Jungen zwischen 16 und 18 Jahren, Altersstufe Lehrkräfte Eingesetzte Medien Internet Zentrale Absicht Ziel ist es, die Frage zu beantworten, welchen des Projekts „funktionalen“ Beitrag neue Medien zur Geschlech- terentwicklung im Bereich Sexualität /Sexualpädago- gik leisten. Des Weiteren soll geklärt werden wie Mädchen und Jungen in Interaktionssituationen un- tereinander und mit und in dem Medium (sexuelles) Geschlecht präsentieren und regulieren. Übergeord- netes Ziel ist es, dieses Wissen Lehrkräften an die Hand zu geben, damit sie neue Medien angemessen einsetzen und Medienkompetenz zusammen mit Genderkompetenz vermitteln können. Datum der Recherche 04. 08. 2005 250 Projekt Nr. 37 Projektname Pippilotta – Agentur für Mädchen und Frauen- projekte Projektträger und Agentur Pippilotta, Kontakt: Dinah Zanetti-Über- Finanzierung wasser; Postfach 16 in CH-4009 Basel, Tel.: 00 41/ 79/6 62 41 80, E-Mail: info@pippilotta.ch, Home- page: www.pippilotta.ch Projekt im Überblick Die Agentur Pippilotta ist eine feministische Denk- fabrik, die eigene Projekte an Schulen und in der offenen Jugendarbeit, die Ausarbeitung gender- bewusster pädagogischer Konzepte und Methoden sowie Weiterbildungen und Workshops anbietet. Dazu gehören vereinzelt auch Medienworkshops. Die Agentur Pippilotta setzt sich ein für die Schaf- fung tatsächlicher Chancengleichheit und vertritt die Rechte und Interessen von Mädchen und jungen Frauen. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Projekte Zielgruppe und Mädchen und Frauen Altersstufe Eingesetzte Medien Nicht explizit ausgewiesen Zentrale Absicht Chancengleichheit für Mädchen und junge Frauen des Projekts Datum der Recherche 14. 10. 2005 251 Projekt Nr. 38 Projektname Polly und Fred Projektträger und FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Finanzierung Unterricht gemeinnützige GmbH, Bavariafilmplatz 3, 82031 Grünwald, Kontakt: Petra Müller, Tel.: 0 89/ 6 49 73 54, E-Mail: petra.mueller@fwu.de, Home- page: www.pollyundfred.de, Kooperationspartner: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk, Bayerische Landeszentrale für neue Medien, Landes- anstalt für Medien NRW, Deutsches Kinderhilfswerk und O2 Projekt im Überblick Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Handy will gelernt werden. Die Lernsoftware „Handykurs mit Polly und Fred“ hilft Kindern, die Chancen und Risiken bei der Handynutzung spielerisch zu erkennen. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Lernsoftware Zielgruppe und Kinder von 8 bis 12 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Handy Zentrale Absicht Verantwortungsvoller Umgang mit Mobiltelefonen des Projekts Datum der Recherche 12. 09. 2005 252 Projekt Nr. 39 Projektname Project Workshop Girls Projektträger und Project Workshop Girls, Dipl. Päd. Sigrid Nicolay, Finanzierung Tel.: 00 44/20/86 99 44 91, www.projectworkshop.de, E-Mail: info@projectworkshop.de Projekt im Überblick Der „Project Workshop Girls“ soll thematisch an die spezifischen Themen der Mädchen anschließen und mit der Entwicklung eines Webprojektes das Interesse am Computer neu wecken. Die Workshops finden in der BRD und Großbritannien statt. Projektdauer Auf Anfrage Veranstaltungsform Workshops Zielgruppe und Mädchen im Alter von 10 bis 12 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computer, Internet Zentrale Absicht Technikförderung bei Mädchen; Interesse am des Projekts Computer wecken; eigene Inhalte im Internet präsentieren; Kennenlernen von Mädchen aus anderen Nationen; Einüben englischer Sprache Datum der Recherche 02. 08. 2005 253 Projekt Nr. 40 Projektname Roberta – Mädchen erobern Roboter Projektträger und Fraunhofer Institut, Autonome Intelligente Systeme, Finanzierung E-Mail: roberta-zentrale@ais.fraunhofer.de, Förde- rung: Bundeministerium für Bildung und Forschung Projekt im Überblick Bei „Roberta“ entdecken Mädchen die Faszination für Informatik und Naturwissenschaften. Es wird das Verständnis für technische Systeme geweckt und gefördert. Projektdauer Dezember 2003 bis Dezember 2006 Veranstaltungsform Kurse mit geschulten MultiplikatorInnen Zielgruppe und Mädchen, MultiplikatorInnen Altersstufe Eingesetzte Medien Software, Roboter Zentrale Absicht Technikförderung; Förderung von Verständnis der des Projekts Funktionsweise von Software; Schulung der geschlechtersensiblen Aufmerksamkeit der Multi- plikatorInnen Datum der Recherche 03. 11. 2005 254 Projekt Nr. 41 Projektname Rubinia DJane Projektträger und Rubinia DJane – Schule für Mädelz und Frauen, Finanzierung Büro: Schönaustraße 45, CH-4058 Basel, Tel.: 00 41/61/6 92 70 42, E-Mail: info@rubinia-djanes.ch, Homepage: www.rubinia-djanes.ch Projekt im Überblick Rubinia DJane widmet sich der Förderung von Mädchen und Frauen im Bereich des DJ-ing und Musik-Business. Für junge Frauen gibt es einen DJ-Übungs-, Kurs-, Treffraum und somit die Mög- lichkeit, Erfahrungen mit zeitgemäßer Technik und Musik an und für sich zu sammeln. Mädchen und Frauen werden in ihren emanzipatorischen Bestre- bungen gefördert und bestärkt, in einem männer- dominierten Gesellschafts- und Wirtschaftsbereich ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Die Aktivitäten des Vereins sollen sie in ihrem Selbstvertrauen stärken und ermutigen, selbstständig aufzutreten. Projektdauer Dauerhaft, regelmäßig Veranstaltungsform Workshops, Projektarbeit Zielgruppe und Mädchen und junge Frauen ab 16 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Musiktechnik jeglicher Art Zentrale Absicht Geschlechterstereotypen auflösen; Mädchen für ein des Projekts männerdominiertes Tätigkeitsfeld faszinieren; geschlechtsspezifische Nutzungs- und Kompetenz- defizite abbauen Datum der Recherche 14. 10. 2005 255 Projekt Nr. 42 Projektname Schule@Museum Projektträger und Inititatoren: Deutscher Museumsverband e. V., BDK Finanzierung e. V. Fachverband für Kunstpädagogik und Bundes- verband Museumspädaogik e. V., Kontakt: Projekt- büro Schule@Museum Monika Dreykorn, Tel.: 09 11/7 66 12 39 info@schule-museum.de, Home- page: www.schule-museum.de Förderung: u. a. PwC-Stiftung „Jugend-Bildung-Kultur“ Projekt im Überblick Bundesweiter Multimedia Wettbewerb 2005/2006: Innovatives Multimediaprojekt, in dem Betrachter zu Akteuren werden. Mit Computer und Internet sollen Schülerinnen und Schüler Museumsobjekte zum Leben erwecken. Schulklassen und Kurse sind auf- gerufen, aktiv mit dem kulturellen Erbe im Museum umzugehen und gemeinsam mit einem Partner- museum eine Multimedia-Produktion für das Internet zu erstellen. Projektdauer 2005/2006 Veranstaltungsform Wettbewerb Zielgruppe und Schülerinnen und Schüler der Klassen 2 bis 12 Altersstufe Eingesetzte Medien Multimedia (vorrangig Computer, Internet) Zentrale Absicht Der experimentelle Zugang mit Computer und des Projekts Internet zum Angebot von Museen soll zum besseren Kulturverständnis führen; nachhaltig Interesse und Begeisterung an Multimediatechnik wecken Datum der Recherche 13. 10. 2005 256 Projekt Nr. 43 Projektname SiN – Mädchencomputerclub Projektträger und SiN – Studio im Netz e. V., Kontakt: Hans Jürgen Finanzierung Palme, Heiglhofstraße 1, 81377 München, Tel.: 0 89/ 72 46 77-0, E-Mail: palme@sin-net.de, Homepage: www.sin-net.de Projekt im Überblick Im Mädchencomputerclub haben Mädchen die Mög- lichkeit, den multimedialen Welten auf spielerische Art und Weise auf den Grund zu gehen. Es steht ein Raum nur für Mädchen zur Verfügung, in dem sie ohne Scheu virtuelle Räume für sich erobern und mit neuen Kommunikations- und Informations- medien experimentieren können. Betreut wird dieser Club von einer Pädagogin. Das Projekt wird getragen von der Idee, dass Mädchen im Zeitalter der Infor- mationsgesellschaft und beim Umgang mit neuen Technologien nicht auf der Strecke bleiben dürfen und so ihre berufliche Orientierung einengen. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Regelmäßiger Termin Zielgruppe und Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computer, Internet Zentrale Absicht Kennenlernen eines Mediums; aktive und kreative des Projekts Handhabung von Multimedia und Internet; geschütz- ten Raum zum Experimentieren mit medialer Selbst- inszenierung bieten Datum der Recherche 28. 07. 2005 257 Projekt Nr. 44 Projektname Spinxx.de Projektträger und www.spinxx.de, Träger: JFC Medienzentrum Köln/ Finanzierung Jugendfilmclub Köln e. V., Hansaring 84–86, 50670 Köln, Tel.: 02 21/13 05 61 50, Projektleitung: Daniela Rohlf, E-Mail: info@jfc.info, Homepage: www.jfc.info Projekt im Überblick Spinxx.de ist ein Onlinemagazin für junge Medien- kritik. Es bietet eine Plattform zur aktiven Auseinan- dersetzung mit aktuellen Medienproduktionen. Im Mittelpunkt stehen dabei Kinder- und Jugendfilme aus Kino und TV. Ergänzt wird dies durch Berichte von Filmveranstaltungen, Interviews mit Schauspie- lern und Hintergrundreportagen. Kinder und Jugend- liche erwerben durch die eigene medienkritische Tätigkeit ein vertieftes Verständnis der Medienwelt und reflektieren ihre eigene Mediennutzung. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Onlinemagazin Zielgruppe und Mädchen und Jungen zwischen 10 und 15 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computer/ Internet, Film und Fernsehen Zentrale Absicht Kritischen Umgang mit Medien erlernen; Film- und des Projekts Fernseherziehung Datum der Recherche 14. 09. 2005 258 Projekt Nr. 45 Projektname Surfhexen & Frau K. Projektträger und Bert-Brecht-Gymnasium Dortmund, Tel.: 02 31/ Finanzierung 47 79 69 30, E-Mail: post@bert-brecht-gymnasium. de, Homepage: www.surfhexen.de und www.frau-k.de Projekt im Überblick „Surfhexen“ ist ein Projekt am Bert-Brecht-Gymna- sium zur Mädchenförderung im Internet in Form eines Online-Quiz zu Frauen und Internet. „Frau K.“ ist ein Online-Journal von Mädchen der Schule seit dem Beginn der Netdays NRW im September 2001. Projektdauer Dauerhaft Veranstaltungsform Online-Quiz und Online-Journal Zielgruppe und Mädchen ab 14 Jahren Altersstufe Eingesetzte Medien Computer, Internet Zentrale Absicht Anregen und Fördern des aktiven Umgangs mit dem des Projekts Internet; geschlechtsspezifische Nutzungs- und Kompetenzdefizite abbauen Datum der Recherche 02. 08. 2005 259 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 56 55 54 53 58 57 Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung von Ulrike Six und Roland Gimmler 368 Seiten, 53 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-459-0 Euro 21,– (D) Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) 52 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 49 48 Videoclips und Musikfernsehen Eine problemorientierte Kommentierung der aktuellen Forschungsliteratur von Klaus Neumann-Braun und Lothar Mikos 164 Seiten, 22 Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-426-2 Euro 10,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-397-5 Euro 25,– (D) : Mädchen und Jungen nutzen Medien und insbesondere die digitalen Medien unter- schiedlich. Dabei zeigt sich auch eine differente Ausprägung von Medienkompetenz. Der Band präsentiert aktuelle Diskussionen um den Begriff Medienkompetenz und zeigt Ansätze zum Verstehen von Prozessen geschlechterbezogener Mediensozialisation auf. Ergänzend werden aktuelle Daten zur Mediennutzung von Mädchen und Jungen vorgestellt. Eine Analyse medienpädagogischer Projekte geschlechtersensibler Medien - kompetenzförderung dokumentiert Probleme aber auch Perspektiven für eine ent - sprechende Medienerziehung. ❯ Prof. Dr. Renate Luca Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg ❯ Prof. Dr. Stefan Aufenanger Pädagogisches Institut, Johannes Gutenberg-Universität Mainz ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,- (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung 58 Lu ca /A uf en an ge r Ge sc hl ec ht er se ns ib le M ed ie nk om pe te nz fö rd er un g ❯❯❯ Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 58 Renate Luca, Stefan Aufenanger LfM-Bd_58_RZ_korr:. 24.09.2007 13:17 Uhr Seite 1

Materialien und Publikationen

Forschung

den Computer ein­ bis mehrmals pro Woche zu nutzen. Anteile und Nutzungs frequenz steigen mit zunehmen dem Alter schnell an. So nutzen z. B. schon 14 Prozent der Acht­ bis Neunjähri gen den Computer jeden bzw. fast jeden Tag und 60 Prozent zumindest

Materialien und Publikationen

Forschung

Kommunika tions platt formen, auf denen er unmittel bar, ohne ein Regime von Frequenz‑ und Kanal vertei lung, mit un gezählten anderen Signalen und Botschaften kommerzieller, politi scher, institu tio neller und individueller Art konkurriert? Wie kann

Materialien und Publikationen

Berichte

und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW - Bericht der LfM zur Medienkonzentration 2012 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW - Bericht der LfM zur Medienkonzentration 2012 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Postfach 10 34 43 40025 Düsseldorf www.lfm-nrw.de Impressum Herausgeber: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2, 40221 Düsseldorf www.lfm-nrw.de Bereich Aufsicht und Programme Holger Girbig Bereich Kommunikation Verantwortlich: Dr. Peter Widlok Redaktion: Regina Großefeste Gestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Titelabbildungen: Collage fotolia.com Januar 2013 Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis 4 Vorwort des Herausgebers 5 Vorwort der Autoren 6 Teil 1 Angebots- und Anbieterstrukturen lokal-informierender Medien 7 in Nordrhein-Westfalen Teil 2 Publizistische Vielfalt in strukturell divergierenden lokalen Medienmärkten — 111 eine Angebotsanalyse in den Kommunikationsräumen Köln, Remscheid und Borken 4 Vorwort des Herausgebers Lokale Medienmärkte in Nordrhein – Westfalen: Zwei Analysen – ein Ziel Auf den ersten Blick ist die Medienlandschaft in Nordrhein-Westfalen in den zurückliegenden Jahren stetig gewachsen und hat durchaus eine gewisse Vielfalt erreicht. Seit über zwanzig Jahren senden die Lokalradios, es gibt seit gut zehn Jahren einen landesweiten privaten Fernsehsender – und seit geraumer Zeit nun auch in einigen Regionen lokale Fernsehveranstalter. Dazu haben sich viele Online-Angebote gesellt, die sich trotz ihrer Verbreitung im weltweiten „Netz der Netze“ oft genug ebenfalls dem Geschehen vor Ort widmen. Und neben alledem gibt es selbstverständlich weiterhin – trotz zum Teil einschneidender Veränderungen – die klassischen Tageszeitungen. Der zweite Blick aber mag zum Nachdenken anregen. Denn hinter den Angeboten stehen nicht selten identi- sche oder zumindest nah beieinander liegende Protagonisten. Zeitungsverlage agieren längst multimedial. Das führt dazu, dass vor Ort mitunter in Form von Zeitung, Lokalradio und Lokalfernsehen eine Medienland- schaft gewachsen ist, die zwar viele Angebote, aber mitunter nur wenige Anbieter aufweist. Während vor Jahren noch in vielen Regionen mehrere „Medienhäuser“ in Konkurrenz zueinander standen, ist heute in immer mehr Kreisen und Kommunen die Situation eine andere – eine konzentriertere. Und obwohl die Internetnutzung und auch die dort verfügbaren Informationsangebote offenbar immer weiter zunehmen, bleibt doch die Frage, wer dort die Inhalte verantwortet und in welchem Maße einzelne Webseiten überhaupt wahrgenommen werden. Denn auch dort sind die „klassischen“ Medienanbieter mit Inhalten vertreten, aber eben auch kleinere Betreiber oder Privatpersonen, die teilweise mit viel Engagement Angebote betreiben und Informationen verfügbar machen. Die Landesanstalt für Medien NRW hat den gesetzlichen Auftrag, Vorkehrungen und Voraussetzungen für eine vielfältige Medienlandschaft zu schaffen. Dies war der Hintergrund dafür, die beiden hier vorgelegten Unter- suchungen in Auftrag zu geben. Dabei wird in einem ersten Teil detailliert belegt, wie sich die Gesamtlage für die immer noch als lokales Leitmedium geltenden Tageszeitungen und somit die an zahlreichen Medienangeboten beteiligten Verlagshäuser aktuell darstellt. In einem zweiten Teil geht es um die Meinungs- und Informationsvielfalt vor Ort – exemplarisch nachvollzogen an drei verschiedenen Konstellationen in Regionen Nordrhein-Westfalens. Der Blick auf die Ergebnisse zeigt dabei, welche Dynamik das Thema in sich birgt. Ein guter Grund, die Entwicklungen im Blick zu behalten. Dr. Jürgen Brautmeier Dr. Frauke Gerlach Direktor der Landesanstalt für Medien Vorsitzende der Medienkommission der LfM Nordrhein-Westfalen (LfM) 5 Vorwort der Autoren Die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) hat zuletzt vor zehn Jahren eine umfangreiche Un- tersuchung zu Strukturen und Angeboten lokaler Medien im Land Nordrhein-Westfalen durchführen lassen. Vor dem Hintergrund der seither anhaltenden Konzentrationsbewegungen im Bereich der Printmedien und der gleichzeitig zu beobachtenden crossmedialen Verflechtungen innerhalb der elektronischen Medien schien eine erneute Bestandsaufnahme sinnvoll, um die aktuelle Situation zu beleuchten. Der normative Anspruch, dass jedem Bürger zur Information und Meinungsbildung eine breite Auswahl von Medien zur Verfügung ste- hen sollte, scheint über die Vielzahl von Angeboten im Rundfunk, bei den Printmedien und nicht zuletzt im World Wide Web im Grundsatz gewährleistet. Für die Informationsbeschaffung über das jeweilige lokale Ge- schehen ist das Angebot im Zuge der Pressekonzentration aber zusehends ausgedünnt worden. Vielerorts fehlt die Auswahl zwischen unterschiedlichen lokalen Tageszeitungen, die aufgrund ihrer Aktualität und Uni- versalität sowie der Breite des Angebots eine besondere Bedeutung haben. Andererseits ist das multimediale Angebotsspektrum mit dem Lokalfunk sowie teilweise auch mit dem Lokalfernsehen und den Onlineangeboten erweitert worden, was dem verfassungsrechtlichen Vielfaltspostulat entspricht. Die vorliegende Studie dokumentiert die Angebots- und Anbieterstrukturen der lokal informierenden Medien in NRW und betrachtet die Konzentrationsproblematik sowohl hinsichtlich der Angebote als auch der Anbieter, wobei crossmediale Aktivitäten eine erhebliche Rolle spielen. Im Zentrum der Darstellung stehen die Zeitungsunternehmen in NRW. Maßgeblich dafür sind zum einen die publizistische Bedeutung der lokalen Zeitungen und zum anderen die stark diversifizierten Strukturen der Zeitungsunternehmen und damit deren Relevanz auch in anderen Medienbranchen: - Ehemalige Zeitungsverlage haben sich zu multimedial agierenden Anbietern entwickelt und sind inzwischen mehrheitlich breit diversifiziert. - Zeitungsunternehmen sind die wesentlichen Anteilseigner der Betriebsgesellschaften (BG) des Lokalfunks. Die meisten Verlage haben die gesetzlich geregelten Beteiligungsmöglichkeiten bereits ausgeschöpft. - Ähnliches gilt auch für den noch wenig ausgebauten Bereich des Lokalfernsehens. Bei allen bestehenden Angeboten sind Zeitungsunternehmen zumindest Mehrheitseigner – mit der Ausnahme eines Anbieters in Borken. - Die Konzentrationsbewegungen im nordrhein-westfälischen Zeitungsmarkt haben gezeigt, dass der Rückzug aus einem lokalen Teilmarkt beispielsweise durch Aufgabe einer Lokalausgabe nicht nur auf den Zeitungs- markt beschränkt bleibt. In der Regel werden auch andere mediale Aktivitäten in dem Teilgebiet eingestellt, so etwa lokale Online-Portale – u.a. weil die zuvor bimedial arbeitende Lokalredaktion aufgegeben wurde – und Anzeigenblätter. Die LfM hat mit der aktuellen Studie – wie bereits im Jahr 2003 – zwei medienwissenschaftliche Institute be- auftragt: FORMATT und das Institut für Medienforschung (IM•GÖ). FORMATT hat dabei die Anbieterstrukturen für lokale Medien in NRW flächendeckend erhoben. Das IM•GÖ richtet seinen Fokus bei der Analyse der An- gebotstrukturen vorwiegend auf exemplarisch ausgewählte lokale Räume. Beide Untersuchungsteile knüpfen in ihrer Forschungslogik an die Vorgängerstudie an und liefern insofern eine Fortschreibung und Aktualisie- rung der damaligen Befunde. Die Ergebnisse der Erhebungen belegen das Voranschreiten der Konzentration im Zeitungsbereich sowie die Diversifikationsstrategien der Medienunternehmen. Zugleich werden die Auswirkungen dieser strukturellen Ausgangslage für die inhaltliche Angebotsvielfalt und Ausgewogenheit der Berichterstattung erkennbar. Hierbei zeigt sich, dass die lokale Abonnementzeitung nach wie vor das Leitmedium lokaler Publizistik ist, während den anderen Medien eher eine Ergänzungsfunktion zukommt. Ferner wird deutlich, dass strukturelle Pluralität der beste Garant für lokalpublizistische Vielfalt der Berichterstattung ist. Die Studie liefert wichtige Impulse für den medienpolitischen Diskurs sowie mögliche Weichenstellungen im Land Nordrhein-Westfalen. Horst Röper Prof. Dr. Helmut Volpers FORMATT-Institut Institut für Medienforschung IM•GÖ 6Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 7Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Angebots- und Anbieterstrukturen lokal-informierender Medien in Nordrhein-Westfalen Horst Röper 8 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Inhaltsverzeichnis Inhalt 8 1 Einführung 9 2 Tageszeitungen in NRW 12 2.1 Strukturdaten 12 2.1.1 Überregionale Zeitungen in NRW 13 2.1.2 Regionalzeitungen in NRW 15 2.2 Zeitungsdichte 21 2.2.1 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Köln 26 2.2.2 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Düsseldorf 29 2.2.3 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Münster 32 2.2.4 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Arnsberg 35 2.2.5 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Detmold 39 2.3 Tageszeitungen und ihre Marktpositionen in NRW 42 2.3.1 Westdeutsche Allgemeine, Essen 42 2.3.2 Neue Ruhr/Rhein Zeitung, Essen 45 2.3.3 Westfälische Rundschau, Dortmund 46 2.3.4 Westfalenpost, Hagen/Essen 48 2.3.5 Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau 49 2.3.6 Rheinische Post, Düsseldorf 51 2.3.7 Ruhr Nachrichten, Dortmund 54 2.3.8 Neue Westfälische, Bielefeld 56 2.3.9 Westdeutsche Zeitung, Düsseldorf 58 2.3.10 Westfälische Nachrichten, Münster 60 2.3.11 Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten 62 2.3.12 Westfalen-Blatt, Bielefeld 63 2.3.13 General-Anzeiger, Bonn 66 2.3.14 Westfälischer Anzeiger, Hamm 67 2.3.15 Lüdenscheider Nachrichten 68 2.3.16 Siegener Zeitung 69 3 Anzeigenblätter in NRW 71 4 Lokale/regionale Zeitschriften in NRW 79 5 Lokaljournalistische Online-Portale in NRW 85 6 Anhang 87 Anzeigenblätter und ihre Verlage in NRW 87 Lokale/regionale Zeitschriften und ihre Verlage in NRW 102 Lokaljournalistische Online-Portale ohne Medienverbund 107 Register der Tabellen 109 9Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 1 Einführung Lokale Information ist in Nordrhein-Westfalen seit Jahrzehnten ein Thema der Medienpolitik. Mit dem Auf- kommen des Privatfunks Mitte der 80er Jahre wurden in allen Bundesländern Debatten darüber geführt, wie der Privatfunk organisiert werden und welchen Zielen er dienen sollte. Die ersten Lizenzen für privat-kom- merzielle Programme wurden für landesweite Programme vergeben, so etwa für Radio RPR in Rheinland-Pfalz, für Radio RSH in Schleswig-Holstein oder für radio ffn in Niedersachsen. In der Folge haben sich die meisten Bundesländer zunächst für landesweite Programme entschieden, wobei die Stadtstaaten keine Differenzie- rungen vorgenommen haben. In Nordrhein-Westfalen hat der Gesetzgeber den Lokalfunk präferiert. Um die Vielfalt der lokalen Information zu verbessern, sollte ein flächendeckendes Netz von Lokalsender in NRW auf- gebaut werden. Die Konkurrenz zu den lokalen und regionalen Tageszeitungen im Werbemarkt wurde bewusst in Kauf genommen und den Zeitungsverlagen im Gegenzug ein Zugangsprivileg zu den Betriebsgesellschaften des Lokalfunks eingeräumt. Aus heutiger Sicht kann die damalige Entscheidung des Gesetzgebers nur begrüßt werden. Die für die lokale Information damals und heute sehr wesentlichen lokalen und regionalen Abonnementzeitungen haben spä- testens mit dem Beginn der Werbekrise in 2001 zunehmende Probleme, die Fläche mit einem vielfältigen An- gebot zu versorgen. In den 80er Jahren war dies noch anders, gerade in NRW. Zeitungsleser mit Interesse am lokalen Geschehen hatten noch weitgehend die Auswahl zwischen zwei oder drei Zeitungen. Gebiete mit Zei- tungsmonopolen waren in NRW anders als in anderen Bundesländern noch rar. Die sogenannte Zeitungs- dichte, also die Anzahl von konkurrierenden Zeitungen mit lokaler Information in den Gebietskörperschaften, war in NRW noch wesentlich größer als in den anderen Flächenstaaten. Dies gilt auch heute noch weitgehend, aber der Konzentrationsprozess im Zeitungsmarkt hat in den letzten Jahren auch in NRW die Zeitungsdichte erheblich verringert. Der Anteil der Bürger, die beim Zeitungskauf keine Auswahl mehr haben, weil sie in Zei- tungsmonopolgebieten leben, ist stetig gewachsen. Damit ist zugleich die Bedeutung des Lokalfunks gestie- gen, der eine willkommene Ergänzung zum verringerten Angebot an Tageszeitungen gerade in Bezug auf die lokale Information ist. Zeitlich parallel ist auch das Angebot an Anzeigenblättern und deren Gesamtauflage gestiegen. Auch die An- zeigenblätter haben schon vor Jahren eine flächendeckende Verbreitung in ganz NRW erreicht. Dabei wurde zugleich die Erscheinungshäufigkeit gesteigert. Viele Blätter werden inzwischen zweimal wöchentlich in ihren Verbreitungsgebieten verteilt. Dies gilt nicht nur für die Großstädte mit ihren relativ geringen Vertriebskos- ten, sondern auch für die Mehrzahl der Landkreise. Statistisch werden jedem Haushalt in NRW inzwischen 2,6 Anzeigenblattexemplare wöchentlich zugestellt. Anzeigenblätter leisten mehrheitlich eine spezifische Lo- kalberichterstattung, bei der Vereinsberichte und die Servicefunktion eine bedeutende Rolle spielen. Bei den Sonntagsblättern kommt mit einem erheblichen Umfanganteil die aktuelle Sportberichterstattung hinzu. Auch wegen ihrer begrenzten Erscheinungsweise sind Anzeigenblätter aber kein Äquivalent zur Berichter- stattung von Tageszeitungen. Auch das Angebot an lokalen oder regionalen Zeitschriften ist größer geworden. Aktuell werden in NRW 201 Titel mit eine Gesamtauflage von knapp 4 Mio. Exemplaren verlegt. Die wenigsten davon erscheinen wöchent- lich, mehrheitlich werden sie monatlich verlegt. Nur der kleinere Teil der Gesamtauflage wird an Abonnenten oder im Einzelverkauf abgesetzt, denn vor allem die hochauflagigen Titel werden in der Regel kostenlos ab- gegeben. Anders als Anzeigenblätter werden sie nicht den Haushalten direkt zugestellt, sondern an stark frequentierten Plätzen zur Mitnahme ausgelegt. Diese Mitnahmeplätze werden von den Verlagen je nach an- gestrebter Zielgruppe ausgesucht. Anders als in den 70er Jahren, als Titel der sogenannten Alternativpresse redaktionelle Konzepte entwickelten, mit denen primär „vernachlässigte“ Themen in den Fokus gerückt wer- den sollten1, stehen gerade bei den hochauflagigen Kostenlos-Magazinen wie heinz, Coolibri und anderen heute Veranstaltungskalender im Mittelpunkt. Die Auswahl der Veranstaltungen ist dabei auf das Interesse 1 Als einer der letzten Vertreter dieses Typs kann der in Köln erscheinende Titel StadtRevue angesehen werden. einer jungen Zielgruppe ausgerichtet, die besser als andere im Bereich der Werbung vermarktet werden kann. Nur ein kleiner Teil der Titel mit deutlich niedrigeren Auflagen betreibt die klassische Lokalberichterstattung. Diese Titel zählen zu den letzten eines einst bedeutenderen Mediums, den sogenannten lokalen Wochenblät- tern, die überwiegend von den Anzeigenblättern verdrängt worden sind. Mehrheitlich leisten die lokalen und regionalen Zeitschriften also bewusst keine inhaltliche Vielfalt, wie sie für die Tageszeitung schon definito- risch mit dem Merkmal der inhaltlichen Universalität vorgegeben ist und auch zur Abgrenzung von den Fach- tageszeitungen dient (etwa Financial Times oder Handelsblatt). Inhaltlich mit einer enormen Breite hat sich dagegen das Angebot im Internet entwickelt. Die Lokalbericht- erstattung hat dabei schon seit einigen Jahren eine große Bedeutung. Praktisch alle Anbieter aus den klas- sischen Medienbereichen unterhalten eigene Online-Portale. Dies gilt für sämtliche Zeitungsverlage in NRW und auch für die überwiegende Mehrheit der Anzeigenblatt- und Zeitschriftenverlage. Auch die Anbieter von lokalem Radio oder lokalem Fernsehen sind im Internet mit eigenen Angeboten präsent. Unter publizistischen Aspekten handelt es sich dabei in der Regel nicht um eine Verbreiterung des Angebots sondern nur um einen anderen Distributionsweg für Nachrichtenmaterial, das von einer bimedial arbeitenden Redaktion erstellt wird. Anders verhält es sich bei der zunehmenden Zahl von Online-Portalen, die von neuen Anbietern ohne Verbindungen zur klassischen Medienindustrie angeboten wird. Deren Redaktionen arbeiten ausschließlich für das Internetportal und leisten damit einen Beitrag zur Vielfalt. Die Zahl der Anbieter und auch der Ange- bote steigt, ohne dass allerdings ihre Relevanz im Medienmarkt insgesamt eingeschätzt werden kann, da der- zeit noch keine harten Nutzungsdaten – vergleichbar mit den Auflagen- oder Nutzungszahlen für andere Me- dien – für diese kleinräumigen Angebote vorliegen. Solche Nutzungsdaten werden inzwischen für die größeren Portale erhoben und regelmäßig von der ivw bzw. von der AGOF veröffentlicht.2 Für die kleinen Anbieter sind diese Messungen allerdings (noch) zu kostspielig. Die vorliegende Studie dokumentiert die Angebots- und Anbieterstrukturen der lokal-informierenden Medien in NRW und betrachtet die Konzentrationsproblematik sowohl im Bereich der Angebote als auch im Bereich der Anbieter, wobei crossmediale Aktivitäten eine erhebliche Rolle spielen. Die Dokumentation ist fokussiert auf die Printmedien und die Online-Portale, da der Auftraggeber selbst über detaillierte Kenntnisse zum lo- kalen Rundfunk verfügt. Im Zentrum der Darstellung stehen die Zeitungsunternehmen in NRW. Dafür sind zum einen die Bedeutung der lokalen Zeitungen für die lokale Publizistik und zum anderen die stark diversifi- zierten Strukturen der Zeitungsunternehmen und damit ihre Relevanz auch in anderen Branchen maßgeblich:3 - Die ehemaligen Zeitungsverlage haben sich zu multimedial agierenden Anbietern entwickelt und sind in- zwischen mehrheitlich breit diversifiziert. - Zeitungsunternehmen sind die wesentlichen Anteilseigner der Betriebsgesellschaften (BG) des Lokalfunks. Die Höhe ihrer jeweiligen Anteile wurde bei der Gründung der BGs häufig in Relation zum Marktanteil ihrer jeweiligen Zeitungen im Verbreitungsgebiet des Lokalradios festgelegt. Die meisten Verlage haben diese Beteiligungsmöglichkeiten genutzt und zwar gleichfalls meistens jeweils bei allen Betriebsgesellschaften. Ausnahmen hat es schon zur Gründungszeit gegeben, andere sind im Verlauf der Jahre hinzugekommen (z.B. Änderung der Besitzstruktur bei der BG von Radio Kiepenkerl im Kreis Coesfeld oder der weitgehende Verkauf von BG-Anteilen durch das Westfalen-Blatt). - Die Konzentrationsbewegungen im nordrhein-westfälischen Zeitungsmarkt haben gezeigt, dass der Rückzug aus einem lokalen Teilmarkt beispielsweise durch Aufgabe einer Lokalausgabe nicht auf den Zeitungsmarkt beschränkt bleibt. In der Regel werden auch andere mediale Aktivitäten für das Teilgebiet eingestellt, so etwa lokale Online-Portale – auch weil die zuvor bimedial arbeitende Lokalredaktion aufgegeben wurde – und Anzeigenblätter. Ähnliches kann auch für die Beteiligungen an den BGs des Lokalfunks gelten, auch wenn dies rechtlich nicht zwingend ist. 10 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 2 Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V. in Berlin hat ursprünglich nur die Auflagenzahlen von Printmedien kontrol- liert. Später wurde die Kontrolle auch auf Kinobesuche und noch später auf Online-Portale ausgedehnt. Die Nutzungsdaten zu Onlineangeboten werden monatlich veröffentlicht. Im Juni 2012 wurden der ivw 1.154 Angebote gemeldet (www.ivw.de). Die Arbeitsgemeinschaft Online Forschung e.V., kurz AGOF, versteht sich selbst als „Zusammenschluss der führenden Online-Vermarkter in Deutschland“ (www.agof.de). 3 Wie stark die Diversifizierung von Zeitungsunternehmen in andere Branchen der lokalen Publizistik inzwischen bundesweit fortgeschritten ist, hat ein Forschungs- projekt für das BKM gezeigt. Danach waren die führenden Zeitungsunternehmen in den 49 untersuchten Medienregionen durchschnittlich in 4,6 der insgesamt 6 un- tersuchten Medienbranchen in der jeweiligen Region engagiert (vgl.: FORMATT-Institut: Multimediale Anbieter- und Angebotsstrukturen auf lokaler Ebene. Dort- mund 2012; noch unveröffentlicht). 11Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 4 ImGö: Publizistische Vielfalt in strukturell divergierenden lokalen Medienmärkten – eine Angebotsanalyse in den Kommunikationsräumen Köln, Remscheid und Bor- ken. Köln 2011. - Ähnliches gilt auch für den noch wenig ausgebauten Bereich des Lokalfernsehens. Bei allen bestehenden Angeboten sind Zeitungsunternehmen zumindest Mehrheitseigner mit der Ausnahme eines Anbieters in Bor- ken. Auch die letzte Welle von Bewerbungen für künftige Lokal-TV-Angebote ging im Wesentlichen von Zei- tungsunternehmen aus. Dabei wurden die Bewerbungen in der Regel für Teilräume eingereicht, die zum Ver- breitungsgebiet der Zeitungen des jeweiligen Zeitungsunternehmens gehörten. - Sollten die derzeit aktuellen Überlegungen in der Landespolitik zur Neuordnung der Aufsicht über das In- ternet realisiert werden, dürften zur Klientel der LfM in der Folge auch in diesem Medium insbesondere bei den umfangreichen Online-Portalen die Zeitungsunternehmen gehören. - Das Gefährdungspotenzial für die Zeitungsvielfalt lässt sich an den detaillierten Tabellen zu den auflagen- starken Zeitungen in NRW im Kapitel Zeitungen und ihre Marktposition ablesen. Insbesondere die Kombina- tion von relativ niedrigen Auflagenzahlen und geringen Marktanteilen einzelner Ausgaben deutet auf Be- standsgefährdungen hin. Der vorliegende Bericht ist im Auftrag der LfM von Juli 2011 bis Juni 2012 bearbeitet worden. Die Bearbei- tungszeit ist um einen Monat verlängert worden, um zu den lokalen Zeitungsmärkten aktuelle Auflagenzahlen für das erste Quartal 2012 berücksichtigen zu können, die im Juni 2012 von der ivw veröffentlicht worden sind. Ein Zwischenbericht ist im September 2011 vorgelegt und zusammen mit einem parallel durchgeführten Projekt des ImGö in der Medienkommission der LfM präsentiert worden.4 2. Tageszeitungen in NRW 2.1 Strukturdaten Die zentralen Strukturdaten für die Zeitungsbranche in NRW haben sich gegenüber 2008 nur gering verändert. Die Anzahl der Zeitungen ist bis einschließlich 2010 konstant geblieben. In 2011 ist die Neuß-Grevenbroicher Zeitung nach der vorangegangenen vollständigen Übernahme in den Verlag der Rheinischen Post integriert worden und wird nun von diesem als eine von vielen Lokalausgaben verlegt. Ähnlich wurde die früher eigen- ständige Ahlener Zeitung als Lokalausgabe in die Westfälischen Nachrichten integriert. Die Anzahl der statis- tisch als eigenständig zu berücksichtigen Zeitungen sinkt dadurch auf 40. Die Anzahl der Hauptredaktionen ist auf 20 zurückgegangen. Seit November 2010 übernimmt die Kölnische Rundschau die überregionale Be- richterstattung vom General-Anzeiger in Bonn. In Köln wird das Material des General-Anzeigers allerdings für das Verbreitungsgebiet der Rundschau aufgearbeitet. Bei den Hauptredaktionen haben sich zudem insofern Veränderungen ergeben, als dass einige von ihnen in Kooperationen eingebunden sind und entsprechend nicht mehr vollständig eigenständig agieren. Teilweise verfügen solche Hauptredaktionen nicht mehr über alle klassischen Ressorts (Nachrichten, Wirtschaft, Kultur, Sport, Vermischtes), sondern produzieren nur noch Teile des Mantels selbst. In NRW gilt dies schon seit ei- nigen Jahren für die Aachener Nachrichten, die nur noch eine titelbezogene Nachrichtenredaktion haben und die Seiten für die übrigen Ressorts von der Aachener Zeitung übernehmen. In 2009 ist im Rahmen einer groß angelegten Reorganisation innerhalb der Verlagsgruppe der WAZ die Hauptredaktion der WAZ in Essen aus- und zu einer Zentralredaktion umgebaut worden, die seitdem auch den Titeln Neue Ruhr/Rhein Zeitung und Westfälische Rundschau zuarbeitet. 2011 wurde die Westfalenpost in diese Kooperation einbezogen. Die Haupt- redaktionen der drei Kooperations-Titel wurden personell stark verkleinert und beziehen einen wesentlichen Teil des redaktionellen Materials von der neuen Zentralredaktion. Einige Zeitungsteile – wie etwa die Medien- seite – werden von der WAZ-Redaktion zentral erstellt und erscheinen dann deckungsgleich in einzelnen Titeln, etwa in der WAZ und der WR parallel. Auch die Korrespondenten arbeiten nicht mehr titelbezogen. Ihre Texte stehen allen Redaktionen zur Verfügung. Ausnahmen sind bei Kommentaren gegeben, bei denen die Titelredaktionen auf Eigenständigkeit weiterhin Wert legen. Auch die Korrespondenten des Kölner Stadt- Anzeigers arbeiten nicht mehr ausschließlich für eine Zeitung, sondern sind einbezogen in einen Pool, dem ansonsten nur auswärtige Zeitungen angehören.5 Den anhaltenden Auflagenverlust zeigt Tabelle 2.1. Noch in den 90er Jahren war die Durchschnittsauflage der Tageszeitungen durch Zukäufe und Integration der Auflage in zumeist größere Titel gesteigert worden. In den letzten Jahren haben selbst diese vereinzelten Transaktionen den Auflagenverlust im Gesamtmarkt auch statistisch nicht mehr überdecken können. Die Durchschnittsauflage der Zeitungen in NRW ist von 88.200 Exemplaren im Jahr 2002 auf 75.800 im Jahr 2012 zurückgegangen. Sie ist nach der oben beschriebenen In- tegration von zwei Lokalzeitungen gegenüber 2010 aber sogar wieder gestiegen. 12 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 5 Die Verlagsgruppe DuMont Schauberg hat die Korrespondenten ihrer großen Zeitungen Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau, Kölner Stadt- Anzeiger und Mitteldeutsche Zeitung in der DuMont Redaktionsgemeinschaft GmbH in Berlin zusammengefasst. Die Korrespondenten produzieren unter einem Dach für alle Titel. Die Zeitungsverlage sind mit jeweils einem Viertel an dem Gemeinschaftsunternehmen beteiligt. Zeitungen Hauptredaktionen Verkaufte Auflage Durchschnittliche Auflage pro Zeitung 2012 40 20 3.030.700 75.800 2010 42 20 3.103.000 71.700 2008 42 21 3.334.900 79.400 2002 44 21 3.881.800 88.200 1993 * 50 22 4.330.800 86.600 Auflagenzahlen nach ivw jeweils für das I. Quartal; ohne die überregionale Zeitung Handelsblatt. * Vgl. Pätzold/Röper 1995 Tab. 2.1: Tageszeitungen in Nordrhein-Westfalen Die Tagespresse verliert bundesweit seit Jahren anhaltend Auflage. Die Verluste sind insgesamt erheblich. Das gilt auch für NRW. Allein von 2002 bis 2012 ist die Auflage in NRW um knapp 1,2 Mio. Exemplare auf 3 Mio. verkaufte Exemplare zurückgegangen. Das entspricht einem Verlust von 30 Prozent. Die Auflagenein- bußen verteilen sich ungleichgewichtig auf die einzelnen Zeitungstypen. Die relativ höchsten Verluste ver- zeichnen die beiden Boulevardzeitungen BILD und EXPRESS mit 39 Prozent von 2002 bis 2012. Ihr Marktanteil an der Tagespresse in NRW ging auf 17,6 Prozent zurück (2008: 22,0 %). Die regionalen Abonnementzeitungen haben 21 Prozent ihrer Auflage verloren, steigerten wegen der höheren Verluste der Boulevardpresse aber ihren Marktanteil an der Tagespresse auf 76,1 Prozent (2010: 75,0 %). Der negative Auflagentrend war auch bei den Regionalzeitungen zuletzt anhaltend. Allein von 2010 bis 2012 ging die Gesamtauflage um 170.000 Exemplare oder 6,3 Prozent zurück. 13Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Zeitungstyp Regionalpresse (exkl. EXPRESS) überregionale Zeitun- gen (exkl. BILD) Boulevardzeitungen (BILD und EXPRESS) Tageszeitungen gesamt 2012 Auflage 2.858.600 236.500 662.000 3.757.100 76,1% 6,3% 17,6% 100% 3.032.000 248.800 760.200 4.041.000 75,0% 6,2% 18,8% 100% 3.609.300 224.504* 1.081.264 4.915.068 73,4% 4,6% 22,0% 100,0% Marktanteil Auflage Marktanteil Auflage Marktanteil 2010 2002 Tab. 2.2: Verkaufte Auflagen und Marktanteile (MA) nach Zeitungstyp in NRW Quelle: ivw; Auflagenzahlen jeweils für das I. Quartal. * ohne Neues Deutschland und Financial Times Deutschland. ** ohne die Titel Neues Deutschland, Financial Times und Die Tageszeitung. 2.1.1 Überregionale Zeitungen in NRW Auch die überregionalen Titel verlieren bundesweit Auflage. Vergleichsweise sind die Verluste aber gering. Die Gesamtauflage der insgesamt acht Titel (exkl. BILD) ist bundesweit von 2010 (1,546 Mio.) bis 2012 (1,483 Mio.) um 4 Prozent gesunken. In NRW war der Verlust mit 4,9 Prozent größer. Die überregionalen Zeitungen haben sich in NRW in den letzten Jahren je nach Titel unterschiedlich entwickelt. Die mit Abstand höchste Teilauflage erreicht die FAZ mit über 70.000 Exemplaren. Danach folgen Welt/Welt kompakt (50.600) und die Süddeutsche Zeitung (42.900). Einen hohen Anteil an der Gesamtauflage hat NRW bei dem in Düsseldorf ansässigen Handelsblatt (23,8 %). Gleichfalls hoch ist der NRW-Anteil bei der Financial Times Deutschland (21,2 %). Auch Die Welt (20,2 %), die FAZ (20,0 %)und die taz (19,4 %) sind in NRW gut vertreten. Relativ gering ist der in NRW verkaufte Auflagenanteil der Süddeutschen Zeitung (9,9 %) und der Frankfurter Rundschau (6,0 %). Gerade mal 500 Exemplare verkauft in NRW das Neue Deutschland, eine Zeitung, die streng genommen nur in Ostdeutschland als überregionaler Titel wahrgenommen wird. 14 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Frankfurter Allgemeine Zeitung Die Welt/Welt kompakt Süddeutsche Zeitung Frankfurter Rundschau Die Tageszeitung Neues Deutschland Handelsblatt * Financial Times Deutschland * Überregionale Tages- zeitungen exkl. BILD BILD Überregionale Tages- zeitungen inkl. BILD BILD am Sonntag Welt am Sonntag Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Auflage 2010 gesamt 355.300 250.100 431.800 120.100 53.200 35.700 136.700 100.400 1.483.300 2.671.400 4.154.700 1.339.400 423.400 351.900 71.100 50.600 42.900 7.200 10.300 500 32.600 21.300 236.500 489.900 726.400 284.300 88.100 k.A. 20,0 20,2 9,9 6,0 19,4 1,4 23,8 21,2 15,9 18,3 17,5 21,2 20,8 k.A. 368.000 256.200 445.800 142.400 56.800 39.500 136.900 100.700 1.546.300 3.014.100 4.560.400 1.509.600 402.300 343.900 76.800 51.000 43.300 11.300 11.100 600 34.100 20.600 248.800 566.900 815.700 320.400 109.100 k.A. 21,1 19,9 10,1 8,2 19,7 1,5 24,9 20,4 16,1 18,8 17,9 21,2 27,1 k.A. 78.108 49.607 31.439 14.925 11.368 591 38.466 k. A. 224.504 808.764 1.033.268 465.000 125.700 k. A. 20,0 21,2 7,1 7,9 18,9 1,1 27,2 k. A. 19,8 18,2 20,9 19,6 k. A. in NRW NRW in % gesamt in NRW NRW in %in NRW NRW in % Auflage 2010 Auflage 2002 Tab. 2.3: Auflagen der überregionalen Zeitungen in NRW * Montag bis Freitag; bei den anderen Titeln Montag bis Samstag. Quellen: ivw; Auflagenzahlen jeweils für das I. Quartal; Teilauflagen für NRW von ZMG (Sonderauswertung) Den Markt der Sonntagszeitungen führt traditionell BILD am Sonntag an. Von der aktuellen Auflage in Höhe von gut 1,3 Mio. Exemplaren wird gut ein Fünftel in NRW abgesetzt (21,2 %). In den letzten Jahren hatte der Auflagenverlust in NRW relativ den gleichen Umfang wie im Bund. Bei der Welt am Sonntag war der NRW-Anteil lange deutlich höher (2010: 27,1 %), ist aber trotz des eigenen NRW-Teils auf 21 Prozent zurückgegangen. Eine solche Beilage leistet sich die Zeitung ansonsten nur noch in Bayern. Für die Frankfurter Allgemeine Sonn- tagszeitung, die auch in den letzten Jahren gegen den Branchentrend Auflage hinzugewonnen hat, liegen weiterhin keine regionalisierten Auflagen vor. Sehr deutliche Verluste in Höhe von 14 Prozent hat BILD in NRW von 2010 bis 2012 hinnehmen müssen. Die NRW-Auflage machte in 2012 18,3 Prozent der Gesamtauflage von BILD aus. Als einziger überregionaler Titel (abgesehen von der Welt am Sonntag) produziert BILD eigene Ausgaben für NRW. Die taz und die Süddeutsche Zeitung haben ihre NRW-Beilagen aus Kostengründen eingestellt. BILD hingegen produziert acht Teilausgaben, die sehr unterschiedliche Auflagen erzielen. Die Spannweite reicht von 30.000 Exemplaren für die Region Aachen bis zu über 90.000 Exemplaren der Ausgabe Ruhr-West. Der Auflagenschwund betrifft alle Ausgaben. Die relativ höchsten Verluste weist die Ausgabe für Ostwestfalen und für Südwestfalen/Bergisches Land auf. BILD ist trotz des Auflagenverlustes mit einer Gesamtauflage von knapp 490.000 Exemplaren (2008: 641.000) die meist verkaufte Zeitung in NRW geblieben. Auch die regionale Boulevardzeitung EXPRESS hat weiterhin Auflage verloren. Insgesamt ging die Auflage von 193.000 Exemplare in 2010 auf 172.000 in 2012 zurück. Gemessen an den Verlusten von BILD (18,3 %) ist der Rückgang um 11 Prozent geringer. Insbesondere der Düsseldorf-EXPRESS hat mit einer Auflage von nur noch gut 36.000 Exemplaren aber deutliche Marktprobleme. 2.1.2 Regionalzeitungen in NRW Meist verkaufte Regionalzeitung mit geschätzt rund 400.000 Exemplaren ist die Westdeutsche Allgemeine (WAZ) in Essen6, deren Verbreitungsgebiet annähernd das gesamte Ruhrgebiet und Teile des Niederrheins umfasst. Gerade die WAZ hat in den letzten Jahren einen erheblichen Auflagenverlust hinnehmen müssen. Relativ geringe Verluste hatte die nach Auflage zweitgrößte Zeitung, die Rheinische Post, in Düsseldorf zu verzeichnen. Nach der Integration der bis dahin eigenständigen Neuß-Grevenbroicher Zeitung sind die Verluste statistisch nicht mehr zu erkennen. Danach folgt der Kölner Stadt-Anzeiger mit geschätzt 230.000 Exemplaren. In der Auflagenklasse zwischen 100.000 und 200.000 Exemplaren sind 7 Titel präsent. Auf eine Auflage von 50.000 bis 100.000 Exemplare kommen 6 Zeitungen, zwischen 25.000 und 50.000 sind es 5. Zur Auflagen- klasse bis 25.000 Exemplare gehören 15 Zeitungen, bis auf 2 alle in Westfalen verbreitet. In dieser Gruppe liegen die Verkaufsauflagen von 4 Zeitungen unter 10.000 Exemplaren. Auch diese erscheinen sämtlich in Westfalen. 15Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 6 Die WAZ-Gruppe meldet der ivw genau wie einige andere Verlage keine titelbezogenen Auflagenzahlen. Daher können für manche Titel nur geschätzte, keine geprüf- ten Auflagenzahlen genannt werden. Teilbelegung Ruhr-West Ruhr-Ost Düsseldorf Köln/Bonn Aachen Münsterland Ostwestfalen Südwestfalen/ Bergisches Land/ Niederrhein NRW gesamt * Standort Essen Dortmund Düsseldorf Köln Aachen Münster Bielefeld Arnsberg 90.700 87.100 70.500 57.800 30.000 39.700 61.700 52.400 489.900 18,5% 17,8% 14,4% 11,8% 6,1% 8,1% 12,6% 10,7% 100,0% 105.700 99.600 80.900 67.900 37.700 44.800 72.500 60.800 566.900 18,6% 17,6% 14,3% 12,0% 6,7% 7,9% 12,8% 10,7% 100,0% 140.800 140.100 110.100 88.500 46.500 61.200 104.500 104.100 795.800 17,7% 17,6% 13,8% 11,1% 5,8% 7,7% 13,1% 13,1% 100,0% Auflage Anteil an NRW gesamt Auflage Anteil an NRW gesamt Auflage Anteil an NRW gesamt 2012 2010 2002 Tab. 2.4: Teilausgaben von BILD in NRW Auflagenzahlen nach ivw jeweils für das I. Quartal. * Für das Jahr 2010 stimmt die Summe nicht mit der Addition der Teilauflagen überein (Differenz 3.000 Expl.), wurde aber so von der ivw übernommen. 16 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Verkaufte Auflage 2012 123.000 0 17.500 22.700 17.200 8.500 7.600 78.600 55.300 11.500 24.600 20.200 21.800 316.200 42.000 31.100 31.400 15.300 146.100 0 24.600 129.200 6.800 17.900 23.500 17.500 8.800 8.100 81.800 57.100 11.900 24.500 21.000 24.900 336.000 43.700 32.200 34.500 15.900 150.100 45.500 25.500 136.900 7.000 18.200 23.800 17.800 9.200 8.400 84.500 58.100 12.100 25.800 21.400 25.000 345.000 45.100 31.600 35.400 16.700 153.300 49.000 26.300 Verkaufte Auflage 2010 Verkaufte Auflage 2008 Verlag Zeitungsverlag Aachen GmbH Inzwischen eine Ausgabe der Westfälischen Nachrichten J. Fleißig GmbH & Co KG Temming Verlag KG J. Mergelsberg GmbH & Co KG J. Horstmannsche Buchhandlung GmbH & Co KG Vg. Emsdettener Volksztg. GmbH Bonner Zeitungsdruckerei und Verlags- anstalt Neusser GmbH E. Holterdorf GmbH & Co KG Haller Kreisblatt Verlags-GmbH Graphische Betriebe Rubens KG IVZ Medien GmbH & Co KG Zeitungsverlag Iserlohn Iserlohner Kreisanz. und Ztg. GmbH & Co KG DuMont Schauberg Expedition der Kölnischen Ztg. GmbH & Co KG Lippischer Zeitungsverlag Giesdorf GmbH & Co KG Märk. Zeitungsvg. GmbH & Co KG J.C.C. Bruns Betriebs-GmbH Altmeppen-Verlag GmbH & Co KG Zeitungsverlag Niederrhein GmbH & Co Essen KG Zeitungsverlag Neue Westfälische GmbH & Co KG Inzwischen eine Ausgabe der Rheinischen Post Zeitungsverlag Der Patriot GmbH Tab. 2.5: Regionale und lokale Tageszeitungen in NRW Aachener Nachrichten und Aachener Zeitung Ahlener Zeitung Allgemeine Zeitung, Coesfeld Bocholter-Borkener Volksblatt Borkener Zeitung Dülmener Zeitung Emsdettener Volkszeitung General-Anzeiger, Bonn 1 Die Glocke, Oelde Haller Kreisblatt Hellweger Anzeiger, Unna Ibbenbürener Volkszeitung Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau Lippische Landes-Zeitung Lüdenscheider Nachrichten Mindener Tageblatt Münsterländische Volkszeitung Neue Ruhr/Rhein Zeitung 2 Neue Westfälische, Bielefeld Neuß-Grevenbroicher Zeitung Der Patriot, Lippstadt 17Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Quelle: FORMATT-Institut; Auflagenzahlen nach ivw jeweils für das I. Quartal. *) In der Summe sind auch Auflagen inzwischen eingestellter Titel enthalten. 1 Der General-Anzeiger verkauft 6.200 Exemplare in den Kreisen Neuwied und Ahrweiler in Rheinland-Pfalz. 2 Gesamtauflage der Neue Ruhr/Rhein Zeitung, Westdeutschen Allgemeine, Westfälischen Rundschau und der Westfalenpost. 3 Gesamtauflage der Ruhr Nachrichten ohne Berücksichtigung der reorganisierten Verlagsstruktur mit outgesourcten Lokalausgaben. 4 Die Siegener Zeitung verkauft einen Auflagenanteil von 6.100 Exemplaren im Westerwaldkreis in Rheinland-Pfalz. 5 In der Summe nicht berücksichtigt sind insgesamt 6.500 Exemplare, die von Zeitungen aus benachbarten Bundesländern in grenznahen Orten diesseits der Grenze verkauft werden. Bei der Summe der hierzulande verkauften auswärtigen Regionalzeitungen sind insbesondere folgende Titel zu berücksichtigen: Neue Osnabrücker Zeitung 3.700 Exemplare im Kreis Steinfurt; Kreiszeitung, Syke, 1.200 Exemplare im Kreis Minden- Lübbecke; Dewezet 1.500 Exemplare im Kreis Lippe. Titel Verkaufte Auflage 2012 60.400 17.400 340.900 206.500 55.000 35.200 23.500 5.000 4.000 719.400 104.800 117.100 115.400 38.800 2.858.600 36.300 135.800 172.100 3.030.700 136.900 63.600 18.800 310.900 216.200 56.800 36.100 24.800 4.900 4.000 780.600 121.600 121.900 113.700 41.700 3.032.000 40.500 152.800 193.300 3.225.300 147.800 65.800 19.800 318.300 228.600 58.100 31.700 25.600 5.200 4.000 827.800 130.900 125.300 115.100 41.900 3.148.700 45.700 166.300 212.000 3.360.700 144.000 Verkaufte Auflage 2010 Verkaufte Auflage 2008 Verlag Verlag J. Bauer KG Ziegler KG Druckerei und Verlag Rheinische Post Verlagsges. mbH Vg. Lensing-Wolff GmbH & Co KG Siegener Zeitung Vorländer + Rothmaler GmbH & Co KG W. Jahn Verlag GmbH & Co KG B. Boll Verlag des Solinger Tageblattes GmbH & Co KG Süderländer Tageblatt Plettenberger Zeitung Hundt GmbH & Co KG Druck und Verlag Kirch GmbH Westd. Allgemeine Zeitungsverlag Brost & Funke GmbH & Co KG Girardet Verlag KG Westfalen-Blatt Vereinigte Zeitungs - verlage GmbH Westfalenpost GmbH & Co Verlags-KG Aschendorff Medien GmbH & Co Zeitungsverlag Westfalen GmbH & Co KG Westfälischer Anzeiger Verlag GmbH & Co KG Düsseldorf-Express Verlags GmbH DuMont Schauberg Expedition der Kölnischen Ztg. GmbH & Co KG Handelsblatt GmbH Recklinghäuser Zeitung Remscheider General-Anzeiger Rheinische Post, Düsseldorf Ruhr Nachrichten 3, Dortmund Siegener Zeitung 4 Soester Anzeiger Solinger Tageblatt Süderländer Tageblatt, Plettenberg Tageblatt für den Kreis Steinfurt Westdeutsche Allgemeine Zeitung 2, Essen Westdeutsche Zeitung, Düsseldorf Westfalen-Blatt, Bielefeld Westfalenpost 2, Hagen Westfälische Nachrichten Westfälische Rundschau 2 Westfälischer Anzeiger, Hamm Abo-Presse gesamt 5 Düsseldorf-EXPRESS EXPRESS, Köln Boulevard-Presse gesamt Regionalpresse gesamt Handelsblatt Dem Doppelcharakter der Tagespresse als ökonomischem und publizistischem Gut folgend werden zur Klärung der Branchenstruktur zwei Kategorien genutzt: − Zeitungsgruppen und − Verlagsgruppen. Zeitungsgruppen Zu Zeitungsgruppen werden all jene Titel zusammengefasst, die über eine identische oder zumindest weit- gehend identische überregionale Berichterstattung, den sogenannten Zeitungsmantel, verfügen. Insbeson- dere kleinere Verlage unterhalten häufig keine eigene Hauptredaktion, sondern kaufen diese Mantelseiten fertig von benachbarten Verlagen ein. Eigenständig erstellen sie nur die Lokalberichterstattung. Von den 40 Regionaltiteln in NRW (inkl. EXPRESS) unterhalten noch 20 eigene Hauptredaktionen.7 Die übrigen 20 Zei- tungen beziehen den Mantelteil von acht anderen Redaktionen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über diese redaktionellen Kooperationen. 18 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 7 Teilweise verfügen solche Hauptredaktionen nicht mehr über alle klassischen Ressorts (Nachrichten, Wirtschaft, Kultur, Sport, Vermischtes), sondern produzieren nur noch Teile des Mantels selbst. In NRW gilt dies etwa für die Aachener Nachrichten, die nur noch eine titelbezogene Nachrichtenredaktion haben und die Seiten der übrigen Ressorts von der Aachener Zeitung übernehmen. Tab. 2.6: Zeitungsgruppen in NRW: Gemeinsamer Hauptteil Mantel Rheinische Post Zeitungsgruppe gesamt Westfälische Nachrichten Zeitungsgruppe gesamt Ruhr Nachrichten Zeitungsgruppe gesamt Neue Westfälische Zeitungsgruppe gesamt Westfälischer Anzeiger Zeitungsgruppe gesamt Titel Rheinische Post, Düsseldorf Neuß-Grevenbroicher Zeitung * (Bocholter-Borkener Volksblatt, bis Ende 2009) Westfälische Nachrichten Borkener Zeitung Allgemeine Zeitung, Coesfeld Münsterländische Volkszeitung Dülmener Zeitung Ahlener Zeitung * Tageblatt für den Kreis Steinfurt Bocholter-Borkener Volksblatt (seit Anfang 2010) Ibbenbürener Volkszeitung (bis 2002 von Ruhr Nachrichten) Ruhr Nachrichten, Dortmund (inkl. Münstersche Zeitung) (Ibbenbürener Volkszeitung; ab 2003 Westfäl. Nachrichten) Emsdettener Volkszeitung Neue Westfälische, Bielefeld Lippische Landes-Zeitung Haller Kreisblatt Westfälischer Anzeiger, Hamm Soester Anzeiger Lüdenscheider Nachrichten Der Patriot, Lippstadt Hellweger Anzeiger, Unna Süderländer Tageblatt, Plettenb. (Vlothoer Anzeiger; bis 2004) ** Auflage 2012 340.900 0 0 340.900 115.400 17.200 17.500 15.300 8.500 0 4.000 22.700 0 220.800 206.500 0 7.600 214.100 146.100 42.000 11.500 199.600 38.800 35.200 31.100 24.600 24.600 5.000 0 159.300 310.900 45.500 0 356.400 113.700 17.500 17.900 15.900 8.800 6.800 4.000 23.500 21.000 229.100 216.200 0 224.300 150.100 43.700 11.900 205.700 41.700 36.100 32.200 25.500 24.500 4.900 0 164.900 339.900 52.000 25.000 416.900 130.200 18.700 18.600 17.900 9.900 8.000 4.300 - - 207.600 230.100 16.900 9.500 256.500 160.200 45.000 13.100 218.300 48.700 38.800 36.100 28.500 24.600 6.000 5.200 187.900 Auflage 2010 Auflage 2002 19Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 8 In der Tab. 2.7 sind nur direkte und indirekte Beteiligungen berücksichtigt, die gerundet mindestens 25 Prozent des Kapitals am Beteiligungsverlag umfassen. Bei der Berechnung anteiliger Auflagen wird einer Verlagsgruppe jeweils nur ein Auflagenanteil zugerechnet, der der Höhe der Kapitalbeteiligung entspricht. Ab einer Beteiligungshöhe von 75 Prozent wird die Auflage vollständig angerechnet. Mantel Westdeutsche Zeitung Zeitungsgruppe gesamt General-Anzeiger Zeitungsgruppe gesamt Westfalenpost Zeitungsgruppe gesamt Recklinghäuser Zeitung Zeitungsgruppe gesamt EXPRESS Zeitungsgruppe gesamt Titel Westdeutsche Zeitung, Düsseld. Solinger Tageblatt Remscheider General-Anzeiger General-Anzeiger, Bonn Kölnische Rundschau *** Westfalenpost, Hagen *** Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung Recklinghäuser Zeitung Buersche Zeitung ** EXPRESS Düsseldorf EXPRESS Auflage 2012 104.800 23.500 17.400 145.700 78.600 21.800 60.400 0 135.800 36.300 172.100 121.600 24.800 18.800 165.200 81.800 90.000 171.800 115.000 24.900 63.600 - 65.800 152.800 40.500 193.300 160.700 28.300 22.900 211.900 - - - 140.000 29.100 169.100 71.000 9.200 80.200 Auflage 2010 Auflage 2002 * nicht mehr eigenständig. ** eingestellt. *** Auflage unbekannt Auflagenzahlen nach ivw jeweils für das I. Quartal. Publizistisch gewinnen über solche Zeitungsgruppen z.T. auch Zeitungen mit kleiner Auflage ein deutliches größeres Gewicht. In NRW gilt dies beispielsweise für den Westfälischen Anzeiger in Hamm, der selbst nur eine bescheidene Auflage von gut 39.000 Exemplaren erreicht, dessen überregionale Berichterstattung aber in Zeitungen mit einer Gesamtauflage von 160.000 Exemplaren erscheint. In NRW liefern acht Hauptredaktionen ihren Mantel an ansonsten eigenständige Zeitungen. Verlagsgruppen Verlagsgruppen basieren auf einem im Zuge der horizontalen Konzentration seit Jahrzehnten wachsenden Beteiligungsgeflecht. Früher wurden insbesondere kleinauflagige Titel nach einem Aufkauf durch in der Regel größere Verlage häufig eingestellt, weil die Marktpositionen unrentabel waren oder ein Auflagentransfer zum Titel des Käufers angestrebt wurde. Bei dem ausgedünnten Angebot im Zeitungsmarkt, sind Akte der publi- zistischen Konzentration in der Folge von ökonomischer Konzentration eher selten geworden, da die noch existierenden Titel heute in der Regel stattliche Marktanteile aufweisen. Entsprechend haben Verlagsgruppen8 im Zeitungsmarkt ein erhebliches Gewicht. Dies gilt auch für NRW. Gegenüber dem Vergleichsjahr 2010 haben sich bei den Verlagsgruppen und ihrer Zusammensetzung drei Änderungen ergeben: In der Gruppe der Rheinischen Post erscheint die zuvor eigenständige Neuß-Grevenbroicher Zeitung als Lokalausgabe der RP. Ihre Auflage ist in jener der RP enthalten. Ähnlich erscheint die Ahlener Zeitung als Lokalausgabe der Westfälischen Nachrichten. Hinzugekommen ist die Gruppe des Solinger Tageblatts, nachdem der Solinger Verlag den Remscheider General-Anzeiger vollständig übernommen hat. Nicht berücksichtigt, weil sie die Erfassungsschwelle von gerundet 25 Prozent unterschreiten, sind insbeson- dere Beteiligungen der Kölner Verlagsgruppe am General-Anzeiger in Bonn (knapp 20 Prozent) und der Ippen- Gruppe am Westfalen-Blatt (15 Prozent). Künftig zu berücksichtigen ist eine Beteiligung des Verlags um die Westfälischen Nachrichten am Westfalen-Blatt (24,9 Prozent), die seit Herbst 2011 besteht. 20 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.7: Verlagsgruppen in NRW nach Kapitalverflechtungen Verlagsgruppe Westdeutsche Allg. Zeitung * Westfalenpost * Westfälische Rundschau * Neue Ruhr/Rhein Zeitung * Iserlohner Kreisanzeiger Verlagsgruppe gesamt Kölner Stadt-Anzeiger * Kölnische Rundschau * EXPRESS Düsseldorf-EXPRESS Verlagsgruppe gesamt Rheinische Post Neuß-Grevenbroicher Zeitung (bis 2010: 50%) Aachener Zeitung * Aachener Nachrichten * Verlagsgruppe gesamt Ruhr Nachrichten (inkl. Münstersche Zeitung) Emsdettener Volkszeitung Recklinghäuser Zeitung Verlagsgruppe gesamt Westdeutsche Zeitung Düsseldorf-EXPRESS Verlagsgruppe gesamt Westfälische Nachrichten Ahlener Zeitung Tageblatt für den Kreis Stein- furt Verlagsgruppe gesamt Westfälischer Anzeiger Lüdenscheider Nachrichten Soester Anzeiger Verlagsgruppe gesamt Solinger Tageblatt Remscheider General-Anz. Verlagsgruppe gesamt Verlagsgruppen gesamt Kapitalanteil in % 100 100 86,9 89,4 24,8 100 100 100 50,0 100 100 24,5 24,5 100 90 40,0 100 50,0 100 100 50 100 100 40,0 100 100 719.400 21.800 741.200 316.200 135.800 36.300 488.300 340.900 0 123.000 463.900 206.500 7.600 60.400 274.500 104.800 36.300 141.100 115.400 0 4.000 119.400 38.800 31.100 35.200 105.100 23.500 17.400 40.900 2.374.400 719.400 5.400 724.800 216.200 135.800 18.200 370.200 340.900 0 30.100 371.000 206.500 7.600 24.200 238.300 104.800 18.200 123.000 115.400 0 2.000 117.400 38.800 31.100 14.100 84.000 23.500 17.400 40.900 2.069.600 780.600 23.600 804.200 336.100 152.800 40.500 529.400 310.900 45.500 129.200 485.600 216.200 8.100 63.600 287.900 121.600 40.500 162.100 113.700 6.800 120.500 41.700 32.200 36.100 110.000 k. A. k. A. k. A. 2.499.700 780.600 23.600 804.200 336.100 152.800 20.250 529.400 310.900 45.500 31.654 388.054 216.200 8.100 25.440 249.700 121.600 20.250 141.850 113.700 6.800 120.500 41.700 32.200 14.400 88.300 k. A. k. A. k. A. 2.322.000 594.600 140.000 160.000 155.000 29.100 1.078.700 270.100 135.000 209.300 63.200 677.600 339.900 52.000 k. A. k. A. 391.900 196.100 34.000 9.500 71.000 310.600 160.700 63.200 223.900 - - - 44.100 32.800 32.300 109.200 k. A. k. A. k. A. 2.791.900 Kapitalanteil in % Kapitalanteil in % Kapitalanteil in % Kapitalanteil in % Kapitalanteil in % Auflagen nach ivw jeweils für das 1. Quartal. * Jeweils gemeinsame Auflage der markierten Titel. Titelbezogene Auflagen liegen nicht vor. 2.2 Zeitungsdichte Die wichtigste Kennzahl über den Grad der Vielfalt im Zeitungsmarkt ist die sogenannte Zeitungsdichte, die auf der Ebene von Gebietskörperschaften die Anzahl derjenigen Tageszeitungen mit einer lokalen Berichter- stattung für das jeweilige Gebiet benennt. Die Lokalberichterstattung ist also das wesentliche Kriterium. Überregionale Zeitungen sind nur dort zu berücksichtigen, wo sie auch eine Lokalberichterstattung anbieten (etwa die Süddeutsche Zeitung in München). In dieser Studie werden auch Boulevardzeitungen nicht berück- sichtigt, da bei ihnen in der Regel ein anderes Verständnis in Bezug auf die räumliche Dimension von lokaler Berichterstattung gegeben ist. Selbst ein Titel wie der Düsseldorf EXPRESS muss aus Rücksicht auf sein deutlich über das Stadtgebiet von Düsseldorf hinausragendes Verbreitungsgebiet auch über die Nachbarschaft berich- ten. Wichtiger noch ist, dass BILD auch in NRW nicht umfassend lokal berichten kann, weil das Blatt nur acht Ausgaben in NRW unterhält und daher in den einzelnen Ausgaben eigenständig subregional berichtet wird. Bundesweit sinkt die Zeitungsdichte seit Jahrzehnten. Nach einer Langzeituntersuchung auf Basis der Kreise und kreisfreien Städte gab es bereits 1976 Zeitungsmonopole in 156 Kreisen und kreisfreien Städten mit gut 20 Mio. Einwohnern. Das entsprach einem Bevölkerungsanteil von knapp einem Drittel. Bei der jüngsten vor- liegenden Studie für das Jahr 2008 waren es 35 Mio. Einwohner9. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 42 Prozent. Seit 1997 (41 %) ist der Studie zufolge die Anzahl der monopolisierten Teilräume im Zei- tungsmarkt kaum noch gestiegen. Die Entwicklung des Marktes verlief allerdings anders. Sie ist statistisch nicht erkennbar, weil sie von kom- munalen Neugliederungen in einzelnen Bundesländern überdeckt wird, bei denen immer wieder größere Ge- bietskörperschaften entstehen. Die Zahl der Kreise nimmt mit der Folge ab, dass Ein-Zeitungskreise mit an- deren Kreisen zusammengelegt werden und statistisch sich dadurch zum Teil eine scheinbare Verbesserung im Markt ergibt. Dass die Kreisebene für die Messung der Zeitungsvielfalt nur bedingt aussagekräftig ist, ist seit Langem bekannt.10 Da auf der Bundesebene aber keine anderen Daten verfügbar sind, muss darauf zu- rückgegriffen werden, um einen Ländervergleich zu ermöglichen. Tabelle 2.8 zeigt, dass Nordrhein-Westfalen nach dieser Messung mit einem Monopolisierungswert von 12 Prozent der Bevölkerung im Ländervergleich gut abschneidet. Die Konzentration im Zeitungsmarkt ist in allen anderen Ländern mit Ausnahme der Stadt- staaten Berlin und Hamburg deutlich stärker fortgeschritten. 21Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 9 Vgl. dazu: Media Perspektiven 9/2009, S. 454ff. 10 Vgl. dazu Pätzold, Ulrich/Röper, Horst: Neue Ansätze einer Pressekonzentrationsforschung. In: Media Perspektiven 2/1984, S. 98ff. 22 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 11 Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V. (ivw): Verbreitungsanalyse Tageszeitungen 2012. Berlin 2012. Tab. 2.8: Ein-Zeitungs-Kreise und Mehr-Zeitungs-Kreise 2008 Bundesland Baden-Württemberg Bayern Berlin Brandenburg Bremen Hamburg Hessen Mecklenburg-Vorp. Niedersachsen Nordrhein-Westfalen Rheinland-Pfalz Saarland Sachsen Sachsen-Anhalt Schleswig-Holstein Thüringen Gesamt 2008 Gesamt 2006 Gesamt 2004 Gesamt 1976 Ein-Zeitungs-Kreise Anzahl Kreise 21 59 - 13 1 - 10 17 35 9 27 5 9 10 11 12 239 261 256 156 4.392,5 6.475,7 - 1.890,7 115,3 - 1.777,2 1.469,3 5.548,8 2.201,9 2.981,3 699,8 2.703,5 1.727,3 1.874,6 1.076,9 34.934,8 35.007,5 34.808,1 20.108,4 40,9 51,7 - 74,5 17,4 - 29,3 88,0 69,6 12,2 73,7 67,5 64,0 71,6 66,1 47,0 42,4 42,5 42,1 32,7 23 37 - 5 1 - 16 1 11 45 9 1 4 4 4 11 174 178 183 187 6.357,3 6.044,6 3.416,3 647,0 547,8 1.770,6 4.295,4 200,4 2.422,9 15.794,7 1.064,3 336,8 1.516,7 685,2 962,8 1.212,3 47.283,0 47.430,5 47.728,6 61.405,2 59,1 48,3 100,0 25,5 82,6 100,0 70,7 12,0 30,4 87,8 26,3 32,5 36,0 28,4 33,9 53,0 57,6 57,5 57,9 67,3 Bevölkerung absolut Bevölkerung in % Anzahl Kreise Bevölkerung absolut Bevölkerung in % Mehr-Zeitungs-Kreise Quelle: Media Perspektiven 9/2009, S. 479ff. Tatsächlich liegt der Monopolisierungsgrad in Nordrhein-Westfalen aber deutlich höher. Dies zeigt sich, wenn der Zeitungsmarkt nicht auf der Ebene der Kreise, sondern auf der Ebene der Gemeinden untersucht wird. In der vorliegenden Studie wird auf dieser Ebene der Zeitungsmarkt in NRW dokumentiert und analysiert. Dazu wird die ivw-Verbreitungsanalyse mit den Auflagenzahlen für das 1. Quartal 2012 genutzt.11 Bei den Struk- turdaten zur Zeitungsbranche wird der aktuelle Stand von Mitte 2012 berücksichtigt. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Monopolisierung im Zeitungsmarkt NRW erneut gestiegen ist. Der Anteil der in Monopolgebieten lebenden Bevölkerung kletterte von 26,8 Prozent in 2010 auf 28,1 Prozent in 2012. 5 Mio. Einwohner haben inzwischen keine Auswahl mehr bei der Zeitungslektüre mit lokaler Bericht- erstattung. Das Gros der Einwohner, unverändert rund 10 Mio., kann noch zwischen zwei Titeln wählen, 2,7 Mio. zwischen drei Zeitungen (2010: 3,0 Mio.). Wettbewerbsgebiete mit vier Zeitungen existieren kaum mehr. Die Angebotsmonopole betreffen inzwischen 139 Gemeinden und kreisfreie Städte. In 2010 waren es noch 133, in 2008 erst 108. 23Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 12 Bei den Verbreitungsgebieten der Westfälischen Rundschau und Westfalenpost sind 2009 erhebliche Veränderungen vorgenommen worden. Diese werden weiter unten detailliert beschrieben. Tab. 2.9: Entwicklung der Zeitungsdichte in NRW Jahr 1992 2002 2006 2008 2010 2012 1 Zeitung Gemeinden 47 66 108 108 133 140 1.513.000 2.263.000 4.199.100 4.237.300 4.826.000 5.025.800 9,0 12,6 23,3 23,5 26,8 28,2 271 267 245 235 223 220 11.199.000 11.850.000 10.866.100 10.570.500 10.184.400 10.161.600 66,5 65,8 60,2 58,7 56,7 56,9 78 63 43 53 40 36 4.141.000 3.900.000 2.994.700 3.189.800 2.987.200 2.655.800 24,5 21,6 16,6 17,7 16,6 14,9 Gemeinden GemeindenEinwohner absolut Einwohner absolut Einwohner absolut in % in % in % 2 Zeitungen 3 (4) Zeitungen* * Davon jeweils 4 Zeitungen gab es 1992: in 8 Gemeinden mit 223.000 Einwohnern (1,3 %); 2002: in 3 Gemeinden mit 45.000 Einwohnern (0,2 %); 2006: in 3 Gemeinden mit 29.800 Einwohnern (0,2 %); 2008: in 3 Gemeinden mit 29.500 Einwohnern (0,2 %); 2010: in 3 Gemeinden mit 29.500 Einwohnern (0,2 %); 2012: in drei Gemein- den mit 29.100 Einwohnern (0,2%). Quelle: FORMATT-Institut Gerade in NRW sind neben den Angebotsmonopolen auch Anbietermonopole weit verbreitet. Diese sind ge- geben, wenn in einem Gebiet zwar noch zwei Zeitungen erscheinen, beide aber zum selben Verlag gehören oder der eine Verlag den anderen besitzt. Diese Voraussetzungen bestehen beispielsweise bei den beiden Aachener und bei den beiden Kölner Zeitungen. Die Aachener Nachrichten und die Aachener Zeitung erscheinen im Zeitungsverlag Aachen und haben überwiegend gleiche Verbreitungsgebiete. Ähnliches gilt für den Kölner Stadt-Anzeiger und die Kölnische Rundschau aus dem Verlag M. DuMont Schauberg. Auch die nordrhein-west- fälischen Titel des WAZ-Konzerns erscheinen in verflochtenen Verlagen. Die Verbreitungsgebiete sind unter- schiedlich. Überlappungen bestehen insbesondere bei der Westdeutschen Allgemeinen und der Neuen Ruhr/ Rhein Zeitung sowie bei der Westfälischen Rundschau und der Westfalenpost.12 Die Zeitungen stehen zwar teilweise noch in redaktionellem Wettbewerb, von echter Konkurrenz kann allerdings keine Rede sein, da das wirtschaft- liche Motiv dafür fehlt. In Tab. 2.10 sind die Monopolgebiete detailliert aufgelistet, neben den Einzeitungs- gebieten auch jene mit einem Anbietermonopol. Diese schwächere Ausprägung der Monopolisierung ist additiv zu den Einzeitungsgebieten zu sehen. Insgesamt sind von solchen Monopolstrukturen 8,6 Mio. Bürger betroffen. Tab. 2.10: Kreise und kreisfreie Städte mit Monopolstrukturen 2012 Kreis/kreisfreie Stadt Städteregion Aachen Bonn Kreis Borken Bottrop Kreis Coesfeld Vom Angebotsmonopol betroffene Einwohner 307.100 324.900 291.100 116.800 172.700 Vom Anbietermonopol betroffene Einwohner 258.700 Bemerkungen Zeitungsmonopol außer in der Stadt Aachen (Verlagsmonopol) Zeitungsmonopol Zeitungsmonopol außer in Ahaus, Heek, Isselburg, Raesfeld, Südlohn Zeitungsmonopol Zeitungsmonopol außer in Ascheberg, Nottuln, Olfen 24 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Kreis/kreisfreie Stadt Kreis Düren Ennepe-Ruhr-Kreis Essen Kreis Euskirchen Gelsenkirchen Kreis Gütersloh Hagen Hamm Kreis Heinsberg Herne Hochsauerlandkreis Kreis Kleve Köln Kreis Lippe Märkischer Kreis Kreis Minden- Lübbecke Mönchengladbach Mülheim Oberbergischer Kreis Oberhausen Kreis Olpe Vom Angebotsmonopol betroffene Einwohner 68.900 146.100 258.000 8.000 181.800 124.900 164.800 267.600 97.900 218.700 226.300 159.200 258.000 242.600 93.700 Vom Anbietermonopol betroffene Einwohner 183.400 37.700 574.600 191.000 188.500 1.007.100 167.300 212.900 Bemerkungen Zeitungsmonopol in Aldenhoven, Jülich, Linnich, Titz Verlagsmonopol in Düren, Hürtgenwald, Inden, Kreuzau, Langerwehe, Merzenich, Nideggen, Niederzier, Vettweiss nicht betroffen: Heimbach, Nörvenich Zeitungsmonopol in Ennepetal, Gevelsberg, Hattingen, Schwelm Verlagsmonopol in Breckerfeld, Wetter Verlagsmonopol Verlagsmonopol Zeitungsmonopol Zeitungsmonopol in Langenberg Verlagsmonopol Zeitungsmonopol Zeitungsmonopol in Gangelt, Geilenkirchen, Heins- berg, Selfkant, ÜbachPalenberg, Waldfeucht Zeitungsmonopol Zeitungsmonopol Zeitungsmonopol in Geldern, Kerken, Kevelaer, Straelen, Wachtendonk Verlagsmonopol Zeitungsmonopol außer in Bad Salzuflen, Extertal, Kalletal, Lügde, Leopoldshöhe, Oerlinghausen, Schlangen Zeitungsmonopol in Hemer, Iserlohn, Kierspe, Meinerzhagen, Menden Zeitungsmonopol in Hille, Minden, Petershagen, Porta Westfalica Zeitungsmonopol Verlagsmonopol Zeitungsmonopol außer in Hückeswagen, Rade- vormwald Verlagsmonopol Zeitungsmonopol außer in Olpe und Wenden 25Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Der Grad der Monopolisierung ist differenziert nach den Regierungsbezirken sehr unterschiedlich fortge- schritten. Im Folgenden werden die Markt- und Branchenstrukturen auf der Ebene der Regierungsbezirke be- schrieben. Den höchsten Grad an Ein-Zeitungsgebieten weist der Regierungsbezirk Münster auf, wo knapp die Hälfte der Bevölkerung betroffen ist. Zwischen drei Zeitungen können dort gerade noch 1,8 Prozent der Bevölkerung wählen. Die besten Werte weist der Regierungsbezirk Düsseldorf aus, wo ein Viertel der Bevölkerung zwischen drei Zeitungen wählen kann und 57 Prozent zwischen zwei Zeitungen. Nur 18 Prozent der Einwohner dort sind vom Monopol betroffen. Auch im Bezirk Detmold ist der Monopolisierungsgrad mit 19 Prozent der Bevölkerung relativ gering. Kreis/kreisfreie Stadt Kreis Recklinghausen Rhein.-Bergischer Kreis Rhein-Erft-Kreis Rhein-Kreis Neuss Rhein-Sieg-Kreis Kreis Soest Kreis Steinfurt Kreis Unna Kreis Viersen Kreis Warendorf Wuppertal Gesamt Vom Angebotsmonopol betroffene Einwohner 75.300 119.600 20.200 229.300 219.800 27.000 125.600 131.100 349.700 5.026.700 Vom Anbietermonopol betroffene Einwohner 195.400 464.100 117.100 3.597.800 Bemerkungen Zeitungsmonopol in Gladbeck Verlagsmonopol außer in Burscheid, Leichlingen, Wermelskirchen Verlagsmonopol Zeitungsmonopol in Grevenbroich, Jüchen, Korschenbroich Angebotsmonopol in Wachtberg Verlagsmonopol in Eitorf, Lohmar, Much, Neun - kirchen-Seelscheid, Ruppichteroth, Windeck Zeitungsmonopol in Anröchte, Bad Sassendorf, Erwitte, Geseke, Lippstadt, Möhnesee, Soest, Werl, Wickede Zeitungsmonopol in Altenberge, Emsdetten, Hörs- tel, Hopsten, Ibben-büren, Ladbergen, Lengerich, Lotte, Mettingen, Nordwalde, Ochtrup, Recke Zeitungsmonopol in Selm Zeitungsmonopol in Brüggen, Niederkrüchten, Schwalmtal, Viersen Zeitungsmonopol in Beckum, Beelen, Ennigerloh, Everswinkel, Oelde, Ostbevern, Telgte Zeitungsmonopol Bevölkerungsdaten mit Stand vom 31.12.2010 (LDS) 2.2.1 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Köln Im Regierungsbezirk Köln hat es seit 2008 kaum Veränderungen in der Angebotsstruktur gegeben. Die letzte Veränderung betraf vier Gemeinden im Norden von Aachen, als der Aachener Zeitungsverlag die Lokalredak- tionen seiner beiden Zeitungen in Alsdorf zusammenlegte und damit für die Lokalberichterstattung ein Mo- nopolangebot entstand. Eine deutliche Verschlechterung ist auch in den nächsten Jahren nicht zu erwarten, da der Markt weitgehend unter relativ großen Zeitungen aufgeteilt ist und kleine Zeitungen nur noch am nördlichen Rand des Rheinisch-Bergischen und des Oberbergischen Kreises eine Rolle spielen. Im restlichen Gebiet des Oberbergischen Kreises gibt es für die Lokalberichterstattung allerdings nur noch eine Quelle. Der Lokalteil der Kölnischen Rundschau wird dort auch dem Kölner Stadt-Anzeiger beigefügt. Mit Bonn ist sogar eine der drei Großstädte im Regierungsbezirk vom Monopol betroffen. In Leverkusen ist mit der Rheinischen Post noch eine Alternative zum marktbeherrschenden Stadt-Anzeiger gegeben. Mutmaßlich wird die RP aber insbesondere im Stadtteil Opladen gelesen, wo sie schon vor dessen Eingemeindung vertreten war. Ähnlich wie im Oberbergischen Kreis werden auch den Einwohnern im nördlichen Teil des Kreises Düren, im westlichen Teil des Kreises Heinsberg und im östlichen Teil des ehemaligen Kreises Aachen zwar zwei Zeitun- gen angeboten, sie unterscheiden sich aber nur zu einem geringen Teil in der überregionalen Berichterstat- tung. Die lokale Berichterstattung der Aachener Nachrichten und der Aachener Zeitung ist identisch. In Zeitungsmonopolen lebt knapp ein Viertel der Bevölkerung. Zwei unterschiedliche Zeitungen stehen im- merhin mehr als zwei Dritteln der Bevölkerung zur Verfügung, drei Zeitungen knapp 8 Prozent. 26 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.11: Zeitungsdichte in den Regierungsbezirken 2012 Regierungsbezirk Köln Düsseldorf Münster Arnsberg Detmold NRW 2012 Zum Vergleich NRW 2010 Zum Vergleich NRW 2008 Anteil der Bevölkerung in % mit 1 Zeitung 24,8 18,4 48,8 36,5 18,9 28,2 26,8 23,5 2 Zeitungen 67,4 56,8 49,5 44,3 67,1 56,9 56,7 58,7 3 Zeitungen 7,5 24,5 1,8 19,3 13,9 14,7 16,4 17,5 4 Zeitungen 0,4 0,3 0,0 0,0 0,0 0,2 0,2 0,2 Die beiden Aachener Zeitungen erscheinen genau wie die beiden Kölner Titel jeweils im selben Verlag. Daher gibt es im Regierungsbezirk auch außerhalb der Monopolgebiete großflächige Anbietermonopole. Zugunsten des Zeitungsverlags Aachen in der Stadt Aachen sowie im ehemaligen Kreis Düren. Der Kölner Verlag hat ein Anbietermonopol in Köln, im Kreis Euskirchen und im Rhein-Erft-Kreis sowie in großen Teilen des Rheinisch- Bergischen Kreises und des Rhein-Sieg-Kreises (vgl. zu den Anbietermonopolen Tab. 2.10). Weitergehende Schritte in Richtung Konzentration wurden insbesondere durch das Veto des Bundeskartell- amtes bei zwei geplanten Transaktionen verhindert. Zum einen hatte die Verlagsgruppe um die Rheinische Post beabsichtigt, ihren Anteil von 24,5 Prozent am Zeitungsverlag Aachen deutlich aufzustocken. Zum an- deren war der Kölner Verlag DuMont Schauberg schon mit dem Verlag des General-Anzeigers in Bonn über eine stattliche Beteiligung einig geworden, musste den Plan nach Intervention der Kartellwächter aber auf eine Beteiligung von derzeit unter 20 Prozent beschränken. Die Tabelle 2.13 zeigt die Marktpositionen der Zeitungen, insbesondere jene der Zeitungen, die im Wettbewerb stehen. Die Besonderheit, dass sowohl die beiden Aachener als auch die beiden Kölner Zeitungen in einem Verlag erscheinen, erschwert allerdings den Überblick. Sie können jeweils nur mit ihren gemeinsamen Auflagen berücksichtigt werden, da titelbezogene Auflagen nicht veröffentlicht werden. Andererseits stehen Titel aus einem Verlag aber ohnehin nicht in einem echten Konkurrenzverhältnis. Im Regierungsbezirk verkaufen die Zweitzeitungen zusammen nur gut 20.000 Exemplare. Ihr Marktanteil liegt damit unter 5 Prozent. Auch das zeigt, wie weit fortgeschritten die Vermachtung im Zeitungsmarkt des Regierungsbezirks inzwischen ist. 27Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW * In der Kategorie Erstzeitung sind zwei Zeitungen mit der gemeinsamen Auflage registriert, da titelbezogene Auflagen unbekannt sind. Stand Auflagenzahlen: I/2012 Tab. 2.12: Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Köln 2012 Zeitungsdichte 1 Zeitung 2 Zeitungen 3 Zeitungen 4 Zeitungen Gesamt Anzahl Gemeinden und Städte 2012 32 58 7 2 99 2010 27 63 7 2 99 2012 1.088.600 2.958.500 330.200 15.400 4.392.700 910.300 3.136.300 328.900 15.800 4.391.100 24,8 67,4 7,5 0,4 100,0 20,7 71,4 7,5 0,4 100,0 2010 2012 2010 Bevölkerung Bevölkerungsanteil in % Bevölkerungsdaten für 2010: Stand vom 31.12.2007 (LDS); für 2012: Stand vom 31.12. 2010 Tab. 2.13: Regierungsbezirk Köln: Marktanteile nach Marktposition 2012 Bonn Köln * Leverkusen Städteregion Aachen * Kreis Düren * Kreis Euskirchen * Kreis Heinsberg * Oberbergischer Kreis * Rhein-Erft-Kreis * Rhein.-Bergischer Kreis * Rhein-Sieg-Kreis * Gesamt (520.300) Erstzeitungen absolut 38.600 107.500 16.200 65.500 32.100 25.200 25.800 35.700 51.600 41.100 59.100 498.400 100 100 85,3 100 98,8 100 86,9 94,9 100 90,9 87,1 95,5 2.800 400 3.900 1.900 4.100 7.900 21.000 14,7 1,2 13,1 5,1 9,1 11,6 4,6 900 900 1,3 0,1 MA in % absolut MA in % absolut MA in % Erstzeitungen Erstzeitungen 28 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Köln 2012 2.2.2 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Düsseldorf Im Regierungsbezirk Düsseldorf treffen drei große Verlage aufeinander: jene der Rheinischen Post und der Westdeutschen Zeitung sowie der WAZ-Konzern mit der Neuen Ruhr/Rhein Zeitung und der Westdeutschen All- gemeinen. Diese Wettbewerbsstellung prägt große Teile des Bezirks, so dass insgesamt nur 18 Prozent der Bevölkerung vom Zeitungsmonopol betroffen sind. Die Rheinische Post hat eine Monopolstellung im westli- chen Teil des Kreises Viersen sowie in Geldern und Umgebung (Kreis Kleve). Auch in Mönchengladbach (wo die Westdeutsche Zeitung praktisch keine Rolle mehr spielt) ist die RP konkurrenzlos. Erheblich verändert wurde das Angebot im Rhein-Kreis Neuss, wo die früher eigenständige Neuß-Grevenbroicher Zeitung nun als Lokalausgabe der RP erscheint. Ein Angebot von drei Zeitungen existiert nun nur noch in Düsseldorf und in den benachbarten Gebieten des Kreises Mettmann sowie in Duisburg und in Hamminkeln (Kreis Wesel). Die Drittzeitung ist dabei allerdings außer in Hamminkeln in einer nur schwachen Position: die Neue Rhein Zeitung in Düsseldorf und im Kreis Mettmann sowie die RP in Duisburg. Im Rhein-Kreis Neuss hat die Übernahme des Marktführers Neuß-Grevenbroicher Zeitung (NGZ) durch die Rhei- nische Post bei den auf Eigenständigkeit bedachten Neussern ungewöhnlich viel öffentliche Kritik und lang anhaltende Diskussionen ausgelöst, die offensichtlich auch in Abbestellungen mündeten und ein Grund für den jüngsten Auflagenverlust der NGZ zu sein scheinen. Ansonsten sind sowohl die Zeitungs- als auch die Verlagsstrukturen gegenüber dem Vergleichsjahr 2010 weitgehend unverändert geblieben. 29Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.14: Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Düsseldorf 2012 Zeitungsdichte 1 Zeitung 2 Zeitungen 3 Zeitungen 4 Zeitungen Gesamt Anzahl Gemeinden und Städte 2012 14 45 6 1 66 2010 12 42 11 1 66 2012 950.800 2.933.600 1.263.700 13.700 5.161.800 890.600 2.681.800 1.622.300 13.700 5.208.300 18,4 56,8 24,5 0,3 100,0 16,9 52,8 30,1 0,3 100,0 2010 2012 2010 Bevölkerung Bevölkerungsanteil in % Bevölkerungsdaten für 2010: Stand vom 31.12.2007 (LDS); für 2012: Stand 31.12.2010 In 2012 hat immerhin noch ein Viertel der Bevölkerung die Wahl zwischen drei Zeitungen, 2010 waren es noch 30 Prozent. 57 Prozent der Einwohner stehen jeweils zwei Zeitungen zur Auswahl. Dafür maßgeblich sind sehr unterschiedliche Angebotskonstellationen: - In großen Teilen des Kreises Kleve und im Kreis Wesel besteht Konkurrenz zwischen der RP und der NRZ; - in Krefeld und den Nachbargebieten im Kreis Viersen und in großen Teilen des Kreises Mettmann treten RP und die WZ gegeneinander an; - in den Ruhrgebietsstädten Essen, Mülheim und Oberhausen vertreibt der WAZ-Konzern die WAZ und die NRZ; - in den Städten Remscheid und Solingen erreicht die RP für ihre Verhältnisse nur geringe Marktanteile von gut 20 bzw. 10 Prozent. Da zudem die Auflage der Lokalausgaben mit 3.600 bzw. 2.900 Exemplaren gering ist, sind Bestandsgefahren gegeben. Platzhirsche sind der Remscheider General-Anzeiger (19.000) und das Solinger Tageblatt (23.500). Beide Zeitungen erschienen bis 2012 in eigenständigen Verlagen und beziehen den Mantel von der WZ, die im benachbarten Wuppertal mit rund 50.000 Exemplaren und einem Angebots- monopol ihren Auflagenschwerpunkt hat. Inzwischen hat der Verlag des Solinger Tageblatts den Remscheider General-Anzeiger vollständig übernommen. Die Konkurrenz zwischen RP und WZ ist eingeschränkt. Die beiden Verlage kooperieren seit Jahrzehnten auf vielen Gebieten. Dieses Kooperationsgeflecht mit etlichen Gemeinschaftsunternehmen wird unterstützt durch wechselseitige Beteiligungen. Eine ungewöhnliche Marktkonstellation ist in Schermbeck am Rande des Kreises Wesel gegeben. Dort werden sowohl die Lokalausgaben aus Dinslaken (NRZ und RP) als auch jene aus der Stadt Dorsten im Kreis Reckling- hausen (Ruhr Nachrichten und WAZ) angeboten, so dass sich eine Zeitungsdichte von 4 ergibt. Die Dominanz der Erstzeitungen ist auch im Regierungsbezirk Düsseldorf sehr ausgeprägt. Auf sie entfallen 87 Prozent des Marktes. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass die beiden Titel WAZ und NRZ nicht einzeln, sondern nur mit der Gesamtauflage berücksichtigt sind. Insgesamt kommen die Zweitzeitungen auf einen bescheidenen Marktanteil von 11 Prozent, die Drittzeitungen nur auf 2 Prozent. Selbst in den Groß- städten sind die Marktpositionen der Zweitzeitungen bescheiden, weil die Auflagen gering sind. Auf mehr als 10.000 Exemplare kommen die Zweitzeitungen nur in Düsseldorf (WZ) und in Krefeld (RP). In Remscheid ist der Marktanteil der RP mit 22 Prozent zwar relativ groß, es werden aber nur 3.600 Exemplare verkauft. In der Nachbarstadt Solingen ist die Position der RP noch bescheidener. Zudem nur schwach vertreten sind die Zweitzeitungen in den Kreisen Mettmann (MA 16 %), Kleve (17 %) und Neuss (6 %). Im Kreis Viersen ist der Marktanteil größer, aber die absolute Auflage ist klein. Allein im Kreis Wesel sind die Rahmendaten bei über 20.000 Exemplaren und einem Marktanteil von 25 Prozent günstiger. 30 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW * In der Kategorie Erstzeitung sind zwei Zeitungen mit der gemeinsamen Auflage registriert, da titelbezogene Auflagen unbekannt sind. 1) Viertzeitung mit 300 Expl.; Stand Auflagenzahlen: I/2012 Tab. 2.15: Regierungsbezirk Düsseldorf: Marktanteile nach Marktposition 2012 Düsseldorf Duisburg * Essen * Krefeld Mönchengladbach Mülheim a. d. Ruhr * Oberhausen * Remscheid Solingen Wuppertal Kreis Kleve Kreis Mettmann Kreis Viersen Kreis Wesel * 1) Rhein-Kreis Neuss Gesamt (722.100) Erstzeitungen absolut 58.700 54.200 86.300 22.300 29.600 29.600 31.400 12.500 22.800 41.700 39.900 51.100 31.400 60.900 55.800 628.200 79,3 89,9 100,0 68,4 96,0 100,0 100,0 77,6 88,7 100,0 83,3 81,9 78,9 72,2 94,4 87,0 10.300 10.300 1.200 3.600 2.900 8.000 10.200 8.400 21.500 3.300 79.700 13,9 31,6 4,0 22,4 11,3 16,7 16,3 21,1 25,4 5,6 11,0 5.000 6.100 1.100 2.000 14.200 6,8 10,1 1,8 2,4 2,0 MA in % absolut MA in % absolut MA in % Erstzeitungen Erstzeitungen 31Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Düsseldorf 2012 2.2.3 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Münster Auch im Regierungsbezirk Münster sind Veränderungen fast vollständig ausgeblieben. Das Konzentrations- niveau ist leicht gesunken. Knapp die Hälfte der Bevölkerung lebt in Monopolgebieten. Marktführer im Müns- terland sind die Westfälischen Nachrichten (WN) mit einer Auflage von knapp 122.000 Exemplaren. Die pu- blizistische Bedeutung der Zeitung ist deutlich größer, da insgesamt sieben Lokalzeitungen im Münsterland den Mantel der WN übernehmen. Seit 2009 gilt dies auch wieder für den größten der Lokaltitel, das Bochol- ter-Borkener Volksblatt. Die Zeitung hatte zuvor einige Jahre lang die überregionale Berichterstattung von der RP bezogen. Die Zeitungsgruppe WN kommt auf eine Auflage von 220.000 Exemplaren und hält damit einen Anteil von fast 50 Prozent an der gesamten lokal informierenden Tagespresse im Regierungsbezirk. Die Kleinverlage und die WN stehen traditionell nicht im Wettbewerb, sondern haben ihre Verbreitungsgebiete gegeneinander abgegrenzt. Auch dadurch sind die Monopolgebiete im Münsterland so groß. Hinzugekommen ist ein sukzessiver Rückzug der Münsterschen Zeitung aus vielen Teilgebieten. Der Titel aus dem Verlag der Ruhr Nachrichten erscheint nur noch in Münster und in einzelnen Gemeinden im Kreis Steinfurt als Alternative zu den WN bzw. ihren Partnern. In Emsdetten wird von einem Tochterverlag der RN-Gruppe die Emsdettener Volkszeitung (7.600 Exemplare) verbreitet, die gleichfalls mit dem Mantel der Ruhr Nachrichten erscheint. Zudem drängt in den Kreis Steinfurt von außerhalb die Neue Osnabrücker Zeitung, sorgt stellenweise für Wett- bewerb, hat aber sogar in der Randgemeinde Lotte ein Monopol. Im Kreis Warendorf ist die Zeitungsdichte unterschiedlich. In der Nachbarschaft zu Münster werden überwie- gend allein die WN vertrieben. Weiter östlich stoßen die WN auf Die Glocke aus Oelde. Der Verlag ist eigen- ständig und die Zeitung (55.300 Exemplare) unterhält eine eigene Hauptredaktion. Im südöstlichen Teil des Kreises ist sie Monopolist, in der Stadt Ahlen aber nur Zweitanbieter. Dort dominiert die Ahlener Zeitung (6.500 Exemplare), die nicht mehr in einem rechtlich eigenständigen Verlag, sondern als Lokalausgabe der WN in deren Verlag erscheint. Im Nachbarort Drensteinfurt hat vor einigen Jahren der Westfälische Anzeiger aus Hamm eine Lokalausgabe etabliert. Mit 700 Exemplaren hat der Ableger gegen die WN einen schweren Stand, die mehr als die dreifache Auflage verkaufen. Im Kreis Coesfeld ist der Zeitungsmarkt wegen der ausgeprägten Monopolisierung übersichtlich. In den an Münster angrenzenden Gemeinden Havixbeck und Senden erscheinen allein die WN, die sich in Nottuln leicht mit der Allgemeinen Zeitung aus Coesfeld überschneiden. Die kleine Lokalzeitung genießt im Norden des Krei- ses ein Monopol. Ähnliches gilt in Dülmen für die Dülmener Zeitung und in Lüdinghausen für die dortige Aus- gabe der WN. In Nordkirchen werden allein die Ruhr Nachrichten verbreitet. Im benachbarten Ascheberg sind sowohl WN und RN als auch der Westfälische Anzeiger am Markt. Letztlich sind die RN in Olfen Marktführer. Mit kleiner Auflage kommt dort die WAZ über die Kreisgrenze. Auch der Kreis Borken weist einen hohen Konzentrationsgrad auf. Nur in den beiden südlichen Randgemein- den Isselburg (Bocholter-Borkener Volksblatt, NRZ und RP) und Raesfeld (Borkener Zeitung, RN und WAZ) sind jeweils drei Zeitungen im Angebot. Kleine Überschneidungen bestehen zwischen der RN-Ausgabe Ahaus und der WN-Ausgabe Gronau (in Heek und in Ahaus) sowie zwischen der RN-Ausgabe und der Borkener Zeitung in Südlohn. Ansonsten bestehen Monopole. Der Süden des Regierungsbezirks gehört zum Ruhrgebiet. Dort ist ein komplett anderes Zeitungsangebot ge- geben. In den Großstädten Bottrop und Gelsenkirchen hat die Westdeutsche Allgemeine (WAZ) ein Monopol. Dies gilt auch für die Stadt Gladbeck zwischen den beiden Großstädten. In Erstanbieterposition sind die WAZ und der Schwestertitel WR am Rand des Kreises Recklinghausen, in Castrop-Rauxel. Dort sind die Ruhr-Nach- richten Zweitanbieter. Im Westen des Kreises, in Dorsten und in Haltern, ist das umgekehrt. Im übrigen Kreis- gebiet dominiert die Recklinghäuser Zeitung (60.400). Sie ist redaktionell weitgehend eigenständig und er- scheint in einem eigenständigen Verlag. 40 Prozent der Anteile gehören allerdings zur RN-Gruppe. Seitdem 32 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW die WAZ ihre Lokalredaktionen in Herten, Marl, Oer-Erkenschwick, Datteln und Waltrop aufgegeben hat, hat die Recklinghäuser Zeitung ihre Führungsposition weiter ausbauen können. Die Lage der WAZ ist in diesen Städten und auch in Recklinghausen prekär: Die Auflage sinkt und der Marktanteil ist zu gering für ein dau- erhaftes Angebot (in Waltrop und in Oer-Erkenschwick nur noch 6 Prozent). 33Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.16: Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Münster 2012 Zeitungsdichte 1 Zeitung 2 Zeitungen 3 Zeitungen 4 Zeitungen Gesamt Anzahl Gemeinden und Städte 2012 42 32 4 0 78 2010 42 32 4 0 78 2012 1.264.900 1.283.000 46.400 0 2.594.300 1.249.500 1.334.600 31.700 0 2.614.400 48,8 49,5 1,8 0 100,0 50,0 48,2 1,8 0 100,0 2010 2012 2010 Bevölkerung Bevölkerungsanteil in % Bevölkerungsdaten für 2010: Stand vom 31.12.2007 (LDS); für 2012: Stand vom 31.12.2010 Die Zweitzeitungen haben im Regierungsbezirk einen Anteil an der Gesamtauflage von 11 Prozent. In den Kreisen Steinfurt und Warendorf ist ihre Marktposition insbesondere wegen der geringen Auflagen schwach: im Kreis Warendorf unter 8.000, im Kreis Steinfurt 10.000 Exemplare. Im Kreis Recklinghausen war der Anteil der Zweitzeitungen zuletzt stark rückläufig. In Münster kommt die Münstersche Zeitung mit 13.000 Exemplaren immerhin auf einen Marktanteil von knapp einem Viertel. Stand Auflagenzahlen: I/2012 Tab. 2.17: Regierungsbezirk Münster: Marktanteile nach Marktposition 2012 Bottrop Gelsenkirchen Münster Kreis Borken Kreis Coesfeld Kreis Recklinghausen Kreis Steinfurt Kreis Warendorf Gesamt (472.200) Erstzeitungen absolut 18.600 32.100 39.600 67.400 42.100 99.000 74.900 45.500 419.200 97 100 75,4 96,3 96,1 85,1 87,9 85,8 88,8 600 12.900 2.200 1.500 17.400 10.200 7.500 52.300 3 24,6 3,1 3,4 15,9 12,0 14,2 11,1 400 200 100 700 0,6 0,5 0,1 0,1 MA in % absolut MA in % absolut MA in % Erstzeitungen Erstzeitungen 34 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Münster 2012 2.2.4 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Arnberg Der Regierungsbezirk Arnsberg war von den jüngsten Ausdünnungen des Zeitungsangebotes am stärksten betroffen. Der Grad der Monopolisierung ist von 2008 bis 2010 sprunghaft von 750.000 betroffenen Einwoh- nern auf 1.350.000 gestiegen. Maßgeblich für diese negative Entwicklung war insbesondere die umfangreiche Reorganisation bei den WAZ-Titeln. Sowohl die Westfälische Rundschau (WR) als auch die Westfalenpost (WP) mussten jeweils mehrere Lokalredaktionen schließen und Lokalausgaben aufgeben. Damit wurden 2009 Ent- wicklungen fortgesetzt, die sich 2005 mit den Schließungen der WR-Redaktionen in Meinerzhagen (Märkischer Kreis) und Warstein (Kreis Soest) bereits angekündigt hatten. Tiefgreifend waren die Einschnitte im Kreis Soest, wo die WP-Ausgaben Soest und Werl komplett vom Markt genommen wurden. Damit wurden im Westen des Kreises Monopole zugunsten des Soester Anzeigers geschaf- fen, die jene im östlichen Kreisgebiet ergänzen. Dort erscheint seit Jahren nur Der Patriot. Die WP verlor durch den Marktausstieg eine Auflage von 7.000 Exemplaren. Neun Monate später, im März 2010, hat der Soester Anzeiger dann seinen Titel Mendener Zeitung (5.700) im Märkischen Kreis eingestellt. Nutznießer war die WP, die nun dort Monopolist ist. Eine echte Konkurrenzstellung gibt es im Kreis Soest nur noch in Warstein, wo der Soester Anzeiger (4.500 Exemplare) und die WP (2.300) weiterhin im Wettbewerb stehen, wobei der An- zeiger in den letzten Jahren auf Kosten der WP erheblich zugelegt hat. Auch aus dem größten Teil des Kreises Siegen-Wittgenstein musste sich die WP zurückziehen und ihre Redak- tion in Siegen schließen. Dort blieb allerdings die WR als Alternative zum Marktführer Siegener Zeitung be- stehen. Die Wettbewerbsverhältnisse sind für die WR aber schier aussichtslos: Die Siegener Zeitung kommt in ihrem Kernverbreitungsgebiet auf eine Auflage von 43.900 Exemplaren, die WR im selben Gebiet auf knapp 5.100 Exemplare. Allein im östlichen Teil des Kreises ist die Siegener Zeitung mit ihrer Ausgabe Wittgenstein (2.700) im Vergleich zur WP (7.600) schwach. Die WR hat ihre dortige Lokalredaktion aufgegeben. In 2012 hat die WAZ-Zentrale in Essen nun entschieden, ihr Angebot in Siegen erneut zu verändern. Nun muss die WR ihre Siegener Redaktion schließen, und an ihrer Stelle wird die WP-Redaktion wiederbelebt, die erst 2009 aufgegeben worden war. Auch von den übrigen Maßnahmen des WAZ-Konzerns waren Fremdverlage nicht betroffen. Es handelte sich quasi um Tauschgeschäfte zwischen der WP und der WR. Die WP musste drei Redaktionen im südlichen En- nepe-Ruhr-Kreis und zudem in Wetter schließen, wo heute nur noch die WR lokal berichtet. Die WR hingegen gab ihre Redaktionen in Olpe und in Hagen-Hohenlimburg auf und übernimmt dort den Lokalteil der WP. Ähn- lich ist die Situation im Hochsauerlandkreis: Dort wurde die WR-Redaktion in Meschede aufgegeben und die in Arnsberg auf eine Mini-Besetzung reduziert. Die Klein-Redaktion erhält nun die Lokalberichterstattung der WP-Nachbarredaktion und erstellt auf dieser Basis einen in Teilen eigenen Lokalteil. Das gleiche Modell wird für die Ausgaben in Hagen genutzt, wo die WP weiterhin eine getrennte Ausgabe mit eigener Redaktion für Hagen-Hohenlimburg produziert. Damit hat der WAZ-Konzern fast alle redaktionellen Doppelstrukturen seiner Titel WP und WR aufgegeben und damit großflächige Zeitungsmonopole etabliert. Im Ennepe-Ruhr-Kreis berühren sich die Verbreitungsgebiete von vier Zeitungen. Die WR ist – wie beschrieben – im Süden Monopolist. Im nördlich gelegenen Witten ist die WAZ Erstanbieter vor den RN. Zweitanbieter sind die RN auch in Herdecke, dort hinter der WR, die im benachbarten Wetter den Markt beherrscht (5.000 Exem- plare). In Hattingen ist die WAZ seit Jahren Monopolist. Drei Zeitungen gibt es nur in Sprockhövel, wo neben WAZ und WR als Drittzeitung auch die Westdeutsche Zeitung aus Wuppertal vertrieben wird. Ein enges Netz von Lokalredaktionen weist noch der Märkische Kreis auf. Der nördliche Teil ist zugunsten des Iserlohner Kreisanzeigers (21.500) und der WP in Menden (13.300) bereits monopolisiert. Im restlichen Kreis- gebiet verfügen der Marktführer Lüdenscheider Nachrichten über fünf und die WR über sechs Lokalredaktionen. Die Lüdenscheider Nachrichten kommen damit auf eine Auflage von 31.100 Exemplaren, die WR auf knapp 35Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 11.100 Exemplare. Diese Relation von Aufwand und Auflage lässt für die Redaktionsstruktur keine Konstanz erwarten. Hinzu kommt in dem Gebiet noch eine der kleinsten eigenständigen Zeitungen in NRW: das Süder- länder Tageblatt in Plettenberg mit unter 5.000 verkauften Exemplaren. Sowohl der Kleinverlag als auch die Lüdenscheider Nachrichten übernehmen den Mantel vom Westfälischen Anzeiger in Hamm. Der Verlag in Lüden- scheid gehört genau wie der Westfälische Anzeiger zur Ippen-Gruppe. Im Kreis Unna (überwiegend) und in den beiden benachbarten Großstädten Hamm und Dortmund sind die Marktverhältnisse im Vergleich zu 2008 unverändert geblieben. In Dortmund sind die Ruhr Nachrichten (61.700) Marktführer gegenüber WR und WAZ (zusammen 34.700), wobei die WAZ nur noch eine Rumpfredak- tion unterhält und sich im Übrigen auf die Lokalberichterstattung der WR stützt – auch dort also einge- schränkte Vielfalt nach dem neuen „WAZ-Modell“. In der Stadt Hamm hat der Westfälische Anzeiger ein Monopol und dringt auch in einzelne Städte des Kreises Unna vor. Marktführer im südlichen Kreisgebiet ist der in Unna ansässige Hellweger Anzeiger (24.600). Er erscheint in Kooperation mit dem Partner Ruhr Nachrichten. An dem eigenständigen Verlag halten die Ruhr Nachrichten eine kleine Beteiligung. Der Mantel wird aber vom West- fälischen Anzeiger bezogen. Im nördlichen Kreis sind die Ruhr Nachrichten Erstanbieter, vor allem in Lünen und in Selm. In Selm ist die Auflage der WR inzwischen unter die Erfassungsschwelle von 5 Prozent des Marktes gesunken. Damit fällt Selm unter die Monopolgebiete. Die WR steht mit den anderen drei Marktteilnehmern im Kreisgebiet im Wettbewerb – und zieht dabei jeweils den Kürzeren. Sie ist nirgendwo Marktführer, erreicht im gesamten Kreisgebiet (mit Ausnahme der Stadt Selm) eine Auflage von 20.200 Exemplaren und damit einen Marktanteil von 25 Prozent auf Kreisebene. Der Hellweger Anzeiger kommt in seinem wesentlich kleine- ren Verbreitungsgebiet auf einen Marktanteil von 30 Prozent, die Ruhr Nachrichten auf 36 Prozent, der West- fälische Anzeiger auf 8 Prozent. In den beiden am westlichen Rand des Regierungsbezirks gelegenen Städte Bochum und Herne ist die WAZ dominant. In Herne ist sie seit Jahren Monopolist, in Bochum spielen die RN fast keine Rolle. Die WAZ verkauft dort 53.200 Exemplare, die RN 3.500. Für den Stadtteil Wattenscheid produziert die WAZ in Bochum eine eigenständige Ausgabe. 36 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.18: Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Arnsberg 2012 Zeitungsdichte 1 Zeitung 2 Zeitungen 3 Zeitungen 4 Zeitungen Gesamt Anzahl Gemeinden und Städte 2012 38 39 6 0 83 2010 37 40 6 0 83 2012 1.335.500 1.619.800 702.700 0 3.658.000 1.339.000 1.679.200 705.800 0 3.724.000 36,5 44,3 19,3 0 100,0 36,0 45,1 19,0 0 100,0 2010 2012 2010 Bevölkerung Bevölkerungsanteil in % Bevölkerungsdaten für 2010: Stand vom 31.12.2007 (LDS); für 2012: Stand 2010 (Mikrozensus) Trotz der Aufgabe mehrerer Lokalausgaben weist der Regierungsbezirk mit über 110.000 Exemplaren noch eine vergleichsweise hohe Auflage für die Zweitzeitungen auf. Ihr Marktanteil beträgt aber nur 16 Prozent. Relativ hohe Marktanteile erreichen als Zweitzeitung die WR in Dortmund (inkl. einer kleinen Teilauflage der WAZ) mit 37 Prozent und jene im Kreis Unna mit 32 Prozent. Auch dort gilt dies überwiegend für die WR. Im Kreis Siegen-Wittgenstein ist sowohl die Marktposition der Siegener Zeitung im Osten des Kreises als auch jene der WR im übrigen Kreisgebiet bescheiden. Als Zweitzeitungen kommen beide zusammen auf einen Markt- anteil von 13 Prozent. Günstiger ist die Situation der WR im Märkischen Kreis, denn dort kommt sie auf einen Marktanteil von 23 Prozent, obwohl sie im Norden des Kreises nicht verbreitet wird. Fast keine Rolle spielen die Zweitzeitungen in den Kreisen Soest (7 %) und Olpe (4 %). In Bochum kommen die Ruhr Nachrichtenmit 3.800 Exemplaren auf einen Marktanteil von 6 Prozent. In Herne beherrscht die WAZ seit Jahren den Markt allein. 37Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW * In Hagen und im Kreis Unna sind unter den Erstzeitungen jeweils zwei Zeitungen mit gemeinsamer Auflage registriert, da titelbezogene Auflagen fehlen. In Dortmund gilt dies für die Zweitzeitungen. Stand Auflagenzahlen: I/2012 Tab. 2.17: Regierungsbezirk Münster: Marktanteile nach Marktposition 2012 Bochum Dortmund * Hagen * Hamm Herne Ennepe-Ruhr-Kreis Hochsauerlandkreis Kreis Olpe Kreis Siegen-Wittgenstein Kreis Soest Kreis Unna * Märkischer Kreis Gesamt (700.400) Erstzeitungen absolut 53.200 61.700 29.500 30.000 22.000 51.600 54.000 26.900 51.600 57.800 55.500 69.000 562.800 93,8 64,0 100,0 100,0 100,0 88,1 100,0 95,4 86,9 93,5 69,9 85,7 85,7 3.500 34.700 6.100 1.300 7.800 4.000 22.500 10.400 90.300 6,2 36,0 10,4 4,6 13,1 6,5 28,3 13,0 13,8 900 1.400 1.100 3.400 1,5 1,8 1,3 0,5 MA in % absolut MA in % absolut MA in % Erstzeitungen Erstzeitungen 38 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Arnsberg 2012 2.2.5 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Detmold Der Zeitungsmarkt im Regierungsbezirk Detmold ist mit seiner begrenzten Titelzahl übersichtlich. Heimisch sind dort nur fünf Zeitungen: - Neue Westfälische, Bielefeld 146.100 - Westfalen-Blatt, Bielefeld 117.100 - Lippische Landes-Zeitung, Detmold 39.500 - Mindener Tageblatt, Minden 31.400 - Haller Kreisblatt, Halle 11.500 Hinzu kommt im Kreis Gütersloh Die Glocke aus dem Kreis Warendorf. Zudem setzt Der Patriot aus Lippstadt in Ostwestfalen 800 Exemplare ab. In einzelne Lokalmärkte dringen niedersächsische Zeitungen über die Lan- desgrenze: die Kreiszeitung aus Syke mit 1.200 Exemplaren und die Dewezet aus Hameln mit 1.500. Strukturelle Veränderungen hat es im Zeitungsangebot seit 2008 fast nicht gegeben. Die in der Tab. 2.20 aus- gewiesenen kleinen Veränderungen beruhen überwiegend auf statistischen Anpassungen, wenn die Erfas- sungsschwelle in Höhe von 5 Prozent des Marktanteils überschritten (ein Fall) oder unterschritten wird (zwei Fälle). Für Mitte 2012 ist nun allerdings die Einstellung des Vlothoer Anzeigers angekündigt. Das einst eigen- ständige Lokalblatt erschien seit einigen Jahren als Ausgabe des Mindener Tageblatts, verlor gegen die Kon- kurrenz des Westfalen-Blatts (WB) in den letzten Jahren allerdings rasant Auflage. Die Ausgabe des WB für Vlotho wurde mit dem extrem niedrigen Abo-Preis von 11,30 € pro Monat angeboten. Insgesamt steht der Regierungsbezirk in Bezug auf die Zeitungsdichte vergleichsweise gut da: Über 80 Prozent der Bevölkerung können zwischen zwei oder drei Titeln wählen. Nur knapp 20 Prozent leben in Monopolgebieten. Das ist nach dem Regierungsbezirk Düsseldorf der zweitniedrigste Wert. Einen großen publizistischen Einfluss hat in Ostwestfalen die Neue Westfälische. Sie ist nicht nur die auf - lagenstärkste Zeitung, sondern beliefert zudem die ansonsten eigenständigen Titel Lippische Landes-Zeitung und Haller Kreisblatt mit der überregionalen Berichterstattung. Die Zeitungsgruppe erreicht eine Gesamtauf- lage von knapp 200.000 Exemplaren und damit im Regierungsbezirk einen Marktanteil von 55 Prozent. Die Neue Westfälische, die mehrheitlich der SPD-Holding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft in Hamburg gehört, erreicht im Oberzentrum Bielefeld einen Marktanteil von rund 85 Prozent und im Kreis Herford über 60 Prozent. Der Konkurrent, das Westfalen-Blatt, ist jeweils nur Zweitanbieter. In den Kreisen Höxter und Pa- derborn sind die Marktverhältnisse traditionell umgekehrt. Das Westfalen-Blatt hält jeweils Marktanteile von vier Fünfteln. In diesen beiden Kreisen setzt das WB über die Hälfte seiner Verkaufsauflage ab. In den Kreisen Gütersloh und Minden-Lübbecke kommen die zahlreichen Lokalausgaben auf oft nur geringe Auflagenzahlen und sind im Markt in der Regel nachrangig. 39Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.20: Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Detmold 2012 Zeitungsdichte 1 Zeitung 2 Zeitungen 3 Zeitungen 4 Zeitungen Gesamt Anzahl Gemeinden und Städte 2012 14 46 10 0 70 2010 15 46 9 0 70 2012 386.000 1.368.600 283.700 0 2.038.300 407.800 1.397.600 253.900 0 2.059.200 18,9 67,1 13,9 0 100,0 19,8 67,9 12,3 0,0 100,0 2010 2012 2010 Bevölkerung Bevölkerungsanteil in % Bevölkerungsdaten für 2010: Stand vom 31.12.2007 (LDS); für 2012: Stand vom 31.12.2010 Das Westfalen-Blatt hat die typischen Probleme einer Zweitzeitung. Zweitzeitungen haben zumal dann be- triebswirtschaftliche Probleme, wenn die Auflagen der Teilausgaben absolut gering und die Abstände zum Marktführer hoch sind. Liquidität für größere Investitionen kann dann zum Teil nur über Teilverkäufe des Un- ternehmens gewonnen werden. Schon vor Jahren hat die Verlegerfamilie Busse einen Anteil von rund 15 Pro- zent am Westfalen-Blatt an den Springer-Konzern verkauft, der ihn später an die Ippen-Gruppe weiterreichte. 2011 ist ein Anteil von knapp 25 Prozent der Mediengruppe in Bielefeld an die Mediengruppe um die Westfä- lischen Nachrichten in Münster verkauft worden. Ob mit dem Einstieg der Münsteraner auch strukturelle Ver- änderungen folgen werden, ist nicht abzusehen. Der Kreis Gütersloh weist eine relativ hohe Zeitungsdichte auf. Rund die Hälfte der Bevölkerung hat drei Zei- tungen zur Auswahl, überwiegend die beiden Bielefelder Titel Neue Westfälische und Westfalen-Blatt und zudem Die Glocke, die genau wie die Neue Westfälische etwa ein Drittel des Marktanteils hält. Für Die Glocke aus dem Nachbarkreis Warendorf ist der Kreis Gütersloh ein bedeutender Absatzmarkt. Hier verkauft die Zei- tung über 40 Prozent ihrer Auflage (55.300 Exemplare). Im Norden des Kreises hat der kleine Lokaltitel Haller Kreisblatt (11.500) sein Verbreitungsgebiet. Der Titel steht überall im Wettbewerb mit dem Westfalen-Blatt. Der Wettbewerb im Kreisgebiet ist hart. Ein Teil der kleinauflagigen Lokalausgaben dürfte unterhalb der Ren- tabilitätsgrenze liegen. Dennoch ist in den letzten Jahren auch durch eine Veränderung des Zuschnitts zu noch kleineren Ausgaben der Versuch unternommen worden, in kleinen lokalen Märkten auf Kosten der Kon- kurrenz zu punkten. Zuletzt hat die Neue Westfälische in diesem Jahr eine eigene Ausgabe für die Stadt Verl gebildet. Ganz anders ist der Wettbewerb im Verbreitungsgebiet der Lippischen Landes-Zeitung mit Sitz in Detmold. Seitdem sich das Westfalen-Blatt fast vollständig aus dem Kreis Lippe zurückgezogen hat, ist der Titel in seinem Kerngebiet Alleinanbieter. In den Randgebieten des Kreises gibt es zum Teil Alternativen, aber nicht zwingend harten Wettbewerb. In der Nachbarschaft zu Bielefeld ist die Partnerzeitung Neue Westfälische Erst - anbieter. In der Stadt Lügde an der Weser liegt die Dewezet aus Hameln vorn. Insgesamt hält die Lippische Landes-Zeitung im Kreis einen Marktanteil von deutlich über 80 Prozent. Das Mindener Tageblatt ist mit einer Auflage von 31.400 Exemplaren die kleinste Zeitung mit einer eigenen Hauptredaktion in NRW. Der Verlag verkauft 95 Prozent dieser Auflage in Minden und den drei benachbarten Städten und zwar jeweils als Monopolist. Wenig erfolgreich war die Erweiterung des Vertriebsgebietes durch die Übernahme des kleinen Vlothoer Anzeigers im östlichen Zipfel des Kreises Herford. Die kleine Zeitung war mit einer zweimal wöchentlichen Erscheinungsweise Marktführer in Vlotho. Nach der Umstellung auf werk- tägliches Erscheinen als Lokalausgabe des Mindener Tageblatts sackte die Auflage auf nur noch 1.400 Exem- plare. Marktführer in Vlotho ist heute das Westfalen-Blatt mit 3.600 Exemplaren. Im übrigen Kreisgebiet stehen das Westfalen-Blatt und die Neue Westfälische im Wettbewerb. Im nördlichen Grenzgebiet zu Nieder- sachsen kommt die Kreiszeitung aus Syke auf eine Verkaufsauflage von 1.200 Exemplaren hinzu. Trotz des geringen Monopolisierungsgrades beherrschen die Erstzeitungen den Markt im Regierungsbezirk und kommen insgesamt auf einen Anteil von über 80 Prozent. Die Drittzeitungen erreichen insgesamt nur eine Auflage von unter 6.000 Exemplaren, die Zweitzeitungen immerhin gut 60.000 Exemplare. Die Neue West- fälische liegt in den Kreisen Höxter und Paderborn jeweils unter einem Marktanteil von 20 Prozent. Im Kreis Lippe erreichen die Zweitzeitungen gar nur 5 Prozent. In Minden-Lübbecke liegt er bei 14 Prozent. Die nach- rangigen Zeitungen verkaufen dort aber nur gut 8.000 Exemplare. In den Kreisen Gütersloh und Herford kom- men die nachrangigen Zeitungen immerhin auf knapp 30 Prozent des Marktes mit Auflagen von knapp 20.000 bzw. 14.000 Exemplaren. Schwach ist die Marktposition des Westfalen-Blatts mit einem Anteil von 15 Prozent und einer Auflage von unter 9.000 Exemplaren in Bielefeld. 40 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 41Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Stand Auflagenzahlen: I/2012 Tab. 2.21: Regierungsbezirk Detmold: Marktanteile nach Marktposition 2012 Bielefeld Kreis Gütersloh Kreis Herford Kreis Höxter Kreis Lippe Kreis Minden-Lübbecke Kreis Paderborn Gesamt (364.600) Erstzeitungen absolut 48.800 50.100 35.200 22.200 45.600 52.100 42.300 296.300 85,1 72,0 71,4 80,4 95,0 85,6 81,7 81,3 8.600 14.700 14.100 5.400 2.400 8.300 9.000 62.500 14,9 21,1 28,6 19,6 5,0 13,6 17,4 17,1 4.800 500 500 5.800 6,9 0,8 0,9 1,6 MA in % absolut MA in % absolut MA in % Erstzeitungen Erstzeitungen Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Detmold 2012 2.3 Tageszeitungen und ihre Marktposition in NRW Im Folgenden werden die Unternehmen der auflagenstarken Regionalzeitungen in Nordrhein-Westfalen detailliert beschrieben. Dargestellt werden die Zeitungen und die multimedialen Aktivitäten der jeweiligen Zeitungsunternehmen sowie die Kooperationen, die für die medialen Aktivitäten insbesondere mit anderen Zeitungsunternehmen bestehen. Die Kapitel enden in der Regel mit Tabellen, in denen die jeweiligen Lokal- ausgaben der Zeitungen mit einer Fülle von Daten präsentiert werden. Dabei werden zum Verbreitungsgebiet jeder Lokalausgabe detaillierte Angaben über die Höhe der jeweils verkauften Auflage, ihren Anteil an der Lokalausgabe, ihre Marktposition (Marktführer bzw. nachrangig) und ihren Marktanteil gemacht. Die Daten werden auf der Ebene der kreisfreien Städte bzw. der Gemeinden präsentiert. Zusammen ergeben sie ein de- tailliertes Bild über die Position der einzelnen Lokalausgaben. Geringe Auflagenhöhen in Verbindung mit nachrangigen Marktpositionen und geringen Marktanteilen weisen auf Bestandsgefährdungen hin. Die in diesem Sinne schwachen Ausgaben müssen insbesondere als bestandsgefährdet gesehen werden, wenn sie an den Rändern der Verbreitungsgebiete der jeweiligen Zeitungen angesiedelt sind. Dabei ist zudem zu be- achten, dass die Einstellung einer solchen Lokalausgabe und der damit verbundene Marktausstieg – wie oben ausgeführt – nicht nur Relevanz für den Zeitungsmarkt hat, sondern zugleich in Bezug auf die multimedialen Aktivitäten des Zeitungsunternehmens in den jeweils relevanten Teilgebieten gesehen werden muss. Auch diese sind bestandsgefährdet. 2.3.1 Westdeutsche Allgemeine, Essen Die Westdeutsche Allgemeine (WAZ) ist die auflagenstärkste Regionalzeitung in NRW und zugleich das wich- tigste Medium des finanzstärksten Zeitungskonzerns in NRW, der zu den auflagenstärksten in Deutschland gehört. Stammland ist Nordrhein-Westfalen. Der damals noch monomediale Zeitungsverlag hat früh begon- nen, andere Zeitungsverlage im Ruhrgebiet aufzukaufen und Anfang der 70er Jahre mit den Übernahmen der großen Titel Neue Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ), Westfalenpost (WP) und Westfälische Rundschau (WR) zum großen Sprung angesetzt. Im Ruhrgebiet ist die WAZ führend und Monopolist in den Großstädten Bottrop, Gelsen- kirchen und Herne. Hinzu kommen Anbietermonopole zusammen mit dem Schwesterblatt NRZ in Essen, Mül- heim, Oberhausen sowie die deutliche Marktführerschaft in Duisburg sowie in Bochum (ohne NRZ). Auch in kleineren Städten ist die WAZ zum Teil Monopolist (Gladbeck, Hattingen) oder Marktführer (Castrop-Rauxel, Witten, Velbert). Problematisch ist für die WAZ allein die Ausgabe Recklinghausen, die im Wettbewerb mit der Recklinghäuser Zeitung zuletzt noch weiter zurückgefallen ist. Auch die Ausgabe Dorsten ist im Markt nach- rangig. Die Ausgabe in Dortmund übernimmt weitgehend den Lokalteil der WR und ist selbst zusammen mit der WR nur Zweitanbieter. Multimedia: Die Aktivitäten sind längst internationalisiert und zudem wurde schon vor Jahrzehnten eine Diversifizierung in andere Medienbranchen eingeleitet. Der Konzern ist heute der bedeutendste Eigner von Lokalradios in NRW, der mit Abstand führende Anzeigenblattverlag und zudem im Internet mit eigenen Portalen, aber auch mit Beteiligungen an sonstigen Internetfirmen unterwegs. Zugleich zählt der Konzern zu den großen Zeit- schriftenhäusern in Deutschland, hat diese Aktivitäten aber in München konzentriert und den Standort Düsseldorf aufgegeben. Aus dem bundesweiten Fernsehbereich hat sich der Konzern gewinnbringend zurück- gezogen (Verkauf eines RTL-Anteils) und mit seinem kurzzeitigen Engagement bei NRW.TV weniger Glück ge- habt. Eine Beteiligung in Höhe von 24,9 Prozent a dem Regionalsender steht zum Verkauf. Bei regionalen Zeitschriften (verkauft oder kostenlos) hat sich der Verlag selten engagiert, jüngst aber den Titel Revier Sport übernommen. In Essen wurden zudem schon vor Jahren die beiden lokalen Wochenblätter Borbecker Nach- richten und Werdener Nachrichten sukzessive übernommen. 42 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Im Internet hatte der Konzern zunächst versucht, das Portal derwesten.de ins Zentrum zu rücken, dem die Redaktionen der Zeitungen zugeliefert haben. Inzwischen wird das Angebot wieder stärker mit den Titeln der Tageszeitungen platziert. Auch für die Anzeigenblätter wird ein gemeinsames Portal unterhalten, bei dem das Tochterunternehmen WVW und das Beteiligungsunternehmen ORA zusammenarbeiten. Unter lokalkompass.de hat der Nutzer die Möglichkeit, jede Stadt oder Gemeinde aus dem Gesamtverbreitungsgebiet der beiden Ver- lage aufzurufen. Die Auswahl ist riesig, da entsprechend des Zuschnitts der Anzeigenblätter größere Gebiete unterteilt werden. Für Essen werden beispielsweise acht Teilregionen angeboten. lokalkompass.de stützt sich auf sogenannte Bürgerreporter: „Bei Lokalkompass finden Sie Beiträge über Ihren Heimatort – geschrieben von Ihren Nachbarn und Mitbürgern,“ heißt es in einer Selbstdarstellung. 43Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.22: Beteiligungen am Lokalfunk im Verbreitungsgebiet der WAZ-Titel Programm 92.9 radio mülheim 106.2 radio oberhausen Radio Bochum radio ennepe Radio Essen Radio Hagen Radio Herne 90acht Radio Sauerland radio kw radio emscher lippe Radio Duisburg Radio 91.2 Radio Neandertal Radio Siegen Antenne Unna Hellweg Radio Antenne Düsseldorf Verbreitungsgebiet Mülheim a.d.R. Oberhausen Bochum Ennepe-Ruhr-Kreis Essen Hagen Herne Hochsauerlandkreis Kreis Wesel Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck Duisburg Dortmund Kreis Mettmann Kreis Siegen-Wittgenstein Kreis Unna Kreis Soest Düsseldorf Anteil an Betriebsgesellschaft 75,0% 75,0% 75,0% 75,0% 75,0% 75,0% 75,0% 73,4% 72,4% 68,3% 35,4% 22,5% 21,8% 19,4% 15,0% 9,0% Kooperationen: Die WAZ hatte schon früh eine Auflage und damit verbunden eine Marktstärke erreicht, die Kooperationen als wenig bedeutend erschienen ließen. Bei der Konkurrenz war das gerade wegen der Stärke der WAZ ganz anders. Vor allem in den letzten Jahren ist der Konzern aber selbst mit Konkurrenten Kooperationen eingegangen. Dies gilt beispielsweise für die Hauszustellung der Zeitungen oder teilweise auch für den Druck. Innerhalb des Konzerns wurde Kooperation schon immer groß geschrieben. Das frühere WAZ-Modell basiert in großen Teil auf diesen Kooperationen in allen Bereichen des Verlagswesens mit Ausnahme der Redaktion. Inzwischen ist dieses Modell aufgegeben worden. Insbesondere die vier großen NRW-Titel kooperieren intensiv auch re- daktionell. Sie sind alle Abnehmer der Zentralredaktion in Essen und tauschen Lokalseiten oder komplette Lokalteile aus. 44 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.11: Zeitungsdichte in den Regierungsbezirken 2012 Ausgabe Ausgabe Essen * - Essen Ausgabe Duisburg * - Duisburg Ausgabe Mülheim * - Mülheim Ausgabe Oberhausen * - Oberhausen Ausgabe Gelsenkirchen - Gladbeck - Gelsenkirchen (inkl. GE-Nord) Ausgabe Bottrop - Bottrop Ausgabe Gladbeck - Gladbeck Ausgabe Dorsten - Dorsten - Raesfeld - Schermbeck Ausgabe Recklinghausen - Datteln - Haltern - Marl - Herten - Oer-Erkenschwick - Olfen - Recklinghausen - Waltrop Ausgabe Castrop-Rauxel ** - Castrop-Rauxel Ausgabe Herne (inkl. Wanne-E.) - Herne Ausgabe Bochum (inkl. Wattenscheid) - Bochum Ausgabe Witten - Herdecke - Witten Ausgabe Hattingen ** - Hattingen - Sprockhövel Ausgabe Velbert - Heiligenhaus - Velbert Verkaufte Auflage Anteil an Lokalausgabe Marktposition Lokaler Marktanteil 92.600 86.300 56.000 54.200 28.900 28.500 32.100 31.400 34.100 400 32.100 18.800 18.600 11.900 11.000 4.600 3.900 200 500 8.100 500 700 1.800 1.300 300 100 2.900 300 7.600 7.500 22.200 22.000 54.700 53.200 14.100 300 13.500 12.200 8.900 2.900 11.800 2.500 9.000 93% 97% 99% 98% 1% 94% 99% 92% 85% 4% 11% 6% 9% 22% 16% 4% 1% 36% 4% 99% 99% 97% 2% 96% 73% 24% 21% 76% 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 3. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 100% 90% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 24% 9% 16% 8% 7% 11% 11% 6% 6% 13% 6% 57% 100% 94% 7% 78% 100% 56% 78% 91% Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA * Auflage und Marktposition zusammen mit Neue Ruhr/Rhein Zeitung ** Auflage und Marktposition zusammen mit Westfälischer Rundschau 2.3.2 Neue Ruhr/Rhein Zeitung, Essen Die Neue Ruhr/Rhein Zeitung (NRZ) gehört fast vollständig dem WAZ-Konzern.13 Ihre Marktposition einzu- schätzen, ist schwierig, da die WAZ-Zentrale häufig nur kombinierte Auflagen ihrer Zeitungen veröffentlicht, keine titelbezogenen Daten. Bei der NRZ gilt dies beispielsweise für alle Großstadt-Ausgaben im Ruhrgebiet, wo sie jeweils parallel zur WAZ verlegt wird. Allein in Düsseldorf und am Niederrhein tritt die NRZ ohne den Begleiter WAZ auf. Die Düsseldorfer Ausgabe ist zugleich mit der Nachbarausgabe für Hilden die schwächste am Markt und defizitär. Allein Imagegründe scheinen für die weitere Präsenz in der Landeshauptstadt maß- geblich. Bei einem Marktanteil von nur noch 7 Prozent und einer Auflage von 5.000 Exemplaren dürfte eine Existenz auf Dauer genauso ausgeschlossen sein wie für die Ausgabe in Hilden mit noch 1.500 Exemplaren. Schwach im Markt ist auch die Ausgabe Kleve mit 3.300 Exemplaren und Marktanteilen von deutlich unter 20 Prozent. Marktführer ist die Rheinische Post, die anders als die NRZ den gesamten Kreis abdeckt. Die NRZ ist im Altkreis Geldern nicht vertreten. Nur in Emmerich liegt die NRZ vor der RP. Im Nachbarkreis Wesel ist dies überwiegend anders. Die NRZ setzt dort mit ihren vier Ausgaben über 50.000 Exemplare ab und dies weit über- wiegend als Marktführer. Die RP ist Zweitzeitung. Der Verlag gibt auch das lokale Wochenblatt Kevelaerer Blatt heraus. Sonstige mediale Aktivitäten werden abgesehen vom Online-Angebot der NRZ von der Konzernzentrale gesteuert. 45Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 13 An der Zeitungsverlag Niederrhein GmbH & Co KG hält indirekt die Pressestiftung RWV noch gut 10 Prozent. Seit der mehrheitlichen Übernahme durch den WAZ-Kon- zern ist bei der NRZ auf der Basis des Kaufvertrages und dieses Minderheitsanteils noch eine gewisse Eigenständigkeit gegeben. Neuerdings sorgt die Pressestiftung mit eigenen Mitteln sogar für Verbesserungen in den personell ausgedünnten Redaktionen. Tab. 2.24: Neue Ruhr/Rhein Zeitung: Teilauflagen und Marktpositionen Ausgabe Ausgabe Essen * - Essen Ausgabe Duisburg * - Duisburg Ausgabe Mülheim * - Mülheim Ausgabe Oberhausen * - Oberhausen Ausgabe Wesel - Hamminkeln - Wesel Ausgabe Dinslaken - Dinslaken - Hünxe - Schermbeck - Vörde Ausgabe Moers * - Issum - Kamp-Lintfort - Moers - Neukirchen-Vluyn - Rheurdt Ausgabe Rheinberg * - Alpen - Rheinberg - Sonsbeck - Xanten Ausgabe Emmerich - Emmerich - Isselburg - Rees Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 92.600 86.300 56.000 54.200 28.900 28.500 32.100 31.400 9.800 2.200 7.200 19.300 10.600 2.400 300 5.600 21.900 400 3.800 13.200 3.600 500 4.900 600 3.200 200 400 5.500 3.200 300 1.900 93% 97% 99% 98% 22% 73% 55% 12% 2% 29% 2% 17% 60% 16% 2% 12% 65% 4% 8% 58% 5% 35% 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 4. 1. 2. 1. 1. 1. 2. 2. 1. 2. 2. 1. 2. 2. 100% 90% 100% 100% 37% 60% 83% 75% 10% 81% 18% 77% 79% 76% 47% 22% 54% 15% 11% 57% 15% 43% 46 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Kleve - Bedburg-Hau - Goch - Kalkar - Kevelaer - Kleve - Kranenburg - Uedem - Weeze Ausgabe Düsseldorf - Düsseldorf Ausgabe Hilden - Erkrath - Hilden - Langenfeld - Monheim Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 3.300 300 600 400 200 1.300 100 200 200 5.000 5.000 1.500 300 400 500 300 9% 18% 12% 6% 39% 3% 6% 6% 100% 20% 27% 33% 20% 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 3. 3. 3. 3. 3. 10% 11% 17% 5% 15% 9% 15% 15% 7% 4% 5% 6% 7% Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA * Auflage und Marktposition zusammen mit WAZ 2.3.3 Westfälische Rundschau, Dortmund Die Marktposition der Westfälischen Rundschau (WR) kann kaum exakt bestimmt werden. In den Daten der ivw werden für viele Ausgaben nur jeweils Auflagenzahlen zusammen mit den Ausgaben der Westfalenpost oder jener der WAZ ausgewiesen. Eindeutig aber ist, dass die WR ihre Auflage überwiegend in nachrangiger Markt- position vertreibt. Dis gilt beispielsweise in Dortmund (Marktanteil zusammen mit der WAZ 36%) und im Kreis Unna, wo der Marktanteil außer bei der Ausgabe Kamen bedenklich schwach ist. Noch schlechter ist die Si- tuation der WR-Ausgabe in Siegen, die nur knapp über 10 Prozent beim Marktanteil erreicht. Auch die Ausgaben im südlichen Märkischen Kreis haben nur geringe Marktanteile. Genau wie jene in Siegen sind sie defizitär und daher latent existenzbedroht. Erstklassig stehen die Ausgabe für den Süden des Ennepe-Ruhr-Kreises und die benachbarte Ausgabe in Wetter dar, die zusammen mit der Westfalenpost, die jeweils den WR-Lokalteil übernimmt, ein Monopol haben. Zu- sammen mit der WP kommen die beiden Ausgaben aber nur auf gut 10.000 Exemplare. Mit den Ausgaben für Arnsberg und für Hagen erreicht die WR im internen Wettbewerb mit der WP zwar hohe Auflagen, hat aber wegen der stark reduzierten Lokalredaktionen kaum noch Gestaltungsmöglichkeiten im Markt. Dort ist jeweils die WP in der Vorhand. Auch nach der Reorganisation von 2009 hat sich die WR insgesamt nicht erholt, sondern weiterhin Auflage eingebüßt. Dies gilt vor allem in den ohnehin bereits kritischen Teilmärkten. Daher sind erneute Gebietsbereinigungen bei der WR nicht auszuschließen. Der Verlag der WR, der Zeitungsverlag Westfalen, hält zwar nominell einige Beteiligungen an Radiosendern in seinem Verbreitungsgebiet, diese werden allerdings allesamt gemanagt von der Konzernzentrale in Essen. Ähnliches gilt auch für Anzeigenblätter und sonstige Aktivitäten. Allein im Onlinebereich hat die Zeitungsre- daktion wieder mehr Einfluss gewonnen, nachdem das Zentralangebot derwesten.de zugunsten der Zeitungs- titel zurückgeführt worden ist. Marktanteil Im Kreis Unna: 25% Im Ennepe-Ruhr-Kreis: 37% Im Kreis Siegen-Wittgenstein: 9% 47Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA * Auflage und Marktposition zusammen mit Westdeutscher Allgemeine ** Auflage und Marktposition zusammen mit Westfalenpost Tab. 2.25: Westfälische Rundschau: Teilauflagen und Marktpositionen Ausgabe Ausgabe Dortmund * - Dortmund Ausgabe Lünen - Lünen - Selm Ausgabe Unna - Fröndenberg - Holzwickede - Unna Ausgabe Kamen - Bergkamen - Bönen - Kamen Ausgabe Schwerte - Schwerte Ausgabe Arnsberg - Arnsberg - Sundern Ausgabe Hagen (inkl. Hohen - limburg) ** - Breckerfeld - Hagen Ausgabe Schwelm ** - Ennepetal - Gevelsberg - Schwelm - Sprockhövel Ausgabe Wetter ** - Herdecke - Wetter Ausgabe Siegen ** - Siegen - Burbach - Freudenberg - Hilchenbach - Kreuztal - Netphen - Neunkirchen - Wilnsdorf Ausgabe Lüdenscheid - Halver - Lüdenscheid - Schalksmühle Ausgabe Plettenberg - Herscheid - Plettenberg Ausgabe Altena/Werdohl - Altena - Balve - Nachrodt-Wiblingwerde - Neuenrade - Werdohl Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 39.700 34.700 5.600 4.200 200 5.600 700 1.200 3.500 7.100 3.000 400 3.700 3.300 3.300 22.100 15.600 5.800 32.100 1.800 29.500 18.600 5.400 5.600 4.400 1.400 9.200 4.300 4.700 5.500 2.100 200 400 400 900 600 100 400 5.300 700 2.100 900 2.600 600 1.600 5.200 1.100 300 500 1.600 1.700 87% 75% 4% 13% 21% 63% 42% 6% 52% 100% 71% 26% 8% 92% 29% 30% 24% 8% 47% 51% 38% 4% 7% 7% 16% 11% 2% 7% 13% 40% 17% 23% 62% 21% 6% 10% 31% 33% 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 1. 2. 2. 2. 2. 1. 2. 36% 28% 5% 16% 32% 27% 37% 11% 41% 30% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 27% 91% 93% 11% 6% 10% 11% 14% 12% 5% 9% 21% 15% 36% 34% 27% 28% 12% 41% 64% 49% 2.3.4 Westfalenpost, Hagen/Essen Ähnlich wie bei der Westfälischen Rundschau (WR) kann auch die Marktposition der Westfalenpost (WP) kaum exakt bestimmt werden. In den Daten der ivw werden für viele WP-Ausgaben nur jeweils Auflagenzahlen zu- sammen mit den Ausgaben der WR ausgewiesen. Die WP steht insgesamt aber wesentlich besser im Markt als die WR, da die von ihr geleiteten Lokalredaktionen in der Regel nicht im Wettbewerb stehen. Nur die Ausgabe Wittgenstein hat mit der Ausgabe der Siegener Zeitung einen allerdings nachrangigen Konkurrenten. Die Ausgabe für Warstein ist dagegen nur Zweitanbieter mit einer Auflage von gerade einmal 2.300 Exemplaren. Sie ist defizitär und hat gegen den Marktführer Soester Anzeiger einen schweren Stand. In 2010 hatte die WP- Ausgabe noch einen Marktanteil von 44 Prozent, aktuell sind es 20 Prozent weniger. Wenn die WP wie geplant von der WR den Standort Siegen übernehmen sollte, hat die Zeitung ein Sorgenkind mehr, denn auch diese Ausgabe ist defizitär. Eine Ausgabe Siegen wäre neben jener in Warstein die zweite. Bis 2009 hat die WP auch mit den Ausgaben für Soest und Werl rote Zahlen geschrieben. Die übrigen Ausgaben der WP haben komfortable Marktpositionen mit einem Angebotsmonopol (Ausgabe Brilon) bzw. mit Anbietermonopolen zusammen mit dem Schwestertitel WR. Seit der Einstellung der Mendener Zeitung in 2010 gilt dies auch für die WP-Ausgabe in Menden. Der Verlag, die Westfalenpost GmbH & Co Verlags-KG, ist ein Tochterunternehmen des WAZ-Konzerns, dessen Sitz inzwischen sogar von Hagen nach Essen verlegt worden ist. Alle anderen Aktivitäten werden zentral von Essen gesteuert, darunter auch jene mit Anzeigenblättern. Nach der Rückstufung des Online-Portals derwesten.de ist die WP aber zumindest im Internet mit ihren Angeboten wieder präsenter. 48 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Warstein * - Warstein Ausgabe Brilon - Brilon - Hallenberg - Marsberg - Medebach - Olsberg - Winterberg Ausgabe Arnsberg * - Arnsberg - Sundern Ausgabe Hagen (inkl. Hohenl.) * - Breckerfeld - Hagen Ausgabe Meschede * - Bestwig - Eslohe - Meschede - Schmallenberg Ausgabe Menden - Balve - Fröndenberg - Menden Ausgabe Berleburg * - Bad Berleburg - Erndtebrück - Bad Laasphe Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 2.300 2.300 16.000 5.100 800 3.100 1.400 3.100 2.500 22.100 15.600 5.800 32.100 1.800 29.500 15.500 2.200 1.900 6.400 5.000 13.900 2.300 500 10.900 7.600 3.900 1.300 2.400 100% 32% 5% 19% 9% 19% 16% 71% 26% 6% 92% 14% 12% 41% 32% 17% 4% 78% 51% 17% 32% 2. 1. 1. 1. 1. 3. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 3. 1. 1. 1. 1. 34% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 88% 10% 100% 81% 64% 71% Tab. 2.26: Westfalenpost: Teilauflagen und Marktpositionen 2.3.5 Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau Die Verlagsgruppe DuMont Schauberg gehört zu den größten Zeitungsunternehmen in Deutschland. Stamm- gebiet der Unternehmensgruppe ist die Großregion Köln. Ursprung ist der in der Nachkriegszeit gegründete Kölner Stadt-Anzeiger. Nach der Übernahme des direkten Konkurrenten, der Kölnischen Rundschau, gibt es in großen Teilen des Verbreitungsgebietes keinen Wettbewerber mehr. Dies gilt faktisch auch für die Stadt Bonn und deren Umland im Rhein-Sieg-Kreis, seitdem DuMont auch am Bonner General-Anzeiger beteiligt ist. Die beiden Abo-Zeitungen kommen auf eine Gesamtauflage von 316.200 Exemplaren. Damit erreicht DuMont Marktpositionen, die die wirtschaftliche Stärke des Unternehmens beschreiben: Nur gut 7.000 Exemplare werden als Zweitzeitung und knapp 2.000 Exemplare als Drittzeitung vertrieben. Das entspricht einem Auf- lagenanteil von unter 3 Prozent. Die Auflage wird also im Wesentlichen in Alleinanbieterstellung oder als Erstzeitung verkauft. Mit der in der Stammregion erwirtschafteten Rendite sind weitere bedeutende Zeitungen mehrheitlich übernommen worden: Berliner Zeitung und Berliner Kurier; Mitteldeutsche Zeitung (vollständig); Frankfurter Rundschau und die Hamburger Morgenpost. Auch an der israelischen Zeitung Haaretz ist DuMont beteiligt. Die Unternehmensgruppe ist schon seit Langem multimedial aufgestellt. Multimedia: Die Position im Zeitungsmarkt wird noch gestärkt durch den Boulevardtitel EXPRESS (136.000), der in der ge- samten Region höhere Auflagen erzielt als die konkurrierende BILD-Zeitung. Ähnlich ist die Situation im Markt der Anzeigenblätter, in dem DuMont traditionell mit dem ehemaligen Verlag der Kölnischen Rundschau ko- operiert. Der Marktanteil bei den wöchentlichen Anzeigenblättern in der Großregion – ohne Bonn – liegt bei knapp 80 Prozent. Auch in Bonn besteht eine Beteiligung an den dortigen Anzeigenblättern. Die Gesamtauf- lage der Anzeigenblätter mit DuMont-Beteiligung in NRW beträgt 2,5 Mio. Exemplare. Bei den Betriebsge- sellschaften von fünf Lokalradios in der Region bestehen Mehrheitsbeteiligungen, ein Minderheitsanteil zudem beim Programm für Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis. Hinzu kommt ein Anteil an radio NRW. Nach an- fänglichem Zögern hat sich DuMont auch beim Lokalfernsehen engagiert. Der Unternehmensgruppe gehört heute die Mehrheit an den Programmen center.tv Köln und center.tv Aachen. Über ein Tochterunternehmen wird die verkaufte Regionalzeitschrift Kölner Illustrierte (monatlich 18.000) und das Kostenlos-Magazin Live (monatlich 43.000) verlegt. Beide Titel sind in ihren Marktsegmenten Markt- führer. Hinzu kommen weitere Publikationen mit geringerer Erscheinungshäufigkeit wie Rheinland pur, Kölner Stadtführer oder Kölner Illustrierte UniSpecial. Auch im Internet ist DuMont mit etlichen Angeboten vertreten. Dazu gehören die Portale mit den Zeitungs- titeln, aber auch jene der Hörfunksender, von center.tv und zudem etliche Portale mit hyperlokalem Zuschnitt und den Titeln von Anzeigenblättern. Über eine Subholding bestehen zudem Beteiligungen an überregional orientierten Angeboten. Diese Aktivitäten schließen auch den Ticketverkauf mit ein. 49Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Olpe - Attendorn - Drolshagen - Finnentrop - Kirchhundem - Lennestadt - Olpe - Wenden Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 27.200 4.600 2.400 3.400 2.600 5.400 5.100 3.400 17% 9% 13% 10% 20% 19% 13% 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 100% 100% 100% 100% 100% 93% 79% Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA * Auflage und Marktposition zusammen mit Westfälischre Rundschau Kooperationen: Gerade im Internetbereich bestehen eine Reihe von Kooperationen. DuMont ist an der Kalaydo GmbH & Co KG beteiligt (32 %), die im Rheinland große Anzeigenportale unterhält. Auch an dem großen Zeitungsverbund OMS-Online Marketing Service GmbH & Co KG für die Werbeakquisition im Internet hält DuMont eine Beteili- gung. Im Zeitungsbereich dominieren interne Kooperationen. So arbeiten beispielsweise die großen Titel bei den Korrespondenten zusammen. Die Kölnische Rundschau bezieht den Mantel vom General-Anzeiger in Bonn. Auch im Lokalen bestehen Kooperationen. Ähnlich wie es die WAZ-Gruppe schon lange praktiziert, agiert DuMont im Oberbergischen Kreis, wo der Kölner Stadt-Anzeiger und die Kölnische Rundschau mit einem iden- tischen Lokalteil erscheinen. Im Druckbereich agiert das Unternehmen – nicht nur in Köln – mit eigenen Druckereien. Ähnliches gilt für den Vertrieb, wobei allerdings für Teilgebiete auch Kooperationen bestehen. So etwa mit dem General-Anzeiger für die Zustellung in Teilen des Rhein-Sieg-Kreises und in Bonn. Im Bereich der Werbeakquisition ist DuMont dem Verbund ACN angeschlossen (vgl. Anhang). Auch bei Expansionsschrit- ten ist DuMont für Kooperationen offen. An der Übernahme der beiden Zeitungen in Berlin hat sich der Heinen Verlag beteiligt, mit dem in der Region Köln gemeinsam die Anzeigenblätter herausgegeben werden, und dessen Haupteigner nach wie vor auch Herausgeber der Kölnischen Rundschau ist. 50 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Köln - Köln Ausgabe Leverkusen - Burscheid - Leichlingen - Leverkusen Ausgabe Bergisch Gladbach nicht vertreten in Wermelskirchen, Burscheid u. Leichlingen restlicher Kreis gesamt Ausgabe Gummersbach nicht vertreten in Hückeswagen und Radevormwald restlicher Kreis gesamt Ausgabe Siegburg - Eitorf - Hennef - Lohmar - Much - Neunkirchen-Seelscheid - Niederkassel - Ruppichteroth - Sankt Augustin - Siegburg - Troisdorf - Windeck Ausgabe Bonn - Alfter - Bad Honnef - Bornheim - Königswinter - Meckenheim - Rheinbach - Swisttal - Wachtberg Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 107.500 107.500 20.800 1.400 1.700 16.200 32.400 31.600 32.000 31.600 36.200 2.000 4.800 4.100 1.600 2.600 2.900 1.100 2.400 4.500 6.600 1.700 3.300 200 200 1.200 200 200 300 200 100 100% 7% 8% 78% 100% 100% 6% 14% 12% 5% 7% 8% 3% 7% 13% 19% 5% 6% 7% 38% 7% 6% 9% 7% 4% 1. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 100 % 56% 37% 100% 100% 100% 84% 100% 100% 100% 65% 100% 35% 88% 94% 100% 7% 6% 23% 5% 5% 9% 11% 5% Tab. 2.27: Kölner Stadt-Anz. und Köln. Rundschau: Teilauflagen und Marktpositionen Die einzelnen Lokalausgaben haben jeweils führende Marktpositionen inne. Allein die sogenannte Ausgabe Bonn, die hauptsächlich linksrheinisch von Bonn vertrieben wird, ist nur Zweitanbieter, spielt aber mit einer Auflage von gerade mal 3.300 Exemplaren wirtschaftlich kaum eine Rolle. Abgesehen von der Stadt Bornheim erreicht die Ausgabe nur sehr schwache Marktanteile. 2.3.6 Rheinische Post, Düsseldorf Die Rheinische Post hat mit 340.000 Exemplaren die zweithöchste Auflage aller regionalen Abozeitungen in Nordrhein-Westfalen. Zudem verfügt die Zeitung im Zentrum ihres Verbreitungsgebiets über eine insgesamt starke Marktposition und zwar gerade auch in wirtschaftlich starken Verbreitungsgebieten wie Düsseldorf oder dem Rhein-Kreis Neuss. Insgesamt verlegt sie drei Viertel der Auflage in Erstanbieterposition, darunter sogar einen Teil als Monopolist. Dennoch zeigt auch die Rheinische Post an einzelnen Plätzen am Rande ihres großen Verbreitungsgebietes schwache Marktpositionen, so etwa im Bergischen Land. Die Zeitung erscheint dort mit der Bergischen Morgenpost. Ihr wesentlicher Konkurrent ist der Verlag des Solinger Tageblatts, der Anfang 2012 den bis dahin eigenständigen Remscheider General-Anzeiger vollständig übernommen hat. Gleichfalls seit Langem schwach ist die Marktstellung in Leverkusen. Erst seit der Zusammenlegung der ehe- maligen Stadt Opladen, wo die RP traditionell verbreitet wird, mit der Stadt Leverkusen 1975 gehört die Groß- stadt Leverkusen zum Verbreitungsgebiet. Faktisch dürfte die Ausgabe einer Stadtteilzeitung für Opladen entsprechen. Bescheiden ist auch die Auflage der Ausgabe Duisburg. 51Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Euskirchen - Bad Münster-Eifel - Euskirchen - Weilerswist - Zülpich Ausgabe Schleiden - Blankenheim - Dahlem - Hellenthal - Kall - Mechernich - Nettersheim - Schleiden - Heimbach (Kr. Düren) Ausgabe Bergheim - Bedburg - Bergheim - Elsdorf - Kerpen Ausgabe Frechen - Frechen - Pulheim - Dormagen (Rhein-Kr. Neuss) Ausgabe Erftstadt - Brühl - Erftstadt - Hürth - Wesseling - Bornheim (Rhein-Sieg-Kr.) - Nörvenich (Kr. Düren) Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 13.700 2.600 6.800 2.000 2.300 11.800 1.100 600 1.200 2.000 3.400 1.100 2.100 300 17.300 2.300 6.400 2.300 6.300 13.500 5.200 7.800 500 22.300 5.700 6.800 5.900 2.800 900 200 19% 50% 15% 17% 9% 5% 10% 17% 29% 9% 18% 3% 13% 37% 13% 36% 39% 58% 4% 26% 30% 26% 13% 4% 1% 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 3. 2. 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 60% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 13% 100% 100% 100% 100% 17% 15% Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA Multimedia: Die RP ist immer noch das Kernstück der Mediengruppe, die im Zeitungsmarkt durch die Übernahme der Neuß- Grevenbroicher Zeitung und eine Beteiligung am Zeitungsverlag Aachen gewachsen ist. Auch im Ausland wer- den Zeitungen und Anzeigenblätter verlegt (Polen und Tschechische Republik) sowie Privat-TV veranstaltet (Tschechische Republik) und Online-Portale angeboten. Die Unternehmensgruppe ist internationalisiert und diversifiziert. In Deutschland hat sich die Gruppe entschieden im Privatfunk engagiert. Sie ist an allen Lokal - radios im Verbreitungsgebiet der RP beteiligt und außerhalb zudem mehrheitlich an Radio Wuppertal. Hinzu kommen drei lokale Fernsehprogramme: center.tv in Düsseldorf (100 %), Studio 47 in Duisburg (30 %) und City Vision in Mönchengladbach (50 %). Die Gruppe verlegt auch einzelne regionale Zeitschriften (z.B. mein Rheinland, zweimonatlich, 50.000; Top Magazin, Wuppertal) und ist mit einer anteiligen Auflage von 1,9 Mio. Anzeigenblättern wöchentlich der zweitgrößte Anbieter in NRW. Zuletzt wurde die Rundschau Verlagsgesell- schaft mbH mit ihren Titeln in Wuppertal vollständig übernommen. Hinzu kommen Fachzeitschriftenverlage. Alle lokalen Medienaktivitäten werden begleitet von entsprechenden Online-Portalen, wobei rp-online.de eine besonders starke Nachfrage aufweist. Hinzu kommen Beteiligungen an Internet-Shops und Ticketdiensten. Nicht alle Expansionspläne konnten umgesetzt werden. Manches scheiterte am Kartellrecht. Die Unterneh- mensgruppe ist aber weiterhin expansiv aufgestellt. Kooperationen: Die RP-Gruppe kooperiert im Zeitungs-, Hörfunk- und Onlinebereich insbesondere mit den anderen rheini- schen Zeitungsunternehmen. Dazu gehören auch Online-Portale wie kalaydo.de (u.a. Job-Börse, Immobilien, Kfz, Kleinanzeigen). Anders als in früheren Jahren übernimmt derzeit keine Zeitung den Mantel aus Düssel- dorf. Besonders enge Verbindungen bestehen mit dem Unternehmen um die Westdeutsche Zeitung über Kooperationen, parallele Beteiligungen und eine Überkreuzbeteiligung. 52 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Düsseldorf - Düsseldorf - Erkrath (Kr. Mettmann) - Ratingen - Kaarst - Neuss Ausgabe Neuss - Dormagen - Grevenbroich - Jüchen - Kaarst - Korschenbroich - Neuss - Rommerskirchen Ausgabe Meerbusch - Meerbusch Ausgabe Krefeld - Krefeld - Tönisvorst Ausgabe Kempen - Kempen - Grefrath Ausgabe Willich - Tönisvorst - Willich Ausgabe Viersen - Brüggen - Nettetal - Niederkrüchten - Schwalmtal - Viersen Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 64.000 58.700 1.000 700 1.100 1.400 43.300 5.100 8.100 1.700 5.900 2.700 17.900 1.500 8.300 7.900 23.000 22.300 300 3.600 2.600 1.000 5.000 1.400 3.600 20.700 2.200 4.500 1.800 2.500 9.400 92% 2% 1% 2% 2% 12% 19% 4% 14% 6% 41% 3% 95% 97% 1% 72% 28% 28% 72% 11% 22% 9% 12% 45% 1. 3. 3. 2. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 3. 2. 2. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 79% 16% 5% 15% 7% 83% 98% 62% 78% 52% 88% 94% 86% 69% 6% 46% 45% 30% 59% 100% 90% 100% 100% 95% Tab. 2.27: Kölner Stadt-Anz. und Köln. Rundschau: Teilauflagen und Marktpositionen 53Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Mönchengladbach - Jüchen - Korschenbroich - Mönchengladbach Ausgabe Erkelenz - Erkelenz - Hückelhoven - Wassenberg - Wegberg Ausgabe Ratingen - Heiligenhaus - Ratingen Ausgabe Mettmann - Erkrath - Mettmann - Wülfrath Ausgabe Hilden - Haan - Hilden Ausgabe Langenfeld - Langenfeld - Leichlingen - Monheim Ausgabe Solingen - Solingen Ausgabe Remscheid - Remscheid Ausgabe Radevormwald - Radevormwald Ausgabe Hückeswagen - Hückeswagen Ausgabe Wermelskirchen - Wermelskirchen Ausgabe Leverkusen - Leverkusen Ausgabe Duisburg - Duisburg Ausgabe Dinslaken - Dinslaken - Hünxe - Schermbeck - Vörde Ausgabe Moers - Kamp-Lintfort - Moers - Neukirchen-Vluyn Ausgabe Xanten - Alpen - Rheinberg - Sonsbeck - Xanten Ausgabe Wesel - Hamminkeln - Wesel Ausgabe Emmerich - Emmerich - Rees Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 33.500 1.000 2.500 29.600 10.300 4.700 1.200 600 3.800 11.700 700 10.800 8.700 3.400 4.300 800 9.000 3.200 5.600 11.500 6.500 2.500 2.500 3.000 2.900 3.600 3.600 2.100 2.100 2.100 2.000 4.000 3.900 2.800 2.800 6.600 6.100 4.700 2.200 800 400 1.300 5.800 1.100 3.500 1.100 11.000 2.100 2.800 1.300 3.700 7.000 2.200 4.800 5.200 2.500 2.500 3% 7% 88% 46% 12% 6% 37% 6% 92% 39% 49% 9% 36% 62% 57% 22% 22% 97% 100% 100% 95% 97% 100% 92% 47% 17% 9% 28% 19% 60% 19% 19% 25% 12% 34% 31% 69% 48% 48% 2. 2. 1. 1. 1. 2. 1. 2. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 2. 1. 1. 1. 2. 3. 2. 2. 3. 2. 2. 2. 2. 2. 1. 1. 2. 2. 2. 1. 38% 48% 96% 82% 35% 30% 95% 22% 84% 54% 80% 27% 70% 83% 77% 57% 59% 11% 22% 65% 74% 59% 15% 10% 17% 25% 13% 19% 23% 21% 24% 78% 46% 85% 89% 36% 40% 43% 57% 2.3.7 Ruhr Nachrichten, Dortmund Die Ruhr Nachrichten gehören mit einer Auflage von über 200.000 Exemplaren inklusive der diversen Kopf- blätter zu den großen Regionalzeitungen in Nordrhein-Westfalen. Die Unternehmenszentrale, der Verlag Lensing-Wolff in Dortmund, gehört vollständig der Familie Lensing-Wolff. Kern des Verbreitungsgebietes der Ruhr Nachrichten sind der Verlagsstandort Dortmund und die beiden Nachbarkreise Recklinghausen und Unna. In diesen Kreisen ist die RN-Gruppe auch jeweils an den dort ansässigen Verlagen der Recklinghäuser Zeitung (Anteil 40 Prozent) und des Hellweger Anzeigers (Anteil 5 Prozent) beteiligt. Eine Besonderheit bei den Ruhr Nachrichten besteht in dem nicht geschlossenen Verbreitungsgebiet. Disloziert vom Kernverbreitungsgebiet erscheinen Lokalausgaben der einst selbstständigen Münsterschen Zeitung sowie eine Ausgabe in Ahaus, nahe der holländischen Grenze. Auch die beiden in einem Tochterunternehmen verlegten Lokalausgaben für Dors- ten und Haltern im westlichen Kreis Recklinghausen haben keine direkte Verbindung zu den Verbreitungsge- bieten der anderen Lokalausgaben. In Dortmund sind die Ruhr Nachrichten Marktführer gegenüber der West- fälischen Rundschau (WR) und der WAZ, wobei die WAZ dort nur noch eine Rumpfredaktion unterhält und sich im Übrigen auf die Lokalberichterstattung der WR stützt. In großen Teilen des Kreises Unna sind die Ruhr Nachrichten gleichfalls Erstzeitung. Wettbewerber ist auch dort vor allem die WR. Marktführer im südlichen Kreisgebiet ist der in Unna ansässige Hellweger Anzeiger. Er kooperiert mit dem Partner Ruhr Nachrichten in der lokalen Werbeakquisition. Auch im Kreis Recklinghausen sind die Marktpositionen stattlich. Allein die Ausgabe Castrop-Rauxel erscheint als Zweitzeitung. Die Dorstener Zeitung hat eine komfortable Position, die Halterner Zeitung beherrscht den Lokal- markt. Zudem ist das Beteiligungsunternehmen Recklinghäuser Zeitung in seinem gesamten Verbreitungsgebiet mit in den letzten Jahren noch steigenden Marktanteilen gegen eine schwächelnde Konkurrenz Marktführer. Seitdem die RN weitere Ausgaben im westlichen Ruhrgebiet nach und nach aufgegeben haben, gibt es im Ruhrgebiet nur noch eine schwache RN-Ausgabe, jene in Bochum. Gegen den Marktführer WAZ kommen die RN in Bochum nicht an. Der Marktanteil beträgt nur magere 6 Prozent bei einer lokalen Auflage von 3.800 Exemplaren. Diese lassen sich die RN stattlich bezahlen: Das Abonnement in Bochum kostet 30,50 €. Das ist der höchste Abo-Preis in NRW. Zum Vergleich: Im benachbarten Dortmund beträgt der Preis 24,10 €. Schwach aufgestellt sind auch die verbliebenen Ausgaben der Münsterschen Zeitung in Greven, Rheine und Steinfurt. Im Kreis Steinfurt ist allein die in einem eigenständigen Verlag erscheinende Emsdettener Volks- zeitung als Monopolist in Emsdetten stark. An der Zeitung hat sich die Münsterländische Volkszeitung mit 10 Prozent beteiligt, die in der Nachbarstadt Rheine gegen die Münstersche Zeitung konkurriert. Damit dürften auch die zeitweilig massiven Konkurrenzkämpfe zwischen den beiden Verlagen beendet sein. 54 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Kleve - Bedburg-Hau - Goch - Kalkar - Kleve - Kranenburg - Uedem Ausgabe Geldern - Geldern - Issum - Kerken - Kevelaer - Rheurdt - Straelen - Wachtendonk - Weeze Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 19.600 2.300 4.700 2.000 7.600 1.600 1.100 16.800 4.900 1.600 2.000 3.800 600 2.200 1.000 1.000 12% 24% 10% 39% 8% 7% 29% 10% 12% 23% 4% 13% 6% 6% 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 90% 89% 83% 85% 91% 85% 100% 82% 100% 95% 53% 100% 100% 100% Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA Insgesamt sind die RN und ihre weiteren Ausgaben gut aufgestellt. Immerhin werden knapp 150.000 Exem- plare aus der Position des Marktführers verkauft. Das sind drei Viertel der Gesamtauflage. 55Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.25: Westfälische Rundschau: Teilauflagen und Marktpositionen Ausgabe Ausgabe Dortmund - Dortmund - Bergkamen - Holzwickede - Kamen - Unna Ausgabe Witten - Herdecke - Witten Ausgabe Castrop-Rauxel - Castrop-Rauxel Ausgabe Haltern - Haltern Ausgabe Dorsten - Dorsten - Raesfeld (Kr. Borken) - Schermbeck (Kr. Wesel) Ausgabe Schwerte - Schwerte Ausgabe Lünen - Lünen Ausgabe Werne - Werne - Ascheberg (Kr. Coesfeld) Ausgabe Selm - Selm - Nordkirchen (Kr. Coesfeld) - Olfen (Kr. Coesfeld) Ausgabe Ahaus - Ahaus - Heek - Legden - Stadtlohn - Südlohn - Vreden Emsdettener Volkszeitung - Emsdetten Ausgabe Münster - Münster Ausgabe Rheine - Neuenkirchen - Rheine - Wettringen Ausgabe Greven - Greven - Saerbeck Ausgabe Steinfurt - Horstmar - Metelen - Steinfurt - Laer Ausgabe Bochum - Bochum Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 66.400 61.700 300 300 200 500 4.400 500 3.900 5.800 5.800 9.500 9.300 15.400 12.200 500 1.900 7.600 7.600 10.600 10.600 6.100 5.200 1.000 9.100 4.800 2.000 2.300 18.700 6.700 1.000 1.200 3.800 1.600 4.100 7.600 7.400 14.100 13.200 5.400 2.000 1.900 1.400 3.700 3.000 600 3.100 400 1.100 1.200 100 3.600 3.500 93% 0,5% 0,5% 0,3% 0,8% 11% 89% 100% 98% 79% 3% 12% 100% 100% 85% 16% 53% 22% 25% 36% 5% 6% 20% 9% 22% 97% 94% 37% 35% 26% 81% 16% 13% 35% 39% 3% 97% 1. 4. 3. 3. 3. 2. 2. 2. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 1. 2. 1. 2. 2. 2. 1. 2. 2. 2. 64% 3% 7% 2% 3% 9% 22% 43% 93% 76% 19% 61% 70% 72% 67% 31% 95% 96% 94% 95% 65% 100% 100% 94% 100% 100% 24% 61% 12% 90% 45% 43% 27% 79% 17% 7% 6% Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA Multimedia: Die Unternehmensgruppe um die RN arbeitet schon seit Jahrzehnten multimedial. Praktisch im gesamten Verbreitungsgebiet werden Anzeigenblätter verlegt, entweder eigenständig oder zusammen mit dem WAZ- Konzern als Eigner der Ostruhr Anzeigenblattgesellschaft (ORA). Allein die ORA kommt auf eine Auflage von über 1,5 Mio. Exemplaren wöchentlich. Die RN-Gruppe erreicht anteilig eine Wochenauflage von 1,3 Mio. Exemplaren (vgl. Anlage). Zum Teil verbreitet der Konzern auch außerhalb seines Zeitungsgebiets noch ein- zelne Titel, so etwa in Drensteinfurt im Kreis Warendorf. Über die Anzeigenblätter werden ebenso Internet- portale wie über die Zeitungstitel unterhalten. Zudem bestehen Beteiligungen an acht Lokalfunkprogrammen und an radio NRW. Auch für lokales Fernsehen hat sich die Gruppe zeitweilig interessiert, zwei entsprechende Lizenzanträge bei der LfM gestellt, aber noch keine Programme realisiert. Wie andere Verlagsunternehmen auch scheint sich die RN-Gruppe beim Lokal-TV nur zu wappnen, falls andere Anbieter in „ihrem“ Gebiet aktiv werden sollten, wird aber selbst nicht offensiv tätig. Kooperationen: Die Ruhr Nachrichten unterhalten insbesondere enge Beziehungen zu den benachbarten Beteiligungsverlagen. In der Lokalberichterstattung bestehen Kooperationen mit der Recklinghäuser Zeitung und dem Hellweger Anzeiger. Anders als in früheren Jahren hat der Verlag derzeit aber keinen Abnehmer für seinen überregionalen Mantel. Für die Akquisition bei den Online-Portalen besteht eine Beteiligung an der OMS (vgl. Anhang). Die inzwischen langjährige Partnerschaft mit der WAZ-Gruppe beim Anzeigenblattverlag ORA lag einst quer zu einem ansonsten heftigen Wettbewerb zwischen den beiden größten Ruhrgebietsverlagen. Inzwischen ist die Zahl der gemeinsamen Interessen beträchtlich. Das gilt für mehrere Hörfunksender und zudem für Ko- operationen im Druckbereich und bei der Zeitungszustellung. Selbst in den Konkurrenzgebieten mit der West- fälischen Rundschau werden beide Zeitungen seit einiger Zeit von denselben Boten zugestellt. Teilausgaben der WR werden bei den RN gedruckt, Teilauflagen der RN bei WAZ-Druckereien, um so mittelbar auch die Ver- triebskosten zu begrenzen. Im Zeitungsmarkt stehen die beiden Blätter davon ungeachtet im Wettbewerb. Dies gilt weitgehend auch für den Anzeigenmarkt. Die RN kooperieren bei der Akquisition mit den beiden Nachbarblättern Recklinghäuser Zeitung und Hellweger Anzeiger in dem Anzeigenring mrw Medienregion Ruhr- gebiet/Westfalen. In früheren Jahren bestanden auch Kooperationen mit anderen westfälischen Verlagen, diese wurden aber aufgegeben. 2.3.8 Neue Westfälische, Bielefeld Die Neue Westfälische (NW) in Bielefeld ist die auflagenstärkste Tageszeitung in Ostwestfalen mit einer in den Teilgebieten weit überwiegend starken Marktposition. Zum Verbreitungsgebiet gehören neben der Groß- stadt Bielefeld die Kreise Herford, Höxter und Paderborn sowie Teile der Kreise Minden-Lübbecke und Güters- loh. Die Zeitung verkauft eine Gesamtauflage von 146.000 Exemplaren und ist damit in ihrem Kernverbrei- tungsgebiet unangefochten Marktführer. In dieser Erstanbieterstellung vertreibt die NW rund 110.000 Exem- plare, also einen Auflagenanteil von drei Vierteln. Sehr stark ist sie in Bielefeld und im Kreis Herford. Von der Ausgabe Gütersloh werden über 70 Prozent als Erstzeitung vertrieben. Ähnlich ist die Situation in Teilen des Kreises Minden-Lübbecke. Von der dortigen Auflage in Höhe von 32.600 Exemplaren werden immerhin gut 25.000 Exemplare als örtlicher Marktführer verkauft. In der Nachbarschaft zu Bielefeld gehören Teile des Kreises Lippe zum Verbreitungsgebiet. Auch in Leopoldshöhe (1.800 Exemplare) und Oerlinghausen (2.500 Exemplare) ist die NW Erstzeitung. Nachrangig im Markt sind die Ausgaben Paderborn, Höxter und Warburg. Die Marktposition in Ostwestfalen wird gestärkt über Kooperationen. Die NW verkauft die überregionale Be- richterstattung an die beiden Nachbarzeitungen Lippische Landes-Zeitung in Detmold (39.500) und an das Haller Kreisblatt (11.500), das zudem in Bielefeld bei der NW gedruckt wird. Bei der Anzeigenakquisition kommt als weiterer Partner das Mindener Tageblatt (31.400) hinzu, das den östlichen Teil des gleichnamigen Kreises als Monopolanbieter beherrscht. Diese Anzeigengruppe erreicht in Ostwestfalen die mit Abstand höchste Auflage. 56 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Seit einigen Jahren besteht im Vertrieb und bei der Zustellung an die Abonnenten eine Kooperation mit dem Westfalen-Blatt, dem einzigen relevanten Konkurrenten der NW. Im redaktionellen Bereich bestehen über die Mantellieferung hinaus Kooperationen mit den Partnern in Det- mold und in Halle. Für die Reisebeilage kooperiert die NW mit weiteren Verlagen in Westfalen und grenzüber- greifend mit Nachbarverlagen in Niedersachsen und in Hessen, vor allem aber nicht nur aus der Ippen-Gruppe. Die Gruppe unter Führung der HNA in Kassel erreicht mit der Reisebeilage eine Auflage von über 1,3 Mio. Exemplaren. Die Unternehmensgruppe um die NW ist multimedial aufgestellt. Sie ist an allen sechs lokalen Hörfunksendern in Ostwestfalen beteiligt: - Radio Bielefeld 71% - Radio Herford 75% - Radio Hochstift 75% - Radio Gütersloh 27% - Radio Westfalica 27% - Radio Lippe 5% Die Gruppe unterhält Internetportale und kooperiert auch dabei z.T. mit benachbarten Zeitungshäusern. Die Portale erreichen nach den ivw-Daten die mit großem Abstand führenden Nutzungen in Ostwestfalen. Sie engagiert sich beim Audiotext und beim regionalen Briefdienst. Darüber hinaus bestehen Beteiligungen am Prisma-Verlag (Supplement) und beim Heißen Draht in Hannover. Lokale Fernsehaktivitäten gibt es in Ost- westfalen nicht. An lokalen/regionalen Zeitschriften ist die Gruppe nicht beteiligt. Untypisch für die Branche ist der weitgehende Verzicht der NW-Gruppe auf Anzeigenblätter. Nur in Bielefeld wird der einzige Titel, donnerstags NW (82.700), verbreitet. Der Markt der Anzeigenblätter wird im Verbrei- tungsgebiet der NW ansonsten weitgehend beherrscht von Titeln aus der Gruppe um das Westfalen-Blatt. Ein Unikat stellt die NW in Bezug auf ihre Besitzstruktur dar. Sie ist die einzige Zeitung, bei der die einst große Zeitungsgruppe der SPD noch eine Mehrheit hält. 57Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Bielefeld - Bielefeld - Steinhagen - Werther - Schloß Holte-Stukenbrock Ausgabe Herford - Herford - Hiddenhausen - Enger - Spenge Ausgabe Löhne - Löhne Ausgabe Bad Oeynhausen - Bad Oeynhausen Ausgabe Bünde - Bünde - Kirchlengern - Rödinghausen Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 60.000 48.800 700 400 2.700 13.600 6.000 2.500 2.300 1.700 6.600 6.600 7.500 7.500 12.400 7.600 2.600 1.700 92% 1% 1% 5% 44% 18% 17% 13% 100% 100% 62% 21% 14% 1. 3. 3. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 85% 15% 13% 58% 46% 75% 61% 56% 85% 77% 86% 85% 87% Tab. 2.30: Neue Westfälische: Teilauflagen und Marktpositionen 2.3.9 Westdeutsche Zeitung, Düsseldorf Die Westdeutsche Zeitung hat mit 105.000 Exemplaren zwar immer noch eine stattliche Gesamtauflage, aber diese Auflage sinkt rapide. Die Mantelredaktion wird zusammen mit zwei Nachbarzeitungen unterhalten. Durch diese Kooperation mit dem Solinger Tageblatt und dem Remscheider General-Anzeiger werden die Kosten begrenzt. Einige Lokalausgaben haben erhebliche Probleme mit kleinen Auflagen und schwachen Markt - positionen als nachrangige Marktteilnehmer. Die Ausgabe für Burscheid (Rheinisch-Bergischer Kreis) mit 1.200 verkauften Exemplaren und jene für Sprockhövel (Ennepe-Ruhr-Kreis) mit 900 Exemplaren gehören zu den kleinsten Ausgaben in Nordrhein-Westfalen. Zentrale Firma der WZ-Gruppe ist die Girardet Verlag KG in Düsseldorf, die noch fast vollständig der Familie Girardet gehört. In den letzten Jahren sind für einzelne Zeitungsausgaben weitere Firmen unter der Bezeich- nung Girardet Verlag gegründet worden. Die Zeitung hat erhebliche Auflagenprobleme, musste sich faktisch aus dem Norden des Kreises Heinsberg zurückziehen und auch aus Teilen des angrenzenden Kreises Viersen. Bereits vor Jahren wurden Lokalausgaben im Ennepe-Ruhr-Kreis an die WAZ-Gruppe verkauft. Die Marktstel- lung im Rhein-Kreis Neuss ist äußerst schwach. Ähnliches gilt für die Ausgabe im Norden des Kreises Mett- mann, wo allein in Wülfrath eine zukunftsfähige Auflage erzielt wird. Gute Marktpositionen haben nur die Ausgaben Wuppertal (Monopol) sowie Krefeld und Kempen. 58 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Lübbecke - Espelkamp - Hüllhorst - Lübbecke - Preußisch Oldendorf - Rahden - Stemwede Ausgabe Gütersloh - Gütersloh - Harsewinkel - Herzebrock-Clarholz - Rheda-Wiedenbrück - Rietberg Ausgabe Verl - Verl Ausgabe Oerlinghausen - Oerlinghausen - Leopoldshöhe Ausgabe Paderborn - Kreis Paderborn Ausgabe Höxter - Bad Driburg - Beverungen - Brakel - Höxter - Marienmünster - Nieheim - Steinheim Ausgabe Warburg - Borgentreich - Warburg - Willebadessen Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 10.300 2.000 1.900 3.900 1.400 600 300 19.900 14.300 1.500 200 1.100 400 1.400 1.400 4.300 2.500 1.800 9.000 9.000 3.500 500 400 500 1.300 200 200 400 1.800 300 1.200 300 19% 18% 38% 11% 5% 3% 72% 8% 1% 6% 2% 100% 58% 42% 100 % 14% 11% 14% 37% 6% 6% 11% 17% 67% 17% 1. 1. 1. 1. 2. 3. 1. 2. 2. 2. 2. 3. 1. 1. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 50% 88% 73% 62% 19% 10% 77% 33% 7% 12% 8% 28% 86% 69% 18% 16% 17% 15% 21% 18% 15% 20% 16% 24% 20% Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA Die Unternehmensgruppe wird auch durch Verkäufe tendenziell kleiner. Zuletzt ist sogar die Rundschau Ver- lagsgesellschaft mbH in Wuppertal14 an die Partner von der Rheinischen Post verkauft worden, obwohl dieser Verlag im wichtigsten Verbreitungsgebiet der WZ, in der Stadt Wuppertal, bei den Anzeigenblättern fast ein Monopol hält. Zudem wurde eine Mehrheitsbeteiligung an Radio Wuppertal gleichfalls an die RP-Gruppe ab- gegeben. 59Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 14 Die Rundschau Verlagsgesellschaft mbH gibt für Wuppertal die Anzeigenblätter wuppertaler rundschau (mittwochs 181.000 Exemplare) und die rundschau am samstag (165.000) sowie die wülfrather rundschau (mittwochs 10.300) heraus. Zudem verlegt die Firma das Kostenlos-Magazin Top Magazin Wuppertal mit 10.000 Exemplaren (viermal jährlich). Ausgabe Ausgabe Wuppertal - Wuppertal Ausgabe Sprockhövel - Sprockhövel Ausgabe Düsseldorf - Düsseldorf Ausgabe Neuss - Dormagen - Grevenbroich - Kaarst - Neuss Ausgabe Meerbusch - Meerbusch Ausgabe Kempen - Kempen - Grefrath - Nettetal Ausgabe Krefeld - Krefeld - Tönisvorst Ausgabe Willich - Tönisvorst - Willich Ausgabe Mettmann-Nord - Mettmann - Ratingen - Velbert - Wülfrath Ausgabe Mettmann-Süd - Haan - Hilden - Langenfeld - Monheim - Erkrath Ausgabe Mönchengladbach - Mönchengladbach - Viersen Ausgabe Burscheid - Burscheid Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 42.000 41.700 900 900 10.500 10.300 2.000 200 200 500 900 1.300 1.300 5.000 3.200 1.200 600 23.000 22.300 500 5.000 2.500 2.500 5.500 1.100 1.300 900 2.200 5.900 1.400 800 700 800 1.600 2.200 1.200 500 1.200 1.100 99% 100% 98% 10% 10% 25% 45% 100% 64% 24% 5% 97% 2% 50% 50% 20% 24% 16% 40% 24% 14% 13% 14% 27% 55% 23% 92% 1. 3. 2. 3. 2. 2. 32 2. 1. 1. 2. 1. 2. 1. 2. 2. 2. 2. 1. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 100% 17% 14% 4% 2% 6% 5% 14% 54% 55% 11% 69% 11% 52% 41% 20% 10% 9% 73% 30% 12% 9% 20% 25% 4% 5% 44% Tab. 2.31: Westdeutsche Zeitung: Teilauflagen und Marktpositionen Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA Multimedia: Zur Unternehmensgruppe gehört eine hälftige Beteiligung an der Düsseldorf EXPRESS GmbH & Co KG, die den Düsseldorf EXPRESS verlegt, einer Lokalausgabe des EXPRESS in Köln. Der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg hält die andere Hälfte der Ausgabe, deren Auflage allerdings in den letzten Jahren auf 40.500 Exemplare stark zurückgegangen ist. Zur Unternehmensgruppe gehört vollständig die Druck + Verlag Josef Wegener GmbH im Rhein-Kreis Neuss. Sie verlegt den Wochentitel Rheinischer Anzeiger (42.400) in Dormagen und Rommerskirchen. Gleichfalls in Dormagen erscheint zweimal wöchentlich das Anzeigenblatt Schaufenster (43.200 bzw. 31.300 Exemplare), an dessen Verlag die WZ-Gruppe 80 Prozent der Anteile hält. Weitere An- zeigenblätter werden gemeinsam mit der Firmengruppe um die Rheinische Post verlegt. Im Internet werden unter den Marken der Zeitung und der Anzeigenblätter eigene Portale unterhalten. Im Lokalfunk ist die WZ- Gruppe nur noch schwach vertreten, seitdem eine Mehrheitsbeteiligung an Radio Wuppertal an die Partner von der Rheinischen Post verkauft worden ist. Kooperationen: Die WZ-Gruppe ist in zahlreiche Kooperationen eingebunden. Zusammen mit den Titeln Solinger Tageblatt und Remscheider General-Anzeiger wird der Zeitungsmantel produziert. Zugleich tritt der Dreibund als Anzeigen- kooperation auf. Zusammen gehören sie zudem der Anzeigenkooperation ACN an (vgl. Anhang). Bei der Wer- beakquisition für die Internetangebote kooperiert die Gruppe mit der OMS-Online Marketing Service GmbH & Co KG (vgl. Anhang). Wichtigster Kooperationspartner ist allerdings die Gruppe um die Rheinische Post trotz des Wettbewerbs mit der größeren Zeitung in großen Teilen des Verbreitungsgebiets. Die beiden Zei- tungsverlage sind über eine geringprozentige Überkreuzbeteiligung verbunden und unterhalten zudem Ge- meinschaftsunternehmen in den Bereichen Anzeigenblätter, Druck, Vertrieb, lokaler Hörfunk und Anzeigen- blätter (vgl. Grafik). Die Partner besitzen jeweils hälftig die Panorama Anzeigenblatt GmbH in Düsseldorf, die als Holding von fünf Verlagen fungiert, die Anzeigenblätter in Gebieten vertreiben, in denen beide Zei- tungen erscheinen. 2.3.10 Westfälische Nachrichten, Münster Die Westfälischen Nachrichten sind in Münster der Platzhirsch und seit der Weimarer Republik der Kern der so- genannten Zeno-Gruppe, zu der sich die meisten Verlage im Münsterland zusammengeschlossen hatten. Diese Gruppe wurde nach dem Zweiten Weltkrieg reaktiviert und besteht seitdem weitgehend unverändert fort. Über die Jahre hat die WN-Gruppe allerdings einzelne der Kooperationspartner übernommen (Lüdinghauser Zeitung, Ahlener Zeitung). Am Tageblatt im Kreis Steinfurt hat sich das Medienunternehmen Aschendorff beteiligt. Im nördlichen Kreis Steinfurt wurde das Verbreitungsgebiet mit der Ibbenbürener Volkszeitung arrondiert, die heute zu den Kooperationspartnern gehört und wie andere Titel den Mantel der WN übernimmt (zuvor von Münsterschen Zeitung/Ruhr Nachrichten). Abgesehen von der Aufgabe der Lokalausgabe in Ibben- büren ist die WN-Gruppe eher expansiv aufgestellt. Zuletzt wurde sogar eine Minderheitsbeteiligung an der Holding des Westfalen-Blatts in Bielefeld übernommen, also weit außerhalb des Kerngebiets der WN. Die Stärke der WN beruht auf dem geringen Wettbewerb im Münsterland und der breit angelegten Kooperation innerhalb der Zeno-Gruppe. Der Konkurrent Münstersche Zeitung hat nach der Aufgabe etlicher Lokalausgaben längst nicht mehr die Wettbewerbsposition wie ehedem. Entsprechend sind die Marktanteile der WN-Ausgaben überwiegend hoch, manche Ausgaben haben ein Monopol. Als Erstzeitung werden über 100.000 Exemplare der Gesamtauflage von 115.000 Exemplaren vertrieben. 60 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 61Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Münster - Münster Ausgabe Gronau - Ahaus - Gronau - Heek - Schöppingen Ausgabe Steinfurt - Altenberge - Horstmar - Laer - Nordwalde - Steinfurt Ausgabe Greven - Greven - Saerbeck Ausgabe Westerkappeln - Westerkappeln Ausgabe Lengerich - Ladbergen - Lengerich - Lienen - Tecklenburg Ausgabe Sendenhorst - Drensteinfurt - Sendenhorst Ausgabe Warendorf - Everswinkel - Sassenberg - Warendorf Ausgabe Telgte - Ostbevern - Telgte Ausgabe Ahlen - Ahlen Ausgabe Havixbeck - Havixbeck - Nottuln - Senden Ausgabe Lüdinghausen - Ascheberg - Lüdinghausen - Nordkirchen Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 39.600 39.600 10.000 400 7.200 500 1.100 11.700 1.800 1.000 1.200 1.800 5.700 4.600 3.800 700 1.400 1.100 7.300 1.100 3.600 1.400 1.100 4.700 2.400 2.300 5.700 1.800 700 3.200 6.100 2.000 4.100 6.600 6.500 8.900 2.400 3.400 3.100 6.900 2.000 4.800 100 100% 4% 72% 5% 11% 15% 9% 10% 15% 49% 83% 15% 79% 15% 49% 19% 15% 51% 49% 32% 12% 56% 33% 67% 98% 27% 38% 35% 29% 70% 1% 1. 2. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 76% 5% 100% 35% 100% 100% 73% 93% 100% 83% 55% 57% 100% 100% 100% 94% 62% 77% 92% 100% 28% 100% 100% 100% 73% 100% 91% 100% 63% 100% 4% Tab. 2.32: Westfälische Nachrichten: Teilauflagen und Marktpositionen Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA Multimedia Das Gesamtunternehmen Aschendorff GmbH & Co KG ist außerordentlich breit aufgestellt. Dazu gehören neben den aktuellen Medien insbesondere Buchverlage und die große Druckerei in Münster. Im Internet werden Por- tale über die Zeitung und die Anzeigenblätter unterhalten. Zudem bietet der Verlag ein Webradio an (lenz- radio.de), das Portal studentenpilot.de, ist an der Community doolao.de und weiteren Internetportalen wie spielen.de beteiligt. Die Unternehmensgruppe hat sich an allen Lokalradio-Betriebsgesellschaften im Müns- terland außer im Kreis Coesfeld beteiligt. Auch am Lokalfernsehen bestand zeitweilig Interesse, ohne aller- dings ein Programm zu realisieren. In den letzten Jahren hat die Gruppe eine Reihe von Anzeigenblättern auf den Markt gebracht (Hallo), die heute weite Teile des Münsterlandes überwiegend zweimal wöchentlich abdecken. Zuvor war die Gruppe gemeinsam mit der ansonsten konkurrierenden Ruhr-Nachrichten-Gruppe an einem Anzeigenblattverlag beteiligt. Kooperationen: Die WN sind das Zentrum des Zeno-Verbundes im Münsterland. Die kleineren Kooperationspartner beziehen von den WN den Zeitungsmantel, und einzelne Lokalzeitungen werden von der WN in Münster auch gedruckt. Für die Anzeigenkooperation besteht im Münsterland seit Jahrzehnten eine Kooperation mit in Teilen aller- dings wechselnden Partnern. Derzeit gehören der Zeitungsgruppe Westfalen (ZGW) alle Verlage im Münster- land an außer den Titeln der Ruhr Nachrichten-Gruppe. Die ZGW unterhält mit derselben Partnerschaft einen eigenständigen Tarif für die Reisebeilage, die Reisekombi Westfalen (RKW). Die Verkaufsauflage der Gruppe liegt knapp unter 300.000 Exemplaren. Kooperationen mit dem Verlag der Ruhr Nachrichten bei Anzeigen- blättern wurden aufgegeben. 2.3.11 Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten Der Zeitungsverlag Aachen GmbH beherrscht mit den beiden Titeln Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten den Zeitungsmarkt in der Region Aachen, zu der die Städteregion Aachen sowie die beiden Kreise Düren und Heinsberg gehören. Abgesehen von einzelnen Ortschaften im Kreis Düren und den östlichen Städten im Kreis Heinsberg gibt es keine Konkurrenz. Die redaktionelle Kooperation der beiden Zeitungen ist über die Jahre immer enger geworden. Heute haben beide Titel eine einheitliche Chefredaktion und unterscheiden sich bei der überregionalen Berichterstattung nur noch auf den ersten Seiten. Die übrigen Teile des Zeitungsmantels werden jeweils einheitlich von einer Redaktion für beide Zeitungen erstellt. Dies gilt seit einigen Jahren auch für die Mehrzahl der Lokalteile. Bis auf die Standorte Aachen und Düren wurden die Lokalredaktionen zu- sammengelegt. Der journalistische Wettbewerb zwischen den beiden Aachener Titeln ist inzwischen eng be- grenzt und das Verbreitungsgebiet hochgradig monopolisiert. Damit hat der Verlag eine stabile Position im Markt. Dies gilt umso mehr, seitdem sich der einzige wesentliche Wettbewerber, die Rheinische Post im Kreis Heinsberg, mit knapp 25 Prozent am Zeitungsverlag Aachen beteiligt hat. Eine bereits zweimal angestrebte höhere Beteiligung hat das Bundeskartellamt aus Wettbewerbsgründen jeweils untersagt. Multimedia: Der Zeitungsverlag agiert multimedial. Im Verbreitungsgebiet der Zeitungen ist das Unternehmen an meh- reren Anzeigenblattverlagen beteiligt, die ihrerseits die örtlichen Branchen beherrschen. Im Privatfunk war das Unternehmen lange zögerlich, besitzt inzwischen aber Minderheitsanteile am Lokalradio Antenne AC sowie an dem in Belgien ansässigen deutschsprachigen Programm 100,5 Das Hitradio. Auch für das lokale Fernsehen hat sich die Unternehmensgruppe zeitweilig interessiert. Im Internet werden die u.a. die Portale az-web.de und an-online.de angeboten. Speziell für eine jüngere Zielgruppe wird das Portal 5zwo.de produziert. Zudem gibt der Verlag viermal jährlich die Zeitschrift Q-Quadrat heraus. Kooperationen: Die Unternehmensgruppe ist an einer Reihe von Gemeinschaftsfirmen rheinischer Zeitungsunternehmen be- teiligt, darunter das Anzeigen-Portal kalaydo.de, der Prisma-Verlag und radio NRW. Enge Verbindungen be- stehen zudem zum Miteigner RP. 62 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 63Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgaben Aachen (2) - Aachen Ausgabe Alsdorf - Alsdorf - Baesweiler - Herzogenrath - Würselen Ausgabe Eschweiler - Eschweiler Ausgabe Stolberg - Stolberg Ausgabe Monschau - Monschau - Roetgen - Simmerath Ausgabe Jülich - Aldenhoven - Jülich - Linnich - Titz Ausgaben Düren (2) Dürener Zeitung Dürener Nachrichten Monopol außer in Heimbach und Nörvenich Ausgabe Heinsberg/Geilenkirchen - Erkelenz - Gangelt - Geilenkirchen - Heinsberg - Hückelhoven - Selfkant - Übach Palenberg - Waldfeucht - Wassenberg - Wegberg Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 30.500 30.500 14.500 4.000 2.300 4.400 3.800 6.600 6.600 6.900 6.900 7.000 2.600 1.600 2.800 9.700 1.300 4.800 1.700 1.000 12.700 12.500 19.900 1.100 1.600 3.400 5.200 2.300 1.200 2.100 1.200 1.400 200 100% 28% 16% 30% 26% 100% 100% 37% 23% 40% 13% 49% 18% 10% 99% 6% 8% 17% 26% 12% 6% 11% 6% 7% 1% 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 100% 98% 18% 100% 100% 100% 65% 100% 100% 100% 70% 5% Tab. 2.33.: Aachener Nachrichten/Aachener Zeitung: Teilauflagen und Marktpositionen Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA 2.3.12 Westfalen-Blatt, Bielefeld Das Westfalen-Blatt (WB) ist eine der wenigen Zeitungen in Nordrhein-Westfalen, die in großen Teilen des Ver- breitungsgebiets nur Zweitanbieter sind. In den Kreisen Höxter und Paderborn besitzt die Zeitung dagegen eine führende Marktposition mit Marktanteilen von jeweils rund 80 Prozent. Eine solche Erstanbieterposition hat das WB ansonsten nur in den Städten Herford (6.900 Exemplare), Vlotho (3.300) sowie in Rahden und Stemwede (zusammen 4.000). Immerhin werden von der Gesamtauflage von 117.000 Exemplaren fast drei Viertel in Erstanbieterposition abgesetzt, über die Hälfte der Auflage allein in den Kreisen Höxter und Pader- born. Den intensiven Wettbewerb, dem die Zeitung unterliegt, spiegeln auch die breit gespreizten Abo-Preise für die einzelnen Ausgaben wider. Eine Sonderstellung hat die Ausgabe Vlotho, wo das Abonnement nur 11,30 Euro kostet – ein Minus-Rekord in NRW. Nachdem der örtliche Wettbewerber, der Vlothoer Anzeiger, auch wegen dieser besonderen Konkurrenzverhältnisse Mitte 2012 eingestellt worden ist, dürften allerdings auch in Vlotho die Preise steigen. Das WB betreibt für viele seiner zahlreichen Ausgaben einen verglichen mit anderen Verlagen hohen Aufwand, dies sowohl im redaktionellen als auch im produktionstechnischen Bereich. Dieser Aufwand ist dem Wettbe- werb geschuldet, denn das Blatt ist nirgendwo in Alleinanbieterstellung. Selbst dort, wo das Blatt den Markt als Erstanbieter beherrscht, wird dieser ungewöhnliche Aufwand betrieben. Ein Beispiel: Im Kreis Höxter, einem mit rund 150.000 Einwohnern eher kleinen Kreis, hält das Westfalen-Blatt einen Marktanteil von gut 80 Prozent. Der Konkurrent, die Neue Westfälische (NW), hat den Kreis geteilt und gibt dort die Ausgaben Warburg und Höxter heraus. Die Verbreitungsgebiete der Ausgaben für Warburg sind bei WB und NW identisch. Das Verbreitungsgebiet Höxter hat das WB aber noch einmal geteilt. Für Bad Driburg und Brakel (Untertitel: Zeitung für Bad Driburg und Brakel) wird ein eigener Lokalteil produziert. Er unterscheidet sich am Stichtag15 allerdings nur durch eine Lokalseite sowie eine veränderte Reihenfolge der Lokalseiten von jener in Höxter. Die Auflage in den beiden Städten liegt bei insgesamt 4.400 Exemplaren, der Marktanteil bei über 80 Prozent. Deutlich kritischer ist die Marktposition des WB im Altkreis Lübbecke. Und dort präsentiert sich das Blatt in besonderer Form als lokale Zeitung. In den Nachbargemeinden Espelkamp (25.000 Einwohner), Rahden (16.000) und Stemwede (14.000) erscheinen die Ausgaben - Espelkamper Zeitung 2.000 Exemplare - Rahdener Zeitung 2.400 Exemplare - Stemweder Zeitung 1.600 Exemplare. Selbst das Westfalen-Blatt kann für solch geringe Auflagen keine tatsächlich eigenständigen Ausgaben pro- duzieren. Die Ausgaben unterscheiden sich aber nicht nur im Titel. Die Lokalteile sind in der Substanz gleich, werden aber für jeden Ort mit anderer Seitenfolge neu zusammengestellt, wobei die erste Seite des Lokalteils jeweils über den Erscheinungsort berichtet. Diese ersten Seiten erscheinen auch in den beiden jeweiligen Nachbarorten. Mit der veränderten Reihenfolge der Lokalseiten werden auch kleine Eingriffe in die Seiten fällig. Diesen dem Druck vorgelagerten Aufwand nimmt der Verlag hin, um am Markt mit Lokalkolorit zu glänzen. Kooperationen: Die Firmengruppe um das Westfalen-Blatt ist in Ostwestfalen ein einsamer Streiter. Kooperationen bestehen kaum, obwohl mit der Ippen-Gruppe und der Firmengruppe um die Westfälischen Nachrichten in Münster inzwischen gleich zwei große Zeitungsgruppen zu den Eignern in Bielefeld gehören. Das WB unterhält eine eigene Hauptredaktion und ist auch ansonsten in keine redaktionellen Kooperationen einbezogen. Das Gleiche gilt für die Werbeakquisition und den Druck. Nur im Vertrieb und in der Zustellung wird inzwischen mit dem Konkurrenten Neue Westfälische kooperiert. Auch die zahlreichen Anzeigenblätter des Tochterverlags Pano- rama agieren eigenständig. Multimedia: Die Firmengruppe unterhält Internet-Portale und ist im Anzeigenblattbereich ein Großanbieter. Die Fern- sehproduktion ist schon vor Jahren verkauft worden. Auch im lokalen Hörfunk ist die Firmengruppe kaum noch engagiert. Nachdem Beteiligungen an Lokalsendern veräußert worden sind, besteht nur noch an der Betriebsgesellschaft von Radio Bielefeld ein kleiner Anteil in Höhe von 4 Prozent. 64 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 15 Stichtag war Dienstag, 27.9.2011. 65Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW * Der einzige Wettbewerber, die Lokalausgabe Vlothoer Anzeiger des Mindener Tageblatts ist Ende Juni 2012 eingestellt worden. Auflage und Marktanteil des Westfalen- Blatts werden dadurch steigen. Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA Ausgabe Ausgabe Bielefeld - Bielefeld - Steinhagen - Schloß Holte-Stukenbrock - Versmold - Werther Ausgabe Halle - Borgholzhausen - Halle Ausgabe Herford - Herford - Hiddenhausen - Enger - Spenge Ausgabe Löhne - Löhne Ausgabe Bad Oeynhausen - Bad Oeynhausen Ausgabe Bünde - Bünde - Kirchlengern - Rödinghausen Ausgabe Vlotho * - Vlotho Lübbecke - Espelkamp - Rahden - Stemwede - Hüllhorst - Lübbecke - Preußisch Oldendorf Ausgabe Gütersloh - Gütersloh - Harsewinkel - Rheda-Wiedenbrück - Rietberg - Verl Ausgabe Schlangen - Schlangen (Kreis Lippe) Ausgabe Paderborn - Kreis Paderborn Ausgabe Höxter - Beverungen - Höxter - Marienmünster - Nieheim - Steinheim Ausgabe Brakel - Bad Driburg - Brakel Ausgabe Warburg - Borgentreich - Warburg - Willebadessen Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 17.000 8.600 2.100 2.000 900 1.300 1.800 400 1.400 10.600 6.900 900 1.500 1.300 1.100 1.100 2.200 2.200 1.900 1.200 500 200 3.300 3.300 8.500 2.000 2.400 1.600 200 1.400 900 4.500 2.000 300 300 300 1.600 1.300 1.300 42.300 42.300 10.200 1.900 4.800 900 1.000 1.600 5.400 2.600 2.800 6.600 1.600 3.800 1.200 51% 12% 12% 5% 8% 22% 78% 65% 8% 14% 12% 100% 100% 63% 26% 11% 100% 24% 28% 19% 2% 16% 11% 44% 7% 7% 7% 36% 100% 100% 19% 47% 9% 10% 16% 48% 52% 24% 58% 18% 2. 1. 2. 2. 1. 2. 2. 1. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 2. 1. 2. 1. 1. 2. 2. 2. 3. 3. 3. 3. 2. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1, 1. 1. 1. 15% 47% 42% 20% 47% 23% 28% 54% 25% 39% 44% 15% 23% 14% 15% 13% 68% 50% 74% 57% 12% 27% 38% 11% 7% 3% 5% 32% 84% 82% 83% 79% 82% 85% 80% 84% 85% 84% 76% 80% Tab. 2.34: Westfalen-Blatt: Teilauflagen und Marktpositionen 2.3.13 General-Anzeiger, Bonn Der General-Anzeiger (GA) in Bonn hat einen besonderen Werdegang. Einst hatte die Zeitung Konkurrenz durch die Kölnische Rundschau, die nach dem Rückzug aus Bonn heute sogar den Mantel vom General-Anzeiger über- nimmt, und vom Kölner Stadt-Anzeiger, dessen Verlag heute zu den Eignern des GA gehört. So wird aus harter Konkurrenz ein quasi gruppeninternes Miteinander. Der GA hat eine Auflage von 78.600 Exemplaren, die er zur Hälfte in Bonn als Monopolist erzielt. Linksrheinisch kommen mit den Ausgaben Bornheim und Mecken- heim rund 15.000 Exemplare hinzu, die abgesehen von Bornheim ihre Teilmärkte vollständig beherrschen. Ähnlich ist die Marktstellung der Ausgaben für Honnef und Königswinter. Nur die Ausgabe Siegburg ist nach- rangig, hat mit gut 7.000 Exemplaren aber nur eine begrenzte Bedeutung. Der GA überschreitet die Landes- grenze, verbreitet in Rheinland-Pfalz eine zusätzliche Auflage und kommt dort auf eine Auflage von mehreren Tausend Exemplaren. Multimedia: Die Bonner haben früh diversifiziert. Sie sind an Radio Bonn Rhein Sieg beteiligt, hatten sich zeitweilig auch bei center.tv in Köln engagiert. Zusammen mit den Partnern in Köln verlegen sie im Verbreitungsgebiet des GA Anzeigenblätter. Zeitweilig haben sie in Bonn auch die lokale Zeitschrift Bonner Illustrierte herausgegeben. Zudem unterhalten sie unter dem Titel der Zeitung ein Online-Portal. Kooperationen: Schon bevor sich die Kölner Verlagsgruppe am GA beteiligt hat, bestanden enge Verbindungen und Koopera- tionen zwischen beiden Häusern. Auch mit anderen rheinischen Zeitungsunternehmen arbeiten die Bonner zusammen, so etwa bei der Werbeakquisition, im Rundfunkbereich (wie radio NRW) oder im Internet (Betei- ligung an kalaydo.de). 66 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA Ausgabe 3 Ausgaben in Bonn - Bonn - Wachtberg Ausgabe Siegburg - Hennef - Niederkassel - Sankt Augustin - Siegburg - Troisdorf Ausgabe Honnef - Bad Honnef Ausgabe Königswinter - Königswinter Ausgabe Meckenheim - Meckenheim - Rheinbach - Swisttal Ausgabe Bornheim - Alfter - Bornheim Ausgabe Rhein-Ahr in Rheinland-Pfalz Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 42.000 38.600 2.800 7.400 900 1.000 4.500 600 400 3.200 3.200 4.800 4.800 8.500 3.500 3.000 2.000 6.200 2.900 3.300 92% 7% 12% 14% 61% 8% 5% 100% 100% 41% 35% 24% 47% 53% 1. 1. 3. 3. 1. 3. 3. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 100% 95% 16% 35% 65% 12% 6% 94% 95% 95% 91% 90% 93% 60% Tab. 2.35: General-Anzeiger: Teilauflagen und Marktpositionen 2.3.14 Westfälischer Anzeiger, Hamm Der Westfälische Anzeiger in Hamm gehört zur Ippen-Gruppe. Im Laufe von 20 Jahren hat die Gruppe ihre Marktposition in Westfalen insbesondere über Zukäufe gestärkt und zudem überwiegend die Marktanteile der Lokalausgaben vergrößert. Sämtliche Zeitungen in Westfalen erscheinen mit dem Hauptteil des Westfälischen Anzeigers, der zudem auch an Fremdverlage verkauft wird. Auch das stärkt die betriebswirtschaftliche Position. Der Haupttitel hat allerdings in der Stadt Hamm, die von wirtschaftlichen Problemen gezeichnet ist, Auflagen- verlusten aber zugleich ein Monopol. Dies ist im Umfeld der Stadt anders. Im benachbarten Kreis Unna herrscht Wettbewerb im Zeitungsmarkt. Dies gilt auch für die noch junge Ausgabe Drensteinfurt im Kreis Warendorf. Die wirtschaftliche Stärke der Zeitung basiert vor allem auf der Monopolstellung der Hauptausgabe in Hamm. Fast 90 Prozent der Gesamtauflage von gut 38.000 Exemplaren werden in Monopol- bzw. Erstan- bieterstellung vertrieben. 67Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Ausgabe Ausgabe Bergkamen - Bergkamen - Werne Kreis Drensteinfurt - Drensteinfurt (Kr. Warendorf) Ausgabe Hamm - Hamm - Welver Ausgabe Bönen - Bönen Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 3.500 1.000 2.500 800 800 30.500 30.000 500 3.400 3.400 29% 71% 100% 98% 2% 100% 3. 2. 2. 1. 2. 1. 12% 36% 24% 100% 17% 89% Tab. 2.36: Westfälischer Anzeiger: Teilauflagen und Marktpositionen 2.3.15 Lüdenscheider Nachrichten Der Märkische Kreis gehörte einst zu jenen in der alten EU mit der größten Vielfalt im Zeitungsmarkt. Der Markt war geprägt von kleinen Verlagen. Die in der Tabelle aufgeführten Titel gehörten seinerzeit allesamt zu eigenständigen Verlagen, die sukzessive, bis auf jenen des Süderländer Tageblattes, fast alle von der Ippen- Gruppe aufgekauft worden sind. Diese Titel erscheinen heute in der Märkischer Zeitungsverlag GmbH & Co KG in Lüdenscheid und beziehen die überregionale Berichterstattung vom Westfälischen Anzeiger in Hamm, der gleichfalls zur Ippen-Gruppe gehört. Die Mendener Zeitung, im Norden des Kreises, war auch von der Ippen- Gruppe übernommen worden, wurde aber inzwischen eingestellt. Diese Branchenentwicklung ist auch das Ergebnis eines sehr spezifischen Wettbewerbs im Märkischen Kreis. Im südlichen Kreisgebiet erscheint auch die Westfälische Rundschau (WR), die parallel zu den Lokalredaktionen der ehemaligen Kleinverlage eigene Redaktionen unterhält. 68 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 16 Der Lüdenscheider Verlag hält rund 65 Prozent der Anteile. Daneben ist auch das Schwesterunternehmen Jahn Verlag aus Soest mit rund 10 Prozent beteiligt. Die Be- teiligung beruht auf der inzwischen eingestellten Mendener Zeitung. Der WAZ-Konzern hat sich an der Betriebsgesellschaft nicht beteiligt. Auflagenzahlen nach ivw für 1. Quartal 2012 Ausgabe Lüdenscheider Nachrichten - Herscheid - Lüdenscheid - Schalksmühle Altenaer Kreisblatt - Altena - Nachrodt-Wiblingwerde Süderländer Volksfreund - Balve - Neuenrade - Werdohl Allgemeiner Anzeiger - Halver - Schalksmühle Meinerzhagener Zeitung - Kierspe - Meinerzhagen Kooperationspartner Süderländer Tageblatt - Herscheid - Plettenberg Anteil an Lokalausgabe Verkaufte Auflage Marktposition Lokaler Marktanteil 14.400 600 12.200 1.000 3.700 2.900 700 3.000 300 900 1.700 3.200 2.600 500 6.700 2.800 3.800 5.000 600 4.400 4% 85% 7% 78% 19% 10% 30% 57% 81% 16% 42% 57% 12% 88% 2. 1. 1. 1. 1. 2. 2. 1. 1. 3. 1. 1. 3. 1. 34% 85% 43% 72% 59% 12% 36% 51% 79% 21% 100% 100% 32% 73% Tab. 2.37: Lüdenscheider Nachrichten: Teilauflagen und Marktpositionen In der Regel werden die Ausgaben der Lüdenscheider Nachrichten (31.000 Exemplare) jeweils in zwei benach- barten Gemeinden bzw. Städten verbreitet. Der lokalredaktionelle Aufwand ist entsprechend hoch. Durch- schnittlich liegt die Auflage der fünf Lokalausgaben bei 6.200 Exemplaren. Die Ausgaben sind – zumindest am jeweils ökonomisch wichtigsten Ort des Verbreitungsgebietes – Erstzeitungen und damit trotz der kleinen Auflage in einer guten Marktposition. Nur die Ausgabe Süderländer Volksfreund ist stärkerem Wettbewerb aus- gesetzt. Der zentrale Konkurrent, die WR, ist im Markt nur schwach vertreten und hat sich bereits aus einzelnen Teilgebieten zurückgezogen. Um Kosten zu sparen wurden auch Lokalteile zusammengelegt. Die Tendenz der Auflagenentwicklung ist dennoch stark fallend. Multimedia: Der Lüdenscheider Verlag hatte früh die Initiative zur Gründung des Lokalradios übernommen und ist weiterhin Mehrheitseigner der Radio Mark Betriebs GmbH & Co KG16. Der Verlag verbreitet zweimal wöchentlich in seinem gesamten Verbreitungsgebiet das Anzeigenblatt Der Bote mit einer Auflage von jeweils 110.000 Exemplaren. Bei den Anzeigenblättern wird mit dem Kurier Verlag Lennestadt kooperiert, an dem die Ippen-Gruppe gleich- falls beteiligt ist. Internetportale werden unter der Bezeichnung „come on“ angeboten (come-on.de). Kooperationen: Die Lüdenscheider Nachrichten kooperieren als Teil der Ippen-Gruppe eng mit dem Westfälischen Anzeiger, von dem sie unter anderem den Zeitungsmantel beziehen. Die Kooperation erstreckt sich auch auf die gemeinsame Anzeigenakquisition und auf die Organisation der Online-Portale. Gedruckt wird die Zeitung in der verlags- eigenen Druckerei in Meinerzhagen. 2.3.16 Siegener Zeitung Die Siegener Zeitung gehört mit 55.000 verkauften Exemplaren zu den wenigen mittelgroßen Tageszeitungen, die eine eigene Hauptredaktion unterhalten. Der Verlag ist völlig eigenständig. Von der Gesamtauflage gehen über 46.000 Exemplare auf das Konto der Ausgabe Siegen, die ihren Teilmarkt fast vollständig beherrscht. Die zweitgrößte Ausgabe ist mit gut 6.000 Exemplaren jene für Altenkirchen und wird jenseits der Landes- grenze in Rheinland-Pfalz vertrieben. Problematisch sind die beiden kleinen Ausgaben Olpe und Berleburg. Die Ausgabe Olpe erscheint nicht im ganzen Kreis Olpe, sondern nur an der Grenze zum Kreis Siegen-Witt- genstein, in Wenden, und in Olpe. Selbst in Wenden hat die Ausgabe aber nur einen Marktanteil von 22 Prozent und verkauft dort 900 von insgesamt 1.400 Exemplaren. Die Ausgabe Wittgenstein kommt auf 2.700 Exem- plare. In Bad Berleburg, Bad Laasphe und Erndtebrück ist sie Zweitzeitung und kommt auf Marktanteile zwi- schen 18 und 33 Prozent. Problematisch ist bei den Siegenern die Preisgestaltung. Die Zeitung ist äußerst preisgünstig und verlangt mit 21,80 € für das Monatsabo den geringsten Preis in Nordrhein-Westfalen. Die Vertriebseinnahmen sind dadurch relativ gering. Die Zentrale der Firmengruppe ist die Siegener Zeitung Vorländer + Rothmaler GmbH & Co KG, die vollständig den Familien Rothmaler und Vorländer gehört. Multimedia: Die Firmengruppe ist multimedial aufgestellt. Zu ihr gehört die Siegerländer Wochen-Anzeiger GmbH & Co KG. Sie verlegt die Anzeigenblätter Siegerländer Wochen-Anzeiger und den Sonntags-Anzeiger (beide 222.000 Exemplare) sowie den kleinen Titel Hellerthaler Zeitung (15.600), der erst vor einigen Jahren zugekauft worden ist. Bei den Anzeigenblättern gibt es allerdings anders als bei den Zeitungen erhebliche Konkurrenz. Beim lokalen Hörfunk ist der Verlag mit einer Mehrheitsbeteiligung an der Betriebsgesellschaft von Radio Siegen gut aufgestellt. Hinzu kommt eine Beteiligung an radio NRW. Im Internet werden Portale unter dem Titel der Zeitung und über die Anzeigenblätter (swa-wwa.de) unterhalten. Zudem ist die Firmengruppe auch an dem lokalen Postdienstleister PSS Post Service Siegerland GmbH & Co KG mit 70 Prozent beteiligt. Kooperation: Die Firmengruppe um die Siegener Zeitung gehört zu den wenigen Zeitungsunternehmen, bei denen das Motto gilt: Alles aus einer Hand. Der überregionale Zeitungsteil und die Lokalteile werden völlig eigenständig erstellt. Auch Druck und Vertrieb werden selbst vorgenommen. Seit der Reorganisation der WAZ-Gruppe ist zudem die Zustellung der konkurrierenden Lokalausgabe Siegen der Westfälischen Rundschau übernommen worden. Auch im Anzeigenbereich besteht kein Anschluss an eine der größeren Anzeigenkooperationen. Dieser Verzicht dürfte allerdings dazu führen, dass die Zeitung bei einigen bundesweiten Schaltungen nicht berücksichtigt wird, weil Werbeagenturen teilweise nur bei den größten Einheiten schalten. Marktanteil im Kreis Siegen-Wittgenstein: 79% 69Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 70 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tab. 2.38: Siegener Zeitung: Auflagenanteile und Marktpositionen Ausgabe Ausgabe Siegen - Siegen - Burbach - Freudenberg - Hilchenbach - Kreuztal - Netphen - Neunkirchen - Wilnsdorf Ausgabe Olpe - Olpe - Wenden Ausgabe Wittgenstein - Bad Berleburg - Bad Laasphe - Erndtebrück Ausgabe Altenkirchen in Rheinland-Pfalz Verkaufte Auflage Anteil an Lokalausgabe Marktposition Lokaler Marktanteil 46.600 17.400 2.400 3.700 3.100 5.500 4.900 2.400 4.500 1.500 400 900 2.700 900 1.000 700 6.200 32% 4% 7% 6% 10% 9% 4% 8% 27% 65% 33% 37% 26% 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 1. 2. 2. 2. 2. 2. 89% 94% 90% 89% 86% 88% 95% 91% 7% 22% 19% 29% 36% Stand Auflagenzahlen: 1. Quartal 2012 nach ivw VA 3 Anzeigenblätter in NRW Anzeigenblätter sind ein in Nordrhein-Westfalen flächendeckend verbreitetes Medium. Sie werden den Haus- halten kostenlos zugestellt und erscheinen überwiegend wöchentlich. In den letzten Jahren ist der Anteil der Blätter, die sogar zweimal wöchentlich erscheinen, deutlich gestiegen. Dies ist allerdings in vielen Fällen nicht offensichtlich, da einige Blätter mit jeweils eigenständigem Titel erscheinen. Sie werden von den Ver- lagen allerdings wie Medien mit zweimal wöchentlichem Turnus gegenüber der Werbung vermarktet. Die Anzeigen und die den Blättern beigefügten Prospekte sind die Finanzierungsgrundlage. Der Zentralver- band der Werbewirtschaft (ZAW) hat für 2011 den Gesamtumsatz der Anzeigenblätter mit Werbung in Höhe von 2,060 Mrd. Euro angegeben. Das entspricht immerhin 58 Prozent des Umsatzes, den Tageszeitungen mit Werbung erzielen. Während der Werbeumsatz der Anzeigenblätter in den letzten Jahren zugelegt hat, ist jener der Tagespresse tendenziell gesunken. Der Bundesverband Deutschen Anzeigenblätter (BVDA) in Berlin schätzt die Gesamtauflage der Anzeigenblätter in Deutschland in den letzten Jahren konstant auf rund 92 Mio. Exemplare. Auch die Zahl der Titel ist nach dem BVDA in den letzten Jahren mit rund 1.400 stabil ge- blieben.17 Der BVDA erfasst dabei allerdings offensichtlich nicht die gesamte Branche. In dieser Studie werden allein für NRW 551 Titel nachgewiesen, die eine Gesamtauflage von 25,2 Mio. Exemplaren erreichen. Gewichtet auf eine fiktive wöchentliche Erscheinungsweise beträgt die Gesamtauflage 22,2 Mio. Exemplare. Den 8,6 Mio. Haushalten in Nordrhein-Westfalen werden damit durchschnittlich 2,6 Exemplare pro Woche zugestellt. Der größte Teil der Blätter erscheint auch in NRW mindestens einmal pro Woche. Diese Titel sind in aller Regel zugleich die auflagenstärksten. Monatsblätter oder Titel mit noch geringerer Erscheinungsweise werden nur jeweils für relativ kleine Verbreitungsgebiete aufgelegt. Sie finanzieren sich überwiegend über den örtlichen Fachhandel und lokale Dienstleister. Die auflagenstarken Wochentitel werden dagegen auch von den großen Filialbetrieben genutzt, zunehmend auch von den Discountern. Ein Teil des Zugewinns bei der Werbung von Discountern erzielte das Medium auf Kosten der Tageszeitungen, deren Reichweiten manchem Kunden nicht mehr ausreichend sind. Für die Zeitungsunternehmen stellten diese Auftragsverluste allerdings mehrheitlich keinen vollständigen Verlust dar, da die meisten von ihnen zumindest im Verbreitungsgebiet ihrer Zeitungen auch Anzeigenblätter verlegen. Die Insertion im Anzeigenblatt ist allerdings gemessen am Tausenderpreis in den Anzeigenblättern günstiger. Insofern ist die alternative Belegung von Anzeigenblättern kein vollstän- diger Ersatz für entgangene Zeitungswerbung. Dies gilt ähnlich auch für das Beilagengeschäft. Trotz der Imagekampagnen des BVDA und wiederkehrender Untersuchungen, die den Anzeigenblättern hohe Nutzungsraten bescheinigen, werden Anzeigenblätter gerade auch von den Kommunikationswissenschaften als randständig betrachtet und behandelt. Eine pauschale Beurteilung ist aus unserer Sicht allerdings sehr schwierig, da die Leistungsunterschiede zwischen Anzeigenblättern sicherlich größer sind als beispielsweise zwischen Tageszeitungen. Zeitungsunternehmen müssen ihre Anzeigenblätter komplementär zur Tageszeitung am Markt positionieren, um Kannibalisierungseffekte mit der Zeitung zu vermeiden. Verlage ohne Anbindun- gen an Zeitungsunternehmen sind in dieser Beziehung unabhängiger und agieren entsprechend anders im Markt. Hinweise auf die Marktposition geben das Anzeigenvolumen und speziell auch Familienanzeigen. Solche Familienanzeigen dürften nur von jenen beim Anzeigenblatt aufgegeben werden, die selbst das Blatt lesen und seinen Stellenwert im Bekanntenkreis entsprechend einschätzen. Ein Beispiel für eine herausragende Marktpositionierung ist der Sauerland-Kurier mit mehreren Ausgaben und einer zweimal wöchentlichen Erscheinungsweise.18 Die 551 registrierten Titel in NRW werden von 199 Verlagen herausgegeben, darunter vier, die in der Nähe der Landesgrenze in Niedersachsen ihren Sitz haben, ihre Blätter aber zumindest zum Teil in NRW verbreiten. Diese 199 Firmen verlegen durchschnittlich 2,8 Titel. Die Titel haben durchschnittlich eine Auflage von 45.700 Exemplaren und gewichtet eine Auflage von 40.300 Exemplaren. Das Gros der Anzeigenblätter wird auch in NRW von Zeitungsunternehmen verlegt bzw. von Verlagen, an denen Zeitungsverlage beteiligt sind. Bei einer 71Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 17 Vgl. www.bvda.de. 18 Das Blatt wird vom Kurier Verlag Lennestadt GmbH verlegt. Seit einigen Jahren ist mit der Ippen-Gruppe auch ein Zeitungsunternehmen am Verlag beteiligt. Die Ippen-Gruppe ist im Verbreitungsgebiet des Kurier Verlags aber nicht mit Zeitungen am Markt, insofern kann sich der Verlag auch als Wettbewerber zur Tagespresse (hier des WAZ-Konzerns) positionieren. Der WAZ-Konzern hat seine einst konkurrierenden Anzeigenblätter in diesem Verbreitungsgebiet aufgegeben. Reihe von Anzeigenblattverlagen kooperieren auch ansonsten konkurrierende Zeitungsunternehmen. Dazu gehören die Unternehmen um die Rheinische Post und die Westdeutsche Zeitung, der WAZ-Konzern und der Verlag der Ruhr Nachrichten sowie die Unternehmensgruppe DuMont und der General-Anzeiger in Bonn. Die Zeitungsunternehmen bzw. die Verlage mit Beteiligungen von Zeitungsunternehmen kommen auf eine Auflage von 17,3 Mio. Exemplaren. Das entspricht einem Marktanteil von 78 Prozent an der gewichteten Gesamtauf- lage in NRW. Die Anzeigenblätter sind im Anhang dokumentiert. Die Dokumentation umfasst Angaben zum Titel, zum Ver- lag, zur Erscheinungsweise und zur absoluten Auflage. Für die nicht wöchentlich erscheinenden Titel wird zudem eine fiktive wöchentliche Erscheinungsweise angenommen und für Vergleiche eine sogenannte ge- wichtete Auflage berechnet. Im Folgenden sind die auflagenstärksten Anbieter mit ihren in NRW verteilten Anzeigenblättern dokumentiert. Es handelt sich ausschließlich um Zeitungsunternehmen. 72 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 73Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel WVW Westdeutsche Verlags- und Werbeges. mbH & Co KG Borbeck Kurier Borbeck Kurier Gocher Wochenblatt Gocher Wochenblatt Kettwig Kurier Kettwig Kurier Klever Wochenblatt Klever Wochenblatt Location Magazin Duisburg Location Magazin Essen Location Magazin Mülheim Location Magazin Oberhausen Mülheimer Woche Mülheimer Woche Niederrhein-Anzeiger Nord-Anzeiger (Essen) Nord-Anzeiger (Essen) Rhein-Bote (Düsseldorf) Ruhr Kurier (Essen) Ruhr Kurier (Essen) Stadt-Anzeiger (Emmerich/Rees) Stadt-Anzeiger (Emmerich/Rees) Stadt-Anzeiger (Hagen) Stadt-Anzeiger (Hagen) Stadt-Anzeiger (Herdecke/Wetter) Stadt-Anzeiger (Herdecke/Wetter) Stadt-Anzeiger (Velbert/Heiligenhaus) Stadt-Anzeiger (Velbert/Heiligenhaus) Stadtspiegel (Fröndenberg/Wickede) Stadtspiegel (Fröndenberg/Wickede) Stadtspiegel (Gelsenkirchen) Stadtspiegel (Hattingen/Niedersprockh.) Stadtspiegel (Hattingen) Stadtspiegel (Iserlohn) Stadtspiegel (Iserlohner/Hemer) Stadtspiegel (Menden) Stadtspiegel (Menden) Stadtspiegel (Recklinghausen) Stadtspiegel (Unna/Kamen) Steeler Kurier (Essen) Steeler Kurier (Essen) Süd-Anzeiger (Essen) Süd-Anzeiger (Essen) wap (Ennepetal/Gevelsberg/Schwelm) wap (Ennepetal/Gevelsberg/Schwelm) Werden Kurier Werden Kurier Weseler, Der Anteil in % 100 Verbreitete Auflage 3.803.000 43400 43400 21200 21200 11800 11800 37600 37600 13000 13000 13000 13000 90400 90400 54800 70400 70400 296800 27100 27100 27200 27200 90700 90700 27800 27800 57000 57000 14900 14900 136200 33900 33900 68100 68100 32700 32700 173500 87500 39600 39600 81700 81700 48900 48900 10700 10700 39900 Anteilige Auflage 3.803.000 43400 43400 21200 21200 11800 11800 37600 37600 13000 13000 13000 13000 90400 90400 54800 70400 70400 296800 27100 27100 27200 27200 90700 90700 27800 27800 57000 57000 14900 14900 136200 33900 33900 68100 68100 32700 32700 173500 87500 39600 39600 81700 81700 48900 48900 10700 10700 39900 Anteilige gewichtete Auflage 3.762.960 43400 43400 21200 21200 11800 11800 37600 37600 2990 2990 2990 2990 90400 90400 54800 70400 70400 296800 27100 27100 27200 27200 90700 90700 27800 27800 57000 57000 14900 14900 136200 33900 33900 68100 68100 32700 32700 173500 87500 39600 39600 81700 81700 48900 48900 10700 10700 39900 Turnus wö wö wö wö wö wö wö wö mo mo mo mo wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö Tag mi sa mi so mi sa mi so mi sa mi mi sa mi mi sa mi so mi so mi so mi sa mi so mi mi sa so mi mi so mi mi mi sa mi sa mi sa mi sa mi Tab. 3.1: Anzeigenblätter der Verlagsgruppe WAZ, Essen 74 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel West-Anzeiger (Essen) West-Anzeiger (Essen) Wochen-Anzeiger (Arnsberg) Wochen-Anzeiger (Arnsberg) Wochen-Anzeiger (Duisburg) Wochen-Anzeiger (Duisburg) Wochenanzeiger (Hilden) Wochenanzeiger (Hilden) Wochen-Anzeiger Oberhausen Wochen-Anzeiger Oberhausen Wochenblatt (Herne) Wochenblatt (Herne) Wochen-Magazin (Moers) Xantener, Der Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Lüner Anzeiger Lüner Anzeiger Ruhr-Anzeiger Schwerte Stadt Anzeiger (Dortmund) Stadt Anzeiger (Dortmund) Stadtanzeiger (Castrop-Rauxel) Stadtanzeiger (Castrop-Rauxel) Stadtspiegel (Bochum) Stadtspiegel (Bochum) Stadtspiegel (Bottrop) Stadtspiegel (Bottrop) Stadtspiegel (Dorsten) Stadtspiegel (Gladbeck) Stadtspiegel (Gladbeck) Stadtspiegel (Haltern) Witten-Aktuell Witten-Aktuell Gesamt Anteil in % 50 Verbreitete Auflage 31500 31500 42400 54700 243000 243000 73600 73600 109600 109600 86600 86600 90300 16100 1.542.700 66100 66100 28000 284000 284000 38600 38600 193000 193000 59000 59000 39300 38100 38100 15800 51000 51000 5.345.700 Anteilige Auflage 31500 31500 42400 54700 243000 243000 73600 73600 109600 109600 86600 86600 90300 16100 771.350 33050 33050 14000 142000 142000 19300 19300 96500 96500 29500 29500 19650 19050 19050 7900 25500 25500 4.574.400 Anteilige gewichtete Auflage 31500 31500 42400 54700 243000 243000 73600 73600 109600 109600 86600 86600 90300 16100 771.350 33050 33050 14000 142000 142000 19300 19300 96500 96500 29500 29500 19650 19050 19050 7900 25500 25500 4.574.400 Turnus wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö Tag mi sa mi sa mi sa mi sa mi sa mi so mi mi mi sa mi mi sa mi sa mi sa mi sa mi mi Sa mi mi sa 75Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Kurier-Verlag GmbH (Neuss) Erft-Kurier Erft-Kurier zum Sonntag Kaarster Extra-Tipp kaarster stadtspiegel Stadt-Kurier (Neuss) Stadt-Kurier zum Sonntag top-Kurier (Jüchen) Niederrhein Verlag und Medien - service GmbH LN Lokal-Nachrichten (Duisburg- Rheinhausen) LN Lokal-Nachrichten (Moers) LN Lokal-Nachrichten (Neukirchen- Vluyn) stadt-panorama (Dinslaken) stadt-panorama (Duisburg) stadt-panorama (Moers) Rundschau Verlagsgesellschaft mbH (Wuppertal) rundschau am samstag wülfrather rundschau wuppertaler rundschau City Anzeigenblatt GmbH De Dumeklemmer (Der Ratinger) Düsseldorfer Anzeiger Hallo (zuvor Lokalanzeiger Haan) Hallo (zuvor Lokalanzeiger Hilden) Hallo (zuvor Lokalanz. Langenfeld) Hallo (zuvor Lokalanzeiger Monheim) Lokalanzeiger Erkrath Schaufenster Mettmann City Anzeigenblatt Krefeld GmbH Extra Tipp am Sonntag (Kempen) Extra Tipp am Sonntag (Krefeld) Stadt-Spiegel (Kempen) Stadt-Spiegel (Krefeld) City Anzeigenbl. Mönchengl. GmbH Stadt-Spiegel (Mönchengladbach) City Anzeigenblatt Viersen GmbH Stadt-Spiegel (Viersen) LW Lokale Wochenblatt GmbH Meerbuscher Nachrichten Willicher Nachrichten Report Anzeigenblatt GmbH Extra Tipp am Sonntag (M´gladbach) Extra Tipp am Sonntag (Meerbusch) Extra Tipp am Sonntag (Viersen) Extra Tipp am Sonntag (Willich) Heimatanzeiger Anzeigenbl. GmbH Heimat-Anzeiger Gesamt Anteil in % 100 100 100 50 50 50 50 50 50 24,8 Verbreitete Auflage 284.500 41300 49100 19200 19100 72900 72300 10600 546.500 37400 64500 43900 65300 245400 90000 356.300 165000 10300 181000 466.900 45200 290100 14000 27900 26100 18300 25100 20200 305.300 36100 117000 34700 117500 160800 160800 74200 74200 50500 27100 23400 284.400 160100 27000 74200 23100 13.100 13100 2.542.500 Anteilige Auflage 284.500 41300 49100 19200 19100 72900 72300 10600 546.500 37400 64500 43900 65300 245400 90000 356.300 165000 10300 181000 233.450 22600 145050 7000 13950 13050 9150 12550 10100 152.650 18050 58500 17350 58750 80400 80400 37100 37100 25250 13550 11700 142.200 80050 13500 37100 11550 3.248 3248 1.861.600 Anteilige gewichtete Auflage 284.500 41300 49100 19200 19100 72900 72300 10600 546.500 37400 64500 43900 65300 245400 90000 356.300 165000 10300 181000 233.450 22600 145050 7000 13950 13050 9150 12550 10100 152.650 18050 58500 17350 58750 80400 80400 37100 37100 25250 13550 11700 142.200 80050 13500 37100 11550 3.248 3248 1.861.600 Turnus wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö Tag mi so so mi mi so mi so so so mi mi mi sa mi mi mi mi mi mi mi mi mi mi so so mi mi mi mi mi mi So so so so mi Tab. 3.2: Anzeigenblätter der Verlagsgruppe Rheinische Post, Düsseldorf 76 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Antonia Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Wochenpost (Stadtlohn) Wochenpost Kompakt (Stadtlohn) Dreingau Zeitung GmbH Dreingau-Zeitung Dreingau-Zeitung k + s Verlags- und Vertriebsges. mbH & Co KG kaufen + sparen (Münster) kaufen + sparen (Münster) kaufen + sparen (Steinfurt) Kreis-Kurier (Lüdinghausen) KreisKurier am Sonntag Wochen-Anzeiger (Emsdetten) Wochen-Anzeiger (Greven) Wochen-Anzeiger (Steinfurt) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Lüner Anzeiger Lüner Anzeiger Ruhr-Anzeiger Schwerte Stadt Anzeiger (Dortmund) Stadt Anzeiger (Dortmund) Stadtanzeiger (Castrop-Rauxel) Stadtanzeiger (Castrop-Rauxel) Stadtspiegel (Bochum) Stadtspiegel (Bochum) Stadtspiegel (Bottrop) Stadtspiegel (Bottrop) Stadtspiegel (Dorsten) Stadtspiegel (Gladbeck) Stadtspiegel (Gladbeck) Stadtspiegel (Haltern) Witten-Aktuell Witten-Aktuell Stadtanzeiger Verlag GmbH Stadt Anzeiger (Coesfeld) Gesamt Anteil in % 100 100 100 50 5 50 Verbreitete Auflage 80.800 40400 40400 22.600 11300 11300 426.400 111400 111800 53700 39400 38900 26100 19400 25700 1.542.700 66100 66100 28000 284000 284000 38600 38600 193000 193000 59000 59000 39300 38100 38100 15800 51000 51000 53.600 53600 2.126.100 Anteilige Auflage 80.800 40400 40400 22.600 11300 11300 426.400 111400 111800 53700 39400 38900 26100 19400 25700 771.350 33050 33050 14000 142000 142000 19300 19300 96500 96500 29500 29500 19650 19050 19050 7900 25500 25500 2.680 2680 1.303.830 Anteilige gewichtete Auflage 80.800 40400 40400 22.600 11300 11300 426.400 111400 111800 53700 39400 38900 26100 19400 25700 771.350 33050 33050 14000 142000 142000 19300 19300 96500 96500 29500 29500 19650 19050 19050 7900 25500 25500 2.680 2680 1.303.830 Turnus wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö Tag mi So mi sa mi so So mi so mi mi mi mi sa mi mi sa mi sa mi sa mi sa mi mi Sa mi mi sa mi Tab. 3.3: Anzeigenblätter der Verlagsgruppe Ruhr Nachrichten, Dortmund 77Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Bergisches Handelsblatt GmbH & Co KG bergisches handelsblatt bergisches sonntagsblatt EWI Euskirchener Werbe- Informationen GmbH & Co KG Blickpunkt am Sonntag (Euskirchen) Kölner Anzeigenblatt GmbH & Co KG Kölner Wochenspiegel Porzer Wochenende Leverkusener Anzeigenblatt GmbH & Co KG lokale informationen wochenende (Leverkusen) Oberbergische Anzeigenblatt GmbH & Co KG anzeigen-echo Gummersbacher Stadtmagazin Lokalanzeiger (Waldbröl) SPO Sonntags Post Verlag GmbH & Co KG Sonntags Post Verlag Anzeigen und Informationen GmbH & Co KG Brühler Markt Magazin Erftstadt-Magazin Hürther Stadt Magazin Kölner Süden Wesselinger Stadt Magazin Wochenende (Fechen/Hürth/ Pulheim) VSW Verlag Schlossbote/Werbekurier GmbH & Co KG Brühler Schlossbote Werbekurier Werbepost Anzeigenblatt GmbH & Co KG werbepost Rhein-Sieg Anzeigenblatt GmbH & Co KG Hennefer Stadt Magazin Schaufenster (Bonn) Stadt Magazin Eitorf/Windeck Stadt Magazin Sankt Augustin Stadt Magazin Siegburg, Lohmar VWP Verlag für Werbe-Publikationen GmbH & Co KG Extra-Blatt (Siegburg) wochenende (Siegburg) Gesamt Anteil in % 50 50 50 50 50 50 50 50 50 33,3 33,3 Verbreitete Auflage 188.300 94800 93500 67200 67200 575.700 528600 47100 211.200 105600 105600 160.700 87500 34800 38400 190900 190900 224.800 30300 25000 29300 33500 21200 85500 60.700 41800 18900 106.300 106300 350.200 19800 235600 22100 25000 47700 399.000 199500 199500 2.535.000 Anteilige Auflage 94.150 47400 46750 33600 33600 287.850 264300 23550 105.600 52800 52800 80.350 43750 17400 19200 95450 95450 112.400 15150 12500 14650 16750 10600 42750 30.350 20900 9450 53.150 53150 116.614 6593 78454 7359 8324 15884 132.866 66433 66433 1.142.400 Anteilige gewichtete Auflage 94.150 47400 46750 33600 33600 287.850 264300 23550 105.600 52800 52800 66.952 43750 4002 19200 95450 95450 58.768 3484 2875 3369 3852 2438 42750 30.350 20900 9450 53.150 53150 87.229 1516 78454 1692 1914 3653 132.866 66433 66433 1.046.000 Turnus wö wö wö wö wö wö wö wö mo wö wö mo mo mo mo mo wö wö wö wö mo wö mo mo mo wö wö Tag mi sa so mi so mi Sa mi mi sa mi mi mi mi mi mi Sa Tab. 3.4: Anzeigenblätter der Verlagsgruppe DuMont, Köln 78 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Bergisches Handelsblatt GmbH & Co KG bergisches handelsblatt bergisches sonntagsblatt EWI Euskirchener Werbe-Informatio- nen GmbH & Co KG Blickpunkt am Sonntag (Euskirchen) Kölner Anzeigenblatt GmbH & Co KG Kölner Wochenspiegel Porzer Wochenende Leverkusener Anzeigenblatt GmbH & Co KG lokale informationen wochenende (Leverkusen) Oberbergische Anzeigenblatt GmbH & Co KG anzeigen-echo Gummersbacher Stadtmagazin Lokalanzeiger (Waldbröl) SPO Sonntags Post Verlag GmbH & Co KG Sonntags Post Verlag Anzeigen und Informationen GmbH & Co KG Brühler Markt Magazin Erftstadt-Magazin Hürther Stadt Magazin Kölner Süden Wesselinger Stadt Magazin Wochenende (Fechen/Hürth/ Pulheim) VSW Verlag Schlossbote/ Werbekurier GmbH & Co KG Brühler Schlossbote Werbekurier Werbepost Anzeigenblatt GmbH & Co KG werbepost Rhein-Sieg Anzeigenblatt GmbH & Co KG Hennefer Stadt Magazin Schaufenster (Bonn) Stadt Magazin Eitorf/Windeck Stadt Magazin Sankt Augustin Stadt Magazin Siegburg, Lohmar VWP Verlag für Werbe-Publikationen GmbH & Co KG Extra-Blatt (Siegburg) wochenende (Siegburg) Gesamt Anteil in % 50 50 50 50 50 50 50 50 50 33.3 33.3 Verbreitete Auflage 188.300 94800 93500 67.200 67200 575.700 528600 47100 211.200 105600 105600 160.700 87500 34800 38400 190900 190900 224.800 30300 25000 29300 33500 21200 85500 60.700 41800 18900 106.300 106300 350.200 19800 235600 22100 25000 47700 399.000 199500 199500 2.535.000 Anteilige Auflage 94.150 47400 46750 33.600 33600 287.850 264300 23550 105.600 52800 52800 80.350 43750 17400 19200 95450 95450 112.400 15150 12500 14650 16750 10600 42750 30.350 20900 9450 53.150 53150 116.614 6593 78454 7359 8324 15884 132.866 66433 66433 1.142.400 Anteilige gewichtete Auflage 94.150 47400 46750 33.600 33600 287.850 264300 23550 105.600 52800 52800 66.952 43750 4002 19200 95450 95450 58.768 3484 2875 3369 3852 2438 42750 30.350 20900 9450 53.150 53150 87.229 1516 78454 1692 1914 3653 132.866 66433 66433 1.046.000 Turnus wö wö wö wö wö wö wö wö mo wö wö mo mo mo mo mo wö wö wö wö mo wö mo mo mo wö wö Tag mi sa so mi so mi Sa mi mi sa mi mi mi mi mi mi Sa Tab. 3.5: Anzeigenblätter der Verlagsgruppe Heinen 4 Lokale/regionale Zeitschriften in NRW Lokale/regionale Zeitschriften sind ein sehr vielgestaltiges Medium. Gemeinsam ist ihnen ein jeweils be- grenztes Verbreitungsgebiet und damit verbunden eine Konzentration des redaktionellen Inhalts auf das je- weilige Gebiet. Nur ein kleiner Teil der Titel wird über den Zeitschriftenhandel oder im Abonnement verkauft. Der größere Teil wird kostenlos abgegeben, allerdings nicht – wie die Anzeigenblätter – den Haushalten zu- gestellt, sondern liegt an stark frequentierten Orten, die je nach Zielgruppe ausgewählt werden, zur kosten- losen Mitnahme aus. Auch die Erscheinungsweise ist sehr unterschiedlich. Wenige Blätter erscheinen wö- chentlich. Ein größerer Teil monatlich, manche Hefte aber auch nur vierteljährlich oder noch seltener. Die Fluktuation in der Branche ist sehr hoch. Mitte 2012 werden in Nordrhein-Westfalen 201 Titel verbreitet. Diese Titel erreichen eine Gesamtauflage von annähernd 4 Mio. Exemplaren bei einer durchschnittlichen Auflage von 19.800 Exemplaren pro Titel. Gewichtet man die Auflage auf eine fiktive wöchentliche Erscheinungsweise reduziert sich die Gesamtauflage auf 878.000 Exemplare und einen Durchschnitt von 4.400 Exemplaren. Die Titel mit den höchsten Auflagen werden kostenlos abgegeben und richten sich überwiegend an eine junge Zielgruppe. Manche von diesen Blättern erreichen in relativ großen Verbreitungsgebieten hohe Auflagen mit mehreren Ausgaben, die redaktionell jeweils in Teilen unterschiedlich auf Teilgebiete zugeschnitten sind, so etwa Heinz mit einer Gesamtauflage von über 100.000 Exemplaren oder coolibri mit annähernd 200.000 Exemplaren. In den letzten Jahren hat die Zahl der Zeitschriften mit einer thematischen Fokussierung stark zugenommen, insbesondere Titel mit dem redaktionellen Schwerpunkt auf der Wirtschaftsberichterstattung. Dieses Segment scheint im Werbemarkt erfolgreich zu sein. Auch für diese Titel werden Verbundvorteile genutzt, indem mehrere Ausgaben mit nur in Teilen unterschiedlichem Inhalt für benachbarte Verbreitungsgebiete erstellt werden, so etwa die Titel Wirtschaftsblatt oder Manager. Andere legen den Schwerpunkt auf den Bereich des Sports (z.B. GE-Sport; GLA-Sport; Revier Sport). Hinzugekommen sind Titel für Senioren und für Familien mit Kindern. Sogenannte Lokale Wochenblätter, die früher mit sehr kleinen Verbreitungsgebieten überwiegend für Abon- nenten das sublokale Geschehen aufarbeiteten, spielen heute nur noch eine sehr begrenzte Rolle mit kleinen Auflagen (z.B. Borbecker Nachrichten, Kevelaerer Blatt). Einige von diesen Blättern sind von Zeitungsverlagen übernommen worden, so etwa in Essen die Borbecker Nachrichten und die Werdener Nachrichten vom WAZ- Konzern. Insgesamt sind Zeitungsunternehmen in dieser Branche aber nur schwach vertreten. Aktuell plant der WAZ-Konzern, einen der auflagenstärksten Titel, den zweimal wöchentlich verlegten Revier Sport, zu über- nehmen. Die meisten Blätter erscheinen in kleinen Verlagen, von denen manche daneben auch Anzeigen- blätter für dieselbe Region herausgeben. Auch große Zeitschriftenhäuser sind abgesehen von der Jahreszeiten- Gruppe in Hamburg mit dem Titel Prinz in der kleinen Branche nicht engagiert. Die meisten Verlage geben nur jeweils einen Titel heraus und haben ihren Sitz in der Regel im Verbreitungsgebiet dieses Titels. In Nordrhein- Westfalen sind insgesamt 128 Verlage angesiedelt. Hinzu kommen nur wenige Unternehmen von außerhalb. Die redaktionellen Leistungen sind sehr unterschiedlich. Die kostenlos abgegebenen Titel orientieren sich oft auch bei den redaktionellen Beiträgen an den Interessen ihrer Werbekunden. PR-Material ist häufig zu finden. Der Beitrag zur lokalen Publizistik ist entsprechend abhängig vom Geschäftsmodell, von der thema- tischen Positionierung und auch von der Auflage. Die Konzentrationsproblematik ist weder horizontal noch crossmedial bedeutend. Die Verlage erreichen inzwischen fast alle ihr Publikum nicht nur über die Printpro- dukte, sondern verfügen auch über in der Regel gleichnamige Online-Portale. Auch das Angebot dieser Portale ist sehr differenziert. Manche begnügen sich damit, die jeweils aktuelle (z.T. auch ältere) Ausgabe zur Nutzung anzubieten, andere Portale bieten auch (tages-)aktuelle Berichte, mit denen der Zeitraum zwischen den Er- scheinungsterminen der Printausgaben überbrückt wird. Die folgende Übersicht bietet einen titelalphabetisch geordneten Überblick über das sehr heterogene Medium in Nordrhein-Westfalen: 79Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 80 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Ausblick Fröndenberg Auto Schau Fenster OWL bad aachen Bergische Blätter Bergischer Bote Bergisches Wirtschaftsblatt bielefeld geht aus Bielefelder Bielefelder Spiegel Bilker Bote biograph Blu blu NRW Bonewie Bonner Illustrierte Uni Extra-Magazin Borbecker Nachrichten BunteSeiten (Borken) BunteSeiten (Kleve) bunteSeiten (Wesel) choices Kino.Kultur.Köln CityNews coolibri Düsseldorf/Wuppertal/ Niederrhein coolibri Ruhrgebiet Cronenberger Anzeiger der eulenspiegel derneusser Die Bad Honnefer Wochenzeitung Die Wochenschau Drei Länder Kurier duisburger, der Dürener Düsseldorfer Wirtschaftsblatt EM Das Eifelmagazin engels Essen.onpaper ett essener tipps und termine filmjournal Franzz GE-Sport GIG (Münster + Osnabrück) GIG Uni-GIG GL & Lev kontakt GLA-Sport goliving (Köln/Bonn) Grenzland Nachrichten GT-Info guetsel.de Gütersloh geht aus Firma Horschler Verlagsgesellschaft mbH Andreas Glasenapp Verlag VVWB Verlag Wirtschaft und Bildung GmbH & Co KG Bergische Blätter Verlags-Gesellschaft mbH Verlag am See Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Tips-Verlag GmbH Tips-Verlag GmbH Regional Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH biograph Verlag mCruise GmbH mCruise GmbH Druckerei zum Stickling GmbH Bonner Illustrierte Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH Borbecker Nachrichten Wilhelm Wimmer GmbH & Co KG Michael Lafrentz Lokal Leben Kleve GmbH Bernhart & Zakrzewski GbR Verlag Joachim Berndt CityNews Köln GbR Roland Scherer Verlags- und Werbeservice GmbH Roland Scherer Verlags- und Werbeservice GmbH Cronenberger Anzeiger Verlag und Buch- druckerei Johannes Eckers Eulenspiegel Verlag GmbH in-D Media GmbH & Co KG Die Bad Honnefer Wochenzeitung Stadtgeflüster GmbH & Co KG Plenert-Verlag designWerk Verlag Dürener Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH EM Verlag GbR Verlag Joachim Berndt Essen.onpaper Schönfeldt & Partner Verlags GmbH Verlag Joachim Berndt Informa Verlag GmbH Gill-Aktuell GIG Verlags GmbH GIG Verlags GmbH GL Verlags GmbH Gill-Aktuell living-crossmedia GmbH & Co KG Fegers Druck und Verlag GmbH Flöttmann Verlag GmbH Christian Schröter AGD Tips-Verlag GmbH Verbreitete Auflage 12000 10000 26500 10000 50000 10000 20000 2400 18200 20000 26900 120000 32111 11500 k.A. 4743 5000 5000 5000 31600 50000 70400 121800 6000 20000 70000 2000 15000 59700 22000 12000 10000 48000 14900 10000 16000 22200 20000 7000 31500 26300 18000 7000 34500 6500 44000 15000 20000 480 2100 6095 5000 6000 1000 800 552 9100 4600 6187 22800 7385 2645 k.A. 4743 600 600 1150 7268 6000 16192 28014 6000 10000 16100 2000 15000 13731 5060 1800 1000 11040 3427 1900 3040 5106 4600 7000 7245 1052 2160 7000 2760 6500 10120 3450 800 Gewichtete Auflage Turnus 2xjä 11xjä mo 2wö 2mo 5xjä 2xjä mo 2wö mo mo 10xjä mo mo 2xjä wö 2mo 2mo mo mo 2mo mo mo wö 2wö mo wö wö mo mo 8xjä 5xjä mo mo 10xjä 10xjä mo mo wö mo 2xjä 2mo wö 4xjä wö mo mo 2xjä Tab. 4.1: Lokale/regionale Zeitschriften in NRW 81Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Haken (Bergisch) Haken (Hagen) Haken (Märkischer Kreis) Haller Willem Heft, das Heinz – Bochum/Herne Heinz – Dortmund Heinz – Duisburg/Oberhausen/ Mülheim Heinz – Essen Heinz – Wuppertal Herten erleben Hindenburger Hülser Mitteilungen IN Stadtmagazine Italien Journal Sterkrade Kamen Magazin Kevelaerer Blatt KingKalli Klenkes Magazin für Aachen Klenkes neo Köln-Bonn Manager Kölner Illustrierte Kölner Illustrierte UniSpecial Kölner Stadtführer KR-ONE Kulturnews mit City.Mag – Düsseldorf Kulturnews mit City.Mag – Köln Kulturnews mit City.Mag – Ruhr Langenfelder Stadtmagazin LebensArt (Gladbeck) LebensArt (Kirchhellen) LebensArt (Reken) LebensArt (Schermbeck) Leitplanke LH-Information Libelle Life Lippeportal Lippische Wochenschau – insider Live – Magazin Köln und Umgebung Made in Leverkusen Massen aktuell mein Rheinland Mokka Monheimer Stadtmagazin Movie münster geht aus Münster kauft ein Firma PR-Design & Verlag PR-Design & Verlag PR-Design & Verlag Stadtmagazin Haller Willem das Heft Zeitschriften Verlag Harald Morsch Heinz-Magazin Dortmund Verlags GmbH Heinz-Magazin Dortmund Verlags GmbH Heinz-Magazin Dortmund Verlags GmbH Heinz-Magazin Dortmund Verlags GmbH Heinz-Magazin Verlags GmbH Bessere Umwelt Verlagsgesellschaft mbH Marktimpuls GmbH & Co KG H. Kaltenmeier Söhne oHG Druckerei und Verlag IN Media Schwalm Kulturkooperative Wuppertal e.V. Team 2 Werbeagentur GmbH & Co KG Medienverlag am Friedrichsborn GmbH & Co KG Zeitungsverlag Niederrhein GmbH & Co Essen KG Verlag um die Ecke print ´n´ press Verlag GmbH print ´n´ press Verlag GmbH Brinkschulte Medien GmbH & Co KG K.I.-Mediengesellschaft mbH K.I.-Mediengesellschaft mbH K.I.-Mediengesellschaft mbH KR-1 GbR Bunk Verlags GmbH Zentralredaktion Bunk Verlags GmbH Zentralredaktion Bunk Verlags GmbH Zentralredaktion Hildebrandt Verlag Aureus GmbH Aureus GmbH Aureus GmbH Aureus GmbH Heidrich Verlags GmbH H. Rademann GmbH Druck- und Medienhaus Xitix Agentur & Verlag Life 2000 Verlags GmbH eadmedia Strohmeier Medien GmbH & Co KG Druck und Verlag K.I.-Mediengesellschaft mbH Medienhaus Garcia GmbH Info Werbung Büscher GmbH rheinland media & kommunikation gmbh J. Mergelsberg GmbH & Co KG Hildebrandt Verlag Pixel Produktion – Gabor Baksay Tips-Verlag GmbH Tips-Verlag GmbH Verbreitete Auflage 20000 20000 20000 12000 10000 20000 24500 21000 22000 20000 25000 35000 4700 122000 12400 13500 10500 3700 20000 29800 15000 20500 18300 10000 10000 20000 23100 23100 23100 10400 30000 11000 20000 7000 11500 17000 30000 26000 20000 12500 42900 10000 k.A. 50000 9000 4800 17000 20000 20000 4600 4600 4600 2760 2100 4600 5635 4830 5060 4600 2000 8050 4700 14640 2852 1080 2415 3700 2400 6854 1200 2460 4209 400 400 4200 5313 5313 5313 2184 6900 2530 4600 1610 2415 3910 6900 4940 4600 12500 9867 1200 k.A. 6000 2070 1008 3910 800 800 Gewichtete Auflage Turnus mo mo mo mo 11xjä mo mo mo mo mo 4xjä mo wö 2mo mo 4xjä mo wö 2mo mo 4xjä 2mo mo 2xjä 2xjä 11xjä mo mo mo 11xjä mo mo mo mo 11xjä mo mo 10xjä mo wö mo 2mo mo 2mo mo 11xjä mo 2xjä 2xjä 82 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Münster live Münster Service Guide Münsterland MünsterlandAuto.de na dann ... Nachtflug News – Das Magazin NiederRhein Niederrhein Manager Niederrheinische Hefte Niersbote NordWest Aachen aktuell Oberbergische Impulse oberhausener, der Oer-Erkenschwick erleben Ortszeit Kreis Unna pan Partysan NRW port01 city flash (Bochum) port01 city flash (Essen) port01 city flash (Krefeld) port01 city flash (Mönchengladbach) port01 city flash (Neuss) Prinz – Düsseldorf Prinz – Köln Prinz – Ruhrgebiet PUR (Soest) Q-Quadrat Revier Manager Revier Sport Rheinkiesel Rheinland pur Rhein-Ruhr Magazin rik-Magazin Rodenkirchen – Kölner Bilder-Bogen Ruhrbarone Ruhr-Zeit Scala Schnüss – Das Bonner Stadtmagazin Schnüss Uni-Magazin Siebengebirgs-Zeitung smag clublife magazine SoSo Stadtanzeiger Stadtgeflüster Stadtmagazin (Castrop-Rauxel) Firma Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Tips-Verlag GmbH Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Verlag Lensing-Wolff GmbH & Co KG dvv Druck, Vervielfältigungs- und Vertriebs GmbH m-e-p network Unternehmergesellschaft News-Stadtmagazin GmbH & Co KG B.o.s.s Druck und Medien GmbH Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Detlef Fleischer PR Presse und Kunst Point VI-Marketing Journalistenbüro Profil designWerk Verlag Bessere Umwelt Verlagsgesellschaft mbH Horschler Verlagsgesellschaft mbH (zuvor: mediaprint) enk verlag gmbh Partysan Central GmbH campus-trading Handelsges. mbH campus-trading Handelsges. mbH campus-trading Handelsges. mbH campus-trading Handelsges. mbH campus-trading Handelsges. mbH Jahreszeiten-Verlag GmbH Jahreszeiten-Verlag GmbH Jahreszeiten-Verlag GmbH PUR Verlag Zeitungsverlag Aachen GmbH Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Prokom Medienberatungs-Verlagsgesell- schaft mbH Quartett-Verlag VSW Verlag Schlossbote/Werbekurier GmbH & Co KG Nordis Verlag GmbH Mattei Medien GmbH Kölner Bilder-Bogen Verlag GmbH ruhrbarone.de mediabunt GmbH Scala Verlag GmbH Verein zur Förderung alternativer Medien e.V. Verein zur Förderung alternativer Medien e.V. Anton Uelpenich Druck und Verlag VGS Verlagsgruppe Stegenwaller GmbH Gerd Heiler-Schwarz Stadtanzeiger Verlag Solingen e.K. Verlag und Agentur stadtgeflüster correctum verlag Verbreitete Auflage 17200 20000 16300 123300 33000 32000 13700 15000 20500 10000 1200 6000 11000 10600 10000 40000 11500 27700 8100 6700 9700 9400 8400 22500 22800 31800 10000 11000 27800 30000 15000 80000 28000 26500 8000 k.A. 25000 16000 12000 14800 5000 39800 10000 10000 10500 10000 3956 800 1304 23427 33000 6080 3151 3450 4715 2100 1200 1380 880 2438 800 9200 2645 6371 1863 1541 2231 2162 1932 5175 5244 7314 2300 880 5282 60000 3450 3200 2240 6095 1840 k.A. 3000 3680 2760 592 5000 9154 2300 2300 1260 1200 Gewichtete Auflage Turnus mo 2xjä 4xjä 10xjä wö 10xjä mo mo mo 11xjä wö mo 4xjä mo 4xjä mo mo mo mo mo mo mo mo mo mo mo mo 4xjä 10xjä 2xwö mo 2xjä 4xjä mo mo k.A. 2mo mo mo 2xjä wö mo mo mo 2mo 2mo 83Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Stadtmagazin (Hagen) Stadtmagazin (Iserlohn) Stadtmagazin (Lünen) Stadtmagazin (Witten) stadtreport Stadt-Revue Stadt-Revue HochschulMagazin Steinfurt aktuell Straelen aktuell SU.kontakt subculture (Koblenz/Bonn) Südwestfalen Manager Szene Bonn Take tas trends-art-style Top Magazin (Dortmund) TOP Magazin Aachen TOP Magazin Bielefeld TOP Magazin Bonn TOP Magazin Düsseldorf Top Magazin Köln TOP Magazin Münster Top Magazin Neuss TOP Magazin Niederrhein TOP Magazin Ruhr TOP Magazin Sauerland TOP Magazin Siegen Top Magazin Wuppertal trailer Treffpunkt treffpunkt stolberg Twinformer (Arnsberg) Ultimo Bielefeld + Münster Ultimo Münster Ultimo Uni-Special Münster Unna Magazin Update (Ostwestfalen) Update (Ruhrgebiet) wattenscheid.net Weg & Fähre Werdener Nachrichten Westfalium Wildwechsel – Paderborn/Kassel Willi – Kulturmagazin für Alphabeten Wir in Schwerte Firma correctum verlag correctum verlag correctum verlag correctum verlag Team 2 Werbeagentur GmbH & Co KG Stadt-Revue Verlags-GmbH Stadt-Revue Verlags-GmbH Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Just in Time Crossmedia GL Verlags GmbH subculture GmbH & Co KG Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Verlag Eberhard A. Breinlinger Patrick Schaab PR GmbH tas Verlag Winnie Live Media S.L. & Co KG AixTra Media GmbH Wolter Medien GmbH & Co KG Kern & Friends Unternehmensberatung & Media-Agentur GmbH TOP – Verlag und Marketing GmbH RHS Verlagsgesellschaft GbR TOP Münster & Münsterland Verlag & Redaktion Verlag Marlies Wisbert Lohmann and Friends GmbH Forma Verlags- und Marketing GmbH Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Watterich Verlag GmbH Rundschau Verlagsgesellschaft mbH (Wuppertal) Verlag Joachim Berndt ACM Agentur für Creatives Marketing GmbH Loga Logistik Gastinger KG Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Ultimo Verlag GmbH Ultimo Verlag GmbH Ultimo Verlag GmbH Medienverlag am Friedrichsborn GmbH & Co KG Update Magazin & Verlag Voss und Zimmer GbR Update Magazin & Verlag Voss und Zimmer GbR human image Mediendienstleistungen Druck- und Verlagshaus Hüpke & Sohn Weserland-Verlag GmbH Werdener Nachrichten Wimmer GmbH & Co KG Westfalium Verlag GmbH & Co KG Verlag Fedor Waldschmidt GbR Stadtführer Verlag IN Media Schwalm Verbreitete Auflage 10000 10000 10000 10000 8500 26500 20000 8000 5000 18000 20000 k.A. 10000 18400 18000 12000 10000 12000 10000 20000 18000 10000 8000 11000 15000 12000 10000 10000 31600 7000 6500 k.A. 29800 15900 30000 20000 20000 20000 10000 26000 2970 17900 11000 k.A. 15000 1200 1200 1200 1200 1955 6095 800 640 1150 2160 4600 k.A. 2300 1472 3420 960 800 960 800 1600 1440 800 640 880 1200 960 800 800 7268 1610 780 k.A. 14900 7950 1200 4600 4600 4600 2300 5980 2970 1432 2530 k.A. 1800 Gewichtete Auflage Turnus 2mo 2mo 2mo 2mo mo mo 2xjä 4xjä mo 2mo mo 10xjä mo 4xjä 10xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä mo mo 2mo mo 2wö 2wö 2xjä mo mo mo mo mo wö 4xjä mo mo 2mo 84 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel WiR Wirtschaft regional (Münster/ Osnabrück) WiR Wirtschaft regional (OWL) Wirtschaft Münsterland Wirtschafts Journal Süd-West Wirtschaftsblatt Köln – Bonn – Aachen Wirtschaftsblatt Kreis Mettmann Wirtschaftsblatt Metropole Ruhr Wirtschaftsblatt Niederrhein Wirtschaftsblatt Westfalen woman In The City (Bochum/Witten) woman In The City (Wuppertal/ Düsseldorf) You & Me zwanzig 10 Gesamt Firma Press Medien GmbH & Co KG Press Medien GmbH & Co KG Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Wirtschafts-Medien-Verlag Ltd & Co KG Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH RR-Media GmbH RR-Media GmbH you+me-Verlag/Marcuß Westphal VVA Kommunikation GmbH Verbreitete Auflage 18000 18000 8400 25000 13000 10000 12000 11000 12000 20000 20000 24600 20000 3.972.924 4140 4140 672 3000 1300 1000 1200 1100 1200 4600 4600 5658 1200 878.084 Gewichtete Auflage Turnus mo mo 4xjä 2mo 5xjä 5xjä 5xjä 5xjä 5xjä mo mo mo 3xjä 5 Lokaljournalistische Online-Portale in NRW Die Möglichkeiten zur Information im Internet auch über lokales Geschehen werden immer vielfältiger. In- zwischen sind die klassischen Medienanbieter, also Zeitungsunternehmen, Anzeigenblatt- und regionale Zeit- schriftenverlage sowie lokale Hörfunk- und Fernsehanbieter, mit eigenen Online-Portalen im Internet ver- treten. Inzwischen wächst auch die Zahl der Portale, die unabhängig von diesen Medien als zusätzliche In- formationsquelle zum lokalen Geschehen angeboten werden. Im Sinne eines möglichst vielfältigen Medienangebots ist diese Entwicklung zu begrüßen. Noch sind längst nicht alle dieser Angebote von einer wünschenswerten Qualität. Manche dieser Angebote begnügen sich erkennbar im Wesentlichen mit der Aufbereitung und Darstellung von zugeliefertem Material von Pressestellen. Dadurch ist die Themenbreite bereits deutlich eingeschränkt. Hinzu kommt bei einigen Angeboten, dass bei der journalistischen Selektion Polizeiberichte in den Fokus rücken und manches Portal dadurch vor allem mit – im Journalisten-Jargon – „Blaulicht-Berichten“ auffällt. Diese Vorgehensweise gibt zugleich auch einen ersten Hinweis auf die redaktionelle Ausstattung der Portale. Viele dieser Portale werden geprägt durch das Engagement von jeweils Einzelnen. Im Vergleich zu früheren Untersuchungen im Rahmen der Studien für die LfM ist die Gesamtzahl der Portale ohne weitere Medienanbindungen zuletzt deutlich auf 96 Portale gestiegen. 2008 waren nach den gleichen Kategorien noch rund 60 gelistet worden.19 Die Veränderungsrate ist genau genommen noch größer als diese Differenz, da etliche der damals gelisteten Portale nicht mehr existieren oder die Aktualität des Angebots deutlich abgesenkt haben. Bei anderen haben sich die Betreiber geändert, denn inzwischen werden solche Portale auch veräußert. Die Szene ist immer noch sehr stark in Bewegung. Die Betreiber selbst sehen die Gründe dafür vor allem in der Entwicklung des Werbemarktes. Die lokale Online-Werbung sei insgesamt immer noch bescheiden und erlaube keine Investitionen in die Redaktion, ist eine wiederkehrende Aussage von den Betreibern. Dass eine solche Aussage nicht verallgemeinert werden kann, zeigen andere Betreiber, deren On- line-Portale weit über das jeweilige Berichtsgebiet hinaus bekannt geworden sind und vielleicht auch deshalb im Werbemarkt erfolgreich arbeiten wie etwa das heddesheimblog.de.20 Die ausschließliche Finanzierung der lokaljournalistischen Online-Portale über den Werbemarkt ist zumindest noch schwierig. Insofern decken sich die Erfahrungen der „Onliner“ mit jenen aus den klassischen Medien- branchen. Bis auf wenige Ausnahmen geben die Betreiber von journalistischen Angeboten im Internet jeweils an, nicht kostendeckend zu arbeiten, obwohl sie gegenüber den monomedialen Anbietern u.a. den Vorteil haben, über Redaktionen zu verfügen und damit über bi- bzw. tri-mediales Arbeiten Kostenvorteile erzielen zu können. Trotz dieser Situation im Werbemarkt werden aber immer wieder neue Online-Portale gestartet. Die Investoren nutzen die geringen Einstiegshürden und die im Vergleich zu anderen Medien geringen Distributionskosten. Bis Mitte 2012 war die Anzahl der aktuell berichtenden lokaljournalistischen Portale auf 96 gestiegen (vgl. Liste im Anhang). Diese kleinen Angebote werden aber weder von der ivw noch von der AGOF erfasst. In der folgenden Liste sind die Nutzungsdaten der Portale von Zeitungen bzw. jener des Lokalfunks und einiger Zeitschriften zu- sammengefasst, sofern sie von der ivw veröffentlicht werden. Die Nutzungsdaten beziehen sich auf den Juni 2012 und weisen die Visits gesamt aus. 85Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 19 Vgl. FORMATT-Institut: Medienstrukturdatenbank Nordrhein-Westfalen. Dortmund 2008, hier. S. 106 (ein Forschungsprojekt der LfM). 20 So der Betreiber des Blogs, Hardy Prothmann, während einer Tagung der Initiative Lokaljournalismus am 06.07.2012 in Siegen. 86 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Quelle: ivw: Visits gesamt für Juni 2012 Portale von Zeitungen bbv-net.de Borkener Zeitung Der Patriot online DerWesten Die Glocke Dülmener Zeitung EXPRESS Online General-Anzeiger Online IVZ-Online Kölner Stadt-Anzeiger Online Kölnische Rundschau LZ-Online (Lippische Landes-Zeitung) Medienhaus Bauer/Recklinghäuser Zeitung Medienhaus Lensing/Ruhr Nachrichten mt-online (Mindener Tageblatt) Münsterländische Volkszeitung, Rheine NW-News (Neue Westfälische) rga-online rp-online Siegener Zeitung online solinger-tageblatt.de Tageblatt für den Kreis Steinfurt WA-Online Westfälische Nachrichten Westfalen-Blatt WZ-newsline (Westdeutsche Zeitung) OWL-Online GmbH & Co. KG (von AGOF) Gesamt Visits gesamt 289.703 188.053 168.780 10.439.049 357.167 90.169 12.893.320 1.673.581 283.245 4.246.437 575.581 398.926 667.195 3.151.473 472.805 295.072 2.690.650 254.416 11.178.640 203.226 309.504 53.820 1.098.106 1.704.076 486.330 1.754.345 3.494.612 59.418.281 14.428 107.621 23.438 25.267 74.404 143.508 49.798 37.289 27.885 102.667 90.969 84.222 49.384 104.578 69.818 77.347 36.925 71.617 143.802 40.575 106.206 42.363 22.801 119.265 46.126 140.437 45.838 50.822 16.873 29.407 29.956 45.746 22.247 43.933 34.106 81.599 53.933 41.944 54.137 20.373 64.719 25.424 2.513.797 Portale des Lokalfunks und von Zeitschriften Antenne AC Antenne Düsseldorf Antenne Münster Antenne Niederrhein Antenne Unna coolibri Kölner NE-WS 89.4 Radio 90.1 Radio 91,2 Radio Berg Radio Bielefeld Radio Bochum Radio Bonn/Rhein-Sieg Radio Duisburg Radio Emscher-Lippe Radio Ennepe-Ruhr Radio Erft Radio Essen Radio Euskirchen Radio Gütersloh Radio Herford Radio Herne Radio Hochstift Radio K.W. Radio Köln Radio Leverkusen Radio Lippe Radio Mülheim Radio Neandertal Radio Oberhausen Radio RSG Radio RST Radio Rur Radio Sauerland Radio Siegen Radio Vest Radio WAF Radio Westfalica Radio WMW Radio Wuppertal Welle Niederrhein Visits gesamt Tab. 5.1: Nutzungsdaten von Online-Portalen 87Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Der Ehrenfelder Lindah Stiepeler Bote 59 Lippstädter Stadtmagazin Niederrhein im Blick Wat is los? (Kaarst) Wat is los? (Meerbusch) Wat is los? Nordstadt-Journal Blickpunkt Jöllenbeck Blickpunkt Schildesche Wochenpost (Stadtlohn) Wochenpost Kompakt (Stadtlohn) Anzeigen Expreß Lengericher Wochenblatt Dorf Gespräch Recke Marktplatz Mettingen Natürlich Neuenkirchen Stadtjournal Ibbenbüren Stadtjournal Rheine TL Tecklenburger Land Magazin Wir Zwei Echo Dortmund Süd-Zeitung Bilker Bote Düssel Depesche Eller Echo Flingern aktuell Gerresheimer Gazette Kaiserswerther Kurier Nord Kurier Oberkasseler Observer Rundblick (Düsseldorf) Zoo Magazin Ohligs aktuell Solinger zum Sonntag, Das Solinger, Das Wald aktuell bergisches handelsblatt bergisches sonntagsblatt Firma 3satz Verlag und Medienservice GmbH 3satz Verlag und Medienservice GmbH 3satz Verlag und Medienservice GmbH 59 Verlags GmbH & Co KG A.Z. Medienverlag Adline GmbH Werbeagentur Adline GmbH Werbeagentur Adline GmbH Werbeagentur AEM Media Center Dienstleistungsgesell- schaft mbH AEM Media Center Dienstleistungsgesell- schaft mbH Antonia Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Antonia Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Anzeigen-Expreß OHG Aschendorff Medien GmbH & Co KG AS-Multimedia – Buch- und Zeitschriften- verlag AS-Multimedia – Buch- und Zeitschriften- verlag AS-Multimedia – Buch- und Zeitschriften- verlag AS-Multimedia – Buch- und Zeitschriften- verlag AS-Multimedia – Buch- und Zeitschriften- verlag AS-Multimedia – Buch- und Zeitschriften- verlag AS-Multimedia – Buch- und Zeitschriften- verlag aw media verlagsgesellschaft mbH & Co KG aw media verlagsgesellschaft mbH & Co KG AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH AZ Druck + Verlag GmbH B. Boll Verlag des Solinger Tageblattes GmbH & Co KG B. Boll Verlag des Solinger Tageblattes GmbH & Co KG B. Boll Verlag des Solinger Tageblattes GmbH & Co KG B. Boll Verlag des Solinger Tageblattes GmbH & Co KG Bergisches Handelsblatt GmbH & Co KG Bergisches Handelsblatt GmbH & Co KG Verteilte Auflage 10000 5000 14000 33000 49200 19000 26000 17000 9000 9000 40400 40400 35000 22600 5000 5000 6000 21000 21000 6000 8000 14000 16000 20000 30000 28000 14000 20000 14000 24000 34000 20000 22000 23600 74500 74500 13200 94800 93500 2300 600 3220 7590 24600 2280 3120 1360 2070 2070 40400 40400 35000 22600 600 600 720 1680 1680 480 640 2380 2720 4600 6900 6440 3220 4600 3220 5520 7820 4600 5060 5428 74500 74500 3036 94800 93500 Gewichtete Auflage Turnus mo 2mo mo mo 2wö 2mo 2mo 4xjä mo mo wö wö wö wö 2mo 2mo 2mo 4xjä 4xjä 4xjä 4xjä 9xjä 9xjä mo mo mo mo mo mo mo mo mo mo mo wö wö mo wö wö Tab. 6.1: Verlage von Anzeigenblättern und ihre Titel 6 Anhang 88 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel WES-Point Blickpunkt am Sonntag (Ahlen) Bommeraner, Der Herbeder, Der HS-Woche, Die Jülicher Woche Balver Echo Blickpunkt Saarlandstraße De Dumeklemmer (zuvor: Der Ratinger) Düsseldorfer Anzeiger Hallo (zuvor Lokalanzeiger Haan) Hallo (zuvor Lokalanzeiger Hilden) Hallo (zuvor Lokalanzeiger Langenfeld) Hallo (zuvor Lokalanzeiger Monheim) Lokalanzeiger Erkrath Schaufenster Mettmann Extra Tipp am Sonntag (Kempen) Extra Tipp am Sonntag (Krefeld) Stadt-Spiegel (Kempen) Stadt-Spiegel (Krefeld) Stadt-Spiegel (Mönchengladbach) Stadt-Spiegel (Viersen) City-Anzeiger (Gevelsberg) Der Postillon Spökenkieker, Der Der Stadt-Anzeiger Die Kiepe Klönsnack DNS Hörder Zeitschrift Scharnhorst aktuell Dortmunder Stadtspiegel Dreingau-Zeitung (Mi.) Dreingau-Zeitung (Sa.) Bad Lippspr. Nachrichten Rheinischer Anzeiger schaufenster WeserBote Stadtjournal SHS Die Gießkanne Oerlinghauser Anzeiger Arnsberger Post Weser Journal Werse-Kurier Cronenberger Woche Lippischer Anzeiger Informer Blickpunkt am Sonntag (Euskirchen) Bad Sassendorf Journal Der Lippetaler Firma Bernhart & Zakrzewski GbR Blickpunkt Verlag GmbH & Co oHG Bommeraner/Herbeder Bommeraner/Herbeder Burg-Kurier Verlagsgesellschaft mbH Burg-Kurier Verlagsgesellschaft mbH Busch-Druck Offsetdruck und Verlag Butowski-Werbung City Anzeigenblatt GmbH City Anzeigenblatt GmbH City Anzeigenblatt GmbH City Anzeigenblatt GmbH City Anzeigenblatt GmbH City Anzeigenblatt GmbH City Anzeigenblatt GmbH City Anzeigenblatt GmbH City Anzeigenblatt Krefeld GmbH City Anzeigenblatt Krefeld GmbH City Anzeigenblatt Krefeld GmbH City Anzeigenblatt Krefeld GmbH City Anzeigenblatt Mönchengladbach GmbH City Anzeigenblatt Viersen GmbH City Anzeiger Claudia Berger-Pöschl Der Postillon Peter Thiele e.K. Der Spökenkieker Der Stadt-Anzeiger Die Kiepe Verlags GmbH digitales gesellschaft für print- und info- medien gmbh DNR-Verlag Donay Verlag + Werbung Donay Verlag + Werbung Dortmunder Stadtspiegel GmbH Dreingau Zeitung GmbH Dreingau Zeitung GmbH Druck + Verlag Heggemann Druck + Verlag Josef Wegener GmbH Druck- und Verlagshaus Hüpke & Sohn Weserland-Verlag GmbH Druckerei & Medienverlag Ilske Druckerei Heinen GmbH Druckerei Tödtmann Druckerei und Verlag Franz-Josef Molitor DWS Druck- und Werbeservice GmbH E. Holterdorf GmbH & Co KG Echo Verlagsgesellschaft mbH (Wuppertal) Eldro-Verlags GmbH Essener Regionalpresse Verlag GmbH EWI Euskirchener Werbe-Informationen GmbH & Co KG FKW Fachverlag für Kommunikation und Werbung GmbH FKW Fachverlag für Kommunikation und Werbung GmbH Verteilte Auflage 38500 50000 7900 7800 1101300 33100 6000 11500 45200 290100 14000 27900 26100 18300 25100 20200 36100 117000 34700 117500 160800 74200 30000 17800 43000 22000 28300 17500 30000 k.A. 20000 46000 11300 11300 26900 42400 52000 21000 8000 8200 18300 10000 54400 16000 25000 105000 67200 15000 10000 8855 50000 1817 1794 1101300 33100 1380 2645 45200 290100 14000 27900 26100 18300 25100 20200 36100 117000 34700 117500 160800 74200 6900 17800 21500 5060 13018 8750 6900 k.A. 4600 10580 11300 11300 13450 42400 52000 4830 8000 8200 4209 3500 54400 16000 25000 24150 67200 1800 1200 Gewichtete Auflage Turnus mo wö mo mo wö wö mo mo wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö mo wö 2wö mo 2xmo 2wö mo mo mo mo wö wö 2wö wö wö mo wö wö mo 18xjä wö wö wö mo wö 2mo 2mo 89Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Sauerländer (Brilon) warsteiner Werlmagazin WDL aktuell Vredener Anzeiger Sonntags Kurier Markt und Gemeinde Diemelbote Beckhausener Kurier familien post GL Kompakt Brunnenecho Mon Takt Neue Regionale Südwest-Zeitung Haaner Treff Pium aktuell Steinhagener Schaufenster Versmold aktuell Werther aktuell Hallo-Borken Hallo (Lüdinghausen) Hallo (Telgte) Hallo Münster (Mi.) Hallo Sonntag (Greven/Emsdetten) Hallo Sonntag (Lüdinghausen) Hallo Sonntag (Münster) Hallo Sonntag (Telgte) Queller Blatt Der Stadt-Anzeiger Heimat-Anzeiger Lennep im Blick Lüttringhauser Anzeiger Siebengebirgsbote Jucunda Journal Jüchen Stadtquelle Salzkotten Neue Umschau Hopstener Blättken Ibbenbürener Anzeiger Vlothoer Anzeiger Stadt-Anzeiger (Borken) Fischelner Woche kaufen + sparen Firma FKW Fachverlag für Kommunikation und Werbung GmbH FKW Fachverlag für Kommunikation und Werbung GmbH FKW Fachverlag für Kommunikation und Werbung GmbH Fleiter Druck e.K. Franz Gescher Inhaber Mechthild Gescher e.K. Genius Kommunikations-Verlags-Gesell- schaft mbH Gewerbeverein Herzebrock-Clarholz Gewerbeverein Marsberg e.V. Gill-Aktuell Gill-Aktuell GL Verlags GmbH Grafischer Betrieb H. Weidenstrass Graphische Betriebe F.W. Rubens KG Gröne und Partner GmbH Grüne Druckerei und Verlag oHG Haaner Treff Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Haller Kreisblatt Verlags-GmbH Haller Kreisblatt Verlags-GmbH Haller Kreisblatt Verlags-GmbH Haller Kreisblatt Verlags-GmbH Hallo-Borken-Gratiszeitung-Verlag GmbH & Co KG Hallo-Gratiszeitung-Verlag GmbH Hallo-Gratiszeitung-Verlag GmbH Hallo-Gratiszeitung-Verlag GmbH Hallo-Gratiszeitung-Verlag GmbH Hallo-Gratiszeitung-Verlag GmbH Hallo-Gratiszeitung-Verlag GmbH Hallo-Gratiszeitung-Verlag GmbH Hans Gieselmann Druck und Medienhaus GmbH & Co KG Heimat- und Verkehrsverein Schloß Holte-Stukenbrock e.V. Heimatanzeiger Anzeigenblatt GmbH Heimatbund Lüttringhausen e.V. Heimatbund Lüttringhausen e.V. Heimbach Druck und Verlag humann medien Hüppmeier Marketing & Design GmbH Husemöller & Birkner GbR Ibbenbürener Vereinsdruckerei GmbH Ibbenbürener Wochenblatt-Verlagsgesell- schaft mbH & Co KG J.C.C. Bruns Betriebs-GmbH JM Verlags GmbH & Co KG Joh. van Acken GmbH & Co KG k + s Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH & Co KG Verteilte Auflage 27000 13500 16000 5600 10600 89000 11400 29600 10000 59000 35000 8500 92500 44000 27000 18200 10000 10000 12500 10000 34300 41200 13700 121800 39400 41200 121800 13700 6000 10500 13100 12800 9700 10400 10500 10500 50000 5000 52100 15.000 39300 23200 111400 6210 3105 3680 1288 10600 89000 2622 29600 400 13570 6650 1955 92500 44000 6210 18200 800 1700 2875 2300 34300 41200 13700 121800 39400 41200 121800 13700 1260 2415 13100 12800 9700 5200 4830 1050 11500 1150 52100 15.000 39300 23200 111400 Gewichtete Auflage Turnus mo mo mo mo wö wö mo wö 2xjä mo 10xjä mo wö wö mo wö 4xjä 9xjä mo mo wö wö wö wö wö wö wö wö 11xjä mo wö wö wö 2wö 2xmo 5xjä mo mo wö mo wö wö wö 90 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel kaufen + sparen (Steinfurt) kaufen + sparen (zuv. Münster. Sonntagszeitung) Kreis-Kurier (Lüdinghausen) KreisKurier am Sonntag Wochen-Anzeiger (Emsdetten) Wochen-Anzeiger (Greven) Wochen-Anzeiger (Steinfurt) Lokalbote, Der Neuwerker Nachrichten Odenkirchener Nachrichten Rheydter Nachrichten Schaufenster Hardt-Venn Schaufenster Rheindahlen Schaufenster Wegberg Unser Volksgarten Blickpunkt am Sonntag (Warendorf) Emskurier Extra-Blatt vom Zeitungsjungen (Bünde) Extrablatt vom Zeitungsjungen (Herford) Extrablatt vom Zeitungsjungen (Lübbecke) Extrablatt vom Zeitungsjungen (Oeynh.) Kurier zum Sonntag Delbrücker Stadtpost Briloner Anzeiger Der Anzeiger (Medebach/Hallenberg) Winterberg – Totallokal Preußisch Oldendorfer Rundblick Kölner Wochenspiegel Porzer Wochenende Wochenblatt Westerkappeln Blick aktuell (Rhein-Sieg-Kreis) Asten-Kurier Hoch-Sauerland Kurier Homert-Kurier Hunau-Kurier Hundem-Lenne-Kurier Ruhr-Kurier Sauerland Kurier am Sonntag Sauerland-Kurier Siegerland Kurier Siegerland Kurier am Sonntag Kurier am Sonntag Bad Driburger Kurier Firma k + s Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH & Co KG k + s Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH & Co KG k + s Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH & Co KG k + s Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH & Co KG k + s Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH & Co KG k + s Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH & Co KG k + s Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH & Co KG K. u. L. GmbH Verlag- Vertrieb- Vermittlung K. u. L. GmbH Verlag- Vertrieb- Vermittlung K. u. L. GmbH Verlag- Vertrieb- Vermittlung K. u. L. GmbH Verlag- Vertrieb- Vermittlung K. u. L. GmbH Verlag- Vertrieb- Vermittlung K. u. L. GmbH Verlag- Vertrieb- Vermittlung K. u. L. GmbH Verlag- Vertrieb- Vermittlung K. u. L. GmbH Verlag- Vertrieb- Vermittlung Karsten GmbH Karsten GmbH Klaus-D. Kuhlmann Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH Klaus-D. Kuhlmann Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH Klaus-D. Kuhlmann Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH Klaus-D. Kuhlmann Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH KM Kurier Medien GmbH & Co KG Koch Druck + Grafik Koerdt Promo4you GmbH Koerdt Promo4you GmbH Koerdt Promo4you GmbH Kölle Druck GmbH Kölner Anzeigenblatt GmbH & Co KG Kölner Anzeigenblatt GmbH & Co KG Kroog Verlags-GmbH & Co KG Krupp Verlags GmbH Kurier Verlag Lennestadt GmbH Kurier Verlag Lennestadt GmbH Kurier Verlag Lennestadt GmbH Kurier Verlag Lennestadt GmbH Kurier Verlag Lennestadt GmbH Kurier Verlag Lennestadt GmbH Kurier Verlag Lennestadt GmbH Kurier Verlag Lennestadt GmbH Kurier Verlag Siegen GmbH & Co KG Kurier Verlag Siegen GmbH & Co KG Kurier Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH Kurier-Verlag GmbH & Co KG Verteilte Auflage 53700 111800 39400 38900 26100 19400 25700 13200 11000 12300 32000 8900 11800 12700 11000 23200 16000 23700 14000 14000 14000 134200 20300 34000 k.A. k.A. 10000 528600 47100 23700 38500 14300 21900 12600 17300 26800 20500 201800 37200 133400 133400 79300 21900 53700 111800 39400 38900 26100 19400 25700 3036 2530 6150 7360 2047 2714 2921 2530 23200 3680 5451 3220 3220 3220 134200 9338 34000 k.A. k.A. 2300 528600 47100 23700 38500 14300 21900 12600 17300 26800 20500 201800 37200 133400 133400 79300 5037 Gewichtete Auflage Turnus wö wö wö wö wö wö wö mo mo 2wö mo mo mo mo mo wö mo mo mo mo mo wö 2xmo wö wö wö mo wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö mo 91Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Detmolder Kurier Detmolder Kurier Höxter Kurier Stadt-Anzeiger (Horn/Bad Meinberg) Steinheimer Blickpunkt Erft-Kurier Erft-Kurier zum Sonntag Kaarster Extra-Tipp kaarster stadtspiegel Stadt-Kurier (Neuss) Stadt-Kurier zum Sonntag top-Kurier (Jüchen) lokale informationen wochenende (Leverkusen) Lippische Neueste Nachrichten Xanten live Meerbuscher Nachrichten Willicher Nachrichten Quelle, Die Lippe Journal Der Bote (Mi.) Der Bote (So.) Verler Leben Brackweder Anzeiger Das Stadtgespräch Schildesche erleben dorfbote – Magazin für Hürtgenwald Stadtjournal Emsdetten meinNorf.de mitten drin (Ibbenbüren) Mittendrin (Bottrop) Der Frühaufsteher Der Hattinger Frühaufsteher MS Münster am Sonntag Stadtgespräch (Melle) LN Lokal-Nachrichten (Duisburg-Rheinh.) LN Lokal-Nachrichten (Moers) LN Lokal-Nachrichten (Neukirchen-Vluyn) stadt-panorama (Dinslaken) stadt-panorama (Duisburg) stadt-panorama (Moers) Niederrhein-Nachr. Wochenende (Kleve) Niederrhein-Nachrichten (Geldern) Firma Kurier-Verlag GmbH & Co KG Kurier-Verlag GmbH & Co KG Kurier-Verlag GmbH & Co KG Kurier-Verlag GmbH & Co KG Kurier-Verlag GmbH & Co KG Kurier-Verlag GmbH (Neuss) Kurier-Verlag GmbH (Neuss) Kurier-Verlag GmbH (Neuss) Kurier-Verlag GmbH (Neuss) Kurier-Verlag GmbH (Neuss) Kurier-Verlag GmbH (Neuss) Kurier-Verlag GmbH (Neuss) Leverkusener Anzeigenblatt GmbH & Co KG Leverkusener Anzeigenblatt GmbH & Co KG Lippischer Zeitungsverlag Giesdorf GmbH & Co KG Live Magazine Verlagsgesellschaft Költgen- Horlemann GbR LW Lokale Wochenblatt GmbH LW Lokale Wochenblatt GmbH Machradt Verlags OHG mag medien arbeits gruppe UG Märkischer Zeitungsverlag GmbH & Co KG Märkischer Zeitungsverlag GmbH & Co KG Martina Werner und Lothar Werner Matthiesen Druck, Inhaber Dieter Hoefs ME Werbeagentur GmbH & Co KG Medien & Service Büro Bernd Lochmöller Medien Designer Medienwiege.de – Druck und Verlag meinNorf.de mitten drin Mittendrin Verlag GmbH MMM More Media Moments GmbH MMM More Media Moments GmbH MS Anzeigen-Verlags GmbH News Paper Werbung und Verlag GmbH & Co KG Niederrhein Verlag und Medienservice GmbH Niederrhein Verlag und Medienservice GmbH Niederrhein Verlag und Medienservice GmbH Niederrhein Verlag und Medienservice GmbH Niederrhein Verlag und Medienservice GmbH Niederrhein Verlag und Medienservice GmbH Niederrhein Verlag und Medienservice GmbH Niederrhein Verlag und Medienservice GmbH Verteilte Auflage 32400 0 25600 16000 23600 41300 49100 19200 19100 72900 72300 10600 105600 105600 119500 40000 27100 23400 14700 100000 110200 110200 30000 20000 21800 18000 3500 12500 10000 24000 58500 28000 26000 25000 68000 37400 64500 43900 65300 245400 90000 151300 38600 7452 0 5888 3680 5428 41300 49100 19200 19100 72900 72300 10600 105600 105600 119500 3200 27100 23400 1911 50000 110200 110200 6900 5000 5014 4140 805 1500 1000 5060 58500 6440 5980 25000 15640 37400 64500 43900 65300 245400 90000 151300 38600 Gewichtete Auflage Turnus mo mo mo mo mo wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö 4 x jä wö wö 7xjä 2wö wö wö mo 13xjä mo mo mo 2mo 5xjä mo wö mo mo wö mo wö wö wö wö wö wö wö wö 92 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Niederrhein-Nachrichten (Goch) Niederrhein-Nachrichten (Kevelaer) Niederrhein-Nachrichten (Kleve) Niederrhein-Nachrichten (Xanten) TÖVO-News Nordlippischer Anzeiger (Mi.) Nordlippischer Anzeiger (Sa.) anzeigen-echo Gummersbacher Stadtmagazin Lokalanzeiger (Waldbröl) OWZ zum Sonntag Warburg zum Sonntag Unser Odenkirchen Unser Wickrath Meilenstein Ummeln Spenger Echo Lippe Aktuell Lippe Aktuell (Wochenende) Rheder Stadtgespräch Lüner Anzeiger (Mi.) Lüner Anzeiger (Sa.) Ruhr-Anzeiger Schwerte Stadt Anzeiger (Dortmund, Mi.) Stadt Anzeiger (Dortmund, Sa.) Stadtanzeiger (Castrop-Rauxel, Mi.) Stadtanzeiger (Castrop-Rauxel, Sa.) Stadtspiegel (Bochum, Mi.) Stadtspiegel (Bochum, Sa.) Stadtspiegel (Bottrop, Mi.) Stadtspiegel (Bottrop, Sa.) Stadtspiegel (Dorsten) Stadtspiegel (Gladbeck, Mi.) Stadtspiegel (Gladbeck, Sa.) Stadtspiegel (Haltern) Firma Niederrhein-Nachrichten Anzeigenblatt GmbH Niederrhein-Nachrichten Anzeigenblatt GmbH Niederrhein-Nachrichten Anzeigenblatt GmbH Niederrhein-Nachrichten Anzeigenblatt GmbH Norbert Stammes KG Nordlippischer Anzeiger GmbH Nordlippischer Anzeiger GmbH Oberbergische Anzeigenblatt GmbH & Co KG Oberbergische Anzeigenblatt GmbH & Co KG Oberbergische Anzeigenblatt GmbH & Co KG Oberweser Wochenzeitung Verlags GmbH Oberweser Wochenzeitung Verlags GmbH Odenkirchener Druck- und Verlags GmbH Odenkirchener Druck- und Verlags GmbH Offsetdruck Wolfgang Kramer Offsetdruckerei Leonhard Sertl Oppermann Druck- und Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Oppermann Druck- und Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Ostendorp & Giebken Verlags GbR Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Verteilte Auflage 17300 16800 38400 34200 3300 18500 18500 87500 34800 38400 90100 22600 11500 8500 5000 11000 141300 141300 13000 66100 66100 28000 284000 284000 38600 38600 193000 193000 59000 59000 39300 38100 38100 15800 17300 16800 38400 34200 759 18500 18500 87500 8004 38400 90100 22600 5750 1955 400 2530 141300 141300 2990 66100 66100 28000 284000 284000 38600 38600 193000 193000 59000 59000 39300 38100 38100 15800 Gewichtete Auflage Turnus wö wö wö wö mo wö wö wö mo wö wö wö 2wö mo 4xjä mo wö wö mo wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö 93Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Witten-Aktuell (Mi.) Witten-Aktuell (Sa.) Eschweiler Filmpost Bad Driburg Extra Bad Oeynhausen Extra Bielefeld heute Brakel Erleben (zuvor: Brakel Extra) Bünde Extra Herford Extra Huxaria Extra Kurier Brackwede Kurier für den Kreis Gütersloh/Halle OWL am Sonntag (Bielefeld) OWL am Sonntag (Bünde/Enger, Spenge) OWL am Sonntag (Gütersloh) OWL am Sonntag (Herford/Oeynhau- sen) OWL am Sonntag (Paderborn) Paderborn heute (zuvor: OWL am Donnerstag) Steinhagen erleben Steinheim erleben Stemwede aktuell Versmold erleben Werther erleben Wir in Löhne Petershäger Anzeiger Ratinger Wochenblatt Aldenhoven Infoblatt Altenbeken Egge-Rundblick Boulevard Siegburg Firma Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft mbH & Co KG (ORA) Palast Verlag Dr. Engelbrecht GmbH & Co KG Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Panorama Verlags- und Werbegesellschaft mbH Petershäger Anzeiger Verlags GmbH & Co KG Ratinger Wochenblatt Verlags- Gesellschaft mbH Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Verteilte Auflage 51000 51000 37300 8400 13300 120200 8000 21300 56900 30900 41200 61500 150800 50000 58700 35900 78000 79700 9000 0 12500 8000 8200 14500 16500 59500 6900 3900 20700 51000 51000 37300 8400 13300 120200 8000 4047 56900 30900 41200 61500 150800 50000 58700 35900 78000 79700 2070 0 6250 1680 1066 3335 3795 59500 1587 897 20700 Gewichtete Auflage Turnus wö wö wö wö wö wö wö 10xjä wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö mo 5xjä 2wö 11xjä 7xjä mo mo wö mo mo wö 94 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Burbach aktuell Bürgerbrief Blankenheim Das Blatt Das Ortsblatt Jülich Magazin Lagenser, Der Leopoldshöher Blatt Mechernicher Bürgerbrief Mitteilungsblatt Bad Driburg Mitteilungsblatt Borgentreich Mitteilungsblatt Dahlem Mitteilungsblatt Eitorf Mitteilungsblatt Inden & Langerwehe Mitteilungsblatt Issum Mitteilungsblatt Lindlar Mitteilungsblatt Marienmünster Mitteilungsblatt Much Mitteilungsblatt Neunkirchen- Seelscheid Mitteilungsblatt Nörvenich Mitteilungsblatt Overath Mitteilungsblatt Rheurdt Mitteilungsblatt Ruppichteroth Mitteilungsblatt Schwalmtal Mitteilungsblatt Steinheim Mitteilungsblatt Sundern Mitteilungsblatt Windeck Mitteilungsblatt Winterberg Montagszeitung Niederkassel Nümbrecht aktuell Oerlinghauser Blatt Porz am Montag Reichshof Kurier Rundblick Bad Münstereifel Rundblick Bad Wünnenberg Rundblick Elsdorf Rundblick Engelskirchen Rundblick Hallenberg Rundblick Kall Rundblick Kürten Rundblick Lichtenau Rundblick Marienheide Rundblick Nettersheim Rundblick Niederzier & Merzenich Rundblick Rösrath Rundblick Rureifel Rundblick Sankt Augustin Rundblick Schleiden Rundblick Siebengebirge Rundblick Troisdorf Rundblick Zülpich Stadtblatt Bergneustadt Stadtblatt Drolshagen StadtEcho Hennef Firma Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Verteilte Auflage 8300 3900 13900 5800 17200 15800 9000 12500 10300 3900 2000 7500 9500 3600 9400 2300 5200 7300 4900 12300 3600 3700 8600 6100 13000 7800 7500 26900 7600 8600 47600 9300 7600 5400 9800 9700 3500 5800 8300 5400 6500 3500 11400 12100 23900 24900 6000 28200 35200 9000 10000 5400 19800 4150 1950 6950 2900 8600 7900 4500 6250 10300 897 1000 7500 4750 3600 4700 529 5200 7300 2450 12300 1800 3700 4300 1403 6500 7800 3750 26900 3800 4300 47600 4650 3800 1242 9800 4850 1750 2900 4150 1242 3250 1750 5700 6050 11950 24900 3000 28200 35200 4500 2300 1242 19800 Gewichtete Auflage Turnus 2wö 2wö 2wö 2wö 2wö 2wö 2wö 2wö wö mo 2wö wö 2wö wö 2wö mo wö wö 2wö wö 2wö wö 2wö mo 2wö wö 2wö wö 2wö 2wö wö 2wö 2wö mo wö 2wö 2wö 2wö 2wö mo 2wö 2wö 2wö 2wö 2wö wö 2wö wö wö 2wö mo mo wö 95Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel StadtEcho Lohmar Stemweder Bote Wiehler Postillion Wir am Kottenforst Wir Bornheimer Wir in Waldbröl Wir in Weilerswist Wir in Willebadessen Wir in Wipperfürth Wir Swisttaler Wir Wachtberger Trend Senner Ortszeit Delbrücker Stadtanzeiger Rietberger Stadtanzeiger Bergischer Anzeiger rs anzeigenblatt Extra Tipp am Sonntag (Mönchengladbach) Extra Tipp am Sonntag (Meerbusch) Extra Tipp am Sonntag (Viersen) Extra Tipp am Sonntag (Willich) Bocholter Report Bocholter Report zum Wochenende Rheiner Anzeiger Der Rheiner Report am Sonntag Hennefer Stadt Magazin Schaufenster (Bonn) Stadt Magazin Eitorf/Windeck Stadt Magazin Sankt Augustin Stadt Magazin Siegburg, Lohmar rundschau am samstag wülfrather rundschau wuppertaler rundschau Schaufenster am Dienstag Schaufenster am Sonntag Oelder Schaufenster Senne Forum Hellerthaler Zeitung Siegerländer Wochen-Anzeiger Sonntags-Anzeiger Sonntagsnachrichten (Herne) Sonntagsnachrichten (Wanne-Eickel) Sonntags Kurier (Lünen) Sonntags-Rundblick Sonntags Post Firma Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Rautenberg Media & Print Verlag KG Record Team Marketing GmbH Regional Verlag GmbH Rehling Graphischer Betrieb GmbH Rehling Graphischer Betrieb GmbH Remscheider Medienhaus GmbH & Co KG Remscheider Medienhaus GmbH & Co KG Report Anzeigenblatt GmbH Report Anzeigenblatt GmbH Report Anzeigenblatt GmbH Report Anzeigenblatt GmbH Report Verlagsgesellschaft mbH Report Verlagsgesellschaft mbH Rheiner Anzeigenblatt Verlagsgesellschaft mbH Rheiner Report UG Rhein-Sieg Anzeigenblatt GmbH & Co KG Rhein-Sieg Anzeigenblatt GmbH & Co KG Rhein-Sieg Anzeigenblatt GmbH & Co KG Rhein-Sieg Anzeigenblatt GmbH & Co KG Rhein-Sieg Anzeigenblatt GmbH & Co KG Rundschau Verlagsgesellschaft mbH (Wuppertal) Rundschau Verlagsgesellschaft mbH (Wuppertal) Rundschau Verlagsgesellschaft mbH (Wuppertal) Schaufenster-Verlag GmbH Schaufenster-Verlag GmbH Schaufenster-Verlags GmbH Senne Forum Siegerländer Wochen-Anzeiger GmbH & Co KG Siegerländer Wochen-Anzeiger GmbH & Co KG Siegerländer Wochen-Anzeiger GmbH & Co KG SN Sonntagsnachrichten GmbH & Co KG SN Sonntagsnachrichten GmbH & Co KG Sonntagskurier GmbH Sonntags-Rundblick Anzeigenverlags GmbH SPO Sonntags Post Verlag GmbH & Co KG Verteilte Auflage 13800 13100 12000 21000 27900 8200 7000 5050 8200 7900 9100 12000 17800 12500 13000 101700 94300 160100 27000 74200 23100 46400 46400 47000 43000 19800 235600 22100 25000 47700 165000 10300 181000 43200 31300 14500 24000 15600 223500 223500 47300 41500 89000 73800 190900 13800 13100 6000 10500 27900 4100 3500 1162 4100 3950 9100 2760 4094 6250 6500 101700 94300 160100 27000 74200 23100 46400 46400 47000 43000 4554 235600 5083 5750 10971 165000 10300 181000 43200 31300 3335 5040 15600 223500 223500 47300 41500 89000 73800 190900 Gewichtete Auflage Turnus wö wö 2wö 2wö wö 2wö 2wö mo 2wö 2wö wö mo mo 2wö 2wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö mo wö mo mo mo wö wö wö wö wö mo 11xjä wö wö wö wö wö wö wö wö 96 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Stadt-Anzeiger Stadt Anzeiger (Coesfeld) Hörsteler Stadtmagazin Telegraf owl (Bielefeld) Telegraf owl (Herford) Telegraf owl (Paderborn) Super Mittwoch (Alsdorf/Herzogenr.) Super Mittwoch (Baesweiler) Super Mittwoch (Stolberg) Super Mittwoch (Würselen) Super Sonntag (Alsdorf, Würselen) Super Sonntag (Eschweiler/Stolberg) Super Sonntag (Kreis Düren) Super Sonntag (Kreis Heinsberg) Super Tipp (Essen-Werden) Super Tipp (Velbert) Super Tipp (Kr. Mettmann) Oberhausener Nordkurier Der Steinfurter Stadt-Kurier (Mi., Bocholt) Stadt-Kurier (Sa., Bocholt) Teuto Express extrablatt Espelkamper Nachrichten Stadtgespräch Lübbecke Urbano Super Mittwoch/Aachener Woche Super Sonntag (Aachen) Super Sonntag (Südkreis Aachen) Kreis-Blick Brühler Markt Magazin Erftstadt-Magazin Hürther Stadt Magazin Kölner Süden Wesselinger Stadt Magazin Wochenende (Fechen/Hürth/Pulheim) Ruhr-Bote Marl aktuell Firma Stadtanzeiger Kamp-Lintfort GmbH Stadtanzeiger Verlag GmbH Stadtmarketing Hörstel e.V. Strohmeier Medien GmbH & Co KG Druck und Verlag Strohmeier Medien GmbH & Co KG Druck und Verlag Strohmeier Medien GmbH & Co KG Druck und Verlag Super Sonntag Verlag GmbH Super Sonntag Verlag GmbH Super Sonntag Verlag GmbH Super Sonntag Verlag GmbH Super Sonntag Verlag GmbH Super Sonntag Verlag GmbH Super Sonntag Verlag GmbH Super Sonntag Verlag GmbH Super TiPp Wochenpost Verlags- und Werbegesellschaft mbH Super TiPp Wochenpost Verlags- und Werbegesellschaft mbH Super TiPp Wochenpost Verlags- und Werbegesellschaft mbH Team 2 Werbeagentur GmbH & Co KG Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Temming Verlag KG Temming Verlag KG Teuto Express Verlags GmbH U.S.P. Werbeagentur Ulrich Meyer GmbH & Co KG Ulrich Meyer GmbH & Co KG Urbano Mönchengladbach GmbH Verlag Aachener Anzeigenblatt GmbH & Co KG Verlag Aachener Anzeigenblatt GmbH & Co KG Verlag Aachener Anzeigenblatt GmbH & Co KG Verlag Annette Rolf Verlag Anzeigen und Informationen GmbH & Co KG Verlag Anzeigen und Informationen GmbH & Co KG Verlag Anzeigen und Informationen GmbH & Co KG Verlag Anzeigen und Informationen GmbH & Co KG Verlag Anzeigen und Informationen GmbH & Co KG Verlag Anzeigen und Informationen GmbH & Co KG Verlag Bruckmann & Meier GbR Verlag Grone Verteilte Auflage 26500 53600 9000 48300 28900 34200 44600 25700 26900 23200 96900 54400 118800 112400 26500 10200 189700 80000 14300 46000 46000 52300 15000 15000 15000 150000 103200 102900 16700 15000 30300 25000 29300 33500 21200 85500 31000 42400 26500 53600 1080 48300 28900 34200 44600 25700 26900 23200 96900 54400 118800 112400 26500 10200 189700 3200 3289 46000 46000 26150 3150 3450 3450 34500 103200 102900 16700 6300 6969 5750 6739 7705 4876 85500 31000 42400 Gewichtete Auflage Turnus wö wö 2mo wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö 2xjä mo wö wö 2wö 11xjä mo mo mo wö wö wö 22xjä mo mo mo mo mo wö wö wö 97Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel SonntagsBlatt erftstadt aktuell euskirchen aktuell RW Ronsdorfer Wochenschau SonntagsBlatt Schlänger Bote Verler Magazin blickpunkt (Siegen) Brühler Schlossbote Werbekurier Streiflichter (Coesfeld) Streiflichter (Dülmen) Extra-Blatt (Siegburg) wochenende (Siegburg) Soestmagazin Stadt-Anzeiger (Soest, Mi.) Stadt-Anzeiger (Soest, So.) Euskirchener Wochenspiegel Monschauer Wochenspiegel Schleidener Wochenspiegel Marktplatz Harsewinkel Blomberger Anzeiger Beverunger Rundschau Kiek mal rin! Lippstadt am Sonntag Senne Rundschau Rüthen extrastark Desenberg Bote werbepost Werne am Sonntag pyrmonter Rundblick Pyrmonter Rundblick am Sonntag Weserspucker Stadt-Anzeiger (Ahlen/Beckum) Stadt-Anzeiger (Mi., Hamm) Stadt-Anzeiger (So., Hamm) Wir in Detten Wir in Greven Wir in Ibbenbüren Wir in Lengerich Wir in Rheine Wir in Steinfurt Wittgensteiner Wochenpost (Mi.) Wittgensteiner Wochenpost (Sa.) Firma Verlag Grone Verlag Iris Brach Verlag Iris Brach Verlag Ronsdorfer Wochenschau Körschgen & Bischzur oHG Verlag SonntagsBlatt Verlagsgesellschaft Fleege UG Verler Magazin GbR Vorländer GmbH & Co KG VSW Verlag Schlossbote/Werbekurier GmbH & Co KG VSW Verlag Schlossbote/Werbekurier GmbH & Co KG VWG Verlagsgesellschaft Westmünsterland GmbH VWG Verlagsgesellschaft Westmünsterland GmbH VWP Verlag für Werbe-Publikationen GmbH & Co KG VWP Verlag für Werbe-Publikationen GmbH & Co KG W. Jahn Verlag GmbH & Co KG W. Jahn Verlag GmbH & Co KG W. Jahn Verlag GmbH & Co KG Weiss-Verlag GmbH & Co KG Weiss-Verlag GmbH & Co KG Weiss-Verlag GmbH & Co KG Wendland Druck + Verlag Werbeagentur Giesdorf GmbH & Co KG Werbeagentur Martin Schiffner Werbeagentur Promo & Co Werbeagentur Thiesbrummel GmbH Werbedruck Zünkler GmbH & Co KG Werbegemeinschaft Rüthen e.V. Werbegemeinschaft Warburg Werbepost Anzeigenblatt GmbH & Co KG Werne am Sonntag GbR Weser-Region Werbeverlag GmbH Weser-Region Werbeverlag GmbH Weserspucker-Verlag GmbH & Co KG Westfälischer Anzeiger Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Westfälischer Anzeiger Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Westfälischer Anzeiger Verlagsgesellschaft mbH & Co KG Wir in Detten GmbH & Co KG Wir in Detten GmbH & Co KG Wir in Detten GmbH & Co KG Wir in Detten GmbH & Co KG Wir in Detten GmbH & Co KG Wir in Detten GmbH & Co KG Wittgensteiner Wochenpost GmbH Wittgensteiner Wochenpost GmbH Verteilte Auflage 183500 23000 27600 12800 25000 20000 15500 16500 41800 18900 23200 34800 199500 199500 23500 82400 80300 55400 18300 35600 15000 25400 26700 4500 46400 13000 5000 29000 106300 21000 17000 17000 110000 56200 95400 100000 23400 19200 40200 21300 37200 28300 21700 21700 183500 5290 6348 12800 25000 4600 3565 1980 41800 18900 23200 34800 199500 199500 5405 82400 80300 55400 18300 35600 4650 5842 26700 1035 46400 6500 650 29000 106300 21000 17000 17000 110000 56200 95400 100000 23400 19200 40200 21300 37200 28300 21700 21700 Gewichtete Auflage Turnus wö mo mo wö wö mo mo 2mo wö wö wö wö wö wö mo wö wö wö wö wö 16xjä mo wö mo wö 2wö 7xjä wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö 98 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel wochenkurier (Ennepetal) Wochenkurier (Iserlohn) wochenkurier (Schwerte) wochenkurier (Hagen) wochenkurier am Sonntag (Hagen) Bergische Wochenpost (Burscheid) Bergische Wochenpost (Düsseldorf- Süd) Bergische Wochenpost (Erkrath) Bergische Wochenpost (Haan) Bergische Wochenpost (Hilden) Bergische Wochenpost (Langenfeld) Bergische Wochenpost (Leichlingen) Bergische Wochenpost (Leverkusen) Bergische Wochenpost (Monheim) Bergische Wochenpost (Solingen) Bergische Wochenpost (Wermelskirchen) Die Ruhrhalbinsel Nachbarschaft ist unsere Stärke (Essen) Nachbarschaft ist unsere Stärke (Oberh.) Wir im Norden Wir in Borbeck Wir in Mülheim Grenzland wochenpost Wochentip DN-Woche, Die Borbeck Kurier (Mi.) Borbeck Kurier (Sa.) Gocher Wochenblatt (Mi.) Gocher Wochenblatt (So.) Kettwig Kurier (Mi.) Firma wochenkurier Ennepe-Ruhr GmbH Wochenkurier Iserlohn GmbH Wochenkurier Schwerte Verlags GmbH Wochenkurier-Verlagsgesellschaft mbH Wochenkurier-Verlagsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost AWV Anzeigen-, Werbe-Verlagsberatungsgesellschaft mbH Wochenpost Verlags- und Werbegesell- schaft mbH & Co KG Wochen-Tip Verlagsgesellschaft mbH & Co KG WVG Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG Verteilte Auflage 43600 60600 31400 120500 120500 12400 21900 23800 14900 29600 27000 12800 82200 19400 73700 12200 35000 40000 76200 29000 38000 55000 45000 63500 77700 43400 43400 21200 21200 11800 43600 60600 31400 120500 120500 12400 21900 23800 14900 29600 27000 12800 82200 19400 73700 12200 8050 9200 17526 6670 8740 12650 45000 63500 77700 43400 43400 21200 21200 11800 Gewichtete Auflage Turnus wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö mo mo mo mo mo mo wö wö wö wö wö wö wö wö 99Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Kettwig Kurier (Sa.) Klever Wochenblatt Klever Wochenblatt (So.) Location Magazin Duisburg Location Magazin Essen Location Magazin Mülheim Location Magazin Oberhausen Mülheimer Woche (Mi.) Mülheimer Woche (Sa.) Niederrhein-Anzeiger Nord-Anzeiger (Essen) Nord-Anzeiger (Essen; Sa.) Rhein-Bote (Düsseldorf) Ruhr Kurier (Essen) Ruhr Kurier (Sa.) Stadt-Anzeiger (Emmerich/Rees) Stadt-Anzeiger (Emmerich, So.) Stadt-Anzeiger (Hagen, Mi.) Stadt-Anzeiger (Hagen, So.) Stadt-Anzeiger (Herdecke/Wetter) Stadt-Anzeiger (Herdecke, So.) Stadt-Anzeiger (Velbert/Heiligenhaus) Stadt-Anzeiger (Velbert/Heiligenhaus, Sa.) Stadtspiegel (Fröndenberg/Wickede) Stadtspiegel (Fröndenberg, So.) Stadtspiegel (Gelsenkirchen) Stadtspiegel (Hattingen/Niedersp., Mi.) Firma WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG Verteilte Auflage 11800 37600 37600 13000 13000 13000 13000 90400 90400 54800 70400 70400 296800 27100 27100 27200 27200 90700 90700 27800 27800 57000 57000 14900 14900 136200 33900 11800 37600 37600 2990 2990 2990 2990 90400 90400 54800 70400 70400 296800 27100 27100 27200 27200 90700 90700 27800 27800 57000 57000 14900 14900 136200 33900 Gewichtete Auflage Turnus wö wö wö mo mo mo mo wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö 100 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Stadtspiegel (Hattingen, Sa.) Stadtspiegel (Iserlohn, So.) Stadtspiegel (Iserlohner/Hemer) Stadtspiegel (Menden, Mi.) Stadtspiegel (Menden, So.) Stadtspiegel (Recklinghausen) Stadtspiegel (Unna/Kamen) Steeler Kurier (Essen, Mi.) Steeler Kurier (Sa.) Süd-Anzeiger (Essen, Mi.) Süd-Anzeiger (Essen, Sa.) wap (Ennepetal/Gevelsberg/ Schwelm, Mi.) wap (Ennepetal, Sa.) Werden Kurier (Mi.) Werden Kurier (Sa.) Weseler, Der West-Anzeiger (Essen, Mi.) West-Anzeiger (Essen, Sa.) Wochen-Anzeiger (Arnsberg, Mi.) Wochen-Anzeiger (Arnsberg, Sa.) Wochen-Anzeiger (Duisburg, Mi.) Wochen-Anzeiger (Duisburg, Sa.) Wochenanzeiger (Hilden, Mi.) Wochenanzeiger (Hilden, Sa.) Wochen-Anzeiger Oberhausen (Mi.) Wochen-Anzeiger Oberhausen (Sa.) Wochenblatt (Herne, Mi.) Firma WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG Verteilte Auflage 33900 68100 68100 32700 32700 173500 87500 39600 39600 81700 81700 48900 48900 10700 10700 39900 31500 31500 42400 54700 243000 243000 73600 73600 109600 109600 86600 33900 68100 68100 32700 32700 173500 87500 39600 39600 81700 81700 48900 48900 10700 10700 39900 31500 31500 42400 54700 243000 243000 73600 73600 109600 109600 86600 Gewichtete Auflage Turnus wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö wö 101Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Wochenblatt (Herne, So.) Wochen-Magazin (Moers) Xantener, Der Inside-Magazin donnerstags NW Gesamt Firma WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG WVW Westdeutsche Verlags- und Werbe - gesellschaft mbH & Co KG Zeitschriftenverlag Westerheide Zeitungsverlag Neue Westfälische GmbH & Co KG Verteilte Auflage 86600 90300 16100 40000 82700 25.170.450 86600 90300 16100 7600 82700 22.215.492 Gewichtete Auflage Turnus wö wö wö 10xjä wö 102 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW *(Eine titel-alphabetisch geordnete Übersicht steht in Kap. 4) Titel Treffpunkt TOP Magazin Aachen Auto Schau Fenster OWL Siebengebirgs-Zeitung LebensArt (Gladbeck) LebensArt (Kirchhellen) LebensArt (Reken) LebensArt (Schermbeck) Bilker Bote NiederRhein Bergische Blätter bunteSeiten (Wesel) Herten erleben Oer-Erkenschwick erleben biograph Bonner Illustrierte Uni Extra-Magazin Borbecker Nachrichten Köln-Bonn Manager Niederrhein Manager Revier Manager Südwestfalen Manager TOP Magazin Sauerland Twinformer (Arnsberg) Kulturnews mit City.Mag – Düsseldorf Kulturnews mit City.Mag – Köln Kulturnews mit City.Mag – Ruhr port01 city flash (Bochum) port01 city flash (Essen) port01 city flash (Krefeld) port01 city flash (Mönchengladbach) port01 city flash (Neuss) guetsel.de CityNews Stadtmagazin (Castrop-Rauxel) Stadtmagazin (Hagen) Stadtmagazin (Iserlohn) Stadtmagazin (Lünen) Stadtmagazin (Witten) Cronenberger Anzeiger Heft, das duisburger, der oberhausener, der Niederrheinische Hefte Die Bad Honnefer Wochenzeitung Weg & Fähre Bonewie Dürener na dann ... Lippeportal Firma ACM Agentur für Creatives Marketing GmbH AixTra Media GmbH Andreas Glasenapp Verlag Anton Uelpenich Druck und Verlag Aureus GmbH Aureus GmbH Aureus GmbH Aureus GmbH AZ Druck + Verlag GmbH B.o.s.s Druck und Medien GmbH Bergische Blätter Verlags-Gesellschaft mbH Bernhart & Zakrzewski GbR Bessere Umwelt Verlagsgesellschaft mbH Bessere Umwelt Verlagsgesellschaft mbH biograph Verlag Bonner Illustrierte Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH Borbecker Nachrichten Wil-helm Wimmer GmbH & Co KG Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Brinkschulte Medien GmbH & Co KG Bunk Verlags GmbH Zentralredaktion Bunk Verlags GmbH Zentralredaktion Bunk Verlags GmbH Zentralredaktion campus-trading Handelsges. mbH campus-trading Handelsges. mbH campus-trading Handelsges. mbH campus-trading Handelsges. mbH campus-trading Handelsges. mbH Christian Schröter AGD CityNews Köln GbR correctum verlag correctum verlag correctum verlag correctum verlag correctum verlag Cronenberger Anzeiger Verlag und Buch- druckerei Johannes Eckers das Heft Zeitschriften Verlag Harald Morsch designWerk Verlag designWerk Verlag Detlef Fleischer PR Die Bad Honnefer Wochenzeitung Druck- und Verlagshaus Hüpke & Sohn Weserland-Verlag GmbH Druckerei zum Stickling GmbH Dürener dvv Druck, Vervielfältigungs- und Vertriebs GmbH eadmedia Verbreitete Auflage 7000 10000 10000 5000 30000 11000 20000 7000 20000 15000 10000 5000 25000 10000 26900 k.A. 4743 20500 20500 27800 k.A. 12000 k.A. 23100 23100 23100 8100 6700 9700 9400 8400 15000 50000 10000 10000 10000 10000 10000 6000 10000 22000 10600 10000 2000 26000 11500 12000 33000 20000 1610 800 2100 5000 6900 2530 4600 1610 4600 3450 5000 1150 2000 800 6187 k.A. 4743 2460 4715 5282 k.A. 960 k.A. 5313 5313 5313 1863 1541 2231 2162 1932 3450 6000 1200 1200 1200 1200 1200 6000 2100 5060 2438 2100 2000 5980 2645 1800 33000 4600 Gewichtete Auflage Turnus mo 4xjä 11xjä wö mo mo mo mo mo mo 2wö mo 4xjä 4xjä mo 2xjä wö 2mo mo 10xjä 10xjä 4xjä mo mo mo mo mo mo mo mo mo mo 2mo 2mo 2mo 2mo 2mo 2mo wö 11xjä mo mo 11xjä wö mo mo 8xjä wö mo Tab. 6.2: Übersicht: Lokale/regionale Zeitschriften in NRW und ihre Verlage* 103Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel EM Das Eifelmagazin pan Essen.onpaper der eulenspiegel Grenzland Nachrichten GT-Info TOP Magazin Ruhr SoSo GIG (Münster + Osnabrück) GIG Uni-GIG GE-Sport GLA-Sport GL & Lev kontakt SU.kontakt Hülser Mitteilungen LH-Information Leitplanke Heinz – Bochum/Herne Heinz – Dortmund Heinz – Duisburg/Oberhausen/ Mülheim Heinz – Essen Heinz – Wuppertal Langenfelder Stadtmagazin Monheimer Stadtmagazin Ausblick Fröndenberg Ortszeit Kreis Unna wattenscheid.net IN Stadtmagazine Wir in Schwerte derneusser Massen aktuell Franzz Mokka Prinz – Düsseldorf Prinz – Köln Prinz – Ruhrgebiet Oberbergische Impulse Straelen aktuell Kölner Illustrierte Kölner Illustrierte UniSpecial Kölner Stadtführer Live – Magazin Köln und Umgebung TOP Magazin Bonn Rodenkirchen – Kölner Bilder-Bogen KR-ONE Italien Life goliving (Köln/Bonn) treffpunkt stolberg TOP Magazin Niederrhein Firma EM Verlag GbR enk verlag gmbh Essen.onpaper Eulenspiegel Verlag GmbH Fegers Druck und Verlag GmbH Flöttmann Verlag GmbH Forma Verlags- und Marketing GmbH Gerd Heiler-Schwarz GIG Verlags GmbH GIG Verlags GmbH Gill-Aktuell Gill-Aktuell GL Verlags GmbH GL Verlags GmbH H. Kaltenmeier Söhne oHG Druckerei und Verlag H. Rademann GmbH Druck- und Medienhaus Heidrich Verlags GmbH Heinz-Magazin Dortmund Verlags GmbH Heinz-Magazin Dortmund Verlags GmbH Heinz-Magazin Dortmund Verlags GmbH Heinz-Magazin Dortmund Verlags GmbH Heinz-Magazin Verlags GmbH Hildebrandt Verlag Hildebrandt Verlag Horschler Verlagsgesellschaft mbH Horschler Verlagsgesellschaft mbH (zuvor: mediaprint) human image Mediendienstleistungen IN Media Schwalm IN Media Schwalm in-D Media GmbH & Co KG Info Werbung Büscher GmbH Informa Verlag GmbH J. Mergelsberg GmbH & Co KG Jahreszeiten-Verlag GmbH Jahreszeiten-Verlag GmbH Jahreszeiten-Verlag GmbH Journalistenbüro Profil Just in Time Crossmedia K.I.-Mediengesellschaft mbH K.I.-Mediengesellschaft mbH K.I.-Mediengesellschaft mbH K.I.-Mediengesellschaft mbH Kern & Friends Unternehmensberatung & Media-Agentur GmbH Kölner Bilder-Bogen Verlag GmbH KR-1 GbR Kulturkooperative Wuppertal e.V. Life 2000 Verlags GmbH living-crossmedia GmbH & Co KG Loga Logistik Gastinger KG Lohmann and Friends GmbH Verbreitete Auflage 48000 11500 10000 20000 6500 44000 15000 10000 31500 26300 7000 7000 18000 18000 4700 17000 11500 20000 24500 21000 22000 20000 10400 4800 12000 40000 10000 122000 15000 70000 k.A. 20000 9000 22500 22800 31800 11000 5000 18300 10000 10000 42900 10000 8000 20000 12400 26000 34500 6500 11000 11040 2645 1900 10000 6500 10120 1200 2300 7245 1052 7000 7000 2160 2160 4700 3910 2415 4600 5635 4830 5060 4600 2184 1008 480 9200 2300 14640 1800 16100 k.A. 4600 2070 5175 5244 7314 880 1150 4209 400 400 9867 800 1840 4200 2852 4940 2760 780 880 Gewichtete Auflage Turnus mo mo 10xjä 2wö wö mo 4xjä mo mo 2xjä wö wö 2mo 2mo wö mo 11xjä mo mo mo mo mo 11xjä 11xjä 2xjä mo mo 2mo 2mo mo mo mo mo mo mo mo 4xjä mo mo 2xjä 2xjä mo 4xjä mo 11xjä mo 10xjä 4xjä 2mo 4xjä 104 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel BunteSeiten (Kleve) Hindenburger rik-Magazin Blu blu NRW Ruhr-Zeit Made in Leverkusen Kamen Magazin Unna Magazin Nachtflug BunteSeiten (Borken) News – Das Magazin Rhein-Ruhr Magazin Partysan NRW Take Movie Drei Länder Kurier Haken (Bergisch) Haken (Hagen) Haken (Märkischer Kreis) WiR Wirtschaft regional (Münster/ Osnabrück) WiR Wirtschaft regional (OWL) Niersbote Klenkes Magazin für Aachen Klenkes neo Revier Sport PUR (Soest) Rheinkiesel Bielefelder Spiegel mein Rheinland Top Magazin Köln coolibri Düsseldorf/Wuppertal/ Niederrhein coolibri Ruhrgebiet Woman In The City (Bochum/Witten) Woman In The City (Wuppertal/ Düsseldorf) Ruhrbarone Top Magazin Wuppertal Scala ett essener tipps und termine Stadtanzeiger Willi – Kulturmagazin für Alphabeten Die Wochenschau Haller Willem Stadt-Revue Stadt-Revue HochschulMagazin Lippische Wochenschau – insider Firma Lokal Leben Kleve GmbH Marktimpuls GmbH & Co KG Mattei Medien GmbH mCruise GmbH mCruise GmbH mediabunt GmbH Medienhaus Garcia GmbH Medienverlag am Friedrichsborn GmbH & Co KG Medienverlag am Friedrichsborn GmbH & Co KG m-e-p network Unternehmergesellschaft Michael Lafrentz News-Stadtmagazin GmbH & Co KG Nordis Verlag GmbH Partysan Central GmbH Patrick Schaab PR GmbH Pixel Produktion – Gabor Baksay Plenert-Verlag PR-Design & Verlag PR-Design & Verlag PR-Design & Verlag Press Medien GmbH & Co KG Press Medien GmbH & Co KG Presse und Kunst Point print ´n´ press Verlag GmbH print ´n´ press Verlag GmbH Prokom Medienberatungs-Verlagsgesell- schaft mbH PUR Verlag Quartett-Verlag Regional Verlag GmbH rheinland media & kommunikation gmbh RHS Verlagsgesellschaft GbR Roland Scherer Verlags- und Werbeservice GmbH Roland Scherer Verlags- und Werbeservice GmbH RR-Media GmbH RR-Media GmbH ruhrbarone.de Rundschau Verlagsgesellschaft mbH (Wuppertal) Scala Verlag GmbH Schönfeldt & Partner Verlags GmbH Stadtanzeiger Verlag Solingen e.K. Stadtführer Verlag Stadtgeflüster GmbH & Co KG Stadtmagazin Haller Willem Stadt-Revue Verlags-GmbH Stadt-Revue Verlags-GmbH Strohmeier Medien GmbH & Co KG Druck und Verlag Verbreitete Auflage 5000 35000 26500 120000 32111 25000 10000 10500 20000 32000 5000 13700 28000 27700 18400 17000 59700 20000 20000 20000 18000 18000 1200 29800 15000 30000 10000 15000 18200 50000 18000 70400 121800 20000 20000 K. A. 10000 16000 16000 10000 k.A. 15000 12000 26500 20000 12500 600 8050 6095 22800 7385 3000 1200 2415 4600 6080 600 3151 2240 6371 1472 3910 13731 4600 4600 4600 4140 4140 1200 6854 1200 60000 2300 3450 9100 6000 1440 16192 28014 4600 4600 k. A. 800 3680 3040 2300 k.A. 15000 2760 6095 800 12500 Gewichtete Auflage Turnus 2mo mo mo 10xjä mo 2mo 2mo mo mo 10xjä 2mo mo 4xjä mo 4xjä mo mo mo mo mo mo mo wö mo 4xjä 2xwö mo mo 2wö 2mo 4xjä mo mo mo mo k.A. 4xjä mo 10xjä mo mo wö mo mo 2xjä wö 105Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel subculture (Koblenz/Bonn) tas trends-art-style Jounal Sterkrade stadtreport Münster live Münsterland Steinfurt aktuell Wirtschaft Münsterland bielefeld geht aus Bielefelder Gütersloh geht aus münster geht aus Münster kauft ein Münster Service Guide TOP Magazin Düsseldorf TOP Magazin Münster Ultimo Bielefeld + Münster Ultimo Münster Ultimo Uni-Special Münster Update (Ostwestfalen) Update (Ruhrgebiet) Schnüss – Das Bonner Stadtmagazin Schnüss Uni-Magazin Bergischer Bote Szene Bonn Wildwechsel – Paderborn/Kassel choices Kino.Kultur.Köln engels filmjournal trailer MünsterlandAuto.de Top Magazin Neuss KingKalli Stadtgeflüster smag clublife magazine NordWest Aachen aktuell Rheinland pur zwanzig 10 bad aachen TOP Magazin Siegen Werdener Nachrichten Westfalium Firma subculture GmbH & Co KG tas Verlag Team 2 Werbeagentur GmbH & Co KG Team 2 Werbeagentur GmbH & Co KG Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Tecklenborg Verlag Inhaber Brigitte Tecklenborg Tips-Verlag GmbH Tips-Verlag GmbH Tips-Verlag GmbH Tips-Verlag GmbH Tips-Verlag GmbH Tips-Verlag GmbH TOP – Verlag und Marketing GmbH TOP Münster & Münsterland Verlag & Redaktion Ultimo Verlag GmbH Ultimo Verlag GmbH Ultimo Verlag GmbH Update Magazin & Verlag Voss und Zimmer GbR Update Magazin & Verlag Voss und Zimmer GbR Verein zur Förderung alternativer Medien e.V. Verein zur Förderung alternativer Medien e.V. Verlag am See Verlag Eberhard A. Breinlinger Verlag Fedor Waldschmidt GbR Verlag Joachim Berndt Verlag Joachim Berndt Verlag Joachim Berndt Verlag Joachim Berndt Verlag Lensing-Wolff GmbH & Co KG Verlag Marlies Wisbert Verlag um die Ecke Verlag und Agentur stadtgeflüster VGS Verlagsgruppe Stegenwaller GmbH VI-Marketing VSW Verlag Schlossbote/Werbekurier GmbH & Co KG VVA Kommunikation GmbH VVWB Verlag Wirtschaft und Bildung GmbH & Co KG Watterich Verlag GmbH Werdener Nachrichten Wimmer GmbH & Co KG Westfalium Verlag GmbH & Co KG Verbreitete Auflage 20000 18000 13500 8500 17200 16300 8000 8400 20000 2400 20000 20000 20000 20000 20000 10000 29800 15900 30000 20000 20000 12000 14800 50000 10000 11000 31600 14900 22200 31600 123300 8000 20000 10500 39800 6000 80000 20000 26500 10000 2970 17900 4600 3420 1080 1955 3956 1304 640 672 800 552 800 800 800 800 1600 800 14900 7950 1200 4600 4600 2760 592 6000 2300 2530 7268 3427 5106 7268 23427 640 2400 1260 9154 1380 3200 1200 6095 800 2970 1432 Gewichtete Auflage Turnus mo 10xjä 4xjä mo mo 4xjä 4xjä 4xjä 2xjä mo 2xjä 2xjä 2xjä 2xjä 4xjä 4xjä 2wö 2wö 2xjä mo mo mo 2xjä 2mo mo mo mo mo mo mo 10xjä 4xjä 2mo 2mo mo mo 2xjä 3xjä mo 4xjä wö 4xjä 106 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel Top Magazin (Dortmund) Bergisches Wirtschaftsblatt Düsseldorfer Wirtschaftsblatt Wirtschaftsblatt Köln – Bonn – Aachen Wirtschaftsblatt Kreis Mettmann Wirtschaftsblatt Metropole Ruhr Wirtschaftsblatt Niederrhein Wirtschaftsblatt Westfalen Wirtschafts Journal Süd-West TOP Magazin Bielefeld Libelle You & Me Q-Quadrat Kevelaerer Blatt Gesamt Firma Winnie Live Media S.L. & Co KG Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschaftsblatt Verlagsgesellschaft mbH Wirtschafts-Medien-Verlag Ltd & Co KG Wolter Medien GmbH & Co KG Xitix Agentur & Verlag you+me-Verlag/Marcuß Westphal Zeitungsverlag Aachen GmbH Zeitungsverlag Niederrhein GmbH & Co Essen KG Verbreitete Auflage 12000 10000 10000 13000 10000 12000 11000 12000 25000 12000 30000 24600 11000 3700 3.972.924 960 1000 1000 1300 1000 1200 1100 1200 3000 960 6900 5658 880 3700 878.084 Gewichtete Auflage Turnus 4xjä 5xjä 5xjä 5xjä 5xjä 5xjä 5xjä 5xjä 2mo 4xjä mo mo 4xjä wö 107Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel www.heide-bote.de www.unser-brilon.de www.suedwestfalen-nachrichten.de www.info-mg.de www.report-k.de www.expressi.de www.heiligenhaus-blog.de www.wes-point.de www.bottblog.de www.kamenweb.de www.blomberg-news.de www.maas-rhein-zeitung.de www.do21.de www.citygator.de www.brilon-totallokal.de www.winterberg-totallokal.de www.bz-mg.de www.luenen-direkt.de www.deltaregio.net www.wafregional.de www.dorfinfo.de www.broeltal.de www.lippeportal.de www.erftstadt-onlinemagazin.de www.stadtus.de www.rurweb.de www.freudenberg-online-news.de www.attendorner-geschichten.de www.meine-suedstadt.de www.geseke-online.de www.guru-magazin.de www.gueterslohtv.de www.hallo-luebbecke.de www.hallo-herne.de www.herein.tv www.honnef24.de www.hillegossen-online.de www.selfkant-online.de www.wirtschaft-aktuell.de www.westline.de www.input-aktuell.de www.muensterland.de www.Cityinfo24.de www.isselburg-live.de www.borio.tv www.duisburgweb.de www.news-bielefeld.de www.oerlinghauser-blatt.de www.lippe1.de www.echo-muenster.de www.kle-point.de www.lokalvision.de www.bo-alternativ.de www.go-krefeld.de Firma 4D-Team Melcher AR-Kreativ & Media (ARKM) AR-Kreativ & Media (ARKM) Archimedes Data GmbH Atelier Goral GmbH BDK Medien GmbH & Co KG Bergisch Media Bernhart & Zakrzewski GbR Björn Wilmsmann Brettschneider & Hanck GbR Brink Medien-Agentur Bökelverlag Manfred Schulz e.K. Börner & Hrabe GbR Citygator.de Comsystem Handelsges. mbH Comsystem Handelsges. mbH Corporate PublishingService Datentechnik Hoffmann deltaRegio.Net Ges. für reg. Online-Dienste GmbH Der Spökenkieker DorfInfo.de DPITS eadmedia Erftstadt-OnlineMagazin Erlewein & Schulte GbR Frank Reiermann Software und Internet Freudenberg Online News Frey Print + Media GmbH Gebhardt, Moll & Soliz GbR Geseke online Guru Magazin GmbH Gütersloh TV Hallo-Lübbecke GbR halloherne UG herein Neue Medien OHG Honnef24.de Horstmann + Tiekötter GbR Huchel visualmedia Werbeagentur GmbH Hötzel, RFS & Partner, Druckerei, Verlag, Werbeagentur GmbH ICSmedia GmbH Input-Medien Boßmann Internet Marktplatz GmbH & Co KG Interverdi/Internetvertrieb & Dienstleistunge Isselburg-Live J. Mergelsberg GmbH & Co KG Jeschke Knörzer Schneider GbR Kateryna Krunich Klee & Raschke GbR Lippe1 Livingpage Media Ltd. & Co KG Lokal Leben Kleve GmbH Lokalvision Horsmann, Kuhne, Rakow GbR Ludwig Quidde Forum Lunanet GmbH Tab. 6.3: Lokaljournalistische Online-Portale ohne Medienverbund 108 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Titel www.badoeynhausen24.de www.loehne24.de www.tv-emscher-lippe.de www.sauerland-tv.de www.oberberg-tv.de www.owl-sportnews.de www.lippe-news.de www.bor-point.de www.lebensart-regional.de www.wirsiegen.de www.blomberg-voices.de www.niederbergnet.de www.oberberg-aktuell.de www.sennefenster.de www.in-pulheim.de www.news-oberberg.de www.owl-journal.de www.borken-city.de www.rhede-city.de www.stadtnetz-radevormwald.de www.salzufler-stadtgefluester.de www.koeln-nachrichten.de www.stadttv-dueren.de www.tv-huerth.de ww.brilon info www.hsk-aktuell.de www.gt-live.de www.hochstift-live.de www.ruhrbarone.de www.sauerland-anzeiger.de www.sauerland-nachrichten.de www.salzkotten-tv.de www.stadtgefluester-muenster.de www.stadtmagazin.com www.lohmar.info www.much-heute.de www.mazz-tv.de www.sk-naklar.de www.treffpunkt-minden.de www.trendjournal-tv.de www.troisdorf24.de www.awi-ag.de www.unserort.de www.ratinger-news.de www.stadtgefluester.de www.euregio-aktuell.eu www.waterboelles.de www.hansestadt-aktuell.de www.hxpo.de www.inside-siegen.de www.bz-mg.de www.treffpunkt-wetter.de www.treffpunkt-wetter.de www.5zwo.de Firma Löhne 24 Das Stadtportal Löhne 24 Das Stadtportal MBC Medienhaus GmbH media-x-vision media-x-vision Medienagentur Heinz-Friedrich Pries Medienagentur Heinz-Friedrich Pries Michael Lafrentz MP Mediapartner Mies & Pöche GbR Nachrichtenagentur Trojak New Classic Werbeagentur NiederbergNet.de Oberberg-Online Informationssysteme GmbH Onlinemagazin Sennefenster Onlinezeitung Thiel Optical illusion Media WorkX OWL-Journal Pixtura Werbeagentur e.K. Pixtura Werbeagentur e.K. Portunity Media GmbH Proserver Media Fullservice Toppmöller e.K. Ralph Kruppa RegionalOnline UG RheinErft.TV UG RK online Verlag GmbH RK online Verlag GmbH RK-Video Reiner Kerner RLS Jakobsmeyer GmbH ruhrbarone.de Sauerland Anzeiger.de Sauerland-Nachrichten Stadtfernsehen Salzkotten e.V. Stadtgeflüster GmbH & Co KG stadtmagazin.com Kayvani & Alev GbR Studio 242 Schmoll & Wiese GbR Studio 242 Schmoll & Wiese GbR Telaos GmbH & Co KG Temming Verlag KG Treffpunkt Minden Trend Verlag GmbH Troisdorf24.de Uncutblog Onlinemagazin Rheda-Wiedenbrück Unserort Media UG UW-ConcepT Verlag und Agentur stadtgeflüster VI-Marketing waterboelles.de Web & Printmedien Attendorn webcss GbR (zuvor: hxpo GbR) Werbeagentur De Knuydt WilmsConsult Mönchengladbach Winkelmann Consult GmbH Winkelmann Consult GmbH Zeitungsverlag Aachen GmbH Tab. 6.4: Register der Tabellen 2.1 Tageszeitungen in Nordrhein-Westfalen 12 2.2 Verkaufte Auflagen und Marktanteile (MA) nach Zeitungstyp in NRW 13 2.3 Auflagen der überregionalen Zeitungen in NRW 14 2.4 Teilausgaben von BILD in NRW 15 2.5 Regionale und lokale Tageszeitungen in NRW 16 2.6 Zeitungsgruppen in NRW: Gemeinsamer Hauptteil 28 2.7 Verlagsgruppen in NRW nach Kapitalverflechtungen 20 2.8 Ein-Zeitungs-Kreise und Mehr-Zeitungs-Kreise 2008 22 2.9 Entwicklung der Zeitungsdichte in NRW 23 2.10 Kreise und kreisfreie Städte mit Monopolstrukturen 2012 23 2.11 Zeitungsdichte in den Regierungsbezirken 2012 26 2.12 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Köln 2012 27 2.13 Regierungsbezirk Köln: Marktanteile nach Marktposition 2012 27 2.14 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Düsseldorf 2012 29 2.15 Regierungsbezirk Düsseldorf: Marktanteile nach Marktposition 2012 30 2.16 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Münster 2012 33 2.17 Regierungsbezirk Münster: Marktanteile nach Marktposition 2012 33 2.18 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Arnsberg 2012 36 2.19 Regierungsbezirk Arnsberg: Marktanteile nach Marktposition 2012 37 2.20 Zeitungsdichte im Regierungsbezirk Detmold 2012 39 2.21 Regierungsbezirk Detmold: Marktanteile nach Marktposition 2012 41 2.22 Beteiligungen am Lokalfunk im Verbreitungsgebiet der WAZ-Titel 43 2.23 Westdeutsche Allgemeine: Teilauflagen und Marktpositionen 44 2.24 Neue Ruhr/Rhein Zeitung: Teilauflagen und Marktpositionen 45 2.25 Westfälische Rundschau: Teilauflagen und Marktpositionen 47 2.26 Westfalenpost: Teilauflagen und Marktpositionen 48 2.27 Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau: Teilauflagen und Marktpositionen 50 2.28 Rheinische Post: Teilauflagen und Marktpositionen 52 2.29 Ruhr Nachrichten: Teilauflagen und Marktpositionen 55 2.30 Neue Westfälische: Teilauflagen und Marktpositionen 57 2.31 Westdeutsche Zeitung: Teilauflagen und Marktpositionen 59 2.32 Westfälische Nachrichten: Teilauflagen und Marktpositionen 61 2.33 Aachener Nachrichten/Aachener Zeitung: Teilauflagen und Marktpositionen 63 2.34 Westfalen-Blatt: Teilauflagen und Marktpositionen 65 2.35 General-Anzeiger: Teilauflagen und Marktpositionen 66 2.36 Westfälischer Anzeiger: Teilauflagen und Marktpositionen 67 2.37 Lüdenscheider Nachrichten: Teilauflagen und Marktpositionen 68 2.38 Siegener Zeitung: Auflagenanteile und Marktpositionen 70 3.1 Anzeigenblätter der Verlagsgruppe WAZ, Essen 73 3.2 Anzeigenblätter der Verlagsgruppe Rheinische Post, Düsseldorf 75 3.3 Anzeigenblätter der Verlagsgruppe Ruhr Nachrichten, Dortmund 76 3.4 Anzeigenblätter der Verlagsgruppe DuMont, Köln 77 3.5 Anzeigenblätter der Verlagsgruppe Heinen 78 4.1 Lokale/regionale Zeitschriften in NRW 80 5.1 Nutzungsdaten von Online-Portalen 86 109Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 6 Anhang: 6.1 Verlage von Anzeigenblättern und ihre Titel 87 6.2 Übersicht: Lokale/regionale Zeitschriften in NRW und ihre Verlage 102 6.3 Lokaljournalistische Online-Portale ohne Medienverbund 107 6.4 Register der Tabellen 109 110 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 111Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Publizistische Vielfalt in strukturell divergierenden lokalen Medienmärkten — eine Angebotsanalyse in den Kommunikations räumen Köln, Remscheid und Borken Helmut Volpers, Uli Bernhard, Holger Ihle und Detlef Schnier Inhaltsverzeichnis Inhalt 112 1 Einleitung 114 1.1 Problemstellung und Zielsetzung 114 1.2 Konzeption und Forschungsdesign 116 1.3 Methoden und Erhebungsinstrumente 117 1.4 Exkurs: Publizistische Merkmale von Onlinemedien und methodische Konsequenzen 119 für ihre Analyse 1.5 Datenaufbereitung, –interpretation und Aufbau der Studie 121 2 Zum Stand der Forschung 123 2.1 Überblick 123 2.2 Zentrale Befunde der Forschung zur publizistischen Vielfalt 124 2.3 Zur Messung publizistischer Vielfalt 126 2.4 Exkurs: Ergebnisse einer explorativen Vorstudie zur publizistischen Vielfalt in den 127 Kommunikationsräumen Düsseldorf, Duisburg und Köln 2.5 Forschungsleitendes Interesse der vorliegenden Studie 129 3 Lokale Kommunikationsräume in NRW — übergreifende Merkmale der Angebotsstruktur 131 und publizistischen Leistung 4 Das Angebot privatwirtschaftlicher Medien in ausgewählten lokalen Kommunikationsräumen133 4.1 Die lokale Medienlandschaft in Köln 133 4.1.1 Struktur der Medienlandschaft 133 4.1.2 Die Lokalberichterstattung in intramediärer Perspektive 140 4.1.2.1 Presse 140 4.1.2.2 Hörfunk 142 4.1.2.3 Nahraumfernsehen 144 4.1.2.4 Onlinemedien 158 4.1.3 Die Lokalberichterstattung im intermediären Vergleich 150 4.1.3.1 Die quantitative Berichterstattungsleistung 150 4.1.3.2 Die Thematisierung und journalistische Behandlung kontroverser Themen 152 4.1.4 Zwischenfazit: Lokalpublizistische Angebote im Kommunikationsraum Köln 165 4.2 Die lokale Medienlandschaft in Remscheid 166 4.2.1 Struktur der Medienlandschaft 166 4.2.2 Die Lokalberichterstattung in intramediärer Perspektive 170 4.2.2.1 Presse 170 4.2.2.2 Hörfunk 172 4.2.2.3 Onlinemedien 174 4.2.3 Die Lokalberichterstattung im intermediären Vergleich 175 4.2.3.1 Die quantitative Berichterstattungsleistung 175 4.2.3.2 Die Thematisierung und journalistische Behandlung kontroverser Themen 177 4.2.4 Zwischenfazit: Lokalpublizistische Angebote im Kommunikationsraum Remscheid 180 112 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 4.3 Die lokale Medienlandschaft Borken 186 4.3.1 Struktur der Medienlandschaft 186 4.3.2 Die Lokalberichterstattung in intramediärer Perspektive 188 4.3.2.1 Presse 188 4.3.2.2 Hörfunk 190 4.3.3 Die Lokalberichterstattung im intermediären Vergleich 192 4.3.3.1 Die quantitative Berichterstattungsleistung 192 4.3.3.2 Die Thematisierung und journalistische Behandlung kontroverser Themen 193 4.3.4 Zwischenfazit: Lokalpublizistische Angebote im Kommunikationsraum Borken 201 5 Lokale Medien und lokale Kommunikationsräume im Vergleich 202 6 Social Media in lokalen Kommunikationsräumen — 209 Ergänzung und Korrektiv zu den klassischen Medien? 7 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 216 8 Literatur 222 Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen 224 113Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 1 Einleitung 1.1 Problemstellung und Zielsetzung Die vorliegende Studie untersucht das publizistische Leistungsspektrum lokaler Medien in strukturell unter- schiedlichen Medienmärkten. Hiermit verbunden ist die Frage, wie sich die crossmediale Diversifikation von Medienunternehmen (insbesondere von Zeitungsverlegern) publizistisch auswirkt und ob Zusammenhänge zwischen struktureller Ausgangslage (Konzentration) und publizistischem Angebot erkennbar werden. Zu- gleich wird der Frage nachgegangen, welche spezifischen journalistischen Leistungen die einzelnen Medien- typen (Zeitungen, Nahraumfernsehen, Hörfunk und Onlineangebote) in den lokalen Kommunikationsräumen erbringen. Im Fokus der Untersuchung stehen die privatwirtschaftlich betriebenen Lokalmedien. Die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (konkret des Westdeutschen Rundfunks, WDR) werden in die empirische Erhebung nicht einbezogen. Für diesen Forschungsansatz gibt es verschiedene Gründe: Im Zentrum der Fra- gestellung stehen die Leistungen privater Medien, da nur sie (wirtschaftlichen) Konzentrationsprozessen unterworfen sind. Für lokale Kommunikationsräume ist nach wie vor die regionale Abonnementpresse von herausragender Bedeutung. Der nordrhein-westfälische Gesetzgeber räumt zudem dem (privaten) lokalen Hörfunk und – in jüngster Zeit – dem Nahraumfernsehen einen besonderen Stellenwert ein. Demgegenüber ist der Raumzuschnitt des WDR – im Hörfunk und im Fernsehen – grundsätzlich landesweit. Lokale oder sub- regionale Berichterstattung erfolgt im Rundfunk lediglich über Fensterprogramme: im Hörfunk durch Ausei- nanderschaltungen der Regionalnachrichten auf der Welle WDR 2 und im Fernsehen durch die Sendung „Lo- kalzeit“. Diese Angebote konkurrieren nur mittelbar mit rein lokalen Medien. In etlichen lokalen Kommunikationsräumen des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen ist es im vergangenen Jahrzehnt zu einer strukturellen Ausweitung des Medienangebots gekommen. Zusätzlich zu den Tageszeitun- gen bieten lokaler Hörfunk, Nahraumfernsehen und Onlineportale journalistische Beiträge mit lokalem Bezug. Gleichzeitig hat sich in den Kommunikationsräumen mit diversifizierten Medienangeboten der wirt- schaftliche Konzentrationsprozess fortgesetzt und es sind crossmediale Verflechtungen entstanden. Ob diese Entwicklung auf die publizistische Vielfalt Auswirkungen hat und wenn ja, welche, ist bisher ungeklärt. Die in der Vergangenheit oft unterstellte Kausalbeziehung, eine Vielzahl an Medienangeboten (strukturelle Viel- falt) führe automatisch zu publizistischer Vielfalt, erscheint vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Ver- hältnisse weniger plausibel denn je. Aus medienökonomischer Perspektive ist es wahrscheinlicher, dass die crossmediale Diversifikation eines Medienunternehmens zur Schaffung intermediärer Synergien genutzt wird. Mit anderen Worten: Publizistisches Rohmaterial wird in den verschiedenen „Ausspielkanälen“ mehrfach ver- wertet. Falls crossmediale Diversifikation lediglich zu einem „more of the same“ führt, böte dies für sich ge- nommen allerdings noch keinen Grund zur medienpolitischen Besorgnis. Im Gegenteil: In Zeiten zurückge- hender Zeitungsnutzung erhöht eine Vielzahl von Ausspielkanälen die Rezeptionschance einzelner Kommu- nikate und deren Meinungsbildungsrelevanz. Somit besteht durch Mehrfachverwertung identischer journalistischer Angebote zwar keine Vielfaltsausweitung, aber eine Erhöhung der Reichweite medialer In- halte. Vielfaltsminderung entsteht erst dann, wenn – unabhängig von der Anzahl der vorhandenen Medien – das journalistische Angebot an Inhalten und veröffentlichten Meinungen abnimmt bzw. begrenzt wird. Im Extremfall führt dies sogar zur Meinungsmacht, die dann zu konstatieren wäre, wenn hinter allen lokalen Medienformen nur noch eine Zentralredaktion stünde und diese zudem einen vielfaltsbegrenzenden Einfluss auf die Auswahl der Themen und ihre journalistische Aufbereitung nähme. Eine derartige publizistische Mo- nopolsituation wäre der Worst Case für eine plurale Medienlandschaft. Aus demokratietheoretischer Perspektive ist Meinungsmacht innerhalb des Mediensystems unbedingt zu ver- meiden. Aus diesem Grund sind auf der nationalen Ebene Mechanismen der Konzentrationsbegrenzung vor- handen, die bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Entstehen von Medienmonopolen verhindert haben. In lo- kalen Kommunikationsräumen sind indes im Pressebereich in den letzten Jahrzehnten durchaus lokale Mo- nopolgebiete (Einzeitungskreise) entstanden. Wenngleich nicht zweifelsfrei zu belegen ist, dass dies zu einer 114Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Verminderung der publizistischen Vielfalt (innerhalb des redaktionellen Zeitungsangebots) führt, ist die Pressekonzentration im lokalen Raum stets Anlass für medienpolitische Besorgnis gewesen. Strukturelle Viel- falt wurde immer auch als Garant für publizistische Vielfalt angesehen. Die wachsende Zahl von Einzeitungs- kreisen erscheint dann weniger problematisch, wenn andere lokale Medien (Hörfunk, Fernsehen, Onlinean- gebote) hier eine vielfaltssichernde Ergänzungsfunktion übernehmen. Das Konzept der vielfaltssichernden Ergänzungsfunktion wird jedoch möglicherweise sowohl durch ökonomische Konzentration als auch cross- mediale Verflechtungen konterkariert. Vor diesem Hintergrund stellen sich für Medienpolitik und Medienregulation die Fragen, ob die publizistische Vielfalt in lokalen Räumen (noch) gewährleistet ist und ggf. vielfaltssichernde Maßnahmen notwendig wer- den. Die vorliegende Studie liefert hierfür Entscheidungshilfen. Die Untersuchung nimmt die wichtigsten tagesaktuellen lokalen Medien privater Anbieter in den Blick. Un- tersucht werden Tageszeitungen, Nahraumfernsehen, lokaler Hörfunk und Onlineangebote über den Zeitraum von 10 Wochen. Ihre Angebote werden sowohl medienimmanent als auch intermediär vergleichend analysiert. Im Vordergrund steht hierbei das journalistische Informationsangebot. Die letzte – der aktuellen Untersu- chung vergleichbare – Studie wurde in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2001 durchgeführt.1 Methodisch knüpft die aktuelle Untersuchung an die damalige Untersuchung an. Die Strukturerhebung der lokalen Medienan- gebote wurde seinerzeit durch das FORMATT-Institut durchgeführt und gemeinsam mit der Angebotsanalyse publiziert. Zeitlich parallel zur vorliegenden Untersuchung erfolgte auch diesmal eine Strukturerhebung, die in einem separaten Teil vorgelegt wird. Die Angebotsanalyse wurde zudem, im Vergleich zur früheren Unter- suchung, in ihrem Beobachtungszeitraum ausgeweitet und die Onlineangebote umfassender berücksichtigt. Ende des Jahres 2010 hatte die LfM bereits eine Expertise zu „Auswirkungen lokaler Medienmonopolstrukturen auf die publizistische Vielfalt“2 durchführen lassen. Im Kontext der vorliegenden Untersuchung hat diese Ex- pertise den Status einer Exploration, auf die aufgebaut werden konnte. Vor allem dienten die dort gewonne- nen Ergebnisse zur Formulierung des forschungsleitenden Interesses (vgl. Kap. 2.5). 115 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 1 Vgl. Volpers/Salwiczek/Schnier (2003), S. 147-324. 2 Vgl.: Expertise – Auswirkungen lokaler Medienmonopolstrukturen auf die publizistische Vielfalt in den Medienmärkten Düsseldorf, Duisburg und Köln. 2011 (im Auftrag der LfM). 1.2 Konzeption und Forschungsdesign Für die Untersuchung wurden drei strukturell stark divergierende, lokale Kommunikationsräume ausgewählt: Köln, Remscheid und Borken. Die strukturellen Merkmale dieser Kommunikationsräume zeigt die nachste- hende Synopse. 116Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Größe und Urbanität NRW-Region Tageszeitungsdichte Nahraumfernsehen Lokalradio Relevante Onlineangebote Medienmarktstruktur Köln Millionenstadt Rheinland Zeitungsangebot (4): Kölner Stadt-Anzeiger/Kölni- sche Rundschau/EXPRESS (alle 3 aus einem Verlag)/BILD Köln center.tv Heimatfernsehen Köln Radio Köln www.rundschau-online.de www.ksta.de www.express.de www.bild.de/regional/koeln www.koeln-nachrichten.de www.report-k.de vielfältiges Angebot, aber starke Dominanz eines Medien- unternehmens Remscheid kreisfreie Großstadt mit 111.000 Einwohnern Bergisches Land 2 konkurrierende Zeitungen: Remscheider General-Anzei- ger/Bergische Morgenpost (RP) kein lokales TV Radio RSG (Lokalradio für Remscheid und Solingen) www.waterboelles.de (= kommunalpolitisches Forum für Remscheid) www.rga-online.de und www.rp-online.de Tageszeitungskonkurrenz, Fehlen von Nahraum-TV, „alternatives“ Onlineangebot (waterboelles) Borken Kreisstadt mit 41.000 Einwohnern Münsterland Monopolzeitung: Borkener Zeitung wm.tv (u.a. für Kreis Borken) RADIO WMW www.borkenerzeitung.de borio.tv (= lokales Videoportal aus der und für die Region, u.a. Stadt Borken) Zeitungsmonopol, aber konkurrierende elektronische Medien Übersicht 1: Die Untersuchungsgebiete im Überblick Prima vista weisen diese Räume in allen wesentlichen Merkmalen erhebliche Unterschiede auf. Diese Diver- genzen ermöglichen es, eventuell vorhandene Zusammenhänge zwischen Struktur und publizistischem An- gebot zu erhellen. Allerdings ist die Aussagekraft dieser Ergebnisse dadurch begrenzt, dass keine strukturell ähnlichen Räume untereinander in dieser Untersuchung verglichen werden können. Mit anderen Worten: Soll- ten sich z.B. für die Monopolzeitung in Borken Abweichungen innerhalb der publizistischen Leistung im Ver- gleich zu den Mehrzeitungsgebieten Remscheid und Köln zeigen, ist nicht zweifelsfrei zu klären, ob dies den lokalräumlichen Gegebenheiten in Borken geschuldet ist oder ob ein zu verallgemeinerndes Resultat vorliegt. Insofern hat die Aussagekraft der Untersuchung den Charakter von Fallstudien, denen keine Repräsentativität für vergleichbare Kommunikationsräume in NRW insgesamt zukommt. Allerdings wäre eine Untersuchung, deren Ergebnisse diese Einschränkung nicht haben, forschungsökonomisch nur schwer realisierbar. Zudem erfolgt in der vorliegenden Studie ein standortübergreifender Vergleich der einzelnen Mediengattungen, aus dem sich sehr wohl medientypische Muster der jeweiligen Leistungsspektren erkennen lassen. In diesem Punkt geht die Reichweite der Aussagekraft über diejenige reiner Fallstudien hinaus. Dasselbe gilt für die Frage nach den Auswirkungen crossmedialer Verflechtungen, die ebenfalls standortübergreifend untersucht wird. Die Er- gebnisse werden zudem in Beziehung zu anderen, bereits vorliegenden Untersuchungen zur publizistischen Leis- tung lokaler Medien gesetzt, und hierdurch wird eine externe Validierung ihrer Plausibilität vorgenommen. Übersicht 2: Das Forschungsdesign im Überblick 117 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 1.3 Methoden und Erhebungsinstrumente Die Fragestellung der Untersuchung erfordert ein Mehrmethodendesign, bestehend aus einer Mischung qua- litativer und quantitativer Instrumente. Den Hauptteil der Untersuchung bildet eine mehrstufige Inhaltsana- lyse, deren Vorgehensweise nachfolgend knapp skizziert wird: A) Quantitative Inhaltsanalyse Das Kernstück der Studie bildet eine quantitative Inhaltsanalyse des lokalen publizistischen Angebots über einen Zeitraum von zwei natürlichen Wochen (16.05. – 29.05.2011). Einbezogen wurden die lokalen Tages- zeitungen, das Nahraumfernsehen und der lokale Hörfunk. Zudem wurden die Onlineangebote mit einem, die- sem Medientyp angemessenen Verfahren untersucht (siehe Kap. 1.4). Durch diesen Analyseteil lassen sich die Angebotsstrukturen der Lokalberichterstattung quantifizierend darstellen, und ein intermedialer und in- terregionaler Vergleich der lokalpublizistischen Leistung wird möglich. Im Kontext dieser Analyse war es für den Hörfunk notwendig, den kompletten Sendeumfang (der Eigenproduktion der Veranstaltergemeinschaft) zu analysieren, um die Grundstruktur des Formats zu entschlüsseln und die Sendeplätze mit Informationsan- geboten herauszufiltern. Für die Tageszeitungen und das Nahraumfernsehen wurde die Berichterstattung über lokale Themen und Ereignisse aus dem jeweiligen Gesamtangebot selektiert und in Umfang, Form und Inhalt tiefergehend analysiert. Der Fokus der Untersuchung lag hierbei dezidiert auf dem lokalen Raum, also konkret den jeweiligen Gebieten der Städte Köln, Remscheid und Borken. Die Berichterstattung über den Nah- raum im weiteren Sinne, also Rheinland, Bergisches Land und Westmünsterland, wurde im Kontext der In- haltsanalyse nicht analysiert. In den untersuchten Tageszeitungen entsprechen diesem rein lokalen Raum- zuschnitt jeweils klar zugeordnete Bücher für Köln, Remscheid und Borken. Für den Hörfunk und das Nah- raumfernsehen in Köln ist mit der Eingrenzung auf die städtische Gebietskörperschaft ebenfalls kein Problem verbunden, da deren Berichterstattung im Wesentlichen auf die Stadt Köln fokussiert ist. Anders sieht es für den „lokalen“ Hörfunk in Borken und Remscheid aus. Hier ist der jeweilige Sendegebietszuschnitt deutlich subregional (Westmünsterland bzw. Bergisches Land) ausgelegt, dasselbe gilt für das Nahraumfernsehen in Borken. In der Sendepraxis bedeutet dies, dass Borken und Remscheid hier nur eine Teilfläche der Berichter- stattungsregion ausmachen. Dieser Sendegebietszuschnitt hat naheliegenderweise Einfluss auf den Umfang der journalistischen Berücksichtigung von Borken und Remscheid. Für die Inhaltsanalyse wurden jedoch be- wusst nur die im engeren Sinne lokalen Berichte herausgefiltert, da die vorliegende Untersuchung nicht auf subregionale Kontexte zielt. B) Langzeitbeobachtung Pro Untersuchungsgebiet wurden die Medieninhalte der Tageszeitungen und der Onlineangebote über weitere acht Wochen (30.05. – 23.07.2011) beobachtet und alle relevanten Beiträge (Top-Themen und Top-Ereig- nisse) erfasst. Zudem wurden von dem Programmangebot des Nahraumfernsehens die tagesaktuellen Nach- richtenmagazine sowie ausgewählte Sendestrecken (aktuelle Informationssendungen) erfasst. Vom Hörfunk ist jeweils pro Tag eine Nachrichtensendung des späten Vormittags ausgewertet worden.3 Die Langzeitbeobachtung hat mehrere Funktionen: Erstens verschafft sie einen Überblick über die Themena- genda für einen längeren Zeitraum und zweitens konnte die Berichterstattung über „große“ kontroverse The- men in Kommunalpolitik und gesellschaftlichem Leben erfasst werden. Die letztgenannten Beiträge wurden dann mittels einer Argumentationsanalyse untersucht. Zudem dienen die Befunde der Langzeituntersuchung dazu, die Ergebnisse der zweiwöchigen Inhaltsanalyse u.U. zu erhärten. C) Argumentationsanalyse Für die in der Langzeitbeobachtung ermittelten „großen“ kontroversen Themen wurde im nächsten Schritt eine Analyse der Meinungshaltigkeit (Argumentationsanalyse) der jeweiligen Beiträge durchgeführt. Mittels dieses Analyseschritts lässt sich feststellen, ob und ggf. in welchem Maße die verschiedenen Medien über kontroverse Themen ausgewogen, kritisch, kommentierend, Stellung nehmend usw. berichten. Ziel dieser Er- hebung ist es also zu zeigen, ob in den lokalpolitischen Debatten die verschiedenen Positionen und Meinun- gen ausgewogen vorkommen und ob die Ausdifferenzierung in die verschiedenen Medien zu einer höheren Vielfalt führt. Die Argumentationsanalyse bezieht zwei Ebenen ein: Auf Beitragsebene wird erfasst, ob es sich um eine tat- sachen- oder meinungsbetonte Form handelt und ob – unabhängig von diesem eher formalen Merkmal – ex- plizite Wertungen und Meinungsäußerungen durch den Journalisten vorgenommen werden. Ferner wird der jeweilige Beitrag (also etwa ein Zeitungsartikel oder ein Fernsehbericht) auf die journalistischen Qualitäts- kriterien der Argumentationskomplexität und der Kontexterläuterung hin untersucht. Damit wird erfasst, ob die verschiedenen möglichen Positionen zu einem kontroversen Thema durch entsprechende Aufbereitung aufeinander bezogen werden und ob durch den Journalisten bzw. Redakteur eine übergreifende Kontextein- ordnung stattfindet, die bspw. Konsequenzen aus geäußerten Positionen für eine Entscheidung innerhalb der Debatte aufzeigt. Darüber hinaus wird dann für jeden innerhalb der Beiträge vorkommenden Aussageträger (Person oder In- stitution) erfasst, welcher gesellschaftlichen Gruppe er angehört, auf welcher politischen Ebene er agiert und ggf. welcher Partei er angehört. Bezüglich der untersuchten Debatten wurden außerdem die beiden ge- gensätzlichen Positionen, um die gestritten wird, benannt.4 Anhand dieser vereinfachten Extrempositionen wird der jeweilige Akteur zugeordnet und ermittelt, ob der Akteur im Wortlaut oder paraphrasiert zu Wort kommt und ob seine Äußerung bzw. Position explizit bewertet wird. Für Fernsehbeiträge wird darüber hinaus erfasst, ob eine implizite Bewertung durch bildliche Kontrastierung stattfindet. 118Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 3 Die bewusste Auswahl bei Nahraumfernsehen und Hörfunk – anstelle der kompletten Sichtung wie bei der Tageszeitung – hat primär forschungspragmatische Gründe. Die aktuelle lokale Informationsgebung erfolgt in TV und Hörfunk überwiegend in den Nachrichtenformaten. Deren Sendungen werden im Programmverlauf mehr- fach in identischer Form wiederholt. Eine komplette Aufzeichnung und Auswertung des Gesamtprogramms brächte daher kaum einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. 4 Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine starke Vereinfachung in Form von Extrempositionen, zwischen denen tatsächlich Abstufungen existieren können. Den- noch gibt es bei allen hier untersuchten Kontroversen jeweils eine Trennlinie zwischen zwei Richtungen, die intersubjektiv nachvollziehbar benannt werden kann. Dementsprechend können die Aussageträger zugeordnet werden. Für Äußerungen, die explizit keine oder eine neutral-vermittelnde Position beziehen, wird dies als „neutrale“ Äußerung erfasst. D) Social Media Audit Die Frage, über welche Themen und Ereignisse innerhalb der einzelnen Kommunikationsräume ggf. nicht be- richtet wird, lässt sich durch das bisher beschriebene Vorgehen nicht beantworten. Um ggf. Hinweise auf „un- terdrückte“ Nachrichten/Themen zu finden, wurde mittels der Methode des Social Media Audits nach Blog- einträgen bzw. Postings zu Ereignissen in den drei lokalen Kommunikationsräumen gesucht. Eine solche Ana- lyse kann Anhaltspunkte für Defizite in den lokalen publizistischen Angeboten liefern. Für das Social Media Audit wird die Methode des manuellen Web-Monitorings angewandt. Zu diesem Zweck werden zunächst die relevanten Quellen (Blogs, Foren, Facebook-Gruppen etc.) ermittelt, in denen sich Threads zu lokalen Sach- verhalten finden lassen. Die relevanten Postings wurden als Volltexte erfasst, archiviert und somit einer Aus- wertung zugänglich gemacht. Bei der Onlinerecherche ist zwischen zwei Herangehensweisen zu unterscheiden: • Zum einen wurde im Sinne einer Bestandsaufnahme nach Webangeboten (Blogs, Facebook-Seiten, Twit- ter-Timelines, Websites o.Ä.) gesucht, die sich überhaupt mit lokalpolitischen, wirtschaftlichen oder kul- turellen Themen auf Stadtebene ( jeweils für Köln, Remscheid und Borken) befassen, ohne ein professio- nelles/institutionelles journalistisches Produkt zu sein. • In einem zweiten Schritt wurde die in der vorangegangenen Langzeituntersuchung ermittelte Themenliste geprüft, um solche Angebote zu finden, die sich zwar nicht generell, aber zumindest in einzelnen Beiträ- gen mit den Städten Köln, Remscheid oder Borken im Zusammenhang mit einem bestimmten (kontrover- sen) Thema beschäftigten und dadurch die professionelle Berichterstattung ergänzten. Schließlich wurde eine Bewertung der Artikel vorgenommen: War in den Beiträgen Kritik an der institutionalisierten Be- richterstattung enthalten? Fühlten die Publizierenden sich dazu animiert, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen, da sie in der „etablierten“ Publizistik ihren Standpunkt nicht vertreten sahen? Handelte es sich bei den Artikeln eher um Meinungen oder wurden sachliche Informationen geliefert? Ziel des ersten Untersuchungsschrittes war es, eine möglichst vollständige Bestandsaufnahme aller lokal bezogenen, nicht-professionellen publizistischen Angebote inklusive ihres Vorkommens im „Social Web“5 zu erhalten. Neben der Google-Suchmaschine wurden hierfür zwei Dienste in Anspruch genommen, die eine oder mehrere Suchanfragen über einen längeren Zeitraum hinweg wiederholt durchführen, mit denen sich also News-Abonnements zu bestimmten Suchphrasen automatisiert verwalten lassen. Dieses Verfahren deckt das sog. „Echtzeit“-Netz ab.6 1.4 Exkurs: Publizistische Merkmale von Onlinemedien und methodische Konsequenzen für ihre Analyse Die vorliegende Untersuchung richtet sich im Kern auf die Inhalte des publizistischen Angebots unterschied- licher lokaler Medien. Sie werden mittels verschiedener Instrumente der quantitativen und qualitativen In- haltsanalyse untersucht. Während für die Presse, das Nahraumfernsehen und den Hörfunk die Methode der Inhaltsanalyse als ein ausgereiftes Standardwerkzeug der empirischen Medienforschung anzusehen ist, gilt dies für die Onlinemedien nicht. Bisher stellt die Kommunikationswissenschaft kein standardisiertes inhalts- analytisches Instrumentarium zur Verfügung, das sich für die Beantwortung der im Rahmen der Untersuchung gestellten Fragen ohne Weiteres adaptieren lässt. Unter dem Begriff der publizistischen Onlineinhalte sind höchst heterogene Text-, Bild-, Ton- und Videoangebote zu subsumieren, die non-linear als mehr oder minder stark verästelter Hypertext vorliegen. Die klare Begrenzung einer Untersuchungseinheit (ein in sich abge- schlossener Beitrag) ist im Web nicht so eindeutig gegeben wie in den klassischen Medien. Es gehört zur me- dientypischen Eigenschaft von Onlineangeboten, dass sie nicht abgeschlossen und statisch, sondern vielmehr offen und dynamisch sind. Hinzu kommt, dass professionelle journalistische Angebote nicht immer eindeutig von semiprofessionellen oder interessengeleiteten (subjektiven) Angeboten getrennt sind. Aus dieser Hy- 119 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 5 Social Web als Synonym für Web 2.0, Mitmach-Web, Soziale Netzwerke, insgesamt: Dienste, die Amateuren das Publizieren ermöglichen. 6 Die Dienste wenden die gewünschte Suchanfrage auf Blogs, Mikroblogging-Dienste (Twitter), Soziale Netzwerke (Facebook) oder Video-Communities (YouTube) sowie auf Google News an, also auf Inhalte, die ständiger Veränderung unterliegen, und melden jedes Aufkommen der Suchwort-Kombinationen ab dem Zeitpunkt des Akti- vierens. Genutzt wurde einerseits das Tool Social Mention und – um eine breitere Abdeckung zu erhalten – der Google Alerts-Dienst für Google News. bridmedialität des Webs resultieren erhebliche methodische Probleme für eine Inhaltsanalyse, die bei Weitem noch nicht gelöst sind.7 Da das primäre Ziel der hier vorgelegten Studie nicht eine Methodenentwicklung der Online-Inhaltsanalyse ist, musste eine forschungspragmatische Lösung für deren Untersuchung gefunden werden, die nachfolgend skizziert wird. Im Kontext der vorliegenden Untersuchung stellt sich zunächst die Frage: Welche Webauftritte besitzen über- haupt eine lokalpublizistische Relevanz? Die Beantwortung dieser Frage orientiert sich naheliegenderweise zunächst am Angebot. Um in den Fokus der Untersuchung einbezogen zu werden, mussten die Onlinemedien ein tagesaktuelles, überwiegend journalistisch professionelles und eindeutig (wenngleich nicht ausschließ- lich) lokales Angebot erstellen. Allerdings sollte der dementsprechende Content nicht nur im Web vorhanden, sondern auch auffindbar sein. Bei der grundsätzlich gegebenen Unübersichtlichkeit des Webs sind nur solche journalistischen Produkte von Relevanz, die für potenzielle Rezipienten auch auffindbar sind (Findability). Aus diesem Grund wurde die Auswahl der zu untersuchenden Websites durch einen Findability-Test abgesi- chert, d.h. für jedes Untersuchungsgebiet wurden diejenigen Angebote bestimmt, die ein „durchschnittlicher“ Nutzer auch bei gezielter Suche finden kann. Der Findability-Test erfolgte mittels der maßgeblichen Such- maschine Google anhand ausgewählter Keywords und Suchphrasen. Diese Suche bezog sich nicht nur auf Websites als Ganzes, sondern auch auf Berichte über aktuelle Ereignisse, zu denen journalistische Bericht- erstattung zu erwarten war. So wurde also beispielsweise nicht nur die Suchanfrage „Nachrichten aus Köln“ gestellt, um ein entsprechendes onlinemediales Angebot mit Nachrichten für Köln zu finden, sondern auch thematische Suchanfragen nach Ereignissen formuliert („Frau getötet Neuehrenfeld“). Der letztgenannte Typ einer Suchanfrage liefert einen Deeplink, der auf eine Landingpage mit dem entsprechenden Beitrag führt. Zusätzlich wurde eine Backlink-Analyse durchgeführt. Hierzu wurde mit einem entsprechenden Tool geprüft, wie viele Links (von externen Websites) auf einen Onlineauftritt mit lokalpublizistischem Inhalt ge- setzt sind. Die Anzahl der Links auf ein Angebot ist von zentraler Bedeutung für die Findability einer Website. Mit anderen Worten: Je mehr Links auf eine Website gesetzt sind, umso „bekannter“ ist ein Angebot im Web und desto besser wird es von Suchmaschinen gefunden bzw. im Ranking platziert. Ein (wenig erstaunliches) Ergebnis dieser Analyse ist, dass die Websites der lokalen Tagespresse diejenigen sind, die das vergleichbar beste Google-Ranking aufweisen. Vor diesem Hintergrund spielen diese Websites auch die größte Rolle für die im Web zu findenden lokaljournalistischen Beiträge. Das lokalpublizistische Angebot der Tagespresse ist allerdings weitgehend mit demjenigen der jeweiligen Printausgabe identisch und weist lediglich webtypische Veränderungen und/oder Erweiterungen auf, die aber kein substanziell (im Sinne der lokalpublizistischen Informationsleistung) neues Angebot erzeugen. Insofern erschien es nicht sinnvoll, Dubletten aus den Tageszeitungen, die bereits im Muttermedium inhaltsanalytisch erfasst wurden, in die Inhaltsanalyse einzubeziehen. Ähnlich verhält es sich mit den Artikeln auf den Websites des lokalen Hörfunks, handelt es sich hierbei doch weitgehend um die Verschriftung der on-air auditiv ge- sendeten Beiträge. Vor dem geschilderten Hintergrund wurde daher für die Onlineangebote ein im Vergleich zu den klassischen Medien modifiziertes analytisches Vorgehen gewählt. Dieses Vorgehen lässt sich in folgenden Punkten zusammenfassen: • Die Auswahl der Erhebungseinheiten erfolgte nach dem Kriterium der inhaltlichen lokal-publizistischen Relevanz in Kombination mit der Findability der Angebote. • Aufgrund der Besonderheiten der Onlinemedien gegenüber den klassischen Medien wurden die Websites zunächst im Hinblick auf ihre Struktur und Inhalte analysiert und beschrieben. Diese Analyse liefert be- reits Indikatoren für den lokalpublizistischen Stellenwert der Websites. Zudem wurde herausgearbeitet, welchen webspezifischen Zusatznutzen die Onlineangebote jeweils bieten. • Die ausgewählten Websites wurden in die Langzeitbeobachtung einbezogen und die Inhalte mit denjeni- gen der traditionellen Medien verglichen. Hieraus resultiert der Befund der Mehrfachverwertung der Artikel bei den Websites der Tageszeitungen (siehe nächster Punkt). 120Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 7 Vgl. Welker u.a. (2010). • Zur Vermeidung von Redundanz wurden die Dubletten (= Mehrfachverwertung identischer Artikel) in- haltsanalytisch nicht erfasst. 1.5 Datenaufbereitung, -interpretation und Aufbau der Studie Der Fragestellung der Studie wird – wie oben dargelegt – durch ein vielschichtiges Forschungsinstrumenta- rium nachgegangen. Aus dieser Komplexität resultiert eine mehrdimensionale Ergebnisdarstellung der em- pirischen Befunde: • Zunächst wird für jeden Standort die grundlegende Struktur der Medienlandschaft beschrieben. • Hieran schließt sich in der medienimmanenten Perspektive die Analyse der quantitativen Berichterstat- tungsleistung für die Einzelmedien an. Es wird also die Frage beantwortet: Was leisten die jeweiligen Me- dien lokalpublizistisch für ihr Verbreitungsgebiet? • Darauf aufbauend erfolgt dann ein intramediärer Vergleich der quantitativen Berichterstattungsleistung. Dieses Kapitel richtet sich somit auf die Frage: Wie fällt die lokal-publizistische Leistung des einzelnen Mediums im unmittelbaren Vergleich mit den konkurrierenden Medienangeboten aus? • Schließlich wird die Thematisierung und journalistische Behandlung kontroverser Themen analysiert. Bei der Darstellung der quantitativen Befunde der Inhaltsanalyse (siehe hierzu auch die nachfolgende Über- sicht) sind einige grundlegende Regelungen zum Verständnis der Ergebnisdarstellung zu beachten, die nach- stehend erläutert werden: Bei der Presse wurde zur besseren Lesbarkeit die Berichterstattungsfläche von cm2 in Zeitungsseiten (s) umge- rechnet. Hierbei wurden die unterschiedlichen Zeitungsformate auf Normseiten mit einer Fläche von 1.197 cm2 standardisiert. Als weitere Darstellungsoption gibt es gelegentlich einen Bezug auf die Fallzahl (n) (= Anzahl der Artikel bzw. Beiträge). Im Hörfunk und Fernsehen ist das zur Fläche (bei der Presse) analoge Maß die Dauer der Berichterstattung. Bei allen Medien beziehen sich die Ergebnisse auf den 14-tägigen Untersuchungszeitraum. Für die Datenin- terpretation wird i.d.R. nicht auf die absoluten Werte, sondern auf die Prozentwerte zurückgegriffen. Diese relativen Angaben sind in den meisten Fällen aussagekräftiger als die Flächenmaße oder die Dauer, da sie die Verhältnisse der einzelnen Kategorien untereinander verdeutlichen. Für alle Medien werden durch einige Reduktionsschritte verschiedene Brutto-netto-Beziehungen dargestellt. Dies mag auf den ersten Blick über- komplex erscheinen, macht aber die Genese der in der Interpretation zugrunde gelegten Kerndaten deutlich. Das eigentliche Erkenntnisinteresse der Untersuchung richtet sich auf die lokale Publizistik im engeren Sinne, also lokale Informationen. Dieser hier interessierende Kernbestand der Lokalpublizistik ist – je nach Medium – eingebettet in ein vielfältiges werbliches, unterhaltendes und redaktionelles Umfeld. Ausgangspunkt der Analyse und erste Darstellungsoption in der Abfolge der Daten ist zunächst jeweils der gesamte Output eines Mediums, also der Gesamtumfang der Zeitung oder die Sendedauer des Rundfunks. In den nächsten Schritten erfolgen dann jeweils Reduktionen um verschiedene Segmente des Gesamtangebots. So wird z.B. der Umfang der Lokalberichterstattung einmal mit und einmal ohne Sport dargelegt.8 Im Rundfunk kommen medienspe- zifische Differenzierungen hinzu. Im Hörfunk ist dies z.B. die Abgrenzung von Musik, Werbung, Jingles etc., um an den redaktionellen Kern des Informationsprogramms zu gelangen. Hinzu kommt die Perspektive auf das lokale Programmangebot mit und ohne die „Lokale Option“ (LOP), also die zusätzliche Sendezeit innerhalb des Mantelprogramms von Radio NRW. Im Nahraumfernsehen werden die täglich ausgestrahlten Wiederho- lungsschleifen bereits bei der Erhebung ausgeblendet. Beim verbleibenden „originären redaktionellen“ Pro- gramm werden die sogenannten „Kamerareisen“ separat ausgewiesen. Erst der verbleibende Programmbe- standteil wird als eigentliche lokal informierende Publizistik gewertet. 121 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 8 Die Kategorie „Sport“ ist in ihrer Darstellung häufig eine Hybridform zwischen Unterhaltung und Information und wird aus diesem Grund gesondert ausgewiesen. Die relativ komplexen Zusammenhänge, die zum Verständnis der Ergebnisdarstellungen der Argumentati- onsanalyse notwendig sind, werden im Kapitel 4.1.3.2 für den Standort Köln ausführlich erläutert. In den analogen Kapiteln für Remscheid und Borken wird zur Vermeidung von Redundanz auf diese Erläuterung ver- wiesen. 122Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Übersicht 3: Das Forschungsdesign im Überblick 2 Zum Stand der Forschung 2.1 Überblick Hinsichtlich des Forschungsstandes zur Medienkonzentration und deren Folgen für die publizistische Vielfalt ist zunächst zu konstatieren, dass es sich bei dieser Fragestellung um ein Forschungsfeld handelt, das in der Publizistikwissenschaft vorrangig im Zeitraum der 1960er bis 1980er Jahre Konjunktur hatte. Auswirkungen von Medienkonzentration auf Vielfalt und Qualität von Medienangeboten stellen hingegen kein zentrales Thema der jüngeren kommunikationswissenschaftlichen Forschung dar. Im Folgenden wird daher zunächst der ältere Forschungsstand zur (Presse-)Konzentrationsforschung überblicksartig zusammengefasst9, dann auf die beiden aktuellsten empirischen Studien Bezug genommen und schließlich beleuchtet, welche empi- rischen Verfahren bisher zur „Vielfaltsmessung“ angewandt wurden. Die grundlegende Hypothese der Forschung ist in der Regel, dass Medienkonzentration – verstanden als eine Abnahme der Anbieter aus ökonomischen Gründen – zu einer Reduzierung der publizistischen (Meinungs-)Viel- falt führt, damit die einseitige Einflussnahme politischer oder wirtschaftlicher Akteure begünstigt und letzt- lich den demokratischen Prozess bedroht. Allerdings sind die empirischen Befunde, die diese Hypothese stüt- zen könnten, widersprüchlich geblieben. Insbesondere der Kausalzusammenhang von Medienkonzentration und abnehmender bzw. mangelnder publizistischer Vielfalt ist schwer nachzuweisen. Überdies kann fehlende externe Anbietervielfalt durch erhöhte Binnenvielfalt kompensiert werden, und auf der anderen Seite kann auch eine Vielzahl von konkurrierenden Medien einen Trend zur Homogenisierung der Inhalte aufweisen.10 Letztlich liefern die verschiedenen Forschungsergebnisse Befunde, die je nach Studie mal die eine und mal die andere Möglichkeit zu stützen scheinen: „Die Frage, wie ökonomisch bedingte Medienkonzentration und publizistische Vielfalt bzw. Qualität zusammenhängen, beschäftigt die Forschung seit der Pressekonzentration der 1970er Jahre. Während in den Anfängen der Diskussion um die Pressekonzentration vom einfachen Kausalmodell ‚Eine Vielzahl unabhängiger publizistischer Medienanbieter garantiert auch publizistische Vielfalt‘ ausgegangen wurde, zeigte sich im Laufe der Forschungsbemühungen, dass dieser Zusammenhang sich nicht so einfach manifestiert. Vielmehr kann sich Medienkonzentration ‚nicht entweder systematisch negativ (vielfaltsbeschränkend) oder systematisch positiv (vielfaltsfördernd) auswirken, sondern einmal positiv und ein andermal negativ‘.“11 In der Diskussion um die Folgen von Medienkonzentrationsprozessen in lokalen und regionalen Räumen sind mehrere Aspekte zu berücksichtigen: • Erstens, welche normativen Leistungs- und Qualitätsanforderungen aus publizistikwissenschaftlicher wie aus medienpolitischer Sicht an Lokalmedien gestellt werden; • zweitens, wie es um deren Leistungsvermögen tatsächlich bestellt ist, und • drittens, welche Auswirkungen auf die publizistische Vielfalt und Qualität bei Medienkonzentrationspro- zessen befürchtet werden (öffentlicher Diskurs), aber auch faktisch beobachtet werden (empirische Evi- denzen). Die Leistungsanforderungen an lokale/regionale Medien beinhalten, dass sie dem Bürger gegenüber eine Orientierungsfunktion erfüllen und damit zur Bildung einer öffentlichen Meinung beitragen. Auf inhaltlicher Ebene lassen sich daraus für die (politische) Berichterstattung der Medien folgende Forderungen in Form von drei Kategorien ableiten:12 • Bei Themen sollen Sachgerechtigkeit und Relevanz der Auswahl gewährleistet sein, • Akteuren soll die Chancengleichheit des „Zu-Wort-Kommens“ eingeräumt werden und • für Meinungen soll die Pluralität und Sachlichkeit in der Berichterstattung gegeben sein. 123 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 9 Der nachfolgende Abschnitt stützt sich auf die entsprechende Forschungsübersicht bei Bonfadelli/Schwarb (2006). 10 Vgl. Bonfadelli/Schwarb (2006), S. 22. 11 Knoche (1999), S. 135; vgl. auch Bonfadelli/Schwarb (2006 ), S. 31. 12 Vgl. Bonfadelli/Schwarb (2006 ), S. 26. Zusammengenommen ergeben diese Forderungen den Anspruch der Vielfalt. Diese kann auf struktureller Ebene durch verschiedene konkurrierende Anbieter im Wettbewerb hergestellt werden (außenplurales Modell) oder in monopolähnlichen Strukturen innerhalb eines Angebotes verwirklicht werden (binnenplurales Modell). 2.2 Zentrale Befunde der Forschung zur publizistischen Vielfalt Nachfolgend werden die zentralen Befunde aus den bisher vorliegenden Forschungsergebnissen, sofern sie im Kontext der hier vorgenommenen Untersuchung von Bedeutung sind, knapp und überblicksartig referiert. • Widersprüchlich sind die Ergebnisse im Hinblick auf die Inhalte von Medien in Monopolstellung und auf einem Markt mit Wettbewerb. Einerseits steht die These im Raum, dass im Wettbewerb stehende Medien mehr publizistische Vielfalt leisten können (z.B. Knoche/Schulz 1969; Haller/Mirbach 1995). Demge- genüber konnten andere Studien (z.B. Noelle-Neumann 1976) keine oder nur geringe Unterschiede zwi- schen Monopol- und Wettbewerbsmedien feststellen. • Bei der Untersuchung der Inhalte von Zeitungen, die von einer Wettbewerbs- in eine Monopolsituation übergehen, wurden nur geringfügige Veränderungen bzw. ein Rückgang der Quantität der Berichterstat- tung ermittelt (z.B. Stofer 1975; Noelle-Neumann 1976). • Der lokale Rundfunk ist vor dem Hintergrund der Fragestellung betrachtet worden, inwieweit Lokalmedien zur publizistischen Vielfalt beitragen. Eine Schweizer Studie stellt dazu fest, „dass Radiostationen in Si- tuationen mit hoher Wettbewerbsintensität (urbane Räume) stärker zur Homogenisierung der Programme neigen. Private (gebührenunterstützte) Radios13 zeigen hingegen eine qualitativ und quantitativ bessere Informationsleistung als die meisten anderen Privatradios“.14 Insgesamt ist (auch) bei konkurrierenden Lokalmedien eine Ähnlichkeit und Gleichförmigkeit der Inhalte festzustellen. • Trebbe und Weiß (1997) meinen, dass eine ausdifferenzierte regionale Medienlandschaft mit verschie- denen und unabhängigen Anbietern aus Print, TV und Hörfunk zu einer größeren Vielfalt führt. Allerdings sind insbesondere in Bezug auf lokale Mainstream-Programme Homogenisierungstendenzen nicht zu übersehen. Inhaltliche Fokussierung auf „seichte“ Themen und abnehmende Angebotsvielfalt, vor allem bei privaten elektronischen Medien, werden mit strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen er- klärt (Heyen 2001; Bonfadelli u.a. 2003). • Folgen der Medienkonzentration in lokalen Kommunikationsräumen werden in einer Behinderung des Prozesses der Meinungsbildung gesehen. Die Darstellung kontroverser Standpunkte sei rückläufig, und mit einer inhaltlich immer einheitlicheren Berichterstattung lasse der qualitative Wettbewerb zwischen den Medien nach. Zudem sei die Gefahr der vermehrten Vermischung von Werbung und Programm zu er- warten (Trappel/Meier/Schrape/Wölk 2002). • Andererseits zeigen Expertenbefragungen, dass nur wenige Befragte aufgrund vermehrter Konzentrati- onstendenzen im Lokalbereich besorgt sind. Vielfalt auf Anbieterseite wird zwar als wünschenswert be- zeichnet, allerdings wird als positiver Effekt von Medienkonzentration der Umstand genannt, dass große Unternehmen ein vergleichbares publizistisches Potenzial entwickeln könnten wie viele kleine, die unter Umständen nur auf Agenturmeldungen zurückgreifen und damit eine „Scheinvielfalt“ vortäuschen würden (Publicom 2003). • Bonfadelli u.a. (2003) ermitteln in einer weiteren Expertenbefragung ein etwas skeptischeres Bild. Grund- sätzlich herrsche der Wunsch nach einer ausdifferenzierten regionalen Medienlandschaft mit unabhän- gigen Anbietern vor. Insbesondere im ländlichen Raum wird die Entwicklung hin zu einem „Medienein- topf“ befürchtet, mit „nivelliertem und von Konzernphilosophie geprägtem Angebot der ökonomisch wie publizistisch abhängigen einzelnen Medien“.15 124Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 13 In der Schweiz gibt es private Hörfunkveranstalter, die eine Subvention aus Gebühren erhalten. 14 Bonfadelli/Schwarb (2006), S. 33. 15 Bonfadelli/Schwarb (2006), S. 34. Bonfadelli und Schwarb kommen in ihrer Übersicht des Forschungsstandes zu folgendem Fazit: „Offensichtlich führt eine Mehrzahl von Medien nicht automatisch zu publizistischer Vielfalt (Homogenisierungsten- denzen), ebenso wenig wie ökonomische Konzentration automatisch publizistische Vielfalt und Qualität verringert. Größenvorteile oder eine alleinige Marktposition ohne direkte Konkurrenz könnten sich durchaus positiv auf das Pro- dukt auswirken: Ausbau der Leistungen, bessere Arbeitsbedingungen etc. Trotzdem darf in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden: ‚Eine Mehrzahl publizistisch konkurrierender Medien bildet ein Potenzial – je größer die Menge, desto wahrscheinlicher ist innerhalb solcher Mengen Vielfalt‘ (Weber 1992: 268).“16 Die jüngsten empirischen Befunde zur Medienkonzentration in Regionen liefern Schwarb und Bonfadelli mit einer Analyse der Medienkonzentration in der Schweiz. Die Verfasser untersuchten für die Deutschschweiz, welche Leistungen – insbesondere im Hinblick auf Vielfalt – die Medien in Regionen mit multimedialer Me- dienkonzentration erbringen. Dazu wurden in zwei Studien der Jahre 2002 und 2005 jeweils zwei Regionen in der Schweiz mit unterschiedlicher Konzentrationsdichte von Medienanbietern verglichen, wobei es sich jeweils um einen städtischen Raum (mit eher geringer Konzentration) und einen ländlichen Raum handelte. Allerdings konnte die unabhängige Variable „konzentrierte versus nicht-konzentrierte Region“ nicht konse- quent umgesetzt werden, da sich (auch) in der Schweiz keine Regionen finden lassen, die nicht in irgendeiner Art und Weise der Medienkonzentration oder ökonomischen Verflechtungen ausgesetzt sind. Untersuchungs- variablen der standardisierten quantitativen Inhaltsanalyse waren die Vielfalt von Themen, Akteuren, Ereig- nissen, Formen, Perspektiven und Orten.17 Im Ergebnis stellen Schwarb und Bonfadelli Folgendes fest: • Die Presse bietet in allen Regionen die „wichtigste und umfassendste regionale Information“. Auch in Re- gionen mit Pressemonopol werden ausgebaute Regionalteile produziert. Monopolzeitungen weisen al- lerdings vergleichsweise weniger Meinungsformen und Perspektivenvielfalt sowie zum Teil etwas niedri- gere Werte an Politik/Wirtschaft und Soziales/Kultur auf. • Private elektronische Medien dienen als Ergänzungsmedien zur Presse, wobei sie ihren Fokus auf „Kurz- berichterstattung“ legen und allgemein „unterhaltungsorientierter“ sind. Festzustellen sind dominante inhaltliche und formale Gemeinsamkeiten, die allerdings weniger auf Konzentrationsprozesse zurück - zuführen sind. Auch Anbieter in Regionen mit hoher Medienkonzentration versuchen, die Themen und Interessen möglichst aller politisch-kulturellen Akteure abzudecken, was sich an einer vergleichsweise großen Anzahl von Akteuren und Perspektiven zeigt. Im Wortlaut ziehen die Autoren folgendes Fazit: „Im intermedialen Vergleich kann gesagt werden, dass mit der Präsenz weiterer vor allem elektronischer Medien in Re- gionen das Informationsangebot wachsen und inhaltlich wie formal-gestalterisch vielfältiger werden kann. Zudem ergeben sich dadurch weitere Veröffentlichungschancen für die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten eines Regional-/Lokalraums, welche zusätzliche oder andere journalistische Perspektiven auf Ereignisse und poli- tisch-kulturelle Sachverhalte zulassen. Letztlich steigen mit jedem weiteren Medium auch die Wahlmöglichkeiten für das Publikum. Im interregionalen Vergleich werden keine klar erkennbaren systematischen Unterschiede deutlich, die als Resultat von Medienkonzentration interpretiert werden könnten. Allerdings ist dazu einschränkend festzuhalten, dass in allen untersuchten Räumen die mediale Konzentration relativ hoch ist. Offenbar sind die durchaus vorhandenen Unter- schiede sowohl im quantitativen als auch qualitativen publizistischen Leistungsangebot der Medien in einer Region Ausdruck einer komplexen Faktorenkombination, wobei sowohl lokalräumliche Gegebenheiten – politisches Klima, Parteiengefüge, Wirtschaftspotenzial, kultureller Pluralismus, lokale Integration etc. – als auch medienspezifische Gegebenheiten – publizistisches Selbstverständnis der Anbieter etc. – eine Rolle spielen.“18 125 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 16 Bonfadelli/Schwarb (2006), S. 35. 17 Vgl. Schwarb/Bonfadelli (2006), S. 160. 18 Schwarb/Bonfadelli (2006), S. 172-173. Im Auftrag der KEK haben Neuberger und Lobigs 2010 ein Gutachten zur „Bedeutung des Internets im Rahmen der Vielfaltssicherung“ vorgelegt. Im kommunikationswissenschaftlichen Teil untersucht Neuberger mittels zweier quantitativer Inhaltsanalysen, ob und inwieweit das Web einen Beitrag zur Darstellung der Vielfalt an Fakten, Positionen und Akteuren liefert. Neuberger bezieht in die Analyse auch nicht-publizistische (parti- zipative) Angebotsformen wie Blogs und Netzwerke mit ein. Die Studie untersucht deutschsprachige journa- listische und nicht-journalistische Webangebote insgesamt und ist nicht auf kleinräumige Kommunikations- gebiete heruntergebrochen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Meinungsbildungsrelevanz des Webs insgesamt zunimmt und dass hierbei auch partizipative Angebote eine große Rolle spielen. Im Hinblick auf die Methodik knüpft die Studie letztlich an bewährte Instrumentarien der Vielfaltsmessung durch Inhaltsanalysen (s.u.) an. 2.3Zur Messung publizistischer Vielfalt Im vorhergehenden Abschnitt wurden die bisherigen zentralen Ergebnisse der Konzentrations- bzw. Viel- faltsforschung dargestellt, ohne dabei auf die angewandten Methoden einzugehen. Nunmehr soll beleuchtet werden, welche methodischen Möglichkeiten es gibt, publizistische Vielfalt zu messen.19 Die Vielfaltsfor- schung stand immer in Verbindung mit der Frage nach den Ursachen publizistischer Vielfaltsminderung, die zumeist als Folge von Konzentrationsprozessen gesehen oder vermutet wurde. Der Versuch, Kausalzusam- menhänge zwischen ökonomischer Konzentration und der Minderung publizistischer Vielfalt herzustellen, muss als gescheitert angesehen werden. Dies erscheint weniger darin begründet, dass es diesen Zusammen- hang nicht gibt, als vielmehr in der Problematik, einen solchen Zusammenhang empirisch sicher nachweisen zu können. Ein solcher Nachweis lässt sich nur durch Längsschnittuntersuchungen über eine Messung von Medieninhalten vor und nach einer ökonomischen Veränderung (Konzentration, Fusion) führen. Dies ist me- thodisch sehr aufwendig und das Ergebnis kann (zumindest theoretisch) immer noch auf andere Faktoren der Veränderung im untersuchten Kommunikationsraum zurückgeführt werden. Zielführender erscheint es stattdessen zu prüfen, ob in den vorhandenen Medien eines definierten Kommu- nikationsraumes in der Berichterstattung Konsonanz (inhaltliche Übereinstimmung) oder Differenzierung (inhaltliche Unterschiede) bestehen. Eine solche Vielfaltsmessung benötigt eine operationelle Definition, die Rager 1982 lieferte, und die immer noch Bestand hat: „Publizistische Vielfalt liegt dann vor, wenn die untersuchten Medien sich bei der Darstellung der Themen, Handlungsträger, Zu-Wort-Kommenden, in der Verteilung von Lob und Kritik und im Gebrauch journalistischer Darstellungsweisen deutlich erkennbar unterscheiden.“20 Mit dieser Definition sind die Parameter für das, was mittels einer Inhaltsanalyse zur publizistischen Vielfalt gemessen werden kann, gut umrissen. Themen, Akteure, „Zu-Wort-Kommende“, Positionen und Formen lassen sich überdies in einer Inhaltsanalyse valide in messbare Variablen überführen. Grundsätzlich kann festge- halten werden, dass die Methode der Inhaltsanalyse der methodische Königsweg zur Messung von Vielfalt ist. Allerdings hat diese Methode eine zentrale Schwäche: Sie misst nur die vorhandenen Medieninhalte, nicht jedoch „unterdrückte“ Berichterstattung. Um einen Abgleich zwischen der Ereignisagenda und der Me- dienagenda zu erfassen, müsste man sämtliche möglichen Berichterstattungsthemen (Ereignisse) kennen. Da dies nicht möglich ist, wurde stellvertretend hierfür in der Forschung gelegentlich eine Befragung von „Schlüsselpersonen“ aus dem Kommunikationsraum vorgenommen. Die Möglichkeit, Themen und Ereignisse zu ermitteln, über die in den Medien (ggf. systematisch) nicht berichtet wird, bleibt aber ein zentrales Problem der Messung publizistischer Vielfalt. Allerdings lässt sich die Befragung von lokalen Schlüsselpersonen – mit dem Ziel, den tatsächlichen Ereignishorizont zu erhellen – gegenwärtig durch die Methode des Social Media Audits ersetzen. Hierbei würde eine Recherche in Sozialen Netzwerken durchgeführt, um zu ermitteln, ob dort von den etablierten Medien „unterdrückte“ Themen diskutiert werden. 126Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 19 Der nachfolgende Abschnitt greift zurück auf Woldt (1992). 20 Zitiert nach Woldt (1992), S. 199. Es erscheint sinnvoll, den Begriff der publizistischen Vielfalt auch auf die Meinungshaltigkeit von Inhalten zu beziehen. Die Wiedergabe unterschiedlicher Meinungen bzw. Meinungsäußerungen ist ein wichtiger Indi- kator für medienimmanente Vielfalt. Um diese zu messen, sind entsprechende Inhaltsanalysen um eine Ar- gumentationsanalyse zu erweitern. 2.4 Exkurs: Ergebnisse einer explorativen Vorstudie zur publizistischen Vielfalt in den Kom- munikationsräumen Düsseldorf, Duisburg und Köln Im Vorfeld der hier vorgelegten Untersuchung wurde im Auftrag der LfM in den Kommunikationsräumen Düs- seldorf, Duisburg und Köln eine explorative Vorstudie durchgeführt. Hierin sollte geklärt werden, ob sich in diesen strukturell divergierenden Räumen Indikatoren für vielfaltsmindernde Medienkonstellationen finden lassen und wie sich die crossmediale Diversifikation von Medienunternehmen ggf. in der lokalen Publizistik niederschlägt. Diese Exploration diente ferner dazu, die forschungsleitenden Fragestellungen für die Haupt- untersuchung zu formulieren (siehe Kap. 2.5). Im empirischen Teil der Exploration wurden das lokale publi- zistische Angebot der wichtigsten lokalen Tageszeitungen, die entsprechenden lokalen Onlineangebote sowie das Programm des Nahraumfernsehens in der Woche von Montag, 20.09. bis Samstag, 25.09.2010 untersucht. Die nachstehende Übersicht zeigt, welche Medienangebote in der Untersuchungswoche analysiert wurden. Die komplexen Beteiligungsverhältnisse und „Kooperationen“ der jeweils dominierenden Medienunterneh- men21 an den einzelnen Medien und untereinander werden hier nicht im Detail dargestellt. Grundsätzlich kann aber festgestellt werden, dass die für den Lesermarkt relevanten Tageszeitungen in Köln und Duisburg aus jeweils einem Verlagshaus stammen und in Düsseldorf eine Überkreuzbeteiligung bei den beiden führen- den Tageszeitungen besteht. Die Onlineportale sind ökonomisch jeweils in der Hand großer Zeitungsverleger bzw. treten als „Ableger“ der jeweiligen Printtitel auf. Am Nahraumfernsehen sind die Verlagshäuser ebenfalls (mit unterschiedlichen Anteilen) beteiligt. Somit ist für alle drei Untersuchungsgebiete eine starke cross- mediale Verflechtung zu konstatieren, deren Auswirkung für das publizistische Angebot hier im Fokus steht. Im Kontext der Exploration konnten nicht sämtliche Print- und Onlineangebote mit lokalem Bezug untersucht werden. Bei den Tageszeitungen wurden die für den Lesermarkt bedeutenden Zeitungen berücksichtigt22, bei den Onlineauftritten die unmittelbaren „Ableger“ der Tageszeitungen. 127 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 21 In Düsseldorf die Rheinische Post Verlagsgesellschaft, in Duisburg die WAZ-Mediengruppe und in Köln das Medienhaus M. DuMont Schauberg. 22 In Köln wurde BILD Köln nicht einbezogen, da hier der Kölner EXPRESS im Lesermarkt dominant ist. Die Duisburger Lokalausgabe der Rheinischen Post wurde aufgrund ihrer geringen Verbreitung ebenfalls nicht einbezogen: Laut IVW 4/10 betrug die verbreitete Auflage der RP in Duisburg rund 7.500 gegenüber rund 65.000 bei bei- den WAZ-Blättern. Region Düsseldorf Duisburg Köln Tageszeitungen Westdeutsche Zeitung – Ausgabe Düsseldorf Rheinische Post – Düsseldorfer Hauptausgabe Neue Rhein Zeitung – Ausgabe Düsseldorf Westdeutsche Allgemeine Zeitung – Ausgabe Duisburg Neue Ruhr Zeitung – Ausgabe Duisburg Kölner Stadt-Anzeiger – Hauptausgabe Köln Kölnische Rundschau – Hauptausgabe Köln EXPRESS Onlineangebote www.wz-newsline.de [Lokales Düsseldorf] www.rp-online.de [Region Düsseldorf] www.derwesten.de [Lokales Düsseldorf] www.derwesten.de [Lokales Duisburg] www.ksta.de www.rundschau-online.de www.express.de Nahraumfernsehen center.tv Heimat-fernsehen Düsseldorf STUDIO 47 Stadtfernsehen Duisburg center.tv Heimat-fernsehen Köln Übersicht 1: Die Untersuchungsgebiete im Überblick Für die explorative Untersuchung wurden pro Erscheinungstag zunächst die beachtenswerten Artikel23 (ohne Sport und Regularien) in den jeweiligen Zeitungsausgaben erfasst. Aus diesen insgesamt 326 Beiträgen wurden dann pro Standort die Top-Themen der Woche generiert: Für Düsseldorf sind dies 15, für Duisburg 12 und für Köln 17 Themen. Die Ermittlung der Top-Themen erfolgte nach ihrem Vorkommen in den verschiedenen lokalen Medienangeboten. Je häufiger ein Thema in den unterschiedlichen Medien auftaucht, als umso bedeutsamer wurde es eingestuft. Die so generierte Themenagenda lieferte die Basisstruktur für den intermedialen Vergleich. Hierbei wurden alle Beiträge (Print, Online, TV) zu jeweils einem Thema miteinander verglichen. Der Vergleich bezog sich sowohl auf die inhaltliche Behandlung der Themen, die journalistischen Darstellungsformen, die Handlungsträger (Akteure) und die „Zu-Wort-Kommenden“. Das Ziel dieses Untersuchungsteils war es fest- zustellen, ob einzelne Themen in den verschiedenen Medien unterschiedlich oder gleichartig journalistisch aufgearbeitet werden, wie das Verhältnis von sachbezogener und meinungsbetonter Berichterstattung ist und ob die Vielzahl der Medien durch unterschiedliche Berichterstattung eine Meinungsvielfalt erzeugt. Die Ergebnisse pro Standort können hier nicht im Detail dargestellt werden, die Kernergebnisse werden nach- folgend knapp skizziert. Es handelt sich hierbei notabene nicht um bestandskräftige Aussagen, sondern le- diglich um Anhaltspunkte dafür, in welche Richtung die weitere Forschung gehen sollte. Als zentrales me- thodisches Ergebnis lässt sich voranstellen, dass der Beobachtungszeitraum von einer Woche für eine Beob- achtung lokaler Kommunikationsräume auf jeden Fall zu kurz greift, da die Berichterstattung – noch stärker als bei nationalen Medien – von der Ereignislage dominiert wird. Aus diesem Grund wurde für die vorliegende Hauptuntersuchung ein insgesamt zehnwöchiger Beobachtungszeitraum gewählt. Als grundlegendes Fazit lässt sich bei einer interregionalen Betrachtung zunächst konstatieren, dass die Viel- falt der Berichterstattung sich an jedem Standort anders darstellt bzw. zu bewerten ist. Worauf diese Unter- schiedlichkeit der publizistischen Vielfalt an einzelnen Standorten zurückzuführen ist, blieb in der Exploration eine offene Frage. Es gibt aber Indikatoren dafür, dass die publizistische Leistung in einem grundsätzlichen Zusammenhang mit der jeweils vorfindbaren Angebotsstruktur steht. In der vorliegenden Hauptuntersuchung wird diesen Zusammenhängen weiter nachgegangen. Region versus Region In Düsseldorf zeigte sich ein uneinheitliches Bild: In der Presseberichterstattung der Untersuchungswoche fanden sich bei einigen kontroversen Themen durchaus meinungsbetonte Stellungnahmen, oder verschie- denen Positionen wurde ein Forum zur Selbstdarstellung geboten. Bei etlichen Themen gab es jedoch auch eine gleichförmige, wenig pointierte Berichterstattung. Ein gewisser Beitrag zur Sicherung der Meinungs- vielfalt ließ sich beim Nahraumfernsehen erkennen. Die Onlineangebote boten demgegenüber kaum publi- zistischen Zugewinn. Relativ prekär erschien die Situation in Duisburg, wo etliche vielfaltsmindernde Faktoren zu erkennen waren. Die im Lesermarkt dominierende Tagespresse erschien in ihrer Berichterstattung quantitativ und qualitativ kein Garant dafür zu sein, dass unterschiedliche Themen und Meinungen zum Tragen kommen. Die untersuch- ten Artikel zeigten wenig Polarisierung, die Themenagenda war verengt. Überdies war in beiden Tageszei- tungen der WAZ-Gruppe eine Vielzahl von Artikeln identisch, so dass keine publizistische Konkurrenz erkenn- bar war. Sowohl die Onlineangebote als auch das Nahraumfernsehen lieferten im Untersuchungszeitraum keinen bedeutsamen Beitrag zur Vielfaltssicherung. Für Köln muss wiederum ein anderes Bild gezeichnet werden. Hier erschien die lokale Berichterstattung im Medienmix zwar quantitativ vielfältig. Im Vergleich zu Düsseldorf fiel allerdings eine stärkere Homogenisie- rung bei der Themenwahl und -aufbereitung auf. Das Angebot des Heimatfernsehens lieferte zwar quantitativ einen beachtlichen Beitrag zur Vielfalt, war – zumindest bei tagesaktuellen Themen – aber weitgehend un- kritisch in der Berichterstattung. Auch die Onlineangebote waren in Köln recht umfangreich, allerdings schlug sich diese redaktionelle Kapazität nicht in einer Erweiterung der Meinungsbildungsfunktion nieder. 128Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 23 Die Bedeutung der Artikel ergibt sich hierbei aus der jeweiligen Relevanzstruktur der Blätter (Teaser auf der Startseite, Aufmachung, Umfang der Berichterstattung etc.). Tageszeitung versus Tageszeitung An allen drei Standorten existiert mehr als eine Tageszeitung, somit ist auf der strukturellen Ebene eine Kon- kurrenzsituation gegeben. Diese trat allerdings in den Untersuchungsgebieten unterschiedlich in Erschei- nung. Am schwächsten ausgeprägt erschien die publizistische Konkurrenz aus den oben dargelegten Gründen in Duisburg, am stärksten waren die Unterschiede im Binnenvergleich der Zeitungen in Düsseldorf. In Köln war die Ausdifferenzierung eher durch Blatt-typische Unterschiede für verschiedene Lesermärkte zu sehen: einerseits durch die Boulevardzeitung versus die beiden Abonnementzeitungen, andererseits sprechen der Kölner Stadt-Anzeiger und die Kölnische Rundschau traditionell unterschiedliche Zielgruppen an. Tageszeitung versus Onlineangebote Es existierte ein hohes Maß an Zweitverwertung der Printartikel in den entsprechenden Onlineangeboten. Ob die ursprüngliche Quelle aus der Redaktion der Tageszeitung, der Onlineredaktion oder einer gemeinsamen Redaktion stammt, war nicht zu erkennen (bzw. wurde nicht untersucht) und ist für das Ergebnis auch uner- heblich. Der hohe Anteil der Übereinstimmung zwischen der Berichterstattung in den Tageszeitungen und deren Onlineangeboten deckt sich mit den Befunden von Neuberger/Lobigs24 und ist daher nicht überra- schend. Erstaunlich ist allerdings das große Maß an Übereinstimmung in Form und Inhalt zwischen den beiden Angebotsformen: Bei der Behandlung der wichtigen lokalen Themen und Ereignisse in den Untersuchungs- regionen boten die Onlineportale keinen Zuwachs an Meinungsvielfalt. Alle Webauftritte enthielten auch Videoproduktionen, für die generell festzustellen war, dass Onlinevideos – insbesondere aufgrund ihrer medientypischen Kürze – wenig vertiefende und meinungsrelevante Beiträge enthielten. Nahraumfernsehen versus andere Lokalmedien Die grundlegende publizistische Leistung des Nahraumfernsehens an den hier untersuchten Standorten wurde im Jahr 2010 im Auftrag der LfM ebenfalls detailliert untersucht.25 Diese Studie zeigt im Hinblick auf die pro- grammimmanente Vielfalt erhebliche Defizite in Duisburg auf, während in Köln und Düsseldorf vergleichsweise vielfältige Programme produziert werden. Im Kontext der Exploration war festzustellen, dass in Köln und Düsseldorf in der Untersuchungswoche wenige Beiträge zu finden waren, die eine journalistische Aufarbeitung tagesaktueller, kontroverser Themen (Darstellung von Meinungsvielfalt) leisteten. Bei dem Onlineangebot rp-online.de ließ sich eine crossmediale Verflechtung beobachten: In diesem Webauftritt stammten die unter den Menüpunkten „Düsseldorf“ und „Duisburg“ angebotenen Onlinevideos aus dem Programmpool der beiden jeweiligen Nahraumfernsehsender. Die hier knapp dargestellten Ergebnisse der Exploration haben lediglich eine heuristische Funktion und kön- nen aufgrund der schmalen Datenbasis nicht als verallgemeinerbare Aussagen für die jeweiligen Standorte gelten. Die vorliegende Studie knüpft jedoch an diese Erkenntnisse insofern an, als sie das forschungsleitende Interesse mitbestimmen. 2.5 Forschungsleitendes Interesse der vorliegenden Studie Vor dem Hintergrund der dargestellten Ergebnisse aus der Exploration und in Korrelation mit den Befunden der bisherigen Forschung zur publizistischen Vielfalt in kleinräumigen Kommunikationsgebieten wurden die nachfolgenden forschungsleitenden Fragestellungen für die vorliegende Untersuchung formuliert. Das erkenntnisleitende Interesse des vorliegenden Forschungsprojekts richtet sich auf das Vorhandensein oder das Fehlen publizistischer Vielfalt in den untersuchten Kommunikationsräumen. Hierbei wird zunächst unterstellt, dass publizistische Vielfalt nicht zwingend mit struktureller Vielfalt sowohl in ökonomischer Hin- sicht (Vielfalt von Anbietern) als auch in medialer Hinsicht (Vielfalt von Angeboten) korrelieren muss. Möglich 129 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 24 Vgl. Neuberger/Lobigs (2010), S. 61. 25 Vgl. Volpers/Schnier/Bernhard (2011). erscheint publizistische Vielfalt auch in einer Monopolsituation durch eine binnenplurale Berichterstattung. Allerdings ist eine solche Monopolsituation (medienübergreifend) in keinem der untersuchten Kommunika- tionsräume gegeben. Zwar herrscht in Borken ein Tageszeitungsmonopol, aber es gibt weitere mediale An- gebote (Nahraumfernsehen, lokaler Hörfunk und Online). Im Vordergrund des Interesses steht vielmehr die umgekehrte Frage: Erzeugt eine Vielzahl medialer Angebote auch Vielfalt im Sinne publizistischer Diffe- renzierung? Die nachfolgend skizzierten Forschungsfragen richten sich letztlich auf Aspekte dieser Kernfragen: • Wie ist das lokalpublizistische Angebot in den untersuchten, strukturell unterschiedlichen Medienmärk- ten, und werden die Bürger in allen drei lokalen Kommunikationsräumen gleichermaßen vielfältig infor- miert? • Auf welche Themenfelder richtet sich die lokale Berichterstattung, und unterscheiden sich die verschie- denen Medientypen hinsichtlich ihrer Themenagenda und Relevanzstruktur ihrer Themensetzung? • Sind formal diversifizierte Medienangebote ein Garant für publizistische Vielfalt, oder erzeugen cross- mediale Verflechtungen in lokalen Kommunikationsräumen durch die Mehrfachverwertung identischer Beiträge lediglich eine „Scheinvielfalt“? • Erbringen die privaten elektronischen Medien (Nahraumfernsehen, Hörfunk und Onlineangebote) in kleinräumigen Kommunikationsgebieten einen publizistischen Zuwachs gegenüber der Tageszeitung? • Fokussieren die elektronischen Medien bei der Informationsgebung stärker auf Nachrichtenformate und Kurzberichterstattung als auf die Darstellung kontroverser Standpunkte und das Beleuchten von Hinter- gründen, oder bieten auch sie Raum für eine umfangreichere journalistische Behandlung kontroverser Themen? • In welchem Umfang sind Kommentare als explizite journalistische Beiträge zur Meinungsbildung in den verschiedenen Medien vertreten? • Erbringen Onlineangebote innerhalb lokaler Kommunikationsräume ein lokalpublizistisch eigenständiges Angebot, das als Bereicherung der publizistischen Vielfalt angesehen werden kann? • Lässt sich im lokalen Raum eine Meinungsbildungsrelevanz durch partizipative Webangebote (Soziale Netzwerke, Blogs, Kommentare in webbasierten Medienangeboten) feststellen? Mit anderen Worten: Schaffen Bürger durch User Generated Content eine Ergänzungsfunktion zu den Lokalmedien? 130Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 3 Lokale Kommunikationsräume in NRW — übergreifende Merkmale der Angebotsstruktur und publizistischen Leistung In den Kapiteln 4.1 bis 4.3 werden die standortbezogenen Ergebnisse der einzelnen Teiluntersuchungen de- tailliert betrachtet. Vorab werden im vorliegenden Kapitel die zentralen raumübergreifenden Befunde vor- gestellt. Diese strukturellen Merkmale charakterisieren die lokal-publizistischen Leistungen der einzelnen Medientypen. Mit der vorangestellten generalisierenden Beschreibung werden Redundanzen in der anschlie- ßenden Darstellung der standortbezogenen Ergebnisse vermieden. Die drei lokalen Kommunikationsräume Köln, Remscheid und Borken unterscheiden sich nicht nur soziogeo- graphisch, sondern auch in ihren lokalen Medienangeboten deutlich voneinander. Gleichwohl lassen sich ei- nige strukturelle Gemeinsamkeiten des publizistischen Angebots benennen, die so in nahezu allen nordrhein- westfälischen lokalen Kommunikationsräumen zu finden sind. Die Tagespresse ist hinsichtlich des Umfangs und der Qualität der Berichterstattung das führende lokale In- formationsmedium und prägt den politischen Diskurs wesentlich mit. Lokaler Hörfunk und lokales Fernsehen (wo es ein TV-Angebot gibt) bieten ebenfalls Informationen für die Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen vor Ort, berichten insgesamt aber weniger „tiefgehend“ (von einzelnen Themen abgesehen, die besonders kontrovers sind). Ergänzt wird diese Berichterstattung durch kostenlose Anzeigenblätter, deren Berichter- stattung aber nur in geringem Maße auf gesellschaftspolitische Themen Bezug nimmt. Im Bereich der auf lo- kale Kommunikationsräume bezogenen Onlinemedien gibt es dagegen kein einheitliches Bild. Einerseits do- minieren hier zumeist die Webangebote der etablierten klassischen Massenmedien, vor allem der örtlichen Tagespresse. Hier finden sich i.d.R. mehr oder minder identische Beiträge wie in der dazugehörigen Tages- zeitung. Andererseits existieren vereinzelt auch lokale Webportale, die eine „alternative“ Möglichkeit der öffentlichen Meinungsbildung anbieten. Zwischen diesen beiden Polen sind entsprechend viele Abstufungen möglich. Es gibt Onlineauftritte einzelner Anzeigenblätter, die lediglich die jeweils aktuelle Ausgabe als PDF- Datei zur Verfügung stellen, ebenso wie Websites, die sich hauptsächlich als Fotogalerie und Veranstaltungs- kalender verstehen. Eine klare Trennung zwischen i.e.S. journalistischen Angeboten und netzbasierten Kom- munikationsplattformen gibt es – webtypisch – kaum. Abgesehen vom Webbereich gibt es jenseits der beschriebenen Grundstruktur (diskursprägende Tageszeitungen, ergänzende Rundfunkangebote) Unterschiede im lokalen Medienmix der hier analysierten Untersuchungs- gebiete: • In Köln existieren zwei lokale Abonnementzeitungen, die wirtschaftlich eng kooperieren, redaktionell aber unabhängig sind; daneben konkurrieren die Boulevardzeitungen EXPRESS und BILD Köln. Der Bereich der Anzeigenblätter wird dagegen von einem Titel (mit 13 Stadtteilausgaben) dominiert. Neben dem Lokal radio gibt es mit center.tv ein privates Fernsehprogramm für den Großraum Köln und Leverkusen. • In Remscheid konkurrieren zwei lokale Abonnementzeitungen miteinander, die beide Lokalausgaben ver- schiedener publizistischer Einheiten sind. Eine ausgeprägte Konkurrenzsituation herrscht zwischen den drei örtlichen Anzeigenblättern. Es gibt ein lokales Radio-, aber kein entsprechendes Fernsehprogramm. • In Borken hat die Borkener Zeitung ein Lokalmonopol. Eine Konkurrenzsituation herrscht dagegen im Be- reich der Anzeigenblätter. Lokalradio und privates lokales Fernsehen sind Angebote für einen subregio- nalen Kommunikationsraum (Westmünsterland), dessen Teil Borken ist. Für alle drei Untersuchungsgebiete lässt sich konstatieren: Die lokale Themenagenda wird sowohl in Breite (Menge verschiedener Themen) als auch Tiefe (Umfang der jeweils themenspezifischen Berichterstattung) durch die Tagespresse dominiert. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Medien grundsätzlich weniger hochwertige Inhalte anbieten. Gemäß ihrer medialen Eigenlogiken greifen Fernsehen und Hörfunk aber ein- zelne Themen weniger häufig auf und bieten – von Ausnahmen abgesehen – eher ereignisorientierte Infor- mationen als meinungsbildende Themeneinordnung und -bewertung. Für den Lokalfunk und das Fernsehen sind einige raumübergreifende Gemeinsamkeiten festzustellen, die nachfolgend skizziert werden. 131 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Lokalradio wird in NRW nach dem „Zwei-Säulen-Modell“ organisiert, das den publizistischen Wettbewerb vor Ort fördern soll, ohne den Bestand des lokalen Pressemarktes wirtschaftlich zu gefährden. Die insgesamt 45 nordrhein-westfälischen Lokalradios beziehen ein gemeinsames Mantelprogramm von Radio NRW. Innerhalb dieses Programms gibt es je nach Verbreitungsgebiet eine tägliche Sendezeit von fünf oder acht Stunden, die von den jeweiligen lokalen Anbietern selbstständig produziert werden. Die nachfolgende Übersicht zeigt diese „regulären“ Sendezeiten in den untersuchten Verbreitungsgebieten. 132Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 26 Hierbei handelt es sich um die sogenannte Lokale Option (LOP). Sendezeiten Montag – Freitag Samstag Sonntag Köln (8 Std.) Radio Köln 06:00–10:00 14:00–18:00 09:00–12:00 13:00–18:00 09:00–12:00 13:00–15:00 21:00–24:00 Remscheid (5 Std.) Radio RSG 06:00–09:00 16:00–18:00 07:00–10:00 16:00–18:00 09:00–14:00* 17:00–18:00 Borken (5 Std.) RADIO WMW 06:00–09:00 16:00–18:00 06:00–09:00 16:00–18:00 06:00–09:00 16:00–18:00 Übersicht 5: Reguläre Sendezeiten des Lokalfunks * Im Untersuchungszeitraum sonntags 6 Stunden Programmangebot. Ergänzt wird diese lokale „Kern“-Sendezeit durch zusätzliche Lokalnachrichten, die als Einsprengsel in das Mantelprogramm eingebaut werden.26 In der Regel handelt es sich hierbei um Lokalnachrichten und/oder am Wochenende um Sportnachrichten (siehe nachstehende Übersicht). Sendezeiten* Montag – Freitag Samstag Sonntag Köln (8 Std.) Radio Köln 5, 10–13, 18, 19 7, 8, 12 8, 12, 15,16, 17 (Sport) Remscheid (5 Std.) Radio RSG 5, 9–15, 18, 19 12, 13 (Sport) - Borken (5 Std.) RADIO WMW 10–15, 18 - - Übersicht 6: Wahrnehmung der lokalen Option durch die Lokalfunksender * Meldungen jeweils zur halben Stunde; hier Angabe des jeweiligen Stundenblocks. Zusätzlich zu diesem Programmangebot stellen die Lokalradios Sendezeit für den Bürgerfunk zur Verfügung. Die Sendezeit des Bürgerfunks in NRW ist werktags (Mo.–Sa.) landesweit auf höchstens eine Radiostunde von 21–22 Uhr festgelegt, sonn- und feiertags von 19–20 Uhr. Gleichzeitig ist den ausgestrahlten Bürgerfunk- formaten ein strikter „lokaler Bezug“ zum Verbreitungsgebiet vorgeschrieben. Der öffentlich-rechtliche Hörfunk bietet ebenfalls lokale Berichterstattung aus verschiedenen kleinräumigen Gebieten in WDR 2 an. Dazu wird zu bestimmten Zeiten für wenige Minuten in die einzelnen Studios für die Lokalnachrichten auseinandergeschaltet (Mo.-Fr. stündlich von 06:30–17:30 Uhr, Sa. stündlich 07:30–13:30 Uhr). Das Programm von WDR 2 Regional wird in folgende Studios auseinandergeschaltet: Aachen, Bielefeld, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Köln, Münster, Siegen und Wuppertal. Privates Lokalfernsehen hat sich in NRW erst seit 2005 (erstes: Studio 47 Duisburg) etabliert. Das vormals im WDR ausgestrahlte „Metropolenfernsehen“ existiert in dieser Form seit 2006 nicht mehr. Gleichwohl gibt es mit der „WDR Lokalzeit“ nach wie vor subregionale Programmangebote auch des öffentlich-rechtlichen Fern- sehens. In der halbstündigen Sendung „Lokalzeit“ werden Nachrichten und Berichte ausgestrahlt. Derzeit gibt es im WDR Fernsehen elf solcher Lokalmagazine (Aachen, Bielefeld, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Köln, Münster, Siegen und Wuppertal). Die „Lokalzeit“ wird montags bis samstags um 19:30–20:00 Uhr gesendet. Darüber hinaus gibt es fünfminütige „Lokalzeit“-Nachrichten montags bis freitags um 18 Uhr. 4 Das Angebot privatwirtschaftlicher Medien in ausgewählten lokalen Kommunikationsräumen 4.1 Die lokale Medienlandschaft in Köln 4.1.1 Struktur der Medienlandschaft Über zehn Prozent der Einwohner Nordrhein-Westfalens leben in der Stadtregion Köln. Die viertgrößte Mil- lionenstadt Deutschlands ist Standort etlicher bundesweit bedeutender Medienunternehmen, weist aber auch lokal eine vielschichtige Medienstruktur auf. Presse Zeitungsleser können zwischen vier Tageszeitungen wählen, davon zwei Abonnementzeitungen (Kölner Stadt- Anzeiger, Kölnische Rundschau) und zwei Boulevardblätter (EXPRESS, BILD Köln). Hinzu kommt das wöchentlich (mittwochs) erscheinende Anzeigenblatt Kölner Wochenspiegel mit seinen 13 Stadtteilausgaben, das in diesem Segment keine lokale Konkurrenz hat. Im Bereich der Tagespresse ist die wirtschaftliche Konkurrenzsituation weniger ausgeprägt, als sie beim bloßen Blick auf die Anzahl der Titel erscheint. Stadt-Anzeiger, Rundschau und EXPRESS erscheinen alle im Verlag M. DuMont Schauberg. Hinzu kommt, dass der Verlag des Kölner Wo- chenspiegels (Rheinische Anzeigenblatt GmbH & CO. KG) zu 50 Prozent von M. DuMont Schauberg gehalten wird. Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau sind zwar redaktionell unabhängig voneinander, befinden sich aber in einem Anzeigen- und Vertriebsverbund, d.h. dass ein Belegungszwang für beide Titel besteht und die Anzeigenteile beider Zeitungen somit identisch sind. Der frühere Verleger der Kölnischen Rundschau Helmut Heinen fungiert nach wie vor als deren Herausgeber und bestimmt die redaktionelle Linie. Seit Anfang 2010 ist die Kölnische Rundschau keine Vollredaktion mehr, sondern bezieht den Mantelteil vom Bonner Ge- neral-Anzeiger, der in der Bonner Zeitungsdruckerei und Verlagsanstalt H. Neusser GmbH erscheint. An diesem Verlag ist M. DuMont Schauberg mit 18 Prozent beteiligt; am Heinen-Verlag, der nach wie vor für die Redaktion der Rundschau zuständig ist, besteht eine Beteiligung von 20 Prozent. Die Kölner Presselandschaft ist öko- nomisch also eng verflochten. Die einzige verlegerische Konkurrenz zu M. DuMont Schauberg bildet damit der Axel Springer Verlag mit seiner Kölner Lokalausgabe der BILD. Der bis 2005 vorhandene Lokalteil der tageszeitung wird mittlerweile nicht mehr publiziert.27 Der Kölner Stadt-Anzeiger erscheint montags bis samstags, der durchschnittliche Seitenumfang beträgt von Montag bis Freitag 31 Seiten; die Samstagsausgabe umfasst im Durchschnitt 36 Seiten plus Anzeigenteil (Auto-, Immobilien-, Stellenmarkt) von durchschnittlich 40 Seiten (identisch mit der Kölnischen Rundschau). Die Lokalberichterstattung findet sich vorwiegend im vierten Buch der Zeitung (nach den Büchern Politik, Wirtschaft und Sport). Die entsprechende Rubrik heißt „Köln“ (ca. 4–8 Seiten). Auch am Ende des ersten Buches werden unter „Land/Region“ lokale Ereignisse berichtet, ebenso am Ende vom dritten Buch unter „Kultur“. Dies gilt gleichfalls für den Wirtschaftsteil sowie das „Leserforum“ (Leserbriefe). Jeden Donnerstag erscheinen in Köln – neben dem „Köln“-Buch – fünf Stadtteilausgaben (Nord [d.h. Chorweiler, Nippes, Nörd- liche Innenstadt], Ost, Süd, West und Porz) mit einem zusätzlichen Buch für sublokale Berichterstattung, unter der Rubrik „Quer durch Köln“ mit einem Umfang von 6–7 Seiten. Dienstags ist das entsprechende Buch – bei gleichlautendem Rubrikentitel – mit „Köln Linksrheinisch“ überschrieben. Als tägliche Beilage ist dem Blatt ein Magazin beigefügt (TV-Programm, Veranstaltungstermine etc.); jeweils mittwochs erscheint die Beilage „Reisen“. Der samstägliche Anzeigenteil setzt sich zusammen aus Automarkt („Auto & Mobil“), Im- mobilienmarkt („Wohnen & Leben“) und Stellenmarkt („Job & Karriere“). Die Kölnische Rundschau erscheint ebenfalls an allen sechs Werktagen mit einem durchschnittlichen Umfang von Montag bis Freitag bzw. Samstag mit rund 39 Seiten zzgl. des Anzeigenteils. Die Lokalberichterstattung findet sich im vierten Buch (nach den Büchern Politik, Sport und Magazin) unter der Rubrik „Köln“ (ca. 5–6 Seiten) sowie an einzelnen Tagen unter den Rubriken „Stadtteile“ und „Rheinland“ ( jeweils eine Seite). Ebenso wie der Stadt-Anzeiger erscheinen auch bei der Rundschau donnerstags fünf Stadtteilausgaben (Nord, 133 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 27 Bis Ende 2004 erschien eine NRW Köln Lokalbeilage einmal wöchentlich, anschließend bis Ende Juni 2005 täglich. Ost, Süd, West und Porz), die ein zusätzliches Buch (z.B. „Stadtteile Nord“) mit sublokaler Berichterstattung im Umfang von 6 Seiten enthalten. Am Ende des ersten Buches wird unter der gleichnamigen Rubrik über „Kölner Kultur“ berichtet. Als gesonderte Rubrik (bzw. Buch) wird mittwochs der Reiseteil publiziert. Der EXPRESS erscheint als einzige tägliche Kölner Zeitung auch sonntags, also siebenmal pro Woche. Der Um- fang des Blattes variiert Montag bis Freitag zwischen 24 und 44 Seiten, d.h. im Durchschnitt mit 28 Seiten, samstags 38 Seiten. Die Lokalberichterstattung aus Köln befindet sich auf den letzten 3–5 Seiten unter den Rubriken „Köln“ und „Rheinland“. Unter der Rubrik „Köln Plus“ erscheinen Serien (z.B. mittwochs „Kölner Zeitreise“, donnerstags „Köln-Check“). Boulevardthemen aus Köln und Umgebung werden darüber hinaus häufig auch im Hauptteil (auch auf Seite 1) gebracht. BILD Köln erscheint sechsmal wöchentlich (Montag bis Samstag) und enthält rund 19 Seiten. Die Lokal - berichterstattung für Köln findet sich im ersten Buch mit der Rubrikbezeichnung „Bild Köln“ (ansonsten „Bild Bundesausgabe“) und umfasst 3–5 Seiten. Im Gegensatz zum konkurrierenden Boulevardblatt EXPRESS bietet BILD keine Möglichkeit für Abonnements. Der Kölner Wochenspiegel erscheint jeden Mittwoch in dreizehn Stadtteilausgaben (Chorweiler, Ehrenfeld, Innenstadt Nord, Innenstadt Süd, Kalk, Lindenthal, Mülheim, Nippes, Porz, Rath-Heumar (unter dem Titel „Köln 8“), Kölner Süden, Weiden-Lövenich, Weidenpesch). Die einzelnen Ausgaben sind auf der Titelseite kenntlich gemacht, wobei nicht nur die übergeordneten Stadtteilbezeichnungen genannt werden, sondern darüber hinaus auch die verschiedenen „Veedel“ innerhalb der Bezirke. In den einzelnen Ausgaben finden sich nicht nur stadtteilbezogene Berichte, sondern auch solche, die sich mit Köln-Themen sowie Themen aus angrenzenden Stadtteilen befassen und identisch in verschiedenen Stadtteilausgaben erscheinen. Hörfunk Radio Köln (Sendestart 1991) ist eines der 45 nordrhein-westfälischen Lokalradios, die ihr Mantelprogramm von Radio NRW beziehen. Das eigenproduzierte Lokalprogramm umfasst täglich acht Stunden. Ergänzt wird diese lokale Sendezeit durch weitere Lokalnachrichten, die Montag bis Freitag zur halben Stunde in das Man- telprogramm28 eingebaut werden. Den Lokalnachrichten vorangestellt sind zwei nationale/internationale Meldungen („Nachrichten aus Köln, Deutschland und der Welt“) sowie das Intro „Nachrichten aus Köln“. Es folgen i.d.R. drei lokale Themen/Meldungen, die sich ausschließlich auf das Stadtgebiet beziehen. Der Sen- degebietszuschnitt ist also eindeutig lokal definiert. Nahraumfernsehen Mit center.tv sendet seit 2005 ein privater Sender ein Nahraumfernsehprogramm mit dem Kernsendegebiet Köln. Das Programmschema von center.tv Heimatfernsehen Köln weist im Tagesverlauf zahlreiche Wieder - holungen auf. Montag bis Freitag jeweils um 16 Uhr wird erstmals die lokale Nachrichtensendung „heimat kompakt“ ausgestrahlt. Mit dieser Sendung beginnt die tägliche Kernsendezeit, die bis ca. 21 Uhr dauert. Innerhalb dieses Zeitfensters werden jeweils die originären (also erstmals ausgestrahlten) Sendungen imple- mentiert. Allerdings enthält auch die Kernsendezeit einen nicht unerheblichen Anteil an Wiederholungen. Onlinemedien Im Bereich des Webs finden sich als die wichtigsten lokalen Informationsportale die Onlineauftritte der oben genannten Pressetitel. Daneben gibt es das unabhängige Portal Köln Nachrichten (koeln-nachrichten.de) sowie report-k, Kölns Internetzeitung (report-k.de).29 134Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 28 Hierbei handelt es sich um die sogenannte Lokale Option (LOP). 29 Zwar bietet der WDR auch ein eigenes umfassendes Onlineangebot. Da sich dieses aber nicht in erster Linie an einen lokalen Adressatenkreis wendet, bleibt es hier unberücksichtigt. Die Onlineauftritte der Kölner Tageszeitungen aus der Unternehmensgruppe M. DuMont Schauberg (ksta.de, rundschau-online.de und express.de)30 Die Onlineauftritte der drei Tageszeitungen aus dem Hause M. DuMont Schauberg weisen etliche Gemeinsam- keiten auf, die zunächst summarisch beschrieben werden. Alle Websites lassen sich als hierarchisch struktu- rierte Nachrichtenseiten charakterisieren, bestehend aus einer Primär-, Sekundär- und teilweise auch Tertiär - navigation. Die Primärnavigation ist jeweils horizontal angeordnet und besteht je nach Website aus drei bis neun Punkten. Die Sekundärnavigation schließt grafisch direkt unter der Primärnavigation an und wird sicht- bar, wenn der Nutzer den jeweiligen Primärnavigationspunkt anklickt. Hier finden sich sublokale („Stadt- teile“) bzw. regionale (z.B. „Bonn“, „Rhein-Erft“) Ausdifferenzierungen. Neben dem im engeren Sinne jour- nalistischen Content finden die Nutzer eine Vielzahl weiterer Angebote und Web-2.0-spezifische Interakti- onsmöglichkeiten (z.B. Kommentarfunktion) und diverse Serviceangebote (z.B. E-Paper, RSS). Hinzu kommt als weitere mediale Ebene neben Text, Bild und Ton (hier auch teilweise Vorlesefunktion) ein Videoportal. Sowohl ksta.de als auch express.de bieten eigene Videoproduktionen, während rundschau-online.de lediglich externes Videomaterial (z.B. dpa) bereitstellt. Im Wesentlichen spiegeln alle drei Websites den Content ihrer Printausgaben wider, der jedoch webspezifisch aufbereitet und mit Zusatznutzen versehen wird. Die lokal - publizistischen Artikel finden sich unter dem eigenständigen Sekundärnavigationspunkt („Köln“) und haben jeweils einen weitgehend einheitlichen Aufbau. Nachfolgend werden die Navigationsstruktur innerhalb des lokalen Contents und der Aufbau der Artikel knapp skizziert. ksta.de Auf dem Primärnavigationspunkt „Köln“ erhält der Nutzer einen Gesamtüberblick der neuesten Meldungen aus den verschiedenen Stadtteilen. Dabei gliedert sich das zweispaltige Layout der Seite wie folgt: In der lin- ken Spalte befindet sich der eigentliche lokal-journalistische News-Content. Hier werden die Themen chro- nologisch in Form von Bild-Text-Teasern vertikal untereinander angezeigt. Das aktuellste bzw. wichtigste Köln-Thema wird dabei als erster Teaser ganz oben platziert und durch ein großes Bild hervorgehoben. Bei den darunterliegenden Teasern ist für den Nutzer jedoch keine Relevanzstruktur erkennbar, da sie alle ein- heitlich aufgebaut sind. Der überwiegende Teil des Contents ist weitgehend mit den Inhalten der Printausgabe identisch. Einen kleinen Anteil bilden aktuelle Meldungen des Tagesgeschäfts, die von der Online-Redaktion in Eigenproduktion erstellt werden. Es gibt zudem zwischen der Printausgabe und der Onlineversion etliche Abweichungen, die in Kapitel 4.1.2.4 beschrieben werden. Ein Teaser enthält zahlreiche Stellen mit Verlinkungen, von dem aus der Nutzer zum Hauptartikel gelangt. Unterhalb der Teaser werden kontextsensitive Links, also Themen angeboten, die zu dem entsprechenden Ar- tikel passen. Als Beispiel wird unter einem Teaser zu „19. Kurdisches Kulturfestival im Rhein-Energie-Stadion“ ein Hintergrund-Artikel zum Thema „Kurden Weltweit“ verlinkt. Durch dieses Mittel wird dem Nutzer Mehrwert und eine gute Vernetzung der lokalen Themen untereinander angeboten. Im unteren Viertel der Seite wird die linke Spalte zweiteilig. Es werden Teaserboxen zu den Punkten der Sekundärnavigation, also den diversen Stadtteilen angezeigt. Neben den Stadtbezirken wird dem Nutzer dort auch die Modulbox „Lokalsport Köln“ angeboten. Dies ist die einzige Möglichkeit innerhalb des Navigations- bereichs „Köln“, über die der Nutzer auf lokale Sportartikel zugreifen kann. In der rechten Spalte werden – ebenfalls vertikal angeordnet – verschiedene Zusatzangebote dargestellt, wie z.B. Geo-Links mit dem ent- sprechenden Ausschnitt der Google-Maps-Karte. Der Aufbau der Übersichtsseiten „Stadtteile“ ist im Wesent- lichen der gleiche, wie der der Landingpage des Primärnavigationspunktes „Köln“. Abweichend davon befindet sich über dem ersten Teaser ein Textbereich, in dem die einzelnen Bezirke aufgezählt werden, die der jeweilige Stadtteil umfasst. So stehen z.B. auf der Übersichtsseite des Sekundärnavigationspunktes „Innenstadt“ die Stadtteile „Altstadt-Süd, Neustadt-Süd, Altstadt-Nord, Neustadt-Nord und Deutz“ über dem ersten Bild-Text- Teaser. Im Gegensatz zu der Übersichtsseite „Köln“, die Informationen aus allen Bereichen von Köln bietet, werden auf den jeweiligen Übersichtsseiten nur Artikel aus dem entsprechenden Stadtteil gezeigt. 135 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 30 Der Beobachtungszeitraum für die Strukturbeschreibung der Onlineangebote ist der 12.09. bis 25.09.2011. Die Artikel weisen alle denselben (Roh-)Aufbau auf: Ganz oben befindet sich ein Link, der zu der Übersichts- seite vom jeweiligen Stadtteil führt. So erscheint exemplarisch bei einem Artikel aus dem Bereich „Innen- stadt“ oben der Schriftzug „Stadtbezirk Innenstadt“, der auf die Übersichtsseite vom Sekundärnavigations- punkt „Innenstadt“ führt. Im Artikeltext werden einige redaktionell ausgewählte Wörter blau unterstrichen. Fährt der Nutzer mit dem Cursor über ein entsprechend markiertes Wort, öffnet sich ein Fenster mit der Über- schrift „Das könnte Sie auch interessieren“. Zum Inhalt zählen insgesamt vier Bild-Text-Teaser mit kontext- sensitivem Inhalt, wobei die ersten drei News-Artikel immer aus dem jeweiligen Stadtteil stammen und der letzte werblichen Charakter hat. Da der Werbungs-Teaser farblich blau hervorgehoben ist, kann der Nutzer diesen vom echten Content unterscheiden. Dem Nutzer steht auch eine Kommentarfunktion zur Verfügung: Hier bekommt er die drei neuesten Leser- kommentare chronologisch untereinander angezeigt. Um alle Kommentare zu dem Artikel lesen zu können, kann der User entweder auf die Überschrift des Moduls oder auf einen einzelnen Kommentar klicken und ge- langt auf eine Kommentarseite der Kölner Stadt-Anzeiger-Community „Stadtmenschen“. Der Nutzer kann den Artikel auch selbst kommentieren; eine vorherige Registrierung ist jedoch erforderlich. Unter dem Primärnavigationspunkt „Videos“ befindet sich das Video-Portal von ksta.de. Dabei sind die lokalen journalistischen Video-Angebote im Sekundärnavigationsbereich „ksta.tv“ zu finden. Diese fungiert auch als Einstieg für den Bereich „Videos“. Hier kann der Nutzer die lokalen Videos durch eine tertiäre Navigations- ebene thematisch ordnen. Der überwiegende Teil der Videos stammt aus der Eigenproduktion des Kölner Stadt- Anzeigers. rundschau-online.de Die journalistischen Angebote zur Stadt Köln befinden sich bei rundschau-online.de im Bereich „Regional“ unter dem Sekundärnavigationspunkt „Köln“. Hinter diesem Link erhält der Nutzer einen Gesamtüberblick der aktuellsten Meldungen aus dem gesamten Stadtgebiet von Köln. Das Layout der Seite ist zweispaltig und gliedert sich wie folgt: Im linken Bereich befindet sich der lokal-journalistische News-Content. Hier werden die Themen in Form von Bild-Text-Teasern und Teasern ohne Bild (bilden den deutlich kleineren Anteil) vertikal untereinander angezeigt. Dabei bestehen die Texte der Teaser zumeist aus den ersten drei Anfangssätzen des Artikels. Eine Relevanzstruktur entsteht durch die chronologische Auflistung der Teaser nach Datum. Der überwiegende Teil des Contents besteht aus den Inhalten der Printausgabe. Einen kleinen Anteil bilden ak- tuelle Meldungen des Tagesgeschäfts – zumeist umformulierte Polizeimeldungen –, die von der Onlineredak- tion erstellt werden. Weitere Abweichungen zwischen der Online- und der Printausgabe der Kölnischen Rund- schau sind in Kapitel 4.1.2.4 beschrieben. Ein Teaser enthält zahlreiche Stellen mit Verlinkungen, von denen aus der Nutzer zum Hauptartikel gelangt. Bei einigen Teasern werden kontextsensitive Links – also Themen, die zu dem entsprechenden Artikel passen – angeboten. In der rechten Spalte der Seite werden dem Nutzer – ebenfalls vertikal angeordnet – Zusatzan- gebote vom ganzen Webauftritt angeboten, so z.B. Links zu Bildergalerien, Regionales Wetter oder Themen- Specials. Die Detailseiten sind wie die Landingpage des Sekundärnavigationspunkts „Köln“ im zweispaltigen Layout gehalten. Die Artikel weisen alle einen fast identischen (Roh-)Aufbau auf: Am Kopf der Site befindet sich ein Link, der zurück zur Übersichtsseite der Rubrik (in unserem Fall „Köln“) führt. Links darunter gibt es eine Vorlesefunktion für den Artikel und rechts ein Modul, um die Schriftgröße individuell anzupassen. Weiter unten beginnt der eigentliche Artikel mit Dachzeile, Headline, Datum etc. Unterhalb des Artikels werden (falls entsprechender Inhalt vorhanden ist) kontextsensitive Themen oder Vorgeschichten zum Ausgangsar- tikel angeboten. Die Kommentarfunktion und die Weiterleitung zur Community „Stadtmenschen“ sind wie beim Kölner Stadt-Anzeiger gestaltet (s.o). 136Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW express.de Die journalistischen Angebote zur Stadt Köln befinden sich bei express.de im Bereich „Regional“ unter den Sekundärnavigationspunkten „Köln“ und „Veedel“. Auf der Sekundärebene „Köln“ erhält der Nutzer einen Gesamtüberblick der neuesten Meldungen aus Köln und den umliegenden Regionen (wobei diese nur einen geringen Anteil einnehmen). Das Layout der Seite ist zweispaltig und gliedert sich wie folgt: Im linken Bereich befindet sich der lokal-journalistische News- Content. Hier werden die Themen in Form von Bild-Text-Teasern vertikal untereinander angezeigt. Sie werden in Eigenarbeit von den Mitarbeitern der Onlineredaktion erstellt und tauchen in dieser Form nicht in dem Onlineartikel auf (eigenständiger Teaser). Da alle Teaser einheitlich aufgebaut sind, kann der Nutzer keine Relevanzstruktur erkennen. Einziges erkenn- bares Merkmal ist die chronologische Auflistung der Teaser nach Datum. Der Hauptanteil des Contents besteht aus den Inhalten der Zeitungsredakteure. Einen kleinen Anteil bilden aktuelle Meldungen des Tagesgeschäfts, die von der Onlineredaktion in Eigenproduktion erstellt werden, und gelegentlichen Werbeanzeigen. In der rechten Spalte finden sich – ebenfalls vertikal angeordnet – Zusatzangebote, Links zu Bildergalerien, Videos oder Veranstaltungen. Ein Teaser enthält zahlreiche Stellen mit Verlinkungen, von denen aus der Nutzer zum Hauptartikel gelangt. Unterhalb der Teaser gibt es gelegentlich kontextsensitive Links auf Artikel, die zu dem entsprechenden Thema passen (meistens Videos oder Bildergalerien). Unter dem Sekundärnavigationspunkt „Veedel“ finden sich „Specials“ zu insgesamt 15 Kölner Vierteln und zehn angrenzenden Städten/Regionen. Zur lokalen Auffächerung befinden sich diese rechts als tertiäre Na- vigationsebene in einer Modulbox. Bei den einzelnen Seiten handelt es sich um als „Special“ gekennzeichneter Nachrichten-Content aus den jeweiligen Stadtvierteln. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt dabei auf Service- Angeboten: von Veranstaltungs- sowie Einkaufstipps über Geschäftsvorstellungen bis hin zu Bauprojekten im jeweiligen Viertel. Die Detailseiten sind wie die Landingpage vom Sekundärnavigationspunkt „Köln“ im zweispaltigen Layout gehalten. Die Artikel weisen alle denselben (Roh-)Aufbau vor: Als Erstes wird die Rubrik angezeigt, in der sich der Content befindet. Darunter stehen Datum und Uhrzeit der Veröffentlichung; weiter unten steht der Artikel. Der Anfang eines jeden Artikeltextes beginnt mit einer Ortsmarke. Im Artikeltext werden einige re- daktionell ausgewählte Wörter rot markiert. Hinter ihnen befinden sich Links zu kontextsensitiven Themen oder Vorgeschichten zum Ausgangsartikel. Sie werden auch unterhalb des Artikels noch einmal einzeln auf- geführt. Des Weiteren steht dem Nutzer eine Bewertungsfunktion zur Verfügung. Nach Bewertung des Artikels bekommt der Nutzer Inhalte angezeigt, die andere Nutzer besonders positiv bewertet haben. Am Seitenende werden mittels vertikaler Bild-Text-Teaser weitere kontextsensitive Links aus dem Gesamtangebot der Website und zu Nachrichten aus Köln angeboten. Unter dem Primärnavigationspunkt „Videos“ befindet sich das Video-Portal von express.de. Dabei sind die journalistischen Video-Angebote, die sich ausschließlich auf Köln beziehen, im Sekundärnavigationsbereich „EXPRESS-TV“ unter der tertiären Navigationsebene „News aus Köln“ zu finden. In dieser Rubrik stammt der gesamte Content aus der Eigenproduktion des EXPRESS; dies erkennt der Nutzer anhand der Einblendung des EXPRESS-TV-Logos. 137 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Weitere Websites mit eigenständigem lokalpublizistischem Angebot koeln-nachrichten.de koeln-nachrichten.de ist „Das Online-Nachrichtenmagazin für Köln“ (Untertitel) und wird von dem Heraus- geber Ralph Kruppa verantwortet. Laut eigenen Angaben versteht sich koeln-nachrichten.de „als unabhän- giges und parteipolitisch ungebundenes Online-Magazin und versucht durch die Auswahl der Nachrichten sowie durch eigene Berichte und Recherchen ‚Leuchttürme der Kenntnis‘ zu setzen. Die Redaktion bewegt sich als alternativer Informationsanbieter und konstruktiv-kritischer Begleiter der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in dieser Stadt“. Im Wesentlichen liefert koeln-nachrichten.de Meldun- gen aus Köln zu Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Sport sowie Berichte aus NRW. Die Website koeln-nachrichten.de ist eine hierarchisch strukturierte Nachrichtenseite. Die Sitestruktur besteht aus einer Primär- und einer Sekundärnavigation. Im Einzelnen setzt sie sich folgendermaßen zusammen: • Die Primärnavigation der Seite ist horizontal angeordnet und besteht von links nach rechts aus insgesamt elf Punkten: „Lokales“, „Neues aus NRW“, „Wirtschaft“, „Politik“, „Kultur“, „Gesellschaft“, „Bildung“, „Im- mobilien“, „Sport“, „Medien“ und „Impressum“. Die Sekundärnavigation befindet sich nicht direkt unter der Hauptnavigation, sondern erscheint rechts als gesonderte Modulbox. • Als zusätzliches Navigationselement kann die Leiste am oberen Kopfteil der Seite angesehen werden. Hier wird zum einen die Indexseite, die den Einstieg bzw. die Hauptseite von koeln-nachrichten.de dar- stellt, angezeigt. Zum anderen befinden sich hier direkte Verlinkungen zu speziellen Bereichen der Seite und Service-Angebote. Zudem wird hier das Videoportal der Seite aufgeführt. Die Startseite stellt insgesamt ein breites und vermischtes Angebot der aktuellsten Meldungen aus den Be- reichen der gesamten Primär- und Sekundärnavigation dar, von „Lokales“ über „Neues aus NRW“ bis hin zu „Bildung“. Die Rubriken werden vertikal in Teaserboxen untereinander auf der Index-Seite aufgeführt. Die journalistischen Angebote zur Stadt Köln umfassen alle Punkte der Primärnavigation. Dabei erhält der Nutzer auf den Landingpages der einzelnen Rubriken einen Überblick aller Meldungen aus dem jeweiligen Bereich. Er kann sie jedoch mittels der sekundären Ebene thematisch filtern. So findet der Nutzer unter: • Lokales: aktuelle Meldungen aus Köln (dem lokalen Bereich) zu Gerichtsurteilen, Karneval, Polizeimel- dungen, Skandale, Veranstaltungen und Verkehr. Zudem bietet die sekundäre Navigation auch noch die Punkte „Neues aus Köln“ (Meldungen, die ganz Köln betreffen) und „Stadtteile“ (Berichte, die sich auf einzelne Stadtviertel beziehen) an, bei denen der Nutzer die Meldungen auch nach lokaler Thematik auf- fächern kann. • Wirtschaft: aktuelle Meldungen, die sich auf die Kölner Wirtschaft beziehen. • Politik: die neuesten Berichte zur lokalen Politik. Auch hier kann der Nutzer die Thematik durch die se- kundäre Ebene eingrenzen in Meldungen über Spitzenpolitiker in Köln, Behörden, Wahlen, Ausschüsse und Stadtrat der Domstadt sowie zu den einzelnen Kölner Parteien. Zudem werden hier Berichte über Kölns politische Aktivitäten und Kommentare der Redaktion zur politischen Lage angeboten. • Kultur: aktuelle Meldungen aus dem Kölner Kultur-Sektor. Dabei kann sich der Nutzer den Bereich „Kultur“ mit Hilfe der sekundären Ebene thematisch gliedern. • Gesellschaft: die neuesten Meldungen über Kölns Bürger und Initiativen. Auch dieser Bereich wird in ein- zelne Ressorts unterteilt. • Bildung: aktuelle Meldungen zur Bildungssituation in Köln. Hier kann zwischen den Bereichen Schule und Hochschule unterschieden werden. • Weitere Navigationspunkte mit umfangreichem Content sind: Immobilien, Sport und Medien. 138Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Der Aufbau aller Übersichtsseiten (sowohl primär, als auch sekundär) ist identisch. Dabei ist das Layout der Seite zweispaltig und gliedert sich wie folgt: Auf der linken Seite befindet sich der lokal-journalistische News- Content. Hier werden die aktuellsten Meldungen aus den jeweiligen Rubriken in Form von Bild-Text-Teasern vertikal untereinander angezeigt. Bei den Texten der Teaser handelt es sich nicht nur um einen Auszug des Artikels, sondern um ein selbstständiges Format. Da alle Teaser einheitlich aufgebaut sind, kann der Nutzer keine Relevanzstruktur erkennen. Einziges erkennbares Merkmal ist die chronologische Auflistung der Teaser nach Datum. Oberhalb der Teaser kann der Nutzer sich mittels einer Blätterfunktion alle Inhalte, die bisher auf der Seite veröffentlicht wurden, ansehen. In der rechten Spalte der Seite werden dem Nutzer – ebenfalls vertikal an- geordnet – Zusatzangebote vom ganzen Webauftritt angeboten, so z.B. Links zu Auslandsnachrichten, Votings zu lokalen Themen oder Veranstaltungstipps. Die Detailseiten sind wie die Übersichtsseiten im zweispaltigen Layout gehalten. Alle Artikel weisen denselben (Roh-)Aufbau auf: Ganz oben steht die Headline des Textes, darunter befindet sich eine Zeile mit Meta-Informationen zu Einstellungsdatum und -uhrzeit (auf der Arti- kelseite lassen sich keine Informationen zum Autor des Textes finden). Für den besseren Lesefluss am Bild- schirm weist der Onlineartikel Absätze auf. Direkt im Anschluss des Textes werden mittels vertikaler Bild- Text-Teaser weitere kontextsensitive Links aus dem Gesamtangebot der Website angeboten. Am Seitenende steht dem User eine Kommentarfunktion zur Verfügung. Hier bekommt er die drei neuesten Leserkommentare chronologisch untereinander angezeigt. Der User kann den Artikel auch selbst kommentieren. Eine vorherige Registrierung ist nicht erforderlich, jedoch muss eine E-Mail-Adresse hinterlassen werden. report-k.de report-k.de ist „Kölns Internetzeitung“ (Untertitel) und wird von dem Verlag Atelier Goral GmbH vertreten. Als Herausgeberin im engeren Sinne wird Suzanne Wood genannt. report-k.de ist laut eigenen Angaben „Kölns Internetzeitung, die ihren Lesern 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche regionale Nachrichten aus Köln frisch auf den Bildschirm liefert“. Darüber hinaus liefert report-k.de überregionale Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Sport und NRW sowie Meldungen aus dem Ausland. Die Website report-k.de ist eine hierarchisch strukturierte Nachrichtenseite, bestehend aus einer Primär- und einer Sekundärnavigation. Im Einzelnen setzt sie sich folgendermaßen zusammen: • Die Primärnavigation ist vertikal auf der rechten Seite angeordnet und besteht von oben nach unten aus insgesamt 23 Punkten. Diese werden in fünf Rubriken unterteilt. • Die Sekundärnavigation schließt grafisch direkt unterhalb der Primärnavigation an und ist immer sichtbar. Die Startseite stellt insgesamt ein breites und vermischtes Angebot der aktuellsten Meldungen aus den Be- reichen der gesamten Primär- und Sekundärnavigation dar: von „Deutschland & Auslandnachrichten“ über „Sport“ bis hin zu „Lokales“. Die Rubriken werden rechts in Form von Teaserboxen und in der Mitte mit Bild- Text-Teasern vertikal untereinander auf der Index-Seite aufgeführt. Die journalistischen Angebote zur Stadt Köln befinden sich im Bereich „Köln Rubriken“. Hierunter zählen ins- gesamt zehn Primärnavigationspunkte, die zumeist eine sekundäre Ebene mit weiteren Unterkategorien ent- halten. So findet der Nutzer auf der primären Ebene unter: • Stadtleben: aktuelle Meldungen mit lokalem Bezug, • Kultur: aktuelle Meldungen zum kulturellen Leben der Stadt, • Politik: aktuelle Meldungen gegliedert in Lokales, Parteien, Stadtrat (Berichte zum Kölner Stadtrat und seinen Sitzungen), Bezirke (lokale Auffächerung der politischen Meldungen in Stadtbezirke). • Weitere Rubriken mit lokalem Content sind u.a. Sport, Wirtschaft, Karneval, Termine. Der Aufbau aller Übersichtsseiten (sowohl primär, als auch sekundär) ist identisch. Dabei ist das Layout der Seite dreispaltig und gliedert sich wie folgt: Auf der linken Seite befinden sich die Navigation sowie Modul- 139 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW boxen mit Archiv-Funktion. Der mittlere Bereich enthält den lokal-journalistischen News-Content. Hier wer- den die aktuellsten Meldungen aus den jeweiligen Rubriken in Form von Bild-Text-Teasern und Teasern ohne Bild (bilden den deutlich kleineren Anteil) vertikal untereinander angezeigt. Dabei bestehen die Texte der Teaser zumeist aus dem ersten Absatz des Artikels. Bei einigen werden kontextsensitive Links – also Themen, die zu dem entsprechenden Artikel passen – angeboten (meistens Fotostrecken). Eine Relevanzstruktur ent- steht durch die chronologische Auflistung der Teaser. Unterhalb der Teaser kann der Nutzer sich mittels einer Blätterfunktion alle Inhalte aus den letzten Monaten ansehen. Die Detailseiten sind wie die Übersichtsseiten der Sekundärnavigation im dreispaltigen Layout gehalten. Alle Artikel weisen denselben (Roh-)Aufbau auf: Ganz oben wird eine Dachzeile zur lokalen Einordnung angezeigt, die gleichzeitig ein Link zur jeweiligen Übersichtsseite ist. Für den besseren Lesefluss am Bildschirm weist der Onlineartikel viele kurze und gleichmäßig gehaltene Absätze auf. In der Regel werden bei Artikeln mit mehr als zwei Absätzen gefettete Zwischenüberschriften eingesetzt. Am Ende des Artikels steht das Kürzel des Autors. Bilder werden immer mit Bildzeile versehen, auch wenn diese teils unter und teils im weiteren Kontext des Artikels angezeigt werden. 4.1.2 Die Lokalberichterstattung in intramediärer Perspektive 4.1.2.1 Presse Auf die drei Tageszeitungen des Hauses M. DuMont Schauberg entfallen rund 84 Prozent der lokalen Bericht- erstattungsfläche der Kölner Tageszeitungen. Die Kölner Ausgabe der BILD-Zeitung trägt immerhin noch 16 Prozent bei. Der genretypische Unterschied innerhalb der Kölner Tagespresse (seriös versus boulevardesk) spiegelt sich nicht im Anteil der Lokalberichterstattung wider: Zwar fällt der Anteil für BILD mit 13,4 Prozent am Gesamtumfang der Zeitung sehr niedrig aus, der EXPRESS und die Rundschau berichten mit jeweils rund 20 Prozent allerdings in etwa im gleichen Umfang über das Geschehen aus Köln. Den höchsten Wert weist diesbezüglich der Stadt-Anzeiger mit über einem Viertel der Gesamtfläche auf. Betrachtet man den absoluten Umfang der Lokalberichterstattung, so liegen der Stadt-Anzeiger und die Rundschau mit jeweils rund 97 Norm- seiten im zweiwöchigen Untersuchungszeitraum gleichauf, die beiden Boulevardblätter fallen mit 69 (EX- PRESS) bzw. 51 (BILD Köln) deutlich dahinter zurück. Die lokale Sportberichterstattung nimmt dagegen in allen vier Zeitungen in etwa den gleichen Raum ein und liegt bei Anteilen zwischen 3,3 (EXPRESS) und 4,4 Prozent (Stadt-Anzeiger). Hinsichtlich der Vermittlungsformen zeigen sich zwischen dem Stadt-Anzeiger, der Rundschau und dem EX- PRESS strukturelle Ähnlichkeiten: Der Anteil an Veranstaltungshinweisen und Servicemeldungen bewegt sich mit Werten zwischen 10,4 (Rundschau) und 13,3 Prozent (EXPRESS) auf einem vergleichbaren Niveau, und auch Berichte nehmen mit jeweils über 80 Prozent einen ähnlich hohen Stellenwert ein. BILD Köln schenkt hingegen Service und Veranstaltungstipps mit lediglich 2,9 Prozent deutlich weniger Beachtung als alle an- deren analysierten Zeitungen. Auffällig ist bei diesem Boulevardblatt darüber hinaus der mit 22,6 Prozent vergleichsweise große Anteil an kurzen Meldungen und Nachrichten. Die dominierende Vermittlungsform ist allerdings auch bei BILD Köln der Bericht (74,4 %). Mit 13 (Rundschau) bzw. acht (Stadt-Anzeiger) Kommen- taren und Kritiken heben sich die beiden Abonnementzeitungen von den Boulevardzeitungen ab, die im Un- tersuchungszeitraum jeweils lediglich einen einzigen meinungsbetonten Artikel abdruckten. Diese struktu- relle Differenz zeichnet sich zum Teil auch beim Themenspektrum ab. Insbesondere fällt bei EXPRESS (46,3 %) und BILD (37,8 %) der große Anteil an Human-Touch-Nachrichten auf, der diese beiden Blätter klar von allen anderen analysierten Zeitungen unterscheidet. Über kontroverse Themen berichten EXPRESS und BILD (8,9 bzw. 7,8 %) dagegen seltener als der Stadt-Anzeiger und die Rundschau (17,5 bzw. 10,3 %), auch wenn die Differenzen hier deutlich geringer sind. Bei allen vier Zeitungen spielen Gesellschaftsthemen eine große Rolle, der Anteil schwankt hier allerdings zwischen 36,7 Prozent beim EXPRESS und 53,6 Prozent beim Stadt- Anzeiger. 140Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Fasst man das Verhältnis zwischen Text- und Bildfläche ins Auge, so überrascht beim Boulevardblatt EXPRESS ein Wert, der dem des Stadt-Anzeigers und der Rundschau ähnelt. In diesen drei Zeitungen machen Bilder je- weils rund ein Drittel der Fläche der lokalen Berichterstattung aus, während die geschriebene Sprache klar dominiert. Dagegen nehmen Texte und Bilder bei BILD Köln erwartungsgemäß in etwa gleich großen Raum ein. 141 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Nicht-Lokales und Anzeigen Lokalberichterstattung insgesamt Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Gesamt Kölner Stadt-Anzeiger s = 377,6 74,2 25,8 4,4 21,4 100,0 79,0 21,0 3,8 17,2 100,0 80,4 19,6 3,3 16,3 100,0 86,6 13,4 3,7 9,7 100,0 Kölnische Rundschau s = 464,2 EXPRESS s = 353,5 BILD Köln s = 379,5 Tabelle 1: Anteile der Lokalberichterstattung innerhalb der untersuchten Presse nach Seiten (s) (in Prozent) Abbildung 1: Anteile der Lokalberichterstattung einzelner Zeitungen an der gesamten Lokalberichterstattung der Presse in Köln (in Prozent) Basis: Gesamte Zeitungsfläche (in Normseiten) ohne Beilagen Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung der Presse in Köln (315 Normseiten) Service/Regularien Nachricht/Meldung Bericht/Interview etc. Kommentar/Kritik Gesamt Kölner Stadt-Anzeiger Kölnische Rundschau EXPRESS BILD Köln s = 80,7 n = 513 10,6 4,1 84,3 1,0 100,0 24,7 18,3 55,2 1,7 100,0 s = 80,0 n = 381 s = 57,6 n = 307 s = 36,9 n = 165 10,4 8,2 80,0 1,5 100,0 13,3 5,5 81,1 0,1 100,0 2,9 22,6 74,4 0,1 100,0 8,9 21,8 65,9 3,4 100,0 19,4 24,3 56,0 0,4 100,0 7,9 38,8 52,7 0,6 100,0 Tabelle 2: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Presse nach Seiten (s) und Fällen (n) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung der einzelnen Zeitungen in Köln ohne Sportberichterstattung BILD Köln: 16,2% EXPRESS: 21,9% Kölnische Rundschau: 31,0% Kölner Stadt-Anzeiger: 30,9% 142Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Kölner Stadt-Anzeiger Kölnische Rundschau EXPRESS BILD Köln Bildfläche Textfläche 32,4 34,1 37,3 50,1 67,6 65,9 62,7 49,9 Tabelle 3: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung der Presse in Köln — Bildfläche vs. Textfläche (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung der einzelnen Zeitungen in Köln ohne Sportberichterstattung „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Kölner Stadt-Anzeiger Kölnische Rundschau EXPRESS BILD Köln s = 72,1 n = 345 17,5 13,7 53,6 13,6 1,6 - 100,0 13,6 14,5 46,1 22,9 2,9 - 100,0 s = 71,7 n = 347 s = 49,9 n = 229 s = 35,9 n = 152 10,3 25,7 46,8 16,5 0,7 - 100,0 8,9 7,3 36,7 46,3 0,9 - 100,0 7,8 11,5 41,5 37,8 1,4 - 100,0 12,7 21,9 44,7 19,6 1,2 - 100,0 7,0 9,6 34,1 48,9 0,4 - 100,0 9,9 11,2 36,2 40,8 2,0 - 100,0 Tabelle 4: Themenstruktur der Lokalberichterstattung der Presse in Köln nach Seiten (s) und nach Fällen (n) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung der einzelnen Zeitungen in Köln ohne Sportberichterstattung 4.1.2.2 Hörfunk Im Programmangebot von Radio Köln beansprucht die Musik mit nahezu 66 Prozent der Sendezeit den größten Raum. Der Wortanteil beträgt 23,4 Prozent. Zieht man die darin enthaltenen 5,3 Prozent Unterhaltung und Regiemoderationen ab, so bleiben 18,1 Prozent, die den informativen Kern des Programms darstellen. Von diesen rund 19 Stunden weisen 11 Stunden (57,9 %) lokalen Bezug auf. Dazu kommen rund 3,5 Stunden In- formationsprogramm im Rahmen der Lokalen Option. Somit informierte Radio Köln im 14-tägigen Untersu- chungszeitraum insgesamt 14,5 Stunden über das lokale Geschehen, im Durchschnitt ca. 1 Stunde täglich. Für die weitere Betrachtung der publizistischen Leistung werden die – vergleichsweise geringen – 32 Minuten der lokalen Sportberichterstattung vernachlässigt. Bei den Vermittlungsformen dominieren Nachrichten (39,9 %) sowie Servicemeldungen (36,8 %), die zum Großteil aus Wetterberichten und Verkehrshinweisen bestehen. Rund ein Fünftel der Berichterstattung wird mit journalistischen Darstellungsformen gefüllt. Dies entspricht im Durchschnitt ca. 12 Minuten pro Tag. Im Untersuchungszeitraum informierten Korrespondenten in insgesamt 62 Fällen über das Geschehen in Köln. Rund zur Hälfte thematisieren diese Berichte das allgemeine gesellschaftliche Leben, wobei 10 Beiträge vor- wiegend selbstreferentiellen Bezug aufweisen und über eine Spende des Radiosenders für den Bau einer Sport- halle oder den Geburtstag von Radio Köln berichten. In immerhin 18 Fällen sind kontroverse Themen bzw. Themen aus dem Verwaltungsbereich Gegenstand der Korrespondentenberichte. Hinzu kommen 12 Interviews, die außerhalb der Nachrichten gesendet wurden. Berücksichtigt man, dass manche Beiträge mehrfach aus- gestrahlt wurden, relativiert sich diese Leistung teilweise. So verbleiben immerhin noch 47 Korresponden- tenberichte, die Anzahl der Interviews reduziert sich dagegen deutlich auf vier. Insgesamt sinkt die lokale Berichterstattung ohne Sport um rund 3,5 Stunden auf 10 Stunden 23 Minuten, wenn Mehrfachausstrahlungen abgezogen werden. Besonders stark macht sich dies bei Nachrichtensendun- gen bemerkbar (Rückgang von 5,5 Stunden auf 3 Stunden), da es üblich ist, Beiträge und Sprechermeldungen nahezu unverändert in mehreren Nachrichtenausgaben eines Tages auszustrahlen. Im Durchschnitt beträgt die originäre journalistische Lokalberichterstattung von Radio Köln pro Tag rund 45 Minuten. Die Themenagenda wird mit rund 35 Prozent an der Sendezeit des lokalen Informationsprogramms mit the- matischem Bezug (ohne Sport) von Gesellschaftsthemen beherrscht. An zweiter Stelle folgen kontroverse Themen: Mit rund 28 Prozent nehmen diese einen deutlich höheren Anteil ein als in der Kölner Tagespresse (zwischen 17,5 und 7,8 %) und im lokalen Fernsehen (20,6 %). Insgesamt deckt Radio Köln ein breiteres Themenspektrum ab als die Radiosender in Remscheid und Borken. So entfallen immerhin noch 25 Prozent des lokalen Informationskerns auf Human-Touch-Themen. Dass dieser Wert bei den beiden anderen Sendern deutlich niedriger ausfällt, liegt vermutlich auch daran, dass in Borken und Remscheid die „Ereignislage“ im Bereich der Soft News nicht so ergiebig ist wie in der Millionenstadt Köln. 143 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 2: Grundstruktur des Gesamtangebots von Radio Köln (in Prozent) Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum exklusive der Programmanteile der Lokalen Option (106:00:00) Wort: 23,4% Jingles/Trailer: 2,6% Werbung/Sponsorhinweis: 8,0% Musik: 65,9% Musik Werbung/Sponsorhinweis Jingles/Trailer Unterhaltung und Regie moderation Information Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 69:51:47 8:31:27 2:45:55 5:36:40 19:14:11 106:00:00* 65,9 8,0 2,6 5,3 18,1 100,0 Tabelle 5: Struktur des Programms von Radio Köln Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum exklusive der Programmanteile der Lokalen Option * Analysiertes Programmvolumen (= ohne sonntags 21–24 Uhr mit der Sendung „Kölsch un jot“) Nicht-lokales Informationsprogramm Lokalberichterstattung insgesamt Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Lokalberichterstattung ohne Sport und Beitrags - wiederholungen Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 8:09:22 14:28:55 0:32:29 13:56:26 10:23:19 22:38:17 36,0 64,0 2,4 61,6 45,9 100,0 Tabelle 6: Anteil der Lokalberichterstattung am Informationsprogramm von Radio Köln Basis: Informationsprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum inklusive der Programmanteile der Lokalen Option 144Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Service/Regularien Nachrichtensendungen Informationsmoderation Journalistische Darstellungsformen Sonstige Informationsformen Gesamt Zeit absolut Zeit absolut Programm exkl. LOP Programm inkl. LOP 04:16:02 03:08:47 00:23:12 02:52:03 - 10:40:04 05:07:50 05:33:21 00:23:12 02:52:03 - 13:56:26 40,0 29,5 3,6 26,9 - 100,0 36,8 39,9 2,8 20,6 - 100,0 Zeit in Prozent Zeit in Prozent Tabelle 7: Vermittlungsformen im lokalen Informationsprogramm von Radio Köln Basis: Lokales Informationsprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum ohne Sportberichterstattung; exklusive und inklusive der Programmanteile mit Lokaler Option „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Zeit absolut 2:28:29 0:54:42 3:05:27 2:14:42 0:05:16 - 8:48:36 28,1 10,3 35,1 25,5 1,0 - 100,0 179 65 158 177 6 - 585 30,6 11,1 27,0 30,3 1,0 - 100,0 Zeit in Prozent Fälle absolut Fälle in Prozent Tabelle 8: Themenfelder der Lokalberichterstattung von Radio Köln Basis: Lokales Informationsprogramm mit thematischem Bezug im Untersuchungszeitraum ohne Sportberichterstattung; inklusive der Programmanteile mit Lokaler Option 4.1.2.3 Nahraumfernsehen Das Gesamtprogramm von center.tv Heimatfernsehen Köln zerfällt in zwei unterschiedliche Segmente: Die Pro- grammstrecken, die grundsätzlich aus Wiederholungen von Sendungen aus vorangegangenen Tagen bestehen und die Kernsendezeit von 16–21 Uhr, in der aktuelle bzw. originäre Sendungen (also Erstausstrahlungen) vorhanden sind. Allerdings gibt es auch innerhalb der Kernsendezeit erhebliche Programmbestandteile mit Wiederholungen. Das umfangreichere Lokalmagazin „Rheinzeit“ wird montags bis freitags jeweils um 18:10 Uhr gesendet, das lokale Sportmagazin „Rheinsport“ um 19:10 Uhr (außer donnerstags, dann wird auf diesem Sendeplatz das Fanmagazin des 1. FC Köln „NetCologne FanTV“ ausgestrahlt). Weitere lokale Informationssendungen sind: „stadtgespräch“ (montags, dienstags und freitags), „Wirtschaftsbarometer“ (freitags) sowie die fünfminüti- gen Veranstaltungshinweise „för üch“ jeweils donnerstags. Ebenfalls regelmäßig wird aus den angrenzenden Regionen berichtet („Bericht aus Bonn“, „made in Leverkusen“, „Rhein-Erft Zeit“). center.tv ist Teil der Sender - gruppe S7, einer Werbeallianz privater nordrhein-westfälischer Lokalfernsehsender. Innerhalb dieser Allianz werden auch einzelne Formate (insbesondere Servicesendungen) gemeinsam produziert, die sich entspre- chend auch im Programm von center.tv Köln finden. Ein wiederkehrendes Element im Programm sind „Stadt- teilporträts“, die aus musikalisch untermalten Impressionen aus jeweils einem der 86 Kölner „Veedel“ beste- hen. In der nachfolgenden Analyse sind diese Programmelemente unter der Kategorie „Kamerareisen“ separat als Bestandteil des originären redaktionellen Programms ausgewiesen. Für eine vertiefende Analyse der Lokal - berichterstattung werden sie dann allerdings ausgeklammert. Ebenfalls regelmäßige Bestandteile des Programms sind Infomercials (z.B. „Fit bis ins hohe Alter“, „vigo TV – Das Gesundheitsmagazin“). Insgesamt sind Magazine und Talksendungen die beiden dominierenden For- mate. Am Wochenende steigt im Programmangebot auch in der Kernsendezeit die Ausstrahlung von Wieder- holungen an, wobei der Sonntag besonders wiederholungslastig ist. Es wird am Samstag und Sonntag auch keine regelmäßige Nachrichtensendung angeboten. Neben kompletten Sendungswiederholungen gibt es Zusammenschnitte bzw. Neukompilationen von bereits ausgestrahlten Magazinbeiträgen (z.B. „RheinSPORT – Wochenrückblick“, „Wir in NRW“). In und außerhalb der Kernsendezeit werden am Wochenende – teilweise ereignisabhängig – spezielle Sendungen, wie z.B. Sportübertragungen ausgestrahlt. Die Grundstruktur des Gesamtprogramms von center.tv Heimatfernsehen Köln ist auch in der Kernsendezeit (auf die sich die nachfolgenden Werte beziehen) geprägt von Programmwiederholungen. Insgesamt wird rund die Hälfte der Sendezeit mit der Ausstrahlung bereits gezeigten Programmmaterials gefüllt. Hinzu kom- men mit rund 10 Prozent Kamerareisen. Originäre, aktuelle redaktionelle Sendungen machen rund 30 Prozent des Programms aus. Dies entspricht ca. 25,5 Stunden, von denen 42,4 Prozent (10 Stunden und 51 Minuten) Lokalbezug aufweisen. Darin enthalten sind 3,5 Stunden lokale Sportberichterstattung und knapp 2 Stunden Unterhaltungssendungen. Die Informationsleistung ohne Sport und Unterhaltung als Grundlage für die wei- tere Betrachtung der publizistischen Leistung beträgt somit rund 5 Stunden und 23 Minuten im zweiwöchigen Untersuchungszeitraum. Interviews und sonstige Dialogformen machen nahezu die Hälfte (48,8 %) dieser Programmfläche aus. Immer - hin ein Drittel der Interviews (9 Fälle) behandelt kontroverse Themen wie z.B. die Einführung einer „Hygiene- Ampel“ in der Gastronomie oder Videoüberwachungsmaßnahmen im Öffentlichen Nahverkehr. Die andere Hälfte des Informationsangebots setzt sich aus Nachrichten (20,9 %) und Filmbeiträgen (17,4 %) zusammen; die Moderation spielt mit 12,9 Prozent eine untergeordnete Rolle. Das Themenspektrum wird mit rund 24 Prozent des lokalen Informationsprogramms von Themen aus dem (unpolitischen) gesellschaftlichen Leben dominiert. Im Untersuchungszeitraum beträgt der Anteil der kontro - versen Themen an der Gesamtagenda rund 13 Prozent, während der Umfang an Human-Touch-Themen ledig- lich knapp 2 Prozent ausmacht. Innerhalb seines lokalen Informationsprogramms zeigt center.tv also eine betont seriöse Themenagenda. Dieser Befund wird bestärkt durch die Ergebnisse der Langzeitbeobachtung der Nachrichtensendung „heimat kompakt“. Innerhalb des achtwöchigen Untersuchungszeitraums wurden dort sämtliche Themen erfasst, die auf der lokalen Medienagenda als Top-Themen erscheinen. Von den 99 Top-Themen, über die „heimat kompakt“ berichtet, fallen 31 in die Kategorie der „kontroversen Themen“. 145 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Werbeblock Dauerwerbesendung Jingles/Trailer/Füllteil Imagefilm Wiederholung Kamerareisen Redaktionelle Sendung Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 3:48:59 4:11:43 2:11:47 - 26:11:59 7:59:41 25:35:51 70:00:00 5,5 6,0 3,1 - 37,4 11,4 36,6 100,0 Tabelle 9: Grundstruktur des Gesamtprogramms von center.tv Heimatfernsehen Köln Basis: Gesamtprogramm innerhalb der Kernsendezeit von 16–21 Uhr im Untersuchungszeitraum Originäres redaktionelles* Programm ohne Lokalbezug Originäres redaktionelles Programm mit Lokalbezug Kamerareisen Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 14:44:15 18:51:17 7:59:41 3:30:22 7:21:14 33:35:32 43,9 56,1 23,8 10,4 21,9 100,0 Tabelle 10: Grundstruktur des redaktionellen Gesamtprogramms von center.tv Heimatfernsehen Köln – Montag bis Sonntag * Programmbestandteile ohne werbliche Elemente, Jingles, Trailer und „Füllteile“ Basis: Redaktionelles Gesamtprogramm innerhalb der Kernsendezeit von 16-21 Uhr im Untersuchungszeitraum 146Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Originäres redaktionelles* Programm ohne Lokalbezug Originäres redaktionelles Programm mit Lokalbezug Kamerareisen Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 10:06:31 15:53:03 5:01:27 3:30:22 7:21:14 25:59:34 38,9 61,1 19,3 13,5 28,3 100,0 Tabelle 11: Grundstruktur des redaktionellen Gesamtprogramms von center.tv Heimatfernsehen Köln – Montag bis Freitag * Programmbestandteile ohne werbliche Elemente, Jingles, Trailer und „Füllteile“ Basis: Redaktionelles Gesamtprogramm innerhalb der Kernsendezeit von 16-21 Uhr im Untersuchungszeitraum Originäres redaktionelles* Programm ohne Lokalbezug Originäres redaktionelles Programm mit Lokalbezug Kamerareisen Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 1:40:08 1:07:30 1:07:30 - - 2:47:38 59,7 40,3 40,3 - - 100,0 Tabelle 12: Grundstruktur des redaktionellen Gesamtprogramms von center.tv Heimatfernsehen Köln – Samstag * Programmbestandteile ohne werbliche Elemente, Jingles, Trailer und „Füllteile“ Basis: Redaktionelles Gesamtprogramm innerhalb der Kernsendezeit von 16-21 Uhr im Untersuchungszeitraum Originäres redaktionelles* Programm ohne Lokalbezug Originäres redaktionelles Programm mit Lokalbezug Kamerareisen Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 2:57:36 1:50:44 1:50:44 - - 4:48:20 61,6 38,4 38,4 - - 100,0 Tabelle 13: Grundstruktur des redaktionellen Gesamtprogramms von center.tv Heimatfernsehen Köln – Sonntag * Programmbestandteile ohne werbliche Elemente, Jingles, Trailer und „Füllteile“ Basis: Redaktionelles Gesamtprogramm innerhalb der Kernsendezeit von 16-21 Uhr im Untersuchungszeitraum Originäres redaktionelles* Programm mit Lokalbezug gesamt Kamerareisen Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung Sport und Kamerareisen Montag-Sonntag Montag-Freitag Samstag Sonntag 1:20:48 0:34:16 0:15:02 0:31:31 1:35:18 0:30:09 0:21:02 0:44:07 0:33:45 0:33:45 - - 0:55:22 0:55:22 - - Tabelle 14: Durchschnittlicher täglicher Umfang des originären redaktionellen Programms mit Lokalbezug von center.tv Heimatfernsehen Köln * Programmbestandteile ohne werbliche Elemente, Jingles, Trailer und „Füllteile“ Basis: Redaktionelles Gesamtprogramm innerhalb der Kernsendezeit von 16-21 Uhr im Untersuchungszeitraum 147 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Moderation Nachrichten Interview/Dialogformen Filmbeiträge Sonstiges Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 00:55:46 01:16:22 04:32:34 02:08:11 - 08:52:53 10,5 14,3 51,1 24,1 - 100,0 Tabelle 15: Journalistische Darstellungsformen im lokalen Informationsprogramm von center.tv Heimatfernsehen Köln Basis: Lokales Informationsprogramm inkl. lokaler Sportberichterstattung „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sport Service Sonstiges Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 01:06:31 00:51:26 02:08:39 00:09:23 00:19:02 03:30:22 00:45:35 00:01:55 08:52:53 12,5 9,7 24,1 1,8 3,6 39,5 8,6 0,4 100,0 Tabelle 16: Themenspekrum im lokalen Informationsprogramm von center.tv Heimatfernsehen Köln Basis: Lokales Informationsprogramm inkl. lokaler Sportberichterstattung „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Service Sonstiges Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 01:06:31 00:51:26 02:08:39 00:09:23 00:19:02 00:45:35 00:01:55 05:22:31 20,6 15,9 39,9 2,9 5,9 14,1 0,6 100,0 Basis: Lokales Informationsprogramm exkl. lokaler Sportberichterstattung Moderation Nachrichten Interview/Dialogformen Filmbeiträge Sonstiges Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 00:41:27 01:07:27 02:37:32 00:56:05 - 05:22:31 12,9 20,9 48,8 17,4 - 100,0 Basis: Lokales Informationsprogramm exkl. lokaler Sportberichterstattung 4.1.2.4 Onlinemedien Für Köln lassen sich fünf Websites identifizieren, die aufgrund ihres Inhalts eine hohe lokal-publizistische Relevanz für diesen Kommunikationsraum haben. Diese Websites liegen allerdings in Bezug auf ihre Auffind- barkeit und somit User-Relevanz sehr weit auseinander. Der Findability-Test in der Suchmaschine Google ergab folgendes Ranking31: 148Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 31 Zur Methode siehe ausführlich Kapitel 1.4. 32 Die Kölner Zeitungen sind i.d.R. bereits am Vorabend im Straßenverkauf erhältlich. Rangplatz* 1 2 3 4 5 Website ksta.de express.de rundschau-online.de koeln-nachrichten.de report-k.de Indexwert 7,4 23,6 50,7 86,2 70,6 Backlinks 197 536 96 209 14 Übersicht 7: Ergebisse des Findability-Tests * Erläuterung: Die Indexwerte zeigen den durchschnittlichen Rangplatz aller durchgeführten Google-Suchanfragen. Die Backlinks beziehen sich auf Links von „fremden“ Domains. Dieses Ranking ist sicherlich nicht nur auf eine gute Suchmaschinenoptimierung der drei „Zeitungsableger“ aus dem Verlag M. DuMont Schauberg zurückzuführen. Vielmehr korrespondiert es auch mit dem breiten und weit gefächerten lokalpublizistischen Angebot dieser Websites. Ohne Zweifel profitieren die Onlineredaktionen von ksta.de, express.de und rundschau-online.de von dem Fundus der Zeitungsredaktionen und können dem- entsprechend aktuellen und vielfältigen lokalpublizistischen Content zur Verfügung stellen. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass originäre Artikel (also nicht in den Printerzeugnissen vorhanden) vergleichsweise selten auffindbar sind. Eine solche Praxis der Mehrfachverwertung ist strategisch nahe liegend und dürfte für den größten Teil der deutschen Tagespresse gelten, da sie sich durch ihre Websites keine „Kon- kurrenz“ zu ihrem Muttermedium schaffen wollen. Dennoch generieren die drei Kölner Onlinemedien für ihre User einiges an publizistischem Mehrwert gegenüber den Zeitungen. Für den besseren Lesefluss am Bildschirm weisen die Onlineartikel – im Gegensatz zu den ursprünglichen Zei- tungstexten, die fast durchgehend gestaltet sind – viele kurze und gleichmäßig gehaltene Absätze auf. Man- che Artikel beinhalten Zwischenüberschriften. Diese werden aus dem Zeitungsartikel übernommen und teil- weise neu eingefügt oder leicht abgewandelt. Der Text selbst wird größtenteils unverändert von der Zeitung in die Angebote übernommen. Leichte Modifikationen entstehen bei der Kürzung von Headlines bzw. Print- Überschriften, durch neue Absätze innerhalb des Textes und das Schaffen eines Teasers bzw. von dem Lead am Anfang jedes Artikels durch die Onlineredaktion. Die Bilder sind bei Print und Online nur teilweise iden- tisch. Die Onlineartikel sind häufig aktueller, d.h. sie erscheinen am Tag der Drucklegung der Printausgaben und sind somit einen Tag früher verfügbar als für die Leser der Abonnementausgaben.32 Vereinzelt finden sich in allen drei Webauftritten der Tageszeitungen auch reine Onlineartikel, die nicht in der Zeitung auftauchen. Hierbei handelt es sich überwiegend um Unfälle und Kriminalfälle (aus dem Polizeibericht). Ein besonderer Mehrwert gegenüber dem Hauptmedium Zeitung entsteht durch die Einbindung von multime- dialem Content – wie Bilder (Fotostrecken) und Videos – und zahlreiche Verlinkungen auf kontextsensitive Inhalte innerhalb der Artikel. Weitere technische Möglichkeiten, die der Onlineauftritt dem Print-Angebot voraus hat, sind die Kommentar- und eine Vorlese-Funktion für Sehgeschädigte. Zusätzlich bieten die Online- angebote eine Archiv-Funktion, in der sowohl Web- als auch Printinhalte abgerufen werden können. Für die beiden konkurrierenden lokalpublizistischen Onlinemedien (also koeln-nachrichten.de und report-k.de), denen kein Pendant im Printbereich entspricht, stellt sich primär die Frage, wie ihre lokalpublizistische Leistung zu bewerten ist. Dem vorangestellt ist allerdings ihre (leider) schlechte Findability. Die oben dar- gestellten Rangplätze – mit jeweils einem Rang Unterschied – dürfen nicht den Blick darauf verstellen, dass die Abstände bei der Auffindbarkeit der einzelnen Angebote für den durchschnittlichen User ernorm sind. Vereinfacht ausgedrückt: Ein Webnutzer, der Informationen zu einem aktuellen lokalpolitischen Thema sucht, wird in ca. 90 Prozent aller Fälle das Angebot von ksta.de nutzen, da innerhalb der Google-Trefferliste vor- rangig der Link der ersten Rangplätze benutzt wird.33 Vor diesem Hintergrund ist die nachfolgend skizzierte lokalpublizistische Leistung der beiden zu den M. DuMont Schauberg-Produkten in Konkurrenz stehenden Angebote zu relativieren. Sie haben zwar beide lokalpubli- zistisch ein hochwertiges Angebot, dürften damit aber nur vergleichsweise wenige Rezipienten erreichen. koeln-nachrichten.de Dieser Onlineauftritt bietet ein breit gefächertes lokalpublizistisches Angebot (siehe hierzu auch Kap. 4.1.1), so wird die lokale Ereignislage neben den üblichen lokalpolitischen Themen auch durch das weite Feld der Human-Touch-Berichterstattung (Unfälle, Kriminalität etc.) ergänzt. Die zehn kontroversen Themen, die für die Presse extrahiert wurden (siehe hierzu die unten stehende Argu- mentationsanalyse 4.1.3.2), finden sich nur zum Teil (z.B. „Ausbau Godorfer Hafen“, „Archäologische Zone“, „Protestcamp“) auf den Seiten von koeln-nachrichten.de wieder. Bezogen auf das große kontroverse Thema „Ausbau des Godorfer Hafens“ lagen beispielsweise sehr ausführliche und differenzierte Beiträge vor, bei denen die Bandbreite der verschiedenen Positionen zum Ausdruck gebracht wurde: Das breite Spektrum der Gesprächspartner – Befürworter wie Gegner des Projektes – reichte von SPD (speziell OB Roters), DGB und BUND über IHK und HGK (Häfen und Güterverkehr Köln AG) bis hin zur Aktionsgemeinschaft contra Erweite- rung Godorfer Hafen und Initiative „Mehr Demokratie“. Im Gegensatz zum Portal report-k wird jedoch weniger aus der Lokalpolitik in Form von Pressemitteilungen, Abdruck von Ratsvorlagen etc. berichtet, sondern viel- mehr in der üblichen journalistisch aufbereiteten Beitragsform. report-k.de Dieses Onlineangebot hat ebenso wie koeln-nachrichen.de ein breit gefächertes lokalpublizistisches Angebot, dessen Struktur in Kapitel 4.1.1 bereits beschrieben wurde. Die zehn kontroversen Themen, die für die Presse extrahiert wurden, finden sich zum Teil auch auf den Seiten von report-k.de wieder. Bezogen auf das große kontroverse Thema „Ausbau des Godorfer Hafens“ lagen beispielsweise sehr fundierte und differenzierte Bei- träge vor, bei denen das breite Spektrum der verschiedenen Positionen zum Ausdruck gebracht wurde: So wurde ein Interview mit 17 gleichlautenden Fragen mit verschiedenen Parteien, Verbänden und Personen geführt, mit der Intention, dass sich die User vor der bevorstehenden Bürgerbefragung ein fundiertes Urteil bilden können. Das Spektrum der Gesprächspartner – Befürworter wie Gegner des Projektes – reichte von den politischen Parteien SPD (speziell Oberbürgermeister Jürgen Roters), CDU, Grüne, FDP und Linke über IHK und HGK (Häfen und Güterverkehr Köln AG) bis hin zur Aktionsgemeinschaft contra Erweiterung Godorfer Hafen.34 Ähnlich wie bei waterboelles.de in Remscheid wird auch hier aus der Lokalpolitik berichtet, beispiels- weise in Form eines Live-Tickers von der letzten Ratssitzung vor der Sommerpause, bei der über etliche Pro- jekte und deren Finanzierung entschieden wurde. Zusammengefasst lässt sich für die Kölner Onlinemedien mit lokalpublizistischen Inhalten folgendes Fazit zie- hen: Alle fünf Angebote tragen zur publizistischen Vielfalt in Köln bei. Die Websites aus dem Hause M. DuMont Schauberg sind in ihrer publizistischen Leistung so zu bewerten wie ihre jeweiligen Muttermedien. Dies trifft auch für die genretypischen Unterschiede zwischen seriösen Tageszeitungen und Boulevardblatt zu, die sich auch im Onlineangebot – bis in die Anmutung hinein – widerspiegeln. Das sowohl von der Auffindbarkeit als auch von der Struktur des Angebots und der Fülle an Zusatzfunktionen sowie zusätzlichem Content (z.B. Video) her herausragende Onlinemedium ist ksta.de. 149 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 33 Der sogenannte „Primacy-Effekt“ ist in der Nutzerforschung gut belegt, vgl. Schweiger (2010), S. 199. 34 Der DGB als einer der vielen Befürworter des Hafenausbaus hatte sich der Befragung verweigert; auch die SPD beschwerte sich über die Fragen und bezeichnete sie als „tendenziös und eines seriösen Mediums nicht würdig“ (report-k vom 06.07.2011). 4.1.3 Die Lokalberichterstattung im intermediären Vergleich 4.1.3.1 Die quantitative Berichterstattungsleistung Während in den vorhergehenden Kapiteln die Berichterstattung der einzelnen lokalen Medien in Köln imma- nent betrachtet wurde, richtet sich nun der Blick auch auf den intermediären Vergleich. Hierbei geht es primär um die Frage, in welcher Anzahl die verschiedenen Medien über einzelne Themen (Sachverhalte, Ereignisse) berichten. Innerhalb des 14-tägigen Untersuchungszeitraums wurden in den Kölner Lokalmedien 1.314 The- men (exklusive des Sports) identifiziert. In dieser Summe ist die mehrfache Berichterstattung über identische Themen in den einzelnen Medien noch enthalten. Eine Bereinigung der Themenliste um die Mehrfachbericht- erstattung ergibt die tatsächliche Themenagenda innerhalb des Untersuchungszeitraums: In den zwei Un- tersuchungswochen wurden in Köln 1.110 verschiedene Themen in den Lokalmedien behandelt. In Tabelle 17 sind die Einzelthemen pro Medium und die Anzahl der Beiträge (Artikel, Hörfunkberichte etc.), mittels derer über ein Thema berichtet wurde, ausgewiesen. Hierbei zeigt sich ein medientypischer Unterschied: Bei Radio Köln ist die Differenz zwischen Anzahl der Themen und Anzahl der Beiträge vergleichsweise groß. Dies liegt darin begründet, dass im Hörfunk ein Thema relativ häufig mit verschiedenen Darstellungsformen (Spre- chermeldung, Informationsmoderation, Korrespondentenbericht, Interview) behandelt wird. In den beiden seriösen Tageszeitungen – Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau – gibt es jeweils etliche Themen, über die in mehr als einem Artikel berichtet wurde, so z.B. in der Kombination Bericht und Kommentar. In den beiden Boulevardzeitungen – EXPRESS und BILD Köln – ist dies hingegen kaum der Fall. Bei center.tv Köln gibt es einige Themen, die sowohl in der Nachrichtensendung „heimat kompakt“ als auch im Abendprogramm (z.B. in der „Rheinzeit“) vertiefend behandelt wurden. Die Abbildung 3 zeigt den relativen Anteil, mit dem die einzelnen Medien an der Gesamtagenda beteiligt sind. Deutlich wird abermals die große Bedeutung der beiden seriösen Tageszeitungen für die Berichterstat- tung in Köln. Mit jeweils rund 30 Prozent sind die dort behandelten Themen an der Gesamtagenda beteiligt, gefolgt vom EXPRESS mit über 20 Prozent. Die BILD Köln ist hingegen mit deutlich weniger Themen (knapp 14 %) vertreten. Für die beiden seriösen Tageszeitungen Stadt-Anzeiger und Rundschau ist an dieser Stelle nochmals explizit darauf hinzuweisen, dass die Inhaltsanalyse nicht die subregionale Berichterstattung durch einzelne Stadtteilausgaben berücksichtigt hat. Der Einbezug dieser Berichterstattungsleistung würde bei diesen beiden Blättern die Themenzahl erheblich erhöhen.35 Der Prozentwert von knapp 17 bei Radio Köln ist beachtlich hoch. Vergleicht man diesen Wert mit der Erhebung von 2003, ist er um rund 7 Prozentpunkte an- gestiegen.36 Dies ist ein deutlicher Indikator für die Ausweitung der Lokalberichterstattung, die in den letzten Jahren bei Radio Köln stattgefunden hat. Einen interessanten Blick auf die Bedeutung des jeweiligen Mediums eröffnet Abbildung 4, in der die Exklu- sivberichterstattung, die jedes Medium für die Gesamtagenda erbringt, ausgewiesen ist. Hier zeigt sich aber- mals die überragende Bedeutung der Tagespresse, insbesondere der beiden seriösen Blätter. Sie bringen je- weils deutlich über 20 Prozent an Themen exklusiv in die Gesamtagenda ein. Andererseits zeigt sich auch, dass jedes einzelne Medium für sich einen gewissen Anteil an Exklusivberichterstattung aufweist und somit zur Vielfalt der Themen, über die in Köln berichtet wird, beiträgt. Die führende Stellung der Tageszeitung be- legt abermals Tabelle 16: Hier zeigt sich, dass im Medium Zeitung allein 858 Themen auftauchen, die in keinem anderen Medium behandelt werden. 150Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 35 In der Studie von Volpers/Salwiczek/Schnier (2003) wurde die subregionale Berichterstattung in Köln berücksichtigt. Dort betragen die Vergleichswerte für den Stadt-Anzeiger 45 und für die Rundschau 40 Prozent (vgl. S. 251, Abb. 9). 36 Vgl. hierzu Volpers/Salwiczek/Schnier (2003), S. 251, Abb. 9. 151 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Kölner Stadt-Anzeiger Kölnische Rundschau EXPRESS BILD Köln Radio Köln center.tv Köln Gesamt Anzahl Themen Anzahl Beiträge 335 326 227 150 186 90 1.314 345 346 228 152 349 106 1.526 Tabelle 17: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung auf die lokalen Medien Abbildung 3: Anteil der Themen pro Medium an der Gesamtagenda (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung in Köln insgesamt ohne Sportberichterstattung. Alle Berichterstatttungsthemen = 1.110; durch Mehrfachberichterstattung = 1.314; in insgesamt 1.526 Beiträgen. Basis: Gesamtagenda = 1.110 Themen Lesebeispiel: Von allen im Untersuchungszeitraum aufgegriffenen Themen wurden 30,2 Prozent im Kölner Stadt-Anzeiger behandelt. 0 5 10 15 20 25 30 35 Kölner Stadt - anzeiger 30,2 29,4 20,5 13,5 16,8 8,1 Kölnische Rundschau EXPRESS BILD Köln Radio Köln center.tv Köln Abbildung 4: Anteil der Exklusivberichterstattung einzelner Medien am gesamten Themenpool (in Prozent) Basis: Gesamtagenda = 1.110 Themen Lesebeispiel: Von allen im Untersuchungszeitraum aufgegriffenen Themen fanden sich 23,5 Prozent exklusiv im Kölner Stadt-Anzeiger. 0 5 10 15 20 25 30 Kölner Stadt - anzeiger 23,5 21,7 15,4 9,3 12,3 4,9 Kölnische Rundschau EXPRESS BILD Köln Radio Köln center.tv Köln 4.1.3.2 Die Thematisierung und journalistische Behandlung kontroverser Themen Im Rahmen der Argumentationsanalyse wurden für Köln zehn kontroverse Themen identifiziert, deren jour- nalistische Aufbereitung in den verschiedenen Medien vom 30.05. bis 23.07.2011 untersucht wurde. In dieser Auswahl stellt die Debatte um den Ausbau des Godorfer Hafens eine Besonderheit dar. Zu dessen Zukunft wurde am 10. Juli erstmals überhaupt in Köln eine Bürgerbefragung durchgeführt. Entsprechend groß war auch das mediale Echo. Um die Ergebnisse durch diese herausgehobene Debatte nicht zu verzerren, sie aber auch nicht unberücksichtigt zu lassen, wurde der Untersuchungszeitraum zum Godorfer Hafen – abweichend von den anderen Kontroversen – auf den Zeitraum vom 30.06. bis 09.07.2011 eingeschränkt, zumal hier eine inhaltliche Verdichtung (Pro- und Contra-Standpunkte) in der Berichterstattung stattfand. Nachfolgend wird der jeweilige Kern des Konflikts bei den 10 Themen kurz beschrieben. Godorfer Hafen Hierbei geht es um den Ausbau des Godorfer Hafens, um den sich bereits eine jahrzehntelange Debatte rankte, u.a. begleitet von diversen Gutachten. Das ältere Planco-Gutachten attestiert beispielsweise ausreichend Platz im Niehler Hafen im Norden Kölns, so dass sich ein Ausbau des Godorfer Hafens im Kölner Süden erüb- rigen würde. Der Stadtrat hatte 2008 dennoch mehrheitlich den Hafenausbau beschlossen. Ein erneutes Gut- achten des Verkehrswissenschaftlers Prof. Herbert Baum sprach sich wiederum für den Ausbau aus. Dafür müsste auch das Naturschutzgebiet Sürther Aue weichen. Auf Informationsveranstaltungen und Podiums- diskussionen wurden die divergierenden Meinungen deutlich, so dass die erste Bürgerbefragung Kölns initiiert wurde, mit einem festgesetzten Quorum von rund 88.000 Stimmen, das es zu erreichen galt. FH-Standort Die öffentliche Debatte um den FH-Standort zog sich über einen Zeitraum vom 15.06. bis 23.07.11. Der Dis- kussionsprozess ist allerdings bereits seit 2008 im Gange, wobei es um die Zukunft der in die Jahre gekom- menen Fachhochschule (Ingenieurwissenschaftliches Zentrum IWZ) in Deutz geht. Die konträren Positionen sind dabei: a) Sanierung der Fachhochschule vor Ort in Deutz (rechtsrheinisch) bei laufendem Betrieb mit Teilabriss und Erweiterungsbauten, b) Neubau bzw. Umzug nach Bayenthal (Südstadt, linksrheinisch). Ein aktuelles drittes Gutachten spricht sich zunächst für den Abriss aus, da eine Sanierung bei laufendem Betrieb 12 Jahre dauern würde und insofern unzumutbar wäre. Gleichzeitig wird aber die Alternative aufgezeigt, am Standort Deutz einen Teilabriss sowie Erweiterungsbauten vorzunehmen, zumal die erforderlichen Grund- stücke bereits der Stadt gehören. Das Gutachten wurde vom Bau- u. Liegenschaftsbetrieb des Landes (BLB) in Auftrag gegeben, und dieses hat am neuen Standort (Bayenthal, linksrheinisch) bereits vorsorglich Grund- stücke gekauft (Korruptionsverdacht). 152Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW alle Medien zwei Medien Zeitung + Hörfunk Zeitung + Fernsehen Hörfunk + Fernsehen ein Medium Zeitung Hörfunk Fernsehen Gesamt Anzahl Themen Themen in Prozent 12 49 25 12 12 1.049 858 137 54 1.110 1,1 4,4 2,3 1,1 1,1 94,5 77,3 12,3 4,9 100,0 Tabelle 18: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung in Kombination mit den verschiedenen lokalen Medien Basis: Gesamtagenda = 1.110 Themen Lesebeispiel: Über insgesamt 25 identische Themen wurde in den Mediengattungen Zeitung und Hörfunk berichtet. Nicht erkennbar ist, auf wie viele verschiedene Pressetitel sich die Themen verteilen. Archäologische Zone/Jüdisches Museum Im Zeitraum vom 27.06. bis 15.07.11 war dieses Thema Gegenstand der Berichterstattung. Hierbei geht es darum, dass bei Aufsehen erregenden Ausgrabungen am Rathausplatz bedeutsame Funde für die Kölner und jüdische Geschichte gemacht wurden. Die Kontroverse entspinnt sich an der Präsentation dieser archäologi- schen Sensation. Angedacht ist dabei, dass das Gelände am Rathausplatz überbaut und kombiniert werden soll mit einem Jüdischen Museum. Angesichts der Kostenexplosion spricht sich die CDU gegen ein Jüdisches Museum aus (Kostenersparnis) und plädiert lediglich für Schutzbauten („Stützenwald“). Aufgrund der Be- deutung für die Stadt Köln ist die Mehrheit des Stadtrates für diesen finanziellen Kraftakt bzw. will grünes Licht geben für das Millionenprojekt (Erhöhung des städtischen Eigenanteils bei der Projektfinanzierung). Bestandteil der Kontroverse ist darüber hinaus die Kritik an der Amtsführung und Projektleitung des Gra- bungsleiters Sven Schütte. (Aufgrund einer angeblichen Falschinformation muss sich die CDU bei der jüdi- schen Gemeinde entschuldigen.) Protestcamp Die Kontroverse um das Protestcamp am Kölner Rudolfplatz war Bestandteil der Berichterstattung zwischen dem 02.07. und 21.07.11. Thematisiert wurde die Aktion erst, nachdem das Camp bereits einige Tage exis- tierte. Der Protest der Akteure richtet sich dabei zum einen gegen etliche nationale und internationale Miss- stände (Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Militanz, Faschismus, Antisemitismus, EU-Finanzkrise, Hungers- nöte etc.) und soll zum anderen die Solidarität mit den spanischen Protestcamps in Madrid und Barcelona bekunden (gegen staatliche Willkür in Südeuropa). Deren Kampf für eine bessere Welt dient zugleich als Vor- bild. Bei der Debatte um die Zulässigkeit einer Dauerdemonstration erfährt die Aktion am Rudolfplatz die Duldung durch die Polizei (grundgesetzlich geschützt, weil politische Versammlung). Aufgrund einer ange- meldeten Informationsveranstaltung der italienischen Handelskammer muss das Camp umziehen zum Chlod- wigplatz. Ein erneuter Platzwechsel wird notwendig wegen anstehender Bauarbeiten der KVB; zudem müssen die Campbewohner bestimmte Auflagen erfüllen. Schulentwicklung Hintergrund dieser Kontroverse, die sich vom 17.06. bis 23.07.11 durch die Berichterstattung zog, ist die Schulstruktur-Debatte in NRW, die „heruntergebrochen“ wurde auf Köln. Dabei geht es um die Schließung von alten Schultypen (z.B. Hauptschule) und die Etablierung neuer Schultypen wie Gemeinschaftsschule, Ge- samtschule oder offene Ganztagsschule. Über deren Zulässigkeit haben jedoch Gerichte und Landesregierung zu befinden. Die einzelnen Parteien vertreten dabei unterschiedliche Positionen. Nach der Grundsatzent- scheidung der Landesregierung (SPD und Grüne) zusammen mit der CDU im Juli 2011 kommt es zur Einführung der Sekundarschule (u.a. gemeinsames Lernen in Klassen 5 und 6). Die einzelnen Parteien sehen sich in ihren Positionen jeweils bestätigt, so dass weiterhin an den Plänen für die Errichtung von Gemeinschaftsschulen gearbeitet wird. Flora-Sanierung Die Berichterstattung über das ehemalige Park-Café im Kölner Botanischen Garten „Flora“ erstreckte sich vom 07.06. bis 15.07.11. Das alte Veranstaltungsgebäude (auch kurz „Flora“ genannt) steht seit Jahren leer, wird nicht genutzt und verfällt zusehends. Seit 2007 ist eine Generalinstandsetzung (Sanierung) geplant. Aufgrund der allgemeinen Kostenexplosion und der unbefriedigenden Angebotslage werden Neuausschrei- bungen für die einzelnen Gewerke vorgenommen. In dieser Situation bringt die Verwaltung die Alternative ins Spiel: Abriss und Neubau oder Abspecken der Sanierungspläne. Die Gegenseite erwidert, dass Abbruch und Neubau keine Alternative zur umfassenden Generalsanierung seien. 153 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Bettensteuer Über das Thema Bettensteuer wurde in dem Zeitraum vom 21.06. bis 22.07.11 berichtet. Bei der sog. Bet- tensteuer handelt es sich um eine Kulturförderabgabe, die von Hotelgästen zusätzlich entrichtet werden soll, um kulturelle Projekte der Stadt finanziell zu unterstützen. Beschlossen wurde diese Abgabe vom Rat bereits im März 2010, so dass Kölner Hoteliers seit Oktober 2010 fünf Prozent des Zimmerpreises an die Stadt abführen müssen. Kontrahenten des Streits sind Kölner Hoteliers auf der einen Seite und die Stadt auf der anderen Seite. Ein Gerichtsurteil des Verwaltungsgerichts Köln bestätigt schließlich die Rechtmäßigkeit dieser Ab- gabe. Der Streit wird jedoch fortgesetzt, da die unterlegene Seite der Hotelbranche Revision einlegen und die nächste Instanz des OVG Münster anrufen will. Schwimmbäder In dem Zeitraum vom 09.06. bis 20.07.11 wurde über das Kölner Bäderkonzept berichtet. Das Bäderkonzept der Stadt sieht eine Umgestaltung der Bäderlandschaft vor, d.h. zum einen Schließungen (Weiden, Nippes) und zum anderen Neu-, Um- und Ausbauten (Lentpark, Stadionhallenbad Müngersdorf). Damit verbunden sind veränderte Öffnungszeiten für Schulen und Vereine bzw. Sperrzeiten für die Öffentlichkeit. Ein Beschluss über das Bäderkonzept ist für den Herbst 2011 vorgesehen, womit eine Festlegung der Umsetzung des Bä- derzielplans bis 2015 erfolgen soll. Rheinboulevard Über die mögliche Gestaltung des Rheinboulevards wurde im Zeitraum vom 16.06. bis 15.07.11 berichtet. Dabei geht es um die Gestaltung bzw. Aufwertung des rechten Rheinufers, u.a. mit einer großen Freitreppe zwischen Deutzer Brücke und Hohenzollernbrücke. Planungsbeginn war bereits vor rund fünf Jahren (2006). Die Situation änderte sich jedoch durch archäologische Funde (Bodendenkmäler), die in das Konzept integriert werden sollen (Integration des Konzepts „Historischer Park Deutz“). Durch die freigelegten Bodendenkmäler während der Planungsphase ist es zwischenzeitlich zu einer allgemeinen Kostenexplosion gekommen, so dass nunmehr über eine kleine (kürzere Freitreppe, ohne Geländer) und eine große Lösung diskutiert wird. Baudezernent Streitberger Die Personalie Streitberger zog sich vom 30.06. bis 15.07.11 durch die Berichterstattung. Die Amtszeit des Bau- und Planungsdezernenten Bernd Streitberger (CDU) läuft aus und er steht zur Wiederwahl (Verlängerung der Amtszeit) zur Verfügung. SPD und FDP erbitten sich jedoch Bedenkzeit, weil sie Vorbehalte haben. Die CDU ist darüber erzürnt, weil Absprachen (Vorschlagsrecht für diesen Spitzenbeamten in der Kölner Stadt- verwaltung) nicht eingehalten wurden. Tabelle 19 zeigt, wie umfangreich die Kontroversen von den verschiedenen Medien aufgegriffen wurden. Hier zeigt sich, dass die beiden lokalen Abonnementzeitungen Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau deutlich öfter (Berichtstage) und in mehr Beiträgen über kontroverse Themen berichten als alle anderen lo- kalen Medien. Das Boulevardblatt EXPRESS greift kontroverse lokalpolitische Themen dagegen am seltensten auf und berichtet überhaupt nur über sieben der zehn kontroversen Themen. Radio Köln weist im Vergleich zu Stadt-Anzeiger und Rundschau eine geringere Anzahl an Beiträgen auf, jedoch bei einer vergleichbar hohen Zahl an Tagen, an denen kontroverse Themen aufgegriffen werden.37 Lässt man die Godorf-Debatte unberück- sichtigt, wird der Informationsvorsprung, den die Lektüre der Tageszeitung bietet, noch deutlicher: Während in den Abonnementzeitungen jeweils 46 Beiträge zu kontroversen Themen gebracht werden, greifen Radio und Fernsehen solche Debatten nur 29- bzw. 19-mal auf. Das bestätigt sich auch beim Blick auf die Mittel- werte: Bei Stadt-Anzeiger und Rundschau entfallen auf jede Kontroverse im Durchschnitt 5,3 bzw. 5,1 Beiträge (ohne Godorf je 5,1), im Radio 3,8 (3,2) und bei center.tv 2,8 (2,1). 154Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 37 Hierbei ist jedoch (ebenso wie für das lokale Fernsehen) zu berücksichtigen, dass im Rundfunk normalerweise mehr als einmal am Tag über ein Thema berichtet wird. Allerdings ist die Variation dieser Beiträge im Tagesverlauf im lokalen Rundfunk gering, weshalb bereits von der Untersuchungsanlage her nur das einmalige Auftau- chen eines Beitrags zu einer Debatte berücksichtigt wurde. Über die lokalen Kontroversen wird ganz überwiegend in tatsachenbetonten Darstellungsformen berichtet (vgl. Tab. 20). Allerdings greift ausschließlich die Presse zur meinungsbetonten Form des Kommentars, wäh- rend in Hörfunk und Fernsehen eine Positionierung offenbar vermieden wird. Das trifft auch auf explizite Be- wertungen außerhalb des Kommentars zu. Beiträge, die „jenseits der Nachricht“ Stellung beziehen, ohne als Kommentar erkennbar zu sein, kommen ebenfalls nur in der Presse, allerdings in marginalem Umfang vor (insgesamt vier Beiträge, alle Kölner Stadt-Anzeiger38). Explizite (oder im Fernsehen: implizite)39 Bewertungen einzelner Äußerungen von Aussageträgern kommen außerhalb von Kommentaren so gut wie nicht vor. Die Kontroversen werden von allen Medien gleichermaßen aufgegriffen, sowohl dann, wenn faktische Ver- änderungen (Entscheidungen, Urteile, Ereignisse u.Ä.) eintreten, als auch, wenn lediglich die Debatte wei- tergeführt wird (Ratssitzungen, Aussagen und Entgegnungen, Gutachten etc.; vgl. Tab. 21). Dass bestimmte Medien lokale Kontroversen ausblenden und lediglich deren Endergebnisse zum Berichtsanlass nehmen, lässt sich also nicht behaupten. Jedoch ist auch hier anzumerken, dass allein aufgrund der Anzahl von Beiträgen lediglich die Leser von Stadt-Anzeiger und Rundschau (und mit Abstrichen die Radiohörer) in die Lage versetzt werden, den Kontroversen umfassend über den gesamten Verlauf zu folgen. Auf Beitragsebene wurde für jeden Beitrag erhoben, ob und wie stark eine Kontexterläuterung bzw. Einord- nung der mitgeteilten Fakten und Äußerungen stattfindet. Für Beiträge, die Aussageträger enthalten, wurde zudem erhoben, inwieweit verschiedene Äußerungen aufeinander bezogen werden (Argumentationskomple- xität). Dies ist ein Indikator dafür, inwieweit sich die eigentliche Debatte in ihrer Darstellung niederschlägt oder ob Äußerungen innerhalb von Beiträgen vereinzelt und unverbunden nebeneinander stehen.40 Die Be- wertung von Kontexterläuterung und Argumentationskomplexität findet mittels einer fünfstufigen Skala statt, wobei „1“ bedeutet, dass keine Kontexterläuterung bzw. keine argumentativen Verknüpfungen ver- schiedener Positionen vorkommen, während „5“ für umfassende Einordnung bzw. höchste Argumentations- komplexität steht. Der Blick auf die Mittelwerte41 der Argumentationskomplexität (Abb. 5/Abb. 6) zeigt, dass die beiden Medien, in denen die meisten Akteure zu Wort kommen (Stadt-Anzeiger und Rundschau), auch die höchsten Werte be- züglich der Verknüpfung der einzelnen Positionen aufweisen ( jeweils = 2,6). Den geringsten Wert zeigt hier der EXPRESS (1,9). center.tv und Radio Köln weisen allerdings nur geringfügig niedrigere Mittelwerte als die beiden seriösen Tageszeitungen auf (2,5 bzw. 2,1). Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass der Rundfunk deutlich weniger Beiträge zu den Debatten bringt als die lokale Abonnementpresse. Während der (Abonnement-)Zei- tungsleser aufgrund der Kontinuität der Berichterstattung Einblick in die Komplexität einer Debatte erhält, ist dies für den Fernsehzuschauer oder Radiohörer nicht in gleichem Maße der Fall. Dieser Mangel wird jedoch nur teilweise durch die journalistische Aufbereitung wettgemacht. Dabei ist zu bedenken, dass die im (un- terhaltungsorientierten) Radio und Fernsehen vorkommenden Darstellungsformen eine höhere Komplexität kaum zulassen. In der Kontexterläuterung (Abb. 7) weisen Rundfunk und Fernsehen dagegen geringfügig höhere Mittelwerte als die Tageszeitungen auf (center.tv = 2,4; Radio Köln = 2,3). Den niedrigsten Wert erreicht hier wiederum der EXPRESS (1,53). Stadt-Anzeiger und Rundschau erreichen Mittelwerte von jeweils 2,1. Hier muss festgehalten werden, dass das geringere Ausmaß der Berichterstattung zu kontroversen Themen im Rundfunk kaum durch umfassende Kontexterläuterung aufgefangen wird, wogegen die umfassende Information zu einzelnen Debat- ten in Rundschau und Stadt-Anzeiger insgesamt eher durch die Häufigkeit der Berichterstattung erreicht wird. Wie oft die Vertreter verschiedener Positionen innerhalb der Debatten ihre Positionen zum Ausdruck bringen können, ist ein möglicher Indikator für die Ausgewogenheit der Berichterstattung zu Kontroversen. Geht man vereinfachend davon aus, dass es in jeder Debatte zwei Positionen gibt, zwischen denen zu entscheiden ist, so spricht ein gleich häufiges Vorkommen beider Positionen für eine ausgewogene Darstellung der Kon- 155 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 38 Zwei Beiträge zum Thema Godorfer Hafen, je ein Beitrag zur FH-Standort-Debatte und zur Rheinboulevard-Kontroverse. 39 Durch visuelle Kontrastierung, Kameraführung oder ähnliche Stilmittel. 40 Meinungsbetonte Formen bleiben sowohl hinsichtlich der Kontexteinordnung als auch der Argumentationskomplexität unberücksichtigt, da diese per se nicht dazu gedacht sind, verschiedene Positionen zu erörtern. 41 Die fünfstufige Skala wird hier als quasi-metrisch verstanden und deshalb in Folge auf den leicht verständlichen arithmetischen Mittelwert zurückgegriffen. troverse.42 Im Vergleich über alle Kölner Kontroversen und Medien hinweg lässt sich zunächst feststellen, dass im medienübergreifenden Vergleich bei allen untersuchten Kölner Kontroversen alle Seiten in den lokalen Medien Gelegenheit haben, ihre Argumente vorzubringen (Tab. 22). In den einzelnen Medien beruht die Ausgewogenheit der Berichterstattung in erheblichem Maße auf der An- zahl von Personen, die sich in Presse oder Rundfunk äußern können. Das ist besonders am Beispiel von Radio Köln zu erkennen: In den Debatten um den FH-Standort sowie die Schulentwicklung kommen hier jeweils nur zwei Personen zu Wort, die jeweils nur einer Richtung zuzuordnen sind. Ähnliches lässt sich vereinzelt auch in den Abonnementzeitungen beobachten (Schulentwicklung in der Kölnischen Rundschau) – jedoch nur dann, wenn insgesamt sehr wenige Aussageträger zu einem Thema gehört werden. In Boulevardpresse und Rundfunk ist das (abgesehen von der Godorf-Debatte) durchgängig der Fall. Insofern ergibt sich der Befund, dass alle Positionen in Köln mediale Aufmerksamkeit erhalten, vor allem dadurch, dass die Debatten in den beiden Abonnementzeitungen umfangreich verhandelt werden. Hier kommen die weitaus meisten Aussageträger zu Wort ( jeweils über 100). Deutlich weniger Akteure kommen dagegen im EXPRESS (23), bei center.tv (37) sowie auf Radio Köln (34) zu Wort. Das führt auch dazu, dass sich dort bereits geringe Unterschiede deutlich auf die Ausgewogenheit einzelner Debattendarstellungen auswirken. Es ist allerdings zu bedenken, dass dies auch den medientypischen Restriktionen geschuldet ist. Insbesondere in Hörfunk-Nachrichten von Privatradios ist es formattypisch kaum möglich, in einzelnen Meldungen mehr als einen Akteur auch zu Wort kommen zu lassen. Sowohl bei Radio Köln als auch bei center.tv ist das Bemühen einer ausgewogenen Berichterstattung (trotz weniger Zu-Wort-Kommender) zumindest in einzelnen Debatten erkennbar. Besonders hervorzuheben ist hier wiederum der Godorf-Streit, wo nicht nur die meisten Akteure zu Wort kommen, sondern deren Verteilung auf die Pro- und Contra-Positionen beinahe ganz ausgeglichen ist. Ein wichtiger Indikator für die politische Ausgewogenheit der Berichterstattung ist die Parteizugehörigkeit der zu Wort kommenden Personen (Tab. 23).43 Diese lässt sich zudem sehr gut mit der Zusammensetzung des aktuellen Kölner Stadtrats vergleichen. Auch hier bieten im Wesentlichen Stadt-Anzeiger und Rundschau aus- sagekräftige Zahlen, während im EXPRESS und bei center.tv die Fallzahlen zu Wort kommender Lokalpolitiker sehr gering sind. Radio Köln lässt dagegen immerhin 20 Lokalpolitiker zu den Kontroversen vor Ort zu Wort kommen. Im Stadt-Anzeiger kommen Vertreter von CDU und SPD am häufigsten zu Wort ( jeweils über ein Drit- tel). Grüne und FDP können sieben bzw. sechs Mal ihre Positionen vertreten und von der Linken wird ein Ver- treter zitiert. Auch in der Rundschau kommen Vertreter von Union und SPD am häufigsten zu Wort (12- und 14-mal), FDP und Grüne werden neun bzw. acht Mal zitiert. Darüber hinaus kommen auch drei Vertreter der Freien Wähler zu Wort sowie jeweils ein Politiker der Linken und ein Parteiloser. Bei Radio Köln verteilen sich die Politiker relativ gleichmäßig auf die größten Fraktionen ( je vier Aussageträger aus CDU, Grünen und FDP, fünf aus der SPD, je ein Akteur von Linken, Freien Wählern und Pro Köln). center.tv und EXPRESS lassen insge- samt nur sieben bzw. fünf Lokalpolitiker zu Wort kommen, so dass deren Verteilung auf die Parteien nicht sinnvoll interpretierbar ist. Bei der Gesamtbetrachtung über alle untersuchten Kölner Medien lässt sich sagen, dass SPD und CDU gemäß der Größe ihrer Ratsfraktionen auch in den Medien vertreten sind, während die Grü- nen leicht unter- und die FDP leicht überrepräsentiert sind. Kaum Beachtung finden die Linke, die Freien Wäh- ler sowie Pro Köln. Die lokalen Kontroversen werden ausschließlich von Vertretern mit jeweils lokalem Zuständigkeitsbereich geführt (vgl. Tab. 24). Dass Vertreter von landes- oder bundesweitem Einflussbereich zitiert werden, kommt nur in Ausnahmefällen vor. Das zeigt, dass alle Debatten in den Lokalmedien auch als spezifisch Kölner The- men behandelt und nicht lediglich übergeordnete Themen auf die Verhältnisse vor Ort „heruntergebrochen“ werden. Insofern ist eine klare Unterscheidung in Lokal-, Landes- und Bundespolitik in der Darstellung der hier betrachteten Kontroversen gegeben. 156Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 42 Hierbei ist jedoch einschränkend anzumerken, dass dies nur abstrakt aus den möglichen Positionen folgt. Tatsächlich besteht eine Kontroverse aber auch dann, wenn neun Akteure eine Meinung haben und ein zehnter eine andere Meinung hat. In diesem Fall wäre ein gleichhäufiges Vorkommen beider Positionen eher eine Verzerrung der Realität. Insofern dürfen die Positionsverteilungen nicht isoliert betrachtet werden, sondern sind nur in Verbindung mit den übrigen Ausgewogen- heitsindikatoren (Funktion, Parteizugehörigkeit, politische Ebene) zur Beurteilung der tatsächlichen Ausgewogenheit aussagekräftig. 43 Wobei hier nur Angehörige des politisch-administrativen Systems berücksichtigt werden. Eine etwa erwähnte Parteimitgliedschaft von „Normalbürgern“ oder „Experten“ bleibt unberücksichtigt. Ein weiteres Kriterium zur Bewertung der Berichterstattungsqualität über lokale Kontroversen ist die Zitati- onsweise der Akteure. Wörtliche bzw. indirekte Zitate44 erscheinen als weitgehend ungefilterte Wiedergabe von Positionen. Für Paraphrasen ist das nur eingeschränkt der Fall. Positionszuordnungen ohne erkennbar geäußerte Inhalte können dagegen kaum noch als Vertretung einer Meinung in der Öffentlichkeit angesehen werden. In allen untersuchten Kölner Medien ist das wörtliche Zitat die mit Abstand häufigste Form der Wie- dergabe von Positionen innerhalb der lokalpolitischen Kontroversen (vgl. Tab. 25). In Hörfunk und Fernsehen sind jeweils die Mehrzahl der Zitate auch tatsächliche O-Töne, wobei der Anteil bei center.tv höher ausfällt als bei Radio Köln. Dies ist allerdings ausschließlich der recht umfangreichen Aufbereitung der Godorf-Debatte geschuldet. Ohne Beiträge zu diesem Thema werden bei center.tv nur fünf und bei Radio Köln nur zehn Personen zitiert, von denen nur zwei bzw. drei auch im O-Ton ihre Position vertreten können. Das zeigt, dass center.tv und Radio Köln in durchaus bemerkenswertem Ausmaß auf eine der wichtigsten lokalpolitischen Debatten der letzten Jahre reagieren, andere Kontroversen aber nicht mit dem gleichen hohen journalistischen An- spruch verfolgen. Schließlich interessiert, wie gleichmäßig die zu Wort kommenden Akteure auf die verschiedenen gesellschaft- lichen Funktionsgruppen verteilt sind. Tabelle 26 zeigt, dass über alle betrachteten Medien hinweg die Ver- treter des politisch-administrativen Systems am häufigsten zitiert werden. Um zu bemessen, wie gleichmäßig die Verteilung der Akteure auf die verschiedenen erhobenen Funktionsgruppen ist, wird hier zusätzlich das Verteilungsmaß der relativen Entropie nach Shannon herangezogen. Dieses Maß vergleicht die empirische Verteilung mit der theoretisch möglichen, vollständig gleichmäßigen Verteilung. Je gleichmäßiger die Ak- teure auf die Kategorien verteilt sind, umso näher rückt der Entropiewert an den Wert 1. Der Wert 0 bedeutet im Umkehrschluss, dass ausschließlich Akteure einer Funktionsgruppe zu Wort kommen. Die höchsten Entropiewerte weisen hier der EXPRESS und center.tv auf (vgl. Abb. 8). Das liegt allerdings nicht zuletzt an der geringen Fallzahl überhaupt zu Wort kommender Personen. Die auch hier häufiger zitierten Akteure des politisch-administrativen Systems fallen daher weniger stark ins Gewicht und bewirken daher eine gleichmäßige Verteilung. Anders sieht es dagegen (bei ebenfalls geringer Fallzahl) bei Radio Köln aus. Hier kommen überhaupt nur Personen aus vier von acht Funktionsgruppen zu Wort, von denen die meisten dem politisch-administrativen Bereich angehören. Entsprechend wirkt sich dies in Richtung einer eher un- gleichmäßigen Verteilung aus. In der Rundschau und dem Stadt-Anzeiger kommen dagegen die weitaus meis- ten Akteure zu Wort, von denen aber jeweils über 50 Prozent dem politischen Bereich zuzuordnen sind. Das führt dazu, dass der Entropiewert – obwohl insgesamt eine größere Zahl von Personen aus allen Funktions- gruppen zitiert wird – weniger hohe Werte annimmt als bei EXPRESS und center.tv. Dieses Gesamtbild kehrt sich allerdings nahezu komplett um, wenn die Godorf-Kontroverse nicht berücksich- tigt wird. center.tv und Radio Köln erreichen dann nur noch Entropiewerte unter 0,5, während die Werte der Zeitungen nur leicht auf Werte von knapp unter (bzw. EXPRESS über) 0,6 sinken. Insofern bestätigt sich auch hier, dass eine über die Breite aller lokalen Debatten gleichwertige Berichterstattung vor allem in der seriösen Tagespresse gegeben ist. Hervorzuheben ist darüber hinaus, dass in Stadt-Anzeiger und Rundschau insbeson- dere Wirtschafts-, Verwaltungs- und Interessensgruppenvertreter (absolut gesehen) deutlich häufiger zu Wort kommen als in den anderen untersuchten Medien. Das zeigt, dass trotz des Übermaßes an politischen Repräsentanten eine umfassende Darstellung der kontroversen Positionen ebenfalls vor allem von der lokalen Kölner Abonnementpresse geleistet wird. Insgesamt lässt sich festhalten, dass mit Ausnahme des EXPRESS die Rezipienten aller Kölner Lokalmedien über die Mehrzahl der kontroversen Themen vor Ort informiert werden. Das Ausmaß und die Qualität dieser Information fallen dagegen unterschiedlich aus. Eine umfassende und vielfältige Berichterstattung findet vor allem in Stadt-Anzeiger und Rundschau statt. Der Beitrag zur Meinungsbildung zu lokalpolitischen Kon- troversen durch Hörfunk und Fernsehen fällt dagegen geringer aus. Gleichwohl werden die Rezipienten auch hier über diese Debatten informiert. 157 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 44 Wörtliche und indirekte (Konjunktiv-)Zitate werden hier als gleichwertig behandelt. Der Grund dafür ist, dass insbesondere in der Presse häufig weniger aus inhalt - lichen denn aus stilistischen Erwägungen das indirekte Zitat statt eines „O-Tons“ gewählt wird. Für Hörfunk und Fernsehen werden diese Zitate zusätzlich in tatsäch- liche O-Töne und indirekte Zitate aufgeschlüsselt, da hier eine scheinbar ungefilterte Meinungsäußerung deutlich stärker an den O-Ton gekoppelt sein dürfte. 158Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Godorfer Hafen FH-Debatte Archäologische Zone/Jüd. Mus. Protestcamp Schulentwicklung Flora-Sanierung Bettensteuer Schwimmbäder Rheinboulevard Baudezernent Streitberger Gesamt Mittelwerte Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl 7 7 11 8 4 3 4 3 4 2 53 (46) 5,3 (5,1) 4 5 7 8 4 3 4 3 4 2 23 (22) 4 (4) 5 7 8 8 3 3 7 3 4 3 51 (46) 5,1 (5,1) 3 3 7 8 3 3 5 3 4 3 24 (24) 4 (4) 2 0 3 4 0 1 4 1 0 1 16 (14) 1,6 (1,6) 2 0 2 4 0 1 4 1 0 1 11 (10) 2 (1) 9 3 4 3 1 2 2 2 2 0 28 (19) 2,8 (2,1) 5 3 4 3 1 2 2 2 2 0 15 (13) 2 (2) 9 4 7 3 3 2 5 3 1 1 38 (29) 3,8 (3,2) 5 4 7 3 3 2 5 3 1 1 22 (22) 3 (3) 32 21 33 26 11 11 22 12 11 7 186 (154) 18,6 (17,1) 8 6 11 11 10 7 7 10 9 4 33 (33) 8,3 (7,9) Kölnische Rundschau Anzahl EXPRESS Anzahl center.tv Anzahl Radio Köln Anzahl Köln gesamt Anzahl Tabelle 19: Anzahl von Beiträgen und Berichtstagen pro Thema und Medium Werte in Klammern geben die entsprechenden Werte ohne Berücksichtigung der Godorf-Debatte an. Da an einem Tag zu mehr als einer Kontroverse berichtet werden kann, ist die Gesamtzahl von Berichtstagen zu den Kontroversen nicht gleich der Summe der Berichtstage zu den Einzelthemen. Werte in Klammern geben die entsprechenden Werte ohne Berücksichtigung der Godorf-Debatte an. Be it rä ge Be it rä ge Be it rä ge Be it rä ge Be it rä ge Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Be ri ch ts ta ge Be ri ch ts ta ge Be ri ch ts ta ge Be ri ch ts ta ge Be ri ch ts ta ge Tatsachen - betonte Form Interpretierende Form Meinungs - betonte Form Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % 47 (41) 1 (1) 5 (4) 53 (46) 88,7 (89,1) 1,9 (21,7) 9,4 (8,7) 100,0 44 (40) 1 (1) 6 (5) 51 (46) 86,3 (87,0) 2 (2,2) 11,8 (10,9) 100,0 15 (13) 0 1 (1) 16 (14) 93,8 (92,9) 0 6,3 (7,1) 100,0 24 (18) 4 (1) 0 28 (19) 85,7 (94,7) 14,3 (5,3) 0 100,0 38 (29) 0 0 38 (29) 100,0 0 0 100,0 168 (141) 6 (3) 12 (10) 186 (154) 90,3 (91,6) 3,2 (2,0) 6,5 (6,5) 100,0 Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Radio Köln Köln gesamt Tabelle 20: Journalistische Darstellungsformen lokalpolitischer Kontroversen Beitrag rekurriert auf faktisches Ereignis Debatte Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % 15 38 53 28,3 71,7 100,0 14 37 51 27,5 72,5 100,0 4 12 16 25,0 75,0 100,0 10 18 28 35,7 64,3 100,0 11 27 38 28,9 71,1 100,0 54 132 186 29,0 71,0 100,0 Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Radio Köln Köln gesamt Tabelle 21: Faktizität der Berichtsanlässe über lokalpolitische Kontroversen 159 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 5: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen Fünfstufige Skala 1 (= keine argumentative Verknüpfung verschiedener Stellungnahmen) bis 5 (= umfassende argumentative Verknüpfung). Nur Untersuchungs - einheiten, die Aussageträger enthalten, keine meinungsbetonten Darstellungsformen. Der untere Balken weist die Werte ohne Einbezug der Godorf-Debatte aus. Werte in Klammern hinter den Medientiteln weisen den Median aus (mit Godorf/ohne Godorf). Kölner Stadtanzeiger (3/3) Kölnische Rundschau (2/2) EXPRESS (1/1) center.tv (2/2) Radio Köln (2/2) gesamt (2/2) 1 2 2,56 (n=39) 2,51 (n=35) 2,60 (n=40) 2,55 (n=38) 1,89 (n=9) 1,88 (n=8) 2,53 (n=15) 2,22 (n=9) 2,13 (n=16) 2,00 (n=13) 2,18 (n=11) 2,29 (n=7) 3 4 5 Abbildung 6: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu kontroversen Themen Fünfstufige Skala 1 (= keine argumentative Verknüpfung verschiedener Stellungnahmen) bis 5 (= umfassende argumentative Verknüpfung). Nur Untersuchungs - einheiten, die Aussageträger enthalten, keine meinungsbetonten Darstellungsformen. Der untere Balken weist die Werte ohne Einbezug der Godorf-Debatte aus. Werte in Klammern hinter den Medientiteln weisen den Median aus (mit Godorf/ohne Godorf). Kölner Stadtanzeiger (3/3) Kölnische Rundschau (2/2) EXPRESS (1/1) center.tv (2/2) Radio Köln (2/2) gesamt (2/2) 1 2 2,55 (n=38) 2,50 (n=34) 2,59 (n=39) 2,54 (n=37) 1,89 (n=9) 1,88 (n=8) 2,18 (n=11) 2,25 (n=8) 2,13 (n=16) 2,00 (n=13) 2,18 (n=11) 2,29 (n=7) 3 4 5 160Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 7: Kontexterläuterung in Beiträgen zu kontroversen Themen Fünfstufige Skala 1 (= keine Kontexterläuterung) bis 5 (= umfassende Kontexterläuterung). Ohne meinungsbetonte Darstellungsformen. Der untere Balken weist die Werte ohne Einbezug der Godorf-Debatte aus. Werte in Klammern hinter den Medientiteln weisen den Median aus (mit Godorf/ohne Godorf). Kölner Stadtanzeiger (3/3) Kölnische Rundschau (2/2) EXPRESS (1/1) center.tv (2/2) Radio Köln (2/2) gesamt (2/2) 1 2 2,10 (n=48) 2,05 (n=42) 2,07 (n=45) 2,10 (n=41) 1,53 (n=15) 1,62 (n=13) 2,43 (n=28) 2,26 (n=19) 2,29 (n=38) 2,24 (n=29) 3,14(n=14) 3,20 (n=10) 3 4 5 161 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Godorfer Hafen Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt FH-Debatte Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Archäologische Zone Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Protestcamp Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Schulentwicklung Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Flora-Sanierung Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Bettensteuer Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % 14 7 0 21 2 7 1 10 17 5 7 29 10 4 3 17 1 3 1 5 2 1 0 3 3 5 1 9 66,7 33,3 0 100,0 20,0 70,0 10,0 100,0 58,6 17,2 24,1 100,0 58,8 23,5 17,6 10,00 20,0 60,0 20,0 100,0 66,7 33,3 0 100,0 33,3 55,6 11,1 100,0 3 3 0 6 6 6 5 17 22 8 1 31 2 1 4 7 0 6 0 6 3 2 1 6 6 9 1 16 50,0 50,0 0 100,0 35,3 35,3 29,4 100,0 71,0 25,8 3,2 100,0 28,6 14,3 57,1 100,0 0,0 100 0,0 100,0 50,0 33,3 16,7 100,0 37,5 56,3 6,3 100,0 4 3 0 7 0 0 0 0 3 1 0 4 3 2 3 8 0 0 0 0 0 0 0 0 1 3 0 4 57,1 42,9 0 100,0 0 0 0 0 75,0 25,0 0 100,0 37,5 25,0 37,5 100,0 0 0 0 0 0 0 0 0 25,0 75,0 0 100,0 11 11 1 23 0 0 1 1 3 2 0 5 1 0 1 2 1 0 0 1 0 1 0 1 1 0 0 1 47,8 47,8 4,3 100,0 0 0 100,0 100,0 60,0 40,0 0 100,0 50,0 0 50,0 100,0 100,0 0 0 100,0 0 100,0 0 100,0 100,0 0 0 100,0 9 8 0 17 2 0 0 2 3 1 0 4 0 0 2 2 2 0 0 2 4 0 1 5 1 1 0 2 52,9 47,1 0 100,0 100,0 0 0 100,0 75,0 25,0 0 100,0 0 0 100,0 100,0 100,0 0 0 100,0 80,0 0 20,0 100,0 50,0 50,0 0 100,0 41 32 1 74 10 13 7 30 48 17 8 73 16 7 13 36 4 9 1 14 9 4 2 15 12 18 2 32 55,4 43,2 1,4 100,0 33,3 43,3 23,3 100,0 65,8 23,3 11,0 100,0 44,4 19,4 36,1 100,0 28,6 64,3 7,1 100,0 60,0 26,7 13,3 100,0 37,5 56,3 6,3 100,0 Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Radio Köln Köln gesamt Tabelle 22: Aussageträger nach Richtung ihrer Äußerung zu kontroversen Themen 162Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Schwimmbäder Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Rheinboulevard Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Baudezernent Streitberger Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % 0 1 3 4 1 1 0 2 3 1 1 5 0 25,0 75,0 100,0 50,0 50,0 0 100,0 60,0 20,0 20,0 100,0 4 0 3 7 2 1 1 4 3 1 2 6 57,1 0 42,9 100,0 50,0 25,0 25,0 100,0 50,0 16,7 33,3 100,0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 1 0 2 0 1 0 1 0 0 0 0 50,0 50,0 0 100,0 0 100,0 0 100,0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 5 2 6 13 3 3 1 7 6 2 3 11 38,5 15,4 46,2 100,0 42,9 42,9 14,3 100,0 54,5 18,2 27,3 100,0 Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Radio Köln Köln gesamt Partei (Stimmen- anteil Kommunal- wahl 2009 in %) SPD (28,0) CDU (27,9) Grüne (21,7) FDP (9,4) Linke (4,8) Freie Wähler (1,5) Pro NRW/ Pro Köln (5,4) Parteilos (0) Sonstige (0,8) Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % 16 18 7 6 1 0 0 0 0 48 33,3 37,5 14,6 12,5 2,1 0 0 0 0 100,0 12 14 8 9 1 3 0 1 0 48 25,0 29,2 16,7 18,8 2,1 6,3 0 2,1 0 100,0 3 1 0 0 0 0 0 1 0 5 60,0 20,0 0 0 0 0 0 20,0 0 100,0 1 2 2 2 0 0 0 0 0 7 14,3 28,6 28,6 28,6 0 0 0 0 0 100,0 5 4 4 4 1 1 1 0 0 20 25,0 20,0 20,0 20,0 5,0 5,0 5,0 0 0 100,0 37 39 21 21 3 4 1 2 0 128 28,9 30,5 16,4 16,4 2,3 3,1 0,8 1,6 0 100,0 Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Radio Köln Köln gesamt Tabelle 23: Parteizugehörigkeit von Aussageträgern in Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen 163 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Politische Ebene National (Bundesebene) Regional (Landesebene) Lokal (Landkreis, Gemeinde) Trifft nicht zu Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % 1 2 93 1 97 1,0 2,1 95,9 1,0 100,0 1 4 94 0 99 1,0 4,0 94,9 0 100,0 0 0 17 0 17 0 0 100,0 0 100,0 1 4 26 0 31 3,2 12,9 83,9 0 100,0 0 1 31 1 33 0 3,0 93,9 3,0 100,0 3 11 261 2 277 1,1 4,0 94,2 0,7 100,0 Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Radio Köln Köln gesamt Tabelle 24: Politische Ebene von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen Zitat (wörtlich oder indirekt) Davon O-Töne (Rundfunk) Paraphrase Nur Nennung mit Positions - zuordnung Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % 83 (70) 17 (14) 5 (0) 105 (84) 79,0 (83,3) 16,2 (16,7) 4,8 (0) 100,0 89 (86) 17 (14) 0 106 (100) 84,0 (86,0) 16,0 (14,0) 0 100,0 23 (16) 0 0 23 (16) 100,0 (100,0) 0 0 100,0 26 (5) 23 (2) 10 (9) 1 (0) 37 (14) 70,3 (35,7) 62,2 (14,3) 27,0 (64,3) 2,7 (0) 100,0 17 (10) 10 (3) 11 (7) 5 (0) 33 (17) 51,5 (58,8) 30,3 (17,6) 33,3 (41,2) 15,2 (0) 100,0 238 (187) 55 (44) 11 (0) 304 (231) 78,3 (81,0) 18,1 (19,1) 3,6 (0) 100,0 Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Radio Köln Köln gesamt Tabelle 25: Form der Zitation von Aussageträger in lokalpolitischen Kontroversen Nur politisch-administratives System, Wirtschaftsvertreter, Verwaltungsebene, Interessenvertreter institutionalisierter Gruppen. Werte in Klammern geben die entsprechenden Werte ohne Berücksichtigung der Godorf-Debatte an. 164Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Funktionsgruppe Politisch- administratives System Wirtschafts - vertreter Verwaltungs - ebene (Funktionsträger „nachgeordneter Bedeutung“) Interessen - ver treter institu- tionalisierter Gruppen Wirtschaftlicher Gegenbereich Kultur Experten Normalbürger Gesamt Relative Entropie (Shannons H) Kölner Stadt- Anzeiger Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % Anzahl Anteil in % 56 (53) 11 (4) 12 (11) 18 (8) 0 0 2 (2) 6 (6) 105 (84) 0,65 (0,58) 0,62 (0,58) 0,74 (0,65) 0,76 (0,49) 0,41 (0,42) 0,68 (0,61) 53,3 (63,1) 10,5 (4,8) 11,4 (13,1) 17,1 (9,5) 0 0 1,9 (2,4) 5,7 (7,1) 100,0 61 (61) 12 (9) 20 (20) 6 (3) 0 2 (2) 1 (1) 4 (4) 106 (100) 57,5 (61,0) 11,3 (9,0) 18,9 (20,0) 5,7 (3,0) 0 1,9 (2,0) 0,9 (1,0) 3,8 (4,0) 100,0 6 (6) 3 (1) 2 (1) 6 (2) 0 0 0 6 (6) 23 (16) 26,1 (37,5) 13,0 (6,3) 8,7 (6,3) 26,1 (12,5) 0 0 0 26,1 (37,5) 100,0 15 (9) 7 (0) 2 (2) 7 (0) 1 (0) 1 (1) 0 4 (2) 37 (14) 40,5 (64,3) 18,9 (0) 5,4 (14,3) 18,9 (0) 2,7 (0) 2,7 (7,1) 0 10,8 (14,3) 100,0 23 (9) 2 (1) 7 (7) 1 (0) 0 0 0 0 33 (17) 69,7 (52,9) 6,1 (5,9) 21,2 (41,2) 3,0 (0) 0 0 0 0 100 161 (138) 35 (15) 43 (41) 38 (13) 1 (0) 3 (3) 3 (3) 20 (18) 304 53,0 (59,7) 11,5 (6,5) 14,1 (17,7) 12,5 (5,6) 0,3 (0) 1,0 (1,3) 1,0 (1,3) 6,6 (7,8) 100,0 Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Radio Köln Köln gesamt Tabelle 26: Verteilung der Aussageträger in lokalpolitischen Kontroversen auf die verschiedenen gesellschaftlichen Akteursgruppen Werte in Klammern geben die entsprechenden Werte ohne Berücksichtigung der Godorf-Debatte an. 4.1.4 Zwischenfazit: Lokalpublizistische Angebote im Kommunikationsraum Köln Der lokale Medienmarkt in Köln ist durch eine große strukturelle Vielfalt gekennzeichnet. Vier Tageszeitungen, ein Nahraumfernsehprogramm, ein lokales Hörfunkangebot sowie fünf Websites mit einem nennenswerten tagesaktuell lokalpublizistischen Angebot bieten dem Bürger eine breite Auswahlpalette. Hinter dieser struk- turellen Medienvielfalt steht allerdings eine starke ökonomische Konzentration des Medienunternehmens M. DuMont Schauberg. Dieses Unternehmen besitzt die drei führenden Tageszeitungen (Kölnische Rundschau, Kölner Stadt-Anzeiger und das Boulevardblatt EXPRESS) und ist maßgeblich an Radio Köln und center.tv Hei- matfernsehen Köln beteiligt. Hinzu kommt, dass die bedeutendsten lokalen Onlineangebote „Ableger“ der drei M. DuMont Schauberg-Tageszeitungen sind. Es ist also eine hochgradige wirtschaftliche Dominanz in- nerhalb der Kölner Lokalpublizistik und eine crossmediale Verflechtung zu konstatieren. Hieraus resultiert im Kontext der vorliegenden Untersuchung die Frage, ob diese Konzentration eine negative Auswirkung auf die publizistische Vielfalt mit sich bringt. Diese Frage lässt sich auf der Grundlage der vorstehend entfalteten Befunde klar beantworten: Innerhalb der Kölner Lokalpublizistik lässt sich trotz der wirtschaftlichen Konzentration keine publizistische Verengung feststellen. Jedes lokale Medium hat ganz offenbar eine eigenständige und unabhängige Redak- tion. So zeigt sich im Binnenvergleich der drei Tageszeitungen aus dem Hause M. DuMont Schauberg derselbe Befund, der bereits im Jahr 2003 zu konstatieren war: „Sämtliche Presseerzeugnisse des Verlages bringen eigenständige und redaktionell unabhängig generierte journalistische Produkte hervor.“45 Im Hinblick auf die Onlineangebote der drei Tageszeitungen von M. DuMont Schauberg ist dieser Befund zu differenzieren. Die „Ableger“ der Tageszeitungen haben zwar offenbar eigenständige Onlineredaktionen und generieren partiell auch originäre lokalpublizistische Beiträge, allerdings steht der überwiegende Teil der lokalen Textbeiträge in einem engen Bezug zur jeweiligen Tageszeitung. Inhaltlich wird hier also nur gering- fügig ein zusätzlicher Vielfaltsbeitrag geleistet. Anzumerken ist jedoch, dass die Onlineangebote – je nach Website in unterschiedlichem Maße – einen Zusatznutzen für den Rezipienten erbringen. Zahlreiche online- spezifische Angebote (z.B. Vorlesefunktion, zusätzliche Fotostrecken, Videos, Kommentarfunktion etc.) wer- den hier zur Verfügung gestellt. 165 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 45 Volpers/Salwiczek/Schnier (2003), S. 238. Abbildung 8: Relative Entropie (Shannons H) — Verteilung der Aussageträger auf die Funktionskategorien Die hellen Säulen zeigen jeweils den Wert ohne Berücksichtigung der Godorf-Debatte an. 0,00 1,00 0,80 0,60 0,40 0,20 Kölner Stadt - anzeiger Kölnische Rundschau EXPRESS center.tv Köln Radio Köln www.koeln- nachrich- ten.de Gesamt Gesamt ohne KN 0,65 0,58 0,62 0,58 0,74 0,65 0,76 0,49 0,410,42 0,55 0,25 0,67 0,59 0,68 0,61 Der Beitrag, den Radio Köln zur publizistischen Vielfalt in Köln erbringt, ist gegenüber den Tageszeitungen und den Onlineangeboten vergleichsweise gering. Dies hat nicht im engeren Sinne hörfunktypische, wohl aber formattypische Ursachen. Im Format eines Begleitradios werden grundsätzlich lange Wortstrecken oder gar im Programmschema verankerte ausführliche Informationssendungen vermieden. So bleiben als „Ort“ für lokalpublizistische Informationen nur die Lokalnachrichten und eingestreute Informationsmoderationen sowie Korrespondentenberichte. Im Kontext dieser „Formatvorgaben“ leistet Radio Köln durchaus einen nen- nenswerten Beitrag zur publizistischen Vielfalt. Gegenüber den Befunden aus dem Jahre 2003 hat der Sender seine lokalpublizistische Leistung im Umfang spürbar erhöht. Das Angebot von center.tv Heimatfernsehen Köln erbringt ebenfalls einen eigenständigen lokalpublizistischen Beitrag. Dieser ist programmlich primär in der täglichen Nachrichtensendung „heimat kompakt“ zu verorten. Darüber hinaus gibt es auch Magazine und Talk-Formate, in denen zumindest bei „großen“ Themen eine ver- tiefende publizistische Behandlung erfolgt. Die im ökonomischen Sinne von den Angeboten des Hauses M. DuMont Schauberg gänzlich unabhängige BILD Köln trägt vergleichsweise wenig zur lokalpublizistischen Vielfalt bei. Anders verhält es sich mit den beiden Onlinemedien köln-nachrichten und report-k. Auf diesen Websites findet sich ein umfangreiches und lokal - publizistisch beachtliches Angebot. Über die „großen“ Kontroversen und Debatten können sich Kölner Bürger in den vorhandenen lokalen Medien umfangreich und ausgewogen informieren. Die Aussageträger der „Konfliktparteien“ bekommen hinreichend Gelegenheit, sich in den lokalen Medien zu äußern. Dies gilt grundsätzlich für sämtliche lokale Medienange- bote. Allerdings berichten hierbei lokale Abonnementpresse und Onlinemedien umfangreicher und es kom- men mehr Aussageträger zu Wort als im Hörfunk und Nahraumfernsehen. 4.2 Die lokale Medienlandschaft in Remscheid 4.2.1 Struktur der Medienlandschaft Mit ca. 110.500 Einwohnern ist Remscheid die kleinste kreisfreie Großstadt in Nordrhein-Westfalen und nach den benachbarten Städten Wuppertal und Solingen die drittgrößte Stadt des Bergischen Landes. Presse In Remscheid erscheinen täglich zwei konkurrierende Tageszeitungen mit lokalem Bezug: Der ortsansässige Remscheider General-Anzeiger (RGA) und die Remscheider Lokalausgabe der Bergischen Morgenpost, einer von 35 Lokalausgaben der Rheinischen Post (RP) aus Düsseldorf. Beide Zeitungen erscheinen montags bis samstags. Der General-Anzeiger wird von der ortsansässigen J. F. Ziegler KG Druckerei und Verlag herausge- geben und hat montags bis freitags einen durchschnittlichen Umfang von 27 Seiten sowie samstags 42 Seiten. Der Mantelteil wird von der Westdeutschen Zeitung bezogen. Die Lokalredaktion ist dagegen für die regionale Berichterstattung im General-Anzeiger verantwortlich, die sich täglich im zweiten Buch mit einem Umfang von 3 Seiten (allein für Remscheid) befindet. Die Rubriken, in denen lokale Berichte gebracht werden, heißen „Remscheid“, „Stadtteile“, „Bergisches Land“ sowie „Wirtschaft in der Region“, „Kultur in der Region“ und „Thema der Woche“. Am Samstag erscheint zusätzlich die Beilage „Wochenende“ („Das Magazin für Reise und Verkehr“) im Umfang von 10 Seiten; einen gesonderten Anzeigenteil gibt es nicht. Die Bergische Morgenpost bringt ihre Remscheider Lokalberichterstattung täglich im 3. Buch auf ca. 3 Seiten unter der Rubrik „Remscheider Stadtpost (Lenneper Kreisblatt)“. Insgesamt hat die Zeitung von Montag bis Samstag einen Umfang von 30 Seiten. Samstags kommt das Magazin hinzu, das Reiseteil („Reise & Welt“), Stellenmarkt („Beruf & Karriere“), Automarkt („Auto & Mobil“) sowie Immobilienmarkt („Immobilien & Geld“) 166Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW beinhaltet und durchschnittlich 30 Seiten umfasst. Sublokale Ausgaben für die vier Stadtbezirke (Alt-Rem- scheid, Remscheid-Süd, Lennep, Lüttringhausen) gibt es in keiner der beiden Remscheider Tageszeitungen. Im Bereich der kostenlosen Anzeigenblätter konkurrieren gleich drei Anbieter miteinander. Der Bergische An- zeiger wird – wie der General-Anzeiger – von J. F. Ziegler KG Druckerei und Verlag herausgegeben und erscheint wöchentlich jeweils am Mittwoch. Das rs Anzeigenblatt wird von der Media Werbegesellschaft herausgegeben und erscheint wöchentlich jeweils am Samstag. Als drittes und ältestes kostenloses Remscheider Anzeigen- blatt kommt jeden Donnerstag der Lüttringhauser Anzeiger in die Haushalte. Dieser wird vom Heimatbund Lüttringhausen herausgegeben. Rundfunk Mit Radio RSG existiert für Remscheid und die benachbarte Stadt Solingen ein Lokalradio (Sendestart 1992). In diesem Programm werden täglich fünf Stunden eigenproduziertes Lokalprogramm ausgestrahlt. Außerhalb des eigenen Lokalprogramms wird in Form von Lokalnachrichten und Sportnachrichten ausgiebig von der Möglichkeit, die lokale Option zu nutzen, Gebrauch gemacht (s.o., Kap. 3). Den Lokalnachrichten vorange- stellt sind zwei nationale/internationale Meldungen sowie das Intro „Und nun das Wichtigste aus Remscheid, Solingen und Umgebung“ bzw. „... und der Region“. Es folgen i.d.R. drei bis vier lokale Themen/Meldungen, die sich – wie angekündigt – nicht ausschließlich auf die Stadt Remscheid beziehen, sondern auch auf die benachbarten Städte Solingen sowie Wuppertal („Bergisches Städtedreieck“) bzw. übergreifend auf das „RSG- Land“ oder das „Bergische Land“ fokussieren. Insofern ist der Sendegebietszuschnitt subregional ausgerichtet. Im Fernsehen gibt es keine eigens auf Remscheid zugeschnittenen Programmangebote. So können sich die Remscheider über dieses Medium lediglich im Rahmen der „WDR Lokalzeit Bergisches Land“ über Begeben- heiten der näheren und weiteren Umgebung informieren. Onlinemedien Im Web existieren drei nennenswerte lokalpublizistische Angebote für Remscheid. Dies sind einerseits die „Ableger“ der beiden Tageszeitungen und andererseits das Onlineportal waterboelles.de, die nachfolgend beschrieben werden. rga-online.de rga-online.de ist die Online-Ausgabe des Remscheider General-Anzeigers mit Lokalmeldungen und über - regionalen Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Medien und Wissenschaft. Die Website ist eine hierarchisch strukturierte Nachrichtenseite, die eine Primär- und eine Sekundärnavigation hat. Die Primär- navigation ist vertikal auf der rechten Seite angesiedelt und besteht von oben nach unten aus insgesamt 23 Punkten. Die sekundäre Navigationsebene wird grafisch immer unterhalb des entsprechenden Primärnaviga- tionspunktes angezeigt. Die Subnavigation beispielsweise von „Sport“ besteht aus insgesamt vier Punkten: „Lokalsport“, „Sportergebnisse“, „Topnews“ und „Fußball“. Innerhalb der Sekundärnavigation findet sich unter „Videonachrichten“ im Bereich „Weltweites“ das Video-Angebot von rga-online.de. Die Startseite stellt insgesamt ein breites und vermischtes Angebot der aktuellsten Meldungen aus den Be- reichen der gesamten Primär- und Sekundärnavigation dar, von „Lokales“ über „Fotogalerien“ bis hin zu „Weltweites“. Die journalistischen Angebote zu Remscheid lassen sich in vier verschiedenen Bereichen finden: 1. Unter dem Sekundärnavigationspunkt „Remscheid“ in der Rubrik „Lokales“. Hinter diesem Link erhält der Nutzer einen Überblick der Tagesmeldungen aus ganz Remscheid. Das Layout der Seite ist zweispaltig und gliedert sich wie folgt: Im linken Bereich befindet sich der lokal-journalistische News-Content. Hier wird im oberen Bereich nur eine Auswahl der Tagesthemen in Form von Bild-Text-Teasern und Teasern ohne Bild (bilden den deutlich kleineren Anteil) vertikal untereinander dargestellt. Am Seitenende erhält der 167 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Nutzer eine Link-Übersicht aller Themen des Tages. Eine Relevanzstruktur entsteht durch die chronolo- gische Auflistung der Teaser. Zudem erzeugen Bild-Text-Teaser im oberen Bereich mehr Aufmerksamkeit, als die Themen in der Link-Übersicht am Ende der Seite. Die rechte Spalte der Seite enthält – ebenfalls vertikal angeordnet – Zusatzangebote, so z.B. Links zu Bildergalerien, Regionales Wetter oder Meldungen aus anderen Städten. 2. Unter dem Sekundärnavigationspunkt „Lokalsport“ in der Rubrik „Lokales“. Allerdings werden hier alle lokalen Sportereignisse aus „Remscheid“, „Hückeswagen“, „Radevormwald“, „Wermelskirchen“ und „Ber- gisches Land“ dargestellt. Eine Möglichkeit, sich nur Sportnachrichten aus Remscheid anzusehen, besteht nicht. 3. Der Primärnavigationspunkt „Fotoline“ bietet die Möglichkeit, sich Fotogalerien aus Remscheid und den benachbarten Regionen anzusehen. Dabei kann der Nutzer den lokal-journalistischen Foto-Content mit- tels einer Themensuche filtern und darüber Bildmaterial ausschließlich aus Remscheid selektieren. 4. Unter dem Primärnavigationspunkt „Blog“ öffnet sich ein interaktives Blog-Portal für User des rga-on- line.de mit einem Bereich für Remscheid. Hier werden alle Blog-Themen, die mit Remscheid zu tun haben, in Form von Bild-Text-Teasern und Teasern ohne Bild (bilden den deutlich kleineren Anteil) vertikal un- tereinander dargestellt. Ein Teil des Contents wird (neben den Einträgen von registrierten Lesern) von der Onlineredaktion des Remscheider General-Anzeigers produziert. Dabei handelt es sich größtenteils um Veranstaltungstipps aus dem Raum Remscheid. Unter dem Sekundärnavigationspunkt „Videonachrichten“ im Bereich „Weltweites“ erscheint das Videoportal von rga-online.de. Jedoch lässt sich hier kein lokaler Videoinhalt finden. Es existieren weder ein spezieller, ei- genständiger Bereich für lokalen Content, noch Videos, die aus Eigenproduktionen des Remscheider General-An- zeigers stammen. Alle Videos fließen von externen Anbietern – im engeren Sinne Nachrichtenagenturen – ein. rp-online.de Die Bergische Morgenpost hat kein eigenes auf Remscheid bezogenes Onlineangebot, sondern bietet ihre Lokalberichterstattung im übergreifenden Portal der Rheinischen Post (rp-online.de) an. rp-online.de ist die Onlineausgabe der Tageszeitung Rheinische Post mit Lokalmeldungen aus der Region Düsseldorf, Niederrhein und Bergisches Land sowie überregionalen Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Medien und Wissenschaft. Die Website ist eine hierarchisch strukturierte Nachrichtenseite, deren Struktur aus einer Primär-, Sekundär- und Tertiärnavigation besteht. Die Primärnavigation der Seite ist horizontal angeordnet und besteht von links nach rechts aus insgesamt vier Punkten. Die Sekundärnavigation schließt grafisch direkt unter der Primärnavigation an und wird sichtbar, wenn der jeweilige Primärnavigationspunkt aktiv ist. Die Subnavigation beispielsweise von „Regionales“ besteht aus insgesamt acht Punkten: „Region Düsseldorf“, „Bergisches Land“, „Niederrhein Nord“, „Niederrhein Süd“, „Kreis Neuss“, „Freizeit“, „Klick“ und „Mercedes Benz News“. Unter dem letzten Primärnavigationspunkt „Videos“ findet sich das Videoangebot von rp- online.de. Bei fast allen Punkten der Sekundärnavigation wird eine tertiäre Ebene mit weiteren Unterkate- gorien sichtbar, wenn der Nutzer den Cursor über dem jeweiligen sekundären Begriff bewegt. Die Startseite stellt insgesamt ein breites und vermischtes Angebot der aktuellsten Meldungen aus den Be- reichen der gesamten Primär-, Sekundär- und Tertiärnavigation dar, von „Politik“ über „Regionales“ bis hin zu „Videos“. Die Rubriken werden in Teaserboxen untereinander auf der Index-Seite aufgeführt. Die journalistischen Angebote zur Stadt Remscheid befinden sich im Bereich „Regionales“ unter dem Sekun- därnavigationspunkt „Bergisches Land“ auf der tertiären Ebene „Remscheid“. Zur thematischen Auffächerung öffnet sich hinter diesem Link eine neue Navigationsleiste mit den Auswahlmöglichkeiten „Nachrichten“, „Sport“, „Wirtschaft“, „Stadt-Infos“ und „Bilder-Serien“. Auf der Landingpage „Remscheid“ erhält der Nutzer einen Überblick der neuesten Meldungen aus den verschiedenen Bereichen der Subnavigation. 168Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Hinter dem Link „Nachrichten“ befinden sich die aktuellsten Meldungen (außer Lokalsport und Wirtschaft) aus dem Ressort „Remscheid“. Das Layout der Seite ist zweispaltig und gliedert sich wie folgt: Im linken Be- reich befindet sich der lokal-journalistische News-Content. Hier werden die Themen in Form von Bild-Text- Teasern und Teasern ohne Bild (bilden den deutlich kleineren Anteil) vertikal untereinander angezeigt. Dabei sind die Texte der Teaser alle identisch mit dem Lead des Artikels. Ein Teaser enthält zahlreiche Stellen mit Verlinkungen, von denen der Nutzer zum Hauptartikel gelangt. Neben einem direkten Link auf Leserkom- mentare zum entsprechenden Thema oberhalb des Teasers werden darunter auch kontext-sensitive Links an- geboten, die zu dem entsprechenden Artikel passen. Eine Relevanzstruktur entsteht durch die chronologische Auflistung der Teaser. Die Site weist eine eigene Archiv-Funktion auf: Am Seitenanfang sowie unterhalb der Teaser kann der Nutzer sich mittels einer Blätterfunktion alle nicht-aktuellen Inhalte ansehen. In der rechten Spalte befinden sich – ebenfalls vertikal angeordnet – Zusatzangebote wie Links zu Bildergalerien oder dem lokalen Wetter. Im Navigationsbereich „Sport“ kann sich der Nutzer rund um den Remscheider Sport informieren. Der Link „Wirtschaft“ führt den Nutzer in den Remscheider Bereich des RP-Online-Zusatzangebotes „rp-wirtschaft – das Rechercheportal für regionale Wirtschaftsthemen“. Hierbei handelt es sich um ein externes Angebot mit wirtschaftlichem Themenschwerpunkt rund um Remscheid. Der Navigationspunkt „Bilderserien“ dient dazu, die neuesten Remscheider Fotostrecken in Form von Bild-Teasern mit deskriptiver Textzeile in einer Übersicht darzustellen. Hier kann der Nutzer sich mittels einer Blätterfunktion das gesamte nicht-aktuelle Bildmaterial ansehen. Die Detailseiten sind wie die Übersichtsseite vom Subnavigationspunkt „Nachrichten“ im zweispaltigen Layout gehalten. Alle Artikel haben denselben (Roh-)Aufbau. Die Website bietet eine Kommentarfunktion, mittels derer die Artikel bei vorheriger Registrierung auch vom User kommentiert werden können. Am Seitenende werden mittels vertikaler Bild-Text-Teaser und Überschriften-Teaser weitere kontextsensitive Links aus dem Gesamtangebot der Website, Nachrichten aus dem „Bergischen Land“ und der „Region“ sowie Videoinhalte angeboten. Unter dem Primärnavigationspunkt „Videos“ erscheint das Videoportal von rp-online.de. Jedoch lässt sich hier keine eigenständige Rubrik für lokalen Content zu Remscheid erkennen. Lediglich in den Subnavigati- onsbereichen „Talente der Region“ (Image-Clips zu jungen Nachwuchsbands) und „andere Städte“ (Nach- richtenportal) finden sich Videos zur Region „Bergisches Land“. Der Hauptinhalt der Videos stammt aus Ei- genproduktionen der Rheinischen Post. Der Rest fließt über externe Anbieter – im engeren Sinne Nachrich- tenagenturen – ein. waterboelles.de Darüber hinaus existiert mit waterboelles.de ein unabhängiges Webangebot für Remscheid. Dabei handelt es sich um ein von Lothar Kaiser – dem ehemaligen Leiter des WDR-Landesstudios in Wuppertal – initiiertes On- lineangebot, das sich als „kommunalpolitisches Forum für Remscheid“ (so im Seitentitel) versteht. Das Portal bietet jedem die Möglichkeit, nach vorheriger Anmeldung beim Seitenbetreiber, eigene Beiträge zu verfassen und auf waterboelles.de zur Verfügung zu stellen. Dementsprechend erscheinen hier nicht nur journalistisch aufbereitete Beiträge, sondern auch Pressemitteilungen von politischen Parteien und Verbänden sowie Vor- lagen für Ausschüsse und Ratssitzungen. Die Beiträge sind meist der Tagesaktualität verpflichtet. Einen be- sonderen Schwerpunkt bilden aber auch Darstellungen aus der Historie Remscheids. 169 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 4.2.2 Die Lokalberichterstattung in intramediärer Perspektive 4.2.2.1 Presse Im Raum Remscheid konkurrieren mit dem Remscheider General-Anzeiger und der Bergischen Morgenpost Rem- scheid zwei regionale Tageszeitungen um die Aufmerksamkeit der Leserschaft. Der flächenbezogene Anteil der Lokalberichterstattung an der gesamten Zeitung fällt beim General-Anzeiger mit rund 20 Prozent höher aus als bei der Morgenpost mit lediglich 14,5 Prozent. Auch absolut betrachtet berichtet der General-Anzeiger (71 Normseiten im Untersuchungszeitraum) ausführlicher über das lokale Geschehen als das Konkurrenzblatt (66 Normseiten). Insgesamt entfallen im Raum Remscheid knapp 52 Prozent der lokalen Berichterstattungs- fläche auf den General-Anzeiger, 48 Prozent auf die Morgenpost. Der Anteil an lokalem Sport umfasst bei beiden Zeitungen rund fünf Prozent. Auch das Verhältnis zwischen Text- und Bildfläche unterscheidet sich kaum und beträgt jeweils rund 75:25. Deutliche Differenzen lassen sich allerdings bei den journalistischen Darstel- lungsformen ausmachen: Während Servicemeldungen und Veranstaltungshinweise beim General-Anzeiger nahezu 40 Prozent der Fläche der lokalen Berichterstattung ohne Sport einnehmen, sind es bei der Morgenpost lediglich 20 Prozent. Diese Differenz spiegelt sich auch in der optischen Anmutung der Lokalteile wider: Der General-Anzeiger weist im Untersuchungszeitraum täglich auf einer kompletten Seite auf kulturelle und ge- sellschaftliche Veranstaltungen hin, bei der Morgenpost finden sich solche Hinweise nur verstreut und in weit- aus geringerem Umfang. Dagegen nehmen dort Berichte mit 71,4 Prozent einen deutlich höheren Stellenwert ein als beim General-Anzeiger mit knapp 50 Prozent, wobei die Differenz in absoluten Zahlen geringer ausfällt (100 Berichte und Interviews beim General-Anzeiger, 122 bei der Morgenpost). Mit jeweils rund 3 Prozent neh- men meinungsbetonte Darstellungsformen wie Kommentare oder Kritiken mehr Raum ein als bei den anderen analysierten Tageszeitungen in Köln und Borken. Dies ist ein Indiz dafür, dass die beiden Zeitungen um ein eigenständiges publizistisches Profil bemüht sind, indem sie es nicht bei einer rein deskriptiven Wiedergabe von „Fakten“ belassen. Im Themenspektrum spielen kontroverse politische Themen bei der Morgenpost mit knapp 20 Prozent der Be- richterstattungsfläche eine etwas größere Rolle als beim General-Anzeiger (rd. 12 %). Dieses Verhältnis ver- kehrt sich bei der Berichterstattung über nicht-kontroverses Verwaltungshandeln ins Gegenteil (General-An- zeiger: 22,5 %; Morgenpost: 12,4 %). Bei beiden Zeitungen haben (unpolitische) Themen aus dem gesell- schaftlichen Leben der Stadt mit jeweils über 60 Prozent den größten Stellenwert. Die Berichterstattung über Human-Touch-Themen ist hingegen mit jeweils 3 Prozent vergleichsweise gering. Die Betrachtung der Be- richterstattung über die Top-Ereignisse in der Stadt über einen längeren Zeitraum (acht Wochen) zeigt, dass beide Zeitungen den herausragenden kontroversen Themen (mit über 30 %) dieselbe Relevanz für die Be- richterstattung einräumen. 170Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Nicht-Lokales und Anzeigen Lokalberichterstattung insgesamt Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Gesamt Remscheider General-Anzeiger s = 351,3 Bergische Morgenpost Remscheid s = 454,2 79,7 20,3 5,2 15,1 100,0 85,5 14,5 5,5 9,0 100,0 Tabelle 27: Anteil der Lokalberichterstattung innerhalb der untersuchten Presse (in Prozent) Basis: Gesamte Zeitungsfläche (in Normseiten) ohne Beilagen 171 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 9: Anteile der Lokalberichterstattung einzelner Zeitungen an der gesamten Lokalberichterstattung der Presse in Remscheid (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung der Presse in Remscheid (137 Normseiten) Bergische Morgenpost: 48,1% Remscheider General-Anzeiger: 51,9% Service/Regularien Nachricht/Meldung Bericht/Interview etc. Kommentar/Kritik Gesamt Remscheider General-Anzeiger Bergische Morgenpost Remscheid s = 53,1 n = 245 39,7 7,3 49,6 3,5 100,0 26,9 26,5 40,8 5,7 100,0 s = 41,1 n = 264 20,2 5,8 71,4 2,6 100,0 28,4 20,5 46,2 4,9 100,0 Tabelle 28: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung der Presse nach Seiten (s) und Fällen (n) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung der einzelnen Zeitungen in Remscheid ohne Sportberichterstattung Remscheider General-Anzeiger Bergische Morgenpost Remscheid Durchschnitt Bildfläche Textfläche 26,5 24,5 25,5 73,5 75,5 74,5 Tabelle 29: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung der Presse in Remscheid — Bildfläche vs. Textfläche (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung der einzelnen Zeitungen in Remscheid ohne Sportberichterstattung „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Remscheider General-Anzeiger Bergische Morgenpost Remscheid s = 32,0 n = 179 11,9 22,5 60,4 3,1 2,0 - 100,0 15,6 22,9 52,5 6,1 2,8 - 100,0 s = 32,8 n = 189 19,5 12,5 63,4 3,0 1,6 - 100,0 21,7 16,9 53,4 6,9 1,1 - 100,0 Tabelle 30: Themenstruktur der Lokalberichterstattung der Presse in Remscheid nach Seiten (s) und nach Fällen (n) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung der einzelnen Zeitungen in Köln ohne Sportberichterstattung 4.2.2.2 Hörfunk Die Grundstruktur des Gesamtprogramms von Radio RSG hebt sich von den anderen beiden untersuchten Hör- funksendern deutlich ab: Der Anteil an Musik fällt mit rund 61 Prozent geringer aus, was einem beachtlich hohen Wortanteil von 28,1 Prozent zugute kommt. Abzüglich der darin enthaltenen Unterhaltung und Re- giemoderationen verbleiben 22,5 Prozent informierendes Wort. Dies entspricht rund 16 Stunden innerhalb des 14-tägigen Untersuchungszeitraums, wovon sich 36,7 Prozent allein auf die Stadt Remscheid beziehen. Inklusive der lokalen Option weist Radio RSG eine Lokalberichterstattung mit Bezug auf Remscheid von 8 Stunden und 15 Minuten auf; ohne Sport verbleiben rund 7,5 Stunden in zwei Wochen. Davon entfällt die Hälfte auf Servicemeldungen (Wetter, Verkehr, kurze Veranstaltungshinweise), die andere Hälfte setzt sich aus Nachrichtensendungen (27,8 %) und journalistischen Darstellungsformen (21,5 %) zusammen. Bei Letz- teren ist vor allem die ungewöhnlich hohe Zahl an Interviews auffällig: Im Untersuchungszeitraum wurden in insgesamt 30 Fällen Gesprächspartner außerhalb von Nachrichtensendungen befragt. Mehr als die Hälfte dieser Gespräche wurde allerdings im Rahmen von Sondersendungen zur „Ausbildungswoche“ bei Radio RSG geführt, in denen sich örtliche Betriebe und Auszubildende vorstellten. Zur Information über aktuelles ge- sellschaftliches Geschehen können diese Interviews insofern nur bedingt beitragen. Zudem ist der absolute zeitliche Umfang solcher Darstellungsformen mit rund 7 Minuten täglich vergleichsweise gering. Dennoch zeigt sich hier zumindest in Ansätzen der Versuch, vermittels längerer Wortstrecken über lokale Themen zu informieren. Damit trägt der Hörfunk in Remscheid – anders als in Borken – durchaus zur lokalen publizisti- schen Vielfalt bei. Dies gilt selbst dann, wenn man mehrfach ausgestrahlte, nahezu identische Beiträge aus dem Informationsangebot herausrechnet. Die lokale Informationsleistung ohne Sport sinkt dann um rund 2,5 Stunden auf knapp 5,5 Stunden ab. Von dieser „Mehrfachverwertung“ sind primär Nachrichtensendungen, aber auch journalistische Darstellungsformen betroffen. Im Durchschnitt beträgt das tägliche Zeitvolumen der originären journalistischen Lokalberichterstattung mit Bezug auf die Stadt Remscheid bei RSG 23 Minuten. Die Berichterstattung von Radio RSG ist – wie beim Borkener Sender – auf Gesellschaftsthemen (53,5 %) sowie kontroverse Themen (34,6 %) fokussiert. Dagegen ist der Anteil von Themen aus den Verwaltungs- oder Human-Touch-Bereichen am lokalen Informationsprogramm (ohne Sport) zu vernachlässigen. Das Themen - spektrum von Radio RSG weicht – wie bei allen untersuchten Standorten – insofern von dem der Presse ab, als kontroversen Gegenständen deutlich mehr Raum eingeräumt wird. Dies ist darin begründet, dass hier das Themenspektrum deutlich schmaler ist, wodurch die „großen“ kontroversen Ereignisse einen höheren Stellen - wert in der Gesamtagenda bekommen. 172Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 10: Grundstruktur des Gesamtangebots von Radio RSG (in Prozent) Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum exkl. Lokaler Option (72:00:00). Wort: 28,1% Jingles/Trailer: 3,9% Werbung/Sponsorhinweis: 6,9% Musik: 61,1% 173 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Musik Werbung/Sponsorhinweis Jingles/Trailer Unterhaltung und Regie moderation Information Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 43:59:45 4:59:27 2:49:32 4:00:21 16:10:55 72:00:00 61,1 6,9 3,9 5,6 22,5 100,0 Tabelle 31: Struktur des Programms von Radio RSG Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum exklusive der Programmanteile der Lokalen Option. Nicht-lokales Informationsprogramm Lokalberichterstattung insgesamt Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Lokalberichterstattung ohne Sport und Beitrags - wiederholungen Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 10:14:30 8:15:39 0:37:35 7:38:04 5:19:29 18:30:09 55,4 44,6 3,4 41,3 28,8 100,0 Tabelle 32: Anteil der Lokalberichterstattung am Informationsprogramm von Radio RSG Basis: Informationsprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum inklusive der Programmanteile der Lokalen Option Service/Regularien Nachrichtensendungen Informationsmoderation Journalistische Darstellungsformen Sonstige Informationsformen Gesamt Zeit absolut Zeit absolut Programm exkl. LOP Programm inkl. LOP 02:36:17 01:04:53 00:02:52 01:37:34 - 05:21:36 03:49:16 02:07:31 00:02:52 01:38:25 - 07:38:04 48,6 20,2 0,9 30,3 - 100,0 50,1 27,8 0,6 21,5 - 100,0 Zeit in Prozent Zeit in Prozent Tabelle 33: Vermittlungsformen im lokalen Informationsprogramm von Radio RSG Basis: Lokales Informationsprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum ohne Sportberichterstattung; exklusive und inklusive der Programmanteile mit Lokaler Option „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Zeit absolut 01:19:11 00:16:36 02:02:25 00:10:36 - - 03:48:48 34,6 7,3 53,5 4,6 - - 100,0 96 26 102 21 - - 245 39,2 10,6 41,6 8,6 - - 100,0 Zeit in Prozent Fälle absolut Fälle in Prozent Tabelle 34: Themenfelder der Lokalberichterstattung von Radio RSG Basis: Lokales Informationsprogramm mit thematischem Bezug im Untersuchungszeitraum ohne Sportberichterstattung; inklusive der Programmanteile mit Lokaler Option 4.2.2.3 Onlinemedien Das Angebot der lokalen Onlinemedien wird in Remscheid durch die „Ableger“ der beiden Tageszeitungen dominiert. Auf Rang 1 der Findability liegt rp-online.de mit einem Indexwert von 18, gefolgt vom General- Anzeiger mit dem Indexwert 22.46 Der Unterschied ist allerdings so marginal, dass man vereinfacht folgern kann, der Content beider Zeitungen wird im Web etwa gleich gut gefunden. Im Hinblick auf die lokalpublizistische Bedeutung der Onlineangebote der Tageszeitungen ist festzustellen, dass beide Zeitungen durch ihre Onlineredaktionen keinen eigenständigen Artikel produzieren lassen. Viel- mehr sind die Online- und Printartikel inhaltlich weitgehend identisch. Für den besseren Lesefluss am Bild- schirm weisen die Onlineartikel – im Gegensatz zu den ursprünglichen Zeitungstexten, die fast durchgehend gestaltet sind – viele kurze und gleichmäßig gehaltene Absätze auf. Einen großen Zusatznutzen für den User der Onlineangebote bietet die Archivfunktion, durch die ältere Artikel zu einem Thema aufgerufen werden können und deren Entwicklung verfolgt werden kann. Aufgrund des andersartigen Charakters des Onlineportals waterboelles.de erfolgt hier eine exemplarische Analyse dieses Angebots anhand der kontroversen Themen, auf die in der nachfolgenden Argumentations- analyse für Print und Hörfunk noch näher eingegangen wird. Bezogen auf das im Untersuchungszeitraum für Remscheid wichtige Thema „Ansiedlung des Designer Outlet Centers“ gibt es beispielsweise etliche journalistische Beiträge, die quellenmäßig kenntlich gemacht sind (z.B. „Geschrieben von Lothar Kaiser“), bei denen über Rats- bzw. Ausschusssitzungen ausführlich berichtet wird und dabei das breite Spektrum der verschiedenen Positionen zum Ausdruck kommt: von CDU, SPD und FDP über Grüne und Linke bis hin zur Wählergemeinschaft W.i.R. und Heimatbund. Dabei wird häufig auf das Archiv des Portals zurückgegriffen, um die Argumentationslinien nachzuzeichnen. Darüber hinaus werden auch Pressemitteilungen von Parteien und Verbänden (z.B. CDU, Die Linke, Arbeitgeber-Verband) veröffent- licht, so dass über die unterschiedlichen Akteure in der Summe die Kontroversität der Thematik dokumentiert werden kann. Und schließlich werden Ratsvorlagen, interfraktionelle Anträge, Zeitpläne und sogar Reden (z.B. des Fraktionsvorsitzenden der Linken) in diesem Portal eingestellt. Für die journalistische Qualität die- ses Online-Forums spricht die Rechercheleistung, so dass Waterbölles beispielsweise als erstes Medium vom Kauf des Investors des DOC-Geländes wusste und die Bürgermeisterin Remscheids vorzeitig in Kenntnis setzen konnte. Nicht ohne Stolz wurde dies kommentiert mit: „Welcher Journalist würde sich schon einen solchen Knüller entgehen lassen ...“47 Diese detaillierte und akribische journalistische Arbeitsweise konnte auch für die anderen kontroversen The- men („Verkauf des Röntgenstadions“, „Öffnung der unteren Alleestraße“, „Schuldebatte“ und „Rückbau der Freiheitsstraße“) beobachtet werden: breite Berichterstattung aus politischen Gremien und Bürgerversamm- lungen, Darstellung der verschiedenen kontroversen Positionen, Abdruck von Anträgen, Vorlagen und Vor- schlägen in Rat und Ausschüssen, sogar themenbezogene Leitanträge von parteiinternen Sitzungen (z.B. SPD-Unterbezirksparteitag) – im Hinblick auf die politische Meinungsbildung bietet Waterbölles eine fundierte Basis. 174Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 46 Zur Bildung der Indexwerte siehe Kapitel 1.4. 47 waterboelles.de vom 29.06.2011. 4.2.3 Die Lokalberichterstattung im intermediären Vergleich 4.2.3.1 Die quantitative Berichterstattungsleistung In der intermediären Betrachtung der Berichterstattung werden die bisherigen Befunde bekräftigt: Die beiden Lokalzeitungen in Remscheid liegen mit ihrer publizistischen Leistung relativ dicht beieinander. Der Remscheider General-Anzeiger hat innerhalb von 14 Tagen über 170 Themen und die Morgenpost über 177 be- richtet. Bereinigt um die Berichterstattung über identische Themen wurden in den zwei Untersuchungswo- chen in Remscheid 362 Themen in den drei Medien (inkl. Radio) behandelt. An dieser Themenagenda sind der General-Anzeiger mit 47 und die Morgenpost mit 49 Prozent beteiligt. Auch im Hinblick auf den Anteil der Exklusivberichterstattung liegen beide Blätter mit 37 bzw. 39 Prozent nahezu gleichauf. Radio RSG fällt demgegenüber erwartungsgemäß deutlich ab. Der Hörfunk berichtete über 61 Themen und hat einen Anteil von rund 17 Prozent an der Gesamtagenda. Aber auch er bringt mit rund 14 Prozent einen nennenswerten Anteil exklusiv in die Agenda ein. 175 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Remscheider General-Anzeiger Bergische Morgenpost Radio RSG Gesamt Anzahl Themen Anzahl Beiträge 170 177 61 408 179 187 105 471 Tabelle 35: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung auf die lokalen Medien Basis: Redaktionelle Lokalberichterstatung in Remscheid insgesamt ohne Sportberichterstattung. Alle Berichterstattungsthemen = 362; durch Mehrfachberichterstattung = 408; in insgesamt 471 Beiträgen. Abbildung 11: Anteil der Themen pro Medium an der Gesamtagenda (in Prozent) Basis: Gesamtagenda = 362 Themen Lesebeispiel: Von allen im Untersuchungszeitraum aufgegriffenen Themen wurden 47 Prozent im Remscheider General-Anzeiger behandelt. 0 10 20 30 40 50 60 Remscheider General-Anzeiger 47,0 48,9 16,9 Bergische Morgenpost Radio RSG 176Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 12: Anteil der Exklusivberichterstattung einzelner Medien am gesamten Themenpool (in Prozent) Basis: Gesamtagenda = 362 Themen Lesebeispiel: Von allen im Untersuchungszeitraum aufgegriffenen Themen fanden sich 36,5 Prozent exklusiv im Remscheider General-Anzeiger. 0 10 20 30 40 50 Remscheider General-Anzeiger 36,5 39,0 13,8 Bergische Morgenpost Radio RSG Zwei Medien (Zeitung + Hörfunk) Ein Medium Zeitung Hörfunk Gesamt Anzahl Themen Themen in Prozent 11 351 301 50 362 3,0 97,0 83,1 13,8 100,0 Tabelle 36: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung in Kombination mit den verschiedenen lokalen Medien Basis: Gesamtagenda = 362 Themen Lesebeispiel: Über insgesamt 11 identische Themen wurde in den Mediengattungen Zeitung und Hörfunk berichtet. Nicht erkennbar ist, wie sich die Themen auf die beiden Zeitungen verteilen. 4.2.3.2 Die Thematisierung und journalistische Behandlung kontroverser Themen Für den lokalen Kommunikationsraum Remscheid wurden im Zeitraum vom 30.05. bis 23.07.11 die folgenden fünf lokalpolitischen Kontroversen identifiziert, die mittels der Argumentationsanalyse hinsichtlich Bericht- erstattungshäufigkeit, Merkmalen zur journalistischen Aufbereitung und Ausgewogenheit untersucht wurden: Designer Outlet Center (DOC) Die Berichterstattung über das geplante Designer Outlet Center (DOC) in Remscheid fand in dem Zeitraum vom 22.06. bis 22.07.11 statt. Der britische Investor McArthur Glen konnte für die Ansiedlung des DOC das Gelände an der Blume in Remscheid durch unterzeichnete Vorverträge erwerben. Die Landesregierung spricht sich gegen die Ansiedlung aus, weil im Regionalplan ausschließlich Gewerbe und Industrie vorgesehen sind, aber kein großflächiger Einzelhandel auf der „grünen Wiese“. Außerdem könnten die Nachbarorte Solingen und Wuppertal von der Ansiedlung negativ betroffen werden. Die Lokalpolitiker Remscheids sind jedoch mehr- heitlich für das DOC, weil es zu einer wirtschaftlichen Stärkung der Region führen könnte. Der Stadtrat be- schließt am 21.07.11 zum einen die Einleitung des Bauleitplanverfahrens und zum anderen, dass die Bevöl- kerung über die Ansiedlung per Bürgerbefragung abstimmen soll. Schulentwicklung Hintergrund dieser Kontroverse, die sich vom 17.06. bis 21.07.11 durch die Berichterstattung zog, ist die Schulstruktur-Debatte in NRW, die in ihren Auswirkungen auf Remscheid behandelt wurde. Dabei geht es um die Schließung von alten Schultypen (z.B. Hauptschule) und die Etablierung neuer Schultypen wie Gemein- schaftsschule, Gesamtschule oder offene Ganztagsschule. Über deren Zulässigkeit haben jedoch Gerichte und Landesregierung zu befinden. So stoppte das Urteil des OVG Münster die Einrichtung einer Gemeinschafts- schule im Sauerland. Diese ablehnende Haltung wird auch von der Landesregierung getragen und steht damit im Gegensatz zur Position der Schulpolitiker Remscheids, auch wenn diese nicht einheitlich ist: Die SPD ist für eine dritte Gesamtschule mit Neubau; die CDU vollzieht einen Wandel von der Dreigliedrigkeit zur Zwei- gliedrigkeit, ist für die Verbundschule bzw. Sekundarschule (ohne Oberstufe), im Unterschied zur bisher ge- planten Gemeinschaftsschule; die FDP hat eine ähnliche Position wie die CDU, ist gegen einen Neubau, sieht die Sparnotwendigkeit und will ein neues Schulgesetz abwarten; die Grünen haben eine ähnliche Position wie die SPD, wollen aber darüber hinaus eine Gemeinschaftsschule in Klausen zusammen mit einem Gymna- sium; die Wählergemeinschaft W.i.R. plädiert für die Gemeinschaftsschule. Es kommt zu einer Annäherung der Positionen in Remscheid, so dass alle mit dem Schulkonsens auf Landesebene (im Juli 2011) leben können (pro Sekundarschule, s.o. unter Köln). Alleestraße Über den möglichen Umbau der Alleestraße wurde in dem Zeitraum vom 10.06. bis 21.07.11 berichtet. Hierbei geht es um die teilweise Öffnung der unteren Alleestraße für den Autoverkehr, nachdem sie zuvor zur Fuß- gängerzone umgebaut worden war. Wegen des Geschäftesterbens (Leerstand) wurde eine sechsmonatige Öff- nung auf Probe umgesetzt, die wissenschaftlich begleitet wurde (Gutachten/Begleitstudie der Uni Wuppertal). Der vorgeschlagene Rückbau ist jedoch mit finanziellen Problemen verbunden, zumal u.U. mit einer Rück- erstattung von Fördergeldern des Landes (300.000 Euro) für den Bau der Fußgängerzone gerechnet werden muss. Zu den Aktivitäten vor Ort zählen Infoveranstaltungen und Bürgerversammlungen sowie die geplante Gründung einer Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG), um den geplanten Umbau der Alleestraße zu kommunizieren und zu organisieren. Röntgenstadion Die Kontroverse um das Röntgenstadion in Remscheid war Bestandteil der Berichterstattung vom 04.06. bis 18.07.11. In der Diskussion ging es um den geplanten Verkauf des Stadions und dem damit u.U. verbundenen (Teil-)Abriss, mit der Ansiedlung eines Baumarktes. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Bodengutach- ten erstellt. Im Rahmen der Um- bzw. Neunutzung wurde auch die Forderung nach einem Ersatzgelände laut. 177 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Davon betroffen wären auch die reservierten Flächen für die geplante Umgehungsstraße B 229n. Der Stadtrat beschließt letztlich mehrheitlich, dass die Planungen (und damit der Verkauf) für das Röntgenstadion ein- gestellt werden. Die Ansiedlung des OBI-Baumarktes könne stattdessen auf dem Klee-Gartenmarktgelände stattfinden. Freiheitsstraße Im Zeitraum vom 16.06. bis 09.07.11 wurde über den Rückbau der vierspurigen Freiheitsstraße berichtet. Problematisch ist dabei die Finanzierung, da u.U. mit einer Rückforderung der Fördergelder für den Ausbau gerechnet werden muss. Möglichkeiten der Umgestaltung sind zum einen eine Tempo-30-Zone und zum an- deren ein zweispuriger Rückbau mit Begrünung, Abbiege- und Parkspuren. Über eine Informationsveranstal- tung und Bürgerversammlung soll das Projekt kommuniziert und die Bürgermeinung eingeholt werden. Die Übersicht in Tabelle 37 zeigt, wie oft diese Kontroversen von den Remscheider Lokalmedien aufgegriffen wurden. Dabei ist zu erkennen, dass General-Anzeiger und Morgenpost in sehr ähnlicher Häufigkeit sowohl insgesamt als auch zu den einzelnen Themen berichten. Dies betrifft sowohl die Tage (26 bzw. 28), an denen berichtet wird, als auch die Anzahl der Beiträge (55 bzw. 56). Radio RSG informiert über die Kontroversen da- gegen an deutlich weniger Tagen (17).48 Alle untersuchten Remscheider Lokalmedien greifen alle untersuch- ten Debatten mindestens einmal auf.49 Über die Kontroversen wird überwiegend in tatsachenbetonten Darstellungsformen berichtet. Interpretie- rende (hier nur Interviews) und meinungsbetonte Formen kommen nur in der Presse vor (vgl. Tab. 38). Die Remscheider Zeitungen greifen dabei vergleichsweise häufig zur Form des Kommentars50 und beziehen damit zu allen Themen explizit Stellung. Beiträge, die darüber hinaus „jenseits der Nachricht“ Bewertungen vor- nehmen, kommen nicht vor. Ebenso gibt es keine expliziten Urteile über einzelne Äußerungen von Aussage- trägern innerhalb der Beiträge. Tabelle 39 zeigt, dass lokalpolitische Kontroversen von den Remscheider Medien nicht nur dann aufgegriffen werden, wenn faktische Entscheidungen getroffen oder Ergebnisse erzielt worden sind, sondern vor allem dann, wenn lediglich die Debatte fortgesetzt wird (etwa durch öffentliche Diskussionen, Ratssitzungen u.Ä.). Insofern kann davon ausgegangen werden, dass sich alle Debatten auch als solche und in ihrem Verlauf in den Medien wiederfinden. Das trifft trotz der geringeren Gesamtfallzahl auch auf Radio RSG zu. Alle Beiträge zu den lokalpolitischen Kontroversen wurden darauf untersucht, in welchem Maße darin die Kontexte mitgeteilter Fakten und Äußerungen erläutert und eingeordnet werden.51 Der Blick auf die Mittel- werte zeigt, dass die Argumentationskomplexität in der Bergischen Morgenpost am höchsten ist (Mittelwert = 2,81), während sie im General-Anzeiger (2,07) sogar unterhalb des Wertes von Radio RSG (2,45) liegt (vgl. Abb. 13). Dieser Trend wird geringfügig deutlicher, wenn die interpretierenden Formen weggelassen werden und damit die beiden im General-Anzeiger vorkommenden Interviews entfallen (vgl. Abb. 14). Da sich die bei- den Remscheider Tageszeitungen hinsichtlich der Zahl von Beiträgen kaum unterscheiden, kann daher fest- gehalten werden, dass in der Morgenpost die unterschiedlichen Meinungen innerhalb der Debatten insgesamt etwas deutlicher aufeinander bezogen werden und damit der tatsächliche Streitstand innerhalb der Kontro- versen etwas klarer zum Ausdruck kommen dürfte als im General-Anzeiger. Das gilt so auch für die Befunde zur Kontexterläuterung (vgl. Abb. 15). Auch hier erreicht die Morgenpost den höchsten Wert (3,0) und Radio RSG den zweithöchsten (2,95). Die vergleichsweise hohen Werte von Radio RSG sollten dagegen aufgrund der geringen Fallzahl nicht überinterpretiert werden. Sie zeugen jedoch zumindest von dem Bemühen, die ge- ringere Berichterstattungshäufigkeit durch eine journalistisch solide Aufbereitung wettzumachen. 178Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 48 Auch die Zahl der Beiträge im Radio ist weniger als halb so groß wie die Anzahl der Zeitungsbeiträge. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass im Rundfunk norma- lerweise mehr als einmal am Tag über ein Thema berichtet wird. Allerdings ist die Variation dieser Beiträge im Tagesverlauf im lokalen Rundfunk gering, weshalb be- reits von der Untersuchungsanlage her nur das einmalige Auftauchen eines Beitrags zu einer Debatte berücksichtigt wurde. 49 Wobei ein Identifikationskriterium für lokalpolitisch bedeutsame Kontroversen darin bestand, dass das Thema in mehr als nur einem Medium aufgegriffen wird. Gleichwohl ist Remscheid der einzige der hier untersuchten Kommunikationsräume, in dem alle Lokalmedien auch über alle Debatten berichten. 50 Lediglich die Morgenpost bringt zum Thema „Freiheitsstraße“ keinen Kommentar. 51 Erläuterungen zum Instrument, zur Vorgehensweise und zum Verständnis der Skalenwerte, siehe Kap. 4.1.3.2. In allen hier untersuchten Debatten wurden vorab vereinfachend jeweils zwei Extrempositionen definiert. Geht man davon aus, dass es zwischen diesen Extremen eine neutrale bzw. vermittelnde Position geben kann, lassen sich alle Äußerungen von Aussageträgern auf einer der beiden Seiten der Kontroverse oder auf der Neutralposition verorten. Ein Indikator dafür, wie ausgewogen die Berichterstattung zu lokalpolitischen Kon- troversen ist, besteht darin, wie häufig die Positionen im Verhältnis zueinander vorkommen.52 Außer in der Debatte um den Rückbau der Freiheitsstraße zeigt sich in den beiden örtlichen Tageszeitungen, dass die je- weilige Mehrheitsposition jeweils identisch ist (vgl. Tab. 40). Das heißt, wenn im General-Anzeiger die meisten Aussageträger sich bspw. für die Ansiedlung des Designer Outlet Centers aussprechen, so ist das auch in der Morgenpost der Fall. Das kann ein Indiz dafür sein, dass beide Blätter die tatsächlichen Richtungsverteilungen in der Remscheider Lokalpolitik abbilden. Im Fall der Freiheitsstraße ist jedoch die Zahl der zu Wort kommen- den Akteure so gering, dass sich aus der Verteilung kein Anhaltspunkt für eine konträre Ausrichtung beider Blätter ergibt. Auch in Remscheid hindert die insgesamt geringe Zahl der zu Wort Kommenden den Hörfunk an einer ausgewogenen Berücksichtigung konträrer Positionen. Teilweise ist das Verhältnis der Positionen bei Radio RSG konträr zu der Verteilung in den Tageszeitungen. Lediglich in der Debatte zum Röntgenstadion wird überhaupt einmal mehr als eine mögliche Position durch einen Aussageträger geäußert. Interessanter- weise ist dies aber gerade jene Debatte, in der die Befürwortung eines Abrisses des Stadions in den Tageszei- tungen nicht durch politische Akteure öffentlich vertreten wird. Das geschieht hier nur im Lokalradio. Auf- grund der wenigen Akteure kann dies allerdings nicht als Indikator dafür angesehen werden, dass der Hörfunk in Remscheid insgesamt eine publizistische Ergänzungsfunktion wahrnehme. Die Parteizugehörigkeit zu Wort kommender Akteure53 gilt als wichtiger Indikator für politische Ausgewo- genheit der Berichterstattung. Hier zeigen sich zwischen General-Anzeiger und Morgenpost geringe Unter- schiede bei den Vorkommenshäufigkeiten von Vertretern der beiden großen Volksparteien (vgl. Tab. 41: Ge- neral-Anzeiger mit leichter Präferenz von CDU-Vertretern, die Morgenpost hat eine leichte Präferenz von SPD- Politikern, daneben kommen in der Morgenpost Grünen-Politiker genauso oft zu Wort wie CDU-Mitglieder). Bemerkenswert ist, dass auch die Freien Wähler (in Remscheid: W.i.R. „Wählergemeinschaft in Remscheid“) vergleichsweise oft zu Wort kommen. Insgesamt (über alle Medien hinweg) kommen SPD-Mitglieder unwe- sentlich häufiger zu Wort als solche der CDU. Darin liegt aber keine Verzerrung der politischen Kräfteverhält- nisse im Stadtrat. Vielmehr dürfte der „Amtsbonus“ der (direkt gewählten) SPD-Oberbürgermeisterin hierfür ausschlaggebend sein. Insofern ist vielmehr beachtlich, dass dieser Vorsprung nicht deutlicher ausfällt, was vor allem an der stärkeren Berücksichtigung der CDU durch den General-Anzeiger liegen dürfte. Die Remscheider Kontroversen werden zum überwiegenden Teil nur durch Vertreter mit lokalem Zuständig- keits- und Einflussbereich geführt (vgl. Tab. 42). Aussageträger der regionalen Ebene kommen nur zu einem kleinen Teil vor (nur in den Debatten zum Designer Outlet Center und zur Schulentwicklung). Damit erscheinen alle Debatten als lokalspezifisch und es handelt sich nicht um „Stellvertreterkontroversen“ anhand lokaler Themen. Akteure übergeordneter Einflusssphären kommen nur dort zu Wort, wo ihre Entscheidungshoheit direkt in Zusammenhang mit den lokalen Entscheidungen steht. Als weiteres Kriterium zur Bewertung der Berichterstattungsqualität über lokalpolitische Kontroversen wird die Zitierweise der Akteure herangezogen. Wie aus Tabelle 43 hervorgeht, sind wörtliche bzw. indirekte Zitate in beiden Tageszeitungen die häufigste Art, Akteure zu Wort kommen zu lassen. Im Lokalfunk ist es dagegen die Paraphrase, was trotz der geringen Fallzahl im auditiven Medium des Radios als eher untypisch erscheint. Von den insgesamt lediglich vier direkt oder indirekt Zitierten im Radio sind zudem nur in zwei Fällen O-Töne zu hören. Ein weiteres Maß für die Ausgewogenheit der Berichterstattung ist die Verteilung der Aussageträger auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionsgruppen. Aus Tabelle 44 geht hervor, dass auch in Remscheid sich der überwiegende Anteil der medial zu Wort Kommenden aus dem Bereich des politisch-administrativen Systems rekrutiert. Der Anteil liegt bei den Zeitungen bei über 60 Prozent, im Radio sogar über 75 Prozent 179 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 52 Siehe hierzu die Erläuterungen in Kapitel 4.1.3.2. 53 Berücksichtigt werden hier nur Angehörige des politisch-administrativen Systems. Etwa erwähnte Parteimitgliedschaften von „Normalbürgern“ oder „Experten“ bleiben unberücksichtigt. (hier allerdings bei sehr kleiner Gesamtfallzahl). Daneben kommen in den Zeitungen vor allem Interessen- vertreter gesellschaftlicher Gruppen sowie Angehörige der Verwaltungsebene zu Wort. „Normalbürger“ sind in geringer Zahl in beiden Tageszeitungen vertreten, nicht aber im Hörfunk. Während im Hörfunk nur Vertreter aus insgesamt drei gesellschaftlichen Funktionsgruppen vorkommen, verteilen sich die Aussageträger in bei- den Zeitungen auf sechs Kategorien. Sowohl hinsichtlich dieser Kategorien also auch in Bezug auf die darin jeweils feststellbaren Anteile sind sich beide Lokalzeitungen sehr ähnlich.54 Neben den absoluten und prozentualen Werten zu den Funktionsgruppen wird zudem das Maß der relativen Entropie nach Shannon herangezogen, um die Gleichmäßigkeit bzw. Ungleichmäßigkeit der Verteilung auf diese Gruppen zu bemessen. Hier zeigt sich, dass vor allem aufgrund der sehr geringen Fallzahl die Akteure im Radio am ungleichmäßigsten auf die Kategorien verteilt sind (vgl. Abb. 16). Die Werte der Zeitungen liegen hingegen sehr eng beieinander. Insgesamt lässt sich für den Kommunikationsraum Remscheid feststellen, dass lokalpolitische Kontroversen vor allem in der Berichterstattung der beiden örtlichen Tageszeitungen ihren publizistischen Platz haben. Die Berichterstattung des Hörfunks fällt dagegen sehr knapp aus und kann allenfalls als Ergänzung betrachtet werden.55 Beide lokale Tageszeitungen weisen sehr ähnliche Berichterstattungsmuster zu den untersuchten Themen auf (mit Ausnahme der Parteipräferenzen, wo die Unterschiede aber auch nur gering sind). Es lässt sich feststellen, dass im Mittel die Morgenpost für eine etwas höhere Kontexterläuterung oder höhere Argu- mentationskomplexität steht. Das Konkurrenzverhältnis zum General-Anzeiger schlägt sich aber nicht in einer grundsätzlich anderen Schwerpunktsetzung nieder, was sich insbesondere an der Anzahl der Beiträge zu den einzelnen Themen zeigt sowie an den Berichterstattungsanlässen (faktische Entscheidungen gegenüber lau- fenden Debatten u.Ä.). 4.2.4 Zwischenfazit: Lokalpublizistische Angebote im Kommunikationsraum Remscheid Das lokalpublizistische Angebot für die Stadt Remscheid wird eindeutig durch die Tagespresse dominiert. Die beiden konkurrierenden Blätter Remscheider General-Anzeiger und Bergische Morgenpost berichten umfang- reich und jeweils mit einem hohen Anteil an exklusiven Themen über das Geschehen in der Stadt. Der orts- ansässige Verlag gibt seiner Lokalredaktion (General-Anzeiger) im Blatt etwas mehr Raum als der „auswärtige“ Konkurrent. Hiervon profitieren im General-Anzeiger allerdings insbesondere Veranstaltungshinweise, wäh- rend sich im Bereich der thematischen Berichterstattung die Umfänge wieder nivellieren. Im Unterschied zur Tagespresse in Köln und Borken fällt auf, dass die Remscheider Blätter einen vergleichsweise hohen Anteil an Kommentaren aufweisen und sich somit bei kontroversen Ereignissen eindeutiger positionieren. Im Hin- blick auf die kontroversen Themen gilt, dass beide Zeitungen ausführlich und – bezogen auf das Zu-Wort- Kommen der unterschiedlichen Aussageträger – sehr ausgewogen berichten. Die Onlineableger der Tageszeitungen erzeugen keinen lokalpublizistischen Zugewinn, da – von onlinespe- zifischen Abweichungen abgesehen – die Onlineartikel mit denjenigen der Printausgabe weitgehend identisch sind. Eine mediale Bereicherung des lokalpublizistischen Angebots ist jedoch in der Plattform waterboelles.de zu sehen. In dieser Hybridform zwischen Forum und journalistischem Angebot finden interessierte Bürger vor allem vertiefende und ausführliche Hintergrundinformationen. Radio RSG hat zwar einen Sendegebietszuschnitt, der über Remscheid hinausgeht, aber dennoch auch den lokalen Kommunikationsraum der Stadt gut berücksichtigen kann. Wenngleich die formattypischen Beschrän- kungen die Möglichkeiten einer vertiefenden Berichterstattung einschränken, trägt Radio RSG einiges zur publizistischen Vielfalt in Remscheid bei. Neben dem Format der Lokalnachrichten werden – in überschau- barem Umfang – auch andere journalistische Darstellungsformen angeboten. 180Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 54 Das heißt im Hinblick auf Informationsvielfalt auch, dass beide Zeitungen sich hier nicht ergänzen, indem etwa Perspektiven einer Funktionsgruppe in einer Zeitung stärker vertreten wären als in der anderen. Allerdings muss hier offen bleiben, ob sich zu den hier untersuchten Themen niemand sonst geäußert hat oder ob nie- mand sonst gefragt worden ist. 55 Wobei eine echte Ergänzung wohl vor allem darin bestünde, den Debatten weitere Akzente und Stimmen hinzuzufügen. Das ist hier jedoch nicht der Fall. Im intermediären Vergleich muss das Fazit gezogen werden, dass die Tagespresse in Remscheid bei der ge- genwärtigen Struktur der lokalen Medienlandschaft unverzichtbar erscheint und ihre lokalpublizistische Leis- tung durch kein elektronisches Medium – auch nur ansatzweise – substituiert wird. Ob die Konkurrenzsituation im Tageszeitungsbereich unmittelbare Auswirkungen auf die lokalpublizistische Leistung der Blätter hat, kann nicht kausal nachgewiesen werden. Auffallend ist jedoch die vergleichsweise große „Kommentierfreu- digkeit“ der Remscheider Tageszeitungen. Zu beachten ist ferner, dass der Anteil an Exklusivberichterstattung (37 bzw. 39 %), den die beiden Tages- zeitungen an der Agenda erbringen, recht hoch ist. Es erscheint höchst unwahrscheinlich, dass beim Wegfall einer Zeitung die Berichterstattungsleistung des verbleibenden Blattes diesen Umfang kompensieren würde. Es sprechen also einige Indikatoren dafür, dass die lokalpublizistische Leistung der Remscheider Presse durch die Konkurrenzsituation befördert wird. 181 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Designer Outlet Center Schulentwicklung Alleestraße Röntgenstadion Freiheitsstraße Gesamt Mittelwerte Remscheider General-Anzeiger Anzahl Bergische Morgenpost Remscheid Anzahl Radio RSG Anzahl Remscheid gesamt Anzahl 21 13 9 8 4 55 11 15 10 8 7 3 26 11,5 20 13 10 11 2 56 11,2 16 11 8 9 2 28 12 6 4 2 5 2 19 3,8 6 4 2 5 2 17 6 47 30 21 24 8 130 26 19 13 13 12 6 31 15,7 Tabelle 37: Anzahl von Beiträgen und Berichtstagen pro Thema und Medium Da an einem Tag zu mehr als einer Kontroverse berichtet werden kann, ist die Gesamtzahl von Berichtstagen zu den Kontroversen nicht gleich der Summe der Berichts- tage zu den Einzelthemen. Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Tatsachen - betonte Form Interpretierende Form Meinungsbetonte Form Gesamt Remscheider General-Anzeiger Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Bergische Morgenpost Remscheid Radio RSG Remscheid gesamt 45 2 8 55 81,8 3,6 14,6 100,0 47 0 9 56 83,9 0 16,1 100,0 19 0 0 19 100,0 0 0 100,0 111 2 17 130 84,6 2,3 13,1 100,0 Tabelle 38: Journalistische Darstellungsformen lokalpolitischer Kontroversen Da an einem Tag zu mehr als einer Kontroverse berichtet werden kann, ist die Gesamtzahl von Berichtstagen zu den Kontroversen nicht gleich der Summe der Berichts- tage zu den Einzelthemen. 182Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Beitrag rekurriert auf faktisches Ereignis Debatte Gesamt Remscheider General-Anzeiger Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Bergische Morgenpost Remscheid Radio RSG Remscheid gesamt 14 41 55 25,5 74,5 100,0 15 41 56 26,8 73,2 100,0 4 15 19 21,1 78,9 100,0 33 97 130 25,4 74,6 100,0 Tabelle 39: Faktizität der Berichtsanlässe über lokalpolitische Kontroversen Da an einem Tag zu mehr als einer Kontroverse berichtet werden kann, ist die Gesamtzahl von Berichtstagen zu den Kontroversen nicht gleich der Summe der Berichts- tage zu den Einzelthemen. Abbildung 13: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen Fünfstufige Skala 1 (= keine argumentative Verknüpfung verschiedener Stellungnahmen) bis 5 (= umfassende argumentative Verknüpfung). Nur Untersuchungseinheiten, die Aussageträger enthalten, keine meinungsbetonten Darstellungsformen. Werte in Klammern hinter den Medientiteln weisen den Median aus. Remscheider Generalanzeiger (1,5) Bergische Mogenpost RS (3) Radio RSG (2) gesamt (3) 1 2 2,07 (n=42) 2,81 (n=37) 2,45 (n=11) 2,42 (n=90) 3 4 5 Abbildung 14: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu kontroversen Themen Fünfstufige Skala 1 (= keine argumentative Verknüpfung verschiedener Stellungnahmen) bis 5 ( = umfassende argumentative Verknüpfung). Nur Untersuchungseinheiten, die Aussageträger enthalten, nur tatsachenbetonte Darstellungsformen. Remscheider Generalanzeiger (1) Bergische Mogenpost RS (3) Radio RSG (2) gesamt (2,5) 1 2 2,00 (n=40) 2,81 (n=37) 2,45 (n=11) 2,40 (n=88) 3 4 5 183 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 15: Kontexterläuterung in Beiträgen zu kontroversen Themen Fünfstufige Skala 1 (= keine argumentative Verknüpfung verschiedener Stellungnahmen) bis 5 ( = umfassende argumentative Verknüpfung). Nur Untersuchungseinheiten, die Aussageträger enthalten, nur tatsachenbetonte Darstellungsformen. Remscheider Generalanzeiger (3) Bergische Mogenpost RS (3) Radio RSG (3) gesamt (3) 1 2 2,70 (n=47) 3,00 (n=47) 2,95 (n=19) 2,87 (n=113) 3 4 5 Designer Outlet Center Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Schulentwicklung Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Alleestraße Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Röntgenstadion Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Freiheitsstraße Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Remscheider General-Anzeiger Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Bergische Morgenpost Remscheid Radio RSG Remscheid gesamt 24 16 4 44 1 14 1 16 11 1 1 13 0 10 2 12 1 2 1 4 54,5 36,4 9,1 100,0 6,3 87,5 6,3 100,0 84,6 7,7 7,7 100,0 0 83,3 16,7 100,0 25,0 50,0 25,0 100,0 21 14 3 38 1 23 0 24 16 1 1 18 0 13 3 16 2 1 1 4 55,3 36,8 7,9 100,0 4,2 95,8 0 100,0 88,9 5,6 5,6 100,0 0 81,3 18,8 100,0 50,0 25,0 25,0 100,0 3 0 0 3 3 0 0 3 0 1 0 1 2 1 2 5 0 1 0 1 100,0 0 0 100,0 100,0 0 0 100,0 0 100,0 0 100,0 40,0 20,0 40,0 100,0 0 100,0 0 100,0 48 30 7 85 5 37 1 43 27 3 2 32 2 24 7 33 3 4 2 9 56,5 35,3 8,2 100,0 11,6 86,0 2,3 100,0 84,4 9,4 6,3 100,0 6,1 72,7 21,2 100,0 33,3 44,4 22,2 100,0 Tabelle 40: Aussageträger nach Richtung ihrer Äußerung zu kontroversen Themen 184Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 56 W.i.R. (Wählergemeinschaft in Remscheid) ist eine freie Wählervereinigung. Partei (Stimmen- anteil Kommunal- wahl 2009 in %) SPD (31,4) CDU (36,2) Grüne (9,7) FDP (10,4) Linke (5,5) W.i.R.56 (6,6) Parteilos Sonstige (0,3) Gesamt Remscheider General-Anzeiger Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Bergische Morgenpost Remscheid Radio RSG Remscheid gesamt 13 17 9 1 2 7 0 0 49 26,5 34,7 18,4 2,0 4,1 14,3 0 0 100,0 21 13 13 2 3 7 0 0 59 35,6 22,0 22,0 3,4 5,1 11,9 0 0 100,0 5 4 0 0 0 1 0 0 10 50,0 40,0 0 0 0 0 0 10,0 100,0 39 34 22 3 5 15 0 0 118 33,1 28,8 18,6 2,5 4,2 12,7 0 0 100,0 Tabelle 41: Parteizugehörigkeit von Aussageträgern in Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen (nur Lokalpolitiker berücksichtigt) Politische Ebene National (Bundesebene) Regional (Landesebene) Lokal (Landkreis, Gemeinde) Trifft nicht zu Gesamt Remscheider General-Anzeiger Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Bergische Morgenpost Remscheid Radio RSG Remscheid gesamt 0 6 74 0 80 0 7,5 92,5 0 100,0 0 6 89 0 95 0 6,3 93,7 0 100,0 0 1 11 1 13 0 7,7 84,6 7,7 100,0 0 13 174 1 188 0 6,9 92,6 0,5 100,0 Tabelle 42: Politische Ebene von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen Nur politisch-administratives System, Wirtschaftsvertreter, Verwaltungsebene, Interessenvertreter institutionalisierter Gruppen. Zitat (wörtlich oder indirekt) Davon O-Töne (Rundfunk) Paraphrase Nur Nennung mit Positions - zuordnung Gesamt Remscheider General-Anzeiger Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Bergische Morgenpost Remscheid Radio RSG Remscheid gesamt 74 15 0 89 83,1 16,9 0 100,0 79 21 0 100 79,0 21,0 0 100,0 4 2 9 0 13 30,8 50,0 69,2 0 100,0 157 45 0 202 77,7 22,3 0 100,0 Tabelle 43: Form der Zitation von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen 185 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Funktionsgruppe Politisch- administratives System Wirtschafts - vertreter Verwaltungs - ebene (Funktionsträger „nachgeordneter Bedeutung“) Interessen - ver treter institu- tionalisierter Gruppen Wirtschaftlicher Gegenbereich Kultur Experten Normalbürger Gesamt Relative Entropie (Shannons H) Remscheider General-Anzeiger 0,58 0,54 0,33 0,55 Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Anzahl Anzahl in % Bergische Morgenpost Remscheid Radio RSG Remscheid gesamt 55 6 9 12 0 0 1 6 89 61,8 6,7 10,1 13,5 0 0 1,1 6,7 100,0 65 5 11 14 0 0 1 4 100 65,0 5,0 11,0 14,0 0 0 1,0 4,0 100,0 10 2 1 0 0 0 0 0 13 76,9 15,4 7,7 0 0 0 0 0 100,0 130 13 21 26 0 0 2 10 202 64,4 6,4 10,4 12,9 0 0 1,0 5,0 100,0 Tabelle 42: Politische Ebene von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen Abbildung 16: Relative Entropie (Shannons H) — Verteilung der Aussageträger auf die Funktionskategorien 0,00 1,00 0,80 0,60 0,40 0,20 Remscheider General-Anzeiger Bergische Morgenpost Remscheid Radio RSG Remscheid gesamt 0,58 0,54 0,33 0,55 4.3 Die lokale Medienlandschaft Borken 4.3.1 Struktur der Medienlandschaft Presse Mit ca. 41.200 Einwohnern ist Borken eine von 124 Mittelstädten in NRW und bildet das Zentrum des Kreises Borken im Westmünsterland. Obwohl es im Kreis Borken neun verschiedene Tageszeitungstitel gibt, herrscht in der Stadt Borken ein Lokalzeitungsmonopol der Borkener Zeitung, die zur Zeitungsgruppe Münsterland ge- hört und den Mantelteil von den Westfälischen Nachrichten bezieht. Mittwochs erscheint das Anzeigenblatt Hallo Borken, das wie die Westfälischen Nachrichten in der Unternehmensgruppe Aschendorff verlegt wird. Darüber hinaus erscheint zweimal wöchentlich (mittwochs und samstags) das Anzeigenblatt Stadt-Anzeiger Borken, das vom ortsansässigen J. Mergelsberg Verlag verantwortet wird. Die Borkener Zeitung erscheint montags bis samstags im Umfang von durchschnittlich 28 Seiten. Die Lokal- berichterstattung findet sich im 3. Buch unter der Rubrik „Borken“ und umfasst durchschnittlich drei Seiten. Am Wochenende erhöht sich die Anzahl der Lokalseiten, die ergänzt werden, durch den Lokalsport. Der Stadt-Anzeiger Borken erscheint mittwochs sowie am Wochenende. Als konkurrierendes wöchentliches Anzeigenblatt ist außerdem Hallo Borken zu nennen. Hörfunk Im privaten Hörfunk bietet RADIO WMW (Westmünsterlandwelle; Sendestart 1992) Lokalradio für den Kreis Borken und wm.tv Regionalfernsehen für das gesamte Münsterland. RADIO WMW strahlt täglich fünf Stunden eigenes Lokalprogramm aus. Lokalnachrichten werden Montag bis Freitag stündlich zwischen 10:30 und 15:30 Uhr sowie um 18:30 Uhr gesendet; Samstag und Sonntag werden keine Lokalnachrichten ausgestrahlt. Zusätzlich wird die Lokale Option für weitere Lokalnachrichten genutzt.57 Den Lokalnachrichten vorangestellt sind zwei nationale/internationale Meldungen sowie das Intro „Und jetzt zum Kreis“. Es folgen i.d.R. vier lo- kale Themen/Meldungen, die sich allerdings nicht nur auf das Stadtgebiet beziehen können, sondern vielfach auf benachbarte Gemeinden (z.B. Bocholt, Gronau, Ahaus, Vreden, Rhede, Stadtlohn) und sogar Holland (Twente bzw. Enschede). Insofern ist der Sendegebietszuschnitt eher subregional als lokal ausgerichtet. Nahraumfernsehen und Onlinemedien Die Stadt Borken liegt innerhalb des Sendegebiets des Nahraumfernsehangebotes wm.tv. Dessen vergleichs- weise großräumig zugeschnittenes Sendegebiet umfasst die Kreise Borken, Coesfeld, Kleve, Recklinghausen, Steinfurt, Warendorf und Wesel sowie die Stadt Münster. Diese Raumdimension erscheint bereits auf den ersten Blick problematisch, denn dieses Gebiet lässt sich schwerlich unter einen gemeinsamen „identitätstiften den Nenner“ bringen. Das originäre werktägliche Programmangebot umfasst eine Sendestunde. Innerhalb dieses Zeitraums wird die Nachrichtensendung „wm.aktuell“ ausgestrahlt. Hinzu kommen weitere Kurzmagazine wie „wm.sport“, „Pfötchen.tv“ (Tiersendung) oder „wm.talk“. Entsprechend der Aufgabenstellung der vorliegenden Studie wurde innerhalb des Programms nach Beiträgen mit Bezug auf die Stadt Borken gesucht. Im gesamten 14- tägigen Untersuchungszeitraum nahmen lediglich rund 22 Minuten Bezug auf Borken. Davon entfallen rund 21 Minuten auf Informationsmoderation und Wetterberichte. In den beiden Untersuchungswochen berichtete lediglich ein einziger Beitrag von 36 Sekunden Länge zu den Gartentagen in Borken über das lokale Gesche- hen. Damit sind Aussagen über das Themenspektrum hinfällig. Aus dieser Bilanz wird ersichtlich, dass wm.tv keinerlei Beitrag zur lokalen publizistischen Vielfalt erbringt.58 186Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 57 Montag bis Freitag von 6–9 Uhr und 16–18 Uhr, Samstag von 8–12 und 13–14 Uhr, Sonntag von 9–12 und 16–18 Uhr („RADIO WMW am Wochenende“); werktags von 6-19 Uhr zu jeder halben Stunde drei- bis fünfminütige Lokalnachrichten. 58 Vor diesem Hintergrund entfällt innerhalb des Hauptkapitels 4.3 das Unterkapitel „Nahraumfernsehen“. Online gibt es mehrere Portale für Borken und die Region. Zum einen sind dies die Webauftritte der bereits erwähnten „klassischen“ Medien.59 RADIO WMW bietet online jedoch keine aktuell aufbereiteten Onlineinhalte, sondern lediglich die Möglichkeit, Nachrichten als Podcast nachzuhören. Der Onlineauftritt der Borkener Zei- tung basiert im Wesentlichen auf dem Portal der Westfälischen Nachrichten mit entsprechenden Abwandlungen (Logos, regionale Schlagzeilen). Neben diesen Ablegern bestehender Dachmarkenangebote gibt es noch das lokale Videoportal borio.tv, auf dem Nachrichten und aktuelle Informationen aus der Region Borken aus- schließlich in Form von Videos bereitgestellt werden. Das Videoportal borio.tv gehört zur Mergelsberg GmbH & Co. KG, in der auch die Borkener Zeitung erscheint. So werden zahlreiche Themen, über die in der Zeitung berichtet wird, parallel für das Videoportal umgesetzt. Auf borio.tv wird jeweils am Ende der entsprechenden Zeitungsbeiträge hingewiesen. Die Palette der Themen, über die berichtet wird, ist dabei relativ breit gestreut: von kontroversen Themen (z.B. Marktplatz-Gestaltung, Amprion mit Plänen für Hochspannungsleitung) über gesellschaftliche und soziale Ereignisse (z.B. St. Marien-Kita als Familienbildungsstätte zertifiziert, Bewe- gungsareal im Stadtpark eingeweiht) bis hin zu Human-Touch-Themen bzw. Soft News (z.B. Serientäter fest- genommen, Badeunfall in Borken). Der jeweilige Umfang der Webvideos liegt zwischen 1:30 und rund 4:30 Minuten. Ebenfalls ein regionales Informationsportal bietet die Seite BOR-Point.de. Das Informationsangebot besteht im Wesentlichen aus einem Neuigkeiten-Ticker, in dem Meldungen unterschiedlicher Länge zu ganz verschie- denen Themen eingesehen werden können. Die Rubriken dieser Meldungen heißen „Politik“, „Sport“, „Bil- dung“, „Vereinsleben“, „Recht & Ordnung“, „Karneval“, „Wirtschaft“, „Kunst & Kultur“, „Festivitäten“, „Ge- sundheit“, „Netzwelt“ und „Vermischtes“, jeweils mit weiteren Subkategorien. Von den genannten Onlineauftritten bietet einzig die Website borkenerzeitung.de ein nennenswertes lokal- publizistisches Angebot; sie wird daher nachfolgend ausführlicher beschrieben. borkenerzeitung.de ist die Onlineausgabe der Borkener Zeitung mit Lokalmeldungen aus der Stadt und dem Kreis Borken sowie überre- gionalen Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Medien und Wissenschaft. Die Website borkener- zeitung.de ist eine hierarchisch strukturierte Nachrichtenseite. Die Sitestruktur besteht aus einer Primär-, Sekundär- und teilweise einer Tertiärnavigation. Im Einzelnen setzt sie sich folgendermaßen zusammen: Die Primärnavigation der Seite ist horizontal angesiedelt und besteht von links nach rechts aus insgesamt elf Punkten. Die Sekundärnavigation schließt grafisch direkt unter der Primärnavigation an und wird sichtbar, wenn sich der Cursor über den jeweiligen Primärnavigationspunkt bewegt. Die Subnavigation von „Politik“ beispielsweise besteht aus insgesamt zwei Punkten: „Inland“ und „Ausland“. Bei einigen Punkten innerhalb der sekundären Ebene findet sich auch eine tertiäre Navigation mit weiteren Unterkategorien. Platziert ist sie immer im direkten Umfeld der Sekundärnavigation. Die Startseite stellt insgesamt ein breites und vermischtes Angebot der aktuellsten Meldungen aus den Be- reichen der gesamten Primär- und Sekundärnavigation dar, von „Aktuelles“ über „Lokalsport“ bis hin zu „Vi- deos“. Die Rubriken werden in Teaserboxen untereinander auf der Index-Seite aufgeführt. Die journalistischen Angebote zur Stadt Borken lassen sich in zwei Rubriken finden: 1. Im Bereich „Lokales“ unter dem Sekundärnavigationspunkt „Kreis Borken“ auf der tertiären Ebene „Bor- ken“: Hinter diesem Link erhält der Nutzer einen Überblick der aktuellsten Meldungen (außer Sportnach- richten) aus der Stadt Borken. Das Layout der Seite ist zweispaltig und gliedert sich wie folgt: Im linken Bereich befindet sich der lokal-journalistische News-Content. Hier werden die Themen in Form von Bild- Text-Teasern und Teasern ohne Bild (deutlich kleinerer Anteil) vertikal untereinander angezeigt. Dabei wird sowohl auf Text-, als auch auf lokalen Video-Content verlinkt. Der Teaser-Text ist im Wesentlichen – bis auf Kürzungen und kleinere Umformulierungen – identisch mit dem Vorspann des Artikels. Da alle Teaser einheitlich aufgebaut sind, kann der Nutzer keine Relevanzstruktur erkennen. Einziges erkennbares Merkmal ist die chronologische Auflistung der Teaser nach Datum. Ein Teaser enthält zahlreiche Stellen mit Verlinkungen, von denen aus der Nutzer zum Hauptartikel gelangt. Unterhalb der Teaser werden sehr selten kontextsensitive Links, also Themen angeboten, die zu dem entsprechenden Artikel passen (meis- 187 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 59 Hallo Borken bietet online keine aktuellen Inhalte an, sondern lediglich die Möglichkeit, die aktuellsten Print-Ausgaben als PDF-Dokument herunterzuladen. tens Bildergalerien). Am Seitenende kann der Nutzer sich mittels einer Blätterfunktion nicht-aktuelle Inhalte ansehen. Im direkten Anschluss an dieses Modul wird dem User zudem die Möglichkeit gegeben, das gesamte Archiv für den Kreis Borken zu durchsuchen. 2. Unter dem Sekundärnavigationspunkt „Borken“ in der Rubrik „Lokalsport“: Hier werden alle lokalen Mel- dungen zum Sport aus Borken angezeigt. Struktur und Darstellung sind identisch mit der unter Punkt 1 beschriebenen Form. Die Detailseiten sind wie die Landingpage von „Borken“ im Bereich „Lokales“ im zweispaltigen Layout ge- halten. Die Artikel weisen alle denselben (Roh-)Aufbau auf. Direkt unter dem Text werden mittels vertikaler Bild-Text-Teaser weitere kontextsensitive Links mit Nachrichten aus der Stadt, dem Kreis Borken und Werbe- anzeigen angeboten. Erst am Seitenende wird auf der rechten Seite das Datum der Artikel-Veröffentlichung angegeben. Darunter steht dem User eine Kommentarfunktion zur Verfügung. Hier hat er Zugriff auf die neu- esten Leserkommentare. Der Nutzer kann den Artikel bei vorheriger Registrierung auch selbst kommentieren. Zudem wird auch hier wieder auf das Archiv für Nachrichten aus dem Kreis Borken verlinkt. Unter dem Primärnavigationspunkt „Videos“ erscheint das Videoportal von borkenerzeitung.de. Dabei sind die journalistischen Videoangebote, die sich ausschließlich auf Borken beziehen, im Sekundärnavigations- bereich „lokale Videos“ zu finden. Dieser Punkt verlinkt auf das Angebot von borio.tv (s.o.). 4.3.2 Die Lokalberichterstattung in intramediärer Perspektive 4.3.2.1 Presse Die Borkener Zeitung nimmt innerhalb ihres Verbreitungsgebietes eine Monopolstellung ein. Da die Borkener Bevölkerung keine Möglichkeit hat, sich mit gedruckten Lokalnachrichten aus alternativen Quellen zu ver- sorgen – sieht man von Anzeigenblättern ab –, kommt der publizistischen Leistung dieses Blattes besondere Bedeutung zu. Dennoch fällt der Anteil der lokalen Berichterstattung am Gesamtumfang der Zeitung mit 15,6 Prozent vergleichsweise gering aus. Zieht man davon die umfangreichen lokalen Sportnachrichten ab, die mit einem Flächenanteil von 6,4 Prozent und rund 27 Normseiten relativ und absolut so viel Raum einnehmen wie bei keiner anderen untersuchten Zeitung, bleiben lediglich 9,1 Prozent des Gesamtumfangs für politisch- gesellschaftlich relevante lokale Informationen. Ein Blick auf die journalistischen Darstellungsformen (vgl. Tab. 46) zeigt, dass diese Fläche zu rund einem Viertel mit Veranstaltungshinweisen und Servicemeldungen gefüllt wird, was einen vergleichsweise hohen Wert darstellt. Die lokale Informationsgebung wird mit rund 63 Prozent von Berichten dominiert. Kommentare, Kritiken oder Glossen sind dagegen äußerst spärlich: Im Untersuchungszeitraum fanden sich lediglich vier solcher meinungsbetonten Formen in der Lokalberichter- stattung (0,8 %). Den mit deutlichem Abstand größten Anteil am Themenspektrum nehmen Berichte über das gesellschaftliche Leben ein: Rund zwei Drittel der Fläche sind diesem Gebiet gewidmet, das auch bei den meisten anderen un- tersuchten Zeitungen eine dominante Stellung innehat. Lediglich 14 Artikel im Untersuchungszeitraum be- handelten politisch-kontroverse Themen (13,8 %). Nicht-kontroverse Themen aus dem Verwaltungsbereich spielen mit rund 8 Prozent der Fläche eine ebenso marginale Rolle wie die Berichterstattung über Human- Touch-Gegenstände (5,7 %). Auffällig ist der mit 7,6 Prozent vergleichsweise hohe Anteil an Themen aus der privaten Lebenswelt. Dieser hohe Wert lässt sich durch den Umfang der entsprechenden Berichte erklären, der teilweise deutlich größer ist als bei den anderen untersuchten Zeitungen. 188Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 189 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Nicht-Lokales und Anzeigen Lokalberichterstattung insgesamt Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Gesamt Borkener Zeitung s = 422,3 84,4 15,6 6,4 9,1 100,0 Tabelle 45: Anteil der Lokalberichterstattung in der Borkener Zeitung Basis: Gesamte Zeitungsfläche (in Normseiten) ohne Beilagen Service/Regularien Nachricht/Meldung Bericht/Interview etc. Kommentar/Kritik Gesamt Borkener Zeitung s = 38,5 n = 196 26,9 9,6 62,7 0,8 100,0 20,4 32,7 44,9 2,0 100,0 Tabelle 46: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Borkener Zeitung nach Seiten (s) und Fällen (n) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattungsseiten in der Borkener Zeitung ohne Sportberichterstattung Borkener Zeitung Bildfläche 32,7 Textfläche 67,3 Tabelle 47: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Borkener Zeitung — Bildfläche vs. Textfläche (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattungsseiten in der Borkener Zeitung ohne Sportberichterstattung „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Borkener Zeitung s = 28,1 n = 156 13,8 7,9 64,9 5,7 7,6 - 100,0 9,0 6,4 65,4 14,1 5,1 - 100,0 Tabelle 48: Themenstruktur der Lokalberichterstattung in der Borkener Zeitung nach Seiten (s) und nach Fällen (n) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattungsseiten in der Borkener Zeitung ohne Sportberichterstattung 4.3.2.2 Hörfunk Die Grundstruktur des Gesamtprogramms von RADIO WMW ist formattypisch: Die Musik nimmt mit rund 68 Prozent breiten Raum ein, während das Wortangebot mit knapp 22 Prozent deutlich dahinter zurückfällt. Darin enthalten sind 17,6 Prozent (ca. 12,5 Stunden im 14-tägigen Untersuchungszeitraum) Informations- leistung, die zu rund einem Fünftel Lokalbezug (auf die Stadt Borken) aufweisen. Rechnet man die lokale Option dazu, beträgt die lokale Berichterstattung für Borken von RADIO WMW im Untersuchungszeitraum 3 Stunden und 12 Minuten. Die Informationsleistung ohne Sport liegt bei 2 Stunden 44 Minuten. Dieser – ohnehin geringe – lokale Informationskern besteht zu nahezu 78 Prozent aus Servicemeldungen wie Wetterberichten und Verkehrshinweisen. Dies bedeutet: Lediglich rund 37 Minuten insgesamt oder durch- schnittlich 2,6 Minuten täglich sind Informationen zum politischen oder gesellschaftlichen Geschehen in Borken gewidmet – zumeist innerhalb von Nachrichtensendungen. Journalistische Beiträge wie Korrespon- dentenberichte, Reportagen oder Interviews finden sich im lokalen Programmspektrum nur äußerst selten. Im gesamten Untersuchungszeitraum wurden lediglich sechs solcher Darstellungsformen gesendet. Mit an- deren Worten: Der Hörerschaft werden nur sehr vereinzelt Beiträge angeboten, die eine ausführlichere Aus- einandersetzung mit lokalen Themen ermöglichen. Mit dieser quantitativ und qualitativ dürftigen publizis- tischen Leistung kann RADIO WMW kaum einen Beitrag zu einer breiten und ausgewogenen lokalen Medien- berichterstattung leisten. Die Veränderungen durch eine Bereinigung der mehrfach ausgestrahlten Beiträge fällt aufgrund des ohnehin geringen Informationsumfangs bei RADIO WMW kaum ins Gewicht: Pro Tag bekommt der Borkener Bürger inner halb von RADIO WMW knapp 11 Minuten an originären Informationsbeiträgen mit Bezug auf seine Stadt geboten. Ein Blick auf das Themenspektrum zeigt, dass RADIO WMW das lokale Informationsprogramm zu über 86 Pro- zent mit kontroversen und Gesellschaftsthemen (42,1 bzw. 44,6 %) füllt, während Human-Touch-Themen kaum eine Rolle spielen. Dieser zunächst positiv anmutende Befund darf freilich den Blick auf die dahinter stehenden geringen absoluten Zahlen nicht verstellen und ändert nichts daran, dass der Hörfunk äußerst wenig zur publizistischen Vielfalt im lokalen Kommunikationsraum Borken beiträgt. 190Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 17: Grundstruktur des Gesamtangebots von RADIO WMW (in Prozent) Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum exklusive der Programmanteile der Lokalen Option (70:00:01) Wort: 21,9% Jingles/Trailer: 2,0% Werbung/Sponsorhinweis: 8,1% Musik: 67,9% 191 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Musik Werbung/Sponsorhinweis Jingles/Trailer Unterhaltung und Regie moderation Information Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 47:33:31 5:42:14 1:22:31 3:01:24 12:20:21 70:00:00 67,9 8,1 2,0 4,3 17,6 100,0 Tabelle 49: Struktur des Programms von RADIO WMW Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum exklusive der Progammanteile der Lokalen Option Nicht-lokales Informationsprogramm Lokalberichterstattung insgesamt Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Lokalberichterstattung ohne Sport und Beitrags - wiederholungen Gesamt Zeit absolut Zeit in Prozent 9:57:56 3:12:27 0:28:19 2:44:08 2:28:12 13:10:23 75,7 24,3 3,6 20,8 18,8 100,0 Tabelle 50: Anteil der Lokalberichterstattung am Informationsprogramm von RADIO WMW Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum inklusive der Progammanteile der Lokalen Option Service/Regularien Nachrichtensendungen Informationsmoderation Journalistische Darstellungsformen Sonstige Informationsformen Gesamt Zeit absolut Zeit absolut Programm exkl. LOP Programm inkl. LOP 1:31:31 0:08:22 0:06:43 0:08:46 - 1:55:22 2:07:23 0:21:16 0:06:43 0:08:46 - 2:44:08 79,3 7,3 5,8 7,6 - 100,0 77,6 13,0 4,1 5,3 - 100,0 Zeit in Prozent Zeit in Prozent Tabelle 51: Vermittlungsformen im lokalen Informationsprogramm von RADIO WMW Basis: Lokales Informationsprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum ohne Sportberichterstattung; exklusive und inklusive der Programmanteile mit Lokaler Option „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Zeit absolut 0:15:29 0:02:38 0:16:23 0:02:15 - - 0:36:45 42,1 7,2 44,6 6,1 - - 100,0 26 7 20 4 - - 57 45,6 12,3 35,1 7,0 - - 100,0 Zeit in Prozent Fälle absolut Fälle in Prozent Tabelle 52: Themenfelder der Lokalberichterstattung von RADIO WMW Basis: Lokales Informationsprogramm mit thematischem Bezug im Untersuchungszeitraum ohne Sportberichterstattung; inklusive der Programmanteile mit Lokaler Option 4.3.3 Die Lokalberichterstattung im intermediären Vergleich 4.3.3.1 Die quantitative Berichterstattungsleistung Vor dem geschilderten Hintergrund des lokalen Medienangebots in Borken ist in Bezug auf die quantitative Berichterstattungsleistung lediglich das Angebot der Borkener Zeitung mit demjenigen von RADIO WMW zu vergleichen. Insgesamt wurden im 14-tägigen Untersuchungszeitraum in beiden Medien zusammen 176 The- men behandelt. Von dieser Agenda hat die Borkener Zeitung einen Anteil von knapp 87 Prozent und RADIO WMW von 13 Prozent. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass RADIO WMW sämtliche seiner Themen exklusiv in die Agenda eingebracht hat. Somit leistet der lokale Hörfunk in Borken – wenngleich im margi- nalen Umfang – eine gewisse Vielfaltsergänzung zur Monopolzeitung. 192Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Borkener Zeitung RADIO WMW wm.tv Gesamt Anzahl Themen Anzahl Beiträge 153 23 1 177 156 25 1 182 Tabelle 53: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung auf die lokalen Medien Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung in Borken insgesamt ohne Sportberichterstattung. Alle Berichterstattungsthemen = 176; durch Mehrfachberichterstattung = 177; in insgesamt 182 Beiträgen. Abbildung 18: Anteil der Themen pro Medium an der Gesamtagenda (in Prozent) Basis: Gesamtagenda = 176 Themen Lesebeispiel: Von allen im Untersuchungszeitraum aufgegriffenen Themen wurden 86,9 Prozent in der Borkener Zeitung behandelt. 0 100 80 60 40 20 Borkener Zeitung 86,9 13,1 0,6 Radio WM wm.tv 193 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 60 Das gilt streng genommen auch für die Argumentationsanalysen für Köln und Remscheid. Aufgrund der dort jeweils größeren Datenbasis lassen sich aber über die einzelnen Debatten hinweg einige Strukturen erkennen, die – so ist anzunehmen – auch in anderen lokalpolitischen Kontroversen auftauchen dürften. Abbildung 19: Anteil der Exklusivberichterstattung einzelner Medien am gesamten Themenpool (in Prozent) Basis: Gesamtagenda = 176 Themen Lesebeispiel: Von allen im Untersuchungszeitraum aufgegriffenen Themen fanden sich 86,4 Prozent exklusiv in der Borkener Zeitung. 0 100 80 60 40 20 Borkener Zeitung 86,4 13,1 0,0 Radio WM wm.tv Alle Medien Zwei Medien Zeitung + Hörfunk Zeitung + Fernsehen Hörfunk + Fernsehen Ein Medium Zeitung Hörfunk Fernsehen Gesamt Anzahl Themen Themen in Prozent - 1 - 1 - 175 152 23 - 176 - 0,6 - 0,6 - 99,4 86,4 13,1 - 100,0 Tabelle 54: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung in Kombination mit den verschiedenen lokalen Medien Basis: Gesamtagenda = 176 Themen Lesebeispiel: Lediglich ein identisches Thema wurde in der Zeitung und im Fernsehen behandelt. 4.3.3.2 Die Thematisierung und journalistische Behandlung kontroverser Themen Die Argumentationsanalyse für Borken steht vor der Schwierigkeit, dass trotz Identifizierung von insgesamt vier lokalpolitischen Kontroversen im Untersuchungszeitraum nur in geringem Umfang über diese Debatten berichtet wurde. Das hat zur Folge, dass die Datenbasis, auf deren Grundlage hier Ergebnisse präsentiert werden, extrem klein ist. Gleichwohl handelt es sich um Befunde einer Vollerhebung für die ausgewählten Kontroversen und Medien, weshalb die gewonnenen Daten die Darstellung der Themen genau so zusammenfassen, wie sie die Borkener Lokalpublizistik aufgegriffen hat. Insofern ist hier lediglich einzuschränken, dass die im Folgenden dargestellten Ergebnisse kaum verallgemeinerungsfähig für andere Fälle von Borkener Kontroversen sind.60 Tabelle 55 gibt eine Übersicht darüber, wie oft die Kontroversen in den Borkener Medien aufgegriffen wurden. Hier zeigt sich – wie schon angedeutet –, dass dies insgesamt nicht häufig geschieht und wenn doch, dann bietet in erster Linie die Borkener Zeitung die meisten Beiträge zu den Themen. Die Borkener Zeitung ist auch das einzige der hier untersuchten Medien, das tatsächlich alle Kontroversen mindestens einmal aufgreift. Die wenigsten Informationen über lokalpolitische Kontroversen in Borken werden bei wm.tv geboten (nur ein Thema einmal in nur einem Beitrag aufgegriffen). RADIO WMW berichtet immerhin über drei der vier Kontro- versen, wovon aber zwei Themen nur jeweils einmal vorkommen und über das dritte Thema (Erdgas-Probe- bohrung) viermal berichtet wird. Interessanterweise ist dies dasjenige Sujet, zu dem in der Borkener Zeitung nur ein einziger Bericht zu finden ist. Außerdem ist es wiederum die Borkener Zeitung, die die Themen an manchen Tagen auch mit mehr als nur einem Beitrag behandelt; das ist bei drei der vier Themen der Fall. Ins- gesamt berichtet die Borkener Zeitung in 18 Beiträgen an insgesamt 13 Tagen über die Kontroversen. Damit entfallen auf jedes der vier Themen im Mittel 4,5 Beiträge. RADIO WMW kommt auf sechs Berichte an sechs Tagen.61 In allen drei Medien wird über die Debatten überwiegend in tatsachenbetonten Darstellungsformen berichtet (vgl. Tab. 56). Meinungsbetonte Formen kommen überhaupt nur in der Lokalzeitung vor. Interpretierende Formen (wie z.B. Interviews) werden gar nicht eingesetzt. Außerhalb des Kommentars gibt es keine Beiträge, die „jenseits der Nachricht“ Stellung zu den Kontroversen beziehen würden. Ebenso selten werden einzelne Äußerungen von Akteuren bewertet. Die überwiegende Zahl der Beiträge in der Borkener Lokalpublizistik bezieht sich auf die öffentliche Austra- gung der Debatte und nur ein kleiner Teil auf faktische Ergebnisse und Entscheidungen (vgl. Tab. 57). Das scheint hier aber daran zu liegen, dass es keine politisch endgültigen Entscheidungen oder andere faktische Anlässe gab, über die hätte berichtet werden können. Vielmehr liegt innerhalb des Untersuchungszeitraums (mit Ausnahme der Marktplatz-Neugestaltung) zu keiner der Debatten ein Endergebnis vor. Das bedeutet aber immerhin, dass in erster Linie die Borkener Zeitung und mit Abstrichen auch RADIO WMW nicht nur über Lösungen von Kontroversen berichten, sondern die öffentliche Diskussion auch als solche darstellen. Für alle Beiträge wurde erhoben, ob und in welchem Ausmaß Kontexte erläutert werden und eine Einordnung der mitgeteilten Fakten in den Debattenverlauf stattfindet. Für solche Beiträge, in denen Aussageträger vor- kommen, wurde darüber hinaus erhoben, inwieweit unterschiedliche Äußerungen aufeinander bezogen wer- den (Argumentationskomplexität). Abbildung 20 zeigt die Mittelwerte für die Argumentationskomplexität in den verschiedenen Borkener Medien. Da in den Beiträgen von wm.tv keine Aussageträger vorkommen, lie- gen hier keine Werte vor. Es wird deutlich, dass die Borkener Zeitung bei insgesamt nur geringer Fallzahl einen vergleichsweise hohen Wert bei der Komplexität der Argumentation erzielt. Für RADIO WMW ist dies bei sehr geringer Zahl von Beiträgen nicht der Fall. Dies liegt vor allem daran, dass hier kaum Beiträge vorkommen, in denen Aussageträger ihre Positionen vorbringen können. Der Grund hierfür ist allerdings nicht, dass grund- sätzlich nur wenigen Aussageträgern bei RADIO WMW das Wort erteilt wird. Dies betrifft lediglich die hier unter suchten Kontroversen. Bezüglich anderer Themen – die oft aber auch benachbarte Gemeinden betreffen und nicht Borken selbst – werden durchaus Zitate und O-Töne eingesetzt. Da aber die Stadt Borken (im Ge- gensatz zur Borkener Zeitung) nur einen kleinen Teil des Verbreitungsgebietes von RADIO WMW ausmacht, kommen allein Borken betreffende Themen verhältnismäßig selten vor. Andererseits bedeuten die hier ge- machten Befunde vor diesem Hintergrund auch, dass in den wenigen Beiträgen zu den Borkener Kontroversen diese nicht in ihrer gesamten Komplexität dargestellt werden. Das mag zum großen Teil an den hörfunktypi- schen Zwängen nachrichtlicher Darstellungsformen liegen. Gerade darin begründet sich dann aber eine struk- turbedingte Schwäche des Lokalfunks für eine Mittelstadt als Teil eines Landkreises. Dies bestätigt sich auch beim Blick auf die Kontexterläuterung in den Beiträgen zu den Lokalkontroversen (vgl. Abb. 21). Während die Borkener Zeitung hier einen sehr hohen Mittelwert erreicht (4,1), liegt der für RADIO WMW deutlich niedriger (2,3). Auch hier ist angesichts der geringen Fallzahl nur eine vorsichtige In- terpretation zulässig. Bezüglich der untersuchten Kontroversen lässt sich aber sagen, dass der Hörfunk lo- kalpublizistisch weder im Hinblick auf die Häufigkeit der Berichterstattung noch hinsichtlich deren Qualität kaum mehr als eine Ergänzung zur Tageszeitung ist. Für wm.tv gilt dies noch deutlicher, insbesondere aufgrund des Mangels an Berichterstattung zu den hier untersuchten Kontroversen. 194Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 61 Hierbei ist jedoch (ebenso wie für das lokale Fernsehen) zu berücksichtigen, dass im Rundfunk normalerweise mehr als einmal am Tag über ein Thema berichtet wird. Allerdings ist die Variation dieser Beiträge im Tagesverlauf im lokalen Rundfunk gering, weshalb bereits von der Untersuchungsanlage her nur das einmalige Auftau- chen eines Beitrags zu einer Debatte berücksichtigt wurde. In Borken hängt die Möglichkeit, eine Position öffentlich zu machen, im Wesentlichen davon ab, ob sie in der Borkener Zeitung abgedruckt wird. Beim Blick auf einzelne Kontroversen zeigt sich, dass Ausgewogenheit le- diglich im Falle der Bürgerwindparkdebatte innerhalb der Borkener Zeitung erzielt wird (drei bzw. vier Aussa- geträger für beide Positionen). In den Debatten zur Marktplatzneugestaltung (bzw. der konkreten Ausge- staltung der dafür angestrebten Bürgerbefragung) sowie die Erdgasprobebohrungen kommen für eine Rich- tung gar keine Akteure zu Wort. Dies mag an dem Verlauf der Debatten sowie der jeweils geringen Zahl von Aussageträgern liegen. In jedem Fall wird dies aber auch nicht durch die beiden anderen Borkener Lokalme- dien aufgefangen (wm.tv keine Aussageträger, RADIO WMW insgesamt nur vier, die jeweils dieselben Richtun- gen repräsentieren, die bereits in der Borkener Zeitung allein vertreten werden). Ein besonders bedeutsamer Indikator für politische Ausgewogenheit der Berichterstattung ist die Parteizu- gehörigkeit zu Wort kommender Akteure (vgl. Tab. 59).62 Hier fällt zunächst auf, dass am häufigsten parteilose Politiker zu Wort kommen. Dies erklärt sich daraus, dass der Borkener Bürgermeister Rolf Lührmann keiner Partei angehört. Aufgrund der geringen Fallzahlen schlägt sich sein siebenmaliges Vorkommen (davon sechs- mal in der Borkener Zeitung, einmal RADIO WMW) als Aussageträger entsprechend deutlich nieder. Interessant ist allerdings, dass das Kräfteverhältnis der Fraktionen im Borkener Rathaus sich ( jedenfalls bezüglich der hier untersuchten Kontroversen) in der Berichterstattung nicht abbildet. Am häufigsten können (neben dem parteilosen Bürgermeister) SPD-Angehörige und Grünen-Politiker ihre Positionen vertreten, während die CDU (stärkste Fraktion) genauso selten (zweimal) wie die FDP zu Wort kommt. Aufgrund der insgesamt ge- ringen Fallzahlen lässt sich daraus aber keine strukturelle Benachteiligung der einen oder anderen Seite ab- lesen. Lediglich ein „Amtsbonus“ des Bürgermeisters dürfte unstrittig sein. Aus Tabelle 60 wird ersichtlich, dass die lokalen Kontroversen ganz überwiegend auch von Akteuren der lokalen Einfluss- und Verantwortungssphäre ausgetragen werden.63 Hinsichtlich der Berichterstattungsqualität ist auch die Zitationsweise der verschiedenen Akteure von Be- deutung (vgl. Tab. 61). Wörtliche (bzw. indirekte) Zitate werden von der Borkener Zeitung am weitaus häu- figsten (37 Aussageträger) eingesetzt, um die konkurrierenden Meinungen wiederzugeben, Paraphrasierun- gen hingegen nur im Ausnahmefall (zweimal). Verortungen ohne eigentliche Äußerungen der Akteure kom- men gar nicht vor. In den Nachrichtensendungen von RADIO WMW werden zu den Borkener Kontroversen nur vier Akteure zitiert; dabei handelt es sich in zwei Fällen um O-Töne und zweimal um indirekte Zitate, also Äuße- rungen, die vom Nachrichtensprecher verlesen werden, ohne dass der Zitierte für den Hörer selbst zu hören ist. Ein weiteres hier untersuchtes Kriterium zur Ausgewogenheit der Berichterstattung ist die Verteilung der Aussageträger auf die verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsgruppen. Aus Tabelle 62 wird ersichtlich, dass der weitaus größte Teil der Aussageträger in den Kontroversen dem politisch-administrativen System entstammt (über 50 %). Danach folgen (mit jeweils vergleichbar geringen absoluten Fallzahlen) Vertreter institutionalisierter gesellschaftlicher Gruppen, Vertreter der Verwaltungsebene sowie „Normalbürger“ und Wirtschaftsvertreter. Aufgrund der insgesamt geringen Fallzahl dürfte lediglich die Zahl politischer Akteure dem allgemeinen Trend (auch über die Kontroversen hinaus) entsprechen. Insgesamt zeichnet sich für den Kommunikationsraum Borken ein sehr klares Bild ab: Die lokale Tageszeitung ist das einzige Medium, in dem sich die Borkener angemessen über Streitstände der Politik in ihrer Stadt in- formieren können. Das Fernsehen leistet diesbezüglich keine nennenswerte Berichterstattung und der Hör- funk berichtet in solch marginalem Umfang, dass selbst eine ergänzende publizistische Funktion nicht an- genommen werden kann. 195 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 62 Berücksichtigt werden hier nur Angehörige des politisch-administrativen Systems. Etwa erwähnte Parteizugehörigkeiten von „Normalbürgern“ oder „Experten“ bleiben unberücksichtigt. 63 Allerdings kommen diese regionalen Akteure fast ausschließlich im Zuge der Amprion-Erdkabel-Kontroverse zu Wort (sechs von insgesamt acht regionalen Akteuren). 196Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Marktplatz - neugestaltung Bürgerwindpark Erdgas-Probe - bohrung Amprion Erdkabel Gesamt Mittelwerte Borkener Zeitung Anzahl wm.tv Anzahl RADIO WMW Anzahl Borken gesamt Anzahl 10 4 1 3 18 4,5 7 3 1 2 13 3,25 0 0 0 1 1 0,25 0 0 0 1 1 0,25 1 1 4 0 6 1,5 1 1 4 0 6 1,5 11 5 5 4 25 6,25 7 4 5 2 17 4,5 Tabelle 55: Anzahl von Beiträgen und Berichtstagen pro Thema und Medium Da an einem Tag zu mehr als einer Kontroverse berichtet werden kann, ist die Gesamtzahl von Berichtstagen zu den Kontroversen nicht gleich der Summe der Berichts- tage zu den Einzelthemen. Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Be it rä ge Be ri ch ts ta ge Tatsachen - betonte Form Interpretierende Form Meinungsbetonte Form Gesamt Borkener Zeitung Anzahl Anzahl Anzahl Anzahl wm.tv RADIO WMW Borken gesamt 13 0 5 18 1 0 0 1 6 0 0 6 20 0 5 25 Tabelle 56: Journalistische Darstellungsformen lokalpolitischer Kontroversen Beitrag rekurriert auf faktisches Ereignis Debatte Gesamt Borkener Zeitung Anzahl Anzahl Anzahl Anzahl wm.tv RADIO WMW Borken gesamt 1 17 18 0 1 1 1 5 6 2 23 25 Tabelle 56: Journalistische Darstellungsformen lokalpolitischer Kontroversen 197 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 20: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen Fünfstufige Skala 1 (= keine argumentative Verknüpfung verschiedener Stellungnahmen) bis 5 (= umfassende argumentative Verknüpfung). Nur Untersuchungseinheiten, die Aussageträger enthalten, keine meinungsbetonten Darstellungsformen. Werte in Klammern hinter den Medientiteln weisen den Median aus. Borkener Zeitung (3) Radio WMW (2) gesamt (3) 1 2 2,75 (n=12) 2,00 (n=4) 2,56 (n=16) 3 4 5 Abbildung 21: Kontexterläuterung in Beiträgen zu kontroversen Themen Fünfstufige Skala 1 (= keine argumentative Verknüpfung verschiedener Stellungnahmen) bis 5 ( = umfassende argumentative Verknüpfung). Nur Untersuchungseinheiten, die Aussageträger enthalten, nur tatsachenbetonte Darstellungsformen. Borkener Zeitung (4) Radio WMW (2,5) gesamt (4) 1 2 4,08 (n=13) 2,30 (n=6) 3,55 (n=19) 3 4 5 198Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 64 Der Bürgermeister wird direkt gewählt (Personenwahl). Der parteilose Kandidat Lührmann erhielt bei der Bürgermeisterwahl 2009 62,6 Prozent der Stimmen. Marktplatzneu - gestaltung Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Bürgerwindpark Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Erdgas- Probebohrung Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Amprion Erdkabel Richtung 1 Richtung 2 Neutral/ vermittelnd Gesamt Borkener Zeitung Anzahl Anzahl Anzahl Anzahl wm.tv Radio WMW Borken gesamt 13 0 8 21 4 3 0 7 0 3 1 4 5 1 1 7 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 0 0 1 0 0 0 0 0 2 1 3 0 0 0 0 14 0 8 22 4 3 0 7 0 5 2 7 5 1 1 7 Tabelle 58: Aussageträger nach Richtung ihrer Äußerung zu kontroversen Themen Partei (Stimmen- anteil Kommunal- wahl 2009 in %) SPD (24,5) CDU (42,2) Grüne (8,4) FDP (10,2) Linke (0) UWG (11,4) Freie Wähler (3,2) Parteilos (0)64 Gesamt Borkener Zeitung Anzahl Anzahl Anzahl Anzahl wm.tv RADIO WMW Borken gesamt 6 2 3 2 0 1 1 6 21 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 1 6 2 3 2 0 1 1 7 22 Tabelle 59: Parteizugehörigkeit von Aussageträgern in Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen (nur Lokalpolitiker berücksichtigt) 199 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Politische Ebene National (Bundesebene) Regional (Landesebene) Lokal (Landkreis, Gemeinde) Trifft nicht zu Gesamt Borkener Zeitung Anzahl Anzahl Anzahl Anzahl wm.tv RADIO WMW Borken gesamt 0 7 27 0 34 0 0 0 0 0 0 1 2 1 4 0 8 29 1 38 Tabelle 60: Politische Ebene von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen Nur politisch-administratives System, Wirtschaftsvertreter, Verwaltungsebene, Interessenvertreter institutionalisierter Gruppen. Zitat (wörtlich oder indirekt) Davon O-Töne (Rundfunk) Paraphrase Nur Nennung mit Positions - zuordnung Gesamt Borkener Zeitung Anzahl Anzahl Anzahl Anzahl wm.tv RADIO WMW Borken gesamt 37 2 0 39 0 0 0 0 0 2 2 2 0 4 39 4 43 Tabelle 61: Form der Zitation von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen 200Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Funktionsgruppe Politisch- administratives System Wirtschafts - vertreter Verwaltungs - ebene (Funktionsträger „nachgeordneter Bedeutung“) Interessen - ver treter institu- tionalisierter Gruppen Wirtschaftlicher Gegenbereich Kultur Experten Normalbürger Gesamt Relative Entropie (Shannons H) Borkener Zeitung Anzahl 0,64 / 0,50 0,64 Anzahl Anzahl Anzahl wm.tv RADIO WMW Borken gesamt 22 2 4 6 0 0 1 4 39 0 0 0 0 0 0 0 0 0 2 1 0 1 0 0 0 0 4 24 3 4 7 0 0 1 4 43 Tabelle 62: Verteilung der Aussageträger in lokalpolitischen Kontroversen auf die verschiedenen gesellschaftlichen Akteurs- gruppen 4.3.4 Zwischenfazit: Lokalpublizistische Angebote im Kommunikationsraum Borken Im Vergleich zu den Kommunikationsräumen Köln und Remscheid fällt ein Fazit für Borken vor dem Hinter- grund des insgesamt geringen Aufkommens an lokalpublizistischen Beiträgen nicht leicht. Die Bewertung wird dadurch erschwert, dass für die Mittelstadt Borken im Vergleich zu Köln und Remscheid eine völlig andere lokalräumliche Ausgangslage gegeben ist als für die Rheinmetropole und die Großstadt Remscheid. Hinter den hier referierten Ergebnissen für die Lokalpublizistik stehen also zu einem erheblichen Teil regional - soziologische Gegebenheiten. Es ist ein Manko der vorliegenden Untersuchung, dass in ihrem Kontext kein Vergleich mit anderen – ähnlich strukturierten Mittelstädten in NRW – erfolgen kann. Davon abgesehen sind einige Ergebnisse so markant, dass sie nicht allein auf die lokalräumlichen Faktoren zurückzuführen sein dürften. Ins Auge springt zunächst die sehr schwache lokalpublizistische Leistung des Nahraumfernsehens. Hier ist der Sendegebietszuschnitt mit sieben Kreisen (Borken, Coesfeld, Steinfurt, Recklinghausen, Wesel, Kleve und Warendorf) sowie der Stadt Münster im Ergebnis für eine lokale Berichterstattung im engeren Sinne höchst unglücklich. Dies wirkt sich für die Stadt Borken so aus, dass sie kaum in den Fokus der Redaktion gerät. Dieses Ergebnis bestätigt sich auch in der Langzeitbeobachtung von acht Wochen. In diesem Zeitraum waren in der Nachrichtensendung „wm.kompakt“ lediglich fünf Beiträge über die Stadt Borken enthalten. wm.tv erfüllt daher als Fernsehprogramm mit regionalem Zuschnitt keine lokalpublizistische Ergänzungsfunktion. Ähnliches gilt für das Hörfunkangebot von RADIO WMW. Zwar ist der Sendegebietszuschnitt mit dem gesamten Kreis Borken deutlich kleinräumiger als beim Nahraumfernsehen, aber immer noch vergleichsweise weit ge- steckt. Dies führt ebenfalls dazu, dass für die Stadt Borken relativ wenig an Berichterstattungsvolumen er- bracht wird (bzw. ggf. erbracht werden kann). Da das entscheidende lokalpublizistische Onlinemedium (der „Ableger“ der Borkener Zeitung) den Inhalt der Tageszeitung spiegelt, ist auch hierüber kein Zuwachs der lokalen Berichterstattung zu verzeichnen. An dieser Stelle könnte diskutiert werden, ob die in der Studie vorgenommene Eingrenzung auf den lokalen Raum überhaupt für eine Stadt von der Größe und dem Einzugsgebiet, wie Borken sie darstellt, sinnvoll ist. Zur Beantwortung dieser Frage müssten allerdings etliche raumsoziologische Fragen geklärt werden, was im Kontext der hier vorliegenden Untersuchung nicht möglich war. Allerdings kann festgehalten werden, dass Borken als Kreisstadt und Mittelstadt mit langer Geschichte und lokaler Identität durchaus einen eigenstän- digen Nahraum konstituiert, der von der Größenordnung her eine lokale Publizistik benötigt und auch evo- ziert. Für diese Publizistik ist die Borkener Bevölkerung nahezu ausschließlich auf ihre lokale Monopolzeitung angewiesen. Der Lokalteil der Borkener Zeitung wird zu einem erheblichen Teil mit Regularien und Veranstaltungshinweisen gefüllt. Die eigentliche journalistische Berichterstattung fokussiert sehr stark auf Berichte über das gesell- schaftliche Alltagsleben (Vereine, Feste etc.). Insgesamt scheinen – aus der Perspektive der Zeitungsinhalte – Kontroversen in Borken eher selten zu sein. Wenn sie auftauchen, finden sie allerdings ihren Niederschlag auch in der Presseberichterstattung, die dann primär eine Forumsfunktion zur Darstellung der kontroversen Standpunkte erfüllt. Es lässt sich im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht klären, ob die Borkener Zeitung Themenfelder vernachlässigt, die bei vorhandener Konkurrenz ihren Weg in die lokale Publizistik fin- den würden. Hierfür gibt es allerdings auch keine Anhaltspunkte. Aufs Ganze gesehen muss konstatiert wer- den, dass die vergleichsweise überschaubare, wenig pointierte und kaum kommentierende Pressepublizistik offenbar weitgehend ein Reflex auf die konfliktarme tatsächliche Ereignislage ist. 201 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 5 Lokale Medien und lokale Kommunikationsräume im Vergleich Im vorherigen Kapitel wurde eine detaillierte Auffächerung der Angebotsstruktur der einzelnen lokalen Me- dien für die drei untersuchten Städte vorgenommen. Nachstehend erfolgt ein standortübergreifender Ver- gleich der zentralen Angebotsstrukturen von Presse und Hörfunk65 sowie eine Gegenüberstellung der lokal- publizistischen Leistung in Köln, Remscheid und Borken. Presse Im Bereich der Tagespresse lassen sich sowohl Übereinstimmungen als auch Abweichungen zwischen den einzelnen Titeln und Standorten feststellen. Bei den drei Kölner Tageszeitungen des Hauses M. DuMont Schau- berg zeigt sich im Hinblick auf die Fläche, die die Rubrik „Lokales“ einnimmt, ein ähnlicher Anteil, wobei der Kölner Stadt-Anzeiger mit fast 26 Prozent eine deutliche Spitzenposition innehat (vgl. Tab. 63). Mit über 20 Prozent liegt auch der General-Anzeiger in Remscheid auf vergleichsweise hohem Niveau in Bezug auf den An- teil der Fläche mit Lokalpublizistik. Deutlich niedriger sind die Werte mit jeweils rund 15 Prozent bei der Ber- gischen Morgenpost und der Borkener Zeitung. BILD Köln hingegen hat mit rund 13 Prozent einen auffallend niedrigen Anteil an lokaler Berichterstattungsfläche und kann unter diesem Aspekt kaum als „Lokalzeitung“ eingestuft werden. Der gesamte Presseumfang, der den Lesern pro Standort zur Verfügung steht, weist er- hebliche, aber naheliegende Unterschiede auf. Während die Zeitungsleser in Köln im 14-tägigen Untersu- chungszeitraum auf über 300 Seiten Lokales finden, sind es in Remscheid lediglich knapp 140 und in Borken nur knapp 66 Seiten (vgl. Abb. 22). Als Indikator für die von den Redaktionen erbrachte journalistische Leis- tung sind die Vermittlungsformen anzusehen (vgl. Tab. 64): Bei allen Zeitungen dominiert der Bericht als vorrangig gewählte journalistische Darstellungsform. Bei den Blättern des Hauses M. DuMont Schauberg füllt diese Form jeweils über 80 Prozent der lokalen Fläche aus. An zweiter Stelle rangiert (mit Ausnahme der BILD) die Rubrik „Service/Regularien“ (Veranstaltungshinweise, Ankündigungen etc.), wobei der Remscheider Ge- neral-Anzeiger hier eine atypische Spitzenposition innehat, denn „Service und Regularien“ nehmen rund 40 Prozent der lokalen Fläche (ohne Sport) ein. Auch die Borkener Zeitung füllt fast 27 Prozent ihres Lokalteils (ohne Sport) mit „Service und Regularien“. Sowohl in Bezug auf die Fläche (vgl. Tab. 64) als auch auf Fälle (vgl. Tab. 65) erweist sich die Tagespresse in Remscheid als vergleichsweise kommentarfreudig. Im Hinblick auf die Themenstruktur ist eine klare Rangfolge in allen Titeln der Abonnementpresse erkennbar: Hier sind es die unpolitischen gesellschaftlichen Themen (das gesellschaftliche Leben in den Verbreitungs- gebieten), die das Gros der Berichterstattung ausmachen. Bei den Boulevardblättern wird genretypisch indes auf Human-Touch-Themen mehr Aufmerksamkeit gerichtet (vgl. Tab. 68). Auch bei der Behandlung kontro- verser Themen werden die genretypischen Unterschiede deutlich: Beide Boulevardblätter zeigen mit weniger als 10 Prozent (der Fläche und der Fälle) die geringste Berücksichtigung dieses Themenfeldes. Im Mittelwert über alle Zeitungen liegt das Verhältnis zwischen Text- und Bildfläche im Lokalteil bei rund 70:30 Prozent, wobei die BILD-Zeitung ihrem Namen entsprechend mit einem Verhältnis von 50:50 hier eine Ausnahme bildet. 202Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 65 Ein Vergleich für das Medium Fernsehen über die drei Standorte kann hier nicht vorgenommen werden, da in Remscheid kein Lokalfernsehen existiert und für Borken das Sendevolumen zu gering ist. 203 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Nicht-Lokales und Anzeigen Lokalberichterstattung insgesamt Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger s = 377,6 Köln. Rundschau s = 464,2 EXPRESS s = 353,5 BILD Köln s = 379,5 Rem. General- Anzeiger s = 351,3 Berg. Morgenpost RS s = 454,2 Borkener Zeitung s = 422,3 74,2 25,8 4,4 21,4 100,0 79,0 21,0 3,8 17,2 100,0 80,4 19,6 3,3 16,3 100,0 86,6 13,4 3,7 9,7 100,0 79,7 20,3 5,2 15,1 100,0 85,5 14,5 5,5 9,0 100,0 84,4 15,6 6,4 9,1 100,0 Tabelle 63: Anteil der Lokalberichterstattung innerhalb der untersuchten Presse nach Seiten (s) ( in Prozent) Basis: Gesamte Zeitungsfläche (in Normseiten) ohne Beilagen Service/Regularien Nachricht/Meldung Bericht/Interview etc. Kommentar/Kritik Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger s = 80,7 Köln. Rundschau s = 80,0 EXPRESS s = 57,6 BILD Köln s = 36,9 Rem. General- Anzeiger s = 53,1 Berg. Morgenpost RS s = 41,1 Borkener Zeitung s = 38,5 10,6 4,1 84,3 1,0 100,0 10,4 8,2 80,0 1,5 100,0 13,3 5,5 81,1 0,1 100,0 2,9 22,6 74,4 0,1 100,0 39,7 7,3 49,6 3,5 100,0 20,2 5,8 71,4 2,6 100,0 26,9 9,6 62,7 0,8 100,0 Tabelle 64: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Presse nach Seiten (s) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung in den untersuchten Zeitungen ohne Sportberichterstattung Abbildung 22: Presseumfang und Lokalberichterstattung im regionalen Vergleich Basis: Presseumfang insgesamt = Untersuchungsvolumen aller Pressetitel einer Region; in Normseiten 0 1800 1600 1400 1200 1000 800 600 400 200 Köln Presseumfang insgesamt 1574,8 315 805,5 137,2 422,3 65,7 Remscheid Borken Lokalberichterstattung 204Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Service/Regularien Nachricht/Meldung Bericht/Interview etc. Kommentar/Kritik Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger n = 513 Köln. Rundschau n = 381 EXPRESS n = 307 BILD Köln n = 165 Rem. General- Anzeiger n = 245 Berg. Morgenpost RS n = 264 Borkener Zeitung n = 196 24,7 18,3 55,2 1,7 100,0 8,9 21,8 65,9 3,4 100,0 19,4 24,3 56,0 0,4 100,0 7,9 38,8 52,7 0,6 100,0 26,9 26,5 40,8 5,7 100,0 28,4 20,5 46,2 4,9 100,0 20,4 32,7 44,9 2,0 100,0 Tabelle 65: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Presse nach Fällen (n) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung in den untersuchten Zeitungen ohne Sportberichterstattung „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger s = 72,1 Köln. Rundschau s = 71,7 EXPRESS s = 49,9 BILD Köln s = 35,9 Rem. General- Anzeiger s = 32,0 Berg. Morgenpost RS s = 32,8 Borkener Zeitung s = 28,1 17,5 13,7 53,6 13,6 1,6 - 100,0 10,3 25,7 46,8 16,5 0,7 - 100,0 8,9 7,3 36,7 46,3 0,9 - 100,0 7,8 11,5 41,5 37,8 1,4 - 100,0 11,9 22,5 60,4 3,1 2,0 - 100,0 19,5 12,5 63,4 3,0 1,6 - 100,0 13,8 7,9 64,9 5,7 7,6 - 100,0 Tabelle 66: Themenstruktur der Lokalberichterstattung in der Presse nach Seiten (s) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung in den untersuchten Zeitungen ohne Sportberichterstattung „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Kölner Stadt- Anzeiger n = 345 Köln. Rundschau n = 347 EXPRESS n = 229 BILD Köln n = 152 Rem. General- Anzeiger n = 179 Berg. Morgenpost RS n = 189 Borkener Zeitung n = 156 13,6 14,5 46,1 22,9 2,9 - 100,0 12,7 21,9 44,7 19,6 1,2 - 100,0 7,0 9,6 34,1 48,9 0,4 - 100,0 9,9 11,2 36,2 40,8 2,0 - 100,0 15,6 22,9 52,5 6,1 2,8 - 100,0 21,7 16,9 53,4 6,9 1,1 - 100,0 9,0 6,4 65,4 14,1 5,1 - 100,0 Tabelle 67: Themenstruktur der Lokalberichterstattung in der Presse nach Fällen (n) (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung in den untersuchten Zeitungen ohne Sportberichterstattung Hörfunk Für den lokalen Hörfunk herrschen an den drei untersuchten Standorten jeweils unterschiedliche Bedingun- gen: In Köln stehen pro Tag acht Stunden lokale Sendezeit zur Verfügung, in Remscheid und Borken sind es jeweils nur fünf Stunden. Hinzu kommt, dass die lokale Option in unterschiedlichem Umfang wahrgenommen wird. Hieraus resultiert, dass die der Analyse zugrunde liegende Programmbasis jeweils differiert. Als weiterer zentraler Unterschied ist festzuhalten, dass der Sendegebietszuschnitt andere Raumdimensionen umfasst. Während Radio Köln sich auf einen mehr oder minder homogenen lokalen Raum richtet, sind es bei Radio RSG zwei Städte und bei RADIO WMW sogar ein gesamter Kreis. Für die beiden letzteren Sender resultiert hieraus, dass auf das einzelne Untersuchungsgebiet (also die Städte Remscheid und Borken) zwangsläufig weniger Sendezeit entfällt. Auf der ersten Ebene der Betrachtung, der Grundstruktur des Gesamtprogramms, zeigen alle drei Sender (mit Bezug auf die relativen Werte) ein ähnliches Muster: Das dominierende Programmelement ist die Musik, die einen Umfang zwischen 61 bis knapp 68 Prozent der Sendezeit aufweist. Der informierende Programmbe- standteil ist am höchsten bei Radio RSG mit fast 23 Prozent, gefolgt von Radio Köln und RADIO WMW mit jeweils knapp 18 Prozent (vgl. Tab. 70). Alle drei Programme haben das Format eines Begleitradios mit der Anmutung einer Servicewelle. Unterschiede für die Hörerschaft ergeben sich erst auf der Ebene der lokalen Berichter- stattung: Absolut und relativ bekommen die Rezipienten in Köln den größten Umfang an lokaler Information geboten. Nimmt man das gesamte Informationsprogramm als Basis, entfallen in Köln auf die lokale Infor- mationsgebung 64 Prozent, in Remscheid sind es knapp 45 Prozent und in Borken rund 24 Prozent. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Rubrik „Nicht-lokales Informationsprogramm“ in Remscheid und Borken auch Informationen mit Bezug auf andere Teile des Sendegebiets beinhaltet. In Köln sind es hingegen weitgehend die nationalen und internationalen Themen. Der vergleichsweise geringe Umfang an „lokaler Information“ – im Sinne der hier verwendeten engen Definition – für die Sender in Remscheid und Borken ist also ein Reflex auf den Sendegebietszuschnitt. Bei den Vermittlungsformen nehmen Servicemeldungen wie Wetter und Verkehr durchgehend große Anteile am lokalen Informationsprogramm ein: Die Werte liegen zwischen knapp 37 Prozent bei Radio Köln und nahezu 78 Prozent bei RADIO WMW (vgl. Tab. 72). Auch Nachrichtensendungen nehmen – zumindest bei Radio Köln mit knapp 40 Prozent und Radio RSG mit knapp 28 Prozent – breiten Raum innerhalb des lokalen Informati- onsprogramms ein. Dagegen fällt die Informationsleistung außerhalb von Nachrichten und Service ab: So finden sich journalistische Darstellungsformen vergleichsweise selten und liegen bei Radio Köln und Radio RSG bei rund 20 Prozent, bei RADIO WMW sogar nur bei 5,3 Prozent. Die Struktur der Vermittlungsformen bei RADIO WMW hebt sich deutlich von den Sendern aus Köln und Rem- scheid ab. Informationen über aktuelles Geschehen werden dem Hörer in Borken kaum vermittelt. Nahezu 80 Prozent der lokalen Informationsleistung bestehen aus Wetterberichten und Verkehrsmeldungen. Der geringe 205 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Kölner Stadt-Anzeiger Kölnische Rundschau EXPRESS BILD Köln Remscheider General-Anzeiger Bergische Morgenpost Remscheid Borkener Zeitung Bildfläche 32,4 34,1 37,3 50,1 26,5 24,5 32,7 Textfläche 67,6 65,9 62,7 49,9 73,5 75,5 67,3 Tabelle 68: Verhältnis Textfläche vs. Bildfläche in der Lokalberichterstattung der Presse im regionalen Vergleich (in Prozent) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattungsseiten in der Borkener Zeitung ohne Sportberichterstattung Anteil an themenbezogenen Meldungen in Nachrichten, Informationsmoderationen oder sonstigen Darstel- lungsformen dürfte zumindest teilweise wiederum auf den Zuschnitt des Sendegebiets zurückzuführen sein. Die Themenagenda wird bei allen drei untersuchten Sendern von unpolitischen gesellschaftlichen Themen dominiert (vgl. Tab. 73). Auch kontroverse Themen haben im Vergleich zu anderen Medien einen hohen Stellen wert: Die Anteile am lokalen Informationsprogramm mit thematischem Bezug bewegen sich zwischen 28,1 Prozent bei Radio Köln und 42,1 Prozent bei RADIO WMW. Human-Touch-Themen spielen – abgesehen vom Kölner Sender – dagegen kaum eine Rolle. Betrachtet man die absoluten Zeiten, fällt RADIO WMW mit einem themenbezogenen lokalen Informationsprogramm von lediglich knapp 37 Minuten in den zwei Unter- suchungswochen deutlich hinter die beiden anderen Sender zurück. 206Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Musik Werbung/Sponsorhinweis Jingles/Trailer Unterhaltung und Regiemoderation Information Gesamt Radio Köln t = 106:00:00 Radio RSG (Remscheid) t = 72:00:00 RADIO WMW (Borken) t = 70:00:00 65,9 8,0 2,6 5,3 18,1 100,0 61,1 6,9 3,9 5,6 22,5 100,0 67,9 8,1 2,0 4,3 17,6 100,0 Tabelle 69: Struktur der untersuchten Hörfunkprogramme (in Prozent) Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum exklusive der Programmanteile der Lokalen Option Nicht-lokales Informationsprogramm Lokalberichterstattung insgesamt Lokale Sportberichterstattung Lokalberichterstattung ohne Sport Lokalberichterstattung ohne Sport und Beitrags - wiederholungen Gesamt Radio Köln t = 22:38:17 Radio RSG (Remscheid) t = 18:30:09 RADIO WMW (Borken) t = 13:10:23 36,0 64,0 2,4 61,6 45,9 100,0 55,4 44,6 3,4 41,3 28,8 100,0 75,7 24,3 3,6 20,8 18,8 100,0 Tabelle 71: Anteil der Lokalberichterstattung am Informationsprogramm der untersuchten Hörfunkprogramme (in Prozent) Basis: Informierendes Programm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum inklusive der Programmanteile der Lokalen Option Musik Werbung/Sponsorhinweis Jingles/Trailer Unterhaltung und Regiemoderation Information Gesamt Radio Köln t = 106:00:00 Radio RSG (Remscheid) t = 72:00:00 RADIO WMW (Borken) t = 70:00:00 69:51:47 8:31:27 2:45:55 5:36:40 19:14:11 106:00:00 43:59:45 4:59:27 2:49:32 4:00:21 16:10:55 72:00:00 47:33:31 5:42:14 1:22:31 3:01:24 12:20:21 70:00:00 Tabelle 70: Struktur der untersuchten Hörfunkprogramme (Zeit absolut) Basis: Gesamtprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum exklusive der Programmanteile der Lokalen Option 207 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Service/Regularien Nachrichtensendungen Informationsmoderation Journalistische Darstellungs- formen Sonstige Informationsformen Gesamt Radio Köln t = 13:56:26 Radio RSG (Remscheid) t = 7:38:04 RADIO WMW (Borken) t = 2:44:08 36,8 39,9 2,8 20,6 - 100,0 50,1 27,8 0,6 21,5 - 100,0 77,6 13,0 4,1 5,3 - 100,0 Tabelle 72: Vermittlungsformen im lokalen Informationsprogramm der untersuchten Hörfunkprogramme (in Prozent) Basis: Lokales Informationsprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum ohne Sportberichterstattung; inklusive der Programmanteile der Lokalen Option „Kontroversen“ Verwaltung Gesellschaft Human Touch Private Lebenswelt Sonstige Themen Gesamt Radio Köln t = 8:48:36 Radio RSG (Remscheid) t= 3:48:48 RADIO WMW (Borken) t = 0:36:45 28,1 10,3 35,1 25,5 1,0 - 100,0 34,6 7,3 53,5 4,6 - - 100,0 42,1 07,2 44,6 6,1 - - 100,0 Tabelle 73: Themenfelder der Lokalberichterstattung der untersuchten Hörfunkprogramme (in Prozent) Basis: Lokales Informationsprogramm des Lokalfunks im Untersuchungszeitraum ohne Sportberichterstattung; inklusive der Programmanteile der Lokalen Option Standorte Ein Vergleich der Lokalpublizistik an den drei untersuchten Standorten im Hinblick auf die Anzahl der Be- richterstattungsthemen zeigt eine deutliche Hierarchie: Der weitaus größte Umfang an Einzelthemen wird von den Medien in Köln generiert. Im 14-tägigen Untersuchungszeitraum sind es 1.110 unterschiedliche The- men, die in allen lokalen Medien zusammengenommen auftauchen. Dagegen fallen Remscheid mit 362 und Borken mit 176 Themen deutlich ab. Die unterschiedlichen Umfänge der Themenagenden sind sicherlich ei- nerseits ein Reflex, der sich aus den Dimensionen der Berichterstattungsregionen ergibt. Je kleinräumiger eine Region ist, umso begrenzter ist naheliegenderweise auch die Themenagenda. Andererseits gibt es auch einen Effekt, der sich durch die Anzahl der Medien ergibt. An allen Standorten ist die Anzahl der exklusiven Einzelthemen (also Themen, über die nur in einem Medium berichtet wird) relativ hoch. Mit anderen Worten: Jedes einzelne Medium bringt (qua Existenz) Themen in die gesamte Berichterstattungsagenda ein, die von keinem anderen Medium behandelt werden. Hieraus lässt sich folgern, dass z.B. ein Rückgang im Zeitungs- angebot in Remscheid (auf eine Monopolzeitung) eine Verringerung der Einzelthemen, über die berichtet wird, zur Folge haben dürfte. Vice versa müsste ein Medienzutritt in Borken zu einer Erweiterung der Einzel- themenberichterstattung führen. Aus dieser Betrachtung lassen sich durchaus weitreichende medienpolitische Konsequenzen ableiten, auf die in Kapitel 7 noch eingegangen wird. 208Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 23: Anzahl der Einzelthemen in der Lokalberichterstattung im regionalen Vergleich (alle Medien insgesamt) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung insgesamt ohne Sportberichterstattung; Presse, Hörfunk und Nahraumfernsehen (nicht in Remscheid) 0 1200 1000 800 600 400 200 Köln 1110 362 176 Remscheid Borken Abbildung 24: Anzahl der exklusiven Einzelthemen in der Lokalberichterstattung im regionalen Vergleich (alle Medien insgesamt) Basis: Redaktionelle Lokalberichterstattung insgesamt ohne Sportberichterstattung; Presse, Hörfunk und Nahraumfernsehen (nicht in Remscheid) 0 1200 1000 800 600 400 200 Köln 1049 351 175 Remscheid Borken 6 Social Media in lokalen Kommunikationsräumen — Ergänzung und Korrektiv zu den klassischen Medien? In Kapitel 4 wurde die lokale Publizistik etablierter (institutionalisierter) Medien (Presse, Hörfunk, Nahraum- fernsehen und Onlineangebote) analysiert. Nachfolgend geht es um die Frage, ob es jenseits dieser Medien- angebote in der Sphäre des Webs Kommunikationsräume gibt, in denen über das lokale Geschehen berichtet oder diskutiert wird? Nutzen Bürger die Möglichkeiten des Webs, um ggf. vorfindbare oder vermutete Defizite der etablierten Lokalpublizistik durch „alternative“ Kommunikationsformen zu ergänzen? Um diese Frage zu beantworten, wurden zwei unterschiedliche Webrecherchen und eine sich anschließende Analyse der „Funde“ durchgeführt: Einerseits wurde grundsätzlich nach dem Vorhandensein von Blogs, Facebook-Seiten etc. ge- sucht, wo entsprechende lokal fokussierte Diskussionen stattfinden könnten. Andererseits wurde gezielt nach Berichten oder Diskussionen über die in der Langzeituntersuchung ermittelten großen Themen in Köln, Rem- scheid und Borken gesucht.66 Die Echtzeitsuche nach nicht-professionellen lokalpublizistischen Angeboten mittels einschlägiger Suchbe- griffe67 hat keine im Sinne der Fragestellung verwertbaren Ergebnisse hervorgebracht. Es handelt sich aus- schließlich um (oftmals redundante) Meldungen von Online-Zeitungen, Presseportalen oder News-Aggrega- toren sowie teilweise um werbliche Angebote. Repräsentativ sei folgende Auswertung des Alerts „borken“ aus dem Zeitraum 04.08. – 09.08.11 (69 Ergebnisse, davon 45-mal Tages- und Online-Zeitungen, 20-mal Pressedienste und -verteiler, 4-mal Sonstiges). Ein Text, in dem das Wort „Borken“ vorkam, wurde demnach im genannten Zeitraum ausschließlich von News-Angeboten, Presseverteilern und vereinzelt von Portalen wie myvideo.de veröffentlicht. Angebote privater Autoren konnten vermittels dieser Recherche nicht gefunden werden. In einem weiteren Analyseschritt wurde das soziale Netzwerk Facebook gezielt in den Blick genommen. Da die Facebook-interne Suchfunktion aufgrund des mangelhaften Algorithmus erfahrungsgemäß nicht ansatz- weise alle vorhandenen Ergebnisse anzeigt, wurde diese nur der Vollständigkeit halber in drei Durchläufen genutzt. Die Suchbegriffe „borken“, „remscheid“ und „köln“ (die Suche sollte hier so offen und unkonkret wie möglich gestaltet sein) lieferte erwartungsgemäß keine relevanten Treffer. Um dennoch auf Facebook- interne Suchergebnisse zu gelangen, wurde die Anweisung „site:facebook.com“ in der normalen Google- Suche mit verschiedenen Phrasen68 benutzt. Die Suche innerhalb des Facebook-Angebotes ergab vor allem Sites, die von Lokalpolitikern, politischen Institutionen und lokalen Interessensgruppen betrieben wurden. Ein Beispiel für privaten bzw nicht-institutionalisierten Bürger-„Journalismus“ ließ sich nicht finden. Im nächsten Schritt wurde die Google-Suche auf das gesamte Web erweitert. Dazu wurden die bereits ge- nannten Phrasen um weitere ergänzt.69 Diese Suche lieferte vereinzelt nicht-institutionalisierte journalisti- sche Angebote (z.B. Blogs), die allerdings von professionellen Journalisten betrieben wurden, d.h. in der Regel handelte es sich um gleichzeitig in klassischen (Online-)Medien publizierte Texte. Als Beispiel sei hier die Website www.weitwinkel-reporter.de der Kölner freien Journalisten Massimo Bognanni, Lenz Jacobsen und Johannes Pennekamp genannt. Zumindest vereinzelt traten in diesem Suchschritt Ergebnisse zu Tage, die grundsätzlich im Sinne der Analyse verwertbar sein könnten. Im Erhebungszeitraum wurden hier allerdings keine relevanten Texte veröffentlicht. 209 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 66 Zur Vorgehensweise bei der Recherche siehe Kapitel 1.3. 67 „Ortsnamen“ [also Köln, Remscheid, Borken] und in Kombination mit dem jeweiligen Orstnamen „... blog“, „...bürger journalismus“, „...blog medien“. 68 Z.B.: „köln site:facebook.com“, „köln bürger site:facebook.com“ u.a. jeweils in Kombination mit allen Ortsnamen. 69 Z.B.: „Köln freie journalist“, „Köln blog“, „Köln bürger nachrichten“, u.a. jeweils in Kombination mit allen Ortsnamen. Die zweite Recherche bezog sich auf Einzelthemen und versprach daher schon zu Beginn relevantere Ergeb- nisse: Statt einer generellen Bestandsaufnahme von Webangeboten mit Lokalbezug, die interessant sein könnten, wurde die Themenliste als Grundlage der Recherche genommen, die sich aus Ergebnissen der vo- rangegangenen Offline-Studien zusammensetzte.70 Als Vorteil dieser Vorgehensweise ist zu nennen, dass ein konkretes Thema auch einen gezielteren Suchmaschinen-Einsatz (auf Seiten der potenziellen Rezipienten, nicht der Verfasser) ermöglicht und so auch diejenigen Angebote aufgefunden werden, die generell über eine geringere (tiefere) Positionierung in den Suchergebnissen verfügen. Zur Veranschaulichung: Ein privat be- triebener Blog, der nicht viel in Suchmaschinenoptimierung investiert und kaum über Vernetzung zu anderen Webangeboten verfügt, wird in einer Suchanfrage wie „köln blog“ von den zahlreichen journalistischen, mar- ketingstrategischen oder werbetreibenden Angeboten mit professionellem Einsatz von Metadaten und einer gezielten und weitreichenden Vernetzung mit anderen publizistischen Angeboten (mit hohem Page Rank) sowie einer deutlich überlegenen Seitentiefe überboten werden. Schreibt aber dieses Blog über das „protest- camp köln rudolfplatz“ (= Suchphrase), steigt die Chance auf Auffindbarkeit, weil es nur noch mit journalis- tischen Angeboten oder vereinzelt mit anderen Blogs und Websites konkurriert. Für die Suche wurden sämtliche in der Themenliste befindlichen Begriffe in unterschiedlichen Kombinationen verwandt, außerdem wurden jeweils die lokalen Medien ausgeschlossen.71 Für jedes Suchergebnis wurden 8 – 10 Trefferseiten gesichtet, was rund 80 – 110 Suchtreffern entspricht. In diesem Analyseteil waren die Ergebnisse stark durch das jeweilige Thema geprägt, wie am Beispiel der The- menagenda am Standort Köln erläutert werden soll: Ging es um klassisch-politische Themen aus der lokalen Verwaltung, um Ämter und Ratsentscheidungen, waren neben den großen Verlagshäusern vor allem politische Institutionen aktiv. Zu den Kölner Themen „Schulentwicklung“ oder „Baudezernent Streitberger“ wurden vor allem Blogs, Facebook-Einträge und Newsticker von Parteien, freien Wählern und Verwaltungseinrich- 210Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 70 Hierzu wurden die in der Langzeitbeobachung als „große Themen“ ermittelten Themen herangezogen; siehe hierzu Kap. 4, jeweils die Unterkapitel „Die Thematisie- rung und journalistische Behandlung kontroverser Themen“. 71 Für das Thema „Köln: Sanierung oder Abriss der Flora“ wurden beispielsweise folgende Abfragen durchgeführt: köln flora abriss OR sanieren -site:wdr.de -site:stadt- koeln.de -site:koeln.de -site:express.de -site:ksta.de -site:rundschau-online.de. köln flora streit OR kontroverse OR diskussion -site:wdr.de -site:stadt-koeln.de - site:koeln.de -site:express.de -site:ksta.de -site:rundschau-online.de 6 Abbildung 25: Screenshot, Texte von weitwinkel-reporter.de vom 12.08.11 tungen gefunden. Themen mit juristischem Hintergrund widmeten sich neben den Kölner Tageszeitungen vor allem Juristen, juristische Beratungsstellen sowie wiederum Parteien und einzelne Amtsträger, beispielsweise bei der „Bettensteuer“. Am meisten involviert schienen Privatpersonen und nicht-institutionelle Gruppen bei kontroversen Themen mit klarer Pro- und Contra-Haltung, wie dem „Protestcamp“ oder „Archäologische Zone/Jüdisches Museum“. Eine Auffälligkeit bei den kontroversen Themen war das verstärkte Aufkommen rechtspopulistischer Thesen und Meinungsmache; neben der NPD und Pro Köln als politischen Institutionen wurden gelegentlich rechtskonservative Blogs gefunden. Diese scheinen in der lokalen Berichterstattung (beispielsweise zu „Flora“, „Godorfer Hafen“ und „Archäologische Zone/Jüdisches Museum“) eine starke Prä- senz inne zu haben, sobald man die klassischen Medien herausfiltert.72 211 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 72 Als Instrument zum Filtern wurde folgende Suchphrase in Kombination mit den eigentlichen Suchbegriffen angewandt: köln OR koeln -site:wdr.de -site:stadt- koeln.de -site:koeln.de -site:express.de -site:ksta.de -site:rundschau-online.de; das Minuszeichen steht hier als Ausschlusskriterium für nachfolgende Adressen. Abbildung 26: Screenshot des rechtspopulistischen Blogs „koelnpost.net“ vom 08.08.11 Abbildung 27: Screenshot des Blogs „Mediendemokratie durch Bürgerjournalismus“, der rechtspopulistische Blogs verlinkt, vom 08.08.11 Exemplarisch für die Verteilung der Angebote zu lokalpolitischen, v.a. städtebaulichen Themen, sei folgender Screenshot zur Suchanfrage „remscheid fusion bildung kultur -site:remscheid.de -site:rga-online.de -site:wa- terboelles.de -site:rp-online.de“ 212Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Abbildung 28: Screenshot vom 11.08.11 Insgesamt verteilten sich die Fundstücke grob in folgende Kategorien: • Nachrichtenportale/PM-Sammlungen • politische Institutionen (Parteien) • politische Personen (als Amtsträger) • politisch motivierte Kampagnen (z.B. Sympathisanten für Kölner Protestcamp) • Vereine und Interessengruppen (z.B. Nichtraucherschutz, Wählergemeinschaft Remscheid W.i.R.) • Umweltschützer (z.B. Erdgas-Probebohrungen) • Werbetreibende • Privatpersonen/Blogger • Journalisten in Zweitverwertung/zur Selbstdarstellung • Juristen • Architekten (z.B. Einkaufszentrum, Windkraftanlagen) • Kirchengruppen (Borkener Josefskirche) • Sonstige Unabhängig von o.g. Einzelpersonen mit bestimmten Funktionen oder Professionen lassen sich einige Gruppen herausarbeiten, die allgemein oder zu bestimmten Themen am häufigsten vertreten sind. Die Bestandsauf- nahme (Recherche-Schritt 1) förderte wiederholt Webangebote zu Tage, die zwar starken Lokalbezug auf- wiesen und strukturell nicht an ein großes Medienhaus geknüpft waren, hinter denen allerdings kommerzielle, i.d.R. deutschlandweit agierende Betreiber standen. Diese Betreiber stellten den Lokalbezug vor allem durch Titel, Domain oder Funktion her, ohne besonders informativ und meinungsbildend tätig zu sein; entweder sammelten sie Artikel klassischer Medien und Pressemitteilungen (z.B. von Behörden, Institutionen, PR- Agenturen) im Sinne reiner oder redaktionell aufbereiteter News-Aggregatoren, oder es handelte sich um Dienste, in denen Nutzer selbst aktiv sein konnten.73 Gerade die lokalen Blogs, hinter denen deutschlandweite kommerzielle Anbieter stehen, sind qualitativ sowie quantitativ (Veröffentlichungsfrequenzen, Anzahl der „Autoren“) nicht relevant und bieten kaum Mehrwert. 213 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 73 Z.B.: „unserort.de“ (Köln-Lindenthal, v.a. Pressemitteilungen der Polizei und der Stadt Köln), „meine-stadt.de“ (v.a. News-Sammlungen anderer Medien), „stadt- menschen“ auf „ksta.de“ (private Blogger, große Themenvielfalt) „myheimat.de“ und „suite101.de“. Abbildung 29: Screenshot von „meinestadt.de“ (Remscheid) vom 08.08.11 Des Weiteren wurden etliche privat betriebene Blogs mit Lokalbezug gefunden. Diese äußern sich auch zu den relevanten Themen, ohne jedoch in Veröffentlichungsfrequenz, thematischer Dichte und inhaltlicher Qualität an klassische Onlinemedien heranzureichen. Eine weitere Gruppe bildeten solche Angebote, die entweder einen auf konkrete Interessen ausgerichteten oder einen politischen Lokalbezug aufwiesen, ohne politische Ämter zu verkörpern.74 Der Übergang zwischen den beiden letztgenannten Gruppen ist teilweise fließend, sowohl was den inhaltli- chen Anspruch als auch die Anzahl der Autoren anbelangt. Einige Betreiber (auch aus der Gruppe der privaten Blogger) kommunizieren die Absicht, als unabhängiges Informationsorgan neben den offiziellen behördlichen Mitteilungen oder Zeitungsinformationen zu fungieren, beispielsweise der Heimatreport Borken: „Es wird viel erzählt, aber es muss nicht immer alles wahr sein! Hier gibt es Wahrheiten, Halbwahrheiten und Geschich- ten, die eigentlich jeder weiß, aber niemand öffentlich darüber spricht. Für aktuelle Informationen gibt es die Borke- ner-Zeitung. Alles andere, aus Raesfeld-Erle, dem Kreis und über die Gemeindegrenzen hinaus, soll eigens hier auf meinem Blog der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.“75 Ein nennenswertes Einzelbeispiel außerhalb der genannten Gruppen bildet das Webangebot „elfnachelf.de“ mit einer täglichen Presseschau sowie einer eigenen wöchentlichen Berichterstattung. Das Angebot wird von zehn freien Journalisten betrieben und richtet sich an „Kölner, die wissen wollen, was in ihrer Stadt passiert“ (http://www.elfnachelf.de/). Hier finden sich mehrere der „großen“ Kölner Lokalthemen, allerdings wurden diese Artikel nicht kritisch aufgearbeitet und bewertet, sondern lediglich in der Presseschau zusammengefasst und mit Medien verlinkt. 214Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 74 Z.B.: „borkener-buerger-blog.de“, „uwgborken.de“ (Unabhängige Wählergemeinschaft), „wir-rs.de“ (Wäh-lergemeinschaft in Remscheid e.V.), garantiert.info (Freie Wähler Köln), „fiftytogo.de“ (News für 50-plus-Nutzer) und „freie-news.de“ (Freie News Köln), „unabs.uni-koeln.de“ („Die Unabhängigen“ der Uni Köln). 75 www.heimatreport.de/impressum/ Abbildung 30: Screenshot von „myheimat.de“ (Köln) vom 08.08.11 Schließlich lassen sich in einer Gruppe noch diejenigen Dienste und Websites zusammen fassen, die tatsäch- lich politisch-institutionell motiviert sind: Facebook-Seiten, Facebook-Gruppen und eigenständige Internet- Auftritte lokaler (Regierungs-)Parteien aller drei Orte. Letztendlich wurde während der gesamten Recherche kein nicht-institutionalisiertes, journalistisch tätiges Webangebot gefunden, das über lokalpolitische Themen anders als mithilfe von Zeitungstexten, Presse- oder PR-Agenturen informiert. Beispiele für alternative Quel- len oder investigativere Recherchen wurden nicht gefunden. Es ist daher anzunehmen, dass ein interessierter Bürger weder umfassende Recherchen über seine Stadt, noch zu einem bestimmten lokalpolitischen Thema außerhalb der etablierten Medien betreiben kann. Eine Meinungsbildung anders als durch Parteien oder Me- dienhäuser scheint auf lokaler Ebene – im Gegensatz zu bundespolitischen Ereignissen – allein durch Blogs und nicht-institutionalisierte Website-Betreiber kaum möglich. 215 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 7 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen Nachfolgend werden die Befunde der vorliegenden Studie zusammenfassend dargestellt. Die Ergebnisse dieser Teiluntersuchungen, die in den obigen Kapiteln detailliert entfaltet wurden, bilden die empirische Basis für die nachfolgenden Kernbefunde und Schlussfolgerungen. Hierbei werden folgende Perspektiven der Betrachtung eingenommen: • Die untersuchten Kommunikationsräume • Köln • Remscheid • Borken • Die lokalen Medienangebote • Tageszeitungen • Hörfunk • Nahraumfernsehen • Onlinemedien • Die Vielfalt der Berichterstattung Wenngleich die jeweilige Perspektive wechselt, richtet sich der Blick stets auf denselben Sachverhalt, nämlich die lokalpublizistische Leistung. Hierdurch entstehen im Text teilweise Redundanzen, die jedoch bewusst in Kauf genommen werden. Die untersuchten lokalen Kommunikationsräume Köln Der lokale Medienmarkt in Köln ist durch eine große strukturelle Vielfalt gekennzeichnet, hinter der allerdings eine starke ökonomische Konzentration des Medienunternehmens M. DuMont Schauberg steht. Somit sind eine hochgradige wirtschaftliche Dominanz innerhalb der Kölner Lokalpublizistik und eine crossmediale Ver- flechtung zu konstatieren. Hieraus resultiert im Kontext der vorliegenden Untersuchung die Frage, ob diese Konzentration eine negative Auswirkung auf die publizistische Vielfalt mit sich bringt. Diese Frage ist auf der Grundlage der vorliegenden Untersuchung klar zu beantworten: > Innerhalb der Kölner Lokalpublizistik lässt sich trotz der wirtschaftlichen Konzentration keine publizis- tische Verengung feststellen. Jedes lokale Medium hat ganz offenbar eine eigenständige und unabhängige Redaktion. So zeigt sich im Binnenvergleich der drei Tageszeitungen aus dem Hause M. DuMont Schauberg derselbe Befund, der bereits im Jahr 2003 zu konstatieren war: Sämtliche Presseerzeugnisse des Verlages bringen eigenständige und redaktionell unabhängig generierte journalistische Produkte hervor. Im Hinblick auf die Onlineangebote der drei Tageszeitungen von M. DuMont Schauberg ist dieser Befund zu differenzieren. Die „Ableger“ der Tageszeitungen haben zwar offenbar eigenständige Onlineredaktionen und generieren partiell auch originäre lokalpublizistische Beiträge, allerdings steht der überwiegende Teil der lokalen Textbeiträge in einem engen Bezug zur jeweiligen Tageszeitung. Inhaltlich wird hier also nur gering- fügig ein zusätzlicher Vielfaltsbeitrag geleistet. Anzumerken ist jedoch, dass die Onlineangebote – je nach Website in unterschiedlichem Maße – einen Zusatznutzen für den Rezipienten erbringen. Zahlreiche online- spezifische Angebote (z.B. Vorlesefunktion, zusätzliche Fotostrecken, Videos, Kommentarfunktion) werden hier zur Verfügung gestellt. Der Beitrag, den Radio Köln zur publizistischen Vielfalt in Köln erbringt, ist gegenüber den Tageszeitungen und den Onlineangeboten vergleichsweise gering. Dies hat nicht im engeren Sinne hörfunktypische, wohl aber formattypische Ursachen. Im Format eines Begleitradios werden grundsätzlich lange Wortstrecken oder 216Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW gar im Programmschema verankerte ausführliche Informationssendungen vermieden. So bleiben als „Ort“ für lokalpublizistische Informationen nur die Lokalnachrichten und eingestreute Informationsmoderationen sowie Korrespondentenberichte. Im Kontext dieser „Formatvorgaben“ leistet Radio Köln durchaus einen nen- nenswerten Beitrag zur publizistischen Vielfalt. Das Angebot von center.tv Heimatfernsehen Köln erbringt ebenfalls einen eigenständigen lokalpublizistischen Beitrag. Dieser ist programmlich primär in der täglichen Nachrichtensendung „heimat kompakt“ zu verorten. Darüber hinaus gibt es auch Magazine und Talk-Formate, in denen zumindest bei „großen“ Themen eine vertiefende publizistische Behandlung erfolgt. Die im ökonomischen Sinne von den Angeboten des Hauses M. DuMont Schauberg gänzlich unabhängige BILD Köln trägt nur vergleichsweise wenig zur lokalpublizistischen Vielfalt bei. Anders verhält es sich mit den beiden Onlinemedien kölnnachrichten und report-k. Auf diesen Websites findet sich ein umfangreiches und lokalpublizistisch beachtliches Angebot. > Über die „großen“ Kontroversen und Debatten können sich Kölner Bürger in den vorhandenen lokalen Medien umfangreich und ausgewogen informieren. Die Aussageträger der „Konfliktparteien“ bekommen hinreichend Gelegenheit, sich in den lokalen Medien zu äußern. Dies gilt grundsätzlich für sämtliche lo- kale Medienangebote. Allerdings berichten hierbei lokale Abonnementpresse und Onlinemedien umfang- reicher, und es kommen mehr Aussageträger zu Wort als im Hörfunk und Nahraumfernsehen. Remscheid Das lokalpublizistische Angebot für die Stadt Remscheid wird eindeutig durch die Tagespresse dominiert. Die beiden konkurrierenden Blätter Remscheider General-Anzeiger und Bergische Morgenpost berichten umfang- reich und jeweils mit einem hohen Anteil an exklusiven Themen über das Geschehen in der Stadt. Der orts- ansässige Verlag gibt seiner Lokalredaktion (General-Anzeiger) im Blatt etwas mehr Raum als der „auswärtige“ Konkurrent (Rheinische Post). Hiervon profitieren im General-Anzeiger allerdings insbesondere Veranstal- tungshinweise, während sich im Bereich der thematischen Berichterstattung die Umfänge wieder nivellieren. Im Unterschied zur Tagespresse in Köln und Borken fällt auf, dass die Remscheider Blätter einen vergleichs- weise hohen Anteil an Kommentaren aufweisen und sich somit bei kontroversen Ereignissen eindeutiger po- sitionieren. Im Hinblick auf die kontroversen Themen gilt, dass beide Zeitungen ausführlich und – bezogen auf das Zu-Wort-kommen der unterschiedlichen Aussageträger – sehr ausgewogen berichten. Die Onlineableger der Tageszeitungen erzeugen keinen lokalpublizistischen Zugewinn, da – von onlinespe- zifischen Abweichungen abgesehen – die Onlineartikel mit denjenigen der Printausgabe weitgehend identisch sind. Eine mediale Bereicherung des lokalpublizistischen Angebots ist jedoch in der Plattform waterboelles.de zu sehen. In dieser Hybridform zwischen Forum und journalistischem Angebot finden interessierte Bürger vor allem vertiefende und ausführliche Hintergrundinformationen. Radio RSG hat zwar einen Sendegebietszuschnitt, der über Remscheid hinausgeht, aber dennoch auch den lokalen Kommunikationsraum der Stadt gut berücksichtigen kann. Wenngleich die formattypischen Beschrän- kungen die Möglichkeiten einer vertiefenden Berichterstattung einschränken, trägt Radio RSG einiges zur publizistischen Vielfalt in Remscheid bei. Neben dem Format der Lokalnachrichten werden – in überschau- barem Umfang – auch andere journalistische Darstellungsformen angeboten. Im intermediären Vergleich muss das Fazit gezogen werden, dass die Tagespresse in Remscheid bei der ge- genwärtigen Struktur der lokalen Medienlandschaft unverzichtbar erscheint und ihre lokalpublizistische Leis- tung durch kein elektronisches Medium – auch nur ansatzweise – substituiert wird. Ob die Konkurrenzsituation im Tageszeitungsbereich unmittelbare Auswirkungen auf die lokalpublizistische Leistung der Blätter hat, kann nicht kausal nachgewiesen werden. Auffallend ist jedoch die vergleichsweise große „Kommentierfreu- digkeit“ der Remscheider Tageszeitungen. Zu beachten ist ferner, dass der Anteil an Exklusivberichterstattung 217 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW (37 bzw. 39 %), den die beiden Tageszeitungen an der Themenagenda erbringen, recht hoch ist. Es erscheint höchst unwahrscheinlich, dass beim Wegfall einer Zeitung die Berichterstattungsleistung des verbleibenden Blattes diesen Umfang kompensieren würde. Es sprechen also einige Indikatoren dafür, dass die lokalpubli- zistische Leistung der Remscheider Presse durch die Konkurrenzsituation befördert wird. Borken Im Vergleich zu den Kommunikationsräumen Köln und Remscheid fällt ein Fazit für Borken vor dem Hinter- grund des insgesamt geringen Aufkommens an lokalpublizistischen Beiträgen nicht leicht. Die Bewertung wird dadurch erschwert, dass für die Mittelstadt Borken im Vergleich zu Köln und Remscheid eine völlig andere lokalräumliche Ausgangslage gegeben ist als für die Rheinmetropole Köln und die Großstadt Remscheid. Hin- ter den hier referierten Ergebnissen für die Lokalpublizistik stehen also zu einem erheblichen Teil regional- soziologische Gegebenheiten. Es ist ein Manko der vorliegenden Untersuchung, dass in ihrem Kontext kein Vergleich mit anderen – ähnlich strukturierten – Mittelstädten in NRW erfolgen kann. Davon abgesehen sind einige Ergebnisse so markant, dass sie nicht allein auf die lokalräumlichen Faktoren zurückzuführen sein dürften. Ins Auge springt zunächst die sehr schwache lokalpublizistische Leistung des Nahraumfernsehens. Hier ist der Sendegebietszuschnitt mit sieben Kreisen (Borken, Coesfeld, Steinfurt, Recklinghausen, Wesel, Kleve und Warendorf) sowie der Stadt Münster im Ergebnis für eine lokale Berichterstattung im engeren Sinne höchst unglücklich. Dies wirkt sich für die Stadt Borken so aus, dass sie kaum in den Fokus der Redaktion gerät. Dieses Ergebnis bestätigt sich auch in der Langzeitbeobachtung von acht Wochen. In diesem Zeitraum waren in der Nachrichtensendung „wm.kompakt“ lediglich fünf Beiträge über die Stadt Borken enthalten. wm.tv er- füllt daher als Fernsehprogramm mit regionalem Zuschnitt keine lokalpublizistische Ergänzungsfunktion. Ähnliches gilt für das Hörfunkangebot von RADIO WMW. Zwar ist der Sendegebietszuschnitt mit dem gesamten Kreis Borken deutlich kleinräumiger als beim Nahraumfernsehen, aber immer noch vergleichsweise weit ge- steckt. Dies führt ebenfalls dazu, dass für die Stadt Borken relativ wenig an Berichterstattungsvolumen er- bracht wird (bzw. ggf. erbracht werden kann). Da das entscheidende lokalpublizistische Onlinemedium (der „Ableger“ der Borkener Zeitung) den Inhalt der Tageszeitung spiegelt, ist auch hierüber kein Zuwachs der lokalen Berichterstattung zu verzeichnen. An dieser Stelle könnte diskutiert werden, ob die in der Studie vorgenommene Eingrenzung auf den lokalen Raum überhaupt für eine Stadt von der Größe und dem Einzugsgebiet, wie sie Borken darstellt, sinnvoll ist. Zur Beantwortung dieser Frage müssten allerdings etliche raum-soziologische Fragen geklärt werden, was im Kontext der hier vorliegenden Untersuchung nicht möglich war. Allerdings kann festgehalten werden, dass Borken als Kreisstadt und Mittelstadt mit langer Geschichte und lokaler Identität durchaus einen eigen- ständigen Nahraum konstituiert, der von der Größenordnung her eine lokale Publizistik benötigt und auch evoziert. Für diese Publizistik ist die Borkener Bevölkerung nahezu ausschließlich auf ihre lokale Monopol- zeitung angewiesen. Der Lokalteil der Borkener Zeitung wird zu einem erheblichen Teil mit Regularien und Veranstaltungshinweisen gefüllt. Die eigentliche journalistische Berichterstattung fokussiert sehr stark auf Berichte über das gesell- schaftliche Alltagsleben (Vereine, Feste etc.). Insgesamt scheinen – aus der Perspektive der Zeitungsinhalte – Kontroversen in Borken eher selten zu sein. Wenn sie auftauchen, finden sie allerdings ihren Niederschlag auch in der Presseberichterstattung, die dann primär eine Forumsfunktion zur Darstellung der kontroversen Standpunkte erfüllt. Es lässt sich im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht klären, ob die Borkener Zeitung Themenfelder vernachlässigt, die bei vorhandener Konkurrenz ihren Weg in die lokale Publizistik fin- den würden. Hierfür gibt es allerdings keine Anhaltspunkte. Aufs Ganze gesehen muss konstatiert werden, dass die vergleichsweise überschaubare, wenig pointierte und kaum kommentierende Pressepublizistik of- fenbar weitgehend ein Reflex auf die tatsächliche konfliktarme Ereignislage ist. 218Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Die lokalen Medienangebote Tageszeitungen Das Leitmedium der lokalen Publizistik ist (nach wie vor) die lokale Abonnementzeitung. Kein anderes lokales Medium informiert umfangreicher und vielfältiger als die seriöse Tagespresse. Keines der elektronischen Me- dien erreicht in Umfang und Berichterstattungstiefe die lokale Abonnementzeitung. Lokaler Hörfunk Der lokale Hörfunk in den Untersuchungsgebieten informiert seine Hörer – insbesondere über die zur halben Stunde ausgestrahlten Lokalnachrichten – über die relevantesten Themen des Tages. In geringem Umfang bietet auch der Hörfunk eine Exklusivberichterstattung und trägt somit zur Verbreiterung des publizistischen Angebots bei. Im Vergleich zur Tagespresse sind Umfang und Berichterstattungstiefe des lokalen Hörfunks jedoch gering. Die „Begrenzungen“ des lokalen Hörfunks – kaum vertiefende Berichterstattung, wenig Hintergrundinfor- mation und so gut wie keine kommentierenden Beiträge – sind nicht medientypisch, sondern vielmehr for- mattypisch. Das Format des lokalen Hörfunks ist dasjenige eines unterhaltungs- und servicebetonten Be- gleitprogramms mit kurzen Wortstrecken. In diesem Musik- und Unterhaltungsteppich bieten primär die zu festen Zeiten ausgestrahlten Lokalnachrichten für den Hörer eindeutig verankerte und erwartbare Informa- tionen. Darüber hinausgehende, eigenständige im Programm verankerte Informationssendungen sind nicht vorhanden. Es entspricht der Medienlogik des Hörfunks, dass er sich über den Tag verteilt an unterschiedliche Auditorien wendet. Dieser Fragmentierung des Publikums folgend wird die Berichterstattung über wichtige Ereignisse über den Tag verteilt wiederholt. Hieraus resultiert eine aufs Ganze gesehen vergleichsweise geringe publi- zistische Leistung originärer Beiträge. Der publizistische Zugewinn, den der Hörfunk im lokalen Kommuni- kationsraum erbringt, kann allenfalls als Ergänzung, nicht jedoch als Ersatz für die lokale Tageszeitung an- gesehen werden. Im Vergleich der untersuchten lokalen Hörfunkprogramme untereinander erbringt Radio Köln für den lokalen Kommunikationsraum im engeren Sinne (die Stadt) die mit Abstand umfangreichste Leistung. Die Rhein - metropole Köln bietet sowohl als Berichterstattungsregion als auch von der Menge des Zielpublikums eine geeignete Größenordnung. Der Sendegebietzuschnitt von Radio RSG ist mit den beiden zentralen Berichter- stattungsorten Remscheid und Solingen sicherlich weniger optimal, aber im Hinblick auf die lokalpublizisti- sche Berichterstattungsleistung für Remscheid immer noch vergleichsweise günstig. In Borken bedingt hingegen das weiträumigere Sendegebiet, dass für den lokalen Raum – die Stadt Borken – wenig Sendezeit und somit Informationsleistung erbracht wird. Nahraumfernsehen Ähnlich wie beim lokalen Hörfunk ist auch die Situation der beiden Nahraumfernsehangebote in Köln und Borken einzuschätzen: Während center.tv Heimatfernsehen Köln eine durchaus beachtliche Berichterstat- tungsleistung für Köln erbringt, ist es in Borken anders. Hier erscheint die auf die Stadt Borken bezogene lokalpublizistische Leistung als eine Quantité négligeable. 219 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Onlinemedien Die Onlineableger der lokalen Tageszeitung erreichen (webspezifisch) ein ähnlich hohes Niveau wie das Mut- termedium. Sie bieten allerdings überwiegend dieselben lokalpublizistischen Beiträge wie die korrespondie- renden Printausgaben. Allerdings erfolgt eine onlinespezifisch angemessene Aufbereitung und Anreicherung, z.B. durch zusätzliche Fotostrecken. Darüber hinaus bieten die Onlinemedien der Tageszeitungen etliche lo- kale Angebote mit Zusatznutzen und die Möglichkeit, über eine thematische Clusterung sowie Verlinkung zu weiteren Beiträgen ein Thema vertiefend zu betrachten. Es gibt (vereinzelt) Onlineangebote, die zu den Websites der lokalen Zeitungen in publizistischer Konkurrenz stehen. Darunter finden sich beachtenswerte und publizistisch hochwertige Angebote. Hier wird auch ein Forum geboten, in dem die Standpunkte der verschiedenen Aussageträger von Kontroversen zu Wort kommen können. Allerdings sind diese Websites teilweise schwerer auffindbar (Findability) als diejenigen der Tages- zeitungen. Aufgrund ihrer Medienlogik haben die Onlineangebote durchaus das Potenzial einer – im Moment noch theo- retischen – Vielfaltsreserve für solche Räume, in denen eine lokalpublizistische Verengung des Angebots be- steht. Dieses Potenzial kommt allerdings in den untersuchten Kommunikationsräumen (noch) nicht zum Tra- gen. Hier herrscht jedoch offenbar – aus der Sicht des lokalen Publikums – auch gegenwärtig kein Bedarf an ergänzenden Onlineangeboten. Innerhalb der Web-2.0-Kommunikation (Social Media) lassen sich kaum Indikatoren dafür finden, dass die Bürger in der etablierten lokalen Publizistik Defizite verspüren. Es gibt in allen drei Untersuchungsgebieten keinen nennenswerten User Generated Content, in dem sich kritisch, kommentierend oder diskutierend über lokale Ereignisse ausgetauscht wird. Eine Ausnahme bilden die Kommentarfunktionen in den „etablierten“ Onlinemedien (also primär den Tageszeitungsablegern). Hierbei handelt es sich aber um Reaktionen auf pro- fessionelle Artikel oder um diesbezügliche Diskurse. Diese Kommunikationsform entspricht mutatis mutandis dem „klassischen“ Leserbrief. Emanzipatorischer Mediengebrauch im Sinne einer publizistischen Ergänzungs- funktion – wie er teilweise im nationalen Bereich existiert – lässt sich hingegen für die Untersuchungsgebiete nicht erkennen. Vielfalt der Berichterstattung > Jedes lokale publizistische Angebot (mit Ausnahme der crossmedialen Onlineangebote der Tageszeitun- gen) hat einen gewissen Anteil an Exklusivberichterstattung und trägt somit zur publizistischen Vielfalt bei. Die Vielfalt an medialen Angeboten ist also grundsätzlich förderlich für die publizistische Vielfalt. Der publizistische Zuwachs ist allerdings medienspezifisch höchst unterschiedlich: Bei Hörfunk und Nah- raumfernsehen ist er verhältnismäßig gering, bei selbstständigen Onlineangeboten und vor allem bei der Tagespresse ist er deutlich höher. > Fast alle lokalen Medien halten sich mit eigenen Positionen – in Form der Kommentierung – sehr zurück. Den Rezipienten wird durch das jeweilige Medium primär ein Forum angeboten, auf dem die unterschied- lichen kontroversen Standpunkte entfaltet werden. Eine Positionierung der lokalen Medien bzw. ihrer Redakteure findet sich hingegen selten. Allerdings ist in der Presse zu beobachten, dass Kommentierungen häufig dem Leser überlassen werden, die sich in Form von Leserbriefen oder in den Foren der Onlineauf- tritte umfangreich zu Wort melden. > Die Agenda der lokalen Publizistik weist – unabhängig von den untersuchten Kommunikationsräumen und Medien – ein klar konturiertes Muster auf: Über wichtige, große kontroverse Ereignisse berichten alle lokalen Medien. Sie stehen an der Spitze der Top-Themen und zeigen medienübergreifend eine große Schnittmenge, d.h. über sie wird zumeist in allen Medien berichtet. In der Berichterstattung scheint es keine Restriktionen durch die Blattlinie bzw. redaktionelle Leitlinien zu geben. 220Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW > Für die Gruppe der großen kontroversen Themen lassen sich unabhängig von den strukturellen Bedingun- gen in den unterschiedlichen Kommunikationsräumen keine vielfaltsbegrenzenden Faktoren ausmachen. > Das quantitativ bedeutendste Berichterstattungsfeld der lokalen Medien ist das gesellschaftliche Leben der Stadt. Das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen des Kommunikationsraums steht im Mit- telpunkt des redaktionellen Interesses. In dieser Themengruppe gibt es die größten Abweichungen bei den Agenden der Einzelmedien. Die Selektionsentscheidungen sind hierbei einerseits genretypisch (Boule vardpresse vs. Abonnementpresse) und andererseits medientypisch (Rundfunk vs. Abonnement- presse) bedingt. > Grundsätzlich gilt, je umfangreicher das strukturelle Angebot ist, desto größer ist die Chance für das Publikum, durch die Rezeption mehrerer Medien auch einen Zuwachs an Information zu erhalten. Dieses Ergebnis ist nur scheinbar banal, denn es ist auch ein Votum dafür, am Primat der strukturellen Pluralität als Garant für lokalpublizistische Vielfalt festzuhalten. Hierbei scheint es allerdings nicht zwangsläufig erforderlich – wie das Beispiel Köln zeigt –, dass sich die strukturelle Vielfalt auch in den ökonomischen Eigentumsverhältnissen widerspiegelt. Dennoch erscheint aus demokratietheoretischer Perspektive eine ökonomische Konzentration dann problematisch, wenn die crossmediale Diversifikation den einzigen Vielfaltsfaktor darstellt. Ohne Zweifel zeigt das Beispiel der Onlineableger der lokalen Tageszeitungen, dass es auch zu reinen Zweitverwertungsstrategien kommen kann, die dann lediglich eine Scheinvielfalt erzeugen. > Vor diesem Hintergrund erscheint das medienpolitische Bemühen, strukturelle Vielfalt sowohl medial als auch ökonomisch zu erhalten bzw. zu schaffen, nicht obsolet. Grundsätzlich ist hierbei der medialen An- gebotsvielfalt der Vorrang vor der Verhinderung ökonomischer Konkurrenz zu geben. Mit anderen Worten: Ein Mehr an Medienangeboten erzeugt i.d.R. auch dann einen Zuwachs an lokalpublizistischer Vielfalt, wenn diese Medien ökonomisch lediglich die Diversifikation eines Unternehmens darstellen. Beim Vor- liegen einer solchen Konstellation, also medienstruktureller Vielfalt bei gleichzeitiger ökonomischer Konzentration, muss dann allerdings auf die Verhinderung vielfaltsbegrenzender Faktoren – z.B. den Er- halt eigenständiger Redaktionen – geachtet werden. Welche vielfaltssichernden Maßnahmen für Presse und Onlinemedien sinnvollerweise und im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten ergriffen werden kön- nen, wäre zu diskutieren. Im privaten Rundfunk (Hörfunk wie Fernsehen) sind bereits jetzt Normsetzungen im Lizenzierungsverfahren möglich, die einen bestimmten Umfang an lokalpublizistischer Leistung ein- fordern. 221 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW 8 Literatur Bonfadelli, Heinz/Boller, Boris/Schwarb, Ursula/Widmer, Jean (2003): Publizistische Vielfalt im Lokalbereich. Informationssendungen ausgewählter Radio- und Fernsehveranstalter im Vergleich. Unveröffentlichter Schlussbericht. Zürich. Bonfadelli, Heinz/Schwarb, Ursula (2006): Medienkonzentration und publizistische Vielfalt. In: Bonfadelli, Heinz/Meier, Werner A./Trappel, Josef (Hrsg.): Medienkonzentration Schweiz. Formen, Folgen, Regulie- rung. Bern, Stuttgart, Wien. S. 21-40. Haller, Michael/Mirbach, Thomas (1995): Medienvielfalt und kommunale Öffentlichkeit. München. Heinrich, Jürgen (1996): Qualitätswettbewerb und/oder Kostenwettbewerb im Mediensektor? In: Rundfunk und Fernsehen, Jg. 44, Nr. 2, S. 165-184. Heyen, Angelika (2001): Programmstrukturen und Informationsangebote im Radio. Ergebnisse und Erfah- rungen aus sechs Jahren Programmforschung der TLM. In: Rössler, Patrick/Vowe, Gerhard/Henle, Victor (Hrsg.): Das Geräusch der Provinz – Radio in der Region. Festschrift 10 Jahre TLM. München, S. 135-157. Jarren, Otfried (1992): Publizistische Vielfalt durch lokale und sublokale Medien? Inter-Media-Agenda-Buil- ding – Ein Systemansatz zur Realanalyse von Medienleistungen im lokalen Raum. In: Rager, Günther/Weber, Bernd (Hrsg.): Publizistische Vielfalt zwischen Markt und Politik. Mehr Medien – mehr Inhalte? Düsseldorf, Wien, New York, Moskau, S. 65-84. Knoche, Manfred (1999): Medienkonzentration und publizistische Vielfalt. Legitimationsgrenzen des privat wirtschaftlichen Systems. In: Renger, Rudi/Siegert, Gabriele (Hrsg.): Kommunikationswelten. Wissen- schaftliche Perspektiven zur Medien- und Kommunikationsgesellschaft. Innsbruck/Wien, S. 123-158. Knoche, Manfred/Schulz, Winfried (1969): Folgen des Lokalmonopols von Tageszeitungen. In: Publizistik, Jg. 14, S. 298-310. Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) (2010): Auf dem Weg zu einer medien übergreifenden Vielfaltssicherung. Bericht der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medien- bereich (KEK) über die Entwicklung der Konzentration und über Maßnahmen zur Sicherung der Meinungs- vielfalt im privaten Rundfunk. Berlin (Schriftenreihe der Landesmedienanstalten; Bd. 45). Neuberger, Christoph/Lobigs, Frank (2010): Die Bedeutung des Internets im Rahmen der Vielfaltssicherung. Gutachten im Auftrag der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK). Hrsg.: Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland (ALM). Berlin (Schrif- tenreihe der Landesmedienanstalten; Bd. 43). Noelle-Neumann, Elisabeth/Ronneberger, Franz/Stuiber, Heinz-Werner (Hrsg.) (1976): Streitpunkt lokales Pressemonopol. Düsseldorf. Publicom AG (2003): Programmstrategien in der schweizerischen Radiolandschaft. Schlussbericht. Kilch- berg. Rager, Günther (1981): Publizistische Vielfalt in der Region? Ein inhaltsanalytischer Vergleich regionaler Tageszeitungen und des Kurpfalz-Radios. In: Media Perspektiven, Nr. 3, S. 224-239. 222Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Schatz, Heribert/Schulz, Winfried (1992): Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen Fernsehsystem. In: Media Perspektiven, Nr. 11, S. 690-712. Schwarb, Ursula/Bonfadelli, Heinz (2006): Publizistische Vielfalt in Regionen. Vergleichende Befunde aus Inhaltsanalysen. In: Bonfadelli, Heinz/Meier, Werner A./Trappel, Josef (Hrsg.): Medienkonzentration Schweiz. Formen, Folgen, Regulierung. Bern, Stuttgart, Wien, S. 159-173. Schweiger, Wolfgang (2010): Informationsnutzung online: Informationssuche, Selektion, Rezeption und Usability von Onlinemedien. In: Schweiger, Wolfgang/Beck, Klaus (Hrsg.): Handbuch Online-Kommunika- tion. Wiesbaden, S. 184-210. tofer, Werner (1975): Auswirkungen der Alleinstellung auf die publizistische Aussage der „Wilhelmshavener Zeitung“. Nürnberg. Trappel, Josef/Meier, Werner A./Schrappe, Klaus/Wölk, Michaela (2002): Die gesellschaftlichen Folgen der Medienkonzentration. Veränderungen in den demokratischen und kulturellen Grundlagen der Gesellschaft. Opladen. Trebbe, Joachim (1996): Der Beitrag privater Lokalradio- und Lokalfernsehprogramme zur publizistischen Vielfalt. Eine Pilotstudie am bayerischen Sendestandort Augsburg. München. Trebbe, Joachim/Weiß, Hans-Jürgen (1997): Lokale Thematisierungsleistungen. Der Beitrag privater Rund- funkprogramme zur publizistischen Vielfalt in lokalen Kommunikationsräumen. In: Bentele, Günter/Haller, Michael (Hrsg.): Aktuelle Entstehung von Öffentlichkeit. Akteure – Strukturen – Veränderungen. Konstanz, S. 445-465. Volpers, Helmut/Salwiczek, Christian/Schnier, Detlef (2003): Inhaltsanalyse – Kommunikationsangebote in lokalen Medienlandschaften. In: Pätzold, Ulrich/Röper, Horst/Volpers, Helmut (Hrsg.): Strukturen und An- gebote lokaler Medien in Nordrhein-Westfalen. Opladen (Schriftenreihe der LfM NRW; Bd. 47), S. 147-324. Volpers, Helmut/Schnier, Detlef/Bernhard, Uli (2011): Nahraumfernsehen in Nordrhein-Westfalen. Pro- grammanalyse von center.tv Heimatfernsehen Köln, center.tv Heimatfernsehen Düsseldorf und STUDIO 47 Stadtfernsehen Duisburg. Bericht zum Monitoring 2010. Köln (im Auftrag der LfM). Weber, Bernd (1992): Medienkonzentration, Marktzutrittschancen und publizistische Vielfalt. In: Rager, Günther/Weber, Bernd (Hrsg.): Publizistische Vielfalt zwischen Markt und Politik. Mehr Medien – mehr Inhalte? Düsseldorf, Wien, New York, Moskau, S. 251-270. Weiß, Hans-Jürgen/Trebbe, Joachim (1994): Öffentliche Streitfragen in privaten Fernsehprogrammen. Zur Informationsleistung von RTL, SAT1 und PRO7. Opladen (Schriftenreihe Medienforschung der LfR; Bd. 15) Welker, Martin u.a. (2010): Die Online-Inhaltsanalyse: methodische Herausforderung, aber ohne Alternative. In: Welker, Martin/Wünsch, Carsten (Hrsg.): Die Online-Inhaltsanalyse. Forschungsobjekt Internet. Köln (Neue Schriften zur Online-Forschung; Bd. 8), S. 9-30. Woldt, Runar (1992): Probleme der Messung von Vielfalt. In: Rager, Günther/Weber, Bernd (Hrsg.): Publizis- tische Vielfalt zwischen Markt und Politik. Mehr Medien – mehr Inhalte? Düsseldorf, Wien, New York, Moskau, S. 186-211. 223 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen Abbildung 1: Anteile der Lokalberichterstattung einzelner Zeitungen an der gesamten 146 Lokalberichterstattung der Presse in Köln (in Prozent) Abbildung 2: Grundstruktur des Gesamtangebots von Radio Köln (in Prozent) 148 Abbildung 3: Anteil der Themen pro Medium an der Gesamtagenda (in Prozent) 156 Abbildung 4: Anteil der Exklusivberichterstattung einzelner Medien 156 am gesamten Themenpool (in Prozent) Abbildung 5: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen 164 Abbildung 6: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu kontroversen Themen 164 Abbildung 7: Kontexterläuterung in Beiträgen zu kontroversen Themen 165 Abbildung 8: Relative Entropie (Shannons H) – Verteilung der Aussageträger auf die 170 Funktionskategorien Abbildung 9: Anteile der Lokalberichterstattung einzelner Zeitungen an der gesamten Lokalbericht 176 erstattung der Presse in Remscheid (in Prozent) Abbildung 10: Grundstruktur des Gesamtangebots von Radio RSG (in Prozent) 177 Abbildung 11: Anteil der Themen pro Medium an der Gesamtagenda (in Prozent) 180 Abbildung 12: Anteil der Exklusivberichterstattung einzelner Medien am gesamten Themenpool 181 (in Prozent) Abbildung 13: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen 187 Abbildung 14: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu kontroversen Themen 187 Abbildung 15: Kontexterläuterung in Beiträgen zu kontroversen Themen 188 Abbildung 16: Relative Entropie (Shannons H) – Verteilung der Aussageträger auf die Funktions - 190 kategorien Abbildung 17: Grundstruktur des Gesamtangebots von RADIO WMW (in Prozent) 195 Abbildung 18: Anteil der Themen pro Medium an der Gesamtagenda (in Prozent) 197 Abbildung 19: Anteil der Exklusivberichterstattung einzelner Medien am gesamten Themenpool 198 (in Prozent) Abbildung 20: Argumentationskomplexität von Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen 202 Abbildung 21: Kontexterläuterung in Beiträgen zu kontroversen Themen 202 Abbildung 22: Presseumfang und Lokalberichterstattung im regionalen Vergleich 208 Abbildung 23: Anzahl der Einzelthemen in der Lokalberichterstattung im regionalen Vergleich 213 (alle Medien insgesamt) Abbildung 24: Anzahl der exklusiven Einzelthemen in der Lokalberichterstattung 213 im regionalen Vergleich (alle Medien insgesamt) Abbildung 25: Screenshot, Texte von weitwinkel-reporter.de vom 12.08.11 215 Abbildung 26: Screenshot des rechtspopulistischen Blogs „koelnpost.net“ vom 08.08.11 216 Abbildung 27: Screenshot des Blogs „Mediendemokratie durch Bürgerjournalismus“, 216 der rechtspopulistische Blogs verlinkt, vom 08.08.11 Abbildung 28: Screenshot vom 11.08.11 217 Abbildung 29: Screenshot von „meinestadt.de“ (Remscheid) vom 08.08.11 218 Abbildung 30: Screenshot von „myheimat.de“ (Köln) vom 08.08.11 219 224Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tabelle 1: Anteile der Lokalberichterstattung innerhalb der untersuchten Presse nach Seiten (s) 141 (in Prozent) Tabelle 2: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Presse nach Seiten (s) 141 und Fällen (n) (in Prozent) Tabelle 3: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung der Presse in Köln – 142 Bildfläche vs. Textfläche (in Prozent) Tabelle 4: Themenstruktur der Lokalberichterstattung der Presse in Köln nach Seiten (s) 142 und nach Fällen (n) (in Prozent) Tabelle 5: Struktur des Programms von Radio Köln 143 Tabelle 6: Anteil der Lokalberichterstattung am Informationsprogramm von Radio Köln 143 Tabelle 7: Vermittlungsformen im lokalen Informationsprogramm von Radio Köln 144 Tabelle 8: Themenfelder der Lokalberichterstattung von Radio Köln 144 Tabelle 9: Grundstruktur des Gesamtprogramms von center.tv Heimatfernsehen Köln 145 Tabelle 10: Grundstruktur des redaktionellen Gesamtprogramms 145 von center.tv Heimatfernsehen Köln – Montag bis Sonntag Tabelle 11: Grundstruktur des redaktionellen Gesamtprogramms 146 von center.tv Heimatfernsehen Köln – Montag bis Freitag Tabelle 12: Grundstruktur des redaktionellen Gesamtprogramms 146 von center.tv Heimatfernsehen Köln – Samstag Tabelle 13: Grundstruktur des redaktionellen Gesamtprogramms 146 von center.tv Heimatfernsehen Köln – Sonntag Tabelle 14: Durchschnittlicher täglicher Umfang des originären redaktionellen Programms 146 mit Lokalbezug von center.tv Heimatfernsehen Köln Tabelle 15: Journalistische Darstellungsformen im lokalen Informationsprogramm 147 von center.tv Heimatfernsehen Köln Tabelle 16: Themenspekrum im lokalen Informationsprogramm 147 von center.tv Heimatfernsehen Köln Tabelle 17: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung auf die lokalen Medien 151 Tabelle 18: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung in Kombination mit den verschiedenen lokalen Medien 152 Tabelle 19: Anzahl von Beiträgen und Berichtstagen pro Thema und Medium 158 Tabelle 20: Journalistische Darstellungsformen lokalpolitischer Kontroversen 158 Tabelle 21: Faktizität der Berichtsanlässe über lokalpolitische Kontroversen 158 Tabelle 22: Aussageträger nach Richtung ihrer Äußerung zu kontroversen Themen 160 Tabelle 23: Parteizugehörigkeit von Aussageträgern in Beiträgen zu lokalpolitischen Kontroversen 162 Tabelle 24: Politische Ebene von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen 163 Tabelle 25: Form der Zitation von Aussageträger in lokalpolitischen Kontroversen 163 Tabelle 26: Verteilung der Aussageträger in lokalpolitischen Kontroversen 164 auf die verschiedenen gesellschaftlichen Akteursgruppen Tabelle 27: Anteil der Lokalberichterstattung innerhalb der untersuchten Presse (in Prozent) 170 Tabelle 28: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung der Presse 171 nach Seiten (s) und Fällen (n) (in Prozent) Tabelle 29: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung der Presse in Remscheid – 171 Bildfläche vs. Textfläche (in Prozent) Tabelle 30: Themenstruktur der Lokalberichterstattung der Presse in Remscheid 171 nach Seiten (s) und nach Fällen (n) (in Prozent) Tabelle 31: Struktur des Programms von Radio RSG 173 Tabelle 32: Anteil der Lokalberichterstattung am Informationsprogramm von Radio RSG 173 Tabelle 33: Vermittlungsformen im lokalen Informationsprogramm von Radio RSG 173 Tabelle 34: Themenfelder der Lokalberichterstattung von Radio RSG 173 Tabelle 35: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung auf die lokalen Medien 175 Tabelle 36: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung in Kombination 176 mit den verschiedenen lokalen Medien 225 Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW Tabelle 37: Anzahl von Beiträgen und Berichtstagen pro Thema und Medium 181 Tabelle 38: Journalistische Darstellungsformen lokalpolitischer Kontroversen 181 Tabelle 39: Faktizität der Berichtsanlässe über lokalpolitische Kontroversen 182 Tabelle 40: Aussageträger nach Richtung ihrer Äußerung zu kontroversen Themen 183 Tabelle 41: Parteizugehörigkeit von Aussageträgern in Beiträgen zu lokalpolitischen 184 Kontroversen (nur Lokalpolitiker berücksichtigt) Tabelle 42: Politische Ebene von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen 184 Tabelle 43: Form der Zitation von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen 184 Tabelle 44: Verteilung der Aussageträger in lokalpolitischen Kontroversen 185 auf die verschiedenen gesellschaftlichen Akteursgruppen Tabelle 45: Anteil der Lokalberichterstattung in der Borkener Zeitung 189 Tabelle 46: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Borkener Zeitung 189 nach Seiten (s) und Fällen (n) (in Prozent) Tabelle 47: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Borkener Zeitung – 189 Bildfläche vs. Textfläche (in Prozent) Tabelle 48: Themenstruktur der Lokalberichterstattung in der Borkener Zeitung 189 nach Seiten (s) und nach Fällen (n) (in Prozent) Tabelle 49: Struktur des Programms von RADIO WMW 191 Tabelle 50: Anteil der Lokalberichterstattung am Informationsprogramm von RADIO WMW 191 Tabelle 51: Vermittlungsformen im lokalen Informationsprogramm von RADIO WMW 191 Tabelle 52: Themenfelder der Lokalberichterstattung von RADIO WMW 191 Tabelle 53: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung auf die lokalen Medien 192 Tabelle 54: Verteilung der Einzelthemenberichterstattung in Kombination 193 mit den verschiedenen lokalen Medien Tabelle 55: Anzahl von Beiträgen und Berichtstagen pro Thema und Medium 196 Tabelle 56: Journalistische Darstellungsformen lokalpolitischer Kontroversen 196 Tabelle 57: Faktizität der Berichtsanlässe über lokalpolitische Kontroversen 196 Tabelle 58: Aussageträger nach Richtung ihrer Äußerung zu kontroversen Themen 198 Tabelle 59: Parteizugehörigkeit von Aussageträgern in Beiträgen zu lokalpolitischen 198 Kontroversen (nur Lokalpolitiker berücksichtigt) Tabelle 60: Politische Ebene von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen 199 Tabelle 61: Form der Zitation von Aussageträgern in lokalpolitischen Kontroversen 199 Tabelle 62: Verteilung der Aussageträger in lokalpolitischen Kontroversen 200 auf die verschiedenen gesellschaftlichen Akteursgruppen Tabelle 63: Anteil der Lokalberichterstattung innerhalb der untersuchten Presse 203 nach Seiten (s) ( in Prozent) Tabelle 64: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Presse 203 nach Seiten (s) (in Prozent) Tabelle 65: Vermittlungsformen der Lokalberichterstattung in der Presse 204 nach Fällen (n) (in Prozent) Tabelle 66: Themenstruktur der Lokalberichterstattung in der Presse nach Seiten (s) (in Prozent) 204 Tabelle 67: Themenstruktur der Lokalberichterstattung in der Presse nach Fällen (n) (in Prozent) 204 Tabelle 68: Verhältnis Textfläche vs. Bildfläche in der Lokalberichterstattung der Presse 205 im regionalen Vergleich (in Prozent) Tabelle 69: Struktur der untersuchten Hörfunkprogramme (in Prozent) 206 Tabelle 70: Struktur der untersuchten Hörfunkprogramme (Zeit absolut) 206 Tabelle 71: Anteil der Lokalberichterstattung am Informationsprogramm der untersuchten 206 Hörfunkprogramme (in Prozent) Tabelle 72: Vermittlungsformen im lokalen Informationsprogramm der untersuchten 207 Hörfunk programme (in Prozent) Tabelle 73: Themenfelder der Lokalberichterstattung der untersuchten Hörfunkprogramme 207 (in Prozent) 226Struktur und publizistische Qualität im lokalen Medienmarkt NRW

Materialien und Publikationen

Forschung

Vertrauen in Inhalte. Das Potential von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien : Wie kann das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in die Inhalte digitaler Medien gestärkt werden? Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft fand vom 9. bis zum 11. Mai 2007 in Leipzig eine Medienexpertenkonferenz zu diesem Thema statt. Der vorliegende Band dokumentiert die Papiere, die zur Vorbereitung der Konferenz erstellt wurden, und enthält sowohl die Schlussfolgerungen der deutschen Ratspräsi- dentschaft als auch Ergebnisse und Handlungsperspektiven aus wissenschaftlicher Sicht. Schwerpunkte sind die Fragen, wie durch Online-Angebote die Entwicklung von Kindern gefördert werden kann, welche Angebote im Internet zu Vertrauen in Inhalte und zur Vielfalt beitragen und welche Potenziale Selbst- und Ko-Regulierung bei digita len Medien aufweisen. ❯ Dr. Wolfgang Schulz Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg ❯ Dr. Thorsten Held Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg Mit Unterstützung der Europäischen Kommission ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,- (D) Mehr Vertrauen in Inhalte 59 Sc hu lz /H el d (H rs g. ) M eh r Ve rt ra ue n in I nh al te ❯❯❯ Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 59 Wolfgang Schulz, Thorsten Held (Hrsg.) Ab b. © G et ty I m ag es RZ_LfM-Bd_59:. 30.05.2008 14:43 Uhr Seite 1 Wolfgang Schulz, Thorsten Held (Hrsg.) Mehr Vertrauen in Inhalte Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen Band 59 Wolfgang Schulz, Thorsten Held (Hrsg.) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien Publikation im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen und des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien mit Unterstützung der Europäischen Kommission Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Rechtlicher Hinweis: Der Inhalt dieser Publikation wurde unter alleiniger Verantwortung der Autoren erstellt und gibt nicht unbedingt die Meinung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), der Europäischen Kommission oder der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) wieder. Weder der BKM noch die Europäische Kommission oder die LfM können im Falle des Gebrauchs der folgenden Informationen verantwort- lich gemacht werden. Herausgeber der Schriftenreihe: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) Zollhof 2 40221 Düsseldorf Tel.: 0211 / 770 07 – 0 Fax: 0211 / 72 71 70 E-Mail: info@lfm-nrw.de Internet: www.lfm-nrw.de Copyright © 2008 by Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Düsseldorf Verlag: VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 10781 Berlin Tel.: 030 / 32 70 74 46 Fax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Alle Rechte vorbehalten ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-479-8 Umschlaggestaltung: disegno visuelle kommunikation, Wuppertal Satz: Schriftsetzerei – Karsten Lange, Berlin Druck: Bosch-Druck, Landshut Vorwort Online-Medien sind in Europa inzwischen integraler Bestandteil unserer Lebens- welt. Das seit den Anfangsjahren des Internets verfolgte Ziel, allen Menschen den technischen Zugang zu den neuen Medien zu ermöglichen, ist inzwischen weitgehend erreicht. Die Bemühungen der Europäischen Union (EU) und ihrer Mitgliedstaaten liegen daher nun verstärkt darin, die Nutzerinnen und Nutzer zu befähigen, die für sie relevanten Angebote zu finden und kritisch beurteilen zu können. Insbesondere mit ihren Safer Internet Programmen verfolgt die EU auf der Basis unterschiedlicher Maßnahmen die Ziele, die Bürgerinnen und Bürger für die Risiken und Chancen des Internets zu sensibilisieren, problema- tische Inhalte zu minimieren sowie technische Schutzmaßnahmen und Be- schwerdemöglichkeiten zu verbessern. Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft fand vom 9. bis 11. Mai 2007 eine EU-Medienexpertenkonferenz zu dem Thema „Mehr Vertrauen in Inhalte – das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien“ statt, in die 250 Medienexperten aus allen EU-Mitgliedstaaten ihre Expertise eingebracht haben. In Fortführung der Fachkonferenzen vorhergehender EU- Ratspräsidentschaften sollten auf dem Expertenseminar Wege zur Sicherung von Vertrauen in Online-Angebote und zur Gewährleistung von Vielfalt in den digitalen Medien aufgezeigt werden. Auf der Grundlage dieses inhaltlichen Ansatzes befassten sich zwei Arbeitsgruppen mit der Medienkompetenzvermitt- lung bei Kindern und Erwachsenen sowie mit der Frage, wie die Existenz ver- lässlicher und vielfältiger Informationen in der digitalen Welt gesichert werden kann. Zwei weitere Arbeitsgruppen konzentrierten sich auf die Fragestellungen, welche Instrumente der Selbstregulierung sich bewährt haben und welches Potenzial die Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten hat. Die Diskussion und die Ergebnisse der Konferenz, die der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in enger Zusammenarbeit und mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Kommission und der Landes- anstalt für Medien Nordrhein-Westfalen veranstaltet hat, werden in der vor- liegenden Publikation dokumentiert. Die wissenschaftliche Vorbereitung und Begleitung der Konferenz übernahmen das Hans-Bredow-Institut für Medien- forschung an der Universität Hamburg und das Institut für Europäisches Medien- recht. Weitere Unterstützung erfuhr die Konferenz durch die Kommission für Jugendmedienschutz, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Kulturstif- tung des Bundes und den Freistaat Sachsen. Sie alle haben dazu beigetragen, die Diskussion über Möglichkeiten zur Stärkung des Vertrauens in Online- Angebote fortzuführen und den Weg für die weitere Auseinandersetzung mit der Thematik zu bereiten. Bernd Neumann, MdB Professor Dr. Norbert Schneider Beauftragter der Bundesregierung Direktor der Landesanstalt für Medien für Kultur und Medien, Nordrhein-Westfalen Staatsminister bei der Bundeskanzlerin 6 Inhalt Vertrauen in die Inhalte digitaler Medien – Eine Aufgabe für Gesellschaft und Staat Wolfgang Schulz /Thorsten Held . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 AG 1: Vertrauen und Medienkompetenz durch kindgerechte Inhalte: Wie können mehr Angebote für Kinder geschaffen werden? Eine Bestandsaufnahme der Möglichkeiten für vorteilhafte, kindgerechte Online-Ressourcen: Die Gesichtspunkte Vertrauen, Risiken und Medienkompetenz Sonia Livingstone . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Schlussfolgerungen aus der AG 1 Sonia Livingstone/Bojana Lobe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 AG 2: Vertrauenswürdige Anbieter: Wer bietet verlässliche und vielfältige Informationen in der digitalen Welt, und wie finden Nutzer den Zugang zu diesen Informationen? Wer bietet in der digitalen Welt zuverlässige und vielfältige Informationen, und wie können Nutzer darauf zugreifen? – Unterschiedliche Arten von Anbietern und ihre Funktion für die öffentliche Kommunikation Richard Collins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Schlussfolgerungen aus der AG 2 Richard Collins/Wolfgang Schulz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 7 AG 3: Vertrauen in die Industrie: Was sind die besten Instrumente der Selbstregulierung? Vertrauen in die Industrie – Vertrauen in die Nutzer: Selbst- regulierung und Selbsthilfe bei digitalen Medieninhalten in der EU Michael Latzer/Florian Saurwein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Schlussfolgerungen aus der AG 3 Michael Latzer/Nico van Eijk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 AG 4: Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft: Welches Potenzial hat Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten? Ko-Regulierung als Instrument der modernen Regulierung Thomas Kleist/Carmen Palzer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Schlussfolgerungen aus der AG 4 Alexander Scheuer/Peggy Valcke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 Schlussfolgerungen der deutschen Ratspräsidentschaft . . . . . . . . . . . 177 Handlungsperspektiven zur Stärkung des Vertrauens in Inhalte digitaler Medien Wolfgang Schulz /Thorsten Held . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Tagungsprogramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 8 Vertrauen in die Inhalte digitaler Medien – Eine Aufgabe für Gesellschaft und Staat Wolfgang Schulz /Thorsten Held Inhalt 1 Gegenstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 2 Perspektiven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 2.1 Vertrauen und Medienkompetenz durch kindgerechte Inhalte: Wie können mehr Angebote für Kinder geschaffen werden? . . . 13 2.2 Vertrauenswürdige Anbieter: Wer bietet verlässliche und vielfältige Informationen in der digitalen Welt, und wie finden Nutzer den Zugang zu diesen Informationen? . . . . . . . . . . . . . . . 14 2.3 Vertrauen in die Industrie: Was sind die besten Instrumente der Selbstregulierung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2.4 Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft: Welches Potenzial hat Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten? . . 16 3 Konzeption von Konferenz und Reader . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 4 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 9 1 Gegenstand Die Digitalisierung schafft derzeit in allen Mitgliedstaaten der Gemeinschaft neue kommunikative Möglichkeiten für die Bürgerinnen und Bürger. Insbeson- dere im Internet findet sich eine unüberschaubare Anzahl von Anbietern und Angeboten. Die verschiedenen über das Internet-Protokoll verfügbaren Dienste- typen sind mittlerweile fester Bestandteil der täglichen Medienmenüs.1 Im Internet konkurrieren Vertreter verschiedener Mediengattungen (Rundfunk- veranstalter, Presseverlage, reine Internetanbieter) um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Neue Vermittler wie Portal- und Suchmaschinenanbieter helfen dabei, die Informationsflut zu bewältigen. Dabei reichen die Nutzungszahlen dieser neuen Vermittler bereits an diejenigen einzelner Radio- und Fernsehsender heran. Auch als Verbreitungsweg für herkömmlichen Rundfunk gewinnt das Inter- net mit zunehmender Bandbreite an Bedeutung, und Telekommunikations- unternehmen streben danach, mit Geschäftsmodellen wie Triple- bzw. Quad- ruple-Play, die auch IP-TV beinhalten, die Kunden an sich zu binden. Das Internet eröffnet den Bürgerinnen und Bürgern aber auch die Möglich- keit, selbst als Anbieter aufzutreten. Mit besserer technischer Ausstattung und vereinfachter Nutzbarkeit von Publikationsplattformen wachsen die Partizipa- tionsmöglichkeiten, die mit dem Schlagwort Web 2.0 bezeichnet werden. Doch bedeutet die Vielzahl von Anbietern und Angeboten auch, dass die Informationsbedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger erfüllt werden? Von den Wirtschaftswissenschaften ist zu lernen, dass Medieninhalte zu den Gütern gehören, bei denen Informationsasymmetrien bestehen: Dem Nutzer werden nicht alle Informationen zur Verfügung gestellt, die er bräuchte, um vor dem Konsum beurteilen zu können, ob das Angebot seinen Vorstellungen entspricht. Medieninhalte sind Erfahrungsgüter, in einigen Fällen sogar Ver- trauensgüter (Kops 1998: S. 7 f.; Heinrich 2002: S. 39).2 Letzteres ist der Fall, wenn für den Nutzer Qualitäten relevant sind, die dem Produkt nicht unmittel- bar anzusehen sind. Dies lässt sich am Beispiel eines Nachrichtenangebots illustrieren: Hier sind Faktoren von Bedeutung, die die Entstehung des Angebots betreffen, wie die Einhaltung journalistischer Grundsätze. Wurden mehrere Quellen herangezogen? Ist die Darstellung objektiv? Sind die Beiträge durch kommerzielle Interessen beeinflusst? etc. 10 1 So nutzen im europäischen Durchschnitt 41,7 % der Bevölkerung das Internet, wobei Island (86,3 %) und Schweden (75,6 %) Spitzenreiter sind, www.internetworldstats.com/stats4.htm (Stand: 30. 06. 2007). In Deutschland lag die Nutzung 2007 bei 62,7 % (gelegentliche Onlinenutzung) bzw. 60,7 % (innerhalb der letzten vier Wochen); van Eimeren/Frees, Media Perspektiven 2007: S. 362 ff. 2 Vgl. allgemein zu Vertrauensgütern Fritsch/Wein/Ewers 2005: S. 285 ff.; Graf von der Schulenburg 1993: S. 521 f. Wo Informationen fehlen, muss man Vertrauen aufbauen. Aber wie kann das notwendige Vertrauen entstehen? Eine Möglichkeit ist der Aufbau von Reputation des Anbieters. Dies ist vor allem bei klassischen Medienanbietern ein wichtiger Faktor. Hier schaffen Marken Vertrauen (Meffert/Burmann/Koers 2002: S. 6 ff.). Die Nutzer haben im Laufe des Mediengebrauchs eine Vorstel- lung davon entwickelt, was sie erwartet, wenn sie bestimmte Zeitungen3 auf- schlagen oder die Programme bestimmter Veranstalter4 einschalten. Indem Publikationen von anderen Anbietern aufgegriffen, zitiert oder empfohlen wer- den, wird Reputation noch verstärkt. Das Vertrauen ist vor allem ein Vertrauen in die Organisation. So erwarten die Nutzer, dass der Verlag bzw. der Ver- anstalter nur Mitarbeiter beschäftigt, die den jeweiligen Qualitätsansprüchen entsprechen, und dass sich Strukturen herausgebildet haben, die der Qualitäts- sicherung dienen. Vertrauen kann durch Regulierung unterstützt werden. Das Bestehen einer Medienaufsicht kann beispielsweise das Vertrauen befördern, dass die der Aufsicht unterworfenen Anbieter sich grundsätzlich an die geltenden Gesetze halten und die Angebote frei von gemeinschaftsschädigenden Inhalten sind. Dies ist auch für Eltern relevant. Sie setzen etwa darauf, dass die Aufsicht dafür sorgt, dass ihre Kinder zu bestimmten Zeiten nicht mit Rundfunkinhalten in Kontakt kommen, die für sie nicht geeignet sind. Im Internet ist die Frage, wie Vertrauen geschaffen wird, noch offen. Die herkömmlichen Vertrauensgrundlagen erodieren zum Teil. Anbietern klassi- scher Medien gelingt es nicht immer, ihre Reputation in das neue Medium „mitzunehmen“ (Caspar 2001: S. 153 ff.).5 Es treten Anbieter auf den Plan, die noch gar keine Reputation aufbauen konnten. Und es existieren Angebote, die kaum konkreten Anbietern zuzurechnen sind. Dazu zählen kollaborative Pro- duktionen wie Wikipedia. Aber auch Regulierung als Vertrauensressource verliert ihre Kraft, zumin- dest soweit es um klassische staatliche Regulierung geht. Die Vielzahl der Angebote und Anbieter und die internationale Verfügbarkeit sind nur einige der Gründe für Probleme rein staatlicher Regulierung. Wie bei digitalen Medien jenseits des klassischen Rundfunks Vertrauen aufgebaut werden kann und wird, ist Gegenstand dieses Buches, das Ergebnisse der Expertenkonferenz „Mehr Vertrauen in Inhalte – Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien“ verfügbar macht, die im Mai 11 3 Etwa „The Times“, „le Figaro“, „la Repubblica“, „Jyllands-Posten“, „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „de Volkskrant“ oder „The Sun“, „Bild“, „Libero“, „Ekstra Bladet“, „De Telegraaf“.m 4 Etwa private Sender wie TV2 (Dänemark), TF1 (Frankreich), Rete 4, Canale 5 (Italien), SBS, RTL (Nieder- lande), Polsat (Polen), RTL, Sat.1 (Deutschland), TVI (Portugal) oder öffentlich-rechtliche Sender wie BBC (Großbritannien), ERT (Griechenland). France Télévisions (Frankreich), RAI (Italien), ORF (Österreich), ARD, ZDF (Deutschland). 5 Vgl. auch Meyer-Lucht 2005. 2007 stattfand. Die Konferenz wurde im Rahmen der deutschen EU-Ratsprä- sidentschaft vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in Zusammenarbeit und mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Kommis- sion und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen veranstaltet.6 Sie wurde vom Hans-Bredow-Institut und vom Institut für Europäisches Medien- recht wissenschaftlich begleitet und knüpfte an die Serie von Seminaren und Konferenzen der vergangenen Ratspräsidentschaften an, die das Thema „Content / Inhalte“ aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet hatten.7 Neben der Diskussion im Plenum bestand die Konferenz aus vier Arbeits- gruppen, die unter 2 vorgestellt werden. 2 Perspektiven Die Konferenz behandelte zwei Perspektiven des Themas „Mehr Vertrauen in Inhalte“. Zum einen ging es darum zu schauen, auf welche Faktoren (Medien- qualitäten) sich das Vertrauen der Nutzer bezieht. Dabei waren die Funktionen in den Blick zu nehmen, die neue digitale Angebote für die öffentliche Kom- munikation erfüllen. Hier zeigte sich, welche Potenziale es gibt, aber auch welche Defizite existieren, die gesellschaftlich und damit auch medienpolitisch bedeutsam sind. Zum anderen wurden mögliche Konzepte und Instrumente untersucht, die das Vertrauen in Inhalte stärken können. Auf welche Weise übernehmen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft dort, wo gesellschaftlicher Handlungsbedarf besteht, ihre Verantwortung? In Bezug auf die erste Perspektive wurden wiederum zwei Themen aus- gewählt, die für die Kommunikationsordnungen in den Mitgliedstaaten von zentraler Bedeutung sind: Die Vermittlung von meinungsbildenden Informa- tionen in einer ausgewogenen und verlässlichen Weise und das Angebot von Inhalten, die für Kinder besonders geeignet sind und die deren Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten fördern. Gerade die medialen Bedürfnisse von Kindern zu einem Schwerpunkt zu machen, war eine gezielte Entscheidung der deutschen Ratspräsidentschaft. Hinsichtlich der zweiten Perspektive wurden Regulierungskonzepte in den Blick genommen, bei denen die von der Regulierung Betroffenen selbst be- teiligt sind: Selbst- und Ko-Regulierung. 12 6 Unterstützt wurde die Veranstaltung außerdem vom Freistaat Sachsen, der Bundeszentrale für politische Bildung, der Kommission für Jugendmedienschutz und der Kulturstiftung des Bundes. 7 „Audiovisuelle Konferenz: Zwischen Kultur und Handel“ im September 2005 in Liverpool unter britischer Ratspräsidentschaft, „Content als Wettbewerbsfaktor“ im März 2006 in Wien unter österreichischer Rats- präsidentschaft sowie „creativity.online.fi – European Content and Copyright Policy“ im Juli 2006 in Helsinki unter finnischer Ratspräsidentschaft. Beide Perspektiven und damit auch die Arbeitsgruppen der Konferenz und die Kapitel dieses Buches sind aufeinander bezogen. Allerdings sind die unter- suchten Funktionen/Ziele und Instrumente nicht streng miteinander verbunden: So bieten sich etwa für die Verbesserung der Erschließung des Internets für Kinder zwar selbst- und ko-regulative Initiativen an, es ist aber keineswegs ausgeschlossen, dass der Staat hier auch eine eigenständige Rolle hat, etwa im Bereich der Schulen. Andersherum haben Selbst- und Ko-Regulierung über die Sicherung der hier diskutierten Medienqualitäten hinaus das Potenzial für die Erreichung weiterer Regelungsziele. Aus dieser Überlegung heraus wurden die Themenblöcke der vier Arbeits- gruppen gewählt: 1. Vertrauen und Medienkompetenz durch kindgerechte Inhalte: Wie können mehr Angebote für Kinder geschaffen werden? 2. Vertrauenswürdige Anbieter: Wer bietet verlässliche und vielfältige Informa- tionen in der digitalen Welt, und wie finden Nutzer den Zugang zu diesen Informationen? 3. Vertrauen in die Industrie: Was sind die besten Instrumente der Selbst- regulierung? 4. Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft: Welches Poten- zial hat Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten? 2.1 Vertrauen und Medienkompetenz durch kindgerechte Inhalte: Wie können mehr Angebote für Kinder geschaffen werden? Das Internet wird oft in Verbindung mit Risiken für Minderjährige genannt. Es besitzt aber auch großes Potenzial für Kinder und Jugendliche. Über die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen bis 17 Jahren in der Europäischen Union nutzt das Internet bereits.8 Selbst bei Kindern zwischen sechs und sieben Jahren gibt schon jedes dritte Kind an, dass es Erfahrungen mit dem Netz gesammelt hat. Bislang ist die Zahl kindgerechter Angebote eher gering9 – und diese sind oft schwer zu finden. Offenbar existieren wenige Business-Konzepte für Kinder-Inhalte.10 Ein Themenschwerpunkt der Konferenz bestand daher darin, Defizite in diesem Bereich auszuloten und über Initiativen zur Verbesserung der Situation zu diskutieren. 13 8 In Deutschland haben 58 % der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren bereits Erfahrungen mit dem Internet gesammelt, 43 % der Kinder mit Computererfahrung sind regelmäßig einmal pro Woche oder öfter im Netz, vgl. KIM 2006: S. 41 f. 9 Auch wenn es positive Beispiele gibt, wie etwa in Deutschland seitenstark.de und blinde-kuh.de. Zu weiteren Beispielen in Europa siehe den Beitrag von Livingstone in diesem Band, S. 19 ff. 10 Dazu kommt, dass eine effektive Filterung negativer Inhalte noch Schwierigkeiten bereitet. Dabei sind zentrale Fragen: – Welche Trends sind bei der Nutzung des Internets durch Kinder zu beobach- ten? – Finden Kinder im Internet qualitativ hochwertige Angebote, die auf ihre Bedürfnisse reagieren und ihre Medienkompetenz erhöhen? Wo bestehen Defizite? – Welche Chancen und Risiken bestehen bei der Nutzung des Internets durch Kinder? – Welche Initiativen gibt es, um Kindern den Zugang zu für sie geeigneten Angeboten zu erleichtern? – Welche Initiativen zur Förderung besonders kindgerechter Angebote existie- ren in den Mitgliedstaaten? 2.2 Vertrauenswürdige Anbieter: Wer bietet verlässliche und vielfältige Informationen in der digitalen Welt, und wie finden Nutzer den Zugang zu diesen Informationen? Erwachsene stehen im Unterschied zu Kindern weniger vor dem Problem, dass es keine für sie interessanten Angebote gibt, sondern vor der Frage, ob sie den zahlreichen Angeboten vertrauen können. Wie verlässlich ist die Information? Ist die Darstellung ausgewogen? Woran können Nutzer erkennen, ob der jewei- lige Anbieter vertrauenswürdig ist? Im „Offline-Bereich“ haben traditionelle Medienanbieter Reputation erworben. Auch im Internet besteht Bedarf der Nutzer an journalistischen Angeboten, bei denen Anbieter nach professionellen Regeln Inhalte auswählen und zusammenstellen. Daneben treten andere Ver- mittler von Informationen auf, durch die Nutzer Zugang zum Bestand an Wissen im Internet erhalten, wie Suchmaschinen, Online-Bibliotheken und weitere Web-Archive sowie Plattformen für von Nutzern selbst generierte Angebote.m Die Fähigkeit, die Masse und die Komplexität der Informationen für den eigenen Bedarf zu reduzieren, ist ein wesentlicher Teil von Medienkompetenz, die in der heutigen Gesellschaft unverzichtbar geworden ist. Dazu braucht es vertrauenswürdige Anbieter. Ziel der Arbeitsgruppe war es herauszufinden, auf welche Weise die ver- schiedenen Typen von Anbietern im Internet (Verleger, private und öffentlich- rechtliche Rundfunkanstalten, originäre Online-Anbieter, NGOs) Vertrauen beim Nutzer erlangen. Daher geht es u. a. um folgende Fragen: – Wie schaffen es Anbieter, starke Marken auch auf neue Medienplattformen zu transportieren oder dort neue Marken aufzubauen, die für Verlässlich- keit und Ausgewogenheit stehen? 14 – Wie können journalistische Qualitätsstandards auch im Internet gewähr- leistet werden? – Welche Rolle spielen von Nutzern generierte Angebote wie Weblogs und Wikis für die öffentliche Kommunikation? – Welche Aufgabe kommt öffentlich-rechtlichem Rundfunk im Internet zu?m – Wie reagieren neuartige Vermittler wie Anbieter von Suchmaschinen auf ihre gesellschaftliche Verantwortung? 2.3 Vertrauen in die Industrie: Was sind die besten Instrumente der Selbstregulierung? Selbstregulierung ist ein wichtiger Bestandteil der Regulierung bei alten und neuen Medien (vgl. PCMLP 2004) und wird auch in der Richtlinie über Audio- visuelle Mediendienste genannt.11 Relevanz hat die Selbstregulierung auch für Akteure, die im Zuge des Medienwandels den Markt neu betreten. Beispiels- weise haben in Deutschland Suchmaschinenanbieter unter dem Dach der „Frei- willigen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V.“ einen Kodex zu Transparenz und Jugendschutz im Internet entwickelt.12 Neben Selbstregulierungs-Organisationen und Verhaltenskodizes im Bereich Presse, Werbung und Mobiltelefonie existieren in der Europäischen Union weitere Instrumente der Selbstregulierung wie Ombudsstellen (etwa bei der Presse), Qualitätssiegel (etwa bei Computerspielen), technische Schutzmaß- nahmen (etwa Filtersysteme) sowie Bewertungssysteme für Inhalte durch die Nutzer. Selbstregulierung kann in einigen Bereichen staatliche Regulierung ent- behrlich machen; Studien auch auf europäischer Ebene belegen die Leistungs- fähigkeit dieser Regulierungsform. Von Seiten der Industrie besteht zuweilen die Sorge, Selbstregulierung würde zunehmend vom Staat vereinnahmt; andere meinen wiederum, Selbstregulierung bedürfe meist des regulierenden Staates im Hintergrund. Es bedarf daher einer Analyse von Potenzialen und Defiziten: In welchen Feldern hat sich Selbstregulierung bewährt und welche weiteren Handlungsfelder gibt es? Gefragt wird: – Wie grenzt sich Selbstregulierung von Regulierung unter staatlicher Beteili- gung wie etwa Ko-Regulierung ab? – Welche Stärken und Schwächen hat Selbstregulierung gegenüber anderen Regulierungsformen? – Was kann aus bestehenden Initiativen gelernt werden? 15 11 Die AVMD-Richtlinie trat Ende 2007 in Kraft. 12 Abrufbar unter: www.fsm.de/de/Verhaltenskodex. – Welche Charakteristika muss ein Bereich oder eine Branche aufweisen, damit Selbstregulierung funktioniert? – Welche Instrumente der Selbstregulierung haben sich bewährt? – Welche Voraussetzungen kann der Staat schaffen, um das Funktionieren von Selbstregulierung zu unterstützen? 2.4 Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft: Welches Potenzial hat Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten? Ko-Regulierung ist dabei, sich als Konzeption zwischen rein staatlicher und nicht-staatlicher Regulierung zu etablieren. In der Richtlinie über Audiovisuelle Mediendienste ist sie als ein alternatives Instrument zur Implementierung der Richtlinie vorgesehen.13 Viele Mitgliedstaaten machen von Konzepten der Ko- Regulierung bereits Gebrauch, vor allem beim Jugendmedienschutz. Die Europäische Kommission hat eine Studie zu Ko-Regulierung in der Europäischen Union in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse vorliegen (HBI/ EMR 2006). Um das konkrete Potenzial von Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten abschätzen zu können, bedarf es eines Erfahrungsaustausches der Mitgliedstaaten, in denen ganz unterschiedliche Modelle zu finden sind. In dieser Arbeitsgruppe standen daher Best-Practice-Modelle sowie die Voraussetzungen wirksamer Ko-Regulierung im Vordergrund. Zu den dabei behandelten Fragen zählen: – Welche Modelle von Ko-Regulierung gibt es und welche Erfahrungen wur- den mit ihnen gemacht? – Welche Vor- und Nachteile bestehen gegenüber alternativen Regulierungs- formen wie der reinen staatlichen und der reinen Selbstregulierung? – Was sind die Mindestvoraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit durch Ko-Regulierung Regulierungsziele wie die europäischer Richtlinien effektiv erreicht werden können? – Wie können bei der Ko-Regulierung rechtsstaatliche Prinzipien gewähr- leistet werden? – Wie können neu entstehende Formen der Inhalte-Produktion (Stichwort: User-Generated-Content) in Ko-Regulierungskonzepte einbezogen werden, um Ziele wie einen effektiven Jugendschutz zu erreichen? 16 13 Art. 3 Absatz 3 AVMD-Richtlinie. 3 Konzeption von Konferenz und Reader In jeder der vier Arbeitsgruppen gab es neben der Moderatorin bzw. dem Moderator auch eine „Patin“ bzw. einen „Paten“, die bzw. der in das Thema einführte und im Schlussplenum zusammen mit der Moderatorin bzw. dem Moderator die Ergebnisse der Arbeitsgruppe vorstellte und mit den Vertretern der anderen Arbeitsgruppen diskutierte. Zur Vorbereitung der Konferenz haben die Paten Papiere erstellt, die im Folgenden dokumentiert werden. In diesen Papieren ging es vor allem darum, die relevanten Fragen herauszuarbeiten und bereits erste Thesen zu präsentieren. Die Autoren dieses Beitrags danken dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Landesanstalt für Medien Nordrhein Westfalen (LfM) für die Beauftragung mit der wissenschaftlichen Begleitung des Seminars und insbesondere Ministerialdirigent Hans Ernst Hanten, Susanne Ding (BKM) und Mechthild Appelhoff (LfM) für die gute Zusammenarbeit.m Dank gebührt auch dem Kooperationspartner Institut für Europäisches Medienrecht (EMR), hier insbesondere Rechtsanwalt Thomas Kleist, Staats- sekretär a. D., Rechtsanwalt Alexander Scheuer, Rechtsanwältin Dr. Carmen Palzer, Nicola Lamprecht-Weißenborn, Harald Evers und Paul Göttlich. Auf Seiten des Hans-Bredow-Instituts sei Esther Loeck, Thilo Wind, Thorsten Ihler, Sebastian Thiele und Stefanie Lefeldt gedankt. 4 Literatur Caspar, M. (2001): Die Bedeutung von Cross-Channel-Markttransferstrategien vor dem Hintergrund aktueller Umbrüche in der Medienindustrie. In: Kops/Schulz /Held (Hrsg.): Von der dualen Rundfunkordnung zur dienstespezifisch diversifizierten Informationsordnung? 1. Auflage, Baden-Baden, S. 153–179. Eimeren, B. van / Frees, B. (2007): Internetnutzung zwischen Pragmatismus und YouTube- Euphorie. In: Media Perspektiven 2007, Heft 8, S. 362–378. Fritsch, M. / Wein, T. / Ewers, H.-J. (2005): Marktversagen und Wirtschaftspolitik: mikro- ökonomische Vorgaben staatlichen Handelns. 6. Auflage, München. Hans-Bredow-Institut/Institut für Europäisches Medienrecht (2006): Final Report: Study on Co-Regulation Measures in the Media Sector. Study for the European Commis- sion, Directorate InformationSociety and Media; abrufbar unter: ec.europa. eu/avpolicy/docs/ library/studies/coregul/coregul-final-report_en.pdf, zitiert: HBI/ EMR. Heinrich, J. (2002): Medienökonomie: Hörfunk und Fernsehen. Band 2, Opladen. Kops, M. (1998): Eine ökonomische Herleitung der Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Köln, abrufbar unter: www.uni-koeln.de/wiso-fak/rundfunk/pdfs/ 2098.pdf. 17 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2006): KIM-Studie 2006: Kinder + Medien, Computer + Internet, Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähri- ger. Abrufbar unter: www.mpfs.de fileadmin/KIM-pdf06/KIM2006.pdf; zitiert: KIM 2006. Meffert, H. / Burmann, C. / Koers, M. (2002): Stellenwert und Gegenstand des Marken- management. In: Dies. (Hrsg.): Markenmanagement: Grundfragen der identitäts- orientierten Markenführung; Mit Best-Practice-Fallstudien, Wiesbaden, S. 4–15. Meyer-Lucht, R. (2005): Nachrichtensites im Wettbewerb: Analysen der Wettbewerbs- strategien von vier deutschen Online-Nachrichtenangeboten. München. PCMLP (Programme in Comparative Media Law & Policy) (2004): Self-Regulation of Digital Media Converging on the Internet: Industry Codes of Conduct in Sectoral Analysis. Oxford. Abrufbar unter: pcmlp.socleg.ox.ac.uk/text/ IAPCODEfinal. pdf. Schulenburg, J.-M. Graf von der (1993): Marktprozess und Marktstruktur bei unvoll- ständigen Informationen. In: Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 1993, Heft 4, S. 509–555. 18 AG 1: Vertrauen und Medienkompetenz durch kindgerechte Inhalte: Wie können mehr Angebote für Kinder geschaffen werden? Eine Bestandsaufnahme der Möglichkeiten für vorteil- hafte, kindgerechte Online-Ressourcen: Die Gesichts- punkte Vertrauen, Risiken und Medienkompetenz1 Sonia Livingstone Inhalt 1 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 3 Trends bei der Internet-Nutzung durch Kinder in Europa . . . . . . 23 3.1 Wer hat in Europa Zugang zum Internet? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 3.2 Was machen Kinder und Jugendliche online? . . . . . . . . . . . . . . . 26 3.3 Soziale Vernetzung – der neueste Trend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 4 Risiken, Regulierung und evidenzbasierte Politik . . . . . . . . . . . . . 31 4.1 Chancen gehen mit Risiken einher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 4.2 Die Agenda der europäischen Politik für Jugendliche und das Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 4.3 Die akademische Forschungsagenda für Jugendliche und das Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 5 Positive Schritte nach vorn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 5.1 Förderung positiver Chancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 5.2 Das Versprechen der Medienkompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 19 1 Die Originalsprache des Arbeitspapiers ist Englisch. 1 Danksagung Das vorliegende Papier fußt auf den Arbeiten zu EU Kids Online (siehe www. eukidsonline.net), einem im Rahmen des Programms Safer Internet Plus der Europäischen Kommission geförderten Themennetzes (http://europa.eu.int / information_society/activities/sip/programme/index_en.htm). Ich danke meinen Kollegen in diesem aus 18 Forschungsteams aus ganz Europa bestehenden Netzwerk für ihre wertvollen Beiträge. Weiterhin danke ich Alain Bossard (Takatrouver), Jo Bryce (UCLAN), Andrew Burn (Institute of Education, Lon- don), Stephen Carrick-Davies (Childnet International), Joshua Fincher, Karl Hopwood (Semley Primary School), Mimi Ito (USC), Dale Kunkel (U Arizona), Ben Livingstone, Rodney Livingstone, Rachel Lunt und Rebecca Shallcross (CBBC). 2 Einleitung – Welchen Chancen und Risiken sind Kinder im Internet ausgesetzt? – Kann die Bereitstellung positiver Online-Inhalte die digitale Ausgrenzung mindern und Risiken vermeiden? Das Internet und neue Online-Technologien finden in Europa und anderswo zunehmend Eingang in das tägliche Leben, wobei sich alle Länder dem Druck ausgesetzt sehen, online zu gehen, um Marktanreize zu setzen, Regulierungen zurückzufahren und Bildung, Mitwirkung und Innovation zu fördern. Obwohl jeder in gewisser Weise von der Einführung neuer Medientechnologien be- troffen ist, sind es vornehmlich Kinder, Jugendliche und deren Familien, die die Vorhut bei der Anwendung neuer Medien bilden. Sie profitieren damit von der Möglichkeit, frühzeitig Chancen zu ergreifen, die das Internet, mobile und Breitband-Inhalte, Online-Spiele, Peer-to-Peer-Technologien usw. bieten. Aller- dings ziehen zwei Problembereiche die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Politik immer stärker auf sich: – Erstens das Problem der Ungleichheit und sozialen Integration, da sich die digitale Kluft allmählich Land für Land weniger an der Frage von Ungleich- heiten der Zugangsmöglichkeiten festmacht, als an der eher subtilen, aber ebenso wichtigen Frage nach den Ungleichheiten von Internetkenntnissen, Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeiten.2 20 2 Die jüngste Literatur zur digitalen Kluft, besonders in Bezug auf Kinder und Jugendliche, wird behandelt in Livingstone/Helsper (im Druck), Gradations in digital inclusion: Children, young people and the digital divide, New Media & Society. Die Forschungsliteratur zu Interventionen der Politik macht deutlich, dass durch Interventionen die Gefahr besteht, die digitale Ausgrenzung eher zu verstärken als zu mindern, sofern – Zweitens das Problem der möglichen Gefährdung der Sicherheit und sozialen Entwicklung von Kindern, welches an Ausmaß, Intensität und Umfang zunimmt, je stärker Online-Inhalte und -Dienste selbst expandieren und wachsen. Auch hier bilden Kinder und Jugendliche oft die Vorhut, indem sie neue Aktivitäten, und hier speziell das Peer-Networking, ausloten, bevor Erwachsene dies kritisch überprüfen oder regulierend eingreifen. Allzu oft machen sie dabei negative Erfahrungen, die für sie unvorhersehbar sind, auf die sie nicht vorbereitet sind und die sie möglicherweise überfordern. Dieser Beitrag untersucht die Möglichkeit, durch eine Ausweitung der positiven Chancen für Kinder eine größere Beteiligung an Online-Aktivitäten zu fördern (d. h. die digitale Kluft zu verkleinern) und Risiken zu verringern, indem alter- native, vorteilhafte Aktivitäten gefördert werden. Ich bin der Überzeugung, dass die Ausweitung eines positiven Angebots an Online-Ressourcen für Kinder ein unerlässliches politisches Ziel sein muss, wenn wir die Bildung, Kreativität und gesellschaftliche Mitwirkung von Kindern unterstützen wollen (also ihre spontane Begeisterung für das Internet zu ihrem Wohl nutzen), und wenn wir sie vor Online-Risiken schützen wollen. Und ich würde dieses politische Ziel auch weiter verteidigen, obwohl Untersuchungen zur digitalen Kluft zeigen, dass die Bereitstellung jeglicher Online-Ressourcen wahrscheinlich dazu bei- trägt, die bereits Informationsreichen stärker als die Informationsarmen zu unterstützen, und obwohl Untersuchungen zu Online-Risiken zeigen, dass diese oft einhergehen mit einer verstärkten Ergreifung von Online-Chancen. Meine Analyse erfordert allerdings eine realistische Würdigung der zu- grunde liegenden Tatsachen. Eine Sichtung der internationalen Forschungs- literatur zur Internet-Nutzung von Kindern vor wenigen Jahren ergab, dass ein Großteil aus Nordamerika stammte und einen quantitativen Ansatz verfolgte, und dass zuverlässige und repräsentative Daten erhoben wurden, um statisti- sche Häufigkeiten, Unterschiede und Nutzungsmuster zu ermitteln, wobei aber seltener ein Thema theoretisch oder in der Tiefe untersucht wurde. Das damals verfügbare europäische Forschungsmaterial gliederte sich in qualitative und quantitative Ansätze, wobei häufig relativ kleine Erhebungen herangezogen wurden, die Einblicke in die Zusammenhänge und die Art der Internet-Nutzung gestatteten, aber keine Aussagen über Repräsentativität, demografische Vertei- lung oder Umfang zuließen.3 Allerdings ändert sich die Forschungslandschaft schnell, in Europa sowie in anderen Ländern, wie unser aktuelles Projekt, EU 21 im Rahmen dieser Interventionen keine sorgfältigen Gegenmaßnahmen gegen Offline-Ungleichheiten ergriffen werden; siehe Otto/Kutscher/Klein / Iske (2005), „Soziale Ungleichheit im virtuellen Raum: Wie nutzen Jugendliche das Internet?“, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Abrufbar unter: www.kib-bielefeld.de/externelinks2005/Social_Inequality%20KIB.pdf. Und auch Warschauer (2003), Technology and Social Inclusion: Rethinking the Digital Divide, Cambridge: MIT. 3 Livingstone (2003), Children’s use of the internet: Reflections on the emerging research agenda, New Media & Society, 5(2), S. 147–166. Kids Online, darlegt, und wie in diesem Artikel zusammenfassend dargestellt wird.4 Die Chancen und Risiken für Kinder, ihr Alltagsumfeld und die Weise, in der sie von Industrie, politischen Entscheidungsträgern, Lehrern und Eltern behandelt werden, unterliegen sämtlich einer kontinuierlichen Änderung. Die Zugangsplattformen diversifizieren sich (z. B. vom ehemaligen Schwerpunkt am PC zu neuen Formen von Online- und Mobiltechnologien), neue Chancen und Bedrohungen kommen auf, und die Vermittlungsaufgabe der Eltern in Bezug auf Internet-Zugang und Internet-Nutzung wird immer anspruchsvoller. Fachlich häufig weniger geschult als ihre Kinder, stehen Eltern vor den Pro- blemen der Internet-Kompetenz, der elterlichen Autorität (insbesondere in der neuen „demokratischen Familie“), der Zeit und dem Aufwand (die Medien- regulierung zu Hause war einst „Sache der Frau“, doch die Geschlechterrollen ändern sich), und der Rechte der Kinder auf Privatsphäre und Selbstentfaltung (die in einem potenziellen Konflikt mit deren Recht auf Schutz stehen).5 Die derzeitige Agenda – die Art der Online-Chancen und -Risiken, vor denen Kinder und Jugendliche heute stehen – kann folgendermaßen umrissen werden: 22 4 EU Kids Online ist ein aus 18 Ländern bestehendes Themennetzwerk, das von dem Programm Safer Internet Plus (2006–2009) der Europäischen Kommission finanziert wird und vorhandene Forschungsergebnisse zur Online-Sicherheit von Kindern zusammenträgt, um Erkenntnisse zu erheben und zu vergleichen, methodische Best Practices auszuarbeiten und Materialien für die Agenda der Politik und Forschung auf EU- und auf nationaler Ebene bereitzustellen. Teilnehmende Länder sind Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Frankreich, Griechenland, Island, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich (siehe www.eukidsonline.net). 5 Die UKCGO Untersuchung stellte zwar fest, dass sich die Kinder im Vergleich mit ihren Eltern für die besseren Experten halten, dass aber weder Kinder noch Eltern eine große Fachkenntnis für sich reklamieren: 28 % der Eltern und 7 % der Kinder (9–19 Jahre), die das Internet nutzen, bezeichnen sich selbst als Anfänger. Die geringe Fachkenntnis der Eltern ist ein Grund unter mehreren, warum man davon ausgeht, dass es nicht damit getan ist, sich auf die Eltern zu verlassen, um die Kinder zu schützen. Siehe www.children-go-online.net. Online-Chancen Online-Risiken – Zugang zu globalen Informa- tionen – Bildungsressourcen – Soziale Vernetzung mit alten und neuen Freunden – Unterhaltung, Spaß und Spiele – Nutzerseitige Erstellung von Inhalten – Staatsbürgerliche oder politische Mitwirkung – Schutz vor Preisgabe der Identität – Illegale Inhalte – Pädophilie, Nachstellen, Fremde – Extreme oder sexuelle Gewalt – Andere schädliche oder anstößige Inhalte – Rassistische Aktivitäten, Hetz- materialien – Belästigung durch Werbung/ Kommerz – Unausgewogene oder irreführende Informationen Die vorausgehenden Listen ließen sich zweifellos weiter fortsetzen. Doch vor der Untersuchung der Chancen oder Risiken sollten wir zunächst fragen, wie viele Kinder und Jugendliche in ganz Europa das Internet nutzen und für welche Aktivitäten sie es nutzen. 3 Trends bei der Internet-Nutzung durch Kinder in Europa – Wer nutzt in Europa das Internet? – Was machen Kinder und Jugendliche online? – In welcher Weise ändert sich die Internet-Nutzung mit dem Aufkommen der sozialen Vernetzung? 3.1 Wer hat in Europa Zugang zum Internet? Jüngste Statistiken für die EU25 zeigen Folgendes: – Haushalte mit Kindern sind mit höherer Wahrscheinlichkeit als kinderlose Haushalte mit Computer (70 % vs. 46 %), Internet-Zugang (55 % vs. 38 %) und Breitbandanschluss (18 % vs. 12 %) ausgestattet. Weitere Faktoren, die die Ausstattung der Haushalte beeinflussen, sind Land, Verstädterung, Aus- bildung, Zugangskosten und Alter (jedoch nicht das Geschlecht).6 – Die Eurobarometer-Untersuchung 2005/2006 zeigt, dass 50 % der Kinder (unter 18 Jahren) in der EU25 das Internet bereits genutzt haben, wobei sich dieser Wert im Detail folgendermaßen zusammensetzt: 9 % der unter Sechsjährigen, 1 von 3 Kindern zwischen 6 und 7 Jahren, 1 von 2 Kindern – Einbeziehung in die Gemein- schaft /Aktivismus – Technische Fachkenntnis und Kompetenz – Berufliches Fortkommen oder Anstellung – Beratung zur Person/Gesundheit / Sexualität – Spezialistengruppen und Fanforen – Austausch gemeinsamer Erfah- rungen mit anderen entfernten Nutzern – Ausbeutung personenbezogener Daten – Cyber-Bullying, Stalking, Belästi- gung – Glücksspiel, finanzieller Betrug – Selbstschädigung (Selbstmord, Magersucht usw.) – Ausspähung/Verletzung der Privatsphäre – Illegale Aktivitäten (Hacking, Terrorismus) 23 6 Eurostat (2005), Erhebung der Gemeinschaft zur Nutzung von IKT in Haushalten und durch Einzelpersonen, Europäische Gemeinschaften. Die Untersuchung bezieht sich auf das erste Quartal 2004. von 8 bis 9 Jahren und mehr als 4 von 5 Kindern von 12 bis 17 Jahren. Das Zuhause ist der Ort, an dem die meisten Kinder das Internet nutzen, insbesondere in den „alten“ Mitgliedstaaten. Dies eröffnet die größte Flexi- bilität bei der Nutzung und die größten Möglichkeiten für die elterliche Überwachung. – Interessant sind allerdings die Ausnahmen: beispielsweise ist im Vereinigten Königreich (45 % Nutzung zu Hause, 58 % Nutzung in der Schule), in der Tschechischen Republik (35 % vs. 44 %), in Polen (22 % vs. 33 %) und in Portugal (17 % vs. 27 %) das Verhältnis umgekehrt. Dies lässt zwei Schluss- folgerungen zu: die Schule hat das Potenzial, gleiche Zugangschancen zu schaffen, da der Zugang zu Hause stark von dem sozioökonomischen Status abhängt, aber der Zugang zu Hause ist im Allgemeinen umfassender und unterhaltsamer, wodurch diejenigen privilegiert werden, die zu Hause Zugang erhalten und wodurch die positive Einstellung gegenüber einer Zugangs- möglichkeit an der Schule gemindert wird.7 Eine Aufschlüsselung nach Ländern für Erwachsene (18+) und Kinder ( < 18) in den 18 Ländern, die Gegenstand der Untersuchung von EU Kids Online sind, zeigt erhebliche Unterschiede in der Internet-Nutzung auf (siehe Abbil- dung auf der gegenüberliegenden Seite). Dazu einige Beobachtungen: – Die digitalen Gräben sind erheblich; zwischen den Niederlanden (85 % er- wachsene Nutzer) und Schweden (82 %) auf der einen Seite und Bulgarien (17 %) sowie Griechenland (24 %) auf der anderen liegt ein Faktor von vier. Die nordeuropäischen Länder (Niederlande, Schweden, Dänemark, Belgien, Estland, Vereinigtes Königreich) haben den größten Anteil an Internet-Nutzern. Den geringsten Anteil weisen Bulgarien, Griechenland, Portugal, Polen und Spanien aus, also südeuropäische Länder oder EU- Neuzugänge. – In einigen Ländern nutzen Kinder das Internet stärker als Erwachsene (Bul- garien, Portugal, Polen, Tschechische Republik, Slowenien, Vereinigtes Königreich, Estland). In anderen Ländern liegen die Erwachsenden „vor“ den Kindern: Spanien, Deutschland, Dänemark, Schweden, Niederlande. In Griechenland, Österreich, Frankreich und Belgien nutzen Kinder und Erwachsene das Internet nahezu in gleichem Maße. – Die weit verbreitete Ansicht, dass Kinder eine Vorreiterrolle spielen und das Internet stärker annehmen als ihre weniger erfahrenen Eltern (vgl. „Digi- 24 7 Krotz/Hasebrink (2001), Who are the new media users? In: Livingstone/Bovill (Hrsg.), Children and Their Changing Media Environment: A Comparative European Study, (S. 245–262), Mahwah: Lawrence Erlbaum Associates. Siehe auch Mediappro (2006), MEDIAPPRO: A European Research Project for the Appropriation of New Media by Youth. Abrufbar unter: www.mediappro.org/publications/finalreport.pdf. 25 8 Quelle: Eurobarometer-Studie (Mai 2006), Safer Internet, Special Eurobarometer 250/Wave 64.4, Brüssel. Erhebung QC1: 18+ Jahre alt (N = 24.738). Erhebung QC4: Erwachsene geben Auskunft über ein Kind ( < 18 Jahre alt), für das sie in dem Haushalt verantwortlich sind (N = 7.560). Länderkürzel: AT Österreich, BE Belgien, BG Bulgarien, CZ Tschechische Republik, DE Deutschland, DK Dänemark, EE Estland, EL Griechenland, ES Spanien, FR Frankreich, NL Niederlande, PL Polen, PT Portugal, SE Schweden, SI Slowenien, UK Vereinigtes Königreich. 17% 24% 27% 36% 41% 45% 50% 51% 53% 54% 56% 58% 59% 75% 82% 85% 29% 26% 38% 47% 36% 57% 58% 52% 52% 47% 65% 67% 62% 71% 64% 68% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% BG EL PT PL ES CZ SI AT FR DE UK EE BE DK SE NL Internet-Nutzung QC1: Haben Sie (18+ Jahre) vergangenen Monat das Internet genutzt? Anwort: JA8 QC2: Nutzt dieses Kind ( < 18 Jahre) Ihres Wissens nach das Internet? Antwort: JA8 tal Natives und Digital Immigrants“9) ist zu einfach und sogar irreführend. Auch ist nicht ganz klar, worauf die Unterschiede zwischen den Nationen zurückzuführen sind, aber vermutlich spielen unterschiedliche Wege der Diffusion, die von Arbeitskultur, Bildungs- und Freizeitverhalten abhängen, eine Rolle. Die Auswirkungen auf die Kompetenz der Eltern in den jeweili- gen Ländern, ihre Kinder bei der Internet-Nutzung anleiten zu können, stimmen nachdenklich. 3.2 Was machen Kinder und Jugendliche online? Die Angaben darüber, wie Kinder und Jugendliche das Internet nutzen, sind uneinheitlich. Unter 9 bis 19 Jahre alten Kindern im Vereinigten Königreich, die das Internet mindestens wöchentlich nutzen (84 % der Bevölkerung), er- mittelte die im Jahr 2004 durchgeführte Untersuchung UK Children Go Online folgende Zahlen zu den Online-Aktivitäten:10 Die norwegische SAFT-Untersuchung 2005/2006 von 888 9–16 Jahre alten Kindern zeigte ein ähnliches Verhaltensmuster unter Internet-Nutzern, das hier nach Geschlecht aufgeschlüsselt ist:11 26 9 Prensky (2001), Digital natives, digital immigrants, On the Horizon, 9 (5). 10 Siehe www.children-go-online.net. Ähnliche Zahlen werden aus den USA gemeldet – siehe Lenhart / Hadden/Hitlin. (2005), Teens and Technology, Washington D. C.: Pew Internet & American Life Project. 11 SAFT-Untersuchung (2006). Die Erkenntnisse wurden auf der Konferenz der Teilnehmer anlässlich des deutschen Starts von EU Kids Online veröffentlicht, Universität Hamburg, Dezember 2006. Siehe auch http:// www.saftonline.no und www.saftonline.org. 90 % Schulaufgaben 94 % Informationssuche 72 % Senden/Empfangen von E-Mails 70 % Spiele 55 % Instant Messaging 55 % (12 Jahre und älter) Besuch von staatsbürgerlichen/politi- schen Sites 46 % Musik-Downloads 44 % (12 Jahre und älter) Beruf- liche Entwicklung/Bildung 44 % Teilnahme an einem Quiz 40 % (12 Jahre und älter) Waren- suche/Online-Shopping 40 % Besuch von Hobby-Sites 34 % Erstellung einer Website 26 % (12 Jahre und älter) Nachrichten lesen 28 % Besuch von Sport-Sites 25 % (12 Jahre und älter) Persönliche Beratung 23 % Informationen über Computer/ Internet 22 % Online-Abstimmung 21 % Besuch von Chat-Rooms 17 % Veröffentlichung von Bildern oder Berichten 10 % Absichtlicher Besuch einer pornografischen Site Die unter 7.393 12–18 Jahre alten Kindern und Jugendlichen durchgeführte Mediappro-Untersuchung hinsichtlich ihrer Aneignung neuer Medien in neun europäischen Ländern stellt diverse Unterschiede der einzelnen Länder bei den Online-Aktivitäten fest.12 27 12 Mediappro (2006), A European Research Project for the Appropriation of New Media by Youth, S. 12. Veröffentlicht unter www.mediappro.org. Aktivitäten im Internet (in Prozent, manchmal/oft /sehr oft) Such- maschinen E-Mail Instant Messenger Chat- Räume Download Belgien 95 74 81 28 58 Dänemark 92 66 87 26 50 Estland 90 69 88 33 73 Frankreich 94 97 69 32 49 Griechenland 81 46 39 41 65 Italien 86 59 49 33 59 Polen 91 62 75 34 67 Portugal 95 69 77 38 60 Vereinigtes Königreich 98 81 78 20 60 Mittelwert 91 66 71 32 60 Was genau macht ihr im Internet? Jungen (%) Mädchen (%) Internet-Spiele spielen . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 59 Schulaufgaben erledigen . . . . . . . . . . . . . . . 52 64 Musik herunterladen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 54 In Chat-Räumen kommunizieren . . . . . . . . 47 48 E-Mails senden und empfangen . . . . . . . . . 44 50 Nach Informationen suchen (abgesehen von Schulaufgaben) . . . . . . . . 38 40 Aus Spaß surfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 29 Instant Messaging . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 30 Neue Sites besuchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 27 Eigene Websites/Blogs anlegen . . . . . . . . . 22 24 Fan-Sites besuchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 23 Bilder oder Informationen veröffentlichen . 15 20 Software herunterladen . . . . . . . . . . . . . . . . 23 8 Hobby-Sites besuchen . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 14 Einkaufen oder shoppen . . . . . . . . . . . . . . . 16 8 Pornografische Darstellungen ansehen 15 3 Hierzu einige Anmerkungen: – Die Zahlen zeigen das recht konstante und vertraute Bild, dass Kinder einer Mischung aus Bildungs-, Unterhaltungs-, Informations- und Netzwerk-Akti- vitäten in erheblichem Umfang nachgehen, wobei sie die Internetnutzung auf ihre Interessen zuschneiden. – Wenn man diese Aktivitäten mit der Liste der zuvor dargestellten Online- Chancen vergleicht, scheint es, dass einige Chancen bereitwilliger als andere ergriffen werden, wobei die gängigsten Aktivitäten Schulaufgaben, Spiele, Kommunikation und Informationssuche verschiedener Art sind. Staatsbür- gerliche Aktivitäten sind beispielsweise wesentlich weniger beliebt, und sogar kreative Aktivitäten sind häufig weniger verbreitet als man annehmen sollte. – Die Forschung zeigt immer wieder, dass die Nutzung des Chancenspektrums von dem sozioökonomischen Status beeinflusst wird, wobei das Internet für einige attraktiv und vielseitig ist, nämlich besonders für diejenigen, die wohlhabender sind, während es für andere verhalten und beengt bleibt, nämlich für die weniger Wohlhabenden.13 Die in der SAFT-Untersuchung ermittelten geschlechtsspezifischen Unterschiede sind ggf. eher als ein Aus- wahlmuster als eine Einschränkung zu verstehen, obwohl diese auch diffe- renzierende Auswirkungen auf den Lebensgang haben. – Länderübergreifende Unterschiede bei den Nutzungsgewohnheiten sind bis- lang nur wenig untersucht oder analysiert worden. Beispielsweise ließen sich aus den unterschiedlichen Ergebnissen der zuvor erwähnten Mediappro- Untersuchung Unterschiede in den Verbreitungswegen in Europa ableiten: die Nutzung von Suchmaschinen oder Instant Messaging ist in Dänemark und im Vereinigten Königreich größer als beispielsweise in Italien. Einige Aktivitäten lassen sich durch nationale Besonderheiten erklären, wie die Vorliebe griechischer Jugendlicher für Chat-Räume anstatt für Instant Messaging. Viele Internet-Nutzer befinden sich bereits auf dem Weg vom reinen Informa- tionsempfänger (üblicherweise massenhaft erzeugte Inhalte nach dem Kommu- nikationsmodell „einer für viele“) zum Hersteller von Inhalten (üblicherweise als peer-produzierter Inhalt, nach dem Kommunikationsmodell „einer-für- einen“ oder „einige-für-einige“). Eine jüngst in den USA durchgeführte Unter- suchung des Pew Internet & American Life Project kam zu der Erkenntnis, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die online sind, auf die eine oder andere Weise Inhalte erzeugt. Unter 1.100 12–17 Jahre alten Internet-Nutzern stellen 33 % ihre eigenen Kreationen online (z. B. Bildmaterial, Fotos, Ge- schichten, Videos), 32 % haben Webseiten oder Blogs für andere erstellt oder 28 13 Livingstone und Helsper (im Druck). daran gearbeitet, 22 % unterhalten eine persönliche Webseite, 19 % haben ihren eigenen Blog erstellt und 19 % haben Online-Inhalte neu aufbereitet, um ihre eigene künstlerische Kreation zu schaffen.14 Das Mediappro-Projekt kommt zu dem Schluss, dass unter Jugendlichen in Europa das Maß an Kreativität für Blogs vergleichbar und für Websites geringer ist: „Die Erstellung ihrer eigenen Inhalte ist deutlich weniger verbreitet als die Formen der Kommunikation: beispielsweise geben 18 % der Jugendlichen an, dass sie eine persön- liche Site unterhalten, und 18 % haben einen Blog. Ein Blog ist in Belgien (38 %) und in Frankreich (25 %) recht populär, während in einigen Fällen Jugendliche offenbar nicht sicher waren, was ein Blog eigentlich ist (in der dänischen Gruppe beispielsweise ein Drittel). Die belgische Untersuchung fand heraus, dass die Lebensdauer der Blogs von Jugendlichen üblicherweise sehr kurz ist, während die französische Studie darauf hinweist, dass ein großer Anteil der von Jugendlichen unterhaltenen Blogs ruht. Zwar wird das kreative Potenzial neuer Medien in der akademischen Literatur ausgiebig erörtert, aber diese Untersuchung legt den Schluss nahe, dass kreative Tätigkeiten nur eingeschränkt genutzt werden, und dass nur eine Minderheit der Jugendlichen ihre eigenen Websites oder Blogs erstellt, wobei diese Erzeugnisse offenbar schnell inaktiv werden.“15 3.3 Soziale Vernetzung – der neueste Trend Mit dem in jüngster Zeit zu beobachtenden Phänomen der sozialen Vernetzung (Social Networking) hat sich das Internet-Nutzungsverhalten von Kindern dahin gehend gewandelt, dass die Erstellung von Websites, das Abspielen von Musik- titeln und insbesondere das Peer-Networking in einer einzigen Anwendung verknüpft wird (z. B. MySpace, Facebook, Bebo usw.). Weltweit übertreffen die Besucherzahlen von MySpace mittlerweile diejenigen von Google.16 Durch soziale Vernetzung erhöhen sich sowohl die Chancen als auch die Risiken. Das zügige Ergreifen dieser neuen Kommunikationschancen spricht auf Seiten der Jugendlichen für eine sehr positive Reaktion und einen hohen Spaß- faktor, wie folgende Zahlen belegen: International machen die 12- bis 17-Jähri- gen 12 % des Traffics in MySpace, 14 % in Facebook, 11 % in Friendster und 20 % in Xanga aus (wobei für einige dieser Sites jüngere Kinder angeblich nicht zugelassen sind).17 29 14 Lenhart /Madden (2005), Teen Content Creators and Consumers, Washington D. C.: Pew Internet & American Life Project. 15 Mediappro (2006), A European Research Project for the Appropriation of New Media by Youth, S. 12–13 und 16. Veröffentlicht unter www.mediappro.org. 16 Zum Beispiel, Youth Trends October 2006, veröffentlicht unter: www.emarketer.com/eStatDatabase/ ArticlePreview.aspx?1004326. 17 Siehe www.comscore.com/press/release.asp. In den USA ergab eine 2006 durchgeführte Untersuchung unter 935 Jugend- lichen im Alter von 12 bis 17 Jahren, dass 55 % davon die Online-Zeit für soziale Vernetzung nutzen, insbesondere ältere Mädchen.18 Von diesen er- klärten wiederum 66 %, dass ihr Profil nicht öffentlich, sondern privat sei. Nahezu die Hälfte besucht diese Sites fast täglich, 9 von 10 geben als Zweck an, in Kontakt mit nahen oder entfernten Freunden bleiben zu wollen, die Hälfte nutzt diese Sites, um neue Freundschaften zu schließen und jede Sechste, um zu flirten. Eine weitere US-Untersuchung aus dem Jahr 2006 unter 1.487 Jugendlichen im Alter von 8 bis 18 Jahren kam zu dem Ergebnis, dass die 13- bis 18-Jährigen durchschnittlich 75 „Freunde“ über soziale Vernetzung haben, 52 „Buddies“ im Instant Messenger und 38 mobile Kontakte.19 Eine kleinere Untersuchung unter 374 irischen Jugendlichen ergab, dass mehr als 4 von 5 der Befragten Social-Networking-Sites mehrmals in der Woche oder sogar täglich besuchen. Einer von sechs Jugendlichen unterhält mehr als ein Profil, einer von drei Jugendlichen hat auf Social-Networking- Sites aus dem eigenen Zimmer Zugang und 71 % machen ihre Profile öffent- lich, obwohl die meisten Sites den vollständigen Namen in Verbindung mit anderen personenbezogenen Daten veröffentlichen. Drei von vier Jugendlichen haben andere Benutzer, denen sie noch nicht offline begegnet sind, „geadded“, also zu ihrer Freundesliste hinzugefügt, und die meisten sind über soziale Vernetzung bereits auf pornografische oder andere verletzende Inhalte ge- stoßen.20 Einige Daten zeigen die Ausbreitung der sozialen Vernetzungsaktivitäten vom PC hin zu mobilen Geräten: Branchendaten für das 3. Quartal 2006 zeigen, dass unter 13 bis 17 Jahre alten Mobilfunk-Vertragskunden 37 % amerikani- sche, 44 % deutsche, 58 % französische, 64 % britische, 63 % spanische und 70 % italienische Jugendliche ihre soziale Vernetzung auf die mobile Kommu- nikation ausgedehnt haben, wobei dies Instant Messaging, Chat, Verabredun- gen, Foto- oder Videobotschaften, Erstellung eigener Klingeltöne und die Wiedergabe der von Freunden zugesandten Videos umfasst.21 30 18 Lenhart /Madden (2007), Social Networking Websites and Teens: An Overview, Pew Internet & American Life, Project Memo, 1. Juli 2007. Veröffentlicht unter: www.pewinternet.org/PPF/r/198/report_display. asp. Die Studie besagt: „Für Mädchen sind Social-Networking-Sites vorwiegend Angebote, um bereits be- stehende Freundschaften zu verstärken; für Jungen sind sie auch Gelegenheit, zu flirten und neue Freund- schaften zu schließen“. 19 Rochester (2006), Teens Set New Rules of Engagement in the Age of Social Media. 31. Oktober 2006. (Untersuchung durchgeführt von Harris Interactive, Zusammenfassung der Erkenntnisse). Veröffentlicht unter: www.harrisinteractive.com/news/allnewsbydate.asp. 20 Anchor Youth Centre (2007), The Anchor WATCH_YOUR_SPACE Survey Report. Veröffentlicht unter: www.webwise.ie/article.aspx. 21 M. Metrics (2006) Teens Take User-Generated Content and Social Networking To Go, Seattle und London, 14. Dezember 2006. Veröffentlicht unter: www.mmetrics.com/press/articles/20061214-social-networking. pdf. Der Großteil der genannten Daten betrifft Jugendliche stärker als jüngere Kinder. Allerdings geht aus den Childwise22 Berichten hervor, dass im Ver- einigten Königreich 37 % der 5 bis 6 Jahre alten Kinder und 64 % der 7 bis 8 Jahre alten Kinder das Internet nutzen. Mit der zunehmenden Verbreitung der Online-Aktivitäten unter jüngeren Kindern muss die Forschung auch jüngere Nutzer berücksichtigen. 4 Risiken, Regulierung und evidenzbasierte Politik – Wie lauten die Herausforderungen für die Politik? – Auf welchen Annahmen beruht die Forschung? – Warum haben die Risiken eine so hohe Priorität? 4.1 Chancen gehen mit Risiken einher Jede neue Form von Online-Aktivitäten bringt eine neue Welle an öffentlicher Besorgnis und realen Risiken mit sich. Selbstverständlich ist es ein ganz nor- maler Bestandteil des Erwachsenwerdens, Grenzen auszuloten, die Normen der Erwachsenen in Frage zu stellen, Beziehungen auszuprobieren, mit der Persönlichkeit zu spielen, neue sexuelle Erfahrungen zu machen, Geheimnisse zu wahren oder zu brechen, Peers auszuschließen oder von Peers ausgeschlos- sen zu werden, Eltern zu täuschen und sich über das eigene Fortkommen zu sorgen. Dieses Verhalten ist online ebenso wie offline zu erwarten. Online werden diese Verhaltensweisen jedoch ggf. verstärkt, ausgedehnt, manipuliert oder in einer Weise praktiziert, die einfacher und schneller ist als dies offline möglich ist, und die wegen der soziotechnologischen Infrastruktur des Internets ggf. unerwartete Konsequenzen hat. Da Jugendliche die Grenzen ihrer Online-Erlebnisse ständig ausweiten, nehmen sie eine Vorreiterrolle ein, und zwar hinsichtlich ihrer Gefährdung ebenso wie hinsichtlich der Nutzung neuer, attraktiver Chancen. Es gefällt ihnen … – Bilder zu veröffentlichen, die Identität und Ort (Sportmannschaft, Schule usw.) preisgeben – Sexuell provozierende/anstößige Bilder zu veröffentlichen (über Mobil- telefon oder Webcam) – Nachrichten an „Freunde von Freunden“ in Umlauf zu bringen, deren Iden- tität unklar ist – Verhetzende oder schikanierende Inhalte über Peers in Umlauf zu bringen 31 22 Childwise (2006), ChildWise Monitor Trends Report 2006. Siehe www.childwise.co.uk trends.htm. – Persönliche Profile öffentlich zu machen (ggf. nicht wissend, was „öffent- lich“ bedeutet) – Andere zu albernen/peinlichen/anstößigen Handlungen zu verleiten und dies mit der Webcam festzuhalten – Peers zu Selbstmord, Magersucht, Drogenkonsum, Selbstverletzung aufzu- fordern – Private Nachrichten an alle Kontakte weiterzuleiten – Neue Kontakte und immer mehr „Freunde“ zu suchen – Unsicherheiten und Fantasien in Blogs auszudrücken – Sexuelle Spitznamen zu wählen (z. B. Lolita, sxcbabe) – Grenzen zu erweitern und mit der Persönlichkeit zu experimentieren. Die Unterscheidung zwischen Chancen und Risiken ist durchaus nicht einfach. Einige von Kindern als Chancen betrachtete Aktivitäten (z. B. soziale Vernet- zung, Veröffentlichung personenbezogener Daten, Herunterladen von Musik, Besuch von Chat-Räumen) gelten unter Eltern und anderen Erwachsenen als Risiken. Sogar aus Sicht der Eltern wird erwartet, dass Heranwachsende ein gewisses Risiko eingehen sollten, um zu lernen, damit fertig zu werden. (d. h. die Beherrschung von Risiken als solches ist ein positives Ergebnis der Internet- Nutzung.) Da die Regeln, die die Eltern für die Internet-Nutzung seitens ihrer Kinder aufstellen, auf einem gemeinsamen oder zu vereinbarenden Verständnis der Aktivitäten und des damit verbundenen Risikograds beruhen, anstatt dass Eltern einfach Verbote aussprechen, wirkt die Schwierigkeit, eine Grenze zwi- schen Chancen und Risiken zu ziehen, verkomplizierend. Jugendliche müssen beispielsweise Gelegenheit haben, ihre Sexualität mit ihresgleichen zu besprechen und werden diese Gelegenheit auch aktiv suchen; hier spielt das Internet eine entscheidende Rolle: „Mädchen sind am ehesten bereit, ihre Persönlichkeit zu erkunden und zu entwickeln und Gefühle über die Dinge auszudrücken, die ihnen am wichtigsten sind, wenn sie sich in einem Raum befinden, den sie als geschützt erachten – d. h. in dem eine wertende oder hemmende Einflussnahme seitens Erwachsener oder männlicher Gleich- altriger nicht stattfindet.“23 Jugendliche Mädchen nutzen daher das Internet nicht nur, um ihre Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, sondern auch, um in einer privaten, intimen und bisweilen bekennenden Weise ihre Irritation, Verletzlichkeit, Unsicherheit und Ahnungslosigkeit in Bezug auf Sexualität zu erkunden.24 Offenbar wenden sich besonders diejenigen, die sexuellen Infor- mationsbedarf haben (z. B. frühreife Mädchen) eher Teenager-Medien zu, so 32 23 Grisso/Weiss (2005), What are gURLS talking about? Adolescent girls’ construction of sexual identity on gURL.com. In: Mazzarella (Hrsg.), Girl Wide Web, S. 31–50, New York: Peter Lang, 32. 24 Stern (2002), Sexual selves on the world wide web: Adolescent girls’ home pages as sites for sexual self- expression. In: Brown/Steele/ Walsh-Childers (Hrsg.), Sexual Teens, Sexual Media: Investigating Media’s Influence on Adolescent Sexuality. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum Associates, S. 265–285. auch dem Internet.25 Die Mediendarstellungen, auf die sie stoßen, sind jedoch allzu häufig negativ oder ausforschend anstatt positiv und ermutigend.26 Die Forschungsergebnisse zeigen, dass mit der Entwicklung der Jugend- lichen zu immer gewandteren Internetnutzern zugleich auch das Erleben von Risiken und Chancen einhergeht. Aufgrund der Tatsache, dass Jugendliche häufig genau die Aktivitäten als Chance erachten, die Erwachsene als Risiken wahrnehmen, besteht eine positive Korrelation zwischen dem Spektrum der Chancen, die Jugendliche online erfahren (z. B. Lernen, Spiele, Kommunikation, Kreatives) und dem Spektrum der Risiken, auf die sie stoßen (z. B. Bullying, also Einschüchterung und Schikanierung, Hetzinhalte, sexuelle Belästigung). Je stärker Jugendliche Online-Chancen wahrnehmen, umso mehr erhöht sich das Online-Risiko, Schaden zu erleiden. Im Gegenzug bewirkt der Versuch, die Risiken zu mindern, tendenziell eine Minderung ihrer Online-Chancen, sei es durch eine allgemeine Einschränkung der Internet-Nutzung oder durch konkrete Beschränkungen interaktiver oder Peer-to-Peer-Aktivitäten online.27 Die Herausforderung ist klar: Wie kann die Gesellschaft die Online-Chancen für Kinder und Jugendliche wirksam erhöhen (d. h. positive Regulierung), während gleichzeitig die Risiken, auf die diese online stoßen, verringert oder gelenkt werden (d. h. negative Regulierung)? Es besteht zunehmend Konsens darüber, dass die Bewältigung dieser Herausforderung eine Aufgabe für mehrere Beteiligte ist, und keine zusätzliche Bürde für bereits überlastete Eltern sein darf. Für alle Betroffenen verlangt das nach einer Anpassung an schnelle Ver- änderungen, das Erlernen neuer Kompetenzformen (u. a. unerlässlicher und zur Befähigung notwendiger Kompetenzen), eine flexible Aufteilung der Zu- ständigkeiten zwischen den relevanten Parteien, die Ermittlung machbarer Konzepte zur Verbesserung der Sicherheit, die Abstimmung lokaler oder natio- naler Erfahrungen zur Begegnung eines globalen Phänomens und letztlich die Anerkennung einiger sehr realer Grenzen der Regulierungsmacht. 4.2 Die Agenda der europäischen Politik für Jugendliche und das Internet Die Politik in der Europäischen Union sowie in zahlreichen Ländern in aller Welt verlangt die Begünstigung der Internet-Verbreitung und -Nutzung am Arbeitsplatz, in Schulen, Gemeinschaften und Haushalten, wie in dem Aktions- 33 25 Brown/Halpern/L’Engle (2005), Mass media as a sexual super peer for early maturing girls, Journal of Adolescent Health, 36 (5), S. 420–427. 26 Buckingham/Bragg (2004). Young People, Sex and the Media: The facts of life? Basingstoke: Palgrave Macmillan. Was ist mit negativen Darstellungen gemeint? Darstellungen von Sexualität, die „nicht im Kontext“ stehen, die eine enge und beschränkte Vorstellung der (normalerweise weiblichen) Anziehungskraft unter- streichen, die mit Feindseligkeit oder Gewalt usw. verbunden sind. 27 Livingstone/Bober/Helsper (2005), Internet literacy among children and young people, London: LSE-Bericht. Veröffentlicht unter: www.children-go-online.net. plan eEurope 2005 zur Begünstigung der europäischen Informationsgesell- schaft dargelegt (vgl. den Rahmen für i2010).28 Diese weit reichende und ehrgeizige Agenda nennt eine Reihe von Zielen und Meilensteinen, so u. a. europäische Initiativen für elektronisches Lernen (e-Learning) und digitale Integration (e-Inclusion) sowie die Förderung von Medien- und Informations- kompetenzen, um Verbraucher zu befähigen, Vorteile aus einem konvergierten Kommunikationsumfeld zu ziehen. Da die Europäische Kommission bestrebt ist, Chancen für die europäische Wirtschaft, den öffentlichen Sektor und die Bürger zu maximieren und gleich- zeitig Risiken zu minimieren, entsteht ein Spannungsfeld, das in Sätzen wie „eine sichere Informationsgesellschaft“ oder ein „sichereres“ (jedoch nicht „sicheres“) Internet zum Ausdruck kommt, ebenso wie beispielsweise in dem angespannten Verhältnis zwischen der Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“29 zur weiteren Liberalisierung der Märkte und der Empfehlung über den Jugend- schutz und den Schutz der Menschenwürde.30 Offenbar wird die Politik beson- ders stark angefochten, wenn es, möglicherweise oberflächlich betrachtet, den Anschein hat, dass der Schutz der Kinder gegenüber kommerziellen Freiheiten ins Hintertreffen gerät, oder wenn die erzwungene Regulierung von Firmen nur durch die zusätzliche Belastung oftmals schlecht vorbereiteter Eltern redu- ziert werden kann, die in der Pflicht stehen, ihre Kinder in einem schnell- lebigen und technologisch komplexen Umfeld zu schützen. Zwar werden Marktentwicklungen mit dem Hinweis auf Kinder und die Notwendigkeit, sie vor aufkommenden Risiken zu schützen, häufig gebremst, aber die Aktivitäten von Kindern sind auch ein markttreibender Faktor – man denke an die rasante Nutzung von mobilen und sozialen Netzwerkdiensten, den Musikkonsum, den schnell wachsenden Bildungssektor usw. Somit haben ihre Bedürfnisse und Rechte als Bürger heute und in Zukunft mit Sicherheit höchste Priorität. Eine gleichermaßen problematische Spannung liegt in der Beziehung zwi- schen einzelnen Ländern und regionalen oder internationalen Regulierungs- behörden einschließlich der Europäischen Gemeinschaft. Obwohl sich weder die neuen Technologien, noch die Branchen, die diese herstellen und ver- treiben, auf nationale Grenzen beschränken lassen, und obwohl der Schutz von 34 28 Siehe ec.europa.eu information_society/policy/ index_en.htm (Stand: 27. 02. 07). Wie auf dieser Site verzeichnet: „i2010 is the European Commission’s strategic policy framework laying out broad policy guide- lines for the information society and the media up to 2010. It promotes an open and competitive digital economy and emphasises ICT as a driver of inclusion and quality of life“. 29 Derzeit neu formuliert als Richtlinie zu audiovisuellen Mediendiensten; siehe europa.eu.int /comm/ avpolicy/revision-tvwf2005/ispa_scope_en.pdf. 30 Angenommen vom Europäischen Parlament und Rat im Dezember 2006, lenkt diese die nationale Gesetz- gebung zur Bekämpfung illegaler und schädlicher Inhalte, die über elektronische Medien übertragenen werden, und umfasst einen Aufruf zur Förderung der Medienkompetenz von Kindern; siehe ec.europa.eu/comm/ avpolicy/reg/minors/ index_en.htm. Kindern ein universeller Wert ist, gilt nach wie vor zu einem großen Teil, dass die Öffentlichkeit (Kinder, Eltern, Lehrer und andere) in nationalspezifischen Kontexten lebt, die durch bestimmte Werte, Kenntnisse, Verhaltensweisen und Bedenken gekennzeichnet sind, sowie durch konkrete institutionelle, regulative und kulturelle Hintergründe. Unterschiedliche Länder – sei es aufgrund von Sprache, Religion, Familien- struktur, moralischen Prioritäten, politisch-ökonomischer oder medienpoliti- scher Geschichte – betrachten neue Online-Chancen und -Risiken aus einer kulturellen Sichtweise, die verschiedene Prioritäten und Bedenken bestimmt (bezüglich Sicherheit und Risiken, Gewalt und Pornografie, rassistischer und anstößiger Inhalte), welche wiederum auf abweichenden Wertesystemen be- ruhen, unter anderem auf unterschiedlichen kulturellen Verständnissen von Kindheit, der Gratwanderung zwischen Freiheit und Schutz und der Verantwor- tung von Eltern, Industrie und/oder Staat. 4.3 Die akademische Forschungsagenda für Jugendliche und das Internet Vor vergleichbaren Herausforderungen steht die europäische Forschungsgemein- schaft. Die aktuelle Debatte konzentriert sich auf die Frage, wie sich nationale Forschungszusammenhänge durch die Globalisierung wandeln sowie auf das Potenzial der Anwendung komparativer, länderübergreifender Verfahren. Über die inhärenten Anforderungen einer komparativen, länderübergreifenden For- schung hinaus wird eine angemessene Zusammenarbeit und ein Vergleich in der europäischen Forschungsgemeinschaft in der Praxis bislang durch unter- schiedliche nationale Gebräuche bei der Finanzierung der Forschung, der insti- tutionellen Strukturen und intellektuellen Gräben sowie durch die begrenzten Möglichkeiten zur Wissensvernetzung und zur Koordination von vergleichen- den Untersuchungen erschwert.31 Die Geschwindigkeit des technologischen Wandels stellt eine multinationale Vernetzung ebenfalls vor Herausforderungen, die eine stete Aktualisierung der Forschungsagenda verlangt. Dieser Bereich der empirischen Forschung wird durch bestimmte konzep- tionelle Vorstellungen in Forschung und Lehre geprägt: – Zwar können Richtlinien zum Jugendschutz das Ziel sein, aber es ist wich- tig, die Tätigkeiten und Kompetenzen der Kinder sowie ihre Schwächen zu begreifen, um verstehen zu können, wie und warum sie das Internet in der gegebenen Weise nutzen. Ein erwachsenenorientierter Ansatz führt häufig zu einer Fehlinterpretation ihrer Erfahrungen und ist tendenziell von morali- 35 31 Livingstone (2003), On the challenges of cross-national comparative media research, European Journal of Communication, 18 (4), S. 477–500. schen Ängsten hinsichtlich des „Neuen“ bestimmt, insbesondere wenn diese gesellschaftliche Befürchtungen hinsichtlich einer Bedrohung des Kindes, Unverständnis gegenüber Technologien und/oder Sorgen um die Grenzen der sozialen Kontrolle beinhalten.32 – Zwar ist es bequem, von „Kindern“ oder von der „Jugend“ zu sprechen, aber es ist unerlässlich, die erheblichen Unterschiede bezüglich der Kompe- tenzen, der Interessen und Lebenssituationen von Kindern hinsichtlich Alter, Geschlecht, sozioökonomischem Hintergrund usw. zu berücksichtigen. Für länderübergreifende oder paneuropäische Forschung können viele weitere Faktoren ebenfalls zu Unterschieden in den Erfahrungen von Kindern führen, wie das Schulsystem, die Familienstruktur, kulturelle Werte, technologi- sche Erfahrungen und Kenntnisse usw. – Ein technologisch deterministischer, wirkungsorientierter Ansatz sollte un- bedingt vermieden werden; stattdessen gilt es zu verstehen, wie das Internet sozial ausgeprägt ist, was Einrichtung, Aufbau und Volkswirtschaft angeht, und wie es sich seine Nutzer in den diversen Zusammenhängen in geeig- neter Weise zueigen machen.33 Dies bedeutet nicht notwendigerweise, einen sozialen Determinismus geltend zu machen, sondern sorgfältige Fragen über die dynamischen und bedingten Beziehungen zwischen den Praktiken der sozialen Gestaltung und der technologischen Nutzung zu stellen. – Neue Medien ergänzen und korrigieren ältere Medien und auch ältere kulturelle Verhaltensweisen; nur selten lösen sie diese vollständig ab.34 Die Darstellung der Nutzung des Internets durch Kinder sollte daher unter- suchen, in welchem Kontext diese Nutzung hinsichtlich anderer Medien und kultureller Formen erfolgt, wobei jede Darstellung im Rahmen einer Analyse der Kindeserziehung, Bildung, sozialen Werte und Normen und der übrigen alltäglichen Verhaltensweisen und Einrichtungen eingebettet sein sollte, die den Besonderheiten der Internet-Nutzung Bedeutung ver- leihen.35 Um zu verstehen, warum Online-Chancen einen derart hyperbolischen Opti- mismus auf sich ziehen, während Online-Risiken Gegenstand derartiger öffent- 36 32 Livingstone (2002), Young People and New Media: Childhood and the Changing Media Environment, London: Sage. 33 Mansell und Silverstone (1996) sprechen sich für die Analyse der Freiheitsgrade aus, die den Produzenten und den Nutzern von Technologie zur Verfügung stehen, einschließlich der Berücksichtigung der Interessen, die bei der Entscheidung eines bestimmten Konzepts gegenüber einem anderen eine Rolle spielen. Siehe Mansell/Silverstone (Hrsg.) (1996), Communication by design: the politics of information and communication technologies, Oxford: Oxford University Press. 34 Lievrouw/Livingstone (2006), Einleitung. In: Lievrouw/Livingstone (Hrsg.), Handbook of New Media: Social Shaping and Social Consequences (S. 1–14), London: Sage. 35 Berker/Hartmann/ Punie/ Ward (Hrsg.), (2006), The domestication of media and technology, Maidenhead: Open University Press. licher Ängste und Befürchtungen sind, bedarf es eines größeren Blickwinkels. In seiner Darstellung der „Risikogesellschaft“ argumentiert Ulrich Beck, als Ergebnis heutiger sozialer Änderungen entstehe „ein neues Zwielicht aus Chancen und Risiken – eben die Konturen der Risikogesellschaft“, Konturen, von denen wir heute erst einen flüchtigen Eindruck haben.36 Diese sozialen Änderungen sind dergestalt, dass es in der Gesellschaft „ […] nicht mehr ausschließlich um die Nutzbarmachung der Natur, um die Heraus- lösung des Menschen aus traditionellen Zwängen (geht), sondern es geht auch […] um Folgeprobleme der technisch-ökonomischen Entwicklung selbst […]. Fragen der Ent- wicklung und des Einsatzes von Technologien (im Bereich von Natur, Gesellschaft und der Persönlichkeit) werden überlagert durch Fragen der politischen und wissenschaft- lichen ‚Handhabung‘ […] der Risiken aktuell und potenziell einzusetzender Technolo- gien.“37 Somit kann „Risiko […] als systematische Form definiert werden, mit Gefähr- dungen und Unsicherheiten, die durch die Modernisierung selbst induziert und eingebracht werden, umzugehen“.38 Da Menschen über unterschiedliche Res- sourcen verfügen, um mit diesen Gefährdungen und Unsicherheiten umzu- gehen, sollte eine Risikodarstellung eine Abstimmung der „sozialen Risiko- positionen“ umfassen – wie sind Risiken in der Gesellschaft verteilt, welche Ungleichheiten werden erzeugt und mit welchen anderen gesellschaftlichen Determinanten sind sie verbunden? Wie von Lash und Wynne zusammenfassend dargelegt, werden in der Risiko- gesellschaft „… Risiken stets in sozialen Systemen erzeugt und herbeigeführt, beispielsweise von Organisationen und Institutionen, die die risikobehaftete Tätigkeit handhaben und kon- trollieren sollen“, wobei das Ausmaß des Risikos „eine direkte Funktion der Qualität der sozialen Beziehungen und Prozesse ist“; Demnach „ist das Hauptrisiko, sogar für die technisch intensivsten Tätigkeiten (möglicherweise besonders für diese) das der sozialen Abhängigkeit von Institutionen und Akteuren, die durchaus – und wohl zu- nehmend – fremdartig, undurchsichtig und für die meisten Menschen, die von den frag- lichen Risiken betroffen sind, unerreichbar sind.“39 Diese Beobachtungen klingen für viele Kinder, Eltern und Lehrer richtig, die zu verstehen versuchen, warum genau die Technologie, die derart wunderbare 37 36 Beck (1992), Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne, London: Sage, S. 15. 37 Beck (1992), Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne, London: Sage, S. 19. 38 Beck (1992), Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne, London: Sage, S. 21. Diese Defini- tion weicht erheblich von der üblichen statistischen Auffassung von der Schadenswahrscheinlichkeit ab. Für Beck werden Risiken durch natürliche Gefahren und das soziale Umfeld mitbestimmt, durch das sie geformt, ausgedrückt und behandelt werden. 39 Lash/Wynne (1992), Einleitung. Beck, Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne, London: Sage, S. 4. Chancen für Bildung, Kommunikation, Mitwirkung und Kreativität verspricht, gleichzeitig das Mittel ist, das die übelsten Auswüchse der Gesellschaft in die häusliche Privatsphäre bringt. Das Internet scheint ihnen Risiken in das Leben der Kinder zu bringen, die sicherlich von der Qualität der sozialen Beziehungen online und offline abhängen, die ungleich verteilt sind und die umso größer für diejenigen sind, die am schlechtesten damit fertig werden können, und die ihnen ihre wachsende Abhängigkeit von einer oft unverständlichen Technolo- gie und den weitgehend unzugänglichen dahinter stehenden Institutionen klar machen. Diese von der Öffentlichkeit wahrgenommenen Veränderungen gehen einher mit der Anpassung von Regulierungsformen für die sich wandelnde Risiko- landschaft. Unter dem Druck, Märkte national und global zu liberalisieren (und zu deregulieren), und herausgefordert, die allzu häufigen öffentlichen Krisen zu meistern, die mit der Regulierung von Risiken verbunden sind (z. B. in Bezug auf Finanzdienste, Sicherheit von Nahrungsmitteln, Gesundheits- wesen, Umweltprobleme usw.40), lösen sich die Regulierungsformen von der bisherigen Mischung eines hierarchischen, nach „Befehl und Kontrolle“ struk- turierten Ansatzes sowohl der sich selbst kontrollierenden Gremien als auch der Regierungsstellen und verfolgen einen „weicheren“, eher indirekten Ansatz, der bestrebt ist, die Rolle des Staates aufzulösen, indem mehr zuständige und transparente Regulierungsstellen geschaffen werden (sowohl übernationale Stellen, wie die Europäische Kommission, als auch Stellen innerhalb des Staates), und durch Einbeziehung der Zivilgesellschaft in die Lenkungs- prozesse, um so, wie man meint, der Öffentlichkeit durch eine Verbesserung der Wahlmöglichkeiten mehr Verantwortung zu übertragen.41 Eine wesentliche Folge davon ist allerdings die Individualisierung von Risiken – mit anderen Worten, der Einzelne ist den Konsequenzen der eigenen, risikobezogenen Entscheidungen stärker ausgesetzt.42 Für Kinder, Jugendliche und deren Eltern, die bereits mit den erheblichen emotionalen Konflikten kämpfen, die Grenzen von Öffentlichkeit und Privatsphäre, Abhängigkeit und Unabhängigkeit, Tradition und Wandel auszuhandeln, ist dies sicherlich eine neue Belastung, die potenziell dramatische Folgen für ihre bisher privaten Kämpfe mit sich bringt. 38 40 Lupton (1999) (Hrsg.), Risk and Sociocultural Theory: New Directions and Perspectives, Cambridge: CUP. 41 Black/Lodge/Thatcher (2005), Regulatory Innovation: A Comparative Analysis, Cheltenham; Jessop (2000), The State and the Contradictions of the Knowledge-Driven Economy, Lancaster; Jessop (2002), The Future of the Capitalist State, Cambridge. 42 Lunt/Livingstone (im Druck), Regulating markets in the interest of consumers? On the changing regime of governance in the financial service and communications sectors. In: Bevir/Trentmann (Hrsg.), Governance, citizens, and consumers: Agency and resistance in contemporary politics, Basingstoke, GB: Palgrave Mac- millan. 5 Positive Schritte nach vorn – Welche positiven Online-Chancen bestehen für Kinder bereits? – Wie lassen sich weitere positive Chancen entwickeln und beurteilen? – Ist die Verbesserung der Medienkompetenz hilfreich? 5.1 Förderung positiver Chancen Möglicherweise lassen sich die negativen Dimensionen der Internet-Nutzung am besten vermeiden, indem man Kinder zu den positiven Dimensionen hin- führt; zum einen wird hierdurch Schaden vermieden, zum anderen werden Kinder zu Lernen, Kommunikation, Mitwirkung und Kreativität ermutigt. Hier- bei geht es nicht nur um eine Strategie zur Risikoreduzierung, sondern auch um die Frage der Kommunikationsrechte von Kindern. Die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes (von nahezu allen Staaten mit Ausnahme der USA ratifiziert) gewährt Kindern das Recht auf freie Meinungsäußerung anhand eines vom Kind gewählten Mediums jeder Art (Art. 13) und gewährt Massenmedien das Recht, Informationen und Materialien zum sozialen und kulturellen Nutzen des Kindes zu verbreiten, den sprachlichen Bedürfnissen eines Kindes, das einer Minderheit angehört oder Ureinwohner ist, besonders Rechnung zu tragen und das Kind vor Materialien zu schützen, die sein Wohlergehen beeinträchtigen (Art. 17). Diese Rechte fort- schreibend erklärt die 1995 formulierte Charta über Fernsehen für Kinder: (1) „Kinder sollten Programme von hoher Qualität haben, die besonders für sie gemacht werden, und die diese nicht ausnutzen. Diese Programme sollten nicht nur unterhaltsam sein, sondern Kindern auch ermöglichen, ihr physisches, geistiges und soziales Potenzial bestmöglich zu entwickeln“; (2) „Kinder sollten sich, ihre Kultur, ihre Sprachen und ihre Lebenserfahrungen durch Fernsehprogramme hören, sehen und ausdrücken, die ihr Selbstgefühl, ihr Gemeinschafts- gefühl und ihr Zugehörigkeitsgefühl bestärken“; (3) „Kinderprogramme sollten ein Bewusstsein und eine Wertschätzung anderer Kulturen parallel zum eigenen kulturellen Hintergrund des Kindern fördern“; (4) „Kinderprogramme sollten in Art und Inhalt umfassend sein, aber nicht grundlos Gewalt- und Sexdarstellungen enthalten“; (5) „Kinderprogramme sollten auf regelmäßigen Programmplätzen zu Zeiten ausgestrahlt werden, zu denen Kinder erreichbar sind, und/oder sie sollten über andere weit zugäng- liche Medien oder Technologien verbreitet werden“; (6) „Es sind ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen, um diese Programme nach den höchstmöglichen Standards zu erstellen“; 39 (7) „Regierungen, Produktions-, Verbreitungs- und Finanzierungsorganisationen sollten die Bedeutung und die Anfälligkeit des Fernsehens für Kinder, die Ureinwohner sind, achten und Schritte zu dessen Unterstützung und Schutz unternehmen“.43 Dass diese Grundsätze ohne weiteres auf das Internet übertragen werden könn- ten, regt zum Nachdenken an. Dies ginge mit der weiter gefassten Bewegung konform, Kommunikationsrechte oder -ansprüche für Erwachsene und Kinder weltweit zu entwickeln und zu schützen. Cees Hamelink definiert Kommuni- kationsrechte als die Rechte, die von den Vereinten Nationen in der Allgemei- nen Erklärung der Menschenrechte verabschiedet wurden, die sich auf Informa- tion und Kommunikation beziehen und argumentiert, dass: „Kommunikation ein grundlegender sozialer Prozess ist und Grundlage jeglicher sozialer Struktur […]. Kommunikationsrechte beruhen auf einer Vorstellung des freien Stroms von Informationen und Vorstellungen, die interaktiv, egalitär und nicht diskriminierend sind und sich von Menschenrechten ableiten und nicht von kommerziellen oder politi- schen Interessen. Diese Rechte stellen die Ansprüche der Menschen auf Freiheit, Ein- beziehung in, Vielseitigkeit und Mitwirkung an dem Kommunikationsprozess dar.“44 Was könnte dies in der Praxis für die positive Bereitstellung von Online- Ressourcen für Kinder bedeuten? Im Zuge der Recherche zu diesem Beitrag konnte ich beobachten, dass man eher über die Risiken nachzudenken scheint, denen Kinder online aus- gesetzt sind, statt die damit verbundenen Chancen zu benennen. Wir sind uns alle darin einig, dass Kontakt mit Fremden, Bullying, Rassenhass und Porno- grafie Probleme aufwerfen; allerdings ist die Bedeutung, die diesen Problemen zugemessen wird, ebenso unterschiedlich wie die vorgeschlagenen Lösungen. Was genau sollen Kinder nach unserer Auffassung – also der Auffassung der Erwachsenen – online tun? Wenn wir Kindern über die Schulter schauen, was hoffen wir zu sehen? Und was sollte nach Ansicht der Kinder online mehr vor- handen sein? Was davon sollte vom öffentlichen Sektor bereitgestellt oder im privaten Sektor gefördert werden? Der Grund, warum Menschen ins Grübeln geraten, wenn sie über die posi- tiven Chancen für Kinder online befragt werden – abgesehen von dem weit verbreiteten und wichtigen Wunsch, Lernen, Kommunikation, Mitwirkung und Kreativität zu fördern – ist offenbar erstens der, dass Erwachsene und Kinder unterschiedliche Blickwinkel haben, wobei Erwachsene gegenüber den bevor- zugten Online-Aktivitäten von Kindern (Spiele, Chat, soziale Vernetzung usw.) sehr zwiespältig eingestellt sind, und zweitens, dass die Bandbreite des Internets 40 43 Livingstone (2007), Children’s Television Charter. In: Arnett (Hrsg.), Encyclopedia of Children, Adolescents, and the Media. Thousand Oaks, Kal.: Sage, S. 164. 44 Hamelink (2003), Statement on communication rights. Vorgestellt auf dem Weltforum der Kommunikations- rechte am 11. Dezember 2005. Abrufbar unter: www.communicationrights.org/statement_en.html, S. 1.m gewaltig ist und praktisch beliebige oder alle Offline-Aktivitäten von Kindern unterstützen kann. Ich habe mich daher in meinen akademischen, politischen und persönlichen Netzwerken nach aussagekräftigen Beispielen für Online-Inhalte und -Dienste für Kinder umgeschaut. Das Folgende ist aus dem Stegreif zusammengestellt und englischlastig, da es bislang keine systematische Darstellung des gegen- wärtigen Stands an Online-Angeboten gibt, die für Kinder innerhalb der Mit- gliedstaaten (oder anderswo) geeignet sind. Beispiele für gute oder bewährte Praktiken: – In Frankreich ist die kindgerechte Suchmaschine Takatrouver für 7 bis 12 Jahre alte Kinder konzipiert und seit 7 Jahren im Einsatz.45 Da der Inhalt vorab geprüft ist, und da es sich um eine private Initiative ohne externe Mittel handelt (abgesehen von Werbung im Erwachsenenbereich), kann die bereitgestellte Auswahl ggf. recht begrenzt sein. Täglich werden 13.000 Besucher gezählt, insbesondere während und kurz nach der Schule.m – Childnet-International ist eine im Vereinigten Königreich ansässige gemein- nützige Einrichtung, die junge Menschen dabei unterstützt, positive Online- Inhalte zu entwickeln. Hierzu zählen die Bereitstellung von Mitteln, damit Kinder Sites erstellen, und eine jährliche Preisverleihung zur Würdigung der von Kindern erzeugten kreativen Inhalte.46 – In Griechenland betreibt die Hellenic World Foundation ein Portal für Kinder, das Projekte der virtuellen Realität für Schulkinder bereitstellt (z. B. das Leben und die Geschichte des Olivenbaums, die Chronik einer Aus- grabung, das antike Agora, eine virtuelle Reise in die antike griechische Mathematik, eine virtuelle Theatertour).47 – In Slowenien können junge Kinder eine Site besuchen, auf der Geschichten erzählt werden, sowie andere Sites, die Bildungsinhalte mit Spielen und Unterhaltungsaktivitäten mischen; u. a. gibt es ein öffentlich gefördertes Kinderportal.48 – In Kalifornien ist das Projekt „Digital Underground Storytelling for Youth“ eine Zusammenarbeit zwischen der Universität von Kalifornien, Berkeley, lokalen Gemeinschaften und Erziehern, um Kinder bei der Erstellung digi- 41 45 Siehe www.takatrouver.net. 46 www.childnet-int.org. Ein erfolgreiches Beispiel einer Site, die von drei jungen Schwestern in Australien erstellt wurde, ist www.Matmice.com, die weltweit 268.000 Mitglieder zählt. 47 Siehe www.fhw.gr imeakia. Die Hellenic World Foundation ist eine privat finanzierte, gemeinnützige Stiftung, die 1993 per Parlamentsbeschluss gegründet wurde. 48 Siehe www.prazniki.net/default.aspx. Ebenso wie www.otroci.org und das Kinderportal www. zupca.net/. Die Hauptzuständigkeit für Online-Inhalte für Kinder liegt beim Bildungsministerium, aber auch das Kulturministerium unterstützt einige Projekte, insbesondere diejenigen, die die slowenische Sprache fördern. Abgesehen von Sites für soziale Vernetzung ist das Angebot für slowenische Jugendliche allerdings mager.m taler Geschichten zu unterstützen, damit sie ihre Persönlichkeit mithilfe von Multimediawerkzeugen ausdrücken und erkunden können.49 – Ein von der Europäischen Kommission unterstütztes Projekt, Children in Communication about Migration, richtete nationale (offline) Clubs ein, in denen 10- bis 14-Jährige angeleitet wurden, eigene Produktionen zu er- stellen, u. a. Animationen, Dokumentationen, Musikvideos, Dramen und Rollenspiele, die die Migrationserfahrung von Kindern in sechs europäi- schen Ländern zum Ausdruck brachten.50 – In einem einmaligen Projekt als Teil des Safer Internet Day 2007 gewann die Semley Primary School (Vereinigtes Königreich) und Athens-Chiles- burg Elementary (USA) den Innovationspreis für ihr Teamprojekt zum Thema „Die Macht des Bildes“. Die 9- bis 11-jährigen Schüler nutzten das Internet, um zusammenzuarbeiten und mehr über Teamwork, kulturelle Unterschiede und Internet-Sicherheit zu lernen. – In den Niederlanden stellt Stichting Mijn Kind Online (My Kid Online) Kriterien für kindergeeignete Sites bereit, u. a. Site-Besprechungen auf der Grundlage bewertbarer Kriterien, die von einem unabhängigen, aus Eltern zusammengesetzten Redaktionsgremium implementiert werden. Diese Initia- tive verfolgt das Ziel, Eltern und Kinder in die Lage zu versetzen, selbst zu beurteilen, was positive Online-Inhalte für Kinder sind.51 – Im Vereinigten Königreich entwickelt BBC Children ein „dynamisches, virtuelles Drehkreuz“ für Kinder unter 12 Jahren (CBBC für 7- bis 11-Jäh- rige und Cbeebies für jüngere Kinder). Der plattformübergreifende Inhalt verbindet Fernsehen, Radio und Internet über eine durchgängige Oberfläche mit On-Demand-Videos, Filmbeiträgen über Vorgänge hinter den Kulissen, zusätzlichen Inhalten und interaktiven Diensten (Kreatives, Spielen, Ge- meinschaft, Lernen usw.). Ein Teil ist bereits vorhanden oder für 2008 geplant und wird in Verbindung mit einem Suchwerkzeug mit vorab ge- prüften Inhalten angeboten.52 Beobachtungen: – Diese Fälle unterscheiden sich in Dimension und Umfang erheblich, und sicher gehen die Auffassungen darüber auseinander, ob es sich immer um „bewährte“ Fälle handelt. Kinder und Erwachsene können durchaus anderer Meinung sein. Die Fälle weichen auch insofern voneinander ab, als dass sie auf Ressourcen beruhen, die auf nationaler oder internationaler Basis bereit- 42 49 Siehe gse.berkeley.edu/research/dusty.html. 50 chicam.org. 51 Siehe www.planet.nl/planet /show/id=703280 und www.mijnkindonline.nl. 52 Siehe www.bbc.co.uk/cbbc – umfasst ein Suchwerkzeug, keine Suchmaschine, sondern eine vorab ge- prüfte inhaltliche Verknüpfung auf externe Websites, die eindeutige Richtlinien bezüglich Inhalt, Werbung, Botschaft, Verwendung personenbezogener Daten und Eignung für 7- bis 11-Jährige erfüllen. gestellt werden, oder auf Ressourcen, die für eine bestimmte Schule oder Umgebung vorgesehen sind. – In jedem Mitgliedsstaat gibt es diverse Beispiele für kleinere Projekte der öffentlichen Hand, in einigen Ländern sogar zahlreiche. Die erfolgreichen Projekte beginnen häufig offline und entstammen einer Schule oder Gemein- schaft. Häufig richten sie sich an Benachteiligte oder Minderheiten, sind ressourcenintensiv, hängen oft von einer engagierten Einzelperson oder Gruppe ab, fußen auf einer vorübergehenden Projektfinanzierung und sind somit in Bezug auf Nachhaltigkeit und Aktualisierung schwierig. – Zudem haben sie offenbar Mühe, ein größeres Publikum zu erreichen und nicht nur diejenigen, die bereits an der Schaffung der Ressource beteiligt sind. Diejenigen Angebote, die nach einem Top-Down-Konzept bereit- gestellt werden (z. B. durch staatliche Stellen), ohne Kinder in Entwurf und Nutzung unmittelbar einzubeziehen, laufen Gefahr, von Kindern als beson- ders irrelevant und langweilig eingeschätzt zu werden.53 Andere verfolgen zwar beste Absichten, scheinen aber die Vorstellung der Erwachsenen von richtig und falsch wiederzugeben (z. B. so, wie in www.filmstreet.co.uk, wo das „richtige“ Kostüm für eine Fantasiefigur vorgegeben wird, anstatt den Spieler aufzufordern, kreativ zu sein). – Die Vorabprüfung von Inhalten ist sehr kostspielig, ebenso wie die Bereit- stellung kindgerechter interaktiver Dienste. Angebote der öffentlichen Hand sind daher häufig nicht interaktiv,54 während Angebote aus privater Hand entweder für jedermann und nicht speziell für Kinder (und in einer für Kinder sicheren Weise) bereitgestellt werden, oder sie enthalten Werbung, um die kinderspezifischen interaktiven Dienste zu bezahlen. – Mit Ausnahme von Ressourcen, die von öffentlichen Rundfunkanstalten oder Regierungsstellen unterhalten werden, sind große und nachhaltige Ressourcen häufig im privaten Sektor zu finden, weswegen diese von einer kommerziellen Strategie der Marktbreite und Rentabilität abhängen und dabei Werbung oder Sponsoring das Online-Angebot prägen, so dass es wenig Anlass gibt, die digital im Abseits Stehenden zu erreichen.55 43 53 Livingstone (im Druck), The challenge of engaging youth online: Contrasting producers’ and teenagers’ interpretations of websites, European Journal of Communication, 22 (2). 54 Dies scheint auch für Sites zu gelten, die für die allgemeine Öffentlichkeit vorgesehen sind, bei denen die Peer-Kommunikation oder andere Formen der Interaktion eingeschränkt sind, die wenig Verantwortung für Inhalte übernehmen, und die Minderheiten kaum Gehör verschaffen, ungeachtet der Fülle der bereitgestellten Informationen; siehe Kenix (2007), In search of utopia: an analysis of non-profit web pages, Information, Communication & Society, 10 (1), S. 69–94. 55 Bislang wurde die Empfänglichkeit von Kindern gegenüber verschiedenen Formen der Online-Werbung und -Verkaufsförderung kaum erforscht, ungeachtet der großen Nachfrage nach einer derartigen Forschung: Mont- gomery/Pasnik (1996), Web of Deception: Threats To Children from Online Marketing, Washington: Centre for Media Education. – Obwohl Sites aus dem privaten Sektor von Kindern oft gerne aufgesucht werden, handelt es sich dabei nicht unbedingt um für Kinder besonders auf- bereitete Angebote (z. B. Google, Wikipedia – könnte es davon kindgerechte Versionen geben?). Wie bei anderen Medien (Fernsehen, Filme, Bücher) ist anzunehmen, dass Kinder, sobald sie zu Jugendlichen heranwachsen, Inhalte für Erwachsene (oder für die allgemeine Öffentlichkeit) bevorzugen und Inhalte meiden, die „für Kinder“ gedacht sind. – Es gibt nur wenige veröffentlichte Bewertungen dieser Ressourcen, noch nicht einmal für Ressourcen der öffentlichen Hand. Daher gibt es auch kaum Angaben darüber, ob Kinder diese nutzen, oder ob sie die anderen Online- oder Offline-Ressourcen vorziehen. Hinzu kommt, dass viele Initia- tiven scheitern. Der bekannteste Fall ist wohl der Versuch, eine „Dot-Kids- Domäne“ einzurichten (unter der US-Domäne –.kids.us). Im Jahr 2002 er- schien dieses Projekt vielversprechend, als Präsident Bush in den USA den Dot-Kids Implementation and Efficiency Act unterzeichnete.56 – Von den populären Sites für Kinder lässt sich vieles lernen (insbesondere von den Sites für soziale Vernetzung), was in den Angeboten der öffentlichen Hand implementiert werden könnte. Was Kindern ganz eindeutig gefällt, sind nutzerseitig erstellte Inhalte, Peer-to-Peer-Networking, also Vernetzung mit gleichrangigen Teilnehmern, personalisierte Inhalte, Nachrichtenaustausch, Austausch von Musiktiteln und viele andere Anwendungen. Dies stellt be- sondere Anforderungen an diejenigen, die Online-Ressourcen produzieren, die auf die Anforderungen, Rechte und den Schutzbedarf von Kindern aus- gelegt sind. Derzeit sind die meisten dieser Angebote auf Jugendliche be- schränkt (oder dafür gedacht), weshalb jüngere Kinder viel weniger Möglich- keiten zur Nutzung interaktiver Inhalte oder Peer-to-Peer-Funktionen haben. Obwohl sich die Unterschiede zwischen Inhalten und Diensten und zwischen öffentlichem und privatem Sektor in der Praxis verwischen, lässt sich das positive Online-Angebot wie folgt umreißen: 44 56 www.whitehouse.gov/news/releases/2002/12/20021204-1.html. Das Angebot ist als ein von Schutz- wällen umgebener „Garten“ konzipiert, der zudem einen komfortablen Einsatz von Filtern und Suchmaschinen ermöglicht. Auf der Site wird der Präsident mit folgenden Worten zitiert: „Dot Kids wird Bestandteil der US-Domäne im Internet sein. Das Angebot wird ähnlich funktionieren wie die Kinderabteilung in einer Bücherei, in der Eltern ihre Kinder unbesorgt stöbern lassen können. […] Dieses Gesetz ist ein kluger und notwendiger Schritt zum Schutz unserer Kinder, während diese Computer nutzen und die großartigen Möglich- keiten des Internets erforschen. Jede Site, die mit .Kids bezeichnet ist, wird eine für Kinder sichere Zone sein. Die Sites werden auf Inhalte und auf Sicherheit überwacht, und es werden alle anstößigen Materialien ent- fernt. Online-Chat-Räume und Instant Messaging werden untersagt sein, es sei denn, solche Angebote können als sicher eingestuft werden. Die Websites unter dieser neuen Domäne verweisen kein Kind auf andere Online- Sites außerhalb der kindgerechten Zone.“ Diese Regelung wurde von Kritikern als sehr restriktiv empfunden, da sämtliche Inhalte und Verweise für Kinder unter 13 Jahren geeignet sein müssen und nicht vorab geprüfte Peer-to-Peer-Kommunikation ausgeschlossen ist. Dafür zu sorgen, dass die Domäne den Kriterien gerecht wird, ist Aufgabe von NeuStar, siehe www.kids.us/content_policy/content.html. Mittlerweile sind einige Jahre vergangen, und nur wenige Organisationen haben in der Praxis die Gelegenheit genutzt, in diese Domäne zu investieren und sie mit kindgerechten Inhalten zu füllen, so dass die Initiative praktisch eingeschlafen ist.m 45 57 Beispielsweise VRT in Belgien, ZDF in Deutschland, NRK in Norwegen, RTE in Irland und CBBC/BBC Education im Vereinigten Königreich, www.hetklokhuis.nl/sketchstudio in den Niederlanden, http:// www.sesameworkshop.org und www.pbskids.org in den USA; Staatliches Dänisches Fernsehen (http:// www.dr.dk/boern/?oversigt). 58 Z. B. in den Niederlanden www.monstermedia.nl; in Spanien www.chaval.es, www.elhuevode chocolate.com. 59 In den USA: www.rockthevote.com, www.kidsvotingusa.org und www.vote-smart.org; im Ver- einigten Königreich: www.ukyouthparliament.org.uk. 60 Z. B. in Frankreich www.takatrouver.net; in Deutschland www.blinde-kuh.de; in den Niederlanden www.davindi.nl. 61 Z. B. in Spanien www.portaldelmenor.es (Bullying und andere Probleme); z. B. im Vereinigten Königreich www.talktofrank.com (Drogen), www.childline.org.uk (Kindesmissbrauch). 62 Beispielsweise bietet die Disney High School Musical Site einige innovative Werkzeuge an, um Inhalte neu zusammenzustellen: psc.disney.go.com/disneychannel/originalmovies/highschoolmusical/. Siehe auch www.TheSimpsons.com und in Norwegen www.donald.no, eine kommerzielle Website unter der Marke Donald Duck, die diverse Formen der Unterhaltung für Kinder anbietet, u. a. vorab geprüfte, benutzer- seitig erstellte Inhalte und ein zum Teil im Nachhinein geprüftes Community-Forum. Darüber hinaus werden „Nachrichten für Jugendliche“ geboten (Kulturnachrichten). Diese Site wird möglicherweise auch bald in anderen europäischen Ländern eingerichtet. 63 Z. B. in Griechenland www.erevnites.gr/greek/company.aspx, www.fhw.gr imeakia / und http:// www.netkids.gr/ ; siehe auch die privat finanzierten Suchmaschinen für Kinder in den Niederlanden: http:// www.meestersipke.nl und www.netwijs.nl. Inhalte Dienste Öffentlicher Sektor Diverse programmbezogene Inhalte und Bildungsinhalte von öffentlichen Rundfunk- anstalten57 Öffentliche Stellen, wissen- schaftliche, künstlerische und kulturelle Organisationen (z. B. NASA, Nordic Council) Viele nationale Sites mit unterhaltsamen/kreativen Inhalten58 Staatsbürgerliche Angebote, die zur Mitwirkung einladen59 Suchmaschinen für Kinder60 Notrufstellen und Beratungs- stellen für Kinder61 Elektronisches Lernen und bildungserzieherische Unter- stützung (Software, Edu- games, E-Tutoring) Privater Sektor Google Earth Wikipedia Sites, die auf Filme/Fern- sehen Bezug nehmen62 Sportangebote Portale für Kinder, z. B. Yahooligans63 Spiele mit mehreren Teil- nehmern (z. B. Simtropolis, World of Warcraft) Suchmaschinen (nicht kinder- spezifisch) z. B. Google und Google Images Und worum handelt es sich? Hier sind sich vermutlich noch nicht einmal die Erwachsenen einig, zum einen, weil die Meinungen hinsichtlich des Werts der Inhalte aus dem privaten Sektor geteilt sind, und zum anderen wegen der engen Grenzen zwischen Chancen und Risiken. Dennoch erscheinen diese Angebote auf jeder Top-Ten-Liste von Kindern im Allgemeinen vor den Angeboten, die vom öffentlichen Sektor sorgfältig für Kinder zusammengestellt worden sind. Es ist demnach noch kein Konsens über die Spezifikation positiver Online-Inhalte für Kinder zustande gekommen. Wie die Dinge stehen, kann man davon ausgehen, dass die vor uns liegenden Aufgaben Folgendes verlangen: – eine systematische Erhebung des Status quo in Bezug auf Online-Angebote für Kinder; – eine unabhängige Bewertung der aktuellen Angebote nach Land und Alter der Zielgruppe; – eine Untersuchung dessen, was nach Meinung von Kindern online mehr vorhanden sein sollte; – eine Untersuchung der Anforderungen und Rechte von Kindern nach Urteil von Fachleuten aus Erziehung und Kinderfürsorge; – die Ermittlung von Qualitätskriterien, nach denen positive Angebote zu bewerten sind; – eine kritische Abstimmung der aktuellen Angebote mit dem Bedarf von Kindern, um wesentliche Lücken zu ermitteln und Prioritäten für die Ent- wicklung künftiger Online-Ressourcen zu setzen; – die Festlegung, welche Gremien für die Bereitstellung und Finanzierung von Online-Ressourcen für Kinder zuständig sind und sein sollten; – ein Werbekonzept, um dafür zu sorgen, dass Kinder, Eltern und Lehrer über positive Online-Angebote für Kinder sowohl heute als auch in Zukunft informiert sind; – ein Netzwerk aus Anbietern mit einem Forum, in dem man sich treffen und miteinander kommunizieren kann, um zu gewährleisten, dass Erfahrungen ausgetauscht, Schlussfolgerungen gezogen und Best-Practice-Modelle ver- breitet werden. 46 64 Z. B. www.Mugglenet.com (inoffizielle Site für Fans von Harry Potter); www.insanebuffyfans.com (Fan-Site für Buffy – Im Bann der Dämonen); www.flatoutblind.org/bb/ (für Fans von Beavis & Butthead). 65 In Spanien ist www.foxkids.es recht populär, ebenso wie www.cartoonnetwork.es. – Neopets (Spiele, Chat) – MSN (Instant Messenger) – Habbo Hotel (Chat) – MySpace (soziale Vernetzung) – YouTube (Video) – Limewire (Musik) – LiveJournal (Blogging) – Deviant art (kreative Kunst) – Fanzines64 – Fox Kids (in vielen Sprachen)65 5.2 Das Versprechen der Medienkompetenz Die Europäische Kommission definiert Medienkompetenz wie folgt: „Medienkompetenz lässt sich als die Fähigkeit des Zugangs, der Analyse und der Beurteilung der Macht der Bilder, Töne und Botschaften definieren, mit denen wir mittlerweile täglich konfrontiert werden und die einen wichtigen Bestandteil unserer zeitgenössischen Kultur darstellen, ebenso wie die Fähigkeit, mithilfe der persönlich verfügbaren Medien kompetent zu kommunizieren. Medienkompetenz bezieht sich auf alle Medien, einschließlich Film und Fernsehen, Rundfunk und aufgezeichnete Musik, Druckmedien, das Internet und sonstige neue digitale Kommunikationstechnologien.“66 Zwar werden die positiven Aspekte der Medienkompetenz für Staatsbürger- tum, Meinungsfreiheit und Wahlfreiheit gewürdigt, aber der Grundtenor dieses Ansatzes liegt auf einer negativen Vorstellung von Medienkompetenz, nämlich als ein Mittel, mit dem sich Menschen vor den schädlichen oder problemati- schen Aspekten der neuen Medien und der Informationsumgebung schützen können (z. B. um die vielen Meldungen, mit denen sich der heutige Medien- konsument konfrontiert sieht, beurteilen zu können, um Medienfilter und Vor- einstellungen zu kennen, um ein kritischer Verbraucher zu werden und die Rechte am geistigen Eigentum zu achten). In dieser Definition gibt es kaum einen Hinweis darauf, dass ein positives und mehrdimensionales Engagement in der Gesellschaft heute notwendiger- weise von einer komplexen Kommunikations- und Informationsumgebung er- möglicht wird. Anders ausgedrückt, werden ohne Medien- und Kommunika- tionstechnologien die meisten Formen der politischen, sozialen, kulturellen und bildungspolitischen Mitwirkung praktisch unmöglich. Die Herausforde- rung liegt nicht darin, dafür zu sorgen, dass Menschen mit Medien umgehen können, sondern sie liegt – ebenso wie beim Lesen und Schreiben – darin, dafür zu sorgen, dass Menschen in der Gesellschaft mitwirken können, so wie ihnen dies durch ihre Schreib- und Lesekompetenz ermöglicht wird. Diese dritte Kompetenz ist heute die Medien- und Informationskompetenz. Der eigentliche Zweck der Medienkompetenz ist demnach der, Folgendes zu unter- stützen: – Demokratie, Mitwirkung und aktiver Bürgersinn – Wissensökonomie, Wettbewerbsfähigkeit und Wahlfreiheit – Lebenslanges Lernen, kulturelle Entfaltung und persönliche Verwirklichung Die Europäische Charta für Medienkompetenz ist weiter gefasst und erklärt, dass medienkompetente Menschen fähig sein sollten: 47 66 Siehe ec.europa.eu/comm/avpolicy/media_literacy/ index_en.htm. – „die Medientechniken verantwortungsbewusst zu nutzen, um durch Zugriff, Speicherung, Abruf und gemeinsame Nutzung von Inhalten ihre indivi- duellen und gemeinschaftlichen Bedürfnisse und Interessen abzudecken; – Zugriff auf zahlreiche Medienformen und Inhalte unterschiedlicher kultu- reller und institutioneller Quellen zu erhalten und eine sinnvolle Wahl treffen zu können; – zu verstehen, wie und warum Medieninhalte produziert werden; – die von den Medien verwendeten Techniken, Sprachmuster und Konven- tionen sowie die übermittelten Botschaften kritisch zu analysieren; – die Medien kreativ zu nutzen, um Ideen, Informationen und Meinungen auszudrücken und weiterzugeben; – unerwünschte, Ärgernis erregende oder schädliche Medieninhalte und Mediendienste zu erkennen, zu vermeiden oder zu hinterfragen; – Medien für die Ausübung ihrer demokratischen Rechte und staatsbürger- lichen Aufgaben wirksam zu nutzen.“67 Diese etwas langatmige Ausführung führt positive und negative Definitionen zusammen, wobei Erstere im Vordergrund stehen. Zudem kombiniert sie die Fertigkeiten, die notwendig sind, um die Medien kompetent nutzen zu können, mit dem Wissen um bestimmte Zwecke, für die eine solche Mediennutzung wichtig ist. Mit anderen Worten ist eine kompetente Haltung zu den Medien wichtig, weil viele Dimensionen unseres Lebens zunehmend dadurch ermög- licht werden. Auch wenn die verschiedenen Initiativen zur Förderung dieser für Kinder positiven Ziele oft lobenswert sind,68 gilt es zu berücksichtigen, dass die eigent- liche treibende Kraft hinter der Entwicklung einer Politik zu mehr Medien- kompetenz eine Reaktion auf die wachsende Komplexität der internationalen Regulierung von Medien und Kommunikation ist, wie bereits zuvor erwähnt wurde. Mit anderen Worten: Je medienkompetenter die Bevölkerung ist, desto stärker kann der Regulierungsrahmen zurückgefahren werden, so dass die Regulierung durch Staat und Industrie abgelöst wird und auf Einzelpersonen oder Eltern übergeht. Als Antwort auf die Konsultation der Europäischen Kommission zur Medienkompetenz erklärte die britische Regulierungsbehörde Ofcom beispielsweise: „Medienkompetenz wird zunehmend zu einem grundlegenden Bestandteil der europäi- schen und nationalen Regulierungspolitik im Kommunikationssektor, insbesondere weil 48 67 www.euromedialiteracy.eu index.php?Pg=charter. 68 Beispielsweise hat die Unesco ein „Media Education Kit“ veröffentlicht (Januar 2007). Herausgegeben von Divina Frau-Meigs; Bestandteil davon ist ein Internet-Kompetenzhandbuch, veröffentlicht unter: portal. unesco.org/ci/en/ev.php-URL_ID=23714&URL_DO=DO_PRINTPAGE&URL_SECTION=201.html. die Entwicklungen bei der Erstellung und Verteilung von Inhalten die derzeitigen Re- gulierungskonzepte in diesem Bereich herausfordern“.69 Mit dem allmählichen Wandel von einer staatlichen Regulierung zu einer Selbst- regulierung der Industrie, die Verhaltenskodizes und Content-Management- Systeme umfasst (Bewertung, Filterung, Zugangskontrollen usw.) „beruht die Wirksamkeit dieser Schemata auf Verbrauchern, die aktiv Maßnahmen er- greifen, um sich und ihre Familien zu schützen.“70 Das Problem liegt auf der Hand: Was geschieht, wenn Verbraucher keine ausreichenden Maßnahmen ergreifen? Wenn es an Medienkompetenz mangelt? Wenn der Verbraucher kein „guter Bürger“ ist?71 Forschungen zur Medien- kompetenz bekräftigen derartige Bedenken und zeigen: – Das Maß der Medienkompetenz variiert in der Bevölkerung erheblich, wobei diejenigen, die „vorne“ liegen, sich ihren relativen Vorteil gegenüber den Übrigen im Zuge der weiteren Entwicklung der Medienumgebung ten- denziell erhalten; – Geringere Medienkompetenz geht einher mit anderen Formen der sozialen Ausgrenzung und relativen Deprivation, was zusätzlich zu bereits vorhan- denen Formen der Benachteiligung beiträgt; – Als Folge einer anhaltenden Kluft zwischen Wissen und Handeln werden die wichtigen Medienfertigkeiten in Bezug auf Auslegung und Bewertung unter realen Lebensumständen nicht immer umgesetzt oder praktiziert; – Eine höhere Medienkompetenz gilt zwar als Mittel, um medienbezogene Gefährdungsrisiken zu mindern, dies ist bislang aber nicht überzeugend nachgewiesen worden; – Initiativen zur Förderung der Medienkompetenz erreichen im Allgemeinen eher die Informationsreichen als die Informationsarmen.72 Die Messung der Medienkompetenz und insbesondere die Messung von Ver- änderungen in der Medienkompetenz anhand relevanter Benchmarks stützt sich auf nichts weiter als auf projektbezogene Erhebungen. Die Errichtung eines britischen Audits zur Medienkompetenz, in dem derartige Variablen, wie Zugang zu, Einstellung zu, Vertrauen in und Bedenken oder Beschwerden über jedes einzelne aus einer Vielzahl von Medien gemessen werden, ist ein Schritt 49 69 Ofcom (2006), siehe www.ofcom.org.uk sowie ec.europa.eu/avpolicy/media_literacy/docs/ contributions/68_88_lmnopqr/81_51_ofcom.pdf, Antwort auf die Konsultation von Dezember 2006, S. 1. 70 Ofcom (2006), siehe www.ofcom.org.uk sowie ec.europa.eu/avpolicy/media_literacy/docs/ contributions/68_88_lmnopqr/81_51_ofcom.pdf, Antwort auf die Konsultation von Dezember 2006, S. 1. 71 Oswell (1998), The place of childhood in Internet content regulation: A case study of policy in the UK, International Journal of Cultural Studies, 1 (1), S. 131–151. 72 Siehe Buckingham (2005), The media literacy of children and young people: A review of the research literature, und Livingstone/Van Couvering/Thumim (2005), Adult media literacy: A review of the literature. Beide Berichte für Ofcom, siehe www.ofcom.org.uk. in die richtige Richtung. Ob hier allerdings die richtigen Fragen gestellt wer- den, ist in der Öffentlichkeit bislang kaum erörtert worden.73 Diese Debatte wäre im Vorfeld eines möglichen europaweiten Medienkompetenz-Audits für Erwachsene und Kinder wertvoll. Angesichts dieser Herausforderungen und ungeachtet eines erheblichen Maßes an Kompetenz bei der Nutzung von Medien und Kommunikations- technologien können wir gewisse Versuche erkennen, einige der Erwartungen an Medienkompetenz zu relativieren. In Anlehnung an die in der akademischen Welt weitgehend akzeptierte Definition von Medienkompetenz als „die Fähigkeit, in verschiedenen Formen auf Botschaften zuzugreifen, diese zu bewerten und zu erstellen“, definiert die britische Ofcom, die einen gesetzlichen Auftrag zur Förderung der Medien- kompetenz hat, diese als „die Fähigkeit, in verschiedenen Kontexten auf Kom- munikation zuzugreifen, diese zu verstehen und zu erzeugen“, womit die Ele- mente der Analyse und kritischen Bewertung unter dem Begriff „verstehen“ zusammengefasst werden.74 Es scheint, dass der Schwerpunkt auf den Zugang und ein grundlegendes Verständnis gelegt wird, während einem weitergehenden Verständnis der Medien noch wenig Bedeutung zugemessen wird, welches aber notwendiger wäre, um die kritische Bewertung und die Fähigkeit zur Ermittlung einer zuverlässigen und vertrauenswürdigen Information zu ver- bessern; gleichzeitig ist eine dauerhafte und bedauerliche Tendenz zu beob- achten, die Bedeutung der Erzeugung von Kommunikation zu vernachlässigen, obwohl dies der zentrale Punkt ist, an dem Menschen in Bezug auf Kommu- nikation nicht bloß Verbraucher werden, sondern aktive Bürger.75 Es gibt zudem Versuche, Medienkompetenz als eine rein persönliche Ange- legenheit zu definieren, wie in dem von Beck zuvor beschriebenen Trend zur Individualisierung von Risiken vorausgesagt. In akademischen Kreisen findet zudem eine lebhafte, kritische Debatte über die soziale gegenüber der indivi- duellen Natur der Medienkompetenz statt. Während Ofcom erklärt, dass 50 73 Siehe www.ofcom.org.uk zu Medienkompetenz-Audits von Erwachsenen und Kindern. 74 Livingstone (2004), Media literacy and the challenge of new information and communication technologies, Communication Review, 7, S. 3–14. Siehe auch www.ofcom.org.uk. 75 Die von Ofcom für Laien abgegebene Erläuterung dieser Definition in der Beantwortung der Konsultation der Europäischen Kommission über Medienkompetenz ist aufschlussreich. Medienkompetenz ist „einfach aus- gedrückt, die Fähigkeit, die Technologie zu bedienen, um zu finden, wonach man sucht, um das Material zu verstehen, eine Meinung dazu zu haben und, sofern erforderlich, darauf zu antworten“. Hier wird eine kritische Bewertung auf das relativistische „eine Meinung haben“ reduziert (anstatt eine genaue Bewertung des Infor- mationswerts vorzunehmen), und das Erzeugen von Inhalten und die Mitwirkung an Online-Aktivitäten wird darauf reduziert, auf die Agenda des Providers, soweit notwendig, zu „antworten“. Die Tendenz, in der Praxis gegenüber der Medienkompetenz eine minimale, statt einer ambitionierten Erwartungshaltung einzunehmen, steht im Widerspruch zu den ehrgeizigen Erklärungen, mit denen politische Diskussionen häufig eröffnet werden. „Medienkompetenz ein persönliches Attribut“ ist,76 hält der Ansatz der Sozial- kompetenz dagegen, dass Kompetenz eine soziale Verhaltensweise ist, die aus der Interaktion zwischen dem Einzelnen und der Technologie herrührt.77 Um ein aus dem Straßenverkehr bekanntes Bild zu bemühen, sollte ein Kind im Falle einer gut geregelten Straße unterwiesen werden, wie die Straße sicher zu überqueren ist. Wenn der Straßenverkehr jedoch nicht geregelt und schlecht konzipiert ist, so dass die Fahrer gefährlich fahren, kann dem Kind kein Fehler unterstellt werden, wenn es angefahren wird. In ähnlicher Weise hängt im Cyberspace die Internet-Kompetenz von der Konzeption, den Regeln und den Konventionen der Umgebung ebenso ab wie von dem Know-how und der Kompetenz der Nutzer. Es gibt jedoch eine sehr reale Grenze dafür, wie weit der Letztere die Fehler des Ersteren kompensieren kann. Und wenn es schließ- lich mehr schöne Orte gäbe, an denen sich Kinder aufhalten könnten, würden sie nicht in erster Linie auf der Straße spielen. Derzeit gibt es viele ungelöste Auseinandersetzungen über die Agenda für mehr Medienkompetenz. Darüber hinaus und möglicherweise deshalb besteht in den meisten Ländern eine erhebliche Kluft zwischen den Ambitionen der- jenigen, die Medienkompetenz fördern, und der Vorlage eines effektiven Curriculums für mehr Medienkompetenz.78 Die Grundsätze der Medienkom- petenz werden häufig artikuliert, aber nicht in Lehrinhalte umgesetzt; bereits entwickelte Bildungsressourcen werden ggf. nicht verbreitet oder umgesetzt, während andere Wege zu mehr Medienkompetenz (Medienkampagnen, Anlei- tungen zur Kindererziehung, Online-Ressourcen) tendenziell eher die bereits Informierten erreichen als diejenigen, die eigentlich informiert werden müssten. Eine Stärkung der Ressourcen und ein Ausgleichen der Kompetenzen derart, dass alle Kinder davon profitieren, bleibt für die Zukunft eine Herausforde- rung. 51 76 Ofcom (2006), siehe www.ofcom.org.uk sowie ec.europa.eu/avpolicy/media_literacy/docs/ contributions/68_88_lmnopqr/81_51_ofcom.pdf, Antwort auf die Konsultation von Dezember 2006, S. 8. 77 Siehe Snyder (im Druck), Literacy, learning and technology studies: Challenges and opportunities for higher education. In: Andrews/Haythornthwaite (Hrsg.), The Handbook of e-Learning. London: Sage. Ebenso, Street (1995), Social Literacies: Critical Approaches to Literacy in Development, Ethnography and Education, London: Longman. 78 Siehe Hobbs (1998), The seven great debates in the media literacy movement, Journal of Communication, 48 (1), S. 6–32. Es gibt erhebliche nationale Unterschiede. In Dänemark wird der Medienkompetenz wesentliche Bedeutung zugeschrieben; sie fällt unter den Bereich der Bildung. Daher arbeitet der Dänische Medienrat mit dem Bildungsministerium und Lehrern zusammen, um die Medienausbildung in die Schulen zu integrieren. Auch in den Niederlanden ist die Medienkompetenz („mediawijsheid“) ein wichtiger Diskussionspunkt, obwohl für konkrete Aktionen wenig Mittel zur Verfügung stehen (siehe Erklärung des Kulturrats unter http:// www.cultuur.nl; auch www.mediawijsheid.org). In Spanien findet Medienkompetenz in der Politik wenig Beachtung. In Slowenien liegt im Curriculum für Grundschulen der Schwerpunkt vor allem auf der Print- medien-Kompetenz, während den interaktiven Medien nur vier Stunden jährlich gewidmet werden (einschließ- lich audiovisueller Medien). Schlussfolgerungen aus der AG 1 Sonia Livingstone/Bojana Lobe79 Ausgangspunkt für die Bereitstellung positiver Online-Inhalte für Kinder sind folgende Überlegungen: – Beim Internet handelt es sich um eine leistungsfähige Technologie, die audiovisuelle Medien, Information, Kommunikation, Unterhaltung, Kultur, Lernen und Mitwirkung miteinander verbindet. – Digitale Medien und Online-Ressourcen können den Wünschen, Bedürf- nissen und Interessen von Kindern und Jugendlichen entsprechen, indem Ressourcen von echtem Wert angeboten werden. – Positive Online-Inhalte können auch die Entwicklung der Medienkompe- tenz, insbesondere im Hinblick auf kritische, kreative und kulturelle Kom- petenzen fördern, was eine wesentliche Voraussetzung für eine stärkere Teilhabe an der digitalen Welt, kritisches Engagement und soziale Gleich- berechtigung ist. – Positive Online-Inhalte steuern Kinder auch weg von Online-Risiken und tragen somit zu einer verbesserten Sicherheit bei. – Die Nutzung dieser leistungsfähigen Technologien und Medien mit dem Ziel, positive Inhalte bereitzustellen, eine umfassende Mitwirkung und Schutz vor Gefahren zu gewährleisten, entspricht nicht nur den Wünschen und Bedürfnissen der Kinder, sondern auch ihren Rechten (vgl. VN-Überein- kommen über die Rechte des Kindes). Wie kann dies erreicht werden? Es kommt auf das Alter an. Es geht darum, altersgerechte Ressourcen für sämtliche Altersgruppen von null bis achtzehn Jahren bereitzustellen, wobei 53 79 Diese Gedanken wurden während eines EU-Expertenseminars von allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe disku- tiert und erarbeitet. Diese Meinungen wurden von der für dieses Thema zuständigen Mentorin Sonia Livingstone von der London School of Economics zusammengetragen, und den Vorsitz der Arbeitsgruppe führte Bojana Lobe von der Universität Lujbljana. Siehe auch: www.leipzig-eu2007.de/en/downloads/dokumente.asp. die Übergänge sorgfältig gestaltet sein müssen, um die Kinder auf den Über- gang von einer Art von Ressourcen zur nächsten vorzubereiten. In allen Mitgliedstaaten wird lebhaft über die Alterseinteilung – je nach Nation verschieden – diskutiert. Dies ist teilweise auf etablierte kulturelle Übergänge (z. B. Schulsysteme, vertraute altersabhängige Einstufungen im Bereich der audiovisuellen Medien, gesetzliche Festlegungen im Hinblick auf Strafmündigkeit usw.) zurückzuführen. Es ist auch darauf zurückzuführen, dass Kinder und Jugendliche bekanntlich die von Erwachsenen festgelegten Definitionen dessen, was für sie jeweils altersgemäß ist, gerne missachten – Kinder versuchen regelmäßig, Ressourcen zu nutzen, die für höhere Alters- gruppen bestimmt sind; dies ist zu erwarten und nicht zu verhindern. Natürlich sind bestimmte Ressourcen so gezielt auf bestimmte Altersgrup- pen zugeschnitten, dass eine grobe Unterscheidung zwischen Kindern und Teenagern dem nicht ausreichend Rechnung tragen kann. Aber im Folgenden wird zumindest eine grobe Unterscheidung zwischen Kindern und Teenagern nachdrücklich empfohlen. Für jüngere Kinder (bis zum Alter von ca. 10 Jahren) Die Nutzung durch diese Altersgruppe wird noch weitgehend von Eltern, Leh- rern usw. gesteuert. Der Nutzungsschwerpunkt liegt vor allem auf dem Web (d. h. Web 1.0), wobei in gewissem Rahmen auch Interaktivität eine Rolle spielt; hier sollten die Inhalte vorab überprüft werden. Es gibt zahlreiche hervorragende Initiativen – ein Netz für Kinder, Portale für Kinder, spezielle Sites und Dienste. Diese Initiativen gilt es genauso zu fördern und zu unterstützen wie die Errichtung von Parks und Spielplätzen für jüngere Kinder in unseren Städten. Aber es gibt viele Herausforderungen, mit denen man sich hierbei auseinanderzusetzen hat: – Attraktivität – sicherstellen, dass das Angebot den tatsächlichen Wünschen von Kindern entspricht. – Vielfalt – es gilt, eine normative oder zu enge Definition dessen, was kind- gerecht ist, zu vermeiden. – Reichweite – es gilt, möglichst viele Kinder zu erreichen, was sowohl eine Frage der Größenordnungen als auch der Einbeziehung ist. – Nachhaltigkeit – es gilt sicherzustellen, dass wertvolle Projekte und solche, die sich großer Wertschätzung erfreuen, nachhaltig und nicht nur im Rahmen einer kurzfristigen Projektfinanzierung unterstützt werden. Ressourcen und kreative Initiativen, die die Bedeutung von Netzwerken hervor- heben, auf gemeinsamen, in der Praxis bewährten Kriterien beruhen und Evalu- ierungskriterien für Qualität, Vielfalt und den Aufbau von Netzwerken in ganz Europa entwickeln, sind dringend erforderlich. 54 Für ältere Kinder und Teenager Die Mediennutzung durch diese Altersgruppen ist vor allem unabhängig, privat und an den Gepflogenheiten ihrer Altersgenossen orientiert. Es ist nicht mehr angemessen, einen gleichsam von Schutzwällen umgebenen „Garten“ für diese Altersgruppen zu errichten, weil sie diese Schutzwälle schlicht und einfach nicht respektieren werden. Daher müssen die Medienpolitiker in stärkerem Maße auf die Medienkompetenz dieser jungen Menschen vertrauen und diese gleichzeitig aktiv und wirksam fördern. Portale spielen weiterhin eine wertvolle Rolle (zur Förderung des Bildungs- und Lernprozesses, der bürgerlichen Mitwirkung, der Kreativität und des Auf- baus von Netzwerken). Es bestehen ungeheure, bislang ungenutzte Möglich- keiten, Ressourcen in ganz Europa miteinander zu vernetzen. Die Kreativität junger Menschen erfordert verbesserte Bestimmungen über Fair Use/Creative Commons, um Remixing und Uploading etc. zu fördern. Hier kann es sehr hilfreich sein, wenn Lehrer Orientierungshilfen bieten, was aber voraussetzt, dass diese entsprechend ausgebildet sind und positive Online-Inhalte in den Lehrplan aufgenommen werden. Dies sind wesentliche Forderungen an die Politik. Die große Herausforderung in diesem Zusammenhang besteht darin, fest- zulegen, was „gut“ für Kinder und Jugendliche ist. In dieser Frage sind sich Erwachsene untereinander ebenso wenig einig wie es Kinder und Erwachsene sind. Wenngleich die Gesellschaft keine von oben verordneten normativen Vorschriften oder Checklisten vorgeben kann, so besteht doch ein großer Bedarf an positiven Inhalten für diese Altersgruppe, und diese gilt es durch öffentliche Finanzierung und öffentliche Körperschaften zu unterstützen und zu fördern.m Sowohl Erwachsene als auch Kinder sind in der Lage, positive Inhalte zu erkennen, dort wo sie existieren. Hier muss noch viel mehr geschehen. Ältere Kinder und Jugendliche sowie ihre Bedürfnisse und Rechte in Bezug auf posi- tive Online-Ressourcen dürfen nicht vergessen werden. Es ist wichtig, die Evaluierungskriterien allen Nutzern explizit zu vermitteln, weshalb der Entwicklung und Förderung von Gütesiegelsystemen Priorität beizumessen ist. Reichweite und Attraktivität stellen ein großes Problem dar. Daher muss der Grundsatz gelten: Geh dahin, wo die jungen Leute sind, insbesondere ins Web 2.0. Content-Provider sollten in der Lage sein, positive Inhalte flexibel und auf schnell beweglichen Plattformen wie z. B. MySpace, YouTube, Wikipedia, (teen) Second Life usw. anzubieten, und sie sollten für Teenager bestimmte Inhalte auch auf den allgemein für Erwachsene bestimmten Websites bereit- stellen. Es gilt, dass gute Inhalte in die Angebote wandern, die bei Teenagern gerade angesagt sind. 55 Was sollte denn angeboten werden? Der Schwerpunkt sollte auf der Ent- wicklung und Förderung von Ressourcen, die staatsbürgerliches Engagement und Kreativität fördern, auf Information und Beratung liegen. Portale sollten Material auf allen Ebenen – lokal, national, regional und international – um- fassen. Inhalte sollten auf Qualität, Einbeziehung, Vielfalt, auf Anerkennung und Wertschätzung der Jugend abheben. Sie sollten zu einem Dialog sowohl unter jungen Menschen als auch zwischen diesen und den Erwachsenen führen – es ist nicht wünschenswert, den Eindruck zu erwecken, als wolle man die Jugendlichen von der Gesellschaft der Erwachsenen abschneiden. Um den Wert der bereitgestellten Inhalte voll auszuschöpfen, sind Tools zur Förderung der Medienkompetenz von größter Bedeutung – wir müssen „den jungen Menschen die Werkzeuge in die Hand geben.“ Umsetzung Die Bereitstellung positiver Inhalte für Kinder und Jugendliche ist zu Recht Aufgabe verschiedener Ministerien (einschließlich der Ministerien für Bildung, Kultur, Wirtschaft, usw.) sowie anderer Beteiligter. Wir sprechen uns für eine Bereitstellung durch den öffentlichen Sektor, den Privatsektor und die bürger- liche Gesellschaft aus – Letztere darf nicht vergessen werden. Bei der Regulierung ist den zahlreichen und spezifischen Herausforde- rungen Rechnung zu tragen, mit denen sich diese Partnerschaften konfrontiert sehen: – Für den öffentlichen Sektor gehört hierzu die Regulierung in Bezug auf Finanzierung, Verlinkung mit nichtstaatlichen Sites, die Erlaubnis, Risiken einzugehen; – Für den Privatsektor gehören hierzu die Herstellung von Verbindungen, die Nutzer von der Homesite wegleiten, wirtschaftliche Zwänge in Bezug auf Werbung usw. – Für die bürgerliche Gesellschaft bedeutet dies vor allem, dass sie mit ein- bezogen werden muss und dass ihre Beiträge nachhaltig wirken müssen. Es kommt darauf an, Kriterien für die Evaluierung positiver Online-Ressourcen zu entwickeln und darzulegen und dabei die Bedeutung hervorzuheben, die der Qualität, Vielfalt, Einbeziehung, dem Aufbau von Medienkompetenz, der Er- füllung der Bedürfnisse und Rechte von Kindern zukommt. Es besteht in all diesen Bereichen dringender Forschungsbedarf, damit wir: – die sich wandelnden Bedürfnisse und Interessen von Kindern im Kontext der täglichen Praxis erkennen können, – eine Richtschnur für die Bereitstellung altersgerechter Inhalte anbieten und deren Wirksamkeit evaluieren können, 56 – die Medienkompetenz wirksam, umfassend und fair entwickeln und fördern können. Obwohl es mitunter schwierig ist, auf europäischer Ebene zu verallgemeinern, so bietet sich für die EU (insbesondere im Rahmen des Safer Internet Pro- gramms, der Medienkompetenzförderung) ein weites Feld, um den Aufbau von Netzwerken und den Gedanken- und Erfahrungsaustausch sowie die Ent- wicklung positiver Inhalte in den verschiedenen Staaten zu unterstützen. 57 AG 2: Vertrauenswürdige Anbieter: Wer bietet verlässliche und vielfältige Informationen in der digitalen Welt, und wie finden Nutzer den Zugang zu diesen Informationen? Wer bietet in der digitalen Welt zuverlässige und vielfältige Informationen, und wie können Nutzer darauf zugreifen? – Unterschiedliche Arten von Anbietern und ihre Funktion für die öffentliche Kommunikation1 Richard Collins Inhalt 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 2 Web 2.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 3 Vielfalt in der Bereitstellung von Online-Inhalten – Beispiele aus Großbritannien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 4 Chancen und Einschränkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 5 Regulierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 6 Vertrauen aufbauen: Möglichkeiten positiver Selbstregulierung . 78 7 Maßnahmen zur Förderung der journalistischen Unabhängigkeit und Qualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 8 Die Rolle der öffentlichen Finanzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 9 Zugang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 10 Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 11 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 59 1 Die Originalsprache des Arbeitspapiers ist Englisch. Nicht an das gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue Bertolt Brecht 1 Einleitung Brechts Gebot, nach vorne zu schauen und sich einzulassen auf eine unvoll- kommene Zukunft (mit dem bislang unerfüllten Potenzial, die Vergangenheit zu übertreffen), statt an den vertrauten Errungenschaften und Vorteilen der Vergangenheit festzuhalten, liefert eine gute Richtschnur für die Bewältigung des Übergangs von einer analogen, offline-bezogenen Medien- und Kommuni- kationsordnung zu einer digitalen Online-Ordnung. „Alte“ Medienanstalten spielen nach wie vor eine bedeutende Rolle in der europäischen Medienland- schaft; ihre Leistungen sind uns allen zugute gekommen und untermauern die Wertschätzung, die sie häufig genießen. Doch was uns in der Vergangenheit von großem Nutzen war, muss dies nicht zwangsläufig auch in der Zukunft sein. Die Diskussion um digitale Online-Inhalte konzentriert sich üblicherweise auf zwei Fragen: Erstens, wie sollen vermeintlich gefährdende und/oder an- stößige Inhalte reguliert werden (und bietet die Selbst- und/oder Koregulie- rung eine zufrieden stellende Form der Regulierung)? Zweitens, wie lassen sich audiovisuelle Inhalte digital verbreiten (und wie können die Interessen von Rechteinhabern und Nutzern am besten ausgeglichen werden)? Ich befasse mich hier mit einer dritten Frage: „Inwieweit können digitale Inhalte zu mehr Pluralismus und Vielfalt in den europäischen Medien beitragen und damit die europäische Öffentlichkeit erweitern?“ Die Antwort auf die Frage: „Wer bietet in der digitalen Welt zuverlässige und vielfältige Informationen?“ lautet, dass dieselben Anbieter „alter Medien“, die Informationen in der analogen Welt liefern – Zeitungen2, öffentliche und private Rundfunkveranstalter –, sie heute auch in der digitalen Welt liefern. Natürlich unterliegen öffentliche wie private Anbieter potenziell der Einfluss- nahme von Interessengruppen, was der Zuverlässigkeit und Vielfalt ihrer Infor- mationsdienste abträglich sein kann. Öffentliche und private Organisationen sind potenziell dem Einfluss ihrer Inhaber unterworfen, der möglicherweise auf Kosten von Verlässlichkeit und Vielfalt ausgeübt wird, genauso wie dem Druck, den ihre Geldgeber (z. B. Werbetreibende) ausüben. Und sämtliche Organisationen entwickeln u. U. eine eigene interne Kultur, die bestimmte Standpunkte und Perspektiven auf Kosten anderer favorisieren kann. Nichts- destotrotz umfasst die Medienlandschaft der Europäischen Union einige der 60 2 Das Portal BUBL unter bubl.ac.uk link/n/newspapers.htm (Stand: 27. 02. 2007) bietet Zugang zu zahl- reichen Sites und zu einer Fülle von Daten zu Online-Zeitungen. weltweit angesehensten Zeitungen und Rundfunkveranstalter; ihre digitalen und Online-Angebote genießen ein vergleichbares Maß an Vertrauen und Wert- schätzung wie ihre analogen und Offline-Angebote. Beinahe per Definition genießen die „alten“ Anbieter das höchste Maß an öffentlichem Vertrauen. Dass die britische Öffentlichkeit zum Beispiel der BBC vertraut, ist unbestritten. Hinlänglich belegt wurde das hohe Maß öffent- lichen Vertrauens in die BBC während der Hutton-Untersuchung3, als die öffentliche Meinung sich eher auf die Seite der BBC schlug als auf die der Regierung. Die Behauptung der BBC, dass „die Öffentlichkeit den BBC-Nach- richten mehr Vertrauen schenkt als denen aller anderen Nachrichtenanbietern“ (BBC 2004a: S. 45) wurde durch eine (im Januar 2005 durchgeführte) YouGov- Umfrage4 gestützt, die zu dem Ergebnis kam, dass die BBC „in Sachen Nach- richten nach wie vor das größte Vertrauen genießt.“ Dieselbe YouGov-Umfrage belegte außerdem, dass dem kommerziellen Nachrichtensender Sky News mehr Vertrauen geschenkt wird als dem BBC-Sender News 24. Einige Anbieter haben vorgebracht, dass das gegenwärtig von ihnen genos- sene Vertrauen, das auf der Qualität und dem Charakter ihrer eigenen Nach- richten beruhe, übertragbar sei und eine Grundlage dafür bilden soll, dass sie die Inhalte anderer Anbieter für die Öffentlichkeit filtern. Die BBC beispiels- weise hat behauptet, dass mit dem wachsenden, immer undurchsichtigeren Angebot in der britischen Nachrichtenlandschaft die Rolle der BBC als „ver- trauenswürdiger Führer“ zunehmend wichtiger werde (BBC 2004a: S. 8). Die Formulierung der BBC legt nahe, dass unabhängig davon, wie viel Vertrauen eine einzelne Quelle genießt, potenzielle Gefahren bestehen, wenn die Vielfalt der Quellen begrenzt ist oder der Zugriff auf Quellen durch einen Filter oder „Führer“ kanalisiert wird. Aber es sind nicht nur die „alten“ Anbieter, die in der digitalen Welt tätig sind. Die digitale Welt unterscheidet sich darin, dass es dort zahlreiche neue Anbieter gibt, die in der analogen Welt nicht vertreten sind und es auch in der Vergangenheit nie waren. Nur wenige davon existieren lange genug, um einen Ruf von Vertrauenswürdigkeit erworben zu haben, und keiner hat bislang das hohe Maß an Vertrauen erlangt, das „alte“ Anbieter genießen. Dennoch kann der Markt als Entdeckungsmechanismus funktionieren und die Etablierung neuer Anbieter ermöglichen, sofern eine effektive Verteilung (vor allem Breit- 61 3 2003 wurde ein hochrangiger Richter, Lord Hutton, damit beauftragt, den Tod des britischen Beamten Dr. David Kelly zu untersuchen. In seinem Bericht (das wichtigste öffentliche offizielle Urteil zur britischen Irak- Invasion 2002 sowie zum BBC-Bericht vom 29. Mai 2003, in dem behauptet wurde, die Regierung habe die Bedrohung aufgebauscht, den die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen des Irak darstellten) stellte er unter anderem fest, dass „das redaktionelle Kontrollsystem, das die BBC duldete, unzulänglich war“ (Hutton 2004: S. 322) und dass die BBC-Leitung „Schuld“ trug (Hutton 2004: S. 200). Huttons Feststellungen führten zum Rücktritt des BBC-Generaldirektors und des Vorsitzenden der BBC Governors. 4 YouGov-Pressemitteilung unter www.yougov.com/archives/pdf/OMI050101003_2.pdf (Stand: 27. 02. 2006). bandleitungen in die Haushalte) verfügbar ist, existierende Unternehmen ihre dominierende Position nicht missbrauchen und eine (oft relativ bescheidene) Startfinanzierung zur Verfügung steht. Selbstverständlich können auch solche neuen Anbieter genau den gleichen widrigen Kräften (unerwünschte Einfluss- nahme durch Inhaber, Druck von Geldgebern wie Werbetreibenden und so weiter) ausgesetzt sein wie die „alten“ Medien, doch steigen durch die bloße Existenz von mehr Anbietern die Chancen, dass es zuverlässige und vielfältige Informationsquellen gibt. In diesem Zusammenhang bietet die digitale Bereitstellung von Informa- tionen (Online-Inhalte) einen Weg zur Diversifizierung und Pluralisierung der europäischen Medienlandschaft, in der die Besitzkonzentration und das Defizit an Pluralismus und Vielfalt den politischen Entscheidungsträgern und Re- gulierungsstellen seit Langem Sorgen bereitet5. Das Einfügen eines neuen Artikels 23c in den Entwurf der Richtlinie zu audiovisuellen Mediendiensten durch das Europäische Parlament Ende 2006 ist ein einschlägiges Beispiel aus jüngster Zeit. Artikel 23c lautet: Die Mitgliedstaaten treffen die erforderlichen Maßnahmen, um den Informationsplura- lismus in Rundfunk und Fernsehen zu gewährleisten. Die Mitgliedstaaten fördern im Einklang mit Gemeinschaftsrecht Maßnahmen, damit ihrer Rechtshoheit unterliegende Fernsehveranstalter insgesamt den erforderlichen Pluralismus der maßgeblichen Werte und Optionen innerhalb ihrer Gesellschaft widerspiegeln, die im Einklang mit den Grundsätzen der Charta der Grundrechte der Europäischen Union stehen (Europäisches Parlament 2006). Wenngleich der Text sich ausdrücklich auf „Rundfunk und Fernsehen“ und auf „Fernsehveranstalter“ bezieht, wäre es doch verkehrt, die Gelegenheiten nicht zu begrüßen, die neue Kommunikationstechnologien und -verfahren (ob „fern- sehähnlich“ im engen Wortlaut des Richtlinienentwurfs oder nicht) bieten, um das Angebot und die Vielfalt der Inhalte auszudehnen und die Zahl der Stimmen in der sich entwickelnden digitalen Welt Europas zu erhöhen. Nicht nur sind Eintrittsschranken gefallen und neue Anbieter in die digitale Welt eingetreten, sondern es ist auch eine neue Form der Bereitstellung6 hinzugekommen, die 62 5 Eine kurze Zusammenfassung der EU-Initiativen findet sich im Ausschreibungstext für die vorgeschlagene Kommissionsstudie „Indikatoren für den Medien-Pluralismus in den Mitgliedstaaten – ein risikobasierter Ansatz“ (SMART 007 A 2007/0002) unter ec.europa.eu/comm/avpolicy/docs/library/studies/pluralism/ pluralism_tender_specifications_en.pdf (Stand: 10. 03. 2007). 6 Bei der Nutzer Inhalte erstellen und ändern können. abwechselnd mit den Begriffen „interaktiv“7, „Web 2.0“8, „benutzererzeugte Inhalte“ oder „Pull-Inhalte“ bezeichnet wird. 2 Web 2.0 Diese neue Form der Bereitstellung wurde von Tim O’Reilly, dem manchmal die Erfindung des Ausdrucks „Web 2.0“ zugeschrieben wird, treffend charak- terisiert als „Anwendungen, die Netzwerkeffekte nutzen, um mit zunehmender Zahl von Anwendern besser zu werden.“9 Das eindrucksvollste Beispiel für solch eine Anwendung bzw. solch einen Dienst stellt natürlich Wikipedia dar. Im besten Falle beschleunigt, extensiviert und intensiviert Wikipedia die gemein- schaftlichen Prozesse der gegenseitigen Prüfung, Kritik, Faktenkorrektur und Konsensfindung, die der Offline-Forschung zugrunde liegen. Es wohnt ihm, zu- mindest potenziell, eine Fähigkeit zur Selbstkorrektur inne. Doch im schlimms- ten Falle (auch wenn dieser kaum von ähnlichem Fehlverhalten offline zu unterscheiden ist) fällt Wikipedia systematischer Verfälschung und Voreinge- nommenheit zum Opfer. Es überrascht daher nicht, dass zahlreiche Kontro- versen darüber geführt werden, inwieweit Wikipedia und anderen benutzer- erzeugten Inhalten Glauben geschenkt werden kann10. Siehe etwa die jüngsten Kommentare des leitenden Times-Redakteurs Richard Dixon, dessen „Standard- position“ lautet, dass „alle Artikel auf Wikipedia Müll sind.“ „Warum“, fragt er, „soll man den unzuverlässigen Texten von Wikipedia trauen, wo es doch verlässliche Webquellen wie die BBC, KnowUK, die Internet Movie Database und das Ordnance Survey gibt?“ Dixon führt möglicherweise seine eigene Argumentation ad absurdum, indem er die Internet Movie Database nennt (unter http:// imdb.com), die zwar jetzt Amazon gehört, aber als „wiki“-artige „Web 2.0“-Zusammenarbeit begann und auf einer Datenbank basiert, die zu einem beträchtlichen Teil durch die Zu- 63 7 Auch wenn sie sich auf etablierte „alte“ Medien – Musik, Filme, Fernsehen, Spiele, Radio, Magazin-, Zeitungs- und Buchverlagswesen – konzentriert (entsprechend der Aufgabenstellung der Autoren, die „Nutzung digitaler Inhalte“ zu betrachten (S. 11), d. h. vonseiten etablierter Medien), siehe die Studie für die Europäische Kom- mission „Interactive content and convergence: Implications for the information society“. Abrufbar unter: ec.europa.eu/information_society/eeurope/i2010/docs/studies/ interactive_content_ec2006_final_report. pdf (Stand: 10. 03. 2007). 8 Siehe en.wikipedia.org/wiki/Web_2 (Stand: 06. 03. 2007). 9 Web 2.0 Compact Definition: Trying Again. Unter http:// radar.oreilly.com/archives/2006/12/web_20_ compact.html (Stand: 06. 03. 2007). 10 Zitiert in „You couldn’t make it up“ von Kleeman, zuerst in gedruckter Form erschienen in „times2“ am 2. März 2007. Unter women.timesonline.co.uk tol/ life_and_style/women/ the_way_we_live/article 1457697.ece (Stand: 07. 03. 2007). Siehe auch den BBC-Bericht über Jaron Laniers Vorwurf, Mitwirkende an „Web 2.0“-Sites nähmen eine „Mob-Mentalität“ an, unter news.bbc.co.uk/1/hi/ technology/6379621. stm (Stand: 15. 03. 2007). sammenarbeit von Nutzern entstanden ist. Außerdem sind nicht alle Quellen, die Dixon aufführt, so leicht zugänglich wie Wikipedia: „KnowUK“ steht theoretisch jedem registrierten Nutzer einer öffentlichen Bibliothek in Groß- britannien zur Verfügung, die Anmelde- und Sicherheitsverfahren haben jedoch so manchen potenziellen Nutzer überfordert. Das Ordnance Survey (Amt für Landvermessung) stellt seine Karten nur bis zu einem Maßstab von 1:25.000 kostenlos online (aber ohne Druckmöglichkeit) zur Verfügung – in vielerlei Hinsicht sind die kostenlosen Google-Karten und -Satellitenbilder für die Nutzer von größerer Hilfe. Und die riesige Website der BBC (mit geschätzten sechs Millionen Seiten) ist nur für Nutzer mit einer britischen IP-Adresse vollständig zugänglich – obwohl BBC-Gebührenzahler zuweilen jenseits der Grenzen Groß- britanniens reisen! Allerdings hat Dixon sicher Recht mit dem Hinweis, dass Einrichtungen mit festen Normen der standesgemäßen Praxis beim Sammeln, Aufarbeiten und Präsentieren von Informationen eine verbindlichere Alternative zu Web 2.0- Inhaltsquellen bilden. Wenngleich das Weglassen „sensibler“ Orte (z. B. Militär- anlagen) auf den Karten des Ordnance Survey und eine Reihe von Anfech- tungen der Autorität der BBC11 vermuten lassen, dass Quellen allerhöchster Qualität nicht immer unantastbar sind. Zwei Punkte von allgemeiner Bedeu- tung ergeben sich aus dieser Diskussion: Erstens kann es einen Kompromiss geben zwischen Zugänglichkeit und Qualität – Inhalte allerhöchster Qualität sind u. U. kostspielig in der Produktion und daher an der Nutzungsstelle kosten- pflichtig; und selbst bei öffentlicher Finanzierung (z. B. das Ordnance Survey) kann der kostenfreie Zugriff beschränkt sein. Zweitens kann sich auf dem Gebiet von Informationen Autorität aus zwei Quellen speisen: Die Erste bilden Prüfungen durch Nutzer als Mittel zur Begründung von Autorität (mit einer entsprechenden Verpflichtung von Autoren zur Änderung und Berichtigung in Anbetracht der Kommentare Gleichgestellter). Die Zweite stellen die Ver- fahren und Praktiken dar, mit denen Autoren ein hohes Maß an Übereinstim- mung gewährleisten zwischen der realen Welt und der Darstellung der Welt in den Informationen, die sie zusammentragen, gestalten und in Umlauf bringen.m Die erste Art Autorität kann ohne Weiteres als „akademisch“ bezeichnet werden, die zweite als „journalistisch“, obwohl Akademiker wie Journalisten allgemein, in unterschiedlichem Umfang, „akademischen“ und „journalisti- schen“ Normen unterliegen und diese anerkennen. Denn beide Normensätze sind abhängig von der Plausibilität der Entsprechung von Wirklichkeit und Darstellung durch den Autor. Bei der ersten Art von Authentifizierung rührt 64 11 Siehe zum Beispiel den Hutton-Bericht (Hutton 2004) und Studien, die von den BBC Governors in Auftrag gegeben wurden, etwa den „Review of European Union coverage“ oder den „Israeli-Palestinian impartiality review“. Siehe dazu www.bbcgovernorsarchive.co.uk/docs/reviews.html (Stand: 12. 03. 2007). die Autorität aus dem Nutzerkonsens, bei der zweiten aus der Umsetzung eines Expertenkonsenses darüber, welche Verfahren und Praktiken am ehesten durchweg verbindliche Inhalte garantieren. Es besteht keine zwingende Unver- einbarkeit zwischen der Erzeugung und Authentifizierung von Informationen per „Web 2.0“ und „Wiki“ und den traditionelleren, formalisierten, hierarchisch- institutionellen Verfahren, die erfolgreichen Einrichtungen wie der BBC und dem Ordnance Survey zugrunde liegen. Informationen können sowohl durch Nutzerbeiträge zusammengetragen und geändert als auch von Fachleuten unter- sucht und berichtigt werden. Tatsächlich vereinen die IMDb, Wikipedia und die bemerkenswerte britische Website www.OpenDemocracy.net benutzererzeugte Inhalte mit einer redaktionellen Erstellung und Berichtigung von Inhalten durch Fachleute. Inwieweit digitale und vor allem „Web 2.0“-Inhalte und -Verfahren jene verdrängt haben, die aus dem analogen Bereich vertraut sind, ist schwierig einzuschätzen angesichts der geringen Zahl entsprechender verlässlicher und umfassender Statistiken, die frei verfügbar sind12. Doch besteht offenbar wenig Anlass, daran zu zweifeln, dass die Marken, die von Zeitungsverlagen und Rundfunkveranstaltern über Jahrzehnte in der analogen Welt aufgebaut wurden, auch in der digitalen und Online-Welt einflussreich bleiben. Das vielleicht bemerkenswerteste Beispiel ist hier die BBC, die in mehreren Jahresberichten der jüngsten Vergangenheit behauptet hat, „die meistbesuchte Content-Site Europas zu sein“ (BBC-Jahresbericht 2002/2003 unter www.bbc.co.uk info/report2003/newmedia.shtml (Stand: 27. 02. 2007)).13 Im britischen Kontext spiegelt die Dominanz der BBC-Website jedoch nicht nur den hohen Aufwand an Mitteln für die Site (was eine ständige Aktualisie- rung und Erweiterung der Informationen auf der Site ermöglicht)14 und ein weit verbreitetes öffentliches Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Genauigkeit der BBC wider, sondern das Fehlen eines verlässlichen Geschäftsmodells für kommerzielle Online-Medien. Google scheint ein solches Geschäftsmodell er- funden zu haben, doch nur wenigen anderen Quellen/Vermittlern von Inhalten ist das gelungen. Auf Websites von Zeitungen ist der Zugriff auf Inhalte (ob 65 12 Die Daten von den ersten zehn Sites, die bei einer Google-Suche von britischen Sites am 27. 02. 2007 ge- funden wurden, waren entweder veraltet (z. B. die Daten aus dem Jahr 2003, die im erstmals 2004 offline veröffentlichten Financial-Times-Artikel unter www.epsltd.com/about / inThePress/docs/FT_Creative_ Business_20_April_2004.pdf (Stand: 27. 02. 2007) aufgeführt sind) oder beruhten großteils auf US-Daten aus Pew- und/oder Nielsen/Netratings-Untersuchungen (siehe beispielsweise Kate Kayes Bericht für Clickz News unter www.clickz.com/showPage.html (Stand: 27. 02. 2007)). 13 Im jüngsten BBC-Jahresbericht für 2005/2006 wird diese Behauptung offenbar nicht aufgestellt, siehe http:// www.bbc.co.uk/bbctrust /assets/files/pdf/review_report_research/bbcannualreport.pdf (Stand: 27. 02. 2007).m 14 Ofcom konstatierte: „Im Geschäftsjahr 2005/2006 gab die BBC 72 Millionen Pfund für bbc.co.uk aus. Dies ist wahrscheinlich eine zu niedrige Einschätzung der gesamten Mittel hinter den Online-Aktivitäten der BBC, in Anbetracht des Zugangs zu gemeinsamen Diensten (z. B. Sammeln von Nachrichten), die in der oben genannten Zahl u. U. nicht berücksichtigt sind.“ (Ofcom 2007: S. 39). archiviert oder aktuell) abwechselnd mal kostenpflichtig, mal kostenlos ge- wesen, und offenbar behauptet niemand glaubhaft, seine Zeitungs-Site sei kostendeckend. Ob das Fehlen eines allgemein tragfähigen Geschäftsmodells für die Online-Bereitstellung von Inhalten die Art Marktversagen darstellt, die eine öffentliche Intervention rechtfertigen würde, ist eine offene Frage. Viel- leicht schätzen die Nutzer die herkömmlichen Arten der Inhaltsvermittlung (z. B. gedruckte Zeitungen) mehr als die Online-Angebote, vielleicht ist der Zugang noch nicht weit genug verbreitet, als dass bereits ein tragfähiger Ver- brauchermarkt hätte entstehen können. Oder vielleicht hat es bereits zu viele öffentliche Eingriffe gegeben, mit der Folge, dass neue Anbieter durch öffent- lich bereitgestellte Angebote „hinausgedrängt“ werden. Doch trotz der prekären wirtschaftlichen Lage einiger Anbieter von Online- Inhalten geht der Wechsel dominierender „alter Medien“ von der analogen in die digitale Welt einher mit dem Auftauchen einiger bemerkenswerter Neu- linge. Das Spektrum neuer Stimmen reicht von Einzelblogs, Beiträgen zu sozialen Netzwerken (siehe u. a. www.bebo.com und http:// technorati. com/), Sites mit benutzererzeugten Inhalten (siehe u. a. www.youtube.com), bis hin zu Online-Medien, die nach dem Vorbild entsprechender Offline-Medien gestaltet sind (zum Beispiel „The First Post“ unter www.thefirstpost.co. uk/). Allerdings stellt nur ein kleiner Teil der britischen Internet-Nutzer Inhalte ins Netz,15 doch 20 % nutzen „Zeitungen oder Nachrichtendienste“, die sie offline nicht in Anspruch nehmen (OxIS 2005: S. 32). Ein interessanter Grup- penblog, der auf kreative Weise eine Öffentlichkeit mit fachmännischen (oft absonderlichen) Kommentaren und Debatten zu Medienregulierung und -politik schafft, ist OfcomWatch (www.ofcomwatch.co.uk). Zu den interessanten Content-Sites, die weder den eigentümlichen Charakter von Blogs aufweisen noch den traditionellen „Push“-Charakter (Verteilung von einem an viele) von Sites wie „The First Post“, zählen Sites, die die gemeinschaftliche Erstellung von maßgebenden Inhalten durch Beratschlagung und/oder „natürliche Aus- wahl“ fördern und als Daseinszweck haben. „Wiki“-Sites und das vielspra- chige16 Wikipedia (www.wikipedia.org) sind verdientermaßen wohl bekannte Beispiele für diese Zwischenform von Content-Sites. 66 15 Bei der jährlichen Oxford Internet-Umfrage für 2005 (der aktuellsten, die zum Zeitpunkt des Schreibens verfügbar war) wurde festgestellt, dass 18 % der britischen Nutzer Bilder ins Internet stellen, 14 % über eine Website verfügen und 5 % einen Blog führen (OxIS 2005: S. 30). 16 Wikipedia weist nach eigenem Bekunden Einträge in 250 Sprachen auf (darunter die Kunstsprache Klingonisch en.wikipedia.org/wiki/Klingon_language (Stand: 27. 02. 2007), Bayrisch, Kornisch, Lombardisch, Okzi- tanisch, Sorbisch und Venezianisch www.wikipedia.org (Stand: 27. 02. 2007)). 3 Vielfalt in der Bereitstellung von Online-Inhalten – Beispiele aus Großbritannien Wikipedia liefert ein treffendes Beispiel für die Möglichkeiten des so genannten „Web 2.0“, bei dem aus dem Zusammenwirken von Nutzern Inhalte, Aus- tausch, gemeinschaftliche Beratungen und Diskussionen entstehen. Im Wesent- lichen beschleunigt und öffnet „Wiki“ die Prozesse der gegenseitigen Prüfung und der Bildung eines Expertenkonsenses, der der Erzeugung und Absegnung von Wissen zugrunde liegt. Es bleibt abzuwarten, inwieweit das „Wiki“-Modell des offenen Zugangs die geordnetere und strukturiertere Bildung eines Exper- tenkonsenses verdrängen wird, die für bewährte Wissensquellen wie die „Ency- clopaedia Britannica“ kennzeichnend ist. Doch obwohl es unerhörte Fälle des Missbrauchs17 der Offenheit des „Wiki“-Prozesses gegeben hat, gibt es offen- kundig keinen Grund, an der Robustheit des Gesamtmodells zu zweifeln. Das zeigt die Vielzahl neuer Anbieter, die die Chancen der digitalen Online-Bereit- stellung ergriffen haben. Man betrachte die folgenden aktuellen Beispiele aus Großbritannien, bei denen Text, Ton und Bild18 zum Einsatz kommen: – Independent Media Centre UK (Indymedia) – Interworld Radio (IWR) – OpenDemocracy – 18 Doughty Street. Das Independent Media Centre UK (Indymedia) betreibt eine moderierte „Web 2.0“-Site mit dem Bekenntnis zu „einer Welt beruhend auf Freiheit, Kooperation, Gerechtigkeit und Solidarität, und gegen Umweltzerstörung, neo- liberale Ausbeutung, Rassismus und das Patriarchat.“19 Indymedia ist zwar eine moderierte Site, auf der aber jeder eingeladen ist, am Ende eines Artikels seine eigenen Kommentare hinzuzufügen. Kommentare können genutzt werden, um: – „einer Meinung zu einem bestimmten Beitrag Ausdruck zu verleihen; – Informationen hinzuzufügen; – ungenaue oder vorsätzliche Falschinformationen zu korrigieren; – Fehlinformationen zu berichtigen.“20 Indymedia ist eine globale Bewegung; auf der britischen Site heißt es: „Unab- hängige, selbst erstellte Medienprojekte verbreiten sich in beispiellosem Tempo 67 17 Siehe u. a. www.concurringopinions.com/archives/2006/01/wikipeding_cong.html und/oder http:// blogs.zdnet.com/Ou/?p=152 (Stand: 27. 02. 2007). 18 Diese Beispiele sind nicht notwendigerweise repräsentativ – sie werden genannt, weil sie dem Autor bekannt sind. Sie dienen nicht als repräsentative Auswahl für die Gesamtheit ähnlicher Sites. 19 Aus www.indymedia.org.uk/en/static/mission.html (Stand: 08. 03. 2007). 20 Aus www.indymedia.org.uk/en/static/editorial.html (Stand: 08. 03. 2007). rund um den Erdball. Ausgelöst durch die Unzufriedenheit mit den etablierten Medien und gestützt auf die allgemeine Verfügbarkeit von Medientechnologien, schaffen Gruppen auf der ganzen Welt ihre eigenen Informations- und Ver- teilungswege, um die (etablierten) Medienkonzerne zu umgehen. Die Idee hinter den meisten dieser Projekte ist die Entwicklung offener Plattformen, an denen sich jeder beteiligen kann – nicht nur eine kleine Medienelite mit ihren jeweiligen Interessen. Durch die Beseitigung der klassischen Trennung zwi- schen professionellen Produzenten und einem passiven Publikum werden viele Themen und Diskussionen, die vorher unterdrückt wurden, sicht- und verfüg- bar.“21 In klassischer „Web 2.0“-Manier behauptet Indymedia, dass seine offene, interaktive Site „die Trennlinie aufhebt zwischen Berichterstattern und denjenigen, über die berichtet wird, zwischen aktiven Produzenten und passi- vem Publikum: Die Menschen werden in die Lage versetzt, für sich selbst zu sprechen.“22 Selbstverständlich können die „alten“ Medien in ihren digitalen (und analogen) Diensten ebenfalls benutzererzeugte Inhalte verwenden. Die BBC etwa fordert die Nutzer aktiv auf, „Bilder, Ansichten und Geschichten“ einzureichen, doch diese werden von der BBC redaktionell kontrolliert. Damit bleibt die Unterscheidung gewahrt „zwischen Berichterstattern und denjenigen, über die berichtet wird, zwischen aktiven Produzenten und passivem Publi- kum“, die Indymedia (und andere „Web 2.0“-Dienste) nach eigenem Bekunden beseitigt hat.23 Interworld Radio (IWR) bietet einen ähnlichen Dienst wie Indymedia. Über das Internet werden Informationen in Tonform verbreitet, die „einen Unter- schied im Leben der Menschen“ ausmachen sollen, „indem ihnen Zugang zu Informationen gewährt, Diskussionen angeregt und die Kommunikation ver- bessert wird.“.24 IWR verbreitet Sendungen aus der ganzen Welt, bietet einen täglichen Nachrichtendienst und unterstützt die Produktion von Informations- erzeugnissen in Tonform, die die „Erfahrungen echter Menschen, deren Stand- punkte oft ignoriert oder übersehen werden“, in den Vordergrund stellen.25 Ein weiteres einschlägiges Beispiel ist die britische Nachrichten- und Kom- mentar-Site OpenDemocracy (www.opendemocracy.net), die 2001 als gemein- nützige interaktive Site für Nachrichten, Kommentare und Beratungen ins Leben gerufen wurde. OpenDemocracy hat sechs Redakteure und wird seit der Gründung von der Ford Foundation unterstützt. In jüngster Zeit hat die Site Spenden von anderen Stiftungen und von Nutzern verbuchen können. Trotzdem ist die Finanzausstattung und die finanzielle Lage so unsicher, dass man 2006 68 21 Aus www.indymedia.org.uk/en/static/about_us.html (Stand: 08. 03. 2007). 22 Aus www.indymedia.org.uk/en/static/mission.html (Stand: 08. 03. 2007). 23 Siehe die Nutzungsbedingungen der BBC für benutzererzeugte Inhalte unter news.bbc.co.uk/1/hi/ talking_point /2780295.stm#yourpics (Stand: 21. 03. 2007). 24 Aus www.interworldradio.net /about /mission.asp (Stand: 08. 03. 2007). 25 Aus www.interworldradio.net /about /mission.asp (Stand: 08. 03. 2007). Mitarbeiter (aus den Bereichen Marketing, Projektentwicklung und externe Beziehungen) entließ. Die Chefredakteurin, Isabel Hilton, merkt an, dass man „in ganz großem Maße auf Geldmittel von Stiftungen angewiesen“ sei (Inter- view am 07. 02. 2007). Wie andere Online-Medien sucht OpenDemocracy nach einem „langfristig tragfähigen Modell“ und erlebt das, was Hilton ein „gene- relles Problem des Internets“ nennt, nämlich mit Inhalten Erlöse zu erzielen.26 OpenDemocracy erhält eine äußerst bescheidene Summe an Erträgen, die unter CreativeCommons-Lizenzen anfallen. Man probierte ein Abonnementmodell, stellte aber fest, dass dieses per se ausschließend wirkte und „eine Barriere“ darstellte, „und wenn es keine Barriere bildet, was soll man dann seinen Abon- nenten bieten?“. OpenDemocracy hat nach eigenen Angaben Leser in über 150 Ländern; 40 % der Leserschaft kommen aus Europa (davon 20 % aus GB), 30 % aus den USA und 15 % aus Australien und Kanada (http://www.opendemocracy.net / content/articles/PDF/ Interview_Barnett.pdf (Stand: 27. 02. 2007)). OpenDemo- cracy unterscheidet sich durch den Einsatz von Autoren aus den Orten, die Gegenstand der Betrachtung sind, „Wir setzen afrikanische Autoren ein, wenn es um ein afrikanisches Thema geht“, durch das Bemühen um „nicht-städti- sche Stimmen“ – „Wir veröffentlichen nicht von einem großstädtischen Stand- punkt aus“ – und durch seine Dialog- und Diskussionsform: „Wir geben üblicherweise mehr als einen Artikel in Auftrag“ und „Wir sehen uns nach wie vor als Diskussions-Site“ (Hilton-Interview am 07. 02. 2007). Hilton ist darum bemüht, mehr weibliche Autoren einzusetzen. OpenDemocracy ist ein hervor- ragendes Beispiel dafür, wie mithilfe digitaler Medien eine neue Stimme in der Bereitstellung öffentlicher Informationen etabliert und mithilfe des interaktiven, dialogischen Charakters des Internets eine kosmopolitische Öffentlichkeit für gemeinschaftliche Diskussionen und Beratungen geschaffen wird. OpenDemocracy stellt natürlich nicht die einzige neue Stimme dar, die sich durch digitale interaktive Medien ausdrückt. Das neue britische Nachrichten- magazin „The First Post“ (http://www.thefirstpost.co.uk/ ) ist ein weiteres derartiges Beispiel (und dank der finanziellen Unterstützung eines wohlhaben- den Spendengebers in der Lage, Journalisten, anders als OpenDemocracy, fast zu marktüblichen Tarifen zu bezahlen). Allerdings gibt es nur wenige andere neue digitale Content-Sites mit dem Wirkungsbereich und der Verbindlichkeit von OpenDemocracy, die das Potenzial des Internets zum Dialog und zur gemeinschaftlichen Beratung so erfolgreich nutzen. Hilton (Interview am 07. 02. 2007) nannte nur ein weiteres Beispiel in Europa: „Safe Democracy“ 69 26 Hilton verwies auf OpenDemocracys Experiment mit einem anzeigenfinanzierten Ertragsmodell, das auf Google-Links beruht, behauptete aber, dieses verleihe OpenDemocracy nicht genügend Kontrolle über die Links zu Anzeigen, die zum Beispiel Artikel über Thailand mit Anzeigen für Massagesalons verknüpften (Hilton-Interview am 07. 02. 2007). (siehe english.safe-democracy.org (Stand: 27. 02. 2007)) in Spanien, aber „Safe Democracy“ scheint, zumindest in der englischsprachigen Version, weniger interaktiv und dialogförmig zu sein als OpenDemocracy. Die Politik-Website 18 Doughty Street27 (benannt nach ihrer Adresse in London, „ein Ort, wo führende Konservative aus der ganzen Welt hinkommen können, um zu arbeiten, zu studieren, zu entspannen und zu bleiben“28) ist eher eine „Push“- und „Web 1.0“-Site, mit Video- und Textangeboten, aber mit wenig benutzererzeugten Inhalten, Interaktion oder „wiki“-artiger Schaffung von Inhalten. Sie veranschaulicht jedoch, wie das Internet die Gelegenheit bietet, die politische Debatte anzuregen, politische Informationen weiter zu verbreiten und das Spektrum an gesendetem politischen Material, das den Nutzern allgemein zur Verfügung steht, zu erweitern. Bei 18 Doughty Street beabsichtigt man, seine Berichterstattung auszudehnen, indem man eine Gruppe von „Bürgerjournalisten“ engagiert und unterstützt – dazu heißt es: „In einer bahnbrechenden Initiative errichtet der Sender ein Netz von 100 landes- und weltweiten Bürgerreportern, jeweils ausgestattet mit einem eigenen Camcorder, mit dem sie Filmberichte erstellen können, die 18 Doughty Street dann aus- strahlt.“29 An dieser Stelle ist die passende Gelegenheit einzuräumen, dass meine Perspektive sich auf Großbritannien, und allgemeiner, auf den angelsächsi- schen Raum konzentriert. Wenngleich es eindrucksvolle Beispiele für Online- Content-Initiativen in anderen EU-Mitgliedstaaten gibt (siehe beispielsweise die beachtenswerten „Leblogmédias“, unterstützt von Reporters sans frontières, unter www.leblogmedias.com (Stand: 19. 03. 2007)), so ziehe ich doch jene heran, die mir am vertrautesten sind. Meine Auswahl spiegelt die große Ausnahmestellung wider, die Großbritannien und Irland wegen ihrer Zugehö- rigkeit zur weltweit dominierenden Sprachgemeinschaft innerhalb der Europäi- schen Union einnehmen. Dies macht die anglophonen Gesellschaften Europas durchlässiger für den Rest des weltweiten angelsächsischen Raums (vor allem für die USA, den größten und wohlhabendsten Bestandteil dieses Raums), öffnet den globalen angelsächsischen Raum aber auch als Markt für britische und irische Inhalteanbieter. Dies ist nur ein Punkt, der die beträchtlichen Unter- schiede zwischen den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union veranschau- licht (Marktgröße, Tempo, mit dem neue Kommunikationstechnologien an- genommen werden, Stärke der Tradition journalistischer Unabhängigkeit, Gleichgewicht zwischen nationalen und regionalen Medien, Rolle der öffent- lichen Hand, Ausmaß, in dem Informationsmärkte versagen – oder ein Ver- sagen wahrgenommen wird). 70 27 Siehe www.18doughtystreet.com (Stand: 09. 03. 2007). 28 Aus www.18doughtystreet.com/come_inside (Stand: 09. 03. 2007). 29 Siehe www.18doughtystreet.com/citizen_journalists (Stand: 09. 03. 2007). Es wäre ebenso gefährlich, aus den Erfahrungen eines oder weniger Mitglied- staaten allgemeine Schlüsse zu ziehen, wie diese als nicht repräsentativ zu ignorieren; die Unterschiede legen nahe, dass im Kontext des Binnenmarktes Subsidiarität die Losung der EU sein sollte. Zudem führt das Fehlen systemati- scher internationaler Vergleichsdaten zu den nachfolgend behandelten Punkten dazu, dass viele der von mir vorgebrachten Argumente auf anekdotischen und möglicherweise unrepräsentativen Daten beruhen. So ist nunmal leider die momentane Situation. Sie zeigt, wie wichtig das systematische Zusammen- stellen und Aktualisieren internationaler Vergleichsdaten zur Bereitstellung und Nutzung von digitalen Inhalten wäre. 4 Chancen und Einschränkungen Zweifellos hat das Internet die Eintrittsschranken gesenkt und neue Formen der gemeinschaftlichen Produktion von Inhalten möglich gemacht. Viele davon, nicht zuletzt die oben erwähnten, sind gemeinnützig. Das Internet hat es offen- bar ermöglicht, dass eine nicht unbeachtliche digitale „Öffentlichkeit“ (Haber- mas 1989) entstanden ist. Diese Öffentlichkeit reicht von „Blogs“, deren Inhalt für kaum jemand anderen als für den Autor selbst von Interesse sein dürfte, bis hin zu sorgfältig durchdachten Online-Auftritten etablierter und maßgeb- licher öffentlicher und kommerzieller Inhalteanbieter. Sie umfasst „Web 1.0“- Sites (wo der Autor Inhalte an die Nutzer „pusht“), „Web 2.0“-Sites, auf denen die Inhalte von jedermann geändert und berichtigt werden können, sowie viele Zwischenformen, die unterschiedlich umfangreiche Gelegenheiten für Aus- tausch, Kommentierung, Beratung und gemeinschaftliche Entscheidungsfindung bieten. Diese Online-Öffentlichkeit ist gekennzeichnet durch ein komplexes Netz gegenseitiger Abhängigkeiten – Blogger zitieren konventionelle Nach- richten-Sites, um ihre Behauptungen zu bestätigen, und konventionelle Sites führen benutzererzeugte Inhalte an, um die eigenen Behauptungen zu unter- mauern. Das pan-europäische Online-Magazin „Café Babel“,30 welches in sieben europäischen Sprachen veröffentlicht wird, vermittelt ein Beispiel dafür, wie sich diese aufkeimende digitale öffentliche Sphäre über eine rein nationale oder einsprachige Dimension hinaus ausdehnen kann, und es besitzt zudem ein interaktives, dialogisches Element (in sechs Sprachen) in seinem Online-Dis- kussions- und Austauschforum.31 Genau wie in der Offline-Welt können Online-Inhalte, ob gemeinschaftlich oder herkömmlich erzeugt, allerdings von ungewisser Herkunft und Zuver- lässigkeit sein. Doch offenbar gibt es keine ausreichend robusten Ertrags- 71 30 Siehe für die englische Sprachversion www.cafebabel.com/en/default.asp (Stand: 29. 03. 2007). 31 Siehe www.cafebabel.com/forum/ (Stand: 29. 03. 2007). quellen, um die Bereitstellung von Online-Inhalten zu unterhalten – weder Anzeigen- noch Abonnementeinnahmen haben sich als ausreichend verlässlich erwiesen, um hochwertige Content-Sites wie OpenDemocracy zu unterhalten. Tatsächlich scheint das Überleben von OpenDemocracy abhängig zu sein von der Tragfähigkeit des Finanzierungsmodells, das dem öffentlichen Rundfunk in den USA zugrunde liegt – einer Kombination aus Spenden von Stiftungen und einzelner Nutzer. Im Großen und Ganzen sind diese Finanzierungsquellen in den USA fester etabliert als in Europa. Daher ist – in Ermangelung einer neuen Form finanzieller Unterstützung, die öffentliche Mittel enthielte – die Beibehaltung der vergleichsweise großen Zahl der Nutzer von OpenDemocracy in den USA (ca. 30 %) wahrscheinlich eine Voraussetzung für den Fortbestand. Der Fall von OpenDemocracy wirft somit zwei Fragen von großer allgemeiner Bedeutung auf. Erstens, die nach der Bedeutung der Globalisierung bei der Gestaltung unserer digitalen Welt, und zweitens die Frage nach der möglichen Rolle der öffentlichen Finanzierung in der Förderung und Erweiterung von Pluralismus, Vielfalt und Qualität bei der Bereitstellung von Online-Inhalten in der EU. Kommunikationstechnologien haben Preis und Entfernung voneinander ent- koppelt und die Grenzen für Informations- und Kommunikationsströme durch- lässiger gemacht. Kommunikationssatelliten waren ein eindrucksvolles frühes Beispiel für dieses Phänomen. Ihr Einfluss ist ausgedehnt worden durch die rasche Verlegung von Glasfasernetzen hoher Kapazität, den allgemeinen Zugang zu Computern und effektive, kostengünstige Browser- und Suchmaschinen- Software. Entsprechend haben der Preis und der Zugang zu einem Anschluss an Bedeutung eingebüßt als strukturierende Beschränkungen, die sich auf Infor- mationszugriff und Informationsströme auswirken. Faktoren wie die Sprache haben entsprechend an Wichtigkeit gewonnen. Zwar wird die linguistische Hierarchie der Online-Welt an zahlreichen Beispielen deutlich, doch ist die relative Bedeutung verschiedener Sprachen bei Wikipedia-Einträgen (von 1.660.140 in Englisch bis ca. 100 in Venezianisch und Bayrisch) aufschluss- reich. Nicht nur für die Bedeutung von Englisch, sondern auch für die Fülle an Sprachen, die Wikipedia unterstützt, und für das Übergewicht europäischer Spra- chen: Von den „TopTen“ der Wiki-Sprachen sind neun europäisch (nur Japanisch ist als einzige außereuropäische Sprache vertreten – an fünfter Stelle). Wie hinlänglich bekannt, hat die heutige weltweite Vormachtstellung des Englischen zahlreiche Gründe, die teilweise für das Internet eigentümlich sind, teilweise auch nicht. Der Netzwerkeffekt wirkt dahin gehend, dass die Domi- nanz jedes Kommunikationssystems ausgedehnt und verankert wird, sobald es sich als führendes System etabliert hat. Die UNESCO32 schätzt, dass die Hälfte 72 32 Siehe portal.unesco.org/ci/en/ev.php-URL_ID=16917&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201. html#facts (Stand: 07. 03. 2007). der Weltbevölkerung eine von acht Sprachen spricht (d. h. Englisch, Mandarin, Hindi / Urdu, Spanisch, Russisch, Arabisch, Bengali und Portugiesisch). Obwohl Englisch von weniger Menschen als Muttersprache gesprochen wird als Mandarin und wahrscheinlich Spanisch oder Hindi (und vielleicht Arabisch), hat eine Kombination von Faktoren dazu geführt, dass sich Englisch als domi- nierende Weltsprache etabliert hat: Die Größe der Gemeinschaft englischer Muttersprachler (ob nun zweit- oder fünftgrößte auf der Welt), die unangefoch- tene Bedeutung von Englisch als bevorzugte globale Zweitsprache und der relative Wohlstand der weltweiten anglophonen Gemeinschaft (anhand von Daten aus dem Jahr 1992 schätzten Hoskins, McFadyen und Finn (1997: S. 43), dass das BIP des globalen angelsächsischen Raums das BIP der nächsten drei wohlhabendsten Sprachgemeinschaften [Japanisch, Deutsch und Französisch] zusammengenommen übertraf). Die Vorherrschaft der englischen Sprache, die ihren Ursprung in den sukzessiven Projektionen globaler Macht durch anglo- phone Staaten seit dem 17. Jahrhundert hatte, dehnte sich im 20. Jahrhundert extrem aus; dabei spielte die Geschichte des Internets zweifellos eine bedeu- tende Rolle33. Das Internet entstand in den USA; Großbritannien wurde als zweites Land, über das Norsar-Institut in Norwegen34, an das Netz angeschlossen. Das Domain Name System (DNS), obwohl nun in der Lage, Domänennamen in ASCII- fremden Skripts zu verarbeiten, ist weiter für ASCII-Namen optimiert, die meisten Internet-Hosts befinden sich in den USA35, und der angelsächsische Raum zeichnet weiterhin für einen hohen Anteil des globalen Internet-Verkehrs verantwortlich.36 Zudem verfügt Nordamerika über die schnellsten und zu- verlässigsten Internet-Verbindungen der Welt (gefolgt von Australien und Europa).37 Für die potenziellen Vorteile, die die Teilhabe am weltweit florie- rendsten und mit den besten Verbindungen ausgestatteten Informationsmarkt bietet, dient „The Irish News“ als Beispiel. „The Irish News“ (eine führende irische Tageszeitung) liefert eine interessante Momentaufnahme davon, wie sich die Nutzung ihrer Internet-Site geographisch verteilt. Eine kleine Minder- heit der Nutzer, 8,45 %, kamen aus der Republik Irland und aus Nordirland, 73 33 Für eine Analyse und einen Versuch, der Vormachtstellung des Englischen entgegenzuwirken, siehe die UNESCO-Initiative: „Multilingualism in Cyberspace. Safeguarding Endangered Languages“ unter http:// portal.unesco.org/ci/en/ev.php-URL_ID=7856&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html (Stand: 07. 03. 2007). 34 Siehe die Karte des ARPANET im September 1973 unter www.cybergeography.org/atlas/arpanet_ sept1973_large.gif (Stand: 12. 03. 2007). 35 Von geschätzten 268 Millionen Hosts befinden sich 195 Millionen in den USA. Siehe www.itu.int / ITU- D/icteye/ Indicators/ Indicators.aspx# (Stand: 07. 03. 2007). 36 IU-Daten zufolge kamen von den weltweit ca. 982 Millionen Internet-Nutzern im Jahr 2005 198 Millionen aus den USA, 28 Millionen aus Großbritannien und 14 Millionen aus Australien. Daten aus www.itu. int / ITU-D/icteye/ Indicators/ Indicators.aspx# (Stand: 07. 03. 2007). 37 Siehe www.internettrafficreport.com (Stand: 07. 03. 2007). 41,55 % aus Nordamerika. Europa machte 18,80 % der Nutzer aus, wovon 15,43 % aus Großbritannien stammten. 0,49 % kamen aus Asien, 0,17 % aus Australien und 0,01 % aus Afrika38. Der enorme Wandel im europäischen Informationssektor (einschließlich dem audiovisuellen Bereich), der zurückgeht auf den technischen Wandel, der Ursache und Konsequenz der Globalisierung ist, hat zur Folge, dass lange geltende Regulierungssysteme an Wirksamkeit verloren haben. Als es effektive Schranken für den Eintritt in Informationsmärkte gab (ob beruhend auf objek- tiven Grenzen wie der endlichen Kapazität des Funkfrequenzspektrums oder auf künstlich errichteten Grenzen, etwa durch die staatliche Zulassung von Druckereien39), konnten die Regierungen den Eintritt kontrollieren und die Bedingungen vorschreiben, unter denen Informationsanbieter arbeiten durften. Ein mehr oder weniger wirksames System der Vorkontrolle herrschte im Druckereiwesen 150 Jahre und im Rundfunkwesen 70 Jahre vor. Allerdings haben die verschiedenen Änderungen, die wir bequemerweise als „das Internet“ bezeichnen (allgegenwärtiger erschwinglicher Zugriff auf entfernte Informa- tionsspeicher und die Möglichkeit zur Einrichtung einer zugänglichen Informa- tionsquelle), die Fähigkeit politischer Behörden beeinträchtigt, ein System zur Vorkontrolle effektiv in die Tat umzusetzen. Solch eine Minderung staatlicher Macht lässt sich auf unterschiedliche Weise beurteilen. Die Geschichte der versuchten Unterdrückung der Meinungs- freiheit, näher bestimmt in Artikel II-71 der bislang noch nicht ratifizierten Europäischen Verfassung40, durch die europäischen Staaten ist leider lang. Sie führte dazu, dass verschiedene kanonische Texte der politischen Emanzipation Europas außer Landes verlegt werden mussten: Hobbes’ „Leviathan“ wurde in Paris geschrieben und erschien zuerst in Amsterdam, Montesquieus „Esprit des Lois“ wurde in der Schweiz gedruckt und so weiter. In diesem Zusammen- hang kann der enorme Zuwachs an Zugriffsmöglichkeiten auf exterritoriale Informationen nur gutgeheißen werden. Allerdings ist Material, das als ge- fährdend und/oder anstößig gilt, ebenfalls zugänglicher geworden. Ganz gleich, ob es sich bei diesem Material um, in den Worten der britischen Regierung, „extreme Pornografie“41 handelt, um Hassreden, Holocaust-Verleugnung, um 74 38 Daten aus www.irishnews.com/access/current /advertising.asp (Stand: 27. 02. 2007). 39 Die Geschichte der Kontrolle des Druckereiwesens (und der Umgehung von Kontrollen) ist lang und kompli- ziert – in Europa nahm sie mit der gemeinsamen Einrichtung eines Zensurbüros durch die Städte Frankfurt und Mainz im Jahre 1486 ihren Anfang. In England dient das Star Chamber-Dekret von 1586, wonach nur in Cambridge, London und Oxford legal gedruckt werden durfte, als repräsentatives Beispiel für die Versuche des englischen Staates, das Druckereiwesen zu kontrollieren. 40 Artikel II-71 zur Meinungs- und Informationsfreiheit bestimmt Folgendes: 1. Jede Person hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieses Recht schließt die Meinungsfreiheit und die Freiheit ein, Informationen und Ideen ohne behördliche Eingriffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen zu empfangen und weiterzugeben. 2. Die Freiheit der Medien und ihre Pluralität werden geachtet. 41 Siehe Innenministerium und schottische Exekutive 2005. Material in einer nicht-einheimischen Sprache (und, um das Offenkundige auszusprechen, Englisch ist im überwiegenden Teil der Welt nicht die einheimi- sche Sprache) oder außereuropäischen Ursprungs: Die schwindende Fähigkeit der Staaten, die Verbreitung von vermeintlich gefährdendem oder anstößigem Material zu unterbinden, wird verständlicherweise allgemein missbilligt. 5 Regulierung Die größere praktische Schwierigkeit, Vorkontrolle auszuüben, die Zugänglich- keit von Material aus der ganzen Welt, die Divergenz der Normen unter den Mitgliedstaaten42 (die die Subsidiarität zu einem augenfällig attraktiven Grund- satz für die Regulierung von Inhalten machen – nicht zuletzt deshalb, weil eine „Angleichung“ von EU-Schutzmaßnahmen und -Verboten so viel ausschließen würde43) und eine generelle Verschiebung in der Meinungslage in Richtung Emanzipierung des Verbrauchers haben viele politische Entscheidungsträger und Regulierungsstellen dazu veranlasst, statt auf die Kontrolle am Ursprungs- ort auf die Kontrolle an der Nutzungsstelle zu setzen, z. B. durch nutzer- gesteuertes Blockieren und Filtern, das Treffen fundierter Entscheidungen und die Ausgestaltung von Regulierung, die die Erziehung und Befähigung von Nutzern durch Medienkompetenz in Ergänzung zu/statt der Durchführung einer Vorkontrolle. Veränderungen wie diese haben Anerkennung gefunden in der expliziten Definition neuer Regulierungsaufgaben bezüglich der Medienkompetenz – die Verfügung in der Klausel 26a des Kommissionsvorschlags vom März 2007 für die Richtlinie zu audiovisuellen Mediendiensten44, dass „der Aufbau der Medienkompetenz in allen Gesellschaftsschichten gefördert und beobachtet werden“ sollte, ist ein hervorragendes Beispiel. Wegen der Schwierigkeit (und Unerwünschtheit), eine „negative“ Regulierung wirksam durchzusetzen (d. h., 75 42 Zu den jüngsten Beispielen für die verschiedenen Normen in den 27 Mitgliedstaaten der EU zählt die Darstel- lung der Gewalt, z. B. das vorgeschlagene Verbot von „Happy Slapping“-Videos in Frankreich (siehe u. a. den Beitrag vom 12. 03. 2007, La lutte contre le „happy slapping“ sert-elle d’excuse à Sarkozy?, unter http:// www.leblogmedias.com/ (Stand: 19. 03. 2007)), welches, zumindest in Großbritannien, missbilligt wurde, da es möglicherweise die öffentliche Vorführung von Videobeweisen zu Gewalttaten behindere, einschließlich solcher, die von der Polizei verübt werden. Weitere Beispiele sind das „Forum Shopping“ durch Kläger, die für Klagen wegen Verleumdung, Rufschädigung und Verletzung der Privatspähre englische Gerichte angerufen haben, die verschiedenen Rechtsnormen zu Hassreden und zur Verleugnung des Holocaust in den Mitglied- staaten und die Veröffentlichung von Bekanntmachungen in Minderheitensprachen (ein jüngstes Beispiel hierfür war der Streit über den entsprechenden Status der ungarischen Sprache in Cluj, Rumänien). 43 Wenn man auf die Unterschiede in den Werten und Traditionen zwischen den Mitgliedstaaten verweist, kann man leicht vergessen, dass die Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten häufig auch innerhalb der Staaten ihren Widerklang finden. 44 Siehe ec.europa.eu/comm/avpolicy/docs/reg/modernisation/proposal_2005/avmsd_cons_amend_0307_ en.pdf (Stand: 09. 03. 2007). die Produktion und Verbreitung von mutmaßlich unerwünschtem Material zu verhindern), liegt die Betonung jetzt mehr darauf, gutes Verhalten zu fördern – „positive“ Regulierung. Das Argument der Ofcom, dass „fortgesetzte Medien- kompetenz der Schlüssel zum anhaltenden Erfolg in diesem Bereich ist und das Gefühl von Sicherheit und Wachsamkeit im Internet in den Köpfen von Kindern stärkt“, stützt auch die Annahme, dass die Kontrolle am Ursprungsort vermutlich nicht so effektiv sein wird wie bei der Regulierung des Rundfunks und dass eine wirksame Kontrolle an der Verwendungsstelle „fortlaufende Initiativen und ständige Beobachtung erfordern werden, wenn neue Nutzer- generationen das Internet zu nutzen beginnen.“ (Ofcom 2006: S. 62). Infolgedessen wird zunehmend anerkannt, dass Dienste- und Zugangs- anbieter für Inhalte nicht haftbar zu machen sind. Hier ist die Richtlinie zum elektronischen Geschäftsverkehr ein beachtenswertes Beispiel. Wie allgemein bekannt, regelt Artikel 12, dass Anbieter, die nur von einem Nutzer eingege- bene Informationen in einem Kommunikationsnetz übermitteln oder Zugang zu einem Kommunikationsnetz zu vermitteln – also reine Durchleiter sind –, für die übermittelten Informationen grundsätzlich nicht verantwortlich sind.45 Außerdem besteht die Erkenntnis, dass, falls zur wirksamen Sicherung des öffentlichen Interesses eine Intervention erforderlich ist, sie mit zunehmender Wahrscheinlichkeit durch proaktive Mittel erfolgen wird wie Zuschüsse (z. B. für öffentlich-rechtliche Rundfunkveranstalter und/oder lokale audiovisuelle Produktionen) und durch das Bemühen, eine freiwillige Einhaltung gesell- schaftlicher Normen und Ziele vonseiten kommerzieller Anbieter per Selbst- regulierung zu erreichen, statt Bedingungen an Lizenzen für die Bereitstellung von Diensten zu knüpfen.46 Diese Änderungen können jedoch leicht überbewertet werden. Zweifellos bleiben wesentliche Instrumente der Vorkontrolle bestehen: Der terrestrische Rundfunk ist unverändert ein wirtschaftlich rentables Medium, das in allen Mitgliedstaaten noch immer von Bedeutung ist, und Regierungen können nach wie vor Bedingungen an Sendeerlaubnisse knüpfen. Durch Selbstregulierungs- organe wie die Internet Watch Foundation und das European Internet Co- regulation Network sind viele freiwillige Normen kodifiziert und effektive 76 45 Artikel 12 lautet: „Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass im Fall eines Dienstes der Informationsgesell- schaft, der darin besteht, von einem Nutzer eingegebene Informationen in einem Kommunikationsnetz zu übermitteln oder Zugang zu einem Kommunikationsnetz zu vermitteln, der Diensteanbieter nicht für die über- mittelten Informationen verantwortlich ist, sofern er a) die Übermittlung nicht veranlasst, b) den Adressaten der übermittelten Informationen nicht auswählt und c) die übermittelten Informationen nicht auswählt oder verändert.“ 46 In Großbritannien ist die Förderung der Medienkompetenz die Aufgabe der Ofcom – gemäß dem Communica- tion Act 2003 (Teil 1, Klausel 11) – und der BBC – nach dem BBC Framework Agreement (wo Klausel 6 u. a. Folgendes festlegt: Der Trust muss unter anderem achten auf – die Notwendigkeit, die Medienkompetenz zu fördern. Unter www.bbc.co.uk/bbctrust /assets/ files/pdf/regulatory_framework/charter_agreement/ bbcagreement_july06.pdf (Stand: 28. 02. 2007). Kooperationen mit der Polizei, Gerichten und Kinderschutzbehörden in die Tat umgesetzt worden (siehe network.foruminternet.org/)47. Der Entwurf für die Richtlinie zu audiovisuellen Mediendiensten spiegelt die Besorgnis wider, zu der die Bestimmungen der Richtlinie zum elektronischen Geschäfts- verkehr in einigen Kreisen Anlass gegeben haben. Und Diskussionen im Zu- sammenhang mit der Richtlinie zu audiovisuellen Mediendiensten über den Umfang, in dem Normen des „Herkunftslandes“ oder „Aufnahmelandes“ gelten sollen, veranschaulichen, welches Potenzial dafür besteht, dass die Zusammen- arbeit von Jurisdiktionen die wirksame Durchsetzung gemeinsamer Normen sichert. Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen und ISPs können den Zugang von Nutzern zu bestimmten Sites und Diensten mithilfe von „Geo- Blocking“ und anderen Blockierformen beschränken, um effektiv zu versuchen, das „Aufnahmeland“-Prinzip im Cyberspace durchzusetzen; sei es, um den Zugriff auf bestimmte Arten von Inhalten zu verhindern, wenn nicht gar zu verbieten, um Einnahmen zu sichern (z. B. durch Blockieren des Zugriffs auf Skype48 und andere VoIP-Dienste), oder um den Zugang zu ausländischen 77 47 Das UK Co- and Self-regulatory Forum stellt ein weiteres Beispiel für eine Kooperation dar. Es wurde 2005 gegründet, um „die Selbst- und Koregulierung zu entwickeln, indem Modelle verbessert und bewährte Ver- fahren verbreitet werden.“ Zu den Mitgliedern zählen: – Advertising Association – Advertising Standards Authority (ASA) – ATVOD (Association of Television On-Demand) – ISPA (Internet Service Providers’ Association) – Mobile Broadband Group (MBG) – Internet Watch Foundation (IWF) – Independent Mobile Classification Body (IMCB) – ICSTIS – die Regulierungsbehörde für Mehrwertdienste – Video Standard Council (VSC) (BSG 2006: S. 1). Ebenfalls beteiligt sind die BBC, die Confederation of British Industry (CBI), das Digital Content Forum (DCF) und die Broadband Stakeholder Group (BSG). Ofcom, die Regulierungsstelle, und Regierungsvertreter aus dem Department of Trade and Industry (DTI) und dem Department of Culture, Media and Sport (DCMS) nehmen außerdem als Beobachter teil. Das UK Co- and Self-regulatory Forum behauptet, die Selbstregulierung sei „besonders wirksam bei der Regulierung von neuen Mediendiensten, und zwar aus folgenden Gründen: – Der Betrieb von nicht-linearen audiovisuellen Diensten unterscheidet sich wegen der engen Geschäfts- beziehung zwischen Anbietern und Verbrauchern (statt des freien Empfangs) erheblich vom herkömmlichen linearen Rundfunk. Infolgedessen sind häufig die Anbieter nicht-linearer Dienste am besten gerüstet, um die Sorgen des Publikums zu erkennen und die Mittel zum Schutz seiner Interessen zu liefern, d. h. ent- sprechende Betriebssysteme, Technologie und Selbstregulierung. – Der nicht-lineare Sektor unterscheidet sich auch darin, dass er global ist statt national. Das bedeutet wiederum, dass die Industrie sich in einer besseren Position befindet als die EU oder Einzelstaaten, um Inhalte zu regulieren. – Der Markt für nicht-lineare Inhalte, Anwendungen und Dienste entwickelt sich rasch, was Technologie, Geschäftsmodelle und Nutzerverhalten angeht. Die Selbstregulierung ist wesentlich flexibler als die Ko- regulierung und die gesetzliche Regulierung und stellt daher die effektivste Vorgehensweise für solch eine Branche dar.“ (BSG 2006: S. 1). 48 Siehe www.skype.com/intl/en-gb/ (Stand: 09. 03. 2007). Videodiensten zu verhindern (z. B. über Slingbox49). Doch wenngleich einige Länder, am offenkundigsten einige außereuropäische Länder, äußerst restriktive Internet-Content-Ordnungen in die Tat umgesetzt haben50, hat die Fähigkeit von Staaten, Audiovisions- und Informationsmärkte durch Verbote und Ein- schränkungen zu gestalten, ohne Frage abgenommen51. 6 Vertrauen aufbauen: Möglichkeiten positiver Selbstregulierung Obwohl das Thema in jüngster Zeit in den Vordergrund gerückt ist, nicht zuletzt wegen der oben genannten technischen Veränderungen, die die staat- liche Kontrolle über Eintritt und Verhalten erschweren, herrschen wohlbegrün- dete Zweifel, inwieweit die Selbst- und/oder Koregulierung das öffentliche Interesse angemessen wahren kann. Zwar sind beispielsweise fest etablierte journalistische Verhaltenskodizes in ganz Europa zu finden, doch bleiben an- haltende und verbreitete Bedenken wegen Unzulänglichkeiten in der journalisti- schen Arbeit. Tatsächlich bildet der Trend hin zur Selbstregulierung der Medien einen Gegensatz zu anderen Bereichen, etwa dem Finanzsektor, wo lange bestehende Systeme der Selbstregulierung durch verschiedene Formen gesetz- licher Regulierung ersetzt worden sind (Beispiele dafür sind die Einrichtung der Financial Services Authority in Großbritannien und, im Anschluss an den Enron-Skandal, der Sarbanes Oxley Act in den USA52). Selbstregulierungs- organe handeln normalerweise im kollektiven Interesse derjenigen, die reguliert werden, und dieses gemeinsame Interesse ist u. U. nicht identisch mit dem Interesse der breiteren Öffentlichkeit und/oder kann die Interessen von Minder- heiten auf inakzeptable Weise vernachlässigen. Zudem kann es bei der Selbst- regulierung, weil sie auf freiwilliger Einwilligung beruht, an wirksamen Sanktionen gegen das Fehlverhalten von abtrünnigen Mitgliedern der Selbst- 78 49 Siehe uk.slingmedia.com/page/home (Stand: 09. 03. 2007). 50 Siehe unter anderem den Reporters without Borders-Bericht „Enemies of the Internet“ unter www.rsf. org/article.php3?id_article=19603 (Stand: 17. 03. 2007). 51 Basierend auf dem weltweiten Telekommunikationsnetz, ist das Internet an sich als Netzwerk strukturiert, in dem jeder mit jedem verbunden ist. Die Nutzer können verschiedene Mittel einsetzen, darunter anonyme Proxy-Server, temporäre virtuelle private Netzwerke (VPN), Tunnel- und Verschlüsselungsverfahren, um das Internet trotz der offiziellen Politik, die den allumfassenden Zugriff auf Inhalte unterbinden soll, unein- geschränkt zu nutzen. Siehe u. a. den „Financial Times“-Bericht vom 14. 3. 2007 von Chris Nuttall, „Dissidents find ingenious ways to hide digital traces“, unter www.ft.com/cms/s/76817868-d268-11db-a7c0- 000b5df10621.html (Stand: 17. 03. 2007). Unter www.gpass1.com/press20070218.php (Stand: 17. 03. 2007) finden Sie einen Artikel über die Anti-Jamming-Anwendung GPass 2.0 (auf die sich Nuttall bezieht), die nach dem Bekunden der Entwickler „das beste Hilfsmittel für Nutzer sein soll, die der Internet- Zensur unterliegen“ und „von vielen Nutzern in China eingesetzt wird, um die Sperrung von Internet-Sites zu umgehen.“ Die Anwendung ist für die persönliche Nutzung als Freeware erhältlich. 52 Der Public Company Accounting Reform and Investor Protection Act von 2002. Pub. L. No. 107–204, 116 Stat. 745. regulierungsgemeinschaft oder Akteuren außerhalb der Gruppe fehlen. Daher ist möglicherweise der „Schatten der Hierarchie“ (Scharpf 1994) erforderlich, wenn Ziele des Allgemeininteresses zuverlässig gesichert werden sollen. Und folglich ist die Koregulierung, bei der der Staat „ordnungspolitische Mittel zur Beeinflussung des nichtstaatlichen Ordnungssystems“ verwenden kann (Hans- Bredow-Institut 2006: S. 5), der Selbstregulierung u. U. vorzuziehen. Trotz der möglichen Unzulänglichkeiten der Selbstregulierung scheint die Öffentlichkeit jedoch, zumindest in Großbritannien, recht zufrieden zu sein mit der Selbstregulierung in der digitalen bzw. Online-Welt. Im Verlaufe einer Untersuchung, die mithilfe eines Bürgerforums (bzw. einer Bürgerjury, wie es manchmal heißt) durchgeführt wurde, fand die ITC heraus, dass die „Unter- stützung für Kontrollen, die von außen durchgesetzt werden, zugunsten der Entwicklung von Instrumenten abnahm, die die Aufsicht innerhalb der Familien erlauben würden.“ (ITC o. J.: S. 5). Und dass das „Filtern die bevorzugte Option für die Kontrolle des Internet-Zugangs war, weil es im Gegensatz zum Blockie- ren den Nutzern erlaubte, eine eigene Wahl zu treffen“ (ITC o. J.: S. 5). Beim Oxford Internet Survey (OxIS) des Jahres 200553 fand dieser Vorschlag eben- falls eine gewisse Zustimmung (wenn auch keine entscheidende). Die Stimmen für (29 %) und gegen (27 %) eine staatliche Regulierung des Internets hielten sich fast die Waage (45 % der Befragten antworteten mit „weiß nicht“ oder „unschlüssig“). Trotz des großen Interesses an der Ko- und Selbstregulierung, der Dauer- haftigkeit der Selbstregulierung in den europäischen Medien und Bedenken bezüglich ihrer Wirksamkeit ist offenbar vergleichsweise wenig Aufmerksam- keit der Frage geschenkt worden, wie die Selbstregulierung oder die Kultivie- rung prosozialer Normen standesgemäßen Verhaltens in Entitäten praktiziert werden soll, die diesen Formen der Regulierung unterworfen sind. 7 Maßnahmen zur Förderung der journalistischen Unabhängigkeit und Qualität Die Selbstregulierung ist jedoch nicht einfach eine Sache der Verwaltung und Aufstellung von Verhaltenskodizes durch ein externes, unabhängiges Organ; im besten Falle ist sie die Verinnerlichung und effektive Umsetzung von Normen guten Verhaltens innerhalb von Organisationen und durch Einzelpersonen. Die effektive und konsequente Einhaltung solcher Kodizes (ob ausdrücklich fest- gehalten oder implizit verkörpert in der Einhaltung informeller Normen standes- 79 53 Siehe Abschnitt IV, S. 110, des Oxford Internet Survey 2005, „The Internet in Britain“, abrufbar unter: http:// www.caribank.org/Secre.nsf/ Internetsurvey/$File/OxIS_2005_Internet_Survey.pdf?OpenElement (Stand: 10. 03. 2007). gemäßen Verhaltens) kann öffentliches Vertrauen aufbauen. Es gibt eine Fülle solcher Kodizes (siehe unter anderem die Zusammenstellung der europäischen Verhaltenskodizes für Journalisten unter www.uta.fi/ethicnet / (Stand: 10. 03. 2007)). 1977 schlug die britische Royal Commission on the Press die Einführung folgender Rechte für Redakteure54 vor: – Das Recht, Material abzulehnen, das von der Zeitungsleitung oder redak- tionellen Diensten zur Verfügung gestellt wird. – Das Recht, den Inhalt der Zeitung zu bestimmen (unter angemessener Be- rücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte und der etablierten Politik der Pu- blikation). – Das Recht, im Rahmen eines Budgets Ausgaben zuzuweisen. – Das Recht, investigativen Journalismus zu betreiben. – Das Recht, Ratschläge zur Redaktionspolitik abzulehnen. – Das Recht, die eigene Verlagsgruppe der Zeitung oder andere Teile des- selben Konzerns zu kritisieren. – Das Recht, die Ausrichtung oder Ansichten der Zeitung zu bestimmten Themen im Rahmen der vereinbarten Redaktionspolitik zu ändern. – Das Recht, Journalisten einzustellen und zu entlassen und die Bedingungen ihrer Verträge im Rahmen der etablierten Unternehmenspolitik festzulegen, und das Recht, Journalisten mit der Erstellung von Artikeln zu beauftragen (Royal Commission on the Press 1977: S. 155). Die Einführung unabhängiger Sprecher, Leserredakteure/Medien-Ombuds- männer für die Nutzerinteressen in (einigen) Nachrichtenorganisationen zeigt ebenfalls das Potenzial der Selbstregulierung auf, wohl begründetes öffentliches Vertrauen zu fördern. Der erste britische Leserredakteur/Medien-Ombudsmann wurde 1997 ernannt, und Ombudsmänner gibt es bei verschiedenen europäi- schen Zeitungen und Rundfunkveranstaltern in Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Großbritannien und andernorts (siehe www.newsombudsmen. org/what.htm (Stand: 14. 03. 2007)). Der Leserredakteur von „The Guardian“ (der erste in Großbritannien) beschreibt seine Aufgabe so: Er agiere als „der unabhängige interne Ombudsmann des Guardian“ und müsse dazu versuchen, „die Wahrung der hohen Standards von Genauigkeit, Aufrichtigkeit und Aus- gewogenheit in unserer Berichterstattung und unseren Artikeln zu gewähr- leisten“ und „ein intensiveres Eingehen auf Leser“ zu fördern. Im Vertrag des Leserredakteurs von „The Guardian“ heißt es: „Der Inhalt [seiner wöchentlichen Zeitungskolumne] ist unabhängig festzulegen und unterliegt nicht der vorherigen Prüfung durch den leitenden Redakteur oder anderer 80 54 Obwohl die Royal Commission diese Rechte explizit für Redakteure vorschlug, gibt es offenkundig keinen Grund, warum die meisten davon nicht auch für Journalisten gelten sollten. Mitarbeiter von diesem.“ Weiter heißt es, dass „der Leserredakteur das verbriefte Recht hat auf Zugang zum leitenden Redakteur, zu den Leitern von Abteilungskonferenzen, zu Haushaltskonferenzen, zu den täglichen Nachrichtenkonferenzen und zu anderen relevanten Foren.“ Der Leserredakteur des Guardian kann nur entlassen werden durch Abstim- mung des Scott Trust, des Inhabers der Guardian Media Group, die wiederum die Kontrolle über den Guardian und den Observer hat. (Quelle: www. guardian.co.uk/print /0,3858,4338170-103390,00.html (Stand 05. 06. 2004)).m Wenige dieser Normen sind bislang von Anbietern digitaler Inhalte über- nommen worden (und manche würden anmerken, dass ihre Umsetzung offline, z. B. durch konventionelle Rundfunkveranstalter und Zeitungen, eher mangel- haft erfolgt), aber sie haben das Potenzial, die dialogischen und selbstkorri- gierenden Möglichkeiten von „Web 2.0“-Inhalten zu ergänzen und damit deren Vertrauenswürdigkeit zu erhöhen. Ein besonders überzeugender Normensatz wurde unlängst von Onora O’Neill vorgeschlagen, im Zusammenhang ihrer Kritik etablierter journalistischer Normen und Praktiken. O’Neill argumentiert, dass „Zeitungsjournalisten mit wenigen Vorschriften konfrontiert sind, die öffentliches Vertrauen fördern“ (2002: S. 175): „Es gibt keine durchsetzbaren Bestimmungen hinsichtlich Genauigkeit oder Umfang der Berichterstattung und Ausgewogenheit; es gibt keine durchsetzbaren Bestimmungen, von der Berichterstattung über Themen abzusehen, von denen sie nichts verstehen; es gibt keine durchsetzbaren Bestimmungen, zwischen Berichterstattung und Kommentar zu unterscheiden[…]. Es gibt ein vehement verteidigtes ‚Recht‘, Quellen zu schützen, mit dessen Hilfe der Leser daran gehindert werden kann, zu erkennen, ob es überhaupt irgendwelche Quellen gibt, oder (wenn eine vor- handen ist) ob sie vertrauenswürdig ist.“ (O’Neill 2002: S. 176). Und dort, wo strengere Normen existierten (z. B. bei der BBC), so O’Neill, seien diese „weniger strikt als jene, die in den Berufsständen oder im öffentlichen Sektor gelten.“ (O’Neill 2002: S. 176). Wesentlich sei die Verpflichtung, „Betrug abzulehnen“ (O’Neill 2002: S. 185) und „die gewohnheitsmäßige Unterlas- sung“ der Medien, den Lesern (sic) die „Mittel zur Überprüfung und Interpreta- tion dessen, was sie lesen“ bereitzustellen (O’Neill 2002: S. 186). O’Neill führt an, dass der persönliche Austausch es den Gesprächspartner ermögliche, zu „beurteilen, was uns gesagt wird, indem wir Standpunkte aufgeben und Fragen stellen, indem wir Gegenproben machen und unser Verständnis und unsere Gesprächspartner prüfen.“ (O’Neill 2002: S. 186). Und weiter: „Da die Nach- richtenvermittlung in schriftlicher und gesendeter Form beinahe ausschließlich in einer Richtung erfolgt“, sollten Journalisten und Rundfunkveranstalter „Kon- ventionen und Standards“ einhalten (O’Neill 2002: S. 186–187), um Vertrauens- würdigkeit zu erlangen. Entsprechend schlägt O’Neill (2002: S. 190) folgende Normen vor: 81 – Bekanntgabe von „relevanten Interessen und Interessenkonflikten“, – Bekanntgabe von „Beziehungen mit Lobbyisten, politischen Parteien, Unter- nehmen und Nichtregierungsorganisationen“, – Veröffentlichung von „Referenzen von Reportern, die über technische Themen schreiben“ und Warnungen, falls Reporter „ohne die entsprechende Kompetenz“ mit der Berichterstattung über ein bestimmtes Thema beauf- tragt werden, – Bekanntgabe von „vollständigen Finanzinformationen über Zahlungen zum Erwerb von Material, das für ‘Geschichten‘ von Bedeutung ist“, – Veröffentlichung von Korrekturen „in gleicher Länge und an gleicher Stelle, vielleicht von Dritten verfasst“, – Strafen für die „erneute Veröffentlichung von ‚Geschichten‘, die nachweis- lich verleumderisch oder erfunden sind“. All diese ethischen und verfahrensbezogenen Normen erscheinen für die Online- und Offline-Berichterstattung vernünftig, konstruktiv und anwendbar. Allerdings werden sie vorgeschlagen im Kontext der besonderen Umstände unidirektiona- ler herkömmlicher Rundfunkveranstalter und Zeitungen – Umstände, in denen die Möglichkeiten, die im dialogförmigen, persönlichen Austausch bestehen, nicht gegeben sind. „Web 2.0“-Inhalte dagegen bieten viele (aber nicht alle) der Gelegenheiten zur Authentifizierung, Befragung, Korrektur und Konsens- findung, die bei der unidirektionalen Massenkommunikation fehlen und bei der persönlichen Kommunikation vorhanden sind. Es bestehen daher Chancen, mittels „Web 2.0“-artiger, dialogförmiger Kooperationen bei der Inhalteproduk- tion, an denen es bei den heutigen konventionellen Massenmedien mangelt, die Vertrauenswürdigkeit von Informationen und Kommentaren herzustellen. Nur zur Klarstellung: Genau wie bei der persönlichen Kommunikation kön- nen Mitwirkende an „Web 2.0“-Inhalten lügen, in böser Absicht handeln, täuschen und so weiter. Die Normen und Verfahren, die O’Neill und andere (McGregor-Vorschläge, Einführung von Leserredakteuren/Ombudsmännern usw.) für die traditionellen Massenmedien vorschlagen, sind im gleichen Maße anwendbar für die Produktion und Verbreitung digitaler Online-Inhalte. „Web 2.0“ aber bietet Möglichkeiten zur Erlangung von Vertrauenswürdig- keit, die anderswo fehlen und die gefördert werden sollten. 8 Die Rolle der öffentlichen Finanzierung Die jeweilige Rolle des öffentlichen und privaten Sektors im Internet kann nur angerissen, nicht aber im Detail betrachtet werden. Der Charakter der Online- und Offline-Content-Sektoren unterscheidet sich enorm in den verschiedenen Mitgliedstaaten – nicht zuletzt in der relativen Bedeutung der Online-Präsenz der öffentlichen Hand. Die überreiche Mittelausstattung von Angeboten des 82 öffentlichen Sektors hat Anlass zu Sorgen gegeben wegen der möglichen „Ver- drängung“ kleinerer, neuer, kommerzieller Anbieter auf dem Online-Markt (siehe unter anderem Graf 200455 und, im Kontext staatlicher Beihilfen, Depypere und Tigchelaar 2004 und Wiedemann 2004)56. Es kann jedoch kaum einen Zweifel geben, dass Online-Dienste ein geeigneter (und sogar unentbehr- licher) Weg sind, auf dem etablierte öffentliche Organisationen, und insbeson- dere öffentlich-rechtliche Rundfunkveranstalter, ihre Dienste anbieten können57, und dass öffentliche sowie kommerzielle und zivilgesellschaftliche Organisa- tionen durch „Web 2.0“-artige interaktive und benutzererzeugte Inhalte inno- vative und bessere Dienste liefern können. Überdies kann Online-Content in vielerlei Hinsicht wohl als „junge Branche“ betrachtet werden – die damit selbst nach den „strengsten“ Rezepten neoklassischer Volkswirte potenziell Anspruch auf öffentliche Unterstützung hat. Die immer wieder viel diskutierte Frage ist die nach der Verhältnismäßigkeit – wie viel Intervention (und durch welche Organe) und für wie lange ist angemessen, um ein Marktversagen wettzumachen und das öffentliche Interesse zu sichern? Auf solche Fragen gibt es keine einfachen Antworten, und jede plausible Antwort ist in hohem Maße kontextspezifisch. Es gibt jedoch schlüssige Belege dafür, dass zunächst einmal Inhalteanbieter in der digitalen Welt existieren, die eine Unterstützung verdienen. OpenDemocracy in Großbritannien ist ein ein- schlägiges Beispiel (ich betone erneut, dass mein Zurückgreifen auf britische Beispiele eine bedauerliche Konsequenz meiner mangelnden Kenntnisse von Einrichtungen und Verfahren in den anderen 26 Mitgliedstaaten ist und keine besondere Parteinahme für Anbieter aus Großbritannien darstellt). Einrich- tungen wie OpenDemocracy sind finanziell gefährdet (da sie auf freiwillige, wohltätige Spenden angewiesen sind; die Ford Foundation aus den USA leistet einen besonders beachtlichen Beitrag zu OpenDemocracy) und verdienen Unter- stützung wegen ihres Beitrags zur Ausdehnung des Medienpluralismus und der Öffentlichkeit in Europa. Die Ofcom hat unlängst die Tür aufgestoßen zu einer Debatte, ob öffent- liche Anbieter digitaler Inhalte öffentliche Unterstützung erhalten sollen. In ihrer Analyse des britischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens führte sie die Möglichkeit auf, dass Veränderungen im britischen Rundfunksektor (und vor allem Veränderungen auf dem Werbemarkt) dazu führen könnten, dass die 83 55 Ein unabhängiger Bericht zur Rolle der BBC im Internet-Content-Bereich durch Philip Graf kam zu dem Ergebnis, dass die Internet-Dienste der BBC „im Vergleich zu den kommerziellen Wettbewerbern sehr groß- zügig mit Mitteln ausgestattet“ waren (Graf 2004: S. 11). 56 Im März 2007 verlangte der BBC Trust von der BBC, ihre Website für Schüler „BBC Jam“ einzustellen, nachdem sich kommerzielle Diensteanbeiter beschwert hatten, die BBC verschaffe sich durch den Erhalt von staatlichen Beihilfen einen ungerechten, illegalen Wettbewerbsvorteil. 57 Siehe unter anderem Born 2005 für eine Darstellung mehrerer BBC-Online-Initiativen zur Erweiterung und Vertiefung von politischer Bildung und Beteiligung. BBC zum einzigen öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter in Großbritan- nien avancieren könnte, mit einer unwillkommenen Monopolisierung der öffent- lich-rechtlichen Content-Bereitstellung als Folge58. Infolgedessen schlug die Ofcom die mögliche Einrichtung eines „Public Service Publisher“ (PSP) vor und eröffnete Anfang 2007 eine Konsultation über „Öffentlich-rechtliche Inter- vention in digitalen Medien und das Konzept des PSP“ unter www.ofcom. org.uk/consult /condocs/pspnewapproach/summary/ (Stand: 27. 02. 2007). Es ist zu früh, um abzusehen, was sich, wenn überhaupt, aus den unverbind- lichen Vorschlägen der Ofcom ergeben könnte. Doch eine Möglichkeit ist eine neue Organisation mit der Aufgabe „öffentlich-rechtliche Inhalte in der digita- len Medienlandschaft bereitzustellen, eine, die sowohl eingeht auf die Ver- änderungen im alten System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als auch auf die neuen Wege, über die Bürger und Verbraucher auf Inhalte zugreifen.“ In einer Arbeit, die von der Ofcom in Auftrag gegeben wurde, bezeichnet Omni (Open Media Network) den PSP als eine „Wegbereitungsmarke“, die Material, das von Dritten geliefert wird, ob durch Aufträge oder die Bereitstel- lung von Portalen und Links, als Paket anbieten würde. Dieses Material würde reichen von interaktiven, spieleartigen Inhalten bis hin zu digitalisierten, betreu- ten Inhalten, die von Kunstgalerien, Museen und Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden. Siehe www.openmedianetwork.org.uk/anewapproach/ workingwiththepsp.htm (Stand: 27. 02. 2007). In mancherlei Hinsicht erinnert der Omni-Vorschlag, dass etablierte Kultur- einrichtungen digitalisierte Inhalte liefern sollen, an das ruhende „Fathom“- Projekt (siehe www.fathom.com (Stand: 27. 02. 2007)), das Ende der 90er Jahre und Anfang des 21. Jahrhunderts US-amerikanische und britische Universitäten miteinander verband (vor allem die Columbia University, die London School of Economics and Political Science, die Universitäten von Chicago und Michigan). Es bot interpretative und „kuratorische“ Kenntnisse (und die Möglichkeit, Lernleistungen anerkennen zu lassen, so dass Fathom- Nutzer formale Bildungsabschlüsse erwerben konnten) sowie Wissensquellen und Kulturwerkzeuge (z. B. die British Library, das American Film Institute, das Woods Hole Oceanographic Institute usw.). „Fathom“ wurde stillgelegt, weil es nicht genügend einbrachte, um die Kosten zu tragen. Es liefert ein weiteres Beispiel für eine potenziell effektive Nutzung digitaler Online-Inhalte, die es wert ist, für die Unterstützung mit öffentlichen Finanzmitteln in Betracht gezogen zu werden. Der Fortbestand und Erfolg der schottischen Online- Ressource „Scran“,59 die von der schottischen Exekutive unterstützt wird, zeugt ebenfalls von der potenziellen Bedeutung öffentlicher Finanzierung. 84 58 Siehe Ofcoms „Review of public service television broadcasting. Phase 3“ aus dem Jahr 2005 unter http:// www.ofcom.org.uk/consult /condocs/psb3/psb3.pdf (Stand: 12. 03. 2007). 59 Siehe www.scran.ac.uk. Im EU-Kontext ist die Konsultation zu Online-Inhalten (die im Oktober 2006 abgeschlossen wurde) das offenkundigste relevante Beispiel (siehe ec. europa.eu/comm/avpolicy/other_actions/content_online/ index_en.htm (Stand: 12. 03. 2007)). Doch wenngleich bahnbrechende Initiativen mit betreuten Inhal- ten anerkannt wurden, etwa die britische Creative Archive-Kooperation (siehe u. a. das Angebot des British Film Institute unter www.screenonline.org. uk/ (Stand: 12. 03. 2007)) und „RAIclick“ der RAI (siehe www.raiclicktv. it / raiclickpc/secure/homePage.srv (Stand: 12. 03. 2007)), konzentrierte sich die Konsultation sehr stark auf audiovisuelle Inhalte und war geprägt durch Beiträge von Rechteinhabern. In den nächsten Phasen der Entwicklung der Richtlinie sollte der Begriff Content vielleicht etwas breiter gefasst und mehr Gewicht gelegt werden auf „Web 2.0“-artige Kollektivmedien, die das Sam- meln und Verbreiten von Informationen und Beratungen ermöglichen, sowie auf digitalisierte, betreute Multimedia-Inhalte, wie sie Universitäten, Kunst- galerien, Museen und Bibliotheken bereitstellen. Ein Beispiel für weitere mög- liche Modelle, mit einem größeren Fokus auf politische Bildung und Informa- tion und folglich mit dem Potenzial zur Erweiterung und Vertiefung der nationalen und europäischen Öffentlichkeit, bildet die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung60. 9 Zugang Der Umfang, in dem EU-Bürger Zugriff auf Online-Inhalte haben, variiert beträchtlich. Obwohl die Zahl der Breitbandanschlüsse in der gesamten EU rasch, wenn auch ungleichmäßig, zunimmt, zeigen die OECD-Daten aus dem Jahr 2006 deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen den verschiedenen Mitgliedstaaten sind (siehe Übersicht auf der nächste Seite). Des Weiteren gibt es, insbesondere bei bandbreitenintensiven Anwendungen wie Video-Streaming, einen potenziellen Interessenkonflikt zwischen Anbietern von Inhalten und Anschlüssen. Wie allgemein bekannt, hat sich dies in den USA in den heftigen Konflikten über die „Netzneutralität“ manifestiert (zu diesem Thema gibt es eine umfassende Literatur; eine kompetente Einführung bietet u. a. das allgegenwärtige Wikipedia unter en.wikipedia.org/wiki/ Network_neutrality (Stand: 12. 03. 2007)). Der Konflikt im Zentrum der Debatte um die Netzneutralität ist strukturell und wiederholt in mancherlei Hinsicht die Debatten über den relativen Wert der Förderung von Infrastruktur oder Service- Wettbewerb in der Telekommunikation. Da aber in Europa die meisten Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen (Ex-Monopolisten) gezwungen wor- 85 60 Siehe www.bpb.de (Stand: 21. 03. 2007). den sind, Netz und Dienste zu trennen und Bitstrom-Zugang bereitzustellen, wird ein Konflikt in der EU vermutlich nicht mit der gleichen Intensität und Feindseligkeit wie in den USA ausgetragen werden (siehe u. a. www. ofcom.org.uk/media /speeches/2006/12/net_neutrality_111206.pdf (Stand: 12. 03. 2007)). DSL Kabel Sonstige Insgesamt Teilnehmer insgesamt Dänemark 17,4 9,0 2,8 29,3 1.590.539 Niederlande 17,2 11,1 0,5 28,8 4.705.829 Finnland 21,7 3,1 0,2 25,0 1.309.800 Schweden 14,4 4,3 4,0 22,7 2.046.222 Großbritannien 14,6 4,9 0,0 19,4 11.622.929 Belgien 11,9 7,4 0,0 19,3 2.025.112 Luxemburg 16,0 1,9 0,0 17,9 81.303 Österreich 11,2 6,3 0,2 17,7 1.460.000 Frankreich 16,7 1,0 0,0 17,7 11.105.000 Deutschland 14,7 0,3 0,1 15,1 12.444.600 Spanien 10,5 3,1 0,1 13,6 5.917.082 Italien 12,6 0,0 0,6 13,2 7.697.249 Portugal 7,9 5,0 0,0 12,9 1.355.602 Tschechische Republik61 3,9 2,0 3,5 9,4 962.000 Irland 6,8 1,0 1,4 9,2 372.300 Ungarn 4,8 2,9 0,1 7,8 791.555 Polen 3,9 1,3 0,1 5,3 2.032.700 Slowakei 2,2 0,5 0,2 2,9 155.659 Griechenland 2,7 0,0 0,0 2,7 298.222 86 61 Die OECD-Statistik für die Kategorie „Sonstige Breitbandanschlüsse“ der Tschechischen Republik enthält eine große Zahl fester drahtloser Breitbandverbindungen, die über Mobilfunknetze bereitgestellt werden. Breitbandanschlüsse über UMTS-Netze sind bei den anderen Ländern nicht enthalten, doch für die Tschechi- sche Republik wurde eine Ausnahme gemacht, weil die Verbindungen über „feste“ Ausrüstung im Haushalt erfolgen und einzelnen Nutzern Geschwindigkeiten von über 256 Kbit /s bieten. Wegen des hohen Anteils dieser drahtlosen Breitbandverbindungen an der Gesamtzahl der Anschlüsse ist der tschechische Markt ein Sonderfall. Wichtig anzumerken ist, dass es in internationalen Kreisen eine anhaltende Diskussion darüber gibt, ob diese Art drahtloser Verbindung (188.000 in Tschechien) bei internationalen Vergleichen von Breit- bandanschlüssen berücksichtigt werden sollte. Breitband-Teilnehmer pro 100 Einwohnern, Juni 2006 Quelle: OECD-Breitbandstatistik, Juni 2006, unter www.oecd.org/document /9/0,2340,en_2649_34223_ 37529673_1_1_1_1,00.html (Stand: 08. 03. 2007). 10 Schluss Die Digitalisierung hat also beachtenswerte Beiträge zur Medienvielfalt und Öffentlichkeit in der EU geleistet, indem sie es neuen Anbietern ermöglicht hat, mit einer Reihe von Geschäftsmodellen mit unterschiedlichem Grad an Interaktivität und „Web 1.0“ und „Web 2.0“ umfassend in den Online-Content- Sektor einzusteigen. Es bestehen Chancen, durch die Bereitstellung öffent- licher Finanzmittel Neueinsteiger zu ermutigen (und die oft schwache Position neu auftauchender Anbieter zu stärken) – vielleicht durch einen „Public Service Publisher“. Die mögliche Rolle der öffentlichen Finanzierung spiegelt den technischen Wandel wider, der die Fähigkeit von Staaten vermindert hat, Ein- trittskontrollen auszuüben und damit ein gewünschtes Verhalten seitens der Inhalteanbieter zu gewährleisten, sowie die resultierende Verschiebung in Art und Ort der Regulierung. Wirksame Regulierung wird immer weniger „negative“ Regulierung und immer mehr „positive“ Regulierung sein: Erleichterungen statt Behinderungen werden effektive Maßnahmen kennzeichnen. Wegen der stark wachsenden Zahl von Anbietern wird außerdem die Kontrolle von Inhalten sowie die Unterbindung des Zugriffs auf und des Konsums von unerwünschte/n Inhalte/n zunehmend am Nutzungsort statt am Ursprungsort erfolgen. Zweifel- los verfügen Staaten und Firmen nach wie vor über wichtige Machtinstrumente im Bereich der Online-Inhalte. Mithilfe von Verfahren wie „Geo-Blocking“ und der Schlüsselwort-Blockierung können sie den Zugriff auf bestimmte Inhalts- arten blockieren oder zumindest behindern. Doch unterscheiden sich nicht nur die Auffassungen darüber, wie wünschenswert der Einsatz solcher Instrumente ist, und über das angemessene Gleichgewicht zwischen Meinungsfreiheit und Schutz vor Vergehen und möglichen Schäden, sondern es stehen den Nutzern auch Gegenmaßnahmen zur Verfügung (etwa der Einsatz anonymer Proxy- Server). Ferner sind in den Debatten über Online-Inhalte und die vermeintliche Notwendigkeit, neue Mittel zur Einführung effektiver Regulierung und/oder zur Förderung der Bereitstellung und des Konsums hochwertiger, wünschens- werter Inhalte zu finden, die Vorteile einer „unverantwortlichen“ Presse viel- leicht unzureichend anerkannt worden – viele Informationen in der analogen Offline-Welt, die wichtig waren, um fundierte öffentliche Entscheidungen zu treffen, wurden durch „unverantwortliche“ Redakteure und Journalisten ge- wonnen und veröffentlicht. In der digitalen Online-Welt dürfte es nicht anders aussehen (vielleicht erinnert man sich noch daran, dass die Beziehung zwischen Präsident Clinton und Monica Lewinsky durch den offenkundig „unverantwort- lichen“ Drudge-Report62 ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wurde, siehe www.drudgereport.com. 87 62 Siehe u. a. news.bbc.co.uk/1/hi/special_report /1998/clinton_scandal/50031.stm (Stand: 12. 03. 2007).m Wenn man die Ausdehnung öffentlicher Unterstützung auf Anbieter von Online-Inhalten für schlüssig begründet hält, wer soll dann diese Unterstüt- zung erhalten? Unter dem Aspekt des Pluralismus scheint es angebracht, die Gelegenheiten zur Erweiterung der Zahl und Palette von Inhalteanbietern über die derzeitigen Empfänger hinaus, vor allem etablierte öffentlich-rechtliche Rundfunkveranstalter, wahrzunehmen. Aber wie sollen Behörden, die Finanz- mittel verteilen, entscheiden, welche neuen und etablierten Inhalteanbieter öffentliche Unterstützung erhalten sollen? Zu den möglichen Kriterien zählen die Art der angebotenen Inhalte (leichtfertige, konsequent parteiische und vor- eingenommene Anbieter sollten wohl ausgeschlossen werden – wenngleich Gefahr besteht, wenn zu viel Seriosität verordnet wird und die „unverantwort- lichen“ Journalisten und Anbieter ausgeschlossen werden, die Wahrheiten zur Sprache gebracht haben, die manche als unangenehm empfunden haben) und die Übernahme und Umsetzung bewährter journalistischer und selbstregulie- render Verfahren. Ein Beispiel hierfür wäre die Übernahme und Umsetzung der selbstregulierenden und standesgemäßen Normen jener Art, wie sie von O’Neill und/oder der McGregor-Kommission vorgeschlagen wurden. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, öffentliche Mittel nur in der Höhe zu gewähren, in der Mittel von Nutzern beschafft wurden (zum Schutz vor dem Kassieren öffentlicher Gelder durch Anbieter, die keine Unterstützung durch Nutzer finden). Das „gute Alte“, das mit den etablierten Einrichtungen und historischen Errungenschaften von öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstaltern, hoch an- gesehenen Zeitungen und auf Eintrittskontrolle basierender Regulierung ver- bunden ist, wird mit zunehmender Wahrscheinlichkeit ein irreführendes, un- passendes Regulierungs- und Politikmodell für die Bereitstellung digitaler Online-Inhalte liefern. Eine Kombination aus den weniger strengen Content- Normen des Printbereichs, den wettbewerbsfreundlichen liberalisierten Normen der EU-Regulierung für die Telekommunikation und weit verbreitetem Zugang zu öffentlichen Finanzmitteln wird der Europäischen Union in der Zukunft vermutlich von großem Nutzen sein, sowohl normativ als auch empirisch. Die Normen, Einrichtungen und Regulierungsverfahren, die mit dem europäischen Rundfunk verbunden sind, werden eines Tages vielleicht wie ein spezifischer, aber nicht repräsentativer Einzelfall erscheinen, in dem historisch motivierte, nicht verallgemeinerbare Normen gegolten haben. Rundfunknormen mögen zwar die Vorzüge des (in Brechts Worten) „guten Alten“ veranschaulichen, aber „das schlechte Neue“ wird vermutlich obsiegen und uns letzten Endes von großem Nutzen sein. 88 11 Literatur BBC [British Broadcasting Corporation] (2004): The BBC’s Journalism after Hutton. (Neil Report). London: BBC. Abrufbar unter: www.bbc.co.uk info/policies/ text /neil_report.html (Stand: 06. 07. 2004). BBC (2004a): The BBC’s contribution to informed citizenship. Abrufbar unter: http:// www.bbccharterreview.org.uk/pdf_documents/BBC_submission_informed.pdf (Stand: 16. 02. 2006). Born, G. (2005): Digitising Democracy. In: Political Quarterly, Vol. 76, No. 1, S. 102–123. BSG [Broadband Stakeholders Group] (2006): Co- and Self-regulation in the UK and the draft Audiovisual Media Services Directive. Abrufbar unter: www. broadbanduk.org/reports/Directives/060526%20Co_and_SelfRegulation_intheUK_ FINAL.pdf (Stand: 06. 02. 2007). Rat der Europäischen Union (2006): Mitteilung an die Presse. 2762. Tagung des Rates Bildung, Jugend und Kultur. Brüssel, den 13./14. November 2006. 14965/06 (Presse 309). Abrufbar unter: www.consilium.europa.eu/ueDocs/cms_Data /docs/ pressData /en/educ/91666.pdf (Stand: 22. 02. 2007). Darlington, R. (2006): How the internet could be regulated. Abrufbar unter: http:// www.rogerdarlington.me.uk/ Internetregulation.html (Stand: 05. 02. 2007). Depypere, S. / Tigchelaar, N. (2004): The Commission’s State aid policy on activities of public service broadcasters in neighbouring markets, Competition Policy News- letter. No. 2, Sommer 2004. S. 19–22. Abrufbar unter: ec.europa.eu/comm/ competition/publications/cpn/cpn2004_2.pdf (Stand: 10. 03. 2007). Europäisches Parlament und Rat (2000): Richtlinie 2000/31/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2000 über bestimmte rechtliche Aspekte der Dienste der Informationsgesellschaft, insbesondere des elektronischen Geschäfts- verkehrs, im Binnenmarkt (Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr). OJ L 178/1-16. 17. 7. 2000. Abrufbar unter: europa.eu.int /eur-lex/pri/en/oj/dat / 2000/ l_178/ l_17820000717en00010016.pdf (Stand: 09. 03. 2007). Europäisches Parlament (2006): Legislative Entschließung des Europäischen Parlaments zu dem Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 89/552/EWG des Rates zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit (KOM(2005)0646 – C6-0443/2005 – 2005/0260(COD). Vom Parla- ment angenommen am Mittwoch, den 13. Dezember 2006 – Straßburg. Abrufbar unter: www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do+ P6-TA-2006-0559+0+DOC+XML+V0//EN&language=EN (Stand: 22. 02. 2007). Habermas, J. (1990 [1962]): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt a. M.: Suhr- kamp. Hans-Bredow-Institut (2006): Study on Co-regulation Measures in the Media Sector. Study for the European Commission, Directorate Information Society and Media. Unit A1 Audiovisual and Media Policies. Tender DG EAC 03/04. Contract No.: 2004-5091/001-001 DAVBST. Abrufbar unter: ec.europa.eu/comm/avpolicy/ docs/ library/studies/coregul/coregul-final-report_en.pdf (Stand: 10. 03. 2007). Innenministerium und schottische Exekutive (2005): Consultation on the Possession of Extreme Pornographic Material. London. Innenministerium. Abrufbar unter: http:// 89 www.homeoffice.gov.uk/docs4/Consultation_Extreme_Pornographic_Material.pdf (Stand: 02. 09. 2005). Hoskins, C. / McFadyen, S. / Finn, A. (1997): Global Television and Film. Oxford: Oxford University Press. Hutton, Lord (2004): Report of the Inquiry into the Circumstances Surrounding the Death of Dr David Kelly C. M. G. HC 247. London. Abrufbar unter: www. the-hutton-inquiry.org.uk/content / report / index.htm (Stand: 29. 03. 2005). ITC [Independent Television Commission] (o. J.): Internet Regulation: The Way For- ward? London: ITC. Ofcom (2004): Hypothetical tender document for a Public Service Publisher. London: Ofcom. Abrufbar unter: www.ofcom.org.uk/consult /condocs/psp/psp.pdf (Stand: 05. 02. 2007). Ofcom (2006): Online protection. A survey of consumer, industry and regulatory mecha- nisms and systems. London: Ofcom. Abrufbar unter: www.ofcom.org.uk research/ technology/onlineprotection/report.pdf (Stand: 05. 02. 2007). Ofcom (2007): A new approach to public service content in the digital media age. The potential role of the Public Service Publisher. Diskussionspapier. London: Ofcom. Abrufbar unter: www.ofcom.org.uk/consult /condocs/pspnewapproach/ newapproach.pdf (Stand: 19. 03. 2007). OxIS [Oxford Internet Survey] (2005): The Internet in Britain. The Oxford Internet Survey 2005. Hrsg. Dutton, W. C. di Gennaro/Milward-Hargrave, A. Oxford: Oxford Internet Institute. Abrufbar unter: www.oii.ox.ac.uk/research/publications.cfm (Stand: 07. 03. 2007). O‘ Neill, O. (2002): Autonomy and Trust in Bioethics. Cambridge: Cambridge Univer- sity Press. Royal Commission on the Press [Chairman O R McGregor] (1977): Final Report. Cmnd 6810. London: HMSO. Scharpf, F. W. (1994): Games Real Actors could Play: Positive and Negative Co-Ordina- tion in Embedded Negotiations, Journal of Theoretical Politics, 6 (1), S. 27–53. Schlesinger, P. (1994): The Scott Trust. O. O.: O. V. Wiedemann, V. (2004): Public Service Broadcasting, State aid, and the Internet: Emerg- ing EU Law. In: Diffusion Online 2004/47. Abrufbar unter: www.ebu.ch/en/ union/diffusion_on_line/pub_broadcasting/ tcm_6-18560.php (Stand: 10. 03. 2007). 90 Schlussfolgerungen aus der AG 2 Richard Collins/ Wolfgang Schulz 1. Digitale Online-Medien haben sich positiv auf die Bereitstellung und Er- reichbarkeit vielfältiger und pluralistischer Inhalte in Europa ausgewirkt und bergen ein Potenzial für weitere Entwicklung. Wikipedia ist, wenn nicht das einzige, so doch ein herausragendes Beispiel für die positive Wirkung und das Potenzial nutzergenerierter Inhalte. Wikipedia steht je- doch gleichzeitig für einige der Probleme (insbesondere in Bezug auf die Authentisierung von Inhalten und die Identifizierung ihrer Urheber und Quellen) und Herausforderungen, die mit dieser neuen Form der Medien- nutzung verbunden sind. 2. Neue Medienformen und -beziehungen entwickeln sich rasch. Es entstehen Mischformen zwischen den Medien, und es kommt zu einer zunehmenden Interdependenz zwischen Online- und Offline-Medien. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten, was die Beziehungen zwischen Online- und Offline-Medien angeht, aber Journalisten greifen zunehmend auf Blogs (von unterschiedlicher Genauigkeit und Zuverlässigkeit) als Quelle und „Vormedien“ zurück, Blogger beziehen sich auf etablierte Medien, um ihre Produkte und Aussagen zu validieren und legitimieren, und so weiter. Diese Entwicklungen können die europäische Öffentlichkeit stärken, indem sie eine größere Vielfalt von Informationsquellen und Ansatzpunkten für kollektive Diskussionen und den demokratischen Dialog bieten. 3. Um umfassend an dieser neu entstehenden Medienwelt teilzuhaben, brauchen die Europäer neue Kompetenzen (sowie bezahlbaren Zugang zu Infrastruk- tur, Hardware und Inhalten), und die Entwicklung dieser Kompetenzen ist ein wichtiger Bestandteil des „Medienkompetenz-Auftrages“, den Lehrer, Erzieher und Gesetzgeber/Regulierer zu erfüllen haben. Dies bedeutet, dass die Bürger beim Erwerb von Medienkompetenz unterstützt und über die Medien aufgeklärt werden müssen. 4. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter können zur Bereitstellung einer vielfältigen Palette vertrauenswürdiger Online-Medien beitragen. Es bestehen jedoch deutliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten, was 91 die Rolle der öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter bei der Bereit- stellung von Online-Diensten angeht. Die mit den digitalen Online-Medien einhergehende Absenkung der Markteintrittssperren bedeutet, dass seit Langem bestehende Probleme in Bezug auf eingeschränkten Pluralismus und Vielfalt in Europa möglicherweise durch das Entstehen neuer qualitativ hochwertiger Online-Informationsquellen und Diskussions- bzw. Austausch- foren gemildert werden können. Diese kommen potenziell für eine finan- zielle Unterstützung durch die öffentliche Hand infrage. 5. Eine neue Generation digitaler Online-Medien, die oft als „Web 2.0“ be- zeichnet wird, kann möglicherweise dazu beitragen, die Vertrauenswürdig- keit der Inhalte zu verbessern. Die Tatsache, dass Web 2.0-Sites offen für die Korrektur von Fehlern und für den kollektiven Dialog unter Nutzern sind, birgt in dieser Hinsicht großes Potenzial. Diese Eigenschaften des Web 2.0 bedeuten jedoch nicht, dass eine bewährte professionelle Arbeits- weise künftig weniger wichtig wäre. Weitere identifizierte Probleme: 1. Suchmaschinen können dazu führen, dass manche Inhaltsarten und -quellen Teil des Mainstream werden, was sich negativ auf Vielfalt und Pluralismus auswirken kann. 2. Das Problem einer finanziellen Unterstützung für die bürgerliche Gesell- schaft (einschließlich der Medienbereitstellung), die die institutionelle Unab- hängigkeit in Europa wahrt. Zu den in diesem Zusammenhang möglicher- weise hilfreichen Initiativen gehören der „Digital Pioneers“-Fonds der Niederlande und die in Litauen übliche Praxis, wonach die Bürger einen Teil ihrer Steuerzahlungen für bestimmte Institutionen und Dienstleistungen vorsehen können. 3. In einigen Mitgliedstaaten wurde die Gefahr einer die Qualität sowohl der On- als auch der Offline-Medien und -Inhalte beeinträchtigenden Kommer- zialisierung beobachtet, und in allen Mitgliedstaaten wurde die Bedeutung betont, die der Einhaltung von Inhalts-Kodizes zukommt, insbesondere was die Trennung und deutliche Kennzeichnung von Werbung und redaktionel- lem Material angeht. 4. Die meisten Mitgliedstaaten verfügen nur über wenige politische Ansätze und Instrumente (öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Medienkompetenzpro- gramme), um den Herausforderungen der Digitalisierung zu begegnen und ihre Chancen zu nutzen. 5. Es ist klar, dass erhebliche Ressourcen erforderlich sind, um qualitativ hochwertige Online-Inhalte bereitzustellen (z. B. „Weißliste“ von Inhalten). Vorteile ergeben sich für etablierte Marktteilnehmer, die Größen- und Ver- bundvorteile sowie ihre etablierte Markenidentität nutzen können. 92 AG 3: Vertrauen in die Industrie: Was sind die besten Instrumente der Selbstregulierung? Vertrauen in die Industrie – Vertrauen in die Nutzer: Selbstregulierung und Selbsthilfe bei digitalen Medieninhalten in der EU Michael Latzer/Florian Saurwein Inhalt 1 Thematischer Aufriss und analytischer Rahmen . . . . . . . . . . . . . . 94 1.1 Aufriss und Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 1.2 Abgrenzungskriterien und Klassifikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 2 Anwendungsbereiche und ausgewählte Beispiele . . . . . . . . . . . . . . 106 2.1 Bedeutung von Selbstregulierung in unterschiedlichen Gruppen der Medieninhalteindustrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 2.2 Intensität und Formen staatlicher Involvierung in Selbst- regulierungsinstitutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 2.3 Wirkungsbereiche: Regulatorische Verantwortung für digitale Medieninhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 2.4 Internationalisierung der Selbstregulierung: Umfang und Formen transnationaler Zusammenarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 3 Potenzial von Selbstregulierung und Regulatory Choice . . . . . . . . 124 4 Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 93 1 Thematischer Aufriss und analytischer Rahmen 1.1 Aufriss und Inhalt Digitale Medieninhalte stellen die Kommunikationspolitik vor neue Heraus- forderungen und verlangen nach veränderten Regulierungsstrukturen. Diese sollen nicht nur den regulatorischen Anforderungen von Online-Zeitungen, Web-TV, Internet-Telefonie, Online-Glücksspielen und Suchmaschinen gerecht werden, sondern auch dem vielfältigen User-Generated-Content des Web 2.0.m Ein zentraler Baustein der Politikreformen sind alternative Regulierungs- formen. Sie bilden eine Alternative bzw. Ergänzung zu traditionellen, aber auch neuen Formen staatlicher Regulierung. Sie sind durch die Einbindung nicht-staatlicher Akteure in Regulierungsprozesse gekennzeichnet und werden in der Literatur sowie in der Politik meist als Selbst- und Ko-Regulierung diskutiert. Derartige alternative Regulierungsformen sind keine neuen Phäno- mene, denn sie werden in den verschiedensten Sektoren (Banken-, Börsen- und Versicherungswesen, Umweltschutz etc.) zum Teil seit Langem angewendet.1 Im Mediensektor gibt es in vielen Ländern seit geraumer Zeit etwa ethische Richtlinien für Journalismus und Werbung, die von Presse-, Werbe- und Medien- räten vorgegeben werden.2 Mit der rasanten Diffusion internetbasierter Dienste und dem Angebot ähnlicher digitaler Inhalte auf verschiedensten Plattformen nimmt die Bedeutung alternativer Regulierungsformen zu: bei der Verfolgung inhaltlicher Ziele (z. B. Jugendschutz bei Fernseh- und Internetinhalten), nutzer- spezifischer Ziele (z. B. Konsumentenschutz im E-Commerce), bei der Förde- rung von Marktentwicklung und dem öffentlichen Vertrauen in neue Medien und Wettbewerb (z. B. Standardisierung; Kommunikationssicherheit).3 Inhalts- bezogene Selbstregulierungen umfassen Verhaltenskodizes für Internet Service Provider (ISP), für Internet Content Provider (ICP) und informelle Normset- zungen (z. B. Netiquette) (vgl. PCMLP 2004b). Neben den staatlichen Regulierungsorganisationen etablieren sich neuartige private Regulierungsakteure auf internationaler (z. B. Internet Content Rating Association ICRA) und nationaler Ebene (z. B. Meldestellen für illegale Internet- inhalte). Zudem kommt es zu neuen Formen regulatorischer Zusammenarbeit wie beispielsweise zur staatlichen Anerkennung von Selbstregulierungsorgani- sationen in Ko-Regulierungsarrangements (z. B. im deutschen Jugendmedien- schutz). Damit ergibt sich eine Neuverteilung von Regulierungsaufgaben, mit- 94 1 Siehe beispielsweise Page 1986; Pirrong 1995; Hoeren 1995 für Anwendungen im Banken-, Börsen- und Versicherungswesen. Börkey/Glachant /Lévêque 2000; Faber 2001; Haufler 2001; Lyon/Maxwell 2001 für Beispiele aus dem Umweltschutz. 2 Siehe Suhr 1998; Nordenstreng 1999; PCMLP 2004c für Selbstregulierung im Pressesektor. Boddewyn 1985; ders. 1988; Brown 2006 für alternative Regulierungsformen im Werbesektor. 3 Siehe Latzer/Just /Saurwein/Slominski 2002; dies. 2003; dies. 2006; Ofcom 2006; PCMLP 2004a. unter auch von politischer Verantwortung: auf horizontaler Ebene zwischen staatlichen und privaten Akteuren in Selbst- und Ko-Regulierungsarrangements und auf vertikaler Ebene zwischen nationalen, supra- und internationalen Ak- teuren in Multilevel-Governance Regimen. Gleichzeitig nehmen auch Formen einer technikgestützten Selbsthilfe durch die Nutzer zu. Sie schützen sich beispielsweise mittels Filtersoftware vor jugend- gefährdenden Internetinhalten und vor unerwünschter Werbung über E-Mail (Spam). Regulierungsaufgaben zur Erreichung öffentlicher Ziele werden somit nicht nur zunehmend an die Industrie delegiert, sondern auch den individuellen Nutzern wird immer mehr Verantwortung übertragen. Sowohl die Industrie als auch die supranationale EU-Politik fördern und forcieren Selbst- und Ko-Regulierung im konvergenten Kommunikationssektor. Dies geschieht in unterschiedlichen Politikfeldern wie Jugendschutz, Werbung, Datenschutz, Universaldienst, E-Commerce und audiovisuelle Mediendienste.m Die regulatorischen Herausforderungen durch digitale Medieninhalte werfen aus einer Public-Policy-Perspektive eine Reihe von Fragen auf: Welche institu- tionellen Formen von Selbstregulierungsarrangements gibt es? Wodurch unter- scheiden sie sich? Wo liegen die potenziellen Vor- und Nachteile der ver- schiedenen Arrangements? Welche Regulierungsaufgaben können und sollen an private Akteure delegiert bzw. von der Industrie oder den einzelnen Nutzern übernommen werden? Welche Konsequenzen haben diese Veränderungen des Regulierungssystems? Welche Möglichkeiten der Ex-ante- und Ex-post-Evalua- tion von Regulierungssystemen bieten sich an? Zur Abschätzung des Potenzials von alternativen Regulierungsformen im Allgemeinen und von Selbstregulierungen im Besonderen ist es vorerst nötig, einige Abgrenzungsmerkmale festzulegen und Klassifikationen vorzunehmen, um die Spezifika der verschiedenen Regulierungsformen herauszuarbeiten (Ab- schnitt 1.2). Auf Basis des damit gewonnenen Analyserasters können beste- hende Regulierungsarrangements für digitale Medieninhalte untersucht und neue Arrangements für jeweils anstehende Probleme gefunden werden. Die Anwendungsbereiche der Selbstregulierungsarrangements für digitale Medien- inhalte können aus institutioneller Perspektive nach Industriegruppen, den Formen staatlicher Involvierung, den regulierten Inhalten und der internatio- nalen Einbindung differenziert und anhand ausgewählter europäischer Anwen- dungsbeispiele illustriert werden (Abschnitt 2). Gründe für den Einsatz von Selbstregulierung lassen sich auch aus der Analyse von Vor- und Nachteilen ableiten. Gemeinsam mit einer Reihe von Erfolgsfaktoren bei der Implementie- rung von Selbstregulierungsarrangements münden sie in einem Leitfaden zur systematischen Diskussion von Regulatory Choice, der Wahl des jeweils pro- blemadäquaten Regulierungsarrangements aus einer Public-Policy-Perspektive (Abschnitt 3). Abschließend erfolgt eine Zusammenschau von Analyseergeb- nissen und Diskussionspunkten (Abschnitt 4). 95 1.2 Abgrenzungskriterien und Klassifikationen Neben der traditionellen staatlichen Command-and-Control-Regulierung gibt es alternative Regulierungsformen in vielen Variationen. Auch die Bezeich- nungen und Klassifikationen dieser Varianten unterscheiden sich teils beträcht- lich. Bei der Festlegung der Begrifflichkeit geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um die Wahl einer Abgrenzung die nachvollziehbar und für das Forschungs- bzw. das politische Interesse hilfreich ist. Die in Übersicht 1 ausgewählten analytischen Unterteilungen von alterna- tiven Regulierungsformen sollen die systematische Analyse ihres Potenzials erlauben. Die Klassifikationen können einzeln oder in Kombination für die Analyse bestehender Selbstregulierungsinstitutionen und/oder für die problem- orientierte Wahl neuer Selbstregulierungsarrangements verwendet werden. In den nachfolgenden Ausführungen werden sie kurz erläutert und in Abschnitt 2 dieses Berichts dienen sie als Grundlage der Analyse ausgewählter Selbst- regulierungsinitiativen in der Europäischen Union. Ad a) Selbstregulierung vs. staatliche Regulierung und Nicht-Regulierung Selbstregulierung wird vor allem von staatlicher Regulierung unterschieden. Das Abgrenzungskriterium ist die Einbindung privater Akteure. Mitunter dient Selbstregulierung als Überbegriff für sämtliche alternative Regulierungs- formen, zum Teil auch als Bezeichnung für das reine Marktmodell4. In der vorliegenden Analyse werden dementgegen weitere Unterteilungen der alter- nativen Regulierungsformen vorgenommen. Im Zentrum steht jene zwischen Selbst- und Ko-Regulierung (siehe Punkt b). Das reine Marktmodell wird im vorliegenden Beitrag nicht als Selbstregulierung bezeichnet. Gemäß einer anderen Klassifikationsart5 kann eine implizite (spontan durch den Markt- prozess) und explizite (organisierte) Selbstregulierung unterschieden werden. Klassifikationen Abgrenzungskriterien a) Selbstregulierung vs. staatliche Regulierung Einbindung privater Akteure b) Selbstregulierung vs. Ko-Regulierung (Mitregulierung) Form/Modus und Intensität staatlicher Involvierung c) Selbstregulierung im weiten Sinn vs. Selbstregulierung im engen Sinn Intensität staatlicher Involvierung d) Individuelle (Selbstorganisation) vs. kollektive Selbstregulierung Wirkungsbereich der Verhaltensbeschränkungen e) Selbstregulierung vs. Selbsthilfe (Selbst- beschränkung) Durchführende Akteure der Verhaltens- beschränkung 96 4 Siehe Hoffmann-Riem 2002: S. 186. 5 Siehe Schulz/Held 2002: A-3. Übersicht 1: Ausgewählte Klassifikationen und Abgrenzungskriterien der Selbstregulierung Hier soll nur die zweite behandelt werden. Dies hängt auch mit dem hier ver- wendeten – und in der Literatur ebenfalls vielfältig festgelegten – Regulierungs- begriff zusammen. Dieser bezeichnet Regulierung als intentionale (kollektive) Verhaltensbeschränkung von Marktakteuren zur Erreichung öffentlicher Ziele.6 Im reinen Marktmodell bedarf es derart definierter Regulierungen nicht, und somit auch keiner alternativen Formen staatlicher Regulierung. Würden alle Betroffenen auch marktmäßig ohne jeglichen Druck – weder von Industrie- gruppen auf einzelne Unternehmen, noch von außen durch öffentliche Meinung oder den Staat auf die Industrie – im Sinne öffentlicher Interessen handeln, dann wäre die Bezeichnung Selbstregulierung ein Oxymoron (vgl. Engel 2006: S. 2). Häufig wird darauf hingewiesen, dass Selbstregulierung meist eine Fehl- bezeichnung („misnomer“) ist, da Selbstregulierung durch die Industrie nur selten ohne einen Beitrag des Staates existiert (vgl. etwa Price/Verhulst 2000: S. 58). Dementsprechend unterscheiden sich die nachfolgend angeführten Klas- sifikationen der Selbstregulierung v. a. dadurch, ob und wie sie Formen der staatlichen Involvierung in Selbstregulierungsarrangements entlang des Regu- lierungsprozesses (Normsetzung, Durchsetzung, Sanktionierung) integrieren.m Ad b) Selbstregulierung vs. Ko-Regulierung Die Unterteilung der alternativen Regulierungsformen in Selbst- und Ko-Regu- lierung (im Deutschen auch als Mitregulierung bezeichnet) differenziert Mög- lichkeiten der staatlichen Involvierung und erfolgt anhand der unterschied- lichen Formen – des Modus der Involvierung und damit auch deren Intensität. Die detaillierten Abgrenzungskriterien sind in Forschung und Politik nicht einheitlich festgelegt. Übereinstimmend ist bloß, dass Ko-Regulierungsformen eine stärkere Intensität staatlicher Involvierung aufweisen als Selbstregulie- rungsformen. Alternativen Regulierungsformen wird sowohl von der Industrie als auch von der Politik ein hohes Problemlösungspotenzial zugeschrieben – prominent etwa von der Europäischen Kommission. Auf EU-Ebene wird sektorenüber- greifend v. a. Ko-Regulierung propagiert, wie z. B. im Weißbuch „Europäi- sches Regieren“ (KOM (2001) 428), im darauf folgenden Aktionsplan zur „Vereinfachung und Verbesserung des Regelumfeldes“ (KOM (2002) 278) und in der interinstitutionellen Vereinbarung „Bessere Rechtsetzung“ (Europäisches Parlament, Rat, Kommission 2003/C 321/01). Im konvergenten Kommunika- 97 6 Mit Müller/Vogelsang 1979: S. 342 und Borrmann/Finsinger 1999: S. 8 sollen unter Regulierung nur jene Verhaltensbeschränkungen gefasst werden, welche die Gewerbe- und Vertragsfreiheit der Wirtschaftssubjekte über allgemein gültige Spielregeln hinaus einschränken. Damit grenzen sich Regulierungen von anderen Marktinterventionen ab, etwa von Bevorzugungen wie steuerlichen Begünstigungen und sonstigen Ausnahme- regelungen, oder von Subventionen und Besteuerung (vgl. Picard 1989: S. 94 ff.). tionssektor werden alternative Regulierungsformen im Rahmen der Reform des europäischen Regulierungsrahmens unter anderem für die Umsetzung von Regulierungszielen in den Bereichen Universaldienst, eAccessibility (barriere- freier Zugang zu Diensten der Informationsgesellschaft), Jugendschutz, Wer- bung, Datenschutz, Verbraucherschutz, E-Commerce und audiovisuelle Me- diendienste als wesentlich erachtet.7 Die EU-Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (2007/65/EG) betont beispielsweise, dass Ko- und Selbstregu- lierung eine wichtige Rolle im Verbraucherschutz spielen können (Erwägungs- grund 36).8 Aus analytischer Perspektive können Selbst- und Ko-Regulierung als kom- munizierende Gefäße verstanden werden. Selbstregulierung beginnt dort wo Ko-Regulierung endet. Je weiter also der Bereich abgesteckt ist, den der Ko-Regulierungsbegriff umfasst – und dies scheint zur Zeit auf EU-Ebene zu passieren –, desto enger wird jener, der als Selbstregulierung behandelt wird. Das „Ko“ bezieht sich auf das Verhältnis von privaten und staatlichen Akteuren und verweist auf die Involvierung sowohl staatlicher als auch privater Akteure im Regulierungsarrangement. Vage Begriffsanwendungen für Ko-Regulierung sprechen von einer geteilten Verantwortung oder von einer Partnerschaft zwi- schen Industrie und hoheitlichen Institutionen als ausreichendes Merkmal der Ko-Regulierung (vgl. Liikanen 2000). Präzisere Definitionen für Ko-Regulie- rung sind dadurch gekennzeichnet, dass sie (a) die Steuerungsinstrumente benennen, mit denen staatliche Akteure die formalen Grundlagen für die Zu- sammenarbeit mit privaten Akteuren festlegen und/oder (b) die Aufgaben- verteilung strukturieren, die zwischen staatlichen und privaten Akteuren im Regulierungsprozess getroffen wird. In verschiedenen Definitionen für Ko-Regu- lierung werden Kriterien allerdings unterschiedlich festgelegt und kombiniert,9 sodass in der Summe die Intensität der staatlichen Involvierung in verschie- 98 7 Vgl. Erwägungsgrund 48 der Richtlinie 2002/22/EG für Ko-Regulierung im Bereich des Telekommunika- tionsuniversaldienstes; Empfehlung des Rates 98/560/EG sowie Entscheidung des Europäischen Parlaments und des Rates 276/1999/ EG für alternative Regulierungsmechanismen im Bereich des Jugendschutzes; Artikel 27 der Richtlinie 95/46/ EG für alternative Regulierungsformen im Bereich des Datenschutzes; Artikel 16 und 17 der Richtlinie 2000/31/EG für alternative Regulierungsformen im Bereich des E-Commerce; KOM (2005) 425 für Selbstregulierung zur Förderung des barrierefreien Zugangs zu Diensten der Informa- tionsgesellschaft; Erwägungsgrund 36 und Artikel 3 der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste für Ko-Regulierung im Bereich audiovisueller Mediendienste. 8 In verschiedenen Versionen des Richtlinienentwurfes werden unterschiedliche Vorschläge für die Defini- tionen von Ko-Regulierung vorgelegt: Der erste Entwurf (KOM (2005) 646) verweist auf die Begriffsverwen- dung in der Interinstitutionellen Vereinbarung „Bessere Rechtsetzung“, in der u. a. ein „gemeinschaftlicher Rechtsakt“ als entscheidendes Kriterium für Ko-Regulierung vorgesehen ist. In der Endfassung wird Ko- Regulierung als Mechanismus definiert, in dem als Mindestvoraussetzung eine „rechtliche Verbindung“ zwischen Selbstregulierung und dem nationalen Gesetzgeber gegeben ist. Damit wurde die Palette an poten- ziellen rechtlichen Grundlagen für Ko-Regulierung deutlich breiter, womit den unterschiedlichen rechtlichen Traditionen der Mitgliedstaaten Rechnung getragen wird. 9 Für einen Überblick siehe etwa HBI/EMR 2006. denen Definitionen für Ko-Regulierung erheblich variiert, wie folgende Bei- spiele zeigen: Ofcom (2006: S. 10) wählt eine Definition, mit der vor allem die Aufgaben- verteilung zwischen privaten und staatlichen Akteuren festgelegt wird. Ko-Regu- lierung ist definiert als Arrangement, in dem eine Körperschaft des öffent- lichen Rechts die Verantwortung für die Einhaltung und Anwendung eines Verhaltenskodex an die relevante Industrie delegiert. Die Körperschaft öffent- lichen Rechts muss den Verhaltenskodex anerkennen. Sie ist für die Kontrolle der Effektivität der Ko-Regulierung verantwortlich und muss bei Bedarf über Mittel verfügen um selbst zu intervenieren. Ofcom legt jedoch nicht konkret fest, mithilfe welcher Instrumente die Delegation von Verantwortung an die Industrie, die Anerkennung von Kodizes und die laufende Kontrolle erfolgen soll oder muss. Andere Begriffsbestimmungen von Ko-Regulierung präzisieren die Instru- mente, die staatliche Institutionen im Ko-Regulierungsarrangement nutzen, ohne aber die Aufgabenverteilung zwischen privaten und staatlichen Akteuren festzulegen. HBI/EMR (2006: S. 39) nennen als Kriterium für Ko-Regulierung u. a. eine rechtliche Verbindung, die zwischen dem nichtstaatlichen Regulie- rungssystem und der staatlichen Regulierung bestehen muss.10 In der empiri- schen Anwendung dieses Ko-Regulierungsbegriffs reichen entsprechende Arrangements von rechtlichen Verbindungen innerhalb staatlicher Akte über Verträge zwischen Anbietern und staatlichen Regulatoren bis zu Schirmherr- schaften von staatlichen Regulatoren für Kodizes von nichtstaatlichen Organi- sationen.11 Gemäß Latzer et al. (2002: S. 43) liegt Ko-Regulierung nur dann vor, wenn eine explizite einseitige rechtliche Grundlage für das alternative Regulierungsarrangement besteht, womit formell eine starke staatliche Involvie- rung (z. B. via Rechtsakt) existiert. Die faktische Intensität der staatlichen Involvierung hängt dann von der konkreten Ausgestaltung der expliziten ein- seitigen rechtlichen Grundlage ab, mit der u. a. eine problemadäquate Auf- gabenverteilung zwischen öffentlichen und privaten Akteuren festgelegt werden kann.12 Enge Begriffsdefinitionen für Ko-Regulierung kombinieren Anforderungen an Steuerungsinstrumente und die Aufgabenverteilungen im Regulierungs- prozess. Für die EU-Ebene wurde mit der Interinstitutionellen Vereinbarung 99 10 Wobei allerdings der Einsatz nichtstaatlicher Regulierung nicht notwendigerweise im Akt eines Parlamentes festgelegt sein muss. 11 Für diese und weitere Beispiele die auch Briefwechsel innerhalb von Rahmenabkommen einschließen, siehe HBI/EMR 2006: S. 111. 12 Es bestehen vielerlei Möglichkeiten für eine staatliche Aufsicht über die Regulierungstätigkeit: konkrete Struktur-, Ziel- oder Transparenzvorgaben, aber auch proaktive oder reaktive Kontrolle der Regulierungstätig- keit privater Akteure. Typische Formen von Ko-Regulierung sind (a) die Akkreditierung von Regulierungs- organisationen durch staatliche Stellen und (b) die Ratifizierung von Regulierungsergebnissen (v. a. Ver- haltenskodizes) durch staatliche Stellen. „Bessere Rechtsetzung“ (Europäisches Parlament, Rat, Kommission 2003/C 321/01) folgende Festlegung getroffen: „Unter Koregulierung ist der Mecha- nismus zu verstehen, durch den ein gemeinschaftlicher Rechtsakt die Verwirk- lichung der von der Rechtsetzungsbehörde festgelegten Ziele den in dem betreffenden Bereich anerkannten Parteien überträgt (insbesondere den Wirt- schaftsteilnehmern, den Sozialpartnern, den Nichtregierungsorganisationen oder den Verbänden). […] In dem vom Basisrechtsakt festgelegten Rahmen können die von dem Rechtsakt betroffenen Parteien freiwillige Vereinbarungen zur Festlegung der entsprechenden Modalitäten treffen. […] Entsprechend ihren Verantwortlichkeiten überprüft die Kommission die Übereinstimmung dieser Vereinbarungsentwürfe mit dem Gemeinschaftsrecht. […] In dem Rechtsakt, der die Grundlage für einen Koregulierungsmechanismus darstellt, wird der mögliche Umfang der Koregulierung in dem betreffenden Bereich angegeben. Die zuständige Rechtsetzungsbehörde legt in diesem Rechtsakt die einschlägi- gen Maßnahmen fest, die im Zuge der Kontrolle der Anwendung zu ergreifen sind, falls die Vereinbarung von einer oder mehreren der betroffenen Parteien nicht eingehalten wird oder wenn die Vereinbarung scheitert“.13 Bei Selbstregulierung können engere und weitere Begriffsanwendungen unterschieden werden. In den sehr engen Begriffsanwendungen ist Selbstregu- lierung durch das Fehlen einer staatlichen Involvierung im Selbstregulierungs- arrangement gekennzeichnet. Laut PCMLP (2004a: S. 11) handelt es sich um „pure“ Selbstregulierung, beziehungsweise um „enlightened self-interest“, falls Industrieunternehmen Standards alleine mit dem Ziel der Steigerung des Konsumentenvertrauens in ihre Produkte setzen. In diesem Fall ist aufgrund des vorhandenen Eigeninteresses auch keinerlei externer Druck notwendig. Laut Puppis et al. (2004: S. 10) sind unter Selbstregulierung „jene Formen zu verstehen, in denen private Akteure, […] bindende Regeln für die gesamte Branche aufstellen und diese auch selbst durchsetzen“. Selbstregulierung ist damit auf kollektiv wirksame Arrangements bestehend aus „bindenden“ Rege- lungen einerseits und einem entsprechenden Durchsetzungsmechanismus ande- rerseits beschränkt. Die Definition schließt daher u. a. Initiativen aus, die staat- liche Stellen bei der Durchsetzung staatlicher Regelungen nur unterstützen (z. B. Internethotlines), und sie exkludiert technische Standards, die nicht not- wendigerweise verbindlich sein müssen. Ofcom (2006: S. 10) berücksichtigt technische Lösungen in ihrer Definition für Selbstregulierung: „[A] group of firms or individuals exert control over their own membership and their behaviour. Membership is voluntary and 100 13 So sind beispielsweise CEN, CENELC und ETSI als europäische Normungsorganisationen im Rahmen des Gemeinschaftsrechts anerkannt (siehe Richtlinie 98/34/EG), und die Datenschutzgruppe nach Artikel 29 der allgemeinen Datenschutzrichtlinie kann europaweite Verhaltenskodizes billigen (siehe Richtlinie 95/46/EG, Art. 27). participants draw up their own rules using tools such as codes of conduct to define good or bad practice as well as technological solutions and standards. Members take full responsibility for monitoring and compliance without refe- rence to a statutory regulatory authority“. Kennzeichnend für Selbstregulierung ist demnach, dass sie ohne Bezug („reference“) zu staatlichen Behörden er- folgt. Für die EU-Ebene wurde mit der Interinstitutionellen Vereinbarung „Bessere Rechtsetzung“ (Europäisches Parlament, Rat, Kommission 2003/C 321/01) eine ähnlich lautende Festlegung getroffen die auf kollektive Arrangements abzielt, allerdings mit dem Verweis auf die Aufsichtspflicht der EU-Kommis- sion: „Unter Selbstregulierung ist die Möglichkeit zu verstehen, dass Wirt- schaftsteilnehmer, Sozialpartner, Nichtregierungsorganisationen oder Verbände untereinander und für sich gemeinsame Leitlinien auf europäischer Ebene (unter anderem Verhaltenskodizes oder sektorale Vereinbarungen) annehmen. Generell implizieren solche auf Freiwilligkeit beruhenden Initiativen keine Stellungnahme der Organe, insbesondere dann nicht, wenn sie sich auf Bereiche beziehen, die von den Verträgen nicht abgedeckt sind oder in denen die Union noch keine Rechtsvorschriften erlassen hat. Im Rahmen ihrer Verantwortlich- keiten prüft die Kommission die Praktiken der Selbstregulierung, um ihre Übereinstimmung mit den Bestimmungen des EG-Vertrags zu prüfen.“ Ad c) Selbstregulierung im weiten Sinn vs. Selbstregulierung im engen Sinn Für die europäische Ebene werden Ko- und Selbstregulierung mit der Inter- institutionellen Vereinbarung „Bessere Rechtsetzung“ (Europäisches Parlament, Rat, Kommission 2003/C 321/01) klar abgegrenzt, wobei auch die jeweilige Rolle der EU-Institutionen festgelegt ist. Sie umfasst die Bereitstellung einer rechtlichen Grundlage (gemeinschaftlicher Rechtsakt) im Fall von Ko-Regulie- rung, und sie ist im Fall von Selbstregulierung auf die Überprüfung hinsicht- lich ihrer Übereinstimmung mit den Bestimmungen des EG-Vertrages be- schränkt. Die Rollenzuteilung erscheint im Fall der Selbstregulierung zu eng definiert, denn es werden etliche staatliche Steuerungsmöglichkeiten von Selbst- regulierungsarrangements außer Acht gelassen (so z. B. deren finanzielle Unter- stützung), die zwischen der vorgesehenen Minimalvariante einer Überprüfung und der bereits ko-regulatorischen Variante auf Basis eines gemeinschaftlichen Rechtsaktes liegen. Die weitere Unterteilung der Selbstregulierung in eine im weiten und engen Sinn berücksichtigt daher verschiedene Varianten staatlicher Einflussmöglich- keiten (vgl. Latzer et al. 2002: S. 43): Selbstregulierung im weiten Sinn liegt vor, wenn staatliche Institutionen durch z. B. finanzielle Beiträge, personelle Involvierung oder Verträge (z. B. ICANN) auf Selbstregulierungsarrangements einwirken, unabhängig davon, ob die Gewährung der finanziellen Zuwendung an die Einhaltung bestimmter Zielvorgaben geknüpft ist oder nicht. Entschei- 101 dend für die Verortung einer Institution in den Bereich der Selbstregulierung im weiten Sinn ist lediglich, dass eine gewisse staatliche Involvierung existiert und sich diese auf die Selbstregulierungspraxis auswirken kann.14 In der Regu- lierungspraxis finden sich zahlreiche Beispiele in denen (supra)nationale Insti- tutionen an Selbstregulierungsinstitutionen beteiligt sind. Seitens der Europäi- schen Union werden Initiativen wie INHOPE15, SpotSpam16 und ICRA17 mit Mitteln aus dem Aktionsplan Sicheres Internet unterstützt. In Österreich sind staatliche Behörden beispielsweise im Beirat der nationalen Meldestelle für illegale Internetinhalte (Stopline) vertreten.18 Selbstregulierung im engen Sinn meint den Zusammenschluss privater Ak- teure zum Zwecke einer gemeinsamen Zielerreichung ohne staatliche Involvie- rung. Abgesehen von allgemeinen Ordnungsvorschriften oder sektorspezifischer Regelung gibt es weder eine explizite rechtliche Grundlage, noch staatliche finanzielle Unterstützungen und auch keine personelle Einbindung in die Organisation der Selbstregulierungsarrangements. Auch wenn diese reinen Selbstregulierungsinitiativen im „laufenden Betrieb“ ohne staatlichen Beitrag auskommen, ist ihre Entstehungsgeschichte mitunter von der Androhung staat- licher Regulierung (Druck) oder durch staatliche Hinweise auf einen Gestal- tungsspielraum für Selbstregulierung (Inspiration) geprägt. Das zeigt sich z. B. an der Gründung vieler Presseräte in Europa (vgl. PCMLP 2004a: S. 24) sowie an Selbstregulierungsinitiativen der Internet Service Provider (ISP) Verbände. Ad d) Individuelle vs. kollektive Selbstregulierung Das „Selbst“ wird in der Literatur sowohl in einem individuellen19 Sinn – eine einzelne Firma reguliert ausschließlich ihr eigenes Verhalten – als auch in einem kollektiven20 Sinn gebraucht – eine Gruppe (Industrieverband) reguliert 102 14 Eine Möglichkeit staatlicher Involvierung besteht in der institutionalisierten personellen Einbindung von staatlichen Akteuren in Selbstregulierungsprozesse um Informationsasymmetrien zwischen der Industrie und dem Staat abzubauen. 15 www.inhope.org. INHOPE ist die internationale Vereinigung der Internethotlines. 16 www.spotspam.org. SpotSpam agiert in der grenzüberschreitenden Bekämpfung von Spam mit Hilfe eines Spam-Box-Projekts. 17 www.icra.org. Die Internet Content Rating Association (ICRA) entwickelt Bewertungs- und Filter- systeme für Internetinhalte. 18 Siehe www.stopline.at /. Im Beirat der Stopline sind das Bundeskriminalamt, das Bundesministerium für Justiz und das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung vertreten. Der Stopline-Beirat ist ein Forum der Kommunikation zwischen der Wirtschaft, der Internet-Industrie und den Behörden. Das Gremium dient der generellen Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen im Kampf gegen illegale Inhalte im Internet, dem Austausch von Wissen und der Gewährleistung der Möglichkeit zur gegenseitigen Unterstützung. Der Beirat ist darüber hinaus auch für die Arbeitsweise der Stopline an sich zuständig und berät über interne Abläufe, Kompetenzen und setzt thematische Schwerpunkte. 19 Vgl. Ayres/Braithwaite 1992, die in ihrem Konzept der „Responsive Regulation“ davon ausgehen, dass jedes einzelne Unternehmen Industriekodizes entwickelt. 20 So etwa von Gupta /Lad 1983, Page 1986: 144, der den kollektiven und regulatorischen Charakter von Selbstregulierung betont, oder auch im australischen Modell des Telekommunikationssektors, wo Industrie- kodizes für die gesamte Industrie eines Sektors entwickelt werden. das Verhalten ihrer Mitglieder oder auch Dritter. Die meisten Definitionen für Selbstregulierung beziehen sich auf kollektive Formen: Bezeichnend ist hierfür etwa die bereits oben erwähnte EU-Definition in der Interinstitutionellen Ver- einbarung „Bessere Rechtsetzung“ (Europäisches Parlament, Rat, Kommission 2003/C 321/01). Exemplarisch dafür stehen etwa Codes of Practice und Codes of Conduct, die im Rahmen der Federation of European Direct and Interactive Marketing (FEDMA) entwickelt wurden.21 Individuelle Formen der Selbstregulierung beschränken sich in ihrem Wir- kungsbereich auf die Firmenebene. Sie werden auch in Konzepten der Corpo- rate Governance bzw. der Corporate Social Responsibility (CSR) gefasst.22 Puppis et al. (2004: S. 10) bezeichnen die individuelle Selbstregulierung als Selbstorganisation. Im Mediensektor haben Formen individueller Selbstregu- lierung im öffentlichen Rundfunk Tradition. Auf betrieblicher Ebene werden Selbstbeschränkungsmaßnahmen mittels betriebsinterner Verhaltenskodizes ge- setzt.23 Ad e) Selbstregulierung vs. Selbsthilfe (Selbstbeschränkung) Die Unterscheidung der Selbsthilfe durch Individuen/Nutzer von der Selbst- regulierung durch die Industrie(gruppe) lässt sich anhand der Beispiele Jugend- schutz, Spambekämpfung und Schutz geistigen Eigentums illustrieren (vgl. Dam 1999; Engel 2006). Das Individuum schützt (hilft) sich in diesen Fällen selbst, etwa mittels der Verwendung von Verschlüsselungs- oder Filtersoftware. Es gibt im Unterschied zur (Selbst-)Regulierung keine Anstrengungen, die Angriffe auf öffentliche Ziele (Schutz des Eigentums, Jugendschutz etc.) zu verhindern, um das Verhalten der „Angreifer“ zu beschränken. Beispielsweise wird mit Filtersoftware nicht versucht, die Produktion und Verbreitung von schädlichen Inhalten einzuschränken. Nur deren Sichtbarkeit wird reduziert. Es wird davon ausgegangen, dass diese Angriffe zentral (sowohl von staatlicher Seite als auch von der Industriegruppe) nicht in vollem Umfang zu verhindern sind. Selbsthilfeformen nehmen zu, da auch die Problemstellungen zunehmen, bei denen zentrale Regulierung (alleine) unwirksam erscheint. Individuelle Nutzer von digitalen Medien helfen sich selbst, indem sie entsprechende techni- sche Hilfsmittel einsetzen und sich selbst schützen, indem sie die Nutzung digitaler Inhalte beschränken. Deswegen werden diese Steuerungsformen auch 103 21 Siehe www.fedma.org. Entwickelt wurde u. a. ein Verhaltenskodex für E-Commerce und interaktives Marketing (siehe: www.fedma.org/getfile.php/342989.1014.xdpffdbpwd/Code_of_conduct_for_e- commerce.pdf). 22 Für einen Überblick siehe Jürgens 2006. 23 Im Österreichischen Rundfunk (ORF) gelten allgemeine Programmrichtlinien, sowie Vorgaben in Bezug auf die Haltung des ORF zu Gewalt und Obszönität in Radio und Fernsehen und Maßnahmen des ORF zum Schutz von Minderjährigen. als dezentrale, technikgestützte Selbstbeschränkung (Latzer 1999: S. 294) be- zeichnet. Die vom öffentlichen Interesse abgeleitete Regulierungsaufgabe wird hier nicht (nur) von staatlichen Institutionen und Industrie(gruppen), sondern (auch) von den Individuen/Nutzern übernommen. In einer Variante des Governance- Arrangements entscheiden diese über die Filtersoftware und auch über die Bewertungssysteme (Rating), die angewendet werden. Das Zusammenspiel zwischen Nutzern, NGOs, Industrie und Staat kann stark variieren. Es kann zu vielfältigen Kombinationen von individueller Selbsthilfe (Filter), industrieller Selbstregulierung (Rating) und staatlicher Regulierung kommen. Dies hängt u. a. davon ab, ob die Entwicklung oder Anwendung von Bewertungs- und Filtersystemen staatlich vorgeschrieben oder finanziell gefördert wird, aber auch, von wem die Systeme entwickelt und angeboten werden, etc. Weiters besteht für die Nutzer auch die Möglichkeit, die Schutzfunktion auf Intermediäre/Unternehmen auszulagern, wenn etwa ISPs kindergerechte Internetzugänge anbieten, oder NGOs Bewertungen von Medieninhalten zur Verfügung stellen. Qualitätssiegel, die von der Industrie in Selbstregulierung gesetzt werden, unterstützen die Nutzer bei ihren Selbsthilfeaktivitäten. Im Selbsthilfebeispiel des Schutzes von geistigem Eigentum mittels Verschlüsse- lungs-, bzw. Digital-Rights-Management-Systemen (DRM) sind es die Inhalte- produzenten, und damit traditionell Unternehmen, die zum Selbstschutz greifen. Im als Mitmach-Web charakterisierten Web 2.0 löst sich die traditionelle Pro- duzenten-Konsumenten-Dichotomie auf. Technikgestützte Selbsthilfe zum Schutz von geistigem Eigentum kann für nutzergenerierte Inhalte und damit für eine zunehmende Zahl von Web-Nutzern an Bedeutung gewinnen. Weitere Selbsthilfe-Maßnahmen der Nutzer sind kollaborative Einstufungen/Bewer- tungen von (nutzergenerierten) Inhalten. Als Voraussetzung und Unterstützung der zunehmenden, vielfältigen Selbsthilfeaktivitäten sind staatliche Begleit- maßnahmen zur Förderung der Medienkompetenz (Media-Literacy) erforder- lich (vgl. Ofcom 2006: S. 7). Derartige technikgestützte Selbsthilfesysteme, die intentional zur Verhaltens- beschränkung eingesetzt werden, sind analytisch von nicht-intendierten sich selbst vollziehenden (self-enforcing) Steuerungsformen zu unterschieden, die durch die technische Architektur („Code“, vgl. Lessig 1999) geschaffen wer- den. Sonstige Abgrenzungen Alternative Regulierungsarrangements werden in der Literatur mit einer Reihe von weiteren Begriffen analysiert, die sich mit den oben präsentierten und im Analyseabschnitt 2 verwendeten Definitionen (a bis d) zum Teil überschneiden. Ko-Regulierung und Selbstregulierung im weiten Sinn sind beispielsweise nicht die einzigen Klassifikationen, mit denen auf Arbeitsteilungen zwischen 104 staatlichen und privaten Akteuren im Regulierungsprozess verwiesen wird. Andere Kategorisierungen basieren auf dem Selbstregulierungsbegriff, berück- sichtigen mit terminologischen Ergänzungen in der Namensgebung auch For- men der staatlichen Involvierung im Selbstregulierungsarrangement,24 wie z. B.: mandated/enforced self-regulation, regulierte Selbstregulierung oder audited self-regulation. Regulierte Selbstregulierung (Hoffmann-Riem 2000) bedeutet, dass Selbstregulierung „in einen staatlich gesetzten Rahmen eingepasst ist bzw. auf rechtlicher Grundlage erfolgt.“ (Schulz/Held 2002: A-5). Das Konzept wird daher häufig synonym mit jenem der Ko-Regulierung verwendet. Andere Klassifikationen unterscheiden verschiedene Triebkräfte (Druck), die zur Selbstregulierung führen. Sie differenzieren zwischen freiwilliger („voluntary“) Selbstregulierung als Konsequenz einer Zivilkultur („civic cul- ture“), in der Industrie und Regierung kooperieren, und auferlegter („enforced“) Selbstregulierung, die in Reaktion auf die Androhung staatlicher Regulierung („government threat“) zustande kommt (vgl. Price/Verhulst 2000: S. 65). Gunningham/Rees (1997: S. 365)25 klassifizieren nach der Aufgabenvertei- lung zwischen staatlichen und privaten Akteuren im Regulierungsprozess: Bei Voluntary Self-Regulation (freiwillige Selbstregulierung), werden die Regel- erstellung (rule making) und der Vollzug (enforcement) privat von einzelnen Unternehmen oder der gesamten Industrie ohne jeglichen staatlichen Einfluss durchgeführt. Im Fall von Mandated Full Self-Regulation (auferlegte volle Selbst-Regulierung) sind die Regelsetzung und der Vollzug privatisiert, Ver- stöße werden jedoch von staatlicher Stelle sanktioniert. Bei Mandated Partial Self-Regulation, ist nur eine Komponente (Regelsetzung oder Vollzug) privati- siert, und Sanktionierung erfolgt durch den Staat. Im Konzept der Audited Selfregulation sind die Durchführung und die Kon- trolle der Selbstregulierung institutionell getrennt, wobei die Kontrolle entweder durch private Akteure26 oder durch staatliche Akteure27 erfolgen kann. Schließlich gibt es noch Klassifikationen, die nach der Art der Regeln unterscheiden (z. B. gesetzlich, vertraglich oder ohne rechtlichen Status; gene- relle oder spezifische Regeln), nach dem Wirkungsbereich (nur für Mitglieder 105 24 Andere Konzepte nehmen in der Namensgebung nicht explizit auf Selbstregulierung Bezug, verweisen aber ebenso auf die Involvierung privater und staatlicher Akteure im Regulierungsarrangement, wie z. B. sponsored regulation (Huyse/Parmentier 1990), two-tired regulation (Doyle 1997), semi private rule making (Froomkin 2000) und governance with government (Lutterbeck 2001). 25 Die Unterteilung basiert auf der Analyse von Selbstregulierung im Bereich der Arbeitssicherheit von Rees (Rees 1988). 26 „Independent audit of self-regulation is a U. S. concept of using an independent standard or professional body to audit a selfregulatory organisation or individual company according to pre-set standards“ (PCMLP 2004a: S. 12). 27 „,Audited self-regulation‘ is defined as the delegation by Congress or a federal agency to a nongovernmental entity the power to implement laws or agency regulations, with powers of review and independent action retained by a federal agency“ (Michael 1995: S. 176 f.). von Gruppen oder auch für Dritte), nach der Art der Beschlussfassung (unila- terale codes, negotiated codes etc.) oder nach den verfolgten Zielen (ökonomi- sche und soziale Selbst-Regulierung).28 2 Anwendungsbereiche und ausgewählte Beispiele In die Regulierung digitaler Medieninhalte sind verschiedene Industriegruppen involviert, die als Produzenten und/oder als Distributoren am Markt auftreten. Zu den zentralen Gruppen der „Inhalteindustrie“ zählen traditionell Presse, Rundfunk, Kino / Film, Werbung/ PR/Marketing und die Spieleindustrie (Video-/Konsolen-/Computerspiele). Mit der Verbreitung des Internet treten neue Industriegruppen hinzu, etwa die Anbieter von Internetdiensten (Internet Service Provider, ISPs) und Internetinhalten (Internet Content Provider, ICPs). Die Industriegruppen sind in komplexe Regulierungsarrangements involviert, in denen Formen von staatlicher und alternativer Regulierung in unterschied- licher Intensität kombiniert sind. Die Regulierungsarrangements unterscheiden sich u. a. durch folgende institutionelle Merkmale: 1. die Bedeutung von Selbstregulierung im industriespezifischen Regulierungs- arrangement, d. h. in der Frage, in welchem Ausmaß auf Selbstregulierung vertraut wird; 2. die Intensität der staatlichen Involvierung in Selbstregulierungsorganisa- tionen, gemessen an Instrumenten, mit denen der Staat in die Selbstregulie- rung eingreift; 3. nach Wirkungsbereichen, d. h. nach der Art von digitalen Inhalten für die regulatorische Verantwortung übernommen wird, und im Modus der Institu- tionalisierung dieser Verantwortung; 4. im Grad der Internationalisierung der Selbstregulierungsinitiativen und in den Formen der internationalen Zusammenarbeit. Im Folgenden werden die vielfältigen Möglichkeiten von Selbstregulierung bei digitalen Medieninhalten überblicksmäßig dargestellt und entlang der oben aufgelisteten institutionellen Unterscheidungsmerkmale29 differenziert. Die Analyse erfolgt anhand von ausgewählten europäischen Praxisbeispielen aus 106 28 Vgl. Black 1996: S. 27 f.; Gunningham/Rees 1997: S. 365; NCC 2000. 29 Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer institutioneller Merkmale, die zur Analyse von alternativer Regulierung herangezogen werden können. Ihre Auswahl und Kombination hängen von den zugrunde gelegten Fragestellungen ab. In empirischen Analysen werden häufig Akteursstrukturen (Stakeholdereinbindung), Transparenzvorkehrungen, Instrumente im Regulierungsprozess (Normsetzung, Normvollzug, Sanktionie- rung) und die Sanktionsfähigkeit alternativer Regulierungsinstitutionen untersucht. Für einen komprimierten Überblick zu institutionellen Merkmalen siehe Latzer et al. 2002: S. 104. dem Bereich der Selbstregulierung. Sie stehen exemplarisch für übergreifende Anwendungsmuster und -trends. 2.1 Bedeutung von Selbstregulierung in unterschiedlichen Gruppen der Medieninhalteindustrie Selbstregulierungen haben im Mediensektor bereits Tradition. Vor allem ethi- sche Richtlinien für Journalismus und Werbung sind seit Langem etabliert. Mit der zunehmenden Bedeutung digitaler Inhalte im Zuge der raschen Diffusion des Internet kommen neue Selbstregulierungsinstitutionen (Normen, Organisa- tionen) in unterschiedlichen Gruppen der Inhalteindustrie hinzu. Sie tragen mit vielfältigen Initiativen (Verhaltenskodizes, Bewertungs- / Filtersysteme, Hotlines) zur Umsetzung öffentlicher Interessen im konvergenten Kommunika- tionssektor bei und ergänzen bestehende staatliche Regulierungsinstitutionen. Im Pressesektor ist die traditionelle Regulierungsstruktur einerseits von Selbstregulierung und andererseits von einem allgemeinen rechtlichen Rahmen geprägt. „Die Tradition einer freien Selbstregulierung der Presse in Fragen der 107 Übersicht 2: Bedeutung, Umfang und Formen von Selbstregulierung nach Industriegruppen * Beispiele liegen an der Grenze von Selbst- und Ko-Regulierung. Je nachdem, welche Unterscheidungskriterien (vgl. Abschnitt 2.2) herangezogen werden, sind unterschiedliche Zuordnungen möglich. Industriegruppe Traditionelle Bedeutung von Selbst- regulierung Umfang und Form der Institutionalisierung von Selbstregulierung Praxisbeispiele Presse hoch viele Verhaltenskodizes viele Presseräte Schwedischer Presserat [SWE] Rundfunk niedrig wenige Verhaltenskodizes Bewertungs-/Filtersysteme Przyjazne Media/Friendly Media [POL] DVB-Konsortium [International]* Kino/Film/DVD/Video niedrig wenige staatsferne Klassi- fizierungsorganisationen Belgische Video Föderation [BEL] Video Standards Council [UK] Werbung/PR/Marketing hoch viele Verhaltenskodizes viele Werberäte Deutscher Direktmarketing Verband [D] Werberat [AT] Spiele keine einige staatsferne Klassifizierungssysteme ISFE-PEGI [International] Online-Dienste/ Internet Service Provider, ISPs keine viele ISPs-Verhaltenskodizes viele Hotlines/NTD-Systeme ISPAI [IRL] Meldpunt Kinderporno op Internet [NL] Online-Dienste/ Internet Content Provider, ICPs keine sektorale Verhaltenskodizes Bewertungs-/Filtersysteme Health on the Net Code [Inter- national] ICRA [International] Mobile Kommunikation keine wenige staatsferne Klassi- fizierungsorganisationen ICSTIS-IMCB [UK]* Internet Suchdienste keine ein Verhaltenskodex Selbstkontrolle Suchmaschinen [D] Berufsethik – oftmals verfassungsrechtlich abgesichert – hat dazu geführt, dass der Staat im Hinblick auf diese Fragen keinen nennenswerten Einfluss ge- nommen hat“, weshalb sich auch „nur sehr wenige Ko-Regulierungssysteme finden lassen, die speziell für die Presse entwickelt wurden“ (HBI/EMR 2006: S. 130 bzw. 133). Die Selbstregulierungspraxis ist durch eine Vielzahl von ethischen Richtlinien und Ombudsstellen für die Presse institutionalisiert. Sie umfasst sowohl unternehmensspezifische individuelle Selbstregulierung (Selbst- organisation) als auch kollektive Selbstregulierungsinstitutionen in Form von Presseräten. PCMLP (2004a: S. 22) findet im Ländervergleich in 9 von 15 EU-Staaten Presseräte. Der älteste Presserat Europas ist der seit 1916 be- stehende schwedische Pressens Opinionsnämnd.30 Rundfunk ist in Europa traditionell stärker staatlich reguliert als der Presse- sektor. Kollektive Selbstregulierungen haben keine historische Bedeutung. Erst in jüngerer Zeit entstehen im Zuge der Liberalisierung der Rundfunksektoren in Europa Selbstregulierungsinstitutionen für kommerzielle Rundfunkanbieter. Sie können als „Selbstregulierungsinseln“ (vgl. PCMLP 2004a: S. 29) bezeich- net werden, da sie innerhalb von überwiegend staatlichen Regulierungsarrange- ments zu finden sind. Zu den vereinzelt etablierten Praxisbeispielen für Formen kollektiver Selbstregulierung gehört die Initiative „Przyjazne Media“ (Friendly Media) für Jugendschutz im polnischen Rundfunk. Formen alternativer Regu- lierung im Fernsehsektor sind jedoch nicht auf die Programmveranstaltung beschränkt.31 Entwicklungen im Fernsehmarkt werden maßgeblich von techni- schen Standards beeinflusst, die in Industriekonsortien und in anerkannten Normungsorganisationen entwickelt werden – Filtersysteme für den digitalen Rundfunk z. B. im Digital Video Broadcasting Project (DVB-Projekt).32 Auch die europäische Filmindustrie wird durch vielfältige staatliche Regu- lierungsinstitutionen kontrolliert. Alle europäischen Länder verfügen über rechtliche Grundlagen für Filmbewertungen und über staatliche oder zumindest staatsnahe Organisationen zur Klassifizierung von Kinofilmen.33 Staatliche Vorgaben unterscheiden sich u. a. danach, ob sie lediglich für Kinovorführungen gelten oder auch neuere, nachgelagerte Verwertungsmodi (DVD, Video) mit umfassen. Speziell dort, wo nachgelagerte Verwertungsfenster nicht oder nur 108 30 Siehe www.po.se. 31 Andere Formen alternativer Regulierung findet man traditionell bei öffentlichen Rundfunkanstalten (Ko-Regu- lierung; Selbstorganisation), und durch individuelles Self-rating von verbreiteten Inhalten durch Rundfunk- veranstalter selbst. In einigen Ländern sind im Jugendschutz Ko-Regulierungsinstitutionen mit entsprechend starker staatlicher Involvierung etabliert (z. B. Slowenien, Italien, Deutschland). In manchen Ländern haben sich Rundfunkveranstalter für den Bereich des Journalismus den geltenden ethischen Richtlinien der Presse unterworfen, und Verhaltenskodizes für Werbung sind in vielen Ländern (z. B. Österreich) medienübergreifend – und somit auch für den Rundfunk – gültig. 32 Siehe dvb.org. 33 Siehe die Länderanalysen bei HBI/EMR 2006: S. 43 f. und zusammenfassende Einschätzungen bei PCMLP 2004a: S. 57. am Rande von staatlicher Regulierung eingeschlossen sind, entsteht Gestal- tungsspielraum für Selbstregulierungsinitiativen. Praktisch genutzt wird dieser Spielraum fallweise, z. B. im UK vom Video Standards Council (VSC)34, in dem ein Code of Practice zur Förderung hoher Standards in der Video- industrie35 entwickelt wurde. Im Unterschied zur Film- und Rundfunkindustrie ist die elektronische Spiele- industrie (Video-, Konsolen-, Computerspiele) vergleichsweise neu. Debatten über den Regulierungsbedarf setzten entsprechend spät ein.36 Weder staatliche Regulierung noch Selbstregulierung haben hier eine lange Tradition. In einigen europäischen Ländern sind Selbstregulierungssysteme zur Altersfreigabe von Spielen etabliert.37 In praktisch allen Ländern, in denen der Selbstregulierung Bedeutung zukommt, wird mittlerweile auf das Pan European Game Informa- tion System (PEGI) zurückgegriffen, das im Rahmen der Interactive Software Federation of Europe (ISFE)38 entwickelt wurde. Durch PEGI wurden einige bereits zuvor vorhandene nationale Altersbewertungssysteme ersetzt. Alternative Regulierungsinstitutionen finden sich auf internationaler, euro- päischer und nationaler Ebene auch für Werbung, Marketing und Public Rela- tions. Hier existieren sowohl eine Vielzahl ethischer Richtlinien als auch etab- lierte Organisationen der kollektiven Selbstregulierung (z. B. Werberäte). In Österreich besteht, wie in einigen anderen europäischen Ländern, ein duales System zur Beschränkung der Werbung. Dieses setzt sich einerseits aus gesetz- lichen Regelungen und andererseits aus Selbstregulierung zusammen. Die Verantwortung trägt der Österreichische Werberat (ÖWR).39 Mit der Diversi- fizierung von Marketing- und PR-Instrumenten entlang der technologischen Entwicklungen im Kommunikationssektor (z. B. Telemarketing, E-Mail- Marketing) werden auch neue Initiativen im Bereich der Selbstregulierung gesetzt. Es kommt zur Entwicklung von Verhaltenskodizes für E-Mail- Marketing, wie z. B. im Deutschen Direktmarketing Verband (DDV).40 109 34 Siehe www.videostandards.org.uk. 35 Siehe www.videostandards.org.uk/sections/ thevsc/vsc8.html. 36 „Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich die Aufmerksamkeit besorgter Erzieher erst auf den amerikani- schen Comic, dann auf Fernsehen, Rock’n Roll-Musik und abstrakte Kunst in den 1950er Jahren, in den 1980ern Videokassetten mit Sex und Gewalt sowie bestimmte Videos, Videoclips und Computerspiele in den 1990er Jahren“ (Hemels 2005: S. 23). 37 Laut EU-Kommission (KOM (2003) 776: S. 17) sind in neun EU-Mitgliedstaaten Selbstregulierungssysteme vorhanden, die sich auch auf Fragen der Altersbewertung bei Spielen erstrecken. Rechtlich geregelt ist der Verkauf von Videospielen aber ‚nur‘ in sechs EU-Mitgliedstaaten. 38 Siehe http:// isfe-eu.org. Die ISFE ist der europaweite Fachverband von Spielkonsolen-Herstellern sowie Anbietern und Entwicklern interaktiver Spiele. 39 Im Ländervergleich zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede im Grad der staatlichen Involvierung in alternativen Regulierungsarrangements. In einigen Staaten (z. B. Frankreich, Deutschland, Slowenien, Griechenland, Niederlande, Großbritannien) ist besonders für Rundfunkwerbung Ko-Regulierung etabliert (siehe HBI/EMR 2006, gemäß der dort vorgenommenen Definition von Ko-Regulierung). 40 Siehe www.ddv.de. Mit der zunehmenden Bedeutung des Internet werden die traditionellen Selbstregulierungsinstitutionen im Mediensektor durch neue Organisationen und Normen ergänzt. Diese können zwar auf keine historische Tradition zurück- blicken, doch schon am Beginn der Internetentwicklung wurden Modelle der Selbstregulierung mit dem Ziel propagiert, „das Netz“ vor dem Zugriff staat- licher Institutionen und rechtlicher Regulierung zu schützen („Keep your laws off our Net!“)41. Informelle, soziale Normen für Internetnutzer (Netiquette) und formale technische Normen (Code) werden zunehmend durch Institu- tionen der kollektiven Selbstregulierung ergänzt. Seit Mitte der 1990er-Jahre werden beispielsweise nationale Verbände der Internet Service Provider (ISPAs) gegründet, die Selbstregulierungsaufgaben übernehmen und Verhaltenskodizes entwickeln. Ein Beispiel hierfür ist etwa die Internet Service Providers Association of Irland (ISPAI)42. Meldestellen für illegale Internetinhalte (Hotlines) werden installiert, wie der Meldpunt ter bestrijding van Kinderpornografie op Internet43 in den Niederlanden oder die Internet Watch Foundation (IWF) im UK44. Sie unterstützen mit Hilfe von „notice and take down Verfahren“ (NTD) staatliche Stellen bei der Bekämp- fung illegaler Inhalte. Ergänzend zu den Initiativen von branchenübergreifenden Verbänden wer- den etliche sektorale Initiativen auf der Ebene der Internet Content Provider (ICPs) gesetzt. So erfolgte z. B. Mitte der 1990er-Jahre die Gründung der internationalen Health on the Net Foundation (HON) und die Verabschiedung eines Verhaltenskodex für den sensiblen Bereich der Medizin- und Gesund- heitsinformation im Internet (HONcode).45 Voraussetzung für eine sicherere Nutzung des Internet ist, dass potenziell schädigende Inhalte als solche zu erkennen und selektierbar sind. Bewertungs- und Filtersysteme unterstützen Nutzer im Selektionsprozess. Für die Bewer- tung und Filterung von digitalen Inhalten entstehen komplexe Regulierungs- systeme mit starker industrieller Involvierung. Formen kollektiver Selbstregulie- rung findet man sowohl in der Entwicklung von Bewertungssystemen als auch in der technischen Standardisierung für Filtersoftware, z. B. im Rahmen der 110 41 Engel 2006: S. 1 unter Verweis auf Boyle 1997: S. 189. 42 Siehe www.ispai.ie. 43 Siehe www.meldpunt-kinderporno.nl. 44 Laut EU-Kommission (KOM (2003) 776: S. 6 f.) wurden bis 2003 in 16 europäischen Staaten Internet Service Provider Verbände gegründet, in 11 europäischen Staaten sind ISPA-Verhaltenskodizes in Kraft, und in 17 europäischen Staaten werden Hotlines betrieben. Die britische Meldestelle Internet Watch Foundation (IWF) behandelt besonders viele Fälle (vgl. PCMLP 2004a: S. 44) und wird als erfolgreiches Hotlinemodell gesehen (vgl. Ofcom 2006: S. 5). 45 Siehe www.hon.ch/HONcode/HON_CCE_intro.htm. Internet Content Rating Association (ICRA)46. Viele Systeme basieren auf Self-rating-Modellen, bei denen Produzenten oder Anbieter der Inhalte diese selbst beurteilen. Sie unterwerfen sich dabei in individueller Selbstbeschrän- kung den vorher im Rahmen kollektiver Selbstregulierung vereinbarten, stan- dardisierten Kriterien. Aufgrund der verbesserten Leistungsfähigkeit der Mobilkommunikation, werden zunehmend digitale Medieninhalte via Mobilfunk verbreitet. Daraus resultieren neue Problemstellungen und Herausforderungen für die Telekom- munikationsindustrie, die keine Tradition der Inhalteregulierung hat (vgl. PCMLP 2004a: S. 61). Da es sich um vergleichsweise neue Entwicklungen handelt, lässt sich derzeit nur anhand von Einzelbeispielen illustrieren, wie Selbstregulierung im Bereich von Inhalten der Mobilkommunikation eingeführt wird. Der britische Independent Mobile Classification Body (IMCB)47 ist eine unabhängige Organisation zur Klassifizierung von Inhalten, die über Mobilfunk verbreitet werden. Das Klassifizierungssystem beruht auf einem Self-rating- Verfahren durch die Inhalteanbieter. Der IMCB untersucht Beanstandungen wegen falscher Zuordnungen. Zuletzt hat auch die Zunahme an verfügbaren Internetinhalten und -seiten und die damit steigende Bedeutung der Anbieter von Suchdiensten zur Einfüh- rung von Selbstregulierung geführt. Einerseits existieren Formen individueller Selbstregulierung (Selbstorganisation) von Suchmaschinenbetreibern, etwa der Code of Conduct von Google (2004) oder die Corporate-Governance-Richtlinie von Yahoo (2006). Die deutschen Suchmaschinenanbieter haben sich 2005 zur weltweit ersten kollektiven Initiative entschlossen. Unter dem Dach der Frei- willigen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) wurde die Selbst- kontrolle Suchmaschinen gegründet und ein Verhaltenssubkodex der Such- maschinenanbieter der FSM – VK-S verabschiedet.48 2.2 Intensität und Formen staatlicher Involvierung in Selbstregulierungsinstitutionen „Selbstregulierung“ ist in den meisten Fällen eine Fehlbezeichnung. Oft kom- men Selbstregulierungsinstitutionen nicht völlig ohne staatlichen Einfluss/ Druck zustande, und in vielen Fällen existieren Verbindungen zu staatlichen 111 46 Siehe www.icra.org. ICRA ist nicht die einzige Initiative zur Entwicklung von Bewertungs- und Filter- systemen. Im Rahmen des World Wide Web Konsortiums (W3C) wurde die Platform for Internet Content Selection (PICS) gegründet (http://www.w3.org/ PICS/). Parallel zu diesen unternehmensübergreifenden Industrieinitiativen (Selbstregulierung durch Standardisierung) wird eine Reihe unternehmensspezifischer Lösungen entwickelt und angeboten (Markt). 47 Siehe www.imcb.org.uk, sowie die detaillierte Fallanalyse in HBI/EMR 2006: S. 91. 48 Siehe http:// fsm.de/de/Selbstkontrolle_Suchmaschinen. Zur Genese der Initiative siehe Beiler/Machill 2007: S. 257 f. Stellen im laufenden Betrieb. Staatliche Akteure können auf eine ganze Reihe von Instrumenten zurückgreifen, um Selbstregulierungsinitiativen zu unter- stützen, aktiv zu nutzen und zu kontrollieren. Die Möglichkeiten reichen von weichen Formen der staatlichen Involvierung (symbolische Unterstützung, Inspiration, personelle Einbindung) über finanzielle Subventionen bis zur Transformation von Selbst- in Ko-Regulierungsinstitutionen. Häufig erfolgen die Etablierung oder Reformen von Selbstregulierung in Reaktion auf eine Androhung staatlicher Regulierung („Peitsche“) oder als Konsequenz einer staatlichen Anregung für Selbstregulierung („Inspiration“). Die Reform des Schwedischen Presserates in den 1960er-Jahren begann bei- spielsweise, als das schwedische Parlament in Erwägung zog, gesetzliche Vor- kehrungen gegen Sensationsjournalismus zu treffen. Die Printindustrie antwor- tete mit einer Verschärfung des Presseehrenkodex und der Einsetzung eines Presseombudsmannes im Selbstregulierungsarrangement.49 In Großbritannien wurde 1989 das Video Standards Council (VSC) als Antwort auf die Besorgnis der Regierung über die Videoindustrie gegründet.50 Die Selbstregulierungs- initiative Przyjazne Media für Jugendschutz im polnischen Rundfunk wurde von Rundfunkveranstaltern 1999 auf Anregung des Nationalen Rundfunkrates (National Broadcasting Council) eingerichtet.51 Und in Irland wurden Fragen Form der staatlichen Involvierung Praxisbeispiel Ergänzende Anmerkungen Peitsche: Androhung staatlicher Regulierung Schwedischer Presserat [SWE] Reform der Selbstregulierung in Reak- tion auf Drohung des schwedischen Parlaments Inspiration: Anregung zur Selbstregulierung ISPAI [IRL] Selbstregulierung in einem irischen Regierungsbericht befürwortet Subvention: Finanzielle staatliche Unterstützung ICRA [International] Finanzierung durch die EU im Rahmen des Aktionsplans Sicheres Internet Information: Personelle staatliche Involvierung Stopline [AT] Einbindung staatlicher Akteure in Beratungsgremien (Stopline-Beirat) Kooperation: Zusammenarbeit mit staatl. Stellen Selbstkontrolle Suchmaschinen [D] Zusammenarbeit mit der BPjM Symbolische Unterstützung: Wertschätzung durch staatl. Stellen Meldpunt [NL] Eröffnung der Meldestelle durch hoch- rangige politische Akteure Indirekte Kontrolle: Selbstregulierung innerhalb von Ko-Regulierung ICSTIS-IMCB [UK] IMCB als Unterorgan der ko-regulierten ICSTIS Direkte Kontrolle: von der Selbst- zur Ko-Regulierung FSF, FSM [D] FSF und FSM von der KJM formal an- erkannt 112 49 Vgl. PCMLP 2004a: S. 23. 50 Der Slogan „The VSC was established in July 1989 in response to Government concerns about the video industry“ ist sogar deutlich sichtbar in der Kopfleiste der VSC-Website platziert. Siehe www. videostandards.org.uk/main.html. 51 Siehe ec.europa.eu/comm/avpolicy/docs/reg/minors/reply-poland_en.pdf. Übersicht 3: Formen der staatlichen Involvierung in Selbstregulierungsinstitutionen der Regulierung für illegale und gefährliche Internetinhalte 1998 in einem Regierungsbericht aufgearbeitet.52 Darin sprachen sich die Experten deutlich für einen Selbstregulierungsansatz aus, der in der Folge von der Regierung unterstützt und von der Industrie umgesetzt wurde. Dies geschah mit Hilfe einer Hotline für die Meldung illegaler Internetinhalte (1999) und durch einen Verhaltenskodex der Internet Service Provider (2002).53 Andere sektorale Initiativen in verschiedenen Bereichen der Inhalteindustrie resultieren aus Foren zur Diskussion von aktuellen Problemlagen, die auf Initiative und/oder unter Einbindung von Vertretern staatlicher Stellen ver- laufen. Die Initiative Health on the Net (HON) wurde beispielsweise in Folge einer Konferenz gegründet (1996), an der zahlreiche Stakeholder aus dem Bereich der Telemedizin, darunter Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Union (EU) teilgenommen hatten. Sie stimmten zum Konferenzabschluss dem Vorschlag zu, eine Organisation für telemedizini- sche Fragen zu gründen.54 HON hält im Rahmen der Vereinten Nationen seit 2002 offiziellen Beraterstatus als NGO beim UN Wirtschafts- und Sozialrat. 2004 wurde HON auf EU-Ebene mit dem eEurope Award für eHealth von der EU-Kommission ausgezeichnet.55 Wenn die staatliche Involvierung in die Selbstregulierungsorganisation wie in diesen Fällen nicht formal institutionali- siert ist, weil es sich bei solchen Formen der Unterstützung um punktuelle Ereignisse handelt, können die Institutionen als Selbstregulierung im engen Sinn klassifiziert werden. Darüber hinaus können staatliche Stellen die Selbst- regulierungsinitiativen auch durch symbolische Unterstützung stärken (Wert- schätzung). Die Eröffnung des niederländischen Meldpunt 1996 wurde vom Justizminister vorgenommen. Erst durch institutionalisierte Formen der Einbindung staatlicher Akteure in den laufenden Betrieb kommt es zu einer Selbstregulierung im weiten Sinn. Diese erfolgt unter Rückgriff auf staatliche Steuerungsressourcen wie Subven- tionen (finanzielle Unterstützung), Information (personelle Involvierung) und Kooperation (Zusammenarbeit). Sie können gemeinsam mit Verträgen als Alternativen zu rechtlichen Grundlagen eingesetzt werden, die für Ko-Regulie- rung charakteristisch sind. Die Entwicklung von Bewertungssystemen für ge- fährliche Internetinhalte (z. B. ICRA)56, der Betrieb von Meldestellen für illegale Internetinhalte wie Meldpunt (Niederlande) und die internationale Initiative 113 52 Siehe www.iab.ie/Publications/Reports/d19.PDF. 53 Die Entwicklung des Verhaltenskodex und seine Überprüfung erfolgen in Zusammenarbeit mit einem unab- hängigen Internetbeirat (Internet Advisory Board, siehe www.iab.ie/), der als Beratungseinrichtung des Ministeriums fungiert und alle relevanten Stakeholder einbindet. 54 Siehe www.hon.ch/Global/. 55 Siehe www.hon.ch/Global/eHealth2004/winner.html. 56 Neben ICRA unterstützt die EU derzeit 14 weitere Filterprojekte im Rahmen des Aktionsplans. Siehe: ec.europa.eu information_society/activities/sip/projects/ filtering/ index_en.htm. INHOPE57 werden mit Mitteln aus dem EU Aktionsplan Sicheres Internet finanziert.58 Die in Genf angesiedelte Health on the Net Foundation (HON) erhält Unterstützung von den lokalen Behörden. In der österreichischen Melde- stelle für illegale Internetinhalte (Stopline)59 sind staatliche Stellen im Beirat der Meldestelle vertreten.60 Der Beirat dient als Forum der Zusammenarbeit verschiedener Organisationen im Kampf gegen illegale Inhalte im Internet. Zentral ist der Austausch von Wissen. Durch die Einbindung staatlicher Ver- treter können Informationsasymmetrien zwischen Industrie und Staat kompen- siert, und die Strategien zur Kooperation in der Arbeitspraxis festgelegt wer- den.61 Formen der praktischen Kooperation zwischen staatlicher Regulierung und Selbstregulierung findet man z. B. in Deutschland. Im Rahmen der Selbst- kontrolle Suchmaschinen wurde ein technisches Verfahren entwickelt, mit dem sichergestellt werden soll, dass Internetadressen (URLs), die von der Bundes- prüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) auf den Index jugendgefähr- dender Medien gesetzt wurden, in den Ergebnislisten der Suchmaschinen nicht mehr angezeigt werden.62 Formen indirekter staatlicher Kontrolle von Selbstregulierung durch den Staat bestehen in komplexen institutionellen Arrangements. Da in ihnen Selbst- regulierungsinitiativen innerhalb von Ko-Regulierungsorganisationen agieren, sind exakte Klassifikationen kaum mehr möglich. Die Entwicklung von Filter- systemen für den digitalen Rundfunk erfolgt im DVB-Projekt. Vorschläge der DVB-Gruppe für Systemspezifikationen werden anschließend im Rahmen von ETSI bearbeitet und schließlich als ETSI-Standards veröffentlicht. Das Europäi- sche Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI) ist auf europäischer Ebene als anerkannte Organisation für Normung im Kommunikationssektor etabliert (Ko-Regulierung).63 Die meisten der im Rahmen von ETSI entwickelten Standards sind durch den Markt initiiert (Selbstregulierung), einige der Stan- 114 57 Siehe www.inhope.org/de/partners/supporters.html. 58 Der niederländische „Meldpunt“ wird zudem auf nationaler Ebene vom niederländischen Justizministerium finanziell unterstützt. 59 Siehe stopline.at. 60 Das Bundeskriminalamt, das Bundesministerium für Justiz sowie das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. 61 Die meisten von Internet Service Providern betriebenen Meldestellen für illegale Internetinhalte, wie Stopline (Österreich), Meldpunt (Niederlande) und IWF (UK) kooperieren in der täglichen Arbeitspraxis eng mit den staatlichen Stellen für Kriminalitätsbekämpfung. 62 „Ob ein Inhalt ggf. jugendgefährdend sein könnte und in Suchergebnislisten angezeigt werden sollte, oder ob eher nicht, entscheiden somit nicht die einzelnen Suchmaschinen. Stattdessen wird die Entscheidung zur Löschung von Suchergebnissen, die gegen deutsches Recht verstoßen, mit der BPJM durch eine legitimierte Instanz in einem transparenten, rechtsstaatlichen Verfahren getroffen“ (http:// fsm.de/de/Selbstkontrolle_ Suchmaschinen). 63 Aufgrund ihrer rechtlichen Legitimationsgrundlagen können die offiziell anerkannten Normungsorganisationen als Ko-Regulierungsinstitutionen klassifiziert werden. Für die Anerkennung von CEN, CENELC und ETSI als europäische Normungsorganisationen im Rahmen des Gemeinschaftsrechts siehe Richtlinie 98/34/EG.m dards sind „harmonisierte Normen“. Diese werden im Auftrag der EU-Kom- mission entwickelt, welche dafür essenzielle Anforderungen formuliert (Ko- Regulierung im „New Approach“).64 Im Regulierungsarrangement für Jugendschutz bei Mobilfunkdiensten in Großbritannien sieht der Communications Act (2003) eine Anerkennung von Verhaltenskodizes im Bereich der Mehrwertdienste durch das Office of Com- munications (Ofcom) vor. Ein entsprechender Kodex des Independent Com- mittee for the Supervision of Standards of the Telephone Information Services (ICSTIS) wurde von Ofcom formal anerkannt (Ko-Regulierung). Im Rahmen von ICSTIS wurde ein „Unterorgan“, der Independent Mobile Classification Body (IMCB), eingerichtet. Durch ihn wurde ein Bewertungsschema für kom- merzielle Inhalte auf Basis eines Self-rating-Modells entwickelt. Das Bewer- tungsschema ist – im Gegensatz zum ICSTIS-Kodex – von Ofcom (noch) nicht formal anerkannt. Trotzdem fungiert der IMCB als Selbstregulierungs- organisation unter dem Dach einer Ko-Regulierungsinstitution (ICSTIS). In einem ähnlichen institutionellen Gefüge wurde in Deutschland der Verhaltens- subkodex der Suchmaschinenanbieter als freiwillige Selbstregulierungsinitiative unter dem Dach der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia (FSM) gegründet,65 die von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) formal anerkannt ist.m Im Rahmen institutioneller Veränderungen kann Selbstregulierung durch staatliche Anerkennung in Ko-Regulierung übergeführt werden. So wurde zum Beispiel das PEGI-System zur Bewertung von Spieleinhalten als Industrie- initiative im Rahmen der paneuropäischen Interactive Software Federation of Europe (ISFE) entwickelt. In nationalen staatlichen Regelungen kann PEGI aber auch formal als Bewertungsnorm anerkannt werden (z. B. Finnland).66 In Deutschland wurde im Rahmen weitreichender Reformen des Gesetzesrahmens für Jugendmedienschutz67 die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) ein- gerichtet. Sie kann u. a. Organisationen der Freiwilligen Selbstkontrolle und Filtersysteme prüfen und formal anerkennen. Bislang wurden die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e. V. (FSF, 2003) und die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V. (FSM, 2004) jeweils unter Auflagen durch 115 64 Die EU-Kommission entschloss sich 1999 die DVB-Gruppe aufzufordern, zuverlässige Filter- und Bewer- tungssysteme für den digitalen Rundfunk zu entwickeln (KOM (1999) 371). 2002 folgte eine Entschließung des Europäischen Parlaments (Europäisches Parlament 2002), mit der das DVB-Konsorzium darin bestärkt wird, an der Entwicklung von Filter- und Klassifizierungssystemen für digitales Fernsehen zu arbeiten. 65 Gemäß § 2 Abs. 2 der FSM-Satzung sind neben dem FSM-Verhaltenskodex (VK-FSM) ergänzende Ver- haltenssubkodizes (VK-S) in Unterorganisationen möglich. Mitglieder der Unterorganisationen unterliegen nicht nur dem Verhaltenssubkodex, sondern darüber hinaus auch dem allgemeinen Verhaltenskodex der FSM. 66 Durch eine Änderung des Gesetzes zur Klassifikation von audiovisuellen Programmen wird die Anerken- nung der PEGI-Alterskategorien in Finnland ermöglicht. 67 JMStV – Staatsvertrag der Länder über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk (Fernsehen) und Telemedien (Internet). Abrufbar unter: www.kjm-online.de/public/kjm/downloads/ JMStV.pdf. die KJM anerkannt.68 In Großbritannien erhielt die 1996 als Selbstregulierungs- initiative gegründete Internet Watch Foundation (IWF) 2004 eine formale An- erkennung durch staatliche Stellen in einem Memorandum of Understanding.69 2.3 Wirkungsbereiche: Regulatorische Verantwortung für digitale Medieninhalte Die Übernahme regulatorischer Verantwortung für digitale Medieninhalte er- folgt aus institutioneller Perspektive auf vielfältige Art und Weise. Es kommt zur impliziten Erweiterung des Wirkungsbereichs etablierter Normen im digi- talen Umfeld oder zu expliziten Reformen von etablierten Normen, um neue Anforderungen besser bewältigen zu können. Deutlich sichtbar sind auch zahl- reiche Neugründungen von Regulierungsinstitutionen (Organisationen und Nor- men) in Reaktion auf neue Problemlagen. Solche institutionellen Reaktionen können zur Verbesserung der Umsetzung von einigen Steuerungszielen im digitalen Umfeld beitragen. Häufig sind sie jedoch in ihrem Wirkungsbereich beschränkt, z. B. auf die in Verbänden organisierte Industrie oder auf sehr spezifische Arten von digitalen Inhalten. Die Übernahme regulatorischer Verantwortung für digitale Medieninhalte kann aktiv durch explizite Reformen etablierter Normen erfolgen. Im Sektor Werbung/Marketing/PR wird der International Code of Advertising Practice der Internationalen Handelskammer (ICC) regelmäßig erweitert und modifi- Modus der Institutionalisierung von Zuständigkeit für digitale Inhalte Selbstregulierung: Praxisbeispiel Genauer Wirkungsbereich bei digitalen Medieninhalten Explizite Reform einer etablierten Norm (aktiv) Schwedischer Presserat [SWE] Kodex gültig für Internetinhalte von Mitgliedern in Presseverbänden Implizite Erweiterung einer etablierten Norm (passiv) Werberat [AT] Etablierter Kodex gültig für Werbung in allen Mediengattungen (inkl. Internet) Neue Norm in einer etablierten Organisation DDV [D] Eigener, neuer Kodex für E-Mail- Marketing Neugründung einer Organisation ISPAI [IRL] Meldestelle für illegale Internetinhalte 116 68 Filtersysteme fanden bislang keine Anerkennung durch die KJM, alle zur Überprüfung vorgelegten Systeme wurden als erheblich defizitär beurteilt (vgl. www.heise.de/newsticker/meldung/86118). 69 Siehe www.iwf.org.uk/documents/20041015_mou_final_oct_2004.pdf. Im Memorandum verständigen sich das Crown Prosecution Service (CPS) und die Association of Chief Police Officers (ACPO) über die Aufgabenverteilung und die Maßnahmen bei der Zusammenarbeit im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Abschnitt 6 des Memorandums anerkennt und definiert die Rolle der IWF im entsprechenden institutionellen Arrangement. Übersicht 4: Verantwortung für digitale Inhalte: Modus der Institutionalisierung und Wir- kungsbereich ziert, um neuen technologischen Herausforderungen zu begegnen.70 In einigen Ländern wurden die Verhaltenskodizes für die Presse (Printmedien) gezielt auf Online-Journalismus erweitert. Häufig gelten die Selbstbeschränkungen allerdings nicht für alle Anbieter von Online-Nachrichten, sondern nur für jene Unternehmen, die sich den Verhaltenskodizes für die Printmedien unterworfen haben. Die Reichweite der Verhaltensbeschränkungen ist somit meist auf die organisierte Journalismusindustrie beschränkt. Die Zuständigkeit des Schwedi- schen Presserates erstreckt sich beispielsweise nur auf die Internetveröffent- lichungen jener Unternehmen, die den schwedischen Verbänden der Zeitungs- oder Magazinherausgeber angehören.71 Regulatorische Verantwortung für digitale Medieninhalte kann auch passiv übernommen werden, indem die Gültigkeit etablierter Normen im digitalen Umfeld nicht explizit ausgeschlossen wird (implizite Erweiterung etablierter Normen). Verhaltenskodizes für Wirtschaftswerbung sind medien-/ technologie- neutral formuliert und gelten – sofern nicht ausdrücklich Ausnahmen vor- gesehen sind – automatisch auch für moderne Formen von Werbung im digi- talen Umfeld (Online-Werbung; interaktive Werbung). In einigen anderen Ländern sind ethische Standards aus dem Print-Journalismus durch institutio- nelle Verschränkungen im analogen wie im digitalen Rundfunksektor wirksam. In Katalonien, Schweden und Finnland gelten Verhaltenskodizes für die Presse auch als ethische Standards für Rundfunkjournalismus (vgl. PCMLP 2004a: S. 25). Mit der zunehmenden Marktdiffusion von digitalem Fernsehen und Web-TV erlangen sie auch eine höhere Praxisrelevanz im digitalen Umfeld. Auch in diesen Fällen ist die Reichweite der Selbstregulierung allerdings nur auf die verbandsmäßig organisierte Industrie beschränkt. Nicht alle Anbieter von digitalen, audiovisuellen Medieninhalte sind miterfasst. Zu impliziten Erweiterungen etablierter Normen kommt es auch im Bereich von Inhaltsbewertungssystemen. Grundsätzlich kann davon ausgegangen wer- den, dass optisch sichtbare Bewertungen, egal ob sie von staatlichen oder privaten Klassifizierungsorganisationen vorgenommen wurden, als Orientie- rungshilfe für Konsumenten dienen. Dies ist unabhängig davon, ob das jewei- lige Produkt analog oder digital, offline oder online verbreitet wird. In der elektronischen Spieleindustrie gelten PEGI-Bewertungen z. B. für alle Spiele, egal ob sie in herkömmlichen Verkaufsstellen erworben oder im Internet ver- trieben werden, und unabhängig davon, ob sie in einer Online-Spielumgebung 117 70 Der ICC-Code wurde bereits 1937 geschrieben, 2006 entstand die sechste Fassung, der Consolidated ICC Code of Advertising and Marketing Communication Practice. Abschnitt D enthält vergleichsweise neue Richtlinien für Werbung und Marketing via elektronische Medien und Telefon. www.iccwbo.org uploadedFiles/ ICC/policy/marketing/pages/330_Consolidated_Code.pdf. 71 Für weitere Beispiele aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Katalonien siehe PCMLP 2004a: S. 27. gespielt, herunter geladen werden oder auf CDs gebrannt sind, die Zeitschriften beigelegt werden (vgl. KOM (2003) 776: S. 18).72 Bestehende regulatorische Arrangements für Filme und Spiele unterscheiden sich in Umfang und Ver- hältnis jedoch darin, ob sie Kennzeichnungen für die digitale Online-Verbrei- tung rechtlich vorschreiben (staatliche Regulierung), sie als Instrument alter- nativer Regulierung anbieten und verwenden (Ko-/Selbstregulierung), oder sie auf Unternehmensebene als Instrument zur Verbesserung der Markttransparenz freiwillig einsetzen (Marktlösung). Neuen regulatorischen Herausforderungen begegnet man aber auch mittels neuer Initiativen in etablierten Organisationen, wie z. B. im Bereich der Direkt- vermarktung. In Deutschland haben sich 2003 die E-Mail-Marketer im DDV einem Ehrenkodex73 unterworfen, um unerwünschte Werbung (Spam) zu redu- zieren. In Ergänzung strebt der DDV an, gemeinsam mit dem Verband der deutschen Internetwirtschaft (eco Forum e. V.), eine Positiv-Liste (Whit list) für seriöse Versender von E-Mail-Werbung einzuführen. Unternehmen auf der White list erhalten somit den Vorteil, dass ihre Mails von den Spam-Filtern nicht blockiert werden.74 Die traditionellen Gruppen der Medieninhalteindustrie versuchen, neuen regulatorischen Herausforderungen v. a. durch Reformen bestehender Institu- tionen zu begegnen. Speziell im Internet-Bereich kommt es aber auch zu zahl- reichen Neugründungen von Organisationen. Seit Mitte der 1990er-Jahre bilden sich in vielen Ländern nationale Internet Service Provider Verbände. Die irische ISPAI wurde 1998 gegründet, die österreichische ISPA-Austria 1997. Sie verfolgen u. a. mittels Verhaltenskodizes vielfältige Ziele im Internetsektor, darunter inhaltliche Ziele wie die Bekämpfung illegaler Inhalte. Damit zusam- menhängend kam es zur Einrichtung von Meldestellen für illegale Internet- inhalte.75 Ergänzend zu den Initiativen von branchenübergreifenden Verbänden im Bereich von Werbung, Marketing und PR kommt es zur Gründung von sekto- 118 72 PEGI umfasst ein Altersbewertungssystem (ab 3, ab 7, ab 12, ab 16 und ab 18) und Spieldeskriptoren in Form von Bildsymbolen, welche die Art des Spielinhalts beschreiben. Je nach Art des Spiels können bis zu sechs derartige Deskriptoren vorhanden sein. Online-Spiele sind nur in Deutschland, Schweden, Island und Norwegen rechtlich geregelt (KOM (2003) 776: S. 17 f.). 73 Ehrenkodex E-Mail-Marketing des DDV (http://www.ddv.de/downloads/Service/ Ehrenkod). Der Kodex regelt wichtige Grundprinzipien wie das Erheben von Adressen, das Einholen der Erlaubnis E-Mails zuzu- stellen, die Behandlung des Widerrufs dieser Erlaubnis, die Absenderkennzeichnung, den Ausschluss der Adressweitergabe, das Führen einer betriebsinternen Blacklist und die Bearbeitung von Bounces. Siehe www.ddv.de/download ex_eMail-Marketing.pdf. 74 Zur Analyse der Potenziale alternativer Regulierungsformen in der Bekämpfung von Spam siehe Just et al. 2007. 75 Die irische Meldestelle www.hotline.ie wurde 1999, also ein Jahr nach der Verbandsgründung durch ISPAI eingerichtet, ebenso die österreichische Stopline als Initiative der ISPA-Austria (1998). Auch in den Nieder- landen ging die Gründung der Meldestelle für Kinderpornografie 1996 von der ISP-Vereinigung NLIP aus. NLIP wurde jedoch später aufgelöst, während der Meldpunt bestehen bleibt. ralen Organisationen für spezielle Dienstleistungen im Internet (z. B. Health on the Net Foundation 1996). Bewertungs- und Filtersysteme für Medien- inhalte sind zwar kein neues Phänomen – sie wurden bereits für analogen Rundfunk entwickelt (V-Chip)76. Im digitalen Umfeld entstehen jedoch zahl- reiche neue Standardisierungsinitiativen wie etwa ICRA (1999).77 Zuletzt haben Probleme bei Internetsuchdiensten und in der Mobilkommunikation zur Ein- führung von Selbstregulierung geführt. Sowohl der Independent Mobile Classi- fication Body (IMCB, 2004) als auch der Verhaltenssubkodex der Suchmaschi- nenanbieter (VK-S, 2005) sind neue Institutionen, die sich, wie viele andere Internet-Institutionen mit einzelnen Problemstellungen beschäftigen (Single- Issue-Institutionen).78 Umgekehrt kommt es jedoch auch zur institutionellen Integration der Regu- lierungskompetenzen, z. B. für Alterskennzeichnungen über mehrere Medien- gattungen und Industriesektoren hinweg. Dabei zeigen sich vielfältige, länder- und systemspezifische Integrationsoptionen, aber noch keine dominanten institutionellen Muster: Im Bereich der staatlichen/staatsnahen Altersklassi- fizierung wurde beispielsweise in Finnland das Bewertungsmodell für Filme auch auf Video on Demand (VoD) übertragen. In den Niederlanden erfolgt die Alterskennzeichnung seit 2000 in einem Ko-Regulierungsrahmen durch das Netherlands Institute for the Classification of Audio-visual Media (NICAM) auf Basis des Kijkwijzer-Bewertungssystems. Dieses wurde ursprünglich für die Verbreitung audiovisueller Produkte via Kino, Video, DVD und Fernsehen entwickelt. Die Anwendungsbereiche werden aber schrittweise erweitert.79 Auch im Bereich der Selbstregulierung kommt es bei den wenigen vorhande- nen Institutionen zu Integrationsprozessen. Das britische Video Standards Council (VSC) wurde 1989 als Klassifizierungsorganisation für die Video- industrie gegründet. 1993 wurde der Code of Practice erweitert und erfasst seither auch die Computer- und Videospiel-Industrie. Die Beispiele zeigen mögliche Integrationsoptionen, allerdings fehlt es bislang an Wissen über die Vor- und Nachteile integrierter Institutionen bei Bewertungssystemen. Mit 119 76 Zur V-Chip-Debatte siehe Price 1998. 77 ICRA ging 1999 aus dem Recreational Software Advisory Council (RSAC) hervor, das sich bereits seit 1994 mit der Klassifizierung von Videospielen beschäftigte. RSAC wurde von der Industrie gegründet, um ein staatliches Klassifizierungssystem zu verhindern (vgl. Machill/Hart /Kaltenhäuser 2002: S. 46 f.). 78 Der Wirkungsbereich des IMCB erstreckt sich beispielsweise auf unbewegte Bilder, Videos und audio- visuelles Material sowie Handy-Spiele inklusive Spielen mit JAVA-Unterstützung. Aus seinem Wirkungs- bereich explizit ausgenommen sind Text-, Audio- und reine Sprachdienste, Glücksspiele (hier gibt es eigene Gesetze), moderierte und unmoderierte Chatrooms, lokale Dienste (eigener Verhaltenskodex), Inhalte, die von Teilnehmern generiert werden inklusive Weblogs, und Inhalte, die über das Internet oder WAP erreichbar sind, und zu denen der Mobilfunkanbieter nur die Verbindung herstellt (HBI/EMR 2006: S. 91). 79 Siehe www.kijkwijzer.nl index.php. Seit 2005 gilt das System auch für einige Dienste, die über Mobiltelefone angeboten werden. Internetangebote werden zwar nicht erfasst, die Piktogramme werden aber im Online-Umfeld, z. B. auf Filmwebseiten, ebenso verwendet wie im Offline-Bereich. institutionellen Reformen sind häufig Kompetenz- und Machtverschiebungen verbunden. Von Vertretern etablierter Organisationen werden diese nicht ohne Weiteres hingenommen. Das sind möglicherweise Gründe dafür, dass die Lösungen länderspezifisch erheblich divergieren, und dass „[w]ith development and convergence of technology, the preferred approach is either the universal or the highly specialized“ (PCMLP 2004a: S. 56). 2.4 Internationalisierung der Selbstregulierung: Umfang und Formen transnationaler Zusammenarbeit In historischer Perspektive war die Regulierung von Medieninhalten lange Zeit von nationalen Institutionen dominiert. Mit der zunehmenden Internationalisie- rung der Kommunikationssektoren in Folge von technologischem Wandel und Liberalisierung nehmen transnationale Regulierungsprobleme zu. Sie verlangen nach adäquaten Lösungsansätzen und erfordern Veränderungen der Regulie- rungsstrukturen. Transformationsprozesse in Richtung einer vertikalen Erweite- rung von Governance lassen sich – sowohl bei staatlichen als auch bei alter- nativen Regulierungsformen – u. a. in einer steigenden Bedeutung internationaler Regulierungsinstitutionen und in einer Zunahme von transnationaler Zusam- menarbeit ablesen. Doch nicht alle Sektoren werden im selben Ausmaß von einer Internationalisierung der Regulierungsstrukturen erfasst, wie folgende Beispiele aus dem Bereich der Selbstregulierung bei digitalen Medieninhalten zeigen. Industriegruppe Selbstregulierung: Praxisbeispiel Internationale Einbindung Presse Schwedischer Presserat [SWE] Via AIPCE Rundfunk Przyjazne Media (Friendly Media) [POL] DVB-Konsortium [INTERNAT] keine DVB als internationales Konsortium Kino/Film (DVD/Video) Video Standards Council [UK] für Video keine für Spiele via PEGI Werbung Werberat [AT] Via EASA Marketing/PR DDV [D] Via FEDMA Video-/Konsolen-/ Computerspiele ISFE/PEGI [International] PEGI als internationales System Online-Dienste/ Internet (Internet Service Provider) ISPAI [IRL] Meldpunt [NL] Via EuroIspa Via Inhope Online-Dienste/ Internet Internet Content Provider Health on the Net Code [Inter- national] ICRA [International] HON als internationale Organisation ICRA als internationale Organisation Mobile Kommunikation ICSTIS-IMCB [UK] Keine Suchdienste Provider Selbstkontrolle Suchmaschinen [D] Keine 120 Übersicht 5: Beispiele für internationale Einbindung von Selbstregulierungsinstitutionen nach Industriegruppen Die traditionellen Sektoren Presse und Rundfunk sind – soweit es um die Regulierung der Produktion von Inhalten geht – nicht oder nur sehr schwach in internationale Organisationen eingebunden. Die wenigen nationalen Selbst- regulierungsinitiativen im Bereich der Rundfunkveranstaltung wie zum Beispiel die polnische Klassifizierungsinitiative Przyjazne Media sind nicht zu einer europäischen Initiative zusammengeschlossen. Europäische Presseräte, darunter der Schwedische Presserat sind zwar in der Alliance of Independent Press Councils of Europe (AIPCE)80 vereinigt, die AIPCE fungiert jedoch nur als Interessenvertretung zur Förderung von Selbstregulierung und als gemeinsame Plattform für den Meinungsaustausch. In Regulierungsfragen kommt es im Rahmen von AIPCE jedoch zu keiner länderübergreifenden Koordination, etwa in Bezug auf die transnationale Abstimmung der einzelnen Pressekodizes.81 Länderübergreifende, allerdings unverbindliche Initiativen, werden von inter- nationalen Journalistenverbänden82 gesetzt. Bereits 1954 wurde beim Welt- kongress der International Federation of Journalists (IFJ) eine internationale Erklärung zu den Prinzipien der journalistischen Arbeit verabschiedet (Code de Bordeaux).83 Der Code gibt nur Leitlinien für die journalistische Arbeit vor, er nimmt jedoch nicht Bezug auf digitale Inhalte, es existiert kein Durch- setzungsmechanismus und Sanktionen bei Verstößen sind ebenfalls nicht vor- gesehen. Deutlich stärker internationalisiert sind regulatorische Aktivitäten in den Bereichen Werbung, Marketing und PR. Für Werbung besteht auf internatio- naler Ebene bereits seit 1937 der International Code of Advertising Practice der Internationalen Handelskammer (ICC). Auf europäischer Ebene arbeitet seit 1992 die European Advertising Standards Alliance (EASA) an der Förde- rung und Koordination nationaler Selbstregulierungsinitiativen im Bereich von Werbung und Marketing. Die EASA selbst verfügt über keinen eigenen Ver- haltenskodex für Werbung. Die Umsetzung der Ziele erfolgt u. a. mit Hilfe eines Sets an gemeinsamen Prinzipien und Standards für Best Practice84. Mit ihnen werden Anforderungen an nationale Selbstregulierungsinitiativen formu- liert, zu deren Einhaltung sich die EASA-Mitglieder bekennen. Auf operativer Ebene bietet die EASA ein Verfahren für die Abwicklung grenzüberschreiten- der Beschwerden. Mitglieder der EASA sind 13 Branchenverbände aus dem Mediensektor und 28 nationale Selbstregulierungsorganisationen, darunter der 121 80 Siehe www.media-accountability.org. 81 Im Gegenteil: „Participating countries […] agree that it is not possible to operate a universal code of ethics, and are opposed to the imposition of supra national codes and regulatory organisations, either at the European or global level“ (http://www.media-accountability.org/html/frameset.php?page=aipce). 82 Als Interessenvertretungen etabliert sind die International Federation of Journalists (IFJ) und ihre europäi- sche Unterorganisation European Federation of Journalists (IFJ). 83 Siehe www.ifj.org/docs/ETHICS-E.DOC. 84 Siehe www.easa-alliance.org/about_easa /en/common_principles.html. Österreichische Werberat (ÖWR). Im Bereich Marketing agiert die Federation of European Direct and Interactive Marketing (FEDMA)85 als Interessenvertre- tung mit Aktivitäten im Bereich der Selbstregulierung. Im Rahmen von FEDMA werden vor allem unverbindliche Codes of Practice für Direktmarketing ent- wickelt,86 beschlossen wurde aber auch ein Verhaltenskodex für E-Commerce und Interaktives Marketing87. FEDMA übernimmt dafür allerdings nur allge- meine Kontrollfunktionen. Die konkrete Durchsetzung und die Sanktionierung sind den 25 nationalen FEDMA Mitgliedsverbänden übertragen. Zu ihnen zählt auch der Deutsche Direktmarketing Verband (DDV). Zur Internationalisierung kommt es auch bei den seit Mitte der 1990er-Jahre etablierten Initiativen der Internet Service Provider. Neun nationale ISPAs, darunter auch die irische ISPAI, sind Mitglied der europäischen Vereinigung der Internet Service Provider (EuroIspa). Zu den Zielen von EuroIspa zählen neben der Interessenvertretung auch die Förderung von Selbstregulierung und die Entwicklung professioneller Standards.88 EuroIspa hatte zu diesem Zweck auch einen Verhaltenskodex für ISPs verabschiedet, der als Modell für die- Entwicklung von sechs länderspezifischen Kodizes herangezogen wurde. Stark international vernetzt sind die nationalen Meldestellen für illegale Internetinhalte. Die Internationale Vereinigung der Internet Hotlines INHOPE wurde 1999 unter dem Safer Internet Action Plan der EU gegründet, und be- steht 2008 aus 30 Mitgliedern (davon 26 Vollmitglieder). Die Mitgliedschaft bei INHOPE ist an strenge Voraussetzungen gebunden, u. a. um länderüber- greifend hohe Standards der Hotlines zu gewährleisten.89 Mitglieder verpflich- ten sich u. a., mit anderen Mitgliedern durch den Austausch von Informationen über illegale Inhalte zu kooperieren. In der Arbeitspraxis der einzelnen Hotlines kommt es so zu einer starken länderübergreifenden Zusammenarbeit. Besonders hoch ist der Internationalisierungsgrad in den Bereichen von Normierung und Standardisierung. Bewertungs- und Filtersysteme für digitale Inhalte werden, sofern es sich nicht um unternehmensspezifische Lösungen 122 85 FEDMA wurde 1997 durch einen Zusammenschluss zwischen EDMA (1976) und FEDIM (1992) gegründet. 86 Code of Practice for Listbroking; Code of Practice for the Use of Personal Data in Direct Marketing; Teleservices Guidelines; Global Convention on Preference Services. 87 Siehe http:// fedma.custompublish.com/getfile.php/342989.1014.xdpffdbpwd/Code_of_conduct_for_e- commerce.pdf. 88 Siehe EuroISPA, Articles of Association – Stand 2005: www.euroispa.org/docs/euroispa-aoa_en- sept2005.pdf. 89 Mitglieder müssen einen Mechanismus zur Verfügung stellen, um Beschwerden aus der Öffentlichkeit über angebliche illegale Inhalte und/oder Verwendungen des Internet entgegenzunehmen, des Weiteren über wirksame und transparente Verfahren im Umgang mit Beschwerden, über Unterstützungen seitens der Regie- rung, Wirtschaft, Exekutive und der Internetnutzer im Betreiberland verfügen, mit anderen Mitgliedern durch den Austausch von Informationen über illegale Inhalte, die Verwendung des Internet und durch den Austausch von Expertisen kooperieren und sich zur Vertraulichkeit verpflichten. (http://www.inhope.org/de/about / members.html). handelt, vorwiegend in großen internationalen Industriekonsortien entwickelt. Das PEGI-System zur Bewertung von Spielen entstand in internationaler Ko- operation im Rahmen der Interactive Software Federation of Europe (ISFE) und es ersetzt eine ganze Reihe vorhandener nationaler Altersbewertungs- systeme. PEGI wurde auf der Basis bestehender Systeme in Europa entwickelt und so konzipiert, dass damit unterschiedliche kulturelle Normen und Haltun- gen in den teilnehmenden Ländern berücksichtigt werden können.90 Vor ähn- lichen Herausforderungen stehen auch andere internationale Standardisierungs- projekte für die Bewertung und Filterung von digitalen Medieninhalten im Rundfunk (z. B. DVB-Konsortium) und im Internet (z. B. ICRA). Noch keine Formen der organisatorischen Internationalisierung findet man bei den vergleichsweise jungen Selbstregulierungsinitiativen zur Bewältigung neuer regulatorischer Problemstellungen. Sowohl die Anbieter von Suchdiens- ten in Deutschland (Selbstkontrolle Suchmaschinen) als auch Mobilfunkanbieter in Großbritannien (Independent Mobile Classification Body) sind mit ihren Regulierungsaktivitäten noch nicht in internationale Organisationen eingebun- den. Allerdings haben die großen europäischen Mobilfunkanbieter 2007 ein Europäisches Rahmenabkommen für die sichere Nutzung von Mobilfunktelefo- nen durch jüngere Teenager und Kinder91 mit der EU-Kommission unter- zeichnet. Sie verpflichten sich damit zur Ausarbeitung von Jugendschutz- maßnahmen binnen eines Jahres.92 Zur Bekämpfung von Spam wurde 2006 die länderübergreifende Spambox-Initiative SpotSpam93 mit finanzieller Unterstüt- zung der EU gegründet. Hier werden Beschwerden aus verschiedenen Ländern zentral zusammengeführt und den Behörden werden Daten zur juristischen Aufarbeitung zur Verfügung gestellt. Die beiden Beispiele stehen exemplarisch für Versuche auf transnationale Herausforderungen mittels regulatorischer Inter- nationalisierung zu reagieren. Sie verweisen zudem auf „weiche“ Steuerungs- ressourcen, die staatliche Akteure nutzen können, um Selbstregulierung zu unterstützen (Rahmenabkommen; finanzielle Förderung). 123 90 Auch auf organisatorischer Ebene kommt es zu internationaler Zusammenarbeit: Mit der Verwaltung des PEGI-Systems ist das Niederländische Institut für die Klassifizierung audiovisueller Medien (NICAM), das auch für das System Kijkwijzer verantwortlich zeichnet, beauftragt worden. Im Vereinigten Königreich ist der Video Standards Council (VSC) im Auftrag des NICAM tätig. 91 Siehe: www.gsmworld.com/gsmeurope/documents/eur.pdf. 92 Alle Unterzeichner werden an Zugangskontrollen für pornografische Inhalte arbeiten. Außerdem sollen Kampagnen, Klassifizierungsmechanismen für gewerbliche Inhalte und der Kampf gegen illegale Inhalte den Jugendschutz beim Mobilfunk verbessern (http://www.heise.de/newsticker/meldung/print /84860). 93 Siehe www.spotspam.org/eu_project.html. 3 Potenzial von Selbstregulierung und Regulatory Choice Aus einer Public-Policy-Perspektive sollen alternative Regulierungsformen Defizite der reinen Marktsteuerung, aber auch der staatlichen Command-and- Control-Regulierung kompensieren.94 Ihre Anwendung soll einen regulatori- schen Mehrwert bringen – einen höheren Grad der Zielerreichung und/oder eine Senkung der Regulierungskosten. In Ergänzung zu den empirischen Ana- lysen des Status quo von alternativen Regulierungsformen werden deshalb Versuche unternommen, deren Leistungen zu bewerten. Dafür werden Evaluie- rungsindikatoren entwickelt, die auf theoretischen Analysen von Vor- und Nachteilen sowie auf Erfolgsfaktoren alternativer Regulierungsformen basieren. Anhand der Indikatoren können der Nutzen und die Defizite der bestehenden Regulierungsinstitutionen beurteilt werden (Ex-post-Evaluierung). Ergebnisse solcher Evaluierungsuntersuchungen können zeigen, ob das Vertrauen in be- stehende Regulierungsinstitutionen tatsächlich gerechtfertigt ist. Des Weiteren dienen sie auch als Input für die Wahl bzw. die Konstruktion zukünftiger Regulierungsarrangements für anstehende Problemstellungen (Ex-ante-Evaluie- rung). Das v. a. im Zuge des Internet-Booms zunehmende Vertrauen in Selbst- regulierungsformen, und damit in die Industrie als (Selbst-)Regulator, führt zu folgenden zwei Fragen: Warum wird Selbstregulierung angewendet, und wie kommt es zur Entscheidung über den adäquaten Mix von staatlicher und alter- nativer Regulierung aus einer Public-Policy-Perspektive? Bezüglich der ersten Frage können zwei idealtypische Erklärungen unter- schieden werden: Private Akteure werden als Notlösung oder als Ideallösung für regulatorische Probleme gewählt. Es handelt sich um eine Notlösung, falls die traditionelle staatliche Regulierung versagt bzw. nicht durchsetzbar ist – z. B. im Fall transnationaler Regulierungsprobleme, falls politische Akteure keine anderen Optionen haben, als die Lösung von Regulierungsproblemen alternativen Regulierungsinstitutionen zu überlassen. Zur Selbstregulierung als Notlösung kommt es etwa auch, wenn, wie im Medienbereich, ein besonderer verfassungsmäßiger Schutz gegen staatliche Eingriffe festgeschrieben ist (z. B. Schutz der Rede- und Meinungsfreiheit). 124 94 Bei der reinen Marktsteuerung wird davon ausgegangen, dass Probleme individuell durch das Konsumenten- verhalten (im Wesentlichen durch den Wechsel zu anderen Anbietern) gelöst werden. Im konvergenten Kommunikationssektor liegen die Defizite der Marktsteuerung v. a. bei mangelnder Transparenz, mangelndem Wettbewerb (Monopoltendenzen) und Lock-in-Effekten. Mitunter entwickeln sich gar keine Märkte, obwohl dies aus einer Public-Policy-Perspektive erwünscht wäre (z. B. bei öffentlichen Gütern). Mitunter bilden sich florierende Märkte in Bereichen, in denen dies nicht erwünscht ist (z. B. bei demeritorischen Gütern wie illegalen Inhalten, z. B. Kinderpornografie). Bei der staatlichen Regulierung liegen die Defizite bei den Informationsmängeln des Regulators, der beschränkten Flexibilität, den hohen Regulierungskosten, der Langsamkeit der Veränderungen der Regulierung im Vergleich zum dynamischen Mediensystem und der mangelnden Wirksamkeit nationaler Regulierungen für transnationale Dienste. Andererseits kann Selbstregulierung als Ideallösung gewählt werden, wenn Nationalstaaten effektive Wahlmöglichkeiten zwischen staatlichen und nicht- staatlichen Regulierungsformen haben. Die Gründe dafür sind erwartete Vor- teile gegenüber staatlicher Regulierung aus einer Public-Policy-Perspektive. Diese liegen in (vgl. Latzer et al. 2002: S. 50)95 – einer höheren Problemlösungskapazität durch höhere Expertise auf Seiten der privaten Akteure, – einer höheren Reaktionsgeschwindigkeit durch flexiblere Regulierungs- prozesse, – einem höheren Grad der Regelbefolgung durch unmittelbare Beteiligung der Betroffenen, – niedrigeren Regulierungskosten, – niedrigeren Implementationskosten für die Adressaten der Regulierung, – leichteren Einigungen auf grenzüberschreitende Vereinbarungen. Neben diesen Anreizen aus einer Public-Policy-Perspektive ist aus einer Indus- trie-Perspektive die Vermeidung staatlicher Regulierung der wesentliche Anreiz für eine freiwillige Selbstregulierung. Dementsprechend wird Selbstregulie- rung eher in jenen Bereichen gewählt und erfolgreich durchgesetzt, wo die Politik auch das Potenzial zur effektiven Regulierung hätte. In anderen Worten wird die politische „Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie“ (Carrot-and-Stick) dann besser funktionieren, falls die „stick-capacity“ hoch ist, also die staatlichen Regulatoren überzeugend die Anwendung von „big guns“ (Command-and- Control-Regulierungen) für den Fall androhen können, dass die Industrie das Regulierungsproblem nicht mittels Selbstregulierung löst (siehe Ayres/Braith- waite 1992: S. 19 ff.). Selbstregulierung kann nur in seltenen Fällen die traditionelle staatliche Regulierung komplett ersetzen, doch ist sie ein effektives Mittel, diese zu er- gänzen. Staatliche Interventionen werden in vielen Fällen auch nur als eine vorübergehende und ergänzende Maßnahme benötigt (vgl. Gunningham/Sin- clair 1999). Die Effektivität und Effizienz der Regulierung hängen zu einem großen Ausmaß vom Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Regulie- rungsformen im Kontinuum zwischen Staat und Markt ab. Die Frage, wie ein adäquater Mix gefunden wird, kann als ein mehrstufiger Regulatory-Choice-Prozess konzeptionalisiert werden. Die Pluralität von öffent- lichen und privaten normsetzenden Akteuren und die Pluralität von Normen, die von klassischen Command-and-Control-Regulierungen (Rechtsakten) zu verschiedenen Formen des „Soft Law“ und freiwilligen Vereinbarungen reichen, 125 95 Zu den Vorteilen der Selbstregulierung siehe u. a. Cane 1987; Boddewyn 1988; Ayres/Braithwaite 1992; Michael 1995; MCA 1997; Office of Regulation Review 1998; Campbell 1999; NCC 2000; Oftel 2001; Just / Latzer 2004. sind Voraussetzungen für einen Regulatory-Choice-Prozess (vgl. Schuppert 2006: S. 398). Die institutionellen Wahlmöglichkeiten bezüglich des adäquaten Regulierungsarrangements können nicht pauschal für den gesamten Kommu- nikationssektor getroffen werden, sondern sind auf Basis von Fallanalysen für jedes einzelne Regulierungsproblem zu klären. Ein grober Leitfaden für die systematische Suche nach einem speziell zu- geschnittenen Regulierungsarrangement ist in Übersicht 6 zusammengefasst dargestellt. Er baut auf theoretischen Überlegungen und Erfahrungen mit ver- schiedenen Regulierungsformen auf, und ist nach konsekutiven Fragestellungen strukturiert, die zu diskutieren sind, um ein Regulierungsarrangement zu wählen. Politische Akteure können den Leitfaden als Orientierungshilfe sowohl für Ex-ante-Assessments von anstehenden Regulierungsproblemen verwenden, als auch für Ex-post-Evaluierungen von bereits bestehenden Policy-Lösungen. Der Leitfaden konzentriert sich auf die institutionelle Dimension von Regulierungs- mechanismen, also auf die Fragen wer reguliert (Akteure) und wie (Prozesse) 126 Welche Regulierungsziele werden verfolgt? Sind Marktinterventionen notwendig, um diese Ziele zu erreichen? – Kulturelle, soziale und ökonomische Ziele – Regulierungstheorien Wie hoch ist der Gestaltungsspielraum des Staates bei der Wahl des Regulierungsmodus? Zwei Dimensionen sind dabei zu diskutieren: – Innerhalb der verschiedenen Ebenen des Multi-level-Governance-Regimes (international, supranational, national, regional, lokal) – Innerhalb des regulatorischen Prozesses (Normsetzung, Ex-ante-/Ex-post-Normvollzug, Sanktionierung) Wie groß ist der Bedarf an staatlichen Interventionen? Sind alternative Regulierungsformen angemessen? Zu diskutierende Kriterien: – Risiken des Regulierungsversagens – Notwendige Eingriffsintensität – Konflikte zwischen öffentlichen und privaten Interessen – Marktmachtunterschiede zwischen den beteiligten Unternehmen – Reputationssensitivität der Industrie bzgl. Regulierungen – Anerkannte Organisationen, die die Regulierungsaufgabe übernehmen könnten Wie sind alternative Regulierungsmodi institutionalisierbar? Zu diskutierende Erfolgsfaktoren: – Operationale Zielsetzungen und klar definierte Verantwortlichkeiten – Transparente Regulierungsprozesse und messbare Ergebnisse – Definierte Fall-back-Szenarien im Fall des Versagens – Adäquate Sanktionierungsmöglichkeiten – Periodische Reviews und externe Kontrolle durch Öffentlichkeit und Staat – Partizipationsmöglichkeiten für interessierte Stakeholder Übersicht 6: Leitfaden für die systematische Diskussion von Regulatory Choice als Institu- tional Choice Quelle: Latzer 2007 Regulierungen durchgeführt werden. Er konzentriert sich hingegen nicht auf die substanzielle Dimension der Regulierung, die danach fragt, was reguliert wird (z. B. Zugang, Preise etc.).96 Im ersten Schritt ist zu entscheiden, ob Marktinterventionen als notwendig erachtet werden. Eine Liste von Regulierungszielen der Kommunikations- politik, die sowohl kulturelle als auch ökonomische Ziele inkludiert, erlaubt eine systematische Diskussion des Bedarfs an Marktinterventionen.97 Regulie- rungstheorien, im Speziellen normative Theorien der Regulierung, erweisen sich hierfür als hilfreich. Nach der Identifikation der leitenden Zielsetzungen und der Entscheidung über die Notwendigkeit von Marktinterventionen muss geklärt werden, ob es einen Handlungsspielraum für Eingriffe gibt, und ob die Politik überhaupt zwischen verschiedenen Regulierungsformen wählen kann. Dieser politische Handlungsspielraum könnte auf nationaler Ebene hoch sein, aber auf inter- nationaler Ebene gering. Des Weiteren könnte er bei der Normsetzung hoch sein, aber gering bei der Sanktionierung. Folglich sollte die Frage nach den politischen Optionen bezüglich des Regulierungsmodus systematisch entlang der zwei Dimensionen diskutiert werden: (1) für die verschiedenen Ebenen der Multilevel-Governance und (2) für den Regulierungsprozess, also für die Norm- setzung, den Ex-ante-/Ex-post-Vollzug und für die Sanktionierung. Falls die Möglichkeiten für staatliche Interventionen gering sind, dann gibt es keine andere Wahl (Notlösung), als die Lösung von Regulierungsproblemen hauptsächlich privaten Akteuren (Industrie, Nutzer) zu überlassen und damit auf Selbstregulierung und Selbstbeschränkung zu vertrauen. Doch auch in diesem Fall verbleiben für politische Akteure einige Optionen, die Entwick- lungen mitzugestalten. Zum Beispiel könnten sie alternative Regulierungen initiieren und fördern. Zusätzlich könnten sie sich an der Selbstregulierung beteiligen, entweder mit finanziellen oder personellen Beiträgen. Anderenfalls, wenn der (staatliche) Handlungsspielraum groß ist, und die Regulierungs- optionen vielfältig sind, könnte ein Rational-Choice-Prozess (Ideallösung) bezüglich des Ausmaßes von alternativer Regulierung stattfinden. Dieser nutzt das Wissen über potenzielle Vorteile gegenüber staatlichen Maßnahmen und vermeidet mögliche Nachteile und Risiken einer alternativen Regulierung wie (vgl. Latzer et al. 2002: S. 52)98 127 96 Zu den folgenden Ausführungen vgl. Latzer 2007. Für eine Regulatory Choice Analyse, die auf die substan- zielle Dimension der Regulierung fokussiert, siehe Schuppert 2006: S. 395 ff. 97 Für einen strukturierten Überblick über Regulierungsziele im konvergenten Kommunikationssektor siehe Latzer et al. 2002: S. 105. 98 Zur Diskussion der Risiken von Selbstregulierung siehe u. a. Cane 1987; Boddewyn 1988; Wiedemann 1994; Ogus 1995; Michael 1995; MCA 1997; Office of Regulation Review 1998; Campbell 1999; King/Lenox 2000; Task Force on Industry Self-Regulation 2000; NCC 2000; ECLG 2001; Just /Latzer 2004. – die Gefahr der einseitigen Interessendurchsetzung auf Kosten des öffent- lichen Interesses (z. B. durch Self-service und Regulatory Capture), – symbolische Politik mit niedrigen Standards, schwacher Durchsetzung und niedriger Beteiligung, – die Einschränkung des Wettbewerbs durch Absprachen und Kartellbildung, – sinkende Transparenz, – der Verlust an Expertise auf staatlicher Seite, – die Senkung demokratischer Standards wie Rechtssicherheit, Verantwort- lichkeit etc. Die Angemessenheit alternativer Regulierung kann aus einer Public-Policy- Perspektive entlang einer Liste von Kriterien diskutiert werden, die aus theoreti- scher und empirischer Forschung abgeleitet sind. Selbstregulierung ist umso besser geeignet bzw. ist die Notwendigkeit von staatlicher Involvierung umso geringer (vgl. Latzer et al. 2002: S. 152 f.) – je niedriger die Risiken eines Regulierungsversagens bzw. der Bedarf an einheitlichen und verbindlichen Mindeststandards ist, – je niedriger die Eingriffsintensität einer Regulierung ist, – je niedriger die Interessensgegensätze zwischen den öffentlichen und den partikularen Interessen in einer Regulierungsfrage sind, – je niedriger die Marktmachtunterschiede und die Marktzutrittsbarrieren sind, – je höher die Reputationssensitivität der Regulierung für die davon betroffene Industrie ist, – falls es bereits anerkannte Organisationen gibt, die Regulierungsmaßnah- men in Selbst- und Ko-Regulierung übernehmen könnten. Einige Beispiele sollen die Anwendung der aufgelisteten Kriterien illustrieren:99 Die Risiken des Regulierungsversagens sind beispielsweise hoch, wenn es um die Gefährdung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen geht, oder falls Fehlentwicklungen zu schädlichen, abträglichen Auswirkungen auf die Funktionsweise der Infrastruktur führen, oder falls hohe ökonomische Kosten entstehen, wie im Beispiel von Spam-Mails. Die Intensität der regulatorischen Interventionen kann als hoch eingestuft werden, falls sich daraus existenzielle Effekte für Marktteilnehmer ergeben können, wie z. B. im Fall von Markt- zugangsbeschränkungen für Anbieter von digitalen Medieninhalten. Hohe Marktmachtunterschiede und Marktzutrittsbarrieren bergen die Gefahr von Wettbewerbsbeschränkungen und Kartellbildungen. Sie sind deshalb im stark konzentrierten Markt der Suchmaschinenbetreiber zu berücksichtigen und im Fall von technischen Standardisierungsprozessen, zum Beispiel bei der Ent- wicklung von Bewertungs- und Filtersystemen. Die Reputationssensitivität auf 128 99 Für eine systematische Anwendung der Kontrollliste für ausgewählte Regulierungsthemen (Interconnection, Markttransparenz, Spam, Rating-Systeme) siehe Latzer et al. 2002: S. 152 ff.; Just /Latzer/Saurwein 2007; Latzer etal. 2007. Regulierungen kann evaluiert werden, indem man die Auswirkungen der Nicht- befolgung dieser Regulierung betrachtet. Falls die Nichtbeachtung einer Regel (z. B. im Bereich Konsumentenschutz) zu einem Reputationsverlust führt und folglich zu sinkenden Verkaufszahlen, dann kann die Reputationssensitivität als hoch eingestuft werden. Selbstregulierung im Bereich der Direkt-Marketing- Industrie wird meist mit dem Ziel eingeführt, die Reputation des Industrie- zweiges zu fördern. Bezüglich der Anwendung dieser Kontrollliste ist zu bedenken, dass es nicht immer möglich sein wird, alle Kriterien anzuwenden. Außerdem kann das Assessment auch manchmal zu widersprüchlichen Ergebnissen bezüglich der Anwendung von Selbstregulierung führen. Im Beispiel von Spam ist etwa das Risiko des Regulierungsversagens hoch und gleichzeitig ist der Markt durch eine hohe Reputationssensitivität gekennzeichnet. Während das erste Kriterium die Notwendigkeit für starke staatliche Regulierung anzeigt, verweist das zweite Kriterium auf die Anwendbarkeit von Selbstregulierung. Folglich ist ein balancierter Mix aus staatlicher und alternativer Regulierung das Ergeb- nis einer Evaluierung, die auch das Zusammenspiel zwischen den Kriterien und die Intensität jedes Kriteriums berücksichtigt. Nach der Entscheidung über die Anwendung von alternativen Regulierungs- formen, braucht man weitere Entscheidungen bezüglich der institutionellen Spezifika und deren Anwendung. Aus einer Public-Policy-Perspektive sind hierbei mehrere Erfolgsfaktoren zu berücksichtigen (vgl. Campbell 1999), z. B. definierte Fallback-Szenarien für den Fall, dass die Selbstregulierung versagt, transparente Regulierungsprozesse, periodische Reviews, die Möglichkeit, dass sich sämtliche Stakeholder einbringen können, und das Vorhandensein adäqua- ter Sanktionsmöglichkeiten. Abschließend ist festzuhalten, dass der hier ausgeführte Leitfaden für Regu- latory Choice darauf abzielt, politischen Entscheidungsträgern, Regulatoren und sonstigen Stakeholdern entweder in ihrem Ex-ante-Assessment von an- stehenden Regulierungsproblemen oder in ihrem Ex-post-Assessment bestehen- der Regulierungsarrangements zu unterstützen. Es versteht sich von selbst, dass jede spezifische Wahl des Regulierungsmodus letztendlich eine politi- sche Entscheidung ist, dass es keine „One-size-fits-all“-Lösungen gibt, und dass die Leitlinie keine technokratische Formel darstellt, die mechanistisch anwendbar ist. Weiterführende empirische und vergleichende Forschung wird es erlauben, den Leitfaden zu verfeinern, und sie wird dazu beitragen, die Verbindung zwischen Governanceforschung und der Politik zu stärken. Neben der akademischen Diskussion zur Wahl der Governance-Formen wird auch eine damit verbundene politische Diskussion vor allem von nationa- len öffentlichen Verwaltungen und internationalen Organisationen geführt.100 129 100 Zu den folgenden Ausführungen vgl. Just /Latzer/Saurwein 2007: S. 107 f. Die zentrale Zielsetzung und treibende Kraft der Governance-Reformen hat sich von weniger Government hin zu mehr Effizienz verlagert. Auf Basis politischer Diskussionsergebnisse, die teils wissenschaftlich unterstützt sind, werden auf der nationalen, supra- und internationalen Governance-Ebene Akti- vitäten gesetzt, welche die Wahl von Governance-Formen und damit auch die Arbeitsteilung zwischen staatlichen und privaten Akteuren im Regulierungs- prozess mitberücksichtigen und mitbestimmen. So strukturiert die Europäische Kommission (2005) die Vorbereitung von Policy-Vorschägen mittels Impact Assessment Guidelines. Ein Ziel ist hierbei die Koordination innerhalb der Kommission unter Einbeziehung der Stake- holder. Die OECD (1993) analysiert Gemeinsamkeiten von fünfzehn nationalen regulatorischen Checklisten, wobei auch die Frage nach dem Einsatz alterna- tiver Regulierungsformen ein Ziel dieser Checklisten ist. Der in Deutschland entwickelte Leitfaden zur Gesetzesfolgenabschätzung (Bundesministerium des Innern 2000) zielt auf Qualitätsverbesserung und Verringerung der Regelungs- dichte ab, wobei die Auswahl der optimalen Regulierungsalternativen einen Teil davon darstellt. Die Erstellung von Regulatory Impact Statements (Ministry of Commerce 1999) ist in Neuseeland für alle dem Kabinett vorgelegten Policy- Vorschläge verpflichtend. Hierbei muss u. a. Selbstregulierung explizit als un- praktikabel abgelehnt werden, bevor staatliche Regulierung eingesetzt wird. Vorrangige Ziele sind die Steigerung produktiver und allokativer Effizienz in der Regulierung sowie die Internalisierung externer Effekte. Auch die britische Better-Regulation-Initiative (www.cabinetoffice.gov.uk/regulation) dient dem Effizienzgewinn. Zu diesem Zweck wurde ein Better-Regulation-Officer ein- gesetzt und ein Webportal geschaffen. Im Zuge dieser Initiative werden u. a. die jeweiligen Regulierungsziele beurteilt. Des Weiteren wird evaluiert, ob eine Intervention überhaupt notwendig ist, wobei mindestens drei Optionen von Interventionen miteinander verglichen werden müssen. 4 Resümee Steigende regulatorische Erwartungen an die Industrie Parallel zur Zunahme digitaler Medieninhalte haben sich in der EU auch die akademischen und politischen Debatten über den Regulierungsbedarf und über die Potenziale von alternativen Regulierungsformen (Selbstregulierung, Ko- Regulierung) intensiviert. Speziell bei internetbasierten Diensten wird ihnen ein steigender Problemlösungsbeitrag sowohl seitens der Industrie als auch seitens der Politik zugeschrieben. Auf EU-Ebene sollen beispielsweise im Rahmen der Reform des europäischen Regulierungsrahmens für den konver- genten Kommunikationssektor private Akteure verstärkt in die Umsetzung ver- schiedenster öffentlicher Steuerungsziele eingebunden werden. 130 Die steigenden Erwartungen an alternative Regulierungsformen sind im Kontext der generell angestrebten Effizienzsteigerung der Politik zu verstehen. Die Wahl der adäquaten Governance-Formen und die systematische Berück- sichtigung der Potenziale privater Akteure zur Lösung regulatorischer Probleme sind wesentliche Bausteine im Rahmen allgemeiner Reformstrategien auf natio- naler und supranationaler Ebene (Good Governance; Bessere Rechtsetzung). Sie finden immer öfter in konkreten Reformprojekten ihren Niederschlag – kürzlich etwa in der Änderung der EU-Fernsehrichtlinie. Steigende Übernahme von regulatorischer Verantwortung durch die Industrie Internationale, nationale und sektorale Studien belegen übereinstimmend die Zunahme alternativer Regulierungsformen. Sie zeigen, dass damit vor allem nutzerspezifische Ziele verfolgt werden und verweisen auf Unterschiede inner- halb des konvergenten Kommunikationssektors. Selbstregulierung findet tradi- tionell im Pressewesen (Pressekodizes, Presseräte), in der Werbung (Werbe- kodizes, Werberäte) und seit den 1990er-Jahren im Internetbereich starke Anwendung (ISP-Verhaltenskodizes, Internethotlines). Ihre Bedeutung in tra- ditionell stark staatlich kontrollierten Sub-Sektoren (Kinofilm, Rundfunk, Telekommunikation) ist geringer. Hier existieren bislang lediglich Selbst- regulierungsinseln (vgl. PCMLP 2004a: S. 29) innerhalb staatlich dominierter Regulierungsarrangements. Die Konvergenz der Subsektoren des Kommunikationssektors führt zu einer Vervielfachung von digitalen Verbreitungswegen und Inhalten. Entsprechend vielfältig sind regulatorische Reaktionen und die daraus resultierenden institu- tionellen Strukturen zur Regulierung digitaler Medieninhalte (Abschnitt 3.3). Einerseits erweitern bestehende Selbstregulierungs-Organisationen ihre Agenda auf digitale Inhalte: Presseräte behandeln Beschwerden über Online-Ausgaben von Printprodukten, Bewertungssysteme für elektronische Spiele werden auf Offline- und Online-Spiele angewendet, etablierte Verbände der Direktvermark- ter ergänzen bestehende Verhaltensregeln um neue Vorgaben für den Bereich E-Mail-Marketing. Andererseits kommt es zu zahlreichen Neugründungen von Regulierungs- institutionen, v. a. seit den späten 1990er-Jahren im Internetbereich: Bewer- tungs- und Filterungssysteme für Internetinhalte, Verhaltenskodizes der Internet Service Provider, Meldestellen für illegale Internetinhalte und Verhaltensregeln für Internetinformation in sensiblen Dienstleistungsbereichen (Gesundheits- wesen) sind Beispiele dafür. In Reaktion auf neue regulatorische Herausforde- rungen (Suchmaschinen, Mobilkommunikation) kommt es laufend zu weiteren Neugründungen. Insgesamt entsteht eine Vielfalt an Selbstregulierungsorganisa- tionen, -normen sowie -instrumenten zu ihrer Durchsetzung, mit denen die bestehenden staatlichen Regulierungsstrukturen ergänzt werden. 131 Kollektive Selbstregulierung und individuelle Selbstorganisation Die institutionelle Vielfalt an alternativen Regulierungsformen hat zu einer Fülle unterschiedlicher und teils widersprüchlicher Klassifikationen geführt (siehe Abschnitt 1.2). Für diesen Beitrag wurden enge Begriffsdefinitionen für Selbst- und Ko-Regulierung gewählt, die bereits auf einem eng gefassten Regulierungsbegriff basieren: Regulierung muss intendiert und explizit sein. Sie muss durch Verhaltensbeschränkung erfolgen und im öffentlichen Interesse wirken. Damit sind sowohl kollektive als auch individuelle Formen von Ver- haltensbeschränkungen im öffentlichen Interesse umfasst, wenngleich indivi- duelle Selbstregulierung, die auch als Selbstorganisation bezeichnet wird, stärker auf Unternehmensinteressen abzielt (z. B. Stärkung von Reputation und Vertrauen in ihre Produkte). Damit können gleichzeitig auch öffentliche Steue- rungsziele im Kommunikationssektor unterstützt werden. Dies erscheint umso wichtiger, als Studien auf ein statisches bzw. sinkendes Vertrauen in Internet- inhalte (vgl. PCMLP 2004b) verweisen. Selbstregulierung als Fehlbezeichnung: Vielfältige staatliche Beiträge Der Begriff Selbstregulierung erweist sich streng genommen meist als Fehl- bezeichnung, da in fast allen Beispielen Formen der Zusammenarbeit mit staat- lichen Stelle entweder in der Gründungsphase, im Rahmen von Reformen oder im laufenden Betrieb erkennbar sind (Abschnitt 2.2). Der Fokus auf unter- schiedliche Formen staatlicher Involvierung in der Selbstregulierung führt zu einer Reihe von Klassifikationen, u. a. zur meistdiskutierten Unterscheidung von Selbst- und Ko-Regulierung. Grundsätzlich sind Klassifikationen nicht richtig oder falsch, sie sind jedoch wichtig für die Analyse (empirische Erfas- sung) und auch für die politische Praxis. Mit der Verwendung von weiten Abgrenzungskriterien zur Definition von Ko-Regulierung – wie „Zusammenarbeit“ oder „rechtliche Verbindung“ – er- höht sich die Anzahl von Ko-Regulierungen zu Lasten der ansonsten als Selbst- regulierung eingestuften Fälle. Für die Politik ist die Zuteilung in Selbst- oder Ko-Regulierung von Relevanz, wenn das Überlassen von öffentlichen Regulie- rungsaufgaben in Selbstregulierung als die Aufgabe des staatlichen Steuerungs- anspruches verstanden wird. Für die involvierten Unternehmen ist die Unter- scheidung wichtig, weil sie unterschiedliche staatliche Kontrollintensitäten impliziert (Rechtssicherheit). Für die Forschung sind die Abgrenzungen von Bedeutung, weil damit analytische Interpretationsmöglichkeiten bei empiri- schen Untersuchungen geschaffen werden. Eng eingegrenzte Begriffsdefinitionen für Ko-Regulierung (z. B. „gesetz- liche Grundlage“) verbreitern den Raum, der für Selbstregulierung bleibt. Sie erlauben weitere Differenzierungen für die Vielzahl anderer Kooperations- formen zwischen privaten und staatlichen Akteuren im Rahmen von Selbst- 132 regulierungsarrangements. Im Fall der Regulierung digitaler Inhalte lassen sich etliche Formen institutionalisierter staatlicher Involvierung aufzeigen (finan- ziell, personell, kooperativ), weshalb von einer Selbstregulierung im weiten Sinn gesprochen werden kann (Abschnitt 2.2). Selbst pure Formen der Selbst- regulierung (Selbstregulierung im engen Sinn) kommen selten ohne punktuelle staatliche Involvierung aus, sei es durch staatlichen Druck im Hintergrund oder durch gezielte staatliche Anerkennungen für erfolgreiche Selbstregulie- rung. In den wenigsten Fällen ist es alleine der Druck von Industrieverbänden auf einzelne Firmen, der zu kollektiven Verhaltensbeschränkungen führt. Zunahme des staatlichen Beitrags Die Analysen von Selbstregulierungsarrangements für digitale Medieninhalte lassen einige Muster ihrer Genese und Veränderung im Zeitablauf erkennen. Bei neu auftauchenden Regulierungs-Problemen überwiegen in der frühen Phase Selbstregulierungen, die aufgrund flexibler Anwendbarkeit rascher reali- siert werden können als staatliche Regulierung. Die zahlreichen Neugründun- gen von Selbstregulierungsinstitutionen im Bereich des Internet seit Mitte der 1990er-Jahre sind dafür beispielhaft. Zuletzt zeigte sich dieses Etablierungs- muster am Beschluss des Verhaltenskodex der Suchmaschinenanbieter in Deutschland. Mit der steigender Etablierung eines Politikfeldes nimmt der staatliche Beitrag im Regulierungsarrangement zu. Mitunter kommt es aus unterschiedlichen Gründen zur bottom-up Transformation von Selbstregulie- rung in Ko-Regulierung: Falls Selbstregulierung sich nicht bewährt, steigt der Handlungsdruck, Selbstregulierungsorganisationen unter stärkere staatliche Kontrolle zu stellen. Eine Transformation von Selbst- zu Ko-Regulierung kann aber auch erfolgen, wenn sich Selbstregulierung als erfolgreich erwiesen hat (wie z. B. Internet Watch Foundation, UK). Es kommt zur offiziellen Anerken- nung durch staatliche Stellen, zur Würdigung des generierten regulatorischen Mehrwerts und zur formalen Delegation von Aufgaben im Regulierungs- prozess. Forschungsergebnisse über Internet-Selbstregulierung (vgl. PCMLP 2004b) weisen jene Selbstregulierungs-Aktivitäten als am erfolgreichsten aus, die einen rechtlichen Hintergrund haben (z. B. bezüglich Beschwerden über illegale Inhalte) und unterstützen damit den Trend in Richtung stärkerer staat- licher Involvierung. In traditionell stark staatlich kontrollierten Bereichen (z. B. Kinofilm, Rund- funk, Telekommunikation), in denen sich lediglich vereinzelte Selbstregulie- rungsinitiativen finden, sind auch die Voraussetzungen für Selbstregulierung anders als im Internetbereich. Der Gestaltungsspielraum für Selbstregulierung ist deutlich geringer, kann aber im Zuge des technologischen Forschritts sowie mit neu auftretenden Problemstellungen wachsen und zur top-down Delegation von Regulierungsverantwortung an die Industrie führen (z. B. private Inhalts- bewertungssysteme statt staatlicher Filmzensur). Diese Delegation von Ver- 133 antwortung erfolgt jedoch eher in Form staatlich kontrollierter Ko-Regulie- rung auf Basis rechtlicher Grundlagen (z. B. NICAM, NL) als durch alleiniges Vertrauen auf Selbstregulierung (vgl. HBI/EMR 2006: S. 133; PCMLP 2004a: S. 29). Steigendes Vertrauen in die Nutzer Bei der Bewältigung von Regulierungsproblemen, die durch digitale Medien- inhalte verursacht werden, nehmen nicht nur Formen der Selbstregulierung durch die Industrie sondern auch Varianten der Selbsthilfe durch die indivi- duellen Nutzer zu. Diese schützen sich und ihre Kinder durch technikgestützte Selbstbeschränkungen vor unerwünschten Inhalten (z. B. Pornografie, Gewalt, Spam). Anders als bei (Selbst-)Regulierung werden die unerwünschten Inhalte nicht reduziert oder gekennzeichnet, sondern es wird deren Sichtbarkeit ein- geschränkt. Weitere Selbsthilfe-Maßnahmen sind kollaborative Einstufungen/ Bewertungen von (nutzergenerierten) Inhalten durch die Nutzer. Formen von Selbsthilfe können in verschiedenen Kombinationen mit Selbst-, Ko- und staatlicher Regulierung angewendet werden (z. B. bei Filter- und Bewertungssystemen), weswegen bei Regulierungsentscheidungen nicht nur das Wechselspiel zwischen Staat und Industrie zu beachten ist, sondern auch die Verteilung von Verantwortung zwischen staatlichen Akteuren, der Industrie und den einzelnen Nutzern. Das Vertrauen in die Selbsthilfe durch die Nutzer könnte in Zukunft weiter anwachsen, da die Zunahme benutzer- generierter Inhalte, die Aufhebung der Produzenten-Konsumenten-Dichotomie und der vereinfachte Transfer von Inhalten zwischen verschiedenen Plattformen nach dezentralen Lösungssystemen auf der Nutzerebene verlangen. Öffentlicher Kontrollbedarf aufgrund von Risiken und Anwendungsproblemen Das Vertrauen in Selbstregulierung durch die Industrie ist aufgrund potenzieller Risiken und praktischer Anwendungsdefizite beschränkt. Die Gefahr der ein- seitigen Interessendurchsetzung auf Kosten des öffentlichen Interesses (Self- service, Regulatory Capture) ist eines der Risiken aus der Public-Policy-Perspek- tive. Symbolische Politik mit niedrigen Standards, schwacher Durchsetzung und niedriger Beteiligung wären andere. Verhaltenskodizes, die sich lediglich zur Einhaltung gesetzlich geforderter Mindeststandards bekennen, aber nicht darüber hinausgehen, bringen keinen regulatorischen Mehrwert, wenn sie nicht auch zumindest zusätzliche Durchsetzungsinstitutionen vorsehen. Die meisten Selbstregulierungen, die auf klassische Instrumente wie Ver- haltenskodizes und Gütesiegel zurückgreifen, sind in ihrer Wirkung auf die verbandlich organisierte Industriegruppe beschränkt (z. B. Presse, Werbung, ISPs, Direktvermarkter). Wesentliche Probleme werden jedoch häufig von Akteuren verursacht, die bewusst außerhalb der etablierten Industrien operieren 134 und sich keinen freiwilligen Vereinbarungen unterwerfen (z. B. Spammer).101 Die Möglichkeiten, gegen „Schwarze Schafe“ und „Free-rider“ mit klassischen Instrumenten der alternativen Regulierung vorzugehen, sind daher beschränkt.m Wirksamere Maßnahmen könnten durch technische Normen (v. a. Filter- systeme) gesetzt werden, die umfangreichen Schutz bieten. Entsprechende Standards für verschiedene Medieninhalte (Internet, Rundfunk, Spam etc.) sind Gegenstand der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten von einzelnen Unternehmen (Markt), Industriekonsortien (Selbstregulierung) und anerkannten Normungsinstitutionen (Ko-Regulierung). Die meisten sind aber bislang nicht erfolgreich am Markt eingeführt oder kämpfen mit Problemen in der laufenden Anwendung.102 Die Einführung von wirksamen technischen Lösungen gegen Spam scheiterte bislang z. B. an der Unvereinbarkeit verschiedener technischer Konzepte und an Streitigkeiten über Patentrechte. Daran lässt sich die Bedeutung der Standards für die Entwicklung der am Standardisierungsprozess beteiligten Unternehmen ablesen. Damit verbunden sind Gefahren von einseitiger Interessendurchset- zung, Wettbewerbsbeschränkung und potenziell problematischen Monopolstel- lungen, die im Mediensektor traditionell besonders kritisch beurteilt werden (Kommunikationsfreiheit, Meinungsvielfalt). Die Entwicklung der technischen Architektur für Bewertungs- und Filtersysteme ist daher auch unter dem Aspekt der Monopolisierungsgefahr zu diskutieren (vgl. Holznagel/ Werle 2004: S. 34). Bei den zahlreichen Neugründungen von Selbstregulierungsorganisationen handelt es sich meist um Single-Issue-Initiativen, wodurch sich mitunter das Problem der Sichtbarkeit dieser Initiativen für die Nutzer ergibt. Gerade jene Regulierungsorganisationen, die an der Schnittstelle zu den Nutzern agieren (Hotlines, Beschwerde-/Ombudsstellen, alternative Streitbeilegung) und auf einen hohen Bekanntheitsgrad angewiesen sind, buhlen oft gegeneinander um die knappe Ressource Aufmerksamkeit. 135 101 Die Anti-Spam-Initiative Spamhouse schätzt, dass 80 % aller Spam-Mails in den USA und in Europa von ungefähr 200 professionell agierenden „Spam-Gangs“ stammen, die für ihre Aktivitäten eine kleine Anzahl von spam-freundlichen oder unzureichend geschützten Internet-Service-Providern und Netzwerken (Zombie- PCs) nutzen (http://www.spamhaus.org/statistics/networks.lasso). Zur Diskussion von Potenzialen und Gren- zen alternativer Regulierungsformen in der Spam-Bekämpfung siehe Just /Latzer/Saurwein 2007: S. 114 f. Vielfach wird festgehalten, dass gerade jene Unternehmen, die außerhalb der Selbst- und Ko-Regulierungs- arrangements operieren, die größten Probleme für Konsumenten verursachen (vgl. NCC 2000: S. 22). 102 In Deutschland erfüllt bisher noch kein Jugendschutzprogramm, das der KJM zur Prüfung vorgelegt wurde, die Anforderungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages nach einer wirksamen altersdifferenzierten Filte- rung (KJM o. J.: S. 11). Mit diesen Problemen schließen sie an frühere Erfahrungen mit analogen Systemen an, bei denen es zu keinen gut funktionierenden Lösungen mit breiter Anwendung kam (V-Chip). Die in Filterlösungen gesetzten Hoffnungen haben sich auch im digitalen TV bisher nicht umfassend erfüllt. Zwischen Not- und Ideallösung Die Motive für den Einsatz von Selbstregulierung sind unterschiedlich (Ab- schnitt 3). Zum einen resultiert gerade bei Problemen mit Internetinhalten das Vertrauen in Selbstregulierung aus der Notsituation, dass traditionelle, staatlich- hierarchische Regulierung nicht durchsetzbar ist (Notlösung). Das ansonsten häufig angewendete Mittel der Androhung staatlicher Regulierungen funktio- niert in diesem Fall schlecht (niedrige Stick-Capacity). Dies zum einen auf Grund verfassungsrechtlicher Beschränkungen für staatliche Eingriffe zum Schutz von Rede- und Meinungsfreiheit und zum anderen wegen der begrenz- ten Wirksamkeit einzelstaatlicher Interventionen in globalen Netzen. Zu den Erfolgsfaktoren für alternative Regulierungsarrangements wird daher die Inter- nationalisierung gezählt, jedenfalls wird der Mangel an internationalen Lösun- gen als Defizit ausgewiesen (vgl. Ofcom 2006). Nicht zufällig werden gerade internationale Selbstregulierungsinitiativen von staatlicher Seite angeregt, initi- iert, finanziell gefördert oder „inspiriert“, wie etwa die internationale Vereini- gung der Internet Hotlines (INHOPE). Zum anderen werden Selbstregulierungen – und stärker noch Formen der Ko-Regulierung – zunehmend als Ideallösung angestrebt, um deren spezifi- sche Vorteile zu nutzen. Dies passiert auf nationaler und internationaler Ebene sektorenübergreifend (Konsumentenschutz; Umweltschutz), aber auch sektor- spezifisch bei Regulierungsproblemen im Zusammenhang mit digitalen Medien- inhalten (Jugendschutz, Werbung). Die vielfältigen Kombinationen von Beiträ- gen durch die Industrie, den Staat und auch durch die Nutzer werden als wesentlicher Erfolgsfaktor für Regulierungsarrangements gewertet, während Einzelmaßnahmen – so zeigen etwa Analysen des Nutzerschutzes bei digitalen Inhalten – sich oft als weniger erfolgreich erweisen (vgl Ofcom 2006). Regulatory Choice: Leitfaden für Ex-ante- und Ex-post-Evaluierungen Evaluierungsanalysen setzen sich damit auseinander, ob die als Not- und Ideal- lösung entstandenen Regulierungsarrangements auch in der Praxis das halten können, was sie aus theoretischer Perspektive versprechen. Dazu werden z. B. Evaluierungsindikatoren entwickelt, die auf Vor- und Nachteilen sowie auf Erfolgsfaktoren alternativer Regulierungsformen basieren (vgl. Ofcom 2004). Sowohl institutionelle als auch substanzielle Indikatoren finden Berücksichti- gung, mit denen der Nutzen und die Defizite der bestehenden Regulierungs- institutionen ex post beurteilt werden. Untersuchungen verweisen u. a. auf Defizite im Bereich von Verfahrenszielen, wie etwa auf mangelnde Transparenz bei Ko-Regulierungsarrangements (HBI/EMR 2006: S. 128) und auf die be- schränkte Offenheit bezüglich der umfassenden Beteilung von Stakeholdern sowohl bei Selbstregulierung (Latzer et al. 2002: S. 138 f.) als auch bei Ko- Regulierung (HBI/EMR 2006: S. 130). 136 Analysen können zeigen, ob das Vertrauen in die bereits existierenden Re- gulierungsinstitutionen tatsächlich gerechtfertigt ist und wo Reformbedarf be- steht. Die entwickelten Indikatoren sind aber nur in beschränktem Maße dafür geeignet, die Potenziale von alternativen Regulierungsformen für die Bewälti- gung neuer regulatorischer Herausforderungen abzuschätzen. Die Ex-ante- Evaluierung der Möglichkeiten und Grenzen von Selbstregulierung verlangt nach alternativen Erklärungsansätzen und Analyseparametern. Aus theoreti- schen Überlegungen und praktischen Regulierungserfahrungen lässt sich ein Leitfaden für die systematische Diskussion der Wahl des Regulierungsarrange- ments ableiten (Abschnitt 3). In diesen Diskussions-Leitfaden fließen sowohl die potenziellen Vor- und Nachteile ein als auch Erfolgsfaktoren für die An- wendung von Selbstregulierungsformen. Der notwendige Grad der staatlichen Involvierung hängt u. a. von den Risiken eines Regulierungsversagens, dem Bedarf an einheitlichen und verbindlichen Mindeststandards, der Eingriffs- intensität einer Regulierung und den Interessensgegensätzen zwischen den öffentlichen und den partikularen Interessen ab. 5 Literatur Ayres, I. / Braithwaite, J. (1992): Responsive Regulation. Transcending the Deregulation Debate. New York/Oxford: Oxford University Press. Black, J. (1996): Constitutionalising Self-Regulation. In: The Modern Law Review, 59 (1), 1996, S. 24–55. Boddewyn, J. J. (1985): Advertising Self-regulation: Organization Structures in Belgium, Canada, France and the United Kingdom. In: Streeck, W. / Schmitter, P. C. (Hrsg.) (1985): Private Interest Government. Beyond Market and State. London: Sage, S. 30–43. Boddewyn, J. J. (1988): Advertising Self-Regulation and Outside Participation. A Multi- national Comparison. New York: Quorum. Börkey, P. / Glachant, M. / Lévêque, F. (2000): Voluntary Approaches for Environmental Policy in OEDC Countries: An Assessment. Abrufbar unter: www.cerna. ensmp.fr/Documents/PBMGFL-OECDVAs.pdf. Borrmann, J. / Finsinger, J. (1999): Markt und Regulierung. Vahlen: München. Boyle, James (1997): Foucault in Cyberspace: Surveillance, Sovereignty, and Hardwired Censors. In: University of Cincinnati Law Review, 66, S. 177–205. Brown, Andrew (2006): Advertising Regulation and Co-Regulation: The Challenge of Change. In: Economic Affairs, 26 (2), S. 31–36. Bundesministerium des Innern/Innenministerium Baden-Württemberg (Hrsg.) (2000): Moderner Staat – Moderne Verwaltung. Leitfaden zur Gesetzesfolgenabschätzung. Berlin. Campbell, A. J. (1999): Self-Regulation and the Media. In: Federal Communications Law Journal, 51 (3), S. 711–771. Cane, P. (1987): Self Regulation and Judicial Review. In: Civil Justice Quarterly, 6, 1987, S. 324–347. 137 Dam, K. W. (1999): Self-Help in the Digital Jungle. John M. Olin Law & Economics Working Paper. Chicago: The Law School of The University of Chicago. Doyle, C. (1997): Self Regulation and Statutory Regulation. In: Business Strategy Review, 8 (3), S. 35–42. ECLG (2001): Soft Law and the Consumer Interest. ECLG/071/2001. Abrufbar unter: europa.eu.int /comm/consumers/policy/eclg/rep03_en.pdf. Engel, C. (2006): The Role of Law in the Governance of the Internet. In: International Review of Law, Computers & Technology, 20 (1), S. 201–216. Abrufbar unter: www.coll.mpg.de/engel/105.pdf. Europäisches Parlament (2002): Entschließung des Europäischen Parlaments zu dem Evaluierungsbericht der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament über die Anwendung der Empfehlung des Rates vom 24. September 1998 in Bezug auf den Jugendschutz und den Schutz der Menschenwürde (KOM (2001) 106 – C5- 0191/2001-2001/2087(COS)) vom 11. 04. 2002. Europäisches Parlament, Rat (1995): Richtlinie 95/46/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natürlicher Personen bei der Ver- arbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr. Amtsblatt Nr. L 281, 23. 11. 1995, S. 31–50. Europäisches Parlament, Rat (1998): Richtlinie 98/34/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 22. Juni 1998 über ein Informationsverfahren auf dem Gebiet der Normen und technischen Vorschriften, geändert durch Richtlinie 98/48/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Juli 1998 zur Änderung der Richt- linie 98/34/EG über ein Informationsverfahren auf dem Gebiet der Normen und technischen Vorschriften. Amtsblatt Nr. L 204, 21. 07. 1998, S. 37–49, geändert mit Amtsblatt Nr. L 217, 05. 08. 1999, S. 18–26. Europäisches Parlament, Rat (1999): Entscheidung 276/1999/ EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Januar 1999 über die Annahme eines mehr- jährigen Aktionsplans der Gemeinschaft zur Förderung der sicheren Nutzung des Internet durch die Bekämpfung illegaler und schädlicher Inhalte in globalen Netzen. Amtsblatt Nr. L 33, 06. 06. 1999, S. 1–11. Europäisches Parlament, Rat (2000): Richtlinie 2000/31/EG des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 8. Juni 2000 über bestimmte rechtliche Aspekte der Dienste der Informationsgesellschaft, insbesondere des elektronischen Geschäfts- verkehrs, im Binnenmarkt (Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr). Amtsblatt Nr. L 178, 17. 07. 2000, S. 1–16. Europäisches Parlament, Rat (2002): Richtlinie 2002/22/EG des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 7. März 2002 über den Universaldienst und Nutzerrechte bei elektronischen Kommunikationsnetzen und -diensten (Universaldienstrichtlinie). Amtsblatt Nr. L 108, 24. 04. 2002, S. 51–77. Europäisches Parlament, Rat, Kommission (2003): Interinstitutionelle Vereinbarung „Bessere Rechtsetzung“ (2003/C 321/01). Europäisches Parlament, Rat (2007): Richtlinie 2007/65/EG des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 11. Dezember 2007 zur Änderung der Richtlinie 89/552/ EWG des Rates zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit (Richtlinie über audio- visuelle Mediendienste). Amtsblatt Nr. L 332, 18. 12. 2007, S. 27–45. 138 Faber, A. (2001): Gesellschaftliche Selbstregulierungssysteme im Umweltrecht – unter besonderer Berücksichtigung der Selbstverpflichtung. Köln: Deutscher Gemeinde- verlag. Froomkin, M. (2000): Semi-Private International Rulemaking. Lessons learned from the WIPO Domain Name Process. In: Marsden, C. T. (Hrsg.) (2000): Regulating the Global Information Society. London: Routledge, S. 211–232. Gunningham, N. / Rees, J. (1997): Industry Self-Regulation: An Institutional Perspective. In: Law & Policy, 19 (4), S. 363–414. Gunningham, N. / Sinclair, D. (1999): Integrative Regulation. A Principle-Based Approach to Environmental Policy. In: Law and Social Inquiry, 24 (4), S. 853–896. Gupta, A. K. / Lad, L. J. (1983): Industry Self-Regulation: An Economic, Organizational, and Political Analysis. In: Academy of Management Review, 8 (3/4), S. 416–425.m Hans-Bredow-Institut/Europäisches Institut für Medienrecht (2006): Studie über Ko- Regulierungsmaßnahmen im Medienbereich (Endbericht). Studie für die Europäi- sche Kommission, Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien, Abt. A1 Audiovisuelle Politik und Medienpolitik. Abrufbar unter: ec.europa.eu/comm/ avpolicy/docs/ library/studies/coregul-final-report-de.pdf.pdf. Haufler, V. (2001): A Public Role for the Private Sector. Industry Self-Regulation in a Global Economy. Washington, D. C.: Carnegie Endowment for International Peace.m Hemels, J. (2005): Regulierung, Selbstregulierung und Medienkompetenz in den Nieder- landen. Die Entwicklung und die öffentliche Debatte. Hilversum: NICAM. Abruf- bar unter: www.gpi-online.de/upload/PDFs/ESEC_0405/ Internetpublikation/ Multimedia_Europabildung/NL-Hemels-Regulierung_Selbstregulierung_Medien- kompetenz2.pdf. Hoeren, T. (1995): Selbstregulierung im Banken- und Versicherungsrecht. Karlsruhe: VVW. Hoffmann-Riem, W. (2000): Regulierung der dualen Rundfunkordnung. Nomos: Baden- Baden. Hoffmann-Riem, W. (2002): Medienregulierung als objektiv-rechtlicher Grundrechts- auftrag. In: Medien- und Kommunikationswissenschaft, 50 (2), S. 175–194. Holznagel, B. / Werle, R. (2004): Sectors and Strategies of Global Communications Regulation. In: Knowledge, Technology, and Policy, 17 (2), S. 19–37. Huyse, L. / Parmentier, S. (1990): Decoding Codes: The Dialogue between Consumers and Suppliers Through Codes of Conduct in the European Community. In: Journal of Consumer Policy, 13 (3), S. 253–272. Jürgens, U. (2006): Corporate Governance – Anwendungsfelder und Entwicklungen, in: Schuppert, G. F. (Hrsg.) (2006): Governance-Forschung, Baden-Baden: Nomos, S. 47–71. Just, N. / Latzer, M. (2004): Self- and Co-Regulation in the Mediamatics Sector: Euro- pean Community (EC) Strategies and Contributions towards a Transformed State- hood. In: Knowledge, Technology & Policy, 17 (2), S. 38–62. Just, N. / Latzer, M. / Saurwein, F. (2007): Communications Governance: Entscheidungs- hilfe für die Wahl des Regulierungsarrangements am Beispiel Spam. In: Donges, P. (Hrsg.): Von der Medienpolitik zur Media Governance? Köln: Herbert von Halem Verlag, S. 103–126. 139 King, A. A. / Lenox, M. J. (2000): Industry Self-Regulation without Sanctions: The Che- mical Industry’s Responsible Care Program. In: Academy of Management Journal, 43 (4), S. 698–716. KJM (o. J.): Von Schwarzen Listen bis zur Selbstklassifizierung. Altersdifferenzierte Jugendschutzfilter entwickeln. Abrufbar unter: www.kjm-online.de/public/ kjm/downloads/09-11%20Jugendschutzfilter.pdf. KOM (1999): Mitteilung der Kommission KOM (1999) 371. Studie zur elterlichen Kontrolle im Bereich des Fernsehens. KOM (2001): Weißbuch der Kommission KOM (2001) 428. Weißbuch „Europäisches Regieren“. KOM (2002): Mitteilung der Kommission KOM (2002) 278. Aktionsplan „Vereinfa- chung und Verbesserung des Regelungsumfelds“. KOM (2003): Zweiter Evaluierungsbericht der Kommission an den Rat und das Europäi- sche Parlament zur Anwendung der Empfehlung des Rates vom 24. September 1998 in Bezug auf den Jugendschutz und den Schutz der Menschenwürde KOM (2003) 776. KOM (2005): Impact Assessment Guidelines. SEC (2005) 791. KOM (2005): Mitteilung der Kommission KOM (2005) 425. eAccessibility. KOM (2005): Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 89/552/EWG des Rates zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit {SEK(2005) 1625}. KOM (2005) 646. Latzer, M. (2007): Regulatory Choices in Communications Governance. In: Communica- tions – The European Journal of Communication Research, 32 (3), S. 343–349. Latzer, M. (1999): Transformation der Staatlichkeit im Kommunikationssektor: Regulie- rungsansätze für die Mediamatik. In: Imhof, K. / Jarren, O. / Blum, R. (Hrsg.): Steue- rungs- und Regelungsprobleme in der Informationsgesellschaft. Opladen: West- deutscher Verlag, S. 282–296. Latzer, M. / Just, N. / Saurwein, F. / Slominski, P. (2002): Selbst- und Ko-Regulierung im Mediamatiksektor – Alternative Regulierungsformen zwischen Staat und Markt. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Latzer, M. / Just, N. / Saurwein, F. / Slominski, P. (2003): Regulation Remixed – Institu- tional Change through Self- and Co-Regulation in the Mediamatics Sector. In: Com- munications and Strategies, 50 (2), S. 127–157. Latzer, M. / Just, N. / Saurwein, F. / Slominski, P. (2006): Institutional Variety in Com- munications Regulation – Classification scheme and empirical evidence from Austria. In: Telecommunications Policy, 30 (3–4), S. 152–170. Latzer, M. / Price, M. E. / Saurwein, F. / Verhulst, S. G. (2007): Comparative Analysis of International Co- and Self-Regulations in Communications Markets. Research report commissioned by Ofcom – UK Office of Communications. Vienna: ITA. Lessig, L. (1999): Code and other law of cyberspace. New York: Basic Books. Liikanen, E. (2000): Co-Regulation: A Modern Approach to Regulation. Meeting of Association of the European Mechanical, Electrical, Electronic and Metalworking Industries (Orgalime) Council. Brussels, 4 May 2000. Lutterbeck, B. (2001): Internet Governance Regulierungsansätze für eine Weltordnung für globale Kommunikation. Abrufbar unter: http:// ig.cs.tu-berlin.de/bl/057/index.html. 140 Lyon, T. P. / Maxwell, J. W. (2001): Voluntary Approaches to Environmental Regulation: A Survey. Abrufbar unter: www.indiana.edu/~workshop/papers/ lyon031901.pdf.m Machill, M./Hart T./Kaltenhäuser B. (2002): Structural development of Internet self- regulation: Case study of the Internet Content Rating Association (ICRA). In: Info, 4 (5), S. 39–55. MCA – Ministry of Consumer Affairs (1997): Market Self-Regulation and Codes of Practice. Discussion Paper. Abrufbar unter: www.consumer-ministry.govt.nz papers/selfreg1.doc. Michael, D. C. (1995): Federal Agency Use of Audited Self-Regulation as a Regulatory Technique. In: Administrative Law Review, 47 (2), S. 171–253. Ministry of Commerce (Hrsg.) (1999): A Guide to Preparing Regulatory Impact State- ments. Abrufbar unter: www.med.govt.nz / templates/MultipageDocument TOC____607.aspx. Müller, J. / Vogelsang, I. (1979): Staatliche Regulierung. Regulated Industries in den USA und Gemeinwohlbindung in wettbewerblichen Ausnahmebereichen in der Bun- desrepublik Deutschland. Baden-Baden: Nomos. NCC – National Consumer Council (2000): Models of Self-Regulation. An Overview of Models in Business and the Professions. London: NCC. Abrufbar unter: http:// www.ncc.org.uk/pubs/pdf/models_self_ regulation.pdf. Nordenstreng, K. (1999): European landscape of media self-regulation. In: OSCE – Office of the Representative on Freedom of the Media (1999): Freedom and Re- sponsibility: What we have done, why we do it – texts, reports, essays. Freedom and Responsibility Yearbook 1998/1999. Vienna: OSCE, S. 169–185. OECD – Taskforce on Spam (2005): Anti-Spam Regulation. DSTI/CP/ ICCP/SPAM (2005)10/FINAL. Paris: OECD. Abrufbar unter: www.oecd.org/dataoecd/29/ 12/35670414.pdf. Ofcom (2004): Criteria for promoting effective co and self-regulation. Statement on the criteria to be applied by Ofcom for promoting effective co and self-regulation and establishing co-regulatory bodies. Abrufbar unter: www.ofcom.org.uk/consult / condocs/co-reg/promoting_effective_coregulation/co_self_reg.pdf. Ofcom (2006): Online protection A survey of consumer, industry and regulatory mecha- nisms and systems. Abrufbar unter: www.ofcom.org.uk/research/ technology/ onlineprotection/report.pdf. Office of Regulation Review (1998): A Guide to Regulation. Second Edition: December 1998. Abrufbar unter: www.pc.gov.au/orr/ reguide2/reguide2.pdf. Oftel (2001): The Benefits of Self and Co-regulation to Consumers and Industry, July 2001. Abrufbar unter: www.oftel.gov.uk/publications/about_oftel/2001/ self0701.htm. Ogus, A. (1995): Rethinking Self-Regulation. In: Oxford Journal of Legal Studies, 15 (1), S. 97–108. Page, A. C. (1986): Self-Regulation: The Constitutional Dimension. In: The Modern Law Review, 49 (2), S. 141–167. PCMLP – Programme in Comparative Media Law and Policy (2004a): Self-Regulation of Digital Media Converging on the Internet: Industry Codes of Conduct in Sectoral Analysis. Research Report for the European Commission. Oxford: PCMLP. Abruf- bar unter: www.selfregulation.info iapcoda /0405-iapcode-final.pdf. 141 PCMLP – Programme in Comparative Media Law and Policy (2004b): Internet Self- Regulation: An Overview. Abrufbar unter: www.selfregulation.info iapcoda / 030329-selfreg-global-report.htm. PCMLP – Programme in Comparative Media Law and Policy (2004c): Self-regulation and the print media: codes and analysis of codes in use by press councils in countries of the EU. Research report conducted by Danilo A. Leonardi, 30. April 2004. Abruf- bar unter: www.selfregulation.info iapcoda /0405-press-report-dl.html. Picard, R. (1989): Media Economics. Concepts and Issues. Newbury Park, CA: Sage.m Pirrong, S. C. (1995): The Self-Regulation of Commodity Exchanges: The Case of Market Manipulation. In: Journal of Law and Economics, 38 (1), S. 141–206. Price, M. E. (Hrsg.) (1998): The V-Chip-Debate. Content Filtering From Television To the Internet. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum Associates. Price, M. E. / Verhulst, S. G. (2000): In Search of the Self. Charting the Course of Self- Regulation on the Internet in a Global Environment. In: Marsden, C. T. (Hrsg.) (2000): Regulating the Global Information Society. London/New York: Routledge, S. 57–78. Puppis, M. / Künzler, M. / Schade, E. / Donges, P. / Dörr, B. / Ledergerber, A. / Vogel, M. (2004): Selbstregulierung und Selbstorganisation. Unveröffentlichter Schlussbericht zuhanden des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM). Zürich: IPMZ. Abrufbar unter: www.mediapolicy.unizh.ch/forschung/selbstregulierung_report.pdf. Rat der Europäischen Union (1998): Empfehlung 98/560/EG des Rates vom 24. Sep- tember 1998 zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Industrie- zweigs der audiovisuellen Dienste und Informationsdienste durch die Förderung nationaler Rahmenbedingungen für die Verwirklichung eines vergleichbaren Niveaus in Bezug auf den Jugendschutz und den Schutz der Menschenwürde. Amtsblatt Nr. L 270, 07. 10. 1998, S. 48–55. Rees, J. (1988): Reforming the Workplace: A Study of Self-Regulation in Occupational Safety. Philadelphia: University of Pennsylvania Press. Schulz, W. / Held, T. (2002): Regulierte Selbstregulierung als Form modernen Regierens. Endbericht im Auftrag des Bundesbeauftragten für Angelegenheiten der Kultur und der Medien. Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 10. Hamburg: Hans- Bredow-Institut. Schulz, W. (2006): Zum Vorschlag für eine Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste. Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 17. Hamburg: Hans-Bredow-Institut. Abrufbar unter: www.hans-bredow-institut.de/publikationen/apapiere/17EU- Mediendiensterichtlinie.pdf. Schuppert, G. F. (2006): Governance im Spiegel der Wissenschaftsdisziplinen. In: Schup- pert, G. F. (Hrsg.) (2006): Governance-Forschung, Vergewisserung über Stand und Entwicklungslinien. Schriften zur Governance-Forschung, Bd. 1. Nomos: Baden- Baden, S. 371–469. Suhr, O. (1998): Europäische Presse-Selbstkontrolle. Baden-Baden: Nomos. Task Force on Industry Self-regulation (2000): Draft Report, June 2000. Abrufbar unter: www.selfregulation.gov.au/publications/TaskForceOnIndustrySelf-Regulation/ DraftReport / report.pdf. Wiedemann, V. (1994): Die 10 Todsünden der freiwilligen Presse-Selbstkontrolle. In: Rundfunk und Fernsehen, 42, S. 82–94. 142 Schlussfolgerungen aus der AG 3 Michael Latzer/Nico van Eijk Die Analyseergebnisse und Diskussionspunkte lassen sich in drei Befunde und drei daraus abgeleitete Schlussfolgerungen zusammenfassen: Befund 1: Unter dem Begriff „Selbstregulierung“ sind mit der Zunahme digitaler Medien- inhalte zwei Entwicklungen zu beobachten. (1) Das vermehrte Vertrauen in die Industrie – eine Zunahme der Selbstregulierung und (2) das vermehrte Ver- trauen in die Nutzer – eine Zunahme der Selbst-Hilfe durch individuelle Nutzer. Hierbei verändern sich nicht nur die beteiligten Akteure, sondern auch die Wirkungen der „Regulierung“. Schlussfolgerung 1: Als Schlussfolgerung empfiehlt sich eine veränderte Herangehensweise, eine veränderte Governance-Perspektive. Das Governance-System ist nicht nur zwischen Staat und Industrie anzusiedeln, sondern bewegt sich im regulatori- schen Dreieck, das von staatlichen Akteuren, den individuellen Nutzern und der Industrie aufgespannt wird. Das jeweils problemadäquate Regulierungs- arrangement ist in diesem Dreieck zu verorten. Befund 2: Die Bezeichnung Selbstregulierung ist streng genommen meist eine Fehl- bezeichnung. Ohne damit den Wert des Selbst-Beitrags durch die Industrie zu schmälern, ist zu betonen, dass bei genauer Analyse eine „pure“ Selbstregulie- rung kaum existiert, sondern dass es zu den verschiedensten Einflussnahmen durch und Kooperationen mit staatlichen Akteuren in den einzelnen Selbst- Regulierungsarrangements kommt. Schlussfolgerung 2: Die Schlussfolgerung daraus ist, dass auch bei Selbstregulierungen – und nicht nur bei Ko-Regulierungen – das Verhältnis und die Arbeitsteilung zwischen 143 staatlichen und privaten Akteuren mitzuberücksichtigen ist. Es handelt sich bei der Selbstregulierung – und nicht nur bei der Ko-Regulierung – um eine „Sowohl-als-auch“-Situation und damit um keine „Entweder-oder“-Entschei- dung zwischen Beiträgen von Industrie und Regierung. Befund 3: Jedes einzelne Regulierungsproblem verlangt nach einem spezifischen Gover- nancemodell, das in dem oben beschriebenen Dreieck zu verorten ist. „One- size-fits-all“-Modelle gibt es keine. Darüber hinaus verlangen kulturelle Prägungen und unterschiedliche Rechtssysteme der einzelnen Länder nach dementsprechend angepassten Lösungen. Schlussfolgerung 3: Für die Wahl des jeweils problemadäquaten Regulierungsarrangements bedarf es einer institutionalisierten Hilfestellung. Aus den reichhaltigen Analyse- ergebnissen zur (Selbst-)Regulierung lässt sich folgende mehrstufige Leitlinie (Check List) für die systematische Diskussion von Regulatory Choice ableiten: Stufe 1: Welche Regulierungsziele werden verfolgt? Sind Marktinterventionen notwendig, um diese Ziele zu erreichen? Wenn Marktinterventionen notwendig erscheinen: Stufe 2: Wie hoch ist der Gestaltungsspielraum des Staates bei der Wahl des Regulierungsmodus? „Carrot-and-stick“-Kapazität Stufe 3: Wie groß ist der Bedarf an staatlichen Interventionen? Wie angemessen ist Selbstregulierung? (Mehrere Kriterien sind zu diskutieren.)103 Wenn Selbstregulierung gewählt wird: Stufe 4: Wie sind alternative Regulierungsmodi institutionalisierbar? (Mehrere Erfolgsfaktoren sind zu diskutieren.)104 Die Verankerung einer derartigen Checkliste für Regulatory Choice im politi- schen Entscheidungsprozess könnte zu einem Effektivitäts- und Effizienz- gewinn des Governance-Systems beitragen. 144 103 Siehe den Beitrag von Latzer/Saurwein in diesem Band, Übersicht 6, S. 126. 104 Siehe den Beitrag von Latzer/Saurwein in diesem Band, Übersicht 6, S. 126. AG 4: Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft: Welches Potenzial hat Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten? Ko-Regulierung als Instrument der modernen Regulierung1 Thomas Kleist/Carmen Palzer Inhalt 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 2 Themenbeschreibung: Ko-Regulierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 2.1 Verständnis von Ko-Regulierung auf europäischer Ebene und in den Mitgliedstaaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 2.1.1 Ko-Regulierungsverständnis auf europäischer Ebene . . . . 149 2.1.2 Verständnis von Ko-Regulierung in den Mitgliedsländern 152 2.2 Ko-Regulierungsverständnis in diesem Arbeitspapier . . . . . . . . . 153 3 Status quo auf europäischer Ebene und in den Mitgliedstaaten . 154 3.1 Ko-Regulierung als im Entwurf der Richtlinie über audio- visuelle Mediendienste genanntes Instrument . . . . . . . . . . . . . . . 154 3.1.1 Der Entwurf der Richtlinie über audiovisuelle Medien- dienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 3.1.2 Allgemeine Überlegungen im Hinblick auf die Um- setzung der AVMS-Richtlinie mittels Ko-Regulierungs- systemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 3.2 In welchen Bereichen der digitalen Medien wird Ko-Regulie- rung eingesetzt, um im gesellschaftlichen Interesse liegende Ziele zu erreichen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 3.2.1 Für welche Medien? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 3.2.2 Für welche Ziele? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 145 1 Die Originalsprache des Arbeitspapiers ist Englisch. 3.3 Welche Konzepte und Instrumente werden eingesetzt? . . . . . . . . 158 3.3.1 Instrumente mit Bezug auf nichtstaatliche Regelungen oder Vereinbarungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 3.3.2 Instrumente mit Bezug auf den nichtstaatlichen Regulierer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 3.3.3 Instrumente mit Bezug auf die Entscheidungen des nicht- staatlichen Regulierers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 3.3.4 Instrumente mit Bezug auf die Beteiligung an der nicht- staatlichen Regulierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 3.3.5 Instrumente mit Bezug auf die Übertragung von Regulie- rungsaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 4 Identifizierung von Best-Practice-Modellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 4.1 Welche Voraussetzungen muss eine effektive Ko-Regulierung erfüllen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 4.1.1 Beteiligungsanreize . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 4.1.2 Offenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 4.1.3 Durchsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 4.1.4 Grundsätze rechtsstaatlicher Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . 164 4.1.5 Evaluierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 4.1.6 Externe Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 4.2 Welche Best-Practice-Modelle können benannt werden? . . . . . . 165 5 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.1 Mögliche Verbesserung von Konzepten in den aktuellen Anwendungsbereichen der Ko-Regulierung . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.1.1 Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.1.2 Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.1.3 Offenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.1.4 Durchsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 5.1.5 Evaluierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 5.2 Neue Bereiche für den möglichen künftigen Einsatz von Ko-Regulierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 5.2.1 Recht auf Gegendarstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 5.2.2 Computer- und Videospiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 146 1 Einleitung Das vorliegende Arbeitspapier dient als Hintergrunddokument für die Fach- konferenz „Mehr Vertrauen in Inhalte – Das Potenzial von Ko- und Selbst- regulierung in den digitalen Medien“, die während der deutschen Präsident- schaft im Rat der Europäischen Union vom 9. bis 11. Mai 2007 in Leipzig stattfindet. Die Konferenz soll Medienfachleuten aus allen Mitgliedstaaten und von allen Institutionen der EU ein Forum für Gespräche über aktuelle wichtige Fragen der nationalen und europäischen Medienpolitik bieten. Konkret soll dieses Papier Hintergrundinformationen zu jenen Themen bieten, die in Arbeits- gruppe 4 unter dem Titel „Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Ge- sellschaft: Welches Potenzial hat Ko-Regulierung im Bereich digitaler Inhalte?“ beleuchtet werden. Die folgenden Erwägungen beruhen auf den Ergebnissen der „Studie über Ko-Regulierungsmaßnahmen im Medienbereich“, die das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und das Institut für Europäisches Medienrecht im Auftrag der GD Informationsgesellschaft und Medien der Europäischen Kommission gemeinsam verfasst haben, da diese Studie sich eingehend mit dem Phänomen Ko-Regulierung im Medienbereich in der Europäischen Union befasst.2 Dabei ist darauf hinzuweisen, dass die Regulierung des öffentlich-rechtlichen Rund- funks nicht Gegenstand der Studie war, dass aber – z. B. in Deutschland3 – die Meinung vertreten wird, auch in diesem Bereich gebe es Ko-Regulierung. 2 Themenbeschreibung: Ko-Regulierung Das Verständnis von Ko-Regulierung setzt ein gewisses Hintergrundwissen über die Gründe für die beträchtliche Zunahme der Anwendung dieser moder- nen Regulierungsform voraus. Daher soll als Erstes die Frage beantwortet werden: Warum nimmt Ko-Regulierung in den Mitgliedstaaten, insbesondere im Mediensektor, immer mehr zu? Digitalisierung und Internationalisierung haben weit verbreitete und grund- legende Veränderungen in der Medienlandschaft nach sich gezogen. Immer mehr Medieninhalte sind auf internationalen Plattformen – dem Internet – verfügbar und insofern nicht mehr an staatliche Grenzen gebunden. Sie sind für jeden abrufbar und können von jedem bereitgestellt werden, der Zugang 147 2 Die vollständige „Studie über Ko-Regulierungsmaßnahmen im Medienbereich“ (im Folgenden „Ko-Regulie- rungsstudie“) ist abrufbar unter: ec.europa.eu/comm/avpolicy/info_centre/ library/studies/ index_en.htm. 3 Mehr Informationen über das öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehsystem in Deutschland (von Carmen Palzer) und zu mehreren anderen Ländern in: Europäische Audiovisuelle Informationsstelle (Hrsg.), Die öffentlich-rechtliche Rundfunkkultur, IRIS Spezial, Straßburg 2007. zu genau dieser Plattform hat – unabhängig davon, wo sich der Anbieter bzw. Abnehmer des Inhalts gerade aufhält. Dagegen enden die nationale und auch die europäische Regulierung der audiovisuellen Mediendienste an den jeweili- gen Grenzen. Diese Situation kann ein sog. „Forum Shopping“ auslösen, bei dem ein Anbieter audiovisueller Inhalte seinen Unternehmenssitz immer genau in das Land verlegt, in dem die Regulierung audiovisueller Mediendienste am lockersten ist, um nationale oder europäische Vorschriften zu umgehen.4 Darüber hinaus ist es schwierig, mit herkömmlichen Regulierungsformen an- gemessen auf die rasante Entwicklung im Medienbereich zu reagieren; dies gilt sowohl für die Reaktionsschnelligkeit als auch für das erforderliche Wissen. Kaum ist eines der Probleme, die bei der Regulierung von Medieninhalten im Internet auftreten, auf der Tagesordnung der Regulierung – bisweilen ohne gelöst zu werden – findet man die gleichen Inhalte auf Mobiltelefonen, Hand- helds oder tragbaren Spielekonsolen wieder. Zudem sind die regulatorischen Möglichkeiten des Staates in Bezug auf Medieninhalte begrenzt, weil die staat- liche Regulierung in diesem Bereich mit dem Grundsatz der Medienfreiheit5 kollidieren kann und als unzumutbare Zensur betrachtet werden könnte. Folg- lich besteht weithin Einvernehmen darüber, dass die herkömmliche, „Command- and-control“-Regulierung durch den Staat (die Behörden) an Wirksamkeit ver- liert und unter den neuen Gegebenheiten möglicherweise ungeeignet ist, obwohl sie in der Vergangenheit erfolgreich und wirkungsvoll war.6 So heißt es in einer Pressemitteilung der Europäischen Kommission vom 6. Februar 2007: „Vor allem in der digitalen Wirtschaft, die von schnellen technologischen Ver- änderungen und größeren Steuerungsmöglichkeiten der Nutzer geprägt ist, ist es für traditionelle Regulierungsformen oft schwierig, mit den rasanten tech- nologischen, ökonomischen und sozialen Veränderungen wie auch dem Problem der dezentralen Informationsverteilung Schritt zu halten. Außerdem können traditionelle Regulierungsansätze vor Durchsetzungsproblemen stehen.“7 Folglich sind andere Regulierungsmethoden in den Vordergrund gerückt, insbesondere Selbstregulierung und Ko-Regulierung. 148 4 Den Ergebnissen der Ko-Regulierungsstudie zufolge wird diese Entwicklung als einer der Hauptgründe für das Versagen der staatlichen Regulierung traditioneller Prägung betrachtet. 5 Wie in Artikel 10 EMRK und in den Verfassungen der Mitgliedstaaten garantiert. 6 Eine ausführliche Beschreibung der Gründe für das drohende Versagen der staatlichen Regulierung in diesem Bereich findet sich auf S. 11 ff. der Ko-Regulierungsstudie. 7 Pressemitteilung der Europäischen Kommission IP/07/138 vom 6. Februar 2007, abrufbar unter: http:// europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/07/138&format=PDF&aged=0&language=DE&gui- Language=de. 2.1 Verständnis von Ko-Regulierung auf europäischer Ebene und in den Mitgliedstaaten Obschon es verschiedenartige – implizite und explizite – Ansätze zur Defini- tion des Begriffs „Ko-Regulierung“ gibt, und wenn man auch berücksichtigen muss, dass es andere Begriffe gibt, deren Bedeutung sich mit der von Ko-Regu- lierung überschneidet, so haben doch alle Definitionen eine Grundannahme gemein: Ko-Regulierung setzt sich aus einer staatlichen und einer nichtstaat- lichen Regulierungskomponente zusammen.8 Auf den zweiten Blick allerdings ist selbst diese Grundannahme nicht immer einfach zu belegen, weil der Wan- del der modernen Gesellschaft die Grenze zwischen staatlichen und nichtstaat- lichen Organisationen verschwimmen lässt. Der Staat kann Einfluss auf die Wahl der Führungsmitglieder privatrechtlicher Organisationen nehmen oder ihnen finanziell zur Seite stehen. Das Aufkommen öffentlich-privater Partner- schaften (Public-Private-Partnerships, PPP) veranschaulicht diese Entwicklung. Auch die empirische Forschung wird erschwert, weil sich manche Organisa- tionen nicht ohne Weiteres zuordnen lassen. 2.1.1 Ko-Regulierungsverständnis auf europäischer Ebene Auf europäischer Ebene ist die Ko-Regulierung als moderne Regulierungs- form Diskussionsgegenstand mehrerer Papiere. Das von der Europäischen Kommission herausgegebene „Weißbuch Euro- päisches Regieren“ befasst sich mit möglichen Reformen für Regierungs- handeln. Dabei wird die Ko-Regulierung mehrfach als Beispiel für eine bessere und schnellere Regulierung erwähnt. Nach Auffassung der Kommission kombi- niert Ko-Regulierung verbindliche gesetzliche und regulatorische Maßnahmen mit Aktivitäten der von der Regulierung besonders betroffenen Kreise.9 Dabei wird anerkannt, dass die Art der Regulierung und die Kombination von gesetz- lichen und nicht-gesetzlichen Instrumenten von Sektor zu Sektor unterschied- lich sein kann.10 Im Hinblick auf die Verbesserung der Regulierung verweist das Weißbuch vor allem auf eine Kombination von politischen Instrumenten. Anschließend an eine explizite Diskussion von Ko-Regulierung wird die Kombi- nation formeller Regeln mit nicht-bindenden Vorgaben wie Selbstregulierung innerhalb eines allgemein abgestimmten Rahmens als Ansatz hervorgehoben.11e 149 8 Siehe Pressemitteilung der Europäischen Kommission IP/07/138 vom 6. Februar 2007, „[…] Co-Regulierung, verstanden als Kombination aus staatlicher und nichtstaatlicher Regulierung“. 9 Europäische Kommission, Europäisches Regieren – ein Weißbuch, KOM (2001) 428 endg., abrufbar unter: europa.eu.int /eur-lex/en/com/cnc/2001/com2001_0428en01.pdf, S. 21. 10 Ebd. 11 Ebd., S. 20. Die Verbesserung der Regulierung stand auch im Mittelpunkt des „Berichts der Mandelkern-Gruppe für bessere Rechtsetzung“, den eine vom Europäi- schen Rat im Hinblick auf die Umsetzung der Beschlüsse des Lissabonner Gipfels aus dem Jahr 2000 einberufene Beratergruppe vorlegte. Der Bericht betrachtet Ko-Regulierung als Regulierungsalternative und unterstreicht in diesem Zusammenhang die Verknüpfung der Erfüllung öffentlicher Aufgaben mit der Eigenverantwortung privater Akteure.12 Er unterscheidet zwei spezielle Ko-Regulierungsstrategien13, die sich kurz als „top to bottom“ (von oben nach unten) bzw. „bottom to top“ (von unten nach oben) beschreiben lassen.14 Bei- den gemeinsam ist allerdings ein gewisser Spielraum für verbindliche Regeln mit unterschiedlichem Detailgrad, während die privaten Akteure ihren Beitrag zur Gesetzgebung entweder durch eigenständige Regelsetzung („top to bottom“) oder in Kooperation („cooperative approach“) leisten. Davon unabhängig be- fürwortet die Mandelkern-Gruppe eine Befugnis des Staates, die Nichteinhal- tung der selbstgegebenen Verpflichtungen von Unternehmen zu ahnden, ohne dass diese Verpflichtungen selbst normativen Charakter hätten.15 Darüber hinaus wird die Bedeutung von Instrumenten betont, die das öffentliche Interesse durch Kontrollmechanismen absichern.16 Eine weitere Folge des Gipfels von Lissabon war eine Mitteilung der Kom- mission in Form des Aktionsplans „Vereinfachung und Verbesserung des Re- gelungsumfelds“ im Jahr 2002. Dieser verfolgt in Zusammenhang mit dem „impact assessment“ unter anderem das Ziel, die Entscheidung über die Wahl von Regelungsinstrumenten – eines davon Ko-Regulierung – zweckdienlicher zu gestalten. Das Verständnis der Kommission von Ko-Regulierung basiert hier im Wesentlichen auf der Vorstellung eines als „Regelungsrahmen“ dienen- den Rechtsakts.17 Vor diesem Hintergrund kann Ko-Regulierung dazu dienen, die Gesetzgebung auf das Wesentliche zu beschränken. Die Notwendigkeit gesetzgeberischen Handelns unterscheidet sie von der Selbstregulierung, die ausschließlich auf freiwilligen Verhaltens- und anderen Regeln nichtstaatlicher Akteure mit dem Zweck der Selbstregulierung und Selbstorganisation be- ruht.18e 150 12 Mandelkern-Gruppe für bessere Rechtsetzung, Abschlussbericht, 13. November 2001, abrufbar unter: http:// www.cabinetoffice.gov.uk/regulation/documents/europe/pdf/mandfinrep.pdf, S. 15 ff. 13 Ebd., S. 17. 14 Siehe auch die Zusammenfassung von Carmen Palzer, Co-Regulierung der Medien in Europa: Europäische Vorgaben für die Errichtung von Co-Regulierungssystemen, IRIS plus 6/2002, S. 3. 15 Bericht der Mandelkern-Gruppe für bessere Rechtsetzung, S. 16. 16 Ebd. 17 Europäische Kommission, Aktionsplan „Vereinfachung und Verbesserung des Regelungsumfelds“, KOM (2002) 278 endgültig, abrufbar unter: europa.eu.int /eur-lex/de/com/cnc/2002/com2002_0278de01.pdf, S. 11 ff. 18 Ebd., S. 10. In der Interinstitutionellen Vereinbarung „Bessere Rechtsetzung“19 einigten sich das Europäische Parlament, der Rat und die Kommission auf Ko-Regulie- rung als alternative Methode der Regulierung. Diese Methoden werden im Zusammenhang mit der Verpflichtung benannt, Gesetzgebung auf die not- wendigen Fälle zu beschränken und an die Prinzipien der Subsidiarität und Verhältnismäßigkeit zu binden. Ko-Regulierung wird von Selbstregulierung unterschieden – die auch als alternative Methode der Regulierung erwähnt wird – und als Mechanismus definiert, durch den ein Rechtsakt der Europäi- schen Gemeinschaft die Verwirklichung der von der rechtsetzenden Stelle fest- gelegten Ziele den in dem betreffenden Bereich anerkannten Parteien überträgt (insbesondere den Wirtschaftsteilnehmern, den Sozialpartnern, den Nichtregie- rungsorganisationen oder den Verbänden). Auf diese Vereinbarung wird in einer Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament mit dem Titel „Bessere Rechtsetzung für Wachstum und Arbeitsplätze in der Europäischen Union“ Bezug genommen.20 Seine Auffassung zu Selbstregulierung, regulierter Selbstregulierung und Ko-Regulierung im Bereich audiovisueller Politik stellte Marcelino Orjea, damals das für Bildung und Kultur zuständige Mitglied der Europäischen Kommission, in einer Rede auf dem „Seminar zur Selbstkontrolle im Medien- bereich“ in Saarbrücken vor. Lege man die Terminologie der Birmingham Audiovisual Conference zugrunde, so sei regulierte Selbstregulierung eine „Selbstregulierung, die sich in einen Gesetzesrahmen einfügt oder eine recht- liche Grundlage hat“.21 Für Oreja bedarf Selbstregulierung einer Vereinbarung über Verhaltensregeln zwischen den Akteuren und betroffenen Dritten. Nach seinem Dafürhalten kann Selbstregulierung nicht einfach mit dem Fehlen von Regulierungsmaßnahmen gleichgesetzt werden. Bei seiner Definition des Be- griffs „Ko-Regulierung“ misst Oreja der Idee einer Partnerschaft zwischen privatem und öffentlichem Sektor große Bedeutung bei. Verglichen mit der „regulierten Selbstregulierung“, bei der öffentliche und private Stellen – mit erheblichen Unterschieden im Detail – unterschiedliche Stufen des Regelungs- und Überwachungsprozesses abdecken, legt der Begriff „Ko-Regulierung“ seiner Meinung nach offenbar einen größeren Anteil gemeinsamer Maßnahmen der öffentlichen und privaten Akteure nahe. Nach den Worten von Viviane Reding, für den Bereich Informationsgesell- schaft und Medien zuständiges Mitglied der Europäischen Kommission, funk- tioniert Selbstregulierung dann am besten, wenn sie sich „auf einen eindeutigen Gesetzesrahmen stützen kann – genau das bedeutet ‚Ko-Regulierung‘. Bei 151 19 2003/C 321/01. 20 KOM (2005) 97 endgültig. 21 Marcelino Oreja, Rede auf der Konferenz über Selbstregulierung in den Medien, Saarbrücken, 19. bis 21. April 1999, abrufbar unter europa.eu.int / ISPO/legal/en/converge/audiovisual.html. einem Ko-Regulierungssystem akzeptieren die staatlichen Stellen, dass man den Schutz gesellschaftlicher Werte Selbstregulierungsmechanismen und Ver- haltenskodizes überlassen kann, aber sie behalten sich ein Eingreifen für den Fall vor, dass sich die Selbstregulierung als ineffizient erweist“.22 In Folge all dieser Erwägungen flossen in die Revision der Fernsehrichtlinie der Europäischen Union auch Überlegungen in Bezug auf alternative Regulie- rungsmechanismen für diesen Politikbereich ein.23 Das wiederum hatte die Aufnahme von Artikel 3 Absatz 3 in den Entwurf der Richtlinie über audio- visuelle Mediendienste (ursprünglicher Kommissionsvorschlag) zur Folge, der mittlerweile Artikel 3 Absatz 7 des Richtlinienentwurfs ist (geänderter Kom- missionsvorschlag vom 29. März, siehe unten). 2.1.2 Verständnis von Ko-Regulierung in den Mitgliedsländern Der Begriff „Ko-Regulierung“ wird sehr unterschiedlich verwendet.24 Der kleinste gemeinsame Nenner scheint zu sein, dass es sich um ein Regulierungs- verfahren handelt, bei dem staatliche Macht und ziviles Engagement miteinan- der verknüpft werden. Diese Unterschiede kann man als Folge unterschied- licher Regelungskulturen betrachten, aber man muss auch berücksichtigen, dass die Diskussion auf nationaler (und europäischer) Ebene zuweilen unter Missverständnissen leidet, die sich daraus ergeben, dass es unterschiedliche Entwicklungspfade für Regelungssysteme und deshalb auch unterschiedliche Ausgangspunkte für Ko-Regulierungsmechanismen gibt. Die Steuerungstheorie lehrt generell, dass der Entwicklungspfad der Regulierung von Bedeutung ist.25 Regulierungssysteme werden in der Regel nicht am Reißbrett entworfen, sondern knüpfen an vorherige Entwicklungen an. In einem Bereich, in dem vorher strikte „Command-and-control“-Regulie- rung vorherrschend war, erscheint Ko-Regulierung als Liberalisierung und wird dementsprechend von der Wirtschaft in aller Regel begrüßt. Demgegen- über könnten dort, wo vorher freiwillige Selbstregulierung vorherrschte, Dis- kussionen über Ko-Regulierung als Versuch der „Vereinnahmung“ des zu- ständigen Selbstregulierungsorgans durch den Staat betrachtet werden. In dieser Hinsicht kann Deutschland als Beispiel dienen; vor allem die Verbände der 152 22 Viviane Reding, Freiheit der Medien, effektive Co-Regulierung und Medienkenntnisse: Eckpfeiler für einen effizienten Jugendschutz in der Europäischen Union, Rede anlässlich des ICRA Roundtable „Mission Impos- sible“, Brüssel, 14. Juni 2006. 23 Siehe Themenpapier „Protection of Minors and Human Dignity, Right of Reply“, für die Liverpool Audiovisual Conference, Juli 2005. 24 Siehe die unterschiedlichen Definitionen in der wissenschaftlichen Forschung, Ko-Regulierungsstudie, S. 20 ff.n 25 Zur Abhängigkeit der Regulierung von Entwicklungspfaden siehe Eckardt, Technischer Wandel und Rechts- evolution, Tübingen, 2001; Heine/Kerber, European Corporate Laws, Regulatory Competition and Path Dependence, abrufbar unter: www.isnie.org ISNIE00/Papers/Heine-Kerber.pdf. Internetwirtschaft standen der Idee von Ko-Regulierung lange Zeit sehr zurück- haltend gegenüber.26 Des Weiteren kann man berechtigterweise annehmen, dass es für die Wahrnehmung eines Ko-Regulierungssystems eine Rolle spielt, ob es vom Staat errichtet wurde oder aus privater Initiative entsteht. Ersteres ist der Fall, wenn der Staat sich der Ko-Regulierung als neuer Regulierungs- form zum Erreichen politischer Ziele bedient. Diese recht mechanische und staatsorientierte Sichtweise dürfte die Einstellung und das Verhalten der ent- sprechenden Akteure und deshalb auch das Funktionieren eines Ko-Regulie- rungssystems beeinflussen. Hat sich Ko-Regulierung hingegen aus der Wirt- schaft oder innerhalb der Zivilgesellschaft entwickelt, so könnten Einstellung und Verhalten ganz anders aussehen. 2.2 Ko-Regulierungsverständnis in diesem Arbeitspapier In diesem Arbeitspapier wird unter Ko-Regulierung eine spezifische Kombina- tion aus staatlicher und nichtstaatlicher Regulierung verstanden: Ko-Regulie- rung wird verstanden als die Kombination von nichtstaatlicher und staatlicher Regulierung in der Weise, dass eine rechtliche Verbindung der nichtstaatlichen Regulierung zu dem staatlichen System besteht. Dem in der „Studie über Ko-Regulierungsmaßnahmen im Medienbereich“ ausgearbeiteten Ansatz folgend, soll das zu errichtende Ko-Regulierungssystem dazu dienen, im öffentlichen Interesse liegende Ziele in sozialen Prozessen zu erreichen. Die nichtstaatliche Komponente des Regulierungssystems soll die Errichtung spezifischer Organisationen, Regeln oder Prozesse zur Beeinflus- sung der Entscheidungen von Personen, von Organisationen oder in Organisa- tionen beinhalten, soweit diese Beeinflussung – zumindest teilweise – von oder in jenen Organisationen oder Teilen der Gesellschaft erfolgt, deren Mit- glieder Adressaten der (nichtstaatlichen) Regulierung sind. Das nichtstaatliche System soll über eine rechtliche Verbindung an staatliche Regulierung ge- koppelt werden. Dennoch ist es zwingend notwendig, dass der Staat dem nichtstaatlichen Regulierungssystem einerseits Ermessensspielraum lässt, ande- rerseits aber weiterhin regulatorische Mittel einsetzt, um das Ergebnis des Regulierungsprozesses zu beeinflussen.27 153 26 Siehe Heise online, 14. 06. 2002: Verbände kritisieren geplante Änderungen beim Jugendmedienschutz, abruf- bar unter: www.heise.de/newsticker/meldung/28255; der damalige Leiter des Selbstregulierungsorgans FSM wurde mit der Kritik zitiert, regulierte Selbstregulierung sei nach seinem Dafürhalten ein Widerspruch in sich. 27 Ausführlichere Informationen in der Ko-Regulierungsstudie, S. 35 ff. 3 Status quo auf europäischer Ebene und in den Mitgliedstaaten 3.1 Ko-Regulierung als im Entwurf der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste genanntes Instrument 3.1.1 Der Entwurf der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste In Artikel 1 Buchstabe kc) des Entwurfs der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMS-Richtlinie) wird Ko-Regulierung als eine Regulierungs- form definiert, die auf der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Stellen und Selbstregulierungsorganen beruht.28 Der dazugehörige Erwägungsgrund Nr. 25 bezieht sich auf die oben genannte Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament mit dem Titel „Bessere Rechtsetzung für Wachstum und Arbeitsplätze in der Europäischen Union“ und betont, dass eine sorgfältige Analyse des geeigneten Regelungsansatzes notwendig sei; insbesondere sei zu prüfen, ob für den betroffenen Bereich eine staatliche Rechtsetzung besser ist oder ob Alternativen wie Ko-Regulierung oder Selbstregulierung in Betracht gezogen werden sollten. Darüber hinaus hat Erwägungsgrund Nr. 25 zufolge die Erfahrung gezeigt, dass im Einklang mit den unterschiedlichen Recht- setzungstraditionen der Mitgliedstaaten eingeführte Ko-Regulierungs- und Selbstregulierungsinstrumente eine wichtige Rolle bei der Gewährleistung eines hohen Verbraucherschutzes spielen können. Der Kommission zufolge werden Maßnahmen, die sich im Bereich der neuen audiovisuellen Mediendienste auf Ziele im öffentlichen Interesse richten, um so effektiver sein, wenn sie mit aktiver Unterstützung der Diensteanbieter selbst ergriffen werden. Somit stellt die Selbstregulierung eine Art freiwillige Initiative dar, die es der Wirtschaft, den Sozialpartnern, den Nichtregierungsorganisationen oder den Verbänden ermöglicht, in ihren Reihen und für sich selbst gemeinsame Leitlinien zu beschließen. Die Mitgliedstaaten sollten im Einklang mit ihren unterschied- lichen Rechtstraditionen sowohl die Rolle anerkennen, die eine effektive Selbst- regulierung als Ergänzung zu den vorhandenen Rechtsvorschriften sowie Recht- sprechungs- und/oder Verwaltungsverfahren spielen kann, wie auch ihren nützlichen Beitrag zur Verwirklichung der Ziele der Mediendiensterichtlinie. Selbstregulierung könne jedoch, obwohl sie eine ergänzende Methode zur Umsetzung bestimmter Vorschriften der Richtlinie sein könnte, kein Ersatz für die Pflichten des nationalen Gesetzgebers sein. Hier stelle die Ko-Regulie- 154 28 Siehe die neueste veröffentlichte Fassung des Textes der AVMD-Richtlinie: nicht bindendes AVMSD-Arbeits- dokument (rec1), 2005/260(COD), 19. 03. 2007, Konsolidierter Text des Entwurfs der Richtlinie über audio- visuelle Mediendienste einschließlich der vollständig angenommenen, vom EP in Erster Lesung vorgenom- menen Abänderungen und des geänderten Kommissionsvorschlags. rung in ihrer Minimalform und im Einklang mit den Rechtsetzungstraditionen der Mitgliedstaaten die rechtliche Verbindung zwischen Selbstregulierung und nationaler Gesetzgebung dar. Folglich wurde in dem entsprechenden Artikel (Art. 3 Abs. 3) des (ursprünglichen) Vorschlags für eine Mediendiensterichtlinie lediglich auf die Ko-Regulierung Bezug genommen. Nach dem Eingreifen des Europäischen Parlaments in der Ersten Lesung hieß es dann in Art. 3 Abs. 7: „Die Mitgliedstaaten fördern Regelungen zur Selbst- und/oder Ko-Regulie- rung auf nationaler Ebene in den von dieser Richtlinie koordinierten Bereichen. Solche Regelungen müssen derart gestaltet sein, dass sie von den hauptsäch- lich Beteiligten in den betroffenen Mitgliedstaaten allgemein anerkannt werden und dass eine wirksame Durchsetzung gewährleistet ist.“ 3.1.2 Allgemeine Überlegungen im Hinblick auf die Umsetzung der AVMS-Richtlinie mittels Ko-Regulierungssystemen In der Ko-Regulierungsstudie wurde die Empfehlung ausgesprochen, Ko-Regu- lierungssysteme zur Umsetzung von Richtlinien zuzulassen. Unter Zugrunde- legung der vorangegangenen Ergebnisse wurde festgestellt, es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass Ko-Regulierungsmodelle, wie sie in der Studie definiert wurden, grundsätzlich ungeeignet seien, um europäische Richtlinien in nationales Recht zu transformieren (weder im Hinblick auf die Effektivität der Regulierung noch auf rechtliche Voraussetzungen).29 Ein Ko-Regulierungssystem, das der Umsetzung einer europäischen Richt- linie dienen soll, muss die Anforderungen des europäischen Rechts erfüllen. Dazu gehören an erster Stelle die allgemeinen Voraussetzungen für die Umset- zung einer Richtlinie, die von der Rechtsprechung des EuGH durch Auslegung von Art. 249 Abs. 3 EGV ausgearbeitet wurden. Nach Art. 249 Abs. 3 EGV ist eine Richtlinie hinsichtlich der zu erreichenden Regulierungsziele für jeden Mitgliedstaat verbindlich, an den sie sich richtet; Form und Mittel der Umset- zung bleiben aber den nationalen Behörden überlassen. Deshalb sind Kombina- tionen aus staatlicher und nichtstaatlicher Regulierung nicht ausgeschlossen. Mit Blick auf die grundsätzliche Pflicht der Mitgliedstaaten, Richtlinien klar und genau umzusetzen, hat der EuGH bestimmte Bedingungen entwickelt, die erfüllt werden müssen. Zunächst muss eine vollständige Anwendung der Richt- linie in klarer und eindeutiger Art und Weise erfolgen; es muss für jeden durch die Vorschriften Verpflichteten erkennbar sein, was von ihm verlangt wird. Zweitens muss die Umsetzung einer Richtlinie auf effektive und verbindliche Art und Weise vonstatten gehen. Das heißt nicht, dass eine vollständige Über- tragung in nationales Recht erforderlich ist; der EuGH hat beispielsweise ent- 155 29 Siehe Ko-Regulierungsstudie, S. 152 ff. schieden, dass Vereinbarungen zwischen Staat und Privaten genügen können. Demnach erfüllt die Contracting-out-Variante von Ko-Regulierung dieses Er- fordernis zweifellos. Allerdings bedarf es auf dem betroffenen Gebiet eines verbindlichen Rechtsrahmens; überließe man die Angelegenheit vollständig der Selbstregulierung, würde diese Voraussetzung nicht erfüllt. Im Hinblick auf die im EG-Vertrag garantierten Grundfreiheiten könnte Art. 49 EGV insofern betroffen sein, als Ko-Regulierungsszenarien die Dienst- leistungsfreiheit verletzen könnten. Unter bestimmten Umständen fallen auch Regelungen privater Verbände in den Anwendungsbereich des Art. 49 EGV, und zwar, wenn sie die gleiche Wirkung zeigen wie staatliche Regulierung. Allerdings könnten die medienpolitischen Ziele, nämlich die Vielfaltssicherung, der Jugend- und der Verbraucherschutz als Rechtfertigung für die Beschrän- kungen dienen. Jedenfalls müssen die Systeme Unternehmen, die in anderen Mitgliedstaaten ihren Sitz haben, ohne jede ungerechtfertigte Beschränkung offenstehen. Darüber hinaus könnten Ko-Regulierungsstrukturen mit den Wettbewerbs- regeln der EG in Konflikt geraten30. Die nichtstaatliche Regulierungskompo- nente der Ko-Regulierung könnte unter bestimmten Umständen den Wettbe- werb verzerren oder beschränken. So könnten etablierte Unternehmen innerhalb eines Ko-Regulierungsrahmens Vereinbarungen eingehen, die den Markteintritt von Konkurrenten behindern könnten. Zunächst einmal ist festzustellen, dass Art. 81 EGV in aller Regel anwendbar sein wird. Zwar betrachtet der EuGH manche Vereinbarungstypen als staatliches Recht und nicht als private Regelung, aber nur dann, wenn der Spielraum für die privaten Institutionen recht begrenzt ist. Das ist jedoch bei einem Ko-Regulierungssystem, wie es in diesem Arbeits- papier definiert wurde, nicht der Fall. Der EuGH hat auch entschieden, dass wettbewerbsbeschränkende Vereinbarungen dann keine Verletzung von Art. 81 Abs. 1 EGV darstellen, wenn sie Teil eines Gesamtkonzepts sind, das auf Ver- besserung, Sicherung oder Ermöglichung von Wettbewerb in dem entsprechen- den Wirtschaftszweig abzielt. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass eine Vorschrift für nach Art. 81 Abs. 3 nicht anwendbar erklärt wird. Jedenfalls könnten Systeme, die durch eine Vereinbarung innerhalb der Wirtschaft er- richtet werden, als wettbewerbsbeschränkend anzusehen sein, wenn sie Wett- bewerbern nicht offenstehen. Mit Bezug auf die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) sind für ein Ko-Regulierungssystem, das der Umsetzung der AVMS-Richtlinie dienen soll, bestimmte Beschränkungen zu beachten, wenn das System den Schutz von Grundrechten betreffen kann, die auch von der Konvention erfasst sind. Zudem werden Ko-Regulierungsvereinbarungen zwar nicht in jedem Fall, aber 156 30 Ausführliche Abhandlung dieses Themas in der Ko-Regulierungsstudie, S. 167 ff. überwiegend als ein Instrument betrachtet, bei dem die in der EMRK ge- schützten Grundrechte einzuhalten sind.31 3.2 In welchen Bereichen der digitalen Medien wird Ko-Regulierung eingesetzt, um im gesellschaftlichen Interesse liegende Ziele zu erreichen? 3.2.1 Für welche Medien? Ko-Regulierungssysteme im Sinne der vorstehenden Definition werden in der gesamten Europäischen Union in fast allen Bereichen der audiovisuellen Medien – beispielsweise Fernsehen, Film, Spiele und Onlinedienste – und teilweise auch im Pressebereich angewendet. Die Verbreitung von Ko-Regulierung hängt jedoch von den betroffenen Medien und vom jeweiligen Mitgliedstaat ab. Ein Beispiel dafür ist der Pressesektor: Traditionell unterliegt in den Mitgliedstaaten der EU die Presse – zum Teil wegen eines in der Verfassung garantierten besonderen Schutzes – zumeist keinen Ko-Regulierungsstrukturen, sondern allgemeinen Gesetzen und der Gerichtsbarkeit auf der einen Seite und reiner Selbstregulierung auf der anderen. Infolgedessen konnten in der „Studie über Ko-Regulierungsmaßnahmen im Medienbereich“ nur zwei Ko-Regulierungs- systeme in diesem Bereich identifiziert werden.32 Im Rahmen der Studie wurden verschiedene Medien und deren Regulie- rung in den Mitgliedstaaten (EU-25) und vier außereuropäischen Ländern untersucht. Dabei konnten für die untersuchen Medien – Presse, Fernsehen, Internet und mobile Dienste, Film und Videospiele – in jedem Land Ko-Regu- lierungssysteme festgestellt werden. Da eine ganze Anzahl der betroffenen Bereiche schon definitionsgemäß „digitale Medien“ sind, und da die Umstel- lung des Fernsehens auf die Digitaltechnik längst im Gange ist und sich diese Entwicklung auch für das Kino (und natürlich DVDs) abzeichnet, existieren alle untersuchten Medien mit Ausnahme der gedruckten Presse (zumindest zusätzlich) in digitaler Form. Aber auch im Pressesektor sind die Regelungen in Bezug auf die einschlägigen Gemeinwohlziele, die mittels Selbst- oder Ko-Regulierung angestrebt werden könnten, zumeist technisch neutral formu- liert, so dass sie beispielsweise auf die elektronischen Ausgaben von Zeitun- gen im Internet bereits anwendbar sind. Dementsprechend war eines der Ergebnisse der Studie, dass es keinen Grund gibt zu der Annahme, dass bestimmte Medien für Ko-Regulierung un- geeignet sind. Des Weiteren wurde festgestellt, dass im Bereich der audio- visuellen Medien sowohl traditionelle Fernsehdienste als auch nichtlineare 157 31 Siehe Ko-Regulierungsstudie, S. 147 ff. 32 Siehe Ko-Regulierungsstudie, Anhang 2 (Overview over the inclusion of systems in the analysis), S. 188 ff. Dienste alternativen Regulierungsformen grundsätzlich offenstehen. Gleichwohl legte das Ergebnis der Studie nahe, dass für unterschiedliche Medientypen unterschiedliche Modelle oder Kombinationen aus Regulierungsinstrumenten geeignet sein könnten. 3.2.2 Für welche Ziele? Die meisten derzeit genutzten Ko-Regulierungssysteme zielen auf den Jugend- schutz ab oder dienen der Werbe(inhalte)regulierung.33 Die durch empirische Bewertungen gestützten theoretischen Ergebnisse der Studie zeigen, dass diese beiden Ziele für Ko-Regulierungsmaßnahmen besonders geeignet sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass andere Bereiche ungeeignet wären. So wurden z. B. auch einige Ko-Regulierungssysteme für die Ausführung von ethischen Grundsätzen (für Fernsehen und Presse) identifiziert. 3.3 Welche Konzepte und Instrumente werden eingesetzt? Die verwendeten Konzepte und Instrumente variieren in erheblicher Weise. Wie bereits erwähnt, besteht eine deutliche Abhängigkeit von der Regulierungs- kultur des jeweiligen Mitgliedstaates und der betroffenen Medienbereiche. Das betrifft erstens die Entscheidung, ob überhaupt zum Instrument der Ko-Regu- lierung gegriffen werden soll, zweitens die Frage, in welchem Medienbereich es zum Einsatz kommen soll, und drittens, in welcher Form. Die empirischen Ergebnisse der Studie haben gezeigt, dass die Ausgestal- tung von Ko-Regulierungsmaßnahmen EU-weit erhebliche Unterschiede auf- weist. Das gilt nicht nur für das Ko-Regulierungssystem als Ganzes, sondern auch für seine Bestandteile, beispielsweise für die Gestaltung des nichtstaat- lichen Systems, für die Instrumente zur Sicherung des staatlichen Einflusses oder für die rechtliche Verbindung zwischen der staatlichen und der nicht- staatlichen Komponente. Die einzelnen Elemente, die das Ko-Regulierungs- system in seiner Gesamtheit letztlich ausmachen, werden in jedem Land auf sehr kreative Art und Weise miteinander verbunden. Daher ist eine große Anzahl von Elementen verfügbar, die vielfältig miteinander kombiniert werden können. Die Aufzählung all dieser Elemente ist jedoch nicht weiterführend, da die Kombination solcher Elemente nicht notwendig zu einem Ko-Regulierungs- system im Sinne dieses Arbeitspapiers führt. Vielmehr muss jedes Instrument in seinem ganz speziellen Umfeld und zusammen mit den anderen Elementen des jeweiligen Regulierungssystems, dem Regulierungsziel, der Regulierungs- kultur des jeweiligen Landes usw. betrachtet werden. 158 33 Siehe Übersicht auf S. 104 der Ko-Regulierungsstudie. Gleichwohl sollen, um einen Eindruck von der großen Anzahl möglicher Instrumente zu vermitteln, die Instrumente, welche die rechtliche Verbindung34 der in der „Studie über Ko-Regulierungsmaßnahmen im Medienbereich“ be- nannten Ko-Regulierungssysteme bilden, vorgestellt und klassifiziert werden.35 Da die konkrete Ausgestaltung der rechtlichen Verbindung durch Gesetz, Ver- ordnung oder schwächere staatliche Maßnahmen von der Regulierungskultur in den verschiedenen Ländern abhängt, könnten auch scheinbar unterschied- liche Instrumente (wie Verordnungen, staatliche Hoheitsakte, Verträge) ähnliche Wirkung zeigen. Deshalb werden die Unterschiede der staatlichen Regulie- rungsinstrumente bei der im Folgenden vorgenommenen Kategorisierung nicht weiter berücksichtigt. Im Hinblick auf die Kategorisierung ist einerseits zu beachten, dass unter- schiedliche Instrumente miteinander verbunden werden und dann zusammen die rechtliche Verbindung bilden können. Das ist beispielsweise in den Nieder- landen der Fall, wo (für den Fernsehbereich) ein Gesetzesrahmen zur Errich- tung des Ko-Regulierungssystems geschaffen wurde, der nichtstaatliche Re- gulierer vom Staat zugelassen werden muss und Druck zur Einhaltung der nichtstaatlichen Regelungen ausgeübt wird. Auf der anderen Seite können die zur Schaffung der rechtlichen Verbin- dung geeigneten Instrumente auch zur Erfüllung anderer Voraussetzungen der obigen Definition dienen, beispielsweise der Sicherung des staatlichen Ein- flusses. 3.3.1 Instrumente mit Bezug auf nichtstaatliche Regelungen oder Vereinbarungen Eine der stärksten Formen der rechtlichen Verbindung ist die direkte Einbe- ziehung nichtstaatlicher Regelungen in staatliche Vorschriften kraft Gesetzes. Bei einer solchen Einbeziehung wie im Fall des Jugendschutzes im Fernsehen in Italien36 muss bedacht werden, dass dies nicht zu einer reinen staatlichen Regulierung führen sollte, d. h. der nichtstaatliche Teil muss beim Erlass, bei der Umsetzung oder bei der Durchsetzung von Regeln einen gewissen Ermes- sensspielraum behalten. In Italien beispielsweise ist der nichtstaatliche Regu- lierer neben dem staatlichen Regulierer weiterhin für die Durchsetzung der Regeln verantwortlich. 159 34 Was als Schlüsselfaktor eines Ko-Regulierungssystems angesehen werden kann, der ein solches von Selbst- regulierung einerseits und staatlicher Regulierung andererseits unterscheidet. 35 Mehr über die genannten Systeme in den entsprechenden Kurzbeschreibungen in der Ko-Regulierungsstudie, S. 43 ff., und ausführlicher in den vollständigen Länderberichten in Anhang 5 der Studie. 36 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 63 ff. Eine weniger strenge Form ist die Anwendung nichtstaatlicher Regelungen durch staatliche Behörden, ohne dass diese Vorschriften durch einen recht- lichen Akt in die stattliche Regulierung eingefügt wurde. Das ist in Deutschland im Bereich Werberegulierung im Rundfunk der Fall; dort haben die Landes- medienanstalten in ihren gemeinsamen Richtlinien für die Werbung, zur Durch- führung der Trennung von Werbung und Programm und für das Sponsoring bestimmt, dass die Landesmedienanstalten auch die Regeln des Deutschen Werberats über Werbung für alkoholische Getränke – eine rein nichtstaatliche Regelung – anzuwenden haben.37 Da sich diese Formen der rechtlichen Ver- bindung ohne Zustimmung derjenigen nichtstaatlichen Organisationen ver- wirklichen lassen, von denen die nichtstaatliche Regelung stammt, könnten jene Organisationen der Einstufung dieses Systems als Ko-Regulierung – in der (möglichen) Bedeutung einer einverständlichen staatlich-gesellschaftlichen Regulierung – ablehnend gegenüberstehen (Schlagwort: „Vereinnahmung der nichtstaatlichen Regulierung“). In anderen Fällen werden die nichtstaatlichen Regelungen gemeinsam von nichtstaatlichen und staatlichen Akteuren geschaffen, eventuell auch von beiden unterzeichnet.38 So besteht in manchen Ländern die rechtliche Verbindung des untersuchten Ko-Regulierungssystems in einer nichtstaatlichen Vereinbarung zwischen Rundfunkunternehmen und dem staatlichen Regulierer,39 oder in einer Vereinbarung zwischen den Rundfunkbetreibern, die von staatlicher Seite anerkannt wurde.40 3.3.2 Instrumente mit Bezug auf den nichtstaatlichen Regulierer Das Erfordernis der Zulassung einer nichtstaatlichen Regulierungseinrichtung durch staatliche Behörden ist ein Beispiel für ein solches Instrument mit Bezug auf einen nichtstaatlichen Regulierer. In Deutschland beispielsweise muss die nichtstaatliche Regulierungseinrichtung für den Jugendschutz im Fernsehen (FSF) von der zuständigen staatlichen Stelle (KJM) anerkannt werden (Ähn- liches gilt für die nichtstaatliche Regulierungseinrichtung für den Jugendschutz im Internet, die FSM).41 Ein weiteres Instrument, das eine rechtliche Verbindung zwischen staat- licher und nichtstaatlicher Regulierung darstellt (sowie von staatlicher Einfluss- 160 37 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 60 ff. 38 Beispielsweise in Italien mit Bezug auf den Jugendschutz im Internet, siehe Ko-Regulierungsstudie, S. 65 ff. 39 Beispielsweise in Slowenien mit Bezug auf den Jugendschutz im Fernsehen, siehe Ko-Regulierungsstudie, S. 83 ff. 40 Beispielsweise in Portugal, wo das Rundfunkprotokoll von staatlicher Seite bestätigt wurde; siehe Ko-Regu- lierungsstudie, S. 81 ff. 41 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 48 u. 51 ff. nahme auf das Ko-Regulierungssystem) ist die Ernennung von Mitgliedern des Ko-Regulierungsorgans durch staatliche Stellen.42 3.3.3 Instrumente mit Bezug auf die Entscheidungen des nichtstaatlichen Regulierers Eine rechtliche Verbindung zwischen nichtstaatlicher und staatlicher Regulie- rung lässt sich auch durch einen Verweis auf die Entscheidungen des nicht- staatlichen Regulierers herstellen. Dies kann durch die Übernahme von Ent- scheidungen des nichtstaatlichen Regulierungsorgans durch den Staat kraft Gesetzes43 oder durch andere Formen staatlichen Handelns erfolgen, z. B. durch Vereinbarungen.44 3.3.4 Instrumente mit Bezug auf die Beteiligung an der nichtstaatlichen Regulierung In manchen Ländern übt der Staat einen gewissen Druck auf die Anbieter von audiovisuellen Inhalten aus, damit sie sich an nichtstaatliche Regelungen halten. Nach Maßgabe des niederländischen Mediengesetzes beispielsweise dürfen Programme, die der körperlichen, geistigen oder sittlichen Entwicklung von Personen unter sechzehn Jahren schaden könnten, nur ausgestrahlt werden, wenn der Sender Mitglied einer staatlich akkreditierten Organisation, an deren Regelungen gebunden und der Aufsicht dieser Einrichtung unterworfen ist.45 In Italien macht man sich das Interesse der Anbieter an finanziellen Beihilfen als „Anreiz“ für die Einhaltung nichtstaatlicher Regelungen zunutze. Eine Verordnung schreibt vor, dass die Einhaltung des Verhaltenskodexes für Ver- kaufssendungen im Fernsehen Voraussetzung für staatliche Zuschüsse an Fern- sehsender ist.46 Eine weitere interessante Alternative dieses Instruments kommt in Griechenland zur Anwendung. Dort sind die Rundfunksender gesetzlich zum Abschluss multilateraler Verträge verpflichtet, in denen die Vertrags- parteien die Regeln und ethischen Grundsätze für die ausgestrahlten Pro- gramme niederlegen.47 161 42 Beispielsweise in Italien mit Bezug auf den Jugendschutz in mobilen Diensten, siehe Ko-Regulierungsstudie, S. 67 ff. 43 Beispielsweise in einigen Bundesländern Österreichs mit Bezug auf den Jugendschutz in Spielfilmen, siehe Ko-Regulierungsstudie, S. 43 ff. 44 Beispielsweise in Deutschland mit Bezug auf den Jugendschutz in Filmen, siehe Ko-Regulierungsstudie, S. 54 ff. 45 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 75 ff. 46 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 72 ff. 47 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 60 ff. 3.3.5 Instrumente mit Bezug auf die Übertragung von Regulierungsaufgaben Zur Übertragung regulatorischer Aufgaben an nichtstaatliche Organisationen bedient man sich im Vereinigten Königreich des Rechtsinstruments des „con- tracting out“. In Bezug auf die Werberegulierung im Fernsehen schlug Ofcom, die Medienregulierungsbehörde, die Ausgliederung der Werberegulierung vor und benannte die Einrichtung (ASA), auf die die entsprechenden Aufgaben übertragen werden sollten. Zusätzlich haben Ofcom und ASA eine Vereinba- rung der Zusammenarbeit geschlossen, um die Aufgabenverteilung festzu- legen.48 Eine solche Übertragung kann auch mit anderen regulatorischen Mitteln statt mit Gesetzen erfolgen. Ein Beispiel dafür ist die Regulierung der Werbung in Bezug auf pharmazeutische Produkte in Italien: Dort regelt eine Verord- nung, dass für rezeptfreie Medikamente werbende Unternehmen ihre Anzeigen entweder bei dem Gesundheitsministerium oder einem Selbstregulierungs- organ einreichen.49 In Slowenien hat man nicht die gesamte Regulierung der Werbung übertragen. Das Verbraucherschutzgesetz von 2003 ermächtigt die slowenische Werbekammer, auf eigene Initiative oder nach Aufforderung durch Verbraucherverbände oder staatlichen Stellen ein Urteil darüber abzugeben, ob eine bestimmte Anzeige unsachgemäß oder irreführend ist. Des Weiteren ermächtigt das Gesetz die Werbekammer, gegen jedes Mitglied gerichtlich vorzugehen, das regel- und sittenwidrige Werbepraktiken anwendet, und es zur Unterlassung solcher Praktiken aufzufordern.50 Eine weitere interessante Form einer rechtlichen Verbindung im Zusammen- hang mit der Übertragung von Regulierungsaufgaben wurde in Frankreich aus- gewählt. Dort wurde die obligatorische Ex-ante-Bewertung der Fernsehwerbung durch den staatlichen Regulierer Conseil supérieur national de l’audiovisuel (CSA) im Hinblick auf die Kompetenzen der nichtstaatlichen Einrichtung Bureau de vérification de la publicité (BVP) abgeschafft. Mit Ausnahme einer Zusammenarbeitsvereinbarung bestehen zwischen CSA und BVP keine weite- ren rechtlichen Verbindungen. Das BVP konsultiert den CSA vor der Ver- abschiedung von Regeln oder Grundsätzen; der CSA setzt das BVP von Mel- dungen über Regelverstöße in Kenntnis. Somit kann die rechtliche Verbindung auch in dem bewussten Verzicht auf Rechtsvollmachten im Hinblick auf die Kompetenzen eines nichtstaatlichen Regulierers bestehen. 162 48 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 91 ff. 49 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 70 ff. 50 Weitere Einzelheiten in der Kurzbeschreibung des Systems in der Ko-Regulierungsstudie, S. 85 ff. 4 Identifizierung von Best-Practice-Modellen 4.1 Welche Voraussetzungen muss eine effektive Ko-Regulierung erfüllen? Aus dem im Rahmen der Studie durchgeführten Impact Assessment ging hervor, dass mehrere Ko-Regulierungssysteme die jeweiligen Politikziele wirksam gewährleisten. Da die Wirksamkeit von Ko-Regulierungssystemen allerdings von verschiedenen Faktoren abhängt, kann sie für keines der in der Studie analysierten Modelle als selbstverständlich betrachtet werden. Ein Grund dafür, dass es keinen einheitlichen „Königsweg“ für Ko-Regulierung in allen Mitglied- staaten und für alle Ziele gibt, ist, dass der Regulierungspfad bei einem Wechsel zur Ko-Regulierung entscheidend ist (wie oben bereits erwähnt). Ein weiterer Grund liegt darin, dass Ko-Regulierung auf Regulierungskultur aufbaut und ihre Stärke daher von dieser Voraussetzung abhängt. Demzufolge ist ein Ein- heitsweg zur Errichtung von Ko-Regulierung weder wünschenswert noch gang- bar, und es lässt sich kein allgemeingültiges Best-Practice-Modell erstellen, das als Vorbild für andere Staaten dienen könnte. Unbeschadet dessen lassen sowohl die theoretischen Ergebnisse als auch die empirische Folgenabschätzung der Studie Faktoren erkennen, ohne die ein Ko-Regulierungssystem – ungeachtet seiner spezifischen Ausgestaltung und der gesetzlichen Rahmenbedingungen – nicht funktionsfähig ist. Ausgehend von dieser Erkenntnis werden im Folgenden die Voraussetzungen für effektive Ko-Regulierung beschrieben. 4.1.1 Beteiligungsanreize Da die nichtstaatliche Regulierung eine der beiden Säulen eines Ko-Regulie- rungssystems bildet, stellt die Bereitschaft der betroffenen Wirtschaftszweige, sich an diese Regeln zu halten, eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Funktionieren des Systems dar. Regulierung im Sinne von Errichtung verbind- licher Regeln für einen bestimmten Sektor setzt voraus, dass die Regeln für alle oder zumindest eine wesentliche Anzahl der Akteure des Sektors verbind- lich sind. Dementsprechend ist es wünschenswert, dass sich möglichst viele Handlungsträger an dem nichtstaatlichen (Selbst-)Regulierungssystem beteili- gen. Da eine solche Mitwirkung (mehr oder weniger) freiwillig ist, bedarf es hinreichender Beteiligungsanreize für die Wirtschaft; ein Ko-Regulierungs- system ohne hinreichende Anreize wird höchstwahrscheinlich ineffektiv sein. Es gibt keinen Grund anzunehmen, die Wirtschaft werde sich aus reiner Selbst- losigkeit oder zur Förderung eines bestimmten im öffentlichen Interesse lie- genden Politikziels beteiligen. Folglich stellt ein Anreiz, der stark genug ist, um die Wirtschaft zu einer Mitwirkung zu bewegen, einen wichtigen Faktor für die Effektivität des Regulierungssystems dar. 163 4.1.2 Offenheit Ko-Regulierungssysteme sind umso wirksamer, je mehr Interessengruppen sich an ihnen beteiligen. Das gilt nicht nur für die Akteure des jeweiligen Wirtschaftszweiges (siehe den vorangegangenen Absatz), sondern auch für andere Betroffene. Dementsprechend scheint Offenheit nicht nur für Konkur- renzunternehmen, sondern auch für andere Beteiligte – beispielsweise Ver- braucherverbände oder die Zivilgesellschaft – ein wichtiger Faktor für die Wirksamkeit eines Ko-Regulierungssystems zu sein.51 Die Einbeziehung von Verbraucher- oder Jugendschutzorganisationen kann die Transparenz erhöhen und das Vertrauen in das Regulierungssystem stärken. Außerdem verlangen einige der aufkommenden Probleme im Umfeld der neuen Medien geradezu nach kooperativen Lösungsmethoden, an denen z. B. Eltern, Lehrer und die Wirtschaft mitarbeiten (Stichwort „Medienkompetenz“). 4.1.3 Durchsetzung Aus den Ergebnissen der Studie geht hervor, dass verhältnismäßige und ab- schreckende Instrumente zur Durchsetzung der Regulierung nötig sind. Auf der einen Seite müssen den nichtstaatlichen Organisationen effektive Sanktio- nen zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite benötigt Ko-Regulierung, will sie effektiv sein, eine Auffangverantwortung. Sogar die für die Studie befragten Fachleute von nichtstaatlichen, in ein Ko-Regulierungssystem ein- gebundenen Einrichtungen räumten ein, dass ein staatlicher Regulierer im Hintergrund vonnöten ist, wenn ein Ko-Regulierungssystem ordnungsgemäß funktionieren soll. Das Ergebnis der Studie legte ferner nahe, dass Regulie- rungssysteme, bei denen Kodizes oder Organisationen von dem staatlichen Regulierer anerkannt werden oder der staatliche Regulierer zum „contracting out“ befugt ist, eine effektive Auffangverantwortung und damit die Durchset- zung der Regeln gewährleisten. 4.1.4 Grundsätze rechtsstaatlicher Verfahren Die Sicherung rechtsstaatlicher Grundsätze kann zu einer breiten Akzeptanz und einem hohen Maß an Zufriedenheit mit dem Regulierungssystem führen. Die Ko-Regulierungsstudie hat ergeben, dass der nichtstaatliche Teil selbst die Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze – insbesondere Transparenz – häufig nicht gewährleistet. Aus diesem Grund sollte der staatliche Rahmen für Ko- 164 51 Ähnlich für Selbstregulierung: EU-Kommissarin Meglena Kunewa in ihrer Eröffnungsrede bei einem Abend- essen der EASA am 22. Februar 2007, abrufbar unter: ec.europa.eu/commission_barroso/kuneva / speeches/speech_easa_dinner_220207_en.pdf. Regulierung hinreichende Sicherungen vorsehen, damit die Einhaltung dieser Grundsätze gewährleistet ist. 4.1.5 Evaluierung Da die Wirksamkeit von Ko-Regulierungsmaßnahmen zu einem Großteil von „weichen“ Faktoren abhängt, muss jedes einzelne Ko-Regulierungssystem auf Effektivität geprüft werden. Folglich sollte eine regelmäßige Evaluierung vor- gesehen werden. Es erscheint angebracht, die Evaluierung zu Beginn einer entsprechenden Umstellung des Regulierungssystems häufiger stattfinden zu lassen als zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich bereits gezeigt hat, dass das System reibungslos funktioniert. Aber auch später noch ist eine relativ häufige Evaluierung ratsam, um angemessen auf – möglicherweise rasche – Verände- rungen in dem betroffenen Wirtschaftszweig reagieren zu können. 4.1.6 Externe Faktoren Soll mit Hilfe eines Ko-Regulierungssystems eine europäische Richtlinie um- gesetzt werden, so müssen die entsprechenden Voraussetzungen des europäi- schen Rechts erfüllt werden (siehe oben). Dies bedeutet in erster Linie, dass die Regulierung die Richtlinie klar und genau umzusetzen hat. Die weiteren Anforderungen wie Verbindlichkeit, hinreichende Sicherheiten und wirksamer rechtlicher Schutz berühren auch die Kernpunkte der Wirksamkeit von Ko- Regulierungssystemen. Des Weiteren müssen solche Systeme, damit sie die Dienstleistungsfreiheit im Sinne von Art. 49 EGV nicht verletzen, offen für Unternehmen aus anderen Mitgliedstaaten sein. Gemäß Art. 49 EGV sind die Mitgliedstaaten verpflichtet, von Regulierungsmaßnahmen Abstand zu nehmen, die Dienstleistungsanbieter aus anderen Mitgliedsländern am Erbringen der Dienstleistung in dem regelnden Mitgliedstaat hindern. Deshalb müssen Ko- Regulierungsmodelle derart gestaltet sein, dass sie die Teilnahme ausländi- scher Dienstleistungsanbieter nicht beschränken. Zudem schreibt Art. 81 EGV vor, dass Wirtschaftsverbände keine Hürden für den Markteintritt von Wett- bewerbern errichten dürfen. Ko-Regulierungssysteme sind also derart zu gestal- ten, dass sie etablierte Unternehmen nicht begünstigen und Wettbewerber nicht benachteiligen. 4.2 Welche Best-Practice-Modelle können benannt werden? Im Zuge der Ko-Regulierungsstudie wurde eine Folgenabschätzung vorgenom- men, und zwar auf der Basis von Fragebögen, die an interne und externe Experten in dem jeweiligen Sektor gesendet wurden, sowie der Sekundär- auswertung von bereits erfolgten Evaluationen des Systems. Diese Folgen- 165 abschätzung erhellte in weitem Umfang Aspekte wie Regulierungskultur und Erfahrung mit alternativen Regulierungsformen. Aus diesem Grund ist, wie bereits festgestellt, die Benennung von Best-Practice-Modellen, die als allge- meingültige „Blaupause“ für die Errichtung von Ko-Regulierungssystemen dienen könnten, weder machbar noch ratsam. Ungeachtet dessen zeigte die Folgenabschätzung jedoch, dass manche Ko- Regulierungssysteme das jeweilige, im öffentlichen Interesse liegende Ziel effektiver gewährleisten als andere. Da die Wirkung eines Ko-Regulierungs- systems in erheblichem Maße von der Erfahrung mit alternativen Regulierungs- formen abhängt, kann es nicht überraschen, dass die Systeme in jenen Mit- gliedstaaten, die derlei Erfahrung gesammelt haben, anscheinend relativ gut funktionieren (beispielsweise NICAM in den Niederlanden und die Regulie- rung des Inhalts von Fernsehwerbung in Großbritannien; beide Systeme sollen auf der Konferenz „Mehr Vertrauen in Inhalte – Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien“ vorgestellt werden). Im Folgenden werden einige Beispiele für Systeme dargestellt, die als effektiv beurteilt wor- den sind. Was die Wirksamkeit im Bereich Jugendschutz in den Medien betrifft, erhielt NICAM bei der Evaluation eine gute Bewertung. Gleichzeitig wurden auch die Grundsätze rechtsstaatlicher Verfahren mehrheitlich als gesichert an- gesehen. Auch wenn die hier vorgestellten Modelle nicht als „Best Practice“ im allgemein gültigen Sinn betrachtet werden sollen, ist NICAM ein Modell, das eine eingehende Betrachtung wert ist. Die in Deutschland geltenden Regelungen für den Jugendschutz in Fern- sehen und Internet sind zwar relativ neu, wurden aber ebenfalls positiv bewer- tet. Gleichwohl wurden Defizite im Bereich der Transparenz genannt. Darüber hinaus zeigt das deutsche Beispiel, dass ein ähnliches System bei unterschied- lichen Medientypen auch unterschiedlich funktioniert. Es bestehen zwar Unter- schiede in den gesetzlichen Rahmenbedingungen, aber beide Systeme stützen sich auf nichtstaatliche Regulierungseinrichtungen, die von einem staatlichen Regulierer überwacht werden. Ein abschließendes Urteil über das Ko-Regulie- rungssystem für das Internet war allerdings nicht möglich, da es zum Zeitpunkt der Studie noch zu neu war. Das traditionelle Regulierungssystem für den Jugendschutz in Filmen erhielt ebenfalls eine gute Bewertung. Bei der Werberegulierung scheinen „Contracting-out“-Modelle zu einer hohen Effektivität des Systems zu führen. Die britischen Regelungen für den Inhalt von Fernsehwerbung jedenfalls wurden positiv bewertet. Der „Contrac- ting-out“-Ansatz ist anscheinend deswegen geeignet, weil er eine klare Arbeits- teilung zwischen dem staatlichen Regulierer und den nichtstaatlichen Organen ermöglicht. Als ebenfalls hocheffektiv wurde die Werberegulierung in Frankreich be- trachtet. Allerdings sind die Regulierungssysteme nicht vergleichbar, da der 166 französische Ansatz eine obligatorische Vorabkontrolle vorsieht und die recht- liche Verbindung zwischen Staat und nichtstaatlicher Regulierung eher schmal erscheint. 5 Ausblick 5.1 Mögliche Verbesserung von Konzepten in den aktuellen Anwendungsbereichen der Ko-Regulierung 5.1.1 Transparenz Wie aus den Ergebnissen der „Studie über Ko-Regulierung im Medienbereich“ hervorgeht, weisen viele der bewerteten Systeme einen Mangel an Transparenz auf. Da Transparenz einen sehr wichtigen Faktor sowohl für die Wirksamkeit des Systems als auch für die Eignung des Systems zur Umsetzung europäi- scher Richtlinien darstellt, sollte diesem Punkt künftig besondere Aufmerksam- keit gewidmet werden. 5.1.2 Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze Des Weiteren wurde in der Ko-Regulierungsstudie darauf hingewiesen, dass der nichtstaatliche Teil häufig keine Gewähr für die Einhaltung rechtsstaat- licher Grundsätze bietet. Das gilt in erster Linie für das Transparenzgebot, aber auch für Beschwerdeverfahren, das Recht auf Anhörung usw. Demzufolge ist auch dies ein Bereich, in dem die bestehenden Ko-Regulierungssysteme verbessert werden könnten. 5.1.3 Offenheit Wenn auch die im Rahmen der Studie vorgenommene Analyse nahelegt, dass es in den Mitgliedstaaten keine grundlegenden Hindernisse für die Einführung von Ko-Regulierungssystemen gibt, so zeigt sich auch, dass in mehreren Län- dern Diskussionen stattfinden hinsichtlich der verfassungsrechtlichen Einord- nung von Ko-Regulierungseinrichtungen, hinsichtlich der Sicherstellung demo- kratischer Legitimierung und über wettbewerbsrechtliche Fragen. Auch vor diesem Hintergrund erscheint die Einbeziehung der Betroffenen wünschens- wert. Darüber hinaus ist Offenheit gegenüber einheimischen und ausländischen Wettbewerbern eine aus dem europäischen Recht mit Blick auf die Umsetzung einer europäischen Richtlinie abgeleitete Voraussetzung. Weiterhin ließe sich möglicherweise durch die Einbeziehung interessierter Kreise außerhalb der Wirtschaft, beispielsweise von gesellschaftspolitisch tätigen Organisationen, die Effektivität des Regulierungssystems verbessern. 167 5.1.4 Durchsetzung Als Schwachpunkt stellte sich bei einigen der bestehenden Ko-Regulierungs- systeme die Durchsetzung der Regeln heraus. Wenn Durchsetzungsmaßnahmen Wirkung zeigen sollen, müssen sie abschreckend sein. Die Erfahrung zeigt, dass selbst wirksame Sanktionen auf nichtstaatlicher Ebene nicht immer ganz ausreichen; sie sollten deshalb mit staatlichem Druck einhergehen, der freilich auch indirekt ausgeübt werden kann. 5.1.5 Evaluierung Letztendlich scheint eines der wichtigsten Mittel zur Verbesserung eines be- stehenden Ko-Regulierungssystems eine regelmäßige Überprüfung zu sein, denn sie legt die Stärken und Schwächen des Systems offen und schafft so die Grundlage zu seiner Verbesserung. Eine solche Evaluierung könnte auf die bereits erläuterten Voraussetzungen für eine effektive Ko-Regulierung aus- gerichtet sein. 5.2 Neue Bereiche für den möglichen künftigen Einsatz von Ko-Regulierung Wie bereits erwähnt, ist grundsätzlich kein Medienbereich als für Ko-Regulie- rung ungeeignet anzusehen. Zur Veranschaulichung sollen im Folgenden ver- schiedene Bereiche mit Blick auf deren mögliche Entwicklung dargestellt werden. 5.2.1 Recht auf Gegendarstellung Die Errichtung eines Ko-Regulierungssystems könnte auch für das Recht auf Gegendarstellung (oder eines gleichwertigen Rechtsmittels) im Medienbereich in Betracht gezogen werden. Während die nationalen Presse- und/oder Rund- funkgesetze in der Regel Vorschriften mit Bezug auf diese Rechtsmittel für lineare Mediendienste enthalten, sind sie für Online-Medien erst in jüngerer Zeit – der Entwicklung und Regulierung dieser Medien folgend – in das Blick- feld geraten.52 In diesem Zusammenhang wurde bereits 2004 auf europäischer Ebene, nämlich im Europarat, die Einführung von Co- oder Selbstregulierungs- maßnahmen mit dem Ziel der Gewährung eines Rechts auf Gegendarstellung oder ähnlicher Rechtsmittel vorgeschlagen. In der Präambel der Empfehlung 168 52 Zwecks Überblick siehe die Antworten in einem von der Kommission versandten Fragebogen, abrufbar unter: ec.europa.eu/comm/avpolicy/docs/ reg/ tvwf/national_laws/regulation-nls-overview.pdf und ec. europa.eu/comm/avpolicy/docs/reg/ tvwf/national_laws/regulation-nls-questions.pdf. (2004) 161 des Ministerrates an die Mitgliedstaaten über das Recht auf Gegen- darstellung im Medienbereich53 heißt es ausdrücklich, das Recht auf Gegen- darstellung im Sinne der Empfehlung könne nicht nur durch Gesetzgebungs-, sondern auch durch Co- und Selbstregulierungsmaßnahmen gesichert werden.54 Da sich die Empfehlung auf alle Medien bezieht und „Medium“ als jedes Kommunikationsmittel für die periodische Verbreitung redaktioneller Informa- tionen in gedruckter (Zeitungen, Zeitschriften) oder elektronischer Form (Rund- funk, Fernsehen, Internet) an die Allgemeinheit versteht, erstreckt sich auch die vorstehende Aussage sowohl auf Online- als auch auf Offline-Medien. Eine ähnliche Überlegung findet sich in den vorbereitenden Arbeiten für die Überprüfung der Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“. Die Kommission stellte in ihrem Diskussionspapier zum Recht auf Gegendarstellung im Online- bereich die Frage, ob die Mitgliedstaaten in der Entwicklung einer europäi- schen Aktion in diesem Zusammenhang einen Zusatznutzen sähen, und welches Instrument dafür geeignet wäre (Richtlinie, Empfehlung, Ko-Regulierung usw.).55 Bei der Auswertung der Ergebnisse der Konsultation stellte die Kom- mission fest, dass die meisten Teilnehmer die bestehende Regelung für das Recht auf Gegendarstellung (d. h. in Bezug auf Fernsehdienste) als geeignet betrachten und keine Notwendigkeit für zusätzliche Regelungen sehen.56 Einige Teilnehmer vertraten die Meinung, dass ein auf alle elektronischen Medien anwendbares Recht auf Gegendarstellung entwickelt werden müsse. Die Kom- mission griff die Idee eines auf alle Medien anwendbaren Rechts auf Gegen- darstellung auf und nahm als ersten Schritt ein Recht auf Gegendarstellung in die zweite Empfehlung über den Schutz Minderjähriger und den Schutz der Menschenwürde und über das Recht auf Gegendarstellung, die am 20. Dezem- ber 2006 endgültig beschlossen wurde, auf.57 Dementsprechend heißt es im Anhang zu der Empfehlung,58 das Recht auf Gegendarstellung könne nicht nur durch Rechtsvorschriften, sondern auch durch ko- oder selbstregulierende Maß- nahmen gewährleistet werden. 169 53 Abrufbar unter: wcd.coe.int /ViewDoc.jsp?Ref=Rec(2004)16&Sector=secCM&Language=lanEnglish& BackColorInternet=B9BDEE&BackColorIntranet=FFCD4F&BackColorLogged=FFC679. 54 Empfehlung (2004) 161, Erwägung 8. 55 Siehe Diskussionspapier „Überprüfung der Richtlinie ‚Fernsehen ohne Grenzen‘“, Thema 4: Jugendschutz und öffentliche Ordnung – das Recht auf Gegendarstellung, S. 4, abrufbar unter: ec.europa.eu/comm/ avpolicy/docs/reg/modernisation/2003_review/twf2003-theme4_de.pdf. 56 Europäische Kommission, Mitteilung der Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Europäi- schen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen, Die Zukunft der europäischen Regulierungspolitik im audiovisuellen Bereich, KOM (2003) 784 endg., S. 21. 57 Abrufbar unter: eur-lex.europa.eu/LexUriServ/site/en/oj/2006/l_378/l_37820061227en00720077.pdfm 58 Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über den Schutz Minder- jähriger und den Schutz der Menschenwürde und über das Recht auf Gegendarstellung im Zusammenhang mit der Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Industriezweiges der audiovisuellen Dienste und Online- Informationsdienste, Anhang I (Indikative Leitlinien für die Umsetzung auf nationaler Ebene von Maßnahmen im innerstaatlichen Recht oder in der innerstaatlichen Praxis zur Gewährleistung des Rechts auf Gegendarstel- lung oder gleichwertiger Abhilfemaßnahmen im Zusammenhang mit Onlinemedien). Vor diesem Hintergrund lässt sich die Einführung von Ko-Regulierungs- maßnahmen zu dem Zweck, ein Recht auf Gegendarstellung insbesondere im Online-Bereich zu gewährleisten, in Betracht ziehen. Da dort das Erfordernis eines effektiven Zugangs zum Recht auf Gegendarstellung (oder zu gleich- wertigen Abhilfemaßnahmen) möglicherweise eine transnationale Dimension annimmt, könnten nationale Regelungen an Effektivität verlieren (siehe oben) und Ko-Regulierung ein besser geeignetes Instrument sein. 5.2.2 Computer- und Videospiele Ein weiterer Bereich, für den die Einführung von Ko-Regulierungsmaßnahmen eine Überlegung wert wäre, ist die Welt der Computer- und Videospiele. Obschon ein europäisches Selbstregulierungssystem zur Klassifizierung von Spielen (Pan-European Game Information System/ PEGI)59 bereits besteht, wurde vor kurzem der Ruf nach einer stärkeren Regulierung dieses Bereichs mit Blick auf den Schutz von Minderjährigen laut. Das für Freiheit, Sicher- heit und Recht zuständige Mitglied der Europäischen Kommission, Franco Frattini, war wegen der „Obszönität, Grausamkeit und Brutalität“ eines Spiels in großer Sorge und forderte in einem Schreiben vom November 2006 alle Mitgliedstaaten auf, sich Gedanken über neue Maßnahmen zur Sicherung eines besseren Jugendschutzes zu machen.60 Presseberichten zufolge61 bezweckte Frattini kein Verbot derartiger Spiele – eine Maßnahme, die in Anbetracht der Verfügbarkeit von Spielen im Internet kaum realistisch erscheint –, sondern einen ersten Meinungsaustausch in dieser Angelegenheit. Das Ziel sei die Ermittlung der möglichen Reichweite ergänzender nationaler und europäischer Aktivitäten in diesem Bereich, einschließlich der Aufklärung über und die Kennzeichnung solcher Spiele, der Regelung des Verkaufs an Minderjährige und nötigenfalls von Gesprächen über eine öffentlich-private Partnerschaft. Diese Themen standen auf der Tagesordnung des informellen Treffens der Innen- und Justizminister am 16. Januar 2007 in Dresden.62 Dort wurde ver- einbart, dass die deutsche Ratspräsidentschaft zunächst eine empirische Aus- 170 59 PEGI wird von NICAM verwaltet; weitere Informationen über die Funktionsweise dieses Systems unter http:// www.pegi.info/pegi/ index.do?method=rating; siehe ferner die Systembeschreibung in „Horizontale Klassifizie- rung audiovisueller Inhalte in Europa. Eine Alternative zur Mehrfachklassifizierung?“ IRIS plus 10/2003, von Carmen Palzer, abrufbar unter: www.obs.coe.int /oea_publ/ iris/ iris_plus/ iplus10_2003.pdf.en. 60 Veröffentlicht unter ec.europa.eu/commission_barroso/frattini/doc/2006/pr_14_11_06_en.pdf. 61 Siehe beispielsweise die Berichte unter www.adnki.com/index_2Level_English.php Media&loid=8.0.360012118&par=0, oder www.eupolitix.com EN/ News/200611/40465d98-34c4- 4dca-a936-ab0b86fe7ea1.htm, oder www.euractiv.com/en/ infosociety/violent-video-games-ban-self- regulation/article-159911. 62 Abrufbar unter: www.eu2007.de/de/News/download_docs/Januar/ informalJI0114/070_Tagesordnung. pdf. wertung der in Kraft befindlichen Regelungen in den Mitgliedstaaten in die Wege leiten soll. Da schon seit dem Jahr 2003 das weithin anerkannte Selbstregulierungs- system „PEGI“ besteht,63 und da PEGI auch weitere Schritte eingeleitet hat, um sich den Herausforderungen zu stellen, die sich aus dem raschen An- wachsen von Onlinespielen und Spielen für Handys und mobile Konsolen ergeben,64 könnte man die Erwägung anstellen, ob die Durchsetzung der ent- sprechenden Alterseinstufung (teilweise) auf den Staat übertragen werden sollte, oder ob die Einstufung und Kennzeichnung durch staatliche Behörden kontrolliert oder evaluiert werden könnte. Dafür spricht insbesondere, dass sich PEGI von Anfang an auf bestehende nationale Rechtsvorschriften bezog. PEGI-Alterseinstufungen wurden beispielsweise den jeweiligen Vorschriften in Portugal oder Finnland (unter Beibehaltung der Grundeinstufung) geringfügig angeglichen. Zur Anpassung des PEGI-Alterseinstufungssystems an die Rechts- lage in Großbritannien ist ein spezieller Fragenkatalog erstellt worden. In jüngerer Zeit ist auch der umgekehrte Weg – eine Bezugnahme staatlichen Rechts auf PEGI – zu beobachten. Am 14. Dezember 2006 verabschiedete das finnische Parlament eine Revision des Gesetzes über die Klassifizierung audio- visueller Programme, wonach die Anerkennung der PEGI-Alterseinstufungen nach finnischem Recht ermöglicht wird. Den Angaben der finnischen Behörde für die Klassifizierung von Filmen zufolge verweist das finnische Gesetz zur Klassifizierung audiovisueller Programme jetzt ausdrücklich auf die PEGI- Alterseinstufungen.65 Damit sind die Bereiche, in denen Ko-Regulierung eingeführt werden könnte, selbstverständlich nicht erschöpfend aufgelistet; daher bleibt es selbstverständ- lich durchaus erwägenswert, auch andere Medien oder Politikziele in Ko-Regu- lierungsstrukturen zu überführen. 171 63 Siehe beispielsweise den Beitrag von EU-Kommissarin Reding anlässlich des dritten Jahrestages von PEGI, abrufbar unter: www.pegi.info/pegi/download.do; siehe ferner die neuesten Änderungen des finnischen Gesetzes über die Klassifizierung audiovisueller Programme (dazu nachstehend). 64 Im Rahmen von PEGI Online wurde ein Online-Gütesiegel (online label/PO) und ein Online-Sicherheits- schlüssel (Online Safety Code/POSC) entwickelt; siehe die entsprechenden Mitteilungen unter www. pegi.info/pegi/ index.do?method=news; Hintergrundinformationen in PEGI.Info Nr. 4, „PEGI goes online“, und Nr. 7, „Mobile and Online Gaming – New Challenges“, abrufbar unter www.pegi.info/pegi/ index. do?method=news. Siehe auch ec.europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do= HTML&aged=0&language=EN&guiLanguage=en. 65 Siehe die Informationen auf der Website der finnischen Behörde für Filmklassifizierung, „PEGI rating is accepted“, abrufbar unter: www.vet.fi/english/board.html; siehe ferner www.saferinternet.org ww/en/pub/ insafe/news/pegi.htm. Schlussfolgerungen aus der AG 4 Alexander Scheuer/Peggy Valcke 1. Die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Ordnungspolitik sowohl auf EU-Ebene als auch auf der Ebene der Mitgliedstaaten weisen eine eindeu- tige Tendenz hin zu einer verstärkten Umsetzung neuer oder alternativer Formen der Regulierung auf. Angesichts des Impulses, die Verantwortung der Akteure in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen, insbesondere der Wirtschaft, aber beispielsweise auch der Nutzer von Dienstleistungen, hervor- zuheben, wird modernen Instrumenten wie der Ko-Regulierung verstärkte Aufmerksamkeit entgegengebracht. Einschlägige Diskussionen finden im Hinblick auf unterschiedliche, im öffentlichen Interesse liegende Ziele und unterschiedliche Wirtschaftssektoren statt; der Mediensektor scheint jedoch zu jenen zu gehören, in denen die Anwendung solch neuer ordnungspoliti- scher Ansätze bereits am weitesten fortgeschritten ist. 2. Was den Begriff „Ko-Regulierung“ angeht, so erscheint in Anbetracht der unterschiedlichen rechts- und ordnungspolitischen Kulturen in den Mit- gliedstaaten und innerhalb bestimmter Sektoren ein Konsens über die wesentlichen Elemente, die die Bedeutung dieses Begriffes ausmachen, gleichermaßen erforderlich wie erreichbar. Die Beispiele, die während der Arbeitsgruppensitzungen vorgestellt wurden, d. h. KJM/ FSF und FSM, NICAM, ASA(B)/Ofcom und BVP/CSA, wiesen eine Reihe gemeinsamer Elemente auf, die das System beschreiben und auf gemeinsame Nenner hinweisen. In diesem Sinne kann „Ko-Regulierung“ als eine spezifische Kombination zwischen staatlicher und nichtstaatlicher Regulierung verstanden werden, wobei beide Komponenten miteinander kooperieren und durch eine ordnungspolitische Entscheidung miteinander verkoppelt sind, die in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlichem Detaillie- rungsgrad getroffen wird. Um zu gewährleisten, dass die Vorteile der Ko- Regulierung wirksam werden, indem (das Fachwissen der) Industrie und andere Beteiligte einbezogen werden, ist eine klare Arbeitsteilung, die mit starken Beteiligungsanreizen einhergehen sollte, anzustreben. Der Umfang, in dem die Interessen, die in der Gesellschaft allgemein oder durch be- 173 stimmte Gruppen wie Eltern, Zuschauer oder Verbraucherverbände artiku- liert werden, in der nichtstaatlichen Komponente eines Ko-Regulierungs- systems repräsentiert sein sollten, bleibt noch festzulegen. Auch die Ebene, auf der in den verschiedenen medienpolitischen Modellen auf Ko-Regulie- rung zurückgegriffen wird, kann unterschiedlich sein und im Sinne einer verstärkten demokratischen Teilhabe fortgeschrieben werden, je nachdem, ob es um systematische Medienpolitik geht, was die Erarbeitung, Formulie- rung, Umsetzung und Durchsetzung eines umfassenden medienpolitischen Ansatzes umfassen würde, oder um sektorale Medienpolitik, die sich auf spezifische Aspekte und möglicherweise auch auf nur einige „Interventions“- Ebenen konzentriert. Ko-Regulierung sollte auch dazu beitragen, die tradi- tionellen territorialen Grenzen zu überwinden, denen die Anwendbarkeit staatlicher Rechtsvorschriften unterliegt und somit die Etablierung gemein- samer Regeln, auch über Europa hinaus, fördern. 3. Die Überarbeitung der Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“, insbesondere die Vorschläge der Europäischen Kommission für eine Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste sowie die Legislative Entschließung des Euro- päischen Parlaments in Erster Lesung und die Allgemeine Ausrichtung des Rates, gingen auf die Nutzung der Selbst- und Ko-Regulierung und auf die grundlegenden Elemente der zugehörigen Begriffsbestimmung ein. Unter anderem hat diese Arbeit gezeigt, dass der Ko-Regulierungsansatz in ge- wissem Maße durch die ordnungspolitischen Traditionen und Kulturen in den Mitgliedstaaten geprägt ist und diesen im Gegenzug auch Rechnung tragen sollte; dasselbe gilt für unterschiedliche, im öffentlichen Interesse liegende Ziele – wie z. B. die Regulierung von Werbung (und deren Inhalten) im Interesse des Verbraucherschutzes einerseits und die Regulierung der Ausstrahlung oder anderweitigen Bereitstellung von Inhalten, die problema- tisch in Bezug auf den Jugendschutz sein können andererseits – und ver- schiedene Sektoren der digitalen Medien wie z. B. Fernsehen, Film, Internet oder Spiele. Der vorab verhandelte Gemeinsame Standpunkt des Rates macht, insbesondere in Erwägungsgrund Nr. 25, deutlich, dass Ko-Regulie- rung ein geeignetes und legitimes Verfahren für die Mitgliedstaaten sein kann, um die Bestimmungen der Richtlinie in nationales Recht umzusetzen. Da die Selbstregulierung als Ergänzung gesetzgeberischer Maßnahmen zur Umsetzung der Richtlinie anerkannt ist, kann sie in dieser Hinsicht nicht dieselben Funktionen erfüllen. Artikel 3 der geänderten Richtlinie ver- pflichtet die Mitgliedstaaten nicht dazu, Ko-Regulierungssysteme einzu- führen, er ermutigt sie jedoch, abzuschätzen, ob Ko-Regulierung im Hin- blick auf die Erreichung der durch die Richtlinie koordinierten Ziele eine infrage kommende Option ist. Er unterstreicht, dass Ko-Regulierung auf nationaler Ebene ins Auge gefasst wird – eine Analyse, die dadurch gestützt wird, dass der Verweis auf die Interinstitutionelle Vereinbarung, der zuvor 174 in dem entsprechenden Erwägungsgrund enthalten war, gestrichen wurde. Im Übrigen gilt die Vereinbarung als nicht auf die Umsetzung der Richt- linie anwendbar, da Letztere die Einführung von Ko-Regulierung nicht vor- schreibt, sondern dazu ermutigt. Darüber hinaus weist der Ansatz, den die Richtlinie in punkto Ko-Regulierung verfolgt, insbesondere in der Forde- rung nach einer wirksamen Umsetzung, aber auch im Zusammenhang mit der Verpflichtung der Mitgliedstaaten zur Umsetzung in nationales Recht, dem nationalen Gesetzgeber (und den Aufsichtsbehörden) eindeutig eine Schlüsselrolle zu. Dieser Aspekt wird verstärkt, wenn man die in der Euro- päischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten festgelegten Garantien berücksichtigt. In einer Reihe von Fällen hat der Staat die Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen, um die den Bürgern gemäß Artikel 10 EMRK verliehenen Rechte zu wahren. Die „rechtliche Verbin- dung“ zwischen der nicht-staatlichen und der staatlichen Komponente in Ko-Regulierungssystemen kann als eine „Brücke“ betrachtet werden, die die Wahrung dieser Garantien, aber beispielsweise auch der Verfahrens- rechte gemäß Art. 6 EMRK ermöglicht. 4. In Anbetracht der unterschiedlichen ordnungspolitischen Ansätze, die die Mitgliedstaaten bislang in Bezug auf (digitale) Mediendienste gewählt haben und eingedenk der Tatsache, dass die ordnungspolitische Kultur zumindest in gewissem Maße ausschlaggebend sowohl für die bereits getroffenen Entscheidungen in jenen Jurisdiktionen, in denen Maßnahmen der Ko-Regu- lierung angewendet werden, als auch für die Wirksamkeit der entsprechen- den Systeme ist, förderte die Diskussion über die unterschiedlichen Modelle, die während der Konferenz vorgestellt wurden, eine Reihe von Aspekten zutage, die für eine erfolgreiche Umsetzung von Ko-Regulierungssystemen im Mediensektor äußerst relevant sind. Hierzu gehören: Beteiligungsanreize; Transparenz; Wahrung der Verfahrensziele und -garantien; Offenheit für alle relevanten Stakeholder; umfassende Akzeptanz durch Stakeholder und Gesellschaft (was Beschwerdemechanismen und Aufklärungskampagnen voraussetzt); wirksame Mittel zur Durchsetzung der Ko-Regulierungsregeln und eine „gesetzliche Auffanglösung“; sowie eine regelmäßige Evaluierung des Systems mit „Geduld“. Außerdem müssen ordnungspolitische Auf- fangbefugnisse vorhanden sein, denen auch eine bedeutende Aufgabe dabei zukommt, jene Akteure zu überwachen und mit Sanktionen zu belegen, die nicht bereit sind, sich an einem System der Ko-Regulierung zu beteiligen. Es ist hervorzuheben, dass die Kostenfrage im Zusammenhang mit der Ko-Regulierung durchaus erheblich ist; eine Ko-Finanzierung durch den Staat mag daher eine Option sein. Während auf EU-Ebene vorläufig nicht vorgesehen ist, Leitlinien für wirksame Ko-Regulierungssysteme festzu- legen, und da die Mitgliedstaaten frei sind, die geeignete Form und Metho- dik für die Umsetzung zu wählen, können bei der Diskussion über geeignete 175 Kriterien die oben erwähnten Elemente berücksichtigt werden, nicht zuletzt dann, wenn im Kontaktausschuss gemäß Art. 23a ein Meinungsaustausch über die Umsetzung der Richtlinie geführt wird. 5. Die oben erwähnten Aspekte werden höchstwahrscheinlich auch relevant oder gar entscheidend sein, wenn es um die Bewertung spezifischer Umset- zungsformen von Ko-Regulierung im Hinblick auf die (vor allem) europa- rechtlichen Voraussetzungen geht wie z. B. die Wahrung der Menschen- rechte und Grundfreiheiten, das EU-Binnenmarkt- und Wettbewerbsrecht, allgemeines EG-Recht, soweit es sich auf die Umsetzung von Richtlinien in den nationalen Gesetzes- oder Regulierungsrahmen auswirkt. Wenn diese „horizontalen Voraussetzungen“ beachtet werden, würde dies vielen der oben (unter 4) aufgeführten Elemente Rechnung tragen. Die Achtung der Menschenrechte kann die Wirksamkeit der Ko-Regulierung sogar noch ver- stärken; sie kann zu einer „Internalisierung“ und damit zu einer größeren Akzeptanz der Systeme beitragen. 6. Wie die Diskussion über die während des Seminars vorgestellten Modelle gezeigt hat und ausgehend von den Ergebnissen der vorangegangenen, im Auftrag der Europäischen Kommission, Generaldirektion Informations- gesellschaft und Medien, durchgeführten Studie über Maßnahmen der Ko- Regulierung im Mediensektor können Ko-Regulierungssysteme eine wirk- same Umsetzung der im öffentlichen Interesse liegenden Ziele im digitalen Mediensektor gewährleisten, sofern die einschlägigen, oben dar- gelegten Aspekte berücksichtigt werden. Daneben bieten Ko-Regulierungs- systeme offensichtlich eine wichtige Möglichkeit, das Vertrauen in das Engagement der Industrie zu fördern, sich an der Verwirklichung der im öffentlichen Interesse liegenden Ziele zu beteiligen, die für den zukünftigen Erfolg des Mediensektors in Europa als relevant angesehen werden. 176 Schlussfolgerungen der deutschen Ratspräsidentschaft Schlussfolgerungen der deutschen Ratspräsidentschaft zur EU-Medienexpertenkonferenz „Mehr Vertrauen in Inhalte – das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien“ vom 09. bis 11. Mai 2007 in Leipzig „Mehr Vertrauen in Inhalte – das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien“ war das Thema der EU-Medienexpertenkonferenz der deutschen Ratspräsidentschaft, die vom 09. bis 11. Mai 2007 in Leipzig statt- fand. Ziel des Seminars, das der deutsche Vorsitz in enger Zusammenarbeit und mit Unterstützung der Europäischen Kommission abhielt, war es, Wege zur Sicherung von Vertrauen in die Angebote und zur Gewährleistung von Vielfalt in den digitalen Medien aufzuzeigen. Damit knüpft die deutsche Rats- präsidentschaft an die „Empfehlung des Rates und des Parlaments über den Schutz Minderjähriger und den Schutz der Menschenwürde und über das Recht auf Gegendarstellung“ sowie an die in der Richtlinie für Audiovisuelle Medien- dienste neu enthaltenen Bestimmungen zur Selbst- und Ko-Regulierung an: Danach werden die Mitgliedstaaten ausdrücklich aufgefordert, den Einsatz von Instrumenten der Ko- und Selbstregulierung zu fördern. Die Konferenz leistete damit einen Beitrag dazu, dass bei der Umsetzung der Richtlinie in den einzel- nen Mitgliedstaaten von diesen zukünftig immer wichtiger werdenden Regulie- rungsformen so weit wie möglich Gebrauch gemacht werden kann. Die deutsche Ratspräsidentschaft wollte mit dieser Konferenz auch das Thema „Vertrauen in digitale Inhalte“ aufgreifen, das sowohl Gegenstand des „Safer Internet plus Programms“ der Europäischen Union als auch der EU-Ini- tiative zur „Medienkompetenz“ ist. Eine Mitteilung der Europäischen Kommis- sion zur „Medienkompetenz“ ist für das Jahr 2007 geplant. Hierzu konnte die Konferenz noch einen wichtigen Diskussionsbeitrag leisten. Ausgangspunkt intensiver Diskussionen der mehr als 250 Medienexperten aus allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union waren tief greifende Ver- änderungen der Medienwelt. Solche Entwicklungen zeigen sich exemplarisch in der wachsenden Bedeutung von Online-Angeboten gegenüber den traditio- nellen Medien, der neuen Rolle der Nutzer, die selbst zu Produzenten werden, der Gatekeeper-Funktion der Suchmaschinen und elektronischen Programm- 177 führern oder dem Wandel der bisherigen Transportunternehmen zu integrierten Unternehmen, die auch Inhalte anbieten. Die Konferenz beleuchtete vier zentrale Fragen: – Wie können mehr für Kinder geeignete Internetangebote geschaffen werden? – Wie kann die Existenz verlässlicher und vielfältiger Informationen in der digitalen Welt gesichert werden? – Welche Instrumente der Selbstregulierung haben sich bewährt? – Welches Potenzial hat Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten? Aus den Diskussionen bei der Konferenz lassen sich aus Sicht der Präsident- schaft folgende Schlussfolgerungen ziehen: Vertrauen durch kindgerechte Inhalte: 1. Kindern möglichst viele positive und ihrem Alter entsprechende Inhalte anzubieten, ist ein Erfolg versprechender Weg, ihnen die Chancen der digi- talen Welt zu öffnen und sie gleichzeitig vor deren Gefahren zu bewahren. Positive Inhalte sollen Kinder befähigen, mit den digitalen Medien umzu- gehen und deren Möglichkeiten für Bildung, Kreativität und Kommunika- tion zu nutzen. 2. Im Internet einen so weit wie möglich von positiven Werten geprägten „Raum für Kinder“ (children’s sphere) zu schaffen, ist die Aufgabe von staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen, der Medienindustrie, von Erziehungs- und Bildungsinstitutionen und Eltern. Initiativen auf Gemein- schaftsebene wie das „Safer Internet plus Programm“ der Europäischen Union sind hierbei ein wichtiger Beitrag zur europäischen Netzwerkbildung. Die deutsche Präsidentschaft regt einen Austausch von „Best-Practice“- Modellen und Erfahrungen unter den Anbietern von kindgerechten Inhalten innerhalb Europas an. Bereits bestehende Initiativen zur Verbesserung der Medienkompetenz von Kindern, wie das niederländische Projekt „Mijn Kind Online“, gilt es bekannt zu machen. Ein gutes Beispiel zur Bildung eines Netzwerkes von staatlichen Stellen, gesellschaftlichen Einrichtungen und Unternehmen ist die in Deutschland ins Leben gerufene Initiative „Ein Netz für Kinder“. Sie wird durch Eini- gung auf eine Positivliste (White list) mit einer Vielzahl von für Kindern geeigneten Angeboten, mit der Herstellung der technischen Voraussetzun- gen, um die Liste im Rahmen eines Benutzerprofils als abgeschlossenen Surfraum bestimmen zu können, und mit einer staatlichen Förderung von Angeboten im Rahmen einer Public Private Partnership einen sicheren, um- fangreichen und qualitätsvollen Surfraum für Kinder im Internet schaffen.m 3. Bei der Erstellung von Angeboten für Kinder sollten diese von Beginn an einbezogen werden. In einem „Raum für Kinder“ können sich Kinder frei 178 und gefahrlos bewegen, sich über ihre Themen austauschen, sich aus- probieren und darstellen sowie sich mit Inhalten befassen, die an ihren Bedürfnissen orientiert sind. 4. So lange es keine Geschäftsmodelle für solche Inhalte gibt, ist deren För- derung und Unterstützung auch mit staatlichen Mitteln (materieller und immaterieller Art) aus Sicht der deutschen Ratspräsidentschaft eine Mög- lichkeit, den Umfang kindgerechter, positiver Inhalte zu erhöhen und den Zugang dazu zu ermöglichen. Darüber hinaus haben öffentlich finanzierte Anbieter elektronischer Medien in einer solchen Situation eine besondere Verpflichtung. 5. Initiativen können und sollen auf den Erfahrungen bestehender Institu- tionen aufbauen. Das gilt für solche, die sich im Internet engagieren, aber auch für Träger der Bildungsarbeit. Wie die EU etwa in ihren Policy Framework für i2010 festgestellt hat, birgt das Internet für Kinder gerade im Bildungsbereich große Chancen, aber auch viele Risiken. Angesichts dieser Situation, und um Kindern aus allen Bevölkerungsschichten einen chancengleichen Zugang zu den Angeboten des Internets zu ermöglichen, kommt den Schulen als wichtigsten Vermittlern von Medienkompetenz eine Schlüsselstellung zu. Gemeinsam mit Kindergärten und anderen Erzie- hungseinrichtungen sind gerade Schulen Multiplikatoren und Treuhänder eines „Raums für Kinder“ im Internet. Vor diesem Hintergrund regt der deutsche Vorsitz an, die Anstrengungen der Bildungspolitik im Bereich der Medienerziehung und der Vermittlung von Medienkompetenz, insbeson- dere in Schulen, zu verstärken. Dabei muss auch nach Wegen gesucht werden, beispielsweise über Elternabende, diejenigen Erziehungsberechtig- ten zu erreichen, deren Wissen und Problembewusstsein noch gering aus- geprägt sind. Vertrauenswürdige Anbieter: 6. Das veränderte Mediennutzungsverhalten vor allem junger Menschen for- dert die traditionellen Medien, Rundfunkanstalten und Printmedien heraus, ihren gesellschaftlichen Auftrag der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung auch unter den Bedingungen der neuen Medien wahrzuneh- men. Eine wesentliche Schwierigkeit dieser Transformation ergibt sich vor allem für privatwirtschaftliche Medienunternehmen, weil es offensichtlich immer noch wenige tragfähige Geschäftsmodelle für die Refinanzierung vielfältiger und verlässlicher Informationsangebote im Internet gibt. 7. Den verschiedenen Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen Rund- funkanstalten, sollte die Möglichkeit eingeräumt werden, ihre Aufgabe unter den Bedingungen neuer digitaler Medien zu erfüllen und zu diesem Zweck auch Online-Angebote zu machen. Die genaue Ausgestaltung des 179 Auftrages muss angesichts der Unterschiede der Medienordnungen weiter- hin dem jeweiligen Mitgliedstaat überlassen bleiben. Neue nichtkommer- zielle Quellen für Informationen im öffentlichen Diskurs können möglicher- weise ebenfalls einen Anspruch auf öffentliche Mittel geltend machen, um Dienste im Internet anzubieten. 8. Zu den bisherigen Garanten für vertrauenswürdige, relevante Informations- angebote und für die Vielfalt der Offline-Medien treten in der Online- Welt neue Anbieter wie nicht-staatliche Organisationen, Initiativen oder der einzelne Nutzer hinzu. Neben der Herausforderung, die das für die etablierten Medien und ihre professionellen Standards bedeutet, bietet sich hierdurch auch eine nicht zu unterschätzende Chance auf mehr Partizi- pation und wachsende inhaltliche Vielfalt. Eine verstärkte Präsenz der etablierten Medien im Internet – ggf. begleitet durch staatliche Unterstüt- zung – darf nicht dazu führen, dass neue Informationsanbieter verdrängt werden oder sich gar nicht erst entwickeln können. Etablierte „Wissens- knoten“, wie Bibliotheken, Universitäten oder Einrichtungen der politi- schen Bildung können zudem mit Blick auf Pluralismus, Vielfalt und Qualität als verlässliche alternative Inhalteanbieter eine wichtige Rolle im Netz spielen. Eine Unterstützung der Digitalisierungsstrategien dieser Ein- richtungen erscheint der Präsidentschaft auch unter diesem Gesichtspunkt wichtig. 9. Neben den Diensten traditioneller Anbieter existieren neue Formen von für den öffentlichen Diskurs relevanten Informationsangeboten (z. B. nutzer- generierte Inhalte wie Weblogs) sowie Querverbindungen zwischen diesen alten und neuen Formen. Eine Herausforderung für die Mitgliedstaaten besteht darin, neue Anbieter in ihrer Rolle als Informationsvermittler zu stärken und sie anzuregen, durch Selbst- und Ko-Regulierungsmaßnahmen für Transparenz und die Implementierung journalistischer Standards zu sorgen und somit die Verlässlichkeit und Relevanz ihres Informations- angebotes zu erhöhen. 10. Das rasant wachsende Medienangebot gibt dem Nutzer mehr Wahlmöglich- keiten und verlangt ihm zugleich mehr Entscheidungen ab. Ein wesent- liches Zugangshindernis ist die fehlende Nutzerkompetenz. Dieser Realität ist Rechnung zu tragen, ohne Anbieter und Provider aus ihrer Verantwor- tung zu entlassen. Aus Sicht des deutschen Vorsitzes sind deshalb Anstren- gungen zu unternehmen, die die Medienkompetenz des Nutzers stärken und ihm so bewusste Entscheidungen ermöglichen. Vertrauen in die Industrie: 11. In vielen Mitgliedstaaten der europäischen Union wurden bereits Erfah- rungen mit Selbstregulierungssystemen gesammelt. Die Konferenz hat die 180 Stärken und Schwächen ganz unterschiedlicher Systeme im Dreieck von Staat, Wirtschaft und Nutzern beleuchtet. Als besondere Stärke der Selbst- regulierung im Vergleich zu staatlicher Regulierung hat sich ihre Flexibili- tät und Schnelligkeit erwiesen, was im Bereich des Internet von großer Bedeutung ist. Zusammenschlüsse wie Inhope für Internet Provider spielen vor diesem Hintergrund eine immer wichtigere Rolle. 12. Selbstregulierung übernimmt eine eigenständige Funktion dabei, Vertrauen in digitale Medien zu schaffen, indem die Industrie selbst Verantwortung übernimmt. Sie kann aber auch die Umsetzung der Ziele von Europäi- schen Richtlinien unterstützen. Angesichts unterschiedlicher Begrifflich- keiten und Regulierungssysteme in den Mitgliedstaaten ist entscheidend, ob ein adäquater Policy-Ansatz zur Lösung einer Regulierungsfrage gewählt wird. Der deutsche Vorsitz regt an, aufbauend auf bestehenden Erkennt- nissen, Kriterien für eine adäquate Wahl von Regulierungskonzepten zu entwickeln. Sie sollten auch eine Koordination der Kontrollsysteme, wenn möglich auch grenzüberschreitend, bei der Systemgestaltung berücksich- tigen. 13. Systeme, die dem Nutzer helfen, aus der Fülle des Angebots die ihn interessierenden Inhalte herauszusuchen (Suchmaschinen und Programm- führer), haben einen erheblichen Einfluss auf seine Willensbildung (Gate- keeperfunktion). Informationsfreiheit, Chancengleichheit und diskriminie- rungsfreier Zugang sind aus Sicht der Präsidentschaft Werte, die diese Instrumente regieren müssen. Der deutsche Vorsitz regt daher an, Such- maschinen oder Electronic Programme Guides zum Gegenstand von Selbst- regulierung zu machen. Auch traditionelle Inhaltetransporteure wie Tele- kommunikationsunternehmen, die sich mehr und mehr zu integrierten Medienunternehmen entwickeln, die auch Inhalte anbieten, sollten ein- bezogen werden. 14. In der digitalen Welt werden mehr und mehr Inhalte durch Nutzerinnen und Nutzer statt durch Vertreter der journalistischen Berufe, die sich an ein Berufsethos gebunden fühlen, erzeugt. Selbstregulierung muss ver- stärkt auch diese neuen Informationsanbieter erfassen. Die deutsche Rats- präsidentschaft regt an, die Mittel der Selbstregulierung der Nutzer (wie z. B. die Nutzung von Filtersystemen und kollaborative Klassifizierungs- systeme) zu stärken. Hierzu muss der Nutzer in seiner Kompetenz im Umgang mit den Medien und in seinem Verständnis für unabdingbare Grundwerte der Medienordnung gefördert werden. Damit geht ein rechts- bewusster Umgang mit geistigem Eigentum einher. 15. Die Fähigkeit, gemeinsame Werte zu entwickeln und sich diesen im Wege der Selbstregulierung unterzuordnen, ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal für vertrauenswürdige Informationsanbieter. Selbstregulierung kann daher positive ökonomische Effekte für die Unternehmen erzeugen. Selbstregu- 181 lierung zeigt, dass alle, die am Prozess der Informationsvermittlung be- teiligt sind – Hersteller von Inhalten, Zugangsprovider, Nutzerinnen und Nutzer –, auch dem Gemeinwohl („public value“ in einem weiten Sinne) verpflichtet sind und sich nicht nur ökonomischen Interessen unterordnen. Der deutsche Vorsitz begrüßt alle Anstrengungen der Selbstregulierung, die diese Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung fördert. Diese Initiativen sollten regelmäßig evaluiert werden. Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft: 16. Die Teilnehmer der Konferenz begrüßten, dass insbesondere die Ko-Regu- lierung als Umsetzungsinstrument für die Regelungen zum Jugendschutz, zum Schutz der Menschenwürde und des Verbrauchers sowie hinsichtlich anderer durch die revidierte EG-Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“ koordinierter Bereiche, anerkannt werden. Ko-Regulierung stellt eine eigen- ständige Regulierungsform dar, die dazu geeignet ist, politische Regulie- rungsziele zur erreichen. 17. In einigen Mitgliedstaaten sind Ko-Regulierungsysteme bereits etabliert. Als „Good-Practice-Beispiele“ können unter anderem die Werberegulie- rung in Frankreich und Großbritannien, das niederländische System NICAM sowie die Ko-Regulierung im Bereich Rundfunk und Telemedien in Deutschland (Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedien- anstalten) genannt werden. 18. Einzelne Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen Ko- und Selbstregulie- rung können überwunden werden. Wichtig ist, dass gewisse Grundvoraus- setzungen für ein funktionierendes und effektives Ko-Regulierungssystem eingehalten werden. Der deutsche Vorsitz regt eine Verständigung unter den Mitgliedstaaten auf Mindestvoraussetzungen an, die erfüllt sein müssen, damit durch Ko-Regulierung die Regulierungsziele effektiv erreicht werden können. Den einzelnen Mitgliedstaaten sollen aber Spielräume bei der Um- setzung bleiben, damit unterschiedlichen Regulierungskulturen Rechnung getragen werden kann. Aus Sicht des deutschen Vorsitzes sind folgende Elemente für ein funktionierendes Ko-Regulierungssystem wesentlich: – Hinreichende Anreize für die Industrie, sich an einem Ko-Regulierungs- system zu beteiligen – Offenheit für alle Beteiligten und Transparenz des Systems – Effektives Sanktionssystem zur Durchsetzung der Vorgaben; dazu sind staatliche Überwachungsstellen im Hintergrund („Hierachy shadows“) unabdingbar. – Beschwerdesystem und Kampagnen zur Stärkung von Bewusstsein – Gewährleistung eines rechtsstaatlichen Verfahrens – Evaluation der Ergebnisse und ggf. Anpassung des Systems 182 19. Der deutsche Vorsitz regt an, auch bei neuen Medienfeldern wie Spielen und Handy-Angeboten medienpolitisch darauf hinzuwirken, dass sich ver- trauenswürdige Strukturen aufbauen und Systeme der Selbst- und Ko-Regu- lierung entstehen. 183 Handlungsperspektiven zur Stärkung des Vertrauens in Inhalte digitaler Medien Wolfgang Schulz /Thorsten Held Inhalt 1 Generelles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 1.1 Zu AG 1, Vertrauen und Medienkompetenz durch kindgerechte Inhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 1.2 Zu AG 2, Vertrauenswürdige Anbieter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 1.3 Zu AG 3, Vertrauen in die Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 1.4 Zu AG 4, Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 1.5 Konkrete Perspektiven für Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 1.5.1 Initiative „Ein Netz für Kinder“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 1.5.2 Anbietervielfalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 1.5.3 Selbst- und Ko-Regulierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 2 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 185 Im Folgenden sollen Handlungsperspektiven für die Felder aufgezeigt werden, die Gegenstand der Konferenz waren. Im Zentrum der Konferenz standen gesellschaftliche Ziele, d. h. solche, die im öffentlichen Interesse und nicht allein im Interesse einzelner Akteure liegen. In Bezug auf die Erreichung von Zielen im öffentlichen Interesse können sich Handlungsperspektiven für den Staat, die Industrie, gesellschaftliche Akteure und die Wissenschaft ergeben.m Die Konferenz konnte in Bezug auf das Oberziel „Vertrauen in Inhalte“ und die untersuchten Teilziele (Ausgewogenheit und Verlässlichkeit der Informa- tionsvermittlung im Internet, Existenz und Nutzbarkeit von für Kinder beson- ders geeigneten Angeboten) und die untersuchten Instrumente (Selbstregulie- rung, Ko-Regulierung) Erkenntnisse liefern. So wurde etwa deutlich, dass ein Bedarf an sicheren Surfräumen für Kinder besteht und dass Defizite beim Angebot von Inhalten existieren, die für Kinder besonders geeignet sind. Hier wurden auch Initiativen vorgestellt, um diese Defizite zu beheben (s. u. 1.1 und 1.5.1). Es zeigt sich aber auch, dass in einigen Bereichen noch Informationen fehlen, um beurteilen zu können, ob die angestrebten Ziele erreicht werden. Hier kann es eine wichtige Handlungsperspektive sein, zunächst die relevanten Informationen zu erlangen, um auf der dann gewonnenen Basis weitere Hand- lungsoptionen aufsetzen zu können. 1 Generelles Generell hat die Konferenz gezeigt, dass sich auf Seiten der Anbieter im Inter- net bereits vertrauensbildende Strukturen herausgebildet haben. Soweit es um die Produktion von Inhalten geht, können grundsätzlich zwei Logiken der Ver- trauensbildung und -sicherung unterschieden werden: eine journalistische und eine kollaborative. Bei der journalistischen stehen traditionelle Institutionen im Vordergrund, die nach bestimmten – im Wesentlichen impliziten – Regeln Themen und Informationen auswählen, diese gewichten und präsentieren. Das hochprofes- sionelle System des traditionellen Journalismus (vgl. Weischenberg 2004: S. 287 ff.), das auf den aktuellen Informationsbedarf der Bürgerinnen und Bürger ausgerichtet ist, bedient diese Bedürfnisse nun auch online. Bei der kollaborativen Logik (von Richard Collins auch als „akademisch“ bezeichnet1) entsteht Vertrauen durch die Mitarbeit Vieler, die ihr Wissen bündeln und sich wechselseitig korrigieren (Nutzerkonsens). Zum Teil wird die kollaborative Logik ergänzt durch Kontrollsysteme, wie bei Wikipedia, wo ein System abgestufter Nutzerrechte existiert (nicht angemeldete Nutzer, an- 186 1 Siehe den Beitrag von Collins in diesem Band, S. 59. gemeldete Nutzer, „Admins“, „Bürokraten“ (ernennen „Admins“ und „Büro- kraten“)) (Ziewitz 2008). Obwohl bei kollaborativen Systemen alle Nutzer aufgerufen sind, bei der Erstellung von Inhalten mitzuwirken, werden die einzelnen Themen meist von einer kleineren Anzahl von Personen bearbeitet, die bereits über besonderes Wissen zum jeweiligen Thema verfügen oder zumindest sich in spezieller Weise für das jeweilige Thema interessieren. Auf diese Weise entstehen auch bei kollaborativen Systemen Expertendiskurse zu den einzelnen Themen. Während klassische journalistische Organisationen sich im Grundsatz durch feste Redaktionen auszeichnen (wobei durch Heranziehung freier Journalisten auch hier durchaus Fluktuation besteht), entstehen bei kollaborativen Systemen „Redaktionen“ spontan und (im Grundsatz) ohne hierarchische Steuerung. Auch diese Angebote können offenbar Vertrauen aufbauen, wie die Nutzung von wiki-basierten Systemen zeigt. Eine andere Form nutzergenerierter Inhalte als kollaborative Systeme sind Angebote von Einzelpersonen oder kleineren Gruppen, etwa in Form von Weblogs (Schmidt 2006: S. 9 ff., 69 ff., 95 ff.; Möller 2005: S. 126 ff.). Hier ist es schwieriger für die Anbieter, Vertrauen aufzubauen. Weder können hier die Nutzer dieser Angebote in bekannte und anerkannte Organisationen vertrauen noch in das gesammelte Wissen Vieler. Einzelpersonen können nur dann Ver- trauen aufbauen, wenn sie entweder dem Nutzer persönlich bekannt sind oder durch ihre Tätigkeit über einen längeren Zeitraum hinweg selbst zur Marke geworden sind. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich explizite und nach außen kommunizierte Verhaltensregeln zu geben. Allerdings werden „Blogger- Kodizes“ momentan noch mit Skepsis betrachtet.2 Andere Vertrauensprobleme können bei Anbietern mit großer Marktmacht (Bsp.: Google, Microsoft) auftreten. Diesen wird oftmals von Seiten der Nutzer mit Misstrauen gegenübergetreten, weil ihnen das Machtpotenzial suspekt ist. Entscheidend ist auch hier, dass der Nutzer nicht alles Wissen hat, um beur- teilen zu können, ob ein Missbrauch tatsächlich vorkommt (vgl. van Eijk 2006: S. 3). Hier liegt es im Interesse der Unternehmen, durch Transparenz Vertrauen zurückzugewinnen. Wenn es sich um Basisdienste für die Erschließung von Informationen handelt, liegt dies aber auch im gesellschaftlichen Interesse (vgl. Schulz/Held/Laudien 2005: S. 13 ff., 105 ff.). Soweit Regulierung Vertrauen verstärken kann, besteht im Internet das Problem, dass klassische staatliche Regulierung an ihre Grenzen stößt. Hier bedarf es einer Ergänzung durch alternative Regulierungsformen, die auch die von der Regulierung Betroffenen selbst mit einbezieht. Gerade Ko-Regulie- rung hat hierbei zumindest theoretisch das Potenzial, das Vertrauen in staat- 187 2 Vgl. www.heise.de/newsticker/meldung/88125. liche Regulierung mit dem Vertrauen in Marktakteure zu verbinden (HBI/ EMR 2006: S. 12 ff.). Die Industrie kann durchaus ein eigenes Interesse an Regulierungsstrukturen haben, vor allem in Bereichen, in denen Vertrauen ein zentraler Faktor für die Nutzung ihrer Angebote ist. Dies trifft sicherlich auf den Bereich der Nutzung des Internets durch Kinder zu. Da Eltern in der Regel die Internetnutzung nicht ständig persönlich begleiten können, bedarf es Strukturen, die genug Sicherheit versprechen, damit die Eltern ihre Kinder auch unbeaufsichtigt das Internet nutzen lassen können (KIM 2006: S. 14 ff., 62 f., 67; JIM 2006: S. 14 ff., 58). Die Konferenz hat gezeigt, dass in vielen dieser Bereiche Initiativen in einzelnen Mitgliedstaaten bestehen. Diese Erfahrungen können auch für andere Staaten nutzbar gemacht werden. Es ist sinnvoll, dass sowohl mit Blick auf die Umsetzung der in der Richtlinie über Audiovisuelle Mediendienste3 (ehemals „Fernsehen ohne Grenzen“-Richtlinie4) und der E-Commerce-Richtlinie5 ent- haltenen Vorgaben als auch darüber hinaus ein regelmäßiger, europaweiter Erfahrungsaustausch über „Best-Practice-Modelle“ stattfindet. Dies betrifft zum einen die Wissenschaft, die ihre Erkenntnisse auch international verfüg- bar halten muss, und zum anderen die Praxis, die ein Interesse daran hat, sowohl von Erfahrungen anderer Länder zu profitieren als auch das Wissen, das bei eigenen Initiativen erlangt wurde, anderen mitzuteilen. Konkret können aus den Ergebnissen der Konferenz für die einzelnen Ar- beitsgruppen folgende Handlungsoptionen abgeleitet werden: 1.1 Zu AG 1, Vertrauen und Medienkompetenz durch kindgerechte Inhalte Konzepte zur Schaffung kindgerechter Nutzungsmöglichkeiten müssen sich auf die Tatsache einstellen, dass die Nutzung des Internets durch Kinder zu- nehmend bereits in sehr jungen Jahren beginnt (KIM 2006: S. 14 f.). Es wäre verfehlt, dabei nur auf die mit der Nutzung verbundenen Risiken einzugehen.6 Durch die neuen Medien ergeben sich vielmehr auch Chancen für die kind- liche Entwicklung (soweit Medien nicht im Vergleich zu anderen für die Ent- wicklung wichtigen Aspekten überbetont werden). 188 3 Richtlinie 89/552/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 3. Oktober 1989 zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereitstellung audiovisueller Mediendienste (Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste); geändert durch Richtlinie 2007/65/EG vom 11. 12. 2007; siehe den Beitrag von Kleist /Palzer in diesem Band, S. 154 Fn. 28. 4 „Richtlinie zur Koordinierung bestimmter Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Ausübung der Fernsehtätigkeit“ (geändert durch Richtlinie 97/36/EG). 5 Richtlinie 2000/31/EG über den elektronischen Geschäftsverkehr (E-Commerce-Richtlinie). 6 Zu den Risiken und den Herausforderungen der Regulierung vgl. Livingstone/Millwood Hargrave 2006: S. 49 ff. Wer sich mit Angeboten für Kinder im Internet beschäftigt, ist auf die Akzeptanz der Eltern angewiesen, für die entscheidend ist, ob die Angebote mit ihrem Erziehungskonzept vereinbar sind, und auf die Akzeptanz der Kinder (vgl. Frau-Meigs 2007: S. 308 ff.; Stald 2002: S. 50 f.). Es muss eine Balance gefunden werden zwischen den Interessen der Kinder und pädagogischen Vor- stellungen. So zeigt sich bereits bei jungen Nutzern das Bedürfnis, bei der Nutzung mit Anderen in Kontakt zu treten und ihre eigenen Gedanken und Wünsche zu präsentieren (KIM 2006: S. 46 f.; JIM 2006: S. 43 ff.). Die Schaf- fung sicherer Umgebungen (etwa in Form moderierter Chaträume o. Ä.) kann dies ermöglichen und gleichzeitig für den Schutz vor zu viel Preisgabe und vor Gefahren durch Andere sorgen. Die Konferenz hat deutlich gemacht, dass für Kinder und Jugendliche unter- schiedliche Schutzkonzepte sinnvoll sind. Gefahren für Kinder kann am besten dadurch begegnet werden, dass ihnen nur der Zugang zu solchen Seiten er- möglicht wird, die auf ihre Unbedenklichkeit hin überprüft wurden („walled garden“, Positivliste). Bei Jugendlichen ist hingegen die Fähigkeit zu fördern, auch mit den Gefahren des Internets umgehen zu lernen.7 Hier ist daher der umgekehrte Weg einer Negativfilterung ungeeigneter Inhalte zu gehen. Dabei ist anzuerkennen, dass es einen 100 %igen Schutz im Internet nicht geben kann; Jugendmedienschutz im Internet ist Risikomanagement (Hans-Bredow- Institut /JFF 2007: S. 373; Hans-Bredow-Institut 2007: S. 90). Funktionieren Systeme, die Kinder durch sichere Surfräume schützen, können Systeme der Negativfilterung entlasten, weil der Schutz von Kindern bereits auf andere Weise gewährleistet ist und sich die Negativfilterung auf den Schutz von Jugend- lichen beschränken kann. Sichere Online-Umgebungen für Kinder sind daher als wichtiger Baustein für den Jugendmedienschutz anzusehen. Gleichzeitig bedarf es Initiativen, die das Entstehen besonders kindgerechter Inhalte innerhalb des sicheren Surf- raums fördern. Denn für Kinder „neutrale“ Seiten führen allein noch nicht dazu, dass die mit der Internetnutzung verbundenen Chancen für Kinder realisiert werden können. Ein Problem bei Konzepten zur Gestaltung kindgerechter Online-Umgebun- gen besteht darin, dass zum Teil Informationen fehlen. Zwar ist die Nutzungs- seite relativ gut untersucht (international etwa bei dem laufenden Projekt EU Kids Online8, in Deutschland etwa im Rahmen der KIM- und JIM-Studien9), Daten zur Angebotsseite, die eine Defizitanalyse ermöglichen, sind hingegen kaum zu finden. Hier besteht Forschungsbedarf. Diese derzeitige Erkenntnis- lücke muss aber nicht dazu führen, dass Initiativen zur Verbesserung des kind- 189 7 Siehe den Beitrag von Livingstone in diesem Band, S. 19 ff. 8 Vgl. www.eukidsonline.de/studien.html. 9 Die KIM- und JIM-Studien sind zu finden auf der Seite des mpfs unter: www.mpfs.de. gerechten Angebots im Internet nicht bereits jetzt möglich sind. Die Erfah- rungen der in diesem Bereich praktisch Tätigen bestätigen die Plausibilität der Annahme, dass ohne selbstregulatorische Maßnahmen und staatliche Förde- rung die Potenziale, die das Internet für Kinder bietet, nicht ausgeschöpft werden. Allerdings erschwert die lückenhafte wissenschaftliche Datenlage eine Evaluierung solcher Initiativen. Hier ist die Wissenschaft gefragt, bei der Ent- wicklung von Evaluierungskriterien und Erfolgsindikatoren mitzuwirken. 1.2 Zu AG 2, Vertrauenswürdige Anbieter Die Vielzahl von Angebotsformen und auch die Konkurrenz verschiedener Produktionslogiken im Internet wirken sich grundsätzlich positiv auf die Mei- nungsvielfalt aus.10 Für alle Medienanbieter bietet das Internet die Möglichkeit, ihre Nutzer nachhaltiger und zielgerichteter zu erreichen bzw. neue Nutzergruppen zu ge- winnen (Goldhammer/Zerdick 1999: S. 20 f.). Aus der Perspektive des Staates ist jedoch zu bemerken, dass sich neue digitale Dienste zwar begleitet von wirtschaftlichen Strategien entwickeln, es aber oftmals an einer gesamtheit- lichen Betrachtung der Entwicklung im Hinblick auf kommunikative Ziele fehlt. Soweit diese Betrachtung stattfindet, zeigt sie, dass ähnliche Überlegungen wie die, die eine strukturelle Ergänzung privater Angebote durch öffentlich- rechtliche im Rundfunk begründen,11 auch für bestimmte Onlinedienste Geltung haben (vgl. Schulz/Held/Kops 2002: S. 232 ff.). Auch wenn die technischen und Marktstrukturen im Internet andere sind als im klassischen Rundfunk, spricht vieles dafür, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch in diesem Bereich zur freien Meinungsbildung beitragen kann (vgl. Nissen 2006: S. 21 ff.). Allerdings ist es notwendig, sich hierfür die Besonderheiten öffentlich-recht- lichen Rundfunks bewusst zu machen; nur auf dieser Grundlage können Stra- tegien für eine Weiterentwicklung in andere Medienumgebungen erfolgen. Das zentrale Merkmal öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegt in seiner besonderen „Produktionslogik“ (Held 2008: S. 140 ff.). Soweit er gemeinwirtschaftlich finanziert wird, ist er nicht von kommerziellen Gesichtspunkten abhängig und kann sein Angebot an kommunikationsbezogenen Faktoren ausrichten. Er ist in der Lage, zur Aufrechterhaltung des journalistischen Status quo beizu- tragen und diesen weiterzuentwickeln. Die Konkurrenz privater und öffentlich- rechtlicher Anbieter kann insgesamt dazu dienen, die Qualität journalistischer Arbeit zu bewahren. Die Vorteile struktureller Diversifizierung (Hoffmann- 190 10 Vgl. am Beispiel Litauen: Balcytiene 2006: S. 131 ff. 11 Vgl. zuletzt BVerfG, 1 BvR 2270/05 vom 11. 09. 2007, Absatz-Nr. 123 ff. abrufbar unter: www.bverfg. de/entscheidungen/rs20070911_1bvr227005.html; Hoffmann-Riem 2000: S. 67 ff. Riem 1990: S. 38 f.; Hoffmann-Riem 2000: S. 67 ff.) können auch hier nutz- bar gemacht werden. Voraussetzung ist allerdings eine an den Stärken öffent- lich-rechtlicher Produktion orientierte Onlinestrategie der Anstalten. Dies schließt nicht aus, dass auch andere Anbietertypen Adressaten staat- licher Förderung sind. Die punktuelle finanzielle Unterstützung ansonsten marktwirtschaftlich handelnder Unternehmen kann es ermöglichen, konkrete Defizite auszugleichen (wie dies etwa bei der Förderung zur Erstellung kind- gerechter Online-Angebote der Fall ist). Die Vorteile einer dauerhaften pro- duktiven Konkurrenz verschiedener Produktionslogiken, wie sie beim dualen Rundfunksystem existiert, können aber hierdurch nicht erreicht werden. Neben klassischen Informationsmittlern, die einer journalistischen Logik folgen, erfüllen neue Intermediäre wichtige Funktionen im Internet. Eine zen- trale Stellung nehmen dabei Suchmaschinen ein (Machill/Beiler/Zenker 2007: S. 7 ff.). Öffentlich finanzierte Konkurrenzangebote zum Marktführer12 sind nicht in Sicht (die europäischen Initiativen Theseus und Empolis zielen eher auf die Erforschung neuer Suchmöglichkeiten ab). Ob solche Konkurrenz- angebote überhaupt aussichtsreich wären, ist zweifelhaft. Netzwerk- und Ge- wöhnungseffekte begünstigen die Dominanz einzelner Anbieter, so dass das Konzept struktureller Diversifizierung, wie es dem dualen Rundfunksystem zugrunde liegt, hier nicht greifen kann. Positiv für das Ziel freier Meinungs- bildung ist es, dass Suchmaschinenanbieter ihre gesellschaftliche Verantwor- tung zunehmend erkennen und sich nicht länger nur als technische Dienst- leister darstellen. Der Einfluss, den vor allem marktstarke Suchmaschinenanbieter darauf haben, was im Internet überhaupt wahrgenommen wird, ist groß. Gleichzeitig kann mit Blick auf den Schutz der Geschäftsmodelle keine vollständige Trans- parenz gewährt werden. Selbstverpflichtungen, die wie in Deutschland auch Transparenzgesichtspunkte aufgreifen,13 sind ein wichtiger Schritt, der aus- gebaut werden sollte. Kodizes erscheinen auch als ein Weg, das Vertrauen in Angebote zu stärken, bei denen weder etablierte Organisationen noch kollaborative Systeme beteiligt sind. Weblogs haben zwar zumeist nur einen eingeschränkten Nutzerkreis, aller- dings haben sie einen Einfluss auf die Meinungsbildung dadurch, dass andere Informationsmittler (etwa journalistisch-redaktionelle Anbieter) Informationen 191 12 Nach einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts comScore haben im August 2007 754 Millionen Nutzer 61 Milliarden Suchanfragen im Internet gestellt. Davon entfielen auf Google 37 Milliarden; vgl. http:// www.comscore.com/press/ release.asp?press=1908 sowie www.heise.de/newsticker/meldung/97270 (Stand: 13. 12. 2007). In Deutschland betrug am 13. Dezember 2007 der Anteil von Google an Suchanfragen durch Abonnenten des Webzählers WebHits 89,4 %, siehe www.webhits.de/deutsch/webstats.html engines (Stand: 13. 12. 2007). 13 Vgl. Transparenzgebot nach § 2 Nr. 2 des Subkodex für Suchmaschinenanbieter der FSM, abrufbar unter: http:// fsm.de/de/Subkodex_Suchmaschinenanbieter. aus Blogs aufnehmen und so die Informationen über diese zweite Stufe ein breiteres Publikum erreichen (vgl. zu Weblogs: Schmidt 2006: S. 119 f.). Selbst- verpflichtungen für nutzergenerierte Angebote wie Weblogs würden aber den Besonderheiten des jeweiligen Angebotstyps nicht gerecht werden, wenn sie journalistische Sorgfaltspflichten eins zu eins übernehmen würden. So kann Laienjournalismus in Blogs beispielsweise nicht denselben Anforderungen an Recherche, Quellennutzung etc. unterliegen wie professioneller Journalismus. Mindestanforderungen an Ausgewogenheit und Redlichkeit könnten aber Gegen- stand eines Blogger-Codes sein, dem sich diejenigen Anbieter von Blogs an- schließen können, die in journalistischer Weise am Kommunikationsprozess teilnehmen möchten. Eine Kennzeichnung der Angebote, für die der Kodex gilt, könnte zusätzliches Vertrauen schaffen. Auch bei kollaborativen Systemen wie Wikipedia erscheint es sinnvoll, stärker auf Selbstregulierung als auf traditionelle Regulierungsinstrumente zu setzen. Soweit etwa eigene Streitschlichtungsinstanzen existieren, sollte sich staatlich initiierte Regulierung zunächst zurückhalten. Natürlich gibt es die Möglichkeit der Zurückhaltung nicht für Gerichte, wenn sie von Geschädigten angerufen werden. Allerdings ist es auch bei Gerichtsentscheidungen wichtig, dass die Besonderheiten neuer Dienstetypen und ihre immanenten Qualitäts- sicherungs- und Streitschlichtungsinstrumente berücksichtigt werden. 1.3 Zu AG 3, Vertrauen in die Industrie In vielen Feldern im Medienbereich hat sich Selbstregulierung bewährt. Die Konferenz hat noch einmal deutlich gemacht, dass es zu Scheinkonflikten kommen kann, wenn Begriffe uneinheitlich verwendet werden. Aus der Per- spektive staatlicher Regulierung sind Selbst- und Ko-Regulierung kategorial unterschiedliche Konzepte, da im ersten Fall keine staatliche Verantwortung mehr wirksam wird. Dennoch zeigt die Praxis, dass es kaum Selbstregulierung gibt, die völlig frei von staatlicher Regulierung wirkt.14 Als Instrumente reiner Selbstregulierung haben sich vor allem Kodizes als wirksam erwiesen, meist in Kombination mit einem Gremium, das im Falle von Beschwerden entscheidet (Presseräte, Werberäte etc.) (PCMLP 2004: Section 12, S. 86 ff.; Webb/Morrison 2004: S. 97 ff.). Allerdings hat die Kon- ferenz keine Charakteristika der betroffenen Felder aufgezeigt, die es ermög- lichen würden, ohne Weiteres verallgemeinerungsfähige Aussagen darüber zu treffen, in welchen Bereichen Selbstregulierung besonders geeignet erscheint, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Die Erfahrungen zeigen aber, dass es sinnvoll ist, in neuen Regulierungsfeldern zunächst zu schauen, ob und inwie- 192 14 Siehe den Beitrag von Latzer/Saurwein in diesem Band, S. 93 ff. Dies führte sogar zur Entscheidung der AG 3 und 4, am Ende der Konferenz gemeinsam zu tagen. weit Selbstregulierung möglich ist. Als Kriterien können u. a. die von Michael Latzer und Florian Saurwein herausgearbeiteten Gesichtspunkte einbezogen werden, zu denen Risiken des Regulierungsversagens, die notwendige Eingriffs- intensität, Konflikte zwischen öffentlichen und privaten Interessen, Marktmacht- unterschiede zwischen den beteiligten Unternehmen, Reputationssensitivität der Industrie bzgl. Regulierung und das Existieren anerkannter Organisationen im Regulierungsfeld gehören (s. o. Latzer S. 93 ff.). Bei der Frage, wieweit Selbstregulierung möglich ist, sind die einzelnen Stufen der Regulierung (Normsetzung, Implementierung, Durchsetzung) in den Blick zu nehmen. Die Terminologie (Selbst- oder Ko-Regulierung) ist dabei zunächst einmal zweitrangig. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie viel Staat notwendig ist, um die jeweiligen Ziele zu erreichen.15 Zum Teil kann eine Beteiligung des Staates auch nach der jeweiligen Verfassung erforderlich sein, etwa wenn ver- fassungsrechtliche Schutzpflichten bestehen (vgl. Schulz/Held 2004: S. 4 f., 8 f.). Die Richtlinie über Audiovisuelle Mediendienste sieht vor, dass die Mitglied- staaten auf nationaler Ebene Regelungen zur „Ko- und/oder Selbstregulie- rung“ in den durch die Richtlinie koordinierten Bereichen in dem nach ihrem jeweiligen Rechtssystem zulässigen Maße fördern.16 Erwägungsgrund 36 macht deutlich, dass Ko- und Selbstregulierung hier aber nicht auf eine Stufe mit Blick auf die Umsetzung der Richtlinie gestellt werden. Selbstregulierung wird in den Erwägungsgründen als Ergänzung zu staatlicher Regulierung bezeichnet, eine Substituierung der Verpflichtung der nationalen Gesetzgeber zur Umsetzung der Vorgaben der Richtlinie aber aus- drücklich ausgeschlossen. Außerdem heißt es in den Erwägungsgründen, die Ermutigung zum Einsatz von Ko- und Selbstregulierung erfolge ohne Präjudi- zierung für die Verpflichtung der Mitgliedstaaten zur Umsetzung der Richtlinie. Nach der Rechtsprechung des EuGH hat die Umsetzung von Richtlinien durch rechtlich bindende Vorschriften zu erfolgen. Es müsse ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden, der eine derart bestimmte, klare und transparente Lage schaffe, dass der Einzelne seine Rechte erkennen und sich vor den natio- nalen Gerichten auf sie berufen könne.17 Diese Voraussetzungen erfüllt reine Selbstregulierung nicht. 193 15 Zu allgemeinen Prinzipien der regulativen Interaktion vgl. Mayer-Schönberger/Somek 2006: S. 431 ff. Vgl. auch van Eijk/Maniadaki 2007: S. 72 ff. 16 Art. 3 Absatz 7 AVMD-Richtlinie. 17 EuGH, 29/84, Rn. 23; 247/85, Rn. 9; 363/85, Rn. 7; 131/88, Rn. 6; 361/88, Rn. 15; C-59/89, Rn. 18; C-433/93, Rn. 18; C-96/95, Rn. 35; C-217/97, Rn. 31; C-392/99, Rn. 80; C-233/00, Rn. 76; C-296/01, Rn. 55; C-58/02, Rn. 26; EuGH, EuZW 2001, 437 (438); Ruffert in: Calliess/Ruffert 2002: Art. 249 EGV, Rn. 51; Geiger 2004: Art. 249 EGV, Rn. 9; Biervert in: Schwarze: Art. 249 EGV, Rn. 28; Schmidt, in: Von der Groeben/ Schwarze: Art. 249 EGV, Rn. 40. Selbstregulierung behält aber jenseits der koordinierten Bereiche eine wich- tige Funktion. Vor allem in Bereichen, die die inhaltliche Qualität von Ange- boten betreffen (etwa die Ausformung von journalistischen Sorgfaltspflichten o. Ä.), würde staatliche Kontrolle mit dem Ziel freier Kommunikation in Kon- flikt geraten. Auch ist Selbstregulierung eine wichtige Ergänzung zu staat- licher Regulierung, etwa indem der Suchmaschinenkodex in Deutschland Ak- teure am Jugendschutz beteiligt, deren rechtliche Verantwortlichkeit für die Inhalte, auf die in den Ergebnislisten verwiesen wird, zumindest fraglich ist.m Die Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste nennt auch explizit einen Anwendungsbereich von Selbstregulierung: Medienanbieter sollen ermuntert werden, Kodizes zu Werbung in Kinderprogrammen mit Blick auf ungesunde Lebensmittel zu erstellen.18 Weitere Felder könnten Medienverbraucherschutz und Datenschutz sein. 1.4 Zu AG 4, Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft Die Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste sieht die Förderung von Ko- Regulierung in den von der Richtlinie koordinierten Bereichen explizit vor.19 Auch wenn sich der genannte Ausschluss der Präjudizierung der Umsetzungs- pflicht der Mitgliedstaaten ebenfalls auf Ko-Regulierung bezieht, lassen die Erwägungsgründe erkennen, dass Ko-Regulierung zur Umsetzung der Vorgaben der Richtlinie geeignet sein kann.20 Dies entspricht den Ergebnissen der von der Kommission in Auftrag gegebenen Studie zur Ko-Regulierung im Medien- sektor (HBI/EMR 2006: S. 118 f.). Laut Erwägungsgrund 36 gehört zu den Mindestvoraussetzungen von Ko- Regulierung, dass eine rechtliche Verbindung zwischen staatlicher und nicht- staatlicher Regulierung existiert – wobei auf die rechtlichen Traditionen in den Mitgliedstaaten verwiesen wird – und dass die Möglichkeit für staatliche Inter- ventionen für den Fall besteht, dass die verfolgten Ziele nicht erreicht werden.m Außerdem heißt es im Richtlinientext, dass solche Regelungen derart ge- staltet sein müssen, dass sie von den Hauptbeteiligten allgemein anerkannt werden und dass eine wirksame Durchsetzung gewährleistet ist.21m Innerhalb dieser Rahmenvorgaben bestehen Spielräume der Mitgliedstaaten. Schon bisher existieren sehr unterschiedliche Formen von Ko-Regulierung in 194 18 Art. 3d Absatz 2 AVMD-Richtlinie. 19 Vgl. hierzu auch Valcke/Stevens 2007: S. 295 f. 20 Auch laut dem Kabinettchef von V. Reding, Dr. R. W. Strohmeier, gewinnt Ko-Regulierung als Steuerungs- konzept an Bedeutung, das effektiv die Implementierung von Richtlinien auf europäischem Niveau ersetzen kann; vgl. die Rede auf der Konferenz, abrufbar unter: www.leipzig-eu2007.de/de/scripte/pull_ download.asp?ID=22. 21 Art. 3 Absatz 7 Satz 2 AVMD-Richtlinie. verschiedenen Mitgliedstaaten, für verschiedene Medien und für verschiedene Ziele (HBI/EMR 2006: S. 42 ff.).22 Ein intensiver Erfahrungsaustausch zwi- schen den Mitgliedstaaten kann dazu führen, dass ko-regulative Systeme neu eingeführt oder bestehende Systeme mit Blick auf ausländische Erfahrungen verbessert werden. Dazu können „Best-Practice“-Modelle einen wichtigen Bei- trag leisten. Es hat sich gezeigt, dass sich im Jugendschutz die Einbeziehung nicht-staat- licher Organisationen bei der Begutachtung und Bewertung von Inhalten be- währt hat (HBI/EMR 2006: S. 118 f., 126 f.). Zu der Frage, ob und ggf. in welchen Bereichen es besser ist, dass die Organisationen die Bewertung vor- nehmen oder nur Fragebögen und Auswertungssysteme für eine Selbsteinstu- fung bereitstellen, kann ein Blick auf die Systeme in den Niederlanden23 und in Deutschland24 sinnvoll sein. Ob eine Zertifizierung von nicht-staatlichen Organisationen oder eine Beteiligung staatlicher Akteure an nicht-staatlichen Organisationen der bessere Weg ist, um einen dem Staat zuzurechnenden Ein- fluss zu sichern, kann bei der Betrachtung der verschiedenen Systeme innerhalb Deutschlands25 und des Systems in Österreich26 gelernt werden. Zur Frage, wie stark der Einfluss staatlich eingesetzter Aufsichtsinstitutionen in Bezug auf die einzelnen Anbieter bleiben sollte, bietet sich wiederum die Beobach- tung von Deutschland27 und den Niederlanden28 an. 195 22 Vgl. auch jeweils die ausführlichen Länderreports (Country Reports) in Annex 4 – Media Systems der HBI/ EMR-Studie. 23 In den Niederlanden hat die nicht-staatliche Einrichtung NICAM einen Fragebogen erstellt, der von speziell hierzu ausgebildeten Mitarbeitern der Anbieter ausgefüllt wird. Ein NICAM-Computerprogramm wertet die Bögen aus und liefert als Ergebnis eine Alterseinstufung. Dieses System kommt bei Fernsehsendungen, Kinofilmen, DVDs sowie Videospielen und nun auch bei Inhalten auf Mobiltelefonen zum Einsatz; vgl. HBI/ EMR 2006: S. 75 f. 24 In Deutschland erfolgt die Alterseinstufung von Kinofilmen, DVDs, Computerspielen und Fernsehprogram- men durch Selbstkontrolleinrichtungen; vgl. HBI/EMR 2006: S. 48 f., 51 f., 54 f. 25 An den Prüfgruppen der für die Begutachtung von Kinofilmen, DVDs und Computerspielen zuständigen Selbstkontrolleinrichtungen sind Vertreter staatlicher Einrichtungen beteiligt. Die für Internetangebote und Rundfunksendungen zuständigen Selbstkontrolleinrichtungen werden durch die staatlich eingesetzten Institu- tionen zertifiziert; vgl. HBI/EMR 2006: S. 48 f., 51 f., 54 f., 105 f., 130 ff. 26 Die nichtstaatliche Jugendmedienkommission (JMK), die als Beratungsorgan für den Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Kultur gegründet wurde, macht Vorschläge zur Altersklassifizierung von Filmen, DVDs und CD-ROMs. Empfehlungen der JMK sind nicht bindend. Allerdings schließen sich die für die Altersklassifizierung zuständigen Behörden der Bundesländer für gewöhnlich den Entscheidungen der JMK an. Jeweils ein Mitglied der Prüfausschüsse der JMK, die die Altersklassifikation vornehmen, ist ein Landes- vertreter. Im Appellationsausschuss finden sich zwei Landesvertreter. Außerdem ist der Geschäftsführer der JMK ein Beamter des Bundesministeriums. Alle Mitglieder der JMK werden vom Minister für Ausbildung, Wissenschaft und Kultur ernannt; vgl. HBI/EMR 2006: S. 126 f. 27 Im Rundfunk und bei Telemedien können die staatlich eingesetzten Institutionen gegen die Anbieter vorgehen, wenn die Selbstkontrolleinrichtungen bei ihren Entscheidungen ihren Beurteilungsspielraum überschritten haben; vgl. HBI/EMR 2006: S. 49 f., 52 f. 28 In den Niederlanden kann die staatlich eingesetzte Institution nur gegen Anbieter vorgehen, die nicht der Selbstkontrolleinrichtung NICAM angeschlossen sind. Ansonsten ist sie auf eine Meta-Kontrolle beschränkt; vgl. HBI/EMR 2006: S. 76. Im Werbebereich sind etwa Großbritannien29, die Niederlande30 und Grie- chenland31 Anschauungsbeispiele zur Beantwortung der Fragen, ob nicht-staat- liche Organisationen nur bei der Erstellung von Kodizes oder auch bei der Aufsicht darüber einbezogen werden sollten, und auf welche Weise der Staat Einfluss nehmen kann. Das Modell in Frankreich32 zeigt das Potenzial einer Ex-ante-Kontrolle auf. Besonderer Beachtung beim Erfahrungsaustausch zwischen den Mitglied- staaten bedarf der Einfluss von Regulierungskulturen und Marktsituationen in einzelnen Bereichen auf die Wahl der Instrumente. Die Evaluierung des deutschen Jugendsystems wurde im Oktober 2007 abgeschlossen;33 dabei wurde unter anderem erkennbar, dass die Ko-Regulierung im Internet anderen Logiken folgt als im Rundfunkbereich. Außerdem zeigt sich, dass auch in ko-regulativen Systemen eine klare Ver- antwortungstrennung zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen sinnvoll ist (vgl. Schulz/Held 2004: S. 5 ff.). Verantwortungsdiffusion schmä- lert zumindest das Vertrauen in das System. Die Letztverantwortung des Staates bezieht sich nicht nur – wie in der Richtlinie genannt – auf die Erreichung der gesetzten Ziele, sondern auch auf die Einhaltung rechtsstaatlicher und demokratischer Prinzipien und die Wahrung von Grundrechten (wie Art. 10 EMRK34). Der Staat darf sich dieser Bindungen nicht dadurch entledigen, dass er Verantwortung an Private delegiert (Schulz/Held 2007: S. 86 ff.). Instrument zur Gewährleistung der genannten Prinzipien ist der „legal link“ zwischen staatlicher und nicht-staatlicher Regu- lierung (HBI/EMR 2004: S. 5, 35 ff., 151 f.). Mit diesem kann der Staat auch private Akteure an rechtsstaatliche Prinzipien binden und die Offenheit des Systems gewährleisten, die eine Partizipation der von der Regulierung Be- troffenen ermöglicht. Auch kann er im „legal link“ Sicherungen einziehen, um die Verletzung von Grundrechten auszuschließen. 196 29 In Großbritannien hat die staatliche Ofcom ihre Regelungskompetenz an das nichtstaatliche Broadcast Committee of Advertising Practice (BCAP) und die Überwachung der Kodizes an die nichtstaatliche Ad- vertising Standards Authority Broadcast (ASA(B)) übertragen, die beide Teile der nichtstaatlichen Advertising Standards Authority (ASA) sind, wobei aber die endgültige Entscheidungsgewalt bei der Ofcom verbleibt, vgl. HBI/EMR 2006: S. 90 ff. 30 In den Niederlanden wurde der nichtstaatliche Nederlandse Reclame Code von der nichtstaatlichen Stichting Reclame Code (Werbekodex Stiftung) entwickelt und wird dort von der ebenfalls nichtstaatlichen Reclame Code Commissie (Werbekodex Komitee) überwacht, vgl. HBI/EMR: S. 78 ff. 31 In Griechenland haben Verbände und Rundfunkunternehmen gemeinsam einen Werbe- und Kommunikations- kodex entwickelt. Um- und Durchsetzung obliegt dem nichtstaatlichen Werbeselbstregulierungsrat (SEE). Die allgemeine Kontrolle übt der staatliche Griechische Nationalrat für Radio und Fernsehen (NCRTV) aus, vgl. HBI/EMR 2006: S. 60 ff. 32 In Frankreich erfolgt eine ex ante Bewertung durch die nichtstaatliche Einrichtung Bureau de vérification de la publicité (BVP); vgl. HBI/EMR 2006: S. 46 ff. 33 Der Bericht ist abrufbar unter www.hans-bredow-institut.de forschung/ recht /071030Jugendschutz- Endbericht.pdf. 34 Vgl. zu Art. 10 EMRK: Holoubek 2003: S. 193 f., 198 f.; Voorhoof 1992: S. 19 ff. Da die rechtsstaatlichen Prinzipien zwar im Einzelnen variieren, aber durch- aus eine länderübergreifende Basis auszumachen ist (zumindest in Form der Prinzipien der EMRK), ist auch in diesem Bereich ein Austausch der Mitglied- staaten untereinander anzustreben. 1.5 Konkrete Perspektiven für Deutschland 1.5.1 Initiative „Ein Netz für Kinder“ Auf der Konferenz wurde die Initiative „Ein Netz für Kinder“ vorgestellt. Die Initiative besteht aus zwei Säulen: einer in der Verantwortung der Industrie erstellten „White list“ von für Kinder unbedenklichen Angeboten und einem staatlichen Förderprogramm für besonders kindgerechte Angebote. Am 29. 11. 2007 wurde mit der Freischaltung der Seite www.fragfinn.de das „Netz für Kinder“35 offiziell durch die Bundeskanzlerin gestartet. Die Organisation der „White list“ (oder „Positivliste“) hat die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V. (FSM) übernommen. Die Ein- stufung von Seiten als für Kinder unbedenklich wird grundsätzlich von den Anbietern selbst geleistet, die FSM überprüft aber im Sinne einer Missbrauchs- kontrolle jedes von den Anbietern selbst eingestufte Angebot daraufhin, ob es für Kinder unbedenklich ist. Außerdem wird die FSM bei Beschwerden in Bezug auf Angebote auf der Liste tätig. Bestimmten Institutionen, die sich als besonders vertrauenswürdig erwiesen haben, wird das Recht eingeräumt, Emp- fehlungen auszusprechen, die ohne Vorprüfung durch die FSM auf die Positiv- liste aufgenommen werden. Über die Seite www.fragfinn.de können die Angebote der Positivliste mittels einer Suchmaschine und redaktionell betreuten Kästen erschlossen werden. Mit Hilfe eines Zusatzprogramms können Eltern, Pädagogen und Lehrer den Browser so konfigurieren, dass Kinder nur auf diesen überprüften Seiten surfen können. Außerdem kann die Positivliste durch die Einbindung in Filterpro- gramme und Betriebssysteme nutzbar gemacht werden. Sowohl der FSM angeschlossene als auch nicht-angeschlossene Unterneh- men hatten bereits vor der Konferenz ihre Bereitschaft erklärt, die Erstellung der Positivliste zu unterstützen. Auf Seiten des Staates erfolgt eine Förderung innovativer und qualitativ hochwertiger Kinderangebote durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Diese stellen mehr als 1,5 Mio. Euro pro Jahr für den Zeitraum von zunächst drei Jahren bereit. Gefördert werden sollen Internetangebote für Kinder und sonstige Projekte zur Förderung der Internet- 197 35 Vgl. www.ein-netz-fuer-kinder.de. kompetenz von Kindern. Dies dient dem Ziel, die Anzahl, die Qualität und die Auffindbarkeit von Internetangeboten im deutschsprachigen Raum, die für Kinder besonders geeignet sind und die die Entwicklung von Kindern zu eigen- verantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten fördern, zu er- höhen. Eine Vergabekommission bewertet die eingereichten Projekte und macht Fördervorschläge. Die Vergabekommission kann bei der Auswahl der zu fördernden Internetangebote und Projekte eine Kinderjury einbeziehen. Die Mitglieder der Vergabekommission werden benannt von BKM, BMFSFJ, Lan- desanstalt für Medien NRW, Bayerische Landeszentrale für neue Medien, FSM sowie von dem „von der Europäischen Union im Rahmen des Safer Internet Programm und dessen Nachfolgeprogrammen geförderten Sensibilisierungs- zentrum (awareness raising node)“.36 Die Beteiligung der Landesmedienanstalten sichert die Verbindung dieser Initiative mit weiteren Maßnahmen zum Jugendmedienschutz. 1.5.2 Anbietervielfalt Die Notwendigkeit, öffentlich-rechtlichem Rundfunk den Zugang zum Internet zu ermöglichen, führt auch in Deutschland zu Veränderungen der Rechts- grundlagen. Während bisher die Rundfunkanstalten bei ihren Online-Aktivi- täten auf Annexdienste zu ihrem Fernseh- und Radioangebot beschränkt sind,37 wird in Folge der Einigung im EU-Beihilfeverfahren eine Änderung des Auf- trags erfolgen. Die Rundfunkanstalten werden dann die Möglichkeit erhalten, publizistische Angebote im Internet zu unterbreiten, was auch originär für die Online-Nutzung erstellte Inhalte umfasst. Anfang 2008 war der im Entwurf des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrags vorgesehene Ausschluss von text- basierten Angeboten, die nicht sendungsbezogen sind, Gegenstand von De- batten. Die von der Europäischen Kommission geforderte Konkretisierung des Auftrags38 wird dabei durch die Kombination gesetzlicher Vorgaben zur Art der Dienste, gesetzlicher Verfahrensregeln, Richtlinien der Rundfunkanstalten und einem „Drei-Stufen-Test“ vor der Aufnahme neuer Angebote erfolgen. Die Aktivitäten der Rundfunkanstalten auf neuen Plattformen umfassen u. a. – nach dem Vorbild der BBC – die Abrufbarkeit von Sendeinhalten über einen gewissen Zeitraum hinweg. 198 36 Die Fördergrundsätze sind abrufbar unter www.ein-netz-fuer-kinder.de/downloads/ Ein_Netz_fuer_ Kinder_-_Foerdergrundsaetze.pdf. 37 § 11 Absatz 1 Satz 2 Rundfunkstaatsvertrag (RStV). 38 Vgl. den Bescheid der Kommission vom 24. April 2007 („Staatliche Beihilfe E 3/2005 – Die Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland“); gekürzt dokumentiert in epd medien Nr. 39 vom 19. 05. 2007, S. 23 f. Private Anbieter nutzen schon seit Langem die Möglichkeiten des Internets. Verlage, Rundfunkveranstalter, aber auch eigenständige Online-Anbieter39 tragen zur Meinungsvielfalt im Netz bei. Nutzergenerierte Inhalte haben hier ebenfalls eine große Bedeutung. Mit über 650.000 Artikeln ist die deutsche Wikipedia die zweitgrößte hinter der englischen, die mehr als 2.000.000 Artikel zählt.40 Die gesetzlichen Grundlagen sind auf diese Phänomene bisher noch kaum eingestellt. Die Regeln für Telemedien im Rundfunkstaatsvertrag enthalten Sonderbestimmungen (etwa spezielle Informationspflichten und -rechte) für „Telemedien mit journalistisch-redaktionell gestalteten Angeboten, in denen insbesondere vollständig oder teilweise Inhalte periodischer Druckerzeugnisse in Text oder Bild wiedergegeben werden“.41 Inwieweit hierunter auch nutzer- generierte Angebote fallen können, ist bisher weitgehend ungeklärt. Dabei ist zu beachten, dass der Gesetzgeber durch die Weite der Definition auch die Gestaltung neuer Dienste mitbestimmt, etwa wenn die Beachtung journalisti- scher Grundsätze auch für nutzergenerierte Angebote gilt. Der Gesetzgeber steht hier vor der Entscheidung, entweder den Anwendungsbereich der Regeln für journalistisch-redaktionelle Angebote auszuweiten und auszudifferenzieren oder den Anwendungsbereich eng zu fassen, um die Unterscheidbarkeit tradi- tionellen Journalismus zu wahren. 1.5.3 Selbst- und Ko-Regulierung Bei Alternativen zu rein staatlicher Regulierung gehört Deutschland zu den Ländern, die positive Beispiele präsentieren können. Dies gilt zunächst für die Selbstregulierung: Neben etablierten Systemen wie dem Presserat (vgl. Puppis/Künzler 2007: S. 166 f.) und dem Werberat zählen hierzu neue Initiativen, wie die Kodizes der Suchmaschinenanbieter und der Mobilnetzbetreiber.42 Es zeigt sich, dass es in vielen Bereichen für den Staat sinnvoll sein kann, vor staatlicher Regulierung zunächst die Industrie zu eigenen Initiativen zu ermuntern. In Deutschland treten aber deutlich Berüh- rungsängste der Selbstkontrolle mit Systemen der Ko-Regulierung zutage, die 199 39 Etwa www.heise.de. 40 Wikipedia, Statistik, de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Statistik (Stand: 30. 06. 2007). 41 §§ 54 ff. RStV. 42 Der Kodex für Suchmaschinen ist abrufbar unter www.fsm.de/de/Subkodex_Suchmaschinenanbieter, der Kodex für Mobilfunkanbieter unter www.fsm.de/de/Subkodex_Mobilfunk. Im Oktober 2007 haben die Mobilfunknetzbetreiber eine Selbstverpflichtung veröffentlicht, die neben der Bereitstellung von Informa- tionen zum Jugendschutz und einer Hotline vorsieht, dass Eltern die Einrichtung einer generellen Internet- Sperre ermöglicht wird, die auch das Versenden und Empfangen von MMS einschließt; abrufbar unter: http:// www.mbwjk.rlp.de/uploads/media /Jugendschutz_Mobilfunk_Vereinbarung_2007.pdf (Stand: 20. 10. 2007); vgl. auf Europäischer Ebene das „European Framework for Safer Mobile Use by Younger Teenagers and Children“, abrufbar unter: www.gsmworld.com/gsmeurope/documents/eur.pdf. aus der Sorge resultieren, vom Staat vereinnahmt zu werden. Dies erschwert Kooperationen im Zuge der Konvergenz. Der Presserat reagiert auf die zu- nehmende Bedeutung der Online-Presse: Anfang 2008 gab er bekannt, dass er beabsichtigt seine Zulässigkeit auf journalistisch-redaktionelle Inhalte der elek- tronischen Presse auszudehnen. Bei der Ko-Regulierung hat Deutschland mit seinen Jugendschutzsystemen bei Trägermedien (Filme, Spiele), Rundfunk und Internet gute Erfahrungen gemacht, von denen andere Länder profitieren können. Aber auch die Systeme in Deutschland unterliegen der ständigen Weiterentwicklung, wobei der Blick ins Ausland Anregungen geben kann. 2007 wurde das deutsche Jugendschutz- system evaluiert (vgl. Hans-Bredow-Institut /JFF 2007). Die Untersuchung hat gezeigt, dass die Systeme grundsätzlich geeignet sind, wirksamen Jugendschutz zu gewährleisten, auch wenn im Einzelfall Verbesserungen notwendig sind. Vor Herausforderungen wird das System durch Konvergenzphänomene gestellt. Hier ist die Frage zu beantworten, welche Stellen zukünftig für Inhalte zu- ständig sein sollen, die sowohl „offline“ als auch „online“ verfügbar sind (etwa Filme und Spiele) oder die aus einer Kombination von Offline- und Online-Elementen bestehen (wie oft bei Spielen). Hier sind auch verstärkte Kooperationen der verschiedenen Selbstkontrolleinrichtungen möglich (vgl. Hans-Bredow-Institut /JFF 2007: Kapitel 6.3.2.2. (S. 223 ff.), vgl. auch Frey/ Rudolph 2007: S. 103.). Überlegenswert ist es auch für Deutschland, Ko-Regulierung in weiteren Bereichen, auch jenseits der Medien, einzusetzen. Hier können alle Politik- bereiche von den Erkenntnissen der Regulierungsforschung profitieren. 2 Literatur Balcytiene, A. (2006): Mass Media in Lithuania – Development, Changes, and Journa- lism Coulture, European Journalism Review Series No. 8, Berlin. Calliess, C. / Ruffert, M. (Hrsg.) (2002): Kommentar über die Europäische Union und des Vertrages zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft: EUV/EGV, Neuwied [u. a.]; zitiert: Bearbeiter, in: Calliess/Ruffert 2002. Eijk, N. van (2006): Search Engines: Seek and Ye Shall Find? The Position of Search Engines in Law, IRIS plus (Supplement to IRIS – Legal observations of the European Audiovisual Observatory), 2006–2. Abrufbar unter: www.obs.coe.int /oea_ publ/ iris/ iris_plus/ iplus2_2006.pdf.en. Eijk, N. van/Maniadaki, K. (2007): Institutional Aspects of Internet Governance. In: C. Moeller, Christian /Amouroux, Arnaud (Hrsg.): Governing the Internet – Freedom and Regulation in the OSCE Region, Wien, S. 67–87. Abrufbar unter: www. ivir.nl/staff/vaneijk.html. Frau-Meigs, D. (2007): Minding the Gatekeeper: Search Engines for Young People, and the Regulatory Riddle of Harmful Content. In: Machill, Marcel / Beiler, Markus 200 (Hrsg.): Die Macht der Suchmaschinen – The Power of Search Engines, Köln, S. 308–326. Frey, D. / Rudolph, M. (2007): Rechtsgutachten zur Evaluierung des „Staatsvertrags über den Schutz der Menschenwürde und den Jugendschutz in Rundfunk und Tele- medien“, im Auftrag des Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e. V. Abruf- bar unter: www.bvdw.org fileadmin/medien/ interessenvertretung/medien politische_positionen/Rechtsgutachten.pdf. Geiger, R. (2004): EUV/EGV Kommentar, 4. Auflage, München. Goldhammer, K. / Zerdick, A. (1999): Rundfunk Online: Entwicklung und Perspektiven des Internets für Hörfunk- und Fernsehanbieter, Berlin. Groeben, H. von der/Schwarze, J. (Hrsg.) (2004): Kommentar zum Vertrag über die Europäische Union und zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft, 6. Auflage, Baden-Baden; zitiert: Bearbeiter, in: von der Groeben/Schwarze 2004. Hans-Bredow-Institut/Institut für Europäisches Medienrecht (2006): Final Report: Study on Co-Regulation Measures in the Media Sector. Study for the European Commis- sion, Directorate InformationSociety and Media; zitiert: HBI/EMR. Abrufbar unter: ec.europa.eu/avpolicy/docs/library/studies/coregul/coregul-final-report_en.pdf. Hans-Bredow-Institut/JFF (2007): Analyse des Jugendmedienschutzsystems – Jugend- schutzgesetz und Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Abrufbar unter: www. hans-bredow-institut.de/forschung/recht /071030Jugendschutz-Endbericht.pdf. Hans-Bredow-Institut (2007): Das deutsche Jugendschutzsystem im Bereich der Video- und Computerspiele. Abrufbar unter: www.hans-bredow-institut.de/presse/ 070628Endbericht.pdf. Held, T. (2008): Online-Angebote öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, Baden-Baden. Hoffmann-Riem, W. (1990): Erosionen des Rundfunkrechts: Tendenzen der Rundfunk- rechtsentwicklung in Westeuropa, München. Hoffmann-Riem, W. (2000): Regulierung der dualen Rundfunkordnung: Grundfragen, 1. Auflage, Baden-Baden. Holoubek, M. (2003): Medienfreiheit in der Europäischen Menschenrechtskonvention, Archiv für Presserecht (AfP), 34 (2003), S. 193–201. Livingstone, S./Millwood Hargrave, A. (2006): Harmful to Children? Drawing Conclu- sions from Empirical Research on Media Effects. In: Carlsson, U. / Feilitzen, C. von (Hrsg.): In the Service of Young People? Studies and Reflections on Media in the Digital Age, Göteborg, S. 49–76. Machill, M. / Beiler, M. / Zenker, M. (2007): Suchmaschinenforschung. Überblick und Systematisierung eines interdisziplinären Forschungsfeldes. In: Machill, M. / Beiler, M. (Hrsg.): Die Macht der Suchmaschinen – The Power of Search Engines, Köln, S. 7–43. Mayer-Schönberger, V. / Somek, A. (2006): Introduction: Governing Regulatory Inter- action: the Normative Question. In: European Law Journal, Vol. 12, No. 4, July 2006, S. 431–439. Abrufbar unter: www.vmsweb.net /attachments/elj.pdf. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2007): JIM-Studie 2006: Jugend, Information, (Multi-)Media, Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähri- ger. Abrufbar unter: www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf06/JIM-Studie_2006. pdf; zitiert: JIM 2006. 201 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2007): KIM-Studie 2006: Kinder + Medien, Computer + Internet, Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jäh- riger. Abrufbar unter: www.mpfs.de fileadmin/KIM-pdf06/KIM2006.pdf; zitiert: KIM 2006. Möller, E. (2005): Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern, Hannover. Nissen, C. S. (2006): Public service media in the information society. Report prepared for the Council of Europe’s Group of Specialists on Public Service Broadcasting in the Information Society (MC-S-PSB). Abrufbar unter: www.christiannissen. com/index.php?id=212. Puppis, M. / Künzler, M. (2007): Governance als horizontale Ausweitung von Govern- ment: Selbst- und Ko-Regulierung im Mediensektor. In: Donges, P. (Hrsg.): Von der Medienpolitik zur Media Governance?, Köln, S. 161–177. Schmidt, J. (2006): Weblogs: Eine kommunikationssoziologische Studie, Konstanz. Schulz, W. / Held, T. (2004): Regulated Self-Regulation as a Form of Modern Govern- ment: an analysis of case studies from media and telecommunications law, Eastleigh. Schulz, W. / Held, T. (2007): Verfassungsrechtliche Grundsätze und Media Governance. Demokratische Legitimation und Wahrung des Rechtsstaatsprinzips bei der Regulie- rung von Medienanbietern unter besonderer Berücksichtigung ko-regulativer Sys- teme. In: Donges, P. (Hrsg.): Von der Medienpolitik zur Media Governance?, Köln, S. 85–102. Schulz, W. / Held, T. / Laudien, A. (2005): Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffent- lichen Kommunikation: Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffenheit und Trans- parenz bei Suchmaschinen im WWW, Berlin. Schulz, W. / Held, T. / Kops, M. (2002): Perspektiven der Gewährleistung freier öffent- licher Kommunikation: ein interdisziplinärer Versuch unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit und Marktfähigkeit neuer Kommunikationsdienste, Baden-Baden. Schwarze, J. (Hrsg.)(2002): EU-Kommentar, 1. Auflage, Baden-Baden. Stald, G. (2002): More Research needs to be done. Problems and Perspectives in Research on Children’s Use of Interactive Media. In: Nordicom Review, Vol. 23, Nr. 1–2, 2002, S. 47–56. Valcke, P. / Stevens, D. (2007): Graduated regulation of ‚regulatable‘ content and the European Audiovisual Media Services Directive. One small step for the industry and one giant leap for the legislator?, Telematics and Informatics 24 (2007), S. 285–302. Abrufbar unter: www.law.kuleuven.be/icri/publications/948ti2007.pdf= Voorhoof, D. (1992): From Governmental Regulation to Market Regulation? Press Law and the Meaning of Article 10 of the European Human Rights Convention. In: Nordenstreng, K. / Kleinwächter, W. (Hrsg.): CSCE and Information: Proceedings of a seminar of experts, April 24–27, 1992, Tampere, S. 19–42. Webb, K. / Morrison, A. (2004): The Law and Voluntary Codes: Examining the „Tangled Web“. In: Webb, K. (Hrsg.): Voluntary Codes: private governance, the public interest and innovation, Toronto, S. 97–174. Weischenberg, S. (2004): Journalistik :Medienkommunikation: Theorie und Praxis; Bd. 1: Mediensysteme, Medienethik, Medieninstitutionen, 3. Auflage, Wiesbaden.m 202 Ziewitz, M. (2008): Viel Ordnung, wenig Recht: Kollaborative Selbstkontrolle als Ver- trauensfaktor am Beispiel Wikipedia. In: Klumpp, D. / Kubicek, H. / Rossnagel, A. / Schulz, W. (Hrsg.): Informationelles Vertrauen für die Informationsgesellschaft, [in Vorbereitung]. 203 Tagungsprogramm Mittwoch, 09. Mai 2007 Museum der bildenden Künste Leipzig 19.00 Uhr Empfang auf Einladung der Sächsischen Staatsregierung Begrüßungsreden Andrea Fischer, Staatssekretärin in der Staatskanzlei des Freistaates Sachsen Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig Donnerstag, 10. Mai 2007 The Westin Leipzig 09.00 Uhr Eröffnungsreden Bernd Neumann, Staatsminister bei der Bundeskanzlerin und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien Kurt Beck, Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz und Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder General Keynote: „User Generated Content – Vertrauen in die Kreativität Nutzer?“ Dana Dunne (AOL Europe): „Die Rolle der Anbieter“ Viktor Mayer-Schoenberger (Harvard University): „Die neue Rolle der Nutzer“ 10.15 Uhr Moderation und Einführung in die Arbeitsgruppen: Ingrid Scheithauer 205 10.30 Uhr Kaffeepause 11.00–17.30 Uhr Arbeitsgruppen Arbeitsgruppe 1 Vertrauen und Medienkompetenz durch kindgerechte Inhalte: Wie können mehr Angebote für Kinder geschaffen werden? Patin: Sonia Livingstone (London School of Economics) Moderatorin: Bojana Lobe (University of Ljubljana, EU Kids Online) 11.00 Uhr Einführung: Kindgerechte Angebote im Internet: Status quo und weiterer Bedarf Sonia Livingstone (London School of Economics) 11.30 Uhr Mögliche Wege zu mehr kindgerechten Inhalten Divina Frau-Meigs (Université Sorbonne Nouvelle – Paris III) 11.50 Uhr Förderung der Medienkompetenz von Kindern in Europa Giulietto Chiesa (Mitglied des Europäischen Parlaments) 12.10 Uhr Diskussion Arbeitsgruppe 2 Vertrauenswürdige Anbieter: Wer bietet verlässliche und vielfältige Informationen in der digitalen Welt, und wie finden Nutzer den Zugang zu diesen Informationen? Pate: Richard Collins (Open University) Moderator: Wolfgang Schulz (Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, Hamburg) 11.00 Uhr Einführung: Wer bietet verlässliche Inhalte im Internet? – Die Rolle verschiedener Anbietertypen für die öffentliche Kommunikation Richard Collins (Open University) 206 11.30 Uhr Veränderung der öffentlichen Kommunikation durch das Internet Sophia Kaitatzi-Whitlock (Aristotle University of Thessaloniki) 11.50 Uhr Gesellschaftliche Verantwortung für freie Meinungsbildung durch neue digitale Medien? – Ansätze in der Medienpolitik der Mitgliedstaaten Christian S. Nissen (Copenhagen Business School) 12.10 Uhr Diskussion Arbeitsgruppe 3 Vertrauen in die Industrie: Welche Instrumente der Selbstregulierung haben sich bewährt? Pate: Michael Latzer (Österreichische Akademie der Wissenschaften) Moderator: Nico van Eijk (Institute for Information Law, Amsterdam) 11.00 Uhr Einführung: Selbstregulierung und Selbsthilfe bei digitalen Medien- inhalten in der EU Michael Latzer (Österreichische Akademie der Wissenschaften) 11.30 Uhr Technische Instrumente der Selbstregulierung Herbert Kubicek (Universität Bremen) 11.50 Uhr Diskussion Arbeitsgruppe 4 Vertrauen in die Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft: Welches Potenzial hat Ko-Regulierung bei digitalen Inhalten? Pate: Alexander Scheuer (Institut für Europäisches Medienrecht, Saarbrücken) Moderatorin: Peggy Valcke (Katholieke Universiteit Leuven) 11.00 Uhr Einführung: Ko-Regulierung als ein Instrument modernen Regulierens Alexander Scheuer (Institut für Europäisches Medienrecht, Saarbrücken) 207 11.30 Uhr Ko-Regulierung in Rundfunk und Internet: Berücksichtigung unterschied- licher Regulierungskulturen Wolf-Dieter Ring (Kommission für Jugendmedienschutz der Landes- medienanstalten) 11.50 Uhr Ko-Regulierung und Selbst-Klassifizierung von digitalen Inhalten durch ihre Anbieter am Beispiel von NICAM Wim Bekkers (NICAM) 12.10 Uhr Diskussion 12.45 Uhr Mittagsbuffet Arbeitsgruppe 1 14.15 Uhr Förderung und Vernetzung kindgerechter Internetinhalte Hans Ernst Hanten (BKM) 14.30 Uhr Podiumsdiskussion: Wege zu mehr kindgerechten Angeboten im Internet und zur besseren Auffindbarkeit bestehender Angebote durch Kinder Teilnehmer: Norbert Schneider (Landesanstalt für Medien NRW); Roland Rosenstock (Universität Greifswald, Erfurter Netcode); Alexa Joyce (European Schoolnet); Gitte Stald (University of Copenhagen) 15.00 Uhr Diskussion Arbeitsgruppe 2 14.15 Uhr Die Rolle öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten im Internet Jörg Sadrozinski (tagesschau.de, Norddeutscher Rundfunk) 14.30 Uhr Möglichkeiten des Transfers von Marken privater Rundfunkveranstalter in das Internet Gábor Benke (TV2/SBS Hungary) 208 14.45 Uhr Podiumsdiskussion: Die Bedeutung journalistischer Angebote im Internet Teilnehmer: Massimo Razzi (Repubblica.it, La Repubblica); Elenko Elenkov (Capital Weekly, Online Edition); Aukse Balcytiene (Vyitautas Magnus University Kaunas); Thomas Krüger (Bundeszentrale für politi- sche Bildung) Arbeitsgruppe 3 14.15 Uhr Die Rolle von Kodizes bei der Selbstregulierung Andrea Millwood Hargrave (University of Oxford, The Programme in Comparative Media Law and Policy) 14.30 Uhr Podiumsdiskussion: Kodizes als Instrumente der Selbstregulierung in der Praxis Teilnehmer: Daphne C. Koene (Raad voor de Journalistiek); Mike Cosse (Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia); Frank Goodman (Advertising Standards Authority for Ireland); Kaisu Karvala (GSM Europe); Cornelia Kutterer (Bureau Européen des Unions de Consommateurs) Arbeitsgruppe 4 14.15 Uhr Regulierung aus Sicht der Europäischen Kommission Jean-Eric de Cockborne (Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien, Europäische Kommission) 14.30 Uhr Ko-Regulierung als Instrument der Medienpolitik Karol Jakubowicz (European Science Foundation) 14.45 Uhr Ko-Regulierung und europäische Grundrechte Dirk Voorhoof (Universiteit Gent) 15.00 Uhr Diskussion 15.45 Uhr Kaffeepause 209 Arbeitsgruppe 1 16.15 Uhr Geschäftsmodelle für kindgerechte Inhalte in verschiedenen Medien Luis Martin de Ciria (El Mundo) 16.30 Uhr Zugang von Kindern zum Netz: Maßnahmen der Internet-Anbieter zur Förderung der Medienkompetenz von Kindern Christina Ponte (Universidade de Lisboa) 16.45 Uhr Diskussion Arbeitsgruppe 2 16.15 Uhr Wie finden Nutzer den Zugang zu Wissen im Internet? Tapio Varis (University of Tampere) 16.30 Uhr Podiumsdiskussion: Das Internet als Wissensarchiv: Wer vermittelt den Zugang zu Wissen im Netz? Teilnehmer: Stefan Wess (empolis, Theseus); François Bourdoncle (Exalead, Quaero); Becky Palmer (BBC); Frieda Brioschi (Wikimedia / Italy) Arbeitsgruppe 3 16.15 Uhr Labeling von Computerspielen am Beispiel von PEGI Patrice Chazerand (Interactive Software Federation of Europe) 16.30 Uhr Ombudsstellen: Hilfestellung für Mediennutzer Thom Meens (Volkskrant) 16.45 Uhr Diskussion Arbeitsgruppe 4 16.15 Uhr „Contracting-out“ von Regulierung: Ko-Regulierung im Bereich der Werbung in Großbritannien Tim Suter (OFCOM) 210 16.30 Uhr Werberegulierung in Frankreich: Verlagerung von Ex-ante-Aufsicht auf die Wirtschaft Jean-Pierre Teyssier (Bureau de vérification de la publicité/European Advertising Standards Alliance) 16.45 Uhr Diskussion 17.30 Uhr Ende der Sitzung der Arbeitsgruppen 19.00 Uhr Konzert des Thomanerchors Leipzig 20.30 Uhr Abendessen im historischen Ratskeller der Stadt Leipzig auf Einladung des Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen Dinnerspeech Hermann Winkler, Staatsminister und Chef der Staatskanzlei des Freistaates Sachsen Freitag, 11. Mai 2007 The Westin Leipzig 09.00 Uhr Arbeitsgruppen 1–4: Podiumsdiskussionen mit allen Referenten und Paten Reflexion der Referate des Vortages, Schlussfolgerungen 11.00 Uhr Pause 11.30 Uhr Plenum Berichte aus den Arbeitsgruppen und Diskussion Moderation: Ingrid Scheithauer 211 13.00 Uhr Abschlussreden Rudolf Strohmeier, Kabinettchef der Kommissarin für Informationsgesell- schaft und Medien Viviane Reding Hans Ernst Hanten, Ministerialdirigent, Leiter der Gruppe Medien, internationale Zusammenarbeit im Kultur- und Medienbereich beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien 13.30 Uhr Mittagsbuffet Pressekonferenz 14.30 Uhr Ende der Konferenz 212 Die Autoren Prof. Dr. Richard Collins Richard Collins ist Professor der Medienwissenschaft an der britischen Open University sowie Vodacom Gastprofessor am LINK Centre der School of Public Development and Management an der University of the Witwatersrand in Johannesburg, Südafrika. Zuvor war er stellvertretender Direktor und Leiter im Bereich Bildung am British Film Institute. Er hat in Australien, Groß- britannien, Kanada, Südafrika und den USA gelehrt und geforscht, darunter an der London School of Economics, der Queen’s University (Kingston, Ontario) und der University of Southern California. Er war gründender Forschungs- direktor des Forschungsprogramms für Medien- und Kommunikationspolitik am Institute for Public Policy Research (IPPR) in London und Berater für Sonderfragen des ständigen Ausschusses des britischen House of Lords zur Prüfung der BBC Charta. Collins ist Verfasser zahlreicher Studien zum Rund- funkwesen, zur Telekommunikation und zum Internet. Prof. Dr. Nico van Eijk Nico van Eijk (1961) studierte Jura und erwarb seinen Doktortitel in Informa- tionsrecht an der Universität von Amsterdam. Er arbeitet derzeit als Professor für Medien- und Telekommunikationsrecht am Institut für Informationsrecht (Instituut voor Informatierecht, IViR) der Universität von Amsterdam. Das Institut für Informationsrecht, das 1987 als Forschungskompetenzzentrum ein- gerichtet wurde, ist eine der größten Forschungseinrichtungen im Bereich des Informationsrechts in Europa. In seiner Funktion als Berater der Rabobank International unterstützt van Eijk die Global Media and Telecommunications Group in juristischen und strategischen Fragen. Außerdem berät er die IP/ ICT & Competition Group der größten Anwaltsfirma in den Niederlanden (NautaDutilh, Amsterdam). Schließlich ist er Mitglied des Aufsichtsgremiums der holländischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt (Nederlandse Publieke Omroep) und stellvertretender Vorsitzender des Niederländischen Verbandes für Medien- und Kommunikationsrecht (VMC). 213 Dr. Thorsten Held Thorsten Held studierte Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg. Seit April 1998 ist er als wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut tätig, seit 2004 arbeitet er außerdem als Rechtsanwalt bei i. e. – Büro für informationsrechtliche Expertise. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit macht er durch Publikationen und Vorträge der Fachöffentlichkeit zu- gänglich. Unter anderem ist er Verfasser von Untersuchungen zur Gewährlei- tung von Public Service unter veränderten technischen und gesellschaftlichen Bedingungen und von internationalen Studien zu neuen Regulierungsformen in den Bereichen Rundfunk, Online-Kommunikation und Telekommunikation. Seine Dissertation behandelte das Thema Online-Angebote öffentlich-recht- licher Rundfunkanstalten. Er ist außerdem Autor von Kommentierungen zum Rundfunk-, Telemedien- und Jugendschutzrecht im Beck’schen Kommentar zum Rundfunkrecht und im Hamburger Kommentar zum gesamten Medienrecht.m Thomas Kleist, Staatssekretär a. D. Thomas Kleist, Staatssekretär a. D., Rechtsanwalt, ist Vorstandsvorsitzender und Direktor des Instituts für Europäisches Medienrecht (EMR). Von 1985–1996 war er Direktor der Landesanstalt für das Rundfunkwesen Saarland (LAR), in dieser Funktion sowohl Europabeauftragter als auch Vorsitzender der Direk- torenkonferenz der Landesmedienanstalten in Deutschland, von 1996 bis 1999 Staatssekretär in der Landesregierung des Saarlandes, Ministerium für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales; Seit 2000 ist Kleist als Rechtsanwalt und selbstständiger Unternehmensberater mit Schwerpunkt Medien und Health Care tätig. Funktionen u. a.: Verwaltungsratsvorsitzender des Saarländischen Rundfunks, stv. Aufsichtsratsvorsitzender Werbefunk Saar GmbH und Auf- sichtsratsmitglied bei Radio Salü Euro-Radio Saar GmbH. Vorträge und Ver- öffentlichungen zum deutschen und europäischen Medienrecht. Univ.-Doz. Mag. Dr. Michael Latzer Michael Latzer absolvierte das Doppelstudium Betriebs- u. Wirtschaftsinfor- matik sowie Politikwissenschaft / Pädagogik an der Universität Wien. Er ist Universitätsdozent für Kommunikationsökonomie und -politik an der Universi- tät Wien und Senior Researcher am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österrreichischen Akademie der Wissenschaften. Neben Forschungs- aufenthalten an der Columbia University/New York und der Keio University/ Tokio war er Gastprofessor an der University of California /San Diego, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Universität Zürich. Zu seinen Forschungs- schwerpunkten zählen Informationsgesellschaftsthemen, Medienwandel, Kom- munikationspolitik und -ökonomie, Governance- und Innovationstheorie sowie Technology Assessment. Für Details siehe www.oeaw.ac.at / ita / latzer/.m 214 Prof. Dr. Sonia Livingstone Sonia Livingstone ist Professorin für Sozialpsychologie im Fachbereich Medien und Kommunikation an der London School of Economics and Political Science. Sie ist Autorin oder Herausgeberin von neun Büchern und über 100 akademi- schen Beiträgen und Abhandlungen über Medienkompetenz, Kinder und Internet, häuslicher Kontext von Mediennutzung und Medienkompetenz. Ihre jüngsten Buchveröffentlichungen sind u. a. Children and Their Changing Media Environment (herausgegeben mit Moira Bovill, Erlbaum, 2001), Young People and New Media (Sage, 2002), The Handbook of New Media (herausgegeben mit Leah Lievrouw, Sage, 2006) und Harm and Offence in Media Content (mit Andrea Millwood Hargrave, Intellect, 2006). Sie ist Mitglied der Task Force for Child Protection on the Internet des britischen Innenministeriums, der Ministerial Taskforce for Home Access to Technology for Children des briti- schen Ministeriums für Erziehung und Wissenschaft, des Vorstands von Voice of the Listener and Viewer, des Media Literacy Research Forum der Ofcom und des Vorstands der Internet Watch Foundation. Darüber hinaus ist sie ge- wählte Präsidentin der International Communication Association. Im Anschluss an das Forschungsprojekt UK Children Go Online leitet sie das Themennetz- werk EU Kids Online für das Programm Safer Internet Plus der Europäischen Kommission. Siehe www.lse.ac.uk/collections/media@lse/whosWho/ soniaLivingstone.htm. Dr. Bojana Lobe Bojana Lobe hat an der Universität Ljubljana ein Studium der Sozialwissen- schaften mit der Promotion abgeschlossen. Sie wirkt am Forschungsprojekt RIS mit und lehrt Methodik am Fachbereich Sozialwissenschaften. Dr. Lobe ist Mitglied der Chefredaktion des „International Journal of Multiple Research Approaches“. Sie forscht in erster Linie auf den Gebieten methodische Pro- bleme bei mehrmethodischen Forschungsmaßnahmen, technische Neuerungen in der Erhebung sozialwissenschaftlicher Daten (virtuelle Ethnographie, Online- Zielgruppen, qualitative Online-Befragung), Methoden des systematischen Ver- gleichs sowie methodische Aspekte der Erforschung der Erlebnisse und Erfah- rungen von Kindern. Dr. Carmen Palzer Carmen Palzer, Rechtsanwältin, arbeitete von 2001 bis Mai 2007 am Institut für Europäisches Medienrecht (EMR) mit den Forschungsschwerpunkten Ko- Regulierung, Jugendschutz- und Wettbewerbsrecht. Derzeit ist sie als selbst- ständige Rechtsanwältin in Saarbrücken tätig. Sie studierte Europäisches und Deutsches Recht an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Seit 1992 ist sie als Rechtsanwältin zugelassen und arbeitete von 1992 bis 1994 als Angestellte in einer Kanzlei in Frankfurt /Dresden. Dr. Palzer war von 1994 215 bis 1998 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Juristischen Fakultät der Tech- nischen Universität Dresden, lehrte dort Zivilrecht und war an der Sächsischen Akademie für Verwaltung und Wirtschaft tätig. Sie promovierte 2000 mit einer Arbeit zum Gesellschaftsrecht. 2000 erlangte sie die Position der stellvertre- tenden Geschäftsführerin der Rechtsanwaltskammer Sachsen. Seit 1992 hat sie eine Vielzahl von Artikeln zu verschiedenen Bereichen des Deutschen und Europäischen Rechts publiziert. Mag. Florian Saurwein Florian Saurwein studierte Kommunikations- und Politikwissenschaft an der Universität Wien und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technik- folgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er arbeitete als Projektmitarbeiter an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, als Projektleiter am Institut für Publizistik- und Kommunika- tionswissenschaft der Universität Wien und als Lehrbeauftragter im Fach- bereich Kommunikationswissenschaft der Paris Lodron-Universität Salzburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kommunikationspolitik (Multilevel Gover- nance, alternative Regulierungsformen) und politische Kommunikation (Öffent- lichkeit und Medienwandel). Kontakt: florian.saurwein@vienna.at. Alexander Scheuer Rechtsanwalt, ist seit 2000 Geschäftsführer und Mitglied des Direktoriums des Instituts für Europäisches Medienrecht (EMR), Saarbrücken/Brüssel; seit 1999 Autor der Kapitel zur Arbeitnehmerfreizügigkeit und zur Niederlassungs- freiheit in dem Kommentar Lenz, C. O. / Borchardt, K.-D. (Hrsg), EU- und EG-Vertrag (4. Aufl. 2006), und Mit-Herausgeber und Autor des Kommentars Castendyk/Dommering/Scheuer (Hrsg.), „European Media Law“ (Kluwer Law International, Den Haag/London/New York, 2008, im Druck). Er ist Mitglied im Beratenden Ausschuss der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, Straßburg; Mitglied im Redaktionsausschuss der „IRIS – Rechtliche Rund- schau“, Mitglied des Kuratoriums der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e. V. (FSF), Berlin. Lehrtätigkeit u. a. an der Hochschule für Technik und Wirt- schaft des Saarlandes (2004, 2005) und an der Donau-Universität Krems (2006 und 2007). Zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen zum europäischen Medien- und Telekommunikationsrecht. Dr. Wolfgang Schulz Wolfgang Schulz studierte in Hamburg Rechtswissenschaft und Journalistik. Seit 1993 ist er am Hans-Bredow-Institut als Wissenschaftler für den Bereich Medien- und Telekommunikationsrecht tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen bei Problemen der rechtlichen Regulierung im Bezug auf Medieninhalte – insbesondere Gewaltdarstellungen –, Fragen des Rechts neuer Kommu- 216 nikationsmedien, vor allem digitalen Fernsehens, und der Rechtsgrundlagen journalistischer Arbeit, aber auch in den rechtsphilosophischen Grundlagen der Kommunikationsfreiheiten und der systemtheoretischen Beschreibung des publizistischen Systems. Dazu kommen Arbeiten zu Handlungsformen des Staates, etwa im Rahmen von Konzepten „regulierter Selbstregulierung“. Seit 1997 ist er Lehrbeauftragter im Wahlschwerpunkt Information und Kommuni- kation des Fachbereichs Rechtswissenschaft sowie am Institut für Journalistik der Universität Hamburg. Seit 1999 fungiert er als stellvertretender Geschäfts- führer und Leiter des Bereichs Medien- und Telekommunikationsrecht des Instituts, seit Juli 2001 ist er Mitglied im Direktorium des Hans-Bredow-Insti- tuts. Dr. Peggy Valcke Peggy Valcke promovierte 2003 an der Katholieke Universiteit Leuven und hat ein Postgraduierten-Diplom im EU-Wirtschaftsrecht am Londoner King’s College erworben. Sie lehrt Medien- und Telekommunikationsrecht an den Katholischen Universitäten Leuven und Brüssel und ist Gastprofessorin an der CEU Budapest. Sie arbeitet als Postdoktoranden-Forscherin der Stiftung für Wissenschaftliche Forschung am Interdisziplinären Zentrum für Recht und IKT (IZRI; dies ist Teil des Interdisziplinären Instituts für Breitband-Technologie – IBBT). Laufende Forschungsvorhaben im Bereich Medienrecht umfassen die Regulierung des interaktiven Fernsehens, den Schutz von Minderjährigen in Online- und mobilen Medien, den Einfluss des Bürgerjournalismus’ auf die traditionellen journalistischen Freiheiten, das elektronische Publizieren, die Haftung von Intermediären, mobiles Fernsehen und die technologieunabhän- gige Regulierung audiovisueller Inhalte. Als Mitglied der European Focus Groups war Peggy Valcke an der Über- arbeitung der Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“ beteiligt. Seit Januar 2005 arbeitet sie als Expertin mit den Schwerpunkten öffentlich-rechtlicher Rund- funk, staatliche Beihilfen, DVB-T und iDTV (interaktives digitales Fernsehen) für den flämischen Medienminister Geert Bourgeois. Peggy Valcke wirkte als Beraterin maßgeblich an der Umsetzung des euro- päischen Regulierungsrahmens 2003 für elektronische Kommunikationsnetze und Kommunikationsdienste in Belgien mit. Von 2003 bis 2007 war sie u. a. Mitglied des Belgischen Beratungskomitees für Telekommunikation. Seit März 2007 ist sie Mitglied des Belgischen Wettbewerbsrats. 217 S C H R I F T E N R E I H E M E D I E N F O R S C H U N G D E R L A N D E S A N S T A L T F Ü R M E D I E N N O R D R H E I N - W E S T F A L E N ( L f M ) 58 57 56 55 60 59 Journalistische Recherche im Internet Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker 412 Seiten, 127 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-480-4 Euro 23,– (D) Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien herausgegeben von Wolfgang Schulz und Thorsten Held 224 Seiten, 8 Abb./Tab., DIN A5, 2008 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,– (D) Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten von Renate Luca und Stefan Aufenanger 268 Seiten, 33 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-468-2 Euro 18,– (D) Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung von Ulrike Six und Roland Gimmler 368 Seiten, 53 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-459-0 Euro 21,– (D) Bürgerfernsehen in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse herausgegeben von Helmut Volpers und Petra Werner 236 Seiten, 94 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-453-8 Euro 15,– (D) Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Radio Eine Typologisierung persuasiver Kommunikationsangebote des Hörfunks von Helmut Volpers 264 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-449-1 Euro 18,– (D) 53 54 VISTAS Verlag GmbH Goltzstraße 11 Telefon: 030 / 32 70 74 46 10781 Berlin Telefax: 030 / 32 70 74 55 E-Mail: medienverlag@vistas.de Internet: www.vistas.de Der Medienverlag 51 50 49 48 Geschichte im Fernsehen Eine Untersuchung zur Entwicklung des Genres und der Gattungsästhetik geschichtlicher Darstellungen im Fernsehen 1995 bis 2003 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff 344 Seiten, 119 Abb./Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-454-5 Euro 21,– (D) Die Reform der Regulierung elektronischer Medien in Europa von Alexander Roßnagel, Thomas Kleist und Alexander Scheuer 344 Seiten, 8 Tab., DIN A5, 2007 ISBN 978-3-89158-445-3 Euro 20,– (D) Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen Eine Organisations- und Programmanalyse von Helmut Volpers, Detlef Schnier und Christian Salwiczek 220 Seiten, 97 Abb./Tab., DIN A5, 2006 ISBN 978-3-89158-420-0 Euro 15,– (D) Suchmaschinen: Neue Herausforderungen für die Medienpolitik herausgegeben von Marcel Machill und Norbert Schneider 200 Seiten, 65 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-410-1 Euro 15,– (D) Suchmaschinen als Gatekeeper in der öffentlichen Kommunikation Rechtliche Anforderungen an Zugangsoffentheit und Transparenz bei Suchmaschinen im www von Wolfgang Schulz, Thorsten Held und Arne Laudien 132 Seiten, 5 Abb., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-408-8 Euro 9,– (D)0 Zur Kritik der Medienkritik Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten herausgegeben von Ralph Weiß 592 Seiten, 25 Abb./Tab., DIN A5, 2005 ISBN 978-3-89158-397-5 Euro 25,– (D) : Wie kann das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in die Inhalte digitaler Medien gestärkt werden? Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft fand vom 9. bis zum 11. Mai 2007 in Leipzig eine Medienexpertenkonferenz zu diesem Thema statt. Der vorliegende Band dokumentiert die Papiere, die zur Vorbereitung der Konferenz erstellt wurden, und enthält sowohl die Schlussfolgerungen der deutschen Ratspräsi- dentschaft als auch Ergebnisse und Handlungsperspektiven aus wissenschaftlicher Sicht. Schwerpunkte sind die Fragen, wie durch Online-Angebote die Entwicklung von Kindern gefördert werden kann, welche Angebote im Internet zu Vertrauen in Inhalte und zur Vielfalt beitragen und welche Potenziale Selbst- und Ko-Regulierung bei digita len Medien aufweisen. ❯ Dr. Wolfgang Schulz Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg ❯ Dr. Thorsten Held Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg Mit Unterstützung der Europäischen Kommission ISSN 1862-1090 ISBN 978-3-89158-479-8 Euro 15,- (D) Mehr Vertrauen in Inhalte 59 Sc hu lz /H el d (H rs g. ) M eh r Ve rt ra ue n in I nh al te ❯❯❯ Mehr Vertrauen in Inhalte Das Potenzial von Ko- und Selbstregulierung in den digitalen Medien Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 59 Wolfgang Schulz, Thorsten Held (Hrsg.) Ab b. © G et ty I m ag es RZ_LfM-Bd_59:. 30.05.2008 14:43 Uhr Seite 1

Materialien und Publikationen

Forschung

. . . . . . . . . . . . . . . . . 299 5.2.4 Festlegung von Abfragezeitpunkt, -frequenz und -dauer . 300 5.2.5 Datenerhebung und -archivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 5.3 Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Materialien und Publikationen

Forschung

tun dies fast 90 Pro- zent mindestens einmal wöchent lich. Mit gleicher Frequenz nutzen ihn dagegen nur knapp 40 Prozent bei Freundinnen oder Freunden bzw. in der Schule (mpfs 2009b, S. 25). Aufgrund der sich im Zuge des Medien handelns von